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WOHNDESIGN 06/2021

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6|<strong>2021</strong> November/Dezember<br />

WOHN!DESIGN<br />

DIE SCHÖNEN DINGE DES LEBENS INTERIOR. KUNST. GENUSS UND REISEN<br />

+ 70 SEITEN EXTRA<br />

KÜCHENGESCHICHTEN<br />

+ GESCHENKE GUIDE<br />

D 8,50 €<br />

A 9,40 €<br />

CH 13,60 srf<br />

Lux/BE 9,80 €<br />

I/E 11,50 €<br />

ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

GUEST STAR Maximilian Mogg. Mit Lady Gaga ganz in GUCCI<br />

ALLES über das NEUE EUROPÄISCHE BAUHAUS. Und KARL! (Lagerfeld)<br />

<strong>06</strong><br />

4 194128 908501


uehl.com<br />

BONGO BAY LOUNGE<br />

DESIGN KATI MEYER-BRÜHL<br />

P A S S I O N F O R D E S I G N · E C O - C E R T I F I E D · H A N D C R A F T E D F O R Y O U


EDITORIAL !<br />

UND JETZT: DIE<br />

9-UHR-NACHRICHTEN<br />

Heute morgen kam es doch erst wieder im Radio: Die Konjunkturprognosen<br />

für <strong>2021</strong> sind – oooh oh oooooh! Willkommen<br />

im Jammertal Deutschland. Die Zahlen seien<br />

zum dritten Mal in diesem Jahr im Sinkflug, hieß es in den<br />

Neun-Uhr-Nachrichten auf BigFm, zum Glück nicht im<br />

freien Fall. Ein Sender, der sich an junge Leute richtet – ob<br />

die Nachricht für sie relevant ist? Ich mag das Programm<br />

ganz gerne, wegen der neuen Musik. Songs aus meiner<br />

„Jugend“ langweilen mich. Doch zurück zu den Zahlen.<br />

Als Ursache wird die Inflationsrate von über vier Prozent<br />

angeführt und ihre Auswirkungen auf unseren Konsum:<br />

Die Leute kaufen weniger. Allgemeine Verunsicherung?<br />

Ein Youngster in der Telefonleitung mokiert sich über<br />

„die steigenden Benzinpreise“. Adieu Steuerfreiheit, äh<br />

Freiheit am Steuer. Gerade wird klar: Der Untergang des<br />

Abendlandes steht bevor. Spüren Sie ihn auch? Mit bangem<br />

Blick aufs Wirtschaftsbarometer und die Aktienkurse?<br />

Das Modell ist bekannt: Uns allen geht es doch nur<br />

dann gut, wenn wir kaufen, konsumieren und Geld ausgeben,<br />

damit andere wachsen können. Sorry, ich finde all<br />

das überholt. Vor allem die Idee, sich glücklich zu shoppen.<br />

Aber manches regelt die Zeit von selbst. Vielleicht erklärt<br />

sich die absackende Konjunkturkurve auch damit, dass<br />

die beiden Pandemie-Jahre gezeigt haben, dass wir vieles<br />

gar nicht benötigen – etwa Business-Röcke, -Hosen und<br />

-Schuhe bei Zoom-Konferenzen – oder Handtaschen …<br />

Unser Redaktionsteam hört das Gras wachsen. Möglicherweise jeder von uns für sich ein anderes. Aber<br />

in einem sind wir uns einig: Es kommt etwas Neues. Etwas Anderes. Selbst in der Parteienlandschaft<br />

ist es zu spüren. Veränderungen. Nennen Sie es die Konzentration auf Wesentliches. Ein neuer Minimalismus.<br />

Das bedeutet keinesfalls Verzicht. Einige Dinge laufen ja: Bücher. Es wird wieder mehr gelesen.<br />

Möbel. Die Menschen haben festgestellt, wie angenehm ein schönes Zuhause ist. Und KUNST. Und das<br />

in all ihren Facetten. Während sich bei Werken aus vergangenen Jahrhunderten die Spreu vom Weizen<br />

trennt – hier liegen nur die Besten hoch im Kurs – brummt es bei zeitgenössischen Arbeiten. Im fünfund<br />

sechsstelligen Bereich kann man nur staunen. Da nehmen Galeristen mit schon verkauften Werken<br />

an Kunstmessen teil. Die Sammler verfolgen sie regelrecht, um begehrte Namen abzugreifen. Bei den<br />

vierstelligen Preisen entscheidet ein jüngeres Publikum ganz nach Gusto. Es scheint viele Gründe zu geben,<br />

warum Kunst gerade einen Lauf hat. Als „Wertanlage“, Prestigedenken könnte eine Motivation sein.<br />

Doch eines scheint uns Redakteuren ganz entscheidend. Nichts ist so persönlich wie Kunst. Die Werke<br />

erzählen Geschichten, haben eine Message, laden uns zum Dialog ein. Es ist genau diese Interaktion, die<br />

das Zusammenleben mit ihnen so inspirierend macht. Diese Ausgabe präsentiert ganz unterschiedliche<br />

Aspekte, die es zu entdecken gilt. Lesen. Gemeinsam diskutieren und sich zusammen daran erfreuen.<br />

Einfach das, was zählt. Viel Vergnügen wünschen<br />

© FRANK-OLIVER GRÜN<br />

Hier noch<br />

(m)ein Favourite<br />

Dr. Stephan Demmrich, Chefredakteur & Team<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

3


INHALT !<br />

78<br />

144<br />

48<br />

172<br />

6 W!D 6 I <strong>2021</strong>


INHALT<br />

WOHN!DESIGN<br />

6 I <strong>2021</strong> ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

3<br />

8<br />

176<br />

EDITORIAL<br />

IMPRESSUM<br />

BEZUGSQUELLEN<br />

111<br />

UNSER FEUILLETON<br />

Sebastian Conran und das Design, Tania Kibermanis<br />

schreibt über Sammelsurien. Und unsere Stippvisite<br />

bei Josephine Edle von Krepl in Kuhbier. Kreisch!<br />

10<br />

CARTOON<br />

143<br />

MODERNES LEBEN Möbelkauf im Internet<br />

14<br />

16<br />

18<br />

20<br />

22<br />

INTRO HOW TO SPEND IT<br />

DESIGN Edition, Kleinserie und Vintage<br />

KUNST 17. Jahrhundert oder lieber Thirties?<br />

SCHMUCK Künstlerschmuck ist unser Tipp<br />

GEBRAUCHTWAGEN? Diese hier sind der Hit<br />

BÜCHER als Kunstwerk und mit Kunst-Edition<br />

166<br />

178<br />

HOTSPOTS<br />

Celine in Tokio, Gaga und Gucci, Gaudís erstes Haus<br />

und immer wieder Paris im Galeriefieber<br />

ZU BESUCH BEI Whitewall in Frechen<br />

24<br />

DÉCADENCE<br />

Manche mögen‘s wild und illuster<br />

34<br />

70<br />

TITELTHEMA<br />

Ziemlich kunstvoll<br />

Kunst kommt von ...<br />

... Können. Das zeigen die Bronzegießerei Noack,<br />

Hermès Maison mit der neuen Kollektion, der<br />

Nachlass von Karl und die Arbeiten von Raimund Girke,<br />

64<br />

um nur einige Akteure zu nennen. Doch genauso<br />

das Neue Europäische Bauhaus. Lesen Sie, lesen Sie!<br />

KUNST<br />

Hunt Slonem mag Hasen und Vögel<br />

76<br />

Unsere KUNSTEDITION No. 12<br />

Junge Szene: Jakob Francisco Otter<br />

78<br />

CARTE BLANCHE<br />

Maximilian Mogg als Gast-Redakteur<br />

86<br />

88<br />

96<br />

102<br />

144<br />

156<br />

REPORTAGEN<br />

Brüssel Im Zelt mit Designer Michael Young<br />

Sizilien Das Künstler-Refugium von Antonino Sciortino<br />

COVERFOTO Neapel Der Salon der Theaterdirektorin<br />

Mailand Audienz bei der Queen of Vintage: Nina Yashar<br />

Turin Das Haus des Marchese Colli di Felizzano<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

7


Die Neuerung ist auf<br />

den ersten Blick nicht zu<br />

erkennen: Eine gebogene<br />

Glasfront schützt jetzt das<br />

Herzstück des Kamins<br />

und eröffnet damit neue<br />

Möglichkeiten beim Einsatz<br />

des GYROFOCUS in<br />

Innenräumen.<br />

ECO<br />

DESIGN<br />

2022<br />

6 I <strong>2021</strong><br />

WOHN!DESIGN<br />

INTERIOR TRENDS ARCHITEKTUR UND<br />

DIE SCHÖNEN DINGE DES LEBENS<br />

Redaktion und Anzeigenverwaltung<br />

Mörikestraße 67<br />

70199 Stuttgart<br />

Fax 0711 96666-415<br />

www.wohndesign.de<br />

Mit der geschlossenen<br />

Brennkammer seiner Ikone<br />

hat FOCUS einmal mehr ein<br />

technologisches Kunststück<br />

vollbracht. Standards<br />

VERLEGER<br />

CHEFREDAKTION<br />

Christian Peters<br />

christian.peters@wohndesign.de<br />

Dr. Stephan Demmrich (sd)<br />

Tel. +49 711 96666-412<br />

stephan.demmrich@wohndesign.de<br />

entwickeln sich weiter,<br />

Ikonen sind zeitlos.<br />

FEUILLETON LEITUNG<br />

COVER<br />

MITARBEITER DIESER AUSGABE<br />

Prof. Rainer Groothuis<br />

Matthieu Salvaing/ Living Inside<br />

Anna Björkman, A. Cardinale, Frank Oliver Grün (fog),<br />

Ana Gye, Claudia Simone Hoff (csh),<br />

Jasmin Jouhar (jj), Rei Moon, Marzia Nicolini,<br />

Paul Raeside, Christoph Theurer, Matthieu Salvaing,<br />

Francesca Sironi, Monica Spezia, Agnès Zamboni<br />

GRAFISCHE GESTALTUNG<br />

Saskia Schweitzer<br />

BRANDNEU<br />

GYROFOCUS<br />

VITRÉ<br />

REDAKTION<br />

Anke Gungl (ag)<br />

anke.gungl@wohndesign.de<br />

Sonja Lukenda (sl)<br />

Tel. +49 711 96666-414<br />

sonja.lukenda@wohndesign.de<br />

Julia Ramrath (jr)<br />

julia.ramrath@wohndesign.de<br />

Daphna Ute Wildemann (duw)<br />

Tel. +49 711 96666-413<br />

daphna_ute.wildemann@wohndesign.de<br />

Bere<br />

TEXTREDAKTION<br />

Irmhild Tieck<br />

die Zu<br />

ANZEIGENLEITUNG<br />

Ulrike Ehlers<br />

Tel. +49 711 96666-411<br />

ulrike.ehlers@wohndesign.de<br />

REPRÄSENTANZ ITALIEN<br />

Studio Villa<br />

Tel. +39 02311622<br />

arch. Ilaria Prato, ilaria@studiovilla.com<br />

Francesco Ravanello, francesco@studiovilla.com<br />

REPRÄSENTANZ FRANKREICH<br />

Anke Blagogee-Krüger<br />

Tel. +33 607187417<br />

anke@AnkeBlagogee.de<br />

SHOPPING GUIDE UND<br />

ANZEIGENDISPOSITION<br />

Martin Lindner<br />

Tel. +49 711 96666-410<br />

martin.lindner@wohndesign.de<br />

shopping@wohndesign.de<br />

ABONNEMENTVERWALTUNG<br />

E-Mail: abo@wohndesign.de<br />

VERTRIEB<br />

MZV GmbH & Co. KG, Unterschleißheim<br />

HERSTELLUNG<br />

Lösch GmbH & Co. KG, Stuttgart<br />

DRUCKEREI<br />

Evers-Druck GmbH, Meldorf<br />

VERLAG<br />

GOOD LIFE Publishing GmbH<br />

Borselstraße 18<br />

22765 Hamburg<br />

CREATE BEYOND CONVENTION<br />

www.focus-creation.de<br />

Der Nachdruck, auch auszugsweise,<br />

ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung<br />

der Redaktion gestattet. Für<br />

eingesandtes Bild- und Textmaterial<br />

wird keine Haftung übernommen.<br />

Abonnementpreis: 6 Ausgaben plus ein<br />

Sonderheft p.A. frei Haus: 59,50 Euro<br />

Ausland zzgl. Porto<br />

© GOOD LIFE Publishing GmbH<br />

ISSN 1664-1760


CARTOON ! TIL METTE<br />

10 W!D 6 I <strong>2021</strong>


TERATAI BY BRETZ<br />

ALEXANDER-BRETZ-STR. 2 D-55457 GENSINGEN TEL. <strong>06</strong>727-895-0 INFO@BRETZ.DE BRETZ.DE<br />

FLAGSHIPS: STILWERK BERLIN HOHE STR. 1 DORTMUND WILSDRUFFER STR. 9<br />

DRESDEN STILWERK DÜSSELDORF ALTE GASSE 1 FRANKFURT STILWERK HAMBURG<br />

HOHENSTAUFENRING 62 KÖLN REUD NITZER STR. 1 LEIPZIG HOHENZOLLERNSTR. 100 MÜNCHEN<br />

HALLPLATZ 37 NÜRNBERG KÖNIGSBAU PASSAGEN STUTTGART SALZGRIES 2 WIEN


janua-moebel.com


INTRO ! INVESTMENT DESIGN<br />

HOW TO SPEND IT<br />

Warum denn immer in Aktien investieren? Schon wieder Wertpapiere? Noch mehr Immobilien? Auf den<br />

kommenden Seiten möchten wir Ihnen ein paar Alternativen ans Herz legen, eventuell an die Wand hängen<br />

oder in die Hand geben. Es gehört zu den schönsten Dingen im Leben, sich ab und zu selbst zu überraschen …<br />

NOCH EINER IN ORANGE<br />

26.400 €<br />

Die Bronzekette scheint die Eskapaden<br />

des darunter kreisenden Stahls in Zaum<br />

halten zu wollen. Was für eine Geste.<br />

Handelt es sich um die Bahn eines<br />

Kometen? Der Name des Deckenleuchters<br />

„Confusion“ deutet in eine andere<br />

Richtung. Vielleicht ist es ein Zustand,<br />

den wir an besonderen Tagen in unserem<br />

Kopf wiederfinden. Alles dreht sich. Ein<br />

Überschwang der Gefühle? Eine neue<br />

Liebe? Wir haben sie gefunden: Hervé van<br />

der Straetens Version eines modernen<br />

Kronleuchters ist auf 20 Exemplare limitiert,<br />

von denen nur noch eines erhältlich<br />

ist ... Sie favorisieren Blau? Good News:<br />

Eine zweite Edition mit 10 Objekten ist in<br />

diesem Farbton erhältlich.<br />

vanderstraeten.fr<br />

14 W!D 6 I <strong>2021</strong>


COOLE OMA MIT TOLLER ENKELIN<br />

2.800 €<br />

Die französische Künstlerin Odil Mir (*1926) ist Autodidaktin<br />

und bekannt für einzigartige Skulpturen des<br />

weiblichen Körpers. In den 1970er-Jahren entwarf sie<br />

eine ikonische Einrichtungskollektion, darunter Tische,<br />

Accessoires, Leuchten und diesen Sessel „Filo“ mit der<br />

Typenbezeichnung N°250. Ihre Enkelin, die Innenarchitektin<br />

Léonie Alma Mason, legt ihn nun limitiert auf.<br />

lommeditions.com<br />

SPIEGLEIN, SPIEGLEIN AN DER WAND<br />

10.000 €<br />

Das Objekt von Maurizio Donzelli entstand für die erste Edition von Genius<br />

Loci – ein Projekt der Kuratorin und Journalistin Marion Vignal, die für<br />

den Launch Gio Pontis Villa „L‘ Ange Volant“ als Präsentationsort auswählte.<br />

geniusloci-experience.com<br />

SO FRESH! UND DOCH GEBRAUCHT<br />

1.800 €<br />

Was aussieht wie ein cooles Gefährt aus den französischen<br />

Forties ist in Wirklichkeit 1987 entstanden.<br />

Zweite Überraschung: in Italien. Drittes Verblüffungsmoment:<br />

bei B&B Italia. Echt krass: ein Entwurf<br />

von Antonio Citterio. Der Armlehnsessel „Baisity“ verfügt<br />

über das originale Hersteller-Etikett und einen<br />

Prägestempel im Leder einer Armlehne. Zustand: gut.<br />

Mit Gebrauchsspuren, also perfekt! |sd<br />

kreutzer-modern.de<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

15


INTRO ! INVESTMENT KUNST<br />

IKONE DER MALEREI<br />

45.000 €<br />

Alexej von Jawlensky (1865-1941) war Mitinitiator der<br />

Künstlergemeinschaft „Der Blaue Reiter“ und steht für<br />

Expressionismus par excellence. Nur wenige wissen,<br />

dass der Maler aufgrund einer fortschreitenden Arthritis<br />

immer eingeschränkter arbeiten konnte. Bei späten<br />

Werken wie rechts „Meditation: Der zärtliche Eingeborene<br />

– Januar 1935“, seine Formate wurden immer kleiner,<br />

musste er den Pinsel mit beiden Händen führen.<br />

siebers-auktionen.de<br />

GANZ TRAUMHAFT<br />

5.000 €<br />

Das Einmachglas. Der provokative Blick des<br />

Federviehs. Die Transluzenz der Zitronenscheibe.<br />

Mit seinem Gemälde „Prehistoric<br />

Pleasure“ (43,5 x 58 cm, Öl auf Holz) erfreut<br />

Paul Pretzer (*1981) das Auge. In seinen<br />

Arrangements verdichtet der in Estland<br />

geborene Künstler, der in Kiel und Dresden<br />

studierte, Alltägliches zu seltenen Mischwesen<br />

und Chimären. Seine surrealen Stillleben<br />

– viele legen jede Menge schwarzen<br />

Humor offen – sind demnächst in der New<br />

Yorker Marc Straus Gallery zu sehen.<br />

feldbuschwiesnerrudolph.com<br />

ETWAS FÜR ALTE HASEN<br />

650 €<br />

In einer Zeit ohne Fernseher lag die Macht im Bild.<br />

Augsburg. Wir schreiben das Jahr 1603, als Johannes<br />

Bayer die 37. Kupferstichtafel für sein Werk „Uranometria“<br />

anfertigte: „Lepus“– der Hase, ein Sternbild des<br />

Himmelsäquators, das südlich des auffälligen Orions<br />

gefunden werden kann. Dieses Sternbild gehört zu<br />

den 48 Sternzeichen der Antike, die schon Ptolemäus<br />

erwähnte. Dieser tolle Druck in guten Farben entstand<br />

1648, ist altmontiert auf Karton und in sehr gutem<br />

Zustand. Weitere Sternbilder sind im Angebot. |sd<br />

monika-schmidt.com<br />

16 W!D 6 I <strong>2021</strong>


SCHRAMM ORIGINS COMPLETE Anna<br />

Handmade in Germany<br />

schramm-werkstaetten.com


INTRO ! INVESTMENT SCHMUCK<br />

DURCH DEN WIND<br />

5.100 €<br />

„Das Goldschmiedehandwerk ist mein Alphabet geworden. Meine<br />

Schmuckstücke erzählen gerne, stellen Fragen, sind beweglich, fein, vielfältig<br />

und ...“ ... so unfassbar nonchalant wie die Kette „Windjammer III“<br />

von Schmuckdesignerin Doerthe Fuchs aus München.<br />

doerthe-fuchs.de und vom 24. bis 28. November auf der MK&G Messe <strong>2021</strong><br />

CHIC IN STRICK<br />

700 €<br />

Nicht minder stylish, aber auch für kleinere Geldbeutel<br />

erschwinglich ist die Kollektion experimenteller<br />

Textil-Schmuckwerke der Pariser Designerin<br />

Cécile Feilchenfeldt. Sie ist der Ausdruck einer kontinuierlich<br />

fortschreitenden Recherche zu Proportionen,<br />

die mit Farbe, Formen und Rhythmen spielen.<br />

Eine neverending Story!<br />

cecilefeilchenfeldt.com und vom 24. bis 28. November<br />

auf der MK&G Messe <strong>2021</strong> in Hamburg<br />

BAUHAUS GOES SWITZERLAND<br />

15.000 €<br />

Das skulpturale Armband aus 18 Karat Roségold stammt vom<br />

Züricher Juwelier Trudel, der sich bei seinen Kreationen gerne<br />

von den Entwürfen des Schweizer Silberschmiedes Kurt Aepli<br />

(1914-2002) inspirieren ließ. Trudel erwarb sich vor allem in der<br />

zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Ruf als herausragendes<br />

Schmuckatelier mit einzigartigen Stücken. |ag<br />

1stdibs.com<br />

18 W!D 6 I <strong>2021</strong>


Perfekter Workflow<br />

beim Kochen<br />

Das einzigartige Design der Aquno Select M81<br />

Küchenmischer lässt Wasser in einer nie dagewesenen<br />

Art fließen – und sorgt somit für intelligente Arbeitsabläufe.<br />

Der flächige SatinFlow Strahl reinigt sanft<br />

jedes Lebensmittel, ganz hygienisch ohne Kontakt zur<br />

Spüle. Ihre Hände bleiben frei und Sie können sich<br />

währenddessen dem nächsten Arbeitsschritt zuwenden.<br />

hansgrohe.de


INTRO ! INVESTMENT RETRO CARS<br />

AUSTIN MINI MOKE MKI<br />

43.171 €<br />

Der Austin Mini Moke von 1965 mit französischer Carte<br />

Grise ist ein rares, liebenswertes Gefährt, das Spaß<br />

macht und einfach zu pflegen ist. Die Spezialisten der<br />

Motorcars Division des Auktionshauses Artcurial mit<br />

Hauptsitz in Paris über den putzigen kleinen Knopf:<br />

„Liebhabern empfehlen wir den Kauf eines der frühen<br />

Modelle.“ Wertsteigerung: Langsam, aber sicher.<br />

Schätzwert: 25.000-40.000. Verkauft für: Siehe oben.<br />

artcurial.com<br />

PORSCHE 964 CARRERA<br />

129.964 €<br />

Porsche 964 Carrera 4 WTL. Eines von 911 Modellen<br />

der „30 Jahre 911“-Jubiläumsedition.<br />

Ein fast schon überzeichneter Rubens-<br />

Porsche in lasziver Formensprache und ein<br />

Eisbrecher sondergleichen. Wer bei diesem<br />

lauffreudigen Playmobil nicht dahinschmilzt<br />

wie Softeis in der Sonne, dem ist ohnehin<br />

kaum zu helfen. Der Luftgekühlte kommt<br />

in Viola-Metallic und Rubicon-Vollleder.<br />

DLS-Automobilist Harry Utesch: „Er ist rar,<br />

sammelnswert und bei steigender Wertentwicklung<br />

eine vielversprechende Investition.“<br />

dls-automobile.de<br />

FIAT 128 SPORT COUPÉ 3P<br />

17.950 €<br />

Ein Fiat 128 Sport Coupé 3P. Unrestauriert. Und eines<br />

der letzten seiner Art. Schon um die Jahrtausendwende<br />

ein seltener Flitzer, da fast alle seine Brüder aufgrund<br />

von Rostbefall das Zeitliche gesegnet hatten. Heute<br />

hat das Wägelchen über 40 Jahre auf dem Buckel. Es<br />

wurde nie geschweißt, nie restauriert und schnurrt<br />

noch immer wie am ersten Tag. Für Einsteiger die ideale<br />

Investition mit vernünftig steigender Wertentwicklung.<br />

dls-automobile.de<br />

20<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong>


INTRO ! XXXXXX<br />

ALFA ROMEO DISCO VOLANTE<br />

1-10.000.000 €<br />

Ein Automobil, das es so gar nicht geben dürfte.<br />

Zwei stehen im Alfa Museum Mailand. Eines im<br />

Schlumpf-Museum Mulhouse. Ein Prototyp. Und<br />

der einzige in freier Wildbahn! 1952 fand er kaum<br />

Interessenten und Alfa entschied, ihn nie zu<br />

bauen. Nach Start auf zwei, drei wichtigen Rennen<br />

begrub man das Projekt. Totalmente. Doch<br />

dann kam ein Mailänder Privatier ... Mehr über<br />

die archaische Fahrskulptur mit „rosso corsa“-Exterieur<br />

berichtet der DLS-Chef selbst: „Die blaue<br />

Mauritius.“ Schätzwert aktuell: 1-10 Mio Euro.<br />

dls-automobile.de<br />

© LUKAS KINDERMANN<br />

FORD MUSTANG COUPÉ<br />

34.900 €<br />

So ein schönes Pony, dieses 1965er Ford<br />

Mustang Coupé; born and raised in<br />

Kalifornien. Ein originaler, ungeschweißter<br />

Unterboden sowie grundsolide Bleche sind<br />

der Beweis für sein sonniges Vorleben in<br />

warmen Gefilden. Sein letzter Jockey ist<br />

im Rennsport tätig und ließ das Pferdchen<br />

nicht ganz uneigennützig mit einem 347<br />

Stroker V8 Motor frisch aufzäumen. Rheingold<br />

Classic Cars sagt: „Eine echte Liebhaberinvestition.“<br />

Wir sagen: Zur Sicherheit<br />

zuvor noch ein paar Reitstunden nehmen.<br />

rheingold-classics.de<br />

MERCEDES-BENZ SL 300<br />

64.800 €<br />

Ein Stern in tadelloser, himmelblauer Lackierung von<br />

1986, in Topform und mit einem Drei-Reihen-Sechszylindermotor<br />

ausgestattet; bekannt für seine ausgezeichnete<br />

Leistungscharakteristik und Laufruhe in allen<br />

Drehzahlbereichen. Ein eleganter und ewig junger<br />

Weggefährte, der seinem Eidgenossen über Stadt<br />

und Land die Treue hält. Rheingold Classic Cars: „Eine<br />

sichere Bank für alle, die Understatement lieben.“ |duw<br />

rheingold-classics.de<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

21


INTRO ! INVESTMENT BÜCHER<br />

46 KILO, DIE BEWEGEN<br />

3.000 €<br />

Sechs Jahre lang bereiste Sebastiāo Salgado das brasilianische<br />

Amazonasgebiet und bannt die Schönheit<br />

des Regenwalds, der Flüsse und Berge in beeindruckende<br />

Aufnahmen. Taschen präsentiert sie in einer<br />

Collector‘s Edition (Nr. 401-2.400), nummeriert und<br />

signiert, und liefert dazu einen extra gestalteten<br />

Buchständer von Renzo Piano: „Amazônia“. Sumo.<br />

taschen.com<br />

ALPINE STILLE UND EINSAMKEIT<br />

450 €<br />

Über einige Jahre unternahm der Hamburger Fotograf Michael<br />

Lange ausgedehnte Reisen in den französischen Alpen und schoss<br />

hoch oben in den Bergen Aufnahmen von eindrucksvoller Ruhe<br />

und Einsamkeit. Mit ihren Gegensätzen zwischen Stille und Sturm,<br />

Dunkelheit und Licht versuchen sie, den einzig richtigen Moment<br />

einzufangen, den es Lange zufolge auch in der Landschaftsfotografie<br />

gibt. Nicht selten wartete der Künstler tagelang, bisweilen<br />

wochenlang, um das eine perfekte Bild zu machen. Gleich zwei<br />

davon (Blattgröße 42 x 29,7 cm) stehen bei der Vorzugsausgabe von<br />

„Cold Mountain“ zur Wahl, die auf 15 Exemplare limitiert ist und als<br />

Archivmappe mit Buch publiziert wurde.<br />

hartmannprojects.com<br />

DIE AURA DER KÜNSTLERIN<br />

950 €<br />

Elfie Semotan porträtiert Dinge, die ihr wichtig sind, wie<br />

in „Zwei Gefäße, Stillleben, Jennersdorf 2016“. Das in<br />

einer Auflage von 15 (+2 AP) erscheinende Foto ist eines<br />

von zwei möglichen Motiven, die eine Publikation über<br />

Semotan bei Hatje begleiten. „Ihre spezielle Ausstrahlung<br />

und die sie umgebende Aura sind von Licht und<br />

Schatten abhängig.“ Was für eine Lust am Detail. |sd<br />

hatjecantz.de<br />

22 W!D 6 I <strong>2021</strong>


NO 24<br />

LIBRARY LOVE<br />

Library Love zitiert die nostalgische Leidenschaft für Bibliotheken, das gesammelte Wissen von<br />

Generationen. Die Millionen in grünem Leder und Leinen gebundenen Bücher inspirierten zu Farbikone NO 24.<br />

Natürliches Umbrapigment verleiht diesem ruhigen Khaki-Ton eine klassisch maskuline Eleganz.<br />

CAPAROL ICONS sind nachhaltige, luxuriöse Innenfarben made in Germany<br />

mit 120 Farbikonen für anspruchsvolles Interior Design.<br />

Besuchen Sie unseren Webshop oder finden Sie einen Händler in Ihrer Nähe unter<br />

WWW.CAPAROL-ICONS.DE


STORY !<br />

DÉCADENCE<br />

Creator/Set Design: Anna Björkman<br />

Photographer: Marcus Lawett<br />

First photo assistant: Marcel Schlyter<br />

24 W!D 6 I <strong>2021</strong>


STORY !<br />

Left:<br />

Shoes ANNY NORD<br />

Glass carafes FIL DE FER<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

25


STORY !<br />

26 W!D 6 I <strong>2021</strong>


STORY !<br />

Right:<br />

Fabric KVADRAT, dress CECILIE BAHNSEN, shoes ISABEL MARANT<br />

Glassware FIL DE FER<br />

Left:<br />

Silver plate FIL DE FER<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

27


STORY !<br />

Left:<br />

Cloche, glassware and champagne cooler FIL DE FER, chairs ART N DECO, stone bowl and ceramic plates RABENS SALONER<br />

Right:<br />

Tableware FIL DE FER<br />

28 W!D 6 I <strong>2021</strong>


STORY !<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

29


STORY !<br />

30 W!D 6 I <strong>2021</strong>


STORY !<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

31


STORY !<br />

32 W!D 6 I <strong>2021</strong>


STORY !<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

33


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

© FOTOS: MARINA JERKOVIC<br />

34 W!D 6 I <strong>2021</strong>


TITELTHEMA ! KUNST<br />

KUNST KOMMT VON<br />

… Können, so heißt es. Nach der Lektüre der folgenden Geschichten<br />

auch von Begeisterung, Inspiration, Verrücktheit und Weitsicht.<br />

36 I BERLIN Wo große Kunst entsteht: Zu Gast in der Bronzegießerei Noack<br />

42 I MANCHESTER 400 Jahre alte Dessins für die neuen Wände von morgen<br />

44 I HELSINKI Überraschende Eindrücke von der diesjährigen Kunst-Biennale<br />

48 I ANTWERPEN Raimund Girke im Fokus bei Galeristen-Guru Axel Vervoordt<br />

52 I BRÜSSEL Das Neue Europäische Bauhaus, eine relevante Initiative der EU<br />

58 I MAILAND Die Vollkommenheit des Unvollkommenen: Hermès Maison <strong>2021</strong>/22<br />

64 I MONACO, KÖLN, PARIS Neue Geheimnisse über Karl, den Käufer (Lagerfeld)<br />

Noack ist eine Institution, die Werkstattgalerie<br />

am Spreebord hat verschiedene<br />

politische Systeme überstanden.<br />

Im Fokus eine Plastik von Jone Kvie.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

35


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

ABENTEUER BRONZE _ DIE BILDGIESSEREI NOACK<br />

MACHT IN VIERTER GENERATION KUNST<br />

Es ist der Moment, in dem sich alles entscheidet. Der Moment,<br />

in dem die 1.400 Grad heiße Bronze aus dem glühenden Tiegel<br />

zäh in die Form fließt. Der Moment, in dem die wochen-, teils<br />

monatelange Vorarbeit belohnt wird – oder doch noch etwas<br />

schiefgeht. Denn obwohl in der Berliner Bildgießerei Noack in<br />

der vierten Generation Bronze gegossen wird und Hermann<br />

Noack IV und sein Team jahrzehntelange Erfahrung mitbringen:<br />

Jeder einzelne Guss bleibt ein kleines Abenteuer. Die Prozesse<br />

beim Gießen lassen sich nie bis ins Letzte kontrollieren. „Wenn<br />

das heiße Metall fließt, das ist schon ein sehr archaischer Augenblick“,<br />

sagt Noack. „Aber wenn ein Guss fertig dasteht und alles<br />

geklappt hat, das ist natürlich noch besser.“ Wir sitzen im ersten<br />

Obergeschoss des Firmengebäudes an der Spree im Stadtteil<br />

Charlottenburg. Vor uns auf dem Tisch das weltweit wahrscheinlich<br />

bekannteste Erzeugnis aus dem Hause Noack: eine<br />

der Bärenstatuetten, die seit 1951 bei den Berliner Filmfestspielen<br />

an die Gewinnerinnen und Gewinner vergeben werden. Die<br />

Figur basiert auf einem Entwurf der Bildhauerin Renée Sintenis,<br />

damit ist der kleine Bär beispielhaft für das Unternehmen. Denn<br />

die allermeisten Objekte, die die rund 40 Mitarbeitenden in den<br />

hellen, hohen Werkshallen gießen, schweißen, schleifen, patinieren<br />

oder vergolden, wurden von Künstlerinnen und Künstlern<br />

erdacht. Schon der erste Noack, Hermann Noacks Urgroßvater<br />

Hermann Noack I, gründete 1897 sein Unternehmen auf<br />

die Zusammenarbeit mit den Bildhauern August Gaul und Fritz<br />

Klimsch. „Um die Jahrhundertwende gab es über 100 Kunstgießereien<br />

in Berlin“, sagt Noack IV. Der Urgroßvater machte seine<br />

Werkstatt schnell zu einer der bedeutendsten. Heute ist sie die<br />

einzige. Warum ausgerechnet die Bildgießerei Noack noch da<br />

ist? „Das ist in vielen Branchen in Deutschland so. Wer sich auf<br />

© FOTO: HERMANN NOACK JR., COURTESY: BILDGIESSEREI HERMANN NOACK<br />

36 W!D 6 I <strong>2021</strong>


TITELTHEMA ! KUNST<br />

Der britische Bildhauer Henry Moore ließ<br />

viele monumentale Bronzen bei Noack<br />

in Berlin gießen, auch „Large Devided<br />

Oval: Butterfly“ linke Seite. 2010 kam<br />

die Skulptur zurück in die Bildgießerei<br />

zur Restaurierung. Nach dem Guss ist<br />

eine Bronze noch längst nicht fertig:<br />

Einzeln gegossene Teile werden miteinander<br />

verschweißt diese Seite unten,<br />

die Oberflächen nachbearbeitet und<br />

veredelt oben. Für die Herstellung von<br />

Bronzegüssen werden Fachleute aus<br />

alten und seltenen Handwerksberufen<br />

gebraucht, etwa Modelleure, Sand- und<br />

Wachsformer, Ziseleure oder Patinierer.<br />

hohem Niveau spezialisiert hat, kommt ganz gut durch“, stellt<br />

der Chef nüchtern fest. Und hoch ist das Niveau zweifellos, möglicherweise<br />

ginge es gar nicht mehr höher. In Charlottenburg<br />

arbeitet man im Moment an einer neun Meter großen Skulptur<br />

von Georg Baselitz, einem der vielen Stammkunden. Sie soll<br />

in Paris aufgestellt werden. Einige Elemente lagern gestapelt<br />

draußen auf dem Hof, andere werden gerade in der Werkstatt<br />

zusammengesetzt. Ein Bein im Stiefel hängt am Holzbock. Auch<br />

Skulpturen des amerikanischen Jungstars Bunny Rogers und<br />

des skandinavischen Duos Elmgreen und Dragset sind in Arbeit.<br />

Wer hier noch fertigen lässt? Jonathan Meese, Anselm Kiefer,<br />

Tony Cragg, Alicja Kwade, Rebecca Horn, Katharina Grosse. Und<br />

natürlich die Klassiker: Henry Moore nahm sogar in Kauf, seine<br />

riesigen Skulpturen durch die DDR transportieren zu lassen, damit<br />

sie bei Noack in West-Berlin gegossen werden konnten, etwa<br />

die Bronze „Large Two Forms“, die vor dem ehemaligen Kanzleramt<br />

in Bonn steht. Joseph Beuys, Käthe Kollwitz, Ernst Barlach,<br />

Georg Kolbe … das Name Dropping könnte ewig so weitergehen.<br />

Wichtiger ist aber vielleicht die Frage, warum das Unternehmen<br />

seit nunmehr vier Generationen das Vertrauen der Künstlerinnen<br />

und Künstler genießt – schließlich ist das eine anspruchsvolle,<br />

mitunter nicht ganz einfache Klientel. „Man muss ⇨<br />

© FOTOS: MARINA JERKOVIC<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

37


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

© FOTOS: MARINA JERKOVIC<br />

sie ernst nehmen, man muss sich mit ihnen auseinandersetzen.<br />

Auch“, und da muss der eher knorrige Noack doch kurz lächeln,<br />

„wenn es manchmal ein wenig absurd wird.“ Er jedenfalls ist<br />

mit ihnen aufgewachsen, hat als Kind in der alten Gießerei in<br />

Friedenau gespielt. 2009 ist das Unternehmen in den neuen<br />

Betonbau direkt an der Spree umgezogen. Eines der größten Probleme<br />

für Noack – neben möglichen Turbulenzen am Kunstmarkt<br />

– ist das Personal, von dem es meist zu wenig gibt. Engagierte<br />

Handwerkerinnen und Handwerker sind dringend gesucht.<br />

Zugegeben, es gibt komfortablere Arbeitsplätze. Es wird schon<br />

mal laut in der Werkstatt, wenn die Schleifmaschine kreischt.<br />

Staubig ist es auch, über den Modellen und Formteilen in den<br />

Regalen liegt ein feiner Gipsschleier. Wer die Oberflächen der<br />

Skulpturen patiniert, der muss mit Säuren hantieren. Doch ⇨<br />

Oben und links: Blick in die hohen Hallen des Werkstatt-Neubaus<br />

in Berlin-Charlottenburg. Oben: Ein Positivmodell aus Wachs<br />

mit angesetzten Gusskanälen, durch die später die Bronze fließen<br />

wird. Im weiteren Prozess wird das Wachsmodell zerstört.<br />

© FOTOS: MATTHIAS HAMEL<br />

38 W!D 6 I <strong>2021</strong>


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TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

© FOTOS: MARINA JERKOVIC<br />

dafür stellt man nicht irgendwelche austauschbaren Produkte<br />

her, sondern Kunstwerke, potenziell für die Ewigkeit bestimmt.<br />

Und, so erzählt es stolz ein junger Mann in der Werkstatt, der bei<br />

Noack den seltenen Beruf des Sandformers gelernt hat, wer hier<br />

arbeite, helfe mit, ein aussterbendes Handwerk am Leben zu erhalten.<br />

Das tägliche kleine Bronze-Abenteuer inbegriffen! |JJ<br />

Oben: Neben Wachs wird auch Sand als Material im Formenbau<br />

verwendet. Es ist gut für große, glatte Flächen geeignet, alle<br />

Moore-Skulpturen wurden bei Noack in diesem Verfahren gegossen.<br />

Der Moment, in dem es sich entscheidet: Die heiße Bronze<br />

fließt aus dem Tiegel in die vorbereitete Form. Ob der Guss gelungen<br />

ist, weiß man erst nach Abnehmen der Form. Infos Seite 176.<br />

40 W!D 6 I <strong>2021</strong>


Leolux Design Center Elbestraße 39, 47800 Krefeld (NRW) www.leolux.de • Sofa: Rego (Gino Carollo)


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

42 W!D 6 I <strong>2021</strong>


TITELTHEMA ! KUNST<br />

Wenn einer weiß, wie der Hase<br />

in Sachen Tapete läuft, dann<br />

mit großer Sicherheit David<br />

Mottershead rechts, Managing<br />

Director des britischen<br />

Farben-Brands Little Greene.<br />

Die aktuelle Tapetenkollektion<br />

„National Trust Papers II“<br />

wurde mit der gleichnamigen<br />

Denkmalschutzorganisation<br />

entwickelt und ist bereits die<br />

zweite Kooperation, darunter<br />

„Millefleur“ linke Seite,<br />

„Burges Snail“ in der Mitte und<br />

„Beech Nut“ rechts. Info S. 176.<br />

ARCHAISCH _<br />

400 JAHRE SCHMUCKE<br />

DEKORATIONSGESCHICHTE<br />

Wenn es um den Einsatz von Farbe und Muster in Haus und Hof<br />

geht, bewegen wir Deutschen uns nach wie vor in einer „Sicherheitszone“.<br />

Da wird mal die ein oder andere Wand mit Farbe versehen<br />

oder ein buntes Kissen auf der Couch drapiert. Aber so richtig<br />

Gas zu geben, das trauen sich die wenigsten unter uns. „In England<br />

gehen die Menschen selbstbewusster mit Farbe um, indem sie sie<br />

als Gesamtkonzept einsetzen. Sie streichen zum Beispiel<br />

die Wände, Fußleisten, Türen und Fensterrahmen im gleichen<br />

Farbton“, erklärt uns David Mottershead, Managing<br />

Director von Little Greene. Für seine aktuelle Tapetenkollektion<br />

„National Trust Papers II“ wagte sich das britische<br />

Traditionsunternehmen ein weiteres Mal in die Archive<br />

von Europas größter Denkmalschutzorganisation. „Die<br />

Dessins erzählen 400 Jahre Dekorationsgeschichte – von<br />

bezaubernden floralen Mustern bis hin zu verspielten Designs<br />

mit Schnecken-Motiven.“ Jede Tapete der Kollektion<br />

wurde neu gezeichnet und in neuen Farben gestaltet. Daraus<br />

entstanden sind sieben neue Dessins in 42 Farbgebungen.<br />

Dabei wurden die traditionellen und ursprünglichen<br />

Herstellungsmethoden und -materialien mit einbezogen.<br />

Mottershead: „Die Designelemente stammen von Blockdruckpapieren<br />

aus dem georgianischen und viktorianischen Zeitalter und<br />

auch von älteren dekorativen Objekten wie einem Lederwandbehang.<br />

Die zeitgemäße Interpretation macht diese Tapeten zu einer<br />

zeitlosen Kollektion für alle architektonischen Stile.“ Und wie steht<br />

es mit dem künstlerischen Ansatz? „Der Vergleich von Tapeten mit<br />

Kunstobjekten ist durchaus möglich. Beispielsweise stammt das<br />

florale Design unserer neuen Tapete »Millefleur« von einem unglaublich<br />

seltenen, wichtigen und liebevoll erhaltenen Wandteppich<br />

aus dem 15. Jahrhundert. Er befindet sich in Montacute House<br />

in Somerset und ist ein Fragment eines viel größeren Sets – ein Geschenk<br />

der belgischen Stadt Tournai an Jean de Daillon, einen französischen<br />

Adligen und Gouverneur der Dauphiné.“<br />

|ag<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

43


TITELTHEMA ! KUNST<br />

© ALLE FOTOS: MAIJA TOIVANEN/ HAM/ HELSINKI BIENNIAL <strong>2021</strong><br />

HELSINKI BIENNIAL <strong>2021</strong> _<br />

EINE SCHÄRENINSEL, LOST PLACES UND MODERNE KUNST<br />

Das Meer ist in Helsinki allgegenwärtig, besonders am alten Hafen<br />

mit Rathaus, Markt und Allas Sea Pool. Diesen Sommer hat<br />

sich zum illustren Bau-Ensemble ein geschwungener Holzpavillon<br />

von Verstas Architects gesellt, der zwischen Architektur und<br />

Skulptur changiert. Bis Ende September<br />

diente der temporäre Bootsanleger<br />

als Eingangstor für die erste Helsinki<br />

Biennial. Dass die unbewohnte Schäreninsel<br />

Vallisaari, die bis vor wenigen<br />

Jahren noch militärisches Sperrgebiet<br />

war, nun erkundet werden kann, ist Teil<br />

einer stadtplanerischen Strategie, die<br />

das Archipel leichter zugänglich machen<br />

soll. Es funktioniert, denn nach<br />

nur 15 Minuten Bootsfahrt wähnt man<br />

sich in einer anderen Welt. Die 80 Hektar<br />

große Insel war ein ungewöhnlicher,<br />

aber auch sehr passender Ort für<br />

ein Festival zeitgenössischer Kunst, das<br />

die Themen Natur und Nachhaltigkeit<br />

miteinander verknüpfte. Allein die verlassenen,<br />

von viel Grün umgebenen<br />

Gebäude waren eine Entdeckungsreise<br />

wert. Es sind Lost Places wie sie im<br />

Buche stehen: verlassene Wohnhäuser<br />

aus Backstein, ehemalige Lagerräume<br />

für Schießpulver, gut erhaltene<br />

Festungsanlagen, aber auch eine sich<br />

jahrelang selbst überlassene Flora und<br />

Fauna, die beinahe verwunschen wirkt. Und mittendrin: Werke<br />

von 41 Künstlern, darunter Laura Könönen, Mario Rizzi, Maaria<br />

Wirkkala und Jaakko Niemelä. Sie hatten Installationen speziell<br />

für diesen Ort geschaffen oder vorhandene Werke modifiziert –<br />

44 W!D 6 I <strong>2021</strong>


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

© © KATHARINA GROSSE . COURTESY OF KÖNIG GALLERY.<br />

zusammengefasst unter dem Biennale-Motto „The same Sea“,<br />

kuratiert von Pirkko Siitari und Taru Tappola, die beide für das<br />

HAM Helsinki Art Museum arbeiten. Während der dreimonatigen<br />

Laufzeit der Biennale kamen 145.000 Besucher auf die Insel, um<br />

Natur, Geschichte und Kunst zu erleben. Und zwar oft sehr unmittelbar,<br />

wie die Klanginstallation von Janet Cardiff und George<br />

Bures Miller mitten in einem Birkenwäldchen zeigte. Welche Kraft<br />

die Natur hat, dass ihr immer auch Vergänglichkeit innewohnt, ⇨<br />

Einige Künstler beziehen sich direkt auf die Gegebenheiten der Insel, wie<br />

die Arbeiten „Vallisaari Lighthouse“ von Tadashi Kawamata li. oben, „Big<br />

Be-Hide“ von Alicja Kwade li. unten, „Shutter Splinter“ von Katharina Grosse<br />

re. oben und „No Heaven up in the Sky“ von Laura Könönen zeigen re. unten.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

45


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

zeigte sich an „Shutter Splinter“ von Katharina Grosse. Sie hatte<br />

das verlassene Schulgebäude der Insel in einen Farbregen aus<br />

Acryl getaucht, der auch die umliegende Vegetation erfasste<br />

und die Szenerie fast unwirklich erscheinen ließ. Alicja Kwades<br />

riesige, bildhauerisch perfekt ausgeführte Steinkugeln wirkten<br />

auf dem abschüssigen, zum Wasser hin gelegenen Gelände federleicht<br />

und animierten zum Be-Greifen. Die in Berlin arbeitende<br />

Künstlerin zeigte neben „Pars pro toto“ noch ein zweites Werk,<br />

die Skulptur „Big Be-Hide“. Landschaftlich eindrucksvoll direkt<br />

am Wasser gelegen, hatte Kwade auf der einen Seite eines Spiegels<br />

einen vor Ort gefundenen Steinbrocken positioniert, während<br />

sich auf der anderen Seite sein genaues Gegenstück aus<br />

Metall befand. Je nach Standort des Betrachters entstanden so<br />

interessante, teils verwirrende Reflexionen, Risse, Täuschungen.<br />

Beide Arbeiten von Kwade wurden von der Stadt Helsinki angekauft.<br />

Und weil sie demnächst im öffentlichen Raum des neuen<br />

Stadtteils Kalasatama stehen werden, bleiben von der ersten<br />

Helsinki Biennal mehr als nur Erinnerungen und Bilder. |csh<br />

Im Sommer konnte man auf einer Schäreninsel<br />

vor Helsinki die erste Kunstbiennale<br />

der Stadt erkunden. Natur,<br />

Geschichte, Kunst – alles hat auf Vallisaari<br />

miteinander zu tun. So war das akustische<br />

Werk „Forest (for a thousand Years …)“<br />

von Janet Cardiff und George Bures Miller<br />

wie geschaffen für die Landschaft der Insel.<br />

Auf Baumstämmen sitzend, lauschten<br />

die Besucher der Klanginstallation, die sich<br />

mit den Geräuschen der Natur vermischte<br />

oben. Der kambodschanische Multimedia-Künstler<br />

Samnang Khvay beschäftigt<br />

sich in seiner Videoarbeit „Preah Kunlong<br />

(The Way of the Spirit)“ mit den Umweltproblemen<br />

seines Heimatlandes unten.<br />

© ALLE FOTOS: MAIJA TOIVANEN/ HAM/ HELSINKI BIENNIAL <strong>2021</strong><br />

46 W!D 6 I <strong>2021</strong>


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TITELTHEMA ! KUNST<br />

© FOTO: ESTATE RAIMUND GIRKE<br />

48 W!D 6 I <strong>2021</strong>


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

Der Neuerscheinung der<br />

Monografie „Between White“<br />

über den Künstler Raimund<br />

Girke widmet die Axel Vervoordt<br />

Gallery eine Ausstellung.<br />

Eröffnet wird sie im<br />

Zuge der Buchpräsentation<br />

am 28. Oktober <strong>2021</strong>.<br />

© FOTO: JANLIÉGEOIS / AXEL VERVOORDT GALLERY<br />

Mit Texten von Florian Illies,<br />

Peter Iden, Gottfried Boehm,<br />

Anke Hervol und Dietmar<br />

Elger, historischem Material,<br />

Texten von Raimund Girke sowie<br />

dem Text der Eröffnungsrede,<br />

den Günter Uecker 1960<br />

anlässlich einer der ersten<br />

Ausstellungen von Raimund<br />

Girke verfasst hat. Auflage:<br />

1.500 Exemplare. Herausgegeber:<br />

Kewenig Galerie und<br />

Axel Vervoordt Gallery.<br />

Mehr als nur Schuhe, deren<br />

Sohlen abgelaufen und deren<br />

Leder abgewetzt und mit<br />

Farbflecken patiniert sind.<br />

©FOTO: KATJA RUGE<br />

BETWEEN WHITE _RAIMUND GIRKE<br />

IN DER AXEL VERVOORDT GALLERY<br />

Die Axel Vervoordt Gallery organisiert seit Jahren vielbeachtete Ausstellungen<br />

für Künstler aus aller Welt. Der Maler Raimund Girke,<br />

maßgeblicher Wegbereiter der analytischen Malerei, ist im Quartier<br />

in Wijnegem-Kanaal weithin kein Unbekannter. Anlässlich der<br />

Neuerscheinung der Monografie „Between White“ widmet ihm die<br />

Galerie nun erneut eine Schau. 1930 in Heinzendorf geboren, studierte<br />

Girke 1951-1952 an der Werkkunstschule Hannover, dann bis<br />

1956 an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Der Genius Loci<br />

des Informel schien ihm zu subjektiv und pathetisch und er begann,<br />

eine eigenständige, formal reduzierte Malerei zu entwickeln. Ende<br />

der 50er zählt Girke zu der Generation junger europäischer Künstler,<br />

die den Subjektivismus des abstrakten Realismus überwanden.<br />

Er sparte die traditionelle Komposition aus und konzentrierte sich<br />

darauf, die Farbe anhand einer Zeilenstruktur zu ordnen und damit<br />

auf Leinwand zu schreiben. Dieses Merkmal zeigt sich in vielen seiner<br />

Werke. Zugleich reduzierte er die Farben auf ein von Blau- und<br />

Erdtönen begleitetes Weiß. Girkes Auseinandersetzung mit der Farbe<br />

Weiß, Sinnbild für alles Flüchtige und Nichtmaterielle, wird zum<br />

Hauptthema seines Œuvre. Da ist Weiß nicht statisch, sondern in<br />

Bewegung. Die monochromatische Palette bedeutet jedoch nicht<br />

Beschränkung, sondern eröffnet eine neue Welt, die sich erweitern<br />

lässt. Hier sucht Girke nach klassischer Ordnung und greift die<br />

Tradition der Tafelmalerei auf, in der Ordnung, Farbe und Licht im<br />

Fokus stand. In den 70ern fordert Girke, der Reizüberflutung „stille,<br />

reduzierte Sachen gegenüberzustellen und den Betrachter wieder<br />

zu einer Konzentration zu führen.“ In Girkes Werk aus jener Zeit ⇨<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

49


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

© © FOTO: JANLIÉGEOIS / AXEL VERVOORDT<br />

GALLERY<br />

© FOTO: AXEL VERVOORDT GALLERY<br />

dominiert eine fast monochrom-weiße Bildgestaltung mit feinen<br />

Differenzierungen in Farbe und Helligkeit. In den 80er-Jahren nimmt<br />

Girkes Kunst eine fundamentale Rolle in der Malerei in Deutschland<br />

ein. Raimund Girke lebt und arbeitet bis zu seinem Tod 2002 in Berlin<br />

und Köln. Die Monografie „Between White“ über das Œuvre von<br />

Raimund Girke erscheint am 28. Oktober <strong>2021</strong> zur Eröffnung der<br />

gleichnamigen Ausstellung. Herausgegeben wird das Buch von der<br />

Kewenig Galerie und der Axel Vervoordt Gallery. Wir haben Boris Vervoordt,<br />

Founder der Axel Vervoordt Gallery, um ein Interview gebeten.<br />

Zu Girke. Der Farbe Weiß. Der Monogafie. Und der Ausstellung.<br />

gezeigt wird, hat ergeben, dass er ein radikaler Einzelgänger war.<br />

Was fasziniert Sie an seiner Malerei, besonders an seiner Auseinandersetzung<br />

mit der Farbe Weiß? Tatsächlich nimmt uns Girkes<br />

Werk mit auf eine spirituelle Reise der visuellen Erfahrung, die<br />

eine Erkundung der völligen Leere beinhaltet. Im Niederländischen<br />

haben wir ein schönes Wort hierfür: „vol-ledig“. Sein fesselnder<br />

Blick auf das Weiß, der dem Weiß seinen Geist einhaucht,<br />

die Ganzheit einer Abwesenheit von Farbe, ist faszinierend und<br />

überwältigend. Ich bin davon überzeugt, dass dies so essenziell<br />

ist, dass es auch heute noch sehr aktuell ist.<br />

Herr Vervoordt, erzählen Sie mir bitte von Ihrer ersten Begegnung<br />

mit dem künstlerischen Schaffen Raimund Girkes. Ich habe<br />

Girke zunächst durch die Linse der ZERO-Generation gesehen, da<br />

er Teil vieler ZERO-Ausstellungen und -Sammlungen war. Aber<br />

eine gründliche Recherche, die in der neuen Monografie erstmals<br />

Boris Vervoordt, Madeleine Girke (Estate Raimund Girke)<br />

und Axel Vervoordt oben präsentieren ab dem 28.10.<strong>2021</strong> in<br />

der Galerie am Albert-Kanal Auszüge aus dem Œuvre von Raimund<br />

Girke wie „Untitled“ (Überlagerungen), etwa um 1956.<br />

Rechte Seite: Ein Blick ins Atelier des Künstlers in Köln.<br />

50 W!D 6 I <strong>2021</strong>


Nun erscheint „Between White“. Was dürfen wir von der Monografie<br />

erwarten? Das Buch lehrt uns, wie sehr er Teil der sich ständig<br />

wandelnden Avantgarde des 20. Jahrhunderts war, einschließlich<br />

seiner Teilnahme an vielen Ausstellungen, die eindeutig die Perspektiven<br />

aufzeigen, die ihn neben seinen geschätzten Zeitgenossen<br />

stellten. Man braucht nur die Ausstellungstitel zu lesen, um die<br />

Ansichten der Kuratoren zu erkennen: Nieuwe Tendenzen, Konzeptuelle<br />

Malerei, Arte Concettuale und Avant-Garde. Ich glaube, dass<br />

diejenigen, die das Buch lesen, verstehen, dass Girkes Werk eine<br />

wichtige Rolle für unser Verständnis der Kunst in der Nachkriegszeit<br />

bis zu seinem Lebensende im Jahr 2002 zu spielen hat.<br />

Die diesjährige Ausstellung ist nicht die erste, die die Axel Vervoordt<br />

Gallery kuratiert. Nach „In Between White“ 2015 in Hongkong,<br />

„Dominanz des Lichts“ 2018 in Wijnegem<br />

und „The Silent Balance“ 2019 wiederum<br />

in Hongkong, ist dies die vierte Schau, die<br />

pünktlich zum 91. Geburtstag des Künstlers<br />

eröffnet. Was hat Ihren Vater Axel und Sie<br />

ursprünglich dazu bewogen, Girkes Œuvre<br />

in die Ausstellungen aufzunehmen? Für<br />

uns ist Girkes Werk ebenso erneuernd und<br />

wichtig wie die Arbeiten von Agnes Martin<br />

oder Antonio Calderara, aber aus seltsamen<br />

Gründen hat er nie die internationale Karriere<br />

erreicht, die einige dieser Künstler hatten.<br />

Wir wollten ihm die volle Anerkennung<br />

zuteil werden lassen. Für viele Sammler ist<br />

er eine wichtige Wiederentdeckung; das ist<br />

unsere Aufgabe als Galeristen. Ich bin sehr<br />

dankbar für die tiefe Freundschaft, die ich<br />

auf diesem Weg mit der Tochter des Künstlers,<br />

Madeleine Girke, Direktorin und Eigentümerin<br />

des Nachlasses Raimund Girke,<br />

entwickelt habe. Madeleine atmet die Hingabe<br />

ihres Vaters und verleiht allen, die<br />

mit ihr zusammenarbeiten, Flügel und garantiert<br />

dem Werk eine Zukunft. Ohne ihr<br />

Wissen und ihre Arbeit würde es das Buch<br />

nicht geben.<br />

der »Europalia ‘77« vorstellte. Unter ihnen Girkes ehemaliger Studienkollege<br />

Gotthard Graubner und Gerhard Richter, dessen Werke<br />

Girke selbst sammelte. Das Werk aus dem Jahr 1973 gelangte dann<br />

in die Sammlung Crex in Zürich, die sich auf minimalistische und<br />

konzeptuelle Kunst spezialisiert hat. Die Sammlung war bis 2014 in<br />

den Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen zu sehen.<br />

Warum sollten Girke-Liebhaber die Ausstellung auf keinen<br />

Fall verpassen? Die Ausstellung wird eine Retrospektive von<br />

Girkes Œuvre und Werke zusammenbringen, die noch nie einem<br />

internationalen Publikum gezeigt wurden; unsere früheren<br />

Ausstellungen zeigten nur Werke aus seiner späteren Periode.<br />

Diese neue Ausstellung wird ein breiteres Licht auf diesen<br />

sehr wichtigen Künstler werfen.<br />

Vielen Dank, Herr Vervoordt! Und: Bis bald in Antwerpen. |duw<br />

Gibt es ein Werk, das Sie besonders hervorheben<br />

möchten? In dieser Ausstellung<br />

haben wir die Gelegenheit, Gemälde zu<br />

zeigen, die Teil wichtiger historischer Ausstellungen<br />

waren. Eines, ein Werk ohne<br />

Titel von 1973, wurde in der Ausstellung<br />

„Fundamental Painting“ in Amsterdam<br />

gezeigt, in der die Kuratoren Edy de Wilde<br />

und Rini Dippel die Prinzipien der Malerei<br />

erforschten. Es war nur eine der Ausstellungen,<br />

in denen Girke gemeinsam mit Robert<br />

Ryman, einem Künstler, den er sehr bewunderte,<br />

Arbeiten zeigte, obwohl er sich der<br />

unterschiedlichen Herangehensweise an<br />

ein Kunstwerk bewusst war. 1977 wurde<br />

das Werk auf der Ausstellung „12 since ‘45“<br />

gezeigt, die 12 deutsche Maler im Rahmen<br />

©FOTO: KATJA RUGE<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

51


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

EIN NEUES BAUHAUS _ WIE WOLLEN<br />

WIR KÜNFTIG LEBEN? DAS „NEW EUROPEAN BAUHAUS“<br />

SUCHT ANTWORTEN AUF DIESE FRAGE – IN ARCHITEKTUR,<br />

KUNST UND WIRTSCHAFT.<br />

Die EU-Kommission hat sich viel vorgenommen. Als erster Kontinent<br />

soll Europa bis 2050 klimaneutral werden, ein viele Hundert<br />

Milliarden schweres Investitions- und Gesetzespaket wird<br />

die Transformation begleiten. Doch während Mitgliedsstaaten<br />

noch darüber streiten, wie sich dieser „Green Deal“ mit ihren<br />

Wirtschaftsinteressen verträgt, läuft der Menschheit die Zeit<br />

davon. Auf der Klimakonferenz in Glasgow ringen die Teilnehmer<br />

noch um Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels, während laut Berechnung<br />

der Vereinten Nationen bereits eine Erderwärmung<br />

um 2,7 Grad bis Ende des Jahrhunderts droht.<br />

Auch deshalb möchte es die Europäische Kommission nicht<br />

bei Subventionen und Vorschriften belassen. „Um den Klimawandel<br />

zu bekämpfen, brauchen wir beides: klare rechtliche<br />

Rahmenbedingungen und ein umsichtigeres Verhalten“, erklärt<br />

Ruth Reichstein, Mitglied im strategischen Beratungsteam der<br />

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. „Am Ende liegt<br />

es an jeder und jedem von uns, Verhaltensweisen zu ändern<br />

und anders auf die Welt zu schauen als bisher. Das lässt sich mit<br />

Regeln allein nicht erreichen“, so Reichstein. „Es kommt darauf<br />

an, die Bevölkerung mitzunehmen. Ein neuer CO 2<br />

-Grenzwert für<br />

Autos berührt die Menschen nicht emotional. Das gelingt eher<br />

auf kultureller Ebene.“<br />

52 W!D 6 I <strong>2021</strong>


TITELTHEMA ! KUNST<br />

Darum hat die Europäische Kommission eine Initiative ins Leben<br />

gerufen: das New European Bauhaus (NEB). Parallelen zur<br />

legendären Schule für Kunst, Architektur und Design, gegründet<br />

1919 von Walter Gropius in Weimar, sind offensichtlich. Allerdings<br />

war es weniger die Formensprache von Le Corbusier,<br />

Marcel Breuer, Wilhelm Wagenfeld & Co., die der Kommission<br />

als Vorlage diente. „Es geht nicht darum, den Bauhaus-Stil zu<br />

kopieren“, so Reichstein, die im Team der Kommissionspräsidentin<br />

das Projekt koordiniert. „Wir wollen die Gegenstände in<br />

unserem Alltag anschauen, um Wege zu finden, wie sie klimafreundlicher<br />

produziert werden können. Und zwar so, dass sie<br />

bezahlbar bleiben und die Leute sich damit wohlfühlen. Das gilt<br />

für Gebäude und öffentliche Plätze genauso wie für Möbel oder<br />

Textilien.“ Damit führt das New European Bauhaus die Tradition<br />

seines Vorgängers als interdisziplinäre Denkfabrik fort. Teilnehmerinnen<br />

und Teilnehmer aus Kunst, Kultur, Architektur, Technologie<br />

und Wissenschaft sollen gemeinsam nach Lösungen für<br />

die Probleme unserer Zeit suchen.<br />

Experten wie Hans Joachim Schellnhuber, Gründer und ehemaliger<br />

Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung,<br />

fordern eine Bauwende, die organische Materialien wie<br />

Holz und Bambus in den Mittelpunkt stellt. Dinge wie nachhaltiges<br />

Design, digitale Technologien und Kreislaufwirtschaft werden<br />

das neue Bauhaus ebenfalls beschäftigen.<br />

Dabei handelt es sich um keine Institution im klassischen Sinn.<br />

Das New European Bauhaus hat weder einen festen Sitz noch<br />

eigene Hörsäle oder Werkstätten. „Für die Kommission waren<br />

schlanke, agile Strukturen wichtig“, betont Ruth Reichstein. „Es<br />

gibt ja bereits das Netzwerk der europäischen Universitäten,<br />

die IT-Techniker arbeiten zusammen, andere Bereiche auch, da<br />

braucht es keine weitere Akademie.“<br />

Von Anfang an ging es darum, die richtigen Leute zusammenzubringen.<br />

Pandemie-bedingt begann dieser Dialog im Internet:<br />

Nach Ankündigung der Initiative durch Ursula von der Leyen im<br />

Herbst 2020 eröffnete Anfang des Jahres eine Webseite. Sechs<br />

Monate lang konnten Interessierte ihre Vorschläge einbringen,<br />

Das Containergebäude in<br />

Barcelona linke Seite zählt<br />

zu den ersten Gewinnern des<br />

„New European Bauhaus<br />

Prize“. Die Struktur aus alten<br />

Schiffscontainern verschwindet<br />

hinter einer Fassade aus<br />

Holz und Polycarbonat. Alle<br />

Teile lassen sich demontieren,<br />

transportieren und anderswo<br />

wieder aufbauen. Zu den<br />

Nominierten gehörte auch<br />

das Konzept eines sozialen<br />

und ethisch verantwortungsvollen<br />

Lieferdienstes für<br />

Lebensmittel und Leihbücher,<br />

entwickelt während der Corona-Pandemie<br />

in Bologna,<br />

Italien rechts.<br />

© FOTO MARGHERITA CAPRILLI FOR FONDAZIONE INNOVAZIONE URBANA<br />

Im Bauhaus der Weimarer Republik stellten Armut und Wohnungsnot<br />

nach dem Ersten Weltkrieg die größte Herausforderung<br />

dar. Es ging darum, mit industrieller Serienfertigung bezahlbare<br />

Dinge herzustellen, die praktisch und schön zugleich<br />

waren. Das von Gropius und seinen Schülern 1923 errichtete<br />

Musterhaus Am Horn in Weimar glich einem Experimentierfeld<br />

für neue Technologien und Materialien – mit Gasherd, Zentralheizung,<br />

Wärmedämmung, elektrischen Hausgeräten und Telefonanlage.<br />

Rund 100 Jahre später haben sich die Prioritäten verschoben.<br />

Es gibt zwar noch immer einen Mangel an günstigem<br />

Wohnraum, doch der Klimawandel stellt die moderne Lebensweise<br />

an sich infrage. Stahl und Zement, im ersten Bauhaus gefeierte<br />

Werkstoffe, sind mit ihrer CO 2<br />

-intensiven Herstellungsweise<br />

heute eher ein Problem als Teil der Lösung.<br />

welche Aufgaben das neue Bauhaus in Zukunft übernehmen<br />

soll. Mehr als 2.000 Einsenderinnen und Einsender machten von<br />

dieser Möglichkeit Gebrauch. 8.500 nahmen an der Web-Konferenz<br />

im April <strong>2021</strong> teil. Gleichzeitig konnten professionelle Organisationen<br />

und Institutionen sich als Partner bewerben. Rund<br />

dreihundert sind bereits bestätigt, darunter Universitäten aus<br />

ganz Europa, aber auch Einrichtungen wie die Bundesarchitektenkammer,<br />

der IT-Verband Bitkom und die Klassik-Stiftung<br />

Weimar. Begleitet werden sie von einem 18-köpfigen Expertengremium,<br />

dem sogenannten High-Level-Roundtable.<br />

Am virtuellen runden Tisch nehmen Persönlichkeiten Platz, die<br />

Ideale des neuen Bauhaus verkörpern. Künstler wie Olafur Eliasson,<br />

der mit spektakulären Installationen den Mensch in seiner<br />

Umwelt thematisiert. Oder Japans Star-Architekt Shigeru Ban, ⇨<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

53


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

bekannt für Papierbauten, von dem in Antwerpen gerade ein<br />

24-stöckiges Holz-Hochhaus entsteht. Nicht zu vergessen der<br />

Däne Bjarke Ingels, den das Handelsblatt wegen seiner Idee<br />

einer „Hedonistischen Nachhaltigkeit“ als Rockstar unter den<br />

Architekten bezeichnet.<br />

„Überall auf der Welt sind Städte und Straßenbilder nach demselben<br />

Prinzip gestaltet“, schreibt Ingels in seiner Vision eines<br />

wiederbelebten Bauhauses. „Es gibt die Schauseite und den<br />

Hinterhof. Oberflächlich betrachtet wirkt alles hübsch und aufgeräumt,<br />

doch wer hinter die Fassaden blickt, entdeckt dort viele<br />

unschöne, schmutzige Dinge.“ Die Klimakrise sei eine Folge<br />

dieser Denkweise und die Erde habe nun mal keinen Hinterhof,<br />

so Ingels. „Deshalb müssen wir sie ganzheitlich betrachten,<br />

Energie, Industrie, Verkehr, Lebensmittel, den Abfall und viele<br />

andere Dinge in unsere Überlegungen mit einbeziehen“.<br />

Rund 85 Millionen Euro aus EU-Geldern will die Kommission<br />

allein dieses und nächstes Jahr in Maßnahmen des New European<br />

Bauhaus lenken. Gefördert werden unter anderem fünf<br />

Pilotprojekte, über die eine Expertenjury im Frühjahr 2022<br />

entscheidet. Sie sollen einen transformatorischen Ansatz haben<br />

und die Lebensqualität in einem Dorf oder Stadtviertel<br />

nachhaltig verbessern. Damit das Ganze kein Schaulaufen der<br />

großen Namen wird, nimmt die Kommission zusätzlich Bürger-<br />

In den Fassadenelementen von Nest oben finden Pflanzen<br />

und Kleintiere wie Vögel, Bienen oder Fledermäuse Platz. Zehn<br />

verschiedene Ziegelformen spucken 3D-Drucker dafür aus.<br />

Die Smartphone-App AYR erfasst und belohnt nachhaltige<br />

Mobilität links. Beides war der NEB-Jury einen Preis wert.<br />

54 W!D 6 I <strong>2021</strong>


TITELTHEMA ! KUNST<br />

Dipdii Textiles aus Bayern waren ebenfalls für einen New European<br />

Bauhaus Prize nominiert. Das Team um Stefano Mori,<br />

Lucia Perianes und Anna Heringer v.l.n.r. lässt in Bangladesch<br />

aus alten Saris neue Kleider und Kissenbezüge entstehen.<br />

© FOTO: STEFANO MORI<br />

initiativen und Projekte auf lokaler Ebene in den Blick. Dafür hat<br />

sie eigens den New European Bauhaus Prize geschaffen (siehe<br />

QR-Code, Seite 52), eine jährliche Auszeichnung, um die sich<br />

kleinere und unabhängige Projekte bewerben können. Er wird<br />

in zehn Kategorien vergeben und ist doppelt dotiert: Zu den<br />

30.000 Euro pro Hauptpreisträger kommen noch einmal 15.000<br />

Euro, die an sogenannte „Rising Stars“ gehen, vorwiegend junge<br />

Initiativen oder Unternehmen aus ganz Europa.<br />

So ist die Schar der ersten Gewinner in diesem Jahr bunt gemischt.<br />

In der Kategorie „Modulare und mobile Wohnlösungen“<br />

ging der Hauptpreis an ein Projekt aus Barcelona, das ehemalige<br />

Schiffscontainer in Apartments umwandelt. Die gestapelten<br />

und mit einer transparenten Hülle aus Holz und Polycarbonat<br />

verkleideten Container dienen als Unterkunft für Personen,<br />

die bei einer Zwangsräumung ihre Wohnung verloren haben<br />

– durch Gentrifizierung beliebter Viertel ein wachsendes ⇨<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

55


TITELTHEMA ! KUNST<br />

Problem in der katalanischen Hauptstadt. Der Unternehmer<br />

Martin Rauch aus Schlins im österreichischen Vorarlberg bekam<br />

einen Preis für seine vorgefertigten Wände aus gestampftem<br />

Lehm. Das Jahrtausende alte, ökologische Baumaterial kam<br />

noch bei einem weiteren Preisträger zum Einsatz: einem ayurvedischen<br />

Gästehaus in Rosenheim, das auf Naturstoffe setzt.<br />

Die Rising Stars von Nest aus Barcelona, haben ein Fassadensystem<br />

entwickelt, das Fauna und Flora in die Stadt zurückbringt.<br />

Es besteht aus Tonziegeln mit integrierten Hohlräumen – für die<br />

Fassadenbegrünung, als Nistplatz für Vögel oder Unterschlupf<br />

von Bienen und Fledermäusen. Jeder Ziegel ist entsprechend<br />

seinem Zweck geformt und kommt aus dem 3D-Drucker.<br />

Das Spektrum der Preisträger reicht vom selbstverwalteten<br />

Stadtgarten (Spanien) über Häuser für Obdachlose (Dänemark)<br />

und den Wiederaufbau nach Erdbeben (Italien) bis hin zum<br />

Konzept für die ökologische Neugestaltung eines ganzen Stadtbezirks,<br />

das ein Mailänder Architektenteam eingereicht hat. Aus<br />

Portugal kommt die digitale Nachhaltigkeitsplattform AYR. Sie<br />

basiert auf einer App, die Nutzern zeigt, wie viel Kohlendioxid<br />

sie mit umweltfreundlichen Verkehrsmitteln vermeiden. Die<br />

Einsparung wird ihnen als geldwerter Kredit in der App gutgeschrieben,<br />

mit dem sich wiederum lokale Dienstleistungen<br />

bezahlen lassen. Nach dem Willen der Erfinder entsteht so ein<br />

Die Umnutzung und Wiederbelebung alter Bausubstanz<br />

spielt im New European Bauhaus eine wichtige Rolle. Gut zu<br />

sehen an zwei nominierten Projekten aus Italien: dem<br />

historischen Nebengebäude der Villa Arconati bei Mailand<br />

oben und der ehemals verlassenen Apartments in Turin, die<br />

heute als Workspace und Sozialwohnungen dienen rechts.<br />

56 W!D 6 I <strong>2021</strong>


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

Kreislauf, der umweltbewusstes Handeln fördert und belohnt.<br />

Mit dem New European Bauhaus Prize und weiteren Aktionen<br />

will die EU solche Initiativen unterstützen. Gewissermaßen den<br />

Dünger für viele Graswurzelbewegungen liefern, die ohnehin<br />

schon sprießen. Laut der Organisatorin Ruth Reichstein kommt<br />

es dabei nicht nur aufs Geld an: „Ein Ergebnis der öffentlichen<br />

Co-Design-Phase zu Beginn war, dass sich engagierte Teilnehmer<br />

häufig mehr Sichtbarkeit wünschen – und Anerkennung<br />

für das, was sie tun.“ Auch Verbände und Branchen wie die<br />

Textil- und Bauindustrie sind froh, dass die EU-Kommission das<br />

Thema auf ihre Agenda setzt. Sie versprechen sich davon praktische<br />

Arbeitserleichterung. Reichstein nennt als Beispiel die Zementhersteller:<br />

„Es gibt immer mehr Unternehmen, die sogenannten<br />

Low-Carbon-Zement anbieten, also Material mit einer<br />

geringeren CO 2<br />

-Belastung. Laut Aussage der Industrie erschweren<br />

aber viele Regularien die Vermarktung dieses Zements. Das<br />

wollen wir uns zusammen mit den Betroffenen ansehen und<br />

nach Lösungen suchen – auf europäischer Ebene, wo das möglich<br />

ist, aber auch in den Austausch mit den Mitgliedsstaaten<br />

treten, wenn es sich um nationale Regeln handelt.“<br />

Dass die Europäische Union, oft leichtfertig für ihre vermeintliche<br />

Regulierungswut gescholten, sich ganz aktiv für den Bürokratieabbau<br />

stark macht – wer hätte das gedacht? |fog<br />

Preisträger in der Kategorie für regenerierte Stadtlandschaften: Das Konzept „Porto di Mare Eco“ schlägt vor, aus einem<br />

brachliegenden Gebiet am südlichen Rand von Mailand ein Öko-Viertel zu machen. Alle Dienstleistungen darin sind innerhalb<br />

von 15 Minuten zu Fuß erreichbar. Den Mittelpunkt bildet eine Piazza, auf der sich Menschen treffen und austauschen können.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

57


TITELTHEMA ! KUNST<br />

DIE PERFEKTION DES IMPERFEKTEN _ CHARLOTTE MACAUX<br />

PERELMAN UND ALEXIS FABRY SIND DARIN UNSCHLAGBAR<br />

Bei Hermès ist es fast schon Tradition, die eigene Home Collection<br />

zur Mailänder Möbelmesse im „La Pelota“ im Stadtteil Brera zu präsentieren.<br />

Wer in diesem Jahr jene alte, ehrwürdige Ballsporthalle<br />

betrat, erlebte das Pariser Traditionshaus in ganz neuem Licht: Der<br />

Raum war abgedunkelt. Die üblichen Pilgerströme von Fans blieben<br />

coronabedingt aus. Stattdessen werden Besucher von einem Feuerwerk<br />

an Farben und Mustern auf einem streng architektonischen<br />

Setting geflasht. Fünf fast funkige Kuben im XXL-Format, sie entstanden<br />

in Kooperation mit den Bühnerbauern der Mailänder Scala,<br />

lassen an stilisierte Ethno-Muster aus südamerikanischen Gefilden<br />

denken und toppen die Erwartungen. Eine Art moderner Urhütten,<br />

die auf ihr Innenleben neugierig machen. „Wahrscheinlich wollten<br />

wir in diesem Jahr mehr als in den Vorjahren die Frische hervorheben.<br />

Unsere Werte sind dieselben, doch von Zeit zu Zeit möchten wir<br />

manche Aspekte ein wenig mehr betonen, und ich denke, aufgrund<br />

der Situation haben wir uns alle nach Frische gesehnt“, erklärt Charlotte<br />

Macaux Perelman. Zusammen mit Alexis Fabry führt sie seit<br />

2014 die Art Direktion von Hermès Maison. „Es ist auch der Kontrast<br />

zwischen den Rohmaterialien, die im Mittelpunkt unserer Arbeit bei<br />

Hermès stehen, und den sehr geometrischen Grafiken und kräftigen<br />

Farben, um eine Art von Freude und Frische auszudrücken, die wir<br />

alle heute brauchen.“ Die Pelota-Sporthalle ist voll taktiler Magie.<br />

In einer Zeit, in der unser Leben immer abstrakter und virtueller<br />

zu werden scheint, geht es den beiden um Objekte, die Textur<br />

zelebrieren und ein Gefühl von Körperlichkeit vermitteln. Wie die<br />

leuchtenden Töne und expressiven Dessins prägen sie die Kollektion<br />

<strong>2021</strong>/2022. Man möchte sie berühren. Das Gros ist aus beinahe<br />

roh belassenen Naturmaterialien hergestellt, und das mit<br />

einer einzigartigen Expertise – allen voran der neue Sessel „Sillage“<br />

von Bijoy Jain (Studio Mumbai). Seine großzügigen Proportionen<br />

58 W!D 6 I <strong>2021</strong>


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

und die Form scheinen von fremden Orten inspiriert zu sein. Seine<br />

Holzstruktur erhielt eine Beschichtung aus einer einzigartigen<br />

Mischung aus Zellulose-Fasern, die aus Apulien stammen, wo die<br />

Technik des Papiermachés im 16. Jahrhundert entstand. Die fast<br />

gespachtelt wirkende Oberfläche des Totemsessels bekam Zeile<br />

für Zeile eine feine Bemalung von Hand. Die Zellulose stammt aus<br />

FSC-zertifizierten Wäldern (Forest Stewardship Councel). Der Sessel<br />

wirkt wie eine Skulptur, ein Kunstwerk – und könnte auch in<br />

einer Pariser Galerie gezeigt werden. Ein neuer Ansatz?<br />

„Das war nicht unsere Absicht, denn wir bleiben sehr nah an der<br />

Funktion. Außerdem wollten wir gemeinsam mit Bijoy Jain mit<br />

Papiermaché arbeiten. Diese Sessel werden in Italien mit großem<br />

Know-how hergestellt.“ Gleichzeitig wird der Werkstoff Cellulose<br />

hier sehr innovativ eingesetzt. „Wichtig war für uns, dass es eine<br />

Form von Sinnlichkeit in diesem Stück gibt, es ist vielleicht unvollkommener<br />

als andere und die Materialien sind ein wenig freier.“<br />

Und Fabry ergänzt: „Handwerk ist vollkommen in unserer DNA<br />

verankert. Dieser Entwurf ist anders als limitierte Editionen von<br />

Carbon- oder Metallobjekten. Er ist rein handwerklich.“ – Das perfekte<br />

Gleichgewicht zwischen Materialinnovation und überliefertem<br />

Know-how. Ein Kissen aus Kaschmir mit entsprechendem<br />

Streifendekor lässt an der Urheberschaft des Stücks keine Zweifel<br />

aufkommen: Hermès. Studio Mumbai entwarf außerdem einen<br />

gleichermaßen außergewöhnlichen Coffee Table aus bläulich changierendem,<br />

belgischen Sandstein. In der komplett bearbeiteten Oberfläche<br />

von „Lignage“ bricht sich einfallendes Licht den Gravurlinien<br />

entlang und schimmert hell.<br />

Wo einst Pelota zelebriert<br />

wurde, bespielte Hermès zur<br />

Mailänder Möbelmesse, dem<br />

Supersalone, die Halle. Die<br />

Inszenierung der französischen<br />

Luxusmarke lässt an architektonisch<br />

konzipierte Lehmhütten<br />

mit lateinamerikanisch<br />

inspirierten Outfits denken. Sie<br />

dienen als Schutzbox für einen<br />

kostbaren Inhalt: Die Neuheiten<br />

aus der Home Collection<br />

wie der Sessel „Sillage“ von<br />

Studio Mumbai. Seine Besonderheit<br />

ist seine Außenhaut<br />

aus Zellulose-Mikrophasern,<br />

die von Hand koloriert wurden,<br />

kombiniert mit einem passenden<br />

Sitzkissen aus Kaschmir.<br />

Beide Stücke gehören zu den wenigen, aber umso ausgesuchteren<br />

Neuheiten für Mailand. Darunter besondere Textilien wie ein gequilteter<br />

Bettüberwurf, ein Kaschmirplaid mit Goldstreifen durchwirkt<br />

sowie eine Tischleuchte und wunderbare Emaille-Teller in delikaten<br />

Tönen. „Einerseits hatten wir diesen Wunsch nach Farbe, und andererseits<br />

schien es Charlotte und mir wichtig, eine eingeschränkte ⇨<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

59


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

Auswahl von Objekten zu präsentieren, weil jedes Objekt, das wir<br />

dieses Jahr zeigen würden, die Aufmerksamkeit verdienen sollte, die<br />

wir ihm schenken“, so der Art Direktor. Fabrys Aussage entspricht<br />

somit auch unserem Credo als Redaktion: „Weniger, aber besser“.<br />

Womöglich ist das auch ein Zeitzeichen. Immer mehr kritische<br />

Konsumenten stellen sich die Frage: warum ständig neue Produkte?<br />

Viele von uns wünschen sich Dinge, die ihren Alltag langfristig<br />

bereichern, und weniger Ballast. „Bei Hermès ist es uns immer ein<br />

Anliegen, Objekte zu schaffen, die eine lange Lebensdauer haben.<br />

Dies ist in unserer Philosophie und Geschichte verankert. Doch es<br />

ist immer die gleiche Herausforderung: Bei Hermès haben viele Objekte<br />

die Qualität, zu bleiben. Die Frage ist dann: Verdienen sie es?“<br />

Wie viel schwieriger erscheint es auf einmal, die passenden Designer<br />

für anstehende Entwürfe auszuwählen. „Zunächst müssen<br />

wir ihre Arbeit lieben, das ist der Ausgangspunkt, dass uns ihre Arbeit<br />

ästhetisch gefällt. Wir müssen die gleichen Werte vertreten, es<br />

soll sich gut und natürlich anfühlen, wenn man sich annähert. Wir<br />

arbeiten mit Kreativen zusammen, von denen wir glauben, dass sie<br />

passen. Wir brauchen eine Kompatibilität und Komplizenschaft.“<br />

Als das Duo vor ein paar Jahren mit Tomàs Alonso arbeitete, kam die<br />

Frage auf, was eigentlich ein Stück von Hermès ausmache? Der Designer<br />

antwortete: „Ein Hermès-Objekt ist für mich ein gut gemachtes<br />

Produkt.“ – Fabry fand das sehr smart und „die ambitionierteste Erklärung,<br />

die wir erhalten können.“ Und während seine Kollegin noch<br />

die Frage nach den Auswahlkriterien beantwortet, überlegt er und<br />

ergänzt: „Zwei Dinge: Ein Problem besteht darin, dass wir nur aus einem<br />

Kreis von Personen auswählen können, die wir kennen. Es gibt<br />

zweifellos einige sehr gute Designer, die es verdienen würden, dass<br />

wir uns für ihre Arbeit interessieren, aber wir kennen sie nicht. Das<br />

ist der erste Punkt. In diesem Jahr zeigen wir Möbel, die in Zusammenarbeit<br />

mit drei Designern entstanden sind. Jasper Morrison, Bijoy<br />

Jain und Normal Studio – drei ganz verschiedene Stile. Morrison<br />

hat das Supernormale theoretisiert, er hat letztendlich diese Idee<br />

von Objekten ohne Autorenschaft entwickelt, anonyme Produkte,<br />

die voller Schönheit sind und denen wir volle Aufmerksamkeit ⇨<br />

60 W!D 6 I <strong>2021</strong>


2014 übernahmen Charlotte Macaux<br />

Perelman und Alexis Fabry als Art<br />

Direktion Hermès Maison. <strong>2021</strong>/2022<br />

geht es um fast rohe, naturbelassene<br />

Materialien, kräftige Farben und grafische<br />

Muster und Zeichnungen.<br />

„In dieser Saison möchten wir tatsächlich<br />

die Gelegenheit nutzen, unsere<br />

konstruktive und architektonische<br />

Herangehensweise ein wenig mehr zu<br />

betonen.“ Das zeigen die Kuben, doch<br />

genauso Objekte wie das Kaschmirplaid<br />

„Tigre Bayadère“ oben – der königliche<br />

Tiger, entdeckt in den Archiven der<br />

Images d‘Épinal, wird in einer Zeichnung<br />

von Gianpaolo Pagni wiedergeboren.<br />

Sie zeigt ihn, wie er aus einem Wald von<br />

Streifen auftaucht. Die Wildheit der<br />

Raubkatze steht im Kontrast zum samtigen<br />

Kaschmir des Plaids.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

61


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

schenken sollten. Bijoy Jain hat eine Beziehung zur volkstümlichen<br />

Kultur, zum traditionellen Leben der indischen Bevölkerung und<br />

zum Handwerk. Es gibt also einen roten Faden, ohne dass dies beabsichtig<br />

ist – eine offensichtliche Verbindung zwischen den Designern<br />

und Architekten, mit denen wir zusammengearbeitet haben.“<br />

Vieles scheint sich <strong>2021</strong> verändert zu haben – nicht allein die Farben.<br />

Was für eine Entwicklung seit 2014!? „Eine Reise!“, antwortet die Art<br />

Direktorin und Fabry ergänzt: „Das müssen Sie mir schon erzählen.“<br />

Also gut: Hermès ist farbiger. Moderner. Mutiger. Expressiver. Exzeptionelle<br />

Materialien – gleichzeitig immer noch sophisticated,<br />

elegant, doch mit neuem Twist. „Wir haben heute keine Bedenken<br />

mehr, neues Know-how zu erforschen. Als wir angefangen haben,<br />

ging es eher um den Stellenwert von Leder. Wir fragten uns: Muss<br />

ein Objekt von Hermès unbedingt aus Leder sein? Auch wenn wir<br />

unserer DNA verbunden bleiben und die Geschichte weitererzählen,<br />

fühlen wir uns nun freier, neues Know-how einzusetzen.“ Dem<br />

Duo geht es mehr darum, auch anderes auszuprobieren, als bei<br />

Leder zu bleiben. Übrigens gehen beide ihren Tätigkeiten vor ihrer<br />

Hermès-Zeit immer noch nach: Macaux Perelman arbeitet als Architektin,<br />

und Fabry ist Experte für südamerikanische Kunst und<br />

Fotografie sowie Inhaber von Toluca Fine Art, Galerie und Verlagshaus<br />

zugleich. Auch aufgrund dieser Tätigkeiten bewahren sich die<br />

beiden ihre Neugier und Offenheit für alle aktuellen Tendenzen in<br />

der Gesellschaft. Sie finden Ausdruck im Setting im „La Pelota“ – mit<br />

dem Unterschied, dass Hermès Themen wie etwa Folklore sehr viel<br />

feiner als andere Modehäuser angeht und sie nicht kopiert – und<br />

genauso in der Neuartigkeit mancher Objekte, wie auf dieser Seite.<br />

Mit den abgebildeten Tellern hält ein neues Material Einzug:<br />

emailliertes Kupfer. Insgesamt sechs Centerpieces stehen für<br />

eine unglaubliche Könnerschaft der involvierten Manufaktur. Der<br />

Emaille-Auftrag auf die Kupferbleche erfolgt dort mittels einer<br />

Schablone. Nach dem Brennen beeindrucken sie mit einer großen<br />

Vielfalt von Texturen und Kontrasten: mit Transparenz und<br />

Tiefe, der kühlen Anmutung und lebhaften Farben. „Jede Farbe<br />

reagiert sehr unterschiedlich auf das Emaillieren, und es gab einige<br />

sehr gelungene Überraschungen bei den aufgetretenen Unvollkommenheiten.<br />

Und wir wollen sie beibehalten. Es kommt<br />

darauf an, diese Unvollkommenheiten wahrzunehmen und sie<br />

zu schätzen“, sagt Macaux Perelman. „Den Zufall“, ergänzt ihr<br />

Mitstreiter. Es geht um die Perfektion des Imperfekten. Um vollkommene<br />

Unvollkommenheit. Keine Fehler, sondern Eventualitäten,<br />

die Objekten eine Seele geben. Charakter. Letztendlich um<br />

eine neue Form von Lebendigkeit, die den Produkten bereits vor<br />

ihrem Gebrauch zu eigen ist. „Ja. Bei Hermès wird alles von Hand<br />

gefertigt. Wir haben das Glück, von Handwerkern umgeben zu<br />

sein, die außergewöhnliche Talente haben. Wir suchen dieses<br />

herausragende Savoir-faire ganz gezielt. Aber es stimmt, dass es<br />

uns in diesem Jahr vielleicht wichtiger ist. Es geht darum, pure<br />

Materialien zu zeigen, sie möglicherweise weniger zu kaschieren<br />

– auf jeden Fall Unregelmäßigkeiten zu akzeptieren und diese<br />

Markenzeichen eines sorgfältigen Kunsthandwerkers mehr<br />

in den Mittelpunkt zu stellen als die Leistung des Handwerks an<br />

sich.“ Und das Zusammenspiel zwischen zwei Seelenverwandten<br />

als Team bei Hermès Maison? „Ein wundervoller Luxus, denn<br />

wir können gemeinsam zögern.“ Gute Dinge brauchen Zeit. |sd<br />

62 W!D 6 I <strong>2021</strong>


Die neue Kollektion von<br />

Hermès Maison feiert die<br />

Spuren des handwerklichen<br />

Entstehungsprozesses, der<br />

auch auf der Außenhülle der<br />

Präsentationskuben sichtbar<br />

wird. Mitarbeiter aus dem<br />

Bühnenbau der Mailänder<br />

Scala halfen, sie zu erstellen.<br />

Hier mit einer Neuheit des<br />

französischen Duos Normal<br />

Studio, dem Coffee Table<br />

„Hippodrom“. Linke Seite:<br />

Farbe ist ein weiteres Thema<br />

in diesem Jahr. Die Faszination<br />

für die emaillierten Kupferteller<br />

basiert auf einem subtilen<br />

Gleichgewicht zwischen der<br />

Verschmelzung der Pigmente<br />

und dem rauen Kupfer.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

63


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

KARL! _ GLEICH FÜNF<br />

AUKTIONEN GEHEN DEM<br />

MYTHOS LAGERFELD NACH.<br />

„Die Kollektion offenbart seinen Geschmack als Dekorateur, Ästhet,<br />

Designer und Humanist. Doch – was seltener ist – sie lüftet<br />

den Schleier über dem Menschen, der er war“, äußert sich Pierre<br />

Mothes, Vice-President Sotheby‘s Frankreich zu Karl Lagerfelds<br />

Nachlass. Das Auktionshaus wird ab diesem Herbst die Sammlung<br />

aus den Häusern und Wohnungen des Couturiers in Paris, Köln<br />

und Monaco zum Verkauf anbieten. Mehr als 1.000 Objekte spiegeln<br />

die Vorlieben Lagerfelds wider, der sich nach Lust und Laune<br />

in seinen verschiedenen Locations aufhielt, um dort zu arbeiten.<br />

Und um zu leben? Angesichts der Fülle von Büchern, die an allen<br />

Orten sofort auffallen – es sollen insgesamt 300.000 gewesen sein<br />

– stellt sich allerdings die Frage, wie der Modedesigner zusätzlich<br />

zu seinen vielseitigen Tätigkeiten für verschiedene Fashion-Häuser<br />

Muße fand, die Kunstbände zu erwerben, geschweige denn, darin<br />

zu lesen? Nur eine von vielen unglaublichen Facetten, mit denen<br />

der Deutsche jahrzehntelang die Branche und das Publikum faszinierte.<br />

„Mit der Aura eines Rockstars, der bei allen Generationen<br />

Anklang fand, machte er seinen Namen und seinen Look in den<br />

2000er-Jahren zu einer Marke. Im Laufe seiner Karriere stellte er<br />

immer wieder neue Regeln auf, die dafür sorgten, dass er nie aus<br />

der Mode kam und nie in Vergessenheit geriet.“<br />

Lagerfeld kam aus wohlhabenden hanseatischen Verhältnissen.<br />

Sein Vater besaß die Kaffeesahne-Marke „Glücksklee“. Bereits<br />

Anfang der Fifties zog Karl nach Paris. Mitarbeiter eines Büros<br />

seines Seniors kümmern sich um den damals 19-Jährigen. Anstatt<br />

wie geplant, zurück in Deutschland Abitur zu machen, besucht<br />

Lagerfeld lieber eine Pariser Zeichenschule. Der Rest liest<br />

sich wie ein Märchen und ist bekannt: 1954 gewinnt er mit einem<br />

Mantelentwurf den Wettbewerb des Internationalen Wollsekretariats<br />

in Paris und fängt im Anschluss als Schneider bei<br />

Pierre Balmain an. Weitere Stationen sind Jean Patou, 1965 wird<br />

er künstlerischer Leiter bei Fendi, ab 1983 bringt er Chanel zurück<br />

an die Spitze der Modewelt – und arbeitet seit 1991 parallel für<br />

Dior und an seinem eigenen Prêt-à-porter-Label. Der Deutsche<br />

avanciert damit zu einer Leitfigur der Luxusbranche. Er lebt und<br />

arbeitet überwiegend in Paris, doch Lagerfeld besaß auch Refugien<br />

in New York, Vermont, Monte Carlo, Biarritz, Rom, ein Schloss<br />

in Frankreich sowie eine Villa im Hamburger Stadtteil Blankenese.<br />

Jeder kann sich angesichts der Abbildungen hier auf diesen Sei-<br />

64 W!D 6 I <strong>2021</strong>


TITELTHEMA ! KUNST<br />

ten vorstellen, dass der gebürtige Hamburger ein unersättlicher<br />

Sammler war, der sich für ganz unterschiedliche Epochen und<br />

Stile interessierte. In den 1980er-Jahren begeistert er sich für die<br />

Protest-Design-Bewegung Memphis mit ihren sehr plakativen<br />

Einrichtungsobjekten in Bonbonfarben. „Später interessiert er sich<br />

für französisches Kunstgewerbe des 18. Jahrhunderts, das er als<br />

eine Art Ideal von Eleganz und Raffinesse ansah.“ Tatsächlich ist es<br />

so, und es ist Lagerfeld, der sich immer wieder nur mit dem Besten<br />

zufrieden gibt – lange bevor die Qualität mancher Künstler, Manufakturen<br />

und Objekte von Zeitgenossen erkannt und gewürdigt<br />

werden. Anfang der 1970er-Jahre beginnt er, sich für Art déco zu<br />

interessieren, es bleibt seine Liebe fürs Leben. Für ihn repräsentiert<br />

dieser Stil „die Wurzeln der Modernität, dieser Modernität, nach<br />

der ich unermüdlich suche“, so Lagerfeld. „Karl hat sich seinen<br />

Geschmack für alle wichtigen ästhetischen Strömungen des 20.<br />

Jahrhunderts immer bewahrt“, ergänzt Mothes, der die Auktionen<br />

verantwortet und selbst längst ein Lieblingsobjekt ausgemacht<br />

hat: „Das Rentier von Sougawara. Er war ein Meister in seinem<br />

Fach und hat Eileen Gray in die traditionelle japanische Lacktech-<br />

nik eingeführt. Er war ein Pionier für Lack-Arbeiten zur Zeit des Art<br />

déco. Entsprechende Persönlichkeiten zu entdecken und über sie<br />

zu forschen, fand Karl Lagerfeld immer schon faszinierend.“ Zu Beginn<br />

dieses Jahrtausends arbeitet Lagerfeld mit zeitgenössischen<br />

Designern wie Marc Newson, Martin Szekely und Konstantin Grcic<br />

oder Maarten Van Severen an der Kreation futuristischer Designobjekte.<br />

„Er blieb jedoch zeitlebens seinen Lieblingskreateuren<br />

Louis Süe und André Mare treu, deren Kredo »Entwicklung der<br />

Tradition« war.“<br />

⇨<br />

Am 3. Dezember startet die erste Live-Auktion von Sotheby‘s<br />

in Monaco, wo zahlreiche Objekte aus der Sammlung Karl<br />

Lagerfelds aufgerufen werden. Der Mode-Zar hatte verschiedene<br />

Domizile, oben sein Apartment am Quai Voltaire mit<br />

einem Sofa von Amanda Levete. Rechts eine Lackarbeit von<br />

Seizo Sougawara zum Schätzpreis von 10.000 bis 15.000 Euro.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

65


TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

Nur sein letzter Wohnsitz in Louveciennes birgt eine unerwartete Inneneinrichtung:<br />

Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts mit deutschen Objekten<br />

der 1920er-Jahre: Gerhard Schliepsteins „Prinz“ und „Prinzessin“ (oben auf einem<br />

Schminktisch) kennen Porzellanfans, doch Objekte wie seine Stehleuchte,<br />

alle drei Entwürfe formte Rosenthal aus, sind absolute Raritäten. Lagerfeld<br />

hat gleich mehrere von den Leuchten und kombiniert sie mit der Crème<br />

de la Crème der deutschen Werbegrafik wie Lucien Bernard – seine Plakate<br />

sind Blue Chips in Sammlerkreisen – und Ludwig Hohlwein. „Für dieses Haus<br />

wählte er Möbel von Bruno Paul aus“, so der Kunstexperte (oben ein Schminktisch<br />

des deutschen Modernisten mit zwei Stühlen). „Paul war Architekt und<br />

Designer, und Mies van der Rohe war einmal Lehrling bei ihm. 1908 entwirft<br />

Paul für die Deutschen Werkstätten einfache und praktische Typenmöbel<br />

in Serienfertigung.“ Mit großer Wahrscheinlichkeit fand das Lagerfeld nicht<br />

wirklich spannend. Normierte Möbel? Einfach grässlich! Wir können ihn ⇨<br />

Originelles zum großen und kleinen Preis: Tiffany Cooper bannte Karl in die Silhoutte, bei Sotheby‘s mit 200 bis 300 Euro angesetzt.<br />

Darüber ein Blick in den Salon seines Haus in Louvecienne mit Gips-Karyatiden als Deckenfluter, dahinter „Klismos“-Stühle des<br />

amerikansichen Designers T. H. Robsjohn-Gibbings für das griechische Label Saridis aus den Sixties. Links oben: deutsches Art déco.<br />

66 W!D 6 I <strong>2021</strong>


Und… welcher Typ bist du?<br />

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TITELTHEMA ! ZIEMLICH KUNSTVOLL<br />

Lagerfeld, oben in einem Porträt von Takashi Murakami<br />

zu einem Aufrufpreis von 80.000 bis 120.000<br />

Euro, lebte im Hier und Jetzt. Und war schnell gelangweilt<br />

von Projekten, die abgeschlossen waren.<br />

Inspirationen lieferten auch seine Einrichtungen und<br />

die vielseitigen Kunstobjekte, die er in seinen Wohnungen,<br />

hier in der 15, Saintes-Pères anhäufte. Auch<br />

hier jede Menge Bücher, davor ein Tisch von Martin<br />

Szekely (8.000 bis 12.000 Euro) mit französischen<br />

Stühlen aus dem 20. Jh.. Darüber ein italienischer<br />

Leuchter aus versilbertem Holz. An der Tür zwei<br />

Grafiken mit Karl, Aufrufpreis 200 bis 300 Euro.<br />

leider nicht mehr fragen. Aber es ist doch auffällig, dass der Modedesigner bei<br />

all seiner Sammelleidenschaft ein Gebiet komplett außen vorließ: das Bauhaus.<br />

„Es ist schwer zu sagen, warum er kein großer Sammler des Bauhauses<br />

war“, antwortet Mothes auf unsere Frage des Warum? „Er sammelte jedoch<br />

Fotografien aus dieser Zeit. Auch in seinen persönlichen Modekreationen zollte<br />

er dem Bauhaus Tribut.“ Gesammelt hat er es dennoch nicht, und vielleicht<br />

wird so ein Schuh daraus: Die deutsche Kunstschule ist der Antipode zum<br />

französischen Art déco. Standardmöbel auf der einen Seite mit der Intention,<br />

günstige Einrichtungen für jedermann zu schaffen – exquisiter Luxus, raffinierte<br />

Handwerklichkeit und kostbare Materialien dagegen in Paris. In dieser<br />

Liga spielte in Deutschland niemand. Selbst Objekte wie die Schliepstein-Figuren<br />

von Rosenthal, die dem französischen Schönheitsideal sehr nahekommen,<br />

ließen sich hierzulande in höheren Stückzahlen nicht verkaufen. Wer<br />

deutsches Art déco sucht und sich damit beschäftigt, entdeckt sie dennoch,<br />

weil sie outstanding sind. Genauso wie die Möbel von Bruno Paul, der nach<br />

seiner Jugendstilzeit zu einem wichtigen Vertreter der dekorativen Zwanziger<br />

wurde. Knallige Farben – in der Auktion gibt es eine schräge Kommode in<br />

Sonnengelb – Freude am Dekor und wirklich glamourös. Ganz Lagerfeld... |sd<br />

68 W!D 6 I <strong>2021</strong>


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KUNST ! XXXXXX<br />

© FOTOS: MARCO BERTOLINI/ TEXT: MARZIA NICOLINI<br />

MEHR IST MEHR<br />

Heute öffnen wir die Türen zu einem unglaublichen Atelier im New<br />

Yorker Sunset-Park-Areal in Brooklyn: Willkommen bei Hunt Slonem.<br />

Der außergewöhnliche Maler ist dafür berühmt, sein Faible<br />

für exotische Themen aus der Tierwelt auf Leinwände und in<br />

andere Medien zu bannen. Als Inspirationsquelle dienen dem<br />

US-Amerikaner Farben an sich und jede Menge Pflanzen, mit<br />

denen sich der Künstler in seinem Atelier umgibt. Slonems Wirkungsstätte<br />

gleicht bisweilen einem Indoor-Dschungel.<br />

Inspiriert von der Natur und ihrem Reichtum an exotischen Vögeln<br />

hat sich Hunt Slonem mit neoexpressionistischen, farbenprächtigen<br />

Kunstwerken einen Namen gemacht. Der in Kittery,<br />

Maine, geborene Künstler hat einen nomadischen Hintergrund:<br />

Da sein Vater Marineoffizier war, haben Slonem und seine Familie<br />

oft den Wohnort gewechselt und in Hawaii, Virginia, Connecticut,<br />

Kalifornien und Washington State gelebt.<br />

Slonem, der sich leidenschaftlich für Botanik und alle Arten von<br />

Tieren interessiert – Themen, die er in jedem seiner Kunstwerke<br />

wieder aufgreift –, ist seit Langem in New York zu Hause. Hier in<br />

Big Apple verbringt er seine Tage (und die meisten seiner Nächte)<br />

in einem riesigen, hellen Atelier, das er – wie er uns erzählen<br />

wird – von Grund auf neu geschaffen hat. Das Atelier befindet<br />

sich „nur einen Schritt vom Wasser entfernt, mit herrlichem Blick<br />

auf Manhattan und Staten Island.“ Es erstreckt sich über eine<br />

Fläche von etwa 2.800 Quadratmetern, mit zusätzlichen Räumen<br />

im Untergeschoss, wo Slonem und sein Team verpacken ⇨<br />

70 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KUNST ! PORTRÄT<br />

Hunt Slonem linke Seite gießt seine Pflanzen höchstpersönlich, die große Teile seines Ateliers in einen Tropengarten verwandeln. Sie<br />

sind eine wichtige Inspirationsquelle für den amerikanischen Maler und Bildhauer, der seinen Tag dort mit einem Ritual beginnt: Zunächst<br />

füttert der Künstler seine Vögel und malt im Anschluss einen ersten Hasen. Sein New Yorker Loft misst 2.800 Quadratmeter.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

71


KUNST ! PORTRÄT<br />

HUNT SLONEM (*1951 IN MAINE)<br />

IST FÜR SEINEN ABSTRAKTEN<br />

EXPRESSIONISMUS MIT GEGEN-<br />

STÄNDLICHER BILDSPRACHE<br />

BEKANNT. 1972 BESUCHTE ER<br />

DIE SKOWHEGAN SCHOOL OF<br />

PAINTING AND SCULPTURE UND<br />

ABSOLVIERTE ANSCHLIESSEND<br />

DIE TULANE-UNIVERSITÄT IN<br />

NEW ORLEANS. TYPISCH FÜR<br />

IHN SIND EXOTISCHE VÖGEL,<br />

DIE ER IN VOLIEREN HÄLT,<br />

SOWIE THEMEN VON TIEREN<br />

AUS DEM ISLAM UND MEXIKO.<br />

und versenden. Die imposanten Räumlichkeiten generieren einen<br />

nachhaltigen Eindruck: „Es lässt mich an indische Paläste<br />

denken, die ich besichtigt habe. Sie sind etwa einen ganzen Häuserblock<br />

lang, man muss also darin recht viel herumlaufen.“<br />

Wenn der Amerikaner morgens sein Atelier betritt, füttert er als<br />

Erstes seine Vögel, nachdem er seine Arbeitskleidung angezogen<br />

hat. Dann macht er sich ans Werk. Malen. Und das dauert normalerweise<br />

bis in den späten Abend, was auch ganz von dem Zustand<br />

seiner Pflanzen abhängt, von eingehenden Telefonanrufen,<br />

Aufträgen und Besprechungen (tatsächlich sind es derzeit weniger<br />

als in der Vergangenheit, wegen der Pandemie).<br />

Wer immer über die Schwelle tritt, ist von diesem Ort fasziniert.<br />

Vor allem wegen des atemberaubenden Blicks auf das Wasser und<br />

die städtische Skyline (verwenden Sie dazu den QR-Code auf Seite<br />

70). Und dann natürlich wegen der Überfülle an kräftigen Farben,<br />

einschließlich der berühmten Kunstwerke, die Hasen, Vögeln und<br />

Schmetterlingen gewidmet sind, bis hin zu einer Fülle an üppigen<br />

Pflanzen und den omnipräsenten Leinwänden. „Ich würde<br />

den Raum als eine Vision von Farbe und Leben beschreiben“, sagt<br />

der Künstler. „Wir haben einen Wintergarten, der mit Palmen und<br />

72 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KUNST ! XXXXXX<br />

Orchideen gefüllt ist, Dinge, die ich für meine Malerei als wesentlich<br />

erachte. Ich muss von Objekten umgeben sein, die ich liebe, um gut<br />

arbeiten zu können. Außerdem sammle ich Antiquitäten, und wir<br />

haben tonnenweise Marmorbüsten, Säulen und Möbel, die meisten<br />

stammen aus dem 19. Jahrhundert. Viele davon sind mit Stoffen<br />

aus meiner Kollektion für »Lee Jofa« bezogen.“<br />

In Wahrheit zeugt alles in diesem Atelier von den Leidenschaften<br />

und der Philosophie seines Besitzers, der den Raum von Grund<br />

auf neu entstehen ließ. Der Künstler hat eine lebhafte Erinnerung<br />

an das erste Mal, als er seine heutige Werkstatt betrat: „Ich<br />

hatte gerade die Nachricht erhalten, dass mein altes Atelier an<br />

der 34. und 10. Straße in Manhattan für das Projekt Hudson Yards<br />

abgerissen werden sollte. Wir hatten etwa ein Jahr Zeit, um auszuziehen.<br />

Ich habe jede wache Stunde damit verbracht, etwas<br />

Passendes in Manhattan zu suchen, aber es fand sich nichts, das<br />

genügend Platz bot oder erschwinglich war. Also rief ich eine enge<br />

Freundin an, von der ich wusste, dass sie oft umzieht, und fragte:<br />

„Wo bist du jetzt?“ Sie antwortete: „Ich wohne in diesem Gebäude<br />

in Sunset Park, Brooklyn – das ist ein bisschen abgelegen.“ Also<br />

fragte ich sie, ob ich es mir ansehen könnte, und es stellte sich<br />

heraus, dass die Besitzer meine früheren Vermieter waren. Als ich<br />

den Raum zum ersten Mal sah, fiel mir die Kinnlade runter. Es war<br />

der reinste, riesige, unberührte Raum, den ich je gesehen habe. All<br />

das fühlte sich an wie ein Hauch von Meditation. Weiß auf Weiß,<br />

und die Aussicht war zum Sterben schön. Es war ein wenig überwältigend,<br />

weil es so groß und so unberührt war. Nach langen<br />

Verhandlungen entschieden wir uns für dieses Haus, aber es war<br />

ein langwieriger Prozess, bis wir es beziehen und ausbauen konnten.<br />

Es gab eine Menge zu tun, das ganze Haus war eigentlich ein<br />

Rohbau, ohne alles. Wir mussten also Bäder, Strom, Wände und<br />

das, was der Mensch schätzt, einbauen. Ich hätte nie gedacht,<br />

dass ich so lange hier bleiben würde, aber es funktioniert.“ ⇨<br />

Der Amerikaner liebt das 19. Jahrhundert. Links von seiner Bunny-Wand<br />

Foto oben platzierte Slonem ein Schränkchen im chinesischen<br />

Stil und kombinierte dazu Blumensäulen aus der Zeit um<br />

1870. Objekte wie diese stammen überwiegend von Flohmärkten.<br />

Linke Seite: Zwei Ansichten von Slonems großzügigem Atelier.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

73


KUNST ! XXXXXX<br />

„ICH BIN AUCH MIT<br />

KANINCHEN AUFGE-<br />

WACHSEN. MIT EINEM<br />

KANINCHENTEST HAT<br />

MAN IN DEN 50ER-JAH-<br />

REN FESTGESTELLT, OB<br />

JEMAND SCHWANGER<br />

WAR. UND ES GAB<br />

KANINCHENFÜSSE ALS<br />

GLÜCKSBRINGER. GOTT<br />

SEI DANK MACHEN WIR<br />

DAS NICHT MEHR. UND<br />

DANN HABE ICH HER-<br />

AUSGEFUNDEN, DASS<br />

ICH IM CHINESISCHEN<br />

TIERKREIS HASE BIN. ICH<br />

MALE SIE TROTZDEM<br />

WEITERHIN.“<br />

Ein Raum, der die künstlerische Vision von Slonem bestmöglich<br />

zum Ausdruck bringt. Seine Werke versammelt eine umfangreiche<br />

Dokumentation von Scala Publishers, „Farbe zieht sich durch<br />

das gesamte Atelier, von den Wänden bis zu meinen Kunstwerken.<br />

Für mich ist es wichtig, von Farbe umgeben zu sein“. Auch für sein<br />

Mobiliar ist „exotisch“ wohl der treffendste Begriff. „Ich habe Kommissionäre,<br />

die Dinge für mich finden, aber ich gehe auch gerne<br />

samstags auf Flohmärkte in Manhattan und anderen Stadtteilen.<br />

Vieles finde ich auf meinen Reisen außerhalb von New York. Oder es<br />

findet auch einfach zu mir. Ich liebe es, Objekte zu retten, die in Not<br />

geraten sind, und ihnen ein neues Leben zu geben“.<br />

So entsteht ein Raum, der Schönheit und Persönlichkeit ausstrahlt,<br />

was zweifelsohne Slonems Fantasie und Kreativität beflügelt. Und<br />

die sind trotz der dramatischen Pandemie sehr gefragt: „Zurzeit<br />

arbeite ich unter anderem an den nächsten Ausstellungen in Moskau,<br />

Madrid, New York und Brasilien. Und erst kürzlich hatte ich eine<br />

Ausstellung im Mark-Rothko-Art Center in Lettland, die nun weiter<br />

nach Litauen geht.“ Stunden um Stunden verbrachte er dafür mit<br />

dem Pinsel in der Hand, begleitet vom Gesang seiner Vögel. ☐<br />

74 W!D 6 I <strong>2021</strong>


HANDVERLESEN<br />

GESCHENKE GUIDE<br />

FÜR JEDE GELEGENHEIT<br />

BY<br />

WOHN!DESIGN<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

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XXXXXXXXXXX ! XXXXXX<br />

WOHN!DESIGN<br />

KUNSTEDITION NO. 12<br />

1 2<br />

JAKOB FRANCISCO (*1993 in Deutschland)<br />

Um den privaten vom öffentlichen Raum zu trennen,<br />

wendet er verschiedene Techniken an. Der Künstler<br />

versucht, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen<br />

dem Gefühl der Sicherheit und dem Gefühl, nicht<br />

isoliert oder eingeengt zu sein. Die Faszination dieser<br />

Spannung, einen schützenden Abstand zu bewahren,<br />

aber auch Teil von etwas zu sein – gemischt mit einem<br />

voyeuristischen Aspekt – ist das, was Jakob Francisco<br />

dazu bringt, diese fortlaufende Serie zu schaffen ...<br />

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3<br />

KUNSTEDITION FÜR W!D LESER.<br />

Jedes der abgebildeten Werke ist limitiert.<br />

Zu erwerben über info@wohndesign.de,<br />

Telefon: +49 (0) 711 96666 410, oder unter<br />

www.wohndesign.de/Kunstedition<br />

1 | U.P. 220 (2020), Ex. 1/3, 60 x 40 cm, Inkjet Print, Milchglas, Alu Distanzrahmen<br />

2 | U.P. 1319 (2019), Ex. 1/2, 90 x 60 cm, Inkjet Print, Alurahmen<br />

3 | U.P. 1119 (2019), Ex. 1/2, 60 x 40 cm, Inkjet Print, Lochfolie, Chromrahmen<br />

zum Vorzugspreis von je 2.350 Euro.<br />

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CARTE BLANCHE !<br />

CARTE BLANCHE<br />

IST EIN UNKONVENTIONELLES FORMAT<br />

VON WOHN!DESIGN. IN JEDER AUSGABE<br />

BITTEN WIR EINE PERSON AUS DEM<br />

WELTBETRIEB DER GESTALTUNG, SICH<br />

MIT EINEM KREATIVEN BEITRAG<br />

EINZUBRINGEN. DAFÜR GIBT ES VON UNS<br />

ABSOLUT FREIE HAND. WAS GEHT IN<br />

DEN KÖPFEN VON DESIGNER(INNEN) AB?<br />

WIE SEHEN DIE INSPIRATIONSQUELLEN<br />

FÜR PRODUKTE UND BAUTEN AUS? WAS<br />

BESCHÄFTIGT SIE GERADE? DAS SIND<br />

UNSERE FRAGEN. HIER KOMMT DIE ELFTE<br />

ANTWORT. BÜHNE FREI FÜR BERLINS<br />

HERRENSCHNEIDER MAXIMILIAN MOGG.<br />

GRAFIKEN EVERETT SAMUEL GLENN, LAYOUT EVA SCHNARRENBERGER, WWW.MAXIMILIANMOGG.DE<br />

@MAXIMILIAN.MOGG<br />

78<br />

W!D


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CARTE BLANCHE !<br />

TWENTY<br />

FOUR<br />

H OURS<br />

WITH<br />

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CARTE BLANCHE !<br />

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CARTE BLANCHE !<br />

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REPORTAGE !<br />

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AUF UND DAVON<br />

Gehen oder bleiben? Diese Frage beantwortet sich bei diesen fünf<br />

einzigartigen Hideaways schlicht von selbst. Definitiv das Zweite.<br />

88 I BRÜSSEL Ein Design-Nomade kehrt nach Europa zurück. 96 I SIZILIEN<br />

Antonino Sciortinos künstlerische Arbeiten entspringen einem alten Handwerk,<br />

das er auf spielerische Weise völlig neu interpretiert. 102 I NEAPEL Als Theaterdirektorin<br />

weiß diese Sammlerin, wie man Kunst gekonnt inszeniert. 111 I UNSER<br />

FEUILLETON Dies und das und ein bisschen Potpourri rund um die Kulturszene.<br />

144 I MAILAND Nina Yashar glaubt an die Bedeutung des Geschichtenerzählens<br />

im Design. 156 I TURIN Antike Fresken und avantgardistische Designstücke<br />

bereiten die Bühne in diesem urbanen Palazzo.<br />

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REPORTAGE ! BRÜSSEL<br />

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REPORTAGE ! XXXXXX<br />

AUF ACHSE<br />

London, Hongkong, Moskau und zurück: Designer Michael Young lebt ein Leben auf der Überholspur.<br />

Da wurde es Zeit für ein bisschen Erdung in der belgischen Hauptstadt.<br />

FOTOS: CHRISTOPH THEURER TEXT: AGNÈS ZAMBONI/ ANKE GUNGL<br />

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REPORTAGE ! XXXXXX<br />

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REPORTAGE ! XXXXXX<br />

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REPORTAGE ! BRÜSSEL<br />

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REPORTAGE ! XXXXXX<br />

Ein lauer Spätsommerabend auf einer Dachterrasse in Mailand,<br />

unweit der Fondazione Prada. Die Stimmung ist ausgelassen,<br />

lauter kreative Köpfe auf einem Haufen, die sich während der Design<br />

Week im September überall die Klinke in die Hand drücken<br />

– und da entdecken wir ihn plötzlich: Industrial Designer Michael<br />

Young. „Ich kehre gerade aus Hongkong zurück, wo ich die letzten<br />

beiden Jahre verbracht habe“, beginnt er unser Gespräch. „Viele<br />

meiner Kunden arbeiten dort. Es liegt geografisch sehr günstig,<br />

nur eine kurze Autofahrt vom chinesischen Festland entfernt.<br />

Aber ich bin froh, wieder hier zu sein.“ Mit „hier“ ist vor allem sein<br />

Brüsseler Domizil gemeint, ein Apartment im Loftstil innerhalb<br />

eines Industriegebäudes aus dem Jahr 1886. „Ich liebe den Geist<br />

der Stadt, das Essen, das Bier, die Authentizität der Menschen.<br />

Brüssel ist echt und menschlich, mehr als London, meiner Meinung<br />

nach“, sagt der Designer, der aus Sunderland, einer kleinen<br />

Industriestadt im Nordosten Englands stammt. Er avancierte<br />

schnell zu einem der gefragtesten Designer Großbritanniens. Angesehene<br />

Einzelhändler und Institutionen wie der Conran Shop<br />

und das Pompidou-Museum buhlten um seine Aufmerksamkeit.<br />

Er wurde in der Branche als anspruchsvoller Minimalist bekannt,<br />

der für seine elegante, reduzierte Designästhetik gefeiert wurde,<br />

die in direktem Gegensatz zum aufwendigen Stil stand, der damals<br />

in London vorherrschte. Sein nomadenhaftes Leben erweckte<br />

in ihm den Wunsch nach einem festen Rückzugsort. „Ich wollte<br />

einfach einen Ort zum Leben und Arbeiten, der 24 Stunden am<br />

Tag geöffnet ist“, lacht er. Bei der ersten Besichtigung der Räumlichkeiten<br />

stieg ihm direkt der Duft von Holz und Leder in die Nase,<br />

das dort ursprünglich gelagert wurde. Und: Das Gebäude beherbergte<br />

einst die San-Miguel-Brauerei. Um den Arbeitsbereich von<br />

den Wohnräumen zu trennen, wurde die Fläche in zwei nebeneinander<br />

liegende Bereiche unterteilt, die sich jedoch einen Eingang<br />

teilen. Ein dunkler Betonboden, Stützpfeiler aus Stahl und<br />

bodentiefe Fenster auf der Hofseite und Richtung Garten unterstreichen<br />

den industriellen Charakter des Gebäudes. Sowohl das<br />

Studio als auch der Wohnbereich verfügen über eine zentral angelegte<br />

Küche und einen großen, weitläufigen Raum mit Wohnwänden,<br />

die lediglich durch eine Schiebetüre voneinander ⇨<br />

Oben: Blick ins Studio – bei Michael Young werden Arbeiten<br />

und Wohnen strikt voneinander getrennt. Linke Seite:<br />

Die Wahl seiner Möbel und Accessoires scheint willkürlich,<br />

ist jedoch gespickt von Erinnerungen und Pieces namhafter<br />

Designer wie Arne Jacobsen, deren Philosophie er teilt.<br />

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REPORTAGE ! BRÜSSEL<br />

Ein Leben zwischen ausgewählten Kunstobjekten:<br />

Sammlerstücke und Design-Pieces im Industrial-Style<br />

prägen die loftartigen Räumlichkeiten von Michael<br />

Young. Freigelegte Holzbalken bilden einen warmen<br />

Kontrast zum rohen Betonboden.<br />

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REPORTAGE ! XXXXXX<br />

getrennt sind. Das Interior ist eklektisch-modern gewählt. „Ehrlich<br />

gesagt, gab es zu Beginn kein bestimmtes Konzept. Der Ort<br />

entwickelte sich auf natürliche und spontane Art, und ich habe<br />

ihn auf diese Weise entstehen lassen. Ich sammle Dinge, die mir<br />

wichtig sind und habe sie im Laufe der Zeit einfach neu arrangiert.<br />

Heute kaufe ich nicht mehr viel, brauche ich nicht mehr“,<br />

sagt Young. Man erkennt auf den ersten Blick seine Liebe zu<br />

Kunst von Jean-Michel Basquiat und skandinavischen Designstücken<br />

von Arne Jacobsen. „Ich bin Designer geworden, weil ich<br />

Spaß an der Industrie und an konzeptioneller Kunst habe, und<br />

als Designer beobachte ich gerne deren Prozess – es ist schwer,<br />

mich als Privatperson von der Kunst zu trennen, da wir in derselben<br />

Blase leben.“ Young, der in London Design studierte und<br />

eine Ausbildung bei Tom Dixon absolvierte, mag es archaisch:<br />

uralte Gegenstände, die er auf Reisen erstand, profane Formen,<br />

Federn, traditionelle Werkzeuge und Accessoires, die oft<br />

asiatischen Ursprungs sind – die Wurzeln der Menschheit und<br />

die Basis der Inspiration für zukünftige Projekte. Ein Roundzelt<br />

im Wohnbereich erinnert an eine Expedition im Himalaya, die<br />

er mit seinem Kreativ-Team unternahm „und dann der Liebe<br />

wegen abgebrochen“ hat. Im Eingangsbereich, einem für den<br />

Designer symbolischen Raum, platzierte er das „Bayer-Shelving“-Regal,<br />

das er für EOQ entwarf und das an der Wand wie<br />

auch als Raumteiler frei platziert werden kann. „Die Aluminiumelemente,<br />

die die Regalböden miteinander verbinden, erinnern<br />

an Wurzeln, Äste und Verzweigungen. Begriffe, die mein<br />

Werk und mein Universum perfekt zusammenfassen. Meine<br />

Designphilosophie hat sich im Laufe von 30 Jahren entwickelt.<br />

Ich beziehe die menschlichen Sinne und die Materialität mit<br />

ein, um Produkte mit bleibendem Wert zu schaffen. Die Prozesse<br />

und Ergebnisse sind einzigartig, zukunftsorientiert und in<br />

Kultur und Innovation eingebettet.“ Eine reinweiße Wand dient<br />

als Hintergrund für seine eigenen Kreationen oder Stücke anderer<br />

Designer, deren Philosophie er teilt. Leichte Materialien<br />

wie Aluminium stehen dabei im Fokus: „Die Verwendung von<br />

Kunststoff hat in den letzten Jahren die Formgebung von Stühlen<br />

maßgeblich gefördert. Aber Kunststoff selbst ist kein gutes<br />

Material. Für den gleichen Preis kann ich recyceltes Aluminium<br />

verwenden und einen haltbareren Stuhl herstellen, der auch Arbeitsplätze<br />

schafft, anstatt jemanden zu bitten, einen Knopf zu<br />

drücken, um Kunststoff maschinell zu bearbeiten.“ Eine humanistische<br />

und fortschrittliche Vision von Design, die die veraltete<br />

Roboterproduktion infrage stellt und danach strebt, überliefertes<br />

Know-how und technologischen Fortschritt zu verbinden. ☐<br />

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REPORTAGE ! XXXXXX<br />

LAND IN SICHT<br />

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub die Goldorangen glühn,<br />

ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,<br />

kennst du es wohl?“ (Mignon, Johann Wolfgang von Goethe).<br />

FOTOS: MONICA SPEZIA TEXT: FRANCESCA SIRONI/ JULIA RAMRATH<br />

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REPORTAGE ! XXXXXX<br />

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REPORTAGE ! SIZILIEN<br />

Wenn es in der Poesie ein Sinnbild für die Sehnsucht<br />

nach dem Paradies gibt, dann ist dieses womöglich<br />

Italien. Schon zu Zeiten Goethes avancierte es in der<br />

deutschen Kunst- und Literaturszene zu einem Land<br />

der Inspiration und des Lebens. Dabei verkörpert<br />

vermutlich kaum eine Region des Landes dieses paradiesische<br />

Sentiment besser als Sizilien mit seinen<br />

weißen Mandelblüten, zitronengesprenkelten Landschaften,<br />

reich gefüllten Weinreben und goldenen<br />

Städten, die in der Abendsonne wie warmer Honig die<br />

sanften Hügel hinunterfließen. Für viele Künstler verlaufen<br />

zwischen dem Blau des Mittelmeeres und den<br />

rauen Felsen des Ätna die kreativen Flüsse. Einer von<br />

ihnen ist Antonino Sciortino, der einen Steinwurf von<br />

Noto entfernt seinen Ruhepol gefunden hat. Warum<br />

der Künstler und Designer mit Zweitsitz in Mailand,<br />

Norditalien gerne den Rücken kehrt? Mit einer kurzen<br />

Gedankenreise lässt sich das schnell erklären.<br />

Wir befinden uns im Südosten Siziliens, genauer gesagt<br />

in Noto. Bekannt ist die Stadt in der Nähe von<br />

Syrakus für ihre barocke Architektur, die aus totaler<br />

Zerstörung infolge eines Erdbebens im späten<br />

17. Jahrhundert entstand. Statt auf den Stufen der<br />

Kathedrale von Noto zu verweilen, machen wir uns<br />

allerdings auf den Weg stadtauswärts, wo schon<br />

bald die Häuserfassaden den sanften Hügeln des<br />

Tellaro-Tals weichen. Reisende folgen dieser Straße<br />

gen Meer und Pachino, Gäste Antonino Sciortinos<br />

allerdings nicht. Diese führt ihr Weg entlang einer<br />

Landstraße zwischen Orangen- und Zitronenbäumen,<br />

Weizen- und Grünfeldern zu den alten Gemäuern<br />

eines sizilianischen Gehöfts. „Die Gruppe<br />

von verlassenen Häusern habe ich vor etwa zwanzig<br />

Jahren entdeckt“, schwärmt der Hausherr. „Sie<br />

liegt direkt unter dem Haus, in dem ich früher gewohnt<br />

habe. Es war Liebe auf den ersten Blick. Der<br />

ländliche Charme des Bauernhofs, die Geräusche<br />

der Natur und der landwirtschaftlichen Maschinen.<br />

Räume, die sofort an Sommer denken lassen.<br />

Die wunderbare Sonne und der nahe Strand.<br />

Ich erkannte, dass all das meins werden könnte.“<br />

So verkörpert sein Haus für ihn vermutlich auch ein Stück Zuhause,<br />

denn aufgewachsen ist der Designer mit heutigem Studio in<br />

Mailand in der Nähe Palermos, im Nordwesten Siziliens. In eine<br />

große Familie in Bagheria hineingeboren, zeigte Sciortino bereits<br />

als Kind reges Interesse an kreativen Disziplinen, erlernte mit<br />

acht Jahren in der Werkstatt seines älteren Bruders das Handwerk<br />

des Schmieds und begeisterte sich in diesem Alter auch für<br />

den Tanz. Er wurde zum professionellen Tänzer und Choreografen,<br />

bis er mit 40 Jahren beschließt den Tanzschuh an den Nagel<br />

zu hängen und seiner Passion als Designer und Künstler nachzugehen.<br />

In seiner persönlichen Neuinterpretation der Eisenbearbeitung<br />

mit einem zeitgemäßen Ansatz gelingt es ihm, die für<br />

den Tanz typische ästhetische Leichtigkeit in das doch schwer<br />

wirkende Metall zu integrieren. Sein Geheimnis? Die Technik<br />

des „gekochten Drahtes“, durch den das Eisen formbar wird<br />

und so die Schaffung von leichten und weichen, fast tanzenden<br />

Möbeln und Designobjekten ermöglicht, mit denen er ⇨<br />

Das Herz des Hauses bildet das Atelier des Künstlers oben.<br />

Im Säulengang und im Wohnzimmer treffen Eigenentwürfe<br />

wie die „Girgenti“, Chaise Lounge für Baxter und der<br />

Couchtisch „Angelica“ rechte Seite, rechts oben auf Designklassiker<br />

wie die Vintage-Eames-Stühle links oben.<br />

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REPORTAGE ! XXXXXX<br />

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REPORTAGE ! SIZILIEN<br />

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REPORTAGE ! XXXXXX<br />

unter anderem schon Marken wie Serax und Baxter überzeugte.<br />

Über Jahre hinweg hat sich sein Arbeitsmittelpunkt zwar nach<br />

Mailand verschoben, als waschechter Sizilianer kann sich der<br />

Kreative aber nie zu lange vom Meer und seinem Land fernhalten.<br />

„Um es ganz deutlich zu sagen: Dies ist kein Ferienhaus.<br />

Es ist mein richtiges Zuhause, in das ich so oft wie möglich zurückkehre“,<br />

erklärt der Designer. Bei seinem Zuhause handelt es<br />

sich um typisch sizilianische Architektur aus Kalkstein und Putz.<br />

Das Gebäude besteht aus zwei Einheiten. Der lange Gebäudeteil<br />

stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert, der zweigeschossige<br />

Anbau aus den 1950er-Jahren. Zusammen bilden sie<br />

eine L-Form, verbunden durch einen dreieckigen Innenhof. Auf<br />

der einen Seite befinden sich die privateren Räume,<br />

auf der anderen Seite Salon, Küche, ein zentraler<br />

Säulengang anstelle des Stalls und auch das Atelier<br />

Sciortinos, in dem der Künstler, wie er selbst sagt,<br />

entspannter arbeiten kann als in seinem Studio in einem<br />

ehemaligen Industriegebiet Mailands. Für den<br />

Hausherren weichen hier der graue Alltag Norditaliens<br />

und der Druck der Verpflichtungen durch Lieferungen<br />

und Beziehungen dem ruhigen Streichen<br />

des Windes durch die pittoreske Landschaft und den<br />

verwunschenen Garten, in dem zwischen spektakulären,<br />

blauen Jacarandabäumen, Bananenstauden<br />

und Olivenbäumen, Johannisbrotbäume, Agaven<br />

und andere sukkulenten Pflanzen wachsen, das Hobby<br />

des Hausherren.<br />

Um es sich gemütlich zu machen, bat Sciortino seinen<br />

Freund, den Architekten Corrado Papa, um Hilfe. Der<br />

Ansatz ist konservativ: Es darf sich nichts ändern. „Die<br />

Schönheit ist bereits im Haus, man muss sie nur wiederentdecken,<br />

indem man das Überflüssige entfernt.“<br />

So gibt die Schilf- und Gipsdecke im Schlafzimmer<br />

den Blick auf das ursprüngliche Holzgebälk frei. Die<br />

abgeblätterten Wände wurden in diesem Zustand belassen,<br />

es gibt keine Farbe, die sie verbessern könnte.<br />

Und die Spuren der Zementflicken, die von den neuen<br />

Eingriffen herrühren, tragen zur Patina der vergehenden<br />

Zeit bei. Am Eingang des Hauses herrscht die<br />

Atmosphäre von „il cielo in una stanza“ (der Himmel<br />

in einem Raum): Die Ruine ohne Decke verwandelt<br />

sich in einen charmanten Aufenthaltsraum unter<br />

freiem Himmel. „Sie ist der berühmten Kirche Santa<br />

Maria dello Spasimo in Palermo sehr ähnlich. Auch<br />

wenn wir dadurch etwas an Volumen verloren haben,<br />

haben wir es vorgezogen, ihn so zu belassen.“<br />

Im Inneren des Hauses sind die Räume bewusst fast<br />

leer, eingerichtet mit einigen wenigen Eisenmöbeln<br />

und Objekten. Fast alle wurden von Sciortino entworfen<br />

und aus vorbereitenden Studien und Prototypen<br />

von Serienproduktionen für Unternehmen<br />

ausgewählt, mit denen der Metallkünstler zusammenarbeitet.<br />

Dazu kommen Eigenproduktionen.<br />

Aufgrund des einfachen Designs und des „Used-<br />

Looks“ hätten sie schon immer Teil des Hauses sein<br />

können. „Das Gleiche gilt für den Pool, der wie eine<br />

alte Gebbia (sizilianische Zisterne) aussieht, und das<br />

typische Belvedere, das wir auch erst geschaffen haben.“<br />

Und so eröffnet der Holzbalkon, der von schlanken Stahlträgern<br />

gestützt wird, einen Blick auf die Landschaft und ihre<br />

Sonnenuntergänge, die die Felder wie heißes Eisen zum Glühen<br />

bringen. Kein Wunder also, dass die Kreativität nur so fließt. ☐<br />

Im „Spacio“ unter den Sternen linke Seite links oben. In den<br />

Wohnräumen inszeniert der Designer viele seiner eigenen<br />

Prototypen: Darunter der „Girgenti“-Pouf für Baxter und die<br />

„Inchino“-Bodenleuchte für Serax im Wohnbereich, links oben<br />

sowie die „Turi Turi“-Nachttische für La Cividina im Schlafzimmer<br />

rechts unten, Leuchten: „Berenice“ von Luceplan.<br />

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101


REPORTAGE ! NEAPEL<br />

102 W!D 6 I <strong>2021</strong>


REPORTAGE ! XXXXXX<br />

Der Palazzo Oneto Maglione<br />

war gegen Ende des 19. Jahrhunderts<br />

gesellschaftlicher<br />

und kultureller Hotspot. Blick<br />

auf die Fassade ganz links mit<br />

ihren schönen Buntglasfenstern.<br />

Auf jeder Etage befindet<br />

sich mittig eine verglaste<br />

Veranda. Für den Architekten<br />

Giuliano Andrea Dell‘Uva war<br />

die Neugestaltung der Räume<br />

von Emmanuela Spedaliere<br />

ein Heimspiel. Sein Studio befindet<br />

sich ebenfalls in Neapel.<br />

A HOME FOR ART<br />

Ein neapolitanischer Palazzo von 1800 bietet die perfekte Kulisse für gesellschaftliche Zusammenkünfte, aber<br />

auch ein gemütliches Zuhause für die Direktorin eines altehrwürdigen Theaters und ihre Kunstsammlung.<br />

FOTOS: MATTHIEU SALVAING TEXT: ANA CARDINALE/ SONJA LUKENDA<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

103


REPORTAGE ! NEAPEL<br />

Diese Seite: Ein kleiner Aufenthaltsraum<br />

mit Sitzmöbeln<br />

aus den 1950er-Jahren für<br />

gesellige Get-together mit<br />

Aussicht. Im Entrée rechts<br />

eine Metallkonsole von<br />

Dell‘Uva, darüber ein Werk<br />

von Gianmaria Tosati. Der<br />

senfgelbe Sessel ist aus der<br />

Galerie Massimo Caiafa in<br />

Neapel. Balkendecke und<br />

Böden zeugen von der Entstehungszeit<br />

des Gebäudes.<br />

104 W!D 6 I <strong>2021</strong>


REPORTAGE ! XXXXXX<br />

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105


REPORTAGE ! NEAPEL<br />

Im Essbereich links ein Tisch<br />

auf Maß, umgeben von Edras<br />

„Mummy“-Chairs. Centerpiece<br />

aus buntem Glas von<br />

Paola C, an der Wand Kunst<br />

von Michele Guido, erworben<br />

in der Galerie Lia Rumma. Die<br />

Leuchte ist von Michael Anastassiades.<br />

In der Küche unten<br />

rechts ein Tisch von Osvaldo<br />

Borsani via Tecno, dazu von<br />

Gio Ponti für das Hotel Royal<br />

in Neapel entworfene Stühle.<br />

1<strong>06</strong> W!D 6 I <strong>2021</strong>


REPORTAGE ! XXXXXX<br />

Der Palazzo Oneto Maglione. Ein Zuhause für die schönen Künste,<br />

nur wenige Straßenzüge entfernt von der Piazza del Plebiscito,<br />

dem neapolitanischen Königspalast und dem glamourösen<br />

Teatro San Carlo. Es ist Emmanuela Spedalieres Arbeitsplatz.<br />

Selbstredend, dass die Generaldirektorin und Expertin für Theater,<br />

Literatur und Kammermusik nicht irgendwo residiert, sondern<br />

in diesen geschichtsträchtigen Räumen, die früher einmal<br />

Schauplatz des Salons von Teresa Oneto und Benedetto Maglione<br />

waren. Er galt als eines der beliebtesten kulturellen Zentren<br />

Neapels, von der Musik über die Bibliophilie bis hin zur dekorativen<br />

Kunst. Sowohl Künstler als auch Aristokraten versammelten<br />

sich dort regelmäßig. „An den Abenden nach den Shows im<br />

San Carlo teilen mein Mann, Salvino Sorrentino, und ich unser<br />

Zuhause gerne mit vielen Gästen aus der Welt der Kultur. Es<br />

sind anregende Treffen in einer entspannten und freundlichen<br />

Atmosphäre. Und bei einer dieser Gelegenheiten lernte ich Giuliano<br />

kennen“, erzählt die Kunstliebhaberin. Gemeint ist Giuliano<br />

Andrea Dell‘Uva, ein lokaler Architekt, den das Paar sich<br />

für die Umgestaltung ihrer Wohnung ins Boot geholt hat. „Ich<br />

wusste, er würde die Art von Räumen, die ich brauchte, perfekt<br />

interpretieren“, so Spedaliere. Der Palazzo wurde im 18. Jahrhundert<br />

erbaut, 200 Jahre später dann in einem erhabenen Stil<br />

restauriert, der dem Geschmack der damaligen Zeit entsprach.<br />

Dell‘Uvas Aufgabe war es, die Wohnung ins Hier und Heute<br />

zu holen. Er setzte dabei auf Kontraste und spielt gekonnt mit<br />

Klassik und Moderne, mit industriellen und handwerklichen ⇨<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

107


REPORTAGE ! NEAPEL<br />

Elementen und stellt kühle Materialien wie Harzböden gegen<br />

eher warme wie altes Holz. Allesamt Fragmente, die von der<br />

Historie der Räume zeugen. Schon beim Betreten beeindruckt<br />

eine originale Holzbalkendecke. Ein weiteres Zeichen der Zeit<br />

ist eine Vertäfelung in der Küche, die einen falschen Marmor<br />

imitiert. Sie wurde bei der Entfernung eines großen Schranks<br />

entdeckt. Um nicht in Nostalgie zu verfallen, passte Dell‘Uva die<br />

Architektur einem komfortablen und entspannten Lebensstil<br />

an. Und während er mit der Aufteilung der Räume spielte, um<br />

Kontinuität zu erschaffen, gilt dies auch für seine Materialwahl.<br />

„Ich wollte eine Art große weiße, alles umfassende Hülle als wirkungsvollen<br />

Kontrast zu den kräftigen Farben“, erklärt er. Vom<br />

Eingang aus gelangt man über den Flur auf der einen Seite in<br />

einen Garten, auf der anderen befindet sich die Küche. Danach<br />

folgen Ess- und Wohnzimmer sowie das Hauptschlafzimmer<br />

mit Badezimmer und einem Arbeitsbereich. Von dort ist ein<br />

weiterer, intimerer Raum zugänglich, in dem sich zwei Schlafzimmer<br />

und deren Bäder befinden.<br />

Die Wohnung ist in einem freigeistigen Stil eingerichtet. Alles<br />

dort hat Seltenheitswert und wurde sehr sorgfältig aus verschiedenen<br />

Epochen, Stilen und Quellen kuratiert. Die Hausherrin<br />

liebt zeitgenössische Kunst, die sich jedoch unaufdringlich<br />

und in subtilen Arrangements in den vorgegebenen Raum fügt.<br />

Alles hat seinen Platz in einer Umgebung, die den tiefen Wert<br />

aktueller Ästhetik veranschaulicht. Sie ist nicht nur funktional,<br />

sondern auch anspruchsvoll und edel.<br />

☐<br />

108 W!D 6 I <strong>2021</strong>


REPORTAGE ! XXXXXX<br />

Das Bett im Master Bedroom<br />

unten entwarf Dell‘Uva, die<br />

Hängeleuchte ist von Artemide.<br />

An der Wand eine Arbeit<br />

von Kenta Nakamura, davor<br />

ein „Soriana“-Sessel von Afra<br />

& Tobia Scarpa für Cassina.<br />

Ein- und Ausblicke im Hauptbad<br />

mit Marmorverkleidung.<br />

Leuchte von Achille Castiglioni<br />

für Flos, das Waschbecken<br />

gestaltete ebenfalls Giuliano<br />

Andrea Dell‘Uva.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

109


Ohne Scheu<br />

wird’s klappen.<br />

Philipp und Keuntje / fi scherAppelt<br />

Das Magazin für alle, die ihr<br />

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aus dem kosmos<br />

der kultur:<br />

das feuilleton<br />

<strong>06</strong> / <strong>2021</strong><br />

esprit?libre<br />

Tanja Kibermanis plaudert an der SPEAKERS’ CORNER über Muster,<br />

Messies und Madonnen<br />

Christiane Weidemann besucht die unbeirrbare Josefine von Krepl in Kuhbier<br />

AUF DER MEILE begegnet Axel Hacke Gesichtshautabziehern, Regionaltomaten<br />

und fragt sich, ob das Jenseits einem bayerischen Wirtshaus gleicht<br />

Sebastian Conran zwischen Anspruch, Produkten und Punk<br />

Charismatisches Potenzial und fahrlässiges Scheitern – nahrhafte Glückskekse<br />

Menschen auf ihren Wegen, von hier und dort Kurzgebratenes,<br />

zur LETZTEN KIPPE ein Ach, die Zeit von Christian Peters,<br />

und Das Ideal beschreibt Kurt Tucholsky


FOTOGRAFIE: ZANELE MUHOLI -> BERLINERFESTSPIELE.DE<br />

Zol<br />

<br />

Zanele Muholi, -<br />

<br />

LGBTQIA


KURZ GEBRATEN<br />

114 | Meldungen von hier und da und dort<br />

SPEAKERS’ CORNER<br />

115 | Sammelsurien! Tania Kibermanis über Muster, Messies und Madonnen<br />

JÄGER & SAMMLER<br />

116 | Nur nicht beirren lassen<br />

Von Querulantentum, Waghalsigkeit und Wahnsinnsklamotten:<br />

Christiane Weidemann besucht Josefine Edle von Krepl in Kuhbier<br />

GOOD STUFF<br />

120 | Lydia Sandgren, Papiere<br />

AUF DER MEILE<br />

12 Über Gesichtshautabzieher, Regionaltomaten, Kultur & Natur:<br />

122 | »Das Jenseits – ein bayerisches Wirtshaus?« – fragt Axel Hacke unterwegs<br />

DIE BEGEISTERTEN BEGEISTERNDEN<br />

126 | Gut ist nicht gut genug<br />

Anspruch, Produkte und Punk:<br />

Sebastian Conran und das Design<br />

NAHRHAFTE GLÜCKSKEKSE<br />

130 | Werner Büttner, Aura, Weisheit und charismatisches Potenzial<br />

J. K. Rowling, Fundament, Vorsicht und fahrlässiges Scheitern<br />

BEST BOOK × 4<br />

Menschen auf ihren Wegen<br />

DIE LETZTE KIPPE<br />

132 | Ach, die Zeit<br />

Christian Peters<br />

DAS GEDICHT<br />

134 | Kurt Tucholsky, Das Ideal<br />

Das Glück ist keine Dauerwurst, von der man<br />

täglich eine Scheibe herunterschneiden kann.<br />

<br />

Alter, kleb die Zähne fest, und dann wird losgebissen.


KURZ GEBRATEN<br />

Die neue Wunderwaffe heißt »Dyson<br />

Airwrap«. Mit Luft kennt sich Dyson aus –<br />

und genau um die geht es beim »Airwrap«:<br />

Statt haarschädigender Hitze bringt ein Luftstrom<br />

die Mähne in Form. Und tatsächlich<br />

gelingt Großes: Glanz, Glätte und Locken in<br />

Vollendung. Normalbürger und Celebrities<br />

feiern den »Airwrap«. Und wer sich die Kosten<br />

von 500 Euro nicht leisten kann oder will,<br />

kann sich ja reich beschenken lassen.<br />

dyson.de<br />

Im Herbst und Winter schlägt die Stunde der<br />

Sammler. Nach stürmischen Nächten mit<br />

auflandigen Winden gibt es an den Stränden<br />

der Ostsee allerhand zu entdecken. Doch<br />

mit diesem Wissen ist niemand allein – also<br />

Taschenlampe bereitgelegt und früh aufgestanden.<br />

Heiß begehrt, aber meist unfindbar:<br />

der Bernstein. Doch auch andere Fundstücke<br />

erfreuen das Sammlerherz: Muscheln, Steine,<br />

Fossilien oder Rollhölzer. Bei der Einordnung<br />

hilft der BeachExplorer. beachexplorer.org<br />

Eigentlich zu schade, um als Ausstellungsobjekt<br />

zu enden: Die bizarren Strickkreationen<br />

der isländischen Künstlerin<br />

Ýr Jóhannsdóttir sind wie geschaffen,<br />

den öden Alltag zu beleben. Und vielleicht<br />

auch Anregung für lange Winterabende.<br />

yrurari.com<br />

Schwindende Sonnenkraft, fehlendes Vitamin<br />

D – da kommt der Stimmungsaufheller<br />

Ottmar Hörl gerade recht. Der Frankfurter<br />

Künstler entwirft heiter-ironische Skulpturen<br />

zu vertretbaren Preisen. Neben dem<br />

»Optimisten« gibt es »Stehauffrauen« mit<br />

Kugelbäuchen, stramm marschierende<br />

»Einheitsmännchen« und den Dürer-Hasen<br />

in Bonbonfarben. Vor allem aber Hörls<br />

Gartenzwerge sind Kult – der hitlergrüßende<br />

»Gift-Zwerg« oder der »Sponti-Zwerg« mit<br />

erhobenem Mittelfinger. ottmar-hoerl.de<br />

Per Mausklick in den Himalaya, auf grüne<br />

Wiesen voller Lamas oder mitten in die New<br />

Yorker Skyline: Wem der eigene Blick aus<br />

dem Fenster zu eintönig wird, der kann sich<br />

auf WindowSwap per Zufallsklick in die weite<br />

Welt beamen. window-swap.com<br />

Wenn es draußen kalt wird, sucht der Mensch<br />

das Warme, das Kuschelige. Heizdecken<br />

waren da immer ein probates Mittel. HEIZ-<br />

DECKEN!? Auf keinen Fall, das klingt nach<br />

BUTTERFAHRT und langen Kabeln. Die<br />

Neuauflage ist sofaschön und kabellos. Sie<br />

trägt vielversprechende Namen wir Big Hug<br />

oder Homey, Form und Stoff gibt’s nach<br />

Wahl, Varianten für drinnen oder draußen.<br />

Und, das Beste zum Schluss, auch der vierbeinigen<br />

Mitbewohner kann elegant gewärmt<br />

werden: mit dem Modell Hot Dog. Kuscheligen<br />

Winter allerseits! stoov.com<br />

Feministischer Podcast-Nachschub auf<br />

rbbKultur: In zehn Folgen stellt Franziska<br />

Walser Frauen in Führungspositionen vor,<br />

von denen es noch viel zu wenige gibt.<br />

»Weltbewegend – Frauen und Macht«.<br />

Unbedingt reinhören.<br />

rbb-online.de/rbbkultur/podcasts/<br />

weltbewegend/weltbewegend-podcast.html<br />

114/115


SPEAKERS’ CORNER<br />

Sammelsurien – Tania Kibermanis über Muster,<br />

Messies und Madonnen<br />

Manche Menschen sammeln Informationen, andere Ex-Männer oder<br />

zumindest Erfahrungen. Doch abgesehen davon gibt es wohl kaum einen<br />

Menschen, der noch nie irgendwas gesammelt hätte, das dann in einem Setzkasten<br />

im Jugendzimmer allmählich verstaubte.<br />

Die Britin Ann Atkins teilt ihr Zuhause mit über 7000 Gartenzwergen<br />

und hält damit den Guinness-Buch-Weltrekord. Andere Menschen sammeln<br />

deutlich Abwegigeres, von Radkappen über leere Chipstüten bis hin zu<br />

Kirschkernen. Und wer von uns hat – Hand aufs Herz – noch niemals nach<br />

einem Strandspaziergang Hosentaschen voller Muscheln nach Hause geschleppt?<br />

Das Sammlertum ist völlig klassenlos und unabhängig von räumlichen<br />

Gegebenheiten oder vom eigenen Budget. Sammeln kann jeder – sofern<br />

man nicht unbedingt Yachten, Warhols oder Ming-Vasen zur Geldanlage anhäufen<br />

möchte. Dem einen geht’s um den Besitz, dem anderen mehr um die<br />

Jagd. Man hat eine Mission, die von vorneherein auf Endlosigkeit ausgelegt ist,<br />

weil man später immer noch sammeln kann, was es jetzt noch nicht einmal<br />

gibt. Sammeln ist sinnstiftend.<br />

Zudem liebt das menschliche Hirn die Suche nach Mustern. Man verleiht<br />

einer Anhäufung von losem Krempel schlagartig Bedeutung und den Synapsen<br />

umgehend Befriedigung, indem man Gleichartiges gruppiert: Eine hässliche<br />

Ü-Ei-Figur ist nicht mehr als eine hässliche Ü-Ei-Figur – zehn davon sind<br />

ein Projekt. Bei Sammlern gibt es die Geschmacksrichtung »akribisch sortiert«<br />

genauso wie »alles zusammen auf einen Haufen geschmissen« – die Grenze<br />

zwischen Sammler- und Messietum ist nicht immer zweifelsfrei zu ziehen.<br />

Ich sammle Madonnenstatuen. Aber nur die schlimm kitschigen aus Vollplastik<br />

oder Gips mit dilettantisch aufgemalten Gesichtern und solche, die<br />

bei Dunkelheit leuchten. Und entbinde meine Liebsten damit alljährlich von<br />

der lästigen Pflicht, sich wieder ein neues Geburtstagsgeschenk ausdenken<br />

zu müssen. Ganz nebenbei wird man zur Hobbyhistorikerin und Ethnologin –<br />

auch wenn vielleicht niemand sonst wissen will, wie es sich mit den detaillierten<br />

Unterschieden in der Physiognomie der italienischen Marienfiguren im<br />

Vergleich zu denen aus Südamerika genau verhält.<br />

In jedem Sammlerstück spiegelt sich ein im besten Fall glücklicher Moment<br />

der eigenen Biografie. Im Grunde sind Sammlungen also nichts anderes als<br />

objektgewordene Sentimentalitäten, denen, genauso wie uns, mit den Jahren<br />

graues Haupthaar wächst. Es sei denn, man sammelt Staubwedel.<br />

Tania Kibermanis Frankfurter Rundschau, die taz,<br />

<br />

Spleen Royale


JÄGER & SAMMLER<br />

<br />

NUR<br />

NICHT<br />

BEIRREN<br />

LASSEN<br />

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Als sie 13 Jahre alt war, überließ ihr die Wiener Großmutter<br />

ein schwarzes Satinkleid aus den Dreißigerjahren.<br />

Heute besitzt sie eine der weltweit größten<br />

Privatsammlungen historischer Kleidungsstücke und<br />

Accessoires, feinste Schätze von 1900 bis heute.<br />

Mit ihrer privaten Boutique in Ostberlin hat sie, stets<br />

im Visier der Stasi, DDR-Geschichte geschrieben:<br />

<br />

text: christiane weidemann<br />

<br />

<br />

<br />

K uhbier, ein Bauerndorf mit kaum zweihundert<br />

Einwohnern, im Nordwesten der Prignitz. Die größte<br />

Attraktion des Ortes ist die Kirche – oder doch das<br />

große goldene Ei, das davor an einem Baum hängt?<br />

Ein Weg führt an der Kirche vorbei zum ehemaligen<br />

Pfarrhaus, dahinter öffnet sich ein verwunschenes<br />

Grundstück mit Stallgebäude, Scheune und altem<br />

Baumbestand.<br />

»Hier bin ich, im Garten!« »Hallo, das ist ja zum Verlaufen<br />

hier …« Ein Igel läuft an mir vorbei, ohne es<br />

eilig zu haben. »Der weiß, dass ihm hier nichts passiert.<br />

Möchten Sie einen Kaffee trinken?«<br />

Seit vierzehn Jahren wohnt Josefine Edle von Krepl<br />

hier, eine ältere Dame, für die das Wort »älter« so gar<br />

nicht passen will. Langes Kleid, lackierte Nägel, rote<br />

Locken. Schwungvoll zeigt sie mir ihr Grundstück,<br />

knapp sechs Hektar Land mit Kirche und Kriegerdenkmal<br />

im Garten, wer hat das schon. Noch dazu ersteigert<br />

– damals für ’n Appl und ’n Ei, während man sich<br />

heute darum reißen würde. »Immer war das nicht so<br />

der Kick«, sagt eine, die aus der Großstadt kam, aber<br />

heute könne sie sich nicht mehr vorstellen, irgendwo<br />

anders zu leben.<br />

Josefine Johanna Theresa Edle von Krepl, 1944 als<br />

mittleres von drei Kindern geboren, stammt aus Fürstenwalde<br />

an der Spree, wo ihr Vater im Krieg als Ingenieur<br />

in einer Torpedofabrik dienstverpflichtet war.<br />

Ihre Eltern kamen aus Wien, alter österreichischer<br />

Adel. Als Josefine sechs Jahre alt wurde, zog die Familie<br />

weiter nach Berlin-Pankow. Wenn sie zurückdenkt,<br />

hat sie ihre schöne Mutter vor Augen, immer schick,<br />

selbst in den Nachkriegsjahren. Wilde Hüte, Kleider<br />

aus Soldatendecken, rote Lippen und Wangen. Sie<br />

erinnert sich auch an ihre Großmutter, die im gleichen<br />

Haushalt lebte und ein altes Kleid aussortieren wollte,<br />

das noch aus der Wiener Zeit stammte. Krepl rettete<br />

das Kleid – ohne zu ahnen, dass es das erste Stück<br />

einer historischen Modesammlung werden sollte.<br />

In der Schule fiel sie nicht nur wegen ihrer fuchsroten<br />

Haarfarbe auf – eigenwillig und unbeirrbar trug Krepl<br />

ausgefallene selbstgenähte Kleidung und Schmuck<br />

aus allen möglichen Materialien. Als bei Teenagern<br />

in Westberlin Holzsandalen angesagt waren, sägte<br />

sie sich Frühstücksbrettchen zurecht, nagelte zwei<br />

Lederriemchen dran – und fertig waren die »Klapperlatschen«.<br />

»Aber fragen Sie nicht, was die für einen<br />

Lärm gemacht haben«, ergänzt Krepl. In der Oberstufe<br />

wurde sie mehr als einmal zum Umziehen nach Hause<br />

geschickt.<br />

Nach der Schule sollte Krepl dann Medizin studieren,<br />

hatte jedoch andere Pläne: eine Schneiderlehre, dann<br />

ein Modedesignstudium. »In unserer Familie gab es<br />

in jeder Generation einen Mediziner und einen Chaoten«,<br />

lacht sie. Nach dem Examen an der Schule für<br />

Bekleidungstechnik ergatterte sie ein Volontariat bei<br />

der Frauenzeitschrift Für Dich. Insgesamt dreizehn<br />

Jahre blieb sie als Moderedakteurin im Berliner Verlag<br />

und absolvierte nebenher ein Journalistikstudium.<br />

Als Reporterin unterwegs auf dem Land stöberte sie<br />

»Wahnsinnsklamotten« auf, jedes Mal kam sie mit


JÄGER & SAMMLER<br />

neuen Fundstücken zurück nach Berlin. Von Dachböden,<br />

Flohmärkten oder den Trägerinnen direkt<br />

abgeschwatzt. Doch bei der Für Dich musste alles nach<br />

Parteilinie gehen, irgendwann hielt sie die Gängelei<br />

nicht mehr aus. Nachdem wieder einmal eines ihrer<br />

Fotoshootings wiederholt werden musste, weil die<br />

Models zu »westlich« aussahen und die Röcke zu kurz<br />

waren, kündigte sie. Krepl hatte es satt, gemaßregelt<br />

zu werden.<br />

Aus Knete Bonbons machen<br />

Zufällig erfuhr sie, dass ein Geschäft im Bezirk Friedrichshain<br />

zum Verkauf stand. Eine Boutique eröffnen<br />

in der DDR? Ein waghalsiges Unternehmen, noch<br />

dazu für »irre viel Geld. Ich hatte monatlich 580 Mark<br />

verdient, ich war ja nicht in der Partei. Aber eine Boutique<br />

war mein Traum. Ich habe also Tag und Nacht<br />

Kleider genäht und an Theater verkauft und mich nebenbei<br />

um meinen kleinen Sohn gekümmert. Damals<br />

war ich noch in erster Ehe verheiratet. Ich weiß nicht<br />

mehr, wie ich das gemacht habe, aber irgendwann<br />

hatte ich das Geld zusammen.«<br />

1980 erhielt Krepl tatsächlich die Genehmigung zur<br />

Eröffnung eines eigenen Ladens, der ersten privaten<br />

Modeboutique Ostberlins. »Das klingt jetzt so locker,<br />

aber in Wirklichkeit war es eine große Kampfaktion«,<br />

erinnert sie sich an das Ringen mit der DDR-Bürokratie.<br />

Während die staatlichen Handelsketten »Mode<br />

nach Plan« verkauften, entwarf und produzierte sie<br />

Modelle nach ihren eigenen Vorstellungen. In der<br />

Mangelwirtschaft der DDR hieß das vor allem kreativ<br />

sein. Da gab es zum Beispiel die »Sturzbomber«, knielange<br />

Unterhosen in Rosa aus dem Großhandel, die<br />

sie kurzerhand auseinanderschnitt, färbte und zu Pullovern<br />

verarbeitete. Ein Renner! Dass es bei »Josefine«<br />

Mode gab, die anders war als der DDR-Einheitslook,<br />

sprach sich schnell herum. Schon morgens um zehn<br />

standen die Mädchen und Frauen in Doppelreihen<br />

vor dem Geschäft, abends war der Laden leer gekauft.<br />

<br />

»Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.<br />

Es war ein einziger Rausch!«<br />

»Knete aus Bonbons machen« nennt Krepl diese Kreativität.<br />

Dass ihr modisches Querulantentum von der<br />

Staatssicherheit argwöhnisch beäugt wurde, ist nicht<br />

verwunderlich. »Die waren mir ständig auf den Fersen,<br />

wollten mir immer eins auswischen, haben es aber nie<br />

so richtig geschafft. Einmal war ich Paradebeispiel –<br />

wir lassen ja zu, sehen Sie mal hier, die junge Frau –,<br />

dann waren sie wieder ganz fürchterlich zu mir.« Fotoausstellungen<br />

mit Pariser Mode mussten unter Androhung<br />

schärfster Maßnahmen umgehend geschlossen<br />

werden. Keine Vernissage ohne die Anwesenheit<br />

von Beobachtern, die in einem schwarzen Lada vor<br />

der Tür parkten.<br />

Eine Katze streicht um ihre Beine, Kleo, eigentlich<br />

Kleopatra. Krepl streicht ihr gedankenverloren übers<br />

Fell. »Vielleicht war ich auch leichtsinnig, ja geradezu<br />

tollkühn. Ich wollte einfach nicht wissen, wie gefährlich<br />

die Situation in Wirklichkeit war.«<br />

Das Modemuseum Schloss Meyenburg<br />

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JÄGER & SAMMLER<br />

Wer einmal sammelt, kann nicht<br />

einfach aufhören<br />

Über die Jahre war im Lager der Boutique ein enormer<br />

Fundus an gesammelten Kleidern und Accessoires zusammengekommen.<br />

Mäntel und Jacken, Schals, Stolen<br />

und Handschuhe. Hunderte von Hüten und Taschen,<br />

Kartons voller Schuhe. Dessous, Schmuck, Gürtel,<br />

ungezählte Brillengestelle, Knöpfe und Spitze. Durch<br />

den Kontakt mit vielen Menschen konnte sie auch<br />

direkt nach Textilien und Accessoires vergangener<br />

Jahrzehnte fragen – inzwischen hatte sie sich auf die<br />

Jahre zwischen 1900 und 1970 konzentriert.<br />

Wir steigen zusammen eine schmale Holzstiege hoch,<br />

in das alte Stallgebäude in Kuhbier. Dicht behangene<br />

Kleiderstangen, Kisten über Kisten, sorgfältig gehütet,<br />

und dazwischen originale Kleiderpuppen. Krepl<br />

zieht einzelne Stücke hervor, jedes ein Dokument und<br />

Zeuge seiner Zeit. Die Geschichten sind es, die die<br />

Kleider für sie so einzigartig machen. Als würde man<br />

eintauchen in das Leben der Trägerinnen – und auch<br />

ein Stück in das Leben der Josefine von Krepl, die die<br />

Kleider bis heute bewahrt hat.<br />

Zurück in die DDR. Krepl gab 1987 einen Ausreiseantrag<br />

ab, vor allem wegen ihrer beiden Jungen. Sie<br />

war penibel vorbereitet, denn sie musste allen Besitz<br />

abgeben, auch die Boutique, und eine Scheinehe eingehen,<br />

die ihr eine »Familienzusammenführung« im<br />

Westen erst ermöglichen sollte. Im Sommer 1989,<br />

kurz vor der Grenzöffnung, konnte sie endlich ausreisen,<br />

mit ihren Söhnen und auch der Kleidersammlung<br />

im Gepäck, die sie statt Zeitungspapier zwischen<br />

Porzellan und Gläser gestopft hatte. Die besonders<br />

alten Stücke, die das Land als DDR-Kulturgut nicht<br />

verlassen durften, ließ sie später heimlich peu à peu<br />

nach Westberlin transportieren.<br />

Nach der Wende übernahm Krepl das Geschäft<br />

»Falbala – Antikmode« in Berlin-Wilmersdorf – die<br />

schönsten Kleider wanderten in ihre Sammlung. In<br />

diesem Laden boten ihr dann auch 2003 Stadtvertreter<br />

aus Meyenburg an, ein Modemuseum im Meyenburger<br />

Schloss zu eröffnen. »Das war immer mein Traum:<br />

ein eigenes Museum«, sagt Krepl. Dafür hat sie das<br />

geliebte Berlin verlassen und ist in das alte Pfarrhaus<br />

in Kuhbier gezogen, nahe beim Schloss Meyenburg,<br />

wo ein Zehntel ihrer Sammlung ausgestellt ist.<br />

Letztlich habe sie doch immer Glück gehabt im Leben,<br />

sagt Krepl offen und auch ein wenig demütig. Sie habe<br />

etliche Menschen kennengelernt und viele Enttäuschungen<br />

erlebt, aber im Rückblick sei es erstaunlich<br />

und schön, wie sich alles entwickelt habe. Wir verabschieden<br />

uns in ihrer Wohnküche, wo sie arbeitet, liest,<br />

näht, umgeben von zusammengetragenen Schätzen,<br />

Zeugnisse vieler bewegter Leben.


GOOD STUFF<br />

<br />

Lydia Sandgren<br />

Papiere<br />

Martin Berg lag, die Hände auf dem Bauch gefaltet, im Wohnzimmer auf<br />

dem Fußboden. Um ihn herum waren alle möglichen Papiere verstreut. Neben<br />

seinem Kopf lag ein halb fertiger Roman, zu seinen Füßen breiteten sich haufenweise<br />

Servietten aus, auf die er in den letzten fünfundzwanzig Jahren Einfälle<br />

notiert hatte. Sein rechter Ellbogen stieß an eine Anthologie vielversprechender<br />

Nachwuchsautoren in den Achtzigern – das einzige Buch, in dem jemals etwas<br />

von ihm veröffentlicht worden war. In der Nähe seines linken Ellbogens befanden<br />

sich einige mit Kordel verschnürte Bündel, die mit Rotstift beschriftet waren:<br />

PARIS. Zwischen seinem Kopf und seinem Ellbogen und vom Ellbogen bis zu<br />

den Füßen lag Papier über Papier, mit Tinte oder Bleistift beschrieben, mit der<br />

Maschine getippt, mit Kugelschreiberkorrekturen an den Rändern, Computerausdrucke<br />

mit doppeltem Zeilenabstand, zerknittert, voller Kaffeeflecken, leer<br />

und glatt, einige zusammengeheftet, manche von Büroklammern gehalten, andere<br />

lose Blätter. Es handelte sich um angefangene Erzählungen, Essays, Romanskizzen,<br />

mehrere erste Entwürfe von Theaterstücken, Notizbücher mit abgewetzten<br />

Einbänden nach einem Leben in den Innentaschen von Sakkos und Stapel von<br />

Briefen.<br />

Er hatte den Couchtisch beiseitegeschoben, um Platz zu haben.<br />

Es war ein Sommernachmittag in jenem Jahr, in dem er fünfzig wurde. Die Hitze<br />

waberte über der Stadt. Alle Fenster zur Straße standen offen, Kinderlachen,<br />

Fahrradklingeln, das entfernte Wummern von Musik, die er nicht kannte, und das<br />

Kreischen einer Straßenbahn auf der Karl Johansgatan drangen zu ihm herauf.<br />

Im Park draußen sonnten sich Menschen, bleich und reglos wie Robben auf einer<br />

Sandbank. Vorhin hatte Martin den Impuls verspürt, sie aus dem Fenster heraus<br />

anzuschreien, doch jeder Laut schien in seinem Hals festzustecken. Er spürte ein<br />

Kribbeln unter der Haut, und im Bauch hatte er ein tiefes, beständig saugendes<br />

Loch, seine Hände schwitzten und zitterten.<br />

Er befand sich in einer der Übergangsphasen der Geschichte. Überflüssige Zeit<br />

zwischen zwei wichtigeren Ereignissen. Etwas, das man gern überspringt, um<br />

Fluss und Schwung in den Text zu bringen. Nichts zu tun, außer zu warten.<br />

Darauf, dass die Kinder nach Hause kommen. Auf die Beerdigung. Auf einen<br />

Bescheid. Man bekam Lust, seinen Rotstift zu zücken und das ganze Blatt dick<br />

durchzustreichen. Weg mit dem Mist! Der Lektor von Raymond Carver hatte in<br />

dessen Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden große Teile brutal gelöscht, hatte<br />

ganze Schlüsse von Kurzgeschichten gestrichen, vor allem die glücklichen. Und<br />

wie gut waren sie dadurch geworden.<br />

Vielleicht hätte Martin versuchen sollen, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten.<br />

Leute treffen, etwas essen und ein paar Stunden arbeiten. Schließlich war<br />

er noch immer Verleger, und für den Verleger Martin Berg gab es immer etwas zu<br />

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Gesammelte Werke<br />

<br />

<br />

<br />

GOOD STUFF<br />

tun. Doch stattdessen hatte er seine alten Papiere zusammengesucht. Lange Zeit<br />

hatte er auf dem Speicher verbracht, der zum Platzen vollgestopft war mit Winterjacken<br />

in Kindergrößen, einem Fahrrad ohne Kette, Elis’ alten Skateboards,<br />

Rakels Ballkleid von der Abiturfeier, Schlafsäcken, einem Zelt, Plakaten, die er<br />

unbedingt ausrollen und betrachten musste, sowie Cecilias aufgetragenen Laufschuhen.<br />

Wie viele Paar Schuhe hatte diese Frau eigentlich verschlissen, und wieso<br />

hatte sie sie nicht einfach weggeworfen? Martin hatte in den Sachen gewühlt, und<br />

ihm war dabei der Schweiß den Rücken und die Schenkel hinabgeströmt, weil<br />

es dort oben unter dem First kochend heiß war. Am Ende hatte er einen Karton<br />

gefunden, auf dem unverkennbar in seiner eigenen Handschrift stand: Martins<br />

unvollendete Werke.<br />

Er war nicht sicher, wie lange er versucht hatte, den Faden zu entwirren, der von<br />

seiner derzeitigen Situation zu einer Art Anfangspunkt zurückführte. Irgendwo<br />

musste es eine Wegscheide gegeben haben, doch anscheinend war er ohne Vorstellung<br />

von der Richtung lange Zeit einfach immer weitergetrottet. Und wo war<br />

überhaupt die ganze Zeit hin? Denn vergangen war sie nachweislich. Beide Kinder<br />

waren von Minderjährigen zu Erwachsenen geworden. Zum ersten Mal seit<br />

Jahrzehnten hatte er für niemanden mehr das Sorgerecht zu tragen.<br />

Elis, der kleine Elis, der sich gerade – Gott sei Dank in Begleitung seiner Schwester<br />

– auf einer Reise durch Europa befand, würde vermutlich nicht so bald zu<br />

Hause ausziehen. Aber er hatte seinen Blick schon auf den Horizont gerichtet,<br />

und früher oder später würde Martin wohl mit ansehen müssen, wie sein Sohn<br />

seine Anzugwesten packte und in eine WG auf Hisingen zog, wo er mit halb geschlossenen<br />

Augen Jacques Brel hören konnte und nicht mehr heimlich rauchen<br />

musste. Und dann wäre es völlig leer. Dann wäre es vorbei.<br />

Rein rational, dachte Martin auf dem Teppich liegend, weil er den Verdacht hatte,<br />

Rationalität sei in seiner Lage das ihm einzig Zugängliche; rein rational verstand<br />

er, dass dies hier Teil eines Prozesses war. Dass Kinder groß werden, gehört zu<br />

den Unvermeidlichkeiten des Lebens. Vor dreißig Jahren hatte er das Gleiche<br />

getan, wenn auch mit einem fragwürdigeren Haarschnitt. So etwas passierte. Er<br />

war nur nicht darauf vorbereitet, dass es so bald geschah. Er hatte sich die Trostlosigkeit<br />

nicht vorgestellt und nicht begriffen, wie sich die Einsamkeit in sämtlichen<br />

Zimmern ausbreiten und die ganze Wohnung einnehmen würde, während sein<br />

Haar grau wurde, die Beine dünner, das Hörvermögen schlechter und die Jahre<br />

verschwanden, ohne im Austausch dafür etwas zu geben.<br />

Und eines Tages würde alles vorbei sein. Er hinterlässt Stöße von Papier.<br />

Martin schloss die Augen und sah Gustav Becker vor sich; dabei war es wichtig,<br />

nicht zu viel an Gustav zu denken. Vor allem nicht an den lachenden Gustav, an<br />

die schmalen Hände, die eine Zigarette hielten, an die Augen, die dem Blick standhielten,<br />

bis man selbst wegsah.<br />

Martin schaute nach rechts (Papier), nach links (Papier) und richtete den Blick<br />

wieder zur Decke. Wie weiß und jungfräulich sie war, gänzlich unbeschrieben!


AUF DER MEILE<br />

ÜBER GESICHTSHAUTABZIEHER, REGIONALTOMATEN, KULTUR & NATUR:<br />

»Das Jenseits – ein bayerisches Wirtshaus?« –<br />

fragt Axel Hacke unterwegs<br />

20. Juli, im Buchladen Moths in München<br />

Eigentlich wollte ich nur ein Buch abholen, aber bei Regina Moths entdecke<br />

ich immer noch etwas anderes. Diesmal: Goethes schlechteste Gedichte, ein älteres<br />

Werk, aber neu erschienen mit schönen Cartoons von Hauck & Bauer.<br />

Ab in die Einkaufstasche damit! Mein lieblings-schlechtestes Gedicht:<br />

»DAS Beste in der Welt<br />

Ist ohne Dank;<br />

Gesunder Mensch ohne Geld<br />

Ist halb krank.«<br />

Stimmt irgendwie, aber so als Gedicht …? Echt? Von Goethe?<br />

Ja.<br />

22. Juli, hoch über dem Tegernsee<br />

Immer wenn wir einen Ausflug an den Tegernsee machen, erzählt mir meine Frau<br />

von Kindertagen dort, Wochenenden in einem Häuschen unten am Wasser, das zu<br />

einer Art Künstler-Wohngemeinschaft aus Musikern, Architekten und Journalisten<br />

gehörte. Immer habe es geregnet, die Schnecken seien dick wie Wiener Würschtl<br />

gewesen – und doch: diese unvergesslich heitere, ruhige, besondere Stimmung.<br />

Jetzt sind wir wieder hier, sitzen hoch über dem See auf einer Hotelterrasse, der<br />

Blick unbezahlbar. Olaf Gulbransson lebte hier in der Nähe, angeblich weil ihn die<br />

Aussicht an norwegische Fjorde erinnerte. Unten erinnert ein schönes Museum an<br />

ihn. Wir sind oben und merken, dass dieser Blick seinen Preis hat, die Flasche Wasser<br />

für 8,50 und das Schnitzel für 27 Euro – aber die Aussicht, wie gesagt …<br />

Am Nebentisch ein Herr in kurzen Hosen. Der Mann tönt eine Stunde lang: wie oft<br />

er schon hier war und wie viele Kellner er bestens kannte. Jeder Satz, wie ein Hund<br />

pinkelt: Ich war hier. Vorm Hotel stehen schwere Audis, die per Aufkleber auf eine<br />

Ludwig-Erhard-Tagung mit dem Motto Mehr Markt wagen hinweisen. Als wir die<br />

Bedienung fragen, wie der Berg gegenüber heiße, sagt sie: »Keine Ahnung.«<br />

Alles ist schön, doch seelenlos – und das in dieser seelenvollen Landschaft. Das viele<br />

Geld in Rottach, Wiessee, Tegernsee, es hat der alten Schönheit Oberbayerns keine<br />

Chance gelassen.<br />

2. August, bei Hugendubel<br />

Ich stehe vor dem Regal mit Regionalkrimis: Diese Menge der Titel! Die Fülle,<br />

gleichzeitig die Leere! Die immer gleichen Mordgeschichten in unterschiedlichsten<br />

Gebieten, vom Allgäu bis zum Wattenmeer, von Duisburg bis Dresden! Hinter jeder<br />

Dorflinde ein Gesichtshautabzieher, in allen Rosenbüschen warten Ripper, in jedem<br />

Feuerlöschteich ein Serienlurch. Wie die Tomaten bei Edeka mit dem Pappschild<br />

Regional für sich werben, so tut dies auch das Mordgewerbe. Natürlich muss das mit<br />

der Sehnsucht der Menschen nach Sicherheit zu tun haben. Jede Untat wird aufgeklärt,<br />

und das gleich nebenan! Wohlig überschauert liegt man auf dem Sofa: Mag der<br />

Regionalmörder noch so böse sein, es wartet auf ihn stets der Regionalkommissar.<br />

122/123


AUF DER MEILE<br />

18. August, Belvedere in Wien<br />

In Wien gibt es eine Ausstellung des Österreichers Lois Weinberger, Basics heißt<br />

sie, die letzte, die er vor seinem Tod 2020 noch selbst konzipierte. Ich blättere im<br />

Katalog, dessen Cover das grün angemalte, mit irgendetwas Gelbem unter der Nase<br />

verzierte Gesicht des Künstlers zeigt. Aha, hier im Katalog steht es ja: »Er trägt einen<br />

Muschelschmuck unter der Nase, als würde er einer indigenen Gemeinschaft angehören.«<br />

Ich lernte Weinberger 1997 auf der documenta X in Kassel kennen, wo er unter anderem<br />

ein stillgelegtes Bahngleis mit Pflanzen besiedelte, die in Kassel sonst nicht<br />

vorkamen, Migrantengewächse aus dem Südosten Europas. Weinberger stellte seine<br />

Arbeiten selten im Museum aus, seine Kunst fand anderswo statt, auch im ehemaligen<br />

Postgebäude neben dem Kasseler Bahnhof. Da trafen wir uns. Er hatte sieben<br />

Stunden Autofahrt von Wien hinter sich, litt unter Kopfschmerzen, sein Gesicht war<br />

gelb vor Kummer. Er hatte das Posthaus vergilbt, verbraucht, benutzt in Erinnerung.<br />

Nun hatte man es blendend weiß gestrichen. »Ach Gott!«, fuhr es aus seiner Brust.<br />

Ich krame meinen Artikel von damals heraus: »Wieder redet er von den Wänden.<br />

Stundenlang habe er schon das grelle Weiß mit Tee bearbeitet, um ihm eine Patina<br />

zu geben, habe mit schweren Stiefeln gegen die Wände getreten, um schwarze<br />

Streifen zu hinterlassen. ›Wie finden Sie es jetzt?‹, fragt er. ›Sieht es benutzt aus,<br />

alt?‹ – ›Nein‹, sage ich, ›es sieht aus wie ein Raum, der zum Malen vorbereitet ist.‹ –<br />

›Ach Gott!‹«<br />

Das war großartig: als Journalist Teil der künstlerischen Arbeit zu sein. Weinberger<br />

ging es immer um das Verhältnis von Kultur und Natur. Die sah er nicht als Gegensätze,<br />

sondern die Kultur als Teil der Natur, gleichberechtigt. In einem Werk namens<br />

Wild Cube schüttete er Erde in einen großen Kubus aus Stahlstäben und wartete<br />

viele Jahre: Es entwickelte sich ein Urwald, von dem der Mensch aber, dank des Käfigs,<br />

ausgesperrt blieb. In Skyline begoss er jahrelang zehn Zentimeter hohe Hochhäuserchen<br />

aus Lehm mit Wasser und sah zu, wie alles grün von Moos und weiß von<br />

Kalk wurde.<br />

Nun hatte man ihm ein Haus, das über Jahrzehnte verwittert war, weiß gestrichen!<br />

Auf der documenta! Da konnte man nur »Ach, Gott!« rufen, was sonst?<br />

24. August, beim Sedlmayr<br />

Oft habe ich mir das Jenseits als bayerisches Wirtshaus vorgestellt, ein fröhliches<br />

Paradies mit Essen, Trinken, Reden und dem tiefen Gefühl von Aufgehobensein.<br />

Der Sedlmayr nahe dem Viktualienmarkt war für mich immer das schönste Exemplar<br />

einer solchen Wirtschaft. Viele Monate war ich nicht hier, wegen Corona, nun<br />

begrüßt man mich wie einen lange nicht gesehenen Bekannten. Der Schankkellner<br />

erzählt, wie er sich mal mit Kirill Petrenko als Gast unterhalten habe, der damals<br />

noch an der Staatsoper dirigierte, und wie Petrenko ihn ein paar Tage später auf<br />

der Straße wiedererkannte und freundlich auf ihn zugegangen sei – und wie stolz er<br />

darauf sei.<br />

Ich esse gebackenen Goldbarsch wie sonst auch. Überhaupt ist alles, wie es immer<br />

war, von den Plexiglas-Trennscheiben zwischen den Tischen abgesehen. Die kommen<br />

im Jenseits dann auch weg, glaube ich.


AUF DER MEILE<br />

27. August, auf der Waage<br />

Ich fühle mich zu dick, also krame ich die Körperwaage hervor. Tatsächlich: 89 Kilogramm,<br />

schätzungsweise drei zu viel. Zufällig stoße ich später auf ein Interview mit<br />

dem Soziologen Hartmut Rosa, der muntere Thesen über den menschlichen Hunger<br />

aufstellt, zum Beispiel: Die vielen Möglichkeiten, die der Mensch heute geboten bekomme,<br />

brächten es mit sich, dass man das Leben sozusagen nicht mehr ausschöpfen<br />

könne. Es habe der Mensch keine Chance, »lebengesättigt« zu sterben, sein Schicksal sei,<br />

immer hungrig zu bleiben nach dem Möglichen, aber noch nicht Erlebten.<br />

Frage des Reporters: »Wird denn dieser Hunger kompensiert möglicherweise mit zu<br />

viel Essen?« Antwort Rosa: »Ja, ich denke, dass man das durchaus sagen kann.«<br />

89 Kilo. Ich bin ein Opfer der Zeitumstände.<br />

27. August, auf dem Bürobalkon<br />

Mein Sohn hat in seiner Wohnung drei Tomatenpflanzen gezogen,<br />

dann aber ging er für drei Monate auf Reisen. Die spindeldürren<br />

Pflänzchen kamen zu mir ins Büro auf den Balkon. Ich düngte sie,<br />

gab ihnen Wasser, band ihre Triebe an. Aus den kaum lebensfähig<br />

scheinenden Gewächsen ist ein beängstigend gegen das Geländer<br />

wucherndes Grün geworden. Nun zeigt meine erste Regionaltomate<br />

zartes Rot. Ich ringe mit mir, ob ich mich als Gärtner empfinden<br />

soll oder als Künstler im Sinne von Lois Weinberger.<br />

28. August, im Bett<br />

Bis vor zwei Wochen wusste ich nichts vom russischen Dokumentarfilmer Victor Kossakovsky,<br />

ab heute bin ich ein Fan. Ich habe Rezensionen seines neuesten Werkes gelesen,<br />

ein Film namens Gunda, der von einem Mutterschwein handelt, das Ferkel bekommen<br />

hat, rund ein Dutzend. In Schwarz und Weiß wird das Leben von Sau und Nachwuchs<br />

geschildert, ohne Kommentar, nur in offenbar großartigen Bildern, bis der Mensch auftaucht:<br />

ein trauriges Ende, die Schweinchen werden abgeholt. Das läuft noch nicht im<br />

Kino, ich muss warten.<br />

Aber es wird ein älterer Film von Kossakovsky erwähnt: TISHE!. Es war umständlich, die<br />

DVD zu bestellen, heute ist sie in der Post. Abends sehe ich TISHE! vorm Einschlafen,<br />

was mir passend erscheint. Der russische Ausruf Tishe! heißt so viel wie »Still!«.<br />

Der Regisseur hat den Film ausschließlich aus einem Fenster seiner Wohnung gedreht.<br />

Man sieht eine Straßenecke in St. Petersburg: ein betrunkenes Liebespaar, ein Mann, der<br />

mit Blumen auf seine Verehrte wartet, ein Polizeiauto, aus dem Verhaftete springen, die<br />

von Zivilpolizisten wieder zurückgeprügelt werden. Man sieht alte Leute mit Hunden,<br />

eine Frau, die Schnee in Taschen schaufelt, Frauen, die mit Schläuchen eine Hauswand<br />

abspritzen, die nicht sauberer wird.<br />

In der Hauptsache aber schauen wir zu, wie Männer mit Maschinen ein Loch in die Straße<br />

reißen und wieder teeren. Offenbar wird ein Schaden notdürftig repariert, man weiß<br />

es nicht, niemand spricht, man sieht nur, was geschieht. Kaum ist die Öffnung zu, wird sie<br />

124/125


AUF DER MEILE<br />

wieder aufgeschnitten, von einem Traktor mit einer aberwitzigen Asphaltsäge, das<br />

Loch wird tiefer, dann erneut zugeschüttet, was zu noch umfangreicheren Arbeiten,<br />

immer größeren Löchern führt. Mal wird aus der Totalen gefilmt, mal aus nächster<br />

Nähe, mal sieht die Straße aus, wie eben Straßen in St. Petersburg aussehen, mal<br />

meint man, auf den Asphalt zu schauen wie auf Elefantenhaut oder auf ein Wattenmeer.<br />

Ratlos blicken Männer in die Grube, bevor sie diese erneut füllen, eine Metapher<br />

für ein Leben, das darin besteht, nur immer neue Löcher notdürftig zu<br />

kaschieren, vergebliches Ringen um Heilung einer schwärenden Wunde.<br />

Am Schluss irrt eine desorientierte alte Frau über den Bürgersteig, Tishe! rufend,<br />

Tishe!, Tishe!.<br />

31. August, in meinem Viertel<br />

In meinem Viertel hat die Stadt, wie anderswo auch, den Wirten in deren Not erlaubt,<br />

Schanigärten auf den Parkstreifen zu bauen: Stühle und Tische, Essen und<br />

Trinken draußen. Anfangs waren das grobe Bauten, nur Euro-Paletten als Abgrenzung<br />

zur Straße. Aber weil die Pandemie dauert und weil es oft regnet, sind daraus<br />

Zeltbauten geworden, bisweilen gemütlich mit Blumenschmuck, mancher hat ein<br />

Holzhäuschen errichtet. Das sei zwar nicht erlaubt, höre ich, aber mich würde nicht<br />

wundern, wenn in zehn Jahren der Parkbereich ganz bebaut wäre, mit Steinen und<br />

so weiter. Hieß es nicht, Corona werde unser Leben verändern? Sieht ganz so aus.<br />

1. September, im Büro<br />

Die Frage, wie es möglich sei, dass selbst Goethe bisweilen so schlecht dichtete, lässt mir<br />

keine Ruhe. Auf literaturkritik.de entdecke ich eine alte Rezension des eingangs erwähnten,<br />

ursprünglich 1999 in anderer Aufmachung erschienenen Bandes, verfasst damals von<br />

Robert Gernhardt, der unter anderem fragte, ob nicht bei insgesamt 2.000 Goethe-Gedichten<br />

nur 40 »schlechteste« auch wiederum ein »Armutszeugnis« seien. Gernhardt<br />

untersucht Goethes Werk noch mal selbst: ob es auch Texte gebe, in denen Goethe seine<br />

Möglichkeiten so weit überspanne, dass er in die unfreiwillige Selbstparodie rutsche.<br />

Dazu findet er im Faust 2 die Beobachtung des Türmers Lynceus:<br />

Die Sonne sinkt, die letzten Schiffe,<br />

Sie ziehen munter hafenein.<br />

Ein großer Kahn ist im Begriffe,<br />

Auf dem Kanale hier zu sein.<br />

Gernhardt dazu: »Lässt sich die Ankunft eines Bootes noch geheimratsmäßiger, noch<br />

gravitätischer, noch umständlicher mitteilen?« Einerseits ließe ihn, schreibt er, »das wunderliche<br />

Versgebilde« schmunzeln, andererseits könne er es nicht recht klassifizieren: »Ist<br />

das nun schlecht? Oder schlicht? Oder aber – mach einer was gegen den alten Goethe! –<br />

schlechterdings nicht ganz von dieser Welt und schlichtweg genial?«<br />

2. September, am Frühstückstisch<br />

Gunda läuft jetzt im Kino, heute Abend gehe ich hin.<br />

Axel Hacke <br />

SZ-Magazin,<br />

<br />

axel-hacke.de, kunstmann.de


DIE BEGEISTERTEN BEGEISTERNDEN <br />

Sich als Produktdesigner international einen Namen zu<br />

machen, ist schwer genug. Wenn dieser Name dann auch<br />

noch mit dem eigenen Vater verbunden ist, wird es nicht<br />

leichter. Sebastian Conran hat es geschafft.<br />

interview: vanessa oelker<br />

Mit einem scharfen Klappern lässt Sebastian<br />

Conran die graue Metalljalousie herunter, die seinen<br />

Arbeitsbereich von dem seiner deutschen Frau<br />

Gertrude, einer Schauspielerin, abteilt. Conran, vielfach<br />

ausgezeichneter Produktdesigner und Verwalter<br />

des Erbes seines Vaters, wendet sich dem Bildschirm<br />

und den Fenstern dahinter zu. Sein Blick fällt auf<br />

Obst- und Magnolienbäume, Jasminsträucher und<br />

eine Wildblumenwiese, die er selbst angelegt hat.<br />

Wir treffen uns online via Zoom in seiner viktorianischen<br />

Doppelhaushälfte in Bayswater, West- London –<br />

die dort grassierende Delta-Variante des Corona-Virus<br />

macht einen Besuch unmöglich.<br />

Der 65-jährige Brite ist das älteste Kind des 2020<br />

verstorbenen Sir Terence Conran, der durch die<br />

Designmöbelketten Habitat und The Conran Shop,<br />

Stadt entwicklungsprojekte, Restaurants und Hotels<br />

zum Selfmade-Millionär wurde. Nationale Berühmtheit<br />

erlangte er 1989 durch die Gründung des weltweit<br />

ersten Design Museums in London – und durch ein<br />

buntes Privatleben inklusive vier Ehen.<br />

Sebastian Conran, der aus erster Ehe zwei erwachsene<br />

Söhne hat, trägt blaue Hosenträger über schwarzem<br />

Hemd, seine Brille dicke Ränder. Gertrude Conran<br />

bringt ihm einen Kaffee und grüßt »Hallo, guten Tag«,<br />

in den Bildschirm – einer der wenigen deutschen<br />

Ausdrücke, die ihr Mann versteht.<br />

126/126


DIE BEGEISTERTEN BEGEISTERNDEN<br />

Gut ist nicht gut genug<br />

Einmal Punk, immer Punk


Seit mehr als 40 Jahren<br />

designen Sie Haushaltsprodukte<br />

und Möbel, vor<br />

sechs Jahren gründeten Sie<br />

zudem ein Robotik-Unternehmen.<br />

Sie sind Designer in Residence an der<br />

University of Sheffield, Vorsitzender des Architekturstudios<br />

Conran & Partners und der Conran<br />

Foundation, Treuhänder des Design Museums.<br />

Mit welchem dieser Projekte verbringen Sie Ihre<br />

Zeit am liebsten?<br />

Ha, das ist, als würden Sie mich fragen, welcher meiner<br />

Freunde mir der liebste ist! Aber gut: Am leidenschaftlichsten<br />

bin ich, wenn ich designe. Gerade habe<br />

ich für ein Charity-Projekt mit Afghaninnen Teppiche<br />

kreiert – sie sind die größte legale Einnahmequelle<br />

des Landes. Jetzt sind die Frauen alle außer Landes<br />

geflüchtet. Zu meinem 65. Geburtstag habe ich mir<br />

mehr Zeit für solche Projekte geschenkt. Wissen Sie,<br />

noch vor zehn Jahren hatte ich große Kunden wie<br />

John Lewis, Williams Sonoma oder Marks & Spencer.<br />

Diese Einzelhändler beauftragen heute gar keine Designer<br />

mehr, ihre Umsätze sind durch Amazon drastisch<br />

eingebrochen. Und ich bin als britischer Unternehmer<br />

seit dem Brexit 2016 in Europa fast toxisch. Mein<br />

größter Stressfaktor ist die finanzielle Verantwortung<br />

für Angestellte geworden. Ich stelle niemanden mehr<br />

an – und mache die vergnüglichen Dinge selbst.<br />

Zum Beispiel?<br />

Das Designen des MiRo-E. Das ist ein Begleiter-Roboter,<br />

der zur Therapie und Überwachung älterer<br />

Menschen eingesetzt wird. Außerdem lernen Schüler<br />

an ihm, Künstliche Intelligenz zu programmieren.<br />

Ich arbeite gerade an der zweiten Generation. Das ist<br />

schon ein bahnbrechendes Produkt – der MiRo-E ist<br />

der erste Forschungs-Roboter an Schulen.<br />

Ist das Ihr Anspruch – Bahnbrechendes zu schaffen?<br />

Mein Anspruch ist, außergewöhnliches Design zu<br />

kreieren. Gut ist nicht gut genug. Design muss eigenständig<br />

und neu sein, inspirierend und aufregend.<br />

Richtungsweisend. Vor allem muss es zugänglich für<br />

viele sein. Das ist das größte Problem. Wenn ich zum<br />

Beispiel den MiRo-E für 1000 Pfund auf den Markt<br />

bringen will, darf die Produktion nicht mehr als 200<br />

Pfund kosten. Der Rest sind Händlermargen, Marketing,<br />

Steuern. Ich bin kein Freund von elitärem Design,<br />

das sich nur wenige leisten können. Denken Sie an<br />

Picasso: Mit wenigen Mitteln – Leinwand, Farben,<br />

Pinsel – hat er Überragendes geschaffen. Etwas, womit<br />

sich Menschen emotional verbinden. Erst der Kunstmarkt<br />

hat es mit seinen Fantasiepreisen zu etwas Elitärem<br />

gemacht – seine Werke sind es erst einmal nicht.<br />

Welches Ihrer Designs erfüllt diese Standards?<br />

Das ist eine schwierige Frage, ich habe über 1.000 Produkte<br />

designt. Einige davon sind herausragend. Zum<br />

Beispiel ein Lerntrinkbecher für Kleinkinder, den ich<br />

1997 für Mandy Habermann entworfen habe. 300 Millionen<br />

wurden von dem Anywayup Cup verkauft. Mir<br />

wird noch immer warm ums Herz, wenn ich zufällig<br />

ein Kind mit diesem Becher sehe. Weil er beim Trinken<br />

nicht leckt, erfüllte er ein wichtiges Kriterium – er<br />

deckte einen bekannten, aber unerfüllten Bedarf.<br />

Daneben gibt es auch die Erfüllung eines unbekannten<br />

Bedarfs, wie es zum Beispiel Steve Jobs mit dem<br />

iPhone geschafft hat. Kein Mensch wusste vor 2007,<br />

dass er ein Handy mit Kamera in Form eines Taschencomputers<br />

braucht.<br />

Muss man als Produktdesigner zuallererst Psychologe<br />

oder besonders emphatisch sein, um die Bedürfnisse<br />

von Menschen zu verstehen?<br />

Nein. Man kann total unemphatisch sein und trotzdem<br />

große psychologische Einsicht haben, durch Forschung<br />

zum Beispiel. Ich kann leider nicht behaupten,<br />

Menschen wirklich gut zu verstehen oder besonders<br />

empathisch zu sein. Viele brillante Menschen leben<br />

mit Asperger-Syndrom, und interessanterweise sind<br />

viele Legastheniker: Albert Einstein, Henry Ford,<br />

Bill Gates, Steve Jobs oder Richard Branson. Weil<br />

sie Dinge anders sehen. Heute versteht man das zum<br />

Glück besser. Als ich mit meiner Legasthenie in den<br />

60er Jahren zur Schule ging, dachten alle noch, ich<br />

wäre einfach dumm.<br />

Was haben Sie über Menschen gelernt, das Sie vor<br />

zwanzig Jahren noch nicht wussten?<br />

Ich versuche, bei Meetings das Wort »Ich« zu vermeiden.<br />

Wenn ich sage »Vielleicht ist das eine gute Idee«<br />

statt »Ich finde, das ist eine gute Idee«, dann fällt es den<br />

Teammitgliedern leichter, ihre eigenen Überlegungen<br />

einzubringen. Weil sie nicht in Opposition gehen<br />

müssen. Auch in E-Mails vermeide ich das »Ich«. Wenn<br />

ich mir heute Briefe meines Vaters anschaue, sehe ich<br />

nur »Ich, ich, ich«. Er war ein großer Narzisst. Das<br />

war zwar einer der Gründe, warum er so gut war, entschlossen<br />

und nach außen selbstbewusst. Aber ich war<br />

immer überzeugt, dass er vor allem seine Unsicherheiten<br />

verdecken wollte. Ich habe gelernt, dass arrogante<br />

Menschen oft ein geringes Selbstwertgefühl haben.<br />

128/129


DIE BEGEISTERTEN BEGEISTERNDEN<br />

Ist es das, was Ihnen Ihr Vater beigebracht hat –<br />

hinter eine selbstsichere Fassade zu schauen?<br />

(Lacht.) Nein, das war nur eine kleine Beobachtung.<br />

Ich habe von meinem Vater die Wichtigkeit harter Arbeit<br />

gelernt, die Wichtigkeit, nicht die allererste Idee<br />

zu verfolgen. Die Wichtigkeit, das Leben zu genießen<br />

und Menschen mit Produkten vergnügliche, befriedigende<br />

Erfahrungen zu geben. Er hat mir beigebracht,<br />

im Entwicklungsprozess um jedes kleine Detail zu<br />

kämpfen – sonst wird ein Produkt seelenlos. Techniker<br />

schauen oft nur auf die Kosten und die evidenzbasierten<br />

Faktoren. Sie verstehen nicht, dass Produkte<br />

mit Menschen interagieren: indem sie sich anfühlen,<br />

aussehen, funktionieren. All die tausend Überlegungen,<br />

die in ein Design fließen. Steve Jobs sagte einmal,<br />

etwas zu designen ist, wie ein 5.000-teiliges Puzzle<br />

im Kopf zusammenzusetzen. Das Design ist das Erbe<br />

dieser Gedanken, und das Erbe des Designs ist ein<br />

Gedanke im Konsumenten.<br />

Als Sie nach der Schule beschlossen, Produktdesigner<br />

zu werden – da war Ihnen schon klar, dass Sie<br />

fortan immer mit Ihrem Vater verglichen werden<br />

würden, oder?<br />

Nun, zunächst einmal war mein Vater nicht wirklich<br />

Designer. Ja, er fing als Designer an, aber bald designte<br />

er nicht mehr selbst, er benutzte Design: Er engagierte<br />

Designer und briefte sie, und er verkaufte Design. Ich<br />

aber wollte Erfinder sein, schon seit meiner Kindheit.<br />

Ich wollte meine Ideen verwirklichen.<br />

Es war also problemlos, sich als Conran in der<br />

Designwelt zu behaupten?<br />

Ganz und gar nicht. Schon als 19-Jähriger, als ich in<br />

London an der Central School of Art and Design<br />

einem Auswahlpanel meine Arbeiten für den Studiengang<br />

Industriedesign zeigte, hieß es: »Sie glauben jetzt<br />

aber nicht, dass Sie hier einen Platz bekommen, nur<br />

weil sie Terence Conrans Sohn sind!« Meine Arbeiten<br />

fanden sie dann »etwas derivativ«, und ich fragte, was<br />

sie damit meinten. »Fragen Sie Ihren Vater«, hörte ich.<br />

Na ja, er hatte halt als Gründer von Habitat den Ruf,<br />

das Design anderer Leute zu kopieren. Das Gespräch<br />

lief nicht gut. Doch dann erzählte ich von meiner Begeisterung<br />

für George Orwell. Ein linker Autor! Das<br />

hat sie beeindruckt. Bis dahin dachten sie, ich wäre nur<br />

ein verwöhnter Junge aus der Oberschicht.<br />

Waren Sie das nicht?<br />

Nein. Als ich aufwuchs, startete mein Vater erst durch.<br />

Dann trennten sich meine Eltern, da war ich sechs<br />

Jahre alt. Ich wurde von meiner Mutter großgezogen,<br />

und ja, ich hatte einen guten Vater. Aber ich habe nie<br />

gewusst, wie es ist, Sohn eines Millionärs zu sein, anders<br />

als meine Halbgeschwister. Aber egal.<br />

Der Name Conran ist eine internationale Marke,<br />

die für Produkte, Restaurants, Geschäfte oder auch<br />

für das Design Museum steht. Fühlen Sie sich als<br />

Teil dieser Marke – oder eher als ihr Entwickler?<br />

Ich fühlte mich schon immer als ihr Entwickler. Ich<br />

habe 15 Jahre lang mit meinem Vater gearbeitet und<br />

Designs geschaffen, für die er Anerkennung erhielt.<br />

Kurz vor seinem Tod veröffentlichte er das Buch My<br />

Life in Design und ich war überrascht, wie viele der<br />

Designs darin von mir stammten. Produkte, die er das<br />

erste Mal wahrnahm, als sie im Verkauf waren. Ich<br />

sollte es wohl als Kompliment nehmen.<br />

Er hat Sie nicht erwähnt?<br />

Doch, das hat er. Er schrieb: »Mein Sohn Sebastian<br />

führte das Design-Team.« Ja, Dad, das stimmt. Aber es<br />

war mein Design-Team, es hatte nichts mit dir zu tun!<br />

Ich habe sehr schöne Erinnerungen an meinen Vater.<br />

Aber es konnte frustrierend sein, mit ihm zu arbeiten.<br />

Doch das Leben ist zu kurz, um sich mit so was aufzuhalten.<br />

Das klingt sehr abgeklärt. Während Ihrer Collegezeit<br />

arbeiteten Sie für die Punkband The Clash, erst<br />

als Roadie, später designten Sie die Kleidung der<br />

Band, Kulissen und Albumcover. Sie gaben den Sex<br />

Pistols ihr erstes Booking. Ich frage mich gerade,<br />

wie viel Punk noch in Ihnen steckt.<br />

Zu Beginn war Punk eine positive Kunstbewegung, die<br />

einen großen Einfluss auf die britische Gesellschaft<br />

hatte. Sehr kreativ – und ich war mittendrin! Aber als<br />

es politisch wurde und gewalttätig, habe ich das Interesse<br />

verloren. Meine Nachbarn sagen, mein Garten sei<br />

Punk – sie sind nicht besonders glücklich darüber –,<br />

und meine Freunde, dass meine Kleidung und mein<br />

Humor Punk seien. Mit anderen Worten: unpassend,<br />

anti-establishment. Mehr als alles andere ist Punk<br />

ein bestimmtes Mindset: nicht den üblichen Weg zu<br />

gehen, Dinge anders zu machen als<br />

andere. Das gefällt nicht jedem. Aber<br />

nennen Sie mir eine Kunstrichtung,<br />

die ohne Provokation auskommt.<br />

So ist es wohl: Einmal ein Punk,<br />

immer ein Punk. Auch wenn<br />

ich jetzt lieber Bachs Goldberg-<br />

Variationen höre.


NAHRHAFTE GLÜCKSKEKSE<br />

Es gab einmal Menschen, deren staunenswerte<br />

Aura sie zum Ziel von Verehrung werden ließ.<br />

In der Antike waren es die »Weisen«, später<br />

die »Heiligen«, dann kurz »Genies«, seit Kurzem<br />

»Stars« und seit ganz Kurzem »Celebrities«.<br />

Diese Reihe stützt eindrücklich Max Webers<br />

Beobachtung, dass das charismatische Potenzial<br />

der Menschheit rapide abnimmt.<br />

<br />

Werner Büttner in<br />

-<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

seine Last Lecture Show<br />

BEST BOOK × 4<br />

MENSCHEN<br />

AUF<br />

130/131<br />

Ein mit knapp einhundert<br />

Seiten schmaler, aber gewichtiger<br />

Beweis: Gute Bücher werden<br />

nicht alt (okay, Sie und wir brauchen<br />

solche »Beweise« eh nicht).<br />

Bereits 1992 bei Hanser erschienen,<br />

ist Ein anderes Meer eigenwillig,<br />

widerhakelnd, einfach<br />

macht’s den Lesern nicht – aber<br />

sie sind es ja gerade, diese Sätze,<br />

die nicht nur im Kopf hängen<br />

bleiben.<br />

»Magris erzählt die Geschichte<br />

eines Menschen, der davongelaufen<br />

ist, um sich und das<br />

Leben zu verlieren«, schrieb die<br />

FAZ. Wir fügen hinzu: Um sich<br />

im Leben zu verlieren – ein Buch<br />

zu einem guten Rotwein.<br />

<br />

Ein anderes Meer<br />

<br />

<br />

<br />

Maxim Biller begibt sich auf<br />

die Spur des jüdischen Schriftstellers<br />

Bruno Schulz, der 1942<br />

von der Gestapo in Drohobycz<br />

erschossen wurde. Virtuos<br />

erforscht er dessen düstere Gedankenwelt<br />

und fantasiert einen<br />

verschollenen Brief an Thomas<br />

Mann, geschrieben in der Hoffnung,<br />

einen Verlag im Ausland<br />

zu finden.<br />

Doch das Unheil kommt näher,<br />

und im Kopf von Bruno Schulz<br />

formen sich Vorahnungen vom<br />

Holocaust – aufwühlend und<br />

hoch poetisch.<br />

<br />

Im Kopf von Bruno Schulz


Und so wurde der absolute Tiefpunkt das<br />

Fundament, auf dem ich mein Leben neu<br />

aufbaute. Vielleicht werden Sie nie so sehr<br />

scheitern wie ich, aber ein wenig zu scheitern<br />

ist im Leben unvermeidlich. Es ist unmöglich,<br />

zu leben und nicht zu versagen. Es sei denn,<br />

man lebt so vorsichtig, dass man erst gar nicht<br />

zu leben brauchte – in dem Fall scheitert man<br />

grob fahrlässig.<br />

<br />

J. K. Rowling -<br />

-<br />

<br />

<br />

<br />

-<br />

<br />

<br />

<br />

IHREN<br />

WEGEN<br />

Sie erinnern sich, dass Sie mit<br />

glühenden Ohren Irving Stones<br />

Michelangelo gelesen haben?<br />

Dann ist dieses Buch für Sie:<br />

Michelangelos revolutionäres<br />

Wirken in Kunst und Politik –<br />

erzählt entlang der Ausleuchtung<br />

jedes einzelnen Werkes der Entwicklungsgeschichte<br />

des Meisters,<br />

eingebettet in ein plastisches<br />

Zeitpanorama. Ein rauschhaftes<br />

Opus magnum, eine Feier der<br />

Kunstgeschichte.<br />

Das müssen Sie haben!<br />

<br />

Michelangelo<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

Die elfjährige Lena wandert<br />

zusammen mit ihrer Familie aus<br />

St. Petersburg nach Deutschland<br />

aus, wo sie in einem Flüchtlingsheim<br />

unterkommen. In der<br />

fremden Welt als Außenseiterin<br />

gemobbt, ringt sie mit ihren<br />

Gefühlen zwischen Neugier und<br />

Befremden, Demütigung und<br />

Verzweiflung, Stolz und Scham<br />

angesichts des sozialen Abstiegs<br />

ihrer Familie.<br />

Ein sehr persönliches und berührendes<br />

Buch über die eigene<br />

Familiengeschichte.<br />

<br />

Wer wir sind


DIE LETZTE KIPPE (für heute)<br />

Ach, die Zeit<br />

Liebe Leserin, lieber Leser,<br />

das Ende des Jahres dämmert heran … Echt jetzt?, denke ich – schon<br />

wieder ein Jahr im Eimer des Lebens, vergangen wie ein Nix so<br />

schnell? Und stehe ich mit diesen Gedanken in bester Familientradition:<br />

»Wo sind die Jahre nur geblieben?«, ächzt meine Mutter in<br />

unregelmäßigen, aber recht häufigen Abständen … Neulich ist mir endlich<br />

die Antwort für sie und mich eingefallen: Wir haben sie gelebt,<br />

die Jahre. Ist ja nicht so, dass in dieser Zeit, die so völlig untreu<br />

vergeht, nichts geschehen würde – mit uns und durch uns.<br />

Das Leben »rauscht« eben eigentlich nicht an uns vorbei. Was wir<br />

wie wann daraus machen, entscheiden letztlich nicht Zufall und<br />

»Fügung« allein, sondern wir. Selbst wenn uns etwas widerfährt,<br />

das gemeinhin als »Schicksalsschlag« tituliert wird, bleibt uns<br />

die Freiheit, damit umzugehen, wie es uns gemäß ist.<br />

Also, leev Lü, bald ist auch <strong>2021</strong> Geschichte – für die Geschichte<br />

und Geschichten, die diese 365 Tage geschrieben haben werden, für Sie<br />

und mich und allgemein, ist hier leider kein Platz, jedenfalls nicht genug.<br />

Zumal die Absicht, Tagebuch zu schreiben, zwar immer mal auftritt –<br />

aber mein Alltag löscht das Vorhaben alsbald … was vielleicht auch gut ist.<br />

Denn sonst würde ich das, was man sowieso am besten gleich wieder vergisst,<br />

eben nicht hintenüberwerfen. Vergessen, vergessen können, kann<br />

auch Freude machen – und ist gesund.<br />

So, also aufziehendes Jahresende. Kommende Zeit der guten Gaben,<br />

allgemein Geschenke genannt. Damit Sie, bereichert informiert über<br />

all das, was die Welt an Schönem bereithält, mit Freude schenken und überraschen<br />

können – auch dafür gibt es Ihre W!D.<br />

Denn wir möchten Sie anregen mit dem, worüber wir in Text und Bild<br />

berichten. Und hoffen, dass uns das gelingt – mit jeder Ausgabe, zu jeder<br />

Gelegenheit.<br />

Mit herzlichen Grüßen<br />

und besten Wünschen,<br />

Ihr<br />

Christian Peters<br />

<br />

132/133


Man braucht nicht unbedingt 430 Jahre Erfahrung,<br />

um für Qualität ausgezeichnet zu werden. Aber es hilft.<br />

Auch als traditionsreiches Haus muss man immer wieder neue Traditionen begründen:<br />

Best Private Bank in Germany 2011-2018<br />

Global Private Banking Awards (Financial Times Group)<br />

Bester Vermögensverwalter 2010-2019<br />

Report „Die Elite der Vermögensverwalter“ (Handelsblatt)<br />

Wir sind stolz darauf und gönnen uns auch nach 430 Jahren keine Pause.<br />

Aus Überzeugung und für unsere Kunden.<br />

Für einen persönlichen Kontakt wenden Sie sich gern an Cosima Burton.<br />

Telefon (040) 350 60-8182 · www.berenberg.de<br />

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Ihr lest keine Lyrik? Seid ihr wahnsinnig?<br />

maria gazzetti<br />

DAS GEDICHT<br />

kurt tucholsky<br />

Das Ideal<br />

Ja, das möchste:<br />

Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,<br />

vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;<br />

mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,<br />

vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –<br />

aber abends zum Kino hast dus nicht weit.<br />

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:<br />

Neun Zimmer, – nein, doch lieber zehn!<br />

Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,<br />

Radio, Zentralheizung, Vakuum,<br />

eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,<br />

eine süße Frau voller Rasse und Verve –<br />

(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –,<br />

eine Bibliothek und drumherum<br />

Einsamkeit und Hummelgesumm.<br />

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,<br />

acht Autos, Motorrad – alles lenkste<br />

natürlich selber – das wär ja gelacht!<br />

Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.<br />

Ja, und das hab ich ganz vergessen:<br />

Prima Küche – erstes Essen –<br />

alte Weine aus schönem Pokal –<br />

und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.<br />

Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.<br />

Und noch ne Million und noch ne Million.<br />

Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.<br />

Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.<br />

Ja, das möchste!<br />

Aber, wie das so ist hienieden:<br />

manchmal scheints so, als sei es beschieden<br />

nur pöapö, das irdische Glück.<br />

Immer fehlt dir irgendein Stück.<br />

Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;<br />

hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –<br />

hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:<br />

bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.<br />

Etwas ist immer.<br />

Tröste dich<br />

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.<br />

Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.<br />

Daß einer alles hat:<br />

das ist selten.<br />

Kurt Tucholsky-<br />

<br />

Weltbühne, die er gemeinsam mit Sieg-<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

134


cactus Leuchten von Mickaël Koska<br />

alwa Tisch von Sebastian Herkner


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Qualität<br />

Vielfalt<br />

Spontaneität<br />

pulpo ist ein Avantgarde Design-Editor für<br />

Luxusprodukte im Interior-Bereich. Gegründet von<br />

Ursula und Patrick L’hoste, zelebriert das deutsche<br />

Label überraschende Kombinationen in Form<br />

und Material. Unser Ziel ist es, mit aufstrebenden<br />

Designern und sorgfältig ausgewählten Herstellern<br />

zusammenzuarbeiten und die besonderen<br />

Eigenschaften verschiedener Materialien wie<br />

Keramik, Stein und Glas als Inspiration für alle<br />

Produkte zu nutzen. Seit 2013 setzt pulpo vor<br />

allem auf Glas in seinen unterschiedlichen<br />

Formen. Das Ergebnis ist eine außergewöhnliche<br />

Kollektion von Leuchten, Möbeln und Accessoires,<br />

die perfekt nach den Entwürfen der jeweiligen<br />

Designer gefertigt wird.


pulpo ist Bewegung<br />

ist Möglichkeit<br />

ist Leidenschaft<br />

Design ist unsere Leidenschaft. Kunst ist unser<br />

Antrieb. Wir sind fasziniert von dem Handwerk der<br />

Keramikproduktion und der Glasbläserei und lassen<br />

uns von der rauen Ästhetik der daraus entstehenden<br />

Unikate leiten. Die Philosophie von pulpo geht auf<br />

die Idee der „Carte blanche” zurück. Designer und<br />

Künstler entwickeln ihre Entwürfe ohne strenge<br />

Vorgaben und stets mit experimentellem Ansatz.<br />

Eine Vielfalt an Materialien und ein Faible für<br />

Strukturen sind unsere Stärken.


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MODERN TIMES !<br />

JA, WO KAUFEN SIE DENN?<br />

UNSER AUTOR<br />

FRANK-OLIVER GRÜN<br />

SCHREIBT ÜBER<br />

DAS LEBEN MIT DER<br />

TECHNIK.<br />

DIESMAL: MÖBEL<br />

AUS DEM INTERNET.<br />

Möbel online im Internet bestellen? Ohne probesitzen, anfassen<br />

und vergleichen? Für viele undenkbar. Sie werfen sich lieber<br />

in die Kissen wie Loriot in seinem legendären TV-Sketch zum<br />

Bettenkauf. Und lauschen dabei den Worten eines Fachverkäufers:<br />

„Die Federmuffen sind einzeln aufgehängt und kreuzweise<br />

verspannt“, schrieb Vicco von Bülow seinem Herrn Hallmackenreuther<br />

1977 ins Drehbuch. „Achwas“, möchte man darauf erwidern<br />

– ganz im Duktus des beliebten deutschen Humoristen.<br />

Hat doch gerade die Matratzenbranche in den vergangenen<br />

Jahren gezeigt, dass es auch anders geht.<br />

Internetanbieter wie Bett1 und Emma jagten den traditionellen<br />

Händlern Kunden ab und setzten sie massiv unter Preisdruck.<br />

Statt in voller Montur auf einem Ausstellungsstück herumzurutschen,<br />

können Online-Käufer ihre Matratzen zu Hause ausprobieren<br />

– wenn’s sein muss wochenlang – und bei Nichtgefallen<br />

einfach zurückgeben. Kostenlose Abholung inklusive.<br />

Gut 18 Prozent ihres Umsatzes wickelt die Möbelbranche hierzulande<br />

übers Internet ab. In den nächsten vier Jahren soll der<br />

Anteil auf mindestens 25 Prozent steigen, schätzt der Verband<br />

der Deutschen Möbelindustrie. Dazu braucht es keine Pandemie.<br />

Auch ohne Lockdown merken die Leute, dass Möbel sich<br />

ebenso gut online bestellen lassen wie Waschmaschinen und<br />

Designer-Handtaschen.<br />

Worin das besondere Einkaufserlebnis bestehen soll, die Einrichtung<br />

im Laden auszusuchen, hat sich mir noch nie erschlossen.<br />

Zur Inspiration taugen Magazine und einschlägige Webseiten<br />

besser. Keine Großfläche im Möbelhaus bietet so viel Auswahl.<br />

Im Gegenteil: Sie behindert eher den Blick aufs Wesentliche – mit<br />

Polstersitzgruppen, die manchmal wie Designunfälle wirken und<br />

dort nur auf die nächste Rabattaktion mit 50, 60 oder 70 Prozent<br />

zu warten scheinen. Allein: Wenn es um Maßanfertigungen geht,<br />

führt kein Weg am Fachhandel vorbei. Das dachte ich zumindest,<br />

bis mir auf Instagram ein Werbebanner von Tylko begegnete.<br />

Das Warschauer Start-up-Unternehmen hat sich auf Regale und<br />

Kleiderschränke spezialisiert. Der Online-Konfigurator ist ein<br />

Traum. Aus drei Produktlinien, diversen Farben und Materialien<br />

stellt man am Bildschirm sein Wunschmöbel auf den Zentimeter<br />

genau zusammen. Ein Algorithmus sorgt dafür, dass Fächer,<br />

Fronten und Schubladen von selbst ein Raster bilden, das den<br />

verfügbaren Platz intelligent ausfüllt. Parametrisches Design<br />

nennt der Hersteller dieses Prinzip. Kommt es zur Bestellung,<br />

überträgt der Konfigurator die Daten an einen computergesteuerten<br />

Maschinenpark in Polen, wo automatisiert die Einzelteile<br />

entstehen. Alle Elemente lassen sich später über Steckverbinder<br />

zusammenfügen.<br />

Als Kind der Generation Ikea bin ich an Aufbaumöbel gewöhnt.<br />

Wir haben schon Billy-Regale zusammengezimmert, als Telefone<br />

noch Wählscheiben hatten. Deshalb<br />

entschied ich mich gegen den<br />

kostenpflichtigen Montageservice<br />

von Tylko. Er hätte die Bestellung um<br />

250 Euro verteuert. So schlug das<br />

274 Zentimeter breite Sideboard mit<br />

850 Euro zu Buche. Eine Bestå-Kombination<br />

von Ikea hätte ein Viertel gekostet,<br />

wäre allerdings um 34 cm zu<br />

kurz geraten, weil das Größenraster<br />

der Schweden keine passende Kombination<br />

zulässt. Die Konfiguration in<br />

Zentimeterschritten macht ja gerade<br />

den Reiz des Tylko-Systems aus.<br />

Muster mit verschiedenen Oberflächen<br />

hätte es für zehn Euro gegeben.<br />

Aber die polnische Möbelindustrie ist der drittgrößte Exporteur<br />

in Europa und der sechstgrößte weltweit. Außerdem gewährt<br />

Tylko 100 Tage Rückgaberecht. Was kann da schon schiefgehen?<br />

Dasselbe wie bei jeder anderen Online-Bestellung. In meinem<br />

Fall: Die Sendung bleibt im Lager liegen, dann wird nur ein Teil<br />

der acht Pakete zugestellt, der Lieferdienst trägt die schweren<br />

Kartons nicht bis in den zweiten Stock. Und eigentlich möchte<br />

man auf seiner Mithilfe auch gar nicht bestehen, weil chronisch<br />

unterbezahlte Paketboten sowieso schon die Zeche für den<br />

wachsenden E-Commerce-Erfolg bezahlen.<br />

Abgesehen vom schlechten Gewissen bin ich mit meiner Maßanfertigung<br />

aber sehr zufrieden. Die weiß beschichtete Spanplatte<br />

und die Schubkästen aus Sperrholz mit Softeinzug machen<br />

einen soliden Eindruck. Für höhere Qualität müsste ich bei<br />

einer Möbelmanufaktur deutlich mehr Geld hinlegen, bekäme<br />

aber auch mehr Aufmerksamkeit und individuellen Service.<br />

Oder wie es Loriot in seinem TV-Sketch anekdotisch ausdrückt:<br />

„Wenn meine Gattin aufwacht, nimmt sie gerne eine Tasse Tee<br />

mit etwas Gebäck.“<br />

☐<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

143


REPORTAGE ! MAILAND<br />

Willkommen im Haus der Besitzerin von Nilufar, der Adresse<br />

für Vintage-Objekte. Neben einer Arbeit von Piero Pizzi Canella<br />

platzierte die Galeristin ein Tischchen von Frank Lloyd Wright<br />

und Warren McArthur. Darauf eine Tischleuchte von Gae Aulenti<br />

aus dem Jahr 1967. Die Sixties-Sofas stammen aus einem Berliner<br />

Regierungsgebäude. Dazu ein moderner Teppich und Stehlampen<br />

von Alvar Aalto. Im Vordergrund ein Sessel von Jacques Adnet.<br />

144 W!D 6 I <strong>2021</strong>


REPORTAGE ! XXXXXX<br />

SPACEGIRL<br />

Nina Yashar ist immer auf der Jagd. Das Zuhause der Design-Galeristin mit<br />

Weltrenommee ist ein faszinierender Kosmos, der viel vom Wesen seiner<br />

Schöpferin preisgibt. Dort funkeln große Stars der Kunst- und Interiorszene.<br />

FOTOS: REI MOON @MOONRAYSTUDIO TEXT: ANNA GYE/ SD<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

145


REPORTAGE ! MAILAND<br />

Der Raum, in dem sie lebt – also ihre Wohnung – gleicht tatsächlich<br />

dem Weltraum. Das Erste, was einem auffällt, wenn<br />

man das Haus betritt, ist ein Bild von Grazia Toderi – eine Luftaufnahme<br />

von London bei Nacht, beleuchtet von Gebäuden<br />

und Wahrzeichen, die einer Sternenkonstellation ähneln. Andere<br />

Sterne sind in verschiedenen Ecken des Hauses zu sehen.<br />

Der Schmuckdesigner Giancarlo Montebello, der für die Renovierung<br />

verantwortlich zeichnet, hat die Decken und Wände wie<br />

ein antikes Freskogemälde mit Aquarellfarben dekoriert und die<br />

Sterne mit Gold eingraviert. Goldene Bänder wurden verwendet,<br />

um mit persischen Mustern an den Decken, der Bogenwand<br />

und dem Fußboden ein wenig von Nina Yashars Heimatstadt Teheran<br />

zu erzählen. Vor allem die weiße und blaue Decke, für die<br />

fünf bis sieben Farbschichten aufgetragen wurden, erinnert auf<br />

wunderbare Weise an den Himmel unseres Universums.<br />

Nina Yashar ist eine Pionierin in der Designwelt. Seit der Gründung<br />

ihrer Galerie Nilufar im Jahr 1979 möchte sie die Bedeutung<br />

von Designprodukten durch Ausstellungen und besondere<br />

Projekte vermitteln. Sie ist davon überzeugt, dass Designobjekte<br />

genauso wie Kunst sammelwürdig und schön sind und für<br />

die Gesellschaft eine Bedeutung haben. Ihre jüngsten Auftritte<br />

in Basel und auf anderen Kunstmessen spiegeln dieses Konzept<br />

unter dem Namen „Collectible Design“ wider. Und Yashars<br />

Ansatz umfasst auch neue Produkte, die von angesagten<br />

Designern und Künstlern entworfen werden – meist One-Off-<br />

Pieces oder Kleinserien. In ihrem 1500 Quadratmeter großen<br />

Nilufar-Depot finden regelmäßig Ausstellungen statt, in denen<br />

junge und aufstrebende Künstler vorgestellt werden. Der Architekt<br />

und Möbeldesigner Massimiliano Locatelli renovierte ihr<br />

dieses Magazin, in dem sich mehr als 3.000 Stücke befinden, die<br />

Yashar im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen hat. Keines<br />

davon ist an Begriffe wie Zeit, Herkunft oder Look gebunden.<br />

Ihr unvorstellbarer Einrichtungsstil, der all diese Attribute vermischt,<br />

ist zunächst sehr bizarr und gleichzeitig doch fesselnd.<br />

Die Prinzipien hinter diesem vielschichtigen Konglomerat sind<br />

Instinkt und Intuition.<br />

In ihrem typischen Turban-Look mit einem orange-schwarzen<br />

Avantgarde-Top und 10 cm hohen Absätzen führte mich Yashar<br />

durch ihren „Cosmo“ und erklärt mir die Bedeutung der verschiedenen<br />

Objekte in ihrem Haus. Ihr Zuhause ist der Ort, an<br />

dem sie sich wohlfühlt und sich gleichzeitig grenzenlos entfalten<br />

kann. Sie lädt oft und gerne enge Freunde wie Miuccia Prada,<br />

Giancarlo Montebello, Giò Marconi, Massimiliano Locatelli,<br />

Martino Gamper und Bethan Laura Wood zu sich ein. Sie speist<br />

mit ihnen auf ihrer Terrasse und genießt Aperitifs und Abendessen,<br />

besonders in den Frühlings- und Sommermonaten. ⇨<br />

Über dem Promemoria-Sofa platzierte Yashar eine Londoner<br />

Nachtansicht von Grazia Toderi. Die beiden Blumen sind Teil<br />

einer Sound-Installation von Nathalie Djurberg aus 2010. Die<br />

große Leuchte entwarf Tobia Scarpa, die neben der grünen<br />

Bank aus den Fifties Hans Agne Jakobsson. Der kleine Tisch<br />

ist ein Gio-Ponti-Design. Den Teppich kreierte Vibeke Klint<br />

1988. Korrespondierend die Leinwand von Alexander May links.<br />

146 W!D 6 I <strong>2021</strong>


REPORTAGE ! XXXXXX<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

147


REPORTAGE ! MAILAND<br />

„Stuckmarmor ist eine sehr alte Technik,<br />

die viel Zeit braucht. Schichten über<br />

Schichten werden dabei aufgetragen.<br />

Diese Dekoration für das Apartment<br />

entstand vor 30 Jahren. Sie ist perfekt,<br />

als sei sie schon immer da gewesen“,<br />

findet Nina Yashar rechts im Bogen zu<br />

ihrem Essbereich rechte Seite.<br />

Dort kombinierte die Galeristin „Lutrario-Stühle“<br />

von Carlo Molino – sie<br />

entstanden in den Fifties und gehören<br />

zu den bedeutendsten Designobjekten<br />

Italiens – zu einem Esstisch von Bruno<br />

Mathsson. Ähnlich schwer zu finden ist<br />

die Ponti-Konsole, die einst das Hotel<br />

Parco dei Principi in Sorrent zierte.<br />

Eine Arbeit von Kerstin Brätsch lässt die<br />

chinesischen Votivfiguren aus dem 18.<br />

Jahrhundert fast blass aussehen. Links<br />

unten: Eine weitere Wandkonsole dient<br />

als Basis für eine Vitrine mit Arbeiten<br />

von Carsten Holler. Dazu eine Leuchte<br />

aus den Fifties. Adresse Seite 176.<br />

148 W!D 6 I <strong>2021</strong>


REPORTAGE ! XXXXXX<br />

Die Konsole von Gio Ponti für das Hotel Parco dei Principi<br />

in Sorrent ist eines ihrer Lieblingsstücke. Aber auch<br />

eines der seltensten italienischen Sammlermöbel des<br />

20. Jahrhunderts gehört zu ihrem wertvollen Besitz:<br />

ein großer Tisch von Bruno Mathsson, umgeben von 12<br />

prächtigen Stühlen von Carlo Mollino für den Tanzsaal<br />

Lutrario in Turin aus den 1950er-Jahren. Die Stühle sind<br />

noch immer mit den originalen roten Vinylpolstern bezogen.<br />

Obwohl sie zugibt, dass der Tisch und die Stühle<br />

für ein Apartment dieser Größe zu opulent sind, war sie<br />

bereit, den Raum dafür zu opfern. Ein weiteres wunderschönes<br />

Stück ist der Kleiderschrank, der mit dem Stoff<br />

„Antiche Rovine“ von Prada bezogen wurde und ein Geschenk<br />

von Miuccia Prada ist.<br />

Ihre Motivation ist weder Geld noch Ruhm. Freude<br />

und Verständnis sind Antrieb genug. Unabhängig<br />

davon, ob sie verkauft werden oder nicht, sammelt<br />

Yashar wild durcheinander und liebt es, neue Trends<br />

einzuführen. Mein Lebensmotto lautet: „Folge deinen<br />

Instinkten. Instinkte minimieren das Scheitern.<br />

Das Leben, das Sammeln und die Galerie sind alle ⇨<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

149


REPORTAGE ! MAILAND<br />

150 W!D 6 I <strong>2021</strong>


Sammler-Ikone links: Poul Henningsens „Artischocke“ für Louis Poulsen, entworfen 1958. Der Tisch ist eine moderne Edition von Giancarlo<br />

Montebello für Nilufar. Dazu „Re-Thonet“-Stühle von Andrea Salvetti, eine Interpretation des berühmten Stuhls „Nr. 14“.<br />

Küche: Alpes Inox. Auf der Terrasse rechte Seite laden Montebello-Stühle und -Tische für Nilufar zum Apéro. Bezugsquellen Seite 176.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

151


REPORTAGE ! MAILAND<br />

152 W!D 6 I <strong>2021</strong>


Teil meines Instinkts. Das Leben läuft nie so, wie man es plant.<br />

Natürlich glaube ich, dass wir versuchen sollten, die Ziele zu erreichen,<br />

die wir uns stecken. Die anspruchsvollsten sind diejenigen,<br />

die eine größere Wirkung hinterlassen. Man kann die Antwort<br />

nicht im Inneren finden. Man muss die Welt erleben und<br />

eine neue Wahrheit finden. Ich stürze mich auf die Orte, an die<br />

mich mein Instinkt führt. Ich reise viel. Die Objekte, die ich auf<br />

meinen Reisen entdecke, sind die, die ich in meine Welt mitnehme<br />

und die mich begleiten. Sie sind die leuchtenden Sterne.“ ☐<br />

Nach dem offziellen Treffen haben wir uns einfach weiter unterhalten.<br />

Hier sind einige anregende Passagen aus diesem Gespräch<br />

mit Nina Yashar für unsere Leserinnen und Leser.<br />

W!D: Uns interessiert vor allem zunächst eines: Wo finden Sie<br />

all diese wunderschönen Objekte und exquisiten Kunstwerke?<br />

YASHAR (lacht): In der Vergangenheit bin ich dafür sehr viel gereist.<br />

Mit dem Internet hat sich das alles verändert. Um ehrlich<br />

zu sein, ich erhalte täglich viele Vorschläge via iPhone. Und normalerweise<br />

kaufe ich immer bei denselben Personen. Weil ich<br />

ihnen trauen muss. Es kursieren so viele Fälschungen. Das ist<br />

nicht ganz einfach, die richtigen Dinge auszuwählen.<br />

W!D: Eine größere Herausforderung scheint es uns allerdings zu<br />

sein, aus diesem beeindruckenden Fundus, der über Jahrzehnte<br />

gewachsen ist, passende Objekte für zu Hause auszuwählen.<br />

YASHAR: Keine Ahnung. Mein Apartment ist über die Zeit immer<br />

voller geworden. Jetzt fällt es mir schwer, Dinge von neuen Designern<br />

dazu zu kombinieren ... Nein, ich scherze. Ich kenne mich<br />

noch nicht einmal selbst! Wie soll ich damit klarkommen? Mich<br />

faszinieren Kontraste. Gegensätzliche Geschichten und Projekte.<br />

So gibt es in meiner Wohnung Plastiken von Pietro Consagra, ein<br />

seinerzeit sehr berühmter Künstler und gleichzeitig liebe ich die<br />

Kunststoff-Arbeiten von Audrey Large, die ich seinen Werken ⇨<br />

Der Stoff für die Bespannung der Schränke linke Seite stammt<br />

aus einem Prada-Setting in Paris. Der Sessel ist schwedische<br />

Forties und Otto Schultz. Oben: Unter einer Leuchte von Philip<br />

Enfeld gruppieren sich ein Ponti-Stuhl und ein Bett von Osvaldo<br />

Borsani von 1957, darüber Kunst von Yukinori Maeda aus Japan.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

153


REPORTAGE ! MAILAND<br />

gegenüberstelle. Mich interessiert die Zukunft und natürlich beschäftige<br />

ich mich mit zeitgenössische Kunst.<br />

W!D: Mailand im Sommer, und das in einer Dachwohnung über<br />

zwei Etagen? Ist es in Ihren Räumen nicht unglaublich heiß?<br />

YASHAR: Wir haben Klimaanlagen und sechs verschiedene Terrassen.<br />

Das hat mich an dieser Wohnung besonders fasziniert.<br />

Sie ist sehr „bohème“. Auf der unteren Etage gibt es vier große<br />

Dachbalkone und im oberen Stock weitere zwei. Ich liebe das.<br />

W!D: Wir lieben die Tür zwischen Wohnbereich und der oberen<br />

Etage (Seite 6). Wer hatte die Idee dazu? Sie erinnert an Forties.<br />

YASHAR: Tatsächlich gab es an dieser Stelle zwanzig Jahre lang<br />

nur einen Bogen. Aber eines Tages sagte ich meinem Freund:<br />

„Du solltest dir jetzt tatsächlich etwas einfallen lassen.“ Jedes<br />

Mal, wenn unten geraucht wurde, zog der Qualm nach oben,<br />

wo mein Schlafzimmer liegt. Das nervte. Er ließ sich von den eisernen<br />

Gittertüren zu den Terrassen inspirieren. In Mailand sind<br />

sie unentbehrlich. Viele Menschen haben Angst vor Einbrüchen.<br />

W!D: Unterscheidet sich Ihre eigene Sammlung, also die Werke,<br />

mit denen Sie zu Hause leben, vom Angebot in der Galerie?<br />

YASHAR: Nein. Sie ist eine Fortsetzung. Es gibt keinen Unterschied<br />

zwischen den Stücken, die ich für mich und mein Haus sammle,<br />

und denen, die ich verwalte und in der Galerie ausstelle. Ich liebe<br />

jedes Stück, das ich besitze, ich habe sie einzeln ausgewählt und<br />

tausche auch gerne mal einige aus – von der Galerie ins Haus und<br />

umgekehrt. Die Designprodukte glänzen für sich allein, und die<br />

Kunstwerke werden zum Licht und zur Dunkelheit, um die Einrichtungsgegenstände<br />

gebührend in Szene zu setzen.<br />

W!D: Haben Sie wirklich gleich mit Objekten der Midcentury<br />

Moderne angefangen oder fanden Sie je andere Epochen gut?<br />

YASHAR: Tatsächlich mit Stücken aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.<br />

Aber wenn ich unterwegs bin, finde ich auch regelmäßig<br />

Dinge aus anderen Zeiten. Mich zieht Schönheit magisch an. Als<br />

Deckenleuchte von Angelo Lelii, Regal von Ponti, der auch die<br />

Kofferablage zur Rechten entwarf. Darüber eine Arbeit von Florian<br />

Schmidt. Der Teppich entstand im 18. Jahrhundert in China,<br />

den Bettüberwurf brachte Yashar aus Mexiko mit. Die Fotoarbeit<br />

stammt von Nobuyoshi Araki. Das Bett entstand nach Maß. Die<br />

Galeristin stellte dazu einen Tisch von Gamper und Ponti.<br />

154 W!D 6 I <strong>2021</strong>


ich in Japan war, habe ich traditionelles Kunsthandwerk gekauft,<br />

genauso wie in China, dort Möbel. Es gibt keine Grenzen.<br />

W!D: Woher haben Sie Ihr gutes Auge für Qualität und besondere<br />

Stücke? Kam das von den Eltern oder Ihrer Ausbildung?<br />

YASHAR: Es war einfach da. Meine Eltern hatten nie guten Geschmack.<br />

Jedenfalls nicht beim Thema Einrichtung.<br />

W!D: Worauf legen Sie in ihrer Galerie besonderen Wert?<br />

YASHAR: Die Authentizität der ausgestellten Möbel. Aus diesem<br />

Grund achte ich immer darauf, mit Experten und renommierten<br />

Institutionen zusammenzuarbeiten, wie bei der Lina Bo Bardi<br />

gewidmeten Ausstellung, die von Anna Carboncini vom Instituto<br />

Bardi und dem Archivio Giancarlo Palanti der Universität São<br />

Paulo in Auftrag gegeben und entwickelt wurde. Das ist etwas,<br />

was jeder Galerist tun sollte. Designexperten, Wissenschaftler<br />

und Sammler sollten sich für mehr Authentizität einsetzen, um<br />

das Bewusstsein und die Standards zu fördern.<br />

W!D: Wie verbringen Sie Ihre Zeit zu Hause am liebsten? Gibt es<br />

so etwas wie eine tägliche Routine?<br />

YASHAR: Als Erstes trinke ich jeden Morgen heißes Wasser und<br />

mache mein fünfzehnminütiges persönliches Workout. Mein<br />

Lieblingsritual: vor dem morgendlichen Bad zwischen Schlafund<br />

Badezimmer hin und her wandern, um mich auf den Tag vorzubereiten.<br />

Davon abgesehen habe ich keine tägliche Routine,<br />

weil ich immer gleiche Abläufe hasse. Normalerweise gehe ich in<br />

die Galerie, ich habe Besprechungen sowohl in der Via Spiga als<br />

auch im Nilufar Depot, aber oft bin ich geschäftlich im Ausland.<br />

W!D: Sie stammen aus Teheran. Was bedeutet Heimat für Sie?<br />

YASHAR: Heimat ist der Ort, an dem ich mich wohlfühle und<br />

mich gleichzeitig grenzenlos ausdrücken kann: keine spezifischen<br />

Stilreferenzen, kosmopolitisch und kaleidoskopisch auf<br />

eine sehr persönliche Weise. Es bedeutet Familie und Freunde,<br />

alle zusammen auf einer der großen Terrassen, dort fühlen wir<br />

uns ganz besonders wohl.<br />

W!D: Sie haben eine Tochter, die ihr Medizinstudium abgeschlossen<br />

hat. Wollte sie nicht in die Fußstapfen ihrer Mutter<br />

treten und in die Kunstwelt einsteigen?<br />

YASHAR: Meine Tochter Lavinia ist Ärztin, und sie ist sehr an ihrer<br />

Arbeit interessiert. Es ist eine echte Leidenschaft und Berufung.<br />

Sie bewundert die Welt der Kunst und des Designs, aber<br />

im Moment ist sie viel leidenschaftlicher in ihrem jetzigen Beruf.<br />

W!D: Sie haben auch eine Schwester. Ist es richtig, dass sie den<br />

gleichen Geschmack in Sachen Design haben und einen Teil Ihres<br />

Unternehmens gemeinsam führen? Welchen Einfluss hat sie?<br />

YASHAR: Ich habe eine starke Bindung zu meiner Schwester<br />

Nilu, und auch aus diesem Grund habe ich beschlossen, die Galerie<br />

nach ihr zu benennen. Sie hat von Anfang an mit mir zusammengearbeitet:<br />

Sie ist für mich ein „Leuchtfeuer“, ein Leitstern,<br />

der, auch wenn er schweigt, einen stabilen Bezugspunkt<br />

darstellt, zu dem ich immer zurückkehren kann... Ich vertraue<br />

ihr, und sie kennt mich wirklich gut. Sie weiß, was ich denke und<br />

was ich fühle, und sie gibt mir immer den richtigen Rat.<br />

W!D: Sie sind viel gereist, als Sie jünger waren. Wie ist das jetzt?<br />

Welche Länder würden Sie gerne noch besuchen? Und warum?<br />

YASHAR: Ich reise bereits wieder viel, sowohl beruflich als auch<br />

privat. Ich finde, das ist die beste Art zu lernen, neue Horizonte,<br />

neue Kulturen und neue Gewohnheiten zu entdecken. Man<br />

bleibt offen für Neues und kann kreativ sein. Ich würde gerne<br />

nach Asien reisen, um die Kultur des Schmelztiegels zu studieren.<br />

W!D: Welche Lebensweisheit können Sie weitergeben? Was haben<br />

Sie gelernt? Bereuen Sie etwas?<br />

YASHAR: Mein Motto war immer: Folge deinem Instinkt, und<br />

du wirst nie etwas falsch machen! Im Laufe meines Lebens ist<br />

mein Business aus einer latenten Unzufriedenheit heraus entstanden,<br />

die eine ständige Neugier auf die Entdeckung neuer<br />

Horizonte, neuer Länder und Geschichten hervorruft. Sobald ich<br />

einen interessanten (designbezogenen) Bericht entdecke, werde<br />

ich angetrieben und folge meiner Leidenschaft, sein Potenzial<br />

zu entfalten und ihn von seiner besten Seite zu erzählen.<br />

Genauso verhält es sich mit dem Sammeln von Stücken: Wenn<br />

ich eines entdecke und mich sofort damit identifizieren kann,<br />

muss ich es zu meinem machen.<br />

W!D: Vielen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben. ☐<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

155


REPORTAGE ! XXXXXX<br />

156 W!D 6 I <strong>2021</strong>


REPORTAGE ! TURIN<br />

HOUSE OF<br />

BELLE ARTI<br />

Es war einmal das Haus der Dynastie Colli di Felizzano. Architekt Fabio Fantolino ist der Kunstgriff<br />

gelungen, die Majestät des prächtigen Palazzos mit moderner Avantgarde zu verbinden.<br />

FOTOS: MONICA SPEZIA TEXT: DAPHNA UTE WILDEMANN<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

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REPORTAGE ! TURIN<br />

Turin. Die Hauptstadt des Piemont. Eine der faszinierendsten<br />

Städte Italiens und weit über die Landesgrenze hinweg bekannt<br />

für seine Gourmetküche, seine hervorragenden Weine, weiße<br />

Trüffel und Schokoladen, zahlreiche Museen und Prachtbauten<br />

und nicht zuletzt auch das mehr oder minder von Geschichten<br />

umwobene Turiner Grabtuch. Wir befinden uns mitten im historischen<br />

Zentrum, genauer, auf der kleinen Insel San Giovenale<br />

in der Via Bogino; die Nationalbibliothek und die Museen des<br />

italienischen Risorgimento sind nur einen Steinwurf entfernt.<br />

Der Blick streift eindrucksvolle majestätische Fassaden und<br />

bleibt an einem Gebäude nahe der Via Principe Amedeo haften.<br />

Wir öffnen die Tür und finden uns in einem Palast wieder. Venezianischer<br />

Terrazzoboden, Kreuzgewölbe, über und über mit<br />

herrlichen Fresken bemalte Decken und Wände. Grau. Pompejanisches<br />

Rot. Blau. Nacktes Rosa. Und: viel Gold.<br />

Der Weg hinauf ins Piano nobile führt über eine Steintreppe,<br />

vorbei an dem als Mosaik gearbeiteten Wappen der Familie Colli<br />

di Felizzano. Der spektakuläre Palazzo, vermutlich im Auftrag<br />

von Francesco Maurizio Canalis aus Cumiana zwischen 1678<br />

und 1680 erbaut, blickt auf eine illustre Geschichte zurück. Anna<br />

Carlotta Teresa Canalis di Cumiana, Tochter von Francesco Maurizio<br />

und Monica Francesca San Martino d‘Aglié di San Germano,<br />

wurde hier geboren. 1695 wurde Anna Carlotta Ehrendame der<br />

Königin Giovanna Battista von Savoyen-Nemours und heiratete,<br />

nachdem sie Witwe geworden war, 1728 König Vittorio Amedeo<br />

II. Die noch vorhandenen Freskenfragmente der Deckenleiste<br />

in den Räumen im ersten Stock zeugen von dieser historischen<br />

Phase. Im Laufe eines Jahrhunderts ging das Anwesen dann in<br />

der weiblichen Erbfolge in die Familie des Marchese di Felizzano<br />

über, die 1837 den Architekten Giuseppe Leoni aus Breganzona<br />

mit der Neugestaltung des Palazzos beauftragte. Giuseppe<br />

Leoni gestaltete die Fassade in neoklassizistischem Stil. Er veränderte<br />

das Atrium und beide Treppenhäuser. Die prachtvollen<br />

Dekorationen dort stammen vermutlich aus der Zeit nach 1844;<br />

dem Jahr, in dem Vittorio Amedeo Colli di Felizzano zum Ritter<br />

des Ordens der Heiligen Mauritius und Lazarus ernannt wurde,<br />

wie die unter das Familienwappen gemalten Insignien in der<br />

imposanten Eingangshalle zeigen.<br />

Nach seiner Blütezeit war der einst so prachtvolle Palazzo über<br />

die Jahre etwas in Ungnade gefallen. Eine Zeit lang diente er als<br />

Sitz eines Konsulats. Als das junge Unternehmer-Paar Annamaria<br />

und Marco dem historischen Gemäuer ihren Antrittsbesuch<br />

abstatteten, war es kaum mehr als eine verlassene Hülle. Abgesehen<br />

von einem verwaisten Empfangstresen stand es vollkommen<br />

leer. „Als wir das Haus zum ersten Mal sahen, waren<br />

wir sehr überrascht“, sagt Annamaria, die sich auf der Stelle in<br />

die neoklassizistischen Fresken verliebte. Um ein Konzept zu<br />

entwickeln, das den atemberaubenden baulichen und gestalterischen<br />

Merkmalen des Hauses Rechnung trägt und gleichzeitig<br />

einen zeitgenössichen Akzent setzt, wandte sich das Paar mit<br />

einer Tochter im Teenageralter an den renommierten Turiner Architekten<br />

Fabio Fantolino; der auf der Seite zuvor am Treppenaufgang<br />

zu sehen ist. Fantolino hat sich wie die Familie selbst<br />

viele Gedanken über die Gestaltung des Gebäudes gemacht<br />

und die Räume und ihre Proportionen an die Bedürfnisse der<br />

Familie angepasst. „Was sich Annamaria und Marco wünschten,<br />

war ein Haus mit großzügigen Räumen. Sie lieben es, Gäste zu<br />

haben. Wir kennen uns schon sehr lange und so haben sie mir<br />

vertraut“, erzählt der Architekt.<br />

Fantolino ist der Kunstgriff gelungen, die Majestät des Palazzos<br />

mit moderner Avantgarde zu verbinden; nicht zuletzt auch<br />

dank dem Wissen und Können kundiger Mitstreiter wie dem<br />

renommierten Consorzio San Luca. Ein 20<strong>06</strong> in Turin gegründeter<br />

Zusammenschluss von hochqualifizierten Unternehmen,<br />

Restauratoren und Kunsthandwerkern, die sich dem Erhalt von<br />

kostbarem Kulturgut widmen. Auf ihr Konto gehen bemerkenswerte<br />

Wiederbelebungsarbeiten an berühmten Bauwerken und<br />

Kulturdenkmälern wie unter anderen die Restaurierung des<br />

Altars in der Grabtuchkapelle, die Restaurierung des Palazzo<br />

Montabone di Borgone Susa in Turin, der Basilica di Sant‘Andrea<br />

in der Lombardei oder der Porta Palatina im Piemont. Im<br />

Palazzo di Felizzano – auch liebevoll „Casa Bogino“ genannt –<br />

restaurierte das Consorzio alle dekorierten Oberflächen im<br />

Erdgeschoss und im ersten Stock, alle Wandmalereien und<br />

Holzarbeiten, alle Mosaike und Mosaikböden bis hin zu den<br />

Treppengeländern im Inneren des Gebäudes. Rispetto!<br />

Um dem Wunsch der neuen Hauseigentümer nach offenen,<br />

lichten und gastfreundlichen Räumen entgegenzukommen,<br />

überdachte der Architekt zunächst den bestehenden Grundriss<br />

und wandelte kleinere Einzelzimmer im Erdgeschoss in Schlafund<br />

Badezimmer um. Im ersten Stock brachte er die wichtigsten<br />

Bereiche unter wie die Küche, den Speisesaal und den großzügig<br />

dimensionierten Salon (Anmerkung der Autorin: Das Substantiv<br />

Wohnzimmer würde nicht annähernd der Grandezza des Raumes<br />

gerecht.) sowie das Kinderzimmer und das Masterbad.<br />

Im zentral gelegenen Zugangsbereich des Hauses schuf Fantolino<br />

eine intime Ecke mit Tisch und Stühlen, die sich je nach<br />

Wunsch und Zweck des Zusammentreffens durch einen ekletischen<br />

fächerartigen Paravent vom offenen Treppenhaus und<br />

der dahinter liegenden Küche separieren lässt. Annamaria liebt<br />

diesen Platz am runden Tisch, den sie gern mit starken Solitären<br />

wie einer einzelnen roten Vase (hier „Venus“ von Sam Baron für<br />

Bosa) dekoriert. „Er ist wirklich ideal, wenn man mal zwischendurch<br />

einen Kaffee trinken und eine kurze Pause machen möchte.<br />

Auch bei Geschäftstreffen sitzen wir hier gern zusammen;<br />

ob in persona oder per Videokonferenz“, erzählt die Hausherrin.<br />

Gerade im letzten Jahr war es der perfekte Ort, um von zu Hause<br />

aus zu arbeiten. Fast gerät diese Situation, umgeben von ⇨<br />

Seite 156: Das Familienwappen der di Felizzano im Entrée<br />

erinnert an die glanzvolle Geschichte des Palazzos, reich verziert<br />

mit prachtvollen Fresken an Decken und Wänden. Die Bank von<br />

AYTM, ein vom Architekten entworfenes Dielenmöbel, die Pendelleuchte<br />

von Santa & Cole sowie die Steh- und Wandleuchte von<br />

Atelier Areti fügen sich in den historischen Kontext. Rechts: Paravent<br />

von Christophe de la Fontaine für Dante Goods And Bads.<br />

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REPORTAGE ! XXXXXX<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

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REPORTAGE ! TURIN<br />

Die Hängeleuchte von &Tradition harmoniert perfekt mit dem Rundbogenfenster. Auf der Arbeitsplatte ein Arrangement aus Glas von<br />

Nude und AYTM in Koexistenz mit einer feuerroten Venini und Vintage-Stücken. Unter den Fresken im Speisesaal eine Täfelung, deren<br />

geometrische Formen sich im Dessin des Teppichs von Battilossi wiederholen. Leuchte Servomuto. Esstisch Cassina. Stühle Verpan.<br />

160 W!D 6 I <strong>2021</strong>


REPORTAGE ! XXXXXX<br />

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REPORTAGE ! TURIN<br />

herrlichen Wandmalereien unter dem Kreuzgewölbe, zu einer<br />

Bühnenkulisse, vor der man jeden Moment den Auftritt einer<br />

der ganz Großen des italienischen Opernbetriebes erwarten<br />

würde. Wird an einen Architekten solch eine diffizile Aufgabe<br />

herangetragen wie einen prachtvollen Palazzo zu reanimieren,<br />

stellt sich eine Frage augenblicklich von selbst: die Frage der<br />

Demut. Architekt Fabio Fantolino beantwortet sie so: „Sicher, es<br />

ist nicht einfach, sich mit der Pracht eines Gebäudes von solch<br />

einem überwältigenden und starken Charakter wie diesem zu<br />

messen. Also habe ich den Geist des Hauses so gut es irgend<br />

möglich war in mich aufgesogen und mich von ihm leiten lassen.<br />

Er wirkt noch heute überall; beindruckend, aber ohne zu<br />

überwältigen. Ein wesentlicher Aspekt meiner Arbeit war, irreversible<br />

Eingriffe in die Bausubstanz zu vermeiden. Aus Respekt<br />

vor den Gesetzmäßigkeiten der Belle Arti und des Genius Loci<br />

beließ der Turiner Fantolino die Struktur des Bauwerks selbstverständlich<br />

originalgetreu. „Der Charme der alten Mauern und<br />

wertvollen Fresken, der Terrazzoböden und alten Holzbalken<br />

ist erhalten geblieben“, bestätigt er. „Doch die Spuren der Geschichte<br />

leben heute Seite an Seite mit einem zeitgenössischen<br />

und sehr urbanen Stil.“ Schaut man sich die Fotografien auf diesen<br />

Seiten ganz genau an, kann man dem Fazit des Architekten<br />

162 W!D 6 I <strong>2021</strong>


REPORTAGE ! XXXXXX<br />

nur zustimmen. Mit leichter Hand wurden neoklassizistische<br />

Elemente und zeitgenössische Zeichen miteinander verheiratet;<br />

luxuriöse Materialien und Farben mit permanenten Verweisen<br />

auf den historischen Kontext verarbeitet und passende Kunstgegenstände<br />

ausgewählt. An den wenigen Stellen im Haus,<br />

an denen die Böden keine Originale mehr waren, arbeitete der<br />

Architekt mit grauem Harz und ungarischem Fischgrätparkett,<br />

auch Chevron genannt. „Elegant, aber immer noch neutral<br />

genug, um nicht abzulenken“, so Fantolino. Und: Er erfindet<br />

Dinge neu. „Im Grunde bin ich ein Designer“, sagt er. „Wenn<br />

ich nicht die richtige Lösung finde, dann liefere ich sie eben ⇨<br />

Auf dem Lowboard aus Canaletto-Nussbaum links lehnt eine<br />

Arbeit in Mischtechnik von Pierluigi Pusole. Tradition meets<br />

modern als Konzept: Im Salon rechts ließ Fabio Fantolino ein<br />

Zwischengeschoss einziehen, das die Form der historischen<br />

Deckenkassette in zeitgenössische Coolness übersetzt.<br />

Das Sofa kommt von Flexform, der Couchtisch aus Calacatta<br />

Marmor von Tacchini. Vase Shay Frisch Peri. Teppich Battilossi.<br />

Links neben den Pendelleuchten von Ceccotti Collezioni ein<br />

großformatiges Werk von Elvio Chiricozzi, rechts davon zwei<br />

Arbeiten von Paolo Assenza. Alles über die Galerie Davide Paludetto<br />

in Turin. Bezugsquellen in dieser Ausgabe auf Seite 176.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

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REPORTAGE ! TURIN<br />

persönlich und lasse sie von gut spezialisierten Handwerkern<br />

anfertigen.“ Eine solche Lösung erfand er beispielsweise für den<br />

Salon. Er entwirft ein Zwischengeschoss, das auf sensible wie<br />

raffinierte Art und Weise die jahrhundertealte Deckenkassette<br />

neu interpretiert. Er wählt beeindruckende Einrichtungsgegenstände.<br />

Die Liste der Hersteller liest sich wie das Who‘s who<br />

großer internationaler und italienischer Marken; gepaart mit<br />

den Kreationen avantgardistischer Designer. Cassina, Tacchini,<br />

Verpan, Servomuto, Atelier Areti, Dante Goods and Bads, Aytm,<br />

MM Lampadari, um nur einige zu nennen. Und er entwirft die<br />

Möbel und lässt sie in lebendig gemasertem, amerikanischen<br />

Canaletto-Nussbaum maßfertigen. Ausnahmslos alle. Von der<br />

Anrichte und der Sitzbank im Salon über das Lowboard und die<br />

Kommoden und die schlanke Schminkkonsole im Schlafzimmer,<br />

die sich an die ebenso mit Canaletto-Nussbaum getäfelte Wand<br />

schmiegt. Er entwirft die komplette Küche. Und das ochsenblutrote<br />

Dielenmöbel für die respektable Eingangshalle. „Mit Spiegeltüren,<br />

die ihre Umgebung reflektieren“, erklärt er. „Ein eher<br />

unauffälliges Möbel, trotz seiner Größe. Und auch das einzige<br />

in diesem Raum, den ich bewusst leer gelassen habe.“ Nun ja,<br />

fast ... Unter der üppig mit Fresken dekorierten Wand nimmt<br />

eine avantgardistische Sitzbank die Freunde des Hauses in Emp-<br />

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REPORTAGE ! XXXXXX<br />

fang wie ein diskret verschwiegener Bediensteter. Rückblickend<br />

bedeutete dieses Projekt für Fabio Fantolino dennoch keinen<br />

Kampf zwischen Alt und Neu. Er erklärt abschließend dazu:<br />

„Ich habe die Vergangenheit in einen modernen und zeitgenössischen<br />

Kontext gestellt, doch letztlich den Charakter dieses<br />

denkwürdigen Gebäudes betont und ihn überwiegen lassen.<br />

Das Resultat kann sich sehen lassen. Zweifelsohne. Hier in der<br />

Via Bogino auf der kleinen Insel San Giovenale wirkt also „nichts<br />

weiter“ als die pure Majestät des Palastes, wie der Architekt mit<br />

Hang zu ganzheitlicher Gestaltung schlussendlich betont. In<br />

der Tat. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.<br />

□<br />

„Ich bin ein Designer. Wenn ich nicht das passende Möbel finde,<br />

lasse ich es anfertigen“, so der Architekt, der sich selbst als<br />

ganzheitlicher Gestalter begreift. Diese Qualität stellt Fantolino<br />

auch in seinen Entwürfen für die privaten Räume des Unternehmerpaares<br />

unter Beweis. Die Entwürfe für sämtliche Möbel aus<br />

Canaletto-Nussbaum – von der Anrichte im Wohnzimmer bis hin<br />

zum Schminktischchen im Schlafzimmer – stammen aus seiner<br />

Feder. Linke Seite: Tischleuchte von Aromas Del Campo, daneben<br />

eine Arbeit von Sergio Ragalzi. Die Bank Mitte kommt von AYTM.<br />

Wandleuchten über MM Lampadari. Über der grazilen Schminkkonsole<br />

rechts eine Leuchte von Parachilna, Sessel von Sancal.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

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HOTSPOTS ! XXXXXX<br />

KUNSTVOLL<br />

Wer bitte sagt denn, dass Kunst immer nur etwas mit wilden Farbmustern auf Leinwand zu<br />

tun haben muss? Wie vielschichtig und facettenreich dieses Metier ist, zeigen unsere Hotspots.<br />

RETAIL DESIGN meets Art<br />

Wer Creative Director Hedi Slimane kennt, weiß, dass der<br />

gute Herr gerne für eine Überraschung zu haben ist. Richtig<br />

berühmt wurde der kreative Kopf der Luxusmarke Celine, als<br />

Karl Lagerfeld begann, massiv Gewicht zu reduzieren, auch<br />

um in die ultraengen Hosen des jungen Designers zu passen.<br />

2019 entwickelte Slimane ein neues Store Concept für Celine,<br />

ausgestattet mit puristischem Interieur, von ihm entworfen<br />

– eine Abkehr von der typisch reduzierten Ästhetik der Stores<br />

der Marke: natürliche Materialien wie Naturstein und Basaltina<br />

bedecken die Böden, während für Wände und Regale<br />

schwarzer Granit mit Nuancen in Ingwer und Cremetönen<br />

gewählt wurde. Bianco Raffaello Marmor, Grande Antique<br />

Marmor und grauer Travertin hat er ebenfalls in unterschiedlichen<br />

Kombinationen verwendet. Eichenholz, polierter Edelstahl,<br />

Messing und goldumrahmte Spiegel unterstreichen<br />

diesen brutalistischen Kontext des 21. Jahrhunderts, der ein<br />

bisschen an den Barcelona Pavillon von Mies van der Rohe<br />

166 W!D 6 I <strong>2021</strong>


HOTSPOTS ! TOKIO<br />

angelehnt zu sein scheint. „Die speziell entworfenen Möbel<br />

spielen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung und<br />

schwingen im Einklang mit der bestehenden Architektur. Ein<br />

weiteres Schlüsselelement des neuen Konzeptes sind Art-<br />

Pieces zeitgenössischer Künstler wie James Balmforth, José<br />

Davila oder Oscar Tuazon“, heißt es von Unternehmensseite.<br />

Slimane hat über 20 Kunstwerke für die Celine-Geschäfte<br />

gekauft oder in Auftrag gegeben, hauptsächlich Skulpturen,<br />

die meist von jungen Künstlern stammen, die sich gerade<br />

in der Szene etablieren. So wie die Kanadierin Elaine Cameron-Weir,<br />

Bildhauerin mit Sitz in New York, die zu den auserkorenen<br />

Artisten gehört – wie hier im Tokioter Flagshipstore,<br />

wo ihre raumhohe goldene „Snake X“-Glitzerkaskade<br />

aus Kupferschuppen (Bild oben rechts) die geschwungene<br />

Wendeltreppe flankiert. Typisch für Cameron-Weir sind sich<br />

kontrastierende Materialien, handgemacht oder industriell<br />

gefertigt, die sie zu faszinierenden Gebilden vereint. Für ihre<br />

Installationen und Skulpturen greift sie auch mal gerne auf<br />

Fundstücke aus der Natur, der Wissenschaft und der Militärtechnik<br />

zurück. Wiederholungen, Modularität, Symmetrie<br />

und Anpassungsfähigkeit sind wichtige Aspekte ihrer Arbeit.<br />

Die Kombination taktiler Materialien und sensorischer Stimulation<br />

erinnert oft an Science Fiction oder die alchemistischen<br />

Prinzipien der Mutation und Regeneration.<br />

Obwohl alle Stores des französischen Luxusbrands diese spezielle<br />

Galerie-Ästhetik gemein haben, sind sie doch individuell.<br />

Slimane widmete der Gestaltung der jeweiligen Location<br />

viel Aufmerksamkeit und nahm Bezug auf die Geschichte<br />

des Gebäudes. Er selbst bestimmte, welches Kunstwerk und<br />

welches Möbelstück wo platziert wurde. Er integrierte vor<br />

allem Vintage-Stücke, aber auch schlichte, moderne Stühle,<br />

die er selbst designt hat. Das Konzept wurde bereits 2019 im<br />

New Yorker Store auf der Madison Avenue in Manhattan feierlich<br />

eröffnet.<br />

|ag<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

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HOTSPOTS ! PARIS<br />

Raphaël Le Berre und<br />

Thomas Vevaud (kurz: Le<br />

Berre Vevaud) oben in den<br />

Räumlichkeiten ihrer kürzlich<br />

eröffneten Pariser Galerie.<br />

Das Duo arbeitet bereits seit<br />

2008 erfolgreich an Designund<br />

Interiorprojekten. Ganz<br />

rechts: „Oman“-Table aus<br />

Bronze und Marmor neben<br />

Hocker „Barth“, ebenfalls<br />

aus Marmor – beides aus der<br />

„Empreinte“-Kollektion.<br />

AUF ZU NEUEN UFERN Déco-Empire<br />

Das Design-Duo von Le Berre Vevaud hat sein kreatives Potenzial<br />

bereits in die unterschiedlichsten Interiorentwürfe<br />

fließen lassen, darunter private Hideways sowie Restaurants<br />

und Büros. Seit September <strong>2021</strong> gesellt sich zu diesen über den<br />

Erdball verteilten Projekten nun auch eine eigene Möbelkollektion,<br />

samt eigener Galerie in Paris. „Zeitgenössische Kunst ist<br />

Teil unserer DNA, wie die Gestaltung der Galerie in Saint-Germain-des-Près<br />

zeigt, die auf der Grundlage einer Kunstsamm-<br />

lung konzipiert und entwickelt wurde“, erklären die<br />

beiden. Beeinflusst von den lebhaften Farben und<br />

Formen der Memphis-Bewegung haben Raphaël<br />

Le Berre und Thomas Vevaud diese Ästhetik auf<br />

moderne, raffinierte und schlichte Weise neu interpretiert.<br />

Das Ergebnis sind Kreationen mit einer dezenten<br />

Reminiszenz an das Flair des Art déco. Ihre<br />

gefragte Möbelserie spiegelt diese kraftvolle kreative<br />

Sprache wider. Mit geschwungenen Linien und<br />

einem Wechselspiel zwischen Textur und Material<br />

hat das Duo bereits mehrere Statement-Stücke wie<br />

Hocker „Barth“ (Bild oben) entworfen und produziert.<br />

Dieses kunstvolle Objekt ist in vielen Farben<br />

erhältlich und wird heute in Lavastein, Bronze und Travertin<br />

hergestellt. Tablett „Tortuga“, Bank „Goa“ und Tisch „Giulia“<br />

sind ebenfalls in der Erinnerung verankerte Stücke. „Durch die<br />

Schönheit ihrer Linien in Verbindung mit einer strengen Materialwahl<br />

verkörpern diese Stücke das neue Sammlerdesign des<br />

21. Jahrhunderts“, erklärt Le Berre. Alle Kreationen haben ein<br />

gemeinsames Merkmal: den lackierten Kugelsockel, ein stilistisches<br />

Detail und eine Hommage an die großen französischen<br />

Dekorateure der 1920er- und 30er-Jahre.<br />

|ag<br />

168 W!D 6 I <strong>2021</strong>


Die Evolution<br />

smarten Heizens.<br />

NEU<br />

Technik und Design smart vereint<br />

Überlassen Sie das Heizen einem Profi. Elegante und schlichte<br />

Form, vereint mit modernster Technik und einem hochpräzisen<br />

Motor für eine schnelle und nahezu geräuschlose Regelung.<br />

Der intelligente Heizkörperthermostat – Evo von Homematic IP<br />

sorgt immer für die perfekte Wohlfühltemperatur – vollautomatisch<br />

und ganz nach Ihren Wünschen. Und weil er nur heizt, wenn auch wirklich<br />

Wärme benötigt wird, kann bis zu 30% Energie und CO₂ gespart werden.<br />

homematic-ip.com/evo


HOTSPOTS ! PARIS<br />

KULTURÜBERGREIFENDES Kunsthandwerk<br />

Einigen dürfte der Name „Trame“ in Bezug auf handwerklich<br />

gefertigte Textilen und Keramik ein Begriff sein. „Der Name der<br />

Marke bezieht sich auf die Art und Weise wie Teppiche geknüpft<br />

werden, die das Herzstück der Kollektionen darstellen. Er bezieht<br />

sich aber auch auf das Zusammentreffen und den Blick<br />

der Designer und Handwerker, die an dieser Kreation beteiligt<br />

sind“, erzählt Valentina Ciuffi, Creative Director von Trame. Vor<br />

nicht allzu langer Zeit öffnete der neue Showroom im Pariser<br />

Stadtteil Marais und präsentiert unter anderem die erste Kollektion<br />

„A Voyage to Meknes“, nach der Geschichte von Madame<br />

de Blois, Lieblingstochter von König Ludwig XIV., und deren imaginäre<br />

Verbindung zur marokkanischen Kultur. „Die Kollektion<br />

entstand aus der Begegnung der Designerinnen Maddalena Casadei,<br />

Maria Jeglinska und Julie Richoz mit außergewöhnlichen<br />

marokkanischen Keramik- und Textilhandwerkern.“ Die Firmengründer<br />

Ismail und Adnane Tazi entstammen einer marokkanischen<br />

Familie, die sich mit Seidenherstellung und Stickerei<br />

beschäftigt. „Die Materialien für die Stücke beziehen wir aus<br />

ganz Marokko, wo sie auch hauptsächlich produziert werden.<br />

Die kräftigen Rosa-, Pfirsich-, Orange- und Blautöne sind ein traditionelles<br />

Merkmal dieser Region.“<br />

|ag<br />

170 W!D 6 I <strong>2021</strong>


HOTSPOTS ! XXXXXX<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

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HOTSPOTS ! ITALIEN<br />

Oben: Die Hauptdarsteller<br />

von „House of Gucci“, Adam<br />

Driver und Lady Gaga. Links:<br />

Strickkleid mit Kontrastbesatz,<br />

Goldknöpfen und<br />

ikonischem Gucci-Logo aus<br />

der aktuellen Herbst-/Winterkollektion<br />

des italienischen<br />

Luxusbrands, 1.400 €.<br />

Der starbesetzte Blockbuster<br />

feiert am 24. November<br />

Premiere in den USA und wird<br />

einen Tag später auch in den<br />

deutschen Kinos anlaufen.<br />

FILMREIF Mord im Mode-Imperium<br />

Spätestens mit ihrem erfolgreichen Debüt in „A<br />

Star is born“ stellte Lady Gaga unter Beweis, dass<br />

sie neben ihren stimmlichen Qualitäten auch eine<br />

ernstzunehmende Schauspielerin ist. Im aktuellen<br />

Blockbuster „House of Gucci“, der ab 25. November<br />

in den deutschen Kinos anläuft, heiratet die<br />

Oscar-Gewinnerin in die gleichnamige Modedynastie<br />

ein. Meisterregisseur Ridley Scott (Der Marsianer<br />

– Rettet Mark Watney, Gladiator, Blade Runner,<br />

Alien) präsentiert mit diesem Film ein Kinoerlebnis<br />

der besonderen Art, so opulent wie fesselnd inszeniert:<br />

hochkarätige Starbesetzung, ein auf wahren<br />

Ereignissen beruhendes Drama in der Historie des<br />

172 W!D 6 I <strong>2021</strong>


HOTSPOTS ! XXXXXX<br />

Modeimperiums und ein packender Thriller um<br />

Familiengeheimnisse, Verrat und einen schockierenden<br />

Mord. Alles Zutaten für einen gemütlichen<br />

Kinoabend. Und hier die Geschichte: Beginnend im<br />

Jahr 1970 folgt der Film den düsteren Geheimnissen<br />

und tödlichen Intrigen hinter den glamourösen<br />

Kulissen der berühmten Modedynastie. Im Mittelpunkt<br />

steht die vielschichtige Patrizia Reggiani<br />

(Lady Gaga), die Maurizio Gucci (Adam Driver) heiratet,<br />

einen der Erben des italienischen Modehauses.<br />

Immer wieder konkurriert sie mit den Schlüsselfiguren<br />

des Familienunternehmens um Kontrolle<br />

und Macht, unter anderem mit ihrem Ehemann,<br />

dessen geschäftstüchtigem Onkel Aldo (Al Pacino),<br />

seinem risikofreudigen Cousin Paolo (Jared Leto)<br />

sowie seinem traditionsbewussten Vater Rodolfo<br />

(Jeremy Irons).<br />

Vor der Kamera versammelt sich ein Top-Cast,<br />

angeführt von der Oscar-Gewinnerin Lady Gaga<br />

(A Star Is Born), dem zweifach oscarnominierten<br />

Adam Driver (Marriage Story, BlacKkKlansman),<br />

Filmlegende und Oscar-Preisträger Al Pacino (Scarface),<br />

Oscar-Gewinner Jared Leto (Dallas Buyers<br />

Club) und der oscarnominierten Salma Hayek (Frida).<br />

Regisseur Ridley Scott entführt das Publikum<br />

in die gleichzeitig strahlende und doch abgründig<br />

düstere Modewelt der 70er-, 80er- und 90er-Jahre.<br />

Die Marke ist weltbekannt – die Geschichte dahinter<br />

noch nicht. Das wird sich mit „House of Gucci“<br />

definitiv ändern.<br />

Für die aktuelle Herbst-/Winterkollektion taucht<br />

Gucci-Kreativdirektor Alessandro Michele tief in<br />

die Vergangenheit des Unternehmens ein, unter<br />

anderem mit „Gucci Re-Editions“ und der „Beloved“-Taschenserie.<br />

Die Neu-Interpretation ikonischer<br />

Modelle wie die „Gucci Horsebit 1955“ oder<br />

die „Jackie 1961“, eine Hommage an Jackie Kennedy,<br />

vereint das Design aus früheren Dekaden mit<br />

Details aus der Gegenwart.<br />

|ag<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

173


HOTSPOTS ! XXXXXX<br />

TRANSFORMATION Höhere Mächte am Werk?<br />

„Ich glaube an höhere und unsichtbare Kräfte. Das Kloster<br />

Saint-François aus dem Jahr 1480 ist Teil dieses Glaubens“, sagt<br />

Amelia Tavella. Die französische Architektin verpasste diesem<br />

unter Denkmalschutz stehenden Bauwerk in Santa-Lucia di<br />

Tallano auf der Mittelmeerinsel Korsika einen 1.000 Quadratmeter<br />

großen Anbau aus Kupfer. „Hoch oben auf dem Vorgebirge<br />

gelegen, war sie einst eine Verteidigungsburg, bevor sie<br />

ein Ort des Gebets und der Einkehr wurde, den die Mönche<br />

im Bewusstsein der absoluten Schönheit des Ortes wählten.<br />

Der Glaube erhebt sich zum Erhabenen.“ Die Natur war ein<br />

wesentlicher Bestandteil bei der Gestaltung dieses Bauwerks.<br />

Sie schiebt sich in Form von Steinen zwischen die Mauern, die<br />

das Kloster vor Erosion und Einsturz schützen. Die natürliche<br />

Vegetation an den Klostermauern selbst, Olivenhaine und ein<br />

großer Feigenbaum, sind ein aktiver Teil der Fassade. „Das Kupfer<br />

erlaubt eine Geste der Sanftheit, es ist weiblicher als der<br />

Stein. Im Gegensatz zum Granit nähert es sich jedoch dessen<br />

Größe durch seine Kostbarkeit und seine Neigung, das Licht<br />

einzufangen, es zu reflektieren und es in den Himmel zurückzuschicken,<br />

wie die Gebete der Mönche und der Gläubigen,<br />

die sich an den Allerhöchsten wenden. Mir gefiel der Gedanke,<br />

dass man zur Ruine zurückkehren kann, dass man den Anbau<br />

wieder rückgängig machen könnte – diese Möglichkeit ist ein<br />

Zeichen der Höflichkeit, des Respekts gegenüber der Vergangenheit<br />

und dem korsischen Erbe.“ Tavellas architektonische<br />

Handschrift, die mit der Sinnlichkeit edler und natürlicher<br />

Materialien verbunden ist und von Kunsthandwerkern ausgeführt<br />

wird, orientiert sich an den örtlichen Gegebenheiten und<br />

deren Geschichte, insbesondere im Mittelmeerraum. |ag<br />

174 W!D 6 I <strong>2021</strong>


HOTSPOTS ! KORSIKA & BARCELONA<br />

ANTONI GAUDÍ And the winner is …<br />

„Zum allerersten Mal in den über 136 Jahren seines Bestehens<br />

wird Antoni Gaudís erstes Haus, die Casa Vicens, in diesem Herbst<br />

ausnahmsweise seine Türen für zwei Reisende öffnen, um eine außergewöhnliche<br />

Nacht in diesem Architektur-Juwel von Barcelona<br />

zu verbringen“, erzählt Emili Masferrer, Leiter der Casa Vicens. Die<br />

Casa Vicens, eine wahre Oase im Herzen der katalanischen Metropole,<br />

die ursprünglich als Sommerresidenz der gleichnamigen Familie<br />

aus Barcelona diente, ist Teil des vielfältigen Erbes von Antoni<br />

Gaudí und wird heute als Museum genutzt. Masferrer selbst wird<br />

die beiden glücklichen Gäste empfangen, sie in die Geschichte und<br />

die Geheimnisse rund um dieses Gebäude im Jugendstil einweihen.<br />

„Anschließend erwartet sie im atemberaubenden Speisesaal<br />

der Villa ein mit einem Michelin-Stern ausgezeichnetes Menü,<br />

das Gaudí selbst bestimmt zugesagt hätte.“ Genächtigt wird natürlich<br />

im großzügigen Master Bedroom. Der Bewerbungsschluss<br />

für dieses einzigartige Spektakel ist leider bereits verstrichen. Eine<br />

Besichtigung ist allerdings jederzeit möglich.<br />

|ag<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

175


BEZUGSQUELLEN !<br />

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Urheber- und Reproduktionsrechte (© VG Bild-Kunst, Bonn 2018): Wibekke Klint, Seite 146, Teppich, Jone Kvie, Seite 34-35, Skulptur. Bruno Paul,<br />

Seite 66: Möbel. Hunt Slonem, Seite 70-74: Malerei. Frank Lloyd Wright, Seite 144-145: Beistelltisch. Jacques Adnet, Seite 144: Sessel. Grazia Toderi,<br />

Seite 147: Fotografie. Alexander May, Seite 146-147, Malerei.<br />

Schauen Sie mal auf Seite 16:<br />

Auch der „Delphinus“ stammt<br />

von Johannes Bayer. Unglaublich<br />

das Entstehungsjahr 1603.<br />

176 W!D 6 I <strong>2021</strong>


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W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

177


ZU BESUCH BEI ! WHITEWALL<br />

Alexander Nieswandt, charismatischer<br />

Frontmann von Whitewall, verewigt Ihre<br />

Fotos unter Acrylglas. Die Freude über das<br />

iPhone 13 ist groß, schließlich motiviert es<br />

Fotografie-Fans, sich selbst künstlerisch<br />

zu betätigen. Das neue Maxiformat beträgt<br />

240 x 500 cm – „das entspricht der<br />

Ladefläche eines LKWs.“ Mehr geht nicht.<br />

IM AUGE DES BETRACHTERS<br />

Als Alexander Nieswandt 2007 mit drei<br />

Leuten anfing, hätte er wohl selbst nicht<br />

geahnt, dass es heute 180 in mehr als 13<br />

Ländern sind. „Ich wollte immer schon Fabrikant<br />

werden, auch wenn ich das Wort inzwischen<br />

nicht mehr so gerne verwende. Weil<br />

wir eher auf Manufaktur- und Laborebene<br />

und in der Kunstszene unterwegs sind“, so<br />

der Gründer von Whitewall. Das Unternehmen<br />

mit Sitz in Frechen bei Köln hat<br />

eine spitzenmäßige Expertise im<br />

Foto-Finish-Markt. Die Spe-<br />

zialität des Labors sind Fotopapierabzüge,<br />

die mit<br />

flüssigem Silikon hinter<br />

Acrylglas kaschiert<br />

werden. Zu den Auftraggebern<br />

gehören<br />

Künstler und Starfo-<br />

tografen wie Daniel Zielske, Erik Chmil, Mr.<br />

NYC Subway und Künstlerinnen wie Mary<br />

Ruffinoni oder Isabelle Bacher aus Österreich.<br />

Dazu kommen bekannte Galerien,<br />

doch Nieswandt selbst möchte besonders<br />

Endkonsumenten ansprechen. „Ich war Mitbegründer<br />

von Lumas und habe mich lange<br />

um Kunst gekümmert. Jetzt geht es mir um<br />

alle Menschen, die Fotografie lieben – ob sie<br />

mit dem iPhone oder mit einer<br />

Leica M Monochrom<br />

gemacht ist. Wir alle<br />

Das nächste<br />

WOHN!DESIGN<br />

mit dem Thema<br />

„Trends 2022“<br />

erscheint am<br />

machen auf unsere<br />

Weise Kunst,<br />

wenn wir fotografieren.<br />

Das<br />

sind so hochemotionale<br />

Momente ... Es<br />

ist uns nur nicht so ganz bewusst.“ So gehen<br />

an Standardtagen bis zu 2.000 Werke aus<br />

dem Haus, vor Weihnachten auch schon mal<br />

7.000 – dann eher kleinere Formate. „Doch<br />

Bilder von der Größe 180 x 290 produzieren<br />

wir täglich.“ Das neue Maximalformat von<br />

240 x 500 Zentimetern, der „Masterprint“,<br />

toppt alles: „Für Sebastian Schröder-Esch, einen<br />

bekannten Naturfotografen, haben wir<br />

gerade zwei Prints von zwei auf fünf Meter<br />

produziert. Für die Hängung übereinander<br />

wurde extra ein Kran eingesetzt.“ Whitewall<br />

bietet optional einen Hänge-Service an. Und<br />

die Philosophie? „Das Thema Kunst und eigene<br />

Bilder übereinanderzubringen, und das<br />

in Galeriequalität. Ich habe die Vision, dass<br />

wir kuratierte Wände für den Verbraucher<br />

anbieten. Das ist etwas, was es noch nicht<br />

gibt, was wir aber machen werden.“ |sd<br />

178 W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

15. Dezember <strong>2021</strong>


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WIR LIEFERN IHNEN ...<br />

… die Inspiration und setzen mit BACK TO THE ROOTS nach einer genauen<br />

STANDORTBESTIMMUNG auf die wichtigsten Zutaten für ein unterhaltsames<br />

Supplement: Journalismus und Authentizität.<br />

Wer sonst würde Ihnen EINEN ABEND BEI MARTA ans Herz legen, wenn<br />

Sie mal keine Lust zum Kochen haben?<br />

Wir zelebrieren die FÜLLE IM VERZICHT und präsentieren<br />

Ihnen 19 Küchengeschichten, die es in sich haben, wie SLOW FOOD & FAST CARS – auch<br />

eine Hommage an den besten Koch Italiens, Massimo Bottura, der traditionelle Küche neu interpretiert.<br />

Doch manches sehen wir auch mal eher FUTURISTISCH und stellen Ihnen<br />

LICHTBLICKE von morgen und übermorgen vor. Und dann diese<br />

ODE AN DEN APFEL. Was für ein hinreißendes<br />

Früchtchen, gefolgt vom HERRN DER KLINGEN.<br />

Und kennen Sie schon die BRÜCKENBAUER? Sie entdecken hochwertige Lebensmittel in Krisengebieten,<br />

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zum ÉTAT DE L‘ART kommt – Franzosen haben es einfach drauf, auch wenn wir<br />

Deutsche in Sachen STIL(L)LEBENaufgeholt<br />

haben. Und am Ende Zimmer mit Aussicht. Ab ins VINTAGE WONDERLAND! Alles<br />

l‚esenswert. Unbedingt! Bis bald sagen<br />

Dr. D. und das WOHN!DESIGN-TEAM<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

3


BACK TO THE ROOTS<br />

Geduld ist eine Tugend, wie es so schön heißt. Was das Ganze mit Italien, beeindruckenden<br />

Schweinen und zeitgemäßer Tierzucht zu tun hat? So ziemlich alles.<br />

Als Angelo Bettella 1885 die Weichen für die Azienda Agricola Bettella<br />

stellte, besaß er nicht mehr als einen Hektar Land und eine Kuh.<br />

Bescheidene Mittel. Doch bekanntlich fängt jeder mal klein an. Ob er<br />

ahnen konnte, dass es keine 140 Jahre dauern würde, bis sein Betrieb<br />

nach Hochphasen mit 150 Milchkühen in den 50ern, eigener Käserei<br />

und Geflügelfarm mit 100.000 Tieren in den 60ern, der Großproduktion<br />

wieder den Rücken kehren würde? Lange war Bettella einer der<br />

größten Landwirtschaftsbetriebe der Region Cremona. Doch Größe<br />

lässt sich bekanntlich auf vielerlei Art messen. Die Schweinezucht<br />

war seit 1930 zwar Teil der landwirtschaftlichen Aktivitäten, bis in<br />

die 70er-Jahre aber völlig unbedeutend. Danach folgte die Massenhaltung,<br />

vor elf Jahren der Cut. Die Familie träumte schon länger<br />

davon, wieder zu traditionellen Methoden zurückzukehren, alte<br />

Rassen zu kultivieren und jeden Teil der Tiere zu nutzen – so wie es<br />

früher einmal gang und gäbe war. Heute muss man sich als Unternehmen<br />

schließlich immer auch die Frage stellen, wie zeitgemäß<br />

die Fleischindustrie noch ist. Für Stefano Bettella, der gemeinsam<br />

mit seinem Bruder Mario und dessen Frau heute die Geschicke leitet,<br />

steht Qualität an erster Stelle: „2010 entschieden wir uns, die<br />

intensive Zucht aufzugeben, um ein Beispiel für Respekt und ethische<br />

Zuchtmethoden zu werden.“ Heute bildet das Schwein und<br />

die Produkte daraus das Kerngeschäft. Das unter dem Label „Maiale<br />

Tranquillo®“ vermarktete Schwein gibt nicht nur ein imposantes<br />

Bild ab, es hat vor allem wenig mit seinen industriell gehaltenen<br />

Artgenossen am Hut. „Es ist ein großes,<br />

blassrosa Schwein, das langsam gezüchtet<br />

und mit speziellem Getreide aus dem Familienbetrieb<br />

gefüttert wird. Nach zwei Jahren<br />

erreicht es ein Gewicht von 350 Kilo. Sein<br />

Fleisch ist fest und schmackhaft, mit einer<br />

großzügigen Fettschicht, die einen hohen<br />

Anteil an Ölsäure enthält. Die ist auch in<br />

Olivenöl enthalten.“ Es geht aus einer selektiven<br />

Zucht und Kreuzung traditioneller<br />

Rassen hervor. Für die Familie ist der Name<br />

nicht nur Marke, sondern Lebensphilosophie.<br />

„Für uns ist das die einzige Möglichkeit,<br />

die Zukunft dieses Sektors zu sehen.“<br />

Apropos … gibt es überhaupt so etwas wie<br />

nachhaltigen Fleischkonsum? „Eine wichtige<br />

Frage, die mit der Zukunft der Landwirtschaft<br />

selbst zusammenhängt. Die Tiere<br />

und den Boden zu respektieren, das bedeutet<br />

an die Zukunft zu denken. Wir arbeiten<br />

in einem langsamerem Rhythmus, mit einer ruhigen – tranquillo –<br />

Aufzucht, viel Liebe zum Detail in jeder Phase und mit viel Geduld<br />

für die lange Reifezeit. An erster Stelle stehen Qualität und eine umweltverträgliche<br />

Lieferkette.” Na also, es geht doch auch anders. |sl<br />

4 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! CREMONA<br />

So wie links oben sehen glückliche Schweine aus. Mario und Giuseppe Bettella, ganz oben bei der Kontrolle des Prosciutto Crudo XXL.<br />

Alle Wurstwaren werden von ausgewählten Produzenten der jeweiligen Region nach traditionellen Methoden hergestellt, bevor sie zu<br />

Bettella zurückkehren und in den Verkauf kommen. Der Prosciutto Crudo reift viele Monate in der Hochebene von Parma. Es ist einer<br />

der Favoriten von Stefano Bettella, oben mit seinem Vater und einem Prachtexemplar von Schwein. Daneben der Hof-Eingang.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

5


KÜCHE ! XXXXXX<br />

STANDORTBESTIMMUNG<br />

„Hausgeräte sollten so konzipiert sein, dass sie zum Lebensstil und -gefühl der Menschen passen.<br />

Sie müssen Schritt halten mit Neuem“, findet Andreas Enslin. Grund genug, da mal nachzuhaken.<br />

Wir sind mit dem Vice President Design Center von Miele zu einem<br />

lockeren Talk verabredet. Mit seiner derzeitigen Markenkampagne<br />

„Qualität, die ihrer Zeit voraus ist“ setzt der Hausgeräte-Produzent<br />

auf Werte, für die Miele stehen möchte: „Handwerkskunst, Performance<br />

und Langlebigkeit“. Sie sind gleichzeitig die Basis für die<br />

Produktgestaltung. „Design ist Kommunikation, und gutes Design<br />

stellt den Menschen in den Mittelpunkt. So werden innovative<br />

Technologien erst alltagstauglich“, sagt Andreas Enslin. Seit 2005<br />

begleitet und prägt der Designer die Entwicklung innovativer Produkte<br />

mit und ist dabei äußerst (selbst)kritisch.<br />

Denn neue Fragen stehen für den Gestalter im Raum: „Wie fühlt<br />

sich Digitalisierung eigentlich für Miele an? Oder andersherum: Wie<br />

fühlt sich eine Digitalisierung bei Miele für Kundinnen und Kunden<br />

an?“ Überwiegend sind es Menschen, die wissen, was sie möchten<br />

und kaufen, also eher nicht die Youngsters. „Das hängt auch mit den<br />

Lebensumständen zusammen. Junge Leute haben teilweise noch<br />

kein großes Interesse an Hausgeräten, bevor sie nicht eine eigene<br />

Familie gründen. Sie nehmen oft die Waschmaschine ihrer Eltern<br />

mit, und diese schaffen sich ein neues Gerät an.“ Interessant wird<br />

es für Enslin, wenn Menschen auf Produkte wie diese angewiesen<br />

sind. Auch hier hat Covid-19 einiges verändert: „Viele haben festgestellt,<br />

dass es ganz praktisch ist, wenn man zu Hause sein kann und<br />

nicht jeden Tag im Büro arbeitet und so den Alltag besser meistern<br />

kann.“ In den letzten beiden Jahren gab es eine erhöhte Nachfrage<br />

nach Hausgeräten, jedenfalls bei Miele, aber: „Es kommen auch<br />

neue Themen auf wie Nachhaltigkeit, wie Digitalisierung, die unter<br />

Corona nochmals stärker in den Fokus gerückt sind.“ Für das Management<br />

des Unternehmens geben Trends, das sind gesellschaftli-<br />

6 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! GÜTERSLOH<br />

Zukünftig geht es vermehrt um Haltung. Dazu gehört auch ein<br />

klares Nein zu Produkten mit kurzen Lebenszyklen. Das Thema<br />

Nachhaltigkeit bedeutet für Andreas Enslin aus dem Design-Management<br />

von Miele auch ganz klar eine soziale Verantwortung.<br />

Der Dialoggarer. Das Gerät wird als Revolution in der Küche betrachtet.<br />

Durch eine intelligente und punktgenaue Energieabgabe kann<br />

es Lebensmittel mit unterschiedlichen Garzeiten in ungekannter<br />

Perfektion zubereiten – und zwar gleichzeitig. „Kein Wettbewerber<br />

hat sich an diese Technologie herangetraut und sie zu dieser Reife<br />

gebracht.“ Für Enslin auch ein Wagnis, dieses Risiko einzugehen.<br />

Ein Fakt, der äußerst selten in der Branche zu finden ist. „Dahinter<br />

steht eine ganz bestimmte Haltung und da bin ich bei Authentizität.<br />

Etwas zu entwickeln und es dann besonders gut zu machen.“<br />

Die Kampagne nimmt das mit dem Ausdruck „Creators of Quality“<br />

auf, „also die Qualität, die durch unsere Einstellung generiert wird.“<br />

che Entwicklungen wie diese, den Anlass, „die Marke neu auszurichten.“<br />

Zu der aktuellen Strategie gehört vor allem eines: mehr über<br />

sich selbst zu erzählen. „Wir haben immer auf Produkte gesetzt.<br />

Klappern gehört bekanntlich zum Geschäft, und natürlich machen<br />

wir Dinge gut. Doch dahinter steht eine Haltung.“<br />

Beispielsweise beim Thema Handwerk: Natürlich werden Miele-Geräte<br />

heute überwiegend maschinell produziert, auch wenn<br />

die Anfänge des Unternehmens handwerklich geprägt waren.<br />

Doch damals wie heute gilt in Gütersloh ein hoher Anspruch:<br />

Das bedeutet hochwertige Materialien, perfekte Verarbeitung<br />

wie wir es von Handwerkskunst kennen. Darin drückt sich auch<br />

der Wunsch aus, Produkte zu schaffen, die lange bleiben und ihre<br />

Gültigkeit bewahren. Für Enslin ist das fast schon ein Ethos, „die<br />

Verantwortung, die ich übernehme für Dinge, die ich tue.“ Das<br />

reicht von einem hohen Maß an Gewissenhaftigkeit bei den Umsetzungsprozessen,<br />

Miele hat einen eigenen Maschinenbau, bis<br />

zur eigenen Motorenfertigung in Euskirchen. „Das sind Faktoren,<br />

die in die Langlebigkeit extrem eingehen. Da bin ich wieder beim<br />

Handwerk, es ist viel Know-how dabei, und ich muss die Fähigkeit<br />

haben, das Know-how auch umzusetzen.“ Für dieses Können steht<br />

eine produkttechnische Innovation von Miele wie keine andere:<br />

Mit Innovationen wie dieser will sich das Unternehmen ganz oben<br />

positionieren – doch Gegenfrage: Arbeiten ambitionierte Hobbyköche<br />

tatsächlich mit derart ausgeklügelten Techniken? Nutzen sie<br />

Automatikprogramme, wo es doch in der Küche tatsächlich eher um<br />

Handwerklichkeit geht? „Eine einfache Frage mit einer komplizierten<br />

Antwort“, findet der Gestalter und führt als Beispiel Assistenzsysteme<br />

im Auto an. „Nicht jeder, der plötzlich auf Glatteis fährt, hat<br />

gerade einen Rallyekurs gemacht und ist froh, dass ein DSP oder ASP<br />

verhindert, dass man sich um die eigene Achse dreht. Ohne entsprechende<br />

Technik bedeutet das Lebensgefahr. Und beim Kochen ist es<br />

ähnlich. Wenn ich viel koche und Erfahrung darin habe, brauche ich<br />

keine Assistenz. Doch wir haben gesehen, dass Menschen in Corona-Zeiten<br />

angefangen haben, selbst zu kochen. Und dann stehe ich<br />

da und habe die meiste Zeit im Büro verbracht und nicht am Herd.<br />

Wie funktioniert das? Und ich verarbeite ein gutes Lebensmittel<br />

und möchte kein Risiko eingehen. An dieser Stelle ist ein Assistenzsystem<br />

wunderbar.“ Bei der kommenden Kochfeldgeneration kann<br />

per se nichts mehr überkochen. Die Steuerung läuft im Hintergrund,<br />

regelt alles und schafft Spielräume. Enslin vergleicht das mit dem<br />

Dialoggarer. „Es geht darum, ein Stück weiterzugehen.“ Übrigens<br />

auch in Richtung Energiebedarf, der bei dieser Technologie extrem<br />

gering ist. „Weil wir eben nicht den kompletten Backofen, sondern<br />

mit der Hochfrequenz genau das Lebensmittel erhitzen.“<br />

Eigentlich ist das die perfekte Überleitung für eine interessante<br />

Nachhaltigkeitsdiskussion und eines meiner persönlichen Lieblingsthemen<br />

bei Miele: Die elterliche Waschmaschine wurde 1995<br />

angeschafft und außer dem Austausch eines Kontakts läuft sie und<br />

läuft und läuft. In die Lebensdauer neuerer Geräte habe ich als Konsument<br />

kein so großes Vertrauen mehr ... „Wir sehen bei den neuen<br />

Produkten als Unternehmen eine große Herausforderung. Das ist<br />

die immer komplexer werdende Bauweise – ein Riesenthema, wenn<br />

es darum geht, Energie einzusparen und Energie-Labeln gerecht zu<br />

werden. Es ist kein Geheimnis, dass Hersteller mit der Erfüllung der<br />

Auflagen großen Aufwand betreiben.“ Hausgeräte haben weltweit<br />

einen großen Anteil am Energiekonsum – für Enslin final ein Riesenbetrag<br />

– „und gleichzeitig erleben wir, dass wir über die Energie-Label<br />

immer mehr an unsere physikalischen Grenzen kommen. Das<br />

heißt, die Vorgänge werden immer komplexer.“ Das geht von den ⇨<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

7


KÜCHE ! GÜTERSLOH<br />

Statt steigender Komplexität<br />

bauen die künftigen Hausgeräte<br />

Brücken von kaum<br />

verständlichen Technologien<br />

zu einer einfachen Anwendung.<br />

Beispiel Automatikfunktionen:<br />

„Ich möchte nicht<br />

irgendwelche Menüs. Ich<br />

möchte einfach nur Waschen<br />

oder Kochen“, so Andreas<br />

Enslin unten. Auch die Lagerung<br />

von Gemüse und Obst<br />

gereicht zur Freude:<br />

Mit „PerfectFresh Active“<br />

links bleibt beides dank<br />

aktiver Befeuchtung und<br />

Temperatursteuerung bis zu<br />

fünfmal länger frisch. Miele.<br />

Motoren für spezielle Waschrhythmen über deren Ansteuerung bis<br />

zu Pumpen etc. Am Ende sind es rund 1.800 Teile. „Im Vergleich zur<br />

Waschmaschine Ihrer Eltern bestimmt doppelt so viele.“ Und die<br />

Möglichkeit eines Defekts vergrößert sich damit schon rein rechnerisch.<br />

Noch mehr überrascht Enslins Aussage, dass nur fünf Prozent<br />

aller Konsumenten Energie-Sparprogramme bei Waschmaschinen<br />

nutzen, bei Geschirrspülern wird dagegen schon öfter mal der<br />

Eco-Modus eingestellt. Beides passiert demnach viel zu selten.<br />

Doch wie wäre es mit Nachhaltigkeit in Form von Langlebigkeit?<br />

Weniger Geräte und dafür länger im Gebrauch. „Das wäre ein Hebel,<br />

den Footprint zu reduzieren“, so Enslin, der in seinem Element ist:<br />

„Ein Gedankenspiel – was wäre, wenn wir eine Verordnung hätten,<br />

dass Sie nur ein einziges Mal eine Waschmaschine kaufen könnten?<br />

Was machen Sie dann? Dann würde ein ganz anderer Prozess<br />

einsetzen. Sie würden sich länger Gedanken machen, bevor Sie ein<br />

Gerät kaufen. Und sie würden es besser pflegen. Stattdessen sind<br />

wir es gewohnt, alles sofort haben zu können.“ Alles auf einmal und<br />

dadurch mit geringerer Bereitschaft, angemessene Preise zu bezahlen.<br />

Jeder kann sich denken, dass diese Haltung auf Kosten von<br />

Qualität und Umwelt geht. Umso wichtiger scheint es da, auf entsprechende<br />

Marktgesetze hinzuweisen. – Bliebe noch das Thema<br />

Recycling. Für Enslin nur bedingt eine Option, weil die entsprechenden<br />

Materialien meistens nicht die gewünschten Qualitätseigenschaften<br />

mitbringen – „natürlich müssen wir Dinge im Loop halten,<br />

das schaffen wir beispielsweise mit dem Wiedereinschmelzen von<br />

Gussgewichten.“ Doch für den Designer haben die Verarbeitung der<br />

Geräte und Materialien Priorität. „Eine lange Lebensdauer bedeutet<br />

Nachhaltigkeit in besonderem Maße. „Auch Langlebigkeit lässt sich<br />

noch verbessern, indem zum Beispiel verstärkt in Reparierbarkeit investiert<br />

wird. Aber es bleibt die Frage: Sind Kunden bereit, dafür Aufpreise<br />

zu zahlen? Für nachhaltig produzierte Nahrungsmittel wird<br />

inzwischen ja auch gerne mehr Geld ausgegeben.“ Eine Tatsache,<br />

die mit Achtsamkeit zu tun hat. „Wenn man über Trends spricht. Ich<br />

glaube, dass wir in einer immer größeren Komplexität landen. Das<br />

Rad wird sich weiterdrehen, die einzigen, die in dieser Zunahme von<br />

Komplexität konstant bleiben, sind Menschen.“ Wir verändern uns<br />

nicht so rasant wie die Technik. „Es ist die Aufgabe von uns Designern,<br />

Brücken zu bauen: Zwischen dem, was Menschen Freude<br />

macht, und was sie akzeptieren, und dem, was technisch möglich<br />

ist, und was angeboten wird. Wir als Designer müssen Dinge so interpretieren,<br />

dass man sie im Alltag nutzen kann. Nutzerinnen und<br />

Nutzer müssen sich heute um die Technik immer weniger kümmern.<br />

Die Geräte funktionieren so, wie sie benötigt werden.“ |sd<br />

8 W!D 6 I <strong>2021</strong>


#küchengespräche<strong>2021</strong><br />

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Jeden Donnerstag um 19 Uhr auf Vimeo – schalten Sie ein und erleben<br />

Sie u.a. Franz Keller, Heiko Antoniewicz und viele weitere spannende Gäste.<br />

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KÜCHE ! XXXXXX<br />

EIN ABEND BEI MARTA<br />

Wenn Sie in Hamburg wohnen, können Sie sich glücklich schätzen. Wenn Sie zu<br />

Besuch sind, dann auch. Um diese Möglichkeit in Altona beneiden wir Sie …<br />

Wie schön, einen Platz zu finden, an dem man sich sofort wohlfühlt,<br />

bei freundlichen Gastgebern und angenehmem Publikum.<br />

Die Wahl fiel durch Zufall auf „Marta“ – „regionale Küche mit Anspruch“<br />

hörte sich charmant an. Dass die Welt um uns versank,<br />

als die Gerichte eines Fünf-Gang-Menüs nach und nach serviert<br />

wurden, war die Überraschung meines letzten Hamburgbesuchs.<br />

Frederik und Bobby kochten uns schwindelig. Beide jung. Wagemutig.<br />

Ambitioniert: „Ich hatte das Glück, in Ländern wie Japan, Südafrika,<br />

Israel und Österreich in guten Häusern zu kochen“, erzählt<br />

Frederik Pavlik, sichtlich überrascht, dass wir ihn nach dem Essen an<br />

unseren Tisch bitten und gerne kennenlernen möchten. Und Marta?<br />

„Als ich als Kind bei meiner Oma in der Küche war, kam mir das »Le-<br />

10 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! HAMBURG<br />

ben« gar nicht so schwer vor.“ Für die beiden Köche ist Marta ein „Ort<br />

der Freiheit. Kein Job, sondern eine Aufgabe. Ein Stückchen Esskultur<br />

mit Blick auf das, was zu Großmutters Zeiten schon gut war und<br />

die Möglichkeit, seine Ideen auszuleben.“ Das bedeutete für unseren<br />

ersten Gang eine Tomaten-Vielfalt, Sonnenblumenkern-Hummus,<br />

schwarze Ribisel, Fenchel-Sorbet, Basilikum und Auberginenkeks,<br />

gefolgt von einem Steinpilz-Dashi und als Hauptgang Dreierlei<br />

vom Kikokhuhn mit Kirschtomate, Buschbohne, 7 Spice, Zwetschge,<br />

Hirserisotto, geräuchertem Eigelb und Oreganoschaum.<br />

„Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Dabei geht es um deine<br />

Leidenschaft für guten Geschmack. Marta bedeutet traditionelles<br />

Handwerk, komplexe Geschmäcker, signifikant und innovativ.“ Ja. Es<br />

ist auch ein Wagnis, großes Kino zum verhältnismäßig kleinen Preis<br />

anzubieten. „Diese Art von Küche für möglichst viele Menschen<br />

zugänglich zu machen, bedeutet mir viel“, sagt Frederik, und wir<br />

nehmen ihm seine Ambition sofort ab. Der Nachtisch ist wie zu erwarten<br />

ein Kracher. Wir ordern gleich zwei: Die Tarte mit Aprikosen<br />

kommt auf einer köstlichen Karamellsoße daher und die Mousse<br />

mit Johannisbeer-Sorbet ist zum Niederknien. Auch die Bedienung<br />

ist Zucker. Bevor sie die Rechnung bringt, steht fest: Bis ganz bald. |sd<br />

Ein Ort, an dem es nicht um Sehen und Gesehenwerden geht.<br />

Kein Platz für blasiert-gelangweilte Selbstdarstellung,<br />

sondern ein besonderer für Genuss, Gelassenheit, für schöne<br />

und unterhaltsame Stunden bei ausgezeichnetem Essen.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

11


FÜLLE IM VERZICHT<br />

Designer Henry Timi bleibt sich treu und setzt konsequent auf die Ideologie der<br />

Einfachheit. Auf Fülle im Verzicht und die Ablehnung alles Überflüssigen.<br />

betreten. Schon allein ob des verschwenderischen Einsatzes von<br />

Naturstein, Timis Hommage an die Architekten John Pawson<br />

und Claudio Silvestrin, bekannt für ihre minimalistische Ästhetik.<br />

Ein Gesamtentwurf mit hoher Komplexität und Eleganz und<br />

doch konsequent radikal in der Substanz. Diese Fülle im Verzicht,<br />

dieser Reichtum, der auf Timis selbst auferlegter Ideologie der<br />

Einfachheit basiert – das muss man erst<br />

einmal aushalten können! Wir lieben es!<br />

Das 120 Quadratmeter große Loft des<br />

Künstlers und Designers ist ein Spiegelbild<br />

seiner Seele, ein Spiegelbild seiner<br />

Menschwerdung; so beschreibt der zurückhaltende<br />

Italiener selbst es wohl am<br />

treffendsten. Ein Ort, von dem eine andächtige,<br />

ja fast klösterliche Reinheit ausgeht.<br />

Sämtliche Oberflächen – Wände,<br />

Decken, raue Steinböden – sind mit einer<br />

Lehmschicht überzogen und dienen als<br />

Bühnenbild für eine Auswahl an minimalistischen<br />

und sorgfältig kuratierten Möbeln,<br />

die allesamt von Henry Timi selbst<br />

stammen. Ausgehend von einem hallenartig<br />

angelegten Flur fällt der Blick zur Linken<br />

in den Wohn- und Essbereich und zur<br />

Rechten in die Küche, in deren Mitte sich<br />

ein gewaltiger, monolithischer Küchenblock<br />

erhebt. Stück für Stück beginnen wir<br />

Timis Intention zu verstehen.<br />

©FOTO: NATHALIE CRAG/LIVING INSIDE<br />

Die Bögen in den Übergängen – ein Erbe<br />

der ursprünglichen Bestimmung des Raumes<br />

als Labor – wirken wie Bilderrahmen<br />

und unterstreichen den klösterlichen<br />

Charakter. Es waren die Römer, die schon<br />

im 2. Jahrtausend v. Chr. mit der systematischen<br />

Verwendung des Bogens begannen.<br />

Hier im Loft umrahmen sie Räume,<br />

geprägt von Zurückhaltung, Einfachheit,<br />

Raffinesse und Disziplin. „Mein Haus ist<br />

ein Beispiel für Forschung und für Experimente,<br />

ein Artefakt meines Denkens,<br />

meines Seins, meines Wesens“, sagt der<br />

Designer. „Es war der Raum selbst, der das<br />

Projekt beeinflusste“, bemerkt er und ⇨<br />

Vielleicht ist Überraschung das richtige Wort für das, was wir<br />

im Prinzip von jedem zeitgenössischen Projekt erwarten. Selbst<br />

wenn dieser Begriff von einer gewissen Art der Bescheidenheit<br />

getragen ist, tritt die Erwartung dahinter deutlich zutage. Überraschung<br />

ist oft die fehlende Note (die wir nie einfordern würden,<br />

ganz gewiss nicht!). Sie erfreut uns, ist oft unmittelbar eindrücklich<br />

und bleibt lange in Erinnerung. Sie lenkt uns ab, amüsiert uns<br />

und regt uns – manchmal – zum Nachdenken und Vergleichen<br />

an. Überraschung ist also das Schlüsselwort, das in unserem Kopf<br />

mitschwingt, wenn wir „Domus“, das Universum des Künstlers<br />

und Designers Henry Timi in der Foro Buonaparte in Mailand<br />

Taktik und Minimalismus: In dem vollständig kuratierten Henry-<br />

Timi-Universum in Brera liefert jedes Möbelstück (aus der eigenen<br />

Kollektion) eine eindrückliche Interpretation seiner Ästhetik.<br />

Museal. Klösterlich. Meditativ. Die wenigen Möbelstücke folgen in<br />

sanften Kurven den Linien des Grundrisses.<br />

12 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! MAILAND


KÜCHE ! MAILAND<br />

beschreibt, wie er bei der Renovierung die hohen Torbögen freilegte<br />

– poetische Referenzen an die antike römische Architektur<br />

–, die anstelle von Wänden die Übergänge zwischen den Räumen<br />

abgrenzen. Timi hat ausschließlich mit natürlichen Materialien<br />

wie rohem Stein, Ton, Lehm, Beton, Metall und Holz gearbeitet –<br />

eine Referenz an die antiken römischen Wohnhäuser, wie er selbst<br />

es betont. Der selbst auferlegten Ideologie der Einfachheit folgend<br />

liegt Henry Timis Markenethos in der „Ablehnung des Überflüssigen“.<br />

Er erklärt: „Mit dieser konzeptionellen Vision wollte ich<br />

deutlich betonen, dass wir alle die Möglichkeit haben, natürliche<br />

Materialien zu verwenden, da alles aus der Erde stammt. Mutter<br />

strukturierte Lehmwände und Lehmdecken, Türen und Schränke,<br />

mit Lehm beschliffener und gebürsteter Stein für sämtliche<br />

Böden – schaffen eine klare und warme Atmosphäre. Timi ergänzt:<br />

„Ich arbeite bevorzugt mit natürlichen Materialien, um<br />

zum ursprünglichen Zustand der Dinge zurückzukehren. Diese<br />

Werkstoffe schaffen eine einzigartige Verbindung zu unseren Ursprüngen.<br />

Durch die klaren Formen im Raum entsteht ein Ort der<br />

Ruhe und Schönheit, ... und der versteckten Funktionen,“ fügt er<br />

noch hinzu. Die Schönheit, die Henry Timi meint, ist in vielen kleinen<br />

Details verborgen. Da verschwinden Bücherregale hinter mit<br />

Stein verkleideten, raumhohen Türen. Küchenarbeitsgerät und<br />

Natur gewährt uns das Geschenk, ihre Rohstoffe zu nutzen und<br />

sie mit unseren Händen in etwas Neues zu verwandeln“, fügt<br />

er hinzu. Nachhaltigkeit aus Überzeugung, nicht als zur Schau<br />

getragene Attitüde – das gefällt uns! Beruhigende, aus der Natur<br />

abgeleitete Farbtöne – roher Stein mit fantastischer Haptik,<br />

Maschinen in Schränken aus Ton. Nichts, aber auch gar nichts,<br />

was das Auge stört, wenn es durch die Räume streift. Allein an<br />

einzelnen Solitären wie dem skulpturalen Stuhl in der „Hallway“,<br />

den Artefakten auf der Werkbank in der Küche, dem dunklen<br />

Steinobjekt im Durchgang zum Wohnraum und dem Sockel aus<br />

14 W!D 6 I <strong>2021</strong>


weißem Eichenholz mit Schalen aus Stein bleibt der Blick haften.<br />

Ankerpunkte für Dimension und Perspektive. Und ein Beweis für<br />

Designstärke. Henry Timi dazu: „Ich wende mich der Einfachheit<br />

als Tiefe und der Verfeinerung zu, indem ich meine Intuition<br />

nutze, um zu vereinfachen, anders zu denken und die Dinge zu<br />

verbessern.“ Organische Formen, das Spiel mit Proportionen und<br />

Maßstäben und die Neuerfindung des Konzepts der „Abwesenheit<br />

und des leeren Raums“ sind in Timis 120 Quadratmeter großem<br />

„Domus“ präsent. „Es war nicht irgendeine Inspiration, die<br />

ich hatte, bevor ich dieses Objekt fand. Wie gesagt „Es war der<br />

Raum selbt, der das Projekt beeinflusst hat“, sagt er. Timi ist bekannt<br />

für seine gestalterische Schlichtheit und den Verzicht auf<br />

Überflüssiges, wobei jeder seiner Entwürfe das Material in seiner<br />

rohen, puristischen Form zeigt. Jede Kreation – von Sitz- und Polstermöbeln<br />

über Tische und Betten bis hin zum Badezimmer-Look<br />

der Küche – strahlt eine zurückhaltende Eleganz und Ehrlichkeit<br />

aus und spiegelt seine minimalistische Vision und Ideologie der<br />

Einfachheit als Designer wider. Die monolithische Küche und das<br />

skulpturale Waschbecken aus gemeißelten italienischen Steinplatten,<br />

die in der Fabrik des Designers in Italien hergestellt werden,<br />

wo er mit Ideen experimentiert, stehen im Einklang mit seiner<br />

Vision: ruhig und einfach und doch luxuriös, klösterlich und ⇨<br />

Links: Hohe Bögen im Flur, für den das englische Wort „Hallway“ im Prinzip viel treffender ist, verdeutlichen den Maßstab und die Proportionen<br />

des Hauses. Ein handgefertigter, skulpturaler Holzstuhl vom Designer selbst unterstreicht das Museale des Raumes. Oben:<br />

Der Designer Henry Timi ist bekannt für seine ikonografischen Küchen. Die Werkbank des eigenen Küchenmonoliths ließ er aus „Bianco<br />

Canale“-Naturstein fertigen. Die Unterschränke wiederum sind in Ton ausgeführt und verbergen ästhetische Beeinträchtigungen<br />

durch freistehendes Küchengerät. Die Türen des deckenhohen Küchenschranks verblendete Timi mit „Travertino Colosseo“-Naturstein.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

15


16 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! MAILAND<br />

zurückhaltend. Das ständige Streben nach Perfektion und der<br />

Essenz der Natur ist in Henry Timis Entwürfen verankert. Ob es<br />

sich nun um eine wunderschön gearbeitete Vase oder eines seiner<br />

handgefertigten Möbelstücke handelt. Henry Timi sagt dazu:<br />

„Ich führe Gedanken und Ideen aus und setze mich über Trends<br />

hinweg, indem ich versuche, das Ungewöhnliche zu gestalten,<br />

originell zu sein. Es ist eine Art zu leben, sich zu verhalten und zu<br />

sein. Was meine Entwürfe und meine Arbeit heute mehr denn<br />

je beeinflusst, ist die Suche nach ästhetischer Perfektion, nach<br />

absoluter Qualität, nach dem Wesentlichen in der Abwesenheit,<br />

nach dem Symbolischen und dem Ewigen. Ich war schon immer<br />

von allen reinen, primären, ursprünglichen und essenziellen Formen<br />

fasziniert und habe Dekor, Opulenz und jeglichen Tand immer<br />

abgelehnt. Mein Weg wurde durch das Wissen, das Studium<br />

der Formen, der Werke der großen Meister und das Bedürfnis<br />

nach Funktion maßgeblich beeinflusst.“<br />

Henry Timi hat erreicht, was nicht jedem Designer vergönnt ist:<br />

eine vollkommen eigenständige und unmissverständliche Designsprache<br />

zu finden und sie zu verwirklichen. Und das mit Hilfe<br />

der Materie, die er benutzt. Die Materie und die Fähigkeit, sie respektvoll<br />

zu verarbeiten, gehen oft bis an die Grenze. Timi gelingt<br />

es, sie mit Demut herauszufordern.<br />

|duw<br />

Links: Es scheint, als hätte Henry Timi den vielzitierten Ausspruch „Calm down and relax“ erfunden; auf dessen Essenz reduziert wohl<br />

allemal. Im Schlafraum das vom Designer selbst entworfene und in seinen eigenen Werkstätten auf Maß gefertigte Bett „HT803“<br />

in weißer Eiche. Auch hier existiert bis auf ein paar skulpturale Objekte auf der Bettkonsole rein gar nichts, das den Geist ablenken<br />

könnte; Timis selbst auferlegte Ideologie der Einfachheit par excellence. Diese Seite: Wir sagen es frei heraus: Dieses Waschbecken<br />

ist mit großem Abstand das schönste, das uns je untergekommen ist! Aus „Bianco Canale“-Naturstein. Bravo, Maestro Timi!<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

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KÜCHE ! MODENA<br />

SLOW FOOD & FAST CARS<br />

Wie gut das passt, zeigt Massimo Bottura. Für den italienischen Spitzenkoch hat Maserati<br />

einen Wagen personalisiert. Die Inspiration? Philosophie, Damien Hirst und …<br />

... sehr viel Tiefgang bei einem Menschen, der als herausragendster<br />

Koch Italiens gilt. „Die Idee eines in Farbe getauchten Autos<br />

hatte ich schon lange“, erzählt Massimo Bottura, vielfach ausgezeichneter<br />

Besitzer der Osteria Francescana in Modena. „Als ich<br />

hörte, dass Maserati ein Personalisierungsprogramm anbietet,<br />

begann sich alles in meinem Kopf zu drehen und ich ergriff die<br />

Gelegenheit. Endlich ein Unternehmen, das verrückt genug ist,<br />

meinen Wunsch umzusetzen.“ Bottura überlegt und fährt fort:<br />

„Dieses Auto drückt aus, wer ich bin. Ich meine, dass wirklich alle<br />

Autos etwas über uns verraten. Willst du unter dem Radar fahren<br />

oder auffallen? Willst du ein Auto, das dich definiert oder dich nur<br />

von A nach B bringt? Da ich in Modena aufgewachsen bin, war<br />

Geschwindigkeit immer Ausdruck meiner Identität.“ Als jüngster<br />

von vier Brüdern in den 70er-Jahren war dort „jede Straße eine<br />

Rennstrecke – ohne Begrenzungen, nur die offene emilianische<br />

Landschaft. Rennfahrer waren Helden und wir kannten jedes<br />

18 W!D 6 I <strong>2021</strong>


einzelne Detail, jedes Auto auf der Strecke. Meine Brüder und ich<br />

waren besessen davon, die Kultwagen dieser Zeit zu sehen.“ Jeden<br />

Sonntag verfolgten die vier die Grands Prix und alle Autorallyes<br />

vom Sofa aus im Fernsehen. „Da ich in Modena aufgewachsen bin,<br />

sehe ich das Leben als Rennen, als die große Rallye des Lebens.“<br />

Tatsächlich startete der Italiener ziemlich schnell durch und ist<br />

seitdem auf der Überholspur: 1986, nach einem abgebrochenen<br />

Jura-Studium, eröffnet er die „Trattoria del Campazzo“. Bar, Tabakladen<br />

und Bistro in einem. Alain Ducasse verirrt sich zufällig in seinen<br />

Laden und holt ihn direkt in sein Restaurant nach Monte Carlo.<br />

Bottura zieht bald darauf nach New York und lernt dort seine spätere<br />

Frau, die amerikanische Kuratorin Lara Gilmore, kennen. 1995<br />

eröffnet er sein heutiges Restaurant. Die Liste der Prämierungen ist<br />

zu lang – also gut, Bottura ist einfach die Nummer eins – sein Verdienst<br />

lässt sich dagegen kurz zusammenfassen: die Erneuerung<br />

der traditionellen italienischen Küche. „Die Osteria Francescana ist<br />

ein Labor, ein Art Observatorium, das eine besondere und einzigartige<br />

Eigenschaft hat: die Möglichkeit, die Tradition aus 20 Kilometern<br />

Entfernung zu betrachten.“ Rezepte sind für ihn nicht dazu da, wortwörtlich<br />

befolgt zu werden. „Sie sind Geschichten. Fotografien eines<br />

bestimmten Moments und Raums in der Geschichte. Ich nehme sie<br />

als Ausgangspunkt, von dem aus der Weg der Kreation beginnt.<br />

Denn es geht um Inspiration, die aus meiner Umgebung kommt.<br />

Koch zu sein bedeutet, in allem Inspiration zu finden. Es bedeutet, ⇨<br />

Mit der Maserati „Fuoriserie“ lassen sich Autos nach persönlichen<br />

Vorstellungen gestalten. Für Massimo Bottura entstand<br />

der SUV „Levante“ mit stilisierten „Schlammspritzern“, wie<br />

nach einer rasanten Rallye. Der Sternekoch ist autoverrückt.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

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KÜCHE ! XXXXXX<br />

20 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! MODENA<br />

die Tür offen zu lassen für Poesie, für Fantasie. Es bedeutet, ein Pesto<br />

mit Semmelbröseln zu machen, wenn man keine Pinienkerne zur<br />

Hand hat.“ Das ist ganz im Sinne von Slow Food und diese Bewegung<br />

wiederum hat für den Koch auch ganz viel mit Maserati und Fast<br />

Cars zu tun. „Beim ersten geht es um Reifeprozesse und den Gehalt<br />

einiger unserer kultigsten handwerklichen Produkte wie Parmigiano<br />

Reggiano, Prosciutto und Balsamico-Essig. Bei Fast Cars geht es<br />

nicht nur um Kult-Marken, die seit jeher in Modena hergestellt werden,<br />

sondern es ist auch eine Geschichte über Leidenschaften und<br />

den Drang zur Innovation. Als Küchenchef kommen die beiden Elemente,<br />

langsam und schnell, in meiner Küche perfekt zusammen,<br />

wo wir die Zutaten für ihre kulinarischen Gerichte respektieren und<br />

gleichzeitig aus einem zeitgenössischen Blickwinkel betrachten.“<br />

Die Inspiration für die Gestaltung seines Maserati, übrigens ein<br />

SUV mit 580 PS, 8 Zylindern und Allradantrieb, ist gleichermaßen<br />

vielseitig. „Die ersten Metaphern und Referenzen, die uns in den<br />

Sinn gekommen sind: Schlamm als Geschwindigkeit. Farbe als Kultur.<br />

Wenn meine Brüder früher Rennen fuhren, war ich fasziniert<br />

vom Anblick ihrer Autos, die komplett mit Schlammspritzern bemalt<br />

waren, besonders um die Räder herum. Meine erste Idee war,<br />

mit meinem Maserati zu zeigen, wie hart dieser Wagen gefahren<br />

werden kann, und auch, dass Luxusautos nicht perfekt poliert und<br />

glänzend sein müssen, sondern auch benutzt werden sollten. Die<br />

Spritzer um die Räder eines Rallyeautos drücken Geschwindigkeit<br />

und Action aus und sind die Zeichen, die wir bekommen, wenn wir<br />

die große Rallye fahren, die das Leben ist.“<br />

Doch Bottura hat noch eine weitere, große Leidenschaft: Kunst.<br />

„Die Farbspritzer sind in der Tat von Damien Hirst inspiriert. Wie<br />

viele bedeutende Künstler hat er die Fähigkeit, das Staunen und die<br />

Freude eines Kindes hervorzuholen und dieses Gefühl durch seine<br />

Kreationen mit anderen zu teilen. Insbesondere seine Serie der<br />

»Spin Paintings« fängt meiner Meinung nach perfekt das Gefühl<br />

ein, ein Durcheinander zu veranstalten, außerhalb von Linien zu<br />

malen und sich nicht mit Schlamm, sondern mit Farbe schmutzig<br />

zu machen. Eine Ode an die Kreativität und Kultur.“ Bottura nutzt<br />

auch ein Zitat von Picasso, um sein Anliegen zu erläutern: „Ich habe<br />

mein ganzes Leben gebraucht, um zu lernen wie ein Kind zu malen“<br />

– für den Sternekoch geht es um die Kraft der Fantasie, die Fähigkeit,<br />

sich von einfachsten Dingen, die uns umgeben, inspirieren zu<br />

lassen und „die Kreativität, das Unsichtbare, sichtbar zu machen.“<br />

Inspiration hat für Bottura sehr viel mit Kultur zu tun. „Ich lege es<br />

meinen Mitarbeitern immer wieder ans Herz, sich in das Thema zu<br />

vertiefen. Letztendlich geht es darum, den Mut zu haben, über das<br />

Äußere hinauszugehen und eine tiefere Bedeutung zu erkennen,<br />

so wie man es beim Betrachten eines zeitgenössischen Kunstwerks<br />

tut.“ Die Beschäftigung mit moderner Kunst öffnete dem Italiener<br />

die Tür zu einer neuen Welt. Der Schlüssel dazu war seine Frau Lara,<br />

die ihm die Tiefe und Ansätze vieler Konzepte näherbrachte: „Betrachten<br />

Sie diese Hände nicht als Hände. Gehen Sie in die Tiefe,<br />

versuchen Sie, zu verstehen, was der Künstler tut. Die Bedeutung<br />

liegt nie in dem, was man sieht, in der Ästhetik, sondern im Denkprozess.<br />

Die Konstruktion des Gedankens ist das, was die Ästhetik<br />

inspiriert. Bei allen Farben geht es letztendlich um die Kontamination<br />

ihrer Leidenschaften und ihrer persönlichen Identität. Ich mag<br />

es, mich schmutzig zu machen und mich in dieser Mischung aus<br />

Musik, Kunst, Essen, Autos und Poesie zu verlieren, die entsteht,<br />

wenn man wagt, tief zu denken. Der Maserati hat den Schlamm in<br />

Farbe verwandelt und gleichzeitig die Geschwindigkeit der Räder<br />

zum Ausdruck gebracht, als ob ich mit dem Wagen durch Pfützen<br />

voller Farbe oder durch Eimer voller Kultur gefahren wäre.“ Die<br />

Muster auf der Kühlerhaube und an den Seiten haben Ähnlichkeiten<br />

zu einigen von Botturas Speisen. Gibt es da auch Parallelen?<br />

Eine Explosion von Geschmack und Farbe?<br />

„Was ist Kreativität?“ – entgegnet der Italiener. „Es geht darum<br />

zu definieren, wie man die Welt sieht. Manche Menschen sehen<br />

Schwarz und Weiß. Andere sehen die Welt in einer einzigen kräftigen<br />

Farbe. Ich sehe die Welt wie ein Kaleidoskop, das sich neu justiert,<br />

während ich mich entwickle und verändere, und das sich mit mir<br />

wandelt. Das Fließen der Farben, der Sinn und die Geschwindigkeit<br />

der Bewegung – all das lässt mich so sein, wie ich bin und wie ich<br />

die Welt sehe. Es ist eine Art zu zeigen, wie ich Probleme löse und<br />

wie ich koche. Bei diesem Auto geht es um Selbstdarstellung auf<br />

einer anderen Ebene. Wie ein Tattoo, das jeder sehen kann.“ |sd<br />

Natürlich fragten wir Bottura, links der Eingang zu seiner<br />

Trattoria Francescana, wo höchste Kochkunst zelebriert wird,<br />

was ihn an Maserati fasziniert. „Farbe. Sie ist grundlegender<br />

Bestandteil des Lebens. Handwerkskunst – die Geschichte der<br />

Marke spricht für sich. Unverwüstlichkeit. Und der Klang. Ein<br />

Maserati hat einen Sound wie keine anderen“, so der Koch, der<br />

seinem Geschoss den Spitznamen „Rallye Monte Charlie“ gab,<br />

eine Hommage an seinen Sohn Charlie. Adressen Seite 66.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

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KÜCHE ! SYDNEY<br />

FUTURISTISCH<br />

„Home Office“ bekommt in diesem australischen Architekturjuwel<br />

eine völlig neue Bedeutung. Ein visionäres Konzept.<br />

Studien belegen, dass das Arbeitsumfeld direkten Einfluß auf die<br />

Motivation und Effizienz jedes Einzelnen nimmt. Dazu zählen<br />

nicht nur nette Kollegen, sondern auch Räumlichkeiten, die eine<br />

schöne Atmosphäre schaffen – quasi wie zu Hause. Jeremy Bull,<br />

Chefdesigner des australischen Designbüros „Alexander & CO.“<br />

hat sich dieses Konzept zu Herzen genommen und in Bondi Junction,<br />

einem Vorort von Sydney, einen Co-Working-Space in Form<br />

eines Einfamilienhauses geschaffen. „Das Haus grenzt direkt an<br />

Oben: Die Küche aus rosafarbenem<br />

Beton. Rechts:<br />

Der Garten von „Alexander<br />

House“ lädt zum Arbeiten<br />

oder Relaxen ein. Die Außenmöbel<br />

entstanden in Zusammenarbeit<br />

von Alexander &<br />

CO. und Studio Collective.<br />

22 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! XXXXXX<br />

mein eigenes. Somit gibt es keine Entschuldigung mehr fürs Zuspätkommen“,<br />

schmunzelt er. Er selbst beschreibt dieses architektonische<br />

Vorzeigeobjekt als „Haus zum Arbeiten“. „Das Projekt ist<br />

eine Abkehr vom traditionellen Büro hin zu einer eher künstlerischen<br />

Wohnumgebung, die sich verändern und die sich flexibel an<br />

die Bedürfnisse des Teams und der Kunden anpassen lässt.“ Sprich:<br />

Potenzielle Bauherren können sich vor Ort einen Überblick über<br />

Proportionen, Materialien, Raumgefüge und Einrichtung verschaffen<br />

und sich Appetit für die Umsetzung eigener Vorhaben holen.<br />

Dem Team bietet „Alexander House“ eine gesunde Arbeitsumgebung,<br />

die Spaß bringt und ein gutes Gefühl verbreitet. Bull: „Es<br />

ist, als hätte jedes Projekt zu diesem Moment geführt, wobei »Alexander<br />

House« den Höhepunkt der technischen und kreativen<br />

Fähigkeiten des Studios verkörpert.“ Die Architektur wirkt spröde.<br />

Betonplatten, Balken, Decken und Wände liegen frei. „Wo es ⇨<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

23


KÜCHE ! SYDNEY<br />

24 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! XXXXXX<br />

möglich war, haben wir bewusst Holzverkleidungen und recyceltes<br />

Material verwendet. Und Stein, Beton und massives Messing aufgrund<br />

ihrer Alterungsbeständigkeit.“ Den großen Innenraum im<br />

weitläufigen Erdgeschoss ziert ein maßgefertigter Küchentresen<br />

aus rosa Beton von Concrete Bespoke, der eine halbe Tonne wiegt<br />

und mit einem Kran durch die Eingangstür transportiert werden<br />

musste. Alle wichtigen Küchengerätschaften wurden an einer<br />

Längsseite des Gebäudes in Nischen gepackt. Mit Holz beplankte<br />

Küchenschränke bieten ausreichend Stauraum, beispielsweise<br />

für Geschirr, das wie die meisten Möbel, Leuchten und Textilien in<br />

Kooperation mit ortsansässigen Werkstätten und Designstudios<br />

entstand. „Dieses Projekt setzt für Kooperationen ausschließlich<br />

auf lokale Strukturen innerhalb unserer Design-Community, um<br />

Maßanfertigungen zu schaffen, die die Visionen unserer Kunden<br />

verwirklichen. Jedes neue Material, jede neue Technologie und jedes<br />

neue Detail ist das Ergebnis der engen Zusammenarbeit mit<br />

lokalen Lieferanten.“ „Alexander House“ ist zudem ein Prototyp für<br />

die Erforschung von Nachhaltigkeit, Kohlenstoffbindung und Umweltinnovationen.<br />

Auch die Architektur selbst wurde zu einem Experiment<br />

in Sachen Nachhaltigkeit. Während die Querlüftung im<br />

Entwurf obligatorisch war, wurden weitere Maßnahmen ergriffen,<br />

wie zum Beispiel der Einbau einer nach Westen ausgerichteten<br />

Glasbausteinwand, die einen hohen Lichteinfall bei gleichzeitigem<br />

Wärmeausschluss ermöglicht.<br />

|ag<br />

Linke Seite und Mitte: Der offene Café-Ess-Wohnbereich wird<br />

für Team-Meetings und Kundengespräche genutzt und bietet<br />

Platz für bis zu 24 Personen. Im Zwischengeschoss oben rechts<br />

befindet sich eine Bibliothek sowie ein Besprechungsraum.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

25


KÜCHE ! XXXXXX<br />

LICHTBLICKE<br />

In der Stadt, die laut Frank Sinatra niemals schläft, sehnte sich eine Familie<br />

nach mehr Platz, mehr Licht, mehr Wohlfühlatmosphäre …<br />

Mit ein bisschen Farbe hier und etwas Politur da war es in diesem<br />

historischen Townhouse im New Yorker Stadtteil Brooklyn leider<br />

nicht getan. Da mussten schon etwas schwerere Geschütze aufgefahren<br />

werden, wie uns die Architekten Nicko Elliott und Ksenia<br />

Kagner vom ortsansässigen Studio „Civilian“ erzählten: „Die Bauherren<br />

wünschten sich einen luftigeren, offeneren Grundriss im<br />

Erdgeschoss mit großzügiger Küche, in der die ganze Familie Platz<br />

findet. Und zudem ausreichend Stauraum. Es war nicht leicht einen<br />

Ansatz zu finden, der auf die Größe des Stadthauses, die Proportionen<br />

und die historischen Details der bestehenden Räume reagiert.“<br />

Dennoch gelang es ihnen ein für alle mehr als zufriedenstellendes<br />

Ergebnis zu erarbeiten – nicht zuletzt dank ihrer jahrelangen Erfahrung.<br />

Elliott: „Wir haben beide viele Jahre lang in interdisziplinären<br />

Design- und Entwicklungsteams gearbeitet, was uns dazu gebracht<br />

hat, unsere architektonische Affinität auf Innenräume und Möbel<br />

auszuweiten. Außerdem haben wir die meiste Zeit unserer Karriere<br />

in New York City verbracht, einer Stadt, die in Sachen Interior und<br />

Möbeldesign definitiv am Puls der Zeit sitzt.“ So wurde der Grundriss<br />

von der Pike auf neu definiert: Auf dem zuvor kleinteilig zonierten<br />

Raum entstanden ein weitläufiges Entrée, ein frei fließender<br />

Wohn- und Essbereich und eine helle, geschmackvolle Küche, dem<br />

Lebensstil der Bewohner angepasst. Das neue Bild besticht durch<br />

viel Klarheit und Offenheit. Civilian achtete bei der Modernisierung<br />

der Innenräume darauf, den historischen Charakter des Hauses hervorzuheben,<br />

indem sie zeitgenössische Elemente einbauten, die sich<br />

harmonisch in die ursprünglichen Merkmale des Hauses einfügen.<br />

Kagner: „Wir sind der Meinung, dass es völlig in Ordnung ist, wenn<br />

man bei Bedarf historische Details entfernt, um einen Raum zugunsten<br />

aktueller Bedürfnisse zu optimieren. Und es ist in Ordnung,<br />

historische Details in Räumen nachzustellen oder zu reproduzieren.<br />

Natürlich ist das alles eine Frage der Ausgewogenheit und des Urteilsvermögens.“<br />

Die Haupteingangshalle war ein schmaler, von<br />

den Wohnräumen abgetrennter Raum, der keinen Stauraum bot<br />

und von einer ungenutzten Treppe zum darunterliegenden ⇨<br />

26 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! BROOKLYN<br />

Linke Seite: Die Architekten<br />

Nicko Elliott und Ksenia Kagner<br />

vom New Yorker Studio<br />

„Civilian“ sind gerne interdisziplinär<br />

unterwegs. Diese Seite:<br />

Die Bewohner wünschten<br />

sich einen offenen Grundriss<br />

für das Erdgeschoss, inklusive<br />

großzügiger Küche mit Platz<br />

für die ganze Familie. Die<br />

Fronten der maßgefertigten<br />

Küchenschränke wurden mit<br />

weißem Linoleum von Forbo<br />

versehen. Die Arbeitsplatte<br />

und die Rückwand sind aus<br />

Marmor, den BAS Stone lieferte.<br />

Studio Matter Made designte<br />

die runde „Nix“-Leuchte<br />

über der Insel. Armatur von<br />

Vipp aus Dänemark.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

27


KÜCHE ! XXXXXX<br />

Keller dominiert wurde. Kagner: „Das Entrée war zu verwinkelt geschnitten.<br />

Der Eingang zu Ess- und Wohnzimmer war viel zu klein.<br />

Zudem lag hier eine Engstelle an der Treppe zu den darüberliegenden<br />

Stockwerken.“ Um diese Herausforderungen zu meistern, öffneten<br />

die Architekten den Flur zur Küche, verlagerten und vergrößerten<br />

den Eingang zum Wohn- und Essbereich und schlossen die<br />

ungenutzte Treppe zur unteren Ebene. „Durch die Öffnung der Küche<br />

ergab sich eine Erschließungsachse, die sich über die gesamte<br />

Länge des Hauses erstreckt und einen ununterbrochenen Blick von<br />

der Eingangstür bis zum hinteren Garten ermöglicht. Dadurch entsteht<br />

ein offener und zusammenhängender Raum“, so Elliott. Unter<br />

der Treppe fügte Civilian eine durchgehende Wand aus mit Linoleum<br />

verkleideten Fronten und mit maßgefertigten Walnussholzgriffen<br />

ein, die Platz für Schuhe, Mäntel, Sportgeräte, Reinigungsmittel,<br />

Kleingeräte und eine ausziehbare Speisekammer bietet. Dieses<br />

Design setzt sich in der Küche mit integriertem Kühlschrank, einer<br />

Arbeitsplatte aus Paonazzo-Marmor und einer Aufkantung mit<br />

maßgefertigten Schränken aus Milchglas und Holz fort, in die eine<br />

Abzugshaube integriert wurde. „Wir streben bei allen unseren Projekten<br />

danach, die Position der Dunstabzugshaube zu verbessern<br />

und verfeinern. Bei jedem Projekt ist das ein großer Teilbereich, auf<br />

den wir uns konzentrieren.“ Das Herzstück der Küche ist eine Insel<br />

28 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! BROOKLYN<br />

Jeder Winkel des Erdgeschosses<br />

wurde genutzt, um<br />

zusätzlichen Stauraum zu kreieren,<br />

so auch der Raum unter<br />

der Treppe linke Seite. Aus<br />

Platzgründen verlagerten die<br />

Architekten das Wohnzimmer<br />

eine Etage höher. Um ein homogenes<br />

Bild zu schaffen und<br />

die historischen Details hervorzuheben,<br />

fügten Elliott und<br />

Kagner zwei große Bücherregale<br />

diese Seite mit offenem<br />

und geschlossenem Stauraum<br />

sowie einen Arbeitsplatz mit<br />

einer eingebauten Konsole<br />

hinzu. Der gesamte Raum<br />

wurde im Farbton „The Hague<br />

Blue“ von Farrow & Ball gestrichen,<br />

um das Gefühl von Ruhe<br />

und Balance hervorzurufen.<br />

aus massivem Nussbaumholz, die mit einer monolithischen Platte<br />

aus grauem Speckstein bedeckt ist. Die Insel ist als Möbelstück konzipiert,<br />

das mit dem architektonischen Charakter des Kochbereichs<br />

kontrastiert, und lässt sich öffnen, um Sitzgelegenheiten an der<br />

Theke neben dem Ess- und Wohnbereich zu ermöglichen. Sind Kücheninseln<br />

eigentlich typisch amerikanisch, wollen wir wissen. „Wir<br />

haben nie darüber nachgedacht, ob Kücheninseln eine amerikanische<br />

Idee sind. Es ist möglich, dass die Annahme daher kommt, dass<br />

amerikanische Haushalte in der Nachkriegszeit erstmals mehr Geräte<br />

hatten und die Küchen daher umgestaltet wurden. Wenn man<br />

den nötigen Platz hat, scheint die Idee, die Essenszubereitung zu<br />

einer gemeinschaftlichen Aktivität zu machen und die Küche in die<br />

anderen Wohnbereiche zu integrieren, immer beliebter zu werden,<br />

egal wo man lebt. Wir mögen aber auch eine intime Pantry-Küche.“<br />

Ein Stockwerk höher liegt das Familienwohnzimmer, eine Ruheoase<br />

mit historischen Details und komplett im Farbton „The Hague Blue“<br />

von Farrow & Ball gehalten. „Wir fügten zwei große Bücherregale<br />

mit offenem und geschlossenem Stauraum sowie einen Arbeitsplatz<br />

mit einer eingebauten Konsole hinzu. Die Tischlerarbeiten<br />

wurden mit drahtgebürstetem Eichenfurnier ausgeführt und mit<br />

dem gleichen tiefblauen, seidenmatten Anstrich versehen, damit<br />

die Maserung sichtbar bleibt.<br />

|ag<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

29


KÜCHE ! NEW YORK<br />

© FOTOS: WILLIAM MULLAN<br />

Gestaltet von A. A. Trabucco-<br />

Campos, Fotos und Text von William<br />

Mullan links, verlegt von Hatje<br />

Cantz: „Odd Apples“. Das Werk<br />

bietet einen Querschnitt von Äpfeln<br />

aus der ganzen Welt. Auf dem<br />

Cover oben die Sorte „Pink Pearl“<br />

aus Kalifornien, die rechte Seite<br />

im Uhrzeigersinn zeigt „Hidden<br />

Rose“ (Oregon), „Niedzwetzkyana“<br />

(Kirgisistan) und „Calville Blanc<br />

d‘Hiver“ aus der Normandie. Laut<br />

Mullan eine hocharomatische<br />

Apfelsorte, die nach Ananas und<br />

Zitronenkuchen duftet. Mhhh ...<br />

ODE AN DEN APFEL<br />

Ob Äpfel oder Birnen, wen juckt das schon? Uns! Und William Mullan. Gerade<br />

erschien sein Bildband bei Hatje Cantz. Eine Hommage an die Vielfalt.<br />

Gesehen. Schockverliebt. Beschlossen eine Story darüber<br />

zu schreiben. Gekauft. Also das Buch. „Odd Apples“<br />

(bei Hatje Cantz) zählt 128 Seiten mit 90 Abbildungen<br />

– auch als Special Edition mit einem Originalprint von<br />

William Mullans „Hidden Rose“ erhältlich. Die Fotografie<br />

einer Apfelsorte, die in den 60er-Jahren entdeckt<br />

wurde und deren säuerlicher Geschmack an Erdbeer-Limonade<br />

erinnert. Unter einer blassgrünen Schale<br />

versteckt sich das Fruchtfleisch in leuchtendem Rosa.<br />

Abgefahren! Wo bekomme ich bitte diesen Apfel her?<br />

Nein, ich möchte ihn (aufgrund einer Unverträglichkeit)<br />

nicht essen, viel lieber stundenlang betrachten<br />

und bewundern. Für potenzielle Apfelbetrachter, stille<br />

Fans und solche, die es werden wollen, lohnt sich schon<br />

allein deshalb der Erwerb dieses einzigartigen Buches,<br />

das beinahe eine Enzyklopädie der Schönheit und Historie<br />

dieser erstaunlichen und viel zu wenig beachteten<br />

Frucht ist. Schließlich wurden Äpfel bereits etwa 10.000<br />

vor Christus kultiviert. Was stimmt mit uns nicht, dass<br />

wir das nicht würdigen? Auch dagegen setzt der New<br />

Yorker sich ein. „Der Handel hat das Bild des Apfels vollkommen<br />

verwässert: gelb, grün und rot – das war‘s.<br />

Diese starre Vorstellung davon, wie ein Apfel auszusehen<br />

und zu schmecken hat, ist so alltäglich, dass die<br />

meisten von uns übersehen, wie wunderbar und ausdrucksstark<br />

Äpfel sind.“ Zutreffend. Vor allem für zwei<br />

30 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! XXXXXX<br />

Varietäten, die Mullan bei seiner fotografischen Katalogisierung<br />

über die Jahre besonders ans Herz gewachsen<br />

sind: Knobbed Russet und Egremont Russet. Letzterer<br />

eröffnete ihm die vielfältige Bandbreite der Äpfel.<br />

„Es war der erste Apfel, in den ich mich wirklich verliebt<br />

habe. Er ist einfach eine phänomenale Frucht mit einer<br />

tollen nussigen Textur und einem vielschichtigen Aroma.<br />

Der perfekte Herbst-Snack: erfrischend und doch<br />

wohltuend. Ein prickelnder, scharfer, süßer und würziger<br />

Geschmack, der einen an einem schönen Herbsttag<br />

gedanklich direkt in einen Laubhaufen katapultiert und<br />

dann nach drinnen bringt, wo man sich in den Lieblingsstrickpullover<br />

kuschelt“, so Mullan. Die Sorte wurde<br />

1872 erstmals erwähnt und wird in England noch<br />

heute kommerziell angebaut. Die oberflächliche Berostung<br />

und das Erscheinungsbild des Apfels erinnerten<br />

ihn an eine mit Gold besprühte Kartoffel. Zur Fotografie<br />

kam Mullan durch Zufall, doch er machte sich mit<br />

seinen Stillleben und Talent rasch einen Namen. Sein<br />

Projekt „Odd Apples“ ist als Serie zu verstehen, die er<br />

durch Neuentdeckungen laufend erweitert. Der Band<br />

enthält Recherchen aus insgesamt vier Jahren und drei<br />

Jahreszeiten sowie Anmerkungen zu allen gezeigten<br />

Kultursorten. Der Autodidakt findet, liest, verkostet und<br />

fotografiert alle Sorten selbst. Darunter Varietäten mit<br />

rotem und rosafarbenem Fruchtfleisch, sternförmige<br />

Äpfel, wieder andere muten wie Blockkerzen oder<br />

gar knubbelige Kröten an. Dazu zählt etwa Knobbed<br />

Russet. Manche Äpfel schmecken nach Lakritze und<br />

manche wie Erdbeerkuchen. „Das hat mich völlig überwältigt,<br />

und seitdem bin ich wie besessen.“ Absolut<br />

nachvollziehbar. Wer will sich da nur noch auf Pink Lady<br />

oder Gala aus dem Supermarkt beschränken? |sl<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

31


© FOTOS: CHRISTIAN BAZZO<br />

DER HERR DER KLINGEN<br />

Als Maniagos letzter Messerschmied stellt Michele Massaro einzigartige<br />

Schneidewerkzeuge her, die Köche auf der ganzen Welt in Ekstase versetzen.<br />

Interview mit Michele Massaro. Wir behelfen uns mit<br />

einem Wortwechsel aus suboptimalem Englisch und<br />

Italienisch. Wo zwei Willen, da ein Weg. Ich war vor<br />

Freude bereits völlig außer mir, dass dieser – im besten<br />

Sinne – interessante und sicherlich vielbeschäftigte<br />

Mann sich überhaupt so schnell auf meine Anfrage<br />

hin rückmeldete. Heutzutage auch bei Presseanfragen<br />

keine Selbstverständlichkeit. „… Ich vergaß zu erwähnen,<br />

dass ich neben den traditionellen Werkzeugen<br />

ausschließlich Küchenmesser schmiede, weil andere<br />

Messer wie Schwerter und Dolche einen Menschenschlag<br />

ansprechen, den ich nicht mag.“ Das ist ein<br />

Statement. Und man muss Massaro schon allein dafür<br />

mögen, dass er ohne Umschweif über die Lippen<br />

bringt, was viele denken, aber nicht auszusprechen wagen.<br />

Tut uns also leid, falls hier jemand einen Dolch als<br />

festliche Wanddeko bei ihm in Auftrag geben wollte.<br />

Man muss wissen, dass ein Massaro-Messer kein Objekt<br />

für die Vitrine ist, das hier und da mal abgestaubt<br />

und ansonsten nur hergezeigt werden will, sondern<br />

ein Gebrauchsgegenstand, der geliebt, gehegt und –<br />

eben genau das – gebraucht werden möchte. Für Deko<br />

gibt es im einstigen Messerproduktions-Mekka in der<br />

Region Friaul-Julisch Venetien bestimmt noch andere<br />

Quellen. Und wer ist nun dieser Mann mit den wilden<br />

Locken, der Nickelbrille mit rosaroten Gläsern und den<br />

32 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! MANIAGO<br />

vielen Tattoos, der auf den ersten Blick so geheimnisvoll,<br />

streng und sogar ein wenig bedrohlich wirkt?<br />

Kurz: Michele Massaro ist nicht der typische (Messer-)<br />

Schmied. Er möchte auch nicht als jemand angesehen<br />

werden, der tagein tagaus den Hammer schwingt<br />

– das Werkzeug wiegt um die 75 Kilo – und stupide<br />

und brachial auf ein Stück Eisen eindrischt. Viel eher<br />

ist Massaro ein Mensch, der Dinge aus Liebe, Leidenschaft<br />

und vor allem aus Überzeugung und ⇨<br />

Auch die Griffe seiner Messer fertigt Massaro selbst<br />

oben. Das Holz dafür findet er in der Umgebung. Bei<br />

der Arbeit beeindruckt ihn „die Beziehung zur Natur,<br />

den Elementen, zur Küche und allem, was sich dahinter<br />

verbirgt. Aber vor allem die Fähigkeit, zuzuhören<br />

oder den Leuten auch mal zu sagen, dass sie sich verpissen<br />

sollen.“ Er hat doch nicht etwa …? Doch, hat er.<br />

Ignoranten treiben passionierte Menschen eben auch<br />

mal zur Weißglut, da ist Ehrlichkeit nur konsequent.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

33


KÜCHE ! MANIAGO<br />

© FOTO: CHRISTIAN BAZZO<br />

Respekt tut. Jemand, der für eine fast vergessene Kunst<br />

und das Überleben der Kultur und Traditionen seines<br />

Landes und seiner Region kämpft. Und man mag es<br />

kaum glauben, doch früher entwarf Massaro einmal<br />

Wohnhäuser. Das Schmieden war bis 2015 ein Hobby.<br />

Ein Zeitvertreib, aus dem schließlich sein heutiger Beruf<br />

hervorging. Oder sollten wir sagen seine Berufung?<br />

Vor sechs Jahren entschied er sich, die einzige verbliebene<br />

Schmiede seiner Heimatstadt wiederzueröffnen.<br />

„Der Erfolg meiner Messer veranlasste mich, hauptberuflich<br />

als Schmied tätig zu werden“, so Massaro. „Wir<br />

haben eine 600 Jahre alte Tradition in Maniago. Wir<br />

haben Klingen für die ganze Welt hergestellt. Ich bin<br />

der Einzige, der hier noch übrig ist und deshalb habe<br />

ich die Pflicht, weiterhin das zu schmieden, was meine<br />

Vorfahren schon immer geschmiedet haben, nämlich<br />

traditionelle Werkzeuge. Was meine Küchenmesser<br />

betrifft, so habe ich sie selbst entwickelt, um die erlernte<br />

Technik auf den neuesten Stand zu bringen.“ Zu<br />

seinen Fans zählen auffällig viele Sterneköche. René<br />

Redzepi, Alain Ducasse und Virgilio Martinez besitzen<br />

je eines seiner Messer. Mit Yoji Tokuyoshi, Martino Ruggieri,<br />

Enrico Crippa und weiteren entwickelte er ganze<br />

Serien für deren Restaurants. Für gewöhnlich fertigt<br />

Massaro ausschließlich Einzelstücke, da die begrenzte<br />

Produktion aufgrund der manuellen Verarbeitung ihm<br />

nicht erlaubt, vorgefertigte Produkte auf Lager zu halten.<br />

Wahrscheinlich würde das auch gegen seine Prinzipien<br />

und Überzeugungen sowie gegen seine Liebe<br />

zu diesem Handwerk verstoßen. Auch Privatpersonen<br />

können bei ihm Stücke in Auftrag geben. „Natürlich.<br />

Aber sie verstehen oft nicht, was sie kaufen, und haben<br />

mir in der Vergangenheit schon Schwierigkeiten bereitet.<br />

Meine Messer sind wie alte Autos zu verstehen.<br />

Man kann mit ihnen eine Spritztour machen, aber sie<br />

müssen gepflegt und gewartet werden. Das verstehen<br />

die Menschen oft nicht. Sie verstehen nicht, dass die<br />

Messer empfindlich sind und dass beispielsweise Stahl<br />

leicht rostet.“ Ob Massaro selbst gerne kocht? Welch<br />

Frage, doch wir stellen sie trotzdem. „Ich arbeite mit<br />

und für die wichtigsten Küchenchefs der Welt. Ich koche<br />

sehr gerne, aber am meisten fasziniert mich all das,<br />

was hinter der Technik steht, die absolut sein muss. Der<br />

Respekt und die Kenntnis des Rohmaterials. Also lese<br />

ich viel, beobachte und höre denen zu, die besser sind<br />

als ich. Und ich übe mich darin, die einfachen Dinge<br />

perfekt zu kochen. Ich experimentiere nicht gerne mit<br />

komplizierten Zutaten oder mit Gerichten, die ich noch<br />

nie gemacht habe. Wenn ich nicht weiß, wie man ein<br />

Risotto oder ein Stück Fleisch zubereitet. Das wäre wie<br />

Betrug.“ Langweilig wird ihm das Schmieden nur selten,<br />

meist zieht er sich monatelang zurück und arbeitet<br />

sieben Tage die Woche. Massaros Arbeitsstätte, die<br />

jahrhundertealte Historie atmet, wirkt dabei wie ein<br />

eigenständiges Heiligtum. „Ich könnte ohne die Werkstatt,<br />

die in meinem Land »battiferro« (wortwörtlich:<br />

Eisenschläger) genannt wird, nicht existieren, und die<br />

Werkstatt würde ohne mich nicht mehr existieren.“ |sl<br />

Einfachheit, Funktionalität und die Harmonie der<br />

Linien zeichnen Michele Massaros Messer aus. Charakteristisch<br />

sind auch die groben Hammer-Marken.<br />

34 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! XXXXXX<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

35


© FOTOS: CONFLICTFOOD/SAVANNAH VAN DER NIET<br />

DIE BRÜCKENBAUER<br />

Wie hilft man Menschen in Konfliktgebieten sich selbst zu helfen? Zum Beispiel mit<br />

fairem Handel auf Augenhöhe. Eine Erfolgsgeschichte, die man schmecken kann.<br />

Mitte September, wir sind mit Salem El-Mogaddedi von Conflictfood<br />

zum Telefoninterview verabredet. Im Kreuzberger 5-Sterne-Hotel<br />

„Orania“. Im Hintergrund ist gerade ein Fotoshooting<br />

mit Hotelkoch Philipp Vogel im Gange. „Er kocht hier regelmäßig<br />

mit unserem Safran und Freekeh. Wir wollen daraus eine<br />

kleine Story und einen Blogpost machen“, erzählt uns El-Mogaddedi,<br />

der das Projekt 2016 gemeinsam mit Gernot Würtenberger<br />

gründete. Im Rahmen der Berlin Food Week, die jedes Jahr Ende<br />

September stattfindet, war das Orania Restaurant Austragungsort<br />

eines von vielen Stadtmenüs. Der Hauptgang? Safran Free-<br />

36 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! BERLIN<br />

Drei auf Mission, die Welt ein Stückchen<br />

besser zu machen: Franziska Gerneth, Salem<br />

El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger<br />

linke Seite von Conflictfood. Zum Sortiment<br />

gehört Freekeh (gerösteter grüner<br />

Weizen) aus Palästina, Tee, Ingwer und<br />

Kaffee aus Myanmar sowie Safran aus<br />

Afghanistan. Dieser zählt zu den besten<br />

der Welt. Die Pflanze entwickelt innerhalb<br />

der Blütenröhre eine Art hellgelben Griffel<br />

unten links, der sich in drei rote Stempelfäden<br />

teilt: den kostbaren Safran. Um ein<br />

Kilo zu erhalten, müssen etwa 200.000<br />

Blüten von Hand geerntet werden.<br />

keh, Süßholz, Kohlrabi fest und zart. Wie der Name unschwer<br />

erahnen lässt, hat Conflictfood etwas mit Konflikten und mit<br />

Food zu tun. Genauer: El-Mogaddedi und Würtenberger – seit<br />

letztem Jahr ist auch Franziska Gerneth im Team – handeln fair<br />

und direkt mit Erzeugern aus Konfliktregionen, geben den Menschen<br />

eine Perspektive, finanzielle Sicherheit und Stabilität in<br />

unsteten Zeiten. Ein Konzept, das erst einmal auch auf verschiedene<br />

Fairtrade-Projekte zutrifft, die man so kennt. Conflictfood<br />

geht aber noch einen entscheidenden Schritt weiter. Und zwar<br />

dorthin, wo Fairtrade nicht hinkommt: in Konfliktregionen auf<br />

der ganzen Welt.<br />

In diesen Ländern – Myanmar, Palästina, Afghanistan, demnächst<br />

könnte Mosambik noch hinzukommen – machen sie sich<br />

auf die Suche nach landestypischen Köstlichkeiten. Die erste war<br />

Safran. Und daher beginnt die Geschichte auch in Afghanistan.<br />

„Ich war 2001 das erste Mal mit meinem Vater dort, kurz nach<br />

dem Sturz der Taliban. Er war Arzt und ehrenamtlich in der humanitären<br />

Hilfe tätig“, so El-Mogaddedi und fährt fort, „2015 ist<br />

er wieder hin und hat mich gefragt, ob ich nicht Interesse hätte,<br />

ihn zu begleiten. Ich habe dann auch Gernot gefragt. Er war<br />

Feuer und Flamme und wollte natürlich sehen, was das eigentlich<br />

für ein Land ist, das in den Medien so präsent ist, und was<br />

dahintersteckt. Wer sind die Menschen? Wie isst man da, wie<br />

lebt man da? Und dann sind wir hingeflogen und haben verschiedene<br />

NGO-Projekte besucht. Wir haben dann von diesem<br />

Frauenkollektiv erfahren und fanden es spannend, zu hören, wie<br />

das Ganze überhaupt entstanden ist.“ Das Shakiban-Kollektiv<br />

aus Herat hatte sich mit Unterstützung einer (deutschen) NGO<br />

gerade selbstständig gemacht, um dem Anbau von Schlafmohn<br />

den Rücken zu kehren. „Sie haben damit mafiöse Strukturen ⇨<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

37


KÜCHE ! BERLIN<br />

durchbrochen. Sie wollten etwas anders machen und Safran anbauen.<br />

Sie wollten raus aus der Illegalität.“ So kam die Idee ins<br />

Rollen. Die beiden verbrachten zwei Wochen bei den Frauen in<br />

Herat. „Wir arbeiteten auch auf dem Acker und haben an einem<br />

kühlen Novembermorgen kurz vor Sonnenaufgang Safranblüten<br />

geerntet. Das war total surreal, da mitten auf dem Feld mit den<br />

Frauen Safran zu ernten, ihn in diese dickwandigen Lehmbauten<br />

zu bringen, dann die Fäden aus den Krokusblüten zu entfernen.“<br />

In Afghanistan blüht der Safran im Herbst. Im Oktober und November<br />

findet für gewöhnlich die Ernte statt. In diesem Jahr ist<br />

sie ungewiss, ebenso wie das Schicksal der Frauen.<br />

„Wir haben dort viel erlebt, viele Geschichten gehört. Wir haben<br />

ganz andere Bilder kennengelernt und dann gesagt »Okay, wir<br />

möchten gerne eure Geschichte erzählen und kaufen euch den<br />

Safran ab, wenn ihr Lust und Interesse daran habt.« Nach dieser<br />

Zeit war auch ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, die Frauen<br />

kannten uns“, erzählt El-Mogaddedi. So entstand die Idee zu Conflictfood<br />

und über das Produkt die Geschichten der Menschen<br />

dahinter zu erzählen. Die beiden kauften dem Frauenkollektiv<br />

einige Kilo Safran ab und transportierten ihn im Handgepäck<br />

nach Deutschland. „Wir wussten erstmal gar nicht, was wir damit<br />

machen und wie wir das verpacken sollen“, El-Mogaddedi lacht.<br />

„Es ist nicht so, dass wir uns gedacht haben, wir machen jetzt ein<br />

super Sozialunternehmen, sondern das hat sich alles so ergeben.“<br />

Sie bewarben sich bei Startup Awards und für ein Stipendium für<br />

Sozialunternehmer – und konnten beides für sich gewinnen. Es<br />

folgten ein Mentoring-Programm und positive Resonanz von allen<br />

Seiten. Dadurch bestärkt, beschlossen die beiden, das Ganze<br />

richtig in die Hand zu nehmen und nicht als kleines Projekt nebenher<br />

laufen zu lassen. Es folgten Recherchen zur Verpackung,<br />

deren Produktion, das Design sowie ein eigenes redaktionell aufbereitetes<br />

Journal, das dem Produkt beigelegt, Informationen und<br />

Geschichten über Ursprungsland und Menschen abseits der Katastrophen<br />

und kriegerischen Auseinandersetzungen beinhalten<br />

sollte, die „Voices of Afghanistan“. Heute liegt jedem der unterschiedlichen<br />

Produkte ein eigenes, sehr kurzweilig aufbereitetes<br />

Magazin bei, das zu lesen sich unbedingt lohnt.<br />

Für die frisch gebackenen Gründer folgten etliche Reisen. Zunächst<br />

nach Palästina, dann nach Myanmar. Nichtregierungsorganisationen<br />

traten mit mehreren Projekten an sie heran. 2016 flohen dann<br />

Hunderttausende Menschen aus Ländern, in die Conflictfood sich<br />

gerade aufgemacht hatte, um etwas zu verändern, die Bedingungen<br />

gemeinsam mit den Menschen vor Ort zu verbessern und<br />

Strukturen zu stärken. Die mediale Aufmerksamkeit war enorm,<br />

viele relevante Netzwerke und Organisationen hatten das junge<br />

Unternehmen nun auf dem Schirm. „Das hat uns ein gewisses<br />

Standing gegeben und das sind auch Partner, mit denen wir nach<br />

wie vor zusammenarbeiten“, so El-Mogaddedi. Inzwischen kommen<br />

ihre Kooperationspartner meist von selbst auf sie zu und machen<br />

auf unterschiedlichste interessante Projekte aufmerksam.<br />

So auch beim Tee – der Kontakt kam über die Welthungerhilfe –,<br />

Kaffee oder Ingwer über die giz (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit)<br />

aus Myanmar. Auch bei einer Micro-Brand muss<br />

eine gewisse Produktionsmenge gewährleistet sein, „die ist aber<br />

nach wie vor nix gegenüber den großen Tee-Playern. Und nebst<br />

der Quantität muss immer eine hohe Qualität gegeben sein. Die<br />

Zusammenarbeit in Palästina ist ähnlich entstanden. Friedensaktivisten<br />

wurden auf sie aufmerksam, sie luden Würtenberger und<br />

38 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! XXXXXX<br />

Dürre und Flutkatastrophen betroffen ist.“ Und spätestens an<br />

dieser Stelle wird klar, dass das Ganze nicht zwingend an Krieg,<br />

Gewalt und militärische Interventionen geknüpft ist. Die Auslegung<br />

eines Konflikts ist nicht festgelegt und für Conflictfood auch<br />

nicht an bestimmte Bedingungen gebunden. Die stetige Zerstörung<br />

der Umwelt bringt schließlich nochmal eine ganz andere Art<br />

von Bedrohung ins Spiel. „In Mosambik arbeiten wir mit einer Kooperative<br />

zusammen, die das Fleur de Sel veredelt. Zum Beispiel<br />

mit Piri-Piri, einer Chili-Art, und Hibiskus. Vielleicht beziehen wir<br />

auch noch Kaffee, aber das ist dann wieder eine andere Geschichte“,<br />

so El-Mogaddedi und gibt noch etwas Wichtiges mit auf den<br />

Weg: „Konsum hat auf Dauer entweder ganz fantastische Folgen<br />

für Mensch und Umwelt, hier und auf der ganzen Welt, oder er<br />

hat einfach ganz katastrophale Folgen. Und wir möchten einfach<br />

zeigen, dass Konsum immer immer immer politisch ist, egal was<br />

man kauft. Selbst die Kartoffel im Supermarkt, oder der Safran,<br />

El-Mogaddedi nach Betlehem ein und besuchten diverse Projekte<br />

mit ihnen. So stießen die beiden etwa auf Freekeh – Frikeh ausgesprochen<br />

–, eine lokale Spezialität, die in zahlreichen Speisen<br />

Verwendung findet. Es handelt sich um Weizen, der grün geerntet<br />

und dann über der Flamme geröstet wird. Freekeh wird bereits seit<br />

Jahrhunderten in der Westbank angebaut. Sein nussig-rauchiges<br />

Aroma macht sich hervorragend in herzhaften Gerichten, glänzt<br />

aber auch in Gebäck oder süßen Speisen. Das nächste Partnerland<br />

steht schon in den Startlöchern und könnte Mosambik werden,<br />

dort wird Fleur de Sel gewonnen. Ein Produkt, das wir gemeinhin<br />

eher mit Frankreich, Portugal oder Spanien in Verbindung bringen.<br />

„Der größte Konflikt oder die größte Herausforderung, vor der die<br />

Bevölkerung in Mosambik steht, und im Grunde wir alle weltweit,<br />

ist der Klimawandel. Dabei tragen sie mit am wenigsten dazu bei.<br />

Es ist eines der größeren Kontinentalländer, das ganz stark von<br />

oder was ganz anderes. Jedes Lebensmittel hat einen kulturellen<br />

Hintergrund und da steckt eine Geschichte dahinter. Die kann<br />

sehr blutig sein oder eben sehr nachhaltig.“<br />

Ihre Produkte nennt Conflictfood zwar „Friedenspäckchen“, als<br />

Friedensbotschafter sehen sie sich aber nicht, vielmehr als Brückenbauer<br />

zwischen den verschiedenen Kulturen. Mit ihrer Arbeit<br />

möchten El-Mogaddedi, Würtenberger und Gerneth wichtige Blicke<br />

über den Tellerrand ermöglichen und Vorurteile abbauen. Und<br />

das gelingt ihnen.<br />

|sl<br />

Der Safran kommt von Bäuerinnen des Shakiban-Frauenkollektivs<br />

aus Herat – links oben bei der Arbeit auf dem Feld. Oben: Die<br />

Stempelfäden werden durch eine geschickte Drehbewegung aus<br />

der Blüte entnommen und trocknen anschließend mehrere Tage.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

39


KÜCHE ! BERLIN<br />

40 W!D 6 I <strong>2021</strong>


APPETITHÄPPCHEN ...<br />

… internationaler Kochkunst und eine Menge kurioser Utensilien erwarten<br />

Kulinarik-Fans mitten in Berlin. Ein Abstecher in die „Bibliotheca Culinaria“.<br />

KÜCHE ! XXXXXX<br />

Manchmal wünsche ich mir, Berlin wäre näher. Hauptsächlich<br />

aus kulinarischen Gründen. Ich mag die<br />

Markthalle Neun, Fine Bagels in Friedrichshain, das<br />

Café und Buchladen in einem ist, den Wochenmarkt<br />

am Boxhagener Platz, das Coda oder das Hermann´s<br />

in der Torstraße. Ansonsten ist mir die Ecke zu überlaufen.<br />

Geht man aber gut gestärkt ein paar Schritte den<br />

Weinbergsweg hinauf, biegt nach rechts in die Zehdenicker<br />

Straße ein, steht man kurz darauf vor der Tür ins<br />

Paradies. Meine Meinung. Swen Kernemann-Mohr, seit<br />

knapp 40 Jahren leidenschaftlicher Kochbuchsammler,<br />

wird mir an dieser Stelle aber sicherlich zustimmen.<br />

Immerhin hütet er in den Räumlichkeiten seiner Bibliotheca<br />

Culinaria Schätze der besonderen Art. Zuvor in<br />

Köln/Bonn ansässig, führt er Deutschlands größtes Antiquariat<br />

für Schriftwerke rund um die Themen Kochen,<br />

Küche, Backen, Haushalt und Gastronomie. Ein Tipp:<br />

Bringen Sie unbedingt etwas Zeit mit, wenn Sie hier<br />

herkommen. Und werfen Sie den Gedanken über Bord,<br />

sich einmal alles anzuschauen zu wollen. Das Angebot<br />

ist überwältigend. Früher im Blumengroßhandel tätig,<br />

führte die Liebe zum Buch ihn und seinen Partner in<br />

die Hauptstadt. „Wenn in Deutschland, dann in Berlin,<br />

haben wir uns gedacht. Wir sind mit knapp 25.000 Büchern<br />

hergekommen, mittlerweile sind wir bei 40.000.<br />

Es sind also eher noch mehr geworden, anstatt weniger.“<br />

Ich falle fast vom Stuhl. Wer nicht? Das ist Wahnsinn!<br />

Wo bringt man die alle unter? Kernemann-Mohr<br />

lacht, „wir hatten damals ein großes Haus.“ Und nach<br />

dem Haus kam vor elf Jahren das Antiquariat. Neben<br />

Büchern gibt es allerhand Kurioses und antike Kochutensilien<br />

zu entdecken und erstehen. Zum Beispiel<br />

eine Kochkiste oder eine Kirschentkern-Maschine, die<br />

genau vier Kirschen auf einmal entsteint. Könnte auch<br />

heute erfunden worden sein. Effizienz. Sie verstehen.<br />

Man hat ja keine Zeit mehr für gar nichts. Das älteste<br />

Buch im Bestand handelt von der Fischzucht und ist<br />

von 1685. Das abgefahrenste Exemplar stammt von<br />

Werner Fischer, „ein verkannter Berliner<br />

Koch aus den 60er-/70er-Jahren. Er hat im<br />

Grunde den ganzen Zoo durchgekocht.<br />

Zum Beispiel Elefantensuppe Burundi, Igel<br />

auf bosnische Art und solche Sachen.“ Daraus<br />

gekocht hat Kernemann-Mohr noch<br />

nichts. Verständlich, beim Seltenheitswert<br />

der Hauptzutaten. „Das ist wirklich sehr<br />

spannend! Also auch damals schon, in der<br />

Zeit, all diese Zutaten zu bekommen, die er<br />

benutzt hat. Das war schon eine Leistung“,<br />

fügt er hinzu. Das Buch ist übrigens noch<br />

zu haben. „Klar habe ich einige Lieblingsbücher,<br />

aber die verkaufe ich immer und das<br />

ist so schwer dann wieder da ranzukommen.“<br />

Dazu gehört neben den Werken von<br />

Fischer auch das Kochbuch von Sophia Loren<br />

aus den 70ern. „Zum einen sind da viele<br />

Bilder von ihr bei allen möglichen Tätigkeiten<br />

rund ums Kochen, und auch die Rezepte<br />

sind einfach toll! Das ist ein begehrter<br />

Klassiker unter Kochbuchfreunden.“ Unter<br />

seinen Kunden tummeln sich Touristen wie<br />

Kochbegeisterte aus aller Welt, meist ab 35.<br />

„Dabei ist der Anteil an Männern viel höher<br />

als an Frauen. Jüngere Leute sind immer<br />

erstaunt, dass es so viele Kochbücher gibt.“ Auch Kochlehrlinge<br />

finden regelmäßig den Weg zu ihm, um nach<br />

alten Klassikern Ausschau zu halten. „Sterneköche eher<br />

selten, aber das liegt daran, dass sie meist zu beschäftigt<br />

sind.“ Tja, Glück für uns.<br />

|sl<br />

Swen Kernemann-Mohr oben in seiner „Bibliotheca<br />

Culinaria“. Der Laden ist ein Must-see für alle, die<br />

gerne kochen, essen oder sich kulinarisch weiterbilden<br />

möchten. Zum Stöbern gibt es ein gemütliches Sofa<br />

und einen Kaffee dazu. Prädikat: besonders wertvoll!<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

41


KÜCHE ! KOPENHAGEN<br />

DIE MIX<br />

& MATCH<br />

KÜCHE<br />

Für Koch und Gastronom Frederik<br />

Bille Brahe isst das Auge<br />

auch in Sachen Küchendesign<br />

mit, wie sein privates Reich<br />

in Dänemarks Hauptstadt unschwer<br />

erkennen lässt.<br />

Er ist bodenständig, er ist Visionär und wurde in<br />

einem Artikel der FAZ Mitte des Jahres als „der dänische<br />

Innovator“ betitelt. Die Rede ist von Frederik<br />

Bille Brahe, der mit Spots wie dem „Atelier September“<br />

in Kopenhagen oder der „Sofi“-Bäckerei in Berlin<br />

neue gastronomische Impulse setzt. Gemeinsam<br />

mit seiner Frau Caroline und den beiden Kindern bewohnt<br />

er eine Dachgeschosswohnung in Kopenhagen,<br />

die sich in einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert<br />

befindet. Da stellt sich natürlich die Frage: Wie<br />

soll die Küche aussehen? „Wir verliebten uns in die<br />

Idee einer einfachen und verspielten Küche – Donald<br />

42 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! XXXXXX<br />

Judd trifft Ellsworth Kelly. Wir haben uns nach etwas<br />

Zeitgemäßem und Effizientem gesehnt“, erzählt uns<br />

Bille Brahe und ergänzt: „Wir lieben den intellektuellen<br />

Einsatz von Material und Design, es ist so einfach<br />

und mühelos.“ „Match“ heißt das Zauberwort – das<br />

bunte Küchendesign, das vom Kreativ-Duo Muller<br />

Van Severen für Reform aufs Papier gebracht und<br />

zum Leben erweckt wurde. Muller Van Severen agieren<br />

an der Schnittstelle zwischen Kunst und Design<br />

und spielen dabei in ihrer gestalterischen Arbeit<br />

sehr viel mit Material und Farbe, mit Kontexten und<br />

Konventionen. Die klassische Form wird gleichzeitig<br />

mit spielerischen Komponenten wie Messing-Griffen<br />

und einer Edelstahl-Arbeitsplatte kombiniert.<br />

Die Fronten von „Match“ sind in sechs auffälligen<br />

Farben erhältlich, die von den bekannten Farbcodes<br />

in Großküchen inspiriert sind: Weiß, Blau, Apricot,<br />

Grün, Rot und dunkles Braunrot. Die Farben können<br />

frei nach eigenem Geschmack zusammengestellt<br />

werden, was den außergewöhnlichen und ⇨<br />

Linke Seite: Blick aus dem Fenster über die Dächer<br />

Kopenhagens. Diese Seite: Frederik Bille Brahe und<br />

seine Frau Caroline mixen gekonnt Vintage-Objekte,<br />

liebgewonnene Erinnerungsstücke und Accessoires.<br />

Das Interior wirkt ungekünstelt. Man spürt,<br />

dass in diesen Räumen wirklich gelebt wird.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

43


In der Küche des Apartments aus dem 17. Jahrhundert wird die ganze Familie Teil des täglichen Koch-<br />

Rituals. „Wir kochen fast alle unsere Mahlzeiten selbst, angefangen beim Frühstück“, erzählt Frederik<br />

Bille Brahe. Das in Gent ansässige Kreativ-Duo Muller Van Severen ist für das farbenfrohe Küchendesign<br />

„Match“ verantwortlich, das sie für Reform entwarfen und das Materialien, Ästhetik und Designpraktiken<br />

neu kombiniert. Den Bewohnern war eine funktionale Küche wichtig, die – neben ausreichend Stauraum<br />

– ihren Kindern auch genügend Platz zum Spielen bieten sollte.<br />

44 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE KÜCHE ! KOPENHAGEN<br />

! XXXXXX<br />

individuellen Charakter des Designs unterstreicht.<br />

Da alle Oberflächen unbehandelt bleiben, behalten<br />

sie ihren rauen, sehr authentischen Look und die<br />

besondere Haptik. Durch die Fertigung und Bearbeitung<br />

des Materials entstehen kleine Kratzer und<br />

Unregelmäßigkeiten, die zusätzlich Lebendigkeit<br />

verleihen. „Die Küche ist so schön und praktisch,<br />

und es ist so toll, dass man sie so gestalten kann,<br />

wie man möchte.“ Die Fronten von „Match“ werden<br />

aus HDPE (High-density Polyethylen A500) gefertigt.<br />

Muller Van Severen verwenden dieses Material<br />

immer wieder in ihren von der Kritik gefeierten<br />

Kunst- und Design-Projekten, da es sich um ein haptisch<br />

aufregendes und lebendiges Material handelt,<br />

das darüber hinaus durch seine Langlebigkeit – vor<br />

allem im Vergleich zu anderen Kunststoffarten – besonders<br />

gut für den täglichen Gebrauch und somit<br />

die Küche geeignet ist. „Mit zwei Kindern ist immer<br />

jede Menge Unordnung angesagt. Wir wollten also,<br />

dass die Küche zu unseren Räumlichkeiten und unserem<br />

Leben passt, praktisch und funktionell für<br />

unseren täglichen Gebrauch ist. Wir entschieden<br />

sie einfach zu halten, damit wir mehr Platz haben<br />

und unsere Kinder in der Küche tanzen, spielen oder<br />

beim Kochen und Backen selbst Hand anlegen können.“<br />

Neben den täglichen Ritualen der Familie wird<br />

die Küche auch mal schnell für weitere Aufgaben<br />

genutzt. „Für Fred ist sie sein Büro. Er kocht Rezepte<br />

und arbeitet manchmal am Computer. Es ist auch<br />

ein schöner Ort, um einen Drink zu sich zu nehmen,<br />

wenn wir Gäste haben – und dann wird natürlich<br />

viel gespielt“, erzählt Bille Brahes Frau Caroline und<br />

ergänzt: „Für uns bedeutet dieser Raum alles. Er ist<br />

das Herzstück unserer Familie.“<br />

|ag<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

45


KÜCHE ! MIRANO<br />

REVOLTE HINTERM HERD<br />

Runter mit den Fliesen! Rauf mit der Kunst im Anschlag! Diese hier ist dazu<br />

noch hitzebeständig und wasserabweisend, also prädestiniert.<br />

Die meisten von uns verbinden die Wände rund um die Küchenzeilen<br />

dieser Welt mit einem Fliesenspiegel. Einige vielleicht noch<br />

mit Flächen aus Stein, Glas oder Kunststoff – doch mit Tapeten?<br />

Und das auch noch an Stellen, wo das Fett aus der Pfanne spritzt<br />

oder Kaskaden von Wassertropfen oder andere Flüssigkeiten<br />

beim Werkeln auf die Wände fliegen. Ein Thema und Expansionsgebiet<br />

für Stefano Munaretto, der eine Alternative an den Start<br />

bringen möchte: spezielle Glasfasertapeten, die eine Vielfalt von<br />

Mustern und Motiven mit einer extremen Wasser- und Wärmebeständigkeit<br />

vereinen und dabei leicht anzubringen sind.<br />

„Die Möglichkeit, wirkungsvolle und ästhetisch dekorative Muster<br />

verwenden zu können, ist dabei ein echter Vorteil“, findet der<br />

Frontmann von Instabilelab und ergänzt: „Im Vergleich zu einer<br />

Materialverkleidung oder Fliesen kosten unsere Produkte relativ<br />

wenig.“ Das ließe theoretisch einen häufigeren Austausch der<br />

Wandverkleidung zu, ist aber aus Gründen von Nachhaltigkeit<br />

nicht wirklich eine Option. Und eigentlich wäre es auch zu schade,<br />

die besondere Wandbekleidung ständig zu wechseln, wo sie<br />

doch so eine „bella figura“ in der Küche macht. So schnell möchte<br />

man sich jedenfalls von ihr nicht mehr trennen, wenn sie erst einmal<br />

die Wände schmückt.<br />

Das Unternehmen mit Sitz in der Nähe von Venedig hat sich einen<br />

Namen für innovative Interpretationen der klassischen Tapete gemacht<br />

und mischt dazu verschiedene Stile und Ideen. So entstehen<br />

eine neue Ästhetik und besondere Konzepte, um den privaten und<br />

öffentlichen Räumen mehr Individualität zu geben. Das Unterneh-<br />

men verfügt dafür über das nötige Know-how, „um Ihre unkonventionellen<br />

Ideen auf verschiedene Oberflächen zu reproduzieren.“<br />

Das reicht von selbstleuchtenden Tapeten, über wetterbeständige<br />

Produkte für den Outdoor-Bereich bis in Anwendungsbereiche<br />

wie Feuchtraum und Küche. „Sicher ist unser optisches Potenzial<br />

beeindruckend, doch die Eigenschaften von Fiberglas, dem Material,<br />

auf dem wir die Muster aufbringen, machen die Tapeten widerstandsfähig,<br />

abwaschbar und langlebig“, freut sich Munaretto.<br />

„Nicht zu vergessen sind die Putz- und Mauerwerksarbeiten, die<br />

fast auf ein Minimum reduziert werden können.“ Die Produkte<br />

basieren übrigens auf einem „Null-Kilometer-Konzept“, da sie<br />

komplett firmenintern entwickelt und produziert werden. Großen<br />

Aufwand betreibt der Hersteller außerdem beim Thema Personalisierung,<br />

für die ein spezielles Projekt namens „Custom-Me“ entwickelt<br />

wurde. „Damit ist es in der Tat möglich, in jedem Ambiente<br />

ein komplettes und koordiniertes Konzept zu kreieren, das Wände,<br />

Böden, Stoffe, Leuchten und viele andere Accessoires beinhaltet.<br />

Die letztgenannten Einrichtungselemente wie Sessel, Leuchten,<br />

Konsolen, Couchtische, Teppiche etc. werden für Instabilelab von<br />

italienischen Handwerkern vor Ort hergestellt und können mit<br />

den unzähligen exklusiven Dessins, die das venezianische Unternehmen<br />

anbietet, individuell personalisiert werden.“ Der Italiener<br />

versteht seine Marke als eine Art von „Laboratorium, das von Fachleuten<br />

mit innenarchitektonischem und gestalterischem Hintergrund<br />

nach vorn gebracht wird. 2015 gründete er das Team mit der<br />

Idee, „klassische Produkte zu überdenken. Respektlos. Innovativ.<br />

Mit der Mission, dem Raum an sich ein neues Aussehen zu geben.“<br />

In welche Richtung das neue Outfit für die Küchenwand gehen<br />

kann, zeigen einige Highlights der „Art Kitchen“-Kollektion via<br />

QR-Code auf dieser Seite. Mal sind es die Umrisse von Cocktail-Utensilien,<br />

mal übergroße Löffel und ein cooles Mauerwerk<br />

oder wie hier grafische Muster, die unsere Küchenwände und den<br />

Raum hinter Spüle und Kochfeld zum Hingucker machen. „Wir<br />

verwenden dafür eine Glasfaser, die in Kombination mit einem<br />

Schutzharz garantiert wasserdicht, hitzebeständig und komplett<br />

abwaschbar ist. Die Tapete wird mit einem Spezialkleber und einem<br />

zertifizierten Harz geliefert, mit dem zusätzlich zu den genannten<br />

Eigenschaften fast 100 Prozent aller Bakterien abgetötet<br />

werden können.“ Auf diese Weise verbindet sich ausgeprägte<br />

Funktionalität mit einem hohen dekorativen Anspruch, der dem<br />

gesamten Küchenambiente eine besondere Note verleihen kann.<br />

„Es gibt auch materialbezogene Outfits, die herkömmlich gekachelte<br />

Wände nachahmen. Auf jeden Fall spiegeln alle Beispiele<br />

unseren Stil und die kreativen Möglichkeiten wider. Unsere „Art<br />

Kitchen Kollektion“ steht für eine kunstvolle und außergewöhnliche<br />

Optik, die in kontrastierenden Farben oder in zarten Naturtönen<br />

gehalten ist.“ Sie lässt sich, Fliesen vergleichbar, an neuralgischen<br />

Stellen einsetzen. „Wir haben die Kollektion-Art Kitchen<br />

speziell für die Küchenrückwand entworfen und dabei Motive<br />

46 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! XXXXXX<br />

entwickelt, die sich auf einer horizontalen Ebene von fünf Metern<br />

erstrecken und auf Wunsch verändert und angepasst werden<br />

können“, erklärt der Fabrikant. „Generell können auch andere<br />

Motive aus unserem Sortiment – je nach Geschmack und Gestaltungswünschen<br />

– in jedem anderen Bereich in der Küche eingesetzt<br />

werden. Schnell wird deutlich, dass eine hochwertige Tapete<br />

der Küche einen großartigen Gestus gibt und den Raum komplett<br />

verändern und modernisieren kann.“<br />

|sd<br />

Ruckzuck ein neuer Look und ein frisches Gewand für die Wand.<br />

Ist es doch, was wir alle lieben: cool gestaltete Räume. Dafür hat<br />

die italienische Firma Instabilelab die „Art Kitchen“-Kollektion<br />

lanciert. Oben ein Beispiel mit floral abstrahierten Mustern.<br />

Die Tapeten werden auf „FibraGlass“ und „FibraTex“ gedruckt,<br />

feuerbeständige und waschbare Glasfasergewebe, die mit einem<br />

bikomponenten Harz behandelt werden, das eine zusätzliche<br />

Schutzbarriere liefert. Bezugsquellen auf Seite 64.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

47


KÜCHE ! BERLIN<br />

Die „Green Box“ bildet das Herzstück<br />

dieses Berliner Apartments. Das monochromatische<br />

Element beherbergt<br />

die Küche und zoniert gleichzeitig den<br />

Grundriss. Platten aus natürlichem<br />

grünen und violetten Quarzit treten<br />

in Symbiose mit dem lackierten Holz,<br />

während die Kochinsel mit schwarz<br />

getöntem Glas besticht. Damit alles ins<br />

rechte Licht gerückt wird, holten sich<br />

Architektin Ester Bruzkus und ihr Partner<br />

Peter Greenberg die Leuchten-Profis<br />

von PSLab ins Boot. Die Vertäfelung und<br />

die Regale der grünen Box bestehen aus<br />

lackiertem Holz, teilweise mit rhythmisch<br />

gerippter Oberfläche.<br />

VEGANE DESIGNWELT<br />

„Mal out-of-the-box denken“, sagten sich die Architekten von Ester Bruzkus<br />

bei dieser knalligen Raum-in-Raum-Lösung, die so einiges zu bieten hat.<br />

Die Idee einer Box als zentrales Element eines Grundrisses<br />

ist sicherlich nicht die architektonische Neuheit schlechthin.<br />

Schon Ludwig Mies van der Rohe bediente sich bei der<br />

Planung seines berühmt-berüchtigten „Farnsworth House“<br />

dieses Prinzips. Spielt man jedoch mutig mit Farben und Material,<br />

wird aus dem eher überholten Konzept der stolze Protagonist<br />

in einer Berliner Dachgeschosswohnung mit Überraschungseffekten.<br />

„Die Designstrategie des Projekts ist eine<br />

Studie der Kontraste: eine Mischung aus effizienter Planung<br />

mit üppigen Materialien, Farben und Texturen. Alles zwischen<br />

Flächen aus kühlem Beton. Wir mögen Boxen in Boxen,<br />

Räume in Räumen, das Verschwimmen von innen und außen,<br />

Materialmix und überraschende Farbkombinationen“, sagt<br />

Peter Greenberg, Partner bei Ester Bruzkus Architekten. „Es ist<br />

eine wirklich einfache Idee, eine Box in die Mitte des Raumes<br />

zu stellen – aber sie bewirkt so viel“, ergänzt Ester Bruzkus.<br />

Eine abwechslungsreiche Farbpalette aus tiefem Grün, warmen<br />

Gold-, Violett- und Brauntönen harmoniert in diesem bis<br />

ins kleinste Detail durchdachten Apartment mit Flächen aus<br />

rohem Beton und schafft eine gekonnte Balance zwischen<br />

Zurückhaltung und Überschwang. „Die Wände der zuvor<br />

leer stehenden Wohnung im obersten Stockwerk waren ⇨<br />

48 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! XXXXXX<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

49


KÜCHE ! BERLIN<br />

ist. „Da die Eigentümer vegan leben, wurden keine tierischen<br />

Produkte verarbeitet. So haben wir uns beispielsweise im<br />

Wohnzimmer für einen Teppich aus handgetufteter botanischer<br />

Seide entschieden.“ Auch im Badezimmer, das sich<br />

als Teil der „Green Box“ auf der Rückseite der Küche verbirgt,<br />

werden die Materialien kunstvoll miteinander kombiniert:<br />

ein Doppelwaschbecken aus grünem Marmor, schwarzer<br />

Stahl und rosa Waschbecken treffen auf den hellen Kalkstein<br />

von Dusche und Badewanne. Greenberg: „Die eigentlichen<br />

Materialdetails sind super wichtig: Wie Materialien aufeinandertreffen<br />

und sich verbinden, kann bestimmen, ob etwas<br />

schön ist oder nicht.“ Zudem greifen die Architekten im Bad<br />

bei der Wahl der Griffe für die Schränke, den Spiegel und einem<br />

Oberlicht über der Dusche auf eine weitere geometrische<br />

Form zurück: den Kreis.<br />

|ag<br />

Der Kamin unten aus „Sierra Ebru“-Stein, rotem Travertin<br />

und Messing ist ein echter Blickfang im Wohnzimmer. Rechte<br />

Seite: Architektin Ester Bruzkus inmitten der Wohnungseigentümer<br />

Moritz Ulrich links und Dr. med. Niklas Noack<br />

rechts, beide Mitbegründer von Peace Yoga Berlin.<br />

aus Sichtbeton und hatten auf zwei Seiten raumhohe Fenster.<br />

Dieses Format war ausschlaggebend für die Raumplanung“,<br />

so die Architektin. Schlafzimmer und Wohnbereich wurden<br />

somit an den Stirnseiten der „Green Box“ platziert, während<br />

einerseits die Küche und der Essbereich und andererseits<br />

das Badezimmer die Längsseite des Grundrisses einnehmen.<br />

Konsequent monochromatische Platten aus grünem Quarzit<br />

sind mit den lackierten Schränken verwoben und reichen bis<br />

zur Kücheninsel. „Ich dachte, eine grüne Küche würde Spaß<br />

machen“, sagt Bruzkus. „Wenn man erwartet, dass alles immer<br />

derselben Art und Weise entspricht, sollte man es auf<br />

jeden Fall anders machen.“ Die skulpturale Beleuchtung von<br />

PSLab neben der Kochinsel setzt einen spielerischen Akzent.<br />

Eine weitere Überraschung: Im Inneren der grünen Box verbirgt<br />

sich eine modulare Sauna, die sich jederzeit im Handumdrehen<br />

herausziehen lässt.<br />

Im Wohnzimmer schafft die Rückseite der grünen Box Platz<br />

für allerlei Bücher und liebevoll gesammelte Erinnerungsstücke.<br />

Auch hier greift Bruzkus das Prinzip der Boxen auf:<br />

Ein Messingblock, der auf Elementen aus „Sierra Ebru“-Stein<br />

und rotem Travertin zu ruhen scheint, umschließt den Kamin,<br />

der zwischen den monolithischen Volumen eingebettet<br />

50 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! XXXXXX<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

51


DURCHGENUDELT<br />

Bei Pastificio G. Di Martino bekommt der Begriff eine ganz neue Bedeutung.<br />

Welche das ist, müssen Sie selbst herausfinden – (k)eine Frage von Fantasie.<br />

Wer nach einer Traumreise entlang der Amalfitana, von seinem<br />

Capri-Kurztrip oder den Nachbarinseln Procida und Ischia, betrübt<br />

auf dem neapolitanischen Airport Capodimonte seinem<br />

Abflug entgegensinniert, könnte sich kurz vorm Boarding doch<br />

noch im Schlaraffenland wiederfinden. Am Ende der üblichen<br />

Flughafen-Shop-Reihe öffnen sich die Türen zu einem wahren Nudeldorado:<br />

Pastificio G. Di Martino. Die Verpackungen allein sind<br />

schon der absolute Hingucker. Doch wer hat schon jemals so viele<br />

Nudelsorten auf einmal in einem italienischen Supermarktregal<br />

gesehen, geschweige denn in einem nordalpinen? Die Manufaktur<br />

mit Sitz im nicht weit entfernten Gragnano stellt insgesamt<br />

120 verschiedene Typen her, mit einer Besonderheit: Sie werden<br />

durch Bronzeformen gepresst, damit ihre Oberfläche rauer wird<br />

und sie die Sauce besser aufnehmen – Fachleute schwärmen von<br />

dieser „perfekten Mantecatura“. Nudeln sind eine Philosophie hier<br />

im Süden, ein Statement mit Tradition – und dienen einer Mission:<br />

„Dem Verbraucher ein hervorragendes Produkt zu bieten, das gut<br />

schmeckt, eine außergewöhnliche Konsistenz beim Kochen entwickelt<br />

und leicht verdaulich ist – auch dank des Mindestproteingehalts<br />

von 14 Prozent“, so Giuseppe Di Martino, der in Italien als Nudelpapst<br />

bekannt ist. Der dynamische Unternehmer leitet in dritter<br />

Generation den Familienbetrieb und besitzt inzwischen weitere<br />

wichtige Marken wie Pastificio Amato di Salerno und Pastificio dei<br />

Campi. Jedes Label hat seine eigene Rezeptur und Zubereitungsweise:<br />

„Pasta di Martino, Partner von Slow Food, wird hergestellt<br />

aus reinem italienischem Hartweizen, bronzegezogen, extrudiert<br />

und langsam bei niedriger Temperatur getrocknet.“ Eine poröse<br />

Pasta mit dem intensiven Aroma des Weizens. Es versteht sich von<br />

selbst, dass Di Martino den Begriff „Gragnano-Nudeln“ rechtlich<br />

längst hat schützen lassen – er ist Präsident des Consorzio Pasta<br />

di Gragnano, Geschäftsführer der Grandi Pastai Italiani sowie des<br />

Consorzio Tradizione Italiano. Das mag zunächst amüsieren, liefert<br />

52 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! GRAGNANO<br />

aber den Beweis, dass es dem Feinschmecker<br />

und Globetrotter mit<br />

der hartnäckigen Verteidigung der<br />

italienischen Pasta weltweit ernst<br />

ist. „Di Martino ist unsere historische<br />

Marke. Die erste Pasta, die<br />

1915 den Panamakanal durchquerte,<br />

war eine von Di Martino. Heute<br />

produzieren wir insgesamt mehr<br />

als acht Millionen Teller Pasta pro<br />

Tag und exportieren das Familienprodukt<br />

in mehr als 35 Länder.“<br />

Und dieses sollte überall auch richtig zubereitet werden. Während<br />

der Süden getrocknete Pasta zelebriert, favorisieren die Norditaliener<br />

frische Nudeln. Doch: „Alle fünf Minuten fällt ein Pastaformat<br />

in das falsche Rezept“, lautet einer von Di Martinos Wahlsprüchen,<br />

der Fälschungen italienischer Nudeln im Ausland immer wieder<br />

verfolgt und nachhaltig bekämpft. In den Modedesignern Domenico<br />

Dolce und Stefano Gabbana hat er veritable Mitstreiter<br />

im Kampf um das Kulturgut gefunden. Seit einigen Jahren gibt<br />

es eine Kooperation zwischen Dolce & Gabbana und seiner Nudelmarke,<br />

die ihr originelle Verpackungen und spektakuläre Auftritte<br />

wie kürzlich in Venedig verdankt, wo das Modelabel neben<br />

seiner neuen Kollektion auch aktuelle Homeware präsentierte. ⇨<br />

Paccheri rechts sind die<br />

perfekten Nudeln zu einer<br />

Tomatensauce mit Frutti<br />

di Mare. Eine von 120<br />

Nudelsorten von Pastificio<br />

G. Di Martino. Domenico<br />

Dolce und Stefano<br />

Gabbana gehören zu den<br />

Fans der Manufaktur, die<br />

Heerscharen von Nudelfans<br />

glücklich macht.<br />

Oben Mitte: der Auftritt<br />

der Nudelmarke zur<br />

Fashion Show von Dolce<br />

& Gabbana in Venedig mit<br />

Elektrogeräten von Smeg.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

53


KÜCHE ! GRAGNANO<br />

54 W!D 6 I <strong>2021</strong>


Allen voran Herde, Kühlschränke und Dunstabzugshauben von<br />

Smeg und natürlich Nudelboxen von Pastificio Di Martino. Zusammen<br />

mit Küchengeräten aus der Dolce & Gabbana-Serie waren sie<br />

in der „Scuola Grande della Misericordia“ ausgestellt. Diese 1308<br />

gegründete Bruderschaft kümmerte sich um junge Mädchen, die<br />

keine Mitgift hatten, waren damit für die Verbesserung der Lebensbedingungen<br />

größerer Bevölkerungsteile verantwortlich und<br />

gaben ihnen Gelassenheit und Vertrauen in die Zukunft. „So wie<br />

Dolce & Gabbana, das mit Haute Couture und Haute Jewellery<br />

nicht nur wunderbare Kleider, Schmuck und Accessoires herstellt,<br />

sondern auch einen einzigartigen Lebensstil kreiert, der Unbeschwertheit<br />

und Lebensfreude unter dem Banner Italiens, der Italianità<br />

und dem Dolce Vita vermittelt“, heißt es in einer entsprechenden<br />

Depesche. Und auch der Nudelproduzent hat ein großes<br />

Mitteilungsbedürfnis: „Alle Veranstaltungen, die wir unter der<br />

Marke Di Martino durchführen, dienen dazu, Lebensmittel aufzuwerten<br />

und vorzustellen, die gut für den Planeten sind. Eine Idee,<br />

die wir mit der Slow-Food-Bewegung teilen. Es gibt viele Möglichkeiten,<br />

auf unterhaltsame und einprägsame Weise Generationen<br />

von Verbrauchern anzusprechen, die gastronomisch eher ungebildet<br />

sind – sei es mit Veranstaltungen und Aktivitäten oder im<br />

Gespräch mit passionierten Experten. Ziel dieser Strategie ist es,<br />

immer mehr Anhänger zu finden, die unsere Vorstellungen in ihre<br />

Küche tragen und auf den Tisch bringen und so zu glücklichen Botschaftern<br />

des guten Geschmacks werden.“ Domenico und Stefano<br />

sind zwei von ihnen. Die Nudelpakete sind mit ihrer Signatur versehen.<br />

Zum Glück kann man sie online über die Homepage ordern.<br />

Aber Di Martinos Unternehmungen gehen in viele Richtungen.<br />

Dazu gehören Einzelhandelsgeschäfte in Neapel, in denen Kunden<br />

Anekdoten und Geheimnisse über Pasta erfahren – wussten<br />

Sie etwa, dass es einen Weltnudeltag mit zahlreichen Aktionen<br />

gibt? Außerdem eröffnete Di Martino mitten auf der Piazza<br />

Municipio die italienische Antwort auf McDonald’s und andere<br />

Fastfood-Ketten, die auch in Italien immer mehr Zulauf haben:<br />

„La Devozione“ ist „ein provokanter, revolutionärer Tempel für<br />

Spaghetti al pomodoro zum Mitnehmen. Eine geniale Lösung für<br />

all die Menschen, die es eilig haben und nicht auf gutes Essen<br />

verzichten wollen.“ Die Gegenrevolution in den USA, wo Di Martino<br />

schon in New York auf dem Chelsea Market gelandet ist, läuft<br />

längst auf Hochtouren. Und was gibt es, wenn der Boss zurück<br />

nach Hause kommt? Was tröstet ihn? „Ziti alla Genovese, Candele<br />

al Ragù und natürlich La Devozione.“ La pasta basta. |sd<br />

Giuseppe Di Martino folgt einer Mission: Fast Food in Italien<br />

Einhalt zu gebieten und die italienische Esskultur hochzuhalten.<br />

Seine Familie stellt seit 1912 eine besondere Pasta her, die so gut<br />

schmeckt, wie die Verpackung von Dolce&Gabbana aussieht.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

55


KÜCHE ! XXXXXX<br />

SHOWTIME<br />

Wenn Chefkoch Pavel Býček seine Küche betritt, heißt es in „The Eatery“:<br />

Bühne frei für ein kulinarisches Spektakel.<br />

„Essen kann man nicht einfach in Worte fassen, man muss es<br />

schmecken und mit allen Sinnen erleben“, erzählt Pavel Býček,<br />

Chefkoch und Gründer des Prager Bistros „The Eatery“. Von<br />

außen eher unscheinbar im Erdgeschoss eines Verwaltungsgebäudes<br />

aus den 1990er-Jahren untergebracht, verbindet<br />

das Interior moderne Industrie-Elemente mit schlichter Architektur.<br />

Die Freilegung der tragenden Stahlbetonstrukturen<br />

bestimmt den vorherrschenden strengen Charakter, der<br />

durch sorgfältig ausgewählte Möbel und rohe Holzwolleplatten<br />

unterstützt wird. Diese Platten ohne Verkleidung erfüllen<br />

eine akustische Funktion und verweisen auch auf die Steinverkleidung<br />

der Gebäudefassade. „Die wichtigsten architektonischen<br />

Prinzipien – Rationalität, Kontrast, Aufrichtigkeit,<br />

Bescheidenheit, Transparenz und moderne Interpretation<br />

der (tschechischen) Klassik – stehen im Einklang mit der<br />

anspruchsvollen Philosophie der gehobenen Gastronomie“,<br />

sagt David Neuhäusl, Architekt und Gründer des Studios<br />

Neuhäusl Hunal, das den Umbau des Restaurants ausgeführt<br />

hat. „Architektur repräsentiert die Werte der Gesellschaft,<br />

deshalb streben wir in unseren Projekten nach Rationalität,<br />

Wahrheit, Natürlichkeit und gemäßigter Schönheit. Die Bedeutung<br />

und das Potenzial der Architektur gehen weit über<br />

die Visualität hinaus. Unsere Mission ist es, dieses Potenzial<br />

zu 100 Prozent auszuschöpfen. Wir beschränken uns bewusst<br />

nicht durch Typologie, Maßstab oder Budget. Unabhängig<br />

davon, ob es sich um die Gestaltung von Innenräumen, Gebäuden<br />

oder städtischen Strukturen handelt, arbeiten wir<br />

mit immateriellen Beziehungen und Bedeutungen, um poetische<br />

Räume, angenehme Orte und innovative funktionale<br />

Lösungen zu schaffen“, fasst der Architekt seine Philosophie<br />

zusammen, die sich in vielen Bereichen auf The Eatery<br />

übertragen lässt. Die offene Küche bildet das Herzstück des<br />

weitläufigen Restaurants, das mit durchgehenden gepolsterten<br />

Bänken sowie Holztischen und -stühlen von Pedrali<br />

ausgestattet ist. Hohe Sitzgelegenheiten rund um die Küche<br />

ermöglichen es, die Zubereitung der Speisen zu beobachten<br />

und sich mit den Köchen zu unterhalten. „Es ist immer wieder<br />

spannend neuen Menschen zu begegnen und ihnen zu<br />

zeigen, wie viel kulinarische Inspiration die Tschechische Republik<br />

zu bieten hat“, so Býček. „Für uns ist es wichtig, mit<br />

viel Gespür für Saisonalität, Herkunft und vor allem Qualität<br />

der Zutaten zu kochen. Wir verwenden sowohl moderne als<br />

auch traditionelle, seit Jahren bewährte Techniken, um echte,<br />

vielfältige Geschmacksrichtungen zur Geltung zu brin-<br />

56 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! PRAG<br />

gen. Und wir mögen, was wir tun. Wir glauben, dass dies im<br />

Endprodukt zu spüren ist. Deshalb haben wir unsere Küche<br />

nicht hinter einer Wand versteckt, sondern direkt im Herzen<br />

unseres Bistros platziert.“ Die Vita von Býček ist gespickt von<br />

schönen und weniger schönen Erinnerungen auf seinem<br />

Weg zum eigenen Restaurant: „Gleich nach der Schule bin<br />

ich nach England gegangen, wo ich vier Jahre durch die Hölle<br />

ging. Ich habe in mehreren Restaurants gearbeitet, darunter<br />

das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete »Galvin at<br />

Windows« und im Restaurant des legendären französischen<br />

Kochs Pierre Koffmann.“ Nach seiner Rückkehr in die Tschechische<br />

Republik erhielt er die Stelle des Chefkochs im „Alcron“,<br />

wo er mit meinem Team unter der Leitung von Roman<br />

Paulus fünf Jahre in Folge einen Michelin-Stern hielt. Heute<br />

ist er sein eigener Herr, und sehr stolz darauf. „In »The Eatery«<br />

gibt es keine industriellen Zubereitungen. Alles, was wir<br />

servieren, wird von Grund auf mit einzigartigen Rohstoffen<br />

unserer ausgewählten Lieferanten, Landwirte und Kleinproduzenten<br />

zubereitet. Außerdem backen wir jeden Tag unser<br />

eigenes Brot und Baguette. Wir glauben an eine Küche, die<br />

sich an traditionellen tschechischen Rezepten orientiert, und<br />

unser Auftritt zeigt, wie wir sie ins 21. Jahrhundert gebracht<br />

haben.“ Was das Interior betrifft, so verzichtet der Chefkoch<br />

bewusst auf eine traditonelle Bar. Dieses Element wird optisch<br />

durch den freistehenden Arbeitsplatz der Kellner direkt<br />

vor am Eingang kompensiert. Eine semi-opake Wand trennt<br />

den Weinkeller und die Garderobe. Dezente Betonlampen<br />

schaffen eine intime, warme Atmosphäre an jedem Tisch,<br />

während kaltes, starkes Licht den technischen Charakter der<br />

Küche betont. „Die Architektur schafft eine Bühne für eine<br />

kulinarische Aufführung und das Restaurant wird zum Theater“,<br />

schließt Neuhäusl.<br />

|ag<br />

Linke Seite: Im Prager Restaurant „The Eatery“ ist Teamwork<br />

angesagt. Die offene Küche oben lädt dazu ein, den Köchen<br />

bei der Zubereitung der ausgeklügelten tschechischen Gerichte<br />

genauestens auf die Finger zu schauen.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

57


KÜCHE ! XXXXXX<br />

„Unser Ziel ist es, die Persönlichkeit unserer Kunden in den Entwürfen zum Ausdruck zu bringen und dabei auch die Beschaffenheit<br />

des Ortes zu berücksichtigen.“ Diese Küche gestalteten Humbert & Poyet für eine Wohnung im Pariser Marais. Sie folgt<br />

einem ganz aktuellen Konzept: In der Mitte lädt eine Zubereitungsinsel zu geselliger Runde ein. Die französischen Architekten<br />

wählten „Tractor“-Barstühle von Bassam Fellows, darüber thront eine imposante Leuchte nach eigenem Entwurf, die den Namen<br />

„Asterios“ erhielt. Dazu ein Herd von La Cornue und Kupferarmaturen von Waterworks/THG. Hallo, bitte? Wir sind in Frankreich!<br />

58 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! PARIS<br />

ÉTAT DE L‘ART<br />

Sie schätzen zurückhaltenden Luxus? Dann sind diese zwei die richtigen Akteure<br />

für Ihre nächste Küchenplanung. Alles nach Maß und Kundenwunsch. Voilà!<br />

„Wir versuchen vor allem, eine Emotion zu erzeugen, die dann<br />

in Funktionen, Volumen, Materialien und in eine bestimmte Ästhetik<br />

umgesetzt wird“, erklärt Emil Humbert – seines Zeichens<br />

Architekt wie sein Partner Christophe Poyet. Zusammen sind sie<br />

Humbert & Poyet mit Sitz in Paris und stehen für Interior-Konzepte<br />

auf allerhöchstem Niveau. Ein markantes Beispiel ist diese<br />

Küche in einer 250 Quadratmeter großen Wohnung im Marais,<br />

einem Viertel im dritten Arrondissement. „Wir haben großen<br />

Spaß daran, die Idee von Luxus zu dramatisieren, sodass sie weniger<br />

streng, mehr lässig und zugänglich herüberkommt. Farben,<br />

Muster und Texturen zu kontrastieren, ist Teil unseres Designkonzepts.“<br />

Doch die Küche ist auch wegen ihrer Aufteilung ganz<br />

weit vorn, sehr modern und visualisiert<br />

aktuelle Entwicklungen in der Branche:<br />

Die übliche Kochinsel weicht einem Zubereitungsblock<br />

mit Wasseranschluss. Der<br />

Herd mit Gaskochfeld ist zurück an die<br />

Wand gewandert. Ein nahezu unsichtbar<br />

integrierter Dunstabzug befördert aufsteigende<br />

Dämpfe nach draußen. Das sieht<br />

so sensationell aus wie die Schranklösung<br />

auf der linken Seite, die in die Wandarchitektur<br />

aus umlaufenden Stuckprofilen integriert<br />

wurde und erst auf den zweiten<br />

Blick auffällt. Sie bleibt im Gedächtnis.<br />

„Wir haben die Küchenschränke so entworfen,<br />

dass sie perfekt in den Raum passen.<br />

Sie erhielten Messinggriffe, die mit<br />

dem Farbton »Grey Smoke« von Farrow &<br />

Ball lackiert wurden. Dazu haben wir Barhocker<br />

von Bassam Fellows kombiniert –<br />

und die überdimensionale Hängeleuchte,<br />

die ebenfalls ein zentrales Element in diesem<br />

Raum darstellt, ist ein maßgeschneiderter<br />

Entwurf von uns.“ Alles ultraindividuell und damit typisch<br />

für das Duo. Beide studierten in Paris und gründeten ihr Studio<br />

ein Jahr, nachdem sie sich kennengelernt hatten. „Es fühlte sich<br />

ganz richtig an. Ich wusste sofort, dass wir zusammenarbeiten<br />

werden“, so Humbert. Ihre Projekte kombinieren Eleganz und<br />

Sorgfalt und schaffen zeitlos wirkende Räume, die in Würde altern<br />

können. Die Liste der Auftraggeber liest sich wie ein Who‘s<br />

who der Pariser Oberschicht, dazu kommen superschicke Bars<br />

und Restaurants. Beispielsweise die Pariser „Beefbar“ im achten<br />

oder das Hotel „Hoxton“ im zweiten Bezirk. Für die florentinische<br />

Schuhmarke „Aquazzura“ haben Humbert & Poyet einen<br />

Shop im New Yorker Stadtteil Soho kreiert und in Monaco tragen<br />

gleich mehrere Restaurants wie das „Bouchon“, das „Mozza“<br />

und „Song Qi“ ihre Handschrift. Zu den jüngsten Arbeiten<br />

gehört der erste Fashion Store für Alexis Mabille: „Schräg, zeitgemäß<br />

und feminin. Das Setting bestimmen Spiegel und eine<br />

geometrisch angeordnete Kulisse.“ Allen Projekten gemeinsam,<br />

inklusive dieser Küche hier, ist die Verwendung hochwertiger<br />

Materialien wie Holz, Bronze und Stein – in unserem Beispiel<br />

ein Arabescato-Marmor: „Wir wollten, dass der Raum so hell wie<br />

möglich ist, deswegen haben wir uns für diese Sorte entschieden.<br />

Sie passt ideal zur Farbpalette in Rauchgrün und Weiß“, findet<br />

Poyet. Die Inspirationsquellen? „Wir lassen uns besonders<br />

von der Moderne, dem Art déco und der Memphis-Bewegung<br />

inspirieren, abgemixt mit Klassizismus. Sie können diese Epochen<br />

in der Wahl der Möbel, Farben und Oberflächen in unserer<br />

Arbeit und in dieser Wohnung wiederfinden. All dies verbindet<br />

sich zu einzigartigen Räumen, die in sich<br />

selbst ein raffiniertes und starkes Statement<br />

sind.“ Die Gesamtplanung für diese<br />

Wohnung im Marais folgt den Regeln<br />

eines klassischen Wohnhauses. Im ersten<br />

Stock befinden sich alle öffentlichen Räume,<br />

darüber liegen die Schlafzimmer. Der<br />

Eingangsbereich ist mit Terrazzo und einem<br />

Messinggeländer ausgestattet, dazu<br />

überall moderne Kunst. Die Wohnung ist<br />

mit Möbeln aus der Mitte des vergangenen<br />

Jahrhunderts und zeitgenössischen<br />

Stücken eingerichtet. „Es ging darum<br />

einen modernen Raum zu schaffen, der<br />

jedoch mit der klassischen Architektur im<br />

Einklang steht.“ Die Gestaltungsidee lieferten<br />

die Funktionen der einzelnen Zimmer,<br />

um „ein geselliges Familienhaus“ zu<br />

schaffen. „Auf diese Weise entstanden<br />

funktionale, offene Räume. Kunst und<br />

Design sind ein Teil des Lebensstils.“<br />

Die beiden Architekten besitzen einfach<br />

die Fähigkeit, einen Raum in Szene zu setzen<br />

und den jeweiligen Auftraggeber oder die Marke in den Mittelpunkt<br />

zu rücken. „Während unserer Arbeit kommunizieren wir<br />

ständig über das jeweilige Projekt. Unsere Symbiose – wenn man<br />

es so nennen kann – bildet das Fundament für jeden Entwurf und<br />

garantiert, dass der Raum, den wir uns vorgestellt haben, funktioniert“,<br />

sagt Poyet. Das tut er. Wie in dieser Küche. Angefangen von<br />

der generellen Raumkonzeption, der Berücksichtigung von Aktionsradien<br />

für die Zubereitung von Speisen bis zu den Details, an<br />

denen sich die Augen erfreuen – etwa die profilierten Kanten der<br />

Marmorplatten, die an den Ecken elegant abgeschrägt sind und<br />

formal den Unterschränken folgen. Manche der Türen tragen einen<br />

Gittereinsatz, der im Inneren für eine gute Luftzirkulation sorgt.<br />

Und natürlich wartet mittendrin ein großer Gas-Herd von La Cornue<br />

auf seinen Einsatz. Backautomatik? Fehlanzeige. Diese Küche<br />

ist gestaltet, um darin zu kochen. C‘est la recette secrète. |sd<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

59


KÜCHE ! XXXXXX<br />

STIL (L) LEBEN<br />

Birgitta Schrader dekliniert das Thema Tischkultur neu. Ihr Vokabular reicht<br />

von traumhaften Farben über eine sanfte Haptik bis zu innovativen Formen.<br />

Man möchte die Porzellanobjekte der Designerin und Produzentin<br />

sofort in die Hand nehmen. Diese exquisiten Farben, der feine<br />

Gegensatz zwischen mattierter Wandung und glänzenden Partien<br />

und diese Eleganz von Tellern und Schalen! „Mein Einstieg ins<br />

Handwerk ging über die klassische Drehkeramik. Irgendwann habe<br />

ich gemerkt, dass ich versuchte, eine porzellanähnliche Anmutung<br />

zu erreichen“, erzählt Schrader, die sich daraufhin in der Schweiz<br />

weiterbildete und das Gießen in Gipsformen sowie das Einfärben<br />

von Porzellanmasse erlernte. 2010 eröffnete sie ihr eigenes Atelier<br />

im oberbayerischen Reichertshausen. Was für ein Glück für Menschen,<br />

die beim Thema Tischkultur die Betonung auf die letzten<br />

beiden Silben legen. „Porzellan ist durch seine Feinheit, Klarheit und<br />

Transluzenz so zeitgemäß und ansprechend. Außerdem kann man<br />

es einfärben und damit eine tiefe Farbigkeit schaffen, die es auch ermöglicht,<br />

das Material auf der Außenseite unglasiert zu lassen. Und<br />

es kann poliert werden.“ Dadurch entsteht sogenanntes Biskuitporzellan,<br />

so nennt man unglasiert gebranntes Porzellan, das wegen<br />

der verminderten Lichtreflexion schon fast an parischen Marmor<br />

denken lässt. Schrader bevorzugt Limoges-Porzellan als Werkstoff<br />

– „ein französisches Weichporzellan, das auf 1.250 Grad Celsius gebrannt<br />

werden kann. Im Gegensatz zu Hartporzellan, das auf 1.400<br />

Grad gebrannt wird. Daher ist es auch für Studio-Öfen geeignet. Es<br />

zeichnet sich durch eine hohe Qualität und einen wunderschönen<br />

weichen Farbton aus.“<br />

Ihre aktuelle Produktpalette möchte die Produzentin als „Neuinterpretation<br />

eines traditionellen Tafelservices“ verstanden wissen.<br />

Sie umfasst insgesamt 14 unterschiedliche Becher, Schalen und<br />

Teller, die in zehn verschiedenen Farben erhältlich sind. „Ich habe<br />

die Formen entwickelt, um jeder Nutzerin und jedem Nutzer eine<br />

größtmögliche Auswahl zu bieten. Die Formen können frei nach<br />

den eigenen Bedürfnissen gewählt werden und sind an sich nicht<br />

auf die eine Benutzung festgelegt. Allein die drei Kaffeebecher-Größen<br />

können nach Kaffeevorliebe und Handgröße gewählt werden.“<br />

Wie man sich das optisch vorzustellen hat, zeigt der gedeckte Tisch<br />

im Foto oben, der die Kombinierbarkeit der verschiedenen Formen<br />

und Farben verbildlicht: „Von einer minimalistischen Ausstattung<br />

mit vielleicht drei Teilen – Becher, Schüssel, Teller – bis hin zu einem<br />

opulent gedeckten Tisch ist alles möglich“, so Schrader, die spannen-<br />

60 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! REICHERTSHAUSEN-LAUSHAM<br />

derweise darüber nachdenkt,<br />

sich beim nächsten Entwurf auf<br />

nur drei Teile zu beschränken<br />

– und das in Zeiten eines veritablen<br />

Einrichtungsbooms. „Ja.<br />

Doch ich sehe einen Trend zu<br />

nachhaltigem Konsum und zu<br />

einer freiwilligen Beschränkung<br />

auch in der Wohnsituation, siehe<br />

Tiny Houses. Dort macht es<br />

Sinn, minimalistisch zu denken<br />

und nur notwendige und multifunktionale<br />

Dinge anzuschaffen.“<br />

Gleichzeitig hat sich gerade<br />

in den vergangenen beiden<br />

Jahren eine neue Art häuslicher<br />

Kultur etabliert. „Meine Erfahrung<br />

während der Pandemie<br />

war, dass sich die Menschen den<br />

eigenen Wohnraum bewusster gestalten wollten und die Aufmerksamkeit<br />

damit auch auf den schön gedeckten Tisch gelenkt wurde.<br />

Das Thema Essen am heimischen Tisch spielte plötzlich eine viel<br />

größere Rolle und damit wuchs das Bedürfnis nach schönem Geschirr,<br />

auf dem man Essen auch zelebrieren und wirklich genießen<br />

kann.“ Schrader schafft die Voraussetzungen dafür, nicht zuletzt<br />

wegen des umwerfenden Kolorits. „Die Farben sollten sich genauso<br />

wie die Formen zurücknehmen und dennoch präsent sein, miteinander<br />

harmonieren und im Austausch stehen, sich ergänzen. Mittlerweile<br />

dürfen sie auch kräftiger werden und kontrastieren, sogar<br />

unharmonisch und schräg miteinander wirken. Aber auch für die<br />

große Auswahl der Farben gilt, es sind zehn im Programm und nun<br />

erscheint immer wieder für kurze Zeit eine besondere Farbedition.<br />

Daraus ergibt sich eine Fülle von Möglichkeiten, Farben und Formen<br />

nach eigenen Vorstellungen zusammenzustellen“, erzählt die<br />

Produzentin und Designerin – eigentlich „Designmakerin“. Sie liebt<br />

es, wenn Kundinnen und Kunden in ihrem Atelier vorbeischauen<br />

und sich für den Herstellungsprozess begeistern. „Manche lassen<br />

sich die Arbeitsschritte erklären. Die Wertschätzung ist dann meist<br />

höher, wenn einem bewusst wird, mit welch handwerklichem Aufwand<br />

jedes einzelne Gefäß hergestellt wird.“ Übrigens werden ihre<br />

Arbeiten von Frauen und Männern gleichermaßen geschätzt. „Sehr<br />

oft geben die Männer den Impuls für den Kauf. Ich denke, dass die<br />

klare Formensprache dafür ausschlaggebend ist.“<br />

|sd<br />

„Schönes Porzellan wertet den Alltag auf. Schon der Frühstückskaffee<br />

schmeckt so viel besser und die Farben heben die Laune,<br />

die Haptik spricht die Seele an. Wenn das Luxus ist? – dann einer<br />

den man sich unbedingt gönnen sollte.“ Vom 24. bis 28. November<br />

stellt die Designerin auf der MK&G Messe <strong>2021</strong> in Hamburg aus.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

61


KÜCHE ! WARSCHAU<br />

VINTAGE WONDERLAND<br />

Ein junges, kreatives Paar hat sich in Warschau den Traum einer eigenen<br />

Wohlfühl-Oase mit allerlei Statement-Pieces erfüllt.<br />

Warschauer Architektur erzählt wie in kaum einer anderen osteuropäischen<br />

Metropole die bewegte Geschichte des Landes und der<br />

Stadt. Ein urbaner Mix unterschiedlichster Stile, wie das modernistische<br />

Mietshaus dieses schmucken Vintage-Traumes. Zuza und<br />

Piotr Paradowski vom Krakauer Designstudio „Paradowski“ ließen<br />

bei der Umsetzung dieses 110 Quadratmeter großen Apartments<br />

im hippen Warschauer Stadtteil Powiśle die gesamte Design-Klaviatur<br />

fließen. Die modernistische Einfachheit wird gekonnt mit starken<br />

ästhetischen Statements aus der zweiten Hälfte des zwanzigsten<br />

Jahrhunderts verwebt und intensive Farben mit klaren, runden<br />

Formen kombiniert. Schon im Eingangsbereich wird die Geschichte<br />

der Renovierung lesbar und zum Merkmal der Verbindung zwischen<br />

Vergangenheit und Gegenwart. „Wir haben damit begonnen,<br />

die alten Parkettböden und die Originaltüren aufzufrischen<br />

und uns um die traditionellen Porzellan-Elektroschalter zu kümmern“,<br />

berichtet Piotr Paradowski, der das Projekt federführend betreute.<br />

Durch eine Öffnung aus dunklem Marmor gelangt man in<br />

das große, helle Wohnzimmer, das mit Möbeln des Who`s who der<br />

Designszene aus den Sixties und Seventies bis hin zu avantgardistischen<br />

Stücken gespickt ist, darunter Sessel „Pipe“ von Sebastian<br />

Herkner für Moroso, der „GT“-Lounge Chair von Gubi, der von Greta<br />

M. Grossman entworfen wurde, sowie Sofa „Soriana“ von Afra und<br />

Tobia Scarpa, das 1960 für Cassina entworfen wurde. Paradowski:<br />

„Bei der Beleuchtung fiel die Wahl auf den von Michael Anastassiades<br />

entworfenen Kronleuchter und die ikonische Stehleuchte „Chiara“<br />

von Mario Bellini, beide für Flos entworfen.“ Wie in den meisten<br />

Altbauwohnungen befindet sich die Küche auch hier in einem<br />

separierten, jedoch sehr geschmackvoll arrangierten Raum. „Die<br />

zentrale Insel und die Küchenzeile stammen aus den 1970er-Jahren.<br />

Die Holzfronten wurden mit einer aufgedruckten Struktur ⇨<br />

62 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! XXXXXX<br />

Linke Seite: Der Eingangsbereich ist eine Anspielung auf minimalistischen Maximalismus. Die Holzfronten der maßgefertigten<br />

Küche geben die Struktur eines aufgedruckten Leinenstoffes wider. Pendelleuchten „Astep 2<strong>06</strong>5“ von Gino Sarfatti. Diese Seite:<br />

Ein Fuß in „Yves Klein“-Blau bildet die Basis für die ovale Kücheninsel aus rostfreiem Stahl. Ein furnierter Esstisch schließt nahtlos<br />

an den Herd an. Die Stühle „Tokyo“ designte Rodney Kinsman (1985). Das Originalparlett wurde sorgfältig aufgearbeitet.<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

63


KÜCHE ! XXXXXX<br />

Auch im Wohnzimmer oben versammeln sich allerlei Design-Schätze: „Pipe“-Sessel von Moroso neben Couchtisch „Metaphor“<br />

von Martinelli Luce (1979). Sofa „Soriana“ stammt von Cassina aus den Sixties. Michael Anastassiades kreierte<br />

die Pendelleuchte für Flos. Stehleuchte „Chiara“ von Mario Bellini aus den 1960er-Jahren. Das Schlafzimmer Mitte wurde<br />

ebenfalls im Vintage-Look gehalten. Im Badezimmer darüber dominiert dunkler Marmor mit grünen Farbakzenten.<br />

64 W!D 6 I <strong>2021</strong>


KÜCHE ! WARSCHAU<br />

eines Leinenstoffes versehen. Der Herd zeichnet sich durch eine abgerundete<br />

Form mit starkem Industriecharakter aus und schließt an einen maßgefertigten<br />

Esstisch an.“ Über dem Esstisch, um den sich drei „Tokyo“-Chairs von Rodney<br />

Kinsman gesellen, schwebt Hängeleuchte „Astep“, die auf einem Entwurf<br />

von Gino Sarfatti aus dem Jahr 1950 basiert. Der technische Charakter wird<br />

durch schwere, in „Yves Klein“-Blau gefärbte Beine aufgefrischt. Die Mischung<br />

aus Midcentury-Stücken und zeitgenössischen Objekten wiederholt sich auch<br />

im Schlafzimmer mit einem Bett aus Lacewood-Furnieren und einem Kopfteil,<br />

das sich in den „Tiger Mountain“-Stoff aus dem Hause Dedar hüllt. „Auf beiden<br />

Seiten befinden sich Vintage-Nachttischleuchten aus den 1970er-Jahren,<br />

deren Lampenschirme mit den abgerundeten Formen des Flachreliefs korrespondieren“,<br />

so der Architekt. Das Badezimmer wurde farblich in zwei Bereiche<br />

zoniert. In der ersten Zone, in der sich die Toilette befindet, sind die Wände in<br />

einem tiefen Grünton gehalten, der perfekt mit dem furnierten Schrank und<br />

dem dunklen Stein des Waschtischs harmoniert. Der Stein besticht durch seine<br />

auffällige Maserung in Rot und Weiß – und schlägt damit den Bogen zum<br />

minimalistischen, reinweißen Waschbecken. In der zweiten Zone schufen die<br />

Designer ein zeitgenössisches Bad – in einem hellen Raum befinden sich sowohl<br />

eine geometrische, freistehende Badewanne als auch die „Slimline“-Dusche<br />

von Jee-O. Die dezente Beleuchtung des New Yorker Designstudios Rich<br />

Brilliant Willing rundet das Konzept ab.<br />

|ag<br />

W!D 6 I <strong>2021</strong><br />

65


BEZUGSQUELLEN !<br />

A ALEXANDER & CO. www.alexanderand.co, ANTICA FORGIA MANIAGO MICHELE MASSARO www.michelemassaro.com<br />

B BASSAM FELLOWS INC. www.bassamfellows.com, BIBLIOTHECA CULINARIA www.bibliotheca-culinaria.de,<br />

BIRGITTA SCHRADER www.birgittaschrader.de C CIVILIAN PROJECTS www.civilivn.com, CONFLICTFOOD GMBH<br />

www.conflictfood.com D DI MARTINO AIR SRL pastadimartino.it, DOLCE & GABBANA +39 02 774271<br />

www.dolcegabbana.com E ESTER BRUZKUS ARCHITEKTEN www.esterbruzkus.com F FARROW & BALL<br />

www.farrow-ball.com H HUMBERT & POYET +377 93 302222 www.humbertpoyet.com I INSTABILELAB SRL<br />

www.instabilelab.com L LA CORNUE - THE MIDDLEBY CORPORATION +49 7221 949194 www.lacornue.com<br />

M MARTA RESTAURANT www.restaurant-marta.de, MASERATI www.maserati.com, MIELE & CIE KG +49 524 1890<br />

www.miele.de O OSTERIA FRANCESCANA - MASSIMO BOTTURA www.francescana.it P PARADOWSKI STUDIO<br />

www.paradowskistudio.com R REFORM FURNITURE GERMANY GMBH +49 30 28425200 www.reformcph.de<br />

S SMEG HAUSGERÄTE GMBH +49 89 923348-0 www.smeg.de, SOCIETÀ AGRICOLA BETTELLA S.S. www.salumibettella.it T<br />

THE EATERY www.theeatery.cz, THG DEUTSCHLAND GMBH +49 69 257814-33 www.thg-deutschland.de<br />

V VIPP A/S +45 45 888800 www.vipp.com<br />

Sollten Sie noch auf der Suche nach einer speziellen Adresse für eines der vorgestellten Produkte sein, schreiben Sie uns einfach<br />

eine E-Mail an info@wohndesign.de. Weitere Infos zu Ihren Ansprechpartnern finden Sie im Internet unter www.wohndesign.de.<br />

Zu Gast bei Massimo Bottura, Seite 18: „Le Capesante Ripiene di Mortadella“, © Fulvio Pierangelini<br />

66 W!D 6 I <strong>2021</strong>


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HANDVERLESEN<br />

GESCHENKE GUIDE<br />

FÜR JEDE GELEGENHEIT<br />

BY<br />

WOHN!DESIGN


UNSERE VIERTE EDITION<br />

Zugegeben, die Geschenke in dieser Edition kosten ein<br />

bisschen mehr. Aber sie bieten auch mehr: Große Überraschungsmomente,<br />

gute Storys, tolle Qualität, Langlebig-<br />

MIT<br />

keit, teilweise FREUNDLICHER<br />

Einzigartigkeit, und sie machen jede Menge<br />

Freude, die<br />

UNTERSTÜTZUNG<br />

bleibt. Die Zeit der Eintagsfliegen war für uns<br />

schon in der ersten Edition unseres Geschenke Guides<br />

abgelaufen. Während VON: der Pandemie der vergangenen<br />

beiden Jahre haben immer mehr Menschen festgestellt,<br />

dass es um ganz andere Werte geht: Gemeinsam Zeit zu<br />

verbringen, mal wieder ausgelassen zu feiern, dabei selbst<br />

zubereitete Speisen CARAN zu genießen D‘ACHE – Freunde zu sehen. Und<br />

unterwegs zu sein – und das & bitte immer rücksichtsvoll –,<br />

um Neues zu entdecken. WOHN!DESIGN<br />

Auch wir sind wieder auf Achse,<br />

um für Sie als geneigte Leserin und motivierter Leser<br />

das Besondere zu suchen. So schlecht sind materielle<br />

Geschenke ja nun auch nicht ... Für uns ist dabei immer<br />

die Entstehungsgeschichte eines Produktes wichtig: Wo<br />

kommt etwas her, unter welchen Umständen wird es<br />

hergestellt und mit welcher Message? Dieser Idee folgend<br />

ergibt sich für die Auswahl mancher Geschenke ein ganz<br />

anderer Kontext. Wo sonst erfahren Sie nebenbei etwas<br />

über die Entstehungsgeschichte des Logo Prints? Wo<br />

sonst finden Sie den schönsten Wintermantel der Saison?<br />

Nachfolgend. Und das hoffentlich mit Vergnügen.<br />

Viel Spaß beim Überraschen(lassen) wünschen<br />

Dr. D. und das W!D-Team.


PATCHARAVIPA INTERPRETIERT<br />

DEN ZAUBERRING NEU<br />

Die junge Thailänderin Patcharavipa<br />

Bodiratnangkura feiert mit ihren feinen<br />

Schmuckstücken die Sinnlichkeit<br />

von Gold. Ihre reichen Kreationen sind<br />

Erbstücke für die Ewigkeit; bekannt<br />

für ästhetischen Mut und den behutsamen<br />

Umgang mit Materialität und<br />

Textur. Eine jede zeichnet sich durch die<br />

Sinnlichkeit des Volumens und die Liebe<br />

zu überraschenden Kontrasten aus. In<br />

einen illustren Clan von Erfindern, Entwicklern<br />

und Philanthropen hineingeboren,<br />

begann Patcharavipa schon als junges<br />

Mädchen Schmuck herzustellen. Als<br />

Inspiration diente das familieneigene<br />

Schmuckkästchen, bis zum Rand gefüllt<br />

mit kostbaren Familienerbstücken. Ihrer<br />

Leidenschaft folgend ging sie schließlich<br />

nach London, um am Central Saint<br />

Martins College zu studieren. Nach dem<br />

Abschluss absolvierte sie das Graduate<br />

Diamonds Program am Gemological<br />

Institute of America sowie das Colored<br />

Stones Program am Asian<br />

Institute of Gemological Sciences, um<br />

sich zur zertifizierten Gemmologin<br />

ausbilden zu lassen. 2016 gründete sie<br />

dann ihr eigenes Label. In ihren Arbeiten<br />

legt Patcharavipa großen Wert auf das<br />

handwerkliche Erbe, die thailändische<br />

Expertise in der Schmuckherstellung<br />

und die Stärkung der Rolle der Frau in<br />

der Gesellschaft. So surreal dieser Zauberring,<br />

den ich hier für Sie ausgesucht<br />

habe, auch erscheinen mag, symbolisiert<br />

er doch ein berührendes Maß an<br />

Unvollkommenheit und Vergänglichkeit.<br />

Rosé Kettenring. Gefertigt aus 18 Karat<br />

Siam-Roségold, besetzt mit 3,66 Karat<br />

Sri Lanka Padparadscha und einem<br />

0,39 Karat pink Saphirpavé. Exorbitante<br />

61.370 Euro. |duw patcharavipa.com


BOROSILIKATGLAS KLINGT<br />

ÖDE? VON WEGEN!<br />

Als Erstes verliebte ich mich in Jochen Holz‘ „Incalmo“-Gläser.<br />

Ich schwor mir, 110 Euro das Stück seien<br />

völlig okay. Und unterschlage lieber, dass gerade<br />

Weingläser bei mir kein langes Leben genießen ...<br />

Später kamen seine Karaffen mit dem markanten<br />

Griff hinzu, dann lange Zeit nichts. Vor wenigen<br />

Wochen trudelte der Newsletter von The Future<br />

Perfect ein, und darin? Sie ahnen es, dieser fantastische<br />

Lichtkörper auf drei Beinen! „Sculptural Neon<br />

Light“ in Rot. Klares Borosilikatglas, gefüllt mit rosa<br />

Helium. Mein Leben hatte wieder Gewicht, war sozusagen<br />

erleuchtet, zumal ich ohnehin gerade auf<br />

der Suche nach so mancher Leuchte bin – auch im<br />

übertragenen Sinne. 4.375 Dollar holen einen wieder<br />

auf den Boden zurück. Ach … was soll‘s? Man lebt<br />

schließlich nur einmal. |sl thefutureperfect.com


DER ERSTE WHISKEY MIT EINER<br />

FRAU ALS GALIONSFIGUR<br />

Grace O‘Malley war eine irische Piratin aus dem 16. Jahrhundert<br />

und eine der wichtigsten Frauen der irischen Geschichte.<br />

Mit elf übernahm sie vom Vater das Kommando<br />

und bestimmte den Kampf um Freiheit und Macht auf der<br />

Insel Clare Island maßgeblich mit. Ihr Mut und ihre Leidenschaft<br />

sicherten ihr die Treue ihres Gefolges. Grace O’Malley<br />

Irish Whiskey feiert alle Frauen, die wie Grace unerschrocken<br />

in erster Reihe stehen. Ein komplexer Blend. Fruchtig. Reif.<br />

Weich. Um 30 Euro. |duw graceomalleywhiskey.com


DIE FABELHAFTE WELT<br />

DER SONNGARD MARCKS<br />

Haben Sie schon alle Teller im<br />

Schrank? Nein? Gut so. Die Künstlerin<br />

Sonngard Marcks aus<br />

Lutherstadt Eisleben, Hauptpreisträgerin<br />

der Grassi<br />

Messe 2017, kreiert hinreißende<br />

Bilderwelten auf<br />

Keramik, Porzellan und<br />

Papier und hätte da ein<br />

paar ganz entzückende in<br />

gute Hände abzugeben.<br />

Wie wäre es mit dem „Venezianischen<br />

Tagebuch II“<br />

mit Engobemalerei, links<br />

im Bild? Oder den Fayencen<br />

„Zitrone halb-halb“, „Teichbesuch“<br />

oder „Felsenbirne“?<br />

Das Hauptmotiv ihrer künstlerischen<br />

Arbeit sieht die Künstlerin<br />

selbst im Bewahren. Mit ihren<br />

einzigartigen Keramiken möchte sie<br />

die Dimension des Verlustes in der Natur<br />

sinnlich erfahrbar machen. So setzt<br />

sie auf die Kategorie der Schönheit als<br />

Voraussetzung für Empathie. Was die<br />

Künstlerin immer wieder fasziniert, ist<br />

das scheinbar Unscheinbare. Während<br />

sie ihre Umwelt aufmerksam betrachtet,<br />

eröffnet sich Neues; Querverbindungen<br />

entstehen und der Blick wird<br />

umfassender. Wenn Sonngard Marcks<br />

malt, sucht sie immer zuerst nach dem<br />

Wesentlichen. Der Linie, auf der alles erwächst.<br />

Da liegt das Grafische nah, das<br />

ehrliche und reine Schwarz-Weiß, das<br />

Zeichnen „mit der Schere“ und dessen<br />

Umsetzung auf keramischem Material.<br />

„Die inhaltliche Auseinandersetzung mit<br />

einem Thema weckt bei mir immer ein<br />

weiteres Interesse und die Zeit verliert<br />

an Bedeutung. Und der Kreislauf von<br />

Beobachten und Neues entdecken findet<br />

kein Ende.“ So beschreibt die Künstlerin<br />

selbst ihren Schaffensprozess. Nun<br />

wird auch in diesem Jahr Weihnachten<br />

unausweichlich und für einige von uns<br />

immer wieder überraschend plötzlich<br />

vor der Türe stehen. Wir sind sicher, es<br />

findet sich eine Liebhaberin oder ein<br />

Liebhaber, die sich über dieses Kunststückchen<br />

freuen. Unikat-Teller „Venezianisches<br />

Tagebuch II“, Engobemalerei.<br />

360 Euro. |duw sonngard-marcks.de<br />

zu sehen auf Grassimesse.de in Leipzig


DIESER SKANDINAVISCHE<br />

EYECATCHER HAT EINFACH<br />

DEN DREH RAUS<br />

Der glanzvolle Coffee Table von Broste Copenhagen<br />

mit dem Namen „Earthenware“ ist nicht nur zur<br />

blauen Stunde ein echter Hingucker. Mit seinen sanften<br />

und organischen Rundungen und der skulpturalen<br />

Form ist „Earthenware“ ein spielerisches und bemerkenswertes<br />

Möbelstück. Flexibel einsetzbar avanciert<br />

es sowohl im Wohnbereich als auch im Schlafzimmer<br />

zum perfect match. Der kleine Beistelltisch<br />

ist eine Mischung aus keramischem 3D-Druck und<br />

handgegossener Irdenware, was niedrig gebranntem<br />

Steingut entspricht. Das Design ist inspiriert von der<br />

traditionellen Töpferkunst und dem Prozess des Drehens<br />

von Steingut auf einer Drehscheibe. Das Tischchen<br />

ist Bestandteil der aktuellen, breit aufgestellten<br />

„Mixed Media“-Kollektion von Broste Copenhagen,<br />

zu der sich neben Polstermöbeln und Tableware auch<br />

Textilien und Wohn-Accessoires gesellen. „Earthenware“<br />

ist in zwei verschiedenen Ausführungen erhältlich<br />

und mischt für 559 Euro auch Ihr Zuhause<br />

farblich auf. |ag<br />

brostecopenhagen.com


EIN LIEFERWAGEN VON OLE KOCH<br />

IST EINFACH MÄRCHENHAFT<br />

Es war einmal ein ziemlich cooler Vater,<br />

und eines Tages baten ihn seine Kids:<br />

„Duhuuu, könntest Du uns nicht mal ein<br />

paar Seifenkisten bauen?“ Und weil Ole<br />

Koch seinen Nachwuchs liebte und ihm<br />

diesen Wunsch nicht abschlagen wollte,<br />

machte er sich ans Werk. Und er konnte<br />

gar nicht mehr aufhören. Die Kisten<br />

wurden größer und schöner – und noch<br />

größer und noch schöner. Bis sie absolut<br />

perfekt waren! Aus einem Hobby wurde<br />

eine Passion, aus Seifenkisten beeindru-<br />

ckende Skulpturen mit Charme-Faktor.<br />

„Durch mein Kunststudium hab ich mich<br />

intensiv mit dem Thema des plastischen<br />

Gestaltens auseinandergesetzt und bin<br />

aus diesem Grunde auch beruflich eng<br />

mit diesem Bereich verhaftet“, erzählt<br />

der Modellbauer, dem es Oldtimer im<br />

Stil der Zwanzigerjahre angetan haben.<br />

Der „Lieferwagen“ bringt es auf stolze<br />

drei Meter Länge. Ein Hingucker für<br />

stattliche Wohnräume, wo er den Rang<br />

eines Kunstwerks einnimmt – doch genauso<br />

in Schaufenstern und als Requisite.<br />

„Alles entsteht in reiner Handarbeit<br />

und ohne Antrieb. Meine Blechkisten sollen<br />

authentisch wirken und Geschichten<br />

erzählen“, so Koch, „und doch vollkommen<br />

eigene Kreationen darstellen.“ Ein<br />

Märchen mit einem guten Ausgang. |sd<br />

blechkisten-manufaktur.de


URBANE COOLNESS IM<br />

KLEINEN FORMAT<br />

Das unverkennbare „D“-Monogramm der belgischen<br />

Marke Delvaux wurde in dieser Saison einfach<br />

mal auf den Kopf gestellt. Das Statement-<br />

Muster in Preußischblau, Weiß und Schwarz<br />

ziert die komplette „Urban Splendour“-Kollektion<br />

und ist eine Hommage an die Stadt der Liebe.<br />

„Weil Paris immer eine gute Idee ist, haben<br />

wir uns in dieser Kollektion von der unvergänglichen<br />

Eleganz der Stadt inspirieren lassen“, heißt<br />

es von Unternehmensseite. Die „Pin D Pouch D<br />

Upside Down“ ist das kleinste Mitglied in der<br />

kultverdächtigen „D Upside Down“–Familie. Die<br />

D-förmige Tasche verfügt über ein Hauptfach<br />

mit breiter Reißverschlussöffnung, zusätzliche<br />

flache Taschen auf der Vorder- und Rückseite<br />

und eine Handschlaufe. Sie ist aus Tempo-Kalbsleder<br />

gefertigt und mit dem unverkennbaren<br />

grafischen Muster von Delvaux versehen. Flexibel<br />

einsetzbar kann sie in der Hand oder am Handgelenk<br />

getragen oder als Neccessaire in einer<br />

größeren Tasche verstaut werden. Zu erstehen<br />

für 650 Euro. |ag<br />

eu.delvaux.com


LIMOUSINE ODER LIEBER<br />

KARLS DOM PÉRIGNON<br />

BALLOON VENUS KAUFEN?<br />

Ja, ich höre schon die mahnenden Stimmen im Hintergrund.<br />

Waaaaas? So viel Geld? Kurioserweise fragen<br />

sich die meisten Menschen – vornehmlich Männer<br />

– das eher nicht, wenn es um ihr bestes Stück<br />

geht: ihr Auto. Wer zur richtigen Zeit seine Padde in<br />

gute Objekte anlegt, der könnte sich vielleicht am<br />

Ende davon gleich mehrere Fahrzeuge kaufen. Oder<br />

einen Fuhrpark leichtläufiger Rollatoren, wenn man<br />

sich zu spät von seiner Kunst trennt. Vorausgesetzt<br />

Sie haben sich ein gutes Stück wie dieses gesichert<br />

und sich zur Abwechslung mal selbst beschenkt:<br />

Die lackierte Kunststoff-Skulptur (49 x 50 x 36 cm)<br />

entwarf Jeff Koons für Dom Pérignon in einer Auflage<br />

von 650 plus 40 Extra-Exemplare. Sie dient als<br />

Aufbewahrungsbox für den feinen Schampus. Und<br />

ist eines von vielen Kunstobjekten, die bei Sotheby‘s<br />

ab Dezember aus der Sammlung Karl Lagerfeld unter<br />

den Hammer kommen. So cool, dass wir es Ihnen<br />

nicht vorenthalten wollten. 20.000 bis 30.000 Euro<br />

Schätzpreis hin oder her. |sd<br />

sothebys.com


KOSMETIK FÜR<br />

TRADITIONSBEWUSSTE?<br />

Die Cremes, Tinkturen, Öle und Co<br />

von Tradition Germany sind jedenfalls<br />

nichts für Spaßbremsen. Althergebracht<br />

ist nur die Rezeptur, ergänzt<br />

durch natürliche Essenzen und Konzentrate.<br />

Die Herstellung erfolgt in Kleinserien<br />

nach traditioneller, handwerklicher<br />

Methode. Positiver Nebeneffekt?<br />

Deutsche Eiche, Steinpilz-Handlotion,<br />

Eingemachtes und mehr halten das,<br />

was viele Geschenke versprechen, aber<br />

nicht erfüllen: Spaß unterm Christbaum!<br />

|sl tradition-germany.com


EINE FRAGE DER PERSÖNLICHKEIT<br />

UND SO SCHÖN OLD SCHOOL<br />

Zwischen E-Mails, WhatsApp und langen<br />

Sprachnachrichten scheint im digitalen<br />

Zeitalter die Kunst der schönen<br />

Handschrift zu verschwinden. Doch das<br />

Schreiben mit der Hand ist mehr als<br />

eine altmodische Liebelei. Die bewusste<br />

Bewegung eines Stifts übers Papier<br />

fördert Kreativität und Konzentration<br />

und kann sogar Stress reduzieren. Ein<br />

Brief oder eine von Hand beschriebene<br />

Postkarte können Wunder wirken und<br />

kommen immer gut an. Sie bleiben in<br />

Erinnerung und zeigen Wertschätzung.<br />

Und wer für Handschriftliches Produkte<br />

des Schweizer Schreib- und Zeichengeräteherstellers<br />

Caran d’Ache benutzt,<br />

setzt auf eine Marke, bei der das Feuer<br />

hierfür seit mehr als hundert Jahren<br />

brennt. Noch nie war es schöner, seine<br />

Gedanken auf Papier zu bringen, als<br />

mit diesen hochwertigen Füllfederhaltern,<br />

Kugelschreibern und Rollern. Kugelschreiber<br />

„Claim your Style“. Stück<br />

39 Euro. |wd carandache.com


DAS RUNDUM-GLÜCKLICH-<br />

SET FÜR LUNCHBOX-FANS<br />

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber<br />

ohne Snacks fahre ich nicht einmal von<br />

Stuttgart nach Karlsruhe. Alle, die mir<br />

nahestehen, werden jetzt lachen. Und<br />

eifrig zustimmen. Man könnte ja auf<br />

halber Strecke liegenbleiben. Bei der<br />

Deutschen Bahn weiß man nie und sollte<br />

auf alle Eventualitäten gefasst sein!<br />

Keine davon beinhaltet für mich den<br />

Besuch im Bordbistro. Auf Kurzstrecken<br />

fällt sie daher eben etwas kleiner<br />

aus, die Lunchbox – Besteck ist nicht<br />

nötig. Doch sobald die Route sich etwas<br />

zieht, nach Hamburg etwa oder nach<br />

Paris, muss eine handtaschenfreundliche,<br />

praktische und ansprechende<br />

Lösung für Messer, Gabel, Löffel und<br />

Serviette her. Die Einweg-„Lösung“<br />

ist keine. Jedenfalls keine, die die Betitelung<br />

eines Problemlösers verdient.<br />

Es ist wohl eher das Gegenteil der Fall,<br />

wir brauchen nicht noch mehr Müll auf<br />

dieser Welt. Dann gibt es da noch den<br />

guten alten Göffel – halb Gabel, halb<br />

Löffel mit halblebig integrierter Klinge.<br />

Da können Lebensmittel auch gleich<br />

im Ganzen hinuntergeschluckt werden.<br />

Ein Göffel mag Trekking-Cracks erfreuen,<br />

mein schönheitsverliebtes Herz<br />

jedoch nicht. Travel in style, always. Und<br />

hier, liebe Leserin und Leser, liebe Picknick-<br />

und Snack-Box-Fans, kann es nur<br />

eine Lösung geben. Noch dazu ist es<br />

die schönste, derer Sie derzeit habhaft<br />

werden können: „Mono Clip PB 0110“.<br />

Die Idee dazu kam Philipp Bree und Ayzit<br />

Bostan Anfang dieses Jahres, als die<br />

Sehnsucht nach den ersten wärmenden<br />

Sonnenstrahlen und gemeinsamen Essen<br />

unter freiem Himmel unermesslich<br />

wurde und der Wunsch nach einem<br />

nachhaltigen Picknick-Besteck wuchs.<br />

Sie griffen dabei auf „Mono Clip“ zurück,<br />

einen Besteck-Entwurf des Designers<br />

Peter Raacke aus dem Jahr 1972, dem<br />

schon seit Langem der Beiname „Picknick-Besteck“<br />

anhing. Äußerst passend<br />

und konsequent ergänzten Bree und<br />

Bostan das Set jetzt durch ein pflanzlich<br />

gegerbtes Leder-Etui und eine Leinenserviette<br />

– zu Mono Clip PB 0110.<br />

179 Euro. Und Sie und ich, wir kommen<br />

endlich zu einem schönen Besteck-<br />

Set für das nächste Dinner im Freien<br />

oder im Zug. Vielleicht ja auf dem Weg<br />

nach Paris? |sl mono.de/pb0110.de


WILLI SIBER UND DIE FREIHEIT<br />

DES SCHÖNEN<br />

Bild. Objekt. Skulptur. Gleich, was der<br />

Künstler Willi Siber schafft, es fesselt<br />

mich! Seit Langem. Und immer wieder<br />

aufs Neue. Seine Arbeiten zeigen eine<br />

vor Sinnenfreude strotzende Schönheit<br />

und kraftvolle Präsenz, ohne sich dabei<br />

aufzudrängen. Die Suche nach Evolution<br />

in Sibers zutiefst eigenständigem<br />

Werk ist spürbar. So legt er es an. Siber<br />

über Siber: „Alle Materialien haben für<br />

mich zunächst einmal eine Faszination<br />

und ich versuche dann, wenn ich einen<br />

Reiz darin entdecke, dem etwas Neues<br />

abzugewinnen. Sozusagen einen Werdegang<br />

anzulegen.“ Und es gelingt! Hier<br />

der Versuch einer kleinen Werkschau.<br />

Stellvertretend für die Skulptur: (links)<br />

Wandobjekt 2018, Chromlack auf Stahl,<br />

92 x 28 x 20 cm. 11.000 Euro. Stellvertretend<br />

für die Tafelbilder: (oben) Tafelobjekt<br />

2020, Metall, PIR, Epoxidharz, 116<br />

x 115 cm. 9.040 Euro. |duw willisiber.de


MONOGRAM CANVAS<br />

DIE ERSTE: LOUIS VUITTON<br />

Als Louis Vuitton das bekannte Schachbrettmuster,<br />

den „Damier“, auf der Pariser<br />

Weltausstellung von 1889 vorstellte,<br />

hatte der Gründer der Marke bereits<br />

mit diversen Plagiaten seiner Koffer<br />

zu tun. Sein Sohn George setzte dem<br />

Kampf mit der Kreation des legendären<br />

Monogrammstoffs 1896 ein Ende. Der<br />

Neuorientierung war eine grundlegende<br />

Neuausrichtung vorausgegangen.<br />

Schachbrett und Streifen waren sehr<br />

leicht zu kopieren, sie wurden durch<br />

Blumen, Buchstaben und geometrische<br />

Formen ersetzt. Das Muster verknüpft<br />

vier Ornamente: drei florale Motive,<br />

vegetabil und stilisiert zugleich – verschlungen<br />

mit den Initialen des Firmengründers<br />

Louis Vuitton, der 1854 mit<br />

seinem Business gestartet war. Erstmals<br />

trug nun übrigens ein seriell erzeugtes<br />

Produkt den Firmennamen auf<br />

den Wandungen. Die Farbskala wurde<br />

beibehalten: dunkelbraun und creme.<br />

Bis heute der Klassiker unter den Logoprints<br />

überhaupt, weltweit wiedererkennbar,<br />

unverwüstlich und noch viel<br />

schicker mit entsprechender Patina.<br />

Vor allem für Dinge, die bleiben, wie der<br />

Koffer für Rotwein (es gibt ihn auch für<br />

Champagner mit Eiskühler) – für einen<br />

romantischen Abend über den Dächern<br />

von Paris oder für eine Ausfahrt mit<br />

Chauffeur, um gemeinsam am Meer<br />

den Sonnenuntergang zu beobachten.<br />

Ein Objekt, an dem man ewig Freude<br />

hat. Das reicht vom dezenten Klack,<br />

mit dem sich Schloss und Scharniere<br />

öffnen bis zum sanften Schnurren<br />

beim Betätigen der Schublade, etwa<br />

für Korkenzieher. |sd louisvuitton.com


MONOGRAM CANVAS<br />

DIE ZWEITE:<br />

FAURÉ LE PAGE<br />

Unterwegs mit einem Art-déco-Muster. Doch<br />

der Schein trügt. Fauré Le Page wurde 1717 gegründet<br />

und machte sich zunächst als Waffenlieferant<br />

einen Namen. Daran erinnern heute<br />

noch Pochettes in Pistolenform und „Arthur“,<br />

der Anfragen beantwortet und Online-Käufe<br />

abwickelt. Für City-Battles hält die Manufaktur<br />

mit Shop hinterm Ritz scharfe Teile bereit, wie<br />

diese Reisetasche für Herren. Es gibt sie in drei<br />

verschiedenen Größen, mehreren Farben, etwa<br />

Grün oder Blau, und von Zeit zu Zeit als Sonderedition.<br />

Hier die klassische „Dream Bag“ in 55er-<br />

Größe für 1.650 Euro. |sd faurelepage.com


MONOGRAM CANVAS<br />

DIE DRITTE: GOYARD<br />

Die Ursprünge liegen im Jahr 1792, doch der<br />

Name Goyard etabliert sich erst 1853 – besonders<br />

und bis heute bei Celebritys. Früher<br />

waren es die Rockefellers, die Grimaldis, Lagerfeld,<br />

Romy Schneider und Coco Chanel, heute<br />

sind es Rapper wie Kanye West, die das wohl<br />

edelste Monogramm-Muster mit dem „Y“ über<br />

Nacht hip gemacht haben: das „Goyardine“.<br />

Ursprünglich nur in Paris verortet und etwas in<br />

Vergessenheit geraten, ist Goyard inzwischen<br />

in wenigen Metropolen unterwegs. Schlange<br />

stehen ist angesagt. Das liegt auch an Jean-<br />

Michel Signoles, der die Marke 1998 übernahm<br />

und entschied, diese wunderbare Mischung<br />

aus Baumwolle und Leinen – die einst komplett<br />

per Hand bemalt wurde und nach wie vor aufwendig<br />

manuell bedruckt wird – in besonderen<br />

Farben anzubieten. Sie sind kostspieliger als<br />

die Version in Schwarz, Braun und Weiß. Die<br />

Messenger Bag „Capetien“ geht für 1.790 Euro<br />

über den Tresen. |sd<br />

goyard.com<br />

© FRANK-OLIVER GRÜN. TRENCH: SEALUP.NET


MONOGRAM<br />

CANVAS<br />

DIE VIERTE: MOYNAT<br />

Unter all den wunderbaren Lederwarenhäusern<br />

der Belle Epoque ist dieses<br />

hier das einzige, das mit dem Namen<br />

einer Frau verbunden ist: Pauline Moynat<br />

brachte weibliches Flair in eine von<br />

Männern dominierte Welt. Als sechzehnjähriges<br />

Mädchen kommt sie nach<br />

Paris und findet Arbeit in dem 1849 gegründeten<br />

Haus. Sie macht es groß und<br />

eröffnet 1869 eine erste Boutique in der<br />

Avenue de l‘Opéra – also in bester Lage.<br />

Das Monogramm ist zum Abheben<br />

schön und lässt sich wie bei allen vier<br />

Muster-Mitstreitern mit farbigen Streifen<br />

und Buchstaben personalisieren.<br />

Das Köfferchen schwebt bei 3.400 Euro<br />

über die Ziellinie. |sd moynat.com


MONOGRAM CANVAS<br />

DIE FÜNFTE: AU DÉPART<br />

Tatsächlich wurde das eher unbekannte<br />

Label erst 2019 aus seinem 40-jährigen<br />

Dornröschenschlaf wachgeküsst.<br />

1834 gegründet, verdankt Au Départ<br />

seinen Namen der Lage des ersten Geschäfts<br />

am Boulevard Denain 7 – direkt<br />

vor dem Abreise-Terminal des Gare du<br />

Nord. So übersetzen Newcomer den<br />

Schriftzug mit „Bei der Abfahrt“, Kenner<br />

eher mit „Im Aufbruch“.<br />

Beides sagt viel über den Koffer- und<br />

Reisegepäckhersteller aus, der von den<br />

Gebrüdern Ernest und Paul Bertin 1871<br />

erworben und zu einer der angesagtesten<br />

Einkaufsadressen für die europäische<br />

Oberschicht ausgebaut wurde.<br />

Das geometrische Monogramm mit<br />

dem charakteristischen Parallelepiped<br />

entstand um 1900 und ist von den Böden<br />

der Ruinen in Pompeji inspiriert. Das<br />

Design kann auch als Antwort auf die<br />

Muster von Mitbewerbern wie Goyard<br />

und Louis Vuitton interpretiert werden.<br />

Mangels Ressourcen zur damaligen Zeit<br />

hatten alle Firmen mit der Beschränkung<br />

von Farben und Material zu kämpfen<br />

und mussten sich etwas einfallen<br />

lassen, um sich zu differenzieren. Die<br />

Basis dafür war Baumwolle, die Farben<br />

beschränkten sich auf Weiß und Braun.<br />

Bis zur Weltwirtschaftskrise von 1929<br />

boomte das Geschäft. In den Zwanzigern<br />

entwarf sogar Yan-Benard Dyl die<br />

Werbung für das Luxus-Haus. Um den<br />

anschließenden Sturm zu überleben,<br />

schlossen sich die führenden Hersteller<br />

(LV, Goyard, Moynat, Aux Etats-Unis und<br />

Au Départ) für einige Zeit zusammen.<br />

Heute gehen sie längst wieder getrennte<br />

Wege und arbeiten daran, sich mit ihren<br />

Modellen zu übertrumpfen. Die „Odeon<br />

Vertical Monogram Black“ (es gibt sie<br />

auch in Braun) bringt Sie für 2.480<br />

Euro stilvoll durch den Tag und ist nach<br />

wie vor ein Geheimtipp – selbst noch<br />

für coole Rapper ... |sd audepart.com


KEIN OLLER EVER-<br />

GREEN, SONDERN<br />

VERY SOPHISTICATED<br />

Wer einmal ein Fashion-Piece aus Cashmere<br />

besessen hat, ist anschließend in Sachen<br />

Kuscheleffekt und Behaglichkeit schwer von<br />

einem anderen Material zu überzeugen. Da<br />

kommt der handgefertigte Mantel „Turner“<br />

aus der aktuellen Herbst-/Winterkollektion<br />

des italienischen Nobelbrands Loro Piana<br />

wie gerufen. Ungefüttert, aber dennoch<br />

warm, schmiegt sich das klassisch-dezente<br />

Stück in sattem Grün an seine Besitzerin –<br />

und schafft eine lässige und doch feminine<br />

Silhoutte. Die charakteristischen Nähte<br />

an den Ärmeln und die schrägen Pattentaschen<br />

verleihen dem Design ein extravagantes<br />

Aussehen. Geschlossen wird der<br />

Wickelmantel von einem passenden Gürtel<br />

mit rechteckiger Lederschnalle. Sie werden<br />

schon ahnen, dass dieses stilvolle Stück ein<br />

paar Euro mehr kosten könnte. So ist es.<br />

Stolze 8.900 Euro. |ag loropiana.com


EIN UNIKAT BLEIBT EIN<br />

UNIKAT, AUCH ALS EDITION.<br />

ENTDECKT BEI HATJE CANTZ<br />

Hier kommt eine Einladung zur Meditation – eine von<br />

acht originalen Papierarbeiten von Daniel Lergon. In<br />

seinem Themen-Zyklus „Unter Grün“ aus den Jahren<br />

2015 bis 2018 arbeitet der in Berlin lebende Künstler<br />

immer mit der gleichen Ölfarbe: Phthalocyaningrün.<br />

Das Pigment changiert von hellem Giftgrün bis zu<br />

fast samtigen Schwarz. Unterschiede ergeben sich<br />

aus variierend dicken Farbaufträgen und legen auf<br />

diese Weise die Faszination von Grün offen – mal<br />

verwendet Lergon dafür einen weißen Grund – wie<br />

rechts –, mal ein Neongelb. „Beide Untergründe haben<br />

einen großen, ganz unterschiedlichen Einfluss auf<br />

die oszillierende Vieldeutigkeit zwischen malerischer<br />

Geste und fragmentarischer Figuration.“ Hier stellt<br />

sich schon die Frage, warum Kritiker alles zerreden<br />

müssen … Was macht die Kunst mit uns? Dieses Blatt<br />

(42 x 29,7 cm) berührt die Seele. Punkt. Als Edition<br />

mit der Publikation 1.200 Euro. |sd hatjecantz.de


SOZUSAGEN<br />

EIN SCHÖNES<br />

DUTZEND<br />

„Schon als Kind gab es diese Affinität zu Popup-<br />

und Verwandlungsbüchern. Staunend<br />

sah ich, wie sich darin Szenerien öffneten<br />

oder Motive verändern ließen. Später kam die<br />

Faszination der eleganten Welt der Haute<br />

Couture, die Liebe zum Ballett und dem Musiktheater<br />

hinzu. Und das alles gepaart mit<br />

einem ausgeprägten Hang zur Nostalgie. Aus<br />

diesem bunten Sammelsurium entstammt<br />

die Inspiration für die Entwürfe der Twelvepieces-Kartenkollektion“,<br />

erzählt Jürgen<br />

Michael Jobst, der sich mit seinen ausgesprochen<br />

ansprechenden Karten einen Traum<br />

erfüllte. Die abgebildete „Red Silhouettes-<br />

Box fashion and dance“ beinhaltet<br />

acht Klappkarten<br />

mit gestanzter Silhouette,<br />

innen rot bedruckt<br />

mit passendem Couvert.<br />

Dermaßen ausgerüstet<br />

macht es große Freude,<br />

das nächste Geschenk<br />

mit einem persönlichen<br />

Grußwort zu versehen<br />

oder einen Brief zu schreiben.<br />

|sd twelvepieces.de


EIN STUHL IST EIN<br />

STUHL IST EIN STUHL ...<br />

... nicht, wenn er aus der Feder von Sebastian<br />

Herkner stammt, und ihn Thonet produziert.<br />

Mit seiner filigranen Linie und Schlichtheit hat<br />

er das Zeug zu einem Klassiker. Sein Name<br />

„Offenbacher Stuhl“, eine Referenz an den<br />

Standort des Designers, hilft dem Kultstatus<br />

ein wenig nach. Der Deutsche reduziert ihn<br />

auf das Wesentliche und schafft durch kleine<br />

Details wie die abgerundeten Kanten der<br />

Sitzfläche besonderen Komfort.<br />

Natürlich gibt es den „S 118“ auch in klassischem<br />

Buchenholz, doch diese beiden Lackierungen<br />

sind einfach superelegant. Das macht<br />

gute Laune bei Tisch – ob zum Essen oder beim<br />

Arbeiten. Je um 580 Euro. |sd thonet.de


GIN DEKONSTRUIERT<br />

IN VIER DUFTNUANCEN<br />

Angelika-Wurzel, Koriander, Lakritze und Wacholder<br />

– vier Zutaten, die Tanqueray London<br />

Dry Gin ausmachen, haben das Berliner Luxus-<br />

Parfümhaus AER Scents zu diesem Kerzen-Set<br />

inspiriert. Um es kurz zu machen: Für alle Duftfans,<br />

die französische Produkte zu süß finden.<br />

Diese vier sind exquisit, herb und ein Erlebnis.<br />

Um 120 Euro. |sd aerscents.com/Tanqueray


A HAT IS A MESSAGE<br />

TO THE SKY<br />

Susanne Schmitt macht Hüte. Soweit die nüchterne<br />

Feststellung. Aber wie? Ihre Arbeiten entführen uns<br />

in eine andere Welt. Seltsam. Verrückt. Alice im Wunderland.<br />

In ihrem Laden-Atelier in Darmstadt kreiert<br />

sie wundersame Kopfbedeckungen aus Filz wie die<br />

mit den zwei eingearbeiteten Schuhen. Oder die mit<br />

dem Wackeldackel auf ihrer lodengrünen Krempe. Die<br />

Seltsamkeit von Schmitts Arbeit erinnert unweigerlich<br />

an den verrückten Text des Bette-Midler-Songs „Fried<br />

Eggs“. Und der geht so:<br />

„Eines Tages ging ich die 42. Straße entlang. Ich habe<br />

nicht in der 42. Straße gearbeitet. Ich war auf der 42.<br />

Straße unterwegs. Und dann ist mir etwas Erstaunliches<br />

passiert. Es war Juli und es hatte 89 Grad. Es<br />

war heiß, heiß für New York. Ich ging in Richtung Osten<br />

und eine riesige Person kam mir entgegen. Sie hatte<br />

dieses blaue Hauskleid an, über und über gespickt mit<br />

weißen Gänseblümchen. Sie war fast kahl, aber auf<br />

ihrer Stirn war dieses Spiegelei. Das fand ich wirklich<br />

ungewöhnlich. Denn in New York kommen die Damen<br />

mit den Spiegeleiern auf dem Kopf in der Regel<br />

nicht vor September, Oktober raus, wissen Sie?“ |duw<br />

schmitthut.de, sichtbar auf der Grassimesse.de


DARF‘S ETWAS MEHR<br />

FARBE AUF DEM BALKON SEIN?<br />

Ein Blick in die Nachbarschaft offenbart<br />

es: ja. Bitte! Was mir dort oft<br />

entgegenblickt ist nämlich gähnende<br />

Leere, Grau in Grau oder Kitsch hoch<br />

zehn. Dabei ist sie doch gar nicht so<br />

schwer, die Sache mit der geschmackvollen<br />

Begrünung. Deshalb kann ich<br />

nur einmal mehr betonen: Blumen sind<br />

zu jeder Gelegenheit ein wunderbares<br />

Präsent. Wenn wir Ihnen also etwas<br />

ans Herz legen dürfen: Überraschen<br />

Sie Ihre Lieben oder sich selbst doch<br />

mal mit einem fertig bepflanzten Balkonkasten.<br />

Klingt nach 1-2-3-Lösung?<br />

Entpuppt sich im Falle von The Plant<br />

Box aber als maßgeschneiderte Kreation,<br />

die sich easy per Mausklick ordern<br />

lässt. Die Blümchen sind gut kuratiert,<br />

natürlich, wild und immer hinreißend<br />

schön! Ganz ohne Dreck, Gang in den<br />

Baumarkt und Kopfzerbrechen. Das<br />

Rundum-Sorglos-Paket mit saisonalen<br />

Gewächsen gibt es als Einzelkreation<br />

ab 65 Euro oder im Jahres-Abo ab<br />

289 Euro. |sl theplantbox.de


EIN PARFUM, SO DUFTE,<br />

DASS SELBST IHRE KATZE<br />

DARAUF FLIEGEN WIRD<br />

Und gleichzeitig so schön, dass wir uns kaum am Flakon<br />

mit der ikonischen Kappe aus recyceltem Buchenholz<br />

sattsehen können. Sie kennen Ormaie noch nicht?<br />

Womöglich liegt es daran, dass das Pariser Maison<br />

erst zarte drei Jahre alt ist. Zum Portfolio des Mutter-<br />

Sohn-Gespanns Marie-Lise Jonak und Baptiste Bouygues<br />

zählen derzeit acht hochkarätige Düfte, ein jeder<br />

davon fein komponiert aus 100 Prozent natürlichen<br />

Ingredienzen. Sie sind vegan, tierversuchsfrei und zumeist<br />

Reminiszenzen an die Kindheit, unbeschwerte<br />

Sommertage auf dem Land, an geliebte Menschen<br />

oder Gegenstände von emotionalem Wert. Die neueste<br />

Schöpfung – Marque-Page – basiert auf der Erinnerung<br />

an ein Lesezeichen, das Bouygues´ Vater auf<br />

seinen Reisen stets bei sich trug. Die Kreation vereint<br />

Noten von Gewürzen, Leder, Weihrauch und weißen<br />

Blüten. Es ist der einzige Duft, der ausschließlich im<br />

100 ml Flakon erhältlich ist. Das Gesamtkunstwerk<br />

kostet 250 Euro. |sl<br />

ormaie.paris


ZURÜCKLEHNEN UND<br />

INNEHALTEN<br />

Abschalten fällt Ihnen manchmal genauso<br />

schwer wie uns? Kein Wunder bei all den Eindrücken,<br />

dem Stress und Druck, dem wir täglich<br />

so ausgesetzt sind und der uns nicht selten<br />

sogar um einen erholsamen Schlaf bringt.<br />

Laura Simonow hat es sich mit ihrem Brand<br />

zur Aufgabe gemacht, mithilfe der Natur und<br />

sinnvollen Produkten Abhilfe zu schaffen. „Wir<br />

möchten die Menschen dazu inspirieren, Selfcare<br />

nicht nur als Ritual, sondern als ganzheitliche<br />

Lebensart zu etablieren. »This Place« soll<br />

sie dabei unterstützen, die Gesundheit nachhaltig<br />

zu verbessern und das Bewusstsein für<br />

einen gesunden Lebensstil zu schärfen“, so die<br />

Gründerin. „The Good Night“ ist eine Schlafcreme<br />

auf Basis von natürlichem Melatonin,<br />

Kaolin und CBD. Sie enthält außerdem Palo-<br />

Santo-Aroma, um die Gedanken „da oben“ zur<br />

Ruhe zu bringen, Extrakte aus blauem Rainfarn,<br />

Birke und pflanzliche Terpene. Sie wird<br />

auf Unterarme, Nacken und Schultern leicht<br />

einmassiert und entfaltet von dort ihre entspannende<br />

Wirkung. Sämtliche Cremes von<br />

This Place werden von Medizinern entwickelt<br />

und in Berlin hergestellt. 20 ml kosten 17 Euro,<br />

60 ml gibt es für 49 Euro. |sl this.place


ALLES GUTE KOMMT<br />

AUS PORTUGAL,<br />

ZUM BEISPIEL ...<br />

... die wunderbare Tischwäsche von<br />

Cláudia Alemão. Unter ihrem Label<br />

Bicla stellt sie in Porto Kleidungsstücke<br />

und Haushaltstextilien aus 100 Prozent<br />

portugiesischer Wolle, Baumwolle oder<br />

Leinen her. „Bicla ist mehr als eine Marke,<br />

es spiegelt die Art und Weise, wie ich<br />

das Leben sehe, wider: einfache Stücke<br />

mit schlichten Details, Erinnerungen an<br />

die Vergangenheit und die Bemühungen,<br />

portugiesische Traditionen am Leben<br />

zu erhalten“, so die Portugiesin, die<br />

das kleine Unternehmen gemeinsam<br />

mit ihrer Mutter gründete. Die Farbpalette<br />

der Tischdecken, Stoffservietten,<br />

Geschirr- und Handtücher ist inspiriert<br />

von den Blautönen des Atlantischen<br />

Ozeans vor der Haustüre und dem Grün<br />

der Azoren, aber auch das ferne Japan<br />

liefert ausreichend Anregungen für ihre<br />

ausschließlich von Hand gefertigten<br />

Stücke. Ganz links die Stoffserviette<br />

„Red Branch“ (35 Euro das 6er-Set) und<br />

Tischdecke „Natural Lace“ (ab 80 Euro),<br />

daneben in Anthrazit mit Pointelle-Spitze<br />

(ab 85 Euro). |sl bicla.com.pt


OH! LICHT!<br />

AUS MAULBEERPAPIER<br />

Koreanische Buddhisten haben eine lange Tradition,<br />

den Geburtstag Buddhas mit farbenfrohen Lampions<br />

zu zelebrieren. Die Lichtobjekte von „oh-licht“<br />

folgen dieser Tradition. Die koreanische Künstlerin<br />

Setbyol Oh fertigt Lampions aus Maulbeerpapier<br />

und Peddigrohr. Dieses Gerüst trägt eine feine<br />

Schicht aus Seidenpapierblättern, die individuell gefärbt,<br />

plissiert und zugeschnitten in Form gedreht<br />

werden. Hunderte dieser handgefertigten Blätter<br />

werden zu einer organischen Form zusammengeführt.<br />

Die subtilen Falten der Papierblätter brechen<br />

das Licht und tauchen den Raum in eine zarte, warme<br />

Atmosphäre. Begonnen hat diese zauberhafte<br />

Unternehmung einst auf einer kleinen Insel in der<br />

Nordsee. Hier begann Setbyol Oh ihre Arbeit mit<br />

Lichtobjekten. Der meditative Fertigungsprozess<br />

dieser Lampions half ihr, über schwierige Zeiten<br />

hinwegzukommen und begleitet sie bis heute. Es<br />

ist faszinierend zu sehen, wie sensibel Setbyol Oh<br />

die koreanische Tradition im Kontext der europäischen<br />

Kultur neu interpretiert. Alle Objekte sind<br />

Einzelanfertigungen. Größe und Farbe lassen sich<br />

variieren. Leuchte „Kapoor-red“. 1.850 Euro. |duw<br />

oh-licht.de zu sehen auf der Grassimesse.de


ISN‘T SHE LOVELY?<br />

WIE DIE GLASOBJEKTE<br />

Pauline Vincent war einst Art Direktorin von À<br />

Rebours. Jetzt selektiert die Französin schöne<br />

Dinge für eine neue Online-Plattform, wie den<br />

violetten Becher und die drei braunen Wassergläser<br />

– sie sind alle exklusive Entwürfe von<br />

Sticky Glass. Der orange Becher entstand bei<br />

Laguna B in Murano. Allen gemeinsam ist die<br />

empfohlene Handwäsche, weil fragil. Und ihr<br />

Preis von 90 Euro. |sd laromaine-editions.com


MARIE-VICTOIRE WINCKLER<br />

MUSS MAN SICH MERKEN<br />

Nach dem Studium der Schönen Künste in Reims<br />

und dem Master an der Scuola Politecnica in Mailand<br />

arbeitete Marie-Victoire unter anderem beratend<br />

für Cassina, Patricia Urquiola und India Mahdavi.<br />

Gemeinsam mit den Grandes Dames des Design<br />

arbeitete sie an Projekten für Hotels und Restaurants<br />

wie das „Mandarin Oriental“ in Barcelona, das „Le<br />

Cloître“ in Arles oder das schön schräge Restaurant<br />

„Sketch“ in London. Diese Zeit hat Marie-Victoires<br />

kreatives Vokabular erheblich erweitert. Das Resultat<br />

ist ihre eigene Unternehmung, in der sie Möbelstücke<br />

und Leuchten in Kleinserien sowie ganz bezaubernde<br />

Objekte aus mundgeblasenem Glas herstellt. „Bei der<br />

Gestaltung bemühe ich mich, das zu reproduzieren,<br />

was die Natur mir gibt“, sagt die Französin. „So steckt<br />

hinter jedem Objekt ein Teil Absicht und ein Teil Zufall.<br />

Das macht sie so geheimnisvoll.“ Das können wir nur<br />

bestätigen. Die Vase aus der Kollektion „Totem“, die<br />

wir hier zeigen, kombiniert mundgeblasenes Glas mit<br />

einer Manschette aus Keramik, die mit allen Vasen<br />

der Kollektion kombiniert werden kann. Je nach Lichteinfall<br />

zeigt sich das Material aufregend lebendig und<br />

schwankt zwischen Transluzenz und Opazität. Bien<br />

fait, Marie! Yellow vase Totem #4-1 black ananas ring.<br />

380 Euro. |duw mvwinckler.com


AUF DER SUCHE NACH DEM<br />

ULTIMATIVEN FLUIDUM<br />

Vorbei am ersten Mondglobus überhaupt, gleitet der Blick auf die schroffe<br />

Silhouette von Milly Stegers Figur „Kauerndes Mädchen“, das in den<br />

1920ern für Rosenthal entstand. Dazwischen steht ein Duft von Hiram<br />

Green – einer meiner derzeitigen Favoriten. Er lässt an die Herzensbrecher<br />

des Goldenen Zeitalters in Hollywood denken: elegant, charmant, aber<br />

dennoch voll Power mit einem Schuss Verruchtheit. James Dean, Cary<br />

Grant, doch genauso Rita Hayworth könnten „Vetiver“ getragen haben.<br />

Greens Kreation untermalt die erdig holzigen Nuancen des tropischen Grases<br />

mit zitrischen Noten, Ingwer, Zedernholz und Ambrettesamen. Letztere<br />

schaffen einen weichen und sanften Abgang – für Komplexität sorgen<br />

zwei verschiedene Vetiversorten aus Haiti und Java. Das ist großes Kino!<br />

Für die Düfte der Nischenmarke kommen übrigens rein natürliche Materialien<br />

zum Einsatz, die von Hand verarbeitet werden. Der in Kanada geborene<br />

Parfumeur Hiram Green etablierte sich zunächst in London und arbeitet<br />

heute von Gouda aus. Derzeit gibt es sieben verschiedene Eau de Parfums,<br />

die in 50ml-Flakons zu je 155 Euro angeboten werden. Alle schlicht aufgemacht,<br />

wie es sich für diese Liga gehört. |sd<br />

hiramgreen.com<br />

© DR.D.


MIT<br />

FREUNDLICHER<br />

UNTERSTÜTZUNG<br />

VON:<br />

CARAN D‘ACHE<br />

&<br />

WOHN!DESIGN


KITCHEN<br />

HOTSPOTS<br />

<strong>2021</strong><br />

SHOPPING GUIDE<br />

DIE BESTEN MÖBELHÄUSER & EINKAUFSADRESSEN<br />

STAND OKTOBER <strong>2021</strong>


STUTTGART<br />

© FOTO: VIOLA SCHUETZ<br />

BROTIQUE<br />

Für Stuttgarts Brotliebhaber gibt es seit Kurzem eine<br />

neue Anlaufstelle im Lehenviertel.<br />

Für Sophie und Julius Henne ist es eine Herzensangelegenheit,<br />

in der eigenen Backstube zu stehen und ihre Brotvariationen aus<br />

Sauerteig für den Tag zuzubereiten. Heutzutage werden viele<br />

Backwaren in industriellen Anlagen produziert, vorgebacken und<br />

tiefgefroren. Dabei zählen Effizienz und große Stückzahlen. In der


REDAKTION<br />

„Brotique“ weit gefehlt. Das junge Paar, das über Umwege zur<br />

eigenen Bäckerei fand, renovierte die Räumlichkeiten selbst und<br />

experimentierte nebenbei mit dem Backwerk. „Während der Corona-Zeit<br />

haben wir dann angefangen, zusammen zu backen. Davon<br />

profitierte vor allem die Nachbarschaft, die quasi am Tasting teilnahm,<br />

da wir die Brote größtenteils verschenkten“, erzählen die<br />

beiden. Im Sommer dieses Jahres war es dann soweit: das große<br />

Opening im Stuttgarter Lehenviertel. Der Sauerteig zählt zu den<br />

Königsdisziplinen in der Backkunst, da alles Unnötige weggelassen<br />

wird. Was bleibt, ist der reine Geschmack. „Die Brote bestechen<br />

allein durch ihre Aromen und schmecken auch pur oder in<br />

Olivenöl getunkt schon super lecker.“ Unbedingt testen. |ag


BERLIN<br />

HUADOU<br />

Lust auf einen Tofu-Workshop? Nicht lange<br />

überlegen, sondern husch husch nach Berlin …<br />

„Ich glaube, dass Tofu am besten schmeckt, wenn man ihn selbst<br />

frisch zubereitet“, sagt Mengya Huang, die in ihrem Berliner Concept<br />

Store „Huadou“ neben dem Verkauf von allerlei sojahaltigen Lebensmitteln<br />

auch Workshops für die Herstellung von Tofu anbietet. „Tofu<br />

hat in Europa nach wie vor ein eher fades Standing und wird oft als<br />

Fleischersatz für Vegetarier abgetan.“ In Asien gehört das Produkt zum<br />

alltäglichen Hausgebrauch, wird sogar oft einfach roh gegessen. Tofu<br />

wird aus zu Sojamilch verarbeiteten weißen Sojabohnen hergestellt.<br />

Der durch Denaturierung und Koagulation von Proteinen entstehen-


REDAKTION<br />

de Sojaquark wird entwässert und anschließend zu Blöcken gepresst.<br />

Dieses Verfahren ist der Käseherstellung aus Milch sehr ähnlich. „Je<br />

nach Textur eignet sich das Endprodukt für die unterschiedlichsten<br />

Verwendungen: Weicher Tofu harmoniert gut mit leichten Suppen<br />

und mit Süßspeisen, fester Tofu kann gut zum Braten oder als salziger<br />

Snack verwendet werden. Er hält sich auch länger und hat einen<br />

intensiveren Geschmack.“ Im Workshop selbst geht es dann ans Eingemachte.<br />

Neben einer Einführung in die Herkunft der Zutaten, ihre<br />

Beschaffenheit und Verarbeitung legen die Teilnehmer mit Mixer und<br />

Sojamühle aus Stein auch selbst Hand an, um Sojamilch als Basis für<br />

Tofu zu gewinnen. Mit Sojabohnen direkt vom Biobauern. Wer jedoch<br />

die Herstellung von Tofu gern anderen überlässt, kann sich auch im<br />

Concept Store oder online mit den veganen Köstlichkeiten eindecken.<br />

Das angeschlossene Café bietet vielfältige und leckere Desserts aus<br />

Sojaprodukten. „In unserem Laden können Sie einzigartige und innovative<br />

Produkte, sowie Brownies mit Adzukibohnen, Schokoladen-Miso-Brownies,<br />

oder Brownies aus einer Kombination von Matcha und<br />

Mungbohnen probieren.“ Ganz sicher einen Versuch wert. |ag


REDAKTION<br />

MÜHLERAMA<br />

Die Installation der niederländischen Eating-<br />

Designerin Marije Vogelzang erforscht den Hunger.<br />

Wer kennt es nicht, das fiese Grummeln in der Magengrube, wenn<br />

sich der Hunger breit macht – und bei dem einen oder anderen sogar<br />

die Laune schlagartig in den Keller sinken lässt. Ein echtes Luxusproblem,<br />

wenn man bedenkt, dass weltweit jeder elfte Mensch an chronischem<br />

Hunger leidet und jeder vierte in „Ernährungsunsicherheit“


ZÜRICH<br />

© FOTOS: MÜHLERAMA, MARTIN STOLLENWERK<br />

lebt. „Hunger. Eine Ausstellung über Mangel und Überfluss“ führt in<br />

sieben Kapiteln durch dieses prekäre Thema. Die Installation „Hunger<br />

Appreciation Station“ der niederländischen Eating-Designerin Marije<br />

Vogelzang bildet den Auftakt, die für das Museum „Mühlerama“ in<br />

Zürich konzipiert wurde. „Die Ausstellung ermöglicht es jedem von<br />

uns, seinen eigenen Hunger zu erforschen und dem komplexen und<br />

emotionalen Thema auf eine sinnliche Art zu begegnen“, fasst Kuratorin<br />

Sina Jenny das Programm zusammen. „Marije Vogelzang ist Pionierin<br />

im Bereich Food und Design und hinterfragt in ihren Arbeiten<br />

unsere Beziehung zum Essen.“ Die Ausstellung kann noch bis zum 13.<br />

März 2022 im Museum Mühlerama (Industriemühle Museum für Esskultur,<br />

Backschule) besucht werden.<br />

|ag


LISSABON


REDAKTION<br />

PRADO<br />

Diese schmackhaften Gerichte landen vom Gewächshaus<br />

direkt auf dem Teller. Ein Konzept mit Zukunft.<br />

Bei António Galapito kommt nur auf den Tisch, was zu 100 Prozent aus portugiesischem Anbau stammt.<br />

„Als ich nach einem Aufenthalt in London nach Lissabon zurückkehrte, begann ich sofort damit, ein Netzwerk<br />

aus Bauern, Fischern und Weinlieferanten zu knüpfen“, erzählt der Chefkoch des Restaurants „Prado“.<br />

Geordert werden nicht „Vorspeise“ und „Hauptgericht“, sondern „Portionen“ – Instagram-freundlich<br />

angerichtet, darunter Hispi-Kohl, Ziegenkäse-Molke und Walnüsse, Herzmuscheln, Spinat, Koriander und<br />

geröstetes Brot. So geradlinig wie die Speisekarte ist auch die Location des Farm-to-Table-Restaurants in<br />

einer ehemaligen Fischfabrik in der Altstadt Lissabons: sophisticated und schlicht zugleich, mit hohen<br />

Decken und üppigem Grün. Auch die Weinkarte mit biologischen und biodynamischen Weinen verdient<br />

Beachtung. Selbst der Guide Michelin ist von den Kochkünsten des jungen Portugiesen überzeugt. |ag


BERLIN<br />

© FOTO: MARIA BAYER<br />

© FOTO: MYKILOS


REDAKTION<br />

MYKILOS<br />

„Verwurzelt im Bauhaus“ fühlen sich zwei Küchenexperten aus Berlin und treffen<br />

mit ihren ausgefallenen Maßanfertigungen den Puls der Zeit.<br />

Die Leidenschaft für Interiordesign und Kochen verbindet Daniel Klapsing und Philipp Schöpfer, seit sie<br />

sich während ihres Studiums an der Bauhaus-Universität in Weimar trafen. Daraus entstanden ist „Mykilos“,<br />

ein Küchen- und Möbeldesignlabel, das es sich auf die Fahne geschrieben hat, Produkte mit der<br />

„ikonischen Qualität der Vergangenheit und einem frischen Geist der Gegenwart zu vereinen.“ Die maßgefertigten<br />

Küchenmodelle, Accessoires und Möbelstücke können in den beiden Showrooms in Berlin und<br />

Hamburg begutachtet werden. Das Label legt besonderes Augenmerk auf persönliche und individuelle<br />

Beratung, um zielgerichtet auf die unterschiedlichsten Bedürfnisse reagieren zu können, die sich im Einklang<br />

mit der Gesamtästhetik der räumlichen Gegebenheiten befinden. New Classic meets Bauhaus. |ag


© FOTO: MYKILOS<br />

REDAKTION


EDITORIAL<br />

Shopping de luxe<br />

Entdecken Sie die besten Einrichtungsadressen in Ihrer<br />

Umgebung und dazu Bad-Ausstellungen, Küchenstudios<br />

und andere schöne Dinge des Lebens<br />

Vielleicht haben Sie ja gerade Ihr Traummöbel entdeckt<br />

oder in unserem Magazin ein Sofa oder Ihren Lieblingssessel<br />

gesehen und wissen nicht, wo Sie beides live anschauen oder<br />

kaufen können?<br />

Bleiben Sie entspannt und blättern Sie einfach diesen Guide<br />

zu den besten Einrichtungshäusern und Shopping-Adressen in<br />

Deutschland durch. Als einmaliger Service ist dieses Kompendium<br />

übersichtlich nach Städten sortiert und präsentiert Ihnen die<br />

besten Möbelgeschäfte, Küchenstudios und Bad-Oasen in Ihrer<br />

Nähe und liefert außerdem die Information, welche Firmen dort<br />

geführt werden. Sie wohnen in Berlin, also schauen Sie unter der<br />

Postleitzahl 10000 oder in München, dann unter 80000 nach.<br />

Wenn Sie als Händler finden, dass Ihr Shop so cool ist, dass wir<br />

ihn vorstellen sollten, dann schreiben Sie uns. Unseren Leserinnen<br />

und Lesern helfen wir gerne weiter, wenn Sie eine Adresse<br />

nicht finden können. Und wenn Sie einen interessantes Geschäft<br />

entdecken, schreiben Sie uns an shoppingguide@wohndesign.de<br />

Viel Vergnügen beim Entdecken und Shoppen wünscht Ihnen<br />

Ihr WOHN!DESIGN-Team


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Rochere, Laguiole en Aubrac, La Pavoni, Le<br />

Creuset, Massimo Lunardon, Mono Pott,<br />

Stelton, Tecnolumen, Wesco, Wüsthoff,<br />

Zalto, Zwiesel u. ca. 200 weitere<br />

Outdoorkollektion: Fermob<br />

MEISER HOME OF LIVING<br />

Richard-Wagner-Str. 3<br />

04109 Leipzig<br />

Fon 0341/96150-29<br />

leipzig@meiser-living.de<br />

www.meiser-living.de<br />

Ars Nova, B&B Italia, bulthaup, Cassina,<br />

COR, Draenert, Edra, Freifrau, FSM,<br />

Gaggenau, Interlübke, Janua, Kymo,<br />

Miele, Minotti, Molteni, Occhio,<br />

Piure, Rimadesio, Schramm, Treca,<br />

Walter Knoll, Z+R uvm.<br />

SMOW GMBH<br />

Burgplatz 2<br />

04109 Leipzig<br />

Fon 0341/12483-30<br />

www.smow.de, info@smow.de<br />

INTERIEURTEAM.GMBH<br />

Grimmaische Str. 2-4<br />

Mädlerpassage<br />

04109 Leipzig<br />

Fon 0341/31912-60<br />

www.interieurteam.de<br />

WEDHORN<br />

Schöne Bäder mit Stil<br />

Zweinaundorfer Str. 203<br />

04316 Leipzig<br />

Fon 0341/6515039<br />

www.baederstudio-wedhorn.de<br />

wedhorn-baederstudio@t-online.de<br />

Artemide, Artweger, Bisazza, Dornbracht,<br />

Duravit, Extenzo, Flaminia,<br />

Geberit, Giraretta-Italia, Hansgrohe,<br />

HighTech, Jado, Jörger, Kristhal, Antonio<br />

Lupi, Magma Glasdesign, Pyro-<br />

Lave, Rapsel, River Stone, Standfest,<br />

Teba, Teuco, V & B, Vola, Zehnder<br />

KÜCHEN DIEKMANN GMBH<br />

Ligusterring 32<br />

04416 Markkleeberg<br />

Fon 0341/99736-0<br />

www.kueche-leipzig.de<br />

MÖBEL BECK GMBH & CO.KG<br />

Leipziger Straße 28<br />

04509 Delitzsch<br />

Fon 034202/37-400<br />

www.moebelbeck.de<br />

Burger & Bauformat Küchen, Bora,<br />

Bosch, Homeier, Miele, Oranier, Schock<br />

LUXINTERIOR<br />

MÖBEL LICHT DESIGN<br />

Brüderstr. 14<br />

<strong>06</strong>108 Halle<br />

www.luxinteriors.de<br />

TUFFNER MÖBELGALERIE<br />

Schneeberger Straße 8<br />

08134 Langenweißbach<br />

www.tuffner.de<br />

kuchenhaus@tuffner.de<br />

SCHUNK INTERIEUR GMBH<br />

THE RELAXFACTORY<br />

Grenzstraße 19<br />

08248 Klingenthal<br />

Fon 037467/556-0<br />

www.relaxfactory.de<br />

hendrik@schrunk-online.de<br />

Outdoorkollektion: Vondom<br />

TUFFNER MÖBELGALERIE<br />

Am Walkgraben 13<br />

09119 Chemnitz<br />

www.tuffner.de<br />

chemnitz@tuffner.de<br />

14 SHOPPING GUIDE


PLZ-GEBIET 1....<br />

PLZ 10000<br />

RUBY DESIGN_LIVING<br />

Julie-Wolfthorn-Straße 1<br />

10115 Berlin<br />

Fon 030 639687330<br />

www.ruby-designliving.de<br />

letter@ruby-designliving.de<br />

FASHION4HOME GMBH<br />

Behrenstraße 28<br />

10117 Berlin<br />

Fon 030/3<strong>06</strong>00500<br />

www.fashionforhome.de<br />

service@fashionforhome.de<br />

LIGNE ROSET<br />

Leipziger Str. 124 / Ecke Wilhelmstr.<br />

10117 Berlin<br />

Fon 030/89240-16<br />

www.ligne-roset.de<br />

leipziger124@ligne-roset-berlin.de<br />

MARRON<br />

Auguststr. 77/78<br />

10117 Berlin<br />

Fon 030/28094878<br />

www.marronberlin.de<br />

info@marronberlin.de<br />

Outdoorkollektion: Emu<br />

RADICAL CRAFT 3<br />

JAHRESAUSSTELLUNG IM DIREKTORENHAUS<br />

MUSEUM FÜR KUNST HANDWERK DESIGN<br />

Am Krögel 2<br />

10179 Berlin<br />

Fon 030 48491929<br />

www.direktorenhaus.com<br />

info@direktorenhaus.com<br />

1.Oktober <strong>2021</strong> - 1.April 2022<br />

Die Ausstellung Radical Craft 3 versammelt<br />

ein breites Spektrum an zeitgenössischen<br />

Craft- Künstlerinnen und Künstlern.<br />

Nunmehr in ihrer dritten und letzten<br />

Runde, präsentiert das europäische<br />

Kunsthandwerk in seiner gesamten<br />

Bandbreite: Von der Keramik- bis zur<br />

Webkunst bis hin zur zeitgenössischen<br />

Kunst und 3D-gedruckten künstlerischen<br />

Experimenten.<br />

ANTIQUITÄ̈TEN & DESIGN<br />

FLOHMARKT<br />

Trabrennbahn Karlshorst<br />

Treskowalle 159<br />

10318 Berlin<br />

Für Besucher ist bis auf weiteres der<br />

Eintritt frei! Besucherparkplatz Euro 5,-.<br />

Über den Newsletter wird man über<br />

den aktuellen Corona Status informiert<br />

oldthing.de/Berlin<br />

Nach aktuellem Stand gilt auf Märkten<br />

Abstandhalten + Masken tragen !<br />

Wer selbst mitmachen will, meldet<br />

sich telefonisch 030 29 00 20 10<br />

oder online an<br />

oldthing.de/riesenflohmarkt<br />

Terminübersicht <strong>2021</strong><br />