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FOCUS_39_Fleischhauer

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AUSGABE 39 24. September 2022

€ 4,90 EUROPEAN MAGAZINE AWARD WINNER 2022 POLITICS & SOCIETY /// INFOGRAPHIC

Vestager

So kämpft die EU-

Kommissarin gegen

die Energiepreise

Wagenknecht

Was die Irrläuferin der

Linken über Russland

und Putin denkt

Sex Pistols

Danny Boyle verfilmt

die Kronjuwelen

der britischen

Popkultur

Grauer Star

Netzhautdefekte

Fehlsichtigkeit

Neue

Medizin

für Ihre

Augen


JAN FLEISCHHAUER

Der schwarze Kanal

Diskriminierte dieser

Welt, meldet euch!

40 Beauftragte sind inzwischen auf Geheiß der

Bundesregierung damit beschäftigt, Deutschland

zu einem inklusiveren und besseren Land zu

machen. Kein Wunder, dass immer neue Formen

der Benachteiligung entdeckt werden

Helmut Thoma, das Trivialgenie des deutschen

Fernsehens, der Mann, der den

Deutschen „Tutti Frutti“ und „Der heiße

Stuhl“ brachte, war bei ServusTV. Die

Sendung, in der er auftrat, heißt „Links.

Rechts. Mitte“, eine Talkshow, in der

auch Gäste eingeladen sind, die bei

„Anne Will“ nicht mal in den Zuschauerraum kämen.

Ich war Anfang des Jahres da. Damals ging es um Corona.

Jetzt war das Thema der Vormarsch der Ukraine.

Wie es lief? Sagen wir so: Gegen Thoma ist Gerhard

Schröder ein schüchterner Chorknabe.

Dialog, Minute 39 und folgende:

Thoma: „Was hat denn Putin bitte getan? Können’s das

bitte sagen?“

Moderatorin, leicht konsterniert: „Er ist einmarschiert am

24. Februar. Er hat ein Land überfallen.“

Thoma: „Ja und? Die Amerikaner hätten einen Atomkrieg

in Kuba begonnen, die saßen schon

mit der Hand am Knopf da.“

Ich dachte, Johannes Varwick sei

verrückt, der Politikprofessor, der

vom Bundeskanzler fordert, er müsse

die Ukraine zum Aufgeben zwingen.

Dass der nächste Angriffskrieg

von der Martin-Luther-Universität

Halle-Wittenberg ausgeht, hätte ich

mir auch nicht träumen lassen. Aber

es gibt stets noch höhere Grade der

Verrücktheit.

Ich habe Thoma einmal getroffen,

da war er der Zirkusdirektor bei

RTL. Die Mischung aus heiterer Gerissenheit,

Wiener Schmäh und

erwartungsfroher Provokationslust

»

Alles hat seinen

Preis, auch die

Opferinf lation. Wenn

jeder ein Opfer der

Verhältnisse ist, sinkt

der Wert der einzelnen

Leidensgeschichte

«

hat mich sofort begeistert. Von Thoma stammen unsterbliche

Weisheiten wie der Satz, dass, wer Bratwürste anbiete

oder genehmige, dass Bratwürste angeboten werden dürfen,

sich nicht beklagen könne, dass sie Fett enthalten.

Damit ist er zum erfolgreichsten Medienmenschen

geworden, den Österreich jemals hervorgebracht hat.

Sozusagen der Mozart des Privatfernsehens. Oder soll man

sagen: der Dr. Mabuse? Wie auch immer, irgendetwas

Schreckliches muss mit ihm passiert sein, seit er sich vor

Jahren auf das Sammeln von Aufsichtsratsmandaten

verlegte. Manche Menschen entdecken mit fortschreitendem

Alter ihre Liebe zur Entomologie, andere finden

zur Diktatoren-Verehrung.

Anderseits: Auch die Verrückten und Marginalisierten

brauchen eine Stimme. Wo kämen wir hin, wenn nur

grundvernünftige Leute im Fernsehen säßen? Todlangweilig

wär’s. Und unfair obendrein. Ich ertrage aus diesem Grund

sogar Sascha Lobo mit seinem Irokesen, der inzwischen so

aussieht, als ob ein Marder mit ins Bett eingezogen ist.

Wenn Lobo die tote Queen herabwürdigt, weil sie ihm

nicht feministisch genug war und zu wenig antirassistisch

obendrein, denke ich: Sei’s drum, auch diese Position

musste vertreten werden. Solange die Kombattanten in

Talkshows nicht mit Marschflugkörpern aufeinander zielen,

ist das Schlimmste, was passieren kann, eine Kritik

aus der Feder einer Einfaltsmeise auf „Zeit Online“ oder

bei der „FR“.

Wer weiß, vielleicht gibt es bald sogar eine Quote für

Leute wie Thoma und Lobo. Die Unabhängige Bundesbeauftragte

für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, hat

laut darüber nachgedacht, das Antidiskriminierungsgesetz

um neue Tatbestände zu ergänzen. Warum bei Geschlecht,

sexueller Präferenz oder Religionszugehörigkeit stehen

bleiben? Weshalb nicht auch regionale

Herkunft oder Familienstand zu

den Kriterien zählen, bei denen die

Beauftragte tätig werden muss?

Das Gesetz habe große Lücken,

sagte Ataman in einem Interview.

Ostdeutsche zum Beispiel kämen

seltener in Führungspositionen und

seien einem höheren Armutsrisiko

ausgesetzt. Auch viele Eltern erführen

in Deutschland Diskriminierung.

„Wir haben eine Studie dazu gemacht.

Darin gaben 40 Prozent der

Eltern an, dass sie am Arbeitsplatz

diskriminiert werden, zum Beispiel,

weil sie früher nach Hause müssen,

um ihr Kind zu betreuen. Solche

Schutzlücken möchten wir schließen.“

Fo t o : M a r k u s C . H u r e k f ü r F O C U S - M a g a z i n

8 FOCUS 39/2022


KOLUMNE

Auch die Verrückten und

Marginalisierten brauchen eine Stimme

Illustration von Michael Szyszka

Das ist ein löblicher Ansatz. Auf die eine oder andere

Weise sind wir doch alle diskriminiert. Wer nicht zu schwarz

oder zu migrantisch oder zu kinderreich ist, der ist eben zu

weiß oder zu männlich oder ganz grundsätzlich zu privilegiert.

Abwertung ist nicht auf Minderheiten beschränkt.

Auch als Vertreter der Mehrheitsgesellschaft kann man

Beleidigung und Stigmatisierung erfahren.

Ich gehöre der Altersgruppe der sogenannten Boomer an.

Glauben Sie nicht, dass dies nur einfach wäre. Im „Spiegel“

musste sich meine Generation von einer Autorin aus

der Schweiz (ausgerechnet!) vorhalten lassen, wir hätten

die falsche Musik, die falsche Kleidung und die falsche

Einstellung sowieso. Der Text war mit einem Foto von Kai

Pflaume in Hoodie und Sneakern bebildert.

Zum Glück bin ich ein Mann. Schlimmer noch als

Abwertung ist die totale Nichtbeachtung. Die

Boomer-Frau ist nicht mal wert, dass man sich über

sie lustig macht. Sie kommt einfach nicht vor, nicht

einmal als Feindbild.

Auch in Texten fortschrittlicher Autor:innen

gleitet der Blick über Frauen ab 50 achtlos

hinweg. Ich weiß nicht mehr, welche Kollegin

es war, die in der MeToo-Debatte einwarf,

die jungen Anklägerinnen, die hinter jedem

Kommentar eine Beleidigung witterten, sollten

einmal in das Alter kommen, wo man

sich danach sehne, dass einem jemand auf

der Straße hinterherpfeife.

Die Sache mit der gesetzlichen Anerkennung

ist natürlich nicht ganz billig. Von selbst

passiert da nichts, deshalb braucht es Leute

wie Ataman. Oder den Beauftragten für die

Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher

Vielfalt. Oder die Beauftragte der Bundesregierung

für Antirassismus. Oder den Beauftragten

gegen Antiziganismus und für das

Leben der Sinti und Roma in Deutschland.

300 Seiten

Fleischhauer

„How dare you!“,

jetzt als Taschenbuch

Die wöchentliche Sendung

Fleischhauer – 9 Minuten

netto“, jeden Freitag

auf ServusTV vor dem „Talk“

40 Beauftragte sind inzwischen

auf Geheiß der Bundesregierung

damit beschäftigt, Deutschland

zu einem inklusiveren und besseren

Land zu machen. Ich bin

sicher, wenn man die Zahl zur

500 000-Euro-Frage bei „Wer wird

Millionär?“ machen würde, die

Kandidaten wären heillos aufgeschmissen.

Darauf kommt auf

Anhieb kein Mensch.

Alles hat allerdings seinen Preis,

auch die Opferinflation. Wenn

jeder ein Opfer der Verhältnisse ist, sinkt der Wert der einzelnen

Leidensgeschichte. Es entsteht auch ein verzerrtes

Bild der Wirklichkeit.

Der „Spiegel“-Redakteur René Pfister hat über eine

Studie berichtet, die der Bundestag in Auftrag gegeben

hatte, um herauszufinden, wie rassistisch die Deutschen

sind. Das Ergebnis war ermutigend. Knapp die Hälfte der

Befragten gab an, in den vergangenen fünf Jahren einer

rassistischen Aussage widersprochen zu haben. Jeder dritte

sagte, er würde an einer Demonstration gegen Rassismus

teilnehmen, fast jeder zehnte hatte es bereits getan.

Ein weltoffenes und tolerantes Land, in dem die überwältigende

Mehrheit der Bürger (90 Prozent) der Meinung

ist, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben sollten,

unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hautfarbe:

So stellt sich die Bundesrepublik im Lichte der Rassismusforschung

dar.

Aber so konnte es das Institut, das die Studie durchgeführt

hatte, das Deutsche Zentrum für Integrations- und

Migrationsforschung, nicht stehen lassen.

Die Autoren beklagten stattdessen, dass

bei der Hälfte der Bevölkerung „Reflexe

der Abwehr und eine damit einhergehende

Bagatellisierung von Rassismus“ zu beobachten

seien.

Wie sie zu diesem Befund kamen? Sie

hatten den Befragten unter anderem folgende

Aussage vorgelegt: „Es ist absurd,

dass einem Rassismus unterstellt wird, wenn

man lediglich fragt, wo jemand herkommt.“

63,4 Prozent stimmten dem zu, darunter

auch viele derjenigen, die jederzeit gegen

Unrecht auf die Straße gehen würden.

So ist das, wenn man überall Diskriminierung

wittert: Dann ist es bereits Rassismus,

wenn sich jemand für die Lebensgeschichte

seiner Mitmenschen interessiert. Sie sehen,

es bleibt noch viel zu tun.


FOCUS 39/2022 9

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