0322_Max_iKiosk Einzelseiten_final
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03_2022<br />
Glamou r & L ifestyl e Magaz i n<br />
e<br />
PLUS<br />
FUSSBALL VERSTAATLICHT!<br />
DER NEUE KAPITALISMUS<br />
DEUTSCHLAND BEWEGT SICH<br />
MEGASTARS<br />
VIOLA DAVIS UND EMINEM<br />
JUNGSTARS<br />
GRETA ELISA HOFER UND<br />
EMILIO SAKRAYA<br />
OPTIMISMUS<br />
ZUM<br />
TROTZ<br />
EIN HEFT ÜBER<br />
UNSERE GESELLSCHAFT,<br />
FRAGEN ZUR ZUKUNFT UND ANTWORTEN VON<br />
RICHARD DAVID PRECHT,<br />
IGOR LEVIT, CLAUDIA MICHELSEN,<br />
JUDITH HOLOFERNES,<br />
PROFESSOR DR. FLORIAN STEGER UND VON<br />
SIEBEN WOHNUNGSLOSEN<br />
AUS HAMBURG<br />
03<br />
03
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EDITORIAL 05<br />
Eine<br />
Bombe,<br />
die<br />
noch immer<br />
tickt<br />
Liebe Leserinnen und Leser!<br />
Vor 50 Jahren erschien ein Buch, dessen Titel geradezu prophetischen<br />
Charakter hatte: „Die Grenzen des Wachstums“.<br />
Herausgegeben hatte das schmale Werk der 1968 gegründete<br />
Club of Rome, eine seinerzeit nicht sehr bekannte, globale,<br />
interdisziplinäre Organisation, die sich sehr früh unter anderem<br />
für nachhaltiges Wirtschaften, den Schutz der Umwelt<br />
und freiwillige Selbstbeschränkung engagierte.<br />
In diesem immer noch bahnbrechenden Buch (das im Jahr<br />
2004 und kürzlich ein Update erfuhr) mit dem bezeichnenden<br />
Unter titel „Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“<br />
wurden bereits vor einem halben Jahrhundert zentrale<br />
Szenarien, die uns alle heute, morgen und übermorgen beschäftigen<br />
sollten, weitsichtig thematisiert, dazu zählt ungezügelte<br />
Fortschrittsgläubigkeit. Die Zeit nannte das Buch<br />
hellsichtig „eine Bombe im Taschenbuchformat“.<br />
Thematisiert wurden auch die Unterernährung von Abermillionen<br />
Menschen und ein enormes Wachstum der Weltbevölkerung.<br />
Die Nicht-Erneuerbarkeit zahlreicher Rohstoffe,<br />
die wir zum Überleben brauchen. Eine globale Umweltverschmutzung,<br />
die das ökologische Gleichgewicht dauerhaft<br />
gefährdet. Bevölkerung, Nahrungsmittel, Kapital, Rohstoffe<br />
sowie Umweltverschmutzung seien in einem fragilen und<br />
komplexen Zusammenhang miteinander verwoben.<br />
„Die lange Kette menschlicher Erfindungen hat bis jetzt<br />
zu Überbevölkerung, Zerstörung, der Umwelt und zu größerer<br />
sozialer Ungleichheit geführt, da die Wirkung erhöhter<br />
Produktivität wieder durch das Wachstum von Bevölkerung<br />
und Kapital aufgehoben wurde.“ Ein Satz der heute noch<br />
Gültigkeit besitzt. Auch wenn einige Annahmen heute nicht<br />
mehr zutreffen, die Grundaussage, dass grenzenloses Wachstum<br />
in einer endlichen Welt unmöglich ist, bewahrheitete<br />
sich im Laufe der vergangenen 50 Jahre immer wieder und<br />
immer mehr.<br />
Als die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler prognostizierten,<br />
dass es 2030 zum Kollaps kommen wird, wurden<br />
sie von neoliberalen Apologeten bestenfalls belächelt, zumeist<br />
mit dümmster Polemik überzogen. Und heute, acht Jahre vor<br />
2030, wo stehen wir da? Wenn wir keine parteienübergreifenden,<br />
gesellschaftlich relevanten und rigorosen Maßnahmen<br />
ergreifen, werden unsere Kinder ihre Zukunft schon hinter<br />
sich haben.<br />
Das dürfen wir nicht zulassen.<br />
Herzlichst –<br />
wo auch immer Sie sein mögen,<br />
Ihr Andreas Wrede<br />
CHEFREDAKTEUR<br />
SEPTEMBER 2022
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Inhalt 08<br />
AUFBRUCH<br />
SEITE 14<br />
Greta for Future<br />
Sie ist eine Senkrechstarterin<br />
par excellence: Die Tirolerin<br />
Greta Hofer modelt für<br />
Prada, Dior oder Hermès. Geplant<br />
war das nicht<br />
SEITE 20<br />
Mastaba<br />
Das gigantische Projekt des<br />
Künstlerpaars Christo & Jeanne-Claude,<br />
eine Pyramide aus Ölfässern,<br />
wird von ihren Mitarbeitern<br />
weiterverfolgt<br />
SEITE 26<br />
Frauen-Power<br />
Lucia Jost ist ein New Talent<br />
in der Fotografie. Frauen<br />
setzt sie selbstbewusst und<br />
stolz in Szene<br />
VORBILD<br />
SEITE 32<br />
A star is born<br />
Emilio Sakraya spielt im<br />
Kino den Gangster-Rapper Xatar.<br />
Er ist ein Shootingstar, von<br />
dem noch zu hören sein wird<br />
SEITE 38<br />
The Woman King<br />
Von wahren Geschehnissen<br />
inspiriert, spielt Viola Davis eine<br />
afrikanische Amazone –<br />
in der Gegenwart gewann sie einen<br />
Oscar, einen Emmy und zwei<br />
Tony-Awards<br />
SEITE 42<br />
Nicht nur piano<br />
Der Pianist Igor Levit, zu Hause<br />
auf internationalen Bühnen, nennt<br />
sich selbst politischer Aktivist.<br />
MAX traf ihn in seiner Berliner<br />
Wohnung zum Interview<br />
SEITE 50<br />
Systemwechsel<br />
Claudia Michelsen wuchs<br />
„In einem Land, das es nicht mehr gibt“<br />
auf, in dem gleichnamigen Film<br />
spielt sie die Chefin des legendären<br />
DDR-Mode-Magazins „Sibylle“<br />
WENDUNG<br />
SEITE 58<br />
E-Mobilität<br />
Welches Auto passt zu mir?<br />
Vom Kleinwagen bis zum neuen Bully –<br />
das große E-Auto-Special<br />
in MAX<br />
SEITE 67<br />
MAX Lounge<br />
In der Lounge finden sich die<br />
coolsten und intelligentesten Produkte<br />
wie eine limitierte Porsche-<br />
Brille oder Neues von Canada Goose<br />
SEITE 82<br />
Brandaktuell<br />
Kabarettist und Musiker Lars<br />
Reichow macht sich hochaktuelle<br />
Gedanken zum Energiesparen<br />
VERÄNDERUNG<br />
SEITE 84<br />
Visions of Light<br />
Die Kamera ist Kult: Leica.<br />
Gemacht wurden und werden mit<br />
ihr ikonische Fotos.<br />
Andreas Kaufmann ist der Mann<br />
hinter Leica, der das Unternehmen<br />
wieder nach vorn führte<br />
SEITE 93<br />
Deutschland bewegt sich<br />
In der MAX-Serie präsentieren<br />
wir in dieser Ausgabe einige<br />
der erfolgreichsten Start-ups in<br />
Deutschland plus ein Interview zum<br />
Thema Business Angel<br />
HERAUSFORDERUNG<br />
SEITE 100<br />
Mann für alle Fälle<br />
Für die einen ist er Reiter der<br />
Apokalypse, für andere scharfsinniger<br />
Philosoph. Richard David Precht<br />
wird im MAX-Interview seinem<br />
provokanten Ruf gerecht,<br />
Medien nimmt er<br />
hyperkritisch aufs Korn<br />
SEITE 108<br />
Kapitalismus brutal<br />
Wohin führen uns Unternehmen wie<br />
Gorillas oder Uber? Sie sind einfach nur<br />
Manchesterkapitalismus?<br />
SEITE 112<br />
Fußball verstaatlicht<br />
Staatsfonds kaufen sich für Milliarden<br />
bekannte Fußballvereine oder eine<br />
WM. Kommerz, Kalkül und<br />
Kontostand bestimmen das globale<br />
Ball-Spiel<br />
SEITE 120<br />
Forever young?<br />
In der Medizin tun sich neue,<br />
ungeahnte Möglichkeiten auf, wie<br />
der Mensch hundert Jahre und<br />
älter werden kann<br />
TRIUMPH<br />
SEITE 126<br />
Die perfekte Welle<br />
Der weiße Rapper Eminem<br />
hat es aus prekären Verhältnissen<br />
nach ganz, ganz oben in die<br />
Charts geschafft. Kein Märchen<br />
SEITE 130<br />
Helden, Krisen, Träume<br />
Judith Holfelder-Roy alias<br />
Judith Holofernes hat ein Buch<br />
geschrieben. Ein ziemlich<br />
schonungsloses. MAX sprach mit ihr<br />
SEITE 136<br />
Auf der Flucht?<br />
Sieben Menschen, die obdachlos<br />
waren oder es seit Jahren sind,<br />
sieben harte Schicksale, sieben<br />
Berichte, die uns nachdenklich stimmen<br />
SEITE 5<br />
Editorial<br />
SEITE 10<br />
Contributors<br />
SEITE 144<br />
Impressum<br />
SEITE 146<br />
Axel Martens & Gereon Klug<br />
Das Bild. Die Fragen<br />
SEPTEMBER 2022
09<br />
GRTEA HOFER SEITE 14<br />
IGOR LEVIT SEITE 42<br />
RICHARD DAVID PRECHT SEITE 100<br />
CLAUDIA MICHELSEN SEITE 50<br />
VIOLA DAVIS SEITE 38<br />
EMINEM SEITE 126<br />
EMILIO SAKRAYA SEITE 32<br />
JUDITH HOLOFERNES SEITE 130<br />
SEPTEMBER 2022
Mitwirkende 10<br />
Contributors<br />
Ausgabe 03 | 2022<br />
Claudia Rieß<br />
Wissenschaftsjournalismus<br />
wurde jahrelang unterschätzt,<br />
bekommt aber seit der Pandemie<br />
endlich die verdiente<br />
Aufwertung. Und wir sind<br />
froh, Claudia Rieß an unserer<br />
Seite zu haben. Seit über<br />
20 Jahren beschäftigt sie sich<br />
mit Medizin in allen Facetten.<br />
Antworten auf die Fragen nach<br />
der Zukunft der Medizin und<br />
unseren Lebenserwartungen,<br />
finden Sie auf Seite 120.<br />
Rafaela Pröll<br />
„Thiago oder Nix“. Mit dem Spielerwunsch<br />
wurde Pep Guardiola<br />
zum Kult. Thiago steht für große<br />
Klasse. Deswegen wollten wir<br />
Claudia Michelsen auch nicht<br />
widersprechen bei ihrem Fotografinnen-Wunsch.<br />
Vielen Dank<br />
an die Wienerin Rafaela Pröll. Ihre<br />
Fotos ab Seite 50 sind eine Schau.<br />
Lars Reichow<br />
Mittlerweile gehört er als Kolumnist zum MAX-Inventar, und so<br />
schnell geben wir ihn nicht wieder her. Lars Reichow ist einer der<br />
erfolgreichsten Kabarettisten Deutschlands und ist regelmäßig<br />
im Radio und TV zu hören und zu sehen. Zu lesen ist er bei uns auf<br />
Seite 82. Wer ihn live erleben will: Sein Programm heißt „ICH“. Infos<br />
für DICH unter www.larsreichow.de<br />
Rüdiger Quass von Deyen<br />
Menschen wie er wurden in früheren Zeiten in Magazinredaktionen „Das Auge“<br />
genannt, heute wird lieber der Begriff „Creative Direktor“ verwendet. Klingt irgendwie nach mehr<br />
und hat bei unserem Auge und Creative Direktor auch seine Berechtigung: Rüdiger Quass von Deyen<br />
ist nicht nur für die Gestaltung von MAX zuständig, sondern auch ansonsten ein designgetriebener<br />
Tausendsassa. Als Professor, Agentur-Mitinhaber und als Herausgeber der Magazine<br />
Fure und Fraek, die sich mit der Zukunft des Lesens, der gesellschaftlichen Funktion von<br />
Design beschäftigen. Indiemags oder „Independent Magazines“, nicht unbedingt an jedem<br />
Kiosk zu bekommen. Einfach direkt bei<br />
ihm bestellen, wenn Sie unsere MAX bereits<br />
gekauft haben. www.futureofreading.de<br />
SEPTEMBER 2022
Alma Hasun and Mads Mikkelsen<br />
illuminated by Mito sospeso.<br />
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Mitwirkende 12<br />
Contributors<br />
Ausgabe 03 | 2022<br />
Tim Jürgens<br />
Für Freunde von 11 Freunde,<br />
dem Fußball-Kultmagazin, ist<br />
er ein alter Bekannter, stellvertretender<br />
Chefredakteur und<br />
rasender Reporter – und in<br />
dieser Funktion ist Tim Jürgens<br />
auch für uns am Ball. Sie dürfen<br />
raten, mit welchem Thema.<br />
Auflösung auf Seite 112.<br />
Beate Zwermann<br />
Vor der Pandemie war sie<br />
PR-und Marketingfrau in der<br />
Reisebranche. Dann musste<br />
sie sich neu erfinden, arbeitet<br />
heute für den Deutschen<br />
Fachverlag und begleitet<br />
journalistisch den rasanten<br />
Aufstieg des Onlinehandels<br />
und der Lieferdienste. Wie<br />
auf Seite 108.<br />
Emma Hütt<br />
Als wir sie nach ihrer Biografie fragten, antwortete Emma Hütt<br />
kurz und knapp: Emma, 1998 geboren, 24, Berliner Theater/Filmemacherin<br />
(Studium Gießen & Warschau). So viel zum O-Ton einer<br />
Performancekünstlerin, die die Inszenierung und die körperliche<br />
Darstellung liebt. Mehr Worte fand sie natürlich für ihre Freundin<br />
Lucia Jost und deren Frauenbilder ab Seite 26.<br />
Dimitrij Leltschuk<br />
Fotografie ist für ihn eine Befriedung seiner Neugierde, und am<br />
spannendsten findet Dimitrij Leltschuk, Menschen zu sehen und<br />
zu erkennen. In unzähligen Projekten für Mare, Zeit, Geo, Spiegel<br />
und nun auch für uns. Mit beeindruckenden Porträts von Menschen,<br />
die wissen, wie es ist, auf der Straße zu leben. Seite 136.<br />
Willy Loderhose<br />
Ein Mann und seine Leidenschaft: E-Autos. Auf unserem Foto<br />
sitzt Willy Loderhose vor einem VW ID.7. Nicht das einzige Gefährt,<br />
auf das der Herausgeber des E-Mobil-Magazins arrive abfährt.<br />
Seine Liste der besten e-cars haben wir auf Seite 58 geparkt. Ein<br />
Guide für die Zukunft.<br />
SEPTEMBER 2022
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Aufbruch<br />
14<br />
SEPTEMBER 2022
15<br />
TEXT LENA BENZRATH<br />
Eigentlich müsste<br />
ihr Name unter Senkrechtstarterin<br />
im Duden stehen. Die Tirolerin<br />
Greta Elisa Hofer wurde<br />
raketenartig zum Topmodel.<br />
FOTOS MICHAEL DÜRR
Aufbruch 16<br />
SEPTEMBER 2022
GRETA HOFER 17<br />
Auf knapp 1050 Höhenmetern liegt Steinach<br />
am Brenner, eine ländliche Tiroler<br />
Gemeinde mit rund 3500 Einwohnern.<br />
An Glamour und Fashion denkt man nicht<br />
unbedingt, wenn es um Tirol geht. Vielmehr<br />
ist es das Ländliche, das Urige und<br />
vielleicht ein wenig Langeweile, die einem<br />
in den Sinn kommt. Ein klarer Gegensatz<br />
zum Leben eines Supermodels, das Kampagnen<br />
von Weltmarken ziert und über<br />
die wichtigsten Laufstege in Mailand und<br />
Paris schreitet. So wie Greta Elisa Hofer.<br />
Mit luftigen Höhen kennt sich die 22-Jährige<br />
jedenfalls bestens aus, genau wie mit<br />
dem Aufstieg auf neue Gipfel. Die junge<br />
Österreicherin aus Steinach am Brenner<br />
wurde 2020 quasi über Nacht zum Gesicht<br />
von Prada und zu einem der gefragtesten<br />
Newcomermodels weltweit.<br />
Aber von vorn: Im Frühjahr 2020<br />
zieht es Greta in die Großstadt. In Wien<br />
will sie Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft<br />
studieren, raus aus dem<br />
Dorf und rein ins Leben. Und das kommt<br />
mit voller Wucht auf sie zu: Noch während<br />
des ersten Lockdowns wird sie von<br />
ihrem heutigen Manager und Mutteragenten<br />
Andreas Kranebitter auf Instagram<br />
entdeckt. „Es war sowohl für ihn<br />
Neuland, da es das erste Mal via Instagram<br />
war, als auch für mich spannend,<br />
weil ich in meiner Familie trotz 1,75<br />
Metern die Kleinste bin. Ich habe daher<br />
eigentlich nie mit einer Modelkarriere<br />
gerechnet“, erzählt sie uns. Danach<br />
passiert alles im Schnelldurchlauf. Nur<br />
wenige Monate später reist Greta nach<br />
Italien, um Miuccia Prada und Raf Simons<br />
kennenzulernen. Die beiden Co-<br />
Kreativdirektoren von Prada sind hin und<br />
weg, buchen das Model exklusiv für ein<br />
halbes Jahr als Kampagnengesicht und<br />
Laufstegmodel. Aufträge von Brands<br />
wie Chloé, Hermès, Dior und Jil Sander<br />
folgen. Inzwischen ist Greta bei etwa<br />
50 Schauen mitgelaufen und zierte schon<br />
mehr als 15 Magazincover, unter anderem<br />
das der italienischen „Vogue“. Und das<br />
innerhalb von knapp zweieinhalb Jahren.
Aufbruch<br />
„Die Rolle als Vorbild ist<br />
der positive Nebeneffekt, wenn man so<br />
lebt, wie man leben möchte.“
GRETA HOFER 19<br />
Natürlich, frei und burschikos:<br />
Greta steht für einen modernen Frauentyp,<br />
der sich nicht verbiegen lässt.<br />
„Ich gebe mein Bestes, möchte mich nicht<br />
an anderen orientieren, sondern mir<br />
selbst so treu wie möglich bleiben“, erzählt sie uns.<br />
Nicht für viele geht die Modelkarriere so<br />
schnell von null auf hundert – besonders<br />
in einer so unsicheren Zeit wie der Pandemie.<br />
Ob Greta da überhaupt noch mitkommt?<br />
„Inzwischen wird mir mehr und<br />
mehr bewusst, wo ich gerade stehe und<br />
was ich im Augenblick erleben darf “, sagt<br />
die Tirolerin bescheiden. Ehrgeizig war<br />
die Senkrechtstarterin von Anfang an.<br />
„Ich war einfach gewillt, jede Möglichkeit<br />
zu nutzen, Kontakte zu knüpfen und<br />
in diese Welt hineinzu-schnuppern. Ich<br />
hatte auch keine Angst vor neuen Begegnungen<br />
und wollte einfach alles geben.“<br />
Klar, wer ins kalte Wasser geworfen wird,<br />
muss diszipliniert sein. Das Business ist<br />
nach wie vor ein Haifischbecken.<br />
Eine Rebellion gegen die ländliche Spießigkeit<br />
der Heimat sei ihre Arbeit jedoch<br />
nicht, betont Greta. An ihrem Bekannten-<br />
und Freundeskreis habe sich seit<br />
ihrem Erfolg nichts verändert. „Insgeheim<br />
wäre mir aber oft lieber, es wüsste<br />
im Dorf niemand, was ich mache, wenn<br />
ich zu Hause in Tirol bin. An das Erkanntwerden<br />
muss ich mich erst noch gewöhnen.“<br />
Vom 3500-Seelen-Örtchen in<br />
Millionenmetropolen wie Paris oder New<br />
York, vom Brenner zu Prada: Wie passt<br />
das zusammen? Eigentlich ganz gut, findet<br />
das Model. „Ich bin der Meinung, dass<br />
man in Grenzgegenden recht schnell den<br />
Blick nach außen gewinnt, während die<br />
Berge einen doch erden.“<br />
Auf der Erde ist die Greta aus Tirol tatsächlich<br />
geblieben, trotz aller Höhenflüge<br />
in der Modewelt. In ihrer Freizeit<br />
interessiert sie sich für Kunst, Fotografie,<br />
Literatur. Und verbringt viel Zeit mit<br />
ihrer Freundin Chiara. Die beiden waren<br />
bereits vor Gretas Durchbruch ein Paar<br />
und zeigen ihre Liebe ganz offen auf<br />
Social Media – heute leider immer noch<br />
keine Selbstverständlichkeit. „Die Rolle<br />
als Vorbild ist der positive Nebeneffekt,<br />
wenn man so lebt, wie man leben möchte“,<br />
betont Greta. „Dass ich mit meinem<br />
Leben und dem Umgang damit Leuten<br />
helfen könnte, ihr wahres Ich an den Tag<br />
zu legen und gleichzeitig gesellschaftliche<br />
Stigmata zu hinterfragen, finde ich<br />
natürlich gut.“<br />
Greta zeigt, wie einfach es ist, zu<br />
sich selbst zu stehen. Das tat sie schon<br />
als Teenager, als sie sich mitten in der<br />
Nacht die Haare raspelkurz schnitt. „Ich<br />
wollte einfach was Neues. Was daraus<br />
wurde, ist natürlich super, hatte aber ursprünglich<br />
wenig Symbolik.“ Heute sind<br />
die burschikose Frisur und ihr natürlicher,<br />
androgyner Look Gretas Markenzeichen,<br />
das sie so einzigartig macht.<br />
Und viel Symbolik hat der Look allemal,<br />
wenn man an die gesellschaftlichen<br />
Erwartungen an das weibliche Schönheitsideal<br />
denkt, die es zu überwinden<br />
gilt. Gretas Look steht für eine neue<br />
Weiblichkeit, ist unkonventionell und<br />
hochmodern. Genau das, was die Mode<br />
heute braucht. Vorbilder habe sie keine<br />
in der Modelbranche, so die Österreicherin.<br />
„Ich gebe mein Bestes, möchte mich<br />
nicht an anderen orientieren, sondern<br />
mir selbst so treu wie möglich bleiben.“<br />
Greta bleibt Greta.<br />
Hätte man sie nicht entdeckt, würde<br />
sie wohl weiterhin studieren und nebenher<br />
jobben, erzählt sie. „Und ich würde<br />
irgendwann einen vermeintlich weniger<br />
spannenden Beruf wählen.“ Mehr als<br />
spannend sieht ihre Zukunft als Model<br />
jedenfalls aus. Was für Greta als Nächstes<br />
auf dem Plan steht? „Nach den Shows<br />
im Herbst werde ich wieder einige Zeit in<br />
Paris leben, da der Markt an der Spitze<br />
derzeit zwischen New York und Paris<br />
passiert. Demnächst werden einige tolle<br />
Kampagnen und Magazinstrecken veröffentlicht.<br />
Ein weiteres ‚Vogue‘-Cover<br />
würde mich natürlich auch freuen.“ Ain’t<br />
no Mountain high enough. Erst recht<br />
nicht für ein Mädchen vom Brenner.<br />
SEPTEMBER 2022
Aufbruch 20<br />
EIN MONUMENT<br />
FÜR<br />
DIE<br />
Ewigkeit<br />
TEXT ANDREAS WREDE<br />
„THE LONDON MASTABA“, 2018 IM<br />
SERPENTINE LAKE, HYDE PARK, CHRISTOS LETZTES GROSSES<br />
TEMPORÄRES WERK.<br />
SEPTEMBER 2022
EIN GIGANTISCHES KUNSTWERK AUS 410 000 VERSCHIEDEN LACKIERTEN<br />
ÖLFÄSSERN, HÖHER ALS DIE GRÖSSTE DER GIZEH-PYRAMIDEN, WAR<br />
DER TRAUM VON CHRISTO UND SEINER FRAU JEANNE-CLAUDE. JETZT SOLL DAS<br />
„MASTABA“-PROJEKT DES MITTLERWEILE VERSTORBENEN KÜNSTLERPAARES<br />
IN ABU DHABI UMGESETZT WERDEN. UND WEIL ES DANN EIN<br />
permanentes Kunstwerk wäre,<br />
kann die „Mastaba“<br />
zum Vermächtnis werden.<br />
„THE MASTABA, ABU DHABI“, AUSSCHNITT AUS EINER<br />
ZEICHNUNG VON CHRISTO, DAS KUNSTWERK SOLL 300 METER<br />
BREIT, 225 METER TIEF UND 150 METER HOCH WERDEN.
Aufbruch 22<br />
Im Iran kehrt der Ayatollah Chomeini<br />
aus dem Exil zurück, die Sandinistas<br />
beenden die Somoza-Diktatur in Nicaragua,<br />
Franz Josef Strauß wird Kanzlerkandidat<br />
der Unionsparteien, und im<br />
US-Kernkraftwerk Three Mile Island ereignet<br />
sich ein schwerer nuklearer Unfall.<br />
„In diesem Jahr, 1979, bin ich erstmals<br />
mit Christo und Jeanne-Claude in die<br />
Vereinigten Arabischen Emirate nach<br />
Abu Dhabi geflogen“, erinnert sich Wolfgang<br />
Volz, 74, im Gespräch mit MAX.<br />
Der Fotograf hat seit 1971 alle Projekte<br />
des Künstlerpaares im Bild festgehalten.<br />
Sei es „Valley Curtain“ (Colorado<br />
1972), „Running Fence“ (Kalifornien<br />
1976), die „Umbrellas“ (Japan/USA<br />
1991), „Wrapped Reichstag“ (1995), „The<br />
Gates“ (New York City 2005), „Floating<br />
Piers“ (Lago d’Iseo 2016) oder „L’Arc de<br />
Triomphe, Wrapped“ (Paris 2021). „Und<br />
die ganzen Jahrzehnte waren wir immer<br />
wieder in Abu Dhabi“, sagt Wolfgang<br />
Volz, 1979 mit diplomatischer Hilfe des<br />
damaligen französischen Außenministers<br />
Louis de Guiringaud. „Es war ein<br />
harter Brocken, dort hineinzukommen,<br />
der Botschafter Frankreichs vor Ort trat<br />
als eine Art Bürge für uns auf.“<br />
Sofort war das Trio begeistert von<br />
der Wüste, „alles wird auf Beige, Blau,<br />
Weiß reduziert, am ersten Tag allerdings<br />
war besonders Christo frustriert. Er<br />
schaute morgens aus dem Hotelfenster,<br />
und die Wüste sah komplett diesig aus,<br />
Folge eines Sandsturms. Aber am nächsten<br />
Tag dann diese wunderschöne Dreifaltigkeit.“<br />
Sofort begab man sich auf die<br />
Suche nach einem geeigneten Platz für<br />
das Kunstwerk, das tatsächlich monumentale<br />
Ausmaße haben soll: Die riesige<br />
„Mastaba“-Skulptur, im Alten Ägypten<br />
hießen so bestimmte Grabbauten, wird<br />
300 Meter breit, 225 Meter Tief und 150<br />
Meter hoch sein. Naturgemäß wäre die<br />
„Mastaba“ kein temporäres Kunstwerk,<br />
sondern ein permanentes.<br />
Christo und Jeanne-Claude hielten<br />
im Laufe der Jahrzehnte viele Vorlesungen<br />
in Abu Dhabi, um die Menschen vor<br />
Ort von dem Projekt zu überzeugen. So<br />
wie sie es immer gehalten haben, nicht<br />
nur verantwortliche Politiker umfassend<br />
zu informieren, sondern desgleichen die<br />
Bevölkerung, die von den temporären<br />
Kunstwerken direkt betroffen war, wie<br />
etwa Hunderte Rancher in den USA und<br />
Teebauern in Japan bei den „Umbrellas“.<br />
Um der Weltöffentlichkeit einen plastischen<br />
Eindruck zu vermitteln, gab es 2018<br />
im Hyde Park „The London Mastaba“ zu<br />
sehen: 7506 horizontal gestapelte Fässer<br />
auf dem Serpentine Lake, 20 Meter<br />
hoch, 30 Meter breit, 40 Meter lang – das<br />
Gesamtgewicht dieser Skulptur, 600 Tonnen,<br />
lässt erahnen, wie gewagt die „Mastaba“<br />
in Abu Dhabi ist.<br />
Als Standort prüfen Wolfgang Volz,<br />
Vladimir Yavachev und Lorenza Giovanelli<br />
noch mehrere Möglichkeiten. Christo<br />
und Jeanne-Claude haben sich schon<br />
DER JUNGE CHRISTO VOR EINEM FRÜHEN „MASTABA“-WERK ENDE DER SIEBZIGERJAHRE. (O.)<br />
CHRISTO IN SEINEM NEW YORKER STUDIO IN SOHO BEI DER AKRIBISCHEN ARBEIT<br />
AN EINEM WEITEREN GROSSEN „MASTABA“-BILD. FRÜHERE PROJEKTE VON CHRISTO UND<br />
JEANNE-CLAUDE WURDEN STETS AUS DEM VERKAUF DIESER COLLAGENARTIGEN<br />
ZEICHNUNGEN FINANZIERT. (U.)<br />
in ihren frühen Pariser Sechzigerjahren –<br />
später zogen sie nach New York – mit Ölfässern<br />
befasst, wie bei der Installation<br />
„Wall of Oil Barrels – The Iron Curtain“<br />
(Paris 1961/62) oder später bei „The Wall –<br />
13 000 Oil Barrels“ (Oberhausen 1998/99).<br />
Bereits 1979 hatten beide die Farben ausgewählt,<br />
die auf der Oberseite der Ölfässer<br />
zu sehen sein werden: helles Gelb, luftiges<br />
Elfenbein, tiefes Orange, Rubinrot, leichtes<br />
Pink, rötliches Lila, Kobaltblau, Grasgrün,<br />
Pastellgrün und ein blasses Braun.<br />
Christo sagte dazu: „Der visuelle Effekt,<br />
SEPTEMBER 2022
MASTABA 23<br />
„THE WALL – 13 000 OIL BARRELS“, OBERHAUSEN 1998/99,<br />
EINE DER INSTALLATIONEN MIT ÖLFÄSSERN VON CHRISTO UND<br />
JEANNE-CLAUDE. (O.)<br />
ZWEITEILIGES „MASTABA“-WERK VON CHRISTO, DESSEN<br />
KLEINERER, OBERER TEIL ERINNERT AN EINE LANDKARTE MIT EINER<br />
EVENTUELLEN POSITION DES MONUMENTES. (U.)<br />
wenn man all diese Farben in Abertausenden<br />
kleinen Punkten erblickt, wird<br />
wie ein pointillistisches Gemälde wirken<br />
oder wie ein islamisches Mosaik.<br />
Und wir haben die exakte Platzierung<br />
eines jeden Ölfasses in dem maßstabgetreuen<br />
Model in unserem Computer<br />
gespeichert“. Christo und Jeanne-Claude<br />
überließen nichts dem Zufall – so beauftragten<br />
die beiden 2007 und 2008 Professoren<br />
der Ingenieurwissenschaften<br />
von Universitäten im US-Staat Illinois,<br />
in Zürich, im britischen Cambridge und<br />
in Tokio, um strukturelle Machbarkeitsstudien<br />
durchzuführen. Die vier Beauftragten<br />
wussten nichts voneinander, sie<br />
sollten komplett unabhängig begutachten,<br />
und wie gewohnt bezahlten Christo<br />
und Jeanne-Claude alles selbst, künstlerische<br />
Unab hängigkeit war ihr höchstes<br />
Gut. Das deutsche Ingenieurbüro<br />
Schlaich, Bergermann und Partner prüfte<br />
SEPTEMBER 2022
Aufbruch 24<br />
SO KÖNNTE DIE MASTABA SICH IN DER WÜSTENLANDSCHAFT<br />
VON ABU DHABI DARSTELLEN. CHRISTO HAT MIT SEINER<br />
FRAU JEANNE-CLAUDE SEIT 1979 DIVERSE REISEN NACH ABU DHABI<br />
UNTERNOMMEN. DER FOTOGRAF WOLFGANG VOLZ BEGLEITETE<br />
ALLE KUNSTPROJEKTE DES PAARES SEIT 1971 EXKLUSIV.<br />
die wissenschaftlichen Einschätzungen<br />
und befand, jene von der Hosei Univer sity<br />
in Tokio sei die innovativste, technisch<br />
überzeugendste. Die radikal-geniale<br />
Grundidee zur Aufrichtung der Mastaba:<br />
Der gesamte Unterbau ebenso wie die<br />
diversen Schichten der Ölfässer werden<br />
auf dem Boden flach zusammenmontiert,<br />
sodann ermöglichen es zehn Türme<br />
zur Anhebung, das gesamte Gefüge auf<br />
Schienen innerhalb einiger Tage in seine<br />
<strong>final</strong>e Position hochzuziehen. Diesen<br />
frappierenden Arbeitsprozess vor Ort zu<br />
sehen, muss wie pure Magie anmuten, ein<br />
technisches Wunderwerk.<br />
Wenn nach drei Jahren projektierter<br />
Bauzeit die von innen begehbare<br />
Mastaba stehen sollte, daneben eine moderne<br />
Kunstuniversität und ein schickes<br />
Wüstenhotel, wie werden vom Sande<br />
verwehte Ölfässer ausgetauscht, Herr<br />
Volz? „Die Fässer sind mit einem Wendemechanismus<br />
versehen, damit kann man<br />
sie von innen austauschen.“<br />
Die Finanzierung der anvisierten<br />
500 Millionen Dollar wird „eine Mischung<br />
sein aus Crowdfunding, Krediten, Geldern<br />
aus der Stiftung inklusive – ausnahmsweise<br />
– Fremdmitteln.“ Und es<br />
geht voran, wie bereits beim Arc de<br />
Triomphe hat Emmanuel Macron, französischer<br />
Staatspräsident, nachdrücklich<br />
vermittelnd geholfen. Vladimir Yavachev<br />
hat kürzlich in Paris den neuen Präsiden-<br />
ten der Vereinigten Arabischen Emirate<br />
(UAE), Muhammad bin Zayid Al Nahyan,<br />
persönlich kennengelernt. Jahrelang<br />
lag die Machtkonstellation dort nur im<br />
Ungefähren. Nun geht es wieder weiter,<br />
die „Mastaba“ ist mitnichten eine Fata<br />
Morgana.<br />
SEPTEMBER 2022
MASTABA 25<br />
CHRISTO & JEANNE-CLAUDE IM KUNSTPALAST<br />
So schließt sich ein Kreis: 1994, als ich zum ersten Mal Chefredakteur<br />
von MAX war, hatte ich das große Glück, Christo und<br />
Jeanne-Claude in New York City kennenzulernen. Daraus entwickelte<br />
sich eine große Freundschaft mit dem Künstlerpaar bis<br />
zu deren Tod. Einmal haben sie mir ihre sehr bescheidene<br />
Wohnung in der Howard Street in SoHo gezeigt. Und da stand,<br />
fast unscheinbar, auf dem Boden ein Werk von Yves Klein.<br />
Nun findet vom 7. September bis zum 22. Januar 2023<br />
eine Ausstellung in Düsseldorf im Kunstpalast statt, die – so heißt<br />
es – „die kunsthistorische Entwicklung von Christo und Jeanne-<br />
Claude seit Mitte der 1950er-Jahre bis heute“ nachzeichnet.<br />
Dazu werden ebenfalls Werke etwa von Niki de Saint Phalle,<br />
Jean Dubuffet… und Yves Klein gezeigt. Voilà. Die bedeutende<br />
Sammlung von Ingrid und Thomas Jochheim bildet dabei den<br />
zentralen Ausgangspunkt. Neben anderen Werken werden Studien<br />
und Entwürfe des noch nicht realisierten „Mastaba“-Projekts in<br />
Abu Dhabi gezeigt. Langjährige Mitarbeiter und Weggefährten<br />
von Christo und Jeanne-Claude arbeiten weiter an der „Mastaba“ –<br />
es wäre ein permanentes Kunstwerk aus über 400 000 verschiedenfarbigen<br />
Ölfässern, damit größer als die Pyramide von Gizeh.<br />
Wie schön wäre es, wenn wir eines Tages in die Wüste nach Abu<br />
Dhabi aufbrechen, um die „Mastaba“ zu sehen. Andreas Wrede<br />
FRÜHES WERK VON CHRISTO<br />
AUS DEN SECHZIGERJAHREN – EIN<br />
VERHÜLLTER VW KÄFER.<br />
DER VERHÜLLTE ARC DE TRIOMPHE IN PARIS 2021 (O.)<br />
UND CHRISTO UND JEANNE-CLAUDE AUF EINEM DACH GEGENÜBER<br />
DEM „WRAPPED REICHSTAG“, BERLIN 1995.<br />
EBENFALLS AUS DEN<br />
SECHZIGERN IST<br />
DIESES GEMÄLDE EINER<br />
LADENFRONT, ES<br />
ERINNERT AN DETAILS<br />
AUS BILDERN VON<br />
EDWARD HOPPER.<br />
SEPTEMBER 2022
Aufbruch 26<br />
„Mutterti e r“<br />
Lucia Jost ist eine in Berlin lebende und<br />
arbeitende Fotografin, die sich in ihren Porträts<br />
den Alltagsheld:innen ihrer Stadt verschrieben<br />
hat. Ich schreibe über sie als meine<br />
Freundin, meine Sister in Crime und über<br />
die Fotografin, die sie heute ist.<br />
TEXT EMMA HUETT<br />
CELINE UND LAURA AM WANNSEE.<br />
SEPTEMBER 2022
27<br />
CELESTE UND IHRE TOCHTER.<br />
SEPTEMBER 2022
Aufbruch 28<br />
LILJA UNTER DER S-BAHN.<br />
PAULINA IN CHARLOTTENBURG.
LUCIA JOST 29<br />
YAHEL UND IHR SOHN IN MITTE.<br />
JULI UND DORA IN FRIEDRICHSHAIN.<br />
Mit 14 hattest du schon keine Angst, aus<br />
deiner Perspektive heraus zu argumentieren,<br />
den „Male gaze“ abzuschütteln und<br />
Klischees umzudeuten. Wie mit der Figur<br />
Regina George aus „Mean Girls“, in der<br />
du nicht die zickige Tyrannin, sondern<br />
die geniale Strategin erkannt hast. Du<br />
konntest dem Girlie-Charakter aus dem<br />
Highschool-Film der Nullerjahre etwas<br />
anderes abgewinnen; die emanzipierte<br />
Frau anstatt der Schulschlampe. Lange<br />
bevor ich gecheckt habe, wie verdreht<br />
die Dynamik zwischen jungen Frauen da<br />
dargestellt wurde. Es fiel dir leicht, das<br />
überhaupt nicht für voll zu nehmen und<br />
lieber etwas in Regina George zu suchen,<br />
das wir geil finden konnten – und das<br />
machst du immer noch, du destillierst,<br />
was man feiern kann und sollte. Mit deinen<br />
nostalgischen Momentaufnahmen<br />
aus dem Kiez, mit deiner Frechheit, alte<br />
Herren im Prinzenbad anzusprechen und<br />
sie in Badehose in Szene zu setzen. Du<br />
findest Sujets in den Subjekten, die dir<br />
begegnen, die dich ehrlich begeistern.<br />
Wie du deinen Blick gefunden hast,<br />
ergibt sich vielleicht daraus, dass wir<br />
unsere Jugend in einem Raum verbracht<br />
haben, der uns als Clique von elf Gören<br />
gehörte. In einem Hof am Kotti, in dem<br />
wir so laut und schrill sein konnten, wie<br />
wir wollten. In dieser Schwesternschaft,<br />
es gab eigentlich kaum Typen, mit denen<br />
wir abhingen, abgesehen davon, dass<br />
wir keine Lust drauf hatten, hätten die<br />
das wahrscheinlich gar nicht ausgehalten.<br />
Um uns herum unser geliebtes Berlin-Kreuzberg,<br />
das so überfordernd sein<br />
kann, dass einem nichts anderes übrig<br />
bleibt, als dagegen anzubrüllen oder mitzumachen.<br />
Das hat dich, uns, nachhaltig<br />
geprägt. Als deine ersten Analogkameras<br />
kamen, wurden wir zu deinen Musen,<br />
und du hast angefangen die Stadt nicht<br />
nur auf Achse zu erobern.<br />
Ich schreibe vor allem über die Fotografien,<br />
die für mich ein Resultat aus<br />
dem sind, was ich so nah mitbekommen<br />
habe. Was aus deiner Jugend hervorging<br />
und der Art und Weise, wie wir uns als<br />
Rudel bewegt haben.<br />
Wenn ich deine Bilder heute betrachte,<br />
dann geht es um Verbundensein,<br />
es geht um weibliche Fürsorge, um<br />
weibliche Liebe, um Beziehungen, die<br />
sich nicht in romantisch oder freundschaftlich<br />
spalten lassen oder müssen.<br />
Du schaffst Räume, in denen Frauen mit<br />
Frauen sind und klammerst den Mann<br />
als Faktor im Leben dieser Töchter und<br />
Mütter, der Liebhaberinnen und Freundinnen<br />
einfach aus. Ob man in Popkultur,<br />
Film oder Literatur sucht – Werke, die<br />
völlig allein die Beziehungen zwischen<br />
Frauen behandeln, sind immer noch selten.<br />
Die Räume die du in deinen Fotografien<br />
einfängst, lassen deine Bilder<br />
auf eine Art utopisch wirken. Das was<br />
du um dich herum vorfindest und was du<br />
bestärken möchtest, greifst du heraus,<br />
spitzt es zu. In deiner Praxis bewegst<br />
du dich dabei irgendwo zwischen Dokumentation<br />
und Inszenierung.<br />
Vielleicht kannst du diesen utopischen<br />
Raum öffnen, weil für dich eine<br />
Welt, die nicht vom Patriarchat bestimmt<br />
ist, nie unerreichbar schien – weil wir unsere<br />
Teenagerjahre in diesem Rudel verbracht<br />
haben und weil wir alle so starke<br />
Mütter haben; unser kleines Matriarchat.<br />
Es hat ein Generationswechsel<br />
stattgefunden, den du festhältst. Deine<br />
Bilder beschreiben einen Ist/Sein/Jetzt-<br />
Zustand, der für unsere Mütter noch<br />
ferner schien, als es für uns gerade der<br />
Fall ist. Du klammerst die Kämpfe, die<br />
gefochten wurden und die immer noch<br />
laufen, nicht aus, verschreibst dich aber
Aufbruch 30<br />
SABA IN KREUZBERG.<br />
BILLIE UND LEAH ZU HAUSE.<br />
SEPTEMBER 2022
LUCIA JOST 31<br />
PAULA UND IHR SOHN<br />
IN SCHÖNEBERG.<br />
Mütter und ihre Töchter sind das große<br />
Thema der Fotografin Lucia Jost. Sie ist freie<br />
Fotografin und lebt in Berlin, wo sie die Fotoschule<br />
des Lette-Vereins besucht. Bekannt<br />
wurde sie durch ihre Fotoreihe „Das Muttertier“,<br />
wobei es nicht allein die Mütter sind,<br />
die auch mal Töchter waren: „Frauen in all<br />
ihren Facetten faszinieren mich extrem.“<br />
EMMA AM ALEXANDERPLATZ.<br />
keinem feministischen Dogma, sondern<br />
bleibst bei den unterschiedlichen Frauen,<br />
die dich begeistern. Es sind reelle Personen,<br />
keine Metadiskussion, es ist direkt<br />
und laut und zeigt, wie du sagst: frau<br />
geht ihren Weg.<br />
In deiner Reihe „Motherhood – A<br />
Mother’s Hood“ zeigt sich das. Die Porträts<br />
sind weder geschönt, noch zeigen sie<br />
Motive prekärer Teeniemütter Schicksale,<br />
die uns von außen gepredigt wurden.<br />
Diese Generation junger Frauen hat sich<br />
nicht verunsichern lassen. Die Reihe ist<br />
ein Zeichen für Selbstbestimmtheit. Die<br />
Bilder erzählen von Aufbruch, nicht von<br />
Rückschritt. Und dieser Aufbruch ist<br />
eben auch der Generationswechsel, in<br />
dem du dich bewegst. Aufgezogen und<br />
umgeben von Frauen, die anders gekämpft<br />
haben. Die Punks und Feministinnen<br />
der ersten Welle waren und die<br />
keinen Bock hatten, den Weg ihrer Mütter,<br />
unserer Großmütter, fortzuführen.<br />
Sie haben Töchter in die Welt gesetzt,<br />
die fremde Zuschreibungen nicht gelten<br />
lassen. Töchter, die keine Angst vor hyperfemininem,<br />
girly oder queerem Auftreten<br />
haben, nicht weil ihnen noch nie<br />
jemand ungefragt an den Arsch gefasst<br />
hat, sondern weil sie sich davon nicht<br />
abhalten lassen, weiterhin das zu tragen<br />
und das zu machen, was sie wollen. Von<br />
diesen Frauen erzählst du für mich und<br />
dabei vor allem von den Berlinerinnen.<br />
Wer sie sind und was sie ausmacht, findet<br />
sich in „Töchter der Haupstadt“ wieder.<br />
Ich glaube, dass deine Fotos für jede<br />
junge Frau, jede junge Queere, egal, wo<br />
sie groß wird, das sein können, was wir<br />
glücklicherweise um uns herum hatten:<br />
Eindrücke weiblicher Gemeinschaft und<br />
Zusammenhalt.<br />
Das Mutterschiff, das Muttertier,<br />
Kiez Nostalgie; in deinen Reihen steckt<br />
immer beides drin, die Wurzeln und der<br />
Transformationsprozess, in dem wir uns<br />
befinden. Ohne die Notwendigkeit zu sagen,<br />
wo er hingeht. Es ist deine Liebeshymne<br />
an Weiber, an deine Heimatstadt<br />
und die Leute in ihr.<br />
Du bist Berlinerin, und die sind nostalgisch,<br />
genau wie deine Bildsprache.<br />
Die Nostalgie entsteht dabei nicht durch<br />
einen Blick nach hinten, sondern du<br />
suchst immer nach dem, was gerade da<br />
ist. Es ist eher ein Gefühl, weil wir Nostalgie<br />
immer dann empfinden, wenn wir<br />
an diesen Ort, in diese Zeit wollen. Wenn<br />
man deine Bilder betrachtet, will man<br />
dabei sein; und diese Motive braucht es<br />
grade, Bilder, von denen wir nicht weg,<br />
sondern zu denen wir hin wollen.<br />
ANAIS AUF DER VOLKSBÜHNE
Vorbild<br />
32<br />
TEXT ALEX SIEMEN<br />
ERwachsen
„Das Über-mich-<br />
Hinauswachsen ist im Grunde<br />
ein Dauerprozess. Künstler<br />
schöpfen aus dem Leben –<br />
und das ist es auch, was mich reizt!“<br />
33<br />
SEPTEMBER 2022
Vorbild 34<br />
Wahrscheinlich hätte ich mich selbst als<br />
Jugendliche oder auch mit Anfang 20 nicht<br />
als mutig bezeichnet. Dabei war ich es,<br />
wie ich heute im Rückblick sagen würde.“
EMILIO SAKRAYA 35<br />
Für die Rolle des Rappers Xatar (unten) nahm Emilio 18 Kilo an<br />
Muskelmasse zu! Ein halbes Jahr wich er Giware Hajabi – so der bürgerliche<br />
Name des Musikers – nicht von der Seite, und studierte ihn genau.<br />
Sich visuell komplett zu verändern und sich auf ein unbekanntes Terrain zu wagen,<br />
war für den Schauspieler Herausforderung und Erfüllung zugleich.<br />
Der Anruf kam, als Emilio Sakraya im Urlaub<br />
war. In Südafrika. Sein Management<br />
sagte, dass Fatih Akin ihn gern mal sprechen<br />
würde. Der Regisseur von „Gegen<br />
die Wand“ und „Aus dem Nichts“ … Man<br />
telefonierte also, sprach über „Rheingold“,<br />
den neuen Film über den Rapper<br />
Xatar, den Akin realisieren wollte. Emilio,<br />
26 Jahre jung, bekannt als gut aussehender<br />
Boyfriend der Hexe Bibi aus den „Bibi<br />
& Tina“-Verfilmungen, käme als Hauptdarsteller<br />
des wuchtigen Hip-Hoppers mit<br />
krimineller Vergangenheit infrage. Da zögert<br />
man nicht…<br />
MAX: Reden wir über „Rheingold“.<br />
War es so leicht, die Rolle des Rappers<br />
Xatar zu bekommen?<br />
Emilio: Fatih erzählte mir, dass<br />
er in der Corona-Zeit zu Hause rumgesessen<br />
und ein Drehbuch geschrieben<br />
hatte. Das Buch wollte er mir wahnsinnig<br />
gerne schicken, weil er beim<br />
Schreiben schon die ganze Zeit an mich<br />
gedacht hatte! Seine Frau hatte mich<br />
wohl unabhängig davon auch auf der<br />
Casting-Liste, und der Filmverleih<br />
Warner Brothers war auch Feuer und<br />
Flamme. Allerdings hatte man schon<br />
kleine Bedenken. Aber Fatih hat mir<br />
das Buch geschickt, ich habe es gelesen<br />
und gedacht: Geil, das ist einfach meine<br />
Traumrolle. Ich kann endlich mal<br />
zunehmen, kann mich visuell komplett<br />
verändern und kann mich mal in ein<br />
Gebiet wagen, in dem ich vorher noch<br />
nie war.<br />
MAX: Wie waren die Vorbereitungen?<br />
Xatar ist ja ein ziemlich wuchtiger<br />
Charakter…<br />
Emilio: Ich habe erst mal 17, 18 Kilo<br />
zugenommen und ein halbes Jahr mit<br />
Xatar verbracht. Ich habe im Prinzip<br />
diesen Menschen studiert. Geschaut,<br />
wie er sich bewegt, wie er redet, wie er<br />
lacht, was er für Ticks hat. Er hat mich<br />
total reingelassen. Er ist selber ein<br />
riesiger Filmliebhaber, ihm war schon<br />
sehr bewusst, worauf er sich da einlässt,<br />
und deshalb war er sehr offen mir<br />
gegenüber. Er hat mir viel erzählt und<br />
war bereit, auch unbequeme Fragen zu<br />
beantworten.<br />
MAX: Was nimmt man mit aus so einer<br />
komplexen Rolle? Ein krimineller Goldräuber,<br />
der im Knast Musik machte,<br />
geläutert wurde und nun zu den Königen<br />
des deutschen Hip-Hops gehört. Gibt es<br />
da überhaupt einen Identifikationspunkt?<br />
Emilio: Man taucht halt immer<br />
mehr in jemand anderen rein. Wird<br />
immer mehr jemand anders. Das ist<br />
ein Prozess, den man schwer wieder<br />
ausschalten kann. Xatar ist im Rheinland<br />
aufgewachsen, und diese Sprachmelodie<br />
floss zum Beispiel auch eine<br />
Zeit lang in mein Privatleben ein. Man<br />
morpht halt immer mehr mit der Figur<br />
zusammen. Aber es war ein super spannender<br />
und ganz besonderer Prozess.<br />
MAX: Glaubst du, dass „Rheingold“ dir<br />
neue Türen aufstoßen wird?<br />
Emilio: Ja, hundertprozentig. Schon<br />
allein, dass man sich optisch so verändern<br />
darf und die Abgründe der Figur<br />
ausloten kann, das alles zeigt noch<br />
mal eine neue Bandbreite in meinem<br />
Lebenslauf. Es gab nie einen Moment,<br />
an dem ich gezögert oder gezweifelt<br />
habe, diese Rolle zu spielen.<br />
MAX: Warst du dir bei deinen Entscheidungen<br />
immer so sicher?<br />
Emilio: Ich bin mir, was meinen<br />
Beruf angeht, noch nie einer Sache so<br />
sicher gewesen. Ich glaube, das ist mit<br />
der ausschlaggebende Punkt, warum<br />
ich bin, wo ich bin. Man hat am Anfang<br />
nichts, außer seine eigene Fantasie,<br />
seine Vorstellungskraft, und die darf<br />
man halt nicht verlieren, damit man sie<br />
real machen kann!<br />
MAX: Gab es eine Initialzündung –<br />
also hast du James Bond gesehen und<br />
gedacht, das will ich auch machen?<br />
Emilio: So direkt nicht, ich habe<br />
einfach immer gerne Filme geguckt,<br />
mich in diese andere Welt katapultiert.<br />
Mir war eben klar: Irgendwann werde ich<br />
mal ein Superstar (lacht), ich werde irgendwann<br />
Filme drehen, Musik machen.<br />
Ich wollte schon immer Teil davon sein,<br />
von der Industrie, die es schafft, andere<br />
Menschen so zu beeindrucken. Ich wollte<br />
Teil der Welt sein, in die ich mich so gerne<br />
reinversetzt habe, in die ich flüchten<br />
konnte. Es war immer der Beruf und alles<br />
was dazugehört, was mich fasziniert<br />
hat. Teil dieser Branche zu sein – nicht<br />
„oh, ich will berühmt und reich werden“.<br />
MAX: Du bist erst 26, aber wie würdest<br />
du deine Entwicklung als Schauspieler bis<br />
dato sehen?<br />
Emilio: Für mich ist es gerade erst<br />
der Anfang. Seit knapp zwei Jahren<br />
fühle ich mich – ich nenne es mal frei<br />
und sicher. Jetzt muss ich sehen – was<br />
will ich als nächstes machen? Ich bin<br />
einerseits da angekommen, wo ich<br />
hinwollte. Andererseits fange ich aber<br />
erst richtig an.<br />
MAX: Die Bandbreite deiner Rollen reichen<br />
von Teeniefilmen wie „Bibi & Tina“ über<br />
historische Actionserien wie „Tribes<br />
of Europe“ oder preisgekrönte Dramen wie<br />
„4 Blocks“. Du scheinst nicht im Typecasting<br />
festzuhängen, oder?<br />
Emilio: Es liest sich zwar anders –<br />
aber... ich stecke voll im Klischee-<br />
Casting! Es ist aber eine bewusste Entscheidung<br />
von mir, dieses Klischee<br />
nicht zu bedienen! Ich hätte auch einen<br />
anderen Weg gehen können. Doch das<br />
hätte mich auf Dauer sehr gelangweilt.<br />
Ich bin ein Mensch, der schnell von<br />
Sachen gelangweilt ist, besonders wenn<br />
sie immer das gleiche Klischee bedienen.<br />
SEPTEMBER 2022
Vorbild EMILIO SAKRAYA 36<br />
Corona kam und Regisseur Fatih Akin (unteres Foto, r.) schrieb das Drehbuch<br />
zu „Rheingold“. Sein Film über das kriminelle, krasse und verrückte Leben<br />
des Rappers Xatar, der im Dezember 2009 einen Goldtransport im Wert von<br />
1,7 Millionen Euro überfiel (das Gold ist übrigens bis heute verschwunden)<br />
startet am 27. Oktober 2022 in den Kinos. Für Xatar-Darsteller Emilio die Rolle<br />
seines Lebens.<br />
Während Corona war es zum Beispiel<br />
so, dass ich bemerkt habe, dass in<br />
meinem privaten Umfeld nur Schauspieler<br />
waren. Krass, wir machen alle das<br />
Gleiche. Wir drehen, und dann sitzen<br />
wir zu Hause auf der Couch und warten<br />
brav, bis das Nächste kommt. Und das<br />
hat mich einfach nicht zufriedengestellt.<br />
Das ist mir zu passiv, ich muss selbst<br />
aktiver dafür sorgen, dass was passiert.<br />
Die Sachen kommen einem im Leben ja<br />
nicht immer zugeflogen. Will Smith hat<br />
mal gesagt: „There’s no luck. Only opportunity<br />
meets preparation!“ Glück ist<br />
relativ, es ist einfach der Moment, wenn<br />
die Vorbereitung zum richtigen Zeitpunkt<br />
auf die richtige Gelegenheit trifft.<br />
Deshalb schaue ich einfach, dass ich zu<br />
jeder Sekunde vorbereitet bin auf das,<br />
was da kommen könnte. Und versuche,<br />
mich auch gleichzeitig auf die Sachen,<br />
die da kommen könnten, zuzubewegen.<br />
MAX: Hast du beruflich ein bestimmtes<br />
Ziel im Sinn?<br />
Emilio: Früher wurde ich oft gefragt,<br />
was ist deine Lieblingsrolle? Wen<br />
möchtest du gerne mal spielen? Mittlerweile<br />
denke ich, es geht gar nicht mehr<br />
darum, was ich mir wünsche zu spielen.<br />
Zum einen muss die nächste Rolle, die<br />
ich annehme, weit weg davon sein, was<br />
ich gerade gemacht habe. Zum anderen<br />
ist mir jetzt das Konstrukt, sprich<br />
das Gesamtkonzept, wichtiger. Das<br />
Drehbuch, der Regisseur, der es umsetzen<br />
soll – das sind Sachen, die mich<br />
berühren müssen. Also mich einfach<br />
hinstellen und sagen, ich will einen<br />
Superhelden spielen, reicht nicht. Das<br />
Gesamtpaket muss stimmen!<br />
MAX: Du willst also an deinen Rollen<br />
wachsen?<br />
Emilio: Das Über-mich-Hinauswachsen<br />
ist im Grunde ein Dauerprozess.<br />
Künstler schöpfen aus dem Leben –<br />
und das ist es auch, was mich reizt. Für<br />
mich würde kein Prozess mehr stattfinden,<br />
wenn ich immer die gleiche Rolle<br />
spielen würde. Und bei jedem Film ist<br />
es was anderes, was ich lerne, an dem<br />
ich wachse. Bei dem einen ist es, dass<br />
ich mit Pfeil und Bogen umgehen muss,<br />
beim nächsten Projekt Tennisspielen<br />
und so weiter. Es ist einfach immer<br />
wieder spannend, sich in neue Dinge<br />
hineinzuversetzen, eine neue Materie<br />
zu erforschen. Nach jedem Film hat<br />
man etwas Neues gelernt, und dann<br />
sucht man sich die nächste Challenge.<br />
MAX: Das du Rollen so klar aussuchst<br />
und auch ablehnst, ist das ein Privileg<br />
oder einfach selbstbewusst von dir?<br />
Emilio: Ich glaube, wenn man im<br />
Leben weiß, was man will, ist vieles<br />
relativ klar und einfach. Für mich gibt<br />
es kein höheres Gut im Leben als Zeit!<br />
Kein Geld auf der Welt kann mir Zeit<br />
kaufen, keine sportliche Übung gibt mir<br />
Zeit … Das Einzige, worüber ich Macht<br />
habe, ist zu entscheiden, womit ich meine<br />
Zeit verbringen will. Und die möchte<br />
ich immer damit verbringen, dass das,<br />
was ich mache, das ist, was ich liebe.<br />
Auch, dass ich mich dabei weiterentwickeln<br />
kann! Sonst klimpert das Leben so<br />
vor sich hin, und dann ist man irgendwie<br />
32, lebt in Berlin und weiß immer<br />
noch nicht, was man eigentlich will.<br />
MAX: Du scheinst die Kontrolle zu haben …<br />
Emilio: Na ja, das ist relativ. Aber<br />
ich gucke hin, verändere, wenn möglich.<br />
MAX: Warum bist du von Berlin nach<br />
München gezogen?<br />
Emilio: Weil mir Berlin einfach zu<br />
viel ist. Ich bin von morgens bis abends<br />
unterwegs, ich drehe, und wenn ich<br />
nach Hause komme, möchte ich meine<br />
Ruhe haben. Und das ist in Berlin<br />
einfach ein bisschen schwierig. Viele<br />
Leute kommen nach Berlin, weil sie<br />
studieren, ein Praktikum machen und<br />
wissen noch nicht so richtig, was sie<br />
wollen. Da hängt man dann in so einem<br />
Pool von – ich übertreib mal – ziellosen<br />
Seelen herum. Damit kann ich nicht so<br />
viel anfangen. Ich möchte mein Leben<br />
halt gehaltvoll gestalten. München ist<br />
schöner, es ist sauberer und ruhiger.<br />
Momentan ist es für mich einfach die<br />
bessere Stadt.<br />
MAX: Hast du eigentlich vor irgendetwas<br />
Angst?<br />
Emilio: Ich habe so ein bisschen<br />
Angst, den Boden zu verlieren und abzuheben.<br />
Ein Mensch zu werden, der<br />
nicht mehr beziehungsfähig ist, weil<br />
er meint, alles besser zu wissen. Solche<br />
Menschen habe ich leider in meiner<br />
Branche kennengelernt, und das finde<br />
ich gruselig. Angst ist vielleicht ein<br />
etwas zu starkes Wort – aber, wenn es<br />
etwas gibt, vor dem ich mich fürchte,<br />
dann ist es tatsächlich, dass ich irgendwann<br />
überheblich werde. Aber ich habe<br />
ein tolles Umfeld, die werden auch dafür<br />
sorgen, dass ich bei mir bleibe.<br />
SEPTEMBER 2022
thinking tools<br />
nye_boy
Vorbild<br />
38<br />
Woman<br />
The<br />
King<br />
Sie weiß, wo sie herkommt,<br />
wer sie ist – und was das in einer Welt voller<br />
Eitelkeiten und Ressentiments bedeutet.<br />
Aber Viola Davis hat gelernt,<br />
von klein auf zu kämpfen und sich durchzusetzen.<br />
Immer wieder, über Jahrzehnte<br />
hinweg – bis sie ganz oben war. Heute verneigt<br />
sich Hollywood vor<br />
einer ungewöhnlichen Frau.<br />
TEXT PATRICK HEIDMAN<br />
Am Ende ihres neuen Films „The Woman<br />
King“ darf Viola Davis auf dem Thron des<br />
Königreichs Dahomey Platz nehmen. Nach<br />
jeder Menge emotionaler, vor allem auch sehr<br />
körperlicher Kämpfe. Wohlgemerkt – der Titel<br />
deutet es an – nicht als Ehefrau eines Königs,<br />
sondern als gleichberechtigte politische Partnerin<br />
in einem auf Dualität setzenden Staat.<br />
Ein ebenso eindrucksvolles wie sprechendes<br />
Bild. Und zwar nicht nur in Anbetracht der<br />
Handlung des Films, der ab dem 13. Oktober<br />
in den deutschen Kinos zu sehen ist. Sondern<br />
auch hinsichtlich der gesamten Karriere dieser<br />
Ausnahmeschauspielerin.<br />
Sechs Jahre lang hat Davis dafür gekämpft,<br />
dass „The Woman King“ Wirklichkeit<br />
wird, die auf wahren Fakten basierende<br />
Geschichte der Agojie genannten weiblichen<br />
Kriegerinnen, die im 19. Jahrhundert in Dahomey<br />
(dem heutigen Benin) den König nicht<br />
nur beschützten, sondern ihm auch die<br />
Macht sicherten. Ihre befreundete Kollegin<br />
Maria Bello (die beiden standen gemeinsam<br />
für „World Trade Center“ und „Prisoners“ vor<br />
der Kamera) brachte die Idee für den Film von<br />
einer Reise nach Westafrika mit. Davis wollte<br />
sie zusammen mit ihrem Ehemann Julius Tennon<br />
und der gemeinsamen Firma JuVee Productions<br />
in die Tat umsetzen. Leichter gesagt<br />
als getan: ein Film, der als eine Art weibliche<br />
Antwort auf „Braveheart“ gleichermaßen<br />
Historiendrama, Kriegsfilm und Abenteuerepos<br />
und noch dazu fast ausschließlich mit<br />
schwarzen Frauen in den Hauptrollen besetzt<br />
ist, löste bei den Hollywoodstudios eher Skepsis<br />
als Begeisterung aus.<br />
Gekämpft hat Davis ihr Leben lang und<br />
vermutlich mehr als so ziemlich jede ihrer Berufsgenossinnen.<br />
Ihre soziale Herkunft und<br />
ihr Geschlecht, ihre Hautfarbe, die deutlich<br />
dunkler ist, als es die Filmbranche bei schwarzen<br />
Schauspielerinnen gern sieht, und ihr<br />
Aussehen, das selbst gestandene Filmkritiker<br />
mitunter als „nicht klassisch schön“ be- und<br />
verurteilten – all diese Dinge, die nichts mit<br />
ihrem Talent oder ihrer Persönlichkeit zu tun<br />
haben, wurden für die heute 57-Jährige wieder<br />
und wieder zum Hindernis. Privat wie beruflich,<br />
wie sie eindrücklich in ihrer packenden<br />
Autobiografie „Finding Me“ beschreibt, die<br />
im Frühjahr auf Englisch erschienen ist.<br />
„Ohne meine Kindheit und Jugend, ohne<br />
all das Trauma und Leid, wäre ich heute nicht<br />
die, die ich bin“, gab Davis im Mai beim Filmfestival<br />
in Cannes zu Protokoll. „Dann wäre<br />
ich nicht so eine Kämpferin geworden und so<br />
gut im Überleben.“ Geboren auf der winzigen
Stark und selbstbewusst und heute von ihrer<br />
harten Vergangenheit befreit: Hollywoodstar Viola Davis sagt<br />
von sich selbst, dass sie „gut im Überleben ist“.<br />
39
Vorbild VIOLA DAVIS<br />
40<br />
Sister in Crime und kaum wiederzuerkennen:<br />
Viola Davis als Michelle Obama, Ehefrau des<br />
Ex-US-Präsidenten Barack Obama.<br />
Farm ihrer Großeltern wuchs sie gemeinsam<br />
mit einigen Geschwistern in einer überwiegend<br />
weißen Kleinstadt in Rhode Island auf.<br />
Der Vater trank und schlug die Mutter, die<br />
Mitschüler jagten und verprügelten sie, und<br />
meist war weder Geld für Essen geschweige<br />
denn Winterschuhe da. Nachts wickelten<br />
sich Davis und ihre Schwestern Bettlaken um<br />
den Hals, um sich vor den Bissen der Ratten<br />
zu schützen, die das Haus der Familie bevölkerten.<br />
„Erst durch das Schreiben des Buches<br />
habe ich gemerkt, dass ich diese Vergangenheit<br />
überwunden habe. Dass sie keine Macht<br />
mehr über mich hat und mich nicht mehr<br />
verletzen kann. Das war ein echter Schlüsselmoment.“<br />
Inspiriert von Cicely Tyson (die später<br />
ihre Serienmutter spielen würde) in „Die Geschichte<br />
der Jane Pittman“ entdeckte Davis<br />
schon als Schülerin die Schauspielerei für<br />
sich, schaffte es später auch für ein Studium<br />
an die renommierte Juilliard School in New<br />
York und dann an den Broadway. Genug Geld<br />
für eine vernünftige Krankenversicherung<br />
brachten ihr die Jobs dort allerdings nicht<br />
ein. Und in Film und Fernsehen blieben die<br />
Rollenangebote lange einseitig und undankbar:<br />
Drogensüchtige, Krankenschwestern,<br />
namenlose Polizistinnen. Und immer wieder:<br />
die Mutter des jungen Helden oder die beste<br />
Freundin der Protagonistin. Selbst nachdem<br />
sie schließlich für „Glaubensfrage“ und „The<br />
Help“ – zwei Filmen, in denen sie mit den Erinnerungen<br />
an ihren eigenen Schmerz den<br />
ihrer Figuren greifbar machte – bereits zweimal<br />
für den Oscar nominiert worden war, ließen<br />
Hauptrollen auf sich warten.<br />
Erst 2014 wurde dann alles anders, als<br />
Shonda Rhimes sie als Annalies Keating in<br />
der Serie „How to Get Away With Murder“<br />
besetzte. Sechs Staffeln lang durfte Davis,<br />
Die Kriegerin: In ihrem neuen Film „The Woman King“ spielt die 57-Jährige die Anführerin<br />
eines Amazonenstammes, der sich gegen Sklaverei und Unterdrückung wehrt. Es ist<br />
die wahre Geschichte der Generalin Nanisca, die sich im alten afrikanischen Königreich<br />
Dahomey (heute Benin) ereignet hat. Ein Historiendrama, erschienen Mitte September,<br />
über die französische Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert auf dem Kontinent und<br />
den tapferen Kampf der Ureinwohner:innen.<br />
die 2011 mit ihrem Mann die Tochter Genesis<br />
adoptierte, als fragwürdige Juristin nicht nur<br />
kompetent und erfolgreich, sondern auch anstrengend,<br />
abgründig und nicht zuletzt sexy<br />
sein. Dass wenig später einem Regisseur immer<br />
wieder der freudsche Fehler passierte,<br />
sie mit dem Namen seiner Putzfrau anzusprechen,<br />
konnte die Serie nicht verhindern, wie<br />
sie sich in Cannes erinnert. Doch sie brachte<br />
ihr den Emmy Award ein und öffnete neue<br />
Türen für außergewöhnliche Hauptrollen in<br />
Filmen wie „Widows“ oder „Ma Rainey’s Black<br />
Bottom“. Dank der Theateradaption „Fences“<br />
von und mit ihrem langjährigen Wegbegleiter<br />
Denzel Washington ist sie inzwischen auch<br />
Oscar-Gewinnerin. Und längst die meistnominierte<br />
schwarze Schauspielerin in der Geschichte<br />
der Academy Awards.<br />
Die Rolle der Generalin Nanisca in „The<br />
Woman King“, die laut Davis sowohl „das<br />
Frausein als auch Führerschaft ganz neu definiert,<br />
was dringend notwendig ist“, ist nun<br />
all das, was auch ihre Schauspielerin auszeichnet:<br />
schwarz und selbstbewusst, vom Leben<br />
gezeichnet und vor allem mit unglaublichem<br />
Kampfgeist gesegnet. Eine Rolle, die man so<br />
noch nie gesehen hat und die niemand anderes<br />
als Viola Davis spielen könnte. Sie könnte<br />
sich also zufrieden auf ihrem Thron zurücklehnen,<br />
doch das ist das Letzte, was man von<br />
ihr erwarten sollte. Und so startet auch in<br />
Deutschland (beim neuen Streamingdienst<br />
Paramount+) demnächst endlich die von ihr<br />
mitproduzierte Serie „The First Lady“, in der<br />
sie niemand anderen als Michelle Obama verkörpert,<br />
eine Rolle in der neuen Regiearbeit<br />
von Ben Affleck ist auch schon abgedreht, und<br />
in der Fortsetzung der „Tribute von Panem“<br />
ist sie als Oberbösewicht mit von der Partie.<br />
Oder um es mit einer der letzten Zeilen ihres<br />
Buches zu sagen: „Die unperfekte, aber gesegnete<br />
Skulptur, zu der mich mein Leben gemeißelt<br />
hat, wächst und verändert sich unaufhaltsam<br />
weiter.“
Mittlerweile auf der Sonnenseite des Lebens mit krönenden<br />
Erfolgen: Dreimal war Viola Davis für einen Oscar nominiert.<br />
Und einmal bekam sie die begehrte Trophäe für „Fences“ als<br />
beste Nebendarstellerin.<br />
41
TARKE<br />
42<br />
PREISGEKRÖNT ALS PIANIST, MIT LOB ÜBERSCHÜTTET ALS EINER<br />
DER „BEDEUTENDSTEN KÜNSTLER SEINER GENERATION“ ALS „GLÜCKSFALL“.<br />
Engagiert als mündiger Bürger und Europäer auf<br />
Twitter, im Podcast und Talkshows, der kein Blatt vor<br />
den Mund nimmt. Auch in diesem Interview nicht.<br />
SEPTEMBER 2022
TONE<br />
43<br />
INTERVIEW PETER LEWANDOWSKI<br />
FOTOS AXEL MARTENS
Vorbild 44<br />
E<br />
Es ist von einer Minute auf die andere,<br />
als hätten wir uns schon immer gekannt.<br />
Igor kommt mit seinem Klapprad in kurzer<br />
schwarzer Turnhose und Shirt vom<br />
Sport. Wir treffen uns auf der Straße vor<br />
seiner Wohnung, sind sofort beim Du, gehen,<br />
er mit dem Fahrrad unter dem Arm,<br />
die eineinhalb Stockwerke hoch in seine<br />
Berliner Altbauwohnung. Eigentlich ist<br />
es ein riesiger Raum mit Küchenzeile,<br />
Tisch, Couch und natürlich in der Mitte<br />
der Flügel. Die anderen Zimmer sind<br />
nur Satelliten. Zu Hause bei einem der<br />
berühmtesten Pianisten der Welt, der so<br />
ganz anders ist. „Citizen, European, Pianist“<br />
steht auf seiner Website. Die Reihenfolge<br />
ist wichtig und macht ihn vor<br />
allem bei jungen Menschen beliebt – als<br />
gesellschaftlich engagierter Mensch auf<br />
Twitter, in Talkshows, auf dem Parteitag<br />
der Grünen oder bei Aktivist:innen, die<br />
einen Wald besetzt halten. Als Musiker,<br />
der während der Pandemie über Youtube<br />
Hauskonzerte in die Welt gespielt<br />
hat. Wir kochen zusammen mit seiner<br />
PR-Managerin Maren Borchers Kaffee,<br />
Igor redet, fragt Axel, den Fotografen,<br />
mich, den Interviewer aus, will wissen<br />
und hängt nebenbei an seinem Handy. Irgendwo<br />
muss er wohl mit seinen Händen<br />
hin. Die Frage vor dem Beginn unseres<br />
Gesprächs, warum er gerade jetzt so viel<br />
mobil rumdaddelt, versucht er charmant<br />
zu umgehen.<br />
Igor Levit: Das ist ein Gerücht. Ich<br />
bin nie am Handy. Stimmt’s, Maren,<br />
ich bin nie am Handy. Das wäre ja ein<br />
schlechter Stil …<br />
MAX: … den dir die Wenigsten vorwerfen.<br />
Auch außerhalb der klassischen Musikwelt<br />
hast du gerade bei Jüngeren sehr<br />
hohe Sympathiewerte. Viele empfinden<br />
dich als ganz normalen, geerdeten Typen.<br />
Nicht als Weltstar. Wie wichtig ist es für<br />
dich, ein normales Leben zu führen?<br />
Levit: Es hält mich. Ich habe nie<br />
einen guten Außenblick auf mich<br />
gehabt. Aber auch keinen Bedarf,<br />
darüber nachzudenken, wer ich bin, da<br />
draußen oder für andere Menschen.<br />
Was ich aber grundsätzlich auf allen<br />
Ebenen versuche, ist so eine Art Standleitung<br />
zu halten zu Menschen, die mir<br />
zuhören. Ich will nicht nur in meinem<br />
eigenen Ich sein. Ich halte bewusst<br />
Kontakt auch in den sozialen Medien,<br />
weil ich mich für Menschen sehr,<br />
sehr interessiere.<br />
MAX: Andere berühmte Persönlichkeiten<br />
leben gern in ihrer eigenen Blase, lassen<br />
sich hofieren, lieben die Aufmerksamkeit<br />
bei Events …<br />
Levit: Also erstens gehe ich nicht<br />
häufig zu solchen Events und werde<br />
daher auch viel seltener eingeladen als<br />
du denkst. Und wenn, dann stolziere<br />
ich nicht durch den Raum mit einem<br />
Schild auf der Stirn und der Aufschrift:<br />
HIER BIN ICH!<br />
DAS IST EINFACH NICHT MEIN LEBEN.<br />
ICH HABE NEULICH VON<br />
EINER FREUNDIN GEHÖRT, DASS<br />
MENSCHEN INTERVIEWS<br />
GEBEN, ABER DIE<br />
ANTWORTEN WERDEN VON IHREN<br />
PR-LEUTEN GESCHRIEBEN. SIE<br />
WISSEN ALSO GAR NICHT,<br />
WAS SIE GEANTWORTET HABEN. ICH<br />
FINDE DAS NICHT GUT.<br />
MAX: Für einen viel beschäftigten Künstler<br />
ist das doch praktisch …<br />
Levit: Also nenn mich naiv. Das<br />
war für mich ein echter Downer, weil<br />
ich es als respektlos gegenüber den<br />
Fans, deiner Gemeinde, gegenüber den<br />
Menschen empfinde, die sich für mich<br />
interessieren. Ich versuche, so normal<br />
wie möglich zu sein. Gehe einkaufen,<br />
bewältige meinen Alltag, brauche<br />
nicht groß Hilfe dabei. Ich stehe mit<br />
beiden Beinen im Leben. Jedenfalls<br />
ist es mein Anspruch. Der einzige Ort,<br />
wo es nicht so ist …<br />
MAX: … ist vermutlich die Bühne …<br />
Levit: … da ist mir auf eine Art im<br />
besten Sinne alles egal, da lasse ich los,<br />
da kann mir nichts passieren.<br />
MAX: Hast du eine Vorstellung von einem<br />
gelingenden Leben?<br />
Levit: Nein, habe ich nicht, aber ich<br />
kann die Frage vielleicht pauschal und<br />
sehr verkürzend beantworten. Erst mal<br />
zum Privaten. Ich habe sehr, sehr viele<br />
Bekannte, ja. Aber mein engster Kreis,<br />
das sind nicht viele, in meinem aktiven<br />
Telefonbuch stehen sechs, sieben<br />
Namen von Menschen, die zu mir gehören.<br />
Wenn ich mit ihnen zusammen<br />
bin, lass ich los. Dann bin ich natürlich<br />
immer mal traurig, mal fröhlich, aber<br />
grundsätzlich bin ich ein froher, heller<br />
Mensch, der sich aufgehoben fühlt.<br />
MAX: Und außerhalb dieses Kreises?<br />
Levit: Da kann ich es oft nicht<br />
sein. Weil ich mich nicht frei und<br />
unge zwungen fühle. Du hast nach dem<br />
idealen Leben gefragt oder dem, wie<br />
ich es mir vorstelle. Es wäre schön,<br />
wenn man mich einfach ließe. Aber<br />
es gibt tausend Gründe, warum ich<br />
nicht von morgens bis abends fröhlich<br />
durch die Gegend laufen kann. Das<br />
fängt mit diesem Land an und hört<br />
mit meiner eigenen Persönlichkeit auf.<br />
Diese Traurigkeit abzustellen, gelingt<br />
mir nur mit engsten Menschen gemeinsam.<br />
Ansonsten zeige ich sie nicht.<br />
MAX: Die Traurigkeit ist ein<br />
Teil von dir?<br />
Levit: Sie gehört zu mir, und ich<br />
kriege sie auch nicht weg.<br />
MAX: Das kannst du akzeptieren?<br />
Levit: Ja. Weil ich bin, wer ich bin.<br />
Weil ich in dieser Welt unterwegs bin,<br />
wie sie eben ist. Allein, wenn ich aus<br />
dem Haus gehe, betrete ich eine andere<br />
Welt: Ich gehe 20, 30, 40, 50 Schritte<br />
vorwärts. Und egal, wo ich in Berlin<br />
bin, laufe ich an mindestens 15 Stolpersteinen<br />
vorbei. Bei diesen ersten<br />
50 Schritten. Jetzt sag mir, dass es an<br />
mir vorbeigehen soll. Es geht nicht<br />
vorbei. Das ist ein Beispiel von vielen.<br />
Wenn wir jetzt hier zusammen sind und<br />
sprechen oder ich mit meinem Freundeskreis,<br />
dann bin ich ein glücklicher<br />
Mensch, ansonsten kriege ich dieses<br />
Leben und die Welt da draußen nicht<br />
aus dem Kopf.<br />
MAX: Eine Welt, an die man sich auch<br />
nicht gewöhnen darf ?<br />
Levit: Nein, aber ich wünschte mir,<br />
es gäbe sie so nicht, und sie wäre anders.<br />
Ich hätte es gern unbeschwerter.<br />
MAX: Inwieweit gehören deine Wahrnehmungen<br />
und Gefühle zu Prozessen,<br />
zu Veränderungen in deinem Leben?<br />
SEPTEMBER 2022
IGOR LEVIT<br />
139 127<br />
Neu, ungewöhnlich, ein<br />
Genuss: Sein Album „Tristan“<br />
ist seit September auf dem<br />
Markt. Das Buch „Hauskonzerte“<br />
wurde ein Bestseller.<br />
Wer ist Igor Levit, das Ausnahmetalent am Klavier?<br />
1987 im russischen Nowgorod geboren, kam Igor Levit mit acht Jahren nach Deutschland, lebte zunächst<br />
in Dortmund, dann in Hannover, wo er auch sein Klavierstudium mit der höchsten Punktzahl des Instituts<br />
absolvierte. Die Dokumentation „Igor Levit – no fear“ (ab Oktober im Kino) der Filmemacherin Regina Schilling<br />
begleitet den Menschen Igor durch sein Leben mit der Musik.<br />
Levit: Ich lasse in mir sehr vieles<br />
zu, mache das auch mit mir selbst aus.<br />
Ich glaube nicht an Zufälle, sondern<br />
an bewusste Entscheidungen, die zu<br />
Veränderung führen.<br />
MAX: Was macht das mir dir?<br />
Auch körperlich?<br />
Levit: Es ist interessant, dass du danach<br />
fragst. Es sind zuallererst körperliche<br />
Entscheidungen. Ich mache zum<br />
Beispiel seit zehn Jahren intensiv Krafttraining,<br />
jetzt habe ich beschlossen, ich<br />
nehme kein Gewicht mehr in die Hand,<br />
weil ich merke, mein Körper kann und<br />
will nicht mehr. Also höre ich auf ihn<br />
und komme zu dem bewussten Urteil:<br />
Ich höre damit auf. Das sind gigantische<br />
Veränderungen, die ihren Anfang im<br />
Körperlichen haben: Wie sitze ich am<br />
Klavier, wie bewege ich mich, wie und<br />
welchen Sport mache ich. An Schicksal<br />
glaube ich nicht.<br />
MAX: Das heißt das Leben ist steuerbar –<br />
mit welchem Ziel auch immer?<br />
Levit: Es sind Prozesse, die ich<br />
steuern kann oder es zumindest<br />
versuche, allerdings ohne Ziel. Ich<br />
schaue, wo ich ankomme. Das ist wie<br />
eine Improvisation.<br />
MAX: Du hast durch Sport 30 Kilo abgenommen,<br />
läufst jeden Morgen, gibst jedes<br />
Jahr fast 200 Konzerte, in der Dokumentation<br />
über dich wirkst du beim Einspielen<br />
eines Stückes mehr als akribisch. Wie<br />
viel Wille gehört zu deinem Leben?<br />
Levit: Es gibt Anlässe, bei denen<br />
passiert was in mir. Und dann drücke<br />
ich die durch. Dann gibt es kein Halten.<br />
Also an Disziplin und Willen fehlt es<br />
mir wahrlich nicht.<br />
MAX: Und das ist lebensbestimmend<br />
für dich?<br />
Levit: Total.<br />
MAX: Ging das nach deiner Ankunft in<br />
Deutschland, in Düsseldorf los? Du warst<br />
damals acht Jahre alt.<br />
Levit: Es ging mit der Sprache los.<br />
Ich wollte unbedingt Deutsch sprechen.<br />
Auch da gab es kein Halten für mich.<br />
Ich wollte das unbedingt. Mir hat es nie<br />
an Disziplin gefehlt, außer vielleicht<br />
in der Schule. Ich bin wahnsinnig gern<br />
SEPTEMBER 2022
Vorbild 46<br />
Es wäre schÖn, wenn man mich<br />
einfach ließe. Aber es gibt tausend<br />
Gründe, warum ich nicht von<br />
morgens bis abends fröhlich durch<br />
die Gegend laufen kann.<br />
DAS FÄNGT MIT DIESEM LAND AN<br />
und hört mit meiner eigenen<br />
Persönlichkeit auf. Diese Traurigkeit<br />
abzustellen, gelingt mir nur mit engsten<br />
Menschen gemeinsam.<br />
dorthin gegangen, aber ich habe selten<br />
etwas dafür getan. Aber immer wenn<br />
ich Verantwortung übernehmen musste,<br />
war ich da. Wie bei einer schweren<br />
Krankheit meiner Mutter. Ohne Wenn<br />
und Aber. Willen, Disziplin und Überzeugung<br />
gehören zu mir.<br />
MAX: Hast du dich nach deiner Ankunft<br />
in der Schule ausgegrenzt gefühlt?<br />
Levit: Nein, zu keinem Zeitpunkt.<br />
Weder in Dortmund noch in Hannover,<br />
wo ich aufgewachsen bin. Ich hatte<br />
eine wunderbare Zeit. Obwohl es viel<br />
Ärger gab mit den Lehrern, manchmal<br />
auch mit den Mitschülern. Aber niemals<br />
wegen meiner Herkunft.<br />
ICH WAR EINFACH EIN FAULER SACK,<br />
DEN WENIG INTERESSIERT HAT.<br />
EINE DER BELIEBTESTEN FRAGEN MEINES<br />
MATHEMATIKLEHRERS WAR:<br />
IGOR, SPINNST DU? RECHT HATTE ER.<br />
Neben der Musik interessierten mich<br />
in der Schule nur Deutsch, Geschichte<br />
und Politik. In Fächern, in denen man<br />
reden durfte, war ich gut. Ich bin in<br />
der 9. wegen Physik, Chemie, Latein,<br />
Altgriechisch, Sport und ich weiß nicht<br />
mehr hängengeblieben.<br />
MAX: In der Filmdokumentation ist an<br />
vielen Stellen deine Erschöpfung und<br />
gleichzeitig aber auch neben deinem<br />
Willen die Unruhe zu spüren. Leidest du<br />
darunter körperlich?<br />
Levit: Nein, also ich werde unruhig,<br />
wenn mein Arm schmerzt oder<br />
mein kleiner Finger schmerzt. Aber nur<br />
kurzfristig. Eine existenzielle Unruhe<br />
bezogen auf meinen Beruf habe ich<br />
nicht. Ich mache das, solange ich es<br />
machen kann.<br />
MAX: Gehört der Sport, die Fitness<br />
zu deinem Beruf ?<br />
Levit: Nein, überhaupt nicht. Er<br />
gehört dazu aus Eitelkeit, anfangs, weil<br />
ich abnehmen wollte, und jetzt ist mir<br />
die eine Stunde am Tag wichtig, weil<br />
sie eine ist, in der mir keiner was kann.<br />
Das ist wie Konzerte spielen. Ich sage<br />
bewusst Konzerte spielen und nicht<br />
das ganze Drumherum inklusive der<br />
vielen Reisen. Sondern nur die Zeit ab<br />
dem Moment, wenn es so weit ist. Beim<br />
Sport ist es ähnlich.<br />
MAX: Was ist das für ein Gefühl –<br />
auf der Bühne?<br />
Levit: Ich will es mal so beschreiben:<br />
Mein erstes Fitnessstudio war im<br />
zweiten Untergeschoss. Kein Handyempfang,<br />
keine Informationen, die<br />
mich runterziehen. Einfach nicht<br />
erreichbar. So wie auf der Bühne. Ich<br />
bin einfach mit mir, kann machen<br />
und kontrollieren. Es ist die absolute<br />
mentale und körperliche Erholung.<br />
Die Tage, an denen ich das nicht habe,<br />
sind keine guten.<br />
MAX: Spielt denn das Publikum überhaupt<br />
noch für dich eine Rolle?<br />
Levit: Bitte versteh mich nicht<br />
falsch: Ich bin auf der Bühne nicht<br />
im Tunnel. Ich suche den Link zum<br />
Publikum, den Kontakt zu den Menschen,<br />
auch wenn das nicht immer<br />
gelingt. Aber ich nehme wahr, liebe<br />
die Resonanz zu jedem Zeitpunkt.<br />
MAX: Jetzt auch?<br />
Levit: Aber hallo …<br />
MAX: Was?<br />
Levit: Die Geräusche von der<br />
Straße, die Autos, das Hupen, mein<br />
Handy, die ankommenden SMS, ich<br />
kann mich dann nicht abschließen.<br />
MAX: Schon mal im Schweigekloster<br />
gewesen?<br />
Levit: Nein, aber ich mache jeden<br />
Tag eineinhalb Stunden Yoga. Das ist<br />
Ruhe und Schweigen genug. Das ist ein<br />
Stück weit Stabilität für mich. Auf der<br />
Bühne ist es ähnlich wie beim Sport.<br />
Egal wie anstrengend ein Stück, eine<br />
Sonate war, hinterher bin ich hundemüde,<br />
aber auch aufgeräumt.<br />
MAX: Die Zuschauer sind hinterher oft<br />
aufgewühlt. Kann es sein, dass sie neben<br />
dem Willen und der Energie auch etwas<br />
anderes spüren?<br />
Levit: Ja, ja, klar, es ist Wut. Ja, sie<br />
ist auch ein Treiber<br />
MAX: Ist Wut in dir drin?<br />
Levit: Ja.<br />
MAX: Aber darüber möchtest du bestimmt<br />
nicht erzählen<br />
Levit: Warum nicht? Ich hab überhaupt<br />
kein Problem damit.<br />
MAX: Woher kommt die Wut?<br />
Levit: Das ist eine lange Liste. Soll<br />
ich mit dem Netten oder dem Unangenehmen<br />
einsteigen?<br />
MAX: Das ist mir egal<br />
Levit: Freunde, ich bin ein Jude,<br />
der in einem Land lebt, in dem sechs<br />
Millionen Juden ermordet wurden. Was<br />
erwartest du? Daraus kommt Wut, ein<br />
Gefühl von Isolation, von Einsamkeit.<br />
Und ein Gefühl von Dauer-Traurigkeit.<br />
Ich werde die ganze Zeit auch daran<br />
erinnert, dass das so ist. Ja, das macht<br />
wütend und traurig. Das wird aber<br />
auch aufgewogen, und das kann nicht<br />
groß genug sein, durch das Geschenk,<br />
das ich in meinem Leben erhalten habe,<br />
und die Handvoll Menschen, ohne die<br />
ich buchstäblich nicht mehr leben will.<br />
80 Prozent von diesen Menschen sind<br />
hier. Also bin ich hier. Aber ich frage<br />
mich jeden Tag, wieso eigentlich?<br />
SEPTEMBER 2022
IGOR LEVIT<br />
„Egal wie anstrengend ein Stück, eine Sonate<br />
war, hinterher bin ich hundemüde, aber auch aufgeräumt.“<br />
MAX: Es gibt welche, die würden noch<br />
vermeintlich freundlich sagen, der<br />
ist 35 Jahre alt, mega erfolgreich, was<br />
geschehen ist, ist schon so lange her,<br />
der soll sich mal nicht so anstellen.<br />
Levit: So zu denken ist mir fremd.<br />
sche Grundkern unseres Landes. Wollen<br />
wir den auflösen? Für den Fall habe ich<br />
drei Koffer im Keller. Auf Wiedersehen.<br />
Aber das ist es nicht. Dieser moralische<br />
Grundkern hat eben einen Preis. Auch<br />
für mich persönlich.<br />
DAGEGEN SIND ÜBERGRIFFE VON<br />
IRGENDWELCHEN ARSCHLÖCHERN, DIE<br />
MICH ANTISEMITISCH ATTACKIEREN,<br />
MICH BEDROHEN, SO KLEIN. DAS SIND<br />
SITUATIONEN, MOMENTE, DIE VERLETZEN,<br />
ICH WEHRE MICH, ODER ICH<br />
SCHLUCKE ES HERUNTER.<br />
Ich bin hier und ich bleibe hier. Und<br />
ich habe Gott sei Dank Menschen,<br />
mit denen ich darüber sprechen kann.<br />
Deswegen fühle ich mich hier auch<br />
nicht einsam. Es ist so ein Zwischenspiel,<br />
ich bin nicht allein, was habe ich<br />
für ein Glück, und dann doch wieder.<br />
So fühle ich mich. Aber, um ehrlich<br />
zu sein, das ist auch das immer wieder-<br />
MAX: Warum?<br />
Levit: Ein sehr enger Freund von<br />
mir, der in Amerika lebt und jüdischen<br />
Glaubens ist, hat mich neulich besucht.<br />
Er ist in den Staaten geboren, er ist<br />
dort aufgewachsen, er hat seine eigenen<br />
Probleme, seine eigenen Momente.<br />
Und er sprach aus, was in Deutschland<br />
immer gilt: Never forget! Diese Aufforderung<br />
ist die zentrale DNA der<br />
Bundesrepublik. Diese <strong>Max</strong>ime zu leben,<br />
hat auch seinen Preis, den auch ich<br />
persönlich jeden Tag bezahle. Niemals<br />
vergessen ist existenziell wichtig für<br />
unsere Gesellschaft, es ist der moralikehrende<br />
Thema in der Musik oder in<br />
der Literatur.<br />
MAX: Es ist es für dich ein Problem,<br />
eine Innerlichkeit, eine innere Heimat zu<br />
finden?<br />
Levit: Es ist unmöglich, diese zu<br />
haben. Wo soll sie denn sein? Das ist<br />
mir noch nicht gelungen. Aber es gibt<br />
bei Freunden ein Ankommen, eine<br />
Geborgenheit, und das ist sehr, sehr<br />
viel wert.<br />
MAX: Hast du Sehnsuchtsorte?<br />
Levit: Sehnsuchtsmenschen, kein<br />
einziger Konzertsaal, kein einziges<br />
Klavierstück, keins, nichts ist so sehr<br />
ein Sehnsuchtsort wie die Menschen.<br />
Mit dem Freund aus Amerika habe ich<br />
über Glauben gesprochen, und er hat<br />
gemeint: Du sprichst über Menschen<br />
wie über Gott. Deine Beziehung zu<br />
SEPTEMBER 2022
Vorbild<br />
Menschen, dein Vertrauen, dein Glaube<br />
an sie ist so, als würde ich über Gott<br />
sprechen.<br />
MAX: Ein Menschenfreund könnte ja<br />
auch gläubig sein, unabhängig von seiner<br />
Religion.<br />
Levit: Ja, bin ich aber irgendwie<br />
nicht. Aber dann doch wieder.<br />
MAX: Wie gehst du damit um, dass<br />
in Konzertsälen auch Menschen sitzen<br />
könnten, die nicht allein über das<br />
Vergessen anders denken als du?<br />
Levit: Und antisemitisch sind.<br />
Okay. Weißt du was, ganz im Ernst?<br />
Die Menschen kommen erst mal, um<br />
mich bewusst zu hören. Ich kann<br />
niemandem in den Kopf gucken, und<br />
es interessiert mich auch nicht. Das<br />
ist der Preis der offenen Gesellschaft.<br />
Jeder kann das größte antisemitische<br />
Arschloch der Welt sein solange<br />
er nicht aktiv gegen das Gesetz verstößt.<br />
Das gilt für jede Art von<br />
Diskriminierung.<br />
MAX: Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?<br />
Ist die Veränderung unseres Zusammenlebens<br />
nicht eine Si sy phus ar beit?<br />
Levit: Ja, es ist ein Schritt vor, zwei<br />
zurück, ein …<br />
MAX: Ist die Apokalypse näher, als wir<br />
wahrhaben wollen?<br />
Levit: Welchen Wert hätte es jetzt,<br />
wenn ich Ja sagen würde?<br />
MAX: Keinen. Aber du äußerst dich gesellschaftspolitisch<br />
auf Twitter, trittst im<br />
Dannenröder Forst auf …<br />
Levit: Ich wollte dort nicht auf den<br />
Klimawandel aufmerksam machen. Der<br />
und seine katastrophalen Folgen sind<br />
ja seit Jahren bekannt. Mein Auftreten<br />
dort war ein Akt der Solidarität mit<br />
den Aktivisten, die seit Monaten dort<br />
in Bäumen verharrten, sich gegen die<br />
Rodung gewehrt, protestiert, mobilisiert<br />
haben.<br />
MAX: Spürst du in deinen Konzerten ein<br />
Gefühl der Gemeinschaft?<br />
Levit: Ja<br />
MAX: Wäre das nicht auch gesellschaftlich<br />
erstrebenswert?<br />
Levit: Ich bin kein Wir. Ich bin, wie<br />
mein Freund Michel Friedmann sagen<br />
„Es gibt einen Grund, warum ich im analogen, realen Leben genauso engagiert<br />
bin, genauso versuche zu helfen. Ideell und finanziell.“<br />
würde, viele Ichs. Ich habe ein gewisses<br />
Misstrauen gegenüber dem Begriff<br />
Gesellschaft.<br />
MAX: Weil?<br />
Levit: Weil ich in den letzten<br />
zwei, drei Jahren die Erfahrung gemacht<br />
habe, dass unter dem Titel der<br />
Ge meinsamkeit viel mehr auf eigene<br />
Agenden, Partikularinteressen geachtet<br />
wird. Ich bin sehr misstrauisch<br />
gegenüber dem Wir geworden. Rassismen<br />
gegeneinander auszuspielen, ist<br />
keine exklusive Spezialität von Rechten.<br />
Das können auch gesellschaftliche<br />
Mehrheiten. Mehrheiten gegen<br />
Minderheiten, aber auch Minderheiten<br />
untereinander. Ich glaube ganz fest<br />
an Artikel 1 des Grundgesetzes.<br />
Und jetzt kommt ein sehr deutscher<br />
Moment.<br />
MAX: Erzähl mal.<br />
Levit: In unserer Gesellschaft<br />
haben wir zu viel Hass: gegen Juden,<br />
Schwarze, Sinti und Roma, Homound<br />
Transsexuelle, jede Form dieses<br />
Gefühls, egal gegen wen, ist Menschen-<br />
hass, und das widerspricht dem Kern<br />
von Artikel 1 unseres Grundgesetzes:<br />
DIE WÜRDE DES MENSCHEN<br />
IST UNANTASTBAR.<br />
Daran glaube ich, daran orientiere ich<br />
mich. Ich erlebe immer häufiger, dass<br />
manche zu mir sagen, na ja du bist<br />
privilegiert, auch wenn du zu einer<br />
Minderheit gehörst, kannst du nicht<br />
für uns sprechen. Das macht mich sehr<br />
traurig. Das bringt mich aber auch<br />
nicht von meiner Überzeugung ab.<br />
MAX: Gehört die Ausgrenzung zum<br />
Menschsein?<br />
Levit: Vielleicht, ich weiß es nicht.<br />
Aber noch mal, ich bin kein Wir, aber<br />
auch kein Egoist. Ich will nichts auf<br />
Kosten anderer tun, und wenn es mir mal<br />
passiert, dann entschuldige ich mich.<br />
MAX: Brauchen wir einen neuen gesellschaftlichen<br />
Kit?<br />
Levit: Lass mal, das ist mir schon<br />
eins zu viel. Es gibt einen Kit, über<br />
den wir uns schon längst verständigt<br />
haben. Das ist eben Artikel 1 und „Was<br />
du nicht willst, das man dir tu, das füg<br />
SEPTEMBER 2022
IGOR LEVIT<br />
auch keinem anderen zu“. Wenn ich mich mal<br />
daran nicht halte, bekomme ich von meinen<br />
Freunden eins hinter die Löffel. Manchmal bin<br />
dann noch bockig, aber ich entschuldige mich.<br />
MAX: Dafür, dass du dein Handy selten benutzt,<br />
bist du auf Twitter ziemlich aktiv…<br />
Levit: Ja, natürlich bin ich ständig am Handy,<br />
ich weiß, die sozialen Medien sind nicht das<br />
Leben, aber es gibt sie nun mal. Und ich will<br />
helfen, darüber auch ein Bewusstsein zu schaffen<br />
zu dem, was ich eben gesagt habe. Aber seit der<br />
Pandemie sind diese Medien nur noch schwer<br />
zu ertragen. Vermutlich werde ich nach dieser<br />
Aussage gleich wieder angemacht.<br />
ABER DIESES ZÜGELLOSE GEGEN-<br />
ÜBER MENSCHEN, DAS WOCHENLANGE<br />
RUNTERMACHEN UNTER DEM DECKMÄNTELCHEN<br />
DER DEBATTE UND DER FREIEN<br />
MEINUNGSÄUSSERUNG, DAS JAGEN,<br />
DAS HALTE ICH FÜR KRANK.<br />
Das macht mich krank. Ein vielleicht bescheuerter<br />
Satz in einem Interview, und die Hetze geht<br />
los. Und zwar von allen Seiten. Natürlich gibt es<br />
auch rote Linien, wenn ich an eine bestimmte<br />
Partei denke. Aber in diesem Sandkasten spiele<br />
ich nicht mehr mit.<br />
MAX: Sondern …<br />
Levit: Es gibt einen Grund, warum ich im<br />
analogen, realen Leben genauso engagiert bin,<br />
genauso versuche zu helfen. Ideell und finanziell.<br />
Diese Welt hat einen Haufen Probleme. Keiner<br />
wollte diesen Scheißkrieg – bis auf einen. Wir<br />
diskutieren über Atomkraft, fossile Energien und<br />
sind uns unseres biblischen Problems immer noch<br />
nicht bewusst. Der Klimawandel und seine Folgen<br />
wie zum Beispiel die globalen Verteilungskämpfe<br />
sind zentral, und ich bewundere Politiker, Aktivisten<br />
und alle Menschen, die versuchen, diese<br />
ungeheuren Probleme zu lösen. In Parlamenten,<br />
aber auch außerparlamentarisch. Wie viel Mut<br />
und Selbstlosigkeit gehören dazu, auf die Straße<br />
zu gehen, sich festzuketten, zu blockieren, ja sein<br />
Leben zu riskieren. Über alle Parteien hinweg<br />
kennt mein Respekt keine Grenzen. Mit einer<br />
Ausnahme. Und die sollen sich einfach<br />
selbst löschen.<br />
MAX: Was gibt dir Kraft, was ist deine<br />
Lebensquelle?<br />
Levit: Menschen<br />
MAX: Welchen Bezug hast du zu deiner Familie?<br />
Levit: Einen sehr engen. Mit allem Streit und<br />
Auseinandersetzungen. Aber ich mache keinen<br />
großen Unterschied zwischen Freunden und<br />
Familie. Für Menschen, die ich liebe, lasse ich<br />
alles stehen und liegen.
Vorbild 50<br />
SEPTEMBER 2022
INTERVIEW PATRICK HEIDMANN<br />
FOTOS RAFAELA PRÖLL<br />
Intellektuelle, Künstler<br />
und andere<br />
Bürger<br />
hätten<br />
gern einen<br />
eigenständigen<br />
Staat behalten<br />
Die Schauspielerin<br />
Claudia Michelsen über<br />
Herausforderungen im Leben und<br />
wichtige Veränderungen –<br />
nicht nur in ihrem Beruf.<br />
SEPTEMBER 2022
Vorbild 52<br />
MAX: Frau Michelsen, Sie übernehmen immer<br />
wieder Rollen in historischen Stoffen,<br />
doch Ihr neuer Kinofilm „In einem Land,<br />
das es nicht mehr gibt“ spielt nun zu einer<br />
Zeit, die Sie selbst miterlebt haben. War<br />
es für Sie etwas Besonderes, sich noch<br />
einmal der DDR kurz vor dem Mauerfall<br />
zu widmen?<br />
Claudia Michelsen: Zunächst einmal<br />
war es etwas Besonderes, wiederholt<br />
mit Aelrun Goette arbeiten zu können.<br />
An dieser Geschichte hat sie sehr<br />
lange gearbeitet, auch weil sie teilweise<br />
autobiografisch ist. Und dass ich die<br />
Chefredakteurin der DDR-Modezeitschrift<br />
Sybille spielen durfte, kam dann<br />
für mich noch erfreulich dazu. Denn<br />
Anfang der 90er hat die große Sibylle<br />
Bergemann mal Fotos mit mir für diese<br />
Zeitschrift gemacht. Die Fotografen<br />
der Sybille waren und sind allesamt<br />
großartige Künstler, die Zeitgeschichte<br />
und Kunst miteinander verbunden<br />
haben. Und der Film ist eine kraftvolle<br />
Momentaufnahme dieser Zeit mit einer<br />
großartigen Hauptdarstellerin.<br />
MAX: Realistischer?<br />
Michelsen: Zumindest ist das eine<br />
DDR, die ich kenne, die aber so noch<br />
nicht erzählt wurde. Natürlich kommt<br />
in der Geschichte auch die Stasi vor,<br />
aber erst einmal ist es die Geschichte<br />
einer jungen Frau um 1988, gespielt von<br />
der wunderbaren Marlene Burow. Aber<br />
es geht auch um ein Gefühl der Freiheit,<br />
der Wildheit, der Kreativität, ein<br />
Gefühl, das wir alle hatten. Ein positives<br />
Lebensgefühl, ein anderes Miteinander,<br />
eine Kraft, die es gab, trotz<br />
kranken Systems.<br />
MAX: Zu dem Lebensgefühl gehört auch,<br />
dass Veränderung in der Luft liegt. Fast<br />
fragt man sich, wie es weitergegangen wäre,<br />
wenn die Wende ausgeblieben wäre …<br />
Michelsen: Oder wenn sie „anders“<br />
gekommen wäre. Tatsächlich ist ja<br />
etwas in Vergessenheit geraten: dass die<br />
meisten von uns damals auf etwas anderes<br />
gehofft hatten. Wir wollten nicht<br />
„BRD“ werden. Viele hätten gern einen<br />
eigenständigen, neuen Staat gegründet.<br />
Aber wir alle wissen, was dann kam.<br />
Wollt ihr Bananen und die Aussicht auf<br />
die dicke Westmark, Schlaraffenland<br />
und viele andere Versprechen, nun ja,<br />
und plötzlich gab es keine Chance mehr,<br />
etwas anderes umzusetzen, etwas Neues.<br />
MAX: Sie betonen die guten Erinnerungen<br />
an das Leben in der DDR. Würden Sie<br />
im Rückblick sagen, dass Sie dort genug<br />
Raum hatten, zu wachsen und sich zu<br />
entfalten?<br />
Michelsen: Nein, natürlich konnte<br />
man sich nicht so entfalten wie anderswo,<br />
auch weil das Reisen fehlte, das<br />
Entdecken der Welt, anderer Kulturen.<br />
Aber trotzdem bin ich in einem Land<br />
aufgewachsen, in dem aus Mangel<br />
Kreativität entstand. Menschen hatten<br />
eine klare Haltung zum System, diese<br />
und jene. Und Kunst und Theater hatten<br />
eine andere Funktion als heute, weil sie<br />
in direktem Dialog mit dem Publikum<br />
standen. Die Leute sind ins Theater<br />
gegangen, weil sie dort im stillen Einverständnis<br />
wussten, worüber wir<br />
mit einander reden. Gedankenfreiheit<br />
konnte nicht unterbunden und zensiert<br />
werden. Das war aus künstlerischer<br />
Sicht enorm spannend.<br />
MAX: War der politische Aspekt des<br />
Theaters für Sie ein Grund dafür, dass Sie<br />
als Jugendliche aus Dresden nach Berlin<br />
und an die Schauspielschule gingen?<br />
Michelsen: Auf jeden Fall. Ich<br />
wollte eigentlich nicht Schauspielerin<br />
werden, sondern einfach ans Theater.<br />
Karriere, Ruhm, das hat mich nie<br />
interessiert und tut es bis heute nicht<br />
wirklich. Aber ich wollte dabei sein, wo<br />
Kunst zum politischen Sprachrohr wird<br />
und in einen Dialog mit den Leuten<br />
tritt. Es ging um die Inhalte, um die<br />
Geschichten, die man erzählen, um die<br />
Leute, die man damit erreichen konnte.<br />
Dann ’89 der Mauerfall, damit war<br />
plötzlich dieser Antrieb weg, über den<br />
sich das Theater oder Kunst definierte.<br />
Alles musste sich neu sortieren. Freie<br />
Marktwirtschaft, das hatte ja keiner gelernt.<br />
Viele Menschen, die damit nicht<br />
klarkamen, hat es damals das Leben gekostet.<br />
Ich war ’89 Anfang 20 und bereit<br />
SEPTEMBER 2022
CLAUDIA MICHELSEN 53<br />
CLAUDIA MICHELSEN IM WINTER 1973 IN DRESDEN.<br />
„Ich bin in einem Land aufgewachsen,<br />
in dem aus Mangel Kreativität entstand.<br />
Kunst und Theater hatten eine andere<br />
Funktion als heute.“<br />
aufzubrechen in die weite Welt, eine<br />
Glücksgeneration.<br />
MAX: Für viele war Berlin nach dem<br />
Mauerfall der spannendste Ort der Welt,<br />
doch Sie mochten die Stadt plötzlich nicht<br />
mehr. Warum nicht?<br />
Michelsen: Eben weil so viele Leute<br />
in meinem Umfeld so orientierungslos<br />
waren, glaube ich. Am Theater wusste<br />
niemand mehr, was er machen sollte.<br />
Wir haben plötzlich an der Volksbühne<br />
eine Komödie auf die Bühne gebracht,<br />
nach dem Motto „wir machen jetzt Unterhaltung“.<br />
Dabei war so etwas vorher<br />
nie Thema. Hat dann auch überhaupt<br />
nicht funktioniert. Alle mussten schauen,<br />
wo sie bleiben. Dadurch entstand<br />
eine merkwürdige Form von Ellenbogengesellschaft,<br />
was es so vorher nicht<br />
gab. Jeder war auf der Suche, glücklich<br />
zwar ob der neuen Freiheit aber auch<br />
überfordert.<br />
MAX: Ihr Sehnsuchtsort damals war<br />
zunächst Paris, nicht wahr?<br />
Michelsen: Schon immer, schon<br />
als junges Mädchen war Paris Sehnsuchtsort.<br />
Auch weil ich das Kino der<br />
Sechziger so liebe. Später habe ich dann<br />
natürlich Simone de Beauvoir und<br />
Sartre gelesen und wollte am liebsten<br />
in das Paris der Fünfziger. Der Traum<br />
von Paris war so groß, dass ich dann<br />
nach dem Fall der Mauer erst einmal<br />
vier Jahre lang nicht hingefahren bin,<br />
vor lauter Ohnmacht.<br />
MAX: Tatsächlich?<br />
Michelsen: Ja, ich bin zwar durchaus<br />
gereist, aber nicht nach Paris. Da<br />
hatten sich solche Erwartungen und<br />
Klischeebilder aufgebaut, dass ich dachte,<br />
ich könne da nur mit einem Mann<br />
hinfahren, und verliebt müsste ich sein,<br />
mit allem Drum und Dran. Irgendwann<br />
hat’s mir dann gereicht, und ich habe<br />
mich allein einfach in meinen alten, sehr<br />
klapprigen Golf gesetzt und bin nach<br />
Paris gefahren. Als der Golf und ich es<br />
dann tatsächlich geschafft hatten, bin<br />
ich erst mal zehn Stunden gelaufen und<br />
gelaufen und gelaufen.<br />
MAX: Dachten Sie darüber nach, dort<br />
noch einmal neu anzufangen?<br />
Michelsen: Ja, ich wollte das ganz<br />
unbedingt. Ich hatte das Glück für einen<br />
Film von Jean-Luc Godard gearbeitet<br />
zu haben (den Film „Deutschland Neu(n)<br />
Null“, Anm. der Redaktion), und ich<br />
hatte schnell ein Angebot einer Pariser<br />
Agentur. Es wäre sicherlich die richtige<br />
Entscheidung für die „Karriere“ gewesen,<br />
aber die Liebe wollte, dass es<br />
anders kommt. Dass ich letztlich nicht<br />
nach Paris gegangen bin, hatte dann<br />
damit zu tun, dass ich meinen ersten<br />
Mann kennengelernt habe.<br />
MAX: Mit dem sind Sie dann stattdessen<br />
nach Los Angeles gezogen.<br />
Michelsen: Nein, er lebte bereits<br />
dort. Und ich wollte eigentlich nicht<br />
nach Amerika, aber dann war ich mit<br />
Mitte 20 plötzlich doch auf einem anderen<br />
Kontinent. Das war letztlich sehr<br />
heilsam und eine wirklich gute Zeit.<br />
Ich war fast die gesamte Clinton-Ära<br />
über da, das Land war im Aufbruch,<br />
eine gute Zeit für viele.<br />
SEPTEMBER 2022
Vorbild 54<br />
SEPTEMBER 2022
CLAUDIA MICHELSEN 55<br />
1984 AUF DEM WEG ZUR OSTSEE,<br />
EIN JAHR BEVOR SIE AN DIE SCHAUSPIELSCHULE GING.<br />
MAX: Trotzdem sagen Sie, Sie seien an der<br />
Zeit in Los Angeles gewachsen?<br />
Michelsen: Auf jeden Fall. Ich<br />
würde jedem jungen Menschen immer<br />
raten, das Gewohnte zu verlassen.<br />
Selbst wenn man irgendwann zurückkommt,<br />
ist der Rucksack danach etwas<br />
voller als vorher.<br />
MAX: Der kurze Gedanke, es könnte<br />
vorbei sein mit der Schauspielerei – hat<br />
der Ihnen Angst gemacht?<br />
Michelsen: Nein, damit hätte<br />
ich mich anfreunden können. Die<br />
Schauspielerei ist nicht mein Leben.<br />
Ich mache das wirklich sehr gern und<br />
bin irre glücklich und dankbar, wenn<br />
ich mit großartigen Leuten gute<br />
Geschichten erzählen darf. Aber wenn<br />
das alles irgendwann nicht mehr so<br />
funktionieren sollte, dann mache ich<br />
halt etwas anderes. Billy Wilder hat<br />
mal gesagt, „It’s just another movie“.<br />
Und irgendwie ist da ja auch was dran,<br />
an der Vergänglichkeit. Aber trotzdem<br />
liebe ich sehr, was ich tue, meistens<br />
jedenfalls.<br />
MAX: In welchem Sinne war das heilsam?<br />
Michelsen: Bis dahin war meine<br />
Welt, mein Universum „Theater“ gewesen.<br />
Ich war ja sehr jung, als ich<br />
an die Schauspielschule nach Berlin<br />
ging, ich kannte kaum etwas anderes.<br />
Dann Engagements an der Volksbühne,<br />
Schaubühne, am Deutschen Theater –<br />
ich hatte wirklich großes Glück und<br />
möchte das nicht missen. Aber dann<br />
kam ich nach Los Angeles, und da<br />
interessierte sich kein Mensch für die<br />
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.<br />
Mein altes Universum spielte keine<br />
Rolle mehr. Stattdessen befand ich mich<br />
in einem Land, wo alle irre freundlich<br />
und leicht waren. Ich habe das als sehr<br />
heilsam empfunden und bin dort wirklich<br />
auf ganz neue Weise gewachsen und<br />
ein Stück mehr zu mir gekommen. Auch<br />
weil ich eigentlich dachte, dass mein<br />
Beruf nun zu Ende ist.<br />
MAX: Dort beruflich Fuß fassen<br />
wollten Sie nicht?<br />
Michelsen: Anfangs sprach ich kein<br />
Englisch, das musste ich erst einmal<br />
lernen. Und dann war der Plan durchaus,<br />
vielleicht dort zu arbeiten, wenn<br />
es sich ergibt. Ich war sogar eine Zeit<br />
lang bei einer großen Agentur unter<br />
Vertrag. Aber ich hatte gerade meine<br />
erste Tochter bekommen, sie war ein<br />
halbes Jahr alt, und ich fand mich plötzlich<br />
nur noch im Auto wieder, um von<br />
einem Casting zum nächsten zu fahren.<br />
Irgendwann habe ich das wieder sein<br />
lassen, weil ich die Zeit mit meiner Tochter<br />
nicht versäumen wollte. Karriere<br />
war nicht der Fokus.<br />
MAX: Dann sind Sie gar nicht ehrgeizig?<br />
Michelsen: Nicht mit Blick auf<br />
meine Karriere jedenfalls. Bezogen<br />
auf ein bestimmtes Projekt geht es mir<br />
schon darum, dass die Sache so gut<br />
wie möglich wird. Was ich nur schwer<br />
ertragen kann, ist Beliebigkeit, zumal<br />
bei Menschen, mit denen ich arbeite.<br />
Wenn die Neugier verloren geht und das<br />
Interesse, mal etwas Anderes, Neues zu<br />
erzählen, das finde ich schrecklich.<br />
MAX: Sind Sie dafür zu sehr<br />
Perfektionistin?<br />
Michelsen: Nein, mit Perfektionismus<br />
hat das nichts zu tun. Wir stellen<br />
uns im besten Fall in den Dienst einer<br />
Geschichte, eines Autors, einer Figur.<br />
Und wenn ich da das Gefühl habe, dass<br />
das Potenzial nicht ausgeschöpft wird,<br />
nicht alles erzählt wird, was es braucht,<br />
dann macht mich das nervös, ja.<br />
SEPTEMBER 2022
Vorbild 56<br />
1973 IN DRESDEN.<br />
MAX: Werden Sie dann zur Kämpferin<br />
für die Kunst?<br />
Michelsen: Ich hoffe, dass ich<br />
das immer bin. Und ich hoffe, dass nie<br />
Bequemlichkeit und Beliebigkeit übernehmen<br />
werden. Früher bin ich sicherlich<br />
schneller gegen Wände gelaufen<br />
damit, weil ich das war, was man bei<br />
Männern meinungsstark und bei Frauen<br />
dann schnell kompliziert nennt. Aber<br />
inzwischen kann ich manche Dinge anders<br />
tolerieren oder sagen wir, diplomatischer<br />
agieren, vielleicht ist das schon<br />
ein Hauch von Altersmilde? Natürlich<br />
suche ich immer noch den Dialog,<br />
fordernd, aber liebevoll. Und solange<br />
uns die Neugier miteinander und aufeinander<br />
erhalten bleibt, ist alles gut.<br />
MAX: Von der vermeintlichen Altersmilde<br />
noch mal zurück in die Jugend und zu<br />
den Fotos, die Sie mitgebracht haben.<br />
Auf zweien davon sind Sie mit einer<br />
Kamera zu sehen, einmal als kleines Kind<br />
und einmal als Jugendliche …<br />
Michelsen: Fotografie hat mich<br />
tatsächlich schon immer interessiert.<br />
Das festgehaltene Bild, der Moment.<br />
Bilder als Komposition, die Kamera als<br />
Geschichtenerzähler. Eine Ebene, die<br />
für mich beim Filmemachen enorm<br />
wichtig ist. Es gibt das Geschriebene,<br />
das Gesprochene, das Gefühlte und<br />
nun die Entscheidung, was das Kameraauge,<br />
also auch das Publikum sehen<br />
darf oder soll. Die Kamera ist für mich<br />
seit jeher ein enorm wichtiger Partner<br />
bei der Arbeit, fast wie eine Liebesbeziehung.<br />
Das Auge, mit dem man<br />
immer in Verbindung steht. Aber Fotografie<br />
hat sich verändert, weil jeder<br />
zu jedem Zeitpunkt alles und jedes<br />
Ding fotografieren und diese Massenproduktion<br />
ins mediale Universum<br />
Produktion: Josephine Kaatz; Fotografie und<br />
Locationsscouting: Rafaela Pröll; Styling: Jan Pokorný,<br />
Haare/Make Up: Rebecca Schmitz / Nina Klein;<br />
Artist Management: Katy Steinfeld / Steinfeld PR<br />
und Management. Vielen Dank an das Team<br />
vom Babylon Berlin Kino für ihre Unterstützung sowie einen<br />
großen Dank an <strong>Max</strong> Mara, COS und Zalando.<br />
schleudern kann. Unendlich viele<br />
Momentaufnahmen, die meiner Meinung<br />
nach leider nur selten noch<br />
wirklich eine Bedeutung haben.<br />
Ent wertet durch Inflation. Auch verwundert<br />
es mich immer wieder, wie<br />
normal es doch geworden ist, dass man<br />
sich heutzutage in jeglicher Lebenslage<br />
„selbst“ fotografiert. Irre, wie schnell<br />
das alles ging, was macht das mit dem<br />
Selbstwertgefühl, würde mich echt<br />
interessieren. Ist denn nicht der Blick<br />
nach außen viel spannender als der auf<br />
sich selbst? Nun ja. Wahrscheinlich<br />
braucht es auch diese Phase.<br />
SEPTEMBER 2022
CLAUDIA MICHELSEN 55<br />
„Jeder kann zu jedem Zeitpunkt alles<br />
und jedes Ding fotografieren und ins<br />
mediale Universum schleudern.<br />
Unendlich viele Momentaufnahmen, die<br />
leider nur noch selten eine Bedeutung<br />
haben. Entwertet durch Inflation.“<br />
MAX: Wissen Sie noch, wann diese beiden<br />
alten Fotos von Ihnen entstanden sind?<br />
Michelsen: Auf dem älteren müsste<br />
ich im Garten meiner Großeltern sein,<br />
außerhalb von Dresden. Mein Großvater<br />
hatte mehrere Kameras, mit denen<br />
haben wir oft Fotos gemacht, natürlich<br />
noch auf Film. Später hatte dann Jürgen<br />
Michelsen, mein Adoptivvater, eine<br />
Dunkelkammer, in welcher wir viel mit<br />
Fotografie experimentiert und die<br />
Fotos selbst entwickelt haben. Wie eben<br />
das zweite Foto auch, entstanden an<br />
der Ostsee. Zwei Momentaufnahmen,<br />
die bleiben.<br />
1975 EINSCHULUNG IN DRESDEN.<br />
MAX: Frau Michelsen, wir danken für<br />
dieses Gespräch!<br />
SEPTEMBER 2022
Wendung<br />
58
ELEKTRISCH FAHREN 59<br />
TEXT WILLY LODERHOSE<br />
Strom<br />
SEPTEMBER JUNI 2022 2022
Fiat 500e Cabrio – hier die Sonderversion<br />
Wendung<br />
„la Prima“ mit einem Audiosystem, das der italienische<br />
Meistertenor Andrea Bocelli verfeinert hat.<br />
60<br />
Aufbruchstimmung? Gestern war Pandemie,<br />
heute ist Krieg, morgen mangelt<br />
es an Energie – ist das der richtige Zeitpunkt,<br />
um den Fuhrpark elektrisch aufzurüsten?<br />
Die staatlichen Subventionen für<br />
Elektroautos werden schon bald weniger,<br />
die für die unsäglichen Plug-in-Hybride<br />
werden gleich ganz gestrichen, weil kaum<br />
einer die Dinger richtig auflädt. Immerhin:<br />
Der Ausbau der Lade-Infrastruktur<br />
im Land läuft auf Hochtouren, in den<br />
Ballungszentren gibt es immer mehr Ladesäulen,<br />
und an den großen Verkehrsadern<br />
der Republik gibt es immer mehr<br />
HPCs, High Power Charger, die den Ladevorgang<br />
weiter verkürzen, erst recht,<br />
wenn man mit der aktuellen Generation<br />
von E-Mobilen vorfährt. Die sollte es aber<br />
schon sein, denn mit einem fünf Jahre alten<br />
Smart eDrive oder BMW i3, immer<br />
noch gute Autos übrigens, deren kleine<br />
Akkus noch fast so funktionieren wie am<br />
ersten Tag, kommen Sie halt nicht so weit,<br />
wenigstens wenn das eine Ihrer Anforderungen<br />
sein sollte.<br />
Und wenn Sie jetzt zuschlagen<br />
möchten – welches Elektroauto sollte<br />
es sein? Das hängt natürlich in erster<br />
Linie vom Nutzungsverhalten ab, dann<br />
vom Budget und – das sagt Ihnen aus<br />
der Wirtschaft kaum jemand – von Ihrer<br />
Bereitschaft, ernsthaft nachhaltig mobil<br />
zu sein. Das bedeutet, das Fahrzeug, das<br />
Sie jetzt kaufen, auch für einen langen<br />
Zeitraum, sagen wir sieben bis zehn Jahre,<br />
zu behalten und sich nicht darum zu<br />
kümmern, dass es irgendwann vielleicht<br />
„noch nachhaltigere“ Autos gibt, mit<br />
leichteren Batterien oder längerer theoretischer<br />
Reichweite. Verabschieden Sie<br />
sich vom gestrigen Denken der Art: alle<br />
zwei Jahre das Neueste!<br />
Denn Fakt ist: Heute ist die Produktion<br />
der meisten Automobile noch immer<br />
eine Umweltsünde, und Sie müssen lange<br />
emissionslos fahren, um Ihr Umweltgewissen<br />
hier zu beruhigen – wenn Sie<br />
ein tonnenschweres Luxus- oder Sportfahrzeug<br />
elektrisch bewegen, erst recht.<br />
Aber wenn Sie das tun, ist die Auswahl<br />
schon recht groß. Aber welches sind nun<br />
die besten E-Autos, die Sie heute kaufen<br />
können, und warum?<br />
DER BESTE<br />
E-KLEINWAGEN:<br />
Fiat 500<br />
Gleich vorweg: Im „Kleinwagen-Segment“,<br />
wie der Autojournalist das nennt,<br />
ist die Auswahl derzeit noch erschreckend<br />
gering, denn klassischerweise<br />
sind die Gewinnmargen der Hersteller<br />
für das einzelne Fahrzeug zu gering, um<br />
die Investitionen in die teuren neuen<br />
Technologien amortisieren zu können.<br />
Außerdem müsste man bei preiswerten<br />
Kleinwagen große Mengen günstig fertigen,<br />
und hier fehlen einfach noch a)<br />
die Produktionskapazitäten und b) die<br />
Rohstoffe für die Akkus, die ebenso wie<br />
die Chips der Batteriemanagement- und<br />
Steuersysteme vielerorts noch immer<br />
teuere Mangelware sind. Der schönste<br />
Silberstreifen an diesem Horizont ist<br />
SEPTEMBER 2022
ELEKTRISCH FAHREN 61<br />
Renault Zoe – der Frontlader.<br />
„Umwerfend,<br />
charismatisch und mit<br />
der Fähigkeit,<br />
Veränderungen herbeizuführen:<br />
Der neue Fiat 500<br />
tritt an, ein Objekt<br />
der Begierde nach<br />
emissionsfreier Mobilität<br />
im Stil der legendären<br />
Dolce Vita zu werden.“<br />
Honda e – wunderschönes Retrodesign<br />
zum stolzen Preis.<br />
OLIVIER FRANÇOIS,<br />
Präsident Fiat Brand Global<br />
längst auf dem Markt, sogar als (Fast-)Cabrio, und<br />
er findet völlig zu Recht eine große Fangemeinde.<br />
Die Auto-Ikone Fiat 500 ist als Elektroauto mit einer<br />
für die meisten Zwecke ausreichenden 42-kWh-Batterie<br />
lieferbar. Diese Knutschkugel bewies in vielen<br />
Tests und Praxisstunden, dass sie das Gegenteil des<br />
früher klapprigen und rostigen Fiat-Images bietet:<br />
gute Verarbeitung, gute Fahrleistungen, Reichweiten<br />
von über 400 Kilometer und das alles zu einem<br />
unschlagbar günstigen Preis. Die Legende lebt.<br />
Ebenfalls ein ziemlich tolles Autos ist auch der<br />
Honda-E mit seinem wunderschönen Retro design,<br />
seinen acht Frontdisplays und digitalen Rückspiegeln.<br />
Leider neu zu teuer und fürs Geld zu wenig<br />
Reichweite. Günstig und gut in dieser Klasse ein<br />
weitere Klassiker: der erprobte und inzwischen verbesserte<br />
Renault Zoe.<br />
SEPTEMBER 2022
Wendung 62<br />
Volkswagen ID. 3 – das erste Elektroauto,<br />
das sowohl vom Design als auch von Fahrdaten, Reichweite<br />
und Preis her ein breites Publikum anspricht.<br />
DER BESTE<br />
E-VOLKSWAGEN:<br />
ID. 3<br />
Auch wenn es das Model 3 des Elektropioniers<br />
Tesla war, das reinen BEVs (Battery<br />
Electric Vehicle) den Sprung in den<br />
Massenmarkt ermöglichte, der derzeit<br />
beste Allrounder in diesem Segment ist<br />
ein echter Volkswagen. Der Noch-VW-<br />
Chef Herbert Diess, ein oft unbequemer<br />
Denker der Branche, hat sich bei Elon<br />
Musk einige Tricks abgeschaut und vor<br />
allem mit einem Baukastensystem, mit<br />
dem man viele Autoklassen auf einer<br />
Plattform fertigen kann, eine Basis für E-<br />
Autos geschaffen, die über ihre gesamte<br />
Wertschöpfungskette hinweg bilanziell<br />
klimaneutral sein sollen.<br />
Erstes Beispiel war der ID. 3, der<br />
jetzt schon im dritten Jahr und mit verbesserter<br />
Software (auch für die ersten<br />
Exemplare) die Benchmark setzt, sowohl<br />
für Kunden als auch für Wettbewerber.<br />
Er wurde zum würdigen Golf-Nachfolger,<br />
der im Praxisbetrieb sowohl auf der<br />
Straße als auch an der Ladesäule zeigt,<br />
wie Mobilität heute geht. Dafür müssen<br />
Sie nicht mal selbst einen kaufen:<br />
In vielen Ballungsgebieten gehören große<br />
Flotten von „WeShare“-ID. 3s längst<br />
zum Straßenbild, das Fahrzeug hat viele<br />
Fans, die tagtäglich beweisen, dass das<br />
funktioniert.<br />
Ein weiteres Brot-und-Butter-Auto<br />
dieser Größe kommt aus Korea: Der Kia<br />
E-Niro läuft dieser Tage schon in der<br />
zweiten Generation mit einer beeindruckenden<br />
Qualität, europäischem Design<br />
und bald hoffentlich auch dem Image,<br />
das ihm zusteht, vom Band. Er bietet<br />
fast 500 Kilometer Reichweite und jede<br />
Menge ansprechender Features in einem<br />
nicht billigen, dafür aber preiswerten<br />
Fahrzeug.<br />
DER BESTE<br />
SUV:<br />
Hyundai Ioniq 5<br />
Aus demselben Konzern, nämlich Hyundai,<br />
kommt auch der Ioniq 5, der mit seinen<br />
Innovationen manchem deutschen<br />
Premiumhersteller das Leben erschwert.<br />
Nur er und der Kia EV6 sind mit einer<br />
800-Volt-Ladetechnik ausgestattet – was<br />
hierzulande bislang nur der Porsche<br />
Taycan und sein schneller Bruder Audi<br />
e-tron GT schaffen. Der Ioniq 5 ist ein<br />
Škoda Enyaq iV – ein bildhübscher Strom-SUV<br />
aus dem VW-Konzern mit gehobener Ausstattung, der in<br />
mehreren Akku-Varianten lieferbar ist.<br />
supermoderner elektrischer SUV, und<br />
sein hervorstechendstes Merkmal ist<br />
zweifellos die Fähigkeit, an der Autobahn<br />
Strom für 300 bis 400 Kilometer in<br />
einer guten Viertelstunde nachzuladen.<br />
Das alte „Petrolhead“-Argument mit der<br />
miesen Reichweite zieht hier nicht mehr.<br />
Aber auch sonst ist der Ioniq 5 ein Fahrzeug<br />
aus der Zukunft: Mit seinem Cockpit,<br />
(optionalen) Solarpanels und der<br />
Möglichkeit, die Fuhre als Stromspeicher<br />
fürs Haus oder als Stromquelle für andere<br />
Verbraucher zu nutzen, ist man ganz<br />
weit vorn.<br />
Software-Updates sind, wie bei<br />
Smartphones, OTA, also „Over the Air“,<br />
möglich – hiervon sollten Sie sich jedoch<br />
noch nicht allzu viel versprechen, denn<br />
SEPTEMBER 2022
ELEKTRISCH FAHREN 63<br />
Kia e-Niro Generation 2 –<br />
die Koreaner haben inzwischen<br />
sehr viel Erfahrung mit allen<br />
Facetten der E-Mobilität.<br />
Hyundai Ioniq 5 – ein Auto aus der Zukunft.<br />
Hohe Reichweite, 800 Volt-System für<br />
Blitzschnell-Laden, außergewöhnliches Design.<br />
„Der ID. 3<br />
war der Aufbruch in ein<br />
neues Zeitalter der<br />
Mobilität und der Aufbruch<br />
in das digitale<br />
Zeitalter des Designs, in dem<br />
wir mit neuesten<br />
Arbeitsweisen virtuell und<br />
teamübergreifend die<br />
bestmögliche User<br />
Experience kreieren wollen.“<br />
KLAUS BISCHOFF,<br />
Leiter Volkswagen Konzern Design<br />
das betrifft derzeit vor allem Infotainment-Features<br />
und Navi-Kartenmaterial.<br />
Da wir uns hier in der Klasse der<br />
SUVs bewegen, dem Boom-Segment<br />
schlechthin, in dem die Margen für die<br />
Hersteller traditionell hoch sind, gibt<br />
es Konkurrenz, und die ist auch nicht<br />
schlecht. Dem zuvor erwähnten Elektro-<br />
Baukasten von VW entspringen zum Beispiel<br />
der souveräne ID. 4 und sein Konzernbruder<br />
Škoda Enyaq iV, die beide in<br />
Tests manches amerikanische, chinesische<br />
oder japanische Elektroauto hinter<br />
sich ließen. Komfort, Reichweite, Wartungsfähigkeit,<br />
Fahrverhalten, Stromverbrauch<br />
und am Ende der Preis – die<br />
Weitsicht der VW-Visionäre macht sich<br />
hier bezahlt.<br />
Volkswagen ID.Buzz – der schönste<br />
elektrische Kleinbus und die Wiederauferstehung einer Legende.<br />
Außer Konkurrenz in diesem Vergleich.<br />
SEPTEMBER 2022
Wendung 64<br />
DER BESTE<br />
E-SPORTWAGEN:<br />
Porsche Taycan<br />
Wie man State-of-the-art-Sportwagen<br />
baut, wissen die Ingenieure der Marke<br />
seit Jahrzehnten, mit Innovationen und<br />
Emotionen spielen sie gekonnt – Porsche<br />
ist für viele „die“ Inkarnation des Sportwagens.<br />
Doch eine solche Aura ins Zeitalter<br />
der Elektromobilität mitzunehmen,<br />
hielt selbst Firmenlegende Walter Röhrl,<br />
der beste Rallyefahrer aller Zeiten, lange<br />
für unmöglich. Seitdem er den vollelektrische<br />
Taycan fuhr, sieht er es differenzierter,<br />
denn dieses Auto kann (fast)<br />
alles, was die besten Benziner auch können,<br />
manches sogar besser. Man könnte<br />
jetzt fragen, warum man mit einem Auto<br />
gut driften können sollte, aber das ist<br />
die falsche Frage. Fest steht: Im Portfolio<br />
für den Taycan gibt es garantiert ein<br />
Modell, mit dem jeder Porsche-Fan auch<br />
elektrisch glücklich wird. Und selbst<br />
wer lange Strecken gern schnell fährt,<br />
wird fündig, denn das Laden mit dem<br />
800-Volt-System flutscht. Solange es keinen<br />
Elektro-Elfer gibt, gibt es in dieser<br />
Klasse keine Konkurrenz für den Taycan.<br />
Wobei: Sein Konzern-Buddy Audi e-tron<br />
GT, antriebsmäßig fast gleich ausgestattet<br />
und nur etwas anders abgestimmt,<br />
könnte ebenfalls eine gute Wahl sein,<br />
und in der RS-Ausführung mit 646 PS<br />
ab 140 000 Euro kann man damit am<br />
Wochenende auf der Nürburgring-Nordschleife<br />
mal einen Satz Reifen für 6000<br />
Euro verheizen.<br />
Übrigens: Fast genau so viele PS<br />
(585), aber nur halb so viele Gänge (nämlich<br />
einen) hat der Kia EV6 GT, das zwar<br />
Porsche Taycan – der beste Sportwagen ist<br />
immer ein Porsche, auch wenn er rein elektrisch fährt:<br />
Emotionen und Leistung pur.<br />
übermotorisierte, aber hochinnovative<br />
Sportmodell der EV6-Reihe, das in<br />
3,4 Sekunden von null auf hundert sprintet.<br />
Der gelbe GT-Knopf hat’s in sich!<br />
DIE BESTE<br />
E-MITTELKLASSE:<br />
BMW i4<br />
Seit Jahrzehnten kommen die besten Mittelklasse-Pkws<br />
aus München, „Dreier“<br />
und „Fünfer“ wurden zum Synonym für<br />
Limousinenqualität.<br />
Als sich die automobile Zeitenwende<br />
abzeichnete, waren die Weiß-Blauen<br />
früh am Start: Der kompakte i3 war eine<br />
komplette E-Neukonstruktion, bestand<br />
aus recyceltem Material und hatte einen<br />
Anspruch, bei dem die raue wirtschaftliche<br />
Wirklichkeit nicht mitkam. Er war<br />
seiner Zeit zu weit voraus und polarisierte<br />
zu stark.<br />
All die Erfahrung jedoch, die in<br />
ihm steckt, kulminiert nun in BMWs so<br />
wichtiger Businessklasse der Elektromobilität,<br />
nämlich im i4, dem neuen<br />
„Vierer“ – der mit wunderschöner Linienführung<br />
vollelektrisch, teilautonom mit<br />
modernsten Assistenzsystemen und einem<br />
großen Akku für enorme Reichweiten<br />
bei Reisetempo vorfährt. Das Auto<br />
ist zudem bärenstark, wer will und kann,<br />
mobilisiert bis zu 544 PS und ordert eine<br />
elektrische Anhängerkupplung, die bis<br />
zu 1,6 Tonnen, also locker einen Wohnwagen,<br />
ein Pferd oder ein Boot zieht. Er<br />
SEPTEMBER 2022
ELEKTRISCH FAHREN 65<br />
Audi E-tron GT – Kraft ohne Ende, dabei<br />
noch immer eine grazile Schönheit.<br />
„Unsere konsequente<br />
Strategie ist, in<br />
jedem Segment das<br />
sportlichste Fahrzeug anzubieten.<br />
Das drückt sich<br />
beim Design in den<br />
Proportionen aus, also einem<br />
dramatischeren Breiten-<br />
Höhen-Verhältnis.<br />
Ich wage zu behaupten, dass<br />
wir die Architektur rein<br />
elektrisch betriebener<br />
Fahrzeuge ein Stück weit neu<br />
definiert haben.“<br />
MICHAEL MAUER,<br />
Leiter Style, Porsche<br />
BMW i4 – der Vierer hat das Zeug zum<br />
schönsten und besten Mittelklasse-Coupé mit rein<br />
elektrischem Antrieb.<br />
ist ein wahres „Gran Coupé“, in dem man<br />
gut und gern mit der ganzen Familie<br />
reist, jedenfalls wenn die Kinder auf den<br />
Rücksitzen noch nicht 1,90 Meter groß<br />
sind. Elektroautos sind leise – dieses ist<br />
besonders leise und damit eindeutig ein<br />
Statement für Understatement.<br />
Wer sich in diesem Autosegment<br />
umsieht, kommt auch um das Tesla Model<br />
3 nicht herum – jenes Auto, das den<br />
Erfolg und den Reichtum von Visionär<br />
Elon Musk beflügelte und der Elektromobilität<br />
insgesamt einen gehörigen<br />
Push ermöglichte. Es ist irgendwie anders,<br />
und damit ein tolles Auto. Man<br />
muss aber hoffen, das Musk sich angesichts<br />
zahlreicher weiterer Aktivitäten<br />
nicht verzettelt.<br />
SEPTEMBER 2022
Wendung ELEKTRISCH FAHREN 66<br />
Mercedes-Benz EQS – das Maß aller<br />
Dinge im elektrischen Luxussegment.<br />
Aussehen, Leistung, Innovationen – von allem<br />
gibt es mehr als genug.<br />
DER BESTE<br />
E-LUXUSWAGEN:<br />
Mercedes EQS<br />
„Der Luxus der<br />
Zukunft wird anders sein<br />
als heute. Er wird<br />
verantwortungsvoller sein.<br />
Er wird nachhaltiger<br />
sein. Und er wird immer noch<br />
schön bleiben.<br />
Beim EQS geht es um das<br />
markante Gesicht<br />
unserer Marke und um ein<br />
kraftvolles Aussehen,<br />
das mit seiner Aerodynamik<br />
den Treibhauseffekt<br />
reduziert.“<br />
GORDEN WAGENER,<br />
Chief Design Officer, Mercedes-Benz Group<br />
Zu Recht wurde Mercedes jahrelang gescholten,<br />
die Entwicklung hin zum Elektroauto<br />
verschlafen zu haben. Allein<br />
deren frühere Beteiligung an Tesla wäre<br />
heute fast so viel wert wie der ganze Konzern,<br />
hätte man sie einst nicht weiterverkauft.<br />
Doch der Schuster blieb bei seinen<br />
Leisten und konzentrierte sich auf das<br />
Luxussegment im Automobilbau. Das<br />
zahlt sich jetzt endlich aus, denn der<br />
Mercedes EQS, die neue, elektrische S-<br />
Klasse, unterstreicht eindrucksvoll, wer<br />
in diesem prestigeträchtigen Segment<br />
die Innovationsführerschaft nach wie<br />
vor innehat. Der EQS ist das bislang unangefochtene<br />
Nonplusultra bei den E-<br />
Autos. Besser geht es derzeit nicht, und<br />
wir können und möchten Ihnen in dieser<br />
Klasse auch weder einen Rolls-Royce,<br />
Bentley oder sonst ein Fahrzeug empfehlen.<br />
In Vollausstattung mit dem futuristischen<br />
MBUX-Cockpit, das fast die<br />
Breite des Fahrzeugs einnimmt und trotz<br />
aller Möglichkeiten erstaunlich intuitiv<br />
und einfach bedienbar ist, ist der EQS<br />
konkurrenzlos. Dort, wo andere Firmen<br />
mit großen Volt-Zahlen beim Laden auftrumpfen,<br />
bietet Mercedes dank seiner<br />
formschönen Windschnittigkeit und<br />
eines perfekt abgestimmten Batteriemanagements<br />
Reichweiten von bis zu 600<br />
und mehr Kilometern – eine Viertelstunde<br />
Pause bringt dann am Schnelllader<br />
weitere 300 Kilometer.<br />
Wie immer, wenn eine neue S-Klasse<br />
den Markt erreicht, sendet auch der EQS<br />
das Signal aus: Eines Tages werden alle<br />
Elektroautos viele dieser Features haben<br />
und das vielleicht sogar zu einem etwas<br />
günstigeren Preis.<br />
SEPTEMBER 2022
LOUNGE<br />
Wir wollen nach oben! Mit neuen<br />
Ausstellungen, Produkten für einen nachhaltigen<br />
und entspannten Lebensstil und Gadgets, die<br />
uns einfach Spaß machen.<br />
Mit gutem<br />
Geschmack in bester<br />
Gesellschaft<br />
SEPTEMBER 2022
Wendung<br />
68<br />
Freund &<br />
Helfer?<br />
DIE ERSTE 3-D-GEDRUCKTE STAHLBRÜCKE FÜR DAS HISTORI<br />
SCHE ZENTRUM VON AMSTERDAM NACH DEN ENTWÜRFEN DES<br />
NIEDERLÄNDISCHEN DESIGNERS JORIS LAARMAN.<br />
Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein sind die Roboter<br />
aufmarschiert. Losgelöst von reiner Objektkunde, geht es hier<br />
aber um ihre gesellschaftliche Ambivalenz. Denn obwohl KI in<br />
keinster Weise mehr aus dem Alltag wegzudenken ist, changieren<br />
doch die Meinungen zwischen der Hoffnung auf Hightech-<br />
Lösungen, die uns ein paradiesisches Leben versprechen, und der<br />
Angst vor einer kompletten Entmündigung des Menschen. Die<br />
gezeigten 200 Exponate aus Industrie und Lifestyle machen deutlich,<br />
wie sehr unser gesamtes Leben schon heute von Robotern<br />
durchdrungen ist. Aber auch, wie stark politische Interessen –<br />
etwa Wahlen, Diversitäts- oder Klimawandel-Debatten – durch<br />
Algorithmen gesteuert werden können. Deshalb greift die Ausstellung<br />
die ethischen, sozialen und politischen Fragen auf, die<br />
mit dem wachsenden Einfluss der Robotik verbunden sind. Eine<br />
Ausstellung die gelungen reflektiert – denn wir sind im Science-<br />
Fiction längst angekommen. Nur wo ist eigentlich R2-D2?<br />
„Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine“<br />
24. September ’22 bis 5. März ’23<br />
DIE ARCHITEKTEN HÖWELER + YOON HABEN<br />
EIN GEBÄUDE MIT MODULEN BEDECKT, IN<br />
DENEN ALGEN FÜR BIOKRAFTSTOFF WACHSEN.<br />
DAS „LIFT-BIT“-DESIGN VON CARLO<br />
RATTI ASSOCIATI SOLL SICH MENSCH LICHEN<br />
BEDÜRFNISSEN ANPASSEN.<br />
DER SPIDER DRESS 2.0<br />
VON ANOUK WIPPRECHT<br />
NIMMT DIE BIOLOGISCHEN<br />
SIGNALE DES KÖRPERS<br />
AUF. BEI BEDROHUNG<br />
WERDEN DIE ARME<br />
ALS VERTEIDIGUNGS<br />
MECHANISMUS AKTIVIERT.<br />
SEPTEMBER 2022
MAX LOUNGE<br />
69<br />
Ganz<br />
neue Töne<br />
Jetzt ist Vorstellungskraft gefragt:<br />
Schwarzkopf Professional hat gemeinsam<br />
mit den britischen Kreativen von<br />
Theunseen Beauty der Natur etwas<br />
abgeguckt: Der Haarfarbe „Colour<br />
Alchemy“ gelingt es durch eine Kristallformel,<br />
die Haare – je nach Temperatureinfluss<br />
– unterschiedlich schillern<br />
zu lassen. Dabei lässt sich unter fünf<br />
verschiedenen Farbvarianten wählen. So<br />
legt sich „Scarab“ unsichtbar ums Haar<br />
und bietet schimmerndes Solarorange,<br />
Jasmingrün und Lapis-Blau, während<br />
„Phoenix“ bernsteinrot färbt und in<br />
verbranntem Orange, Blütenstaubgelb<br />
und Ultraviolett changiert.<br />
schwarzkopf-professional.com<br />
Design –––<br />
Titan<br />
Zum 50. Jubiläum von Porsche Design lässt<br />
ein 3-D-Druckprozess made in Germany<br />
Titan pulver zu einem Brillengestell werden.<br />
Das formvollendete Modell 50Y Iconic 3D<br />
ist auf lässige 911 Stück limitiert.<br />
Ca. 1190 €, porsche-design.com<br />
Wärmstens<br />
empfohlen<br />
Der nächste Winter könnte kalt werden.<br />
Für Wärmendes lässt das Performance-<br />
Label Canada Goose keine Wünsche offen.<br />
So gibt es neben Klassikern wie Daunenjacken<br />
auch innovative „Cypress Puffer Boots“.<br />
Die wasserabweisenden Stiefel sind nicht<br />
nur echte Leichtgewichte, sondern ihnen<br />
gelingt es nachweislich, Temperaturen von<br />
bis zu –15° C außen vor zu halten.<br />
Ca. 495 €, canadagoose.com<br />
Flaschenpost<br />
Inspiriert von frischer Küsten -<br />
atmosphäre, verströmt der Duft<br />
„XX Artisan Teal“ Noten von Zitrone,<br />
Treibholz und Meersalz. Immer gut!<br />
Ab 73 €, johnvarvatos.com<br />
SEPTEMBER 2022
Wendung<br />
70<br />
Farm to<br />
table<br />
Gut behütet<br />
Die Hutmanufaktur<br />
Mayser aus Ulm stellt seit<br />
1800 erfolgreich Kopfbedeckungen<br />
her. Wie den<br />
Buckethat aus braunem Cord.<br />
Ca. 80 €, mayserhats.com<br />
Eine wirklich imposante Gastlichkeit<br />
kann man inmitten<br />
des spanischen Douro-Tals in<br />
einem ehe maligen Prämonstratenserkloster<br />
aus dem<br />
12. Jahrhundert erleben. Im<br />
Speisesaal der Mönche hat<br />
man nicht nur einen Blick auf<br />
ein Abendmahl-Fresko aus<br />
dem Jahr 1670, sondern kann<br />
auch eine zukunftsweisende,<br />
gehobene und nachhaltige<br />
Küche, die mit einem grünen<br />
Michelin-Stern ausgezeichnet<br />
ist, genießen: Es wird hauptsächlich<br />
frisches Gemüse<br />
aus dem eigenen Biogarten<br />
verarbeitet.<br />
abadia-retuerta.com<br />
Der belgische Designer Dries van Noten<br />
steht nicht nur auf Mustermix: Seine<br />
Düfte „Sur ma Peau“ und „Orange<br />
Smoke“ können zusammen oder allein<br />
getragen werden. Unisex und<br />
nachfüllbar. Eau de Toilette 200 ml,<br />
je ca. 200 €, driesvannoten.com<br />
SPOTTED NEWS<br />
Die limitierte Edition „Große Freiheit“<br />
der Manufaktur Treuleben und des<br />
Urban-Art-Illustrators Sasan Pix hat dazu<br />
geführt, dass es fünf unterschiedliche<br />
Journal-Motive gibt – wie zum Beispiel<br />
„Eye of the Tiger“, die per Hand im<br />
Siebdruckverfahren auf das in Leder<br />
gebundene Notizheft gedruckt sind.<br />
Ca. 220 €, exklusiv über bethge.store<br />
SEPTEMBER 2022
MAX LOUNGE<br />
71<br />
Marco Lanowy<br />
Die Heftstruktur von MAX basiert als erste Zeitschrift auf der „Heldenreise“<br />
des Mythenforschers John Campbell. Passend zu unseren Stichworten gab uns der<br />
Modeunternehmer Antworten aus reicher Lebenserfahrung.<br />
AUFbruch<br />
Aufbruch verbinde ich mit Dynamik,<br />
etwas bewusst in Bewegung zu setzen,<br />
voranzutreiben. Das Gegenteil von<br />
Stillstand. Mich treibt es an, Neues zu<br />
sehen, zu entwickeln und auch Neues<br />
oder Unerwartetes zu denken. Alles,<br />
was abseits ausgetretener Pfade stattfindet,<br />
liebe ich.<br />
VITA<br />
Der Rheinländer Marco Lanowy<br />
ist ein passionierter Biker und<br />
seit 2005 in der Geschäftsleitung<br />
des Mönchengladbacher<br />
Familienunternehmens Alberto,<br />
das in diesem Jahr sein hundertjähriges<br />
Jubiläum feiert.<br />
VORbild<br />
Ich hatte nie ein einziges Vorbild.<br />
Allerdings schätze ich die Generation<br />
vor mir und die Werte, die transportiert<br />
werden. Und auch ich wiederum<br />
möchte ein Vorbild für die nächste<br />
Generation sein, für meine Kinder,<br />
aber auch ganz alltäglich für meine<br />
Familie und mein Umfeld.<br />
WENdung<br />
Aus jeder Wendung ergibt sich ein<br />
Richtungs- und somit ein Perspektivwechsel.<br />
Ich mag es, Dinge ganz bewusst<br />
aus einer anderen Sicht zu sehen.<br />
Tatsächlich fällt es mir leicht, über<br />
den Tellerrand hinauszublicken und<br />
den Blick nach vorn zu richten.<br />
Was als kleine Näherei<br />
begonnen hat, ist zu einem<br />
internationalen Hosenlabel<br />
geworden: Alberto bei<br />
Oberpollinger in München.<br />
VERänderung<br />
Jeder Lebenszyklus beinhaltet den Wandel.<br />
Je mehr wir wissen, umso mehr nehmen<br />
wir Veränderung wahr. Das hat viel<br />
mit Erkennen und Erfahrung zu tun.<br />
Aktiv verändern kann ich, was ich<br />
mir bewusst mache.<br />
HERAUSforderung<br />
Einerseits ist das mein Daily Business als<br />
Geschäftsführer von Alberto mit der Verantwortung<br />
für unser Team, die Händler<br />
und Produzenten. Die größte und gleichzeitig<br />
schönste Herausforderung ist es<br />
jedoch bis heute für mich, Vater zu sein.<br />
TRIumph<br />
Der Begriff hat für mich etwas Monumentales,<br />
etwas Kriegerisches. Damit kann<br />
ich nicht viel anfangen. Ich bin ein überzeugter<br />
Teamplayer, wobei ich jederzeit<br />
gerne Verantwortung übernehme.<br />
Teamleistung steht für mich über allem,<br />
privat wie geschäftlich.<br />
Immer in Bewegung und<br />
den Blick nach vorn – auch<br />
im Jubiläumsjahr – mit<br />
innovativen Partnern, wie der<br />
Bike-Manufaktur Urwahn.<br />
Alberto ist flexibel und ein<br />
wandlungsfähiges Unternehmen:<br />
Vor fast 20 Jahren<br />
wurde die Golflinie erfolgreich<br />
etabliert.<br />
SEPTEMBER 2022
Wendung<br />
72<br />
MACH<br />
mal langsam<br />
Wenn es um gesundes Wachstum geht,<br />
sollte die ganze Welt zwingend von der<br />
Weinwelt lernen. Es gibt mit Sicherheit<br />
keine andere frei agierende Branche<br />
und auch keine andere Wirtschaftskultur,<br />
in welcher das Wort Wachstum<br />
so bewusst mit Nachhaltigkeit – jedoch<br />
auf keinen Fall mit der Kontradiktion<br />
von Wachstum – gleichgesetzt wird.<br />
Branchenweit empfindet man Wachstum<br />
in der Welt des Weines mehr als<br />
Entfaltung, Aufbau und Entwicklung<br />
denn als Anstieg, Zugewinn und<br />
Ausbreitung. Gegenspurig zur übrigen<br />
Wirtschaftswelt fundiert sich der<br />
gesamte Qualitätsweinbau auf Beständigkeit,<br />
Langsamkeit und Beharrlichkeit,<br />
also die eigentlichen Antonyme<br />
des großen Wortes Wachstum.<br />
Alles geschieht ein wenig bedachter,<br />
aufmerksamer, bewusster und tiefgreifender.<br />
Geschuldet ist das ohne<br />
Frage den natürlichen Gegebenheiten.<br />
Ein Rebstock benötigt vier Jahre bis er<br />
erträglich Früchte umhat. Und jeder<br />
Winzer plant eine neue Reblandschaft<br />
für mindestens ein Vierteljahrhundert.<br />
Trends sind daher ungleich zur sonstigen<br />
Welt hochgradig phlegmatisch.<br />
Abgesehen vom Weinbau selbst muss<br />
auch eine Weinkarte im Restaurant<br />
gesund wachsen und ein Weingeschmack<br />
und somit ein privater Weinkeller<br />
mit viel Erfahrung und Hang zur<br />
Selbstfindung herausgebildet werden,<br />
damit diese glaubwürdig und ernsthaft<br />
wirken. Fast überall ist der Weg<br />
das Ziel, und jeder Moment – auch im<br />
persönlichen Wachstum – könnte mit<br />
Bedächtigkeit und Lernen synonymisiert<br />
werden. Das große Ziel vieler<br />
Weinmenschen und Unternehmen ist<br />
es vielmehr, gegen unkontrolliertes<br />
und fremdgesteuertes Wachstum zu<br />
streben. Kapitalgetriebene egoistische<br />
Ausreißer werden in der Branche nicht<br />
unbedingt gefeiert. Zu schnelle Preisentwicklungen<br />
werden gedrosselt, übertriebene<br />
Begehrlichkeiten im Markt – zumindest<br />
von den Branchengrößen – nicht<br />
genährt. Besonders skurril wirkt für<br />
Außenstehende die Gravitationskonstante<br />
in der Spannung zwischen gern gesehener<br />
Entwicklung und vernunftgetriebener<br />
Hemmung der betrieblichen Evolution<br />
in den qualitätsfanatischen Bereichen<br />
dieser Wirtschaftskultur. Nicht selten<br />
arbeitet man mit Allokationen und streng<br />
limitierten Zuteilungen, denn als Weinhändler<br />
agiert man mit unwiederbringlichen,<br />
nicht reproduzierbaren und<br />
extrem limitierten Geschmackskunstwerken.<br />
Es gibt eigentlich fast keinen so<br />
dankbaren und fürsorglichen Markt wie<br />
den Weinmarkt. Als bewusster Winzer<br />
und Importeur sorgt man füreinander<br />
und schaut, dass es dem Partner gut geht.<br />
Für Menschen untypisch agieren viele<br />
lieber monogam statt bipolar und sinnen<br />
mehr auf aufbauende Beständigkeit statt<br />
auf fundamentloses Wachstum. Nicht<br />
zuletzt an den Preisen sieht man, dass<br />
es in den realen Partnerschaften darum<br />
geht, diese eher konstant zu halten<br />
und nicht ein maximales Wachstum aus<br />
einem etwaigen Erfolg zu rekrutieren.<br />
Es gibt glaube ich kaum ein besseres<br />
Beispiel in dieser Welt, bei dem weniger<br />
einfach so viel mehr ist.<br />
Ach gäbe es doch ein wenig mehr<br />
Weinwelt in dieser unseren Welt.<br />
DIE EMPFEHLUNGEN:<br />
Silvio Nitzsche<br />
Cuvée 101 (die Einhunderterfolge steht für<br />
die Rieslinge) & Cuvée 201 (die Zweihunderterfolge<br />
steht für die Burgundersorten)<br />
Sektgut Christmann & Kauffmann<br />
Gimmeldingen – Pfalz<br />
für ca. 35 € bei Weinhandlung Kreis<br />
www.wein-kreis.de<br />
Wenn zwei deutsche Weinkolosse wie<br />
Sophie Christmann und Matthieu Kaufmann<br />
sich finden um ein einzigartiges Projekt ins<br />
Leben zu rufen, muss das spektakulär<br />
werden. Als Gründer könnte man es mengenmäßig<br />
aufpumpen, um viel zu verkaufen,<br />
oder es qualitätsbesessen langsam wachsen<br />
lassen. Letzteres ist geschehen. Gegründet<br />
im Jahre 2019, wurden dieses Jahr<br />
die ersten Cuvées mit je nur 500 Flaschen<br />
freigegeben und über Nacht komplett verkauft.<br />
Einer der wohl außergewöhnlichsten<br />
Schaumweine Europas kommt im Jahr 2022<br />
aus Deutschland, aus Gimmeldingen.<br />
2021er VV Riesling VDP-Gutswein<br />
Weingut van Volxem Saar<br />
für 9,90 € beim Weingut<br />
www.vanvolxem.com<br />
Die deutsche Weinwelt ist ohne Roman<br />
Niewodniczanski nicht mehr vorstellbar.<br />
Er hat bewiesen, wie gesundes Wachstum<br />
funktionieren kann. 2000 übernahm er die<br />
Hof anlage und versuchte nicht erst Menge<br />
und dann Qualität, sondern von vornherein<br />
die besten Rieslinge Deutschlands zu<br />
produzieren, um dann langsam die Menge<br />
auszubauen. Gerade wurde die neue Manufaktur<br />
eröffnet und eine neue Dimension in<br />
der historisch fundierten Geschichte des<br />
Weingutes beschritten. Die Flaschen anzahl<br />
kann nun wachsen und wir Weingenießer<br />
können sicher sein, dass, wenn „VV“ auf der<br />
Flasche steht, ganz viel Saar darin ist.<br />
SEPTEMBER 2022
Move your life.<br />
Ein Stuhl, der bewegt.<br />
by Stefan Diez<br />
MEET US<br />
@DESIGNPOST COLOGNE<br />
Sonderausstellung zur Orgatec<br />
Stefan Diez – AW Designer<br />
des Jahres 2022<br />
25. – 29. Oktober 2022<br />
Design Post<br />
WAGNER Showroom<br />
Deutz-Mülheimer Str. 22A<br />
50679 Köln<br />
wagner_living<br />
Dondola® 4D – Das Beste für Ihren Rücken! 4-dimensional bewegtes Sitzen von WAGNER.<br />
www.wagner-living.de
Wendung<br />
74<br />
Einfach<br />
perfekt<br />
Die „Vital Skincare Complexion Drops“ sind die nächste<br />
Generation der Pflege-Make-up-Hybride. Die Formel arbeitet<br />
mit der Haut, nicht auf ihr – bietet umgehend Feuchtigkeit<br />
und eine atmungsaktive leichte Deckkraft mit einem<br />
strahlenden Finish. Die Mischung aus Tsubaki-Öl, Ginseng und<br />
Granatapfel-Extrakten verbessert die Textur, Festigkeit und<br />
Ausstrahlung der Haut. Ergebnis: Sie fühlt sich glatter an, ist<br />
gesünder und wirkt jünger.<br />
Termin ––<br />
geschäfte<br />
Ziemlich entspannend: Das<br />
Berliner Start-up Soulhouse ist<br />
die erste Vermittlungsplattform<br />
für Massagen von ausgesuch -<br />
ten, geprüften Therapeuten.<br />
Dank Steckbrief und Foto kann<br />
man seinen persönlichen Match<br />
wählen. Das Angebot hat nicht<br />
nur faire Preise, sondern bietet<br />
neben ersten Soulhouse-Studios<br />
einen mobilen Service für<br />
Massagen zu Hause, im Büro<br />
oder wo immer es beliebt.<br />
Derzeit ist das Angebot in Berlin<br />
und Hamburg buchbar, bald<br />
auch in München, Frankfurt und<br />
Köln/Düsseldorf. soulhouse.me<br />
Die Flaschen „Vital Skincare Complexion Drops“<br />
sind aus recycelbarem Zuckerrohr hergestellt und BPA- und<br />
Phthalat-frei. Westman Atelier, ca. 72 €,<br />
über niche-beauty.com<br />
SPOTTED NEWS<br />
SCHÖN GEPFLEGT<br />
Wer Soho-House-Member ist, kann im<br />
neuen Beach Spot in Brighton, England,<br />
chillen. Ganz demokratisch für alle<br />
dagegen die erste Unisex-Hautpflege mit<br />
multiaktiven Essentials. Die Formeln sind<br />
Global Player, unterstützen das Mikrobiom<br />
und die Hautgesundheit.<br />
Ab ca. 20 €, sohoskin.com<br />
SEPTEMBER 2022
MAX LOUNGE<br />
75<br />
LOUNGE_ Die Bestseller *<br />
MUSIK ▶<br />
KINO ▶<br />
FILM ▶<br />
Wir sagen Dankeschön<br />
– gute Sommerlaune<br />
erobert die<br />
Welt. Der 13 Jahre alte<br />
Song wird gerade<br />
zum Festivalhit.<br />
Die Flippers x<br />
Jerome feat. Olaf<br />
der Flipper<br />
Der Vibrafonist Gary<br />
Burton und der Pianist<br />
Chick Corea ergänzten<br />
sich 1972<br />
kongenial. Gerade in<br />
unserer lärmenden<br />
Zeit sollte man sich<br />
„Crystal Silence“ unbedingt<br />
gönnen. ECM<br />
SERIE ▶<br />
Vivaldis „Vier Jahreszeiten“<br />
– der<br />
Herbst dauert nur<br />
elf Minuten, kann<br />
aber für Stunden<br />
der Entspannung<br />
sorgen. Perfekt<br />
nach dem hitzigen<br />
Sommer.<br />
Thriller-Komödie<br />
über ein Paar, das<br />
auf einer malerischen<br />
Insel im Restaurant<br />
ein üppiges<br />
Mal serviert bekommt<br />
– mit schockierenden<br />
Überraschungen.<br />
„The<br />
Menue“. Ab 17. 11.<br />
Michelle Yeoh als<br />
chaotische Waschsalonbesitzerin<br />
im<br />
Multiversum. Überall<br />
dabei: Jamie Lee<br />
Curtis als Klischeebeamtin.<br />
„Everything,<br />
Everywhere<br />
All at Once“,<br />
Amazon Prime<br />
*Persönliche Tipps der MAX-Redaktion – ohne den Anspruch, vollständig oder neu zu sein oder jede Interessengruppe zu vertreten.<br />
Ein Psycho-Western<br />
mit Kirsten Dunst<br />
und Benedict Cumberbatch,<br />
für den<br />
Jane Campion einen<br />
Oscar für die beste<br />
Regie bekommen<br />
hat. „The Power of<br />
the Dog“, Netflix<br />
Der Dreiteiler<br />
„Tschernobyl“ erinnert<br />
immer wieder<br />
an das Risiko von<br />
Atomanlagen – ein<br />
Must, weil auch<br />
das Thema ständig<br />
neue Aktualität<br />
erfährt. „Tschernobyl“,<br />
Amazon Prime<br />
Nicht leicht wieder<br />
aus der Hand zu<br />
legen, sobald man<br />
eingetaucht ist in<br />
das subtile Spiel<br />
mit Erinnerungen<br />
und Realitätsebenen.<br />
„Unterwegs<br />
nach Chevreuse“,<br />
Patrick Modiano,<br />
Carl Hanser<br />
Die 60er in der New<br />
Yorker Werbeszene –<br />
die Serie zeichnet<br />
das Sittenbild einer<br />
Branche im Umbruch<br />
am Beispiel von Kreativ-Direktor<br />
Don Draper.<br />
„Mad Men“, Sky<br />
und Amazon Prime<br />
KUNST ▶<br />
Die Ausstellung „<strong>Max</strong><br />
Ernst und die Natur<br />
als Erfindung“ zeigt<br />
eine alternative<br />
Naturgeschichte, mit<br />
Werken von Ernst<br />
und 25 weiteren<br />
Künstlern. Kunstmuseum<br />
Bonn,<br />
13. 10. 22–22. 1. 23<br />
Früher war alles besser?<br />
Nicht wenn man<br />
vom Lifestyle und<br />
den Mühen im 18.<br />
und 19. Jahrhundert<br />
gelesen hat! „Als<br />
Deutschland noch<br />
nicht Deutschland<br />
war: Reise in die<br />
Goethezeit“, Kiwi<br />
Die Agentenserie<br />
hat alles: Spannung,<br />
schrecklich unkorrekten<br />
Humor und<br />
eine erstklassige<br />
Schauspielerriege.<br />
„Slow Horses“,<br />
Apple TV<br />
LESEN ▶<br />
Ein virtuoses Buch<br />
über berühmte Liebespaare<br />
in der Zeit<br />
von 1929 bis 1939,<br />
voll politischer und<br />
sozialer Umbrüche.<br />
„Liebe in Zeiten des<br />
Hasses“, Florian<br />
Illies, Fischerverlag<br />
WEB ▶<br />
Ein Haus auf dem<br />
Land, acht Freunde,<br />
vier Romanzen und<br />
sechs Monate in<br />
Isolation wegen<br />
Corona. Manchmal<br />
kann einem das<br />
Lachen im Hals<br />
stecken bleiben…<br />
„Landpartie“, Gary<br />
Sheyngart, Penguin<br />
Aufstieg und Fall<br />
von Ghislaine <strong>Max</strong>well,<br />
die rechte<br />
Hand des Investors<br />
und Sexualstraftäters<br />
Jeffrey Epstein.<br />
„Wer war Ghislaine<br />
<strong>Max</strong>well?“, ARD<br />
Mediathek<br />
Tim Marshall zeigt<br />
die größten Krisenherde<br />
der Zukunft.<br />
Die gereizte Gemengelange<br />
einer<br />
multipolaren Welt.<br />
„Die Macht der<br />
Geographie im 21.<br />
Jahrhundert“, dtv<br />
PODCAST ▶<br />
In Ruanda geboren<br />
und in Ostfriesland<br />
aufgewachsen,<br />
erzählt wie Vielfältigkeit<br />
Stereotypen<br />
abbaut, und<br />
Gesellschaft<br />
weiterentwickeln<br />
kann. „Schwarz.<br />
Rot. Wir“, Mosaik<br />
Nach zehn Jahren<br />
Pause gibt es die<br />
vierte Staffel der<br />
dänischen Politserie,<br />
jetzt als Netflix-<br />
Produktion. Sehr<br />
aktueller Plot. In der<br />
schönsten Nebenrolle:<br />
Grönland.<br />
„Borgen – Macht<br />
und Ruhm”, Netflix<br />
Frederik Logvall hat<br />
ein faszinierendes<br />
Buch über den jungen<br />
J. F. Kennedy<br />
und seine Familie<br />
geschrieben. „JFK:<br />
Coming of Age in<br />
the American Century,<br />
1917– 1956“,<br />
Penguin<br />
Surfen für Wissensdurstige:<br />
Never<br />
stop learning mit<br />
mehr als tausend<br />
freien Hochschulkursen:<br />
The Open<br />
University.<br />
open.edu/<br />
openlearn<br />
SEPTEMBER 2022
Wendung<br />
76<br />
Sinnvoller<br />
Anspruch<br />
Es gibt inzwischen unzählige Serien<br />
von Nahrungsergänzungsprodukten<br />
in Deutschland. Das Angebot steigt<br />
stetig. Dabei gibt es einen kleinen,<br />
aber entscheidenden Unterschied.<br />
Es gibt Formeln, die als Lebensmittel<br />
deklariert sind, und es gibt Pharmazeutika.<br />
Alle sollen und wollen Gutes<br />
tun, eben genau das, was sie ausloben.<br />
Das ist allerdings nicht immer automatisch<br />
gegeben, denn der Gehalt der<br />
ein zelnen Inhaltsstoffe darf bei einem<br />
Lebensmittel bis zu 50 Prozent von<br />
der Deklaration abweichen. Was bei<br />
einer Wirkstoffformel schwierig wird,<br />
wenn diese synergetisch wirken<br />
sollen. Deshalb ist man bei Pharmazeutika<br />
auf der ganz sicheren Seite,<br />
hier dürfen die Inhaltsstoffe höchstens<br />
fünf Prozent abweichen.<br />
Das hat die approbierte Apothekerin<br />
Dr. Natalie Vladi nach über<br />
20 Jahren Berufserfahrung in Krankenhausapotheken<br />
und bei führenden<br />
Pharmakonzernen zum Anlass genommen,<br />
ihre eigene Linie zu entwickeln:<br />
Foondiert ® . Schon der Name ist<br />
Programm: Abgeleitet von „fundiert“<br />
steht es für wohlbegründet, untermauert<br />
und informiert.<br />
Grundlage jedes einzelnen Produkts:<br />
klinische Forschung, gepaart<br />
mit strenger wissenschaftlicher<br />
Disziplin. Die verarbeiteten Inhaltsstoffe<br />
sind in vielen Fällen patentiert<br />
(garantiert eine gleichbleibende<br />
Leistung) und von höchster Qualität<br />
auch in ihrer Bioverfügbarkeit. Alles<br />
ist frei von Gluten, Laktose, Zusatzoder<br />
Füllstoffen, künstlichen Aromen,<br />
tierischen Produkten und Gentechnik.<br />
Was will man da noch mehr? Dass<br />
der Nachhaltigkeitsgedanke nicht<br />
Vier gewinnt: Nahrungsergänzungskapseln zur<br />
Unterstützung der Gesundheit und des Wohlbefindens,<br />
ab 33 € pro Glas. Nachhaltig nachfüllbar.<br />
zu kurz kommt! Die komplette Range ist<br />
abgefüllt in Verpackungen, die zur Wiederverwendung<br />
und Recycling gedacht sind.<br />
Die Kapseln sind in dunklen Schraubgläsern<br />
erhältlich, die die Wirksamkeit der natürlichen<br />
Inhaltsstoffe auf physikalische Weise<br />
schützen. Zu jeder Variante gibt es passende<br />
Nachfüllbeutel, die durch eine clevere<br />
Etikettierung wichtige Angaben wie Chargennummer<br />
und Mindesthaltbarkeit benennen,<br />
die dann auf dem Glas aktualisiert<br />
werden. Um es nicht komplex werden zu<br />
lassen, ist das ganze Sortiment einfach<br />
miteinander kompatibel. Für jeden Lifestyle<br />
gibt es ein konkretes Angebot, zum<br />
Beispiel „Balance“ zur Unterstützung in<br />
Stressphasen, „Vegan“ als Ergänzung<br />
einer pflanzlichen Ernährung oder „Immun“<br />
für ein fittes Immunsystem. Und<br />
wer keine Lust auf Kapseln hat: Einige<br />
Formeln gibt es schon als Direkt-Spray.<br />
foondiert.com<br />
SPOTTED NEWS<br />
SEHNSUCHTSZIEL ISRAEL.<br />
Sehnsuchtsziel Israel. Durch familiäre Wurzeln<br />
war der Hamburger Journalistin Sarah Levy<br />
das Land nicht unbekannt. Ihre ungeplante<br />
Annäherung, die Themen Auswandern, Ankommen,<br />
die Zerrissenheit zwischen den Kulturen und des<br />
ganzen Landes finden auf 368 Seiten mit einer<br />
unprätentiösen Offenheit statt, dass man sich<br />
nach dem Lesen von „Fünf Wörter für Sehnsucht“<br />
bei ihr zum Besuch anmelden möchte!<br />
Erschienen bei Rowohlt, 17 €.<br />
SEPTEMBER 2022
MAX LOUNGE<br />
77<br />
Freie Wahl<br />
Die Schweden sind ja<br />
immer gut für demokratisches<br />
Design. So<br />
auch bei Closely. Das<br />
2019 gegründete Label<br />
bietet eine moderne<br />
Farbpalette, diverse<br />
Schnitte und Mix &<br />
Match-Modelle, die eher<br />
an Bikinis erinnern als an<br />
Lingerie, ein Portfolio an<br />
Unterwäsche, bei dem<br />
wirklich jeder das<br />
Passende findet. Und<br />
Sportswear gibt es<br />
auch noch.<br />
closely-official.com<br />
Gesundes<br />
Abschalten<br />
Über hundert Auszeichnungen hat die SHA-Wellness-<br />
Klinik nördlich von Alicante in 13 Jahren angesammelt.<br />
Ein Superlativ, das mit medizinischen Innovationen,<br />
Naturtherapien und einer gesunden Ernährung gezielt<br />
punktet, um ein längeres und besseres Leben zu<br />
unterstützen. Ab sofort auch mit einem Green-Globe-<br />
Nachhaltigkeitszertifikat der Tourismusbranche. Noch<br />
ein Grund mehr, um auf die Bucketlist zu kommen.<br />
shawellnessclinic.com<br />
The Freedom Bralette,<br />
ca. 55 €, Thong, Hipster oder<br />
High Cut je ca. 25 €<br />
Die Sieben-Tage-<br />
Ampullenkur bekennt<br />
Farbe dank<br />
Paul Schrader. Die<br />
limitierte Edition ist<br />
in sechs verschiedenen<br />
Varianten –<br />
für jedes Haut bedürfnis<br />
– erhältlich.<br />
Jede mit einem<br />
eigenen Color-Code<br />
des deutschen<br />
Künstlers. Je ca. 25 €,<br />
babor.com<br />
Lust auf ein<br />
verbessertes Ich?<br />
Die „Milk & Peel<br />
Mask“ ist eine<br />
koreanische Beauty -<br />
formel mit Sesammilch<br />
und Enzymen,<br />
die in nur fünf<br />
Minuten die Haut<br />
sichtbar verfeinert<br />
und belebt.<br />
Ca. 16 €,<br />
erborian.de<br />
Bei der elektrischen<br />
Zahnbürste Oral-B<br />
iO10 steckt die<br />
Weiterentwicklung in<br />
ihrer Ladestation<br />
iOSense: Dank KI<br />
wird die Putzdauer<br />
angeleitet, Aufmerksamkeit<br />
gezielt gelenkt,<br />
es gibt direktes<br />
Feedback, zum Beispiel<br />
ob zu viel Druck<br />
ausgeübt wurde. Und<br />
sie motiviert bei der<br />
Zahnhygiene. Kann nie<br />
schaden!<br />
Ca. 499 €, oralb.de<br />
SEPTEMBER 2022
Wendung<br />
78<br />
Pariser<br />
DUFT–UNIVERSUM<br />
Poetische Aufforderung in Neon:<br />
Zeichne mir ein Gedicht.<br />
Diese Erfolgsgeschichte ist märchenhaft! Es war einmal<br />
der französische Modedesigner Marc-Antoine Barrois,<br />
der in Paris mit Jean-Paul Gaultier bei Hermès und bei<br />
Giambattista Valli arbeitete, seit 2009 unter eigenem<br />
Namen kreativ ist und sich mit maßgefertigten Tuxedos<br />
weltweit einen Namen für männliche Couture machte.<br />
Der Zufall wollte es, dass er 2015 bei einem Abend essen<br />
seinen Duft-Zwilling, den Parfümeur Quentin Bisch, kennenlernte.<br />
Gemeinsam entwickelten sie 2016 das Parfum<br />
„B683“ (der Name ist inspiriert vom Asteroiden aus<br />
dem „Kleinen Prinz“) und drei Jahre später „Ganymede“ –<br />
benannt nach einem Jupitermond. Dieser Geheimtipp<br />
kam zufällig Ayda Field, Ehefrau von Robbie Williams,<br />
unter die Nase. Sie war so begeistert, dass sie Anna<br />
Wintour bei der „Vogue“ davon erzählte. Der Rest wurde<br />
ein Homerun: 2020 wurde Barrois weltweit viermal für<br />
beste Nischenparfums ausgezeichnet. Jetzt ergänzt ein<br />
weiterer Duft sein Portfolio: „Enclade“ – betitelt nach<br />
einem Saturnmond – eine Kombination aus Rhabarber,<br />
Vetiver, Holzakkorden und einem Hauch Leder.<br />
marcantoinebarrois.com<br />
Es gibt in allen<br />
Ecken bei<br />
Marc-Antoine<br />
Barrois etwas zu<br />
entdecken – wie<br />
die kunstvolle<br />
Schnecken-Deko.<br />
In den Duftboutiquen<br />
in Paris und London<br />
lassen sich seine<br />
Flakons nachhaltig<br />
wieder auffüllen!<br />
Wer nicht auf<br />
Parfums steht: Es<br />
gibt auch Duftkerzen!<br />
Eau de Parfum<br />
„Encelade“, 30 ml<br />
ca. 95 €, z. B. über<br />
parfumslubner.com<br />
SEPTEMBER 2022
MAX LOUNGE<br />
79<br />
Neue Heimat<br />
in Prag<br />
Nicht nur ideal für eine Städtereise, sondern perfekt für Workation:<br />
Das Apartmenthotel „The Julius“ in Prag ist von Architekt Mattheo Thun<br />
konzipiert und bietet geräumige Zimmer, aber auch Suiten mit offener<br />
Küche, Bad und abgetrenntem Schlafzimmer. Wer unter Menschen<br />
sein möchte, aber das Haus nicht verlassen will, kann im Erdgeschoss<br />
den öffentlichen Bereich aus Lounge, Restaurant oder Bar besuchen.<br />
thejulius.eu<br />
Die Pflegeformeln des Mannheimer<br />
Labels Eigenhain werden gezielt nicht erhitzt.<br />
Das spezielle ColdStirred-Verfahren<br />
hat den Vorteil, dass es die natürlichen<br />
Extrakte, Pflanzenöle, Nährstoffe und<br />
Vitamine komplett bewahrt und keine<br />
unerwünschten Abbauprodukte entstehen.<br />
Zusätze wie Alkohole, Silikone oder<br />
Duftstoffe müssen eh draußen bleiben.<br />
Ab 38 €, eigenhain.com<br />
Passt<br />
immer<br />
Das Unternehmen aus Amsterdam hat<br />
sich auf nachhaltige Designer-Regenponchos<br />
spezialisiert: versiegelte Nähte, 100 % wasserdicht,<br />
unisex, hergestellt aus recycelten<br />
Materialien in einem sehr lässigen Design –<br />
wie diese mit Vogelmotiv von Künstler Timo<br />
Kuilder. Ca. 79 €, rainkiss.com<br />
KAMM „IL PICCOLO“<br />
ist aus farbigem Acetat gearbeitet – gute<br />
Laune und geordnete Haare garantiert.<br />
Ca. 25 €, buly1803.com<br />
SEPTEMBER 2022
Wendung<br />
80<br />
Bewusst<br />
anziehend<br />
Pflegt wie ein<br />
Lipbalm, bietet<br />
Farbe und den Glanz<br />
eines Gloss:<br />
„Joy Joba“ von<br />
Gitti, ca. 25 €,<br />
gitticonsciousbeauty.de<br />
Das Label Babaà aus Barcelona<br />
bietet zeitlosen Strick mit<br />
moderner Farbpalette. Und<br />
ist dabei mehr als nur stylish:<br />
Die Marke setzt konsequent<br />
auf Nachhaltigkeit. Seit über<br />
einem Jahrzehnt wird mit<br />
lokalen und natürlichen<br />
Materialien produziert, in der<br />
gleichen (familiengeführten)<br />
Fabrik auf japanischen Hightech-Maschinen<br />
gearbeitet,<br />
die mit denselben Handwerkern<br />
(und Schafen) kooperiert.<br />
Dazu gehört auch, traditionelle<br />
Fertigkeiten zu bewahren und<br />
gleichzeitig nicht nachhaltige<br />
Techniken zu ersetzen.<br />
Bestrickend gut. babaa.es<br />
KLIMAAKTIVISTEN<br />
In der Pflegeserie von Professor Dr. Steinkraus steckt nicht nur<br />
die Expertise des Dermatologen, sie tut auch konkret der Natur<br />
gut. Ein Euro von jedem verkauften Produkt geht in die Renatu -<br />
rierung des Pietzmoors in der Lüneburger Heide – denn intakte<br />
Moorlandschaften sind der größte Speicher für CO2, essenziell<br />
für das Klima, aber zu 90 Prozent vom Absterben bedroht. Allein<br />
durch Hautpflege kann man also aktiv etwas für sich und die<br />
Umwelt tun. Das Sortiment ist jetzt um eine Handcreme und<br />
Bodylotion erweitert. Must-haves! Ab 22 €, steinkraus.com<br />
SPOTTED NEWS<br />
NATÜRLICHE SCHÖNHEIT<br />
Seit der letzten Mailänder Möbelmesse ist eines klar: Ohne<br />
Naturstein geht’s in der Küche nicht. Aus gutem Grund, denn das<br />
Material ist als Arbeits- oder Tischplatte hart im Nehmen, langlebig,<br />
haptisch schmeichelnd und optisch ein individueller Eyecatcher.<br />
In der Serie Mondial lässt sich dabei unter drei zeitlosen Quarzit-<br />
Tonarten – Weiß, Grau oder Schwarz – wählen oder kombinieren.<br />
Eine Investition, von der man täglich profitiert und auf der<br />
das Leben toben kann, egal, wie groß die Küchenfläche ist.<br />
siematic.com<br />
SEPTEMBER 2022
MAX LOUNGE<br />
81<br />
FUNDSTÜCK<br />
REVIDERM<br />
Klavier als Brücke in<br />
die Welt der Musik<br />
REVIDERM<br />
für hörgeschädigte<br />
Klavier als Brücke in die<br />
Cochlea-Implan<br />
Glück zur Realisierung 70<br />
Dieses tat? Dieses<br />
zeichen<br />
musikpädagogische<br />
manchmal Glück zur<br />
Realisierung 170<br />
zeichen<br />
NACHHALTIG TRAGBAR<br />
Das Besondere am Münchner Taschenlabel Kurzzug ist das Upcycling<br />
von ausgemusterten Sitzbezügen der U-Bahn. Daraus entstehen in italie<br />
nischen Manufakturen in traditioneller handwerklicher Herstellung<br />
Accessoires für den Alltagsgebrauch. Wie dieser Stadtbegleiter: eine Crossbody<br />
Bag in DIN-A5-Format. Unkompliziert, Regenfest, strapazierfähig und für<br />
Kenner, eine Hommage an die zu den Olympischen Spielen vor 50 Jahren gebaute<br />
Untergrundbahn. Jede ein Unikat, nummeriert und auf 50 Stück limitiert.<br />
Ca. 125 Euro, kurzzug.de<br />
SEPTEMBER 2022
Wendung<br />
36 82<br />
Der<br />
Kabarettist Lars Reichow zu<br />
Themen der Zeit<br />
Foto: Don Fontijn<br />
Was für ein Sommer! Wenn das so weitergeht, dann fangen<br />
wir auch noch an zu tanzen, wenn es endlich mal<br />
wieder regnet. Das große Thema der Deutschen, der<br />
beliebteste Smalltalk zwischen zwei Nachbarn – die allgemeine<br />
Wetterlage, die Aussichten („soll noch wärmer<br />
werden“) und die damit verbundenen Zumutungen („fühl<br />
mich so schlapp“) – es scheint, als ob wir die Kontrolle<br />
darüber verlieren. Macht es überhaupt noch Sinn, einen<br />
„schönen Tag“ zu wünschen, wenn man weiß, dass es gar<br />
nicht mehr anders geht, weil sich das Hoch von März bis<br />
September nicht mehr verschieben lässt?<br />
Die Welt war nun beileibe nicht arm an Überraschungen,<br />
Veränderungen, technischen und politischen<br />
Umwälzungen, Naturkatastrophen, aber in diesem<br />
Jahr kommt alles zusammen, und was besonders<br />
auffällt: Die Tage, an denen das Elend weit ab vom<br />
Schuss in Asien oder hinter Australien vor einer verwackelten<br />
Kamera vor sich hin wütet, scheinen gezählt.<br />
Das moderne Elend schlendert durch unsere Heimat<br />
und läuft auf unsere Haustür zu.<br />
Irgendjemand da oben stellt gerade eine große<br />
Quittung für uns aus, und wir wissen, dass die Rechnung<br />
überraschend hoch ist. Es ist nicht mehr fünf vor<br />
Zwölf im Klimawandel, sondern wir befinden uns im<br />
Morgengrauen einer neuen Zeit.<br />
Aber wir Menschen gehören zu den Stehaufmännchen<br />
der Natur. Wir sind anpassungsfähig und erfinderisch,<br />
und es wäre nicht ungewöhnlich, wenn uns auch<br />
in dieser Situation etwas einfiele, um den Kopf aus der<br />
Schlinge zu ziehen. Optimisten mit Weitblick sagen,<br />
dass die Werkzeuge, mit denen wir die Welt retten<br />
können, schon längst bekannt und benannt sind. Wir<br />
müssen sie nur noch anwenden. Und beim Aufräumen<br />
in meinem Büro habe ich sie tatsächlich gefunden, die<br />
Gebrauchsanleitung für eine bessere Welt. Hier ist sie:<br />
01.<br />
ENTFERNUNG VON DIKTATOREN<br />
(AUSNAHME: FLÜSSIGGAS-DIKTATOREN)<br />
Man arretiere die Schreckensherrscher aus Moskau,<br />
Minsk, Peking, Brasilia, Riad und diversen afrikanischen<br />
Staaten, führe sie aus ihren überdimen sionierten<br />
Palästen und verbringe sie in Ketten auf eine einsame<br />
pazifische Insel, die unter angeschwemmtem Plastikmüll<br />
leidet. Hier werden die alten Säcke in der Mülltrennung<br />
eingesetzt beziehungsweise in der Herstellung<br />
nachhaltiger Produkte (Freiheitsfahnen aus<br />
recyceltem Material).<br />
02.<br />
BEIHILFE ZUR SINNLOSIGKEIT<br />
Man packe sich an die eigene Nase und überprüfe die<br />
berufliche Tätigkeit und Sinnhaftigkeit der Anstellung.<br />
Falls die Arbeit nicht in Einklang mit moralischen und<br />
nachhaltigen Werten steht (Makler, Brandstifter oder<br />
Ähnliches), steht eine Umschulung zum Energieberater<br />
oder Ökolandwirt an.<br />
GEBRAUCHS –<br />
ANLEITUNG<br />
FÜR EINE<br />
BESSERE WELT<br />
03.<br />
HAUSTIERE REDUZIEREN<br />
Man nehme die bissigen und aggressiven Köter aus dem<br />
Tierschutz beziehungsweise aus der Nachbarschaft und<br />
verbringe sie auf die pazifische Müllinsel, wo sie den<br />
Diktatoren zur Hand gehen oder sich in derselben verbeißen<br />
können. Man werfe die Hauskatzen den Vögeln<br />
zum Fraß vor!<br />
04.<br />
URLAUB OHNE FLUG<br />
Man überprüfe die Reisegewohnheiten und komme zu<br />
dem Ergebnis, dass es noch schöner sein kann, mit der<br />
Bahn ein Reiseziel im eigenen Land (Sylt, Niederrhein,<br />
Elmau, Weimar, Kühlungsborn) anzusteuern und sich<br />
das Gepäck vorausschicken zu lassen. Oder lieber doch<br />
mit der Hand tragen, das kommt ja sonst nie an …<br />
05.<br />
9-EURO-TICKET<br />
Eine ursprünglich schöne Idee! Aber kann mir irgendeiner<br />
mal erklären, warum ein Monatsticket für sämtliche<br />
Busse und Bahnen nur unwesentlich mehr kostet<br />
als eine Schachtel Zigaretten, die locker an einem Tag<br />
weggeraucht wird? Kommt noch dazu, dass man offenbar<br />
vergessen hatte, die Deutsche Bahn davon zu informieren,<br />
dass eventuell Leute mitfahren wollen.<br />
06.<br />
DER KLEINE HAUSHALTS-HABECK<br />
Man öffne den Wasserhahn (kalt) und lasse in dünnem<br />
Strahl Wasser über den Kopf und Körper laufen. Nach<br />
zehn Sekunden seife man Haare ein und verteile den<br />
(Bio-)Schaum über die Restkörperfläche. Final mit<br />
schwachem Strahl (lauwarm) abwaschen und fertig.<br />
Brauchwasser mit Schüssel auffangen und ins Hochbeet<br />
gießen.<br />
SEPTEMBER 2022
06,5.<br />
KEINE ANGST VOR ERFRIERUNGEN<br />
Man lasse den Winter langsam durchs gekippte Fenster<br />
kommen, halte den Finger aus der Tür und kleide sich<br />
dann entsprechend den Außentemperaturen. Man umgebe<br />
sich mit warmherzigen Menschen und hülle sich<br />
gegebenenfalls in Wolldecken. Ansonsten warte man<br />
auf Godot oder Weihnachten.<br />
07.<br />
INDIVIDUALVERKEHR OHNE ABGASE<br />
Man fahre ein nicht zu schweres Elektroauto (bitte<br />
selbst steuern), speise die Batterie aus regenerativer<br />
Stromerzeugung und führe ein Tempolimit in Deutschland<br />
ein.<br />
Herr Lindner, Sie melden sich bitte im Pazifik<br />
wegen eines Inselpraktikums! Und die evangelische<br />
Kirche wartet auch auf einen Rückruf!<br />
08.<br />
HALTUNG GERADE RÜCKEN<br />
Man nehme eine grundsätzlich richtige und nachhaltige<br />
Position ein und eiere nicht herum (siehe „Verscholzung“).<br />
Man ärgere sich schwarz über die Versäumnisse<br />
der Politik in der Ära Schröder und Merkel, schmeiße<br />
ihre Porträts an die Wand und begeistere sich für den<br />
jungen Vizekanzler und die schöne Außenministerin.<br />
09.<br />
TÜRKEI BEWAHREN VOR DOOFKOPF<br />
Man erlöse dieses Land von seinem Präsidentendarsteller<br />
Erdoğan. Recep war immer nur Handlungsreisender,<br />
Provinznationalist in eigener Sache. Möge er die blutigen<br />
Kämpfe zwischen den Autokraten auf der verseuchten<br />
Müllinsel im Pazifik schlichten.<br />
10.<br />
UKRAINE = ACHTUNG, KRIEGSGEBIET!<br />
Man bewundere eine junge Demokratie und ein tapferes<br />
Volk mit einem charismatischen Präsidenten und unterstütze<br />
sie im Kampf gegen einen riesigen Nachbarn, der<br />
nur Tod und Verderben über das Land bringt. Man liefere<br />
die raffiniertesten und schwersten Waffen, um Russland<br />
eine bittere Niederlage zuzufügen. What else?<br />
11.<br />
USA VON SCHWACHKÖPFEN BEFREIEN<br />
Man stürme sämtliche Plastik- und Botox-Schlösser der<br />
Familie Trump, buchte die gesamte Belegschaft wegen<br />
Steuerbetrug und Geldwäsche ein und ziehe ihnen die<br />
operierten Nasen und aufgespritzten Lippen lang!<br />
12.<br />
GENDERN AUSSETZEN<br />
Die völlige Verblödung der deutschen Sprache soll offenbar<br />
davon ablenken, dass wir noch kein flächendeckendes<br />
Internet, eine anhaltend marode Infrastruktur<br />
und einen äußerst unpünktlichen Nah- und Fernverkehr<br />
haben. Man beherrsche die deutsche Sprache in Schrift<br />
und Ton und lasse sie ansonsten in Ruhe.<br />
13.<br />
PRESSE VON PESSIMISMUS BEFREIEN<br />
Die deutschen Print- und Digitalnachrichten gefallen<br />
sich seit geraumer Zeit darin, wegen ihrer haus gemachten<br />
Klick-Abhängigkeit und Sparschweinchen Mentalität<br />
nur noch Weltuntergänge und Putin-Medwedew-Drohungen<br />
abzudrucken. Merke: Wer Diktatoren groß<br />
macht und die Angst vor ihnen schürt, muss sich nicht<br />
wundern, wenn die Bevölkerung in Panik gerät und die<br />
Orientierung verliert. Die deutsche Presselandschaft<br />
hat ein Faible für Staatsfeinde und liegt morgens früh<br />
am liebsten in Weltuntergangsstimmungsbädern.<br />
14.<br />
AMERIKANISCHEN OPTIMISMUS ZUM<br />
PFLICHTFACH MACHEN<br />
Ein bisschen Hoffnung und Zuversicht könnten uns<br />
scheibchenweise schon in der Grundschule nicht schaden.<br />
Gut gelaunt und voller Selbstvertrauen gelingen<br />
die Dinge besser. Unkenrufe und Griesgram sind keine<br />
guten Lebensbegleiter.<br />
15.<br />
REGEN SELBST MACHEN<br />
Einfach Wolken bilden (durch Verdunstung von Aperol<br />
Spritz) und dann da hinschieben, wo sie abregnen sollen.<br />
Tanzen nicht vergessen!<br />
Und? Merken Sie schon was?<br />
SEPTEMBER 2022
Veränderung<br />
Thomas Höpker, USA,<br />
New York City, 11. September 2001, Blick von<br />
Williamsburg/Brooklyn auf Manhattan.<br />
84<br />
TEXT ANDREAS WREDE<br />
VOICES<br />
OF<br />
LIGHT<br />
Die Bilder sind weltberühmt, die Kamera<br />
selbst ist eine Legende und eine Marke, die sich immer wieder<br />
neu erfindet. Wir sprachen mit Andreas Kaufmann,<br />
Aufsichtsratschef von Leica, warum ständige<br />
INNOVATION SO WICHTIG IST – AUCH FÜR EIN KULTPRODUKT.<br />
SEPTEMBER 2022
85<br />
Fotos: Alle mit diversen Leica-Kameras aufgenommem<br />
Alberto Korda, Che Guevara,<br />
„Guerillero Herocio“, Havanna, März 1960, eines der<br />
meistgedruckten Fotos aller Zeiten.
Veränderung 86<br />
Luca Locatelli, drei Bilder aus „Future Studies“. Der italienische Fotograf<br />
hat 2020 den Leica Oscar Barnack Award gewonnen für diese Serie.<br />
Der Fotograf hinterfragt in ihr, wie wir auf der Erde überleben wollen.
LEICA 87<br />
Elliot Erwitt,<br />
„Bulldogs on stoop“, New York City, 2000.<br />
SEPTEMBER 2022
Veränderung 44 88<br />
Luca Locatelli, aus der Serie<br />
„Future Studies“: Ist permanentes Wachstum die richtige Antwort auf<br />
die globalen Umweltprobleme?<br />
„
LEICA 89<br />
Malte Metag fotografierte<br />
Dr. Andreas Kaufmann am Leica-Firmensitz in Wetzlar;<br />
im Hintergrund ein Foto des mexikanischen<br />
Fotografen Enrique Badulescu.<br />
ich für das erste Staatsexamen über<br />
die Laienspielbewegung geschrieben.<br />
Von 1905 bis 1930 gab es demokratische<br />
Bewegungen, die sich zunächst aus<br />
Themen wie Kunst, Theater und Politik<br />
herleiteten. Dementsprechend führte<br />
ich eine ausgiebige Quellenforschung<br />
durch. 1979 begann die Forschungsarbeit<br />
für mich. Ab 1983 arbeitete ich<br />
als Lehrer.<br />
MAX: Was hat Sie zur Waldorfschule<br />
geführt?<br />
Kaufmann: Ich war selbst Waldorfschüler,<br />
so war es damals für mich ein<br />
logischer Schritt, dort Lehrer zu werden.<br />
Es hat mir große Freude bereitet,<br />
jungen Menschen Bildung und Gemeinsinn<br />
zu vermitteln. Noch während der<br />
Lehrerzeit bin ich in die Vermögensverwaltung<br />
der Familie eingestiegen –<br />
dadurch ergaben sich immer öfter<br />
Termine rund um den Globus, das ließ<br />
sich mit dem Lehrerberuf nicht mehr<br />
vereinbaren.<br />
MAX: Mit Blick auf Leica haben Sie einmal<br />
gesagt: „Für mich bedeutet Vermögen<br />
Dinge zu gestalten.“<br />
Kaufmann: Dafür gibt es verschiedene<br />
Gründe. Ein Grund: Meine mich<br />
prägende Mutter war im tiefen Protestantismus<br />
verwurzelt. Dort tut man die<br />
Dinge, weil sie zu tun sind und Punkt.<br />
MAX: Erinnern Sie sich an das erste von<br />
Ihnen gemachte Foto?<br />
Andreas Kaufmann: Es war ein<br />
Familienfoto, ich war 13. Aufgenommen<br />
habe ich es mit einer Kamera der<br />
Pentagon Optische Werke Dresden<br />
aus der DDR. Die ersten Bilder waren<br />
nicht gut – aber die Erinnerung zählt.<br />
MAX: Wann haben Sie dann die Fotografie<br />
für sich wieder aufgegriffen?<br />
Kaufmann: Als die digitale Fotografie<br />
mit enormer Qualitätssteigerung<br />
auf den Markt kam. Es überschnitt sich<br />
mit meinen Leica-Verhandlungen. Meine<br />
erste Leica habe ich im Februar 2004<br />
gekauft, im selben Jahr wurden von unserer<br />
Familienholding 27,2 Prozent übernommen,<br />
2006 dann circa 75 Prozent.<br />
MAX: Wussten Sie von Anfang an, dass<br />
Leica eine Erfolgsstory wird?<br />
Kaufmann: Es war schon klar, dass<br />
es Hemmnisse gab – aber die Liebe zum<br />
Produkt Leica war sehr stark. Ab 2000<br />
war Hermès eingestiegen, wurde aber<br />
nicht so glücklich. Wir haben dann Stück<br />
für Stück restrukturiert, neben der internen,<br />
permanenten optischen Weiterentwicklung<br />
haben wir etwa weltweit<br />
Galerien eröffnet. Im November folgen<br />
Store und Galerie in Mexico City.<br />
MAX: Sie haben studiert, bevor Sie Leica<br />
wieder nach ganz vorn führten.<br />
Kaufmann: Ich habe in Stuttgart<br />
Literaturwissenschaft, Linguistik,<br />
Geschichte und Politologie studiert, auf<br />
Lehramt. Meine Promotion habe ich<br />
über die deutsche Laienspielbewegung<br />
geschrieben.<br />
MAX: Wie kommt man auf ein so extravagantes<br />
Thema?<br />
Kaufmann: Ich habe bei einem<br />
Professor mit Sinn für abseitige Themen<br />
studiert. Meine Zulassungsarbeit hatte<br />
MAX: Sie wurden calvinistisch erzogen?<br />
Kaufmann: Das kann man durchaus<br />
sagen. Geld hat zwei Charaktere. Auf<br />
der einen Seite ermöglicht es Genuss; auf<br />
der anderen ist es die Verpflichtung zum<br />
Einsatz von Fähigkeiten. Kapital ist der<br />
Hebel, um Dinge ins Laufen zu bringen.<br />
MAX: Wie sind Sie zum Leica-Fachmann<br />
geworden?<br />
Kaufmann: Ich beschäftige mich<br />
schon sehr lange mit Themen wie Farbe<br />
und Licht in der Fotografie, und neue<br />
Technologien, auch optisch, haben<br />
mich stets interessiert. Die große<br />
Kunst ist das Einfangen des Lichtes.<br />
In der digitalen Fotografie spielt dies<br />
ebenfalls eine sehr gewichtige Rolle.<br />
Und damals wie heute habe ich mich<br />
auf dem neuesten technischen Stand<br />
zu halten. Meine Ideen entstehen oft in<br />
Gesprächen mit unseren Ingenieuren.<br />
Meine Rolle war und ist es, Ideen zu<br />
verwirklichen.<br />
SEPTEMBER 2022
Veränderung 90<br />
Ana Maria Arévalo Gosen, „Dias Eternos“: In dieser Serie hat die venezolanische Fotografin<br />
die menschenunwürdigen Lebensbedingungen von Frauen in sogenannten<br />
Haftzentren in ihrem Heimatland dokumentiert. Dafür erhielt sie ein Stipendium<br />
des Pulitzer Center on Crisis Reporting.
LEICA 91<br />
MAX: Wie viele Mitarbeiter hat Leica?<br />
Kaufmann: Rund 1900, davon sind<br />
700 in Wetzlar und 700 in Portugal. Dann<br />
gibt es weitere in der Distribution oder<br />
in den Stores. Portugal als Standort hat<br />
noch die Familie Leitz 1973 entschieden,<br />
in Japan waren damals die Produktionskosten<br />
zu hoch. Der Umbau für die<br />
Zukunft von Leica war ein Kraftakt,<br />
aber ich habe immer daran geglaubt.<br />
MAX: Leica steht immer für Innovation,<br />
nun gibt es ein Leitz Phone …<br />
Kaufmann: Seit einem Jahr ist Japan<br />
unser Testgebiet, die Leitz Phones 2<br />
und 3 werden in der Folge entwickelt.<br />
Ein sehr spannendes Projekt für uns, es<br />
braucht freilich Zeit.<br />
Karin Rehn-Kaufmann<br />
und Andy Summer<br />
in Wetzlar, Juli 2022.<br />
MAX: Sie haben drei Kinder, sind sie in<br />
eines Ihrer Unternehmen involviert oder<br />
anderweitig tätig?<br />
Kaufmann: Die Holding GmbH in<br />
Salzburg wäre eine Überlegung, wenn<br />
sie sich damit weiter beschäftigen. Zum<br />
Unternehmen Leica verhalten sie sich<br />
noch etwas zurückhaltend, die Rolle des<br />
Vaters wollen sie so nicht übernehmen.<br />
Meine jüngere Tochter hat eine Weile im<br />
Leica-Marketing gearbeitet. Meine ältere<br />
Tochter verantwortet das Marketing bei<br />
Leica Cine, und mein Sohn ist ausgebildeter<br />
Architekt, der sich für unsere<br />
Immobilien einsetzt. Art Direktorin und<br />
Generalbevollmächtigte für alle Leica-<br />
Galerien ist Karin Rehn-Kaufmann,<br />
bis 2023 werden es 30 sein. In gewisser<br />
Weise sind wir schon ein Familienunternehmen,<br />
das fortgeführt werden wird.<br />
Sie ist die kulturelle Seele<br />
Karin Rehn-Kaufmann, geboren 1957, studierte<br />
deutsche Philologie und Philosophie in Freiburg,<br />
zudem hat sie ein Diplom der Eurythmischen<br />
Hochschule in Stuttgart und einen Abschluss der<br />
Fernuniversität Hagen in Event Management. Auf<br />
das Engste verbunden ist sie mit den kulturellen<br />
Aktivitäten von Leica. So etwa mit der Ausrichtung<br />
des renommierten Oskar Barnack Awards, einer<br />
der international wichtigsten Fotopreise. Karin<br />
Rehn-Kaufmann ist Art-Direktorin und Generalbevollmächtigte<br />
der Leica Galerien, bis 2023 werden<br />
es 30 sein, neu hinzu kommen Mexico City, Paris,<br />
New York und Amsterdam. Sie betreut ebenfalls<br />
den Leica Hall of Fame Award, abgesehen von ihren<br />
Verantwortlichkeiten auf Messen. Das Foto zeigt<br />
sie mit dem Gitarristen von Police, Andy Summers,<br />
dessen Fotografien sie für eine Ausstellung<br />
im Wetzlarer Leica Museum gemeinsam mit Inas<br />
Fayed kuratierte.<br />
MAX: Welche Fotografen begleiten Sie<br />
auf Ihrem Wege?<br />
Kaufmann: Besonders Constantine<br />
Manos. Er ist einer der wichtigsten Farbfotografen.<br />
1965 stieß er zu Magnum.<br />
Sein Buch „American Color“ darf als ein<br />
Standardwerk der Fotografie gelten.<br />
2003 hat er dafür die Leica Medal of<br />
Excellence gewonnen. Vom Stil her gefällt<br />
mir auch Stefan Kruckenhauser mit<br />
seinem Klassiker „Verborgene Schönheit<br />
– Bauwerk und Plastik in Österreich“.<br />
Er hat mit einer Leica-Kamera in<br />
Schwarz-Weiß fotografiert und war ein<br />
Meister der Dunkelkammer.<br />
MAX: Sammeln Sie Fotografie?<br />
Kaufmann: In meinem Büro in Salzburg<br />
hängen nur Fotos von berühmten<br />
SEPTEMBER 2022
Veränderung<br />
LEICA 92<br />
Barbara Klemm,<br />
„Bruderkuss“, Ost-Berlin, 1979. Leonid Breschnew und Erich Honecker,<br />
noch weit vor dem Fall der Mauer 1989.<br />
Luca Locatelli,<br />
„Future Studies“: Zukunftsangst und<br />
Fortschrittsskeptizismus sind aktueller denn je.<br />
Persönlichkeiten mit einer Leica-Kamera,<br />
zum Beispiel Brigitte Bardot, Grace<br />
Kelly, Leni Riefenstahl, Muhammad Ali,<br />
Eric Clapton, Henri Cartier-Bresson.<br />
MAX: Besuchen Sie regelmäßig<br />
Ausstellungen?<br />
Kaufmann: Vor Kurzem war ich im<br />
Kunsthaus Zürich, ein hervorragendes<br />
Museum. Von Rembrandt, van Gogh<br />
und Rodin über <strong>Max</strong> Ernst, Mondri an<br />
und Giacometti bis hin zu Franz<br />
Gertsch und Andy Warhol, die künstlerische<br />
Bandbreite ist beeindruckend.<br />
MAX: Welche Lektüre liegt auf Ihrem<br />
Nacht- oder Schreibtisch?<br />
Kaufmann: Zurzeit der französische<br />
Schriftsteller Patrick Modiano,<br />
er bekam 2014 den Literatur-Nobelpreis,<br />
unter anderem wegen seiner<br />
literarischen Auseinandersetzung mit<br />
der tabuisierten deutschen Besetzung<br />
während des Zweiten Weltkrieges. Ich<br />
schätze auch den kanadischen emeritierten<br />
Professor für Klinische Psychologie,<br />
Jordan Peterson. Er vertritt<br />
sehr eloquent Kontroverses etwa zur<br />
Genderpolitik und ihren gesellschaftlichen<br />
Auswirkungen. Ich respektiere es<br />
sehr, wenn Menschen gegen den Strom<br />
schwimmen. In gewisser Weise sind wir<br />
damals, als wir Leica übernahmen, auch<br />
gegen den Strom geschwommen. Aber<br />
wir wussten: Es ist zu machen!<br />
MAX: Wir hatten in der vorigen MAX-<br />
Ausgabe ein ikonisches Leica-Bild im<br />
Magazin, das „Napalm Girl“ von Nick Út …<br />
Kaufmann: … ein brillantes Beispiel<br />
für die Geschichte hinter der Geschichte.<br />
Aus Versehen hatte ein südvietnamesisches<br />
Flugzeug Napalm auf die<br />
eigene Bevölkerung abgeworfen. Das<br />
nackte Mädchen auf dem Foto – Phan<br />
Ti Kim Phúc – ist inzwischen eine Frau<br />
und hat nun ihre letzte von zahlreichen<br />
Operationen wegen ihrer Brandwunden<br />
hinter sich. Nicht auf dem Originalfoto<br />
ist ein anderer Kriegsreporter, der<br />
gerade in diesem Moment seinen Film<br />
wechseln musste, Nick Út hingegen<br />
hat mit seinem Foto den Pulitzerpreis<br />
gewonnen.<br />
MAX: Gibt es ein belletristisches Buch,<br />
das Leica zum Thema hat?<br />
Kaufmann: Oh ja, zum Beispiel<br />
das Jugendbuch „Leica-Mädel Monika“<br />
von Elisabeth Günther aus den Fünfzigerjahren.<br />
Untertitel: „Eine fesselnde<br />
Erzählung aus dem Leben einer jungen<br />
Bildreporterin“. Es geht in dem Buch<br />
darum, wie eine junge Frau zum Bildjournalismus<br />
findet, seinerzeit also<br />
ein durchaus emanzipatorisches Werk,<br />
war der Journalismus zu jener Zeit doch<br />
allzu sehr von Männern dominiert.<br />
MAX: Sodann beschließen wir das<br />
Gespräch mit einem Gruß an das Leica-<br />
Mädel Monika!<br />
SEPTEMBER 2022
AND<br />
BEWEGT<br />
SICH LA<br />
DEUTSCHBEWE<br />
H LAND<br />
SIC<br />
H BEWEGT DEUTSCH<br />
SICH LAND<br />
GT DEUTSCH BEWEGT<br />
SICH LAND<br />
SICH<br />
BEWEGT<br />
SICH<br />
TEXT TIM OSING UND ANDREAS WREDE<br />
Während sich Politiker und Bosse<br />
noch oft bei Konzepten gegen den Klimawandel allzu<br />
schwertun, erleben wir längst schon eine<br />
grüne Welle, die es in sich hat.<br />
Diesmal stellen wir im Rahmen unserer Kampagne<br />
„Deutschland bewegt sich“ besonders<br />
erfolgreiche Start-ups vor. Gründer.de hat<br />
sie ermittelt, und trotz gelegentlicher Unkenrufe<br />
zeigt sich: Deutschland hat jede<br />
Menge kreativer Start-up-Köpfe –<br />
Deutschland bewegt sich!<br />
SEPTEMBER 2022
Veränderung<br />
94<br />
Wir danken der Redaktion von Gründer.de (www.gruender.de)<br />
für die Recherche und die Überlassung ihrer Liste der erfolgreichsten<br />
Start-ups in Deutschland. Besonders zu nennen sind die Autorinnen<br />
Insa Schoppe, Lisa Goldner und Luisa Färber.<br />
KUMOVIS<br />
Und Schnitt: Chirurgisches<br />
aus dem 3-D-Drucker<br />
Das Start-up Kumovis entwickelt und vertreibt 3-D-Druck-Systeme,<br />
die zugeschnitten sind auf die Anforderungen regulierter Märkte,<br />
insbesondere in der Medizintechnik. Damit lassen sich zum Beispiel<br />
chirurgische Instrumente, aber auch Schädelplatten oder Wirbelsäulenimplantate<br />
dem individuellen Bedarf des Patienten anpassen. Das<br />
Gründerteam von Kumovis setzt sich aus Dr. Miriam Haerst, Alexander<br />
Henhammer, Stefan Fischer, Stefan Leonhardt und Sebastian Pammer<br />
zusammen, die sich am Lehrstuhl für Medizintechnik an der TUM<br />
kennenlernten und dort forschten. Sie kommen daher sowohl aus den<br />
Bereichen des Wirtschaftsingenieurwesens sowie der Elektro- und<br />
Informationstechnik als auch der Medizintechnik, wodurch sich die<br />
Kompetenz des Teams erklärt. Seit Mitte 2019 ist der erste 3-D-Drucker<br />
des Start-ups auf dem Markt, und die ersten Maschinen wurden bei<br />
Kunden bereits in Betrieb genommen.<br />
www.kumovis.com<br />
THE CLIMATE CHOICE<br />
Firmen, hört<br />
die Signale:<br />
einfach mal das<br />
Klima retten<br />
Dass der Klimawandel ein sehr wichtiges<br />
und immer noch unterschätztes Thema<br />
ist, wissen die beiden Gründer von The<br />
Climate Choice. Doch dagegen wollen sie<br />
vorgehen und haben 2020 ein Start-up<br />
ins Leben gerufen, das aktiv zur Klimarettung<br />
beiträgt. Die Berliner haben sich<br />
zum Ziel gesetzt, jedem Unternehmen<br />
die Klimatransformation einfach und<br />
unkompliziert zu ermög lichen. Dabei liegt<br />
der Fokus ganz klar auf der Messbarkeit,<br />
der Reduzierung und der Kompensierung<br />
der CO2-Emissionen. So sollen Unternehmen<br />
bis 2030 ihre CO2-Emissionen<br />
halbieren und bis 2050 klimaneutral<br />
werden. The Climate Choice will somit<br />
Unternehmen jeder Größe anhand von<br />
sieben Kategorien praktische Lösungen<br />
auf zeigen, wie sie schnell und einfach zu<br />
Klimaexperten werden. Dabei geben sie<br />
Tipps zu Themen wie Mobilität, Digitalität<br />
und umweltfreundliches Produzieren als<br />
auch klimafreundliche Energiequellen.<br />
www.theclimatechoice.com<br />
BLVRD<br />
Auf dem Fashion-Boulevard<br />
Zu den erfolgreichsten Start-ups in Deutschland wie auch zu den Jüngsten<br />
zählt BLVRD. Ausgesprochen als „Boulevard“, möchte das Team mit einer<br />
Online-Fashion-Suchmaschine das beste Ergebnis für Offline-Shopper<br />
heraussuchen. Denn mit der Suchmaschine können Verbraucher nach<br />
bestimmten Outfits suchen und einsehen, in welchem Geschäft in<br />
der naheliegenden Stadt sie dieses Outfit kaufen können. Dabei erhalten<br />
Nutzer Informationen über Farben, Größen und auch Preise der<br />
Kleidungsstücke. Anstatt also auf Bestellungen zu warten, kann man<br />
ohne zu suchen direkt in den Laden gehen und dort die Kleidung auch<br />
anprobieren. Und wie finanziert sich BLVRD? Indem Händler für die<br />
Auflistung zahlen und dafür wertvolle Informationen über die Kunden<br />
bekommen. Das noch junge Start-up aus Hannover wurde 2019 gegründet<br />
und hat große Pläne. Zukünftig will das Unternehmen 80 Prozent der<br />
Großstädte in Deutschland, Österreich und der Schweiz abdecken.<br />
www.blvrd.de<br />
SEPTEMBER 2022
DEUTSCHLAND BEWEGT SICH<br />
COMATCH<br />
Rat und Tat im<br />
Netzwerk<br />
Das innovative Start-up Comatch<br />
ist ein Online-Marktplatz für freiberufliche<br />
Management-Berater und<br />
Industrieexperten. Die Vermittlungsplattform<br />
bringt Firmen und Berater<br />
zusammen und ermöglicht dadurch<br />
die Realisierung von Projekten<br />
zwischen Unternehmen jeder Größe<br />
und entsprechenden Spezialisten.<br />
Dafür werden die Kunden von Comatch<br />
in ein Netzwerk aufgenommen und<br />
nach einem Auswahlverfahren in einen<br />
Pool integriert. Damit schafft Comatch<br />
Beratungsqualität und Transparenz.<br />
Nach einer erfolgreichen Finanzierungs -<br />
runde konnten die Gründer Christoph<br />
Hardt und Jan Schächtele 2018 acht<br />
Millionen Euro durch Investoren<br />
sammeln. Dieses Kapital soll unter<br />
anderem in die Expansion des<br />
Unternehmens fließen, wodurch<br />
sich Comatch einreiht in die Riege<br />
der erfolgreichsten Start-ups in<br />
Deutschland.<br />
www.comatch.com<br />
FOODPUNK<br />
Gesunder<br />
Genuss<br />
Ein weiteres erfolgreiches Start-up<br />
in Deutschland ist Foodpunk. Das<br />
Team bietet für seine Kunden individuelle<br />
und moderne Ernährungs -<br />
pläne. Im Zentrum steht der Anspruch,<br />
mit gesunder Ernährung Genuss und<br />
gleichzeitig Freude und Gemein -<br />
schafts gefühl zu wecken. Die<br />
Ernährung wird auf Grundlage von<br />
wissenschaftsbasierten Plänen und<br />
innovativen Lebensmitteln erstellt. Ob<br />
glutenfrei oder kohlenhydratreduzierte<br />
Nahrung, hier bekommt jeder Kunde<br />
das, was er braucht. Auch diese Idee<br />
fördert im Kern einen nachhaltigen<br />
Konsum, da die Zutaten aus dem<br />
regionalem Umfeld stammen und<br />
saisonal eingesetzt werden. Marina<br />
Lommel gründete Foodpunk 2015<br />
und konnte bereits mehrere Preise<br />
und Auszeichnungen gewinnen.<br />
www.foodpunk.de<br />
BLIQ RIDE<br />
Alle Auftragsfahrten<br />
in<br />
einer App<br />
2017 gründete Julian Glaab mit<br />
Johannes Riedel, Matthias Natho,<br />
Mathias Rudnik und Torgen Hauschild<br />
Aipark. Das Unternehmen wollte<br />
mittels einer App Autofahrer gezielt<br />
zu freien Parkplätzen navigieren,<br />
sodass lange Parkplatzsuchereien<br />
der Vergangenheit angehören.<br />
Mittlerweile sind die Gründer jedoch<br />
auf das B2B-Business umgeschwenkt.<br />
Mit Bliq Ride hat das Berliner Start-up<br />
eine App entwickelt, die sogenannten<br />
Gig-Arbeitern (das sind Menschen,<br />
die Aufträge von Vermittlungs -<br />
plattformen annehmen) das Leben<br />
erleichtern soll. Die Geschäftsidee:<br />
Bliq Ride zeigt auf einer Karte, wo<br />
genau eine große Nachfrage nach<br />
Fahrten erwartet wird. Zusätzlich<br />
bündelt die App Fahr- und Lieferanfragen<br />
mehrerer Anbieter wie Uber,<br />
Lyft und Co. Durch den stetigen<br />
Wechsel des Auftraggebers sollen die<br />
Fahrer somit gut ausgelastet werden.<br />
Mit dieser Idee überzeugten die<br />
Macher bereits einige Investoren,<br />
wodurch das Unternehmen zu den<br />
erfolgreichsten Start-ups in der Liste<br />
von gruender.de zählt.<br />
www.bliq.app<br />
COGNIGY<br />
Künstliche Konversation<br />
Bei dem Start up Cognigy steht die künstliche Intelligenz im Vordergrund.<br />
Die KI-Software des Unternehmens soll „automatisierte, von künstlicher<br />
Intelligenz getriebene Konversationen“ ermöglichen. Einsatzorte der<br />
Sprachassistenten gibt es in Chatbots, Servicecentern oder internen<br />
Mitarbeiterdialogen. Sascha Poggemann und Philipp Heltewig gründeten<br />
Cognigy 2016 in Düsseldorf. Mittlerweile zählen unter anderem Daimler,<br />
Henkel und der TÜV Rheinland zu ihren Großkunden. 2017 sammelte das<br />
Start-up in der ersten Finanzierungsrunde bereits einen siebenstelligen<br />
Betrag bei internationalen Investoren ein. Dementsprechend ließ die<br />
nächste Finanzierungsrunde nicht lange auf sich warten. 2019 erhielt<br />
Cognigy ein weiteres 5,5-Millionen-Investment, mit dem die beiden<br />
Unternehmer ihre Expansion weiter beschleunigen möchten. Dadurch<br />
hat das Unternehmen mittlerweile auch Standorte in San Francisco,<br />
Sydney und Seoul. Klarer Fall für unsere Liste.<br />
www.cognigy.com<br />
SEPTEMBER 2022
Veränderung<br />
DEUTSCHLAND BEWEGT SICH 96<br />
MEDWING<br />
Pflegekräfte<br />
sind schwer begehrt<br />
am Arbeitsmarkt<br />
Bei Medwing handelt es sich um eine Jobplattform<br />
für Fachkräfte in der Gesundheitsbranche. In Zeiten<br />
von Fachkräftemangel ermöglicht die Plattform<br />
Medwing eine bessere Vernetzung von Arbeitgeber<br />
und Arbeitnehmer. Dadurch sollen vor allem die<br />
Pflegekräfte durch das deutsche Start-up erkennen,<br />
wie begehrt sie derzeit auf dem Arbeitsmarkt sind<br />
und wie wertvoll ihr Beruf ist. Rund 100 000<br />
Pflegekräfte sind inzwischen bei dem Top-Start-up<br />
Medwing registriert, in den nächsten Jahren<br />
wollen die Gründer aus Deutschland diese Zahl<br />
jedoch verdoppeln.<br />
www.medwing.com<br />
MOTIONMINERS<br />
Verborgene Potenziale<br />
heben und nutzen<br />
2017 gründeten Sascha Feldhorst, Sascha Kaczmarek und René<br />
Grzeszick in Dortmund das Unternehmen MotionMiners. Hierbei<br />
handelt es sich um ein Spin-off des Fraunhofer-Instituts für<br />
Materialfluss und Logistik. Das Unternehmen zeichnet mit<br />
mobilen Sensoren und Kleinfunksendern die Bewegungen von<br />
Mitarbeitern auf. Denn mit den Ergebnissen dieser Technologie<br />
wird die körperliche Belastung von Mitarbeitern gemessen,<br />
sodass diese verringert und die Prozesszeiten in Unternehmen<br />
verkürzt werden können. Somit können durch dieses Start-up<br />
auch Verbesserungspotenziale in Unternehmen entdeckt werden.<br />
www.motionminers.com<br />
NUMAFERM<br />
Arzneien auch für<br />
ärmere Länder<br />
Numaferm ist ein junges Biotechnologie-Start-up,<br />
das 2017 als Spin-off des Instituts für Biochemie der<br />
Heinrich-Heine-Universität von Dr. Christian Schwarz<br />
und Philipp Bürling gegründet wurde. Zum Markteintritt<br />
erhielt das Düsseldorfer Unternehmen eine<br />
Finanzierungshilfe im siebenstelligen Bereich. Das<br />
Start-up hat ein Verfahren entwickelt, dank dem<br />
Peptide nur zu einem Zehntel der sonst sehr hohen<br />
herkömmlichen Kosten produziert werden können.<br />
Dieses Verfahren ist von großer Bedeutung, da<br />
Peptide für die Herstellung von Kosmetika, Arzneien<br />
und Dünger benötigt werden. Durch das günstigere<br />
Produktionsverfahren können durch die Gründer aus<br />
Deutschland nun auch ärmeren Ländern Arzneien<br />
zugänglich gemacht werden.<br />
www.numaferm.com<br />
HOLIDU<br />
Suchen und buchen<br />
Das 2014 gegründete Start-up Holidu hat sich der Mission<br />
verschrieben, das Suchen und Buchen von Ferienwohnungen<br />
einfacher zu machen. Mit einer Suchmaschine für Ferienhäuser<br />
und -wohnungen wollen die Gründer Urlaubern ermöglichen,<br />
die ideale Unterkunft zum niedrigsten Preis zu finden. Zugleich<br />
soll es ebenfalls für Anbieter leichter werden. Mittels der<br />
Software- und Servicelösung Bookiply hilft das Unternehmen<br />
auch Ferienhausvermietern, mit weniger Aufwand mehr<br />
Buchungen zu bekommen. 2019 konnte das Start-up der<br />
erfolgreichen Gründer durch namenhafte Investoren eine<br />
dritte Finanzierungsrunde über 40 Millionen Euro abschließen.<br />
Ein Jahr später wurde diese sogenannte Series C dann um<br />
fünf Millionen Euro erweitert. Trotz Coronapandemie befindet<br />
sich das Start-up auf Wachstumskurs. So beschäftigt Holidu<br />
mittlerweile über 220 Mitarbeiter, damit zählt die Firma<br />
ebenfalls zu den erfolgreichsten Start-ups in Deutschland.<br />
www.holidu.de<br />
SEPTEMBER 2022
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Veränderung<br />
98<br />
Master gemacht, dann einen kleinen<br />
Exkurs nach St. Gallen für ein halbes Jahr.<br />
Jetzt promoviere ich noch an der<br />
FU Berlin im Bereich Accounting und<br />
Auditing, also sprich sehr zahlenlastige<br />
BWL. Und ich habe als wissenschaftlicher<br />
Mitarbeiter und Dozent an der Uni<br />
gearbeitet, dann kam der Anruf von<br />
Vincent Kittmann, er ist einer der Geschäftsführer<br />
der Podstars. Sie suchten<br />
jemanden für den Podcast „Ohne Aktien<br />
Wird Schwer“, und da war ich gleich<br />
dabei. Mittlerweile haben wir über<br />
500 Sendungen produziert. Natürlich<br />
verfolge ich meine Promotion weiter.<br />
Was macht einen<br />
guten Business Angel<br />
aus – und wie wird<br />
man ein Super Angel?<br />
Ist Florian Adomeit ein Gesandter des Herrn? Nicht ganz, aber in<br />
hilfreicher Mission für Gründer und Erfinder unterwegs. Ein Blick auf<br />
die deutsche Business-Angel-Szene – und über den Atlantik.<br />
MAX: Magst du unseren Lesern erklären:<br />
Was ist eigentlich ein Business-Angel?<br />
Florian: Früher war es so, wenn du in den<br />
50er-Jahren vielleicht ein Handelsunternehmen<br />
aufmachen wolltest, dann<br />
konnte man das relativ langsam und<br />
entspannt skalieren. Man brauchte nicht<br />
besonders viel Kapital, du konntest Ware<br />
einkaufen, vielleicht auf Kredit, hast sie<br />
dann verkauft, konntest dein erstes<br />
Geschäft machen, hast dir schon mal<br />
die Ladenmiete leisten können. Das ist<br />
jetzt natürlich sehr vereinfacht. Dann<br />
hat sich diese Dynamik, gerade im<br />
Digital-Business, geändert in „The<br />
Winner takes it all“-Märkte, und es<br />
werden risikoreichere Unternehmungen<br />
gegründet. Du brauchst aber trotzdem<br />
Geld, um überhaupt erst mal einen<br />
Prototyp auf die Straße zu setzen. Und<br />
da gab und gibt es viele Unternehmer,<br />
die erfolgreich sind und ein großes<br />
Netzwerk aufgebaut haben. Dieses<br />
Netzwerk, diese Erfahrungen und<br />
Startkapital stellt dann der Business<br />
Angel Gründern zur Verfügung. Der<br />
Venture-Capital-Geber will im Gegensatz<br />
dazu größere Summen an Kapital<br />
reingeben, er will aber auch ein Mitspracherecht<br />
haben. Der Business<br />
Angel steigt viel früher ein.<br />
MAX: Florian, du bist Lead Portfolio<br />
Manager, Podcast Creator und Prokurist<br />
der OMR X GmbH bei den Online Marketing<br />
Rockstars. Besonders der Podcast<br />
„Alles Coin Nichts Muss“ fällt auf …<br />
Florian Adomeit: Das ist echt krass. Und<br />
ich lerne in diesem Krypto-Podcast<br />
selbst extrem viel, ich komme primär<br />
aus der Aktienwelt, und Julius, der<br />
Co-Host, kommt halt aus der Kryptowelt<br />
und versucht, mir diese im Podcast<br />
näherzubringen. Es ist nicht alles so<br />
shady, wie es manchmal dargestellt wird.<br />
Es gibt da wirklich coole Innovationen,<br />
und wir versuchen, die Spreu vom<br />
Weizen zu trennen, natürlich alles ohne<br />
Anlageberatung. So bin ich übrigens zu<br />
Online Marketing Rockstars gekommen,<br />
über die Podcast-Schiene.<br />
MAX: Mit welcher Vorbildung wird man<br />
Podcaster?<br />
Florian: Ich weiß nicht, ob es so eine<br />
Lehrbuchqualifikation für Podcasts<br />
gibt – ich rede jedenfalls gern. Fachlich<br />
habe ich BWL studiert, in Berlin meinen<br />
MAX: Sind Business Angels zurückhaltender<br />
als VC-Geber?<br />
Florian: Ich glaube die wenigsten<br />
Business Angel sagen „Du musst das so<br />
und so machen“, man hat auch kein<br />
Mitspracherecht auf einer gesellschaftsrechtlichen<br />
Ebene. Viele Business Angel<br />
investieren derzeit über Wandelanleihen,<br />
sprich: Man gibt eigentlich nur Fremdkapital<br />
rein und hat gesellschaftsrechtlich<br />
gar keine Mitsprache eingeräumt<br />
bekommen – während ein VC sich<br />
häufig direkt einen Anteil sichert, das<br />
SEPTEMBER 2022
DEUTSCHLAND BEWEGT SICH<br />
macht der Business Angel auch, aber<br />
erst später. Da wird quasi sein Kredit<br />
gewandelt in Unternehmensanteile.<br />
MAX: Gibt es in Deutschland ein paar<br />
Namen von sehr bekannten Business<br />
Angels?<br />
Florian: Da wären etwa zu nennen<br />
Philipp Klöckner, Lea-Sophie Cramer,<br />
Florian Gschwandtner, Verena Pausder<br />
oder Jan Beckers. Bekannt aus der<br />
„Höhle der Löwen“ ist sicher Frank<br />
Thelen oder aus der Investorenszene<br />
Oli Samwer von Rocket Internet.<br />
MAX: Es wird vermutet, dass in<br />
Deutschland rund 400 Millionen Euro<br />
ins Business-Angel-Business gehen, in<br />
den USA sprechen wir von mindestens<br />
vier Milliarden Dollar.<br />
Florian: Na ja, erst mal sind die USA<br />
natürlich deutlich größer als Deutschland.<br />
Beide Länder unterscheiden<br />
sich aber auch in ihrer Anlagekultur.<br />
Deutsche investieren nicht annähernd<br />
so viel in Aktien wie Menschen in den<br />
USA. Investitionen in Unternehmen und<br />
Aktionärskultur werden bei uns jetzt in<br />
den letzten Jahren immer mehr gestärkt,<br />
aber in den USA ist es halt schon immer<br />
anders gewesen. Dort hast du etwa<br />
Sparpläne in Aktien, die auch zur Rentenversicherung<br />
oder zur Altersvorsorge<br />
dienen.<br />
MAX: Neben dem lieben Geld,<br />
was muss einen Business Angel noch<br />
auszeichnen?<br />
Florian: Vor allem sein Netzwerk. Und<br />
viel Erfahrung und dass man Gründern<br />
wirklich mit Rat und Tat zur Seite stehen<br />
kann. Also das sind viel, viel wichtigere<br />
Sachen als nur Geld. Das Ökosystem<br />
besteht eben nicht nur aus Geld. Und<br />
Deutschland kann ja mittlerweile auf<br />
relativ viele erfolgreiche Gründungen<br />
zurückblicken …<br />
MAX: Als da wären …?<br />
Florian: Da wäre etwa Zalando, das<br />
dürfte inzwischen jeder kennen. Oder<br />
Delivery Hero und das Unicorn About<br />
You. Große internationale Investoren hat<br />
jetzt auch Trade Republic angezogen.<br />
Aber wenn du in den USA einen großen<br />
Paycheck bekommst, etwa bei Google,<br />
dann sagst du dir: Ich kaufe mir ein<br />
neues Haus, investiere in meine<br />
Altersversicherung, und einen Teil<br />
stecke ich in Start-ups. Das ist eben bei<br />
uns noch nicht so, da können wir noch<br />
„Investitionen in Unternehmen<br />
und Aktionärskultur werden<br />
bei uns in den letzten<br />
Jahren immer mehr gestärkt.“<br />
Florian Adomeit<br />
aufholen. Kein Wunder, dass im Silicon<br />
Valley viele Start-ups gefördert<br />
werden – denn dort sitzen technische<br />
Entwickler, erfahrene Sales-Leute und<br />
kreative Köpfe. In Deutschland suchen<br />
wir händeringend Nachwuchs.<br />
MAX: Was zeichnet einen guten<br />
Business Angel noch aus?<br />
Florian: Neben dem Netzwerk eine sehr<br />
gute Menschenkenntnis, ein ordentlicher<br />
Track-Record und eine gewisse generalistische<br />
Kenntnis, wohin Business-<br />
Trends laufen könnten. Und ich<br />
persönlich investiere gern in Dinge,<br />
die ich verstehe.<br />
MAX: In den USA spricht man auch<br />
von Super Angels …<br />
Florian: Das sind Leute, die nicht nur<br />
einen Homerun hatten, also einen<br />
Treffer, indem sie etwa frühzeitig in Uber<br />
investiert haben, sondern sehr früh auch<br />
etwa in Spotify, AirBnb, Trade Republic<br />
oder Facebook. Wenn du bei fünf<br />
Unicorns investiert hast, dann giltst du<br />
als Super Angel.<br />
MAX: Agiert OMR als Business Angel?<br />
Florian: Auf keinen Fall spielen wir<br />
den dicken Investor. Aber wenn wir<br />
gebeten werden, machen wir uns schon<br />
Gedanken, ob wir im Rahmen unseres<br />
Ökosystems und mit unserem Netzwerk<br />
einem vielversprechenden Start-up<br />
helfen können. Eher so, dass Business<br />
Angels auch Family and Friends sind<br />
und dir helfen können, eine erste, noch<br />
spröde Geschäftsidee mit Leben<br />
zu füllen.<br />
MAX: Lieber Florian, herzlichen Dank<br />
für das Gespräch.<br />
SEPTEMBER 2022
Herausforderung<br />
100
Herausforderung<br />
102<br />
SEPTEMBER 2022
EIN GESPRÄCH ÜBER HERAUSFORDERUNGEN UND KRISEN,<br />
GESELLSCHAFTLICHEN ZUSAMMENHALT,<br />
die Rolle von Qualitätsjournalismus in<br />
aufgeregten Zeiten und eine düstere Prognose,<br />
wenn nicht noch einiges passiert …<br />
INTERVIEW PETER LEWANDOWSKI
Herausforderung 104<br />
MAX: Was ist die größte Herausforderung<br />
unserer Zeit?<br />
Precht: DAS ÜBERLEBEN<br />
DER MENSCHHEIT. ES SIND NUR NOCH<br />
WENIGE JAHRZEHNTE, BIS DIE<br />
SOZIALEN FOLGESCHÄDEN DER<br />
ÖKOLOGISCHEN KATASTROPHE ZU<br />
KONFLIKTEN AUF DIESER ERDE FÜHREN<br />
WERDEN, DIE GRÖSSER SIND ALS ALLES,<br />
WAS DIE MENSCHHEIT BISHER ZU<br />
BEWÄLTIGEN HATTE.<br />
Insofern kann man sagen, dass der<br />
Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe<br />
und das Verschonen des Planeten<br />
die beiden Hauptaufgaben der Menschheit<br />
sind.<br />
MAX: Das Thema beschäftigt uns eigentlich<br />
seit mehr als 50 Jahren. Und trotzdem<br />
diskutieren wir ganz andere Themen,<br />
auch abseits von den Folgen des Ukrainekrieges.<br />
Nehmen wir unsere eigene<br />
Zukunft nicht ernst genug?<br />
Precht: Ja, natürlich nehmen wir sie<br />
nicht ernst genug. Ich bin quasi mit der<br />
Gründung der Grünen sozialisiert, und<br />
damals gab es diesen Report „Global<br />
2000“, der in eine ähnliche Richtung ging<br />
wie der Club of Rome mit den „Grenzen<br />
des Wachstums“. Und ich war verzweifelt<br />
damals, Anfang der 80er-Jahre<br />
wurde ich in die Schublade des Spinners<br />
getan, wenn ich Dinge gefordert habe<br />
für die Umwelt, die heute selbstverständlich<br />
sind. Vor 40 Jahren hatten wir<br />
noch viel bessere Möglichkeiten, etwas<br />
zu tun. Jetzt fürchte ich, dass der Zug<br />
zur Rettung der Menschheit abgefahren<br />
ist. Ich glaube nicht mehr daran,<br />
dass wir es schaffen. Aber ich hoffe, dass<br />
wir wenigstens nicht alle Pflanzen und<br />
Tierarten gleich mit ausrotten, und der<br />
Planet zumindest eine Chance bekommt,<br />
sich zu regenerieren.<br />
MAX: Das heißt ohne den Menschen hat<br />
der Planet die Chance zum Aufbruch …<br />
Precht: Natur ist mein großes Lebensthema.<br />
So traurig und dramatisch das<br />
für die Menschheit ist, aus der Sicht der<br />
Biodiversität ist das Verschwinden des<br />
Menschen nicht tragisch.<br />
MAX: Wie alt ist Ihr Sohn?<br />
Precht: Er ist 19 Jahre alt, und für<br />
jeden, der Kinder hat, gibt es genügend<br />
Gründe, den Untergang der Menschheit<br />
nicht zu feiern. Aber ich fange an, mich<br />
mit dem Gedanken zu arrangieren, dass<br />
es nicht mehr fünf vor zwölf ist, sondern<br />
inzwischen fünf nach zwölf. Wenn man<br />
sich anguckt, was alles abbrennt, wenn<br />
man sich anguckt, was in weiten Gebieten<br />
Afrikas durch Dürre und Überschwemmungen<br />
passiert, dann bekommen<br />
wir jetzt schon eine Vorstellung,<br />
welche enormen Kriege, Völkerwanderungen<br />
uns da in relativ naher Zeit bevorstehen.<br />
Da wird uns auch kein Limes,<br />
keine Abschottung helfen. 2015 war nur<br />
ein minimaler Vorgeschmack auf das,<br />
was noch kommen wird. Das wird bei<br />
uns zu sozialen Spannungen unvorstellbaren<br />
Ausmaßes, ja zu bürgerkriegsähnlichen<br />
Situationen führen. Und das ist<br />
eben das, was unsere Kindergeneration<br />
mitbekommen wird.<br />
MAX: Drücken wir uns vor der Verantwortung<br />
für nachfolgende Generationen?<br />
Precht: Die Leute haben anscheinend<br />
mehr Angst vorm Frieren als vorm<br />
Aussterben. Das liegt natürlich auch an<br />
einer Medienlandschaft, die die kleinen<br />
Dinge sensationiert, um die Menschen<br />
zu erreichen.<br />
DIE GROSSEN THEMEN<br />
SIND SATTSAM BEKANNT, HABEN ABER<br />
KEINEN TÄGLICHEN ERREGUNGS-<br />
ODER SENSATIONSWERT.<br />
Deswegen spielen sie im Alltagsbewusstsein<br />
eine geringe Rolle. Ein bisschen ist<br />
es ja mit Selbstausrottung der Menschheit<br />
wie mit der eigenen Sterblichkeit.<br />
Letzteres ist eine verdammt große Frage<br />
im Leben, aber sie wird natürlich<br />
nicht jeden Tag gestellt. Und das Gleiche,<br />
was wir auf der individuellen Ebene<br />
tun, erleben wir auch auf der kollektiven<br />
der Menschheits-Zukunft.<br />
MAX: Ja, ja, die Medien sind ja an allem<br />
schuld, Bashing gehört mittlerweile zum<br />
Mainstream, Lügenpresse ist schon ein<br />
geflügeltes Wort. Aber gibt es überhaupt<br />
„die Medien“? Und welche Verantwortung<br />
hat Journalismus für die Zukunft?<br />
Precht: In dem Buch, das der Soziologe<br />
Harald Welzer und ich geschrieben<br />
haben, beschäftigen wir uns nicht mit<br />
den Medien im Allgemeinen. Das ist ein<br />
weiter Begriff. Auch Bücher sind Medien.<br />
Unser Thema ist die sogenannte<br />
Qualitätspresse, also die Leitmedien.<br />
Wir bemängeln, dass durch die strukturellen<br />
Veränderungen der Öffentlichkeit<br />
durch die sozialen Netzwerke sich<br />
auch die Leitmedien verändert haben.<br />
Gewiss aus einem ökonomischen Druck<br />
heraus. Aber viele Phänomene, Themen,<br />
die man eigentlich in den sozialen<br />
Medien eher als Unkultur bezeichnen<br />
würde, finden sich heute in ähnlicher<br />
Form in den Leitmedien wieder. Und<br />
das halten Harald Welzer und ich für<br />
eine Art Selbstmord aus Angst vor dem<br />
Sterben, weil die Folge ein eklatanter<br />
Vertrauensverlust der Menschen in die<br />
Leitmedien ist. Laut einer Umfrage aus<br />
diesem Jahr vertrauen nur noch 32 Prozent<br />
in Deutschland dem Fernsehen,<br />
43 Prozent der Presse. Das sind natürlich<br />
alarmierende Werte. Viele Leitmedien<br />
beschädigen durch ihre niveaulosen Onlineauftritte<br />
ihre Marke nachhaltig und<br />
befinden sich in einem steilen Sinkflug<br />
nach unten. Aber was kann die Qualitätsmedien<br />
ersetzen?<br />
MAX: Die sozialen Medien beherrschen<br />
doch schon längst die Massenkommunikation.<br />
Precht: Das ist mittlerweile ein bekanntes<br />
Problem. Ich habe schon 2009<br />
in einer Keynote auf den Münchner<br />
Medientagen gesagt, dass die sozialen<br />
Medien nicht auf die gleiche Art Öffentlichkeit<br />
herstellen wie die traditionellen<br />
Leitmedien. Öffentlichkeit entsteht ja<br />
dann, wenn Menschen als Gleiche über<br />
Gleiches reden, aber nicht der gleichen<br />
Meinung sind.<br />
DURCH DIE SOZIALEN<br />
MEDIEN LEBT JEDER AUF SEINEM<br />
EIGENEN ATOLL, IN SEINER BLASE, DER<br />
AUSTAUSCH, DIE DEBATTENKULTUR<br />
GEHEN VERLOREN. DAS IST<br />
EINE GEWISSE BEDROHUNG FÜR<br />
EINE FUNKTIONIERENDE<br />
ÖFFENTLICHKEIT.<br />
Leitmedien als Idee werde ich immer<br />
verteidigen, aber die meisten real existierenden,<br />
so wie sie sich heute darstellen,<br />
eben nicht mehr.<br />
MAX: Was hat sich aus Ihrer Sicht<br />
geändert?<br />
Precht: Wir haben die Strukturentwicklung<br />
des Mediensystems vor allem<br />
in den letzten zehn Jahren, gekennzeichnet<br />
durch die drei großen Krisen<br />
Migration, Pandemie und jetzt den<br />
Ukrainekrieg, untersucht. Die objektiven,<br />
sorgfältig geprüften Nachrichten<br />
werden weniger, und sie werden durch<br />
kommentierende Meldungen und Artikel<br />
ersetzt.<br />
SEPTEMBER 2022
RICHARD DAVID PRECHT<br />
Sorgte schon vor der Veröffentlichung<br />
für Wirbel: „Die<br />
Vierte Gewalt“, eine Analyse<br />
über öffentliche und veröffentlichte<br />
Meinung. Walzer<br />
und Precht sparen nicht mit<br />
Kritik an den Leitmedien.<br />
Prechts Buch über die Zukunft<br />
der Wirtschaft ist seit<br />
dem Frühjahr ein Bestseller.<br />
MAX: Zum Beispiel?<br />
Precht: Ich wundere mich, wie viele<br />
Menschen sich in Leitmedien zutrauen<br />
zu wissen, was Putin denkt. Woher haben<br />
sie ihre Informationen? Nehmen wir<br />
ein Beispiel: Wie oft wird der britische<br />
Geheimdienst zitiert? Aber welcher Geheimdienst<br />
gibt seine Informationen der<br />
Öffentlichkeit preis? Oft dienen solche<br />
Verlautbarungen wie beispielsweise über<br />
die schlechte Moral der russischen Truppen<br />
der Propaganda. Welches Rollenverständnis<br />
haben Qualitätsjournalisten<br />
beim Publizieren solcher vermeintlicher<br />
Nachrichten? Wäre es nicht die Aufgabe<br />
der Leitmedien zu recherchieren, wie<br />
solche Nachrichten zustande kommen?<br />
Aber dieses kritische Nachfragen findet<br />
so nicht statt.<br />
MAX: Recherchieren, sagen, was ist,<br />
gehört zum Ethos des Journalismus …<br />
Precht: Ja natürlich. Aber in der<br />
Praxis steht man in großer Konkurrenz,<br />
die Themen werden rausgehauen, und<br />
man bedient sich der Stilmittel der Sensationsmedien,<br />
von denen man sich qualitätsmäßig<br />
ja eigentlich unterscheiden<br />
will. Das stärkt die Erregungskultur<br />
und erstickt unsere Debattenfähigkeit.<br />
Aus diesem Selbstverständnis geht auch<br />
immer mehr die Kontrollfunktion verloren.<br />
Journalisten werden zu Aktivisten,<br />
indem sie versuchen, die Politik zu treiben.<br />
Je nachdem, wo gerade der Cursor<br />
der Aufmerksamkeit steht, sind sie beispielsweise<br />
für oder gegen eine Impflicht,<br />
für oder gegen einen Lockdown.<br />
AUF OLAF SCHOLZ WURDE<br />
EIN IRRSINNIGER DRUCK AUSGEÜBT,<br />
SCHWERE WAFFEN ZU LIEFERN.<br />
DAS SCHEINT ZUM TAGESGESCHÄFT<br />
VIELER LEITARTIKLER ZU<br />
GEHÖREN: POLITIK ZU MACHEN, STATT<br />
SIE ZU KONTROLLIEREN.<br />
MAX: Gibt es eine Diskrepanz<br />
zwischen öffentlicher und veröffentlichter<br />
Meinung?<br />
Precht: Bleiben wir bei den Waffenlieferungen<br />
für die Ukraine. 60 Prozent<br />
der Bevölkerung, glaube ich, waren mit<br />
Scholz’ Politik der abwägenden Zurückhaltung<br />
ganz zufrieden. In der veröffentlichten<br />
Meinung, in den Kommentaren,<br />
hat sich das nicht widergespiegelt.<br />
Wir nennen das eine Selbstangleichung<br />
der Medien. Das hat natürlich nichts<br />
mit Gleichschaltung zu tun, mit Staatsmedien<br />
und anderen absurden Theorien<br />
von „Querdenkern“. Es liegt eher an bestimmten<br />
sozialpsychologisch erklärbaren<br />
Mechanismen der Angleichung.<br />
MAX: Das heißt auf Deutsch?<br />
Precht: Der Cursor der Aufmerksamkeit<br />
ist zugleich der Cursor des<br />
gefühlten Anstandes. Das ist sozusagen<br />
der Punkt, wo ich aus moralischen<br />
Gründen hier jetzt zu sein habe und<br />
mich davon nicht zu weit entfernen darf.<br />
Wer davon abweicht, geht ein Risiko ein,<br />
nicht verstanden zu werden, anzuecken,<br />
nicht mehr dabei zu sein. Und aus diesem<br />
sozialpsychologischen Mechanismus,<br />
zur Ingroup um den Cursor zu gehören,<br />
entsteht dieses Verhalten.<br />
MAX: Kritisieren kann ja jeder.<br />
Aber was ist der Zweck Ihres Buches?<br />
Noch eine Aufmerksamkeit?<br />
Precht: Wir haben nicht hundert<br />
Patentlösungen, wie man alles besser<br />
machen kann. Aber es wäre doch mal<br />
schön, wenn wir öffentlich darüber diskutieren,<br />
wie man bestimmte Fehlentwicklungen<br />
aufhalten könnte. Das ist<br />
SEPTEMBER 2022
Herausforderung 106<br />
der Punkt. Es soll ein Weckruf an die<br />
Qualitätsmedien sein, sich ihrer Stärken<br />
wieder zu besinnen. Recherchieren,<br />
beurteilen, informieren, davon sind die<br />
meisten weit entfernt. Über unser Buch<br />
wurden zum Beispiel negative Kritiken<br />
veröffentlicht, obwohl wir es noch gar<br />
nicht fertig geschrieben hatten und<br />
keiner eine leise Ahnung haben konnte,<br />
was drinsteht. Schon die Ankündigung<br />
hatte gereicht, um mit uns ins Gericht<br />
zu gehen.<br />
MAX: Wie sehr hängt das mit Ihrer<br />
Person zusammen? Sie scheinen immer<br />
mehr zu polarisieren?<br />
Precht: Ich will mich als Person<br />
nicht in den Vordergrund stellen. Nur<br />
so viel: Das Wort Querdenker war ja<br />
mal positiv besetzt. Wer eine andere<br />
Meinung hatte, galt früher als unbequem<br />
oder streitbar. Und das waren keine<br />
negative Wörter, sondern eher eine Auszeichnung.<br />
Ich bin Philosoph und Publizist<br />
und äußere mich zu Themen der<br />
Zeit, da geht es nicht um Gefälligkeit<br />
und Beliebtheit, sondern darum, das zu<br />
sagen, was man aus gründlicher Überlegung<br />
heraus für richtig hält.<br />
MAX: Wie wichtig ist Haltung im Leben?<br />
Precht: Heute scheinen Moral und<br />
Haltung hundertmal wichtiger als je zuvor.<br />
Nicht nur in der jungen Generation<br />
hat man zu allem eine Meinung aus einer<br />
starken moralischen Überzeugung – egal,<br />
wie groß das Wissen um ein Thema ist.<br />
WIR LIKEN UND DISLIKEN, DENKEN<br />
SCHWARZ, WEISS, HABEN ZU ALLEM<br />
GANZ SCHNELL WAS ZU SAGEN. DAS<br />
HEISST, WIR HABEN EINEN ENORMEN<br />
VERBRAUCH AN MORAL, MIT DER WIR<br />
NICHT MEHR VERNÜNFTIG UMGEHEN.<br />
MAX: Haben wir verlernt, wie es so schön<br />
heißt, uns erst mal ein Bild zu machen?<br />
Precht: Das wäre auch eine Aufgabe<br />
der Schulen. Man sagt ja immer, die<br />
Stärkung der Urteilskraft sei elementares<br />
Bildungsziel. Ich habe aber nicht das<br />
Gefühl, dass besonders viele Kinder mit<br />
gestärkter Urteilskraft die Schule verlassen,<br />
sondern eher mit einer gestärkten<br />
Meinungsfreude.<br />
MAX: Aber dagegen ist doch nichts<br />
zu sagen.<br />
Precht: Früher wussten die Erwachsenen<br />
immer alles besser, und es war<br />
egal, was Kinder denken. Das war nicht<br />
gut. Heute ist genau das Gegenteil der<br />
Fall. Heute wird jede Kleinigkeit wahrgenommen:<br />
Was Kinder denken, wünschen,<br />
wollen. Kinder müssen lernen,<br />
mit sich selbst umzugehen, die Welt zu<br />
erfahren und daraus eine Urteilskraft zu<br />
entwickeln. Wir sind quasi von einem<br />
Extrem ins andere geschossen.<br />
MAX: Also haben Kinder doch eher die<br />
Klappe zu halten<br />
Precht: Nein. Es gibt zwei <strong>Max</strong>imen,<br />
die ich bei meinem Sohn versucht habe<br />
zu berücksichtigen. Das eine ist, Kinder<br />
können nicht genug Liebe kriegen,<br />
aber sehr leicht zu viel Aufmerksamkeit.<br />
Wer trainiert wird, zu allem seine<br />
Meinung abzugeben, wird nachher den<br />
Mechanismus nicht finden, seine Meinung<br />
kritisch zu hinterfragen. Quasi<br />
um sich zu überdenken, neue Gedanken<br />
zuzulassen, eine neue Meinung zu<br />
bilden. Wir reagieren zu oft im Affekt.<br />
Wie soll gesellschaftlicher Konsens erstellt<br />
werden, wenn zwar die Meinungsfreude<br />
sehr gut entwickelt ist, aber die<br />
Vermittlungsfähigkeit darunter leidet,<br />
dass man seine Meinung aufgrund neuer<br />
Wissenserkenntnisse nicht infrage<br />
stellt. Der Kitt der Öffentlichkeit kann<br />
nur funktionieren, solange man bereit<br />
ist, von eigenen Meinungen in dem einen<br />
oder anderen Punkt abzusehen oder<br />
andere gelten zu lassen.<br />
MAX: Aber müssen wir nicht viel mehr<br />
Rücksicht auf junge Menschen nehmen?<br />
Nach dem neuen Jugendreport mussten sie<br />
am meisten unter der Pandemie leiden.<br />
Precht: Das ist tatsächlich so! Wir<br />
haben bei Corona erwartet, dass die<br />
jungen Menschen einen enormen Beitrag<br />
leisten und auf wirklich spannende<br />
Lebenszeit zu verzichten. Ihre Chance<br />
zur Weiterentwicklung wurde einfach<br />
eingeengt. Dabei sind doch die Jahre<br />
von 14 bis 18 oder 20 die aufregendsten,<br />
an die wir uns immer wieder gern erinnern.<br />
In der Pandemie haben sich die<br />
Jungen zurückgenommen, um die Alten<br />
zu schützen. Und ich frage mich, was<br />
machen die Alten, um den Jugendlichen<br />
einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen?<br />
Fast nichts. Wir überschütten<br />
unsere Kinder mit einem Ausmaß an<br />
Liebe, wie das noch nie eine Generation<br />
auf diesem Planeten gemacht hat, aber<br />
auch mit einem ungekannten Ausmaß an<br />
Konsum. Und damit zerstören wir liebevoll<br />
und wohlmeinend ihre Zukunft.<br />
MAX: Die Menschen scheinen andere<br />
Sorgen zu haben.<br />
Precht: Der Klimawandel ist, wie<br />
bereits gesagt, das Thema, dem wir alles<br />
unterordnen müssen. Ich hoffe mit<br />
anderen namhaften Intellektuellen auf<br />
ein baldiges Waffenstillstandsangebot<br />
an Russland, weil es im 21. Jahrhundert<br />
schlichtweg Irrsinn ist, was dort passiert.<br />
Wir können uns dieses Ausmaß<br />
an Kriegsführung mit immer schwereren<br />
Waffen menschheitsgeschichtlich<br />
nicht mehr leisten, das Öl, das hier verbrannt<br />
wird, der CO2-Ausstoß, all die<br />
Milliarden, die in Waffen fließen und<br />
dabei fehlen, wo es gilt, das Überleben<br />
der Menschheit zu sichern. Schon jetzt<br />
sterben in Afrika täglich bis zu 25 000<br />
Menschen, und der von uns bewirkte<br />
Klimawandel treibt diese Zahl zukünftig<br />
immer weiter in die Höhe.<br />
SO VERSTÄNDLICH DIE TIEFE<br />
EMPÖRUNG ÜBER DEN RUSSISCHEN<br />
ANGRIFFSKRIEG IST – ER IST<br />
GLEICHWOHL NICHT DAS GRÖSSTE<br />
PROBLEM, VOR DEM WIR STEHEN.<br />
Bei aller tief empfundenen Empathie<br />
für die ukrainischen Kriegsopfer – wen<br />
soll die Frage, wem der Donbass gehört,<br />
noch interessieren, wenn unsere ganze<br />
Zivilisation ob der ökologischen Katastrophe<br />
komplett zusammenbricht? Ich<br />
mahne hier dringend zu mehr Realismus.<br />
MAX: Bei Ihrer Sicht auf das Ende der<br />
Menschheit kann das nun auch völlig<br />
egal sein …<br />
Precht: Die Scheißegal-Haltung<br />
macht’s nicht besser. Ich habe meine<br />
Zuversicht verloren, aber nicht meine<br />
Haltung. Selbst wenn unsere Überlebenschance<br />
nur noch bei einem Prozent<br />
liegen sollte, haben wir die Verpflichtung,<br />
für dieses eine Prozent alles zu tun.<br />
Der daraus resultierende Optimismus<br />
gründet sich auf Alternativlosigkeit.<br />
MAX: Wie können wir in dieser Zeit noch<br />
wachsen, ihr gewachsen sein?<br />
Precht: Wenn wir Wachstum nicht<br />
auf das Materielle reduzieren, geht<br />
Wachstum immer. Ich glaube ganz grundsätzlich<br />
daran, dass die Zivilisation Fortschritte<br />
machen kann. Humanität, Empathie<br />
und andere Werte sind aber abhängig<br />
von sozialen Voraussetzungen. Deswegen<br />
SEPTEMBER 2022
RICHARD DAVID PRECHT<br />
107<br />
setze ich mich auch für das bedingungslose<br />
Grundeinkommen ein. Mit der Einführung<br />
des Bürgergeldes wird nun ein<br />
erster Schritt getan. Und ich brauche<br />
Bildung für mein inneres Wachstum, damit<br />
ich ein netter, entspannter, gelassener<br />
Mensch werden kann – ohne Sorgen<br />
um meinen Arbeitsplatz oder Angst vor<br />
gesellschaftlicher Ausgrenzung und Abstiegen.<br />
Und die rücken näher. Sie beginnen<br />
schon, wenn wir tatsächlich im<br />
Winter frieren sollten. Dann wird vor<br />
allem die AfD profitieren. Und wenn wir<br />
uns die USA anschauen, wo sich so viele<br />
Leute von der Politik nicht mehr vertreten<br />
fühlen, müssen wir befürchten, dass<br />
so ein molekularer Bürgerkrieg auch<br />
woanders ausbrechen kann. Anzeichen<br />
dafür haben wir in Frankreich oder in<br />
England. Wir sind in Deutschland noch<br />
vergleichsweise stabil, aber wir sind<br />
auch noch keinem echten Stresstest ausgesetzt<br />
gewesen. Also es müssen ganz<br />
viele politische und wirtschaftliche Voraussetzungen<br />
erfüllt sein, um Menschheitsfortschritte<br />
zu erzielen.<br />
WIR KÖNNEN IN SOMALIA<br />
ODER IN AFGHANISTAN DERZEIT<br />
NICHT MIT EINEM MENSCHHEITS-<br />
FORTSCHRITT RECHNEN. ALSO<br />
MÜSSEN WIR DEN VON UNSEREN<br />
KULTUREN ERWARTEN UND<br />
VON NIEMANDEM SONST.<br />
MAX: Und eine neue Kultur des<br />
Verzichts pflegen?<br />
Precht: Daran werden wir nicht<br />
vorbeikommen. Und wahrscheinlich<br />
wird es unser Glück auch nicht dramatisch<br />
mindern, weniger Auto zu fahren<br />
und seltener ein neues Handy zu kaufen.<br />
MAX: Aber es verändert sich doch viel:<br />
mehr Fahrräder, mehr Elektromobilität …<br />
Precht: … deren Gegner ich mittlerweile<br />
bin. Weil wir dafür Ressourcen<br />
wie Lithium und Kobalt brauchen, deren<br />
Gewinnung Biodiversität, indigene Kulturen,<br />
Regenwälder und andere Lebensräume<br />
zerstört. Die Lösung wäre: deutlich<br />
weniger Auto zu fahren! Und dann<br />
kommt es am Ende nicht so sehr darauf<br />
an, ob es ein Drei-Liter-Diesel ist oder<br />
ein Elektrofahrzeug. Das Wichtigste ist,<br />
umweltschädlichen Verkehr zu reduzieren.<br />
Das machen wir aber nicht wirklich.<br />
Im Augenblick verlagern wir die Probleme.<br />
Und solange wir nicht in Richtung<br />
Reduktion gehen, ist vieles Selbstbetrug.<br />
MAX: Wir haben jahrzehntelang in<br />
Fortschritt und Wohlstand gelebt. Muss<br />
sich im 21. Jahrhundert unser Koordinatensystem<br />
verändern?<br />
Precht: Rupert Neudeck, der leider<br />
verstorben ist und den ich sehr verehrt<br />
habe, hat mit seiner „Cap Anamur“ konkret<br />
gehandelt, Flüchtlinge aus dem Meer<br />
gerettet und ist für mich ein Vorbild. Er<br />
hat mich gelehrt, wie wir in der Welt helfen<br />
können. Nicht durch Belehrung, Ausbeutung,<br />
sondern durch echte Partnerschaft<br />
mit den armen Ländern, um sie zu<br />
fördern, ihren Wohlstand, soziale Sicherheit<br />
und so weiter. Das gelingt nicht mit<br />
Entwicklungsgeldern, die mit der Gießkanne<br />
verteilt werden, sondern durch das<br />
Eingehen auf länderspezifische Bedürf-<br />
Sendet auf vielen Kanälen und eckt oft mit seiner Meinung an:<br />
Mit seinem Talk „Precht“ im ZDF und dem<br />
wöchentlichen Podcast mit Markus Lanz. Beide Formate<br />
haben Hunderttausende an Fans.<br />
nisse. Unser Außenministerium sollte in<br />
eines für globale Zusammenarbeit transformiert<br />
werden. Wenn wir wirklich was<br />
retten wollen, dann müssen wir nämlich<br />
noch sehr viel mehr in Afrika tun als bei<br />
uns zu Hause.<br />
MAX: Also gibt es doch noch Hoffnung?<br />
Precht: EIN PESSIMIST,<br />
DER SICH BESTÄTIGT FÜHLT, HAT<br />
EIN WENIGER SINNVOLLES<br />
LEBEN GEFÜHRT ALS EIN OPTIMIST,<br />
DER SICH GETÄUSCHT HAT.<br />
DESWEGEN GIBT ES<br />
IM GRUNDE ZUM OPTIMISMUS KEINE<br />
ALTERNATIVE. ICH KOMME AUS<br />
EINER FAMILIE VON PESSIMISTEN.<br />
MEIN OPTIMISMUS IST TROTZ.<br />
SEPTEMBER 2022
Aufbruch Herausforderung<br />
108<br />
TEXT BEATE ZWERMANN<br />
Die Pandemie hat die Welt nicht nur zum<br />
Schlechteren verändert. Es ergeben sich neue<br />
Chancen für jeden Einzelnen von uns und<br />
damit auch für die Gesellschaft. Für viele hat der<br />
Luxus jedoch einen Preis.<br />
In<br />
Kağan Sümers Welt<br />
Welt sind seine Gorillas-Rider (zu Deutsch: Fahrradkuriere)<br />
die Helden der Gegenwart: Ganz in Schwarz gekleidet,<br />
durch tägliches Fahrradfahren mit schwerer Fracht körperlich<br />
gestählt, lieben sie es, in kleinen, verdunkelten Läden,<br />
sogenannten Dark Stores, bei lautem Techno-Beat mit<br />
Gleichgesinnten abzuhängen und auf ihre Lieferfahrten zu<br />
warten. Um dann beim Blinken der Bestell-App mit ge“pikter“<br />
Ware und per Missachtung jedweder Verkehrsregel in<br />
Windeseile die Menschen zu beglücken, die sie durch ihren<br />
lebensgefährlichen Einsatz über jedes Kopfsteinpflaster<br />
und Schlagloch von ihrem zentralen Problem befreien:<br />
DEM EINKAUFEN IM SUPERMARKT.<br />
In der Welt von Nazim Salur sind seine Getir-Rider ebenfalls<br />
Helden. Er nennt sie die digitalen Butler für Millionen<br />
von Menschen. „Eine Hilfskraft einzustellen, die den Einkauf<br />
erledigt, konnten sich bisher nur wohlhabende Menschen<br />
leisten“, sagt Salur in einem Interview der Frankfurter<br />
Allgemeinen Zeitung. Sein Geschäftsmodell habe diese<br />
Schwelle demokratisiert und bringe ein Stück Luxus für alle. Die<br />
Menschen hätten ein Recht auf Faulheit. 90 Prozent der Bevölkerung<br />
habe keine Freude am Einkauf von Lebensmitteln. Die Zeit im<br />
Supermarkt könne sie besser nutzen.<br />
Die Idee zu seinem Lieferservice sei ihm durch seine Mutter<br />
gekommen, erzählt Gorillas-Gründer Sümer gerne. In seiner Kindheit<br />
habe diese einfach durchs Fenster ihre Wünsche zum Laden<br />
gegenüber gerufen. Der Kaufmann legte die Waren dann in einen<br />
Korb, den sie zur Wohnung hochziehen konnte. Für Getier- Gründer<br />
Salur ist der Lieferdienst eine Fortführung seiner Taxi-App BiTaksi.<br />
Sie verspricht Kunden, dass innerhalb von drei Minuten ein Taxi<br />
bereitsteht. Warum sollte man den Menschen ihre alltäglichen<br />
Einkäufe nicht auch in etwa zehn Minuten bringen, fragte sich der<br />
Tech- Unternehmer folglich und gründete den ersten Zehn-Minuten-<br />
Lieferservice in der Türkei.<br />
WER SIND DIESE MÄNNER, DIE MENSCHEN<br />
ZURÜCK AUFS SOFA UND IN DIE ISOLATION SCHICKEN<br />
WOLLEN, WO SIE SICH DOCH GERADE ERST WIEDER<br />
FREI BEWEGEN KÖNNEN?<br />
SEPTEMBER 2022
SEPTEMBER 2022<br />
109
Herausforderung<br />
110<br />
Sümer und Salur haben viele Gemeinsamkeiten: Sie haben<br />
beide türkische Wurzeln und betreiben Lebensmittel-<br />
Schnelllieferdienste, mittels derer sie den Alltag der Menschen<br />
weltweit revolutionieren wollen.<br />
WÄHREND SALUR MIT SEINEM IM JAHR 2015 GESTARTETEN<br />
UNTERNEHMEN GETIR ALS PIONIER DER BRANCHE MIT SOLIDEM<br />
WACHSTUM UND KAPITALBASIS GILT, IST SÜMER MIT GORILLAS<br />
IN DER CORONA-PANDEMIE SEIT MAI 2020 INNER-HALB<br />
VON NUR ZEHN MONATEN ZUM START-UP-EINHORN<br />
(UNTERNEHMENSWERT ÜBER EINE MILLIARDE US-DOLLAR)<br />
AUFGESTIEGEN.<br />
Beide Unternehmen werden unter anderen von Risiko-<br />
Kapitelgebern wie Sequoia Capitel aus dem Silicon Valley<br />
finanziert. Und beide Lieferdienste haben in der Pandemie-Zeit<br />
hochgradig von der Angst der Menschen vor der<br />
Begegnung mit Anderen profitiert. Eine Bitkom-Studie<br />
aus dem Jahr 2020 belegt die Dimension: Allein im ersten<br />
Lockdown bestellten 44 Millionen Menschen in Deutschland<br />
Essen online.<br />
Ein Vorbild ist Salur für Sümer offiziell nicht, auch<br />
wenn der türkische Unternehmer bereits mit seiner Taxi-<br />
App reich geworden ist. Jedenfalls spricht der 34-jährige<br />
Gorilla-Chef nicht über den 59-jährigen Erfolgsunternehmer<br />
aus Istanbul. Seine unternehmerische Laufbahn verknüpft<br />
Sümer öffentlich lieber mit der Start-up-Schmiede<br />
Rocket-Internet, bei der er sich fünf Mal beworben haben<br />
will, um zu lernen, wie man Unternehmen gründet und sie<br />
schnell auf Erfolgskurs bringt. Erst sieben Monate vor dem<br />
Unternehmensstart von Gorillas bekam er bei Rocket-<br />
Internet eine Stelle und nutze sie als Sprungbrett.<br />
Unternehmerisch gilt Kağan Sümer weniger als<br />
Stratege, sondern vielmehr als mutiger Macher, Stehaufmännchen<br />
und Ausnahmecharakter. In einem Interview<br />
mit dem Fernsehsender Arte berichtet er über die Anfänge<br />
von Gorillas in den Niederlanden: Einer seiner jungen<br />
Rider, der holländisch sprach, sei mutig nach Amsterdam<br />
gefahren und habe die Sache in die Hand genommen. So<br />
oder so ähnlich sei die Expansion international schnell<br />
vorangekommen. Sein eigenes Management-Team überzeugte<br />
Sümer mit dieser Vorgehensweise nicht.<br />
Mitgründer Jörg Kattner, Betriebschef Felix Chrobog<br />
(ehemals Tier und Deliveroo) sowie Einkaufschef<br />
Ronny Gottschlich (vormals Lidl) erklären ihren<br />
Ausstieg nach weniger als einem Jahr allesamt mit<br />
der unkontrollierten und zu schnellen Expansion.<br />
Mit Unverständnis reagierte Sümer öffentlich auf die<br />
Bemühungen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,<br />
einen Betriebsrat zu gründen. Seit November 2021 gibt<br />
es diesen in Berlin.<br />
TROTZ FAHRRAD- UND TECHNO-ROMANTIK<br />
GELTEN DIE ARBEITSBEDINGUNGEN DER RIDER UND<br />
PIKER ALS PREKÄRE GIG-JOBS: UNTERBEZAHLT,<br />
UNSICHER UND GEFÄHRLICH. VIELE DER MITARBEITER<br />
HABEN MIGRATIONSHINTERGRUND.<br />
DER JOB IST IHR EINSTIEG IN EINE BESSERE WELT.<br />
KAUM JUNGE DEUTSCHE TRETEN IN DIE PEDALE.<br />
BEI DER BEWERTUNG DER ARBEITSBEDINGUNGEN DER<br />
INITIATIVE FAIRWORK BELEGT GORILLAS DEN<br />
VORLETZTEN PLATZ, KNAPP VOR UBER.<br />
Getir schneidet bei Fairword im Mittelfeld ab. Die Arbeitsbedingungen<br />
für seine Kuriere sind Salur heilig. Wichtigster Unterschied<br />
ist die Ausstattung der E-Bikes und E-Rollern mit Satteltaschen,<br />
so dass die Einkäufe nicht in einer Box auf dem Rücken transportiert<br />
werden. Auch gibt Salur seinen Ridern bis zu 45 Minuten Zeit<br />
für die Lieferung. In den vergangenen 24 Krisenmonaten hat das<br />
Unter nehmen international schnell expandiert und sowohl in den<br />
USA und Großbritannien als auch im Sommer 2021 in Deutschland<br />
Fuß gefasst. Mittlerweile ist der Lieferdienst hierzulande in mehr<br />
Städten aktiv als sein Mitbewerber Gorillas und will mit einem<br />
Franchise-System in die Fläche gehen. Jede Stadt ab 10.000 Einwohnern<br />
könnte so schon bald einen Getir-Lieferservice bekommen,<br />
der von Kiosken ausgeführt wird.<br />
FÜR GETIR-CHEF SALUR GEHT DIE REVOLUTION DER FAULHEIT<br />
OFFENBAR ALSO ERFOLGREICH WEITER, WÄHREND GORILLAS<br />
VIELERORTS AUF WIDERSTÄNDE STÖSST.<br />
Diese haben ihre Wurzeln auch in den unkonventionellen Expansionsmethoden.<br />
So mussten Gorillas Dark Stores in Amsterdam<br />
und München schließen, weil die Nutzungsgenehmigungen fehlten<br />
und die Nachbarschaft sich über Lkw-Verkehr, Betrieb und Lärm<br />
bis nach Mitternacht beschwerte. Die unangenehmen Nebeneffekte<br />
dieser Läden seien belastender als die Beeinträchtigungen durch<br />
ein normales Einzelhandelsgeschäft, das an den Standorten zulässig<br />
wäre, so die Begründung.<br />
Zudem warnen Experten der Risikofinanzierung wie Rocket-<br />
Internet Urgestein Oliver Samwer seit dem Frühjahr vor dem Rückzug<br />
der Kapitalgeber. Die aktuelle Wirtschaftslage werde schlimmer<br />
als die Finanzkrise 2008. Ein Drittel seiner Belegschaft bei den<br />
Rocket-Fonds setzte Samwer schon vor die Tür.<br />
Gorillas-Chef Sümer, dessen Lieferdienst bis<br />
heute auf immer neue Kapitalspritzen angewiesen ist,<br />
reagierte ebenfalls prompt und entließ im Frühjahr die Hälfte<br />
seiner Mitarbeiter in der Berliner Zentrale. Anfang August<br />
wurden vier Niederlassungen in Nordrhein-Westfalen<br />
geschlossen, die Ambitionen in der Schweiz beerdigt und<br />
in Spanien auf Eis gelegt. In Dänemark sollen Investoren das<br />
Unternehmen übernommen haben.<br />
STEHT GORILLAS VOR DEM AUS?<br />
Es sieht so aus, als wird Sümers Truppe gerade von seinen Mitbewerbern<br />
überholt. Trotz rückläufigen Lieferanfragen expandieren Flink,<br />
Wolt, Lieferando und Uber Eats weiter. Der Schlüssel zum Erfolg<br />
liegt in der Kooperation mit bestehenden Anbietern. Bei Flink<br />
zum Beispiel ist mit der Rewe-Gruppe ein sehr starker Partner eingestiegen.<br />
Uber Eats hat die Uber-Muttergesellschaft im Hintergrund<br />
und will seinen Lieferservice auch stationären Geschäften anbieten.<br />
Wolt und Lieferando verdienen mit ihren Essenslieferplattformen<br />
bereits Geld und wollen sie nun um Lebensmittel erweitern.<br />
IN DIESEN TAGEN MACHT DIE NACHRICHT<br />
DIE RUNDE, DASS DIE FINANZAUSKUNFT CREDITREFORM<br />
VON EINER BETEILIGUNG AN GORILLAS ABRÄT.<br />
ERSTE LIEFERANTEN KLAGEN ÜBER AUSSTÄNDE<br />
UND SCHLEPPENDE ZAHLUNG.<br />
Es kann also sein, dass die Revolution ausbleibt –<br />
oder zumindest ohne Gorillas stattfindet. Mitbewerber<br />
Getir dagegen gilt als solide finanziert und dürfte durch<br />
die Expansion in kleinere Städte eine komfortable<br />
Nische finden.<br />
SEPTEMBER 2022
LIEFERDIENSTE<br />
111<br />
SEPTEMBER 2022
Herausforderung 112
KOMMERZIALISIERUNG DES FUSSBALLS<br />
113<br />
DIE KOMMERZIALISIERUNG DES FUSSBALLS<br />
IST AUSSER KONTROLLE. TOPSPIELER WERDEN WIE<br />
BLUE CHIPS GEHANDELT, VERBÄNDE<br />
ERSINNEN AUS PROFITSUCHT FANTASIEWETTBEWERBE,<br />
Staatsfonds kaufen in Heuschreckenmanier Klubs<br />
auf. Die Folge: Der Volkssport verkommt zum<br />
Big Business, die Fans verlieren den Bezug.<br />
TEXT TIM JÜRGENS<br />
ILLUSTRATION DOROTHEA PLUTA<br />
Wann platzt die Blase?<br />
SEPTEMBER 2022
Herausforderung 114<br />
Diese Frage schleuderte<br />
einst ein Hotelpage dem nordirischen Star<br />
George Best entgegen, als er ihn<br />
sturztrunken im Bett seiner Suite vorfand.<br />
Dem begnadeten Dribbler<br />
[Motto: „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen<br />
und schnelle Autos ausgegeben,<br />
den Rest habe ich einfach verprasst.“]<br />
wurde der Alkohol zum Verhängnis.<br />
Er starb bereits mit 59 Jahren an den Folgen<br />
jahrelangen Missbrauchs.<br />
Where did it all go wrong? Die Frage müsste<br />
man in diesen Zeiten auch dem Fußballgeschäft<br />
insgesamt stellen. So desolat<br />
und maßlos, süchtig nicht nach Alkohol,<br />
sondern nach Geld, wie es sich derzeit<br />
präsentiert, drängt sich der Eindruck auf,<br />
als sei am Profifußball irgendwie vorbeigegangen,<br />
dass die Jahre der neoliberalen<br />
Dekadenz in Anbetracht einer globalen<br />
Pandemie, des galoppierenden Klimawandels<br />
und eines russischen Angriffskriegs<br />
der Vergangenheit angehören.<br />
Doch das Verlangen nach Geld scheint<br />
unstillbar. SOEBEN VERMELDET DIE ENG<br />
LISCHE PREMIER LEAGUE, DASS IHRE EIN<br />
NAHMEN AUS SPONSORING UND TV-GELD<br />
NOCH EINMAL UM GUT EIN DRITTEL AN<br />
WACHSEN, AUF KNAPP 4,1 MILLIARDEN EURO<br />
PRO SPIELZEIT. ALLEIN FÜR BERATERHONO<br />
RARE GABEN 2021 ENGLISCHE ERSTLIGISTEN<br />
320 MILLIONEN EURO AUS, DER BVB ZAHL<br />
TE IM GLEICHEN ZEITRAUM 32,8 MILLIONEN<br />
EURO AN SPIELERVERMITTLER.<br />
Im Winter erleben wir in Katar eine<br />
WM, die nicht nur in Bezug auf Menschenrechte<br />
und Ökologie unter höchst fragwürdigen<br />
Bedingungen stattfindet, sondern<br />
deren Organisation rund 150 Milliarden<br />
Euro verschlungen hat – 20-mal so viel wie<br />
das Turnier 2014 in Brasilien.<br />
Auf dem Höhepunkt der Coronakrise<br />
im April 2021 präsentierten zwölf europäische<br />
Topklubs die GRÖSSENWAHNSIN<br />
NIGE IDEE ZUR GRÜNDUNG EINER AUTARKEN<br />
„SUPER LEAGUE“, die erst auf erbitterten<br />
Widerstand von Medien, Fans und Verbänden<br />
wieder kassiert wurde. Die Uefa nutzte<br />
die Aufregung jedoch, um im Schatten<br />
des Skandals eine Reform der Champions<br />
League zu verabschieden, die vorsieht,<br />
SEPTEMBER 2022
KOMMERZIALISIERUNG DES FUSSBALLS 115<br />
dass die Königsklasse ab 2024 mit einem<br />
nochmals erweiterten Teilnehmerfeld und<br />
als eingleisige Liga fortgeführt wird, was<br />
die Distanz der qualifizierten Klubs zur<br />
Konkurrenz in den nationalen Ligen nochmals<br />
deutlich vergrößern wird.<br />
Und als wäre das nicht schon Beweis<br />
genug, dass der „GOTT DES GELDES ALLES<br />
VERSCHLINGT“ (Zitat Christian Streich,<br />
Trainer des SC Freiburg), was einmal die<br />
Nähe zum Volkssport Fußball und seine<br />
Strahlkraft ausgemacht hat, drängen<br />
neben milliardenschweren privaten Investoren,<br />
die Beteiligungen an Vereinen zur<br />
BEFRIEDIGUNG<br />
PERSÖNLICHER EITELKEITEN<br />
ODER SCHLICHT ALS WIRTSCHAFTSZWEIG<br />
MIT GUTEN RENDITEAUSSICHTEN<br />
ENTDECKT HABEN, ZUNEHMEND AUCH<br />
STAATSFONDS UND<br />
MULTINATIONALE KONZERNE IN DEN<br />
SPORT, DIE BEI IHREM<br />
ENGAGEMENT VOR ALLEM<br />
GEOPOLITISCHE MOTIVE VERFOLGEN.<br />
Als 11 Freunde vor 22 Jahren gegründet<br />
wurde, wollten die Macher – zwei Allesfahrer<br />
von Arminia Bielefeld – ein Magazin etablieren,<br />
das den Fan als integralen Teil des<br />
Spiels versteht. Der Blick aus der Kurve<br />
sollte im Zentrum der Berichterstattung<br />
stehen, und damit war klar, dass 11 Freunde<br />
der zunehmenden Kommerzialisierung und<br />
dem damit verbundenen Strukturwandel im<br />
Fußball kritisch gegenübersteht. Um diesem<br />
Gefühl Ausdruck zu verleihen, weigerte<br />
sich die Redaktion beispielsweise, die sich<br />
durch den Einstieg von Sponsoren stetig<br />
verändernden Stadionnamen zu übernehmen.<br />
Für uns stand in Hamburg das Volksparkstadion,<br />
nicht die „HSH Nordbank<br />
Arena“, in Dresden das Rudolf- Harbig-<br />
Stadion, nicht die „Glücksgas Arena“. OFT<br />
WURDEN WIR VON KLUBOBEREN FÜR DIE<br />
SEN MANIERISMUS GERÜFFELT, doch die<br />
Beispiele zeigen, dass unsere Sehnsucht<br />
offenbar viele teilten, denn heute tragen<br />
die Spielstätten (mit Unterstützung<br />
wohl gesinnter Sponsoren) wieder ihre ursprünglichen<br />
Namen.<br />
Auch das Phänomen RB Leipzig hat aus<br />
unserer Sicht EINE ROTE LINIE ÜBERSCHRIT<br />
TEN. Nicht, weil wir außerstande sind zu<br />
akzeptieren, dass dort sportlich hochprofessionell<br />
gearbeitet wird, sondern weil<br />
für uns mit dem Franchise-Konzept einer<br />
Getränkemarke, die weltweit Klubs zur<br />
Bewerbung ihres Produkts aufkauft und<br />
auf Erfolg trimmt, eine neue Dimension<br />
des Kommerzes erreicht wurde. Anders<br />
als in Hoffenheim oder Wolfsburg, wo<br />
ortsansässige Geldgeber ihren Sportverein<br />
– zugegeben fürstlich – unterstützen,<br />
verfolgt Red Bull eine globale Strategie<br />
zur Profitmaximierung und landet wie ein<br />
Ufo in Gebieten, die sich für dieses Ziel am<br />
besten eignen. Für uns ist klar: Stellt sich<br />
der erhoffte Erfolg nicht ein, kann das Ufo<br />
jederzeit wieder abheben, weil RB weder<br />
eine gewachsene Mitgliederstruktur noch<br />
regionale Verwurzelung besitzt.<br />
Auch wenn es mit jedem Jahr, die<br />
dieses Konstrukt länger in der Bundesliga<br />
spielt, schwerer wird, unsere Perspektive<br />
nachwachsenden Fangenerationen zu<br />
vergegenwärtigen, halten wir an unserer<br />
Linie fest und erklären, dass RB Leipzig<br />
kein Verein wie Schalke, der BVB oder der<br />
HSV ist, dessen Kernprodukt immer noch<br />
Fußball ist, sondern nur das Werbevehikel<br />
einer Brausefirma.<br />
Auch wenn uns bewusst ist, dass angesichts<br />
jüngster Entwicklungen im globalen<br />
Fußball derlei Bemühungen nur ein<br />
Kampf gegen Windmühlen sind.<br />
LÄNGST GEBEN DORT INVESTOREN<br />
WIE DIE „CITY FOOTBALL GROUP“ DEN<br />
TON AN, DIE ZU DREI VIERTELN DER<br />
HERRSCHERFAMILIE VON ABU DHABI<br />
GEHÖRT. DIE HOLDING, AN DER EIN<br />
CHINESISCHER FONDS UND EINE US-FIRMA<br />
BETEILIGT SIND, BESITZT AUF FÜNF<br />
KONTINENTEN ELF ERST- UND ZWEITLIGIS-<br />
TEN. NEBEN MANCHESTER CITY GEHÖREN<br />
DER NEW YORK CITY FC, MUMBAI CITY<br />
FC ODER DER FC PALERMO CALCIO DEM<br />
KONZERN. BEIM PREMIER-LEAGUE-<br />
KLUB NEWCASTLE UNITED ERWARB IM<br />
HERBST 2021 EIN SAUDISCHER STAATS-<br />
FONDS FÜR 350 MILLIONEN EURO<br />
80 PROZENT DER ANTEILE. DER FRANZÖSI-<br />
SCHE TRADITIONSKLUB PARIS ST. GERMAIN<br />
IST BEREITS SEIT 2011 IN BESITZ DER<br />
KATARISCHEN INVESTORENGRUPPE QSI,<br />
DIE DAFÜR SORGT, DASS PSG STÄNDIG<br />
NEUE TRANSFERREKORDE AUFSTELLT.<br />
SEPTEMBER 2022
Herausforderung<br />
116<br />
In den Reihen der Pariser spielen seit<br />
2017 mit NEYMAR (Ablöse: 222 Millionen<br />
Euro) und KYLIAN MBAPPÉ (180 Millionen)<br />
die beiden teuersten Spieler aller Zeiten.<br />
2021 wechselte auch LIONEL MESSI an die<br />
Seine, weil selbst dem großen FC Barcelona<br />
hinsichtlich der paradiesischen Verdienstmöglichkeiten<br />
unterm Eiffelturm<br />
die Luft ausging. In Deutschland sind diese<br />
Staaten bislang noch nicht engagiert, weil<br />
die 50+1-Regel den Kauf von Klubanteilen<br />
unattraktiv macht. Doch Experten glauben,<br />
dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis<br />
sich das ändert, zumal das viele Geld, mit<br />
dem WÜSTENSTAATEN den Fußball fluten,<br />
schon jetzt die Gewinnchancen deutscher<br />
Klubs beschränkt – und den Wettbewerb<br />
verzerrt.<br />
Der Fußball verkommt langsam aber<br />
sicher zur Ständegesellschaft. Frühere<br />
Titel aspiranten wie der 1. FC KÖLN, der<br />
HSV oder WERDER BREMEN sind – nicht<br />
zuletzt auch wegen ihrer wirtschaftlichen<br />
Unvernunft – zu Fahrstuhlmannschaften<br />
avanciert und geraten in Konkurrenz mit<br />
konzerngestützten Klubs aus WOLFSBURG,<br />
LEVERKUSEN, HOFFENHEIM oder LEIPZIG<br />
weiter ins Hintertreffen.<br />
Aber auch mehr und mehr Spitzenklubs<br />
gehen in die Knie. BARÇA hat den<br />
Weltfußball seit 2005 wie kaum ein anderes<br />
Team geprägt und allein viermal die<br />
Champions League gewonnen. Doch der<br />
Preis für die Erfolge, das zeigt sich jetzt,<br />
war zu hoch. Im Rattenrennen mit den<br />
Investorenklubs haben die Katalanen einen<br />
gigantischen Schuldenberg von 1,34 Milliarden<br />
Euro angehäuft. Um die rund 150 Millionen<br />
Euro für die Verpflichtung und<br />
Honorierung von Robert Lewandowski zu<br />
stemmen, holten sich die Klubbosse per<br />
Abstimmung bei den Mitgliedern Prokura,<br />
auf Jahre im Voraus die Marketing- und<br />
Medienrechte zu veräußern. JUVENTUS TU<br />
RIN geht es nicht besser. Italiens Platzhirsch<br />
musste angesichts 390 Millionen Euro<br />
Schulden soeben Klubanteile veräußern.<br />
Wie weit die Schere auseinanderklafft,<br />
zeigt auch, dass die Bosse rivalisierender<br />
Bundesligisten neuerdings Allianzen<br />
schmieden. Selten hat man Oliver Kahn<br />
und Hans Joachim Watzke so einträchtig<br />
erlebt wie bei jüngsten Zusammenkünf-<br />
SEPTEMBER 2022
KOMMERZIALISIERUNG DES FUSSBALLS 117<br />
ten der European Club Association (ECA).<br />
Bei Wortmeldungen von PSG-Präsident<br />
Nasser Al-Khelaifi, seit April 2021 Vorsitzender<br />
des Dachverbands, sah man die beiden<br />
wie Schuljungen feixen und tuscheln.<br />
Damit jeder in der großen Runde der Fußballgranden<br />
sah: Zwischen die Deutschen<br />
passt kein Blatt Papier!<br />
Der Grund: Dem Bayern-CEO und<br />
seinem BVB-Pendant geht aufgrund der<br />
tektonischen Verschiebungen im Business<br />
mächtig die Muffe. Es klingt wie ein Treppenwitz<br />
der Fußballgeschichte:<br />
WÄHREND SICH DIE BAYERN<br />
IN DER BUNDESLIGA LÄNGST VOM REST<br />
DES FELDES ENTKOPPELT HABEN,<br />
DIE ZEHNTE MEISTERSCHAFT<br />
IN FOLGE ABRÄUMEN UND DAMIT NACH-<br />
HALTIG ZUR ÖDNIS IM DEUTSCHEN<br />
FUSSBALL BEITRAGEN UND<br />
AUCH DER BVB SEIT JAHREN EIN ABO AUFS<br />
TREPPCHEN BESITZT, EINT IHRE<br />
BOSSE INTERNATIONAL DIE ANGST VOR<br />
EINEM BEDEUTUNGSVERLUST.<br />
DENN ANGESICHTS DER TSUNAMIARTIGEN<br />
GELDFLÜSSE AUS DEM<br />
NAHEN OSTEN WIRKT SELBST DAS<br />
STOLZE FESTGELDKONTO DES<br />
REKORDMEISTERS PLÖTZLICH WIE<br />
OMAS PORTOKASSE.<br />
Zwei Jahre lang haben die Funktionäre bei<br />
der ECA deshalb geworben, den Einfluss<br />
von Investorengeld im Sinne eines ausgewogeneren<br />
Wettbewerbs zu REGULIEREN.<br />
Eingeweihte erzählen von lautstarken<br />
Wortgefechten hart an der Grenze zur Beleidigung,<br />
die sich im Präsidium an der<br />
Frage entzündeten, wie groß der Anteil<br />
an Fremdmitteln sein darf. Die Nervosität<br />
ist nachvollziehbar, schließlich hängt von<br />
dieser Frage die künftige Statik des Weltfußballs<br />
ab. Ob es nur noch einer kleinen<br />
Zahl von Vereinen möglich sein wird, große<br />
Titel zu gewinnen und Spitzenfußballer<br />
zu verpflichten. Oder anders: Ob die alte<br />
Herberger-Weisheit noch umstandslos<br />
Geltung behält: „Warum gehen die Menschen<br />
ins Stadion? Weil sie nicht wissen, wie<br />
es ausgeht!“<br />
Schon 2013 hatte die Uefa versucht, mit<br />
der Einführung des Regelwerks „FINANCIAL<br />
FAIRPLAY“ (FF), der fortschreitenden Ungleichheit<br />
auf europäischer Fußballbühne<br />
Einhalt zu gebieten. Weil aufgrund explodierender<br />
Spielergehälter viele Vereine<br />
ihre Ausgaben nicht mehr aus dem laufenden<br />
Geschäft decken konnten, auf private<br />
Kredite und Investorengeld zurückgriffen<br />
und dabei Gefahr liefen, pleitezugehen,<br />
sollte „FF“ die Funktionäre zu mehr wirtschaftlicher<br />
Vernunft vergattern. In einer<br />
Karenzzeit von drei Jahren sollten Klubs nur<br />
noch so viel ausgeben, wie sie erwirtschaften.<br />
Doch „FF“ war ein FLOP. Obwohl bei<br />
der Uefa mehr als 50 Verstöße aktenkundig<br />
wurden, sperrte der Verband nur albanische,<br />
griechische oder türkische Klubs für<br />
internationale Wettbewerbe. Straffällige<br />
Topvereine wie Real Madrid, der FC Chelsea,<br />
ManCity oder FC Barcelona wurden<br />
lediglich zu Geldbußen verurteilt und durften<br />
weiterhin in der Champions League antreten.<br />
Mit Fairplay, da ist sich die Szene<br />
einig, hatte das Regelwerk in der Praxis<br />
wenig zu tun.<br />
Eine Reform war überfällig. Nach<br />
harten Verhandlungen in der Klubvereinigung<br />
verabschiedete die Uefa im April<br />
2022 die „FINANCIAL SUSTAINABILITY REGU<br />
LATIONS“ (FSR). Das neue Diktum beinhaltet<br />
im Kern zwei Regeln, die bis 2025<br />
schrittweise eingeführt werden und dafür<br />
sorgen sollen, dass ein Klub nur noch<br />
70 Prozent seiner Einnahmen für den Kader<br />
ausgeben darf – inklusive Ablösesummen<br />
und Beraterhonorare. Zudem dürfen<br />
private Geldgeber Fehlbeträge zwischen<br />
Einnahmen und Ausgaben nur noch bis<br />
maximal 30 Millionen Euro ausgleichen.<br />
Klingt vielversprechend, doch wie beim<br />
„FF“ wird es auch bei den „FSR“ darauf ankommen,<br />
wie rigide sie gehandhabt werden.<br />
Dass Vertreter von Investorenklubs<br />
der Idee wenig abgewinnen, dürfte klar<br />
sein. Das zeigt sich auch daran, dass die<br />
Einführung einer Gehaltsobergrenze von<br />
500 Millionen Euro pro Kader und Spielzeit<br />
abgelehnt wurde. SPRICH: Der Gehälterwahnsinn<br />
und die horrenden Beraterprovisionen<br />
werden auch in Zukunft fester<br />
Bestandteil des Profifußballs bleiben. Dabei<br />
müssten doch alle Beteiligten wissen, dass<br />
SEPTEMBER 2022
Herausforderung 118<br />
im Sport eine allzu große Konzentrierung<br />
von Geld irgendwann das Gegenteil bewirkt:<br />
Wer immer gewinnt, mag auf dem<br />
Papier erfolgreich sein, schadet aber zugleich<br />
seinem Geschäft, weil es bei Sponsoren<br />
und Fans Attraktivität einbüßt.<br />
In der Rückschau gilt die Einführung<br />
der CHAMPIONS LEAGUE 1991 UND<br />
DIE GRÜNDUNG DER PREMIER LEAGUE ALS<br />
STILBILDENDES VERMARKTUNGSKONZEPT<br />
einer Spielklasse im Jahr darauf als Zeitenwende.<br />
Aus einem Volkssport, der bis<br />
dato von verschlafenen Verbandshanseln<br />
organisiert wurde, erwuchs in kürzester<br />
Zeit ein hochprofitabler Industriezweig,<br />
der Massen in seinen Bann zog. Gut möglich,<br />
dass die frei drehende Kommerzialisierungsspirale<br />
flankiert von der Coronakrise<br />
in ferner Zukunft für das Ende dieses<br />
jahrzehntelangen Wachstums stehen wird.<br />
Denn die quälenden Monate mit Geisterspielen<br />
haben bewiesen, dass die Idee von<br />
FUSSBALL ALS GREATEST SHOW ON EARTH<br />
letztlich nur im Zusammenspiel mit brodelnden<br />
Fantribünen funktioniert.<br />
Zudem hat sich in der Pandemie<br />
gezeigt, wie weit sich viele Profiklubs<br />
in ihrer Gier von der Lebenswelt des Anhangs<br />
entfernt haben und kaum noch in<br />
der Lage sind, die eigene Relevanz richtig<br />
einzuschätzen. Der erste Lockdown war<br />
noch nicht ausgerufen, da forderte Hans<br />
Joachim Watzke bereits Staatsgelder und<br />
Privilegien für den Fußball. Bei Klubs wie<br />
WERDER BREMEN ODER SCHALKE 04 offenbarte<br />
sich in Rekordzeit, wie hauchdünn<br />
die Kapitaldecke ist, wenn das Geschäft<br />
zum Erliegen kommt. Der Steuerzahler<br />
sprang mit Landesbürgschaften ein, um die<br />
einstigen Champions-League-Klubs vor<br />
dem Konkurs zu retten. Für jeden wurde<br />
ersichtlich: DAS PROFIGESCHÄFT IST WIE<br />
EIN AUTO UND GELD SEIN TREIBSTOFF. ES<br />
ROLLT NUR, WENN GENUG IM TANK IST.<br />
UND: ALLES WAS OBEN REINGEHT, WIRD<br />
AUF DER STRECKE UNWEIGERLICH VER<br />
BRAUCHT – WIE MONSTRÖS DIE SUMMEN<br />
AUCH SEIN MÖGEN.<br />
In der Verzweiflung unterliefen einigen<br />
Klubs zudem grobe Kommunikationsfehler.<br />
So forderte der FC Schalke 04 seine<br />
Dauerkarteninhaber mit einem frechen<br />
Brief auf, trotz der Geisterspiele kein Geld<br />
zurückzufordern. Und falls doch, sei dies<br />
doch bitte schriftlich zu begründen.<br />
Noch lässt sich nicht sagen, ob die<br />
Stadionauslastung wieder Vor-Corona-<br />
Niveau erreicht. Beim Verkauf der Dauerkarten<br />
verzeichnen die meisten Bundesligisten<br />
derzeit keine signifikanten Verluste.<br />
DOCH EINE WISSENSCHAFTLICHE<br />
UMFRAGE DER FACHHOCHSCHULE DORT-<br />
MUND IN KOOPERATION MIT DER UNI<br />
WÜRZBURG UNTER 4200 FUSSBALLFANS<br />
ERGAB, DASS GUT EIN DRITTEL SEIT<br />
AUSBRUCH DER PANDEMIE WENIGER<br />
INTERESSE AM FUSSBALL HAT UND SELTE-<br />
NER EINEN STADIONBESUCH ERWÄGT.<br />
52,7 PROZENT DER BEFRAGTEN NANN-<br />
TEN ALS URSACHE EINE EMOTIONALE<br />
ENTFREMDUNG AUSGELÖST DURCH DIE<br />
AUSSER KONTROLLE GERATENE<br />
KOMMERZIALISIERUNG.<br />
Im Fernsehen zeigt sich die wachsende<br />
Distanz an sinkenden Einschaltquoten.<br />
Sahen die Spiele der EM 2016 noch<br />
durchschnittlich 11,7 Millionen Zuschauer,<br />
waren es bei der nachgeholten Euro<br />
2021 nur noch 10,4 Millionen. Auch die<br />
Bundesligaquoten nehmen ab. Die Samstagskonferenz<br />
auf Sky erreichte in der<br />
Saison 2020/21 im Schnitt 1,66 Millionen<br />
Zuschauer:innen, in der Spielzeit 2021/22<br />
waren es noch 1,06 Millionen.<br />
Offenbar haben die Menschen erkannt,<br />
dass sie ihre Freizeit auch anders bestreiten<br />
können, als 90 Minuten einem mittelmäßigen<br />
Ligaspiel beizuwohnen, bei dem<br />
ohnehin klar ist, dass am Saisonende der<br />
Sieger aus München kommt. Netflix-Boss<br />
Reed Hastings wusste, wovon er spricht,<br />
als er sagte: „WIR KONKURRIEREN NICHT MIT<br />
MAXDOME ODER AMAZON PRIME, SONDERN<br />
VOR ALLEM UM DIE ZEIT DER MENSCHEN.“<br />
Als wir Oliver Kahn im Interview<br />
für das 11 Freunde-Sonderheft zur Saison<br />
2022/23 fragten, welche Rezepte helfen<br />
könnten, um die Bundesliga wieder spannender<br />
zu machen, fiel ihm nur ein: „Man<br />
sollte weiter über den Sinn der 50+1-Regel<br />
nachdenken!“ Eine gelinde gesagt eigenwillige<br />
Sicht. Während sich der Bayern-<br />
CEO auf internationaler Ebene für eine<br />
Regulierung von Investoreneinfluss stark<br />
macht, plädiert er national dafür, dass<br />
Konkurrenten die Möglichkeiten bekommen,<br />
sich stärker von privaten Geldgebern<br />
abhängig machen, um wenigstens ansatzweise<br />
Bayern Paroli bieten zu können.<br />
Wohin das führen kann, zeigte sich<br />
zuletzt bei HERTHA BSC. Dort hat seit<br />
2019 die Holding von Lars Windhorst für<br />
379 Millionen Euro eine Mehrheit an der<br />
Profiabteilung erworben. Die Bilanz des<br />
Geldregens fällt jedoch erbärmlich aus:<br />
Seither erreichten die Berliner nicht ein<br />
Mal einen internationalen Wettbewerb,<br />
SEPTEMBER 2022
KOMMERZIALISIERUNG DES FUSSBALLS 119<br />
2022 rettete sich der Klub erst in der Relegation<br />
vor dem Abstieg. Das Investorengeld<br />
indes ist fast aufgebraucht, WINDHORST<br />
WILL SEINE ANTEILE SCHNELLSTMÖGLICH<br />
VERÄUSSERN. Verlierer des Deals gibt es<br />
zuhauf. Ihren Schnitt gemacht haben nur:<br />
die hoch bezahlten Transferflops und deren<br />
BERATER. Zudem erwies sich die großspurige<br />
Imagekampagne des „Big City<br />
Clubs“, die beim Windhorst-Einstieg Hertha<br />
endlich auf der Fußballweltkarte festschreiben<br />
sollte, als Bumerang. Während<br />
die Blau-Weißen aus dem Westend auf<br />
ihrem Weg nach unten viele Sympathisanten<br />
verprellten, übernahm der 1. FC UNION<br />
die sportliche und emotionale Hegemonie<br />
in der Metropole. Der „Big City Club“, als<br />
gestopfter Adler gestartet, war kläglich als<br />
Bettvorleger gelandet.<br />
UNION hingegen ist ein strahlendes<br />
Beispiel, dass steter Erfolg im Fußball nie<br />
allein auf Finanzkraft beruht, sondern vor<br />
allem auf den vermittelten Werten. Ohne<br />
das jahrzehntelang gewachsene Verhältnis<br />
zwischen Fans und Verein ist der Aufstieg<br />
der Köpenicker in 21 Jahren aus der vierten<br />
Liga in den Europapokal undenkbar.<br />
Der Umbau der Alten Försterei zu einem<br />
Stadion, das höchsten Ansprüchen genügt,<br />
gelang in den Nullerjahren nur durch tatkräftige<br />
Nachbarschaftshilfe des Anhangs.<br />
UNION stillt durch eine clevere Öffentlichkeitsarbeit<br />
und viele gute Ideen (etwa das<br />
traditionelle Adventssingen) spielerisch<br />
die ewige Fansehnsucht nach Teilhabe.<br />
Die Blaupause für den deutschen<br />
Mitmach-Profiklub ist zweifellos der FC<br />
ST. PAULI, der trotz stetig wachsender Herausforderungen<br />
im Profigeschäft seinem<br />
Anhang eine verlässliche Heimat bietet.<br />
Den Spagat zwischen Kommerz und Fananliegen<br />
löst der Kiezklub, indem die Verantwortlichen<br />
im ständigen Dialog mit den<br />
Supportern sind und entsprechend der ethischen<br />
Grundsätze, die sich der Verein auf die<br />
Fahne geschrieben hat, bis in kleinste Detailfragen<br />
um den richtigen Weg ringt. Ein Job,<br />
der so zeitintensiv und kräftezehrend ist,<br />
dass St-Pauli-Präsident Oke Göttlich nach<br />
acht Jahren als Ehrenamtler im Juli 2022<br />
in die Festanstellung bei den Hamburgern<br />
wechselte. Doch der Weg zahlt sich aus: Die<br />
Zuneigung des Anhangs ist inzwischen von<br />
sportlichen Erfolgen fast entkoppelt. Obwohl<br />
der FC ST. PAULI seit zwölf Jahren in<br />
der zweiten Liga spielt, rangiert der Klub<br />
laut Erhebungen der Uni Braunschweig<br />
auf Platz sieben der beliebtesten deutschen<br />
Vereine. Ein Fakt, der sich inzwischen auch<br />
in einer positiven Wirtschaftsbilanz widerspiegelt.<br />
Erfolg im Fußball manifestiert<br />
sich eben nicht nur in Titeln und Tabellenständen,<br />
ethische und emotionale Werte<br />
sind in einer sich rasant verändernden Welt<br />
mindestens so wichtig für den Erhalt dieses<br />
Kulturzweigs, der zu Hochzeiten mehr<br />
Menschen auf die Straße bringt als jeder<br />
andere Gesellschaftsbereich.<br />
Das WM-JAHR 2022 mit dem in jeder<br />
Hinsicht GRÖSSENWAHNSINNIGEN TURNIER<br />
in Katar wäre so gesehen ein guter Zeitpunkt<br />
zu fragen, wie wir in Zukunft auf den<br />
Fußball schauen und ihn begleiten wollen.<br />
Wo für uns rote Linien überschritten werden.<br />
Wir müssen nicht so radikal sein, wie<br />
die 300 Fans des HAMBURGER SV, die sich<br />
nach dem Mitgliederentscheid zur Ausgliederung<br />
der Profiabteilung 2014 desillusioniert<br />
von ihrem Herzensklub abwandten,<br />
den HFC Falke gründeten und seither<br />
ihre Liebe einem Bezirksligisten schenken.<br />
Doch wir sollten uns vergegenwärtigen,<br />
welche bizarren Entwicklungen des<br />
Wettbewerbs durch Deregulierung, freien<br />
Handel und Finanzglobalisierung wir nicht<br />
mehr mitgehen wollen. Denn die Schönheit<br />
des Spiels liegt nicht allein darin, wie<br />
traumwandlerisch ein Starensemble auf<br />
dem Rasen kombiniert, sondern auch, wie<br />
es die Menschen auf den Tribünen zusammenbringt<br />
und ihnen unvergessliche Gemeinschaftserlebnisse<br />
schenkt.<br />
ES LIEGT IN UNSERER HAND,<br />
DASS DER FUSSBALL EIN SPIEL BLEIBT, AN DEM JEDER<br />
PARTIZIPIEREN KANN, NICHT NUR GIERIGE BERATER, SPIELER,<br />
INVESTOREN ODER STAATSFONDS.<br />
ES LIEGT AN UNS, OB SPÄTERE GENERATIONEN AUF DIESE ZEIT<br />
BLICKEN KÖNNEN UND SICH FRAGEN:<br />
… right?<br />
SEPTEMBER 2022
Aufbruch Herausforderung<br />
120<br />
SEPTEMBER 2022
121<br />
INTERVIEW VON CLAUDIA RIESS<br />
Weltweit fahnden Pharmaunternehmen nach neuen<br />
Wirkstoffen gegen Krebs, Alzheimer oder Parkinson.<br />
Forscher hoffen, mit Stammzellen ganze Organe nachzüchten<br />
zu können, und mit Neuroprothesen sollen<br />
verloren gegangene Sinneswahrnehmungen wiedergewonnen<br />
werden, sodass Blinde sehen und Gelähmte sich<br />
bewegen können. Ärzte werden bei Diagnosen zukünftig<br />
in Echtzeit durch KI-Systeme unterstützt. Alles Zukunftsmusik<br />
oder bald Realität?<br />
Schließlich hat die Coronapandemie unser Gesundheitssystem<br />
aus den Fugen gehoben, der Zukunftsforscher<br />
Matthias Horx beschreibt es als steinzeitlich und<br />
innovativ zugleich – wir haben einerseits rasend schnell<br />
Impfstoffe entwickelt, andererseits hat uns Corona die<br />
Grenzen unseres Systems aufgezeigt. Auch die hinkende<br />
Digitalisierung im deutschen Gesundheitssystem<br />
wurde durch Corona vorangetrieben – digitale Impfzertifikate,<br />
Rezepte per Smartphone, Videosprechstunden<br />
mit dem Arzt, Apps auf Rezept und endlich die elektronische<br />
Patientenakte. Allein in den letzten zwei Jahren<br />
hat sich hier enorm viel getan.<br />
Wir sind fasziniert und geängstigt von dem, was<br />
heute technisch alles machbar ist. Und fragen uns<br />
gleichzeitig: Wo bleibt der Patient als Mensch? Geht es<br />
in erster Linie immer noch um ein längeres Leben – oder<br />
vielmehr um Lebensqualität und Eigenverantwortung<br />
statt Technologien ohne Grenzen und Ethik?<br />
MAX sprach mit Florian Steger, Universitätsprofessor<br />
und Direktor des Instituts<br />
für Geschichte, Theorie und Ethik der<br />
Medizin der Universität Ulm darüber, wie<br />
sich Gesundheit und Medizin in den kommenden<br />
Jahren verändern werden, wo die<br />
Chancen, aber auch die Grenzen liegen.<br />
MAX: Herr Professor Steger, beginnen<br />
wir gleich mit dem großen Thema E-Health –<br />
Fluch oder Segen?<br />
Steger: Auch wenn wir in Deutschland<br />
immer etwas skeptisch sind: Die Digitalisierung<br />
hat große Chancen, unser Gesundheitssystem<br />
positiv zu unterstützen. Zum<br />
einen kann E-Health den Ärzten Datenballast<br />
abnehmen, sodass die wieder mehr Zeit für<br />
die Patienten haben. Ohne ausreichend Zeit<br />
SEPTEMBER 2022
Herausforderung<br />
122<br />
„<br />
“<br />
können wir keine gute Medizin betreiben.<br />
Zum anderen kann eine künstliche Intelligenz<br />
bei der Auswertung von Symptomen<br />
oder etwa Röntgenbildern helfen und<br />
somit den Arzt bei seiner Diagnose unterstützen.<br />
Ein Algorithmus benötigt nur<br />
wenig Zeit, um beispielsweise aus einer<br />
Vielzahl von Röntgenbildern diejenigen<br />
mit Auffälligkeiten herauszufiltern. Das<br />
bedeutet nicht, dass eine KI den Arzt<br />
ersetzen wird. Auch in Zukunft werden<br />
Menschen von Menschen behandelt,<br />
aber die KI bietet gute Chancen, wertvolle<br />
Zeit einzusparen und noch mehr<br />
Genauigkeit zu ermöglichen. Allerdings:<br />
Eine KI ist immer nur so schlau, wie<br />
wir sie füttern. Da muss sich in Zukunft<br />
einiges tun. Uns liegen viel zu wenig<br />
Daten beispielsweise von Frauen, von<br />
Älteren oder auch von Coloured People<br />
vor. Hier ist mehr Diversität gefragt.<br />
MAX: Da stellt sich gleich die Frage: Wie<br />
sieht die Zukunft bei dem aktuellen Ärzteund<br />
Pflegemangel aus? Chatten wir künftig<br />
mit einer KI bei Beschwerden und werden<br />
von Robotern gepflegt?<br />
Steger: Die Ausgangslage ist in der<br />
Tat nicht rosig: Alles spricht dafür, dass<br />
sich der Pflege- wie Ärztemangel in den<br />
nächsten Jahren weiter vergrößern wird.<br />
Dazu wächst eine Generation heran, die<br />
ganz andere Erwartungen an die Arbeitswelt<br />
hat. Damit müssen wir jetzt lernen,<br />
neu umzugehen – die Digitalisierung<br />
könnte hier Entlastung und Unterstützung<br />
bringen. Ich sehe ein hohes Potenzial<br />
auch in der Therapie – vor allem in<br />
der Psychotherapie, wo man Hilfe durch<br />
eine künstliche Intelligenz intuitiv nicht<br />
erwarten würde. Hier gibt es beispielsweise<br />
Chatbots, die erkennen wollen, ob<br />
sich ein Patient psychisch verschlechtert<br />
und therapeutische Unterstützung<br />
benötigt. Neben der KI kommen in der<br />
Psychotherapie auch VR-Brillen zum<br />
Einsatz, um Phobien wie etwa Flug- oder<br />
Höhenangst virtuell zu therapieren.<br />
Die Virtual Reality ermöglicht das Erleben<br />
und Therapieren einer Angst in<br />
einer geschützten, computergenerierten,<br />
drei dimensionalen Umgebung – und das<br />
Ganze auch noch in Echtzeit.<br />
Auch in der Pflege können Roboter<br />
eine große Unterstützung sein, schon<br />
wenn es um das Lagern und Drehen eines<br />
Patienten geht. Auch eine „Roboter-Robbe“<br />
kommt bereits in der Kinderpflege<br />
und bei Demenzkranken zum Einsatz –<br />
mit gutem Erfolg. Allerdings wird Robotik<br />
noch sehr zögerlich eingesetzt – selbst<br />
in Ländern wie Japan, das neuen Technologien<br />
gegenüber sehr aufgeschlossen ist.<br />
Noch ist es also schwer vorherzusagen,<br />
wo die Reise hingehen wird.<br />
MAX: Seit der Entdeckung von Anti biotika<br />
hat sich die Arzneimittelforschung in<br />
Riesenschritten vorwärtsbewegt. Aber<br />
für einige schwere Erkrankungen wie<br />
Krebs, Autoimmunerkrankungen oder<br />
Virusinfektionen gibt es noch immer<br />
keine befriedigende Therapie. Wo sehen<br />
Sie das größte Potenzial?<br />
Steger: Ein großes Zukunftsthema,<br />
bei dem wir bereits mittendrin sind, ist<br />
meiner Meinung nach die Antikörpertherapie.<br />
Antikörper werden nicht umsonst<br />
als therapeutisches Gold bezeichnet,<br />
da man sie biologisch sehr fein justieren<br />
kann. Bei der Behandlung vereinzelter<br />
Krebsarten gehören die Immuntherapien<br />
mit Antikörpern inzwischen zum<br />
Standard, beispielsweise bei bestimmten<br />
Brust- und Magenkrebserkrankungen.<br />
Doch noch führt nicht jeder vielversprechende<br />
Antikörper auch zum gewünschten<br />
Erfolg. Hier bedarf es weiterer Forschung,<br />
um das Potentzal der Antikörper klinisch<br />
ausschöpfen zu können.<br />
MAX: Die Frage, die uns alle beschäftigt:<br />
Wird Krebs irgendwann heilbar sein?<br />
Steger: Hier kann man weder<br />
mit Ja oder Nein antworten. Aber ich<br />
bin optimistisch. Als ich mit meinem<br />
Studium begann, hatten beispielsweise<br />
Patienten mit Morbus Hodgkin, einer<br />
Form von Lymphdrüsenkrebs, keine<br />
guten Aussichten. Inzwischen hat sich<br />
die Lebenserwartung deutlich verbessert.<br />
Auch Leukämiediagnostik ist präventiv<br />
so verfeinert, dass man Vorstufen besser<br />
erkennt und frühzeitig mit Therapien<br />
beginnen kann. In der Onkologie sind<br />
Prävention und Kontrolle eine riesige<br />
Chance, da ist aber in Zukunft noch<br />
mehr Eigenverantwortung gefragt. Wir<br />
müssen uns selbst gut beobachten und<br />
regelmäßig checken lassen.<br />
MAX: Es kommt einem manchmal so vor,<br />
als wolle die Medizin Gott spielen. So soll<br />
mit der Genschere Crispr/Cas ein einzelnes,<br />
defektes Gen aus dem Erbgut herausgeschnitten<br />
und durch ein intaktes ersetzt<br />
werden. Das weckt große Hoffnungen –<br />
aber auch Ängste.<br />
Steger: Auch hier sehe ich großes<br />
Potenzial – die Genschere Crispr wird in<br />
SEPTEMBER 2022
MANCHESTER DIE MEDIZIN VON KAPITALISMUS MORGEN<br />
109 123
Herausforderung DIE MEDIZIN VON MORGEN 124<br />
„<br />
der Botanik ja bereits seit Längerem eingesetzt,<br />
um daran zu arbeiten, Pflanzen<br />
so zu verändern, dass sie beispielsweise<br />
mehr Menschen ernähren können. Ziel<br />
in der medizinischen Forschung ist es,<br />
mithilfe von Crispr/Cas Mutationen<br />
anzugehen, die Krankheiten zugrunde<br />
liegen. Vor allem bei Erbkrankheiten<br />
oder monogenen Erkrankungen wie etwa<br />
Mukoviszidose sieht die Forschung gute<br />
Chancen. Auch in der Onkologie wird<br />
bereits mit Crispr geforscht. Man muss<br />
aber keine Sorge haben, dass die Genschere<br />
„missbräuchlich“ eingesetzt wird.<br />
Die ethischen Vorgaben sind hier sehr<br />
streng. (Anm. der Redaktion: In Deutschland<br />
verhindert das Embryonenschutzgesetz,<br />
dass die Keimbahn verändert wird.<br />
Eine Veränderung der Keimbahn hätte zur<br />
Folge, dass die veränderten Gene vererbt<br />
werden können).<br />
MAX: Wenn Sie jetzt in die Zukunft<br />
schauen, was meinen Sie, werden wir in<br />
zehn Jahren überhaupt unter dem Begriff<br />
Gesundheit verstehen?<br />
Steger: Bevor ich in die Zukunft<br />
schaue, werfe ich kurz einen Blick zurück:<br />
In der Antike wurde Gesundheit als eine<br />
wichtige Voraussetzung für das glückliche<br />
Leben angesehen, sie war das höchste<br />
Gut. Die Betrachtungsweise war damals<br />
ganzheitlich – Körper und Seele waren<br />
untrennbar verbunden, und man begann<br />
sehr früh, schon bei den Kindern, mit präventiven<br />
Maßnahmen. Man schaute sich<br />
deren Wachstum an, und stellte man Auffälligkeiten<br />
oder Probleme fest, versuchte<br />
man, diese durch Spiele, Übungen oder<br />
eine bestimmte Ernährung zu korrigieren.<br />
Gesund zu sein bedeutete damals, dass<br />
Körper und Seele im Lot sind. Und für<br />
dieses Gleichgewicht sollte der Mensch<br />
selbst verantwortlich sein. Er hatte also,<br />
MEDIZINETHIKER FLORIAN STEGER IN SEINEM BÜRO IN DER UNIVERSITÄT ULM.<br />
FÜR MAX WAGTE ER EINEN BLICK IN DIE ZUKUNFT.<br />
um gesund zu bleiben, ein Zuwenig oder<br />
Übertreibungen zu meiden. Wir kommen<br />
in Europa also eigentlich aus dieser<br />
Medizin, die vor allem präventiv und<br />
somit auch eigenverantwortlich gedacht<br />
ist – da müssen wir wieder hinkommen.<br />
Das ist für mich keine Zukunftsmusik, wir<br />
sind bereits mittendrin in diesem Gedanken,<br />
Krankheiten durch präventive Maßnahmen<br />
gar nicht erst entstehen zu lassen.<br />
Die Forschung geht in diese Richtung,<br />
so gibt es etwa gute Studienergebnisse<br />
zur Vermeidung von Herz-Kreislauf<br />
Erkrankungen durch gesunde Ernährung<br />
und regelmäßige Bewegung. Auch beim<br />
Thema Krebs sieht man, dass regelmäßige<br />
Check-ups und eine Änderung der Lebensweise<br />
eine Menge bringen. Prävention<br />
und Eigenverantwortlichkeit werden in<br />
den nächsten Jahren in den Fokus rücken.<br />
MAX: Der aktuelle „Zukunftsreport“ geht<br />
davon aus, dass künftig Lebensqualität wichtiger<br />
als Lebenserwartung sein wird. Eine<br />
überraschende Aussage? Wie sehen Sie das?<br />
Steger: Ich finde die Frage ganz<br />
hervorragend, und es wäre ein wünschenswerter<br />
Wandel in der Gesellschaft.<br />
Denn es geht genau um das, was auch mir<br />
wichtig ist: Nicht um Quantität, sondern<br />
um Qualität. Ich muss allerdings ehrlich<br />
sagen, dass es, je älter man wird, immer<br />
schwieriger wird, die Frage der Qualität<br />
für sich selbst zu beantworten. Und<br />
da wird die Medizin in Zukunft nicht<br />
um hinkommen, weg von einer One-fitsall-Lösung<br />
zu kommen und sich stärker<br />
darauf zu konzentrieren, was jeder<br />
Einzelne will. Die Frage, die wir uns alle<br />
in Zukunft noch stärker stellen müssen,<br />
heißt: Was ist ein gutes Leben? Was<br />
bedeutet es für mich? Und hier muss die<br />
Medizin in Zukunft ansetzen – sie muss<br />
auf die jeweilige Präferenz des Menschen<br />
eingehen und diese akzeptieren. Dafür<br />
braucht es Zeit und Empathie! Und<br />
das kann beispielsweise (noch) keine<br />
KI leisten.
WIR WOLLEN<br />
NIEMALS AUSEINANDER-<br />
GEHEN!<br />
Ein Leben<br />
mit MAX<br />
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126<br />
SEPTEMBER 2022
127<br />
MIR IST IST ES EGAL,<br />
ES EGAL,<br />
MIR<br />
ES<br />
IST<br />
EGAL,<br />
MIR ES IST EGAL, ES EGAL,<br />
OB MIR DU IST SCHWARZ, ES EGAL,<br />
WEISS,<br />
OB DU OB SCHWARZ, DU DU<br />
SCHWARZ, WEISS,<br />
SCHWARZ,<br />
WEISS,<br />
W<br />
HETERO, OB DU SCHWARZ, BISEXUELL,<br />
WEISS,<br />
SCHWARZ,<br />
HETERO, HETERO, BISEXUELL, BISEXUELL,<br />
WEISS,<br />
HETERO, SCHWUL, HETERO, BISEXUELL,<br />
LESBISCH, BISEXUEL<br />
KLEIN,<br />
SCHWUL, SCHWUL, LESBISCH, LESBISCH, KLEIN, KLEIN,<br />
O, BISEXUELL,<br />
GROSS, SCHWUL, DICK, LESBISCH, DÜNN,<br />
KLEIN,<br />
GROSS, GROSS, DICK, DÜNN, DICK, DÜNN,<br />
SCHWUL, REICH GROSS, ODER DICK, ARM DÜNN,<br />
BIST.<br />
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REICH REICH ODER ARM ODER BIST. ARM BIST.<br />
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NETT ARM ZU KLEIN,<br />
BIST.<br />
MIR BIST,<br />
WENN GROSS,<br />
WENN DU NETT DU ZU NETT MIR<br />
WENN DU NETT DICK,<br />
ZU BIST, MIR BIST,<br />
BIN<br />
nett ICH zu NETT mir ZU ZU DIR.<br />
bist,<br />
MIR BIST,<br />
DÜN<br />
BIN ICH<br />
, DICK,<br />
BIN NETT ICH ZU<br />
BIN ICH DÜNN,<br />
NETT DIR. ZU DIR.<br />
SO bin EINFACH ich<br />
NETT<br />
nett<br />
IST ZU DAS.<br />
DIR.<br />
SO EINFACH REICH<br />
SO EINFACH IST DAS.<br />
ODER<br />
IST DAS.<br />
ARM B<br />
SO<br />
zu<br />
EINFACH<br />
dir.<br />
IST DAS.<br />
ODER ARM BIST.<br />
WENN DU NETT ZU<br />
DU NETT ZU MIR BIST,<br />
BIN ICH NETT ZU D<br />
NETT<br />
ER KAM<br />
ZU<br />
VON GANZ<br />
DIR.<br />
UNTEN UND SCHAFFTE<br />
ES NACH GANZ OBEN. DAZWISCHEN:<br />
SO<br />
ABSTÜRZE, EINFACH<br />
DRAMEN UND MEGA-ERFOLGE.<br />
IST DA<br />
EMINEM IST VIELLEICHT DAS BESTE BEISPIEL FÜR<br />
FACH<br />
RESILIENZ<br />
IST<br />
– UND<br />
DAS.<br />
FÜR DIE MACHT DER MUSIK.<br />
IM OKTOBER WIRD DER ERFOLGREICHSTE<br />
TEXT GUNTHER MATEJKA<br />
RAPPER DER MUSIKGESCHICHTE 50 JAHRE ALT.<br />
EINE WÜRDIGUNG.
Vorbild Triumph EMINEM<br />
128 54<br />
Kriegt die Fäuste immer wieder hoch:<br />
Eminem (l.), hat in seinem Leben gelernt, sich durchzukämpfen.<br />
Die Musik war stets Antrieb und Rettungsanker.<br />
(r.). Mit 50 Jahren schlägt der Rapper heute etwas<br />
mildere Töne an.<br />
Kein Ereignis ist für die amerikanische Musikszene<br />
so wichtig wie die Pausenshow beim<br />
Super Bowl. Ein Auftritt in diesen gigantischen<br />
Sportarenen mit etwa hundert Millionen<br />
TV-Zuschauern ist ein künstlerischer<br />
Ritterschlag, vorbehalten den absoluten<br />
Spitzenkräften der Unterhaltungsbranche.<br />
Zuletzt wurden beim NFL-Finale zwischen<br />
den Cincinnati Bengals und den Los Angeles<br />
Rams während des Pausentees Rap und<br />
Hip-Hop gereicht. Natürlich vom Who’s who<br />
der Szene: der rundliche, erstaunlich normal<br />
gestylte Dr. Dre, der spargeltarzanige, latent<br />
zugekiffte Snoop Dogg, die in glitzernden<br />
Stiefel-Kater-Boots wuchtbrummende Mary<br />
J. Blige, der dicke Boxerarme präsentierende<br />
50 Cent, der martialisch performende Kendrick<br />
Lamar und – einziges Bleichgesicht in<br />
diesem Feld – Eminem. Nach knapp zehn<br />
Minuten der turbulenten Rap-Gala taucht er<br />
aus einer berstenden Hauskulisse auf, gestylt<br />
mit allen Insignien des Böse-Buben-Rappers:<br />
Baggy Jeans, Cap, Goldkette, dicke Uhr, Hoodie.<br />
Give the people what they want. Klischees<br />
gehören dazu. Aber: Selbst in diesem ganz auf<br />
Kommerz und Massenpublikum zugeschnittenen<br />
Format zeigten sich Klasse und Charisma<br />
von Marshall Bruce Mathers III, wie Eminem<br />
laut Geburtsurkunde heißt.<br />
Vermutlich ist es ein kleines Wunder,<br />
den am 17. Oktober 50 Jahre alt gewordenen<br />
Mann so quietschfidel auf dieser XXL-Bühne<br />
zu erleben. Vielleicht sogar ein großes. Denn<br />
was Eminem – sein Künstlername basiert auf<br />
seinen Initialen M&M – in diesem halben<br />
Jahrhundert Erdendasein alles erlebt, durchlebt<br />
und erlitten hat, reicht für mehrere Leben<br />
aus. Sein Start in St. Joseph, Missouri, war<br />
suboptimal: Die Mutter, mit 17 Jahren selbst<br />
noch ein Kind, dazu drogenabhängig und gewalttätig.<br />
Auf seinen Dad konnte er auch nicht<br />
zählen. Der machte sich aus dem Staub, als er<br />
drei war. Typisches White-Trash-Leben. Kaum<br />
Geld. Ständig Umzüge. Immer wieder eine<br />
neue Stadt, ein neuer Beginn, eine neue Schule.<br />
Wer selbst einmal erlebt hat, wie es sich anfühlt,<br />
„der Neue“ in einer Klasse zu sein, kennt<br />
dieses Gefühl. Nicht so prickelnd.<br />
Und Eminem kennt es nur zu gut. Er<br />
war ständig der Neue – der eins aufs Maul bekam.<br />
Öfter auch mehr als das. So wie Mitte<br />
der 1980er-Jahre, als es für den zwölfjährigen<br />
Marshall Mathers III zum ersten Mal richtig<br />
eng wurde: Nachdem der Neuling mal wieder<br />
Prügel bezog, lag er mit Hirnblutung fünf Tage<br />
lang im Koma. Vermutlich war es nicht sein<br />
erstes Trauma in seinem noch jungen Leben.<br />
Sicher aber nicht sein letztes.<br />
Seine Biografie ist geprägt von Schicksalsschlägen,<br />
von seelischer Grausamkeit und<br />
körperlicher Gewalt; von ermordeten Freunden<br />
und persönlichen Tragödien. Für manch<br />
sensible Natur dürfte eines dieser Erlebnisse<br />
ausreichen, um sie aus der Bahn zu werfen.<br />
Und wer weiß, was aus Marshall Mathers III<br />
geworden wäre, hätte er nicht schon bald ein<br />
Ventil gefunden. Eine Passion, die ihm Selbstvertrauen<br />
und, vielleicht zum ersten Mal in<br />
seinem Leben, so etwas wie Zuversicht und<br />
Perspektive versprach: die Musik, der Rap.<br />
Ein Verwandter brachte ihn auf den Geschmack.<br />
Er spielte ihm die angesagten Rap-<br />
Acts vor: die Beastie Boys, Run DMC oder<br />
N.W.A. Bald darauf dachte Marshall Mathers<br />
nur noch in Reimen und Raps. Er war besessen<br />
davon. Und er hatte Talent. Riesiges Talent!<br />
Mit 14 nahm er, mittlerweile in Warren bei<br />
Detroit lebend, an lokalen Freestyle-Battles<br />
teil – und machte Eindruck. The white kid. Der<br />
düstere Typ mit dem gut geölten Mundwerk.<br />
Er verschaffte sich in der hochproblemati<br />
SEPTEMBER 2022
PATRICK DEMPSEY<br />
129<br />
schen, überwiegend von Afroamerikanern<br />
bewohnten Gegend nach und nach Respekt.<br />
Das war keine Kleinigkeit. 1996 legte er unter<br />
seinem damaligen Künstlernamen Slim Shady<br />
sein Debütalbum „Infinite“ vor. Es floppte.<br />
Aber ausbremsen ließ er sich davon nicht. Im<br />
Gegenteil. Noch im gleichen Jahr gewann er<br />
Silber bei der – ja, das gibt es – Rap-Olympiade<br />
und wurde „Freestyle Performer of the Year“.<br />
Hier sah ihn Rap-Superproduzent Dr. Dre und<br />
nahm ihn flugs unter Vertrag. 1999 veröffentlichten<br />
die beiden „The Slim Shady LP“, sein<br />
Durchbruch. Der Rest ist eine einzige Erfolgsgeschichte:<br />
Er steht als „Fastest Selling Rap<br />
Artist“ im „Guinness Buch der Rekorde“, der<br />
Rolling Stone kürte ihn 2011 zum „King of Hip-<br />
Hop“, seine Tonträgerverkäufe belaufen sich<br />
auf etwa 200 Millionen, und im Streaming,<br />
längst die gültige Währung im Pop-Business,<br />
gehört er zum elitären Zirkel der Milliardäre.<br />
Das alles, nachdem es anfangs so miserabel<br />
für ihn lief. Damit gibt Eminem ein<br />
gutes Beispiel für das heute so beliebte Wort<br />
Resi lienz ab: Er lässt sich nicht unterkriegen.<br />
Er ist ein Stehaufmännchen, ein Come ba <br />
cker. Einer wie Rocky Balboa, der im ersten<br />
Rocky-Film immer wieder von Apollo Creed<br />
umgehauen wird – aber nicht aufgibt und<br />
sich immer wieder aufrappelt. Blutend, verbeult,<br />
groggy. Aber er fightet weiter. Eminem<br />
ist wie Rocky. Und Rockys, diese wackeren<br />
Willensmonster, werden geliebt. Das erklärt<br />
vielleicht, warum Eminem bei dieser NFL-<br />
Pausengala den lautesten Applaus von allen<br />
Rapstars bekommen hat. Sein Leben – das<br />
Millionen aus dem oscarprämierten Biopic<br />
„8 Mile“ kennen – macht Mut.<br />
Seine inneren Dämonen hat er damit<br />
aber noch nicht besiegt. In einem seiner raren<br />
Interviews hat er zugegeben: „Ich befinde<br />
mich in einem dauerhaften Wettbewerb mit<br />
mir selbst. Und ich bin Perfektionist. Das ist<br />
wie eine Zwangsneurose, ich kann einfach<br />
nicht anders. Ich schreib, bis mir der Kopf<br />
platzt. Ich werde noch wahnsinnig darüber.<br />
Vermutlich habe ich die Reimkrankheit.“<br />
Zu den jüngeren Symptomen dieses sehr<br />
speziellen Leidens gehört der filmisch umgesetzte<br />
Track „From the D 2 the LBC“, bei<br />
dem Eminem gemeinsame Sache mit Snoop<br />
Dogg macht. Ein köstliches Gespann, muss<br />
man sagen. Vor allem, weil sich die beiden<br />
Rapveteranen mit erstaunlicher Selbstironie<br />
herrlich auf den Arm nehmen: Eminem, der<br />
paranoide Recording-Artist in der Aufnahmekabine,<br />
Snoop Dogg, der ultracoole Dude<br />
an einem ofenrohrdicken Joint nuckelnd.<br />
Das aufwendige, teils im Comicstil animierte<br />
Video clickten innerhalb weniger Wochen fast<br />
50 Millionen Youtube-User.<br />
Neben Rocky hat Eminem auch etwas<br />
von einer weiteren Ikone der amerikanischen<br />
Kultur. Von der Ikone schlechthin: Elvis Presley.<br />
Die Parallelen zum King of Rock ’n’ Roll<br />
sind, so unterschiedlich ihre musikalischen<br />
Ausdrucksmittel auch sein mögen, bemerkenswert.<br />
Wie Elvis stammt auch Eminem<br />
aus einer armen Familie, wie Elvis wuchs er in<br />
einem, sagen wir salopp, „schwarzen Viertel“<br />
auf, wie der Rock ’n’ Roll-Pionier gilt er als der<br />
König seines Genres, und wie Mister Presley<br />
wird auch ihm vorgeworfen, die Musikkultur<br />
der Afroamerikaner auszubeuten. Selbst in<br />
puncto Lebensstil gibt es Gemeinsamkeiten:<br />
Ähnlich wie Elvis, der einst in seinem luxuriösen<br />
Graceland bei Memphis lebte, residiert<br />
Eminem in einem sagenumwobenen Anwesen,<br />
irgendwo im Pennyhill Park bei Detroit. So genau<br />
weiß man das nicht. Aber es soll nicht sehr<br />
weit von der 8 Mile Road entfernt sein. Die<br />
Straße, die ihn ganz nach oben führte.<br />
SEPTEMBER 2022
Triumph<br />
130<br />
SEPTEMBER JUNI 2022 2022
Auch Erfolg<br />
kann zu einem<br />
Trauma führen<br />
131<br />
Die Musikerin Judith Holofernes<br />
hat ein Buch geschrieben.<br />
Über die Helden, den frühen Erfolg,<br />
Träume und das echte Leben.<br />
INTERVIEW MATTHIAS GRENDA<br />
Album, Promotion, Tour. Beinahe 20 Jahre<br />
lang bestimmt die Dynamik des Musikbetriebs<br />
Judith Holofernes’ Leben. In<br />
dieser Zeit wird sie, mit Wir sind Helden<br />
und ihrem Soloprojekt, zu einer der bekanntesten<br />
und prägendsten Sängerinnen<br />
ihrer Generation. Nun hat sie ein sehr<br />
persönliches Buch darüber geschrieben.<br />
Offen, bisweilen schonungslos und immer<br />
kurzweilig blickt sie zurück auf die Zeit<br />
nach den Helden, auf Krisen, Träume und<br />
eine wegweisende Entscheidung – und<br />
zeigt sich dabei als feinsinnige Erzählerin.<br />
Dass sie eigentlich lieber schreibt als<br />
spricht, war dann auch der Einstieg in ein<br />
Gespräch über »Die Träume anderer Leute«<br />
und wie Judith Holofernes sich nach<br />
und nach aus den kommerziellen Zwängen<br />
und der Enge des Musikbetriebs befreit<br />
hat. Wie sie zu der Künstlerin wurde, die<br />
sie so lange sein wollte – und damit ihr<br />
Leben zurückbekam.<br />
MAX: Woran hast du heute Morgen<br />
als Erstes gedacht, als du in den Spiegel<br />
geschaut hast?<br />
Judith Holofernes: Oh, das ist bei<br />
mir immer relativ spät. Meistens kurz<br />
bevor ich mit dem Hund rausgehe und<br />
nachdem ich schon zwei Kinder für die<br />
Schule vorbereitet habe. Da bin ich schon<br />
relativ wach. Das ist also nicht mehr<br />
der Bewusstwerdungsmoment, sondern<br />
höchstens ein kurzer Check, ob ich noch<br />
das Make-up von gestern im Gesicht<br />
hängen habe.<br />
MAX: Das klingt ja nach einem ziemlich<br />
normalen Leben.<br />
Judith: Nun ja, mein Leben ist zwar<br />
immer noch sehr komplex, hat sich<br />
aber stark vereinfacht. Seit ungefähr<br />
drei Jahren ist das so. Mein Leben ist<br />
sehr viel übersichtlicher geworden, ohne<br />
dabei irgendwie langweilig zu sein.<br />
MAX: Hat sich denn das im Buch<br />
anfänglich formulierte Ziel erfüllt, dass du<br />
dein Leben zurück willst?<br />
Judith: Ja, also (Pause). Ja, ehrlich<br />
gesagt total (Pause), die letzten drei, vielleicht<br />
auch schon vier Jahre sieht mein<br />
Alltag endlich so aus, wie ich es mir lange<br />
gewünscht habe. Natürlich mit den Grenzen,<br />
die eben schulpflichtige Kinder so<br />
mit sich bringen. Im Großen und Ganzen<br />
ist es aber aufgegangen, was ich da wollte,<br />
nämlich einen wirklich viel größeren<br />
Teil meiner Zeit mit kreativer Arbeit zu<br />
verbringen. Und siehe da, es bekommt<br />
mir vortrefflich. Es ist sogar eher so, dass<br />
ich jetzt öfter mal denke, wusste ich es<br />
doch, dass das geht.<br />
MAX: Und nun geht es wieder los?<br />
Judith: Ja, jetzt kommt der Stresstest.<br />
Mit der Veröffentlichung dieses Buches<br />
kommt jetzt wieder das Überprüfen, wie<br />
ich mein Leben gestalten will. Die letzten<br />
Jahre hat das ja niemand großartig angefochten.<br />
MAX: Das Buch heißt „Die Träume<br />
anderer Leute“ und stellt die Frage „Wie<br />
macht man aus einem Märchen ein echtes<br />
Leben?“. Warum „man“ und nicht „ich“?<br />
Judith: Die Stelle stammt aus dem<br />
Buch, und da habe ich gerade darüber<br />
nachgedacht, dass ich keine Vorbilder<br />
habe dafür, also wie ich aus diesem doch<br />
SEPTEMBER 2022
Triumph 132<br />
sehr frühen Erfolg für mich ein irgendwie<br />
glückliches Erwachsenenleben heraus<br />
entwickeln kann. Und deswegen habe<br />
ich „man“ geschrieben, weil dahinter die<br />
Frage steht, was die anderen Popstars<br />
in den Jahren nach ihrem großen Erfolg<br />
machen. Ich habe lange Zeit gesucht,<br />
ob mir jemand erklären kann, was man<br />
dann eigentlich machen soll.<br />
MAX: Also „man“ ist nicht der Aufruf zur<br />
Reflexion des Lesers?<br />
Judith: Doch, das natürlich auch. Als<br />
ich angefangen habe zu schreiben, habe<br />
ich das ja erst einmal nur für die Patreons<br />
(Abo-Kunden der Plattform Patreon) getan<br />
und war noch nicht sicher, ob das ein<br />
Buch wird. Die Patreons haben mir dann<br />
sehr schnell zugeredet, daraus ein Buch<br />
werden zu lassen. Und durch diese Rückmeldungen<br />
ist mir klar geworden, dass die<br />
Fragen oder Themen, die mich beschäftigen,<br />
nicht so spezifisch nur meine sind,<br />
dadurch dass mein Leben so ausnahmehaft<br />
verlaufen ist. Ich habe mir viele<br />
Gedanken gemacht, was denn die Wurzel<br />
für diesen Erfolg ist. Das betrifft ja nicht<br />
nur Musiker oder Stars im Allgemeinen.<br />
Was sind denn die Träume anderer Leute,<br />
und wie geht man damit um, wenn man<br />
mit etwas Erfolg hatte in jungen Jahren<br />
und es dann weg ist?<br />
MAX: Und das „Ich“?<br />
Judith: Für mich war es die Suche<br />
nach Antworten, weil ich eben niemanden<br />
gefunden habe, der sich öffentlich mit<br />
der Zeit nach so einer Märchengeschichte<br />
wirklich auseinandersetzt und mir zum<br />
Vorbild werden konnte. Die meisten sieht<br />
man ja erst wieder, wenn sie im Rahmen<br />
der Würdigung ihres Lebenswerks<br />
auftauchen. Dabei gibt es diese Dinge<br />
wie Misserfolg, weniger Erfolg und sich<br />
berappeln müssen und neue Orientierung<br />
finden, erwachsen werden und so viele<br />
Aspekte, über die niemand schreibt<br />
MAX: Hast du es denn geschafft, aus<br />
diesem Märchen wieder ein echtes Leben<br />
werden zu lassen?<br />
Judith: (Denkt nach) Ja, auf jeden<br />
Fall. Aber, was mir klar geworden ist, ist,<br />
dass so ein Erfolg eine echte Detonation<br />
bedeutet, die einen massiv verändert und<br />
die man mitnimmt in sein neues Leben.<br />
Die Psychologin Elizabeth Loftus spricht<br />
davon, dass Erfolg auch zu einem Trauma<br />
führen kann. Das ist nicht nur negativ zu<br />
sehen, muss aber unbedingt verarbeitet<br />
werden. Die Träume und Erwartungen<br />
wurden halt so grundlegend gesprengt,<br />
dass danach alles anders ist. Und man<br />
muss sich vom Trauma des Erfolgs genauso<br />
lange erholen, wie von jedem anderen<br />
traumatischen Einschnitt auch.<br />
MAX: Hat das dein Verhältnis zu Vertrauen<br />
und Misstrauen verändert?<br />
Judith: Ich bin immer noch sehr<br />
vertrauensvoll. Das scheint mir irgendwie<br />
in die Wiege gelegt geworden zu<br />
sein – so ein großes Grundvertrauen. Also<br />
wenn ich zum Beispiel mit meinem Mann<br />
darüber spreche, ob mir das Angst macht,<br />
dieses Buch jetzt rauszubringen und so<br />
viel Persönliches von mir zu zeigen. Dann<br />
stelle ich immer fest, natürlich habe ich<br />
Angst, aber das heißt ja nicht, dass ich<br />
es nicht trotzdem machen sollte. Und da<br />
sind wir neulich drauf gekommen, dass<br />
ich bei all den anderen Defiziten (kichert)<br />
zumindest mit Grundvertrauen sehr gut<br />
ausgestattet bin. Ich denke dann immer,<br />
zur Not wird es halt schwierig.<br />
MAX: Und schwierig scheinst du ja, nach<br />
meiner Lektüre des Buches, ganz gut zu<br />
beherrschen.<br />
Judith: (Lacht) Ja, es wäre mal schön,<br />
wenn es mit dem Buch nicht schwierig<br />
würde. Ich kann mich aber auf mich ganz<br />
gut verlassen. Obwohl, wenn man sich<br />
jetzt so das Buch durchliest, vielleicht<br />
auch nicht (kichert).<br />
MAX: Warum ein Buch? Wer liest heute<br />
noch?<br />
Judith: Ehrlich gesagt, ich lese noch.<br />
Leute, die ich mag, lesen noch. Oder<br />
hören zumindest Hörbücher. Und ich<br />
glaube, dass das all die Jahre, bei all<br />
den Zweifeln, allem „gefallen wollen“<br />
und „es allen recht machen wollen“, mein<br />
großer Schutz war und mich hat so viele<br />
Sachen machen lassen, die mir heute noch<br />
gefallen. In meinen künstlerischen Entscheidungen<br />
zum Beispiel, mein Mann<br />
sagt über mich dann, „beinahe autistisch“<br />
abgekoppelt zu sein von dem, was andere<br />
Leute nützlich und richtig finden, das hat<br />
mit dem Lesen zu tun.<br />
MAX: Warum sind biografische Skizzen<br />
wichtig?<br />
Judith: Ich glaube an die transformative<br />
Kraft des autobiografischen Schreibens,<br />
vor allem, wie es die Amerikaner<br />
mit ihren Memoiren betreiben und auch<br />
unterscheiden. Es gibt so viele Künstlerbiografien<br />
von A bis Z mit „mein Vater<br />
SEPTEMBER 2022
JUDITH HOLOFERNES 133<br />
JUDITH HOLOFERNES LIEBT DIE DIREKTE KOMMUNIKATION MIT IHREN PATREON FANS:<br />
„WENN ICH MIR AN IRGENDETWAS DIE ZÄHNE AUSBEISSE, WEISS ICH, DASS ICH MICH IN<br />
DIESER COMMUNITY MITTEILEN KANN UND AUCH WIEDER VERARZTET WERDE.“<br />
„ Ich hatte kein Ding mit<br />
dem Jugendlich-Sein.<br />
Es ist eher so, dass, je älter ich werde, ich<br />
endlich das Gefühl habe, das passt alles<br />
mit dem, wie ich sowieso bin.“<br />
hat dies und jenes getan und im Alter<br />
von vier Jahren sind wir dahin gezogen“<br />
und so. Das interessiert mich nicht besonders.<br />
Aber dieses Genre, das Leute<br />
anhand von ihrem eigenen Leben wirklich<br />
mit einem tiefen Blick erzählen, was<br />
es ihnen bedeutet, Mensch zu sein, das<br />
hat mir immer schon total viel bedeutet.<br />
Und ich finde das total unterbewertet<br />
als Genre. Aber in meinen Augen ist das<br />
absolut im Kommen. Ich lese wahnsinnig<br />
gern Memoiren von Leuten, die was<br />
total anderes machen als ich, weil es mir<br />
immer irgendetwas gibt.<br />
MAX: Wie wichtig ist für dich das<br />
Erinnern als Entscheidungsgrundlage für<br />
die Zukunft?<br />
Judith: Eine spannende Frage, die<br />
ich ja auch im Buch thematisiere. Ich<br />
beschreibe, wie ich enttäuscht war von<br />
meiner eigenen Lernkurve, weil ich das<br />
Gefühl hatte, immer wieder die gleichen<br />
Fehler zu machen. Ich fasse immer<br />
wieder in den Elektrozaun, obwohl ich<br />
doch so viel reflektiere und diese Songs<br />
schreibe. Am Ende des Tages muss man<br />
dann wirklich verstehen, dass manche<br />
Themen Lebensthemen sind und einen<br />
lange begleiten werden. Und das ist, jetzt<br />
wo ich fertig bin mit Schreiben, die große<br />
offene Frage, wo stehe ich denn jetzt,<br />
wenn ich herausgefordert werde? Habe<br />
ich es allein durch das Aufschreiben auch<br />
wirklich durchdrungen? Das weiß ich<br />
ehrlich gesagt noch nicht.<br />
MAX: Ist das ein Erkenntnisprozess?<br />
Judith: Ja, auf jeden Fall. Ich habe<br />
das Gefühl, dass ich mit vielen Themen<br />
gerade jetzt erst am Anfang stehe. Ich<br />
gebe zum Buch einige Interviews und<br />
bekomme Fragen gestellt, über die ich<br />
dann auch neu nachdenken muss. Viele<br />
Sachen werden mir bewusst, sind aber<br />
noch nicht geklärt. Dann muss ich wohl<br />
leider noch weiterschreiben (lacht).<br />
MAX: Manchmal habe ich mir beim Lesen<br />
gedacht, warum hat diese Frau nur so ein<br />
Problem, erwachsen zu werden? Ist das<br />
vielleicht sogar ein prinzipielles Problem<br />
der „Helden-Generation“ und warum?<br />
Judith: Gute Frage. Wenn ich nur<br />
mich angucke, muss ich sagen, ich hatte<br />
nie ein Problem damit, erwachsen zu<br />
werden. Ich hatte nie einen Jugendfetisch.<br />
Ich fühlte mich als 20-Jährige schon<br />
zu Leuten hingezogen, die 20 Jahre älter<br />
waren als ich. Ich hatte kein Ding mit<br />
dem Jugendlich-Sein. Es ist eher so, dass,<br />
je älter ich werde, ich jetzt endlich das<br />
Gefühl habe, dass es passt mit dem, wie<br />
ich sowieso bin. Es war eher so, dass es<br />
mir schwer gemacht wurde, erwachsen<br />
zu werden, weil das Musikbusiness mich<br />
lieber so behalten hätte, wie ich nach<br />
außen war. Es ist zwar so platt, dass<br />
ich es kaum aussprechen mag, aber die<br />
Branche lebt halt vom Jugendwahn. Man<br />
denkt in kurzen Phasen, und wenn du<br />
nach ein paar Jahren verheizt bist, ist das<br />
ja auch nicht mehr ihr Problem. Es reden<br />
immer alle von Langfristigkeit, denken<br />
dann aber wie in der Politik nur in Vierjahres-Wahlzyklen.<br />
MAX: Und die Generation?<br />
Judith: Das ist wirklich schwierig<br />
für mich zu beurteilen, weil ich natürlich<br />
genau diese fast 20 Jahre des Erwachsenwerdens<br />
einer Generation aus einer sehr<br />
extremen Perspektive sehe. Der Erfolg<br />
hat da so eine große Kerbe in meinen<br />
Lebenslauf geschlagen, dass ich gar nicht<br />
wüsste, wo ich stehen würde als „normale“<br />
Teilnehmerin einer Generation.<br />
MAX: Wie bewusst ist dir, dass du als<br />
Künstlerin eine Projektionsfläche für die<br />
Menschen bist?<br />
Judith: Das ist mir schon klar, aber<br />
ich habe mich dem innerlich immer<br />
ein wenig verweigert. Eigentlich von<br />
Anfang an, auch schon in den frühen<br />
Helden-Tagen. Weil ich das Gefühl<br />
hatte, das weiß ich, aber das kann ich<br />
mir nicht reinziehen. Sonst kann ich das<br />
nicht machen. Wenn ich mich in diese<br />
Meta ebene begebe, fängt es an, mit<br />
meiner Kunst zu interferieren, und dann<br />
fang ich an darüber nachzudenken, was<br />
sich die Leute denn eigentlich von mir<br />
wünschen. Und dann ist es keine Kunst<br />
mehr. Vielleicht ist das aber auch eine<br />
Form von gesunder Naivität. Dass ich<br />
mir das einfach ein bisschen vom Leib<br />
gehalten habe.<br />
MAX: Reden wir zu wenig über uns<br />
und miteinander? Haben wir das vielleicht<br />
sogar verlernt?<br />
Judith: Ach, ich hab das Gefühl, und<br />
vielleicht ist das nur meine persönliche<br />
Bubble, dass alle sehr viel und sehr reflektiert<br />
über sich reden, tendenziell sogar<br />
zu viel und zu lange über etwas reden,<br />
anstatt es tatsächlich zu verändern.<br />
SEPTEMBER 2022
Triumph 134<br />
MAX: Aber ist das nicht wirklich nur<br />
Bubble? Die Realität der sozialen Medien<br />
ist ja mehr bedeutungslose Kommunikation.<br />
Holofernes: Ja, stimmt. Aber es ist<br />
eine große Sehnsucht nach wirklicher<br />
Kommunikation da. Und ich glaube, dass<br />
das auch die nächste Evolutionsstufe<br />
der sozialen Medien sein könnte. Da ist<br />
natürlich mein eigener Wunsch mit drin,<br />
aber ich glaube, dass es zumindest Alternativen<br />
geben wird. Mal ein Beispiel, ich<br />
habe vor ein paar Jahren eine Geschichte<br />
aus dem Urlaub gepostet, wo es mir ja<br />
eigentlich richtig gut gehen sollte, es mir<br />
aber richtig schlecht ging. Ich habe dann<br />
die Sonnenfotos mit dunklen Wolken<br />
und Regen bemalt und gefragt, wie es<br />
denn anderen so dabei geht. Weil Instagram<br />
ja nicht die Wahrheit zeigt. Das war<br />
total toll. Da ist das Internet mal ganz<br />
kurz quasi aufgebrochen und die Leute<br />
haben wahnsinnig viel kommentiert und<br />
aus ihren eigenen verkackten Urlauben<br />
berichtet. Das war sehr gut für das Herz<br />
und hatte auf einmal so eine ganz andere<br />
Ebene. Und eigentlich wünschen wir uns<br />
genau diese Kommunikation alle.<br />
MAX: Was ist für dich denn bedeutungsvolle<br />
Kommunikation?<br />
Holofernes: Das ist für mich, darüber<br />
zu reden, was es wirklich bedeutet,<br />
Mensch zu sein. Und möglichst wenig<br />
schönt und in tatsächliche Verbindung<br />
geht. Das funktioniert ja meistens,<br />
wenn man sich wirklich zeigt und einen<br />
respektvollen Rahmen dazu hat. Das ist<br />
nicht immer leicht. Im Buch beschreibe<br />
ich ja, dass von den Medien häufig die<br />
einfachere Geschichte bevorzugt wird<br />
und dass es unheimlich schwer ist, sich<br />
dem zu verweigern. Da kannst du im<br />
Interview noch so offen sein, in der<br />
Reduktion bleibt dann nur übrig, wie toll<br />
sie das alles hinkriegt mit Popstar Sein<br />
und Mutter-Sein. Dadurch kommt dann<br />
auch keine bedeutungsvolle Kommunikation<br />
beim Publikum an, weil das übrig<br />
gebliebene Narrativ meiner eigentlichen<br />
Aussage schadet, anderen Frauen, anderen<br />
Menschen schadet. Oft hatte ich das<br />
niederschmetternde Gefühl, dass man<br />
sich dem kaum erwehren kann.<br />
MAX: Ist es nicht Aufgabe der Künstler,<br />
ständig eben diesen Zustand anzumahnen?<br />
Holofernes:: Auf jeden Fall. Das ist aber<br />
auch schwierig und der Grund, warum<br />
so viele Künstler dabei draufgehen. Du<br />
begibst dich in ein Umfeld, dass dann oft<br />
das Gegenteil von dir möchte. Und dieses<br />
Spannungsfeld ist unheimlich schwer<br />
zu verkraften. Das war wahrscheinlich<br />
schon immer so, selbst bei den Hofmalern<br />
oder Dichtern, dass die Aufgabe das<br />
Schöne, Gute zu beschreiben ist, was ja<br />
auch das Hässliche, Schlechte sein kann,<br />
also das ganze Komplexe am Leben und<br />
dass dann die Mittler das nicht dulden.<br />
Ich habe oft das Gefühl, dass ich etwas<br />
Offenes, Schillerndes kreiere und dann<br />
muss ich das durch so einen kleinen und<br />
verklebten engen Strohhalm an die Leute<br />
ranblasen, die aber eigentlich auch die<br />
Arme weit offen haben. Der Transfer ist<br />
so beschränkt.<br />
MAX: Schaffst du einen besseren Transfer<br />
auf einer Plattform wie Patreon, wo du<br />
direkt mit den Fans kommunizierst?<br />
Holofernes: Ja, definitiv. Aber das<br />
sind natürlich auch sehr viel weniger Leute<br />
als herkömmlich. Der Austausch ist auf<br />
jeden Fall viel tiefer, realer und wertvoller<br />
und ist etwas, was mich in Zukunft immer<br />
trösten wird. Wenn ich zum Beispiel im<br />
Rahmen dieser Buchveröffentlichung mir<br />
an irgendetwas die Zähne ausbeiße, weiß<br />
ich, dass ich mich in dieser Komplexitätstoleranteren<br />
Community mitteilen kann<br />
und ich dort auch wieder verarztet werde.<br />
Ich kann das nur empfehlen. Das ist wie<br />
ein kleiner Schutzraum im Internet.<br />
MAX: Ist der Beruf des Künstlers für dich<br />
eher Fluch oder Segen?<br />
Holofernes: Oh Gott (tiefer Seufzer).<br />
Also… (Pause). Das geht natürlich wahnsinnig<br />
tief. Und das ist eine der Fragen,<br />
jetzt wo ich durch bin mit den ersten<br />
Fragen beim Schreiben des Buches, die<br />
sozusagen bleibt. Ich bin jetzt öfters<br />
schon gefragt worden, was es mit mir<br />
machen würde, wenn eine junge Künstlerin<br />
mein Buch liest und es sie abhalten<br />
würde, Künstlerin werden zu wollen. Das<br />
ist eine fiese Frage, weil natürlich möchte<br />
ich das nicht. Aber man muss sich auch<br />
ein wenig ehrlich machen. Kunst zu<br />
machen heißt, dass man sich verletzlich<br />
macht und mit sich selbst arbeitet und<br />
hinter wenig verstecken kann. Künstler<br />
sind deshalb so ein bisschen wie Feuerwehrleute.<br />
Was Künstler machen ist<br />
wichtig für die Gesellschaft, ist aber ein<br />
Beruf, den nicht jeder machen sollte oder<br />
kann. Das ist Grubenarbeit. Wir gehen<br />
runter in die Tiefe unter hohen persönlichem<br />
Risiko und wir bringen Sachen<br />
an die Oberfläche, die für andere Leute<br />
wichtig sind. Im besten Falle verstehen<br />
die Leute diese Künstlerdefinition.<br />
MAX: Glaubst du, dass das Buch das<br />
auch transportiert?<br />
Holofernes: Na ja, vielleicht werden<br />
einige auch sagen, hätte sie nicht etwas<br />
Schöneres schreiben können. Das ist aber<br />
auch eine Erfahrung, die ich schon öfters<br />
hatte. Die Leute wollten nicht unbedingt<br />
die Wahrheit, sondern wenigstens soll ich<br />
glücklich sein. Da sind wir wieder bei der<br />
Projektion. Damit bleibt eine bestimmte<br />
Fluchtfantasie intakt.<br />
MAX: Was gefällt dir am Schreiben?<br />
Holofernes: Dass ich mich da stundenlang<br />
in etwas vertiefen kann. Ich das<br />
alles alleine machen kann, auch mit all<br />
den vielen Schritten. Mir gefallen alle<br />
Aspekte daran: Die Recherche, die<br />
Planung und dann das tatsächliche Ausmalen.<br />
Und dann das Feilen und Editieren.<br />
Und, ganz wichtig, dass ich mich mit<br />
jeder Schleife, die ich drehe, selbst neu<br />
und weiter ent decke und ich mich etwas<br />
nähere, was dann wirklich ich bin.<br />
MAX: Was möchtest du deinen Lesern mitgeben<br />
oder wünschen?<br />
Holofernes: (Pause) Ich hoffe natürlich,<br />
dass… (Pause)… verkürzt gesagt,<br />
dass sie aus meinen Fehlern lernen<br />
können, wie auch ich aus den Memoiren<br />
anderer Leute gelernt habe. Vielleicht<br />
auch aus meinen Erkenntnissen, um dann<br />
Prozesse abzukürzen. Sich inspiriert<br />
fühlen, ihren Instinkten zu folgen. So<br />
wie ja auch ich sehr lange die richtigen<br />
Instinkte hatte und wusste, was ich<br />
bräuchte, es aber dann nicht umgesetzt<br />
habe. Das wäre tatsächlich ein Happy<br />
End, wenn die Leute das dann nicht erst<br />
nach zehn Jahren umsetzen.<br />
MAX: Judith, vielen Dank für das<br />
Gespräch!<br />
SEPTEMBER 2022
JUDITH HOLOFERNES 135<br />
DAS KREATIVE KOLLEKTIV WIR SIND HELDEN<br />
ERMÖGLICHTE JUDITH HOLOFERNES<br />
WICHTIGE EINBLICKE, UM ALS KÜNSTLERIN UND<br />
MENSCH ERWACHSEN WERDEN ZU KÖNNEN.<br />
SEPTEMBER 2022
Triumph<br />
136<br />
AUFGEZEICHNET VON ANDREAS WREDE<br />
FOTOS DMITRIJ LELTSCHUK<br />
Irgendwann sind sie abgehauen. Noch fast als Kind, als<br />
Jugendliche, als Erwachsene. Weg von den Schlägen der Eltern,<br />
dem Alkoholdunst in der Wohnung, der Willkür ihres Umfelds.<br />
Raus in die Freiheit, in der sie es oft genauso schwer haben,<br />
weil die meisten an ihnen vorübergehen, ihrem Blick oder ihren<br />
Bitten ausweichen. MAX sprach mit<br />
sieben Obdachlosen über ihr Schicksal und<br />
ihre Versuche, in ein geregeltes Leben<br />
zu kommen, bei denen sie die Hamburger<br />
Einrichtung Hinz & Kunzt unterstützt.<br />
?<br />
SEPTEMBER 2022
137
Triumph 138<br />
ENDLICH<br />
MAL GLÜCK GEHABT<br />
Ich heiße KLAUS, bin 50 Jahre alt und<br />
komme ursprünglich aus Reilingen<br />
in Baden-Württemberg. Meine beiden<br />
Hunde, die mich immer und überall hin<br />
begleiten, sind Zecke und Lady. Gelernt<br />
habe ich vor über 30 Jahren Dreher und<br />
Fräser, ein Beruf, der mir damals sehr<br />
gut gefiel. Mit meinen Eltern hat es<br />
damals nicht so richtig gut geklappt,<br />
seit Mitte der Neunzigerjahre bin ich<br />
unterwegs und lebe auf der Straße. Zu<br />
meinen Eltern würde ich nie im Leben<br />
zurückgehen, aber wir telefonieren<br />
schon oft, so aus der Ferne kommen wir<br />
ganz gut miteinander aus.<br />
Ich war schon viel im Ausland<br />
unterwegs, zum Beispiel in Frankreich<br />
oder Griechenland, aber da wurde es<br />
mir und den Hunden im Sommer echt zu<br />
heiß. Seit über 20 Jahren habe ich keine<br />
eigene Wohnung, an diesen Umstand<br />
muss man sich gewöhnen, wenn man<br />
auf der Straße ist. Du bist im Grunde<br />
nie so richtig allein, kannst sozusagen<br />
nie privat sein, und du musst immer auf<br />
deine paar Sachen aufpassen. Auf der<br />
Straße wird eben viel geklaut.<br />
Lange Zeit habe ich in einem Zelt<br />
übernachtet in Hamburg, wenn es ging<br />
an abgelegenen Plätzen. Aber richtig<br />
Ruhe hast du nie, oft hat man Angst,<br />
überfallen zu werden, da helfen einem<br />
dann die Hunde. Früher habe ich viel<br />
Alkohol getrunken, aber seit drei Jahren<br />
trinke ich nicht mehr. Dank Hinz &<br />
Kunzt habe ich jetzt eine Wohnung mit<br />
zwei Zimmern. Ich hatte endlich mal<br />
Glück im Leben, der Vermieter ist total<br />
nett, meine beiden Hunde sind auch<br />
kein Problem für ihn. Hinz & Kunzt<br />
verkaufe ich in Hamburg-Horn bei Aldi.<br />
Da fühle ich mich auch sehr wohl, das<br />
ist fast familiär.<br />
PRAKTISCH BEIM FREUND<br />
GEWOHNT<br />
Aufgewachsen bin ich in der Nähe von<br />
St. Petersburg im heutigen Russland.<br />
Mein Name ist SERGEIJ, und ich bin 48.<br />
Eigentlich war ich ab 14 Jahren auf<br />
mich allein gestellt – mein Stiefvater<br />
war schwerer Alkoholiker und hat die<br />
Familie gequält, mich wollte er immer<br />
verprügeln. Zum Glück hatte ich einen<br />
Freund, der wohnte gegenüber von uns,<br />
dorthin konnte ich flüchten, da lebte<br />
ich mehr als in unserer Wohnung.<br />
Ich hatte immer verschiedene Jobs, der<br />
schönste und der härteste war das<br />
Fischen nach Bernstein. Mein Stiefvater<br />
war Litauer, und wir sind dann nach<br />
Litauen gezogen. In der Schule habe ich<br />
Deutsch gelernt, und das hat mir schon<br />
geholfen, als ich mit 35 nach Deutschland<br />
gekommen bin. Das war für uns<br />
ein Land, in dem Ordnung ist und man<br />
mit ordentlicher Arbeit Geld verdienen<br />
kann. In Hamburg hatte ich dann ebenfalls<br />
verschiedene Jobs, zum Beispiel<br />
Müll sortieren – nicht sehr schön.<br />
Meinen leiblichen Vater habe ich<br />
übrigens mit 15 zum letzten Mal gesehen.<br />
Nachdem meine Mutter sich von<br />
ihm getrennt hatte, ist er völlig abgestürzt.<br />
Das habe ich ihr sehr übel genommen.<br />
Als ich hier ankam, bin ich in<br />
das Winterprogramm gekommen, ich<br />
hatte ja keine Wohnung und damals<br />
noch keine Arbeitserlaubnis. Aber auf<br />
der Straße war es besser als im Winterprogramm,<br />
das muss sich schon sagen.<br />
Durch einen Freund bin ich vor<br />
15 Jahren auf Hinz & Kunzt aufmerksam<br />
geworden und habe die Zeitung<br />
verkauft. Vor einigen Jahren dann suchte<br />
man dort neue Mitarbeiter, und ich<br />
habe mich beworben. Heute arbeite<br />
ich unter anderem am Verkaufstresen,<br />
oder ich schaue im Außendienst, dass<br />
es keine Probleme mit Schwarzverkäufern<br />
ohne Verkaufsausweis gibt. Ich bin<br />
stolz, für ein Projekt wie dieses hier<br />
zu arbeiten. Ich lebe in einer Wohnung<br />
SEPTEMBER 2022
EINE FLUCHT OHNE ENDE? 139<br />
auf der Veddel, würde aber gern in ein<br />
schöneres Viertel ziehen. Und ich fotografiere<br />
sehr gern!<br />
„Die Mutter hat mich<br />
ganz oft geschlagen, und morgens<br />
um sechs musste<br />
ich immer zum Kiosk gehen,<br />
Alkohol kaufen.“<br />
NICOLE<br />
EINE EIGENE<br />
WOHNUNG WÄRE TOLL<br />
Hinz & Kunzt hat mir immer geholfen –<br />
als Frau hast du es besonders schwer,<br />
wenn du obdachlos bist. Du bist eben<br />
einfach nicht so stark wie ein Mann.<br />
Ich bin NICOLE, 44, und komme aus<br />
Rostock, da bin ich auch eine Weile<br />
zur Schule gegangen. Bis 2018 habe<br />
ich bei meiner Mutter und dem Stiefvater<br />
gewohnt. Die Mutter hat mich<br />
ganz oft geschlagen, und morgens um<br />
sechs musste ich immer zum Kiosk gehen,<br />
Alkohol kaufen. Das war wirklich<br />
kein schönes Leben, Freunde hatte ich<br />
eigentlich keine in Rostock.<br />
Ich bin dann mit einem Mann nach<br />
Hamburg abgehauen und will nie, nie<br />
wieder zurück nach Rostock! Eine<br />
Weile habe ich dann Platte gemacht mit<br />
einem Freund, aber da musst du immer<br />
auf der Hut sein, dass dir nix gestohlen<br />
wird. Selbst als ich in Wandsbek im<br />
Container gewohnt habe, musste ich<br />
ewig auf meine paar Sachen aufpassen,<br />
das hat genervt. Als ich noch im<br />
Winter-Notprogramm der Stadt war,<br />
musste ich noch mehr auf meine Habseligkeiten<br />
achten. Denn du hast dann<br />
ja morgens die Einrichtung zu verlassen<br />
und kannst erst abends wieder rein.<br />
Da musst du deine Sachen immer mitnehmen,<br />
sonst sind sie weg. Trotzdem:<br />
Hamburg ist eine schöne Stadt, und ich<br />
fahre gern mit dem Fahrrad rum. Ich<br />
wohne jetzt in einer WG, würde aber<br />
sehr gern allein wohnen. Hinz & Kunzt<br />
hilft mir bei der Suche, das ist große<br />
Klasse. Wenn ich wüsste, wo mein richtiger<br />
Vater lebt, würde ich gern dorthin<br />
gehen. Die Zeitung verkaufe ich in<br />
Hammerbrook.<br />
IM KNAST<br />
WEGEN SCHWARZFAHREN<br />
Ich bin RENÉ, 41, noch in der DDR geboren,<br />
in Sömmerda, das liegt in Thüringen,<br />
gut 20 Kilometer von Erfurt<br />
entfernt. Mein Vater war Dachdecker<br />
und Maurer, meine Mutter Kauffrau<br />
und Raumpflegerin. Meine Eltern leben<br />
nach der Wiedervereinigung immer<br />
noch in Sömmerda. Ich fahre immer<br />
mal wieder dorthin, und ich finde<br />
es auf dem Land total schön. Nach der<br />
SEPTEMBER 2022
Triumph EINE FLUCHT OHNE ENDE? 140<br />
Mittleren Reife habe ich eine Lehre als<br />
Einzelhandelskaufmann angefangen,<br />
aber die musste ich wegen zu vieler<br />
Fehltage abbrechen.<br />
Nach Hamburg bin ich eher durch<br />
Zufall gekommen, da war nix geplant.<br />
Am Anfang hatte ich Glück und konnte<br />
im Pik As unterkommen (die älteste<br />
Obdachlosen-Unterkunft in Deutschland,<br />
eröffnet 1913, Anm. d. Red.). Ich hatte<br />
auch mal eine Wohnung, aber so von<br />
2005 bis 2013 hab ich eben Platte gemacht<br />
mit Bekannten. Tja, wovon lebt<br />
man da so?<br />
Ach, man besorgt sich Geld oder<br />
geht eben schnorren. Ich hatte ganz<br />
schön was mit Drogen zu tun, war auf<br />
Methadon gesetzt, aber aus dem Programm<br />
bin ich rausgeflogen, war meine<br />
eigene Schuld. Zwischendurch war<br />
ich immer wieder im Knast, zum ersten<br />
Mal wegen Schwarzfahren. Aber oft<br />
eben wegen Koks und so.<br />
Im Knast hab ich einen Entzug gemacht,<br />
das war eigentlich eine gute Sache.<br />
Aber als ich wieder draußen war,<br />
wollte ich wieder das Gefühl haben<br />
drauf zu sein. Ja, wenn Not am Mann<br />
ist, kann ich meine Mutter anrufen. Ich<br />
hoffe schon, dass ich älter als 49 werde<br />
– meine Schwester ist nur 49 geworden<br />
als sie an Lungenkrebs gestorben<br />
ist. Hinz & Kunzt verkaufe ich schon<br />
lange, zurzeit bei Netto in Rahlstedt.<br />
IN EINE ANDERE WELT<br />
ABTAUCHEN<br />
Ich komme aus Hamburg-Altona und bin<br />
auch in Hamburg zur Schule gegangen,<br />
zum Schluss in Barmbek. Heute bin ich,<br />
THOMAS, 55, ohne festen Wohnsitz auf<br />
der Straße. Ich fahre schon mal nach Hause,<br />
um mal von der Straße wegzukommen.<br />
Aber länger als zwei Stunden kann ich mit<br />
meinem Vater nicht zusammen sein, dann<br />
wird die Luft elektrisch. Mit 13 kam ich für<br />
eine Weile ins Heim, weil mein Vater Alkoholiker<br />
war, heute ist er trocken. Nach<br />
der Schule habe ich eine KFZ-Ausbildung<br />
angefangen. Aber nicht zu Ende gebracht,<br />
Disziplin war nicht meine Stärke.<br />
Danach habe ich alle möglichen<br />
Jobs gemacht, in der Hamburger Gastronomie<br />
so ziemlich alles. Als Kraftfahrer<br />
habe ich gearbeitet, und im Knast<br />
habe ich eine Lehre als Maler und Lackierer<br />
abgeschlossen, und das war gut.<br />
Im Knast war ich mehrmals, als man<br />
153 Gramm Koks bei mir fand, waren<br />
es 30 Monate. Mit 26 habe ich zum ersten<br />
Mal Heroin genommen, Tabletten<br />
nehme ich aber nicht.<br />
Wenn ich aus dem Knast kam, lebte<br />
ich erst mal wieder auf der Straße,<br />
Wohnung war ja weg. Seit 2015 habe<br />
ich überhaupt keine Wohnung mehr.<br />
Wenn ich in Ruhe lesen will – und ich<br />
lese viel – setze ich mich in die U-Bahn<br />
oder einen Bus. Die Jahrhundert-Trilogie<br />
von Ken Follet habe ich schon zweimal<br />
gelesen – wenn ich lese, tauche ich<br />
in eine andere Welt ab. Ich kaufe auch<br />
immer Bücher auf dem Flohmarkt, da<br />
sind sie billiger. Die Harry-Potter-<br />
Bücher habe ich auch alle gelesen. Ab<br />
und zu kann ich bei einem Kollegen in<br />
der Wohnung sein, wenn er nicht da ist.<br />
Hinz & Kunzt verkaufe ich immer im<br />
Grindel-Viertel, da kennt man mich,<br />
und dort fühle ich mich wohl. Mein<br />
Methadon in Tablettenform nehme ich<br />
immer in der Apotheke ein – ich traue<br />
mir selbst nicht, wenn ich es allein einnehmen<br />
würde, womöglich würde ich<br />
einen Teil verkaufen. Leider ist mein<br />
Rücken kaputt, ich brauche einen Rollator,<br />
das macht das Leben auf der Straße<br />
auch nicht leichter.<br />
Aus Hamburg weggehen würde ich<br />
nie, es ist meine Heimat.<br />
HÖHLEN BAUEN<br />
IM WALD<br />
Ich bin MARCEL, 39 Jahre alt, und komme<br />
aus Mecklenburg-Vorpommern.<br />
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Triumph 142
EINE FLUCHT OHNE ENDE? 143<br />
Was uns Obdachlose zu sagen haben<br />
Die erste Ausgabe von Hinz & Kunzt erschien im November 1993.<br />
Mittlerweile ist Hinz & Kunzt nicht nur als Straßenmagazin weit über die<br />
Grenzen Hamburgs bekannt – es ist Heimat und Arbeit für rund 530 Verkäufe<br />
r und Verkäuferinnen. Inzwischen hat man ein neues Zuhause in<br />
St. Georg – dort ist nicht nur die Anlaufstelle für Obdachlose, dort zogen auch<br />
24 ehemals Obdachlose in Wohnungen ein. Sehr unbürokratisch bietet<br />
das Team Menschen in prekären Lebenslagen konkrete Hilfe an. Dabei stehen<br />
die Türen der Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen immer offen. Denn<br />
die meisten Menschen, die hier auftauchen, haben niemanden, dem sie sich<br />
wirklich anvertrauen können. Offiziell gibt es 2000 Obdachlose in Hamburg,<br />
in Deutschland insgesamt sind es 178.000, die Dunkelziffer dürfte viel höher<br />
liegen. Hinz & Kunzt hat MAX geholfen, sieben Menschen zu überzeugen,<br />
uns etwas von sich zu erzählen und sich fotografieren zu lassen. Das ist nicht<br />
selbstverständlich, denn das gesellschaftliche Misstrauen sitzt sehr tief.<br />
Wir haben uns entschlossen, die sieben Hinz & Künztler:innen in der Ich-Form<br />
reden zu lassen, denn so sind sie authentisch, berührend und ungeschminkt.<br />
Klaus, Nicole, René, Michael, Marcel, Sergeij und Thomas haben uns allen viel<br />
zu sagen. Vielen Dank für euer Vertrauen!<br />
Ich bin auf einer LPG – einer landwirtschaftlichen<br />
Produktionsgenossenschaft<br />
– groß geworden. Mit zehn<br />
Jahren bin ich schon auf dem Trecker<br />
gefahren, das war herrlich. Wir hatten<br />
Weizen, Raps, Kartoffeln und Milch.<br />
Nach der Wende wurde der Betrieb<br />
noch weitergeführt, dann aber 1992 von<br />
Westdeutschen übernommen. Ich habe<br />
Abitur gemacht und dann eine Lehre für<br />
Garten- und Landschaftsbau gemacht.<br />
Das hat Riesenspaß gebracht. Bis 1999<br />
habe ich bei meinen Eltern gelebt, aber<br />
der Stiefvater hat mich immer verprügelt<br />
– das war ein Tyrann.<br />
In Berlin habe ich Biologie studiert,<br />
aber abgebrochen. Eigentlich<br />
will ich meine Kindheit wiederhaben<br />
und wieder Höhlen bauen im Wald. Ich<br />
liebe die Natur und mag die Großstädte<br />
nicht – die sind mir zu laut, zu wuselig,<br />
zu hektisch. Ich gehöre aufs Land, aber<br />
zu Hinz & Kunzt kann ich immer kommen,<br />
wenn ich Probleme habe. Und fest<br />
steht: Wenn Hinz & Kunzt nicht wäre,<br />
würde ich mir schon längst die Radieschen<br />
von unten anschauen.<br />
Weihnachten 2017 bekam ich eine<br />
Krebsdiagnose, nach der Chemo und<br />
anderen OPs bin ich abgemagert auf<br />
39 Kilo. Ich war praktisch nicht mehr<br />
existent. Durch Knast- und Krankenhausaufenthalte<br />
habe ich oft Wohnungen<br />
verloren und musste immer wieder<br />
Platte machen, Drogen haben da auch<br />
nicht geholfen.<br />
Jetzt habe ich eine Freundin, die<br />
künstlerisch sehr aktiv ist, und wir<br />
kochen sehr gern zusammen. Man hat<br />
mir aus medizinischen Gründen Marihuana<br />
verschrieben, aber ich versuche,<br />
nicht so viel zu rauchen.<br />
IN HAMBURG FÜHLE ICH<br />
MICH SEHR WOHL<br />
Geboren bin ich in Schwerte im Ruhrgebiet,<br />
mein Vater war Lokführer und<br />
Schalke-Fan. Ich halte immer schon dem<br />
BVB die Treue – da ist ein Krach schon<br />
vorprogrammiert. Ich bin MICHAEL und<br />
60 Jahre alt. Erst mal habe ich eine Lehre<br />
als Dachdecker gemacht, 1976 bis<br />
1979. Und 1992 bin ich dann nach Portugal<br />
gegangen, um dort zu arbeiten,<br />
unter anderem in der Fischerei. Als ich<br />
nach Hamburg kam, hat mir zunächst<br />
die Bahnhofsmission geholfen, und seit<br />
1998 verkaufe ich Hinz & Kunzt an der<br />
Ecke Spitalerstraße und Mönckebergstraße.<br />
In Altona habe ich schon mal<br />
in einem Einzelcontainer gewohnt, das<br />
war jedenfalls besser, als auf der Straße<br />
zu sein, das kann ich wohl sagen. Ich<br />
habe einen Bruder, der ist schwerbehindert<br />
und lebt in einer Behinderteneinrichtung,<br />
manchmal sehen wir uns. Zu<br />
meinem Sohn, der ist Zimmermann in<br />
Niedersachsen, habe ich auch einen<br />
guten Kontakt. In Hamburg fühle ich<br />
mich sehr wohl, und inzwischen wohne<br />
ich mit meiner Freundin zusammen.<br />
Aus meiner Sicht hat Hamburg<br />
mehr Anlaufstellen für Obdachlose als<br />
andere deutsche Städte. Aber ich muss<br />
auf der anderen Seite sagen, dass in den<br />
letzten Jahren viele meiner Bekannten<br />
oder Freunde gestorben sind, bestimmt<br />
15 Personen. Das ist schlimm.<br />
Kürzlich waren meine Freundin<br />
und ich mal im Urlaub, wir sind in den<br />
Schwarzwald gefahren, das war richtig<br />
schön, mal rauszukommen. Da sind wir<br />
viel gewandert und haben die Ruhe genossen.<br />
Aber aus Hamburg würde ich<br />
nicht weggehen. Hier bin ich zu Hause<br />
und fange nicht irgendwo noch mal neu<br />
an. Und Hinz & Kunzt ist die beste Anlaufstelle,<br />
die ich mir vorstellen kann.<br />
Zumal ich einen Super-Job auf 450-Euro-<br />
Basis in einem Fahrradladen habe. Ich<br />
hatte schon immer großen Spaß und<br />
Talent, Fahrräder zu reparieren.<br />
SEPTEMBER 2022
Impressum 144<br />
VERLAG<br />
MFM Martin Fischer Medien GmbH<br />
HERAUSGEBER<br />
Volker Andres, Peter Lewandowski<br />
CHEFREDAKTION<br />
EDITOR-IN-CHIEF<br />
Andreas Wrede<br />
MANAGING EDITORIAL DIRECTOR<br />
Peter Lewandowski<br />
CREATIVE DIRECTOR<br />
Rüdiger Quass von Deyen<br />
PROJEKT MANAGEMENT<br />
Julia Fischer<br />
TEXTCHEF<br />
Matthias Reisner<br />
FASHION DIRECTOR<br />
Jennifer Dixon<br />
BILDREDAKTION<br />
Josephine Kaatz<br />
LITHOGRAFIE<br />
MedienSchiff BRuno<br />
MANAGEMENT CONSULTING<br />
Martin Fischer<br />
CHEFIN VOM DIENST<br />
Elke Sünkenberg<br />
BEAUTY DIRECTOR<br />
Katja Lips<br />
SATZ + RZ<br />
Typoint, Berlin<br />
DIGITAL SUPPORT<br />
Matthias Hauser<br />
CONTRIBUTING EDITORS (FREI)<br />
Lena Benzrath, Matthias Grenda, Patrick Heidmann,<br />
Emma Huett, Tim Jürgens, Gereon Klug, Willy Loderhose,<br />
Gunther Matejka, Tim Osing, Lars Reichow,<br />
Claudia Rieß, Alex Siemen, Beate Zwermann<br />
CREDITS<br />
Titel: Gunter Gluecklich/laif<br />
S. 9: v.o.l.i.U.: Selina Pfrüner/laif; Michael Dürr, Axel Martens, Rafaela Pröll,<br />
imago images/ZUMA Wire; Marlena Waldthausen/Agentur Focus; josselin/Jive;<br />
Virginie Khateeb; S. 10: privat (5); S. 12: privat (4), Lucia Jost; S. 14 – 19: Michael<br />
Dürr instagram.com/michael_duerr; S. 20: Shutterstock; S. 21: Property of the<br />
Estate of Christo V. Javacheff; Photo: Wolfgang Volz © 1979 Christo and<br />
Jeanne-Claude Foundation; S. 22: Wolfgang Volz © 1984 Christo and Jeanne-<br />
Claude Foundation; Wolfgang Volz © 2012 Christo and Jeanne-Claude Foundation;<br />
S. 23: Wolfgang Volz, André Grossmann © 2013 Christo and Jeanne-Claude<br />
Foundation (2); S. 24: Photo: Wolfgang Volz © 2012 Christo and Jeanne-Claude<br />
Foundation; Photo: Wolfgang Volz © 2017 Christo and Jeanne-Claude Foundation;<br />
privat; S. 25: Photo: Wolfgang Volz (2); Krusebild Christo and Jeanne- Claude<br />
Foundation; S. 26 – 31: Lucia Jost; S. 32 – 34: josselin/Jive; S. 35: imago/Future<br />
Image; S. 36: boxfish films; Goldmann Music; S. 39: Virginie Khateeb;<br />
S. 40: Showtime/Paramount, Sony; S.41: Virginie Khateeb; S. 42 – 48: Axel<br />
Martens; S. 50 – 57: Rafaela Pröll; S. 58 – 66: Presse; LOUNGE: S. 67: Joris<br />
Laarman, Höweler + Yoon Architecture und Squared Design Lab, Carlo Ratti<br />
Associati, Foto: <strong>Max</strong> Tomasinelli, Anouk Wipprecht, Foto: Jason Perry;<br />
S. 68: Presse; S. 69: Marco Lanowy, Presse (3); S. 70 – 72: Presse; S. 74 – 75:<br />
Presse, imago; S. 76 – 80: Presse S. 83: Fred Rivett, unsplash; S. 84: Thomas<br />
Höpker/Magnum; S. 85: Alberto Korda; S. 86 – 88: Luca Locatelli (3); S. 87: Elliot<br />
Erwitt; S. 89: Malte Metag; S. 90 – 91: Ana Maria Arévalo Gosen; S: 91: Presse<br />
(unten); S. 92: Barbara Klemm, Luca Locatelli; S. 93 – 95: Presse; S. 96 – 97: Malte<br />
Metag; S. 98 – 99: Presse; S. 100 – 102: Christian O. Bruch/laif; S. 105: Henning<br />
Ross, S. 107: Selina Pfrüner/laif, Christian O. Bruch/ZDF; S. 109: Shutterstock;<br />
S. 112: Shutterstock; S. 112 – 118: Dorothea Pluta; S.120 – 123: Shutterstock;<br />
S. 124: picture alliance/Felix Kästle/dpa; S. 126: Jonathan Mannion/ddp images;<br />
S. 128: Wally Skalij/Los Angeles Times/Polaris/ddp, imago images/Everett<br />
Collection; S. 129: imago images/ZUMA Wire; S. 130 – 133: Marlena<br />
Waldthausen/Agentur Focus; S. 135: Michael Maier/Camera Press/laif;<br />
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SEPTEMBER 2022
a<br />
Der Audi urbansphere concept*.<br />
Die neue Ära der High-Class Mobilität wird fortgeführt.<br />
Ein individueller Erlebnisraum – intuitiv, nachhaltig<br />
und voller faszinierender Erlebnisse:<br />
der rein elektrische Audi urbansphere concept.<br />
Nachweis sorgt. Unserer Umwelt zuliebe!<br />
Mehr auf audi.de/zukunft<br />
* Bei dem gezeigten Fahrzeug handelt es sich um ein<br />
Konzeptfahrzeug, das nicht als Serienfahrzeug verfügbar ist.
Triumph 146<br />
Das Bild.<br />
Die Fragen.<br />
FOTO AXEL MARTENS<br />
TEXT GEREON KLUG<br />
Was hier wohl „Phase“ ist, fragen Sie sich? Hahaha? Und<br />
Sie schmunzeln angesichts der Überlegenheit, aus der heraus<br />
Sie sich einen ablachen? Über die Formulierung da auf dem<br />
Schild? „Moving“? „Problemzonen“?? Auf einer Lokalität<br />
prangend, die starrer, verschlossener, abweisender nicht sein<br />
kann? Ist das nicht per se schon grotesk? Und sind das nicht<br />
eh Worte der anderen? Worte von früher?<br />
Keine für einen wohlgestalteten, in Yoga, Joghurt und<br />
Sudoku souveränen Menschen mit dem Achtsamkeitsniveau<br />
eines modernen Weltbürgers, wie Sie es sind? Den die Realität<br />
nur noch im Umgang mit ihr interessiert, aber nicht mehr in<br />
ihrem Sein? Ist es so?<br />
Sie haben doch gleich gedacht, das kann ja nur im ödesten<br />
Thüringen an einer dieser Natur und alle Wesen peinigenden<br />
Durchfahrtsstraßen gemacht worden sein? Oder im ehemaligen<br />
Zonenrandgebiet? Wo Ortschaften wie Elend und<br />
Sorge noch Glück haben, weil solche Namen wenigstens lustig<br />
sind? Wo gibt es sonst noch derart schmale Bürgersteige, die<br />
nicht einmal reichen, den Rückspiegeln der Fernfahrer auszu-<br />
weichen? Und wo sich das Leben nur noch in den Räumen abspielt,<br />
weil das Internet immer offen hat und die Dorfkneipe<br />
längst für immer nicht mehr? Denken Sie dann, dass „natürlich<br />
natürlich“ nur noch in solchen Gegenden derartig hilflose<br />
Angebote gemacht werden? Und wie schwächlich das Wort<br />
„Moving“ ist? Wie altbaksch „Problemzone“?<br />
Heute würde man – also Sie – doch positiv moodminded<br />
eher von „Körper-Herausforderungen“ sprechen, oder? Und<br />
erst mal mit einem Bewegen des Farbpinsels beginnen? Und<br />
diese abweisende Fassade zu einem Angebot, in das man gern<br />
reinloungen würde, umwandeln? Aber, mal so gefragt: Sind<br />
Ihre Problemzonen vielleicht Ihre Augen? Die Sie womöglich<br />
auch mal woanders hinmoven sollten? Zum Beispiel nach oben,<br />
zu den Blumen? Da oben denen? Die Rabatten, die droben auf<br />
dem Balkon offenbar mit einem Sinn für Vielfalt und das Schöne<br />
im Hässlichen gepflanzt wurden? Haben Sie nicht gesehen,<br />
richtig? Ist Ihr Aufmerksamkeitsappetit vielleicht doch arg<br />
niedrigschwellig? Denken Sie jetzt anders über die Szenerie<br />
im vornehmen Hamburg-Blankenese?<br />
SEPTEMBER 2022
Jeder Wein erzählt<br />
eine Geschichte.<br />
Man muss nur gut<br />
zuhören.<br />
Weine aus deutschen Regionen:<br />
Qualität, die man schmeckt.<br />
Die 13 deutschen Weinregionen sind<br />
geschützte Ursprungsbezeichnungen.<br />
Weine aus deutschen Anbaugebieten überzeugen nicht nur mit<br />
außergewöhnlichem Geschmack, sondern auch mit höchster<br />
Qualität. Das garantiert auch die Europäische Union, die alle<br />
13 deutschen Weinregionen als geschützte Ursprungsbezeichnungen<br />
anerkannt hat.<br />
Mehr Informationen: www.weine-mit-herkunft.de