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03_2022<br />

Glamou r & L ifestyl e Magaz i n<br />

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DEUTSCHLAND BEWEGT SICH<br />

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VIOLA DAVIS UND EMINEM<br />

JUNGSTARS<br />

GRETA ELISA HOFER UND<br />

EMILIO SAKRAYA<br />

OPTIMISMUS<br />

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UNSERE GESELLSCHAFT,<br />

FRAGEN ZUR ZUKUNFT UND ANTWORTEN VON<br />

RICHARD DAVID PRECHT,<br />

IGOR LEVIT, CLAUDIA MICHELSEN,<br />

JUDITH HOLOFERNES,<br />

PROFESSOR DR. FLORIAN STEGER UND VON<br />

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03<br />

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EDITORIAL 05<br />

Eine<br />

Bombe,<br />

die<br />

noch immer<br />

tickt<br />

Liebe Leserinnen und Leser!<br />

Vor 50 Jahren erschien ein Buch, dessen Titel geradezu prophetischen<br />

Charakter hatte: „Die Grenzen des Wachstums“.<br />

Herausgegeben hatte das schmale Werk der 1968 gegründete<br />

Club of Rome, eine seinerzeit nicht sehr bekannte, globale,<br />

interdisziplinäre Organisation, die sich sehr früh unter anderem<br />

für nachhaltiges Wirtschaften, den Schutz der Umwelt<br />

und freiwillige Selbstbeschränkung engagierte.<br />

In diesem immer noch bahnbrechenden Buch (das im Jahr<br />

2004 und kürzlich ein Update erfuhr) mit dem bezeichnenden<br />

Unter titel „Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“<br />

wurden bereits vor einem halben Jahrhundert zentrale<br />

Szenarien, die uns alle heute, morgen und übermorgen beschäftigen<br />

sollten, weitsichtig thematisiert, dazu zählt ungezügelte<br />

Fortschrittsgläubigkeit. Die Zeit nannte das Buch<br />

hellsichtig „eine Bombe im Taschenbuchformat“.<br />

Thematisiert wurden auch die Unterernährung von Abermillionen<br />

Menschen und ein enormes Wachstum der Weltbevölkerung.<br />

Die Nicht-Erneuerbarkeit zahlreicher Rohstoffe,<br />

die wir zum Überleben brauchen. Eine globale Umweltverschmutzung,<br />

die das ökologische Gleichgewicht dauerhaft<br />

gefährdet. Bevölkerung, Nahrungsmittel, Kapital, Rohstoffe<br />

sowie Umweltverschmutzung seien in einem fragilen und<br />

komplexen Zusammenhang miteinander verwoben.<br />

„Die lange Kette menschlicher Erfindungen hat bis jetzt<br />

zu Überbevölkerung, Zerstörung, der Umwelt und zu größerer<br />

sozialer Ungleichheit geführt, da die Wirkung erhöhter<br />

Produktivität wieder durch das Wachstum von Bevölkerung<br />

und Kapital aufgehoben wurde.“ Ein Satz der heute noch<br />

Gültigkeit besitzt. Auch wenn einige Annahmen heute nicht<br />

mehr zutreffen, die Grundaussage, dass grenzenloses Wachstum<br />

in einer endlichen Welt unmöglich ist, bewahrheitete<br />

sich im Laufe der vergangenen 50 Jahre immer wieder und<br />

immer mehr.<br />

Als die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler prognostizierten,<br />

dass es 2030 zum Kollaps kommen wird, wurden<br />

sie von neoliberalen Apologeten bestenfalls belächelt, zumeist<br />

mit dümmster Polemik überzogen. Und heute, acht Jahre vor<br />

2030, wo stehen wir da? Wenn wir keine parteienübergreifenden,<br />

gesellschaftlich relevanten und rigorosen Maßnahmen<br />

ergreifen, werden unsere Kinder ihre Zukunft schon hinter<br />

sich haben.<br />

Das dürfen wir nicht zulassen.<br />

Herzlichst –<br />

wo auch immer Sie sein mögen,<br />

Ihr Andreas Wrede<br />

CHEFREDAKTEUR<br />

SEPTEMBER 2022


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Inhalt 08<br />

AUFBRUCH<br />

SEITE 14<br />

Greta for Future<br />

Sie ist eine Senkrechstarterin<br />

par excellence: Die Tirolerin<br />

Greta Hofer modelt für<br />

Prada, Dior oder Hermès. Geplant<br />

war das nicht<br />

SEITE 20<br />

Mastaba<br />

Das gigantische Projekt des<br />

Künstlerpaars Christo & Jeanne-Claude,<br />

eine Pyramide aus Ölfässern,<br />

wird von ihren Mitarbeitern<br />

weiterverfolgt<br />

SEITE 26<br />

Frauen-Power<br />

Lucia Jost ist ein New Talent<br />

in der Fotografie. Frauen<br />

setzt sie selbstbewusst und<br />

stolz in Szene<br />

VORBILD<br />

SEITE 32<br />

A star is born<br />

Emilio Sakraya spielt im<br />

Kino den Gangster-Rapper Xatar.<br />

Er ist ein Shootingstar, von<br />

dem noch zu hören sein wird<br />

SEITE 38<br />

The Woman King<br />

Von wahren Geschehnissen<br />

inspiriert, spielt Viola Davis eine<br />

afrikanische Amazone –<br />

in der Gegenwart gewann sie einen<br />

Oscar, einen Emmy und zwei<br />

Tony-Awards<br />

SEITE 42<br />

Nicht nur piano<br />

Der Pianist Igor Levit, zu Hause<br />

auf internationalen Bühnen, nennt<br />

sich selbst politischer Aktivist.<br />

MAX traf ihn in seiner Berliner<br />

Wohnung zum Interview<br />

SEITE 50<br />

Systemwechsel<br />

Claudia Michelsen wuchs<br />

„In einem Land, das es nicht mehr gibt“<br />

auf, in dem gleichnamigen Film<br />

spielt sie die Chefin des legendären<br />

DDR-Mode-Magazins „Sibylle“<br />

WENDUNG<br />

SEITE 58<br />

E-Mobilität<br />

Welches Auto passt zu mir?<br />

Vom Kleinwagen bis zum neuen Bully –<br />

das große E-Auto-Special<br />

in MAX<br />

SEITE 67<br />

MAX Lounge<br />

In der Lounge finden sich die<br />

coolsten und intelligentesten Produkte<br />

wie eine limitierte Porsche-<br />

Brille oder Neues von Canada Goose<br />

SEITE 82<br />

Brandaktuell<br />

Kabarettist und Musiker Lars<br />

Reichow macht sich hochaktuelle<br />

Gedanken zum Energiesparen<br />

VERÄNDERUNG<br />

SEITE 84<br />

Visions of Light<br />

Die Kamera ist Kult: Leica.<br />

Gemacht wurden und werden mit<br />

ihr ikonische Fotos.<br />

Andreas Kaufmann ist der Mann<br />

hinter Leica, der das Unternehmen<br />

wieder nach vorn führte<br />

SEITE 93<br />

Deutschland bewegt sich<br />

In der MAX-Serie präsentieren<br />

wir in dieser Ausgabe einige<br />

der erfolgreichsten Start-ups in<br />

Deutschland plus ein Interview zum<br />

Thema Business Angel<br />

HERAUSFORDERUNG<br />

SEITE 100<br />

Mann für alle Fälle<br />

Für die einen ist er Reiter der<br />

Apokalypse, für andere scharfsinniger<br />

Philosoph. Richard David Precht<br />

wird im MAX-Interview seinem<br />

provokanten Ruf gerecht,<br />

Medien nimmt er<br />

hyperkritisch aufs Korn<br />

SEITE 108<br />

Kapitalismus brutal<br />

Wohin führen uns Unternehmen wie<br />

Gorillas oder Uber? Sie sind einfach nur<br />

Manchesterkapitalismus?<br />

SEITE 112<br />

Fußball verstaatlicht<br />

Staatsfonds kaufen sich für Milliarden<br />

bekannte Fußballvereine oder eine<br />

WM. Kommerz, Kalkül und<br />

Kontostand bestimmen das globale<br />

Ball-Spiel<br />

SEITE 120<br />

Forever young?<br />

In der Medizin tun sich neue,<br />

ungeahnte Möglichkeiten auf, wie<br />

der Mensch hundert Jahre und<br />

älter werden kann<br />

TRIUMPH<br />

SEITE 126<br />

Die perfekte Welle<br />

Der weiße Rapper Eminem<br />

hat es aus prekären Verhältnissen<br />

nach ganz, ganz oben in die<br />

Charts geschafft. Kein Märchen<br />

SEITE 130<br />

Helden, Krisen, Träume<br />

Judith Holfelder-Roy alias<br />

Judith Holofernes hat ein Buch<br />

geschrieben. Ein ziemlich<br />

schonungsloses. MAX sprach mit ihr<br />

SEITE 136<br />

Auf der Flucht?<br />

Sieben Menschen, die obdachlos<br />

waren oder es seit Jahren sind,<br />

sieben harte Schicksale, sieben<br />

Berichte, die uns nachdenklich stimmen<br />

SEITE 5<br />

Editorial<br />

SEITE 10<br />

Contributors<br />

SEITE 144<br />

Impressum<br />

SEITE 146<br />

Axel Martens & Gereon Klug<br />

Das Bild. Die Fragen<br />

SEPTEMBER 2022


09<br />

GRTEA HOFER SEITE 14<br />

IGOR LEVIT SEITE 42<br />

RICHARD DAVID PRECHT SEITE 100<br />

CLAUDIA MICHELSEN SEITE 50<br />

VIOLA DAVIS SEITE 38<br />

EMINEM SEITE 126<br />

EMILIO SAKRAYA SEITE 32<br />

JUDITH HOLOFERNES SEITE 130<br />

SEPTEMBER 2022


Mitwirkende 10<br />

Contributors<br />

Ausgabe 03 | 2022<br />

Claudia Rieß<br />

Wissenschaftsjournalismus<br />

wurde jahrelang unterschätzt,<br />

bekommt aber seit der Pandemie<br />

endlich die verdiente<br />

Aufwertung. Und wir sind<br />

froh, Claudia Rieß an unserer<br />

Seite zu haben. Seit über<br />

20 Jahren beschäftigt sie sich<br />

mit Medizin in allen Facetten.<br />

Antworten auf die Fragen nach<br />

der Zukunft der Medizin und<br />

unseren Lebenserwartungen,<br />

finden Sie auf Seite 120.<br />

Rafaela Pröll<br />

„Thiago oder Nix“. Mit dem Spielerwunsch<br />

wurde Pep Guardiola<br />

zum Kult. Thiago steht für große<br />

Klasse. Deswegen wollten wir<br />

Claudia Michelsen auch nicht<br />

widersprechen bei ihrem Fotografinnen-Wunsch.<br />

Vielen Dank<br />

an die Wienerin Rafaela Pröll. Ihre<br />

Fotos ab Seite 50 sind eine Schau.<br />

Lars Reichow<br />

Mittlerweile gehört er als Kolumnist zum MAX-Inventar, und so<br />

schnell geben wir ihn nicht wieder her. Lars Reichow ist einer der<br />

erfolgreichsten Kabarettisten Deutschlands und ist regelmäßig<br />

im Radio und TV zu hören und zu sehen. Zu lesen ist er bei uns auf<br />

Seite 82. Wer ihn live erleben will: Sein Programm heißt „ICH“. Infos<br />

für DICH unter www.larsreichow.de<br />

Rüdiger Quass von Deyen<br />

Menschen wie er wurden in früheren Zeiten in Magazinredaktionen „Das Auge“<br />

genannt, heute wird lieber der Begriff „Creative Direktor“ verwendet. Klingt irgendwie nach mehr<br />

und hat bei unserem Auge und Creative Direktor auch seine Berechtigung: Rüdiger Quass von Deyen<br />

ist nicht nur für die Gestaltung von MAX zuständig, sondern auch ansonsten ein designgetriebener<br />

Tausendsassa. Als Professor, Agentur-Mitinhaber und als Herausgeber der Magazine<br />

Fure und Fraek, die sich mit der Zukunft des Lesens, der gesellschaftlichen Funktion von<br />

Design beschäftigen. Indiemags oder „Independent Magazines“, nicht unbedingt an jedem<br />

Kiosk zu bekommen. Einfach direkt bei<br />

ihm bestellen, wenn Sie unsere MAX bereits<br />

gekauft haben. www.futureofreading.de<br />

SEPTEMBER 2022


Alma Hasun and Mads Mikkelsen<br />

illuminated by Mito sospeso.<br />

Watch the movie on occhio.com


Mitwirkende 12<br />

Contributors<br />

Ausgabe 03 | 2022<br />

Tim Jürgens<br />

Für Freunde von 11 Freunde,<br />

dem Fußball-Kultmagazin, ist<br />

er ein alter Bekannter, stellvertretender<br />

Chefredakteur und<br />

rasender Reporter – und in<br />

dieser Funktion ist Tim Jürgens<br />

auch für uns am Ball. Sie dürfen<br />

raten, mit welchem Thema.<br />

Auflösung auf Seite 112.<br />

Beate Zwermann<br />

Vor der Pandemie war sie<br />

PR-und Marketingfrau in der<br />

Reisebranche. Dann musste<br />

sie sich neu erfinden, arbeitet<br />

heute für den Deutschen<br />

Fachverlag und begleitet<br />

journalistisch den rasanten<br />

Aufstieg des Onlinehandels<br />

und der Lieferdienste. Wie<br />

auf Seite 108.<br />

Emma Hütt<br />

Als wir sie nach ihrer Biografie fragten, antwortete Emma Hütt<br />

kurz und knapp: Emma, 1998 geboren, 24, Berliner Theater/Filmemacherin<br />

(Studium Gießen & Warschau). So viel zum O-Ton einer<br />

Performancekünstlerin, die die Inszenierung und die körperliche<br />

Darstellung liebt. Mehr Worte fand sie natürlich für ihre Freundin<br />

Lucia Jost und deren Frauenbilder ab Seite 26.<br />

Dimitrij Leltschuk<br />

Fotografie ist für ihn eine Befriedung seiner Neugierde, und am<br />

spannendsten findet Dimitrij Leltschuk, Menschen zu sehen und<br />

zu erkennen. In unzähligen Projekten für Mare, Zeit, Geo, Spiegel<br />

und nun auch für uns. Mit beeindruckenden Porträts von Menschen,<br />

die wissen, wie es ist, auf der Straße zu leben. Seite 136.<br />

Willy Loderhose<br />

Ein Mann und seine Leidenschaft: E-Autos. Auf unserem Foto<br />

sitzt Willy Loderhose vor einem VW ID.7. Nicht das einzige Gefährt,<br />

auf das der Herausgeber des E-Mobil-Magazins arrive abfährt.<br />

Seine Liste der besten e-cars haben wir auf Seite 58 geparkt. Ein<br />

Guide für die Zukunft.<br />

SEPTEMBER 2022


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Aufbruch<br />

14<br />

SEPTEMBER 2022


15<br />

TEXT LENA BENZRATH<br />

Eigentlich müsste<br />

ihr Name unter Senkrechtstarterin<br />

im Duden stehen. Die Tirolerin<br />

Greta Elisa Hofer wurde<br />

raketenartig zum Topmodel.<br />

FOTOS MICHAEL DÜRR


Aufbruch 16<br />

SEPTEMBER 2022


GRETA HOFER 17<br />

Auf knapp 1050 Höhenmetern liegt Steinach<br />

am Brenner, eine ländliche Tiroler<br />

Gemeinde mit rund 3500 Einwohnern.<br />

An Glamour und Fashion denkt man nicht<br />

unbedingt, wenn es um Tirol geht. Vielmehr<br />

ist es das Ländliche, das Urige und<br />

vielleicht ein wenig Langeweile, die einem<br />

in den Sinn kommt. Ein klarer Gegensatz<br />

zum Leben eines Supermodels, das Kampagnen<br />

von Weltmarken ziert und über<br />

die wichtigsten Laufstege in Mailand und<br />

Paris schreitet. So wie Greta Elisa Hofer.<br />

Mit luftigen Höhen kennt sich die 22-Jährige<br />

jedenfalls bestens aus, genau wie mit<br />

dem Aufstieg auf neue Gipfel. Die junge<br />

Österreicherin aus Steinach am Brenner<br />

wurde 2020 quasi über Nacht zum Gesicht<br />

von Prada und zu einem der gefragtesten<br />

Newcomermodels weltweit.<br />

Aber von vorn: Im Frühjahr 2020<br />

zieht es Greta in die Großstadt. In Wien<br />

will sie Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft<br />

studieren, raus aus dem<br />

Dorf und rein ins Leben. Und das kommt<br />

mit voller Wucht auf sie zu: Noch während<br />

des ersten Lockdowns wird sie von<br />

ihrem heutigen Manager und Mutteragenten<br />

Andreas Kranebitter auf Instagram<br />

entdeckt. „Es war sowohl für ihn<br />

Neuland, da es das erste Mal via Instagram<br />

war, als auch für mich spannend,<br />

weil ich in meiner Familie trotz 1,75<br />

Metern die Kleinste bin. Ich habe daher<br />

eigentlich nie mit einer Modelkarriere<br />

gerechnet“, erzählt sie uns. Danach<br />

passiert alles im Schnelldurchlauf. Nur<br />

wenige Monate später reist Greta nach<br />

Italien, um Miuccia Prada und Raf Simons<br />

kennenzulernen. Die beiden Co-<br />

Kreativdirektoren von Prada sind hin und<br />

weg, buchen das Model exklusiv für ein<br />

halbes Jahr als Kampagnengesicht und<br />

Laufstegmodel. Aufträge von Brands<br />

wie Chloé, Hermès, Dior und Jil Sander<br />

folgen. Inzwischen ist Greta bei etwa<br />

50 Schauen mitgelaufen und zierte schon<br />

mehr als 15 Magazincover, unter anderem<br />

das der italienischen „Vogue“. Und das<br />

innerhalb von knapp zweieinhalb Jahren.


Aufbruch<br />

„Die Rolle als Vorbild ist<br />

der positive Nebeneffekt, wenn man so<br />

lebt, wie man leben möchte.“


GRETA HOFER 19<br />

Natürlich, frei und burschikos:<br />

Greta steht für einen modernen Frauentyp,<br />

der sich nicht verbiegen lässt.<br />

„Ich gebe mein Bestes, möchte mich nicht<br />

an anderen orientieren, sondern mir<br />

selbst so treu wie möglich bleiben“, erzählt sie uns.<br />

Nicht für viele geht die Modelkarriere so<br />

schnell von null auf hundert – besonders<br />

in einer so unsicheren Zeit wie der Pandemie.<br />

Ob Greta da überhaupt noch mitkommt?<br />

„Inzwischen wird mir mehr und<br />

mehr bewusst, wo ich gerade stehe und<br />

was ich im Augenblick erleben darf “, sagt<br />

die Tirolerin bescheiden. Ehrgeizig war<br />

die Senkrechtstarterin von Anfang an.<br />

„Ich war einfach gewillt, jede Möglichkeit<br />

zu nutzen, Kontakte zu knüpfen und<br />

in diese Welt hineinzu-schnuppern. Ich<br />

hatte auch keine Angst vor neuen Begegnungen<br />

und wollte einfach alles geben.“<br />

Klar, wer ins kalte Wasser geworfen wird,<br />

muss diszipliniert sein. Das Business ist<br />

nach wie vor ein Haifischbecken.<br />

Eine Rebellion gegen die ländliche Spießigkeit<br />

der Heimat sei ihre Arbeit jedoch<br />

nicht, betont Greta. An ihrem Bekannten-<br />

und Freundeskreis habe sich seit<br />

ihrem Erfolg nichts verändert. „Insgeheim<br />

wäre mir aber oft lieber, es wüsste<br />

im Dorf niemand, was ich mache, wenn<br />

ich zu Hause in Tirol bin. An das Erkanntwerden<br />

muss ich mich erst noch gewöhnen.“<br />

Vom 3500-Seelen-Örtchen in<br />

Millionenmetropolen wie Paris oder New<br />

York, vom Brenner zu Prada: Wie passt<br />

das zusammen? Eigentlich ganz gut, findet<br />

das Model. „Ich bin der Meinung, dass<br />

man in Grenzgegenden recht schnell den<br />

Blick nach außen gewinnt, während die<br />

Berge einen doch erden.“<br />

Auf der Erde ist die Greta aus Tirol tatsächlich<br />

geblieben, trotz aller Höhenflüge<br />

in der Modewelt. In ihrer Freizeit<br />

interessiert sie sich für Kunst, Fotografie,<br />

Literatur. Und verbringt viel Zeit mit<br />

ihrer Freundin Chiara. Die beiden waren<br />

bereits vor Gretas Durchbruch ein Paar<br />

und zeigen ihre Liebe ganz offen auf<br />

Social Media – heute leider immer noch<br />

keine Selbstverständlichkeit. „Die Rolle<br />

als Vorbild ist der positive Nebeneffekt,<br />

wenn man so lebt, wie man leben möchte“,<br />

betont Greta. „Dass ich mit meinem<br />

Leben und dem Umgang damit Leuten<br />

helfen könnte, ihr wahres Ich an den Tag<br />

zu legen und gleichzeitig gesellschaftliche<br />

Stigmata zu hinterfragen, finde ich<br />

natürlich gut.“<br />

Greta zeigt, wie einfach es ist, zu<br />

sich selbst zu stehen. Das tat sie schon<br />

als Teenager, als sie sich mitten in der<br />

Nacht die Haare raspelkurz schnitt. „Ich<br />

wollte einfach was Neues. Was daraus<br />

wurde, ist natürlich super, hatte aber ursprünglich<br />

wenig Symbolik.“ Heute sind<br />

die burschikose Frisur und ihr natürlicher,<br />

androgyner Look Gretas Markenzeichen,<br />

das sie so einzigartig macht.<br />

Und viel Symbolik hat der Look allemal,<br />

wenn man an die gesellschaftlichen<br />

Erwartungen an das weibliche Schönheitsideal<br />

denkt, die es zu überwinden<br />

gilt. Gretas Look steht für eine neue<br />

Weiblichkeit, ist unkonventionell und<br />

hochmodern. Genau das, was die Mode<br />

heute braucht. Vorbilder habe sie keine<br />

in der Modelbranche, so die Österreicherin.<br />

„Ich gebe mein Bestes, möchte mich<br />

nicht an anderen orientieren, sondern<br />

mir selbst so treu wie möglich bleiben.“<br />

Greta bleibt Greta.<br />

Hätte man sie nicht entdeckt, würde<br />

sie wohl weiterhin studieren und nebenher<br />

jobben, erzählt sie. „Und ich würde<br />

irgendwann einen vermeintlich weniger<br />

spannenden Beruf wählen.“ Mehr als<br />

spannend sieht ihre Zukunft als Model<br />

jedenfalls aus. Was für Greta als Nächstes<br />

auf dem Plan steht? „Nach den Shows<br />

im Herbst werde ich wieder einige Zeit in<br />

Paris leben, da der Markt an der Spitze<br />

derzeit zwischen New York und Paris<br />

passiert. Demnächst werden einige tolle<br />

Kampagnen und Magazinstrecken veröffentlicht.<br />

Ein weiteres ‚Vogue‘-Cover<br />

würde mich natürlich auch freuen.“ Ain’t<br />

no Mountain high enough. Erst recht<br />

nicht für ein Mädchen vom Brenner.<br />

SEPTEMBER 2022


Aufbruch 20<br />

EIN MONUMENT<br />

FÜR<br />

DIE<br />

Ewigkeit<br />

TEXT ANDREAS WREDE<br />

„THE LONDON MASTABA“, 2018 IM<br />

SERPENTINE LAKE, HYDE PARK, CHRISTOS LETZTES GROSSES<br />

TEMPORÄRES WERK.<br />

SEPTEMBER 2022


EIN GIGANTISCHES KUNSTWERK AUS 410 000 VERSCHIEDEN LACKIERTEN<br />

ÖLFÄSSERN, HÖHER ALS DIE GRÖSSTE DER GIZEH-PYRAMIDEN, WAR<br />

DER TRAUM VON CHRISTO UND SEINER FRAU JEANNE-CLAUDE. JETZT SOLL DAS<br />

„MASTABA“-PROJEKT DES MITTLERWEILE VERSTORBENEN KÜNSTLERPAARES<br />

IN ABU DHABI UMGESETZT WERDEN. UND WEIL ES DANN EIN<br />

permanentes Kunstwerk wäre,<br />

kann die „Mastaba“<br />

zum Vermächtnis werden.<br />

„THE MASTABA, ABU DHABI“, AUSSCHNITT AUS EINER<br />

ZEICHNUNG VON CHRISTO, DAS KUNSTWERK SOLL 300 METER<br />

BREIT, 225 METER TIEF UND 150 METER HOCH WERDEN.


Aufbruch 22<br />

Im Iran kehrt der Ayatollah Chomeini<br />

aus dem Exil zurück, die Sandinistas<br />

beenden die Somoza-Diktatur in Nicaragua,<br />

Franz Josef Strauß wird Kanzlerkandidat<br />

der Unionsparteien, und im<br />

US-Kernkraftwerk Three Mile Island ereignet<br />

sich ein schwerer nuklearer Unfall.<br />

„In diesem Jahr, 1979, bin ich erstmals<br />

mit Christo und Jeanne-Claude in die<br />

Vereinigten Arabischen Emirate nach<br />

Abu Dhabi geflogen“, erinnert sich Wolfgang<br />

Volz, 74, im Gespräch mit MAX.<br />

Der Fotograf hat seit 1971 alle Projekte<br />

des Künstlerpaares im Bild festgehalten.<br />

Sei es „Valley Curtain“ (Colorado<br />

1972), „Running Fence“ (Kalifornien<br />

1976), die „Umbrellas“ (Japan/USA<br />

1991), „Wrapped Reichstag“ (1995), „The<br />

Gates“ (New York City 2005), „Floating<br />

Piers“ (Lago d’Iseo 2016) oder „L’Arc de<br />

Triomphe, Wrapped“ (Paris 2021). „Und<br />

die ganzen Jahrzehnte waren wir immer<br />

wieder in Abu Dhabi“, sagt Wolfgang<br />

Volz, 1979 mit diplomatischer Hilfe des<br />

damaligen französischen Außenministers<br />

Louis de Guiringaud. „Es war ein<br />

harter Brocken, dort hineinzukommen,<br />

der Botschafter Frankreichs vor Ort trat<br />

als eine Art Bürge für uns auf.“<br />

Sofort war das Trio begeistert von<br />

der Wüste, „alles wird auf Beige, Blau,<br />

Weiß reduziert, am ersten Tag allerdings<br />

war besonders Christo frustriert. Er<br />

schaute morgens aus dem Hotelfenster,<br />

und die Wüste sah komplett diesig aus,<br />

Folge eines Sandsturms. Aber am nächsten<br />

Tag dann diese wunderschöne Dreifaltigkeit.“<br />

Sofort begab man sich auf die<br />

Suche nach einem geeigneten Platz für<br />

das Kunstwerk, das tatsächlich monumentale<br />

Ausmaße haben soll: Die riesige<br />

„Mastaba“-Skulptur, im Alten Ägypten<br />

hießen so bestimmte Grabbauten, wird<br />

300 Meter breit, 225 Meter Tief und 150<br />

Meter hoch sein. Naturgemäß wäre die<br />

„Mastaba“ kein temporäres Kunstwerk,<br />

sondern ein permanentes.<br />

Christo und Jeanne-Claude hielten<br />

im Laufe der Jahrzehnte viele Vorlesungen<br />

in Abu Dhabi, um die Menschen vor<br />

Ort von dem Projekt zu überzeugen. So<br />

wie sie es immer gehalten haben, nicht<br />

nur verantwortliche Politiker umfassend<br />

zu informieren, sondern desgleichen die<br />

Bevölkerung, die von den temporären<br />

Kunstwerken direkt betroffen war, wie<br />

etwa Hunderte Rancher in den USA und<br />

Teebauern in Japan bei den „Umbrellas“.<br />

Um der Weltöffentlichkeit einen plastischen<br />

Eindruck zu vermitteln, gab es 2018<br />

im Hyde Park „The London Mastaba“ zu<br />

sehen: 7506 horizontal gestapelte Fässer<br />

auf dem Serpentine Lake, 20 Meter<br />

hoch, 30 Meter breit, 40 Meter lang – das<br />

Gesamtgewicht dieser Skulptur, 600 Tonnen,<br />

lässt erahnen, wie gewagt die „Mastaba“<br />

in Abu Dhabi ist.<br />

Als Standort prüfen Wolfgang Volz,<br />

Vladimir Yavachev und Lorenza Giovanelli<br />

noch mehrere Möglichkeiten. Christo<br />

und Jeanne-Claude haben sich schon<br />

DER JUNGE CHRISTO VOR EINEM FRÜHEN „MASTABA“-WERK ENDE DER SIEBZIGERJAHRE. (O.)<br />

CHRISTO IN SEINEM NEW YORKER STUDIO IN SOHO BEI DER AKRIBISCHEN ARBEIT<br />

AN EINEM WEITEREN GROSSEN „MASTABA“-BILD. FRÜHERE PROJEKTE VON CHRISTO UND<br />

JEANNE-CLAUDE WURDEN STETS AUS DEM VERKAUF DIESER COLLAGENARTIGEN<br />

ZEICHNUNGEN FINANZIERT. (U.)<br />

in ihren frühen Pariser Sechzigerjahren –<br />

später zogen sie nach New York – mit Ölfässern<br />

befasst, wie bei der Installation<br />

„Wall of Oil Barrels – The Iron Curtain“<br />

(Paris 1961/62) oder später bei „The Wall –<br />

13 000 Oil Barrels“ (Oberhausen 1998/99).<br />

Bereits 1979 hatten beide die Farben ausgewählt,<br />

die auf der Oberseite der Ölfässer<br />

zu sehen sein werden: helles Gelb, luftiges<br />

Elfenbein, tiefes Orange, Rubinrot, leichtes<br />

Pink, rötliches Lila, Kobaltblau, Grasgrün,<br />

Pastellgrün und ein blasses Braun.<br />

Christo sagte dazu: „Der visuelle Effekt,<br />

SEPTEMBER 2022


MASTABA 23<br />

„THE WALL – 13 000 OIL BARRELS“, OBERHAUSEN 1998/99,<br />

EINE DER INSTALLATIONEN MIT ÖLFÄSSERN VON CHRISTO UND<br />

JEANNE-CLAUDE. (O.)<br />

ZWEITEILIGES „MASTABA“-WERK VON CHRISTO, DESSEN<br />

KLEINERER, OBERER TEIL ERINNERT AN EINE LANDKARTE MIT EINER<br />

EVENTUELLEN POSITION DES MONUMENTES. (U.)<br />

wenn man all diese Farben in Abertausenden<br />

kleinen Punkten erblickt, wird<br />

wie ein pointillistisches Gemälde wirken<br />

oder wie ein islamisches Mosaik.<br />

Und wir haben die exakte Platzierung<br />

eines jeden Ölfasses in dem maßstabgetreuen<br />

Model in unserem Computer<br />

gespeichert“. Christo und Jeanne-Claude<br />

überließen nichts dem Zufall – so beauftragten<br />

die beiden 2007 und 2008 Professoren<br />

der Ingenieurwissenschaften<br />

von Universitäten im US-Staat Illinois,<br />

in Zürich, im britischen Cambridge und<br />

in Tokio, um strukturelle Machbarkeitsstudien<br />

durchzuführen. Die vier Beauftragten<br />

wussten nichts voneinander, sie<br />

sollten komplett unabhängig begutachten,<br />

und wie gewohnt bezahlten Christo<br />

und Jeanne-Claude alles selbst, künstlerische<br />

Unab hängigkeit war ihr höchstes<br />

Gut. Das deutsche Ingenieurbüro<br />

Schlaich, Bergermann und Partner prüfte<br />

SEPTEMBER 2022


Aufbruch 24<br />

SO KÖNNTE DIE MASTABA SICH IN DER WÜSTENLANDSCHAFT<br />

VON ABU DHABI DARSTELLEN. CHRISTO HAT MIT SEINER<br />

FRAU JEANNE-CLAUDE SEIT 1979 DIVERSE REISEN NACH ABU DHABI<br />

UNTERNOMMEN. DER FOTOGRAF WOLFGANG VOLZ BEGLEITETE<br />

ALLE KUNSTPROJEKTE DES PAARES SEIT 1971 EXKLUSIV.<br />

die wissenschaftlichen Einschätzungen<br />

und befand, jene von der Hosei Univer sity<br />

in Tokio sei die innovativste, technisch<br />

überzeugendste. Die radikal-geniale<br />

Grundidee zur Aufrichtung der Mastaba:<br />

Der gesamte Unterbau ebenso wie die<br />

diversen Schichten der Ölfässer werden<br />

auf dem Boden flach zusammenmontiert,<br />

sodann ermöglichen es zehn Türme<br />

zur Anhebung, das gesamte Gefüge auf<br />

Schienen innerhalb einiger Tage in seine<br />

<strong>final</strong>e Position hochzuziehen. Diesen<br />

frappierenden Arbeitsprozess vor Ort zu<br />

sehen, muss wie pure Magie anmuten, ein<br />

technisches Wunderwerk.<br />

Wenn nach drei Jahren projektierter<br />

Bauzeit die von innen begehbare<br />

Mastaba stehen sollte, daneben eine moderne<br />

Kunstuniversität und ein schickes<br />

Wüstenhotel, wie werden vom Sande<br />

verwehte Ölfässer ausgetauscht, Herr<br />

Volz? „Die Fässer sind mit einem Wendemechanismus<br />

versehen, damit kann man<br />

sie von innen austauschen.“<br />

Die Finanzierung der anvisierten<br />

500 Millionen Dollar wird „eine Mischung<br />

sein aus Crowdfunding, Krediten, Geldern<br />

aus der Stiftung inklusive – ausnahmsweise<br />

– Fremdmitteln.“ Und es<br />

geht voran, wie bereits beim Arc de<br />

Triomphe hat Emmanuel Macron, französischer<br />

Staatspräsident, nachdrücklich<br />

vermittelnd geholfen. Vladimir Yavachev<br />

hat kürzlich in Paris den neuen Präsiden-<br />

ten der Vereinigten Arabischen Emirate<br />

(UAE), Muhammad bin Zayid Al Nahyan,<br />

persönlich kennengelernt. Jahrelang<br />

lag die Machtkonstellation dort nur im<br />

Ungefähren. Nun geht es wieder weiter,<br />

die „Mastaba“ ist mitnichten eine Fata<br />

Morgana.<br />

SEPTEMBER 2022


MASTABA 25<br />

CHRISTO & JEANNE-CLAUDE IM KUNSTPALAST<br />

So schließt sich ein Kreis: 1994, als ich zum ersten Mal Chefredakteur<br />

von MAX war, hatte ich das große Glück, Christo und<br />

Jeanne-Claude in New York City kennenzulernen. Daraus entwickelte<br />

sich eine große Freundschaft mit dem Künstlerpaar bis<br />

zu deren Tod. Einmal haben sie mir ihre sehr bescheidene<br />

Wohnung in der Howard Street in SoHo gezeigt. Und da stand,<br />

fast unscheinbar, auf dem Boden ein Werk von Yves Klein.<br />

Nun findet vom 7. September bis zum 22. Januar 2023<br />

eine Ausstellung in Düsseldorf im Kunstpalast statt, die – so heißt<br />

es – „die kunsthistorische Entwicklung von Christo und Jeanne-<br />

Claude seit Mitte der 1950er-Jahre bis heute“ nachzeichnet.<br />

Dazu werden ebenfalls Werke etwa von Niki de Saint Phalle,<br />

Jean Dubuffet… und Yves Klein gezeigt. Voilà. Die bedeutende<br />

Sammlung von Ingrid und Thomas Jochheim bildet dabei den<br />

zentralen Ausgangspunkt. Neben anderen Werken werden Studien<br />

und Entwürfe des noch nicht realisierten „Mastaba“-Projekts in<br />

Abu Dhabi gezeigt. Langjährige Mitarbeiter und Weggefährten<br />

von Christo und Jeanne-Claude arbeiten weiter an der „Mastaba“ –<br />

es wäre ein permanentes Kunstwerk aus über 400 000 verschiedenfarbigen<br />

Ölfässern, damit größer als die Pyramide von Gizeh.<br />

Wie schön wäre es, wenn wir eines Tages in die Wüste nach Abu<br />

Dhabi aufbrechen, um die „Mastaba“ zu sehen. Andreas Wrede<br />

FRÜHES WERK VON CHRISTO<br />

AUS DEN SECHZIGERJAHREN – EIN<br />

VERHÜLLTER VW KÄFER.<br />

DER VERHÜLLTE ARC DE TRIOMPHE IN PARIS 2021 (O.)<br />

UND CHRISTO UND JEANNE-CLAUDE AUF EINEM DACH GEGENÜBER<br />

DEM „WRAPPED REICHSTAG“, BERLIN 1995.<br />

EBENFALLS AUS DEN<br />

SECHZIGERN IST<br />

DIESES GEMÄLDE EINER<br />

LADENFRONT, ES<br />

ERINNERT AN DETAILS<br />

AUS BILDERN VON<br />

EDWARD HOPPER.<br />

SEPTEMBER 2022


Aufbruch 26<br />

„Mutterti e r“<br />

Lucia Jost ist eine in Berlin lebende und<br />

arbeitende Fotografin, die sich in ihren Porträts<br />

den Alltagsheld:innen ihrer Stadt verschrieben<br />

hat. Ich schreibe über sie als meine<br />

Freundin, meine Sister in Crime und über<br />

die Fotografin, die sie heute ist.<br />

TEXT EMMA HUETT<br />

CELINE UND LAURA AM WANNSEE.<br />

SEPTEMBER 2022


27<br />

CELESTE UND IHRE TOCHTER.<br />

SEPTEMBER 2022


Aufbruch 28<br />

LILJA UNTER DER S-BAHN.<br />

PAULINA IN CHARLOTTENBURG.


LUCIA JOST 29<br />

YAHEL UND IHR SOHN IN MITTE.<br />

JULI UND DORA IN FRIEDRICHSHAIN.<br />

Mit 14 hattest du schon keine Angst, aus<br />

deiner Perspektive heraus zu argumentieren,<br />

den „Male gaze“ abzuschütteln und<br />

Klischees umzudeuten. Wie mit der Figur<br />

Regina George aus „Mean Girls“, in der<br />

du nicht die zickige Tyrannin, sondern<br />

die geniale Strategin erkannt hast. Du<br />

konntest dem Girlie-Charakter aus dem<br />

Highschool-Film der Nullerjahre etwas<br />

anderes abgewinnen; die emanzipierte<br />

Frau anstatt der Schulschlampe. Lange<br />

bevor ich gecheckt habe, wie verdreht<br />

die Dynamik zwischen jungen Frauen da<br />

dargestellt wurde. Es fiel dir leicht, das<br />

überhaupt nicht für voll zu nehmen und<br />

lieber etwas in Regina George zu suchen,<br />

das wir geil finden konnten – und das<br />

machst du immer noch, du destillierst,<br />

was man feiern kann und sollte. Mit deinen<br />

nostalgischen Momentaufnahmen<br />

aus dem Kiez, mit deiner Frechheit, alte<br />

Herren im Prinzenbad anzusprechen und<br />

sie in Badehose in Szene zu setzen. Du<br />

findest Sujets in den Subjekten, die dir<br />

begegnen, die dich ehrlich begeistern.<br />

Wie du deinen Blick gefunden hast,<br />

ergibt sich vielleicht daraus, dass wir<br />

unsere Jugend in einem Raum verbracht<br />

haben, der uns als Clique von elf Gören<br />

gehörte. In einem Hof am Kotti, in dem<br />

wir so laut und schrill sein konnten, wie<br />

wir wollten. In dieser Schwesternschaft,<br />

es gab eigentlich kaum Typen, mit denen<br />

wir abhingen, abgesehen davon, dass<br />

wir keine Lust drauf hatten, hätten die<br />

das wahrscheinlich gar nicht ausgehalten.<br />

Um uns herum unser geliebtes Berlin-Kreuzberg,<br />

das so überfordernd sein<br />

kann, dass einem nichts anderes übrig<br />

bleibt, als dagegen anzubrüllen oder mitzumachen.<br />

Das hat dich, uns, nachhaltig<br />

geprägt. Als deine ersten Analogkameras<br />

kamen, wurden wir zu deinen Musen,<br />

und du hast angefangen die Stadt nicht<br />

nur auf Achse zu erobern.<br />

Ich schreibe vor allem über die Fotografien,<br />

die für mich ein Resultat aus<br />

dem sind, was ich so nah mitbekommen<br />

habe. Was aus deiner Jugend hervorging<br />

und der Art und Weise, wie wir uns als<br />

Rudel bewegt haben.<br />

Wenn ich deine Bilder heute betrachte,<br />

dann geht es um Verbundensein,<br />

es geht um weibliche Fürsorge, um<br />

weibliche Liebe, um Beziehungen, die<br />

sich nicht in romantisch oder freundschaftlich<br />

spalten lassen oder müssen.<br />

Du schaffst Räume, in denen Frauen mit<br />

Frauen sind und klammerst den Mann<br />

als Faktor im Leben dieser Töchter und<br />

Mütter, der Liebhaberinnen und Freundinnen<br />

einfach aus. Ob man in Popkultur,<br />

Film oder Literatur sucht – Werke, die<br />

völlig allein die Beziehungen zwischen<br />

Frauen behandeln, sind immer noch selten.<br />

Die Räume die du in deinen Fotografien<br />

einfängst, lassen deine Bilder<br />

auf eine Art utopisch wirken. Das was<br />

du um dich herum vorfindest und was du<br />

bestärken möchtest, greifst du heraus,<br />

spitzt es zu. In deiner Praxis bewegst<br />

du dich dabei irgendwo zwischen Dokumentation<br />

und Inszenierung.<br />

Vielleicht kannst du diesen utopischen<br />

Raum öffnen, weil für dich eine<br />

Welt, die nicht vom Patriarchat bestimmt<br />

ist, nie unerreichbar schien – weil wir unsere<br />

Teenagerjahre in diesem Rudel verbracht<br />

haben und weil wir alle so starke<br />

Mütter haben; unser kleines Matriarchat.<br />

Es hat ein Generationswechsel<br />

stattgefunden, den du festhältst. Deine<br />

Bilder beschreiben einen Ist/Sein/Jetzt-<br />

Zustand, der für unsere Mütter noch<br />

ferner schien, als es für uns gerade der<br />

Fall ist. Du klammerst die Kämpfe, die<br />

gefochten wurden und die immer noch<br />

laufen, nicht aus, verschreibst dich aber


Aufbruch 30<br />

SABA IN KREUZBERG.<br />

BILLIE UND LEAH ZU HAUSE.<br />

SEPTEMBER 2022


LUCIA JOST 31<br />

PAULA UND IHR SOHN<br />

IN SCHÖNEBERG.<br />

Mütter und ihre Töchter sind das große<br />

Thema der Fotografin Lucia Jost. Sie ist freie<br />

Fotografin und lebt in Berlin, wo sie die Fotoschule<br />

des Lette-Vereins besucht. Bekannt<br />

wurde sie durch ihre Fotoreihe „Das Muttertier“,<br />

wobei es nicht allein die Mütter sind,<br />

die auch mal Töchter waren: „Frauen in all<br />

ihren Facetten faszinieren mich extrem.“<br />

EMMA AM ALEXANDERPLATZ.<br />

keinem feministischen Dogma, sondern<br />

bleibst bei den unterschiedlichen Frauen,<br />

die dich begeistern. Es sind reelle Personen,<br />

keine Metadiskussion, es ist direkt<br />

und laut und zeigt, wie du sagst: frau<br />

geht ihren Weg.<br />

In deiner Reihe „Motherhood – A<br />

Mother’s Hood“ zeigt sich das. Die Porträts<br />

sind weder geschönt, noch zeigen sie<br />

Motive prekärer Teeniemütter Schicksale,<br />

die uns von außen gepredigt wurden.<br />

Diese Generation junger Frauen hat sich<br />

nicht verunsichern lassen. Die Reihe ist<br />

ein Zeichen für Selbstbestimmtheit. Die<br />

Bilder erzählen von Aufbruch, nicht von<br />

Rückschritt. Und dieser Aufbruch ist<br />

eben auch der Generationswechsel, in<br />

dem du dich bewegst. Aufgezogen und<br />

umgeben von Frauen, die anders gekämpft<br />

haben. Die Punks und Feministinnen<br />

der ersten Welle waren und die<br />

keinen Bock hatten, den Weg ihrer Mütter,<br />

unserer Großmütter, fortzuführen.<br />

Sie haben Töchter in die Welt gesetzt,<br />

die fremde Zuschreibungen nicht gelten<br />

lassen. Töchter, die keine Angst vor hyperfemininem,<br />

girly oder queerem Auftreten<br />

haben, nicht weil ihnen noch nie<br />

jemand ungefragt an den Arsch gefasst<br />

hat, sondern weil sie sich davon nicht<br />

abhalten lassen, weiterhin das zu tragen<br />

und das zu machen, was sie wollen. Von<br />

diesen Frauen erzählst du für mich und<br />

dabei vor allem von den Berlinerinnen.<br />

Wer sie sind und was sie ausmacht, findet<br />

sich in „Töchter der Haupstadt“ wieder.<br />

Ich glaube, dass deine Fotos für jede<br />

junge Frau, jede junge Queere, egal, wo<br />

sie groß wird, das sein können, was wir<br />

glücklicherweise um uns herum hatten:<br />

Eindrücke weiblicher Gemeinschaft und<br />

Zusammenhalt.<br />

Das Mutterschiff, das Muttertier,<br />

Kiez Nostalgie; in deinen Reihen steckt<br />

immer beides drin, die Wurzeln und der<br />

Transformationsprozess, in dem wir uns<br />

befinden. Ohne die Notwendigkeit zu sagen,<br />

wo er hingeht. Es ist deine Liebeshymne<br />

an Weiber, an deine Heimatstadt<br />

und die Leute in ihr.<br />

Du bist Berlinerin, und die sind nostalgisch,<br />

genau wie deine Bildsprache.<br />

Die Nostalgie entsteht dabei nicht durch<br />

einen Blick nach hinten, sondern du<br />

suchst immer nach dem, was gerade da<br />

ist. Es ist eher ein Gefühl, weil wir Nostalgie<br />

immer dann empfinden, wenn wir<br />

an diesen Ort, in diese Zeit wollen. Wenn<br />

man deine Bilder betrachtet, will man<br />

dabei sein; und diese Motive braucht es<br />

grade, Bilder, von denen wir nicht weg,<br />

sondern zu denen wir hin wollen.<br />

ANAIS AUF DER VOLKSBÜHNE


Vorbild<br />

32<br />

TEXT ALEX SIEMEN<br />

ERwachsen


„Das Über-mich-<br />

Hinauswachsen ist im Grunde<br />

ein Dauerprozess. Künstler<br />

schöpfen aus dem Leben –<br />

und das ist es auch, was mich reizt!“<br />

33<br />

SEPTEMBER 2022


Vorbild 34<br />

Wahrscheinlich hätte ich mich selbst als<br />

Jugendliche oder auch mit Anfang 20 nicht<br />

als mutig bezeichnet. Dabei war ich es,<br />

wie ich heute im Rückblick sagen würde.“


EMILIO SAKRAYA 35<br />

Für die Rolle des Rappers Xatar (unten) nahm Emilio 18 Kilo an<br />

Muskelmasse zu! Ein halbes Jahr wich er Giware Hajabi – so der bürgerliche<br />

Name des Musikers – nicht von der Seite, und studierte ihn genau.<br />

Sich visuell komplett zu verändern und sich auf ein unbekanntes Terrain zu wagen,<br />

war für den Schauspieler Herausforderung und Erfüllung zugleich.<br />

Der Anruf kam, als Emilio Sakraya im Urlaub<br />

war. In Südafrika. Sein Management<br />

sagte, dass Fatih Akin ihn gern mal sprechen<br />

würde. Der Regisseur von „Gegen<br />

die Wand“ und „Aus dem Nichts“ … Man<br />

telefonierte also, sprach über „Rheingold“,<br />

den neuen Film über den Rapper<br />

Xatar, den Akin realisieren wollte. Emilio,<br />

26 Jahre jung, bekannt als gut aussehender<br />

Boyfriend der Hexe Bibi aus den „Bibi<br />

& Tina“-Verfilmungen, käme als Hauptdarsteller<br />

des wuchtigen Hip-Hoppers mit<br />

krimineller Vergangenheit infrage. Da zögert<br />

man nicht…<br />

MAX: Reden wir über „Rheingold“.<br />

War es so leicht, die Rolle des Rappers<br />

Xatar zu bekommen?<br />

Emilio: Fatih erzählte mir, dass<br />

er in der Corona-Zeit zu Hause rumgesessen<br />

und ein Drehbuch geschrieben<br />

hatte. Das Buch wollte er mir wahnsinnig<br />

gerne schicken, weil er beim<br />

Schreiben schon die ganze Zeit an mich<br />

gedacht hatte! Seine Frau hatte mich<br />

wohl unabhängig davon auch auf der<br />

Casting-Liste, und der Filmverleih<br />

Warner Brothers war auch Feuer und<br />

Flamme. Allerdings hatte man schon<br />

kleine Bedenken. Aber Fatih hat mir<br />

das Buch geschickt, ich habe es gelesen<br />

und gedacht: Geil, das ist einfach meine<br />

Traumrolle. Ich kann endlich mal<br />

zunehmen, kann mich visuell komplett<br />

verändern und kann mich mal in ein<br />

Gebiet wagen, in dem ich vorher noch<br />

nie war.<br />

MAX: Wie waren die Vorbereitungen?<br />

Xatar ist ja ein ziemlich wuchtiger<br />

Charakter…<br />

Emilio: Ich habe erst mal 17, 18 Kilo<br />

zugenommen und ein halbes Jahr mit<br />

Xatar verbracht. Ich habe im Prinzip<br />

diesen Menschen studiert. Geschaut,<br />

wie er sich bewegt, wie er redet, wie er<br />

lacht, was er für Ticks hat. Er hat mich<br />

total reingelassen. Er ist selber ein<br />

riesiger Filmliebhaber, ihm war schon<br />

sehr bewusst, worauf er sich da einlässt,<br />

und deshalb war er sehr offen mir<br />

gegenüber. Er hat mir viel erzählt und<br />

war bereit, auch unbequeme Fragen zu<br />

beantworten.<br />

MAX: Was nimmt man mit aus so einer<br />

komplexen Rolle? Ein krimineller Goldräuber,<br />

der im Knast Musik machte,<br />

geläutert wurde und nun zu den Königen<br />

des deutschen Hip-Hops gehört. Gibt es<br />

da überhaupt einen Identifikationspunkt?<br />

Emilio: Man taucht halt immer<br />

mehr in jemand anderen rein. Wird<br />

immer mehr jemand anders. Das ist<br />

ein Prozess, den man schwer wieder<br />

ausschalten kann. Xatar ist im Rheinland<br />

aufgewachsen, und diese Sprachmelodie<br />

floss zum Beispiel auch eine<br />

Zeit lang in mein Privatleben ein. Man<br />

morpht halt immer mehr mit der Figur<br />

zusammen. Aber es war ein super spannender<br />

und ganz besonderer Prozess.<br />

MAX: Glaubst du, dass „Rheingold“ dir<br />

neue Türen aufstoßen wird?<br />

Emilio: Ja, hundertprozentig. Schon<br />

allein, dass man sich optisch so verändern<br />

darf und die Abgründe der Figur<br />

ausloten kann, das alles zeigt noch<br />

mal eine neue Bandbreite in meinem<br />

Lebenslauf. Es gab nie einen Moment,<br />

an dem ich gezögert oder gezweifelt<br />

habe, diese Rolle zu spielen.<br />

MAX: Warst du dir bei deinen Entscheidungen<br />

immer so sicher?<br />

Emilio: Ich bin mir, was meinen<br />

Beruf angeht, noch nie einer Sache so<br />

sicher gewesen. Ich glaube, das ist mit<br />

der ausschlaggebende Punkt, warum<br />

ich bin, wo ich bin. Man hat am Anfang<br />

nichts, außer seine eigene Fantasie,<br />

seine Vorstellungskraft, und die darf<br />

man halt nicht verlieren, damit man sie<br />

real machen kann!<br />

MAX: Gab es eine Initialzündung –<br />

also hast du James Bond gesehen und<br />

gedacht, das will ich auch machen?<br />

Emilio: So direkt nicht, ich habe<br />

einfach immer gerne Filme geguckt,<br />

mich in diese andere Welt katapultiert.<br />

Mir war eben klar: Irgendwann werde ich<br />

mal ein Superstar (lacht), ich werde irgendwann<br />

Filme drehen, Musik machen.<br />

Ich wollte schon immer Teil davon sein,<br />

von der Industrie, die es schafft, andere<br />

Menschen so zu beeindrucken. Ich wollte<br />

Teil der Welt sein, in die ich mich so gerne<br />

reinversetzt habe, in die ich flüchten<br />

konnte. Es war immer der Beruf und alles<br />

was dazugehört, was mich fasziniert<br />

hat. Teil dieser Branche zu sein – nicht<br />

„oh, ich will berühmt und reich werden“.<br />

MAX: Du bist erst 26, aber wie würdest<br />

du deine Entwicklung als Schauspieler bis<br />

dato sehen?<br />

Emilio: Für mich ist es gerade erst<br />

der Anfang. Seit knapp zwei Jahren<br />

fühle ich mich – ich nenne es mal frei<br />

und sicher. Jetzt muss ich sehen – was<br />

will ich als nächstes machen? Ich bin<br />

einerseits da angekommen, wo ich<br />

hinwollte. Andererseits fange ich aber<br />

erst richtig an.<br />

MAX: Die Bandbreite deiner Rollen reichen<br />

von Teeniefilmen wie „Bibi & Tina“ über<br />

historische Actionserien wie „Tribes<br />

of Europe“ oder preisgekrönte Dramen wie<br />

„4 Blocks“. Du scheinst nicht im Typecasting<br />

festzuhängen, oder?<br />

Emilio: Es liest sich zwar anders –<br />

aber... ich stecke voll im Klischee-<br />

Casting! Es ist aber eine bewusste Entscheidung<br />

von mir, dieses Klischee<br />

nicht zu bedienen! Ich hätte auch einen<br />

anderen Weg gehen können. Doch das<br />

hätte mich auf Dauer sehr gelangweilt.<br />

Ich bin ein Mensch, der schnell von<br />

Sachen gelangweilt ist, besonders wenn<br />

sie immer das gleiche Klischee bedienen.<br />

SEPTEMBER 2022


Vorbild EMILIO SAKRAYA 36<br />

Corona kam und Regisseur Fatih Akin (unteres Foto, r.) schrieb das Drehbuch<br />

zu „Rheingold“. Sein Film über das kriminelle, krasse und verrückte Leben<br />

des Rappers Xatar, der im Dezember 2009 einen Goldtransport im Wert von<br />

1,7 Millionen Euro überfiel (das Gold ist übrigens bis heute verschwunden)<br />

startet am 27. Oktober 2022 in den Kinos. Für Xatar-Darsteller Emilio die Rolle<br />

seines Lebens.<br />

Während Corona war es zum Beispiel<br />

so, dass ich bemerkt habe, dass in<br />

meinem privaten Umfeld nur Schauspieler<br />

waren. Krass, wir machen alle das<br />

Gleiche. Wir drehen, und dann sitzen<br />

wir zu Hause auf der Couch und warten<br />

brav, bis das Nächste kommt. Und das<br />

hat mich einfach nicht zufriedengestellt.<br />

Das ist mir zu passiv, ich muss selbst<br />

aktiver dafür sorgen, dass was passiert.<br />

Die Sachen kommen einem im Leben ja<br />

nicht immer zugeflogen. Will Smith hat<br />

mal gesagt: „There’s no luck. Only opportunity<br />

meets preparation!“ Glück ist<br />

relativ, es ist einfach der Moment, wenn<br />

die Vorbereitung zum richtigen Zeitpunkt<br />

auf die richtige Gelegenheit trifft.<br />

Deshalb schaue ich einfach, dass ich zu<br />

jeder Sekunde vorbereitet bin auf das,<br />

was da kommen könnte. Und versuche,<br />

mich auch gleichzeitig auf die Sachen,<br />

die da kommen könnten, zuzubewegen.<br />

MAX: Hast du beruflich ein bestimmtes<br />

Ziel im Sinn?<br />

Emilio: Früher wurde ich oft gefragt,<br />

was ist deine Lieblingsrolle? Wen<br />

möchtest du gerne mal spielen? Mittlerweile<br />

denke ich, es geht gar nicht mehr<br />

darum, was ich mir wünsche zu spielen.<br />

Zum einen muss die nächste Rolle, die<br />

ich annehme, weit weg davon sein, was<br />

ich gerade gemacht habe. Zum anderen<br />

ist mir jetzt das Konstrukt, sprich<br />

das Gesamtkonzept, wichtiger. Das<br />

Drehbuch, der Regisseur, der es umsetzen<br />

soll – das sind Sachen, die mich<br />

berühren müssen. Also mich einfach<br />

hinstellen und sagen, ich will einen<br />

Superhelden spielen, reicht nicht. Das<br />

Gesamtpaket muss stimmen!<br />

MAX: Du willst also an deinen Rollen<br />

wachsen?<br />

Emilio: Das Über-mich-Hinauswachsen<br />

ist im Grunde ein Dauerprozess.<br />

Künstler schöpfen aus dem Leben –<br />

und das ist es auch, was mich reizt. Für<br />

mich würde kein Prozess mehr stattfinden,<br />

wenn ich immer die gleiche Rolle<br />

spielen würde. Und bei jedem Film ist<br />

es was anderes, was ich lerne, an dem<br />

ich wachse. Bei dem einen ist es, dass<br />

ich mit Pfeil und Bogen umgehen muss,<br />

beim nächsten Projekt Tennisspielen<br />

und so weiter. Es ist einfach immer<br />

wieder spannend, sich in neue Dinge<br />

hineinzuversetzen, eine neue Materie<br />

zu erforschen. Nach jedem Film hat<br />

man etwas Neues gelernt, und dann<br />

sucht man sich die nächste Challenge.<br />

MAX: Das du Rollen so klar aussuchst<br />

und auch ablehnst, ist das ein Privileg<br />

oder einfach selbstbewusst von dir?<br />

Emilio: Ich glaube, wenn man im<br />

Leben weiß, was man will, ist vieles<br />

relativ klar und einfach. Für mich gibt<br />

es kein höheres Gut im Leben als Zeit!<br />

Kein Geld auf der Welt kann mir Zeit<br />

kaufen, keine sportliche Übung gibt mir<br />

Zeit … Das Einzige, worüber ich Macht<br />

habe, ist zu entscheiden, womit ich meine<br />

Zeit verbringen will. Und die möchte<br />

ich immer damit verbringen, dass das,<br />

was ich mache, das ist, was ich liebe.<br />

Auch, dass ich mich dabei weiterentwickeln<br />

kann! Sonst klimpert das Leben so<br />

vor sich hin, und dann ist man irgendwie<br />

32, lebt in Berlin und weiß immer<br />

noch nicht, was man eigentlich will.<br />

MAX: Du scheinst die Kontrolle zu haben …<br />

Emilio: Na ja, das ist relativ. Aber<br />

ich gucke hin, verändere, wenn möglich.<br />

MAX: Warum bist du von Berlin nach<br />

München gezogen?<br />

Emilio: Weil mir Berlin einfach zu<br />

viel ist. Ich bin von morgens bis abends<br />

unterwegs, ich drehe, und wenn ich<br />

nach Hause komme, möchte ich meine<br />

Ruhe haben. Und das ist in Berlin<br />

einfach ein bisschen schwierig. Viele<br />

Leute kommen nach Berlin, weil sie<br />

studieren, ein Praktikum machen und<br />

wissen noch nicht so richtig, was sie<br />

wollen. Da hängt man dann in so einem<br />

Pool von – ich übertreib mal – ziellosen<br />

Seelen herum. Damit kann ich nicht so<br />

viel anfangen. Ich möchte mein Leben<br />

halt gehaltvoll gestalten. München ist<br />

schöner, es ist sauberer und ruhiger.<br />

Momentan ist es für mich einfach die<br />

bessere Stadt.<br />

MAX: Hast du eigentlich vor irgendetwas<br />

Angst?<br />

Emilio: Ich habe so ein bisschen<br />

Angst, den Boden zu verlieren und abzuheben.<br />

Ein Mensch zu werden, der<br />

nicht mehr beziehungsfähig ist, weil<br />

er meint, alles besser zu wissen. Solche<br />

Menschen habe ich leider in meiner<br />

Branche kennengelernt, und das finde<br />

ich gruselig. Angst ist vielleicht ein<br />

etwas zu starkes Wort – aber, wenn es<br />

etwas gibt, vor dem ich mich fürchte,<br />

dann ist es tatsächlich, dass ich irgendwann<br />

überheblich werde. Aber ich habe<br />

ein tolles Umfeld, die werden auch dafür<br />

sorgen, dass ich bei mir bleibe.<br />

SEPTEMBER 2022


thinking tools<br />

nye_boy


Vorbild<br />

38<br />

Woman<br />

The<br />

King<br />

Sie weiß, wo sie herkommt,<br />

wer sie ist – und was das in einer Welt voller<br />

Eitelkeiten und Ressentiments bedeutet.<br />

Aber Viola Davis hat gelernt,<br />

von klein auf zu kämpfen und sich durchzusetzen.<br />

Immer wieder, über Jahrzehnte<br />

hinweg – bis sie ganz oben war. Heute verneigt<br />

sich Hollywood vor<br />

einer ungewöhnlichen Frau.<br />

TEXT PATRICK HEIDMAN<br />

Am Ende ihres neuen Films „The Woman<br />

King“ darf Viola Davis auf dem Thron des<br />

Königreichs Dahomey Platz nehmen. Nach<br />

jeder Menge emotionaler, vor allem auch sehr<br />

körperlicher Kämpfe. Wohlgemerkt – der Titel<br />

deutet es an – nicht als Ehefrau eines Königs,<br />

sondern als gleichberechtigte politische Partnerin<br />

in einem auf Dualität setzenden Staat.<br />

Ein ebenso eindrucksvolles wie sprechendes<br />

Bild. Und zwar nicht nur in Anbetracht der<br />

Handlung des Films, der ab dem 13. Oktober<br />

in den deutschen Kinos zu sehen ist. Sondern<br />

auch hinsichtlich der gesamten Karriere dieser<br />

Ausnahmeschauspielerin.<br />

Sechs Jahre lang hat Davis dafür gekämpft,<br />

dass „The Woman King“ Wirklichkeit<br />

wird, die auf wahren Fakten basierende<br />

Geschichte der Agojie genannten weiblichen<br />

Kriegerinnen, die im 19. Jahrhundert in Dahomey<br />

(dem heutigen Benin) den König nicht<br />

nur beschützten, sondern ihm auch die<br />

Macht sicherten. Ihre befreundete Kollegin<br />

Maria Bello (die beiden standen gemeinsam<br />

für „World Trade Center“ und „Prisoners“ vor<br />

der Kamera) brachte die Idee für den Film von<br />

einer Reise nach Westafrika mit. Davis wollte<br />

sie zusammen mit ihrem Ehemann Julius Tennon<br />

und der gemeinsamen Firma JuVee Productions<br />

in die Tat umsetzen. Leichter gesagt<br />

als getan: ein Film, der als eine Art weibliche<br />

Antwort auf „Braveheart“ gleichermaßen<br />

Historiendrama, Kriegsfilm und Abenteuerepos<br />

und noch dazu fast ausschließlich mit<br />

schwarzen Frauen in den Hauptrollen besetzt<br />

ist, löste bei den Hollywoodstudios eher Skepsis<br />

als Begeisterung aus.<br />

Gekämpft hat Davis ihr Leben lang und<br />

vermutlich mehr als so ziemlich jede ihrer Berufsgenossinnen.<br />

Ihre soziale Herkunft und<br />

ihr Geschlecht, ihre Hautfarbe, die deutlich<br />

dunkler ist, als es die Filmbranche bei schwarzen<br />

Schauspielerinnen gern sieht, und ihr<br />

Aussehen, das selbst gestandene Filmkritiker<br />

mitunter als „nicht klassisch schön“ be- und<br />

verurteilten – all diese Dinge, die nichts mit<br />

ihrem Talent oder ihrer Persönlichkeit zu tun<br />

haben, wurden für die heute 57-Jährige wieder<br />

und wieder zum Hindernis. Privat wie beruflich,<br />

wie sie eindrücklich in ihrer packenden<br />

Autobiografie „Finding Me“ beschreibt, die<br />

im Frühjahr auf Englisch erschienen ist.<br />

„Ohne meine Kindheit und Jugend, ohne<br />

all das Trauma und Leid, wäre ich heute nicht<br />

die, die ich bin“, gab Davis im Mai beim Filmfestival<br />

in Cannes zu Protokoll. „Dann wäre<br />

ich nicht so eine Kämpferin geworden und so<br />

gut im Überleben.“ Geboren auf der winzigen


Stark und selbstbewusst und heute von ihrer<br />

harten Vergangenheit befreit: Hollywoodstar Viola Davis sagt<br />

von sich selbst, dass sie „gut im Überleben ist“.<br />

39


Vorbild VIOLA DAVIS<br />

40<br />

Sister in Crime und kaum wiederzuerkennen:<br />

Viola Davis als Michelle Obama, Ehefrau des<br />

Ex-US-Präsidenten Barack Obama.<br />

Farm ihrer Großeltern wuchs sie gemeinsam<br />

mit einigen Geschwistern in einer überwiegend<br />

weißen Kleinstadt in Rhode Island auf.<br />

Der Vater trank und schlug die Mutter, die<br />

Mitschüler jagten und verprügelten sie, und<br />

meist war weder Geld für Essen geschweige<br />

denn Winterschuhe da. Nachts wickelten<br />

sich Davis und ihre Schwestern Bettlaken um<br />

den Hals, um sich vor den Bissen der Ratten<br />

zu schützen, die das Haus der Familie bevölkerten.<br />

„Erst durch das Schreiben des Buches<br />

habe ich gemerkt, dass ich diese Vergangenheit<br />

überwunden habe. Dass sie keine Macht<br />

mehr über mich hat und mich nicht mehr<br />

verletzen kann. Das war ein echter Schlüsselmoment.“<br />

Inspiriert von Cicely Tyson (die später<br />

ihre Serienmutter spielen würde) in „Die Geschichte<br />

der Jane Pittman“ entdeckte Davis<br />

schon als Schülerin die Schauspielerei für<br />

sich, schaffte es später auch für ein Studium<br />

an die renommierte Juilliard School in New<br />

York und dann an den Broadway. Genug Geld<br />

für eine vernünftige Krankenversicherung<br />

brachten ihr die Jobs dort allerdings nicht<br />

ein. Und in Film und Fernsehen blieben die<br />

Rollenangebote lange einseitig und undankbar:<br />

Drogensüchtige, Krankenschwestern,<br />

namenlose Polizistinnen. Und immer wieder:<br />

die Mutter des jungen Helden oder die beste<br />

Freundin der Protagonistin. Selbst nachdem<br />

sie schließlich für „Glaubensfrage“ und „The<br />

Help“ – zwei Filmen, in denen sie mit den Erinnerungen<br />

an ihren eigenen Schmerz den<br />

ihrer Figuren greifbar machte – bereits zweimal<br />

für den Oscar nominiert worden war, ließen<br />

Hauptrollen auf sich warten.<br />

Erst 2014 wurde dann alles anders, als<br />

Shonda Rhimes sie als Annalies Keating in<br />

der Serie „How to Get Away With Murder“<br />

besetzte. Sechs Staffeln lang durfte Davis,<br />

Die Kriegerin: In ihrem neuen Film „The Woman King“ spielt die 57-Jährige die Anführerin<br />

eines Amazonenstammes, der sich gegen Sklaverei und Unterdrückung wehrt. Es ist<br />

die wahre Geschichte der Generalin Nanisca, die sich im alten afrikanischen Königreich<br />

Dahomey (heute Benin) ereignet hat. Ein Historiendrama, erschienen Mitte September,<br />

über die französische Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert auf dem Kontinent und<br />

den tapferen Kampf der Ureinwohner:innen.<br />

die 2011 mit ihrem Mann die Tochter Genesis<br />

adoptierte, als fragwürdige Juristin nicht nur<br />

kompetent und erfolgreich, sondern auch anstrengend,<br />

abgründig und nicht zuletzt sexy<br />

sein. Dass wenig später einem Regisseur immer<br />

wieder der freudsche Fehler passierte,<br />

sie mit dem Namen seiner Putzfrau anzusprechen,<br />

konnte die Serie nicht verhindern, wie<br />

sie sich in Cannes erinnert. Doch sie brachte<br />

ihr den Emmy Award ein und öffnete neue<br />

Türen für außergewöhnliche Hauptrollen in<br />

Filmen wie „Widows“ oder „Ma Rainey’s Black<br />

Bottom“. Dank der Theateradaption „Fences“<br />

von und mit ihrem langjährigen Wegbegleiter<br />

Denzel Washington ist sie inzwischen auch<br />

Oscar-Gewinnerin. Und längst die meistnominierte<br />

schwarze Schauspielerin in der Geschichte<br />

der Academy Awards.<br />

Die Rolle der Generalin Nanisca in „The<br />

Woman King“, die laut Davis sowohl „das<br />

Frausein als auch Führerschaft ganz neu definiert,<br />

was dringend notwendig ist“, ist nun<br />

all das, was auch ihre Schauspielerin auszeichnet:<br />

schwarz und selbstbewusst, vom Leben<br />

gezeichnet und vor allem mit unglaublichem<br />

Kampfgeist gesegnet. Eine Rolle, die man so<br />

noch nie gesehen hat und die niemand anderes<br />

als Viola Davis spielen könnte. Sie könnte<br />

sich also zufrieden auf ihrem Thron zurücklehnen,<br />

doch das ist das Letzte, was man von<br />

ihr erwarten sollte. Und so startet auch in<br />

Deutschland (beim neuen Streamingdienst<br />

Paramount+) demnächst endlich die von ihr<br />

mitproduzierte Serie „The First Lady“, in der<br />

sie niemand anderen als Michelle Obama verkörpert,<br />

eine Rolle in der neuen Regiearbeit<br />

von Ben Affleck ist auch schon abgedreht, und<br />

in der Fortsetzung der „Tribute von Panem“<br />

ist sie als Oberbösewicht mit von der Partie.<br />

Oder um es mit einer der letzten Zeilen ihres<br />

Buches zu sagen: „Die unperfekte, aber gesegnete<br />

Skulptur, zu der mich mein Leben gemeißelt<br />

hat, wächst und verändert sich unaufhaltsam<br />

weiter.“


Mittlerweile auf der Sonnenseite des Lebens mit krönenden<br />

Erfolgen: Dreimal war Viola Davis für einen Oscar nominiert.<br />

Und einmal bekam sie die begehrte Trophäe für „Fences“ als<br />

beste Nebendarstellerin.<br />

41


TARKE<br />

42<br />

PREISGEKRÖNT ALS PIANIST, MIT LOB ÜBERSCHÜTTET ALS EINER<br />

DER „BEDEUTENDSTEN KÜNSTLER SEINER GENERATION“ ALS „GLÜCKSFALL“.<br />

Engagiert als mündiger Bürger und Europäer auf<br />

Twitter, im Podcast und Talkshows, der kein Blatt vor<br />

den Mund nimmt. Auch in diesem Interview nicht.<br />

SEPTEMBER 2022


TONE<br />

43<br />

INTERVIEW PETER LEWANDOWSKI<br />

FOTOS AXEL MARTENS


Vorbild 44<br />

E<br />

Es ist von einer Minute auf die andere,<br />

als hätten wir uns schon immer gekannt.<br />

Igor kommt mit seinem Klapprad in kurzer<br />

schwarzer Turnhose und Shirt vom<br />

Sport. Wir treffen uns auf der Straße vor<br />

seiner Wohnung, sind sofort beim Du, gehen,<br />

er mit dem Fahrrad unter dem Arm,<br />

die eineinhalb Stockwerke hoch in seine<br />

Berliner Altbauwohnung. Eigentlich ist<br />

es ein riesiger Raum mit Küchenzeile,<br />

Tisch, Couch und natürlich in der Mitte<br />

der Flügel. Die anderen Zimmer sind<br />

nur Satelliten. Zu Hause bei einem der<br />

berühmtesten Pianisten der Welt, der so<br />

ganz anders ist. „Citizen, European, Pianist“<br />

steht auf seiner Website. Die Reihenfolge<br />

ist wichtig und macht ihn vor<br />

allem bei jungen Menschen beliebt – als<br />

gesellschaftlich engagierter Mensch auf<br />

Twitter, in Talkshows, auf dem Parteitag<br />

der Grünen oder bei Aktivist:innen, die<br />

einen Wald besetzt halten. Als Musiker,<br />

der während der Pandemie über Youtube<br />

Hauskonzerte in die Welt gespielt<br />

hat. Wir kochen zusammen mit seiner<br />

PR-Managerin Maren Borchers Kaffee,<br />

Igor redet, fragt Axel, den Fotografen,<br />

mich, den Interviewer aus, will wissen<br />

und hängt nebenbei an seinem Handy. Irgendwo<br />

muss er wohl mit seinen Händen<br />

hin. Die Frage vor dem Beginn unseres<br />

Gesprächs, warum er gerade jetzt so viel<br />

mobil rumdaddelt, versucht er charmant<br />

zu umgehen.<br />

Igor Levit: Das ist ein Gerücht. Ich<br />

bin nie am Handy. Stimmt’s, Maren,<br />

ich bin nie am Handy. Das wäre ja ein<br />

schlechter Stil …<br />

MAX: … den dir die Wenigsten vorwerfen.<br />

Auch außerhalb der klassischen Musikwelt<br />

hast du gerade bei Jüngeren sehr<br />

hohe Sympathiewerte. Viele empfinden<br />

dich als ganz normalen, geerdeten Typen.<br />

Nicht als Weltstar. Wie wichtig ist es für<br />

dich, ein normales Leben zu führen?<br />

Levit: Es hält mich. Ich habe nie<br />

einen guten Außenblick auf mich<br />

gehabt. Aber auch keinen Bedarf,<br />

darüber nachzudenken, wer ich bin, da<br />

draußen oder für andere Menschen.<br />

Was ich aber grundsätzlich auf allen<br />

Ebenen versuche, ist so eine Art Standleitung<br />

zu halten zu Menschen, die mir<br />

zuhören. Ich will nicht nur in meinem<br />

eigenen Ich sein. Ich halte bewusst<br />

Kontakt auch in den sozialen Medien,<br />

weil ich mich für Menschen sehr,<br />

sehr interessiere.<br />

MAX: Andere berühmte Persönlichkeiten<br />

leben gern in ihrer eigenen Blase, lassen<br />

sich hofieren, lieben die Aufmerksamkeit<br />

bei Events …<br />

Levit: Also erstens gehe ich nicht<br />

häufig zu solchen Events und werde<br />

daher auch viel seltener eingeladen als<br />

du denkst. Und wenn, dann stolziere<br />

ich nicht durch den Raum mit einem<br />

Schild auf der Stirn und der Aufschrift:<br />

HIER BIN ICH!<br />

DAS IST EINFACH NICHT MEIN LEBEN.<br />

ICH HABE NEULICH VON<br />

EINER FREUNDIN GEHÖRT, DASS<br />

MENSCHEN INTERVIEWS<br />

GEBEN, ABER DIE<br />

ANTWORTEN WERDEN VON IHREN<br />

PR-LEUTEN GESCHRIEBEN. SIE<br />

WISSEN ALSO GAR NICHT,<br />

WAS SIE GEANTWORTET HABEN. ICH<br />

FINDE DAS NICHT GUT.<br />

MAX: Für einen viel beschäftigten Künstler<br />

ist das doch praktisch …<br />

Levit: Also nenn mich naiv. Das<br />

war für mich ein echter Downer, weil<br />

ich es als respektlos gegenüber den<br />

Fans, deiner Gemeinde, gegenüber den<br />

Menschen empfinde, die sich für mich<br />

interessieren. Ich versuche, so normal<br />

wie möglich zu sein. Gehe einkaufen,<br />

bewältige meinen Alltag, brauche<br />

nicht groß Hilfe dabei. Ich stehe mit<br />

beiden Beinen im Leben. Jedenfalls<br />

ist es mein Anspruch. Der einzige Ort,<br />

wo es nicht so ist …<br />

MAX: … ist vermutlich die Bühne …<br />

Levit: … da ist mir auf eine Art im<br />

besten Sinne alles egal, da lasse ich los,<br />

da kann mir nichts passieren.<br />

MAX: Hast du eine Vorstellung von einem<br />

gelingenden Leben?<br />

Levit: Nein, habe ich nicht, aber ich<br />

kann die Frage vielleicht pauschal und<br />

sehr verkürzend beantworten. Erst mal<br />

zum Privaten. Ich habe sehr, sehr viele<br />

Bekannte, ja. Aber mein engster Kreis,<br />

das sind nicht viele, in meinem aktiven<br />

Telefonbuch stehen sechs, sieben<br />

Namen von Menschen, die zu mir gehören.<br />

Wenn ich mit ihnen zusammen<br />

bin, lass ich los. Dann bin ich natürlich<br />

immer mal traurig, mal fröhlich, aber<br />

grundsätzlich bin ich ein froher, heller<br />

Mensch, der sich aufgehoben fühlt.<br />

MAX: Und außerhalb dieses Kreises?<br />

Levit: Da kann ich es oft nicht<br />

sein. Weil ich mich nicht frei und<br />

unge zwungen fühle. Du hast nach dem<br />

idealen Leben gefragt oder dem, wie<br />

ich es mir vorstelle. Es wäre schön,<br />

wenn man mich einfach ließe. Aber<br />

es gibt tausend Gründe, warum ich<br />

nicht von morgens bis abends fröhlich<br />

durch die Gegend laufen kann. Das<br />

fängt mit diesem Land an und hört<br />

mit meiner eigenen Persönlichkeit auf.<br />

Diese Traurigkeit abzustellen, gelingt<br />

mir nur mit engsten Menschen gemeinsam.<br />

Ansonsten zeige ich sie nicht.<br />

MAX: Die Traurigkeit ist ein<br />

Teil von dir?<br />

Levit: Sie gehört zu mir, und ich<br />

kriege sie auch nicht weg.<br />

MAX: Das kannst du akzeptieren?<br />

Levit: Ja. Weil ich bin, wer ich bin.<br />

Weil ich in dieser Welt unterwegs bin,<br />

wie sie eben ist. Allein, wenn ich aus<br />

dem Haus gehe, betrete ich eine andere<br />

Welt: Ich gehe 20, 30, 40, 50 Schritte<br />

vorwärts. Und egal, wo ich in Berlin<br />

bin, laufe ich an mindestens 15 Stolpersteinen<br />

vorbei. Bei diesen ersten<br />

50 Schritten. Jetzt sag mir, dass es an<br />

mir vorbeigehen soll. Es geht nicht<br />

vorbei. Das ist ein Beispiel von vielen.<br />

Wenn wir jetzt hier zusammen sind und<br />

sprechen oder ich mit meinem Freundeskreis,<br />

dann bin ich ein glücklicher<br />

Mensch, ansonsten kriege ich dieses<br />

Leben und die Welt da draußen nicht<br />

aus dem Kopf.<br />

MAX: Eine Welt, an die man sich auch<br />

nicht gewöhnen darf ?<br />

Levit: Nein, aber ich wünschte mir,<br />

es gäbe sie so nicht, und sie wäre anders.<br />

Ich hätte es gern unbeschwerter.<br />

MAX: Inwieweit gehören deine Wahrnehmungen<br />

und Gefühle zu Prozessen,<br />

zu Veränderungen in deinem Leben?<br />

SEPTEMBER 2022


IGOR LEVIT<br />

139 127<br />

Neu, ungewöhnlich, ein<br />

Genuss: Sein Album „Tristan“<br />

ist seit September auf dem<br />

Markt. Das Buch „Hauskonzerte“<br />

wurde ein Bestseller.<br />

Wer ist Igor Levit, das Ausnahmetalent am Klavier?<br />

1987 im russischen Nowgorod geboren, kam Igor Levit mit acht Jahren nach Deutschland, lebte zunächst<br />

in Dortmund, dann in Hannover, wo er auch sein Klavierstudium mit der höchsten Punktzahl des Instituts<br />

absolvierte. Die Dokumentation „Igor Levit – no fear“ (ab Oktober im Kino) der Filmemacherin Regina Schilling<br />

begleitet den Menschen Igor durch sein Leben mit der Musik.<br />

Levit: Ich lasse in mir sehr vieles<br />

zu, mache das auch mit mir selbst aus.<br />

Ich glaube nicht an Zufälle, sondern<br />

an bewusste Entscheidungen, die zu<br />

Veränderung führen.<br />

MAX: Was macht das mir dir?<br />

Auch körperlich?<br />

Levit: Es ist interessant, dass du danach<br />

fragst. Es sind zuallererst körperliche<br />

Entscheidungen. Ich mache zum<br />

Beispiel seit zehn Jahren intensiv Krafttraining,<br />

jetzt habe ich beschlossen, ich<br />

nehme kein Gewicht mehr in die Hand,<br />

weil ich merke, mein Körper kann und<br />

will nicht mehr. Also höre ich auf ihn<br />

und komme zu dem bewussten Urteil:<br />

Ich höre damit auf. Das sind gigantische<br />

Veränderungen, die ihren Anfang im<br />

Körperlichen haben: Wie sitze ich am<br />

Klavier, wie bewege ich mich, wie und<br />

welchen Sport mache ich. An Schicksal<br />

glaube ich nicht.<br />

MAX: Das heißt das Leben ist steuerbar –<br />

mit welchem Ziel auch immer?<br />

Levit: Es sind Prozesse, die ich<br />

steuern kann oder es zumindest<br />

versuche, allerdings ohne Ziel. Ich<br />

schaue, wo ich ankomme. Das ist wie<br />

eine Improvisation.<br />

MAX: Du hast durch Sport 30 Kilo abgenommen,<br />

läufst jeden Morgen, gibst jedes<br />

Jahr fast 200 Konzerte, in der Dokumentation<br />

über dich wirkst du beim Einspielen<br />

eines Stückes mehr als akribisch. Wie<br />

viel Wille gehört zu deinem Leben?<br />

Levit: Es gibt Anlässe, bei denen<br />

passiert was in mir. Und dann drücke<br />

ich die durch. Dann gibt es kein Halten.<br />

Also an Disziplin und Willen fehlt es<br />

mir wahrlich nicht.<br />

MAX: Und das ist lebensbestimmend<br />

für dich?<br />

Levit: Total.<br />

MAX: Ging das nach deiner Ankunft in<br />

Deutschland, in Düsseldorf los? Du warst<br />

damals acht Jahre alt.<br />

Levit: Es ging mit der Sprache los.<br />

Ich wollte unbedingt Deutsch sprechen.<br />

Auch da gab es kein Halten für mich.<br />

Ich wollte das unbedingt. Mir hat es nie<br />

an Disziplin gefehlt, außer vielleicht<br />

in der Schule. Ich bin wahnsinnig gern<br />

SEPTEMBER 2022


Vorbild 46<br />

Es wäre schÖn, wenn man mich<br />

einfach ließe. Aber es gibt tausend<br />

Gründe, warum ich nicht von<br />

morgens bis abends fröhlich durch<br />

die Gegend laufen kann.<br />

DAS FÄNGT MIT DIESEM LAND AN<br />

und hört mit meiner eigenen<br />

Persönlichkeit auf. Diese Traurigkeit<br />

abzustellen, gelingt mir nur mit engsten<br />

Menschen gemeinsam.<br />

dorthin gegangen, aber ich habe selten<br />

etwas dafür getan. Aber immer wenn<br />

ich Verantwortung übernehmen musste,<br />

war ich da. Wie bei einer schweren<br />

Krankheit meiner Mutter. Ohne Wenn<br />

und Aber. Willen, Disziplin und Überzeugung<br />

gehören zu mir.<br />

MAX: Hast du dich nach deiner Ankunft<br />

in der Schule ausgegrenzt gefühlt?<br />

Levit: Nein, zu keinem Zeitpunkt.<br />

Weder in Dortmund noch in Hannover,<br />

wo ich aufgewachsen bin. Ich hatte<br />

eine wunderbare Zeit. Obwohl es viel<br />

Ärger gab mit den Lehrern, manchmal<br />

auch mit den Mitschülern. Aber niemals<br />

wegen meiner Herkunft.<br />

ICH WAR EINFACH EIN FAULER SACK,<br />

DEN WENIG INTERESSIERT HAT.<br />

EINE DER BELIEBTESTEN FRAGEN MEINES<br />

MATHEMATIKLEHRERS WAR:<br />

IGOR, SPINNST DU? RECHT HATTE ER.<br />

Neben der Musik interessierten mich<br />

in der Schule nur Deutsch, Geschichte<br />

und Politik. In Fächern, in denen man<br />

reden durfte, war ich gut. Ich bin in<br />

der 9. wegen Physik, Chemie, Latein,<br />

Altgriechisch, Sport und ich weiß nicht<br />

mehr hängengeblieben.<br />

MAX: In der Filmdokumentation ist an<br />

vielen Stellen deine Erschöpfung und<br />

gleichzeitig aber auch neben deinem<br />

Willen die Unruhe zu spüren. Leidest du<br />

darunter körperlich?<br />

Levit: Nein, also ich werde unruhig,<br />

wenn mein Arm schmerzt oder<br />

mein kleiner Finger schmerzt. Aber nur<br />

kurzfristig. Eine existenzielle Unruhe<br />

bezogen auf meinen Beruf habe ich<br />

nicht. Ich mache das, solange ich es<br />

machen kann.<br />

MAX: Gehört der Sport, die Fitness<br />

zu deinem Beruf ?<br />

Levit: Nein, überhaupt nicht. Er<br />

gehört dazu aus Eitelkeit, anfangs, weil<br />

ich abnehmen wollte, und jetzt ist mir<br />

die eine Stunde am Tag wichtig, weil<br />

sie eine ist, in der mir keiner was kann.<br />

Das ist wie Konzerte spielen. Ich sage<br />

bewusst Konzerte spielen und nicht<br />

das ganze Drumherum inklusive der<br />

vielen Reisen. Sondern nur die Zeit ab<br />

dem Moment, wenn es so weit ist. Beim<br />

Sport ist es ähnlich.<br />

MAX: Was ist das für ein Gefühl –<br />

auf der Bühne?<br />

Levit: Ich will es mal so beschreiben:<br />

Mein erstes Fitnessstudio war im<br />

zweiten Untergeschoss. Kein Handyempfang,<br />

keine Informationen, die<br />

mich runterziehen. Einfach nicht<br />

erreichbar. So wie auf der Bühne. Ich<br />

bin einfach mit mir, kann machen<br />

und kontrollieren. Es ist die absolute<br />

mentale und körperliche Erholung.<br />

Die Tage, an denen ich das nicht habe,<br />

sind keine guten.<br />

MAX: Spielt denn das Publikum überhaupt<br />

noch für dich eine Rolle?<br />

Levit: Bitte versteh mich nicht<br />

falsch: Ich bin auf der Bühne nicht<br />

im Tunnel. Ich suche den Link zum<br />

Publikum, den Kontakt zu den Menschen,<br />

auch wenn das nicht immer<br />

gelingt. Aber ich nehme wahr, liebe<br />

die Resonanz zu jedem Zeitpunkt.<br />

MAX: Jetzt auch?<br />

Levit: Aber hallo …<br />

MAX: Was?<br />

Levit: Die Geräusche von der<br />

Straße, die Autos, das Hupen, mein<br />

Handy, die ankommenden SMS, ich<br />

kann mich dann nicht abschließen.<br />

MAX: Schon mal im Schweigekloster<br />

gewesen?<br />

Levit: Nein, aber ich mache jeden<br />

Tag eineinhalb Stunden Yoga. Das ist<br />

Ruhe und Schweigen genug. Das ist ein<br />

Stück weit Stabilität für mich. Auf der<br />

Bühne ist es ähnlich wie beim Sport.<br />

Egal wie anstrengend ein Stück, eine<br />

Sonate war, hinterher bin ich hundemüde,<br />

aber auch aufgeräumt.<br />

MAX: Die Zuschauer sind hinterher oft<br />

aufgewühlt. Kann es sein, dass sie neben<br />

dem Willen und der Energie auch etwas<br />

anderes spüren?<br />

Levit: Ja, ja, klar, es ist Wut. Ja, sie<br />

ist auch ein Treiber<br />

MAX: Ist Wut in dir drin?<br />

Levit: Ja.<br />

MAX: Aber darüber möchtest du bestimmt<br />

nicht erzählen<br />

Levit: Warum nicht? Ich hab überhaupt<br />

kein Problem damit.<br />

MAX: Woher kommt die Wut?<br />

Levit: Das ist eine lange Liste. Soll<br />

ich mit dem Netten oder dem Unangenehmen<br />

einsteigen?<br />

MAX: Das ist mir egal<br />

Levit: Freunde, ich bin ein Jude,<br />

der in einem Land lebt, in dem sechs<br />

Millionen Juden ermordet wurden. Was<br />

erwartest du? Daraus kommt Wut, ein<br />

Gefühl von Isolation, von Einsamkeit.<br />

Und ein Gefühl von Dauer-Traurigkeit.<br />

Ich werde die ganze Zeit auch daran<br />

erinnert, dass das so ist. Ja, das macht<br />

wütend und traurig. Das wird aber<br />

auch aufgewogen, und das kann nicht<br />

groß genug sein, durch das Geschenk,<br />

das ich in meinem Leben erhalten habe,<br />

und die Handvoll Menschen, ohne die<br />

ich buchstäblich nicht mehr leben will.<br />

80 Prozent von diesen Menschen sind<br />

hier. Also bin ich hier. Aber ich frage<br />

mich jeden Tag, wieso eigentlich?<br />

SEPTEMBER 2022


IGOR LEVIT<br />

„Egal wie anstrengend ein Stück, eine Sonate<br />

war, hinterher bin ich hundemüde, aber auch aufgeräumt.“<br />

MAX: Es gibt welche, die würden noch<br />

vermeintlich freundlich sagen, der<br />

ist 35 Jahre alt, mega erfolgreich, was<br />

geschehen ist, ist schon so lange her,<br />

der soll sich mal nicht so anstellen.<br />

Levit: So zu denken ist mir fremd.<br />

sche Grundkern unseres Landes. Wollen<br />

wir den auflösen? Für den Fall habe ich<br />

drei Koffer im Keller. Auf Wiedersehen.<br />

Aber das ist es nicht. Dieser moralische<br />

Grundkern hat eben einen Preis. Auch<br />

für mich persönlich.<br />

DAGEGEN SIND ÜBERGRIFFE VON<br />

IRGENDWELCHEN ARSCHLÖCHERN, DIE<br />

MICH ANTISEMITISCH ATTACKIEREN,<br />

MICH BEDROHEN, SO KLEIN. DAS SIND<br />

SITUATIONEN, MOMENTE, DIE VERLETZEN,<br />

ICH WEHRE MICH, ODER ICH<br />

SCHLUCKE ES HERUNTER.<br />

Ich bin hier und ich bleibe hier. Und<br />

ich habe Gott sei Dank Menschen,<br />

mit denen ich darüber sprechen kann.<br />

Deswegen fühle ich mich hier auch<br />

nicht einsam. Es ist so ein Zwischenspiel,<br />

ich bin nicht allein, was habe ich<br />

für ein Glück, und dann doch wieder.<br />

So fühle ich mich. Aber, um ehrlich<br />

zu sein, das ist auch das immer wieder-<br />

MAX: Warum?<br />

Levit: Ein sehr enger Freund von<br />

mir, der in Amerika lebt und jüdischen<br />

Glaubens ist, hat mich neulich besucht.<br />

Er ist in den Staaten geboren, er ist<br />

dort aufgewachsen, er hat seine eigenen<br />

Probleme, seine eigenen Momente.<br />

Und er sprach aus, was in Deutschland<br />

immer gilt: Never forget! Diese Aufforderung<br />

ist die zentrale DNA der<br />

Bundesrepublik. Diese <strong>Max</strong>ime zu leben,<br />

hat auch seinen Preis, den auch ich<br />

persönlich jeden Tag bezahle. Niemals<br />

vergessen ist existenziell wichtig für<br />

unsere Gesellschaft, es ist der moralikehrende<br />

Thema in der Musik oder in<br />

der Literatur.<br />

MAX: Es ist es für dich ein Problem,<br />

eine Innerlichkeit, eine innere Heimat zu<br />

finden?<br />

Levit: Es ist unmöglich, diese zu<br />

haben. Wo soll sie denn sein? Das ist<br />

mir noch nicht gelungen. Aber es gibt<br />

bei Freunden ein Ankommen, eine<br />

Geborgenheit, und das ist sehr, sehr<br />

viel wert.<br />

MAX: Hast du Sehnsuchtsorte?<br />

Levit: Sehnsuchtsmenschen, kein<br />

einziger Konzertsaal, kein einziges<br />

Klavierstück, keins, nichts ist so sehr<br />

ein Sehnsuchtsort wie die Menschen.<br />

Mit dem Freund aus Amerika habe ich<br />

über Glauben gesprochen, und er hat<br />

gemeint: Du sprichst über Menschen<br />

wie über Gott. Deine Beziehung zu<br />

SEPTEMBER 2022


Vorbild<br />

Menschen, dein Vertrauen, dein Glaube<br />

an sie ist so, als würde ich über Gott<br />

sprechen.<br />

MAX: Ein Menschenfreund könnte ja<br />

auch gläubig sein, unabhängig von seiner<br />

Religion.<br />

Levit: Ja, bin ich aber irgendwie<br />

nicht. Aber dann doch wieder.<br />

MAX: Wie gehst du damit um, dass<br />

in Konzertsälen auch Menschen sitzen<br />

könnten, die nicht allein über das<br />

Vergessen anders denken als du?<br />

Levit: Und antisemitisch sind.<br />

Okay. Weißt du was, ganz im Ernst?<br />

Die Menschen kommen erst mal, um<br />

mich bewusst zu hören. Ich kann<br />

niemandem in den Kopf gucken, und<br />

es interessiert mich auch nicht. Das<br />

ist der Preis der offenen Gesellschaft.<br />

Jeder kann das größte antisemitische<br />

Arschloch der Welt sein solange<br />

er nicht aktiv gegen das Gesetz verstößt.<br />

Das gilt für jede Art von<br />

Diskriminierung.<br />

MAX: Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?<br />

Ist die Veränderung unseres Zusammenlebens<br />

nicht eine Si sy phus ar beit?<br />

Levit: Ja, es ist ein Schritt vor, zwei<br />

zurück, ein …<br />

MAX: Ist die Apokalypse näher, als wir<br />

wahrhaben wollen?<br />

Levit: Welchen Wert hätte es jetzt,<br />

wenn ich Ja sagen würde?<br />

MAX: Keinen. Aber du äußerst dich gesellschaftspolitisch<br />

auf Twitter, trittst im<br />

Dannenröder Forst auf …<br />

Levit: Ich wollte dort nicht auf den<br />

Klimawandel aufmerksam machen. Der<br />

und seine katastrophalen Folgen sind<br />

ja seit Jahren bekannt. Mein Auftreten<br />

dort war ein Akt der Solidarität mit<br />

den Aktivisten, die seit Monaten dort<br />

in Bäumen verharrten, sich gegen die<br />

Rodung gewehrt, protestiert, mobilisiert<br />

haben.<br />

MAX: Spürst du in deinen Konzerten ein<br />

Gefühl der Gemeinschaft?<br />

Levit: Ja<br />

MAX: Wäre das nicht auch gesellschaftlich<br />

erstrebenswert?<br />

Levit: Ich bin kein Wir. Ich bin, wie<br />

mein Freund Michel Friedmann sagen<br />

„Es gibt einen Grund, warum ich im analogen, realen Leben genauso engagiert<br />

bin, genauso versuche zu helfen. Ideell und finanziell.“<br />

würde, viele Ichs. Ich habe ein gewisses<br />

Misstrauen gegenüber dem Begriff<br />

Gesellschaft.<br />

MAX: Weil?<br />

Levit: Weil ich in den letzten<br />

zwei, drei Jahren die Erfahrung gemacht<br />

habe, dass unter dem Titel der<br />

Ge meinsamkeit viel mehr auf eigene<br />

Agenden, Partikularinteressen geachtet<br />

wird. Ich bin sehr misstrauisch<br />

gegenüber dem Wir geworden. Rassismen<br />

gegeneinander auszuspielen, ist<br />

keine exklusive Spezialität von Rechten.<br />

Das können auch gesellschaftliche<br />

Mehrheiten. Mehrheiten gegen<br />

Minderheiten, aber auch Minderheiten<br />

untereinander. Ich glaube ganz fest<br />

an Artikel 1 des Grundgesetzes.<br />

Und jetzt kommt ein sehr deutscher<br />

Moment.<br />

MAX: Erzähl mal.<br />

Levit: In unserer Gesellschaft<br />

haben wir zu viel Hass: gegen Juden,<br />

Schwarze, Sinti und Roma, Homound<br />

Transsexuelle, jede Form dieses<br />

Gefühls, egal gegen wen, ist Menschen-<br />

hass, und das widerspricht dem Kern<br />

von Artikel 1 unseres Grundgesetzes:<br />

DIE WÜRDE DES MENSCHEN<br />

IST UNANTASTBAR.<br />

Daran glaube ich, daran orientiere ich<br />

mich. Ich erlebe immer häufiger, dass<br />

manche zu mir sagen, na ja du bist<br />

privilegiert, auch wenn du zu einer<br />

Minderheit gehörst, kannst du nicht<br />

für uns sprechen. Das macht mich sehr<br />

traurig. Das bringt mich aber auch<br />

nicht von meiner Überzeugung ab.<br />

MAX: Gehört die Ausgrenzung zum<br />

Menschsein?<br />

Levit: Vielleicht, ich weiß es nicht.<br />

Aber noch mal, ich bin kein Wir, aber<br />

auch kein Egoist. Ich will nichts auf<br />

Kosten anderer tun, und wenn es mir mal<br />

passiert, dann entschuldige ich mich.<br />

MAX: Brauchen wir einen neuen gesellschaftlichen<br />

Kit?<br />

Levit: Lass mal, das ist mir schon<br />

eins zu viel. Es gibt einen Kit, über<br />

den wir uns schon längst verständigt<br />

haben. Das ist eben Artikel 1 und „Was<br />

du nicht willst, das man dir tu, das füg<br />

SEPTEMBER 2022


IGOR LEVIT<br />

auch keinem anderen zu“. Wenn ich mich mal<br />

daran nicht halte, bekomme ich von meinen<br />

Freunden eins hinter die Löffel. Manchmal bin<br />

dann noch bockig, aber ich entschuldige mich.<br />

MAX: Dafür, dass du dein Handy selten benutzt,<br />

bist du auf Twitter ziemlich aktiv…<br />

Levit: Ja, natürlich bin ich ständig am Handy,<br />

ich weiß, die sozialen Medien sind nicht das<br />

Leben, aber es gibt sie nun mal. Und ich will<br />

helfen, darüber auch ein Bewusstsein zu schaffen<br />

zu dem, was ich eben gesagt habe. Aber seit der<br />

Pandemie sind diese Medien nur noch schwer<br />

zu ertragen. Vermutlich werde ich nach dieser<br />

Aussage gleich wieder angemacht.<br />

ABER DIESES ZÜGELLOSE GEGEN-<br />

ÜBER MENSCHEN, DAS WOCHENLANGE<br />

RUNTERMACHEN UNTER DEM DECKMÄNTELCHEN<br />

DER DEBATTE UND DER FREIEN<br />

MEINUNGSÄUSSERUNG, DAS JAGEN,<br />

DAS HALTE ICH FÜR KRANK.<br />

Das macht mich krank. Ein vielleicht bescheuerter<br />

Satz in einem Interview, und die Hetze geht<br />

los. Und zwar von allen Seiten. Natürlich gibt es<br />

auch rote Linien, wenn ich an eine bestimmte<br />

Partei denke. Aber in diesem Sandkasten spiele<br />

ich nicht mehr mit.<br />

MAX: Sondern …<br />

Levit: Es gibt einen Grund, warum ich im<br />

analogen, realen Leben genauso engagiert bin,<br />

genauso versuche zu helfen. Ideell und finanziell.<br />

Diese Welt hat einen Haufen Probleme. Keiner<br />

wollte diesen Scheißkrieg – bis auf einen. Wir<br />

diskutieren über Atomkraft, fossile Energien und<br />

sind uns unseres biblischen Problems immer noch<br />

nicht bewusst. Der Klimawandel und seine Folgen<br />

wie zum Beispiel die globalen Verteilungskämpfe<br />

sind zentral, und ich bewundere Politiker, Aktivisten<br />

und alle Menschen, die versuchen, diese<br />

ungeheuren Probleme zu lösen. In Parlamenten,<br />

aber auch außerparlamentarisch. Wie viel Mut<br />

und Selbstlosigkeit gehören dazu, auf die Straße<br />

zu gehen, sich festzuketten, zu blockieren, ja sein<br />

Leben zu riskieren. Über alle Parteien hinweg<br />

kennt mein Respekt keine Grenzen. Mit einer<br />

Ausnahme. Und die sollen sich einfach<br />

selbst löschen.<br />

MAX: Was gibt dir Kraft, was ist deine<br />

Lebensquelle?<br />

Levit: Menschen<br />

MAX: Welchen Bezug hast du zu deiner Familie?<br />

Levit: Einen sehr engen. Mit allem Streit und<br />

Auseinandersetzungen. Aber ich mache keinen<br />

großen Unterschied zwischen Freunden und<br />

Familie. Für Menschen, die ich liebe, lasse ich<br />

alles stehen und liegen.


Vorbild 50<br />

SEPTEMBER 2022


INTERVIEW PATRICK HEIDMANN<br />

FOTOS RAFAELA PRÖLL<br />

Intellektuelle, Künstler<br />

und andere<br />

Bürger<br />

hätten<br />

gern einen<br />

eigenständigen<br />

Staat behalten<br />

Die Schauspielerin<br />

Claudia Michelsen über<br />

Herausforderungen im Leben und<br />

wichtige Veränderungen –<br />

nicht nur in ihrem Beruf.<br />

SEPTEMBER 2022


Vorbild 52<br />

MAX: Frau Michelsen, Sie übernehmen immer<br />

wieder Rollen in historischen Stoffen,<br />

doch Ihr neuer Kinofilm „In einem Land,<br />

das es nicht mehr gibt“ spielt nun zu einer<br />

Zeit, die Sie selbst miterlebt haben. War<br />

es für Sie etwas Besonderes, sich noch<br />

einmal der DDR kurz vor dem Mauerfall<br />

zu widmen?<br />

Claudia Michelsen: Zunächst einmal<br />

war es etwas Besonderes, wiederholt<br />

mit Aelrun Goette arbeiten zu können.<br />

An dieser Geschichte hat sie sehr<br />

lange gearbeitet, auch weil sie teilweise<br />

autobiografisch ist. Und dass ich die<br />

Chefredakteurin der DDR-Modezeitschrift<br />

Sybille spielen durfte, kam dann<br />

für mich noch erfreulich dazu. Denn<br />

Anfang der 90er hat die große Sibylle<br />

Bergemann mal Fotos mit mir für diese<br />

Zeitschrift gemacht. Die Fotografen<br />

der Sybille waren und sind allesamt<br />

großartige Künstler, die Zeitgeschichte<br />

und Kunst miteinander verbunden<br />

haben. Und der Film ist eine kraftvolle<br />

Momentaufnahme dieser Zeit mit einer<br />

großartigen Hauptdarstellerin.<br />

MAX: Realistischer?<br />

Michelsen: Zumindest ist das eine<br />

DDR, die ich kenne, die aber so noch<br />

nicht erzählt wurde. Natürlich kommt<br />

in der Geschichte auch die Stasi vor,<br />

aber erst einmal ist es die Geschichte<br />

einer jungen Frau um 1988, gespielt von<br />

der wunderbaren Marlene Burow. Aber<br />

es geht auch um ein Gefühl der Freiheit,<br />

der Wildheit, der Kreativität, ein<br />

Gefühl, das wir alle hatten. Ein positives<br />

Lebensgefühl, ein anderes Miteinander,<br />

eine Kraft, die es gab, trotz<br />

kranken Systems.<br />

MAX: Zu dem Lebensgefühl gehört auch,<br />

dass Veränderung in der Luft liegt. Fast<br />

fragt man sich, wie es weitergegangen wäre,<br />

wenn die Wende ausgeblieben wäre …<br />

Michelsen: Oder wenn sie „anders“<br />

gekommen wäre. Tatsächlich ist ja<br />

etwas in Vergessenheit geraten: dass die<br />

meisten von uns damals auf etwas anderes<br />

gehofft hatten. Wir wollten nicht<br />

„BRD“ werden. Viele hätten gern einen<br />

eigenständigen, neuen Staat gegründet.<br />

Aber wir alle wissen, was dann kam.<br />

Wollt ihr Bananen und die Aussicht auf<br />

die dicke Westmark, Schlaraffenland<br />

und viele andere Versprechen, nun ja,<br />

und plötzlich gab es keine Chance mehr,<br />

etwas anderes umzusetzen, etwas Neues.<br />

MAX: Sie betonen die guten Erinnerungen<br />

an das Leben in der DDR. Würden Sie<br />

im Rückblick sagen, dass Sie dort genug<br />

Raum hatten, zu wachsen und sich zu<br />

entfalten?<br />

Michelsen: Nein, natürlich konnte<br />

man sich nicht so entfalten wie anderswo,<br />

auch weil das Reisen fehlte, das<br />

Entdecken der Welt, anderer Kulturen.<br />

Aber trotzdem bin ich in einem Land<br />

aufgewachsen, in dem aus Mangel<br />

Kreativität entstand. Menschen hatten<br />

eine klare Haltung zum System, diese<br />

und jene. Und Kunst und Theater hatten<br />

eine andere Funktion als heute, weil sie<br />

in direktem Dialog mit dem Publikum<br />

standen. Die Leute sind ins Theater<br />

gegangen, weil sie dort im stillen Einverständnis<br />

wussten, worüber wir<br />

mit einander reden. Gedankenfreiheit<br />

konnte nicht unterbunden und zensiert<br />

werden. Das war aus künstlerischer<br />

Sicht enorm spannend.<br />

MAX: War der politische Aspekt des<br />

Theaters für Sie ein Grund dafür, dass Sie<br />

als Jugendliche aus Dresden nach Berlin<br />

und an die Schauspielschule gingen?<br />

Michelsen: Auf jeden Fall. Ich<br />

wollte eigentlich nicht Schauspielerin<br />

werden, sondern einfach ans Theater.<br />

Karriere, Ruhm, das hat mich nie<br />

interessiert und tut es bis heute nicht<br />

wirklich. Aber ich wollte dabei sein, wo<br />

Kunst zum politischen Sprachrohr wird<br />

und in einen Dialog mit den Leuten<br />

tritt. Es ging um die Inhalte, um die<br />

Geschichten, die man erzählen, um die<br />

Leute, die man damit erreichen konnte.<br />

Dann ’89 der Mauerfall, damit war<br />

plötzlich dieser Antrieb weg, über den<br />

sich das Theater oder Kunst definierte.<br />

Alles musste sich neu sortieren. Freie<br />

Marktwirtschaft, das hatte ja keiner gelernt.<br />

Viele Menschen, die damit nicht<br />

klarkamen, hat es damals das Leben gekostet.<br />

Ich war ’89 Anfang 20 und bereit<br />

SEPTEMBER 2022


CLAUDIA MICHELSEN 53<br />

CLAUDIA MICHELSEN IM WINTER 1973 IN DRESDEN.<br />

„Ich bin in einem Land aufgewachsen,<br />

in dem aus Mangel Kreativität entstand.<br />

Kunst und Theater hatten eine andere<br />

Funktion als heute.“<br />

aufzubrechen in die weite Welt, eine<br />

Glücksgeneration.<br />

MAX: Für viele war Berlin nach dem<br />

Mauerfall der spannendste Ort der Welt,<br />

doch Sie mochten die Stadt plötzlich nicht<br />

mehr. Warum nicht?<br />

Michelsen: Eben weil so viele Leute<br />

in meinem Umfeld so orientierungslos<br />

waren, glaube ich. Am Theater wusste<br />

niemand mehr, was er machen sollte.<br />

Wir haben plötzlich an der Volksbühne<br />

eine Komödie auf die Bühne gebracht,<br />

nach dem Motto „wir machen jetzt Unterhaltung“.<br />

Dabei war so etwas vorher<br />

nie Thema. Hat dann auch überhaupt<br />

nicht funktioniert. Alle mussten schauen,<br />

wo sie bleiben. Dadurch entstand<br />

eine merkwürdige Form von Ellenbogengesellschaft,<br />

was es so vorher nicht<br />

gab. Jeder war auf der Suche, glücklich<br />

zwar ob der neuen Freiheit aber auch<br />

überfordert.<br />

MAX: Ihr Sehnsuchtsort damals war<br />

zunächst Paris, nicht wahr?<br />

Michelsen: Schon immer, schon<br />

als junges Mädchen war Paris Sehnsuchtsort.<br />

Auch weil ich das Kino der<br />

Sechziger so liebe. Später habe ich dann<br />

natürlich Simone de Beauvoir und<br />

Sartre gelesen und wollte am liebsten<br />

in das Paris der Fünfziger. Der Traum<br />

von Paris war so groß, dass ich dann<br />

nach dem Fall der Mauer erst einmal<br />

vier Jahre lang nicht hingefahren bin,<br />

vor lauter Ohnmacht.<br />

MAX: Tatsächlich?<br />

Michelsen: Ja, ich bin zwar durchaus<br />

gereist, aber nicht nach Paris. Da<br />

hatten sich solche Erwartungen und<br />

Klischeebilder aufgebaut, dass ich dachte,<br />

ich könne da nur mit einem Mann<br />

hinfahren, und verliebt müsste ich sein,<br />

mit allem Drum und Dran. Irgendwann<br />

hat’s mir dann gereicht, und ich habe<br />

mich allein einfach in meinen alten, sehr<br />

klapprigen Golf gesetzt und bin nach<br />

Paris gefahren. Als der Golf und ich es<br />

dann tatsächlich geschafft hatten, bin<br />

ich erst mal zehn Stunden gelaufen und<br />

gelaufen und gelaufen.<br />

MAX: Dachten Sie darüber nach, dort<br />

noch einmal neu anzufangen?<br />

Michelsen: Ja, ich wollte das ganz<br />

unbedingt. Ich hatte das Glück für einen<br />

Film von Jean-Luc Godard gearbeitet<br />

zu haben (den Film „Deutschland Neu(n)<br />

Null“, Anm. der Redaktion), und ich<br />

hatte schnell ein Angebot einer Pariser<br />

Agentur. Es wäre sicherlich die richtige<br />

Entscheidung für die „Karriere“ gewesen,<br />

aber die Liebe wollte, dass es<br />

anders kommt. Dass ich letztlich nicht<br />

nach Paris gegangen bin, hatte dann<br />

damit zu tun, dass ich meinen ersten<br />

Mann kennengelernt habe.<br />

MAX: Mit dem sind Sie dann stattdessen<br />

nach Los Angeles gezogen.<br />

Michelsen: Nein, er lebte bereits<br />

dort. Und ich wollte eigentlich nicht<br />

nach Amerika, aber dann war ich mit<br />

Mitte 20 plötzlich doch auf einem anderen<br />

Kontinent. Das war letztlich sehr<br />

heilsam und eine wirklich gute Zeit.<br />

Ich war fast die gesamte Clinton-Ära<br />

über da, das Land war im Aufbruch,<br />

eine gute Zeit für viele.<br />

SEPTEMBER 2022


Vorbild 54<br />

SEPTEMBER 2022


CLAUDIA MICHELSEN 55<br />

1984 AUF DEM WEG ZUR OSTSEE,<br />

EIN JAHR BEVOR SIE AN DIE SCHAUSPIELSCHULE GING.<br />

MAX: Trotzdem sagen Sie, Sie seien an der<br />

Zeit in Los Angeles gewachsen?<br />

Michelsen: Auf jeden Fall. Ich<br />

würde jedem jungen Menschen immer<br />

raten, das Gewohnte zu verlassen.<br />

Selbst wenn man irgendwann zurückkommt,<br />

ist der Rucksack danach etwas<br />

voller als vorher.<br />

MAX: Der kurze Gedanke, es könnte<br />

vorbei sein mit der Schauspielerei – hat<br />

der Ihnen Angst gemacht?<br />

Michelsen: Nein, damit hätte<br />

ich mich anfreunden können. Die<br />

Schauspielerei ist nicht mein Leben.<br />

Ich mache das wirklich sehr gern und<br />

bin irre glücklich und dankbar, wenn<br />

ich mit großartigen Leuten gute<br />

Geschichten erzählen darf. Aber wenn<br />

das alles irgendwann nicht mehr so<br />

funktionieren sollte, dann mache ich<br />

halt etwas anderes. Billy Wilder hat<br />

mal gesagt, „It’s just another movie“.<br />

Und irgendwie ist da ja auch was dran,<br />

an der Vergänglichkeit. Aber trotzdem<br />

liebe ich sehr, was ich tue, meistens<br />

jedenfalls.<br />

MAX: In welchem Sinne war das heilsam?<br />

Michelsen: Bis dahin war meine<br />

Welt, mein Universum „Theater“ gewesen.<br />

Ich war ja sehr jung, als ich<br />

an die Schauspielschule nach Berlin<br />

ging, ich kannte kaum etwas anderes.<br />

Dann Engagements an der Volksbühne,<br />

Schaubühne, am Deutschen Theater –<br />

ich hatte wirklich großes Glück und<br />

möchte das nicht missen. Aber dann<br />

kam ich nach Los Angeles, und da<br />

interessierte sich kein Mensch für die<br />

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.<br />

Mein altes Universum spielte keine<br />

Rolle mehr. Stattdessen befand ich mich<br />

in einem Land, wo alle irre freundlich<br />

und leicht waren. Ich habe das als sehr<br />

heilsam empfunden und bin dort wirklich<br />

auf ganz neue Weise gewachsen und<br />

ein Stück mehr zu mir gekommen. Auch<br />

weil ich eigentlich dachte, dass mein<br />

Beruf nun zu Ende ist.<br />

MAX: Dort beruflich Fuß fassen<br />

wollten Sie nicht?<br />

Michelsen: Anfangs sprach ich kein<br />

Englisch, das musste ich erst einmal<br />

lernen. Und dann war der Plan durchaus,<br />

vielleicht dort zu arbeiten, wenn<br />

es sich ergibt. Ich war sogar eine Zeit<br />

lang bei einer großen Agentur unter<br />

Vertrag. Aber ich hatte gerade meine<br />

erste Tochter bekommen, sie war ein<br />

halbes Jahr alt, und ich fand mich plötzlich<br />

nur noch im Auto wieder, um von<br />

einem Casting zum nächsten zu fahren.<br />

Irgendwann habe ich das wieder sein<br />

lassen, weil ich die Zeit mit meiner Tochter<br />

nicht versäumen wollte. Karriere<br />

war nicht der Fokus.<br />

MAX: Dann sind Sie gar nicht ehrgeizig?<br />

Michelsen: Nicht mit Blick auf<br />

meine Karriere jedenfalls. Bezogen<br />

auf ein bestimmtes Projekt geht es mir<br />

schon darum, dass die Sache so gut<br />

wie möglich wird. Was ich nur schwer<br />

ertragen kann, ist Beliebigkeit, zumal<br />

bei Menschen, mit denen ich arbeite.<br />

Wenn die Neugier verloren geht und das<br />

Interesse, mal etwas Anderes, Neues zu<br />

erzählen, das finde ich schrecklich.<br />

MAX: Sind Sie dafür zu sehr<br />

Perfektionistin?<br />

Michelsen: Nein, mit Perfektionismus<br />

hat das nichts zu tun. Wir stellen<br />

uns im besten Fall in den Dienst einer<br />

Geschichte, eines Autors, einer Figur.<br />

Und wenn ich da das Gefühl habe, dass<br />

das Potenzial nicht ausgeschöpft wird,<br />

nicht alles erzählt wird, was es braucht,<br />

dann macht mich das nervös, ja.<br />

SEPTEMBER 2022


Vorbild 56<br />

1973 IN DRESDEN.<br />

MAX: Werden Sie dann zur Kämpferin<br />

für die Kunst?<br />

Michelsen: Ich hoffe, dass ich<br />

das immer bin. Und ich hoffe, dass nie<br />

Bequemlichkeit und Beliebigkeit übernehmen<br />

werden. Früher bin ich sicherlich<br />

schneller gegen Wände gelaufen<br />

damit, weil ich das war, was man bei<br />

Männern meinungsstark und bei Frauen<br />

dann schnell kompliziert nennt. Aber<br />

inzwischen kann ich manche Dinge anders<br />

tolerieren oder sagen wir, diplomatischer<br />

agieren, vielleicht ist das schon<br />

ein Hauch von Altersmilde? Natürlich<br />

suche ich immer noch den Dialog,<br />

fordernd, aber liebevoll. Und solange<br />

uns die Neugier miteinander und aufeinander<br />

erhalten bleibt, ist alles gut.<br />

MAX: Von der vermeintlichen Altersmilde<br />

noch mal zurück in die Jugend und zu<br />

den Fotos, die Sie mitgebracht haben.<br />

Auf zweien davon sind Sie mit einer<br />

Kamera zu sehen, einmal als kleines Kind<br />

und einmal als Jugendliche …<br />

Michelsen: Fotografie hat mich<br />

tatsächlich schon immer interessiert.<br />

Das festgehaltene Bild, der Moment.<br />

Bilder als Komposition, die Kamera als<br />

Geschichtenerzähler. Eine Ebene, die<br />

für mich beim Filmemachen enorm<br />

wichtig ist. Es gibt das Geschriebene,<br />

das Gesprochene, das Gefühlte und<br />

nun die Entscheidung, was das Kameraauge,<br />

also auch das Publikum sehen<br />

darf oder soll. Die Kamera ist für mich<br />

seit jeher ein enorm wichtiger Partner<br />

bei der Arbeit, fast wie eine Liebesbeziehung.<br />

Das Auge, mit dem man<br />

immer in Verbindung steht. Aber Fotografie<br />

hat sich verändert, weil jeder<br />

zu jedem Zeitpunkt alles und jedes<br />

Ding fotografieren und diese Massenproduktion<br />

ins mediale Universum<br />

Produktion: Josephine Kaatz; Fotografie und<br />

Locationsscouting: Rafaela Pröll; Styling: Jan Pokorný,<br />

Haare/Make Up: Rebecca Schmitz / Nina Klein;<br />

Artist Management: Katy Steinfeld / Steinfeld PR<br />

und Management. Vielen Dank an das Team<br />

vom Babylon Berlin Kino für ihre Unterstützung sowie einen<br />

großen Dank an <strong>Max</strong> Mara, COS und Zalando.<br />

schleudern kann. Unendlich viele<br />

Momentaufnahmen, die meiner Meinung<br />

nach leider nur selten noch<br />

wirklich eine Bedeutung haben.<br />

Ent wertet durch Inflation. Auch verwundert<br />

es mich immer wieder, wie<br />

normal es doch geworden ist, dass man<br />

sich heutzutage in jeglicher Lebenslage<br />

„selbst“ fotografiert. Irre, wie schnell<br />

das alles ging, was macht das mit dem<br />

Selbstwertgefühl, würde mich echt<br />

interessieren. Ist denn nicht der Blick<br />

nach außen viel spannender als der auf<br />

sich selbst? Nun ja. Wahrscheinlich<br />

braucht es auch diese Phase.<br />

SEPTEMBER 2022


CLAUDIA MICHELSEN 55<br />

„Jeder kann zu jedem Zeitpunkt alles<br />

und jedes Ding fotografieren und ins<br />

mediale Universum schleudern.<br />

Unendlich viele Momentaufnahmen, die<br />

leider nur noch selten eine Bedeutung<br />

haben. Entwertet durch Inflation.“<br />

MAX: Wissen Sie noch, wann diese beiden<br />

alten Fotos von Ihnen entstanden sind?<br />

Michelsen: Auf dem älteren müsste<br />

ich im Garten meiner Großeltern sein,<br />

außerhalb von Dresden. Mein Großvater<br />

hatte mehrere Kameras, mit denen<br />

haben wir oft Fotos gemacht, natürlich<br />

noch auf Film. Später hatte dann Jürgen<br />

Michelsen, mein Adoptivvater, eine<br />

Dunkelkammer, in welcher wir viel mit<br />

Fotografie experimentiert und die<br />

Fotos selbst entwickelt haben. Wie eben<br />

das zweite Foto auch, entstanden an<br />

der Ostsee. Zwei Momentaufnahmen,<br />

die bleiben.<br />

1975 EINSCHULUNG IN DRESDEN.<br />

MAX: Frau Michelsen, wir danken für<br />

dieses Gespräch!<br />

SEPTEMBER 2022


Wendung<br />

58


ELEKTRISCH FAHREN 59<br />

TEXT WILLY LODERHOSE<br />

Strom<br />

SEPTEMBER JUNI 2022 2022


Fiat 500e Cabrio – hier die Sonderversion<br />

Wendung<br />

„la Prima“ mit einem Audiosystem, das der italienische<br />

Meistertenor Andrea Bocelli verfeinert hat.<br />

60<br />

Aufbruchstimmung? Gestern war Pandemie,<br />

heute ist Krieg, morgen mangelt<br />

es an Energie – ist das der richtige Zeitpunkt,<br />

um den Fuhrpark elektrisch aufzurüsten?<br />

Die staatlichen Subventionen für<br />

Elektroautos werden schon bald weniger,<br />

die für die unsäglichen Plug-in-Hybride<br />

werden gleich ganz gestrichen, weil kaum<br />

einer die Dinger richtig auflädt. Immerhin:<br />

Der Ausbau der Lade-Infrastruktur<br />

im Land läuft auf Hochtouren, in den<br />

Ballungszentren gibt es immer mehr Ladesäulen,<br />

und an den großen Verkehrsadern<br />

der Republik gibt es immer mehr<br />

HPCs, High Power Charger, die den Ladevorgang<br />

weiter verkürzen, erst recht,<br />

wenn man mit der aktuellen Generation<br />

von E-Mobilen vorfährt. Die sollte es aber<br />

schon sein, denn mit einem fünf Jahre alten<br />

Smart eDrive oder BMW i3, immer<br />

noch gute Autos übrigens, deren kleine<br />

Akkus noch fast so funktionieren wie am<br />

ersten Tag, kommen Sie halt nicht so weit,<br />

wenigstens wenn das eine Ihrer Anforderungen<br />

sein sollte.<br />

Und wenn Sie jetzt zuschlagen<br />

möchten – welches Elektroauto sollte<br />

es sein? Das hängt natürlich in erster<br />

Linie vom Nutzungsverhalten ab, dann<br />

vom Budget und – das sagt Ihnen aus<br />

der Wirtschaft kaum jemand – von Ihrer<br />

Bereitschaft, ernsthaft nachhaltig mobil<br />

zu sein. Das bedeutet, das Fahrzeug, das<br />

Sie jetzt kaufen, auch für einen langen<br />

Zeitraum, sagen wir sieben bis zehn Jahre,<br />

zu behalten und sich nicht darum zu<br />

kümmern, dass es irgendwann vielleicht<br />

„noch nachhaltigere“ Autos gibt, mit<br />

leichteren Batterien oder längerer theoretischer<br />

Reichweite. Verabschieden Sie<br />

sich vom gestrigen Denken der Art: alle<br />

zwei Jahre das Neueste!<br />

Denn Fakt ist: Heute ist die Produktion<br />

der meisten Automobile noch immer<br />

eine Umweltsünde, und Sie müssen lange<br />

emissionslos fahren, um Ihr Umweltgewissen<br />

hier zu beruhigen – wenn Sie<br />

ein tonnenschweres Luxus- oder Sportfahrzeug<br />

elektrisch bewegen, erst recht.<br />

Aber wenn Sie das tun, ist die Auswahl<br />

schon recht groß. Aber welches sind nun<br />

die besten E-Autos, die Sie heute kaufen<br />

können, und warum?<br />

DER BESTE<br />

E-KLEINWAGEN:<br />

Fiat 500<br />

Gleich vorweg: Im „Kleinwagen-Segment“,<br />

wie der Autojournalist das nennt,<br />

ist die Auswahl derzeit noch erschreckend<br />

gering, denn klassischerweise<br />

sind die Gewinnmargen der Hersteller<br />

für das einzelne Fahrzeug zu gering, um<br />

die Investitionen in die teuren neuen<br />

Technologien amortisieren zu können.<br />

Außerdem müsste man bei preiswerten<br />

Kleinwagen große Mengen günstig fertigen,<br />

und hier fehlen einfach noch a)<br />

die Produktionskapazitäten und b) die<br />

Rohstoffe für die Akkus, die ebenso wie<br />

die Chips der Batteriemanagement- und<br />

Steuersysteme vielerorts noch immer<br />

teuere Mangelware sind. Der schönste<br />

Silberstreifen an diesem Horizont ist<br />

SEPTEMBER 2022


ELEKTRISCH FAHREN 61<br />

Renault Zoe – der Frontlader.<br />

„Umwerfend,<br />

charismatisch und mit<br />

der Fähigkeit,<br />

Veränderungen herbeizuführen:<br />

Der neue Fiat 500<br />

tritt an, ein Objekt<br />

der Begierde nach<br />

emissionsfreier Mobilität<br />

im Stil der legendären<br />

Dolce Vita zu werden.“<br />

Honda e – wunderschönes Retrodesign<br />

zum stolzen Preis.<br />

OLIVIER FRANÇOIS,<br />

Präsident Fiat Brand Global<br />

längst auf dem Markt, sogar als (Fast-)Cabrio, und<br />

er findet völlig zu Recht eine große Fangemeinde.<br />

Die Auto-Ikone Fiat 500 ist als Elektroauto mit einer<br />

für die meisten Zwecke ausreichenden 42-kWh-Batterie<br />

lieferbar. Diese Knutschkugel bewies in vielen<br />

Tests und Praxisstunden, dass sie das Gegenteil des<br />

früher klapprigen und rostigen Fiat-Images bietet:<br />

gute Verarbeitung, gute Fahrleistungen, Reichweiten<br />

von über 400 Kilometer und das alles zu einem<br />

unschlagbar günstigen Preis. Die Legende lebt.<br />

Ebenfalls ein ziemlich tolles Autos ist auch der<br />

Honda-E mit seinem wunderschönen Retro design,<br />

seinen acht Frontdisplays und digitalen Rückspiegeln.<br />

Leider neu zu teuer und fürs Geld zu wenig<br />

Reichweite. Günstig und gut in dieser Klasse ein<br />

weitere Klassiker: der erprobte und inzwischen verbesserte<br />

Renault Zoe.<br />

SEPTEMBER 2022


Wendung 62<br />

Volkswagen ID. 3 – das erste Elektroauto,<br />

das sowohl vom Design als auch von Fahrdaten, Reichweite<br />

und Preis her ein breites Publikum anspricht.<br />

DER BESTE<br />

E-VOLKSWAGEN:<br />

ID. 3<br />

Auch wenn es das Model 3 des Elektropioniers<br />

Tesla war, das reinen BEVs (Battery<br />

Electric Vehicle) den Sprung in den<br />

Massenmarkt ermöglichte, der derzeit<br />

beste Allrounder in diesem Segment ist<br />

ein echter Volkswagen. Der Noch-VW-<br />

Chef Herbert Diess, ein oft unbequemer<br />

Denker der Branche, hat sich bei Elon<br />

Musk einige Tricks abgeschaut und vor<br />

allem mit einem Baukastensystem, mit<br />

dem man viele Autoklassen auf einer<br />

Plattform fertigen kann, eine Basis für E-<br />

Autos geschaffen, die über ihre gesamte<br />

Wertschöpfungskette hinweg bilanziell<br />

klimaneutral sein sollen.<br />

Erstes Beispiel war der ID. 3, der<br />

jetzt schon im dritten Jahr und mit verbesserter<br />

Software (auch für die ersten<br />

Exemplare) die Benchmark setzt, sowohl<br />

für Kunden als auch für Wettbewerber.<br />

Er wurde zum würdigen Golf-Nachfolger,<br />

der im Praxisbetrieb sowohl auf der<br />

Straße als auch an der Ladesäule zeigt,<br />

wie Mobilität heute geht. Dafür müssen<br />

Sie nicht mal selbst einen kaufen:<br />

In vielen Ballungsgebieten gehören große<br />

Flotten von „WeShare“-ID. 3s längst<br />

zum Straßenbild, das Fahrzeug hat viele<br />

Fans, die tagtäglich beweisen, dass das<br />

funktioniert.<br />

Ein weiteres Brot-und-Butter-Auto<br />

dieser Größe kommt aus Korea: Der Kia<br />

E-Niro läuft dieser Tage schon in der<br />

zweiten Generation mit einer beeindruckenden<br />

Qualität, europäischem Design<br />

und bald hoffentlich auch dem Image,<br />

das ihm zusteht, vom Band. Er bietet<br />

fast 500 Kilometer Reichweite und jede<br />

Menge ansprechender Features in einem<br />

nicht billigen, dafür aber preiswerten<br />

Fahrzeug.<br />

DER BESTE<br />

SUV:<br />

Hyundai Ioniq 5<br />

Aus demselben Konzern, nämlich Hyundai,<br />

kommt auch der Ioniq 5, der mit seinen<br />

Innovationen manchem deutschen<br />

Premiumhersteller das Leben erschwert.<br />

Nur er und der Kia EV6 sind mit einer<br />

800-Volt-Ladetechnik ausgestattet – was<br />

hierzulande bislang nur der Porsche<br />

Taycan und sein schneller Bruder Audi<br />

e-tron GT schaffen. Der Ioniq 5 ist ein<br />

Škoda Enyaq iV – ein bildhübscher Strom-SUV<br />

aus dem VW-Konzern mit gehobener Ausstattung, der in<br />

mehreren Akku-Varianten lieferbar ist.<br />

supermoderner elektrischer SUV, und<br />

sein hervorstechendstes Merkmal ist<br />

zweifellos die Fähigkeit, an der Autobahn<br />

Strom für 300 bis 400 Kilometer in<br />

einer guten Viertelstunde nachzuladen.<br />

Das alte „Petrolhead“-Argument mit der<br />

miesen Reichweite zieht hier nicht mehr.<br />

Aber auch sonst ist der Ioniq 5 ein Fahrzeug<br />

aus der Zukunft: Mit seinem Cockpit,<br />

(optionalen) Solarpanels und der<br />

Möglichkeit, die Fuhre als Stromspeicher<br />

fürs Haus oder als Stromquelle für andere<br />

Verbraucher zu nutzen, ist man ganz<br />

weit vorn.<br />

Software-Updates sind, wie bei<br />

Smartphones, OTA, also „Over the Air“,<br />

möglich – hiervon sollten Sie sich jedoch<br />

noch nicht allzu viel versprechen, denn<br />

SEPTEMBER 2022


ELEKTRISCH FAHREN 63<br />

Kia e-Niro Generation 2 –<br />

die Koreaner haben inzwischen<br />

sehr viel Erfahrung mit allen<br />

Facetten der E-Mobilität.<br />

Hyundai Ioniq 5 – ein Auto aus der Zukunft.<br />

Hohe Reichweite, 800 Volt-System für<br />

Blitzschnell-Laden, außergewöhnliches Design.<br />

„Der ID. 3<br />

war der Aufbruch in ein<br />

neues Zeitalter der<br />

Mobilität und der Aufbruch<br />

in das digitale<br />

Zeitalter des Designs, in dem<br />

wir mit neuesten<br />

Arbeitsweisen virtuell und<br />

teamübergreifend die<br />

bestmögliche User<br />

Experience kreieren wollen.“<br />

KLAUS BISCHOFF,<br />

Leiter Volkswagen Konzern Design<br />

das betrifft derzeit vor allem Infotainment-Features<br />

und Navi-Kartenmaterial.<br />

Da wir uns hier in der Klasse der<br />

SUVs bewegen, dem Boom-Segment<br />

schlechthin, in dem die Margen für die<br />

Hersteller traditionell hoch sind, gibt<br />

es Konkurrenz, und die ist auch nicht<br />

schlecht. Dem zuvor erwähnten Elektro-<br />

Baukasten von VW entspringen zum Beispiel<br />

der souveräne ID. 4 und sein Konzernbruder<br />

Škoda Enyaq iV, die beide in<br />

Tests manches amerikanische, chinesische<br />

oder japanische Elektroauto hinter<br />

sich ließen. Komfort, Reichweite, Wartungsfähigkeit,<br />

Fahrverhalten, Stromverbrauch<br />

und am Ende der Preis – die<br />

Weitsicht der VW-Visionäre macht sich<br />

hier bezahlt.<br />

Volkswagen ID.Buzz – der schönste<br />

elektrische Kleinbus und die Wiederauferstehung einer Legende.<br />

Außer Konkurrenz in diesem Vergleich.<br />

SEPTEMBER 2022


Wendung 64<br />

DER BESTE<br />

E-SPORTWAGEN:<br />

Porsche Taycan<br />

Wie man State-of-the-art-Sportwagen<br />

baut, wissen die Ingenieure der Marke<br />

seit Jahrzehnten, mit Innovationen und<br />

Emotionen spielen sie gekonnt – Porsche<br />

ist für viele „die“ Inkarnation des Sportwagens.<br />

Doch eine solche Aura ins Zeitalter<br />

der Elektromobilität mitzunehmen,<br />

hielt selbst Firmenlegende Walter Röhrl,<br />

der beste Rallyefahrer aller Zeiten, lange<br />

für unmöglich. Seitdem er den vollelektrische<br />

Taycan fuhr, sieht er es differenzierter,<br />

denn dieses Auto kann (fast)<br />

alles, was die besten Benziner auch können,<br />

manches sogar besser. Man könnte<br />

jetzt fragen, warum man mit einem Auto<br />

gut driften können sollte, aber das ist<br />

die falsche Frage. Fest steht: Im Portfolio<br />

für den Taycan gibt es garantiert ein<br />

Modell, mit dem jeder Porsche-Fan auch<br />

elektrisch glücklich wird. Und selbst<br />

wer lange Strecken gern schnell fährt,<br />

wird fündig, denn das Laden mit dem<br />

800-Volt-System flutscht. Solange es keinen<br />

Elektro-Elfer gibt, gibt es in dieser<br />

Klasse keine Konkurrenz für den Taycan.<br />

Wobei: Sein Konzern-Buddy Audi e-tron<br />

GT, antriebsmäßig fast gleich ausgestattet<br />

und nur etwas anders abgestimmt,<br />

könnte ebenfalls eine gute Wahl sein,<br />

und in der RS-Ausführung mit 646 PS<br />

ab 140 000 Euro kann man damit am<br />

Wochenende auf der Nürburgring-Nordschleife<br />

mal einen Satz Reifen für 6000<br />

Euro verheizen.<br />

Übrigens: Fast genau so viele PS<br />

(585), aber nur halb so viele Gänge (nämlich<br />

einen) hat der Kia EV6 GT, das zwar<br />

Porsche Taycan – der beste Sportwagen ist<br />

immer ein Porsche, auch wenn er rein elektrisch fährt:<br />

Emotionen und Leistung pur.<br />

übermotorisierte, aber hochinnovative<br />

Sportmodell der EV6-Reihe, das in<br />

3,4 Sekunden von null auf hundert sprintet.<br />

Der gelbe GT-Knopf hat’s in sich!<br />

DIE BESTE<br />

E-MITTELKLASSE:<br />

BMW i4<br />

Seit Jahrzehnten kommen die besten Mittelklasse-Pkws<br />

aus München, „Dreier“<br />

und „Fünfer“ wurden zum Synonym für<br />

Limousinenqualität.<br />

Als sich die automobile Zeitenwende<br />

abzeichnete, waren die Weiß-Blauen<br />

früh am Start: Der kompakte i3 war eine<br />

komplette E-Neukonstruktion, bestand<br />

aus recyceltem Material und hatte einen<br />

Anspruch, bei dem die raue wirtschaftliche<br />

Wirklichkeit nicht mitkam. Er war<br />

seiner Zeit zu weit voraus und polarisierte<br />

zu stark.<br />

All die Erfahrung jedoch, die in<br />

ihm steckt, kulminiert nun in BMWs so<br />

wichtiger Businessklasse der Elektromobilität,<br />

nämlich im i4, dem neuen<br />

„Vierer“ – der mit wunderschöner Linienführung<br />

vollelektrisch, teilautonom mit<br />

modernsten Assistenzsystemen und einem<br />

großen Akku für enorme Reichweiten<br />

bei Reisetempo vorfährt. Das Auto<br />

ist zudem bärenstark, wer will und kann,<br />

mobilisiert bis zu 544 PS und ordert eine<br />

elektrische Anhängerkupplung, die bis<br />

zu 1,6 Tonnen, also locker einen Wohnwagen,<br />

ein Pferd oder ein Boot zieht. Er<br />

SEPTEMBER 2022


ELEKTRISCH FAHREN 65<br />

Audi E-tron GT – Kraft ohne Ende, dabei<br />

noch immer eine grazile Schönheit.<br />

„Unsere konsequente<br />

Strategie ist, in<br />

jedem Segment das<br />

sportlichste Fahrzeug anzubieten.<br />

Das drückt sich<br />

beim Design in den<br />

Proportionen aus, also einem<br />

dramatischeren Breiten-<br />

Höhen-Verhältnis.<br />

Ich wage zu behaupten, dass<br />

wir die Architektur rein<br />

elektrisch betriebener<br />

Fahrzeuge ein Stück weit neu<br />

definiert haben.“<br />

MICHAEL MAUER,<br />

Leiter Style, Porsche<br />

BMW i4 – der Vierer hat das Zeug zum<br />

schönsten und besten Mittelklasse-Coupé mit rein<br />

elektrischem Antrieb.<br />

ist ein wahres „Gran Coupé“, in dem man<br />

gut und gern mit der ganzen Familie<br />

reist, jedenfalls wenn die Kinder auf den<br />

Rücksitzen noch nicht 1,90 Meter groß<br />

sind. Elektroautos sind leise – dieses ist<br />

besonders leise und damit eindeutig ein<br />

Statement für Understatement.<br />

Wer sich in diesem Autosegment<br />

umsieht, kommt auch um das Tesla Model<br />

3 nicht herum – jenes Auto, das den<br />

Erfolg und den Reichtum von Visionär<br />

Elon Musk beflügelte und der Elektromobilität<br />

insgesamt einen gehörigen<br />

Push ermöglichte. Es ist irgendwie anders,<br />

und damit ein tolles Auto. Man<br />

muss aber hoffen, das Musk sich angesichts<br />

zahlreicher weiterer Aktivitäten<br />

nicht verzettelt.<br />

SEPTEMBER 2022


Wendung ELEKTRISCH FAHREN 66<br />

Mercedes-Benz EQS – das Maß aller<br />

Dinge im elektrischen Luxussegment.<br />

Aussehen, Leistung, Innovationen – von allem<br />

gibt es mehr als genug.<br />

DER BESTE<br />

E-LUXUSWAGEN:<br />

Mercedes EQS<br />

„Der Luxus der<br />

Zukunft wird anders sein<br />

als heute. Er wird<br />

verantwortungsvoller sein.<br />

Er wird nachhaltiger<br />

sein. Und er wird immer noch<br />

schön bleiben.<br />

Beim EQS geht es um das<br />

markante Gesicht<br />

unserer Marke und um ein<br />

kraftvolles Aussehen,<br />

das mit seiner Aerodynamik<br />

den Treibhauseffekt<br />

reduziert.“<br />

GORDEN WAGENER,<br />

Chief Design Officer, Mercedes-Benz Group<br />

Zu Recht wurde Mercedes jahrelang gescholten,<br />

die Entwicklung hin zum Elektroauto<br />

verschlafen zu haben. Allein<br />

deren frühere Beteiligung an Tesla wäre<br />

heute fast so viel wert wie der ganze Konzern,<br />

hätte man sie einst nicht weiterverkauft.<br />

Doch der Schuster blieb bei seinen<br />

Leisten und konzentrierte sich auf das<br />

Luxussegment im Automobilbau. Das<br />

zahlt sich jetzt endlich aus, denn der<br />

Mercedes EQS, die neue, elektrische S-<br />

Klasse, unterstreicht eindrucksvoll, wer<br />

in diesem prestigeträchtigen Segment<br />

die Innovationsführerschaft nach wie<br />

vor innehat. Der EQS ist das bislang unangefochtene<br />

Nonplusultra bei den E-<br />

Autos. Besser geht es derzeit nicht, und<br />

wir können und möchten Ihnen in dieser<br />

Klasse auch weder einen Rolls-Royce,<br />

Bentley oder sonst ein Fahrzeug empfehlen.<br />

In Vollausstattung mit dem futuristischen<br />

MBUX-Cockpit, das fast die<br />

Breite des Fahrzeugs einnimmt und trotz<br />

aller Möglichkeiten erstaunlich intuitiv<br />

und einfach bedienbar ist, ist der EQS<br />

konkurrenzlos. Dort, wo andere Firmen<br />

mit großen Volt-Zahlen beim Laden auftrumpfen,<br />

bietet Mercedes dank seiner<br />

formschönen Windschnittigkeit und<br />

eines perfekt abgestimmten Batteriemanagements<br />

Reichweiten von bis zu 600<br />

und mehr Kilometern – eine Viertelstunde<br />

Pause bringt dann am Schnelllader<br />

weitere 300 Kilometer.<br />

Wie immer, wenn eine neue S-Klasse<br />

den Markt erreicht, sendet auch der EQS<br />

das Signal aus: Eines Tages werden alle<br />

Elektroautos viele dieser Features haben<br />

und das vielleicht sogar zu einem etwas<br />

günstigeren Preis.<br />

SEPTEMBER 2022


LOUNGE<br />

Wir wollen nach oben! Mit neuen<br />

Ausstellungen, Produkten für einen nachhaltigen<br />

und entspannten Lebensstil und Gadgets, die<br />

uns einfach Spaß machen.<br />

Mit gutem<br />

Geschmack in bester<br />

Gesellschaft<br />

SEPTEMBER 2022


Wendung<br />

68<br />

Freund &<br />

Helfer?<br />

DIE ERSTE 3-D-GEDRUCKTE STAHLBRÜCKE FÜR DAS HISTORI­<br />

SCHE ZENTRUM VON AMSTERDAM NACH DEN ENTWÜRFEN DES<br />

NIEDERLÄNDISCHEN DESIGNERS JORIS LAARMAN.<br />

Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein sind die Roboter<br />

aufmarschiert. Losgelöst von reiner Objektkunde, geht es hier<br />

aber um ihre gesellschaftliche Ambivalenz. Denn obwohl KI in<br />

keinster Weise mehr aus dem Alltag wegzudenken ist, changieren<br />

doch die Meinungen zwischen der Hoffnung auf Hightech-<br />

Lösungen, die uns ein paradiesisches Leben versprechen, und der<br />

Angst vor einer kompletten Entmündigung des Menschen. Die<br />

gezeigten 200 Exponate aus Industrie und Lifestyle machen deutlich,<br />

wie sehr unser gesamtes Leben schon heute von Robotern<br />

durchdrungen ist. Aber auch, wie stark politische Interessen –<br />

etwa Wahlen, Diversitäts- oder Klimawandel-Debatten – durch<br />

Algorithmen gesteuert werden können. Deshalb greift die Ausstellung<br />

die ethischen, sozialen und politischen Fragen auf, die<br />

mit dem wachsenden Einfluss der Robotik verbunden sind. Eine<br />

Ausstellung die gelungen reflektiert – denn wir sind im Science-<br />

Fiction längst angekommen. Nur wo ist eigentlich R2-D2?<br />

„Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine“<br />

24. September ’22 bis 5. März ’23<br />

DIE ARCHITEKTEN HÖWELER + YOON HABEN<br />

EIN GEBÄUDE MIT MODULEN BEDECKT, IN<br />

DENEN ALGEN FÜR BIOKRAFTSTOFF WACHSEN.<br />

DAS „LIFT-BIT“-DESIGN VON CARLO<br />

RATTI ASSOCIATI SOLL SICH MENSCH LICHEN<br />

BEDÜRFNISSEN ANPASSEN.<br />

DER SPIDER DRESS 2.0<br />

VON ANOUK WIPPRECHT<br />

NIMMT DIE BIOLOGISCHEN<br />

SIGNALE DES KÖRPERS<br />

AUF. BEI BEDROHUNG<br />

WERDEN DIE ARME<br />

ALS VERTEIDIGUNGS­<br />

MECHANISMUS AKTIVIERT.<br />

SEPTEMBER 2022


MAX LOUNGE<br />

69<br />

Ganz<br />

neue Töne<br />

Jetzt ist Vorstellungskraft gefragt:<br />

Schwarzkopf Professional hat gemeinsam<br />

mit den britischen Kreativen von<br />

Theunseen Beauty der Natur etwas<br />

abgeguckt: Der Haarfarbe „Colour<br />

Alchemy“ gelingt es durch eine Kristallformel,<br />

die Haare – je nach Temperatureinfluss<br />

– unterschiedlich schillern<br />

zu lassen. Dabei lässt sich unter fünf<br />

verschiedenen Farbvarianten wählen. So<br />

legt sich „Scarab“ unsichtbar ums Haar<br />

und bietet schimmerndes Solarorange,<br />

Jasmingrün und Lapis-Blau, während<br />

„Phoenix“ bernsteinrot färbt und in<br />

verbranntem Orange, Blütenstaubgelb<br />

und Ultraviolett changiert.<br />

schwarzkopf-professional.com<br />

Design –––<br />

Titan<br />

Zum 50. Jubiläum von Porsche Design lässt<br />

ein 3-D-Druckprozess made in Germany<br />

Titan pulver zu einem Brillengestell werden.<br />

Das formvollendete Modell 50Y Iconic 3D<br />

ist auf lässige 911 Stück limitiert.<br />

Ca. 1190 €, porsche-design.com<br />

Wärmstens<br />

empfohlen<br />

Der nächste Winter könnte kalt werden.<br />

Für Wärmendes lässt das Performance-<br />

Label Canada Goose keine Wünsche offen.<br />

So gibt es neben Klassikern wie Daunenjacken<br />

auch innovative „Cypress Puffer Boots“.<br />

Die wasserabweisenden Stiefel sind nicht<br />

nur echte Leichtgewichte, sondern ihnen<br />

gelingt es nachweislich, Temperaturen von<br />

bis zu –15° C außen vor zu halten.<br />

Ca. 495 €, canadagoose.com<br />

Flaschenpost<br />

Inspiriert von frischer Küsten -<br />

atmosphäre, verströmt der Duft<br />

„XX Artisan Teal“ Noten von Zitrone,<br />

Treibholz und Meersalz. Immer gut!<br />

Ab 73 €, johnvarvatos.com<br />

SEPTEMBER 2022


Wendung<br />

70<br />

Farm to<br />

table<br />

Gut behütet<br />

Die Hutmanufaktur<br />

Mayser aus Ulm stellt seit<br />

1800 erfolgreich Kopfbedeckungen<br />

her. Wie den<br />

Buckethat aus braunem Cord.<br />

Ca. 80 €, mayserhats.com<br />

Eine wirklich imposante Gastlichkeit<br />

kann man inmitten<br />

des spanischen Douro-Tals in<br />

einem ehe maligen Prämonstratenserkloster<br />

aus dem<br />

12. Jahrhundert erleben. Im<br />

Speisesaal der Mönche hat<br />

man nicht nur einen Blick auf<br />

ein Abendmahl-Fresko aus<br />

dem Jahr 1670, sondern kann<br />

auch eine zukunftsweisende,<br />

gehobene und nachhaltige<br />

Küche, die mit einem grünen<br />

Michelin-Stern ausgezeichnet<br />

ist, genießen: Es wird hauptsächlich<br />

frisches Gemüse<br />

aus dem eigenen Biogarten<br />

verarbeitet.<br />

abadia-retuerta.com<br />

Der belgische Designer Dries van Noten<br />

steht nicht nur auf Mustermix: Seine<br />

Düfte „Sur ma Peau“ und „Orange<br />

Smoke“ können zusammen oder allein<br />

getragen werden. Unisex und<br />

nachfüllbar. Eau de Toilette 200 ml,<br />

je ca. 200 €, driesvannoten.com<br />

SPOTTED NEWS<br />

Die limitierte Edition „Große Freiheit“<br />

der Manufaktur Treuleben und des<br />

Urban-Art-Illustrators Sasan Pix hat dazu<br />

geführt, dass es fünf unterschiedliche<br />

Journal-Motive gibt – wie zum Beispiel<br />

„Eye of the Tiger“, die per Hand im<br />

Siebdruckverfahren auf das in Leder<br />

gebundene Notizheft gedruckt sind.<br />

Ca. 220 €, exklusiv über bethge.store<br />

SEPTEMBER 2022


MAX LOUNGE<br />

71<br />

Marco Lanowy<br />

Die Heftstruktur von MAX basiert als erste Zeitschrift auf der „Heldenreise“<br />

des Mythenforschers John Campbell. Passend zu unseren Stichworten gab uns der<br />

Modeunternehmer Antworten aus reicher Lebenserfahrung.<br />

AUFbruch<br />

Aufbruch verbinde ich mit Dynamik,<br />

etwas bewusst in Bewegung zu setzen,<br />

voranzutreiben. Das Gegenteil von<br />

Stillstand. Mich treibt es an, Neues zu<br />

sehen, zu entwickeln und auch Neues<br />

oder Unerwartetes zu denken. Alles,<br />

was abseits ausgetretener Pfade stattfindet,<br />

liebe ich.<br />

VITA<br />

Der Rheinländer Marco Lanowy<br />

ist ein passionierter Biker und<br />

seit 2005 in der Geschäftsleitung<br />

des Mönchengladbacher<br />

Familienunternehmens Alberto,<br />

das in diesem Jahr sein hundertjähriges<br />

Jubiläum feiert.<br />

VORbild<br />

Ich hatte nie ein einziges Vorbild.<br />

Allerdings schätze ich die Generation<br />

vor mir und die Werte, die transportiert<br />

werden. Und auch ich wiederum<br />

möchte ein Vorbild für die nächste<br />

Generation sein, für meine Kinder,<br />

aber auch ganz alltäglich für meine<br />

Familie und mein Umfeld.<br />

WENdung<br />

Aus jeder Wendung ergibt sich ein<br />

Richtungs- und somit ein Perspektivwechsel.<br />

Ich mag es, Dinge ganz bewusst<br />

aus einer anderen Sicht zu sehen.<br />

Tatsächlich fällt es mir leicht, über<br />

den Tellerrand hinauszublicken und<br />

den Blick nach vorn zu richten.<br />

Was als kleine Näherei<br />

begonnen hat, ist zu einem<br />

internationalen Hosenlabel<br />

geworden: Alberto bei<br />

Oberpollinger in München.<br />

VERänderung<br />

Jeder Lebenszyklus beinhaltet den Wandel.<br />

Je mehr wir wissen, umso mehr nehmen<br />

wir Veränderung wahr. Das hat viel<br />

mit Erkennen und Erfahrung zu tun.<br />

Aktiv verändern kann ich, was ich<br />

mir bewusst mache.<br />

HERAUSforderung<br />

Einerseits ist das mein Daily Business als<br />

Geschäftsführer von Alberto mit der Verantwortung<br />

für unser Team, die Händler<br />

und Produzenten. Die größte und gleichzeitig<br />

schönste Herausforderung ist es<br />

jedoch bis heute für mich, Vater zu sein.<br />

TRIumph<br />

Der Begriff hat für mich etwas Monumentales,<br />

etwas Kriegerisches. Damit kann<br />

ich nicht viel anfangen. Ich bin ein überzeugter<br />

Teamplayer, wobei ich jederzeit<br />

gerne Verantwortung übernehme.<br />

Teamleistung steht für mich über allem,<br />

privat wie geschäftlich.<br />

Immer in Bewegung und<br />

den Blick nach vorn – auch<br />

im Jubiläumsjahr – mit<br />

innovativen Partnern, wie der<br />

Bike-Manufaktur Urwahn.<br />

Alberto ist flexibel und ein<br />

wandlungsfähiges Unternehmen:<br />

Vor fast 20 Jahren<br />

wurde die Golflinie erfolgreich<br />

etabliert.<br />

SEPTEMBER 2022


Wendung<br />

72<br />

MACH<br />

mal langsam<br />

Wenn es um gesundes Wachstum geht,<br />

sollte die ganze Welt zwingend von der<br />

Weinwelt lernen. Es gibt mit Sicherheit<br />

keine andere frei agierende Branche<br />

und auch keine andere Wirtschaftskultur,<br />

in welcher das Wort Wachstum<br />

so bewusst mit Nachhaltigkeit – jedoch<br />

auf keinen Fall mit der Kontradiktion<br />

von Wachstum – gleichgesetzt wird.<br />

Branchenweit empfindet man Wachstum<br />

in der Welt des Weines mehr als<br />

Entfaltung, Aufbau und Entwicklung<br />

denn als Anstieg, Zugewinn und<br />

Ausbreitung. Gegenspurig zur übrigen<br />

Wirtschaftswelt fundiert sich der<br />

gesamte Qualitätsweinbau auf Beständigkeit,<br />

Langsamkeit und Beharrlichkeit,<br />

also die eigentlichen Antonyme<br />

des großen Wortes Wachstum.<br />

Alles geschieht ein wenig bedachter,<br />

aufmerksamer, bewusster und tiefgreifender.<br />

Geschuldet ist das ohne<br />

Frage den natürlichen Gegebenheiten.<br />

Ein Rebstock benötigt vier Jahre bis er<br />

erträglich Früchte umhat. Und jeder<br />

Winzer plant eine neue Reblandschaft<br />

für mindestens ein Vierteljahrhundert.<br />

Trends sind daher ungleich zur sonstigen<br />

Welt hochgradig phlegmatisch.<br />

Abgesehen vom Weinbau selbst muss<br />

auch eine Weinkarte im Restaurant<br />

gesund wachsen und ein Weingeschmack<br />

und somit ein privater Weinkeller<br />

mit viel Erfahrung und Hang zur<br />

Selbstfindung herausgebildet werden,<br />

damit diese glaubwürdig und ernsthaft<br />

wirken. Fast überall ist der Weg<br />

das Ziel, und jeder Moment – auch im<br />

persönlichen Wachstum – könnte mit<br />

Bedächtigkeit und Lernen synonymisiert<br />

werden. Das große Ziel vieler<br />

Weinmenschen und Unternehmen ist<br />

es vielmehr, gegen unkontrolliertes<br />

und fremdgesteuertes Wachstum zu<br />

streben. Kapitalgetriebene egoistische<br />

Ausreißer werden in der Branche nicht<br />

unbedingt gefeiert. Zu schnelle Preisentwicklungen<br />

werden gedrosselt, übertriebene<br />

Begehrlichkeiten im Markt – zumindest<br />

von den Branchengrößen – nicht<br />

genährt. Besonders skurril wirkt für<br />

Außenstehende die Gravitationskonstante<br />

in der Spannung zwischen gern gesehener<br />

Entwicklung und vernunftgetriebener<br />

Hemmung der betrieblichen Evolution<br />

in den qualitätsfanatischen Bereichen<br />

dieser Wirtschaftskultur. Nicht selten<br />

arbeitet man mit Allokationen und streng<br />

limitierten Zuteilungen, denn als Weinhändler<br />

agiert man mit unwiederbringlichen,<br />

nicht reproduzierbaren und<br />

extrem limitierten Geschmackskunstwerken.<br />

Es gibt eigentlich fast keinen so<br />

dankbaren und fürsorglichen Markt wie<br />

den Weinmarkt. Als bewusster Winzer<br />

und Importeur sorgt man füreinander<br />

und schaut, dass es dem Partner gut geht.<br />

Für Menschen untypisch agieren viele<br />

lieber monogam statt bipolar und sinnen<br />

mehr auf aufbauende Beständigkeit statt<br />

auf fundamentloses Wachstum. Nicht<br />

zuletzt an den Preisen sieht man, dass<br />

es in den realen Partnerschaften darum<br />

geht, diese eher konstant zu halten<br />

und nicht ein maximales Wachstum aus<br />

einem etwaigen Erfolg zu rekrutieren.<br />

Es gibt glaube ich kaum ein besseres<br />

Beispiel in dieser Welt, bei dem weniger<br />

einfach so viel mehr ist.<br />

Ach gäbe es doch ein wenig mehr<br />

Weinwelt in dieser unseren Welt.<br />

DIE EMPFEHLUNGEN:<br />

Silvio Nitzsche<br />

Cuvée 101 (die Einhunderterfolge steht für<br />

die Rieslinge) & Cuvée 201 (die Zweihunderterfolge<br />

steht für die Burgundersorten)<br />

Sektgut Christmann & Kauffmann<br />

Gimmeldingen – Pfalz<br />

für ca. 35 € bei Weinhandlung Kreis<br />

www.wein-kreis.de<br />

Wenn zwei deutsche Weinkolosse wie<br />

Sophie Christmann und Matthieu Kaufmann<br />

sich finden um ein einzigartiges Projekt ins<br />

Leben zu rufen, muss das spektakulär<br />

werden. Als Gründer könnte man es mengenmäßig<br />

aufpumpen, um viel zu verkaufen,<br />

oder es qualitätsbesessen langsam wachsen<br />

lassen. Letzteres ist geschehen. Gegründet<br />

im Jahre 2019, wurden dieses Jahr<br />

die ersten Cuvées mit je nur 500 Flaschen<br />

freigegeben und über Nacht komplett verkauft.<br />

Einer der wohl außergewöhnlichsten<br />

Schaumweine Europas kommt im Jahr 2022<br />

aus Deutschland, aus Gimmeldingen.<br />

2021er VV Riesling VDP-Gutswein<br />

Weingut van Volxem Saar<br />

für 9,90 € beim Weingut<br />

www.vanvolxem.com<br />

Die deutsche Weinwelt ist ohne Roman<br />

Niewodniczanski nicht mehr vorstellbar.<br />

Er hat bewiesen, wie gesundes Wachstum<br />

funktionieren kann. 2000 übernahm er die<br />

Hof anlage und versuchte nicht erst Menge<br />

und dann Qualität, sondern von vornherein<br />

die besten Rieslinge Deutschlands zu<br />

produzieren, um dann langsam die Menge<br />

auszubauen. Gerade wurde die neue Manufaktur<br />

eröffnet und eine neue Dimension in<br />

der historisch fundierten Geschichte des<br />

Weingutes beschritten. Die Flaschen anzahl<br />

kann nun wachsen und wir Weingenießer<br />

können sicher sein, dass, wenn „VV“ auf der<br />

Flasche steht, ganz viel Saar darin ist.<br />

SEPTEMBER 2022


Move your life.<br />

Ein Stuhl, der bewegt.<br />

by Stefan Diez<br />

MEET US<br />

@DESIGNPOST COLOGNE<br />

Sonderausstellung zur Orgatec<br />

Stefan Diez – AW Designer<br />

des Jahres 2022<br />

25. – 29. Oktober 2022<br />

Design Post<br />

WAGNER Showroom<br />

Deutz-Mülheimer Str. 22A<br />

50679 Köln<br />

wagner_living<br />

Dondola® 4D – Das Beste für Ihren Rücken! 4-dimensional bewegtes Sitzen von WAGNER.<br />

www.wagner-living.de


Wendung<br />

74<br />

Einfach<br />

perfekt<br />

Die „Vital Skincare Complexion Drops“ sind die nächste<br />

Generation der Pflege-Make-up-Hybride. Die Formel arbeitet<br />

mit der Haut, nicht auf ihr – bietet umgehend Feuchtigkeit<br />

und eine atmungsaktive leichte Deckkraft mit einem<br />

strahlenden Finish. Die Mischung aus Tsubaki-Öl, Ginseng und<br />

Granatapfel-Extrakten verbessert die Textur, Festigkeit und<br />

Ausstrahlung der Haut. Ergebnis: Sie fühlt sich glatter an, ist<br />

gesünder und wirkt jünger.<br />

Termin ––<br />

geschäfte<br />

Ziemlich entspannend: Das<br />

Berliner Start-up Soulhouse ist<br />

die erste Vermittlungsplattform<br />

für Massagen von ausgesuch -<br />

ten, geprüften Therapeuten.<br />

Dank Steckbrief und Foto kann<br />

man seinen persönlichen Match<br />

wählen. Das Angebot hat nicht<br />

nur faire Preise, sondern bietet<br />

neben ersten Soulhouse-Studios<br />

einen mobilen Service für<br />

Massagen zu Hause, im Büro<br />

oder wo immer es beliebt.<br />

Derzeit ist das Angebot in Berlin<br />

und Hamburg buchbar, bald<br />

auch in München, Frankfurt und<br />

Köln/Düsseldorf. soulhouse.me<br />

Die Flaschen „Vital Skincare Complexion Drops“<br />

sind aus recycelbarem Zuckerrohr hergestellt und BPA- und<br />

Phthalat-frei. Westman Atelier, ca. 72 €,<br />

über niche-beauty.com<br />

SPOTTED NEWS<br />

SCHÖN GEPFLEGT<br />

Wer Soho-House-Member ist, kann im<br />

neuen Beach Spot in Brighton, England,<br />

chillen. Ganz demokratisch für alle<br />

dagegen die erste Unisex-Hautpflege mit<br />

multiaktiven Essentials. Die Formeln sind<br />

Global Player, unterstützen das Mikrobiom<br />

und die Hautgesundheit.<br />

Ab ca. 20 €, sohoskin.com<br />

SEPTEMBER 2022


MAX LOUNGE<br />

75<br />

LOUNGE_ Die Bestseller *<br />

MUSIK ▶<br />

KINO ▶<br />

FILM ▶<br />

Wir sagen Dankeschön<br />

– gute Sommerlaune<br />

erobert die<br />

Welt. Der 13 Jahre alte<br />

Song wird gerade<br />

zum Festivalhit.<br />

Die Flippers x<br />

Jerome feat. Olaf<br />

der Flipper<br />

Der Vibrafonist Gary<br />

Burton und der Pianist<br />

Chick Corea ergänzten<br />

sich 1972<br />

kongenial. Gerade in<br />

unserer lärmenden<br />

Zeit sollte man sich<br />

„Crystal Silence“ unbedingt<br />

gönnen. ECM<br />

SERIE ▶<br />

Vivaldis „Vier Jahreszeiten“<br />

– der<br />

Herbst dauert nur<br />

elf Minuten, kann<br />

aber für Stunden<br />

der Entspannung<br />

sorgen. Perfekt<br />

nach dem hitzigen<br />

Sommer.<br />

Thriller-Komödie<br />

über ein Paar, das<br />

auf einer malerischen<br />

Insel im Restaurant<br />

ein üppiges<br />

Mal serviert bekommt<br />

– mit schockierenden<br />

Überraschungen.<br />

„The<br />

Menue“. Ab 17. 11.<br />

Michelle Yeoh als<br />

chaotische Waschsalonbesitzerin<br />

im<br />

Multiversum. Überall<br />

dabei: Jamie Lee<br />

Curtis als Klischeebeamtin.<br />

„Everything,<br />

Everywhere<br />

All at Once“,<br />

Amazon Prime<br />

*Persönliche Tipps der MAX-Redaktion – ohne den Anspruch, vollständig oder neu zu sein oder jede Interessengruppe zu vertreten.<br />

Ein Psycho-Western<br />

mit Kirsten Dunst<br />

und Benedict Cumberbatch,<br />

für den<br />

Jane Campion einen<br />

Oscar für die beste<br />

Regie bekommen<br />

hat. „The Power of<br />

the Dog“, Netflix<br />

Der Dreiteiler<br />

„Tschernobyl“ erinnert<br />

immer wieder<br />

an das Risiko von<br />

Atomanlagen – ein<br />

Must, weil auch<br />

das Thema ständig<br />

neue Aktualität<br />

erfährt. „Tschernobyl“,<br />

Amazon Prime<br />

Nicht leicht wieder<br />

aus der Hand zu<br />

legen, sobald man<br />

eingetaucht ist in<br />

das subtile Spiel<br />

mit Erinnerungen<br />

und Realitätsebenen.<br />

„Unterwegs<br />

nach Chevreuse“,<br />

Patrick Modiano,<br />

Carl Hanser<br />

Die 60er in der New<br />

Yorker Werbeszene –<br />

die Serie zeichnet<br />

das Sittenbild einer<br />

Branche im Umbruch<br />

am Beispiel von Kreativ-Direktor<br />

Don Draper.<br />

„Mad Men“, Sky<br />

und Amazon Prime<br />

KUNST ▶<br />

Die Ausstellung „<strong>Max</strong><br />

Ernst und die Natur<br />

als Erfindung“ zeigt<br />

eine alternative<br />

Naturgeschichte, mit<br />

Werken von Ernst<br />

und 25 weiteren<br />

Künstlern. Kunstmuseum<br />

Bonn,<br />

13. 10. 22–22. 1. 23<br />

Früher war alles besser?<br />

Nicht wenn man<br />

vom Lifestyle und<br />

den Mühen im 18.<br />

und 19. Jahrhundert<br />

gelesen hat! „Als<br />

Deutschland noch<br />

nicht Deutschland<br />

war: Reise in die<br />

Goethezeit“, Kiwi<br />

Die Agentenserie<br />

hat alles: Spannung,<br />

schrecklich unkorrekten<br />

Humor und<br />

eine erstklassige<br />

Schauspielerriege.<br />

„Slow Horses“,<br />

Apple TV<br />

LESEN ▶<br />

Ein virtuoses Buch<br />

über berühmte Liebespaare<br />

in der Zeit<br />

von 1929 bis 1939,<br />

voll politischer und<br />

sozialer Umbrüche.<br />

„Liebe in Zeiten des<br />

Hasses“, Florian<br />

Illies, Fischerverlag<br />

WEB ▶<br />

Ein Haus auf dem<br />

Land, acht Freunde,<br />

vier Romanzen und<br />

sechs Monate in<br />

Isolation wegen<br />

Corona. Manchmal<br />

kann einem das<br />

Lachen im Hals<br />

stecken bleiben…<br />

„Landpartie“, Gary<br />

Sheyngart, Penguin<br />

Aufstieg und Fall<br />

von Ghislaine <strong>Max</strong>well,<br />

die rechte<br />

Hand des Investors<br />

und Sexualstraftäters<br />

Jeffrey Epstein.<br />

„Wer war Ghislaine<br />

<strong>Max</strong>well?“, ARD<br />

Mediathek<br />

Tim Marshall zeigt<br />

die größten Krisenherde<br />

der Zukunft.<br />

Die gereizte Gemengelange<br />

einer<br />

multipolaren Welt.<br />

„Die Macht der<br />

Geographie im 21.<br />

Jahrhundert“, dtv<br />

PODCAST ▶<br />

In Ruanda geboren<br />

und in Ostfriesland<br />

aufgewachsen,<br />

erzählt wie Vielfältigkeit<br />

Stereotypen<br />

abbaut, und<br />

Gesellschaft<br />

weiterentwickeln<br />

kann. „Schwarz.<br />

Rot. Wir“, Mosaik<br />

Nach zehn Jahren<br />

Pause gibt es die<br />

vierte Staffel der<br />

dänischen Politserie,<br />

jetzt als Netflix-<br />

Produktion. Sehr<br />

aktueller Plot. In der<br />

schönsten Nebenrolle:<br />

Grönland.<br />

„Borgen – Macht<br />

und Ruhm”, Netflix<br />

Frederik Logvall hat<br />

ein faszinierendes<br />

Buch über den jungen<br />

J. F. Kennedy<br />

und seine Familie<br />

geschrieben. „JFK:<br />

Coming of Age in<br />

the American Century,<br />

1917– 1956“,<br />

Penguin<br />

Surfen für Wissensdurstige:<br />

Never<br />

stop learning mit<br />

mehr als tausend<br />

freien Hochschulkursen:<br />

The Open<br />

University.<br />

open.edu/<br />

openlearn<br />

SEPTEMBER 2022


Wendung<br />

76<br />

Sinnvoller<br />

Anspruch<br />

Es gibt inzwischen unzählige Serien<br />

von Nahrungsergänzungsprodukten<br />

in Deutschland. Das Angebot steigt<br />

stetig. Dabei gibt es einen kleinen,<br />

aber entscheidenden Unterschied.<br />

Es gibt Formeln, die als Lebensmittel<br />

deklariert sind, und es gibt Pharmazeutika.<br />

Alle sollen und wollen Gutes<br />

tun, eben genau das, was sie ausloben.<br />

Das ist allerdings nicht immer automatisch<br />

gegeben, denn der Gehalt der<br />

ein zelnen Inhaltsstoffe darf bei einem<br />

Lebensmittel bis zu 50 Prozent von<br />

der Deklaration abweichen. Was bei<br />

einer Wirkstoffformel schwierig wird,<br />

wenn diese synergetisch wirken<br />

sollen. Deshalb ist man bei Pharmazeutika<br />

auf der ganz sicheren Seite,<br />

hier dürfen die Inhaltsstoffe höchstens<br />

fünf Prozent abweichen.<br />

Das hat die approbierte Apothekerin<br />

Dr. Natalie Vladi nach über<br />

20 Jahren Berufserfahrung in Krankenhausapotheken<br />

und bei führenden<br />

Pharmakonzernen zum Anlass genommen,<br />

ihre eigene Linie zu entwickeln:<br />

Foondiert ® . Schon der Name ist<br />

Programm: Abgeleitet von „fundiert“<br />

steht es für wohlbegründet, untermauert<br />

und informiert.<br />

Grundlage jedes einzelnen Produkts:<br />

klinische Forschung, gepaart<br />

mit strenger wissenschaftlicher<br />

Disziplin. Die verarbeiteten Inhaltsstoffe<br />

sind in vielen Fällen patentiert<br />

(garantiert eine gleichbleibende<br />

Leistung) und von höchster Qualität<br />

auch in ihrer Bioverfügbarkeit. Alles<br />

ist frei von Gluten, Laktose, Zusatzoder<br />

Füllstoffen, künstlichen Aromen,<br />

tierischen Produkten und Gentechnik.<br />

Was will man da noch mehr? Dass<br />

der Nachhaltigkeitsgedanke nicht<br />

Vier gewinnt: Nahrungsergänzungskapseln zur<br />

Unterstützung der Gesundheit und des Wohlbefindens,<br />

ab 33 € pro Glas. Nachhaltig nachfüllbar.<br />

zu kurz kommt! Die komplette Range ist<br />

abgefüllt in Verpackungen, die zur Wiederverwendung<br />

und Recycling gedacht sind.<br />

Die Kapseln sind in dunklen Schraubgläsern<br />

erhältlich, die die Wirksamkeit der natürlichen<br />

Inhaltsstoffe auf physikalische Weise<br />

schützen. Zu jeder Variante gibt es passende<br />

Nachfüllbeutel, die durch eine clevere<br />

Etikettierung wichtige Angaben wie Chargennummer<br />

und Mindesthaltbarkeit benennen,<br />

die dann auf dem Glas aktualisiert<br />

werden. Um es nicht komplex werden zu<br />

lassen, ist das ganze Sortiment einfach<br />

miteinander kompatibel. Für jeden Lifestyle<br />

gibt es ein konkretes Angebot, zum<br />

Beispiel „Balance“ zur Unterstützung in<br />

Stressphasen, „Vegan“ als Ergänzung<br />

einer pflanzlichen Ernährung oder „Immun“<br />

für ein fittes Immunsystem. Und<br />

wer keine Lust auf Kapseln hat: Einige<br />

Formeln gibt es schon als Direkt-Spray.<br />

foondiert.com<br />

SPOTTED NEWS<br />

SEHNSUCHTSZIEL ISRAEL.<br />

Sehnsuchtsziel Israel. Durch familiäre Wurzeln<br />

war der Hamburger Journalistin Sarah Levy<br />

das Land nicht unbekannt. Ihre ungeplante<br />

Annäherung, die Themen Auswandern, Ankommen,<br />

die Zerrissenheit zwischen den Kulturen und des<br />

ganzen Landes finden auf 368 Seiten mit einer<br />

unprätentiösen Offenheit statt, dass man sich<br />

nach dem Lesen von „Fünf Wörter für Sehnsucht“<br />

bei ihr zum Besuch anmelden möchte!<br />

Erschienen bei Rowohlt, 17 €.<br />

SEPTEMBER 2022


MAX LOUNGE<br />

77<br />

Freie Wahl<br />

Die Schweden sind ja<br />

immer gut für demokratisches<br />

Design. So<br />

auch bei Closely. Das<br />

2019 gegründete Label<br />

bietet eine moderne<br />

Farbpalette, diverse<br />

Schnitte und Mix &<br />

Match-Modelle, die eher<br />

an Bikinis erinnern als an<br />

Lingerie, ein Portfolio an<br />

Unterwäsche, bei dem<br />

wirklich jeder das<br />

Passende findet. Und<br />

Sportswear gibt es<br />

auch noch.<br />

closely-official.com<br />

Gesundes<br />

Abschalten<br />

Über hundert Auszeichnungen hat die SHA-Wellness-<br />

Klinik nördlich von Alicante in 13 Jahren angesammelt.<br />

Ein Superlativ, das mit medizinischen Innovationen,<br />

Naturtherapien und einer gesunden Ernährung gezielt<br />

punktet, um ein längeres und besseres Leben zu<br />

unterstützen. Ab sofort auch mit einem Green-Globe-<br />

Nachhaltigkeitszertifikat der Tourismusbranche. Noch<br />

ein Grund mehr, um auf die Bucketlist zu kommen.<br />

shawellnessclinic.com<br />

The Freedom Bralette,<br />

ca. 55 €, Thong, Hipster oder<br />

High Cut je ca. 25 €<br />

Die Sieben-Tage-<br />

Ampullenkur bekennt<br />

Farbe dank<br />

Paul Schrader. Die<br />

limitierte Edition ist<br />

in sechs verschiedenen<br />

Varianten –<br />

für jedes Haut bedürfnis<br />

– erhältlich.<br />

Jede mit einem<br />

eigenen Color-Code<br />

des deutschen<br />

Künstlers. Je ca. 25 €,<br />

babor.com<br />

Lust auf ein<br />

verbessertes Ich?<br />

Die „Milk & Peel<br />

Mask“ ist eine<br />

koreanische Beauty -<br />

formel mit Sesammilch<br />

und Enzymen,<br />

die in nur fünf<br />

Minuten die Haut<br />

sichtbar verfeinert<br />

und belebt.<br />

Ca. 16 €,<br />

erborian.de<br />

Bei der elektrischen<br />

Zahnbürste Oral-B<br />

iO10 steckt die<br />

Weiterentwicklung in<br />

ihrer Ladestation<br />

iOSense: Dank KI<br />

wird die Putzdauer<br />

angeleitet, Aufmerksamkeit<br />

gezielt gelenkt,<br />

es gibt direktes<br />

Feedback, zum Beispiel<br />

ob zu viel Druck<br />

ausgeübt wurde. Und<br />

sie motiviert bei der<br />

Zahnhygiene. Kann nie<br />

schaden!<br />

Ca. 499 €, oralb.de<br />

SEPTEMBER 2022


Wendung<br />

78<br />

Pariser<br />

DUFT–UNIVERSUM<br />

Poetische Aufforderung in Neon:<br />

Zeichne mir ein Gedicht.<br />

Diese Erfolgsgeschichte ist märchenhaft! Es war einmal<br />

der französische Modedesigner Marc-Antoine Barrois,<br />

der in Paris mit Jean-Paul Gaultier bei Hermès und bei<br />

Giambattista Valli arbeitete, seit 2009 unter eigenem<br />

Namen kreativ ist und sich mit maßgefertigten Tuxedos<br />

weltweit einen Namen für männliche Couture machte.<br />

Der Zufall wollte es, dass er 2015 bei einem Abend essen<br />

seinen Duft-Zwilling, den Parfümeur Quentin Bisch, kennenlernte.<br />

Gemeinsam entwickelten sie 2016 das Parfum<br />

„B683“ (der Name ist inspiriert vom Asteroiden aus<br />

dem „Kleinen Prinz“) und drei Jahre später „Ganymede“ –<br />

benannt nach einem Jupitermond. Dieser Geheimtipp<br />

kam zufällig Ayda Field, Ehefrau von Robbie Williams,<br />

unter die Nase. Sie war so begeistert, dass sie Anna<br />

Wintour bei der „Vogue“ davon erzählte. Der Rest wurde<br />

ein Homerun: 2020 wurde Barrois weltweit viermal für<br />

beste Nischenparfums ausgezeichnet. Jetzt ergänzt ein<br />

weiterer Duft sein Portfolio: „Enclade“ – betitelt nach<br />

einem Saturnmond – eine Kombination aus Rhabarber,<br />

Vetiver, Holzakkorden und einem Hauch Leder.<br />

marcantoinebarrois.com<br />

Es gibt in allen<br />

Ecken bei<br />

Marc-Antoine<br />

Barrois etwas zu<br />

entdecken – wie<br />

die kunstvolle<br />

Schnecken-Deko.<br />

In den Duftboutiquen<br />

in Paris und London<br />

lassen sich seine<br />

Flakons nachhaltig<br />

wieder auffüllen!<br />

Wer nicht auf<br />

Parfums steht: Es<br />

gibt auch Duftkerzen!<br />

Eau de Parfum<br />

„Encelade“, 30 ml<br />

ca. 95 €, z. B. über<br />

parfumslubner.com<br />

SEPTEMBER 2022


MAX LOUNGE<br />

79<br />

Neue Heimat<br />

in Prag<br />

Nicht nur ideal für eine Städtereise, sondern perfekt für Workation:<br />

Das Apartmenthotel „The Julius“ in Prag ist von Architekt Mattheo Thun<br />

konzipiert und bietet geräumige Zimmer, aber auch Suiten mit offener<br />

Küche, Bad und abgetrenntem Schlafzimmer. Wer unter Menschen<br />

sein möchte, aber das Haus nicht verlassen will, kann im Erdgeschoss<br />

den öffentlichen Bereich aus Lounge, Restaurant oder Bar besuchen.<br />

thejulius.eu<br />

Die Pflegeformeln des Mannheimer<br />

Labels Eigenhain werden gezielt nicht erhitzt.<br />

Das spezielle ColdStirred-Verfahren<br />

hat den Vorteil, dass es die natürlichen<br />

Extrakte, Pflanzenöle, Nährstoffe und<br />

Vitamine komplett bewahrt und keine<br />

unerwünschten Abbauprodukte entstehen.<br />

Zusätze wie Alkohole, Silikone oder<br />

Duftstoffe müssen eh draußen bleiben.<br />

Ab 38 €, eigenhain.com<br />

Passt<br />

immer<br />

Das Unternehmen aus Amsterdam hat<br />

sich auf nachhaltige Designer-Regenponchos<br />

spezialisiert: versiegelte Nähte, 100 % wasserdicht,<br />

unisex, hergestellt aus recycelten<br />

Materialien in einem sehr lässigen Design –<br />

wie diese mit Vogelmotiv von Künstler Timo<br />

Kuilder. Ca. 79 €, rainkiss.com<br />

KAMM „IL PICCOLO“<br />

ist aus farbigem Acetat gearbeitet – gute<br />

Laune und geordnete Haare garantiert.<br />

Ca. 25 €, buly1803.com<br />

SEPTEMBER 2022


Wendung<br />

80<br />

Bewusst<br />

anziehend<br />

Pflegt wie ein<br />

Lipbalm, bietet<br />

Farbe und den Glanz<br />

eines Gloss:<br />

„Joy Joba“ von<br />

Gitti, ca. 25 €,<br />

gitticonsciousbeauty.de<br />

Das Label Babaà aus Barcelona<br />

bietet zeitlosen Strick mit<br />

moderner Farbpalette. Und<br />

ist dabei mehr als nur stylish:<br />

Die Marke setzt konsequent<br />

auf Nachhaltigkeit. Seit über<br />

einem Jahrzehnt wird mit<br />

lokalen und natürlichen<br />

Materialien produziert, in der<br />

gleichen (familiengeführten)<br />

Fabrik auf japanischen Hightech-Maschinen<br />

gearbeitet,<br />

die mit denselben Handwerkern<br />

(und Schafen) kooperiert.<br />

Dazu gehört auch, traditionelle<br />

Fertigkeiten zu bewahren und<br />

gleichzeitig nicht nachhaltige<br />

Techniken zu ersetzen.<br />

Bestrickend gut. babaa.es<br />

KLIMAAKTIVISTEN<br />

In der Pflegeserie von Professor Dr. Steinkraus steckt nicht nur<br />

die Expertise des Dermatologen, sie tut auch konkret der Natur<br />

gut. Ein Euro von jedem verkauften Produkt geht in die Renatu -<br />

rierung des Pietzmoors in der Lüneburger Heide – denn intakte<br />

Moorlandschaften sind der größte Speicher für CO2, essenziell<br />

für das Klima, aber zu 90 Prozent vom Absterben bedroht. Allein<br />

durch Hautpflege kann man also aktiv etwas für sich und die<br />

Umwelt tun. Das Sortiment ist jetzt um eine Handcreme und<br />

Bodylotion erweitert. Must-haves! Ab 22 €, steinkraus.com<br />

SPOTTED NEWS<br />

NATÜRLICHE SCHÖNHEIT<br />

Seit der letzten Mailänder Möbelmesse ist eines klar: Ohne<br />

Naturstein geht’s in der Küche nicht. Aus gutem Grund, denn das<br />

Material ist als Arbeits- oder Tischplatte hart im Nehmen, langlebig,<br />

haptisch schmeichelnd und optisch ein individueller Eyecatcher.<br />

In der Serie Mondial lässt sich dabei unter drei zeitlosen Quarzit-<br />

Tonarten – Weiß, Grau oder Schwarz – wählen oder kombinieren.<br />

Eine Investition, von der man täglich profitiert und auf der<br />

das Leben toben kann, egal, wie groß die Küchenfläche ist.<br />

siematic.com<br />

SEPTEMBER 2022


MAX LOUNGE<br />

81<br />

FUNDSTÜCK<br />

REVIDERM<br />

Klavier als Brücke in<br />

die Welt der Musik<br />

REVIDERM<br />

für hörgeschädigte<br />

Klavier als Brücke in die<br />

Cochlea-Implan<br />

Glück zur Realisierung 70<br />

Dieses tat? Dieses<br />

zeichen<br />

musikpädagogische<br />

manchmal Glück zur<br />

Realisierung 170<br />

zeichen<br />

NACHHALTIG TRAGBAR<br />

Das Besondere am Münchner Taschenlabel Kurzzug ist das Upcycling<br />

von ausgemusterten Sitzbezügen der U-Bahn. Daraus entstehen in italie<br />

nischen Manufakturen in traditioneller handwerklicher Herstellung<br />

Accessoires für den Alltagsgebrauch. Wie dieser Stadtbegleiter: eine Crossbody<br />

Bag in DIN-A5-Format. Unkompliziert, Regenfest, strapazierfähig und für<br />

Kenner, eine Hommage an die zu den Olympischen Spielen vor 50 Jahren gebaute<br />

Untergrundbahn. Jede ein Unikat, nummeriert und auf 50 Stück limitiert.<br />

Ca. 125 Euro, kurzzug.de<br />

SEPTEMBER 2022


Wendung<br />

36 82<br />

Der<br />

Kabarettist Lars Reichow zu<br />

Themen der Zeit<br />

Foto: Don Fontijn<br />

Was für ein Sommer! Wenn das so weitergeht, dann fangen<br />

wir auch noch an zu tanzen, wenn es endlich mal<br />

wieder regnet. Das große Thema der Deutschen, der<br />

beliebteste Smalltalk zwischen zwei Nachbarn – die allgemeine<br />

Wetterlage, die Aussichten („soll noch wärmer<br />

werden“) und die damit verbundenen Zumutungen („fühl<br />

mich so schlapp“) – es scheint, als ob wir die Kontrolle<br />

darüber verlieren. Macht es überhaupt noch Sinn, einen<br />

„schönen Tag“ zu wünschen, wenn man weiß, dass es gar<br />

nicht mehr anders geht, weil sich das Hoch von März bis<br />

September nicht mehr verschieben lässt?<br />

Die Welt war nun beileibe nicht arm an Überraschungen,<br />

Veränderungen, technischen und politischen<br />

Umwälzungen, Naturkatastrophen, aber in diesem<br />

Jahr kommt alles zusammen, und was besonders<br />

auffällt: Die Tage, an denen das Elend weit ab vom<br />

Schuss in Asien oder hinter Australien vor einer verwackelten<br />

Kamera vor sich hin wütet, scheinen gezählt.<br />

Das moderne Elend schlendert durch unsere Heimat<br />

und läuft auf unsere Haustür zu.<br />

Irgendjemand da oben stellt gerade eine große<br />

Quittung für uns aus, und wir wissen, dass die Rechnung<br />

überraschend hoch ist. Es ist nicht mehr fünf vor<br />

Zwölf im Klimawandel, sondern wir befinden uns im<br />

Morgengrauen einer neuen Zeit.<br />

Aber wir Menschen gehören zu den Stehaufmännchen<br />

der Natur. Wir sind anpassungsfähig und erfinderisch,<br />

und es wäre nicht ungewöhnlich, wenn uns auch<br />

in dieser Situation etwas einfiele, um den Kopf aus der<br />

Schlinge zu ziehen. Optimisten mit Weitblick sagen,<br />

dass die Werkzeuge, mit denen wir die Welt retten<br />

können, schon längst bekannt und benannt sind. Wir<br />

müssen sie nur noch anwenden. Und beim Aufräumen<br />

in meinem Büro habe ich sie tatsächlich gefunden, die<br />

Gebrauchsanleitung für eine bessere Welt. Hier ist sie:<br />

01.<br />

ENTFERNUNG VON DIKTATOREN<br />

(AUSNAHME: FLÜSSIGGAS-DIKTATOREN)<br />

Man arretiere die Schreckensherrscher aus Moskau,<br />

Minsk, Peking, Brasilia, Riad und diversen afrikanischen<br />

Staaten, führe sie aus ihren überdimen sionierten<br />

Palästen und verbringe sie in Ketten auf eine einsame<br />

pazifische Insel, die unter angeschwemmtem Plastikmüll<br />

leidet. Hier werden die alten Säcke in der Mülltrennung<br />

eingesetzt beziehungsweise in der Herstellung<br />

nachhaltiger Produkte (Freiheitsfahnen aus<br />

recyceltem Material).<br />

02.<br />

BEIHILFE ZUR SINNLOSIGKEIT<br />

Man packe sich an die eigene Nase und überprüfe die<br />

berufliche Tätigkeit und Sinnhaftigkeit der Anstellung.<br />

Falls die Arbeit nicht in Einklang mit moralischen und<br />

nachhaltigen Werten steht (Makler, Brandstifter oder<br />

Ähnliches), steht eine Umschulung zum Energieberater<br />

oder Ökolandwirt an.<br />

GEBRAUCHS –<br />

ANLEITUNG<br />

FÜR EINE<br />

BESSERE WELT<br />

03.<br />

HAUSTIERE REDUZIEREN<br />

Man nehme die bissigen und aggressiven Köter aus dem<br />

Tierschutz beziehungsweise aus der Nachbarschaft und<br />

verbringe sie auf die pazifische Müllinsel, wo sie den<br />

Diktatoren zur Hand gehen oder sich in derselben verbeißen<br />

können. Man werfe die Hauskatzen den Vögeln<br />

zum Fraß vor!<br />

04.<br />

URLAUB OHNE FLUG<br />

Man überprüfe die Reisegewohnheiten und komme zu<br />

dem Ergebnis, dass es noch schöner sein kann, mit der<br />

Bahn ein Reiseziel im eigenen Land (Sylt, Niederrhein,<br />

Elmau, Weimar, Kühlungsborn) anzusteuern und sich<br />

das Gepäck vorausschicken zu lassen. Oder lieber doch<br />

mit der Hand tragen, das kommt ja sonst nie an …<br />

05.<br />

9-EURO-TICKET<br />

Eine ursprünglich schöne Idee! Aber kann mir irgendeiner<br />

mal erklären, warum ein Monatsticket für sämtliche<br />

Busse und Bahnen nur unwesentlich mehr kostet<br />

als eine Schachtel Zigaretten, die locker an einem Tag<br />

weggeraucht wird? Kommt noch dazu, dass man offenbar<br />

vergessen hatte, die Deutsche Bahn davon zu informieren,<br />

dass eventuell Leute mitfahren wollen.<br />

06.<br />

DER KLEINE HAUSHALTS-HABECK<br />

Man öffne den Wasserhahn (kalt) und lasse in dünnem<br />

Strahl Wasser über den Kopf und Körper laufen. Nach<br />

zehn Sekunden seife man Haare ein und verteile den<br />

(Bio-)Schaum über die Restkörperfläche. Final mit<br />

schwachem Strahl (lauwarm) abwaschen und fertig.<br />

Brauchwasser mit Schüssel auffangen und ins Hochbeet<br />

gießen.<br />

SEPTEMBER 2022


06,5.<br />

KEINE ANGST VOR ERFRIERUNGEN<br />

Man lasse den Winter langsam durchs gekippte Fenster<br />

kommen, halte den Finger aus der Tür und kleide sich<br />

dann entsprechend den Außentemperaturen. Man umgebe<br />

sich mit warmherzigen Menschen und hülle sich<br />

gegebenenfalls in Wolldecken. Ansonsten warte man<br />

auf Godot oder Weihnachten.<br />

07.<br />

INDIVIDUALVERKEHR OHNE ABGASE<br />

Man fahre ein nicht zu schweres Elektroauto (bitte<br />

selbst steuern), speise die Batterie aus regenerativer<br />

Stromerzeugung und führe ein Tempolimit in Deutschland<br />

ein.<br />

Herr Lindner, Sie melden sich bitte im Pazifik<br />

wegen eines Inselpraktikums! Und die evangelische<br />

Kirche wartet auch auf einen Rückruf!<br />

08.<br />

HALTUNG GERADE RÜCKEN<br />

Man nehme eine grundsätzlich richtige und nachhaltige<br />

Position ein und eiere nicht herum (siehe „Verscholzung“).<br />

Man ärgere sich schwarz über die Versäumnisse<br />

der Politik in der Ära Schröder und Merkel, schmeiße<br />

ihre Porträts an die Wand und begeistere sich für den<br />

jungen Vizekanzler und die schöne Außenministerin.<br />

09.<br />

TÜRKEI BEWAHREN VOR DOOFKOPF<br />

Man erlöse dieses Land von seinem Präsidentendarsteller<br />

Erdoğan. Recep war immer nur Handlungsreisender,<br />

Provinznationalist in eigener Sache. Möge er die blutigen<br />

Kämpfe zwischen den Autokraten auf der verseuchten<br />

Müllinsel im Pazifik schlichten.<br />

10.<br />

UKRAINE = ACHTUNG, KRIEGSGEBIET!<br />

Man bewundere eine junge Demokratie und ein tapferes<br />

Volk mit einem charismatischen Präsidenten und unterstütze<br />

sie im Kampf gegen einen riesigen Nachbarn, der<br />

nur Tod und Verderben über das Land bringt. Man liefere<br />

die raffiniertesten und schwersten Waffen, um Russland<br />

eine bittere Niederlage zuzufügen. What else?<br />

11.<br />

USA VON SCHWACHKÖPFEN BEFREIEN<br />

Man stürme sämtliche Plastik- und Botox-Schlösser der<br />

Familie Trump, buchte die gesamte Belegschaft wegen<br />

Steuerbetrug und Geldwäsche ein und ziehe ihnen die<br />

operierten Nasen und aufgespritzten Lippen lang!<br />

12.<br />

GENDERN AUSSETZEN<br />

Die völlige Verblödung der deutschen Sprache soll offenbar<br />

davon ablenken, dass wir noch kein flächendeckendes<br />

Internet, eine anhaltend marode Infrastruktur<br />

und einen äußerst unpünktlichen Nah- und Fernverkehr<br />

haben. Man beherrsche die deutsche Sprache in Schrift<br />

und Ton und lasse sie ansonsten in Ruhe.<br />

13.<br />

PRESSE VON PESSIMISMUS BEFREIEN<br />

Die deutschen Print- und Digitalnachrichten gefallen<br />

sich seit geraumer Zeit darin, wegen ihrer haus gemachten<br />

Klick-Abhängigkeit und Sparschweinchen­ Mentalität<br />

nur noch Weltuntergänge und Putin-Medwedew-Drohungen<br />

abzudrucken. Merke: Wer Diktatoren groß<br />

macht und die Angst vor ihnen schürt, muss sich nicht<br />

wundern, wenn die Bevölkerung in Panik gerät und die<br />

Orientierung verliert. Die deutsche Presselandschaft<br />

hat ein Faible für Staatsfeinde und liegt morgens früh<br />

am liebsten in Weltuntergangsstimmungsbädern.<br />

14.<br />

AMERIKANISCHEN OPTIMISMUS ZUM<br />

PFLICHTFACH MACHEN<br />

Ein bisschen Hoffnung und Zuversicht könnten uns<br />

scheibchenweise schon in der Grundschule nicht schaden.<br />

Gut gelaunt und voller Selbstvertrauen gelingen<br />

die Dinge besser. Unkenrufe und Griesgram sind keine<br />

guten Lebensbegleiter.<br />

15.<br />

REGEN SELBST MACHEN<br />

Einfach Wolken bilden (durch Verdunstung von Aperol<br />

Spritz) und dann da hinschieben, wo sie abregnen sollen.<br />

Tanzen nicht vergessen!<br />

Und? Merken Sie schon was?<br />

SEPTEMBER 2022


Veränderung<br />

Thomas Höpker, USA,<br />

New York City, 11. September 2001, Blick von<br />

Williamsburg/Brooklyn auf Manhattan.<br />

84<br />

TEXT ANDREAS WREDE<br />

VOICES<br />

OF<br />

LIGHT<br />

Die Bilder sind weltberühmt, die Kamera<br />

selbst ist eine Legende und eine Marke, die sich immer wieder<br />

neu erfindet. Wir sprachen mit Andreas Kaufmann,<br />

Aufsichtsratschef von Leica, warum ständige<br />

INNOVATION SO WICHTIG IST – AUCH FÜR EIN KULTPRODUKT.<br />

SEPTEMBER 2022


85<br />

Fotos: Alle mit diversen Leica-Kameras aufgenommem<br />

Alberto Korda, Che Guevara,<br />

„Guerillero Herocio“, Havanna, März 1960, eines der<br />

meistgedruckten Fotos aller Zeiten.


Veränderung 86<br />

Luca Locatelli, drei Bilder aus „Future Studies“. Der italienische Fotograf<br />

hat 2020 den Leica Oscar Barnack Award gewonnen für diese Serie.<br />

Der Fotograf hinterfragt in ihr, wie wir auf der Erde überleben wollen.


LEICA 87<br />

Elliot Erwitt,<br />

„Bulldogs on stoop“, New York City, 2000.<br />

SEPTEMBER 2022


Veränderung 44 88<br />

Luca Locatelli, aus der Serie<br />

„Future Studies“: Ist permanentes Wachstum die richtige Antwort auf<br />

die globalen Umweltprobleme?<br />


LEICA 89<br />

Malte Metag fotografierte<br />

Dr. Andreas Kaufmann am Leica-Firmensitz in Wetzlar;<br />

im Hintergrund ein Foto des mexikanischen<br />

Fotografen Enrique Badulescu.<br />

ich für das erste Staatsexamen über<br />

die Laienspielbewegung geschrieben.<br />

Von 1905 bis 1930 gab es demokratische<br />

Bewegungen, die sich zunächst aus<br />

Themen wie Kunst, Theater und Politik<br />

herleiteten. Dementsprechend führte<br />

ich eine ausgiebige Quellenforschung<br />

durch. 1979 begann die Forschungsarbeit<br />

für mich. Ab 1983 arbeitete ich<br />

als Lehrer.<br />

MAX: Was hat Sie zur Waldorfschule<br />

geführt?<br />

Kaufmann: Ich war selbst Waldorfschüler,<br />

so war es damals für mich ein<br />

logischer Schritt, dort Lehrer zu werden.<br />

Es hat mir große Freude bereitet,<br />

jungen Menschen Bildung und Gemeinsinn<br />

zu vermitteln. Noch während der<br />

Lehrerzeit bin ich in die Vermögensverwaltung<br />

der Familie eingestiegen –<br />

dadurch ergaben sich immer öfter<br />

Termine rund um den Globus, das ließ<br />

sich mit dem Lehrerberuf nicht mehr<br />

vereinbaren.<br />

MAX: Mit Blick auf Leica haben Sie einmal<br />

gesagt: „Für mich bedeutet Vermögen<br />

Dinge zu gestalten.“<br />

Kaufmann: Dafür gibt es verschiedene<br />

Gründe. Ein Grund: Meine mich<br />

prägende Mutter war im tiefen Protestantismus<br />

verwurzelt. Dort tut man die<br />

Dinge, weil sie zu tun sind und Punkt.<br />

MAX: Erinnern Sie sich an das erste von<br />

Ihnen gemachte Foto?<br />

Andreas Kaufmann: Es war ein<br />

Familienfoto, ich war 13. Aufgenommen<br />

habe ich es mit einer Kamera der<br />

Pentagon Optische Werke Dresden<br />

aus der DDR. Die ersten Bilder waren<br />

nicht gut – aber die Erinnerung zählt.<br />

MAX: Wann haben Sie dann die Fotografie<br />

für sich wieder aufgegriffen?<br />

Kaufmann: Als die digitale Fotografie<br />

mit enormer Qualitätssteigerung<br />

auf den Markt kam. Es überschnitt sich<br />

mit meinen Leica-Verhandlungen. Meine<br />

erste Leica habe ich im Februar 2004<br />

gekauft, im selben Jahr wurden von unserer<br />

Familienholding 27,2 Prozent übernommen,<br />

2006 dann circa 75 Prozent.<br />

MAX: Wussten Sie von Anfang an, dass<br />

Leica eine Erfolgsstory wird?<br />

Kaufmann: Es war schon klar, dass<br />

es Hemmnisse gab – aber die Liebe zum<br />

Produkt Leica war sehr stark. Ab 2000<br />

war Hermès eingestiegen, wurde aber<br />

nicht so glücklich. Wir haben dann Stück<br />

für Stück restrukturiert, neben der internen,<br />

permanenten optischen Weiterentwicklung<br />

haben wir etwa weltweit<br />

Galerien eröffnet. Im November folgen<br />

Store und Galerie in Mexico City.<br />

MAX: Sie haben studiert, bevor Sie Leica<br />

wieder nach ganz vorn führten.<br />

Kaufmann: Ich habe in Stuttgart<br />

Literaturwissenschaft, Linguistik,<br />

Geschichte und Politologie studiert, auf<br />

Lehramt. Meine Promotion habe ich<br />

über die deutsche Laienspielbewegung<br />

geschrieben.<br />

MAX: Wie kommt man auf ein so extravagantes<br />

Thema?<br />

Kaufmann: Ich habe bei einem<br />

Professor mit Sinn für abseitige Themen<br />

studiert. Meine Zulassungsarbeit hatte<br />

MAX: Sie wurden calvinistisch erzogen?<br />

Kaufmann: Das kann man durchaus<br />

sagen. Geld hat zwei Charaktere. Auf<br />

der einen Seite ermöglicht es Genuss; auf<br />

der anderen ist es die Verpflichtung zum<br />

Einsatz von Fähigkeiten. Kapital ist der<br />

Hebel, um Dinge ins Laufen zu bringen.<br />

MAX: Wie sind Sie zum Leica-Fachmann<br />

geworden?<br />

Kaufmann: Ich beschäftige mich<br />

schon sehr lange mit Themen wie Farbe<br />

und Licht in der Fotografie, und neue<br />

Technologien, auch optisch, haben<br />

mich stets interessiert. Die große<br />

Kunst ist das Einfangen des Lichtes.<br />

In der digitalen Fotografie spielt dies<br />

ebenfalls eine sehr gewichtige Rolle.<br />

Und damals wie heute habe ich mich<br />

auf dem neuesten technischen Stand<br />

zu halten. Meine Ideen entstehen oft in<br />

Gesprächen mit unseren Ingenieuren.<br />

Meine Rolle war und ist es, Ideen zu<br />

verwirklichen.<br />

SEPTEMBER 2022


Veränderung 90<br />

Ana Maria Arévalo Gosen, „Dias Eternos“: In dieser Serie hat die venezolanische Fotografin<br />

die menschenunwürdigen Lebensbedingungen von Frauen in sogenannten<br />

Haftzentren in ihrem Heimatland dokumentiert. Dafür erhielt sie ein Stipendium<br />

des Pulitzer Center on Crisis Reporting.


LEICA 91<br />

MAX: Wie viele Mitarbeiter hat Leica?<br />

Kaufmann: Rund 1900, davon sind<br />

700 in Wetzlar und 700 in Portugal. Dann<br />

gibt es weitere in der Distribution oder<br />

in den Stores. Portugal als Standort hat<br />

noch die Familie Leitz 1973 entschieden,<br />

in Japan waren damals die Produktionskosten<br />

zu hoch. Der Umbau für die<br />

Zukunft von Leica war ein Kraftakt,<br />

aber ich habe immer daran geglaubt.<br />

MAX: Leica steht immer für Innovation,<br />

nun gibt es ein Leitz Phone …<br />

Kaufmann: Seit einem Jahr ist Japan<br />

unser Testgebiet, die Leitz Phones 2<br />

und 3 werden in der Folge entwickelt.<br />

Ein sehr spannendes Projekt für uns, es<br />

braucht freilich Zeit.<br />

Karin Rehn-Kaufmann<br />

und Andy Summer<br />

in Wetzlar, Juli 2022.<br />

MAX: Sie haben drei Kinder, sind sie in<br />

eines Ihrer Unternehmen involviert oder<br />

anderweitig tätig?<br />

Kaufmann: Die Holding GmbH in<br />

Salzburg wäre eine Überlegung, wenn<br />

sie sich damit weiter beschäftigen. Zum<br />

Unternehmen Leica verhalten sie sich<br />

noch etwas zurückhaltend, die Rolle des<br />

Vaters wollen sie so nicht übernehmen.<br />

Meine jüngere Tochter hat eine Weile im<br />

Leica-Marketing gearbeitet. Meine ältere<br />

Tochter verantwortet das Marketing bei<br />

Leica Cine, und mein Sohn ist ausgebildeter<br />

Architekt, der sich für unsere<br />

Immobilien einsetzt. Art Direktorin und<br />

Generalbevollmächtigte für alle Leica-<br />

Galerien ist Karin Rehn-Kaufmann,<br />

bis 2023 werden es 30 sein. In gewisser<br />

Weise sind wir schon ein Familienunternehmen,<br />

das fortgeführt werden wird.<br />

Sie ist die kulturelle Seele<br />

Karin Rehn-Kaufmann, geboren 1957, studierte<br />

deutsche Philologie und Philosophie in Freiburg,<br />

zudem hat sie ein Diplom der Eurythmischen<br />

Hochschule in Stuttgart und einen Abschluss der<br />

Fernuniversität Hagen in Event Management. Auf<br />

das Engste verbunden ist sie mit den kulturellen<br />

Aktivitäten von Leica. So etwa mit der Ausrichtung<br />

des renommierten Oskar Barnack Awards, einer<br />

der international wichtigsten Fotopreise. Karin<br />

Rehn-Kaufmann ist Art-Direktorin und Generalbevollmächtigte<br />

der Leica Galerien, bis 2023 werden<br />

es 30 sein, neu hinzu kommen Mexico City, Paris,<br />

New York und Amsterdam. Sie betreut ebenfalls<br />

den Leica Hall of Fame Award, abgesehen von ihren<br />

Verantwortlichkeiten auf Messen. Das Foto zeigt<br />

sie mit dem Gitarristen von Police, Andy Summers,<br />

dessen Fotografien sie für eine Ausstellung<br />

im Wetzlarer Leica Museum gemeinsam mit Inas<br />

Fayed kuratierte.<br />

MAX: Welche Fotografen begleiten Sie<br />

auf Ihrem Wege?<br />

Kaufmann: Besonders Constantine<br />

Manos. Er ist einer der wichtigsten Farbfotografen.<br />

1965 stieß er zu Magnum.<br />

Sein Buch „American Color“ darf als ein<br />

Standardwerk der Fotografie gelten.<br />

2003 hat er dafür die Leica Medal of<br />

Excellence gewonnen. Vom Stil her gefällt<br />

mir auch Stefan Kruckenhauser mit<br />

seinem Klassiker „Verborgene Schönheit<br />

– Bauwerk und Plastik in Österreich“.<br />

Er hat mit einer Leica-Kamera in<br />

Schwarz-Weiß fotografiert und war ein<br />

Meister der Dunkelkammer.<br />

MAX: Sammeln Sie Fotografie?<br />

Kaufmann: In meinem Büro in Salzburg<br />

hängen nur Fotos von berühmten<br />

SEPTEMBER 2022


Veränderung<br />

LEICA 92<br />

Barbara Klemm,<br />

„Bruderkuss“, Ost-Berlin, 1979. Leonid Breschnew und Erich Honecker,<br />

noch weit vor dem Fall der Mauer 1989.<br />

Luca Locatelli,<br />

„Future Studies“: Zukunftsangst und<br />

Fortschrittsskeptizismus sind aktueller denn je.<br />

Persönlichkeiten mit einer Leica-Kamera,<br />

zum Beispiel Brigitte Bardot, Grace<br />

Kelly, Leni Riefenstahl, Muhammad Ali,<br />

Eric Clapton, Henri Cartier-Bresson.<br />

MAX: Besuchen Sie regelmäßig<br />

Ausstellungen?<br />

Kaufmann: Vor Kurzem war ich im<br />

Kunsthaus Zürich, ein hervorragendes<br />

Museum. Von Rembrandt, van Gogh<br />

und Rodin über <strong>Max</strong> Ernst, Mondri an<br />

und Giacometti bis hin zu Franz<br />

Gertsch und Andy Warhol, die künstlerische<br />

Bandbreite ist beeindruckend.<br />

MAX: Welche Lektüre liegt auf Ihrem<br />

Nacht- oder Schreibtisch?<br />

Kaufmann: Zurzeit der französische<br />

Schriftsteller Patrick Modiano,<br />

er bekam 2014 den Literatur-Nobelpreis,<br />

unter anderem wegen seiner<br />

literarischen Auseinandersetzung mit<br />

der tabuisierten deutschen Besetzung<br />

während des Zweiten Weltkrieges. Ich<br />

schätze auch den kanadischen emeritierten<br />

Professor für Klinische Psychologie,<br />

Jordan Peterson. Er vertritt<br />

sehr eloquent Kontroverses etwa zur<br />

Genderpolitik und ihren gesellschaftlichen<br />

Auswirkungen. Ich respektiere es<br />

sehr, wenn Menschen gegen den Strom<br />

schwimmen. In gewisser Weise sind wir<br />

damals, als wir Leica übernahmen, auch<br />

gegen den Strom geschwommen. Aber<br />

wir wussten: Es ist zu machen!<br />

MAX: Wir hatten in der vorigen MAX-<br />

Ausgabe ein ikonisches Leica-Bild im<br />

Magazin, das „Napalm Girl“ von Nick Út …<br />

Kaufmann: … ein brillantes Beispiel<br />

für die Geschichte hinter der Geschichte.<br />

Aus Versehen hatte ein südvietnamesisches<br />

Flugzeug Napalm auf die<br />

eigene Bevölkerung abgeworfen. Das<br />

nackte Mädchen auf dem Foto – Phan<br />

Ti Kim Phúc – ist inzwischen eine Frau<br />

und hat nun ihre letzte von zahlreichen<br />

Operationen wegen ihrer Brandwunden<br />

hinter sich. Nicht auf dem Originalfoto<br />

ist ein anderer Kriegsreporter, der<br />

gerade in diesem Moment seinen Film<br />

wechseln musste, Nick Út hingegen<br />

hat mit seinem Foto den Pulitzerpreis<br />

gewonnen.<br />

MAX: Gibt es ein belletristisches Buch,<br />

das Leica zum Thema hat?<br />

Kaufmann: Oh ja, zum Beispiel<br />

das Jugendbuch „Leica-Mädel Monika“<br />

von Elisabeth Günther aus den Fünfzigerjahren.<br />

Untertitel: „Eine fesselnde<br />

Erzählung aus dem Leben einer jungen<br />

Bildreporterin“. Es geht in dem Buch<br />

darum, wie eine junge Frau zum Bildjournalismus<br />

findet, seinerzeit also<br />

ein durchaus emanzipatorisches Werk,<br />

war der Journalismus zu jener Zeit doch<br />

allzu sehr von Männern dominiert.<br />

MAX: Sodann beschließen wir das<br />

Gespräch mit einem Gruß an das Leica-<br />

Mädel Monika!<br />

SEPTEMBER 2022


AND<br />

BEWEGT<br />

SICH LA<br />

DEUTSCHBEWE<br />

H LAND<br />

SIC<br />

H BEWEGT DEUTSCH<br />

SICH LAND<br />

GT DEUTSCH BEWEGT<br />

SICH LAND<br />

SICH<br />

BEWEGT<br />

SICH<br />

TEXT TIM OSING UND ANDREAS WREDE<br />

Während sich Politiker und Bosse<br />

noch oft bei Konzepten gegen den Klimawandel allzu<br />

schwertun, erleben wir längst schon eine<br />

grüne Welle, die es in sich hat.<br />

Diesmal stellen wir im Rahmen unserer Kampagne<br />

„Deutschland bewegt sich“ besonders<br />

erfolgreiche Start-ups vor. Gründer.de hat<br />

sie ermittelt, und trotz gelegentlicher Unkenrufe<br />

zeigt sich: Deutschland hat jede<br />

Menge kreativer Start-up-Köpfe –<br />

Deutschland bewegt sich!<br />

SEPTEMBER 2022


Veränderung<br />

94<br />

Wir danken der Redaktion von Gründer.de (www.gruender.de)<br />

für die Recherche und die Überlassung ihrer Liste der erfolgreichsten<br />

Start-ups in Deutschland. Besonders zu nennen sind die Autorinnen<br />

Insa Schoppe, Lisa Goldner und Luisa Färber.<br />

KUMOVIS<br />

Und Schnitt: Chirurgisches<br />

aus dem 3-D-Drucker<br />

Das Start-up Kumovis entwickelt und vertreibt 3-D-Druck-Systeme,<br />

die zugeschnitten sind auf die Anforderungen regulierter Märkte,<br />

insbesondere in der Medizintechnik. Damit lassen sich zum Beispiel<br />

chirurgische Instrumente, aber auch Schädelplatten oder Wirbelsäulenimplantate<br />

dem individuellen Bedarf des Patienten anpassen. Das<br />

Gründerteam von Kumovis setzt sich aus Dr. Miriam Haerst, Alexander<br />

Henhammer, Stefan Fischer, Stefan Leonhardt und Sebastian Pammer<br />

zusammen, die sich am Lehrstuhl für Medizintechnik an der TUM<br />

kennenlernten und dort forschten. Sie kommen daher sowohl aus den<br />

Bereichen des Wirtschaftsingenieurwesens sowie der Elektro- und<br />

Informationstechnik als auch der Medizintechnik, wodurch sich die<br />

Kompetenz des Teams erklärt. Seit Mitte 2019 ist der erste 3-D-Drucker<br />

des Start-ups auf dem Markt, und die ersten Maschinen wurden bei<br />

Kunden bereits in Betrieb genommen.<br />

www.kumovis.com<br />

THE CLIMATE CHOICE<br />

Firmen, hört<br />

die Signale:<br />

einfach mal das<br />

Klima retten<br />

Dass der Klimawandel ein sehr wichtiges<br />

und immer noch unterschätztes Thema<br />

ist, wissen die beiden Gründer von The<br />

Climate Choice. Doch dagegen wollen sie<br />

vorgehen und haben 2020 ein Start-up<br />

ins Leben gerufen, das aktiv zur Klimarettung<br />

beiträgt. Die Berliner haben sich<br />

zum Ziel gesetzt, jedem Unternehmen<br />

die Klimatransformation einfach und<br />

unkompliziert zu ermög lichen. Dabei liegt<br />

der Fokus ganz klar auf der Messbarkeit,<br />

der Reduzierung und der Kompensierung<br />

der CO2-Emissionen. So sollen Unternehmen<br />

bis 2030 ihre CO2-Emissionen<br />

halbieren und bis 2050 klimaneutral<br />

werden. The Climate Choice will somit<br />

Unternehmen jeder Größe anhand von<br />

sieben Kategorien praktische Lösungen<br />

auf zeigen, wie sie schnell und einfach zu<br />

Klimaexperten werden. Dabei geben sie<br />

Tipps zu Themen wie Mobilität, Digitalität<br />

und umweltfreundliches Produzieren als<br />

auch klimafreundliche Energiequellen.<br />

www.theclimatechoice.com<br />

BLVRD<br />

Auf dem Fashion-Boulevard<br />

Zu den erfolgreichsten Start-ups in Deutschland wie auch zu den Jüngsten<br />

zählt BLVRD. Ausgesprochen als „Boulevard“, möchte das Team mit einer<br />

Online-Fashion-Suchmaschine das beste Ergebnis für Offline-Shopper<br />

heraussuchen. Denn mit der Suchmaschine können Verbraucher nach<br />

bestimmten Outfits suchen und einsehen, in welchem Geschäft in<br />

der naheliegenden Stadt sie dieses Outfit kaufen können. Dabei erhalten<br />

Nutzer Informationen über Farben, Größen und auch Preise der<br />

Kleidungsstücke. Anstatt also auf Bestellungen zu warten, kann man<br />

ohne zu suchen direkt in den Laden gehen und dort die Kleidung auch<br />

anprobieren. Und wie finanziert sich BLVRD? Indem Händler für die<br />

Auflistung zahlen und dafür wertvolle Informationen über die Kunden<br />

bekommen. Das noch junge Start-up aus Hannover wurde 2019 gegründet<br />

und hat große Pläne. Zukünftig will das Unternehmen 80 Prozent der<br />

Großstädte in Deutschland, Österreich und der Schweiz abdecken.<br />

www.blvrd.de<br />

SEPTEMBER 2022


DEUTSCHLAND BEWEGT SICH<br />

COMATCH<br />

Rat und Tat im<br />

Netzwerk<br />

Das innovative Start-up Comatch<br />

ist ein Online-Marktplatz für freiberufliche<br />

Management-Berater und<br />

Industrieexperten. Die Vermittlungsplattform<br />

bringt Firmen und Berater<br />

zusammen und ermöglicht dadurch<br />

die Realisierung von Projekten<br />

zwischen Unternehmen jeder Größe<br />

und entsprechenden Spezialisten.<br />

Dafür werden die Kunden von Comatch<br />

in ein Netzwerk aufgenommen und<br />

nach einem Auswahlverfahren in einen<br />

Pool integriert. Damit schafft Comatch<br />

Beratungsqualität und Transparenz.<br />

Nach einer erfolgreichen Finanzierungs -<br />

runde konnten die Gründer Christoph<br />

Hardt und Jan Schächtele 2018 acht<br />

Millionen Euro durch Investoren<br />

sammeln. Dieses Kapital soll unter<br />

anderem in die Expansion des<br />

Unternehmens fließen, wodurch<br />

sich Comatch einreiht in die Riege<br />

der erfolgreichsten Start-ups in<br />

Deutschland.<br />

www.comatch.com<br />

FOODPUNK<br />

Gesunder<br />

Genuss<br />

Ein weiteres erfolgreiches Start-up<br />

in Deutschland ist Foodpunk. Das<br />

Team bietet für seine Kunden individuelle<br />

und moderne Ernährungs -<br />

pläne. Im Zentrum steht der Anspruch,<br />

mit gesunder Ernährung Genuss und<br />

gleichzeitig Freude und Gemein -<br />

schafts gefühl zu wecken. Die<br />

Ernährung wird auf Grundlage von<br />

wissenschaftsbasierten Plänen und<br />

innovativen Lebensmitteln erstellt. Ob<br />

glutenfrei oder kohlenhydratreduzierte<br />

Nahrung, hier bekommt jeder Kunde<br />

das, was er braucht. Auch diese Idee<br />

fördert im Kern einen nachhaltigen<br />

Konsum, da die Zutaten aus dem<br />

regionalem Umfeld stammen und<br />

saisonal eingesetzt werden. Marina<br />

Lommel gründete Foodpunk 2015<br />

und konnte bereits mehrere Preise<br />

und Auszeichnungen gewinnen.<br />

www.foodpunk.de<br />

BLIQ RIDE<br />

Alle Auftragsfahrten<br />

in<br />

einer App<br />

2017 gründete Julian Glaab mit<br />

Johannes Riedel, Matthias Natho,<br />

Mathias Rudnik und Torgen Hauschild<br />

Aipark. Das Unternehmen wollte<br />

mittels einer App Autofahrer gezielt<br />

zu freien Parkplätzen navigieren,<br />

sodass lange Parkplatzsuchereien<br />

der Vergangenheit angehören.<br />

Mittlerweile sind die Gründer jedoch<br />

auf das B2B-Business umgeschwenkt.<br />

Mit Bliq Ride hat das Berliner Start-up<br />

eine App entwickelt, die sogenannten<br />

Gig-Arbeitern (das sind Menschen,<br />

die Aufträge von Vermittlungs -<br />

plattformen annehmen) das Leben<br />

erleichtern soll. Die Geschäftsidee:<br />

Bliq Ride zeigt auf einer Karte, wo<br />

genau eine große Nachfrage nach<br />

Fahrten erwartet wird. Zusätzlich<br />

bündelt die App Fahr- und Lieferanfragen<br />

mehrerer Anbieter wie Uber,<br />

Lyft und Co. Durch den stetigen<br />

Wechsel des Auftraggebers sollen die<br />

Fahrer somit gut ausgelastet werden.<br />

Mit dieser Idee überzeugten die<br />

Macher bereits einige Investoren,<br />

wodurch das Unternehmen zu den<br />

erfolgreichsten Start-ups in der Liste<br />

von gruender.de zählt.<br />

www.bliq.app<br />

COGNIGY<br />

Künstliche Konversation<br />

Bei dem Start up Cognigy steht die künstliche Intelligenz im Vordergrund.<br />

Die KI-Software des Unternehmens soll „automatisierte, von künstlicher<br />

Intelligenz getriebene Konversationen“ ermöglichen. Einsatzorte der<br />

Sprachassistenten gibt es in Chatbots, Servicecentern oder internen<br />

Mitarbeiterdialogen. Sascha Poggemann und Philipp Heltewig gründeten<br />

Cognigy 2016 in Düsseldorf. Mittlerweile zählen unter anderem Daimler,<br />

Henkel und der TÜV Rheinland zu ihren Großkunden. 2017 sammelte das<br />

Start-up in der ersten Finanzierungsrunde bereits einen siebenstelligen<br />

Betrag bei internationalen Investoren ein. Dementsprechend ließ die<br />

nächste Finanzierungsrunde nicht lange auf sich warten. 2019 erhielt<br />

Cognigy ein weiteres 5,5-Millionen-Investment, mit dem die beiden<br />

Unternehmer ihre Expansion weiter beschleunigen möchten. Dadurch<br />

hat das Unternehmen mittlerweile auch Standorte in San Francisco,<br />

Sydney und Seoul. Klarer Fall für unsere Liste.<br />

www.cognigy.com<br />

SEPTEMBER 2022


Veränderung<br />

DEUTSCHLAND BEWEGT SICH 96<br />

MEDWING<br />

Pflegekräfte<br />

sind schwer begehrt<br />

am Arbeitsmarkt<br />

Bei Medwing handelt es sich um eine Jobplattform<br />

für Fachkräfte in der Gesundheitsbranche. In Zeiten<br />

von Fachkräftemangel ermöglicht die Plattform<br />

Medwing eine bessere Vernetzung von Arbeitgeber<br />

und Arbeitnehmer. Dadurch sollen vor allem die<br />

Pflegekräfte durch das deutsche Start-up erkennen,<br />

wie begehrt sie derzeit auf dem Arbeitsmarkt sind<br />

und wie wertvoll ihr Beruf ist. Rund 100 000<br />

Pflegekräfte sind inzwischen bei dem Top-Start-up<br />

Medwing registriert, in den nächsten Jahren<br />

wollen die Gründer aus Deutschland diese Zahl<br />

jedoch verdoppeln.<br />

www.medwing.com<br />

MOTIONMINERS<br />

Verborgene Potenziale<br />

heben und nutzen<br />

2017 gründeten Sascha Feldhorst, Sascha Kaczmarek und René<br />

Grzeszick in Dortmund das Unternehmen MotionMiners. Hierbei<br />

handelt es sich um ein Spin-off des Fraunhofer-Instituts für<br />

Materialfluss und Logistik. Das Unternehmen zeichnet mit<br />

mobilen Sensoren und Kleinfunksendern die Bewegungen von<br />

Mitarbeitern auf. Denn mit den Ergebnissen dieser Technologie<br />

wird die körperliche Belastung von Mitarbeitern gemessen,<br />

sodass diese verringert und die Prozesszeiten in Unternehmen<br />

verkürzt werden können. Somit können durch dieses Start-up<br />

auch Verbesserungspotenziale in Unternehmen entdeckt werden.<br />

www.motionminers.com<br />

NUMAFERM<br />

Arzneien auch für<br />

ärmere Länder<br />

Numaferm ist ein junges Biotechnologie-Start-up,<br />

das 2017 als Spin-off des Instituts für Biochemie der<br />

Heinrich-Heine-Universität von Dr. Christian Schwarz<br />

und Philipp Bürling gegründet wurde. Zum Markteintritt<br />

erhielt das Düsseldorfer Unternehmen eine<br />

Finanzierungshilfe im siebenstelligen Bereich. Das<br />

Start-up hat ein Verfahren entwickelt, dank dem<br />

Peptide nur zu einem Zehntel der sonst sehr hohen<br />

herkömmlichen Kosten produziert werden können.<br />

Dieses Verfahren ist von großer Bedeutung, da<br />

Peptide für die Herstellung von Kosmetika, Arzneien<br />

und Dünger benötigt werden. Durch das günstigere<br />

Produktionsverfahren können durch die Gründer aus<br />

Deutschland nun auch ärmeren Ländern Arzneien<br />

zugänglich gemacht werden.<br />

www.numaferm.com<br />

HOLIDU<br />

Suchen und buchen<br />

Das 2014 gegründete Start-up Holidu hat sich der Mission<br />

verschrieben, das Suchen und Buchen von Ferienwohnungen<br />

einfacher zu machen. Mit einer Suchmaschine für Ferienhäuser<br />

und -wohnungen wollen die Gründer Urlaubern ermöglichen,<br />

die ideale Unterkunft zum niedrigsten Preis zu finden. Zugleich<br />

soll es ebenfalls für Anbieter leichter werden. Mittels der<br />

Software- und Servicelösung Bookiply hilft das Unternehmen<br />

auch Ferienhausvermietern, mit weniger Aufwand mehr<br />

Buchungen zu bekommen. 2019 konnte das Start-up der<br />

erfolgreichen Gründer durch namenhafte Investoren eine<br />

dritte Finanzierungsrunde über 40 Millionen Euro abschließen.<br />

Ein Jahr später wurde diese sogenannte Series C dann um<br />

fünf Millionen Euro erweitert. Trotz Coronapandemie befindet<br />

sich das Start-up auf Wachstumskurs. So beschäftigt Holidu<br />

mittlerweile über 220 Mitarbeiter, damit zählt die Firma<br />

ebenfalls zu den erfolgreichsten Start-ups in Deutschland.<br />

www.holidu.de<br />

SEPTEMBER 2022


Dein Onlineshop<br />

für Mode, Schuhe<br />

und Accessoires<br />

nachhaltig vegan fair<br />

www.le-shop-vegan.de<br />

*mit dem Gutschein-Code MAX-LSV-10. Nur bis 30.11.22. Gilt nicht in Verbindung mit weiteren Rabattaktionen.


Veränderung<br />

98<br />

Master gemacht, dann einen kleinen<br />

Exkurs nach St. Gallen für ein halbes Jahr.<br />

Jetzt promoviere ich noch an der<br />

FU Berlin im Bereich Accounting und<br />

Auditing, also sprich sehr zahlenlastige<br />

BWL. Und ich habe als wissenschaftlicher<br />

Mitarbeiter und Dozent an der Uni<br />

gearbeitet, dann kam der Anruf von<br />

Vincent Kittmann, er ist einer der Geschäftsführer<br />

der Podstars. Sie suchten<br />

jemanden für den Podcast „Ohne Aktien<br />

Wird Schwer“, und da war ich gleich<br />

dabei. Mittlerweile haben wir über<br />

500 Sendungen produziert. Natürlich<br />

verfolge ich meine Promotion weiter.<br />

Was macht einen<br />

guten Business Angel<br />

aus – und wie wird<br />

man ein Super Angel?<br />

Ist Florian Adomeit ein Gesandter des Herrn? Nicht ganz, aber in<br />

hilfreicher Mission für Gründer und Erfinder unterwegs. Ein Blick auf<br />

die deutsche Business-Angel-Szene – und über den Atlantik.<br />

MAX: Magst du unseren Lesern erklären:<br />

Was ist eigentlich ein Business-Angel?<br />

Florian: Früher war es so, wenn du in den<br />

50er-Jahren vielleicht ein Handelsunternehmen<br />

aufmachen wolltest, dann<br />

konnte man das relativ langsam und<br />

entspannt skalieren. Man brauchte nicht<br />

besonders viel Kapital, du konntest Ware<br />

einkaufen, vielleicht auf Kredit, hast sie<br />

dann verkauft, konntest dein erstes<br />

Geschäft machen, hast dir schon mal<br />

die Ladenmiete leisten können. Das ist<br />

jetzt natürlich sehr vereinfacht. Dann<br />

hat sich diese Dynamik, gerade im<br />

Digital-Business, geändert in „The<br />

Winner takes it all“-Märkte, und es<br />

werden risikoreichere Unternehmungen<br />

gegründet. Du brauchst aber trotzdem<br />

Geld, um überhaupt erst mal einen<br />

Prototyp auf die Straße zu setzen. Und<br />

da gab und gibt es viele Unternehmer,<br />

die erfolgreich sind und ein großes<br />

Netzwerk aufgebaut haben. Dieses<br />

Netzwerk, diese Erfahrungen und<br />

Startkapital stellt dann der Business<br />

Angel Gründern zur Verfügung. Der<br />

Venture-Capital-Geber will im Gegensatz<br />

dazu größere Summen an Kapital<br />

reingeben, er will aber auch ein Mitspracherecht<br />

haben. Der Business<br />

Angel steigt viel früher ein.<br />

MAX: Florian, du bist Lead Portfolio<br />

Manager, Podcast Creator und Prokurist<br />

der OMR X GmbH bei den Online Marketing<br />

Rockstars. Besonders der Podcast<br />

„Alles Coin Nichts Muss“ fällt auf …<br />

Florian Adomeit: Das ist echt krass. Und<br />

ich lerne in diesem Krypto-Podcast<br />

selbst extrem viel, ich komme primär<br />

aus der Aktienwelt, und Julius, der<br />

Co-Host, kommt halt aus der Kryptowelt<br />

und versucht, mir diese im Podcast<br />

näherzubringen. Es ist nicht alles so<br />

shady, wie es manchmal dargestellt wird.<br />

Es gibt da wirklich coole Innovationen,<br />

und wir versuchen, die Spreu vom<br />

Weizen zu trennen, natürlich alles ohne<br />

Anlageberatung. So bin ich übrigens zu<br />

Online Marketing Rockstars gekommen,<br />

über die Podcast-Schiene.<br />

MAX: Mit welcher Vorbildung wird man<br />

Podcaster?<br />

Florian: Ich weiß nicht, ob es so eine<br />

Lehrbuchqualifikation für Podcasts<br />

gibt – ich rede jedenfalls gern. Fachlich<br />

habe ich BWL studiert, in Berlin meinen<br />

MAX: Sind Business Angels zurückhaltender<br />

als VC-Geber?<br />

Florian: Ich glaube die wenigsten<br />

Business Angel sagen „Du musst das so<br />

und so machen“, man hat auch kein<br />

Mitspracherecht auf einer gesellschaftsrechtlichen<br />

Ebene. Viele Business Angel<br />

investieren derzeit über Wandelanleihen,<br />

sprich: Man gibt eigentlich nur Fremdkapital<br />

rein und hat gesellschaftsrechtlich<br />

gar keine Mitsprache eingeräumt<br />

bekommen – während ein VC sich<br />

häufig direkt einen Anteil sichert, das<br />

SEPTEMBER 2022


DEUTSCHLAND BEWEGT SICH<br />

macht der Business Angel auch, aber<br />

erst später. Da wird quasi sein Kredit<br />

gewandelt in Unternehmensanteile.<br />

MAX: Gibt es in Deutschland ein paar<br />

Namen von sehr bekannten Business<br />

Angels?<br />

Florian: Da wären etwa zu nennen<br />

Philipp Klöckner, Lea-Sophie Cramer,<br />

Florian Gschwandtner, Verena Pausder<br />

oder Jan Beckers. Bekannt aus der<br />

„Höhle der Löwen“ ist sicher Frank<br />

Thelen oder aus der Investorenszene<br />

Oli Samwer von Rocket Internet.<br />

MAX: Es wird vermutet, dass in<br />

Deutschland rund 400 Millionen Euro<br />

ins Business-Angel-Business gehen, in<br />

den USA sprechen wir von mindestens<br />

vier Milliarden Dollar.<br />

Florian: Na ja, erst mal sind die USA<br />

natürlich deutlich größer als Deutschland.<br />

Beide Länder unterscheiden<br />

sich aber auch in ihrer Anlagekultur.<br />

Deutsche investieren nicht annähernd<br />

so viel in Aktien wie Menschen in den<br />

USA. Investitionen in Unternehmen und<br />

Aktionärskultur werden bei uns jetzt in<br />

den letzten Jahren immer mehr gestärkt,<br />

aber in den USA ist es halt schon immer<br />

anders gewesen. Dort hast du etwa<br />

Sparpläne in Aktien, die auch zur Rentenversicherung<br />

oder zur Altersvorsorge<br />

dienen.<br />

MAX: Neben dem lieben Geld,<br />

was muss einen Business Angel noch<br />

auszeichnen?<br />

Florian: Vor allem sein Netzwerk. Und<br />

viel Erfahrung und dass man Gründern<br />

wirklich mit Rat und Tat zur Seite stehen<br />

kann. Also das sind viel, viel wichtigere<br />

Sachen als nur Geld. Das Ökosystem<br />

besteht eben nicht nur aus Geld. Und<br />

Deutschland kann ja mittlerweile auf<br />

relativ viele erfolgreiche Gründungen<br />

zurückblicken …<br />

MAX: Als da wären …?<br />

Florian: Da wäre etwa Zalando, das<br />

dürfte inzwischen jeder kennen. Oder<br />

Delivery Hero und das Unicorn About<br />

You. Große internationale Investoren hat<br />

jetzt auch Trade Republic angezogen.<br />

Aber wenn du in den USA einen großen<br />

Paycheck bekommst, etwa bei Google,<br />

dann sagst du dir: Ich kaufe mir ein<br />

neues Haus, investiere in meine<br />

Altersversicherung, und einen Teil<br />

stecke ich in Start-ups. Das ist eben bei<br />

uns noch nicht so, da können wir noch<br />

„Investitionen in Unternehmen<br />

und Aktionärskultur werden<br />

bei uns in den letzten<br />

Jahren immer mehr gestärkt.“<br />

Florian Adomeit<br />

aufholen. Kein Wunder, dass im Silicon<br />

Valley viele Start-ups gefördert<br />

werden – denn dort sitzen technische<br />

Entwickler, erfahrene Sales-Leute und<br />

kreative Köpfe. In Deutschland suchen<br />

wir händeringend Nachwuchs.<br />

MAX: Was zeichnet einen guten<br />

Business Angel noch aus?<br />

Florian: Neben dem Netzwerk eine sehr<br />

gute Menschenkenntnis, ein ordentlicher<br />

Track-Record und eine gewisse generalistische<br />

Kenntnis, wohin Business-<br />

Trends laufen könnten. Und ich<br />

persönlich investiere gern in Dinge,<br />

die ich verstehe.<br />

MAX: In den USA spricht man auch<br />

von Super Angels …<br />

Florian: Das sind Leute, die nicht nur<br />

einen Homerun hatten, also einen<br />

Treffer, indem sie etwa frühzeitig in Uber<br />

investiert haben, sondern sehr früh auch<br />

etwa in Spotify, AirBnb, Trade Republic<br />

oder Facebook. Wenn du bei fünf<br />

Unicorns investiert hast, dann giltst du<br />

als Super Angel.<br />

MAX: Agiert OMR als Business Angel?<br />

Florian: Auf keinen Fall spielen wir<br />

den dicken Investor. Aber wenn wir<br />

gebeten werden, machen wir uns schon<br />

Gedanken, ob wir im Rahmen unseres<br />

Ökosystems und mit unserem Netzwerk<br />

einem vielversprechenden Start-up<br />

helfen können. Eher so, dass Business<br />

Angels auch Family and Friends sind<br />

und dir helfen können, eine erste, noch<br />

spröde Geschäftsidee mit Leben<br />

zu füllen.<br />

MAX: Lieber Florian, herzlichen Dank<br />

für das Gespräch.<br />

SEPTEMBER 2022


Herausforderung<br />

100


Herausforderung<br />

102<br />

SEPTEMBER 2022


EIN GESPRÄCH ÜBER HERAUSFORDERUNGEN UND KRISEN,<br />

GESELLSCHAFTLICHEN ZUSAMMENHALT,<br />

die Rolle von Qualitätsjournalismus in<br />

aufgeregten Zeiten und eine düstere Prognose,<br />

wenn nicht noch einiges passiert …<br />

INTERVIEW PETER LEWANDOWSKI


Herausforderung 104<br />

MAX: Was ist die größte Herausforderung<br />

unserer Zeit?<br />

Precht: DAS ÜBERLEBEN<br />

DER MENSCHHEIT. ES SIND NUR NOCH<br />

WENIGE JAHRZEHNTE, BIS DIE<br />

SOZIALEN FOLGESCHÄDEN DER<br />

ÖKOLOGISCHEN KATASTROPHE ZU<br />

KONFLIKTEN AUF DIESER ERDE FÜHREN<br />

WERDEN, DIE GRÖSSER SIND ALS ALLES,<br />

WAS DIE MENSCHHEIT BISHER ZU<br />

BEWÄLTIGEN HATTE.<br />

Insofern kann man sagen, dass der<br />

Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe<br />

und das Verschonen des Planeten<br />

die beiden Hauptaufgaben der Menschheit<br />

sind.<br />

MAX: Das Thema beschäftigt uns eigentlich<br />

seit mehr als 50 Jahren. Und trotzdem<br />

diskutieren wir ganz andere Themen,<br />

auch abseits von den Folgen des Ukrainekrieges.<br />

Nehmen wir unsere eigene<br />

Zukunft nicht ernst genug?<br />

Precht: Ja, natürlich nehmen wir sie<br />

nicht ernst genug. Ich bin quasi mit der<br />

Gründung der Grünen sozialisiert, und<br />

damals gab es diesen Report „Global<br />

2000“, der in eine ähnliche Richtung ging<br />

wie der Club of Rome mit den „Grenzen<br />

des Wachstums“. Und ich war verzweifelt<br />

damals, Anfang der 80er-Jahre<br />

wurde ich in die Schublade des Spinners<br />

getan, wenn ich Dinge gefordert habe<br />

für die Umwelt, die heute selbstverständlich<br />

sind. Vor 40 Jahren hatten wir<br />

noch viel bessere Möglichkeiten, etwas<br />

zu tun. Jetzt fürchte ich, dass der Zug<br />

zur Rettung der Menschheit abgefahren<br />

ist. Ich glaube nicht mehr daran,<br />

dass wir es schaffen. Aber ich hoffe, dass<br />

wir wenigstens nicht alle Pflanzen und<br />

Tierarten gleich mit ausrotten, und der<br />

Planet zumindest eine Chance bekommt,<br />

sich zu regenerieren.<br />

MAX: Das heißt ohne den Menschen hat<br />

der Planet die Chance zum Aufbruch …<br />

Precht: Natur ist mein großes Lebensthema.<br />

So traurig und dramatisch das<br />

für die Menschheit ist, aus der Sicht der<br />

Biodiversität ist das Verschwinden des<br />

Menschen nicht tragisch.<br />

MAX: Wie alt ist Ihr Sohn?<br />

Precht: Er ist 19 Jahre alt, und für<br />

jeden, der Kinder hat, gibt es genügend<br />

Gründe, den Untergang der Menschheit<br />

nicht zu feiern. Aber ich fange an, mich<br />

mit dem Gedanken zu arrangieren, dass<br />

es nicht mehr fünf vor zwölf ist, sondern<br />

inzwischen fünf nach zwölf. Wenn man<br />

sich anguckt, was alles abbrennt, wenn<br />

man sich anguckt, was in weiten Gebieten<br />

Afrikas durch Dürre und Überschwemmungen<br />

passiert, dann bekommen<br />

wir jetzt schon eine Vorstellung,<br />

welche enormen Kriege, Völkerwanderungen<br />

uns da in relativ naher Zeit bevorstehen.<br />

Da wird uns auch kein Limes,<br />

keine Abschottung helfen. 2015 war nur<br />

ein minimaler Vorgeschmack auf das,<br />

was noch kommen wird. Das wird bei<br />

uns zu sozialen Spannungen unvorstellbaren<br />

Ausmaßes, ja zu bürgerkriegsähnlichen<br />

Situationen führen. Und das ist<br />

eben das, was unsere Kindergeneration<br />

mitbekommen wird.<br />

MAX: Drücken wir uns vor der Verantwortung<br />

für nachfolgende Generationen?<br />

Precht: Die Leute haben anscheinend<br />

mehr Angst vorm Frieren als vorm<br />

Aussterben. Das liegt natürlich auch an<br />

einer Medienlandschaft, die die kleinen<br />

Dinge sensationiert, um die Menschen<br />

zu erreichen.<br />

DIE GROSSEN THEMEN<br />

SIND SATTSAM BEKANNT, HABEN ABER<br />

KEINEN TÄGLICHEN ERREGUNGS-<br />

ODER SENSATIONSWERT.<br />

Deswegen spielen sie im Alltagsbewusstsein<br />

eine geringe Rolle. Ein bisschen ist<br />

es ja mit Selbstausrottung der Menschheit<br />

wie mit der eigenen Sterblichkeit.<br />

Letzteres ist eine verdammt große Frage<br />

im Leben, aber sie wird natürlich<br />

nicht jeden Tag gestellt. Und das Gleiche,<br />

was wir auf der individuellen Ebene<br />

tun, erleben wir auch auf der kollektiven<br />

der Menschheits-Zukunft.<br />

MAX: Ja, ja, die Medien sind ja an allem<br />

schuld, Bashing gehört mittlerweile zum<br />

Mainstream, Lügenpresse ist schon ein<br />

geflügeltes Wort. Aber gibt es überhaupt<br />

„die Medien“? Und welche Verantwortung<br />

hat Journalismus für die Zukunft?<br />

Precht: In dem Buch, das der Soziologe<br />

Harald Welzer und ich geschrieben<br />

haben, beschäftigen wir uns nicht mit<br />

den Medien im Allgemeinen. Das ist ein<br />

weiter Begriff. Auch Bücher sind Medien.<br />

Unser Thema ist die sogenannte<br />

Qualitätspresse, also die Leitmedien.<br />

Wir bemängeln, dass durch die strukturellen<br />

Veränderungen der Öffentlichkeit<br />

durch die sozialen Netzwerke sich<br />

auch die Leitmedien verändert haben.<br />

Gewiss aus einem ökonomischen Druck<br />

heraus. Aber viele Phänomene, Themen,<br />

die man eigentlich in den sozialen<br />

Medien eher als Unkultur bezeichnen<br />

würde, finden sich heute in ähnlicher<br />

Form in den Leitmedien wieder. Und<br />

das halten Harald Welzer und ich für<br />

eine Art Selbstmord aus Angst vor dem<br />

Sterben, weil die Folge ein eklatanter<br />

Vertrauensverlust der Menschen in die<br />

Leitmedien ist. Laut einer Umfrage aus<br />

diesem Jahr vertrauen nur noch 32 Prozent<br />

in Deutschland dem Fernsehen,<br />

43 Prozent der Presse. Das sind natürlich<br />

alarmierende Werte. Viele Leitmedien<br />

beschädigen durch ihre niveaulosen Onlineauftritte<br />

ihre Marke nachhaltig und<br />

befinden sich in einem steilen Sinkflug<br />

nach unten. Aber was kann die Qualitätsmedien<br />

ersetzen?<br />

MAX: Die sozialen Medien beherrschen<br />

doch schon längst die Massenkommunikation.<br />

Precht: Das ist mittlerweile ein bekanntes<br />

Problem. Ich habe schon 2009<br />

in einer Keynote auf den Münchner<br />

Medientagen gesagt, dass die sozialen<br />

Medien nicht auf die gleiche Art Öffentlichkeit<br />

herstellen wie die traditionellen<br />

Leitmedien. Öffentlichkeit entsteht ja<br />

dann, wenn Menschen als Gleiche über<br />

Gleiches reden, aber nicht der gleichen<br />

Meinung sind.<br />

DURCH DIE SOZIALEN<br />

MEDIEN LEBT JEDER AUF SEINEM<br />

EIGENEN ATOLL, IN SEINER BLASE, DER<br />

AUSTAUSCH, DIE DEBATTENKULTUR<br />

GEHEN VERLOREN. DAS IST<br />

EINE GEWISSE BEDROHUNG FÜR<br />

EINE FUNKTIONIERENDE<br />

ÖFFENTLICHKEIT.<br />

Leitmedien als Idee werde ich immer<br />

verteidigen, aber die meisten real existierenden,<br />

so wie sie sich heute darstellen,<br />

eben nicht mehr.<br />

MAX: Was hat sich aus Ihrer Sicht<br />

geändert?<br />

Precht: Wir haben die Strukturentwicklung<br />

des Mediensystems vor allem<br />

in den letzten zehn Jahren, gekennzeichnet<br />

durch die drei großen Krisen<br />

Migration, Pandemie und jetzt den<br />

Ukrainekrieg, untersucht. Die objektiven,<br />

sorgfältig geprüften Nachrichten<br />

werden weniger, und sie werden durch<br />

kommentierende Meldungen und Artikel<br />

ersetzt.<br />

SEPTEMBER 2022


RICHARD DAVID PRECHT<br />

Sorgte schon vor der Veröffentlichung<br />

für Wirbel: „Die<br />

Vierte Gewalt“, eine Analyse<br />

über öffentliche und veröffentlichte<br />

Meinung. Walzer<br />

und Precht sparen nicht mit<br />

Kritik an den Leitmedien.<br />

Prechts Buch über die Zukunft<br />

der Wirtschaft ist seit<br />

dem Frühjahr ein Bestseller.<br />

MAX: Zum Beispiel?<br />

Precht: Ich wundere mich, wie viele<br />

Menschen sich in Leitmedien zutrauen<br />

zu wissen, was Putin denkt. Woher haben<br />

sie ihre Informationen? Nehmen wir<br />

ein Beispiel: Wie oft wird der britische<br />

Geheimdienst zitiert? Aber welcher Geheimdienst<br />

gibt seine Informationen der<br />

Öffentlichkeit preis? Oft dienen solche<br />

Verlautbarungen wie beispielsweise über<br />

die schlechte Moral der russischen Truppen<br />

der Propaganda. Welches Rollenverständnis<br />

haben Qualitätsjournalisten<br />

beim Publizieren solcher vermeintlicher<br />

Nachrichten? Wäre es nicht die Aufgabe<br />

der Leitmedien zu recherchieren, wie<br />

solche Nachrichten zustande kommen?<br />

Aber dieses kritische Nachfragen findet<br />

so nicht statt.<br />

MAX: Recherchieren, sagen, was ist,<br />

gehört zum Ethos des Journalismus …<br />

Precht: Ja natürlich. Aber in der<br />

Praxis steht man in großer Konkurrenz,<br />

die Themen werden rausgehauen, und<br />

man bedient sich der Stilmittel der Sensationsmedien,<br />

von denen man sich qualitätsmäßig<br />

ja eigentlich unterscheiden<br />

will. Das stärkt die Erregungskultur<br />

und erstickt unsere Debattenfähigkeit.<br />

Aus diesem Selbstverständnis geht auch<br />

immer mehr die Kontrollfunktion verloren.<br />

Journalisten werden zu Aktivisten,<br />

indem sie versuchen, die Politik zu treiben.<br />

Je nachdem, wo gerade der Cursor<br />

der Aufmerksamkeit steht, sind sie beispielsweise<br />

für oder gegen eine Impflicht,<br />

für oder gegen einen Lockdown.<br />

AUF OLAF SCHOLZ WURDE<br />

EIN IRRSINNIGER DRUCK AUSGEÜBT,<br />

SCHWERE WAFFEN ZU LIEFERN.<br />

DAS SCHEINT ZUM TAGESGESCHÄFT<br />

VIELER LEITARTIKLER ZU<br />

GEHÖREN: POLITIK ZU MACHEN, STATT<br />

SIE ZU KONTROLLIEREN.<br />

MAX: Gibt es eine Diskrepanz<br />

zwischen öffentlicher und veröffentlichter<br />

Meinung?<br />

Precht: Bleiben wir bei den Waffenlieferungen<br />

für die Ukraine. 60 Prozent<br />

der Bevölkerung, glaube ich, waren mit<br />

Scholz’ Politik der abwägenden Zurückhaltung<br />

ganz zufrieden. In der veröffentlichten<br />

Meinung, in den Kommentaren,<br />

hat sich das nicht widergespiegelt.<br />

Wir nennen das eine Selbstangleichung<br />

der Medien. Das hat natürlich nichts<br />

mit Gleichschaltung zu tun, mit Staatsmedien<br />

und anderen absurden Theorien<br />

von „Querdenkern“. Es liegt eher an bestimmten<br />

sozialpsychologisch erklärbaren<br />

Mechanismen der Angleichung.<br />

MAX: Das heißt auf Deutsch?<br />

Precht: Der Cursor der Aufmerksamkeit<br />

ist zugleich der Cursor des<br />

gefühlten Anstandes. Das ist sozusagen<br />

der Punkt, wo ich aus moralischen<br />

Gründen hier jetzt zu sein habe und<br />

mich davon nicht zu weit entfernen darf.<br />

Wer davon abweicht, geht ein Risiko ein,<br />

nicht verstanden zu werden, anzuecken,<br />

nicht mehr dabei zu sein. Und aus diesem<br />

sozialpsychologischen Mechanismus,<br />

zur Ingroup um den Cursor zu gehören,<br />

entsteht dieses Verhalten.<br />

MAX: Kritisieren kann ja jeder.<br />

Aber was ist der Zweck Ihres Buches?<br />

Noch eine Aufmerksamkeit?<br />

Precht: Wir haben nicht hundert<br />

Patentlösungen, wie man alles besser<br />

machen kann. Aber es wäre doch mal<br />

schön, wenn wir öffentlich darüber diskutieren,<br />

wie man bestimmte Fehlentwicklungen<br />

aufhalten könnte. Das ist<br />

SEPTEMBER 2022


Herausforderung 106<br />

der Punkt. Es soll ein Weckruf an die<br />

Qualitätsmedien sein, sich ihrer Stärken<br />

wieder zu besinnen. Recherchieren,<br />

beurteilen, informieren, davon sind die<br />

meisten weit entfernt. Über unser Buch<br />

wurden zum Beispiel negative Kritiken<br />

veröffentlicht, obwohl wir es noch gar<br />

nicht fertig geschrieben hatten und<br />

keiner eine leise Ahnung haben konnte,<br />

was drinsteht. Schon die Ankündigung<br />

hatte gereicht, um mit uns ins Gericht<br />

zu gehen.<br />

MAX: Wie sehr hängt das mit Ihrer<br />

Person zusammen? Sie scheinen immer<br />

mehr zu polarisieren?<br />

Precht: Ich will mich als Person<br />

nicht in den Vordergrund stellen. Nur<br />

so viel: Das Wort Querdenker war ja<br />

mal positiv besetzt. Wer eine andere<br />

Meinung hatte, galt früher als unbequem<br />

oder streitbar. Und das waren keine<br />

negative Wörter, sondern eher eine Auszeichnung.<br />

Ich bin Philosoph und Publizist<br />

und äußere mich zu Themen der<br />

Zeit, da geht es nicht um Gefälligkeit<br />

und Beliebtheit, sondern darum, das zu<br />

sagen, was man aus gründlicher Überlegung<br />

heraus für richtig hält.<br />

MAX: Wie wichtig ist Haltung im Leben?<br />

Precht: Heute scheinen Moral und<br />

Haltung hundertmal wichtiger als je zuvor.<br />

Nicht nur in der jungen Generation<br />

hat man zu allem eine Meinung aus einer<br />

starken moralischen Überzeugung – egal,<br />

wie groß das Wissen um ein Thema ist.<br />

WIR LIKEN UND DISLIKEN, DENKEN<br />

SCHWARZ, WEISS, HABEN ZU ALLEM<br />

GANZ SCHNELL WAS ZU SAGEN. DAS<br />

HEISST, WIR HABEN EINEN ENORMEN<br />

VERBRAUCH AN MORAL, MIT DER WIR<br />

NICHT MEHR VERNÜNFTIG UMGEHEN.<br />

MAX: Haben wir verlernt, wie es so schön<br />

heißt, uns erst mal ein Bild zu machen?<br />

Precht: Das wäre auch eine Aufgabe<br />

der Schulen. Man sagt ja immer, die<br />

Stärkung der Urteilskraft sei elementares<br />

Bildungsziel. Ich habe aber nicht das<br />

Gefühl, dass besonders viele Kinder mit<br />

gestärkter Urteilskraft die Schule verlassen,<br />

sondern eher mit einer gestärkten<br />

Meinungsfreude.<br />

MAX: Aber dagegen ist doch nichts<br />

zu sagen.<br />

Precht: Früher wussten die Erwachsenen<br />

immer alles besser, und es war<br />

egal, was Kinder denken. Das war nicht<br />

gut. Heute ist genau das Gegenteil der<br />

Fall. Heute wird jede Kleinigkeit wahrgenommen:<br />

Was Kinder denken, wünschen,<br />

wollen. Kinder müssen lernen,<br />

mit sich selbst umzugehen, die Welt zu<br />

erfahren und daraus eine Urteilskraft zu<br />

entwickeln. Wir sind quasi von einem<br />

Extrem ins andere geschossen.<br />

MAX: Also haben Kinder doch eher die<br />

Klappe zu halten<br />

Precht: Nein. Es gibt zwei <strong>Max</strong>imen,<br />

die ich bei meinem Sohn versucht habe<br />

zu berücksichtigen. Das eine ist, Kinder<br />

können nicht genug Liebe kriegen,<br />

aber sehr leicht zu viel Aufmerksamkeit.<br />

Wer trainiert wird, zu allem seine<br />

Meinung abzugeben, wird nachher den<br />

Mechanismus nicht finden, seine Meinung<br />

kritisch zu hinterfragen. Quasi<br />

um sich zu überdenken, neue Gedanken<br />

zuzulassen, eine neue Meinung zu<br />

bilden. Wir reagieren zu oft im Affekt.<br />

Wie soll gesellschaftlicher Konsens erstellt<br />

werden, wenn zwar die Meinungsfreude<br />

sehr gut entwickelt ist, aber die<br />

Vermittlungsfähigkeit darunter leidet,<br />

dass man seine Meinung aufgrund neuer<br />

Wissenserkenntnisse nicht infrage<br />

stellt. Der Kitt der Öffentlichkeit kann<br />

nur funktionieren, solange man bereit<br />

ist, von eigenen Meinungen in dem einen<br />

oder anderen Punkt abzusehen oder<br />

andere gelten zu lassen.<br />

MAX: Aber müssen wir nicht viel mehr<br />

Rücksicht auf junge Menschen nehmen?<br />

Nach dem neuen Jugendreport mussten sie<br />

am meisten unter der Pandemie leiden.<br />

Precht: Das ist tatsächlich so! Wir<br />

haben bei Corona erwartet, dass die<br />

jungen Menschen einen enormen Beitrag<br />

leisten und auf wirklich spannende<br />

Lebenszeit zu verzichten. Ihre Chance<br />

zur Weiterentwicklung wurde einfach<br />

eingeengt. Dabei sind doch die Jahre<br />

von 14 bis 18 oder 20 die aufregendsten,<br />

an die wir uns immer wieder gern erinnern.<br />

In der Pandemie haben sich die<br />

Jungen zurückgenommen, um die Alten<br />

zu schützen. Und ich frage mich, was<br />

machen die Alten, um den Jugendlichen<br />

einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen?<br />

Fast nichts. Wir überschütten<br />

unsere Kinder mit einem Ausmaß an<br />

Liebe, wie das noch nie eine Generation<br />

auf diesem Planeten gemacht hat, aber<br />

auch mit einem ungekannten Ausmaß an<br />

Konsum. Und damit zerstören wir liebevoll<br />

und wohlmeinend ihre Zukunft.<br />

MAX: Die Menschen scheinen andere<br />

Sorgen zu haben.<br />

Precht: Der Klimawandel ist, wie<br />

bereits gesagt, das Thema, dem wir alles<br />

unterordnen müssen. Ich hoffe mit<br />

anderen namhaften Intellektuellen auf<br />

ein baldiges Waffenstillstandsangebot<br />

an Russland, weil es im 21. Jahrhundert<br />

schlichtweg Irrsinn ist, was dort passiert.<br />

Wir können uns dieses Ausmaß<br />

an Kriegsführung mit immer schwereren<br />

Waffen menschheitsgeschichtlich<br />

nicht mehr leisten, das Öl, das hier verbrannt<br />

wird, der CO2-Ausstoß, all die<br />

Milliarden, die in Waffen fließen und<br />

dabei fehlen, wo es gilt, das Überleben<br />

der Menschheit zu sichern. Schon jetzt<br />

sterben in Afrika täglich bis zu 25 000<br />

Menschen, und der von uns bewirkte<br />

Klimawandel treibt diese Zahl zukünftig<br />

immer weiter in die Höhe.<br />

SO VERSTÄNDLICH DIE TIEFE<br />

EMPÖRUNG ÜBER DEN RUSSISCHEN<br />

ANGRIFFSKRIEG IST – ER IST<br />

GLEICHWOHL NICHT DAS GRÖSSTE<br />

PROBLEM, VOR DEM WIR STEHEN.<br />

Bei aller tief empfundenen Empathie<br />

für die ukrainischen Kriegsopfer – wen<br />

soll die Frage, wem der Donbass gehört,<br />

noch interessieren, wenn unsere ganze<br />

Zivilisation ob der ökologischen Katastrophe<br />

komplett zusammenbricht? Ich<br />

mahne hier dringend zu mehr Realismus.<br />

MAX: Bei Ihrer Sicht auf das Ende der<br />

Menschheit kann das nun auch völlig<br />

egal sein …<br />

Precht: Die Scheißegal-Haltung<br />

macht’s nicht besser. Ich habe meine<br />

Zuversicht verloren, aber nicht meine<br />

Haltung. Selbst wenn unsere Überlebenschance<br />

nur noch bei einem Prozent<br />

liegen sollte, haben wir die Verpflichtung,<br />

für dieses eine Prozent alles zu tun.<br />

Der daraus resultierende Optimismus<br />

gründet sich auf Alternativlosigkeit.<br />

MAX: Wie können wir in dieser Zeit noch<br />

wachsen, ihr gewachsen sein?<br />

Precht: Wenn wir Wachstum nicht<br />

auf das Materielle reduzieren, geht<br />

Wachstum immer. Ich glaube ganz grundsätzlich<br />

daran, dass die Zivilisation Fortschritte<br />

machen kann. Humanität, Empathie<br />

und andere Werte sind aber abhängig<br />

von sozialen Voraussetzungen. Deswegen<br />

SEPTEMBER 2022


RICHARD DAVID PRECHT<br />

107<br />

setze ich mich auch für das bedingungslose<br />

Grundeinkommen ein. Mit der Einführung<br />

des Bürgergeldes wird nun ein<br />

erster Schritt getan. Und ich brauche<br />

Bildung für mein inneres Wachstum, damit<br />

ich ein netter, entspannter, gelassener<br />

Mensch werden kann – ohne Sorgen<br />

um meinen Arbeitsplatz oder Angst vor<br />

gesellschaftlicher Ausgrenzung und Abstiegen.<br />

Und die rücken näher. Sie beginnen<br />

schon, wenn wir tatsächlich im<br />

Winter frieren sollten. Dann wird vor<br />

allem die AfD profitieren. Und wenn wir<br />

uns die USA anschauen, wo sich so viele<br />

Leute von der Politik nicht mehr vertreten<br />

fühlen, müssen wir befürchten, dass<br />

so ein molekularer Bürgerkrieg auch<br />

woanders ausbrechen kann. Anzeichen<br />

dafür haben wir in Frankreich oder in<br />

England. Wir sind in Deutschland noch<br />

vergleichsweise stabil, aber wir sind<br />

auch noch keinem echten Stresstest ausgesetzt<br />

gewesen. Also es müssen ganz<br />

viele politische und wirtschaftliche Voraussetzungen<br />

erfüllt sein, um Menschheitsfortschritte<br />

zu erzielen.<br />

WIR KÖNNEN IN SOMALIA<br />

ODER IN AFGHANISTAN DERZEIT<br />

NICHT MIT EINEM MENSCHHEITS-<br />

FORTSCHRITT RECHNEN. ALSO<br />

MÜSSEN WIR DEN VON UNSEREN<br />

KULTUREN ERWARTEN UND<br />

VON NIEMANDEM SONST.<br />

MAX: Und eine neue Kultur des<br />

Verzichts pflegen?<br />

Precht: Daran werden wir nicht<br />

vorbeikommen. Und wahrscheinlich<br />

wird es unser Glück auch nicht dramatisch<br />

mindern, weniger Auto zu fahren<br />

und seltener ein neues Handy zu kaufen.<br />

MAX: Aber es verändert sich doch viel:<br />

mehr Fahrräder, mehr Elektromobilität …<br />

Precht: … deren Gegner ich mittlerweile<br />

bin. Weil wir dafür Ressourcen<br />

wie Lithium und Kobalt brauchen, deren<br />

Gewinnung Biodiversität, indigene Kulturen,<br />

Regenwälder und andere Lebensräume<br />

zerstört. Die Lösung wäre: deutlich<br />

weniger Auto zu fahren! Und dann<br />

kommt es am Ende nicht so sehr darauf<br />

an, ob es ein Drei-Liter-Diesel ist oder<br />

ein Elektrofahrzeug. Das Wichtigste ist,<br />

umweltschädlichen Verkehr zu reduzieren.<br />

Das machen wir aber nicht wirklich.<br />

Im Augenblick verlagern wir die Probleme.<br />

Und solange wir nicht in Richtung<br />

Reduktion gehen, ist vieles Selbstbetrug.<br />

MAX: Wir haben jahrzehntelang in<br />

Fortschritt und Wohlstand gelebt. Muss<br />

sich im 21. Jahrhundert unser Koordinatensystem<br />

verändern?<br />

Precht: Rupert Neudeck, der leider<br />

verstorben ist und den ich sehr verehrt<br />

habe, hat mit seiner „Cap Anamur“ konkret<br />

gehandelt, Flüchtlinge aus dem Meer<br />

gerettet und ist für mich ein Vorbild. Er<br />

hat mich gelehrt, wie wir in der Welt helfen<br />

können. Nicht durch Belehrung, Ausbeutung,<br />

sondern durch echte Partnerschaft<br />

mit den armen Ländern, um sie zu<br />

fördern, ihren Wohlstand, soziale Sicherheit<br />

und so weiter. Das gelingt nicht mit<br />

Entwicklungsgeldern, die mit der Gießkanne<br />

verteilt werden, sondern durch das<br />

Eingehen auf länderspezifische Bedürf-<br />

Sendet auf vielen Kanälen und eckt oft mit seiner Meinung an:<br />

Mit seinem Talk „Precht“ im ZDF und dem<br />

wöchentlichen Podcast mit Markus Lanz. Beide Formate<br />

haben Hunderttausende an Fans.<br />

nisse. Unser Außenministerium sollte in<br />

eines für globale Zusammenarbeit transformiert<br />

werden. Wenn wir wirklich was<br />

retten wollen, dann müssen wir nämlich<br />

noch sehr viel mehr in Afrika tun als bei<br />

uns zu Hause.<br />

MAX: Also gibt es doch noch Hoffnung?<br />

Precht: EIN PESSIMIST,<br />

DER SICH BESTÄTIGT FÜHLT, HAT<br />

EIN WENIGER SINNVOLLES<br />

LEBEN GEFÜHRT ALS EIN OPTIMIST,<br />

DER SICH GETÄUSCHT HAT.<br />

DESWEGEN GIBT ES<br />

IM GRUNDE ZUM OPTIMISMUS KEINE<br />

ALTERNATIVE. ICH KOMME AUS<br />

EINER FAMILIE VON PESSIMISTEN.<br />

MEIN OPTIMISMUS IST TROTZ.<br />

SEPTEMBER 2022


Aufbruch Herausforderung<br />

108<br />

TEXT BEATE ZWERMANN<br />

Die Pandemie hat die Welt nicht nur zum<br />

Schlechteren verändert. Es ergeben sich neue<br />

Chancen für jeden Einzelnen von uns und<br />

damit auch für die Gesellschaft. Für viele hat der<br />

Luxus jedoch einen Preis.<br />

In<br />

Kağan Sümers Welt<br />

Welt sind seine Gorillas-Rider (zu Deutsch: Fahrradkuriere)<br />

die Helden der Gegenwart: Ganz in Schwarz gekleidet,<br />

durch tägliches Fahrradfahren mit schwerer Fracht körperlich<br />

gestählt, lieben sie es, in kleinen, verdunkelten Läden,<br />

sogenannten Dark Stores, bei lautem Techno-Beat mit<br />

Gleichgesinnten abzuhängen und auf ihre Lieferfahrten zu<br />

warten. Um dann beim Blinken der Bestell-App mit ge“pikter“<br />

Ware und per Missachtung jedweder Verkehrsregel in<br />

Windeseile die Menschen zu beglücken, die sie durch ihren<br />

lebensgefährlichen Einsatz über jedes Kopfsteinpflaster<br />

und Schlagloch von ihrem zentralen Problem befreien:<br />

DEM EINKAUFEN IM SUPERMARKT.<br />

In der Welt von Nazim Salur sind seine Getir-Rider ebenfalls<br />

Helden. Er nennt sie die digitalen Butler für Millionen<br />

von Menschen. „Eine Hilfskraft einzustellen, die den Einkauf<br />

erledigt, konnten sich bisher nur wohlhabende Menschen<br />

leisten“, sagt Salur in einem Interview der Frankfurter<br />

Allgemeinen Zeitung. Sein Geschäftsmodell habe diese<br />

Schwelle demokratisiert und bringe ein Stück Luxus für alle. Die<br />

Menschen hätten ein Recht auf Faulheit. 90 Prozent der Bevölkerung<br />

habe keine Freude am Einkauf von Lebensmitteln. Die Zeit im<br />

Supermarkt könne sie besser nutzen.<br />

Die Idee zu seinem Lieferservice sei ihm durch seine Mutter<br />

gekommen, erzählt Gorillas-Gründer Sümer gerne. In seiner Kindheit<br />

habe diese einfach durchs Fenster ihre Wünsche zum Laden<br />

gegenüber gerufen. Der Kaufmann legte die Waren dann in einen<br />

Korb, den sie zur Wohnung hochziehen konnte. Für Getier- Gründer<br />

Salur ist der Lieferdienst eine Fortführung seiner Taxi-App BiTaksi.<br />

Sie verspricht Kunden, dass innerhalb von drei Minuten ein Taxi<br />

bereitsteht. Warum sollte man den Menschen ihre alltäglichen<br />

Einkäufe nicht auch in etwa zehn Minuten bringen, fragte sich der<br />

Tech- Unternehmer folglich und gründete den ersten Zehn-Minuten-<br />

Lieferservice in der Türkei.<br />

WER SIND DIESE MÄNNER, DIE MENSCHEN<br />

ZURÜCK AUFS SOFA UND IN DIE ISOLATION SCHICKEN<br />

WOLLEN, WO SIE SICH DOCH GERADE ERST WIEDER<br />

FREI BEWEGEN KÖNNEN?<br />

SEPTEMBER 2022


SEPTEMBER 2022<br />

109


Herausforderung<br />

110<br />

Sümer und Salur haben viele Gemeinsamkeiten: Sie haben<br />

beide türkische Wurzeln und betreiben Lebensmittel-<br />

Schnelllieferdienste, mittels derer sie den Alltag der Menschen<br />

weltweit revolutionieren wollen.<br />

WÄHREND SALUR MIT SEINEM IM JAHR 2015 GESTARTETEN<br />

UNTERNEHMEN GETIR ALS PIONIER DER BRANCHE MIT SOLIDEM<br />

WACHSTUM UND KAPITALBASIS GILT, IST SÜMER MIT GORILLAS<br />

IN DER CORONA-PANDEMIE SEIT MAI 2020 INNER-HALB<br />

VON NUR ZEHN MONATEN ZUM START-UP-EINHORN<br />

(UNTERNEHMENSWERT ÜBER EINE MILLIARDE US-DOLLAR)<br />

AUFGESTIEGEN.<br />

Beide Unternehmen werden unter anderen von Risiko-<br />

Kapitelgebern wie Sequoia Capitel aus dem Silicon Valley<br />

finanziert. Und beide Lieferdienste haben in der Pandemie-Zeit<br />

hochgradig von der Angst der Menschen vor der<br />

Begegnung mit Anderen profitiert. Eine Bitkom-Studie<br />

aus dem Jahr 2020 belegt die Dimension: Allein im ersten<br />

Lockdown bestellten 44 Millionen Menschen in Deutschland<br />

Essen online.<br />

Ein Vorbild ist Salur für Sümer offiziell nicht, auch<br />

wenn der türkische Unternehmer bereits mit seiner Taxi-<br />

App reich geworden ist. Jedenfalls spricht der 34-jährige<br />

Gorilla-Chef nicht über den 59-jährigen Erfolgsunternehmer<br />

aus Istanbul. Seine unternehmerische Laufbahn verknüpft<br />

Sümer öffentlich lieber mit der Start-up-Schmiede<br />

Rocket-Internet, bei der er sich fünf Mal beworben haben<br />

will, um zu lernen, wie man Unternehmen gründet und sie<br />

schnell auf Erfolgskurs bringt. Erst sieben Monate vor dem<br />

Unternehmensstart von Gorillas bekam er bei Rocket-<br />

Internet eine Stelle und nutze sie als Sprungbrett.<br />

Unternehmerisch gilt Kağan Sümer weniger als<br />

Stratege, sondern vielmehr als mutiger Macher, Stehaufmännchen<br />

und Ausnahmecharakter. In einem Interview<br />

mit dem Fernsehsender Arte berichtet er über die Anfänge<br />

von Gorillas in den Niederlanden: Einer seiner jungen<br />

Rider, der holländisch sprach, sei mutig nach Amsterdam<br />

gefahren und habe die Sache in die Hand genommen. So<br />

oder so ähnlich sei die Expansion international schnell<br />

vorangekommen. Sein eigenes Management-Team überzeugte<br />

Sümer mit dieser Vorgehensweise nicht.<br />

Mitgründer Jörg Kattner, Betriebschef Felix Chrobog<br />

(ehemals Tier und Deliveroo) sowie Einkaufschef<br />

Ronny Gottschlich (vormals Lidl) erklären ihren<br />

Ausstieg nach weniger als einem Jahr allesamt mit<br />

der unkontrollierten und zu schnellen Expansion.<br />

Mit Unverständnis reagierte Sümer öffentlich auf die<br />

Bemühungen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,<br />

einen Betriebsrat zu gründen. Seit November 2021 gibt<br />

es diesen in Berlin.<br />

TROTZ FAHRRAD- UND TECHNO-ROMANTIK<br />

GELTEN DIE ARBEITSBEDINGUNGEN DER RIDER UND<br />

PIKER ALS PREKÄRE GIG-JOBS: UNTERBEZAHLT,<br />

UNSICHER UND GEFÄHRLICH. VIELE DER MITARBEITER<br />

HABEN MIGRATIONSHINTERGRUND.<br />

DER JOB IST IHR EINSTIEG IN EINE BESSERE WELT.<br />

KAUM JUNGE DEUTSCHE TRETEN IN DIE PEDALE.<br />

BEI DER BEWERTUNG DER ARBEITSBEDINGUNGEN DER<br />

INITIATIVE FAIRWORK BELEGT GORILLAS DEN<br />

VORLETZTEN PLATZ, KNAPP VOR UBER.<br />

Getir schneidet bei Fairword im Mittelfeld ab. Die Arbeitsbedingungen<br />

für seine Kuriere sind Salur heilig. Wichtigster Unterschied<br />

ist die Ausstattung der E-Bikes und E-Rollern mit Satteltaschen,<br />

so dass die Einkäufe nicht in einer Box auf dem Rücken transportiert<br />

werden. Auch gibt Salur seinen Ridern bis zu 45 Minuten Zeit<br />

für die Lieferung. In den vergangenen 24 Krisenmonaten hat das<br />

Unter nehmen international schnell expandiert und sowohl in den<br />

USA und Großbritannien als auch im Sommer 2021 in Deutschland<br />

Fuß gefasst. Mittlerweile ist der Lieferdienst hierzulande in mehr<br />

Städten aktiv als sein Mitbewerber Gorillas und will mit einem<br />

Franchise-System in die Fläche gehen. Jede Stadt ab 10.000 Einwohnern<br />

könnte so schon bald einen Getir-Lieferservice bekommen,<br />

der von Kiosken ausgeführt wird.<br />

FÜR GETIR-CHEF SALUR GEHT DIE REVOLUTION DER FAULHEIT<br />

OFFENBAR ALSO ERFOLGREICH WEITER, WÄHREND GORILLAS<br />

VIELERORTS AUF WIDERSTÄNDE STÖSST.<br />

Diese haben ihre Wurzeln auch in den unkonventionellen Expansionsmethoden.<br />

So mussten Gorillas Dark Stores in Amsterdam<br />

und München schließen, weil die Nutzungsgenehmigungen fehlten<br />

und die Nachbarschaft sich über Lkw-Verkehr, Betrieb und Lärm<br />

bis nach Mitternacht beschwerte. Die unangenehmen Nebeneffekte<br />

dieser Läden seien belastender als die Beeinträchtigungen durch<br />

ein normales Einzelhandelsgeschäft, das an den Standorten zulässig<br />

wäre, so die Begründung.<br />

Zudem warnen Experten der Risikofinanzierung wie Rocket-<br />

Internet Urgestein Oliver Samwer seit dem Frühjahr vor dem Rückzug<br />

der Kapitalgeber. Die aktuelle Wirtschaftslage werde schlimmer<br />

als die Finanzkrise 2008. Ein Drittel seiner Belegschaft bei den<br />

Rocket-Fonds setzte Samwer schon vor die Tür.<br />

Gorillas-Chef Sümer, dessen Lieferdienst bis<br />

heute auf immer neue Kapitalspritzen angewiesen ist,<br />

reagierte ebenfalls prompt und entließ im Frühjahr die Hälfte<br />

seiner Mitarbeiter in der Berliner Zentrale. Anfang August<br />

wurden vier Niederlassungen in Nordrhein-Westfalen<br />

geschlossen, die Ambitionen in der Schweiz beerdigt und<br />

in Spanien auf Eis gelegt. In Dänemark sollen Investoren das<br />

Unternehmen übernommen haben.<br />

STEHT GORILLAS VOR DEM AUS?<br />

Es sieht so aus, als wird Sümers Truppe gerade von seinen Mitbewerbern<br />

überholt. Trotz rückläufigen Lieferanfragen expandieren Flink,<br />

Wolt, Lieferando und Uber Eats weiter. Der Schlüssel zum Erfolg<br />

liegt in der Kooperation mit bestehenden Anbietern. Bei Flink<br />

zum Beispiel ist mit der Rewe-Gruppe ein sehr starker Partner eingestiegen.<br />

Uber Eats hat die Uber-Muttergesellschaft im Hintergrund<br />

und will seinen Lieferservice auch stationären Geschäften anbieten.<br />

Wolt und Lieferando verdienen mit ihren Essenslieferplattformen<br />

bereits Geld und wollen sie nun um Lebensmittel erweitern.<br />

IN DIESEN TAGEN MACHT DIE NACHRICHT<br />

DIE RUNDE, DASS DIE FINANZAUSKUNFT CREDITREFORM<br />

VON EINER BETEILIGUNG AN GORILLAS ABRÄT.<br />

ERSTE LIEFERANTEN KLAGEN ÜBER AUSSTÄNDE<br />

UND SCHLEPPENDE ZAHLUNG.<br />

Es kann also sein, dass die Revolution ausbleibt –<br />

oder zumindest ohne Gorillas stattfindet. Mitbewerber<br />

Getir dagegen gilt als solide finanziert und dürfte durch<br />

die Expansion in kleinere Städte eine komfortable<br />

Nische finden.<br />

SEPTEMBER 2022


LIEFERDIENSTE<br />

111<br />

SEPTEMBER 2022


Herausforderung 112


KOMMERZIALISIERUNG DES FUSSBALLS<br />

113<br />

DIE KOMMERZIALISIERUNG DES FUSSBALLS<br />

IST AUSSER KONTROLLE. TOPSPIELER WERDEN WIE<br />

BLUE CHIPS GEHANDELT, VERBÄNDE<br />

ERSINNEN AUS PROFITSUCHT FANTASIEWETTBEWERBE,<br />

Staatsfonds kaufen in Heuschreckenmanier Klubs<br />

auf. Die Folge: Der Volkssport verkommt zum<br />

Big Business, die Fans verlieren den Bezug.<br />

TEXT TIM JÜRGENS<br />

ILLUSTRATION DOROTHEA PLUTA<br />

Wann platzt die Blase?<br />

SEPTEMBER 2022


Herausforderung 114<br />

Diese Frage schleuderte<br />

einst ein Hotelpage dem nordirischen Star<br />

George Best entgegen, als er ihn<br />

sturztrunken im Bett seiner Suite vorfand.<br />

Dem begnadeten Dribbler<br />

[Motto: „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen<br />

und schnelle Autos ausgegeben,<br />

den Rest habe ich einfach verprasst.“]<br />

wurde der Alkohol zum Verhängnis.<br />

Er starb bereits mit 59 Jahren an den Folgen<br />

jahrelangen Missbrauchs.<br />

Where did it all go wrong? Die Frage müsste<br />

man in diesen Zeiten auch dem Fußballgeschäft<br />

insgesamt stellen. So desolat<br />

und maßlos, süchtig nicht nach Alkohol,<br />

sondern nach Geld, wie es sich derzeit<br />

präsentiert, drängt sich der Eindruck auf,<br />

als sei am Profifußball irgendwie vorbeigegangen,<br />

dass die Jahre der neoliberalen<br />

Dekadenz in Anbetracht einer globalen<br />

Pandemie, des galoppierenden Klimawandels<br />

und eines russischen Angriffskriegs<br />

der Vergangenheit angehören.<br />

Doch das Verlangen nach Geld scheint<br />

unstillbar. SOEBEN VERMELDET DIE ENG­<br />

LISCHE PREMIER LEAGUE, DASS IHRE EIN­<br />

NAHMEN AUS SPONSORING UND TV-GELD<br />

NOCH EINMAL UM GUT EIN DRITTEL AN­<br />

WACHSEN, AUF KNAPP 4,1 MILLIARDEN EURO<br />

PRO SPIELZEIT. ALLEIN FÜR BERATERHONO­<br />

RARE GABEN 2021 ENGLISCHE ERSTLIGISTEN<br />

320 MILLIONEN EURO AUS, DER BVB ZAHL­<br />

TE IM GLEICHEN ZEITRAUM 32,8 MILLIONEN<br />

EURO AN SPIELERVERMITTLER.<br />

Im Winter erleben wir in Katar eine<br />

WM, die nicht nur in Bezug auf Menschenrechte<br />

und Ökologie unter höchst fragwürdigen<br />

Bedingungen stattfindet, sondern<br />

deren Organisation rund 150 Milliarden<br />

Euro verschlungen hat – 20-mal so viel wie<br />

das Turnier 2014 in Brasilien.<br />

Auf dem Höhepunkt der Coronakrise<br />

im April 2021 präsentierten zwölf europäische<br />

Topklubs die GRÖSSENWAHNSIN­<br />

NIGE IDEE ZUR GRÜNDUNG EINER AUTARKEN<br />

„SUPER LEAGUE“, die erst auf erbitterten<br />

Widerstand von Medien, Fans und Verbänden<br />

wieder kassiert wurde. Die Uefa nutzte<br />

die Aufregung jedoch, um im Schatten<br />

des Skandals eine Reform der Champions<br />

League zu verabschieden, die vorsieht,<br />

SEPTEMBER 2022


KOMMERZIALISIERUNG DES FUSSBALLS 115<br />

dass die Königsklasse ab 2024 mit einem<br />

nochmals erweiterten Teilnehmerfeld und<br />

als eingleisige Liga fortgeführt wird, was<br />

die Distanz der qualifizierten Klubs zur<br />

Konkurrenz in den nationalen Ligen nochmals<br />

deutlich vergrößern wird.<br />

Und als wäre das nicht schon Beweis<br />

genug, dass der „GOTT DES GELDES ALLES<br />

VERSCHLINGT“ (Zitat Christian Streich,<br />

Trainer des SC Freiburg), was einmal die<br />

Nähe zum Volkssport Fußball und seine<br />

Strahlkraft ausgemacht hat, drängen<br />

neben milliardenschweren privaten Investoren,<br />

die Beteiligungen an Vereinen zur<br />

BEFRIEDIGUNG<br />

PERSÖNLICHER EITELKEITEN<br />

ODER SCHLICHT ALS WIRTSCHAFTSZWEIG<br />

MIT GUTEN RENDITEAUSSICHTEN<br />

ENTDECKT HABEN, ZUNEHMEND AUCH<br />

STAATSFONDS UND<br />

MULTINATIONALE KONZERNE IN DEN<br />

SPORT, DIE BEI IHREM<br />

ENGAGEMENT VOR ALLEM<br />

GEOPOLITISCHE MOTIVE VERFOLGEN.<br />

Als 11 Freunde vor 22 Jahren gegründet<br />

wurde, wollten die Macher – zwei Allesfahrer<br />

von Arminia Bielefeld – ein Magazin etablieren,<br />

das den Fan als integralen Teil des<br />

Spiels versteht. Der Blick aus der Kurve<br />

sollte im Zentrum der Berichterstattung<br />

stehen, und damit war klar, dass 11 Freunde<br />

der zunehmenden Kommerzialisierung und<br />

dem damit verbundenen Strukturwandel im<br />

Fußball kritisch gegenübersteht. Um diesem<br />

Gefühl Ausdruck zu verleihen, weigerte<br />

sich die Redaktion beispielsweise, die sich<br />

durch den Einstieg von Sponsoren stetig<br />

verändernden Stadionnamen zu übernehmen.<br />

Für uns stand in Hamburg das Volksparkstadion,<br />

nicht die „HSH Nordbank<br />

Arena“, in Dresden das Rudolf- Harbig-<br />

Stadion, nicht die „Glücksgas Arena“. OFT<br />

WURDEN WIR VON KLUBOBEREN FÜR DIE­<br />

SEN MANIERISMUS GERÜFFELT, doch die<br />

Beispiele zeigen, dass unsere Sehnsucht<br />

offenbar viele teilten, denn heute tragen<br />

die Spielstätten (mit Unterstützung<br />

wohl gesinnter Sponsoren) wieder ihre ursprünglichen<br />

Namen.<br />

Auch das Phänomen RB Leipzig hat aus<br />

unserer Sicht EINE ROTE LINIE ÜBERSCHRIT­<br />

TEN. Nicht, weil wir außerstande sind zu<br />

akzeptieren, dass dort sportlich hochprofessionell<br />

gearbeitet wird, sondern weil<br />

für uns mit dem Franchise-Konzept einer<br />

Getränkemarke, die weltweit Klubs zur<br />

Bewerbung ihres Produkts aufkauft und<br />

auf Erfolg trimmt, eine neue Dimension<br />

des Kommerzes erreicht wurde. Anders<br />

als in Hoffenheim oder Wolfsburg, wo<br />

ortsansässige Geldgeber ihren Sportverein<br />

– zugegeben fürstlich – unterstützen,<br />

verfolgt Red Bull eine globale Strategie<br />

zur Profitmaximierung und landet wie ein<br />

Ufo in Gebieten, die sich für dieses Ziel am<br />

besten eignen. Für uns ist klar: Stellt sich<br />

der erhoffte Erfolg nicht ein, kann das Ufo<br />

jederzeit wieder abheben, weil RB weder<br />

eine gewachsene Mitgliederstruktur noch<br />

regionale Verwurzelung besitzt.<br />

Auch wenn es mit jedem Jahr, die<br />

dieses Konstrukt länger in der Bundesliga<br />

spielt, schwerer wird, unsere Perspektive<br />

nachwachsenden Fangenerationen zu<br />

vergegenwärtigen, halten wir an unserer<br />

Linie fest und erklären, dass RB Leipzig<br />

kein Verein wie Schalke, der BVB oder der<br />

HSV ist, dessen Kernprodukt immer noch<br />

Fußball ist, sondern nur das Werbevehikel<br />

einer Brausefirma.<br />

Auch wenn uns bewusst ist, dass angesichts<br />

jüngster Entwicklungen im globalen<br />

Fußball derlei Bemühungen nur ein<br />

Kampf gegen Windmühlen sind.<br />

LÄNGST GEBEN DORT INVESTOREN<br />

WIE DIE „CITY FOOTBALL GROUP“ DEN<br />

TON AN, DIE ZU DREI VIERTELN DER<br />

HERRSCHERFAMILIE VON ABU DHABI<br />

GEHÖRT. DIE HOLDING, AN DER EIN<br />

CHINESISCHER FONDS UND EINE US-FIRMA<br />

BETEILIGT SIND, BESITZT AUF FÜNF<br />

KONTINENTEN ELF ERST- UND ZWEITLIGIS-<br />

TEN. NEBEN MANCHESTER CITY GEHÖREN<br />

DER NEW YORK CITY FC, MUMBAI CITY<br />

FC ODER DER FC PALERMO CALCIO DEM<br />

KONZERN. BEIM PREMIER-LEAGUE-<br />

KLUB NEWCASTLE UNITED ERWARB IM<br />

HERBST 2021 EIN SAUDISCHER STAATS-<br />

FONDS FÜR 350 MILLIONEN EURO<br />

80 PROZENT DER ANTEILE. DER FRANZÖSI-<br />

SCHE TRADITIONSKLUB PARIS ST. GERMAIN<br />

IST BEREITS SEIT 2011 IN BESITZ DER<br />

KATARISCHEN INVESTORENGRUPPE QSI,<br />

DIE DAFÜR SORGT, DASS PSG STÄNDIG<br />

NEUE TRANSFERREKORDE AUFSTELLT.<br />

SEPTEMBER 2022


Herausforderung<br />

116<br />

In den Reihen der Pariser spielen seit<br />

2017 mit NEYMAR (Ablöse: 222 Millionen<br />

Euro) und KYLIAN MBAPPÉ (180 Millionen)<br />

die beiden teuersten Spieler aller Zeiten.<br />

2021 wechselte auch LIONEL MESSI an die<br />

Seine, weil selbst dem großen FC Barcelona<br />

hinsichtlich der paradiesischen Verdienstmöglichkeiten<br />

unterm Eiffelturm<br />

die Luft ausging. In Deutschland sind diese<br />

Staaten bislang noch nicht engagiert, weil<br />

die 50+1-Regel den Kauf von Klubanteilen<br />

unattraktiv macht. Doch Experten glauben,<br />

dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis<br />

sich das ändert, zumal das viele Geld, mit<br />

dem WÜSTENSTAATEN den Fußball fluten,<br />

schon jetzt die Gewinnchancen deutscher<br />

Klubs beschränkt – und den Wettbewerb<br />

verzerrt.<br />

Der Fußball verkommt langsam aber<br />

sicher zur Ständegesellschaft. Frühere<br />

Titel aspiranten wie der 1. FC KÖLN, der<br />

HSV oder WERDER BREMEN sind – nicht<br />

zuletzt auch wegen ihrer wirtschaftlichen<br />

Unvernunft – zu Fahrstuhlmannschaften<br />

avanciert und geraten in Konkurrenz mit<br />

konzerngestützten Klubs aus WOLFSBURG,<br />

LEVERKUSEN, HOFFENHEIM oder LEIPZIG<br />

weiter ins Hintertreffen.<br />

Aber auch mehr und mehr Spitzenklubs<br />

gehen in die Knie. BARÇA hat den<br />

Weltfußball seit 2005 wie kaum ein anderes<br />

Team geprägt und allein viermal die<br />

Champions League gewonnen. Doch der<br />

Preis für die Erfolge, das zeigt sich jetzt,<br />

war zu hoch. Im Rattenrennen mit den<br />

Investorenklubs haben die Katalanen einen<br />

gigantischen Schuldenberg von 1,34 Milliarden<br />

Euro angehäuft. Um die rund 150 Millionen<br />

Euro für die Verpflichtung und<br />

Honorierung von Robert Lewandowski zu<br />

stemmen, holten sich die Klubbosse per<br />

Abstimmung bei den Mitgliedern Prokura,<br />

auf Jahre im Voraus die Marketing- und<br />

Medienrechte zu veräußern. JUVENTUS TU­<br />

RIN geht es nicht besser. Italiens Platzhirsch<br />

musste angesichts 390 Millionen Euro<br />

Schulden soeben Klubanteile veräußern.<br />

Wie weit die Schere auseinanderklafft,<br />

zeigt auch, dass die Bosse rivalisierender<br />

Bundesligisten neuerdings Allianzen<br />

schmieden. Selten hat man Oliver Kahn<br />

und Hans Joachim Watzke so einträchtig<br />

erlebt wie bei jüngsten Zusammenkünf-<br />

SEPTEMBER 2022


KOMMERZIALISIERUNG DES FUSSBALLS 117<br />

ten der European Club Association (ECA).<br />

Bei Wortmeldungen von PSG-Präsident<br />

Nasser Al-Khelaifi, seit April 2021 Vorsitzender<br />

des Dachverbands, sah man die beiden<br />

wie Schuljungen feixen und tuscheln.<br />

Damit jeder in der großen Runde der Fußballgranden<br />

sah: Zwischen die Deutschen<br />

passt kein Blatt Papier!<br />

Der Grund: Dem Bayern-CEO und<br />

seinem BVB-Pendant geht aufgrund der<br />

tektonischen Verschiebungen im Business<br />

mächtig die Muffe. Es klingt wie ein Treppenwitz<br />

der Fußballgeschichte:<br />

WÄHREND SICH DIE BAYERN<br />

IN DER BUNDESLIGA LÄNGST VOM REST<br />

DES FELDES ENTKOPPELT HABEN,<br />

DIE ZEHNTE MEISTERSCHAFT<br />

IN FOLGE ABRÄUMEN UND DAMIT NACH-<br />

HALTIG ZUR ÖDNIS IM DEUTSCHEN<br />

FUSSBALL BEITRAGEN UND<br />

AUCH DER BVB SEIT JAHREN EIN ABO AUFS<br />

TREPPCHEN BESITZT, EINT IHRE<br />

BOSSE INTERNATIONAL DIE ANGST VOR<br />

EINEM BEDEUTUNGSVERLUST.<br />

DENN ANGESICHTS DER TSUNAMIARTIGEN<br />

GELDFLÜSSE AUS DEM<br />

NAHEN OSTEN WIRKT SELBST DAS<br />

STOLZE FESTGELDKONTO DES<br />

REKORDMEISTERS PLÖTZLICH WIE<br />

OMAS PORTOKASSE.<br />

Zwei Jahre lang haben die Funktionäre bei<br />

der ECA deshalb geworben, den Einfluss<br />

von Investorengeld im Sinne eines ausgewogeneren<br />

Wettbewerbs zu REGULIEREN.<br />

Eingeweihte erzählen von lautstarken<br />

Wortgefechten hart an der Grenze zur Beleidigung,<br />

die sich im Präsidium an der<br />

Frage entzündeten, wie groß der Anteil<br />

an Fremdmitteln sein darf. Die Nervosität<br />

ist nachvollziehbar, schließlich hängt von<br />

dieser Frage die künftige Statik des Weltfußballs<br />

ab. Ob es nur noch einer kleinen<br />

Zahl von Vereinen möglich sein wird, große<br />

Titel zu gewinnen und Spitzenfußballer<br />

zu verpflichten. Oder anders: Ob die alte<br />

Herberger-Weisheit noch umstandslos<br />

Geltung behält: „Warum gehen die Menschen<br />

ins Stadion? Weil sie nicht wissen, wie<br />

es ausgeht!“<br />

Schon 2013 hatte die Uefa versucht, mit<br />

der Einführung des Regelwerks „FINANCIAL<br />

FAIRPLAY“ (FF), der fortschreitenden Ungleichheit<br />

auf europäischer Fußballbühne<br />

Einhalt zu gebieten. Weil aufgrund explodierender<br />

Spielergehälter viele Vereine<br />

ihre Ausgaben nicht mehr aus dem laufenden<br />

Geschäft decken konnten, auf private<br />

Kredite und Investorengeld zurückgriffen<br />

und dabei Gefahr liefen, pleitezugehen,<br />

sollte „FF“ die Funktionäre zu mehr wirtschaftlicher<br />

Vernunft vergattern. In einer<br />

Karenzzeit von drei Jahren sollten Klubs nur<br />

noch so viel ausgeben, wie sie erwirtschaften.<br />

Doch „FF“ war ein FLOP. Obwohl bei<br />

der Uefa mehr als 50 Verstöße aktenkundig<br />

wurden, sperrte der Verband nur albanische,<br />

griechische oder türkische Klubs für<br />

internationale Wettbewerbe. Straffällige<br />

Topvereine wie Real Madrid, der FC Chelsea,<br />

ManCity oder FC Barcelona wurden<br />

lediglich zu Geldbußen verurteilt und durften<br />

weiterhin in der Champions League antreten.<br />

Mit Fairplay, da ist sich die Szene<br />

einig, hatte das Regelwerk in der Praxis<br />

wenig zu tun.<br />

Eine Reform war überfällig. Nach<br />

harten Verhandlungen in der Klubvereinigung<br />

verabschiedete die Uefa im April<br />

2022 die „FINANCIAL SUSTAINABILITY REGU­<br />

LATIONS“ (FSR). Das neue Diktum beinhaltet<br />

im Kern zwei Regeln, die bis 2025<br />

schrittweise eingeführt werden und dafür<br />

sorgen sollen, dass ein Klub nur noch<br />

70 Prozent seiner Einnahmen für den Kader<br />

ausgeben darf – inklusive Ablösesummen<br />

und Beraterhonorare. Zudem dürfen<br />

private Geldgeber Fehlbeträge zwischen<br />

Einnahmen und Ausgaben nur noch bis<br />

maximal 30 Millionen Euro ausgleichen.<br />

Klingt vielversprechend, doch wie beim<br />

„FF“ wird es auch bei den „FSR“ darauf ankommen,<br />

wie rigide sie gehandhabt werden.<br />

Dass Vertreter von Investorenklubs<br />

der Idee wenig abgewinnen, dürfte klar<br />

sein. Das zeigt sich auch daran, dass die<br />

Einführung einer Gehaltsobergrenze von<br />

500 Millionen Euro pro Kader und Spielzeit<br />

abgelehnt wurde. SPRICH: Der Gehälterwahnsinn<br />

und die horrenden Beraterprovisionen<br />

werden auch in Zukunft fester<br />

Bestandteil des Profifußballs bleiben. Dabei<br />

müssten doch alle Beteiligten wissen, dass<br />

SEPTEMBER 2022


Herausforderung 118<br />

im Sport eine allzu große Konzentrierung<br />

von Geld irgendwann das Gegenteil bewirkt:<br />

Wer immer gewinnt, mag auf dem<br />

Papier erfolgreich sein, schadet aber zugleich<br />

seinem Geschäft, weil es bei Sponsoren<br />

und Fans Attraktivität einbüßt.<br />

In der Rückschau gilt die Einführung<br />

der CHAMPIONS LEAGUE 1991 UND<br />

DIE GRÜNDUNG DER PREMIER LEAGUE ALS<br />

STILBILDENDES VERMARKTUNGSKONZEPT<br />

einer Spielklasse im Jahr darauf als Zeitenwende.<br />

Aus einem Volkssport, der bis<br />

dato von verschlafenen Verbandshanseln<br />

organisiert wurde, erwuchs in kürzester<br />

Zeit ein hochprofitabler Industriezweig,<br />

der Massen in seinen Bann zog. Gut möglich,<br />

dass die frei drehende Kommerzialisierungsspirale<br />

flankiert von der Coronakrise<br />

in ferner Zukunft für das Ende dieses<br />

jahrzehntelangen Wachstums stehen wird.<br />

Denn die quälenden Monate mit Geisterspielen<br />

haben bewiesen, dass die Idee von<br />

FUSSBALL ALS GREATEST SHOW ON EARTH<br />

letztlich nur im Zusammenspiel mit brodelnden<br />

Fantribünen funktioniert.<br />

Zudem hat sich in der Pandemie<br />

gezeigt, wie weit sich viele Profiklubs<br />

in ihrer Gier von der Lebenswelt des Anhangs<br />

entfernt haben und kaum noch in<br />

der Lage sind, die eigene Relevanz richtig<br />

einzuschätzen. Der erste Lockdown war<br />

noch nicht ausgerufen, da forderte Hans<br />

Joachim Watzke bereits Staatsgelder und<br />

Privilegien für den Fußball. Bei Klubs wie<br />

WERDER BREMEN ODER SCHALKE 04 offenbarte<br />

sich in Rekordzeit, wie hauchdünn<br />

die Kapitaldecke ist, wenn das Geschäft<br />

zum Erliegen kommt. Der Steuerzahler<br />

sprang mit Landesbürgschaften ein, um die<br />

einstigen Champions-League-Klubs vor<br />

dem Konkurs zu retten. Für jeden wurde<br />

ersichtlich: DAS PROFIGESCHÄFT IST WIE<br />

EIN AUTO UND GELD SEIN TREIBSTOFF. ES<br />

ROLLT NUR, WENN GENUG IM TANK IST.<br />

UND: ALLES WAS OBEN REINGEHT, WIRD<br />

AUF DER STRECKE UNWEIGERLICH VER­<br />

BRAUCHT – WIE MONSTRÖS DIE SUMMEN<br />

AUCH SEIN MÖGEN.<br />

In der Verzweiflung unterliefen einigen<br />

Klubs zudem grobe Kommunikationsfehler.<br />

So forderte der FC Schalke 04 seine<br />

Dauerkarteninhaber mit einem frechen<br />

Brief auf, trotz der Geisterspiele kein Geld<br />

zurückzufordern. Und falls doch, sei dies<br />

doch bitte schriftlich zu begründen.<br />

Noch lässt sich nicht sagen, ob die<br />

Stadionauslastung wieder Vor-Corona-<br />

Niveau erreicht. Beim Verkauf der Dauerkarten<br />

verzeichnen die meisten Bundesligisten<br />

derzeit keine signifikanten Verluste.<br />

DOCH EINE WISSENSCHAFTLICHE<br />

UMFRAGE DER FACHHOCHSCHULE DORT-<br />

MUND IN KOOPERATION MIT DER UNI<br />

WÜRZBURG UNTER 4200 FUSSBALLFANS<br />

ERGAB, DASS GUT EIN DRITTEL SEIT<br />

AUSBRUCH DER PANDEMIE WENIGER<br />

INTERESSE AM FUSSBALL HAT UND SELTE-<br />

NER EINEN STADIONBESUCH ERWÄGT.<br />

52,7 PROZENT DER BEFRAGTEN NANN-<br />

TEN ALS URSACHE EINE EMOTIONALE<br />

ENTFREMDUNG AUSGELÖST DURCH DIE<br />

AUSSER KONTROLLE GERATENE<br />

KOMMERZIALISIERUNG.<br />

Im Fernsehen zeigt sich die wachsende<br />

Distanz an sinkenden Einschaltquoten.<br />

Sahen die Spiele der EM 2016 noch<br />

durchschnittlich 11,7 Millionen Zuschauer,<br />

waren es bei der nachgeholten Euro<br />

2021 nur noch 10,4 Millionen. Auch die<br />

Bundesligaquoten nehmen ab. Die Samstagskonferenz<br />

auf Sky erreichte in der<br />

Saison 2020/21 im Schnitt 1,66 Millionen<br />

Zuschauer:innen, in der Spielzeit 2021/22<br />

waren es noch 1,06 Millionen.<br />

Offenbar haben die Menschen erkannt,<br />

dass sie ihre Freizeit auch anders bestreiten<br />

können, als 90 Minuten einem mittelmäßigen<br />

Ligaspiel beizuwohnen, bei dem<br />

ohnehin klar ist, dass am Saisonende der<br />

Sieger aus München kommt. Netflix-Boss<br />

Reed Hastings wusste, wovon er spricht,<br />

als er sagte: „WIR KONKURRIEREN NICHT MIT<br />

MAXDOME ODER AMAZON PRIME, SONDERN<br />

VOR ALLEM UM DIE ZEIT DER MENSCHEN.“<br />

Als wir Oliver Kahn im Interview<br />

für das 11 Freunde-Sonderheft zur Saison<br />

2022/23 fragten, welche Rezepte helfen<br />

könnten, um die Bundesliga wieder spannender<br />

zu machen, fiel ihm nur ein: „Man<br />

sollte weiter über den Sinn der 50+1-Regel<br />

nachdenken!“ Eine gelinde gesagt eigenwillige<br />

Sicht. Während sich der Bayern-<br />

CEO auf internationaler Ebene für eine<br />

Regulierung von Investoreneinfluss stark<br />

macht, plädiert er national dafür, dass<br />

Konkurrenten die Möglichkeiten bekommen,<br />

sich stärker von privaten Geldgebern<br />

abhängig machen, um wenigstens ansatzweise<br />

Bayern Paroli bieten zu können.<br />

Wohin das führen kann, zeigte sich<br />

zuletzt bei HERTHA BSC. Dort hat seit<br />

2019 die Holding von Lars Windhorst für<br />

379 Millionen Euro eine Mehrheit an der<br />

Profiabteilung erworben. Die Bilanz des<br />

Geldregens fällt jedoch erbärmlich aus:<br />

Seither erreichten die Berliner nicht ein<br />

Mal einen internationalen Wettbewerb,<br />

SEPTEMBER 2022


KOMMERZIALISIERUNG DES FUSSBALLS 119<br />

2022 rettete sich der Klub erst in der Relegation<br />

vor dem Abstieg. Das Investorengeld<br />

indes ist fast aufgebraucht, WINDHORST<br />

WILL SEINE ANTEILE SCHNELLSTMÖGLICH<br />

VERÄUSSERN. Verlierer des Deals gibt es<br />

zuhauf. Ihren Schnitt gemacht haben nur:<br />

die hoch bezahlten Transferflops und deren<br />

BERATER. Zudem erwies sich die großspurige<br />

Imagekampagne des „Big City<br />

Clubs“, die beim Windhorst-Einstieg Hertha<br />

endlich auf der Fußballweltkarte festschreiben<br />

sollte, als Bumerang. Während<br />

die Blau-Weißen aus dem Westend auf<br />

ihrem Weg nach unten viele Sympathisanten<br />

verprellten, übernahm der 1. FC UNION<br />

die sportliche und emotionale Hegemonie<br />

in der Metropole. Der „Big City Club“, als<br />

gestopfter Adler gestartet, war kläglich als<br />

Bettvorleger gelandet.<br />

UNION hingegen ist ein strahlendes<br />

Beispiel, dass steter Erfolg im Fußball nie<br />

allein auf Finanzkraft beruht, sondern vor<br />

allem auf den vermittelten Werten. Ohne<br />

das jahrzehntelang gewachsene Verhältnis<br />

zwischen Fans und Verein ist der Aufstieg<br />

der Köpenicker in 21 Jahren aus der vierten<br />

Liga in den Europapokal undenkbar.<br />

Der Umbau der Alten Försterei zu einem<br />

Stadion, das höchsten Ansprüchen genügt,<br />

gelang in den Nullerjahren nur durch tatkräftige<br />

Nachbarschaftshilfe des Anhangs.<br />

UNION stillt durch eine clevere Öffentlichkeitsarbeit<br />

und viele gute Ideen (etwa das<br />

traditionelle Adventssingen) spielerisch<br />

die ewige Fansehnsucht nach Teilhabe.<br />

Die Blaupause für den deutschen<br />

Mitmach-Profiklub ist zweifellos der FC<br />

ST. PAULI, der trotz stetig wachsender Herausforderungen<br />

im Profigeschäft seinem<br />

Anhang eine verlässliche Heimat bietet.<br />

Den Spagat zwischen Kommerz und Fananliegen<br />

löst der Kiezklub, indem die Verantwortlichen<br />

im ständigen Dialog mit den<br />

Supportern sind und entsprechend der ethischen<br />

Grundsätze, die sich der Verein auf die<br />

Fahne geschrieben hat, bis in kleinste Detailfragen<br />

um den richtigen Weg ringt. Ein Job,<br />

der so zeitintensiv und kräftezehrend ist,<br />

dass St-Pauli-Präsident Oke Göttlich nach<br />

acht Jahren als Ehrenamtler im Juli 2022<br />

in die Festanstellung bei den Hamburgern<br />

wechselte. Doch der Weg zahlt sich aus: Die<br />

Zuneigung des Anhangs ist inzwischen von<br />

sportlichen Erfolgen fast entkoppelt. Obwohl<br />

der FC ST. PAULI seit zwölf Jahren in<br />

der zweiten Liga spielt, rangiert der Klub<br />

laut Erhebungen der Uni Braunschweig<br />

auf Platz sieben der beliebtesten deutschen<br />

Vereine. Ein Fakt, der sich inzwischen auch<br />

in einer positiven Wirtschaftsbilanz widerspiegelt.<br />

Erfolg im Fußball manifestiert<br />

sich eben nicht nur in Titeln und Tabellenständen,<br />

ethische und emotionale Werte<br />

sind in einer sich rasant verändernden Welt<br />

mindestens so wichtig für den Erhalt dieses<br />

Kulturzweigs, der zu Hochzeiten mehr<br />

Menschen auf die Straße bringt als jeder<br />

andere Gesellschaftsbereich.<br />

Das WM-JAHR 2022 mit dem in jeder<br />

Hinsicht GRÖSSENWAHNSINNIGEN TURNIER<br />

in Katar wäre so gesehen ein guter Zeitpunkt<br />

zu fragen, wie wir in Zukunft auf den<br />

Fußball schauen und ihn begleiten wollen.<br />

Wo für uns rote Linien überschritten werden.<br />

Wir müssen nicht so radikal sein, wie<br />

die 300 Fans des HAMBURGER SV, die sich<br />

nach dem Mitgliederentscheid zur Ausgliederung<br />

der Profiabteilung 2014 desillusioniert<br />

von ihrem Herzensklub abwandten,<br />

den HFC Falke gründeten und seither<br />

ihre Liebe einem Bezirksligisten schenken.<br />

Doch wir sollten uns vergegenwärtigen,<br />

welche bizarren Entwicklungen des<br />

Wettbewerbs durch Deregulierung, freien<br />

Handel und Finanzglobalisierung wir nicht<br />

mehr mitgehen wollen. Denn die Schönheit<br />

des Spiels liegt nicht allein darin, wie<br />

traumwandlerisch ein Starensemble auf<br />

dem Rasen kombiniert, sondern auch, wie<br />

es die Menschen auf den Tribünen zusammenbringt<br />

und ihnen unvergessliche Gemeinschaftserlebnisse<br />

schenkt.<br />

ES LIEGT IN UNSERER HAND,<br />

DASS DER FUSSBALL EIN SPIEL BLEIBT, AN DEM JEDER<br />

PARTIZIPIEREN KANN, NICHT NUR GIERIGE BERATER, SPIELER,<br />

INVESTOREN ODER STAATSFONDS.<br />

ES LIEGT AN UNS, OB SPÄTERE GENERATIONEN AUF DIESE ZEIT<br />

BLICKEN KÖNNEN UND SICH FRAGEN:<br />

… right?<br />

SEPTEMBER 2022


Aufbruch Herausforderung<br />

120<br />

SEPTEMBER 2022


121<br />

INTERVIEW VON CLAUDIA RIESS<br />

Weltweit fahnden Pharmaunternehmen nach neuen<br />

Wirkstoffen gegen Krebs, Alzheimer oder Parkinson.<br />

Forscher hoffen, mit Stammzellen ganze Organe nachzüchten<br />

zu können, und mit Neuroprothesen sollen<br />

verloren gegangene Sinneswahrnehmungen wiedergewonnen<br />

werden, sodass Blinde sehen und Gelähmte sich<br />

bewegen können. Ärzte werden bei Diagnosen zukünftig<br />

in Echtzeit durch KI-Systeme unterstützt. Alles Zukunftsmusik<br />

oder bald Realität?<br />

Schließlich hat die Coronapandemie unser Gesundheitssystem<br />

aus den Fugen gehoben, der Zukunftsforscher<br />

Matthias Horx beschreibt es als steinzeitlich und<br />

innovativ zugleich – wir haben einerseits rasend schnell<br />

Impfstoffe entwickelt, andererseits hat uns Corona die<br />

Grenzen unseres Systems aufgezeigt. Auch die hinkende<br />

Digitalisierung im deutschen Gesundheitssystem<br />

wurde durch Corona vorangetrieben – digitale Impfzertifikate,<br />

Rezepte per Smartphone, Videosprechstunden<br />

mit dem Arzt, Apps auf Rezept und endlich die elektronische<br />

Patientenakte. Allein in den letzten zwei Jahren<br />

hat sich hier enorm viel getan.<br />

Wir sind fasziniert und geängstigt von dem, was<br />

heute technisch alles machbar ist. Und fragen uns<br />

gleichzeitig: Wo bleibt der Patient als Mensch? Geht es<br />

in erster Linie immer noch um ein längeres Leben – oder<br />

vielmehr um Lebensqualität und Eigenverantwortung<br />

statt Technologien ohne Grenzen und Ethik?<br />

MAX sprach mit Florian Steger, Universitätsprofessor<br />

und Direktor des Instituts<br />

für Geschichte, Theorie und Ethik der<br />

Medizin der Universität Ulm darüber, wie<br />

sich Gesundheit und Medizin in den kommenden<br />

Jahren verändern werden, wo die<br />

Chancen, aber auch die Grenzen liegen.<br />

MAX: Herr Professor Steger, beginnen<br />

wir gleich mit dem großen Thema E-Health –<br />

Fluch oder Segen?<br />

Steger: Auch wenn wir in Deutschland<br />

immer etwas skeptisch sind: Die Digitalisierung<br />

hat große Chancen, unser Gesundheitssystem<br />

positiv zu unterstützen. Zum<br />

einen kann E-Health den Ärzten Datenballast<br />

abnehmen, sodass die wieder mehr Zeit für<br />

die Patienten haben. Ohne ausreichend Zeit<br />

SEPTEMBER 2022


Herausforderung<br />

122<br />

„<br />

“<br />

können wir keine gute Medizin betreiben.<br />

Zum anderen kann eine künstliche Intelligenz<br />

bei der Auswertung von Symptomen<br />

oder etwa Röntgenbildern helfen und<br />

somit den Arzt bei seiner Diagnose unterstützen.<br />

Ein Algorithmus benötigt nur<br />

wenig Zeit, um beispielsweise aus einer<br />

Vielzahl von Röntgenbildern diejenigen<br />

mit Auffälligkeiten herauszufiltern. Das<br />

bedeutet nicht, dass eine KI den Arzt<br />

ersetzen wird. Auch in Zukunft werden<br />

Menschen von Menschen behandelt,<br />

aber die KI bietet gute Chancen, wertvolle<br />

Zeit einzusparen und noch mehr<br />

Genauigkeit zu ermöglichen. Allerdings:<br />

Eine KI ist immer nur so schlau, wie<br />

wir sie füttern. Da muss sich in Zukunft<br />

einiges tun. Uns liegen viel zu wenig<br />

Daten beispielsweise von Frauen, von<br />

Älteren oder auch von Coloured People<br />

vor. Hier ist mehr Diversität gefragt.<br />

MAX: Da stellt sich gleich die Frage: Wie<br />

sieht die Zukunft bei dem aktuellen Ärzteund<br />

Pflegemangel aus? Chatten wir künftig<br />

mit einer KI bei Beschwerden und werden<br />

von Robotern gepflegt?<br />

Steger: Die Ausgangslage ist in der<br />

Tat nicht rosig: Alles spricht dafür, dass<br />

sich der Pflege- wie Ärztemangel in den<br />

nächsten Jahren weiter vergrößern wird.<br />

Dazu wächst eine Generation heran, die<br />

ganz andere Erwartungen an die Arbeitswelt<br />

hat. Damit müssen wir jetzt lernen,<br />

neu umzugehen – die Digitalisierung<br />

könnte hier Entlastung und Unterstützung<br />

bringen. Ich sehe ein hohes Potenzial<br />

auch in der Therapie – vor allem in<br />

der Psychotherapie, wo man Hilfe durch<br />

eine künstliche Intelligenz intuitiv nicht<br />

erwarten würde. Hier gibt es beispielsweise<br />

Chatbots, die erkennen wollen, ob<br />

sich ein Patient psychisch verschlechtert<br />

und therapeutische Unterstützung<br />

benötigt. Neben der KI kommen in der<br />

Psychotherapie auch VR-Brillen zum<br />

Einsatz, um Phobien wie etwa Flug- oder<br />

Höhenangst virtuell zu therapieren.<br />

Die Virtual Reality ermöglicht das Erleben<br />

und Therapieren einer Angst in<br />

einer geschützten, computergenerierten,<br />

drei dimensionalen Umgebung – und das<br />

Ganze auch noch in Echtzeit.<br />

Auch in der Pflege können Roboter<br />

eine große Unterstützung sein, schon<br />

wenn es um das Lagern und Drehen eines<br />

Patienten geht. Auch eine „Roboter-Robbe“<br />

kommt bereits in der Kinderpflege<br />

und bei Demenzkranken zum Einsatz –<br />

mit gutem Erfolg. Allerdings wird Robotik<br />

noch sehr zögerlich eingesetzt – selbst<br />

in Ländern wie Japan, das neuen Technologien<br />

gegenüber sehr aufgeschlossen ist.<br />

Noch ist es also schwer vorherzusagen,<br />

wo die Reise hingehen wird.<br />

MAX: Seit der Entdeckung von Anti biotika<br />

hat sich die Arzneimittelforschung in<br />

Riesenschritten vorwärtsbewegt. Aber<br />

für einige schwere Erkrankungen wie<br />

Krebs, Autoimmunerkrankungen oder<br />

Virusinfektionen gibt es noch immer<br />

keine befriedigende Therapie. Wo sehen<br />

Sie das größte Potenzial?<br />

Steger: Ein großes Zukunftsthema,<br />

bei dem wir bereits mittendrin sind, ist<br />

meiner Meinung nach die Antikörpertherapie.<br />

Antikörper werden nicht umsonst<br />

als therapeutisches Gold bezeichnet,<br />

da man sie biologisch sehr fein justieren<br />

kann. Bei der Behandlung vereinzelter<br />

Krebsarten gehören die Immuntherapien<br />

mit Antikörpern inzwischen zum<br />

Standard, beispielsweise bei bestimmten<br />

Brust- und Magenkrebserkrankungen.<br />

Doch noch führt nicht jeder vielversprechende<br />

Antikörper auch zum gewünschten<br />

Erfolg. Hier bedarf es weiterer Forschung,<br />

um das Potentzal der Antikörper klinisch<br />

ausschöpfen zu können.<br />

MAX: Die Frage, die uns alle beschäftigt:<br />

Wird Krebs irgendwann heilbar sein?<br />

Steger: Hier kann man weder<br />

mit Ja oder Nein antworten. Aber ich<br />

bin optimistisch. Als ich mit meinem<br />

Studium begann, hatten beispielsweise<br />

Patienten mit Morbus Hodgkin, einer<br />

Form von Lymphdrüsenkrebs, keine<br />

guten Aussichten. Inzwischen hat sich<br />

die Lebenserwartung deutlich verbessert.<br />

Auch Leukämiediagnostik ist präventiv<br />

so verfeinert, dass man Vorstufen besser<br />

erkennt und frühzeitig mit Therapien<br />

beginnen kann. In der Onkologie sind<br />

Prävention und Kontrolle eine riesige<br />

Chance, da ist aber in Zukunft noch<br />

mehr Eigenverantwortung gefragt. Wir<br />

müssen uns selbst gut beobachten und<br />

regelmäßig checken lassen.<br />

MAX: Es kommt einem manchmal so vor,<br />

als wolle die Medizin Gott spielen. So soll<br />

mit der Genschere Crispr/Cas ein einzelnes,<br />

defektes Gen aus dem Erbgut herausgeschnitten<br />

und durch ein intaktes ersetzt<br />

werden. Das weckt große Hoffnungen –<br />

aber auch Ängste.<br />

Steger: Auch hier sehe ich großes<br />

Potenzial – die Genschere Crispr wird in<br />

SEPTEMBER 2022


MANCHESTER DIE MEDIZIN VON KAPITALISMUS MORGEN<br />

109 123


Herausforderung DIE MEDIZIN VON MORGEN 124<br />

„<br />

der Botanik ja bereits seit Längerem eingesetzt,<br />

um daran zu arbeiten, Pflanzen<br />

so zu verändern, dass sie beispielsweise<br />

mehr Menschen ernähren können. Ziel<br />

in der medizinischen Forschung ist es,<br />

mithilfe von Crispr/Cas Mutationen<br />

anzugehen, die Krankheiten zugrunde<br />

liegen. Vor allem bei Erbkrankheiten<br />

oder monogenen Erkrankungen wie etwa<br />

Mukoviszidose sieht die Forschung gute<br />

Chancen. Auch in der Onkologie wird<br />

bereits mit Crispr geforscht. Man muss<br />

aber keine Sorge haben, dass die Genschere<br />

„missbräuchlich“ eingesetzt wird.<br />

Die ethischen Vorgaben sind hier sehr<br />

streng. (Anm. der Redaktion: In Deutschland<br />

verhindert das Embryonenschutzgesetz,<br />

dass die Keimbahn verändert wird.<br />

Eine Veränderung der Keimbahn hätte zur<br />

Folge, dass die veränderten Gene vererbt<br />

werden können).<br />

MAX: Wenn Sie jetzt in die Zukunft<br />

schauen, was meinen Sie, werden wir in<br />

zehn Jahren überhaupt unter dem Begriff<br />

Gesundheit verstehen?<br />

Steger: Bevor ich in die Zukunft<br />

schaue, werfe ich kurz einen Blick zurück:<br />

In der Antike wurde Gesundheit als eine<br />

wichtige Voraussetzung für das glückliche<br />

Leben angesehen, sie war das höchste<br />

Gut. Die Betrachtungsweise war damals<br />

ganzheitlich – Körper und Seele waren<br />

untrennbar verbunden, und man begann<br />

sehr früh, schon bei den Kindern, mit präventiven<br />

Maßnahmen. Man schaute sich<br />

deren Wachstum an, und stellte man Auffälligkeiten<br />

oder Probleme fest, versuchte<br />

man, diese durch Spiele, Übungen oder<br />

eine bestimmte Ernährung zu korrigieren.<br />

Gesund zu sein bedeutete damals, dass<br />

Körper und Seele im Lot sind. Und für<br />

dieses Gleichgewicht sollte der Mensch<br />

selbst verantwortlich sein. Er hatte also,<br />

MEDIZINETHIKER FLORIAN STEGER IN SEINEM BÜRO IN DER UNIVERSITÄT ULM.<br />

FÜR MAX WAGTE ER EINEN BLICK IN DIE ZUKUNFT.<br />

um gesund zu bleiben, ein Zuwenig oder<br />

Übertreibungen zu meiden. Wir kommen<br />

in Europa also eigentlich aus dieser<br />

Medizin, die vor allem präventiv und<br />

somit auch eigenverantwortlich gedacht<br />

ist – da müssen wir wieder hinkommen.<br />

Das ist für mich keine Zukunftsmusik, wir<br />

sind bereits mittendrin in diesem Gedanken,<br />

Krankheiten durch präventive Maßnahmen<br />

gar nicht erst entstehen zu lassen.<br />

Die Forschung geht in diese Richtung,<br />

so gibt es etwa gute Studienergebnisse<br />

zur Vermeidung von Herz-Kreislauf­<br />

Erkrankungen durch gesunde Ernährung<br />

und regelmäßige Bewegung. Auch beim<br />

Thema Krebs sieht man, dass regelmäßige<br />

Check-ups und eine Änderung der Lebensweise<br />

eine Menge bringen. Prävention<br />

und Eigenverantwortlichkeit werden in<br />

den nächsten Jahren in den Fokus rücken.<br />

MAX: Der aktuelle „Zukunftsreport“ geht<br />

davon aus, dass künftig Lebensqualität wichtiger<br />

als Lebenserwartung sein wird. Eine<br />

überraschende Aussage? Wie sehen Sie das?<br />

Steger: Ich finde die Frage ganz<br />

hervorragend, und es wäre ein wünschenswerter<br />

Wandel in der Gesellschaft.<br />

Denn es geht genau um das, was auch mir<br />

wichtig ist: Nicht um Quantität, sondern<br />

um Qualität. Ich muss allerdings ehrlich<br />

sagen, dass es, je älter man wird, immer<br />

schwieriger wird, die Frage der Qualität<br />

für sich selbst zu beantworten. Und<br />

da wird die Medizin in Zukunft nicht<br />

um hinkommen, weg von einer One-fitsall-Lösung<br />

zu kommen und sich stärker<br />

darauf zu konzentrieren, was jeder<br />

Einzelne will. Die Frage, die wir uns alle<br />

in Zukunft noch stärker stellen müssen,<br />

heißt: Was ist ein gutes Leben? Was<br />

bedeutet es für mich? Und hier muss die<br />

Medizin in Zukunft ansetzen – sie muss<br />

auf die jeweilige Präferenz des Menschen<br />

eingehen und diese akzeptieren. Dafür<br />

braucht es Zeit und Empathie! Und<br />

das kann beispielsweise (noch) keine<br />

KI leisten.


WIR WOLLEN<br />

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Triumph<br />

126<br />

SEPTEMBER 2022


127<br />

MIR IST IST ES EGAL,<br />

ES EGAL,<br />

MIR<br />

ES<br />

IST<br />

EGAL,<br />

MIR ES IST EGAL, ES EGAL,<br />

OB MIR DU IST SCHWARZ, ES EGAL,<br />

WEISS,<br />

OB DU OB SCHWARZ, DU DU<br />

SCHWARZ, WEISS,<br />

SCHWARZ,<br />

WEISS,<br />

W<br />

HETERO, OB DU SCHWARZ, BISEXUELL,<br />

WEISS,<br />

SCHWARZ,<br />

HETERO, HETERO, BISEXUELL, BISEXUELL,<br />

WEISS,<br />

HETERO, SCHWUL, HETERO, BISEXUELL,<br />

LESBISCH, BISEXUEL<br />

KLEIN,<br />

SCHWUL, SCHWUL, LESBISCH, LESBISCH, KLEIN, KLEIN,<br />

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GROSS, SCHWUL, DICK, LESBISCH, DÜNN,<br />

KLEIN,<br />

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SCHWUL, REICH GROSS, ODER DICK, ARM DÜNN,<br />

BIST.<br />

LESBISC<br />

REICH REICH ODER ARM ODER BIST. ARM BIST.<br />

L, LESBISCH, WENN REICH<br />

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NETT ARM ZU KLEIN,<br />

BIST.<br />

MIR BIST,<br />

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WENN DU NETT DU ZU NETT MIR<br />

WENN DU NETT DICK,<br />

ZU BIST, MIR BIST,<br />

BIN<br />

nett ICH zu NETT mir ZU ZU DIR.<br />

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MIR BIST,<br />

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BIN ICH<br />

, DICK,<br />

BIN NETT ICH ZU<br />

BIN ICH DÜNN,<br />

NETT DIR. ZU DIR.<br />

SO bin EINFACH ich<br />

NETT<br />

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IST ZU DAS.<br />

DIR.<br />

SO EINFACH REICH<br />

SO EINFACH IST DAS.<br />

ODER<br />

IST DAS.<br />

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SO<br />

zu<br />

EINFACH<br />

dir.<br />

IST DAS.<br />

ODER ARM BIST.<br />

WENN DU NETT ZU<br />

DU NETT ZU MIR BIST,<br />

BIN ICH NETT ZU D<br />

NETT<br />

ER KAM<br />

ZU<br />

VON GANZ<br />

DIR.<br />

UNTEN UND SCHAFFTE<br />

ES NACH GANZ OBEN. DAZWISCHEN:<br />

SO<br />

ABSTÜRZE, EINFACH<br />

DRAMEN UND MEGA-ERFOLGE.<br />

IST DA<br />

EMINEM IST VIELLEICHT DAS BESTE BEISPIEL FÜR<br />

FACH<br />

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– UND<br />

DAS.<br />

FÜR DIE MACHT DER MUSIK.<br />

IM OKTOBER WIRD DER ERFOLGREICHSTE<br />

TEXT GUNTHER MATEJKA<br />

RAPPER DER MUSIKGESCHICHTE 50 JAHRE ALT.<br />

EINE WÜRDIGUNG.


Vorbild Triumph EMINEM<br />

128 54<br />

Kriegt die Fäuste immer wieder hoch:<br />

Eminem (l.), hat in seinem Leben gelernt, sich durchzukämpfen.<br />

Die Musik war stets Antrieb und Rettungsanker.<br />

(r.). Mit 50 Jahren schlägt der Rapper heute etwas<br />

mildere Töne an.<br />

Kein Ereignis ist für die amerikanische Musikszene<br />

so wichtig wie die Pausenshow beim<br />

Super Bowl. Ein Auftritt in diesen gigantischen<br />

Sportarenen mit etwa hundert Millionen<br />

TV-Zuschauern ist ein künstlerischer<br />

Ritterschlag, vorbehalten den absoluten<br />

Spitzenkräften der Unterhaltungsbranche.<br />

Zuletzt wurden beim NFL-Finale zwischen<br />

den Cincinnati Bengals und den Los Angeles<br />

Rams während des Pausentees Rap und<br />

Hip-Hop gereicht. Natürlich vom Who’s who<br />

der Szene: der rundliche, erstaunlich normal<br />

gestylte Dr. Dre, der spargeltarzanige, latent<br />

zugekiffte Snoop Dogg, die in glitzernden<br />

Stiefel-Kater-Boots wuchtbrummende Mary<br />

J. Blige, der dicke Boxerarme präsentierende<br />

50 Cent, der martialisch performende Kendrick<br />

Lamar und – einziges Bleichgesicht in<br />

diesem Feld – Eminem. Nach knapp zehn<br />

Minuten der turbulenten Rap-Gala taucht er<br />

aus einer berstenden Hauskulisse auf, gestylt<br />

mit allen Insignien des Böse-Buben-Rappers:<br />

Baggy­ Jeans, Cap, Goldkette, dicke Uhr, Hoodie.<br />

Give the people what they want. Klischees<br />

gehören dazu. Aber: Selbst in diesem ganz auf<br />

Kommerz und Massenpublikum zugeschnittenen<br />

Format zeigten sich Klasse und Charisma<br />

von Marshall Bruce Mathers III, wie Eminem<br />

laut Geburtsurkunde heißt.<br />

Vermutlich ist es ein kleines Wunder,<br />

den am 17. Oktober 50 Jahre alt gewordenen<br />

Mann so quietschfidel auf dieser XXL-Bühne<br />

zu erleben. Vielleicht sogar ein großes. Denn<br />

was Eminem – sein Künstlername basiert auf<br />

seinen Initialen M&M – in diesem halben<br />

Jahrhundert Erdendasein alles erlebt, durchlebt<br />

und erlitten hat, reicht für mehrere Leben<br />

aus. Sein Start in St. Joseph, Missouri, war<br />

suboptimal: Die Mutter, mit 17 Jahren selbst<br />

noch ein Kind, dazu drogenabhängig und gewalttätig.<br />

Auf seinen Dad konnte er auch nicht<br />

zählen. Der machte sich aus dem Staub, als er<br />

drei war. Typisches White-Trash-Leben. Kaum<br />

Geld. Ständig Umzüge. Immer wieder eine<br />

neue Stadt, ein neuer Beginn, eine neue Schule.<br />

Wer selbst einmal erlebt hat, wie es sich anfühlt,<br />

„der Neue“ in einer Klasse zu sein, kennt<br />

dieses Gefühl. Nicht so prickelnd.<br />

Und Eminem kennt es nur zu gut. Er<br />

war ständig der Neue – der eins aufs Maul bekam.<br />

Öfter auch mehr als das. So wie Mitte<br />

der 1980er-Jahre, als es für den zwölfjährigen<br />

Marshall Mathers III zum ersten Mal richtig<br />

eng wurde: Nachdem der Neuling mal wieder<br />

Prügel bezog, lag er mit Hirnblutung fünf Tage<br />

lang im Koma. Vermutlich war es nicht sein<br />

erstes Trauma in seinem noch jungen Leben.<br />

Sicher aber nicht sein letztes.<br />

Seine Biografie ist geprägt von Schicksalsschlägen,<br />

von seelischer Grausamkeit und<br />

körperlicher Gewalt; von ermordeten Freunden<br />

und persönlichen Tragödien. Für manch<br />

sensible Natur dürfte eines dieser Erlebnisse<br />

ausreichen, um sie aus der Bahn zu werfen.<br />

Und wer weiß, was aus Marshall Mathers III<br />

geworden wäre, hätte er nicht schon bald ein<br />

Ventil gefunden. Eine Passion, die ihm Selbstvertrauen<br />

und, vielleicht zum ersten Mal in<br />

seinem Leben, so etwas wie Zuversicht und<br />

Perspektive versprach: die Musik, der Rap.<br />

Ein Verwandter brachte ihn auf den Geschmack.<br />

Er spielte ihm die angesagten Rap-<br />

Acts vor: die Beastie Boys, Run DMC oder<br />

N.W.A. Bald darauf dachte Marshall Mathers<br />

nur noch in Reimen und Raps. Er war besessen<br />

davon. Und er hatte Talent. Riesiges Talent!<br />

Mit 14 nahm er, mittlerweile in Warren bei<br />

Detroit lebend, an lokalen Freestyle-Battles<br />

teil – und machte Eindruck. The white kid. Der<br />

düstere Typ mit dem gut geölten Mundwerk.<br />

Er verschaffte sich in der hochproblemati­<br />

SEPTEMBER 2022


PATRICK DEMPSEY<br />

129<br />

schen, überwiegend von Afroamerikanern<br />

bewohnten Gegend nach und nach Respekt.<br />

Das war keine Kleinigkeit. 1996 legte er unter<br />

seinem damaligen Künstlernamen Slim Shady<br />

sein Debütalbum „Infinite“ vor. Es floppte.<br />

Aber ausbremsen ließ er sich davon nicht. Im<br />

Gegenteil. Noch im gleichen Jahr gewann er<br />

Silber bei der – ja, das gibt es – Rap-Olympiade<br />

und wurde „Freestyle Performer of the Year“.<br />

Hier sah ihn Rap-Superproduzent Dr. Dre und<br />

nahm ihn flugs unter Vertrag. 1999 veröffentlichten<br />

die beiden „The Slim Shady LP“, sein<br />

Durchbruch. Der Rest ist eine einzige Erfolgsgeschichte:<br />

Er steht als „Fastest Selling Rap<br />

Artist“ im „Guinness Buch der Rekorde“, der<br />

Rolling Stone kürte ihn 2011 zum „King of Hip-<br />

Hop“, seine Tonträgerverkäufe belaufen sich<br />

auf etwa 200 Millionen, und im Streaming,<br />

längst die gültige Währung im Pop-Business,<br />

gehört er zum elitären Zirkel der Milliardäre.<br />

Das alles, nachdem es anfangs so miserabel<br />

für ihn lief. Damit gibt Eminem ein<br />

gutes Beispiel für das heute so beliebte Wort<br />

Resi lienz ab: Er lässt sich nicht unterkriegen.<br />

Er ist ein Stehaufmännchen, ein Come ba ­<br />

cker. Einer wie Rocky Balboa, der im ersten<br />

Rocky-Film immer wieder von Apollo Creed<br />

umgehauen wird – aber nicht aufgibt und<br />

sich immer wieder aufrappelt. Blutend, verbeult,<br />

groggy. Aber er fightet weiter. Eminem<br />

ist wie Rocky. Und Rockys, diese wackeren<br />

Willensmonster, werden geliebt. Das erklärt<br />

vielleicht, warum Eminem bei dieser NFL-<br />

Pausengala den lautesten Applaus von allen<br />

Rapstars bekommen hat. Sein Leben – das<br />

Millionen aus dem oscarprämierten Biopic<br />

„8 Mile“ kennen – macht Mut.<br />

Seine inneren Dämonen hat er damit<br />

aber noch nicht besiegt. In einem seiner raren<br />

Interviews hat er zugegeben: „Ich befinde<br />

mich in einem dauerhaften Wettbewerb mit<br />

mir selbst. Und ich bin Perfektionist. Das ist<br />

wie eine Zwangsneurose, ich kann einfach<br />

nicht anders. Ich schreib, bis mir der Kopf<br />

platzt. Ich werde noch wahnsinnig darüber.<br />

Vermutlich habe ich die Reimkrankheit.“<br />

Zu den jüngeren Symptomen dieses sehr<br />

speziellen Leidens gehört der filmisch umgesetzte<br />

Track „From the D 2 the LBC“, bei<br />

dem Eminem gemeinsame Sache mit Snoop<br />

Dogg macht. Ein köstliches Gespann, muss<br />

man sagen. Vor allem, weil sich die beiden<br />

Rapveteranen mit erstaunlicher Selbstironie<br />

herrlich auf den Arm nehmen: Eminem, der<br />

paranoide Recording-Artist in der Aufnahmekabine,<br />

Snoop Dogg, der ultracoole Dude<br />

an einem ofenrohrdicken Joint nuckelnd.<br />

Das aufwendige, teils im Comicstil animierte<br />

Video clickten innerhalb weniger Wochen fast<br />

50 Millionen Youtube-User.<br />

Neben Rocky hat Eminem auch etwas<br />

von einer weiteren Ikone der amerikanischen<br />

Kultur. Von der Ikone schlechthin: Elvis Presley.<br />

Die Parallelen zum King of Rock ’n’ Roll<br />

sind, so unterschiedlich ihre musikalischen<br />

Ausdrucksmittel auch sein mögen, bemerkenswert.<br />

Wie Elvis stammt auch Eminem<br />

aus einer armen Familie, wie Elvis wuchs er in<br />

einem, sagen wir salopp, „schwarzen Viertel“<br />

auf, wie der Rock ’n’ Roll-Pionier gilt er als der<br />

König seines Genres, und wie Mister Presley<br />

wird auch ihm vorgeworfen, die Musikkultur<br />

der Afroamerikaner auszubeuten. Selbst in<br />

puncto Lebensstil gibt es Gemeinsamkeiten:<br />

Ähnlich wie Elvis, der einst in seinem luxuriösen<br />

Graceland bei Memphis lebte, residiert<br />

Eminem in einem sagenumwobenen Anwesen,<br />

irgendwo im Pennyhill Park bei Detroit. So genau<br />

weiß man das nicht. Aber es soll nicht sehr<br />

weit von der 8 Mile Road entfernt sein. Die<br />

Straße, die ihn ganz nach oben führte.<br />

SEPTEMBER 2022


Triumph<br />

130<br />

SEPTEMBER JUNI 2022 2022


Auch Erfolg<br />

kann zu einem<br />

Trauma führen<br />

131<br />

Die Musikerin Judith Holofernes<br />

hat ein Buch geschrieben.<br />

Über die Helden, den frühen Erfolg,<br />

Träume und das echte Leben.<br />

INTERVIEW MATTHIAS GRENDA<br />

Album, Promotion, Tour. Beinahe 20 Jahre<br />

lang bestimmt die Dynamik des Musikbetriebs<br />

Judith Holofernes’ Leben. In<br />

dieser Zeit wird sie, mit Wir sind Helden<br />

und ihrem Soloprojekt, zu einer der bekanntesten<br />

und prägendsten Sängerinnen<br />

ihrer Generation. Nun hat sie ein sehr<br />

persönliches Buch darüber geschrieben.<br />

Offen, bisweilen schonungslos und immer<br />

kurzweilig blickt sie zurück auf die Zeit<br />

nach den Helden, auf Krisen, Träume und<br />

eine wegweisende Entscheidung – und<br />

zeigt sich dabei als feinsinnige Erzählerin.<br />

Dass sie eigentlich lieber schreibt als<br />

spricht, war dann auch der Einstieg in ein<br />

Gespräch über »Die Träume anderer Leute«<br />

und wie Judith Holofernes sich nach<br />

und nach aus den kommerziellen Zwängen<br />

und der Enge des Musikbetriebs befreit<br />

hat. Wie sie zu der Künstlerin wurde, die<br />

sie so lange sein wollte – und damit ihr<br />

Leben zurückbekam.<br />

MAX: Woran hast du heute Morgen<br />

als Erstes gedacht, als du in den Spiegel<br />

geschaut hast?<br />

Judith Holofernes: Oh, das ist bei<br />

mir immer relativ spät. Meistens kurz<br />

bevor ich mit dem Hund rausgehe und<br />

nachdem ich schon zwei Kinder für die<br />

Schule vorbereitet habe. Da bin ich schon<br />

relativ wach. Das ist also nicht mehr<br />

der Bewusstwerdungsmoment, sondern<br />

höchstens ein kurzer Check, ob ich noch<br />

das Make-up von gestern im Gesicht<br />

hängen habe.<br />

MAX: Das klingt ja nach einem ziemlich<br />

normalen Leben.<br />

Judith: Nun ja, mein Leben ist zwar<br />

immer noch sehr komplex, hat sich<br />

aber stark vereinfacht. Seit ungefähr<br />

drei Jahren ist das so. Mein Leben ist<br />

sehr viel übersichtlicher geworden, ohne<br />

dabei irgendwie langweilig zu sein.<br />

MAX: Hat sich denn das im Buch<br />

anfänglich formulierte Ziel erfüllt, dass du<br />

dein Leben zurück willst?<br />

Judith: Ja, also (Pause). Ja, ehrlich<br />

gesagt total (Pause), die letzten drei, vielleicht<br />

auch schon vier Jahre sieht mein<br />

Alltag endlich so aus, wie ich es mir lange<br />

gewünscht habe. Natürlich mit den Grenzen,<br />

die eben schulpflichtige Kinder so<br />

mit sich bringen. Im Großen und Ganzen<br />

ist es aber aufgegangen, was ich da wollte,<br />

nämlich einen wirklich viel größeren<br />

Teil meiner Zeit mit kreativer Arbeit zu<br />

verbringen. Und siehe da, es bekommt<br />

mir vortrefflich. Es ist sogar eher so, dass<br />

ich jetzt öfter mal denke, wusste ich es<br />

doch, dass das geht.<br />

MAX: Und nun geht es wieder los?<br />

Judith: Ja, jetzt kommt der Stresstest.<br />

Mit der Veröffentlichung dieses Buches<br />

kommt jetzt wieder das Überprüfen, wie<br />

ich mein Leben gestalten will. Die letzten<br />

Jahre hat das ja niemand großartig angefochten.<br />

MAX: Das Buch heißt „Die Träume<br />

anderer Leute“ und stellt die Frage „Wie<br />

macht man aus einem Märchen ein echtes<br />

Leben?“. Warum „man“ und nicht „ich“?<br />

Judith: Die Stelle stammt aus dem<br />

Buch, und da habe ich gerade darüber<br />

nachgedacht, dass ich keine Vorbilder<br />

habe dafür, also wie ich aus diesem doch<br />

SEPTEMBER 2022


Triumph 132<br />

sehr frühen Erfolg für mich ein irgendwie<br />

glückliches Erwachsenenleben heraus<br />

entwickeln kann. Und deswegen habe<br />

ich „man“ geschrieben, weil dahinter die<br />

Frage steht, was die anderen Popstars<br />

in den Jahren nach ihrem großen Erfolg<br />

machen. Ich habe lange Zeit gesucht,<br />

ob mir jemand erklären kann, was man<br />

dann eigentlich machen soll.<br />

MAX: Also „man“ ist nicht der Aufruf zur<br />

Reflexion des Lesers?<br />

Judith: Doch, das natürlich auch. Als<br />

ich angefangen habe zu schreiben, habe<br />

ich das ja erst einmal nur für die Patreons<br />

(Abo-Kunden der Plattform Patreon) getan<br />

und war noch nicht sicher, ob das ein<br />

Buch wird. Die Patreons haben mir dann<br />

sehr schnell zugeredet, daraus ein Buch<br />

werden zu lassen. Und durch diese Rückmeldungen<br />

ist mir klar geworden, dass die<br />

Fragen oder Themen, die mich beschäftigen,<br />

nicht so spezifisch nur meine sind,<br />

dadurch dass mein Leben so ausnahmehaft<br />

verlaufen ist. Ich habe mir viele<br />

Gedanken gemacht, was denn die Wurzel<br />

für diesen Erfolg ist. Das betrifft ja nicht<br />

nur Musiker oder Stars im Allgemeinen.<br />

Was sind denn die Träume anderer Leute,<br />

und wie geht man damit um, wenn man<br />

mit etwas Erfolg hatte in jungen Jahren<br />

und es dann weg ist?<br />

MAX: Und das „Ich“?<br />

Judith: Für mich war es die Suche<br />

nach Antworten, weil ich eben niemanden<br />

gefunden habe, der sich öffentlich mit<br />

der Zeit nach so einer Märchengeschichte<br />

wirklich auseinandersetzt und mir zum<br />

Vorbild werden konnte. Die meisten sieht<br />

man ja erst wieder, wenn sie im Rahmen<br />

der Würdigung ihres Lebenswerks<br />

auftauchen. Dabei gibt es diese Dinge<br />

wie Misserfolg, weniger Erfolg und sich<br />

berappeln müssen und neue Orientierung<br />

finden, erwachsen werden und so viele<br />

Aspekte, über die niemand schreibt<br />

MAX: Hast du es denn geschafft, aus<br />

diesem Märchen wieder ein echtes Leben<br />

werden zu lassen?<br />

Judith: (Denkt nach) Ja, auf jeden<br />

Fall. Aber, was mir klar geworden ist, ist,<br />

dass so ein Erfolg eine echte Detonation<br />

bedeutet, die einen massiv verändert und<br />

die man mitnimmt in sein neues Leben.<br />

Die Psychologin Elizabeth Loftus spricht<br />

davon, dass Erfolg auch zu einem Trauma<br />

führen kann. Das ist nicht nur negativ zu<br />

sehen, muss aber unbedingt verarbeitet<br />

werden. Die Träume und Erwartungen<br />

wurden halt so grundlegend gesprengt,<br />

dass danach alles anders ist. Und man<br />

muss sich vom Trauma des Erfolgs genauso<br />

lange erholen, wie von jedem anderen<br />

traumatischen Einschnitt auch.<br />

MAX: Hat das dein Verhältnis zu Vertrauen<br />

und Misstrauen verändert?<br />

Judith: Ich bin immer noch sehr<br />

vertrauensvoll. Das scheint mir irgendwie<br />

in die Wiege gelegt geworden zu<br />

sein – so ein großes Grundvertrauen. Also<br />

wenn ich zum Beispiel mit meinem Mann<br />

darüber spreche, ob mir das Angst macht,<br />

dieses Buch jetzt rauszubringen und so<br />

viel Persönliches von mir zu zeigen. Dann<br />

stelle ich immer fest, natürlich habe ich<br />

Angst, aber das heißt ja nicht, dass ich<br />

es nicht trotzdem machen sollte. Und da<br />

sind wir neulich drauf gekommen, dass<br />

ich bei all den anderen Defiziten (kichert)<br />

zumindest mit Grundvertrauen sehr gut<br />

ausgestattet bin. Ich denke dann immer,<br />

zur Not wird es halt schwierig.<br />

MAX: Und schwierig scheinst du ja, nach<br />

meiner Lektüre des Buches, ganz gut zu<br />

beherrschen.<br />

Judith: (Lacht) Ja, es wäre mal schön,<br />

wenn es mit dem Buch nicht schwierig<br />

würde. Ich kann mich aber auf mich ganz<br />

gut verlassen. Obwohl, wenn man sich<br />

jetzt so das Buch durchliest, vielleicht<br />

auch nicht (kichert).<br />

MAX: Warum ein Buch? Wer liest heute<br />

noch?<br />

Judith: Ehrlich gesagt, ich lese noch.<br />

Leute, die ich mag, lesen noch. Oder<br />

hören zumindest Hörbücher. Und ich<br />

glaube, dass das all die Jahre, bei all<br />

den Zweifeln, allem „gefallen wollen“<br />

und „es allen recht machen wollen“, mein<br />

großer Schutz war und mich hat so viele<br />

Sachen machen lassen, die mir heute noch<br />

gefallen. In meinen künstlerischen Entscheidungen<br />

zum Beispiel, mein Mann<br />

sagt über mich dann, „beinahe autistisch“<br />

abgekoppelt zu sein von dem, was andere<br />

Leute nützlich und richtig finden, das hat<br />

mit dem Lesen zu tun.<br />

MAX: Warum sind biografische Skizzen<br />

wichtig?<br />

Judith: Ich glaube an die transformative<br />

Kraft des autobiografischen Schreibens,<br />

vor allem, wie es die Amerikaner<br />

mit ihren Memoiren betreiben und auch<br />

unterscheiden. Es gibt so viele Künstlerbiografien<br />

von A bis Z mit „mein Vater<br />

SEPTEMBER 2022


JUDITH HOLOFERNES 133<br />

JUDITH HOLOFERNES LIEBT DIE DIREKTE KOMMUNIKATION MIT IHREN PATREON FANS:<br />

„WENN ICH MIR AN IRGENDETWAS DIE ZÄHNE AUSBEISSE, WEISS ICH, DASS ICH MICH IN<br />

DIESER COMMUNITY MITTEILEN KANN UND AUCH WIEDER VERARZTET WERDE.“<br />

„ Ich hatte kein Ding mit<br />

dem Jugendlich-Sein.<br />

Es ist eher so, dass, je älter ich werde, ich<br />

endlich das Gefühl habe, das passt alles<br />

mit dem, wie ich sowieso bin.“<br />

hat dies und jenes getan und im Alter<br />

von vier Jahren sind wir dahin gezogen“<br />

und so. Das interessiert mich nicht besonders.<br />

Aber dieses Genre, das Leute<br />

anhand von ihrem eigenen Leben wirklich<br />

mit einem tiefen Blick erzählen, was<br />

es ihnen bedeutet, Mensch zu sein, das<br />

hat mir immer schon total viel bedeutet.<br />

Und ich finde das total unterbewertet<br />

als Genre. Aber in meinen Augen ist das<br />

absolut im Kommen. Ich lese wahnsinnig<br />

gern Memoiren von Leuten, die was<br />

total anderes machen als ich, weil es mir<br />

immer irgendetwas gibt.<br />

MAX: Wie wichtig ist für dich das<br />

Erinnern als Entscheidungsgrundlage für<br />

die Zukunft?<br />

Judith: Eine spannende Frage, die<br />

ich ja auch im Buch thematisiere. Ich<br />

beschreibe, wie ich enttäuscht war von<br />

meiner eigenen Lernkurve, weil ich das<br />

Gefühl hatte, immer wieder die gleichen<br />

Fehler zu machen. Ich fasse immer<br />

wieder in den Elektrozaun, obwohl ich<br />

doch so viel reflektiere und diese Songs<br />

schreibe. Am Ende des Tages muss man<br />

dann wirklich verstehen, dass manche<br />

Themen Lebensthemen sind und einen<br />

lange begleiten werden. Und das ist, jetzt<br />

wo ich fertig bin mit Schreiben, die große<br />

offene Frage, wo stehe ich denn jetzt,<br />

wenn ich herausgefordert werde? Habe<br />

ich es allein durch das Aufschreiben auch<br />

wirklich durchdrungen? Das weiß ich<br />

ehrlich gesagt noch nicht.<br />

MAX: Ist das ein Erkenntnisprozess?<br />

Judith: Ja, auf jeden Fall. Ich habe<br />

das Gefühl, dass ich mit vielen Themen<br />

gerade jetzt erst am Anfang stehe. Ich<br />

gebe zum Buch einige Interviews und<br />

bekomme Fragen gestellt, über die ich<br />

dann auch neu nachdenken muss. Viele<br />

Sachen werden mir bewusst, sind aber<br />

noch nicht geklärt. Dann muss ich wohl<br />

leider noch weiterschreiben (lacht).<br />

MAX: Manchmal habe ich mir beim Lesen<br />

gedacht, warum hat diese Frau nur so ein<br />

Problem, erwachsen zu werden? Ist das<br />

vielleicht sogar ein prinzipielles Problem<br />

der „Helden-Generation“ und warum?<br />

Judith: Gute Frage. Wenn ich nur<br />

mich angucke, muss ich sagen, ich hatte<br />

nie ein Problem damit, erwachsen zu<br />

werden. Ich hatte nie einen Jugendfetisch.<br />

Ich fühlte mich als 20-Jährige schon<br />

zu Leuten hingezogen, die 20 Jahre älter<br />

waren als ich. Ich hatte kein Ding mit<br />

dem Jugendlich-Sein. Es ist eher so, dass,<br />

je älter ich werde, ich jetzt endlich das<br />

Gefühl habe, dass es passt mit dem, wie<br />

ich sowieso bin. Es war eher so, dass es<br />

mir schwer gemacht wurde, erwachsen<br />

zu werden, weil das Musikbusiness mich<br />

lieber so behalten hätte, wie ich nach<br />

außen war. Es ist zwar so platt, dass<br />

ich es kaum aussprechen mag, aber die<br />

Branche lebt halt vom Jugendwahn. Man<br />

denkt in kurzen Phasen, und wenn du<br />

nach ein paar Jahren verheizt bist, ist das<br />

ja auch nicht mehr ihr Problem. Es reden<br />

immer alle von Langfristigkeit, denken<br />

dann aber wie in der Politik nur in Vierjahres-Wahlzyklen.<br />

MAX: Und die Generation?<br />

Judith: Das ist wirklich schwierig<br />

für mich zu beurteilen, weil ich natürlich<br />

genau diese fast 20 Jahre des Erwachsenwerdens<br />

einer Generation aus einer sehr<br />

extremen Perspektive sehe. Der Erfolg<br />

hat da so eine große Kerbe in meinen<br />

Lebenslauf geschlagen, dass ich gar nicht<br />

wüsste, wo ich stehen würde als „normale“<br />

Teilnehmerin einer Generation.<br />

MAX: Wie bewusst ist dir, dass du als<br />

Künstlerin eine Projektionsfläche für die<br />

Menschen bist?<br />

Judith: Das ist mir schon klar, aber<br />

ich habe mich dem innerlich immer<br />

ein wenig verweigert. Eigentlich von<br />

Anfang an, auch schon in den frühen<br />

Helden-Tagen. Weil ich das Gefühl<br />

hatte, das weiß ich, aber das kann ich<br />

mir nicht reinziehen. Sonst kann ich das<br />

nicht machen. Wenn ich mich in diese<br />

Meta ebene begebe, fängt es an, mit<br />

meiner Kunst zu interferieren, und dann<br />

fang ich an darüber nachzudenken, was<br />

sich die Leute denn eigentlich von mir<br />

wünschen. Und dann ist es keine Kunst<br />

mehr. Vielleicht ist das aber auch eine<br />

Form von gesunder Naivität. Dass ich<br />

mir das einfach ein bisschen vom Leib<br />

gehalten habe.<br />

MAX: Reden wir zu wenig über uns<br />

und miteinander? Haben wir das vielleicht<br />

sogar verlernt?<br />

Judith: Ach, ich hab das Gefühl, und<br />

vielleicht ist das nur meine persönliche<br />

Bubble, dass alle sehr viel und sehr reflektiert<br />

über sich reden, tendenziell sogar<br />

zu viel und zu lange über etwas reden,<br />

anstatt es tatsächlich zu verändern.<br />

SEPTEMBER 2022


Triumph 134<br />

MAX: Aber ist das nicht wirklich nur<br />

Bubble? Die Realität der sozialen Medien<br />

ist ja mehr bedeutungslose Kommunikation.<br />

Holofernes: Ja, stimmt. Aber es ist<br />

eine große Sehnsucht nach wirklicher<br />

Kommunikation da. Und ich glaube, dass<br />

das auch die nächste Evolutionsstufe<br />

der sozialen Medien sein könnte. Da ist<br />

natürlich mein eigener Wunsch mit drin,<br />

aber ich glaube, dass es zumindest Alternativen<br />

geben wird. Mal ein Beispiel, ich<br />

habe vor ein paar Jahren eine Geschichte<br />

aus dem Urlaub gepostet, wo es mir ja<br />

eigentlich richtig gut gehen sollte, es mir<br />

aber richtig schlecht ging. Ich habe dann<br />

die Sonnenfotos mit dunklen Wolken<br />

und Regen bemalt und gefragt, wie es<br />

denn anderen so dabei geht. Weil Instagram<br />

ja nicht die Wahrheit zeigt. Das war<br />

total toll. Da ist das Internet mal ganz<br />

kurz quasi aufgebrochen und die Leute<br />

haben wahnsinnig viel kommentiert und<br />

aus ihren eigenen verkackten Urlauben<br />

berichtet. Das war sehr gut für das Herz<br />

und hatte auf einmal so eine ganz andere<br />

Ebene. Und eigentlich wünschen wir uns<br />

genau diese Kommunikation alle.<br />

MAX: Was ist für dich denn bedeutungsvolle<br />

Kommunikation?<br />

Holofernes: Das ist für mich, darüber<br />

zu reden, was es wirklich bedeutet,<br />

Mensch zu sein. Und möglichst wenig<br />

schönt und in tatsächliche Verbindung<br />

geht. Das funktioniert ja meistens,<br />

wenn man sich wirklich zeigt und einen<br />

respektvollen Rahmen dazu hat. Das ist<br />

nicht immer leicht. Im Buch beschreibe<br />

ich ja, dass von den Medien häufig die<br />

einfachere Geschichte bevorzugt wird<br />

und dass es unheimlich schwer ist, sich<br />

dem zu verweigern. Da kannst du im<br />

Interview noch so offen sein, in der<br />

Reduktion bleibt dann nur übrig, wie toll<br />

sie das alles hinkriegt mit Popstar­ Sein<br />

und Mutter-Sein. Dadurch kommt dann<br />

auch keine bedeutungsvolle Kommunikation<br />

beim Publikum an, weil das übrig<br />

gebliebene Narrativ meiner eigentlichen<br />

Aussage schadet, anderen Frauen, anderen<br />

Menschen schadet. Oft hatte ich das<br />

niederschmetternde Gefühl, dass man<br />

sich dem kaum erwehren kann.<br />

MAX: Ist es nicht Aufgabe der Künstler,<br />

ständig eben diesen Zustand anzumahnen?<br />

Holofernes:: Auf jeden Fall. Das ist aber<br />

auch schwierig und der Grund, warum<br />

so viele Künstler dabei draufgehen. Du<br />

begibst dich in ein Umfeld, dass dann oft<br />

das Gegenteil von dir möchte. Und dieses<br />

Spannungsfeld ist unheimlich schwer<br />

zu verkraften. Das war wahrscheinlich<br />

schon immer so, selbst bei den Hofmalern<br />

oder Dichtern, dass die Aufgabe das<br />

Schöne, Gute zu beschreiben ist, was ja<br />

auch das Hässliche, Schlechte sein kann,<br />

also das ganze Komplexe am Leben und<br />

dass dann die Mittler das nicht dulden.<br />

Ich habe oft das Gefühl, dass ich etwas<br />

Offenes, Schillerndes kreiere und dann<br />

muss ich das durch so einen kleinen und<br />

verklebten engen Strohhalm an die Leute<br />

ranblasen, die aber eigentlich auch die<br />

Arme weit offen haben. Der Transfer ist<br />

so beschränkt.<br />

MAX: Schaffst du einen besseren Transfer<br />

auf einer Plattform wie Patreon, wo du<br />

direkt mit den Fans kommunizierst?<br />

Holofernes: Ja, definitiv. Aber das<br />

sind natürlich auch sehr viel weniger Leute<br />

als herkömmlich. Der Austausch ist auf<br />

jeden Fall viel tiefer, realer und wertvoller<br />

und ist etwas, was mich in Zukunft immer<br />

trösten wird. Wenn ich zum Beispiel im<br />

Rahmen dieser Buchveröffentlichung mir<br />

an irgendetwas die Zähne ausbeiße, weiß<br />

ich, dass ich mich in dieser Komplexitätstoleranteren<br />

Community mitteilen kann<br />

und ich dort auch wieder verarztet werde.<br />

Ich kann das nur empfehlen. Das ist wie<br />

ein kleiner Schutzraum im Internet.<br />

MAX: Ist der Beruf des Künstlers für dich<br />

eher Fluch oder Segen?<br />

Holofernes: Oh Gott (tiefer Seufzer).<br />

Also… (Pause). Das geht natürlich wahnsinnig<br />

tief. Und das ist eine der Fragen,<br />

jetzt wo ich durch bin mit den ersten<br />

Fragen beim Schreiben des Buches, die<br />

sozusagen bleibt. Ich bin jetzt öfters<br />

schon gefragt worden, was es mit mir<br />

machen würde, wenn eine junge Künstlerin<br />

mein Buch liest und es sie abhalten<br />

würde, Künstlerin werden zu wollen. Das<br />

ist eine fiese Frage, weil natürlich möchte<br />

ich das nicht. Aber man muss sich auch<br />

ein wenig ehrlich machen. Kunst zu<br />

machen heißt, dass man sich verletzlich<br />

macht und mit sich selbst arbeitet und<br />

hinter wenig verstecken kann. Künstler<br />

sind deshalb so ein bisschen wie Feuerwehrleute.<br />

Was Künstler machen ist<br />

wichtig für die Gesellschaft, ist aber ein<br />

Beruf, den nicht jeder machen sollte oder<br />

kann. Das ist Grubenarbeit. Wir gehen<br />

runter in die Tiefe unter hohen persönlichem<br />

Risiko und wir bringen Sachen<br />

an die Oberfläche, die für andere Leute<br />

wichtig sind. Im besten Falle verstehen<br />

die Leute diese Künstlerdefinition.<br />

MAX: Glaubst du, dass das Buch das<br />

auch transportiert?<br />

Holofernes: Na ja, vielleicht werden<br />

einige auch sagen, hätte sie nicht etwas<br />

Schöneres schreiben können. Das ist aber<br />

auch eine Erfahrung, die ich schon öfters<br />

hatte. Die Leute wollten nicht unbedingt<br />

die Wahrheit, sondern wenigstens soll ich<br />

glücklich sein. Da sind wir wieder bei der<br />

Projektion. Damit bleibt eine bestimmte<br />

Fluchtfantasie intakt.<br />

MAX: Was gefällt dir am Schreiben?<br />

Holofernes: Dass ich mich da stundenlang<br />

in etwas vertiefen kann. Ich das<br />

alles alleine machen kann, auch mit all<br />

den vielen Schritten. Mir gefallen alle<br />

Aspekte daran: Die Recherche, die<br />

Planung und dann das tatsächliche Ausmalen.<br />

Und dann das Feilen und Editieren.<br />

Und, ganz wichtig, dass ich mich mit<br />

jeder Schleife, die ich drehe, selbst neu<br />

und weiter ent decke und ich mich etwas<br />

nähere, was dann wirklich ich bin.<br />

MAX: Was möchtest du deinen Lesern mitgeben<br />

oder wünschen?<br />

Holofernes: (Pause) Ich hoffe natürlich,<br />

dass… (Pause)… verkürzt gesagt,<br />

dass sie aus meinen Fehlern lernen<br />

können, wie auch ich aus den Memoiren<br />

anderer Leute gelernt habe. Vielleicht<br />

auch aus meinen Erkenntnissen, um dann<br />

Prozesse abzukürzen. Sich inspiriert<br />

fühlen, ihren Instinkten zu folgen. So<br />

wie ja auch ich sehr lange die richtigen<br />

Instinkte hatte und wusste, was ich<br />

bräuchte, es aber dann nicht umgesetzt<br />

habe. Das wäre tatsächlich ein Happy<br />

End, wenn die Leute das dann nicht erst<br />

nach zehn Jahren umsetzen.<br />

MAX: Judith, vielen Dank für das<br />

Gespräch!<br />

SEPTEMBER 2022


JUDITH HOLOFERNES 135<br />

DAS KREATIVE KOLLEKTIV WIR SIND HELDEN<br />

ERMÖGLICHTE JUDITH HOLOFERNES<br />

WICHTIGE EINBLICKE, UM ALS KÜNSTLERIN UND<br />

MENSCH ERWACHSEN WERDEN ZU KÖNNEN.<br />

SEPTEMBER 2022


Triumph<br />

136<br />

AUFGEZEICHNET VON ANDREAS WREDE<br />

FOTOS DMITRIJ LELTSCHUK<br />

Irgendwann sind sie abgehauen. Noch fast als Kind, als<br />

Jugendliche, als Erwachsene. Weg von den Schlägen der Eltern,<br />

dem Alkoholdunst in der Wohnung, der Willkür ihres Umfelds.<br />

Raus in die Freiheit, in der sie es oft genauso schwer haben,<br />

weil die meisten an ihnen vorübergehen, ihrem Blick oder ihren<br />

Bitten ausweichen. MAX sprach mit<br />

sieben Obdachlosen über ihr Schicksal und<br />

ihre Versuche, in ein geregeltes Leben<br />

zu kommen, bei denen sie die Hamburger<br />

Einrichtung Hinz & Kunzt unterstützt.<br />

?<br />

SEPTEMBER 2022


137


Triumph 138<br />

ENDLICH<br />

MAL GLÜCK GEHABT<br />

Ich heiße KLAUS, bin 50 Jahre alt und<br />

komme ursprünglich aus Reilingen<br />

in Baden-Württemberg. Meine beiden<br />

Hunde, die mich immer und überall hin<br />

begleiten, sind Zecke und Lady. Gelernt<br />

habe ich vor über 30 Jahren Dreher und<br />

Fräser, ein Beruf, der mir damals sehr<br />

gut gefiel. Mit meinen Eltern hat es<br />

damals nicht so richtig gut geklappt,<br />

seit Mitte der Neunzigerjahre bin ich<br />

unterwegs und lebe auf der Straße. Zu<br />

meinen Eltern würde ich nie im Leben<br />

zurückgehen, aber wir telefonieren<br />

schon oft, so aus der Ferne kommen wir<br />

ganz gut miteinander aus.<br />

Ich war schon viel im Ausland<br />

unterwegs, zum Beispiel in Frankreich<br />

oder Griechenland, aber da wurde es<br />

mir und den Hunden im Sommer echt zu<br />

heiß. Seit über 20 Jahren habe ich keine<br />

eigene Wohnung, an diesen Umstand<br />

muss man sich gewöhnen, wenn man<br />

auf der Straße ist. Du bist im Grunde<br />

nie so richtig allein, kannst sozusagen<br />

nie privat sein, und du musst immer auf<br />

deine paar Sachen aufpassen. Auf der<br />

Straße wird eben viel geklaut.<br />

Lange Zeit habe ich in einem Zelt<br />

übernachtet in Hamburg, wenn es ging<br />

an abgelegenen Plätzen. Aber richtig<br />

Ruhe hast du nie, oft hat man Angst,<br />

überfallen zu werden, da helfen einem<br />

dann die Hunde. Früher habe ich viel<br />

Alkohol getrunken, aber seit drei Jahren<br />

trinke ich nicht mehr. Dank Hinz &<br />

Kunzt habe ich jetzt eine Wohnung mit<br />

zwei Zimmern. Ich hatte endlich mal<br />

Glück im Leben, der Vermieter ist total<br />

nett, meine beiden Hunde sind auch<br />

kein Problem für ihn. Hinz & Kunzt<br />

verkaufe ich in Hamburg-Horn bei Aldi.<br />

Da fühle ich mich auch sehr wohl, das<br />

ist fast familiär.<br />

PRAKTISCH BEIM FREUND<br />

GEWOHNT<br />

Aufgewachsen bin ich in der Nähe von<br />

St. Petersburg im heutigen Russland.<br />

Mein Name ist SERGEIJ, und ich bin 48.<br />

Eigentlich war ich ab 14 Jahren auf<br />

mich allein gestellt – mein Stiefvater<br />

war schwerer Alkoholiker und hat die<br />

Familie gequält, mich wollte er immer<br />

verprügeln. Zum Glück hatte ich einen<br />

Freund, der wohnte gegenüber von uns,<br />

dorthin konnte ich flüchten, da lebte<br />

ich mehr als in unserer Wohnung.<br />

Ich hatte immer verschiedene Jobs, der<br />

schönste und der härteste war das<br />

Fischen nach Bernstein. Mein Stiefvater<br />

war Litauer, und wir sind dann nach<br />

Litauen gezogen. In der Schule habe ich<br />

Deutsch gelernt, und das hat mir schon<br />

geholfen, als ich mit 35 nach Deutschland<br />

gekommen bin. Das war für uns<br />

ein Land, in dem Ordnung ist und man<br />

mit ordentlicher Arbeit Geld verdienen<br />

kann. In Hamburg hatte ich dann ebenfalls<br />

verschiedene Jobs, zum Beispiel<br />

Müll sortieren – nicht sehr schön.<br />

Meinen leiblichen Vater habe ich<br />

übrigens mit 15 zum letzten Mal gesehen.<br />

Nachdem meine Mutter sich von<br />

ihm getrennt hatte, ist er völlig abgestürzt.<br />

Das habe ich ihr sehr übel genommen.<br />

Als ich hier ankam, bin ich in<br />

das Winterprogramm gekommen, ich<br />

hatte ja keine Wohnung und damals<br />

noch keine Arbeitserlaubnis. Aber auf<br />

der Straße war es besser als im Winterprogramm,<br />

das muss sich schon sagen.<br />

Durch einen Freund bin ich vor<br />

15 Jahren auf Hinz & Kunzt aufmerksam<br />

geworden und habe die Zeitung<br />

verkauft. Vor einigen Jahren dann suchte<br />

man dort neue Mitarbeiter, und ich<br />

habe mich beworben. Heute arbeite<br />

ich unter anderem am Verkaufstresen,<br />

oder ich schaue im Außendienst, dass<br />

es keine Probleme mit Schwarzverkäufern<br />

ohne Verkaufsausweis gibt. Ich bin<br />

stolz, für ein Projekt wie dieses hier<br />

zu arbeiten. Ich lebe in einer Wohnung<br />

SEPTEMBER 2022


EINE FLUCHT OHNE ENDE? 139<br />

auf der Veddel, würde aber gern in ein<br />

schöneres Viertel ziehen. Und ich fotografiere<br />

sehr gern!<br />

„Die Mutter hat mich<br />

ganz oft geschlagen, und morgens<br />

um sechs musste<br />

ich immer zum Kiosk gehen,<br />

Alkohol kaufen.“<br />

NICOLE<br />

EINE EIGENE<br />

WOHNUNG WÄRE TOLL<br />

Hinz & Kunzt hat mir immer geholfen –<br />

als Frau hast du es besonders schwer,<br />

wenn du obdachlos bist. Du bist eben<br />

einfach nicht so stark wie ein Mann.<br />

Ich bin NICOLE, 44, und komme aus<br />

Rostock, da bin ich auch eine Weile<br />

zur Schule gegangen. Bis 2018 habe<br />

ich bei meiner Mutter und dem Stiefvater<br />

gewohnt. Die Mutter hat mich<br />

ganz oft geschlagen, und morgens um<br />

sechs musste ich immer zum Kiosk gehen,<br />

Alkohol kaufen. Das war wirklich<br />

kein schönes Leben, Freunde hatte ich<br />

eigentlich keine in Rostock.<br />

Ich bin dann mit einem Mann nach<br />

Hamburg abgehauen und will nie, nie<br />

wieder zurück nach Rostock! Eine<br />

Weile habe ich dann Platte gemacht mit<br />

einem Freund, aber da musst du immer<br />

auf der Hut sein, dass dir nix gestohlen<br />

wird. Selbst als ich in Wandsbek im<br />

Container gewohnt habe, musste ich<br />

ewig auf meine paar Sachen aufpassen,<br />

das hat genervt. Als ich noch im<br />

Winter-Notprogramm der Stadt war,<br />

musste ich noch mehr auf meine Habseligkeiten<br />

achten. Denn du hast dann<br />

ja morgens die Einrichtung zu verlassen<br />

und kannst erst abends wieder rein.<br />

Da musst du deine Sachen immer mitnehmen,<br />

sonst sind sie weg. Trotzdem:<br />

Hamburg ist eine schöne Stadt, und ich<br />

fahre gern mit dem Fahrrad rum. Ich<br />

wohne jetzt in einer WG, würde aber<br />

sehr gern allein wohnen. Hinz & Kunzt<br />

hilft mir bei der Suche, das ist große<br />

Klasse. Wenn ich wüsste, wo mein richtiger<br />

Vater lebt, würde ich gern dorthin<br />

gehen. Die Zeitung verkaufe ich in<br />

Hammerbrook.<br />

IM KNAST<br />

WEGEN SCHWARZFAHREN<br />

Ich bin RENÉ, 41, noch in der DDR geboren,<br />

in Sömmerda, das liegt in Thüringen,<br />

gut 20 Kilometer von Erfurt<br />

entfernt. Mein Vater war Dachdecker<br />

und Maurer, meine Mutter Kauffrau<br />

und Raumpflegerin. Meine Eltern leben<br />

nach der Wiedervereinigung immer<br />

noch in Sömmerda. Ich fahre immer<br />

mal wieder dorthin, und ich finde<br />

es auf dem Land total schön. Nach der<br />

SEPTEMBER 2022


Triumph EINE FLUCHT OHNE ENDE? 140<br />

Mittleren Reife habe ich eine Lehre als<br />

Einzelhandelskaufmann angefangen,<br />

aber die musste ich wegen zu vieler<br />

Fehltage abbrechen.<br />

Nach Hamburg bin ich eher durch<br />

Zufall gekommen, da war nix geplant.<br />

Am Anfang hatte ich Glück und konnte<br />

im Pik As unterkommen (die älteste<br />

Obdachlosen-Unterkunft in Deutschland,<br />

eröffnet 1913, Anm. d. Red.). Ich hatte<br />

auch mal eine Wohnung, aber so von<br />

2005 bis 2013 hab ich eben Platte gemacht<br />

mit Bekannten. Tja, wovon lebt<br />

man da so?<br />

Ach, man besorgt sich Geld oder<br />

geht eben schnorren. Ich hatte ganz<br />

schön was mit Drogen zu tun, war auf<br />

Methadon gesetzt, aber aus dem Programm<br />

bin ich rausgeflogen, war meine<br />

eigene Schuld. Zwischendurch war<br />

ich immer wieder im Knast, zum ersten<br />

Mal wegen Schwarzfahren. Aber oft<br />

eben wegen Koks und so.<br />

Im Knast hab ich einen Entzug gemacht,<br />

das war eigentlich eine gute Sache.<br />

Aber als ich wieder draußen war,<br />

wollte ich wieder das Gefühl haben<br />

drauf zu sein. Ja, wenn Not am Mann<br />

ist, kann ich meine Mutter anrufen. Ich<br />

hoffe schon, dass ich älter als 49 werde<br />

– meine Schwester ist nur 49 geworden<br />

als sie an Lungenkrebs gestorben<br />

ist. Hinz & Kunzt verkaufe ich schon<br />

lange, zurzeit bei Netto in Rahlstedt.<br />

IN EINE ANDERE WELT<br />

ABTAUCHEN<br />

Ich komme aus Hamburg-Altona und bin<br />

auch in Hamburg zur Schule gegangen,<br />

zum Schluss in Barmbek. Heute bin ich,<br />

THOMAS, 55, ohne festen Wohnsitz auf<br />

der Straße. Ich fahre schon mal nach Hause,<br />

um mal von der Straße wegzukommen.<br />

Aber länger als zwei Stunden kann ich mit<br />

meinem Vater nicht zusammen sein, dann<br />

wird die Luft elektrisch. Mit 13 kam ich für<br />

eine Weile ins Heim, weil mein Vater Alkoholiker<br />

war, heute ist er trocken. Nach<br />

der Schule habe ich eine KFZ-Ausbildung<br />

angefangen. Aber nicht zu Ende gebracht,<br />

Disziplin war nicht meine Stärke.<br />

Danach habe ich alle möglichen<br />

Jobs gemacht, in der Hamburger Gastronomie<br />

so ziemlich alles. Als Kraftfahrer<br />

habe ich gearbeitet, und im Knast<br />

habe ich eine Lehre als Maler und Lackierer<br />

abgeschlossen, und das war gut.<br />

Im Knast war ich mehrmals, als man<br />

153 Gramm Koks bei mir fand, waren<br />

es 30 Monate. Mit 26 habe ich zum ersten<br />

Mal Heroin genommen, Tabletten<br />

nehme ich aber nicht.<br />

Wenn ich aus dem Knast kam, lebte<br />

ich erst mal wieder auf der Straße,<br />

Wohnung war ja weg. Seit 2015 habe<br />

ich überhaupt keine Wohnung mehr.<br />

Wenn ich in Ruhe lesen will – und ich<br />

lese viel – setze ich mich in die U-Bahn<br />

oder einen Bus. Die Jahrhundert-Trilogie<br />

von Ken Follet habe ich schon zweimal<br />

gelesen – wenn ich lese, tauche ich<br />

in eine andere Welt ab. Ich kaufe auch<br />

immer Bücher auf dem Flohmarkt, da<br />

sind sie billiger. Die Harry-Potter-<br />

Bücher habe ich auch alle gelesen. Ab<br />

und zu kann ich bei einem Kollegen in<br />

der Wohnung sein, wenn er nicht da ist.<br />

Hinz & Kunzt verkaufe ich immer im<br />

Grindel-Viertel, da kennt man mich,<br />

und dort fühle ich mich wohl. Mein<br />

Methadon in Tablettenform nehme ich<br />

immer in der Apotheke ein – ich traue<br />

mir selbst nicht, wenn ich es allein einnehmen<br />

würde, womöglich würde ich<br />

einen Teil verkaufen. Leider ist mein<br />

Rücken kaputt, ich brauche einen Rollator,<br />

das macht das Leben auf der Straße<br />

auch nicht leichter.<br />

Aus Hamburg weggehen würde ich<br />

nie, es ist meine Heimat.<br />

HÖHLEN BAUEN<br />

IM WALD<br />

Ich bin MARCEL, 39 Jahre alt, und komme<br />

aus Mecklenburg-Vorpommern.<br />

SEPTEMBER 2022


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Triumph 142


EINE FLUCHT OHNE ENDE? 143<br />

Was uns Obdachlose zu sagen haben<br />

Die erste Ausgabe von Hinz & Kunzt erschien im November 1993.<br />

Mittlerweile ist Hinz & Kunzt nicht nur als Straßenmagazin weit über die<br />

Grenzen Hamburgs bekannt – es ist Heimat und Arbeit für rund 530 Verkäufe<br />

r und Verkäuferinnen. Inzwischen hat man ein neues Zuhause in<br />

St. Georg – dort ist nicht nur die Anlaufstelle für Obdachlose, dort zogen auch<br />

24 ehemals Obdachlose in Wohnungen ein. Sehr unbürokratisch bietet<br />

das Team Menschen in prekären Lebenslagen konkrete Hilfe an. Dabei stehen<br />

die Türen der Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen immer offen. Denn<br />

die meisten Menschen, die hier auftauchen, haben niemanden, dem sie sich<br />

wirklich anvertrauen können. Offiziell gibt es 2000 Obdachlose in Hamburg,<br />

in Deutschland insgesamt sind es 178.000, die Dunkelziffer dürfte viel höher<br />

liegen. Hinz & Kunzt hat MAX geholfen, sieben Menschen zu überzeugen,<br />

uns etwas von sich zu erzählen und sich fotografieren zu lassen. Das ist nicht<br />

selbstverständlich, denn das gesellschaftliche Misstrauen sitzt sehr tief.<br />

Wir haben uns entschlossen, die sieben Hinz & Künztler:innen in der Ich-Form<br />

reden zu lassen, denn so sind sie authentisch, berührend und ungeschminkt.<br />

Klaus, Nicole, René, Michael, Marcel, Sergeij und Thomas haben uns allen viel<br />

zu sagen. Vielen Dank für euer Vertrauen!<br />

Ich bin auf einer LPG – einer landwirtschaftlichen<br />

Produktionsgenossenschaft<br />

– groß geworden. Mit zehn<br />

Jahren bin ich schon auf dem Trecker<br />

gefahren, das war herrlich. Wir hatten<br />

Weizen, Raps, Kartoffeln und Milch.<br />

Nach der Wende wurde der Betrieb<br />

noch weitergeführt, dann aber 1992 von<br />

Westdeutschen übernommen. Ich habe<br />

Abitur gemacht und dann eine Lehre für<br />

Garten- und Landschaftsbau gemacht.<br />

Das hat Riesenspaß gebracht. Bis 1999<br />

habe ich bei meinen Eltern gelebt, aber<br />

der Stiefvater hat mich immer verprügelt<br />

– das war ein Tyrann.<br />

In Berlin habe ich Biologie studiert,<br />

aber abgebrochen. Eigentlich<br />

will ich meine Kindheit wiederhaben<br />

und wieder Höhlen bauen im Wald. Ich<br />

liebe die Natur und mag die Großstädte<br />

nicht – die sind mir zu laut, zu wuselig,<br />

zu hektisch. Ich gehöre aufs Land, aber<br />

zu Hinz & Kunzt kann ich immer kommen,<br />

wenn ich Probleme habe. Und fest<br />

steht: Wenn Hinz & Kunzt nicht wäre,<br />

würde ich mir schon längst die Radieschen<br />

von unten anschauen.<br />

Weihnachten 2017 bekam ich eine<br />

Krebsdiagnose, nach der Chemo und<br />

anderen OPs bin ich abgemagert auf<br />

39 Kilo. Ich war praktisch nicht mehr<br />

existent. Durch Knast- und Krankenhausaufenthalte<br />

habe ich oft Wohnungen<br />

verloren und musste immer wieder<br />

Platte machen, Drogen haben da auch<br />

nicht geholfen.<br />

Jetzt habe ich eine Freundin, die<br />

künstlerisch sehr aktiv ist, und wir<br />

kochen sehr gern zusammen. Man hat<br />

mir aus medizinischen Gründen Marihuana<br />

verschrieben, aber ich versuche,<br />

nicht so viel zu rauchen.<br />

IN HAMBURG FÜHLE ICH<br />

MICH SEHR WOHL<br />

Geboren bin ich in Schwerte im Ruhrgebiet,<br />

mein Vater war Lokführer und<br />

Schalke-Fan. Ich halte immer schon dem<br />

BVB die Treue – da ist ein Krach schon<br />

vorprogrammiert. Ich bin MICHAEL und<br />

60 Jahre alt. Erst mal habe ich eine Lehre<br />

als Dachdecker gemacht, 1976 bis<br />

1979. Und 1992 bin ich dann nach Portugal<br />

gegangen, um dort zu arbeiten,<br />

unter anderem in der Fischerei. Als ich<br />

nach Hamburg kam, hat mir zunächst<br />

die Bahnhofsmission geholfen, und seit<br />

1998 verkaufe ich Hinz & Kunzt an der<br />

Ecke Spitalerstraße und Mönckebergstraße.<br />

In Altona habe ich schon mal<br />

in einem Einzelcontainer gewohnt, das<br />

war jedenfalls besser, als auf der Straße<br />

zu sein, das kann ich wohl sagen. Ich<br />

habe einen Bruder, der ist schwerbehindert<br />

und lebt in einer Behinderteneinrichtung,<br />

manchmal sehen wir uns. Zu<br />

meinem Sohn, der ist Zimmermann in<br />

Niedersachsen, habe ich auch einen<br />

guten Kontakt. In Hamburg fühle ich<br />

mich sehr wohl, und inzwischen wohne<br />

ich mit meiner Freundin zusammen.<br />

Aus meiner Sicht hat Hamburg<br />

mehr Anlaufstellen für Obdachlose als<br />

andere deutsche Städte. Aber ich muss<br />

auf der anderen Seite sagen, dass in den<br />

letzten Jahren viele meiner Bekannten<br />

oder Freunde gestorben sind, bestimmt<br />

15 Personen. Das ist schlimm.<br />

Kürzlich waren meine Freundin<br />

und ich mal im Urlaub, wir sind in den<br />

Schwarzwald gefahren, das war richtig<br />

schön, mal rauszukommen. Da sind wir<br />

viel gewandert und haben die Ruhe genossen.<br />

Aber aus Hamburg würde ich<br />

nicht weggehen. Hier bin ich zu Hause<br />

und fange nicht irgendwo noch mal neu<br />

an. Und Hinz & Kunzt ist die beste Anlaufstelle,<br />

die ich mir vorstellen kann.<br />

Zumal ich einen Super-Job auf 450-Euro-<br />

Basis in einem Fahrradladen habe. Ich<br />

hatte schon immer großen Spaß und<br />

Talent, Fahrräder zu reparieren.<br />

SEPTEMBER 2022


Impressum 144<br />

VERLAG<br />

MFM Martin Fischer Medien GmbH<br />

HERAUSGEBER<br />

Volker Andres, Peter Lewandowski<br />

CHEFREDAKTION<br />

EDITOR-IN-CHIEF<br />

Andreas Wrede<br />

MANAGING EDITORIAL DIRECTOR<br />

Peter Lewandowski<br />

CREATIVE DIRECTOR<br />

Rüdiger Quass von Deyen<br />

PROJEKT MANAGEMENT<br />

Julia Fischer<br />

TEXTCHEF<br />

Matthias Reisner<br />

FASHION DIRECTOR<br />

Jennifer Dixon<br />

BILDREDAKTION<br />

Josephine Kaatz<br />

LITHOGRAFIE<br />

MedienSchiff BRuno<br />

MANAGEMENT CONSULTING<br />

Martin Fischer<br />

CHEFIN VOM DIENST<br />

Elke Sünkenberg<br />

BEAUTY DIRECTOR<br />

Katja Lips<br />

SATZ + RZ<br />

Typoint, Berlin<br />

DIGITAL SUPPORT<br />

Matthias Hauser<br />

CONTRIBUTING EDITORS (FREI)<br />

Lena Benzrath, Matthias Grenda, Patrick Heidmann,<br />

Emma Huett, Tim Jürgens, Gereon Klug, Willy Loderhose,<br />

Gunther Matejka, Tim Osing, Lars Reichow,<br />

Claudia Rieß, Alex Siemen, Beate Zwermann<br />

CREDITS<br />

Titel: Gunter Gluecklich/laif<br />

S. 9: v.o.l.i.U.: Selina Pfrüner/laif; Michael Dürr, Axel Martens, Rafaela Pröll,<br />

imago images/ZUMA Wire; Marlena Waldthausen/Agentur Focus; josselin/Jive;<br />

Virginie Khateeb; S. 10: privat (5); S. 12: privat (4), Lucia Jost; S. 14 – 19: Michael<br />

Dürr instagram.com/michael_duerr; S. 20: Shutterstock; S. 21: Property of the<br />

Estate of Christo V. Javacheff; Photo: Wolfgang Volz © 1979 Christo and<br />

Jeanne-Claude Foundation; S. 22: Wolfgang Volz © 1984 Christo and Jeanne-<br />

Claude Foundation; Wolfgang Volz © 2012 Christo and Jeanne-Claude Foundation;<br />

S. 23: Wolfgang Volz, André Grossmann © 2013 Christo and Jeanne-Claude<br />

Foundation (2); S. 24: Photo: Wolfgang Volz © 2012 Christo and Jeanne-Claude<br />

Foundation; Photo: Wolfgang Volz © 2017 Christo and Jeanne-Claude Foundation;<br />

privat; S. 25: Photo: Wolfgang Volz (2); Krusebild Christo and Jeanne- Claude<br />

Foundation; S. 26 – 31: Lucia Jost; S. 32 – 34: josselin/Jive; S. 35: imago/Future<br />

Image; S. 36: boxfish films; Goldmann Music; S. 39: Virginie Khateeb;<br />

S. 40: Showtime/Paramount, Sony; S.41: Virginie Khateeb; S. 42 – 48: Axel<br />

Martens; S. 50 – 57: Rafaela Pröll; S. 58 – 66: Presse; LOUNGE: S. 67: Joris<br />

Laarman, Höweler + Yoon Architecture und Squared Design Lab, Carlo Ratti<br />

Associati, Foto: <strong>Max</strong> Tomasinelli, Anouk Wipprecht, Foto: Jason Perry;<br />

S. 68: Presse; S. 69: Marco Lanowy, Presse (3); S. 70 – 72: Presse; S. 74 – 75:<br />

Presse, imago; S. 76 – 80: Presse S. 83: Fred Rivett, unsplash; S. 84: Thomas<br />

Höpker/Magnum; S. 85: Alberto Korda; S. 86 – 88: Luca Locatelli (3); S. 87: Elliot<br />

Erwitt; S. 89: Malte Metag; S. 90 – 91: Ana Maria Arévalo Gosen; S: 91: Presse<br />

(unten); S. 92: Barbara Klemm, Luca Locatelli; S. 93 – 95: Presse; S. 96 – 97: Malte<br />

Metag; S. 98 – 99: Presse; S. 100 – 102: Christian O. Bruch/laif; S. 105: Henning<br />

Ross, S. 107: Selina Pfrüner/laif, Christian O. Bruch/ZDF; S. 109: Shutterstock;<br />

S. 112: Shutterstock; S. 112 – 118: Dorothea Pluta; S.120 – 123: Shutterstock;<br />

S. 124: picture alliance/Felix Kästle/dpa; S. 126: Jonathan Mannion/ddp images;<br />

S. 128: Wally Skalij/Los Angeles Times/Polaris/ddp, imago images/Everett<br />

Collection; S. 129: imago images/ZUMA Wire; S. 130 – 133: Marlena<br />

Waldthausen/Agentur Focus; S. 135: Michael Maier/Camera Press/laif;<br />

S. 136 – 143: Dmitrij Leltschuk; S. 148: Axel Martens<br />

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SEPTEMBER 2022


a<br />

Der Audi urbansphere concept*.<br />

Die neue Ära der High-Class Mobilität wird fortgeführt.<br />

Ein individueller Erlebnisraum – intuitiv, nachhaltig<br />

und voller faszinierender Erlebnisse:<br />

der rein elektrische Audi urbansphere concept.<br />

Nachweis sorgt. Unserer Umwelt zuliebe!<br />

Mehr auf audi.de/zukunft<br />

* Bei dem gezeigten Fahrzeug handelt es sich um ein<br />

Konzeptfahrzeug, das nicht als Serienfahrzeug verfügbar ist.


Triumph 146<br />

Das Bild.<br />

Die Fragen.<br />

FOTO AXEL MARTENS<br />

TEXT GEREON KLUG<br />

Was hier wohl „Phase“ ist, fragen Sie sich? Hahaha? Und<br />

Sie schmunzeln angesichts der Überlegenheit, aus der heraus<br />

Sie sich einen ablachen? Über die Formulierung da auf dem<br />

Schild? „Moving“? „Problemzonen“?? Auf einer Lokalität<br />

prangend, die starrer, verschlossener, abweisender nicht sein<br />

kann? Ist das nicht per se schon grotesk? Und sind das nicht<br />

eh Worte der anderen? Worte von früher?<br />

Keine für einen wohlgestalteten, in Yoga, Joghurt und<br />

Sudoku souveränen Menschen mit dem Achtsamkeitsniveau<br />

eines modernen Weltbürgers, wie Sie es sind? Den die Realität<br />

nur noch im Umgang mit ihr interessiert, aber nicht mehr in<br />

ihrem Sein? Ist es so?<br />

Sie haben doch gleich gedacht, das kann ja nur im ödesten<br />

Thüringen an einer dieser Natur und alle Wesen peinigenden<br />

Durchfahrtsstraßen gemacht worden sein? Oder im ehemaligen<br />

Zonenrandgebiet? Wo Ortschaften wie Elend und<br />

Sorge noch Glück haben, weil solche Namen wenigstens lustig<br />

sind? Wo gibt es sonst noch derart schmale Bürgersteige, die<br />

nicht einmal reichen, den Rückspiegeln der Fernfahrer auszu-<br />

weichen? Und wo sich das Leben nur noch in den Räumen abspielt,<br />

weil das Internet immer offen hat und die Dorfkneipe<br />

längst für immer nicht mehr? Denken Sie dann, dass „natürlich<br />

natürlich“ nur noch in solchen Gegenden derartig hilflose<br />

Angebote gemacht werden? Und wie schwächlich das Wort<br />

„Moving“ ist? Wie altbaksch „Problemzone“?<br />

Heute würde man – also Sie – doch positiv moodminded<br />

eher von „Körper-Herausforderungen“ sprechen, oder? Und<br />

erst mal mit einem Bewegen des Farbpinsels beginnen? Und<br />

diese abweisende Fassade zu einem Angebot, in das man gern<br />

reinloungen würde, umwandeln? Aber, mal so gefragt: Sind<br />

Ihre Problemzonen vielleicht Ihre Augen? Die Sie womöglich<br />

auch mal woanders hinmoven sollten? Zum Beispiel nach oben,<br />

zu den Blumen? Da oben denen? Die Rabatten, die droben auf<br />

dem Balkon offenbar mit einem Sinn für Vielfalt und das Schöne<br />

im Hässlichen gepflanzt wurden? Haben Sie nicht gesehen,<br />

richtig? Ist Ihr Aufmerksamkeitsappetit vielleicht doch arg<br />

niedrigschwellig? Denken Sie jetzt anders über die Szenerie<br />

im vornehmen Hamburg-Blankenese?<br />

SEPTEMBER 2022


Jeder Wein erzählt<br />

eine Geschichte.<br />

Man muss nur gut<br />

zuhören.<br />

Weine aus deutschen Regionen:<br />

Qualität, die man schmeckt.<br />

Die 13 deutschen Weinregionen sind<br />

geschützte Ursprungsbezeichnungen.<br />

Weine aus deutschen Anbaugebieten überzeugen nicht nur mit<br />

außergewöhnlichem Geschmack, sondern auch mit höchster<br />

Qualität. Das garantiert auch die Europäische Union, die alle<br />

13 deutschen Weinregionen als geschützte Ursprungsbezeichnungen<br />

anerkannt hat.<br />

Mehr Informationen: www.weine-mit-herkunft.de

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