db 3-2022 neue Version
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durch<br />
blick<br />
Autorenzeitschrift<br />
Seit 1986<br />
Nr. 3/<strong>2022</strong><br />
kostenlos<br />
Mitnehmen<br />
geschichten über die Liebe<br />
ab Seite 16
Inhaltsübersicht<br />
Kurz berichtet<br />
Aus dem Seniorenbeirat4<br />
Kurz berichtet7<br />
Mohn und Trümmerberge 16<br />
Wahre Liebe 20<br />
Sommer in Arles 22<br />
Trennungsgedanken 25<br />
Der Beginn einer grossen Liebe 26<br />
Vorsicht Trickbetrug 30<br />
Rate mal, wer hier ist! 31<br />
Einsam 33<br />
Repaircafé 34<br />
Ist man so alt wie man sich fühlt? 35<br />
Mundart 36<br />
Hildegard von Bingen 39<br />
Die Florenburger 40<br />
Sie tanzen nur einen Sommer 42<br />
Kinderherbst 44<br />
Portraits Katja Nix, Renate und Marion Schuh 46<br />
Stunde der Emanzipation 48<br />
In <strong>neue</strong>m Glanz 52<br />
Rubenspreisträgerin <strong>2022</strong> 54<br />
Buchbesprechung 55<br />
Gedächtnistraining 56<br />
Die Weltzeituhr auf dem Alex 58<br />
Herausforderung 60<br />
Versungen 61<br />
Flucht und Vertreibung 62<br />
Mit der Elektrischen 64<br />
Die Reformation im Siegerland 66<br />
Wiederkehrende Termine 72<br />
durchblick verlost Freikarten 74<br />
Veranstaltungen im „Haus Herbstzeitlos“ 75<br />
Veranstaltungen in Siegen-Wittgenstein 76<br />
Leserinnenbriefe 80<br />
Es fiel uns auf / Lösungen 82<br />
Zu guter Letzt / Impressum 82<br />
Aus der Redaktion<br />
In Zeiten der sorgenvollen Entwicklung des Weltgeschehens haben unsere<br />
Autoren ungewöhnlich viele Beiträge eingereicht, die im weitesten Sinne<br />
von Liebe, Sehnsucht und Hoffnung handeln. Wir haben diese Einzelgeschichten<br />
auf den Seiten 16 bis 29 unter der gemeinsamen Überschrift „Geschichten<br />
über die Liebe“ zusammengefasst. Unsere Bildredaktion hat dazu,<br />
mit viel Freude am Detail, das Titelbild dieses Heftes entwickelt.<br />
Neu ins Redaktionsteam aufgenommen, ist Ulla Schreiber.<br />
Sie haben in den letzten Ausgaben bereits einige Texte von<br />
ihr gelesen. Von nun an hat sie Stimmrecht bei der Themenauswahl<br />
und ist mitverantwortlich für die Gestaltung des<br />
durchblick. Wir freuen uns, diese umsichtige Seniorin bei<br />
uns zu haben. Ulla ist u.a. als Sicherheitsberaterin für die<br />
Polizei tätig und wird sich auch im durchblick immer mal<br />
wieder diesem Thema widmen.<br />
3/<strong>2022</strong> durchblick 3
Aus dem Siegener Seniorenbeirat<br />
Siegener Seniorenbeirat feierte<br />
25jähriges Jubiläum mit buntem Programm<br />
Hoher Besuch aus der Gründungszeit:<br />
Horst Fischer und Astrid E. Schneider,<br />
mit Armin Maxeiner v.lks.<br />
Siegen. Wie vielfältig und zugleich engagiert<br />
die Arbeit für und mit älteren<br />
Menschen in Siegen ist, zeigte die rund<br />
dreistündige Festveranstaltung anlässlich<br />
des 25-jährigen Jubiläums des Siegener<br />
Seniorenbeirates. Rund 70 Gäste<br />
aus Politik, Verwaltung und Vereinen<br />
sowie befreundeten Seniorenbeiräten<br />
hatten sich zu der Festveranstaltung<br />
im Foyersaal der Siegerlandhalle eingefunden.<br />
So betonte auch Bürgermeister<br />
Steffen Mues in seiner Begrüßung,<br />
„dass dank des vorbildlichen Engagements<br />
Siegen eine lebenswerte Stadt<br />
für alle Generationen ist“, die das Ziel<br />
habe, sich immer weiter zu entwickeln:<br />
„Und dabei ist Ihre Lebenserfahrung von<br />
unschätzbarem Wert!“.<br />
Armin Maxeiner, Vorsitzender des<br />
Seniorenbeirats, blickte in seiner Begrüßung<br />
auf die Anfänge: „Als vor 25<br />
Jahren Überlegungen in unserer Stadt<br />
aufkamen, einen Seniorenbeirat als<br />
festes Gremium einzurichten, stieß das<br />
nicht überall auf Begeisterung. ‚Bruche<br />
mer net, wir haben genug Alte in unserer<br />
Fraktion‘, zitierte ein Seniorenbeiratsmitglied<br />
der ersten Stunde Äußerungen<br />
von früheren Lokalpolitikern.“<br />
Dieses Verständnis habe sich doch<br />
grundlegend gewandelt und die Zusammenarbeit,<br />
auch mit der Stadtverwaltung<br />
und den Gremien, sei mittlerweile<br />
von einem verständnisvollen Miteinander<br />
geprägt.<br />
Die stellvertretende Vorsitzende der<br />
Landesseniorenvertretung NRW, Ingrid<br />
Dormann betonte in ihrer Festrede,<br />
dass sich „die Stadt Siegen glücklich<br />
schätzen darf (…), dass sie eine der<br />
Kommunen ist, in der die aktive Teilhabe<br />
im Alter über eine Mitwirkungsstruktur,<br />
wie sie der Seniorenbeirat<br />
darstellt, ermöglicht wird.“ Das zeige<br />
sich nicht allein in der Förderung und<br />
Unterstützung des Seniorenbeirats<br />
über viele Jahre hinweg, sondern auch<br />
in der Aufnahme des Seniorenbeirats<br />
in die Hauptsatzung der Stadt Siegen,<br />
wozu auch die Mitwirkung in den politischen<br />
Gremien gehöre. Ingrid Dormann:<br />
„Das ist landesweit noch lange<br />
nicht in jeder Stadt der Fall!“<br />
Einen Höhepunkt des Programms<br />
stellte die Ehrung der Gründungsmitglieder<br />
des Siegener Seniorenbeirates<br />
Dr. Jochen Münch und Helmut Plate<br />
dar, die für ihr langjähriges Engagement<br />
eine Urkunde und das Wappen<br />
der Stadt Siegen erhielten. Musikalisch<br />
umrahmt wurde das Programm vom<br />
Chor Ü60-Singers unter der Leitung<br />
von Michael Blume und von Thomas<br />
Ehrung der Gründungsmitglieder des<br />
Siegener Seniorenbeirates Helmut Plate<br />
und Dr. Jochen Münch (Bild unten rechts)<br />
Kiess (Solo-Trompeter der Philharmonie<br />
Südwestfalen), der eigens für diesen<br />
Anlass drei Ensembles von Musikerinnen<br />
und Musikern von „ganz jung bis<br />
älter“ zusammengestellt hatte. Dafür,<br />
dass keine Langeweile aufkam, sorgte<br />
Moderatorin Katja Nix (auch bekannt<br />
als Stadtführerin Magda vom Oberen<br />
Schloss), die mit einer „sentimentalen<br />
Zeitreise“ durch die letzten 50 Jahre<br />
den humoristischen Schlusspunkt setzte.<br />
Eine Stippvisite stattete der Veranstaltung<br />
Stefan Fuckert ab, den viele<br />
Gäste gleich als Moderator der „Lokalzeit<br />
Südwestfalen“ des WDR erkannten,<br />
und der von seinem „Siegen-Bezug“<br />
erzählte. „Insgesamt ein würdiger Rahmen<br />
und ein gelungenes Fest“, freute<br />
sich der Seniorenbeauftragte Volker<br />
Reichmann. <br />
<strong>db</strong><br />
Ende der Amtsperiode<br />
Letzte Sitzung des fünften Siegener Seniorenbeirats<br />
Siegen. Katja<br />
Teixeira von<br />
der Stadtmarketing<br />
Siegen<br />
GmbH berichtete<br />
in der<br />
letzten Sitzung<br />
des alten<br />
Seniorenbeirats<br />
über das<br />
Katja Teixeira Stadtführungskonzept<br />
der Universitätsstadt.<br />
So werde die Teilnahme<br />
auf 25 Personen begrenzt, um noch einen<br />
angemessenen Kommunikationsaustausch<br />
zu gewährleisten. Für die<br />
Teilnahme an allen Führungen ist eine<br />
Anmeldung erforderlich!<br />
Das durchschnittliche Alter der Stadtführerinnen<br />
und Stadtführer liegt bei 63<br />
Jahren. Armin Maxeiner dankte als Vorsitzender<br />
sämtlichen Mitgliedern für die<br />
engagierte, ergebnisorientierte und vertrauensvolle<br />
Zusammenarbeit. In diesen<br />
Dank schloss er ausdrücklich Volker<br />
Reichmann, welcher seit rund einem<br />
Jahr <strong>neue</strong>r Seniorenbeauftragter der<br />
Stadt Siegen<br />
ist und sein<br />
Team, ein.<br />
Dr. Jochen<br />
Münch, Gründungungsmitglied<br />
des<br />
Seniorenbeirates<br />
und ununterbrochen<br />
dabei, bedankte<br />
Dr. Jochen Münch<br />
sich<br />
bei dem scheidenden Vorstand für seine<br />
verdienstvolle Arbeit.<br />
eg<br />
4 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />
3/<strong>2022</strong> durchblick 5
Wahlergebnisse<br />
Mitglieder des 6. Seniorenbeirats der Stadt Siegen<br />
Große Ereignisse<br />
werfen ihre Schatten voraus<br />
Kurz berichtet<br />
Vom (Ost) Winde verweht<br />
Figurentheater Alpenrod und Ulrich van der Schoor<br />
Bezirk 1 Siegen-Geisweid<br />
Hans Amely<br />
hansamely@t-online.de<br />
0271/81417<br />
Bezirk 1II Siegen-Ost<br />
Armin Maxeiner<br />
maxarm@t-online.de<br />
0271/62648<br />
Bezirk V Siegen-West<br />
Erika Weiss<br />
homeweiss@web.de<br />
0271/316925<br />
Foto: Tessie Reeh<br />
Siegen. Dies gilt wortwörtlich für das<br />
Siegerlandmuseum, das sich über einen<br />
großen Konzertflügel freut, der vor<br />
wenigen Tagen gut im Oberen Schloss<br />
angekommen ist. Zu verdanken ist der<br />
glückliche Neuzugang aus dem Leipziger<br />
Traditionshaus Blüthner, Jahrgang<br />
2008, Größe 190 cm, einer Spende des<br />
Fördervereins des Siegerlandmuseums<br />
und des Oberen Schlosses e.V. mit Unterstützung<br />
der Sparkasse Siegen.<br />
Feierlich eingeweiht und musikalisch<br />
willkommen geheißen wird der Konzertflügel<br />
anlässlich eines Festkonzerts<br />
im Herbst im Oraniersaal des Siegerlandmuseums,<br />
seiner <strong>neue</strong>n Heimat.<br />
Hier wird er künftig regelmäßig zu<br />
hören sein – nicht zuletzt dank einer<br />
Kooperation mit der Philharmonie Südwestfalen<br />
und im Rahmen einer neu<br />
begründeten Konzertreihe im Oberen<br />
Schloss. Das Obere Schloss wird damit<br />
zu einem Ort in Siegen, den sich<br />
Liebhaber*innen der klassischen Musik<br />
bereits heute merken sollten! <strong>db</strong><br />
Freudenberg. Ihr Figurentheater für Erwachsene<br />
ist legendär. Für den Kulturflecken<br />
Silberstern interpretiert Petra Schuff besondere<br />
Märchen für Klein und Groß. Sie erzählt,<br />
mit Fundstücken und Figuren, mit Fantasie<br />
und Humor von Begenheiten und alten Geschichten<br />
aus den osteuropäischen Ländern.<br />
Inspiriert wird sie dabei durch die Musik<br />
von Ulrich van der Schoor, der mit Akkordeon,<br />
Balalaika und anderen Instrumenten die<br />
Erzählungen begleiten wird. Beide Künstler<br />
verbindet eine lange Freundschaft und erfolgreiche<br />
Zusammenarbeit. So schreibt Ulrich<br />
van der Schoor seit über 25 Jahren die Theatermusik<br />
für Petra Schuffs fantastische Stücke.<br />
Diese finden immer wieder Anerkennung<br />
auf vielen internationalen Festivals, Kulturevents<br />
und Bühnen.<br />
Beide freuen sich sehr auf den Abend in<br />
der Werkstatt der Freudenberger Schreinerei<br />
Quandel, da es dort immer besonders gemütlich<br />
und zauberhaft zugeht. <strong>db</strong><br />
Sa. 22.10. <strong>2022</strong> um 19 Uhr in der Schreinerei<br />
Quandel , Krottorfer Str. 45, 57258 Freudenberg<br />
Klaus Leukel<br />
leukel.siegen@freenet.de<br />
0271/8909701<br />
Frank Burmeister<br />
frhebu@web.de<br />
0170/4314767<br />
Olaf Koplin<br />
olafkoplin@web.de<br />
0271/310170<br />
Bezirk VI Siegen-Süd<br />
Monika Jung<br />
mueffen9@gmail.com<br />
0271/7700653<br />
Maria Magd. Müller<br />
ma-mueller-siegen@t-online.de<br />
0271/3032724<br />
Bezirk IV Siegen-Mitte<br />
Karin Piorkowski<br />
pakapior@gmx.de<br />
0271/310781<br />
Guntram Römer<br />
guntram.roemer@t-online.de<br />
0171/4770278<br />
Bezirk I1 Siegen-Weidenau<br />
Dr. Jochen Münch<br />
muench@hrz.uni-siegen.de<br />
0271/43421<br />
Dr. Bernd Knapp<br />
knappberndsiegen@web.de<br />
0163/8822088<br />
Peter Schiffmann<br />
peter.schiffmann@gmx.de<br />
0271/310648<br />
Siegen. Der Wahlausschuss der<br />
Stadt Siegen hat in seiner Sitzung am<br />
21.06.<strong>2022</strong> das endgültige Ergebnis<br />
der Wahl des Seniorenbeirates der<br />
Stadt Siegen festgestellt, und gibt<br />
dieses gemäß § 10 Abs. 2 der Wahlordnung<br />
zur Wahl des Seniorenbeirates<br />
der Stadt Siegen bekannt. Die Bekanntmachung<br />
kann darüber hinaus<br />
im Internet eingesehen werden unter:<br />
www.siegen.de/Verwaltung&Politik/<br />
Bekanntmachungen/Öffentliche Auslegungen/<br />
Bürgerbeteiligungen<br />
Marion Ortmann<br />
marion.ortmann@gmx.de<br />
0271/23572886<br />
Bernd Zelmanowski<br />
skisauna@aol.com<br />
0271/42157<br />
6 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 7
Kurz berichtet<br />
Nicht akzeptabel:<br />
Ältere von Entlastungsmaßnahmen ausgeschlossen<br />
Bildung:<br />
Für alle ermöglichen<br />
Kurz berichtet<br />
20 Jahre erfolgreiche Arbeit<br />
Prostata-Selbsthilfegruppe Siegen informiert<br />
Foto: Wikimedia Commons<br />
Hohe Heizkosten sind für viele Rentner<br />
ein unlösbares Problem<br />
Bonn. Wer berufstätig ist, erhält eine<br />
Einmalzahlung von 300 Euro unabhängig<br />
vom Einkommen. Rentnerinnen und<br />
Rentner werden nicht entlastet. Das<br />
hat die Ampelkoalition mit ihrem Entlastungspaket<br />
beschlossen, das einen<br />
Ausgleich für steigende Energiekosten<br />
schaffen soll.<br />
Die Entscheidung, ältere Menschen<br />
nicht zu berücksichtigen, ist aus Sicht<br />
der BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft<br />
der Seniorenorganisationen<br />
Besuch ohne Anmeldung<br />
Wochenschlussandacht in der Autobahnkirche<br />
Wilnsdorf. Ab sofort können Gäste<br />
wieder „spontan“ an der Wochenschlussandacht<br />
in der Autobahnkirche Siegerland<br />
teilnehmen. Um den Auflagen<br />
der Corona-Pandemie zu entsprechen,<br />
hatte der Förderverein bislang nur 40<br />
Personen nach persönlicher Anmeldung<br />
über die Homepage zugelassen.<br />
vollkommen unverständlich und nicht<br />
akzeptabel. Höhere Heiz- und Stromkosten<br />
treffen Rentnerinnen und Rentner<br />
im Zweifel mehr als Beschäftigte,<br />
die tagsüber nicht zu Hause sind.<br />
„Berufstätige sollen unabhängig vom<br />
Einkommen entlastet werden, die Bezieherinnen<br />
und Bezieher von kleinen<br />
Renten nicht. Das verstehe, wer will“,<br />
kommentiert die BAGSO-Vorsitzende<br />
Dr. Regina Görner die Entscheidung der<br />
Bundesregierung. „Gerade Menschen<br />
mit kleinen Renten sind in der aktuellen<br />
Situation auf Unterstützung angewiesen.<br />
Es ist nicht akzeptabel, sie im<br />
Entlastungspaket auszuschließen.“<br />
Zusätzliche Einmalzahlungen gibt es<br />
für Empfänger von Sozialleistungen<br />
(200 Euro) sowie Familien (100 Euro<br />
pro Kind). Zumindest Empfänger von<br />
Grundsicherung im Alter dürften also<br />
von dem Paket profitieren. Aus Sicht<br />
der BAGSO reichen jedoch Einmalzahlungen<br />
für Menschen mit niedrigen Einkünften<br />
nicht aus. Notwendig ist eine<br />
angemessene Anpassung von staatlichen<br />
Unterstützungsleistungen. <strong>db</strong><br />
Die Wochenschlussandacht findet<br />
jeden Freitag um 18:00 Uhr statt. Sie<br />
dauert 30 Minuten und wird ökumenisch<br />
gestaltet von Geistlichen und aktiven<br />
Teilnehmern der katholischen und<br />
evangelischen Kirchen sowie der freikirchlichen<br />
Gemeinden.<br />
Infos: Autobahnkirche-siegerland.de<br />
Foto: Scenec@fé<br />
Bildungseinrichtung für Senioren: Das<br />
Senec@e im städtischen Begegnungszentrum<br />
Haus Herbstzeitlos in Siegen<br />
Bonn. Der Wunsch, Neues zu erfahren<br />
und dazuzulernen, ist unabhängig vom<br />
Lebensalter. Bildung im Alter trägt zu<br />
gesellschaftlicher Teilhabe, Wohlbefinden<br />
und Gesundheit bei. In einer Gesellschaft<br />
des langen Lebens wird sie immer<br />
wichtiger. In ihrem Positionspapier<br />
„Bildung im Alter – für alle ermöglichen“<br />
ruft die BAGSO dazu auf, in allen Kommunen<br />
Bildungsangebote zu schaffen,<br />
die die vielfältigen Lebenslagen und Interessen<br />
älterer Menschen berücksichtigen.<br />
„Bildung ist ein Menschenrecht<br />
und daher allen Menschen unabhängig<br />
von ihrem Lebensalter zu ermöglichen“,<br />
heißt es in dem Positionspapier.<br />
Und weiter: „Wer möchte, dass ältere<br />
Menschen sich gesundheitsbewusst<br />
verhalten, die digitale Transformation<br />
mitgehen, sich gesellschaftlich engagieren<br />
und als Bürgerinnen und Bürger<br />
gut informiert an der Gesellschaft und<br />
Politik partizipieren, muss dafür nachhaltige,<br />
gut finanzierte und qualifizierte<br />
Bildungsstrukturen schaffen“.<br />
Die BAGSO fordert, das Thema Bildung<br />
im Alter als politische Aufgabe in Bund,<br />
Ländern und Kommunen zu verankern<br />
und benennt konkrete Schritte zu einer<br />
Nationalen Strategie. So müssten leicht<br />
zugängliche, quartiersbezogene Lernorte<br />
und Bildungsangebote im direkten<br />
Wohnumfeld älterer Menschen geschaffen<br />
werden. Diese sollten zusammen<br />
mit älteren Menschen entwickelt werden<br />
und kostenfrei oder kostengünstig sein,<br />
um niemanden auszuschließen. Auch<br />
thematische Vielfalt muss nach Ansicht<br />
der BAGSO gefördert werden. Benötigt<br />
würden zum Beispiel Angebote in den<br />
Bereichen Digitalisierung, Gesundheitskompetenz<br />
und politische Bildung. <strong>db</strong><br />
Siegen. Die Diagnose Krebs erzeugt<br />
Ängste und Verunsicherung bei Betroffenen<br />
und Angehörigen. Der beste<br />
Weg, sich dagegen zu wehren, ist es,<br />
den „Gegner“ besser kennen zu lernen.<br />
Dazu muss man sich umfassend<br />
informieren. Je mehr man über diese<br />
Erkrankung weiß, desto eher ist man in<br />
der Lage, wichtige und vor allem richtige<br />
Entscheidungen zu treffen.<br />
Genau aus diesem Grunde stellt sich<br />
die Siegener Prostatakrebs-Selbsthilfegruppe<br />
an ihrem 20. Geburtstag<br />
der Öffentlichkeit. Das Motto heißt<br />
„Schnuppern, kennenlernen, Fragen<br />
stellen, Antworten bekommen.“<br />
Am 15. September kann jeder Interessierte<br />
in der Zeit von 14.30 bis 16.30<br />
Uhr die Selbsthilfegruppe im „Haus<br />
der Siegerländer Wirtschaft“ in der<br />
Spandauer Straße 25 in 57072 Siegen-<br />
Stadtmitte völlig unverbindlich kennenlernen.<br />
Für alle Gespräche stehen<br />
selbst betroffene Mitglieder der Gruppe<br />
zur Verfügung, sie haben Erfahrung damit<br />
und wissen, wovon sie reden. Der<br />
Eintritt ist frei, kostenlose Parkplätze<br />
Lothar Stock 02735-5260<br />
www.prostatakrebs-siegen.de<br />
befinden sich vor der Tür, eine Anmeldung<br />
ist nicht erforderlich.<br />
„Nach 20 Jahren ist diese Gruppe aus<br />
der Selbsthilfearbeit im Siegerland nicht<br />
mehr wegzudenken. Wer nähere Auskünfte<br />
wünscht kann sich vertrauensvoll<br />
an mich wenden“ sagt Lothar Stock,<br />
Vorsitzender des Vereins.<br />
<strong>db</strong><br />
Die <strong>neue</strong> Römergalerie –<br />
Kunstforum in Burbach wurde eröffnet!<br />
Burbachs Kulturbeauftragte Katrin Mehlich und<br />
Dr. Marlies Obier (v.lks.) in der <strong>neue</strong>n Römergalerie<br />
Burbach. Viele Gäste kamen jetzt zur<br />
Eröffnung der Römerpassage. Dr. Marlies<br />
Obier hatte eigens die Ausstellung<br />
„Wege berühmter Frauen der Romantik“<br />
für die <strong>neue</strong> Galerie erstellt. Die Schau<br />
kann aber auch als eine Ergänzung des<br />
Literaturwanderwegs „Romantischer<br />
Hickengrund“ gesehen werden. Auch<br />
dieser Wanderweg mit seinen Hörstationen<br />
geht auf Dr. Obier<br />
zurück! Unter den Gästen<br />
der Vernissage waren einige<br />
Künstler, interessierte<br />
Burbacherinnen und Burbacher<br />
und Vertreter und<br />
Vertreterinnen des Gemeinderats<br />
und nicht zuletzt<br />
die stellvertretende<br />
Bürgermeisterin Heide Heinecke-Henrich.<br />
Alle lauschten<br />
gespannt Dr. Obiers<br />
Vortrag, einer Einführung<br />
in die Ausstellung.<br />
„Rahel Varnhagen, Henriette<br />
Herz, Dorothea<br />
Schlegel, Sophie Mereau,<br />
Karoline von Günderrode, Bettine Brentano<br />
und Caroline Schlegel-Schelling<br />
sind ihre berühmten Namen. Die Wege<br />
ihres Lebens stießen immer wieder an<br />
Grenzen und Widerstände. Bei der Erklärung<br />
der Menschen- und Bürgerrechte<br />
waren die Frauen überhaupt nicht gemeint.<br />
Mensch und Bürger, bedeutete<br />
(viel zu lange) Mann zu sein. <strong>db</strong><br />
8 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/202 durchblick 9
Berlin/Siegen. Im Juli wurde die<br />
deutschlandweite Initiative OMAS<br />
GEGEN RECHTS mit dem Paul Spiegel<br />
Preis für Zivilcourage geehrt. Er ist nach<br />
dem früheren Zentralratspräsidenten<br />
Paul Spiegel (1937-2006) benannt,<br />
wird seit 2009 verliehen und ist mit<br />
5 000 Euro dotiert. Der Zentralrat der<br />
Juden in Deutschland würdigte damit<br />
Kurz berichtet<br />
Ausgezeichnet<br />
„Omas gegen Rechts“ erhielten Paul-Spiegel-Preis<br />
Siegener „Omas gegen rechts“ vor einer Kundgebung.<br />
ihren Einsatz gegen Antisemitismus<br />
und Rechtsextremismus.<br />
Die Auszeichnung erfolgte bereits 2020,<br />
coronabedingt konnte die Verleihung<br />
nicht stattfinden und wurde am 3.7. in<br />
Berlin nachgeholt.<br />
Die zivilgesellschaftliche und überparteiliche<br />
Initiative OMAS GEGEN<br />
RECHTS wurde 2017 von Susanne<br />
Scholl und Monika Salzer in Wien ins<br />
Leben gerufen. Seit Frühjahr 2018 ist<br />
sie in Deutschland aktiv. Zu Anfang<br />
kamen dort nur „Omas“ im Rentenalter<br />
oder kurz davor, zusammen. Heute<br />
ist es eine bunte Gesellschaft von<br />
Frauen und Männern, alten und jungen<br />
Menschen, die sich zusammen für die<br />
gleichen Werte einsetzen. Sie stehen<br />
für den Erhalt einer parlamentarischen<br />
Demokratie ein und leisten Widerstand<br />
gegen Nationalismus, Rassismus und<br />
Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und<br />
Faschismus. Es gibt inzwischen<br />
mehr als 100 Regionalgruppen und<br />
die Gesamtmitgliederzahl beträgt<br />
mittlerweile über 15 000.<br />
„Jeder, der sich für demokratische und<br />
freiheitliche Werte, für Toleranz und ein<br />
respektvolles Miteinander, für die Vielfalt<br />
aller Nationalitäten und Kulturen und<br />
einen verantwortungsvollen Umgang<br />
mit der Umwelt einsetzen möchte, ist<br />
willkommen,“ berichtet Uschi Stemann,<br />
die die Siegener Gruppe 2020 initiiert hat.<br />
Inzwischen hat der Siegener Ableger<br />
33 Mitglieder und freut sich über jeden<br />
Zuwachs. <br />
<strong>db</strong><br />
Kontaktaufnahme per E-Mail unter:<br />
omasgegenrechts.siegen@gmail.com<br />
Neuer Lebensabschnitt<br />
Verdienter Seniorenberater geht in den Ruhestand<br />
Siegen. Seit mehr als<br />
einem Jahrzehnt ist er<br />
im Seniorenbüro der<br />
Universitätsstadt Siegen<br />
tätig, Udo Knopp,<br />
zuständig für Altenberatung<br />
in der Krönchenstadt.<br />
Nun geht der diplomierte<br />
Sozialarbeiter<br />
mit Ablauf dieses Jahres<br />
in den Ruhestand.<br />
So vielfältig wie seine<br />
Klientel war die Palette<br />
seiner Aufgaben. Ob Fragen der Alterssicherung,<br />
Beantragung von Sozialleistungen,<br />
Vermittlung von seniorengerechten<br />
Wohnungen, Unterstützung bei<br />
unerwartet eingetretener Hilflosigkeit,<br />
aber auch Informationen über Freizeitangebote<br />
für Senioren, mit all diesen<br />
Anliegen hatte er zu tun. Hinzu kamen<br />
zahlreiche Hausbesuche vor Ort, wo Udo<br />
Knopp die Bedürfnisse, Wünsche und<br />
Udo Knopp<br />
gelegentlich auch Ängste<br />
seiner Klientel hautnah erlebte.<br />
Es war ihm immer wichtig,<br />
den Ratsuchenden genügend<br />
Raum zu geben,<br />
um ihre Problemlage zu<br />
schildern und gemeinsam<br />
eine Lösung zu finden.<br />
Leitmotiv war für ihn stets<br />
wechselseitiges Verständnis<br />
und gegenseitige Wertschätzung.<br />
Dies galt auch<br />
in besonderem Maße für seine engagierte<br />
und erfolgreiche Zusammenarbeit<br />
mit dem Siegener Seniorenbeirat.<br />
Für seine vielfältigen Freizeitbeschäftigungen<br />
wird er nun etwas mehr Zeit<br />
haben; neben Lesen und Schachspielen<br />
gehören hierzu Aktivitäten mit den Enkeln,<br />
Jazz und klassische Musik, nicht<br />
zu vergessen Urlaub an der niederländischen<br />
Nordseeküste. <br />
eg<br />
Kurz berichtet<br />
Selbsthilfe und Migration<br />
Wanderausstellung kommt nach Siegen<br />
Siegen. Die Ausstellung „Selbsthilfe<br />
und Migration“ der Bundesarbeitsgemeinschaft<br />
(BAG) Selbsthilfe<br />
findet in der Zeit vom 05.<br />
September bis zum 15. September<br />
im Rahmen der interkulturellen<br />
Tage der Universitätsstadt<br />
Siegen statt und<br />
wird durch die Vorsitzenden<br />
des Senioren-, Inklusionsbeirates<br />
und dem Integrationsrat<br />
der Universitätsstadt Siegen<br />
am 05. September <strong>2022</strong> um<br />
17:00 Uhr im KrönchenCenter<br />
eröffnet. Die Eröffnung wird gebärdensprachlich<br />
begleitet und für Sehbeeinträchtigte<br />
führt ein Audioguide barrierefrei<br />
durch die einzelnen Infotafeln.<br />
Die Ausstellung möchte die Zielgruppe<br />
der Menschen mit Migrationshintergrund<br />
erreichen und sie für das Thema<br />
Selbsthilfe sensibilisieren.<br />
Die Ausstellung erklärt über Stelen<br />
kultursensibel und leicht verständlich,<br />
wie das Selbsthilfeprinzip funktioniert<br />
und wie Selbsthilfegruppen arbeiten.<br />
Es werden 24 Stelen präsentiert, auf<br />
diesen zeigen verschiedene Mitgliedsverbände,<br />
„freie“ Selbsthilfe-Kontaktstellen,<br />
Initiativen u.a., ihre interkulturelle<br />
Arbeit. Experten zum Thema<br />
Migration und Selbsthilfe kommen zu<br />
Wort und auch die BAG wird ausführlich<br />
vorgestellt. <br />
<strong>db</strong><br />
Die „Heinzelwerker“ kommen<br />
Eine ehrenamtliche Initiative zur Nachbarschaftshilfe wird 10 Jahr alt<br />
Siegen. Im Jahre 2012 wurde von<br />
der Stadt Mülheim die Idee, eines Nachbarschaftshilfeprojekts<br />
übernommen.<br />
Es geht darum, hilfebedürftige Menschen<br />
bei kleinen Reparaturarbeiten zu<br />
unterstützen. Die damalige Siegener<br />
Seniorenbeauftragte Astrid E. Schneider<br />
begann mit einigen handwerklichen begabten<br />
Seniorinnen und Senioren diese<br />
Initiative in Siegen unter dem Namen<br />
„Heinzelwerker“ umzusetzen. Domiziel<br />
dieser agilen Truppe ist seitdem das<br />
Haus Herbstzeitlos in Siegen-Hain.<br />
In den 10 Jahren seit ihrem Bestehen<br />
haben die aktuell 16 tätigen Heinzelwerker<br />
2.100 Aufträge übernommen.<br />
Ganz klar war seit Beginn der ehrenamtlichen<br />
Initiative, dass ortsansässigen<br />
Handwerksbetrieben keine Konkurrenz<br />
entsteht. „Wer bei uns wegen<br />
Arbeiten an Gas, Wasser oder Elektrizität<br />
bzw. Wohnungsrenovierungen anfragt,<br />
wird immer an das örtliche Handwerk<br />
verwiesen. Die Heinzelwerker<br />
erledigen nur kleine Hilfsleistungen",<br />
so Volker Reichmann aktueller Seniorenbeauftragter<br />
der Stadt Siegen.<br />
Damit das Projekt weiter gedeihen<br />
kann suchen die Heinzelwerker hilfsbereite<br />
Menschen, mit Geschick und<br />
handwerklichem Verstand.<br />
Weitere Infos finden Sie auch auf der<br />
Homepage: www.heinzelwerk-si.de<br />
oder 0271/404-2434<br />
<strong>db</strong><br />
10 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 11
Kurz berichtet<br />
Kurz berichtet<br />
Wertschätzung<br />
für 25 Jahre Ehrenamt<br />
Ehrenamt<br />
Stadt unterstützt<br />
Wanderungen<br />
standen hoch im Kurs<br />
Radeln ohne Alter<br />
Rikschafahrten jetzt auch in Kreuztal<br />
Diese Karte gilt fürs ganze Leben.<br />
Ein toller Erfolg, der Tag des Ehrenamts.<br />
Ein schattiges Plätzchen zum Rasten.<br />
Wilnsdorf. In der Wielandsgemeinde<br />
gibt es jetzt auch die Jubiläums-Ehrenamtskarte<br />
– für Menschen, die mehr als<br />
25 Jahre ehrenamtlich dort aktiv sind.<br />
Das goldene Kärtchen für ehrenamtliches<br />
Engagement wurde kürzlich mit<br />
einem Silberstreif und dem Schriftzug<br />
„Jubiläumskarte“ erweitert und ist eine<br />
besondere Ergänzung der seit 2008 bestehenden<br />
Ehrenamtskarte NRW.<br />
Die Jubiläums-Ehrenamtskarte muss<br />
nur ein Mal beantragt werden, denn sie<br />
behält ihre Gültigkeit ein Leben lang.<br />
Die Karte ist auch für Bürgermeister<br />
Hannes Gieseler Ehrensache: „Wenn<br />
mir Menschen von ihrem Ehrenamt erzählen,<br />
dann geht es immer um eine<br />
Leidenschaft. Menschen, die sich für unsere<br />
Gesellschaft einsetzen und nichts<br />
dafür verlangen, möchten wir mit der<br />
Ehrenamtskarte etwas zurückgeben<br />
und unsere Wertschätzung zeigen.“<br />
Voraussetzung für den Erhalt der<br />
Jubiläums-Ehrenamtskarte ist ein mindestens<br />
25 Jahre andauerndes ehrenamtliches<br />
Engagement. Sie kann – wie<br />
auch die herkömmliche Ehrenamtskarte<br />
- online beantragt werden. Unter<br />
www.wilnsdorf.de/ehrenamtskarte finden<br />
Interessierte weiterführende Informationen<br />
sowie alle notwendigen Antragsformulare.<br />
<br />
<strong>db</strong><br />
Siegen. Die Stadt Siegen hatte zur ersten<br />
Ehrenamtsmesse geladen und rund<br />
50 Vereine und Organisationen kamen<br />
in die Bismarckhalle, um an Ständen in<br />
und vor der Halle ihre ehrenamtlichen<br />
Dienste vorzustellen.<br />
In seiner Rede zur Eröffnung stellte<br />
Bürgermeister Steffen Mues fest, dass<br />
das Ehrenamt gewaltig unter Druck<br />
stehe. Es sei schwierig, <strong>neue</strong> Mitarbeiter<br />
zu finden: „Wir wissen von den<br />
Nachwuchssorgen insbesondere bei der<br />
Besetzung von Vorstandsämtern oder<br />
von den immer komplizierter werdenden<br />
rechtlichen Regelungen, die vielen<br />
die Lust aufs Ehrenamt nehmen“.<br />
Dass dies nicht nur bei jüngeren sondern<br />
auch bei älteren Menschen der Fall<br />
ist, zeigte sich bei der vor kurzem durchgeführten<br />
Wahl zum Seniorenbeirat. Hier<br />
hatten sich nicht annähernd genügend<br />
Kandidaten zur Verfügung gestellt.<br />
Verbunden war die Ehrenamtsmesse<br />
mit der Ehrung langjähriger Inhaber<br />
von Ehrenamtskarten der Stadt Siegen<br />
und der Überreichung an <strong>neue</strong> Ehrenamtler.<br />
Es gab an diesem Tag auch Vorträge<br />
und Workshops zu Themen wie<br />
Social Media für Vereine, Prävention<br />
von sexualisierter Gewalt im Ehrenamt<br />
oder Versicherungen und Absicherung<br />
im Vereinsleben.<br />
homa<br />
Neunkirchen. Dass sich regelmäßige<br />
Bewegung und der Aufenthalt in der<br />
Natur auszahlen, das stellte der älteste<br />
Teilnehmer der 5000-Schritte-Wanderungen<br />
auch in diesem Jahr unter Beweis:<br />
Helmut Schütz war bei fast allen<br />
der sechs Runden durchs Neunkirchener<br />
Gemeindegebiet dabei. Dabei agierte<br />
der 90-Jährige mitunter auch als Wanderführer,<br />
kannte er doch immer einen<br />
schattigen Alternativweg, wenn die<br />
Sonne zu sehr „brutzelte“.<br />
Seniorenberaterin Bettina Großhaus-<br />
Lutz hatte die 5000-Schritte-Wanderungen<br />
organisiert und konnte jede<br />
Woche um die 25 begeisterte Teilnehmer<br />
verzeichnen. Weil das gemeinsame<br />
Wandern so gut ankommt, soll im<br />
Oktober erstmals eine Herbstwanderung<br />
angeboten werden.<br />
Die Wanderfreunde haben auch in<br />
diesem Jahr viel Spaß daran gehabt, die<br />
Wälder zu erkunden und auch einmal<br />
Wege abseits der persönlichen Hausstrecken<br />
zu entdecken.<br />
„Das Wichtigste sind die Geselligkeit<br />
und der Spaß, den die Teilnehmerinnen<br />
und Teilnehmer während der Rundtouren<br />
haben. Dass sie sich an der frischen<br />
Luft bewegen und dabei ihrem Immunsystem<br />
etwas Gutes tun“, meint Bettina<br />
Großhaus-Lutz.<br />
<strong>db</strong><br />
Sorgen dafür, dass das Projekt rollt, v.lks.: Katja Ermert-Weise, Jürgen Klein, Dirk<br />
Schleifenbaum, Wolfgang Hoffmann, Elfrun Bernshausen und Harald Skodek.<br />
Kreuztal. Endlich noch einmal ein Ausflug<br />
mit dem Rad - Wind um die Nase<br />
und in den Haaren, raus aus dem gewohnten<br />
Trott. Nette Gespräche und<br />
<strong>neue</strong> Eindrücke oder den Lieblingsort,<br />
an dem Sie lange nicht mehr gewesen<br />
sind, aufsuchen. Vielleicht gibt es auch<br />
einen besonderen Anlass, den Sie mit<br />
einem kleinen Ausflug unvergesslich<br />
machen möchten, wie zum Beispiel einen<br />
Geburtstag oder einen Hochzeitstag.<br />
Das Projekt „Radeln ohne Alter“ kam<br />
in Kreuztal durch einen Bürgerantrag<br />
ins Rollen. Gefördert im Rahmen des<br />
Städtebauförderungsprogramms „Soziale<br />
Stadt“ mit Mitteln des Bundes, des<br />
Landesregierung NRW und der Stadt<br />
Kreuztal sowie durch die Bürgerstiftung<br />
Kreuztal, die Volksbank in Südwestfalen<br />
sowie die Sparkasse Siegen konnte die<br />
Anschaffung einer Rikscha durch die Diakoniestation<br />
Kreuztal realisiert werden.<br />
Nun steht diese Rikscha für die Ausfahrt<br />
mobilitätseingeschränkter Menschen<br />
und Senioren und deren Begleitpersonen<br />
zur Verfügung. Auf der bequemen Sitzbank<br />
ist Platz für Zwei. Die Ausfahrten<br />
beginnen an einem Ort in der Kreuztaler<br />
Stadtmitte und die Strecke sprechen Sie<br />
vorher miteinander ab.<br />
Mittlerweile sind vier ehrenamtliche<br />
Piloten geschult, weitere Interessierte,<br />
die gerne ihre Zeit schenken möchten,<br />
sind herzlich willkommen. Es ist ein generationenübergreifendes<br />
Projekt, das<br />
Pilot*innen und Fahrgäste verschiedenen<br />
Alters miteinander ins Gespräch bringt.<br />
Wenn Sie sich informieren oder einen<br />
Termin für eine Fahrt buchen möchten,<br />
wenden Sie sich an die Seniorenberatung<br />
der Stiftung Diakoniestation<br />
Kreuztal, Tel.02732 / 582470 (Katja<br />
Ermert-Weise) oder per Email an<br />
Radeln.ohne.alter.kreuztal@gmail.com<br />
AKTIV im Siegerlandmuseum<br />
Siegen. Das gleichnamige Pilotprojekt<br />
ist in vollem Gang! Acht interessierte und<br />
engagierte Bürgerinnen und Bürger von<br />
Siegen trafen sich im Mai <strong>2022</strong> bereits<br />
zum zweiten Mal, um über die Werke des<br />
Siegerlandmuseums ins Gespräch und in<br />
einen kreativen Austausch zu kommen.<br />
Wer ist es eigentlich, der im Siegerlandmuseum<br />
auf die kostbaren Objekte<br />
aufpasst, für deren gute Beleuchtung<br />
sorgt, Fragen der Gäste von nah und fern<br />
beantwortet, das Gebäude in Schuss<br />
hält, Dienstpläne erstellt oder Veranstaltungen<br />
und Ausstellungen plant?<br />
Als Team des Siegerlandmuseums<br />
stellen wir uns Ihnen persönlich vor! Ab<br />
sofort können Sie uns auf der Website<br />
des Siegerlandmuseums www.siegerlandmuseum.de/ueber-uns/wer-wirsind/<br />
kennenlernen. <br />
<strong>db</strong><br />
12 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />
3/<strong>2022</strong> durchblick 13
Kurz berichtet<br />
MitweltZukunft<br />
ALTERAktiv-Arbeitskreis sieht sich bestätigt<br />
Siegen. Im Rahmen des Siegener<br />
Ehrenamtstags befragten Mitglieder<br />
des Arbeitskreises „MitweltZukunft“<br />
zahlreiche Engagierte zu ihren Motiven<br />
und verglichen diese mit Aussagen<br />
aus einem 2000/2001 durchgeführten<br />
Forschungsergebnis. Das<br />
Thema: „Wissens-, Erfahrungs- und<br />
Handlungspotenziale der älteren<br />
Generation in Siegen untersuchen,<br />
erschließen und auf der lokalen<br />
Ebene aktivieren“.<br />
Befragt wurden damals 55-70Jährige.<br />
Im Vordergrund stand deren<br />
Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement<br />
zu erforschen. 27% der<br />
Befragten waren ehrenamtlich aktiv.<br />
Allerdings wurde damals schon deutlich,<br />
dass sich die Anforderungen immer häufiger<br />
nicht mehr mit den Aufgaben aus<br />
Geld: Arznei oder Krankheit<br />
privaten Bereichen verbinden ließen.<br />
Diese Erkenntnis wurde 2003 grundlegend<br />
für die Struktur des Vereins ALTER-<br />
Aktiv Siegen-Wittgenstein e.V., dem der<br />
Arbeitskreis MitweltZukunft angehört.<br />
Dank der verbesserten Lebensbedingungen<br />
werden wir heute älter,<br />
wobei die Herausforderungen zugenommen<br />
haben.<br />
Das (nicht repräsentative) Ergebnis<br />
der <strong>neue</strong>n Befragung zeigt, dass die<br />
Zielgruppe der Älteren in den letzten<br />
20 Jahren ein verstärktes Interesse<br />
an Mitverantwortung und Gemeinwohl<br />
entwickelt hat.<br />
Wie zu erwarten war, wurde das<br />
aktuelle Marktgeschehen als Auslöser<br />
von beunruhigenden Veränderungen<br />
in der Gesellschaft ausgemacht.<br />
Der Arbeitskreis MitweltZukunft sieht<br />
darin die Bestätigung, sich seinem<br />
Schwerpunktthema „Gemeinwohl-Ökonomie“<br />
verstärkt zu widmen. <strong>db</strong><br />
Infos unter www.mitweltzukunft.de<br />
Siegener Nacht der Musik<br />
Veranstaltung findet in <strong>2022</strong> wieder statt!<br />
Siegen. Wer entspannt durch die Siegener<br />
Oberstadt schlendern und dabei<br />
eine Vielfalt musikalischer Leckerbissen<br />
genießen möchte, der sollte sich den<br />
Samstag 12. November im Kalender<br />
vormerken. Ab 20 Uhr werden Kirchen,<br />
Museen, die städtische Galerie Haus<br />
Seel, das KrönchenCenter und das Rathaus<br />
zu Konzertsälen für zahlreiche<br />
Chöre und Instrumental-Ensembles<br />
aus Stadt und Region. Das Besondere:<br />
Die Zuhörer können vorbeischauen, zuhören,<br />
so lange sie möchten, und dann<br />
zum nächsten Spielort ziehen. Die Türen<br />
sind den ganzen Abend geöffnet<br />
Seit 2014 ist es zur schönen Tradition<br />
geworden, an einem Samstagabend<br />
im November durch die Oberstadt zu<br />
schlendern und an den unterschiedlichsten<br />
Orten kostenlose Konzerte zu<br />
erleben.<br />
Die Kulturabteilung der Stadt Siegen<br />
hatt wieder einmal mit Unterstützung<br />
der Fritz-Busch-Musikschule ein Programm<br />
mit einem breiten Spektrum<br />
an Stilrichtungen und Epochen zusammengestellt.<br />
Die „Nacht der Musik“ ist<br />
eine Gelegenheit, Repräsentanten der<br />
qualitativ hoch stehenden Siegerländer<br />
Chorszene kennenzulernen und<br />
Lehrern wie Schülern der Fritz-Busch-<br />
Musikschule zu begegnen.<br />
Ermöglicht wird der kostenfreie Musikgenuss<br />
durch die Unterstützung von<br />
vor allem regionalen Sponsoren.<br />
Weitere Informationen zum Programm<br />
und den Veranstaltungsorten<br />
finden Sie unter: kultursiegen.de/<br />
veranstaltungen/nacht-der-musik/ <strong>db</strong><br />
Fotos: Irina Mirja<br />
14 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />
3/<strong>2022</strong> durchblick 15
Leserbeitrag<br />
Mohn und Trümmerberge<br />
Oma, warst du eigentlich auch mal verliebt?<br />
Die Enkelin Stefanie stellt ihrer Großmutter wohl<br />
nicht von ungefähr eine solche Frage. Mit ihren 14<br />
Jahren erlebt sie selber zum ersten Mal das verwirrende Interesse<br />
an den Altersgenossen des anderen Geschlechts. Aber<br />
die Oma verliebt? Das kann sie sich nicht recht vorstellen.<br />
In den Augen der Jugend waren die Alten ja schon immer alt.<br />
Und dann verliebt?<br />
Die Großmutter will nicht so recht raus mit der Sprache:<br />
„Ach weißt du, das ist alles schon so lange her…“ Aber<br />
Stefanie lässt nicht locker: „Nun komm schon, Oma. Sonst<br />
sagst du immer, ‚ich war auch mal jung‘. Also, wie war das<br />
bei dir?“ Einen Moment schweigt die Großmutter, während<br />
sie versonnen aus dem Fenster blickt. Aber dann gibt sie<br />
sich einen Ruck und fängt an zu erzählen.<br />
„Ja also, das war kurz nach dem Krieg. Ich war damals 17,<br />
und ich wohnte mit meiner Mutter in Bremerhaven, da oben<br />
im Norden an der Weser. Du kannst dir wohl kaum vorstellen,<br />
wie die Stadt aussah, alles war kaputt von den Bombenangriffen.<br />
Es war trostlos. Besonders die Hafengegend sah<br />
schlimm aus. Nur die Kaianlagen an der Weser waren halbwegs<br />
wiederhergestellt. Aber dort lagen jetzt amerikanische<br />
Schiffe. Sie brachten alles, was die amerikanischen Besatzungstruppen<br />
in Deutschland so brauchten. Deshalb gab es<br />
auch jede Menge amerikanische Soldaten in der Stadt.<br />
Es war eines Abends, irgendwann im Sommer, eigentlich<br />
war es die Ferienzeit. Aber unsere Schule war noch<br />
nicht wiederhergestellt, und so hatten wir Dauerferien. Da<br />
schlenderte ich also durch die Straßen. Ich war jung und<br />
wollte doch mal was erleben. Aber was konnte man in der<br />
Ruinenstadt schon erleben? Rechts und links glotzten einen<br />
die leeren Fensterhöhlen in den rauchgeschwärzten Häuserfassaden<br />
an. Und dahinter Schutt und verbogene Stahlträger.<br />
Die Kinder hatten da noch ihren Spaß, das waren tolle Abenteuerspielplätze.<br />
Aber für mich war da wirklich nichts los.<br />
Oft musste ich an die Jahre davor denken. Ja, da war was<br />
los gewesen. Ich gehörte zum BdM.“ „Was ist das denn?“,<br />
unterbricht Stefanie sie. „Ach ja, das kannst du nicht wissen.<br />
Das war der Bund deutscher Mädchen, die Abteilung der Hitlerjugend,<br />
zu der alle Mädchen gehörten. Wir machten Sport,<br />
hatten Heimabende, es gab Wanderungen und Zeltlager, oft<br />
auch mit den Jungs von der Hitlerjugend. Das war schon toll.“<br />
Stefanie unterbricht sie: „Sag mal Oma, warst du denn auch<br />
ein Nazi?“ Die Großmutter schweigt einen Moment. Dann<br />
meint sie nachdenklich: „Was meinst du damit, ein Nazi? Ja,<br />
ich war begeistert vom Führer, wie alle damals. Oder jedenfalls<br />
die meisten. Und wer es nicht war, der sagte das nicht laut,<br />
denn das war zu gefährlich. Überall ging es ja aufwärts. Auch<br />
im Krieg ging es erst mal von einem Sieg zum nächsten. Aber<br />
selbst als dann aus Russland keine Siegesmeldungen mehr kamen,<br />
haben wir immer noch dem Führer zugetraut, dass er das<br />
noch wenden würde. Und dann war plötzlich alles aus, und<br />
wir saßen in den Trümmern und haben gemerkt, dass man uns<br />
betrogen hatte, und was die Deutschen alles an schrecklichen<br />
Dingen getan hatten. War ich nun ein Nazi?“<br />
Darauf weiß Stefanie nichts rechtes zu antworten. So fährt<br />
die Großmutter fort: „Nun, ich wollte dir doch von jenem<br />
Abend erzählen. Ich schlenderte also durch die Straßen und<br />
kam aus der zerstörten Innenstadt in ein Viertel, das nicht so<br />
kaputt war. Dort waren viele Amerikaner einquartiert. Ich<br />
kam da an einer früheren Gaststätte vorbei. Oben drüber hing<br />
noch das Schild „Kaiserhof“, aber jetzt trafen sich hier wohl<br />
amerikanische Soldaten. Aus der offenen Tür tönte laute Musik.<br />
Das war nicht die Marschmusik, die wir von der Hitlerjugend<br />
gewohnt waren, sondern rhythmische Klänge mit viel<br />
Schlagzeug, Trompeten und Saxophonen. Erst später erfuhr<br />
ich, dass die Amerikaner diese Musik Swing nannten. Für uns<br />
junge Leute von damals war das jedenfalls was völlig Neues.<br />
Mich faszinierte diese Musik. Also ging ich etwas näher<br />
an die Tür. Mir war klar, dass ich da eigentlich nichts zu suchen<br />
hatte. Schließlich gehörten die Amis zur feindlichen<br />
Besatzungsmacht. Und ich hatte auch gehört, dass die Army<br />
es gar nicht gerne sah, wenn ihre Soldaten mit Deutschen<br />
zu vertraut wurden. ‚Fraternisation’ nannten sie das, und das<br />
war eigentlich verboten. Aber meine Faszination war stärker,<br />
und ich blieb an der Tür stehen und lauschte. Plötzlich sprach<br />
mich von hinten eine Männerstimme an: ‚Hello, Fräulein, gefällt<br />
Ihnen die Musik?’ Es war ein amerikanischer Soldat, der<br />
wohl ins Lokal wollte. Seltsamerweise sprach er Deutsch.<br />
Jedenfalls, er lud mich ein: ‚Come on, kommen Sie ruhig<br />
mit!’ Ich wusste nicht recht, was ich tun sollte. Aber schließlich<br />
siegte die Neugier. Mir kam wohl auch zugute, dass ich<br />
damals ganz gut aussah, ich hab dir ja mal Fotos aus der Zeit<br />
gezeigt. „Meinst du das mit den Zöpfen und dem komischen<br />
langen Rock?“ unterbrach Stefanie sie. „Ja, genau, das galt<br />
damals halt als schick. Ich folgte jedenfalls dem GI an einen<br />
Tisch in einer Ecke des halbdunklen Raumes und wir setzten<br />
uns. Einige der Soldaten an den Nachbartischen blickten<br />
neugierig zu uns herüber, aber niemand schickte mich wieder<br />
raus. Ein deutscher Kellner kam zu uns und fragte in<br />
Foto: Pixabay<br />
schlechtem Englisch, was wir trinken wollten. ‚Mögen Sie<br />
eine Coke?“ fragte mein Begleiter. Ich hatte keine Ahnung,<br />
was das war, aber ich nickte.<br />
Ich sah mir meinen Begleiter etwas näher an. Er sah wirklich<br />
gut aus, schlank, mit dem kurzen Bürstenhaarschnitt der<br />
Soldaten und in seiner schicken Uniform. Schade, dass er<br />
Amerikaner war, da hatte ich als ‚Nazi-Woman’ sicher keine<br />
Chance. Aber er lächelte mich an und meinte: ‚Mein Name<br />
ist Albert, aber alle nennen mich Al. Und wie heißen Sie?’ Ich<br />
sagte ihm meinen Namen und fragte: „Aber wieso können<br />
Sie Deutsch?“ Er lachte und meinte: „Bei uns zuhause wurde<br />
viel Deutsch gesprochen, meine Eltern sind in die USA<br />
ausgewandert, als ich ein Baby war. Englisch habe ich erst<br />
bei den Kindern der Nachbarschaft gelernt. Und jetzt bin ich<br />
Dolmetscher hier im Headquarter.“ Ich schwieg eine Weile<br />
verlegen. Schließlich nahm ich allen Mut zusammen und<br />
fragte ihn geradeheraus: „Warum laden Sie mich ein? Hassen<br />
Sie nicht die Deutschen, wir sind doch Ihre Feinde?“ Er<br />
wurde plötzlich ernst und meinte: „Ja, ich habe die Krauts<br />
gehasst, schließlich haben sie auf mich geschossen, und zwei<br />
meiner besten Freunde haben sie erwischt, die liegen irgendwo<br />
in den Ardennen begraben. Aber jetzt ist der Krieg doch<br />
aus, und Sie haben ja nicht auf mich geschossen!“<br />
Stefanie unterbricht die Großmutter: „Wieso hat er von<br />
‚Krauts’ geredet?“ Lachend erklärt sie ihm: „Nun, wir Deutschen<br />
waren für sie eben die ‚Krauts“, wohl weil wir so gerne<br />
Sauerkraut essen. Und wir haben sie ‚die Amis’ genannt, und<br />
die Engländer waren ‚die Tommis’ und die Russen ‚der Iwan’.<br />
Im Krieg hat man eben nicht viel Respekt vor den anderen.“<br />
„Also, der Kellner brachte dieses braune Getränk, ich brauche<br />
dir wohl nicht zu sagen, dass es wunderbar schmeckte. Wir<br />
waren ja außer Wasser und Muckefuck nichts gewohnt.“ „Was<br />
ist denn Muckefuck?“ unterbricht Stefanie sie noch einmal.<br />
Großmutter lacht: „So nannten wir den Kaffee-Ersatz, den<br />
es damals gab. Der wurde, glaub ich, aus gerösteter Gerste<br />
gemacht. Hat gar nicht so schlecht geschmeckt. Aber Coca<br />
Cola war dann doch was besseres. Nun, Albert hat mir dann<br />
von seiner Heimat erzählt, von der Kleinstadt in Illinois, wo<br />
er aufgewachsen war, und von seinen Eltern, die er schon seit<br />
über einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Und ich habe ihm<br />
von meiner Mutter erzählt und von unserer Sorge, weil mein<br />
Vater irgendwo in Russland verschollen war. Und von meinem<br />
Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />
älteren Bruder, deinem Onkel Werner, den sie in den letzten<br />
Wochen vor dem Kriegsende noch an die Front geschickt hatten,<br />
aber der immerhin schon eine Postkarte aus einem französischen<br />
Gefangenenlager geschickt hatte. Und beim Erzählen<br />
waren wir, ohne es zu merken, ins ‚du’ übergegangen.<br />
Während wir uns unterhielten, betraten plötzlich zwei<br />
weitere Soldaten das Lokal. Sie hatten besonders schneidige<br />
Uniformen mit weißen Koppeln und blanken Helmen, auf<br />
denen die Buchstaben ‚MP’ standen. Ich blickte fasziniert<br />
zu ihnen hinüber, da flüsterte Albert mir zu: ‚Militärpolizei!<br />
Die dürfen uns hier nicht zusammen sehen, sonst bekommen<br />
wir Ärger!’ Mir fuhr der Schreck in die Glieder, hatte ich<br />
doch gehört, dass Deutsche schon beim geringsten Verdacht<br />
von der Besatzungsmacht verhaftet wurden. Die beiden gingen<br />
von Tisch zu Tisch und ließen sich die Ausweise zeigen.<br />
Ich hatte natürlich keinen bei mir, und wahrscheinlich hätte<br />
mein alter Ausweis mit dem Hakenkreuz vorne drauf bei<br />
der amerikanischen Polizei auch nicht viel geholfen. Hastig<br />
blickte ich mich um, aber auf dem Weg zur Tür hätte ich an<br />
den beiden vorbei gehen müssen. Die Tür zur Toilette konnte<br />
ich nirgends entdecken. Also wohin?<br />
Albert hatte die rettende Idee: ‚Tu so, als wärst du eine<br />
Kellnerin!’ Ich stand also auf und stellte mich so an den Tisch,<br />
als würde ich eine Bestellung aufnehmen. Dann ging ich geradewegs<br />
auf die Tür neben der Theke zu, wo ich die Küche<br />
vermutete. Sie führte in einen dunklen Flur, wo es tatsächlich<br />
nach Küche roch. Ich atmete auf, niemand hatte mich zurück<br />
gerufen. Da tauchte der Kellner auf und fragte: ‚Suchen Sie<br />
was?’ Ich erklärte ihm meine missliche Lage. Er lächelte<br />
verständnisvoll und zeigte auf die Tür am anderen Ende des<br />
Gangs. Ich nichts wie da durch und nach draußen auf einen<br />
Hof mit leeren Getränkekisten und allerlei Gerümpel. Ich lief<br />
gleich auf das Tor auf der anderen Seite zu. Als ich an einem<br />
Fenster der Gaststube vorbei musste, schlich ich geduckt daran<br />
vorbei. Dann war ich auf der Straße. Das war noch mal gut<br />
gegangen! Aber schade, dachte ich, das war’s dann wohl mit<br />
meiner Ami-Bekanntschaft. Also machte ich mich auf den<br />
Heimweg. Da hörte ich hinter mir einen leisen Pfiff. Ich drehte<br />
mich um, und da kam doch tatsächlich der Albert hinter<br />
mir her. ‚Ich komme mit’, sagte er mit einem verschmitzten<br />
Lächeln, ‚abends ist es zu gefährlich für eine Frau alleine auf<br />
der Straße.’ Ich sagte natürlich nicht nein, und so zogen <br />
16 durchblick 3/<strong>2022</strong>
Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />
wir los durch die dunkle Stadt, denn in den meisten Straßen<br />
funktionierte die Beleuchtung noch nicht wieder. Schon bald<br />
merkte ich, dass er näher an mich heranrückte. Dann spürte<br />
ich seine Hand an der meinen. Im ersten Moment zog ich<br />
meine Hand zurück, aber dann ließ ich es geschehen und gab<br />
mich dem verwirrenden Gefühl hin, dass da wohl ein aufregendes<br />
Abenteuer auf mich wartete. Schließlich langten wir<br />
vor dem Haus an, wo wir uns eine kleine Wohnung mit einer<br />
Flüchtlingsfrau aus Schlesien teilten. Wir lebten im dritten<br />
Stock, das Stockwerk darüber war ausgebrannt, und das Dach<br />
war nur notdürftig geflickt worden.<br />
Als Albert sich verabschieden wollte, klopfte mir das<br />
Herz bis zum Halse. Was würde er sagen? Denn längst war<br />
in mir der Wunsch erwacht, ihn wieder zu sehen. Er druckste<br />
auch eine Weile herum, dann meinte er unvermittelt: ‚Well,<br />
my girl, was meinst du, können wir uns noch mal treffen?’<br />
Ich hab nicht lange mit der Antwort gewartet, und wir haben<br />
uns schon für den nächsten Tag verabredet. Selten bin ich so<br />
schnell die Treppen hoch gekommen. Doch vor der Wohnungstür<br />
stockte ich. Sollte ich meiner Mutter alles erzählen?<br />
Was würde sie sagen? Ich hab ihr dann doch mein Abenteuer<br />
geschildert. Ihre Reaktion war, wie ich erwartet hatte: ‚Bist<br />
du verrückt geworden? Lass bloß die Finger von dem Ami!<br />
Das bringt doch nur Ärger!’ Mein Gegenargument war: ‚Aber<br />
Mama, er ist wirklich sehr nett. Und, bitte schön, wo sind die<br />
deutschen Jungs in meinem Alter? Entweder tot oder irgendwo<br />
in Kriegsgefangenschaft! Ich möchte schließlich auch mal<br />
was anderes erleben als Trümmer wegräumen und vor dem<br />
Laden Schlange stehen!’ Da hat sie dann nichts mehr gesagt.<br />
Am nächsten Abend sind wir auf dem Weserdeich spazieren<br />
gegangen. Und er hat mich tatsächlich richtig in den<br />
Arm genommen. Ich war so glücklich! Auf dem Rückweg<br />
kamen wir an einem Trümmergrundstück vorbei, und da<br />
blühten in einem verwüsteten Vorgarten zwischen zerborstenen<br />
Mauerresten ein paar Mohnblumen, leuchtend rote<br />
Farbtupfer in dieser grauen Wüste. Albert sprang über den<br />
halb verbrannten Zaun und pflückte sie für mich. Das war für<br />
mich mehr als es heute ein Strauß schönster Rosen ist. Immer,<br />
wenn ich Mohnblumen sehen, muss ich daran denken.<br />
Tja, was soll ich sagen, ich war wirklich verliebt bis über<br />
beide Ohren. Und er, glaub ich wenigstens, war es auch.<br />
Einmal ist er mit zu uns in die Wohnung gekommen. Mutter<br />
wollte davon zuerst überhaupt nichts wissen. ‚Der kommt<br />
mir nicht ins Haus! Was sollen denn die Nachbarn denken,<br />
dass du einen Ami mitbringst’, war ihre Begründung. Aber<br />
ich ließ nicht locker: ‚Also Mama, die Amerikaner sind doch<br />
auch nur Menschen. Und was gehen uns die Nachbarn an!’<br />
Schließlich gab sie nach, und als er dann kam und so nett<br />
war, und auch noch eine Tasche voll mit Fleischkonserven<br />
und Schokolade aus seiner Kantine mitbrachte, da war das<br />
Eis schnell gebrochen. So was hatten wir schon lange nicht<br />
mehr auf dem Tisch gehabt.“<br />
Jetzt platzt Stefanie mit einer neugierigen Frage heraus:<br />
„Aber sag mal, Oma, der Albert war doch nicht der Opa,<br />
oder?“ „Nein, nein, der kam erst viel später. Mit dem Albert,<br />
das waren einige Monate, die wie im Traum vergingen.<br />
Aber dann kam er eines Tages und meinte traurig: ‚Darling,<br />
ich habe heute meine marching orders bekommen, ich muss<br />
zurück nach Amerika!’ Wir hatten nie darüber gesprochen,<br />
aber es war uns beiden klar gewesen, dass der Moment einmal<br />
kommen würde. Und mich mitnehmen, das ging damals<br />
überhaupt noch nicht. So kam dann, was kommen musste:<br />
Wir haben uns noch mal heiß geküsst, dann verschwand er<br />
durch den Eingang zum Hauptquartier, und ich stand da und<br />
wischte mir die Tränen aus den Augen. Ich wusste, wann er<br />
auf das Schiff musste, aber als Deutsche konnte ich ihn nicht<br />
dahin begleiten, das war ‚off limits’ für uns. Als das Schiff<br />
hinter dem Leuchtturm ‚Hoher Weg’ verschwand, wurde mir<br />
so schwer ums Herz, dass ich nur noch heulen konnte. Tja, so<br />
was tut weh, weißt du! Es braucht eine Weile, bis man da drüber<br />
weg kommt. Einmal bekam ich ein Paket von ihm aus Hamilton,<br />
Illinois, mit Kaffee, Schokolade und Truthahnfleisch,<br />
samt einer Karte. Er schrieb, dass es ihm gut geht, und er eine<br />
gute Arbeit hat und noch oft an mich denkt. Ich hätte ihm so<br />
gerne geantwortet, aber Briefe ins Ausland schicken, das war<br />
noch nicht möglich. Er hat noch ein paar Mal geschrieben,<br />
aber nach einer Weile brach der Kontakt ab.“<br />
Stefanie schweigt eine ganze Weile. Dann sagt sie unvermittelt:<br />
„Wow, Oma, das ist ja eine Story wie aus einer anderen<br />
Welt, echt krass. Da bin ich doch froh, dass ich heute<br />
lebe. Aber wenn ich mal irgendwo Mohnblumen sehe, dann<br />
bringe ich dir einen Strauß mit!“ Andreas Holzhausen<br />
Foto: Pixabay<br />
18 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 19
Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />
Wahre Liebe<br />
Ein modernes Märchen<br />
Der kleine Ort in der Eifel rühmte sich nicht nur einer<br />
Burgruine und malerischer Gassen, sondern auch<br />
einer kleinen, aber feinen Bücherei. Diese wurde<br />
von der Bibliothekarin Helene Waffenschmied, einem ältlichen<br />
Fräulein, mit viel Liebe verwaltet. Ja, man konnte<br />
ohne Übertreibung sagen, dass sie mit ganzem Herzen an<br />
ihrer Arbeit hing – war sie doch ohne Familienangehörige<br />
und die Bücher ihre besten Freunde. Wenn ihre Leser sich<br />
mit Urlaubslektüre eindeckten, folgte nach einem freundlichen<br />
„Schönen Urlaub“ unweigerlich der Satz, in den viele<br />
mit gutmutigem Spott einstimmten: „Bitte die Bücher<br />
nicht in den Sand legen und KEINE Eselsohren!“<br />
Pünktlich, mit dem Glockenschlag der Turmuhr, wurde<br />
die Bücherei von 9 – 12 und von 15 – 20 Uhr geöffnet. Von<br />
montags bis freitags, jahraus, jahrein, ohne jemals Urlaub<br />
zu nehmen. Das hatte sie im Gemeinderat durchgesetzt, als<br />
man sie zum Urlaub nötigen wollte: „Wo soll ich denn hin,<br />
durch meine Bücher kann ich an jeden Ort der Welt reisen,<br />
das ist mir lieber so.“ Weil sie alles tadellos in Schuss hielt<br />
und nie Probleme machte, ließ man sie gewähren.<br />
An einem wunderschönen Frühlingstag öffnete sie in<br />
der Mittagspause – ganz gegen ihre Gewohnheit – das<br />
Fenster. Normalerweise fürchtete sie den Staub, der von<br />
außen hereinkommen konnte. Doch heute war ihr nach<br />
Blumenduft und Vogelgezwitscher. Man könnte sagen:<br />
Fräulein Waffenschmied spürte den Frühling! Verträumt<br />
saß sie an ihrem altmodischen Schreibpult und dachte an<br />
ihre Jugend und ihre erste und einzige Liebe, die aber leider<br />
unerfüllt geblieben war.<br />
Eine plötzliche Win<strong>db</strong>ö fuhr durchs Fenster und trug<br />
etwas mit sich, dass mit leichtem Klacken auf ihr Pult fiel.<br />
Verwundert blickte sie auf die kaum erbsengroße Kugel, die<br />
blaugrün schimmerte. Sie nahm sie hoch, um sie genauer<br />
zu betrachten und hätte sie beinahe fallen lassen, weil sie<br />
ein leichtes Zucken zu fühlen glaubte. War es eine Raupe,<br />
die sich zusammengerollt hatte? Dafür war das Dings zu<br />
hart. So legte sie die Kugel vorsichtig vor sich hin und beobachtete<br />
geduldig, voller Neugier, was sich wohl tun würde.<br />
Da! schon wieder ein Zucken, ein kaum wahrnehmbares<br />
Zittern, und langsam, unendlich langsam entrollte sich<br />
die Kugel und wurde zu einem – ja, was könnte es wohl<br />
sein? Ein Wurm? Eine Made? Jedenfalls etwas, das sie auf<br />
keinen Fall in ihrer Bücherei dulden würde! Raus damit!<br />
Sollten die Vögel es fressen! Sie packte das Ding mit Daumen<br />
und Zeigefinger, um es durchs Fenster zu entsorgen,<br />
schaute es aber vorher noch einmal genau an. Sofort fielen<br />
ihr die Augen auf. Für so ein kleines Ding ungewöhnlich<br />
große Augen, die sie genau zu mustern schienen. „Der<br />
Wurm hat ja fast menschliche Augen!“ dachte sie und beschloss,<br />
ihn erst einmal in einem Glas zu deponieren, um<br />
ihn mit anderen Exemplaren aus ihren Büchern zu vergleichen.<br />
Wozu ist man schließlich Bibliothekarin!<br />
Durch ihre Liebesträumereien noch weich gestimmt,<br />
zupfte sie sogar ein paar Blätter von ihrer geliebten Zimmerlinde,<br />
damit der arme Wurm nicht so nackt und bloß in dem<br />
kalten Glas lag – vielleicht schmeckten ihm die Blätter sogar.<br />
Stundenlang suchte und verglich sie Würmer und Maden,<br />
Engerlinge und Raupen aus ihren vielen Bil<strong>db</strong>änden,<br />
aber nichts ähnelte ihrem Exemplar. Sie war so vertieft in<br />
diese Beobachtungen, dass sie beinahe – und das wäre das<br />
erste Mal – vergessen hätte, die Bücherei zu öffnen. Eilig<br />
trug sie das Glas mit dem Wurm in den verbotenen Bereich,<br />
wo die besonders kostbaren Pergamente lagerten. Hier war<br />
er zunächst vor Entdeckung sicher. Denn ihn einfach zu entsorgen,<br />
kam nicht mehr infrage. Vielleicht hatte sie ja eine<br />
<strong>neue</strong> Spezies entdeckt, die nach ihr benannt würde! Außerdem<br />
sah er einfach zu niedlich aus mit seinen großen Kulleraugen,<br />
die sie ständig zu beobachten schienen.<br />
Sie konnte kaum erwarten, abends die Tür hinter dem<br />
letzten Besucher abzuschließen und zu ihrem Wurm zu eilen.<br />
Dieser schien merkwürdig unruhig zu sein, sodass sie<br />
ihn kurzerhand aus dem Glas auf die Tischplatte schüttete.<br />
Wie erstaunt war sie, als er rasch zu dem großen Kräuterbuch<br />
kroch, das dort aufgeschlagen lag, und eifrig anfing,<br />
an der Seite, die von der Petersilie handelte, zu nagen. „Um<br />
Himmelswillen NEIN“ rief sie erschrocken und nahm ihn<br />
Foto: Wikimedia-Commons<br />
vorsichtig hoch. Der Wurm schaute sich vorwurfsvoll nach<br />
ihr um und sie meinte, den Duft von Petersilie zu riechen.<br />
„Das kann doch nicht wahr sein“ dachte sie und beschloss,<br />
die Probe aufs Exempel zu machen, indem sie die Seite<br />
mit Lavendel aufschlug und ihn daraufsetzte. „Das kleine<br />
Löchelchen sieht man ja kaum“, beruhigte sie ihr schlechtes<br />
Gewissen, nahm den Wurm hoch, schnüffelte an ihm<br />
und nahm einen intensiven Lavendelduft wahr. Sie ließ ihn<br />
noch an verschiedenen Kräuter- und Blumenseiten nagen<br />
und siehe da, er wandelte bedrucktes Papier in entsprechende<br />
Düfte um. „Was wird er wohl mit Papier machen,<br />
das nicht von Botanik handelt?“ überlegte sie und trug ihn<br />
zum Regal mit den Klassikern. Dort geriet er schier außer<br />
Rand und Band und kroch so schnell er konnte zur Abteilung<br />
Shakespeare. Sie ließ ihn ein paar Bissen von Hamlet<br />
nehmen, roch an ihm und tauchte sogleich so tief in die<br />
höfische Welt des späten englischen Mittelalters, dass sie<br />
Mühe hatte, in die Gegenwart zurückzukehren.<br />
„Meine Güte, ich glaube, mir ist der einzig wahre Bücherwurm<br />
zugeflogen“ flüsterte sie entgeistert. „Eine solch intelligente<br />
Kreatur muss einen Namen bekommen!“ Sie hob<br />
ihn hoch, schaute ihm tief in die Augen und sagte feierlich:<br />
„Du scheinst die klassische englische Literatur besonders<br />
zu mögen, deshalb nenne ich dich Romeo“. Der Wurm sah<br />
sehr zufrieden aus und rieb sein Köpfchen an ihrem Finger.<br />
An Schlaf war nicht zu denken: Die ganze Nacht tauchten<br />
Shakespeare und Fräulein Waffenschmied von einem Abenteuer<br />
ins andere, ja, sie verschmähten auch billige Schmöker<br />
nicht! Sogar die geliebte Teekanne wurde nicht angerührt<br />
und am nächsten Morgen war sie außerstande, die Bücherei<br />
wie gewohnt zu öffnen und hing erstmalig ein Schild an die<br />
Tür „Wegen Krankheit geschlossen“!<br />
Je länger sie an Shakespeare schnüffelte, desto mehr<br />
seiner Pheromone nahm sie auf. Sie war so überglücklich,<br />
endlich einen Freund zu haben – und sei er noch so klein<br />
- der das Gleiche fühlte wie sie, dass sie kurzerhand telefonisch<br />
den Urlaub der letzten beiden Jahre nahm. Hunger<br />
und Durst kamen ihr gänzlich abhanden, lediglich der Appetit<br />
auf die Essenz der gedruckten Werke wurde immer<br />
größer und bald nagte sie mit ihrem <strong>neue</strong>n Gefährten um<br />
die Wette. Nach Wochen hatten sie sich durch fast alle Exemplare<br />
genagt. Lediglich technische Abhandlungen und<br />
allzu billige Pornoliteratur wurden verschmäht.<br />
In dieser Zeit veränderte sich Fräulein Waffenschmied:<br />
Sie begann zu schrumpfen und ihre Haut überzog sich mit<br />
einer wunderbar blaugrün schimmernden Patina. Je kleiner<br />
sie wurde, desto mehr ähnelte sie Shakespeare. Als sie<br />
seine Größe erreicht hatte, konnte man sie kaum auseinanderhalten.<br />
Ihr Köpfchen war lediglich etwas rosiger und<br />
sie hatte ihren leichten Silberblick behalten, in den er ganz<br />
vernarrt war. Auch sie verliebte sich immer heftiger in ihn.<br />
„Ist schon was dran an dem Ausspruch: Wenn alte Scheunen<br />
brennen, dann brennen sie lichterloh!“ dachte sie und<br />
vermeinte, ihn leise „Julia“ flüstern zu hören. Nun war es<br />
Zeit, zu <strong>neue</strong>n Ufern aufzubrechen. An einem schönen<br />
Spätsommertag schlüpften sie durch das gekippte Fenster,<br />
und vereinigten sich zu einer Kugel. Eine heftige Win<strong>db</strong>ö<br />
ergriff sie und trug sie hoch, hoch hinauf, Richtung Süden.<br />
Ihr Ziel: Die Bibliothek des Vatikans!<br />
Sigrid Kobsch<br />
20 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 21
Ein Sommer in Arles<br />
Seit nun über sechzig Jahren kommt Kaspar in das<br />
kleine Café. Damals, als er zum ersten Mal Arles<br />
besuchte, war er gerade mal neunzehn Jahre alt.<br />
Ein Jungspund, der noch grün hinter den Ohren war, aber<br />
dachte, die ganze Welt zu verstehen. Die Schule war schon<br />
Vergangenheit, die Lehre bereits abgeschlossen. Ein stolzer<br />
Schustergeselle war aus dem Jungen geworden, dessen<br />
Hosenbeine immer einige Zentimeter zu kurz waren, weil<br />
er einfach zu schnell gewachsen war, wie Mutter nicht<br />
müde wurde zu sagen. Nun verdiente er sein eigenes Geld<br />
und konnte sich eine <strong>neue</strong> Hose kaufen. Eine Wollene. Das<br />
war das Erste, was er sich von seinem Gesellengehalt erlaubte.<br />
Das meiste Geld legte er »auf hohe Kante«, wie<br />
Vater zu sagen pflegte. Für später einmal. Wenn er eine<br />
Familie gründen würde.<br />
Als er schon ein Jahr lang gespart hatte, aber noch keine<br />
Frau in Sicht war, mit der er sich ein Heim hätte schaffen<br />
können, wuchs in ihm der Wunsch heran, die Welt zu sehen.<br />
»Der lachende Vagabund«, der in diesem Jahr täglich<br />
im Radio gespielt wurde, war an der neu erwachten Sehnsucht<br />
nicht unschuldig. Heimlich sang er in der Werkstatt<br />
die Strophen mit, wenn sein Meister gerade außer Haus<br />
war. Dabei hatte er den lachenden Part immer ausgelassen.<br />
Es war ihm peinlich.<br />
Zwar interessierte er sich für Mädchen, doch hatte er<br />
das Pech, dass sie sich nicht für ihn interessierten. Das lag<br />
zu einem großen Teil daran, dass sein Freund Herbert aussah<br />
wie der junge James Dean. Dagegen blieben er und die<br />
anderen Burschen unsichtbar.<br />
Je länger der Sommer dauerte, umso mehr träumte<br />
er von sich als einen lachenden Vagabunden. Ein junger<br />
Mann, der zwar hier und da mit Mädchen liebäugelte, mal<br />
eines beim Tanz im Arm wog, doch immer mit dem Gedanken<br />
im Kopf, frei zu sein für die Abenteuer, die noch<br />
auf ihn warteten.<br />
Als er eines Abends auf Onkel Freds Siebzigsten an der<br />
Theke der Dorfschänke stand, um Bier für sich und seine<br />
Freunde zu bestellen, sprach ihn Hannes, der Dorfsäufer,<br />
an. Jeder pflegte, ihm aus dem Weg zu gehen. Frauen<br />
fürchteten um ihre Knie, die oft und gerne betatscht wurden,<br />
und Männer um die Lebenszeit, die zu kostbar schien,<br />
um sich Geschichten aus dem Krieg und über Reisen als<br />
Matrose anzuhören.<br />
Foto: Wikimedia-Commons<br />
Das mit dem Matrosen nahm Hannes niemand ab. Sie<br />
lebten auf dem Land. Die nächste See war Stunden von<br />
ihnen entfernt. Man ging im Allgemeinen eher davon aus,<br />
dass er sich zu dieser Zeit durch andere Dörfer und Betten<br />
gesoffen hatte.<br />
„Bist ja schon ein strammer Bursche geworden“, lallte<br />
er, während Kaspar insgeheim hoffte, nicht der Angesprochene<br />
zu sein. »He! Schau mich gefälligst an, wenn ich<br />
mit dir rede!« Daraufhin verflog seine Hoffnung und er<br />
wandte sich dem Säufer zu, wobei ihm auffiel, dass dessen<br />
Augenlider so tief herabhingen, dass die wässrigen Augäpfel<br />
den Anschein machten herauszufallen.<br />
„Warst du schon mal woanders?“ Kaspar verstand nicht,<br />
worauf er hinauswollte. „Warst du schon mal verreist, mein<br />
Junge?“ Er verneinte. „Dann komm! Setz dich zu mir! Ich<br />
will dir was zeigen.“<br />
Alles in ihm sträubte sich dagegen. Mit einem hilfesuchenden<br />
Blick schaute er über seine Schulter, doch seine<br />
Freunde waren verschwunden. Widerstrebend setzte er<br />
sich auf den Barhocker neben den Mann, dem jeder aus<br />
dem Weg ging, wobei er die süßliche Fahne wahrnahm,<br />
die sein Gegenüber in unsichtbaren Schwaden umhüllte.<br />
„Gleich muss ich aber wieder zu meinen Freunden“,<br />
sagte er noch. Doch der Mann winkte ab.<br />
„Quatsch! Jetzt will ich dir mal was sagen: „Hau ab, bevor<br />
du Wurzeln schlägst!“ Dabei sah er ihm tief in die Augen,<br />
während sein Kopf gefährlich weit nach vorne kippte.<br />
„Hast du mir zugehört?“ Der Junge nickte und wollte schon<br />
wieder aufstehen, da die Fahne des Dorfsäufers mit jedem ausgespienen<br />
Wort zu ihm hinüberschwappte. Doch dann begann<br />
Hannes zu erzählen. Von Capri. Von Südamerika. Von Marokko.<br />
Und von den schlechten Menschen im Dorf, die allesamt<br />
Langeweiler wären, weil sie nichts kannten außer ihren eigenen<br />
Dreck. Schließlich kramte er in der Innentasche seiner Jacke.<br />
Dabei fiel Kaspar das kleine Loch am Ellbogen auf.<br />
Der Dorfsäufer zog ein paar Abzüge aus der Jacke und<br />
legte sie auf die Theke. Er achtete nicht auf die Spuren<br />
kondensierender Biergläser, sodass das unterste Foto in einer<br />
kleinen Pfütze lag.<br />
Er wartete ab, dann nickte er Kaspar zu und unsicher<br />
zog dieser die Bilder zu sich heran, wobei auch seine Finger<br />
nass wurden. Unvermittelt wischte er sie an seinem<br />
Hosenbein ab. Schließlich schaute er auf die Bilder.<br />
22 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />
Auf dem obersten Foto sah er einen Strand, wie er ihn<br />
nur aus Magazinen kannte. Blaues Wasser, weißer Sand.<br />
Darüber eine gelbe Sonne, als hätte ein Kind diese Szene<br />
gemalt und dabei seine Lieblingsfarben benutzt. Auf dem<br />
Foto darunter eine Arena. Sie ähnelte der Roms, worüber<br />
sie damals auf der Volksschule gesprochen hatten. Und auf<br />
dem letzten Foto, das nun auf der Unterseite ganz nass war,<br />
war eine Gasse zu sehen. Mit Kopfsteinpflaster. Ein kleines<br />
Café mit gerade mal zwei Tischen auf dem Bordstein.<br />
Er konnte nicht sagen, was ihm an dem Bild gefiel. Ob es<br />
die rote Markise war? Die fremdartige Aufschrift auf dem<br />
Schaufenster? Das einfallende Sonnenlicht, das es nicht<br />
bis in alle Winkel der Gasse geschafft hatte? Doch etwas<br />
rührte an ihm. Dem lachenden Vagabunden.<br />
„Da guckst du, was?“ Der Säufer hatte sein Glas geleert,<br />
während er sich die Bilder angesehen hatte. Seine Worte<br />
klangen noch verwaschener, während der Lärm der Musikkapelle<br />
laut in Kaspars Ohren drang. Wieder schaute er auf<br />
das Bild mit dem Café und wünschte sich, an diesem Ort<br />
zu sein. „Das habe ich in Arles aufgenommen.“ Und dabei<br />
sprach er den Namen so aus, wie man ihn schreibt. A-r-le-s.<br />
Kaspar, der noch nie von dem Ort gehört hatte, sollte<br />
anfangs denselben Fehler machen.<br />
Er hörte Hannes noch eine Weile zu, bis er sah, dass<br />
Herbert wieder an ihrem Tisch saß. Dann verabschiedete<br />
er sich von dem Dorfsäufer und ging erleichtert auf seinen<br />
Freund zu. Das Bier hatte er vergessen, doch dafür war<br />
eine Idee in ihm aufgekeimt.<br />
Anderthalb Monate später war er in Arles angekommen.<br />
Eine fünfzehnstündige Busfahrt hatte dafür gesorgt, dass<br />
ihm der Hintern noch mehr weh tat, als nach den Fahrradtouren,<br />
die er häufig mit Herbert und den anderen Burschen<br />
an die Mosel unternahm. Er war allein gereist. Für Vagabunden<br />
gehörte sich das so. Eine Pension bot im Obdach!<br />
Da der Bus abends angekommen<br />
war, hatte er seinen Koffer in<br />
der Herberge abgegeben und war<br />
ein wenig spazieren gegangen. Die<br />
Unterkunft spiegelte die Umgebung.<br />
Alles war bescheiden. Weder der<br />
Strand noch das kleine Café waren<br />
zu sehen, stattdessen karge Landschaft<br />
und Industrie.<br />
Da er zu müde war, um sich<br />
nach der Innenstadt, dem Ozean<br />
und der Arena zu erkundigen, legte<br />
er sich früh schlafen.<br />
Am nächsten Morgen nahm er<br />
ein Frühstück aus süßem Brot und<br />
Er<strong>db</strong>eermarmelade zu sich. Der<br />
Kaffee war milchiger und lauer<br />
als aus Mutters Kaffeemaschine.<br />
Er versuchte, darin das Abenteuer<br />
zu erkennen, das ihm bevorstand,<br />
Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />
da alles in der Fremde nun mal anders sein musste als zu<br />
Hause.<br />
Als er einen Mann, der sein Haar streng mit Pomade gescheitelt<br />
trug, fragte, wie er in die Stadt kommen konnte, bedeutete<br />
dieser ihm mit einem Schulterzucken und einem französischen<br />
Redeschwall, dass er ihn nicht verstand. Zumindest<br />
vermutete er es, denn er verstand den Mann ebenso wenig.<br />
Er verließ die Pension ohne sein Gepäck und nur mit<br />
seiner Gel<strong>db</strong>örse. Die Erwartungen gedämpft. Hier und da<br />
lief jemand über die Straße, doch konnte er nicht ausmachen,<br />
in welche Richtung er hätte gehen müssen, um das<br />
Zentrum Arles' zu erreichen.<br />
In dem Moment, als er mit seiner Hand über den Augen<br />
die Sonne abschirmte und sich nach links und rechts umsah,<br />
trat der Gescheitelte aus dem Frühstücksraum vor die<br />
Tür. Dieser beobachtete ihn, zog seine Augenbrauen kraus<br />
und packte ihn am Arm. Er wollte sich ob des anstandslosen<br />
Verhaltens aus dessen festen Griff befreien, doch als er<br />
erkannte, wohin der Mann ihn führte, ließ er davon ab. Der<br />
Gescheitelte ließ nach einigen Metern seinen Arm los und<br />
deutete mit einem »Voilà« auf den Fahrplan der Buslinie,<br />
die von der Herberge ins Ortszentrum führte. Der Gescheitelte<br />
verabschiedete sich und er rief ihm „Danke“ hinterher.<br />
Kaspar erschien Arles wie eine Stadt in der Schwebe<br />
zwischen Antike und Moderne. Hier die altertümlichen<br />
Bauwerke, da die röhrenden Automobile.<br />
Er schlenderte über das Kopfsteinpflaster, während er dem<br />
stetigen Klack-klack-klack einer jungen Frau auf Stöckelschuhen<br />
lauschte, die sich in schnellen Schritten entfernte.<br />
Es kam ihm weniger darauf an, die großen Sehenswürdigkeiten<br />
der Stadt zu sehen, als vielmehr darauf, das<br />
Fremde auf sich wirken zu lassen.<br />
Da war das schmutzige Beige der Häuser, die er passierte.<br />
Die orangeroten Dächer bildeten einen leuchtenden <br />
Das Amphitheater von Arles ist ein zwischen 90 und 100 n. Chr. auf einem Hügel<br />
erbautes römisches Gebäude. Es bot ursprünglich etwa 25.000 Zuschauern Platz.<br />
3/<strong>2022</strong> durchblick 23<br />
Foto: Wikimedia-Commons
Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />
Kontrast zu einem ebenso leuchtenden Himmel in Hellblau.<br />
Er folgte der Steinmauer mit dem schmiedeeisernen Gelände,<br />
ohne zu wissen, wohin sie führte. Am Kolosseum blieb<br />
er stehen, um die Baukunst der Römer zu bestaunen.<br />
Er spazierte entlang der Rhône, über breite Straßen und<br />
enge Gassen. Er gab sich selbst vor, frei zu sein, doch in seinem<br />
Inneren spürte er den Drang, das Café zu finden, welches<br />
er auf dem Foto des Dorfsäufers gesehen hatte. Seine Füße<br />
wären gerne schneller gelaufen, doch sein Verständnis von<br />
einem lachenden Vagabunden ermahnte ihn zur Gelassenheit.<br />
Als er schließlich um eine Ecke bog, stockte er. Sein<br />
Herz setzte kurzzeitig aus, als er die Hauswand mit dem<br />
abgeblätterten Putz entdeckte.<br />
Der Ausblick vor seinen Augen wirkte, als hätte jemand<br />
Teile verschiedener Puzzles zusammengesetzt, obwohl sie<br />
nicht zusammengehörten. Am Ende ergab sich ein Bild<br />
aus Sonnengelb, Lindgrün und Rot. Aus Italienisch und<br />
Französisch. Aus Pizza und Crêpes. Er ließ den Anblick<br />
des Cafés auf sich wirken und hätte er einen Fotoapparat<br />
besessen, hätte er ihn jetzt zum ersten Mal benutzt. So<br />
würde er sich später auf seine Erinnerung verlassen müssen,<br />
weshalb es ihm umso wichtiger erschien, alles aufzunehmen<br />
und kein Puzzleteil auszulassen.<br />
Auf einen Teil zeichnete er den sonnengelben Putz des<br />
verfallenden Hauses. Ein anderes Teil bestand aus dem lindgrünen<br />
Rahmen, der Tür und Fenster zierte. Überall dazwischen<br />
fügte er die roten Teile ein. Für Tische, Stühle, Tafel.<br />
Er entdeckte eine Veränderung im Gegensatz zu dem<br />
Foto des Dorfsäufers: Beide Tische standen zwar links und<br />
rechts des gläsernen Eingangs, doch anders als auf dem<br />
Bild waren sie hier besetzt. Im ersten Moment ärgerte er<br />
sich darüber und fragte sich, wie jemand das Recht hatte,<br />
sein Café einzunehmen, doch dann besah er sich die Gäste.<br />
Ein älteres Paar saß sich gegenüber und schlang im Gleichtakt<br />
etwas hinunter, das wie Pfannkuchen aussah.<br />
An dem anderen Tisch saß eine junge Frau. Sie wirkte<br />
weniger ausgehungert und der erste Begriff, der ihm in Zusammenhang<br />
mit ihrer Haltung auf dem Stuhl, den Kopf<br />
mit der übergroßen Sonnenbrille stolz erhoben, einfiel,<br />
war „Grande Dame“. Er beobachtete sie einen kurzen Moment<br />
und dachte sich, wie gut sie sich in das Bild des Cafés<br />
einfügte. Und als er sah, dass sie ihren Kopf ein wenig<br />
drehte und sich schnell wieder abwandte, wusste er, dass<br />
auch sie ihn bemerkt hatte.<br />
Er überquerte die kleine Straße und lief auf den Eingang<br />
zu. Dabei behielt er die Grande Dame im Auge, doch sie<br />
ignorierte ihn, als wäre er nicht der Erste, der es nicht wert<br />
gewesen wäre, Aufmerksamkeit zu vergeuden. Schließlich<br />
erreichte er die Tür und trat ein, doch auch hier waren alle<br />
Stühle besetzt. Er hätte enttäuscht sein sollen, doch freute<br />
er sich. Er wollte sich nicht im Inneren verstecken. Er<br />
wollte Teil einer französischen Szene auf einem Foto sein.<br />
Kurzentschlossen, doch nun mit einer plausiblen Entschuldigung,<br />
ging er wieder hinaus und wandte sich nach links,<br />
wo die unbekannte Frau gerade an einer großen Tasse nippte.<br />
„Entschuldigen Sie“, sagte er. Es war das, was er einmal<br />
in einem Schwarz-Weiß-Film im Kino gesehen hatte. Der<br />
Mann sagte „Entschuldigen Sie“, und darauf folgte eine<br />
tragische Liebesgeschichte. Er beabsichtigte dasselbe.<br />
Die Frau sah auf, wobei ihre Augen hinter den großen<br />
Gläsern ihrer Sonnenbrille verborgen blieben.<br />
„Dürfte ich mich zu Ihnen setzen?“ Daraufhin schob sie mit<br />
spitzen Fingern ihre Brille ein wenig herunter und begutachtete<br />
ihn. Ein Lächeln legte sich über ihre Lippen und sie nickte.<br />
In diesem Moment wusste er, dass sie keine Französin war.<br />
Er setzte sich und fragte, was sie trinken würde. Sie<br />
antwortete „Café au lait“ und er bestellte dasselbe. Ihre Erscheinung<br />
erinnerte ihn an die großen Schauspielerinnen,<br />
doch ihre Stimme war die eines Mädchens. Er lehnte sich<br />
zurück und schlug die Beine ebenfalls über. „Wieso haben<br />
Sie sich ausgerechnet meinen Tisch ausgesucht?“, fragte sie.<br />
„Weil es mein Café ist“, antwortete er. Sie nahm daraufhin<br />
ihre Sonnenbrille ab und er erkannte, dass sie zu jung<br />
war, um eine Grande Dame zu sein.<br />
Sie unterhielten sich. Sie fragte, woher er kam und er antwortete,<br />
dass überall sein Zuhause wäre. Er fragte, wo ihre Heimat<br />
lag und sie erzählte ihm von Berlin und ihrem bunten Leben<br />
dort. Er fragte, ob sie häufig reiste und sie antwortete ihm,<br />
dass sie jedes Jahr in Arles wäre. Immer zur selben Zeit. Es<br />
erschien ihm wie der Beginn einer großen Liebesgeschichte.<br />
Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />
Zwei Cafés au lait hatte er gebraucht, bis er sich traute,<br />
sie zum Essen einzuladen. Also verabredeten sie sich für<br />
den nächsten Abend.<br />
Als die Dämmerung einsetzte, sagte sie, dass sie sich<br />
nun verabschieden müsste. Er fragte nicht, wohin sie nun<br />
gehen würde. Trotz der einsetzenden Dunkelheit setzte sie<br />
die Sonnenbrille wieder auf, erhob sich und hielt ihm eine<br />
blasse Hand entgegen, auf die er mit leichter Verbeugung<br />
einen Handkuss andeutete. Er sah ihr nach, wie sie in zierlichen<br />
Schritten in die Richtung lief, aus der er gekommen<br />
war. Dabei bewegte sich ihre Hüfte, als wäre sie es gewohnt,<br />
in hohen Schuhen zu gehen. Nur ein kurzes Umknicken<br />
verriet ihm, das dem nicht so war.<br />
Den ganzen Tag lang hatte er den Abend herbeigesehnt.<br />
Er hatte sich so gründlich rasiert, dass er sich an mehreren<br />
Stellen geschnitten hatte. Die Haare hatte er in Wellen<br />
zurückgekämmt. Er hatte die wollene Hose angezogen,<br />
obwohl sie zu warm war. Doch war sie ihm dem Anlass<br />
entsprechend angemessen erschienen.<br />
Er wartete vor seinem Café. Zunächst beschwingt lief er<br />
mit großen Schritten um eine Häuserecke und dann um die<br />
nächste, um nachzusehen, ob sie kam. Er stellte sich vor das<br />
Café. Genau dort, von wo er sie gestern zum ersten Mal erblickt<br />
hatte. Er blickte immer wieder auf seine Armbanduhr,<br />
doch sie bestätigte ihm, dass die Zeit, zu der sie verabredet<br />
gewesen waren, bereits Vergangenheit war. Er setzte sich an<br />
denselben Tisch wie am Vortag, bestellte einen Café au lait<br />
und, als er jegliche Hoffnung fahren ließ, schließlich ein Baguette.<br />
Er blieb, bis das Café schloss. Mit müden Schritten<br />
trottete er zur Bushaltestelle. Der Schweiß, der sich während<br />
des Sitzens in seinen Kniekehlen gesammelt hatte, lief<br />
in kleinen Rinnsalen an seinem Bein hinunter. In diesem<br />
Moment war er davon überzeugt, dass sie doch kein Mädchen<br />
aus Berlin war, sondern eine Grande Dame.<br />
Jeden Abend verbrachte er in seinem Café. Pünktlich um<br />
18.00 Uhr war er da und blieb fünf Stunden lang. Es wurde<br />
ihm nie langweilig. Er beobachtete die Menschen, Touristen<br />
meist. Er versuchte auszumachen, wer unter ihnen aus<br />
Deutschland kam. Er nahm sich nie etwas zu lesen mit, denn<br />
dann hätte er nicht Ausschau halten können. Sie kam nie.<br />
Trennungsgedanken<br />
Vermutlich liebte ich sie sehr,<br />
wenn nicht ihr blödes Smartphone wär,<br />
das kleine Ding zum Schleuderpreis<br />
mit virtuellem Freundeskreis.<br />
Wenn ich ihr in die Augen seh,<br />
schaut sie hinunter zum Display.<br />
Was nützt mir denn der schönste Flirt,<br />
wenn unentwegt ihr Spielzeug stört?<br />
Wir sehen uns so gut wie nie,<br />
ich glaub, es geht auch ohne sie.<br />
Es reicht, wenn ich zum Zeitvertreib<br />
ihr ab und zu ne E-Mail schreib.<br />
Aus dem Buch Nur mal so, von Jörn Heller<br />
Über sechzig Jahre ist es nun her, als er zum ersten Mal<br />
in dem kleinen Café mitten in Arles saß. Wenn sich seine<br />
Nachbarn über die Hitze zu Hause beschweren und darüber,<br />
dass es nun endlich mal regnen müsse, erzählt er von<br />
dem wolkenlosen Himmel in Arles. Davon, wie die Sonne<br />
beim Untergehen das Pflaster an seinen Kanten erfasst und<br />
für wenige Minuten zum Leuchten bringt.<br />
Jedes Jahr im Juli sucht er sein Café auf. Eine Woche lang<br />
sitzt er dann von 18.00 Uhr bis zur Schließung an einem der<br />
rotbetuchten Tische, die Beine übereinandergeschlagen, vor<br />
sich einen Café au lait. Wenn jemand fragt, ob er sich zu ihm<br />
setzen dürfe, deutet er mit einer ausladenden Han<strong>db</strong>ewegung<br />
auf den Stuhl und sagt „Voilà“. Immer um 19.30 Uhr<br />
bestellt er ein Baguette und wenn ihm das Beobachten der<br />
Touristen zu langweilig wird, liest er in einem Buch. Doch<br />
nach jeder Seite, die er umblättert, blickt er hoch, sieht vor<br />
sich, schaut einmal nach links, einmal nach rechts. Wartet<br />
einen kurzen Moment. Doch sie kommt nicht.<br />
Wenn er dann im Dunklen durch die verlassenen Gassen<br />
zum Hotel zurückkehrt, fragt er sich, wann er „Ende“<br />
unter seinen Film schreiben würde. Sonja Dörr<br />
24 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 25
Der Beginn einer grossen Liebe<br />
Veronika und ihre Tochter Marta machen endlich mal<br />
ganz alleine „zu zweit“ Urlaub am Meer. Veronika<br />
hatte schon öfters von einer Halbinsel an der Ostsee<br />
gehört, die das reinste Paradies sein sollte. Irgendwann ist<br />
dieses Paradies aus drei kleinen Inseln entstanden. Deshalb<br />
hat es drei Namen: Fischland – Darß – Zingst. Marta sagte:<br />
„Fischland und Paradies klingt gut, da fahren wir hin.“<br />
Veronika fand ein Doppelzimmer in einer kleinen Pension<br />
in Born, auf dem mittleren Teil der Halbinsel. Sie fuhren<br />
mit der Bahn bis zur Küste und dann noch ein Stück mit<br />
dem Bus. Das kleine Dorf erinnerte Marta sofort an ein altes<br />
Bilderbuch. Kleine Häuser mit reetgedeckten Dächern<br />
und überall Blumen, Büsche und Bäume. Die Haustüre der<br />
Pension war bunt bemalt.<br />
In den ersten Tagen radelten Veronika und Marta über<br />
die Halbinsel, schauten sich alles an, fanden den schönsten<br />
Strand der Welt und wollten nirgends woanders mehr hin.<br />
Das Wetter war herrlich und sie konnten im Sand liegen<br />
und lesen. Der feine, weiße Sand war weich und warm und<br />
vor den beiden plätscherte friedlich die Ostsee. Veronika<br />
fand es einfach paradiesisch.<br />
Nach einigen Urlaubstagen, die beiden kamen gerade<br />
vom Strand zurück zur Pension, saß plötzlich Eberhard<br />
da und wartete auf die Beiden. Marta war augenblicklich<br />
stinksauer. „Was will der denn hier?“ fragte sie ihre Mutter.<br />
Doch diese lief ohne zu antworten zu Eberhard, umarmte<br />
und küsste ihn. Peng! In Marta explodierte etwas.<br />
Sie rannte so schnell sie konnte ins Haus. Den Rucksack<br />
feuerte sie in eine Ecke und dann warf sie sich mit den<br />
sandigen Klamotten auf das Bett. Sie starrte zur Decke und<br />
versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Wieso kreuzte<br />
dieser blöde Eberhard hier auf ? Was hatte das zu bedeuten?<br />
Wieso umarmte und küsste ihre Mutter diesen Typ<br />
und wie lange machen die „solche“ Sachen schon? Sind<br />
Mama und Eberhard ein Liebespaar? Nein, das glaubte sie<br />
einfach nicht. Ok, Mama war schon öfters mit ihm ausgegangen<br />
und hatte auch eigentlich immer nur gut von ihm<br />
gesprochen. Doch das hatte Marta nie verdächtig gefunden,<br />
weil sie ja in der gleichen Firma arbeiten. Außerdem ist er<br />
schon uralt, hat einen Bauch und mehr Haut als Haare auf<br />
dem Kopf. In so einen verliebt man sich doch nicht!<br />
Marta war wütend, traurig und enttäuscht. Dann kam<br />
Veronika ins Zimmer und versuchte, Marta alles zu erklären.<br />
Doch die sagte nur: „Lass mich in Ruhe! Ich rede nie<br />
mehr mit dir!“ „Dann höre mir wenigstens zu“, sagte Veronika<br />
energisch. „Erstens: Ich hatte keine Ahnung, dass<br />
Eberhard heute kommen wollte. Doch ich hätte ihn heute<br />
Abend angerufen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren.<br />
Er wird nämlich heute fünfundvierzig Jahre. Zweitens: Ich<br />
wollte dir nach diesem Telefonat von ihm und mir erzählen.<br />
Drittens: Ja, ich kann deine Empörung verstehen. Viertens:<br />
Ich kann Eberhard auch verstehen. Er wollte sich selbst<br />
ein Geburtstagsgeschenk machen und seinen Geburtstagsabend<br />
mit mir und vielleicht auch mit dir verbringen.<br />
Fünftens: Ich soll dir sagen, dass er uns nicht stören will<br />
und morgen wieder verschwindet. Sechstens: Er würde<br />
sich freuen, wenn du gleich mit uns essen gehst.“ Dann<br />
machte Veronika eine kurze Pause und fügte noch hinzu:<br />
„Ein gewisser Micki würde sich auch freuen! Eberhard hat<br />
nämlich den Hund seines Bruders mitgebracht.<br />
Während Veronikas langer Rede hatte Marta sich ein<br />
wenig beruhigt. Doch die Hundegeschichte machte wieder<br />
alles kaputt. Marta glaubte, dass man sie erpressen wollte,<br />
mit einem ausgeliehenen Hund, um sie zu trösten. „Geburtstage<br />
und Hunde von deinen Arbeitskollegen interessieren<br />
mich nicht“, sagte sie ziemlich sauer. „Lass mich<br />
einfach in Ruhe. Geh zu deinem Eberhard. Von mir aus<br />
auch die ganze Nacht. Ende der Sprechstunde!“ Dann<br />
zog sie sich ihre Bettdecke über den Kopf und stellte sich<br />
tot. Jetzt wusste Veronika genau, dass sie nichts mehr tun<br />
Bild: Wikipedia Commons<br />
Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />
konnte. Wenn Marta diesen Zustand erreicht hatte, war es<br />
aus und vorbei. Veronika blieb noch einen Moment auf der<br />
Bettkante sitzen, bevor sie zu Eberhard ging.<br />
Marta kroch langsam unter ihrer Bettdecke hervor und las<br />
in ihrem angefangenen Buch. Denn sterben wollte sie nicht<br />
und heulen auch nicht, obwohl die Handlung in dem Buch<br />
dann so traurig wurde, dass sie doch noch ein paar Tränen<br />
vergoss. Später schaute sie aus dem Fenster und versuchte<br />
die Sterne zu zählen und noch viel später fegte sie den Sand<br />
aus ihrem Bett und schlief tief und fest ein. Sie hatte auch<br />
nicht bemerkt, dass Veronika zurückgekommen war.<br />
Marta rührte sich nicht, bis ihre Mutter ausgeschlafen<br />
hatte. Sie schaute sie immerzu an und wollte endlich mit<br />
ihr reden. Also richtig reden, nicht so biestig wie am Abend<br />
vorher. Als Veronika ihre Augen aufschlug, sah sie sofort<br />
hellwach aus und schaute Marta ernst an. „Mensch Mama,<br />
wieso hast du mir nichts gesagt?“ „Ach Marta“, sagte sie.<br />
„Eberhard liebt mich schon ganz lange und das ich ihn auch<br />
liebe, ist mir erst vor kurzem klar geworden. Bis dahin war<br />
er immer nur ein guter Kollege und guter Freund. Mehr<br />
nicht.“ „Willst du ihn etwa heiraten?“ fragte Marta schnell.<br />
Veronika schüttelte den Kopf. „Soweit denke ich noch gar<br />
nicht. Die Liebe ist so eine komplizierte Sache. Besonders,<br />
wenn man sie schon einmal verloren hat. Dann fängt man<br />
ganz langsam und vorsichtig neu an.“<br />
Marta fand es super gut, wie ihre Mutter mit ihr sprach.<br />
Ja, sie kam sich richtig erwachsen vor. „Eberhard hat ein<br />
großes Herz“, sagte Veronika, „da ist viel Platz für mich.<br />
Auch für dich, wenn du es willst.“ „Aha, und warum ist<br />
der Hund bei Eberhard?“, fragte Marta neugierig. Veronika<br />
erzählte, dass der Hund von Eberhards Bruder eigentlich<br />
ins Tierheim sollte, weil er in eine <strong>neue</strong> kleinere Wohnung<br />
gezogen war. „So was Gemeines würde ich niemals<br />
tun“, bemerkte Marta sichtlich berührt. Ja und aus diesem<br />
Grund hat Eberhard Micki erst einmal zu sich genommen.<br />
Ob er ihn behalten kann, weiß er noch nicht, weil er ja den<br />
ganzen Tag arbeitet. Doch darüber würde er gerne mit dir<br />
reden. Er hat da nämlich so eine Idee.<br />
Nun wurde Marta neugieriger. „Ist Eberhard denn noch<br />
da?“ „Ja,“, antwortete Veronika. „Wir könnten mit ihm zusammen<br />
frühstücken, wenn du das willst.“ „Na klar, warum<br />
nicht“, antwortete Marta sofort. Jetzt mussten beide<br />
erst mal lachen. Doch eigentlich war es Marta noch gar<br />
nicht zum Lachen zu Mute. Nach dieser ganzen Aufregung<br />
musste sie sich erst wieder erholen. Doch der Hund interessierte<br />
sie sehr, und Eberhards Idee.<br />
Dann haben alle zusammen gefrühstückt, während Micki<br />
unter dem Tisch an Eberhards Füße lehnte. Marta hatte<br />
ihn zur Begrüßung gestreichelt, aber er wollte noch gar<br />
nichts von ihr wissen. Doch Marta schaute ihn sehr genau<br />
an und versuchte vorsichtig sein glattes Fell zu streicheln.<br />
Sie erkannte sofort, dass er nicht mehr der Jüngste und ein<br />
Mischling ist. Ein bisschen Dalmatiner und ein bisschen<br />
Jagdterrier. Als er dann plötzlich seinen Kopf hob und<br />
Marta anschaute, war es um Marta geschehen. Dann legte<br />
er seinen Kopf wieder ab.<br />
„Micki ist oft ganz still“, sagte Eberhard. „Sein Herrchen<br />
hat ihn verlassen. Das muss er erst mal verdauen.“<br />
Marta nickte und dachte: Armer Micki! Am liebsten hätte<br />
sie sich zu ihm gelegt. Einfach so an seine Seite. Ganz<br />
nah. Eberhard erzählte, dass er ihn gerne behalten möchte,<br />
aber nicht wüsste, wie das gehen sollte. „Du hattest<br />
doch eine Idee“, platzte es aus Marta heraus und sie bekam<br />
richtiges Herzklopfen. Sie ahnte nämlich etwas. <br />
Foto: Katharina Felgitsch<br />
26 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 27
Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />
„Ja“, sagte Eberhard und zögerte und fragte, ob Marta noch<br />
sauer sei. Die schüttelte ungeduldig den Kopf und meinte<br />
„Alles Gute noch zum Geburtstag.“ Und dann rückte<br />
Eberhard endlich mit seiner Idee raus. Er fragte Marta,<br />
ob sie sich nachmittags nach der Schule ein wenig um<br />
Micki kümmern könnte. Genau auf diese Frage hatte sie<br />
gewartet. „Ja klar!“ sagte sie. „Ich kann ihn immer nach<br />
der Schule abholen und mit zu meiner Oma nehmen. Die<br />
mag nämlich auch gerne Hunde und hat außerdem einen<br />
großen Garten. Abends kannst du ihn wieder abholen oder<br />
ich nehme ihn einfach mit zu uns.“ „Das hört sich ja alles<br />
super gut an“, sagte Eberhard und kraulte Micki unter dem<br />
Tisch. „Hey, deine Zukunft ist gesichert. Jetzt könntest du<br />
wenigstens zum Dank einmal bellen. Du kriegst ein sehr<br />
nettes Frauchen.“ Micki bellte tatsächlich zweimal ganz<br />
kurz, so wie. „Ja, ja!“<br />
Als Eberhard wieder nach Hause fahren wollte, fragte<br />
Marta ihn, ob er Micki nicht schon da lassen könnte. Doch<br />
das wollte Eberhard noch nicht, weil für Micki hier ja noch<br />
alles fremd und neu war. „Ok, dann fahren wir eben mit<br />
euch zurück“, entschied Marta ganz entschlossen. Veronika<br />
fiel fast vom Stuhl. Doch dann sind wirklich alle mit<br />
Micki und Eberhard zurück gefahren, weil Marta es so<br />
gerne wollte.<br />
Marta und ihre Mutter hatten schöne Tage auf der Paradieshalbinsel<br />
verbracht, aber den Rest der Ferien wollte<br />
Marta unbedingt mit Micki verbringen. Während der Autofahrt<br />
saß Micki neben Marta und fing irgendwann an,<br />
Marta zu beschnuppern. Das fand sie total schön! Irgendwann<br />
leckte er an ihrer Hand und sie meinte, er lächelte<br />
sie an. Ja wirklich! Irgendwann hat er sich eingerollt und<br />
ist neben Marta eingeschlafen. Marta saß selig neben ihm<br />
und hielt ihn in Gedanken schon in ihren Armen. Inzwischen<br />
sind alle schon über eine Woche wieder zu Hause.<br />
Micki gewöhnt sich langsam an Marta, die gewöhnt sich<br />
wiederum langsam an die Tatsache, dass Eberhard und ihre<br />
Mutter ein Liebespaar sind.<br />
Eberhard hat zwar einen Bauch und bald schon eine<br />
Glatze, doch er hat dafür gesorgt, dass Micki nicht ins<br />
Tierheim gekommen ist. Das rechnet ihm Marta hoch an!<br />
Insgeheim hofft sie, dass sie alle zusammen in den nächsten<br />
Ferien noch einmal nach Born fahren. Das möchte sie<br />
auf jeden Fall! Und Micki möchte das auch. Marta hat<br />
ihn nämlich gefragt, was er davon hält. Die Antwort war:<br />
Er hat sie wirklich angelächelt und wie verrückt mit dem<br />
Schwanz gewedelt!<br />
Ulla D’Amico<br />
28 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 29
Foto: Polizeipräsidium Oberbayern<br />
<br />
<br />
Gesellschaft<br />
Rate mal, wer hier ist!<br />
Wachsende Gefahr am Telefon<br />
Wir lesen es in der Zeitung, hören es im Radio,<br />
sehen es im Fernsehen: Da hat wieder mal ein<br />
älterer Mensch sein über lange Jahre Erspartes<br />
gewissenlosen Betrügern anvertraut. Jetzt ist alles weg,<br />
die Betrüger auch und niemand kann es mehr ändern. Die<br />
eigene finanzielle Absicherung, das Erbe für die Lieben –<br />
futsch! Wie konnte das passieren?<br />
Fangen wir mal bei uns an<br />
Wir haben unser Leben bisher ganz gut gemeistert.<br />
Leicht konnte uns niemand über den Tisch ziehen. Und<br />
jetzt? Richtig belastungsfähig sind wir nicht mehr. Unter<br />
Stress verlieren wir schon mal den Überblick. Aber das<br />
geben wir nicht zu. Eine Brille brauchen wir schon lange.<br />
Vielen Jüngeren geht es aber auch nicht besser. Richtig gut<br />
hören können wir auch nicht mehr. Trotz Hörgerät müssen<br />
wir uns gelegentlich zusammenreimen, worum es geht.<br />
Darüber macht sich unsere Sippe manchmal lustig oder<br />
wird ungeduldig. Sie meinen das nicht böse. Sie wissen es<br />
nicht besser. Und schließlich sind sie alles, was wir noch<br />
haben. Ihnen soll es gut gehen.<br />
Etwas mehr Kontakt zu ihnen wäre schön. Aber sie sind<br />
mit ihrem eigenen Alltag beschäftigt. Wir wollen nicht zur<br />
Last fallen. Da arrangieren wir uns eben mit dem bisschen<br />
Einsamkeit und den Einschränkungen und freuen uns über<br />
jeden Kontakt.<br />
Und die Betrüger?<br />
Die wissen das alles über uns alte Leute. Sie wissen über<br />
unsere Einsamkeit, über unseren guten Willen unsere Unsicherheit<br />
im Alltag. Das nutzen sie aus. Sie haben gelernt unsere<br />
Gutmütigkeit, unsere Unsicherheit, unsere körperlichen<br />
Einschränkungen unsere Sehnsüchte anzusprechen, um an<br />
unser Geld zu kommen. Sie sind keine Einzeltäter sondern<br />
kriminelle Banden. Je wehrloser wir sind, desto entschlossener<br />
schlagen sie zu. Sie suchen Menschen unseres Alters<br />
und erkennen uns an unseren Vornamen im Telefonbuch.<br />
Eine Cindy oder einen Roger rufen sie gar nicht erst an.<br />
Sie haben gelernt, wie man das macht. Wenn uns einer<br />
anruft, stehen andere schon bereit um gemeinsam zuzuschlagen.<br />
So schnell, dass uns vielleicht Bedenken kommen,<br />
wir aber keine Zeit haben zum Nachdenken, zum Beraten.<br />
Sie nehmen uns das Heft des Handelns im Rutsch aus der<br />
Hand, führen uns wie willenlose Marionetten.<br />
Die Masche<br />
1. Das Telefon klingelt. Wie schön, jemand interessiert<br />
sich für uns. Wir heben ab und melden uns. Dann kommt:<br />
Rate mal, wer hier ist. Wenn wir uns auf so eine Dreistigkeit<br />
einlassen, haben wir schon halb verloren.<br />
Die Gefahr besteht, dass wir bereits mit der ersten Antwort<br />
Informationen über uns geben, die die Betrüger am<br />
anderen Ende der Leitung brauchen, um uns so einlullen<br />
zu können, dass wir ihnen glauben: Wir nennen Namen aus<br />
Familie und Freundeskreis.<br />
Am besten beenden wir jetzt das Gespräch.<br />
Kein Freund, kein Enkelkind käme auf die bescheuerte<br />
Idee, uns raten zu lassen. Die wissen, dass wir schwerhörig<br />
sind und nehmen Rücksicht. Spätestens wenn wir antworten:<br />
„Lass den Unfug, sag mir, wer Du bist.“, gäben sie sich<br />
eindeutig zu erkennen. Wer das nicht tut, will an unser Geld!<br />
Haben wir uns doch auf diese Dummheit eingelassen,<br />
kommt belanglose Plauderei: Wie geht es Dir? – Was<br />
machst Du gerade?<br />
Am besten beenden wir jetzt das Gespräch.<br />
Wenn wir doch erzählen, geben wir weitere wichtige<br />
Informationen über uns. Die schreibt jemand am anderen<br />
Ende der Leitung auf und entwirft eine Strategie, an unser<br />
Geld zu kommen. Hören wir schwer? Sehen wir schlecht?<br />
Sind wir einsam? Fühlen wir uns nicht ganz gesund? – Wie<br />
schön für die Betrüger. Dann sind wir ja leichte Beute, weil<br />
wir gut unter Druck zu setzen sind. Kümmert sich jemand<br />
um uns? Bringt uns Essen? Kauft ein? Gut zu wissen für<br />
Betrüger. Dann müssen sie vermeiden, dass solche Hilfen<br />
etwas merken können. Sind wir nicht mehr gut zu Fuß?<br />
Aha, dann können die Betrüger schon mal erkunden, wo<br />
ein Taxidienst angesiedelt ist, den sie uns bestellen können,<br />
damit er uns zur Bank fährt.<br />
Wenn sie genug über uns erfahren haben, ändern die Betrüger,<br />
die uns Oma oder Opa nennen oder mit dem Vornamen<br />
ansprechen, die Taktik. Sie lassen die Katze aus dem Sack:<br />
Du, ich habe ein Problem ... Ich habe einen Unfall gebaut.<br />
Wenn ich nicht sofort zahle, muss ich ins Gefängnis. Oder:<br />
Ich kann gerade ein tolles Haus kaufen, muss aber sofort was<br />
anzahlen, sonst ist es weg. Ich gebe es Dir morgen wieder.“<br />
Am besten beenden wir jetzt das Gespräch.<br />
Wer einen Unfall bezahlt oder nicht, entscheidet ein Gericht.<br />
Das dauert. Wer ein Haus kaufen will, bezahlt nach<br />
Notarvertrag per Überweisung. Jetzt sind die Kriminellen<br />
am anderen Ende der Leitung schon ziemlich sicher, dass<br />
sie uns an der Angel haben. Und sie halten uns für dumm.<br />
Denn sie fragen: Wieviel hast Du denn?<br />
Am besten beenden wir jetzt das Gespräch.<br />
Sie wollen nämlich alles haben. Dafür müssen sie wissen,<br />
wieviel zu holen ist. Wenn wir so mitleidig, aufgewühlt,<br />
kopflos sind Auskunft zu geben, ist es schon <br />
30 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 31
Gesellschaft<br />
Gesellschaft<br />
fast zu spät. Sie geben sich auch mit weniger zufrieden als<br />
sie angeblich brauchen. Hauptsache, sie kriegen das Geld.<br />
Dabei darf es nur keine Zeugen geben. Deshalb kommt<br />
jetzt die Verhinderungsgründe: Die Polizei lässt mich hier<br />
gerade nicht weg / Ich kann nicht selbst kommen / Ich schicke<br />
jemanden, der das Geld abholt und mich hier auslöst.<br />
Spätestens<br />
jetzt müssen wir das Gespräch beenden!<br />
Wenn unser angebliches Enkelkind, unsere angebliche<br />
Freundin selbst käme, sähen wir ja, dass wir betrogen werden<br />
sollen. Für so doof halten uns die Kriminellen dann doch nicht.<br />
Es wird so werden, dass wir unser sauer Erspartes selbst<br />
auf der Bank abheben, einem wildfremden Menschen übergeben,<br />
von dem wir noch nicht einmal den Personalausweis<br />
gesehen haben. Dieser Mensch wird uns freundlich ansprechen,<br />
für unsere Hilfsbereitschaft loben, und von Enkelkind,<br />
Freundin grüßen, alles tun um uns zu beruhigen und dann<br />
unauffällig schnell verschwinden. Dafür bestellen sie uns<br />
sogar ein Taxi, wenn wir das alleine nicht mehr schaffen.<br />
Sie haben alles eingeleitet. Wir müssen nur noch funktionieren.<br />
Wir müssen nur noch selbst zur Schlachtbank gehen.<br />
Wir müssen nur noch selbst für unseren guten Willen bezahlen.<br />
Und weil das so ist, beenden jetzt die Kriminellen ganz<br />
schnell das Telefonat. Uns schwirrt der Kopf. Wir stehen<br />
unter Zeitdruck. Das hat so keinen Zweck. Wir machen<br />
Folgendes: Wir setzen uns und rufen selbst die Polizei<br />
an: 110! Denen erzählen wir, dass wir Geld an fremde<br />
Menschen geben sollen, weil unser Enkelkind einen Unfall<br />
hatte oder ein Freund ein Haus kaufen will oder …<br />
Dann hören wir der Polizei zu! Wir wissen, dass es<br />
die Polizei ist. Schließlich haben wir sie selbst angerufen.<br />
Die Polizei ruft nie, nie, nie unter der Nummer 110<br />
selbst an. Falls jemand mit so einer Nummer im Display<br />
des Telefons anruft, sind es Betrüger!<br />
Wenn das erledigt ist, können wir vertraute Menschen<br />
anrufen. Vielleicht brauchen wir ein paar Versuche. Irgendwer<br />
wird da sein, uns beruhigen, zu uns kommen. Die<br />
Haustüre, die Wohnungstüre öffnen wir erst, wenn wir sicher<br />
sind, dass dort kein fremder Mensch steht. Dafür hat<br />
in so einem Fall die Polizei Verständnis. Die will nicht unser<br />
Geld sondern Sicherheit für uns.<br />
Und falls die Betrüger nochmals anrufen, was tun wir<br />
dann? Dann erinnern wir uns daran, was wir in der Schule<br />
vom ollen Goethe gelernt haben. Was sagte Götz von Berlichingen?<br />
„Sage er seinem Herrn, er könne mich…“ Das<br />
ist nicht unhöflich. Bei der Kundschaft am Telefon ist das<br />
nicht nur erlaubt sondern angebracht.<br />
Damit Sie im Ernstfall nicht kopflos werden, können Sie<br />
sich den Leitfaden für Betrugsversuche an Ihren Telefonierplatz<br />
hängen. Wenn Sie das Übel erwischt, können sie sich<br />
daran festhalten und die Überredungsversuche der Betrüger<br />
einordnen. Sie können sich auch versichern, dass Sie sich<br />
richtig verhalten, wenn Sie sich weigern mitzuspielen.<br />
Tilla-Ute Schöllchen<br />
Wieder einmal sitze ich an einem<br />
Sonntagnachmittag allein in meinem<br />
Wohnzimmer. Das Wetter<br />
lässt es nicht zu, dass ich spazieren gehe,<br />
es gießt in Strömen. Mein Telefon schweigt<br />
beharrlich, ist es am Ende tot? Ich teste.<br />
Das lange Tuuuuuut macht meinen Frust<br />
noch größer. Warum rufen meine Kinder<br />
nicht an? Geht es ihnen gut? Ich weiß, dass<br />
sie sehr beschäftigt sind und sonntags ihre<br />
Ruhe brauchen, trotzdem…! Früher wurde<br />
ich gebraucht. Heute komme ich mir vor<br />
wie ein alter Topf mit Sprung, der in der<br />
hintersten Ecke des Schrankes steht.<br />
Als mein Mann Fred vor drei Jahren verstarb,<br />
ist meine Welt stehen geblieben. Fred<br />
war mein Lebensmittelpunkt, Es gab nichts,<br />
was wir nicht zusammen gemacht hätten.<br />
Wir hatten gemeinsame Freunde und die gleichen<br />
Hobbys. Damals habe ich mich mitunter<br />
nach ein wenig Zeit nur für mich gesehnt,<br />
hätte gerne noch mal was Neues ausprobiert.<br />
Doch durch Freds Schlaganfall änderte sich<br />
unser Leben von einem Tag auf den anderen.<br />
Die zweijährige Pflege erforderte meine<br />
ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Dennoch<br />
möchte ich keinen Tag davon je missen. Ich habe mich lange<br />
in meine Trauer versenkt. Lebte wie in einer Blase, hab mich<br />
versteckt und wurde mehr und mehr depressiv.<br />
Als meine Freundin Betty schwer an Corona erkrankte<br />
und ich sie nicht im Krankenhaus besuchen durfte, wurde<br />
mir meine selbstgewählte Isolation bewusst. Ich erkannte,<br />
dass ich etwas ändern musste, was sich jedoch durch den<br />
Lockdown schwierig gestaltete. Nun konnten mich auch<br />
meine Kinder nicht besuchen und ich fühlte mich wie in<br />
Einzelhaft. Der Familien- und Freundeskreis dünnte sich immer<br />
mehr aus. Schwager und Schwägerin verstarben, ebenso<br />
meine langjährige Tennispartnerin Iris. Auch mit meiner<br />
Gesundheit ging es bergab. Herzrasen, Schlaflosigkeit und<br />
Magenprobleme ließen mich Dauergast in meiner Hausarztpraxis<br />
sein. Ich verlor das Interesse am Leben teilzunehmen.<br />
Eines Abends fiel mir beim Aufräumen ein Zettel mit<br />
der Telefonnummer meiner Studienkollegin Helga in die<br />
Hände, die ich über drei Jahre nicht gesehen hatte. Ich<br />
nahm all meinen Mut zusammen und wählte die Nummer.<br />
Als ich ihre freundliche Stimme hörte, und die Freude, als<br />
ich meinen Namen nannte, fiel mir ein Stein vom Herzen.<br />
Wie selbstverständlich plauderten wir über alte Zeiten, als<br />
ob die Zeit stehen geblieben wäre. Auch sie war verwitwet,<br />
hatte aber schon immer ein sehr eigenständiges Leben<br />
geführt. Sie gab Deutschkurse für Flüchtlinge, engagierte<br />
Einsam<br />
Sich gesellschaftlich einbringen wird immer wichtiger.<br />
sich in der Politik und besuchte einen Schreibkurs. Ich sog<br />
alle ihre lebendigen Erzählungen auf, wie ein trockener<br />
Schwamm. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr mir meine<br />
soziale Isolation geschadet hatte, wie ängstlich, nervös<br />
und verspannt ich war.<br />
In den nächsten Wochen telefonierten wir regelmäßig.<br />
Als die Coronamaßnahmen gelockert wurden trafen wir uns<br />
zu Spaziergängen und im Café. Wir gingen ins Kino und<br />
besuchten Museen. Irgendwann lud sie mich zu einer politischen<br />
Gruppe ein, der ich mich dann anschloss. Da war<br />
etwas, dass mir wichtig erschien, mich umlenkte zu einer<br />
gesellschaftlichen Aufgabe, an der es zu arbeiten galt. Wir<br />
diskutierten und demonstrierten für unsere Demokratie.<br />
Endlich bekam mein Leben wieder Sinn, drehte sich<br />
nicht nur um mich und mein Leid. Es gab so viel, wofür<br />
es sich lohnte zu leben und zu kämpfen. Ich ließ mir das<br />
Programm der Volkshochschule kommen, schrieb mich in<br />
einen Französischkurs ein und ergatterte tatsächlich einen<br />
der begehrten Plätze einer Schreibwerkstatt. In diesem<br />
Sommer blühte ich regelrecht auf, was auch meine Kinder<br />
sehr erfreut registrierten.<br />
Und manchmal möchte ich auch allein sein, nur mit mir,<br />
um in aller Demut für mein Glück zu danken. Ja, das Leben<br />
hält so viel bereit, man muss es sich nur nehmen.<br />
Heidrun Päulgen<br />
32 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 33
Gesellschaft<br />
Gesellschaft<br />
Kommentar<br />
Das Repair Café<br />
Die Alternative zum Wegwerfen<br />
Repaircafe im Dietrich-Bonhoeffer-Haus Kreuztal, Leipziger Straße 6<br />
Viele unserer älteren Leserinnen und Leser werden sich<br />
daran erinnern, wie es in ihrer Kindheit und Jugend zuging,<br />
wenn ein Haushaltsgegenstand schadhaft wurde.<br />
Der Papa oder der Opa nahm sich der Sache an, besorgte notfalls<br />
ein Ersatzteil und behob den Schaden. Und wenn sich<br />
die Sachlage als zu kompliziert erwies, dann gab es im Ort<br />
jemanden, der die notwendige Fachkenntnis besaß und Unterstützung<br />
leistete – ohne dass von einem Entgelt die Rede war.<br />
Als das Wirtschaftswunder so richtig Fahrt aufgenommen<br />
hatte, änderte sich bei Vielen die Einstellung. Man musste<br />
Freunden und Bekannten schließlich zeigen, dass es einem gut<br />
ging. Die bewährten Teile entsprachen nicht mehr dem „Zeitgeist“<br />
und wurden gegen Neues ausgetauscht. Und manches,<br />
das heute als Antiquität seine Liebhaber finden würde, landete<br />
auf der Müllhalde. Die „Wegwerfmentalität“ feierte ihre ersten<br />
anrüchigen Triumphe.<br />
Angesichts der Tatsache, dass im Laufe der Jahrzehnte die<br />
Müllberge ständig höher und die negativen Auswirkungen auf<br />
die globale Umwelt immer mehr sichtbar wurden, gab es viele<br />
Initiativen, diesem „Zeitgeist“ entgegen zu wirken.<br />
Die wohl erfolgreichste stammt von der Niederländischen<br />
Journalistin Martine Postma. Sie schuf nicht nur den Begriff<br />
„Repair Café“, sondern organisierte am 18. Oktober 2009 auch<br />
die allererste Einrichtung dieser Art in Amsterdam. Es war auf<br />
Anhieb ein Erfolg. Das englische Wort „repair“ bedeutet ausbessern<br />
bzw. reparieren. Damit ist klar, um was es geht.<br />
In vielen Ländern auf der ganzen Welt fanden sich<br />
Gleichgesinnte und die Gesamtzahl der Repair Cafés<br />
liegt derzeit bei knapp zweieinhalb Tausend.<br />
Dass diese „Alternative zur Mülltonne“ etwas für<br />
sich hat, liegt auf der Hand. Defekte Alltagsgegenstände<br />
werden zu <strong>neue</strong>m Leben erweckt – und das<br />
geschieht ehrenamtlich und damit kostenlos. Lediglich<br />
die Ersatzteile müssen bezahlt werden. Und überhaupt<br />
sollte man unabhängig vom Gel<strong>db</strong>eutel grundsätzlich<br />
das, was zu reparieren ist, auch wiederherstellen.<br />
Das Projekt stieß auch im Kreis Siegen-Wittgenstein<br />
auf fruchtbaren Boden. Unter anderem gibt es<br />
Reparatur-Treffs in Hilchenbach, Siegen, Geisweid,<br />
Wilnsdorf, Erndtebrück und in Kreuztal. Die letztgenannte<br />
Einrichtung wollen wir nachstehend beleuchten und haben<br />
uns dazu mit Ulla Schreiber in Verbindung gesetzt. Die Eichenerin<br />
ist vielseitig engagiert und im nördlichen Siegerland<br />
auch bekannt als „Seniorensicherheitsberaterin“. In dieser Eigenschaft<br />
berät sie ältere Menschen über Telefonbetrügereien<br />
und dergleichen.<br />
Über den Werdegang der Kreuztaler Werkstätte teilt sie<br />
mit: „Das Repair Café Kreuztal, dem ich angehöre, wurde<br />
2016 in Fellinghausen im Haus Bickemer vom Förderverein<br />
‚Unter uns‘ eröffnet; wir waren das 300. von inzwischen rund<br />
860 in Deutschland! Nach Vereinsaufgabe 2018 zogen wir in<br />
die Kreuzkirche Kreuztal um. Wegen der dort geplanten Umbauarbeiten<br />
wechselten wir im Mai <strong>2022</strong> ins Dietrich-Bonhoeffer-Haus<br />
in der Leipziger Straße 6. In den Anfängen gab<br />
es Kaffee und Kuchen, der zu bezahlen war. Leider ist dieser<br />
Service derzeit wegen fehlender Kapazitäten nicht möglich.“<br />
Ulla Schreiber ist für die Organisation zuständig und schildert<br />
nachstehend den Alltag der Gruppe: „Meine vier ‚Reparateure‘<br />
und ich treffen uns bereits um 13.30 Uhr und bereiten<br />
uns auf den Besucheransturm vor. Es sind alles erfahrene Hobby-Bastler<br />
und geduldige Tüftler. Da ich für die Organisation<br />
zuständig bin, sitze ich in der Anmeldung und weise die anstehenden<br />
Reparaturen der jeweiligen Fachkraft zu.<br />
Es ist 13.45 Uhr und die erste Besucherin erscheint mit einer<br />
Nähmaschine. Nach Erledigung der<br />
Anmeldeformalitäten schicke ich sie<br />
zum ersten freien Mitarbeiter.<br />
Die Nächste, bitte. Eine sehr adrette<br />
und etwas eilige Dame stellt eine<br />
Küchenmaschine vor mich. ‚Kann ich<br />
sie um 15.30 Uhr wieder abholen? Ich<br />
will noch einkaufen!‘ Freundlich, aber<br />
bestimmt antworte ich: ‚Das geht leider<br />
nicht; wir sind kein Reparaturbetrieb.<br />
Sie müssen bei der Reparatur dabei sein,<br />
wir leisten ja Hilfe zur Selbsthilfe! Das können wir nur, wenn<br />
sie zuschauen und selbst Hand anlegen. Die Zauberformel heißt:<br />
Learning by Doing; auf Deutsch: Lernen durch Handeln. Beim<br />
nächsten Mangel können sie die Reparatur dann vielleicht schon<br />
selbst erledigen.‘ Ärgerliches Unverständnis bei meinem adretten<br />
Gegenüber. Sie will dann beim nächsten Mal wiederkommen,<br />
sagt sie, heute hat sie keine Zeit mehr.<br />
Ein älterer Herr bringt ein Bügeleisen und eine kleine Lampe.<br />
‚Das geht leider nicht, pro Person bitte nur ein Teil, sonst müssen<br />
die Anderen zu lange warten oder kommen gar nicht an die Reihe‘,<br />
sage ich. Er versteht es, Gott sei Dank. Manchmal muss ich<br />
nämlich länger mit den Besuchern diskutieren.<br />
Und nun geht es rund. Schlag auf Schlag folgen ein Mixer, ein<br />
Wasserkocher, ein Rasenkantenschneider, ein Bügeleisen, eine<br />
Kaffeemaschine und noch zwei Nähmaschinen. Die haben inzwischen<br />
den Staubsaugern den Rang abgelaufen. Als wir 2016<br />
mit dem Reparieren anfingen, waren sie der Hit. Oft war nur der<br />
Staubsaugerbeutel voll oder das Saugrohr mit Fusseln verstopft.<br />
Die Produktpalette der defekten Teile ist sehr vielfältig. Manchmal<br />
gewinne ich den Eindruck, dass einige kaputte Teile aus dem<br />
Dornröschenschlaf geweckt wurden. Ob sie tatsächlich nach geglückter<br />
Reparatur wieder benutzt werden?!<br />
Wir hatten sogar schon einen echten ‚Notfall‘. Zwei Frauen in<br />
Reitermontur kamen mit einer Scheermaschine offensichtlich direkt<br />
von der Weide. Die Maschine war durch zu viel Fell verstopft<br />
und heiß gelaufen. Ein Mitarbeiter kümmerte sich sofort darum.<br />
Nach erfolgreicher Instandsetzung konnten die Damen wieder zu<br />
dem wartenden Pferd zurückkehren. Es hat sich sicher gefreut,<br />
dass die Schur weitergehen konnte.<br />
Die erste Nähmaschine kommt zu mir an die Anmeldung zurück.<br />
Auf dem Anmeldebogen vermerke ich, ob die Reparatur erfolgreich<br />
war. Diesmal: Daumen hoch; es hat geklappt und die<br />
Besitzerin geht glücklich nach Hause.<br />
Mittlerweile rückt der Zeiger auf 15.40 Uhr. Annahmeschluss<br />
ist vorbei und meine Männer sind auf der Zielgeraden. Da geht<br />
die Tür auf und ein Senior im Rollstuhl kommt noch; er bringt einen<br />
defekten Maulwurfschreck. Das ist ein elektrisches Gerät, das<br />
Vibrationen, Geräusche oder Schallwellen sendet, um Maulwürfe<br />
aus dem Garten zu vertreiben.<br />
Ich bringe es nicht übers Herz, den Mann wegzuschicken. Die<br />
Reparateure kümmern sich mit vereinten Kräften um das Teil, leider<br />
vergeblich. Es ist nicht zu retten und muss in den Müll. Man<br />
kann nicht immer alles reparieren. Die Maulwürfe haben nochmal<br />
Glück gehabt.<br />
Es ist 16.30 Uhr; wir haben aufgeräumt und unsere Sachen<br />
zusammengepackt. Wir freuen uns schon auf das nächste Repair<br />
Café, das an jedem 1. Montag im Monat im Dietrich-Bonhoeffer-<br />
Haus von 14 bis 16 Uhr stattfindet.<br />
Zum Schluss noch dies: Neue Mitarbeiter mit handwerklicher<br />
Begabung sind bei unserer lustigen Truppe jederzeit hochwillkommen;<br />
ein Spezialgebiet ist hierbei keine Bedingung. Zur<br />
Kenntnis geben muss ich noch, dass elektronische Geräte wie<br />
Smartphones, Computer und dergleichen bei uns nicht repariert<br />
werden können.“<br />
Ulli Weber<br />
Ist man so alt<br />
wie man sich fühlt?<br />
Ich denke, jeder<br />
kennt diesen<br />
Spruch:<br />
„Man ist so alt,<br />
wie man sich<br />
fühlt“. Kann gut<br />
sein, aber dann<br />
variiert mein Alter<br />
täglich, manchmal<br />
stündlich<br />
und ich schwanke<br />
zwischen 18 und<br />
80. Nach meiner<br />
Geburtsurkunde<br />
bin ich 70. Das<br />
Umfrageinstitut<br />
INSA* sagt, dass<br />
erst Menschen über 70 als alt angesehen werden. – Da<br />
habe ich nochmal Glück gehabt.<br />
Das Deutsche Institut für Altersvorsorge hat in einer<br />
Studie 2018 festgestellt, dass sich die Wahrnehmung<br />
des Alterns mit zunehmendem Alter nach hinten<br />
verschiebt. Bedeutet, dass z.B. Menschen unter 40 die<br />
60jährigen als alt empfinden. Für die Ü-40 dagegen ist<br />
man erst über 70 alt usw. So weit, so gut. Viele von<br />
uns sind noch ziemlich fit und tun sehr viel dafür, damit<br />
es so bleibt. Wir treiben Sport, ernähren uns (fast)<br />
gesund, wir sehen gut aus, sind flott frisiert und chic<br />
gekleidet. Man sieht uns unser tatsächliches Alter nicht<br />
unbedingt an. Darauf sind wir stolz, mit Recht. Doch<br />
mal Hand aufs Herz: Sind wir nicht etwas, sagen wir<br />
mal, seltsam berührt, wenn wir aus irgendeinem Grund<br />
als ältere Dame oder älterer Herr bezeichnet werden?<br />
Was im Prinzip ja auch zutrifft.<br />
Ich arbeite in einer Apotheke und wenn Kunden<br />
nach mir fragen und meinen Namen nicht kennen,<br />
werde ich manchmal als ältere Dame mit den rötlichen<br />
Haaren bezeichnet. Hm? Stimmt doch, denke<br />
ich, oder? Egal, die meisten schätzen mich zehn Jahre<br />
jünger, das tut meiner Seniorenseele sehr gut! Älter<br />
werden ist nichts Schlimmes oder Schlechtes, es kann<br />
sogar von Vorteil sein, es heißt, dass man netter, verträglicher,<br />
gewissenhafter und weniger launisch wird.<br />
Ausnahmen bestätigen die Regel, könnte sein, ich<br />
bin eine! 70 Jahre und kein bisschen leise (Abwandlung<br />
des Liedtextes von Evelyn Künneke, in dem es „weise“<br />
heißt)! Alles in Allem komme nun auch ich bei näherem<br />
Überlegen und In-Mich-Gehen zu dem Schluss: Man<br />
ist so alt, wie man sich fühlt! In diesem Sinne: Bleiben<br />
Sie gesund und gelassen! <br />
•<br />
*INSA ist das Institut für <strong>neue</strong>, soziale Antworten, Erfurt<br />
Heute von Ulla Schreiber<br />
34 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 35
Mundart<br />
Geschichtcher aus dr Schnorrboartsecke<br />
von Sigrid Kobsch, Burbach<br />
Dr Jesangsverein öwt ...<br />
von Bruno Steuber, Littfeld<br />
Mundart<br />
Korz un knapp<br />
Ech sei ie dr Schnorrboartsecke offgewoese. Us gäriwwer,<br />
off dr annern Schdrooßeseide woahnden<br />
dr Robert-Padde un de Bertha-Gothe. Fierm Haus<br />
hadden se datt Breehloch bet nem Eisedäggel abgedäckt<br />
un dodroff en dicke Schdai gelääd.<br />
Wenn mir Kenner us off däen Schdai schdallden un hie<br />
un här waggelden, knallde datt schie laud off däem Eisedäggel,<br />
un da wull dr Robert-Padde verreckd wäern. „Verdammde<br />
Sadaner woardet, wenn ech au kreje“ bröllde hä<br />
un lief bet dr Gaißel henner us här un jaigde us dorch de<br />
Oaln*. Hä woar zwoar net sue flott wie mir, awwer de Gaißel<br />
hadde en lang Schnur un manchmol troof hä us em de<br />
naggije Baa. Autsch, datt petzde!<br />
Eimol doachde ech: „Mr därf nur sei eijene Kenner<br />
schwoarde un net die voa annern Lei. Ech sanet hait<br />
Owend dm Babba, da es dr Robert-Padde Zwaider!“<br />
Ech kunn net erwoarde bis mei Vadder voa dr Arwet koom.<br />
„Babba, dr Robert-Padde hat us bet dr Gaißel geschlaa!“ – Un<br />
watt saade mei Vadder: „Da hoarerd och verdient“! •<br />
*Oaln = enger Durchgang zwischen zwei Häusern<br />
Kabiddel beendet<br />
Ech hadde emmer geglaabt, dr Robert-Padde kinn mich<br />
net leire, weil ech äehn manchmol aijerde.<br />
Awwer eimol harre mich verwunnerd. Et woar im Wender,<br />
un se hadden geschlachdet. Du rief hä mich: „Kend,<br />
kommol här! Wellde e Nierche?“ Un hä schenkde mir e<br />
gekocht Nierche, datt woar noch woarm – direkt aus dm<br />
Worschtkessel.<br />
Ech hadde noch nie fier mich alla e Nierche gehatt, un sue<br />
bess ech emmer nur ganz klaane Schdeggelcher ab, datt ech<br />
reecht lang dovoa hadde. Un et schmuug ganz wunderbar!<br />
Poar Wuche schhbärer schlachdeden mir. „Omma, kaan<br />
ech e gekocht Nierche hoa?“ frochde ech.<br />
„Wu käme mir da hie, wenn he jeder e Nierche will –<br />
sue e Saideer hat nur zwai!“ „Awer dr Robert-Padde hat<br />
mir och ai geschenkt!“ – „Da hoa däem sei Sai miener<br />
Niercher wie de uss!“<br />
Dobet woar datt Kabiddel beendet – un ech hoa en zeitlang<br />
geglaabt, dm Robert-Padde sei Miggeser hädden dr<br />
Buch voll Niercher!<br />
•<br />
2 Fotos: Mudersbach<br />
Ern Halbkreis setzt de Sängerschar, on scharrt bet Stöhl' on Fösse,<br />
dr Dirijend guggt streng, stömmt a " No weIl dr Lenz os größe ... "<br />
Dn Kammerton, jemeint es A, dän hät hä alt vernomme,<br />
noch schwingt de Gawel äm am Ohr, D-Dur mößde etz komme.<br />
Noch stömme Ton on Esatz net, de Bässe si am brommeln,<br />
Tenöre, murrt dr Chefvam Chor, son röich si, on sech domrnein.<br />
Bim Horst vibriert sin degger Buch, dm Franz sin Schnörres waggelt,<br />
dr Henner stömmt sin Solo a, doa würd net lang jefackelt.<br />
Dr Dirijend sin Stöckche hierwt, on fochdelt bet de Arme,<br />
die Kerle si net stömmich hö, mer könn' sech grad erbarme.<br />
Derbest, hä klobbt etz erseht moal af, hä es jo ken Banause,<br />
die trüjje Loft giert a de Stömm, se mache erschd moal Pause.<br />
On trenke ser en Fläsche Bier, doanoa si se entspaImt,<br />
vierstömmich klingt et, wie jeschmeert, woröm, dat es bekannt.<br />
Sauber hört sech dat Solo a, fein pianissimo,<br />
dr Esatz hät och got jeklappt, die Sängerschar es froh.<br />
Se singe, dat ei'm 't Herz obgiert, mer es de Tröa baI noa,<br />
det Mul witt ob, dr Goldzah bletzt, so südd mer se doa stoah.<br />
Etz schloa se ob dat Silcherleed vam" alten Elternhaus",<br />
"Es löscht", dat es dr Höhepunkt, " das Meer die Sonne aus".<br />
Zom Schluß ertönt dat ale Leed vam schüerne Weesegrond,<br />
Dr Dirijent senkt stell dn Stab, on dusse lörrt en Hond ....<br />
Wat es Duggeln?<br />
Et giert em Lejje on em Setze,<br />
mr kömmt zor Rouh', hört ob ze hätze,<br />
eh däm Zostand häd mr god lache,<br />
joa, duggeln es'n schüerne Sache.<br />
Mr könn jo obstoah, wenn mr wöll,<br />
doch moß mr net, wenn mr net well.<br />
Dat Duggeln sän ech es jewess<br />
dat wat bim Audo Leerlouf es.<br />
Jedanke löasst mr goa on komme,<br />
fast schlöaft mr eh, jenaujenomme,<br />
mr löasst sech falln on es entspannt,<br />
Halfschloaf wüerd sowat och jenannt.<br />
Dr deepsde Zostand es erreicht,<br />
wenn ei'm e Scharcherche entfleucht.<br />
Dr Läwensakku wüerd jelare,<br />
bes etz doa dat noch nemet schare.<br />
On doazo brucht mr, kast drob wedde,<br />
noch nerremoal en Schloaftabledde.<br />
36 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 37
Mundart von Ulrich Schöllchen, Burbach<br />
Historisches<br />
Dä stimmhafte retroflexe Approximant<br />
Ech glaabe jo net, dat jeder waiß, wat dää „stimmhafte<br />
retroflexe Approximant“ öss. Abber ihr brucht au<br />
derwege net ze schaame, weil et noch net sue lang<br />
här öss, dat ech et waiß. Abber ech klärn au etz amå off.<br />
Ierscht amå zwue Begechnunge, zer Illustration, die<br />
mier Hicke verzallt hå.<br />
Ierschte Begechnung: A pår vå dæne wårn emå ie Südtirol<br />
un wulle då n Führung maache. Wie se åm Treffpunkt<br />
wårn, riefe se nåm Turistebüro, se wärn etz då un dr Führer<br />
künn kumme. Un wat kåm? Se kåme zm Zwaite. Dr<br />
Ierschte, dat wår dr Fremdenführer, un dr Zwaite, dat wår<br />
– e Dolmetscher!<br />
Zwaite Begechnung: Wörrer a pår voa dæne wårn amå<br />
ie Süddeutschland, ie München glaabe ech. Se stunne då<br />
off m Bahnhof or off m Flughafen or sue. Du kåm iemes<br />
nå æhn un wull wat wösse. Nå ja, die Hicke saaten æm dat,<br />
wat hä wösse wull.<br />
Wie hä zerecke ging nå seine Lei, du hierten se, wie hä<br />
saate: „Ich glaube, das sind Amerikaner, aber die sprechen<br />
ganz gut Deutsch !“<br />
Wuhär kimmt dat?<br />
Dat kimmt dåhär, dat die Amis e aales Englisch schwätze,<br />
wat aus Irland kimmt.<br />
Die Ire rolln nämlich dat R sue wie mier. Dat öss<br />
dä „Stimmhafte retroflexe Approximant“. „Stimmhaft“<br />
mähnt: Mr hüürt et. „Approximant“ mähnt: Et wärd bm<br />
offene Maul gesaat. Un „retroflex“ haißt : De Zung öss<br />
nå hönne geboje.<br />
Die moderne Englänner, die rolln dat R går nimmier<br />
sue. Då verschwinnt dat eher schue amå ie dr Nås: „Memböhs<br />
of Pahlament, åådr !“<br />
Mr kaa dæn Approximante och übe bött sue Spröch wie:<br />
Dehaam hån ech net dr Hoot off…<br />
„Wie gieht dr Wech nå Koblenz? Hönner Rrennerrod rreechts<br />
römm un da de Rrhein erroff.“ Or: Im nördliche Siejerland<br />
gerret n Metallbaubetrieb, un dä Chef mellte sich åm Delefon<br />
bött: „Apparratebau Rrath, Rrath am Abberrath.“<br />
Un da hån ech noch enn våm Brauns Jürjen vå<br />
Rennsdorf, dä etz åm Gänsestöck wåhnt :<br />
Wat öss dat? Unnerr Wasserr Rrömmschwömmtierrcher<br />
Rrie- un Rrausguckabberrat ?<br />
Etz sain ech awwer droff kumme, dat et noch sue a anneres<br />
Rr gett, bött dæm mr Platt schwätze kaa, sue a idalienisches,<br />
wu mr awwer n flotte Zong für bruch.<br />
„Arrmando Maccarroni prrego!“<br />
Dat gehürt net zo de genannde Approximante, sonnern zo<br />
de „Vibrante“, weil do de Zong sue flott vibriert. Dat kaa mr<br />
och übe bött: „Brruno brringt frrische brraune Brrötchen.“<br />
Dt Örtersch Tilla vå Gelsbich, dat schwätzte Platt bött sue<br />
em idalienische Rr. Wie dat emå nå Gelsbich kumme öss, ob<br />
et då må „Idalienische Nächte“ gåb or suwat, waiß ech net.<br />
Jedenfalls det Örtersch Tilla bestårte sech ie de Vierziger<br />
Jåhr bött dm Brolls Edmund. Un die zwai Könner vå<br />
dæn, dt Brolls Bärbel un dt Brolls Ute, die hå dat idalienische<br />
Rr vå ehr Mudder geerbt.<br />
Nu sai ech jå bestårt bött dm Brolls Ute.<br />
Dt Ute hat etz och noch a Schiedsamt!<br />
Wenn mier da dehaam sei, da hån ech kaa Kappe off,<br />
un ech hå off kenn Fall dr Hoot off. Då muss ech villzait<br />
unner de Desch. Wenn ech da må raus derf, wat net sue oft<br />
vürkümmt, un ech saa gä et Ute: „Lå die Saache, die hån<br />
ech mir überlät. Die öss sue un sue.“ Da höalt dat Loft un<br />
da tritt die flotte Zong ie Aktion: Da Ssng für Schiedsleute,<br />
und da haben wir die Sache auch besprrochen. Und das<br />
ist ganz anders als du sagst!“ Ja, da setze ech då wie Pik<br />
Sieben un net abgehålt!<br />
Awwer ech hå de Wuche schue gää et gesaat:<br />
„Dai Frechhaite, die kreest dau schue noch wörrer.“<br />
Etz össet sue wait! Etz sain ech he im öffentliche<br />
Raum. Da sain ech och vå där flotte Turbo<br />
- Zong net ze stoppe.<br />
Dat muss mr sich amå vürstelln: Då setze ech<br />
då åm Desch. Un mier gärübber sue en flotte Turbo<br />
- Zong un da och noch dt Reecht ie Person! Dat<br />
öss für n Maa n katastrophale Situation! Dat kaan<br />
ech au nur saa! Dat mächt mich feertich. Dat mächt<br />
mich feertich! Etz sain ech awwer och feertich!<br />
Nodda !<br />
Das skandinavische Å ist wie das offene O in der englischen Lautschrift<br />
oder die Vokalkombination oa zu verstehen und wird wegen der<br />
leichteren Lesbarkeit verwendet. Ebenso ist es mit dem Æ für die Lautkombination<br />
äa. Genau lassen sich die Laute aus dem Burbacher Platt<br />
nicht nachbilden. ue bedeutet nicht ü, sondern ist ein ähnlicher Kombinationslaut<br />
wie oa und äa, etwa so gesprochen wie Ruhe ohne h.<br />
Hildegard von Bingen<br />
Eine Frau mit Durchblick, Rückblick und Ausblick<br />
Reste der Klosterkirche<br />
von Disibodenberg<br />
Unter ihrem Geburtsnamen<br />
ist sie nicht<br />
bekannt, jedoch unter<br />
dem Namen der Stadt, in<br />
deren Nähe sie lebenslang<br />
tätig war. Vermutlich wurde<br />
sie im Jahr 1098 als zehntes<br />
Kind des Barons Hildebert<br />
von Bermersheim geboren.<br />
In kindlichen Alter von<br />
acht Jahren wurde sie als<br />
Schülerin im Kloster Disibodenberg,<br />
an der Nahe gelegen,<br />
aufgenommen. Unterwiesen<br />
wurde sie durch Jutta<br />
von Sponheim, die ihr recht<br />
früh Kenntnisse in Schreiben und Lesen vermittelte. Im 11.<br />
und 12. Jahrhundert besaßen nur wenige Menschen diese<br />
Fähigkeiten, da eine allgemeine Schulpflicht erst Jahrhunderte<br />
später eingeführt wurde.<br />
Es ist heute schwer feststellbar, aus wie vielen Gebäuden<br />
das Kloster zum Aufnahmezeitpunkt von Hildegard bestand.<br />
Es soll von einer ursprünglich kleinen Klause zu einem Doppelkloster<br />
für Männer und Frauen ausgebaut worden sein, welches<br />
eine beachtliche Größe erlangte. Nach der Reformation<br />
(ca.1530 bis 1560) wurde das Kloster aufgegeben und verfiel.<br />
Die Ruinen bedecken noch heute das gesamte Bergplateau<br />
und machen deutlich, welche beeindruckenden Ausmaße die<br />
Anlage im 16. Jahrhundert hatte.<br />
Acht Jahre nach ihrer schulischen Unterweisung im Kloster,<br />
im Alter von 16 Jahren, entschied sich Hildegard, dem<br />
Benediktinerorden beizutreten. Am gleichen Ort wurde sie<br />
als Ordensschwester ausgebildet. Sie blieb der Gemeinschaft<br />
treu und übernahm 1136, nach dem Tode der Jutta von Sponheim,<br />
deren Stelle als Äbtissin von Disibodenberg (1) .<br />
Unter ihrer maßgeblichen Einflussnahme folgte in den<br />
Jahren 1147 bis 1150 auf dem Rochusberg in der Nähe von<br />
Bingen die Neugründung des Klosters Rupertsberg. Dort<br />
verstarb Hildegard am 17.09.1179. Im Jahr 1165 kaufte der<br />
Benediktinerorden das Augustiner-Kloster in Eibingen, in<br />
der Nähe von Rüdesheim gelegen. Dieses Kloster wurde im<br />
Jahr 1803 aufgelöst und teilweise abgebrochen. In der Kirche<br />
von Eibingen, die früher dem ehemaligen Kloster angegliedert<br />
war, befindet sich ein Schrein, in dem die Gebeine<br />
der Hildegard von Bingen aufbewahrt werden.<br />
Es ist davon auszugehen, dass Hildegard nach Errichtung<br />
des Klosters Rupertsberg zwischen diesem und dem<br />
Kloster Disibodenberg „pendelte“.<br />
Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Kloster Rupertsberg<br />
von schwedischen Soldaten zerstört. Außer dem ehemaligen<br />
Gewölbekeller sind keine Baulichkeiten erhalten<br />
geblieben. Faszinierend ist der Blick vom auslaufenden<br />
Bergrücken ins Rheintal.<br />
Zahlreiche Biographien beschäftigen sich auch mit<br />
den Veröffentlichungen der Hildegard von Bingen. Deren<br />
theologische Schriften, Abhandlungen zu Möglichkeiten<br />
von Krankheitsbehandlungen und ausführliche Überlegungen<br />
über die Wirkung von Heilpflanzen bereichern die<br />
Bibliotheken weltweit (2) . Sie korrespondierte mit König<br />
Friedrich I (Barbarossa), mit verschiedenen Päpsten und<br />
mit Bernard von Clairvaux, der seinen Namen von der<br />
von ihm vollzogenen Klostergründung im „hellen Tal“ ableitete.<br />
Etwa 300 Briefe sollen, verteilt auf eine Vielzahl<br />
von Archiven, erhalten geblieben sein. Das oberhalb von<br />
Eibingen liegende Hildegardiskloster mit seiner beindruckenden<br />
Doppelturmkirche wurde erst 1904 erbaut.<br />
Über viele Jahrhunderte wurde Hildegard als Heilige<br />
verehrt, obwohl deren Heiligsprechung erst am 10.05.2012<br />
durch Papst Benedikt XVI, früher Kardinal Josef Ratzinger,<br />
erfolgte.<br />
Alle Erinnerungsstätten lohnen einen Besuch. Dies gilt<br />
auch für den nach ihr benannten Pilgerweg, der eine Gesamtlänge<br />
von 136 km aufweist, in Idar-Oberstein beginnt und in<br />
Bingen am Rhein endet. Die vorgeschlagenen Tagesetappen<br />
betragen 10 bis 21 Kilometer. Die Zeitschriften „Wandermagazin“<br />
und „Wanderlust“ haben über die Besonderheiten<br />
der einzelnen Streckenabschnitte berichtet, die mit insgesamt<br />
etwa 60 Informations- u. Meditationstafeln ausgestattet sind (3) .<br />
Der Pilgerweg berührt auch die Klosterruinen auf dem<br />
Disibodenberg, wo Hildegard ca. 40 Jahre ihres Lebens<br />
verbrachte. Dort wartet die 1997 neu erbaute Hildegardiskapelle<br />
auf Besucher. <br />
Heinz Stötzel<br />
Quellen- und Literaturverzeichnis: 1) Biographie über das Lebens der Hildegard von Bingen,<br />
mehrere Verfasser, NGV-Verlag 336 Seiten, ohne Jahresangabe, Seite 7. 2.) Hallgarten,<br />
Charles, „Die deutsche Prophetin Hildegard von Bingen“ Seiten 80 bis 84. Wandermagazin,<br />
Nr. 180/15 Seite 57, 3.) Wanderlust Nr. 1/21, Seiten 29 bis 34.<br />
Die 1957 geweihte Hildegardiskapelle auf dem Disibodenberg.<br />
38 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 39
Historisches<br />
Historisches<br />
Die Florenburger<br />
Jung-Stillings amüsante Bezeichnung für Hilchenbacher<br />
Der Ort Heylichinbach (Hilchenbach) wurde erstmals<br />
im Jahre 1292 in einer Urkunde des Nonnenklosters<br />
Keppel erwähnt. Da von einem „Ort“ gesprochen<br />
wurde, muss die erste Besiedelung von Hilchenbach schon<br />
früher stattgefunden haben. Um 1325 wurde Hilchenbach<br />
selbstständiges Kirchspiel, Verwaltungsmittelpunkt und erhielt<br />
den Sitz des Niedergerichts. König Wenzel belehnte die<br />
Grafen zu Nassau 1384 mit einem „Freistuhl“, ein so genanntes<br />
Freigericht auf der Ginsburg. Leider bekam es die Gerichtsbarkeit<br />
im Jahre 1976 zu Gunsten von Siegen aberkannt.<br />
Sehr früh schon hatte Hilchenbach einen eigenen Pfarrer.<br />
Der älteste bekannte war „Dominus Walram plebanus zu Helchenbach“<br />
Anno 1328. Im Jahre 1342 erscheint der Nachfolger<br />
im Amte, es war Pfarrer „Anselm zu Heylchenbach“.<br />
1466 hatte Hilchenbach 47 Häuser und ca. 300 Einwohner.<br />
Die damaligen Straßen hießen ,,Im Bruch’’, „Vom<br />
Damm’’ und ,,In der Gasse’’, die alle vom unterhalb der<br />
Veitkirche gelegenen heutigen Marktplatz ausgingen. Welch<br />
herrliche Planung, vor weit als über einem halben Jahrtausend,<br />
die heute noch Bestand hat und die Stadt noch<br />
immer prägt. Zwei der drei Straßen haben ihre alten<br />
Namen behalten. Nur die „In der Gasse“ wurde in<br />
Schützenstraße umbenannt, ist aber trotz der Namensänderung<br />
bei den alten Hilchenbachern noch<br />
als „Gasse“ im Sprachgebrauch.<br />
Im Westen, wo der heutige Marktplatz etwas ansteigt,<br />
baute man auf einem Hügel die Veitkirche, sie<br />
überragte seinerzeit alle Häuser. Ausgrabungen belegen,<br />
dass hier bereits vor 1 000 Jahren eine Kirche<br />
gestanden haben muss. Daraus lässt sich ableiten,<br />
dass Hilchenbach wesentlich älter sein dürfte als urkundlich<br />
erwähnt. Zum Marktplatz hin baute man<br />
später noch weitere Straßen hinzu, so dass dieser<br />
Platz Mittelpunkt und wichtigstes Kommunikationszentrum<br />
wurde und bis heute geblieben ist.<br />
Im Jahre 1488 kassierte die sehr wohlhabende Familie<br />
von Bicken, den Zehnten (regelmäßig abzugebende Gebühr<br />
von Erträgen) an Heugeld und Hühnergefälle in Hilchenbach.<br />
1565 wurde festgehalten: 6 Malter 1) Korn, 10 Malter<br />
Hafer, 3 Floren 2) Heugeld und von jedem Hause ein Huhn,<br />
im Ganzen 60 Hühner. Die 60 Häuser waren zu der Zeit mit<br />
etwa 400 Personen bewohnt.<br />
Johann Tiefenbach war der erste evangelische Geistliche.<br />
Während überall in dem nassau-siegenschen Lande ein reger<br />
Religionswechsel folgte, blieb Hilchenbach in der Religionsausübung<br />
ungestört. Die Florenburger, wie Jung-Stilling<br />
sie immer nannte, hatten bereits Ende des 16. Jahrhunderts<br />
eine Schule. Der erste bekannte Lehrer war Heinrich Schmitt<br />
von 1613 bis 1631. Graf Wilhelm erhielt 1623 das Kirchspiel<br />
Hilchenbach. Nach einem Erbfolgestreit wurde es 1649 dem<br />
Grafen Johann Moritz zugesprochen, der 1653 seinen Neffen<br />
Wilhelm Moritz zum Mitregenten machte. Im selben Jahre befasste<br />
sich das Gericht zu Hilchenbach mit einem der letzten<br />
Hexenprozesse. Alle 18 Angeklagten wurden für schuldig befunden<br />
und zu Tode verurteilt. Man nimmt an, dass das Urteil<br />
auf dem Galgenberg durch Verbrennung vollstreckt wurde.<br />
Das Dorf Hilchenbach wurde am 1. Mai 1687 von Wilhelm<br />
Moritz zum Flecken erhoben und mit „Fleckenrechten“<br />
und selbstständigen Freiheiten bedacht. Es erhielt somit Stadtrechte<br />
und konnte ab diesem Zeitpunkt seine Bürgermeister<br />
selbst wählen, Märkte abhalten und Steuern selbst einnehmen.<br />
Die Bürger wurden von allen Frondiensten und etlichen Abgaben<br />
befreit. Für diese „Fleckenrechte“ mussten die Einwohner<br />
6200 Reichstaler an den Fürsten zahlen. Ein stolzer Preis. Die<br />
Hilchenbacher bekamen damit auch das Recht, sich burgenähnlich<br />
mit einer Ring- bzw. Stadtmauer gegen unerwünschte<br />
Eindringlinge, Krieg, Seuchen usw. zu schützen. Dieses Recht<br />
wurde aber nie eingelöst. Aus „Einwohnern“ wurden nun<br />
„Bürger“. Fremde wurden in diesem Flecken nur aufgenom-<br />
men, wenn sie ihre eheliche Geburt nachweisen konnten und<br />
einen guten Leumund hatten. Von den männlichen Zuwanderern<br />
wurden zehn Reichstaler verlangt, von den weiblichen<br />
fünf Reichstaler. Darüber hinaus musste jede Person einen ledernen<br />
Eimer zur Bran<strong>db</strong>ekämpfung mitbringen.<br />
Der Taler, der vom deutschen Gulden abgeleitet wurde,<br />
war eine Nachahmung vom Florenzer Floren, der erstmals<br />
1252 geprägt wurde. Die Goldmünze, der Gulden hatte<br />
deshalb auch bei uns die Abkürzung fl. für Floren. Die<br />
Hilchenbacher hatten sich die bereits erwähnten Burgrechte<br />
mit dieser Währung erkauft. Was Jung - Stilling wohl dazu<br />
verleitete, sie „Florenburger“ zu nennen.<br />
Ende des 17. Jahrhunderts hatte die Stadt ungefähr 550<br />
Bewohner, die in 77 Häuser wohnten. Am 1. Mai 1689,<br />
dem Tag der Wahl des Bürgermeisters, brach nach einer<br />
Explosion in der fürstlichen Burg eine gewaltige Feuersbrunst<br />
aus. Bis zum Abend lag der ganze junge Flecken in<br />
Schutt und Asche. Lediglich vier Häuser in der Gasse und<br />
ein Haus auf dem Damm überstanden halbwegs die Katastrophe.<br />
Die Hitze soll so groß gewesen sein, dass sogar die<br />
Glocken der Kirche schmolzen. Mit dem Wiederaufbau im<br />
selben Jahr kam noch eine Schule hinzu, in der Deutsch<br />
und Latein unterrichtet wurde. Im Jahre 1737 entstand, getrennt<br />
von den Kirchspielschulen, eine weitere Bildungsanstalt,<br />
die ,,Freie-Flecken-Schule’’.<br />
Zur besseren Ausübung der Fleckenrechte wurden ab<br />
dem Jahre 1792 je zwei Abgeordnete aus den vier Ortsteilen<br />
des Dämmer-, Gässener-, Müller- und Kirchhöfer Bezirks<br />
gewählt. 1794 zählte Hilchenbach 120 Häuser und hatte<br />
über 800 Bewohner. Nach der französische Besatzung 1813<br />
erhielt Prinz von Oranien Wilhelm Friedrich das Siegerland<br />
zurück, trat es aber 1815 an Preußen ab. Bereits 1817 wurde<br />
bei den Florenburgern die Bürgermeisterverwaltung eingeführt<br />
und 1836 die Städteordnung. Ein Magistratskollegium<br />
wird 1837 gegründet. Die Verwaltung der Stadt übernahm<br />
ein Magistrat, der von der Stadtverordnetenversammlung,<br />
die aus neun Personen bestand, kontrolliert wurde.<br />
Im Jahre 1839 wurde die alte St.-Veitkirche abgebrochen.<br />
Die Grundsteinlegung zur <strong>neue</strong>n Kirche fand am 24. April<br />
1844 statt. Zuvor hatte der König Friedrich Wilhelm IV. die<br />
Zeichnungen persönlich verbessert. Am 17. Dezember 1846<br />
erfolgte die Einweihung. Zwei Tage nach der Grundsteinlegung<br />
am 26. April 1844 wurde Hilchenbach von der zweitgrößten<br />
Brandkatastrophe in seiner Geschichte getroffen. 40<br />
Gebäude und das städtische Schulhaus wurden vollkommen<br />
vernichtet. 47 Familien wurden damals obdachlos. Nach einem<br />
<strong>neue</strong>n Plan entstand zusätzlich die Bebauung der nördliche<br />
Marktseite bis einschließlich der Rothenberger Straße.<br />
Hilchenbach hatte früher auch eine gewerbliche Fortbildungsschule.<br />
Eine besondere Beachtung bekamen die Florenburger<br />
durch das Lehrerseminar. Die Einweihung des gewaltigen<br />
Seminargebäudes, was den Ort einst schlossähnlich<br />
überragte, fand am 18. Oktober 1877 statt. Heinz Bensberg<br />
Literaturhilfe: Archiv der Stadt Hilchenbach. 1) 1 Malter waren hier ca. 164 Liter.<br />
2) Floren war die damlige Bezeichnung für Goldgulden.<br />
40 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 41
Sie tanzen nur einen Sommer<br />
Aurorafalter<br />
Schmetterling<br />
Blauer Schmetterling<br />
Admiral<br />
Auf einer Blume, rot und brennend, saß<br />
Ein Schmetterling, der ihren Honig sog,<br />
Und sich in seiner Wollust so vergaß,<br />
Daß er vor mir nicht einmal weiterflog.<br />
Flügelt ein kleiner blauer<br />
Falter vom Winde geweht,<br />
Ein perlmutterner Schauer,<br />
Glitzert, flimmert, vergeht.<br />
Landkärtchen<br />
Ich wollte sehn, wie süß die Blume war,<br />
Und brach sie ab: er blieb an seinem Ort;<br />
Ich flocht sie der Geliebten in das Haar:<br />
Er sog, wie aufgelöst in Wonne, fort!<br />
Friedrich Hebbel<br />
So mit Augenblicksblinken,<br />
So im Vorüberwehn,<br />
Sah ich das Glück mir winken,<br />
Glitzern, flimmern, vergeht.<br />
Hermann Hesse<br />
Kaisermantel<br />
Kleiner Fuchs<br />
Bläuling<br />
Distelfalter<br />
Kohlweißling<br />
Langsam verabschiedet sich der Sommer. Immer<br />
weniger Schmetterlinge flügeln und flattern<br />
durch die Luft. Überwiegend sind es die<br />
Kohlweißlinge, die noch durch die Luft gaukeln und<br />
schaukeln. Wärme und Sonne ist das Element, das<br />
Schmetterlinge hervor lockt. So heißen sie in manchen<br />
Ländern Sommervögel, (Schweiz, Norwegen…). Das<br />
klingt passender als Schmand Namensherkunft von<br />
Schmetter…. Im Englischen ist der Name Butterfly<br />
ähnlich… Im Frühling und Sommer habe ich Falter<br />
beobachtet und eingefangen (mit der Kamera).<br />
Die Metamorphose vom Ei, Raupe und Puppe vollzieht<br />
sich meist im Verborgenen. Erst wenn die Falter<br />
die Flügel entfalten, erfreuen sie die Menschen mit ihrer<br />
Schönheit und Anmut. Ihr Flug ist nicht gerade aus.<br />
Saumselig und fast wie trunken fliegen sie durch die<br />
Luft. Die Schöpfung ist weisheitsvoll eingerichtet.<br />
Schmetterlinge legen ihre Eier auf Pflanzen, die dann<br />
den geschlüpften Raupen als Nahrung dienen. Das ist<br />
bei jeder Schmetterlingsart unterschiedlich. Die Eiablage<br />
des kleinen Aurorafalter ist auf Wiesenschaumkraut<br />
und Knoblauchhedderich im Frühling. So sieht<br />
man die Aurorafalter früh.<br />
Die Lebensdauer der Schmetterlinge ist meistens<br />
kurz. Manche Zitronenfalter können überwintern. In<br />
einem Versteck verfallen sie in Froststarre. So hat jede<br />
Schmetterlingsart ihre Eigenheiten. Ihr Leben dient<br />
der Fortpflanzung und für die Nachkommenschaft zu<br />
sorgen. Darüber hinaus erfreuen sie uns Menschen.<br />
Gudrun Fokken<br />
Zitronenfalter<br />
Pfauenauge<br />
42 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 43
K i n d e r h e r b s t<br />
Drachensteigen<br />
Im Spätsommer wurde Getreide geschnitten. Überall<br />
lockten Stoppelfelder zum Toben. Strommasten führten<br />
unmittelbar an der Straße entlang, aber die abgeernteten<br />
Felder boten Platz und viel Wind. Kinder, die auf sich<br />
hielten, bastelten Drachen. Zum Steigenlassen brauchten<br />
wir Erwachsene, denn bei ordentlichem Herbstwind zog<br />
das Fluggerät ordentlich nach oben. Wer los ließ, war seinen<br />
Drachen los, wer fest hielt, konnte mitfliegen. Beides<br />
war nicht erstrebenswert.<br />
Aber wenn der Drachen am langen Seil hoch oben in<br />
der Luft stand, trug er alle unsere heimlichen Wünsche mit<br />
sich. Manchmal schickten wir auch an der Leine Zettel mit<br />
Grüßen hoch. An solchen Tagen schliefen wir besonders<br />
gut. Drachen steigen lassen hat etwas Kontemplatives.<br />
Laternenumzüge<br />
Der Sommer verging schnell, die Tage wurden kürzer<br />
und kühler. In der Schule verabredeten wir uns zu Laternenumzügen.<br />
Manche trugen wirklich noch eine „Rummel“ –<br />
eine ausgehöhlte, mit Mustern verzierte Runkelrübe. Dazu<br />
musste man schon sehr stark sein. Rummeln wogen schwer.<br />
Die meisten trugen Papierlaternen – durch Ziehharmonikaprägung<br />
zusammenklappbare Papierzylinder oder Kugeln,<br />
natürlich von alten Kerzen beleuchtet. Die Kerzen zündeten<br />
wir in der windstillen heimischen Küche an. Unterwegs<br />
gestaltete sich ein solches Unterfangen viel komplizierter.<br />
Wir mussten uns Schulter an Schulter im Kreis<br />
zusammenstellen, um tückische Win<strong>db</strong>öen abzuhalten.<br />
Eine Restkerze wurde in den leeren Halter gepflanzt, eine<br />
Laterne zusammengefaltet damit die freigelegte brennende<br />
Kerze ihr Licht an das dunkle Ersatzstück weitergeben<br />
konnte. Meistens klappte das auch. Manchmal aber blies<br />
eine plötzliche Bö auch die Spenderkerze aus. Dann<br />
mussten wir eine windstillere Stelle aufsuchen und von<br />
vorne anfangen. Es kam tatsächlich auch vor, dass eine<br />
Laterne Feuer fing. Dann trugen wir eben zu zweit eine.<br />
Wir brauchten keine gruppendynamischen Spiele. Wir<br />
lernten Solidarität und Zusammenhalt beim Laterne Gehen.<br />
Der Gang führte auch über die Freier – Grund – Straße<br />
(heute Nassauische Straße). Die war damals noch nicht<br />
so hell erleuchtet. Lieber gingen wir aber durch dunklere<br />
Ecken wie das „Gässchen“ zwischen Burgweg und Freier<br />
– Grund – Straße. Dort stand in Heidts Garten ein riesig<br />
hoher Birnbaum. Der ließ, was bei Obstbäumen<br />
vorkommt, im Herbst seine Früchte fallen.<br />
Die trafen uns, oder was viel schlimmer war,<br />
unsere Laternen. Uns fehlte die agrarisch<br />
– wissenschaftliche Erklärung für diesen<br />
Angriff. Sehen konnten wir in dem<br />
dunklen Gässchen mit unserer mobilen<br />
Beleuchtung auch nicht. Also<br />
riefen wir unerschrocken nach oben<br />
ins Ungewisse: „Ihr braucht Euch<br />
gar nicht zu verstecken! Wir haben<br />
Euch genau gesehen!“<br />
Nikolaus<br />
Und dann kam der Nikolaustag.<br />
Solange wir klein<br />
Erinnerungen<br />
waren, erwarteten wir in der Küche unser Schicksal, das<br />
sich polternd auf der Treppe ankündigte. Bei uns im Hause<br />
legte der Vater die eiserne Regel fest: „Nikolaus, bei uns<br />
wird nicht geschlagen!“ (Dieser Satz hatte bei uns im Hause<br />
ganzjährige Gültigkeit. Das traf nicht auf alle Häuser<br />
zu.) Diese Regelung bestand zu Recht, denn im Vorjahr<br />
konnte der Nikolaus nur mit Not daran gehindert werden,<br />
meine ältere Schwester in den Sack zu stecken. Sie mochte<br />
zwar manchmal nervig und nicht recht kooperativ sein.<br />
Aber das hatte sie dann doch nicht verdient.<br />
So ein Nikolausarbeitstag dauerte lang und hatte seine<br />
Tücken. In jedem Haus bekam er einen Schnaps gegen<br />
die Kälte. Schließlich kam er vom Nordpol oder wenigstens<br />
„von draus, vom Walde“. Er betreute viele Kinder in<br />
vielen Häusern. Zwar wurde der Sack von Haus zu Haus<br />
leichter, weil er Tüten mit „Äpfel, Nuss und Mandelkern“<br />
sowie Schokolade aushändigte. Dafür wurden die Beine<br />
schwerer.<br />
Wenn er dann spätabends – etwa um neun – nach Hause<br />
geführt wurde, links und rechts gestützt, schleiften diese<br />
Beine schon mal erschöpft hinter ihm her. Nur das Glöckchen<br />
an seiner Mütze bimmelte tapfer vor sich hin. Wir lagen<br />
in unseren Betten, froh über den glücklichen Ausgang<br />
unseres Abenteuers und merkten nichts.<br />
Mit zunehmendem Alter schrumpfte jedoch unsere Ehrfurcht.<br />
Ab fünf Uhr nachmittags geisterten wir durchs Dorf<br />
„Klöse ärgern“. Das Angebot konnte sich sehen lassen.<br />
Viele junge Männer leisteten diese Nachbarschaftshilfe.<br />
Eigentlich waren sie ganz verträglich. Doch halbwüchsige<br />
Dorfjugend fordert den sanftmütigsten Nikolaus heraus.<br />
Wurden wir erwischt, fanden Erwachsene es durchaus akzeptabel,<br />
dass wir in Rutenschlägen bezahlt wurden. Wir<br />
hätten uns ja benehmen können.<br />
Also setzten wir auf Abstand und schnelle Füße. Die<br />
gefährlichste Ecke ging zwischen „Spengelersch“ (Haushalts-<br />
und Spielwarengeschäft und Klempnereibetrieb)<br />
und Rübsamens rechts (Hotel und Gaststätte, heute<br />
Schwanenapotheke) zwischen den<br />
Häusern durch zum Römer<br />
hoch. Da war der Weg unbeleuchtet.<br />
Sehr spannend.<br />
Heute führt genau an dieser<br />
Stelle ein Zebrastreifen sicher<br />
über die Straße. Der dunkle<br />
Weg wurde zur Römerpassage<br />
umgestaltet,<br />
mit Treppe<br />
und Beleuchtung.<br />
Die Ecke, wo wir uns<br />
am besten verstecken<br />
und fast alle Richtungen<br />
kontrollieren<br />
konnten, beansprucht<br />
heute der Briefkasten.<br />
Tilla-Ute Schöllchen<br />
44 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />
3/<strong>2022</strong> durchblick 45
Portrait<br />
Portrait<br />
Katja Nix<br />
Renate und Marion Schuh<br />
Foto: Tessie Reeh<br />
Jahrgang: 1968, geboren in Siegen, aufgewachsen<br />
in Kreuztal, Beruf: Industriekauffrau<br />
seit 2012 Touristenführerin.<br />
Als Hauswirtschafterin Magda begeistert Katja Nix mit<br />
ihren Schauspielführungen immer wieder Touristen<br />
und Neugierige aus dem Siegener Raum unter dem<br />
Motto „Von Liebesleid und Mordgeschichten“. Ihre Bühne ist<br />
der Garten rund um das Obere Schloss in Siegen. Mit Witz und<br />
Humor bietet sie eine Zeitreise ins Jahr 1637. „Da wurde der<br />
in Siegen geborene Maler und Diplomat Peter Paul Rubens 60<br />
Jahre“ erklärt sie. „Das 17. Jahrhundert war eine spannende<br />
Zeit, geprägt vom Dreißigjährigen Krieg. Die Stadt Siegen war<br />
hin- und hergerissen zwischen dem evangelischen und dem<br />
katholischen Haus Oranien, das im Oberen Schloss residierte.<br />
Deren Wirtschafterin war nun Magda, die für alles in Haus und<br />
Hof und die Dienstmädchen, meist junge Dinger, die bei den<br />
Herrschaften Begehrlichkeiten weckten, verantwortlich war.“<br />
Ihr Publikum verzaubert die Stadtführerin mit deftigen<br />
Sprüchen und sie schafft Gruselmomente, wenn sie am Hexenturm<br />
über die perfiden Methoden der Hexenverfolgung<br />
erzählt. Mit Folter wurden häufig Frauen zu Geständnissen<br />
gezwungen, um sexuelle Übergriffe durch Männer zu vertuschen.<br />
Sie seien mit Satan im Bunde. Viele dieser Opfer<br />
brannten dann auf dem Scheiterhaufen oder wurden wahnsinnig<br />
wie Anna von Sachsen, die von ihrem zweiten Ehemann,<br />
Wilhelm von Oranien-Nassau, trickreich des Ehebruchs bezichtigt<br />
wurde, um an ihr Vermögen zu kommen. Ein anderer<br />
Name fällt am Hexenturm: Friedrich Flender von der Hardt.<br />
Der Hammerschmied war Anführer einer Bürgerrebellion gegen<br />
Wilhelm Hyazinth, Fürst zu Oranien und Nassau-Siegen.<br />
Flender kämpfte gegen die Steuerverschwendung und Misswirtschaft<br />
am Hof. Er wurde verhaftet, kam in den Turm und<br />
wurde 1707 ohne Verfahren enthauptet.<br />
Eine Führung wird Katja Nix nie vergessen. Eine Harley-<br />
Club aus Gelsenkirchen mit 28 Leuten hatte sich angemeldet.<br />
Um gleich für gute Laune in der Gruppe zu sorgen, sucht sie<br />
sich meist einen Anspielpartner aus. Einem Rocker in Kutte<br />
und spackem T-Shirt rief sie gleich zu „Der Recke mit dem<br />
schwarzen Wanst oh Entschuldigung mit dem schwarzen<br />
Wams meinte ich natürlich, könnt Ihr mir helfen, meinen<br />
Korb zu tragen?“ Schallendes Gelächter war die Antwort und<br />
das Eis war gebrochen. Ihre Führung ist schon derb und deftig<br />
und für kleine Kinder nicht unbedingt geeignet.<br />
Eigentlich arbeitete die Kreuztalerin als Industriekauffrau,<br />
ehe sie seit 2012 nebenher als Stadtführerin für die Gesellschaft<br />
für Stadtmarketing Siegen e.V. begann, um ab 2018 ganz für<br />
diese Gesellschaft zu arbeiteten. Seit ihrer Kindheit ist sie ein<br />
aktives Karnevalskind und die Bühne ihr Revier. Die Liebe zu<br />
Show und Kostümen blieb. Jetzt, als Stadtführerin, kann sie sich<br />
austoben und ersann zum Nachtwächter Balthasar einen weiblichen<br />
Gegenpol: eben die Hauswirtschafterin Magda. Sie erarbeitet<br />
sich selbst ihr Programm, viele Details sucht sie in Archiven<br />
zusammen. Fast 85% ist historisch belegbar, der Rest ist Fiktion.<br />
Was genau, dürfen die Besucher der Tour am Ende erraten. •<br />
In vierter Generation führt Marion Schuh seit<br />
2006, nach dem Tod des Vaters, das Traditionsgeschäft<br />
Kaufhaus Schuh im Herzen von<br />
Rudersdorf – am heutigen Kreisverkehr. Eine<br />
Win-win Situation für beide Frauen. Die sportliche<br />
Chefin erklärt: „sogenannte „Nonfood“ Artikel<br />
wie Textilien, Wolle, Kurzwaren, Schreibutensilien,<br />
Spiele und Haushaltwaren dominieren<br />
unser Sortiment. In der Geschenkabteilung finden<br />
sich aber doch noch nostalgische Artikel wie<br />
der Siegerländer Mäckes oder ein Reisigbesen.“<br />
Stolz hält die 83-jährige Seniorchefin Renate, die<br />
uns mit einem freundlichen „Gemorje“ begrüßt<br />
hatte, diese Schätzchen in die Kamera. Von Mutter<br />
und Vater hat Tochter Marion das kaufmännische<br />
Talent geerbt. Sie ist in Dillenburg aufs<br />
Gymnasium gegangen, doch ihr Berufswunsch<br />
war von Anfang an: Einzelhandelskauffrau.<br />
Während ihr Bruder, der gegenüber im alten Gebäude<br />
eine Apotheke führt, Pharmazie studierte.<br />
Marion Schuh hat das wechselhafte Geschehen<br />
des über hundertjährigen Familienbetriebs<br />
genau im Kopf. 1898 gründete Hermann Josef<br />
Schuh im Stammhaus eine Gaststätte, die schnell<br />
ein beliebter Treffpunkt in der Mitte des Ortes<br />
wurde. Dazu kam bald ein Lebensmittelhandel<br />
in der heutigen Apotheke. Die Gaststätte wurde<br />
in den zwanziger Jahren mit einem Saal für<br />
Tanzveranstaltungen und große Familienfeiern<br />
erweitert. Dazu kam noch eine Kegelbahn. 1957<br />
wurde gegenüber der Flachbau errichtet, um<br />
mehr Platz für den Lebensmittelladen zu schaffen.<br />
Dies Gebäude beherbergt in der 1. Etage<br />
heute das Kaufhaus Schuh.<br />
Gern blättert die Seniorchefin Renate Schuh<br />
in alten Fotoalben und erzählt von ihrem bunten<br />
Leben als Geschäftsfrau und Wirtin. 1961 hatte<br />
sie in die Familie Schuh eingeheiratet und damit<br />
übernahm sie viel Verantwortung für das Geschäft<br />
und in der Gaststätte. Später kamen zwei<br />
Kinder dazu, die auch versorgt werden wollten.<br />
Aber am liebsten war Renate in der Kneipe, bis<br />
heute ist sie gern vor und hinter dem Tresen und<br />
hat immer Gesellschaft um sich. Seit Corona hat<br />
sich ja nun viel geändert. Sie war eine resolute<br />
Chefin, ein Organisationstalent, bei den Angestellten beliebt<br />
und den Kindern eine fürsorgliche Mutter. Noch heute blitzen<br />
ihre Augen, wenn sie in ihrer lustigen Art von damals erzählt.<br />
Fast alle Männer der Familie Schuh tragen den Vornamen<br />
Hermann Josef, so wie der Gründer. Der Name Schuh ist in<br />
Rudersdorf und in Siegen weit verbreitet.<br />
Renate Schuh: Jahrgang 1938, geboren in Dreis-Tiefenbach, seit<br />
1961 in Rudersdorf, Beruf: Geschäftsfrau.<br />
Marion Schuh: Jahrgang 1965 geboren in Siegen, lebt in Rudersdorf,<br />
Beruf: Einzelhandelskauffrau<br />
Beim Verlassen der Geschäftsräume entdecke ich doch<br />
noch etwas Nostalgisches: eine bunte Reihe von Kittelschürzen,<br />
die in Reih und Glied auf einer langen Stange hängen. Ein<br />
Artikel, der auch im Jahr <strong>2022</strong> bei den Damen beliebt ist. Einer<br />
von 120.000 Artikeln, die bei der jährlichen Inventur gezählt<br />
werden müssen. <br />
Texte: Tessie Reeh<br />
Foto: Hartmut Reeh<br />
46 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 47
Kultur<br />
Kultur<br />
Die Stunde der Emanzipation<br />
Das von Sam Phillips gegründete Sun-Record-Studio in Memphis. Elvis Aaron Presley anno 1958.<br />
Es scheint ein völlig belangloses Ereignis zu sein,<br />
durch das – von niemandem bemerkt – im Tennessee-Städtchen<br />
Memphis ein <strong>neue</strong>s Blatt in der Musikgeschichte<br />
aufgeschlagen wird. Die Handlung beginnt<br />
in der Plattenfirma „Sun Records“. Ein junger Mann betritt<br />
am 18. Juli 1953 das Studio. Seine ausgefallene Kleidung<br />
im Stil der Afroamerikaner, die pechschwarzen, zurückgekämmten<br />
Haare und die schläfrig wirkenden Augen fallen<br />
der Sekretärin sofort auf. Er wolle eine Platte besingen,<br />
sagt der schüchtern wirkende Bursche. Eines der beiden<br />
Lieder solle „My Happiness“ (Meine Glückseligkeit) mit<br />
dem Text von Eddie Curtis sein.<br />
Später behauptet der 18-Jährige, er habe die Songs<br />
aufgenommen, um seiner Mutter ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk<br />
zu machen. Diese <strong>Version</strong> wird in der<br />
Folge verbreitet. Weil allerdings der Geburtstag von Mutter<br />
Gladys schon ein Vierteljahr zurückliegt, gibt es Zweifel<br />
an der Darstellung. Der junge Mann heißt Elvis Aaron<br />
Presley. Für die Fertigung der Aufnahmen muss er knapp<br />
vier Dollar entrichten. Ein gute Geldanlage – wie sich herausstellen<br />
wird.<br />
Marion Keisker, die Sekretärin, ist kolossal beeindruckt<br />
vom gefühlvollen Bariton des Highschool-Absolventen. Sie<br />
spielt ihrem Chef das Ergebnis der Aufnahmen vor und<br />
dieser notiert sich die Adresse des Besuchers unter dem<br />
Stichwort „guter Balladensänger“. Der „Chef“ ist der Gründer<br />
der Sun-Record-Company und er heißt Sam Phillips.<br />
Einige Male wird Presley in den folgenden Monaten zu<br />
Aufnahmen bestellt. Am 5. Juli 1954 will Phillips eine<br />
Hillbilly-Ballade aufnehmen und er lädt hierzu neben zwei<br />
Gitarristen einmal mehr auch den jungen Lastwagenfahrer<br />
ein. Aber die Proben verlaufen enttäuschend. Presley wirkt<br />
verklemmt. Als Phillips die Aufnahmen beenden will und<br />
in ein Nebenzimmer geht, stimmt Presley „aus Albernheit“<br />
– wie er später kundtut – das Lied „That`s All Right Mama“<br />
(Das ist in Ordnung, Mama) an.<br />
Das Lied stammt aus der Feder des Blues-Sängers Arthur<br />
„Big Boy“ Crudup. Presley singt das Lied im Studio<br />
aber nicht als Blues, sondern im aufrüttelnden Rhythmus<br />
des Rock `n` Roll. Sam Phillips hört den frischen und<br />
dynamischen Sound und sein Gemütszustand nähert sich<br />
schlagartig der Euphorie: „Egal was ihr gerade gemacht<br />
habt, macht es nochmal!“ Er schaltet das Plattenschneidegerät<br />
ein und übergibt die Aufnahme einem Diskjockey<br />
des Lokalsenders von Memphis. Gleich mehrfach wird der<br />
Song wenig später gesendet. Es folgt eine sensationelle<br />
Resonanz. Die Telefonanlage der Radiostation ist durch<br />
Teenager blockiert. Man will mehr von dem unbekannten<br />
Sänger hören. Der sitzt derweil im Kino und bekommt von<br />
all dem nichts mit.<br />
Anders seine Eltern. Sie sind von Phillips mobil gemacht<br />
worden und tauchen kurz darauf im Kino auf. Gemeinsam<br />
fährt das Trio zum Radiostudio und der 19-Jährige<br />
wird erstmals in seinem Leben interviewt.<br />
Der Discjockey will unter anderem von ihm wissen, in<br />
welche Schule er gegangen ist. Durch die Antwort wird<br />
für die Zuhörer klar, dass es sich bei dem Sänger um einen<br />
Weißen handeln muss. An dieser Stelle ist es unerlässlich,<br />
dass wir die historischen Zusammenhänge in den 50er Jahren<br />
des 20. Jahrhunderts ein wenig beleuchten. Die Trennung<br />
der Rassen ist vor allem im Süden der USA obligatorisch<br />
und der Ku-Klux-Klan und seine Gräueltaten sind<br />
eine traurige Realität. Die weitaus meisten Einrichtungen<br />
dürfen entweder nur von Weißen oder nur von Schwarzen<br />
benutzt werden. Das betrifft die Schulen, die öffentlichen<br />
Verkehrsmittel, Gaststätten und vieles Weitere. Dies<br />
betrifft aber auch die Radiosender. Und die einen senden<br />
„schwarze“ und die anderen „weiße“ Musik.<br />
Nun sollte man meinen, dass vor allem die Musik hoch<br />
über der Zuordnung von Schwarz oder Weiß stehe – in<br />
Amerika aber gilt dies in jener Zeit nicht. Der Rassismus<br />
triumphiert auch bei der Tonkunst. Keinem „weißen Sender“<br />
wäre es eingefallen, einen Rock-`n`-Roll-Song von<br />
Chuck Berry, Little Richard oder Fats Domino zu spielen.<br />
Und umgekehrt sind die großen Schnulzenbarden Perry<br />
Como, Dean Martin oder Bing Crosby mit ihrer süßlichen<br />
und sentimentalen Schlagermusik chancenlos bei den Plattenauflegern<br />
der „schwarzen Sender“. Und diese Gesinnung<br />
hat auch die jeweilige Zuhörerschaft geprägt.<br />
In Memphis aber gibt es mindestens zwei Personen, die<br />
sich nicht in dieses Schema einpressen lassen wollen. Einer<br />
von ihnen ist Sam Phillips. Er muss mit seiner Firma<br />
die Brötchen verdienen. Alle lokalen Talente sind ihm willkommen<br />
– die Hautfarbe spielt keine Rolle. Spätere Größen<br />
wie B.B. King, Howlin Wolf und Ike Turner nutzen<br />
sein Studio und ihre Musik beeindruckt ihn. Die „weißen<br />
Sender“ boykottieren natürlich deren Lieder und der finanzielle<br />
Erfolg hält sich auf dem „schwarzen Markt“ in Grenzen.<br />
Phillips ist sich aber sicher: „Wenn ich einen weißen<br />
Sänger auftreiben könnte, der Lieder wie ein Schwarzer<br />
singt, dann wäre eine Million zu verdienen.“<br />
Und diesen Weißen scheint er nun gefunden zu haben.<br />
Auch Elvis – seinen zweiten Namen Aaron schenken wir<br />
uns ab hier – Presley ist von der Musik der Farbigen angetan.<br />
In der Kleinstadt Tupelo ist er am 8. Januar 1935 zur<br />
Welt gekommen. Seine dicht am unteren Ende der sozialen<br />
Rangliste stehenden Eltern wohnen am Rande des Schwarzenviertels.<br />
Der kleine Elvis lernt – vor allem auf der Straße<br />
– alle Arten von Musik kennen. In der „weißen Kirche“ übertönt<br />
der Steppke beim Singen der schwermütigen Hymnen<br />
schnell alle anderen. Und weil die Farbigen es dulden, spaziert<br />
er zusammen mit einem dunkelhäutigen Freund auch<br />
in deren Kirche. Hier ertönen neben den Spirituals aus der<br />
einstigen Sklavenzeit auch die moderneren Gospelsongs.<br />
Oft werden diese von einer Jazzband mit Schlagzeug begleitet.<br />
Die bewegungsintensive Energie und die augenfällige<br />
Freude der Singenden üben eine tiefe Wirkung auf Elvis aus<br />
und seine Vorliebe gilt fortan diesen Klängen.<br />
An seinem zehnten Geburtstag bekommt er von Mutter<br />
Gladys eine Zwei-Dollar-Fünfzig-Gitarre geschenkt. <br />
48 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 49
Kultur<br />
Schluss mit dem Gesellschaftstanz!<br />
Jetzt werden die Hüften geschwungen!<br />
Er klimpert ein paar Jahre darauf herum – freilich ohne viel<br />
zu lernen. Aber – so sagt er später – er habe sich zu seinem<br />
Herumschlagen auf den Saiten und zu seinem Gesang immer<br />
bewegen müssen. Als er 13 Jahre alt ist, ziehen die Presleys<br />
um und werden in einer Sozialwohnung im benachbarten<br />
Memphis heimisch. Dort besucht er bis zu seinem 18.<br />
Lebensjahr die einer deutschen Gesamtschule vergleichbare<br />
„Humes High School“. Kurz vor seinem Abschluss belegt er<br />
bei einem Gesangswettbewerb den ersten Platz. Ansonsten<br />
fällt Elvis dadurch auf, dass er, um die Aufmerksamkeit der<br />
gleichaltrigen Ortsschönheiten zu erregen, mit allen erdenklichen<br />
Frisuren durch die Gegend stromert.<br />
John Lennon hat einmal behauptet: „Vor Elvis gab es<br />
nichts!“ Er meinte vor allem dessen Ausstrahlung, die dazu<br />
führte, dass seine Fans ihn als „King des Rock `n` Roll“<br />
bezeichnen. Er „lebt“ förmlich diesen Musikstil. Und dies<br />
im Gegensatz zu einem anderen, der zuvor schon erfolgreich<br />
war. Als „Vater des Rock `n` Roll“ gilt nämlich gemeinhin<br />
Bill Haley. Seine Band „Bill Haley & His Comets“<br />
sind mit etlichen Hits die Bahnbrecher der <strong>neue</strong>n Gattung.<br />
1955 ertönt im Film „Die Saat der Gewalt“ ihr Lied „Rock<br />
Around the Clock“ – und wird zu einem Welterfolg. Haleys<br />
oft zitiertes Handicap ist, dass die Schmalzlocke plus<br />
Fliege nicht zu der von ihm gespielten Musik passt.<br />
In jenen Tagen beschränkt sich Presleys Bekanntheitsgrad<br />
noch auf die Stadt und das Umfeld von Memphis.<br />
Hier tritt er bei allen möglichen Veranstaltungen auf. Sam<br />
Phillips kümmert sich als sein Manager um die Termine.<br />
Vom Erlös der ersten Platten erfüllte Presley den Traum seiner Mutter und schenkte ihr den rosafarbenen „Caddy“.<br />
Allwöchentliche Radio- und Fernseh-Liveauftritte bei der<br />
regionalen „Louisiana Hayride Show“ ebnen schließlich<br />
den Erfolgsweg. Die Bühnenschau ist in rund zwei Dutzend<br />
US-Staaten zu hören und zu sehen.<br />
Der Durchbruch des jungen Sängers nimmt endgültig<br />
richtig Fahrt auf, als er am 28. Januar 1956 mit dem Bill-<br />
Haley-Hit „Shake, Rattle and Roll“ in der US-weit ausgestrahlten<br />
„Stage-Show“ auftritt. Eine Woche später brilliert<br />
er in dieser Show mit „Tutti Frutti“, einem Song des farbigen<br />
Sängers Little Richard. Damit überschreitet er eine<br />
bis dahin gültige Grenze. Es ist ja völlig undenkbar, dass<br />
ein Weißer im Fernsehen das Lied eines Schwarzen singt.<br />
Man kann aus heutiger Sicht feststellen, dass die Musikgeschichte<br />
durch die Folgen dieser Aktion regelrecht<br />
revolutioniert wurde. Es beginnt etwas noch nie Dagewesenes.<br />
Für alle weißen Sänger ist nun der von Presley eingeschlagene<br />
und bislang verschlossene Weg frei. Für die<br />
amerikanische Jugend indes nimmt die Stunde der Emanzipation<br />
ihren Anfang. Die Begeisterung für ihren <strong>neue</strong>n<br />
Gott ist ein eindeutiges Votum gegen die bis dahin gängige<br />
Berieselung mit kitschiger Schlagermusik. Bei Presley<br />
gibt es solches (noch) nicht. Seine Musik ist von einer umwerfenden<br />
rhythmischen Intensität, sie ist hart und vital.<br />
Innerhalb eines einzigen Jahres stellt er alles auf den Kopf.<br />
Schluss mit dem Gesellschaftstanz! Jetzt werden die Hüften<br />
geschwungen!<br />
Wenn Elvis in farbenfroher Kostümierung die Bühne<br />
betritt, dann gibt es kein langes Geplänkel. Er schlägt ein<br />
paar Akkorde auf seiner Gitarre, ergreift das Mikrophon<br />
und legt los. Die Stirnlocken hängen ihm ins Gesicht, er<br />
lächelt aus dem linken Mundwinkel und lässt seine weitgespreizten<br />
Beine schlottern. Ab und an beginnt er zu den<br />
harten Rhythmen der Musik mit dem Rumpf zu zucken,<br />
seine Windungen und sein Hüftgewackel wirkt auf Ältere<br />
regelrecht obszön. Groteske und grobschlächtige Bewegungen<br />
mit dem Unterleib tun das Ihre. Im Saal dauert<br />
es keine Minute, bis dass sein Gesang trotz der mächtig<br />
aufgedrehten Lautsprecher kaum noch zu hören ist. Kreischende<br />
Teenager scheinen geistig weggetreten zu sein, die<br />
Konfusion ist unvorstellbar und endet nicht selten damit,<br />
dass die mit all dem überforderten Halbwüchsigen sich<br />
Saalschlachten liefern und diese auf der Straße fortsetzen.<br />
Dass der <strong>neue</strong> Musikstil und die aus ihm resultierende<br />
Massenhysterie zu erbitterten Protesten führt und unzählige<br />
Kritiker mobil macht, ist eine logische Folge. Das Time-<br />
Magazin kommentiert: „Rock `n` Roll richtet die Musik so<br />
zu wie ein Motorrad-Klub mit Vollgas einen stillen Sonntag-<br />
Nachmittag.“ Viele Kritiker weigern sich, Presleys Vortrag<br />
als Gesang zu bezeichnen. Andere gehen weiter. Eltern- und<br />
Lehrerverbände protestieren gegen seine Auftritte, neben<br />
den Kirchen schließen sich viele weitere Institutionen an.<br />
Der Gesang sei ein Albtraum an schlechtem Geschmack,<br />
behaupten seine Kritiker. Und – er trage zur Jugendkriminalität<br />
bei. Ein Richter in Jacksonville erwirkt ein Urteil, das<br />
Presley verbietet auf der Bühne anstößige Kreisbewegungen<br />
zu machen. Bei seinem Auftritt bewegt er daraufhin<br />
nur den kleinen Finger. Dennoch schreien<br />
sich die Backfische die Seele aus dem Leib.<br />
Nach dem Wörterbuch bedeutet „rock“: schütteln,<br />
schaukeln, schwanken, wiegen; „roll“ hingegen:<br />
rollen, walzen, sich drehen, wirbeln. Was hat<br />
Elvis also anders getan, als den Begriff „Rock and<br />
Roll“ mit seinem Körper zu definieren?! Er selbst<br />
sagt: „Ich habe immer versucht, ein sauberes Leben<br />
zu führen und kein schlechtes Beispiel zu geben.“<br />
Und tatsächlich ist der inzwischen 21-Jährige<br />
eigentlich ein lieber Junge, der nicht raucht,<br />
nicht trinkt und von einer Familie mit Eigenheim<br />
träumt. Er, das Einzelkind, ist ein Muttersöhnchen,<br />
das der geliebten Mama Gladys vom Erlös der ersten<br />
Platten ein Haus und einen rosafarbenen Cadillac<br />
kauft – „weil diese immer hiervon geträumt<br />
hat.“ Und überhaupt: Wer sich einen „Caddy“ leisten<br />
kann, der hat es geschafft und alle sollen es<br />
sehen. Und Elvis hat es geschafft.<br />
Im November 1955 verkauft Sam Phillips für 40.000<br />
Dollar seinen Vertrag mit Presley an den Schallplattenhersteller<br />
RCA. Tom Parker, genannt „Colonel“, übernimmt<br />
als <strong>neue</strong>r Manager die Verantwortung für die finanziellen<br />
Belange des Sängers. Von dessen Aufnahmen im ersten<br />
RCA-Jahr werden mehr als zehn Millionen Schallplatten<br />
verkauft. Darunter sind die Songs „Heartbreak-Hotel“ und<br />
„Hound-Dog“, die jeweils gleich zwei Millionen Mal über<br />
die Ladentheken gehen. Fünf seiner Singles und zwei Langspielplatten<br />
stehen 1956 auf dem ersten Platz der Hitlisten.<br />
Nach diesen Erfolgen kann sich Presley nicht mehr in der<br />
Öffentlichkeit zeigen, ohne erkannt und belästigt zu werden.<br />
Das Geburtshaus von Elvis Presley in Tupelo (Mississippi).<br />
Der rassistische Alltag sitzt auch heute noch wie ein<br />
Stachel im Fleisch der USA. In der Musik aber sind die<br />
Rassenschranken auch dank Sam Phillips und Elvis Presley<br />
mehr und mehr geöffnet worden. Das bringt ihnen<br />
nicht nur Lob ein. Innerhalb der schwarzen Bevölkerung<br />
gibt es Stimmen, die Elvis vorhalten, dass er mit ihrer<br />
Musik Millionen scheffelt – aber nichts zur Verbesserung<br />
ihrer Lage beiträgt. Auf alle Schmähungen und kritische<br />
Unterstellungen hinsichtlich seines Wirkens findet er<br />
eine ganz einfache Antwort: „Man kann es nicht allen<br />
recht machen.“<br />
Alle Fotos: Wikimedia-Commons<br />
Ulli Weber<br />
50 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />
3/<strong>2022</strong> durchblick 51
In <strong>neue</strong>m Glanz<br />
Museumsmomente<br />
Heimatmuseum Niederschelden komplett modernisiert<br />
Eröffnung des <strong>neue</strong>n Museums durch Dieter Tröps, Heimatgebietsleiter von Siegen-Wittgenstein; Christian Peter,<br />
Ortsbürgermeister Mudersbach; Friedrich Schmidt Heimatgruppe Niederschelden; und Bürgermeister Steffen Mues.<br />
Bereits am 8. April 1995 wurde nach monatelangen Arbeiten<br />
unter dankbarer Mithilfe zahlreicher Heimatfreunde<br />
der erste Teil des Heimatmuseums im Bürgerhaus<br />
Niederschelden<br />
,Auf der Burg 11 feierlich<br />
eröffnet. Auf<br />
Initiative des damaligen<br />
Vorsitzenden der<br />
Heimatgruppe, Horst<br />
Bornemann, konnte<br />
im Obergeschoss des<br />
Bürgerhauses Niederschelden<br />
eine Einrichtung<br />
ins Leben gerufen<br />
werden, die schon<br />
nach kurzer Zeit eine<br />
große Resonanz in der<br />
Öffentlichkeit fand.<br />
Alter Küchenherd<br />
Dieser erste Museumsteil umfasste die Schwerpunkte<br />
Industrie, Bergbau und Handwerk. Schon fünf Jahre später<br />
konnte der zweite Teil des Heimatmuseums im gegenüberliegenden<br />
Raum im Obergeschoss mit Darstellung des historischen<br />
Wohnbereichs eröffnet werden. Im folgenden<br />
Jahrzehnt besuchten über 5.000 Menschen das Museum, die<br />
meisten haben sich in<br />
einem Gästebuch namentlich<br />
verewigt. Anlässlich<br />
der Zunahme<br />
an Exponaten aus der<br />
Geschichte des Ortes<br />
einerseits und der Notwendigkeit,<br />
das Heimatmuseum<br />
den heutigen<br />
Anforderungen<br />
auch in pädagogischer/<br />
didaktischer Hinsicht<br />
Haubergsuhr<br />
anzupassen, entschied<br />
sich der Vorstand der<br />
Heimatgruppe vor einigen<br />
Jahren, das gesamte Museum komplett zu modernisieren.<br />
Nach entsprechenden Planungen wurde im Jahr 2018 mit<br />
dem Teil des Wohnbereiches begonnen. Die Räumlichkeit<br />
Schusterwerkstatt aus Anfang des 20. Jahrhundert.<br />
wurde total entkernt, <strong>neue</strong> Fußböden verlegt und die Decke<br />
umgestaltet. Eine <strong>neue</strong> Beleuchtungstechnik ermöglicht es,<br />
durch echte Deckenlampen aus den 1920er Jahren einzelne<br />
Bereiche wie Küche,<br />
Wohn- oder Schlafzimmer<br />
separat zu erhellen. Im<br />
Flur zwischen den beiden<br />
Museumsräumen ist eine<br />
Schulklasse aus den 1900er<br />
Jahren neu installiert worden<br />
mit einer Eichentafel<br />
im Deckenbereich aus dem<br />
Jahre 1682. Diese stammt<br />
aus der ersten Kapellenschule<br />
von Niederschelden.<br />
Im Jahre 2019 konnte<br />
dieser <strong>neue</strong> Wohnbereich<br />
gemeinsam mit dem Bürgermeister<br />
eröffnet werden.<br />
Kurz danach begann der Rückbau und die Er<strong>neue</strong>rung<br />
des Industriebereichs. Auch hier wurde von der Beleuchtung<br />
über die Beschallung bis hin zur WLAN-Installierung<br />
alles auf den neusten Stand gebracht. Ausstellungsschwerpunkte<br />
bilden die Bereiche Bergbau, Stahlwerk, Ausgrabungsstätte<br />
der Kelten, Hauberg und eine Schusterwerk-<br />
statt. Auf der Freifläche in der Raummitte können jederzeit<br />
Sonderausstellungen präsentiert werden. Des Weiteren<br />
steht ein Fachwerkhaus im Mittelpunkt. Die Begehung<br />
dieses Museums kann<br />
ergänzt werden durch<br />
Blick in den <strong>neue</strong>n Industrieteil.<br />
„Empfang“ in historischer Kleidung.<br />
Filmvorführungen im<br />
Bürgersaal. Schließlich<br />
konnte im Herbst 2021<br />
anlässlich des 40jährigen<br />
Jubiläums der<br />
Heimatgruppe auch der<br />
komplett modernisierte<br />
Teil der Industriegeschichte<br />
eröffnet werden.<br />
Die Heimatgruppe<br />
ist davon überzeugt,<br />
dass auch all diejenigen<br />
Besucher, die das „alte“<br />
Museum bereits kennen,<br />
die <strong>neue</strong> <strong>Version</strong> überraschen wird. „Ziel für die Zukunft<br />
des Museums ist es, auch jüngere Menschen als Interessenten<br />
für die Heimatgeschichte unseres Ortes zu gewinnen,“<br />
so ein Sprecher des Vereins. Friedrich Schmidt<br />
Anmeldung für Besichtigungen bei Gerd Schneider 0271-311579<br />
oder Norbert Griesenbruch 0271 311340. Alle Fotos: Herbert Bäumer<br />
Schulklasse aus Anfang des 20. Jahrhundert.<br />
Stolleneingang mit Equipment.<br />
Großer Besucherandrang beim 40-jährigen Jubiläum der Heimatgruppe 2021.<br />
52 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 53
Kultur<br />
Rubenspreisträgerin <strong>2022</strong><br />
Miriam Cahn macht Kunst, die polarisiert<br />
„Ohne Titel“, (2009 + 2021)<br />
Unbequem und kompromisslos sind viele Arbeiten<br />
von Miriam Cahn, die das Museum für Gegenwartskunst<br />
aus 50 Jahren ihres Schaffens zeigt.<br />
Anlass ist die Verleihung des diesjährigen Rubenspreises<br />
an die Schweizer Feministin und Künstlerin. „MEINE-<br />
JUDEN“ wählte Miriam Cahn als Titel ihrer Schau. Denn<br />
ihr Vater sah sich gezwungen seine Heimatstadt Frankfurt<br />
1933 wegen Hitlers Machtübernahme zu verlassen. Er zog<br />
in die Schweiz und wurde dort mit seinem Bruder wieder<br />
ein erfolgreicher Geschäftsmann. So war das Thema Antisemitismus<br />
der 1949 in Basel geborenen Miriam Cahn<br />
mit in die Wiege gelegt. Und sie wurde zur Streiterin für<br />
die Juden.<br />
Wir denken an die aktuelle Diskussion um die Documenta<br />
15, bei der von einem Künstlerkollektiv aus Indonesien<br />
längst vergangen geglaubte Zerrbilder von Juden bewusst<br />
wieder zitiert wurden, was zuerst niemanden auffiel.<br />
Die Flüchtlingsbewegungen des 20. Und 21. Jahrhunderts<br />
thematisierte Miriam Cahn in ihren Arbeiten immer wieder.<br />
„Von Anfang ihrer Entwicklung an hat Cahn eine bewusst<br />
feministische, unabhängige und eigensinnige Haltung eingenommen.<br />
Ihre Malerei hat sich frei von akademischen<br />
Regeln und Ästhetiken in unterschiedlichsten Formen<br />
und Materialien entfaltet“, heißt es in der Begründung der<br />
Jury für die Vergabe des diesjährigen Rubenspreises an<br />
Miriam Cahn. Cahn war Absolventin der Grafikfachklasse<br />
der Kunstgewerbeschule in Basel und wurde schnell<br />
durch internationale Beteiligungen an Ausstellungen wie<br />
der Documenta oder Biennale bekannt. Das TV-Magazin<br />
„Titel-Thesen-Temperamente“ bezeichnete die Ausstellung<br />
in Siegen sogar als das Kunstabenteuer des Sommers <strong>2022</strong>.<br />
Neben Rassismus, Flucht und Vertreibung steht natürlich<br />
bei der feministischen Künstlerin die Weiblichkeit<br />
mit Sexualität, Körperlichkeit und Gewalt aber auch die<br />
Fruchtbarkeit und das Wunder der Geburt im Fokus. Sie<br />
feiert die Frauen in einer plakativen Weise, die manch einen<br />
Besucher auch verstört und ratlos macht. Es gibt aber<br />
auch intime, zärtliche und in sich ruhende Darstellungen<br />
der Frauen. Auch von Paaren. Ausgangspunkt ihrer Kunst<br />
war immer der eigene Körper. Sie spielt mit Verhüllung und<br />
Enthüllung bis zum letzten Detail. Wie beim Judentum ist<br />
ihr privates Erleben immer auch politisch und öffentlich.<br />
Zornig zeigt sie auf Missstände in unserer Gesellschaft, die<br />
wir allzu gern verdrängen. Verfolgung, Entmenschlichung,<br />
Gewalt gegen Frauen – aber auch gegen Männer – thematisiert<br />
sie immer wieder plakativ mit großen Gesten und<br />
in überwältigender<br />
Farbigkeit.<br />
Es ist ein<br />
Kunstabenteuer,<br />
auf das man sich<br />
unbedingt einlassen<br />
sollte. Begleitet<br />
wird die<br />
Ausstellung, die<br />
bis zum 23.10.22<br />
gezeigt wird, von<br />
zahlreichen Vorträgen,<br />
Führungen,<br />
Gesprächen und<br />
Aktionen, die Miriam<br />
Cahns Auseinandersetzung<br />
mit den existentiellen<br />
Themen<br />
des Menschseins<br />
erklären. Näheres<br />
unter info@mgksiegen.de.<br />
Fotos: MGK<br />
Heinz Pelz.<br />
Text: Tessie Reeh<br />
„ZEIGE!“, (2021)<br />
Fremde Mutter<br />
Siegener Autorin stellt ihr siebtes Buch vor<br />
Das <strong>neue</strong> Buch von Heidrun Vondung kreist um<br />
die Frage, wie ein siebenjähriges Mädchen seine<br />
Kindheit bei Adoptiveltern erlebt hat. Bilder eines<br />
alten Fotoalbums rufen Erinnerungen wach, die der Autorin<br />
dabei helfen, die Gefühle des Kindes wieder aufzudecken<br />
und die traumatische Erfahrung der Trennung von<br />
der Mutter zu erschließen. Die Sehnsucht nach der leiblichen<br />
Mutter lässt reale Ereignisse mit der Phantasiewelt<br />
des Mädchens verschmelzen. In der Phantasie schafft sich<br />
das Kind, das in einer teilweise lieblosen Umgebung heranwächst,<br />
ein Idealbild der leiblichen Mutter, auf das sie<br />
ihr Liebesbedürfnis richten kann. Mit dieser Schilderung<br />
weist die Autorin eindrucksvoll auf die Bedürfniswelt, das<br />
Trostbedürfnis und die Phantasiewelt auch kleiner Kinder<br />
hin, Dinge, die Erwachsene häufig unterschätzen und nicht<br />
ernst nehmen.<br />
Das adoptierte Mädchen findet freilich auch Freude<br />
und Bestätigung bei Verwandten und in der Freundschaft<br />
mit Gleichaltrigen. Der Autorin gelingt es hier, den gesellschaftlichen<br />
Hintergrund der Zeit um 1960, den Alltag<br />
der Menschen und deren Verhalten genau zu beschreiben.<br />
Ohne dies zu bewerten, macht sie deutlich, wie damals<br />
bereits in der Volksschule die Kinder die gesellschaftlichen<br />
Unterschiede zwischen Arm und Reich erlebten. Die<br />
entsprechenden Schilderungen lassen auch erkennen, wie<br />
Buchbesprechung<br />
Hilfreiche Informationen<br />
lange noch in der<br />
Nachkriegszeit<br />
konservative, autoritäre<br />
und nationale<br />
Vorstellungen<br />
herumgeisterten.<br />
Heidrun Vondung<br />
hat ein anrührendes,<br />
aber nicht<br />
gefühliges Buch<br />
über die Kindheit<br />
eines Adoptivkindes<br />
geschrieben,<br />
zugleich hat sie<br />
die Welt vor sechzig<br />
Jahren wieder<br />
auferstehen lassen.<br />
Die älteren<br />
Leser werden Vieles<br />
ihrer eigenen Das 93-seitige Buch kostet 12,80 €<br />
Kindheitszeit wiedererkennen;<br />
die<br />
ISBN-Nr.: 978-3-928812-79-5<br />
jüngeren Leser können erfahren wie es ‚damals’ war, als<br />
ihre Großeltern Kinder waren.<br />
<br />
Gert Sautermeister<br />
Ein Unfall, eine chronische Krankheit oder eine fortschreitende<br />
Demenzerkrankung – es kann viele<br />
Gründe haben, dass ein erwachsener Mensch wichtige<br />
Lebensbereiche nicht mehr selbst organisieren kann.<br />
Liegt keine Vorsorgevollmacht vor, wird eine rechtliche Betreuung<br />
eingerichtet. Der Ratgeber der Stiftung Warentest<br />
beantwortet anhand von vielen Praxisbeispielen alle Fragen,<br />
die zu Beginn und während einer Betreuung auftauchen.<br />
„Es ist wichtig zu wissen, dass eine Betreuung keine<br />
Entmündigung ist. Menschen, für die eine Betreuung eingerichtet<br />
wurde, sind häufig noch geschäftsfähig“, sagt<br />
Dr. Kai Nitschke, Co-Autor des Buches und Richter am<br />
Betreuungsgericht. Die Rechte von Betroffenen und ihren<br />
Angehörigen werden durch die am 1.1.2023 in Kraft tretende<br />
Reform des Betreuungsrechts gestärkt. Die <strong>neue</strong>n<br />
Regeln werden im Ratgeber ausführlich dargestellt.<br />
Eine gesetzliche Betreuung wird nur eingerichtet, wenn<br />
sie notwendig ist und praktische Hilfen wie eine Haushaltshilfe<br />
oder Pflegeleistungen nicht ausreichen. Der Gesetzgeber<br />
sieht vor, dass im besten Fall Verwandte oder Freunde<br />
eine rechtliche Betreuung übernehmen, weil sie die Lebensumstände,<br />
Wünsche und<br />
Ängste der Betroffenen<br />
kennen. Privatpersonen,<br />
die eine Betreuung übernehmen,<br />
haben ein Anrecht<br />
auf Schulung, Versicherung<br />
und finanzielle<br />
Unterstützung. Wenn keine<br />
Privatperson infrage<br />
kommt, wird ein Berufsoder<br />
ein Vereinsbetreuer<br />
bestellt.<br />
Sind Betroffene oder<br />
Angehörige mit der Betreuung<br />
unzufrieden, können<br />
sie sich an das Betreuungsgericht<br />
wenden.<br />
176 Seiten 19,90 € ist im Handel<br />
erhältlich oder online unter<br />
test.de/gesetzliche-betreuung-buch.<br />
Der Ratgeber hilft bei der Lösung von Problemen und<br />
gibt einen Überblick über die Aufgabenbereiche von Betreuern<br />
wie Gesundheitsfürsorge, Finanzen, Vertretung gegenüber<br />
Behörden sowie Wohnungsangelegenheiten. <strong>db</strong><br />
54 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 55
Gedächtnistrai ning<br />
Lösungen<br />
Seite 82<br />
Synonym und<br />
Antonym<br />
Sind Sie gut im Listen schreiben?<br />
Es geht um das Wort „Arbeiten“!<br />
1. Finden Sie möglichst viele andere Ausdrücke<br />
für „ARBEITEN“, die eine ähnliche<br />
Bedeutung (= Synonym) haben! Z.B. schaffen,<br />
malochen, …<br />
2. Finden Sie jetzt möglichst viele verschiedene<br />
Ausdrücke, die genau das Gegenteil<br />
(= Antonym) bedeuten! Z.B. faulenzen, auf<br />
der faulen Haut liegen, …<br />
Synonym:<br />
schaffen, <br />
malochen, <br />
usw,<br />
<br />
<br />
<br />
<br />
<br />
<br />
<br />
<br />
Suchbild<br />
Was ist das?<br />
Antonym:<br />
faulenzen,<br />
auf der faulen Haut<br />
liegen, ...<br />
<br />
<br />
<br />
<br />
<br />
<br />
<br />
<br />
Trainingsziel: Fantasie und Kreativität<br />
Fundsachen<br />
Im Fun<strong>db</strong>üro wurden viele<br />
Sachen abgegeben. Können<br />
Sie herausfinden, welche dies<br />
redensartlich sind? Z. B. Klotz<br />
am Bein haben haben.<br />
<br />
Fundsachen Fundort<br />
1. Beispiel: Klotz am Bein<br />
2. vor dem Mund<br />
3. im Feuer<br />
4. im Brett<br />
5. im Getriebe<br />
6. im Walde<br />
7. im Heuhaufen<br />
8. am Stecken<br />
9. vor der Hütte<br />
10. auf der hohen Kante<br />
11. in der Brandung<br />
12. im Dorf<br />
13. auf den Augen<br />
14. im Mund<br />
15. im Kopf<br />
16. über dem Kopf<br />
17. im Schrank<br />
Trainingsziel: assoziatives Denken,<br />
Denkflexibilität, Wortfindung<br />
Die Übungen wurden<br />
zusammengestellt von:<br />
Gedächtnistrainerin<br />
Bernadette von Plettenberg<br />
Mitglied im Bundesverband<br />
Gedächtnistraining e.V.<br />
02732 / 590420<br />
bernadette@plettenberg-struwe.de<br />
Gedächtnistrainingskurse auf Anfrage<br />
Gegensätze<br />
Unser Alltag besteht aus Gegensätzen. Versuchen<br />
Sie möglichst viele zu finden. Z.B.<br />
heiß – kalt, groß – klein; Ebbe – Flut, Mutter<br />
– Vater. Spaß macht das ganze auch,<br />
wenn man Kastanien damit beschriftet<br />
Trainingsziel: Wortfindung.<br />
Kürbisrätsel<br />
1. Wie viele verschiedene Kürbisarten gibt es?<br />
ca. 200 / 500 / 800 / 1000<br />
2. Wieviel Tage benötigt ein Kürbis im<br />
Durchschnitt zur Reife?<br />
50 – 100 / 100 – 130 / 60 – 110 Tage 80 – 130<br />
3. Welche Vitamine sind im Kürbis reichlich<br />
enthalten? A / C / D / E<br />
4. Kürbis ist nährstoffreich. Wie viele Kalorien<br />
hat er auf 100 g Fruchtfleisch?<br />
bis 40 kcal / bis 100 / bis 130 über 150<br />
5. Kürbis hilft bei welchen Krankheiten, bzw. ist<br />
gut für ...? Rheuma /Augen / Herz-Kreislauf /<br />
Blasen-Nieren<br />
6. Welche Kürbissorten sind essbar? Butternut /<br />
Patisson / Kronenkürbis / Muskatkürbis<br />
7. Die Schale von welchem Kürbis darf man<br />
essen? Spaghettikürbis / Bischofsmütze /<br />
Hokkaido / Butternut<br />
8. Seit welcher Zeit isst man Kürbis?<br />
12.000 Jahren / 5.000 Jahren / Mittelalter /<br />
19. Jahrhundert<br />
Trainingsziel: Urteilsfähigkeit<br />
Hintergrundfoto: Ulrike Zöller<br />
56 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 57
Gesellschaft<br />
Gesellschaft<br />
Die Weltzeituhr auf dem „Alex“<br />
Genialer Designer und Konstrukteur wurde 90<br />
Erich John<br />
Foto: MAZ/Markus Kniebeler<br />
Foto:Wikimedia Commons<br />
Viele kennen die Produkte, die von ihm entworfen<br />
wurden, aber kaum jemand kennt ihn, den Designer<br />
und Konstrukteur eines außergewöhnlichen Gebildes<br />
mitten auf dem Alexanderplatz in Berlin. Und ich glaube,<br />
dass nahezu jeder Besucher unserer Hauptstadt schon<br />
einmal davor stand oder es auf Bildern oder Postkarten<br />
gesehen hat.<br />
Es war vor einigen Monaten, als ich mich an einem<br />
Freitagabend von einer Talkrunde zur nächsten „zappte“,<br />
denn nicht alle der von den verschiedenen Sendeanstalten<br />
dort eingeladenen Gäste erregten mein Interesse. Irgendwann<br />
war ich in der Runde des MDR gelandet. Jörg<br />
Kachelmann unterhielt sich mit einem älteren Herrn, der<br />
sofort meine Aufmerksamkeit weckte. Es fiel der Name<br />
meines Geburtsortes, dazu der Begriff „ROW“.<br />
Im weiteren Verlauf dieses Gespräches erfuhr ich dann<br />
etwas über die Zusammenhänge eben jenes , oben genannten<br />
Objektes. Es ging um die Weltzeituhr auf dem „Alex“<br />
in Berlin. Neugierig geworden begann ich Tage später zu<br />
recherchieren.<br />
Jener ältere Herr heißt Erich John und wurde in Nor<strong>db</strong>öhmen<br />
1932 geboren. Hier wuchs er auf, bis die Familie<br />
nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben und das familiäre<br />
landwirtschaftliche Anwesen enteignet wurde. Nach der<br />
Flucht und verschiedenen Irrwegen kam es im Mecklenburgischen<br />
zum Neuanfang, In Neukloster absolvierte<br />
Erich John eine Lehre als Bauschlosser, studierte zunächst<br />
Kunstschmiede-Metallgestaltung und danach Formgestaltung.<br />
In den Jahren 1955 bis 1992 war er an der Hochschule<br />
für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee,<br />
seit 1968 hauptsächlich als Dozent tätig.<br />
Gestalterisch und freundschaftlich verbunden war und<br />
ist er aber auch seit dem Jahr 1962 als nebenberuflicher<br />
Formgestalter (mit Lizenz) für das Produktionsprogramm<br />
der Rathenower Optischen Werke, kurz: „ROW“. Er designte<br />
neben der umfangreichen Palette an optischen Geräten,<br />
wie Schulmikroskope, zahlreiche Produkte der Elektro-<br />
und Kraftfahrzeugzulieferindustrie. Als Beispiele seien<br />
genannt: Das Design des Rundfunkempfängers Undine II,<br />
die Schreibmaschine „Erika“, den des Elektrorasierapparats<br />
„Bebo Sher Favorit“ und vieles, vieles mehr und es<br />
mangelte nicht an Auszeichnungen. Uns „Bundesbürgern“<br />
wurden einige seiner entworfenen Produkte bekannt, sie<br />
gingen in den Westhandel und wurden vom Versandhaus<br />
Quelle unter dem Namen „Privileg“ verkauft.<br />
Als ein Abenteuer bezeichnete Erich John eine Wettbewerbsausschreibung<br />
zur Umgestaltung des Alexanderplatzes.<br />
Er reichte Unterlagen eines spektakulären Uhrenentwurfs<br />
ein und bekam tatsächlich den Zuschlag. Abenteuerlich vor<br />
allem deshalb: Den Gestaltern eröffnete man, dass dieser<br />
Entwurf innerhalb von neun Monaten umzusetzen sei, um<br />
das Werk pünktlich zum 20. Jahrestag der DDR einweihenund<br />
der Bevölkerung präsentieren zu können.<br />
Spontan setzte sich Erich John mit seinen Rathenower<br />
Freunden zusammen, um mit ihnen den kühnen Plan<br />
zu besprechen, denn: Innerhalb der üblichen Schwierigkeiten<br />
der „Planwirtschaft“ war die Umsetzung kaum zu<br />
bewältigen. Es gelang Erich John aber doch sich durchzusetzen<br />
um eine fristgerechte Materialbeschaffung „außerhalb<br />
der planwirtschaftlichen Abläufe“ zu regeln. Ja,<br />
und selbst ein dazu unbedingt erforderliches Kugellager<br />
durfte vom Klassenfeind in der BRD erworben und mit<br />
Westmark bezahlt werden!<br />
Ein zunächst skeptisches, dann aber begeistertes Wettbewerbsteam<br />
setzte sich aus Rathenower Mitarbeitern zusammen.<br />
Neben den optischen Betriebsstätten der ROW<br />
gehörten der VEB Wasseraufbereitungsanlagenbau für<br />
die Stahl- und Schweißarbeiten dazu. Die VEB Elektro-<br />
Zentrale übernahm den elektrischen Part, einer speziellen<br />
Elektrik im „Keller“ der Konstruktion. In allen drei<br />
Betriebsstätten durften die Mitarbeiter nach Feierabend<br />
werkeln. Die vielen Freizeitstunden wurden dann aber<br />
ordentlich entlohnt.<br />
Für die Umsetzung schwebte Erich John ein Kindheitserlebnis<br />
vor. In seiner böhmischen Heimat hatte er eine<br />
alte Linde vor Augen, in deren ausgehöhltem Stamm er<br />
dereinst hoch in die Krone steigen konnte. Diese Linde<br />
war fast ein Vierteljahrhundert später die Grundlage seiner<br />
kühnen Planung. In seinen Vorstellungen sollten sich Weltall<br />
und Erde symbolisch verbinden und die Zeitzonen rund<br />
um den Globus anzeigen. Außerdem gingen seine Gedanken<br />
dahin, einen Ort zu schaffen, der gerne besucht wird,<br />
der als Treffpunkt genutzt werden und bei dem man sich<br />
bei Sonne oder Regen unterstellen kann.<br />
In seinem Buch beschreibt Erich John all die Schwierigkeiten,<br />
die letztlich doch zur „abenteuerlichen“ Umsetzung<br />
und Fertigstellung führten.<br />
Pünktlich zum 20. Jahrestag der DDR, am 30. September<br />
1969, wurde die Weltzeituhr feierlich der Öffentlichkeit<br />
übergeben. Der Alexanderplatz war inzwischen<br />
viermal größer als vor dem Zweiten Weltkrieg. Mit der<br />
Weltzeituhr und dem ebenfalls eingeweihten Fernsehturm<br />
sollte die umfangreiche Neugestaltung im Sinne der sozialistischen<br />
Moderne und einer großzügigen Stadtplanung<br />
veranschaulicht werden.<br />
Die Konstruktion wird von einem in den Boden eingelassenem<br />
Steinmosaik, das die Form einer Windrose hat,<br />
umrundet. Mittig auf der 2,70 Meter hohen Säule, mit einem<br />
Durchmesser von 1,5 Metern, ist ein dreigeteilter Zylinder<br />
aufgesetzt, dessen Grundfläche 24 Ecken und Seiten<br />
aufweist. Jede Seite entspricht einer der 24 Zeitzonen der<br />
Erde. Die zehn Meter hohe Weltzeituhr hat eine Masse<br />
von 16 Tonnen. Die Namen wichtiger Städte der Zeitzonen<br />
sind in Aluminium eingefräst und wurden nach 1989<br />
durch weitere Städtenamen erweitert. Im Zylinder dreht<br />
sich ein Stundenring. Auf ihm wandern die Stunden, farbig<br />
gekennzeichnet, durch die Zeitzonen. Über der Weltzeituhr<br />
rotiert einmal pro Minute eine vereinfachte Darstellung<br />
des Sonnensystems mit Planeten (Kugeln) und ihren mit<br />
Stahlkreisen dargestellten Bahnen.<br />
Die Technik der Uhr befindet sich zwei Meter unter<br />
dem Platz in einem 25 Quadratmeter großen und rund 1,90<br />
Meter hohen Raum. Der das Planetensystem antreibende<br />
Elektromotor und das Getriebe stammen noch aus DDR-<br />
Zeiten. Für den Antrieb des Stundenringes verwendete<br />
Erich John ein umgebautes Trabantgetriebe. Das Teil des<br />
Kultautos erfüllte gemeinsam mit jenem westdeutschen<br />
Kugellager diese wichtige Funktion.<br />
Aber wie wir wissen, änderte sich inzwischen die Geschichte<br />
und die DDR gibt es nicht mehr. Geblieben ist<br />
seit gut einem halben Jahrhundert aber dieses spektakuläre<br />
Bauwerk in der Mitte Berlins, das inzwischen unter Denkmalschutz<br />
steht. Es ist und bleibt ein markanter Treffpunkt<br />
für zahlreiche Besucher aus vielen Nationen. Sie haben<br />
das Ergebnis eines genialen Gedankens des Mannes vor<br />
Augen, der Anfang dieses Jahres seinen 90. Geburtstag feierte:<br />
Erich John.<br />
Er erhielt mehrere Ehrungen und Auszeichnungen für<br />
seine schöpferischen Arbeiten und wurde im Jahre 2021 mit<br />
dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.<br />
Eva-Maria Herrmann<br />
58 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 59
Gesellschaft<br />
Herausforderung<br />
Zeigen, was in mir steckt<br />
Kultur<br />
Versungen –<br />
Richard-Strauss-Festival<br />
Nach den Sommerferien<br />
ist es wieder soweit:<br />
Das Evangelische<br />
Gymnasium in Weidenau<br />
schickt seine Neuntklässler<br />
„auf Herausforderung“. Ein<br />
halbes Jahr lang haben sie sich<br />
darauf vorbereitet. Jede Schülerin<br />
und jeder Schüler hat<br />
sich etwas überlegt, was ihn<br />
zweieinhalb Wochen lang herausführt<br />
aus dem Alltag und<br />
ihn fordert. Arbeiten auf dem<br />
Bauernhof, mit dem Fahrrad<br />
die Elbe entlang fahren oder<br />
per Pedes um den Bodensee:<br />
Nur heraus aus Homeschooling und Komfortzone, über<br />
den Tellerrand blicken und tapfer voranschreiten – hinterm<br />
Horizont geht’s weiter!<br />
„Herausforderung“ – früher klang das nach dem Fehdehandschuh,<br />
der einem ins Gesicht klatscht, nach Rivalität, Duell und<br />
Kampf um Sieg oder Niederlage. Heute ist „Herausforderung“<br />
in der Sprache des Erfolgs ein besseres Wort für „Problem“,<br />
weil es die Lösung desselben bereits nahelegt. „Herausforderung“<br />
als Schulprojekt klingt nach Abenteuer und Autonomie,<br />
nach Selbstfindung, Unabhängigkeit und Gemeinschaft. Manche<br />
Aspekte lassen sich planen: Wer radelt oder wandert, achtet<br />
auf ein gut gewartetes Rad und bequemes Schuhwerk. Er<br />
recherchiert Übernachtungsmöglichkeiten, packt ein Zelt ein,<br />
und wenn es gut läuft – zu Hause reden ja auch die Eltern<br />
noch mit, ist er auf wechselhaftes Wetter vorbereitet. Aber der<br />
Weg heraus aus der persönlichen Komfortzone ist auch mit<br />
unwägbaren Risiken verbunden. Die Auseinandersetzung mit<br />
dem Unbekannten trifft einen da, wo man es am wenigsten<br />
erwartet. Nicht das anstrengende Radeln erweist sich dann als<br />
die größte Herausforderung,<br />
sondern die schmerzhaft<br />
begrenzten mobilen Daten,<br />
wenn man sich länger außerhalb<br />
eines WLANs bewegt.<br />
Nicht die Blasen an den<br />
Füßen drücken, sondern die<br />
Schwierigkeit, sich gemeinsam<br />
zu ernähren, wenn einer<br />
nur Veganes isst, der andere<br />
kein Gemüse mag und die<br />
Dritte Milchprodukte nicht<br />
verträgt.<br />
Aber solche Herausforderungen<br />
sind eben da, um<br />
Der innere Schweinehund hält nichts von Herausforderungen.<br />
Er hält die Komfortzone warm, bis<br />
Herrchen und Frauchen wieder zurückkehren.<br />
Alle Bilder von Pixabay:<br />
Links der Schweinehund an einer Tür<br />
des Quedlinburger Doms.<br />
Rechts der Kopf der Statue<br />
„Mein innerer Schweinehund“<br />
Wvon Jens Galschiøt, Bonn 1993.<br />
an ihnen zu wachsen. Die Helden<br />
kehren mit erweitertem<br />
Tellerrand und um etliche Erfahrungen<br />
bereichert zurück.<br />
Selbst wem das Wandern zur<br />
Qual geworden ist, der hat es<br />
nach zweieinhalb Wochen<br />
stolz hinter sich gebracht und<br />
weiß, was er sicher so schnell<br />
nicht wieder unternehmen<br />
wird. Am Ende werden die<br />
herausfordernden Projekte der<br />
Schulgemeinschaft präsentiert<br />
– die Träume, die Pläne, die<br />
Ziele und die Verwirklichung.<br />
Wie schön ist es, wie selbstbewusst<br />
und stark fühlt man sich, wenn man eine solche Herausforderung<br />
gemeistert hat! Das einzige, was einen davon<br />
abhält, es gleich wieder zu tun, ist das Gerangel mit dem<br />
inneren Schweinehund, der jetzt gefüttert werden will. Der<br />
Schweinehund ist ein urdeutsches Haustier, mit dem ein gesunder<br />
Mensch in Symbiose lebt. Er ziert die Tür des Quedlinburger<br />
Doms, und in Bonn ist ihm ein Denkmal gesetzt.<br />
Googelt man „Schweinehund“, so stößt man auf unzählige<br />
Tipps, wie man den seinen loswerden, besiegen oder<br />
überwinden kann – das ist der Weg zur Selbstoptimierung –<br />
willensstark, diszipliniert und möglicherweise schon unterwegs<br />
in Richtung Burnout. Ein bisschen mehr Schweinehund,<br />
und man schafft eine Work-Life-Balance, die einen<br />
lange gesund erhält. Statt ihn zu überwinden, kann man den<br />
inneren Schweinehund vertrösten: Ich komme gleich wieder,<br />
fordere mich heraus, und danach feiern wir den Erfolg!<br />
Wie gehen Sie mit Ihrem inneren Schweinehund um?<br />
Und wie mit Herausforderungen? Was muten Sie sich zu,<br />
und wo scheuen Sie die Veränderung? Organisieren Sie<br />
Ihr Leben mit<br />
zeit- und kraftsparenden<br />
Routinen,<br />
oder setzen Sie<br />
sich lieber immer<br />
wieder neu herausfordernden<br />
Entscheidungen<br />
aus?<br />
Schreiben Sie Ihre<br />
eigene Geschichte<br />
über die Pläne,<br />
Ziele und Herausforderungen<br />
Ihres<br />
Lebens!<br />
Adele von Bünau<br />
Klangvolle Hörner beim Richard-Strauss-Festival<br />
Jeder kennt Garmisch-Partenkirchen als weltbekannten<br />
Wintersportort, wo viele internationale Wettkämpfe<br />
oder auch z.B. Neujahrsspringen ausgetragen werden.<br />
Aber, dass es auch der Geburtsort eines berühmten Komponisten,<br />
nämlich Richard Strauss ist wohlgemerkt Richard,<br />
nicht Johann – ist wohl weniger bekannt. Um dieser<br />
bedauerlichen Unkenntnis abzuhelfen, ließen sich die Bayern<br />
damals etwas Großartiges einfallen: ein mehrtägiges<br />
Strauss-Festival beachtlichen Ausmaßes. U.a. wurde z.B.<br />
die Alpenhorn-Sinfonie von einem Schweizer Ensemble<br />
mit eindrucksvoll voluminösen Hörnern aufgeführt.<br />
Mein Bruder, der mit seiner Frau damals in Garmisch<br />
lebte, hatte mich von diesen Strauss-Tagen in Kenntnis gesetzt,<br />
und ich war seiner Einladung gefolgt. Am meisten<br />
beeindruckte mich damals der Auftritt des Tenors Hermann<br />
Prey, der zusammen mit einer englischen Sopranistin, deren<br />
Namen ich vergessen habe, die wundervollen Lieder<br />
des Komponisten präsentierte. Das Paar war nicht<br />
nur klanglich, sondern auch optisch eine Augen- und<br />
Ohrenweide, und, wenn die Beiden sich während des<br />
Gesangs anblickten, konnte man es vom Zuschauerraum<br />
funkeln und blitzen sehen. Da passierte es: mitten<br />
in einem Lied war von der Sängerin eine falsche,<br />
sekundenlange Pause und dann zwei unkorrekte Töne<br />
zu hören. Das Publikum ebenso wie das Duo erstarrte<br />
und verkrampfte in eine Sekundenstille.<br />
Dann ertönte ein silberhelles Sopranlachen (das<br />
vom Publikum mit einem entspannten beklatschten<br />
Lachen erwidert wurde), – und der Liederabend<br />
nahm weiter seinen vorbestimmten Lauf. Ich hatte<br />
so etwas noch nie erlebt bei all meinen Erfahrungen als Konzertbesucherin<br />
und als Chorsängerin in großen musikalischen<br />
Werken. Nach einem Augenblick der Versunkenheit in den<br />
Anblick des Gesangspartners hatte sie sich versungen! Etwas<br />
„vergeigt“ zu haben ist wohl ein geläufigerer Begriff (nicht nur<br />
in der Musik) im Gegensatz zu versungen.<br />
Ob dieses seltene Ereignis bei diesem berühmten Paar<br />
noch ein Nachspiel erfreulicher oder unerfreulicher Art hatte,<br />
habe ich nicht erfahren, ist wohl nicht publik geworden.<br />
Auf dem Heimweg nach dem Konzert dachte ich noch<br />
darüber nach, ob und wann ich selbst nach einem Augenblick<br />
der Versunkenheit eine an sich harmonische Sache<br />
auch wohl „versungen“ hatte oder „vergeigt“.<br />
Und Sie, lieber Leser? Hoffentlich nie beim Autofahren!<br />
Addy Knabe<br />
Foto: Wikipedia Commons<br />
60 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 61
Historisches<br />
Historisches<br />
Flucht und Vertreibung<br />
Belastende Erinnerungen, die wieder wachgerufen werden<br />
Als am 8.Mai 1945 der 2. Weltkrieg zu Ende ging, war<br />
ich neun Jahre alt. Wir lebten damals in der Kreisstadt<br />
Waldenburg, wo beide Eltern berufstätig waren, bis<br />
mein Vater zum Militär eingezogen wurde. Unsere Mutter und<br />
wir Kinder lebten aber weiter dort in der Mansardenwohnung<br />
eines Siedlungshäuschens, das einem Straßenbahner gehörte,<br />
der im 1.Weltkrieg ein Bein verloren hatte. Gelegentlich<br />
besuchten wir unsere Großeltern in Schmidtsdorf, die ca. 50<br />
km entfernt wohnten und verbrachten vor allem so manches<br />
Wochenende dort. Das Dörfchen hatte damals 561 Einwohner.<br />
Da unsere Mutter in dieser Zeit immer ohne Ehemann<br />
leben musste, ging sie oft ins Kino und sah sich Filme an<br />
mit Marika Röck, wie z.B. „Die Frau meiner Träume“ oder<br />
„Frauen sind doch bessere Diplomaten“, aber auch Filme mit<br />
Willi Birgel, Hans Albers usw. In die Nachmittagsvorstellungen<br />
nahm sie uns Kinder mit. Wir sahen hier den Propaganda-Film<br />
„Junge Adler“ mit dem damals noch 15-jährigen<br />
Hardy Krüger und Dietmar Schönherr. Auch die Wochenschauen<br />
erlebten wir mit, die damals die Tagesschau ersetzte.<br />
Wir sahen darin auch Berichte, in denen geschwungene<br />
schmiedeeiserne Lagertore vorkamen, auf denen geschrieben<br />
stand: „Arbeit macht frei“. Und wir wussten durch die<br />
Wochenschau, dass man Juden in Arbeitslager verbrachte.<br />
Eines nachmittags, als unsere Mutter aus ihrem Nachmittagskino<br />
nach Hause kam, während wir unter großen Kastanien<br />
in der Nähe unseres Hauses gespielt hatten, sagte sie<br />
zu uns: „Heute haben sie den Schocken abgeholt. Soll ja ein<br />
Jude gewesen sein!“ Vorher hatte niemand danach gefragt,<br />
ob der Besitzer des großen und einzigen Kaufhauses in der<br />
Stadt Waldenburg Jude war oder nicht. Es hat auch niemanden<br />
interessiert. Wie schlimm diese Verfolgungen einmal<br />
werden würden, erfuhren wir erst nach Kriegsende.<br />
Als am 30.April 1945 dann der Tod Hitlers bekannt gegeben<br />
wurde, geschah das mit viel Pathos. Propaganda-Minister<br />
Josef Göbbels verkündete salbungsvoll in der Wochenschau<br />
und allen Volksempfängern, dass „der Führer für Volk und<br />
Vaterland den Heldentod gestorben sei“. Dass er sich selbst<br />
umgebracht hatte, war dem Volk nicht bekannt geworden.<br />
So um den 8. Mai herum, ich weiß heute nicht mehr, ob<br />
das vor oder nach der Unterzeichnung der Kapitulation durch<br />
Großadmiral Dönitz (Stellvertreter Hitlers) war, ratterten die<br />
riesigen T-34 Panzer der russischen Armee über das Basaltkopfsteinpflaster<br />
der Hauptstraße und verursachten einen<br />
höllischen Lärm. Kampfhandlungen fanden nicht mehr statt.<br />
Es wurde kein Haus zerstört. Schon vor dem Einmarsch der<br />
Russen ging das Gerücht um, dass sie sich gegenüber Frauen<br />
besonders grausam verhalten würden. Deshalb versteckten<br />
diese sich, so gut es nur ging. Bei jungen Müttern, die für ihre<br />
Kinder da sein mussten, war das schon schwieriger.<br />
Als sich nach etwa 14 Tagen die Aufregung, die mit<br />
dem Kriegsende zu tun hatte, etwas gelegt hatte, erschien<br />
plötzlich in der Dämmerung unser Opa. Er hatte sich durch<br />
Wälder und über Felder durchgeschlagen, meistens in der<br />
Dämmerung gehend. Die Oma hatte ihm keine Ruhe gelassen<br />
und ihn gedrängt herauszufinden, ob wir noch am Leben<br />
sind. Er freute sich sehr, seine Tochter und die Enkel lebend<br />
vorzufinden. Am nächsten Tag schon packten wir das Nötigste<br />
zusammen und Großvater nahm uns mit ins Heimatdorf.<br />
Er hatte unterwegs landwirtschaftliche Fahrzeuge angehalten,<br />
die uns streckenweise beförderten.<br />
Im Heimatdorf genossen wir mehr Sicherheit. Und das<br />
hatte einen besonderen Grund. Unsere Großeltern wohnten<br />
im Gemeindehaus, wo auch der Bürgermeister sein Büro<br />
und die Wohnung hatte. Der deutsche Bürgermeister aus dem<br />
3.Reich, der ja zwangsläufig Parteigenosse gewesen war, hatte<br />
sich schon anderswohin abgesetzt, zusammen mit seiner Familie.<br />
Es gab einen vorübergehenden kommunistischen Bürgermeister,<br />
der die nun vergangene deutsche Regierung in die<br />
polnische Verwaltung überleiten sollte. Der polnische Bürgermeister<br />
mit seiner Entourage, drei polnischen Assistenten in<br />
Uniform, war gerade im Begriff einzuziehen. Das ging völlig<br />
unspektakulär vor sich. Die Leute im Dorf hatten dem polnischen<br />
Bürgermeister wohl erzählt, dass unsere Mutter schon<br />
zeitweise im Gemeindebüro gearbeitet hatte, als wir Kinder<br />
noch sehr klein waren und dass sie für die Sekretärinnen Urlaubsvertretungen<br />
gemacht hatte. Es war ja auch so praktisch,<br />
denn ihre Eltern - unsere Großeltern - lebten im gleichen Haus.<br />
Wir wurden als Familie gut behandelt. Auch hörten wir keine<br />
Klagen von anderen Menschen im Dorf. Natürlich wussten<br />
wir inzwischen, dass wir über kurz oder lang das Land würden<br />
verlassen müssen und bereiteten uns darauf vor. Unsere Mutter<br />
fing an, den großen Korb, in dem sie immer ihre Aussteuerwäsche<br />
gesammelt hatte, zu packen. Sie ließ vom Schreiner<br />
unter dem Korb zwei Achsen anbringen, an die vier Holzräder<br />
montiert wurden. Sie ließ auch eine Schlaufe aus einem Stück<br />
Wäscheleine an einem Korbhenkel anbringen, die sie sich über<br />
die Schulter legen und so den Korb ziehen konnte. Wir Kinder<br />
würden dann hinten schieben.<br />
Vorerst aber wurde unsere Mutter noch ab und an ins Gemeindebüro<br />
beordert, um dort Akten durchzugehen. Es wurden<br />
Listen erstellt, wer von den Dorfbewohnern als nächste<br />
das Dorf verlassen sollten. Unsere Mutter musste dann in<br />
Begleitung eines uniformierten Assistenten des Bürgermeisters<br />
diese Menschen zu früher Morgenstunde aufsuchen und<br />
ihnen mitteilen z.B.: „Am Samstag um 8.00 Uhr vor dem<br />
Gemeindebüro versammeln. Handgepäck und die Kinder<br />
dürfen mitgenommen werden“! Zuerst kamen die Bauern<br />
dran, die von polnischen Landwirten ersetzt wurden. Im<br />
Dorfgasthof „Zum Reichmacher“ residierte die russische<br />
Kommandantur und im Gutsbetrieb „Gläser“ und den dazu<br />
gehörigen Stallungen war eine russische Hundestaffel eingezogen.<br />
Der polnische Bürgermeister und seine Assistenten<br />
instruierten uns Kinder für den Fall, dass wir von den<br />
Russen belästigt werden sollten, folgenden Satz zu sagen:<br />
„MOJA MATKA STAROSTA RABOTA“. Das ist russisch<br />
und heißt: „Meine Mutter arbeitet beim Bürgermeister“.<br />
Dieser Satz sollte die Russen wohl einschüchtern.<br />
Als unsere Mutter zum dritten Mal die noch schlecht<br />
deutsch sprechenden Assistenten des Bürgermeisters begleiten<br />
musste, um den deutschen Mitbürgern zu sagen, wann<br />
sie das Land verlassen mussten, lehnten diese sich dagegen<br />
auf und sprachen von „Nestbeschmutzung“. So kam es, dass<br />
unsere Mutter sich selbst auf die nächste Ausweisungsliste<br />
setzte. Wir sind aber auch gefragt worden, ob wir die polnische<br />
Nationalität annehmen möchten.<br />
Eines Tages sagte mir der 3. Assistent des Bürgermeisters,<br />
ein blonder junger Mann, der sehr gut deutsch sprach und Staschek<br />
hieß, ich solle von meiner Großmutter die größte Schüssel<br />
holen, die ich kriegen könnte. Das tat ich auch. Er füllte sie<br />
mir einmal mit Mehl, dann mit Grieß und danach mit Zucker<br />
aus den Vorräten des Bürgermeisters und er stand „Schmiere“,<br />
als ich diese Köstlichkeiten in die 2. Etage zu meiner Großmutter<br />
brachte. Von diesem Moment an war er ein Held für<br />
mich. Die anderen beiden schlechter sprechenden Assistenten<br />
spielten auch gerne mit uns Kindern. Slawische Völker sind<br />
überhaupt sehr kinderlieb. Vielleicht konnte ich deshalb nie<br />
Voreingenommenheit gegen andere Nationalitäten empfinden.<br />
Als wir dann beim nächsten Treck mit vielen anderen<br />
Nachbarn mit am Versammlungsort standen, dann quer durch<br />
das Dorf und eine zwei Kilometerlange Alleestraße bis zum<br />
Güterbahnhof in Friedland zu dem für uns zuständigen Güterwagen<br />
unterwegs waren, hatten die beiden Omas noch ein Federbett<br />
in eine Decke gerollt und mit Hilfe eines Stücks Wäscheleine<br />
eine „Bettwurst“ gezaubert, die sie am Bahndamm<br />
entlang bis zu unserem Güterwagen trugen und dort noch in<br />
den abfahrtbereiten Zug schoben. Danach fuhr der Zug ab ins<br />
Nirgendwo. Die Großeltern und die Friedland-Oma blieben<br />
zurück und wurden erst viele Monate später auf die gleiche<br />
Weise nach Sachsen und Thüringen verbracht.<br />
Als wir nach einer Woche und zwei Zwischenstopps endlich<br />
in Siegen landeten, wussten wir nicht, wo wir waren.<br />
Von einem Ort, der Siegen heißt, hatten wir noch nie gehört.<br />
Im Nachhinein betrachtet muss man aber anerkennend<br />
sagen, dass die Entsiedlung Schlesiens in geordneten Bahnen<br />
vor sich ging, also nicht zu bitterkalten Jahreszeiten und<br />
Zug um Zug, im doppelten Sinne des Wortes. Es ist niemand<br />
erfroren oder auf andere Weise getötet worden, wie das z.B.<br />
in Ostpreußen der Fall war. Das Ganze könnte man getrost<br />
als eine logistische Meisterleistung betrachten.<br />
<br />
Erna Homolla<br />
62 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 63
Historisches<br />
Historisches<br />
Mit der Elektrischen<br />
Die Elektrische 325 auf <strong>neue</strong>r Jungfernfahrt.<br />
64 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />
Mit der Elektrischen, hörte ich oft die Eltern sagen,<br />
wenn sie von ihren Verwandten in Breslau<br />
sprachen und sie besuchen wollten. Vor Augen<br />
hatten sie die Breslauer Straßenbahn, die über eine Oberleitung<br />
mit Strom versorgt elektrisch angetrieben wurde.<br />
Abgasfrei rollte sie durch die Stadt und gab den Menschen<br />
die Möglichkeit, schnell zum Ziel zu kommen.<br />
Elektromobilität ist also keine Erfindung der Neuzeit.<br />
Sie gab es vor 120 Jahren schon.<br />
Meine Erinnerung an die Straßenbahn fand seine Auffrischung<br />
durch einen Bericht von Tomasz Sielicki aus Breslau.<br />
Der Autor berichtet im Christophoriboten 4/2021, einem<br />
von der deutschsprachigen Lutherischen St. Christophori-<br />
Gemeinde in Breslau herausgegebenen Journal, über die<br />
Geschichte der Straßenbahnen in Breslau und die Sanierung<br />
eines Straßenbahnwagens aus dem Jahre 1901. Mit Hilfe<br />
von Wikipedia machte ich mich dann ergänzend schlauer.<br />
Straßenbahnen hatten in Breslau eine lange Tradition.<br />
Es begann 1876 mit einer Pferdebahnstrecke, die am 1. November<br />
1876 die Breslauer Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft<br />
(BSEG) übernommen hatte. Ein erfolgreiches Unternehmen.<br />
Millionen Fahrgäste wurden auf diese Weise befördert.<br />
1892 bekam die Pferdestraßenbahn Konkurrenz. Die<br />
Elektrische Straßenbahn AG (ESB) trat in Erscheinung und<br />
bekam die Konzession<br />
zum Bau<br />
und Betrieb eines<br />
elektrischen Straßenbahnnetzes.<br />
Am 14. Juli 1893<br />
wurde die erste<br />
Linie eröffnet.<br />
Straßenbahnwagen der BSEG. Die BSEG konnte<br />
natürlich nicht tatenlos zusehen und beantragte ihrerseits<br />
die Konzession zur Elektrifizierung ihrer Linien. Nun waren<br />
bereits zwei gewinnorientierte Unternehmen aktiv und bauten<br />
Linien dorthin, wo offensichtlich Bedarf bestand.<br />
1901 kam ein drittes Unternehmen hinzu, nämlich die<br />
Städtische Straßenbahn Breslau (SSG). Jetzt baute jedes Unternehmen<br />
sein eigenes Schienennetz. Eine Mitbenutzung des<br />
Netzes eines anderen Unternehmens schied meist aus.<br />
Nach dem 1, Weltkrieg gab es nur noch das SSB-Netz,<br />
das in den Folgejahren rationalisiert und sinnvoll umgestaltet<br />
werden konnte. Im Großen und Ganzen entstand<br />
das fast 250 km lange Netz, das noch heute den Menschen<br />
Mobilität mit öffentlichen Verkehrsmitteln sichert. Das<br />
ursprüngliche Schienennetz ist im 2. Weltkrieg mit dem<br />
Sturm auf die Festung Breslau weitgehend zerstört oder<br />
verschüttet worden. Die Oberleitungen sind durch Brände<br />
geschmolzen oder wurden gestohlen.<br />
Aus dem Osten vertriebene Polen haben nach dem unsinnigen,<br />
bestialischen Krieg und durch Stalins Hinterlist eine<br />
Stadt übernommen, die in weiten Teil in Trümmern lag. In<br />
diesen Trümmerhaufen kamen die vertriebenen Menschen<br />
- verarmt und ausgeplündert. Und sie machten das Beste<br />
daraus. Ihre Leistung spiegelt sich heute in der prächtigen<br />
Innenstadt, die nach alten Plänen und Bildern wieder aufgebaut<br />
wurde. Auch die alten Straßenbahnlinien (es sind 20)<br />
wurden wieder belebt und verbinden die einzelnen Stadteile.<br />
Waren die nach dem Kriege herrschenden Kommunisten<br />
bestrebt, alles was auf Deutsche Ursprünge verwies,<br />
zu beseitigen, merkten die jungen Leute alsbald, dass die<br />
historische Wirklichkeit eine andere war. So spricht man<br />
heute neutral und unvoreingenommen von der gemeinsamen<br />
Pflege des Breslauer Erbes und legt Hand an, um die<br />
Geschichte zu pflegen. Dazu gehört auch die Straßenbahn.<br />
Eine Renovierungsgruppe hatte sich zum Ziel gesetzt, unter<br />
dem Projekt „Maximum“ einen Straßenbahnwagen aus<br />
dem Jahr 1901 sorgfältig zu restaurieren Es handelt sich<br />
um den Wagen Nr. 325 der Breslauer-Straßen- und Eisenbahngesellschaft<br />
(BSEG), die 1900/1901 die Elektrifizierung<br />
ihrer Straßenbahnen einführte.<br />
Die Koordination des Vorhabens lag in den Händen von<br />
Thomasz Sielicki. Er berichtet unter dem Titel „Wie Phönix<br />
aus der Asche“ über das „Leben“ des Wagens Nr. 325. Der<br />
Straßenbahnwagen hatte glücklicherweise den 2. Weltkrieg<br />
und den Angriff auf die Festung Breslau überlebt und war<br />
nach dem Kriege noch bis in die 60er Jahre in Betrieb. Anfang<br />
der 1960er Jahre sollte er ausrangiert werden und landete<br />
auf einem Schrottplatz. Das Ende schien eingeläutet. Doch<br />
es sollte anders kommen. Jan Pieta, ein Mitarbeiter der Breslauer<br />
Verkehrsbetriebe aus Schmolz, kaufte das schrottreife<br />
Gefährt auf, ließ es nach Schmolz bringen und nutzte den<br />
Wagen als eine Art Gartenlaube oder auch als Geräteschuppen.<br />
Nachdem er mehr als 30 Jahre seine Dienste getan<br />
hatte, folge eine für den Wagen weitere Zeitenwende.<br />
1995 wurden die Brüder Piotr und Pawel Drab,<br />
ebenfalls, Mitarbeiter der öffentlichen Verkehrsbetriebe,<br />
auf den ehemaligen Straßenbahnwagen aufmerksam.<br />
Die beiden Männer waren seit längerer Zeit auf<br />
der Suche nach älteren Fahrzeugen für das damalige<br />
Verkehrsmuseum in der Liegnitzer Straße. Dabei<br />
hatten sie den alten Straßenbahnwagen, für sie ein<br />
Prachtstück, entdeckt, das sie unbedingt retten wollten.<br />
Zusammen mit Jan Pieta verfolgten sie das Ziel, den<br />
Wagen mit der Nummer 325 ins Museum zu schaffen.<br />
10 Jahre lang ließ sie der Gedanke nicht mehr los, bis er<br />
mit Hilfe der Feuerwehr im Jahre 2005 zum Zwecke<br />
der Restaurierung geborgen werden konnte.<br />
Doch folgte bald der Rückschlag; denn das Museum<br />
wurde geschlossen. Das Interesse der Brüder<br />
Drab aber blieb erhalten. Dank ihrer Leidenschaft und ihres<br />
Engagement bekam auf Wagen Nr. 325 eine weitere Chance;<br />
denn 2013 fanden sich geschichtsorientierte, entflammte<br />
Menschen zu einer Bürgerinitiative zusammen, die einen<br />
Antrag an die Stadtverwaltung um einen Zuschuss für ihr<br />
Vorhaben stellte. Aus der Bürgerinitiative wurde der Verein<br />
für die Anhänger Breslauer Verkehrsmittel. Dann ging es an<br />
die Arbeit. Das Geld aber reichte nur für die Renovierung<br />
des Aufbaus. Ein weiteres Problem kam hinzu: Es fehlten<br />
die Fahrgestelle. Nun kam ihnen der Kontakt zu Karl-Heinz<br />
Gewandt aus Berlin zu Gute. Herr Gewandt war ein gebürtiger<br />
Berliner, verbrachte aber seine Kindheit in Breslau. Die<br />
dortigen Straßenbahnen hatten ihn schon in Kindheitstagen<br />
fasziniert. Und seine Begeisterung ist wohl geblieben. Mit<br />
seiner tatkräftigen Unterstützung wurden zwei Fahrgestelle<br />
ausfindig gemacht. So bekam der Wagen Nr. 325 wieder<br />
Räder. Dann begann die Feinarbeit. Aufgrund vorhandener<br />
Unterlagen konnte man die ursprüngliche Verzierung der<br />
BSEG-Wagen künstlerisch wieder herstellen.<br />
Ihre damaligen Fahrzeuge hatten einen beige-dunkelgrünen<br />
Anstrich mit - wie in der Kaiserzeit üblich - aufwändiger<br />
han<strong>db</strong>emalter Ornamentik. Zusätzlichen Schmuck<br />
bilden die originalgetreuen Aufschriften mit dem Namen<br />
des Beförderers, die Wagennummer und - wie weiter man<br />
auf einem folgenden Foto sehen kann – die Fahrroute. Das<br />
Innere des Wagens Nr. 325 wurde aufpoliert oder er<strong>neue</strong>rt.<br />
Mit Mahagoni- und amerikanischem Nussbaumholz wurde<br />
der Innenraum er<strong>neue</strong>rt. Wie früher schmücken Gardinen<br />
die Fenster. Sehr eindrucksvoll ist die blumenstilisierte Beleuchtung<br />
des Wageninneren. Die weitere Liebe zum Detail<br />
schlägt sich auch in den Uniformen nieder. Sie wurden<br />
Das Ergebnis künstlerischer Feinarbeit.<br />
Foto: L. Peczynski<br />
denen der einstmaligen Bahnmitarbeiter nachgeschneidert.<br />
Die Uniformen des Schaffners und des Zugführers sind<br />
in grau/grün mit dunkelgrünem Besatz gehalten. Ein alter<br />
Knopf bildete die Vorlage für die <strong>neue</strong>n Messingknöpfe, die<br />
in der Mitte ein Flügelrad als Symbol der Schienenbeförderung<br />
und den Namen BSEG tragen.<br />
Prächtig wie vor 120 Jahren strahlen der Innenraum<br />
des Straßenbahnwagens, die Sanierer in historischen Uniformen<br />
und die Dame, die einen Fahrgast aus vergangener<br />
Zeit symbolisiert. Die Restauratoren haben eine bewundernswerte<br />
Leistung vollbracht. Mit Leidenschaft, Geduld,<br />
Sachverstand und voller Hingabe zur Sache haben sie über<br />
viele Jahre ein Ziel verfolgt, das die Menschen heute in eine<br />
längst vergangene Zeit versetzt und zeigt, wie sich die Passagiere<br />
schon vor 120 Jahren von Ort zu Ort, von Stadtteil<br />
zu Stadtteil fahren ließen. Im Übrigen: Die Restauration<br />
erfolgte bei der Fa. Polmat im ehemaligen Betriebshof der<br />
BSEG, dort wo der Wagen einst gebaut wurde. Nicht nur<br />
für die Restauratoren ist es eines der schönsten Fahrzeuge<br />
weltweit. Die Breslauer dürfen stolz sein auf dieses sorgfältig<br />
mit viel Liebe, Freude und Herzblut geschaffene Objekt.<br />
Ihre Leistung weckt die Erinnerung an Friedrich Schillers<br />
Hymne an die Freude:<br />
… „Freude treibt die Räder dieser großen Weltenuhr“!<br />
Der wunderschönen Stadt Breslau wurde ein wunderschönes<br />
zeitgeschichtliches Geschenk gemacht. Dass unsere<br />
östlichen Nachbarn wahre Restaurierungskünstler sind,<br />
ist hierzulande bestens bekannt. Den Beweis dafür haben<br />
Herr Sielicki und sein Team mit der Er<strong>neue</strong>rung des Wagens<br />
Nr. 325 erneut erbracht.<br />
Wolfgang Kay
Essay<br />
Essay<br />
Die folgenden Ausführungen<br />
sollen nicht nur die Einführung der<br />
Reformation im Siegerland im engeren<br />
Sinne aufzeigen, sondern darüber<br />
hinaus beleuchten, inwieweit<br />
auch über die Grenzen des Siegerlandes<br />
hinaus Siegerländer mit der<br />
Reformation in Berührung kamen<br />
und evtuell an ihrer Verbreitung<br />
direkt oder indirekt mitwirkten.<br />
Im Jahr 2017 in dem ich diesen Artikel<br />
verfasst habe, war genau ein halbes<br />
Jahrtausend vergangen, seit die Hammerschläge<br />
an der Schlosskirche zu<br />
Wittenberg (1517) eine <strong>neue</strong> Ära einleiteten.<br />
Man mag vielleicht fragen, ob es<br />
sich eigentlich lohnt, einem so langen<br />
zurückliegenden Ereignis nachzusinnen?<br />
Die Antwort kann nur lauten: Ja!<br />
Denn die damals beginnende Reformation<br />
hat unser aller Denken geformt und<br />
wirkt in und an uns bis auf den heutigen<br />
Tag. In der Stadt und im Lande Siegen<br />
fand „die <strong>neue</strong> Lehre“, wie sie damals<br />
genannt wurde, verhältnismäßig spät<br />
Martin Luther<br />
Eingang, obwohl einzelne Siegerländer<br />
mit ihr früher Berührung hatten als<br />
andere Deutsche, ja obwohl einzelne<br />
Siegener zu den Männern gerechnet<br />
werden können, die die Reformation<br />
vorbereiten halfen.<br />
Das Wort Gottes datiert das größte<br />
Ereignis der Weltgeschichte, nämlich die<br />
Geburt Jesu, mit dem Satz „Als die Zeit<br />
erfüllet ward“. Das lässt sich ohne Spott<br />
auch auf den Beginn der Reformation<br />
übertragen. Das 15. Jahrhundert war –<br />
das darf man ohne Übertreibung sagen<br />
– kirchenmüde. Dafür hatte nicht zuletzt<br />
die Geistlichkeit gesorgt, an ihrer Spitze<br />
die Päpste. Sie waren (mit einer einzigen<br />
Ausnahme: nämlich Papst Hadrian VI.,<br />
einem gebürtigen Niederländer) eine Karikatur<br />
dessen, was sie sein sollten. Man<br />
Die Reformation im Siegerland 1<br />
denke nur an die Borgias, insbesondere<br />
an Alexander VI., der vor keiner Untat<br />
bis zum Mord zurückscheute, um auf<br />
den Papststuhl zu gelangen sowie seine<br />
Macht und Reichtum zu mehren, wie es<br />
2011 in einer ZDF-Fernseh-Serie nachzuerleben<br />
war, und der sich unverhohlen<br />
zu seinen sieben Kindern bekannte.<br />
Oder an Papst Julius II., den Luther<br />
„den Blutsäufer“ nannte. Und die niedere<br />
Geistlichkeit, besonders die Mönche und<br />
Nonnen, waren nicht unverdient in den<br />
Ruf gekommen, die Menschen zu belügen<br />
und zu betrügen, auszunutzen, Hurerei<br />
zu treiben und dergleichen ähnliche<br />
Dinge. Die altdeutschen sowie die italienischen<br />
und französischen Schwänke<br />
leben zum großen Teil von der Verhöhnung<br />
des geistlichen Standes. Und das<br />
Ablasswesen schließlich sprach jeglicher<br />
Seelsorge oder geistlichen Hilfe Hohn.<br />
Andererseits war ein <strong>neue</strong>s Weltgefühl<br />
aufgekommen. Amerika wurde<br />
entdeckt und damit die Erkenntnis gewonnen,<br />
dass die Erde eine Kugel ist.<br />
Im Sog dieser Entdeckungen erfuhr der<br />
alte und <strong>neue</strong> Götze „Gold“ eine Wiedergeburt,<br />
und eine <strong>neue</strong> verheerende<br />
Krankheit, die Syphilis, breitete sich<br />
aus. Die Städte kämpften gegen den<br />
Adel, an alten Gesellschaftsordnungen<br />
wurde mächtig gerüttelt; in der Kunst<br />
verschwanden die langgestreckten gotisch-„geistlichen“<br />
Figuren an den Domen<br />
und machten wirklichkeitsnahen<br />
Darstellungen Platz. Der junge Kaiser<br />
Karl V. übernahm ein Reich, in dem die<br />
Sonne nicht unterging, und Erasmus<br />
von Rotterdam wurde zum Verkünder<br />
der „Humanitas“ und Kopernikus kam<br />
zu der Überzeugung, dass die Erde als<br />
Planet um die Sonne kreist und sich<br />
selbst um ihre Achse dreht. Aber was<br />
der kommenden Reformation am dienlichsten<br />
sein sollte, war die Erfindung,<br />
die ein Mann namens Johannes Gänsefleisch<br />
(Gensfleisch) in Mainz machte.<br />
Er schämte sich ein wenig seines Namens<br />
und nannte sich lieber nach seinem<br />
Haussitz Johannes Gutenberg. Er<br />
erfand das Drucken von Büchern mit<br />
beweglichen Lettern (ca. 1450).<br />
Zu den wenigen Menschen, die von<br />
Anfang an diese Erfindung in ihrem vollen<br />
Ausmaß zu würdigen wussten, gehörten<br />
zwei in Mainz lebende Siegener,<br />
wahrscheinlich Onkel und Neffe. Beide<br />
hießen Jakob Welder, und beide fügten<br />
in Mainz ihrem Namen stets hinzu „de<br />
Segen“ (von Siegen). Der ältere war<br />
Kanonikus 2 und Dechant 3 in Mainz und<br />
starb 1465, drei Jahre vor seinem Mitbürger,<br />
dem Buchdrucker Gutenberg,<br />
für dessen Erfindung er viel getan hatte.<br />
Der jüngere Jakob Welder wurde<br />
Professor für Theologie und hielt als<br />
solcher den Gottesdienst bei der Eröffnung<br />
der neu errichteten Universität<br />
Trier im Jahre 1473. Vier Jahre später<br />
wurde er der erste Rektor der ebenfalls<br />
neu gegründeten Universität Mainz, der<br />
Buchdruckerstadt.<br />
Johannes Hus und andere Vorläufer<br />
der Reformation bis hin zu Girolamo<br />
Savonarola waren daran gescheitert,<br />
dass ihre Botschaft nur in ihre unmittelbaren<br />
Wirkungskreise gehört, aber<br />
noch nicht durch Druckschriften weit<br />
ins Volk hineingetragen werden konnte.<br />
Insofern half die Erfindung Gutenbergs,<br />
„die Zeit zu erfüllen“.<br />
Als Jakob Welder der Jüngere in Mainz<br />
starb, schrieb man das Jahr 1483. In<br />
diesem Jahr waren der Mainzer Dekan<br />
Breidenbach und der Siegerländer Ritter<br />
Philipp von Bicken aus Hainchen bei<br />
Irmgarteichen im Heiligen Land. Sie<br />
veröffentlichten später über ihre Reise<br />
ein Buch mit eigens dazu geschaffenen<br />
Bildern (den ersten gedruckten Landschaftsillustrationen<br />
der Welt), ein Buch,<br />
das hinter Gutenbergs berühmter lateinischer<br />
Bibel zum Bestseller wurde.<br />
In eben diesem Jahre (1483) wurde<br />
dem Bergmann Hans Luther in Eisleben<br />
ein Sohn geschenkt, den er Martin<br />
nannte. Dieser Bergmannssohn, wohlvertraut<br />
mit allen berg¬männischen<br />
Gebräuchen, die er in den Kupferminen<br />
des Mansfeldischen Gebietes als Knabe<br />
kennen lernte, ließ sich 1501 in die Matrikel<br />
der Universität Erfurt als Student<br />
eintragen. Der Schreiber trug den Namen<br />
Luthers unmittelbar hinter dem eines<br />
Studenten aus Siegen ein, nämlich<br />
des Johannes Penderhanns, und wenige<br />
Zeilen hinter Martin Luther kamen<br />
die Namen von Jodocus Barbitonsorius<br />
(also Bartscherer) und Hermann Donsbach,<br />
beide aus Siegen. Beide konnten<br />
wohl studieren, weil ihre Väter mit dem<br />
Erzeugnis des Siegerländer Bergbaus,<br />
dem Eisen, genug Geld dafür verdient<br />
hatten.<br />
Im Jahre darauf (1502) wurden zu<br />
Erfurt immatrikuliert: Johann Neb und<br />
Henricus Pfaffhenn aus Siegen, ein weiteres<br />
Jahr später Johann Moldendael<br />
und Henricus Bader aus Siegen, und<br />
wieder ein Jahr später Johann Meinhart<br />
und Henrich Surdeich (Sauerteig) aus<br />
Siegen. Also insgesamt neun Siegener,<br />
die gleichzeitig mit Martin Luther in Erfurt<br />
studierten.<br />
In den Jahren 1505 bis 1522 findet<br />
man in Erfurt noch weitere 22 Studenten<br />
aus dem Siegerland, und 1511 wurde<br />
sogar ein Siegener namens Johannes<br />
Camberg Rektor der Erfurter Universität.<br />
Diese alle haben mit Sicherheit aufgehorcht,<br />
als sie 1517 vernahmen, dass<br />
ihr früherer Kommilitone Martin Luther<br />
jene 95 Thesen gegen den Ablass zur<br />
Diskussion stellte, die er auch dem Erzbischof<br />
von Mainz und dem Bischof von<br />
Brandenburg zusandte. Und manche<br />
von ihnen haben sicherlich die Bücher<br />
gekauft, die ihr einstiger Mitstudent in<br />
der Folgezeit drucken ließ. Sie haben<br />
sie gelesen und sich notwendigerweise<br />
mit ihrem Inhalt auseinandergesetzt.<br />
Sie haben darüber mit ihren Siegener<br />
Freunden und Nachbarn geredet, und<br />
so sind die Gedanken Luthers in Siegen<br />
mit Sicherheit bekannt gewesen, lange<br />
bevor der Landesherr sich zum Übertritt<br />
zur lutherischen Lehre entschloss.<br />
Inzwischen war aus dem Erfurter Kommilitonen<br />
unserer Siegener Studenten<br />
durch das schreckhafte Erlebnis eines<br />
Gewitters, in dem er beinahe vom Blitz<br />
erschlagen worden wäre, ein Mönch geworden.<br />
Am 2. Juli 1505 hatte er bei jenem<br />
Blitzschlag aufgeschrien: „Heilige<br />
Anna, ich will ein Mönch werden!“ Die<br />
heilige Anna war die Patronin der Bergleute.<br />
Viele Jahre später hat Luther sich<br />
der Bedeutung ihres hebräischen Namens<br />
Johanna als „Der Herr ist gnädig“<br />
entsonnen und seinen Entschluss nachträglich<br />
als Gnadenführung Gottes angesehen.<br />
Er war immerhin schon Magister,<br />
als er sich zur Enttäuschung seines Vaters<br />
entschloss, in den Augustinerorden<br />
einzutreten (17.7.1505). Zwei Jahre<br />
nach seinem Eintritt bei den Augustiner-Eremiten<br />
wurde er zum Priester geweiht<br />
4 ; dabei musste er sich niederwerfen<br />
und lange Zeit mit ausgebreiteten<br />
Armen auf der Grabplatte liegen, unter<br />
welcher der größte Gegner des Johannes<br />
Hus, Johannes Zacharias, begraben liegt.<br />
Noch sechs volle Jahre hat Luther sich<br />
mit der quälenden Frage nach Sündenvergebung<br />
abgemüht, bis sein gütiger<br />
Abt Johannes von Staupitz ihn auf die<br />
Heilige Schrift verwies, aus deren Studium<br />
er die Gewissheit gewann: „Sola<br />
scriptura, sola gratia, sola fide!“ (Allein<br />
aus der Schrift, allein aus Gnade, allein<br />
aus Glauben!). Dies wurde der Schlüssel<br />
seiner künftigen Botschaft: „Allein aus<br />
Glauben!“ Dies gab ihm den Mut zum<br />
Thesenanschlag, zur Disputation mit<br />
dem päpstlichen Legaten Cajetan auf<br />
dem Reichstag zu Augsburg 1518, zum<br />
Antritt des Einen gegen Alle, zur Verbrennung<br />
der Bannandrohungsbulle des<br />
Papstes (10.12.1520). Dies war das Generalthema<br />
seiner Schriften, die bereits<br />
erschienen, noch bevor er sich auf dem<br />
Reichstag zu Worms 1521 vor Kaiser und<br />
Reich verantworten musste. Ihre Titel<br />
(alle 1520 erschienen) lauteten:<br />
• „An den christlichen Adel<br />
deutscher Nation“,<br />
• „Von der babylonischen Gefangenschaft<br />
der Kirche“,<br />
• „Von der Freiheit eines Christenmenschen“,<br />
Bücher, die ganz sicher auch den Weg<br />
nach Siegen fanden zu den ehemaligen<br />
Mitstudenten und deren Freunden.<br />
1521 reiste Luther trotz der Warnungen<br />
aller Freunde nach Worms, stand<br />
dort tapfer und mutig vor den Vertretern<br />
des Reichs und dem 21-jährigen, erst<br />
seit zwei Jahren regierenden Kaiser Karl<br />
V., der von Luthers Auftreten völlig unbeeindruckt<br />
blieb, aber doch dem, wie er<br />
sagte, „notorischen Ketzer“ sein kaiserliches<br />
Wort hielt und ihm Geleitschutz für<br />
die Rückreise gab. So saß denn nachts<br />
vor der Türe von Luthers Zimmer der<br />
Reichsherold Kaspar Sturm, das Wappen<br />
des deutschen Reiches auf der Brust<br />
des Heroldsgewandes und das breite<br />
Schwert quer auf den Knien. Das war der<br />
menschlich höchstmögliche Schutz, den<br />
Luther haben konnte. Aber nach einigen<br />
Tagen verzichtete Luther darauf und<br />
sandte den Reichsherold zurück, und<br />
so konnte es zu dem geplanten Scheinüberfall<br />
des Kurfürsten Friedrich III. von<br />
Sachsen, genannt der Weise, (1463 –<br />
1525), kommen, in dessen Verlauf er auf<br />
die Wartburg geführt wurde.<br />
Als Teilnehmer am Reichstag zu<br />
Worms finden wir auch unseren damaligen<br />
Landesherrn, den Grafen Wilhelm<br />
von Nassau (1487 – 1559) 5 . Das Siegerland<br />
war damals Teil der Grafschaft Nassau-Dillenburg,<br />
zu der die Verwaltungsämter<br />
Dillenburg und Siegen gehörten.<br />
Graf Wilhelm war 1516 an die Macht<br />
gekommen und wird aus unerfindlichen<br />
Gründen „Wilhelm der Reiche“genannt 6 .<br />
Er war damals in Worms 34 Jahre alt,<br />
und wir wissen nicht, ob und wieweit<br />
Luther ihn beeindruckt hat und ob er<br />
dort mit dem Reformator gesprochen<br />
hat. Jedenfalls interessierte er sich erst<br />
sechs Jahre später für Luthers Schriften,<br />
nachdem er in Sachsen zu Besuch beim<br />
Kurfürsten Friedrich III. gewesen war<br />
und nachdem dieser ihm einen Gegenbesuch<br />
auf der Dillenburg gemacht hatte.<br />
Immerhin verbot er bereits 1518 in<br />
seinem Gebiet den Ablasshandel 7 .<br />
Inzwischen hatten sich soziale Missstände<br />
in verschiedenen Bauern- und<br />
Bürgeraufständen Luft gemacht. Es<br />
kam zu Zusammenrottungen, die sich<br />
der „<strong>neue</strong>n Lehre“ bedienen wollten<br />
und dabei oft die Grenzen der Legalität<br />
und der Ordnung überschritten.<br />
Lediglich aus den Missbräuchen, die<br />
bei den an sich berechtigten Rebellionen<br />
zu Massenmorden, Raub, Brand,<br />
Vergewaltigungen führten, ist Luthers<br />
hartes Wort wider die aufrührerischen<br />
Bauern zu verstehen. Das wichtigste<br />
Jahr dieser Zusammenrottungen war<br />
das Jahr 1525, dasselbe Jahr, in dem<br />
deutsche Landsknechte unter Georg<br />
von Frundsberg bei Pavia die französischen<br />
Truppen vernichtend schlugen,<br />
jener Frundsberg, der zu Luther gesagt<br />
hatte: „Mönchlein, Mönchlein, du gehst<br />
einen schweren Gang!“, das Jahr auch,<br />
in dem im Taubertal die Bauern die<br />
Ritter erschlugen und am Ende doch<br />
besiegt wurden und in dem der Samländische<br />
Aufstand stattfand 8 , das Jahr,<br />
Graf Wilhelm von Nassau<br />
in dem Ströme von deutschem Blut die<br />
deutsche Erde tränkten.<br />
In diesem Jahr 1525 standen auch in<br />
Frankfurt am Main, wie überall im Reiche,<br />
die Bürger auf gegen die alte Obrigkeit<br />
und vor allem gegen die bisherige<br />
Geistlichkeit, aber die Tatsache, dass<br />
die Frankfurter Aufstände ohne jedes<br />
Blutvergießen verliefen und in vernünftigen<br />
Verhandlungen geregelt werden<br />
konnten, verdankt die Freie Reichsstadt<br />
einzig und allein der Besonnenheit eines<br />
Mannes, der den Namen Hans Hammerschmidt<br />
trug, aber allgemein nach<br />
seinem Herkunftsort „Hans von Siegen“<br />
genannt wurde. Er war erst sieben Jahre<br />
zuvor (1518) nach Frankfurt gekommen<br />
und hatte die Tochter eines Buchhändlers<br />
geheiratet, der sicherlich auch<br />
66 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 67
Essay<br />
Essay<br />
Luthers Bücher führte. So muss Hans<br />
Hammerschmidt mit dem Gedankengut<br />
der Reformation bekannt geworden sein.<br />
Seinem schönen Namen Hammerschmidt<br />
zum Trotz übte er das Handwerk<br />
eines Schuhmachers aus, das<br />
bereits einen Jakob Böhme und einen<br />
Hans Sachs hervorgebracht hatte. Letzterem<br />
ist in der Oper „Die Meistersinger<br />
von Nürnberg“ von Richard Wagner ein<br />
Denkmal gesetzt worden. Die Schuhmacherzunft<br />
wählte Hammerschmidt zu<br />
ihrem Meister, obwohl er kein gebürtiger<br />
Frankfurter war, eine Ehre, die nur<br />
selten einem Auswärtigen widerfuhr. Als<br />
Zunftmeister finden wir ihn schon 1524<br />
und ebenfalls als Wortführer der sogenannten<br />
„evangelischen Brüder“. Er besuchte<br />
die Frankfurter Pfarrer nach den<br />
Predigten und diskutierte mit ihnen über<br />
ihre Wortverkündigungen und ihre seiner<br />
Meinung nach irrigen Ansichten, so<br />
z. B. mit dem Lesemeister des Dominikanerordens,<br />
wandte sich aber gleichzeitig<br />
auch gegen die schwärmerischen<br />
Umtriebe eines Dr. Gerhard Westerburg<br />
(der übrigens möglicherweise auch aus<br />
Siegen stammte, jedenfalls in Siegen<br />
Juliane von Stolberg<br />
nahe Verwandte hatte). Dieser Dr. Westerburg<br />
ging später von Frankfurt nach<br />
Köln, wo er Führer der Wiedertäufer<br />
wurde und dort gebremst wurde vom<br />
damaligen katholischen Bürgermeister<br />
Kölns, Arnold von Siegen. Siegener waren<br />
also auf die Gebiete der Reformation<br />
außerhalb Siegens stärker tätig als in ihrer<br />
Heimat selbst. Daraus kann man jedoch<br />
mittelbar den Schluss ziehen, dass<br />
auch im Siegerland das reformatorische<br />
Gedankengut weiter verbreitet war als<br />
man gemeinhin annimmt. Das geht z. B.<br />
indirekt auch daraus hervor, dass auf<br />
der katholischen Universität zu Köln, an<br />
der die Siegener zu studieren pflegten,<br />
seit 1524 kein einziger Siegener Student<br />
mehr zu finden ist, während solche aber<br />
zur gleichen Zeit in Wittenberg auftauchen,<br />
wo sie Luther und Melanchthon<br />
hören konnten.<br />
Graf Wilhelm der Reiche schien sich<br />
allmählich mehr und mehr der Lehre<br />
Luthers zuzuneigen, aber er konnte<br />
sich nicht entscheiden, die Reformation<br />
in Nassau einzuführen. Er brauchte in<br />
dem für Nassau lebenswichtigen Kampf<br />
um das Katzenelnbogische Erbe 9 den<br />
Beistand des (katholischen) Kaisers Karl<br />
V., mit dem er sich also nicht verfeinden<br />
durfte. Überdies stand er noch unter dem<br />
Einfluss seines Bruders Heinrich III. von<br />
Nassau 10 , der ein treuer Anhänger des<br />
Kaisers und der (katholischen) Kirche<br />
war und ihn immer wieder brieflich ermahnte,<br />
doch ja bei dem alten Glauben<br />
zu bleiben. Erst bei einem Besuch des<br />
Herzogs Johann Friedrich I. von Sachsen<br />
(1503 – 1554), genannt der Großmütige,<br />
1526 in Dillenburg ließ er sich<br />
bewegen, der „<strong>neue</strong>n Lehre“ mehr Freiraum<br />
zu geben. Johann Friedrich förderte<br />
die Reformation und stand als Führer<br />
des Schmalkaldischen Bundes 11 an der<br />
Spitze der Protestanten. Schließlich berief<br />
der Graf 1529 einen Mann als seinen<br />
Hofkaplan, der reformatorisch gesinnt<br />
war, nämlich Heilmann Bruchhausen, genannt<br />
Krombach. Die älteren Historiker<br />
sagen, dass er aus Krombach stamme,<br />
in Erfurt studiert und dort Luthers Lehre<br />
kennen gelernt habe. Beides trifft nach<br />
Alfred Lück nicht zu. Heilmann stammte<br />
aus Siegen, wo seine offensichtlich vom<br />
Hof Bruchhausen bei Krombach kommende<br />
Familie seit Generationen das<br />
Bürgerrecht genoss. Um 1502 hatte er in<br />
Köln studiert und war seit 1523 katholischer<br />
Priester in Siegen. Seine Bekanntschaft<br />
mit der Reformation muss wieder<br />
einmal dem gedruckten Wort zu danken<br />
sein, jedenfalls ist nachzuweisen, dass<br />
der Graf gerade ihn immer wieder nach<br />
Köln oder Frankfurt schickte, um Bücher<br />
einzukaufen, die sich mit dem „Evangelio“<br />
befassten. Das konnten zu jener<br />
Zeit wohl nur die Bücher Martin Luthers<br />
sein. Im Jahre 1529 sandte der Graf diesen<br />
Heilmann Bruchhausen oder Krombach<br />
nach Siegen, weil die Stadt, wie sie<br />
schrieb, „ihres alten Predigers Christian<br />
Moring überdrüssig“ sei.<br />
1530 nahm Wilhelm am Reichstag zu<br />
Augsburg teil, an welchem Philipp Melanchthon<br />
(1497 – 1560) die „Confessio<br />
Augustana“ vorlegte, das Augsburger<br />
Bekenntnis der reformierten Stände.<br />
Wie alte Berichte sagen, kam Wilhelm<br />
von dort „viel evangelischer“ zurück.<br />
Im Jahre darauf heiratete er (am<br />
20.9.1531) als Witwer 12 die 26-jährige<br />
Witwe seines Freundes Graf Philipp von<br />
Hanau 13 , Juliane von Stolberg (1506 –<br />
1580). In Hanau hatte man sich schon<br />
früh der Reformation zugewandt, und<br />
Juliane hat sicherlich aus innerster<br />
Überzeugung ihren Mann zur Lehre<br />
Luthers hinwenden können. Jedenfalls<br />
wurde ab 1531 im Siegerland für etwa<br />
100 Jahre kein katholischer Gottesdienst<br />
mehr gehalten 14 .<br />
An dieser Stelle gebietet die Fairness,<br />
einmal zu bedenken, dass ja nun<br />
nicht alle katholischen Pfarrer unfähige<br />
oder unwillige Leute gewesen sind, und<br />
sich vorzustellen, wie vielen von ihnen<br />
zu Mute gewesen sein mag, als ihnen<br />
plötzlich befohlen wurde, anders zu<br />
glauben und anders zu lehren als bisher.<br />
Die Zeit war jedoch reif für Luthers Botschaft.<br />
Aber es gab auch viele, die ratlos<br />
und verständnislos dem Befehl zum Religionswechsel<br />
gegenüberstanden; man<br />
denke an zahlreiche redliche Pfarrer, die<br />
in durchweinten Nächten eine Antwort<br />
Gottes suchten auf die Frage, weshalb<br />
sie ihm nicht mehr auf die alte, ihnen<br />
einzig bekannte Weise dienen konnten.<br />
Wenngleich im Siegerland – wie auch<br />
in anderen Teilen des Reiches – die Reformation<br />
durch den Landesherrn quasi<br />
„von oben“ betrieben wurde, bisweilen<br />
als „Fürstenreformation“ bezeichnet, so<br />
wurde in der Grafschaft Nassau-Siegen<br />
allerdings in keiner Weise ein Gewissenszwang<br />
ausgeübt wie etwa später<br />
bei der Gegenreformation. Vielmehr<br />
wurden die beiden lutherischen Prediger<br />
Heilmann Krombach und der im<br />
Jahr 1531 zusätzlich berufene Leonhard<br />
Wagner aus Kreuznach dazu angehalten,<br />
die Leute mit Wort und Schrift zu<br />
überzeugen. Die Reformation brachte<br />
mit sich den Beginn des selbständigen<br />
Denkens in theologischen Fragen und<br />
nicht mehr nur das Hören auf das Wort<br />
des Predigers, der allein fähig sein sollte,<br />
die Schrift auszulegen. Das begann damit,<br />
dass Luther sein Neues Testament<br />
in deutscher Sprache verfasste und mit<br />
Parallelstellen versah, um das Forschen<br />
in der Heiligen Schrift jedermann zu erleichtern.<br />
Einem Freunde schrieb er ins<br />
Stammbuch, dass die Heilige Schrift<br />
eine „selige Werkstatt“ sei, also ein Ort,<br />
in dem gearbeitet wird. Dieses Hinführen<br />
der Menschen zu eigenem Denken<br />
über Gottes Wort ist wohl eine der wesentlichen<br />
Errungenschaften der Reformation.<br />
Diese Denkfreiheit birgt allerdings<br />
auch die Gefahr verschiedener<br />
Erkenntnisse und – in deren Folge – die<br />
Gefahr von Spaltungen und Sektierertum.<br />
Das musste schon Luther zu seinen<br />
Lebzeiten erfahren, und das Marburger<br />
Religionsgespräch vom Jahre 1529 zwischen<br />
ihm und Zwingli bestätigte dies.<br />
Die Früchte dieses selbständigen Denkens<br />
haben übrigens später die Einführung<br />
des calvinistischen Bekenntnisses<br />
in Nassau-Siegen sehr erschwert, und<br />
die calvinistischen Prediger haben viel<br />
mehr Mühe gehabt als die lutherischen,<br />
den Leuten ihre Form der Erkenntnis<br />
und des religiösen Lebens klarzulegen<br />
und sie davon zu überzeugen. Wie stark<br />
aber dann diese durch eigenes Nachdenken<br />
gewonnene Überzeugung war,<br />
erwies sich später in den Jahren der<br />
Gegenreformation, in denen die Siegener<br />
und Siegerländer bereit waren, um<br />
ihres Glaubens willen manch ein Martyrium<br />
auf sich zu nehmen.<br />
Als Termin für die endgültige Zuwendung<br />
des Siegerlandes zur Reformation<br />
gilt allgemein die Einführung der kurz<br />
zuvor (1533) fertig gestellten reformierten<br />
„Nürnberger Kirchenordnung“<br />
im Jahre 1535. Schon im Jahre darauf<br />
folgte eine von Heilmann Krombach und<br />
Leonhard Wagner verfasste erste nassauische<br />
Kirchenordnung, auf die alle<br />
Geistlichen verpflichtet wurden und in<br />
der angeordnet wurde, dass jährlich je<br />
zwei Synoden in Siegen und Dillenburg<br />
abzuhalten und Superintendenten als<br />
Visitatoren der Gemeinden zu bestellen<br />
sind. Im selben Jahre (1536) trat Wilhelm<br />
der Reiche dem Schmalkaldischen<br />
Bund bei und bezeugte damit seine Zugehörigkeit<br />
zum Bekenntnis Luthers.<br />
Konsequenzen bzw. wesentliche Elemente<br />
dieser reformatorischen Neuordnung<br />
waren:<br />
● Predigt in deutscher Sprache als<br />
Mittelpunkt des Gottesdienstes,<br />
● Abschaffung der Messe,<br />
● Aufhebung des Zölibats,<br />
● Singen <strong>neue</strong>r Lieder in<br />
deutscher Sprache.<br />
Bereits 1534 hatte der Graf in Siegen<br />
das Franziskanerkloster aufgelöst. Aber<br />
erst vier Jahre später (1538) nahm er<br />
auch im Kloster Keppel die Neuordnung<br />
der Verhältnisse vor, mahnte insbesondere<br />
die Annahme der <strong>neue</strong>n Kirchenordnung<br />
an und forderte auch hier die<br />
Verwendung der deutschen Sprache im<br />
Gottesdienst 15 . Auch hier übte der Landesherr<br />
keinen geistlichen Zwang aus,<br />
auch nicht einmal bezüglich der Nonnentracht.<br />
Anders als in Siegen wurde<br />
Keppel als Versorgungsanstalt adeliger<br />
Töchter nicht aufgelöst, es fand auch<br />
keine Gütersäkularisation statt.<br />
Heilmann Krombach starb 1539. Er<br />
lernte noch den Mann kennen, der für<br />
die Reformation in Nassau-Siegen so<br />
unendlich viel getan hat, nämlich Erasmus<br />
Sarcerius (1501 – 1559). Diesen<br />
hatte der Graf am 15.6.1536 zum Rektor<br />
der Siegener Lateinschule, des heutigen<br />
Gymnasiums Am Löhrtor, berufen,<br />
dass dieses Ereignis wohl zu Recht als<br />
ihr eigentliches Gründungsdatum ansieht.<br />
In der Chronik der Schule zum<br />
450-jährigen Bestehen 1986 schreibt<br />
Walter Thiemann: „Sarcerius ist nicht<br />
der erste, wohl aber der eigentliche Reformator<br />
des Siegerlandes.“ 16 Zudem<br />
berief Graf Wilhelm ihn zum Hofprediger<br />
und übertrug ihm die Inspektion der<br />
Pfarrgemeinden. Auch Sarcerius kam<br />
aus einem Bergbaugebiet, nämlich aus<br />
Annaberg in Sachsen. In Wittenberg war<br />
er, ebenso wie sein Nachfolger Aemylius,<br />
Schüler Luthers und Melanchthons<br />
gewesen, konnte somit die reformatorische<br />
Lehre aus erster Hand in Siegen<br />
weitergeben 17 . Seine frühen reformatorischen<br />
Schriften ließ, wie Luther behauptet,<br />
der englische König Heinrich<br />
VIII. ins Englische übersetzen, damit<br />
sie die dort aus recht seltsamen Gründen<br />
eingeführte Reformation 18 stützen<br />
sollten. Die von Erasmus Sarcerius in<br />
Siegen verfassten Schriften (von seinen<br />
über 60 geistlichen und pädagogischen<br />
Büchern entstanden 24 in Siegen), insbesondere<br />
sein Katechismus, sind hinter<br />
den „Loci communes“ Melanchthons<br />
(„Hauptpunkte“ 1521) 19 die erste ausführliche<br />
Glaubenslehre des deutschen<br />
Protestantismus, und viele Gedankengänge<br />
und Lehrsätze seines Katechismus<br />
wurden später in den berühmten<br />
und bekannten Heidelberger Katechismus<br />
übernommen.<br />
Über Sarcerius ist in der heimatkundlichen<br />
Literatur so viel zu finden, dass<br />
hier auf Einzelheiten verzichtet werden<br />
kann. Er gilt mit Recht als der Reformator<br />
der gesamten nassauischen Grafschaften<br />
und hatte auf das gesamte<br />
Reformationsgeschehen in Deutschland<br />
einen wesentlich größeren Einfluss, als<br />
dies in der Vergangenheit angenommen<br />
wurde. Neuere Forscher rechnen ihn zu<br />
dem halben Dutzend der führenden Reformatoren.<br />
Er war auch stark beteiligt<br />
an dem (allerdings vergeblichen) Versuch<br />
des Kurfürsten und Erzbischofs von<br />
Köln, Hermann von Wied (1477 – 1552),<br />
die Reformation in Kurköln einzuführen.<br />
Der Erzbischof, dessen Bruder Johann<br />
Wied Wilhelms Schwester Elisabeth zur<br />
Frau hatte, war daraufhin durch päpstliche<br />
Bulle abgesetzt worden 20 . Nur zwei<br />
Jahre stand Erasmus an der Spitze der<br />
Lateinschule, die seither auch Siegener<br />
Pädagogium genannt wurde, hat aber<br />
danach als Superintendent in Siegen<br />
und anschließend in Dillenburg gewirkt<br />
und so die Aufsicht über das Siegener<br />
sowie das ganze nassauische Schulwesen<br />
behalten. – Eine kleine Äußerlichkeit<br />
sei hier am Rande vermerkt, die ein Beleg<br />
dafür ist, dass mit der Reformation<br />
quasi als „Nebenwirkung“ eine Aufwertung<br />
des Lehrerstandes einherging und<br />
Neuerungen (Reformen) auch im Schulwesen<br />
stattfanden: Der Schulmeister<br />
bekam, wie ab 1455 belegt ist, jährlich<br />
nicht mehr als drei Gulden Gehalt.<br />
In den Genuss einer Gehaltserhöhung<br />
kam er bis 1529 nicht. Mit der Einführung<br />
der Reformation schnellt das Gehalt<br />
dann gleich auf 20 und kurz darauf<br />
auf 40 Gulden hoch; bei Sarcerius wird<br />
das Rektorgehalt, das, wie auch die Lehrergehälter,<br />
Stadt und Kirche zu tragen<br />
hatten, sogar auf 100 Gulden aufgebessert<br />
21 . – Schließlich wurde Sarcerius vom<br />
Grafen entlassen, weil er sich standhaft<br />
weigerte, das Augsburger Interim 22 von<br />
1548 anzuerkennen, in dem er einige<br />
Erasmus Sarcerius<br />
Rückschritte gegenüber Luthers Lehre<br />
zu erkennen meinte.<br />
Graf Wilhelm der Reiche und Erasmus<br />
Sarcerius starben beide im Abstand<br />
von knapp zwei Monaten im Jahre 1559<br />
(Graf Wilhelm am 6.10., Sarcerius am<br />
28.11.). Vier Jahre vor seinem Tode<br />
weilte Sarcerius noch einmal zu Besuch<br />
in Siegen und wurde vom Rat der Stadt<br />
hoch geehrt.<br />
Bei dem Bemühen um einen Nachfolger<br />
als Rektor der Lateinschule hatte<br />
sich die Stadt Siegen an Martin Luther<br />
persönlich gewandt, und der empfahl<br />
in einem eigenhändigen Schreiben<br />
den Magister Georgius Aemylius<br />
(1517 – 1569), mit deutschem Namen<br />
68 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 69
Essay<br />
Essay<br />
Georg Oemeler. Sein Vater war, wie auch Luthers Vater, Bergmann.<br />
Die beiden hatten sich im Mansfelder Kupferbergbau<br />
kennen gelernt und waren, wie man heute sagen würde,<br />
Kumpel. Nikolaus Oemeler, der Vater des für Siegen vorgeschlagenen<br />
Georg Oemeler, hatte den Knaben Martin Luther<br />
öfters auf den Armen zur und von der Schule getragen, „nicht<br />
ahnend“, wie Luther später schrieb, „dass ein Schwager den<br />
anderen trage“. Daraus schließt man, dass Nikolaus Oemeler<br />
die Schwester Martin Luthers geheiratet hat, so dass Georg<br />
Oemeler ein richtiger Neffe des Reformators war. Pfingsten<br />
1540 (2.6.1540) wurde dieser in Siegen angestellt. Wie sein<br />
Vorgänger war auch er schriftstellerisch tätig. Er schrieb ein<br />
langes Gedicht „Das Leben Jesu“ und ein ergreifendes Klagelied<br />
über den von einer Feuersbrunst 1540 zerstörten Flecken<br />
Freudenberg 23 sowie Kirchenlieder, von denen lange Zeit zwei<br />
Lieder im evangelischen Gesangbuch zu finden waren 24 .<br />
In Siegen heiratete er Agnes, die Tochter des Predigers Leonhard<br />
Wagner, des neben Heilmann Krombach ersten tätigen<br />
reformierten Predigers. Aemylius kommt das Verdienst zu, die<br />
Bibliothek der Siegener Lateinschule, und damit wohl die erste<br />
öffentliche Bücherei Siegens, geschaffen und dafür dem Stadtsäckel<br />
Geld entlockt zu haben. Er blieb als Rektor bis 1553 in<br />
Siegen. Aus dieser Zeit sind sechs seiner Schriften, meist theologischen<br />
Inhalts, bekannt, die in Köln, Basel und Lyon gedruckt<br />
wurden. Schon daraus ist zu ersehen, dass Siegen damals gar<br />
nicht so verbindungslos am Ende der Welt gelegen war, wie man<br />
heute gern darstellen möchte. Dann ging er als Generalsuperintendent<br />
nach Stolberg im Harz, dem Heimatort der guten alten<br />
Juliane von Nassau. Dort starb er am 22. Mai 1569. In seinem<br />
Nachruf gedachte man seiner Siegener Zeit mit den Worten, er<br />
habe wie ein Krieger im Waffenkleide die rauhe Jugend Siegens<br />
zu Kunst und Sitte erzogen.<br />
dem Siegener Studenten Tillmann Stolz<br />
(1525–1589) geholfen. Tillmann Stolz<br />
ist der berühmteste Schüler von Aemylius<br />
und überhaupt der erste berühmt<br />
gewordene Siegener Abiturient (abiturientia<br />
1542), der später weltberühmte<br />
Geograph (Kartograph), Astronom und<br />
Kanalbauer Tilemannus Stella. Dieser<br />
bekam, als er 1552 zum Absatz seiner<br />
Karte von Palästina auf die Wanderschaft<br />
zog, von Melanchthon wertvolle Empfehlungsbriefe<br />
mit an Johann Mathesius in<br />
Joachimsthal in Böhmen, an König Christian<br />
II. von Dänemark und an Herzog Johann<br />
Albrecht von Mecklenburg.<br />
Diese so komprimiert beschriebenen<br />
Ereignisse und Namen führen vielleicht<br />
zu dem falschen Schluss, als ob Siegen<br />
und das Siegerland maßgeblich an der<br />
deutschen Reformation beteiligt gewesen<br />
seien. Das ist (mit Ausnahme von<br />
Sarcerius) gewiss nicht der Fall, aber sie<br />
bringen doch zum Ausdruck, dass der<br />
Anteil unserer Heimat an diesen weltverändernden<br />
Geschehnissen gar nicht so<br />
klein gewesen ist und dass unsere Vorfahren<br />
gar nicht so sehr in einem weltabgelegenen<br />
Winkel gelebt haben, wie oft<br />
gesagt wird. Hans-Peter Fries<br />
Quellen: 1) Wesentliche Details dieses Beitrags verdanke<br />
ich unveröffentlichten Aufzeichnungen, die mir mein<br />
hochverehrter Freund und hervorragender Kenner der<br />
nassauischen Geschichte Alfred Lück († 1982) überlassen<br />
hat. 2) Mitglied eines Domkapitels zur Führung des<br />
Gemeindelebens und der Liturgiefeier. 3) Katholischer<br />
Pfarrer, der vom Bischof mit der Aufsicht über den Klerus<br />
mehrerer Pfarreien betraut ist. 3) Die Priesterweihe<br />
erteilte ihm im Frühjahr 1507 der in Laasphe geborene<br />
Johannes Bonemilch (1434 – 1510) in seiner Eigenschaft<br />
als Weihbischof in Erfurt. Bonemilch war als angesehener<br />
Theologieprofessor ab 1485 mehrmals Dekan der theologischen<br />
Fakultät und dreimal Rektor der Universität<br />
Erfurt (zum dritten Mal 1503), dürfte also auch theologischer<br />
Universitätslehrer Luthers gewesen sein. Unter<br />
seiner Ägide als Domherr des Stiftes von St. Marien<br />
in Erfurt werden am Dom die schlanken Turmspitzen<br />
aufgesetzt und die große Glocke „Gloriosa“ in Auftrag<br />
gegeben und geweiht. Sie ist bis heute weltweit die größte<br />
frei schwingende mittelalterliche Glocke. 5) Seit 1506<br />
mit Walburga von Egmont (1490 – 1529) verheiratet. 6)<br />
Bisweilen wird der Beiname mit seinem ansehnlichen Zugewinn<br />
an Land und Geld aus dem Katzenelnbogenschen<br />
Erbfolgestreit (Schlichtungsvertrag 1557) begründet, was<br />
in Anbetracht seiner hohen Prozesskosten und Schulden<br />
kaum zutreffend ist. – Wikipedia führt seinen Beinamen<br />
auf seinen Kinderreichtum (fünf Söhne und sieben Töchter)<br />
zurück. 7) Lück, Alfred: Siegerland und Nederland,<br />
Siegen 1967, S. 41. 8) Samland = Landschaft zwischen<br />
Kurischem und Frischen Haff. 9) Grafschaft Katzenelnbogen.<br />
– Der letzte Graf von Katzenelnbogen starb 1479.<br />
Danach fiel die Grafschaft an den Landgrafen Heinrich<br />
III. von Hessen (1440 – 1483), verheiratet mit Anna von<br />
Katzenelnbogen. 10) Dessen Heirat mit Claudia von<br />
Chalon war die Ursache dafür, dass das südfranzösische<br />
Orange an das Haus Nassau kam. 11) Bündnis von 1531<br />
protestantischer Fürsten und Reichsstädte gegen Kaiser<br />
Karl V. und die katholischen Stände zur Wahrung des reformierten<br />
Glaubens und der politischen Selbständigkeit.<br />
12) Seine erste Gemahlin Walburga von Egmont (Hochzeit<br />
1506) verstarb 1529. 13) Ebenfalls 1529 verstorben.<br />
(s. A. Lück, a.a.O., S. 43). 14) Im Spiegel der Sieg (Hrsg.:<br />
G. Busch), 2. Aufl., Siegburg 1980, S. 111 f. (B. Roedig).<br />
15) Vgl. Isenberg, Erwin: Siegener Zeitung, 12.9.2015,<br />
S. 43. 16) 450 Jahre Gymnasium Am Löhrtor 1536-1986,<br />
Siegen 1986, S. 17 ff. (W. Thiemann). 17) A. Lück, a.<br />
a. O., S. 44. 18) Zunächst war Heinrich VIII. gläubiger<br />
Katholik. Seine Schrift gegen Luther trug ihm 1521 sogar<br />
den päpstlichen Titel „fidei defensor“ (Verteidiger des<br />
Glaubens) ein. Da er von seiner ersten Ehefrau Katharina<br />
von Aragón keinen männlichen Thronfolger bekam, strebte<br />
er später eine Scheidung durch den Papst an, die dieser<br />
jedoch ablehnte. Heinrich sagte sich daraufhin von der<br />
römisch-katholischen Kirche los, erhob sich selbst zum<br />
Oberhaupt der Kirche Englands und löste die englischen<br />
Klöster auf. Infolgedessen wurde er vom Papst exkommuniziert.<br />
Mit der Ablehnung der Autorität des Papstes und<br />
dem Druck einer staatlich autorisierten englischen Bibel<br />
ebnete er den Weg für die protestantische Reformation in<br />
England. 1531 ließ er seine Ehe für nichtig erklären und<br />
heiratete Anna Boleyn, die bereits ein Jahr später wegen<br />
angeblichen Ehebruchs hingerichtet wurde. 19) Evangelische<br />
Dogmatik, Zusammenfassung der Rechtfertigungslehre<br />
Luthers. 20) A. Lück, a. a. O., S. 44. 21) 450 Jahre<br />
Gymnasium ... (a. a. O.), S. 1. 22) Als Augsburger Interim<br />
oder auch nur als Interim (lateinisch für Zwischenzeit)<br />
wird eine Verordnung Kaiser Karls V. bezeichnet, mit der<br />
er nach dem Sieg über den Schmalkaldischen Bund seine<br />
religionspolitischen Ziele im Heiligen Römischen Reich,<br />
insbes. die Wiedereingliederung der Protestanten in die<br />
katholische Kirche, durchsetzen wollte. Das Augsburger<br />
Interim stieß sowohl auf protestantischer als auch auf<br />
katholischer Seite zum Teil auf heftigen Widerstand.<br />
In den süddeutschen protestantischen Gebieten wurde<br />
es mit staatlichem Zwang, in den norddeutschen nur<br />
oberflächlich durchgeführt. Bereits 1552 war Karl, nach<br />
einem Aufstand protestantischer Fürsten, gezwungen das<br />
Interim wieder zurückzunehmen und die konfessionelle<br />
Spaltung des Reiches hinzunehmen. 23) Gänzlich zerstört<br />
durch erneute Feuersbrunst im Jahr 1666. 24) „Gratias“<br />
(Danklied nach dem Essen) und „Danket dem Herrn, der<br />
uns all thut nähren“.<br />
Während seiner Tätigkeit in Siegen wurde ihm und der Stadt<br />
die Ehre eines hohen Besuches zuteil. Ihn besuchte 1543 sein alter<br />
Lehrer Philipp Melanchthon, der auf der Reise zum Kurfürsten<br />
und Erzbischof von Köln, Hermann von Wied, war. An der Spitze<br />
der Siegener Gelehrsamkeit begrüßte Aemylius den Reformator,<br />
unter dessen Dekanat er 1537 in Wittenberg zum Magister und<br />
Dr. theol. promoviert hatte. Er überreichte dem hochverehrten<br />
Manne im Auftrage der Siegener Honoratioren eine Schrift über<br />
die Entstehung der Lateinschule zu Siegen. Melanchthon nahm<br />
Quartier im Hause des nassauischen Rats Wilhelm Knüttel, dessen<br />
Leichnam in der Martinikirche begraben liegt, und dessen<br />
Söhne Friedrich, Wilhelm und Johannes bei Melanchthon in Wittenberg<br />
studierten. Von Siegen aus reiste Melanchthon weiter<br />
über Freudenberg, von wo zwei Studenten, beide Johannes Siebel<br />
mit Namen, in Wittenberg studierten.<br />
Auf der Rückreise erfuhr Melanchthon in Runkel an der Lahn,<br />
dass eine junge Tochter seines Siegener Freundes Aemylius gestorben<br />
war. Er schrieb einen lateinischen Trostbrief an seinen<br />
Freund nach Siegen und fügte diesem für dessen Frau Agnes<br />
ein Brieflein in deutscher Sprache bei, das bedeutete, dass er<br />
sich ihr zuliebe seines Gelehrtentums entledigte und lediglich als<br />
Freund und Mitmensch zu erscheinen wünschte. Für die Auffassungen<br />
der damaligen Zeit ist das schon ein unerhörtes Zeichen<br />
von Freundschaft, und man sollte eher diese Geste im Gedächtnis<br />
behalten als die Tatsache, dass der Rat der Stadt Siegen dem<br />
Reformator zwei Kannen Wein verehrte.<br />
Übrigens sind auch Melanchthons Beziehungen zu Siegen stärker,<br />
als man vermutet. Er befürwortete das Stipendium des Studenten<br />
Johannes Kalb, Sohn des Siegener Bürgermeisters Hanns<br />
Kalb, sowie des ebenfalls aus Siegen stammenden Studenten Peter<br />
Naurath. Am wirksamsten aber hat Melanchthons Fürsprache<br />
70 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 71
Wiederkehrende Termine<br />
montags:<br />
11.00-12.00 Uhr Seniorengymnastik<br />
mit Anne Freudenberger, Dr.<br />
Ernst-Schuppener-Haus, Stadtteilbüro<br />
Heidenberg, 0271/23418872<br />
14.00 Montagscafé des DRK–Siegen<br />
Nord e.V., 57076 Siegen-Weidenau,<br />
Schneppenkauten 1, 0271-76585<br />
18.00 Lese- und Literaturkreis mit<br />
Gustav Rinder, Lebendiges Haus e.V<br />
Siegen, Melanchtonstr. 61, in der<br />
Bibliothek 0271/7411019<br />
20.30 Tangosalon: Milonga, Tango<br />
Argentino – Gefühle tanzen, Kulturhaus<br />
Lÿz Siegen, St.-Johann-Str. 18<br />
Jeden 1. Montag im Monat<br />
14.00-16.00 Kreuztaler Repaircafé,<br />
Dietrich-Bonhoeffer-Haus, Leipziger<br />
Str. 6 0160 / 97786115<br />
19.00 Trauergruppe der Ambulanten<br />
Hospizhilfe, Stiftung Diakoniestation<br />
Kreuztal, Ernsdorfstr. 3, 02732/1028<br />
20.00 Tango Schnupperkurs (bis 21<br />
Uhr), anschließend Tangosalon, Kulturhaus<br />
Lÿz Siegen, St.-Johann-Str.18<br />
Jeden 2. Montag im Monat<br />
10.00 Trauercafé der Ambulanten<br />
ökumenischen Hospizhilfe Siegen<br />
e.V., „Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />
Marienborner Str. 0271/23602-67<br />
15.15 Montagsgespräch des „Bund<br />
der Vertriebenen“ – Geschäftsstelle<br />
Siegen, Seilereiweg 6 0271/82838<br />
18.30 „Anders Altern“ Gruppe für<br />
gleichgeschlechtlich Lebende und Liebende,<br />
„Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />
0271/404-2434<br />
Jeden 4. Montag im Monat<br />
14.30-16.30 Spielenachmittag,<br />
AWO Seniorenzentrum Erndtebrück,<br />
Struthstr. 4, 02753/507740<br />
Letzter Montag im Monat<br />
10.00 Stadteilfrühstück, Stadtteilbüro<br />
FES & MGH Kreuztal, Danziger Str. 2<br />
02732/3790 Anmeldung erwünscht<br />
18.30 Selbsthilfegruppe Asthma und<br />
Bronchitis „Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />
Marienborner Str. 151 02737/3308<br />
dienstags:<br />
Jeden 1. Dienstag im Monat<br />
15.30-17.00 Smartphone-Treff,<br />
AWO Seniorenzentrum Erndtebrück,<br />
Struthstraße 4, Information: „Aufwind<br />
Jugendhilfe GmbH“, 0172/4286150<br />
17.00 Treffen der SHG für Hörgeschädigte,<br />
Ev. Martini-Kirchengemeinde<br />
Siegen, St. Johann Str. 7<br />
Brigitte Schmelzer 02737/93470<br />
Jeden 2. Dienstag im Monat<br />
19.00 Vorwärts-Chor, „Haus Herbstzeitlos“<br />
Si., Marienborner Str. 151<br />
Jeden 3. Dienstag im Monat<br />
15.30-17.00 Smartphone-Treff,<br />
AWO Seniorenzentrum Erndtebrück,<br />
Information: Aufwind Jugendhilfe<br />
GmbH, Julia Trettin 0172/4286150<br />
15.30 Smartphonecafé, Digitale Themennachmittage.<br />
Stadtteilbüro FES &<br />
Mehrgenerationenh. Kreuztal, Danziger<br />
Str. 2, Anmeldung 02732/3790<br />
Jeden letzten Dienstag im Monat<br />
14.30-16.00 Café Auszeit mit der<br />
Gruppe Lebensfreude, Otto-Reiffenrath-Haus<br />
Neunkirchen, Anmeldung<br />
02735/767-200 oder grosshauslutz@neunkirchen-siegerland.de.<br />
mittwochs:<br />
9.00 Ü55-Fitness, (nicht in den Ferien)<br />
Stadtteilbüro FES & MGH Kreuztal,<br />
Danziger Str. 2 02732/3790<br />
9.00 Wandern, Nordic Walking, ab<br />
Wanderparkplatz Siegen, Rosterstraße,<br />
Günter Dickel 0271/334566<br />
9.30 Bewegt ÄLTER werden, Fritz-<br />
Fries-Seniorenzentrum der AWO,<br />
Siegen, Rosterstr.186, Klaus Kuhn<br />
0271/3303-603<br />
10.00 Wanderungen, ca. 5 km des<br />
„Interkulturelles Seniorennetzwerk<br />
ab Siegerland-Center Weidenau<br />
0271/42517 Alfonso López García<br />
13.00-17.00 ALTERAktiv<br />
Fahrrad-Reparatur-Treff Selbsthilfe<br />
Werkstatt Siegen, Sandstraße 20,<br />
Innenhof, Info: Klaus Reifenrath,<br />
0171-8821420<br />
14.00 Hilfen für zu Hause des Diakonischen<br />
Freundeskreises Siegen-Süd,<br />
Diakonie Si.-Eiserfeld, Mühlenstr. 7<br />
14.00-17.00 Taschengel<strong>db</strong>örse<br />
Siegen, MehrGenerationenZentrum,<br />
Martinigemeinde Siegen, St.-Johannstraße<br />
7 0271/2346066<br />
15.30 Geselliger Kaffeenachmittag<br />
Lebendiges Haus e.V Siegen, Melanchtonstraße<br />
61 0271/2316679<br />
Jeden 1. Mittwoch im Monat<br />
10.00 Trauercafé Regenbogen der ambul.<br />
Hospizhilfe, Diakonistation Kreuztal,<br />
Ernsdorfstraße 3 02732/1028<br />
14.30 Museums-Momente, Führung<br />
für Menschen mit Demenz und ihre<br />
Begleitung, „Museum für Gegenwartskunst“<br />
Siegen, Anmeldung<br />
erforderlich 0271-4057710<br />
15.00 Seniorennachmittag des Heimatvereins<br />
Burbach-Niederdresselndorf,<br />
Alte Schule 0273-67726<br />
15.00 Frauenzimmer, Frauencafé des<br />
DRK-Niederschelden, Mudersbach,<br />
Josefstraße 1 0271/354962<br />
17.00 Smartphonecafé, Hilfe rund um<br />
Handy Laptop und Co. Stadtteilbüro<br />
FES & Mehrgenerationenh. Kreuztal,<br />
Danziger Str. 2 02732/3790<br />
19.30 Treffen der Heimatfreunde Trupach,<br />
Kapellenschule Si.-Trupbacher<br />
Str. 34 0271/371022<br />
Jeden 2. Mittwoch im Monat<br />
13.00 Wandern mit der Seniorenhilfe<br />
Siegen e.V., „Haus Herbstzeitlos“<br />
Siegen, Gruppe Fritz/Harzer<br />
Anmeldung 0271/42616<br />
Jeden 3. Mittwoch im Monat<br />
14.30 VDK-Siegen-Treff; Frohe<br />
Runde, Christofferhaus Siegen,<br />
Friedrich-Wilhelm-Str. 118<br />
14.30 Wir tanzen wieder! Für<br />
Menschen mit und ohne Demenz,<br />
Tanzschule „Im Takt“, Netphen-<br />
Dreistiefenb., Dreisbachstr. 24<br />
Anmeldung 0271/234178-17<br />
72 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />
Letzter Mittw. im Monat<br />
14.00-17.00 Seniorencafé,<br />
Stadtteilbüro FES & MGH<br />
Kreuztal, Danziger Str. 2<br />
Anmeldung unter<br />
02732/3790<br />
15.00-16.30 Selbsthilfegruppe<br />
Frontotemporale<br />
Demenz im Café Auszeit<br />
Kreuztal, Ernsdorfstr. 5<br />
donnerstags:<br />
10.00 -12.00 Seniorenwerkstatt,<br />
des „Interkulturellen<br />
Seniorennetzwerkes“. Spanischsprachige<br />
Gemeinde<br />
e.V., kath. Gemeindehaus<br />
Siegen, St.-Michaelstraße 3<br />
0271/42517<br />
10-12 Uhr Diakonischer<br />
Freundeskreis Siegen-Süd,<br />
Hilfen für zu Hause, Eiserfeld,<br />
Mühlenstraße<br />
12.30 Kunstpause Öffentliche<br />
Führung durch die Wechselausstellung,<br />
Museum für Gegenwartskunst<br />
Siegen<br />
14.00 Handarbeitstreff,<br />
Stadtteilbüro FES & MGH<br />
Kreuztal, Danziger Str. 2<br />
(Nicht in den NRW-Ferien)<br />
Jeden 1. Donnerstag<br />
19.00 Tischtennistreff für<br />
Männer, Stadtteilbüro FES<br />
& MGH Kreuztal, Danziger<br />
Straße 2<br />
Jeden 2. Donnerstag<br />
15.00 Selbsthilfegruppe Mitten<br />
im Leben für Menschen<br />
mit Gedächtnisproblemen<br />
KSG-Senioren Wohnanlage<br />
Siegen, Weidenauer Str. 202<br />
Jeden 3. Donnerstag<br />
19.00 Tischtennistreff für<br />
Männer, Stadtteilbüro FES &<br />
MGH Kreuztal, Danziger Str. 2<br />
Jeden 4. Donnerstag<br />
15.00 Trauercafé der Ambulanten<br />
ökum. Hospizhilfe<br />
Siegen e.V., „Haus Herbstzeitlos“<br />
Siegen, Marienborner Str.<br />
0271/23602-67<br />
freitags:<br />
15.30 Singkreis Lebendiges<br />
Haus e.V Siegen,<br />
Melanchtonstr. 61<br />
0271/7032846<br />
17.00 Tanzen ab der<br />
Lebensmitte auch ohne Partner,<br />
TanzZentrum Si.-Geisweid,<br />
Birlenbacher Hütte 16<br />
0271/84999<br />
18.00 Wochenschlussandacht<br />
in der Autobahnkirche<br />
Anm.: Info@Autobahnkirche-<br />
Siegerland.de<br />
21.00 Tango Milonga, Café<br />
Basico Kreuztal, Hüttenstraße<br />
30 (vor der Eisenbahnbrücke<br />
links)<br />
Veranstaltungen finden nur statt, wenn behördliche Beschränkungen das zulassen.<br />
Jeden 1. Fr. im Monat<br />
16.00 Reparaturtreff im Gemeindezentrum<br />
„Mittendrin“<br />
Geisweid, Koomanstr. 8<br />
Jeden 2. Fr. im Monat<br />
15.00 Wochenausklang der<br />
Seniorenhilfe Siegen e.V.<br />
„Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />
0271/6610335<br />
samstags:<br />
Jeden 3. Sa. im Monat<br />
9.00-12.00 Repaircafé,<br />
Kath. Gemeindehaus<br />
Erndtebrück, Birkenweg 2<br />
Friederike Oldeleer<br />
02759/2149560<br />
13.00 ALTERAktiv Repaircafé,<br />
Mehrgenerationenzentrum<br />
Haus der Martinigemeinde,<br />
St.-Johannstr. 7<br />
0171-8821420<br />
Jeden 4. Sa. im Monat<br />
13.00 Klimawelten<br />
Repaircafé, Florenburg<br />
Hilchenbach, Kirchweg 17<br />
Ingrid Lagemann<br />
02733/2366<br />
sonntags:<br />
16.00 Öffentliche Führung:<br />
Gemischtes Doppel<br />
Museum für Gegenwartskunst<br />
Siegen<br />
20.00 Salsa Fiesta, Café<br />
Basico Kreuztal, Hüttenstr.<br />
30 (von Si. vor der Eisenbahnbr.<br />
lks)<br />
Jeden 1. So. im Monat<br />
14.00 Johannland-Museum<br />
geöffnet, ab 15 Uhr Kaffee<br />
und Kuchen Netphen-Irmgarteichen,<br />
Glockenstr.19<br />
15.00 Führungen im Wodanstollen<br />
Heimatverein<br />
Salchendorf e.V., Neunkirchen,<br />
Arbachstr. 28 a<br />
0170 4770666<br />
15.00 Trauercafé der<br />
Ambulanten ökumenischen<br />
Hospizhilfe Siegen<br />
e.V., Pfarrheim Heilig<br />
Kreuz Siegen, Im Kalten<br />
Born, 0271/23602-67<br />
15.00 Führung durch die Ausstellung Gemischtes Doppel,<br />
„MgK“ Siegen, Am Unteren Schloss 1<br />
15.30 Café im städtischen Begegnungszentrum Haus<br />
Herbstzeitlos Siegen, Marienborner Straße 151<br />
Jeden 2. So. im Monat<br />
10.00-12.00 Tausch und Plausch, Treffen der Briefmarkenfreunde<br />
Netpherland, Heimatmuseum Netphen,<br />
Lahnstr. 47 02737/209527 (W. Lerchstein)<br />
14.30 Sonntagscafé, Alten Linde Wilnsdorf-Niederdielfen,<br />
Weißtalstraße<br />
15.00 Sonntagscafè, Heimatverein im Bürgerhaus Siegen-Niederschelden,<br />
Auf der Burg 15 0271/311579<br />
Jeden 3. Sonntag im Monat<br />
14.30 Kaffeeklatsch im Heimatverein Salchendorf e.V.,<br />
Haus Henrichs Neunkirchen-Salchendorf, Hindenburgpl. 1<br />
15.30 Café im städtischen Begegnungszentrum Haus<br />
Herbstzeitlos Siegen, Marienborner Straße 151
durchblick verlost Freikarten<br />
Florian Schroeder<br />
Es ist Zeit für einen Neustart, so sehr wie<br />
noch nie. Und zwar heute. Eigentlich schon<br />
gestern. Aber da hatten wir keine Zeit. So hat<br />
das Geschrei das Gespräch ersetzt, es gibt<br />
keine Freunde mehr, nur noch Feinde - und<br />
Opfer. Die Digitalisierung ist unsere Chance<br />
und doch schafft sie uns ab! Disruption und<br />
Revolution sind permanent geworden. Wir<br />
kennen alles und wissen nichts. Die Welt ist<br />
oft genug untergegangen, jetzt drückt Florian<br />
Schroeder den Reset-Knopf und for matiert<br />
die Festplatten neu - jenseits von Weltuntergang<br />
und Erlösungsversprechen, jenseits von<br />
Hysterie und Gleichgültigkeit, jenseits von<br />
Gut und Böse. Reflexion statt Reflexe.<br />
Samstag, 24. Sept. 20 Uhr<br />
Kulturhaus LŸZ, Siegen, St.-Johann-Straße 18<br />
Gewinnen können Sie<br />
3 x 2 Eintrittskarten,<br />
wenn Sie bis 10. Sept. eine<br />
Nachricht mit Namen, Telefonnummer<br />
und dem Vermerk Freikarten<br />
senden an:<br />
Redaktion durchblick<br />
Marienborner Str. 151<br />
57074 Siegen<br />
gewinnspiel@durchblick-siegen.de<br />
Die Gewinner werden telefonisch<br />
benachrichtigt.<br />
Die Tickets werden an der<br />
Abendkasse hinterlegt.<br />
Die Gewinner der letzten<br />
Verlosung:<br />
Die Geininger<br />
je zwei Karten erhielten: Martha<br />
Schmidt, Siegen; Marina Rademacher,<br />
Mudersbach; Christiane Klein, Siegen.<br />
Veranstaltungen finden nur statt, wenn behördliche Beschränkungen das zulassen.<br />
Haus Herbstzeitlos<br />
Seniorenbegegnungszentrum der Universitätsstadt Siegen<br />
57074 Siegen • Marienborner Straße 151<br />
www.unser-quartier.de/haus-herbstzeitlos-siegen<br />
Verwaltung:<br />
Seniorenbeauftragter 0271 / 404-24 34<br />
ALTERAktiv Siegen-Wittgenstein e.V.<br />
Lesepaten 02739 / 22 90<br />
Senec@fé 0271 / 2 50 32 39<br />
durchblick - siegen e.V.<br />
Geschäftsstelle 0271 / 6 16 47<br />
Redaktion 0171 / 6 20 64 13<br />
Seniorenbeirat 0271 / 404-22 02<br />
SeniorenServiceStelle 0271 / 404-24 34<br />
Seniorenhilfe Siegen e.V.<br />
Geschäftsstelle 0271 / 6 61 03 35<br />
Gruppen<br />
Trauercafé 0271 / 23 602-67<br />
Film- und Video-Club 02732 / 1 24 60<br />
Selbstverteidigung 0160 / 8 30 18 67<br />
Werkstatt 0271 / 6 27 76<br />
Englischkurse 0271 / 404-24 34<br />
montags<br />
mittwochs<br />
09.00 - 12.00 SeniorenServiceStelle der 09.00 - 10.30 Englisch für Senioren<br />
Stadt Siegen geöffnet<br />
VHS Kurs Z42000-3<br />
10.00 - 12.00 Sprechstunde der<br />
09.00 - 12.00 SeniorenServiceStelle der<br />
Seniorenhilfe Siegen<br />
Stadt Siegen geöffnet<br />
14.00 - 18.00 ALTERAktiv-Senec@fé 09.00 - 12.00 ALTERAktiv-Senec@fé<br />
Computertreff<br />
Computertreff<br />
17.00 - 18.00 Tai Chi unter Anleitung 10.00 - 12.00 Redaktionsbüro des<br />
durchblick geöffnet<br />
dienstags<br />
10.30 - 12.00 Englisch für Senioren<br />
09.00 - 12.00 ALTERAktiv-Senec@fé,<br />
VHS Kurs Z42001-3<br />
Computertreff<br />
14.00 - 18.00 ALTERAktiv-Senec@fé<br />
10.00 - 12.00 Redaktionsbüro des<br />
Computertreff<br />
durchblick geöffnet 15.00 - 17.00 Singen mit der<br />
18.00 - 20.00 Arbeitskr. MitweltZukunft,<br />
Seniorenhilfe Siegen<br />
0271 / 404-2434 17.00 - 20.00 Regenbogentreff<br />
(Nur in geraden Wochen)<br />
Spielen und Klönen<br />
19.00 - 22.30 Film und Videoclub<br />
Bushaltestelle: Blumenstraße<br />
Busse ab zentraler Omnibusbahnhof Siegen: B 1-2: Linien R 12, R 13, R 17, L 109.<br />
donnerstags<br />
09.30 - 10.30 Selbstverteidigung<br />
10.00 - 12.00 Sprechstunde der<br />
Seniorenhilfe Siegen<br />
10.00 - 12.00 Redaktionsbüro des<br />
durchblick geöffnet<br />
11.00 - 12.00 Yoga unter Anleitung<br />
12.15 - 13.15 Yoga auf dem Stuhl<br />
0271 / 404-2202<br />
freitags<br />
10.00 - 11.30 Englisch für Senioren<br />
VHS Kurs ab Herbst <strong>2022</strong><br />
samstags<br />
09.00 - 12.00 Wandergruppe der<br />
Seniorenhilfe Si. Termine<br />
auf Anfrage 0271 / 64300<br />
Kostenlose Parkplätze am Haus<br />
Gemeinsam nicht einsam!<br />
Haus Herbstzeitlos sonntags wieder geöffnet.<br />
Für Gemeinsamkeit möchten wir etwas tun, und haben deshalb einen<br />
Ort geschaffen, wo sich Menschen treffen können. Wenn Sie<br />
sich einsam fühlen, sind Sie bei uns (vorerst jeden 1. und 3. Sonntag<br />
im Monat) ab 15.30 Uhr willkommen.<br />
Sonntag nachmittags ins Haus Herbstzeitlos, jede und jeder kann<br />
vorbeikommen, dem zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, die<br />
ihr Stück Kuchen nicht alleine essen möchte, oder der einfach nur<br />
mit jemandem klönen, plaudern, oder wie wir im Siegerland sagen,<br />
„lällen“ möchte. Männer und Frauen jeden Alters sind willkommen.<br />
Kaffee, Kuchen und Getränke sind gegen eine kleine Spende<br />
erhältlich. Kommen Sie vorbei und machen Sie einfach mit!<br />
Das Team um Theres, Karin und Uschi laden herzlich ein!<br />
74 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />
3/<strong>2022</strong> durchblick 75
September<br />
20.00 Biyon Kattilathu: Weil jeder<br />
Tag besonders ist, Siegerlandhalle<br />
Siegen, Koblenzer Str. 151<br />
1. Donnerstag<br />
12.30 Miriam Cahn. MEINEJUDEN,<br />
Kunstpause, Kurzführung durch "MEI-<br />
NEJUDEN", Museum für Gegenwartskunst<br />
Siegen, Unteres Schloss. Die Ausstellung<br />
ist noch bis zum 23.10.<strong>2022</strong><br />
geöffnet Weitere Infos unter<br />
0271 405 77 10 info@mgksiegen.de<br />
14.30 Literaturcafé der Seniorenhilfe,<br />
Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos<br />
Siegen, Marienborner Str. 151<br />
3. Samstag<br />
6.00 Geisweider Flohmarkt Siegen,<br />
Geisweider Str. unter der HTS<br />
20.00 OLAF SCHUBERT & SEINE<br />
FREUNDE, Zeit für Rebellen, Siegerlandhalle<br />
Siegen, Koblenzer Straße<br />
Noch bis 10. September: „Wochenend<br />
und Sonnenschein“ Freilichtbühne Freudenberg,<br />
immer mittwochs 17 Uhr,<br />
freitags und samstags 20 Uhr.<br />
4. Sonntag<br />
11.00 Musik im Wald Matinee-<br />
Konzert, mit den Cellisten der Philharmonie<br />
Südwestfalen, Forsthaus<br />
Hohenroth Netphen, An der Eisenstr.<br />
16.00 Vernissage: Lyrik & Zwischentöne,<br />
Foto Grafiken, Kulturflecken<br />
Silberstern Freudenberg, Am<br />
Silberstern 4a<br />
16.00 Konzert: Sonntagnachmitag<br />
um 4 im Schlosspark, Siegerländer<br />
Bergknappenkapelle, Oberes Schloss<br />
Siegen<br />
20.00 Konzert: Alte Bekannte, Bunte<br />
Socken – Tour 2021/22, Siegerlandhalle<br />
Siegen, Koblenzer Str. 151<br />
Comedy mit Johannes Schröder, Mittwoch den 14.9. in der Siegerlandhalle.<br />
5. Montag<br />
17.00 Wanderausstellung „Selbsthilfe<br />
und Migration“, (bis 15.9.<strong>2022</strong>),<br />
KrönchenCenter Siegen<br />
18.30 VHS-Siegen Vortrag: Leben<br />
mit Hochsensibilität - Erlebnisvortrag,<br />
KrönchenCenter Siegen<br />
7. Mittwoch<br />
19.00 VHS-SIWI Vortrag: Belästigt<br />
von Pflaumenkuchenwespen,<br />
Hornissen & Co, Stadtbibliothek<br />
Kreuztal, Marburger Str. 10<br />
8. Donnerstag<br />
15.30 VHS-Siegen, Café-Literatur-<br />
Zeit: Simone de Beauvoir (1908-<br />
1986), KrönchenCenter Siegen<br />
9. Freitag<br />
11.00 JETZT ALLE!, das experimentelle<br />
Reallabor für die Kultur der Vielfalt,<br />
Kulturhaus LŸZ, Siegen<br />
18.00 VHS-Siegen Vortrag: Jakarta<br />
- Eine gescheiterte Hauptstadt?<br />
KrönchenCenter Siegen<br />
10. Samstag<br />
14.00 Graf Casimir und der Stein<br />
der Weisen, Barocke szenische Schauspielführung<br />
Oberstadt Bad Berleburg,<br />
Treffpunkt: Hotel Altes Museum<br />
11. Sonntag<br />
11.00 Frühschoppen zum 10 jährigem<br />
Jubiläum, mit den Krombacher<br />
Dixies, nachmittags Kaffetrinken,<br />
Alte Linde, Wilnsdorf-Niederdielfen<br />
15.00 VHS-Siegen Foto-Vortrag „Sizilien<br />
- das Land, wo die Zitronen<br />
blühen“, KrönchenCenter Siegen<br />
15.00 Märchenspaziergang für Familien,<br />
im historischer Tiergarten, ab<br />
Wanderparkplatz Grillhütte Weidenau<br />
15.30 VHS-Siegen, Stadtrundgang<br />
entlang politischer Denkmäler und<br />
Erinnerungsorte in Siegens Unterstadt,<br />
ab Haupteingang Bahnhof Sgn.<br />
16.00 Konzert: Sonntagnachmitag<br />
um 4 im Schlosspark, Siegener<br />
Blasorchester, Oberes Schloss Siegen<br />
18.00 Filmpalast: „Die Fledermaus“,<br />
mit Peter Alexander, Marianne<br />
Koch, Heimhof-Theater Burbach,<br />
Heimhofstr. 7a<br />
14. Mittwoch<br />
11.00-17.00 Mach mal P.A.u.s.e!,<br />
Information–Beratung-Vorträge.<br />
Otto-Reifenrath-Haus, Neunkirchen,<br />
(siehe auch Anzeige Seite 74)<br />
19.00 Neues zum Elternunterhalt,<br />
Hilchenbach, Trauzimmer in der Wilhelmsburg,<br />
Am Burgweiher<br />
20.00 Comedy mit Johannes Schröder:<br />
Instagrammatik, Siegerlandhalle<br />
Siegen<br />
15. Donnerstag<br />
14.30 Literaturcafé der Seniorenhilfe,<br />
Begegnungszentrum Haus<br />
Herbstzeitlos Siegen, Marienborner<br />
Str. 151<br />
16. Freitag<br />
20.00 Özcan Cosar, Cosar Nostra -<br />
Organisierte Comedy, Siegerlandhalle<br />
17. Samstag<br />
14.00 Kammerkätzchen und<br />
Pistazienpralinen, Köstliche Schauspiel-Stadtführung<br />
Anno 1883 in Bad<br />
Berleburg, ab Torhaus des Schlosses<br />
20.00 Lesung: Anne von Canal und<br />
Heikko Deutschmann, I get a bird,<br />
Otto-Reiffenrath-Haus, Neunkirchen,<br />
Bahnhofstr. 1<br />
18. Sonntag<br />
20.00 Ticket to Happieness Musikalische<br />
Reise mit den Roaming<br />
Riders, Heimhof-Theater Burbach,<br />
Heimhofstr. 7a<br />
20. Dienstag<br />
21.00 Siegener Open-Air Kino, Phantastische<br />
Tierwesen: Dumbledores<br />
Geheimnisse, Schlosshof Oberes<br />
Schloss Siegen, Burgstraße<br />
22. Donnerstag<br />
19.30 Interactive Theatre, Devil's<br />
Exorcist, Siegerlandhalle Siegen,<br />
20.00 kreuztalKultur: Edelle,<br />
A Night About Adele, Otto-Flick-<br />
Halle, Kreuztal, Moltkestr. 12<br />
23. Freitag<br />
20.00 Vortrag: Sebastian Klussmann,<br />
Merken Sie sich was - So trainieren<br />
Sie ihre Allgemeinbildung,<br />
Aula der Carl-Kraemer-Realschule,<br />
Hilchenbach<br />
20.00 @ Custics, eine feine Herrenband,<br />
Alte Linde, Wilnsdorf-Niederdielfen,<br />
Weißtalstr.2<br />
24. Samstag<br />
16.00 Theater mimikri Rumpelstilzchen,<br />
Aula der Carl-Kraemer-Realschule,<br />
Hilchenbach<br />
17.00 12. Jagdseminar Jagd & Ethik,<br />
Der ewige Förster-Jäger-Konflikt,<br />
Forsthaus Hohenroth Netphen, An<br />
der Eisenstraße<br />
20.00 Politisches Kabarett mit Florian<br />
Schröder: Neustart, Kulturhaus<br />
LŸZ, Siegen, St.-Johann-Straße 18<br />
Musikalische Reise mit den Roaming Riders, Sonntag, 18.9. Heimhof-Theater Burbach.<br />
25.Sonntag<br />
15.00 VHS-Siegen Stadtrundgang:<br />
Stolpersteine auf der Hammerhütte,<br />
ab Siegen, Effertsufer 104<br />
19.00 Musikabend mit den Swinging<br />
Elephants, von Swing und Jazz<br />
über Pop, Altes Feuerwehrhaus, Netphen,<br />
St.-Peters-Platz 5<br />
28. Mittwoch<br />
15.30 VHS-SIWI Pilzkundliche<br />
Führung in Freudenberg, ab Parkplatz<br />
am Ende der Friedenshortstraße<br />
19.00 VHS-Siegen Lesung und Werkstattgespräch,<br />
Jugendkulturen und<br />
Widerstand in der NS-Zeit, KrönchenCenter<br />
Siegen<br />
19.00 VHS-SIWI Filmzeit: Blut<br />
muss Fließen, Viktoria-Kino Hilchenbach,<br />
Bernhard.Weiss-Pl. 6<br />
29. Donnerstag<br />
14.30 Literaturcafé der Seniorenhilfe,<br />
Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos<br />
Siegen, Marienborner Str. 151<br />
17.00 VHS-SIWI-Vortrag zu gesetzlicher<br />
Betreuung, Vorsorgevollmacht<br />
und Patientenverfügung, Kreuztal,<br />
Stadtbibliothek, Marburger Str. 10<br />
30. Freitag<br />
20.00 Konzert mit der Deep Purple's<br />
Coverband Demon's Eyer: Made in<br />
Japan, Kulturhaus LŸZ, Siegen, St.-<br />
Johann-Straße 18<br />
20.00 WDR 2 live: Jetzt Gote! mit<br />
Chefkoch Helmut Gote, Turn- und<br />
Festhalle Kreuztal-Buschhütten<br />
76 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />
3/<strong>2022</strong> durchblick 77
1. Samstag<br />
6.00 Geisweider Flohmarkt Siegen,<br />
Geisweider Str. unter der HTS<br />
20.00 Subito! Theater, Rotecke: Der<br />
Impro-Tatort im Heimhof-Theater,<br />
Heimhof-Theater Burbach, Heimhofstr.<br />
20.00 Komödiant Piet Klocke mit seinem<br />
Lesungsprogramm Notiertes<br />
Nichtwissen, Kulturhaus LŸZ, Siegen,<br />
St.-Johann-Straße 18<br />
Oktober<br />
20.00 Die Geininger, Oberkreinerklänge<br />
aus dem Oberbergischen,<br />
Heimhof-Theater Burbach, Heimhofstraße<br />
7a (Verlosungsveranstaltung<br />
des durchblick 2-<strong>2022</strong>)<br />
23. Sonntag<br />
17.00 xpeditionen: Ocean Change,<br />
Arved Fuchs, Die Arktis – eine<br />
Welt im Wandel, Turn- und Festhalle<br />
Kreuztal-Buschhütten<br />
20.00 Comedy: DIE TEDDY SHOW<br />
- Neues Programm, Siegerlandhalle<br />
Siegen, Koblenzer Str. 151<br />
28. Freitag<br />
15.00 Wochenausklang, der Seniorenhilfe<br />
e.V., gemütliches Zusammensein<br />
bei Kaffee und Kuchen, Begegnungszentrum<br />
Haus Herbstzeitlos<br />
Siegen, Marienborner Str. 151<br />
20.00 kreuztalKultur, Halt die Fresse,<br />
Rapunzel!, Piero Masztalerz,<br />
Weiße Villa in Dreslers Park Kreuztal<br />
29. Samstag<br />
20.00 Mario Mammone Trio mit dem<br />
Programm Old Love Songs, Alte Linde,<br />
Wilnsdorf-Niederdielfen, Weißtalstr.2<br />
20.00 THE BEATLES LIVE AGAIN,<br />
performed by THE BEATBOX, Siegerlandhalle<br />
Siegen, Koblenzer Str.<br />
2. Sonntag<br />
17.00 18. Opern- und Operettengala,<br />
Musikalische Träumereien, Rudolf<br />
Steiner Schule Siegen, Kolpingstraße 3<br />
November<br />
Piet Klocke, am 1.10. im Kulturhaus<br />
LŸZ, Siegen, St.-Johann-Straße 18.<br />
8. Samstag<br />
14.00 Henriettes Petitessen, Rokoko-Schauspielführung<br />
rund um<br />
Schloss Berleburg, ab Schlossplatz<br />
20.00 Big Fish – Das Musical, Fantasievoll,<br />
bunt, ergreifend, Apollo-<br />
Theater Siegen, (bis 16.10)<br />
20.00 Ron Williams, „Hautnah!“ Ein<br />
biografischer Rückblick mit Live-Musik,<br />
Heimhof-Theater Burbach, Heimhofstr.<br />
9. Sonntag<br />
14.00 und 19.00 Big Fish – Das<br />
Musical, Fantasievoll, bunt, ergreifend,<br />
Apollo-Theater Siegen, Morleystr.<br />
1 (auch Mi.-Fr. 20 Uhr, Sa. 15<br />
und 20 Uhr und So. 14 und 19 Uhr.)<br />
14.30 Kaffeetrinken, Alte Linde,<br />
Wilnsdorf-Niederdielfen, Weißtalstr.2<br />
Fantastic Four Guitars, Sonntag, 16.10., Otto-Flick-Halle, Kreuztal, Moltkestr. 12.<br />
18.00 Filmpalast im Heimhof-Theater:<br />
We feed the world Dokumentarfilm,<br />
Burbach, Heimhofstr. 7a<br />
13. Donnerstag<br />
14.30 Literaturcafé der Seniorenhilfe,<br />
Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos<br />
Siegen, Marienborner Str. 151<br />
20.00 Markus Krebs, Comedy Alle<br />
wegen mir, Siegerlandhalle Siegen,<br />
15. Samstag<br />
20.00 Kabarett: Sascha Korf,<br />
…denn er weiß nicht, was er tut,<br />
Heimhof-Theater Burbach, Heimhofstr.<br />
16. Sonntag<br />
18.00 Fantastic Four Guitars, 40<br />
Fingers, Otto-Flick-Halle, Kreuztal,<br />
Moltkestr. 12<br />
18. Dienstag<br />
17:00 10 Jahre Wohnberatung<br />
Ausstellung und Vortrag zum Thema<br />
Technikunterstütztes Wohnen, im<br />
Kulturhaus LŸZ, Siegen, St.-Johann-<br />
Straße 18. Anmeldungen unter:<br />
0271/234 178 141<br />
20. Donnerstag<br />
15.30 VHS-Siegen Café-Literatur-<br />
Zeit: Georg Büchner (1813-1837)<br />
KrönchenCenter Siegen<br />
21. Freitag<br />
19.00 Salongespräch & Diskussion:<br />
Kinder der Ungleichheit – Wie<br />
wollen wir leben, Forsthaus Hohenroth<br />
Netphen, An der Eisenstr.<br />
20.00 The Johnny Cash Sho: Hello,<br />
we're the Cashbags, Bismarckhalle<br />
Siegen-Weidenau, Bismarckstr. 4<br />
20.00 Es hört nicht auf, politisches<br />
Kabarett mit Wilfried Schmickler, Otto-Flick-Halle,<br />
Kreuztal, Moltkestr. 12<br />
20.00 Konzert mit Nina Attal Pieces<br />
of Sul, Kulturhaus LŸZ, Siegen, St.-<br />
Johann-Straße 18<br />
22. Samstag<br />
14.00 Graf Casimir und der Stein<br />
der Weisen, Barocke szenische<br />
Schauspielführung Oberstadt Bad<br />
Berleburg, ab Hotel Altes Museum<br />
15.30 Figurentheater nicht nur für<br />
Kinder, Einpacken-Auspacken, gespielt<br />
vom Theaterhaus Alpemrod, in<br />
der Schreinerei Quandel, Freudenberg,<br />
Krottorfer Str. 45<br />
19.00 Figurentheater für Erwachsene,<br />
VOM (OST)-WINDE VERWEHT,<br />
mit Petra Schuff, Schreinerei Quandel,<br />
Freudenberg, Krottorfer Str. 45<br />
20.00 Die Geister die ich rief...,<br />
Balladenabend mit Veronika Ponzer<br />
und Heiko Ruprecht, Aula der Carl-<br />
Kraemer-Realschule, Hilchenbach,<br />
Jung-Stilling-Allee 8<br />
3. Donnerstag<br />
18.00 und 20.00 Kabarett mit Bülent<br />
Ceylan Luschtobjekt, Siegerlandhalle<br />
Siegen, Koblenzer Straße 151<br />
18.30 Einbruch? Nicht bei mir!<br />
Einbruchsschutz für Privathaushalte,<br />
Rathaus Freudenberg<br />
19.00 VHS-SIWI-Vortrag und Konzert<br />
in Kooperation mit dem Gebr.-<br />
Busch-Kreis und dem Gymnasium<br />
Keppel: Das Beziehungsgeflecht<br />
zwischen Ehepaar Schumann und<br />
Johannes Brahms Hilchenbach,<br />
Konventsaal im Stift Keppel, Stift-<br />
Keppel-Weg 37<br />
4. Freitag<br />
20.00 Carolin Fortenbacher - Abba<br />
macht glücklich! Aula der Carl-Kraemer-Realschule,<br />
Hilchenbach<br />
5. Samstag<br />
9.00 Geisweider Flohmarkt Siegen,<br />
Geisweider Str. unter der HTS<br />
14.00 Kammerkätzchen und<br />
Pistazienpralinen, Köstliche Schauspiel-Stadtführung<br />
Anno 1883 in Bad<br />
Berleburg, ab Torhaus des Schlosses<br />
20.00 Ladykiller. Die Musik von Marius<br />
Müller Westernhagen neu interpretiert<br />
mit viel Groove und Gefühl,<br />
Heimhof-Theater Burbach, Heimhofstr.<br />
6. Sonntag<br />
15.00 Kreuztaler Teddybärenkonzert<br />
- Peter und der Wolf, Mit der<br />
Philharmonie Südwestfalen, Kreuzkirche<br />
Kreuztal, Martin-Luther-Str. 1<br />
17.00 Das etwas andere Konzert,<br />
Intermezzo, Turn- und Festhalle Kreuztal-Buschhütten,<br />
Buschhüttener Str. 91<br />
17.00 Multivisionsvortrag: Wander<br />
ungen und Städtetouren für<br />
Entdecker*innen, Bad Laasphe,<br />
Haus des Gastes, Wilhelmplatz<br />
17.00 Multivisionsvortrag: Kanada –<br />
Der Westen, Aula des Gymnasiums<br />
Netphen, Haardtstr. 35<br />
18.00 Hucks-Trio, Martin Reuthner,<br />
Esther und Werner Hucks in Concert,<br />
Forsthaus Hohenroth Netphen, An<br />
der Eisenstraße<br />
10. Donnerstag<br />
14.30 Literaturcafé der Seniorenhilfe,<br />
Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos<br />
Siegen, Marienborner Str. 151<br />
20.00 Canzoni Segrete Tour, Pippo<br />
Pollina & Palermo Acoustic Quintet,<br />
Otto-Flick-Halle, Kreuztal, Moltkestr.<br />
12. Samstag<br />
20.00 Siegener Nacht der Musik<br />
<strong>2022</strong>, verschiedene Veranstaltungsorte<br />
in Siegen (siehe Seite 14)<br />
20.00 Paul Panzer: MIDLIFE CRI-<br />
SIS ... Willkommen auf der dunklen<br />
Seite, Siegerlandhalle Siegen<br />
20.00 Kabarett: Daubs Melanie: Mäckes,<br />
Dost und Fuddelsuppe, Heimhof-Theater<br />
Burbach, Heimhofstr.<br />
Teddybärenkonzert, Sonntag, 6.11.,<br />
Kreuzkirche Kreuztal, Martin-Luther-Str.<br />
13. Sonntag<br />
15.00 VHS-Siegen Foto-Vortrag: Malta<br />
– Inselgruppe für Entdecker*innen“,<br />
KrönchenCenter Siegen<br />
17.00 Herbstkonzert <strong>2022</strong>, Blasorchester<br />
Stadt Kreuztal e.V., Kreuzkirche<br />
Kreuztal, Martin-Luther-Str. 1<br />
18.00 Filmpalast im Heimhof-Theater:<br />
Land hinter den Bergen – Siegen-Wittgenstein,<br />
Burbach, Heimhofstr.<br />
7a<br />
78 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />
3/<strong>2022</strong> durchblick 79
16. Mittwoch<br />
18.30 VHS-SIWI/Polizei- Vortrag:<br />
Straftaten zum Nachteil älterer<br />
Menschen, Rathaus Netphen, Amtsstr.<br />
18. Freitag<br />
19.00 Comedy & Kabarett mit Senay<br />
Duzcu, Du Hitler, Aula des Gymnasiums<br />
Netphen, Haardtstraße 35<br />
20.00 kreuztalKultur Kabarett mit<br />
Kai Magnus Sting, Hömma, so isset!,<br />
Weiße Villa in Dreslers Park<br />
19. Samstag<br />
11.00 Traditionelle Winterbasar,<br />
Alte Linde, Wilnsdorf-Niederdielfen,<br />
Weißtalstraße 2<br />
November<br />
Viele Weihnachtsmärkte in der Region beginnen wieder Mitte November<br />
14.00 Henriettes Petitessen, Rokoko-Schauspielführung<br />
rund um<br />
Schloss Berleburg, ab Schlossplatz<br />
20.00 Scottish Music Festival, Highland<br />
Blast – A taste of Scotland,<br />
Heimhof-Theater Burbach, Heimhofstr.<br />
20. Sonntag<br />
17.00 kreuztalKultur: Das große<br />
Bulli-Abenteuer 2: Von Lissabon<br />
nach Lappland, Peter Gebhard, Turnund<br />
Festhalle Kreuztal-Buschhütten<br />
25. Freitag<br />
20.00 kreuztalKultur Konzert mit Max<br />
Mutzke: Wunschlos süchtig, Otto-<br />
Flick-Halle, Kreuztal, Moltkestr. 12<br />
Leserinnenbriefe<br />
Die Verwechselung<br />
20.00 Tina Teubner, Stille Nacht,<br />
bis es kracht, Heimhof-Theater Burbach,<br />
Heimhofstr. 7a<br />
26. Samstag<br />
13.00 KulturFlecken Silberstern:<br />
Weihnachts-Villa Erlesenes Kunsthandwerk,<br />
Freudenberg, Villa Bubenzer<br />
(auch am 27.11.)<br />
13.00 KulturFlecken Silberstern:<br />
Weihnachts-Schmiede Kunstaussellung<br />
mit Werken von Reinhard<br />
Schulz, Freudenberg, Am Silberstern<br />
4a (auch am 27.11.)<br />
20.00 Thomas Gsella, „Ich zahl es<br />
euch reim!“, Heimhof-Theater Burbach<br />
30. Mittwoch<br />
19.30 Simon & Garfunkel Through<br />
The Years, Performed by Bookends,<br />
Siegerlandhalle Siegen<br />
Jetzt sollte der Boden für eine Neubepflanzung<br />
hergerichtet werden. Mit tatkräftiger<br />
Unterstützung und fachlicher<br />
Pflanzberatung durch Gärtnermeister<br />
Dieter Panthel wurde mein <strong>neue</strong>s Beet<br />
in weiß, blau, lila pünktlich zum 1. Mai<br />
fertiggestellt.<br />
Die ersten positiven Rückmeldungen<br />
erhielt ich sofort. Eine Mitbewohnerin<br />
schrieb mir: „Ich möchte Ihnen, der<br />
Künstlerin und dem Gärtner für die tolle<br />
Idee, die Schmuddelecke so schön<br />
zu gestalten, danken. Es ist für jeden,<br />
der vorbeigeht, eine Augenweide.“<br />
Es tut mir gut, dass ich meine Wohnumfeldverbesserung,<br />
mitgestalten<br />
konnte und habe prompt eine Patenschaft<br />
für ein kleines Beet, das ich immer<br />
im Blick habe, übernommen. Für<br />
Leserinnenbriefe<br />
mich ein kleines Stück Himmel auf Erden,<br />
pardon „Im Wiesental“.<br />
Iris Müller, Geisweid<br />
<strong>db</strong> 2-<strong>2022</strong>. Ihren Artikel Vam Kärcherpolizist<br />
und vam Pastur, von<br />
Ulrich Schöllchen den ich kürzlich in<br />
der Apotheke gefunden habe, war mir<br />
eine Freude zu lesen. Ich habe als<br />
Düsseldorferin (Ausländerin) länger<br />
daran zu knabbern gehab. Umso besser!<br />
Gern mehr davon. Die Sprache ist<br />
schon spannend. Ich möchte Sie wissen<br />
lassen, dass ich ihn mit Interesse<br />
gelesen habe. Übrigens, eine Seniorin<br />
bin ich mit meinen 46 Lebensjahren<br />
nicht. Meine Bitte: Hätten Sie eine Liebesgeschichte<br />
in Siegerländer Dialekt<br />
für mich?<br />
Denisa Bühler, (jetzt) Siegen<br />
<strong>db</strong> 2-<strong>2022</strong> <strong>db</strong> 2-<strong>2022</strong> Ich habe den<br />
Artikel Burg Münzenberg mit großem<br />
Interesse gelesen und möchte noch<br />
folgendes dazu sagen: Anno 1198 gewann<br />
man Philipp von Schwaben als<br />
römisch-deutschen König und damit<br />
als Nachfolger für den im Jahr zuvor<br />
verstorbenen Heinrich VI. Beide waren<br />
Söhne von Friedrich Barbarossa, der<br />
acht Jahre zuvor bei einem Kreuzzug<br />
ums Leben kam. Friedrich II., Sohn<br />
Heinrich VI., übernahm als 17-Jähriger<br />
die Königswürde. Geboren in Jesi bei<br />
Ancona an der italienischen Adriaküste<br />
wuchs er in Sizilien auf, inmitten eines<br />
Völkergemischs von nicht nur Staufern,<br />
sondern auch Normannen, Griechen,<br />
Karthagern, Phöniziern, Sarazenen, sogar<br />
Goten und Vandalen.<br />
Als er im Jahr 1220 zum römischen<br />
Kaiser deutscher Nation als Nachfolger<br />
seines Großvaters Barbarossa und<br />
seines verstorbenen Vaters Heinrich VI.<br />
gewählt worden war, baute er das Oktogon<br />
in Apulien. Er ging gerne auf die<br />
Jagd und hinterließ ein berühmt gewordenes<br />
Buch mit dem Titel „Über die<br />
Kunst mit Vögeln zu jagen“.<br />
Außerdem umgab er sich mit einer<br />
Leibgarde aus Sarazenen, die ja bekanntlich<br />
Muslime sind. Ihnen vertraute<br />
er. Das wiederum war dem damaligen<br />
Papst, Gregor IX., ein Dorn im<br />
Auge. Außerdem befahl der Papst dem<br />
Friedrich II. einen <strong>neue</strong>n Kreuzzug zu<br />
organisieren, was dieser immer wieder<br />
hinauszögerte. Aber ein Kaiser musste<br />
in dieser Zeit dem Papst gehorchen. So<br />
kam es, dass Federico, wie man ihn in<br />
Italien nannte, im Jahr 1227 exkommuniziert<br />
und damit bis auf Weiteres aus<br />
der Christenheit ausgeschlossen wurde.<br />
Barbara Baganz, Leipzig<br />
Anfang September fuhr ich mit meinem<br />
Freund für eine Woche mit<br />
dem Auto nach Koblenz. Im Ferienhaus<br />
angekommen ließen wir das Auto, dass<br />
er in seiner Heimat ausnahmslos nutzt,<br />
oft stehen und fuhren mit dem Linienbus<br />
in die Stadt.<br />
Bei unserer ersten Fahrt kümmerte<br />
sich mein Freund um die Fahrkarte und<br />
ich mich um die Sitzplätze. Von seinen<br />
Besuchen in Siegen wusste er vom<br />
gemeinsamen Busfahren, dass er die<br />
Fahrkarte entwerten muss und benutze<br />
dabei den ersten greifbaren Automaten<br />
so wie in der R10 nach Siegen. Doch zu<br />
seiner Überraschung war es ein Desinfektionsautomat<br />
und unsere Fahrkarte<br />
war gut feucht desinfiziert, aber nicht<br />
entwertet.<br />
Wir waren sehr erheitert unter der<br />
Maske, so wie alle Mitfahrenden, die<br />
es mitbekommen hatten. Es wurde<br />
ein sehr guter entspannter Urlaubstag<br />
und wenn ich heute wieder R10<br />
fahre, muss ich schon mal lachen und<br />
schmunzeln und mein Tag fängt etwas<br />
schöner und gelöster an als zuvor.<br />
Ulrike Zöller<br />
Foto: Matthias Merzhäuser<br />
<strong>db</strong> 1-<strong>2022</strong>. Das unverhoffte Erbe.<br />
Für Ihre (wieder einmal) wunderbare<br />
Ausgabe möchte ich mich ganz herzlich<br />
bedanken. Neben den vielen anderen<br />
lesenswerten Beiträgen hat mich<br />
der Artikel über die vererbten Bilder<br />
sehr berührt. Das selbstgemalte Landschaftsbild<br />
wie auch das Ölgemälde<br />
von den drei Zinnen ließen mich für einen<br />
Augenblick in meine Vergangenheit<br />
versinken und ich darf Ihnen verraten,<br />
er hatte meine Sehnsucht derart geweckt,<br />
dass ich spontan noch einmal<br />
dorthin gereist bin.<br />
Elisabeth Hähner, Netphen<br />
<strong>db</strong> 2-22. Anzeige Sauberkeitspaten<br />
Nicht erst durch die Suche von Sauberkeitspaten<br />
für die Universitätsstadt<br />
Siegen (Seite 14) habe ich für mich ein<br />
Projekt zur Wohnumfeldverbesserung<br />
gefunden und bereits im Frühjahr 2021<br />
die ersten Kontakte aufgenommen.<br />
Mein Plan war es, ein kleines Grundstück<br />
Ecke Sohlbachbrücke/Im Wiesental<br />
zu verschönern. Zunächst sollten die<br />
vorhandene Kabelverteilerschränke einen<br />
<strong>neue</strong>n Anstrich erhalten. Dabei fiel<br />
mir ein, dass mein ehemaliger Arbeitgeber<br />
RWE, heute Westnetz, genau in<br />
diesem Bereich noch zu meiner aktiven<br />
Zeit tätig geworden war. Ich erinnerte<br />
mich an den Initiator Martin Zielke, der<br />
das Projekt „Siegen sind wir“ 2004 ins<br />
Leben gerufen hatte und dem ich schon<br />
damals berufsbedingt in der Öffentlichkeitsarbeit<br />
begegnet bin. Wir haben<br />
uns erneut getroffen und er sagte mir<br />
seine Unterstützung zu. Die erforderliche<br />
Grundreinigung wurde im Frühjahr<br />
2021 prompt von Westnetz beauftragt<br />
und die Künstlerin Tzveta Grebe mit der<br />
Bemalung der beiden Kabelverteilerschränke<br />
beauftragt. Nach Fertigstellung<br />
konnte ich festhalten: Die erste<br />
Investition hat sich gelohnt.<br />
80 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />
3/<strong>2022</strong> durchblick 81
Unterhaltung / Impressum<br />
Es fiel uns auf, …<br />
…dass ein Deutscher als größtes Genie der Welt gilt. Der<br />
Wissensdurst von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)<br />
war nicht zu stillen. Seine Dichtungen, seine Farbenlehre<br />
und seine Aufzeichnungen über Pflanzen sind unvergessene<br />
Schöpfungen. Eine Messung ergab, dass er einen IQ von ca.<br />
210 hatte. US-Forscher kürten ihn zum größten Genie aller<br />
Zeiten unter Berücksichtigung von Intelligenz und Einfluss<br />
auf die Weltgeschichte.<br />
…dass der stürmischste Ort der Welt in der Antarktis<br />
liegt. Wer sich den Wind Tag für Tag so richtig kräftig um die<br />
Nase wehen lassen möchte, muss dafür von uns aus sehr weit<br />
reisen. Die 48 Kilometer breite Commonwealth-Bucht in der<br />
östlichen Antarktis gilt als stürmischster Ort der Welt. Hier<br />
fegen die Böen nahezu täglich mit 240 km/h über die Bucht.<br />
Zum Vergleich: Ab 84 km/h sprechen wir bei u8ns bereits von<br />
einem schweren Sturm.<br />
…dass die größte Statue der Welt in Indien steht. Sie<br />
ist doppelt so hoch wie die Freiheitsstatue in New York: Im<br />
Herbst 2018 wurde in Indien die Statue der Einheit eingeweiht.<br />
Das Denkmal aus Beton und Stahl für den indischen<br />
Politiker und Unabhängigkeitshelden Patel ist 182 Meter<br />
hoch. Es ist nicht nur wegen seiner Baukosten, auch 185 Familien<br />
mussten dafür umgesiedelt werden. homa<br />
Gedächtnistraining – Lösungen von Seite 00<br />
Fundsachen: 1.Klotz am Bein, 2.Blatt vor dem Mund, 3.Eisen<br />
im Feuer, 4.Stein im Brett, 5.Sand im Getriebe, 6.Axt im<br />
Walde, 7.Nadel im Heuhaufen, 8.Dreck am Stecken, 9.Holz<br />
vor der Hütte, 10.Geld auf der hohen Kante, 11.Fels in der<br />
Brandung, 12.Kirche im Dorf, 13.Tomaten auf den Augen,<br />
14.goldene Löffel im Mund, 15.Rosinen<br />
im Kopf, 16.Dach über dem<br />
Kopf, 17.alle Tassen im Schrank.<br />
Kürbisrätsel: 1. ca. 800, 2. 60 –<br />
110 Tage, 3. Vitamin A; Vitamin C;<br />
Vitamin E, 4. bis 40 kcal., 5. Augenbeschwerden,<br />
Blasen-Nieren,<br />
6. Butternut, Patisson, Muskatkürbis,<br />
7. Hokkaido, 8. 12000 Jahren.<br />
Suchbild: Kölner Dom.<br />
Zu guter Letzt:<br />
Zwei Hunde<br />
Ein launischer Hund namens Steffen<br />
verbringt seine Tage mit Kläffen.<br />
Das ist auch der Grund,<br />
warum diesen Hund<br />
die meisten nicht allzu gern treffen.<br />
Ein praktischer Pudel aus Meißen<br />
war’s leid, nur zu knurren und beißen.<br />
Und nun schwebt ihm vor<br />
ein Vierbeinerchor,<br />
der soll mal „Bellissimo“ heißen !<br />
Jörn Heller aus „Statt Rotwein“<br />
durch<br />
blick<br />
Gemeinnützige Seniorenzeitschrift<br />
für Siegen und Siegen-Wittgenstein<br />
Herausgeber:<br />
durchblick-siegen Information und Medien e.V.<br />
Anschrift der Redaktion:<br />
„Haus Herbstzeitlos“, Marienborner Str. 151, 57074 Siegen<br />
Telefon 0271 / 6 16 47, Mobil: 0171 / 6 20 64 13<br />
E-Mail: redaktion@durchblick-siegen.de<br />
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Öffnungszeiten:<br />
dienstags bis donnerstags von 10.00 bis 12.00 Uhr<br />
1. und 3. Dienstag im Monat auch von 15.00 bis 17.00 Uhr<br />
Redaktion:<br />
Anne Alhäuser, Hans Amely (Seniorenbeirat), Ulla D'Amico, Ingrid<br />
Drabe (Veranstaltungen), Friedhelm Eickhoff (ViSdP), Eva-Maria Herrmann<br />
(stellv. Redaktionsleiterin), Erna Homolla, Erich Kerkhoff, Adelheid<br />
Knabe, Sigrid Kobsch, Horst Mahle, Rita Petri, Tessie Reeh, Helga<br />
Siebel-Achenbach, Tilla-Ute Schöllchen, Ulla Schreiber, Ulli Weber.<br />
Bildredaktion:<br />
Thomas Benauer, Rita Petri (Ltg.), Tessie Reeh, Nicole Scherzberg<br />
Bildnachweise: Sofern am Objekt nicht angegeben, stammen die<br />
veröffentlichten Bilder von den Autoren, bzw. den Veranstaltern.<br />
Lektorat:<br />
Anne Eickhoff, Gertrud Hein-Eickhoff, Horst Mahle, Jörgen Meister,<br />
Dieter Moll.<br />
Internet:<br />
Thomas Benauer, Thomas Greiner, Nicole Scherzberg.<br />
An dieser Ausgabe haben ferner mitgewirkt:<br />
Herbert Bäumer, Heinz Bensberg, Adele von Bünau, Sonja Dörr,<br />
Gudrun Fokken, Prof. Dr. Hans-Peter Fries, Ernst Göckus, Bettina<br />
Großhaus-Lutz, Jörn Heller, Andreas Holzhausen,Wolfgang Kay,<br />
Heidrun Päulgen, Bernadette von Plettenberg, Hartmut Reeh, Volker<br />
Reichmann, Gert Sautermeister, Friedrich Schmidt,<br />
Ulrich Schöllchen, Bruno Steuber, Heinz Stötzel.<br />
Gestaltung und Herstellung:<br />
Nicole Scherzberg, Friedhelm Eickhoff.<br />
Anzeigenanfrage:<br />
durchblick-siegen e.V. Telefon 0171 / 6 20 64 13 oder 0271 / 6 16 47<br />
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Gedruckt auf<br />
PEFC zertifiziertem<br />
Papier<br />
Verteilung:<br />
Hans Amely, Gerd Bombien, Herbert Dielmann, Nadine Gerhard,<br />
Erika Graff, Maximilian Großhaus-Lutz, Arndt Hensel, Wolfgang von<br />
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Paesler, Karin Piorkowski, Birgit Rabanus, Christel Schmidt-Hufer,<br />
Hans-Rüdiger Schmidt, Renate Titze, Rüdiger Zimmermann und<br />
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Der durchblick liegt im gesamten Kreisgebiet kostenlos aus: in Sparkassen,<br />
Apotheken, Arztpraxen, Buchhandlungen und Geschäften des<br />
täglichen Bedarfs, in der City-Galerie, Läden des Siegerlandzentrums,<br />
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Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände und Kirchen, in Rathäusern<br />
und Senioren-Service-Stellen des Kreises Siegen-Wittgenstein, sowie<br />
eingeheftet in den Zeitschriftenmappen des „Lesezirkel Siegerland“.<br />
Der durchblick ist kostenlos. Für die Postzustellung werden für vier Ausgaben<br />
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Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Beiträge und<br />
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82 durchblick 3/<strong>2022</strong>