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db 3-2022 neue Version

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durch<br />

blick<br />

Autorenzeitschrift<br />

Seit 1986<br />

Nr. 3/<strong>2022</strong><br />

kostenlos<br />

Mitnehmen<br />

geschichten über die Liebe<br />

ab Seite 16


Inhaltsübersicht<br />

Kurz berichtet<br />

Aus dem Seniorenbeirat4<br />

Kurz berichtet7<br />

Mohn und Trümmerberge 16<br />

Wahre Liebe 20<br />

Sommer in Arles 22<br />

Trennungsgedanken 25<br />

Der Beginn einer grossen Liebe 26<br />

Vorsicht Trickbetrug 30<br />

Rate mal, wer hier ist! 31<br />

Einsam 33<br />

Repaircafé 34<br />

Ist man so alt wie man sich fühlt? 35<br />

Mundart 36<br />

Hildegard von Bingen 39<br />

Die Florenburger 40<br />

Sie tanzen nur einen Sommer 42<br />

Kinderherbst 44<br />

Portraits Katja Nix, Renate und Marion Schuh 46<br />

Stunde der Emanzipation 48<br />

In <strong>neue</strong>m Glanz 52<br />

Rubenspreisträgerin <strong>2022</strong> 54<br />

Buchbesprechung 55<br />

Gedächtnistraining 56<br />

Die Weltzeituhr auf dem Alex 58<br />

Herausforderung 60<br />

Versungen 61<br />

Flucht und Vertreibung 62<br />

Mit der Elektrischen 64<br />

Die Reformation im Siegerland 66<br />

Wiederkehrende Termine 72<br />

durchblick verlost Freikarten 74<br />

Veranstaltungen im „Haus Herbstzeitlos“ 75<br />

Veranstaltungen in Siegen-Wittgenstein 76<br />

Leserinnenbriefe 80<br />

Es fiel uns auf / Lösungen 82<br />

Zu guter Letzt / Impressum 82<br />

Aus der Redaktion<br />

In Zeiten der sorgenvollen Entwicklung des Weltgeschehens haben unsere<br />

Autoren ungewöhnlich viele Beiträge eingereicht, die im weitesten Sinne<br />

von Liebe, Sehnsucht und Hoffnung handeln. Wir haben diese Einzelgeschichten<br />

auf den Seiten 16 bis 29 unter der gemeinsamen Überschrift „Geschichten<br />

über die Liebe“ zusammengefasst. Unsere Bildredaktion hat dazu,<br />

mit viel Freude am Detail, das Titelbild dieses Heftes entwickelt.<br />

Neu ins Redaktionsteam aufgenommen, ist Ulla Schreiber.<br />

Sie haben in den letzten Ausgaben bereits einige Texte von<br />

ihr gelesen. Von nun an hat sie Stimmrecht bei der Themenauswahl<br />

und ist mitverantwortlich für die Gestaltung des<br />

durchblick. Wir freuen uns, diese umsichtige Seniorin bei<br />

uns zu haben. Ulla ist u.a. als Sicherheitsberaterin für die<br />

Polizei tätig und wird sich auch im durchblick immer mal<br />

wieder diesem Thema widmen.<br />

3/<strong>2022</strong> durchblick 3


Aus dem Siegener Seniorenbeirat<br />

Siegener Seniorenbeirat feierte<br />

25jähriges Jubiläum mit buntem Programm<br />

Hoher Besuch aus der Gründungszeit:<br />

Horst Fischer und Astrid E. Schneider,<br />

mit Armin Maxeiner v.lks.<br />

Siegen. Wie vielfältig und zugleich engagiert<br />

die Arbeit für und mit älteren<br />

Menschen in Siegen ist, zeigte die rund<br />

dreistündige Festveranstaltung anlässlich<br />

des 25-jährigen Jubiläums des Siegener<br />

Seniorenbeirates. Rund 70 Gäste<br />

aus Politik, Verwaltung und Vereinen<br />

sowie befreundeten Seniorenbeiräten<br />

hatten sich zu der Festveranstaltung<br />

im Foyersaal der Siegerlandhalle eingefunden.<br />

So betonte auch Bürgermeister<br />

Steffen Mues in seiner Begrüßung,<br />

„dass dank des vorbildlichen Engagements<br />

Siegen eine lebenswerte Stadt<br />

für alle Generationen ist“, die das Ziel<br />

habe, sich immer weiter zu entwickeln:<br />

„Und dabei ist Ihre Lebenserfahrung von<br />

unschätzbarem Wert!“.<br />

Armin Maxeiner, Vorsitzender des<br />

Seniorenbeirats, blickte in seiner Begrüßung<br />

auf die Anfänge: „Als vor 25<br />

Jahren Überlegungen in unserer Stadt<br />

aufkamen, einen Seniorenbeirat als<br />

festes Gremium einzurichten, stieß das<br />

nicht überall auf Begeisterung. ‚Bruche<br />

mer net, wir haben genug Alte in unserer<br />

Fraktion‘, zitierte ein Seniorenbeiratsmitglied<br />

der ersten Stunde Äußerungen<br />

von früheren Lokalpolitikern.“<br />

Dieses Verständnis habe sich doch<br />

grundlegend gewandelt und die Zusammenarbeit,<br />

auch mit der Stadtverwaltung<br />

und den Gremien, sei mittlerweile<br />

von einem verständnisvollen Miteinander<br />

geprägt.<br />

Die stellvertretende Vorsitzende der<br />

Landesseniorenvertretung NRW, Ingrid<br />

Dormann betonte in ihrer Festrede,<br />

dass sich „die Stadt Siegen glücklich<br />

schätzen darf (…), dass sie eine der<br />

Kommunen ist, in der die aktive Teilhabe<br />

im Alter über eine Mitwirkungsstruktur,<br />

wie sie der Seniorenbeirat<br />

darstellt, ermöglicht wird.“ Das zeige<br />

sich nicht allein in der Förderung und<br />

Unterstützung des Seniorenbeirats<br />

über viele Jahre hinweg, sondern auch<br />

in der Aufnahme des Seniorenbeirats<br />

in die Hauptsatzung der Stadt Siegen,<br />

wozu auch die Mitwirkung in den politischen<br />

Gremien gehöre. Ingrid Dormann:<br />

„Das ist landesweit noch lange<br />

nicht in jeder Stadt der Fall!“<br />

Einen Höhepunkt des Programms<br />

stellte die Ehrung der Gründungsmitglieder<br />

des Siegener Seniorenbeirates<br />

Dr. Jochen Münch und Helmut Plate<br />

dar, die für ihr langjähriges Engagement<br />

eine Urkunde und das Wappen<br />

der Stadt Siegen erhielten. Musikalisch<br />

umrahmt wurde das Programm vom<br />

Chor Ü60-Singers unter der Leitung<br />

von Michael Blume und von Thomas<br />

Ehrung der Gründungsmitglieder des<br />

Siegener Seniorenbeirates Helmut Plate<br />

und Dr. Jochen Münch (Bild unten rechts)<br />

Kiess (Solo-Trompeter der Philharmonie<br />

Südwestfalen), der eigens für diesen<br />

Anlass drei Ensembles von Musikerinnen<br />

und Musikern von „ganz jung bis<br />

älter“ zusammengestellt hatte. Dafür,<br />

dass keine Langeweile aufkam, sorgte<br />

Moderatorin Katja Nix (auch bekannt<br />

als Stadtführerin Magda vom Oberen<br />

Schloss), die mit einer „sentimentalen<br />

Zeitreise“ durch die letzten 50 Jahre<br />

den humoristischen Schlusspunkt setzte.<br />

Eine Stippvisite stattete der Veranstaltung<br />

Stefan Fuckert ab, den viele<br />

Gäste gleich als Moderator der „Lokalzeit<br />

Südwestfalen“ des WDR erkannten,<br />

und der von seinem „Siegen-Bezug“<br />

erzählte. „Insgesamt ein würdiger Rahmen<br />

und ein gelungenes Fest“, freute<br />

sich der Seniorenbeauftragte Volker<br />

Reichmann. <br />

<strong>db</strong><br />

Ende der Amtsperiode<br />

Letzte Sitzung des fünften Siegener Seniorenbeirats<br />

Siegen. Katja<br />

Teixeira von<br />

der Stadtmarketing<br />

Siegen<br />

GmbH berichtete<br />

in der<br />

letzten Sitzung<br />

des alten<br />

Seniorenbeirats<br />

über das<br />

Katja Teixeira Stadtführungskonzept<br />

der Universitätsstadt.<br />

So werde die Teilnahme<br />

auf 25 Personen begrenzt, um noch einen<br />

angemessenen Kommunikationsaustausch<br />

zu gewährleisten. Für die<br />

Teilnahme an allen Führungen ist eine<br />

Anmeldung erforderlich!<br />

Das durchschnittliche Alter der Stadtführerinnen<br />

und Stadtführer liegt bei 63<br />

Jahren. Armin Maxeiner dankte als Vorsitzender<br />

sämtlichen Mitgliedern für die<br />

engagierte, ergebnisorientierte und vertrauensvolle<br />

Zusammenarbeit. In diesen<br />

Dank schloss er ausdrücklich Volker<br />

Reichmann, welcher seit rund einem<br />

Jahr <strong>neue</strong>r Seniorenbeauftragter der<br />

Stadt Siegen<br />

ist und sein<br />

Team, ein.<br />

Dr. Jochen<br />

Münch, Gründungungsmitglied<br />

des<br />

Seniorenbeirates<br />

und ununterbrochen<br />

dabei, bedankte<br />

Dr. Jochen Münch<br />

sich<br />

bei dem scheidenden Vorstand für seine<br />

verdienstvolle Arbeit.<br />

eg<br />

4 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />

3/<strong>2022</strong> durchblick 5


Wahlergebnisse<br />

Mitglieder des 6. Seniorenbeirats der Stadt Siegen<br />

Große Ereignisse<br />

werfen ihre Schatten voraus<br />

Kurz berichtet<br />

Vom (Ost) Winde verweht<br />

Figurentheater Alpenrod und Ulrich van der Schoor<br />

Bezirk 1 Siegen-Geisweid<br />

Hans Amely<br />

hansamely@t-online.de<br />

0271/81417<br />

Bezirk 1II Siegen-Ost<br />

Armin Maxeiner<br />

maxarm@t-online.de<br />

0271/62648<br />

Bezirk V Siegen-West<br />

Erika Weiss<br />

homeweiss@web.de<br />

0271/316925<br />

Foto: Tessie Reeh<br />

Siegen. Dies gilt wortwörtlich für das<br />

Siegerlandmuseum, das sich über einen<br />

großen Konzertflügel freut, der vor<br />

wenigen Tagen gut im Oberen Schloss<br />

angekommen ist. Zu verdanken ist der<br />

glückliche Neuzugang aus dem Leipziger<br />

Traditionshaus Blüthner, Jahrgang<br />

2008, Größe 190 cm, einer Spende des<br />

Fördervereins des Siegerlandmuseums<br />

und des Oberen Schlosses e.V. mit Unterstützung<br />

der Sparkasse Siegen.<br />

Feierlich eingeweiht und musikalisch<br />

willkommen geheißen wird der Konzertflügel<br />

anlässlich eines Festkonzerts<br />

im Herbst im Oraniersaal des Siegerlandmuseums,<br />

seiner <strong>neue</strong>n Heimat.<br />

Hier wird er künftig regelmäßig zu<br />

hören sein – nicht zuletzt dank einer<br />

Kooperation mit der Philharmonie Südwestfalen<br />

und im Rahmen einer neu<br />

begründeten Konzertreihe im Oberen<br />

Schloss. Das Obere Schloss wird damit<br />

zu einem Ort in Siegen, den sich<br />

Liebhaber*innen der klassischen Musik<br />

bereits heute merken sollten! <strong>db</strong><br />

Freudenberg. Ihr Figurentheater für Erwachsene<br />

ist legendär. Für den Kulturflecken<br />

Silberstern interpretiert Petra Schuff besondere<br />

Märchen für Klein und Groß. Sie erzählt,<br />

mit Fundstücken und Figuren, mit Fantasie<br />

und Humor von Begenheiten und alten Geschichten<br />

aus den osteuropäischen Ländern.<br />

Inspiriert wird sie dabei durch die Musik<br />

von Ulrich van der Schoor, der mit Akkordeon,<br />

Balalaika und anderen Instrumenten die<br />

Erzählungen begleiten wird. Beide Künstler<br />

verbindet eine lange Freundschaft und erfolgreiche<br />

Zusammenarbeit. So schreibt Ulrich<br />

van der Schoor seit über 25 Jahren die Theatermusik<br />

für Petra Schuffs fantastische Stücke.<br />

Diese finden immer wieder Anerkennung<br />

auf vielen internationalen Festivals, Kulturevents<br />

und Bühnen.<br />

Beide freuen sich sehr auf den Abend in<br />

der Werkstatt der Freudenberger Schreinerei<br />

Quandel, da es dort immer besonders gemütlich<br />

und zauberhaft zugeht. <strong>db</strong><br />

Sa. 22.10. <strong>2022</strong> um 19 Uhr in der Schreinerei<br />

Quandel , Krottorfer Str. 45, 57258 Freudenberg<br />

Klaus Leukel<br />

leukel.siegen@freenet.de<br />

0271/8909701<br />

Frank Burmeister<br />

frhebu@web.de<br />

0170/4314767<br />

Olaf Koplin<br />

olafkoplin@web.de<br />

0271/310170<br />

Bezirk VI Siegen-Süd<br />

Monika Jung<br />

mueffen9@gmail.com<br />

0271/7700653<br />

Maria Magd. Müller<br />

ma-mueller-siegen@t-online.de<br />

0271/3032724<br />

Bezirk IV Siegen-Mitte<br />

Karin Piorkowski<br />

pakapior@gmx.de<br />

0271/310781<br />

Guntram Römer<br />

guntram.roemer@t-online.de<br />

0171/4770278<br />

Bezirk I1 Siegen-Weidenau<br />

Dr. Jochen Münch<br />

muench@hrz.uni-siegen.de<br />

0271/43421<br />

Dr. Bernd Knapp<br />

knappberndsiegen@web.de<br />

0163/8822088<br />

Peter Schiffmann<br />

peter.schiffmann@gmx.de<br />

0271/310648<br />

Siegen. Der Wahlausschuss der<br />

Stadt Siegen hat in seiner Sitzung am<br />

21.06.<strong>2022</strong> das endgültige Ergebnis<br />

der Wahl des Seniorenbeirates der<br />

Stadt Siegen festgestellt, und gibt<br />

dieses gemäß § 10 Abs. 2 der Wahlordnung<br />

zur Wahl des Seniorenbeirates<br />

der Stadt Siegen bekannt. Die Bekanntmachung<br />

kann darüber hinaus<br />

im Internet eingesehen werden unter:<br />

www.siegen.de/Verwaltung&Politik/<br />

Bekanntmachungen/Öffentliche Auslegungen/<br />

Bürgerbeteiligungen<br />

Marion Ortmann<br />

marion.ortmann@gmx.de<br />

0271/23572886<br />

Bernd Zelmanowski<br />

skisauna@aol.com<br />

0271/42157<br />

6 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 7


Kurz berichtet<br />

Nicht akzeptabel:<br />

Ältere von Entlastungsmaßnahmen ausgeschlossen<br />

Bildung:<br />

Für alle ermöglichen<br />

Kurz berichtet<br />

20 Jahre erfolgreiche Arbeit<br />

Prostata-Selbsthilfegruppe Siegen informiert<br />

Foto: Wikimedia Commons<br />

Hohe Heizkosten sind für viele Rentner<br />

ein unlösbares Problem<br />

Bonn. Wer berufstätig ist, erhält eine<br />

Einmalzahlung von 300 Euro unabhängig<br />

vom Einkommen. Rentnerinnen und<br />

Rentner werden nicht entlastet. Das<br />

hat die Ampelkoalition mit ihrem Entlastungspaket<br />

beschlossen, das einen<br />

Ausgleich für steigende Energiekosten<br />

schaffen soll.<br />

Die Entscheidung, ältere Menschen<br />

nicht zu berücksichtigen, ist aus Sicht<br />

der BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft<br />

der Seniorenorganisationen<br />

Besuch ohne Anmeldung<br />

Wochenschlussandacht in der Autobahnkirche<br />

Wilnsdorf. Ab sofort können Gäste<br />

wieder „spontan“ an der Wochenschlussandacht<br />

in der Autobahnkirche Siegerland<br />

teilnehmen. Um den Auflagen<br />

der Corona-Pandemie zu entsprechen,<br />

hatte der Förderverein bislang nur 40<br />

Personen nach persönlicher Anmeldung<br />

über die Homepage zugelassen.<br />

vollkommen unverständlich und nicht<br />

akzeptabel. Höhere Heiz- und Stromkosten<br />

treffen Rentnerinnen und Rentner<br />

im Zweifel mehr als Beschäftigte,<br />

die tagsüber nicht zu Hause sind.<br />

„Berufstätige sollen unabhängig vom<br />

Einkommen entlastet werden, die Bezieherinnen<br />

und Bezieher von kleinen<br />

Renten nicht. Das verstehe, wer will“,<br />

kommentiert die BAGSO-Vorsitzende<br />

Dr. Regina Görner die Entscheidung der<br />

Bundesregierung. „Gerade Menschen<br />

mit kleinen Renten sind in der aktuellen<br />

Situation auf Unterstützung angewiesen.<br />

Es ist nicht akzeptabel, sie im<br />

Entlastungspaket auszuschließen.“<br />

Zusätzliche Einmalzahlungen gibt es<br />

für Empfänger von Sozialleistungen<br />

(200 Euro) sowie Familien (100 Euro<br />

pro Kind). Zumindest Empfänger von<br />

Grundsicherung im Alter dürften also<br />

von dem Paket profitieren. Aus Sicht<br />

der BAGSO reichen jedoch Einmalzahlungen<br />

für Menschen mit niedrigen Einkünften<br />

nicht aus. Notwendig ist eine<br />

angemessene Anpassung von staatlichen<br />

Unterstützungsleistungen. <strong>db</strong><br />

Die Wochenschlussandacht findet<br />

jeden Freitag um 18:00 Uhr statt. Sie<br />

dauert 30 Minuten und wird ökumenisch<br />

gestaltet von Geistlichen und aktiven<br />

Teilnehmern der katholischen und<br />

evangelischen Kirchen sowie der freikirchlichen<br />

Gemeinden.<br />

Infos: Autobahnkirche-siegerland.de<br />

Foto: Scenec@fé<br />

Bildungseinrichtung für Senioren: Das<br />

Senec@e im städtischen Begegnungszentrum<br />

Haus Herbstzeitlos in Siegen<br />

Bonn. Der Wunsch, Neues zu erfahren<br />

und dazuzulernen, ist unabhängig vom<br />

Lebensalter. Bildung im Alter trägt zu<br />

gesellschaftlicher Teilhabe, Wohlbefinden<br />

und Gesundheit bei. In einer Gesellschaft<br />

des langen Lebens wird sie immer<br />

wichtiger. In ihrem Positionspapier<br />

„Bildung im Alter – für alle ermöglichen“<br />

ruft die BAGSO dazu auf, in allen Kommunen<br />

Bildungsangebote zu schaffen,<br />

die die vielfältigen Lebenslagen und Interessen<br />

älterer Menschen berücksichtigen.<br />

„Bildung ist ein Menschenrecht<br />

und daher allen Menschen unabhängig<br />

von ihrem Lebensalter zu ermöglichen“,<br />

heißt es in dem Positionspapier.<br />

Und weiter: „Wer möchte, dass ältere<br />

Menschen sich gesundheitsbewusst<br />

verhalten, die digitale Transformation<br />

mitgehen, sich gesellschaftlich engagieren<br />

und als Bürgerinnen und Bürger<br />

gut informiert an der Gesellschaft und<br />

Politik partizipieren, muss dafür nachhaltige,<br />

gut finanzierte und qualifizierte<br />

Bildungsstrukturen schaffen“.<br />

Die BAGSO fordert, das Thema Bildung<br />

im Alter als politische Aufgabe in Bund,<br />

Ländern und Kommunen zu verankern<br />

und benennt konkrete Schritte zu einer<br />

Nationalen Strategie. So müssten leicht<br />

zugängliche, quartiersbezogene Lernorte<br />

und Bildungsangebote im direkten<br />

Wohnumfeld älterer Menschen geschaffen<br />

werden. Diese sollten zusammen<br />

mit älteren Menschen entwickelt werden<br />

und kostenfrei oder kostengünstig sein,<br />

um niemanden auszuschließen. Auch<br />

thematische Vielfalt muss nach Ansicht<br />

der BAGSO gefördert werden. Benötigt<br />

würden zum Beispiel Angebote in den<br />

Bereichen Digitalisierung, Gesundheitskompetenz<br />

und politische Bildung. <strong>db</strong><br />

Siegen. Die Diagnose Krebs erzeugt<br />

Ängste und Verunsicherung bei Betroffenen<br />

und Angehörigen. Der beste<br />

Weg, sich dagegen zu wehren, ist es,<br />

den „Gegner“ besser kennen zu lernen.<br />

Dazu muss man sich umfassend<br />

informieren. Je mehr man über diese<br />

Erkrankung weiß, desto eher ist man in<br />

der Lage, wichtige und vor allem richtige<br />

Entscheidungen zu treffen.<br />

Genau aus diesem Grunde stellt sich<br />

die Siegener Prostatakrebs-Selbsthilfegruppe<br />

an ihrem 20. Geburtstag<br />

der Öffentlichkeit. Das Motto heißt<br />

„Schnuppern, kennenlernen, Fragen<br />

stellen, Antworten bekommen.“<br />

Am 15. September kann jeder Interessierte<br />

in der Zeit von 14.30 bis 16.30<br />

Uhr die Selbsthilfegruppe im „Haus<br />

der Siegerländer Wirtschaft“ in der<br />

Spandauer Straße 25 in 57072 Siegen-<br />

Stadtmitte völlig unverbindlich kennenlernen.<br />

Für alle Gespräche stehen<br />

selbst betroffene Mitglieder der Gruppe<br />

zur Verfügung, sie haben Erfahrung damit<br />

und wissen, wovon sie reden. Der<br />

Eintritt ist frei, kostenlose Parkplätze<br />

Lothar Stock 02735-5260<br />

www.prostatakrebs-siegen.de<br />

befinden sich vor der Tür, eine Anmeldung<br />

ist nicht erforderlich.<br />

„Nach 20 Jahren ist diese Gruppe aus<br />

der Selbsthilfearbeit im Siegerland nicht<br />

mehr wegzudenken. Wer nähere Auskünfte<br />

wünscht kann sich vertrauensvoll<br />

an mich wenden“ sagt Lothar Stock,<br />

Vorsitzender des Vereins.<br />

<strong>db</strong><br />

Die <strong>neue</strong> Römergalerie –<br />

Kunstforum in Burbach wurde eröffnet!<br />

Burbachs Kulturbeauftragte Katrin Mehlich und<br />

Dr. Marlies Obier (v.lks.) in der <strong>neue</strong>n Römergalerie<br />

Burbach. Viele Gäste kamen jetzt zur<br />

Eröffnung der Römerpassage. Dr. Marlies<br />

Obier hatte eigens die Ausstellung<br />

„Wege berühmter Frauen der Romantik“<br />

für die <strong>neue</strong> Galerie erstellt. Die Schau<br />

kann aber auch als eine Ergänzung des<br />

Literaturwanderwegs „Romantischer<br />

Hickengrund“ gesehen werden. Auch<br />

dieser Wanderweg mit seinen Hörstationen<br />

geht auf Dr. Obier<br />

zurück! Unter den Gästen<br />

der Vernissage waren einige<br />

Künstler, interessierte<br />

Burbacherinnen und Burbacher<br />

und Vertreter und<br />

Vertreterinnen des Gemeinderats<br />

und nicht zuletzt<br />

die stellvertretende<br />

Bürgermeisterin Heide Heinecke-Henrich.<br />

Alle lauschten<br />

gespannt Dr. Obiers<br />

Vortrag, einer Einführung<br />

in die Ausstellung.<br />

„Rahel Varnhagen, Henriette<br />

Herz, Dorothea<br />

Schlegel, Sophie Mereau,<br />

Karoline von Günderrode, Bettine Brentano<br />

und Caroline Schlegel-Schelling<br />

sind ihre berühmten Namen. Die Wege<br />

ihres Lebens stießen immer wieder an<br />

Grenzen und Widerstände. Bei der Erklärung<br />

der Menschen- und Bürgerrechte<br />

waren die Frauen überhaupt nicht gemeint.<br />

Mensch und Bürger, bedeutete<br />

(viel zu lange) Mann zu sein. <strong>db</strong><br />

8 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/202 durchblick 9


Berlin/Siegen. Im Juli wurde die<br />

deutschlandweite Initiative OMAS<br />

GEGEN RECHTS mit dem Paul Spiegel<br />

Preis für Zivilcourage geehrt. Er ist nach<br />

dem früheren Zentralratspräsidenten<br />

Paul Spiegel (1937-2006) benannt,<br />

wird seit 2009 verliehen und ist mit<br />

5 000 Euro dotiert. Der Zentralrat der<br />

Juden in Deutschland würdigte damit<br />

Kurz berichtet<br />

Ausgezeichnet<br />

„Omas gegen Rechts“ erhielten Paul-Spiegel-Preis<br />

Siegener „Omas gegen rechts“ vor einer Kundgebung.<br />

ihren Einsatz gegen Antisemitismus<br />

und Rechtsextremismus.<br />

Die Auszeichnung erfolgte bereits 2020,<br />

coronabedingt konnte die Verleihung<br />

nicht stattfinden und wurde am 3.7. in<br />

Berlin nachgeholt.<br />

Die zivilgesellschaftliche und überparteiliche<br />

Initiative OMAS GEGEN<br />

RECHTS wurde 2017 von Susanne<br />

Scholl und Monika Salzer in Wien ins<br />

Leben gerufen. Seit Frühjahr 2018 ist<br />

sie in Deutschland aktiv. Zu Anfang<br />

kamen dort nur „Omas“ im Rentenalter<br />

oder kurz davor, zusammen. Heute<br />

ist es eine bunte Gesellschaft von<br />

Frauen und Männern, alten und jungen<br />

Menschen, die sich zusammen für die<br />

gleichen Werte einsetzen. Sie stehen<br />

für den Erhalt einer parlamentarischen<br />

Demokratie ein und leisten Widerstand<br />

gegen Nationalismus, Rassismus und<br />

Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und<br />

Faschismus. Es gibt inzwischen<br />

mehr als 100 Regionalgruppen und<br />

die Gesamtmitgliederzahl beträgt<br />

mittlerweile über 15 000.<br />

„Jeder, der sich für demokratische und<br />

freiheitliche Werte, für Toleranz und ein<br />

respektvolles Miteinander, für die Vielfalt<br />

aller Nationalitäten und Kulturen und<br />

einen verantwortungsvollen Umgang<br />

mit der Umwelt einsetzen möchte, ist<br />

willkommen,“ berichtet Uschi Stemann,<br />

die die Siegener Gruppe 2020 initiiert hat.<br />

Inzwischen hat der Siegener Ableger<br />

33 Mitglieder und freut sich über jeden<br />

Zuwachs. <br />

<strong>db</strong><br />

Kontaktaufnahme per E-Mail unter:<br />

omasgegenrechts.siegen@gmail.com<br />

Neuer Lebensabschnitt<br />

Verdienter Seniorenberater geht in den Ruhestand<br />

Siegen. Seit mehr als<br />

einem Jahrzehnt ist er<br />

im Seniorenbüro der<br />

Universitätsstadt Siegen<br />

tätig, Udo Knopp,<br />

zuständig für Altenberatung<br />

in der Krönchenstadt.<br />

Nun geht der diplomierte<br />

Sozialarbeiter<br />

mit Ablauf dieses Jahres<br />

in den Ruhestand.<br />

So vielfältig wie seine<br />

Klientel war die Palette<br />

seiner Aufgaben. Ob Fragen der Alterssicherung,<br />

Beantragung von Sozialleistungen,<br />

Vermittlung von seniorengerechten<br />

Wohnungen, Unterstützung bei<br />

unerwartet eingetretener Hilflosigkeit,<br />

aber auch Informationen über Freizeitangebote<br />

für Senioren, mit all diesen<br />

Anliegen hatte er zu tun. Hinzu kamen<br />

zahlreiche Hausbesuche vor Ort, wo Udo<br />

Knopp die Bedürfnisse, Wünsche und<br />

Udo Knopp<br />

gelegentlich auch Ängste<br />

seiner Klientel hautnah erlebte.<br />

Es war ihm immer wichtig,<br />

den Ratsuchenden genügend<br />

Raum zu geben,<br />

um ihre Problemlage zu<br />

schildern und gemeinsam<br />

eine Lösung zu finden.<br />

Leitmotiv war für ihn stets<br />

wechselseitiges Verständnis<br />

und gegenseitige Wertschätzung.<br />

Dies galt auch<br />

in besonderem Maße für seine engagierte<br />

und erfolgreiche Zusammenarbeit<br />

mit dem Siegener Seniorenbeirat.<br />

Für seine vielfältigen Freizeitbeschäftigungen<br />

wird er nun etwas mehr Zeit<br />

haben; neben Lesen und Schachspielen<br />

gehören hierzu Aktivitäten mit den Enkeln,<br />

Jazz und klassische Musik, nicht<br />

zu vergessen Urlaub an der niederländischen<br />

Nordseeküste. <br />

eg<br />

Kurz berichtet<br />

Selbsthilfe und Migration<br />

Wanderausstellung kommt nach Siegen<br />

Siegen. Die Ausstellung „Selbsthilfe<br />

und Migration“ der Bundesarbeitsgemeinschaft<br />

(BAG) Selbsthilfe<br />

findet in der Zeit vom 05.<br />

September bis zum 15. September<br />

im Rahmen der interkulturellen<br />

Tage der Universitätsstadt<br />

Siegen statt und<br />

wird durch die Vorsitzenden<br />

des Senioren-, Inklusionsbeirates<br />

und dem Integrationsrat<br />

der Universitätsstadt Siegen<br />

am 05. September <strong>2022</strong> um<br />

17:00 Uhr im KrönchenCenter<br />

eröffnet. Die Eröffnung wird gebärdensprachlich<br />

begleitet und für Sehbeeinträchtigte<br />

führt ein Audioguide barrierefrei<br />

durch die einzelnen Infotafeln.<br />

Die Ausstellung möchte die Zielgruppe<br />

der Menschen mit Migrationshintergrund<br />

erreichen und sie für das Thema<br />

Selbsthilfe sensibilisieren.<br />

Die Ausstellung erklärt über Stelen<br />

kultursensibel und leicht verständlich,<br />

wie das Selbsthilfeprinzip funktioniert<br />

und wie Selbsthilfegruppen arbeiten.<br />

Es werden 24 Stelen präsentiert, auf<br />

diesen zeigen verschiedene Mitgliedsverbände,<br />

„freie“ Selbsthilfe-Kontaktstellen,<br />

Initiativen u.a., ihre interkulturelle<br />

Arbeit. Experten zum Thema<br />

Migration und Selbsthilfe kommen zu<br />

Wort und auch die BAG wird ausführlich<br />

vorgestellt. <br />

<strong>db</strong><br />

Die „Heinzelwerker“ kommen<br />

Eine ehrenamtliche Initiative zur Nachbarschaftshilfe wird 10 Jahr alt<br />

Siegen. Im Jahre 2012 wurde von<br />

der Stadt Mülheim die Idee, eines Nachbarschaftshilfeprojekts<br />

übernommen.<br />

Es geht darum, hilfebedürftige Menschen<br />

bei kleinen Reparaturarbeiten zu<br />

unterstützen. Die damalige Siegener<br />

Seniorenbeauftragte Astrid E. Schneider<br />

begann mit einigen handwerklichen begabten<br />

Seniorinnen und Senioren diese<br />

Initiative in Siegen unter dem Namen<br />

„Heinzelwerker“ umzusetzen. Domiziel<br />

dieser agilen Truppe ist seitdem das<br />

Haus Herbstzeitlos in Siegen-Hain.<br />

In den 10 Jahren seit ihrem Bestehen<br />

haben die aktuell 16 tätigen Heinzelwerker<br />

2.100 Aufträge übernommen.<br />

Ganz klar war seit Beginn der ehrenamtlichen<br />

Initiative, dass ortsansässigen<br />

Handwerksbetrieben keine Konkurrenz<br />

entsteht. „Wer bei uns wegen<br />

Arbeiten an Gas, Wasser oder Elektrizität<br />

bzw. Wohnungsrenovierungen anfragt,<br />

wird immer an das örtliche Handwerk<br />

verwiesen. Die Heinzelwerker<br />

erledigen nur kleine Hilfsleistungen",<br />

so Volker Reichmann aktueller Seniorenbeauftragter<br />

der Stadt Siegen.<br />

Damit das Projekt weiter gedeihen<br />

kann suchen die Heinzelwerker hilfsbereite<br />

Menschen, mit Geschick und<br />

handwerklichem Verstand.<br />

Weitere Infos finden Sie auch auf der<br />

Homepage: www.heinzelwerk-si.de<br />

oder 0271/404-2434<br />

<strong>db</strong><br />

10 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 11


Kurz berichtet<br />

Kurz berichtet<br />

Wertschätzung<br />

für 25 Jahre Ehrenamt<br />

Ehrenamt<br />

Stadt unterstützt<br />

Wanderungen<br />

standen hoch im Kurs<br />

Radeln ohne Alter<br />

Rikschafahrten jetzt auch in Kreuztal<br />

Diese Karte gilt fürs ganze Leben.<br />

Ein toller Erfolg, der Tag des Ehrenamts.<br />

Ein schattiges Plätzchen zum Rasten.<br />

Wilnsdorf. In der Wielandsgemeinde<br />

gibt es jetzt auch die Jubiläums-Ehrenamtskarte<br />

– für Menschen, die mehr als<br />

25 Jahre ehrenamtlich dort aktiv sind.<br />

Das goldene Kärtchen für ehrenamtliches<br />

Engagement wurde kürzlich mit<br />

einem Silberstreif und dem Schriftzug<br />

„Jubiläumskarte“ erweitert und ist eine<br />

besondere Ergänzung der seit 2008 bestehenden<br />

Ehrenamtskarte NRW.<br />

Die Jubiläums-Ehrenamtskarte muss<br />

nur ein Mal beantragt werden, denn sie<br />

behält ihre Gültigkeit ein Leben lang.<br />

Die Karte ist auch für Bürgermeister<br />

Hannes Gieseler Ehrensache: „Wenn<br />

mir Menschen von ihrem Ehrenamt erzählen,<br />

dann geht es immer um eine<br />

Leidenschaft. Menschen, die sich für unsere<br />

Gesellschaft einsetzen und nichts<br />

dafür verlangen, möchten wir mit der<br />

Ehrenamtskarte etwas zurückgeben<br />

und unsere Wertschätzung zeigen.“<br />

Voraussetzung für den Erhalt der<br />

Jubiläums-Ehrenamtskarte ist ein mindestens<br />

25 Jahre andauerndes ehrenamtliches<br />

Engagement. Sie kann – wie<br />

auch die herkömmliche Ehrenamtskarte<br />

- online beantragt werden. Unter<br />

www.wilnsdorf.de/ehrenamtskarte finden<br />

Interessierte weiterführende Informationen<br />

sowie alle notwendigen Antragsformulare.<br />

<br />

<strong>db</strong><br />

Siegen. Die Stadt Siegen hatte zur ersten<br />

Ehrenamtsmesse geladen und rund<br />

50 Vereine und Organisationen kamen<br />

in die Bismarckhalle, um an Ständen in<br />

und vor der Halle ihre ehrenamtlichen<br />

Dienste vorzustellen.<br />

In seiner Rede zur Eröffnung stellte<br />

Bürgermeister Steffen Mues fest, dass<br />

das Ehrenamt gewaltig unter Druck<br />

stehe. Es sei schwierig, <strong>neue</strong> Mitarbeiter<br />

zu finden: „Wir wissen von den<br />

Nachwuchssorgen insbesondere bei der<br />

Besetzung von Vorstandsämtern oder<br />

von den immer komplizierter werdenden<br />

rechtlichen Regelungen, die vielen<br />

die Lust aufs Ehrenamt nehmen“.<br />

Dass dies nicht nur bei jüngeren sondern<br />

auch bei älteren Menschen der Fall<br />

ist, zeigte sich bei der vor kurzem durchgeführten<br />

Wahl zum Seniorenbeirat. Hier<br />

hatten sich nicht annähernd genügend<br />

Kandidaten zur Verfügung gestellt.<br />

Verbunden war die Ehrenamtsmesse<br />

mit der Ehrung langjähriger Inhaber<br />

von Ehrenamtskarten der Stadt Siegen<br />

und der Überreichung an <strong>neue</strong> Ehrenamtler.<br />

Es gab an diesem Tag auch Vorträge<br />

und Workshops zu Themen wie<br />

Social Media für Vereine, Prävention<br />

von sexualisierter Gewalt im Ehrenamt<br />

oder Versicherungen und Absicherung<br />

im Vereinsleben.<br />

homa<br />

Neunkirchen. Dass sich regelmäßige<br />

Bewegung und der Aufenthalt in der<br />

Natur auszahlen, das stellte der älteste<br />

Teilnehmer der 5000-Schritte-Wanderungen<br />

auch in diesem Jahr unter Beweis:<br />

Helmut Schütz war bei fast allen<br />

der sechs Runden durchs Neunkirchener<br />

Gemeindegebiet dabei. Dabei agierte<br />

der 90-Jährige mitunter auch als Wanderführer,<br />

kannte er doch immer einen<br />

schattigen Alternativweg, wenn die<br />

Sonne zu sehr „brutzelte“.<br />

Seniorenberaterin Bettina Großhaus-<br />

Lutz hatte die 5000-Schritte-Wanderungen<br />

organisiert und konnte jede<br />

Woche um die 25 begeisterte Teilnehmer<br />

verzeichnen. Weil das gemeinsame<br />

Wandern so gut ankommt, soll im<br />

Oktober erstmals eine Herbstwanderung<br />

angeboten werden.<br />

Die Wanderfreunde haben auch in<br />

diesem Jahr viel Spaß daran gehabt, die<br />

Wälder zu erkunden und auch einmal<br />

Wege abseits der persönlichen Hausstrecken<br />

zu entdecken.<br />

„Das Wichtigste sind die Geselligkeit<br />

und der Spaß, den die Teilnehmerinnen<br />

und Teilnehmer während der Rundtouren<br />

haben. Dass sie sich an der frischen<br />

Luft bewegen und dabei ihrem Immunsystem<br />

etwas Gutes tun“, meint Bettina<br />

Großhaus-Lutz.<br />

<strong>db</strong><br />

Sorgen dafür, dass das Projekt rollt, v.lks.: Katja Ermert-Weise, Jürgen Klein, Dirk<br />

Schleifenbaum, Wolfgang Hoffmann, Elfrun Bernshausen und Harald Skodek.<br />

Kreuztal. Endlich noch einmal ein Ausflug<br />

mit dem Rad - Wind um die Nase<br />

und in den Haaren, raus aus dem gewohnten<br />

Trott. Nette Gespräche und<br />

<strong>neue</strong> Eindrücke oder den Lieblingsort,<br />

an dem Sie lange nicht mehr gewesen<br />

sind, aufsuchen. Vielleicht gibt es auch<br />

einen besonderen Anlass, den Sie mit<br />

einem kleinen Ausflug unvergesslich<br />

machen möchten, wie zum Beispiel einen<br />

Geburtstag oder einen Hochzeitstag.<br />

Das Projekt „Radeln ohne Alter“ kam<br />

in Kreuztal durch einen Bürgerantrag<br />

ins Rollen. Gefördert im Rahmen des<br />

Städtebauförderungsprogramms „Soziale<br />

Stadt“ mit Mitteln des Bundes, des<br />

Landesregierung NRW und der Stadt<br />

Kreuztal sowie durch die Bürgerstiftung<br />

Kreuztal, die Volksbank in Südwestfalen<br />

sowie die Sparkasse Siegen konnte die<br />

Anschaffung einer Rikscha durch die Diakoniestation<br />

Kreuztal realisiert werden.<br />

Nun steht diese Rikscha für die Ausfahrt<br />

mobilitätseingeschränkter Menschen<br />

und Senioren und deren Begleitpersonen<br />

zur Verfügung. Auf der bequemen Sitzbank<br />

ist Platz für Zwei. Die Ausfahrten<br />

beginnen an einem Ort in der Kreuztaler<br />

Stadtmitte und die Strecke sprechen Sie<br />

vorher miteinander ab.<br />

Mittlerweile sind vier ehrenamtliche<br />

Piloten geschult, weitere Interessierte,<br />

die gerne ihre Zeit schenken möchten,<br />

sind herzlich willkommen. Es ist ein generationenübergreifendes<br />

Projekt, das<br />

Pilot*innen und Fahrgäste verschiedenen<br />

Alters miteinander ins Gespräch bringt.<br />

Wenn Sie sich informieren oder einen<br />

Termin für eine Fahrt buchen möchten,<br />

wenden Sie sich an die Seniorenberatung<br />

der Stiftung Diakoniestation<br />

Kreuztal, Tel.02732 / 582470 (Katja<br />

Ermert-Weise) oder per Email an<br />

Radeln.ohne.alter.kreuztal@gmail.com<br />

AKTIV im Siegerlandmuseum<br />

Siegen. Das gleichnamige Pilotprojekt<br />

ist in vollem Gang! Acht interessierte und<br />

engagierte Bürgerinnen und Bürger von<br />

Siegen trafen sich im Mai <strong>2022</strong> bereits<br />

zum zweiten Mal, um über die Werke des<br />

Siegerlandmuseums ins Gespräch und in<br />

einen kreativen Austausch zu kommen.<br />

Wer ist es eigentlich, der im Siegerlandmuseum<br />

auf die kostbaren Objekte<br />

aufpasst, für deren gute Beleuchtung<br />

sorgt, Fragen der Gäste von nah und fern<br />

beantwortet, das Gebäude in Schuss<br />

hält, Dienstpläne erstellt oder Veranstaltungen<br />

und Ausstellungen plant?<br />

Als Team des Siegerlandmuseums<br />

stellen wir uns Ihnen persönlich vor! Ab<br />

sofort können Sie uns auf der Website<br />

des Siegerlandmuseums www.siegerlandmuseum.de/ueber-uns/wer-wirsind/<br />

kennenlernen. <br />

<strong>db</strong><br />

12 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />

3/<strong>2022</strong> durchblick 13


Kurz berichtet<br />

MitweltZukunft<br />

ALTERAktiv-Arbeitskreis sieht sich bestätigt<br />

Siegen. Im Rahmen des Siegener<br />

Ehrenamtstags befragten Mitglieder<br />

des Arbeitskreises „MitweltZukunft“<br />

zahlreiche Engagierte zu ihren Motiven<br />

und verglichen diese mit Aussagen<br />

aus einem 2000/2001 durchgeführten<br />

Forschungsergebnis. Das<br />

Thema: „Wissens-, Erfahrungs- und<br />

Handlungspotenziale der älteren<br />

Generation in Siegen untersuchen,<br />

erschließen und auf der lokalen<br />

Ebene aktivieren“.<br />

Befragt wurden damals 55-70Jährige.<br />

Im Vordergrund stand deren<br />

Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement<br />

zu erforschen. 27% der<br />

Befragten waren ehrenamtlich aktiv.<br />

Allerdings wurde damals schon deutlich,<br />

dass sich die Anforderungen immer häufiger<br />

nicht mehr mit den Aufgaben aus<br />

Geld: Arznei oder Krankheit<br />

privaten Bereichen verbinden ließen.<br />

Diese Erkenntnis wurde 2003 grundlegend<br />

für die Struktur des Vereins ALTER-<br />

Aktiv Siegen-Wittgenstein e.V., dem der<br />

Arbeitskreis MitweltZukunft angehört.<br />

Dank der verbesserten Lebensbedingungen<br />

werden wir heute älter,<br />

wobei die Herausforderungen zugenommen<br />

haben.<br />

Das (nicht repräsentative) Ergebnis<br />

der <strong>neue</strong>n Befragung zeigt, dass die<br />

Zielgruppe der Älteren in den letzten<br />

20 Jahren ein verstärktes Interesse<br />

an Mitverantwortung und Gemeinwohl<br />

entwickelt hat.<br />

Wie zu erwarten war, wurde das<br />

aktuelle Marktgeschehen als Auslöser<br />

von beunruhigenden Veränderungen<br />

in der Gesellschaft ausgemacht.<br />

Der Arbeitskreis MitweltZukunft sieht<br />

darin die Bestätigung, sich seinem<br />

Schwerpunktthema „Gemeinwohl-Ökonomie“<br />

verstärkt zu widmen. <strong>db</strong><br />

Infos unter www.mitweltzukunft.de<br />

Siegener Nacht der Musik<br />

Veranstaltung findet in <strong>2022</strong> wieder statt!<br />

Siegen. Wer entspannt durch die Siegener<br />

Oberstadt schlendern und dabei<br />

eine Vielfalt musikalischer Leckerbissen<br />

genießen möchte, der sollte sich den<br />

Samstag 12. November im Kalender<br />

vormerken. Ab 20 Uhr werden Kirchen,<br />

Museen, die städtische Galerie Haus<br />

Seel, das KrönchenCenter und das Rathaus<br />

zu Konzertsälen für zahlreiche<br />

Chöre und Instrumental-Ensembles<br />

aus Stadt und Region. Das Besondere:<br />

Die Zuhörer können vorbeischauen, zuhören,<br />

so lange sie möchten, und dann<br />

zum nächsten Spielort ziehen. Die Türen<br />

sind den ganzen Abend geöffnet<br />

Seit 2014 ist es zur schönen Tradition<br />

geworden, an einem Samstagabend<br />

im November durch die Oberstadt zu<br />

schlendern und an den unterschiedlichsten<br />

Orten kostenlose Konzerte zu<br />

erleben.<br />

Die Kulturabteilung der Stadt Siegen<br />

hatt wieder einmal mit Unterstützung<br />

der Fritz-Busch-Musikschule ein Programm<br />

mit einem breiten Spektrum<br />

an Stilrichtungen und Epochen zusammengestellt.<br />

Die „Nacht der Musik“ ist<br />

eine Gelegenheit, Repräsentanten der<br />

qualitativ hoch stehenden Siegerländer<br />

Chorszene kennenzulernen und<br />

Lehrern wie Schülern der Fritz-Busch-<br />

Musikschule zu begegnen.<br />

Ermöglicht wird der kostenfreie Musikgenuss<br />

durch die Unterstützung von<br />

vor allem regionalen Sponsoren.<br />

Weitere Informationen zum Programm<br />

und den Veranstaltungsorten<br />

finden Sie unter: kultursiegen.de/<br />

veranstaltungen/nacht-der-musik/ <strong>db</strong><br />

Fotos: Irina Mirja<br />

14 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />

3/<strong>2022</strong> durchblick 15


Leserbeitrag<br />

Mohn und Trümmerberge<br />

Oma, warst du eigentlich auch mal verliebt?<br />

Die Enkelin Stefanie stellt ihrer Großmutter wohl<br />

nicht von ungefähr eine solche Frage. Mit ihren 14<br />

Jahren erlebt sie selber zum ersten Mal das verwirrende Interesse<br />

an den Altersgenossen des anderen Geschlechts. Aber<br />

die Oma verliebt? Das kann sie sich nicht recht vorstellen.<br />

In den Augen der Jugend waren die Alten ja schon immer alt.<br />

Und dann verliebt?<br />

Die Großmutter will nicht so recht raus mit der Sprache:<br />

„Ach weißt du, das ist alles schon so lange her…“ Aber<br />

Stefanie lässt nicht locker: „Nun komm schon, Oma. Sonst<br />

sagst du immer, ‚ich war auch mal jung‘. Also, wie war das<br />

bei dir?“ Einen Moment schweigt die Großmutter, während<br />

sie versonnen aus dem Fenster blickt. Aber dann gibt sie<br />

sich einen Ruck und fängt an zu erzählen.<br />

„Ja also, das war kurz nach dem Krieg. Ich war damals 17,<br />

und ich wohnte mit meiner Mutter in Bremerhaven, da oben<br />

im Norden an der Weser. Du kannst dir wohl kaum vorstellen,<br />

wie die Stadt aussah, alles war kaputt von den Bombenangriffen.<br />

Es war trostlos. Besonders die Hafengegend sah<br />

schlimm aus. Nur die Kaianlagen an der Weser waren halbwegs<br />

wiederhergestellt. Aber dort lagen jetzt amerikanische<br />

Schiffe. Sie brachten alles, was die amerikanischen Besatzungstruppen<br />

in Deutschland so brauchten. Deshalb gab es<br />

auch jede Menge amerikanische Soldaten in der Stadt.<br />

Es war eines Abends, irgendwann im Sommer, eigentlich<br />

war es die Ferienzeit. Aber unsere Schule war noch<br />

nicht wiederhergestellt, und so hatten wir Dauerferien. Da<br />

schlenderte ich also durch die Straßen. Ich war jung und<br />

wollte doch mal was erleben. Aber was konnte man in der<br />

Ruinenstadt schon erleben? Rechts und links glotzten einen<br />

die leeren Fensterhöhlen in den rauchgeschwärzten Häuserfassaden<br />

an. Und dahinter Schutt und verbogene Stahlträger.<br />

Die Kinder hatten da noch ihren Spaß, das waren tolle Abenteuerspielplätze.<br />

Aber für mich war da wirklich nichts los.<br />

Oft musste ich an die Jahre davor denken. Ja, da war was<br />

los gewesen. Ich gehörte zum BdM.“ „Was ist das denn?“,<br />

unterbricht Stefanie sie. „Ach ja, das kannst du nicht wissen.<br />

Das war der Bund deutscher Mädchen, die Abteilung der Hitlerjugend,<br />

zu der alle Mädchen gehörten. Wir machten Sport,<br />

hatten Heimabende, es gab Wanderungen und Zeltlager, oft<br />

auch mit den Jungs von der Hitlerjugend. Das war schon toll.“<br />

Stefanie unterbricht sie: „Sag mal Oma, warst du denn auch<br />

ein Nazi?“ Die Großmutter schweigt einen Moment. Dann<br />

meint sie nachdenklich: „Was meinst du damit, ein Nazi? Ja,<br />

ich war begeistert vom Führer, wie alle damals. Oder jedenfalls<br />

die meisten. Und wer es nicht war, der sagte das nicht laut,<br />

denn das war zu gefährlich. Überall ging es ja aufwärts. Auch<br />

im Krieg ging es erst mal von einem Sieg zum nächsten. Aber<br />

selbst als dann aus Russland keine Siegesmeldungen mehr kamen,<br />

haben wir immer noch dem Führer zugetraut, dass er das<br />

noch wenden würde. Und dann war plötzlich alles aus, und<br />

wir saßen in den Trümmern und haben gemerkt, dass man uns<br />

betrogen hatte, und was die Deutschen alles an schrecklichen<br />

Dingen getan hatten. War ich nun ein Nazi?“<br />

Darauf weiß Stefanie nichts rechtes zu antworten. So fährt<br />

die Großmutter fort: „Nun, ich wollte dir doch von jenem<br />

Abend erzählen. Ich schlenderte also durch die Straßen und<br />

kam aus der zerstörten Innenstadt in ein Viertel, das nicht so<br />

kaputt war. Dort waren viele Amerikaner einquartiert. Ich<br />

kam da an einer früheren Gaststätte vorbei. Oben drüber hing<br />

noch das Schild „Kaiserhof“, aber jetzt trafen sich hier wohl<br />

amerikanische Soldaten. Aus der offenen Tür tönte laute Musik.<br />

Das war nicht die Marschmusik, die wir von der Hitlerjugend<br />

gewohnt waren, sondern rhythmische Klänge mit viel<br />

Schlagzeug, Trompeten und Saxophonen. Erst später erfuhr<br />

ich, dass die Amerikaner diese Musik Swing nannten. Für uns<br />

junge Leute von damals war das jedenfalls was völlig Neues.<br />

Mich faszinierte diese Musik. Also ging ich etwas näher<br />

an die Tür. Mir war klar, dass ich da eigentlich nichts zu suchen<br />

hatte. Schließlich gehörten die Amis zur feindlichen<br />

Besatzungsmacht. Und ich hatte auch gehört, dass die Army<br />

es gar nicht gerne sah, wenn ihre Soldaten mit Deutschen<br />

zu vertraut wurden. ‚Fraternisation’ nannten sie das, und das<br />

war eigentlich verboten. Aber meine Faszination war stärker,<br />

und ich blieb an der Tür stehen und lauschte. Plötzlich sprach<br />

mich von hinten eine Männerstimme an: ‚Hello, Fräulein, gefällt<br />

Ihnen die Musik?’ Es war ein amerikanischer Soldat, der<br />

wohl ins Lokal wollte. Seltsamerweise sprach er Deutsch.<br />

Jedenfalls, er lud mich ein: ‚Come on, kommen Sie ruhig<br />

mit!’ Ich wusste nicht recht, was ich tun sollte. Aber schließlich<br />

siegte die Neugier. Mir kam wohl auch zugute, dass ich<br />

damals ganz gut aussah, ich hab dir ja mal Fotos aus der Zeit<br />

gezeigt. „Meinst du das mit den Zöpfen und dem komischen<br />

langen Rock?“ unterbrach Stefanie sie. „Ja, genau, das galt<br />

damals halt als schick. Ich folgte jedenfalls dem GI an einen<br />

Tisch in einer Ecke des halbdunklen Raumes und wir setzten<br />

uns. Einige der Soldaten an den Nachbartischen blickten<br />

neugierig zu uns herüber, aber niemand schickte mich wieder<br />

raus. Ein deutscher Kellner kam zu uns und fragte in<br />

Foto: Pixabay<br />

schlechtem Englisch, was wir trinken wollten. ‚Mögen Sie<br />

eine Coke?“ fragte mein Begleiter. Ich hatte keine Ahnung,<br />

was das war, aber ich nickte.<br />

Ich sah mir meinen Begleiter etwas näher an. Er sah wirklich<br />

gut aus, schlank, mit dem kurzen Bürstenhaarschnitt der<br />

Soldaten und in seiner schicken Uniform. Schade, dass er<br />

Amerikaner war, da hatte ich als ‚Nazi-Woman’ sicher keine<br />

Chance. Aber er lächelte mich an und meinte: ‚Mein Name<br />

ist Albert, aber alle nennen mich Al. Und wie heißen Sie?’ Ich<br />

sagte ihm meinen Namen und fragte: „Aber wieso können<br />

Sie Deutsch?“ Er lachte und meinte: „Bei uns zuhause wurde<br />

viel Deutsch gesprochen, meine Eltern sind in die USA<br />

ausgewandert, als ich ein Baby war. Englisch habe ich erst<br />

bei den Kindern der Nachbarschaft gelernt. Und jetzt bin ich<br />

Dolmetscher hier im Headquarter.“ Ich schwieg eine Weile<br />

verlegen. Schließlich nahm ich allen Mut zusammen und<br />

fragte ihn geradeheraus: „Warum laden Sie mich ein? Hassen<br />

Sie nicht die Deutschen, wir sind doch Ihre Feinde?“ Er<br />

wurde plötzlich ernst und meinte: „Ja, ich habe die Krauts<br />

gehasst, schließlich haben sie auf mich geschossen, und zwei<br />

meiner besten Freunde haben sie erwischt, die liegen irgendwo<br />

in den Ardennen begraben. Aber jetzt ist der Krieg doch<br />

aus, und Sie haben ja nicht auf mich geschossen!“<br />

Stefanie unterbricht die Großmutter: „Wieso hat er von<br />

‚Krauts’ geredet?“ Lachend erklärt sie ihm: „Nun, wir Deutschen<br />

waren für sie eben die ‚Krauts“, wohl weil wir so gerne<br />

Sauerkraut essen. Und wir haben sie ‚die Amis’ genannt, und<br />

die Engländer waren ‚die Tommis’ und die Russen ‚der Iwan’.<br />

Im Krieg hat man eben nicht viel Respekt vor den anderen.“<br />

„Also, der Kellner brachte dieses braune Getränk, ich brauche<br />

dir wohl nicht zu sagen, dass es wunderbar schmeckte. Wir<br />

waren ja außer Wasser und Muckefuck nichts gewohnt.“ „Was<br />

ist denn Muckefuck?“ unterbricht Stefanie sie noch einmal.<br />

Großmutter lacht: „So nannten wir den Kaffee-Ersatz, den<br />

es damals gab. Der wurde, glaub ich, aus gerösteter Gerste<br />

gemacht. Hat gar nicht so schlecht geschmeckt. Aber Coca<br />

Cola war dann doch was besseres. Nun, Albert hat mir dann<br />

von seiner Heimat erzählt, von der Kleinstadt in Illinois, wo<br />

er aufgewachsen war, und von seinen Eltern, die er schon seit<br />

über einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Und ich habe ihm<br />

von meiner Mutter erzählt und von unserer Sorge, weil mein<br />

Vater irgendwo in Russland verschollen war. Und von meinem<br />

Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />

älteren Bruder, deinem Onkel Werner, den sie in den letzten<br />

Wochen vor dem Kriegsende noch an die Front geschickt hatten,<br />

aber der immerhin schon eine Postkarte aus einem französischen<br />

Gefangenenlager geschickt hatte. Und beim Erzählen<br />

waren wir, ohne es zu merken, ins ‚du’ übergegangen.<br />

Während wir uns unterhielten, betraten plötzlich zwei<br />

weitere Soldaten das Lokal. Sie hatten besonders schneidige<br />

Uniformen mit weißen Koppeln und blanken Helmen, auf<br />

denen die Buchstaben ‚MP’ standen. Ich blickte fasziniert<br />

zu ihnen hinüber, da flüsterte Albert mir zu: ‚Militärpolizei!<br />

Die dürfen uns hier nicht zusammen sehen, sonst bekommen<br />

wir Ärger!’ Mir fuhr der Schreck in die Glieder, hatte ich<br />

doch gehört, dass Deutsche schon beim geringsten Verdacht<br />

von der Besatzungsmacht verhaftet wurden. Die beiden gingen<br />

von Tisch zu Tisch und ließen sich die Ausweise zeigen.<br />

Ich hatte natürlich keinen bei mir, und wahrscheinlich hätte<br />

mein alter Ausweis mit dem Hakenkreuz vorne drauf bei<br />

der amerikanischen Polizei auch nicht viel geholfen. Hastig<br />

blickte ich mich um, aber auf dem Weg zur Tür hätte ich an<br />

den beiden vorbei gehen müssen. Die Tür zur Toilette konnte<br />

ich nirgends entdecken. Also wohin?<br />

Albert hatte die rettende Idee: ‚Tu so, als wärst du eine<br />

Kellnerin!’ Ich stand also auf und stellte mich so an den Tisch,<br />

als würde ich eine Bestellung aufnehmen. Dann ging ich geradewegs<br />

auf die Tür neben der Theke zu, wo ich die Küche<br />

vermutete. Sie führte in einen dunklen Flur, wo es tatsächlich<br />

nach Küche roch. Ich atmete auf, niemand hatte mich zurück<br />

gerufen. Da tauchte der Kellner auf und fragte: ‚Suchen Sie<br />

was?’ Ich erklärte ihm meine missliche Lage. Er lächelte<br />

verständnisvoll und zeigte auf die Tür am anderen Ende des<br />

Gangs. Ich nichts wie da durch und nach draußen auf einen<br />

Hof mit leeren Getränkekisten und allerlei Gerümpel. Ich lief<br />

gleich auf das Tor auf der anderen Seite zu. Als ich an einem<br />

Fenster der Gaststube vorbei musste, schlich ich geduckt daran<br />

vorbei. Dann war ich auf der Straße. Das war noch mal gut<br />

gegangen! Aber schade, dachte ich, das war’s dann wohl mit<br />

meiner Ami-Bekanntschaft. Also machte ich mich auf den<br />

Heimweg. Da hörte ich hinter mir einen leisen Pfiff. Ich drehte<br />

mich um, und da kam doch tatsächlich der Albert hinter<br />

mir her. ‚Ich komme mit’, sagte er mit einem verschmitzten<br />

Lächeln, ‚abends ist es zu gefährlich für eine Frau alleine auf<br />

der Straße.’ Ich sagte natürlich nicht nein, und so zogen <br />

16 durchblick 3/<strong>2022</strong>


Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />

wir los durch die dunkle Stadt, denn in den meisten Straßen<br />

funktionierte die Beleuchtung noch nicht wieder. Schon bald<br />

merkte ich, dass er näher an mich heranrückte. Dann spürte<br />

ich seine Hand an der meinen. Im ersten Moment zog ich<br />

meine Hand zurück, aber dann ließ ich es geschehen und gab<br />

mich dem verwirrenden Gefühl hin, dass da wohl ein aufregendes<br />

Abenteuer auf mich wartete. Schließlich langten wir<br />

vor dem Haus an, wo wir uns eine kleine Wohnung mit einer<br />

Flüchtlingsfrau aus Schlesien teilten. Wir lebten im dritten<br />

Stock, das Stockwerk darüber war ausgebrannt, und das Dach<br />

war nur notdürftig geflickt worden.<br />

Als Albert sich verabschieden wollte, klopfte mir das<br />

Herz bis zum Halse. Was würde er sagen? Denn längst war<br />

in mir der Wunsch erwacht, ihn wieder zu sehen. Er druckste<br />

auch eine Weile herum, dann meinte er unvermittelt: ‚Well,<br />

my girl, was meinst du, können wir uns noch mal treffen?’<br />

Ich hab nicht lange mit der Antwort gewartet, und wir haben<br />

uns schon für den nächsten Tag verabredet. Selten bin ich so<br />

schnell die Treppen hoch gekommen. Doch vor der Wohnungstür<br />

stockte ich. Sollte ich meiner Mutter alles erzählen?<br />

Was würde sie sagen? Ich hab ihr dann doch mein Abenteuer<br />

geschildert. Ihre Reaktion war, wie ich erwartet hatte: ‚Bist<br />

du verrückt geworden? Lass bloß die Finger von dem Ami!<br />

Das bringt doch nur Ärger!’ Mein Gegenargument war: ‚Aber<br />

Mama, er ist wirklich sehr nett. Und, bitte schön, wo sind die<br />

deutschen Jungs in meinem Alter? Entweder tot oder irgendwo<br />

in Kriegsgefangenschaft! Ich möchte schließlich auch mal<br />

was anderes erleben als Trümmer wegräumen und vor dem<br />

Laden Schlange stehen!’ Da hat sie dann nichts mehr gesagt.<br />

Am nächsten Abend sind wir auf dem Weserdeich spazieren<br />

gegangen. Und er hat mich tatsächlich richtig in den<br />

Arm genommen. Ich war so glücklich! Auf dem Rückweg<br />

kamen wir an einem Trümmergrundstück vorbei, und da<br />

blühten in einem verwüsteten Vorgarten zwischen zerborstenen<br />

Mauerresten ein paar Mohnblumen, leuchtend rote<br />

Farbtupfer in dieser grauen Wüste. Albert sprang über den<br />

halb verbrannten Zaun und pflückte sie für mich. Das war für<br />

mich mehr als es heute ein Strauß schönster Rosen ist. Immer,<br />

wenn ich Mohnblumen sehen, muss ich daran denken.<br />

Tja, was soll ich sagen, ich war wirklich verliebt bis über<br />

beide Ohren. Und er, glaub ich wenigstens, war es auch.<br />

Einmal ist er mit zu uns in die Wohnung gekommen. Mutter<br />

wollte davon zuerst überhaupt nichts wissen. ‚Der kommt<br />

mir nicht ins Haus! Was sollen denn die Nachbarn denken,<br />

dass du einen Ami mitbringst’, war ihre Begründung. Aber<br />

ich ließ nicht locker: ‚Also Mama, die Amerikaner sind doch<br />

auch nur Menschen. Und was gehen uns die Nachbarn an!’<br />

Schließlich gab sie nach, und als er dann kam und so nett<br />

war, und auch noch eine Tasche voll mit Fleischkonserven<br />

und Schokolade aus seiner Kantine mitbrachte, da war das<br />

Eis schnell gebrochen. So was hatten wir schon lange nicht<br />

mehr auf dem Tisch gehabt.“<br />

Jetzt platzt Stefanie mit einer neugierigen Frage heraus:<br />

„Aber sag mal, Oma, der Albert war doch nicht der Opa,<br />

oder?“ „Nein, nein, der kam erst viel später. Mit dem Albert,<br />

das waren einige Monate, die wie im Traum vergingen.<br />

Aber dann kam er eines Tages und meinte traurig: ‚Darling,<br />

ich habe heute meine marching orders bekommen, ich muss<br />

zurück nach Amerika!’ Wir hatten nie darüber gesprochen,<br />

aber es war uns beiden klar gewesen, dass der Moment einmal<br />

kommen würde. Und mich mitnehmen, das ging damals<br />

überhaupt noch nicht. So kam dann, was kommen musste:<br />

Wir haben uns noch mal heiß geküsst, dann verschwand er<br />

durch den Eingang zum Hauptquartier, und ich stand da und<br />

wischte mir die Tränen aus den Augen. Ich wusste, wann er<br />

auf das Schiff musste, aber als Deutsche konnte ich ihn nicht<br />

dahin begleiten, das war ‚off limits’ für uns. Als das Schiff<br />

hinter dem Leuchtturm ‚Hoher Weg’ verschwand, wurde mir<br />

so schwer ums Herz, dass ich nur noch heulen konnte. Tja, so<br />

was tut weh, weißt du! Es braucht eine Weile, bis man da drüber<br />

weg kommt. Einmal bekam ich ein Paket von ihm aus Hamilton,<br />

Illinois, mit Kaffee, Schokolade und Truthahnfleisch,<br />

samt einer Karte. Er schrieb, dass es ihm gut geht, und er eine<br />

gute Arbeit hat und noch oft an mich denkt. Ich hätte ihm so<br />

gerne geantwortet, aber Briefe ins Ausland schicken, das war<br />

noch nicht möglich. Er hat noch ein paar Mal geschrieben,<br />

aber nach einer Weile brach der Kontakt ab.“<br />

Stefanie schweigt eine ganze Weile. Dann sagt sie unvermittelt:<br />

„Wow, Oma, das ist ja eine Story wie aus einer anderen<br />

Welt, echt krass. Da bin ich doch froh, dass ich heute<br />

lebe. Aber wenn ich mal irgendwo Mohnblumen sehe, dann<br />

bringe ich dir einen Strauß mit!“ Andreas Holzhausen<br />

Foto: Pixabay<br />

18 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 19


Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />

Wahre Liebe<br />

Ein modernes Märchen<br />

Der kleine Ort in der Eifel rühmte sich nicht nur einer<br />

Burgruine und malerischer Gassen, sondern auch<br />

einer kleinen, aber feinen Bücherei. Diese wurde<br />

von der Bibliothekarin Helene Waffenschmied, einem ältlichen<br />

Fräulein, mit viel Liebe verwaltet. Ja, man konnte<br />

ohne Übertreibung sagen, dass sie mit ganzem Herzen an<br />

ihrer Arbeit hing – war sie doch ohne Familienangehörige<br />

und die Bücher ihre besten Freunde. Wenn ihre Leser sich<br />

mit Urlaubslektüre eindeckten, folgte nach einem freundlichen<br />

„Schönen Urlaub“ unweigerlich der Satz, in den viele<br />

mit gutmutigem Spott einstimmten: „Bitte die Bücher<br />

nicht in den Sand legen und KEINE Eselsohren!“<br />

Pünktlich, mit dem Glockenschlag der Turmuhr, wurde<br />

die Bücherei von 9 – 12 und von 15 – 20 Uhr geöffnet. Von<br />

montags bis freitags, jahraus, jahrein, ohne jemals Urlaub<br />

zu nehmen. Das hatte sie im Gemeinderat durchgesetzt, als<br />

man sie zum Urlaub nötigen wollte: „Wo soll ich denn hin,<br />

durch meine Bücher kann ich an jeden Ort der Welt reisen,<br />

das ist mir lieber so.“ Weil sie alles tadellos in Schuss hielt<br />

und nie Probleme machte, ließ man sie gewähren.<br />

An einem wunderschönen Frühlingstag öffnete sie in<br />

der Mittagspause – ganz gegen ihre Gewohnheit – das<br />

Fenster. Normalerweise fürchtete sie den Staub, der von<br />

außen hereinkommen konnte. Doch heute war ihr nach<br />

Blumenduft und Vogelgezwitscher. Man könnte sagen:<br />

Fräulein Waffenschmied spürte den Frühling! Verträumt<br />

saß sie an ihrem altmodischen Schreibpult und dachte an<br />

ihre Jugend und ihre erste und einzige Liebe, die aber leider<br />

unerfüllt geblieben war.<br />

Eine plötzliche Win<strong>db</strong>ö fuhr durchs Fenster und trug<br />

etwas mit sich, dass mit leichtem Klacken auf ihr Pult fiel.<br />

Verwundert blickte sie auf die kaum erbsengroße Kugel, die<br />

blaugrün schimmerte. Sie nahm sie hoch, um sie genauer<br />

zu betrachten und hätte sie beinahe fallen lassen, weil sie<br />

ein leichtes Zucken zu fühlen glaubte. War es eine Raupe,<br />

die sich zusammengerollt hatte? Dafür war das Dings zu<br />

hart. So legte sie die Kugel vorsichtig vor sich hin und beobachtete<br />

geduldig, voller Neugier, was sich wohl tun würde.<br />

Da! schon wieder ein Zucken, ein kaum wahrnehmbares<br />

Zittern, und langsam, unendlich langsam entrollte sich<br />

die Kugel und wurde zu einem – ja, was könnte es wohl<br />

sein? Ein Wurm? Eine Made? Jedenfalls etwas, das sie auf<br />

keinen Fall in ihrer Bücherei dulden würde! Raus damit!<br />

Sollten die Vögel es fressen! Sie packte das Ding mit Daumen<br />

und Zeigefinger, um es durchs Fenster zu entsorgen,<br />

schaute es aber vorher noch einmal genau an. Sofort fielen<br />

ihr die Augen auf. Für so ein kleines Ding ungewöhnlich<br />

große Augen, die sie genau zu mustern schienen. „Der<br />

Wurm hat ja fast menschliche Augen!“ dachte sie und beschloss,<br />

ihn erst einmal in einem Glas zu deponieren, um<br />

ihn mit anderen Exemplaren aus ihren Büchern zu vergleichen.<br />

Wozu ist man schließlich Bibliothekarin!<br />

Durch ihre Liebesträumereien noch weich gestimmt,<br />

zupfte sie sogar ein paar Blätter von ihrer geliebten Zimmerlinde,<br />

damit der arme Wurm nicht so nackt und bloß in dem<br />

kalten Glas lag – vielleicht schmeckten ihm die Blätter sogar.<br />

Stundenlang suchte und verglich sie Würmer und Maden,<br />

Engerlinge und Raupen aus ihren vielen Bil<strong>db</strong>änden,<br />

aber nichts ähnelte ihrem Exemplar. Sie war so vertieft in<br />

diese Beobachtungen, dass sie beinahe – und das wäre das<br />

erste Mal – vergessen hätte, die Bücherei zu öffnen. Eilig<br />

trug sie das Glas mit dem Wurm in den verbotenen Bereich,<br />

wo die besonders kostbaren Pergamente lagerten. Hier war<br />

er zunächst vor Entdeckung sicher. Denn ihn einfach zu entsorgen,<br />

kam nicht mehr infrage. Vielleicht hatte sie ja eine<br />

<strong>neue</strong> Spezies entdeckt, die nach ihr benannt würde! Außerdem<br />

sah er einfach zu niedlich aus mit seinen großen Kulleraugen,<br />

die sie ständig zu beobachten schienen.<br />

Sie konnte kaum erwarten, abends die Tür hinter dem<br />

letzten Besucher abzuschließen und zu ihrem Wurm zu eilen.<br />

Dieser schien merkwürdig unruhig zu sein, sodass sie<br />

ihn kurzerhand aus dem Glas auf die Tischplatte schüttete.<br />

Wie erstaunt war sie, als er rasch zu dem großen Kräuterbuch<br />

kroch, das dort aufgeschlagen lag, und eifrig anfing,<br />

an der Seite, die von der Petersilie handelte, zu nagen. „Um<br />

Himmelswillen NEIN“ rief sie erschrocken und nahm ihn<br />

Foto: Wikimedia-Commons<br />

vorsichtig hoch. Der Wurm schaute sich vorwurfsvoll nach<br />

ihr um und sie meinte, den Duft von Petersilie zu riechen.<br />

„Das kann doch nicht wahr sein“ dachte sie und beschloss,<br />

die Probe aufs Exempel zu machen, indem sie die Seite<br />

mit Lavendel aufschlug und ihn daraufsetzte. „Das kleine<br />

Löchelchen sieht man ja kaum“, beruhigte sie ihr schlechtes<br />

Gewissen, nahm den Wurm hoch, schnüffelte an ihm<br />

und nahm einen intensiven Lavendelduft wahr. Sie ließ ihn<br />

noch an verschiedenen Kräuter- und Blumenseiten nagen<br />

und siehe da, er wandelte bedrucktes Papier in entsprechende<br />

Düfte um. „Was wird er wohl mit Papier machen,<br />

das nicht von Botanik handelt?“ überlegte sie und trug ihn<br />

zum Regal mit den Klassikern. Dort geriet er schier außer<br />

Rand und Band und kroch so schnell er konnte zur Abteilung<br />

Shakespeare. Sie ließ ihn ein paar Bissen von Hamlet<br />

nehmen, roch an ihm und tauchte sogleich so tief in die<br />

höfische Welt des späten englischen Mittelalters, dass sie<br />

Mühe hatte, in die Gegenwart zurückzukehren.<br />

„Meine Güte, ich glaube, mir ist der einzig wahre Bücherwurm<br />

zugeflogen“ flüsterte sie entgeistert. „Eine solch intelligente<br />

Kreatur muss einen Namen bekommen!“ Sie hob<br />

ihn hoch, schaute ihm tief in die Augen und sagte feierlich:<br />

„Du scheinst die klassische englische Literatur besonders<br />

zu mögen, deshalb nenne ich dich Romeo“. Der Wurm sah<br />

sehr zufrieden aus und rieb sein Köpfchen an ihrem Finger.<br />

An Schlaf war nicht zu denken: Die ganze Nacht tauchten<br />

Shakespeare und Fräulein Waffenschmied von einem Abenteuer<br />

ins andere, ja, sie verschmähten auch billige Schmöker<br />

nicht! Sogar die geliebte Teekanne wurde nicht angerührt<br />

und am nächsten Morgen war sie außerstande, die Bücherei<br />

wie gewohnt zu öffnen und hing erstmalig ein Schild an die<br />

Tür „Wegen Krankheit geschlossen“!<br />

Je länger sie an Shakespeare schnüffelte, desto mehr<br />

seiner Pheromone nahm sie auf. Sie war so überglücklich,<br />

endlich einen Freund zu haben – und sei er noch so klein<br />

- der das Gleiche fühlte wie sie, dass sie kurzerhand telefonisch<br />

den Urlaub der letzten beiden Jahre nahm. Hunger<br />

und Durst kamen ihr gänzlich abhanden, lediglich der Appetit<br />

auf die Essenz der gedruckten Werke wurde immer<br />

größer und bald nagte sie mit ihrem <strong>neue</strong>n Gefährten um<br />

die Wette. Nach Wochen hatten sie sich durch fast alle Exemplare<br />

genagt. Lediglich technische Abhandlungen und<br />

allzu billige Pornoliteratur wurden verschmäht.<br />

In dieser Zeit veränderte sich Fräulein Waffenschmied:<br />

Sie begann zu schrumpfen und ihre Haut überzog sich mit<br />

einer wunderbar blaugrün schimmernden Patina. Je kleiner<br />

sie wurde, desto mehr ähnelte sie Shakespeare. Als sie<br />

seine Größe erreicht hatte, konnte man sie kaum auseinanderhalten.<br />

Ihr Köpfchen war lediglich etwas rosiger und<br />

sie hatte ihren leichten Silberblick behalten, in den er ganz<br />

vernarrt war. Auch sie verliebte sich immer heftiger in ihn.<br />

„Ist schon was dran an dem Ausspruch: Wenn alte Scheunen<br />

brennen, dann brennen sie lichterloh!“ dachte sie und<br />

vermeinte, ihn leise „Julia“ flüstern zu hören. Nun war es<br />

Zeit, zu <strong>neue</strong>n Ufern aufzubrechen. An einem schönen<br />

Spätsommertag schlüpften sie durch das gekippte Fenster,<br />

und vereinigten sich zu einer Kugel. Eine heftige Win<strong>db</strong>ö<br />

ergriff sie und trug sie hoch, hoch hinauf, Richtung Süden.<br />

Ihr Ziel: Die Bibliothek des Vatikans!<br />

Sigrid Kobsch<br />

20 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 21


Ein Sommer in Arles<br />

Seit nun über sechzig Jahren kommt Kaspar in das<br />

kleine Café. Damals, als er zum ersten Mal Arles<br />

besuchte, war er gerade mal neunzehn Jahre alt.<br />

Ein Jungspund, der noch grün hinter den Ohren war, aber<br />

dachte, die ganze Welt zu verstehen. Die Schule war schon<br />

Vergangenheit, die Lehre bereits abgeschlossen. Ein stolzer<br />

Schustergeselle war aus dem Jungen geworden, dessen<br />

Hosenbeine immer einige Zentimeter zu kurz waren, weil<br />

er einfach zu schnell gewachsen war, wie Mutter nicht<br />

müde wurde zu sagen. Nun verdiente er sein eigenes Geld<br />

und konnte sich eine <strong>neue</strong> Hose kaufen. Eine Wollene. Das<br />

war das Erste, was er sich von seinem Gesellengehalt erlaubte.<br />

Das meiste Geld legte er »auf hohe Kante«, wie<br />

Vater zu sagen pflegte. Für später einmal. Wenn er eine<br />

Familie gründen würde.<br />

Als er schon ein Jahr lang gespart hatte, aber noch keine<br />

Frau in Sicht war, mit der er sich ein Heim hätte schaffen<br />

können, wuchs in ihm der Wunsch heran, die Welt zu sehen.<br />

»Der lachende Vagabund«, der in diesem Jahr täglich<br />

im Radio gespielt wurde, war an der neu erwachten Sehnsucht<br />

nicht unschuldig. Heimlich sang er in der Werkstatt<br />

die Strophen mit, wenn sein Meister gerade außer Haus<br />

war. Dabei hatte er den lachenden Part immer ausgelassen.<br />

Es war ihm peinlich.<br />

Zwar interessierte er sich für Mädchen, doch hatte er<br />

das Pech, dass sie sich nicht für ihn interessierten. Das lag<br />

zu einem großen Teil daran, dass sein Freund Herbert aussah<br />

wie der junge James Dean. Dagegen blieben er und die<br />

anderen Burschen unsichtbar.<br />

Je länger der Sommer dauerte, umso mehr träumte<br />

er von sich als einen lachenden Vagabunden. Ein junger<br />

Mann, der zwar hier und da mit Mädchen liebäugelte, mal<br />

eines beim Tanz im Arm wog, doch immer mit dem Gedanken<br />

im Kopf, frei zu sein für die Abenteuer, die noch<br />

auf ihn warteten.<br />

Als er eines Abends auf Onkel Freds Siebzigsten an der<br />

Theke der Dorfschänke stand, um Bier für sich und seine<br />

Freunde zu bestellen, sprach ihn Hannes, der Dorfsäufer,<br />

an. Jeder pflegte, ihm aus dem Weg zu gehen. Frauen<br />

fürchteten um ihre Knie, die oft und gerne betatscht wurden,<br />

und Männer um die Lebenszeit, die zu kostbar schien,<br />

um sich Geschichten aus dem Krieg und über Reisen als<br />

Matrose anzuhören.<br />

Foto: Wikimedia-Commons<br />

Das mit dem Matrosen nahm Hannes niemand ab. Sie<br />

lebten auf dem Land. Die nächste See war Stunden von<br />

ihnen entfernt. Man ging im Allgemeinen eher davon aus,<br />

dass er sich zu dieser Zeit durch andere Dörfer und Betten<br />

gesoffen hatte.<br />

„Bist ja schon ein strammer Bursche geworden“, lallte<br />

er, während Kaspar insgeheim hoffte, nicht der Angesprochene<br />

zu sein. »He! Schau mich gefälligst an, wenn ich<br />

mit dir rede!« Daraufhin verflog seine Hoffnung und er<br />

wandte sich dem Säufer zu, wobei ihm auffiel, dass dessen<br />

Augenlider so tief herabhingen, dass die wässrigen Augäpfel<br />

den Anschein machten herauszufallen.<br />

„Warst du schon mal woanders?“ Kaspar verstand nicht,<br />

worauf er hinauswollte. „Warst du schon mal verreist, mein<br />

Junge?“ Er verneinte. „Dann komm! Setz dich zu mir! Ich<br />

will dir was zeigen.“<br />

Alles in ihm sträubte sich dagegen. Mit einem hilfesuchenden<br />

Blick schaute er über seine Schulter, doch seine<br />

Freunde waren verschwunden. Widerstrebend setzte er<br />

sich auf den Barhocker neben den Mann, dem jeder aus<br />

dem Weg ging, wobei er die süßliche Fahne wahrnahm,<br />

die sein Gegenüber in unsichtbaren Schwaden umhüllte.<br />

„Gleich muss ich aber wieder zu meinen Freunden“,<br />

sagte er noch. Doch der Mann winkte ab.<br />

„Quatsch! Jetzt will ich dir mal was sagen: „Hau ab, bevor<br />

du Wurzeln schlägst!“ Dabei sah er ihm tief in die Augen,<br />

während sein Kopf gefährlich weit nach vorne kippte.<br />

„Hast du mir zugehört?“ Der Junge nickte und wollte schon<br />

wieder aufstehen, da die Fahne des Dorfsäufers mit jedem ausgespienen<br />

Wort zu ihm hinüberschwappte. Doch dann begann<br />

Hannes zu erzählen. Von Capri. Von Südamerika. Von Marokko.<br />

Und von den schlechten Menschen im Dorf, die allesamt<br />

Langeweiler wären, weil sie nichts kannten außer ihren eigenen<br />

Dreck. Schließlich kramte er in der Innentasche seiner Jacke.<br />

Dabei fiel Kaspar das kleine Loch am Ellbogen auf.<br />

Der Dorfsäufer zog ein paar Abzüge aus der Jacke und<br />

legte sie auf die Theke. Er achtete nicht auf die Spuren<br />

kondensierender Biergläser, sodass das unterste Foto in einer<br />

kleinen Pfütze lag.<br />

Er wartete ab, dann nickte er Kaspar zu und unsicher<br />

zog dieser die Bilder zu sich heran, wobei auch seine Finger<br />

nass wurden. Unvermittelt wischte er sie an seinem<br />

Hosenbein ab. Schließlich schaute er auf die Bilder.<br />

22 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />

Auf dem obersten Foto sah er einen Strand, wie er ihn<br />

nur aus Magazinen kannte. Blaues Wasser, weißer Sand.<br />

Darüber eine gelbe Sonne, als hätte ein Kind diese Szene<br />

gemalt und dabei seine Lieblingsfarben benutzt. Auf dem<br />

Foto darunter eine Arena. Sie ähnelte der Roms, worüber<br />

sie damals auf der Volksschule gesprochen hatten. Und auf<br />

dem letzten Foto, das nun auf der Unterseite ganz nass war,<br />

war eine Gasse zu sehen. Mit Kopfsteinpflaster. Ein kleines<br />

Café mit gerade mal zwei Tischen auf dem Bordstein.<br />

Er konnte nicht sagen, was ihm an dem Bild gefiel. Ob es<br />

die rote Markise war? Die fremdartige Aufschrift auf dem<br />

Schaufenster? Das einfallende Sonnenlicht, das es nicht<br />

bis in alle Winkel der Gasse geschafft hatte? Doch etwas<br />

rührte an ihm. Dem lachenden Vagabunden.<br />

„Da guckst du, was?“ Der Säufer hatte sein Glas geleert,<br />

während er sich die Bilder angesehen hatte. Seine Worte<br />

klangen noch verwaschener, während der Lärm der Musikkapelle<br />

laut in Kaspars Ohren drang. Wieder schaute er auf<br />

das Bild mit dem Café und wünschte sich, an diesem Ort<br />

zu sein. „Das habe ich in Arles aufgenommen.“ Und dabei<br />

sprach er den Namen so aus, wie man ihn schreibt. A-r-le-s.<br />

Kaspar, der noch nie von dem Ort gehört hatte, sollte<br />

anfangs denselben Fehler machen.<br />

Er hörte Hannes noch eine Weile zu, bis er sah, dass<br />

Herbert wieder an ihrem Tisch saß. Dann verabschiedete<br />

er sich von dem Dorfsäufer und ging erleichtert auf seinen<br />

Freund zu. Das Bier hatte er vergessen, doch dafür war<br />

eine Idee in ihm aufgekeimt.<br />

Anderthalb Monate später war er in Arles angekommen.<br />

Eine fünfzehnstündige Busfahrt hatte dafür gesorgt, dass<br />

ihm der Hintern noch mehr weh tat, als nach den Fahrradtouren,<br />

die er häufig mit Herbert und den anderen Burschen<br />

an die Mosel unternahm. Er war allein gereist. Für Vagabunden<br />

gehörte sich das so. Eine Pension bot im Obdach!<br />

Da der Bus abends angekommen<br />

war, hatte er seinen Koffer in<br />

der Herberge abgegeben und war<br />

ein wenig spazieren gegangen. Die<br />

Unterkunft spiegelte die Umgebung.<br />

Alles war bescheiden. Weder der<br />

Strand noch das kleine Café waren<br />

zu sehen, stattdessen karge Landschaft<br />

und Industrie.<br />

Da er zu müde war, um sich<br />

nach der Innenstadt, dem Ozean<br />

und der Arena zu erkundigen, legte<br />

er sich früh schlafen.<br />

Am nächsten Morgen nahm er<br />

ein Frühstück aus süßem Brot und<br />

Er<strong>db</strong>eermarmelade zu sich. Der<br />

Kaffee war milchiger und lauer<br />

als aus Mutters Kaffeemaschine.<br />

Er versuchte, darin das Abenteuer<br />

zu erkennen, das ihm bevorstand,<br />

Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />

da alles in der Fremde nun mal anders sein musste als zu<br />

Hause.<br />

Als er einen Mann, der sein Haar streng mit Pomade gescheitelt<br />

trug, fragte, wie er in die Stadt kommen konnte, bedeutete<br />

dieser ihm mit einem Schulterzucken und einem französischen<br />

Redeschwall, dass er ihn nicht verstand. Zumindest<br />

vermutete er es, denn er verstand den Mann ebenso wenig.<br />

Er verließ die Pension ohne sein Gepäck und nur mit<br />

seiner Gel<strong>db</strong>örse. Die Erwartungen gedämpft. Hier und da<br />

lief jemand über die Straße, doch konnte er nicht ausmachen,<br />

in welche Richtung er hätte gehen müssen, um das<br />

Zentrum Arles' zu erreichen.<br />

In dem Moment, als er mit seiner Hand über den Augen<br />

die Sonne abschirmte und sich nach links und rechts umsah,<br />

trat der Gescheitelte aus dem Frühstücksraum vor die<br />

Tür. Dieser beobachtete ihn, zog seine Augenbrauen kraus<br />

und packte ihn am Arm. Er wollte sich ob des anstandslosen<br />

Verhaltens aus dessen festen Griff befreien, doch als er<br />

erkannte, wohin der Mann ihn führte, ließ er davon ab. Der<br />

Gescheitelte ließ nach einigen Metern seinen Arm los und<br />

deutete mit einem »Voilà« auf den Fahrplan der Buslinie,<br />

die von der Herberge ins Ortszentrum führte. Der Gescheitelte<br />

verabschiedete sich und er rief ihm „Danke“ hinterher.<br />

Kaspar erschien Arles wie eine Stadt in der Schwebe<br />

zwischen Antike und Moderne. Hier die altertümlichen<br />

Bauwerke, da die röhrenden Automobile.<br />

Er schlenderte über das Kopfsteinpflaster, während er dem<br />

stetigen Klack-klack-klack einer jungen Frau auf Stöckelschuhen<br />

lauschte, die sich in schnellen Schritten entfernte.<br />

Es kam ihm weniger darauf an, die großen Sehenswürdigkeiten<br />

der Stadt zu sehen, als vielmehr darauf, das<br />

Fremde auf sich wirken zu lassen.<br />

Da war das schmutzige Beige der Häuser, die er passierte.<br />

Die orangeroten Dächer bildeten einen leuchtenden <br />

Das Amphitheater von Arles ist ein zwischen 90 und 100 n. Chr. auf einem Hügel<br />

erbautes römisches Gebäude. Es bot ursprünglich etwa 25.000 Zuschauern Platz.<br />

3/<strong>2022</strong> durchblick 23<br />

Foto: Wikimedia-Commons


Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />

Kontrast zu einem ebenso leuchtenden Himmel in Hellblau.<br />

Er folgte der Steinmauer mit dem schmiedeeisernen Gelände,<br />

ohne zu wissen, wohin sie führte. Am Kolosseum blieb<br />

er stehen, um die Baukunst der Römer zu bestaunen.<br />

Er spazierte entlang der Rhône, über breite Straßen und<br />

enge Gassen. Er gab sich selbst vor, frei zu sein, doch in seinem<br />

Inneren spürte er den Drang, das Café zu finden, welches<br />

er auf dem Foto des Dorfsäufers gesehen hatte. Seine Füße<br />

wären gerne schneller gelaufen, doch sein Verständnis von<br />

einem lachenden Vagabunden ermahnte ihn zur Gelassenheit.<br />

Als er schließlich um eine Ecke bog, stockte er. Sein<br />

Herz setzte kurzzeitig aus, als er die Hauswand mit dem<br />

abgeblätterten Putz entdeckte.<br />

Der Ausblick vor seinen Augen wirkte, als hätte jemand<br />

Teile verschiedener Puzzles zusammengesetzt, obwohl sie<br />

nicht zusammengehörten. Am Ende ergab sich ein Bild<br />

aus Sonnengelb, Lindgrün und Rot. Aus Italienisch und<br />

Französisch. Aus Pizza und Crêpes. Er ließ den Anblick<br />

des Cafés auf sich wirken und hätte er einen Fotoapparat<br />

besessen, hätte er ihn jetzt zum ersten Mal benutzt. So<br />

würde er sich später auf seine Erinnerung verlassen müssen,<br />

weshalb es ihm umso wichtiger erschien, alles aufzunehmen<br />

und kein Puzzleteil auszulassen.<br />

Auf einen Teil zeichnete er den sonnengelben Putz des<br />

verfallenden Hauses. Ein anderes Teil bestand aus dem lindgrünen<br />

Rahmen, der Tür und Fenster zierte. Überall dazwischen<br />

fügte er die roten Teile ein. Für Tische, Stühle, Tafel.<br />

Er entdeckte eine Veränderung im Gegensatz zu dem<br />

Foto des Dorfsäufers: Beide Tische standen zwar links und<br />

rechts des gläsernen Eingangs, doch anders als auf dem<br />

Bild waren sie hier besetzt. Im ersten Moment ärgerte er<br />

sich darüber und fragte sich, wie jemand das Recht hatte,<br />

sein Café einzunehmen, doch dann besah er sich die Gäste.<br />

Ein älteres Paar saß sich gegenüber und schlang im Gleichtakt<br />

etwas hinunter, das wie Pfannkuchen aussah.<br />

An dem anderen Tisch saß eine junge Frau. Sie wirkte<br />

weniger ausgehungert und der erste Begriff, der ihm in Zusammenhang<br />

mit ihrer Haltung auf dem Stuhl, den Kopf<br />

mit der übergroßen Sonnenbrille stolz erhoben, einfiel,<br />

war „Grande Dame“. Er beobachtete sie einen kurzen Moment<br />

und dachte sich, wie gut sie sich in das Bild des Cafés<br />

einfügte. Und als er sah, dass sie ihren Kopf ein wenig<br />

drehte und sich schnell wieder abwandte, wusste er, dass<br />

auch sie ihn bemerkt hatte.<br />

Er überquerte die kleine Straße und lief auf den Eingang<br />

zu. Dabei behielt er die Grande Dame im Auge, doch sie<br />

ignorierte ihn, als wäre er nicht der Erste, der es nicht wert<br />

gewesen wäre, Aufmerksamkeit zu vergeuden. Schließlich<br />

erreichte er die Tür und trat ein, doch auch hier waren alle<br />

Stühle besetzt. Er hätte enttäuscht sein sollen, doch freute<br />

er sich. Er wollte sich nicht im Inneren verstecken. Er<br />

wollte Teil einer französischen Szene auf einem Foto sein.<br />

Kurzentschlossen, doch nun mit einer plausiblen Entschuldigung,<br />

ging er wieder hinaus und wandte sich nach links,<br />

wo die unbekannte Frau gerade an einer großen Tasse nippte.<br />

„Entschuldigen Sie“, sagte er. Es war das, was er einmal<br />

in einem Schwarz-Weiß-Film im Kino gesehen hatte. Der<br />

Mann sagte „Entschuldigen Sie“, und darauf folgte eine<br />

tragische Liebesgeschichte. Er beabsichtigte dasselbe.<br />

Die Frau sah auf, wobei ihre Augen hinter den großen<br />

Gläsern ihrer Sonnenbrille verborgen blieben.<br />

„Dürfte ich mich zu Ihnen setzen?“ Daraufhin schob sie mit<br />

spitzen Fingern ihre Brille ein wenig herunter und begutachtete<br />

ihn. Ein Lächeln legte sich über ihre Lippen und sie nickte.<br />

In diesem Moment wusste er, dass sie keine Französin war.<br />

Er setzte sich und fragte, was sie trinken würde. Sie<br />

antwortete „Café au lait“ und er bestellte dasselbe. Ihre Erscheinung<br />

erinnerte ihn an die großen Schauspielerinnen,<br />

doch ihre Stimme war die eines Mädchens. Er lehnte sich<br />

zurück und schlug die Beine ebenfalls über. „Wieso haben<br />

Sie sich ausgerechnet meinen Tisch ausgesucht?“, fragte sie.<br />

„Weil es mein Café ist“, antwortete er. Sie nahm daraufhin<br />

ihre Sonnenbrille ab und er erkannte, dass sie zu jung<br />

war, um eine Grande Dame zu sein.<br />

Sie unterhielten sich. Sie fragte, woher er kam und er antwortete,<br />

dass überall sein Zuhause wäre. Er fragte, wo ihre Heimat<br />

lag und sie erzählte ihm von Berlin und ihrem bunten Leben<br />

dort. Er fragte, ob sie häufig reiste und sie antwortete ihm,<br />

dass sie jedes Jahr in Arles wäre. Immer zur selben Zeit. Es<br />

erschien ihm wie der Beginn einer großen Liebesgeschichte.<br />

Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />

Zwei Cafés au lait hatte er gebraucht, bis er sich traute,<br />

sie zum Essen einzuladen. Also verabredeten sie sich für<br />

den nächsten Abend.<br />

Als die Dämmerung einsetzte, sagte sie, dass sie sich<br />

nun verabschieden müsste. Er fragte nicht, wohin sie nun<br />

gehen würde. Trotz der einsetzenden Dunkelheit setzte sie<br />

die Sonnenbrille wieder auf, erhob sich und hielt ihm eine<br />

blasse Hand entgegen, auf die er mit leichter Verbeugung<br />

einen Handkuss andeutete. Er sah ihr nach, wie sie in zierlichen<br />

Schritten in die Richtung lief, aus der er gekommen<br />

war. Dabei bewegte sich ihre Hüfte, als wäre sie es gewohnt,<br />

in hohen Schuhen zu gehen. Nur ein kurzes Umknicken<br />

verriet ihm, das dem nicht so war.<br />

Den ganzen Tag lang hatte er den Abend herbeigesehnt.<br />

Er hatte sich so gründlich rasiert, dass er sich an mehreren<br />

Stellen geschnitten hatte. Die Haare hatte er in Wellen<br />

zurückgekämmt. Er hatte die wollene Hose angezogen,<br />

obwohl sie zu warm war. Doch war sie ihm dem Anlass<br />

entsprechend angemessen erschienen.<br />

Er wartete vor seinem Café. Zunächst beschwingt lief er<br />

mit großen Schritten um eine Häuserecke und dann um die<br />

nächste, um nachzusehen, ob sie kam. Er stellte sich vor das<br />

Café. Genau dort, von wo er sie gestern zum ersten Mal erblickt<br />

hatte. Er blickte immer wieder auf seine Armbanduhr,<br />

doch sie bestätigte ihm, dass die Zeit, zu der sie verabredet<br />

gewesen waren, bereits Vergangenheit war. Er setzte sich an<br />

denselben Tisch wie am Vortag, bestellte einen Café au lait<br />

und, als er jegliche Hoffnung fahren ließ, schließlich ein Baguette.<br />

Er blieb, bis das Café schloss. Mit müden Schritten<br />

trottete er zur Bushaltestelle. Der Schweiß, der sich während<br />

des Sitzens in seinen Kniekehlen gesammelt hatte, lief<br />

in kleinen Rinnsalen an seinem Bein hinunter. In diesem<br />

Moment war er davon überzeugt, dass sie doch kein Mädchen<br />

aus Berlin war, sondern eine Grande Dame.<br />

Jeden Abend verbrachte er in seinem Café. Pünktlich um<br />

18.00 Uhr war er da und blieb fünf Stunden lang. Es wurde<br />

ihm nie langweilig. Er beobachtete die Menschen, Touristen<br />

meist. Er versuchte auszumachen, wer unter ihnen aus<br />

Deutschland kam. Er nahm sich nie etwas zu lesen mit, denn<br />

dann hätte er nicht Ausschau halten können. Sie kam nie.<br />

Trennungsgedanken<br />

Vermutlich liebte ich sie sehr,<br />

wenn nicht ihr blödes Smartphone wär,<br />

das kleine Ding zum Schleuderpreis<br />

mit virtuellem Freundeskreis.<br />

Wenn ich ihr in die Augen seh,<br />

schaut sie hinunter zum Display.<br />

Was nützt mir denn der schönste Flirt,<br />

wenn unentwegt ihr Spielzeug stört?<br />

Wir sehen uns so gut wie nie,<br />

ich glaub, es geht auch ohne sie.<br />

Es reicht, wenn ich zum Zeitvertreib<br />

ihr ab und zu ne E-Mail schreib.<br />

Aus dem Buch Nur mal so, von Jörn Heller<br />

Über sechzig Jahre ist es nun her, als er zum ersten Mal<br />

in dem kleinen Café mitten in Arles saß. Wenn sich seine<br />

Nachbarn über die Hitze zu Hause beschweren und darüber,<br />

dass es nun endlich mal regnen müsse, erzählt er von<br />

dem wolkenlosen Himmel in Arles. Davon, wie die Sonne<br />

beim Untergehen das Pflaster an seinen Kanten erfasst und<br />

für wenige Minuten zum Leuchten bringt.<br />

Jedes Jahr im Juli sucht er sein Café auf. Eine Woche lang<br />

sitzt er dann von 18.00 Uhr bis zur Schließung an einem der<br />

rotbetuchten Tische, die Beine übereinandergeschlagen, vor<br />

sich einen Café au lait. Wenn jemand fragt, ob er sich zu ihm<br />

setzen dürfe, deutet er mit einer ausladenden Han<strong>db</strong>ewegung<br />

auf den Stuhl und sagt „Voilà“. Immer um 19.30 Uhr<br />

bestellt er ein Baguette und wenn ihm das Beobachten der<br />

Touristen zu langweilig wird, liest er in einem Buch. Doch<br />

nach jeder Seite, die er umblättert, blickt er hoch, sieht vor<br />

sich, schaut einmal nach links, einmal nach rechts. Wartet<br />

einen kurzen Moment. Doch sie kommt nicht.<br />

Wenn er dann im Dunklen durch die verlassenen Gassen<br />

zum Hotel zurückkehrt, fragt er sich, wann er „Ende“<br />

unter seinen Film schreiben würde. Sonja Dörr<br />

24 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 25


Der Beginn einer grossen Liebe<br />

Veronika und ihre Tochter Marta machen endlich mal<br />

ganz alleine „zu zweit“ Urlaub am Meer. Veronika<br />

hatte schon öfters von einer Halbinsel an der Ostsee<br />

gehört, die das reinste Paradies sein sollte. Irgendwann ist<br />

dieses Paradies aus drei kleinen Inseln entstanden. Deshalb<br />

hat es drei Namen: Fischland – Darß – Zingst. Marta sagte:<br />

„Fischland und Paradies klingt gut, da fahren wir hin.“<br />

Veronika fand ein Doppelzimmer in einer kleinen Pension<br />

in Born, auf dem mittleren Teil der Halbinsel. Sie fuhren<br />

mit der Bahn bis zur Küste und dann noch ein Stück mit<br />

dem Bus. Das kleine Dorf erinnerte Marta sofort an ein altes<br />

Bilderbuch. Kleine Häuser mit reetgedeckten Dächern<br />

und überall Blumen, Büsche und Bäume. Die Haustüre der<br />

Pension war bunt bemalt.<br />

In den ersten Tagen radelten Veronika und Marta über<br />

die Halbinsel, schauten sich alles an, fanden den schönsten<br />

Strand der Welt und wollten nirgends woanders mehr hin.<br />

Das Wetter war herrlich und sie konnten im Sand liegen<br />

und lesen. Der feine, weiße Sand war weich und warm und<br />

vor den beiden plätscherte friedlich die Ostsee. Veronika<br />

fand es einfach paradiesisch.<br />

Nach einigen Urlaubstagen, die beiden kamen gerade<br />

vom Strand zurück zur Pension, saß plötzlich Eberhard<br />

da und wartete auf die Beiden. Marta war augenblicklich<br />

stinksauer. „Was will der denn hier?“ fragte sie ihre Mutter.<br />

Doch diese lief ohne zu antworten zu Eberhard, umarmte<br />

und küsste ihn. Peng! In Marta explodierte etwas.<br />

Sie rannte so schnell sie konnte ins Haus. Den Rucksack<br />

feuerte sie in eine Ecke und dann warf sie sich mit den<br />

sandigen Klamotten auf das Bett. Sie starrte zur Decke und<br />

versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Wieso kreuzte<br />

dieser blöde Eberhard hier auf ? Was hatte das zu bedeuten?<br />

Wieso umarmte und küsste ihre Mutter diesen Typ<br />

und wie lange machen die „solche“ Sachen schon? Sind<br />

Mama und Eberhard ein Liebespaar? Nein, das glaubte sie<br />

einfach nicht. Ok, Mama war schon öfters mit ihm ausgegangen<br />

und hatte auch eigentlich immer nur gut von ihm<br />

gesprochen. Doch das hatte Marta nie verdächtig gefunden,<br />

weil sie ja in der gleichen Firma arbeiten. Außerdem ist er<br />

schon uralt, hat einen Bauch und mehr Haut als Haare auf<br />

dem Kopf. In so einen verliebt man sich doch nicht!<br />

Marta war wütend, traurig und enttäuscht. Dann kam<br />

Veronika ins Zimmer und versuchte, Marta alles zu erklären.<br />

Doch die sagte nur: „Lass mich in Ruhe! Ich rede nie<br />

mehr mit dir!“ „Dann höre mir wenigstens zu“, sagte Veronika<br />

energisch. „Erstens: Ich hatte keine Ahnung, dass<br />

Eberhard heute kommen wollte. Doch ich hätte ihn heute<br />

Abend angerufen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren.<br />

Er wird nämlich heute fünfundvierzig Jahre. Zweitens: Ich<br />

wollte dir nach diesem Telefonat von ihm und mir erzählen.<br />

Drittens: Ja, ich kann deine Empörung verstehen. Viertens:<br />

Ich kann Eberhard auch verstehen. Er wollte sich selbst<br />

ein Geburtstagsgeschenk machen und seinen Geburtstagsabend<br />

mit mir und vielleicht auch mit dir verbringen.<br />

Fünftens: Ich soll dir sagen, dass er uns nicht stören will<br />

und morgen wieder verschwindet. Sechstens: Er würde<br />

sich freuen, wenn du gleich mit uns essen gehst.“ Dann<br />

machte Veronika eine kurze Pause und fügte noch hinzu:<br />

„Ein gewisser Micki würde sich auch freuen! Eberhard hat<br />

nämlich den Hund seines Bruders mitgebracht.<br />

Während Veronikas langer Rede hatte Marta sich ein<br />

wenig beruhigt. Doch die Hundegeschichte machte wieder<br />

alles kaputt. Marta glaubte, dass man sie erpressen wollte,<br />

mit einem ausgeliehenen Hund, um sie zu trösten. „Geburtstage<br />

und Hunde von deinen Arbeitskollegen interessieren<br />

mich nicht“, sagte sie ziemlich sauer. „Lass mich<br />

einfach in Ruhe. Geh zu deinem Eberhard. Von mir aus<br />

auch die ganze Nacht. Ende der Sprechstunde!“ Dann<br />

zog sie sich ihre Bettdecke über den Kopf und stellte sich<br />

tot. Jetzt wusste Veronika genau, dass sie nichts mehr tun<br />

Bild: Wikipedia Commons<br />

Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />

konnte. Wenn Marta diesen Zustand erreicht hatte, war es<br />

aus und vorbei. Veronika blieb noch einen Moment auf der<br />

Bettkante sitzen, bevor sie zu Eberhard ging.<br />

Marta kroch langsam unter ihrer Bettdecke hervor und las<br />

in ihrem angefangenen Buch. Denn sterben wollte sie nicht<br />

und heulen auch nicht, obwohl die Handlung in dem Buch<br />

dann so traurig wurde, dass sie doch noch ein paar Tränen<br />

vergoss. Später schaute sie aus dem Fenster und versuchte<br />

die Sterne zu zählen und noch viel später fegte sie den Sand<br />

aus ihrem Bett und schlief tief und fest ein. Sie hatte auch<br />

nicht bemerkt, dass Veronika zurückgekommen war.<br />

Marta rührte sich nicht, bis ihre Mutter ausgeschlafen<br />

hatte. Sie schaute sie immerzu an und wollte endlich mit<br />

ihr reden. Also richtig reden, nicht so biestig wie am Abend<br />

vorher. Als Veronika ihre Augen aufschlug, sah sie sofort<br />

hellwach aus und schaute Marta ernst an. „Mensch Mama,<br />

wieso hast du mir nichts gesagt?“ „Ach Marta“, sagte sie.<br />

„Eberhard liebt mich schon ganz lange und das ich ihn auch<br />

liebe, ist mir erst vor kurzem klar geworden. Bis dahin war<br />

er immer nur ein guter Kollege und guter Freund. Mehr<br />

nicht.“ „Willst du ihn etwa heiraten?“ fragte Marta schnell.<br />

Veronika schüttelte den Kopf. „Soweit denke ich noch gar<br />

nicht. Die Liebe ist so eine komplizierte Sache. Besonders,<br />

wenn man sie schon einmal verloren hat. Dann fängt man<br />

ganz langsam und vorsichtig neu an.“<br />

Marta fand es super gut, wie ihre Mutter mit ihr sprach.<br />

Ja, sie kam sich richtig erwachsen vor. „Eberhard hat ein<br />

großes Herz“, sagte Veronika, „da ist viel Platz für mich.<br />

Auch für dich, wenn du es willst.“ „Aha, und warum ist<br />

der Hund bei Eberhard?“, fragte Marta neugierig. Veronika<br />

erzählte, dass der Hund von Eberhards Bruder eigentlich<br />

ins Tierheim sollte, weil er in eine <strong>neue</strong> kleinere Wohnung<br />

gezogen war. „So was Gemeines würde ich niemals<br />

tun“, bemerkte Marta sichtlich berührt. Ja und aus diesem<br />

Grund hat Eberhard Micki erst einmal zu sich genommen.<br />

Ob er ihn behalten kann, weiß er noch nicht, weil er ja den<br />

ganzen Tag arbeitet. Doch darüber würde er gerne mit dir<br />

reden. Er hat da nämlich so eine Idee.<br />

Nun wurde Marta neugieriger. „Ist Eberhard denn noch<br />

da?“ „Ja,“, antwortete Veronika. „Wir könnten mit ihm zusammen<br />

frühstücken, wenn du das willst.“ „Na klar, warum<br />

nicht“, antwortete Marta sofort. Jetzt mussten beide<br />

erst mal lachen. Doch eigentlich war es Marta noch gar<br />

nicht zum Lachen zu Mute. Nach dieser ganzen Aufregung<br />

musste sie sich erst wieder erholen. Doch der Hund interessierte<br />

sie sehr, und Eberhards Idee.<br />

Dann haben alle zusammen gefrühstückt, während Micki<br />

unter dem Tisch an Eberhards Füße lehnte. Marta hatte<br />

ihn zur Begrüßung gestreichelt, aber er wollte noch gar<br />

nichts von ihr wissen. Doch Marta schaute ihn sehr genau<br />

an und versuchte vorsichtig sein glattes Fell zu streicheln.<br />

Sie erkannte sofort, dass er nicht mehr der Jüngste und ein<br />

Mischling ist. Ein bisschen Dalmatiner und ein bisschen<br />

Jagdterrier. Als er dann plötzlich seinen Kopf hob und<br />

Marta anschaute, war es um Marta geschehen. Dann legte<br />

er seinen Kopf wieder ab.<br />

„Micki ist oft ganz still“, sagte Eberhard. „Sein Herrchen<br />

hat ihn verlassen. Das muss er erst mal verdauen.“<br />

Marta nickte und dachte: Armer Micki! Am liebsten hätte<br />

sie sich zu ihm gelegt. Einfach so an seine Seite. Ganz<br />

nah. Eberhard erzählte, dass er ihn gerne behalten möchte,<br />

aber nicht wüsste, wie das gehen sollte. „Du hattest<br />

doch eine Idee“, platzte es aus Marta heraus und sie bekam<br />

richtiges Herzklopfen. Sie ahnte nämlich etwas. <br />

Foto: Katharina Felgitsch<br />

26 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 27


Titel: „Geschichten über die Liebe“<br />

„Ja“, sagte Eberhard und zögerte und fragte, ob Marta noch<br />

sauer sei. Die schüttelte ungeduldig den Kopf und meinte<br />

„Alles Gute noch zum Geburtstag.“ Und dann rückte<br />

Eberhard endlich mit seiner Idee raus. Er fragte Marta,<br />

ob sie sich nachmittags nach der Schule ein wenig um<br />

Micki kümmern könnte. Genau auf diese Frage hatte sie<br />

gewartet. „Ja klar!“ sagte sie. „Ich kann ihn immer nach<br />

der Schule abholen und mit zu meiner Oma nehmen. Die<br />

mag nämlich auch gerne Hunde und hat außerdem einen<br />

großen Garten. Abends kannst du ihn wieder abholen oder<br />

ich nehme ihn einfach mit zu uns.“ „Das hört sich ja alles<br />

super gut an“, sagte Eberhard und kraulte Micki unter dem<br />

Tisch. „Hey, deine Zukunft ist gesichert. Jetzt könntest du<br />

wenigstens zum Dank einmal bellen. Du kriegst ein sehr<br />

nettes Frauchen.“ Micki bellte tatsächlich zweimal ganz<br />

kurz, so wie. „Ja, ja!“<br />

Als Eberhard wieder nach Hause fahren wollte, fragte<br />

Marta ihn, ob er Micki nicht schon da lassen könnte. Doch<br />

das wollte Eberhard noch nicht, weil für Micki hier ja noch<br />

alles fremd und neu war. „Ok, dann fahren wir eben mit<br />

euch zurück“, entschied Marta ganz entschlossen. Veronika<br />

fiel fast vom Stuhl. Doch dann sind wirklich alle mit<br />

Micki und Eberhard zurück gefahren, weil Marta es so<br />

gerne wollte.<br />

Marta und ihre Mutter hatten schöne Tage auf der Paradieshalbinsel<br />

verbracht, aber den Rest der Ferien wollte<br />

Marta unbedingt mit Micki verbringen. Während der Autofahrt<br />

saß Micki neben Marta und fing irgendwann an,<br />

Marta zu beschnuppern. Das fand sie total schön! Irgendwann<br />

leckte er an ihrer Hand und sie meinte, er lächelte<br />

sie an. Ja wirklich! Irgendwann hat er sich eingerollt und<br />

ist neben Marta eingeschlafen. Marta saß selig neben ihm<br />

und hielt ihn in Gedanken schon in ihren Armen. Inzwischen<br />

sind alle schon über eine Woche wieder zu Hause.<br />

Micki gewöhnt sich langsam an Marta, die gewöhnt sich<br />

wiederum langsam an die Tatsache, dass Eberhard und ihre<br />

Mutter ein Liebespaar sind.<br />

Eberhard hat zwar einen Bauch und bald schon eine<br />

Glatze, doch er hat dafür gesorgt, dass Micki nicht ins<br />

Tierheim gekommen ist. Das rechnet ihm Marta hoch an!<br />

Insgeheim hofft sie, dass sie alle zusammen in den nächsten<br />

Ferien noch einmal nach Born fahren. Das möchte sie<br />

auf jeden Fall! Und Micki möchte das auch. Marta hat<br />

ihn nämlich gefragt, was er davon hält. Die Antwort war:<br />

Er hat sie wirklich angelächelt und wie verrückt mit dem<br />

Schwanz gewedelt!<br />

Ulla D’Amico<br />

28 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 29


Foto: Polizeipräsidium Oberbayern<br />

<br />

<br />

Gesellschaft<br />

Rate mal, wer hier ist!<br />

Wachsende Gefahr am Telefon<br />

Wir lesen es in der Zeitung, hören es im Radio,<br />

sehen es im Fernsehen: Da hat wieder mal ein<br />

älterer Mensch sein über lange Jahre Erspartes<br />

gewissenlosen Betrügern anvertraut. Jetzt ist alles weg,<br />

die Betrüger auch und niemand kann es mehr ändern. Die<br />

eigene finanzielle Absicherung, das Erbe für die Lieben –<br />

futsch! Wie konnte das passieren?<br />

Fangen wir mal bei uns an<br />

Wir haben unser Leben bisher ganz gut gemeistert.<br />

Leicht konnte uns niemand über den Tisch ziehen. Und<br />

jetzt? Richtig belastungsfähig sind wir nicht mehr. Unter<br />

Stress verlieren wir schon mal den Überblick. Aber das<br />

geben wir nicht zu. Eine Brille brauchen wir schon lange.<br />

Vielen Jüngeren geht es aber auch nicht besser. Richtig gut<br />

hören können wir auch nicht mehr. Trotz Hörgerät müssen<br />

wir uns gelegentlich zusammenreimen, worum es geht.<br />

Darüber macht sich unsere Sippe manchmal lustig oder<br />

wird ungeduldig. Sie meinen das nicht böse. Sie wissen es<br />

nicht besser. Und schließlich sind sie alles, was wir noch<br />

haben. Ihnen soll es gut gehen.<br />

Etwas mehr Kontakt zu ihnen wäre schön. Aber sie sind<br />

mit ihrem eigenen Alltag beschäftigt. Wir wollen nicht zur<br />

Last fallen. Da arrangieren wir uns eben mit dem bisschen<br />

Einsamkeit und den Einschränkungen und freuen uns über<br />

jeden Kontakt.<br />

Und die Betrüger?<br />

Die wissen das alles über uns alte Leute. Sie wissen über<br />

unsere Einsamkeit, über unseren guten Willen unsere Unsicherheit<br />

im Alltag. Das nutzen sie aus. Sie haben gelernt unsere<br />

Gutmütigkeit, unsere Unsicherheit, unsere körperlichen<br />

Einschränkungen unsere Sehnsüchte anzusprechen, um an<br />

unser Geld zu kommen. Sie sind keine Einzeltäter sondern<br />

kriminelle Banden. Je wehrloser wir sind, desto entschlossener<br />

schlagen sie zu. Sie suchen Menschen unseres Alters<br />

und erkennen uns an unseren Vornamen im Telefonbuch.<br />

Eine Cindy oder einen Roger rufen sie gar nicht erst an.<br />

Sie haben gelernt, wie man das macht. Wenn uns einer<br />

anruft, stehen andere schon bereit um gemeinsam zuzuschlagen.<br />

So schnell, dass uns vielleicht Bedenken kommen,<br />

wir aber keine Zeit haben zum Nachdenken, zum Beraten.<br />

Sie nehmen uns das Heft des Handelns im Rutsch aus der<br />

Hand, führen uns wie willenlose Marionetten.<br />

Die Masche<br />

1. Das Telefon klingelt. Wie schön, jemand interessiert<br />

sich für uns. Wir heben ab und melden uns. Dann kommt:<br />

Rate mal, wer hier ist. Wenn wir uns auf so eine Dreistigkeit<br />

einlassen, haben wir schon halb verloren.<br />

Die Gefahr besteht, dass wir bereits mit der ersten Antwort<br />

Informationen über uns geben, die die Betrüger am<br />

anderen Ende der Leitung brauchen, um uns so einlullen<br />

zu können, dass wir ihnen glauben: Wir nennen Namen aus<br />

Familie und Freundeskreis.<br />

Am besten beenden wir jetzt das Gespräch.<br />

Kein Freund, kein Enkelkind käme auf die bescheuerte<br />

Idee, uns raten zu lassen. Die wissen, dass wir schwerhörig<br />

sind und nehmen Rücksicht. Spätestens wenn wir antworten:<br />

„Lass den Unfug, sag mir, wer Du bist.“, gäben sie sich<br />

eindeutig zu erkennen. Wer das nicht tut, will an unser Geld!<br />

Haben wir uns doch auf diese Dummheit eingelassen,<br />

kommt belanglose Plauderei: Wie geht es Dir? – Was<br />

machst Du gerade?<br />

Am besten beenden wir jetzt das Gespräch.<br />

Wenn wir doch erzählen, geben wir weitere wichtige<br />

Informationen über uns. Die schreibt jemand am anderen<br />

Ende der Leitung auf und entwirft eine Strategie, an unser<br />

Geld zu kommen. Hören wir schwer? Sehen wir schlecht?<br />

Sind wir einsam? Fühlen wir uns nicht ganz gesund? – Wie<br />

schön für die Betrüger. Dann sind wir ja leichte Beute, weil<br />

wir gut unter Druck zu setzen sind. Kümmert sich jemand<br />

um uns? Bringt uns Essen? Kauft ein? Gut zu wissen für<br />

Betrüger. Dann müssen sie vermeiden, dass solche Hilfen<br />

etwas merken können. Sind wir nicht mehr gut zu Fuß?<br />

Aha, dann können die Betrüger schon mal erkunden, wo<br />

ein Taxidienst angesiedelt ist, den sie uns bestellen können,<br />

damit er uns zur Bank fährt.<br />

Wenn sie genug über uns erfahren haben, ändern die Betrüger,<br />

die uns Oma oder Opa nennen oder mit dem Vornamen<br />

ansprechen, die Taktik. Sie lassen die Katze aus dem Sack:<br />

Du, ich habe ein Problem ... Ich habe einen Unfall gebaut.<br />

Wenn ich nicht sofort zahle, muss ich ins Gefängnis. Oder:<br />

Ich kann gerade ein tolles Haus kaufen, muss aber sofort was<br />

anzahlen, sonst ist es weg. Ich gebe es Dir morgen wieder.“<br />

Am besten beenden wir jetzt das Gespräch.<br />

Wer einen Unfall bezahlt oder nicht, entscheidet ein Gericht.<br />

Das dauert. Wer ein Haus kaufen will, bezahlt nach<br />

Notarvertrag per Überweisung. Jetzt sind die Kriminellen<br />

am anderen Ende der Leitung schon ziemlich sicher, dass<br />

sie uns an der Angel haben. Und sie halten uns für dumm.<br />

Denn sie fragen: Wieviel hast Du denn?<br />

Am besten beenden wir jetzt das Gespräch.<br />

Sie wollen nämlich alles haben. Dafür müssen sie wissen,<br />

wieviel zu holen ist. Wenn wir so mitleidig, aufgewühlt,<br />

kopflos sind Auskunft zu geben, ist es schon <br />

30 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 31


Gesellschaft<br />

Gesellschaft<br />

fast zu spät. Sie geben sich auch mit weniger zufrieden als<br />

sie angeblich brauchen. Hauptsache, sie kriegen das Geld.<br />

Dabei darf es nur keine Zeugen geben. Deshalb kommt<br />

jetzt die Verhinderungsgründe: Die Polizei lässt mich hier<br />

gerade nicht weg / Ich kann nicht selbst kommen / Ich schicke<br />

jemanden, der das Geld abholt und mich hier auslöst.<br />

Spätestens<br />

jetzt müssen wir das Gespräch beenden!<br />

Wenn unser angebliches Enkelkind, unsere angebliche<br />

Freundin selbst käme, sähen wir ja, dass wir betrogen werden<br />

sollen. Für so doof halten uns die Kriminellen dann doch nicht.<br />

Es wird so werden, dass wir unser sauer Erspartes selbst<br />

auf der Bank abheben, einem wildfremden Menschen übergeben,<br />

von dem wir noch nicht einmal den Personalausweis<br />

gesehen haben. Dieser Mensch wird uns freundlich ansprechen,<br />

für unsere Hilfsbereitschaft loben, und von Enkelkind,<br />

Freundin grüßen, alles tun um uns zu beruhigen und dann<br />

unauffällig schnell verschwinden. Dafür bestellen sie uns<br />

sogar ein Taxi, wenn wir das alleine nicht mehr schaffen.<br />

Sie haben alles eingeleitet. Wir müssen nur noch funktionieren.<br />

Wir müssen nur noch selbst zur Schlachtbank gehen.<br />

Wir müssen nur noch selbst für unseren guten Willen bezahlen.<br />

Und weil das so ist, beenden jetzt die Kriminellen ganz<br />

schnell das Telefonat. Uns schwirrt der Kopf. Wir stehen<br />

unter Zeitdruck. Das hat so keinen Zweck. Wir machen<br />

Folgendes: Wir setzen uns und rufen selbst die Polizei<br />

an: 110! Denen erzählen wir, dass wir Geld an fremde<br />

Menschen geben sollen, weil unser Enkelkind einen Unfall<br />

hatte oder ein Freund ein Haus kaufen will oder …<br />

Dann hören wir der Polizei zu! Wir wissen, dass es<br />

die Polizei ist. Schließlich haben wir sie selbst angerufen.<br />

Die Polizei ruft nie, nie, nie unter der Nummer 110<br />

selbst an. Falls jemand mit so einer Nummer im Display<br />

des Telefons anruft, sind es Betrüger!<br />

Wenn das erledigt ist, können wir vertraute Menschen<br />

anrufen. Vielleicht brauchen wir ein paar Versuche. Irgendwer<br />

wird da sein, uns beruhigen, zu uns kommen. Die<br />

Haustüre, die Wohnungstüre öffnen wir erst, wenn wir sicher<br />

sind, dass dort kein fremder Mensch steht. Dafür hat<br />

in so einem Fall die Polizei Verständnis. Die will nicht unser<br />

Geld sondern Sicherheit für uns.<br />

Und falls die Betrüger nochmals anrufen, was tun wir<br />

dann? Dann erinnern wir uns daran, was wir in der Schule<br />

vom ollen Goethe gelernt haben. Was sagte Götz von Berlichingen?<br />

„Sage er seinem Herrn, er könne mich…“ Das<br />

ist nicht unhöflich. Bei der Kundschaft am Telefon ist das<br />

nicht nur erlaubt sondern angebracht.<br />

Damit Sie im Ernstfall nicht kopflos werden, können Sie<br />

sich den Leitfaden für Betrugsversuche an Ihren Telefonierplatz<br />

hängen. Wenn Sie das Übel erwischt, können sie sich<br />

daran festhalten und die Überredungsversuche der Betrüger<br />

einordnen. Sie können sich auch versichern, dass Sie sich<br />

richtig verhalten, wenn Sie sich weigern mitzuspielen.<br />

Tilla-Ute Schöllchen<br />

Wieder einmal sitze ich an einem<br />

Sonntagnachmittag allein in meinem<br />

Wohnzimmer. Das Wetter<br />

lässt es nicht zu, dass ich spazieren gehe,<br />

es gießt in Strömen. Mein Telefon schweigt<br />

beharrlich, ist es am Ende tot? Ich teste.<br />

Das lange Tuuuuuut macht meinen Frust<br />

noch größer. Warum rufen meine Kinder<br />

nicht an? Geht es ihnen gut? Ich weiß, dass<br />

sie sehr beschäftigt sind und sonntags ihre<br />

Ruhe brauchen, trotzdem…! Früher wurde<br />

ich gebraucht. Heute komme ich mir vor<br />

wie ein alter Topf mit Sprung, der in der<br />

hintersten Ecke des Schrankes steht.<br />

Als mein Mann Fred vor drei Jahren verstarb,<br />

ist meine Welt stehen geblieben. Fred<br />

war mein Lebensmittelpunkt, Es gab nichts,<br />

was wir nicht zusammen gemacht hätten.<br />

Wir hatten gemeinsame Freunde und die gleichen<br />

Hobbys. Damals habe ich mich mitunter<br />

nach ein wenig Zeit nur für mich gesehnt,<br />

hätte gerne noch mal was Neues ausprobiert.<br />

Doch durch Freds Schlaganfall änderte sich<br />

unser Leben von einem Tag auf den anderen.<br />

Die zweijährige Pflege erforderte meine<br />

ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Dennoch<br />

möchte ich keinen Tag davon je missen. Ich habe mich lange<br />

in meine Trauer versenkt. Lebte wie in einer Blase, hab mich<br />

versteckt und wurde mehr und mehr depressiv.<br />

Als meine Freundin Betty schwer an Corona erkrankte<br />

und ich sie nicht im Krankenhaus besuchen durfte, wurde<br />

mir meine selbstgewählte Isolation bewusst. Ich erkannte,<br />

dass ich etwas ändern musste, was sich jedoch durch den<br />

Lockdown schwierig gestaltete. Nun konnten mich auch<br />

meine Kinder nicht besuchen und ich fühlte mich wie in<br />

Einzelhaft. Der Familien- und Freundeskreis dünnte sich immer<br />

mehr aus. Schwager und Schwägerin verstarben, ebenso<br />

meine langjährige Tennispartnerin Iris. Auch mit meiner<br />

Gesundheit ging es bergab. Herzrasen, Schlaflosigkeit und<br />

Magenprobleme ließen mich Dauergast in meiner Hausarztpraxis<br />

sein. Ich verlor das Interesse am Leben teilzunehmen.<br />

Eines Abends fiel mir beim Aufräumen ein Zettel mit<br />

der Telefonnummer meiner Studienkollegin Helga in die<br />

Hände, die ich über drei Jahre nicht gesehen hatte. Ich<br />

nahm all meinen Mut zusammen und wählte die Nummer.<br />

Als ich ihre freundliche Stimme hörte, und die Freude, als<br />

ich meinen Namen nannte, fiel mir ein Stein vom Herzen.<br />

Wie selbstverständlich plauderten wir über alte Zeiten, als<br />

ob die Zeit stehen geblieben wäre. Auch sie war verwitwet,<br />

hatte aber schon immer ein sehr eigenständiges Leben<br />

geführt. Sie gab Deutschkurse für Flüchtlinge, engagierte<br />

Einsam<br />

Sich gesellschaftlich einbringen wird immer wichtiger.<br />

sich in der Politik und besuchte einen Schreibkurs. Ich sog<br />

alle ihre lebendigen Erzählungen auf, wie ein trockener<br />

Schwamm. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr mir meine<br />

soziale Isolation geschadet hatte, wie ängstlich, nervös<br />

und verspannt ich war.<br />

In den nächsten Wochen telefonierten wir regelmäßig.<br />

Als die Coronamaßnahmen gelockert wurden trafen wir uns<br />

zu Spaziergängen und im Café. Wir gingen ins Kino und<br />

besuchten Museen. Irgendwann lud sie mich zu einer politischen<br />

Gruppe ein, der ich mich dann anschloss. Da war<br />

etwas, dass mir wichtig erschien, mich umlenkte zu einer<br />

gesellschaftlichen Aufgabe, an der es zu arbeiten galt. Wir<br />

diskutierten und demonstrierten für unsere Demokratie.<br />

Endlich bekam mein Leben wieder Sinn, drehte sich<br />

nicht nur um mich und mein Leid. Es gab so viel, wofür<br />

es sich lohnte zu leben und zu kämpfen. Ich ließ mir das<br />

Programm der Volkshochschule kommen, schrieb mich in<br />

einen Französischkurs ein und ergatterte tatsächlich einen<br />

der begehrten Plätze einer Schreibwerkstatt. In diesem<br />

Sommer blühte ich regelrecht auf, was auch meine Kinder<br />

sehr erfreut registrierten.<br />

Und manchmal möchte ich auch allein sein, nur mit mir,<br />

um in aller Demut für mein Glück zu danken. Ja, das Leben<br />

hält so viel bereit, man muss es sich nur nehmen.<br />

Heidrun Päulgen<br />

32 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 33


Gesellschaft<br />

Gesellschaft<br />

Kommentar<br />

Das Repair Café<br />

Die Alternative zum Wegwerfen<br />

Repaircafe im Dietrich-Bonhoeffer-Haus Kreuztal, Leipziger Straße 6<br />

Viele unserer älteren Leserinnen und Leser werden sich<br />

daran erinnern, wie es in ihrer Kindheit und Jugend zuging,<br />

wenn ein Haushaltsgegenstand schadhaft wurde.<br />

Der Papa oder der Opa nahm sich der Sache an, besorgte notfalls<br />

ein Ersatzteil und behob den Schaden. Und wenn sich<br />

die Sachlage als zu kompliziert erwies, dann gab es im Ort<br />

jemanden, der die notwendige Fachkenntnis besaß und Unterstützung<br />

leistete – ohne dass von einem Entgelt die Rede war.<br />

Als das Wirtschaftswunder so richtig Fahrt aufgenommen<br />

hatte, änderte sich bei Vielen die Einstellung. Man musste<br />

Freunden und Bekannten schließlich zeigen, dass es einem gut<br />

ging. Die bewährten Teile entsprachen nicht mehr dem „Zeitgeist“<br />

und wurden gegen Neues ausgetauscht. Und manches,<br />

das heute als Antiquität seine Liebhaber finden würde, landete<br />

auf der Müllhalde. Die „Wegwerfmentalität“ feierte ihre ersten<br />

anrüchigen Triumphe.<br />

Angesichts der Tatsache, dass im Laufe der Jahrzehnte die<br />

Müllberge ständig höher und die negativen Auswirkungen auf<br />

die globale Umwelt immer mehr sichtbar wurden, gab es viele<br />

Initiativen, diesem „Zeitgeist“ entgegen zu wirken.<br />

Die wohl erfolgreichste stammt von der Niederländischen<br />

Journalistin Martine Postma. Sie schuf nicht nur den Begriff<br />

„Repair Café“, sondern organisierte am 18. Oktober 2009 auch<br />

die allererste Einrichtung dieser Art in Amsterdam. Es war auf<br />

Anhieb ein Erfolg. Das englische Wort „repair“ bedeutet ausbessern<br />

bzw. reparieren. Damit ist klar, um was es geht.<br />

In vielen Ländern auf der ganzen Welt fanden sich<br />

Gleichgesinnte und die Gesamtzahl der Repair Cafés<br />

liegt derzeit bei knapp zweieinhalb Tausend.<br />

Dass diese „Alternative zur Mülltonne“ etwas für<br />

sich hat, liegt auf der Hand. Defekte Alltagsgegenstände<br />

werden zu <strong>neue</strong>m Leben erweckt – und das<br />

geschieht ehrenamtlich und damit kostenlos. Lediglich<br />

die Ersatzteile müssen bezahlt werden. Und überhaupt<br />

sollte man unabhängig vom Gel<strong>db</strong>eutel grundsätzlich<br />

das, was zu reparieren ist, auch wiederherstellen.<br />

Das Projekt stieß auch im Kreis Siegen-Wittgenstein<br />

auf fruchtbaren Boden. Unter anderem gibt es<br />

Reparatur-Treffs in Hilchenbach, Siegen, Geisweid,<br />

Wilnsdorf, Erndtebrück und in Kreuztal. Die letztgenannte<br />

Einrichtung wollen wir nachstehend beleuchten und haben<br />

uns dazu mit Ulla Schreiber in Verbindung gesetzt. Die Eichenerin<br />

ist vielseitig engagiert und im nördlichen Siegerland<br />

auch bekannt als „Seniorensicherheitsberaterin“. In dieser Eigenschaft<br />

berät sie ältere Menschen über Telefonbetrügereien<br />

und dergleichen.<br />

Über den Werdegang der Kreuztaler Werkstätte teilt sie<br />

mit: „Das Repair Café Kreuztal, dem ich angehöre, wurde<br />

2016 in Fellinghausen im Haus Bickemer vom Förderverein<br />

‚Unter uns‘ eröffnet; wir waren das 300. von inzwischen rund<br />

860 in Deutschland! Nach Vereinsaufgabe 2018 zogen wir in<br />

die Kreuzkirche Kreuztal um. Wegen der dort geplanten Umbauarbeiten<br />

wechselten wir im Mai <strong>2022</strong> ins Dietrich-Bonhoeffer-Haus<br />

in der Leipziger Straße 6. In den Anfängen gab<br />

es Kaffee und Kuchen, der zu bezahlen war. Leider ist dieser<br />

Service derzeit wegen fehlender Kapazitäten nicht möglich.“<br />

Ulla Schreiber ist für die Organisation zuständig und schildert<br />

nachstehend den Alltag der Gruppe: „Meine vier ‚Reparateure‘<br />

und ich treffen uns bereits um 13.30 Uhr und bereiten<br />

uns auf den Besucheransturm vor. Es sind alles erfahrene Hobby-Bastler<br />

und geduldige Tüftler. Da ich für die Organisation<br />

zuständig bin, sitze ich in der Anmeldung und weise die anstehenden<br />

Reparaturen der jeweiligen Fachkraft zu.<br />

Es ist 13.45 Uhr und die erste Besucherin erscheint mit einer<br />

Nähmaschine. Nach Erledigung der<br />

Anmeldeformalitäten schicke ich sie<br />

zum ersten freien Mitarbeiter.<br />

Die Nächste, bitte. Eine sehr adrette<br />

und etwas eilige Dame stellt eine<br />

Küchenmaschine vor mich. ‚Kann ich<br />

sie um 15.30 Uhr wieder abholen? Ich<br />

will noch einkaufen!‘ Freundlich, aber<br />

bestimmt antworte ich: ‚Das geht leider<br />

nicht; wir sind kein Reparaturbetrieb.<br />

Sie müssen bei der Reparatur dabei sein,<br />

wir leisten ja Hilfe zur Selbsthilfe! Das können wir nur, wenn<br />

sie zuschauen und selbst Hand anlegen. Die Zauberformel heißt:<br />

Learning by Doing; auf Deutsch: Lernen durch Handeln. Beim<br />

nächsten Mangel können sie die Reparatur dann vielleicht schon<br />

selbst erledigen.‘ Ärgerliches Unverständnis bei meinem adretten<br />

Gegenüber. Sie will dann beim nächsten Mal wiederkommen,<br />

sagt sie, heute hat sie keine Zeit mehr.<br />

Ein älterer Herr bringt ein Bügeleisen und eine kleine Lampe.<br />

‚Das geht leider nicht, pro Person bitte nur ein Teil, sonst müssen<br />

die Anderen zu lange warten oder kommen gar nicht an die Reihe‘,<br />

sage ich. Er versteht es, Gott sei Dank. Manchmal muss ich<br />

nämlich länger mit den Besuchern diskutieren.<br />

Und nun geht es rund. Schlag auf Schlag folgen ein Mixer, ein<br />

Wasserkocher, ein Rasenkantenschneider, ein Bügeleisen, eine<br />

Kaffeemaschine und noch zwei Nähmaschinen. Die haben inzwischen<br />

den Staubsaugern den Rang abgelaufen. Als wir 2016<br />

mit dem Reparieren anfingen, waren sie der Hit. Oft war nur der<br />

Staubsaugerbeutel voll oder das Saugrohr mit Fusseln verstopft.<br />

Die Produktpalette der defekten Teile ist sehr vielfältig. Manchmal<br />

gewinne ich den Eindruck, dass einige kaputte Teile aus dem<br />

Dornröschenschlaf geweckt wurden. Ob sie tatsächlich nach geglückter<br />

Reparatur wieder benutzt werden?!<br />

Wir hatten sogar schon einen echten ‚Notfall‘. Zwei Frauen in<br />

Reitermontur kamen mit einer Scheermaschine offensichtlich direkt<br />

von der Weide. Die Maschine war durch zu viel Fell verstopft<br />

und heiß gelaufen. Ein Mitarbeiter kümmerte sich sofort darum.<br />

Nach erfolgreicher Instandsetzung konnten die Damen wieder zu<br />

dem wartenden Pferd zurückkehren. Es hat sich sicher gefreut,<br />

dass die Schur weitergehen konnte.<br />

Die erste Nähmaschine kommt zu mir an die Anmeldung zurück.<br />

Auf dem Anmeldebogen vermerke ich, ob die Reparatur erfolgreich<br />

war. Diesmal: Daumen hoch; es hat geklappt und die<br />

Besitzerin geht glücklich nach Hause.<br />

Mittlerweile rückt der Zeiger auf 15.40 Uhr. Annahmeschluss<br />

ist vorbei und meine Männer sind auf der Zielgeraden. Da geht<br />

die Tür auf und ein Senior im Rollstuhl kommt noch; er bringt einen<br />

defekten Maulwurfschreck. Das ist ein elektrisches Gerät, das<br />

Vibrationen, Geräusche oder Schallwellen sendet, um Maulwürfe<br />

aus dem Garten zu vertreiben.<br />

Ich bringe es nicht übers Herz, den Mann wegzuschicken. Die<br />

Reparateure kümmern sich mit vereinten Kräften um das Teil, leider<br />

vergeblich. Es ist nicht zu retten und muss in den Müll. Man<br />

kann nicht immer alles reparieren. Die Maulwürfe haben nochmal<br />

Glück gehabt.<br />

Es ist 16.30 Uhr; wir haben aufgeräumt und unsere Sachen<br />

zusammengepackt. Wir freuen uns schon auf das nächste Repair<br />

Café, das an jedem 1. Montag im Monat im Dietrich-Bonhoeffer-<br />

Haus von 14 bis 16 Uhr stattfindet.<br />

Zum Schluss noch dies: Neue Mitarbeiter mit handwerklicher<br />

Begabung sind bei unserer lustigen Truppe jederzeit hochwillkommen;<br />

ein Spezialgebiet ist hierbei keine Bedingung. Zur<br />

Kenntnis geben muss ich noch, dass elektronische Geräte wie<br />

Smartphones, Computer und dergleichen bei uns nicht repariert<br />

werden können.“<br />

Ulli Weber<br />

Ist man so alt<br />

wie man sich fühlt?<br />

Ich denke, jeder<br />

kennt diesen<br />

Spruch:<br />

„Man ist so alt,<br />

wie man sich<br />

fühlt“. Kann gut<br />

sein, aber dann<br />

variiert mein Alter<br />

täglich, manchmal<br />

stündlich<br />

und ich schwanke<br />

zwischen 18 und<br />

80. Nach meiner<br />

Geburtsurkunde<br />

bin ich 70. Das<br />

Umfrageinstitut<br />

INSA* sagt, dass<br />

erst Menschen über 70 als alt angesehen werden. – Da<br />

habe ich nochmal Glück gehabt.<br />

Das Deutsche Institut für Altersvorsorge hat in einer<br />

Studie 2018 festgestellt, dass sich die Wahrnehmung<br />

des Alterns mit zunehmendem Alter nach hinten<br />

verschiebt. Bedeutet, dass z.B. Menschen unter 40 die<br />

60jährigen als alt empfinden. Für die Ü-40 dagegen ist<br />

man erst über 70 alt usw. So weit, so gut. Viele von<br />

uns sind noch ziemlich fit und tun sehr viel dafür, damit<br />

es so bleibt. Wir treiben Sport, ernähren uns (fast)<br />

gesund, wir sehen gut aus, sind flott frisiert und chic<br />

gekleidet. Man sieht uns unser tatsächliches Alter nicht<br />

unbedingt an. Darauf sind wir stolz, mit Recht. Doch<br />

mal Hand aufs Herz: Sind wir nicht etwas, sagen wir<br />

mal, seltsam berührt, wenn wir aus irgendeinem Grund<br />

als ältere Dame oder älterer Herr bezeichnet werden?<br />

Was im Prinzip ja auch zutrifft.<br />

Ich arbeite in einer Apotheke und wenn Kunden<br />

nach mir fragen und meinen Namen nicht kennen,<br />

werde ich manchmal als ältere Dame mit den rötlichen<br />

Haaren bezeichnet. Hm? Stimmt doch, denke<br />

ich, oder? Egal, die meisten schätzen mich zehn Jahre<br />

jünger, das tut meiner Seniorenseele sehr gut! Älter<br />

werden ist nichts Schlimmes oder Schlechtes, es kann<br />

sogar von Vorteil sein, es heißt, dass man netter, verträglicher,<br />

gewissenhafter und weniger launisch wird.<br />

Ausnahmen bestätigen die Regel, könnte sein, ich<br />

bin eine! 70 Jahre und kein bisschen leise (Abwandlung<br />

des Liedtextes von Evelyn Künneke, in dem es „weise“<br />

heißt)! Alles in Allem komme nun auch ich bei näherem<br />

Überlegen und In-Mich-Gehen zu dem Schluss: Man<br />

ist so alt, wie man sich fühlt! In diesem Sinne: Bleiben<br />

Sie gesund und gelassen! <br />

•<br />

*INSA ist das Institut für <strong>neue</strong>, soziale Antworten, Erfurt<br />

Heute von Ulla Schreiber<br />

34 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 35


Mundart<br />

Geschichtcher aus dr Schnorrboartsecke<br />

von Sigrid Kobsch, Burbach<br />

Dr Jesangsverein öwt ...<br />

von Bruno Steuber, Littfeld<br />

Mundart<br />

Korz un knapp<br />

Ech sei ie dr Schnorrboartsecke offgewoese. Us gäriwwer,<br />

off dr annern Schdrooßeseide woahnden<br />

dr Robert-Padde un de Bertha-Gothe. Fierm Haus<br />

hadden se datt Breehloch bet nem Eisedäggel abgedäckt<br />

un dodroff en dicke Schdai gelääd.<br />

Wenn mir Kenner us off däen Schdai schdallden un hie<br />

un här waggelden, knallde datt schie laud off däem Eisedäggel,<br />

un da wull dr Robert-Padde verreckd wäern. „Verdammde<br />

Sadaner woardet, wenn ech au kreje“ bröllde hä<br />

un lief bet dr Gaißel henner us här un jaigde us dorch de<br />

Oaln*. Hä woar zwoar net sue flott wie mir, awwer de Gaißel<br />

hadde en lang Schnur un manchmol troof hä us em de<br />

naggije Baa. Autsch, datt petzde!<br />

Eimol doachde ech: „Mr därf nur sei eijene Kenner<br />

schwoarde un net die voa annern Lei. Ech sanet hait<br />

Owend dm Babba, da es dr Robert-Padde Zwaider!“<br />

Ech kunn net erwoarde bis mei Vadder voa dr Arwet koom.<br />

„Babba, dr Robert-Padde hat us bet dr Gaißel geschlaa!“ – Un<br />

watt saade mei Vadder: „Da hoarerd och verdient“! •<br />

*Oaln = enger Durchgang zwischen zwei Häusern<br />

Kabiddel beendet<br />

Ech hadde emmer geglaabt, dr Robert-Padde kinn mich<br />

net leire, weil ech äehn manchmol aijerde.<br />

Awwer eimol harre mich verwunnerd. Et woar im Wender,<br />

un se hadden geschlachdet. Du rief hä mich: „Kend,<br />

kommol här! Wellde e Nierche?“ Un hä schenkde mir e<br />

gekocht Nierche, datt woar noch woarm – direkt aus dm<br />

Worschtkessel.<br />

Ech hadde noch nie fier mich alla e Nierche gehatt, un sue<br />

bess ech emmer nur ganz klaane Schdeggelcher ab, datt ech<br />

reecht lang dovoa hadde. Un et schmuug ganz wunderbar!<br />

Poar Wuche schhbärer schlachdeden mir. „Omma, kaan<br />

ech e gekocht Nierche hoa?“ frochde ech.<br />

„Wu käme mir da hie, wenn he jeder e Nierche will –<br />

sue e Saideer hat nur zwai!“ „Awer dr Robert-Padde hat<br />

mir och ai geschenkt!“ – „Da hoa däem sei Sai miener<br />

Niercher wie de uss!“<br />

Dobet woar datt Kabiddel beendet – un ech hoa en zeitlang<br />

geglaabt, dm Robert-Padde sei Miggeser hädden dr<br />

Buch voll Niercher!<br />

•<br />

2 Fotos: Mudersbach<br />

Ern Halbkreis setzt de Sängerschar, on scharrt bet Stöhl' on Fösse,<br />

dr Dirijend guggt streng, stömmt a " No weIl dr Lenz os größe ... "<br />

Dn Kammerton, jemeint es A, dän hät hä alt vernomme,<br />

noch schwingt de Gawel äm am Ohr, D-Dur mößde etz komme.<br />

Noch stömme Ton on Esatz net, de Bässe si am brommeln,<br />

Tenöre, murrt dr Chefvam Chor, son röich si, on sech domrnein.<br />

Bim Horst vibriert sin degger Buch, dm Franz sin Schnörres waggelt,<br />

dr Henner stömmt sin Solo a, doa würd net lang jefackelt.<br />

Dr Dirijend sin Stöckche hierwt, on fochdelt bet de Arme,<br />

die Kerle si net stömmich hö, mer könn' sech grad erbarme.<br />

Derbest, hä klobbt etz erseht moal af, hä es jo ken Banause,<br />

die trüjje Loft giert a de Stömm, se mache erschd moal Pause.<br />

On trenke ser en Fläsche Bier, doanoa si se entspaImt,<br />

vierstömmich klingt et, wie jeschmeert, woröm, dat es bekannt.<br />

Sauber hört sech dat Solo a, fein pianissimo,<br />

dr Esatz hät och got jeklappt, die Sängerschar es froh.<br />

Se singe, dat ei'm 't Herz obgiert, mer es de Tröa baI noa,<br />

det Mul witt ob, dr Goldzah bletzt, so südd mer se doa stoah.<br />

Etz schloa se ob dat Silcherleed vam" alten Elternhaus",<br />

"Es löscht", dat es dr Höhepunkt, " das Meer die Sonne aus".<br />

Zom Schluß ertönt dat ale Leed vam schüerne Weesegrond,<br />

Dr Dirijent senkt stell dn Stab, on dusse lörrt en Hond ....<br />

Wat es Duggeln?<br />

Et giert em Lejje on em Setze,<br />

mr kömmt zor Rouh', hört ob ze hätze,<br />

eh däm Zostand häd mr god lache,<br />

joa, duggeln es'n schüerne Sache.<br />

Mr könn jo obstoah, wenn mr wöll,<br />

doch moß mr net, wenn mr net well.<br />

Dat Duggeln sän ech es jewess<br />

dat wat bim Audo Leerlouf es.<br />

Jedanke löasst mr goa on komme,<br />

fast schlöaft mr eh, jenaujenomme,<br />

mr löasst sech falln on es entspannt,<br />

Halfschloaf wüerd sowat och jenannt.<br />

Dr deepsde Zostand es erreicht,<br />

wenn ei'm e Scharcherche entfleucht.<br />

Dr Läwensakku wüerd jelare,<br />

bes etz doa dat noch nemet schare.<br />

On doazo brucht mr, kast drob wedde,<br />

noch nerremoal en Schloaftabledde.<br />

36 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 37


Mundart von Ulrich Schöllchen, Burbach<br />

Historisches<br />

Dä stimmhafte retroflexe Approximant<br />

Ech glaabe jo net, dat jeder waiß, wat dää „stimmhafte<br />

retroflexe Approximant“ öss. Abber ihr brucht au<br />

derwege net ze schaame, weil et noch net sue lang<br />

här öss, dat ech et waiß. Abber ech klärn au etz amå off.<br />

Ierscht amå zwue Begechnunge, zer Illustration, die<br />

mier Hicke verzallt hå.<br />

Ierschte Begechnung: A pår vå dæne wårn emå ie Südtirol<br />

un wulle då n Führung maache. Wie se åm Treffpunkt<br />

wårn, riefe se nåm Turistebüro, se wärn etz då un dr Führer<br />

künn kumme. Un wat kåm? Se kåme zm Zwaite. Dr<br />

Ierschte, dat wår dr Fremdenführer, un dr Zwaite, dat wår<br />

– e Dolmetscher!<br />

Zwaite Begechnung: Wörrer a pår voa dæne wårn amå<br />

ie Süddeutschland, ie München glaabe ech. Se stunne då<br />

off m Bahnhof or off m Flughafen or sue. Du kåm iemes<br />

nå æhn un wull wat wösse. Nå ja, die Hicke saaten æm dat,<br />

wat hä wösse wull.<br />

Wie hä zerecke ging nå seine Lei, du hierten se, wie hä<br />

saate: „Ich glaube, das sind Amerikaner, aber die sprechen<br />

ganz gut Deutsch !“<br />

Wuhär kimmt dat?<br />

Dat kimmt dåhär, dat die Amis e aales Englisch schwätze,<br />

wat aus Irland kimmt.<br />

Die Ire rolln nämlich dat R sue wie mier. Dat öss<br />

dä „Stimmhafte retroflexe Approximant“. „Stimmhaft“<br />

mähnt: Mr hüürt et. „Approximant“ mähnt: Et wärd bm<br />

offene Maul gesaat. Un „retroflex“ haißt : De Zung öss<br />

nå hönne geboje.<br />

Die moderne Englänner, die rolln dat R går nimmier<br />

sue. Då verschwinnt dat eher schue amå ie dr Nås: „Memböhs<br />

of Pahlament, åådr !“<br />

Mr kaa dæn Approximante och übe bött sue Spröch wie:<br />

Dehaam hån ech net dr Hoot off…<br />

„Wie gieht dr Wech nå Koblenz? Hönner Rrennerrod rreechts<br />

römm un da de Rrhein erroff.“ Or: Im nördliche Siejerland<br />

gerret n Metallbaubetrieb, un dä Chef mellte sich åm Delefon<br />

bött: „Apparratebau Rrath, Rrath am Abberrath.“<br />

Un da hån ech noch enn våm Brauns Jürjen vå<br />

Rennsdorf, dä etz åm Gänsestöck wåhnt :<br />

Wat öss dat? Unnerr Wasserr Rrömmschwömmtierrcher<br />

Rrie- un Rrausguckabberrat ?<br />

Etz sain ech awwer droff kumme, dat et noch sue a anneres<br />

Rr gett, bött dæm mr Platt schwätze kaa, sue a idalienisches,<br />

wu mr awwer n flotte Zong für bruch.<br />

„Arrmando Maccarroni prrego!“<br />

Dat gehürt net zo de genannde Approximante, sonnern zo<br />

de „Vibrante“, weil do de Zong sue flott vibriert. Dat kaa mr<br />

och übe bött: „Brruno brringt frrische brraune Brrötchen.“<br />

Dt Örtersch Tilla vå Gelsbich, dat schwätzte Platt bött sue<br />

em idalienische Rr. Wie dat emå nå Gelsbich kumme öss, ob<br />

et då må „Idalienische Nächte“ gåb or suwat, waiß ech net.<br />

Jedenfalls det Örtersch Tilla bestårte sech ie de Vierziger<br />

Jåhr bött dm Brolls Edmund. Un die zwai Könner vå<br />

dæn, dt Brolls Bärbel un dt Brolls Ute, die hå dat idalienische<br />

Rr vå ehr Mudder geerbt.<br />

Nu sai ech jå bestårt bött dm Brolls Ute.<br />

Dt Ute hat etz och noch a Schiedsamt!<br />

Wenn mier da dehaam sei, da hån ech kaa Kappe off,<br />

un ech hå off kenn Fall dr Hoot off. Då muss ech villzait<br />

unner de Desch. Wenn ech da må raus derf, wat net sue oft<br />

vürkümmt, un ech saa gä et Ute: „Lå die Saache, die hån<br />

ech mir überlät. Die öss sue un sue.“ Da höalt dat Loft un<br />

da tritt die flotte Zong ie Aktion: Da Ssng für Schiedsleute,<br />

und da haben wir die Sache auch besprrochen. Und das<br />

ist ganz anders als du sagst!“ Ja, da setze ech då wie Pik<br />

Sieben un net abgehålt!<br />

Awwer ech hå de Wuche schue gää et gesaat:<br />

„Dai Frechhaite, die kreest dau schue noch wörrer.“<br />

Etz össet sue wait! Etz sain ech he im öffentliche<br />

Raum. Da sain ech och vå där flotte Turbo<br />

- Zong net ze stoppe.<br />

Dat muss mr sich amå vürstelln: Då setze ech<br />

då åm Desch. Un mier gärübber sue en flotte Turbo<br />

- Zong un da och noch dt Reecht ie Person! Dat<br />

öss für n Maa n katastrophale Situation! Dat kaan<br />

ech au nur saa! Dat mächt mich feertich. Dat mächt<br />

mich feertich! Etz sain ech awwer och feertich!<br />

Nodda !<br />

Das skandinavische Å ist wie das offene O in der englischen Lautschrift<br />

oder die Vokalkombination oa zu verstehen und wird wegen der<br />

leichteren Lesbarkeit verwendet. Ebenso ist es mit dem Æ für die Lautkombination<br />

äa. Genau lassen sich die Laute aus dem Burbacher Platt<br />

nicht nachbilden. ue bedeutet nicht ü, sondern ist ein ähnlicher Kombinationslaut<br />

wie oa und äa, etwa so gesprochen wie Ruhe ohne h.<br />

Hildegard von Bingen<br />

Eine Frau mit Durchblick, Rückblick und Ausblick<br />

Reste der Klosterkirche<br />

von Disibodenberg<br />

Unter ihrem Geburtsnamen<br />

ist sie nicht<br />

bekannt, jedoch unter<br />

dem Namen der Stadt, in<br />

deren Nähe sie lebenslang<br />

tätig war. Vermutlich wurde<br />

sie im Jahr 1098 als zehntes<br />

Kind des Barons Hildebert<br />

von Bermersheim geboren.<br />

In kindlichen Alter von<br />

acht Jahren wurde sie als<br />

Schülerin im Kloster Disibodenberg,<br />

an der Nahe gelegen,<br />

aufgenommen. Unterwiesen<br />

wurde sie durch Jutta<br />

von Sponheim, die ihr recht<br />

früh Kenntnisse in Schreiben und Lesen vermittelte. Im 11.<br />

und 12. Jahrhundert besaßen nur wenige Menschen diese<br />

Fähigkeiten, da eine allgemeine Schulpflicht erst Jahrhunderte<br />

später eingeführt wurde.<br />

Es ist heute schwer feststellbar, aus wie vielen Gebäuden<br />

das Kloster zum Aufnahmezeitpunkt von Hildegard bestand.<br />

Es soll von einer ursprünglich kleinen Klause zu einem Doppelkloster<br />

für Männer und Frauen ausgebaut worden sein, welches<br />

eine beachtliche Größe erlangte. Nach der Reformation<br />

(ca.1530 bis 1560) wurde das Kloster aufgegeben und verfiel.<br />

Die Ruinen bedecken noch heute das gesamte Bergplateau<br />

und machen deutlich, welche beeindruckenden Ausmaße die<br />

Anlage im 16. Jahrhundert hatte.<br />

Acht Jahre nach ihrer schulischen Unterweisung im Kloster,<br />

im Alter von 16 Jahren, entschied sich Hildegard, dem<br />

Benediktinerorden beizutreten. Am gleichen Ort wurde sie<br />

als Ordensschwester ausgebildet. Sie blieb der Gemeinschaft<br />

treu und übernahm 1136, nach dem Tode der Jutta von Sponheim,<br />

deren Stelle als Äbtissin von Disibodenberg (1) .<br />

Unter ihrer maßgeblichen Einflussnahme folgte in den<br />

Jahren 1147 bis 1150 auf dem Rochusberg in der Nähe von<br />

Bingen die Neugründung des Klosters Rupertsberg. Dort<br />

verstarb Hildegard am 17.09.1179. Im Jahr 1165 kaufte der<br />

Benediktinerorden das Augustiner-Kloster in Eibingen, in<br />

der Nähe von Rüdesheim gelegen. Dieses Kloster wurde im<br />

Jahr 1803 aufgelöst und teilweise abgebrochen. In der Kirche<br />

von Eibingen, die früher dem ehemaligen Kloster angegliedert<br />

war, befindet sich ein Schrein, in dem die Gebeine<br />

der Hildegard von Bingen aufbewahrt werden.<br />

Es ist davon auszugehen, dass Hildegard nach Errichtung<br />

des Klosters Rupertsberg zwischen diesem und dem<br />

Kloster Disibodenberg „pendelte“.<br />

Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Kloster Rupertsberg<br />

von schwedischen Soldaten zerstört. Außer dem ehemaligen<br />

Gewölbekeller sind keine Baulichkeiten erhalten<br />

geblieben. Faszinierend ist der Blick vom auslaufenden<br />

Bergrücken ins Rheintal.<br />

Zahlreiche Biographien beschäftigen sich auch mit<br />

den Veröffentlichungen der Hildegard von Bingen. Deren<br />

theologische Schriften, Abhandlungen zu Möglichkeiten<br />

von Krankheitsbehandlungen und ausführliche Überlegungen<br />

über die Wirkung von Heilpflanzen bereichern die<br />

Bibliotheken weltweit (2) . Sie korrespondierte mit König<br />

Friedrich I (Barbarossa), mit verschiedenen Päpsten und<br />

mit Bernard von Clairvaux, der seinen Namen von der<br />

von ihm vollzogenen Klostergründung im „hellen Tal“ ableitete.<br />

Etwa 300 Briefe sollen, verteilt auf eine Vielzahl<br />

von Archiven, erhalten geblieben sein. Das oberhalb von<br />

Eibingen liegende Hildegardiskloster mit seiner beindruckenden<br />

Doppelturmkirche wurde erst 1904 erbaut.<br />

Über viele Jahrhunderte wurde Hildegard als Heilige<br />

verehrt, obwohl deren Heiligsprechung erst am 10.05.2012<br />

durch Papst Benedikt XVI, früher Kardinal Josef Ratzinger,<br />

erfolgte.<br />

Alle Erinnerungsstätten lohnen einen Besuch. Dies gilt<br />

auch für den nach ihr benannten Pilgerweg, der eine Gesamtlänge<br />

von 136 km aufweist, in Idar-Oberstein beginnt und in<br />

Bingen am Rhein endet. Die vorgeschlagenen Tagesetappen<br />

betragen 10 bis 21 Kilometer. Die Zeitschriften „Wandermagazin“<br />

und „Wanderlust“ haben über die Besonderheiten<br />

der einzelnen Streckenabschnitte berichtet, die mit insgesamt<br />

etwa 60 Informations- u. Meditationstafeln ausgestattet sind (3) .<br />

Der Pilgerweg berührt auch die Klosterruinen auf dem<br />

Disibodenberg, wo Hildegard ca. 40 Jahre ihres Lebens<br />

verbrachte. Dort wartet die 1997 neu erbaute Hildegardiskapelle<br />

auf Besucher. <br />

Heinz Stötzel<br />

Quellen- und Literaturverzeichnis: 1) Biographie über das Lebens der Hildegard von Bingen,<br />

mehrere Verfasser, NGV-Verlag 336 Seiten, ohne Jahresangabe, Seite 7. 2.) Hallgarten,<br />

Charles, „Die deutsche Prophetin Hildegard von Bingen“ Seiten 80 bis 84. Wandermagazin,<br />

Nr. 180/15 Seite 57, 3.) Wanderlust Nr. 1/21, Seiten 29 bis 34.<br />

Die 1957 geweihte Hildegardiskapelle auf dem Disibodenberg.<br />

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Historisches<br />

Historisches<br />

Die Florenburger<br />

Jung-Stillings amüsante Bezeichnung für Hilchenbacher<br />

Der Ort Heylichinbach (Hilchenbach) wurde erstmals<br />

im Jahre 1292 in einer Urkunde des Nonnenklosters<br />

Keppel erwähnt. Da von einem „Ort“ gesprochen<br />

wurde, muss die erste Besiedelung von Hilchenbach schon<br />

früher stattgefunden haben. Um 1325 wurde Hilchenbach<br />

selbstständiges Kirchspiel, Verwaltungsmittelpunkt und erhielt<br />

den Sitz des Niedergerichts. König Wenzel belehnte die<br />

Grafen zu Nassau 1384 mit einem „Freistuhl“, ein so genanntes<br />

Freigericht auf der Ginsburg. Leider bekam es die Gerichtsbarkeit<br />

im Jahre 1976 zu Gunsten von Siegen aberkannt.<br />

Sehr früh schon hatte Hilchenbach einen eigenen Pfarrer.<br />

Der älteste bekannte war „Dominus Walram plebanus zu Helchenbach“<br />

Anno 1328. Im Jahre 1342 erscheint der Nachfolger<br />

im Amte, es war Pfarrer „Anselm zu Heylchenbach“.<br />

1466 hatte Hilchenbach 47 Häuser und ca. 300 Einwohner.<br />

Die damaligen Straßen hießen ,,Im Bruch’’, „Vom<br />

Damm’’ und ,,In der Gasse’’, die alle vom unterhalb der<br />

Veitkirche gelegenen heutigen Marktplatz ausgingen. Welch<br />

herrliche Planung, vor weit als über einem halben Jahrtausend,<br />

die heute noch Bestand hat und die Stadt noch<br />

immer prägt. Zwei der drei Straßen haben ihre alten<br />

Namen behalten. Nur die „In der Gasse“ wurde in<br />

Schützenstraße umbenannt, ist aber trotz der Namensänderung<br />

bei den alten Hilchenbachern noch<br />

als „Gasse“ im Sprachgebrauch.<br />

Im Westen, wo der heutige Marktplatz etwas ansteigt,<br />

baute man auf einem Hügel die Veitkirche, sie<br />

überragte seinerzeit alle Häuser. Ausgrabungen belegen,<br />

dass hier bereits vor 1 000 Jahren eine Kirche<br />

gestanden haben muss. Daraus lässt sich ableiten,<br />

dass Hilchenbach wesentlich älter sein dürfte als urkundlich<br />

erwähnt. Zum Marktplatz hin baute man<br />

später noch weitere Straßen hinzu, so dass dieser<br />

Platz Mittelpunkt und wichtigstes Kommunikationszentrum<br />

wurde und bis heute geblieben ist.<br />

Im Jahre 1488 kassierte die sehr wohlhabende Familie<br />

von Bicken, den Zehnten (regelmäßig abzugebende Gebühr<br />

von Erträgen) an Heugeld und Hühnergefälle in Hilchenbach.<br />

1565 wurde festgehalten: 6 Malter 1) Korn, 10 Malter<br />

Hafer, 3 Floren 2) Heugeld und von jedem Hause ein Huhn,<br />

im Ganzen 60 Hühner. Die 60 Häuser waren zu der Zeit mit<br />

etwa 400 Personen bewohnt.<br />

Johann Tiefenbach war der erste evangelische Geistliche.<br />

Während überall in dem nassau-siegenschen Lande ein reger<br />

Religionswechsel folgte, blieb Hilchenbach in der Religionsausübung<br />

ungestört. Die Florenburger, wie Jung-Stilling<br />

sie immer nannte, hatten bereits Ende des 16. Jahrhunderts<br />

eine Schule. Der erste bekannte Lehrer war Heinrich Schmitt<br />

von 1613 bis 1631. Graf Wilhelm erhielt 1623 das Kirchspiel<br />

Hilchenbach. Nach einem Erbfolgestreit wurde es 1649 dem<br />

Grafen Johann Moritz zugesprochen, der 1653 seinen Neffen<br />

Wilhelm Moritz zum Mitregenten machte. Im selben Jahre befasste<br />

sich das Gericht zu Hilchenbach mit einem der letzten<br />

Hexenprozesse. Alle 18 Angeklagten wurden für schuldig befunden<br />

und zu Tode verurteilt. Man nimmt an, dass das Urteil<br />

auf dem Galgenberg durch Verbrennung vollstreckt wurde.<br />

Das Dorf Hilchenbach wurde am 1. Mai 1687 von Wilhelm<br />

Moritz zum Flecken erhoben und mit „Fleckenrechten“<br />

und selbstständigen Freiheiten bedacht. Es erhielt somit Stadtrechte<br />

und konnte ab diesem Zeitpunkt seine Bürgermeister<br />

selbst wählen, Märkte abhalten und Steuern selbst einnehmen.<br />

Die Bürger wurden von allen Frondiensten und etlichen Abgaben<br />

befreit. Für diese „Fleckenrechte“ mussten die Einwohner<br />

6200 Reichstaler an den Fürsten zahlen. Ein stolzer Preis. Die<br />

Hilchenbacher bekamen damit auch das Recht, sich burgenähnlich<br />

mit einer Ring- bzw. Stadtmauer gegen unerwünschte<br />

Eindringlinge, Krieg, Seuchen usw. zu schützen. Dieses Recht<br />

wurde aber nie eingelöst. Aus „Einwohnern“ wurden nun<br />

„Bürger“. Fremde wurden in diesem Flecken nur aufgenom-<br />

men, wenn sie ihre eheliche Geburt nachweisen konnten und<br />

einen guten Leumund hatten. Von den männlichen Zuwanderern<br />

wurden zehn Reichstaler verlangt, von den weiblichen<br />

fünf Reichstaler. Darüber hinaus musste jede Person einen ledernen<br />

Eimer zur Bran<strong>db</strong>ekämpfung mitbringen.<br />

Der Taler, der vom deutschen Gulden abgeleitet wurde,<br />

war eine Nachahmung vom Florenzer Floren, der erstmals<br />

1252 geprägt wurde. Die Goldmünze, der Gulden hatte<br />

deshalb auch bei uns die Abkürzung fl. für Floren. Die<br />

Hilchenbacher hatten sich die bereits erwähnten Burgrechte<br />

mit dieser Währung erkauft. Was Jung - Stilling wohl dazu<br />

verleitete, sie „Florenburger“ zu nennen.<br />

Ende des 17. Jahrhunderts hatte die Stadt ungefähr 550<br />

Bewohner, die in 77 Häuser wohnten. Am 1. Mai 1689,<br />

dem Tag der Wahl des Bürgermeisters, brach nach einer<br />

Explosion in der fürstlichen Burg eine gewaltige Feuersbrunst<br />

aus. Bis zum Abend lag der ganze junge Flecken in<br />

Schutt und Asche. Lediglich vier Häuser in der Gasse und<br />

ein Haus auf dem Damm überstanden halbwegs die Katastrophe.<br />

Die Hitze soll so groß gewesen sein, dass sogar die<br />

Glocken der Kirche schmolzen. Mit dem Wiederaufbau im<br />

selben Jahr kam noch eine Schule hinzu, in der Deutsch<br />

und Latein unterrichtet wurde. Im Jahre 1737 entstand, getrennt<br />

von den Kirchspielschulen, eine weitere Bildungsanstalt,<br />

die ,,Freie-Flecken-Schule’’.<br />

Zur besseren Ausübung der Fleckenrechte wurden ab<br />

dem Jahre 1792 je zwei Abgeordnete aus den vier Ortsteilen<br />

des Dämmer-, Gässener-, Müller- und Kirchhöfer Bezirks<br />

gewählt. 1794 zählte Hilchenbach 120 Häuser und hatte<br />

über 800 Bewohner. Nach der französische Besatzung 1813<br />

erhielt Prinz von Oranien Wilhelm Friedrich das Siegerland<br />

zurück, trat es aber 1815 an Preußen ab. Bereits 1817 wurde<br />

bei den Florenburgern die Bürgermeisterverwaltung eingeführt<br />

und 1836 die Städteordnung. Ein Magistratskollegium<br />

wird 1837 gegründet. Die Verwaltung der Stadt übernahm<br />

ein Magistrat, der von der Stadtverordnetenversammlung,<br />

die aus neun Personen bestand, kontrolliert wurde.<br />

Im Jahre 1839 wurde die alte St.-Veitkirche abgebrochen.<br />

Die Grundsteinlegung zur <strong>neue</strong>n Kirche fand am 24. April<br />

1844 statt. Zuvor hatte der König Friedrich Wilhelm IV. die<br />

Zeichnungen persönlich verbessert. Am 17. Dezember 1846<br />

erfolgte die Einweihung. Zwei Tage nach der Grundsteinlegung<br />

am 26. April 1844 wurde Hilchenbach von der zweitgrößten<br />

Brandkatastrophe in seiner Geschichte getroffen. 40<br />

Gebäude und das städtische Schulhaus wurden vollkommen<br />

vernichtet. 47 Familien wurden damals obdachlos. Nach einem<br />

<strong>neue</strong>n Plan entstand zusätzlich die Bebauung der nördliche<br />

Marktseite bis einschließlich der Rothenberger Straße.<br />

Hilchenbach hatte früher auch eine gewerbliche Fortbildungsschule.<br />

Eine besondere Beachtung bekamen die Florenburger<br />

durch das Lehrerseminar. Die Einweihung des gewaltigen<br />

Seminargebäudes, was den Ort einst schlossähnlich<br />

überragte, fand am 18. Oktober 1877 statt. Heinz Bensberg<br />

Literaturhilfe: Archiv der Stadt Hilchenbach. 1) 1 Malter waren hier ca. 164 Liter.<br />

2) Floren war die damlige Bezeichnung für Goldgulden.<br />

40 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 41


Sie tanzen nur einen Sommer<br />

Aurorafalter<br />

Schmetterling<br />

Blauer Schmetterling<br />

Admiral<br />

Auf einer Blume, rot und brennend, saß<br />

Ein Schmetterling, der ihren Honig sog,<br />

Und sich in seiner Wollust so vergaß,<br />

Daß er vor mir nicht einmal weiterflog.<br />

Flügelt ein kleiner blauer<br />

Falter vom Winde geweht,<br />

Ein perlmutterner Schauer,<br />

Glitzert, flimmert, vergeht.<br />

Landkärtchen<br />

Ich wollte sehn, wie süß die Blume war,<br />

Und brach sie ab: er blieb an seinem Ort;<br />

Ich flocht sie der Geliebten in das Haar:<br />

Er sog, wie aufgelöst in Wonne, fort!<br />

Friedrich Hebbel<br />

So mit Augenblicksblinken,<br />

So im Vorüberwehn,<br />

Sah ich das Glück mir winken,<br />

Glitzern, flimmern, vergeht.<br />

Hermann Hesse<br />

Kaisermantel<br />

Kleiner Fuchs<br />

Bläuling<br />

Distelfalter<br />

Kohlweißling<br />

Langsam verabschiedet sich der Sommer. Immer<br />

weniger Schmetterlinge flügeln und flattern<br />

durch die Luft. Überwiegend sind es die<br />

Kohlweißlinge, die noch durch die Luft gaukeln und<br />

schaukeln. Wärme und Sonne ist das Element, das<br />

Schmetterlinge hervor lockt. So heißen sie in manchen<br />

Ländern Sommervögel, (Schweiz, Norwegen…). Das<br />

klingt passender als Schmand Namensherkunft von<br />

Schmetter…. Im Englischen ist der Name Butterfly<br />

ähnlich… Im Frühling und Sommer habe ich Falter<br />

beobachtet und eingefangen (mit der Kamera).<br />

Die Metamorphose vom Ei, Raupe und Puppe vollzieht<br />

sich meist im Verborgenen. Erst wenn die Falter<br />

die Flügel entfalten, erfreuen sie die Menschen mit ihrer<br />

Schönheit und Anmut. Ihr Flug ist nicht gerade aus.<br />

Saumselig und fast wie trunken fliegen sie durch die<br />

Luft. Die Schöpfung ist weisheitsvoll eingerichtet.<br />

Schmetterlinge legen ihre Eier auf Pflanzen, die dann<br />

den geschlüpften Raupen als Nahrung dienen. Das ist<br />

bei jeder Schmetterlingsart unterschiedlich. Die Eiablage<br />

des kleinen Aurorafalter ist auf Wiesenschaumkraut<br />

und Knoblauchhedderich im Frühling. So sieht<br />

man die Aurorafalter früh.<br />

Die Lebensdauer der Schmetterlinge ist meistens<br />

kurz. Manche Zitronenfalter können überwintern. In<br />

einem Versteck verfallen sie in Froststarre. So hat jede<br />

Schmetterlingsart ihre Eigenheiten. Ihr Leben dient<br />

der Fortpflanzung und für die Nachkommenschaft zu<br />

sorgen. Darüber hinaus erfreuen sie uns Menschen.<br />

Gudrun Fokken<br />

Zitronenfalter<br />

Pfauenauge<br />

42 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 43


K i n d e r h e r b s t<br />

Drachensteigen<br />

Im Spätsommer wurde Getreide geschnitten. Überall<br />

lockten Stoppelfelder zum Toben. Strommasten führten<br />

unmittelbar an der Straße entlang, aber die abgeernteten<br />

Felder boten Platz und viel Wind. Kinder, die auf sich<br />

hielten, bastelten Drachen. Zum Steigenlassen brauchten<br />

wir Erwachsene, denn bei ordentlichem Herbstwind zog<br />

das Fluggerät ordentlich nach oben. Wer los ließ, war seinen<br />

Drachen los, wer fest hielt, konnte mitfliegen. Beides<br />

war nicht erstrebenswert.<br />

Aber wenn der Drachen am langen Seil hoch oben in<br />

der Luft stand, trug er alle unsere heimlichen Wünsche mit<br />

sich. Manchmal schickten wir auch an der Leine Zettel mit<br />

Grüßen hoch. An solchen Tagen schliefen wir besonders<br />

gut. Drachen steigen lassen hat etwas Kontemplatives.<br />

Laternenumzüge<br />

Der Sommer verging schnell, die Tage wurden kürzer<br />

und kühler. In der Schule verabredeten wir uns zu Laternenumzügen.<br />

Manche trugen wirklich noch eine „Rummel“ –<br />

eine ausgehöhlte, mit Mustern verzierte Runkelrübe. Dazu<br />

musste man schon sehr stark sein. Rummeln wogen schwer.<br />

Die meisten trugen Papierlaternen – durch Ziehharmonikaprägung<br />

zusammenklappbare Papierzylinder oder Kugeln,<br />

natürlich von alten Kerzen beleuchtet. Die Kerzen zündeten<br />

wir in der windstillen heimischen Küche an. Unterwegs<br />

gestaltete sich ein solches Unterfangen viel komplizierter.<br />

Wir mussten uns Schulter an Schulter im Kreis<br />

zusammenstellen, um tückische Win<strong>db</strong>öen abzuhalten.<br />

Eine Restkerze wurde in den leeren Halter gepflanzt, eine<br />

Laterne zusammengefaltet damit die freigelegte brennende<br />

Kerze ihr Licht an das dunkle Ersatzstück weitergeben<br />

konnte. Meistens klappte das auch. Manchmal aber blies<br />

eine plötzliche Bö auch die Spenderkerze aus. Dann<br />

mussten wir eine windstillere Stelle aufsuchen und von<br />

vorne anfangen. Es kam tatsächlich auch vor, dass eine<br />

Laterne Feuer fing. Dann trugen wir eben zu zweit eine.<br />

Wir brauchten keine gruppendynamischen Spiele. Wir<br />

lernten Solidarität und Zusammenhalt beim Laterne Gehen.<br />

Der Gang führte auch über die Freier – Grund – Straße<br />

(heute Nassauische Straße). Die war damals noch nicht<br />

so hell erleuchtet. Lieber gingen wir aber durch dunklere<br />

Ecken wie das „Gässchen“ zwischen Burgweg und Freier<br />

– Grund – Straße. Dort stand in Heidts Garten ein riesig<br />

hoher Birnbaum. Der ließ, was bei Obstbäumen<br />

vorkommt, im Herbst seine Früchte fallen.<br />

Die trafen uns, oder was viel schlimmer war,<br />

unsere Laternen. Uns fehlte die agrarisch<br />

– wissenschaftliche Erklärung für diesen<br />

Angriff. Sehen konnten wir in dem<br />

dunklen Gässchen mit unserer mobilen<br />

Beleuchtung auch nicht. Also<br />

riefen wir unerschrocken nach oben<br />

ins Ungewisse: „Ihr braucht Euch<br />

gar nicht zu verstecken! Wir haben<br />

Euch genau gesehen!“<br />

Nikolaus<br />

Und dann kam der Nikolaustag.<br />

Solange wir klein<br />

Erinnerungen<br />

waren, erwarteten wir in der Küche unser Schicksal, das<br />

sich polternd auf der Treppe ankündigte. Bei uns im Hause<br />

legte der Vater die eiserne Regel fest: „Nikolaus, bei uns<br />

wird nicht geschlagen!“ (Dieser Satz hatte bei uns im Hause<br />

ganzjährige Gültigkeit. Das traf nicht auf alle Häuser<br />

zu.) Diese Regelung bestand zu Recht, denn im Vorjahr<br />

konnte der Nikolaus nur mit Not daran gehindert werden,<br />

meine ältere Schwester in den Sack zu stecken. Sie mochte<br />

zwar manchmal nervig und nicht recht kooperativ sein.<br />

Aber das hatte sie dann doch nicht verdient.<br />

So ein Nikolausarbeitstag dauerte lang und hatte seine<br />

Tücken. In jedem Haus bekam er einen Schnaps gegen<br />

die Kälte. Schließlich kam er vom Nordpol oder wenigstens<br />

„von draus, vom Walde“. Er betreute viele Kinder in<br />

vielen Häusern. Zwar wurde der Sack von Haus zu Haus<br />

leichter, weil er Tüten mit „Äpfel, Nuss und Mandelkern“<br />

sowie Schokolade aushändigte. Dafür wurden die Beine<br />

schwerer.<br />

Wenn er dann spätabends – etwa um neun – nach Hause<br />

geführt wurde, links und rechts gestützt, schleiften diese<br />

Beine schon mal erschöpft hinter ihm her. Nur das Glöckchen<br />

an seiner Mütze bimmelte tapfer vor sich hin. Wir lagen<br />

in unseren Betten, froh über den glücklichen Ausgang<br />

unseres Abenteuers und merkten nichts.<br />

Mit zunehmendem Alter schrumpfte jedoch unsere Ehrfurcht.<br />

Ab fünf Uhr nachmittags geisterten wir durchs Dorf<br />

„Klöse ärgern“. Das Angebot konnte sich sehen lassen.<br />

Viele junge Männer leisteten diese Nachbarschaftshilfe.<br />

Eigentlich waren sie ganz verträglich. Doch halbwüchsige<br />

Dorfjugend fordert den sanftmütigsten Nikolaus heraus.<br />

Wurden wir erwischt, fanden Erwachsene es durchaus akzeptabel,<br />

dass wir in Rutenschlägen bezahlt wurden. Wir<br />

hätten uns ja benehmen können.<br />

Also setzten wir auf Abstand und schnelle Füße. Die<br />

gefährlichste Ecke ging zwischen „Spengelersch“ (Haushalts-<br />

und Spielwarengeschäft und Klempnereibetrieb)<br />

und Rübsamens rechts (Hotel und Gaststätte, heute<br />

Schwanenapotheke) zwischen den<br />

Häusern durch zum Römer<br />

hoch. Da war der Weg unbeleuchtet.<br />

Sehr spannend.<br />

Heute führt genau an dieser<br />

Stelle ein Zebrastreifen sicher<br />

über die Straße. Der dunkle<br />

Weg wurde zur Römerpassage<br />

umgestaltet,<br />

mit Treppe<br />

und Beleuchtung.<br />

Die Ecke, wo wir uns<br />

am besten verstecken<br />

und fast alle Richtungen<br />

kontrollieren<br />

konnten, beansprucht<br />

heute der Briefkasten.<br />

Tilla-Ute Schöllchen<br />

44 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />

3/<strong>2022</strong> durchblick 45


Portrait<br />

Portrait<br />

Katja Nix<br />

Renate und Marion Schuh<br />

Foto: Tessie Reeh<br />

Jahrgang: 1968, geboren in Siegen, aufgewachsen<br />

in Kreuztal, Beruf: Industriekauffrau<br />

seit 2012 Touristenführerin.<br />

Als Hauswirtschafterin Magda begeistert Katja Nix mit<br />

ihren Schauspielführungen immer wieder Touristen<br />

und Neugierige aus dem Siegener Raum unter dem<br />

Motto „Von Liebesleid und Mordgeschichten“. Ihre Bühne ist<br />

der Garten rund um das Obere Schloss in Siegen. Mit Witz und<br />

Humor bietet sie eine Zeitreise ins Jahr 1637. „Da wurde der<br />

in Siegen geborene Maler und Diplomat Peter Paul Rubens 60<br />

Jahre“ erklärt sie. „Das 17. Jahrhundert war eine spannende<br />

Zeit, geprägt vom Dreißigjährigen Krieg. Die Stadt Siegen war<br />

hin- und hergerissen zwischen dem evangelischen und dem<br />

katholischen Haus Oranien, das im Oberen Schloss residierte.<br />

Deren Wirtschafterin war nun Magda, die für alles in Haus und<br />

Hof und die Dienstmädchen, meist junge Dinger, die bei den<br />

Herrschaften Begehrlichkeiten weckten, verantwortlich war.“<br />

Ihr Publikum verzaubert die Stadtführerin mit deftigen<br />

Sprüchen und sie schafft Gruselmomente, wenn sie am Hexenturm<br />

über die perfiden Methoden der Hexenverfolgung<br />

erzählt. Mit Folter wurden häufig Frauen zu Geständnissen<br />

gezwungen, um sexuelle Übergriffe durch Männer zu vertuschen.<br />

Sie seien mit Satan im Bunde. Viele dieser Opfer<br />

brannten dann auf dem Scheiterhaufen oder wurden wahnsinnig<br />

wie Anna von Sachsen, die von ihrem zweiten Ehemann,<br />

Wilhelm von Oranien-Nassau, trickreich des Ehebruchs bezichtigt<br />

wurde, um an ihr Vermögen zu kommen. Ein anderer<br />

Name fällt am Hexenturm: Friedrich Flender von der Hardt.<br />

Der Hammerschmied war Anführer einer Bürgerrebellion gegen<br />

Wilhelm Hyazinth, Fürst zu Oranien und Nassau-Siegen.<br />

Flender kämpfte gegen die Steuerverschwendung und Misswirtschaft<br />

am Hof. Er wurde verhaftet, kam in den Turm und<br />

wurde 1707 ohne Verfahren enthauptet.<br />

Eine Führung wird Katja Nix nie vergessen. Eine Harley-<br />

Club aus Gelsenkirchen mit 28 Leuten hatte sich angemeldet.<br />

Um gleich für gute Laune in der Gruppe zu sorgen, sucht sie<br />

sich meist einen Anspielpartner aus. Einem Rocker in Kutte<br />

und spackem T-Shirt rief sie gleich zu „Der Recke mit dem<br />

schwarzen Wanst oh Entschuldigung mit dem schwarzen<br />

Wams meinte ich natürlich, könnt Ihr mir helfen, meinen<br />

Korb zu tragen?“ Schallendes Gelächter war die Antwort und<br />

das Eis war gebrochen. Ihre Führung ist schon derb und deftig<br />

und für kleine Kinder nicht unbedingt geeignet.<br />

Eigentlich arbeitete die Kreuztalerin als Industriekauffrau,<br />

ehe sie seit 2012 nebenher als Stadtführerin für die Gesellschaft<br />

für Stadtmarketing Siegen e.V. begann, um ab 2018 ganz für<br />

diese Gesellschaft zu arbeiteten. Seit ihrer Kindheit ist sie ein<br />

aktives Karnevalskind und die Bühne ihr Revier. Die Liebe zu<br />

Show und Kostümen blieb. Jetzt, als Stadtführerin, kann sie sich<br />

austoben und ersann zum Nachtwächter Balthasar einen weiblichen<br />

Gegenpol: eben die Hauswirtschafterin Magda. Sie erarbeitet<br />

sich selbst ihr Programm, viele Details sucht sie in Archiven<br />

zusammen. Fast 85% ist historisch belegbar, der Rest ist Fiktion.<br />

Was genau, dürfen die Besucher der Tour am Ende erraten. •<br />

In vierter Generation führt Marion Schuh seit<br />

2006, nach dem Tod des Vaters, das Traditionsgeschäft<br />

Kaufhaus Schuh im Herzen von<br />

Rudersdorf – am heutigen Kreisverkehr. Eine<br />

Win-win Situation für beide Frauen. Die sportliche<br />

Chefin erklärt: „sogenannte „Nonfood“ Artikel<br />

wie Textilien, Wolle, Kurzwaren, Schreibutensilien,<br />

Spiele und Haushaltwaren dominieren<br />

unser Sortiment. In der Geschenkabteilung finden<br />

sich aber doch noch nostalgische Artikel wie<br />

der Siegerländer Mäckes oder ein Reisigbesen.“<br />

Stolz hält die 83-jährige Seniorchefin Renate, die<br />

uns mit einem freundlichen „Gemorje“ begrüßt<br />

hatte, diese Schätzchen in die Kamera. Von Mutter<br />

und Vater hat Tochter Marion das kaufmännische<br />

Talent geerbt. Sie ist in Dillenburg aufs<br />

Gymnasium gegangen, doch ihr Berufswunsch<br />

war von Anfang an: Einzelhandelskauffrau.<br />

Während ihr Bruder, der gegenüber im alten Gebäude<br />

eine Apotheke führt, Pharmazie studierte.<br />

Marion Schuh hat das wechselhafte Geschehen<br />

des über hundertjährigen Familienbetriebs<br />

genau im Kopf. 1898 gründete Hermann Josef<br />

Schuh im Stammhaus eine Gaststätte, die schnell<br />

ein beliebter Treffpunkt in der Mitte des Ortes<br />

wurde. Dazu kam bald ein Lebensmittelhandel<br />

in der heutigen Apotheke. Die Gaststätte wurde<br />

in den zwanziger Jahren mit einem Saal für<br />

Tanzveranstaltungen und große Familienfeiern<br />

erweitert. Dazu kam noch eine Kegelbahn. 1957<br />

wurde gegenüber der Flachbau errichtet, um<br />

mehr Platz für den Lebensmittelladen zu schaffen.<br />

Dies Gebäude beherbergt in der 1. Etage<br />

heute das Kaufhaus Schuh.<br />

Gern blättert die Seniorchefin Renate Schuh<br />

in alten Fotoalben und erzählt von ihrem bunten<br />

Leben als Geschäftsfrau und Wirtin. 1961 hatte<br />

sie in die Familie Schuh eingeheiratet und damit<br />

übernahm sie viel Verantwortung für das Geschäft<br />

und in der Gaststätte. Später kamen zwei<br />

Kinder dazu, die auch versorgt werden wollten.<br />

Aber am liebsten war Renate in der Kneipe, bis<br />

heute ist sie gern vor und hinter dem Tresen und<br />

hat immer Gesellschaft um sich. Seit Corona hat<br />

sich ja nun viel geändert. Sie war eine resolute<br />

Chefin, ein Organisationstalent, bei den Angestellten beliebt<br />

und den Kindern eine fürsorgliche Mutter. Noch heute blitzen<br />

ihre Augen, wenn sie in ihrer lustigen Art von damals erzählt.<br />

Fast alle Männer der Familie Schuh tragen den Vornamen<br />

Hermann Josef, so wie der Gründer. Der Name Schuh ist in<br />

Rudersdorf und in Siegen weit verbreitet.<br />

Renate Schuh: Jahrgang 1938, geboren in Dreis-Tiefenbach, seit<br />

1961 in Rudersdorf, Beruf: Geschäftsfrau.<br />

Marion Schuh: Jahrgang 1965 geboren in Siegen, lebt in Rudersdorf,<br />

Beruf: Einzelhandelskauffrau<br />

Beim Verlassen der Geschäftsräume entdecke ich doch<br />

noch etwas Nostalgisches: eine bunte Reihe von Kittelschürzen,<br />

die in Reih und Glied auf einer langen Stange hängen. Ein<br />

Artikel, der auch im Jahr <strong>2022</strong> bei den Damen beliebt ist. Einer<br />

von 120.000 Artikeln, die bei der jährlichen Inventur gezählt<br />

werden müssen. <br />

Texte: Tessie Reeh<br />

Foto: Hartmut Reeh<br />

46 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 47


Kultur<br />

Kultur<br />

Die Stunde der Emanzipation<br />

Das von Sam Phillips gegründete Sun-Record-Studio in Memphis. Elvis Aaron Presley anno 1958.<br />

Es scheint ein völlig belangloses Ereignis zu sein,<br />

durch das – von niemandem bemerkt – im Tennessee-Städtchen<br />

Memphis ein <strong>neue</strong>s Blatt in der Musikgeschichte<br />

aufgeschlagen wird. Die Handlung beginnt<br />

in der Plattenfirma „Sun Records“. Ein junger Mann betritt<br />

am 18. Juli 1953 das Studio. Seine ausgefallene Kleidung<br />

im Stil der Afroamerikaner, die pechschwarzen, zurückgekämmten<br />

Haare und die schläfrig wirkenden Augen fallen<br />

der Sekretärin sofort auf. Er wolle eine Platte besingen,<br />

sagt der schüchtern wirkende Bursche. Eines der beiden<br />

Lieder solle „My Happiness“ (Meine Glückseligkeit) mit<br />

dem Text von Eddie Curtis sein.<br />

Später behauptet der 18-Jährige, er habe die Songs<br />

aufgenommen, um seiner Mutter ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk<br />

zu machen. Diese <strong>Version</strong> wird in der<br />

Folge verbreitet. Weil allerdings der Geburtstag von Mutter<br />

Gladys schon ein Vierteljahr zurückliegt, gibt es Zweifel<br />

an der Darstellung. Der junge Mann heißt Elvis Aaron<br />

Presley. Für die Fertigung der Aufnahmen muss er knapp<br />

vier Dollar entrichten. Ein gute Geldanlage – wie sich herausstellen<br />

wird.<br />

Marion Keisker, die Sekretärin, ist kolossal beeindruckt<br />

vom gefühlvollen Bariton des Highschool-Absolventen. Sie<br />

spielt ihrem Chef das Ergebnis der Aufnahmen vor und<br />

dieser notiert sich die Adresse des Besuchers unter dem<br />

Stichwort „guter Balladensänger“. Der „Chef“ ist der Gründer<br />

der Sun-Record-Company und er heißt Sam Phillips.<br />

Einige Male wird Presley in den folgenden Monaten zu<br />

Aufnahmen bestellt. Am 5. Juli 1954 will Phillips eine<br />

Hillbilly-Ballade aufnehmen und er lädt hierzu neben zwei<br />

Gitarristen einmal mehr auch den jungen Lastwagenfahrer<br />

ein. Aber die Proben verlaufen enttäuschend. Presley wirkt<br />

verklemmt. Als Phillips die Aufnahmen beenden will und<br />

in ein Nebenzimmer geht, stimmt Presley „aus Albernheit“<br />

– wie er später kundtut – das Lied „That`s All Right Mama“<br />

(Das ist in Ordnung, Mama) an.<br />

Das Lied stammt aus der Feder des Blues-Sängers Arthur<br />

„Big Boy“ Crudup. Presley singt das Lied im Studio<br />

aber nicht als Blues, sondern im aufrüttelnden Rhythmus<br />

des Rock `n` Roll. Sam Phillips hört den frischen und<br />

dynamischen Sound und sein Gemütszustand nähert sich<br />

schlagartig der Euphorie: „Egal was ihr gerade gemacht<br />

habt, macht es nochmal!“ Er schaltet das Plattenschneidegerät<br />

ein und übergibt die Aufnahme einem Diskjockey<br />

des Lokalsenders von Memphis. Gleich mehrfach wird der<br />

Song wenig später gesendet. Es folgt eine sensationelle<br />

Resonanz. Die Telefonanlage der Radiostation ist durch<br />

Teenager blockiert. Man will mehr von dem unbekannten<br />

Sänger hören. Der sitzt derweil im Kino und bekommt von<br />

all dem nichts mit.<br />

Anders seine Eltern. Sie sind von Phillips mobil gemacht<br />

worden und tauchen kurz darauf im Kino auf. Gemeinsam<br />

fährt das Trio zum Radiostudio und der 19-Jährige<br />

wird erstmals in seinem Leben interviewt.<br />

Der Discjockey will unter anderem von ihm wissen, in<br />

welche Schule er gegangen ist. Durch die Antwort wird<br />

für die Zuhörer klar, dass es sich bei dem Sänger um einen<br />

Weißen handeln muss. An dieser Stelle ist es unerlässlich,<br />

dass wir die historischen Zusammenhänge in den 50er Jahren<br />

des 20. Jahrhunderts ein wenig beleuchten. Die Trennung<br />

der Rassen ist vor allem im Süden der USA obligatorisch<br />

und der Ku-Klux-Klan und seine Gräueltaten sind<br />

eine traurige Realität. Die weitaus meisten Einrichtungen<br />

dürfen entweder nur von Weißen oder nur von Schwarzen<br />

benutzt werden. Das betrifft die Schulen, die öffentlichen<br />

Verkehrsmittel, Gaststätten und vieles Weitere. Dies<br />

betrifft aber auch die Radiosender. Und die einen senden<br />

„schwarze“ und die anderen „weiße“ Musik.<br />

Nun sollte man meinen, dass vor allem die Musik hoch<br />

über der Zuordnung von Schwarz oder Weiß stehe – in<br />

Amerika aber gilt dies in jener Zeit nicht. Der Rassismus<br />

triumphiert auch bei der Tonkunst. Keinem „weißen Sender“<br />

wäre es eingefallen, einen Rock-`n`-Roll-Song von<br />

Chuck Berry, Little Richard oder Fats Domino zu spielen.<br />

Und umgekehrt sind die großen Schnulzenbarden Perry<br />

Como, Dean Martin oder Bing Crosby mit ihrer süßlichen<br />

und sentimentalen Schlagermusik chancenlos bei den Plattenauflegern<br />

der „schwarzen Sender“. Und diese Gesinnung<br />

hat auch die jeweilige Zuhörerschaft geprägt.<br />

In Memphis aber gibt es mindestens zwei Personen, die<br />

sich nicht in dieses Schema einpressen lassen wollen. Einer<br />

von ihnen ist Sam Phillips. Er muss mit seiner Firma<br />

die Brötchen verdienen. Alle lokalen Talente sind ihm willkommen<br />

– die Hautfarbe spielt keine Rolle. Spätere Größen<br />

wie B.B. King, Howlin Wolf und Ike Turner nutzen<br />

sein Studio und ihre Musik beeindruckt ihn. Die „weißen<br />

Sender“ boykottieren natürlich deren Lieder und der finanzielle<br />

Erfolg hält sich auf dem „schwarzen Markt“ in Grenzen.<br />

Phillips ist sich aber sicher: „Wenn ich einen weißen<br />

Sänger auftreiben könnte, der Lieder wie ein Schwarzer<br />

singt, dann wäre eine Million zu verdienen.“<br />

Und diesen Weißen scheint er nun gefunden zu haben.<br />

Auch Elvis – seinen zweiten Namen Aaron schenken wir<br />

uns ab hier – Presley ist von der Musik der Farbigen angetan.<br />

In der Kleinstadt Tupelo ist er am 8. Januar 1935 zur<br />

Welt gekommen. Seine dicht am unteren Ende der sozialen<br />

Rangliste stehenden Eltern wohnen am Rande des Schwarzenviertels.<br />

Der kleine Elvis lernt – vor allem auf der Straße<br />

– alle Arten von Musik kennen. In der „weißen Kirche“ übertönt<br />

der Steppke beim Singen der schwermütigen Hymnen<br />

schnell alle anderen. Und weil die Farbigen es dulden, spaziert<br />

er zusammen mit einem dunkelhäutigen Freund auch<br />

in deren Kirche. Hier ertönen neben den Spirituals aus der<br />

einstigen Sklavenzeit auch die moderneren Gospelsongs.<br />

Oft werden diese von einer Jazzband mit Schlagzeug begleitet.<br />

Die bewegungsintensive Energie und die augenfällige<br />

Freude der Singenden üben eine tiefe Wirkung auf Elvis aus<br />

und seine Vorliebe gilt fortan diesen Klängen.<br />

An seinem zehnten Geburtstag bekommt er von Mutter<br />

Gladys eine Zwei-Dollar-Fünfzig-Gitarre geschenkt. <br />

48 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 49


Kultur<br />

Schluss mit dem Gesellschaftstanz!<br />

Jetzt werden die Hüften geschwungen!<br />

Er klimpert ein paar Jahre darauf herum – freilich ohne viel<br />

zu lernen. Aber – so sagt er später – er habe sich zu seinem<br />

Herumschlagen auf den Saiten und zu seinem Gesang immer<br />

bewegen müssen. Als er 13 Jahre alt ist, ziehen die Presleys<br />

um und werden in einer Sozialwohnung im benachbarten<br />

Memphis heimisch. Dort besucht er bis zu seinem 18.<br />

Lebensjahr die einer deutschen Gesamtschule vergleichbare<br />

„Humes High School“. Kurz vor seinem Abschluss belegt er<br />

bei einem Gesangswettbewerb den ersten Platz. Ansonsten<br />

fällt Elvis dadurch auf, dass er, um die Aufmerksamkeit der<br />

gleichaltrigen Ortsschönheiten zu erregen, mit allen erdenklichen<br />

Frisuren durch die Gegend stromert.<br />

John Lennon hat einmal behauptet: „Vor Elvis gab es<br />

nichts!“ Er meinte vor allem dessen Ausstrahlung, die dazu<br />

führte, dass seine Fans ihn als „King des Rock `n` Roll“<br />

bezeichnen. Er „lebt“ förmlich diesen Musikstil. Und dies<br />

im Gegensatz zu einem anderen, der zuvor schon erfolgreich<br />

war. Als „Vater des Rock `n` Roll“ gilt nämlich gemeinhin<br />

Bill Haley. Seine Band „Bill Haley & His Comets“<br />

sind mit etlichen Hits die Bahnbrecher der <strong>neue</strong>n Gattung.<br />

1955 ertönt im Film „Die Saat der Gewalt“ ihr Lied „Rock<br />

Around the Clock“ – und wird zu einem Welterfolg. Haleys<br />

oft zitiertes Handicap ist, dass die Schmalzlocke plus<br />

Fliege nicht zu der von ihm gespielten Musik passt.<br />

In jenen Tagen beschränkt sich Presleys Bekanntheitsgrad<br />

noch auf die Stadt und das Umfeld von Memphis.<br />

Hier tritt er bei allen möglichen Veranstaltungen auf. Sam<br />

Phillips kümmert sich als sein Manager um die Termine.<br />

Vom Erlös der ersten Platten erfüllte Presley den Traum seiner Mutter und schenkte ihr den rosafarbenen „Caddy“.<br />

Allwöchentliche Radio- und Fernseh-Liveauftritte bei der<br />

regionalen „Louisiana Hayride Show“ ebnen schließlich<br />

den Erfolgsweg. Die Bühnenschau ist in rund zwei Dutzend<br />

US-Staaten zu hören und zu sehen.<br />

Der Durchbruch des jungen Sängers nimmt endgültig<br />

richtig Fahrt auf, als er am 28. Januar 1956 mit dem Bill-<br />

Haley-Hit „Shake, Rattle and Roll“ in der US-weit ausgestrahlten<br />

„Stage-Show“ auftritt. Eine Woche später brilliert<br />

er in dieser Show mit „Tutti Frutti“, einem Song des farbigen<br />

Sängers Little Richard. Damit überschreitet er eine<br />

bis dahin gültige Grenze. Es ist ja völlig undenkbar, dass<br />

ein Weißer im Fernsehen das Lied eines Schwarzen singt.<br />

Man kann aus heutiger Sicht feststellen, dass die Musikgeschichte<br />

durch die Folgen dieser Aktion regelrecht<br />

revolutioniert wurde. Es beginnt etwas noch nie Dagewesenes.<br />

Für alle weißen Sänger ist nun der von Presley eingeschlagene<br />

und bislang verschlossene Weg frei. Für die<br />

amerikanische Jugend indes nimmt die Stunde der Emanzipation<br />

ihren Anfang. Die Begeisterung für ihren <strong>neue</strong>n<br />

Gott ist ein eindeutiges Votum gegen die bis dahin gängige<br />

Berieselung mit kitschiger Schlagermusik. Bei Presley<br />

gibt es solches (noch) nicht. Seine Musik ist von einer umwerfenden<br />

rhythmischen Intensität, sie ist hart und vital.<br />

Innerhalb eines einzigen Jahres stellt er alles auf den Kopf.<br />

Schluss mit dem Gesellschaftstanz! Jetzt werden die Hüften<br />

geschwungen!<br />

Wenn Elvis in farbenfroher Kostümierung die Bühne<br />

betritt, dann gibt es kein langes Geplänkel. Er schlägt ein<br />

paar Akkorde auf seiner Gitarre, ergreift das Mikrophon<br />

und legt los. Die Stirnlocken hängen ihm ins Gesicht, er<br />

lächelt aus dem linken Mundwinkel und lässt seine weitgespreizten<br />

Beine schlottern. Ab und an beginnt er zu den<br />

harten Rhythmen der Musik mit dem Rumpf zu zucken,<br />

seine Windungen und sein Hüftgewackel wirkt auf Ältere<br />

regelrecht obszön. Groteske und grobschlächtige Bewegungen<br />

mit dem Unterleib tun das Ihre. Im Saal dauert<br />

es keine Minute, bis dass sein Gesang trotz der mächtig<br />

aufgedrehten Lautsprecher kaum noch zu hören ist. Kreischende<br />

Teenager scheinen geistig weggetreten zu sein, die<br />

Konfusion ist unvorstellbar und endet nicht selten damit,<br />

dass die mit all dem überforderten Halbwüchsigen sich<br />

Saalschlachten liefern und diese auf der Straße fortsetzen.<br />

Dass der <strong>neue</strong> Musikstil und die aus ihm resultierende<br />

Massenhysterie zu erbitterten Protesten führt und unzählige<br />

Kritiker mobil macht, ist eine logische Folge. Das Time-<br />

Magazin kommentiert: „Rock `n` Roll richtet die Musik so<br />

zu wie ein Motorrad-Klub mit Vollgas einen stillen Sonntag-<br />

Nachmittag.“ Viele Kritiker weigern sich, Presleys Vortrag<br />

als Gesang zu bezeichnen. Andere gehen weiter. Eltern- und<br />

Lehrerverbände protestieren gegen seine Auftritte, neben<br />

den Kirchen schließen sich viele weitere Institutionen an.<br />

Der Gesang sei ein Albtraum an schlechtem Geschmack,<br />

behaupten seine Kritiker. Und – er trage zur Jugendkriminalität<br />

bei. Ein Richter in Jacksonville erwirkt ein Urteil, das<br />

Presley verbietet auf der Bühne anstößige Kreisbewegungen<br />

zu machen. Bei seinem Auftritt bewegt er daraufhin<br />

nur den kleinen Finger. Dennoch schreien<br />

sich die Backfische die Seele aus dem Leib.<br />

Nach dem Wörterbuch bedeutet „rock“: schütteln,<br />

schaukeln, schwanken, wiegen; „roll“ hingegen:<br />

rollen, walzen, sich drehen, wirbeln. Was hat<br />

Elvis also anders getan, als den Begriff „Rock and<br />

Roll“ mit seinem Körper zu definieren?! Er selbst<br />

sagt: „Ich habe immer versucht, ein sauberes Leben<br />

zu führen und kein schlechtes Beispiel zu geben.“<br />

Und tatsächlich ist der inzwischen 21-Jährige<br />

eigentlich ein lieber Junge, der nicht raucht,<br />

nicht trinkt und von einer Familie mit Eigenheim<br />

träumt. Er, das Einzelkind, ist ein Muttersöhnchen,<br />

das der geliebten Mama Gladys vom Erlös der ersten<br />

Platten ein Haus und einen rosafarbenen Cadillac<br />

kauft – „weil diese immer hiervon geträumt<br />

hat.“ Und überhaupt: Wer sich einen „Caddy“ leisten<br />

kann, der hat es geschafft und alle sollen es<br />

sehen. Und Elvis hat es geschafft.<br />

Im November 1955 verkauft Sam Phillips für 40.000<br />

Dollar seinen Vertrag mit Presley an den Schallplattenhersteller<br />

RCA. Tom Parker, genannt „Colonel“, übernimmt<br />

als <strong>neue</strong>r Manager die Verantwortung für die finanziellen<br />

Belange des Sängers. Von dessen Aufnahmen im ersten<br />

RCA-Jahr werden mehr als zehn Millionen Schallplatten<br />

verkauft. Darunter sind die Songs „Heartbreak-Hotel“ und<br />

„Hound-Dog“, die jeweils gleich zwei Millionen Mal über<br />

die Ladentheken gehen. Fünf seiner Singles und zwei Langspielplatten<br />

stehen 1956 auf dem ersten Platz der Hitlisten.<br />

Nach diesen Erfolgen kann sich Presley nicht mehr in der<br />

Öffentlichkeit zeigen, ohne erkannt und belästigt zu werden.<br />

Das Geburtshaus von Elvis Presley in Tupelo (Mississippi).<br />

Der rassistische Alltag sitzt auch heute noch wie ein<br />

Stachel im Fleisch der USA. In der Musik aber sind die<br />

Rassenschranken auch dank Sam Phillips und Elvis Presley<br />

mehr und mehr geöffnet worden. Das bringt ihnen<br />

nicht nur Lob ein. Innerhalb der schwarzen Bevölkerung<br />

gibt es Stimmen, die Elvis vorhalten, dass er mit ihrer<br />

Musik Millionen scheffelt – aber nichts zur Verbesserung<br />

ihrer Lage beiträgt. Auf alle Schmähungen und kritische<br />

Unterstellungen hinsichtlich seines Wirkens findet er<br />

eine ganz einfache Antwort: „Man kann es nicht allen<br />

recht machen.“<br />

Alle Fotos: Wikimedia-Commons<br />

Ulli Weber<br />

50 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />

3/<strong>2022</strong> durchblick 51


In <strong>neue</strong>m Glanz<br />

Museumsmomente<br />

Heimatmuseum Niederschelden komplett modernisiert<br />

Eröffnung des <strong>neue</strong>n Museums durch Dieter Tröps, Heimatgebietsleiter von Siegen-Wittgenstein; Christian Peter,<br />

Ortsbürgermeister Mudersbach; Friedrich Schmidt Heimatgruppe Niederschelden; und Bürgermeister Steffen Mues.<br />

Bereits am 8. April 1995 wurde nach monatelangen Arbeiten<br />

unter dankbarer Mithilfe zahlreicher Heimatfreunde<br />

der erste Teil des Heimatmuseums im Bürgerhaus<br />

Niederschelden<br />

,Auf der Burg 11 feierlich<br />

eröffnet. Auf<br />

Initiative des damaligen<br />

Vorsitzenden der<br />

Heimatgruppe, Horst<br />

Bornemann, konnte<br />

im Obergeschoss des<br />

Bürgerhauses Niederschelden<br />

eine Einrichtung<br />

ins Leben gerufen<br />

werden, die schon<br />

nach kurzer Zeit eine<br />

große Resonanz in der<br />

Öffentlichkeit fand.<br />

Alter Küchenherd<br />

Dieser erste Museumsteil umfasste die Schwerpunkte<br />

Industrie, Bergbau und Handwerk. Schon fünf Jahre später<br />

konnte der zweite Teil des Heimatmuseums im gegenüberliegenden<br />

Raum im Obergeschoss mit Darstellung des historischen<br />

Wohnbereichs eröffnet werden. Im folgenden<br />

Jahrzehnt besuchten über 5.000 Menschen das Museum, die<br />

meisten haben sich in<br />

einem Gästebuch namentlich<br />

verewigt. Anlässlich<br />

der Zunahme<br />

an Exponaten aus der<br />

Geschichte des Ortes<br />

einerseits und der Notwendigkeit,<br />

das Heimatmuseum<br />

den heutigen<br />

Anforderungen<br />

auch in pädagogischer/<br />

didaktischer Hinsicht<br />

Haubergsuhr<br />

anzupassen, entschied<br />

sich der Vorstand der<br />

Heimatgruppe vor einigen<br />

Jahren, das gesamte Museum komplett zu modernisieren.<br />

Nach entsprechenden Planungen wurde im Jahr 2018 mit<br />

dem Teil des Wohnbereiches begonnen. Die Räumlichkeit<br />

Schusterwerkstatt aus Anfang des 20. Jahrhundert.<br />

wurde total entkernt, <strong>neue</strong> Fußböden verlegt und die Decke<br />

umgestaltet. Eine <strong>neue</strong> Beleuchtungstechnik ermöglicht es,<br />

durch echte Deckenlampen aus den 1920er Jahren einzelne<br />

Bereiche wie Küche,<br />

Wohn- oder Schlafzimmer<br />

separat zu erhellen. Im<br />

Flur zwischen den beiden<br />

Museumsräumen ist eine<br />

Schulklasse aus den 1900er<br />

Jahren neu installiert worden<br />

mit einer Eichentafel<br />

im Deckenbereich aus dem<br />

Jahre 1682. Diese stammt<br />

aus der ersten Kapellenschule<br />

von Niederschelden.<br />

Im Jahre 2019 konnte<br />

dieser <strong>neue</strong> Wohnbereich<br />

gemeinsam mit dem Bürgermeister<br />

eröffnet werden.<br />

Kurz danach begann der Rückbau und die Er<strong>neue</strong>rung<br />

des Industriebereichs. Auch hier wurde von der Beleuchtung<br />

über die Beschallung bis hin zur WLAN-Installierung<br />

alles auf den neusten Stand gebracht. Ausstellungsschwerpunkte<br />

bilden die Bereiche Bergbau, Stahlwerk, Ausgrabungsstätte<br />

der Kelten, Hauberg und eine Schusterwerk-<br />

statt. Auf der Freifläche in der Raummitte können jederzeit<br />

Sonderausstellungen präsentiert werden. Des Weiteren<br />

steht ein Fachwerkhaus im Mittelpunkt. Die Begehung<br />

dieses Museums kann<br />

ergänzt werden durch<br />

Blick in den <strong>neue</strong>n Industrieteil.<br />

„Empfang“ in historischer Kleidung.<br />

Filmvorführungen im<br />

Bürgersaal. Schließlich<br />

konnte im Herbst 2021<br />

anlässlich des 40jährigen<br />

Jubiläums der<br />

Heimatgruppe auch der<br />

komplett modernisierte<br />

Teil der Industriegeschichte<br />

eröffnet werden.<br />

Die Heimatgruppe<br />

ist davon überzeugt,<br />

dass auch all diejenigen<br />

Besucher, die das „alte“<br />

Museum bereits kennen,<br />

die <strong>neue</strong> <strong>Version</strong> überraschen wird. „Ziel für die Zukunft<br />

des Museums ist es, auch jüngere Menschen als Interessenten<br />

für die Heimatgeschichte unseres Ortes zu gewinnen,“<br />

so ein Sprecher des Vereins. Friedrich Schmidt<br />

Anmeldung für Besichtigungen bei Gerd Schneider 0271-311579<br />

oder Norbert Griesenbruch 0271 311340. Alle Fotos: Herbert Bäumer<br />

Schulklasse aus Anfang des 20. Jahrhundert.<br />

Stolleneingang mit Equipment.<br />

Großer Besucherandrang beim 40-jährigen Jubiläum der Heimatgruppe 2021.<br />

52 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 53


Kultur<br />

Rubenspreisträgerin <strong>2022</strong><br />

Miriam Cahn macht Kunst, die polarisiert<br />

„Ohne Titel“, (2009 + 2021)<br />

Unbequem und kompromisslos sind viele Arbeiten<br />

von Miriam Cahn, die das Museum für Gegenwartskunst<br />

aus 50 Jahren ihres Schaffens zeigt.<br />

Anlass ist die Verleihung des diesjährigen Rubenspreises<br />

an die Schweizer Feministin und Künstlerin. „MEINE-<br />

JUDEN“ wählte Miriam Cahn als Titel ihrer Schau. Denn<br />

ihr Vater sah sich gezwungen seine Heimatstadt Frankfurt<br />

1933 wegen Hitlers Machtübernahme zu verlassen. Er zog<br />

in die Schweiz und wurde dort mit seinem Bruder wieder<br />

ein erfolgreicher Geschäftsmann. So war das Thema Antisemitismus<br />

der 1949 in Basel geborenen Miriam Cahn<br />

mit in die Wiege gelegt. Und sie wurde zur Streiterin für<br />

die Juden.<br />

Wir denken an die aktuelle Diskussion um die Documenta<br />

15, bei der von einem Künstlerkollektiv aus Indonesien<br />

längst vergangen geglaubte Zerrbilder von Juden bewusst<br />

wieder zitiert wurden, was zuerst niemanden auffiel.<br />

Die Flüchtlingsbewegungen des 20. Und 21. Jahrhunderts<br />

thematisierte Miriam Cahn in ihren Arbeiten immer wieder.<br />

„Von Anfang ihrer Entwicklung an hat Cahn eine bewusst<br />

feministische, unabhängige und eigensinnige Haltung eingenommen.<br />

Ihre Malerei hat sich frei von akademischen<br />

Regeln und Ästhetiken in unterschiedlichsten Formen<br />

und Materialien entfaltet“, heißt es in der Begründung der<br />

Jury für die Vergabe des diesjährigen Rubenspreises an<br />

Miriam Cahn. Cahn war Absolventin der Grafikfachklasse<br />

der Kunstgewerbeschule in Basel und wurde schnell<br />

durch internationale Beteiligungen an Ausstellungen wie<br />

der Documenta oder Biennale bekannt. Das TV-Magazin<br />

„Titel-Thesen-Temperamente“ bezeichnete die Ausstellung<br />

in Siegen sogar als das Kunstabenteuer des Sommers <strong>2022</strong>.<br />

Neben Rassismus, Flucht und Vertreibung steht natürlich<br />

bei der feministischen Künstlerin die Weiblichkeit<br />

mit Sexualität, Körperlichkeit und Gewalt aber auch die<br />

Fruchtbarkeit und das Wunder der Geburt im Fokus. Sie<br />

feiert die Frauen in einer plakativen Weise, die manch einen<br />

Besucher auch verstört und ratlos macht. Es gibt aber<br />

auch intime, zärtliche und in sich ruhende Darstellungen<br />

der Frauen. Auch von Paaren. Ausgangspunkt ihrer Kunst<br />

war immer der eigene Körper. Sie spielt mit Verhüllung und<br />

Enthüllung bis zum letzten Detail. Wie beim Judentum ist<br />

ihr privates Erleben immer auch politisch und öffentlich.<br />

Zornig zeigt sie auf Missstände in unserer Gesellschaft, die<br />

wir allzu gern verdrängen. Verfolgung, Entmenschlichung,<br />

Gewalt gegen Frauen – aber auch gegen Männer – thematisiert<br />

sie immer wieder plakativ mit großen Gesten und<br />

in überwältigender<br />

Farbigkeit.<br />

Es ist ein<br />

Kunstabenteuer,<br />

auf das man sich<br />

unbedingt einlassen<br />

sollte. Begleitet<br />

wird die<br />

Ausstellung, die<br />

bis zum 23.10.22<br />

gezeigt wird, von<br />

zahlreichen Vorträgen,<br />

Führungen,<br />

Gesprächen und<br />

Aktionen, die Miriam<br />

Cahns Auseinandersetzung<br />

mit den existentiellen<br />

Themen<br />

des Menschseins<br />

erklären. Näheres<br />

unter info@mgksiegen.de.<br />

Fotos: MGK<br />

Heinz Pelz.<br />

Text: Tessie Reeh<br />

„ZEIGE!“, (2021)<br />

Fremde Mutter<br />

Siegener Autorin stellt ihr siebtes Buch vor<br />

Das <strong>neue</strong> Buch von Heidrun Vondung kreist um<br />

die Frage, wie ein siebenjähriges Mädchen seine<br />

Kindheit bei Adoptiveltern erlebt hat. Bilder eines<br />

alten Fotoalbums rufen Erinnerungen wach, die der Autorin<br />

dabei helfen, die Gefühle des Kindes wieder aufzudecken<br />

und die traumatische Erfahrung der Trennung von<br />

der Mutter zu erschließen. Die Sehnsucht nach der leiblichen<br />

Mutter lässt reale Ereignisse mit der Phantasiewelt<br />

des Mädchens verschmelzen. In der Phantasie schafft sich<br />

das Kind, das in einer teilweise lieblosen Umgebung heranwächst,<br />

ein Idealbild der leiblichen Mutter, auf das sie<br />

ihr Liebesbedürfnis richten kann. Mit dieser Schilderung<br />

weist die Autorin eindrucksvoll auf die Bedürfniswelt, das<br />

Trostbedürfnis und die Phantasiewelt auch kleiner Kinder<br />

hin, Dinge, die Erwachsene häufig unterschätzen und nicht<br />

ernst nehmen.<br />

Das adoptierte Mädchen findet freilich auch Freude<br />

und Bestätigung bei Verwandten und in der Freundschaft<br />

mit Gleichaltrigen. Der Autorin gelingt es hier, den gesellschaftlichen<br />

Hintergrund der Zeit um 1960, den Alltag<br />

der Menschen und deren Verhalten genau zu beschreiben.<br />

Ohne dies zu bewerten, macht sie deutlich, wie damals<br />

bereits in der Volksschule die Kinder die gesellschaftlichen<br />

Unterschiede zwischen Arm und Reich erlebten. Die<br />

entsprechenden Schilderungen lassen auch erkennen, wie<br />

Buchbesprechung<br />

Hilfreiche Informationen<br />

lange noch in der<br />

Nachkriegszeit<br />

konservative, autoritäre<br />

und nationale<br />

Vorstellungen<br />

herumgeisterten.<br />

Heidrun Vondung<br />

hat ein anrührendes,<br />

aber nicht<br />

gefühliges Buch<br />

über die Kindheit<br />

eines Adoptivkindes<br />

geschrieben,<br />

zugleich hat sie<br />

die Welt vor sechzig<br />

Jahren wieder<br />

auferstehen lassen.<br />

Die älteren<br />

Leser werden Vieles<br />

ihrer eigenen Das 93-seitige Buch kostet 12,80 €<br />

Kindheitszeit wiedererkennen;<br />

die<br />

ISBN-Nr.: 978-3-928812-79-5<br />

jüngeren Leser können erfahren wie es ‚damals’ war, als<br />

ihre Großeltern Kinder waren.<br />

<br />

Gert Sautermeister<br />

Ein Unfall, eine chronische Krankheit oder eine fortschreitende<br />

Demenzerkrankung – es kann viele<br />

Gründe haben, dass ein erwachsener Mensch wichtige<br />

Lebensbereiche nicht mehr selbst organisieren kann.<br />

Liegt keine Vorsorgevollmacht vor, wird eine rechtliche Betreuung<br />

eingerichtet. Der Ratgeber der Stiftung Warentest<br />

beantwortet anhand von vielen Praxisbeispielen alle Fragen,<br />

die zu Beginn und während einer Betreuung auftauchen.<br />

„Es ist wichtig zu wissen, dass eine Betreuung keine<br />

Entmündigung ist. Menschen, für die eine Betreuung eingerichtet<br />

wurde, sind häufig noch geschäftsfähig“, sagt<br />

Dr. Kai Nitschke, Co-Autor des Buches und Richter am<br />

Betreuungsgericht. Die Rechte von Betroffenen und ihren<br />

Angehörigen werden durch die am 1.1.2023 in Kraft tretende<br />

Reform des Betreuungsrechts gestärkt. Die <strong>neue</strong>n<br />

Regeln werden im Ratgeber ausführlich dargestellt.<br />

Eine gesetzliche Betreuung wird nur eingerichtet, wenn<br />

sie notwendig ist und praktische Hilfen wie eine Haushaltshilfe<br />

oder Pflegeleistungen nicht ausreichen. Der Gesetzgeber<br />

sieht vor, dass im besten Fall Verwandte oder Freunde<br />

eine rechtliche Betreuung übernehmen, weil sie die Lebensumstände,<br />

Wünsche und<br />

Ängste der Betroffenen<br />

kennen. Privatpersonen,<br />

die eine Betreuung übernehmen,<br />

haben ein Anrecht<br />

auf Schulung, Versicherung<br />

und finanzielle<br />

Unterstützung. Wenn keine<br />

Privatperson infrage<br />

kommt, wird ein Berufsoder<br />

ein Vereinsbetreuer<br />

bestellt.<br />

Sind Betroffene oder<br />

Angehörige mit der Betreuung<br />

unzufrieden, können<br />

sie sich an das Betreuungsgericht<br />

wenden.<br />

176 Seiten 19,90 € ist im Handel<br />

erhältlich oder online unter<br />

test.de/gesetzliche-betreuung-buch.<br />

Der Ratgeber hilft bei der Lösung von Problemen und<br />

gibt einen Überblick über die Aufgabenbereiche von Betreuern<br />

wie Gesundheitsfürsorge, Finanzen, Vertretung gegenüber<br />

Behörden sowie Wohnungsangelegenheiten. <strong>db</strong><br />

54 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 55


Gedächtnistrai ning<br />

Lösungen<br />

Seite 82<br />

Synonym und<br />

Antonym<br />

Sind Sie gut im Listen schreiben?<br />

Es geht um das Wort „Arbeiten“!<br />

1. Finden Sie möglichst viele andere Ausdrücke<br />

für „ARBEITEN“, die eine ähnliche<br />

Bedeutung (= Synonym) haben! Z.B. schaffen,<br />

malochen, …<br />

2. Finden Sie jetzt möglichst viele verschiedene<br />

Ausdrücke, die genau das Gegenteil<br />

(= Antonym) bedeuten! Z.B. faulenzen, auf<br />

der faulen Haut liegen, …<br />

Synonym:<br />

schaffen, <br />

malochen, <br />

usw,<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

Suchbild<br />

Was ist das?<br />

Antonym:<br />

faulenzen,<br />

auf der faulen Haut<br />

liegen, ...<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

Trainingsziel: Fantasie und Kreativität<br />

Fundsachen<br />

Im Fun<strong>db</strong>üro wurden viele<br />

Sachen abgegeben. Können<br />

Sie herausfinden, welche dies<br />

redensartlich sind? Z. B. Klotz<br />

am Bein haben haben.<br />

<br />

Fundsachen Fundort<br />

1. Beispiel: Klotz am Bein<br />

2. vor dem Mund<br />

3. im Feuer<br />

4. im Brett<br />

5. im Getriebe<br />

6. im Walde<br />

7. im Heuhaufen<br />

8. am Stecken<br />

9. vor der Hütte<br />

10. auf der hohen Kante<br />

11. in der Brandung<br />

12. im Dorf<br />

13. auf den Augen<br />

14. im Mund<br />

15. im Kopf<br />

16. über dem Kopf<br />

17. im Schrank<br />

Trainingsziel: assoziatives Denken,<br />

Denkflexibilität, Wortfindung<br />

Die Übungen wurden<br />

zusammengestellt von:<br />

Gedächtnistrainerin<br />

Bernadette von Plettenberg<br />

Mitglied im Bundesverband<br />

Gedächtnistraining e.V.<br />

02732 / 590420<br />

bernadette@plettenberg-struwe.de<br />

Gedächtnistrainingskurse auf Anfrage<br />

Gegensätze<br />

Unser Alltag besteht aus Gegensätzen. Versuchen<br />

Sie möglichst viele zu finden. Z.B.<br />

heiß – kalt, groß – klein; Ebbe – Flut, Mutter<br />

– Vater. Spaß macht das ganze auch,<br />

wenn man Kastanien damit beschriftet<br />

Trainingsziel: Wortfindung.<br />

Kürbisrätsel<br />

1. Wie viele verschiedene Kürbisarten gibt es?<br />

ca. 200 / 500 / 800 / 1000<br />

2. Wieviel Tage benötigt ein Kürbis im<br />

Durchschnitt zur Reife?<br />

50 – 100 / 100 – 130 / 60 – 110 Tage 80 – 130<br />

3. Welche Vitamine sind im Kürbis reichlich<br />

enthalten? A / C / D / E<br />

4. Kürbis ist nährstoffreich. Wie viele Kalorien<br />

hat er auf 100 g Fruchtfleisch?<br />

bis 40 kcal / bis 100 / bis 130 über 150<br />

5. Kürbis hilft bei welchen Krankheiten, bzw. ist<br />

gut für ...? Rheuma /Augen / Herz-Kreislauf /<br />

Blasen-Nieren<br />

6. Welche Kürbissorten sind essbar? Butternut /<br />

Patisson / Kronenkürbis / Muskatkürbis<br />

7. Die Schale von welchem Kürbis darf man<br />

essen? Spaghettikürbis / Bischofsmütze /<br />

Hokkaido / Butternut<br />

8. Seit welcher Zeit isst man Kürbis?<br />

12.000 Jahren / 5.000 Jahren / Mittelalter /<br />

19. Jahrhundert<br />

Trainingsziel: Urteilsfähigkeit<br />

Hintergrundfoto: Ulrike Zöller<br />

56 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 57


Gesellschaft<br />

Gesellschaft<br />

Die Weltzeituhr auf dem „Alex“<br />

Genialer Designer und Konstrukteur wurde 90<br />

Erich John<br />

Foto: MAZ/Markus Kniebeler<br />

Foto:Wikimedia Commons<br />

Viele kennen die Produkte, die von ihm entworfen<br />

wurden, aber kaum jemand kennt ihn, den Designer<br />

und Konstrukteur eines außergewöhnlichen Gebildes<br />

mitten auf dem Alexanderplatz in Berlin. Und ich glaube,<br />

dass nahezu jeder Besucher unserer Hauptstadt schon<br />

einmal davor stand oder es auf Bildern oder Postkarten<br />

gesehen hat.<br />

Es war vor einigen Monaten, als ich mich an einem<br />

Freitagabend von einer Talkrunde zur nächsten „zappte“,<br />

denn nicht alle der von den verschiedenen Sendeanstalten<br />

dort eingeladenen Gäste erregten mein Interesse. Irgendwann<br />

war ich in der Runde des MDR gelandet. Jörg<br />

Kachelmann unterhielt sich mit einem älteren Herrn, der<br />

sofort meine Aufmerksamkeit weckte. Es fiel der Name<br />

meines Geburtsortes, dazu der Begriff „ROW“.<br />

Im weiteren Verlauf dieses Gespräches erfuhr ich dann<br />

etwas über die Zusammenhänge eben jenes , oben genannten<br />

Objektes. Es ging um die Weltzeituhr auf dem „Alex“<br />

in Berlin. Neugierig geworden begann ich Tage später zu<br />

recherchieren.<br />

Jener ältere Herr heißt Erich John und wurde in Nor<strong>db</strong>öhmen<br />

1932 geboren. Hier wuchs er auf, bis die Familie<br />

nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben und das familiäre<br />

landwirtschaftliche Anwesen enteignet wurde. Nach der<br />

Flucht und verschiedenen Irrwegen kam es im Mecklenburgischen<br />

zum Neuanfang, In Neukloster absolvierte<br />

Erich John eine Lehre als Bauschlosser, studierte zunächst<br />

Kunstschmiede-Metallgestaltung und danach Formgestaltung.<br />

In den Jahren 1955 bis 1992 war er an der Hochschule<br />

für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee,<br />

seit 1968 hauptsächlich als Dozent tätig.<br />

Gestalterisch und freundschaftlich verbunden war und<br />

ist er aber auch seit dem Jahr 1962 als nebenberuflicher<br />

Formgestalter (mit Lizenz) für das Produktionsprogramm<br />

der Rathenower Optischen Werke, kurz: „ROW“. Er designte<br />

neben der umfangreichen Palette an optischen Geräten,<br />

wie Schulmikroskope, zahlreiche Produkte der Elektro-<br />

und Kraftfahrzeugzulieferindustrie. Als Beispiele seien<br />

genannt: Das Design des Rundfunkempfängers Undine II,<br />

die Schreibmaschine „Erika“, den des Elektrorasierapparats<br />

„Bebo Sher Favorit“ und vieles, vieles mehr und es<br />

mangelte nicht an Auszeichnungen. Uns „Bundesbürgern“<br />

wurden einige seiner entworfenen Produkte bekannt, sie<br />

gingen in den Westhandel und wurden vom Versandhaus<br />

Quelle unter dem Namen „Privileg“ verkauft.<br />

Als ein Abenteuer bezeichnete Erich John eine Wettbewerbsausschreibung<br />

zur Umgestaltung des Alexanderplatzes.<br />

Er reichte Unterlagen eines spektakulären Uhrenentwurfs<br />

ein und bekam tatsächlich den Zuschlag. Abenteuerlich vor<br />

allem deshalb: Den Gestaltern eröffnete man, dass dieser<br />

Entwurf innerhalb von neun Monaten umzusetzen sei, um<br />

das Werk pünktlich zum 20. Jahrestag der DDR einweihenund<br />

der Bevölkerung präsentieren zu können.<br />

Spontan setzte sich Erich John mit seinen Rathenower<br />

Freunden zusammen, um mit ihnen den kühnen Plan<br />

zu besprechen, denn: Innerhalb der üblichen Schwierigkeiten<br />

der „Planwirtschaft“ war die Umsetzung kaum zu<br />

bewältigen. Es gelang Erich John aber doch sich durchzusetzen<br />

um eine fristgerechte Materialbeschaffung „außerhalb<br />

der planwirtschaftlichen Abläufe“ zu regeln. Ja,<br />

und selbst ein dazu unbedingt erforderliches Kugellager<br />

durfte vom Klassenfeind in der BRD erworben und mit<br />

Westmark bezahlt werden!<br />

Ein zunächst skeptisches, dann aber begeistertes Wettbewerbsteam<br />

setzte sich aus Rathenower Mitarbeitern zusammen.<br />

Neben den optischen Betriebsstätten der ROW<br />

gehörten der VEB Wasseraufbereitungsanlagenbau für<br />

die Stahl- und Schweißarbeiten dazu. Die VEB Elektro-<br />

Zentrale übernahm den elektrischen Part, einer speziellen<br />

Elektrik im „Keller“ der Konstruktion. In allen drei<br />

Betriebsstätten durften die Mitarbeiter nach Feierabend<br />

werkeln. Die vielen Freizeitstunden wurden dann aber<br />

ordentlich entlohnt.<br />

Für die Umsetzung schwebte Erich John ein Kindheitserlebnis<br />

vor. In seiner böhmischen Heimat hatte er eine<br />

alte Linde vor Augen, in deren ausgehöhltem Stamm er<br />

dereinst hoch in die Krone steigen konnte. Diese Linde<br />

war fast ein Vierteljahrhundert später die Grundlage seiner<br />

kühnen Planung. In seinen Vorstellungen sollten sich Weltall<br />

und Erde symbolisch verbinden und die Zeitzonen rund<br />

um den Globus anzeigen. Außerdem gingen seine Gedanken<br />

dahin, einen Ort zu schaffen, der gerne besucht wird,<br />

der als Treffpunkt genutzt werden und bei dem man sich<br />

bei Sonne oder Regen unterstellen kann.<br />

In seinem Buch beschreibt Erich John all die Schwierigkeiten,<br />

die letztlich doch zur „abenteuerlichen“ Umsetzung<br />

und Fertigstellung führten.<br />

Pünktlich zum 20. Jahrestag der DDR, am 30. September<br />

1969, wurde die Weltzeituhr feierlich der Öffentlichkeit<br />

übergeben. Der Alexanderplatz war inzwischen<br />

viermal größer als vor dem Zweiten Weltkrieg. Mit der<br />

Weltzeituhr und dem ebenfalls eingeweihten Fernsehturm<br />

sollte die umfangreiche Neugestaltung im Sinne der sozialistischen<br />

Moderne und einer großzügigen Stadtplanung<br />

veranschaulicht werden.<br />

Die Konstruktion wird von einem in den Boden eingelassenem<br />

Steinmosaik, das die Form einer Windrose hat,<br />

umrundet. Mittig auf der 2,70 Meter hohen Säule, mit einem<br />

Durchmesser von 1,5 Metern, ist ein dreigeteilter Zylinder<br />

aufgesetzt, dessen Grundfläche 24 Ecken und Seiten<br />

aufweist. Jede Seite entspricht einer der 24 Zeitzonen der<br />

Erde. Die zehn Meter hohe Weltzeituhr hat eine Masse<br />

von 16 Tonnen. Die Namen wichtiger Städte der Zeitzonen<br />

sind in Aluminium eingefräst und wurden nach 1989<br />

durch weitere Städtenamen erweitert. Im Zylinder dreht<br />

sich ein Stundenring. Auf ihm wandern die Stunden, farbig<br />

gekennzeichnet, durch die Zeitzonen. Über der Weltzeituhr<br />

rotiert einmal pro Minute eine vereinfachte Darstellung<br />

des Sonnensystems mit Planeten (Kugeln) und ihren mit<br />

Stahlkreisen dargestellten Bahnen.<br />

Die Technik der Uhr befindet sich zwei Meter unter<br />

dem Platz in einem 25 Quadratmeter großen und rund 1,90<br />

Meter hohen Raum. Der das Planetensystem antreibende<br />

Elektromotor und das Getriebe stammen noch aus DDR-<br />

Zeiten. Für den Antrieb des Stundenringes verwendete<br />

Erich John ein umgebautes Trabantgetriebe. Das Teil des<br />

Kultautos erfüllte gemeinsam mit jenem westdeutschen<br />

Kugellager diese wichtige Funktion.<br />

Aber wie wir wissen, änderte sich inzwischen die Geschichte<br />

und die DDR gibt es nicht mehr. Geblieben ist<br />

seit gut einem halben Jahrhundert aber dieses spektakuläre<br />

Bauwerk in der Mitte Berlins, das inzwischen unter Denkmalschutz<br />

steht. Es ist und bleibt ein markanter Treffpunkt<br />

für zahlreiche Besucher aus vielen Nationen. Sie haben<br />

das Ergebnis eines genialen Gedankens des Mannes vor<br />

Augen, der Anfang dieses Jahres seinen 90. Geburtstag feierte:<br />

Erich John.<br />

Er erhielt mehrere Ehrungen und Auszeichnungen für<br />

seine schöpferischen Arbeiten und wurde im Jahre 2021 mit<br />

dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.<br />

Eva-Maria Herrmann<br />

58 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 59


Gesellschaft<br />

Herausforderung<br />

Zeigen, was in mir steckt<br />

Kultur<br />

Versungen –<br />

Richard-Strauss-Festival<br />

Nach den Sommerferien<br />

ist es wieder soweit:<br />

Das Evangelische<br />

Gymnasium in Weidenau<br />

schickt seine Neuntklässler<br />

„auf Herausforderung“. Ein<br />

halbes Jahr lang haben sie sich<br />

darauf vorbereitet. Jede Schülerin<br />

und jeder Schüler hat<br />

sich etwas überlegt, was ihn<br />

zweieinhalb Wochen lang herausführt<br />

aus dem Alltag und<br />

ihn fordert. Arbeiten auf dem<br />

Bauernhof, mit dem Fahrrad<br />

die Elbe entlang fahren oder<br />

per Pedes um den Bodensee:<br />

Nur heraus aus Homeschooling und Komfortzone, über<br />

den Tellerrand blicken und tapfer voranschreiten – hinterm<br />

Horizont geht’s weiter!<br />

„Herausforderung“ – früher klang das nach dem Fehdehandschuh,<br />

der einem ins Gesicht klatscht, nach Rivalität, Duell und<br />

Kampf um Sieg oder Niederlage. Heute ist „Herausforderung“<br />

in der Sprache des Erfolgs ein besseres Wort für „Problem“,<br />

weil es die Lösung desselben bereits nahelegt. „Herausforderung“<br />

als Schulprojekt klingt nach Abenteuer und Autonomie,<br />

nach Selbstfindung, Unabhängigkeit und Gemeinschaft. Manche<br />

Aspekte lassen sich planen: Wer radelt oder wandert, achtet<br />

auf ein gut gewartetes Rad und bequemes Schuhwerk. Er<br />

recherchiert Übernachtungsmöglichkeiten, packt ein Zelt ein,<br />

und wenn es gut läuft – zu Hause reden ja auch die Eltern<br />

noch mit, ist er auf wechselhaftes Wetter vorbereitet. Aber der<br />

Weg heraus aus der persönlichen Komfortzone ist auch mit<br />

unwägbaren Risiken verbunden. Die Auseinandersetzung mit<br />

dem Unbekannten trifft einen da, wo man es am wenigsten<br />

erwartet. Nicht das anstrengende Radeln erweist sich dann als<br />

die größte Herausforderung,<br />

sondern die schmerzhaft<br />

begrenzten mobilen Daten,<br />

wenn man sich länger außerhalb<br />

eines WLANs bewegt.<br />

Nicht die Blasen an den<br />

Füßen drücken, sondern die<br />

Schwierigkeit, sich gemeinsam<br />

zu ernähren, wenn einer<br />

nur Veganes isst, der andere<br />

kein Gemüse mag und die<br />

Dritte Milchprodukte nicht<br />

verträgt.<br />

Aber solche Herausforderungen<br />

sind eben da, um<br />

Der innere Schweinehund hält nichts von Herausforderungen.<br />

Er hält die Komfortzone warm, bis<br />

Herrchen und Frauchen wieder zurückkehren.<br />

Alle Bilder von Pixabay:<br />

Links der Schweinehund an einer Tür<br />

des Quedlinburger Doms.<br />

Rechts der Kopf der Statue<br />

„Mein innerer Schweinehund“<br />

Wvon Jens Galschiøt, Bonn 1993.<br />

an ihnen zu wachsen. Die Helden<br />

kehren mit erweitertem<br />

Tellerrand und um etliche Erfahrungen<br />

bereichert zurück.<br />

Selbst wem das Wandern zur<br />

Qual geworden ist, der hat es<br />

nach zweieinhalb Wochen<br />

stolz hinter sich gebracht und<br />

weiß, was er sicher so schnell<br />

nicht wieder unternehmen<br />

wird. Am Ende werden die<br />

herausfordernden Projekte der<br />

Schulgemeinschaft präsentiert<br />

– die Träume, die Pläne, die<br />

Ziele und die Verwirklichung.<br />

Wie schön ist es, wie selbstbewusst<br />

und stark fühlt man sich, wenn man eine solche Herausforderung<br />

gemeistert hat! Das einzige, was einen davon<br />

abhält, es gleich wieder zu tun, ist das Gerangel mit dem<br />

inneren Schweinehund, der jetzt gefüttert werden will. Der<br />

Schweinehund ist ein urdeutsches Haustier, mit dem ein gesunder<br />

Mensch in Symbiose lebt. Er ziert die Tür des Quedlinburger<br />

Doms, und in Bonn ist ihm ein Denkmal gesetzt.<br />

Googelt man „Schweinehund“, so stößt man auf unzählige<br />

Tipps, wie man den seinen loswerden, besiegen oder<br />

überwinden kann – das ist der Weg zur Selbstoptimierung –<br />

willensstark, diszipliniert und möglicherweise schon unterwegs<br />

in Richtung Burnout. Ein bisschen mehr Schweinehund,<br />

und man schafft eine Work-Life-Balance, die einen<br />

lange gesund erhält. Statt ihn zu überwinden, kann man den<br />

inneren Schweinehund vertrösten: Ich komme gleich wieder,<br />

fordere mich heraus, und danach feiern wir den Erfolg!<br />

Wie gehen Sie mit Ihrem inneren Schweinehund um?<br />

Und wie mit Herausforderungen? Was muten Sie sich zu,<br />

und wo scheuen Sie die Veränderung? Organisieren Sie<br />

Ihr Leben mit<br />

zeit- und kraftsparenden<br />

Routinen,<br />

oder setzen Sie<br />

sich lieber immer<br />

wieder neu herausfordernden<br />

Entscheidungen<br />

aus?<br />

Schreiben Sie Ihre<br />

eigene Geschichte<br />

über die Pläne,<br />

Ziele und Herausforderungen<br />

Ihres<br />

Lebens!<br />

Adele von Bünau<br />

Klangvolle Hörner beim Richard-Strauss-Festival<br />

Jeder kennt Garmisch-Partenkirchen als weltbekannten<br />

Wintersportort, wo viele internationale Wettkämpfe<br />

oder auch z.B. Neujahrsspringen ausgetragen werden.<br />

Aber, dass es auch der Geburtsort eines berühmten Komponisten,<br />

nämlich Richard Strauss ist wohlgemerkt Richard,<br />

nicht Johann – ist wohl weniger bekannt. Um dieser<br />

bedauerlichen Unkenntnis abzuhelfen, ließen sich die Bayern<br />

damals etwas Großartiges einfallen: ein mehrtägiges<br />

Strauss-Festival beachtlichen Ausmaßes. U.a. wurde z.B.<br />

die Alpenhorn-Sinfonie von einem Schweizer Ensemble<br />

mit eindrucksvoll voluminösen Hörnern aufgeführt.<br />

Mein Bruder, der mit seiner Frau damals in Garmisch<br />

lebte, hatte mich von diesen Strauss-Tagen in Kenntnis gesetzt,<br />

und ich war seiner Einladung gefolgt. Am meisten<br />

beeindruckte mich damals der Auftritt des Tenors Hermann<br />

Prey, der zusammen mit einer englischen Sopranistin, deren<br />

Namen ich vergessen habe, die wundervollen Lieder<br />

des Komponisten präsentierte. Das Paar war nicht<br />

nur klanglich, sondern auch optisch eine Augen- und<br />

Ohrenweide, und, wenn die Beiden sich während des<br />

Gesangs anblickten, konnte man es vom Zuschauerraum<br />

funkeln und blitzen sehen. Da passierte es: mitten<br />

in einem Lied war von der Sängerin eine falsche,<br />

sekundenlange Pause und dann zwei unkorrekte Töne<br />

zu hören. Das Publikum ebenso wie das Duo erstarrte<br />

und verkrampfte in eine Sekundenstille.<br />

Dann ertönte ein silberhelles Sopranlachen (das<br />

vom Publikum mit einem entspannten beklatschten<br />

Lachen erwidert wurde), – und der Liederabend<br />

nahm weiter seinen vorbestimmten Lauf. Ich hatte<br />

so etwas noch nie erlebt bei all meinen Erfahrungen als Konzertbesucherin<br />

und als Chorsängerin in großen musikalischen<br />

Werken. Nach einem Augenblick der Versunkenheit in den<br />

Anblick des Gesangspartners hatte sie sich versungen! Etwas<br />

„vergeigt“ zu haben ist wohl ein geläufigerer Begriff (nicht nur<br />

in der Musik) im Gegensatz zu versungen.<br />

Ob dieses seltene Ereignis bei diesem berühmten Paar<br />

noch ein Nachspiel erfreulicher oder unerfreulicher Art hatte,<br />

habe ich nicht erfahren, ist wohl nicht publik geworden.<br />

Auf dem Heimweg nach dem Konzert dachte ich noch<br />

darüber nach, ob und wann ich selbst nach einem Augenblick<br />

der Versunkenheit eine an sich harmonische Sache<br />

auch wohl „versungen“ hatte oder „vergeigt“.<br />

Und Sie, lieber Leser? Hoffentlich nie beim Autofahren!<br />

Addy Knabe<br />

Foto: Wikipedia Commons<br />

60 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 61


Historisches<br />

Historisches<br />

Flucht und Vertreibung<br />

Belastende Erinnerungen, die wieder wachgerufen werden<br />

Als am 8.Mai 1945 der 2. Weltkrieg zu Ende ging, war<br />

ich neun Jahre alt. Wir lebten damals in der Kreisstadt<br />

Waldenburg, wo beide Eltern berufstätig waren, bis<br />

mein Vater zum Militär eingezogen wurde. Unsere Mutter und<br />

wir Kinder lebten aber weiter dort in der Mansardenwohnung<br />

eines Siedlungshäuschens, das einem Straßenbahner gehörte,<br />

der im 1.Weltkrieg ein Bein verloren hatte. Gelegentlich<br />

besuchten wir unsere Großeltern in Schmidtsdorf, die ca. 50<br />

km entfernt wohnten und verbrachten vor allem so manches<br />

Wochenende dort. Das Dörfchen hatte damals 561 Einwohner.<br />

Da unsere Mutter in dieser Zeit immer ohne Ehemann<br />

leben musste, ging sie oft ins Kino und sah sich Filme an<br />

mit Marika Röck, wie z.B. „Die Frau meiner Träume“ oder<br />

„Frauen sind doch bessere Diplomaten“, aber auch Filme mit<br />

Willi Birgel, Hans Albers usw. In die Nachmittagsvorstellungen<br />

nahm sie uns Kinder mit. Wir sahen hier den Propaganda-Film<br />

„Junge Adler“ mit dem damals noch 15-jährigen<br />

Hardy Krüger und Dietmar Schönherr. Auch die Wochenschauen<br />

erlebten wir mit, die damals die Tagesschau ersetzte.<br />

Wir sahen darin auch Berichte, in denen geschwungene<br />

schmiedeeiserne Lagertore vorkamen, auf denen geschrieben<br />

stand: „Arbeit macht frei“. Und wir wussten durch die<br />

Wochenschau, dass man Juden in Arbeitslager verbrachte.<br />

Eines nachmittags, als unsere Mutter aus ihrem Nachmittagskino<br />

nach Hause kam, während wir unter großen Kastanien<br />

in der Nähe unseres Hauses gespielt hatten, sagte sie<br />

zu uns: „Heute haben sie den Schocken abgeholt. Soll ja ein<br />

Jude gewesen sein!“ Vorher hatte niemand danach gefragt,<br />

ob der Besitzer des großen und einzigen Kaufhauses in der<br />

Stadt Waldenburg Jude war oder nicht. Es hat auch niemanden<br />

interessiert. Wie schlimm diese Verfolgungen einmal<br />

werden würden, erfuhren wir erst nach Kriegsende.<br />

Als am 30.April 1945 dann der Tod Hitlers bekannt gegeben<br />

wurde, geschah das mit viel Pathos. Propaganda-Minister<br />

Josef Göbbels verkündete salbungsvoll in der Wochenschau<br />

und allen Volksempfängern, dass „der Führer für Volk und<br />

Vaterland den Heldentod gestorben sei“. Dass er sich selbst<br />

umgebracht hatte, war dem Volk nicht bekannt geworden.<br />

So um den 8. Mai herum, ich weiß heute nicht mehr, ob<br />

das vor oder nach der Unterzeichnung der Kapitulation durch<br />

Großadmiral Dönitz (Stellvertreter Hitlers) war, ratterten die<br />

riesigen T-34 Panzer der russischen Armee über das Basaltkopfsteinpflaster<br />

der Hauptstraße und verursachten einen<br />

höllischen Lärm. Kampfhandlungen fanden nicht mehr statt.<br />

Es wurde kein Haus zerstört. Schon vor dem Einmarsch der<br />

Russen ging das Gerücht um, dass sie sich gegenüber Frauen<br />

besonders grausam verhalten würden. Deshalb versteckten<br />

diese sich, so gut es nur ging. Bei jungen Müttern, die für ihre<br />

Kinder da sein mussten, war das schon schwieriger.<br />

Als sich nach etwa 14 Tagen die Aufregung, die mit<br />

dem Kriegsende zu tun hatte, etwas gelegt hatte, erschien<br />

plötzlich in der Dämmerung unser Opa. Er hatte sich durch<br />

Wälder und über Felder durchgeschlagen, meistens in der<br />

Dämmerung gehend. Die Oma hatte ihm keine Ruhe gelassen<br />

und ihn gedrängt herauszufinden, ob wir noch am Leben<br />

sind. Er freute sich sehr, seine Tochter und die Enkel lebend<br />

vorzufinden. Am nächsten Tag schon packten wir das Nötigste<br />

zusammen und Großvater nahm uns mit ins Heimatdorf.<br />

Er hatte unterwegs landwirtschaftliche Fahrzeuge angehalten,<br />

die uns streckenweise beförderten.<br />

Im Heimatdorf genossen wir mehr Sicherheit. Und das<br />

hatte einen besonderen Grund. Unsere Großeltern wohnten<br />

im Gemeindehaus, wo auch der Bürgermeister sein Büro<br />

und die Wohnung hatte. Der deutsche Bürgermeister aus dem<br />

3.Reich, der ja zwangsläufig Parteigenosse gewesen war, hatte<br />

sich schon anderswohin abgesetzt, zusammen mit seiner Familie.<br />

Es gab einen vorübergehenden kommunistischen Bürgermeister,<br />

der die nun vergangene deutsche Regierung in die<br />

polnische Verwaltung überleiten sollte. Der polnische Bürgermeister<br />

mit seiner Entourage, drei polnischen Assistenten in<br />

Uniform, war gerade im Begriff einzuziehen. Das ging völlig<br />

unspektakulär vor sich. Die Leute im Dorf hatten dem polnischen<br />

Bürgermeister wohl erzählt, dass unsere Mutter schon<br />

zeitweise im Gemeindebüro gearbeitet hatte, als wir Kinder<br />

noch sehr klein waren und dass sie für die Sekretärinnen Urlaubsvertretungen<br />

gemacht hatte. Es war ja auch so praktisch,<br />

denn ihre Eltern - unsere Großeltern - lebten im gleichen Haus.<br />

Wir wurden als Familie gut behandelt. Auch hörten wir keine<br />

Klagen von anderen Menschen im Dorf. Natürlich wussten<br />

wir inzwischen, dass wir über kurz oder lang das Land würden<br />

verlassen müssen und bereiteten uns darauf vor. Unsere Mutter<br />

fing an, den großen Korb, in dem sie immer ihre Aussteuerwäsche<br />

gesammelt hatte, zu packen. Sie ließ vom Schreiner<br />

unter dem Korb zwei Achsen anbringen, an die vier Holzräder<br />

montiert wurden. Sie ließ auch eine Schlaufe aus einem Stück<br />

Wäscheleine an einem Korbhenkel anbringen, die sie sich über<br />

die Schulter legen und so den Korb ziehen konnte. Wir Kinder<br />

würden dann hinten schieben.<br />

Vorerst aber wurde unsere Mutter noch ab und an ins Gemeindebüro<br />

beordert, um dort Akten durchzugehen. Es wurden<br />

Listen erstellt, wer von den Dorfbewohnern als nächste<br />

das Dorf verlassen sollten. Unsere Mutter musste dann in<br />

Begleitung eines uniformierten Assistenten des Bürgermeisters<br />

diese Menschen zu früher Morgenstunde aufsuchen und<br />

ihnen mitteilen z.B.: „Am Samstag um 8.00 Uhr vor dem<br />

Gemeindebüro versammeln. Handgepäck und die Kinder<br />

dürfen mitgenommen werden“! Zuerst kamen die Bauern<br />

dran, die von polnischen Landwirten ersetzt wurden. Im<br />

Dorfgasthof „Zum Reichmacher“ residierte die russische<br />

Kommandantur und im Gutsbetrieb „Gläser“ und den dazu<br />

gehörigen Stallungen war eine russische Hundestaffel eingezogen.<br />

Der polnische Bürgermeister und seine Assistenten<br />

instruierten uns Kinder für den Fall, dass wir von den<br />

Russen belästigt werden sollten, folgenden Satz zu sagen:<br />

„MOJA MATKA STAROSTA RABOTA“. Das ist russisch<br />

und heißt: „Meine Mutter arbeitet beim Bürgermeister“.<br />

Dieser Satz sollte die Russen wohl einschüchtern.<br />

Als unsere Mutter zum dritten Mal die noch schlecht<br />

deutsch sprechenden Assistenten des Bürgermeisters begleiten<br />

musste, um den deutschen Mitbürgern zu sagen, wann<br />

sie das Land verlassen mussten, lehnten diese sich dagegen<br />

auf und sprachen von „Nestbeschmutzung“. So kam es, dass<br />

unsere Mutter sich selbst auf die nächste Ausweisungsliste<br />

setzte. Wir sind aber auch gefragt worden, ob wir die polnische<br />

Nationalität annehmen möchten.<br />

Eines Tages sagte mir der 3. Assistent des Bürgermeisters,<br />

ein blonder junger Mann, der sehr gut deutsch sprach und Staschek<br />

hieß, ich solle von meiner Großmutter die größte Schüssel<br />

holen, die ich kriegen könnte. Das tat ich auch. Er füllte sie<br />

mir einmal mit Mehl, dann mit Grieß und danach mit Zucker<br />

aus den Vorräten des Bürgermeisters und er stand „Schmiere“,<br />

als ich diese Köstlichkeiten in die 2. Etage zu meiner Großmutter<br />

brachte. Von diesem Moment an war er ein Held für<br />

mich. Die anderen beiden schlechter sprechenden Assistenten<br />

spielten auch gerne mit uns Kindern. Slawische Völker sind<br />

überhaupt sehr kinderlieb. Vielleicht konnte ich deshalb nie<br />

Voreingenommenheit gegen andere Nationalitäten empfinden.<br />

Als wir dann beim nächsten Treck mit vielen anderen<br />

Nachbarn mit am Versammlungsort standen, dann quer durch<br />

das Dorf und eine zwei Kilometerlange Alleestraße bis zum<br />

Güterbahnhof in Friedland zu dem für uns zuständigen Güterwagen<br />

unterwegs waren, hatten die beiden Omas noch ein Federbett<br />

in eine Decke gerollt und mit Hilfe eines Stücks Wäscheleine<br />

eine „Bettwurst“ gezaubert, die sie am Bahndamm<br />

entlang bis zu unserem Güterwagen trugen und dort noch in<br />

den abfahrtbereiten Zug schoben. Danach fuhr der Zug ab ins<br />

Nirgendwo. Die Großeltern und die Friedland-Oma blieben<br />

zurück und wurden erst viele Monate später auf die gleiche<br />

Weise nach Sachsen und Thüringen verbracht.<br />

Als wir nach einer Woche und zwei Zwischenstopps endlich<br />

in Siegen landeten, wussten wir nicht, wo wir waren.<br />

Von einem Ort, der Siegen heißt, hatten wir noch nie gehört.<br />

Im Nachhinein betrachtet muss man aber anerkennend<br />

sagen, dass die Entsiedlung Schlesiens in geordneten Bahnen<br />

vor sich ging, also nicht zu bitterkalten Jahreszeiten und<br />

Zug um Zug, im doppelten Sinne des Wortes. Es ist niemand<br />

erfroren oder auf andere Weise getötet worden, wie das z.B.<br />

in Ostpreußen der Fall war. Das Ganze könnte man getrost<br />

als eine logistische Meisterleistung betrachten.<br />

<br />

Erna Homolla<br />

62 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 63


Historisches<br />

Historisches<br />

Mit der Elektrischen<br />

Die Elektrische 325 auf <strong>neue</strong>r Jungfernfahrt.<br />

64 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />

Mit der Elektrischen, hörte ich oft die Eltern sagen,<br />

wenn sie von ihren Verwandten in Breslau<br />

sprachen und sie besuchen wollten. Vor Augen<br />

hatten sie die Breslauer Straßenbahn, die über eine Oberleitung<br />

mit Strom versorgt elektrisch angetrieben wurde.<br />

Abgasfrei rollte sie durch die Stadt und gab den Menschen<br />

die Möglichkeit, schnell zum Ziel zu kommen.<br />

Elektromobilität ist also keine Erfindung der Neuzeit.<br />

Sie gab es vor 120 Jahren schon.<br />

Meine Erinnerung an die Straßenbahn fand seine Auffrischung<br />

durch einen Bericht von Tomasz Sielicki aus Breslau.<br />

Der Autor berichtet im Christophoriboten 4/2021, einem<br />

von der deutschsprachigen Lutherischen St. Christophori-<br />

Gemeinde in Breslau herausgegebenen Journal, über die<br />

Geschichte der Straßenbahnen in Breslau und die Sanierung<br />

eines Straßenbahnwagens aus dem Jahre 1901. Mit Hilfe<br />

von Wikipedia machte ich mich dann ergänzend schlauer.<br />

Straßenbahnen hatten in Breslau eine lange Tradition.<br />

Es begann 1876 mit einer Pferdebahnstrecke, die am 1. November<br />

1876 die Breslauer Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft<br />

(BSEG) übernommen hatte. Ein erfolgreiches Unternehmen.<br />

Millionen Fahrgäste wurden auf diese Weise befördert.<br />

1892 bekam die Pferdestraßenbahn Konkurrenz. Die<br />

Elektrische Straßenbahn AG (ESB) trat in Erscheinung und<br />

bekam die Konzession<br />

zum Bau<br />

und Betrieb eines<br />

elektrischen Straßenbahnnetzes.<br />

Am 14. Juli 1893<br />

wurde die erste<br />

Linie eröffnet.<br />

Straßenbahnwagen der BSEG. Die BSEG konnte<br />

natürlich nicht tatenlos zusehen und beantragte ihrerseits<br />

die Konzession zur Elektrifizierung ihrer Linien. Nun waren<br />

bereits zwei gewinnorientierte Unternehmen aktiv und bauten<br />

Linien dorthin, wo offensichtlich Bedarf bestand.<br />

1901 kam ein drittes Unternehmen hinzu, nämlich die<br />

Städtische Straßenbahn Breslau (SSG). Jetzt baute jedes Unternehmen<br />

sein eigenes Schienennetz. Eine Mitbenutzung des<br />

Netzes eines anderen Unternehmens schied meist aus.<br />

Nach dem 1, Weltkrieg gab es nur noch das SSB-Netz,<br />

das in den Folgejahren rationalisiert und sinnvoll umgestaltet<br />

werden konnte. Im Großen und Ganzen entstand<br />

das fast 250 km lange Netz, das noch heute den Menschen<br />

Mobilität mit öffentlichen Verkehrsmitteln sichert. Das<br />

ursprüngliche Schienennetz ist im 2. Weltkrieg mit dem<br />

Sturm auf die Festung Breslau weitgehend zerstört oder<br />

verschüttet worden. Die Oberleitungen sind durch Brände<br />

geschmolzen oder wurden gestohlen.<br />

Aus dem Osten vertriebene Polen haben nach dem unsinnigen,<br />

bestialischen Krieg und durch Stalins Hinterlist eine<br />

Stadt übernommen, die in weiten Teil in Trümmern lag. In<br />

diesen Trümmerhaufen kamen die vertriebenen Menschen<br />

- verarmt und ausgeplündert. Und sie machten das Beste<br />

daraus. Ihre Leistung spiegelt sich heute in der prächtigen<br />

Innenstadt, die nach alten Plänen und Bildern wieder aufgebaut<br />

wurde. Auch die alten Straßenbahnlinien (es sind 20)<br />

wurden wieder belebt und verbinden die einzelnen Stadteile.<br />

Waren die nach dem Kriege herrschenden Kommunisten<br />

bestrebt, alles was auf Deutsche Ursprünge verwies,<br />

zu beseitigen, merkten die jungen Leute alsbald, dass die<br />

historische Wirklichkeit eine andere war. So spricht man<br />

heute neutral und unvoreingenommen von der gemeinsamen<br />

Pflege des Breslauer Erbes und legt Hand an, um die<br />

Geschichte zu pflegen. Dazu gehört auch die Straßenbahn.<br />

Eine Renovierungsgruppe hatte sich zum Ziel gesetzt, unter<br />

dem Projekt „Maximum“ einen Straßenbahnwagen aus<br />

dem Jahr 1901 sorgfältig zu restaurieren Es handelt sich<br />

um den Wagen Nr. 325 der Breslauer-Straßen- und Eisenbahngesellschaft<br />

(BSEG), die 1900/1901 die Elektrifizierung<br />

ihrer Straßenbahnen einführte.<br />

Die Koordination des Vorhabens lag in den Händen von<br />

Thomasz Sielicki. Er berichtet unter dem Titel „Wie Phönix<br />

aus der Asche“ über das „Leben“ des Wagens Nr. 325. Der<br />

Straßenbahnwagen hatte glücklicherweise den 2. Weltkrieg<br />

und den Angriff auf die Festung Breslau überlebt und war<br />

nach dem Kriege noch bis in die 60er Jahre in Betrieb. Anfang<br />

der 1960er Jahre sollte er ausrangiert werden und landete<br />

auf einem Schrottplatz. Das Ende schien eingeläutet. Doch<br />

es sollte anders kommen. Jan Pieta, ein Mitarbeiter der Breslauer<br />

Verkehrsbetriebe aus Schmolz, kaufte das schrottreife<br />

Gefährt auf, ließ es nach Schmolz bringen und nutzte den<br />

Wagen als eine Art Gartenlaube oder auch als Geräteschuppen.<br />

Nachdem er mehr als 30 Jahre seine Dienste getan<br />

hatte, folge eine für den Wagen weitere Zeitenwende.<br />

1995 wurden die Brüder Piotr und Pawel Drab,<br />

ebenfalls, Mitarbeiter der öffentlichen Verkehrsbetriebe,<br />

auf den ehemaligen Straßenbahnwagen aufmerksam.<br />

Die beiden Männer waren seit längerer Zeit auf<br />

der Suche nach älteren Fahrzeugen für das damalige<br />

Verkehrsmuseum in der Liegnitzer Straße. Dabei<br />

hatten sie den alten Straßenbahnwagen, für sie ein<br />

Prachtstück, entdeckt, das sie unbedingt retten wollten.<br />

Zusammen mit Jan Pieta verfolgten sie das Ziel, den<br />

Wagen mit der Nummer 325 ins Museum zu schaffen.<br />

10 Jahre lang ließ sie der Gedanke nicht mehr los, bis er<br />

mit Hilfe der Feuerwehr im Jahre 2005 zum Zwecke<br />

der Restaurierung geborgen werden konnte.<br />

Doch folgte bald der Rückschlag; denn das Museum<br />

wurde geschlossen. Das Interesse der Brüder<br />

Drab aber blieb erhalten. Dank ihrer Leidenschaft und ihres<br />

Engagement bekam auf Wagen Nr. 325 eine weitere Chance;<br />

denn 2013 fanden sich geschichtsorientierte, entflammte<br />

Menschen zu einer Bürgerinitiative zusammen, die einen<br />

Antrag an die Stadtverwaltung um einen Zuschuss für ihr<br />

Vorhaben stellte. Aus der Bürgerinitiative wurde der Verein<br />

für die Anhänger Breslauer Verkehrsmittel. Dann ging es an<br />

die Arbeit. Das Geld aber reichte nur für die Renovierung<br />

des Aufbaus. Ein weiteres Problem kam hinzu: Es fehlten<br />

die Fahrgestelle. Nun kam ihnen der Kontakt zu Karl-Heinz<br />

Gewandt aus Berlin zu Gute. Herr Gewandt war ein gebürtiger<br />

Berliner, verbrachte aber seine Kindheit in Breslau. Die<br />

dortigen Straßenbahnen hatten ihn schon in Kindheitstagen<br />

fasziniert. Und seine Begeisterung ist wohl geblieben. Mit<br />

seiner tatkräftigen Unterstützung wurden zwei Fahrgestelle<br />

ausfindig gemacht. So bekam der Wagen Nr. 325 wieder<br />

Räder. Dann begann die Feinarbeit. Aufgrund vorhandener<br />

Unterlagen konnte man die ursprüngliche Verzierung der<br />

BSEG-Wagen künstlerisch wieder herstellen.<br />

Ihre damaligen Fahrzeuge hatten einen beige-dunkelgrünen<br />

Anstrich mit - wie in der Kaiserzeit üblich - aufwändiger<br />

han<strong>db</strong>emalter Ornamentik. Zusätzlichen Schmuck<br />

bilden die originalgetreuen Aufschriften mit dem Namen<br />

des Beförderers, die Wagennummer und - wie weiter man<br />

auf einem folgenden Foto sehen kann – die Fahrroute. Das<br />

Innere des Wagens Nr. 325 wurde aufpoliert oder er<strong>neue</strong>rt.<br />

Mit Mahagoni- und amerikanischem Nussbaumholz wurde<br />

der Innenraum er<strong>neue</strong>rt. Wie früher schmücken Gardinen<br />

die Fenster. Sehr eindrucksvoll ist die blumenstilisierte Beleuchtung<br />

des Wageninneren. Die weitere Liebe zum Detail<br />

schlägt sich auch in den Uniformen nieder. Sie wurden<br />

Das Ergebnis künstlerischer Feinarbeit.<br />

Foto: L. Peczynski<br />

denen der einstmaligen Bahnmitarbeiter nachgeschneidert.<br />

Die Uniformen des Schaffners und des Zugführers sind<br />

in grau/grün mit dunkelgrünem Besatz gehalten. Ein alter<br />

Knopf bildete die Vorlage für die <strong>neue</strong>n Messingknöpfe, die<br />

in der Mitte ein Flügelrad als Symbol der Schienenbeförderung<br />

und den Namen BSEG tragen.<br />

Prächtig wie vor 120 Jahren strahlen der Innenraum<br />

des Straßenbahnwagens, die Sanierer in historischen Uniformen<br />

und die Dame, die einen Fahrgast aus vergangener<br />

Zeit symbolisiert. Die Restauratoren haben eine bewundernswerte<br />

Leistung vollbracht. Mit Leidenschaft, Geduld,<br />

Sachverstand und voller Hingabe zur Sache haben sie über<br />

viele Jahre ein Ziel verfolgt, das die Menschen heute in eine<br />

längst vergangene Zeit versetzt und zeigt, wie sich die Passagiere<br />

schon vor 120 Jahren von Ort zu Ort, von Stadtteil<br />

zu Stadtteil fahren ließen. Im Übrigen: Die Restauration<br />

erfolgte bei der Fa. Polmat im ehemaligen Betriebshof der<br />

BSEG, dort wo der Wagen einst gebaut wurde. Nicht nur<br />

für die Restauratoren ist es eines der schönsten Fahrzeuge<br />

weltweit. Die Breslauer dürfen stolz sein auf dieses sorgfältig<br />

mit viel Liebe, Freude und Herzblut geschaffene Objekt.<br />

Ihre Leistung weckt die Erinnerung an Friedrich Schillers<br />

Hymne an die Freude:<br />

… „Freude treibt die Räder dieser großen Weltenuhr“!<br />

Der wunderschönen Stadt Breslau wurde ein wunderschönes<br />

zeitgeschichtliches Geschenk gemacht. Dass unsere<br />

östlichen Nachbarn wahre Restaurierungskünstler sind,<br />

ist hierzulande bestens bekannt. Den Beweis dafür haben<br />

Herr Sielicki und sein Team mit der Er<strong>neue</strong>rung des Wagens<br />

Nr. 325 erneut erbracht.<br />

Wolfgang Kay


Essay<br />

Essay<br />

Die folgenden Ausführungen<br />

sollen nicht nur die Einführung der<br />

Reformation im Siegerland im engeren<br />

Sinne aufzeigen, sondern darüber<br />

hinaus beleuchten, inwieweit<br />

auch über die Grenzen des Siegerlandes<br />

hinaus Siegerländer mit der<br />

Reformation in Berührung kamen<br />

und evtuell an ihrer Verbreitung<br />

direkt oder indirekt mitwirkten.<br />

Im Jahr 2017 in dem ich diesen Artikel<br />

verfasst habe, war genau ein halbes<br />

Jahrtausend vergangen, seit die Hammerschläge<br />

an der Schlosskirche zu<br />

Wittenberg (1517) eine <strong>neue</strong> Ära einleiteten.<br />

Man mag vielleicht fragen, ob es<br />

sich eigentlich lohnt, einem so langen<br />

zurückliegenden Ereignis nachzusinnen?<br />

Die Antwort kann nur lauten: Ja!<br />

Denn die damals beginnende Reformation<br />

hat unser aller Denken geformt und<br />

wirkt in und an uns bis auf den heutigen<br />

Tag. In der Stadt und im Lande Siegen<br />

fand „die <strong>neue</strong> Lehre“, wie sie damals<br />

genannt wurde, verhältnismäßig spät<br />

Martin Luther<br />

Eingang, obwohl einzelne Siegerländer<br />

mit ihr früher Berührung hatten als<br />

andere Deutsche, ja obwohl einzelne<br />

Siegener zu den Männern gerechnet<br />

werden können, die die Reformation<br />

vorbereiten halfen.<br />

Das Wort Gottes datiert das größte<br />

Ereignis der Weltgeschichte, nämlich die<br />

Geburt Jesu, mit dem Satz „Als die Zeit<br />

erfüllet ward“. Das lässt sich ohne Spott<br />

auch auf den Beginn der Reformation<br />

übertragen. Das 15. Jahrhundert war –<br />

das darf man ohne Übertreibung sagen<br />

– kirchenmüde. Dafür hatte nicht zuletzt<br />

die Geistlichkeit gesorgt, an ihrer Spitze<br />

die Päpste. Sie waren (mit einer einzigen<br />

Ausnahme: nämlich Papst Hadrian VI.,<br />

einem gebürtigen Niederländer) eine Karikatur<br />

dessen, was sie sein sollten. Man<br />

Die Reformation im Siegerland 1<br />

denke nur an die Borgias, insbesondere<br />

an Alexander VI., der vor keiner Untat<br />

bis zum Mord zurückscheute, um auf<br />

den Papststuhl zu gelangen sowie seine<br />

Macht und Reichtum zu mehren, wie es<br />

2011 in einer ZDF-Fernseh-Serie nachzuerleben<br />

war, und der sich unverhohlen<br />

zu seinen sieben Kindern bekannte.<br />

Oder an Papst Julius II., den Luther<br />

„den Blutsäufer“ nannte. Und die niedere<br />

Geistlichkeit, besonders die Mönche und<br />

Nonnen, waren nicht unverdient in den<br />

Ruf gekommen, die Menschen zu belügen<br />

und zu betrügen, auszunutzen, Hurerei<br />

zu treiben und dergleichen ähnliche<br />

Dinge. Die altdeutschen sowie die italienischen<br />

und französischen Schwänke<br />

leben zum großen Teil von der Verhöhnung<br />

des geistlichen Standes. Und das<br />

Ablasswesen schließlich sprach jeglicher<br />

Seelsorge oder geistlichen Hilfe Hohn.<br />

Andererseits war ein <strong>neue</strong>s Weltgefühl<br />

aufgekommen. Amerika wurde<br />

entdeckt und damit die Erkenntnis gewonnen,<br />

dass die Erde eine Kugel ist.<br />

Im Sog dieser Entdeckungen erfuhr der<br />

alte und <strong>neue</strong> Götze „Gold“ eine Wiedergeburt,<br />

und eine <strong>neue</strong> verheerende<br />

Krankheit, die Syphilis, breitete sich<br />

aus. Die Städte kämpften gegen den<br />

Adel, an alten Gesellschaftsordnungen<br />

wurde mächtig gerüttelt; in der Kunst<br />

verschwanden die langgestreckten gotisch-„geistlichen“<br />

Figuren an den Domen<br />

und machten wirklichkeitsnahen<br />

Darstellungen Platz. Der junge Kaiser<br />

Karl V. übernahm ein Reich, in dem die<br />

Sonne nicht unterging, und Erasmus<br />

von Rotterdam wurde zum Verkünder<br />

der „Humanitas“ und Kopernikus kam<br />

zu der Überzeugung, dass die Erde als<br />

Planet um die Sonne kreist und sich<br />

selbst um ihre Achse dreht. Aber was<br />

der kommenden Reformation am dienlichsten<br />

sein sollte, war die Erfindung,<br />

die ein Mann namens Johannes Gänsefleisch<br />

(Gensfleisch) in Mainz machte.<br />

Er schämte sich ein wenig seines Namens<br />

und nannte sich lieber nach seinem<br />

Haussitz Johannes Gutenberg. Er<br />

erfand das Drucken von Büchern mit<br />

beweglichen Lettern (ca. 1450).<br />

Zu den wenigen Menschen, die von<br />

Anfang an diese Erfindung in ihrem vollen<br />

Ausmaß zu würdigen wussten, gehörten<br />

zwei in Mainz lebende Siegener,<br />

wahrscheinlich Onkel und Neffe. Beide<br />

hießen Jakob Welder, und beide fügten<br />

in Mainz ihrem Namen stets hinzu „de<br />

Segen“ (von Siegen). Der ältere war<br />

Kanonikus 2 und Dechant 3 in Mainz und<br />

starb 1465, drei Jahre vor seinem Mitbürger,<br />

dem Buchdrucker Gutenberg,<br />

für dessen Erfindung er viel getan hatte.<br />

Der jüngere Jakob Welder wurde<br />

Professor für Theologie und hielt als<br />

solcher den Gottesdienst bei der Eröffnung<br />

der neu errichteten Universität<br />

Trier im Jahre 1473. Vier Jahre später<br />

wurde er der erste Rektor der ebenfalls<br />

neu gegründeten Universität Mainz, der<br />

Buchdruckerstadt.<br />

Johannes Hus und andere Vorläufer<br />

der Reformation bis hin zu Girolamo<br />

Savonarola waren daran gescheitert,<br />

dass ihre Botschaft nur in ihre unmittelbaren<br />

Wirkungskreise gehört, aber<br />

noch nicht durch Druckschriften weit<br />

ins Volk hineingetragen werden konnte.<br />

Insofern half die Erfindung Gutenbergs,<br />

„die Zeit zu erfüllen“.<br />

Als Jakob Welder der Jüngere in Mainz<br />

starb, schrieb man das Jahr 1483. In<br />

diesem Jahr waren der Mainzer Dekan<br />

Breidenbach und der Siegerländer Ritter<br />

Philipp von Bicken aus Hainchen bei<br />

Irmgarteichen im Heiligen Land. Sie<br />

veröffentlichten später über ihre Reise<br />

ein Buch mit eigens dazu geschaffenen<br />

Bildern (den ersten gedruckten Landschaftsillustrationen<br />

der Welt), ein Buch,<br />

das hinter Gutenbergs berühmter lateinischer<br />

Bibel zum Bestseller wurde.<br />

In eben diesem Jahre (1483) wurde<br />

dem Bergmann Hans Luther in Eisleben<br />

ein Sohn geschenkt, den er Martin<br />

nannte. Dieser Bergmannssohn, wohlvertraut<br />

mit allen berg¬männischen<br />

Gebräuchen, die er in den Kupferminen<br />

des Mansfeldischen Gebietes als Knabe<br />

kennen lernte, ließ sich 1501 in die Matrikel<br />

der Universität Erfurt als Student<br />

eintragen. Der Schreiber trug den Namen<br />

Luthers unmittelbar hinter dem eines<br />

Studenten aus Siegen ein, nämlich<br />

des Johannes Penderhanns, und wenige<br />

Zeilen hinter Martin Luther kamen<br />

die Namen von Jodocus Barbitonsorius<br />

(also Bartscherer) und Hermann Donsbach,<br />

beide aus Siegen. Beide konnten<br />

wohl studieren, weil ihre Väter mit dem<br />

Erzeugnis des Siegerländer Bergbaus,<br />

dem Eisen, genug Geld dafür verdient<br />

hatten.<br />

Im Jahre darauf (1502) wurden zu<br />

Erfurt immatrikuliert: Johann Neb und<br />

Henricus Pfaffhenn aus Siegen, ein weiteres<br />

Jahr später Johann Moldendael<br />

und Henricus Bader aus Siegen, und<br />

wieder ein Jahr später Johann Meinhart<br />

und Henrich Surdeich (Sauerteig) aus<br />

Siegen. Also insgesamt neun Siegener,<br />

die gleichzeitig mit Martin Luther in Erfurt<br />

studierten.<br />

In den Jahren 1505 bis 1522 findet<br />

man in Erfurt noch weitere 22 Studenten<br />

aus dem Siegerland, und 1511 wurde<br />

sogar ein Siegener namens Johannes<br />

Camberg Rektor der Erfurter Universität.<br />

Diese alle haben mit Sicherheit aufgehorcht,<br />

als sie 1517 vernahmen, dass<br />

ihr früherer Kommilitone Martin Luther<br />

jene 95 Thesen gegen den Ablass zur<br />

Diskussion stellte, die er auch dem Erzbischof<br />

von Mainz und dem Bischof von<br />

Brandenburg zusandte. Und manche<br />

von ihnen haben sicherlich die Bücher<br />

gekauft, die ihr einstiger Mitstudent in<br />

der Folgezeit drucken ließ. Sie haben<br />

sie gelesen und sich notwendigerweise<br />

mit ihrem Inhalt auseinandergesetzt.<br />

Sie haben darüber mit ihren Siegener<br />

Freunden und Nachbarn geredet, und<br />

so sind die Gedanken Luthers in Siegen<br />

mit Sicherheit bekannt gewesen, lange<br />

bevor der Landesherr sich zum Übertritt<br />

zur lutherischen Lehre entschloss.<br />

Inzwischen war aus dem Erfurter Kommilitonen<br />

unserer Siegener Studenten<br />

durch das schreckhafte Erlebnis eines<br />

Gewitters, in dem er beinahe vom Blitz<br />

erschlagen worden wäre, ein Mönch geworden.<br />

Am 2. Juli 1505 hatte er bei jenem<br />

Blitzschlag aufgeschrien: „Heilige<br />

Anna, ich will ein Mönch werden!“ Die<br />

heilige Anna war die Patronin der Bergleute.<br />

Viele Jahre später hat Luther sich<br />

der Bedeutung ihres hebräischen Namens<br />

Johanna als „Der Herr ist gnädig“<br />

entsonnen und seinen Entschluss nachträglich<br />

als Gnadenführung Gottes angesehen.<br />

Er war immerhin schon Magister,<br />

als er sich zur Enttäuschung seines Vaters<br />

entschloss, in den Augustinerorden<br />

einzutreten (17.7.1505). Zwei Jahre<br />

nach seinem Eintritt bei den Augustiner-Eremiten<br />

wurde er zum Priester geweiht<br />

4 ; dabei musste er sich niederwerfen<br />

und lange Zeit mit ausgebreiteten<br />

Armen auf der Grabplatte liegen, unter<br />

welcher der größte Gegner des Johannes<br />

Hus, Johannes Zacharias, begraben liegt.<br />

Noch sechs volle Jahre hat Luther sich<br />

mit der quälenden Frage nach Sündenvergebung<br />

abgemüht, bis sein gütiger<br />

Abt Johannes von Staupitz ihn auf die<br />

Heilige Schrift verwies, aus deren Studium<br />

er die Gewissheit gewann: „Sola<br />

scriptura, sola gratia, sola fide!“ (Allein<br />

aus der Schrift, allein aus Gnade, allein<br />

aus Glauben!). Dies wurde der Schlüssel<br />

seiner künftigen Botschaft: „Allein aus<br />

Glauben!“ Dies gab ihm den Mut zum<br />

Thesenanschlag, zur Disputation mit<br />

dem päpstlichen Legaten Cajetan auf<br />

dem Reichstag zu Augsburg 1518, zum<br />

Antritt des Einen gegen Alle, zur Verbrennung<br />

der Bannandrohungsbulle des<br />

Papstes (10.12.1520). Dies war das Generalthema<br />

seiner Schriften, die bereits<br />

erschienen, noch bevor er sich auf dem<br />

Reichstag zu Worms 1521 vor Kaiser und<br />

Reich verantworten musste. Ihre Titel<br />

(alle 1520 erschienen) lauteten:<br />

• „An den christlichen Adel<br />

deutscher Nation“,<br />

• „Von der babylonischen Gefangenschaft<br />

der Kirche“,<br />

• „Von der Freiheit eines Christenmenschen“,<br />

Bücher, die ganz sicher auch den Weg<br />

nach Siegen fanden zu den ehemaligen<br />

Mitstudenten und deren Freunden.<br />

1521 reiste Luther trotz der Warnungen<br />

aller Freunde nach Worms, stand<br />

dort tapfer und mutig vor den Vertretern<br />

des Reichs und dem 21-jährigen, erst<br />

seit zwei Jahren regierenden Kaiser Karl<br />

V., der von Luthers Auftreten völlig unbeeindruckt<br />

blieb, aber doch dem, wie er<br />

sagte, „notorischen Ketzer“ sein kaiserliches<br />

Wort hielt und ihm Geleitschutz für<br />

die Rückreise gab. So saß denn nachts<br />

vor der Türe von Luthers Zimmer der<br />

Reichsherold Kaspar Sturm, das Wappen<br />

des deutschen Reiches auf der Brust<br />

des Heroldsgewandes und das breite<br />

Schwert quer auf den Knien. Das war der<br />

menschlich höchstmögliche Schutz, den<br />

Luther haben konnte. Aber nach einigen<br />

Tagen verzichtete Luther darauf und<br />

sandte den Reichsherold zurück, und<br />

so konnte es zu dem geplanten Scheinüberfall<br />

des Kurfürsten Friedrich III. von<br />

Sachsen, genannt der Weise, (1463 –<br />

1525), kommen, in dessen Verlauf er auf<br />

die Wartburg geführt wurde.<br />

Als Teilnehmer am Reichstag zu<br />

Worms finden wir auch unseren damaligen<br />

Landesherrn, den Grafen Wilhelm<br />

von Nassau (1487 – 1559) 5 . Das Siegerland<br />

war damals Teil der Grafschaft Nassau-Dillenburg,<br />

zu der die Verwaltungsämter<br />

Dillenburg und Siegen gehörten.<br />

Graf Wilhelm war 1516 an die Macht<br />

gekommen und wird aus unerfindlichen<br />

Gründen „Wilhelm der Reiche“genannt 6 .<br />

Er war damals in Worms 34 Jahre alt,<br />

und wir wissen nicht, ob und wieweit<br />

Luther ihn beeindruckt hat und ob er<br />

dort mit dem Reformator gesprochen<br />

hat. Jedenfalls interessierte er sich erst<br />

sechs Jahre später für Luthers Schriften,<br />

nachdem er in Sachsen zu Besuch beim<br />

Kurfürsten Friedrich III. gewesen war<br />

und nachdem dieser ihm einen Gegenbesuch<br />

auf der Dillenburg gemacht hatte.<br />

Immerhin verbot er bereits 1518 in<br />

seinem Gebiet den Ablasshandel 7 .<br />

Inzwischen hatten sich soziale Missstände<br />

in verschiedenen Bauern- und<br />

Bürgeraufständen Luft gemacht. Es<br />

kam zu Zusammenrottungen, die sich<br />

der „<strong>neue</strong>n Lehre“ bedienen wollten<br />

und dabei oft die Grenzen der Legalität<br />

und der Ordnung überschritten.<br />

Lediglich aus den Missbräuchen, die<br />

bei den an sich berechtigten Rebellionen<br />

zu Massenmorden, Raub, Brand,<br />

Vergewaltigungen führten, ist Luthers<br />

hartes Wort wider die aufrührerischen<br />

Bauern zu verstehen. Das wichtigste<br />

Jahr dieser Zusammenrottungen war<br />

das Jahr 1525, dasselbe Jahr, in dem<br />

deutsche Landsknechte unter Georg<br />

von Frundsberg bei Pavia die französischen<br />

Truppen vernichtend schlugen,<br />

jener Frundsberg, der zu Luther gesagt<br />

hatte: „Mönchlein, Mönchlein, du gehst<br />

einen schweren Gang!“, das Jahr auch,<br />

in dem im Taubertal die Bauern die<br />

Ritter erschlugen und am Ende doch<br />

besiegt wurden und in dem der Samländische<br />

Aufstand stattfand 8 , das Jahr,<br />

Graf Wilhelm von Nassau<br />

in dem Ströme von deutschem Blut die<br />

deutsche Erde tränkten.<br />

In diesem Jahr 1525 standen auch in<br />

Frankfurt am Main, wie überall im Reiche,<br />

die Bürger auf gegen die alte Obrigkeit<br />

und vor allem gegen die bisherige<br />

Geistlichkeit, aber die Tatsache, dass<br />

die Frankfurter Aufstände ohne jedes<br />

Blutvergießen verliefen und in vernünftigen<br />

Verhandlungen geregelt werden<br />

konnten, verdankt die Freie Reichsstadt<br />

einzig und allein der Besonnenheit eines<br />

Mannes, der den Namen Hans Hammerschmidt<br />

trug, aber allgemein nach<br />

seinem Herkunftsort „Hans von Siegen“<br />

genannt wurde. Er war erst sieben Jahre<br />

zuvor (1518) nach Frankfurt gekommen<br />

und hatte die Tochter eines Buchhändlers<br />

geheiratet, der sicherlich auch<br />

66 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 67


Essay<br />

Essay<br />

Luthers Bücher führte. So muss Hans<br />

Hammerschmidt mit dem Gedankengut<br />

der Reformation bekannt geworden sein.<br />

Seinem schönen Namen Hammerschmidt<br />

zum Trotz übte er das Handwerk<br />

eines Schuhmachers aus, das<br />

bereits einen Jakob Böhme und einen<br />

Hans Sachs hervorgebracht hatte. Letzterem<br />

ist in der Oper „Die Meistersinger<br />

von Nürnberg“ von Richard Wagner ein<br />

Denkmal gesetzt worden. Die Schuhmacherzunft<br />

wählte Hammerschmidt zu<br />

ihrem Meister, obwohl er kein gebürtiger<br />

Frankfurter war, eine Ehre, die nur<br />

selten einem Auswärtigen widerfuhr. Als<br />

Zunftmeister finden wir ihn schon 1524<br />

und ebenfalls als Wortführer der sogenannten<br />

„evangelischen Brüder“. Er besuchte<br />

die Frankfurter Pfarrer nach den<br />

Predigten und diskutierte mit ihnen über<br />

ihre Wortverkündigungen und ihre seiner<br />

Meinung nach irrigen Ansichten, so<br />

z. B. mit dem Lesemeister des Dominikanerordens,<br />

wandte sich aber gleichzeitig<br />

auch gegen die schwärmerischen<br />

Umtriebe eines Dr. Gerhard Westerburg<br />

(der übrigens möglicherweise auch aus<br />

Siegen stammte, jedenfalls in Siegen<br />

Juliane von Stolberg<br />

nahe Verwandte hatte). Dieser Dr. Westerburg<br />

ging später von Frankfurt nach<br />

Köln, wo er Führer der Wiedertäufer<br />

wurde und dort gebremst wurde vom<br />

damaligen katholischen Bürgermeister<br />

Kölns, Arnold von Siegen. Siegener waren<br />

also auf die Gebiete der Reformation<br />

außerhalb Siegens stärker tätig als in ihrer<br />

Heimat selbst. Daraus kann man jedoch<br />

mittelbar den Schluss ziehen, dass<br />

auch im Siegerland das reformatorische<br />

Gedankengut weiter verbreitet war als<br />

man gemeinhin annimmt. Das geht z. B.<br />

indirekt auch daraus hervor, dass auf<br />

der katholischen Universität zu Köln, an<br />

der die Siegener zu studieren pflegten,<br />

seit 1524 kein einziger Siegener Student<br />

mehr zu finden ist, während solche aber<br />

zur gleichen Zeit in Wittenberg auftauchen,<br />

wo sie Luther und Melanchthon<br />

hören konnten.<br />

Graf Wilhelm der Reiche schien sich<br />

allmählich mehr und mehr der Lehre<br />

Luthers zuzuneigen, aber er konnte<br />

sich nicht entscheiden, die Reformation<br />

in Nassau einzuführen. Er brauchte in<br />

dem für Nassau lebenswichtigen Kampf<br />

um das Katzenelnbogische Erbe 9 den<br />

Beistand des (katholischen) Kaisers Karl<br />

V., mit dem er sich also nicht verfeinden<br />

durfte. Überdies stand er noch unter dem<br />

Einfluss seines Bruders Heinrich III. von<br />

Nassau 10 , der ein treuer Anhänger des<br />

Kaisers und der (katholischen) Kirche<br />

war und ihn immer wieder brieflich ermahnte,<br />

doch ja bei dem alten Glauben<br />

zu bleiben. Erst bei einem Besuch des<br />

Herzogs Johann Friedrich I. von Sachsen<br />

(1503 – 1554), genannt der Großmütige,<br />

1526 in Dillenburg ließ er sich<br />

bewegen, der „<strong>neue</strong>n Lehre“ mehr Freiraum<br />

zu geben. Johann Friedrich förderte<br />

die Reformation und stand als Führer<br />

des Schmalkaldischen Bundes 11 an der<br />

Spitze der Protestanten. Schließlich berief<br />

der Graf 1529 einen Mann als seinen<br />

Hofkaplan, der reformatorisch gesinnt<br />

war, nämlich Heilmann Bruchhausen, genannt<br />

Krombach. Die älteren Historiker<br />

sagen, dass er aus Krombach stamme,<br />

in Erfurt studiert und dort Luthers Lehre<br />

kennen gelernt habe. Beides trifft nach<br />

Alfred Lück nicht zu. Heilmann stammte<br />

aus Siegen, wo seine offensichtlich vom<br />

Hof Bruchhausen bei Krombach kommende<br />

Familie seit Generationen das<br />

Bürgerrecht genoss. Um 1502 hatte er in<br />

Köln studiert und war seit 1523 katholischer<br />

Priester in Siegen. Seine Bekanntschaft<br />

mit der Reformation muss wieder<br />

einmal dem gedruckten Wort zu danken<br />

sein, jedenfalls ist nachzuweisen, dass<br />

der Graf gerade ihn immer wieder nach<br />

Köln oder Frankfurt schickte, um Bücher<br />

einzukaufen, die sich mit dem „Evangelio“<br />

befassten. Das konnten zu jener<br />

Zeit wohl nur die Bücher Martin Luthers<br />

sein. Im Jahre 1529 sandte der Graf diesen<br />

Heilmann Bruchhausen oder Krombach<br />

nach Siegen, weil die Stadt, wie sie<br />

schrieb, „ihres alten Predigers Christian<br />

Moring überdrüssig“ sei.<br />

1530 nahm Wilhelm am Reichstag zu<br />

Augsburg teil, an welchem Philipp Melanchthon<br />

(1497 – 1560) die „Confessio<br />

Augustana“ vorlegte, das Augsburger<br />

Bekenntnis der reformierten Stände.<br />

Wie alte Berichte sagen, kam Wilhelm<br />

von dort „viel evangelischer“ zurück.<br />

Im Jahre darauf heiratete er (am<br />

20.9.1531) als Witwer 12 die 26-jährige<br />

Witwe seines Freundes Graf Philipp von<br />

Hanau 13 , Juliane von Stolberg (1506 –<br />

1580). In Hanau hatte man sich schon<br />

früh der Reformation zugewandt, und<br />

Juliane hat sicherlich aus innerster<br />

Überzeugung ihren Mann zur Lehre<br />

Luthers hinwenden können. Jedenfalls<br />

wurde ab 1531 im Siegerland für etwa<br />

100 Jahre kein katholischer Gottesdienst<br />

mehr gehalten 14 .<br />

An dieser Stelle gebietet die Fairness,<br />

einmal zu bedenken, dass ja nun<br />

nicht alle katholischen Pfarrer unfähige<br />

oder unwillige Leute gewesen sind, und<br />

sich vorzustellen, wie vielen von ihnen<br />

zu Mute gewesen sein mag, als ihnen<br />

plötzlich befohlen wurde, anders zu<br />

glauben und anders zu lehren als bisher.<br />

Die Zeit war jedoch reif für Luthers Botschaft.<br />

Aber es gab auch viele, die ratlos<br />

und verständnislos dem Befehl zum Religionswechsel<br />

gegenüberstanden; man<br />

denke an zahlreiche redliche Pfarrer, die<br />

in durchweinten Nächten eine Antwort<br />

Gottes suchten auf die Frage, weshalb<br />

sie ihm nicht mehr auf die alte, ihnen<br />

einzig bekannte Weise dienen konnten.<br />

Wenngleich im Siegerland – wie auch<br />

in anderen Teilen des Reiches – die Reformation<br />

durch den Landesherrn quasi<br />

„von oben“ betrieben wurde, bisweilen<br />

als „Fürstenreformation“ bezeichnet, so<br />

wurde in der Grafschaft Nassau-Siegen<br />

allerdings in keiner Weise ein Gewissenszwang<br />

ausgeübt wie etwa später<br />

bei der Gegenreformation. Vielmehr<br />

wurden die beiden lutherischen Prediger<br />

Heilmann Krombach und der im<br />

Jahr 1531 zusätzlich berufene Leonhard<br />

Wagner aus Kreuznach dazu angehalten,<br />

die Leute mit Wort und Schrift zu<br />

überzeugen. Die Reformation brachte<br />

mit sich den Beginn des selbständigen<br />

Denkens in theologischen Fragen und<br />

nicht mehr nur das Hören auf das Wort<br />

des Predigers, der allein fähig sein sollte,<br />

die Schrift auszulegen. Das begann damit,<br />

dass Luther sein Neues Testament<br />

in deutscher Sprache verfasste und mit<br />

Parallelstellen versah, um das Forschen<br />

in der Heiligen Schrift jedermann zu erleichtern.<br />

Einem Freunde schrieb er ins<br />

Stammbuch, dass die Heilige Schrift<br />

eine „selige Werkstatt“ sei, also ein Ort,<br />

in dem gearbeitet wird. Dieses Hinführen<br />

der Menschen zu eigenem Denken<br />

über Gottes Wort ist wohl eine der wesentlichen<br />

Errungenschaften der Reformation.<br />

Diese Denkfreiheit birgt allerdings<br />

auch die Gefahr verschiedener<br />

Erkenntnisse und – in deren Folge – die<br />

Gefahr von Spaltungen und Sektierertum.<br />

Das musste schon Luther zu seinen<br />

Lebzeiten erfahren, und das Marburger<br />

Religionsgespräch vom Jahre 1529 zwischen<br />

ihm und Zwingli bestätigte dies.<br />

Die Früchte dieses selbständigen Denkens<br />

haben übrigens später die Einführung<br />

des calvinistischen Bekenntnisses<br />

in Nassau-Siegen sehr erschwert, und<br />

die calvinistischen Prediger haben viel<br />

mehr Mühe gehabt als die lutherischen,<br />

den Leuten ihre Form der Erkenntnis<br />

und des religiösen Lebens klarzulegen<br />

und sie davon zu überzeugen. Wie stark<br />

aber dann diese durch eigenes Nachdenken<br />

gewonnene Überzeugung war,<br />

erwies sich später in den Jahren der<br />

Gegenreformation, in denen die Siegener<br />

und Siegerländer bereit waren, um<br />

ihres Glaubens willen manch ein Martyrium<br />

auf sich zu nehmen.<br />

Als Termin für die endgültige Zuwendung<br />

des Siegerlandes zur Reformation<br />

gilt allgemein die Einführung der kurz<br />

zuvor (1533) fertig gestellten reformierten<br />

„Nürnberger Kirchenordnung“<br />

im Jahre 1535. Schon im Jahre darauf<br />

folgte eine von Heilmann Krombach und<br />

Leonhard Wagner verfasste erste nassauische<br />

Kirchenordnung, auf die alle<br />

Geistlichen verpflichtet wurden und in<br />

der angeordnet wurde, dass jährlich je<br />

zwei Synoden in Siegen und Dillenburg<br />

abzuhalten und Superintendenten als<br />

Visitatoren der Gemeinden zu bestellen<br />

sind. Im selben Jahre (1536) trat Wilhelm<br />

der Reiche dem Schmalkaldischen<br />

Bund bei und bezeugte damit seine Zugehörigkeit<br />

zum Bekenntnis Luthers.<br />

Konsequenzen bzw. wesentliche Elemente<br />

dieser reformatorischen Neuordnung<br />

waren:<br />

● Predigt in deutscher Sprache als<br />

Mittelpunkt des Gottesdienstes,<br />

● Abschaffung der Messe,<br />

● Aufhebung des Zölibats,<br />

● Singen <strong>neue</strong>r Lieder in<br />

deutscher Sprache.<br />

Bereits 1534 hatte der Graf in Siegen<br />

das Franziskanerkloster aufgelöst. Aber<br />

erst vier Jahre später (1538) nahm er<br />

auch im Kloster Keppel die Neuordnung<br />

der Verhältnisse vor, mahnte insbesondere<br />

die Annahme der <strong>neue</strong>n Kirchenordnung<br />

an und forderte auch hier die<br />

Verwendung der deutschen Sprache im<br />

Gottesdienst 15 . Auch hier übte der Landesherr<br />

keinen geistlichen Zwang aus,<br />

auch nicht einmal bezüglich der Nonnentracht.<br />

Anders als in Siegen wurde<br />

Keppel als Versorgungsanstalt adeliger<br />

Töchter nicht aufgelöst, es fand auch<br />

keine Gütersäkularisation statt.<br />

Heilmann Krombach starb 1539. Er<br />

lernte noch den Mann kennen, der für<br />

die Reformation in Nassau-Siegen so<br />

unendlich viel getan hat, nämlich Erasmus<br />

Sarcerius (1501 – 1559). Diesen<br />

hatte der Graf am 15.6.1536 zum Rektor<br />

der Siegener Lateinschule, des heutigen<br />

Gymnasiums Am Löhrtor, berufen,<br />

dass dieses Ereignis wohl zu Recht als<br />

ihr eigentliches Gründungsdatum ansieht.<br />

In der Chronik der Schule zum<br />

450-jährigen Bestehen 1986 schreibt<br />

Walter Thiemann: „Sarcerius ist nicht<br />

der erste, wohl aber der eigentliche Reformator<br />

des Siegerlandes.“ 16 Zudem<br />

berief Graf Wilhelm ihn zum Hofprediger<br />

und übertrug ihm die Inspektion der<br />

Pfarrgemeinden. Auch Sarcerius kam<br />

aus einem Bergbaugebiet, nämlich aus<br />

Annaberg in Sachsen. In Wittenberg war<br />

er, ebenso wie sein Nachfolger Aemylius,<br />

Schüler Luthers und Melanchthons<br />

gewesen, konnte somit die reformatorische<br />

Lehre aus erster Hand in Siegen<br />

weitergeben 17 . Seine frühen reformatorischen<br />

Schriften ließ, wie Luther behauptet,<br />

der englische König Heinrich<br />

VIII. ins Englische übersetzen, damit<br />

sie die dort aus recht seltsamen Gründen<br />

eingeführte Reformation 18 stützen<br />

sollten. Die von Erasmus Sarcerius in<br />

Siegen verfassten Schriften (von seinen<br />

über 60 geistlichen und pädagogischen<br />

Büchern entstanden 24 in Siegen), insbesondere<br />

sein Katechismus, sind hinter<br />

den „Loci communes“ Melanchthons<br />

(„Hauptpunkte“ 1521) 19 die erste ausführliche<br />

Glaubenslehre des deutschen<br />

Protestantismus, und viele Gedankengänge<br />

und Lehrsätze seines Katechismus<br />

wurden später in den berühmten<br />

und bekannten Heidelberger Katechismus<br />

übernommen.<br />

Über Sarcerius ist in der heimatkundlichen<br />

Literatur so viel zu finden, dass<br />

hier auf Einzelheiten verzichtet werden<br />

kann. Er gilt mit Recht als der Reformator<br />

der gesamten nassauischen Grafschaften<br />

und hatte auf das gesamte<br />

Reformationsgeschehen in Deutschland<br />

einen wesentlich größeren Einfluss, als<br />

dies in der Vergangenheit angenommen<br />

wurde. Neuere Forscher rechnen ihn zu<br />

dem halben Dutzend der führenden Reformatoren.<br />

Er war auch stark beteiligt<br />

an dem (allerdings vergeblichen) Versuch<br />

des Kurfürsten und Erzbischofs von<br />

Köln, Hermann von Wied (1477 – 1552),<br />

die Reformation in Kurköln einzuführen.<br />

Der Erzbischof, dessen Bruder Johann<br />

Wied Wilhelms Schwester Elisabeth zur<br />

Frau hatte, war daraufhin durch päpstliche<br />

Bulle abgesetzt worden 20 . Nur zwei<br />

Jahre stand Erasmus an der Spitze der<br />

Lateinschule, die seither auch Siegener<br />

Pädagogium genannt wurde, hat aber<br />

danach als Superintendent in Siegen<br />

und anschließend in Dillenburg gewirkt<br />

und so die Aufsicht über das Siegener<br />

sowie das ganze nassauische Schulwesen<br />

behalten. – Eine kleine Äußerlichkeit<br />

sei hier am Rande vermerkt, die ein Beleg<br />

dafür ist, dass mit der Reformation<br />

quasi als „Nebenwirkung“ eine Aufwertung<br />

des Lehrerstandes einherging und<br />

Neuerungen (Reformen) auch im Schulwesen<br />

stattfanden: Der Schulmeister<br />

bekam, wie ab 1455 belegt ist, jährlich<br />

nicht mehr als drei Gulden Gehalt.<br />

In den Genuss einer Gehaltserhöhung<br />

kam er bis 1529 nicht. Mit der Einführung<br />

der Reformation schnellt das Gehalt<br />

dann gleich auf 20 und kurz darauf<br />

auf 40 Gulden hoch; bei Sarcerius wird<br />

das Rektorgehalt, das, wie auch die Lehrergehälter,<br />

Stadt und Kirche zu tragen<br />

hatten, sogar auf 100 Gulden aufgebessert<br />

21 . – Schließlich wurde Sarcerius vom<br />

Grafen entlassen, weil er sich standhaft<br />

weigerte, das Augsburger Interim 22 von<br />

1548 anzuerkennen, in dem er einige<br />

Erasmus Sarcerius<br />

Rückschritte gegenüber Luthers Lehre<br />

zu erkennen meinte.<br />

Graf Wilhelm der Reiche und Erasmus<br />

Sarcerius starben beide im Abstand<br />

von knapp zwei Monaten im Jahre 1559<br />

(Graf Wilhelm am 6.10., Sarcerius am<br />

28.11.). Vier Jahre vor seinem Tode<br />

weilte Sarcerius noch einmal zu Besuch<br />

in Siegen und wurde vom Rat der Stadt<br />

hoch geehrt.<br />

Bei dem Bemühen um einen Nachfolger<br />

als Rektor der Lateinschule hatte<br />

sich die Stadt Siegen an Martin Luther<br />

persönlich gewandt, und der empfahl<br />

in einem eigenhändigen Schreiben<br />

den Magister Georgius Aemylius<br />

(1517 – 1569), mit deutschem Namen<br />

68 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 69


Essay<br />

Essay<br />

Georg Oemeler. Sein Vater war, wie auch Luthers Vater, Bergmann.<br />

Die beiden hatten sich im Mansfelder Kupferbergbau<br />

kennen gelernt und waren, wie man heute sagen würde,<br />

Kumpel. Nikolaus Oemeler, der Vater des für Siegen vorgeschlagenen<br />

Georg Oemeler, hatte den Knaben Martin Luther<br />

öfters auf den Armen zur und von der Schule getragen, „nicht<br />

ahnend“, wie Luther später schrieb, „dass ein Schwager den<br />

anderen trage“. Daraus schließt man, dass Nikolaus Oemeler<br />

die Schwester Martin Luthers geheiratet hat, so dass Georg<br />

Oemeler ein richtiger Neffe des Reformators war. Pfingsten<br />

1540 (2.6.1540) wurde dieser in Siegen angestellt. Wie sein<br />

Vorgänger war auch er schriftstellerisch tätig. Er schrieb ein<br />

langes Gedicht „Das Leben Jesu“ und ein ergreifendes Klagelied<br />

über den von einer Feuersbrunst 1540 zerstörten Flecken<br />

Freudenberg 23 sowie Kirchenlieder, von denen lange Zeit zwei<br />

Lieder im evangelischen Gesangbuch zu finden waren 24 .<br />

In Siegen heiratete er Agnes, die Tochter des Predigers Leonhard<br />

Wagner, des neben Heilmann Krombach ersten tätigen<br />

reformierten Predigers. Aemylius kommt das Verdienst zu, die<br />

Bibliothek der Siegener Lateinschule, und damit wohl die erste<br />

öffentliche Bücherei Siegens, geschaffen und dafür dem Stadtsäckel<br />

Geld entlockt zu haben. Er blieb als Rektor bis 1553 in<br />

Siegen. Aus dieser Zeit sind sechs seiner Schriften, meist theologischen<br />

Inhalts, bekannt, die in Köln, Basel und Lyon gedruckt<br />

wurden. Schon daraus ist zu ersehen, dass Siegen damals gar<br />

nicht so verbindungslos am Ende der Welt gelegen war, wie man<br />

heute gern darstellen möchte. Dann ging er als Generalsuperintendent<br />

nach Stolberg im Harz, dem Heimatort der guten alten<br />

Juliane von Nassau. Dort starb er am 22. Mai 1569. In seinem<br />

Nachruf gedachte man seiner Siegener Zeit mit den Worten, er<br />

habe wie ein Krieger im Waffenkleide die rauhe Jugend Siegens<br />

zu Kunst und Sitte erzogen.<br />

dem Siegener Studenten Tillmann Stolz<br />

(1525–1589) geholfen. Tillmann Stolz<br />

ist der berühmteste Schüler von Aemylius<br />

und überhaupt der erste berühmt<br />

gewordene Siegener Abiturient (abiturientia<br />

1542), der später weltberühmte<br />

Geograph (Kartograph), Astronom und<br />

Kanalbauer Tilemannus Stella. Dieser<br />

bekam, als er 1552 zum Absatz seiner<br />

Karte von Palästina auf die Wanderschaft<br />

zog, von Melanchthon wertvolle Empfehlungsbriefe<br />

mit an Johann Mathesius in<br />

Joachimsthal in Böhmen, an König Christian<br />

II. von Dänemark und an Herzog Johann<br />

Albrecht von Mecklenburg.<br />

Diese so komprimiert beschriebenen<br />

Ereignisse und Namen führen vielleicht<br />

zu dem falschen Schluss, als ob Siegen<br />

und das Siegerland maßgeblich an der<br />

deutschen Reformation beteiligt gewesen<br />

seien. Das ist (mit Ausnahme von<br />

Sarcerius) gewiss nicht der Fall, aber sie<br />

bringen doch zum Ausdruck, dass der<br />

Anteil unserer Heimat an diesen weltverändernden<br />

Geschehnissen gar nicht so<br />

klein gewesen ist und dass unsere Vorfahren<br />

gar nicht so sehr in einem weltabgelegenen<br />

Winkel gelebt haben, wie oft<br />

gesagt wird. Hans-Peter Fries<br />

Quellen: 1) Wesentliche Details dieses Beitrags verdanke<br />

ich unveröffentlichten Aufzeichnungen, die mir mein<br />

hochverehrter Freund und hervorragender Kenner der<br />

nassauischen Geschichte Alfred Lück († 1982) überlassen<br />

hat. 2) Mitglied eines Domkapitels zur Führung des<br />

Gemeindelebens und der Liturgiefeier. 3) Katholischer<br />

Pfarrer, der vom Bischof mit der Aufsicht über den Klerus<br />

mehrerer Pfarreien betraut ist. 3) Die Priesterweihe<br />

erteilte ihm im Frühjahr 1507 der in Laasphe geborene<br />

Johannes Bonemilch (1434 – 1510) in seiner Eigenschaft<br />

als Weihbischof in Erfurt. Bonemilch war als angesehener<br />

Theologieprofessor ab 1485 mehrmals Dekan der theologischen<br />

Fakultät und dreimal Rektor der Universität<br />

Erfurt (zum dritten Mal 1503), dürfte also auch theologischer<br />

Universitätslehrer Luthers gewesen sein. Unter<br />

seiner Ägide als Domherr des Stiftes von St. Marien<br />

in Erfurt werden am Dom die schlanken Turmspitzen<br />

aufgesetzt und die große Glocke „Gloriosa“ in Auftrag<br />

gegeben und geweiht. Sie ist bis heute weltweit die größte<br />

frei schwingende mittelalterliche Glocke. 5) Seit 1506<br />

mit Walburga von Egmont (1490 – 1529) verheiratet. 6)<br />

Bisweilen wird der Beiname mit seinem ansehnlichen Zugewinn<br />

an Land und Geld aus dem Katzenelnbogenschen<br />

Erbfolgestreit (Schlichtungsvertrag 1557) begründet, was<br />

in Anbetracht seiner hohen Prozesskosten und Schulden<br />

kaum zutreffend ist. – Wikipedia führt seinen Beinamen<br />

auf seinen Kinderreichtum (fünf Söhne und sieben Töchter)<br />

zurück. 7) Lück, Alfred: Siegerland und Nederland,<br />

Siegen 1967, S. 41. 8) Samland = Landschaft zwischen<br />

Kurischem und Frischen Haff. 9) Grafschaft Katzenelnbogen.<br />

– Der letzte Graf von Katzenelnbogen starb 1479.<br />

Danach fiel die Grafschaft an den Landgrafen Heinrich<br />

III. von Hessen (1440 – 1483), verheiratet mit Anna von<br />

Katzenelnbogen. 10) Dessen Heirat mit Claudia von<br />

Chalon war die Ursache dafür, dass das südfranzösische<br />

Orange an das Haus Nassau kam. 11) Bündnis von 1531<br />

protestantischer Fürsten und Reichsstädte gegen Kaiser<br />

Karl V. und die katholischen Stände zur Wahrung des reformierten<br />

Glaubens und der politischen Selbständigkeit.<br />

12) Seine erste Gemahlin Walburga von Egmont (Hochzeit<br />

1506) verstarb 1529. 13) Ebenfalls 1529 verstorben.<br />

(s. A. Lück, a.a.O., S. 43). 14) Im Spiegel der Sieg (Hrsg.:<br />

G. Busch), 2. Aufl., Siegburg 1980, S. 111 f. (B. Roedig).<br />

15) Vgl. Isenberg, Erwin: Siegener Zeitung, 12.9.2015,<br />

S. 43. 16) 450 Jahre Gymnasium Am Löhrtor 1536-1986,<br />

Siegen 1986, S. 17 ff. (W. Thiemann). 17) A. Lück, a.<br />

a. O., S. 44. 18) Zunächst war Heinrich VIII. gläubiger<br />

Katholik. Seine Schrift gegen Luther trug ihm 1521 sogar<br />

den päpstlichen Titel „fidei defensor“ (Verteidiger des<br />

Glaubens) ein. Da er von seiner ersten Ehefrau Katharina<br />

von Aragón keinen männlichen Thronfolger bekam, strebte<br />

er später eine Scheidung durch den Papst an, die dieser<br />

jedoch ablehnte. Heinrich sagte sich daraufhin von der<br />

römisch-katholischen Kirche los, erhob sich selbst zum<br />

Oberhaupt der Kirche Englands und löste die englischen<br />

Klöster auf. Infolgedessen wurde er vom Papst exkommuniziert.<br />

Mit der Ablehnung der Autorität des Papstes und<br />

dem Druck einer staatlich autorisierten englischen Bibel<br />

ebnete er den Weg für die protestantische Reformation in<br />

England. 1531 ließ er seine Ehe für nichtig erklären und<br />

heiratete Anna Boleyn, die bereits ein Jahr später wegen<br />

angeblichen Ehebruchs hingerichtet wurde. 19) Evangelische<br />

Dogmatik, Zusammenfassung der Rechtfertigungslehre<br />

Luthers. 20) A. Lück, a. a. O., S. 44. 21) 450 Jahre<br />

Gymnasium ... (a. a. O.), S. 1. 22) Als Augsburger Interim<br />

oder auch nur als Interim (lateinisch für Zwischenzeit)<br />

wird eine Verordnung Kaiser Karls V. bezeichnet, mit der<br />

er nach dem Sieg über den Schmalkaldischen Bund seine<br />

religionspolitischen Ziele im Heiligen Römischen Reich,<br />

insbes. die Wiedereingliederung der Protestanten in die<br />

katholische Kirche, durchsetzen wollte. Das Augsburger<br />

Interim stieß sowohl auf protestantischer als auch auf<br />

katholischer Seite zum Teil auf heftigen Widerstand.<br />

In den süddeutschen protestantischen Gebieten wurde<br />

es mit staatlichem Zwang, in den norddeutschen nur<br />

oberflächlich durchgeführt. Bereits 1552 war Karl, nach<br />

einem Aufstand protestantischer Fürsten, gezwungen das<br />

Interim wieder zurückzunehmen und die konfessionelle<br />

Spaltung des Reiches hinzunehmen. 23) Gänzlich zerstört<br />

durch erneute Feuersbrunst im Jahr 1666. 24) „Gratias“<br />

(Danklied nach dem Essen) und „Danket dem Herrn, der<br />

uns all thut nähren“.<br />

Während seiner Tätigkeit in Siegen wurde ihm und der Stadt<br />

die Ehre eines hohen Besuches zuteil. Ihn besuchte 1543 sein alter<br />

Lehrer Philipp Melanchthon, der auf der Reise zum Kurfürsten<br />

und Erzbischof von Köln, Hermann von Wied, war. An der Spitze<br />

der Siegener Gelehrsamkeit begrüßte Aemylius den Reformator,<br />

unter dessen Dekanat er 1537 in Wittenberg zum Magister und<br />

Dr. theol. promoviert hatte. Er überreichte dem hochverehrten<br />

Manne im Auftrage der Siegener Honoratioren eine Schrift über<br />

die Entstehung der Lateinschule zu Siegen. Melanchthon nahm<br />

Quartier im Hause des nassauischen Rats Wilhelm Knüttel, dessen<br />

Leichnam in der Martinikirche begraben liegt, und dessen<br />

Söhne Friedrich, Wilhelm und Johannes bei Melanchthon in Wittenberg<br />

studierten. Von Siegen aus reiste Melanchthon weiter<br />

über Freudenberg, von wo zwei Studenten, beide Johannes Siebel<br />

mit Namen, in Wittenberg studierten.<br />

Auf der Rückreise erfuhr Melanchthon in Runkel an der Lahn,<br />

dass eine junge Tochter seines Siegener Freundes Aemylius gestorben<br />

war. Er schrieb einen lateinischen Trostbrief an seinen<br />

Freund nach Siegen und fügte diesem für dessen Frau Agnes<br />

ein Brieflein in deutscher Sprache bei, das bedeutete, dass er<br />

sich ihr zuliebe seines Gelehrtentums entledigte und lediglich als<br />

Freund und Mitmensch zu erscheinen wünschte. Für die Auffassungen<br />

der damaligen Zeit ist das schon ein unerhörtes Zeichen<br />

von Freundschaft, und man sollte eher diese Geste im Gedächtnis<br />

behalten als die Tatsache, dass der Rat der Stadt Siegen dem<br />

Reformator zwei Kannen Wein verehrte.<br />

Übrigens sind auch Melanchthons Beziehungen zu Siegen stärker,<br />

als man vermutet. Er befürwortete das Stipendium des Studenten<br />

Johannes Kalb, Sohn des Siegener Bürgermeisters Hanns<br />

Kalb, sowie des ebenfalls aus Siegen stammenden Studenten Peter<br />

Naurath. Am wirksamsten aber hat Melanchthons Fürsprache<br />

70 durchblick 3/<strong>2022</strong> 3/<strong>2022</strong> durchblick 71


Wiederkehrende Termine<br />

montags:<br />

11.00-12.00 Uhr Seniorengymnastik<br />

mit Anne Freudenberger, Dr.<br />

Ernst-Schuppener-Haus, Stadtteilbüro<br />

Heidenberg, 0271/23418872<br />

14.00 Montagscafé des DRK–Siegen<br />

Nord e.V., 57076 Siegen-Weidenau,<br />

Schneppenkauten 1, 0271-76585<br />

18.00 Lese- und Literaturkreis mit<br />

Gustav Rinder, Lebendiges Haus e.V<br />

Siegen, Melanchtonstr. 61, in der<br />

Bibliothek 0271/7411019<br />

20.30 Tangosalon: Milonga, Tango<br />

Argentino – Gefühle tanzen, Kulturhaus<br />

Lÿz Siegen, St.-Johann-Str. 18<br />

Jeden 1. Montag im Monat<br />

14.00-16.00 Kreuztaler Repaircafé,<br />

Dietrich-Bonhoeffer-Haus, Leipziger<br />

Str. 6 0160 / 97786115<br />

19.00 Trauergruppe der Ambulanten<br />

Hospizhilfe, Stiftung Diakoniestation<br />

Kreuztal, Ernsdorfstr. 3, 02732/1028<br />

20.00 Tango Schnupperkurs (bis 21<br />

Uhr), anschließend Tangosalon, Kulturhaus<br />

Lÿz Siegen, St.-Johann-Str.18<br />

Jeden 2. Montag im Monat<br />

10.00 Trauercafé der Ambulanten<br />

ökumenischen Hospizhilfe Siegen<br />

e.V., „Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />

Marienborner Str. 0271/23602-67<br />

15.15 Montagsgespräch des „Bund<br />

der Vertriebenen“ – Geschäftsstelle<br />

Siegen, Seilereiweg 6 0271/82838<br />

18.30 „Anders Altern“ Gruppe für<br />

gleichgeschlechtlich Lebende und Liebende,<br />

„Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />

0271/404-2434<br />

Jeden 4. Montag im Monat<br />

14.30-16.30 Spielenachmittag,<br />

AWO Seniorenzentrum Erndtebrück,<br />

Struthstr. 4, 02753/507740<br />

Letzter Montag im Monat<br />

10.00 Stadteilfrühstück, Stadtteilbüro<br />

FES & MGH Kreuztal, Danziger Str. 2<br />

02732/3790 Anmeldung erwünscht<br />

18.30 Selbsthilfegruppe Asthma und<br />

Bronchitis „Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />

Marienborner Str. 151 02737/3308<br />

dienstags:<br />

Jeden 1. Dienstag im Monat<br />

15.30-17.00 Smartphone-Treff,<br />

AWO Seniorenzentrum Erndtebrück,<br />

Struthstraße 4, Information: „Aufwind<br />

Jugendhilfe GmbH“, 0172/4286150<br />

17.00 Treffen der SHG für Hörgeschädigte,<br />

Ev. Martini-Kirchengemeinde<br />

Siegen, St. Johann Str. 7<br />

Brigitte Schmelzer 02737/93470<br />

Jeden 2. Dienstag im Monat<br />

19.00 Vorwärts-Chor, „Haus Herbstzeitlos“<br />

Si., Marienborner Str. 151<br />

Jeden 3. Dienstag im Monat<br />

15.30-17.00 Smartphone-Treff,<br />

AWO Seniorenzentrum Erndtebrück,<br />

Information: Aufwind Jugendhilfe<br />

GmbH, Julia Trettin 0172/4286150<br />

15.30 Smartphonecafé, Digitale Themennachmittage.<br />

Stadtteilbüro FES &<br />

Mehrgenerationenh. Kreuztal, Danziger<br />

Str. 2, Anmeldung 02732/3790<br />

Jeden letzten Dienstag im Monat<br />

14.30-16.00 Café Auszeit mit der<br />

Gruppe Lebensfreude, Otto-Reiffenrath-Haus<br />

Neunkirchen, Anmeldung<br />

02735/767-200 oder grosshauslutz@neunkirchen-siegerland.de.<br />

mittwochs:<br />

9.00 Ü55-Fitness, (nicht in den Ferien)<br />

Stadtteilbüro FES & MGH Kreuztal,<br />

Danziger Str. 2 02732/3790<br />

9.00 Wandern, Nordic Walking, ab<br />

Wanderparkplatz Siegen, Rosterstraße,<br />

Günter Dickel 0271/334566<br />

9.30 Bewegt ÄLTER werden, Fritz-<br />

Fries-Seniorenzentrum der AWO,<br />

Siegen, Rosterstr.186, Klaus Kuhn<br />

0271/3303-603<br />

10.00 Wanderungen, ca. 5 km des<br />

„Interkulturelles Seniorennetzwerk<br />

ab Siegerland-Center Weidenau<br />

0271/42517 Alfonso López García<br />

13.00-17.00 ALTERAktiv<br />

Fahrrad-Reparatur-Treff Selbsthilfe<br />

Werkstatt Siegen, Sandstraße 20,<br />

Innenhof, Info: Klaus Reifenrath,<br />

0171-8821420<br />

14.00 Hilfen für zu Hause des Diakonischen<br />

Freundeskreises Siegen-Süd,<br />

Diakonie Si.-Eiserfeld, Mühlenstr. 7<br />

14.00-17.00 Taschengel<strong>db</strong>örse<br />

Siegen, MehrGenerationenZentrum,<br />

Martinigemeinde Siegen, St.-Johannstraße<br />

7 0271/2346066<br />

15.30 Geselliger Kaffeenachmittag<br />

Lebendiges Haus e.V Siegen, Melanchtonstraße<br />

61 0271/2316679<br />

Jeden 1. Mittwoch im Monat<br />

10.00 Trauercafé Regenbogen der ambul.<br />

Hospizhilfe, Diakonistation Kreuztal,<br />

Ernsdorfstraße 3 02732/1028<br />

14.30 Museums-Momente, Führung<br />

für Menschen mit Demenz und ihre<br />

Begleitung, „Museum für Gegenwartskunst“<br />

Siegen, Anmeldung<br />

erforderlich 0271-4057710<br />

15.00 Seniorennachmittag des Heimatvereins<br />

Burbach-Niederdresselndorf,<br />

Alte Schule 0273-67726<br />

15.00 Frauenzimmer, Frauencafé des<br />

DRK-Niederschelden, Mudersbach,<br />

Josefstraße 1 0271/354962<br />

17.00 Smartphonecafé, Hilfe rund um<br />

Handy Laptop und Co. Stadtteilbüro<br />

FES & Mehrgenerationenh. Kreuztal,<br />

Danziger Str. 2 02732/3790<br />

19.30 Treffen der Heimatfreunde Trupach,<br />

Kapellenschule Si.-Trupbacher<br />

Str. 34 0271/371022<br />

Jeden 2. Mittwoch im Monat<br />

13.00 Wandern mit der Seniorenhilfe<br />

Siegen e.V., „Haus Herbstzeitlos“<br />

Siegen, Gruppe Fritz/Harzer<br />

Anmeldung 0271/42616<br />

Jeden 3. Mittwoch im Monat<br />

14.30 VDK-Siegen-Treff; Frohe<br />

Runde, Christofferhaus Siegen,<br />

Friedrich-Wilhelm-Str. 118<br />

14.30 Wir tanzen wieder! Für<br />

Menschen mit und ohne Demenz,<br />

Tanzschule „Im Takt“, Netphen-<br />

Dreistiefenb., Dreisbachstr. 24<br />

Anmeldung 0271/234178-17<br />

72 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />

Letzter Mittw. im Monat<br />

14.00-17.00 Seniorencafé,<br />

Stadtteilbüro FES & MGH<br />

Kreuztal, Danziger Str. 2<br />

Anmeldung unter<br />

02732/3790<br />

15.00-16.30 Selbsthilfegruppe<br />

Frontotemporale<br />

Demenz im Café Auszeit<br />

Kreuztal, Ernsdorfstr. 5<br />

donnerstags:<br />

10.00 -12.00 Seniorenwerkstatt,<br />

des „Interkulturellen<br />

Seniorennetzwerkes“. Spanischsprachige<br />

Gemeinde<br />

e.V., kath. Gemeindehaus<br />

Siegen, St.-Michaelstraße 3<br />

0271/42517<br />

10-12 Uhr Diakonischer<br />

Freundeskreis Siegen-Süd,<br />

Hilfen für zu Hause, Eiserfeld,<br />

Mühlenstraße<br />

12.30 Kunstpause Öffentliche<br />

Führung durch die Wechselausstellung,<br />

Museum für Gegenwartskunst<br />

Siegen<br />

14.00 Handarbeitstreff,<br />

Stadtteilbüro FES & MGH<br />

Kreuztal, Danziger Str. 2<br />

(Nicht in den NRW-Ferien)<br />

Jeden 1. Donnerstag<br />

19.00 Tischtennistreff für<br />

Männer, Stadtteilbüro FES<br />

& MGH Kreuztal, Danziger<br />

Straße 2<br />

Jeden 2. Donnerstag<br />

15.00 Selbsthilfegruppe Mitten<br />

im Leben für Menschen<br />

mit Gedächtnisproblemen<br />

KSG-Senioren Wohnanlage<br />

Siegen, Weidenauer Str. 202<br />

Jeden 3. Donnerstag<br />

19.00 Tischtennistreff für<br />

Männer, Stadtteilbüro FES &<br />

MGH Kreuztal, Danziger Str. 2<br />

Jeden 4. Donnerstag<br />

15.00 Trauercafé der Ambulanten<br />

ökum. Hospizhilfe<br />

Siegen e.V., „Haus Herbstzeitlos“<br />

Siegen, Marienborner Str.<br />

0271/23602-67<br />

freitags:<br />

15.30 Singkreis Lebendiges<br />

Haus e.V Siegen,<br />

Melanchtonstr. 61<br />

0271/7032846<br />

17.00 Tanzen ab der<br />

Lebensmitte auch ohne Partner,<br />

TanzZentrum Si.-Geisweid,<br />

Birlenbacher Hütte 16<br />

0271/84999<br />

18.00 Wochenschlussandacht<br />

in der Autobahnkirche<br />

Anm.: Info@Autobahnkirche-<br />

Siegerland.de<br />

21.00 Tango Milonga, Café<br />

Basico Kreuztal, Hüttenstraße<br />

30 (vor der Eisenbahnbrücke<br />

links)<br />

Veranstaltungen finden nur statt, wenn behördliche Beschränkungen das zulassen.<br />

Jeden 1. Fr. im Monat<br />

16.00 Reparaturtreff im Gemeindezentrum<br />

„Mittendrin“<br />

Geisweid, Koomanstr. 8<br />

Jeden 2. Fr. im Monat<br />

15.00 Wochenausklang der<br />

Seniorenhilfe Siegen e.V.<br />

„Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />

0271/6610335<br />

samstags:<br />

Jeden 3. Sa. im Monat<br />

9.00-12.00 Repaircafé,<br />

Kath. Gemeindehaus<br />

Erndtebrück, Birkenweg 2<br />

Friederike Oldeleer<br />

02759/2149560<br />

13.00 ALTERAktiv Repaircafé,<br />

Mehrgenerationenzentrum<br />

Haus der Martinigemeinde,<br />

St.-Johannstr. 7<br />

0171-8821420<br />

Jeden 4. Sa. im Monat<br />

13.00 Klimawelten<br />

Repaircafé, Florenburg<br />

Hilchenbach, Kirchweg 17<br />

Ingrid Lagemann<br />

02733/2366<br />

sonntags:<br />

16.00 Öffentliche Führung:<br />

Gemischtes Doppel<br />

Museum für Gegenwartskunst<br />

Siegen<br />

20.00 Salsa Fiesta, Café<br />

Basico Kreuztal, Hüttenstr.<br />

30 (von Si. vor der Eisenbahnbr.<br />

lks)<br />

Jeden 1. So. im Monat<br />

14.00 Johannland-Museum<br />

geöffnet, ab 15 Uhr Kaffee<br />

und Kuchen Netphen-Irmgarteichen,<br />

Glockenstr.19<br />

15.00 Führungen im Wodanstollen<br />

Heimatverein<br />

Salchendorf e.V., Neunkirchen,<br />

Arbachstr. 28 a<br />

0170 4770666<br />

15.00 Trauercafé der<br />

Ambulanten ökumenischen<br />

Hospizhilfe Siegen<br />

e.V., Pfarrheim Heilig<br />

Kreuz Siegen, Im Kalten<br />

Born, 0271/23602-67<br />

15.00 Führung durch die Ausstellung Gemischtes Doppel,<br />

„MgK“ Siegen, Am Unteren Schloss 1<br />

15.30 Café im städtischen Begegnungszentrum Haus<br />

Herbstzeitlos Siegen, Marienborner Straße 151<br />

Jeden 2. So. im Monat<br />

10.00-12.00 Tausch und Plausch, Treffen der Briefmarkenfreunde<br />

Netpherland, Heimatmuseum Netphen,<br />

Lahnstr. 47 02737/209527 (W. Lerchstein)<br />

14.30 Sonntagscafé, Alten Linde Wilnsdorf-Niederdielfen,<br />

Weißtalstraße<br />

15.00 Sonntagscafè, Heimatverein im Bürgerhaus Siegen-Niederschelden,<br />

Auf der Burg 15 0271/311579<br />

Jeden 3. Sonntag im Monat<br />

14.30 Kaffeeklatsch im Heimatverein Salchendorf e.V.,<br />

Haus Henrichs Neunkirchen-Salchendorf, Hindenburgpl. 1<br />

15.30 Café im städtischen Begegnungszentrum Haus<br />

Herbstzeitlos Siegen, Marienborner Straße 151


durchblick verlost Freikarten<br />

Florian Schroeder<br />

Es ist Zeit für einen Neustart, so sehr wie<br />

noch nie. Und zwar heute. Eigentlich schon<br />

gestern. Aber da hatten wir keine Zeit. So hat<br />

das Geschrei das Gespräch ersetzt, es gibt<br />

keine Freunde mehr, nur noch Feinde - und<br />

Opfer. Die Digitalisierung ist unsere Chance<br />

und doch schafft sie uns ab! Disruption und<br />

Revolution sind permanent geworden. Wir<br />

kennen alles und wissen nichts. Die Welt ist<br />

oft genug untergegangen, jetzt drückt Florian<br />

Schroeder den Reset-Knopf und for matiert<br />

die Festplatten neu - jenseits von Weltuntergang<br />

und Erlösungsversprechen, jenseits von<br />

Hysterie und Gleichgültigkeit, jenseits von<br />

Gut und Böse. Reflexion statt Reflexe.<br />

Samstag, 24. Sept. 20 Uhr<br />

Kulturhaus LŸZ, Siegen, St.-Johann-Straße 18<br />

Gewinnen können Sie<br />

3 x 2 Eintrittskarten,<br />

wenn Sie bis 10. Sept. eine<br />

Nachricht mit Namen, Telefonnummer<br />

und dem Vermerk Freikarten<br />

senden an:<br />

Redaktion durchblick<br />

Marienborner Str. 151<br />

57074 Siegen<br />

gewinnspiel@durchblick-siegen.de<br />

Die Gewinner werden telefonisch<br />

benachrichtigt.<br />

Die Tickets werden an der<br />

Abendkasse hinterlegt.<br />

Die Gewinner der letzten<br />

Verlosung:<br />

Die Geininger<br />

je zwei Karten erhielten: Martha<br />

Schmidt, Siegen; Marina Rademacher,<br />

Mudersbach; Christiane Klein, Siegen.<br />

Veranstaltungen finden nur statt, wenn behördliche Beschränkungen das zulassen.<br />

Haus Herbstzeitlos<br />

Seniorenbegegnungszentrum der Universitätsstadt Siegen<br />

57074 Siegen • Marienborner Straße 151<br />

www.unser-quartier.de/haus-herbstzeitlos-siegen<br />

Verwaltung:<br />

Seniorenbeauftragter 0271 / 404-24 34<br />

ALTERAktiv Siegen-Wittgenstein e.V.<br />

Lesepaten 02739 / 22 90<br />

Senec@fé 0271 / 2 50 32 39<br />

durchblick - siegen e.V.<br />

Geschäftsstelle 0271 / 6 16 47<br />

Redaktion 0171 / 6 20 64 13<br />

Seniorenbeirat 0271 / 404-22 02<br />

SeniorenServiceStelle 0271 / 404-24 34<br />

Seniorenhilfe Siegen e.V.<br />

Geschäftsstelle 0271 / 6 61 03 35<br />

Gruppen<br />

Trauercafé 0271 / 23 602-67<br />

Film- und Video-Club 02732 / 1 24 60<br />

Selbstverteidigung 0160 / 8 30 18 67<br />

Werkstatt 0271 / 6 27 76<br />

Englischkurse 0271 / 404-24 34<br />

montags<br />

mittwochs<br />

09.00 - 12.00 SeniorenServiceStelle der 09.00 - 10.30 Englisch für Senioren<br />

Stadt Siegen geöffnet<br />

VHS Kurs Z42000-3<br />

10.00 - 12.00 Sprechstunde der<br />

09.00 - 12.00 SeniorenServiceStelle der<br />

Seniorenhilfe Siegen<br />

Stadt Siegen geöffnet<br />

14.00 - 18.00 ALTERAktiv-Senec@fé 09.00 - 12.00 ALTERAktiv-Senec@fé<br />

Computertreff<br />

Computertreff<br />

17.00 - 18.00 Tai Chi unter Anleitung 10.00 - 12.00 Redaktionsbüro des<br />

durchblick geöffnet<br />

dienstags<br />

10.30 - 12.00 Englisch für Senioren<br />

09.00 - 12.00 ALTERAktiv-Senec@fé,<br />

VHS Kurs Z42001-3<br />

Computertreff<br />

14.00 - 18.00 ALTERAktiv-Senec@fé<br />

10.00 - 12.00 Redaktionsbüro des<br />

Computertreff<br />

durchblick geöffnet 15.00 - 17.00 Singen mit der<br />

18.00 - 20.00 Arbeitskr. MitweltZukunft,<br />

Seniorenhilfe Siegen<br />

0271 / 404-2434 17.00 - 20.00 Regenbogentreff<br />

(Nur in geraden Wochen)<br />

Spielen und Klönen<br />

19.00 - 22.30 Film und Videoclub<br />

Bushaltestelle: Blumenstraße<br />

Busse ab zentraler Omnibusbahnhof Siegen: B 1-2: Linien R 12, R 13, R 17, L 109.<br />

donnerstags<br />

09.30 - 10.30 Selbstverteidigung<br />

10.00 - 12.00 Sprechstunde der<br />

Seniorenhilfe Siegen<br />

10.00 - 12.00 Redaktionsbüro des<br />

durchblick geöffnet<br />

11.00 - 12.00 Yoga unter Anleitung<br />

12.15 - 13.15 Yoga auf dem Stuhl<br />

0271 / 404-2202<br />

freitags<br />

10.00 - 11.30 Englisch für Senioren<br />

VHS Kurs ab Herbst <strong>2022</strong><br />

samstags<br />

09.00 - 12.00 Wandergruppe der<br />

Seniorenhilfe Si. Termine<br />

auf Anfrage 0271 / 64300<br />

Kostenlose Parkplätze am Haus<br />

Gemeinsam nicht einsam!<br />

Haus Herbstzeitlos sonntags wieder geöffnet.<br />

Für Gemeinsamkeit möchten wir etwas tun, und haben deshalb einen<br />

Ort geschaffen, wo sich Menschen treffen können. Wenn Sie<br />

sich einsam fühlen, sind Sie bei uns (vorerst jeden 1. und 3. Sonntag<br />

im Monat) ab 15.30 Uhr willkommen.<br />

Sonntag nachmittags ins Haus Herbstzeitlos, jede und jeder kann<br />

vorbeikommen, dem zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, die<br />

ihr Stück Kuchen nicht alleine essen möchte, oder der einfach nur<br />

mit jemandem klönen, plaudern, oder wie wir im Siegerland sagen,<br />

„lällen“ möchte. Männer und Frauen jeden Alters sind willkommen.<br />

Kaffee, Kuchen und Getränke sind gegen eine kleine Spende<br />

erhältlich. Kommen Sie vorbei und machen Sie einfach mit!<br />

Das Team um Theres, Karin und Uschi laden herzlich ein!<br />

74 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />

3/<strong>2022</strong> durchblick 75


September<br />

20.00 Biyon Kattilathu: Weil jeder<br />

Tag besonders ist, Siegerlandhalle<br />

Siegen, Koblenzer Str. 151<br />

1. Donnerstag<br />

12.30 Miriam Cahn. MEINEJUDEN,<br />

Kunstpause, Kurzführung durch "MEI-<br />

NEJUDEN", Museum für Gegenwartskunst<br />

Siegen, Unteres Schloss. Die Ausstellung<br />

ist noch bis zum 23.10.<strong>2022</strong><br />

geöffnet Weitere Infos unter<br />

0271 405 77 10 info@mgksiegen.de<br />

14.30 Literaturcafé der Seniorenhilfe,<br />

Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos<br />

Siegen, Marienborner Str. 151<br />

3. Samstag<br />

6.00 Geisweider Flohmarkt Siegen,<br />

Geisweider Str. unter der HTS<br />

20.00 OLAF SCHUBERT & SEINE<br />

FREUNDE, Zeit für Rebellen, Siegerlandhalle<br />

Siegen, Koblenzer Straße<br />

Noch bis 10. September: „Wochenend<br />

und Sonnenschein“ Freilichtbühne Freudenberg,<br />

immer mittwochs 17 Uhr,<br />

freitags und samstags 20 Uhr.<br />

4. Sonntag<br />

11.00 Musik im Wald Matinee-<br />

Konzert, mit den Cellisten der Philharmonie<br />

Südwestfalen, Forsthaus<br />

Hohenroth Netphen, An der Eisenstr.<br />

16.00 Vernissage: Lyrik & Zwischentöne,<br />

Foto Grafiken, Kulturflecken<br />

Silberstern Freudenberg, Am<br />

Silberstern 4a<br />

16.00 Konzert: Sonntagnachmitag<br />

um 4 im Schlosspark, Siegerländer<br />

Bergknappenkapelle, Oberes Schloss<br />

Siegen<br />

20.00 Konzert: Alte Bekannte, Bunte<br />

Socken – Tour 2021/22, Siegerlandhalle<br />

Siegen, Koblenzer Str. 151<br />

Comedy mit Johannes Schröder, Mittwoch den 14.9. in der Siegerlandhalle.<br />

5. Montag<br />

17.00 Wanderausstellung „Selbsthilfe<br />

und Migration“, (bis 15.9.<strong>2022</strong>),<br />

KrönchenCenter Siegen<br />

18.30 VHS-Siegen Vortrag: Leben<br />

mit Hochsensibilität - Erlebnisvortrag,<br />

KrönchenCenter Siegen<br />

7. Mittwoch<br />

19.00 VHS-SIWI Vortrag: Belästigt<br />

von Pflaumenkuchenwespen,<br />

Hornissen & Co, Stadtbibliothek<br />

Kreuztal, Marburger Str. 10<br />

8. Donnerstag<br />

15.30 VHS-Siegen, Café-Literatur-<br />

Zeit: Simone de Beauvoir (1908-<br />

1986), KrönchenCenter Siegen<br />

9. Freitag<br />

11.00 JETZT ALLE!, das experimentelle<br />

Reallabor für die Kultur der Vielfalt,<br />

Kulturhaus LŸZ, Siegen<br />

18.00 VHS-Siegen Vortrag: Jakarta<br />

- Eine gescheiterte Hauptstadt?<br />

KrönchenCenter Siegen<br />

10. Samstag<br />

14.00 Graf Casimir und der Stein<br />

der Weisen, Barocke szenische Schauspielführung<br />

Oberstadt Bad Berleburg,<br />

Treffpunkt: Hotel Altes Museum<br />

11. Sonntag<br />

11.00 Frühschoppen zum 10 jährigem<br />

Jubiläum, mit den Krombacher<br />

Dixies, nachmittags Kaffetrinken,<br />

Alte Linde, Wilnsdorf-Niederdielfen<br />

15.00 VHS-Siegen Foto-Vortrag „Sizilien<br />

- das Land, wo die Zitronen<br />

blühen“, KrönchenCenter Siegen<br />

15.00 Märchenspaziergang für Familien,<br />

im historischer Tiergarten, ab<br />

Wanderparkplatz Grillhütte Weidenau<br />

15.30 VHS-Siegen, Stadtrundgang<br />

entlang politischer Denkmäler und<br />

Erinnerungsorte in Siegens Unterstadt,<br />

ab Haupteingang Bahnhof Sgn.<br />

16.00 Konzert: Sonntagnachmitag<br />

um 4 im Schlosspark, Siegener<br />

Blasorchester, Oberes Schloss Siegen<br />

18.00 Filmpalast: „Die Fledermaus“,<br />

mit Peter Alexander, Marianne<br />

Koch, Heimhof-Theater Burbach,<br />

Heimhofstr. 7a<br />

14. Mittwoch<br />

11.00-17.00 Mach mal P.A.u.s.e!,<br />

Information–Beratung-Vorträge.<br />

Otto-Reifenrath-Haus, Neunkirchen,<br />

(siehe auch Anzeige Seite 74)<br />

19.00 Neues zum Elternunterhalt,<br />

Hilchenbach, Trauzimmer in der Wilhelmsburg,<br />

Am Burgweiher<br />

20.00 Comedy mit Johannes Schröder:<br />

Instagrammatik, Siegerlandhalle<br />

Siegen<br />

15. Donnerstag<br />

14.30 Literaturcafé der Seniorenhilfe,<br />

Begegnungszentrum Haus<br />

Herbstzeitlos Siegen, Marienborner<br />

Str. 151<br />

16. Freitag<br />

20.00 Özcan Cosar, Cosar Nostra -<br />

Organisierte Comedy, Siegerlandhalle<br />

17. Samstag<br />

14.00 Kammerkätzchen und<br />

Pistazienpralinen, Köstliche Schauspiel-Stadtführung<br />

Anno 1883 in Bad<br />

Berleburg, ab Torhaus des Schlosses<br />

20.00 Lesung: Anne von Canal und<br />

Heikko Deutschmann, I get a bird,<br />

Otto-Reiffenrath-Haus, Neunkirchen,<br />

Bahnhofstr. 1<br />

18. Sonntag<br />

20.00 Ticket to Happieness Musikalische<br />

Reise mit den Roaming<br />

Riders, Heimhof-Theater Burbach,<br />

Heimhofstr. 7a<br />

20. Dienstag<br />

21.00 Siegener Open-Air Kino, Phantastische<br />

Tierwesen: Dumbledores<br />

Geheimnisse, Schlosshof Oberes<br />

Schloss Siegen, Burgstraße<br />

22. Donnerstag<br />

19.30 Interactive Theatre, Devil's<br />

Exorcist, Siegerlandhalle Siegen,<br />

20.00 kreuztalKultur: Edelle,<br />

A Night About Adele, Otto-Flick-<br />

Halle, Kreuztal, Moltkestr. 12<br />

23. Freitag<br />

20.00 Vortrag: Sebastian Klussmann,<br />

Merken Sie sich was - So trainieren<br />

Sie ihre Allgemeinbildung,<br />

Aula der Carl-Kraemer-Realschule,<br />

Hilchenbach<br />

20.00 @ Custics, eine feine Herrenband,<br />

Alte Linde, Wilnsdorf-Niederdielfen,<br />

Weißtalstr.2<br />

24. Samstag<br />

16.00 Theater mimikri Rumpelstilzchen,<br />

Aula der Carl-Kraemer-Realschule,<br />

Hilchenbach<br />

17.00 12. Jagdseminar Jagd & Ethik,<br />

Der ewige Förster-Jäger-Konflikt,<br />

Forsthaus Hohenroth Netphen, An<br />

der Eisenstraße<br />

20.00 Politisches Kabarett mit Florian<br />

Schröder: Neustart, Kulturhaus<br />

LŸZ, Siegen, St.-Johann-Straße 18<br />

Musikalische Reise mit den Roaming Riders, Sonntag, 18.9. Heimhof-Theater Burbach.<br />

25.Sonntag<br />

15.00 VHS-Siegen Stadtrundgang:<br />

Stolpersteine auf der Hammerhütte,<br />

ab Siegen, Effertsufer 104<br />

19.00 Musikabend mit den Swinging<br />

Elephants, von Swing und Jazz<br />

über Pop, Altes Feuerwehrhaus, Netphen,<br />

St.-Peters-Platz 5<br />

28. Mittwoch<br />

15.30 VHS-SIWI Pilzkundliche<br />

Führung in Freudenberg, ab Parkplatz<br />

am Ende der Friedenshortstraße<br />

19.00 VHS-Siegen Lesung und Werkstattgespräch,<br />

Jugendkulturen und<br />

Widerstand in der NS-Zeit, KrönchenCenter<br />

Siegen<br />

19.00 VHS-SIWI Filmzeit: Blut<br />

muss Fließen, Viktoria-Kino Hilchenbach,<br />

Bernhard.Weiss-Pl. 6<br />

29. Donnerstag<br />

14.30 Literaturcafé der Seniorenhilfe,<br />

Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos<br />

Siegen, Marienborner Str. 151<br />

17.00 VHS-SIWI-Vortrag zu gesetzlicher<br />

Betreuung, Vorsorgevollmacht<br />

und Patientenverfügung, Kreuztal,<br />

Stadtbibliothek, Marburger Str. 10<br />

30. Freitag<br />

20.00 Konzert mit der Deep Purple's<br />

Coverband Demon's Eyer: Made in<br />

Japan, Kulturhaus LŸZ, Siegen, St.-<br />

Johann-Straße 18<br />

20.00 WDR 2 live: Jetzt Gote! mit<br />

Chefkoch Helmut Gote, Turn- und<br />

Festhalle Kreuztal-Buschhütten<br />

76 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />

3/<strong>2022</strong> durchblick 77


1. Samstag<br />

6.00 Geisweider Flohmarkt Siegen,<br />

Geisweider Str. unter der HTS<br />

20.00 Subito! Theater, Rotecke: Der<br />

Impro-Tatort im Heimhof-Theater,<br />

Heimhof-Theater Burbach, Heimhofstr.<br />

20.00 Komödiant Piet Klocke mit seinem<br />

Lesungsprogramm Notiertes<br />

Nichtwissen, Kulturhaus LŸZ, Siegen,<br />

St.-Johann-Straße 18<br />

Oktober<br />

20.00 Die Geininger, Oberkreinerklänge<br />

aus dem Oberbergischen,<br />

Heimhof-Theater Burbach, Heimhofstraße<br />

7a (Verlosungsveranstaltung<br />

des durchblick 2-<strong>2022</strong>)<br />

23. Sonntag<br />

17.00 xpeditionen: Ocean Change,<br />

Arved Fuchs, Die Arktis – eine<br />

Welt im Wandel, Turn- und Festhalle<br />

Kreuztal-Buschhütten<br />

20.00 Comedy: DIE TEDDY SHOW<br />

- Neues Programm, Siegerlandhalle<br />

Siegen, Koblenzer Str. 151<br />

28. Freitag<br />

15.00 Wochenausklang, der Seniorenhilfe<br />

e.V., gemütliches Zusammensein<br />

bei Kaffee und Kuchen, Begegnungszentrum<br />

Haus Herbstzeitlos<br />

Siegen, Marienborner Str. 151<br />

20.00 kreuztalKultur, Halt die Fresse,<br />

Rapunzel!, Piero Masztalerz,<br />

Weiße Villa in Dreslers Park Kreuztal<br />

29. Samstag<br />

20.00 Mario Mammone Trio mit dem<br />

Programm Old Love Songs, Alte Linde,<br />

Wilnsdorf-Niederdielfen, Weißtalstr.2<br />

20.00 THE BEATLES LIVE AGAIN,<br />

performed by THE BEATBOX, Siegerlandhalle<br />

Siegen, Koblenzer Str.<br />

2. Sonntag<br />

17.00 18. Opern- und Operettengala,<br />

Musikalische Träumereien, Rudolf<br />

Steiner Schule Siegen, Kolpingstraße 3<br />

November<br />

Piet Klocke, am 1.10. im Kulturhaus<br />

LŸZ, Siegen, St.-Johann-Straße 18.<br />

8. Samstag<br />

14.00 Henriettes Petitessen, Rokoko-Schauspielführung<br />

rund um<br />

Schloss Berleburg, ab Schlossplatz<br />

20.00 Big Fish – Das Musical, Fantasievoll,<br />

bunt, ergreifend, Apollo-<br />

Theater Siegen, (bis 16.10)<br />

20.00 Ron Williams, „Hautnah!“ Ein<br />

biografischer Rückblick mit Live-Musik,<br />

Heimhof-Theater Burbach, Heimhofstr.<br />

9. Sonntag<br />

14.00 und 19.00 Big Fish – Das<br />

Musical, Fantasievoll, bunt, ergreifend,<br />

Apollo-Theater Siegen, Morleystr.<br />

1 (auch Mi.-Fr. 20 Uhr, Sa. 15<br />

und 20 Uhr und So. 14 und 19 Uhr.)<br />

14.30 Kaffeetrinken, Alte Linde,<br />

Wilnsdorf-Niederdielfen, Weißtalstr.2<br />

Fantastic Four Guitars, Sonntag, 16.10., Otto-Flick-Halle, Kreuztal, Moltkestr. 12.<br />

18.00 Filmpalast im Heimhof-Theater:<br />

We feed the world Dokumentarfilm,<br />

Burbach, Heimhofstr. 7a<br />

13. Donnerstag<br />

14.30 Literaturcafé der Seniorenhilfe,<br />

Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos<br />

Siegen, Marienborner Str. 151<br />

20.00 Markus Krebs, Comedy Alle<br />

wegen mir, Siegerlandhalle Siegen,<br />

15. Samstag<br />

20.00 Kabarett: Sascha Korf,<br />

…denn er weiß nicht, was er tut,<br />

Heimhof-Theater Burbach, Heimhofstr.<br />

16. Sonntag<br />

18.00 Fantastic Four Guitars, 40<br />

Fingers, Otto-Flick-Halle, Kreuztal,<br />

Moltkestr. 12<br />

18. Dienstag<br />

17:00 10 Jahre Wohnberatung<br />

Ausstellung und Vortrag zum Thema<br />

Technikunterstütztes Wohnen, im<br />

Kulturhaus LŸZ, Siegen, St.-Johann-<br />

Straße 18. Anmeldungen unter:<br />

0271/234 178 141<br />

20. Donnerstag<br />

15.30 VHS-Siegen Café-Literatur-<br />

Zeit: Georg Büchner (1813-1837)<br />

KrönchenCenter Siegen<br />

21. Freitag<br />

19.00 Salongespräch & Diskussion:<br />

Kinder der Ungleichheit – Wie<br />

wollen wir leben, Forsthaus Hohenroth<br />

Netphen, An der Eisenstr.<br />

20.00 The Johnny Cash Sho: Hello,<br />

we're the Cashbags, Bismarckhalle<br />

Siegen-Weidenau, Bismarckstr. 4<br />

20.00 Es hört nicht auf, politisches<br />

Kabarett mit Wilfried Schmickler, Otto-Flick-Halle,<br />

Kreuztal, Moltkestr. 12<br />

20.00 Konzert mit Nina Attal Pieces<br />

of Sul, Kulturhaus LŸZ, Siegen, St.-<br />

Johann-Straße 18<br />

22. Samstag<br />

14.00 Graf Casimir und der Stein<br />

der Weisen, Barocke szenische<br />

Schauspielführung Oberstadt Bad<br />

Berleburg, ab Hotel Altes Museum<br />

15.30 Figurentheater nicht nur für<br />

Kinder, Einpacken-Auspacken, gespielt<br />

vom Theaterhaus Alpemrod, in<br />

der Schreinerei Quandel, Freudenberg,<br />

Krottorfer Str. 45<br />

19.00 Figurentheater für Erwachsene,<br />

VOM (OST)-WINDE VERWEHT,<br />

mit Petra Schuff, Schreinerei Quandel,<br />

Freudenberg, Krottorfer Str. 45<br />

20.00 Die Geister die ich rief...,<br />

Balladenabend mit Veronika Ponzer<br />

und Heiko Ruprecht, Aula der Carl-<br />

Kraemer-Realschule, Hilchenbach,<br />

Jung-Stilling-Allee 8<br />

3. Donnerstag<br />

18.00 und 20.00 Kabarett mit Bülent<br />

Ceylan Luschtobjekt, Siegerlandhalle<br />

Siegen, Koblenzer Straße 151<br />

18.30 Einbruch? Nicht bei mir!<br />

Einbruchsschutz für Privathaushalte,<br />

Rathaus Freudenberg<br />

19.00 VHS-SIWI-Vortrag und Konzert<br />

in Kooperation mit dem Gebr.-<br />

Busch-Kreis und dem Gymnasium<br />

Keppel: Das Beziehungsgeflecht<br />

zwischen Ehepaar Schumann und<br />

Johannes Brahms Hilchenbach,<br />

Konventsaal im Stift Keppel, Stift-<br />

Keppel-Weg 37<br />

4. Freitag<br />

20.00 Carolin Fortenbacher - Abba<br />

macht glücklich! Aula der Carl-Kraemer-Realschule,<br />

Hilchenbach<br />

5. Samstag<br />

9.00 Geisweider Flohmarkt Siegen,<br />

Geisweider Str. unter der HTS<br />

14.00 Kammerkätzchen und<br />

Pistazienpralinen, Köstliche Schauspiel-Stadtführung<br />

Anno 1883 in Bad<br />

Berleburg, ab Torhaus des Schlosses<br />

20.00 Ladykiller. Die Musik von Marius<br />

Müller Westernhagen neu interpretiert<br />

mit viel Groove und Gefühl,<br />

Heimhof-Theater Burbach, Heimhofstr.<br />

6. Sonntag<br />

15.00 Kreuztaler Teddybärenkonzert<br />

- Peter und der Wolf, Mit der<br />

Philharmonie Südwestfalen, Kreuzkirche<br />

Kreuztal, Martin-Luther-Str. 1<br />

17.00 Das etwas andere Konzert,<br />

Intermezzo, Turn- und Festhalle Kreuztal-Buschhütten,<br />

Buschhüttener Str. 91<br />

17.00 Multivisionsvortrag: Wander<br />

ungen und Städtetouren für<br />

Entdecker*innen, Bad Laasphe,<br />

Haus des Gastes, Wilhelmplatz<br />

17.00 Multivisionsvortrag: Kanada –<br />

Der Westen, Aula des Gymnasiums<br />

Netphen, Haardtstr. 35<br />

18.00 Hucks-Trio, Martin Reuthner,<br />

Esther und Werner Hucks in Concert,<br />

Forsthaus Hohenroth Netphen, An<br />

der Eisenstraße<br />

10. Donnerstag<br />

14.30 Literaturcafé der Seniorenhilfe,<br />

Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos<br />

Siegen, Marienborner Str. 151<br />

20.00 Canzoni Segrete Tour, Pippo<br />

Pollina & Palermo Acoustic Quintet,<br />

Otto-Flick-Halle, Kreuztal, Moltkestr.<br />

12. Samstag<br />

20.00 Siegener Nacht der Musik<br />

<strong>2022</strong>, verschiedene Veranstaltungsorte<br />

in Siegen (siehe Seite 14)<br />

20.00 Paul Panzer: MIDLIFE CRI-<br />

SIS ... Willkommen auf der dunklen<br />

Seite, Siegerlandhalle Siegen<br />

20.00 Kabarett: Daubs Melanie: Mäckes,<br />

Dost und Fuddelsuppe, Heimhof-Theater<br />

Burbach, Heimhofstr.<br />

Teddybärenkonzert, Sonntag, 6.11.,<br />

Kreuzkirche Kreuztal, Martin-Luther-Str.<br />

13. Sonntag<br />

15.00 VHS-Siegen Foto-Vortrag: Malta<br />

– Inselgruppe für Entdecker*innen“,<br />

KrönchenCenter Siegen<br />

17.00 Herbstkonzert <strong>2022</strong>, Blasorchester<br />

Stadt Kreuztal e.V., Kreuzkirche<br />

Kreuztal, Martin-Luther-Str. 1<br />

18.00 Filmpalast im Heimhof-Theater:<br />

Land hinter den Bergen – Siegen-Wittgenstein,<br />

Burbach, Heimhofstr.<br />

7a<br />

78 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />

3/<strong>2022</strong> durchblick 79


16. Mittwoch<br />

18.30 VHS-SIWI/Polizei- Vortrag:<br />

Straftaten zum Nachteil älterer<br />

Menschen, Rathaus Netphen, Amtsstr.<br />

18. Freitag<br />

19.00 Comedy & Kabarett mit Senay<br />

Duzcu, Du Hitler, Aula des Gymnasiums<br />

Netphen, Haardtstraße 35<br />

20.00 kreuztalKultur Kabarett mit<br />

Kai Magnus Sting, Hömma, so isset!,<br />

Weiße Villa in Dreslers Park<br />

19. Samstag<br />

11.00 Traditionelle Winterbasar,<br />

Alte Linde, Wilnsdorf-Niederdielfen,<br />

Weißtalstraße 2<br />

November<br />

Viele Weihnachtsmärkte in der Region beginnen wieder Mitte November<br />

14.00 Henriettes Petitessen, Rokoko-Schauspielführung<br />

rund um<br />

Schloss Berleburg, ab Schlossplatz<br />

20.00 Scottish Music Festival, Highland<br />

Blast – A taste of Scotland,<br />

Heimhof-Theater Burbach, Heimhofstr.<br />

20. Sonntag<br />

17.00 kreuztalKultur: Das große<br />

Bulli-Abenteuer 2: Von Lissabon<br />

nach Lappland, Peter Gebhard, Turnund<br />

Festhalle Kreuztal-Buschhütten<br />

25. Freitag<br />

20.00 kreuztalKultur Konzert mit Max<br />

Mutzke: Wunschlos süchtig, Otto-<br />

Flick-Halle, Kreuztal, Moltkestr. 12<br />

Leserinnenbriefe<br />

Die Verwechselung<br />

20.00 Tina Teubner, Stille Nacht,<br />

bis es kracht, Heimhof-Theater Burbach,<br />

Heimhofstr. 7a<br />

26. Samstag<br />

13.00 KulturFlecken Silberstern:<br />

Weihnachts-Villa Erlesenes Kunsthandwerk,<br />

Freudenberg, Villa Bubenzer<br />

(auch am 27.11.)<br />

13.00 KulturFlecken Silberstern:<br />

Weihnachts-Schmiede Kunstaussellung<br />

mit Werken von Reinhard<br />

Schulz, Freudenberg, Am Silberstern<br />

4a (auch am 27.11.)<br />

20.00 Thomas Gsella, „Ich zahl es<br />

euch reim!“, Heimhof-Theater Burbach<br />

30. Mittwoch<br />

19.30 Simon & Garfunkel Through<br />

The Years, Performed by Bookends,<br />

Siegerlandhalle Siegen<br />

Jetzt sollte der Boden für eine Neubepflanzung<br />

hergerichtet werden. Mit tatkräftiger<br />

Unterstützung und fachlicher<br />

Pflanzberatung durch Gärtnermeister<br />

Dieter Panthel wurde mein <strong>neue</strong>s Beet<br />

in weiß, blau, lila pünktlich zum 1. Mai<br />

fertiggestellt.<br />

Die ersten positiven Rückmeldungen<br />

erhielt ich sofort. Eine Mitbewohnerin<br />

schrieb mir: „Ich möchte Ihnen, der<br />

Künstlerin und dem Gärtner für die tolle<br />

Idee, die Schmuddelecke so schön<br />

zu gestalten, danken. Es ist für jeden,<br />

der vorbeigeht, eine Augenweide.“<br />

Es tut mir gut, dass ich meine Wohnumfeldverbesserung,<br />

mitgestalten<br />

konnte und habe prompt eine Patenschaft<br />

für ein kleines Beet, das ich immer<br />

im Blick habe, übernommen. Für<br />

Leserinnenbriefe<br />

mich ein kleines Stück Himmel auf Erden,<br />

pardon „Im Wiesental“.<br />

Iris Müller, Geisweid<br />

<strong>db</strong> 2-<strong>2022</strong>. Ihren Artikel Vam Kärcherpolizist<br />

und vam Pastur, von<br />

Ulrich Schöllchen den ich kürzlich in<br />

der Apotheke gefunden habe, war mir<br />

eine Freude zu lesen. Ich habe als<br />

Düsseldorferin (Ausländerin) länger<br />

daran zu knabbern gehab. Umso besser!<br />

Gern mehr davon. Die Sprache ist<br />

schon spannend. Ich möchte Sie wissen<br />

lassen, dass ich ihn mit Interesse<br />

gelesen habe. Übrigens, eine Seniorin<br />

bin ich mit meinen 46 Lebensjahren<br />

nicht. Meine Bitte: Hätten Sie eine Liebesgeschichte<br />

in Siegerländer Dialekt<br />

für mich?<br />

Denisa Bühler, (jetzt) Siegen<br />

<strong>db</strong> 2-<strong>2022</strong> <strong>db</strong> 2-<strong>2022</strong> Ich habe den<br />

Artikel Burg Münzenberg mit großem<br />

Interesse gelesen und möchte noch<br />

folgendes dazu sagen: Anno 1198 gewann<br />

man Philipp von Schwaben als<br />

römisch-deutschen König und damit<br />

als Nachfolger für den im Jahr zuvor<br />

verstorbenen Heinrich VI. Beide waren<br />

Söhne von Friedrich Barbarossa, der<br />

acht Jahre zuvor bei einem Kreuzzug<br />

ums Leben kam. Friedrich II., Sohn<br />

Heinrich VI., übernahm als 17-Jähriger<br />

die Königswürde. Geboren in Jesi bei<br />

Ancona an der italienischen Adriaküste<br />

wuchs er in Sizilien auf, inmitten eines<br />

Völkergemischs von nicht nur Staufern,<br />

sondern auch Normannen, Griechen,<br />

Karthagern, Phöniziern, Sarazenen, sogar<br />

Goten und Vandalen.<br />

Als er im Jahr 1220 zum römischen<br />

Kaiser deutscher Nation als Nachfolger<br />

seines Großvaters Barbarossa und<br />

seines verstorbenen Vaters Heinrich VI.<br />

gewählt worden war, baute er das Oktogon<br />

in Apulien. Er ging gerne auf die<br />

Jagd und hinterließ ein berühmt gewordenes<br />

Buch mit dem Titel „Über die<br />

Kunst mit Vögeln zu jagen“.<br />

Außerdem umgab er sich mit einer<br />

Leibgarde aus Sarazenen, die ja bekanntlich<br />

Muslime sind. Ihnen vertraute<br />

er. Das wiederum war dem damaligen<br />

Papst, Gregor IX., ein Dorn im<br />

Auge. Außerdem befahl der Papst dem<br />

Friedrich II. einen <strong>neue</strong>n Kreuzzug zu<br />

organisieren, was dieser immer wieder<br />

hinauszögerte. Aber ein Kaiser musste<br />

in dieser Zeit dem Papst gehorchen. So<br />

kam es, dass Federico, wie man ihn in<br />

Italien nannte, im Jahr 1227 exkommuniziert<br />

und damit bis auf Weiteres aus<br />

der Christenheit ausgeschlossen wurde.<br />

Barbara Baganz, Leipzig<br />

Anfang September fuhr ich mit meinem<br />

Freund für eine Woche mit<br />

dem Auto nach Koblenz. Im Ferienhaus<br />

angekommen ließen wir das Auto, dass<br />

er in seiner Heimat ausnahmslos nutzt,<br />

oft stehen und fuhren mit dem Linienbus<br />

in die Stadt.<br />

Bei unserer ersten Fahrt kümmerte<br />

sich mein Freund um die Fahrkarte und<br />

ich mich um die Sitzplätze. Von seinen<br />

Besuchen in Siegen wusste er vom<br />

gemeinsamen Busfahren, dass er die<br />

Fahrkarte entwerten muss und benutze<br />

dabei den ersten greifbaren Automaten<br />

so wie in der R10 nach Siegen. Doch zu<br />

seiner Überraschung war es ein Desinfektionsautomat<br />

und unsere Fahrkarte<br />

war gut feucht desinfiziert, aber nicht<br />

entwertet.<br />

Wir waren sehr erheitert unter der<br />

Maske, so wie alle Mitfahrenden, die<br />

es mitbekommen hatten. Es wurde<br />

ein sehr guter entspannter Urlaubstag<br />

und wenn ich heute wieder R10<br />

fahre, muss ich schon mal lachen und<br />

schmunzeln und mein Tag fängt etwas<br />

schöner und gelöster an als zuvor.<br />

Ulrike Zöller<br />

Foto: Matthias Merzhäuser<br />

<strong>db</strong> 1-<strong>2022</strong>. Das unverhoffte Erbe.<br />

Für Ihre (wieder einmal) wunderbare<br />

Ausgabe möchte ich mich ganz herzlich<br />

bedanken. Neben den vielen anderen<br />

lesenswerten Beiträgen hat mich<br />

der Artikel über die vererbten Bilder<br />

sehr berührt. Das selbstgemalte Landschaftsbild<br />

wie auch das Ölgemälde<br />

von den drei Zinnen ließen mich für einen<br />

Augenblick in meine Vergangenheit<br />

versinken und ich darf Ihnen verraten,<br />

er hatte meine Sehnsucht derart geweckt,<br />

dass ich spontan noch einmal<br />

dorthin gereist bin.<br />

Elisabeth Hähner, Netphen<br />

<strong>db</strong> 2-22. Anzeige Sauberkeitspaten<br />

Nicht erst durch die Suche von Sauberkeitspaten<br />

für die Universitätsstadt<br />

Siegen (Seite 14) habe ich für mich ein<br />

Projekt zur Wohnumfeldverbesserung<br />

gefunden und bereits im Frühjahr 2021<br />

die ersten Kontakte aufgenommen.<br />

Mein Plan war es, ein kleines Grundstück<br />

Ecke Sohlbachbrücke/Im Wiesental<br />

zu verschönern. Zunächst sollten die<br />

vorhandene Kabelverteilerschränke einen<br />

<strong>neue</strong>n Anstrich erhalten. Dabei fiel<br />

mir ein, dass mein ehemaliger Arbeitgeber<br />

RWE, heute Westnetz, genau in<br />

diesem Bereich noch zu meiner aktiven<br />

Zeit tätig geworden war. Ich erinnerte<br />

mich an den Initiator Martin Zielke, der<br />

das Projekt „Siegen sind wir“ 2004 ins<br />

Leben gerufen hatte und dem ich schon<br />

damals berufsbedingt in der Öffentlichkeitsarbeit<br />

begegnet bin. Wir haben<br />

uns erneut getroffen und er sagte mir<br />

seine Unterstützung zu. Die erforderliche<br />

Grundreinigung wurde im Frühjahr<br />

2021 prompt von Westnetz beauftragt<br />

und die Künstlerin Tzveta Grebe mit der<br />

Bemalung der beiden Kabelverteilerschränke<br />

beauftragt. Nach Fertigstellung<br />

konnte ich festhalten: Die erste<br />

Investition hat sich gelohnt.<br />

80 durchblick 3/<strong>2022</strong><br />

3/<strong>2022</strong> durchblick 81


Unterhaltung / Impressum<br />

Es fiel uns auf, …<br />

…dass ein Deutscher als größtes Genie der Welt gilt. Der<br />

Wissensdurst von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)<br />

war nicht zu stillen. Seine Dichtungen, seine Farbenlehre<br />

und seine Aufzeichnungen über Pflanzen sind unvergessene<br />

Schöpfungen. Eine Messung ergab, dass er einen IQ von ca.<br />

210 hatte. US-Forscher kürten ihn zum größten Genie aller<br />

Zeiten unter Berücksichtigung von Intelligenz und Einfluss<br />

auf die Weltgeschichte.<br />

…dass der stürmischste Ort der Welt in der Antarktis<br />

liegt. Wer sich den Wind Tag für Tag so richtig kräftig um die<br />

Nase wehen lassen möchte, muss dafür von uns aus sehr weit<br />

reisen. Die 48 Kilometer breite Commonwealth-Bucht in der<br />

östlichen Antarktis gilt als stürmischster Ort der Welt. Hier<br />

fegen die Böen nahezu täglich mit 240 km/h über die Bucht.<br />

Zum Vergleich: Ab 84 km/h sprechen wir bei u8ns bereits von<br />

einem schweren Sturm.<br />

…dass die größte Statue der Welt in Indien steht. Sie<br />

ist doppelt so hoch wie die Freiheitsstatue in New York: Im<br />

Herbst 2018 wurde in Indien die Statue der Einheit eingeweiht.<br />

Das Denkmal aus Beton und Stahl für den indischen<br />

Politiker und Unabhängigkeitshelden Patel ist 182 Meter<br />

hoch. Es ist nicht nur wegen seiner Baukosten, auch 185 Familien<br />

mussten dafür umgesiedelt werden. homa<br />

Gedächtnistraining – Lösungen von Seite 00<br />

Fundsachen: 1.Klotz am Bein, 2.Blatt vor dem Mund, 3.Eisen<br />

im Feuer, 4.Stein im Brett, 5.Sand im Getriebe, 6.Axt im<br />

Walde, 7.Nadel im Heuhaufen, 8.Dreck am Stecken, 9.Holz<br />

vor der Hütte, 10.Geld auf der hohen Kante, 11.Fels in der<br />

Brandung, 12.Kirche im Dorf, 13.Tomaten auf den Augen,<br />

14.goldene Löffel im Mund, 15.Rosinen<br />

im Kopf, 16.Dach über dem<br />

Kopf, 17.alle Tassen im Schrank.<br />

Kürbisrätsel: 1. ca. 800, 2. 60 –<br />

110 Tage, 3. Vitamin A; Vitamin C;<br />

Vitamin E, 4. bis 40 kcal., 5. Augenbeschwerden,<br />

Blasen-Nieren,<br />

6. Butternut, Patisson, Muskatkürbis,<br />

7. Hokkaido, 8. 12000 Jahren.<br />

Suchbild: Kölner Dom.<br />

Zu guter Letzt:<br />

Zwei Hunde<br />

Ein launischer Hund namens Steffen<br />

verbringt seine Tage mit Kläffen.<br />

Das ist auch der Grund,<br />

warum diesen Hund<br />

die meisten nicht allzu gern treffen.<br />

Ein praktischer Pudel aus Meißen<br />

war’s leid, nur zu knurren und beißen.<br />

Und nun schwebt ihm vor<br />

ein Vierbeinerchor,<br />

der soll mal „Bellissimo“ heißen !<br />

Jörn Heller aus „Statt Rotwein“<br />

durch<br />

blick<br />

Gemeinnützige Seniorenzeitschrift<br />

für Siegen und Siegen-Wittgenstein<br />

Herausgeber:<br />

durchblick-siegen Information und Medien e.V.<br />

Anschrift der Redaktion:<br />

„Haus Herbstzeitlos“, Marienborner Str. 151, 57074 Siegen<br />

Telefon 0271 / 6 16 47, Mobil: 0171 / 6 20 64 13<br />

E-Mail: redaktion@durchblick-siegen.de<br />

Internet: www.durchblick-siegen.de<br />

Öffnungszeiten:<br />

dienstags bis donnerstags von 10.00 bis 12.00 Uhr<br />

1. und 3. Dienstag im Monat auch von 15.00 bis 17.00 Uhr<br />

Redaktion:<br />

Anne Alhäuser, Hans Amely (Seniorenbeirat), Ulla D'Amico, Ingrid<br />

Drabe (Veranstaltungen), Friedhelm Eickhoff (ViSdP), Eva-Maria Herrmann<br />

(stellv. Redaktionsleiterin), Erna Homolla, Erich Kerkhoff, Adelheid<br />

Knabe, Sigrid Kobsch, Horst Mahle, Rita Petri, Tessie Reeh, Helga<br />

Siebel-Achenbach, Tilla-Ute Schöllchen, Ulla Schreiber, Ulli Weber.<br />

Bildredaktion:<br />

Thomas Benauer, Rita Petri (Ltg.), Tessie Reeh, Nicole Scherzberg<br />

Bildnachweise: Sofern am Objekt nicht angegeben, stammen die<br />

veröffentlichten Bilder von den Autoren, bzw. den Veranstaltern.<br />

Lektorat:<br />

Anne Eickhoff, Gertrud Hein-Eickhoff, Horst Mahle, Jörgen Meister,<br />

Dieter Moll.<br />

Internet:<br />

Thomas Benauer, Thomas Greiner, Nicole Scherzberg.<br />

An dieser Ausgabe haben ferner mitgewirkt:<br />

Herbert Bäumer, Heinz Bensberg, Adele von Bünau, Sonja Dörr,<br />

Gudrun Fokken, Prof. Dr. Hans-Peter Fries, Ernst Göckus, Bettina<br />

Großhaus-Lutz, Jörn Heller, Andreas Holzhausen,Wolfgang Kay,<br />

Heidrun Päulgen, Bernadette von Plettenberg, Hartmut Reeh, Volker<br />

Reichmann, Gert Sautermeister, Friedrich Schmidt,<br />

Ulrich Schöllchen, Bruno Steuber, Heinz Stötzel.<br />

Gestaltung und Herstellung:<br />

Nicole Scherzberg, Friedhelm Eickhoff.<br />

Anzeigenanfrage:<br />

durchblick-siegen e.V. Telefon 0171 / 6 20 64 13 oder 0271 / 6 16 47<br />

E-Mail: anzeigen@durchblick-siegen.de Es gilt die Preisliste 12/2015<br />

(www.durchblick-siegen.de/Mediadaten)<br />

Druck: rewi-Druck Wissen<br />

Erscheinungsweise:<br />

März, Juni, September, Dezember<br />

Gedruckt auf<br />

PEFC zertifiziertem<br />

Papier<br />

Verteilung:<br />

Hans Amely, Gerd Bombien, Herbert Dielmann, Nadine Gerhard,<br />

Erika Graff, Maximilian Großhaus-Lutz, Arndt Hensel, Wolfgang von<br />

Keutz, Olaf Kurz, Jörn Lagemann, Oliver Mahle, Günter Matthes-<br />

Arongagbor, Jörgen Meister (Ltg.), Marion Ortmann, Wolfgang<br />

Paesler, Karin Piorkowski, Birgit Rabanus, Christel Schmidt-Hufer,<br />

Hans-Rüdiger Schmidt, Renate Titze, Rüdiger Zimmermann und<br />

alle Redakteure<br />

Der durchblick liegt im gesamten Kreisgebiet kostenlos aus: in Sparkassen,<br />

Apotheken, Arztpraxen, Buchhandlungen und Geschäften des<br />

täglichen Bedarfs, in der City-Galerie, Läden des Siegerlandzentrums,<br />

bei unseren Anzeigenkunden, in öffentlichen Gebäuden, vielen sozialen<br />

Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände und Kirchen, in Rathäusern<br />

und Senioren-Service-Stellen des Kreises Siegen-Wittgenstein, sowie<br />

eingeheftet in den Zeitschriftenmappen des „Lesezirkel Siegerland“.<br />

Der durchblick ist kostenlos. Für die Postzustellung werden für vier Ausgaben<br />

jährlich 10,00 € ins Inland bzw. 16,00 € ins Ausland berechnet.<br />

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der<br />

Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Beiträge und<br />

Leserbriefe zu kürzen. Bei Nichtveröffentlichung von unverlangt eingesandten<br />

Beiträgen erfolgt keine Benachrichtigung. Der Nachdruck ist nur mit schriftlicher<br />

Genehmigung des Herausgebers gestattet.<br />

82 durchblick 3/<strong>2022</strong>

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