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50 Jahre Hamburg Ballett John Neumeier. Bilder einer Ära

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50 JAHRE

HAMBURG BALLETT

JOHN NEUMEIER

Henschel


Unterstützt durch die Körber-Stiftung und die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper


50 JAHRE

HAMBURG BALLETT

JOHN NEUMEIER

Bilder einer Ära

Herausgeber / Editor

Hamburg Ballett John Neumeier

Grafische Gestaltung und Satz / Graphic Design and Typesetting

Kiran West

Projekt- und Redaktionsleitung / Project Lead and Executive Editor

Jörn Rieckhoff

Wissenschaftliche Beratung / Research Advice

Hans-Michael Schäfer (Stiftung John Neumeier)

HENSCHEL


Inhaltsverzeichnis / Table of Contents

6

12

70

102

Grußworte / Greetings

John Neumeier

Olaf Scholz

1973–1983

Die Errichtung einer Compagnie / The Formation of a Company

Statements John Neumeier, Marianne Kruuse

1983–1993

Ein neues Zuhause / A New Home

Statements John Neumeier, Christoph Albrecht

1993–2003

Wegweisende Kreationen / Landmark Creations

Statements John Neumeier, Gigi Hyatt


154

2003–2013

Kreative Entfaltung / Creative Expansion

Statements John Neumeier, Vladimir Urin, Brigitte Lefèvre

186

2013–2023

Grenzenlose Hingabe / Boundless Commitment

Statements John Neumeier, Kent Nagano

226

Register / Index

1973-2023


John Neumeier

Ich habe ein Problem mit der Zeit. Es fällt mir extrem schwer, ihr

Vergehen wirklich zu empfinden – die Vergangenheit als Vergangenheit

zu erleben. Ich weiß, rational, dass ich seit August 1973 Ballettdirektor

des Hamburg Ballett bin – 50 Jahre lang. Ich kann diese 50 Jahre aber

nicht erfassen, nicht begreifen.

Die Erfahrung aus 50 Jahren in einem Buch zu bündeln, ist ebenfalls

eine unglaubliche Herausforderung. Tanz ist eine Kunst der Gegenwart,

eine Kunst, die den Menschen sowohl als Subjekt wie auch als

Instrument einsetzt. Wenn ich bedenke, wie viele „Instrumente” das

Hamburg Ballett im Verlauf von 50 Jahren ausgemacht haben, wenn ich

an die unzähligen beteiligten „Subjekte“ denke, die eine beeindruckende

Zahl an Balletten kreierten, um sie mit auf eine außergewöhnliche

Zahl an Tourneen zu nehmen, die meine Compagnie auf der

ganzen Welt umgesetzt hat, und wenn ich mir die enorme Zahl an

Ballett-Werkstätten in Erinnerung rufe, die ich in diesen 50 Jahren

moderiert habe, scheint es eine unmögliche Aufgabe, diesen gewaltigen

Umfang einer sich stetig wandelnden Lebenserfahrung zwischen zwei

Buchdeckel zu bannen.

Menschlichkeit jedoch findet Halt in Ritualen und Symbolen. Auch

wenn es unvollständig ist, kann die Existenz von etwas Konkretem –

einem Buch – beim Strukturieren von Erinnerungen hilfreich sein.

Daher habe ich mit Skepsis, aber auch mit großer Freude die Idee eines

Buches begrüßt, das die 50 Jahre des Hamburg Ballett würdigt.

Das vorliegende Buch bietet vor allem bildliche Darstellungen. Eine

umfassende Geschichte dieser 50 Jahre zu schreiben, würde ein sehr,

sehr viel umfangreicheres Buch erfordern. Sicher, jede Fotografie wird

ab dem Moment, in dem sie aufgenommen wird, zu einem Zeugnis der

Vergangenheit. Eine gute Fotografie aber, die ein zeitlich eingefrorenes

Bild einfängt, suggeriert auch Assoziationen, Nebenbedeutungen,

Situationen und vor allem Bewegung – Reflexionen jenes Moments im

Auge der Emotion. Lassen wir die Stille der ausgewählten Bilder für

sich sprechen.

Die Texte sind daher auf ein Minimum reduziert, denn es wäre nicht

wünschenswert, die Bilder zu interpretieren, die für sich die Entwicklung

dieser wunderbar kreativen Jahre in Hamburg ausdrücken.

Ich möchte dem Henschel Verlag danken, der so enthusiastisch mit der

Idee eines solchen Buches auf mich zukam. Ich möchte auch Kiran West

für das gelungene Design des Buches danken. Mein Dank gilt Jörn

Rieckhoff für die Redaktion sowie Hans-Michael Schäfer für seine

weitreichende Recherche. Darüber hinaus bin ich jenen Kolleginnen

und Kollegen des letzten halben Jahrhunderts dankbar, die in Texten

ihre Beziehung zum Hamburg Ballett, zu meinem Werk und zu mir ausgedrückt

haben.

6

Grußworte / Greetings John Neumeier


I have a problem with time. It is extremely difficult for me to truly feel

its passing – to experience the past as “past”. I know, rationally, that

I have been Artistic Director of the Hamburg Ballet since August 1973 –

50 years. However, I still cannot realize, cannot feel 50 years.

To contain the experience of 50 years in a book is another incredible

challenge. Dance is an art of the present, an art that uses the human

being as both its subject and its instrument. When I consider how many

“instruments” have populated the Hamburg Ballet over the past

50 years, when I consider the countless number of “subjects” involved

in creating an astonishing amount of ballets to take on the extraordinary

number of tours my company has made around the world, and when

I realize the enormous amount of Ballet Workshops (lecture demonstrations)

that I have moderated during these last 50 years, it seems an

impossible task to contain such an enormous amount of constantly

changing and developing life experience within the covers of a book.

Humanity, however, finds orientation in ritual and symbol. I believe

that the existence of something concrete – a book – even if incomplete,

can help to organize memory. Therefore, it was with scepticism but, at

the same time, with great pleasure that I welcomed the idea of a book

commemorating the 50 years of the Hamburg Ballet.

The book, you will discover, offers primarily visual images. Writing an

inclusive history of these 50 years would require a book much, much

more extensive. Of course, every photograph from the moment it is

taken becomes evidence of the past. However, a good photograph capturing

an image frozen in time also suggests associations, connotations,

situations and above all movement echoing from that instant to

the eye of emotion. Let the silence of the pictures we have chosen speak

for themselves.

Therefore, the texts are kept extremely minimal, not wishing to interpret

the images that themselves project the development of these wonderfully

creative years in Hamburg.

I would like to express my thanks to the Henschel Verlag for approaching

me so enthusiastically about the possibility of such a book. I would

also like to thank Kiran West for the book’s beautiful design. My thanks

go to Jörn Rieckhoff for the editing as well as Hans-Michael Schäfer for

his extraordinary research. Furthermore, my gratitude goes to those

colleagues of the past half century who have expressed in texts their

relationship to the Hamburg Ballet, to my own work, and to me.

7


8 Grußworte / Greetings John Neumeier


9


Olaf Scholz

Immer in Bewegung bleiben. Das ist die Philosophie John Neumeiers

in seiner über 60 Jahre langen Karriere. Eine absolute Ausnahme,

denn das Künstlerleben eines Tänzers ist oft kurz. Die profanen

Begrenzungen der Zeit scheinen jedoch für John Neumeier nicht zu

gelten. Mit nur 30 Jahren war er bereits jüngster Ballettchef

Deutschlands, damals noch in Frankfurt am Main. Heute ist er dienstältester

Ballettdirektor der Welt. Kein Chefchoreograf hat eine

Compagnie über einen derart langen Zeitraum geprägt und geformt.

Das Wichtigste für einen Künstler, so soll John Neumeiner an seinem

ersten Arbeitstag in Hamburg gesagt haben, sei das ständige Wachsen.

Das Hamburg Ballett sollte unter seiner Leitung „anders“ werden. Was

das genau bedeute, ließ er damals bewusst offen. Heute, ein halbes

Jahrhundert später, ist klar: „Anders werden“ hieß vor allem kreativer,

innovativer, moderner.

John Neumeier hat das traditionsreiche Hamburger Ensemble in

andere Dimensionen geführt. Mittlerweile zählt es zu den besten

Compagnien der Welt. Die Ballett-Werkstatt, die Hamburger Ballett-

Tage mit der alljährlichen Nijinsky-Gala sowie die Ballettschule – all

das waren Etappen auf diesem Weg.

Mit über 170 Choreografien, viele ausgezeichnet, preisgekrönt und auf

den großen Bühnen bejubelt, hat John Neumeier die Ballettwelt bislang

bereichert. Das Hamburg Ballett wurde mit diesem einzigartigen

Werkbestand weltbekannt. Immer wieder hat John Neumeier seine

Visionen für das zeitgenössische Ballett in neue Formen gegossen und

zum Leben erweckt; derart vielseitig klassische Stücke von Romeo und

Julia bis Der Nussknacker neu interpretiert; und sich gleichzeitig

immer wieder furchtlos auf unbekanntes Terrain gewagt wie in den

Choreografien zu Nijinsky oder Dritte Sinfonie von Gustav Mahler.

Hamburg hat seinem Ehrenbürger unendlich viel zu verdanken. Seine

Liebe zu Ballett und Tanz bleibt auch in Zukunft erhalten – insbesondere

durch seine Sammlung mit über 50.000 Objekten im

entstehenden Ballettinstitut der Stiftung John Neumeier. Das ist umso

erfreulicher, als dass John Neumeiers Schaffenskraft aus dem

Anspruch entspringt, im Hier und Jetzt für die Kunst zu leben und zu

arbeiten – gemäß dem Motto George Balanchines: „There are no other

times. There is only now. Right now.“

Als Hamburger und langjähriger Bewunderer seiner Arbeit verneige

ich mich vor diesem großen Meister seiner Zunft.

Danke, lieber John Neumeier, für Ihre Energie und schöpferische

Kraft, mit denen Sie nicht nur Ihre Wahlheimat bereichert, sondern

von Hamburg aus auch ein halbes Jahrhundert lang Ballettgeschichte

geschrieben haben!

Ihr

Olaf Scholz

10

Grußworte / Greetings Olaf Scholz


Always keep moving. That has been John Neumeier’s philosophy

throughout his career, which has spanned over 60 years – an absolute

exception since a dancer’s active life is often short. However, the

mundane limitations of time appear not to apply to John Neumeier. At

the age of only 30, he was already the youngest ballet director in

Germany, back then in Frankfurt am Main. Today, he is the longestserving

ballet director in the world. No choreographer has shaped and

moulded a company over such a long period.

The most important thing for an artist, John Neumeier is alleged to

have said on his first day at work in Hamburg, is to keep growing.

Under his artistic direction, the Hamburg Ballet was to become “different”.

He deliberately did not say what that precisely meant. Today,

half a century later, it is clear that, first and foremost, “different”

meant being more creative, innovative, and modern.

John Neumeier has led the traditional Hamburg ensemble into entirely

new dimensions. It is now regarded as one of the best companies in

the world. The Ballet Workshops, the Hamburg Ballet Days with the

annual Nijinsky Gala, and the School of the Hamburg Ballet were all

stages along this route.

To date, John Neumeier has enriched the world of ballet with more

than 170 choreographed works, many of them lauded, awarded prizes

and fêted on the world’s great stages. The Hamburg Ballet became

famous around the world with this unique repertoire. Again and

again, John Neumeier has found new forms and breathed new life into

his visions for contemporary ballet. He has reinterpreted such contrasting

traditional ballets as Romeo and Juliet and The Nutcracker,

but at the same time has never been afraid to continue venturing into

unknown territory, as in his choreography for Nijinsky or Third

Symphony of Gustav Mahler.

Hamburg owes an immeasurable debt to its honorary citizen. His love

for ballet and dance will be preserved for the future – not least

through his collection of over 50,000 objects in the John Neumeier

Foundation’s ballet institute, currently under development. This is all

the more gratifying as John Neumeier’s creative energy derives from

the desire to live and work for art in the here and now, in keeping with

George Balanchine’s motto: “There are no other times. There is only

now. Right now.”

As a son of Hamburg and a long-standing admirer of John Neumeier’s

work, I pay tribute to this great master of his craft.

Dear John Neumeier, thank you for the energy and creative drive with

which you have not only enriched your adopted city but also written

ballet history for half a century, right here in Hamburg.

Yours sincerely,

Olaf Scholz

11


1973–1983

Die Errichtung einer Compagnie

„Meine Compagnie wird anders sein“, sagte ich am 14. August 1973, dem Tag, an dem ich die Arbeit mit meiner eigenen

Compagnie an der Hamburgischen Staatsoper aufnahm. In welcher Art anders, fuhr ich fort, wäre etwas, das nur die Zeit erweisen

könne. Inzwischen sind 50 Jahre vergangen – und die Zeit hat eine Vielzahl an Änderungen offengelegt! Seit dem Beginn in

einem einzigen Garderoben-Büro, das ich mit meinem Ballettmeister teilte, hat sich das Hamburg Ballett zu einer Institution

mit einem eigenen Gebäude entwickelt, Heimat eines erstklassig funktionierenden Ensembles, einer Ballettschule, einer

Jugendcompagnie und einem großen, effizienten Mitarbeiterstab an Lehrerinnen und Lehrern, Coaches und Verwaltungspersonal.

Das erste Jahr war schwer, aber die Aufregung jenes Beginns drängte die anfänglichen Schwierigkeiten in den Hintergrund.

Ballette wurden aus dem bisherigen Hamburger Repertoire übernommen, einige hinzugefügt aus dem Repertoire meiner

vorherigen Compagnie in Frankfurt – und das Kreieren begann. Die erste Saison endete mit einem Gastspiel beim Open-Air-

Festival in Granada. Am Ende der laufenden Jubiläumsspielzeit wird dieser erste Gastspielort zum letzten.

Wenn ich dieses Buch durchblättere, erstaunt es mich, wie viel in jenen ersten zehn Jahren passierte – Ankündigung und Beginn

all der wichtigen Entwicklungen, die noch kommen sollten.

The Formation of a Company

“My company will be different,” I said on the 14th of August 1973, the day I began work with my own company at the Hamburg

State Opera. How it would be different, I continued, was something that only time would tell. Now, 50 years have passed – and

time certainly tells a multitude of differences! Starting from a single office/dressing room shared with my ballet master, the

Hamburg Ballet has developed into an institution with its own building, the home of a first-rate functioning ensemble, ballet

school, a youth company and a large efficient staff of teachers, coaches and administrative personnel.

The first year was difficult, but the excitement of that beginning numbed initial difficulties. Ballets were taken over from the

previous Hamburg repertoire, some added from my previous Frankfurt company’s repertoire – and creation began. The first

season concluded with a guest appearance at the open-air festival in Granada. At the end of the current jubilee season, this very

first guest venue will become the last.

Paging through this book, it amazes me how much happened during those first ten years – heralding the beginning of all the

major developments that were to follow.

John Neumeier

12

Jahrzehnt / Decade 1973-1983


Repertoire

Désir ( J. Neumeier)

Divertimento Nr.15 (G. Balanchine)

Allegro brillante (G. Balanchine)

Jeu de Cartes ( J. Cranko)

Dämmern ( J. Neumeier)

Rondo ( J. Neumeier)

Daphnis und Chloё / Daphnis and Chloe ( J. Neumeier)

Romeo und Julia / Romeo and Juliet ( J. Neumeier)

Trauma ( J. Neumeier)

Schwanensee 2. Akt / Swan Lake Act 2 (L. Iwanow)

Schwarzer Schwan PdD (M. Petipa)

Meyerbeer ( J. Neumeier)

Schumann ( J. Neumeier)

Kinderszenen ( J. Neumeier)

Der Nussknacker / The Nutcracker ( J. Neumeier)

Das Echo (S. Handzic)

Der Schrei (F. Howald)

Die Stille / The Silence ( J. Neumeier)

Dritte Sinfonie von Gustav Mahler / Third Symphony

of Gustav Mahler ( J. Neumeier)

Don Juan ( J. Neumeier)

Le Sacre ( J. Neumeier)

Gesten (O. Araiz)

Mahler-Lieder (O. Araiz)

Familienszenen (O. Araiz)

Illusionen – wie Schwanensee / Illusions – like

Swan Lake ( J. Neumeier)

Orpheus (F. Howald)

Agon (G. Balanchine)

Petruschka-Variationen / Petrushka Variations ( J. Neumeier)

Les Noces ( J. Robbins)

Rückert-Lieder ( J. Neumeier)

Ein Sommernachtstraum / A Midsummer

Night’s Dream ( J. Neumeier)

Wendung ( J. Neumeier)

Vierte Sinfonie von Gustav Mahler / Fourth Symphony

of Gustav Mahler ( J. Neumeier)

Orpheus und Eurydike – Oper ( J. Neumeier)

Wie auf dem Wasser die Libelle (V. Hughes)

Kindheitserinnerungen (B. Cordua)

Und sie weinte, weil... (V. Bukovec)

Tanz für den Anfang ( J. Neumeier)

Ariel ( J. Neumeier)

Tanz für den Schluß ( J. Neumeier)

Dornröschen / The Sleeping Beauty ( J. Neumeier)

West Side Story – Musical ( J. Neumeier)

Der Widerspenstigen Zähmung ( J. Cranko)

Josephs Legende / The Legend of Joseph ( J. Neumeier)

Don Quixote ( J. Neumeier)

Vaslaw / Vaslav ( J. Neumeier)

Songfest ( J. Neumeier)

The Age of Anxiety ( J. Neumeier)

Geistertrio (V. Hughes)

Schneekoppe (B. Cordua)

Lieb’ und Leid und Welt und Traum ( J. Neumeier)

Haiku ( J. Neumeier)

Skizzen zur Matthäus-Passion ( J. Neumeier)

Der Fall Hamlet ( J. Neumeier)

Die Kameliendame / Lady of the Camellias ( J. Neumeier)

Matthäus-Passion / Saint Matthew Passion ( J. Neumeier)

Bach-Suite 2 ( J. Neumeier)

The Annunciation (R. North)

Bach-Suite 3 ( J. Neumeier)

Fußgänger (G. Caciuleanu)

Eine Strawinsky-Montage (M. Louis)

Vorläufer / Forerunners ( J. Neumeier)

Gala Suite ( J. Neumeier)

Petruschka ( J. Neumeier)

Artus-Sage / The Saga of King Arthur ( J. Neumeier)

Tristan ( J. Neumeier)

Giselle ( J. Neumeier)

Regenlieder / Rain Songs ( J. Neumeier)

13


DÉSIR

Marina Eglevsky, Salvatore Aiello

1973

14

Jahrzehnt / Decade 1973-1983


DÄMMERN

Oben rechts / Top right: Truman Finney, Martine Giaconi

1973

Links / Left: Silvia Winterhalter, Fred Howald

1973

Unten rechts / Bottom right: Silvia Winterhalter, Fred Howald

1973

15


RONDO

Marianne Kruuse, Ensemble

1973

DAPHNIS UND CHLOË /

DAPHNIS AND CHLOE

Marianne Kruuse

1973

16 Jahrzehnt / Decade 1973-1983


ROMEO UND JULIA / ROMEO AND JULIET

Marianne Kruuse, Truman Finney

1974

17


Marianne Kruuse

John Neumeier habe ich vor fast 60 Jahren in Stuttgart kennengelernt.

Wir waren dort beide engagiert und haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden.

In seinen ersten Balletten in Stuttgart, Aria da Capo, Haiku und

Separate Journeys, schuf er so die Hauptrollen für mich.

Von Anfang an hat mich seine Leidenschaft, Hingabe und unerschöpfliche

Energie begeistert. Für ihn war und ist es bis heute sehr wichtig,

dass alle Schritte verknüpft sind mit einer tiefen, wahren Empfindung

– alles Äußerliche und nur Virtuose lehnt er stets ab. Typisch

dafür ist sein erstes großes Handlungsballett Romeo und Julia, in dem

alles durch Tanz ausgedrückt wird, ohne Rückgriff auf die in klassischen

Balletten oft benutzte Pantomime. Die choreografischen

Erfindungen, die er mit seinen Tänzerinnen und Tänzern kreiert, haben

ihren Ursprung in der emotionalen Wahrhaftigkeit der Situationen zwischen

den Menschen (und sie sind oft in ihrer Aussage tief berührend).

Mit Genauigkeit und Geduld versteht er es, das spezielle, oft noch verborgene

Talent in der Individualität der Künstlerinnen und Künstler zu

erwecken und zu stärken. So ist die Compagnie in 50 Jahren zu einer

Gruppe von sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten herangereift, die

in ihrer Gesamtheit eine große geistige Kraft entfaltet. Im April 2022

habe ich das bei einem Besuch der Matthäus-Passion erlebt, in der jetzt

schon die dritte und vierte Generation von Tänzerinnen und Tänzern

dieses umfangreiche Werk gestalten.

Mit John im Ballettsaal bei einer Kreation zu stehen, ist eine außergewöhnliche

Situation, denn seine Visionen und Überzeugungen inspirieren

alle. Ich bin unendlich stolz darauf, im ersten Jahrzehnt seiner

Compagnie mit dabei gewesen zu sein. Julia, Marie, Helena und viele

andere Rollen hat er für mich geschaffen, und ich hatte das Glück, in

Max Midinet und Kevin Haigen wunderbare Partner zu finden. John hat

in mir etwas Spezielles entdeckt und gefördert, was ich mir nicht im

Traum hätte vorstellen können, und so geht es vielen anderen

Tänzerinnen und Tänzern, deren individuelles Talent er erkennt und

entwickelt.

Nach Hamburg berief ihn August Everding und dort gelang es uns sehr

schnell, die Sympathie des Publikums zu erobern – auch dank Johns

einmaligen Ballett-Werkstätten, in denen er weit über 350.000

Zuschauerinnen und Zuschauer an die Welt des Tanzes herangeführt

hat. Diese ersten zehn Jahre in Hamburg seit 1973 bilden den Grundstein

für seine Arbeit mit immer neuen Werken und Tourneen in aller Welt.

Nach dem Ende meiner Laufbahn als Tänzerin bin ich als Leiterin von

Johns Ballettschule eng mit seiner Arbeit und seinem grundlegenden

Verständnis der Ballettkunst verbunden geblieben. Über zwei Jahrzehnte

hatte ich viele Gelegenheiten, das Besondere und Einzigartige seiner

Überzeugungen weiterzugeben, zu vermitteln, was Tanz für ihn bedeutet.

18

Jahrzehnt / Decade 1973-1983


Almost 60 years ago, I got to know John Neumeier in Stuttgart. Both of

us had a job there and we immediately got along very well. So, he created

the lead roles for me in his first ballets, Aria da Capo, Haiku and

Separate Journeys.

From the beginning, I was fascinated by his passion, dedication, and

boundless energy. For him, it was and still is very important that all

steps are related to deep and true emotions – he has always refused to

accept anything superficial or just virtuosic. A typical example is his

first dramatic ballet, Romeo and Juliet, in which everything is expressed

through dance, without any hints at pantomime that had often been

used in classical ballets. The choreographies he invents together with

his dancers are developed from the emotional truth of situations among

human beings (and what they communicate is often deeply moving).

Working with great accuracy and patience, he knows how to unveil and

develop the hidden talents of individual artists. Within 50 years, the

company has matured into a group of very different personalities

that, as an ensemble, displays great spiritual strength. In April 2022,

I experienced this effect at a performance of Saint Matthew Passion, an

extensive work now being performed by the third and fourth generation

of dancers.

Standing with John in the studio as he creates is an extraordinary situation,

as his visions and convictions inspire everyone. I am incredibly proud to

have been part of his company during its first decade. He created Juliet,

Marie, Helena and many other roles for me, and I was fortunate to have

wonderful dance partners such as Max Midinet and Kevin Haigen. John

discovered and encouraged something special within me, something

I would never have dreamt of. And this is what many dancers experience

whose individual talent is identified and developed by him.

August Everding appointed him Ballet Director in Hamburg and there

we soon conquered the audiences’ sympathies, thanks also to John’s

unique Ballet Workshops in which he has introduced more than

350,000 individual spectators to the world of dance. Starting in 1973,

the first ten years in Hamburg formed the foundation of his work,

including ever-new creations and tours all over the world.

After ending my career as a dancer, I kept close contact to John’s work

and his basic understanding of the art of ballet: I became Pedagogical

Principal of his Ballet School. Within two decades, I had many opportunities

to pass on his special and unique convictions, to impart what

dance means to him.

19


2013–2023

Grenzenlose Hingabe

Das Ballett Haiku, das ich für die Noverre-Gesellschaft in Stuttgart während meiner Zeit als Tänzer kreierte, eröffnete mir viele

Möglichkeiten – einschließlich meiner Direktion am Frankfurter Ballett. Eine Faszination für Japan und seine traditionellen

Künste war ein wichtiger Faden im Gewebe meines künstlerischen Lebens. Aus diesem Grund bin ich dankbar für die vielen

Gelegenheiten, nicht nur für das Tokyo Ballet zu kreieren, sondern auch meine Compagnie in all den Jahren neunmal nach

Japan zu bringen.

Selbstredend war die Entgegennahme des renommierten Kyoto-Preises 2015 ein Höhepunkt dieser Faszination für Japan. Im

Folgejahr erfüllte ich mir einen Traum, indem ich die großartige Messiaen-Partitur Turangalîla choreografierte – was bis dahin

verboten gewesen war. Das Projekt wurde ermöglicht durch die Vermittlung von Kent Nagano, einem Protegé Messiaens.

Zwei Beethoven-Projekte folgten. Das geplante Ballett zur Neunten Sinfonie von Beethoven wurde durch die Corona-Pandemie

verhindert – ein Schatten über der zweiten Hälfte dieses letzten Jahrzehnts. Immerhin erwuchs aus den Schwierigkeiten dieser

Zeit und der Hingabe meiner Tänzerinnen und Tänzer das Ballett Ghost Light, für mich ein extrem wichtiges Werk.

Ich schreibe in einem Zustand der Ungläubigkeit. Es scheint unmöglich, dass 50 Jahre vergangen sind! Wenn ich heute meinen

Lieblingsballettsaal „Nijinsky“ betrete und die Kreation zu Dona Nobis Pacem beginne, habe ich dasselbe Gefühl der Vorahnung,

Beklommenheit und Freude, wie ich es schon 50 Jahre zuvor erlebte.

Boundless Commitment

The ballet Haiku, which I created for the Noverre Society in Stuttgart during my time there as a dancer, opened the door to many

opportunities – including my directorship of the Frankfurt Ballet. A fascination with Japan and its traditional arts has been an

important thread in the fabric of my creative life. For this reason, I am grateful for the many opportunities not only to create

for the Tokyo Ballet but also to bring my own company nine times to Japan over these years.

Of course, a highlight of this Japanese fascination was receiving the prestigious Kyoto Prize in 2015. The following year, I realized

a choreographic dream creating Messiaen’s Turangalîla, an amazing score – forbidden to be choreographed until then. This

possibility was due to the intercession of Kent Nagano, a protégé of Messiaen.

Two Beethoven Projects followed. The intended ballet to the Ninth Symphony of Beethoven was prevented by the Covid-19 pandemic

– a shadow over the second half of this last decade. However, the ballet Ghost Light, an extremely important work for me,

grew out of the difficulties of this time and the commitment of my dancers.

I write in a state of disbelief. It cannot be possible that 50 years have passed! Entering my favourite “Nijinsky” Studio to begin

the creation of Dona Nobis Pacem, I have the same sense of anticipation, trepidation and joy I experienced 50 years ago.

John Neumeier

186 Jahrzehnt / Decade 2013-2023


Repertoire

Weihnachtsoratorium I-VI / Christmas

Oratorio I-VI ( J. Neumeier)

Tatjana / Tatiana ( J. Neumeier)

Das Lied von der Erde / The Song of

the Earth ( J. Neumeier)

Peer Gynt Neufassung / New Version ( J. Neumeier)

Duse ( J. Neumeier)

Turangalîla ( J. Neumeier)

Anna Karenina ( J. Neumeier)

The World of John Neumeier ( J. Neumeier)

Orphée et Eurydice (Oper / Opera) ( J. Neumeier)

Beethoven Dances ( J. Neumeier)

Beethoven-Projekt I / Beethoven

Project I ( J. Neumeier)

Shakespeare-Sonette (M. Jubete, A. Matrtinez, E. Revazov)

Die Glasmenagerie / The Glass Menagerie ( J. Neumeier)

Persistent Persuasion ( J. Neumeier)

Ghost Light ( J. Neumeier)

No Man is an Island ( J. Neumeier)

Beethoven-Projekt II / Beethoven

Project II ( J. Neumeier)

Hamlet 21 ( J. Neumeier)

Peter und Igor / Peter and Igor ( J. Neumeier)

Dornröschen Neufassung / The Sleeping

Beauty New Version ( J. Neumeier)

Der Bürger als Edelmann ( J. Neumeier)

from time to time ( J. Neumeier)

Die Unsichtbaren ( J. Neumeier)

The Winter’s Tale (C. Wheeldon)

Dona Nobis Pacem ( J. Neumeier)

187


WEIHNACHTSORATORIUM I-VI / CHRISTMAS ORATORIO I-VI

Marc Jubete, Florian Pohl, Lizhong Wang, Matias Oberlin

2019

188

Jahrzehnt / Decade 2013-2023


189


TATJANA / TATIANA

Edvin Revazov, Hélène Bouchet

2017

190

Jahrzehnt / Decade 2013-2023


DAS LIED VON DER ERDE /

THE SONG OF THE EARTH

Alexandr Trusch, Ensemble

2017

191


PEER GYNT

Carsten Jung, Alina Cojocaru

2016

192

Jahrzehnt / Decade 2013-2023


193


DUSE

Karen Azatyan, Ensemble

2018

Rechte Seite / Right page: Alessandra Ferri

2016

194

Jahrzehnt / Decade 2013-2023


195


TANZ IST DIE LEBENDIGE GESTALT VON EMOTIONEN.

DANCE IS THE LIVING SHAPE OF EMOTION.

1973–2023

Seit einem halben Jahrhundert ist der Name John Neumeier untrennbar mit dem Hamburg Ballett

verbunden. Der Ballettintendant, Ausnahmechoreograf und Visionär hat seine Compagnie zu

einer der wichtigsten der Welt entwickelt, ganze Tänzergenerationen geprägt und Kunst, Tanz

und Theater nicht nur in Deutschland in den Fokus gerückt. Auf einer Reise durch die Jahrzehnte

kommen in diesem Band John Neumeier selbst sowie ausgewählte Weggefährtinnen und Weggefährten

mit sehr persönlichen Statements zu Wort. Eindrucksvolle, teils noch nie veröffentlichte Fotografien

dokumentieren 50 Jahre seines einmaligen künstlerischen Schaffens und machen Tanz- und

Kulturgeschichte erlebbar.

For half a century, the name John Neumeier has been synonymous with the Hamburg Ballet. The

ballet director, exceptional choreographer and visionary has made his company one of the most

important in the world, shaped generations of dancers and brought dance together with art and theatre

into a particular focus, not only in Germany. On a journey through the decades, John Neumeier

himself and selected contemporaries have their say in this album with very personal statements.

Impressive photographs, some of which have never been published before, document 50 years of his

unique artistic work, enabling the reader to experience dance and cultural history.

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