Empfehlungskatalog online 2022
Unsere aktuellen Lieblingsbücher.
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Liebe Menschen,<br />
mal wieder erscheint ein neuer <strong>Empfehlungskatalog</strong> von uns und mal wieder heißt es nun,<br />
dafür ein passendes Vorwort zu finden. Ganz ehrlich: Nach den vergangenen beiden Jahren<br />
hatten wir die große Hoffnung, mit Ihnen die Rückkehr zur Normalität und zur Leichtigkeit<br />
zu feiern, aber so, wie es momentan aussieht, werden wir weiter darauf warten müssen. Die<br />
Welt ist aus den Fugen geraten, wir alle spüren eine große Unsicherheit und schauen mit<br />
dieser eigenartigen Mischung aus Sorge und Hoffnung in die Zukunft. Wie gut, dass es<br />
Bücher gibt. Es sind Geschichten, die uns durch solche Zeiten tragen. Geschichten von Liebe,<br />
Suche, Mut und Kraft, die uns spüren lassen, dass das Leben mitunter zwar anstrengend und<br />
fordernd sein kann, dass es aber auch immer wieder weitergeht. In diesem Katalog<br />
versammeln wir all die Bücher, die uns in diesem Jahr berührt haben, die uns etwas gegeben<br />
haben, was wir in der Welt gerade nicht finden können. Es sind Geschichten, die uns berührt,<br />
uns zum Nachdenken angeregt und uns abgelenkt haben. Wir sind dankbar dafür und<br />
hoffen, dass es Ihnen ähnlich ergehen wird. Passen Sie gut auf sich auf!<br />
Herzlichst<br />
Ihr WortReich-Team<br />
Wir danken allen Übersetzer*innen für Ihre Arbeit. Ohne Sie wäre die Welt der Bücher ärmer.<br />
Dieser Katalog ist mit allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung bedarf der schriftlichen Zustimmung. Alle Rechte vorbehalten. Die<br />
im Katalog genannten Preise und bibliographischen Angaben sind sorgfältig überprüft. Irrtum bleibt aber vorbehalten. Die €-Preise gelten für Deutschland.<br />
2
3
Unsere Empfehlungen:<br />
4
Ute Büttner<br />
5
6<br />
Kindler, 22,-€
Auf der Suche nach sich selbst<br />
Es ist mutig in Zeiten, in denen die christliche Kirche einem massiven Mitgliederschwund unterliegt, eine<br />
junge Theologin als Protagonistin ins Zentrum eines Romans zu stellen. Elke arbeitet als Seelsorgerin in<br />
einem Kölner Seniorenheim, als sie die Worte verliert. Sie kann sich an die Texte gängiger Gebete nicht<br />
mehr erinnern. Eine große Leere und Angst vor diesem plötzlich auftretenden leeren Raum bemächtigen<br />
sich ihrer. Dieser massiven existentiellen Verunsicherung fällt zunächst fast alles zum Opfer, ihr Job, ihre<br />
Beziehung und beinahe auch sie selbst. Aber die Worte werden zu ihr zurückkehren und sie wird sie<br />
wieder formulieren können. Zwischen Verlust und Wiedergewinn liegt eine spektakuläre Freiheitserfahrung<br />
und ein mehrtägiger Besuch im Heimatort bei ihren Eltern. Unausgesprochen schwebt die Erwartung des<br />
Vaters im Raum, sie möge sein Amt als Gemeindepfarrerin übernehmen. Die Mutter hat sich nach dem<br />
Tod ihres Sohnes emotional zurückgezogen. Die ehemalige Freundin des verstorbenen Bruders erwartet<br />
nun ein Kind, das dessen Namen tragen soll. Eine mögliche Reaktion auf Krisen ist die zu erstarken und<br />
wir können Elke dabei zuschauen, wie sie auf ihrer Suche nach Gott und sich selbst beginnt sich dem<br />
Leben zuzuwenden und es ihr gelingt eine Haltung zu entwickeln, offen Position zu beziehen. Damit<br />
eröffnet sich für sie ein Freiraum, aus dem heraus es ihr gelingt, eine Taufpredigt für den Namensvetter<br />
ihres Bruders zu halten und am Ende zu einem Wiedersehen mit ihrem Freund zu gelangen.<br />
Die Ewigkeit ist ein guter Ort von Tamar Noort ist ein Roman, in dem Gefühle und Seelenzustände mit<br />
passgenauen Bildern beschrieben werden und zeigt uns einmal mehr, dass der Mensch auf der Suche<br />
nach sich selbst nur in der Auseinandersetzung mit anderen erfolgreich sein kann und dass in der<br />
Gemeinschaft immer auch die Verunsicherung ihren Platz hat.<br />
7
8<br />
DuMont 22,-€
Ein Roman wie ein warmer Sommerregen<br />
Der Kontrast kann größer nicht sein: Aus der hektischen, lauten Großstadt ins üppige, ruhige Grün, aus der<br />
Etagenwohnung in ein Haus mit Hühnern und Garten, rausgeworfen vom Lebenspartner, aufgenommen<br />
vom Großvater, statt Frankfurt: Spechthausen. Alina kommt mit dem Bus und reichlich Gepäck. Ihren<br />
Großvater hat sie zuletzt als Kind vor etwa zwanzig Jahren besucht. Ihr Erscheinen im Dorf verursacht<br />
kein großes Aufsehen, vielmehr trifft sie auf überaus gastfreundliche, offene Menschen, die ihr eine Art<br />
Zugehörigkeit vermitteln und auch ihr Großvater zeigt sich keineswegs überrascht, sie so plötzlich vor<br />
sich stehen zu sehen. Ihr Wiedersehen ist weder euphorisch noch von Vorwürfen begleitet, die beiderseitige<br />
Zuneigung und das Vertrauen in den jeweils anderen bilden immer noch die Basis ihrer Beziehung, auch<br />
wenn diese mittlerweile mit ziemlich viel Staub überzogen ist. Behutsam und mit viel Respekt füreinander<br />
entfernen sie einige dieser Schichten, erfahren etwas über das Leben des anderen, über Verlust, Trauer,<br />
Schmerz und Freude. Es wird viel und auf die unterschiedlichste Art gelächelt in diesem Roman, der sich<br />
liest, als würde man in einem warmen Sommerregen stehen. Das Gefühl von Zugehörigkeit, Vertrautheit<br />
und Geborgenheit, etwas, das die meisten Menschen sich in ihrem Leben wünschen, verbindet Großvater<br />
und Enkelin mit noch drei weiteren Personen aus dem Dorf. Ganz selbstverständlich hat sich diese<br />
Fünfergemeinschaft zusammengefunden und wagt am Ende gemeinsam einen vorsichtigen Neuanfang.<br />
Wenn Interesse, Wohlwollen und Zuneigung die Grundlagen der menschlichen Beziehungen bilden, kann<br />
das Leben für alle wunderbar versöhnend und zukunftsfreudig sein. In den Wäldern der Biber von<br />
Franziska Fischer entlässt den Leser mit diesem wohltuenden Gefühl aus der Lektüre.<br />
9
10<br />
Carlsen, 18,-€
Bilder zum Klingen bringen<br />
Schon das Cover von Spinne spielt Klavier von Benjamin Gottwald macht einen neugierig: Eine Vampirspinne<br />
grinst uns frech an und hämmert dabei mit all ihren Beinchen auf Klaviertasten ein. Und die Neugier wird<br />
bestens belohnt. Auf den folgenden Seiten ist nichts zu lesen, aber viel zu sehen und zu hören. Was man<br />
sieht, sind in überaus kräftigen Farben gemalte, ganz- oder doppelseitige Bilder, auf denen Situationen,<br />
Gegenstände, Tiere oder Menschen dargestellt sind, die die unterschiedlichsten oder auch ähnlichsten<br />
Geräusche verursachen. Manche klingen uns sofort klar in den Ohren, bei anderen brauchen wir eine<br />
Weile, bis wir sie in etwa hören und sie dann auch noch ertönen lassen können. Denn genau darum geht<br />
es diesem Buch von Benjamin Gottwald: Die Bilder wollen in Klang verwandelt werden. Auch wenn man<br />
eigentlich nichts hört, geht es ziemlich laut zu in diesem Buch und die Geräusche sollen nicht nur im<br />
eigenen Ohr, sondern durch den Raum schweben. Ein Beispiel: Zähne auf die Oberlippe legen, grinsen und<br />
leicht Luft durch die Zähne entweichen lassen. Zu welchem Bild passt das dabei entstehende Geräusch?<br />
Finden Sie es heraus und laden Sie mit diesem Buch Kinder und Erwachsene ins vielfältige Reich der<br />
tönenden Bilder ein. Von vorne nach hinten oder umgekehrt, quer oder zufällig geblättert, immer trifft man<br />
auf ein kraftvolles Bild, auf dem es summt, brummt, plätschert und knallt. Auch an der Vampirspinne<br />
vom Cover kann man sich versuchen. Es ist nicht immer leicht, das dargestellte Bild mit dem passenden<br />
Geräusch zu versehen, aber es macht immer ziemlich viel Spaß, den Wind heulen, das Echo rufen oder<br />
die Würfel fallen zu lassen, probieren Sie es aus. (ab 3 Jahren)<br />
11
12<br />
Galiani, 23,-€
Französische Geistesgrößen im Portrait<br />
Sie sind die Namensgeber der höchsten literarischen Auszeichnung, die in Frankreich vergeben wird und<br />
das ist in der Regel meist alles, was man mit dem Namen Goncourt verbindet. Alain Claude Sulzer erzählt<br />
uns in seinem neuen Roman Doppelleben nun von dem Brüderpaar Edmond und Jules Goncourt, die im<br />
19. Jahrhundert einflussreiche Größen der Pariser Kunst- und Literaturszene waren. Durch ein großes<br />
Erbe von der Notwendigkeit des Geldverdienens befreit, widmen sich die beiden zeitlebens der<br />
französischen Sprache, immer gemeinsam auf der Suche nach einer exakten sprachlichen Abbildung der<br />
Wirklichkeit. Sie gelten als die Begründer des literarischen Naturalismus und das erste Großartige an<br />
Doppelleben ist, dass der Autor die Forderungen seiner Protagonisten an die Literatur umsetzt und das<br />
gemeinsame Leben der Brüder aus einer rein beobachtenden, nicht wertenden Perspektive beschreibt.<br />
Die Sorge Edmonds um seinen an Syphilis erkrankten Bruder Jules, ihr Arbeitsleben in ihrem Pariser<br />
Stadthaus, das Führen ihres Tagebuchs, immer gemeinsam, nie getrennt voneinander, die zunehmende<br />
Symptomatik von Jules Erkrankung. Das zweite Großartige ist, dass er uns mit einem Roman der<br />
Goncourts, Germinie Lacerteux, vertraut macht, zu dem sie das Leben ihres Dienstmädchens Rose<br />
inspiriert hat. In einem zweiten Erzählstrang erfahren wir von Roses Zeit, die sie außerhalb des Hauses<br />
der Goncourts verbringt und die sie in einer unglücklichen und zerstörerischen Abhängigkeit von einem<br />
sie ausnutzenden Liebhaber zeigt. Edmond hat seinen Bruder Jules um mehr als zwei Jahrzehnte überlebt<br />
und sein Vermögen für die Gründung einer Académie Goncourt gestiftet, aus der der renommierteste<br />
französische Literaturpreis entstand. Dieser Roman ermöglicht Ihnen einen faszinierenden Blick hinter<br />
die Fassade dieses berühmten Namens.<br />
13
14<br />
Beltz, 12,-€
Paul und die Magie der Zahlen<br />
„Das machst du immer. Jedes Mal, wenn jemand etwas tut, machst du es kaputt, indem du behauptest,<br />
dass du es so viel besser könntest. Und dann ziehst du es nie durch!“ Einer der letzten Freunde, die Paul<br />
geblieben sind, macht ihm diesen Vorwurf, denn der Oberangeber unter den Angebern hat seinen Mund<br />
nicht halten können und behauptet, er könne bis zehn Millionen zählen. Vor dem Einsetzen der<br />
Pausenklingel fängt Paul Miller an und hört, entgegen aller Prognosen, nicht mehr auf. Um bis zehn<br />
Millionen zu zählen braucht es ein paar Tage weniger als ein Jahr, rechnet ihnen der Mathematiklehrer<br />
vor, und alle Klassenkammerarden sind entsetzt. Paul bekommt mächtig Ärger, zuerst in der Schule und<br />
dann auch zu Hause und, als er tatsächlich einmal kurz aussetzt, massiv auch mit den Zahlen. Denn sie<br />
wollen von ihm gezählt werden und bilden endlose Schlangen vor seinem Bett, Haus und Himmel.<br />
Niemand zählt so schön wie Paul, da sind sich alle einig, auch mathematische Größen aus dem ganzen<br />
Land kommen um Pauls endloser Zahlenreihe zu lauschen. Denn seine Zählaktion wird überall im Land<br />
bekannt und eine gigantische Vermarktungsmaschinerie, angeführt und beherrscht von seiner fiesen<br />
ehemaligen Schuldirektorin, läuft an. Dass sich diese Spirale nicht bis ins Unendliche dreht, weiß der<br />
zehnjährige Paul klug zu verhindern.<br />
Voll verzählt von Melvin Burgess ist eine turbulente, verrückte Geschichte mit einem Helden, der ein<br />
ganz genaues Gespür dafür hat, was wirklich zählt. (ab 9 Jahren)<br />
15
Zwei Bücher für Herz und Seele<br />
Jennifer Ryan<br />
Die Köchinnen von Fenley<br />
Vier Frauen, vier Schicksale,<br />
eine Chance. Wir schreiben<br />
das Jahr 1942. Der zweite<br />
Weltkrieg hat In Großbritannien<br />
verheerende<br />
Schäden angerichtet. Viele<br />
Menschen hungern, weil die<br />
Deutschen die Lebensmittellieferungen<br />
unterbrechen.<br />
Um den Menschen zu helfen und die Moral ein<br />
wenig zu heben, veranstaltet die BBC einen<br />
Kochwettbewerb, deren erster Preis die erste<br />
weibliche Moderationsstelle im Sender ist. Für<br />
die vier Frauen Zelda, Nell, Audrey und Lady<br />
Gwendolyne würde der Sieg alles bedeuten. Eine<br />
Geschichte von vier mutigen Frauen, die für ein<br />
besseres Leben kämpfen. Anrührend und<br />
herzerwärmend. Kiepenheuer & Witsch 18,-€<br />
Romy Fölck<br />
Die Rückkehr der Kraniche<br />
Ein Familienroman, der von<br />
Zusammenhalt, Geheimnissen,<br />
Brüchen und Versöhnung<br />
erzählt. Grete Hansen arbeitet<br />
als Vogelwartin in der Elbmarsch.<br />
Dort lebt sie mit<br />
ihrer Mutter Wilhelmine.<br />
Als diese in der Küche stürzt<br />
und auch noch eine Herzmuskelentzündung<br />
diagnostiziert wird, ruft Grete<br />
ihre Schwester Freya und ihre Tochter zur Hilfe.<br />
Schnell offenbaren sich die Konflikte zwischen<br />
den vier Frauen. Gelingt es Ihnen, einen gemeinsamen<br />
Weg in die Zukunft zu finden? Ein wunderschöner<br />
Roman, der die Natur und die Seele seiner<br />
Protagonistinnen einfängt. Sehr wohltuend.<br />
Wunderlich 22,-€<br />
16
Philipp Buir<br />
17
18<br />
Rowohlt, 22,-€
Höhenflüge und Abgründe<br />
Heinz Strunk ist zurück und hat eines meiner absoluten Lieblingsbücher dieses Jahres geschrieben.<br />
Wir begleiten Roth, Wirtschaftsjurist und selbsternannter Frauenheld, dabei, wie er sich den Sommer<br />
über in der kleinen Küstenstadt einbucht, um seine Familiengeschichte zu Papier zu bringen. Die<br />
anfängliche Motivation und der Traum einer Buchveröffentlichung fallen allerdings nach und nach dem<br />
Sog zum Opfer, den Niendorf gnadenlos ausübt. Neben der Hässlichkeit des Ortes sind vor allem der<br />
Mietwohnungsverwalter/Schnapsladeninhaber/Strandkorbkontrolleur Breda und seine Freundin<br />
Simone stark daran beteiligt. Roth geht eine eher unfreiwillige Freundschaft mit den beiden ein, die ihn<br />
mit ihrer vulgären, verlebten Art immer weiter anstecken, bis er ganz einer von ihnen wird. Er verfällt<br />
immer weiter und verliert jegliche Kontrolle, bis an ein Verlassen des Moloch Niendorf kein Gedanke<br />
mehr ist. Heinz Strunk schafft es auf seine ganz eigene und bekannte Art, uns an Niendorf zu fesseln, und<br />
so leiden wir mit Roth, erleben alkoholbedingte Höhenflüge und blicken in tiefe soziale Abgründe.<br />
Mit Ein Sommer in Niendorf wurde er das zweite Jahr in Folge für den deutschen Buchpreis nominiert.<br />
Und das zurecht.<br />
19
20<br />
Blumenbar, 20,-€
Erfrischende Kulisse und ein rätselhafter Mord<br />
Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Ein Krimi hat sich in meine Buch-Favoriten geschlichen und<br />
wird so schnell auch nicht mehr gehen. Die rätselhaften Honjin-Morde ist in Japan bereits in den 70er<br />
Jahren erschienen und hat es erst dieses Jahr zu uns geschafft. Aber umso besser, denn sonst hätte ich<br />
es wahrscheinlich nicht entdeckt. Dieses Buch ist kein Krimi, der uns atemlos von Seite zu Seite hetzen<br />
lässt, immer auf der Hut vor der nächsten spektakulären Wendung; stattdessen erinnert es eher an die<br />
klassischen westlichen Krimis, legt ein eher gemütliches Tempo ein und legt viel Wert auf die einzelnen<br />
Charaktere und die Ermittlung an sich. An der Seite des Privatdetektivs Kosuke Kindaichi versuchen wir,<br />
das Rätsel hinter einem Mord in einem Honjin, einem historischen Gasthaus für wohlhabende Gäste zu<br />
lösen. Ein Ehepaar wurde dort in seiner Hochzeitsnacht umgebracht, doch das Zimmer war abgeschlossen,<br />
niemand hätte es betreten oder verlassen können. Gab es Streit innerhalb der Familie, was hat die Koto,<br />
ein japanisches Saiteninstrument, mit dem Mord zu tun, und wer ist der Mann mit den drei Fingern, der<br />
sich kurz vor der Hochzeit nach dem Gasthaus erkundigt hat? Seishi Yokomizo ist ein in Japan gefeierter<br />
Krimiautor, und ich kann verstehen warum. Die Kulisse für dieses Buch ist erfrischend anders und seinen<br />
Ermittler Kosuke Kindaichi muss man einfach mögen. Auch wenn der Autor leider nicht mehr unter uns<br />
weilt, möchte ich ihm dafür danken, dass er mich ein Stück weit für ein Genre erwärmt hat, das ich für<br />
gewöhnlich meide. Ich hoffe, es werden noch weitere seiner Bücher bei uns veröffentlicht. Und ich hoffe,<br />
dass Die rätselhaften Honjin-Morde Ihnen genauso gefallen, wie mir.<br />
21
Ars Vivendi, 22,-€<br />
22
Fremde Realitäten – grandios erzählt<br />
Ein Buch, das ich an einem einzigen Nachmittag gelesen habe. Lesen musste! Ich habe es schon oft gesagt,<br />
und sage es gerne immer wieder: Kurzgeschichten wird zu wenig Beachtung geschenkt. Woran das liegt,<br />
weiß ich nicht so recht. Vielleicht gibt es die Befürchtung, dass auf ein paar Seiten keine richtige<br />
Geschichte erzählt werden kann? Manche Romane schaffen das selbst auf 300 Seiten nicht. Aber darüber<br />
müssen sie sich bei Church Ladies wirklich keine Sorgen machen. Jede der neun Geschichten in diesem<br />
Buch schafft es, die Leser*innen zu fesseln, egal wie viele Seiten sie haben. Church Ladies rückt die Leben<br />
und Erfahrungen schwarzer Frauen in den USA ins Rampenlicht und zeigt Realitäten, Lebensgefühle und<br />
gesellschaftliche Erwartungen, von denen man sonst nichts lesen würde. Rhonda und Leelee sind aus<br />
dem heißen Georgia an die eisige Nordküste gezogen, um der emotionalen Kälte ihrer Heimat zu<br />
entkommen, wo ihre Liebe nicht geduldet wird. Zwei vollkommen fremde Menschen finden auf dem<br />
Parkplatz eines Hospizes zueinander und entkommen für kurze Zeit der schrecklichen Realität, die in den<br />
Zimmern oben auf sie wartet. Eine Gruppe von Schwestern sitzt an einem Küchentisch und ist sich nicht<br />
einig, ob man um einen Vater trauern sollte, der nie da war, wenn man ihn brauchte.<br />
Jede dieser Geschichten von Deesha Philyaw steckt voller Emotionen, voller Leben und auch wenn ich<br />
persönlich die Konflikte und Probleme seiner Protagonistinnen schwer nachvollziehen konnte, bin ich<br />
sehr froh, dieses Buch gelesen zu haben.<br />
23
24<br />
Luchterhand, 22,-€
Hawaii mal anders<br />
Ein fesselndes Buch über Hawaii - ganz ohne Blumenketten und Surfboards.<br />
Ich war noch niemals auf Hawaii, habe aber natürlich über verschiedene Quellen Eindrücke und<br />
Erzählungen aufgeschnappt und mir so ein, bestimmt klischeebehaftetes, Bild dieser Inselgruppe gebildet.<br />
Haie in Zeiten von Erlösern räumt jedoch mit allen Klischees auf und verpackt Familiengeschichte,<br />
Glauben und die Geschichte Hawaiis in einem Buch, das ich so noch nicht gelesen habe.<br />
Nainoa ist der Mittelpunkt seiner Familie. Seit er mit sieben Jahren bei einem Bootsausflug über Bord<br />
gegangen, wie durch ein Wunder jedoch von Haien gerettet worden ist, umgibt ihn eine mystische Aura<br />
und er wird durch seine sehr traditionsbewusste Mutter als Heiler tätig. Seine Geschwister Kaui und<br />
Dean finden die Aufmerksamkeit, die ihrem Bruder zuteil wird, eher störend, aber immerhin lässt sich<br />
damit auf der Insel etwas Geld verdienen, die mehr und mehr Opfer von reichen Weißen und dem<br />
Kapitalismus wird. Und so begleiten wir die drei Geschwister dabei, wie sie in einem Paradies kämpfen<br />
und Opfer bringen, sogar die Heimat verlassen müssen, bis sie merken, dass jeder eine besondere Gabe<br />
besitzt, auch ohne von Haien gerettet worden zu sein.<br />
Kawai Strong Washburn hat mit diesem Roman ein Debüt veröffentlicht, das es mir sehr angetan hat.<br />
Zu sehen, wie die Protagonisten zwischen Tradition und der eigenen Realität hin und her gerissen sind<br />
und dabei nie die Heimat aus den Augen verlieren, hat mich sehr berührt.<br />
25
26<br />
dtv, 22,-€
Hartes Thema, zarte Momente<br />
Sechs Tage bis zum Termin für den Schwangerschaftsabbruch. Sechs Tage voller Angst, Hoffnung, Chaos<br />
und Sanftmut.<br />
Marta und Daniel sind Anfang 30 und leben in Barcelona. Die beiden sind seit zwei Jahren zusammen<br />
und sind vor kurzem zusammengezogen, wirkliche Zukunftspläne haben sie aber noch nicht<br />
geschmiedet. Die Stimmung ist zwar unsicher, aber aufregend und die beiden sind glücklich. Doch als<br />
Marta ungewollt schwanger wird, stehen plötzlich ungeklärte Fragen und Konflikte im Raum, und die<br />
Stimmung kippt komplett. Abwechselnd kommen Marta und Daniel zu Wort und wir erfahren von ihren<br />
Sorgen und Ängsten, aber auch von Hoffnungen und Wünschen. Erst viel später kommt es zu einer<br />
wirklichen Aussprache und alles gipfelt nach sechs Tagen am Termin des Schwangerschaftsabbruchs.<br />
Marta Orriols schafft es in Sanfte Einführung ins Chaos, dass man mit beiden Charakteren mitfühlt, die<br />
Bedrohung für deren Beziehung ist immer spürbar. Aber eben auch die Liebe, die Marta und Daniel<br />
füreinander empfinden.<br />
Es passiert nicht oft, dass ein Titel so perfekt zu einem Buch passt, wie in diesem Fall. Denn trotz der<br />
Intensität der Geschichte und der Bedeutsamkeit, die ein Schwangerschaftsabbruch darstellen kann,<br />
sind es auch, oder eben gerade die zarten, sanften Momente, die dieses Buch so großartig machen.<br />
27
28<br />
mixtvision, 17,-€
Vom Neubeginn und Heimat<br />
Wie ist es eigentlich, ein Haus zu sein? Wie fühlt es sich an, wenn man mehr ist als nur vier Wände und<br />
ein Dach, sondern jemandes Heim? Diese Frage beantwortet Wieder zu Hause! von Colleen Rowan<br />
Kosinski auf so bezaubernde Art und Weise, dass ich es einfach empfehlen muss.<br />
Das Haus ist sehr glücklich mit der Familie, die es beherbergt. Jeden Tag gibt es ein neues Abenteuer,<br />
aber genauso können alle zur Ruhe kommen und es sich gemütlich machen. Alles ist wunderbar, bis die<br />
Familie auszieht und das Haus zurücklässt. Das Leben, die Freude und die Liebe sind gewichen und das<br />
Haus wird einsam und traurig. Es verfällt immer mehr und der Garten verwildert. Andere Leute, die sich<br />
das Haus ansehen wollen, werden verjagt, denn niemand kann die Familie ersetzen, die all die Jahre hier<br />
gewohnt hat - bis eine neue Familie kommt und sich entscheidet, einzuziehen. Plötzlich ist sie wieder da,<br />
die Liebe und auch das Tapsen kleiner Kinderfüße. Und das Haus merkt, dass es wieder mehr ist als nur<br />
ein Haus, sondern ein Zuhause.<br />
Ein Buch mit zauberhaften Illustrationen von Valeria Docampo, jeder Menge Herz und einer Botschaft,<br />
die nicht nur für Kinder geeignet ist. Denn Veränderung ist ein Teil des Lebens und nicht grundsätzlich<br />
schlecht. Und ein Neuanfang kann der Beginn von etwas Wunderschönem sein. (ab 3 Jahren)<br />
29
Die fünf Lieblinge des unabhängigen Buchhandels<br />
Jedes Jahrs aufs Neue wählen die unabhängigen Buchhändler:innen in<br />
Deutschland ihr Lieblingsbuch des Jahres. In den vergangenen Jahren<br />
gehörten Der große Sommer, Der Gesang der Flusskrebse und Was man<br />
von hieraus sehen kann. Im ersten Teil der Abstimmung darf jede<br />
teilnehmende Buchhandlung zwei Favoriten einreichen. Aus all den<br />
Vorschlägen werden dann die fünf am häufigsten genannten Titel auf die<br />
Shortlist gesetzt. In diesem Jahr finden sich darauf wahrhaft tolle Bücher,<br />
von denen jedes den Preis verdient hätte. Eine Frage der Chemie (Piper, 22,-€) hat viele Leser:innen-<br />
Herzen im Sturm erobert und ist auch bei uns eines der meistverkauften Bücher des Jahres. Die<br />
Geschichte von Elisabeth Zott und ihrem Lebensweg ist ein großes Lesevergnügen mit Tiefgang und Witz.<br />
Der Markisenmann von Jan Weiler (Heyne, 22,-€) gehört zu den Buchlieblingen von Dennis Witton.<br />
Angesiedelt in den 90er Jahren und angereichert mit viel Witz und Wärme ist es ein wunderbares Buch<br />
für alle, die einfach ein paar schöne Lesestunden haben möchten. Lügen über meine Mutter<br />
(Kiepenheuer & Witsch, 22,-€) steht - ganz genau wie Dschinns - ebenfalls auf der Shortlist für den<br />
Deutschen Buchpreis. Daniela Dröscher beschreibt in diesem faszinierenden Roman eindrücklich ein<br />
Frauenleben in der deutschen Provinz der 1980er Jahre. Große Literatur. Der Roman Dschinns gehört ja<br />
zu den Lieblingsbüchern von Susanne Millowitsch und wird Ihnen von ihr ausführlich in diesem Katalog<br />
vorgestellt. Alles über Jahre mit Martha erfahren Sie auf den Empfehlungsseiten von Dennis Witton.<br />
Jeder dieser Titel ist einzigartig und absolut lesenswert.<br />
30
Nadine Gladbach<br />
31
32<br />
dtv, 15,95 €
Eine Insel voller Geheimnisse<br />
Die sechzehnjährige Juno lebt mit ihren Eltern und Bruder Boy auf einer einsamen Insel im Nirgendwo.<br />
Völlig abgeschottet von der Außenwelt, gleicht jeder Tag dem anderen und ist geprägt von<br />
Schulunterricht, gemeinsamen Gesellschaftsspielen oder Kuchen backen. Dabei lebt die Familie in<br />
ständiger Angst vor den sogenannten Fremdlingen, die auf dem Festland leben, gefunden und getötet<br />
zu werden. Dafür gibt es sogar einen vom Vater eigens gebauten Schutzraum, der die Familie vor den<br />
Eindringlingen abschotten soll und die heiligen sieben Gebote, die von niemanden gebrochen werden<br />
dürfen und deren Nichtbeachtung streng bestraft wird.<br />
Doch Juno wird in ihrem jugendlichen Leichtsinn langsam eigenwillig und neugierig. Was wollen die<br />
Menschen auf dem Festland von ihnen und wieso dürfen sie sich Onkel Ole, der die wöchentlichen<br />
Lebensmittellieferung bringt, niemals zeigen? Das Mädchen stellt erste Nachforschungen an und<br />
entdeckt Ungeheuerliches!<br />
Wow, dieses Buch ist voller unvorhersehbaren Wendungen, einzigartig und mitreißend. Endlich mal ein<br />
Thriller der anderen Art, der mit einer unglaublichen Atmosphäre punktet und auf Grund der vielen<br />
spannenden Wendungen ein richtiges Highlight ist.<br />
Ich bin sehr gespannt, was Ivar Leon Menger in der Zukunft für uns bereithält. Als das Böse kam macht<br />
definitiv Lust auf mehr. Bestens geeignet für alle Spannungsliebhaber von 16-99 Jahre.<br />
33
34<br />
Piper, 16,-€
Mörderische Dreiecksbeziehung<br />
Eins meiner Highlights in diesem Jahr ist definitiv Das Loft. Linus Geschke hat einen wahnsinnig guten<br />
Thriller geschrieben der ein unglaubliches Ende offenbart.<br />
Das Liebespaar Marc und Sarah lebt zusammen mit Henning, Marcs bestem Freund aus Kindertagen, in<br />
einer Wohngemeinschaft in Hamburg. Bis dieser vermeintlich bestialisch ermordet wird und die beiden<br />
zu den Hauptverdächtigen werden. Durch die wechselnde Erzählweise zwischen Gegenwart und<br />
Vergangenheit, erfährt man nach und nach alles über die Vorgeschichte der brutalen und grausamen Tat<br />
und ein erfahrenes Ermittlerteam ist der Wahrheit längst auf der Spur. Bis zum Schluss bleibt es völlig<br />
undurchsichtig, wer zu dem Mord fähig war. Doch alle Verstrickungen und Abgründe münden in einem<br />
unvorhersehbaren Finale. Lest selbst, liebe Krimi-und Thrillerfans!<br />
35
Suhrkamp, 16,95 €<br />
36
Krimi Noir der spannendsten Sorte<br />
Dieses Buch musste ich tatsächlich an einem Tag durchlesen und konnte es nicht aus der Hand legen,<br />
denn selten hat mich eine Geschichte so eingenommen wie Poison Artist.<br />
Caleb Maddox ist Schmerzforscher und Toxikologe und wird regelmäßig von der Polizei in San Francisco<br />
zu Ermittlungen hinzugezogen. Auf seinem Gebiet brillant, ist sein Leben allerdings ziemlich verkorkst.<br />
Verlassen von seiner Freundin, ertränkt er seinen Kummer in einer Bar und stößt dort auf die<br />
geheimnisvolle Emmeline, die ihn sofort in den Bann zieht. Unaufhörlich muss er an sie denken und<br />
macht sich auf die Suche nach dieser besonderen Frau. Zeitgleich findet in der Gegend eine grausame<br />
Mordserie statt. Offensichtlich wohlsituierte Männer werden auf bestialische Weise getötet und müssen<br />
während ihres Todes höllischen Schmerzen ausgesetzt gewesen sein. Caleb wird zu den Ermittlungen<br />
hinzugezogen, wird aber durch gewisse Umstände bald selber zum Verdächtigen. Was hat diese<br />
mysteriöse Frau damit zu tun und worin ist Caleb wirklich verstrickt? Doch eigentlich ist wieder nichts<br />
wie es scheint. Jonathan Moore schickt den Leser hier wahrlich durch eine Odyssee und beendet die<br />
Geschichte mit einem einzigen Paukenschlag. Ich wünsche ihnen einen wahnsinniges, ein bisschen<br />
gruseliges, dunkles und absolut faszinierendes Leseerlebnis!<br />
37
38<br />
dtv, 16,95 €
Nichts ist so wie es scheint<br />
Nachdem ich im letzten Sommer Henri Fabers Debut Ausweglos empfohlen habe, kommt er nun mit<br />
einem neuen Knaller zurück. Und das wirklich in allen Facetten.<br />
In Kaltherz lernen wir die unkonventionelle Kommissarin Kim Lansky kennen. Nachdem sie vorerst ihre<br />
letzte Bewährungsprobe erhält und von Kommissar Rizzi, der aus demselben Umfeld kommt und seit<br />
ihrer Kindheit ein guter Freund ist, in die Vermisstenabteilung geholt wird, landet der Fall der kleinen<br />
Marie auf ihrem Schreibtisch. Die 5-jährige Marie ist schon vor einigen Monaten bei einem Ausflug mit<br />
ihrer Mutter spurlos verschwunden. Während sich die Mutter Clara vor lauter Sorgen und<br />
Selbstvorwürfen in Alkohol ertränkt und einen Selbstmordversuch knapp überlebt, hüllt sich Vater Jakob<br />
in eisige Distanz und funktioniert weiterhin wie ein Uhrwerk.<br />
Je mehr Lansky ermittelt, desto verworrener werden die Abgründe und ihre eigene Vergangenheit holt<br />
sie schmerzlich ein. Eins ist Gewiss, mal wieder ist nichts so wie es scheint und Sie werden dieses Rätsel<br />
vorab nicht lösen. Faber sorgt für ein großes Verwirrspiel und lockt uns raffiniert auf die falsche Fährte.<br />
Das Ende habe ich so wirklich nicht erwartet und ich bin sicher Henri Faber ist derzeit einer der Besten<br />
seines Genres. Aber überzeugen sie sich selbst!<br />
39
40<br />
Rowohlt, 22,-€
Aufwühlend und wichtig<br />
Helena, Ehefrau und Mutter von drei Kindern, steht eines Abends wortlos vom Abendbrottisch auf, stürzt<br />
sich vom Balkon und nimmt sich das Leben. Wahrlich landet man mit einem Knall in dieser Geschichte, die<br />
während der Pandemie spielt. Zugegeben, hier werden schwierige Themen behandelt, doch gleichzeitig<br />
zieht diese Erzählung einen in den Bann. In die Zeit nach dem Selbstmord nehmen uns die 15-jährige<br />
Tochter Lola und Helenas beste Freundin Sarah mit. Beide trauern auf ganz unterschiedliche Weise und<br />
versuchen den Schmerz durch unterschiedliche Ventile zu kompensieren. Sarah fühlt sich verpflichtet<br />
der Familie beizustehen, teilweise Helenas Rolle einzunehmen und für die Familie ein Ersatz zu sein.<br />
Zumal Vater Johannes seit dem Tod seiner Frau nur nebenher läuft und für die Trauer und Sorgen seiner<br />
Kinder keinen Blick hat. Dabei kommt sie an ihre eigenen emotionalen Grenzen und hinterfragt zudem,<br />
ob ihre eigene Partnerschaft wirklich eine Zukunft hat. Lola ist wütend und überfordert. Sie steckt mitten<br />
in der Pubertät und ihr Anker und Halt ist von jetzt auf gleich nicht mehr da. Lola löst ihren Frust durch<br />
Gewalt und dennoch ist sie in einer großen Selbstfindungsphase und versucht gewissermaßen allem<br />
gerecht zu werden und mit ihrer Trauer und Hilflosigkeit zu leben.<br />
Das Buch ist nicht nur die Geschichte der Hinterbliebenen, sondern vielmehr hinterfragt sie das Warum.<br />
Welche gesellschaftlichen Hürden bewegen uns Tag für Tag und welche Last liegt auf den Schultern vieler<br />
Frauen und Mütter. Sind wir gut genug oder müssen wir nur funktionieren?<br />
Mareike Fallwickel hat mit Die Wut die bleibt ein durch und durch wütendes Buch geschrieben. Themen<br />
wie Feminismus, Bodyshaming, Essstörungen und verzerrtes Körperbild finden Platz und sprechen aus<br />
der Seele!<br />
41
42<br />
Carlsen, 14,-€
Ein märchenhaftes Abenteuer<br />
Da ich schon immer ein großer Fan klassischer Märchen bin, war ich auf dieses Kinderbuch besonders<br />
gespannt. Erzählt wird die Geschichte der zwölfjährigen Marie. Bisher führt sie ein völlig normales und<br />
unspektakuläres Schülerinnenleben. Bis sie eines Tages, aufgrund eines besonderen Erlebnisses, von ihrer<br />
Lehrerin in ein Sommercamp zum Schloss Fairy Tale eingeladen wird. Hier lernt sie neue Freunde kennen<br />
und bald wird klar, sie und die anderen Kinder sind allesamt Nachfahren bekannter Märchenfiguren. Da<br />
gibt es Ro die eine Nachfahrin von Dornröschen ist oder Jake, der aus der Familie Rapunzel stammt.<br />
Marie ist zuerst sehr skeptisch was ihre Fähigkeiten betrifft. Wieso sollte gerade sie magische Fähigkeiten<br />
besitzen? Doch ihre neuen Freunde sind alle mit besonderen Gaben ausgestattet. Jetzt versteht Marie<br />
auch wieso sie sich schon immer mit Frau Holle verbunden fühlte.<br />
Doch das Leben in der Märchenwelt ist gar nicht so ungefährlich wie gedacht und Marie und ihre Freunde<br />
schlittern in ein packendes Abenteuer um verlorene Märchen und die Suche nach Maries Mutter.<br />
Fairy Tale Camp – Das märchenhafte Internat von Corinna Wieja ist der Auftakt einer spannenden und<br />
magischen Reihe rund um Freundschaft und Zusammenhalt. Die liebevollen Charaktere machen sehr viel<br />
Spaß und alle Leser*innen ab 10 Jahre dürfen sich auf ein grandioses Abenteuer freuen.<br />
43
44<br />
magellan, 16,-€
Die Welt der magischen Falter<br />
Stella und ihre Familie gehören zu den Mitgliedern der Tagfaltergilde. Sie lieben Schmetterlinge und<br />
deren Schönheit und ganz besonders die beindruckenden Kleopatrafalter. Mit deren Hilfe stellen sie<br />
besondere Cremes und Pasten her, die den Menschen helfen sollen. Doch plötzlich sind die Falter von<br />
einem auf den anderen Tag verschwunden. Zusammen mit ihrem neuen Freund Victor macht sie sich auf<br />
die Suche. Doch schon bald stellt Stella fest, dass sie und ihre Familie nicht die einzigen sind, deren Leben<br />
sich um einzigartige Legenden rankt. Auch Victors Familie hat viele Geheimnisse. Doch ihre Mutter und<br />
ihre Oma verheimlichen ihr etwas und was hat das mit den Prophezeiungen zu tun?<br />
Dieses wunderschöne Kinderbuch Hüterin der Schmetterlinge von Ruth Rahlff für Leser*innen ab 10<br />
Jahren hat eine ganz besondere Atmosphäre, spielt in der wunderschönen Provence, versprüht eine<br />
Prise Magie und hält ein großes Abenteuer bereit, in dem Freundschaft aber auch die Überwindung von<br />
Vorurteilen eine große Rolle spielen. Ich bin wirklich eingetaucht in die Geschichte um die neugierige<br />
Protagonistin und hoffe, dass Stella uns nach diesem gelungenen Auftakt uns noch weitere tolle<br />
Abenteuer rund um die Welt der Schmetterlinge beschert.<br />
45
dtv, 15,-<br />
€<br />
46
Ein Buch für die ganze Familie<br />
Dieses Kinderbuch setzt sich tatsächlich mit einem etwas schwierigerem, dennoch sehr wichtigen Thema<br />
auseinander. Auf einfühlsame Weise wird beschrieben, wie Oma Maria bei ihren Kindern und Enkeln<br />
unterkommt, nachdem sie sich am Fuß verletzt hat. Eigentlich wollte Oma nur vorübergehend einziehen,<br />
doch nach und nach stellen alle Familienmitglieder fest, dass Oma irgendwie seltsam wird. Was ist nur<br />
mit ihr los? Ständig vergisst sie irgendwelche Sachen, weiß plötzlich nicht mehr wie man den Herd<br />
einschaltet oder läuft auf Socken durch den Garten. Leise schleicht sich der Gedanke ein, dass Oma an<br />
Demenz leiden könnte. Erzählt wird die Geschichte von der Enkelin Klara und gerade sie und ihr<br />
achtjähriger Bruder Anton beweisen ein besonderes Gespür für die Sonderlichkeiten ihrer Oma.<br />
Manchmal ist die Situation wahrlich zum Schmunzeln, ein anderes Mal vergießt man die ein oder andere<br />
Träne. Das Schöne an der Geschichte ist, mit welch unglaublicher Leichtigkeit, manchmal auch einem<br />
gewissen Witz, sie erzählt wird. Klara und Anton sind tolle Kinder, die Familie rückt zusammen in der<br />
schweren und außergewöhnlichen Zeit und es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Oma am Schluss ihren<br />
letzten Weg antritt. Tröstlich ist das alles insofern, das sie eine tolle und einzigartige Familie an ihrer<br />
Seite hat.<br />
Bleibt Oma jetzt für immer? von Friedbert Stohner macht Mut, für alle Kinder, Enkelkinder und die<br />
vielen wunderbaren Großeltern dieser Welt. Für Leser*innen ab 10 Jahre.<br />
47
48<br />
Oetinger, 15,-€
Die Clique der Spürnasen<br />
Was für eine schöne Idee! Kirsten Boie führt in ihrem neuen Buch die beiden Kinderdetektive Valentin<br />
und Jamie-Lee aus den beiden Vorgängern Der Junge, der Gedanken lesen konnte und Entführung mit<br />
Jagdleopard zusammen.<br />
Fee Ranzmaier ist Jamie Lees beste Freundin. Bei der reichen Freundin wurde tatsächlich eingebrochen<br />
und Jamie-Lee weiß sofort, dass sie sich des Falles annehmen muss. Durch einen Zufall lernen sie die<br />
Freunde Valentin und Mesut kennen und die Kinder beschließen gemeinsam auf Verbrecherjagd zu<br />
gehen. Doch das neue Abenteuer ist gar nicht so ungefährlich. Einige zwielichtige Gestalten laufen den<br />
Kindern über den Weg und siehe da, am Ende geraten sowohl der Bodyguard als auch der Chauffeur ins<br />
Visier der jungen Ermittler*innen. Kirsten Boie ist und bleibt die Queen des Kinderbuches. Ich liebe ihren<br />
manchmal auch leicht schnodderigen Schreibstil und die aberwitzigen Ideen.<br />
Gangster müssen clever sein ist ein wunderbares Kinderbuch über Freundschaft und Zusammenhalt.<br />
Doch auch kritische Angelegenheiten, wie familiäre Probleme, Armut oder soziale Ungleichheit werden<br />
thematisiert. Für alle kleinen und großen Leser*innen zwischen 10-99 und auch super zum Vorlesen ab<br />
6 Jahre geeignet.<br />
49
Bekannte Autorinnen, neue Meisterwerke<br />
Marina Leky<br />
Kummer aller Art<br />
Von der Autorin von Was man<br />
von hieraus sehen kann. Mariana<br />
Leky schreibt in ihren literarischen<br />
Kolumnen von kleinen und<br />
großen Ängsten, Sehnsüchten,<br />
Traurigkeit und Hoffnung.<br />
Eine wunderbare Sprache und<br />
die Mischung aus Humor und<br />
Tiefgang zeichnen dieses Buch<br />
aus.<br />
DuMont<br />
22,-€<br />
Dörthe Hansen<br />
Zur See<br />
Nach Altes Land und Mittagsstunde<br />
der dritte Roman der Autorin.<br />
Klug und mit großer Wärme<br />
erzählt Dörte Hansen vom Wandel<br />
einer Inselwelt, von alten Gesetzen,<br />
die ihre Gültigkeit verlieren, und<br />
von Aufbruch und Befreiung.<br />
Große Themen, die hier in einem<br />
kleinen Kosmos verhandelt werden.<br />
Mal poetisch, mal lakonisch aber<br />
immer<br />
fesselnd.<br />
Penguin<br />
24,-€<br />
Celeste Ng<br />
Unsere verschwundenen Herzen<br />
Kleine Feuer überall und Was ich Euch<br />
nicht erzählte waren bereits großartige<br />
Roman. Dieses Buch hier ist ein<br />
Meisterwerk. Die Autorin erzählt von<br />
Fremdenhass, Angst und großer Liebe.<br />
Angesiedelt in einem Amerika, in dem<br />
Gesetze die amerikanische Kultur<br />
bewahren sollen, macht sich der<br />
12jährige Bird auf die Suche nach<br />
seiner Mutter. Ein sehr aktueller, tief<br />
bewegender<br />
Roman.<br />
dtv 25,-€<br />
50
Fabian Küsters<br />
51
52<br />
Kiepenheuer &<br />
Witsch, 20,-€
Nach der Wende<br />
Hendrik Bolz, Teil des Berliner Hip-Hop-Duos Zugezogen Maskulin und groß geworden in Stralsund,<br />
Mecklenburg-Vorpommern, erinnert sich. An seine Jugend und das Aufwachsen im Osten der Republik<br />
zu Beginn der Nullerjahre. Umklammert von den Nachwirkungen der Wende erzählt er von einer Welt,<br />
die geprägt ist von politischem Zwiespalt, hoher Arbeitslosigkeit und Jugendlichen, die Springerstiefel<br />
tragen und rechte Parolen schreien. Während er die Geschichte seiner Jugend rekapituliert, streut er<br />
immer wieder fast dokumentarisch anmutende Schnipsel des gesellschaftlichen und politischen Wandels<br />
in der ehemaligen DDR ein. Hendrik Bolz versucht zu ergründen, weshalb sich der Osten außerhalb der<br />
Großstädte in den Jahren nach dem Mauerfall in eine Richtung entwickelt hat, über deren Auswirkungen<br />
wir heute, ca. 30 Jahre später, mehr denn je reden. Er spricht von rechter Gesinnung als Antithese auf<br />
die Politik des früheren Staates, von Familien, die für ein besseres Leben in den Westen ziehen, von<br />
Firmen, die in die Welt hinausziehen und verbrannte Erde hinterlassen. Zwischen all dem erzählt<br />
Nullerjahre dann aber immer wieder auch die Geschichte einer Jugend zu Beginn der Zweitausender.<br />
Gameboy, Anime auf RTL2, Fußball auf dem Bolzplatz, die ersten interessanten Mädchen und natürlich<br />
die Musik. Die immer größer werdende Hip-Hop-Bewegung zu jener Zeit prägt Hendrik Bolz maßgebend.<br />
So wundert es kaum, dass sein Roman inhaltlich auf den Spuren seiner bekanntesten Lieder wandelt.<br />
Teilweise besitzt seine Schreibe einen Rhythmus, den man fühlt; der an einen Hip-Hop-Song erinnert,<br />
bei dem einzig der Beat fehlt. Dieser Mix aus authentischem Coming-of-Age-Roman und politischer<br />
Einschätzung verdient es, gelesen zu werden.<br />
53
Hoffmann und<br />
Campe, 22,-€<br />
54
Schnallen Sie sich an<br />
Fünf Killer. Alle in einem Zug. Ein Koffer voller Geld. So banal die Prämisse klingt, so viel holt Autor Kotaro<br />
Isaka aus seinem Actionthriller Bullet Train heraus. Hat man einen Plot, der plakativ gesprochen auf<br />
einen Bierdeckel passt, muss man an anderen Stellschrauben drehen, um die Leser*innen bei Laune zu<br />
halten. Diese Stellschrauben dreht Isaka nah an der Perfektion. Getrieben von wunderbar skurrilen<br />
Figuren nimmt der Bullet Train Fahrt auf und nimmt erst an der Endstation den Fuß wieder vom Gas.<br />
Zum einen hätten wir Tangerine und Lemon. Ein perfektes Duo, das jeden Job erledigt. Tangerine ist der<br />
kühle Kopf. Lemon hingegen ist der Schwätzer, redet meist über sein Lieblingsthema: Thomas, die<br />
Lokomotive. Sie beide haben nicht nur einen Koffer voller Geld, sondern ebenfalls den Sohn eines<br />
gefürchteten Unterweltbosses aus Tokio im Schlepptau. Beides soll am Ende der Fahrt abgeliefert<br />
werden. Des Weiteren lernen wir Kimura kennen, einen in die Jahre gekommener Ex-Berufskiller, dessen<br />
Sohn im Koma liegt. Getrieben von Schuldgefühlen will sich Kimura an dem Schuldigen rächen.<br />
Passenderweise befindet sich jener ebenfalls im Zug. Ein Teenager, der sich einen sadistischen Spaß<br />
daraus macht, Leute zu manipulieren und an ihre Grenzen sowie darüber hinaus zu bringen. Außerdem<br />
begleiten wir mit Nanao, der stets Pech zu haben scheint. Trotzdem beendet er seine Jobs mit Erfolg. Als<br />
Tangerine und Lemon nun den Koffer verlieren und der Sohn des Mafiabosses auf mysteriöse Weise<br />
stirbt, nimmt die wilde Fahrt ihren Lauf. Dialoggefechte, die an Spannung den Bleigefechten in nichts<br />
nachstehen. Figuren, die vor Charisma nur so triefen. Allianzen, die gebildet und wieder beendet werden.<br />
Immer wieder Wendungen. Isaka hat mit Bullet Train einen Roman geschrieben, dessen Vergleiche mit<br />
Tarantino nicht nur heiße Luft sind. Diese Zugfahrt hält, was sie verspricht.<br />
55
56<br />
Karl Rauch,<br />
22,-€
Wut und Hoffnung<br />
Von Zeit zu Zeit soll es vorkommen, dass man aufgrund seines Covers oder seines Klapptextes einfach<br />
mal ein Buch in die Hand nimmt, es aufschlägt, anfängt, zu lesen und nach der ersten Seite mit offenem<br />
Mund dasteht. So geschehen bei mir mit Die Hungrigen von Mattia Insolia.<br />
Paolo, 22, und Antonio, 19, leben ihr Leben in einer süditalienischen Kleinstadt. Die Mutter weg, der<br />
Vater tot. Sie sind allein, haben wenig, die Situation ist trist. Antonio, der Jüngere, beendet gerade die<br />
Schule. Er besitzt tief in sich noch einen Funken Licht. Versucht, das Gute in den Dingen zu sehen. Sein<br />
Bruder Paolo hingegen fühlt sich allein gelassen. Von den Eltern, der Verwandtschaft und der ganzen<br />
Welt. Kleinste Tiefschläge lassen die in ihm aufgestockte Wut hochkommen. Einzig sein Bruder gibt ihm<br />
Halt. Er ist der Grund, weshalb er jeden Tag zu seinem schlecht bezahlten Job geht und sich die<br />
Erniedrigungen seines Chefs anhört. Denn, obwohl alles den Bach herunterzugehen scheint, sind die<br />
Brüder füreinander da und versuchen, auch den nächsten Tag unbeschadet zu überstehen.<br />
Ein beeindruckender Roman, der so zierlich daherkommt, jedoch eine unfassbare Kraft ausstrahlt und<br />
uns zwei Protagonisten folgen lässt, die als Sinnbild für so viele heranwachsende Männer stehen können.<br />
Insolia schreibt meist in sehr kurzen Sätzen. Es wirkt, als wäre man genauso gehetzt wie die beiden<br />
jungen Männer. Dieser stakkatoartige Stil lässt die Leserschaft nicht nur durch das Buch fliegen, er ist<br />
Form und Inhalt zugleich. Doch ich wäre nicht so, wenn es nicht hier und da kleine Momente der<br />
Hoffnung gäbe. Momente der Liebe zwischen den Brüdern, zwischen ihnen und anderen Personen und<br />
kleine Augenblicke der Ruhe. Man freut sich mit den beiden, wenn sie abschalten und die Probleme zur<br />
Seite legen können.<br />
57
Diogenes, 25,-€<br />
58
Das Leichte im Schweren<br />
Louis Chabos wächst in einem Waisenhaus in Mailand auf. Aufgrund seiner zierlichen Erscheinung und<br />
seiner zurückhaltenden Art gemobbt von den anderen Kindern und übersehen von den Erwachsenen,<br />
lernt Louis das Leben auf eine ungemütliche Weise kennen, ehe es ihn über verschiedenste<br />
Bekanntschaften hinweg in den napoleonischen Krieg zieht. Physisch und psychisch vernarbt, möchte<br />
Louis nur noch eines – ein unversehrtes, zurückgezogenes Leben führen. Seine Reise führt ihn an einen<br />
Ort, der ihn zur Ruhe kommen lässt – und unerwartete Hinweise auf seine Familie bereithält. Charles<br />
Lewinski hat mit Sein Sohn einen Roman geschrieben, der von außen betrachtet eine gewisse Schwere<br />
mitbringt. Umso überraschter war ich, als ich nach einigen Seiten merkte, wie schnell man sich an den<br />
von Lewinski gewählten Stil gewöhnt. Immer wieder durchzogen von einem bösartigen, trockenen<br />
Humor, der perfekt auf das Thema passt und geleitet von einem Protagonisten, der im Prinzip all das<br />
Gute im Menschen vereint, wurde hier eine Geschichte geschaffen, die Antikriegsroman und<br />
hoffnungsvolle Metapher zugleich ist. Die den Lesenden das Lächeln nimmt, nur um es im nächsten<br />
Moment wieder auf das Gesicht zu zaubern. Das Schicksal Louis Chabos ist eines, das zeigt, das nichts im<br />
Leben vorbestimmt ist und man die Hoffnung nie verlieren sollte, trotz der Rückschläge, die kommen<br />
werden. Dieses Buch vereint vieles, das einen großen Roman ausmacht und ist eine Empfehlung für alle,<br />
die eventuell die Lust empfinden, außerhalb ihrer Komfortzone eine Geschichte zu erleben, die Hoffnung<br />
macht, einen zum Lächeln bringt, sich mit bitteren Wahrheiten jedoch nicht zurückhält.<br />
59
60<br />
HarperCollins, 22,-€
Antiker Stoff in brillantem neuem Gewand<br />
Don Winslow ist einer dieser Namen, bei denen man weiß, was man bekommt. Seine Geschichten sind<br />
stets spannend, verzwickt und schonungslos. So ist es auch mit City on Fire. Es ist 1986 und Danny Ryan<br />
ist Teil der irischen Mafiafamilie Murphy, die seit dem Rückzug seines Vaters Marty die Herrschaft über<br />
die Stadt Providence übernommen hat. Dannys bester Freund Pat Murphy, Sohn des<br />
Familienoberhauptes, kontrolliert mit ihm zusammen die Geschicke der Stadt. Neben ihnen herrscht die<br />
italienische Familie Moretti, mit der sie in friedlicher, teilweise gar freundlicher Weise koexistieren.<br />
Frühere Kriege sind beigelegt, gemeinsame Barabende an der Tagesordnung. Bis ein Moretti eines Tages<br />
eine Hübsche Fremde zu einem dieser Abende mitbringt und sich zwischen jener Frau und Pats Bruder<br />
Liam Murphy ein Verhältnis entwickelt, das bestehende Bände wieder reißen lässt. Eingebettet in den<br />
Rahmen einer griechischen Tragödie und inspiriert vom Untergang Trojas, entwickelt Winslow ein<br />
Geflecht aus Korruption, Mord, Loyalität und Verrat, in dessen Mitte ein Mann Platz findet, mit dem man<br />
mitfühlt, auf dessen Seite man ist. Er erschafft in diesem Moloch aus widerwärtigen, aber höchst<br />
interessanten Figuren eine Identifikationsfigur, die man nicht verlieren möchte. Neben Danny sind es die<br />
Nebenfiguren, die zu glänzen wissen. Das Ensemble ist weitaus mehr, als einzig das Abziehbild bekannter<br />
Vorlagen. City on Fire ist für alle, die es mögen, sich in diesen Sumpf aus abscheulichen Abgründen am<br />
Rande der Legalität zu begeben, um in ein zu jeder Zeit spannendes Konstrukt einzutauchen, das genau<br />
das ist, was draufsteht – ein extrem spannender Crime-Thriller der alten Schule. Der Roman fungiert als<br />
Auftakt einer Trilogie, deren nächsten Teil ich sehnlichst erwarte.<br />
61
62<br />
dtv, 22,-€
Für alle, die sich erinnern möchten<br />
Im letzten Jahr habe ich hier Benedict Wells Hard Land vorgestellt. Auch Der große Sommer war einer<br />
meiner Favoriten des vergangenen Jahres und Offene See ist aus meinem Empfehlungsregal nicht mehr<br />
wegzudenken. Selbst in diesem Katalog stelle ich drei weitere Titel vor, die durchaus Elemente des<br />
Coming-of-Age-Romans ins sich tragen. Doch Christian Hubers Man vergisst nicht, wie man schwimmt<br />
trägt die Essenz meines Lieblingsgenres in sich, wie kein zweites Buch, das ich dieses Jahr lesen durfte.<br />
31. August 1999. Der 15-jährige Pascal, von allen nur Krüger genannt, hat ein Geheimnis, aufgrund<br />
dessen er nicht mehr schwimmen kann und sich laut eigens aufgelegter Regel niemals verlieben darf. So<br />
hängt er mit seinem besten Kumpel Viktor ab, einer von wenigen, die ihn so akzeptieren, wie er ist. Als<br />
plötzlich ein geheimnisvolles Zirkusmädchen in das Leben der beiden Jungs tritt und Viktor sich in den<br />
Dunstkreis der berüchtigten Hunnen-Gang begibt, entsteht ein Tag und ein Sommer, den man nie<br />
vergisst. Wenn ich einen gut geschriebenen Coming-of-age Roman in der Hand halte, ist es für mich nach<br />
wie vor wie eine Reise in die Vergangenheit. Christian Huber erschafft dieses Gefühl auf wunderbare Art<br />
und Weise. Man fühlt den geschilderten Tag mit unserem Protagonisten Pascal, verliebt sich mit ihm,<br />
streitet sich mit ihm, verzweifelt mit ihm, geht auf die erste Party mit ihm. Und über diese Party muss<br />
gesprochen werden, denn Christian Huber hat hier nicht weniger als meine liebste Partyszene<br />
geschrieben. Ein Gefühl, dass ich in allen Romanen des Genres suche und auch hier gefunden habe, ist<br />
die Melancholie. Huber spielt mit ihr und kostet sie in bittersüßen Momenten voll aus. Man vergisst<br />
nicht, wie man schwimmt ist eines dieser Bücher, dass einem auch Monate nach dem Lesen noch ein<br />
Lächeln ins Gesicht zaubert.<br />
63
64<br />
Hanser, 26,-€
Tolle Kulisse, liebenswerte Figuren<br />
Es ist 1954 und der 18jährige Emmett wird aus der Jugendstrafanstalt entlassen. Früher als vorgesehen,<br />
doch die Umstände erfordern es. Sein Vater ist gestorben, die Mutter bereits lange weg und sein 8jähriger<br />
Bruder Billy braucht seinen Bruder. Zuhause angekommen, ist die Situation schwierig. Die Farm seines<br />
Vaters ist finanziell am Abgrund und die Reputation der Familie im Dorf ebenfalls dahin. Als Billy seinem<br />
älteren Bruder eröffnet, Hinweise auf den Verbleib ihrer Mutter gefunden zu haben, sind beide fest<br />
entschlossen, sich auf die Suche nach ihr zu machen. Wenn nicht kurz vor ihrem Aufbruch zwei ehemalige<br />
Mitinsassen Emmetts, Duchess und Woolly, vor dem Auto stehen würden und Emmett von einem anderen<br />
Plan, nämlich aufgrund Woollys Erbe vorher nach New York zu fahren, zu überzeugen versuchen. Nach<br />
einigem Bedenken willigt Emmett ein und so beginnt für die vier eine Odyssee, die quer durch die USA<br />
über den berüchtigten Lincoln Highway führt. Amor Towles Lincoln Highway ist ein Buch, in das man<br />
eintauchen kann. Ein zutiefst amerikanischer Roman, der das Freiheitsgefühl Nordamerikas wie wenig<br />
andere einfängt. Getragen von vier Protagonisten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und gerade<br />
dadurch so liebevoll sind. Die beiden Herzstücke des Romans sind zweifelsohne der achtjährige Billy und<br />
Woolly. Billy ist mit seiner forschen, aufgeweckten Art eine Figur, die man vom ersten Augenblick ins<br />
Herz geschlossen hat, während der tollpatschige und etwas zurückgebliebene Woolly immer wieder mit<br />
Momenten und Einfällen begeistert, die man von ihm nicht erwartet. Diese Reise lehrt uns viele Dinge<br />
über die Freiheit, das zu tun, was man möchte und die Überzeugung selbstbestimmt zu leben. All das<br />
umgeben von einer malerisch schönen Geschichte, deren Figuren man direkt ins Herz schließt.<br />
65
66<br />
Carlsen, 6,95 €
Große Literatur in kleinem Format<br />
Ja, ich bin leidenschaftlicher Manga-Leser. Dieses Medium, das immer noch belächelt und als einfache<br />
Jugendliteratur abgetan wird, während es Geschichten bereithält, die jedem Genre zugehörig sind und<br />
sich hinter vielen Romanen nicht verstecken brauchen. Eine Geschichte, deren Reihe die Mangawelt die<br />
letzten Jahre geprägt hat und dieses Jahr mit seinem 34. Band beendet wurde, ist Hajime Isayamas<br />
Attack on Titan. Angesiedelt in einer alternativen Welt, haben die Menschen Mauern um ihren letzten<br />
Zufluchtsort gebaut, nachdem sie vor Jahren von den sogenannten Titanen angegriffen wurden. Der<br />
letzte Angriff ist mittlerweile jedoch Jahrzehnte her und die Bevölkerung fühlt sich allmählich sicher<br />
hinter ihren Mauern. Bis eines Tages ein 50-meter hoher Titan vor den Toren der Stadt steht und die<br />
Menschen erneut angegriffen werden. Mittendrin lernen wir den jungen Eren kennen, der sich mit seinen<br />
Freunden Armin und Mikasa, während des Angriffs in der Stadt befindet und schlussendlich zusehen<br />
muss, wie seine Mutter Opfer eines Titanen wird. Getrieben von dem Verlust und dem entstandenen<br />
Hass auf die Titanen, meldet sich Eren Jahre später beim Militär, um Jagd auf die Mörder seiner Mutter<br />
zu machen. Was sich auf den ersten Blick wie eine einfache Rachegeschichte in einem neuen Fantasy-<br />
Setting liest, entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einem Werk, dessen Komplexität nicht selten mit<br />
Größen wie beispielsweise George R.R. Martins Song of Ice and Fire verglichen wird. Brutalitäten des<br />
Krieges, Fremdenhass und der Umgang mit Trauer sind nur einige der angeschnittenen Themen, die<br />
dieses Mammutwerk inmitten seiner mit Wendungen und tollen Figuren gespickten Geschichte<br />
verarbeitet. Ein Meisterwerk, empfohlen für Mangafans, die es tatsächlich noch nicht gelesen haben,<br />
und solche, die es noch werden wollen. (ab 16 Jahren)<br />
67
Reise in die Kölner Vergangenheit<br />
Vor zwei Jahren erschien das Buch Trümmermädchen von Lilly Bernstein.<br />
Die Autorin nahm die Leserschaft darin mit in die Zeit des Hungerwinters 1941<br />
in Köln. Das Mädchen Anna schließt sich in dieser mitreißenden Geschichte<br />
einer Schwarzmarktbande an und schafft es, zu Köln berüchtigtster<br />
Kohlediebin zu werden. Geleitet wird sie dabei von einem Traum, in den Weg<br />
gerät ihr die Liebe. Dieser Roman der kleinen Leute hat Viele begeistert.<br />
Nun ist mit Findelmädchen endlich ein weiteres Buch der Autorin erschienen,<br />
dass seinem Vorgänger in nichts nachsteht. Hier handelt es sich nicht um<br />
eine Fortsetzung, sondern um einen eigenständigen Roman, dessen Handlung<br />
zwar wieder in Köln angesiedelt ist, dessen Ereignisse aber deutlich später,<br />
nämlich in den Wirtschaftswunderzeiten spielen. Auch hier wird wieder eine<br />
Geschichte erzählt, die es so ähnlich wahrscheinlich hundertfach gegeben haben wird. Die Geschwister<br />
Helga und Jürgen versuchen gemeinsam mit dem aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Vater,<br />
nach dem Krieg wieder Fuß zu fassen. Die Mutter ist verschwunden und so müssen Vater und Kinder ohne<br />
sie auskommen. Das Familienoberhaupt macht sich mit einem Büdchen selbstständig, Jürgen arbeitet<br />
bei Ford und Helga muss auf die Haushaltsschule, obwohl sie eigentlich lieber aufs Gymnasium gehen würde.<br />
Bei ihrem Praktikum im Waisenhaus muss sie schockiert mitansehen, wie schlecht die Kinder dort behandelt<br />
werden. Von nun an tut sie alles, um den Kindern und besonders einem Besatzerkind zu helfen.<br />
Ein Roman, der unter die Haut geht. Ullstein, 11,99 €<br />
68
69<br />
Susanne<br />
Millowitsch
Kiepenheuer&<br />
Witsch, 24,- €<br />
Hanser, 26,- €<br />
70
Von inneren und äußeren Reisen<br />
Auch in diesem Jahr gibt es wieder eine Neuerscheinung von Elke Heidenreich. Ich mag ihre Art zu reden und<br />
kaum schlägt man Ihr glücklichen Augen auf und liest die ersten Zeilen, höre ich ihre Stimme und das Lesen<br />
macht mir nochmal so viel Freude. Frau Heidenreich ist in ihrem Leben viel gereist – alle Kontinente,<br />
Metropolen, Arktis oder Antarktis. In ihrem neuen Buch erzählt sie in kurzen wunderbaren Geschichten von<br />
Unternehmungen aller Art, per Zug, Bahn, Flugzeug oder Flieger: Ich wollte nichts erleben, mich auch nicht von<br />
irgendetwas erholen. Auf keinen Fall wollte ich irgendetwas Berühmtes besichtigen: „Nichts ist mehr da, was man<br />
sich ansehen könnte, alles ist zu Tode geglotzt worden“ (D.H.Lawrence) Ein Buch mit vielen persönlichen Erfahrungen,<br />
sehr interessant zu lesen, mit vielen Informationen. Ein Buch, das ich nur wärmstens empfehlen kann.<br />
Einen weiteren Roman möchte ich Ihnen dieses Jahr vorstellen: Mon Chéri und unsere demolierten Seelen<br />
von Verena Roßbacher. Die 43jährige Charly Benz lebt - gut gelaunt- ihr Leben. Sie arbeitet im Marketing<br />
einer Berliner Foodcompany und bespricht mit ihrem Nachbarn und einzigen Freund Herrn Schabowski ihre<br />
vielen Beziehungsprobleme. Doch erhält dieser eine tödliche Diagnose und damit beginnt das Debakel<br />
bei dem Versuch einer Familienaufstellung – denn plötzlich stehen gleich drei Männer in ihrem Leben.<br />
Und als Charly schwanger wird, flüchtet sie mit ihrem 60jährigen Nachbarn nach Bad Gastein in ein altes<br />
Hotel, das einst ihrem Vater gehörte. Ein teilweise urkomisches Buch, manchmal auch etwas traurig, mit<br />
lustigen Berichten und ungewöhnlichen Situationen; ein Buch, das zum Weiterlesen animiert und ein<br />
kleinwenig an Bridget Jones erinnert. Wunderbare Unterhaltung!<br />
71
Tropen, 22,- €<br />
Diogenes, 24,- €<br />
72
Von Abschieden und Anfängen<br />
Das Marterl ist der Debütroman des Schriftstellers und Journalisten Johannes Laubmeier. Er schreibt darin<br />
so empathisch, dass man sich kaum vorstellen kann, ein literarisches Debüt zu lesen. Als sein Vater 2009<br />
mit seinem Motorrad tödlich verunglückte, endete für Johannes Laubmeier mehr als nur seine schon etwas<br />
in die Jahre gekommene Kindheit. Er lässt auch die 12.000-Seelen-Kleinstadt, seine Freunde, seine Liebe, seine<br />
Erinnerungen zurück. Zehn Jahre später kehrt er zurück und stellt sich nicht nur dem Schrecken der<br />
Vergangenheit, sondern auch den vielen inneren und äußeren Konflikten und dem Schmerz, die der abrupte<br />
Abschied damals mit sich brachte. Der Schreibstil hat etwas Anrührendes, sanftes und manchmal<br />
bewegendes. Außerdem hat der Autor einen guten Blick für das Wesentliche. Gekoppelt mit etwas Poesie,<br />
Humor und bayerischen Redensarten. Es ist kein spannendes Buch, sondern eher nachdenklich. Mir hat der<br />
Roman sehr gut gefallen.<br />
Ein Buch, das mich in diesem Jahr begeistert hat, ist Schlangen im Garten von Stefanie vor Schulte. Es geht<br />
um eine Familie, in der die Mutter verstorben ist. Die gesamte Familie tut sich schwer mit dem Verlust. Das<br />
betrifft auch die Kinder. Linne prügelt sich auf dem Schulhof, Micha hat Weinanfälle. Der schon ältere Steve<br />
tröstet ihn. Das Verhältnis zwischen den Geschwistern ist herzlich. Jedoch meldet sich das Trauer-Amt, denn<br />
die Familie steht im Verdacht die Trauerarbeit zu verschleppen. Sie wollen und können noch nicht Abschied<br />
nehmen von der Mutter. Es ist kein rein trauriges oder bedrückendes Buch, sondern auch ein Buch voller Liebe<br />
und Hoffnung. Wie die ganze Familie in der Trauer wieder einander näherkommt, sich nach außen hin öffnet<br />
und Johanne in Geschichten weiterleben lässt, zeigt dies deutlich. Sogar lustige Komponenten sind eingebaut.<br />
Ein Buch, das ich mit ganzem Herzen empfehlen kann.<br />
73
Hanser, 24,-€<br />
74
Die Geister einer Familie<br />
In den siebziger Jahren ist Hüseyin nach Deutschland gegangen, um Geld zu verdienen. Im Hinterland<br />
der Türkei ist sein Auskommen nicht mehr gesichert. Seine Familie holt er nach acht Jahren nach.<br />
Sein hartes Leben war geprägt durch Arbeit und Sparen, denn einen Traum will er sich erfüllen: Eine<br />
großzügige Wohnung für die Familie in Istanbul, wo er seinen Lebensabend verbringen will.<br />
Als die Zeit gekommen ist, reist er allein in die Stadt, um die Wohnung einzurichten. Alles soll schön sein,<br />
wenn er seiner Frau Emine seinen Traum zeigt. Doch dazu kommt es nicht. Er stirbt an einem Herzinfarkt<br />
nach der ersten Nacht im neuen Domizil. Der Schock sitzt tief bei den Angehörigen, die sich<br />
schnellstmöglich auf den Weg in die Türkei machen. Die beiden jüngsten Kinder und Emine fliegen sofort.<br />
Die älteste Tochter verpasst ihren Flug und der älteste Sohn reist mit dem Auto an. Und dann kommen<br />
die Kinder zu Wort. Alle mit ihren eigenen Problemen. Spannend ist außerdem wie Dschinns aufgebaut<br />
ist. Aus Hüseyin spricht viel Liebe, die sich in der übrigen Familie kaum wiederfindet. Beginnend mit dem<br />
jüngsten Kind baut sich dann ein Bild der Familie auf das immer mehr Tiefe gewinnt und immer mehr<br />
Geheimnisse birgt. Vieles scheint in dieser Familie schief zu laufen. Die Ursache dafür erfährt man erst<br />
ganz zum Schluss, wenn die Mutter zu Wort kommt. Ganz vorzüglich beschrieben sind die Charaktere<br />
der einzelnen Personen der Familie , jeder kann einem dabei ans Herz wachsen! Ich habe das Buch<br />
außerordentlich gerne gelesen, es ist tief berührend und sehr unterhaltsam. Ein wirkliches Highlight in<br />
diesem Jahr. Fatma Aydemir schreibt mit Herz und Verstand. In diesem Jahr stand der Roman auf der<br />
Shortlist für den Deutschen Buchpreis.<br />
75
Sehenswert! Manche Bücher lassen sich nicht mit Worten erklären.<br />
Man muss sie sehen, anfassen, im wahrsten Sinne des Wortes begreifen.<br />
Deswegen kommt hier unsere Einladung, sich die folgenden Bücher<br />
mal etwas genauer anzuschauen. Historische Seekarten (White Star,<br />
39,95€) versammelt nautische Karten vom 15.Jh. bis in die Neuzeit.<br />
Hier taucht man gerne ein, erkennt die Kunst, die sich hinter der<br />
Zweckmäßigkeit verbirgt und entdeckt Dank des erläuternden Textes<br />
viele Geheimnisse. Alles zwischen Himmel und Erde (Midas, 28,-€) ist das perfekte Buch für Menschen, die<br />
sich für vielerlei interessieren. Stephen Ellock führt uns hier durch Mikro- und Makrokosmos, zeigt die Zusammenhänge<br />
zwischen Chaos und Struktur auf und führt uns einmal mehr vor Augen, wie schön das Universum ist.<br />
Eine visuelle Reise der Extraklasse. Mit Memento von Sven Fennema (Frederking und Thaler, 49,99 €)<br />
begeben Sie sich auf einen Streifzug zu den verwunschendsten Friedhöfen in Europa. Spazieren Sie durch<br />
parkähnliche Anlagen und geheimnisvolle Orte voller märchenhafter<br />
Schönheit. Fahrrad-Enthusiasten sei Tour de Rad (Gestalten, 45,-€)<br />
wärmstens ans Herz gelegt. Das Buch entführt zu den legendärsten<br />
Bikepackingrouten weltweit. Stefan Amato zeigt Strecken von denen<br />
jeder Radfahrer träumt: Es geht in die Pyrenäen, nach Südafrika, in<br />
die Toskana und Island. Dazu gibt es praktische Tipps zur Vorbereitung<br />
und nützliche Anmerkungen zu den Besonderheiten der jeweiligen<br />
Tour. Ein Schatz für Fans von Unabhängigkeit und Freiheit.<br />
76
Michael Schnorrenberger<br />
77
Reprodukt, je 10,-€<br />
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Mit viel Spaß gegen die Mauern im Kopf<br />
Der vielfach ausgezeichnete Berliner Comiczeichner Mawil (Markus Witzel) liefert mit seinen ersten<br />
Kindercomics verschmitzte Kinderbuchparodien, die Rollen- und Geschlechterklischees völlig auf den<br />
Kopf stellen. Für Kinder und Eltern gleichermaßen empfehlenswert.<br />
Anette, Babette und Cinderette sind zwar Prinzessinnen, halten aber nicht viel von Etikette und königlicher<br />
Zurückhaltung; stattdessen schrauben sie lieber in ihrer supergeheimen Werkstatt an ihren Motorrädern<br />
oder pesen als PowerPrinzessinnenPatrouille durchs ganze Land. Als ein Prinz auf Brautschau in Gefahr gerät,<br />
zögern die drei draufgängerischen Prinzessinnen nicht und eilen zu seiner Rettung. Dass sie am Ende nicht<br />
mit dem Prinzen, sondern mit dem Drachen zu neuen Abenteuern aufbrechen ist da nur folgerichtig.<br />
Mauer, Leiter, Bauarbeiter erzählt von Boris dem Bauarbeiter. Er braucht morgens ganz schön lange im<br />
Bad. Nicht, dass er sonderlich schmutzig wäre, aber wenn man so wenig Haare auf dem Kopf hat, muss<br />
der Bart umso besser aussehen. Auch auf der Baustelle muss Boris erst mal ordentlich klar Schiff machen.<br />
Auch wenn Bogdan, Bruno und Bernhard endlich loslegen wollen – Ordnung muss sein! Mittags gibt’s<br />
selbstgemachte Bio-Smoothies für den Bautrupp und abends bummeln Boris und Bruno gerne noch<br />
durch die Berufsbekleidungsgeschäfte. Als Boris zufällig Bauleiterin Becky beim Bouldern begegnet<br />
nimmt sein Leben eine ganz neue Wendung.<br />
Schon morgens diese Kleckerei am Frühstückstisch, dann ein Riesendrama beim Kinderarzt, und dann auch<br />
noch ein Wutanfall im Supermarkt… Es gibt Tage, an denen gilt wirklich Papa macht alles falsch. Hier kehrt<br />
Mawil die Rollenverteilung zwischen Vater und Kind einmal um, und zaubert dadurch fabelhaft komische<br />
Situationen. Ein Bilderspaß für die ganze Familie!<br />
79
80<br />
Jumbo, 12,-€
Wie man eine Hexe wird<br />
In einem unheimlichen Schloss am Rande eines stets nebeligen Dorfes, inmitten eines finsteren Waldes<br />
leben drei gruselige Hexen, die das Dorf terrorisieren und Menschen in Monster oder Briefkästen oder<br />
was-ihnen-gerade-so-passt verwandeln! Doch ein kleines ausgesprochen mutiges Mädchen klopft eines<br />
Tages an die Tür der drei und traut sich die Hexen zu besuchen. Dieses Mädchen heißt Malverina und<br />
möchte selbst gerne eine Hexe werden! Die drei gruseligen Hexen zögern erst, doch sie sind schon alt<br />
und so langsam bräuchten sie mal eine Nachfolgerin. Und so kann die Ausbildung zur Hexe beginnen.<br />
Vom teuflischen Lachen, über Zaubertränke brauen, bis zum Fliegen auf einem Hexenbesen, das ist alles<br />
gar nicht so einfach, aber Malverina findet immer eine kreative Lösung und besteht am Ende die<br />
Hexenprüfung. Aber wird sie wirklich in die Fußstapfen der drei Hexen treten oder wird sie ihre eigenen<br />
Regeln machen?<br />
Malverina erzählt ihre Erlebnisse selbst und spricht die Leser/Zuhörer immer wieder direkt an. Susanna<br />
Isern & Laura Proietti haben eine ganz und gar zauberhafte und abenteuerliche Geschichte für Kinder<br />
ab 5 Jahren geschrieben.<br />
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82<br />
Edition W, 22,-€
Von Champagner und Scharmützel<br />
Reims, 1805. Nach dem frühen und unerwarteten Tod ihres geliebten Mannes steht Nicole Cliquot-Ponsardin<br />
vor den Trümmern ihres Lebens. Obwohl sie noch tief in ihrer Trauer steckt, muss sie Entscheidungen<br />
treffen. Soll sie erneut heiraten? Aber wer würde sie in ihrem Alter noch zur Frau nehmen, und würde<br />
ein neuer Mann ihre Tochter akzeptieren? Oder soll sie das Geschäft ihres Mannes übernehmen und im<br />
Witwenstand verbleiben? Nicole entscheidet sich für letzteres. Sie führt das Champagnerhaus unter<br />
ihrem Namen weiter und begründet damit den Erfolg von Veuve Cliquot.<br />
Die Unbeirrbare ist die Geschichte einer frühen Unternehmerin, die sich nicht nur in der rein männlichen<br />
Geschäftswelt ihrer Zeit behaupten konnte, sondern auch eines der erfolgreichsten Champagnerhäuser<br />
überhaupt aufgebaut hat. Angefangen im Jahr des Revolutionsbeginn 1789, als Nicole gerade mal elf<br />
Jahre alt ist und sich aufgrund ihrer Herkunft bei der Schneiderin ihrer Mutter verstecken muss, bis zu<br />
ihrem Tod 1866 erzählt Marie-Luise Wolff das Leben der als Veuve Cliquot berühmt gewordenen und<br />
von großen Autoren wie Proust, Puschkin oder Tscheschow erwähnten, vielleicht außergewöhnlichsten<br />
Frau ihrer Zeit. Und ganz en passant schildert sie die Geschichte der Französischen Revolution und der<br />
Napoleonischen Kriege und ihrer Auswirkung nicht nur auf Frankreich, sondern auf ganz Europa. Eine<br />
kurzweilige, ebenso unterhaltsame, wie informative Lektüre.<br />
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Kiepenheuer<br />
& Witsch, 17,-€
So spannend war Kunstgeschichte selten<br />
Lennart Lomberg ist ein anerkannter Kunstexperte, speziell auf dem Gebiet der NS-Beutekunst. Nach<br />
einer erfolgreichen Karriere in London lebt er wieder in Bonn, in der Villa seines verstorbenen Vaters,<br />
des ehemaligen Generalbundesanwalts. Er ist gerade mit dem Taxi auf dem Weg zu einem Termin, als ihn<br />
ein rätselhafter Anruf von Gilles Dupret erreicht. Dieser gibt sich als Vertreter einer privaten Kunststiftung<br />
zu erkennen und bittet Lomberg, bei der Rückgabe eines seit 1943 verschollenen Gemäldes an die<br />
rechtmäßigen Besitzer zu helfen. Zugleich deutet er an, dass sein Vater, der bei der deutschen Militärverwaltung<br />
in Paris beschäftigt war, etwas mit dem Fall zu tun hatte. Doch noch bevor es zu einem<br />
persönlichen Treffen kommt, wird Dupret in seinem Hotelzimmer tot aufgefunden und Lomberg gerät<br />
ins Visier des BKA und der attraktiven Ermittlerin Sina Röhm. Um seine Unschuld zu beweisen und aus<br />
Neugier beginnt er eigene Nachforschungen und nutzt dafür seine zahlreichen Kontakte in die Kunstwelt.<br />
Dabei stößt er auf Gerüchte über dieses verschwundene sogenannte Neunte Gemälde, das eine<br />
kunsthistorische Sensation wäre. Bald suchen die beiden gemeinsam den Mörder Duprets und das Bild,<br />
doch das suchen auch noch andere …<br />
Das neunte Gemälde von Andreas Storm ist ein spannender vielschichtiger Krimi, der zur Zeit der<br />
deutschen Besatzung in Paris, 1966 in der noch relativ jungen Bundesrepublik Deutschland und in der<br />
Gegenwart spielt. Eine gelungene Kombination aus interessanten Figuren, Kunstgeschichte und einer<br />
Handlung, die immer wieder unerwartete Wendungen bereithält. Zum Glück ermittelt Lennard Lomberg<br />
weiter. Der zweite Fall erscheint im August 2023.<br />
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Monster sind eigentlich auch nur Menschen<br />
Herzlich willkommen in der Welt der Monster. Professor Edgar Gregorius<br />
Sankt Hilarius, Dozent für Zoologie und Merkwürdigkeiten, hat mit seinem<br />
Lexikon Der unglaubliche Katalog der Monster ein Nachschlagewerk<br />
geschaffen, das uns Menschen hilft, all diese vermeintlichen Ungeheuer<br />
kennenzulernen und zu verstehen. Man trifft hier zum Beispiel auf dem<br />
ständig mürrischen Grump, der nicht lächeln kann, weil er keine Backenmuskeln<br />
hat oder Glupschine, die sehr streng nach verschimmelten<br />
Ravioli riecht und ihr eines Auge in der Augenhöhle rollen kann, aber<br />
leider so gar nicht zum Gruseln ist, weil sie ein Tutu trägt und Entenfüße<br />
hat. Der Mamffmffmmf hingegen ist für seine höchst spezielle Art der<br />
Jagd bekannt. Er springt auf die Beute und schafft es mit seinem sehr<br />
großen, sehr behaarten Hinterteil dem Opfer die Luft zu nehmen. Zum Glück ist er schon lange nicht<br />
mehr gesichtet worden. Jede Doppelseite widmet sich einem anderen Wesen und bei den meisten merkt<br />
man schnell, dass es überhaupt keinen Grund zum Fürchten gibt. Sie sind uns Menschen gar nicht mal<br />
so unähnlich, sind tollpatschig, verlaufen sich, sabbern manchmal und verlieben sich. Professor Sankt<br />
Hilarius gibt sehr nützliche Tipps für den Fall des Zusammentreffens mit einem solchen Monster. Wichtig<br />
ist vor allem, dass man immer höflich ist. So kann es dann auch passieren, dass einem das ein oder andere<br />
Ungeheuer sogar einen Wunsch erfüllt. Ein monstermäßiger Spaß für Groß und Klein! Tulipan. 25,-€<br />
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87<br />
Dennis Witton:
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Ullstein, 23,99€
Ein farbenreiches Panorama<br />
Welche Teile unserer selbst sind ein familiäres Erbe? Was verbindet uns mit den Menschen, mit denen<br />
wir blutsverwandt sind? Wie spiegelt sich Weltgeschichte im kleinen Kosmos namens Familie? Um all<br />
diese und noch viel mehr Fragen kreist An den Ufern von Stellata von Daniela Raimondi.<br />
Alles beginnt im Jahr 1800 in Stellata in der Lombardei. Wegen verheerender Regnfälle kann ein Wagenzug<br />
des fahrenden Volks die Reise nicht fortsetzen und überwintert in dem kleinen Dorf in der Poebene.<br />
Viollca, die wilde Frau mit dem pechschwarzen Haaren, liest dem träumerischen und trübsinnigen Dorfbewohner<br />
Giacomo Casadio aus der Hand und erobert gleichzeitig sein Herz. Die beiden bekommen<br />
einen Sohn. Viollca legt die Tarotkarten und deutet die Zukunft und wird deswegen von den anderen<br />
Casadios mehr als kritisch beäugt. Von nun an verfolgen wir die Wege der Familie über 200 Jahre, sind<br />
dabei, wenn das Schicksal unerbittlich zuschlägt, wenn das Glück ganz unverhofft doch noch kommt und wenn<br />
sich dunkle Vorahnungen bewahrheiten. Wir lesen von großen Katastrophen, von Liebe und Zusammenhalt<br />
und von dem, was uns mit den Menschen, die schon lange nicht mehr unter uns leben, verbindet.<br />
Außerdem tauchen wir tief ein in die Vergangenheit Italiens. Eine Geschichte voller Zauber, Legenden<br />
und Leuchtkraft, erzählt in einer wunderbaren Sprache. Kongenial übersetzt von Judith Schwaab.<br />
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90<br />
mare, 24,-€
Lachen, Weinen und Genießen<br />
Wir alle wissen, wie sich Anfänge anfühlen. Oft stolpert man bei den ersten Schritten auf neuen, unbekannten<br />
Pfaden. So geht es auch der 18jährigen Debbie, die in Irland auf einem kleinen Milchhof mit ihrer Familie<br />
lebt. Zu dieser gehören ihre wunderliche Mutter, die die meiste Zeit des Tages im Bett verbringt und ihre<br />
Träume deutet und ihr Onkel Billy, der neben dem Haus im Wohnwagen schläft und sich intensiv den<br />
Sternbildern und ihren Legenden widmet. Das ist Debbies Welt, doch nun bricht sie auf in andere Gefilde<br />
und beginnt ein Studium in Dublin. Dieses liegt zwar nur rund 40 Autominuten entfernt, fühlt sich aber<br />
an wie ein anderes Universum. Fortan pendelt Debbie nicht nur von Zuhause zur Uni, sondern auch<br />
zwischen diesen beiden so grundverschiedenen Welten. Rundherum scheint alles auseinanderzufallen<br />
und Debbie wird vom Schicksal ordentlich durchgerüttelt. Sie kämpft mit den Abgründen ihrer Familie,<br />
ihrem eigenen Geist und dem Leben. Dabei entdeckt sie dann irgendwann, dass Familie zwar mitunter<br />
wirklich anstrengend sein kann, aber auch der Ort ist, an dem wir ganz wir sein können. Snowflake von<br />
Louise Nealon ist voll solch authentischer und mitunter auch skurriler Momente, dass man begeistert<br />
weiterliest. Man lacht bei einer Trauerfeier und weint vor Glück. Ein herzerwärmendes Buch.<br />
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92<br />
Unionsverlag<br />
24,-€
Holt Sie ins Licht<br />
Kennen Sie Cecilia Gallerani? Die meisten von Ihnen werden ihr schon einmal begegnet sein, ohne dass<br />
sie ihren Namen verraten hätte. Wenn ich Ihnen aber verrate, dass es sich bei dieser Frau um die Dame<br />
mit Hermelin handelt, klingelt es wahrscheinlich bei Ihnen. So, wie Cecilia Gallerani, ergeht es vielen<br />
Frauen, die für die großen Maler Model gestanden haben. Kaum jemand kennt ihre Namen, noch<br />
weniger Menschen ihre Geschichte. In ihrem Buch Vor aller Augen nimmt sich die Schriftstellerin und<br />
Dramatikerin Martina Clavadetscher dieses Umstands an und verleiht all diesen Frauen wieder eine<br />
Stimme. So treffen wir zum Beispiel auf die Badende Hendrickje Stoffels, die von ihrem Leben mit<br />
Rembrandt berichtet und auf Augustine Roulin, die in ihrem Schaukelstuhl sitzend von Vincent van Gogh<br />
portraitiert wurde. Immer wieder aufs Neue taucht man tief ein in die Geschichten der Frauen, erfährt<br />
von ihren Kämpfen, Ängsten, Hoffnungen und Freuden. Die Autorin spielt mit Sprache, gibt jeder der<br />
Frauen eine ganz individuelle Ausdrucksweise und verleiht den einzelnen Erzählungen somit eine große<br />
Authentizität. Jedes Kapitel ist somit nicht nur eine Reise durch die Kunstgeschichte, sondern auch in ein<br />
Frauenleben. Stark, mitreißend und erhellend. So, wie einst Christine Brückner mit ihren Ungehaltenen<br />
Reden ungehaltener Frauen das Schweigen gebrochen hat, so schafft es Martina Clavadetscher mit<br />
diesem besonderen Buch.<br />
93
Karl Rauch, 24,-€<br />
94
Zwei Welten<br />
Manche Bücher kommen so klein und scheinbar schmal daher, dass man nicht zu vermuten vermag, wie<br />
stark und kraftvoll sie sind. Ein gutes Beispiel dafür ist Bleib, solang du willst von Ilinca Florian. Dieses<br />
Buch habe ich in die Hand genommen, weil mich das Cover und die Gestaltung so faszinierten. Da konnte<br />
ich noch nicht ahnen, wie sehr mich dieses Buch berühren und faszinieren würde. Die Autorin erzählt die<br />
Geschichte zweier ungleicher Schwestern. Charlotte, die ältere, lebt in Berlin und arbeitet als Assistentin<br />
in einer Unternehmensberatung. Ständig hängt sie entweder am Telefon oder am Laptop, organisiert<br />
und plant. Freizeit gibt es kaum und unter anderem deswegen ist auch kein Platz für langfristige<br />
Beziehungen und schon gar nicht für eine eigene Familie. Die fast zehn Jahre jüngere Martha studiert in<br />
Weimar Jazzgesang, ist mit dem Schauspieler Niklas verheiratet und hat einen acht Monate alten Sohn.<br />
Als Martha feststellen muss, dass Niklas sie betrügt, packt sie Hals über Kopf ihre Sachen, schnappt sich<br />
den Sohn und zieht zur Schwester. Fortan leben die zwei Frauen zusammen mit Emil in Charlottes<br />
Wohnung in Berlin. „Bleib, solang du willst“ sagt Charlotte großzügig, ohne zu wissen, was das für sie,<br />
ihre Schwester und so manch anderen bedeutet. Es sind zwei ganz unterschiedliche Lebenskonzepte, die<br />
da aufeinanderprallen. Dass die Schwestern sich lieben, ist ohne Zweifel zu spüren. Dass es Ihnen aber<br />
schwerfällt, die andere sein zu lassen, wir schnell offenbar. Es geschieht aber noch etwas anderes.<br />
Während Martha langsam beginnt, wieder Fuß zu fassen, eine Arbeit findet und gefestigt wird,<br />
hinterfragt Charlotte zunehmend ihren Lebenswandel, entwickelt Muttergefühle, spürt Sehnsucht. Das<br />
alles ist geschrieben mit großer Empathie für beide Frauen, so dass beide Perspektiven gleichberechtigt<br />
nebeneinander stehen. Der Roman endet unerwartet, obwohl man vielleicht doch die ganze Zeit so ein<br />
Gefühl hatte und entlässt seine Leserschaft mit einer Mischung aus Melancholie und Zuversicht. Das<br />
schaffen nicht so viele Bücher. Deswegen kann die Empfehlung nur lauten: Unbedingt lesen.<br />
95
Lübbe, 25,-€<br />
96
Was ist Freiheit wert?<br />
Andreas Eschbach ist für mich ein Meister im Erzählen von Was-wäre-wenn?-Geschichten. Sein neues<br />
Meisterstück heißt Freiheitsgeld und wirft einen Blick in eine nicht weit entfernte Zukunft. Wir schreiben das<br />
Jahr 2064. Um den Klimawandel entgegenzuwirken wurden in der ganzen europäischen Union Umweltzonen<br />
geschaffen. Dafür wurden ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht, um stattdessen Wälder anzupflanzen,<br />
die das CO2 binden können. Die Menschen leben in neu errichteten Städten unter ganz unterschiedlichen<br />
Bedingungen. Wer es sich erlauben kann, wohnt in einer Oase, einer gated community, die man kaum noch<br />
verlassen muss, weil es dort alles gibt, was man zum Leben braucht. Die meisten Arbeiten werden mittlerweile<br />
von Robotern ausgeführt, den Menschen wird stattdessen das sogenannte Freiheitsgeld gezahlt. Wer dieses<br />
bedingungslose Einkommen aufstocken möchte, kann zusätzlich noch einem Beruf nachgehen, muss<br />
aber dafür hohe Steuern in Kauf nehmen. In diese Grundsituation schickt uns Eschbach und lässt uns Blicke<br />
in unterschiedliche Leben werfen. Wir treffen auf Valentin und Lina, die gerade frisch in eine der begehrten<br />
Wohnungen in einer Oase ziehen, die Wohnung, die Kilian, Therese und ihr gemeinsamer Sohn vor<br />
Kurzem verlassen mussten, weil sie nicht mehr erwünscht waren. Man trifft auf den Bundekanzler a.D.,<br />
der das Freiheitsgeld eingeführt hat, seinen größten Kritiker Günter Leventheim, den Polizisten Ahmad<br />
Müller und viele mehr. Es wird Tote geben, große Geheimnisse werden enthüllt und alte Lügen werden<br />
entlarvt. Eschbach schafft es, gleichermaßen zu faszinieren und zu erschrecken. Er zeigt, wozu diese<br />
Gesellschaft im Guten wie im Schlechten fähig ist, wo die Fallstricke liegen und wie tief der Abgrund sein<br />
kann. Genial.<br />
97
98<br />
Suhrkamp, 18,-€
Familiendrama mit viel Witz<br />
Was wissen Sie über Mittelstandsfamilien in Indien? Nicht viel? Lesen Sie teen couple have fun outdoors<br />
und Sie werden schnell merken, dass sie sich nur wenig von solchen in Deutschland unterscheiden. Man<br />
schlägt sich mit ähnlichen Problemen herum, Eltern und Kinder streiten miteinander, zur Nachbarschaft<br />
pflegt man eine gesunde Hass-Liebe und Autos sind ein Statussymbol. Begriffe wie Anstand und Ehre<br />
kreisen wie Nebelschwaden durch die Zimmer des kleinen Eigenheims, ohne dass man genau wüsste,<br />
was sie eigentlich bedeuten. Jayan Aravind hat sich eine gleichermaßen witzige wie originelle Prämisse<br />
für seinen Roman einfallen lassen: Sreenath, ältester Sohn eines Ehepaares in Kerala ist gefilmt worden, als<br />
er mit seiner Freundin Anita, nun ja, fun outdoors hatte. Die beiden haben sich also im Freien miteinander<br />
vergnügt und nun gibt es ein Video davon, das seinen Weg schnell ins Internet findet. Für seine Eltern ist<br />
das eine große Tragödie, sie fühlen sich entehrt, werfen den Sohn raus und versuchen, seine Existenz<br />
künftig einfach zu ignorieren. Sreenaths Bruder hingegen kann den Rauswurf nicht akzeptieren, versucht,<br />
den Bruder wieder ausfindig zu machen und zwischen den beiden Parteien zu vermitteln. Anitas Familie<br />
hingegen ist der Ansicht, dass jetzt, wo die Sache nun schon mal passiert ist, die beiden am besten<br />
heiraten sollen. Was die Tochter will, interessiert eigentlich nicht weiter. So kreist dieser Roman um viele<br />
Themen, zeigt das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne und den ewigen Konflikt zwischen<br />
Eltern und Kindern auf und schafft es, die Leser*innen auf intelligente Art zu unterhalten. Eine perfekte<br />
Mischung aus geistreichem Einblick in eine andere Kultur und Lese-Spaß.<br />
99
Fischer, 24,-€<br />
100
Ein ungleiches Paar<br />
Sie möchten eine Liebesgeschichte lesen? Lesen Sie Jahre mit Martha! Ihnen steht der Sinn eher nach<br />
einem Gesellschaftsroman? Lesen Sie Jahre mit Martha! Vielleicht doch lieber ein Bildungsroman oder<br />
eine Familiengeschichte? Lesen Sie Jahre mit Martha! Dieser Roman vereint so viele Genres in sich, dass<br />
man sie gar nicht alle benennen kann. Was über allem steht, ist die Tatsache, dass dieses Buch eines der<br />
schönsten und berührendsten des ganzen Jahres ist. Martin Kordić erzählt darin die Geschichte des<br />
15jährigen Željko Draženko Kovacevic, der sich selber der Einfachheit halber Jimmy nennt und mit seinen<br />
Eltern und seinen Geschwistern in einer Zweizimmerwohnung in Ludwigshafen lebt. Der Vater arbeitet<br />
auf Montage und ist fast nie zu Hause, die Mutter putzt die Häuser wohlhabender Menschen. Bildung<br />
hat hier nicht oberste Priorität und so beschafft sich Jimmy seine Lektüre aus Altpapiercontainern. Seine<br />
Welt wird eine andere, als er auf die 25 Jahre ältere Akademikerin Frau Gruber trifft. Die beiden kommen<br />
sich näher, die Frau ermöglicht dem jungen Mann einen Zugang zu einem Kosmos, zu dem ihm der<br />
Zugang bis dato immer versperrt geblieben war. Als Leser*in folgt man Jimmy auf seinem Weg, begleitet<br />
ihn, ist ihm ganz nahe. Man beobachtet, wie er sich immer mehr in Abhängigkeiten begibt, zwischen<br />
Wurzeln und Träumen ins Trudeln gerät, sich selbst zu verlieren droht. Martin Kordić hat einen<br />
wundervollen Roman über Klassenunterschiede, die Realität von Migrantenkindern, Liebe, Bildung und<br />
Selbstwert geschrieben. Man darf schmunzeln, seufzen, nachdenken, oft den Kopf schütteln und noch<br />
öfter genießen. Also nochmal: Lesen Sie Jahre mit Martha! Nicht umsonst gehört dieses Buch zu den fünf<br />
Lieblingen des unabhängigen Buchhandels.<br />
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Preisträger*innen dieses Jahres<br />
Der Literaturnobelpreis in diesem Jahr ging an Annie Ernaux. Die<br />
82-Jährige ist die erste französische Frau, die mit dem bedeutendsten<br />
Literaturpreis ausgezeichnet wird. Die Jury lobte: „ihren Mut und ihre<br />
klinische Scharfsinnigkeit, mit der sie die Wurzeln, Entfremdung<br />
und die kollektiven Zwänge persönlicher Erinnerungen aufdeckt."<br />
Wir schließen uns dem Lobpreis an und freuen uns, dass Annie Ernaux<br />
ausgezeichnet wurde. Genauso feiern wir Kim de l’Horizon. Sier erhielt<br />
den Deutschen Buchpreis für den Roman Blutbuch (DuMont 24,-€)<br />
in dem es um die Frage nach Identität, Zugehörigkeit, Schweigen und das Durchbrechen von starren Strukturen<br />
geht. Ein starkes und wichtiges Buch. Zum Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhändler*innen wurde in<br />
diesem Jahr Eine Frage der Chemie (Piper, 22,-€) erkoren. Auch hierüber sind wir sehr glücklich, wenngleich<br />
wir die anderen Bücher genauso gerne gelesen haben. Der Georg<br />
Büchner-Literaturpreis ging in diesem Jahr an Emine Sevgi Özdamar<br />
für Ein von Schatten begrenzter Raum (Suhrkamp, 28,-€). Der<br />
Roman ist das vielstimmige Loblied auf ein Nachkriegseuropa, in dem<br />
es für kurze Zeit möglich schien, allein mit den Mitteln der Poesie<br />
Grenzen einzureißen. Er ist der sehnsuchtsvolle Nachruf auf die<br />
Freunde, Künstler und Bekanntschaften, die sie auf ihrem Weg<br />
begleiteten. Vor allem aber ist er die wortgewaltige Eröffnung eines<br />
Raums zwischen Bedrohung und Geborgenheit, eines von Schatten<br />
begrenzten Raums. Hochpoetisch und opulent.<br />
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