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FOCUS-GESUNDHEIT_2022-09_Vorschau

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Immunsystem<br />

So prägen Bakterien<br />

und Impfen die Abwehr<br />

Kinderwunsch<br />

Schwanger mit Hightech<br />

und einfachen Tricks<br />

Babyblues<br />

Das hilft Müttern und<br />

Vätern gegen Depression<br />

Kinder & Jugendliche<br />

MODERNE<br />

GEBURT<br />

Sicher, sanft<br />

und so natürlich<br />

wie möglich<br />

ERSTE HILFE<br />

Wie Sie bei<br />

Notfällen mit Kindern<br />

richtig handeln<br />

Plus: Bauchweh<br />

besser einschätzen<br />

<strong>GESUNDHEIT</strong><br />

Kinder & Jugendliche<br />

Schlaf, Ernährung, Resilienz<br />

GUTER START<br />

Das neue Verständnis vom gesunden<br />

Aufwachsen bis zur Pubertät<br />

EMPFEHLUNG<br />

MIT TOP-ÄRZTEN UND -KLINIKEN IN IHRER NÄHE FÜR EINE GLÜCKLICHE<br />

SCHWANGERSCHAFT, ENTBINDUNG UND DIE WICHTIGSTEN KINDERKRANKHEITEN


Alle <strong>FOCUS</strong>-Titel to go.<br />

focus-shop.de<br />

JETZT<br />

E-PAPER LESEN:


EDITORIAL<br />

Chefredakteur Jochen Niehaus<br />

Optimaler Start ins Leben<br />

Fotos: Christian Schoppe, Pablo Wünsch-Blanco<br />

Es ist ein kleines Wunder, dass es so<br />

häufig klappt. Das sagen Mediziner<br />

staunend über eine erfolgreiche Empfängnis<br />

und Schwangerschaft. Hormone,<br />

Anatomie und Gefühle müssen<br />

gemeinsam stimmen, damit die Reise<br />

einer befruchteten Eizelle ins Leben<br />

glückt. Wie Reproduktionsmediziner<br />

heute mit Hightech und teils recht<br />

simplen Tricks beim Kinderwunsch<br />

unterstützen, lesen Sie ab Seite 28.<br />

Eine Geburt ist der häufigste und zugleich<br />

freudigste Grund für eine Fahrt<br />

in die Klinik. Allzu eilig sollte es dabei<br />

aber nicht zugehen, findet Michael<br />

Abou-Dakn, Chefarzt am Berliner<br />

St. Joseph Krankenhaus. 4500 Kinder<br />

kommen dort jährlich zur Welt –<br />

Deutschlandrekord. Im Interview ab<br />

Seite 40 erklärt der Gynäkologe, welche<br />

Maßnahmen bei Gebärenden mit unkomplizierter<br />

Schwangerschaft wirklich<br />

nötig sind oder einer sanften und<br />

sicheren Geburt eher im Weg stehen.<br />

Herzlichst Ihr<br />

Kindliche Feinschmecker fordern<br />

wahrscheinlich Spaghetti mit Ketchup<br />

und dazu eine Limo. Dass gesündere<br />

Nahrungsmittel auch lecker sind,<br />

müssen sie erst lernen. Ab Seite 60<br />

erklären erfahrene Ökotrophologen,<br />

worauf es beim Essen mit Kindern<br />

ankommt und wie Sie wertvolle Alternativen<br />

ohne Streit in den Speiseplan<br />

der Kleinen einführen können. Ob es<br />

schon dringend nötig ist, den Speiseplan<br />

zu ändern, zeigen die Perzentilentabellen<br />

zur Erkennung von Übergewicht<br />

bei Jungen und Mädchen.<br />

Elternglück stellt sich oft erst Wochen<br />

nach der Entbindung ein. Jede<br />

siebte Mutter und jeder zehnte Vater<br />

rutscht erst einmal in eine Depression.<br />

Nur ein Babyblues? Psychiater<br />

warnen davor, die Traurigkeit nicht<br />

ernst zu nehmen. Wie Therapeuten<br />

betroffene Elternteile zurück ins Leben<br />

und in die Liebe leiten, lesen Sie<br />

ab Seite 42.<br />

Der Wissenschaftsfotograf Martin<br />

Oeggerli präpariert Stuhlproben für<br />

die Elektronenmikroskopie. Seine<br />

preisgekrönten Porträts mikrobieller<br />

Darmbewohner sehen Sie auf den<br />

Seiten 20 bis 25<br />

<strong>FOCUS</strong>- <strong>GESUNDHEIT</strong> 3


INHALT<br />

<strong>FOCUS</strong>-<strong>GESUNDHEIT</strong> O9/22 GESUNDE KINDER<br />

64<br />

Luft zum Kicken<br />

Dank moderner<br />

Medikamente<br />

kann der neunjährige<br />

Selçuk trotz<br />

seines schweren<br />

Asthmas wieder<br />

Fußball spielen<br />

97<br />

Die <strong>FOCUS</strong>-<br />

Listen Führen de<br />

Ärzte und Kliniken<br />

aus dem<br />

Bereich Kinderheilkunde<br />

54<br />

Kleines<br />

Magazin<br />

Müde ja, Schlafen nein<br />

Keine Nacht ohne Aufwachen –<br />

welche Rituale Kindern mit Schlafstörungen<br />

zu mehr Ruhe verhelfen<br />

12 Bewegte Jugend<br />

So viel Aktivität braucht Ihr Kind.<br />

Empfehlungen, Defizite und Pandemiefolgen<br />

in der großen Infografik<br />

14 Mit Schwung durch die Kindheit<br />

Von Baby bis Teenie: So fördern Bewegung<br />

und Sport die geistige, körperliche<br />

und seelische Entwicklung<br />

20 Abwehr fürs Leben<br />

Im Darm entscheidet sich, wie gut<br />

das Immunsystem funktioniert.<br />

Das trägt zu einer gesunden Bakterienvielfalt<br />

des Mikrobioms bei<br />

28<br />

Sicherer Start<br />

Wunder<br />

Kinderwunsch-Experten<br />

behandeln<br />

vermehrt spezielle<br />

Ursachen der<br />

Zeugungsunfähigkeit<br />

wie Entzündungen<br />

und zu<br />

viele männliche<br />

Hormone<br />

28 Wir wollen ein Kind<br />

Spezialisten behandeln Kinderlosigkeit<br />

immer effektiver<br />

34 Achtung, süßes Baby<br />

Unsere Redakteurin berichtet, wie sie<br />

ihren Schwangerschaftsdiabetes in<br />

den Griff bekam – ohne Medikamente<br />

40 Gute Geburt<br />

Weniger Eingriffe, viel Sicherheit: Die<br />

neuen Wege im Kreißsaal erklärt<br />

ein Geburtsmediziner im Interview<br />

42 Der lange Weg zum Mutterglück<br />

Spezielle Therapieangebote helfen<br />

Elternteilen, die nach der Geburt an<br />

einer Depression erkranken<br />

Titel: Foto: Olga Murzaeva /S tocksy United<br />

4<br />

<strong>FOCUS</strong>- <strong>GESUNDHEIT</strong>


Ärzte- und Kliniklisten<br />

Empfehlungskriterien So entstehen<br />

die Listen von <strong>FOCUS</strong>-Gesundheit:<br />

98 Methodik Top-Mediziner<br />

113 Methodik Top-Kliniken<br />

Top-Ärzte<br />

Fotos: Marina Weigl, Michela Morosini (2)/beide für <strong>FOCUS</strong>-Gesundheit<br />

Gesund aufwachsen<br />

50 Gemeines Grimmen<br />

Immer wieder Bauchschmerzen?<br />

So kommt die sensible Mitte der<br />

Kleinen wieder in Balance<br />

54 Kein Schlaf auf dem Funkenhof<br />

Experten wissen, wie Kinder mit<br />

Schlafproblemen zur Ruhe finden<br />

60 Gute Polster, schlechte Polster<br />

Adipositas in jungen Jahren nimmt<br />

zu. Wirksame Strategien gegen<br />

die Extrakilos<br />

64 Power für die Puste<br />

Wie neue Medikamente schweres<br />

Asthma lindern und ein guter<br />

Alltag trotz chronischer Erkrankung<br />

gelingt<br />

70 Erste Hilfe, aber richtig<br />

Von Allergie bis Zahnausfall: So<br />

verhalten Sie sich in Notsituationen<br />

richtig<br />

34<br />

Zuckerwerte<br />

per App<br />

Redakteurin Eva-Maria Vogel litt an<br />

einem Schwangerschaftsdiabetes –<br />

und stellte ihren Lebensstil um<br />

74 Abstand vom Leben<br />

Die Pandemiejahre haben psychische<br />

Spuren hinterlassen. Was<br />

Jugendlichen jetzt Halt gibt<br />

78 Fehlender Fokus<br />

Diagnose ADHS: So therapieren<br />

Mediziner die Aufmerksamkeitsstörung<br />

82 Das große Umdenken<br />

Das passiert in der Pubertät<br />

im Kopf Ihres Kindes<br />

Gesund bleiben<br />

88 Prävention<br />

So lassen sich Kopfschmerzen bei<br />

Kindern lindern. Diese Nährstoffe<br />

brauchen Schwangere. Worauf es<br />

bei der Zahnpflege ab dem ersten<br />

Beißerchen ankommt. Sanfte Helfer:<br />

gut gewappnet gegen Infekte<br />

100 Asthma<br />

101 Ernährungsmedizin<br />

102 Gehörerkrankungen<br />

102 Kinderendokrinologie/<br />

-diabetologie<br />

103 Kinderherzchirurgie<br />

104 Kinderkardiologie<br />

105 Kinderorthopädie<br />

106 Kinderwunsch<br />

107 Kinderzahnheilkunde<br />

108 Neonatologie<br />

1<strong>09</strong> Neurodermitis<br />

110 Risikogeburt &<br />

Pränataldiagnostik<br />

111 Sinusitis<br />

112 Strabologie<br />

Top-Kliniken<br />

114 Kinderchirurgie<br />

116 Kinderwunsch<br />

117 Neonatologie<br />

118 Neuropädiatrie<br />

119 Risikogeburt &<br />

Pränataldiagnostik<br />

Rubriken<br />

3 Editorial des Chefredakteurs<br />

6 Kurzmeldungen<br />

122 <strong>Vorschau</strong> und Impressum<br />

>> Sie finden die Top-Ärzte auch unter:<br />

focus-arztsuche.de<br />

<strong>FOCUS</strong>- <strong>GESUNDHEIT</strong> 5


BEWEGUNGSFREUDE<br />

Mit Schwung<br />

durch die Kindheit<br />

Anstrengung macht Kinder aufgeweckt, gesund und fröhlich. Drei<br />

Heranwachsende zeigen, wie sie durch Bewegung ihr volles Potenzial<br />

ausschöpfen – vom ersten Lebensjahr bis zur Pubertät<br />

Spielerisch die Welt entdecken<br />

Aufgeweckt blickt Jakob durch den Raum.<br />

Er ist auf der Suche nach seiner nächsten<br />

Herausforderung. Besonders spannend sind<br />

die gepolsterten Hindernisse und Kletterdreiecke<br />

in den Räumlichkeiten der FenKid-<br />

Bewegungsgruppe in München. Jede Woche<br />

kommt er mit seinen Eltern hierher. In der<br />

anregenden Umgebung gehen neugierige<br />

Kinder ihrem natürlichen Bewegungsdrang<br />

nach. Jakob hat erst vor Kurzem mit dem<br />

Laufen begonnen, jetzt will er höher hinaus<br />

und zieht sich an einer Sprossentreppe hoch.<br />

Eine gute Portion Selbstvertrauen hilft ihm<br />

bei dem Vorhaben, das tunlichst nicht von<br />

vorsichtigen Eltern gebremst werden soll.<br />

„Wir Mütter und Väter können uns am Rand<br />

entspannen und einfach nur beobachten“,<br />

sagt Jakobs Mutter Silvia Innerhofer. Das<br />

Gelernte überträgt der Einjährige mühelos in<br />

andere Situationen. „Letztens kletterte er<br />

plötzlich rückwärts vom Sofa. Beigebracht<br />

hat ihm das keiner“, staunt Mama Silvia.<br />

Sportforscher Alexander Woll, Leiter des<br />

Instituts für Sport und Sportwissenschaft am<br />

Karlsruher Institut für Technologie, wundert<br />

das nicht: „Kinder, die sich ausreichend<br />

be tätigen, haben bessere Voraussetzungen<br />

fürs Lernen.“ Mit den Bewegungsaktivitäten<br />

entwickeln sich auch neue Nervenzellen und<br />

Verknüpfungen im Gehirn (siehe Infografik<br />

rechts). Auspowerndes Spielen schafft also<br />

die idealen Voraussetzungen für eine gesunde<br />

körperliche und geistige Entwicklung.<br />

Das Denken fördern<br />

Bei körperlicher Aktivität wird das Gehirn stärker<br />

durchblutet, der Sauerstoffgehalt steigt. Eine gute<br />

Voraussetzung für kognitive Leistungen.<br />

Neue motorische<br />

Aufgaben wie aufrechtes<br />

Gehen erzeugen Verknüpfungen<br />

zwischen<br />

Nervenzellen im Gehirn.<br />

Bewegung regt die<br />

Bildung neuer<br />

Nervenzellen in der<br />

Denkzentrale an.<br />

14 <strong>FOCUS</strong>- <strong>GESUNDHEIT</strong>


Foto: Michela Morosini für <strong>FOCUS</strong>-Gesundheit; Infografik: Oleksiy Aksonov für <strong>FOCUS</strong>-Gesundheit<br />

Große Augen<br />

Der einjährige Jakob nimmt<br />

sein nächstes Ziel ins Visier.<br />

Seit ein paar Tagen kann<br />

er laufen und stellt das gerne<br />

in den Räumlichkeiten der<br />

FenKid-Bewegungsgruppe<br />

unter Beweis<br />

Mehr Infos zu deutschlandweit<br />

stattfindenden Kursen:<br />

www.fenkid.de<br />

<strong>FOCUS</strong>- <strong>GESUNDHEIT</strong> 15


MIKROBIOMFORSCHUNG<br />

Microbiom Neugeborener<br />

Abwehr fürs Leben<br />

Wie gut das Immunsystem eines Menschen funktioniert, entscheidet sich im<br />

Darm. Mikrobiom und Abwehr sind untrennbar verknüpft. Welche Bakterien sich<br />

zuerst ansiedeln, ist wichtig für die Gesundheit – und lässt sich beeinflussen<br />

20<br />

<strong>FOCUS</strong>- <strong>GESUNDHEIT</strong>


Fotos: M. Oeg gerli (Micronaut 202 2), suppor ted by Pathology, University Hospital Basel and Bio -EM Lab,<br />

Biozentrum, University Basel. Pablo Wünsch-Blanco; Infografik: <strong>FOCUS</strong>-Gesundheit<br />

Stäbchen<br />

Baby-Darm-WG unter dem Elektronenmikroskop.<br />

Wissenschaftsfotograf Martin<br />

Oeggerli präparierte diese Stuhlprobe<br />

seiner Tochter Fritzi nach der Geburt.<br />

Sie enthält vor allem stäbchenförmige<br />

Milchsäurebakterien. Im Vergleich mit<br />

den Darmbakterien eines Erwachsenen<br />

(siehe Foto S. 23) ist die Artenvielfalt<br />

deutlich geringer<br />

Andere Väter entdecken in der Windel<br />

ihres Babys nichts als Kot. Wissenschaftsfotograf<br />

Martin Oeggerli<br />

sah weit mehr: Als seine Tochter<br />

Fritzi ein Baby war, legte er ihre<br />

Ausscheidungen unter das Elektronenmikroskop.<br />

Er fand stäbchenförmige Organismen – wahrscheinlich<br />

vor allem Milchsäurebakterien. Seine Bilder<br />

von Mikroorganismen im menschlichen Körper<br />

haben ihn bekannt gemacht. Weil Oeggerli wissen<br />

wollte, wie sich das Darmmikrobiom – die Gesamtheit<br />

der Mikroorganismen im Verdauungstrakt –<br />

entwickelt, nahm er von Fritzi Stuhlproben: kurz<br />

nach ihrer Geburt und im Alter von einem, drei<br />

und sieben Monaten. „Jedes Mal war die Bakterienvielfalt<br />

größer“, berichtet der Experte.<br />

Als Biologe weiß Oeggerli: Der Mensch ist nicht<br />

allein. Billionen von Bakterien besiedeln seine<br />

Oberflächen, leben auf der Haut, im Mund, in der<br />

Nase oder der Vagina. Sie vermehren sich in ihrem<br />

Lebensraum und sind für die Gesundheit nützlich.<br />

Im Darm – mit seinen Schleimhautfalten die größte<br />

Kontaktfläche zur Außenwelt – befinden sich<br />

die meisten Mikroorganismen. „Eigentlich ist der<br />

Mensch kein Individuum, sondern ein Ökosystem“,<br />

schwärmt Oeggerli.<br />

Bereits ab der frühesten Kindheit entscheidet<br />

dieses Darm-Ökosystem mit über die Gesundheit.<br />

Die Mikroorganismen spielen unter anderem bei<br />

der Immunabwehr eine wichtige Rolle. Welche Arten<br />

die Schleimhaut zuerst besiedeln, prägt die Abwehr<br />

fürs Leben. Umgekehrt bestimmt das Immunsystem,<br />

das ab dem Tag der Geburt immer mehr dazulernt,<br />

welche Mitbewohner eine Chance haben.<br />

Bis ins Detail haben Wissenschaftler das Wechselspiel<br />

noch nicht verstanden. Klar scheint aber,<br />

dass die Abwehr umso fitter wird, wenn schon im<br />

Babyalter eine möglichst diverse Darmflora aus vielen<br />

verschiedenen Mikroorganismen heranwächst.<br />

Sie scheiden unterschiedliche Abbauprodukte aus,<br />

auf die das Immunsystem reagiert. Je größer die<br />

Vielfalt, an der die jungen Abwehrzellen üben können,<br />

desto besser wird das Immunsystem einmal<br />

funktionieren, nehmen Wissenschaftler an.<br />

Michael Zemlin, Direktor der Klinik für Allgemeine<br />

Pädiatrie und Neonatologie am Universitätsklinikum<br />

des Saarlandes, erklärt den Zusammenhang<br />

so: „Wäre das Darmmikrobiom eine Wiese,<br />

dann ist das Immunsystem der Gärtner.“ Ein guter<br />

Gärtner pflegt die Wiese, unterscheidet zwischen<br />

Nutzpflanzen und Unkraut, lässt Vielfalt zu. Je<br />

länger er die Wiese pflegt, desto versierter beherrscht<br />

er seine wichtigste Aufgabe – Gut und Böse<br />

zu unterscheiden. „Das Immunsystem betastet die<br />

Darmbakterien ganz genau und bildet da raufhin<br />

Antikörper“, so der Kinderarzt. Sie markieren<br />

körperfremde Stoffe, sodass die Abwehrzellen sie<br />

erkennen und bekämpfen können.<br />

Die Art der Geburt beeinflusst<br />

das Immunsystem<br />

Den Zeitpunkt der Geburt bezeichnet Zemlin als<br />

immunologischen Urknall: „Ein Neugeborenes ist<br />

kaum mit Bakterien besiedelt. Weder in der<br />

Fruchthülle noch in der Plazenta lassen sich nennenswerte<br />

Kulturen nachweisen.“ Doch kaum<br />

öffnet das Kind den Mund zum ersten Schrei,<br />

beginnen Bakterien seinen Körper zu erobern.<br />

Welche sich in der Darmschleimhaut niederlassen,<br />

wo die meisten bakteriellen Mitbewohner<br />

siedeln, hängt von der Art der Geburt ab. „Wer<br />

zuerst kommt, mahlt zuerst“, so Zemlin.<br />

Holen Ärzte ein Baby per Kaiserschnitt auf die<br />

Welt, besiedeln Hautbakterien seinen Darm, weil<br />

es zuerst mit der Haut von Mutter, Vater, Arzt und<br />

anderen in Kontakt kommt. Nach einer vaginalen<br />

Geburt wachsen vor allem Mikroorganismen aus<br />

der Scheiden- und Darmflora der Mutter. Selbst<br />

ein Jahr später, bewies eine Arbeitsgruppe der Universität<br />

Luxemburg, weisen Kaiserschnitt-Babys<br />

ein anderes Mikrobiom auf als solche, die natürlich<br />

entbunden wurden. Ebenso beeinflussen der Ort<br />

der Geburt – Klinik oder zu Hause, Europa oder<br />

Südamerika – und die Kontakte zu anderen<br />

Bakterienkunst<br />

Um die für das menschliche<br />

Auge unsichtbaren<br />

Darmbakterien ins Bild zu<br />

rücken, präpariert Wissenschaftsfotograf<br />

Martin<br />

Oeggerli Stuhlproben.<br />

Dazu entzieht er der Probe<br />

zunächst das Wasser<br />

mit Alkohol. Ein „Kritisch-<br />

Punkt-Trockner“ macht<br />

sie haltbar, eine Goldbedampfung<br />

sorgt für die<br />

Leitfähigkeit unter dem<br />

Elektronenmikroskop<br />

(siehe Foto), sodass die<br />

winzigen Mitbewohner<br />

sichtbar werden. Am<br />

Computer bekommt die<br />

Darm-WG Farbe. Das<br />

Karolinska-Institut verlieh<br />

Oeggerli den Lennart<br />

Nilsson Award <strong>2022</strong>, der<br />

herausragende Beiträge<br />

zur wissenschaftlichen<br />

Fotografie würdigt.<br />

<strong>FOCUS</strong>- <strong>GESUNDHEIT</strong> 21


KINDERWUNSCH<br />

Wir wollen<br />

ein Kind<br />

Jedes sechste Paar kann auf natürliche<br />

Weise keinen Nachwuchs zeugen. Die<br />

Ursachen dafür behandeln Mediziner immer<br />

effektiver. Neue Forschungsergebnisse und<br />

Methoden machen gute Hoffnung<br />

Drei Samenübertragungen, zehn weitere<br />

künstliche Befruchtungen, sieben<br />

Embryotransfers und 50000<br />

Euro Kosten. Anna Adamyan und<br />

ihr Mann Sargis haben alles versucht,<br />

um ein Kind zu bekommen. Seit fünf Jahren<br />

wollen sie eine Familie gründen. Doch auf<br />

natürlichem Weg klappte es nicht, weil Anna<br />

unter Endometriose leidet, einer Veranlagung zu<br />

schmerzhaften Entzündungen und Verwachsungen<br />

im Bauchraum. „Der Kinderwunsch hat unser<br />

Leben auf den Kopf gestellt“, sagt die 26-Jährige,<br />

die unter ihrem Mädchennamen Anna Wilken<br />

ein Buch über ihren langen Weg geschrieben hat<br />

(siehe Seite 32).<br />

Wie ihnen geht es vielen Paaren in Deutschland.<br />

Etwa jedes sechste kann ohne ärztliche Hilfe<br />

kein Baby zeugen. In 30 Prozent der Fälle ist<br />

das Sperma des Mannes nicht fit genug oder zu<br />

wenig, in 30 Prozent liegt es an der Frau, bei weiteren<br />

30 Prozent sind beide zeugungsunfähig –<br />

und bei den restlichen zehn Prozent kennen nicht<br />

einmal Reproduktionsmediziner die Ursache.<br />

Zeugung und Schwangerschaft sind hochkomplexe<br />

Vorgänge, bei denen Anatomie, Erkrankungen,<br />

Hormone, Gefühle und Umwelteinflüsse eine<br />

Rolle spielen. Die Chance, dass es schiefgeht, ist<br />

groß. Dass es trotzdem so oft problemlos funktioniert,<br />

„ist fast wie ein kleines Wunder“, findet<br />

der Reproduktionsmediziner Prof. Michael Zitzmann<br />

vom Universitätsklinikum Münster. Der<br />

58-Jährige ist renommierter Androloge und ein<br />

Experte für die Unfruchtbarkeit des Mannes.<br />

Dennoch gelingt es Ärzten und Biologen immer<br />

öfter, dem Wunder auf die Sprünge zu helfen. Hier<br />

die neuen Erkenntnisse im Detail.<br />

Foto: Don Farrall/Getty Images<br />

28<br />

<strong>FOCUS</strong>- <strong>GESUNDHEIT</strong>

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