FOCUS_47/2022_Vorschau
Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!
Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.
AUSGABE <strong>47</strong> 19. November <strong>2022</strong> € 4,90 EUROPEAN MAGAZINE AWA R D WINNER <strong>2022</strong> POLITICS & SOCIETY /// INFOGRAPHIC<br />
Scott<br />
Galloway<br />
Was der Google-Kritiker<br />
über den Absturz<br />
von Big Tech denkt<br />
Yotam<br />
Ottolenghi<br />
Das Weihnachtsmenü<br />
des angesagtesten<br />
Kochs der Welt<br />
<strong>FOCUS</strong>-LISTE<br />
Wo die Preise<br />
steigen,<br />
wo sie fallen<br />
IMMOBILIEN-KRISE<br />
AUS DAS HAUS<br />
Teure Kredite, explodierende Kosten, Crashgefahr:<br />
Wer kann sich den Traum vom Eigenheim noch leisten?
Alle <strong>FOCUS</strong>-Titel to go.<br />
focus-shop.de<br />
JETZT<br />
E-PAPER LESEN:
19. November <strong>2022</strong> | #46<br />
Herausgegeben von Ulrich Deppendorf und Ursula Münch<br />
EDITORIAL<br />
Gesucht: ein Klima für mehr Realismus<br />
Von Robert Schneider, Chefredakteur<br />
Foto: Peter Rigaud/<strong>FOCUS</strong>-Magazin<br />
Liebe Leserinnen,<br />
liebe Leser,<br />
seit dieser Woche leben, wenn sich die<br />
Vereinten Nationen nicht verrechnet<br />
haben, acht Milliarden Menschen auf der<br />
Erde. Dahinter verbirgt sich eine wuchtige<br />
Realität, die spürbar wird, wenn man<br />
sich klarmacht, dass wir über eine Zahl<br />
mit neun Nullen reden: 8 000 000 000. Das<br />
sind 8000 Millionen Menschen oder 100-<br />
mal die Bevölkerung Deutschlands. Und<br />
jede halbe Sekunde kommt ein neuer<br />
Erdenbürger hinzu, während die Älteren<br />
dank besserer Medizin und Versorgung<br />
in vielen Teilen der Welt immer<br />
älter werden.<br />
Um die alles sprengende Kraft dieser<br />
Dynamik zu begreifen, lohnt ein Blick<br />
zurück: Zur Geburt von Jesus von Nazareth<br />
gab es gerade einmal um die 300 Millionen<br />
Menschen. Bis zur ersten Mil liarde<br />
dauerte es bis ins Jahr 1804, doch schon<br />
1927 waren es zwei Milliarden, 1960 bereits<br />
drei Milliarden und nur 14 Jahre<br />
später vier Milliarden. 2011 wurde die<br />
Sieben-Milliarden-Grenze übersprungen,<br />
und seit vergangenem Dienstag leben<br />
nun mehr als acht Milliarden Menschen<br />
gleichzeitig auf unserem Planeten. Von<br />
300 Millionen auf eine Milliarde dauerte<br />
es mehr als 1800 Jahre, von sieben auf<br />
acht Milliarden vergingen gerade einmal<br />
elf Jahre.<br />
Laut Altem Testament erteilt Gott in der<br />
Genesis den Menschen die Order: „Seid<br />
fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde<br />
und unterwerft sie und waltet über die<br />
Fische des Meeres, über die Vögel des<br />
Himmels und über alle Tiere, die auf<br />
der Erde kriechen.“ Den „Auftrag“ hat<br />
die Menschheit gründlich erledigt. Da<br />
können wir jetzt schon „mission accomplished“<br />
melden; im Blick schon den<br />
neunmilliardsten Erdenbürger, der 2037<br />
geboren wird. Doch schon lange herrscht<br />
in der Menschheit kein Jubel mehr über<br />
die eigene Vermehrung. Die bange Frage<br />
lautet vielmehr: Wie viele von uns hält<br />
das Ökosystem Erde aus?<br />
Acht Milliarden Menschen, das sind<br />
acht Milliarden Träume, Wünsche und<br />
Sehnsüchte – nach Erfolg, nach Wohlstand,<br />
nach Mobilität, nach einem guten<br />
Leben. Ein gutes Leben gibt es aber nur<br />
auf einem gesunden Planeten.<br />
Beim Klimaschutz geht es bekanntlich<br />
darum, den menschengemachten globalen<br />
Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius<br />
zu begrenzen, gerechnet vom Beginn<br />
der Industrialisierung (1850–1900) bis<br />
zum Jahr 2100. Zur Erinnerung: 1850 lebten<br />
gerade einmal etwas mehr als eine<br />
Milliarde Menschen auf der Erde, 2100<br />
werden es mindestens zehn Milliarden<br />
sein. Mich überrascht nicht, dass Wissenschaftler<br />
der University of Washington<br />
schon 2017 zu dem Ergebnis kamen, dass<br />
unter Berücksichtigung auch des Bevölkerungswachstums<br />
die Wahrscheinlichkeit,<br />
die 1,5-Grad-Grenze einzuhalten,<br />
bei nur einem Prozent liegt. Selbst drei<br />
Grad seien wahrscheinlicher als zwei<br />
Grad, aber auch fünf Grad seien möglich.<br />
Was ich damit sagen will: Die Begrenzung<br />
der Erderwärmung auf 1,5 Grad bei<br />
einer Verzehnfachung der Erdbevölkerung<br />
kann man vergessen. Auch der Expertenrat<br />
der Bundesregierung für Klimafragen<br />
glaubt nicht daran, dass Deutschland es<br />
schafft, bis 2030 den Ausstoß an Treibhausgasen<br />
um 65 Prozent gegenüber 1990<br />
zu senken. Denn dafür sei in der Industrie<br />
eine zehnfache und beim Verkehr<br />
eine vierzehnfache Minderung der Treibhausgase<br />
pro Jahr erforderlich. Das wird<br />
schon deshalb schwierig, weil wir gerade<br />
verstärkt Kohlekraftwerke ans Netz brin-<br />
DER HAUPTSTADTBRIEF<br />
Entscheidend ist<br />
neben dem Platz<br />
Was der Fußball über die politische Formkurve Deutschlands verrät<br />
Von Eckhard Jesse Seite 2<br />
Mehr Politik<br />
DER HAUPTSTADTBRIEF<br />
erscheint nun digital.<br />
Lesen Sie kostenlos die<br />
aktuelle Ausgabe – den<br />
QR-Code finden Sie<br />
am Ende des Inhaltsverzeichnisses<br />
gen, um das fehlende Erdgas aus Russland<br />
auszugleichen. Nach einer Studie des Verbandes<br />
der Chemischen Industrie (VCI)<br />
wird für das Ziel der Klimaneutralität der<br />
Bedarf der Branche an grünem Strom in<br />
den kommenden rund zehn Jahren auf<br />
628 Terawattstunden steigen. Zum Vergleich:<br />
Das wäre mehr als der derzeitige<br />
gesamte deutsche Stromverbrauch!<br />
Nur zur Klarheit: Dies ist kein Plädoyer<br />
gegen Umwelt- und Klimaschutz, im<br />
Gegenteil. Aber es ist ein entschiedenes<br />
Plädoyer für realistische Ziele und mehr<br />
Realpolitik im Umwelt- und Klimaschutz.<br />
Es hat aus meiner Sicht keinen Sinn,<br />
wenn jede Bundesregierung immer strengere<br />
Grenzwerte und immer engere Zeitpläne<br />
für deren Umsetzung unabhängig<br />
von allen Gegebenheiten beschließt. Diese<br />
Politik aus dem deutschen Wolkenkuckucksheim<br />
bringt uns beim Klimaschutz<br />
nicht weiter. Klimaschutzpläne<br />
ohne China und Indien schützen nur Parteiprogramme,<br />
aber nicht das Weltklima.<br />
Und wir brauchen Antworten darauf, dass<br />
das seit gut einem Jahrhundert steile<br />
Bevölkerungswachstum in den kommenden<br />
Jahrzehnten nicht zu stoppen sein<br />
wird. Die vielleicht bitterste Konsequenz<br />
lautet: Wir sollten uns darauf vorbereiten,<br />
dass die Erderwärmung nicht überoptimistischen<br />
Modellen folgt.<br />
Bei aller Ungewissheit über kommende<br />
Entwicklungen bin ich mir einer Sache<br />
gewiss: Nicht Mega-Planungen aus den<br />
Schubladen politischer Parteien oder<br />
Regierungen werden den Klimawandel<br />
steuern, sondern der menschliche Erfindungs-<br />
und Unternehmergeist sowie<br />
unsere kollektive Vernunft. Entschieden<br />
wichtiger als Aktivisten sind Ingenieure,<br />
wenn unsere Erde acht, neun oder sogar<br />
zehn Milliarden Menschen verkraften soll.<br />
Herzlich Ihr<br />
<strong>FOCUS</strong> <strong>47</strong>/<strong>2022</strong> 3
Ausbauprojekt<br />
Deutschland will<br />
eine schnelle<br />
Energiewende.<br />
Dafür fehlen aber<br />
Stromquellen<br />
und Trassen<br />
Seite 30<br />
Problemkind<br />
Nicht nur Elon<br />
Musk muss Kosten<br />
senken, auch<br />
bei Facebook und<br />
Amazon wird massenhaft<br />
entlassen<br />
Seite 24<br />
Gitarrengott<br />
Der wildeste Sound<br />
von Woodstock:<br />
Nächste Woche<br />
wäre Jimi Hendrix<br />
80 geworden<br />
Seite 82<br />
Weihnachtsbraten<br />
Funky Food zum<br />
Fest: Yotam Ottolenghi<br />
serviert<br />
Truthahn mit Ananas<br />
und Bourbon<br />
Seite 103<br />
Charakterkopf<br />
Meister der menschlichen<br />
Abgründe:<br />
Hollywoodstar<br />
John Malkovich über<br />
Ruhm und Geld<br />
Seite 88<br />
WM-Unikate Für das Turnier in Katar fertigt Adidas neue Schuhe an Seite 62<br />
4 <strong>FOCUS</strong> <strong>47</strong>/<strong>2022</strong>
INHALT NR. <strong>47</strong> | 19. NOVEMBER <strong>2022</strong><br />
ANZEIGE<br />
Titelthema<br />
Wissen<br />
70 Der Speck muss weg<br />
Etwa eine Million Kinder sind hierzulande<br />
übergewichtig. In einer Münchner<br />
Klinik kämpfen sie gegen ihre Kilos<br />
78 „Aus der Krise etwas machen“<br />
Philosoph Wilhelm Schmid sieht in<br />
Energienot und Sparzwängen eine Chance<br />
FORD<br />
E-TRANSIT<br />
48 Mein Haus, mein Kredit,<br />
mein Problem<br />
Die Preise für Immobilien sinken leicht,<br />
doch Kredite werden extrem teuer.<br />
Platzt der Traum vom Eigenheim?<br />
52 <strong>FOCUS</strong>-Liste: Immobilienpreise<br />
Wo sich das Kaufen lohnt<br />
81 Versteckte Galaxien<br />
Astronomen blicken hinter die Milchstraße<br />
Kultur<br />
82 Gott wird 80<br />
Jimi Hendrix’ Einfluss ist bis heute ungebrochen.<br />
Eine Hommage zum Geburtstag<br />
54 Comeback des Bausparens<br />
Die Zinsen sorgen für einen Boom bei Sparverträgen.<br />
Was Verbraucher wissen sollten<br />
86 Die schönsten Nebensachen<br />
Alternativprogramm zur Fußball-WM: die<br />
besten Bücher, Filme und Alben der Woche<br />
Titel: Shutterstock<br />
Fotos: C.Charisius/dpa, instagram.com/elonmuskoffiicial, Ed Caraeff/Iconic Images, Louise Hagger/Photography, Emily Kydd/<br />
Food Styling, Jennifer Kay/Prop Styling, Katy Gilhooly/Food Stylist Assistant, Rii Schroer/eyevine/laif<br />
Agenda<br />
24 Die Web-Wirtschaftskrise<br />
Bestsellerautor Scott Galloway erklärt den<br />
dramatischen Absturz der mächtigsten Konzerne<br />
der Welt. Was ist los im Silicon Valley?<br />
Politik<br />
30 Es werde Licht<br />
Wie schlecht steht es um Deutschlands<br />
Stromnetz? Eine Reise entlang der Leitungen<br />
35 Politischer Datenstrudel<br />
Dreyer besucht MAN, Özdemir macht<br />
Yoga und Hummels entschuldigt sich<br />
36 Zweikampf um Berlin<br />
Die Chaos-Wahl 2021 war ungültig. Jetzt<br />
muss Franziska Giffey um ihr Amt bangen<br />
40 Deutschlands Missverständnis<br />
Der Historiker Heinrich August Winkler<br />
plädiert für neue Allianzen in Europa<br />
44 Der letzte Widerstandskämpfer<br />
Die Taliban verwandeln Afghanistan in einen<br />
Hort des Terrors, warnt Ahmed Massud<br />
46 Risikomanagement in der Krise<br />
Ein Versicherungsexperte erklärt<br />
den richtigen Umgang mit Gefahren<br />
Wirtschaft<br />
56 Revolution auf dem Gleis<br />
Das Schienen-Taxi von Monocab soll für<br />
bessere Anbindungen auf dem Land sorgen<br />
62 Vor der Einwechslung<br />
Ausgerechnet zur WM steckt Adidas<br />
in der Krise. Gelingt dem neuen Chef der<br />
Strategiewechsel? Eine Spurensuche<br />
68 Geldmarkt<br />
88 Being John Malkovich<br />
Wie der Hollywoodstar einmal viel Geld<br />
verlor – und was er dem Nachwuchs rät<br />
Leben<br />
98 Ein Abend mit Yotam Ottolenghi<br />
Der Koch erzählt beim <strong>FOCUS</strong> Inner Circle<br />
von Funky Food und frittierten Krokodilen<br />
103 Das Weihnachtsmenü<br />
Ottolenghis beschwipster Truthahn<br />
106 Der Neue aus Hiroshima<br />
Mit dem CX-60 e-Skyactiv PHEV präsentiert<br />
Mazda sein leistungsstärkstes Auto<br />
Rubriken<br />
3 Editorial<br />
8 Kolumne von<br />
Jan Fleischhauer<br />
11 Nachrichten<br />
12 Fotos der Woche<br />
18 Grafik der Woche<br />
WM-Stadien<br />
20 Menschen<br />
80 Wir müssen reden<br />
Titelthemen sind rot markiert<br />
DER HAUPTSTADTBRIEF<br />
87 Mein Salon<br />
92 Bestseller<br />
92 Impressum<br />
108 Leserbriefe<br />
110 Nachrufe<br />
110 Servicenummern<br />
112 Die Einflussreichen<br />
114 Tagebuch<br />
Jetzt noch mehr Politik im digitalen Format<br />
Der Hauptstadtbrief für <strong>FOCUS</strong>-Leser<br />
Lesen Sie digital und kostenlos<br />
noch mehr Analysen zur<br />
aktuellen Politik. Scannen Sie<br />
dazu einfach diesen QR-Code.<br />
Vollelektrische Hochleistung.<br />
38 Ein Erfolgsmodell wird elektrisch.<br />
Der Ford E-Transit ist das erste<br />
vollelektrische Nutzfahrzeug von Ford.<br />
38 Allzeit bereit dank DC-Schnellladung.<br />
Erfahren Sie, wie schnell der Akku des<br />
Ford E-Transit auflädt.<br />
39 Fährt und fährt und fährt.<br />
Die hohe elektrische Reichweite des<br />
Ford E-Transit ist eine seiner Stärken.<br />
39 Ausgezeichnete Sicherheit.<br />
Der hohe Sicherheitsstandard wurde<br />
von Euro NCAP ausgezeichnet.<br />
39 Noch mehr Vorteile mit Ford Pro .<br />
Entdecken Sie die Highlights des neuen<br />
Vertriebs- und Serviceangebots von Ford.
AGENDA<br />
Wahrzeichen<br />
Über die San Francisco Bay<br />
Bridge führt der schnellste<br />
Weg ins Silicon Valley.<br />
Täglich überqueren 274 000<br />
Fahrzeuge die Brücke<br />
Das Silicon Valley im Süden<br />
San Franciscos ist der Ort, wo<br />
die Tech-Revolution ihren<br />
Ursprung hatte. Genies wie<br />
Steve Jobs bauten ihre Unternehmen<br />
dort auf. Mit den Jahren stiegen<br />
die Mieten in der Stadt in absurde<br />
Höhen. Von der einstigen<br />
Hippie-Kultur blieb nicht viel<br />
24 <strong>FOCUS</strong> <strong>47</strong>/<strong>2022</strong>
SILICON VALLEY<br />
Die Web-Wirtschaftskrise<br />
In kalifornischen Garagen entstanden die mächtigsten<br />
Konzerne der Geschichte. Google, Facebook, Apple<br />
und Amazon veränderten die Welt und machten<br />
ihre Gründer reich. Doch das Silicon Valley erlebt eine<br />
Zeitenwende: historische Kurseinbrüche, Massenentlassungen<br />
und Chaos. Was ist passiert?<br />
Foto: Brittany Hosea-Small/AFP/Getty Images<br />
TEXT VON SCOTT GALLOWAY<br />
25
WIRTSCHAFT<br />
In Schieflage<br />
Die Folgen von Krieg und<br />
Inflation machen sich<br />
auch am Immobilienmarkt<br />
bemerkbar. Wer<br />
dennoch kaufen will,<br />
muss genau rechnen<br />
Mein Haus,<br />
mein Kredit,<br />
meine Sorgen<br />
Die Immobilienpreise fallen – doch Verbraucher<br />
profitieren kaum. Im Gegenteil. Darlehen<br />
werden so teuer, dass viele sie sich nicht mehr<br />
leisten können. Platzt der Traum vom Eigenheim?<br />
TEXT VON VON FELIX HECK, CARLA NEUHAUS,<br />
LARA WERNIG UND MATTHIAS KOWALSKI<br />
48 <strong>FOCUS</strong> <strong>47</strong>/<strong>2022</strong>
TITEL<br />
A<br />
Mit Weitblick<br />
Ilja und Volha Lukin haben ihr<br />
Haus in Dortmund noch gerade<br />
rechtzeitig gekauft. Wenig<br />
später hätten sie es sich aufgrund<br />
der steigenden Zinsen<br />
nicht mehr leisten können<br />
Foto: Maximilian Mann für <strong>FOCUS</strong>-Magazin<br />
Als Sina Zielke die Tür zum Garten öffnet,<br />
schießt Labrador Joshi an ihr vorbei<br />
und tobt durchs Laub. „Die Lage ist ein<br />
Traum für Familien und Hundehalter“,<br />
sagt die 41-Jährige. Das Haus mit der<br />
weißen Fassade und den blauen Fensterläden<br />
liegt im Südwesten Berlins. Doch<br />
von Großstadt merkt man hier nichts. Der<br />
Blick vom Garten fällt auf den angrenzenden<br />
Wald, vereinzelt sind Spaziergänger<br />
zu sehen. Ein paar Gehminuten entfernt<br />
liegt ein See.<br />
Mit dem Kauf des Hauses hat sich Zielke<br />
vor zehn Jahren einen Traum erfüllt.<br />
Seitdem wohnt die gebürtige Berlinerin<br />
hier mit ihren zwei Kindern und Hund<br />
Joshi. Vorher ist sie innerhalb der Hauptstadt<br />
mehrmals umgezogen. Als sie dann<br />
aber das Haus am Waldrand besichtigte,<br />
war klar: „Hier kann ich zur Ruhe kommen,<br />
obwohl es Berlin ist.“ Ein Happy<br />
End also? Mitnichten. Denn obwohl Zielke<br />
an ihrem Haus hängt, will sie es verkaufen.<br />
So schnell wie möglich.<br />
Eine Vernunftentscheidung sei das,<br />
sagt sie. Ihr Haus steht unter Denkmalschutz,<br />
es energetisch umzurüsten wäre<br />
aufwendig und teuer. Schon jetzt ist ihre<br />
Gasrechnung massiv gestiegen. Und<br />
altersgerecht umbauen lässt sich ihr Heim<br />
auch nicht. Dass Zielke bei der Entscheidung<br />
auf ihren Kopf hört statt auf den<br />
Bauch, hat mit ihrem Job zu tun. Sie ist<br />
Maklerin und weiß: Wenn sie verkaufen<br />
will, dann jetzt.<br />
Selbst in Großstädten fallen die Preise<br />
Denn am Immobilienmarkt passiert gerade<br />
etwas, was noch vor einem Jahr undenkbar<br />
schien. Häuser, die früher innerhalb<br />
weniger Tage weg gewesen wären, werden<br />
auf einmal auch Monate später noch<br />
zum Verkauf angeboten – teils mit kräftigen<br />
Abschlägen. Selbst in Großstädten<br />
wie Hamburg, Frankfurt und Stuttgart fallen<br />
die Preise. Eine Auswertung von<br />
49
Ottolenghis Weihnachtsmenü<br />
KOLUMNE<br />
Folge 193: Entspannte Köche planen langfristig, meint Yotam Ottolenghi. Die Feiertage kommen<br />
ja erfahrungsgemäß immer früher, als man denkt. In diesem Sinne: eine wunderbare Adventszeit!<br />
DAS HAUPT-<br />
GERICHT:<br />
KLASSISCH,<br />
ABER FUNKY<br />
STATT<br />
KLÖSSEN<br />
MANIOK MIT<br />
KORIANDER<br />
STATT<br />
ROTKOHL<br />
BUNTER<br />
MANGOLD<br />
Wenn man eine kleine<br />
Gruppe mit ei -<br />
nem komplexen,<br />
backofenlastigen<br />
Menü bewirten will<br />
und dabei alles so<br />
aussieht (und sich hoffentlich auch<br />
so anfühlt), als würden Sie, der fleißige<br />
Gastgeber, sich bestens amüsieren,<br />
dann ist gute Planung un -<br />
erlässlich. Den Vogel sollten Sie<br />
bald bestellen – wählen Sie einen<br />
aus Freilandhaltung! Am Feiertag<br />
brutzelt er dann die meiste Zeit<br />
allein vor sich hin. Meine kreolische<br />
Zubereitungsart mit Ananas<br />
und Bourbon lässt den Braten<br />
schön saftig bleiben.<br />
Die Tarte zum Dessert können<br />
Sie am Tag der Tage direkt aus dem<br />
Kühlschrank präsentieren – oder<br />
Sie schieben sie in den Ofen, wenn<br />
der Truthahn auf dem Tisch steht.<br />
Diese französische Apfel tarte ist<br />
außen knusprig und gleichzeitig<br />
innen herrlich weich und be -<br />
schwipst. Das Marzipan ist nicht<br />
traditionell, schmeckt aber fantastisch<br />
und ergibt in weihnachtlichem<br />
Setting durchaus Sinn.<br />
■<br />
WÜRZIGER KREOLISCHER TRUTHAHN MIT BOURBON UND ANANAS<br />
Für 8 Personen (und es bleibt viel übrig); Vorbereiten: 20 Minuten; Garen und Fertigstellen: 3 Stunden 20 Minuten<br />
Foto: Louise Hagger/Photography, Emily Kydd/Food Styling, Jennifer Kay/<br />
Prop Styling, Katy Gilhooly/Food Stylist Assistant<br />
150 g Ghee;<br />
50 g Oregano – die Blätter abzupfen (etwa 30 g),<br />
die Stiele beiseitelegen;<br />
4 rote Chilischoten – grob gehackt;<br />
12 Knoblauchzehen – geschält;<br />
50 g Tomatenmark;<br />
1 EL geräuchertes Paprikapulver;<br />
4 EL Bourbon, plus 2 EL für die Sauce;<br />
Salz und frisch gemahlener schwarzer Pfeffer;<br />
1 Truthahn (6 bis 7 kg) mit Innereien;<br />
200 g Schalotten – geschält und geviertelt;<br />
2 Dosen Ananasstücke in Saft (à 220 g);<br />
500 ml Ananassaft;<br />
1 EL heller Rohrzucker;<br />
3 Biolimetten –<br />
eine halbiert, die anderen geviertelt<br />
Den Backofen auf 200 °C vorheizen. Vom Ghee 135 g<br />
in den Mixer geben. Oreganoblätter, Chilis, Knoblauch,<br />
Tomatenmark, Paprika, Bourbon, 1 TL Salz und 1 TL<br />
Pfeffer hinzufügen. Alles glatt pürieren. Bei Zimmertemperatur<br />
beiseitestellen. Die Innereien in ein tiefes<br />
Backblech (38 x 32 cm) legen. Oreganostiele, Schalotten,<br />
Ananasstücke mitsamt ihrem Saft sowie den Ananassaft<br />
und den Zucker hinzufügen. Ein Gitter auf das<br />
Blech legen. Den Truthahn trocken tupfen, dann außen<br />
rundherum mit dem restlichen Ghee einreiben. Innen<br />
und außen mit 2 TL Salz und reichlich Pfeffer würzen.<br />
Die Ghee-Bourbon-Mischung mit den Limettenhälften<br />
in die Bauchhöhle füllen. Die Beine mit Küchengarn zusammenbinden.<br />
Den Vogel auf das Gitter legen, 1 Stunde braten,<br />
dann drehen und mit der Flüssigkeit aus dem Blech bestreichen.<br />
Alle 30 Minuten wiederholen und weitere<br />
2 Stunden 20 Minuten garen. Zur Garprobe an der<br />
dicksten Stelle einstechen: Die herausrinnende<br />
Flüssigkeit darf nicht mehr rosa sein. (Ein Fleischthermometer<br />
sollte 74 °C anzeigen.) Wenn er zu<br />
stark bräunt, den Truthahn mit Alufolie bedecken und<br />
diese 20 Minuten vor Ende der Garzeit entfernen.<br />
Aus dem Ofen nehmen, locker mit Alufolie bedecken<br />
und mindestens 30 Minuten ruhen lassen.<br />
Mit einem Löffel die Oreganomischung aus der<br />
Bauchhöhle auf das Blech schaben, dann den Truthahn<br />
auf eine Platte heben, mit Alufolie bedecken. Oreganostiele<br />
und Innereien vom Blech nehmen und entsorgen.<br />
Bratrückstände vom Blech losschaben. Die restlichen<br />
2 EL Bourbon in das Blech geben, und das Blech für<br />
15 Minuten wieder in den Ofen schieben, bis die Sauce<br />
brodelt und dickflüssig ist. Mit den Limettenvierteln<br />
zum Truthahn servieren.<br />
<strong>FOCUS</strong> <strong>47</strong>/<strong>2022</strong> 103