Typisch Bertolf
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Stephan <strong>Bertolf</strong><br />
FOTO<br />
BERTOLF<br />
TYPISCH<br />
BASEL
Diese Publikation wurde von den folgenden Institutionen gefördert:<br />
Hans und Renée Müller-Meylan Stiftung<br />
Willy A. und Hedwig Bachofen-Henn-Stiftung<br />
Swisslos-Fonds Basel-Stadt<br />
Wilhelm und Ida Hertner-Strasser Stiftung<br />
Elisabeth Jenny-Stiftung<br />
Basler Stiftung Bau & Kultur<br />
Ruth und Paul Wallach-Stiftung<br />
Restaurant Safran Zunft<br />
Alle Rechte vorbehalten<br />
© 2022 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel<br />
Herausgeber:<br />
Projektleitung:<br />
Layout:<br />
Lektorat:<br />
Umschlag:<br />
Stephan <strong>Bertolf</strong><br />
Alfred Rüdisühli<br />
Romana Stamm<br />
Daniel Lüthi<br />
Foto Hans <strong>Bertolf</strong>, «Zeichner im Rheinhafen»<br />
Gestaltung: Stephan <strong>Bertolf</strong>, Romana Stamm<br />
ISBN 978-3-7245-2578-3<br />
Der Friedrich Reinhardt Verlag wird vom Bundesamt für Kultur<br />
mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.<br />
www.reinhardt.ch
Stephan <strong>Bertolf</strong><br />
Foto <strong>Bertolf</strong><br />
<strong>Typisch</strong> Basel<br />
501 Blicke auf Basel<br />
FRIEDRICH REINHARDT VERLAG BASEL
Fotografieren ist ziemlich einfach.<br />
Man reagiert einfach auf das, was man sieht.<br />
Elliott Erwitt
INHALT<br />
Vorwort 6<br />
1 TYPISCH BERTOLF 9<br />
Perlen, Perlen 10 | Foto Hans <strong>Bertolf</strong> 80 | Im Zolli 89 |<br />
Vorfasnächtliches 101 | Jahreszeiten 111<br />
2 TYPISCH PRESSEFOTOGRAFIE 139<br />
Immer im Bild 140 | Polizei, Feuerwehr, Militär 159 |<br />
Unterwegs 184<br />
3 TYPISCH BASEL 203<br />
Alltagsgeschichten 204 | Baustellen 238 |<br />
Vo Bettige zum Nodlebärg 261 | Kunst und Kultur 292 |<br />
Galerie 332<br />
Nachwort 338<br />
Dank 339<br />
Bildnachweis 340
VORWORT<br />
Hans <strong>Bertolf</strong> war einer der populärsten Basler Pressefotografen<br />
seiner Zeit. Sein fotografisches Werk entstand während<br />
der Kriegsjahre und in den drei Jahrzehnten danach. Es war<br />
eine Zeit, in der Basel einschneidende Veränderungen erfuhr.<br />
Ganze Quartiere bekamen neue Gesichter. Der Verkehr<br />
forderte immer mehr Raum. Und vor allem beschritt das<br />
kulturelle und gesellschaftliche Leben neue Wege. <strong>Bertolf</strong>s<br />
Bilder sind exzellente Zeugnisse dieser Epoche. Manche seiner<br />
Bilder sind heute noch präsent, zirkulieren in Zeitungen<br />
oder Büchern, an Ausstellungen, im Internet oder an verschiedensten<br />
anderen Orten. Beim Durchblättern dieses<br />
Buches kommen manche Erinnerungen und Geschichten<br />
hoch – und garantiert werden Gefühle wach.<br />
Der zeitliche Abstand zur Schaffenszeit von Hans <strong>Bertolf</strong> ist<br />
noch nicht so gross, dass sich seine Fotografien und die von<br />
ihm festgehaltenen Ereignisse aus unserer Erinnerung hätten<br />
stehlen können. Gewohnheiten und Wahrnehmungen<br />
mögen sich verändert haben, in Vergessenheit geraten sind<br />
diese Momentaufnahmen aber nicht. In ihnen zu stöbern,<br />
macht dieses Buch zu einem besonderen Vergnügen. Es<br />
zeigt – durch die Linse des Fotografen Hans <strong>Bertolf</strong> – einen<br />
liebevollen Blick auf Basel und seine Menschen, auf das Leben<br />
in dieser Stadt am Rhein mit all seinen Veränderungen<br />
und Entwicklungen.<br />
Was hat mich als Sohn von Hans <strong>Bertolf</strong> bewegt, dieses Buch<br />
herauszugeben? Mein Zugang zum Fotografen, zur Fotografie<br />
und zu Basel ist ungetrübt. Es war für mich immer klar, dass<br />
das Werk meines Vaters nicht irgendwo verstauben darf, und<br />
dass es den Menschen, die sich dafür interessieren, zugänglich<br />
sein soll. Obwohl ich dies mit meinem Vater nie besprochen<br />
hatte, fühle ich mich von dieser Idee getragen und<br />
auch ein wenig verantwortlich dafür. Die Umsetzung war ein<br />
intensiver Prozess – das Resultat ist verblüffend einfach. Das<br />
Buch besteht aus drei Abschnitten: <strong>Bertolf</strong> – Pressefotografie<br />
– Basel. Jeder Abschnitt ist in drei bis fünf thematische<br />
Kapitel gegliedert, für die ich in tage- und nächtelanger<br />
Arbeit aus über 120 000 Fotografien schliesslich 501 ausgesucht<br />
habe. Diese Auswahl ist ganz persönlich geprägt. Sie<br />
ist nachdenklich, anarchisch, witzig, berührend, kritisch, politisch<br />
unkorrekt und sogar auch politisch korrekt. Schliesslich<br />
weiss ich, wie mein Vater tickte – er hätte es so gewünscht.<br />
Jedes Kapitel wird mit einem Essay eingeleitet. Für jedes davon<br />
suchte ich eine Autorin oder einen Autor mit jeweils ureigenem<br />
Zugang zum Abgebildeten. Die Zusammenarbeit mit<br />
dieser Gruppe, die sich schliesslich an die Arbeit machte,<br />
war beeindruckend. Die Fotografien kannte ich ja, und ich<br />
war von der Grossartigkeit überzeugt. Dazu kamen nun die<br />
Ideen von den Autorinnen und Autoren, das war schlicht<br />
umwerfend. So viel Kompetenz, Freude und Kreativität zu erleben<br />
bleibt mir unvergesslich. Jedes Essay wurde zu einem<br />
Schmuckstück.<br />
Mein Vater Hans <strong>Bertolf</strong> erfuhr seine Ausbildung Ende der<br />
1920er-Jahre am Bauhaus in Dessau. Seine frühen Berufsjahre<br />
verbrachte er in Dessau, Kopenhagen und in Berlin.<br />
Infolge der Machtergreifung der Nationalsozialisten kehrte<br />
er nach Basel zurück. Sein fotografisches Vermächtnis entstand<br />
ab 1940. 1976, während eines Auftrages, drückte er<br />
den Auslöser seiner Hasselblad-Kamera zum letzten Mal.<br />
Sein wichtigster Auftraggeber war die Basler National-Zei-<br />
6
tung. Daneben bediente er diverse weitere regionale und<br />
nationale Zeitungen und Zeitschriften. Es war ihm wichtig,<br />
freischaffend zu sein. Hans <strong>Bertolf</strong> gehörte zum Stadtbild. Für<br />
die National-Zeitung war er jeden Tag 24 Stunden erreichbar<br />
und dies 52 Wochen pro Jahr.<br />
Dass manche seiner Bilder immer noch in Erinnerung sind,<br />
liegt an der persönlichen Bildsprache von Hans <strong>Bertolf</strong>, an<br />
seiner präzisen Beobachtungsgabe, an seinem feinen Humor<br />
mitunter. In diesem Band kommt das immer wieder zum<br />
Ausdruck. Sichtbar werden aber auch die damals typische<br />
Art der Pressefotografie, der Alltag in Basel und das Stadtbild.<br />
Hans <strong>Bertolf</strong>s Bildsprache lässt die Betrachter nicht unberührt,<br />
egal ob es sich um ein stimmungsvolles Bild am<br />
Rheinweg oder um die nüchterne Eröffnung einer Baustelle<br />
handelt. Das Buch «Foto <strong>Bertolf</strong> – <strong>Typisch</strong> Basel» widerspiegelt<br />
den damaligen Zeitgeist auf seine ganz eigene Art. Es<br />
möchte diesen keinesfalls kommentieren, sondern schlicht<br />
dokumentieren und nachfühlen.<br />
Die Pressefotografie zur Zeit von Hans <strong>Bertolf</strong> ist kaum vergleichbar<br />
mit der heutigen. Deshalb lohnt sich ein Blick auf<br />
die wesentlichen Unterschiede. In Basel existierten neben<br />
der «National-Zeitung» die «Basler Nachrichten». Beide Zeitungen<br />
erschienen täglich mit einem Morgen- und einem<br />
Abendblatt. Fotografien waren darin eher Mangelware. Im<br />
Regionalteil erschienen nur wenige Aufnahmen. Wer eine<br />
Zeitung kaufte, vertiefte sich in die Lektüre. Wenn aber ein<br />
Artikel bildlich dokumentiert werden musste, griff die Redaktion<br />
zum Telefon und wählte die Telefonnummer 24’71’14.<br />
Wenige Minuten darauf war dann Hans <strong>Bertolf</strong> unterwegs,<br />
um das Geschehnis fotografisch festzuhalten, anschliessend<br />
in der Dunkelkammer die Abzüge herzustellen und sie sofort<br />
zur NZ am Aeschenplatz zu bringen.<br />
Hans <strong>Bertolf</strong> war Fotograf mit Leidenschaft und Liebe. Für<br />
ihn war es selbstverständlich, dass er allem, was er fotografierte<br />
– insbesondere Menschen, Tieren und der Natur –, mit<br />
Respekt und Rücksicht gegenübertrat. Neugier war für ihn<br />
ausschliesslich in positivem Sinn gemeint. Er war ein genauer<br />
und diskreter Beobachter und sehr schnell, wenn die Situation<br />
es verlangte. Sein feines Gespür für Humor blitzt in seinen<br />
Bildern immer wieder auf. Ebenso seine Liebe zum Zolli, zur<br />
Natur, zu Mitmenschen, zu Basel und zur Fasnacht. Die Aussagekraft<br />
und die Intensität seiner Fotografien trugen dazu<br />
bei, dass «Foto <strong>Bertolf</strong>» eine Referenz für die bildliche Dokumentation<br />
von Basel wurde. Daran änderte sich bis heute<br />
nichts, und davon soll dieses Buch zeugen.<br />
Hans <strong>Bertolf</strong>s fotografisches Vermächtnis liegt beim Staatsarchiv<br />
des Kantons Basel-Stadt. Ein Teilbestand aus seiner frühen<br />
Schaffenszeit liegt beim Kabinett Herzog und de Meuron,<br />
welches diese Fotografien für das vorliegende Buch<br />
nicht zur Verfügung stellte. Die professionelle Pflege und<br />
Wertschätzung des Nachlasses im Staatsarchiv Basel-Stadt<br />
ermöglichten die Realisierung dieses Buches. Das lebhafte<br />
Interesse an Hans <strong>Bertolf</strong>s Fotografien ermutigte mich dazu.<br />
Stephan <strong>Bertolf</strong>, im Herbst 2022<br />
7
Teil 1<br />
TYPISCH BERTOLF
PERLEN, PERLEN …<br />
BUMM ! ! !<br />
Zum Anfang ein Paukenschlag,<br />
und der muss sitzen!<br />
Wie an einer Kette werden<br />
in diesem Kapitel unzählige<br />
fotografische Perlen aneinander<br />
gereiht. Deren Reihenfolge<br />
ist unbedeutend.<br />
Wichtig ist ausschliesslich,<br />
dass jede dieser Perlen Gefühle<br />
bewirkt. Wichtig ist, dass<br />
jede einzelne dieser Perlen<br />
berührt, Spass macht, zum<br />
Nachdenken anregt und<br />
Freude, Spannung sowie Lust<br />
zum Weiterblättern hervorruft.<br />
Was könnte das besser bewirken<br />
als diese Fotografie eines<br />
«Binggis» am Tag der Offenen<br />
Tür der Basler Orchestergesellschaft<br />
(BOG)?<br />
BOG, Offene Tür | 24.5.1975<br />
10
Elefantenrüssel | 27.3.1946<br />
NE RIEN DONNER S.V.P.<br />
1946 war im Zolli das Füttern der Tiere noch gestattet. Zum Glück für diese Aufnahme! Während sich der Elefant auf seinen Getreidewürfel<br />
freut, wächst auch die Vorfreude auf die vielen fotografischen Perlen dieses Kapitels. Aber es gilt sich festzuhalten,<br />
denn gleich macht es noch zweimal Bumm …<br />
11
EINE HUNDERTSTELSEKUNDE<br />
Essay von Stephan <strong>Bertolf</strong><br />
1/100-Sekunde: Was geschah zuvor? Was folgt danach? In<br />
der Fotografie entscheidet eine Hundertstelsekunde zwischen<br />
gut und schlecht, zwischen scharf und verschwommen.<br />
Und ja, auch zwischen oberflächlich und tiefgreifend.<br />
Der Pressefotograf erhält seinen Auftrag von der Redaktion.<br />
Er macht sich schon auf dem Weg zum «Tatort», im Kopf sein<br />
Bild: Was ist wichtig für die Zeitung, was für mich als Fotograf<br />
und was für den Betrachter? Der Fotograf ist frühzeitig an Ort<br />
und betrachtet die Szenerie von allen Seiten. Er geht näher<br />
und wieder auf Distanz. Wenn die Darsteller dann kommen,<br />
bleibt keine Zeit mehr. Dann zählt nur noch das Tempo. Dann<br />
muss alles sitzen.<br />
Ein Betrachter nimmt das Bild nicht gleich wahr wie der Fotograf,<br />
denn er sieht in der Regel nur das fertige, perfekte Bild.<br />
In seinen Gedanken formt er sich daraus sein eigenes Bild,<br />
welches er unbewusst in eine Geschichte verwebt. Seine<br />
Wahrnehmung geht instinktiv vom Bild weg und verfängt<br />
sich in Fragen wie: Was ist die Geschichte dahinter, was führte<br />
zu diesem Augenblick und was geschah danach?<br />
Gleich auf dem ersten Bild dieser Foto-Perlen steht ein kleiner<br />
Bub hinter einer grossen Pauke. Es ist «Offener Tag» bei<br />
der BOG, der Basler Orchester-Gesellschaft. Er darf zur Probe<br />
auf die Pauke schlagen. Man sieht ihm den Respekt an.<br />
Was passiert, wenn es Bumm macht? Wird er erschrecken?<br />
Wird er sich freuen, wird er staunen, werden seine Augen<br />
Kontakt zu seinen Eltern suchen? Wird er vielleicht an jenen<br />
Augenblick zurückdenken, wenn er später ein Instrument<br />
erlernen darf? Anders die Karambolage zwischen der Hafenbahn<br />
und dem Tram bei der Hüningerstrasse. Das sieht<br />
spektakulär aus. Wie nur kam es zu diesem Bumm? Weshalb<br />
erfassten der Lokomotiv- und der Wagenführer des Trams<br />
die Situation zu spät? Was war mit den Fahrgästen im Tram?<br />
Wie verarbeitete der Billeteur seinen Schrecken? Die Sprengung<br />
des Merianflügels beim Bürgerspital verursachte ein<br />
noch viel lärmigeres Bumm. Zudem schwebte unmittelbar<br />
danach eine weit herum sichtbare Staubwolke in der Luft.<br />
Wie sah die Umgebung aus, nachdem sich all der Staub gelegt<br />
hatte? Wie viele Polizisten schützten die Passanten und<br />
Verkehrsteilnehmer in den umliegenden Strassen? Wie sah<br />
die Ruine im Nachhinein aus?<br />
Alle diese Szenen sind dann letztlich auf eine Hundertstelsekunde<br />
reduziert. Hans <strong>Bertolf</strong> als Fotograf hat jede davon im<br />
Kopf ausgesucht und vorbereitet. Bestimmt hat er unzählige<br />
verworfen, aber wenn ihn eine berührte, hat er diese möglichst<br />
nach seiner Vorstellung eingefangen. Bei der Entstehung<br />
machte er sich Gedanken: Wann belichte ich, wann<br />
drücke ich ab, jetzt ist es am besten, besser wird es mit grosser<br />
Wahrscheinlichkeit nicht. Klick! Und bestimmt schaute er danach<br />
zu, wie sich die Szene weiter entwickelte.<br />
In Gedanken habe ich Jahrzehnte später etwas Ähnliches<br />
getan. Zuerst beim Heraussuchen von Fotografien aus dem<br />
riesigen Archiv, danach beim Zusammenstellen ausgewählter<br />
Aufnahmen zu einem Bildband und ein weiteres Mal<br />
beim Verfassen der Bildbeschreibungen. Bei zahlreichen<br />
Fotografien fragte ich mich, wie die Geschichte wohl begann<br />
und wie sie ausging. Ich habe mich berühren lassen.<br />
Und ich habe mir erlaubt, hier im Kapitel «Perlen» selbst neue<br />
Geschichten und Zusammenhänge anzubieten.<br />
12
Bei manchen dieser fotografischen Perlen erübrigt sich ein Text,<br />
sie stehen für sich, ihre Qualität spricht für sich. Andere wiederum<br />
habe ich einander gegenüber gestellt, weil sie zusammen<br />
eine neue Geschichte ergeben, weil ihre Geschichten<br />
in einem augenfälligen Bezug zueinander stehen, einen gemeinsamen<br />
Nenner aufweisen. Das kann Harmonie sein, Widerspruch,<br />
Schmerz, Freude, Überraschung, aber auch vieles<br />
mehr. Das gilt es nun beim Betrachten dieser Fotografien selbst<br />
herauszufinden, und ja, es soll herausfordern und Zeit kosten.<br />
Ein Beispiel gefällig? Auf den ersten Blick haben die Soldaten,<br />
welche nur wenige Seiten weiter hinten in ein Schaufenster<br />
blicken, überhaupt nichts zu tun mit den Jugendlichen, welche<br />
im Musikgeschäft Schallplatten hören. Es trennen sie<br />
Jahrzehnte und doch besteht ein gemeinsamer Nenner: Es<br />
sind ihre Träume, welche diese Menschen verbinden. So unterschiedlich<br />
die Ereignisse auf diesen zwei Fotografien sind,<br />
so verbindend sind die Gefühle der Menschen, die darauf<br />
gezeigt werden.<br />
Zwei andere Beispiele? Das Foto des beleibten Soldaten mit<br />
Jahrgang 1925, der sich am Tag seines Austrittes aus der<br />
Wehrpflicht dem damals noch offerierten Schüblig widmet,<br />
steht hier im Buch direkt neben der Fotografie vom Quartierlädeli,<br />
in dem zarte Bohnen und gratis Kochäpfel angeboten<br />
werden – ein unüblicher, aber naheliegender Vergleich!<br />
Oder die Aufnahme des Monteurs, welcher auf einer hohen<br />
Leiter scheinbar schwindelfrei in der Freien Strasse die Weihnachtsbeleuchtung<br />
befestigt – neben der Aufnahme der<br />
jungen Männer, welche ein paar Tage vor der Herbstmesse<br />
ebenso artistisch die Achterbahn aufrichten.<br />
Fotografien dokumentieren nicht einfach nur Geschehnisse,<br />
sondern sie erzählen Geschichten, obwohl sie nur den<br />
einen kurzen Augenblick, eben eine Hundertstelsekunde,<br />
festhalten. Die Perlen in diesem Kapitel tun dies in ganz besonderem<br />
Masse. Den Ausgang und Zusammenhang dieser<br />
Geschichten bestimmen die Betrachterinnen und Betrachter.<br />
Das Betrachten einer Fotografie geht schnell. Es zischt<br />
wie das Reiben eines Streichholzes an der Schwefelseite<br />
der Schachtel. Das Aufleuchten der Flamme entscheidet<br />
über Gefallen oder Nicht-Gefallen. Und noch viel wichtiger<br />
– auch über das Empfinden und Berührtwerden. Das<br />
Aufleuchten dauert nicht lang, manchmal nur eine Sekunde.<br />
Aber das Berührtsein hält an, und meistens entwickelt<br />
es sich lange nach dem ersten Eindruck noch weiter und<br />
verändert sich. So kann eine Fotografie, eine auf eine Hundertstelsekunde<br />
verdichtete Geschichte, vieles auslösen<br />
und über den Moment des Betrachtens hinaus dauerhaft<br />
nachwirken.<br />
Was das jetzt alles mit Perlen zu tun hat? Jede der 69 Fotografien<br />
in diesem Kapitel weist so viel Glanz auf, dass es sich<br />
lohnt, sie einzeln zu betrachten. Ich traf diese Wahl mit Neugier,<br />
Lust und Freude. Manchmal auch mit Schmerz. Viele<br />
dieser Perlen habe ich in Bezug zu einer anderen Perle gestellt.<br />
So entstehen neue Situationen, neue Geschichten, von<br />
denen Hans <strong>Bertolf</strong> nichts wissen konnte. Diese Perlen sind<br />
«typisch <strong>Bertolf</strong>», Ausdruck der Arbeitsweise und des Könnens<br />
von Hans <strong>Bertolf</strong> – und zugleich verführen sie hoffentlich<br />
dazu, neu berührt zu werden, viele Hundertstelsekunden<br />
lang.<br />
13
Bürgerspital, Sprengen des Merianflügels | 24.9.1970
BUMM ! ! !<br />
Wie beim Bumm im Musiksaal<br />
knallte es auch hier, und zwar<br />
sehr laut, als der Merianflügel<br />
des Bürgerspitals gesprengt<br />
wurde. «Zehn Minuten vor der<br />
Zündung hatte ein beträchtliches<br />
Polizeiaufgebot dafür<br />
zu sorgen, dass sämtlicher<br />
Fussgänger- und Fahrzeugverkehr<br />
umgeleitet wurde.»<br />
So berichtete 1970 die Basler<br />
National-Zeitung, die «Nazi»,<br />
wie sie von allen Baslern<br />
genannt wurde. Allerdings<br />
wehrte sich der turmartige<br />
Teil des Gebäudes und musste<br />
in der Folge mit der Spitzhacke<br />
konventionell abgerissen<br />
werden.<br />
BUMM ! ! !<br />
An jenem Montag, den<br />
13. Oktober 1958, kurz vor<br />
12 Uhr mittags, rammte eine<br />
Dampflok mit rund 20 Güterwagen<br />
ein herannahendes<br />
BVB-Tram der Linie 5. Ausser<br />
dem Billeteur, der nur leicht<br />
verletzt wurde, befanden<br />
sich glücklicherweise keine<br />
Fahrgäste im Tram. Am Anhängewagen<br />
entstand Totalschaden.<br />
Dreimal knallte es laut. So beginnt<br />
dieses Buch. Von jetzt<br />
an wird es leiser – teilweise …<br />
Zusammenstoss Hafenbahn – Tram | 13.10.1958<br />
15
Abbruch St. Jakobs-/Gartenstrasse | 30.9.1963
ALT UND NEU<br />
In den 1950er- und 1960er-<br />
Jahren erfuhren zahlreiche<br />
Quartiere markante Veränderungen.<br />
Bestehendes und<br />
Vertrautes musste weichen,<br />
dafür entstand Neues, Funktionelles<br />
und Spannendes.<br />
Was sich dieser ältere Herr<br />
hier an der St. Jakobs-Strasse<br />
dabei wohl dachte?<br />
Die Aeschenvorstadt, auf<br />
dem Bild ist der Gasthof zum<br />
Goldenen Sternen («dr Stärne»)<br />
zwischen Aeschenplatz<br />
und Sternengasse zu sehen,<br />
scheint beinahe dem Mittelalter<br />
entsprungen. Kleine Läden<br />
und Beizen wechselten<br />
in bunter Reihenfolge. Was<br />
für eine wunderbare Kulisse!<br />
Die Vespas im Vordergrund<br />
reflektieren bereits die Moderne.<br />
Alt und neu!<br />
Aeschenvorstadt, Goldener Sternen | 28.4.1964<br />
17
ENDLICH FRÜHLING<br />
Bald ist Mustermesse – alles<br />
musste leuchten und strahlen!<br />
Die Stadtgärtnerei trug<br />
das Ihre dazu bei. Aber Achtung:<br />
Das Betreten des Rasens<br />
war streng verboten,<br />
denn schliesslich galt der<br />
Centralbahnplatz als Basels<br />
Visitenkarte.<br />
Zwei Tramstationen weiter<br />
strahlten die Magnolien vor<br />
der Pauluskirche. Der Frühling<br />
war endgültig angekommen.<br />
Es war der 3. April 1960, nur<br />
wenige Wochen vor Ostern.<br />
Die Kirchgänger waren festlich<br />
gekleidet, und die Sonne<br />
lud dazu ein, vor dem Gang<br />
in die Kirche die prächtige<br />
Blumenanlage zu bewundern<br />
und sogar für ein Erinnerungsfoto<br />
zu posieren.<br />
Stadtgärtner beim Bahnhof | 10.6.1962<br />
18
Magnolien, Pauluskirche | 3.4.1960
ZWEI TRÄUME:<br />
HOCHZEITSKLEIDER UND<br />
DEEP PURPLE IN ROCK<br />
Träume sind unberechenbar.<br />
Sie holen einen nicht nur<br />
nachts im Schlaf ein.<br />
Diese Soldaten wurden von<br />
ihren Träumen wohl tagsüber<br />
und mitten in Basel eingeholt<br />
– vor einem Schaufenster mit<br />
Kleidern für Braut und Bräutigam.<br />
Hatten sie Ausgang?<br />
Hatten sie Urlaub? Was ging<br />
wohl in ihren Köpfen vor?<br />
Doch Träume verändern sich.<br />
25 Jahre später schlüpften<br />
die Helden der Pop-Musik<br />
in die Träume dieser jungen<br />
Menschen und gaben der<br />
Sehnsucht ein ganz anderes<br />
Gesicht.<br />
Aktivdienst | 1944–1945<br />
20