Baumeister 2/2023
Dach
Dach
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B2<br />
B A U<br />
Februar 23<br />
120. JAHRGANG<br />
Das Architektur-<br />
Magazin<br />
MEISTER<br />
Immer<br />
die da oben:<br />
Dächer<br />
4 194673 017505<br />
02<br />
D 17,50 €<br />
A,L 19,95 €<br />
CH 2 4 , 9 0 S F R
B2<br />
Editorial<br />
COVERFOTO: TARAN WILKHU<br />
Liebe Leserinnen und Leser,<br />
wer ein Haus bauen will, der muss ein Dach<br />
bauen. Ohne geht es nicht! Es kann Nur -<br />
dach häuser geben, aber keine „Nurwandhäuser“.<br />
An dieser für Jahrtausende unumstöß<br />
lichen Regel meldete die Moderne<br />
Zweifel an. Und wurde dafür immer wieder<br />
an den Pranger gestellt. Das Unwohlsein mit<br />
den neuen F ormen, Proportionen und Architekturele<br />
menten endete dabei nicht mit<br />
dem Unter gang der nationalsozialis tischen<br />
Schreckens herrschaft. So wollte 1948 der<br />
Kunsthistoriker Hans Sedlmayr in seinem<br />
gleichermaßen erfolgreichen wie (zu Recht)<br />
heftig umstrit tenen Buch „Verlust der Mitte“<br />
einen dominanten Zug in der modernen Architektur<br />
erkannt haben: „die Möglichkeit,<br />
oben und unten zu vertauschen, womit die<br />
Vorliebe für das flache Dach zusammenhängt“.<br />
Als Ausgangspunkt dieser Entwicklung<br />
machte Sedlmayr Claude-Nicolas<br />
Ledoux‘ berühmte Architekturfantasie eines<br />
Kugelhauses aus dem Jahr 1770 aus. Ledoux‘<br />
„maison des gardes agricoles“ ist tatsächlich<br />
der Fall eines Hauses ohne Wände oder<br />
Dach – je nach Sichtweise –, bei der alle<br />
Funktionen in einer Sphärenform untergebracht<br />
sind. Der französische Architekt hat<br />
mit seinem uto pischen Entwurf bereits vor<br />
250 Jahren die klassische Unterscheidung<br />
zwischen diesen beiden Bauteilen überwunden<br />
– einen Schritt, den wir in der architektonischen<br />
Praxis eben erst zu gehen bereit<br />
sind. Das scheint auf den ersten Blick banal,<br />
ist aber eine Zäsur in der Architekturgeschichte.<br />
In Sedlmayrs Augen wäre die Übersetzung<br />
dessen, was Ledoux nur imaginiert<br />
hat, in gebaute Architektur fraglos ein<br />
weiterer Schritt auf den Abgrund zu. Für ihn<br />
manifestierte sich in seinen Beobachtungen<br />
an der Moderne das hereinbrechende<br />
Chaos, die Auflösung des humanistischen<br />
Menschenbilds. Seine Schreckensszena rien<br />
scheinen uns heute, nach dem triumphalen<br />
Siegeszug der modernen Architektur, die<br />
seitdem stattgefunden hat, aus der Luft gegriffen.<br />
Dennoch müssen wir uns ganz wertfrei<br />
und ohne Untergangsvisionen vor Augen<br />
auch architekturtheoretisch mit der Frage<br />
auseinandersetzen: Was bedeutet es, wenn<br />
wir zukünftig die fast axiomatische Trennung<br />
von Wand und Dach aufgeben? Einige<br />
Hinweise in diese Richtung gibt Kjetil Trædal<br />
Thorsen in unserem Interview in diesem<br />
Heft (siehe S. 12).<br />
Derzeit allerdings hat ein anderes Dach-<br />
Thema Hochkonjunktur: Wie können wir die<br />
toten Dachlandschaften über unseren Köpfen<br />
intelligent nutzen, etwa als öffentlichen<br />
Raum?<br />
Unter dem Dach waren lange die schlechtesten<br />
Räume des Hauses, wo die Dienstboten<br />
untergebracht wurden. Heute sind<br />
unter dem Dach oftmals die teuersten<br />
Wohnungen, die Penthäuser, die Präsidenten<br />
suiten. Der Fahrstuhl hat die Beletage bis<br />
in das oberste Stockwerk transportiert. Wäre<br />
es nicht schön, wenn das Dach in einer<br />
nächsten Entwicklungsstufe zu einem Ort<br />
für alle werden würde – ganz wie es die<br />
Moderne bereits früh erträumt hat (siehe<br />
Essay S. 18)?<br />
Fabian Peters<br />
f.peters@georg-media.de<br />
@baumeister_architekturmagazin
Ideen<br />
Fragen<br />
Lösungen<br />
5<br />
24<br />
Design District<br />
in London<br />
S. 86 S. 110<br />
34<br />
Dachgarten<br />
in Chemnitz<br />
44<br />
Alte Schmiede<br />
im Waldviertel<br />
54<br />
Terrassenhaus<br />
in Ávila<br />
62<br />
Einfamilienhaus<br />
bei Köln<br />
70<br />
Hyparschale<br />
und Stadthalle<br />
in Magdeburg<br />
82<br />
Alles machbar<br />
mit Holz?<br />
86<br />
Obenrum?<br />
96<br />
Branchenfeature:<br />
Neues vom<br />
Dach<br />
100<br />
Dachbaustoffe<br />
und -systeme<br />
110<br />
Wandbaustoffe<br />
.<br />
T E<br />
I<br />
W E B S<br />
M E H R<br />
U N S E R E R<br />
<strong>Baumeister</strong>, Next A und New Monday starten eine große Umfrage unter Architektinnen<br />
und Architekten und freuen sich auf Ihre Meinung: Wie arbeiten Sie<br />
heute, wie würden Sie gerne arbeiten und was ist Ihnen bei der Arbeit im Büro<br />
wichtig?<br />
Z U M<br />
A U F<br />
T H E M A<br />
I E<br />
S<br />
L E S E N<br />
RUBRIKEN<br />
42<br />
KLEINE WERKE<br />
52<br />
UNTERWEGS<br />
92<br />
BÜCHER<br />
108<br />
REFERENZ<br />
113<br />
IMPRESSUM + VORSCHAU<br />
114<br />
KOLUMNE
a<br />
Gast-Arbeiter<br />
Nach dem Studium<br />
in Kassel, Bournemouth<br />
und New<br />
York arbeitet<br />
Constantin Meyer<br />
seit 1999 als selbstständiger<br />
Fotograf<br />
in Köln. Einer seiner<br />
Schwerpunkte<br />
liegt auf der Architekturfotografie,<br />
allerdings begreift<br />
er seine Aufnahmen<br />
in dieser Ausgabe<br />
eher als<br />
Landschaftsfotografie<br />
(ab Seite 8).<br />
Marcus Bredt arbeitet<br />
seit vielen Jahren<br />
als Architekturfotograf,<br />
hat aber<br />
auch eine Leidenschaft<br />
für Städteporträts<br />
entwickelt.<br />
In dieser Ausgabe<br />
hat er sich auf einer<br />
besonders bemerkenswerten<br />
Baustelle<br />
in Magdeburg<br />
umgesehen<br />
(ab Seite 70).
ch<br />
Immer<br />
die da oben!<br />
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts<br />
führte das Dach, das Wortspiel sei gestattet,<br />
ein ziemliches Schattendasein.<br />
Doch mittlerweile hat sich das Blatt<br />
gewendet. Das Flachdach wird wiederentdeckt<br />
als Wohnraum unter freiem<br />
Himmel. Es übernimmt neue Funktionen,<br />
etwa zur Energiegewinnung. Und das<br />
Steildach findet wieder als malerisches<br />
Element Verwendung.
8<br />
Einführung<br />
Der Kölner Fotograf<br />
Constantin<br />
Meyer hat sich in<br />
einer ganzen Fotoserie<br />
mit dem<br />
hässlichen Gesicht<br />
der Innenstädte<br />
beschäftigt. „Mitten<br />
im Zentrum,<br />
mit der schönsten<br />
Aussicht finden<br />
sich Orte, die nicht<br />
schön, nur rein<br />
funktional und nicht<br />
gestaltet sind“,<br />
meint er: die Parkflächen<br />
auf Kaufhäusern.<br />
Er hat<br />
diese „Parklandschaften“,<br />
wie er<br />
seine Serie nennt<br />
(siehe Seite 4, 8<br />
bis 11), zwischen<br />
2013 und 2016<br />
aufgenommen,<br />
vorwiegend in<br />
Köln und weiterer<br />
Umgebung.
FOTO: CONSTANTIN MEYER<br />
9
18<br />
Doppelseite aus dem 1962 im Callwey-Verlag erschienenen Buch „Dachterrassen und Dachgärten" von Gerda Gollwitzer<br />
und Werner Wirsing mit Bildern und Grundriss der Dachterrasse von Le Corbusiers Unité d'Habitation in Marseille<br />
Neues Leben<br />
auf dem Dach?<br />
Jahrzehntelang waren Flachdächer eine Art Niemandsland<br />
über unseren Köpfen, zugänglich höchstens für Hausmeister<br />
und Handwerker. Zuweilen gingen Bewohner zu regelrechten<br />
Guerillataktiken über, um die nicht selten attraktivsten<br />
Orte ihrer Mietshäuser zumindest gelegentlich zu nutzen.<br />
In den letzten Jahren begann sich das Blatt zu wenden. Doch<br />
es ist fraglich, ob der Wandel von Dauer sein wird.<br />
Text Fabian Peters
Einführung<br />
19<br />
FOTO: GEORG MEDIA/CALLWEY VERLAG<br />
I<br />
Dem flachen Dach ist in Mitteleuropa<br />
ein sehr wechselhaftes<br />
Schicksal beschieden – und<br />
das bereits seit Jahrhunderten.<br />
Seine Vorteile liegen auf der<br />
Hand, seine technischen<br />
Schwierigkeiten ebenso. Aber<br />
erst in der zweiten Hälfte des<br />
20. Jahrhunderts ist es dem<br />
Flachdach gelungen, dem<br />
Steildach in seiner Beliebtheit<br />
zumindest ebenbürtig zu werden.<br />
Noch in den Sechzigerjahren<br />
hing ihm der Ruf an,<br />
„dass es in unseren klimatischen<br />
Verhältnissen einfach nicht<br />
dicht zu kriegen‘“ sei, wie<br />
Gerda Gollwitzer und Werner<br />
Wirsing 1962 in ihrem Buch<br />
„Dachterrassen und Dachgärten“<br />
beklagen. Das führe dazu,<br />
bedauern die Autoren, dass<br />
viele Bauherren sich scheuten,<br />
Dachgärten und Dachterrassen<br />
in ihre Bauprogramme aufzunehmen.<br />
„Das ist schade, weil<br />
damit viel verschenkt wird, sowohl<br />
für den Einzelnen wie für<br />
die Allgemein heit.“ Tatsächlich<br />
mussten die beiden Autoren<br />
zum Abfassungszeitpunkt ihres<br />
Buchs hauptsächlich ins Ausland<br />
schauen, um aktuelle Projekte<br />
zu finden.<br />
Das war in der Sturm- und<br />
Drangphase des Flachdachbaus<br />
in den Zwischenkriegsjahren<br />
noch völlig anders, als<br />
mit dem Neuen Bauen reihenweise<br />
nicht nur Flachdachhäuser,<br />
sondern auch Dachterrassen<br />
entstanden. Die Begeisterung<br />
für die Bauform des<br />
Flachdachs hing sogar unmittelbar<br />
damit zusammen, dass<br />
die Dachflächen nutzbar waren.<br />
So sollten nach dem Willen<br />
der fortschrittlich gesinnten<br />
Architektenschaft zusätzliche<br />
Flächen für den Aufenthalt im<br />
Freien in dicht be siedelten<br />
Wohnquartieren möglich werden<br />
– aber auch blickgeschützte<br />
Solarien zum Sonnenbaden<br />
bei bürgerlichen und<br />
großbürgerlichen Villen.<br />
Die Dachterrasse als Bauform ist<br />
bereits Tausende Jahre alt<br />
und fester Bestandteil der Architekturtradition<br />
etwa im<br />
Maghreb und im östlichen Mittelmeerraum.<br />
Auch in Europa<br />
gab es bereits im Mittelalter<br />
Plattformen und Umgänge auf<br />
Dächern und Turmspitzen,<br />
die natürlich ihren Ursprung zumeist<br />
in Wehranlagen hatten.<br />
Fortifikatorische Gründe konnten<br />
dabei wohl zuweilen auch<br />
so wichtig sein, dass der Schutz<br />
des Mauerwerks vor Feuchtigkeit<br />
hintangestellt wurde.<br />
Ansonsten waren Dächer ohne<br />
Neigung bis in das 20. Jahrhundert<br />
kaum regensicher realisierbar.<br />
Dort, wo man „hängende<br />
Gärten“ oder Dachterrassen<br />
errichtete, befanden<br />
sich darunter nur in seltenen<br />
Fällen Wohnräume. Vielmehr<br />
wurden eigens dafür Substruktionen<br />
errichtet, die erhöhten<br />
Gärten oder Terrassen zu tragen.<br />
Die berühmten venezianischen<br />
Altane dagegen, auf<br />
denen die Patrizierfrauen angeblich<br />
ihre Haare bleichten,<br />
bestanden meist aus Holz und<br />
waren über den geneigten<br />
Ziegeldächern aufgeständert.<br />
II<br />
Bis ins 20. Jahrhundert verbarg<br />
man, wenn kein sichtbares<br />
Dach gewünscht war, ein flach<br />
geneigtes, zumeist kupferoder<br />
auch zinkgedecktes Dach<br />
hinter einer geschlossenen<br />
Attika oder Balustrade. Experimente<br />
mit flachen Dächern<br />
scheiterten in Mitteleuropa oft<br />
an der Witterung, so dass nach -<br />
träglich Steildächer errichte t<br />
werden mussten (im milderen<br />
Klima Frankreichs, wo zu -<br />
dem die Eindeckung mit elastischem<br />
Blei die Regel war,<br />
setzten sich flache Dächer im<br />
17. und 18. Jahrhundert stärker<br />
durch). Das „Handbuch der<br />
Architektur“ berichtete noch<br />
1897, dass in Mitteleuropa „nur<br />
selten ganze Gebäude oder<br />
einzelne Theile derselben<br />
durch eine nahezu waagrechte<br />
Fläche abgeschlossen“<br />
werden. Wo um 1900 doch einmal<br />
kleine Flachdachkonstruktionen,<br />
wie etwa Balkone<br />
und Vordächer, abgedichtet<br />
werden mussten, nutzte man<br />
dafür häufig Asphalt oder<br />
Teerpappe.<br />
Diese Technologie hatte sich<br />
nicht wesentlich geändert,<br />
als in der Zwischenkriegszeit<br />
das Flachdach zum Inbegriff<br />
des Neuen Bauens wurde<br />
(und zur Zielscheibe für die<br />
Kritiker der Bewegung). Zwar<br />
hatte es bereits vor dem Ersten<br />
Weltkrieg vereinzelte Ansätze<br />
zur Etablierung der Bauform<br />
gegeben – in Wien etwa von<br />
Wagner und Loos und in Darmstadt<br />
von Olbrich – nach<br />
dem Krieg wird sie aber zum<br />
regelrechten Erkennungsmerkmal<br />
aller Architekten, die<br />
sich der progressiven Strömung<br />
zurechnen. Die technischen<br />
Möglichkeiten blieben allerdings<br />
– ähnlich wie bei den<br />
großflächigen Verglasungen –<br />
hinter den gestalterischen<br />
Ambitionen vorerst zurück.<br />
Gollwitzer und Wirsing formulieren<br />
es rückschauend im<br />
Jahr 1962 positiv: „Die Bauforschung<br />
ist (…) im Laufe des<br />
vergangenen Jahrzehnts entscheidend<br />
vorangekommen,<br />
wozu ihr nicht zuletzt die<br />
Misserfolge von Architekten<br />
und Unternehmen verhalfen,<br />
die guten Glaubens, jedoch<br />
durch das Fehlen spezieller<br />
Forschungsergebnisse schlecht<br />
informiert, planten und ausführten.<br />
Man darf durchaus<br />
behaupten, dass es ohne diese<br />
negativ-empirische Phase<br />
immer noch keine präzis<br />
WEITER
24 Ideen<br />
Im<br />
Designdorf<br />
Neben dem Riesendach des<br />
Millennium Dome ist in London<br />
ein neues Kreativ-Viertel, der<br />
„Design District“, entstanden.<br />
Zwischen den Hochhäusern rundum<br />
nimmt es sich zwergenhaft<br />
aus, so dass es mit einer<br />
abwechslungsreichen Dachlandschaft<br />
aufwarten muss.<br />
Acht bekannte Architekturbüros<br />
haben sich hierzu etwas<br />
einfallen lassen.<br />
Fotos:<br />
John Dehlin,<br />
Taran Wilkhu<br />
Architekten:<br />
6a Architects<br />
Adam Khan Architects<br />
David Kohn Architects<br />
SelgasCano<br />
Architecture 00<br />
Mole Architects<br />
HNNA<br />
Barozzi Veiga<br />
Text:<br />
Sabine Schneider
Ziel des Masterplans für den Design District war eine kleinteilige, dörfliche Struktur, die Begegnungen zwischen den Mietern<br />
ermöglicht. Inzwischen sind die Gebäude zu 95 Prozent an Start-ups, Werkstätten, Design- und Architekturbüros vermietet.<br />
25
44<br />
Ländliche Dachlandschaft: Dem Satteldach des bestehenden Wohnhauses<br />
antwortet das asymmetrische Volumen der umgebauten Schmiede.
Ideen<br />
45<br />
Lichttrichter<br />
Für den Umbau einer ehemaligen<br />
Schmiede in Niederösterreich<br />
entwickelte der Wiener Architekt<br />
Simon Oberhammer eine ungewöhnliche<br />
Dachform um die bestehende<br />
Esse. Das asymmetrische<br />
Zeltdach ist wie eine Haube<br />
auf die Granitwände gesetzt.<br />
Es überspannt den neuen Wohnbereich<br />
und verwandelt<br />
die ehemalige rußgeschwärzte<br />
Werkstatt in ein lichtdurchflutetes,<br />
großzügiges Raumvolumen.<br />
Architekt:<br />
Simon<br />
Oberhammer<br />
Text:<br />
Claudia Fuchs<br />
Fotos:<br />
Günter Richard<br />
Wett
70<br />
Zwei Baudenkmäler aus der Moderne am Rand des Rotehornparks: Das imposante Backsteinmonument der Stadthalle und<br />
ihr geflügeltes Gegenstück, die Hyparschale von Ulrich Müther, werden derzeit saniert.
Ideen<br />
71<br />
Wiederbelebung<br />
der<br />
Moderne<br />
in Magdeburg<br />
Von Gerkan, Marg und Partner<br />
sanieren derzeit sowohl die<br />
Magdeburger Stadthalle (B)<br />
von 1927 als auch die<br />
benachbarte Hyparschale (A)<br />
von 1969 am östlichen Elbufer.<br />
Bei beiden werden die Eingriffe<br />
im Inneren erheblich sein.<br />
Ein Besuch auf der Baustelle<br />
Text:<br />
Florian Heilmeyer<br />
Architekten:<br />
Von Gerkan, Marg<br />
und Partner<br />
Fotos:<br />
Marcus Bredt
96 Lösungen<br />
Dachstandsmeldungen<br />
Technologisch<br />
und gestalterisch<br />
hat sich in den<br />
letzten Jahren<br />
vieles auf dem<br />
Dach getan. Wir<br />
haben mit führenden<br />
Anbietern<br />
über aktuelle<br />
Entwicklungen<br />
und Lösungen<br />
gesprochen und<br />
lassen uns von<br />
Fachleuten auf<br />
den neuesten<br />
Stand der Technik<br />
bringen.<br />
Das Flachdach<br />
als Nutzdach<br />
Jahrzehntelang war Dachpappe<br />
das Mittel der Wahl, um Flachdächer<br />
wasserdicht zu machen.<br />
Die Pappbahnen wurden<br />
bis in die Siebzigerjahre mit<br />
(krebserregendem) Teer, später<br />
dann mit Bitumen getränkt<br />
und dann zumeist auf die<br />
Dachoberfläche aufgenagelt.<br />
Das Material hatte seine Tücken<br />
– undichte Flachdächer<br />
waren lange ein häufiges<br />
Problem und schadeten dem<br />
Ruf der Bauform nachhaltig.<br />
Alles Schnee von gestern?<br />
„Heutige Dachabdichtungen<br />
verhalten sich zu der alten<br />
Dachpappe wie ein Flugzeug<br />
zu einem Fahrrad“, sagt Andreas<br />
Waldenmaier, Produktmanager<br />
Flachdach beim Stuttgarter<br />
Dachspezialisten Bauder.<br />
„Heute bestehen Bitumen-Abdichtungsbahnen<br />
aus Polyesterträgern,<br />
teils im Verbund mit<br />
Glasanteilen, beidseitig eingebettet<br />
in Polymerbitumenmassen.<br />
Dicke und Gewicht der<br />
heutigen Bahnen betragen ein<br />
Vielfaches der alten Dachpappen.“<br />
Konnte man die Dachpappen<br />
noch mit der Hand<br />
durchreißen, dringt man heute<br />
nur noch mit Hilfe sehr scharfer<br />
Schneidewerkzeuge durch das<br />
Material, weiß Waldenmaier,<br />
selbst gelernter Dachdeckermeister,<br />
zu berichten. Die Beschichtung<br />
erfolgt mit Polymer-<br />
Bitumen, bei dem Kunststoffe<br />
mit unterschiedlichen Eigenschaften,<br />
je nach Anforderung,<br />
dem Bitumen beigemengt<br />
werden. „Unser Spitzenprodukt<br />
ist sogar mit zwei unterschiedlichen<br />
Polymer-Bitumen beschichtet“,<br />
erklärt Waldenmaier.<br />
„Allerdings nützt das beste<br />
Material nichts ohne die richtige<br />
Verarbeitung“, schränkt der<br />
Produktmanager ein. „Wenn<br />
aber beides zusammenkommt,<br />
ist ein Flachdach heute eine<br />
total sichere Sache.“<br />
Derzeit liegt der strategische<br />
Fokus bei Bauder in besonderem<br />
Maße auf der Nutzung von<br />
Flachdächern. Darunter fallen<br />
bei dem Unternehmen etwa<br />
Dachbegrünungen, Photovoltaikanlagen<br />
sowie begehund<br />
befahrbare Dächer. Lange<br />
habe man solche Nutzungen<br />
gescheut, weil die Angst vor<br />
Undichtigkeit groß war, meint<br />
Andreas Waldenmaier. „Mit<br />
den heute zur Verfügung stehenden<br />
Materialien und geschulten<br />
Verarbeitern besteht<br />
jedoch kein Grund mehr, hier<br />
Angst zu haben.“ Allerdings<br />
1<br />
Andreas Waldenmaier,<br />
Produktmanager<br />
Flachdach<br />
Bauder<br />
und<br />
Karen Buschauer,<br />
Produktmanagerin<br />
Gründach<br />
Bauder<br />
FOTOS: BAUDER (S. 96); JACK HOBHOUSE, DACHKULT (S. 97)
Branchenfeature<br />
97<br />
müsse gerade dann, wenn<br />
durch Gründächer oder PV-<br />
Anlagen Reparaturen kompliziert<br />
seien, die Qualität der<br />
Dachabdichtung tadellos sein.<br />
Darüber hinaus seien die Voraussetzungen<br />
für ein Gründach<br />
gering, erklärt Karen Buschauer,<br />
Produktmanagerin Gründach<br />
bei Bauder: „Die Abdichtung<br />
muss wurzelfest sein, und die<br />
Gebäudestatik muss das Mehrgewicht<br />
tragen können. Das<br />
Mehrgewicht liegt jedoch bei<br />
einer extensiven Begrünung<br />
nicht höher als bei einer Bekiesung<br />
der Fläche.“ Das ist insbesondere<br />
dann von Bedeutung,<br />
wenn Bestandsbauten nachträglich<br />
ein Gründach erhalten<br />
sollen. Grundsätzlich gäbe es<br />
aber bei Gebäuden in Massivbauweise<br />
nur in den allerseltensten<br />
Fällen statische Probleme,<br />
weiß Flachdachexperte<br />
Waldenmaier. Lange bereitete<br />
das Boom-Thema Photovoltaikanlagen<br />
den Dachdecker-<br />
Betrieben Kopfzerbrechen.<br />
„Immer wieder wurde bei der<br />
Installation von PV-Anlagen<br />
die Dachhaut verletzt, etwa<br />
weil scharfe Montageschienen<br />
in die Bitumenbahnen eingeschnitten<br />
haben“, berichtet<br />
Waldenmaier. Dadurch sei sofort<br />
wieder das Flachdach in<br />
Verruf geraten. Um solche Undichtigkeitsquellen<br />
gar nicht<br />
erst entstehen zu lassen, entwickelte<br />
Bauder bereits vor etwa<br />
zehn Jahren eine durchdringungsfreie<br />
Unterkonstruktion<br />
für Solarpaneele, die auf die<br />
Dachhaut aufgeschweißt wird.<br />
Das Gewicht der PV-Anlage,<br />
weiß Waldenmaier, sei übrigens<br />
wie beim Gründach kaum<br />
einmal ein Problem. Wesentlich<br />
häufiger sei es dagegen, dass<br />
der Lebenszyklus von Dachabdichtung<br />
und PV-Anlage<br />
nicht aufeinander abgestimmt<br />
seien. Im Klartext: Die noch<br />
funktionstüchtige Anlage muss<br />
abgebaut werden, weil das<br />
Dach darunter marode ist.<br />
„Eine gründliche Dachuntersuchung,<br />
gegebenenfalls verbunden<br />
mit einer Sanierung<br />
und Neudämmung, sollte immer<br />
der erste Schritt sein“, sagt<br />
Andreas Waldenmaier. PV-Anlage<br />
oder Gründach? Oft würden<br />
sich Bauherren aus finanziellen<br />
Gründen nur für eine der<br />
beiden Varianten entscheiden,<br />
sagt Karen Buschhauer. Dabei<br />
entstünden gerade im Zusammenspiel<br />
beider Lösungen Synergien:<br />
Das Gründach könne<br />
als Ballast für die Unterkonstruktion<br />
der PV-Anlage verwendet<br />
werden. „Gleichzeitig kühlt<br />
die Begrünung das Dach. Dadurch<br />
steigt die Leistungsausbeute<br />
der PV-Anlage an heißen<br />
Tagen“, erklärt Buschauer.<br />
Dächer mit<br />
Neigungen<br />
2<br />
Petra<br />
Schumacher,<br />
Sprecherin<br />
Initiative Steildach/Dachkult<br />
Auch wenn das Flachdach inzwischen<br />
bei Neubauvorhaben<br />
im städtischen Umfeld die Regel<br />
ist, hat das geneigte Dach<br />
weiterhin viele Anhänger. Nicht<br />
nur im Bereich des Einfamilienhauses,<br />
sondern auch bei größeren<br />
Bauvorhaben – insbesondere<br />
wenn diese in ländlichen<br />
oder vorstädtischen Bereichen<br />
realisiert werden. Die Vorzüge<br />
der Bauform sind auch heute<br />
nicht von der Hand zu weisen.<br />
Die Entwässerung ist simpel,<br />
Schneelasten sind bei entsprechender<br />
Neigung kein Problem,<br />
Bau und Unterhalt sind verhältnismäßig<br />
einfach und preiswert.<br />
Undichtigkeiten lassen<br />
sich im Vergleich zum Flachdach<br />
häufig mit kleinen Reparaturen<br />
be heben. Je harscher<br />
die Witterungsverhältnisse,<br />
desto mehr spricht für ein Steildach.<br />
Darüber hinaus bietet das geneigte<br />
Dach ein besonders<br />
hohes Potenzial im Hinblick auf<br />
Nachhaltigkeit. Dächer mit<br />
Stroh- oder Schilfeindeckungen<br />
etwa können vollständig mit<br />
1 Flachdach mit extensiver Begrünung und Photovoltaikanlage auf durchdringungsfreier Unterkonstruktion von Bauder<br />
2 Wohn- und Studioensemble Foundry Mews in London von Project Orange: plane Dachziegel und PV-System als Indachanlage