185_StadtBILD_Dezember_2018
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Liebe Leserinnen, liebe Leser,<br />
Vorwort<br />
„Oh, Du fröhliche, oh, Du selige gnadenbringende<br />
Weihnachtszeit…“ tönt es nun allerorten<br />
in der festlich geschmückten Oberlausitz.<br />
In den Geschäften herrscht Hochbetrieb. Kinder<br />
drücken sich die Nasen an den verlockenden<br />
Auslagen platt. Eltern verstecken heimlich<br />
bunt verpackte Päckchen. Der Geruch von<br />
Bratäpfeln, Glühwein und anderen Leckereien<br />
zieht durch die Weihnachtsmärkte der Oberlausitz.<br />
Spätestens jetzt hat die Vorfreude auf<br />
das kommende Fest jeden erreicht.<br />
Die Weihnachtsstimmung ging natürlich, wie<br />
in jedem Jahr, auch am vorliegenden Stadt-<br />
BILD-Magazin nicht spurlos vorüber. So finden<br />
Sie eine authentische schlesische Weihnachtsgeschichte<br />
aus dem alten Breslau. Eine<br />
besondere Überraschung bescherte uns Karin<br />
Röhr, die Enkelin des bekannten Görlitzer Architekten<br />
Gerhard Röhr, mit zwei Gedichten<br />
zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel.<br />
Ein besonderes Ereignis jährt sich zum 110.<br />
Male, nämlich die feierliche Eröffnung der<br />
deutsch landweit beachteten Jugendstilpassage<br />
von Otto Straßburg am 13. <strong>Dezember</strong><br />
1908. Auch heute noch stellt die Straßburg-<br />
Passage ein gelungenes Beispiel eines funktionalen<br />
Komplexes von Ladengeschäften verschiedenster<br />
Art als überdachte Passage dar,<br />
die für den Kunden immer noch ein Einkaufserlebnis<br />
der besonderen Art bietet.<br />
Im Schlesischen Museum werden passend<br />
zur Weihnachtszeit Schätze aus der Breslauer<br />
Silberschmiedewerkstatt des Johann Adam<br />
Lemor in einer Sonderschau vorgestellt.<br />
Ebenfalls aus Breslau stammt der vor 100<br />
Jahren berühmte Künstler Alexander Camaro,<br />
dem das Schlesische Museum eine Ausstellung<br />
widmet. Noch nicht so alt, aber in seiner<br />
Bildersprache mächtig, sind die Werke von<br />
Bernd Kremser, dessen Ausstellung „Reminiszenz“<br />
im Görlitzer Landratsamt zu sehen ist.<br />
Am berühmtesten Sohn der Stadt, nämlich an<br />
dem Theosophen Jacob Böhme, kommt auch<br />
das <strong>StadtBILD</strong> in dieser Ausgabe nicht vorbei<br />
und bringt einen kurzen Abriss seiner frühen<br />
Jahre.<br />
Lang erwartet, hat der <strong>StadtBILD</strong>-Verlag<br />
rechtzeitig vor Weihnachten die Festschrift<br />
und Topografie anläßlich des 750jährigen<br />
Jubiläums der Stadt Rothenburg herausgebracht,<br />
auf die wir in dieser Ausgabe als ideales<br />
Weihnachtsgeschenk hinweisen.<br />
Auf dem Weg nach Zittau kommt man am<br />
Kloster Marienthal vorbei und kehrt gern in<br />
die historische Klosterschenke mit ihrer wechselvollen<br />
Geschichte ein. In Zittau lohnt sich<br />
ein Besuch des Museums, auch um die alten<br />
Elektrifizierapparate des 19. Jahrhunderts zu<br />
bestaunen, die auch in der vorliegenden Ausgabe<br />
vorgestellt werden.<br />
Wir wünschen unseren Lesern und Geschäftspartnern<br />
ein frohes Weihnachtsfest sowie ein<br />
gesundes und friedliches Neues Jahr 2019.<br />
Ihre <strong>StadtBILD</strong>-Redaktion<br />
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Einleitung<br />
3
110 Jahre Straßburgpassage –<br />
Gesamtansicht der Geschäftshäuser Berliner Straße 6, 7, 8, 9,<br />
Am 13. <strong>Dezember</strong> 1908 wurde im Beisein<br />
aller Spitzen der Behörden, der<br />
Handwerker, der Passagemieter sowie<br />
der Mieter in den Grundstücken und des<br />
Personals der Firma Otto Strassburg die<br />
Strassburg-Passage eröffnet.<br />
Der offiziellen Feier ging eine kurze Personalfeier<br />
voraus, welche nach einem<br />
vom Chorgesangverein O. St. gesungenen<br />
Choral vom Prokuristen des Hauses,<br />
Herrn Nanning, mit zu Herzen gehenden<br />
Worten der Freude und des Dankes an<br />
den Schöpfer der Strassburg-Passage<br />
erinnert wurde. Er übermittelte die<br />
herzlichsten Glückwünsche des gesamten<br />
Personals.<br />
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4<br />
Weihnachtliches
Eröffnungsfeier am 13. <strong>Dezember</strong> 1908<br />
Straßburgpassage<br />
Café und Restaurant DERANDA<br />
Der Chef des Hauses, Herr Otto Strassburg,<br />
brachte hierauf seinen tiefgefühlten<br />
Dank zum Ausdruck, gab einen kurzen<br />
Überblick über den Passagebau und<br />
schloß mit folgenden Worten:<br />
„Gott gebe, daß es der Firma zum Glück<br />
und allen denen zum Segen gereiche,<br />
welche sich zur Lebensaufgabe stellten,<br />
mir dauernd ihre treue Mitarbeit zu widmen.<br />
Das ist der Wunsch, den ich heute<br />
zu Gott schicke und ich schließe mit dem<br />
herzlichsten Danke für die mir in Ihrem<br />
Namen durch Herrn Nanning entgegengebrachten<br />
Glückwünsche“.<br />
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Weihnachtliches<br />
5
110 Jahre Straßburgpassage –<br />
Herr Strassburg dankte noch denjenigen<br />
Mitgliedern des Personals, welche außer<br />
den Baubeflissenen ihre Dienste im besonderen<br />
dem Passagebau gewidmet<br />
haben, und zwar in erster Linie Herrn<br />
Sitter, welcher sich besonders verdient<br />
gemacht hat, sowie Herrn Würdig und<br />
den Prokuristen Herren Nanning und<br />
Meyer.<br />
Nach kurzem Rundgang durch die neugeschaffenen<br />
Räume zog sich das Personal<br />
zurück. Nunmehr füllte sich der<br />
Lichtsaal mit den zur offiziellen Feier<br />
geladenen Gästen.<br />
Als Vertreter der Behörden waren u. a.<br />
erschienen: Oberbürgermeister Snay,<br />
Stadtverordnetenvorsteher Präsident<br />
der Handelskarnmer Kommerzienrat<br />
Wilhelmy, Kommerzienrat Dr. Weil,<br />
Oberst a. D. Reimer, zahlreiche Stadtverordnete,<br />
ferner Landgerichtspräsident<br />
Geh. Ober-Justizrat Mantell, Erster<br />
Staatsanwalt Geh. Justizrat Hannemann,<br />
Superintendent Pastor prim. Kirchhofer,<br />
Erzpriester Urbanneck, Rabbiner Dr.<br />
Freund, Reichsbankdirektor Muttray,<br />
Erster Direktor der Communalständischen<br />
Bank Geh. Regierungsrat Rietzsch,<br />
als Vertreter der Post Herr Postdirektor<br />
Wittstock, des Telegraphenamtes Herr<br />
Telegraphendirektor Zimirski, der Eisenbahn<br />
die Herren Regierungsrat Schmalz,<br />
Regierungsrat v. Bichowski, Betriebsinspektor<br />
Büttner u.v.m.<br />
Herrliche Harmoniumklänge sowie ein<br />
„Lobe den Herrn“ des Chorgesangsvereins<br />
der Firma Otto Strassburg leiteten<br />
die Feier ein, die Herr Otto Strassburg<br />
mit folgender Festrede eröffnete:<br />
„Meine hochverehrten Herren! Für ihr<br />
freundliches, zahlreiches Erscheinen<br />
sage ich Ihnen meinen besten Dank.<br />
Ersehe ich doch daraus, das große Interesse<br />
und Wohlwollen, das meinem<br />
Unternehmen entgegengebracht wird.<br />
Sie dürfen überzeugt sein, daß an dem<br />
Werk, das heute mit Gottes Hilfe der<br />
Öffentlichkeit übergeben werden soll,<br />
allseitig mit aufopfernder Tätigkeit gearbeitet<br />
worden ist. In fieberhafter, aufreibender<br />
Weise haben alle Beteiligten<br />
ihre Kräfte in den Dienst der Sache gestellt.<br />
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6<br />
Weihnachtliches
Eröffnungsfeier am 13. <strong>Dezember</strong> 1908<br />
Straßburgpassage<br />
Es ist wohl am Platze, in kurzen<br />
Worten die Grundgedanken<br />
kundzugeben, welche mich bei<br />
der Durchführung meines Projektes<br />
leiteten. Bereits seit längerer<br />
Zeit hatte sich die Notwendigkeit<br />
einer Vergrößerung meines Geschäfts<br />
fühlbar gemacht.<br />
Ich glaubte aber, zunächst eine<br />
Ruhepause im Erweitern eintreten<br />
lassen zu müssen. Da bot mir<br />
eines Tages mein Nachbar, Herr<br />
Freitag, seine Grundstücke zum<br />
Kaufe an, mit der Bedingung, daß<br />
ich mich in wenigen Tagen entscheiden<br />
müsse.<br />
Ich hatte gehört, dass ein großer<br />
auswärtiger Konzern nach hier<br />
kommen und ein großes Warenhaus<br />
eröffnen wollte.<br />
Ich überlegte, kalkulierte und<br />
handelte. In drei Tagen entwarf<br />
ich meine Pläne in großen Umrissen<br />
und fand dafür bei Herrn<br />
Oberbürgermeister Snay würdige<br />
Unterstützung. Er machte mir<br />
weitgehende Hoffnungen, daß<br />
Eingang zur Straßburg-Passage 1908<br />
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Weihnachtliches<br />
7
110 Jahre Straßburgpassage –<br />
Eingang Berliner Straße 1927<br />
Magistrat und Stadtverordnete<br />
der Sache großes Interesse zuwenden<br />
würden, und das ermutigte<br />
mich vorwärts zu gehen.<br />
Seit ca. dreißig Jahren bin ich<br />
schon in Görlitz und habe unsere<br />
Stadt lieb gewonnen. Ich freue<br />
mich, Gelegenheit zu haben,<br />
meine Interessen mit denen der<br />
Stadt vereinigen zu können, wie<br />
es bei diesem Projekt der Fall ist.<br />
Schon längst hatte ich die Notwendigkeit<br />
einer Verbindung<br />
durch den großen Häuserblock<br />
erkannt. Es handelte sich aber für<br />
mich nicht darum, nur einen notwendig<br />
erscheinenden Durchgang<br />
zu schaffen, sondern das Ideal<br />
meiner Wünsche war, eine Straße<br />
mit Läden und Ausstellungsräumen,<br />
in der sich geschäftliches<br />
Leben und Treiben entwickelt.<br />
Dieser Wunsch erhält Unterstützung<br />
durch das Bestreben des<br />
kaufenden Publikums, möglichst<br />
viele Branchen vereinigt unter<br />
einem Dache zu finden, deshalb<br />
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8<br />
Weihnachtliches
Eröffnungsfeier am 13. <strong>Dezember</strong> 1908<br />
Straßburgpassage<br />
Eingang zur Jakobstraße 1927<br />
auch der Aufschwung der Warenhäuser<br />
an allen großen Plätzen.<br />
Da ich selbst zum Warenhaus<br />
nicht neige, so glaube ich, dem<br />
Publikum die Annehmlichkeit des<br />
Warenhauses und hiesigen Geschäftsleuten<br />
Gelegenheit zu bieten,<br />
in der Passage selbständige<br />
Geschäfte neu zu gründen oder<br />
Filialen einzurichten.<br />
Auch bin ich überzeugt davon,<br />
daß bei reeller und kulanter<br />
Bedienungsweise seitens der<br />
Passage-Läden-Mieter dankbare<br />
Anerkennung des verehrten Publikums<br />
nicht ausbleiben wird. Ich<br />
fühle mich nun veranlaßt, nicht<br />
nur dem Herrn Oberbürgermeister<br />
und den hiesigen Behörden,<br />
sondern auch den Behörden der<br />
Regierung, die mir eine Reihe<br />
von Dispensen zum Bau erteilten,<br />
zu danken.<br />
Vor allem aber danke ich dem<br />
Herrn Oberbürgermeister, der<br />
mich mutig unterstützte, das<br />
Werk zu beginnen.<br />
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Weihnachtliches<br />
9
110 Jahre Straßburgpassage –<br />
Ferner danke ich den Herren Geschäftsinhabern<br />
der Passage für<br />
Ihr Vertrauen zu meiner Schöpfung.<br />
Es hatten sich anfangs wohl Hunderte<br />
von auswärts und hier gemeldet,<br />
aber nur wenige zeigten<br />
Ausdauer. Jetzt, bei Vollendung<br />
des Werkes hoffe ich, daß die<br />
Gunst des Allmächtigen, die mir<br />
bisher zu Teil ward, mir auch weiter<br />
erhalten bleiben möge.<br />
Ich habe nun noch meinen Dank<br />
abzustatten in erster Linie Herrn<br />
Architekten und Bauleiter Rump,<br />
auf dem die Hauptlast der Verantwortung<br />
der umfangreichen<br />
und schwierigen Aufgaben ruhte.<br />
So dann danke ich Herrn Diplom-<br />
Architekten von Wachtel für die<br />
Entwürfe und die künstlerische<br />
Leitung der gesamten Architektur.<br />
Beide Herren befriedigten<br />
mich in vollem Maße.<br />
Ich danke ferner den Herren<br />
Architekt Röhr, Maurermeister<br />
Voigt, Baumeister Kaempffer,<br />
Festlich geschmückte Passage zum 550jährigen Schützenjubiläum<br />
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10<br />
Weihnachtliches
Eröffnungsfeier am 13. <strong>Dezember</strong> 1908<br />
Straßburgpassage<br />
Zimmermeistern Voigt und Reuschel,<br />
sämtlichen Handwerkern,<br />
Polierern, Maurern, Zimmerleuten<br />
und Arbeitern. Mit Hilfe des<br />
Geistes in der Truppe und der<br />
Harmonie zwischen Bauherren<br />
und Bauausführenden gelang es,<br />
das Bauwerk zur festgesetzten<br />
Zeit fertigzustellen. Das Wetter<br />
war uns besonders günstig; auch<br />
ist das Werk mit Gottes Hilfe ohne<br />
Unglücksfall vollendet worden.<br />
Herzlich danke ich auch den Mietern<br />
der benachbarten Grundstücke,<br />
die sich unendlich geduldig<br />
und nachsichtig gezeigt haben.<br />
Um Sie noch genauer zu informieren,<br />
verweise ich auf die von<br />
mir herausgegebene Broschüre<br />
über die Passage. Ich übergebe<br />
nunmehr die Strassburg-Passage<br />
der Öffentlichkeit mit dem Wunsche,<br />
daß sie der Stadt zur Zierde<br />
und weiteren Entwicklungen zur<br />
Förderung von Handel und Verkehr<br />
gereichen möge!“<br />
Frühlingsdekor 1927<br />
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Weihnachtliches<br />
11
110 Jahre Straßburgpassage –<br />
Auf diese mit Beifall aufgenommene<br />
Rede erwiderte zunächst Herr Oberbürgermeister<br />
Snay:<br />
„Mein hochverehrter Herr Strassburg!<br />
Mit wahrer Freunde und mit Stolz sehen<br />
wir dies neue Werk vollendet. Es ist dies<br />
ein neuer Beweis für Ihren weitschauenden<br />
Blick als Kaufmann, für Ihren<br />
hervorragenden Unternehmergeist und<br />
Ihre streng solide Geschäftsführung.<br />
Ich wünsche, daß dies neue Werk beitragen<br />
möchte zum weiteren Blühen Ihrer<br />
Firma und zu neuem Glanz Ihres Geschäfts.<br />
Sie haben in freundlicher Weise<br />
des Entgegenkommens der Behörden<br />
gedacht; aber die Behörden haben auch<br />
sehr wohl eingesehen, welchen Wert<br />
und Vorteil die Strassburg-Passage für<br />
unsere Stadt hat. An das Geschaffene<br />
knüpfen wir den Wunsch, daß sich in<br />
Görlitz noch viele solcher Kaufleute, wie<br />
Sie es sind, finden mögen. Wir begrüßen<br />
das neue Werk als eine Verschönerung<br />
der Stadt. Möge die Passage der Anfang<br />
und Übergang zu einer neuen, besseren<br />
Entwicklung von Handel und Verkehr in<br />
unserer lieben Stadt Görlitz sein. Ihnen,<br />
hochverehrter Herr Straßburg, Ihrer Firma<br />
und Ihrer Familie wünschen wir zum<br />
heutigen Tag herzlich Glück!“<br />
Dann nahm das Wort Herr Kommerzienrat<br />
Wilhelmy, der folgendes ausführte:<br />
„Ich stimme den Worten des Herrn<br />
Oberbürgermeisters vollkommen zu und<br />
bin überzeugt, daß die Bürgerschaft sich<br />
Ihnen anschließt. In meiner Eigenschaft<br />
als Vertreter der Kaufmannschaft kenne<br />
ich Sie, Herr Strassburg, nun ziemlich<br />
lange. Als Sie noch Angestellter waren,<br />
rühmte man schon Ihre große Gewandtheit<br />
als Verkäufer dem Publikum<br />
gegenüber. Das ist für einen Konfektionär<br />
von großer Bedeutung. Als Sie dann<br />
Ihr eigenes Geschäft eröffneten, gab ich<br />
Ihnen den Rat: Verpflanzen Sie die guten<br />
Eigenschaften, die Sie bei fremden<br />
Geschäften erworben haben, in ihr eigenes<br />
Geschäft. Sie haben es nicht nur<br />
verstanden, das Publikum für sich zu<br />
gewinnen, sondern Sie haben es auch<br />
verstanden, diesen Geist ihren Mitarbeiter<br />
einzuimpfen.<br />
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12<br />
Weihnachtliches
Eröffnungsfeier am 13. <strong>Dezember</strong> 1908<br />
Straßburgpassage<br />
Privatkontor<br />
Geradezu sprichwörtlich geworden ist<br />
in Görlitz Ihre Kulanz dem Publikum gegenüber.<br />
Doch das nicht allein, sondern<br />
auch Ihr rastloser Fleiß, Ihre enorme<br />
Tätigkeit, Ihr stetes Erkennen aller Bedürfnisse<br />
der Zeit, Ihr großes, organisatorisches<br />
Talent haben Ihr Geschäft zu<br />
solcher Blüte gebracht.<br />
Jetzt haben Sie noch die Passage geschaffen.<br />
Das Aufblühen Ihres Geschäftes<br />
hat, so glaube ich, jedenfalls dazu<br />
beigetragen, daß die Berliner Straße sich<br />
schneller, als es sonst der Fall gewesen,<br />
zur Geschäftsstraße entwickelte.<br />
Nun gönnen Sie sich einmal Zeit zur<br />
Ruhe.<br />
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Weihnachtliches<br />
13
110 Jahre Straßburgpassage –<br />
Modenschau im Lichtsaal 1927<br />
Die Jugend überschätzt so sehr leicht,<br />
was Körper und Geist leisten können.<br />
Mir hat einmal eine Dame, eine frühere<br />
Kundin Ihres Geschäftes, gesagt:<br />
„Arbeite, aber arbeite nicht so viel, es<br />
kommt doch, wie Gott es will.“<br />
Und so wünsche ich, daß Gott Ihnen und<br />
Ihrem Hause dauernde Gesundheit und<br />
Ihrem Geschäfte weiteres Blühen und<br />
dauernden Segen schenken möge!“<br />
Seine Wörter endeten mit einem freudig<br />
aufgenommene Hoch auf Herrn<br />
Otto Strassburg, seine Firma, und seiner<br />
Familie. Ein Rundgang der Festversammlung<br />
durch die Geschäftsräume,<br />
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14<br />
Weihnachtliches
Eröffnungsfeier am 13. <strong>Dezember</strong> 1908<br />
Straßburgpassage<br />
Abteilung Trikotagen und Wollwaren 1927<br />
die ein wahres Meer von herrlichen Blumenspenden<br />
schmückten, welche Herr<br />
Otto Strassburg zur Vollendung seines<br />
großen Werkes von nah und fern zugegangen<br />
waren, schloß sich der Feier an.<br />
Beim Eintritt in die Strassburg-Passage<br />
wurde die Festgesellschaft durch die Juwel-Ouvertüre<br />
von Bach von der, in der<br />
Überführung aufgestellten Regimentskapelle<br />
begrüßt.<br />
Die Strassburg-Passage enthält vier<br />
Überbrückungen, die einmal dem Gesamtbild<br />
ein schönes Aussehen verleihen,<br />
anderseits bei einer etwaigen Erweiterung<br />
eine Verbindungsmöglichkeit<br />
bieten.<br />
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Weihnachtliches<br />
15
110 Jahre Straßburgpassage –<br />
Dachgarten zum Kinderspielsaal<br />
Nach eingehender Besichtigung der<br />
Strassburg-Passage galt es auch, dem<br />
modern eingerichteten Passage-Café<br />
und Weinrestaurant einen Besuch mit<br />
den Gästen abzustatten.<br />
Ein bereitgestelltes kleines Frühstück<br />
hielt einen großen Teil der Festgesellschaft<br />
in zwangloser und angenehmer<br />
Unterhaltung bei frohester Stimmung<br />
noch lange Zeit beisammen, während in<br />
der Strassburg-Passage fröhliche Lieder<br />
der Regimentskapelle erklangen. Die<br />
Übergabe an den öffentlichen Verkehr<br />
wurde durch Fallen der Vorhänge in den<br />
beiden Eingängen vollzogen. Durch die<br />
hoch wirkenden Portale flutete der Menschenstrom<br />
hinein in die Strassburg-<br />
Passage.<br />
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16<br />
Weihnachtliches
Eröffnungsfeier am 13. <strong>Dezember</strong> 1908<br />
Straßburgpassage<br />
Raucherzimmer<br />
Unaufhaltsam schoben die Nachdrängenden<br />
die Schaulustigen weiter, die<br />
sich vor den herrlichen Auslagen stauten,<br />
und so war es kein Wunder, daß die<br />
von der Passage-Eröffnung gemachten<br />
Kinoaufnahmen, ununterbrochen wochenlang<br />
dem Passage-Theater ein vollbesetztes<br />
Haus brachten. Die Eröffnung<br />
der Strassburg-Passage war in der Tat<br />
ein Freudentag für die Einwohner von<br />
Görlitz und Umgebung. Möge der stolze<br />
Bau für ewige Zeiten das sein, was dem<br />
Schöpfer als Ideal vorschwebte, nämlich<br />
dem Handel zum Segen und der Stadt<br />
Görlitz zum Aufblühen und zum Nutzen<br />
gereichen.<br />
Quelle: Agenda 1887-1927.<br />
Otto Strassburg, 9. Oktober 1927.<br />
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Weihnachtliches<br />
17
Silber von Lemor in Breslau 1818-1945 –<br />
von Lemor<br />
Silbernes Fischvorlegebesteck mit Vergoldung im Originaletui, Fa. Julius Lemor, ab 1897. Die Abbildungen zu diesem Beitrag<br />
zeigen Objekte der Sammlung Rainer Lemor im Schlesischen Museum. Alle Fotos: René E. Pech<br />
Im Jahr 1818 erwarb der aus Unterfranken<br />
stammende Johann Adam Lemor<br />
das Bürgerrecht der Stadt Breslau und<br />
gründete eine kleine Silberschmiedewerkstatt.<br />
Er konnte nicht ahnen, dass<br />
sich hieraus die größte Silberwarenfabrik<br />
Ostdeutschlands entwickeln würde,<br />
die bis 1945 in Breslau edles Tafelsilber<br />
produzierte. Eine Ausstellung im Schlesischen<br />
Museum zu Görlitz gibt einen<br />
Überblick über die Entwicklung dieser<br />
traditionsreichen Firma.<br />
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18<br />
Ausstellung
Schlesisches Museum zu Görlitz<br />
Silber von Lemor<br />
Bratentranchierbesteck, Bratengabel, Klingenschärfer, Orangenmesser, Spargelheber und Keulenhalter aus Silber,<br />
Fa. Julius Lemor, um 1900.<br />
Zu ihrem Sortiment gehörten alle Arten<br />
von Korpuswaren wie Leuchter und Service,<br />
Flachwaren wie Tabletts und Teller<br />
sowie Kleinsilberwaren wie Etuis und<br />
Dosen. Berühmt wurde das Unternehmen<br />
aber vor allem wegen seines breiten<br />
Angebotes an Silberbestecken, die<br />
immer mehr nachgefragt wurden. Seit<br />
der Reichsgründung 1871 und in einer<br />
Zeit sinkender Silberpreise wurden solche<br />
Bestecke auch für weite bürgerliche<br />
Kreise erschwinglich.<br />
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Ausstellung<br />
19
Silber von Lemor in Breslau 1818-1945 –<br />
von Lemor<br />
Die Firma Lemor erweiterte kontinuierlich<br />
die Auswahl an Besteckmustern.<br />
Auch funktionale Neuheiten kamen auf<br />
den Markt: zum Beispiel Orangenschäler,<br />
Sardinenheber, Tomatenmesser, Keulenhalter,<br />
Gebäckzangen, Spargelzangen,<br />
Hummergabeln, spezielle Fischbestecke<br />
und vielfältige Vorlegebestecke.<br />
Ein Nachfahre der letzten Inhaber, Rainer<br />
Lemor, hat der Firmengeschichte<br />
jahrzehntelang nachgespürt und eine<br />
umfangreiche Silbersammlung zusammengetragen,<br />
darunter über 2500 Besteckteile.<br />
Diese Kollektion übergab er<br />
dem Schlesischen Museum als Dauerleihgabe,<br />
die nun in großen Teilen<br />
ausgestellt wird. Die Schau „Silber von<br />
Lemor in Breslau 1818-1945“ ist vom<br />
8.12.<strong>2018</strong> bis 10.3.2019 zu sehen und<br />
wird später auch im Stadtmuseum in<br />
Breslau gezeigt.<br />
Teekanne mit Rechaud, Silber, Fa. Julius Lemor, nach 1922.<br />
Es erscheint eine Publikation, in der<br />
Rainer Lemor rund 140 Besteckmuster<br />
der Firma Lemor identifiziert. Damit ist<br />
Sammlern eine wertvolle Bestimmungs-<br />
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20<br />
Ausstellung
Schlesisches Museum zu Görlitz<br />
Silber von Lemor<br />
Grundformen der Besteckgriffe und –stile (v.l.n.r.): Klassische Form, Lanzettenform, Spaten- oder Spatelform, Violin- oder<br />
Geigenform und Baguetteform, Fa. Julius Lemor.<br />
hilfe geboten. Ergänzt wird die Publikation<br />
durch einen Beitrag über die Silberpunzierung<br />
der Stadt Breslau von 1818<br />
bis 1945 mit Abbildung aller Marken<br />
dieser Zeit.<br />
Schlesisches Museum zu Görlitz<br />
Schönhof, Brüderstraße 8<br />
Ausstellung „Silber von Lemor in Breslau<br />
1818-1945“<br />
8.12.<strong>2018</strong>-10.3.2019<br />
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Ausstellung<br />
21
Alexander Camaro und Breslau – Eine Hommage –<br />
Camaro<br />
Alexander Camaro, Aschermittwoch-Blues, 1973, Mischtechnik und Collage auf Leinwand, 160 x 200 cm,<br />
© Camaro Stiftung/VG Bild-Kunst, Bonn <strong>2018</strong>, Foto: Eric Tschernow<br />
Das Schlesische Museum zu Görlitz<br />
präsentiert bis 10. März 2019 Werke<br />
des Künstlers Alexander Camaro (1901<br />
Breslau – 1992 Berlin), der heute als<br />
der bedeutendste Schüler des legendären<br />
Expressionisten Otto Mueller gilt.<br />
Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit<br />
mit der Alexander und Renata Camaro<br />
Stiftung Berlin entstanden und steht in<br />
enger Verbindung zu der in Berlin gezeigten<br />
Schau „MALER. MENTOR. MA-<br />
GIER. Otto Mueller und sein Netzwerk<br />
in Breslau“.<br />
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22<br />
Ausstellung
Schlesisches Museum zu Görlitz<br />
Alexander Camaro<br />
Alexander Camaro, Auf dem Turmseil, 1947, Öl auf Leinwand, 85 x 103 cm © Camaro Stiftung/ VG Bild-Kunst, Bonn <strong>2018</strong>,<br />
Foto: Eric Tschernow<br />
Im Mittelpunkt der Görlitzer Ausstellung<br />
steht Camaros besondere Beziehung zu<br />
Breslau, wo er bis 1928 seine Kindheit<br />
und Jugend verbrachte. Mit rund 30 Bildwerken,<br />
Texten, Fotos und kurzen Filmsequenzen<br />
werden die vielfältigen Anregungen<br />
aus der Breslauer Zeit sichtbar,<br />
die selbst noch das Spätwerk des Künstlers<br />
beeinflussten. Inspirierend blieben<br />
für Camaro vor allem die Erinnerungen<br />
an die Oderlandschaft und an die bunte,<br />
poetische Welt der Schausteller im Breslauer<br />
Vorort Morgenau.<br />
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Ausstellung<br />
23
Alexander Camaro und Breslau – Eine Hommage –<br />
Camaro<br />
Hier wuchs er vor dem Ersten Weltkrieg<br />
auf und schloss sich mit 16 Jahren einer<br />
wandernden Artistentruppe an. Seine<br />
Bilder reflektieren aber auch die eng<br />
bebaute, manchmal unheimlich wirkende<br />
Breslauer Altstadt. In den hiesigen<br />
Nachtlokalen verdiente er als Geigenspieler<br />
Geld für sein Kunststudium an<br />
der Akademie für Kunst und Kunstgewerbe<br />
beim legendären Expressionisten<br />
Otto Mueller.<br />
Alexander Camaro, Tochter des Schaubudenbesitzers I,<br />
um 1919, Pastell auf Papier, 64 x 44 cm, © Camaro Stiftung/<br />
VG Bild-Kunst, Bonn <strong>2018</strong>, Foto: Eric Tschernow<br />
Vor allem die Welt der Bühne, der Musik<br />
und der Schaustellung sollte Camaro<br />
nicht nur als Bildmotiv, sondern auch in<br />
anderen Kunstformen nie wieder loslassen,<br />
sei es als Tänzer der Dresdener<br />
Wigman-Schule, als Hauptbegründer<br />
des 1949 legendär gewordenen, surrealistischen<br />
Berliner Künstlerkabaretts<br />
„Die Badewanne“ oder aber bei Filmexperimenten,<br />
die sein bildkünstlerisches<br />
Werk ergänzten. Wenig bekannt ist,<br />
dass Camaro sogar umfangreich schriftstellerisch<br />
tätig war und auch hier Motive<br />
aus der Breslauer Zeit aufgriff.<br />
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24<br />
Ausstellung
Schlesisches Museum zu Görlitz<br />
Alexander Camaro<br />
Letztlich realisierte Camaro damit ein<br />
bemerkenswert vielseitiges, von hoher<br />
Vitalität bestimmtes Gesamtwerk, das<br />
in erweiterter Form und unter den Vorzeichen<br />
der Nachkriegsmoderne über<br />
Jahrzehnte hinweg dem Ideal eines von<br />
Kunst durchdrungenen Lebens folgte,<br />
wie es ihm einst sein großes Vorbild<br />
Otto Mueller vorgelebt hatte. Camaro<br />
war zeitlebens stolz darauf, Schüler Otto<br />
Muellers zu sein.<br />
Die Sonderausstellung wird anschließend<br />
in abgewandelter Form vom 5.4.<br />
bis zum 29.6.2019 im Camaro Haus,<br />
Berlin, zu sehen sein und vom 2.8. bis<br />
6.10.2019 im Breslauer Stadtmuseum<br />
(Schloss). Es ist eine reich bebilderte<br />
zweisprachige Publikation (deutsch-polnisch,<br />
Preis: 20,- €) erschienen.<br />
Alexander Camaro, St. Annen in Breslau, um 1980-90,<br />
Öl und Reliefpaste auf Leinwand 25 x 20 cm, © Camaro<br />
Stiftung/VG Bild-Kunst, Bonn <strong>2018</strong>, Foto: Eric Tschernow<br />
Schlesisches Museum zu Görlitz<br />
Ausstellung „Alexander Camaro und<br />
Breslau – Eine Hommage“<br />
bis 10.3.2019<br />
www.schlesisches-museum.de<br />
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Ausstellung<br />
25
Gedichte zum Jahreswechsel<br />
Architekt Gerhard Röhr mit Ehefrau Elise und den Kindern Käthe und Hans-Joachim, um 1904<br />
Die folgenden Gedichte entstammen der<br />
Feder von Karin Röhr (80), der Enkelin<br />
des bekannten Görlitzer Architekten<br />
Gerhard Röhr, der von von <strong>185</strong>9 -1930<br />
lebte. Gerhard Röhr entwarf und baute<br />
viele große Gebäude in Görlitz, die auch<br />
heute noch das Stadtbild prägen, wie<br />
das Verwaltungsgebäude der heutigen<br />
Landskron Brauerei, die Villa Sydow, die<br />
Rothenburger Versicherungsanstalt und<br />
viele weitere markante Gebäude in Görlitz<br />
und Schlesien.<br />
Weihnachtszeit<br />
Das Schönste in der Weihnachtszeit<br />
ist Ruhe und Gemütlichkeit,<br />
der Kerzenschein, der Plätzchenduft<br />
und Heimlichkeiten in der Luft.<br />
Zu überlegen, zu durchdenken<br />
was könnt ich wem<br />
und was wohl schenken ?<br />
Womit erfreuen, überraschen ?<br />
Mit auserwählten kleinen Sachen.<br />
Es sollt schon was Besonderes sein<br />
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26<br />
Gedichte
von Karin Röhr<br />
Gedicht<br />
nicht einfach nur ein Euroschein.<br />
Und ist er´s doch, weil sehr bequem<br />
dann überlege gut für wen ?<br />
Bedenke aber alle Gaben<br />
sie sollten eine Seele haben<br />
und dazu hab ich die Idee.<br />
Hier liegt ne Schachtel, wie ich seh<br />
wertloses, altes Material<br />
doch neu beklebt mit einem Mal<br />
könnt es zum Wertvollsten sich wenden,<br />
denn ein Geschenk aus Deinen Händen<br />
ist nicht gekauft, ist einfach da,<br />
für diese Schachtel leg bereit<br />
ein Stück Papier und darauf schreib:<br />
Ich schenke Dir heut sehr viel Zeit.<br />
Zeit für Gespräche ganz in Ruh<br />
ich höre Dir auch wirklich zu.<br />
Zeit zum Spazieren in den Wald<br />
und diese Zeit schenk ich Dir bald.<br />
Und wenn man richtig es bedenkt<br />
ist dies ein wertvolles Geschenk.<br />
Auch weihnachtliche Melodie,<br />
Zufriedenheit und Harmonie,<br />
Besinnlichkeit durch Kerzenschein.<br />
So sollte Weihnachtsstimmung sein.<br />
Karin Röhr, September <strong>2018</strong><br />
Hörst in der Fern Du Glocken läuten<br />
Hörst in der Fern die Glockenläuten ?<br />
Halt still erlausche ihren Klang.<br />
Es ist ein Zauber, ist ein Schwingen<br />
zieht uns berauschend in den Bann.<br />
Der Glocken Klang erfüllt die Stille<br />
die uns ergreift, die uns umringt<br />
und uns in wunderbarer Weise<br />
in Ruhe inner’n Frieden bringt.<br />
Und mit dem Klang der fernen Glocken<br />
beendet sich auch dieses Jahr.<br />
Gedanken gehen zu den Orten<br />
die uns bedeutsam sind und wahr.<br />
Gedanken ziehen ihre Kreise<br />
gebannt vom Licht und ihrem Schein.<br />
Behutsam schließt man sacht und leise<br />
wohl was uns lieb ist, innig ein.<br />
Und nun erschallt ihr Glockenschläge<br />
öffnet das Tor ins neue Jahr<br />
gebt allen Menschen Kraft und Wille<br />
und macht ein friedvoll Leben wahr.<br />
Karin Röhr, <strong>Dezember</strong> 2016<br />
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Gedichte<br />
27
Gedichte zum Jahreswechsel<br />
Kriegsweihnacht 1942 der Familie Hans-Joachim Röhr mit den Töchtern Anneliese und Karin<br />
Von Fern hörst du der Glocken läuten<br />
Von Fern hörst du der Glocken läuten<br />
es macht beklommen unser Herz.<br />
Das alte Jahr schließt seine Pforten<br />
es brachte Freude und auch Schmerz.<br />
Das alte Jahr schließt seine Pforten<br />
und damit ein Stück Lebenslauf<br />
wenn man auch wollte unverdrossen<br />
hält man das Rad der Zeit nicht auf.<br />
Blickt man zurück auf alles Streben<br />
was Inhalt gab Zufriedenheit<br />
so möchte Dankbarkeit sich regen<br />
für alles was es hielt bereit.<br />
Ist einem bang vor allem Schweigen<br />
mag nie ne Frage offen stehn.<br />
Auf manchem Weg möcht man verweilen<br />
und dennoch wird man weiter gehen.<br />
Die Welt ist ach soo schrill geworden<br />
und Ruhe zieht nur dort noch ein<br />
wo man sich wohlfühlt und geborgen<br />
mög das doch für die Menschheit sein.<br />
Hört man der Glocken klare Töne<br />
in ferner Weite ihren Klang<br />
soll für das Gute und das Schöne<br />
sich öffnen weit des Jahres Gang.<br />
Karin Röhr <strong>Dezember</strong> 2017<br />
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28<br />
Gedichte
Der frühe Jacob Böhme (1575-1624) -<br />
Jacob Jacob Böhme wird 1575 als viertes von<br />
fünf Kindern einer begüterten protestantischen<br />
und alteingesessenen Bauernfamilie<br />
in Alt-Seidenberg bei Görlitz geboren.<br />
Geburtsjahr entsprechend eigenhändiger<br />
Eintragung auf der Titelseite seiner „Aurora<br />
oder Morgenröte im Aufgang“: ‚1612 seines<br />
Alters 37 Jahr’. Der Vater, Jacob Böhme,<br />
ist freier Bauer sowie Kirchenältester<br />
und Gerichtsschöffe in Alt-Seidenberg.<br />
Der Knabe besucht von 1580 bis 1589 die<br />
Alt-Seidenberger Schule. Wegen seiner<br />
schwachen körperlichen Konstitution, die<br />
ihn für den Beruf des Bauern ungeeignet<br />
macht, geht Jacob bei einem Schuster<br />
in Seidenberg für drei Jahre in die Lehre.<br />
1592 folgen Böhmes Lehr- und Wanderjahre<br />
als Schuhmachergeselle in der<br />
Oberlausitz, in Niederschlesien und Böhmen.<br />
Böhme macht während dieser Zeit<br />
Bekanntschaft mit Caspar Schwenckfelds<br />
Reformationslehre, Bauernpredigern und<br />
Böhmischen Brüdern.<br />
Jacob Böhme wird 1599 Meister und erhält<br />
zu Walpurgis, 24. April, für vier Schock<br />
Groschen die vom Görlitzer Bürgermeister<br />
Bartholomäus Scultetus ausgefertigte<br />
Bürgerurkunde: „Jacob Behmer von Alt<br />
Seidenberg, Schuster, hat auf seinen vorgelegten<br />
Geburts- und Losbrief sein Burgerrecht<br />
erworben“.<br />
Im Kaufbuch der Stadt ist unter demselben<br />
Tag vermerkt, dass Meister Böhme<br />
eine der 44 Schuhbänke auf dem Untermarkt<br />
für 240 Görlitzer Mark vom Schwager<br />
seiner künftigen Schwiegermutter erworben<br />
hat.<br />
Am 10. Mai 1599 wurde im Traubuch festgehalten,<br />
Jacob Böhme sei mit der „Junkfrau<br />
Catharina Hanns Kuntzschmanns<br />
Tochter“ die Ehe eingegangen und habe<br />
„drei Kreuzer erlegt“.<br />
Böhme erwirbt am 21. August für 300<br />
Mark ein Haus „furim Neisstore aufm Töpferberge“<br />
am östlichen Neißeufer – wahrscheinlich<br />
aus Mitteln des Heiratsgutes<br />
seiner Frau, Tochter eines wohlhabenden<br />
Fleischermeisters.<br />
Am 29. Januar 1600 kommt Böhmes ältester<br />
Sohn Jacob zur Welt.<br />
Seine Taufe, wie auch die der weiteren<br />
drei Söhne, ist im Taufregister der Hauptpfarrkirche<br />
St. Peter und Paul in Görlitz<br />
eingetragen.<br />
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30<br />
Geschichte
Kurzer Lebensabriss von 1575-1611<br />
Jacob Böhme<br />
Haus um 1924 an der Geburtsstätte Jacob Böhme in Alt-Seidenberg<br />
Im selben Jahr 1600 hat Böhme sein großes<br />
Schauerlebnis, von dem er aber erst<br />
12 Jahre später berichtet.<br />
Beim Anblick eines zinnernen Gefäßes erlebt<br />
er den entscheidenden Moment seines<br />
Lebens, in dem ihm die Grundkonzeption<br />
für sein späteres Lebenswerk vor das<br />
innere Auge tritt.<br />
Am 8. Januar 1602 kommt Böhmes zweiter<br />
Sohn Michael zur Welt.<br />
Böhmes dritter Sohn Tobias wird am 11.<br />
September 1603 geboren. Martin Moller,<br />
Pastor primarius von Görlitz, stirbt 1606.<br />
Er galt als heimlicher Rosenkreuzer und<br />
Calvinist. Im Mollerschen Hause verkehrten<br />
neben Böhme u. a. auch seine späteren<br />
Anhänger und Förderer wie Karl Ender<br />
von Sercha, Balthasar Walther und Tobias<br />
Kober. Mollers Nachfolger im Amt des Pastor<br />
primarius wird Gregor Richter.<br />
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Geschichte<br />
31
Der frühe Jacob Böhme (1575-1624)<br />
Jacob Böhmes Vater trifft nach dem Tod seiner<br />
Frau Ursula mit seinen Kindern am 7. Februar<br />
1607 einen „Erbschaftsentscheid“,<br />
da er wieder heiraten möchte. (Aus dieser<br />
zweiten Ehe gehen drei Töchter hervor.)<br />
Vom 26. April bis 1. Mai 1607 weilt der<br />
berühmte Hofastronom Kaiser Rudolfs II.,<br />
Johannes Kepler, in Görlitz und besucht<br />
Bartholomäus Scultetus. Im März 1608<br />
tauchen die beiden ältesten Söhne Jacob<br />
und Michael im Görlitzer Gymnasialmatrikel<br />
als Teilnehmer des Gregoriusfestes auf<br />
und wurden dabei unter den „locupletioris“<br />
(Reichen) aufgeführt.<br />
Jacob Böhme wird am 21. Juni 1608 der<br />
mütterliche Erbteil ausbezahlt. Am 26.<br />
Juli des gleichen Jahres verkauft er sein<br />
Haus, bleibt aber als Mieter darin wohnen.<br />
Böhmes dritter Sohn Tobias besucht bis<br />
1613 die als Bürgerschule eingerichteten<br />
vier unteren Klassen des Görlitzer Gymnasiums.<br />
Seine Eltern gelten weiterhin als<br />
vermögend. Jacob Böhme übernimmt die<br />
Vormundschaft über die ledige Schwester<br />
seiner Frau Catharina, seine Schwägerin<br />
Rosine Kuntzschmann.<br />
Am 22. Juni 1610 bezieht Jacob Böhme<br />
ein neues Haus an der Neißebrücke. An<br />
ihm muss jeder vorbei, der Görlitz von Osten<br />
her betritt. Es liegt am Ostende der<br />
Neißebrücke „zwischen den Toren hinter<br />
der Spitalschmiede“. Das Grundstück, das<br />
Böhme für 375 Görlitzer Mark erworben<br />
hat, ist mit zwei Häusern bebaut. Böhme<br />
lernt durch Karl Ender von Sercha Gedanken<br />
und Lehren von Paracelsus (1493-<br />
1541), Caspar von Schwenckfeld (1489-<br />
1561), Sebastian Franck (1499-1543) und<br />
Valentin Weigl (1533-1588) kennen. Böhme<br />
erfährt eine erneute Erleuchtung. Er<br />
wird „nach zehn Jahren durch Überschattung<br />
des Heiligen Geistes zum dritten<br />
Male von Gott berühret und mit neuem<br />
Licht und Recht begnadet“. Böhme veräußert<br />
das kleinere der beiden Häuser. Laut<br />
Eintragung des Taufbuches kommt der<br />
jüngste Sohn Jacob Böhmes, Elias, am 4.<br />
September 1611 zur Welt.<br />
Quelle: Jacob Böhme und die Pest zu Görlitz<br />
Musiktheater Oberlausitz-Niederschlesien GmbH<br />
in Kooperation mit dem <strong>StadtBILD</strong>-Verlag, 2007<br />
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32<br />
Geschichte
Waldorfschule „Jacob Böhme“<br />
Jacob Nach jahrzehntelangem Lehrstand<br />
hat der Görlitzer Güterbahnhof<br />
eine neue Bestimmung<br />
gefunden: Im Sommer<br />
2020 will die Freie Waldorfschule<br />
Görlitz „Jacob Böhme“<br />
mit 13 Klassen in die bis dahin<br />
ausgebauten Hallen einziehen.<br />
Dabei fing alles mit engagierten<br />
Gründungseltern an, die<br />
sich für ihre Kinder eine Waldorfschule<br />
wünschten.<br />
Der Schulbetrieb startete dann 2011 mit<br />
17 Kindern in den jahrgangsübergreifenden<br />
Klassen 1 bis 4 in Zodel. Im Sommer<br />
2016 erfolgte dann der Umzug in die Konsulstraße,<br />
bereits mit der Perspektive, den<br />
Güterbahnhof als finalen Schulstandort<br />
zu erwerben. Denn Waldorfschulen (in<br />
Deutschland gibt es mittlerweile über 200,<br />
und über 1000 weltweit) brauchen Platz<br />
für ihr vielfältiges pädagogisches Konzept:<br />
einen Schulgarten für den Gartenbauunterricht,<br />
Holzwerkstätten, Näh- und Handarbeitsraum,<br />
Räume für Theater, Musik<br />
und das besondere Bewegungs-Fach<br />
Schlüsselübergabe der Waldorfschule am 20. November <strong>2018</strong><br />
Eurythmie, eigene Förderräume für die<br />
heilpädagogischen Kinder (in Görlitz wird<br />
inklusiv unterrichtet), Naturwissenschaft<br />
und Kunst für die Oberstufe. Es galt bis<br />
hierher einige Hürden zu überwinden,<br />
schließlich musste nicht nur die Baugenehmigung<br />
beantragt, sondern auch die<br />
Finanzierung gesichert werden! Doch die<br />
Waldorfschule, die sich den berühmten<br />
Görlitzer Jacob Böhme als Namenspatron<br />
auserkoren hat, fand breite Unterstützung:<br />
durch das von der EU geförderte Stadtentwicklungsprojekt<br />
„Brautwiesenbogen“ um<br />
den Güterbahnhof.<br />
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Geschichte<br />
33
II. Schicksale der Stadt Rothenburg –<br />
750 Jahre<br />
Wann Rothenburg zu einer Stadt erhoben<br />
wurde, darüber fehlt es an Nachrichten.<br />
Es muß dies aber schon in früher Zeit geschehen<br />
sein. Da der jedesmalige Besitzer<br />
des Schlosses auch Herr des Städtchens<br />
war. Die Städteordnung wurde im Jahre<br />
1833 durch den Magistrat eingeführt.<br />
Um in den unruhigen Zeiten die Bürger vor<br />
plötzlichen Überfällen durch beutelustigen<br />
Raubritter zu schützen, hatte man die<br />
Stadt mit einem Graben und wohl auch<br />
mit Pfahlwerk umgeben.<br />
Die Benennung einer Straße „der Graben“<br />
beweist dies hinlänglich. Indessen konnte<br />
eine so schwache Befestigung nur kleinen<br />
Scharen, nicht aber den geordneten<br />
Haufen der tapferen und wilden Hussiten<br />
widerstehen.<br />
Im Juni 1427 eroberten sie die Burg, wie<br />
die Stadt, verbrannten beide, und zogen<br />
mit reichlich Beute beladen davon. Der Ort<br />
wurde gewiß, da etwas ruhigere Zeiten<br />
eintraten, von den unglücklichen Bewohnern<br />
wieder aufgebaut, und das Schloß,<br />
wieder hergestellt.<br />
Allein schon am 29. März 1489 wurde der<br />
ganze Ort, bis auf die Kirche und den Hof,<br />
ein Raub der Flammen. Am 6. Oktober<br />
1518 traf dasselbe Schicksal die ganze<br />
Stadt, indem von dem brennenden herrschaftlichen<br />
Hofe in Tormersdorf bei heftigem<br />
Ostwinde brennende Dachschoben<br />
in die Stadt flogen, und hier zündeten. Kirche<br />
und Schloß brannten mit aus.<br />
Am 20. März 1608 brannte, bis auf das<br />
Schloß, der ganze Ort nieder. Das Feuer<br />
war gelegt. Am 15. Juli 1613 ging die Hälfte<br />
der Stadt in Feuer auf.<br />
Am 8. Juni 1614 traf dasselbe Unglück<br />
das ganze Städtlein durch Brandstiftung.<br />
(Eine und dieselbe Frau war dieses Mal<br />
und im folgenden Jahre die Brandstifterin.<br />
Sie hatte außerdem ihren Vater ermordet<br />
und zwei Kinder umgebracht. Wegen dieser<br />
vielen Verbrechen wurde sie am 19.<br />
August 1614 zu Rothenburg verbrannt.)<br />
Welche Leiden der schreckliche dreißigjährige<br />
Krieg gebracht hat, ist nicht besonders<br />
angemerkt; allein es ist zu vermuten,<br />
daß es dieselben gewesen sind, welche<br />
wir von andern Orten hörten, Plünderung<br />
(so 1631 durch die Kroaten), Brand, Mord,<br />
Unsicherheit, Mißhandlungen, Hungers-<br />
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34<br />
Geschichte
750 Jahre Rothenburg<br />
Priebuser Straße in Rothenburg<br />
not, Seuchen u.s.w. und es mochte am<br />
Ende des Krieges das ganze Städtlein<br />
ziemlich verödet sein, zumal 1640 der<br />
ganze Marktplatz, zusammen 41 Häuser,<br />
abbrannte, und 1650 fast der ganze Ort<br />
wieder von den Flammen verzehrt wurde.<br />
Es schien für Rothenburg eine bessere<br />
Zeit zu kommen, als Schlesier, die als Bekenner<br />
des reinen Evangeliums aus ihrem<br />
Vaterlande vertrieben waren, sich hierher<br />
wandten und den Ort wieder aufbauten.<br />
Am 10. Mai 1679 verzehrte eine Feuersbrunst<br />
wieder 10 Häuser; am 22. Februar<br />
1689 sanken 50 Häuser in Asche, die Kirche<br />
und die Priebuser Gasse blieben dabei<br />
verschont.<br />
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Geschichte<br />
35
II. Schicksale der Stadt Rothenburg –<br />
750 Jahre<br />
Am 8. Juni 1714 wurde die ganze Stadt<br />
ein Raub der Flammen, ein Schicksal das<br />
sie hundert Jahre früher an demselben<br />
Tage getroffen hatte.<br />
Am 25. Oktober 1764, nachdem die Wunden,<br />
welche der siebenjährige Krieg durch<br />
Lieferungen, Einquartierungen u.s.w. geschlagen<br />
hatte, noch nicht geheilt waren,<br />
entstand durch Unvorsichtigkeit beim<br />
Flachsdörren eine schreckliche Feuersbrunst,<br />
welche 74 Häuser und 13 Scheuern<br />
in Asche legte. Kirche, Schloß, Pastorat<br />
und 24 Häuser blieben verschont.<br />
Doch noch furchtbarer wüteten die Flammen<br />
am 21. Juni 1798, wo auch die Kirche,<br />
der Turm, die geistlichen Amtswohnungen<br />
und die Wirtschaftsgebäude des<br />
Dominiums in Feuer aufgingen, und zwei<br />
Menschen ihr Leben verloren. Das Feuer<br />
war beim Böttchermeister Eichler ausgebrochen.<br />
Von der ganzen Stadt stand<br />
nichts mehr als das Schloß, 18 Häuser<br />
und einige Scheunen. Durch freundliche<br />
Unterstützungen von nah und fern ward<br />
es möglich, das Städtlein nach und nach,<br />
und zwar größtenteils ganz massiv, aufzubauen;<br />
die Kirche wurde 1805 wieder<br />
eingeweiht, und ihr auch seit dem Jahre<br />
1838 ein Turm mit drei schönen Glocken<br />
angebaut. Die Kriegsjahre 1812-1815<br />
brachten der Leiden viele, wie schon im<br />
Anfange dieses Jahrhunderts die schwere<br />
Teuerung; Nerven- und Lazarettfieber forderten<br />
in jenen Jahren, besonders 1813,<br />
zahlreiche Opfer, und Lieferungen und<br />
Einquartierungen nahmen kein Ende.<br />
Der Frieden brachte endlich Ruhe und Sicherheit<br />
zurück, und Rothenburg, das mit<br />
der gesamten Oberlausitz seit 1635 dem<br />
Sächsischen Kurhause erblich gehört hatte,<br />
wurde mit einem großen Teile derselben<br />
vom Königreiche Preußen einverleibt.<br />
Seitdem hat sich Rothenburg, da es von<br />
größern Bränden verschont blieb, sehr erholt,<br />
und es gewinnt in jedem Jahre an<br />
Größe und Wohlstand.<br />
Dieses kleine Kapitälchen ist ein Auszug<br />
aus der am 17. <strong>Dezember</strong> <strong>2018</strong> erscheinenden<br />
Festschrift und Topografie von<br />
Rothenburg.<br />
Die Festschrift zur Geschichte der Stadt<br />
Rothenburg wurde aus Anlass des 750jährigen<br />
Jubiläums der Stadt Rothenburg herausgegeben.<br />
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36<br />
Geschichte
750 Jahre Rothenburg<br />
Hierbei wurden verschiedenste Quellen<br />
in Zusammenarbeit mit dem Museum<br />
Rothenburg ausgewertet. Das Anliegen<br />
war es, die Geschichte der Stadt Rothenburg<br />
möglichst authentisch darzustellen.<br />
Aufbauend auf das Werk von Ludwig August<br />
Theodor Holscher „Kurze Topografie<br />
und Geschichte der Kreis-Stadt Rothenburg<br />
in der Preußischen Oberlausitz“ aus<br />
dem Jahre 1844 wurde die Sammlung,<br />
durch die Kapitel „Auswirkungen des<br />
Siebenjährigen Krieges auf Rothenburg<br />
und die Oberlausitz“ aus den heimatgeschichtlichen<br />
Aufsätzen des Rothenburger<br />
Pfarrers Theodor Stock sowie mit<br />
historischen Aufnahmen ergänzt.<br />
Dem heutigen Rothenburg wurde ebenso<br />
ein Kapitel gewidmet wie auch einem<br />
umfangreichen Zeitstrahl.<br />
Möge nun der Festschrift und Topografie<br />
von Rothenburg eine freundliche Aufnahme<br />
beschieden sein und möge sie<br />
dazu beitragen, dass der Heimatliebe<br />
und Heimatpflege auch in einer medialen<br />
Zeit Geltung und Achtung bewahrt<br />
bleiben.<br />
Festschrift und Topografie von Rothenburg<br />
160 Seiten, gebunden, reich bebildert.<br />
Limitierte Auflage von 750 Exempl.<br />
ab 17. <strong>Dezember</strong> bestellbar unter:<br />
www.Stadtbild-Verlag.de<br />
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Geschichte<br />
37
Die schlesische Weihnacht –<br />
Schlesische Weihnacht<br />
Eigentlich fing es damit an, daß<br />
Mutter den Lebkuchenteig anrührte,<br />
lange vor dem Fest. So richtig gute<br />
Lebkuchen brauchten nach dem Backen<br />
schon eine geraume Weile, ehe<br />
sie weich und saftig wurden. Allein<br />
schon der Duft, der die Küche einhüllte,<br />
Kardamon und Zimt, Honig<br />
und viele Gewürze, die man als Kind<br />
ja nicht so genau definieren konnte.<br />
Unsere große weiße Backschüssel<br />
nahm alles auf, und dann wurde<br />
geknetet und probiert. Da noch<br />
ein Quentchen Sirup oder eine Prise<br />
Hirschhornsalz. Wenn Mutter nicht<br />
hinsah, naschte ich heimlich. Der<br />
Teig war eine zähe, klebrige Masse,<br />
und nur ein wirklich gesunder Kindermagen<br />
konnte das verkraften.<br />
War er fertig und wurde ausgerollt,<br />
bekam ich auch Ausstechförmchen<br />
und konnte mithelfen. Aber wohlweislich<br />
auch ein eigenes Backbrett,<br />
denn nach mehrmaligen Ausrollversuchen<br />
färbte sich mein Klümpchen<br />
Teig noch dunkler, als es von Natur<br />
aus schon war. Das meiste landete<br />
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38<br />
Weihnachtliches
im alten Breslau<br />
Schlesische Weihnacht<br />
sowieso in meinem Schleckermaul. Waren<br />
alle Plätzchen im Ofen, fing es an zu<br />
duften. Vater kam dann auch in die Küche.<br />
Während Mutter ein Blech nach dem<br />
anderen aus dem Herd holte, stibitzten<br />
wir schon die heiße Köstlichkeit.<br />
Große Lebkuchendosen wurden herbeigeschafft<br />
und nach dem Erkalten der<br />
Plätzchen bis an den Rand gefüllt. Vieles<br />
wurde probiert, obwohl die Besagten,<br />
Süßen doch sehr hart waren. Aber bald<br />
schon, in ein paar Wochen, würden sie<br />
weich und gut sein. Zu dieser Zeit fingen<br />
auch all die Heimlichkeiten an. Im Haus,<br />
in der Wohnung, schleppte bald jeder von<br />
uns etwas mit sich herum. Wo war wohl<br />
der beste Platz, um etwas bis Weihnachten<br />
zu verstecken? Unser Vater war im<br />
Keller tätig und kam bisweilen nur noch<br />
zu den Mahlzeiten heraus. Überhaupt,<br />
die Speisen vor Weihnachten waren nicht<br />
üppig. Man sollte sich die Gelüste aufsparen,<br />
damit die Vorfreude auf die vielen<br />
guten Dinge so richtig genossen werden<br />
konnte. Mutters Heimlichkeiten erstreckten<br />
sich bis in die Nacht hinein. Denn<br />
tagsüber wurde sie gequält mit so vielen<br />
Fragen, wenn sie auch nur ein kleines,<br />
buntes Tüchlein oder ein Stoffrestchen in<br />
der Hand verbarg. Gehäkelt und gestrickt<br />
hat sie dann bis in den frühen Morgen.<br />
Puppenkinder die zerzaust aussahen,<br />
bekamen unter ihrer Hand wieder Glanz<br />
und neue Kleider. Am Heiligen Abend saßen<br />
sie dann unter dem Baum, die Annas<br />
und Lottchens. Mit blauen und weißen<br />
Bändern im Haar, manchen hatten sogar<br />
neue Schühchen an.<br />
Ich habe damals versucht, mit meinen<br />
ungeschickten kleinen Kinderhänden einem<br />
grauen Knäulchen Wolle und einer so<br />
verflixt glatten Häkelnadel ein Geschenk<br />
für Mutter zu entlocken. Die Finger verkrampften<br />
sich, und der so erbärmlich<br />
wirkende Topflappen war hart wie Stein.<br />
Dann warf ich meistens alles erst einmal<br />
in die Ecke und verlegte mich aufs Malen.<br />
Dabei blieb ich dann, Vater und Mutter<br />
freuten sich anscheinend doch immer<br />
wieder am meisten über diese „Stilleben“<br />
aus meiner Hand. Sie taten jedenfalls so.<br />
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Weihnachtliches 39
Die schlesische Weihnacht –<br />
Schlesische Weihnacht<br />
Das Wohnzimmer blieb so ab Anfang <strong>Dezember</strong><br />
für uns Kinder tabu. Der Schlüssel<br />
zur Tür wurde versteckt, und nur Mutter<br />
oder Vater holten ihn hervor und gingen<br />
leise ein und aus. Selbst das Schlüsselloch<br />
wurde verstopft, damit auch ja nichts zu<br />
entdecken war.<br />
Die Adventszeit war also aufregend und<br />
schön zugleich für uns. Der Breslauer<br />
Weihnachtsmarkt mit dem Zauber der<br />
Buden, dem Duft nach Zimt und Glühwein.<br />
Um diese Zeit lag meist schon der<br />
erste Schnee, und wir gingen mit Mutter<br />
dorthin, um zu schauen und auch um ein<br />
wenig zu kaufen. Ich besaß einen kleinen,<br />
waren Muff und eine weiße, herrliche<br />
Pelzmütze. Beides war aus Kaninchenfell<br />
und alles Handarbeit. Ich stapfte<br />
neben Mutter her und begutachtete die<br />
vielen Dinge. Hampelmänner in allen Farben.<br />
Zinnsoldaten für die Jungen. Man<br />
konnte heiße gebackene Äpfel bekommen,<br />
knackige Würstchen bei der alten<br />
Marktfrau. Ihr Gesicht war hutzelig, und<br />
aus ihren müden Augen rannen Bäche<br />
von Tränen, durch die Kälte verursacht.<br />
Ihre Hände waren rot und rissig. Sie pries<br />
immerzu ihre Waren an: „heiße Wiener, a<br />
bissel Mostrich dazu, an, wie wär‘s, junge<br />
Frau?“ Mutter ließ mich bei ihr immer für<br />
eine kleine Weile zurück und verschwand<br />
mit einem Päckchen in einem der alten<br />
Häuser,, direkt am Rathaus. Im zweiten<br />
Stock hatte ein Puppenmacher seine<br />
Werkstatt, und mir fehlten ja seit ein paar<br />
Tagen zwei meiner geliebten Puppenkinder.<br />
Wie gerne wäre ich einmal mitgegangen,<br />
nach oben in diese Werkstatt. Mutter<br />
nahm mich niemals mit, ich weiß bis heute<br />
nicht den Grund. Aber es wird schon<br />
einen gegeben haben. Kam sie dann zurück,<br />
lachte sie und tat sehr geheimnisvoll.<br />
wir gingen zusammen zu Waxmann,<br />
einem Süßwarengeschäft. Dort wurde<br />
eingekauft, was Kaufladen und Puppenstube<br />
so alles nötig hatten. Das meiste<br />
war „marzepanich“ oder aus Fondant.<br />
Auch Liebesperlen und Zuckerlinsen usw.<br />
usw. Während Mutter aussuchte, wurde<br />
ich abgelenkt, denn alles um mich herum<br />
war Weihnachtsgeheimnis. Pfefferminzbruch<br />
kam als Abschluß in eine große<br />
Tüte. War die Draufgabe der Chefin<br />
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40<br />
Weihnachtliches
im alten Breslau<br />
Schlesische Weihnacht<br />
selbst. Sie saß nur an der Kasse und<br />
sah nobel aus. Sie trug eine Gemmenbrosche<br />
an ihrer schneeweißen<br />
Bluse. Mutter und sie müssen sich<br />
gut gekannt haben, ihre Unterhaltung<br />
war immer sehr herzlich.<br />
Dann wurde eingekehrt, meist in den<br />
Schweidnitzer Keller, einem Lokal im<br />
Rathaus. jeder Breslauer kannte es.<br />
Es war urgemütlich, viele Studenten<br />
in ihren bunten Mützen saßen an<br />
weißgescheuerten Holztischen. Wie<br />
lang ist das nun alles her!<br />
Wir gingen auch jedes Jahr um diese<br />
Zeit ins Breslauer Theater. Vater bekam<br />
immer Karten geschenkt. Allein<br />
die Vorfreude auf dieses Ereignis war<br />
riesig. Meist waren es Singspiele für<br />
Kinder, das Ballett „Die Puppenfee“<br />
oder „Der Kuchenpeter“. Auch „Hänsel<br />
und Gretel“, die Märchenoper<br />
von Humperdinck stand auf dem<br />
Programm. Ich trug dazu ein Kleidchen<br />
aus hellblauem Musselin. Der<br />
kleine runde Kragen war aus grauem<br />
Satin, und mit weißen Strümpfen<br />
und schwarzen Lackschuhen<br />
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Weihnachtliches 41
Die schlesische Weihnacht –<br />
Schlesische Weihnacht<br />
Breslau Hauptbahnhof<br />
war ich wirklich fein herausgeputzt. Wie<br />
festlich war alles. Mutter ermahnte mich<br />
immer wieder, ja leise zu sein, nicht laut<br />
im Theater zu sprechen, überhaupt sich<br />
manierlich zu benehmen. Damals fiel mir<br />
das noch nicht schwer, die meisten Kinder<br />
in meinem Alter waren brav und wohlerzogen.<br />
Später, in Bayern, hatte ich so<br />
meine liebe Not mit dem Bravsein. Alles<br />
zu seiner Zeit.<br />
Nikolause konnten mich damals nicht ergötzen,<br />
ich wüßte schon, wie es damit<br />
aussah. Hatte einmal meiner lieben Tante<br />
Margot die Larve vom Gesicht gezogen<br />
und war daraufhin mehrere Tage ziemlich<br />
verstört. Ich hatte so fest an den heiligen<br />
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42<br />
Weihnachtliches
im alten Breslau<br />
Schlesische Weihnacht<br />
Mann aus dem Himmel geglaubt. Eine<br />
Enttäuschung, die wohl jedem Kind nicht<br />
erspart bleibt.<br />
Je näher das Christfest heranrückte, um<br />
so mehr Arbeit hatten die Eltern. Besonders<br />
Mutter gönnte sich keine Ruhe. Sie<br />
lief Treppauf‘, treppab. Ihre von Natur<br />
aus roten Wangen wurden noch röter.<br />
Verwandte schauten bei uns herein, es<br />
wurden Berge von den saftigen Lebkuchen<br />
und ofenwarmer schlesischer<br />
Streuselkuchen aufgetischt. Jeder freute<br />
sich auf das Fest. Nur Mütter wirkten<br />
in diesen Zeiten auch gehetzt, genauso<br />
wie heute. Es hat sich auf diesem Gebiet<br />
nichts geändert. Nur alles war eine<br />
Spur leiser und geheimnisvoller. Weder<br />
grelles Neonlicht der vielen tausend Lichterketten<br />
in den heutigen Warenhäusern<br />
störte noch das schrille Gedudel der alten<br />
vertrauten Weihnachtslieder, die Kinderherzen<br />
begeistern und Eltern in einen<br />
Kaufrausch stürzen sollen. Es wurde auch<br />
geschenkt, aber viel bedachter als heute.<br />
In den Gassen der Stadt huschten die<br />
Menschen, Christbäume wurden auf den<br />
Märkten angeboten. Sie kamen aus den<br />
Wäldern des Riesengebirges, dufteten<br />
nach frischem Harz und hatten Schneehauben<br />
auf Spitze und Zweigen. Allein<br />
diese Bäume trugen auch zum Geheimnis<br />
meiner Kinderzeit bei. Erklang am<br />
heiligen Abend die kleine Glocke und die<br />
Wohnzimmertür wurde langsam geöffnet,<br />
dann war da nur erst einmal dieser<br />
Baum! So festlich geschmückt die Spitze<br />
mit den silbrig schimmernden Glöckchen<br />
daran. Eingesponnen in Fäden von feinem<br />
Engelshaar. Sie bewegten sich leise<br />
im Wind der Kerzenwärme. Kleine Trompeten<br />
und zerbrechliche Kugeln, Lametta<br />
und viele echte weiße Kerzen schmückten<br />
unsere Tanne. Im Zimmer war es ganz<br />
dunkel, nur der Baum strahlte, funkelte<br />
und duftete. Die Eltern standen Hand in<br />
Hand und schauten auf uns Kinder. Wie<br />
dankbar ich damals war, ja, das kann ich<br />
heute nur noch erahnen. Selbst in den<br />
Kriegsweihnachten haben die Eltern noch<br />
immer versucht, uns den Zauber dieser<br />
Stunden zu bescheren.<br />
Leserbrief von<br />
Sieglinde Herz, Stuttgart<br />
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Weihnachtliches 43
Die Klosterschenke in früherer Zeit –<br />
Vor der Klosterschenke beim Kloster St.<br />
Marienthal in Ostritz sitzen heute gern die<br />
Ausflügler, die per Fahrrad, per Bus oder<br />
im eigenen Pkw kommen. Große Kastanienbäume<br />
schenken angenehmen Schatten.<br />
Doch blicken wir 150 Jahre zurück,<br />
so zeigt sich ein anderes Bild.<br />
Pflaumen statt Kastanien<br />
Vor der Klosterschenke reihte sich einst<br />
ein Pflaumenbaum an den anderen. Pflaumenmus<br />
war über Jahrhunderte der häufigste<br />
Brotaufstrich. Gedörrte Pflaumen<br />
ließen sich lange aufheben und wurden<br />
zum Kochen verschiedenster Gerichte<br />
genommen. Nach einem historischen Bericht<br />
hatte ein Bauer in seinem Garten 10<br />
Pflaumenbäume, aber nur 4 Apfelbäume,<br />
2 Kirsch- und 2 Nussbäume. Eine Reihe<br />
Pflaumenbäume sieht der Gast vom Kastaniengarten<br />
aus noch am Rand der ehemaligen<br />
Klostergärtnerei direkt am Radweg<br />
stehen. Die Kastanienbäume wurden<br />
erstmals um 1895 vor der Schenke angepflanzt,<br />
als eine Veranda angebaut und<br />
Tische und Bänke aufgestellt wurden.<br />
Pferdekutschen statt Benzinkutschen<br />
Die Chronik vermeldet: „Diese Neueinrichtungen<br />
machten sich nötig, da der<br />
Verkehr, besonders seit der Eröffnung<br />
des Eisenbahnbetriebes, dauernd wuchs.<br />
Zwar war auch schon früher der auswärtige<br />
Besuch, veranlasst durch die Schönheit<br />
des Klosters und die Reize des Neißetals,<br />
stark gewesen. An manchen Frühlingsund<br />
Sommersonntagen hatten die Kutschen<br />
in langer Reihe gestanden und die<br />
Stallungen hatten die vielen Pferde nicht<br />
aufzunehmen vermocht, so dass sie im<br />
Klosterstall untergebracht werden mussten.“<br />
So war es: Die vermögenden Familien<br />
aus Görlitz und Zittau kamen vor 1875<br />
in Kutschen vorgefahren. Wer es sich leisten<br />
konnte, hatte einen eigenen Kutscher.<br />
Die feinen Herrschaften stiegen aus und<br />
der Kutscher blieb bei den Tieren. Wenn<br />
aber der Besitzer selbst kutschierte, mietete<br />
er für einige Stunden einen Platz für<br />
die Pferde. Die Gaststätten hatten meist<br />
einige Plätze für Gastpferde. Wer nicht<br />
lange bleiben wollte, bremste die Kutsche<br />
ein, hing seinen Pferden den Futtersack<br />
um und ließ sie allein. Die Tiere waren<br />
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44<br />
Geschichte
von Josefine Schmacht<br />
Die Klosterschenke<br />
Klosterschenke Ansicht mit Garten 1929<br />
nicht so ausgeruht wie heutzutage. Die<br />
Pferde mussten häufig Gespanne ziehen<br />
und nach der Fahrt nach Marienthal waren<br />
sie müde und standen ruhig.<br />
Stellmachereien, die Kutschen anfertigten,<br />
gab es mehrere im Umkreis der Klosterschenke.<br />
Das Foto zeigt verschiedene<br />
Modelle von Kutschen, wie sie in Leuba<br />
hergestellt wurden.<br />
Ankunft mit der Dampflokomotive<br />
Es war bis 1945 ein Leichtes, die Klosterschenke<br />
mit dem Zug zu erreichen. Man<br />
brauchte nicht wie heute knapp 2 km<br />
vom Bahnhof Ostritz (polnisch Krzewina)<br />
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Geschichte<br />
45
Die Klosterschenke in früherer Zeit<br />
zum Kloster laufen. Marienthal hatte einen<br />
eigenen Bahnhof. Das Gebäude steht<br />
noch, ist ungenutzt und zeigt die Station<br />
Bratkow (Rusdorf) an. Wer von Görlitz<br />
12.11 Uhr abfuhr, war 12.42 Uhr in Marienthal.<br />
Über die Klosterbrücke erreichten<br />
die Gäste bald die Schenke. Die Rückfahrt<br />
konnte 16.33 Uhr oder 18.20 Uhr angetreten<br />
werden. Auch von Zittau brauchte<br />
der Zug nur 25 Minuten bis zur Station<br />
Marienthal. Der letzte Zug in Richtung<br />
Zittau fuhr erst 23.45 Uhr ab.<br />
Das Alter der Schenke<br />
In der Klosterchronik wird erwähnt, dass<br />
im Jahr 1670 „das Gasthaus zu Marienthal<br />
und einige zunächst stehende Häuser<br />
durch Feuer verzehrt“ wurden. Das<br />
Fachwerkgebäude wurde wohl bald wieder<br />
errichtet. Als am 22. August 1683 alle<br />
Klostergebäude mit großer Schnelligkeit<br />
einer Brandkatastrophe zum Opfer fielen,<br />
war wieder die Schenke betroffen. Sie<br />
muss damals innerhalb des Klosterhofes<br />
gestanden haben. Der Neubau erfolgte<br />
nun außerhalb des Klosterbezirkes, an<br />
der heutigen Stelle. Das genaue Baujahr<br />
ist nicht bekannt. Als die Schenke im Jahr<br />
1998 gründlich saniert wurde, fand man<br />
im Deckengebälk einen Silbertaler mit der<br />
Jahreszahl 1740. Vermutlich ist 1740 das<br />
Baujahr der Klosterschenke. Die Schenke<br />
war früher auch Gerichtskretscham für<br />
die umliegenden Gemeinden. Das Kloster<br />
St. Marienthal hatte von alters her das<br />
Braurecht, so konnte in der Schenke das<br />
eigene Bier angeboten werden. Was uns<br />
heute fremd ist, das sind die Bierzüge. Im<br />
17. Jahrhundert gab es den Volksbrauch,<br />
dass bei Hochzeiten oder Kindtaufen die<br />
ganze Festgesellschaft einen Ausflug unternahm,<br />
um sich in einem Gasthaus zu<br />
belustigen. Das war eine gute Einnahmequelle.<br />
War die Schenke in früheren Jahrhunderten<br />
verpachtet, so sah das Kloster<br />
sich 1829 gezwungen, das marode Gebäude<br />
zu verkaufen. Was nun folgte, war<br />
eine sehr wechselvolle Geschichte. Nach<br />
der politischen Wende erwarb das Kloster<br />
die Schenke von der Konsumgenossenschaft<br />
zurück und ließ sie wieder original<br />
sanieren.<br />
Josefine Schmacht<br />
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46<br />
Geschichte
Die Neuen Zittauischen Versuche zur –<br />
Elektrizitätsforschung<br />
Wem verdanken wir „Die<br />
Sechs Haupt=Stücke von<br />
der Elektricitaet“?<br />
Die Aufnahme Johann Heinrich<br />
Winklers in die Londoner Royal<br />
Society hat der 1744 verstorbene<br />
Christian Pescheck nicht<br />
mehr erlebt. 1748 erschien das<br />
Zittauer Büchlein bereits deutlich<br />
im Schatten von Winklers<br />
Ruhm. Es heißt darin entsprechend<br />
bescheiden: „Man lässet<br />
denen Herren Erfindern, sie<br />
mögen nun Engländer, oder<br />
Holländer, Franzosen oder Teutsche<br />
seyn, gar gerne den Ruhm<br />
…“. Doch weiter, mit starker<br />
Überzeugung: „Da man nun in<br />
Christian Pescheck, bedeutender Pädagoge<br />
und bekannt als Autor zahlreicher Lehrbücher<br />
für Mathematik und Geometrie sowie<br />
Schriften über Astronomie, Geografie und<br />
die Konstruktion von Sonnenuhren; Stich:<br />
Johann Benjamin Brühl (Mit freundlicher<br />
Genehmigung des Altbestand der Christian-Weise-Bibliothek<br />
Zittau.)<br />
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48<br />
Geschichte
von Rolf Matthes (Teil II)<br />
Elektrizitätsforschung<br />
Zittau dieses nachzuthun sich bemühet<br />
hat, wovon man fast in ganz Europa und<br />
dessen vornehmsten Höfen curieux gewesen,<br />
so ist man bey der Übung auf<br />
ähnliche Mittel verfallen, noch stärkere<br />
Würkungen heraus zu bringen, wenn<br />
man der Natur noch stärkere hülffreiche<br />
Hand leistete. … Man hat eingesehen,<br />
wie die Materie, und wie die Maschinen<br />
beschaffen: Diese hat man erstlich<br />
nachgeahmet, und nur die Proportion<br />
vergrößert: Nachdem ein Einfall aber<br />
den andern gegeben, ist man endlich zu<br />
eigener Versuch-Kunst gelanget.“ Leider<br />
fehlt uns hierzu jede weitere Überlieferung.<br />
1748 gedruckt, muss das Manuskript<br />
aber von jemand Anderen in Teilen<br />
überarbeitet oder zumindest ergänzt<br />
worden sein, sollte es tatsächlich aus<br />
Peschecks Feder stammen.<br />
Das Zittauer Elektrizitäts-Collegium<br />
Schon die für 1744 verfrüht erscheinende<br />
Darstellung Winklers als „bereits<br />
weltkundiger“, lässt Zweifel an Peschecks<br />
Autorenschaft zu. Aber eine andere<br />
Textstelle verweist sogar deutlich<br />
auf eine, im Zittauer Altbestand ebenfalls<br />
vorliegende Schrift, die erst lange<br />
nach Peschecks Tod verfasst worden ist<br />
und am 5. März 1747 an „Se. königl. Majest.<br />
in Pohlen, und Churfürstl. Duchl. zu<br />
Sachsen“ gerichtet war, also an Friedrich<br />
August II., den Nachfolger August<br />
des Starken auf dem Thron – offenbar<br />
im diplomatischen Auftrag des Zittauer<br />
Magistrats. Ihr Autor war der Advokat<br />
Johann Georg Knoblauch.<br />
Ein weiteres Indiz spricht gegen Pescheck<br />
als Autor: Der Urenkel Christian<br />
Peschecks, der Historiker Christian Adolph<br />
Pescheck, bezeugt 1837 in seinem<br />
„Handbuch der Geschichte von Zittau“<br />
zwar die Existenz eines Electricitäts-Collegiums<br />
im 18. Jahrhundert und nennt<br />
auch unter „Naturforscher“ die Namen<br />
der Beteiligten: Christian Siegfried Nesen,<br />
Friedrich Gustav Vollhardt und<br />
Johann Georg Knoblauch – nicht aber<br />
Christian Pescheck. Ihn listet er nur unter<br />
„Pädagogen“ und „Mathematiker“.<br />
Die drei Genannten finden sich schon in<br />
dem Büchlein: Nesen und Vollhardt als<br />
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Geschichte<br />
49
Die Neuen Zittauischen Versuche zur –<br />
Elektrizitätsforschung<br />
„ernannte Anführer“ der Zittauischen<br />
Versuche und Knoblauch<br />
als beauftragter Schreiber, dessen<br />
„Feder man sich bedienen“<br />
wolle, da er „nach Regeln in der<br />
Philosophie zu arbeiten gewohnet“<br />
sei. Wenn jemand später in<br />
den Text eingegriffen hat, war<br />
das dann der, im Buch ebenfalls<br />
ungenannte, postume (?) Herausgeber<br />
– vielleicht besagter<br />
Johann Georg Knoblauch?<br />
Winkler besuchte wohl einmal<br />
im Jahr Schlesien, so auch im<br />
Herbst 1746, mit Besuch in<br />
Lauban und in Hirschberg. Dort<br />
zeigte er auch seine Versuche.<br />
War das die hier gemeinte Begebenheit:<br />
„Man bekennet gerne,<br />
daß man dem Herrn Prof.<br />
Winckler in Leipzig, welchen<br />
Herr Adv. Vollhardt letzthin in<br />
Kapitelanfang aus der Zittauer Publikation<br />
„Die Sechs Haupt=Stücke von der Elektricitaet“.<br />
(Mit freundlicher Genehmigung<br />
des Altbestand der Christian-Weise-Bibliothek<br />
Zittau.)<br />
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50<br />
Geschichte
von Rolf Matthes (Teil II)<br />
Elektrizitätsforschung<br />
des erstern geliebten Vater-Stadt Lauban<br />
zu sprechen die Gelegenheit gehabt,<br />
vieles zu dancken hat...“? Hat Knoblauch<br />
das Manuskript Peschecks um solche<br />
aktuelleren Verweise ergänzt – wie<br />
auch um den schon erwähnten, auf den<br />
Schriftsatz vom 5. März 1747? Oder: Als<br />
„angestellter Sekretär“ des Electricitäts-<br />
Collegiums, wie ihn eine andere Quelle<br />
im 19. Jahrhundert bezeichnet, hat er<br />
vielleicht einige Notizen des Collegiums<br />
„nach Regeln in der Philosophie“ bloß in<br />
eine bestimmte Form gebracht. Es wäre<br />
dann auch plausibel, wenn er sich bei<br />
der Autorenschaft mit der Nennung des<br />
eigenen Namens zurückhielt, und auch,<br />
dass er selber stets, im Text, grammatisch<br />
in der dritten Person auftritt. Und<br />
Christian Pescheck? Hatte dieser mit<br />
dem Büchlein womöglich gar nichts zu<br />
tun, da er weder als Autor noch als Mitglied<br />
des Collegiums irgendwo genannt<br />
wird?<br />
Endgültig ist diese Frage wohl nicht<br />
mehr zu klären, denn Peschecks Beteiligung<br />
am Electricitäts-Collegium wäre<br />
aufgrund anderer Bezüge seiner Person<br />
trotzdem denkbar. Schon 1704 soll<br />
er einem Kreis um den hochgebildeten<br />
und an naturwissenschaftlichen Experimenten<br />
sehr interessierten Zittauer<br />
Bürgermeister Johann Jacob von Hartig<br />
(1639-1718) angehört haben, mit dem<br />
auch Ehrenfried Walther von Tschirnhaus<br />
(1651-1708) engste Verbindung<br />
pflegte. Tschirnhaus war mehrfach in<br />
Zittau und hat mit Hartig chemische<br />
Versuche durchgeführt.* Es handelt sich<br />
bei ihm um den seinerzeit weit vernetzten,<br />
stark von Descartes beeinflussten<br />
Freund Spinozas und Leibniz´, der als<br />
Naturforscher, Techniker, Didaktiker und<br />
Philosoph sehr große Bedeutung hatte<br />
und der nachweislich auch Christian Peschecks<br />
pädagogisch-didaktischem Programm<br />
prägende Impulse gab. Christian<br />
Pescheck hatte eine vielseitige und publizistisch<br />
weitreichende Ausstrahlung.<br />
Er legte größten Wert auf anwendungsorientiertes,<br />
handhabbares mathematisches<br />
Wissen für alle Berufsgruppen<br />
– von Ökonomie und Verwaltung bis<br />
Handwerk und Geodäsie sowie Astronomie.<br />
Arithmetik, Geo- und Trigonomet-<br />
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Geschichte<br />
51
Die Neuen Zittauischen Versuche zur –<br />
Elektrizitätsforschung<br />
rie waren ihm Instrumentarien<br />
zur metrischen Erschließung<br />
und Modellierung der Welt.<br />
Er war auch ein Mann mit viel<br />
handwerklichem Geschick:<br />
Karten, Globen und seine mathematischen<br />
und optischen<br />
Instrumente fertigte er „seit<br />
1728 in mühsamer Kleinarbeit“<br />
selbst an. Für seine Unterrichtspraxis<br />
am Gymnasium nutzte<br />
er eine eigene Sternwarte. Und<br />
Interessenten bot er sogar Instrumente<br />
und Anschauungsmodelle<br />
zum Kauf an. Er publizierte<br />
auch Bauanleitungen dazu.<br />
1704 sollen ihn Tschirnhaus<br />
und Hartig dem Rektor Christian<br />
Weise als Mathematiklehrer<br />
für das Gymnasium in Zittau<br />
anempfohlen haben.*<br />
Pescheck hatte, neben wissen-<br />
Titel der in dem Büchlein zitierten diplomatischen<br />
Schrift des J.G. Knoblauch vom<br />
5. März 1747. (Mit freundlicher Genehmigung<br />
des Altbestand der Christian-Weise-<br />
Bibliothek Zittau.)<br />
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52<br />
Geschichte
von Rolf Matthes (Teil II)<br />
Elektrizitätsforschung<br />
schaftlicher Aufgeschlossenheit<br />
und dem Bedürfnis nach empirischen<br />
Wissen, mit Sicherheit<br />
die mathematischen Konstruktionskenntnisse<br />
und das<br />
nötige technische Geschick,<br />
um sinnlich unmittelbar zugängliche<br />
Bereiche der raumzeitlichen<br />
Natur zu vermessen,<br />
um sie rational und plastisch<br />
nachzubilden. Es war sein pädagogisches<br />
Ziel, Mess- und<br />
Konstruktionsmethoden für den<br />
Erwerb praktischen Wissens zu<br />
vermitteln. Dies entsprach seinen,<br />
auch von Tschirnhaus inspirierten,<br />
didaktischen Motiven.<br />
Doch sein Begriff von Physis<br />
überstieg dabei nicht die Welt<br />
der Körper in Raum und Zeit.<br />
Eine weitere diplomatische Note des J.G.<br />
Knoblauch aus Zittau. Ganz im Geiste des<br />
Barock wird selbst die Staatsheirat der<br />
sächsischen Prinzessin mit Frankreichs<br />
Thronerben „elektrisch aufgeladen“. (Mit<br />
freundlicher Genehmigung des Altbestand<br />
der Christian-Weise-Bibliothek Zittau.)<br />
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Geschichte<br />
53
Die Neuen Zittauischen Versuche zur –<br />
Elektrizitätsforschung<br />
Als Naturforscher, im Sinne von<br />
Physiker, verstand er sich offenbar<br />
nicht. Und wie weit reichte<br />
seine Kraft, bei angeschlagener<br />
Gesundheit, sich dem Neuland<br />
Elektrizität noch zuzuwenden?<br />
1744, „kurz vor der Leipziger<br />
Oster-Messe“ (vgl. Winklers<br />
sensationeller Auftritt !), in seinem<br />
seit 14 Jahren angekündigten<br />
letzten großen Werk „Angehender<br />
Algebraista“, bekannte<br />
er freimütig: „Ich gestehe es<br />
offenherzig, wenn von einigen<br />
Liebhabern meiner Mathematischen<br />
Schrifften, … mir diese<br />
Arbeit, so zu reden, nicht wäre<br />
abgezwungen worden, hätte<br />
ich dieselbe in meinem hohen<br />
Alter nicht vorgenommen, und<br />
mich der jetzigen Welt-Censur<br />
exponiret.“ Von Johann Georg<br />
Knoblauch und den anderen<br />
Johann Jacob von Hartig (1639-1718);<br />
Stich: M. Bernigeroth d. Ä. (Mit freundlicher<br />
Genehmigung der Städtischen Museen<br />
Zittau.)<br />
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54<br />
Geschichte
von Rolf Matthes (Teil II)<br />
Elektrizitätsforschung<br />
Mitgliedern des Electricitäts-<br />
Collegiums sind uns dagegen<br />
sonst keine naturwissenschaftlichen<br />
Überlieferungen bekannt<br />
– was jedoch nichts besagen<br />
muss. Pescheck bringt im Würdigungteil<br />
seines Spätwerks<br />
auch aktuelle Beziehungen zu<br />
Nesen und Vollhardt zum Ausdruck.<br />
Seine interessierte Teilhabe<br />
an den Versuchen ist also<br />
insgesamt naheliegend. Leider<br />
ist sein 1834 noch vorhandener<br />
„gelehrte Briefwechsel“ bis<br />
heute verschollen.<br />
Eine Zittauer Episode in der<br />
Zeit der Frühaufklärung<br />
Wir wissen um die Zerstörung<br />
Zittaus im Siebenjährigen<br />
Krieg. Bereits dort dürften<br />
letzte handgreifliche Spuren<br />
Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651-<br />
1708); Stich: M. Bernigeroth d.Ä., Quelle:<br />
Kupferstichkabinett Dresden (de.wikipedia.org)<br />
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Geschichte<br />
55
Die Neuen Zittauischen Versuche zur –<br />
Elektrizitätsforschung<br />
Christian Peschecks Spätwerk „Angehender Algebraista“ – die Fertigstellung 1744, wenige Monate vor seinem<br />
Tod, erfolgte fast zeitgleich mit Winklers Aufstieg infolge seiner Leipziger Experimente und dem anschließenden<br />
Traktat darüber. (Mit freundlicher Genehmigung des Altbestand der Christian-Weise-Bibliothek Zittau.)<br />
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56<br />
Geschichte
von Rolf Matthes (Teil II)<br />
Elektrizitätsforschung<br />
ausgelöscht worden sein, die uns heute<br />
vielleicht an den Ort der Elektrizitätsversuche<br />
in Zittau erinnern könnten. Doch<br />
in besagtem Büchlein machte man auch<br />
schon auf eine gewisse Schwierigkeit<br />
aufmerksam: „Es gehöret aber dazu<br />
ein unermüdeter Fleiß und ein sehr begieriger<br />
Eyfer, die Kunst zu electriciren<br />
immer vollständiger zu machen. Nur ist<br />
zu bedauern, daß die Umstände beyder<br />
ernannter Herren Anführer zu Zittau<br />
(Nesen und Vollhardt / R.M.) es nicht<br />
leyden, so viele Zeit auf die Versuche zu<br />
wenden, als die Vollkommenheit der Sache<br />
erfordert.“ Es ist also möglich, dass<br />
der anfängliche experimentelle Eifer bereits<br />
lange vor der Zerstörung Zittaus<br />
zum Erliegen kam und für die Stadt eine<br />
kurze Episode blieb. „Man wird nicht<br />
aufhören, weiter zu untersuchen, was<br />
aus der Uebung und Erfahrung künftig<br />
angemercket zu werden verdienet, um<br />
aus diesen Erfahrungen neue Wahrheiten<br />
von der Electricität hin und wieder<br />
zu entdecken“, wird in dem Buch noch<br />
beteuert. Seine mögliche Bedeutung für<br />
die heutige Historiographie der Physik<br />
im Kontext ihrer Herausbildung als Wissenschaft<br />
schmälert das jedoch nicht;<br />
neben vielen experimentellen Fragen,<br />
die es enthält, ist es bemüht, im Experiment,<br />
zwischen „natürlicher Bewegung“<br />
und dem, „was die Bewegung der Kunst<br />
für eine Veränderung in der Bewegung<br />
der Natur verursacht“, gedanklich zu<br />
unterscheiden.<br />
Rolf Matthes<br />
*Ludwig Richter: „Die Anwendung der<br />
pädagogischen Grundsätze E.W. v.<br />
Tschirnhaus´ am Collegium mathematicum<br />
des Zittauer Gymnasiums durch<br />
Christian Pescheck“ in „Ost und West<br />
in der Geschichte des Denkens und der<br />
kulturellen Beziehungen – Festschrift<br />
für Eduard Winter zum 70. Geburtstag“,<br />
Akademie-Verlag Berlin 1966<br />
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Geschichte 57
Ausstellung „Reminiszenz“ Malerei –<br />
Bernd Kremser<br />
Bernd Kremser mit Walter Piroch<br />
Die umfangreiche Ausstellung im Landratsamt<br />
Görlitz steht unter dem Motto<br />
„Reminiszenz“. Hierzu führte der Löbauer<br />
Künstler und Weggefährte, Walter<br />
Piroch, in seiner Laudatio am 18.<br />
Oktober <strong>2018</strong> aus: „Reminiszenz ist<br />
eine durch etwas wachgerufene Erinnerung.“<br />
Bei Bernd Kremsers Bildfindungen<br />
spielt dieser Gedanke eine wichtige<br />
Rolle – sagt er doch selbst: „Das Abmalen<br />
und Nachmalen eines Landschaftsausschnitts<br />
jedoch, und sei er noch so<br />
reizvoll, will, ja soll mir nicht gelingen.<br />
Immer wieder drängen sich dabei persönliche<br />
Empfindungen und Phantasien<br />
auf.“ Und er unterstreicht diesen Ge-<br />
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58<br />
Ausstellung
von Bernd Kremser (Teil II)<br />
danken mit der Feststellung „Jedes Bild<br />
ist irgendwo auch ein Selbstporträt.“ Für<br />
den Betrachter seiner Bilder wird „dieses<br />
etwas“, das Erinnerungen wachruft,<br />
nun konkreter. Es sind die Bildformen,<br />
die Kompositionen, die Farben, die geschaffenen<br />
Bewegungen im Bild, Linien<br />
und Flächen, Strukturen sowie das Hell-<br />
Dunkel, mit denen Bernd Kremser seine<br />
Bilder gestaltet.<br />
Besonders deutlich werden die Gedanken<br />
Bernd Kremsers bei der Erstellung eines<br />
Werkes das am Bild der beiden Schiffer<br />
im Boot von 2004: Was sehe ich? Zwei<br />
Menschen – zwei Männer in einem Boot,<br />
die See ist ruhig, am Himmel links eine<br />
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Ausstellung<br />
59
Ausstellung „Reminiszenz“ Malerei –<br />
Bernd Kremser<br />
Dunkelheit, rechts am oberen Bildrand<br />
eine dunkle Wolke, das Boot umspült<br />
von Wellen, die sich an den Ufersteinen<br />
brechen, der linke Mann hat die Hände<br />
im Boot – am Steuer, sein Blick ist in<br />
den Himmel gerichtet, der hintere Mann<br />
zeigt nach rechts in eine Richtung – ist<br />
aber offensichtlich blind, sein rechter<br />
Arm greift um seinen Partner und klammert<br />
sich mit festem Griff am Bootsrand<br />
fest? Kräftige Farben, locker und flächig<br />
aufgetragen, großzügige Formen mit<br />
kräftigen, aber malerisch gestalteten<br />
Konturen sowie ein klares Hell-Dunkel<br />
bestimmen das Bild. Der Farbkontrast<br />
von Violett und Gelb mit Abstufungen<br />
über Orange, Ocker bis zum Braun dominiert,<br />
ein helles Blau liefert einen frischen<br />
Akzent. Damit ist das Bildangebot<br />
erfaßt, um Gedanken und Emotionen<br />
entfalten zu können. Bernd Kremser<br />
bietet dem Betrachter aber zusätzlich<br />
eine Erweiterung in Form des Bildtitels.<br />
Die Bildtitel spielen bei der Bildbetrachtung<br />
seiner Werke eine wichtige Rolle...<br />
Bernd Kremser gab seinem Bild den Titel:<br />
„Die Schildbürger diskutieren den<br />
Schritt in die richtige Richtung“ Die zusätzlichen<br />
Bedeutungen sind demnach:<br />
Die zwei Männer gehören zu den Schildbürgern,<br />
offen ist die Wahl der richtigen<br />
Richtung. Damit werden die Möglichkeiten<br />
der Kommunikation mit dem Bild für<br />
den Betrachter erweitert.<br />
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60<br />
Ausstellung
von Bernd Kremser (Teil II)<br />
Interessant sind Bernd Kremsers eigene<br />
Gedanken zum Bild. „Das ist ein Ausdruck,<br />
der sehr häufig verwendet wird,<br />
und der mich ungeheuer amüsiert, das<br />
ist der Schritt, den man selbst für den<br />
richtigen hält, das ist mein Problem mit<br />
der Demokratie, zerredet Demokratie?,<br />
wie weit muß auch eine klare Linie geschaffen<br />
werden?, das Hin- und Herlavieren<br />
ohne genau zu wissen, hier ist<br />
der Punkt, hier muss ich ansetzen, sonst<br />
laufe ich auf Grund! Ist eine Orientierung<br />
im Himmel oder ist sie geradeaus<br />
zu sehen? Auf keinen Fall ist sie dort, wo<br />
sich die Kerbe im Boot befindet!“<br />
„Das ureigenste, ganz private Sehen<br />
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Ausstellung<br />
61
Ausstellung „Reminiszenz“ Malerei –<br />
Bernd Kremser<br />
und Erleben einer Landschaft lasse verschiedene<br />
Kompositionen entstehen,<br />
und dann sei es nicht mehr die Natur,<br />
bestehend aus Blättern, Wasser, Erde<br />
…, sondern eine neue eigene, unverwechselbare<br />
Realität – geschaffen mit<br />
Öl- und Acrylfarben, Acrylharz und Lasuren<br />
auf einer festen Platte. …“ Aber<br />
auch bei der Darstellung des Menschen<br />
verfolgt er dieses Prinzip, wie wir es in<br />
diesem Bild erleben. Indem Bernd Kremser<br />
Bildgegenstände findet oder erfindet<br />
und diese durch Bewegung verformt,<br />
vermittelt er dem Betrachter etwas über<br />
die Vergangenheit, die Gegenwart oder<br />
die Zukunft - z. B. eines Menschen, eines<br />
Tieres, eines Gebäudes oder einer<br />
Landschaft. Dabei hat er über die Jahre<br />
zu einer eigenen, unverwechselbaren<br />
Formensprache gefunden.“<br />
Bernd Kremser zwingt in seinen Bildern<br />
den Betrachter zum Nachdenken,<br />
so auch beim 2011 entstandenen Bild<br />
in Acryl „Quitzdorf abends“. Eine trübe<br />
Abendstimmung am Quitzdorfer Stausee,<br />
in dem sich die Lichter der untergehenden<br />
Sonne spiegeln. Zwei Menschen,<br />
eine Frau und ein Mann eilen<br />
im dunklen Vordergrund von links kommend<br />
ins Dunkle, vielleicht nach Hause.<br />
Die Frau geht links auf der dominanten<br />
Seite, dennoch stützt anscheinend der<br />
Mann die Frau. Beide gehen gebeugt, ob<br />
vom Alter oder vom Gegenwind. Sie laufend<br />
eilends in ein ungewisses Dunkel.<br />
Gehen beide in eine dunkle, ungewisse<br />
Zukunft? Bernd Kremser gibt keine<br />
Antwort, er stellt den Betrachter vor die<br />
Aufgabe selbst eine Antwort zu finden.<br />
Und das ist das eigentlich Spannende<br />
an Bernd Kremsers Bildern, sie spiegeln<br />
nicht einfach die Wirklichkeit wieder, sie<br />
zeigen keine schönen Stilleben, sie versuchen<br />
nicht Antworten oder Lösungen<br />
dem Betrachter aufzudrängen, nein sie<br />
entlassen den Betrachter fragend und<br />
suchend. Jeder kann sich so seine eigene<br />
Deutung der Bilder erarbeiten.<br />
In diesem Sinne ist die Ausstellung<br />
„Reminiszenz“ eine spannende Entdeckungsreise<br />
zu vielen neuen Erkenntnissen<br />
und Sichtweisen für jeden Betrachter.<br />
Bertram Oertel<br />
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Ausgabe: 15. <strong>Dezember</strong> <strong>2018</strong><br />
Redaktionsschluss:<br />
20. <strong>Dezember</strong> <strong>2018</strong><br />
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Ausstellung