189_StadtBILD_April_2019
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Liebe Leserinnen, liebe Leser,<br />
Vorwort<br />
in unserer Osterausgabe stellen wir Ihnen die<br />
interessante Ausstellung „Kopf oder Zahl“ zur<br />
Geschichte des Geldes in Schlesien vor. Aus<br />
Anlass der Ausstellung wurde eigens eine<br />
Medaille gestaltet, die nun garantiert auch<br />
zum beliebten Sammlerobjekt wird, da sie<br />
gerade einmal auf 60 Stk. limitiert wurde.<br />
Auch in dieser Ausgabe befassen wir uns mit<br />
dem Architekten Gerhard Röhr und belichten<br />
hierbei sein Schaffen in Görlitz. Eindrucksvolle<br />
Bauten wie das Wilhelmtheater, der<br />
Kaisersaal oder die Villa Haghspiel, um nur<br />
eine wenige hier aufzuzählen. Es war schon<br />
unglaublich, wieviele Bauwerke in Görlitz<br />
seiner Feder entsprangen und noch heute<br />
Baudenkmäler von Welt(Kulturerbe) sind.<br />
Görlitz tanzt und das nicht nur im 3/4 Takt<br />
weiß unser Autor Dr. Wolf zu berichten. Er<br />
gibt einen kleinen Abriss über die Tanzcafés<br />
und Tanzdielen, dabei dürfen natürlich<br />
nicht das einstmals legendäre Varietee „Zwei<br />
Linden“ in Rauschwalde oder das Haus der<br />
Jugend fehlen. An dieser Stelle gern der Hinweis,<br />
daß natürlich auch Sie gern ihr Tanzbein<br />
nicht nur zum 3/4 Takt in der Görlitzer<br />
Altstadt- und Innenstadt vom Bahnhof<br />
bis zur Vierradenmühle schwingen können.<br />
Mehr als 30 Bands und eine Partybahn warten<br />
dann auf sie. Erstmals startet der „Hopfenexpress“<br />
mit leckeren Weinen vom Krüger<br />
und bietet dem Singer-Songwriter Rany<br />
wohl die kleinste Bühne der Welt.<br />
Ein echter Tipp ist in jedem Fall die Alte<br />
Synagoge mit Salonmusik der 1920er und<br />
1930er Jahre. Die „Kamenzer Amigos“ - das<br />
Duo Rendezvous werden im Kartoffelhaus<br />
aufspielen und die Schlagernacht findet in<br />
diesem Jahr im CityBowling statt. Natürlich<br />
dürfen die Altrocker Zenker & Co nicht fehlen,<br />
die im Nachtschmied für rockige Töne<br />
sorgen.<br />
Klassik hingegen gibt es im Café Rosengarten<br />
mit Tom Gavron und das Görlitzer Duo<br />
„Jabell“ präsentiert ihre Singel „Herzpiloten“<br />
in der Schlesischen Oase. Die Tonne auf der<br />
Neißstraße wird ebenso wie der Tiefkeller<br />
unter der Bierblume an diesem Abend geöffnet.<br />
Hier wird im Restaurant Siebenbürgen<br />
akustisch-instrumentale Musik zu hören<br />
sein, während es sonst auf der Neißstraße<br />
im Barbecue und in der Schwarzen Kunst<br />
sehr rockig wird. Apple Juice werden erneut<br />
im Ratscafé zu hören sein und im Café Gloria<br />
treten wieder zwei Bands auf.<br />
Die Straßburg-Passage wartet mit einer karibischen<br />
Nacht auf und die Freunde von Salsa<br />
und Ohrwürmern sind bei „Latino Total“ vor<br />
dem Braunen Hirsch richtig aufgehoben.<br />
Also viel los am 13. <strong>April</strong> in Görlitz. Weitere<br />
Informationen unter www.Goerlitz-Rockt.de.<br />
In diesem Sinne erst das Tanzbein schwingen<br />
und dann ein frohes Osterfest geniessen,<br />
meint ihr Andreas Ch. de Morales Roque<br />
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Einleitung<br />
3
Ausstellung „Kopf und Zahl“ –<br />
Logo der Ausstellung mit Details von:<br />
Groschen Liegnitz-Brieg 1541 (li.o.), Schulprämien-Medaille<br />
Breslau 1713-1740 (re.o.),<br />
Dukat Breslau 1536 (li.u.), 18 Kreuzer Breslau<br />
1753 (re.u.), Gestaltung: René Pech<br />
Das Schlesische Museum zu Görlitz zeigt<br />
vom 5. Mai <strong>2019</strong> bis 23. Februar 2020<br />
eine Ausstellung, in der es erstmals umfassend<br />
seinen reichen Schatz an Münzen<br />
und Medaillen aus neun Jahrhunderten<br />
präsentiert und dabei politische,<br />
wirtschaftliche und kulturhistorische Aspekte<br />
des Geldes auffächert.<br />
Die Münzprägung war ein begehrtes Privileg,<br />
das vom König vergeben wurde.<br />
In Schlesien prägten bis ins 18. Jahrhundert<br />
hinein neben dem böhmischen<br />
König die schlesischen Fürsten, Bischöfe<br />
von Breslau und Ständegemeinschaften<br />
eigene Münzen. Neben der wichtigsten<br />
schlesischen Münzstätte in Breslau wurde<br />
Geld auch in Städten wie Liegnitz,<br />
Oppeln oder Glatz hergestellt.<br />
Dabei war Geld nicht gleich Geld! In<br />
Schlesien waren vom Mittelalter bis ins<br />
18. Jahrhundert neben regionalen Münzen<br />
auch überregionale Einheiten im<br />
Umlauf. Sehr verbreitet war der Prager<br />
Groschen des böhmischen Königs.<br />
Ob das Geldstück dann auch das wert<br />
war, was die Zahl vorgab, musste<br />
manchmal auf Schrot und Korn geprüft<br />
werden. Das Verhältnis von Feingehalt<br />
eines Edelmetalls (Korn) zum Gesamtgewicht<br />
(Schrot) einer Münze wurde bis<br />
ins 19. Jahrhundert durch einen sogenannten<br />
Münzfuß definiert. Die Entwicklung<br />
des Papiergeldes und Notzeiten<br />
brachten aber andere Materialien mit in<br />
den Umlauf.<br />
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4<br />
Ausstellung
Zur Geschichte des Geldes in Schlesien<br />
Ausstellung<br />
Doppeldukat, geprägt 1657, die abgebildeten Münzherren sind: die Herzöge Georg III. von Brieg<br />
(reg. 1639-1664), Ludwig IV. von Liegnitz (reg. 1653-1663) und Christian von Wohlau (reg. 1653-1672)<br />
SMG 2002/0969, Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland, Foto: SMG<br />
Über Jahrhunderte hinweg dienten<br />
Münzen und Scheine jedoch nicht nur<br />
als Tauschobjekte, sondern waren wegen<br />
ihrer kunstvollen Gestaltung und<br />
imposanten Motive begehrt. Geld diente<br />
gleichzeitig als Repräsentationsmittel<br />
und wurde als Sammlerstück geschätzt<br />
– so sehr, dass es manchmal kunsthand-<br />
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Ausstellung<br />
5
Kopf und Zahl. Geschichte des Geldes in Schlesien –<br />
Ausstellung<br />
Glashumpen mit Münz- und Medaillenapplikationen<br />
der Firma Fritz Heckert, 2. Hälfte 19. Jh., Riesengebirgsmuseum<br />
Hirschberg/Jelenia Góra, Foto:<br />
Arkadiusz Podstawka<br />
werklich weiterverarbeitet wurde. Ein<br />
Beispiel dafür sind Humpen, in deren<br />
Wandung hochwertige Münzen eingefasst<br />
sind.<br />
Aus der Kunst der Geldprägung entwickelte<br />
sich schließlich die Medaillenkunst.<br />
Die entstandenen Werke bestechen<br />
durch ihren ideellen Wert und<br />
widerspiegeln die Repräsentations- und<br />
Erinnerungskultur ihrer jeweiligen Epoche.<br />
Attraktion der Ausstellung wird der große<br />
Münzfund von Krausendorf/Dȩbrznik<br />
sein, der im Webereimuseum Landeshut<br />
i.S. aufbewahrt wird. Der aus über 6000<br />
Münzen des 15. und 16. Jahrhunderts<br />
bestehende Fund kann Dank der Förderung<br />
durch den Kleinprojektefond von<br />
INTERREG Polen-Sachsen 2014-2020 zu<br />
einem bedeutenden Teil konserviert und<br />
präsentiert werden.<br />
Aus Anlass der Ausstellung wurde eigens<br />
eine Medaille gestaltet, die in einer<br />
limitierten Auflage von 60 Stück ausgegeben<br />
wird.<br />
Der Entwurf stammt von Rüdiger Petzold<br />
aus Görlitz, die Freiberger Zinngie-<br />
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6<br />
Ausstellung
Ausstellung vom 5.5.<strong>2019</strong> bis 23.2.2020<br />
ßerei „Barthel-Zinn“ hat sie hergestellt.<br />
Die Medaille kann zum Preis von 25 € im<br />
Museum erworben werden.<br />
Medaille zur Ausstellung, Foto: SMG<br />
Notgeldschein aus Landeshut und Matritze.<br />
Leihgabe des Webereimuseums in Landeshut i.S./<br />
Kamienna Góra; Foto: René Pech<br />
Zur Eröffnung am 5. Mai kann man von<br />
11 – 17 Uhr eine Münzprägung auf einem<br />
historischen Klippwerk erleben.<br />
Der Münzer Thomas Raschke führt um<br />
11 Uhr das Anprägen mit neu gefertigten<br />
Prägestempeln vor.<br />
Schlesisches Museum zu Görlitz<br />
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Ausstellung<br />
7
Kopf und Zahl. Geschichte des Geldes in Schlesien<br />
Ausstellung<br />
Teil des Münzfundes von Dębrznik/Krausendorf mit mehr als 6.000 Münzen aus dem 15. und 16. Jahrhundert.<br />
Leihgabe des Webereimuseums in Landeshut i.S./Kamienna Góra; Foto: René Pech<br />
Schönhof, Brüderstraße 8,<br />
02826 Görlitz<br />
Tel.: 03581 / 87910<br />
www.schlesisches-museum.de<br />
Öffnungszeiten:<br />
Di – Do 10 – 17 Uhr,<br />
Fr – So 10 – 18 Uhr<br />
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8<br />
Ausstellung
Blätter und Blüten –<br />
und Blüten<br />
Postplatz mit Brunnen Muschelminna, <strong>189</strong>7<br />
„Blätter und Blüt(h)en“ unter dieser<br />
Überschrift machte 1888 die gutbürgerliche<br />
Unterhaltungszeitschrift „Die<br />
Gartenlaube“ in ihrer ständigen Rubrik<br />
den kurz zuvor eingeweihten Görlitzer<br />
Zierbrunnen auf dem Postplatz deutschlandweit<br />
bekannt.<br />
Der Volksmund hatte schon bald einen<br />
Spitznamen parat: Muschelminna. Der<br />
Vorname Minna, Koseform für Wilhelmine,<br />
war zur damaligen Zeit sehr gebräuchlich,<br />
stand aber auch als Synonym<br />
abwertend für Dienstmädchen,<br />
Haushalthilfe oder Mädchen für Alles.<br />
Offensichtlich gefiel der Görlitzer Bevölkerung<br />
diese Figur nicht so recht und<br />
gab ihr diesen etwa saloppen Namen.<br />
Der Standort der Muschelminna war<br />
ehemals ein Viehmarkt, auf dem 1855<br />
das erste Görlitzer Postamt erbaut wurde;<br />
später kam dann das Gebäude des<br />
Kreisgerichtes dazu.<br />
Das Areal sah in dieser Zeit recht kahl<br />
aus, obwohl zwischen den beiden Bauten<br />
Anpflanzungen angelegt worden waren.<br />
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Leserbrief 9
Blätter und Blüthen –<br />
und Blüten<br />
Als 1877 der preußische Innenminister<br />
Robert Victor von Puttkammer Görlitz<br />
besuchte, schlug er vor, den Platz attraktiver<br />
zu machen und dadurch aufzuwerten.<br />
Nach langem Hin und Her genehmigte<br />
das preußische Kultusministerium<br />
den Bau eines Kunstbrunnens; der Staat<br />
stellte anteilige Mittel bereit, die Stadt<br />
nahm das Projekt in den Haushaltsplan<br />
auf und Spenden kamen dazu.<br />
Am 12. November 1887 konnte der<br />
Brunnen endlich eingeweiht werden.<br />
„Die Gartenlaube“ würdigte das Kunstwerk<br />
in ihrer Nummer 7 des Jahres 1888<br />
in der oben genannten Rubrik, die kulturelle<br />
und kuriose Ereignisse zum Inhalt<br />
hatte.<br />
So die Würdigung der Muschelminna<br />
1888. Bleibt die Frage: „Wie kommt man<br />
zu solchen historischen Dokumenten?“<br />
Mein Berliner Freundeskreis weiß, dass<br />
ich aus Görlitz stamme. Der Eine oder<br />
Andere informierte mich über besondere<br />
Dinge, die meine Heimatstadt betreffen.<br />
Und so ergab es sich Anfang dieses Jahres,<br />
dass ein antiquarisch interessierter<br />
Freund auf die Veröffentlichung von<br />
1888 aufmerksam machte, eingebunden<br />
in einen Zeitschriftenband. Dies zur<br />
Erläuterung.<br />
Wer als Tourist nach Görlitz kommt bewundert<br />
sicher auch den wohlgestalteten<br />
Postplatz mit dem Kleinod in der Mitte.<br />
Viele Görlitzer, die um 1940 und später<br />
geboren wurden, kannten nur den übrig<br />
geblieben Teil des Brunnens.<br />
1942 wurde die Bronzestatue nämlich<br />
abgebaut – wie andere Denkmale und<br />
Kirchenglocken auch – und für Kriegszwecke<br />
eingeschmolzen. Die komplette<br />
Muschelminna war mir nur von alten<br />
Postkarten oder Fotografien in Erinnerung<br />
geblieben. Damals in den Kriegsjahren<br />
und danach sah ich als Kind nur<br />
den unteren Teil des Brunnens ohne zu<br />
wissen, dass auch noch eine Figur obenauf<br />
gehört.<br />
Der Postplatz-Besuch erfolgte immer<br />
dann, wenn meine Mutter ihre Schwester<br />
auf ihrer Arbeitsstelle besuchte, die<br />
Näherin bei der Konfektions- und Textilfirma<br />
Eduard Schulze war.<br />
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10<br />
Leserbrief
Der Zierbrunnen auf dem Postplatz zu Görlitz<br />
Blätter und Blüten<br />
(In den Geschäftsräumen sind heute die<br />
Schuhfiliale Leiser und Bäcker Dreißig<br />
tätig.) Damals fand ich den übrig gebliebenen<br />
unteren Teil des Brunnens auf<br />
dem nach 1945 als „Platz der Befreiung“<br />
benannt, auch schön mit der Marmorschale<br />
an der Stelle, wo einst die eigentliche<br />
Figur stand.<br />
Schon zu DDR-Zeiten bemühte sich die<br />
Stadt darum, die Muschelminna wieder<br />
in einer Nachbildung entstehen zu lassen.<br />
Nach alten Bildvorlagen wurde ein Gussmodell<br />
geschaffen. Aber es dauerte<br />
noch etliche Jahre bis das Kunstwerk<br />
vollständig war:<br />
Am 1. Mai 1994 wurde die neue, (alte)<br />
Muschelminna wieder aufgestellt. Nach<br />
der Umgestaltung des Postplatzes nach<br />
altem Vorbild scheint es so, als stünde<br />
sie und der dazugehörige Brunnen<br />
schon seit 1887 dort.<br />
Wolfhard Besser<br />
Muschelminna Brunnen um 1904<br />
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Leserbrief<br />
11
Friedrich Paul Gerhard Röhr –<br />
Architekt G. Röhr<br />
Stadtplan mit Bauten von Gerhard Röhr<br />
Das heutige Antlitz<br />
der Görlitzer Innenstadt<br />
mit den<br />
vielen Architekturdenkmalen<br />
des<br />
ausgehenden 19.<br />
und beginnenden<br />
20. Jahrhunderts<br />
hat die Stadt Görlitz<br />
den Bauten des<br />
Architekten Friedrich<br />
Paul Gerhard<br />
Röhr zu verdanken,<br />
der mit seinen<br />
Projekten das<br />
heutige Stadtbild<br />
maßgeblich mit<br />
gestaltete.<br />
Sein langjähriges<br />
Schaffen erstreckte<br />
sich über drei<br />
Stilepochen vom<br />
Historismus über<br />
den Jugendstil bis<br />
in die Baukultur<br />
der zwanziger Jahre.<br />
Sein umfang-<br />
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12<br />
Geschichte
Sein Schaffen für Görlitz<br />
Architekt G. Röhr<br />
reiches Werksregister weist über 200<br />
Objekte aus, die nicht nur in Görlitz,<br />
sondern auch in zahlreichen Städten<br />
Schlesiens zu finden sind. Dabei war er<br />
als Innenarchitekt, Grafiker und Plastiker<br />
tätig.<br />
Zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen<br />
belegen seine gestalterischen Fähigkeiten,<br />
sein hohes fachliches Können<br />
und die Anerkennung, die ihm daraus<br />
erwuchs. Sein Mitwirken in vielen Vereinen<br />
und Institutionen zeigt sein gesellschaftliches<br />
Engagement.Bevor wir jedoch<br />
ins Detail gehen, möchten wir Sie<br />
zu einem Spaziergang durch Görlitz und<br />
Zgorzelec einladen, bei dem Sie sich<br />
selbst schon einen Eindruck von dem<br />
umfangreichen Schaffen dieses erfolgreichen<br />
Architekten machen können.<br />
Die Bildtafel vermittelt Ihnen einen Überblick<br />
über den Standpunkt der wichtigsten<br />
Bauten Gerhard Röhrs in Görlitz und<br />
Zgorzelec.<br />
Im August 1886 eröffnete Gerhard Röhr<br />
unter der Adresse seiner Eltern, Mittelstraße<br />
26, sein erstes Büro: das Atelier<br />
für Architektur und Kunstindustrie.<br />
Zu seinen ersten, kleineren Aufträgen<br />
gehörte u.a. ein Gartenpavillon für die<br />
Villa Lüders in der Schützenstraße oder<br />
der Entwurf für das Kaiserzelt, das für<br />
den Besuch Kaiser Wilhelm II. am 28.<br />
Mai <strong>189</strong>3 anlässlich der Enthüllung des<br />
Denkmals für Kaiser Wilhelm I. auf dem<br />
Obermarkt errichtet wurde.<br />
Umfangreicher waren bereits die Arbeiten<br />
für den Bau des reich mit Ornamenten<br />
geschmückten Wilhelmtheaters im<br />
Jahr 1888, welches am 26. Mai 1889<br />
eröffnet wurde und nach dem Namen<br />
des deutschen Kaisers benannt wurde.<br />
Röhr wurde mit der Bauleitung betraut<br />
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Geschichte<br />
13
Friedrich Paul Gerhard Röhr –<br />
Architekt G. Röhr<br />
Wilhelmtheater, großer Theatersaal – der sogenannte Kaisersaal<br />
und schuf dabei den Anbau des großen<br />
Kaisersaales, der Platz für 2.000 Besucher<br />
bot. Das mehrfach umgebaute und<br />
nach dem II. WK 1950-1951 modernisierte<br />
Wilhelmstheater wurde 2001 auf<br />
Beschluss verantwortungsloser Stadträte<br />
abgerissen und das City-Center an<br />
dessen Stelle errichtet. In der Folgezeit<br />
wurde Gerhard Röhr mit einer Folge von<br />
Bauaufträgen überhäuft.<br />
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14<br />
Geschichte
Sein Schaffen für Görlitz<br />
Architekt G. Röhr<br />
Baustab des Wilhelmtheaters mit Gerhard Röhr, 1888<br />
Hervorzuheben wären der Bau der<br />
Wohnhäuser Goethestraße 1 und 2 für<br />
den Baumeister Julius Grosser im Jahre<br />
<strong>189</strong>3. Weitere Aufträge für den Villenbau<br />
in der Goethestraße folgten.<br />
Eine Meisterleistung war die prachtvolle<br />
Villa in der Goethestraße 5, die Gerhard<br />
Röhr in den Jahren <strong>189</strong>6/97, für den<br />
erfolgreichen Hefe-Fabrikanten Guido<br />
Hagspihl aus Bischofswerda errichtete.<br />
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Geschichte<br />
15
Friedrich Paul Gerhard Röhr –<br />
Architekt G. Röhr<br />
Goethestraße 2<br />
Die prächtige Villa hatte Hagspihl als<br />
Geschenk für seine Gattin in Auftrag gegeben.<br />
Wie ein kleines Schloß wirkt der Prachtbau<br />
in Görlitz mit seinen Efeu umranktem<br />
Türmchen und dem verzierten Renaissance-Giebel.<br />
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16<br />
Geschichte
Sein Schaffen für Görlitz<br />
Architekt G. Röhr<br />
Villa Hagspihl, Goethestraße 5 in Görlitz<br />
Die gesamte Villa wurde mit edlen Holzvertäfelungen<br />
an Wänden und Decken<br />
versehen, sie verfügt über große holzgetäfelte<br />
Schiebetüren, prunkvollen Stuck<br />
in den vielen repräsentativen Räumen<br />
und wird von einem Türmchen mit drei<br />
Etagen überragt. Mehrere reich verzierte<br />
Treppenhäuser und weitläufige Flure<br />
erinnerten eher an ein Märchenschloß,<br />
als an eine Fabrikantenvilla.<br />
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Geschichte<br />
17
Friedrich Paul Gerhard Röhr –<br />
Architekt G. Röhr<br />
Villa Hagspihl heutige Ansicht (Eingang)<br />
Die im Volksmund nur noch als Hagsphil<br />
benannte Villa verfügte über 800 Quadratmeter<br />
Wohnfläche.<br />
Zu DDR Zeiten wurde sie als „Schule für<br />
Binnenhandel“ und „Fachschule für Sozialwesen“<br />
genutzt. Da die vorhandenen<br />
Räumlichkeiten für diese Zwecke nicht<br />
ausreichten, wurde ein Erweiterungsbau<br />
mit einem großen halbkreisförmigen<br />
Hörsaal angebaut, so dass die gesamte<br />
Villa Hagsphil heute über 2.876<br />
qm Nutzfläche verfügt.<br />
Trotz eines verschwindend geringen<br />
Kaufpreises fand sich nach der Wende<br />
zuerst kein Käufer, bis der erfolgreiche<br />
polnische Bauunternehmer aus Krummhügel<br />
(Karpacz), Rafal Kordeusz,2017<br />
die Villa als Wohnhaus für sich und seine<br />
Familie, für einen Schnäppchenpreis<br />
erwarb.<br />
Durch den jahrelangen Leerstand und<br />
Vandalismus war die Immobilie in einem<br />
sehr schlechten Zustand. Herr Kordeusz<br />
bemüht sich seitdem, gemeinsam mit<br />
dem Denkmalsamt, die Villa weitestgehend<br />
getreu dem ursprünglichen, prächtigen<br />
Zustand zu sanieren.<br />
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18<br />
Geschichte
Sein Schaffen für Görlitz<br />
Architekt G. Röhr<br />
Innenansicht (heutiger Zustand)<br />
In den Ausgaben Februar und März<br />
<strong>2019</strong> haben wir im <strong>StadtBILD</strong>-Magazin<br />
bereits das Leben Gerhard Röhrs unseren<br />
Lesern nahe gebracht.<br />
In den folgenden Ausgaben möchten<br />
wir das Schaffen Gerhards Röhrs an<br />
ausgewählten Beispielen vorstellen und<br />
näher erläutern.<br />
Bertram Oertel<br />
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Geschichte<br />
19
Görlitz tanzt –<br />
tanzt...<br />
Paartanzpaar um 1948<br />
Kaum ein Freizeitvergnügen bzw. eine<br />
Sportart wird Länder- und generationsübergreifend<br />
so gepflegt wie das „Tanzbeinschwingen“<br />
und auf vielfache Weise<br />
als Kulturerbe weitergegeben und erhalten.<br />
Als Volkstanz z. T. in Trachtengruppen,<br />
Vereinen, Sportgruppen, als Bühnen-,<br />
Paar,- und Solotanz, Stepp- und<br />
Reigentanz und Ballett. Neben anderen<br />
attraktiven Freizeitangeboten erlangt<br />
der Tanz einen festen Platz. So kennen<br />
Zumba, Salsa, Hip Hop, Break Dance,<br />
Schleiertanz, Bauchtanz u.a. kaum Altersgrenzen.<br />
In letzter Zeit leben Ball-Traditionen<br />
verschiedener Berufsgruppen, Vereinen,<br />
Wiedersehens-, Schultreffen,<br />
Sportler-, Ärzte-, Faschingsbälle wieder<br />
auf. Besonderer Beliebtheit erfreut sich<br />
der Görlitzer Theaterball, gern auch<br />
„Kleiner Semper Opern-Ball“ genannt.<br />
Oma und Opa kommen ins Schwärmen,<br />
wenn sie sich an die vielfältigen Möglichkeiten,<br />
in ihrer Jugend das Tanzbein<br />
zu schwingen , erinnern.<br />
Zahlreiche Gaststätten, Hotels, Ausflugs-<br />
und Gartenlokale, die über einen<br />
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20<br />
Geschichte
und das nicht nur im 3/4 Takt<br />
Görlitz tanzt...<br />
Tanzgruppe aus Böhmen (1947)<br />
großen Saal verfügten, boten in der<br />
Stadt und der näheren Umgebung mit<br />
eigener Kapelle Tanzvergnügungen an.<br />
Doch nur wenige der zahlreichen Einrichtungen<br />
haben bis in die Gegenwart<br />
überlebt.<br />
In Erinnerungen schwelgend denken sie<br />
an das Hotel „Kaiserhof“ mit täglichem<br />
Künstlerkonzert bis 3 Uhr, die „Resi-<br />
Bar“ mit Tanz-Kabarett (Obermarkt),<br />
die Waldgaststätte Weinberghaus, im<br />
Sommer mit Tanz im Freien.<br />
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Geschichte<br />
21
Görlitz tanzt –<br />
tanzt...<br />
Die Gaststätte „Zwei Linden“ in Rauschwalde<br />
konnte über einen großen Saal<br />
verfügen, der noch heute als „Dancing<br />
Center Ü 30“ von Jung und Alt genutzt<br />
wird. Die Stadthalle warb als schönstes<br />
und größtes Ausflugslokal mit Konzert<br />
und Tanz im Freien (Stadthallen-Garten<br />
mit Pavillon). Mit der größten Tanzdiele<br />
im Freien setzte sich die Gaststätte<br />
„Ressource“ ins Blickfeld. Mit täglichem<br />
Konzertangebot machte das Hotel „Jägerhof“<br />
Breitestraße auf sich aufmerksam.<br />
Im Cafe „Fledermaus“, heute als<br />
„Cafe Central“ bekannt, konnte jeden<br />
Abend bis 3 Uhr getanzt werden. Die<br />
„Scala mit Kurbelkasten“, später als Kulturhaus<br />
„Karl Marx“ des VEB Waggonbau<br />
auf der Struvestraße mit großem<br />
und kleinen Saal und Gaststättenbetrieb,<br />
bot neben Tanz ein großes Kabarett-Programm<br />
an. Der „Zeltgarten“ in<br />
Weinhübel lud zum Garten- und Saal-<br />
Tanz ein. Die „Ruhmeshalle“, heute als<br />
„Dom Kultury“ zum polnischen Teil der<br />
Europa-Stadt Görlitz/ Zgorzelec gehörend,<br />
war ein beliebtes Ziel, um sich bei<br />
Tanz und Kaffee zu entspannen.<br />
Grundkenntnisse im klassischen Standardtanz<br />
gelten als Teil der Allgemeinbildung.<br />
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22<br />
Geschichte
und das nicht nur im 3/4 Takt<br />
Görlitz tanzt...<br />
Für manchen Görlitzer stand die Einkehr<br />
im damaligen „Stadt Breslau“ mit<br />
Tanzsaal und eigenem Tierpark auf<br />
dem Programm. Im Hotel „Stadt Dresden“<br />
Berliner Straße wurden die Tanzveranstaltungen<br />
vornehmlich von der<br />
„reiferen Generation auf Partnersuche“<br />
ausgewählt.<br />
Auch im „Bürgerstübl“ auf der Neißstraße<br />
und dem Hotel „Goldener Engel“<br />
wurde am Wochenende getanzt.<br />
Nichts erinnert heute beim Inzwischen<br />
umbenannten „Hotel zur Altstadt“ an<br />
die Zeiten, als immer wieder die Polizei<br />
als „Überfall-Kommando“ bei Schlägereien<br />
für Ordnung sorgen musste.<br />
Diesem Umstand ist auch der vom „Findigen<br />
Görlitzer Volksmund“ benutzte<br />
Namen „Gasthaus zum blutigen Knochen“<br />
oder „Genickschussbude“ zu verdanken.<br />
Heute allerdings handelt es sich um ein<br />
renommiertes Hotel mit durchweg zufriedenen<br />
Besuchern und bestem Ruf.<br />
Selbst „Sudel-Ede“ (Karl Eduard von<br />
Schnitzler), auch als „Lügen-Baron“ im<br />
„Schwarzen Kanal“ des DDR-Fernsehens<br />
bekannt, soll sich dort schon immer sehr<br />
wohlgefühlt haben. Erinnert sei auch an<br />
unvergessliche Tanzabende im Burghof<br />
(Biesnitz). Kapellen wie Reimann, Klink<br />
und Schulz spielten für die Tänzer „30<br />
plus“ auf.<br />
Der große Saal bot sich vor allem als<br />
beliebter Treffpunkt von Wiedersehens-,<br />
Betriebs- und Schulfeiern und Jubiläen<br />
sowie von Vereinen an.<br />
Im Burghof hielt auch die Tanzlehrerin<br />
Elli Eifler ihren Unterricht ab. Im Begleitprogramm<br />
zum Tanzen waren auch Inhalte<br />
im Sinne einer „Sittenlehre“ enthalten<br />
wie Höflichkeit, Achtung, Kleidung,<br />
Vorstellen einer Person, Begrüßung,<br />
Wortwahl, Begleitung der Tanzpartnerin<br />
nach Haus, Blumenstrauß inbegriffen.<br />
Der „gnädigen Frau“ die Hand zu küssen<br />
mag in anderen Kulturkreisen und<br />
bei manchen „Diven“ noch angemessen<br />
sein, findet in unseren Breiten eher keine<br />
Anwendung mehr.<br />
Eine freundschaftliche Umarmung und<br />
ein symbolischer Kuss auf Wange sind<br />
dann schon eher möglich. Legendär<br />
waren auch die Abschlussbälle.<br />
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Geschichte 23
Görlitz tanzt –<br />
tanzt...<br />
Sorbische Trachtentanzgruppe<br />
Bis zum Jahre 1985 stand das Konzerthaus<br />
Lutherplatz u.a. für den Tanzunterricht<br />
von „Werner und Isabell Ulrich“<br />
zur Verfügung. Aus dem Tanzkreis „Teddy“<br />
wurden „Schwarz-Gold“ und später<br />
„Grün-Gold“.<br />
Bereits im Jahre 1966 konnte die DDR-<br />
Meisterschaften im „Paar-Tanz“ in Görlitz<br />
ausgetragen werden. Als Tanzlehrer-Ehepaar<br />
Isabell und Werner Ulrich<br />
erlangten sie in der DDR-Fernsehserie<br />
„Tanz mit mir“ einen hohen Bekannt-<br />
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24<br />
Geschichte
und das nicht nur im 3/4 Takt<br />
Görlitz tanzt...<br />
heitsgrad. 1988 wurde dem Tanzkreis<br />
„Grün-Gold“ der Kunst-Preis der Stadt<br />
Görlitz verliehen.<br />
Im Jahre 1994 erfolgte die Übernahme<br />
des Tanzkreises durch die „Tanzschule<br />
Matzke“ in der Straßburg-Passage. In<br />
den Anfangsjahren der DDR war die<br />
Tanzmusik rein „westlich“ geprägt. Daran<br />
konnte auch die Regelung für Tanzveranstaltungen<br />
aus dem Jahre 1959,<br />
dass 60% DDR- und 40% Importmusik<br />
betragen sollte, nichts ändern.<br />
Bei Verstoß sollte dies sogar mit einer<br />
Ordnungsstrafe in Höhe von 500 Mark<br />
gehandelt werden. Es hieß, sich zwischen<br />
Kultur-Politik und dem international<br />
westlich geprägten Musikmarkt mit<br />
„wüst hottenden Bands“ zu bewegen.<br />
Mit dem Aufkommen der Diskotheken<br />
ging ein „Kapellensterben“ einher. dagegen<br />
war die Blütezeit für „Disko-Lenchen“<br />
im Görlitzer Schwibbogen angebrochen.<br />
Im Jahre 1990 fand im Haus der Jugend<br />
die vorerst letzte Party statt. Mitte des<br />
Jahres 2005 übernahm nach erfolgter<br />
Sanierung der „Christliche Kinder- und<br />
Jugendhilfe-Verein für Alle“ das Objekt.<br />
In Erinnerung an „Alte Zeiten“<br />
wird gegenwärtig für das Jahr 2020 ein<br />
„Schuppen“-Treffen mit großer Party<br />
geplant.<br />
Im „Diamond´s Club Zwei Linden“ kann<br />
wieder dem Zeitgeschmack entsprechend<br />
getanzt werden. In der Tanzschule<br />
„Tanzetage“, Emmerichstraße<br />
79, können sich Paartänzer bei Tango<br />
und Zeitgenössischem Tanz einfinden.<br />
In der Aula der „Elisabeth-Schule“ bietet<br />
der Sport-Club „Jasmin“ Standard- und<br />
Lateinamerikanische Tänze an. Unter<br />
dem Motto „Tanzen, wo´s Spaß macht“<br />
können sich Paare für die Tanzschule<br />
„Matzke Grün Gold“ entscheiden. Bei<br />
Rosalinde Masson als Mitglied der „Ballett-Company“<br />
des Gerhart-Hauptmann-<br />
Theaters geht es eher etwas klassisch<br />
zu. Und natürlich verspricht das größte<br />
Kneipenfestival Sachsens am 13. <strong>April</strong><br />
auch klassische Töne, so in der alten<br />
Synagoge (Eingang Obermarkt) bis hin<br />
zu Latin-Rhytmen am Braunen Hirsch<br />
und in der Straßburg-Passage.<br />
Dr. Bernhard Wolf<br />
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Geschichte<br />
25
Entdeckung eines Oberlausitzer Künstlers<br />
Schenau<br />
Die Oberlausitz hat in den vergangenen<br />
Jahrhunderten eine große Anzahl an bedeutenden<br />
Künstlern hervorgebracht,<br />
Schriftsteller, Bildhauer, Maler, Musiker.<br />
Viele von ihnen sind heute leider vergessen,<br />
oft unverdienterweise. Umso<br />
erfreulicher ist es, wenn Oberlausitzer<br />
Künstler jetzt in Ausstellungen und/oder<br />
Publikationen gewürdigt und wiederentdeckt<br />
werden. Zu den Künstlern die nicht<br />
gänzlich vergessen, trotzdem aber wohl<br />
nur einem speziellen Interessentenkreis<br />
bekannt sind, gehört der Maler Johann<br />
Eleazar Zeißig, genannt Schenau.<br />
Nun hat die Dresdener Kunsthistorikerin<br />
Dr. Anke Fröhlich-Schauseil eine umfangreiche<br />
Monografie mit einem Werkverzeichnis<br />
Schenaus veröffentlicht.<br />
Zeißig wurde am 7. November 1737 als<br />
Sohn eines Damastwebers in Großschönau<br />
geboren, wie sein Künstlername<br />
Schenau schon andeutet. Der Vater unterrichtete<br />
seine Kinder zu Hause, das<br />
Großschönauer Schulwesen war zu der<br />
Zeit noch nicht ausgebildet. Doch der<br />
junge Johann Eleazar musste schon sehr<br />
zeitig dem Vater zur Hand gehen und<br />
mitarbeiten. Der Junge war aber auch<br />
sehr musisch und zeichnerisch begabt.<br />
Mit 12 Jahren (1749) ging Zeißig nach<br />
Dresden, wo er eine Zeichenausbildung<br />
aufnehmen wollte. Da ihm dazu aber das<br />
Lehrgeld fehlte, musste er zunächst eine<br />
Schreiberstelle annehmen. Schließlich<br />
nahm ihn der Baron Francois Charles de<br />
Silvestre, Sohn des einstigen Dresdener<br />
Hofmalers Louis de Silvestre, als Schüler<br />
auf. „Der junge Kunststudent erlebte die<br />
Residenzstadt unter Kurfürst Friedrich<br />
August III., dem Premierminister Heinrich<br />
von Brühl und dessen kunstsinnigen<br />
Sekretär Karl Heinrich von Heineken zur<br />
Zeit der höchsten Blüte. Die Frauenkirche<br />
war 1743, die Katholische Hofkirche<br />
1755 fertiggestellt worden, das Schloss<br />
und die Palais strotzten von Kunstwerken,<br />
gemalten Wanddekorationen und<br />
Deckenplafond […]“ (S. 26).<br />
Nach dem Ausbruch des Siebenjährigen<br />
Krieges 1756 floh Johann Eleazar Zeißig<br />
gemeinsam mit seinem Lehrer nach Paris.<br />
Zittau wurde allerdings erst am 23.<br />
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26<br />
Buchvorstellung
Johann Eleazar Schenau<br />
Juli 1757 zerstört, nicht „im selben Jahr“<br />
(S. 26) wie der Krieg ausbrach und die<br />
Beiden flüchteten. In Paris genoss Zeißig<br />
dann die Förderung von Louis de Silvestre,<br />
der inzwischen Akademiedirektor<br />
geworden war. „Was Schenau der Familie<br />
de Silvestre zu verdanken hat, kann<br />
man nur ahnen; doch kam sicher nicht<br />
zufällig ein Gemälde, das als Bildnis von<br />
Louis de Silvestre überliefert war, aus<br />
Schenaus Besitz in das Großschönauer<br />
Museum.“ (S. 27).<br />
Nach erfolgreichen Jahren in Paris wurde<br />
Johann Eleazar Zeißig 1770 an die<br />
inzwischen gegründete Kunstakademie<br />
in Dresden berufen. „Als Schenau 1770<br />
schließlich nach Dresden kam, war er<br />
ein namhafter, erfolgreicher Maler auf<br />
der Höhe des zeitgenössischen französischen<br />
Kunstgeschmacks.“ (S. 44).<br />
Er blieb unverheiratet und kinderlos.<br />
Im Jahr 1777 wurde er gemeinsam mit<br />
dem Maler Giovanni Battista Casanova,<br />
dem jüngeren Bruder des berühmten<br />
Abenteurers und Schriftstellers Giacomo<br />
Casanova, zum neuen Direktor der<br />
Dresdener Kunstakademie berufen. Die<br />
Berufung zweier Direktoren barg aber<br />
Zündstoff, da sie unterschiedlicher Ansichten<br />
und Charaktere waren, und führte<br />
zu einem „Gemäldekrieg“ (S. 51). Ab<br />
1795 war Schenau alleiniger Direktor. Er<br />
starb am 23. August 1806 in Dresden.<br />
Schenaus Leben und Werdegang werden<br />
in dem neuen Buch ausführlich dargestellt<br />
(S. 21-67).<br />
Sein künstlerisches Werk umfasst Genregemälde,<br />
Bildnisse, allegorische, historische<br />
und sakrale Darstellungen,<br />
sowie Radierungen und Entwürfe für<br />
Buchillustrationen. Schenau arbeitete<br />
aber auch mit Großschönauer Damastfabrikanten<br />
zusammen und war Leiter<br />
der Zeichenschule der Meissener Porzellanmanufaktur.<br />
Auch das ist eindrücklich<br />
und fundiert dargelegt (S. 68-157).<br />
Zahlreiche Tafeln mit Abbildungen der<br />
Werke Schenaus illustrieren das Dargestellte<br />
auf beste Weise. Den Hauptteil<br />
des neuen Buches macht aber das<br />
Werkverzeichnis Schenaus aus (S. 206-<br />
464). Es ist untergliedert in Gemälde,<br />
Pastelle, Zeichnungen und Druckgrafik.<br />
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Buchvorstellung 27
Entdeckung eines Oberlausitzer Künstlers<br />
Schenau<br />
Das Verzeichnis von Druckgrafiken<br />
anderer Künstler nach<br />
Werken von Schenau schließt<br />
sich an (S. 465-587). Die Werke<br />
sind beschrieben, mit Hinweisen<br />
auf Ausstellungen und<br />
Literatur versehen sowie zum<br />
großen Teil auch abgebildet<br />
worden.<br />
Quellen-, Literatur- und Personenverzeichnisse<br />
erschließen<br />
den umfangreichen und opulenten<br />
Band in vorbildlicher<br />
Weise und machen ihn somit<br />
praktisch und problemlos<br />
nutzbar.<br />
Porträt Schenaus von Christian Friedrich Stölzel, 1787<br />
Mit diesem neuen und umfassenden<br />
Buch zu Johann Eleazar<br />
Zeißig, genannt Schenau,<br />
hat Dr. Anke Fröhlich-Schauseil<br />
zweifelsfrei ein Standardwerk<br />
geschaffen, welches auf<br />
viele Jahre hinaus Bestand<br />
haben wird. Aber das ist man<br />
ja schon von ihren anderen<br />
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28<br />
Buchvorstellung
Johann Eleazar Schenau<br />
In diesem Sinne kann man schon sehr<br />
auf die von Dr. Anke Fröhlich-Schauseil<br />
kuratierte Sonderausstellung „Der Oybin<br />
und die Malerei der Romantik in der<br />
Oberlausitz“ in den Städtischen Museen<br />
Zittau ab Herbst <strong>2019</strong> und den entsprechenden<br />
Katalog dazu gespannt sein.<br />
Uwe Kahl, Zittau<br />
Fröhlich-Schauseil, Anke: Schenau (1737-1806)<br />
: Monografie und Werkverzeichnis der Gemälde,<br />
Handzeichnungen und Druckgrafik von Johann<br />
Eleazar Zeißig, gen. Schenau / Anke Fröhlich-<br />
Schauseil. Herausgegeben vom Deutschen<br />
Damast- und Frottiermuseum Großschönau und<br />
der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen<br />
an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.<br />
Petersberg : Michael Imhof Verlag, 2018.<br />
640 S. : Abb. (Sächsische Museen – fundus ; 7)<br />
ISBN 978-3-7319-0568-4; 78.- Euro<br />
Werken, wie über „Johann Christian<br />
Klengel“ (2005) oder die „Die Sächsische<br />
Schweiz in der bildenden Kunst“<br />
(2017), gewohnt.<br />
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Buchvorstellung<br />
29
Der Frühling ist da!<br />
Tierpark Zittau<br />
Die vielen Wildvögel waren die ersten,<br />
die es bemerkt haben. Schon beim letzten<br />
Schnee trommelten die Buntspechte<br />
wahre Stakkatos in den Himmel und<br />
die Meisen jubilierten so fröhlich, dass<br />
der Winter keine andere Chance hatte,<br />
als sich klammheimlich davonzustehlen.<br />
Denen wollen die kunterbunten Loris<br />
des Zittauer Tierparks natürlich in nichts<br />
nachstehen. Doch bei aller schillernder<br />
Federpracht- harmonische Klangfolgen<br />
gelingen ihnen eher nicht. Die Schildkröten<br />
erwachen nun langsam aus der<br />
Winterruhe und genießen die warmen<br />
Sonnenstrahlen. Bei den hübschen Ziegen<br />
ist der kuschelige Nachwuchs schon<br />
da, bei den Pinguinen steckt er noch<br />
im Ei. Ein paar Kängurubabys schauen<br />
schon munter aus den Beuteln ihrer Mamas,<br />
und so manch anderes Jungtier<br />
wir noch erwartet.<br />
Den neugierigen Tierpark- Osterhasen<br />
allerdings hielt es schon zur Weihnachtszeit<br />
nicht mehr in seiner warmen Hasenstube.<br />
Staunend sprang er um den<br />
Weihnachtsbaum. Jetzt kann er es gar<br />
nicht erwarten, die kleinen Tierparkbesucher<br />
zu Ostern, seinem großen Fest,<br />
mit kleinen Leckereien zu überraschen.<br />
Die Kinder genießen den Frühling natürlich<br />
auch und kommen jetzt wieder<br />
in Scharen in den Park, wo neben den<br />
Tieren die vielen Spielplätze besonders<br />
interessant sind.<br />
Auch sonst tut sich so manches im Park.<br />
Eine Wildvogel- Beobachtungsstation ist<br />
in Planung, ebenso ein neuer Spielplatz.<br />
Und so manche Anlage wird schöner für<br />
ihre tierischen Bewohner gestaltet.<br />
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30<br />
Ausblick
Auftakt einer neuen Saison im Tierpark Zittau<br />
Tierpark Zittau<br />
Bei solchen Vorhaben kann sich das<br />
Tierpark- Team immer auf die tatkräftige<br />
Unterstützung des Fördervereins des<br />
Zittauer Tierparks e.V. verlassen.<br />
Auch bei der Durchführung der Veranstaltungen<br />
packen sie mit an. So auch<br />
beim Muttertags- und Frühlingsfest, der<br />
ersten großen Veranstaltung in diesem<br />
Jahr, welches am 12. Mai um 14.00 Uhr<br />
beginnt. Am 11. August folgt das große<br />
Tierparkfest mit einem kunterbunten<br />
Programm für die ganze Familie. Am 14.<br />
und 15. September lädt der Tierpark<br />
dann zum Bauernmarkt mit großer Pilzausstellung<br />
ein. Und dann ist es schon<br />
wieder bald soweit: am 8. Dezember<br />
wird der „Weihnachtsbaum für die Tiere“<br />
geschmückt, umrahmt von einem<br />
wundervoll- romantischen Adventsmarkt<br />
und einem stimmungsvollen Programm<br />
mit handgemachter Musik, Puppentheater,<br />
Kutsch- oder Schlittenfahrten und<br />
so viel Schönem mehr…<br />
Tierpark Zittau<br />
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Ausblick<br />
31
Was bewegt werden kann –<br />
Sportstadt Niesky<br />
Die Untertertia (8.Klasse) am Reck, Foto um 1910<br />
Akrobatikteam, Eislaufverein, Hockeyclub,<br />
Fußball, Ironsports, Leichtathletik,<br />
Motor-, Radsport oder Tischtennis, die<br />
Liste der Nieskyer Sportvereine ist lang.<br />
Die Nieskyer sind sportbegeistert und<br />
das hat beim Blick in die Ortsgeschichte<br />
eine lange Tradition.<br />
Am Nieskyer Pädagogium wurde bereits<br />
geturnt, als es andernorts noch verboten<br />
war. An den Internatsschulen der<br />
Herrnhuter Brüdergemeine spielte die<br />
sportliche Betätigung von je her eine<br />
wichtige Rolle. Leib und Seele galten im<br />
Verständnis der Brüdergemeine als Ein-<br />
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32<br />
Geschichte
Sportstadt Niesky<br />
Niesky<br />
In der Turnhalle, Foto um 1910<br />
heit, ein gesunder Verstand erforderte<br />
auch einen gesunden Körper. So stand<br />
Schulsport bald als Unterrichtsfach auf<br />
dem Stundenplan. Bereits 1821 übten<br />
die Schüler in den freien Stunden am<br />
Nachmittag in den schuleigenen Parkanlagen<br />
an Reck und Barren. „Wir konnten<br />
aber nicht umhin, einer solchen Beschäftigung<br />
der Knaben, die dem trägen Umherliegen<br />
in Monplaisir ein Ende machten,<br />
unseren Beifall geben...“ wurde im<br />
Protokoll der Pädagogiums-Hauskonferenz<br />
am 19.7.1821 notiert.<br />
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Geschichte<br />
33
Was bewegt werden kann –<br />
Sportstadt Niesky<br />
Ausländische Schüler und Lehrer sowie<br />
die Kinder von Missionaren brachten<br />
neue Spiele und Sportarten mit. Durch<br />
holländische Schüler wurde das Schlittschuhlaufen<br />
eingeführt, aus England<br />
kamen Hockey und verschiedene Rasenspiele.<br />
Seit 1840 wurde in Niesky „football“<br />
gespielt. Nicht zuletzt regte die<br />
Umgebung zu ausgedehnten Wanderungen<br />
im berühmt gewordenen schnellen<br />
„Nieskyer Schritt“ an. Im Jahre 1841<br />
wurde, gleich nachdem das Turnverbot<br />
von der preußischen Regierung aufgehoben<br />
war, ganz offiziell ein Sportplatz<br />
eingeweiht.<br />
Die Blütezeit der Nieskyer Turnbewegung<br />
ist eng mit dem Namen des jungen<br />
Lehrers Theodor Bourquin verbunden.<br />
Als Schüler hatte er in Niesky den Aufschwung<br />
des Turnens selbst miterlebt.<br />
Sport als notwendigen Ausgleich zum<br />
Unterricht und zur Charakterbildung der<br />
Jungen zu nutzen, war sein erklärtes<br />
pädagogisches Ziel. Er stellte auf dem<br />
Turnplatz ein höheres Klettergerüst auf<br />
und errichtete 1855 eine Weitsprunggrube.<br />
Als großen Mangel empfand der<br />
engagierte Lehrer das Fehlen einer Turnhalle.<br />
Im Jahre 1860 richtete er deshalb<br />
einen Aufruf an ehemalige Schüler und<br />
Freunde der Schule, um Spenden für den<br />
Bau einer Turnhalle zu sammeln. Die Resonanz<br />
war groß. Am 5. Juni 1861 wurde<br />
die Turnhalle eingeweiht, gleichzeitig<br />
feierte man das 20jährige Bestehen<br />
des Turnplatzes. Die alte Jahnturnhalle,<br />
als eine der ältesten Schulturnhallen<br />
Deutschlands, ist heute eine bekannte<br />
Sehenswürdigkeit von Niesky.<br />
Turnen war für die Nieskyer damals eng<br />
mit dem Gesang verknüpft. Mit der Einweihung<br />
der Turnhalle erschien auch die<br />
erste Ausgabe des „Nieskyer Turnliederbuch“.<br />
Dieses enthält eine Sammlung frischer,<br />
jugendgemäßer Volkslieder sowie<br />
viele eigene Dichtungen. Eigene Lieder<br />
widmeten die Lehrer besonderen Ereignissen,<br />
wie der Einweihung von Turnplatz<br />
oder Turnhalle. In „Turners Abendlied“,<br />
dem wohl bekanntesten Lied von Theodor<br />
Bourquin sangen die Jungen: „Laß<br />
ein Mann mich werden, der voll Zucht<br />
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34<br />
Geschichte
Sportstadt Niesky<br />
Niesky<br />
Das „Nieskyer Turnliederbuch“ mit Dichtungen zur Einweihung des Turnplatzes (1841) und Turnhalle (1861)<br />
und Art stark und rein auf Erden Seel´<br />
und Leib bewahrt!“<br />
Im 20. Jahrhundert wurden dann sogar<br />
„Olympische Spiele“ durchgeführt. 1911<br />
fand das erste „Olympia-Fest“ statt.<br />
Dessen Organisation lag in der Regie der<br />
Primaner. Für eine Teilnahme qualifizierten<br />
sich nur die Besten. In Anlehnung<br />
an die klassischen Olympischen Spiele<br />
gab es für die Teilnehmer in der Vorbereitungszeit<br />
strenge Regeln zu beachten.<br />
Neben einer salzarmen Kost waren die<br />
täglichen Trainingszeiten, der Zeitpunkt<br />
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Geschichte<br />
35
Was bewegt werden kann –<br />
Sportstadt Niesky<br />
Olympische Spiele in Niesky, Foto um 1930<br />
für die Nachtruhe sowie für ein frühes<br />
Aufstehen genau vorgeschrieben. Hochsprung,<br />
Weitsprung, Diskus, Stabhochsprung<br />
sowie 100-, 800- und 1500m<br />
Sprint waren die olympischen Disziplinen<br />
in Niesky.<br />
Eine „Sportstadt“ ist Niesky bis heute<br />
geblieben. Auf den Sportplätzen und<br />
in den Turnhallen finden im Jahreslauf<br />
zahlreiche sportliche Wettkämpfe statt.<br />
Im Winter lädt das neue, überdachte<br />
Eisstation zu Eishockey oder Schlittschuhlaufen<br />
ein. Das Waldbad wurde<br />
1909 eröffnet und ist heute, umgebaut<br />
als Freizeit- und Erlebnisbad, ein beliebtes<br />
Ausflugsziel im Sommer.<br />
Familien und Sportler können sich den<br />
1. September vormerken. An diesem<br />
Sonntag startet im Rahmen des Nieskyer<br />
Herbstfestes der „6. Holzhauslauf“. Auch<br />
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36<br />
Geschichte
Sportstadt Niesky<br />
Niesky<br />
Beim Kugelstoßen, Foto um 1930<br />
hier wurde eine alte Tradition wieder belebt.<br />
Den ersten Lauf „Rund um Niesky“<br />
organisierte der „Sportclub Niesky 08“<br />
im Jahr 1923. Damals beteiligten sich<br />
17 Läufer beim Wettstreit um den Wanderpokal,<br />
der von der Firma Christoph &<br />
Unmack gestiftet wurde. Der Sieger, ein<br />
Görlitzer, lief die Strecke über 10 Kilometer<br />
bei glühender Hitze in 40:21 Minuten.<br />
Der „Holzhauslauf“ verläuft heute über<br />
eine Strecke von 5 oder 10 Kilometern<br />
und kann als Wettkampf, aber auch als<br />
Wanderung oder Fahrradtor durch die<br />
Nieskyer Holzhaussiedlungen absolviert<br />
werden. Der Vorverkauf der Stempelkarten,<br />
mit denen man sich das kostenlose<br />
Laufshirt sichern kann, beginnt ab 12.<br />
Mai in den Nieskyer Museen.<br />
Eva-Maria Bergmann<br />
Museum Niesky<br />
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Geschichte<br />
37
Sagen des Landkreises Görlitz –<br />
In der sogenannten guten alten Zeit<br />
hatten die Menschen zum Teil andere<br />
Sorgen als wir heutzutage, mit denen<br />
sie sich aber das Leben unnötig schwer<br />
machten und derenthalben sie trotzköpfig<br />
Leib und Leben aufs Spiel setzten.<br />
So ist es höchst interessant, in den alten<br />
Chroniken nachzulesen, dass im Jahre<br />
1491 eine gar heftige Bierfehde zwischen<br />
Görlitz und Zittau ausgebrochen<br />
war. Sie verlief zwar durch das Dazwischentreten<br />
des Königs recht glimpflich,<br />
aber es hätte auch viel Blutvergießen aus<br />
der eigentlich nichtigen Sache entstehen<br />
können. Der Grund, weshalb die beiden<br />
Städte die doch durch den Sechsstädtebund<br />
miteinander verbündet waren, auf<br />
einmal ihre Tore schlossen und einander<br />
ihre gepanzerten Eisenfäuste zeigten,<br />
war nach historischen Fakten und einer<br />
satirischen Legende folgender: Genauso<br />
wie z. T. heute, konnte schon dazumal<br />
der gute, brave Bürger nicht leben,<br />
wenn er nicht sonn- und wochentags im<br />
Wirtshaus oder zu Hause seinen Krug<br />
wohlgebrautes Bier hatte. Das Zittauer<br />
Bier war nun zu jener Zeit weit und<br />
breit wegen seiner Güte bekannt, und<br />
überall trank man es lieber als das hiesige<br />
Görlitzer. Und da so mancher Bürger<br />
dieser Stadt aber wenig Lokalpatriotismus<br />
besaßen, so tranken sie halt<br />
lieber des fremde Zittauer Bier, weil es<br />
in den allezeit durstigen und vom vielen<br />
Reden und Schwätzen vertrockneten<br />
Kehlen um drei Prozent mehr krabbelte<br />
als das etwas schwächer gebraute Görlitzer<br />
Bier. Das verdroß jedoch die edlen,<br />
hochwohllöblichen Bierbauer von Görlitz<br />
gar zu sehr, denn der Genuss des auswärtigen<br />
Getränkes schmälerte recht<br />
erheblich ihren Gewinn. Sie beratschlagten<br />
lange, wie sie die lieben Mitbürger<br />
von dem bösen Übel befreien könnten.<br />
Da die würdigen Bierhersteller jedoch<br />
keinen realisierbaren Ausweg fanden,<br />
wandten sie sich in ihrer Not an den<br />
ehrsamen und weisen Rat von Görlitz,<br />
der in seiner Mehrheit leider auch diese<br />
gewinnträchtige Nebenbeschäftigung<br />
betrieb. Der Rat brachte also die unerquickliche<br />
Sache bis vor den König und<br />
erwirkte dabei nach langem Verhandeln<br />
sowie Geldspenden und Geschenken für<br />
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38<br />
Sagen
Die „Bierpfütze“ bei Ostritz<br />
Sagen<br />
die königlichen Räte im Wert von<br />
über 100 Dukaten für Görlitz das<br />
Recht, dass in der Stadt und 1 1/2<br />
Meilen im Umkreis nur Görlitzer<br />
Bier ausgeschenkt werden durfte.<br />
Alle Wirte, die dieses Privileg nicht<br />
achteten, wurden streng bestraft.<br />
So hatten die lieben Bierbrauer<br />
von Görlitz ihre Ruhe und konnten<br />
nun in jeden Kübel Bier noch etwas<br />
mehr Wasser schütten, denn sie<br />
waren ja sicher, dass sie es loswurden.<br />
Da- eines Tages- es soll der<br />
29. Mai 1491 gewesen sein, wurde<br />
ganz Görlitz in Aufregung versetzt,<br />
denn es traf von hiesigen Spähern,<br />
die in Zittau für den Görlitzer Rat<br />
Auge und Ohr offenhielten, die<br />
alarmierende Nachricht ein, dass<br />
eine neue Zittauer Bierfuhre heimlich<br />
im Anzuge sei. Ratlos liefen<br />
unsere Bierproduzenten hin und<br />
her und riefen zum heiligen Krieg<br />
gegen den südlichen Nachbarn<br />
auf, während manche sonst ehrsamen<br />
Bürger in Erwartung des so<br />
lange vermissten geliebten Gers-<br />
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Sagen<br />
39
Sagen des Landkreises Görlitz –<br />
tensaftes aus den Zittauer Gefilden<br />
in den hiesigen Wirtshäusern bald<br />
das Wasser im Munde zusammenlief.<br />
Doch das Bier aus dem Süden<br />
sollte Görlitz nicht erreichen.<br />
Einige handfeste, tapfere Bürgersöhne,<br />
denen die durch Zittau gefährdete<br />
väterliche Gewinnquelle<br />
nicht gleichgültig war und die gewillt<br />
waren, im Notfalle den Heldentod<br />
für das Wohl der Görlitzer<br />
Bierhersteller zu sterben, machten<br />
sich auf und legten sich am „Läusehübel“<br />
zwischen Rosenthal und<br />
Ostritz in einen Hinterhalt. Als nun<br />
die schwere Fuhre ächzend mit ihrer<br />
mit ihrer vielbegehrten Ladung<br />
vorüberfahren wollte, stürzten sie<br />
mit großem Kriegsgeschrei hervor,<br />
überwältigten die begleitenden<br />
Knechte, warfen den Kutscher vom<br />
Bock, dass er sich bald Hals und<br />
Beine brach, und erstürmten den<br />
Wagen. Aber anstatt dass sie sich<br />
zum Lohne für ihre Heldentat zunächst<br />
einmal an dem köstlichen<br />
Nass gelabt hätten, zerschlugen<br />
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40<br />
Sagen
Die „Bierpfütze“ bei Ostritz<br />
Sagen<br />
sie in edler, selbstloser Entsagung mit<br />
großen Beilen und Hämmern die wuchtigen,<br />
bis an den Rand gefüllten Fässer<br />
und ließen mit vielen wehmütigen Blicken<br />
und menschlicher Rührung das<br />
edle Gebräu auf den Erdboden laufen,<br />
allwo sich bald eine große Pfütze bildete.<br />
Ob diese ruchlose Tat innerhalb des Zittauer<br />
Herrschaftsbereiches war man in<br />
dieser Stadt sehr ergrimmt. Schon zwei<br />
Tage später sandten sie einen Boten,<br />
ein kleines, verwaschenes Männlein auf<br />
einer elenden Mähre, welches zugleich<br />
als Beleidigung gedacht war. Der Bote<br />
überbrachte dem Rat der Stadt Görlitz<br />
den Fehdebrief Zittaus, d. h. die Kriegserklärung.<br />
Ohne erst eine Antwort abzuwarten,<br />
war der missgestaltete Bote<br />
jedoch sehr schnell verschwunden. Wer<br />
konnte ihm denn garantieren, dass ihn<br />
die Görlitzer ungeschoren wieder heimwärts<br />
ließen? Kaum war der Bote aber<br />
hinaus und hatte die Stadttore hinter<br />
sich gelassen, als ein Bauer dem Rat<br />
die Meldung überbrachte, dass die Zittauer<br />
in Wendisch-Ossig, also schon in<br />
hiesiger Stadtnähe, alles Vieh geraubt<br />
und in den Häusern geplündert hätten.<br />
Sogar der Pfarrer und der Schulmeister<br />
waren von dieser Aktion nicht ausgenommen<br />
worden. Sofort wurden die<br />
Sturmglocken geläutet, und die streitbaren<br />
Bürger marschierten in Reih und<br />
Glied schwergepanzert gen Süden. Im<br />
Anblick der gut befestigten Stadt mag<br />
ihnen jedoch das Herz wieder in die<br />
Siefel gerutscht sein, denn sie unternahmen<br />
keinen Sturmangriff und zogen<br />
bald wieder zurück zu den Görlitzer Bierkrügen.<br />
Die Zittauer mochten dadurch<br />
auch mutiger geworden sein; denn sie<br />
wagten bald darauf noch einen zweiten<br />
Überfall. Als Ziel hatten sie Heidensdorf<br />
gewählt. Die Görlitzer Bürger hatten es<br />
jedoch wieder durch ihre Späher erfahren<br />
und zogen deshalb rechtzeitig auch<br />
mit Söldnern kampfbereit und muterfüllt<br />
dem Feinde entgegen. Es kam aber zu<br />
keinem gegenseitigen Angriff, da beide<br />
Heere wohlerzogene Zurückhaltung übten.<br />
Unterdessen hatte der König von<br />
der „Bierfehde“ erfahren, die in seinem<br />
Oberlausitzer Lande ausgetragen<br />
wurde, und bemühte sich nach sechs<br />
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Sagen<br />
41
Sagen des Landkreis Görlitz<br />
Jahren, durch einen gerechten, gnadenvollen<br />
Urteilsspruch dem Streit ein Ende<br />
zu machen. Mit den Verhandlungen beauftragte<br />
er den zuständigen Landvogt<br />
für diese Gebiet, den listenreichen Siegmund<br />
von Wartemberg. Der königliche<br />
Bevollmächtigte ordnete an, dass sich<br />
beide Heere hinter ihre Stadtmauern zu<br />
begeben hätten. Außerdem sollte Zittau<br />
670 rheinische Gulden Entschädigung<br />
und 370 Gulden Buße an Görlitz zahlen.<br />
Mit vielem Wehklagen bezahlte Zittau<br />
den ersten Posten, während es die Buße<br />
als eine entehrende Strafe nicht zahlen<br />
wollte. Ja, es drohte sogar, aus dem<br />
Sechsstädtebund auszutreten, wenn es<br />
zur Zahlung gezwungen werden sollte.<br />
Um diese Zwietracht aus der Welt zu<br />
schaffen, zahlten die anderen Städte<br />
des Bundes für Zittau die 370 rheinischen<br />
Gulden; denn sie wollten es nicht<br />
so weit kommen lassen, dass wegen eines<br />
solchen Händels sich der Bund auflöst<br />
und die Oberlausitz dadurch in die<br />
alte Ohnmacht einer abhängigen Provinz<br />
zurückfalle. So wurde der Frieden<br />
zwischen den beiden mächtigen Städten<br />
im Sechsstädtebund wiederhergestellt,<br />
aber trotzdem herrschte in Zittau noch<br />
lange eine gewisse Missstimmung gegen<br />
Görlitz, die sich manchmal in allerhand<br />
derben Streichen Luft machte. Auch<br />
Spottlieder über die Görlitzer entstanden<br />
zum Verdruss der hiesigen Bürger<br />
in jener Zeit. Schlimm erging es denen,<br />
die von Görlitzern beim Singen solcher<br />
Spottlieder innerhalb ihrer Gerichtsherrschaft<br />
gefasst wurden. So kam z. B. ein<br />
Horkaer Bürger wegen des lautstarken<br />
Singens eines dieser verhassten Lieder<br />
sofort ins Gefängnis, und am folgenden<br />
Tag wurde er zur Abschreckung gestäupt.<br />
Die Stelle wo die Zittauer Bierfässer<br />
von den Görlitze Bürgersöhnen<br />
zertrümmert wurden, heißt noch heute<br />
„Die Bierpfütze“.<br />
Quelle: Sagen des Kreises Görlitz<br />
und einiger angrenzender Orte<br />
Teil 2<br />
Bearbeitet und neu erzählt<br />
von Paul Mikles<br />
Illustration von Günter Hain<br />
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42<br />
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