01.02.2023 Aufrufe

syndicom magazin Nr. 33 ¦ Wir alle sind die Schweiz

Das syndicom magazin liefert spannende Einblicke in Gewerkschaft und Politik, bietet Hintergrundwissen und Kultur sowie Unterhaltung. Es informiert über wichtige Dienstleistungen, Events und Bildungsangebote der Gewerkschaft und ihrer Partner.

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<strong>syndicom</strong><br />

<strong>Nr</strong>. <strong>33</strong> Januar-Februar 2023<br />

<strong>magazin</strong><br />

<strong>Wir</strong> <strong>alle</strong><br />

<strong>sind</strong> <strong>die</strong><br />

<strong>Schweiz</strong>


Anzeige<br />

Klimafreundliche<br />

Banken?<br />

Ja, das geht.<br />

<strong>Wir</strong> haben Träume.<br />

Und verwirklichen sie.<br />

Jetzt aktiv werden.<br />

#dreampeace


Inhalt<br />

4 Kurz und bündig<br />

5 Gastautorin<br />

6 Dossier:<br />

Arbeit und Migration<br />

14 Bessere Arbeitswelt<br />

18 Politik<br />

20 Die andere Seite<br />

21 Recht so!<br />

22 Freizeit<br />

24 Bisch im Bild<br />

26 Aus dem Leben von ...<br />

27 Kreuzworträtsel<br />

Liebe Leserinnen und Leser<br />

Und was arbeitest du?<br />

Das ist eine der ersten Fragen, <strong>die</strong> man häufig<br />

auf Partys, bei einem Abendessen oder in einer<br />

Bar hört, wenn man sich vorstellt. Die Arbeit<br />

charakterisiert uns und steckt uns in eine<br />

Schublade.<br />

Unsere Arbeit prägt auch den Kreis unserer<br />

Bekannten und Freund:innen. Die Arbeit bietet<br />

ein hervorragendes Mittel zur Integration.<br />

Am Arbeitsplatz lernt man <strong>die</strong> Gepflogenheiten<br />

und das Zusammenleben einer Gesellschaft. Im<br />

Idealfall verwirklicht man sich und fühlt sich als<br />

Teil der Gemeinschaft, mit Kolleg:innen, <strong>die</strong><br />

auch an einer anderen Kultur interessiert <strong>sind</strong>.<br />

Der Arbeitsplatz ist auch der einzige Ort, an<br />

dem ausländische Arbeitnehmende eine Stimme<br />

haben. Sonst vom Stimmrecht ausgeschlossen,<br />

können sie sich in Personalkommissionen und<br />

Gewerkschaften für ihre Rechte und <strong>die</strong> Rechte<br />

ihrer Kolleg:innen einsetzen und für sie kämpfen.<br />

Kurzum: Politik machen. Inklusion und Partizipation<br />

beginnen genau hier, am Arbeitsplatz.<br />

Deshalb unterstützt <strong>syndicom</strong> ausländische<br />

Arbeitnehmende durch Interessengruppen.<br />

Dies zeigen <strong>die</strong> Erfolgsgeschichten von Augustin<br />

Mukamba, einem Angestellten der <strong>Schweiz</strong>erischen<br />

Post (Seite 8), und dem kurdischen Journalisten<br />

Rüstü Demirkaya (Seite 12), <strong>die</strong> in <strong>die</strong>ser<br />

Ausgabe zum Thema Migration, Arbeit und<br />

Gewerkschaften erzählt werden.<br />

Gute Lektüre!<br />

6<br />

18<br />

20<br />

Patrizia Mordini, Leiterin Gleichstellung und<br />

Mitglied der Geschäftsleitung bei <strong>syndicom</strong>


4 Kurz und<br />

bündig<br />

Kompromiss bei Payot-Buchläden \ Wertlose Rentenzuschläge<br />

dank AHV21 \ Lohnpetition an <strong>die</strong> Post \ Mehr Geld in den Callcentern \<br />

Aktionen für mehr Lohn bei PostAuto \ Christian Tirefort verstorben \<br />

Post-GAV verlängert<br />

Schutz für Personal von Payot<br />

Payot, <strong>die</strong> Buchladenkette in der Westschweiz,<br />

steckt in finanziellen Schwierigkeiten<br />

und droht mit massiven<br />

Kürzungen. Durch den ausgehandelten<br />

Kompromiss können Entlassungen vermieden<br />

und weitere Verschlechterungen<br />

verhindert oder zeitlich begrenzt werden.<br />

Die Mitarbeitenden haben mit<br />

80,9 % zugestimmt (Beteiligung: 81,6 %).<br />

<strong>syndicom</strong> und Unia unterzeichneten <strong>die</strong><br />

Vereinbarung, kritisierten jedoch, dass<br />

weder Peko noch Gewerkschaften in das<br />

Stimmverfahren einbezogen waren.<br />

Neuer Hohn bei AHV21<br />

Mit der AHV21-Reform wurde versprochen,<br />

dass Frauen, <strong>die</strong> von der Anhebung<br />

ihres Rentenalters betroffen <strong>sind</strong>,<br />

Rentenzuschläge erhalten würden. Aber<br />

jetzt hat der Bundesrat ein technisches<br />

Schlupfloch gefunden. Folge: Wenn <strong>die</strong><br />

Inflation unverändert bleibt, <strong>sind</strong> <strong>die</strong><br />

zugesagten Zuschüsse in 20 Jahren nur<br />

noch <strong>die</strong> Hälfte wert, <strong>die</strong> Jahrgänge<br />

der Übergangsperiode bleiben auf der<br />

Strecke. Der SGB hatte bereits zum Referendum<br />

angemahnt, <strong>die</strong> Ausgleichsmassnahmen<br />

seien unzureichend. In der<br />

vom Bundesrat vorgeschlagenen Umsetzung<br />

klingen sie wie ein Hohn.<br />

8400 Unterschriften für<br />

Lohnerhöhung bei der Post<br />

In den <strong>die</strong>sjährigen Lohnverhandlungen<br />

fordert <strong>syndicom</strong> 4,4 % der Lohnsumme<br />

für Lohnerhöhungen. Alle sollten mindestens<br />

200 Franken pro Monat mehr<br />

erhalten (inkl. 13.). 8400 Postangestellte<br />

(fast ein Drittel der dem GAV Unterstellten)<br />

unterzeichneten eine Petition<br />

dazu. Die Unterschriften wurden am<br />

14. Dezember an Valérie Schelker, Konzernleitung<br />

Post, am Hauptsitz in Bern<br />

übergeben (auf dem Foto mit Matteo<br />

Antonini, Leiter Logistik <strong>syndicom</strong>).<br />

Contact- und Callcenter +3 %<br />

Gute Neuigkeiten für 4400 Arbeitende<br />

in der Contact- und Callcenter-Branche.<br />

Die im Gesamtarbeitsvertrag festgelegten<br />

Mindestlöhne werden je nach<br />

Lohnregion um 1,5 % bzw. 3 % angehoben.<br />

Für eine Angestellte im Bereich<br />

Kundenbeziehungen in der Region<br />

Mittelland gibt es nun 4428 Franken/<br />

Monat, eine Erhöhung um 3 %.<br />

Aktionen bei PostAuto<br />

Nach der ersten Lohnverhandlungsrunde<br />

vom Montag, 23. Januar, haben Angestellte<br />

von PostAuto ihre Forderungen<br />

mit einem offenen Brief an <strong>die</strong><br />

Geschäftsleitung unterstrichen. In<br />

<strong>alle</strong>n fünf PostAuto-Gebieten fanden<br />

Aktionen auf den Betriebshöfen statt<br />

und der Brief wurde symbolisch unterschrieben.<br />

Angesichts der grossen<br />

psychischen und physischen Belastungen<br />

durch <strong>die</strong> Arbeit fordern <strong>die</strong> Fahrer:innen<br />

eine echte Reallohnerhöhung.<br />

A<strong>die</strong>u, Kamerad Tirefort<br />

Er war Schriftsetzer, Präsident der<br />

Gewerkschaften Druck und Papier und<br />

comedia, einer der Protagonisten des<br />

Streiks von 1977, der <strong>die</strong> 40-Stunden-<br />

Woche für <strong>die</strong> grafische Industrie<br />

brachte, ein untypischer Arbeiter und<br />

untypischer Intellektueller: so könnte<br />

man Christian Tirefort beschreiben.<br />

Er starb am 14. Dezember 2022 im Alter<br />

von 79 Jahren. Als bedeutende Gewerkschaftsfigur<br />

begleitete er seine praktische<br />

Arbeit mit einer tiefgreifenden<br />

theoretischen Reflexion. Zu seinen<br />

Schriften zählt das Manifeste pour<br />

un nouveau contrat social (2013).<br />

Lese empfehlung – heute mehr denn je.<br />

GAV Post und PostFinance<br />

verlängert bis 2024<br />

Der sog. Dach-GAV und <strong>die</strong> beiden Firmen-GAV<br />

Post CH und PostFinance AG<br />

werden bis Ende 2024 verlängert.<br />

Das haben <strong>die</strong> Sozialpartner Post, <strong>die</strong><br />

Gewerkschaft <strong>syndicom</strong> und der Personalverband<br />

transfair gemeinsam entschieden.<br />

Sie setzen so ein Zeichen für<br />

Kontinuität und Stabilität. Die Sozialpartner<br />

können im Verlängerungsjahr<br />

wenn nötig einzelne GAV-Bestimmungen<br />

im gegenseitigen Einvernehmen<br />

anpassen.<br />

Agenda<br />

Februar<br />

22. 02., 16–18 Uhr<br />

Gewerkschaftsjugend im<br />

Tower Zürich<br />

Die Interessengruppe Jugend <strong>syndicom</strong><br />

darf der Flugsicherung in Zürich<br />

über <strong>die</strong> Schultern schauen. Anmeldung<br />

nur noch bis 8. Februar! Kostenlos,<br />

für Mitglieder, via my.<strong>syndicom</strong>.ch.<br />

noch bis 26. 02.<br />

Swiss Press Photo 22<br />

Im Nationalmuseum Schloss Prangins<br />

<strong>sind</strong> wieder <strong>die</strong> besten <strong>Schweiz</strong>er<br />

Pressefotos des vergangenen Jahres<br />

ausgestellt. Chateaudeprangins.ch<br />

28. 02., 18.30–20 Uhr<br />

Kann KI gerecht sein?<br />

Die Vortragsreihe über Künstliche Intelligenz<br />

im Musée de la Main der Uni<br />

Lausanne geht weiter mit dem Referat<br />

«L'IA peut-elle être juste?» (Kann KI<br />

gerecht sein?). Weitere Vorträge bis<br />

Ende April, Museedelamain.ch.<br />

März<br />

21. 03.<br />

Internationaler Tag gegen<br />

Rassismus<br />

Bei einer Demo gegen ein rassistisches<br />

Pass-Gesetz 1960 in Südafrika schossen<br />

Polizisten aus der Wache heraus<br />

auf <strong>die</strong> schwarzen Demonstrant:innen<br />

und töteten 69 Personen. Als Folge des<br />

nationalen und internationalen Entsetzens<br />

wurde von der UNO der Tag gegen<br />

Rassismus eingeführt – und in Südafrika<br />

begann der jahrzehntelange<br />

Kampf gegen <strong>die</strong> Apartheid.<br />

10. 03. (Bern) und 17. 03. (online)<br />

Workshop Vertrauensleute ICT<br />

300 neue Mitglieder im Sektor ICT für<br />

das Jahr 2023: Das ist der Plan. Unterstützung<br />

kommt in Form eines Workshops<br />

für Auftrittskompetenz (Selbstsicherheit,<br />

Rhetorik...) mit Sibylle<br />

Sommerer, Trainerin und Coach bei<br />

Speak. Anmelden via my.<strong>syndicom</strong>.ch.<br />

<strong>syndicom</strong>.ch/agenda


Gastautorin<br />

Im Bundesparlament ist immer<br />

wieder zu hören, <strong>die</strong> Zuwanderung von<br />

Arbeitnehmenden müsse sich am Bedarf des<br />

Arbeits marktes orientieren und damit als<br />

« Konjunkturpuffer» wirken. Aufgabe der Behörden<br />

sei es deshalb, <strong>die</strong> Zuwanderung zu<br />

kontrollieren und abzuwehren, wenn sie für<br />

<strong>die</strong> Arbeitgeber nicht mehr von Nutzen ist.<br />

Dazu werden immer restriktivere Gesetze<br />

geschaffen. Das Ausländer- und Integrationsgesetz<br />

(AIG) etwa sieht in Artikel 62 Abs. 1 Buchstabe<br />

e und Artikel 63 Abs. 1 Buchstabe c vor,<br />

dass Personen mit Bewilligung L, B und sogar C,<br />

<strong>die</strong> auf Sozialhilfe angewiesen <strong>sind</strong>, <strong>die</strong> Bewilligung<br />

entzogen werden kann.<br />

Dieses System führt zu Ungleichheit und Diskriminierung.<br />

So kann <strong>die</strong> gesetzliche Wartefrist<br />

für einen Ausweis C je nach Herkunftsland erheblich<br />

variieren. Die <strong>Schweiz</strong> ist auch eines der<br />

letzten demokratischen Länder, für deren Bürgerrecht<br />

<strong>alle</strong>in das Jus sanguinis massgebend<br />

ist. Zehntausende Menschen werden so bis zur<br />

dritten Generation und noch weiter von der<br />

<strong>Schweiz</strong>er Staatsbürgerschaft ausgeschlossen.<br />

Für Menschen mit Migrationserfahrung <strong>sind</strong><br />

<strong>die</strong> Arbeitsbedingungen schwieriger und prekärer.<br />

Im Gesundheitswesen, im Bau und Verkehr,<br />

im Gastgewerbe und im Verkauf, in der Hausarbeit<br />

usw. <strong>sind</strong> es vor <strong>alle</strong>m sie, <strong>die</strong> unter den<br />

Folgen der Pandemie, des Klimawandels und der<br />

Sozialkrise leiden.<br />

Sie <strong>sind</strong> zudem einem stigmatisierenden Diskurs<br />

seitens der politischen Rechten und der<br />

Behörden ausgesetzt, welcher <strong>die</strong> Arbeitswelt<br />

spaltet. Hinter <strong>die</strong>sem Staatsrassismus werden<br />

unsere Löhne, unsere Arbeitsbedingungen und<br />

sämtliche unsere Rechte ins Visier genommen.<br />

Jeglicher Reichtum wird durch Arbeit erzeugt,<br />

auch wenn das Kapital einen immer grösseren<br />

Anteil für sich beansprucht. <strong>Wir</strong> <strong>sind</strong> <strong>die</strong> riesige<br />

Zahl, <strong>die</strong> nicht um ihre Stärke weiss. Schliessen<br />

wir uns zusammen!<br />

Stoppen wir <strong>die</strong> Diskriminierungsmaschine<br />

Stéfanie Prezioso (53) ist in La Chauxde-Fonds<br />

und Yverdon aufgewachsen.<br />

Sie ist <strong>die</strong> Tochter von italienischen<br />

Eingewanderten, beide Aktivist:innen.<br />

Nach dem Studium der Geschichte an<br />

der Universität Lausanne und an der<br />

Universität Florenz promovierte sie über<br />

das Leben eines italienischen Antifaschisten<br />

im Exil in der <strong>Schweiz</strong>. Heute<br />

ist sie Professorin für Zeitgeschichte an<br />

der Universität Lausanne und Nationalrätin<br />

des Ensemble à Gauche. Sie kandi<strong>die</strong>rt<br />

bei den nächsten kantonalen Wahlen<br />

in Genf auf der Liste der Union<br />

populaire.<br />

5


Dossier<br />

8 Das nicht immer einfache Verhältnis zwischen Gewerkschaften<br />

und ausländischen Arbeitenden<br />

10 <strong>Wir</strong> <strong>sind</strong> <strong>alle</strong> Migrant:innen. Es ist keine Frage der «Rasse»,<br />

sondern der Klasse<br />

12 Reset und neu anfangen: ein kurdischer Journalist in der <strong>Schweiz</strong><br />

Ein anderer<br />

Blick auf<br />

<strong>die</strong> Anderen


7


8<br />

Dossier<br />

Arbeit, Freiheit, Partizipation<br />

Eine kurze Geschichte der Beziehung<br />

zwischen den Arbeitsmigrant:innen in der<br />

<strong>Schweiz</strong> und ihren Gewerkschaften –<br />

von 1970 bis heute.<br />

Text: Mattia Lento<br />

Foto: Patrick Gutenberg<br />

Mitten in der Kampagne gegen <strong>die</strong> Schwarzenbach-Initiative<br />

1970 war in der italienischsprachigen <strong>Schweiz</strong>er Presse<br />

von einer der zentralen Figuren der Migrantenbewegung<br />

Folgendes zu lesen: «Der Skandal für <strong>die</strong> Emigranten<br />

ist nicht Schwarzenbach, sondern das Saisonnierstatut.<br />

Diese Stellung, <strong>die</strong> in der <strong>Schweiz</strong> wie auch in Frankreich<br />

für uns vorgesehen ist. Dass man uns so leicht wieder in<br />

unser Land zurückschicken kann. Dass eine <strong>Wir</strong>tschaft<br />

mit uns, aber ohne Möglichkeit für eine politische Beteiligung<br />

organisiert werden kann.»<br />

Dies schrieb Leonardo Zanier (1935–2017), der grosse<br />

politische und gewerkschaftliche Leader und Präsident<br />

der Federa zione delle Colonie Libere Italiane in Svizzera<br />

– des antifaschistischen Vereins, der eine entscheidende<br />

politische und gesellschaftliche Rolle bei der Verteidigung<br />

der Interessen der Migrationsbevölkerung in der<br />

<strong>Schweiz</strong> spielte. Zanier war auch ein Poet und Liedermacher<br />

der Emigration, vehe menter Bekämpfer der Initiative<br />

des fremdenfeindlichen Politikers James Schwarzenbach,<br />

<strong>die</strong> <strong>die</strong> Massenausweisung Hunderttausender<br />

Personen ohne <strong>Schweiz</strong>er Pass wollte. Zanier setzte sich<br />

auch für <strong>die</strong> Mitsprache und Gleichbehandlung der ausländischen<br />

Arbeiterinnen und Arbeiter in der <strong>Schweiz</strong>er<br />

Gesellschaft ein.<br />

Fremdenangst in den Gewerkschaften<br />

Für Zanier und <strong>die</strong> Migrantenvereine war es wichtig, dass<br />

<strong>die</strong> Arbeiterinnen und Arbeiter den <strong>Schweiz</strong>er Gewerkschaften<br />

beitraten und sich – wenn auch ohne Stimmrecht<br />

– am politischen Leben beteiligten. Kijan Espahangizi,<br />

Migrationshistoriker und -theoretiker an der<br />

Universität Zürich, sagt: «Diese Forderung entstand Ende<br />

der 1960er-, Anfang der 70er-Jahre, als <strong>die</strong> Verantwortlichen<br />

der Migrationsvereine zur Erkenntnis kamen, dass<br />

nicht <strong>alle</strong> italienischen oder spanischen Arbeitskräfte in<br />

ihr Land zurückkehren wollten, nachdem sie einige Jahre<br />

in der <strong>Schweiz</strong> gearbeitet hatten. Anfangs wurde das Rotationsmodell,<br />

das <strong>die</strong> Migrationspolitik in der <strong>Schweiz</strong> bestimmte,<br />

selbst von den sogenannten Gastarbeitern<br />

grundsätzlich akzeptiert.»<br />

Zuvor waren <strong>die</strong> <strong>Schweiz</strong>er Gewerkschaften – vielleicht<br />

auch, weil Figuren wie Zanier zu wenig auf sie zugingen –<br />

ausländischen Arbeiter:innen gegenüber zugeknöpft und<br />

neigten dazu, einheimische Arbeitskräfte zu schützen.<br />

Vasco Pedrina, der langjährige frühere Präsident des<br />

Gewerk schaftsbundes SGB, erklärt: «Gerade bestimmte<br />

gewerkschaftliche Positionen aus der Zeit vor der ersten<br />

Überfremdungsinitiative trugen dazu bei, in der <strong>Schweiz</strong>er<br />

Arbeiterklasse Ängste vor dem Fremden zu schüren.<br />

Diese Ängste wurden vom Populisten Schwarzenbach ausgenutzt,<br />

manipuliert und verstärkt.»<br />

Erste Anzeichen für eine Öffnung zur ausländischen<br />

Bevölkerung, so Espahangizi, «wurden in den christlich-sozialen<br />

Gewerkschaften in den 60er-Jahren beobachtet.<br />

Innerhalb des SGB bewirkte Ezio Canonica einen<br />

Wandel der Ausländerpolitik.» Er verlangte Gewerkschaftssekretäre<br />

mit Migrationserfahrung und behandelte<br />

<strong>die</strong> Migrantenvereine als bevorzugte Ansprechpartner,<br />

um eine offenere und solidarischere Ausrichtung der Gewerkschaften<br />

zu definieren. Auch dank ihm wurde Schwarzenbach<br />

an der Urne geschlagen, wenn auch nur knapp.<br />

Die Mitenand-Bewegung<br />

Die «Mitenand-Bewegung» formierte sich als Reaktion auf<br />

Schwarzenbachs populistischen Vorstoss und setzte sich<br />

für eine Änderung der Migrationspolitik auf Verfassungsebene<br />

ein – ein absolutes Novum in der <strong>Schweiz</strong>. Auch hier<br />

hatten <strong>die</strong> christlich-sozialen Arbeitnehmervereinigungen<br />

eine Pionierrolle. Gemeinsam mit den Migrantenorganisationen<br />

gelang es ihnen in kurzer Zeit, <strong>die</strong> unterschiedlichsten<br />

Kräfte, darunter <strong>die</strong> Gewerkschaften des<br />

SGB, anzusprechen. Laut Espahangizi handelte es sich<br />

um eine Bewegung, «<strong>die</strong> von ähnlichen Erfahrungen auf<br />

internationaler Ebene inspiriert war. Die Mitenand-Bewegung<br />

ging davon aus, dass sich <strong>die</strong> ganze Gesellschaft verändern<br />

müsse und <strong>die</strong> Demokratisierung der Gesellschaft<br />

unabdingbar sei, um eine echte Integration der zugewanderten<br />

Bevölkerung zu erreichen.» Die Bewegung sammelte<br />

genügend Unterschriften für eine Initiative, <strong>die</strong> einen<br />

tiefgreifenden Wandel hin zu einer solidarischen <strong>Schweiz</strong>er<br />

Migrationspolitik bewirken wollte.<br />

In der Volksabstimmung 1981 wurde sie aber mit 84 %<br />

der Stimmen abgeschmettert. Espahangizi meint, dass<br />

«<strong>die</strong> Bewegung unabhängig vom Ergebnis der Initiative<br />

äusserst wichtig war, da sie für viele positive Veränderungen<br />

in der Gesellschaft und in der Gewerkschaftsbewegung<br />

den Weg bereitete». Ab den 1990er-Jahren öffneten<br />

sich <strong>die</strong> Gewerkschaften dann für <strong>die</strong> ausländischen Arbeitnehmenden,<br />

ohne dass <strong>die</strong>s auf Protest gestossen<br />

wäre. In den SGB-Gewerkschaften entstanden Interessengruppen<br />

für Migration, <strong>die</strong> politisch und gewerkschaftspolitisch<br />

noch immer etwas zu sagen haben.<br />

«Mitenand»<br />

änderte den<br />

Blick der<br />

Gewerkschaft<br />

auf <strong>die</strong><br />

«Ausländer»


Freizügigkeit ist nicht für <strong>alle</strong><br />

Mit der Einführung des Freizügigkeitsabkommens (FZA)<br />

zwischen der <strong>Schweiz</strong> und der Europä ischen Union 2002<br />

– mit dem das Saisonnierstatut endgültig abgeschafft<br />

wurde – öffneten sich für Arbeitnehmende aus EU-Ländern<br />

neue Perspektiven hinsichtlich der Aufenthaltssicherheit<br />

und der Beschäftigungsmöglichkeiten in der<br />

<strong>Schweiz</strong>. Für Arbeitnehmende aus so genannten Drittländern<br />

– aus serhalb von EU/EFTA –, <strong>die</strong> strikt kontingentiert<br />

<strong>sind</strong>, gelten <strong>die</strong> im FZA garantierten Rechte nicht. Sie <strong>sind</strong><br />

dem <strong>Schweiz</strong>er Ausländerrecht unterstellt. Sie haben<br />

nicht nur keine politischen Rechte – abgesehen von lokalen<br />

Ausnahmen hauptsächlich in der Roman<strong>die</strong>. Es ist für<br />

sie auch viel schwieriger, <strong>die</strong> Niederlassung oder den Familiennachzug<br />

zu erlangen. Für <strong>die</strong>se Personen werden<br />

Gewerkschaften häufig zu einer Möglichkeit, ihre Interessen<br />

zu verteidigen und am politischen und gesellschaftlichen<br />

Leben teilzunehmen.<br />

So war es auch für den in Kongo geborenen Post-Angestellten<br />

Augustin Mukamba. Mit Fatima Lee präsi<strong>die</strong>rt er<br />

heute <strong>die</strong> nationale IG Migration von <strong>syndicom</strong>. In einem<br />

langen, angenehmen Gespräch hat er uns seine Geschichte<br />

erzählt: «Schon in Kongo war ich politisch sehr engagiert.<br />

Dann bin ich nach Euro pa ausgewandert, aber ich<br />

habe mich nicht in mich selbst zurückgezogen. Ich bin<br />

auf <strong>die</strong> lokalen politischen Parteien zugegangen, habe<br />

mich in der Jugendarbeit engagiert und mein Abenteuer<br />

als Gewerkschafter bei <strong>syndicom</strong> begonnen. Kurz nach<br />

meiner Ankunft in der <strong>Schweiz</strong> wurde ich von der Post eingestellt.<br />

Als Gewerkschaftsmitglied mit Migrationshintergrund<br />

habe ich mich für <strong>die</strong> Anerkennung ausländischer<br />

Diplome von Personen mit Migrationshintergrund, für<br />

<strong>die</strong> Stärkung der Aus- und Weiterbildung und für echte<br />

Möglichkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung auch<br />

für Personen aus Drittstaaten eingesetzt und tue <strong>die</strong>s weiter.<br />

Noch ein Thema liegt mir sehr am Herzen: das Klima.<br />

In den Entwicklungsländern findet das Entscheidungsspiel<br />

statt, zum Beispiel um <strong>die</strong> Erhaltung der Regenwälder.<br />

Dafür habe ich mich auch im SGB engagiert.»<br />

«<strong>Wir</strong> Migrant:innen<br />

müssen mehr wagen<br />

und für unsere Rechte<br />

einstehen.» Augustin Mukamba<br />

Mukambas Modellgemeinde Renens<br />

Mukamba ist stolz auf das, was er bisher erreicht hat. Er<br />

ist nicht nur ein wichtiges Mitglied von <strong>syndicom</strong> geworden,<br />

sondern war auch lokaler und kantonaler Vizepräsident<br />

der Partei der Arbeit der <strong>Schweiz</strong> sowie Präsident des<br />

Forum des associations von Renens in der Agglomeration<br />

von Lausanne. Er ist auch stolz darauf, in <strong>die</strong>ser Waadtländer<br />

Gemeinde zu leben, der sehr viele Menschen ohne<br />

roten Pass angehören. «Hier in Renens <strong>sind</strong> 120 bis 130<br />

Länder vertreten. Diese Gemeinde macht <strong>die</strong> Öffnung und<br />

soziale Inklusion zu ihrem Aushängeschild. Verschiedene<br />

Kulturen, Religionen und Ethnien leben hier zusammen.<br />

All <strong>die</strong>s ist ein Reichtum, nicht ein Problem. Ich glaube,<br />

dass meine Gemeinde ein Modell ist, dem in der <strong>Schweiz</strong>,<br />

aber auch in Europa nachgelebt werden kann. Nicht <strong>alle</strong><br />

Städte haben <strong>die</strong>se Fähigkeit zur Integration.» Zu den Bürger:innen<br />

von Renens gehört auch Pierre-Yves Maillard,<br />

SGB-Präsident, den Mukamba gut kennt. «Maillard ermutigt<br />

mich und sagt mir oft, dass er von einem Land träumt,<br />

wo nicht <strong>die</strong> Hautfarbe oder Herkunft zählt, sondern <strong>die</strong><br />

Kompetenz. Ich bin mit ihm d'accord – aber um das zu erreichen,<br />

müssen wir Migrantinnen und Migranten mehr<br />

wagen und für unsere Rechte einstehen.»


10 Dossier<br />

Migration ist <strong>die</strong> Lösung,<br />

nicht das Problem<br />

Das Kapital zirkuliert frei, <strong>die</strong> Menschen aber<br />

bleiben in Grenzzäunen hängen. So verheddert<br />

sich der autoritäre Kapitalismus in seinen<br />

Widersprüchen.<br />

Text: Oliver Fahrni<br />

Bilder: Patrick Gutenberg<br />

«Oli! Was machst du hier?» Der Mann, der das ruft, sitzt in<br />

einem Café im Marseiller Quartier 5 Avenues, wo ich gelegentlich<br />

meine Zigaretten hole. Silvio kenne ich aus Bern.<br />

<strong>Wir</strong> hatten Handball gespielt und ein Soldatenkomitee organisiert.<br />

Ewig nicht gesehen. «Ich lebe hier», sage ich.<br />

Er auch, erklärt der Handb<strong>alle</strong>r, «wenigstens solange<br />

mich <strong>die</strong> Franzosen lassen. Mein Business ist in Marseille.<br />

Ich weigere mich, in <strong>die</strong> <strong>Schweiz</strong> zurückzukehren.» Wer<br />

ihn denn dazu zwingen wolle? «Die SVP», sagt er. Unter<br />

<strong>Schweiz</strong>er:innen in Frankreich herrsche gerade Panik,<br />

weil <strong>die</strong> Stimmberechtigten gefühlt zum 1000. Mal über<br />

eine fremdenfeindliche Abschottungs-Initiative der SVP<br />

abstimmen sollten. <strong>Wir</strong>d <strong>die</strong> Personenfreizügigkeit mit<br />

der EU gekündigt, könnten wir ausgewiesen werden, sagt<br />

Silvio. Wie es etlichen Briten nach dem Brexit widerfahren<br />

sei. Oder es täglich mit Menschen aus Afrika, Nahost und<br />

Asien geschieht.<br />

Der <strong>Schweiz</strong>er Pass als Last<br />

Ein Kellner hat mitgehört und mischt sich ein. Er stammt<br />

aus der Waadt. Ohne Personenfreizügigkeit bräuchte er<br />

eine Arbeitsbewilligung und eine Aufenthaltsbewilligung.<br />

Chancenlos, in seinem Beruf. Er müsste zurück,<br />

nach Yverdon. Oder schwarz arbeiten, auf der Hut vor<br />

Kontrollen. Also trinken wir Kaffee und reden darüber,<br />

was zu tun sei. Er kaufe sich auf dem Schwarzmarkt einen<br />

EU-Pass, sagt der eine. Der zweite wollte politisches Asyl<br />

in Frankreich beantragen, wegen der SVP. Gelächter. In<br />

Paris wüten <strong>die</strong> Faschisten von der «Nationalen Sammlung».<br />

Darum gebe es nur einen Weg, deklamiert der dritte:<br />

<strong>die</strong> Papier-Heirat mit einer EU-Bürgerin.<br />

Das war im August 2020. Ein paar Wochen später scheiterte<br />

<strong>die</strong> Kündigung der Personenfreizügigkeit an der<br />

Urne. Allerdings hat <strong>die</strong> <strong>Schweiz</strong> ihr Problem mit der EU<br />

seither bloss aufgeschoben. Der Zwist treibt gerade einem<br />

neuen Höhepunkt zu – und vor den eidgenössischen Wahlen<br />

im Herbst 2023 wollen daran nur wenige Politiker:innen<br />

rühren. Sie fürchten <strong>die</strong> Kampagnen der Rechtsradikalen<br />

um den Blocher-Clan. Eigentlich eine seltsame<br />

Feigheit: Umfragen und Abstimmungen zeigen, dass <strong>die</strong><br />

Mehrheit im Land ein ziemlich entspanntes Verhältnis zu<br />

unseren Nachbarn von der EU hat.<br />

Morgen bin ich dann weg<br />

Über mehr als ein halbes Jahrtausend war <strong>die</strong> <strong>Schweiz</strong> ein<br />

typisches Auswanderungsland. Ab dem 16. Jahrhundert<br />

und bis zum Zweiten Weltkrieg flüchteten Hunderttau-<br />

«Hier in Marseille <strong>sind</strong><br />

<strong>alle</strong> fremd, also ist es<br />

keiner.»


Dossier<br />

«Wohl <strong>die</strong> grösste historische Leistung der Gewerkschaften<br />

war es, das Spiel der Arbeitsmigration durchschaut und <strong>die</strong><br />

Fremdenfeindlichkeit bekämpft zu haben.» Oliver Fahrni<br />

11<br />

sende vor Hunger, Arbeitslosigkeit und Not, vor politischer<br />

Repression und Enge aus der <strong>Schweiz</strong> nach Europa<br />

und Übersee. Allein von 1880 bis 1890 waren es 90 000, danach<br />

pro Jahrzehnt rund 50 000. Private Auswanderungsbüros<br />

machten mit den Emigrant:innen und den <strong>Schweiz</strong>er<br />

Kolonien fette Geschäfte. So bot etwa eine Basler<br />

«Agentur Zwilchenbart» 1883 per Inserat im Neuenburger<br />

Anzeiger «Transporte nach New York (1. September), Kanada<br />

(8. September), Labrador (15. September) und in <strong>die</strong><br />

Norman<strong>die</strong> (22. September)» an. Ein «Eidgenössisches<br />

Auswanderungsamt» überwachte <strong>die</strong>se Migrationsbewegungen.<br />

Heute leben rund 800 000 <strong>Schweiz</strong>er:innen im<br />

Ausland.<br />

Sie taten und tun, was Migrant:innen immer tun: Mit<br />

Fleiss bauten sie eine neue Existenz, kurbelten also <strong>die</strong><br />

Ökonomie ihres neuen Lebensortes an. Immigration und<br />

Innovation waren schon immer eng verknüpft. So hätte es<br />

etwa ohne <strong>die</strong> geflüchteten französischen Hugenotten nie<br />

eine <strong>Schweiz</strong>er Uhrenindustrie gegeben.<br />

Die Geschichte der Menschheit ist <strong>die</strong> Geschichte von<br />

Wanderungsbewegungen. Migration ist ein mächtiger<br />

Motor, sie ist <strong>die</strong> historische Normalität, seit sich der moderne<br />

Mensch aus Afrika aufgemacht hat, <strong>die</strong> Welt zu besiedeln.<br />

Eine neue Wissenschaft, <strong>die</strong> Archäogenetik, zieht<br />

heute aufregende Schlüsse wie den Nachweis, dass wir<br />

Europä er:innen <strong>alle</strong> mal sehr dunkelhäutig waren oder<br />

dass Einwanderungswellen aus Anatolien uns grundlegend<br />

geprägt haben. Nebenbei durchschauen wir den blutigen<br />

Schwindel <strong>alle</strong>r Rassentheorien, weil es wissenschaftlich<br />

keine Rassen gibt. Und dass fast <strong>alle</strong> Menschen<br />

genetisch gut durchgemischt <strong>sind</strong>. Im F<strong>alle</strong> des Autors:<br />

1/4 Hugenotte. 1/4 Ostschlesier. 1/4 Roma (Zigeuner). 1/4<br />

Emmentaler. Ein ganz gewöhnlicher «<strong>Schweiz</strong>er» also.<br />

Aber das ist eigentlich egal, Abstammung und Identitäten<br />

<strong>sind</strong> blosse Halluzinationen.<br />

Nicht <strong>die</strong> Rasse, <strong>die</strong> Klasse ist <strong>die</strong> Frage<br />

Migration wird oft erzwungen, durch Kriege, mörderische<br />

Regime und heute zunehmend durch Klimakatastrophen.<br />

Doch Migration regulierte auch Konflikte und minderte<br />

Hungersnöte. Alte Erzählungen und Gründermythen zeigen<br />

uns Emigration als Chance, als ein menschliches<br />

Grundrecht, in <strong>die</strong> Welt aufzubrechen und sich frei niederzulassen,<br />

wo das Leben milder oder interessanter<br />

scheint. Grenzen und Pässe <strong>sind</strong> neuere Erfindungen.<br />

Ab den 1950er-Jahren holten sich Konzerne massenweise<br />

billige Arbeitskräfte für Industrie und Bau, <strong>die</strong><br />

<strong>Schweiz</strong> wandelte sich zum Einwanderungsland. Anwerbe-Büros<br />

in Italien, Jugoslawien, Spanien sorgten für den<br />

steten Nachschub an Arbeitenden, <strong>die</strong> eine neue <strong>Schweiz</strong><br />

bauten. Diskriminierende Gesetze wie das Saisonnier-Statut<br />

und Kontingente drückten derweil <strong>die</strong> Löhne und hielten<br />

<strong>die</strong> Migrant:innen in der «Baracken-<strong>Schweiz</strong>» unterm<br />

Joch. Gleichzeitig begann der Aufstieg der ultrarechten<br />

«<strong>Wir</strong> Europäer:innen<br />

waren <strong>alle</strong> mal sehr<br />

dunkelhäutig.»<br />

Parteien, <strong>die</strong> eine angebliche «Überfremdung» zum Feindbild<br />

erklärten. Die Seuche Nationalismus und der Rassenwahn<br />

gedeihen im globalisierten Kapitalismus besonders<br />

prächtig. Das Kapital zirkuliert frei, <strong>die</strong> Menschen aber ersaufen<br />

im Mittelmeer oder bleiben in osteuropäischen<br />

Grenzzäunen hängen. Ex-Bundesrat und Milliardär Christoph<br />

Blocher verkörpert <strong>die</strong>se Schizophrenie: Bei jeder<br />

SVP-Initiative gegen Migration und Personenfreizügigkeit<br />

versicherte er seinen Kapitalistenfreunden in kleinem<br />

Kreis, sie würden selbstverständlich jede und jeden<br />

ausländischen Arbeitenden bekommen, den sie bräuchten.<br />

Die Ökonomie macht <strong>die</strong> Migration.<br />

Wohl <strong>die</strong> grösste historische Leistung der Gewerkschaften<br />

war es, <strong>die</strong>ses Spiel früh durchschaut und <strong>die</strong><br />

Ausländerfeindlichkeit bekämpft zu haben – bis in <strong>die</strong> eigenen<br />

Reihen hinein. Sie haben nicht nur das Saisonnier-Statut<br />

gekippt, sie haben deutlich gemacht, dass <strong>die</strong><br />

Politik der Rechten gegen <strong>die</strong> Migrant:innen in Wahrheit<br />

darauf zielte, sämtliche Arbeitenden, egal welcher Nationalität,<br />

unter Druck und <strong>die</strong> Löhne tief zu halten. Einziges<br />

Gegenrezept: Freier Personenverkehr und grenzüberschreitende<br />

Solidarität <strong>alle</strong>r Arbeitenden – Klasse statt<br />

Herkunft.<br />

Die Rückkehr der Anwerbe-Büros<br />

Wie hart <strong>die</strong>ser Streit geführt wird, enthüllte ein Zwischenfall<br />

im Sommer 2022. Die Eidgenössische Finanzaufsicht,<br />

<strong>die</strong> den Interessen des Kapitals ganz ergeben ist,<br />

ritt einen scharfen Angriff auf <strong>die</strong> Lohnkontrollen im Rahmen<br />

der Flankierenden Massnahmen (FLAM). Die FLAM<br />

sollen Lohn- und Sozialdumping der Firmen verhindern<br />

(«Gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort»). Das<br />

sichert <strong>die</strong> Zustimmung der Bevölkerung zur Personenfreizügigkeit.<br />

Internationale Konzerne, aber auch <strong>die</strong><br />

Lobbyverbände Economiesuisse und Avenir Suisse wollen<br />

<strong>die</strong> Lohnkontrollen kippen.<br />

Kurz vor Jahresende reiste ein Manager des Kantonsspitals<br />

Aarau nach Rom, um dort per Casting Pflegepersonal<br />

und Ärzt:innen zu rekrutieren. Nicht erst seit der Covid-Epidemie<br />

laviert unsere Gesundheitsversorgung am<br />

Rande des Zusammenbruchs. Tausende ausländischer<br />

Spezialist:innen haben ihn bisher verhindert. In manchen<br />

Kantons- und Unispitälern <strong>sind</strong> eingewanderte Mediziner:innen<br />

in der Mehrzahl. Ursache ist <strong>die</strong> neoliberale<br />

Sparpolitik – <strong>die</strong> <strong>Schweiz</strong> bildet zu wenig Fachpersonen<br />

aus. Derzeit fehlen zudem 4000 Hausärzte und Hausärztinnen.<br />

Und jeden Monat verlassen 300 Pflegende den Beruf,<br />

weil <strong>die</strong> Arbeitsbedingungen zu mörderisch <strong>sind</strong>.<br />

Mit hohen Löhnen zu winken, löst das Problem nicht<br />

mehr. Manche europäischen Länder haben es satt, teuer<br />

Leute auszubilden, <strong>die</strong> dann in Basel, Genf oder Zürich arbeiten.<br />

Deutschland hat mit Anreizen schon so viele Fachleute<br />

zurückgeholt, dass sich <strong>die</strong>s in der Ausländerstatistik<br />

mit einem negativen Wanderungssaldo der Deutschen<br />

niederschlägt.<br />

Ähnlich ist <strong>die</strong> Lage in IT-Berufen, Mathematik und<br />

Technik. Die Ökonomen der Grossbank UBS schätzten<br />

2019 den zusätzlichen Bedarf an Fachpersonen auf «mehrere<br />

Hunderttausende». Die Lage ist akut und brisant. Sie<br />

ruft einerseits nach hohen Investitionen in <strong>die</strong> Ausbildung.<br />

Vor <strong>alle</strong>m aber reisst gerade ein scharfer politischer<br />

Konflikt auf – zwischen Entfesselung der Migration und<br />

Abschottung. In Marseille haben wir das Problem gelöst:<br />

hier <strong>sind</strong> <strong>alle</strong> fremd, also ist es keiner.


12<br />

Dossier<br />

Schluss mit dem Zwang,<br />

wieder ganz unten anzufangen<br />

Wertlose Diplome und Zeugnisse, geisterhafte<br />

Bewerbungsdossiers und <strong>die</strong> Teilnahme am<br />

politischen Leben: ein Journalist und <strong>syndicom</strong>-Mitglied<br />

berichtet.<br />

Text: Rüstü Demirkaya<br />

Als ich mit meiner Arbeit als Journalist in der Türkei angefangen<br />

habe, war ich mir der Risiken bewusst. Kurdischer<br />

Journalist zu sein, braucht viel Mut. Aber ich hätte<br />

nie gedacht, dass ich eines Tages ein Geflüchteter in der<br />

<strong>Schweiz</strong> sein würde.<br />

In der Türkei schrieb ich oft über <strong>die</strong> Geschichten von<br />

Geflüchteten und <strong>die</strong> Schwierigkeiten, denen sie begegnen.<br />

Nun schreibe ich meine eigene Geschichte. Eine<br />

neue Sprache und Kultur zu entdecken, ist aufregend.<br />

Aber meistens ist das Leben der Geflüchteten keine Geschichte<br />

über ein «Wunderland». Oft <strong>sind</strong> sie «Arbeitskräfte,<br />

<strong>die</strong> ausgebeutet werden», oder «Opfer, mit denen man<br />

Mitleid haben muss». Sie werden als «Parasiten», «Kriminelle»,<br />

«Idioten», «Ignoranten» behandelt.<br />

In der Türkei war ich viele Jahre Reporter und Chefredaktor<br />

für kurdische und türkische Me<strong>die</strong>n. Wegen meiner<br />

Arbeit musste ich <strong>die</strong> Türkei verlassen und in <strong>die</strong><br />

<strong>Schweiz</strong> flüchten, wo ich wahrscheinlich den Rest meines<br />

Lebens verbringe. Ich habe beschlossen, meine Arbeit<br />

hier fortzusetzen. Ich habe mich bei vielen <strong>Schweiz</strong>er Me<strong>die</strong>n<br />

beworben. Nach einer Weile habe ich festgestellt,<br />

dass meine berufliche Erfahrung und Ausbildung hier<br />

nichts wert <strong>sind</strong>. Ich musste wieder von vorne anfangen.<br />

In einem Café, wo ich damals über <strong>alle</strong> <strong>die</strong>se Probleme<br />

nachdachte, bestellte ich einen Schwarztee. Als <strong>die</strong> Be<strong>die</strong>nung<br />

ihn mir brachte, erklärte sie mir: «Zuerst muss man<br />

den Beutel ins heisse Wasser hängen, dann rührst du mit<br />

<strong>die</strong>sem Löffel gut um! Sobald sich <strong>die</strong> Farbe verändert hat,<br />

ist der Tee bereit.» Sie machte nicht etwa einen Witz. Sie<br />

dachte wirklich, dass ich nicht wusste, wie man Tee trinkt.<br />

Ich dankte ihr lächelnd und gab den Beutel, auf dem<br />

«Made in Turkey» stand, ins heisse Wasser. Später «lernte»<br />

ich dann auch, wie man Toiletten benutzt. Dennoch hatte<br />

ich mehr Glück als ein Freund, der lernen musste, wie<br />

man Papier in ein Dossier ablegt.<br />

Und so fing ich wieder beim Anfang an. Dann lernte ich<br />

Deutsch und Französisch. Ich machte einen Bachelor in<br />

Internationalen Bezie hungen und einen Master in Politischer<br />

und Kulturgeografie an der Universität Genf. Bald<br />

beginne ich mit meiner Doktorarbeit. Ich bin Gründer einer<br />

internationalen Stiftung und arbeite für eine kurdische<br />

Presseagentur. Alle <strong>die</strong>se Erfahrungen haben mich<br />

gezwungen, mich aktiv mit den Rechten von Geflüchteten<br />

und mit dem Arbeitsrecht zu befassen. Deshalb bin ich<br />

seit 2011 in der Interessengruppe Migration von <strong>syndicom</strong>,<br />

deren Mitglieder der Meinung <strong>sind</strong>, dass Integration<br />

nicht mit der Formatierung eines PCs gleichgesetzt werden<br />

sollte. Dass Integration nicht darin besteht, <strong>alle</strong><br />

«Sie dachte wirklich,<br />

dass ich nicht wusste,<br />

wie man Tee trinkt.»<br />

Kenntnisse und Erfahrungen der Geflüchteten unberücksichtigt<br />

zu lassen und sie zu zwingen, neu anzufangen.<br />

Sie glauben vielmehr daran, dass Mechanismen geschaffen<br />

und/oder <strong>die</strong> bestehenden Mechanismen gestärkt<br />

werden sollten, damit Geflüchtete ihr Wissen und<br />

ihre Erfahrungen effizienter einsetzen können. <strong>Wir</strong> wollen<br />

daran erinnern, dass Geflüchtete nicht «auszubeutende<br />

Arbeitskräfte» oder «bemitleidenswerte Opfer» oder<br />

«Kriminelle» <strong>sind</strong>. Sie <strong>sind</strong> Menschen mit enormem Wissen<br />

und Erfahrungen, <strong>die</strong> eine humanere Behandlung ver<strong>die</strong>nen.<br />

<strong>Wir</strong> wollen der Ungleichheit und Ausbeutung, <strong>die</strong><br />

mit rassistischen und diskriminierenden Argumenten begründet<br />

werden, ein Ende setzen. Denn wir glauben, dass<br />

wir viel voneinander lernen können. Und was glaubt Ihr?<br />

Fotostrecke<br />

Zur Stiftung Mesopotamia Observatory of Justice,<br />

Mojust.org<br />

Um <strong>die</strong> tausend Gesichter der ausländischen Arbeitnehmerinnen<br />

und Arbeitsmigranten in der <strong>Schweiz</strong> zu porträtieren,<br />

begleitete der Fotograf Patrick Gutenberg <strong>die</strong> Aktion der<br />

Interessengruppe Migration von <strong>syndicom</strong> in Zürich anlässlich<br />

des Internationalen Tags der Migrantinnen und Migranten<br />

am 18. Dezember und an <strong>die</strong> anschliessende Sitzung.<br />

Sein Dank geht an Präsidentin Fatima Lee und <strong>die</strong> gesamte<br />

IG. Patrick hat sich bei <strong>die</strong>ser Fotoreportage auf Details, Gesichter<br />

und Blicke konzentriert und sie zu dem auf der Doppelseite<br />

6 und 7 gezeigten Mosaik zusammengefügt.<br />

Patrick Gutenberg lebt und arbeitet in Zürich, sowohl für Tamedia<br />

als auch als freischaffender Fotograf. Seine Lieblingsthemen<br />

<strong>sind</strong> Menschen und ihre Geschichten. Er arbeitet als<br />

Erwachsenenbildner und gibt Fotografiekurse.<br />

Patrick arbeitet mit «Welcome to School» zusammen, dem<br />

Zürcher Ausbildungszentrum, das junge Menschen mit<br />

Migrations- oder Fluchthintergrund begleitet, damit sie sich<br />

in der <strong>Schweiz</strong> integrieren und Arbeit finden können.<br />

kontrast.ch/gutenberg


Migration in der <strong>Schweiz</strong><br />

Die <strong>Schweiz</strong>er <strong>Wir</strong>tschaft ohne ausländische Arbeitskräfte? Undenkbar.<br />

Doch der immense Beitrag von Migrant:innen zu unserem Wohlstand<br />

wird oft verkannt oder schlecht honoriert. Gleichzeitig <strong>sind</strong> ausländische<br />

Arbeitnehmer:innen immer wieder von Diskriminierung betroffen.<br />

260 CHF monatlich für ein würdiges Leben<br />

Seit 2008 <strong>sind</strong> Personen, deren Asylgesuch in der <strong>Schweiz</strong><br />

abgelehnt wurde, gemäss Gesetz von der Sozialhilfe ausgeschlossen.<br />

Sie leben von Nothilfe. Diese ist je nach Kanton und Zivilstand<br />

der betroffenen Personen unterschiedlich hoch. Sie erlaubt aber<br />

kein «menschen-würdiges Dasein», wie es Artikel 12 der Bundesverfassung<br />

vorsieht. In einem kürzlich in der <strong>Schweiz</strong>er Zeitschrift<br />

zu Integration und Migration erschienenen Artikel etwa berichten<br />

zwei abgewiesene Asylsuchende, dass sie mit einer Nothilfe von<br />

260 Franken pro Monat durchkommen müssen.<br />

+280 %<br />

Die Erwerbslosenquote<br />

der Personen mit<br />

Migrationshintergrund<br />

ausserhalb der EU27 ist<br />

dreimal höher als jene der<br />

<strong>Schweiz</strong>er:innen (2021:<br />

14,6 % gegenüber 5,1 %).<br />

6988 CHF<br />

6029 CHF<br />

Lohnungleichheit<br />

6988 CHF gegenüber<br />

6029 CHF monatlich.<br />

2020 war der Medianlohn<br />

von Angestellten mit<br />

<strong>Schweiz</strong>er Pass fast 1000<br />

Franken höher als jener<br />

von Angestellten ohne<br />

<strong>Schweiz</strong>er Pass.<br />

Diskriminierung bei der Einstellung<br />

Gemäss einer Stu<strong>die</strong> der ETHZ –<br />

deren Ergebnisse auf einem<br />

Algorithmus beruhen, der zur Analyse<br />

des Suchverhaltens der Rekrutierenden<br />

auf Online-Stellenbörsen<br />

entwickelt wurde –, haben Personen<br />

mit Migrationshintergrund und<br />

Angehörige ethnischer Minderheiten<br />

eine bis zu 19 % tiefere Wahrscheinlichkeit,<br />

auf eine Bewerbung hin<br />

kontaktiert zu werden.<br />

–19 %<br />

Quelle: BFS<br />

Quelle: ETHZ<br />

Zuwanderung in den <strong>Schweiz</strong>er Arbeitsmarkt<br />

nach Nationalität<br />

Im Jahr 2021 betrug <strong>die</strong> Zuwanderung von<br />

Erwerbstätigen aus EU/EFTA-Staaten (61 656<br />

Personen) und Nicht-EU-Mitgliedstaaten<br />

(10 299 Personen) in <strong>die</strong> ständige ausländische<br />

Wohnbevölkerung 71 955 Personen.<br />

2021 <strong>sind</strong> 79 % der Zugewanderten im<br />

<strong>Schweiz</strong>er Arbeitsmarkt im Tertiärsektor<br />

beschäftigt, 18 % in Industrie, Bau und<br />

Gewerbe und 3 % in der Landwirtschaft.<br />

Quelle: BFS<br />

1 % Eritrea<br />

1 % Syrien<br />

1 % USA<br />

1 % China<br />

2 % In<strong>die</strong>n<br />

2 % Vereinigtes Königreich<br />

2 % Afghanistan<br />

EU/EFTA<br />

Drittstaaten<br />

6 % Übrige Drittstaaten<br />

19 % Übrige EU/EFTA<br />

5 % Polen<br />

71 955<br />

19 % Deutschland<br />

13 % Italien<br />

12 % Frankreich<br />

7 % Portugal<br />

5 % Spanien<br />

5 % Rumänien<br />

Ausländische Arbeitskräfte in der <strong>Schweiz</strong>er <strong>Wir</strong>tschaft<br />

Der Anteil der Erwerbstätigen mit ausländischer Staatsangehörigkeit ist von 25,6 % im Jahr 1991<br />

auf 32,2 % im Jahr 2021 gestiegen. Während der Anteil der ausländischen Arbeitskräfte bis Anfang<br />

der 2000er-Jahre leicht rückläufig war, nimmt er seit 2004 jedes Jahr stetig zu und leistet damit<br />

einen wichtigen Beitrag zum <strong>Schweiz</strong>er Arbeitsmarkt.<br />

40 %<br />

35 %<br />

32,2 %<br />

Diskriminierung am<br />

Arbeitsplatz<br />

50 % der von Diskriminierung betroffenen<br />

befragten migrantischen Personen erlebten<br />

<strong>die</strong>se im beruflichen Umfeld.<br />

50 %<br />

30 %<br />

25 %<br />

25,6 %<br />

20 %<br />

15 %<br />

10 %<br />

5 %<br />

0<br />

1991<br />

1993<br />

1995<br />

1997<br />

1999<br />

2001<br />

2003<br />

2005<br />

2007<br />

2009<br />

2011<br />

2013<br />

2015<br />

2017<br />

2019<br />

2021<br />

Quelle: BFS<br />

Quelle: Fachstelle für Rassismusbekämpfung


14<br />

Eine bessere<br />

Arbeitswelt<br />

Schluss mit Gewalt gegen Journis<br />

Das BAKOM erarbeitet einen Nationalen Aktionsplan zur Sicherheit<br />

von Me<strong>die</strong>nschaffenden. Die Erwartungen daran <strong>sind</strong> hoch.<br />

Die <strong>Schweiz</strong> ist ein sicheres Land für<br />

Me<strong>die</strong>nschaffende. Auf Ranglisten<br />

der Pressefreiheit und Sicherheit rangiert<br />

<strong>die</strong> <strong>Schweiz</strong> stets in den Top 20.<br />

Morde an Journalist:innen, staatliche<br />

Verfolgung oder grossangelegte Desinformationskampagnen<br />

<strong>sind</strong> nichts,<br />

womit Me<strong>die</strong>nleute sich hierzulande<br />

täglich auseinandersetzen müssten.<br />

Dennoch: Angriffe auf Presseleute,<br />

etwa bei Demonstrationen, nahmen<br />

während Corona drastisch zu, auch<br />

Übergriffe durch Polizist:innen werden<br />

immer mehr ein <strong>Schweiz</strong>er Thema.<br />

Hinzu kommen Drohungen im<br />

digitalen Raum, Belästigung und Klagen<br />

durch Unternehmen oder Private,<br />

<strong>die</strong> kritische Berichterstattung verhindern<br />

wollen.<br />

Diese Entwicklungen <strong>sind</strong> <strong>alle</strong>samt<br />

Gründe, warum sich das Bundesamt<br />

für Kommunikation (BAKOM) im<br />

Frühjahr 2022 daran gemacht hat, unter<br />

Einbindung von Me<strong>die</strong>nschaffenden,<br />

Gewerkschaften, Schulen, Verlagen<br />

und Verbänden einen nationalen<br />

Aktionsplan (NAP) zum Schutz von<br />

Me<strong>die</strong>nschaffenden zu erarbeiten.<br />

Auch <strong>die</strong> Branche Me<strong>die</strong>n bei <strong>syndicom</strong><br />

war von Anfang an mit dabei.<br />

«Von Mitgliedern hören wir öfter,<br />

mit welchen sicherheitsrelevanten<br />

Problemen <strong>die</strong> Me<strong>die</strong>nschaffenden<br />

beim Arbeiten konfrontiert <strong>sind</strong>», sagt<br />

Stephanie Vonarburg, Leiterin Sektor<br />

Me<strong>die</strong>n.» Entsprechend begrüsst <strong>syndicom</strong><br />

<strong>die</strong> Pläne des BAKOM: «Seit<br />

sich das Wort ‹Fake News› etabliert<br />

hat, leiden <strong>die</strong> Arbeit und das Ansehen<br />

der Journalist:innen darunter. Dass<br />

sie an Recherchen und Berichterstattung<br />

gehindert werden und dabei physische<br />

Gewalt oder psychischen Druck<br />

erfahren müssen, ist inakzeptabel.<br />

Mit einem Nationalen Aktionsplan<br />

zum Schutz der Me<strong>die</strong>nschaffenden<br />

setzt sich <strong>die</strong> <strong>Schweiz</strong> für einen starken<br />

Journalismus ein», sagt Barbara<br />

Roelli, Journalistin und Co-Präsidentin<br />

des Branchenvorstands Presse.<br />

Der Plan soll drei Aktionsfelder<br />

umfassen. Das erste: Sensibilisierung<br />

und Prävention. Informationskampagnen,<br />

ein Dialog mit Blaulicht-Organisationen,<br />

einheitliches Monitoring<br />

zur Sicherheit der Me<strong>die</strong>nschaffenden<br />

in der <strong>Schweiz</strong> und <strong>die</strong> Vereinheitlichung<br />

von Presseausweisen sollen<br />

den Journalismus in der <strong>Schweiz</strong> aufwerten.<br />

Das zweite Feld ist der Schutz<br />

vor Gewalt und Drohung, sowohl im<br />

digitalen als auch im analogen Raum,<br />

eine Anlaufstelle für bedrohte <strong>Schweiz</strong>er<br />

Me<strong>die</strong>nschaffende im Ausland ist<br />

angedacht sowie ein One-Stop-Shop<br />

für Betroffene in der <strong>Schweiz</strong>. Das dritte<br />

Handlungsfeld ist <strong>die</strong> rechtliche<br />

Sphäre und der Umgang mit missbräuchlichen<br />

Klagen. Der NAP soll im<br />

Frühjahr 2023 öffentlich werden.<br />

Natalia Widla<br />

Dieser Beitrag erschien in einer<br />

längeren Fassung zuerst im<br />

Me<strong>die</strong>n<strong>magazin</strong> Edito 4/22.<br />

Ob in den Redaktionen oder vor Ort, online oder physisch, <strong>die</strong> Angriffe auf Me<strong>die</strong>nschaffende nehmen zu: Es ist notwendig, darauf zu reagieren. (© Keystone)


«Die Belegschaft von Planzer ist hartnäckig<br />

und scheut nicht den Konflikt.» Urs Zbinden<br />

15<br />

Mobilisierung lohnt sich:<br />

Planzer KEP bekommt einen GAV<br />

Es brauchte eine energische Basisbewegung, aber auch den<br />

Eklat beim «Kassensturz».<br />

Die Leute vom Planzer-Depot baten <strong>syndicom</strong> um ihre Mitarbeit. (© Keystone/Laurent Gilliéron)<br />

Im Juni 2022 meldeten sich Chauffeure<br />

von Planzer KEP Zürich Altstetten<br />

bei uns. Sie erzählten, <strong>die</strong> Arbeitsverhältnisse<br />

im Depot seien prekär, lange<br />

Arbeitstage, kurzfristige Planung und<br />

überladene Fahrzeuge an der Tagesordnung.<br />

Es bestehe eine Gruppe, <strong>die</strong><br />

bereits intern erfolglos versucht hätte,<br />

<strong>die</strong> Missstände zur Sprache zu bringen.<br />

Für uns kam <strong>die</strong>se Nachricht<br />

überraschend, hatten wir den Fokus<br />

in der Branche doch bisher auf DHL<br />

oder DPD gelegt. Planzer KEP ist seit<br />

rund 4 Jahren im Paketmarkt aktiv, beschäftigt<br />

praktisch keine Subunternehmen<br />

und stellte sich gegen aussen<br />

als Familienunternehmen dar.<br />

Mit einem Brief suchten wir im Juli<br />

den Dialog mit Planzer. Um den genannten<br />

Punkten Nachdruck zu verleihen,<br />

unterschrieben bis Ende September<br />

rund 75 % der Belegschaft in<br />

Zürich ein Mandat. Die Betriebsgruppe<br />

formalisierte sich in der Zwischenzeit<br />

und gab sich den Namen «Progress<br />

@Planzer». Doch <strong>die</strong> Versuche,<br />

mit Planzer ins Gespräch zu kommen,<br />

stiessen vorerst auf taube Ohren.<br />

Es brauchte noch Druck, damit es am<br />

28. November endlich zu einem Gespräch<br />

kommen konnte. Leider löste<br />

auch <strong>die</strong>ses Gespräch <strong>die</strong> Blockade<br />

nicht auf und es kam zur medialen Eskalation<br />

im «Kassensturz» vom 13. Dezember.<br />

Danach ging es schnell: nach<br />

der Ankündigung eines Sofortprogramms<br />

war Planzer KEP bereit, Verhandlungen<br />

über einen Gesamtarbeitsvertrag<br />

aufzunehmen.<br />

Die anstehenden GAV-Verhandlungen<br />

bei Planzer KEP <strong>sind</strong> das Resultat<br />

einer hartnäckigen und den<br />

Konflikt nicht scheuenden Basisbewegung.<br />

Es ist wichtig, <strong>die</strong>sen Punkt<br />

in <strong>alle</strong>r Deutlichkeit festzuhalten.<br />

Denn das historische Gedächtnis<br />

ist auch bei Gewerkschaften zuweilen<br />

kurz. Wer erinnert sich noch daran,<br />

dass dem GAV in der Contact- und<br />

Callcenter-Branche ein «Kassensturz»-<br />

Beitrag und beinah eine Protest pause<br />

bei Avocis (heute Capita) vorausgegangen<br />

war? Oder dass <strong>die</strong> Personalvertretung<br />

bei Google Zürich durch<br />

eine Basis bewegung gegen den Willen<br />

des US-Managements durchgesetzt<br />

wurde?<br />

Im Februar beginnen nun <strong>die</strong> GAV-<br />

Verhandlungen bei Planzer. Bis dahin<br />

wird <strong>syndicom</strong> in <strong>alle</strong>n Depots präsent<br />

sein und mit einer Umfrage <strong>die</strong> Bedürfnisse<br />

der ganzen Belegschaft abholen.<br />

In den Verhandlungen werden<br />

«Progress @Planzer» und <strong>syndicom</strong><br />

einen alten Faden aufnehmen: Bereits<br />

in den 2000er- und 2010er-Jahren bestand<br />

ein progressiver Firmen-GAV<br />

mit DPD. Gute Zeichen für <strong>die</strong> Arbeiter:innen<br />

der Branche über Planzer<br />

KEP hinaus.<br />

Urs Zbinden<br />

Scheinlösungen für<br />

Scheinprobleme<br />

Daniel Hügli, Leiter Sektor ICT und Mitglied der<br />

Geschäftsleitung<br />

Die Sozialpartnerschaft hat eine bald<br />

hundertjährige Geschichte und wird<br />

von <strong>alle</strong>n Seiten gelobt. So vom <strong>Wir</strong>tschaftsdepartement,<br />

das sie als wichtigen<br />

Pfeiler und Markenzeichen des<br />

schweizerischen Erfolgsmodells bezeichnet<br />

– auch für <strong>die</strong> anstehenden<br />

Herausforderungen. Trotzdem gibt es<br />

immer wieder Angriffe auf <strong>die</strong> Sozialpartnerschaft.<br />

Etwa in der letzten<br />

Wintersession der eidgenössischen<br />

Räte, als <strong>die</strong> Vorstösse von Erich Ettlin/Obwalden<br />

und Andrea Gmür-Schönenberger/Luzern<br />

(beide in der Mitte-<br />

Fraktion) behandelt wurden.<br />

Ettlin verlangt, dass <strong>die</strong> kantonalen<br />

Mindestlöhne nicht für Branchen<br />

gelten, wo es allgemeinverbindliche<br />

Gesamtarbeitsverträge gibt. Doch es<br />

<strong>sind</strong> nur zwei Kantone, Genf und<br />

Neuenburg, <strong>die</strong> <strong>die</strong>s aktuell anders regeln.<br />

Kommt hinzu, dass <strong>die</strong> Stundenlöhne<br />

von Fr. 23.27 (Genf) respektive<br />

Fr. 20.08 gerade <strong>die</strong> Arbeitnehmenden<br />

im Tieflohn schützen sollen.<br />

Der Vorstoss Gmür fordert, dass<br />

bei einer Energiemangellage <strong>die</strong> Arbeitszeitbestimmungen<br />

flexibilisiert<br />

werden – und somit Nacht- und Sonntagsarbeit<br />

einfacher möglich <strong>sind</strong>.<br />

Doch bereits heute lässt das Arbeitsgesetz<br />

den Unternehmen genug Spielraum<br />

für Bewilligungen im öffentlichen<br />

Interesse.<br />

Anstatt sich also bei den Arbeitgebern<br />

mit Scheinlösungen für Scheinprobleme<br />

anzubiedern, würde sich<br />

<strong>die</strong> Mitte besser für Entlastungen der<br />

Bevölkerung angesichts der Teuerung<br />

einsetzen, wie sie versprochen hatte.


16 Arbeitswelt<br />

«Kein Wunder, dass <strong>die</strong> Privatsender <strong>die</strong><br />

Berufsanfänger:innen nicht halten können.» Stephanie Vonarburg<br />

Die erste kollektive Vereinbarung<br />

beim privaten Radio und TV<br />

Die Sozialpartner haben eine Vereinbarung über <strong>die</strong> Mindestarbeitsbedingungen<br />

unterschrieben. Das ist für <strong>die</strong> Deutschschweiz,<br />

das Tessin und einige Sender der Roman<strong>die</strong> neu.<br />

Endlich besserer Lohn für <strong>die</strong> Beschäftigten des privaten Rundfunks. (© Keystone/ Christian Beutler)<br />

Im Rahmen der kommenden Ausschreibung<br />

der neuen Konzessionen<br />

für Radio- und TV-Sender soll eine<br />

branchenübliche Mindestregelung<br />

etabliert werden. Bisher gab es nur<br />

einseitig von den Arbeitgebern erlassene<br />

Standards, <strong>die</strong> auch seit 2007 auf<br />

tiefem Niveau stagnierten.<br />

So sah <strong>die</strong> bisherige Grundlage einen<br />

Mindestlohn von lediglich 4000<br />

Franken vor – und keine über <strong>die</strong> gesetzlichen<br />

Mindeststandards hinausgehenden<br />

Leistungen. Kein Wunder,<br />

dass auch <strong>die</strong> tatsächlich in <strong>die</strong>ser<br />

Teilbranche ausbezahlten Löhne der<br />

Arbeitnehmenden tief und <strong>die</strong> privaten<br />

Sender für viele Me<strong>die</strong>nschaffende<br />

nur <strong>die</strong> Eintrittspforte in den Beruf<br />

blieben.<br />

Substanziell besserer Mindestlohn<br />

<strong>syndicom</strong> konnte über mehrere Verhandlungsrunden<br />

zusammen mit den<br />

Sozialpartnern nun den Mindestlohn<br />

in einem Schritt auf 4800 Franken monatlich<br />

erhöhen und den Anspruch<br />

auf einen 13. Monatslohn einführen.<br />

Zudem haben <strong>die</strong> Programmschaffenden<br />

Anspruch auf eine Woche mehr<br />

Ferien als das gesetzliche Minimum.<br />

Nebst weiteren Verbesserungen<br />

der Arbeitsbedingungen unter anderem<br />

beim Mutter- und Vaterschaftsurlaub<br />

ist es erstmals gelungen, zumindest<br />

bei den Privat-Fernsehsendern<br />

Mindestlöhne für <strong>die</strong> Ausbildungszeit<br />

einzuführen: im Praktikum (1 bis 6<br />

Monate) <strong>sind</strong> es mindestens 1500<br />

Franken, im ersten Jahr des Volontariats<br />

(oder Stages) <strong>sind</strong> es 2500 und im<br />

zweiten Jahr 3500 Franken.<br />

Leider ohne <strong>die</strong> Privatradios<br />

Sehr bedauerlich und kaum nachvollziehbar<br />

ist, dass der Verband der<br />

Privat-Radios sich <strong>die</strong>sen Minima für<br />

den Berufseinstieg nicht anschliessen<br />

konnte und lediglich eine Empfehlung<br />

zu angemessener Entlöhnung<br />

abgibt. Gerade während des beruflichen<br />

Einstiegs ist es besonders wichtig,<br />

<strong>die</strong> jungen Me<strong>die</strong>nschaffenden zu<br />

schützen und ihnen eine Perspektive<br />

in den Me<strong>die</strong>n zu geben. Trotzdem<br />

steht <strong>syndicom</strong> zu <strong>die</strong>sem Verhandlungsergebnis<br />

und sieht darin einen<br />

Schritt in <strong>die</strong> richtige Richtung, um<br />

zusammen mit den Beschäftigten darauf<br />

aufzubauen.<br />

Die Gewerkschaft wird <strong>die</strong> Redaktionen<br />

kollektiv auf Betriebsebene<br />

und individuell bei Lohngesprächen<br />

unterstützen, fairere effektive Löhne<br />

auszuhandeln.<br />

Stephanie Vonarburg<br />

Zum Vertragstext<br />

«Die Jungen wollen<br />

nicht mehr arbeiten»<br />

Jane Bossard, Jugendsekretärin bei <strong>syndicom</strong><br />

Bis zu <strong>die</strong>sem Satz war es eigentlich<br />

eine normale Diskussion am Familientisch.<br />

Aber das – das nehme ich persönlich.<br />

Diese Aussage macht mich<br />

wütend. Denn nicht wir jungen Menschen<br />

<strong>sind</strong> das Problem. Das Problem<br />

ist, dass man hart arbeiten, sich körperlich,<br />

seelisch und geistig aufopfern<br />

muss, um ein vollwertiges Mitglied<br />

<strong>die</strong>ser Leistungsgesellschaft zu sein.<br />

<strong>Wir</strong> wollen arbeiten, wir wollen<br />

einen Job, der Spass macht, der unser<br />

Leben sogar bereichert, aber wir wollen<br />

uns auch nicht kaputt machen und<br />

nicht nur für <strong>die</strong> Arbeit leben, wir wollen<br />

leben – ist das falsch? Ist das nicht<br />

genau das, wofür <strong>die</strong> Gewerkschaften<br />

kämpfen? <strong>Wir</strong> haben unser ganzes Leben<br />

lang beobachten können, wie hart<br />

unsere Eltern und Grosseltern schufteten,<br />

damit es am Ende des Monats<br />

reichte. <strong>Wir</strong> haben zugesehen, wie<br />

sich <strong>die</strong> Menschen für <strong>die</strong> Arbeit kaputt<br />

machten, für viel zu wenig im<br />

Portemonnaie. Und genau das wollen<br />

wir nicht mehr. Weil wir eben auch zusehen<br />

konnten, wie sich <strong>die</strong> Welt ändern<br />

kann und dass sich Arbeitsbedingungen<br />

verbessern können.<br />

Das hat nichts mit Faulheit oder<br />

mangelndem Willen zu tun. Sondern<br />

mit dem Bewusstsein, dass wir uns<br />

nicht für <strong>die</strong> Arbeit aufopfern müssen,<br />

weil wir nicht nur Pflichten, sondern<br />

auch Rechte haben. Dank der Arbeit<br />

der Gewerkschaften und den Generationen<br />

vor uns haben wir Rechte, wie<br />

etwa das Recht auf Nichterreichbarkeit<br />

oder auf Arbeitszeiterfassung.<br />

Und <strong>die</strong> fordern wir auch ein.


«Gesicherte Renten bleiben ein Kernanliegen der<br />

Gewerkschaften.» Daniel Münger, Präsident <strong>syndicom</strong><br />

17<br />

Starke Rente, Leben in Würde<br />

Die Tagung der Pensionierten <strong>syndicom</strong> war der Startschuss einer<br />

sozialpolitischen Bewegung: «In Bewegung» war das Motto.<br />

Sehr grosses Interesse an der Sozialpolitik bei den Pensionierten der Gewerkschaft. (© R. Aeschlimann)<br />

Nach der Pensionierung weiterhin aktiv<br />

etwas bewegen: An <strong>die</strong>sem Punkt<br />

möchten <strong>die</strong> Pensionierten <strong>syndicom</strong><br />

ansetzen. So ist auch <strong>die</strong> von ihnen initiierte,<br />

zweisprachige Tagung «In Bewegung/En<br />

mouvement» vom 10. Januar<br />

restlos ausgebucht. Sie ist der<br />

Startschuss einer sozialpolitischen<br />

Bewegung, <strong>die</strong> für bessere Renten und<br />

ein Leben in Würde eintritt.<br />

Gesicherte Renten <strong>sind</strong> ein Kernanliegen<br />

der Gewerkschaft, wie Daniel<br />

Münger in seinem Begrüssungswort<br />

festhält: «Trotz der Krisen des vergangenen<br />

Jahres verändern sich <strong>die</strong><br />

Grundwerte nicht: Ein Leben in Würde<br />

und Chancengerechtigkeit. Für<br />

<strong>die</strong>se Werte stehen wir bei der Gewerkschaft<br />

ein.» Drei hochkarätige<br />

Redner:innen waren eingeladen: Paul<br />

Rechsteiner, Alt-Ständerat, Doris Bianchi,<br />

Direktorin der Pensionskasse<br />

Publica, und Giorgio Pardini, vor seiner<br />

Pensionierung u. a. Leiter des Sektors<br />

ICT bei <strong>syndicom</strong>.<br />

Paul Rechsteiner fokussierte auf<br />

<strong>die</strong> Abstimmung «AHV 21», <strong>die</strong> nicht<br />

im Sinne der Gewerkschaften ausfiel.<br />

Dennoch stimmt ihn das knappe<br />

Resultat zuversichtlich: «Das Forschungsinstitut<br />

GFS hat eine Zustimmungsquote<br />

von 60 % prognostiziert.<br />

Zuletzt haben lediglich 30 000 Stimmen<br />

den Unterschied gemacht.» Doris<br />

Bianchi hebt <strong>die</strong> Vorteile des 2-Säulen-Systems<br />

hervor. Es sei trotz angespannter<br />

wirtschaftlicher Lage grundsätzlich<br />

stabil. Leider könne rein<br />

strukturell <strong>die</strong> Teuerung nicht in der<br />

2. Säule ausgeglichen werden. Rentenverbesserungen<br />

können nur über <strong>die</strong><br />

AHV erfolgen. Darum <strong>sind</strong> starke Gewerkschaften<br />

gefragt. Giorgio Pardini<br />

thematisierte <strong>die</strong> Schwachstellen der<br />

anstehenden BVG-Reform. Unter dem<br />

Deckmantel der Verbesserung für <strong>die</strong><br />

tiefsten Einkommen, was vor <strong>alle</strong>m<br />

Frauen mit tiefen Löhnen und Teilzeitpensen<br />

betrifft, sei insgesamt ein<br />

Abbau für <strong>alle</strong> geplant.<br />

Einig <strong>sind</strong> sich <strong>alle</strong> drei Redner:innen<br />

in einem Punkt: Solidarität zwischen<br />

den Generationen ist der<br />

Schlüssel, um <strong>die</strong> Abbauprogramme<br />

wirksam zu bekämpfen. Diese Solidarität<br />

gilt es zu stärken. Um es in den<br />

Worten von Mit-Organisator Thomas<br />

Burger zu sagen: «Eine sozialgerechte<br />

Zukunft lohnt sich auch für Pensionierte.»<br />

Als nächster Schritt sollen<br />

eine Arbeitsgruppe zum Thema Altersvorsorge<br />

und ein Netzwerk von aktiven<br />

Personen gebildet werden. Thomas<br />

Burger ergänzt: «Die Gewerkschaftsgeschichte<br />

hat gezeigt, dass wir dann<br />

erfolgreich waren, wenn wir uns zusammengeschlossen<br />

haben.»<br />

Catalina Gajardo<br />

Lohnerhöhung in den<br />

ersten Me<strong>die</strong>nhäusern<br />

Stephanie Vonarburg, Leiterin Sektor Me<strong>die</strong>n und<br />

Vizepräsidentin <strong>syndicom</strong><br />

Zum ersten Mal seit langem erhöhen<br />

Me<strong>die</strong>nunternehmen <strong>die</strong> Löhne. Fast<br />

ein Tabubruch – seit vielen Jahren hat<br />

kein Verlag mehr <strong>die</strong> Löhne generell<br />

erhöht. Wenn, dann kam es nur zu individuellen,<br />

leistungsabhängigen Erhöhungen.<br />

Was notabene zu unfairer<br />

Bevor zugung, zum Auseinanderdriften<br />

der Lohnschere und zu Diskriminierung<br />

führt.<br />

Viele Me<strong>die</strong>nschaffende erfuhren<br />

einen schleichenden Reallohnverlust,<br />

Berufseinsteiger:innen erhielten immer<br />

tiefere Löhne. Kein Wunder, sinken<br />

<strong>die</strong> Löhne in der Branche laufend.<br />

Die Jahresteuerung 2022 von 2,8 %<br />

scheint ein Umdenken gebracht zu haben.<br />

Die Gruppe um den K-Tipp gewährt<br />

einen generellen, prozentualen<br />

Lohnanstieg zur Abfederung der Teuerung.<br />

Bei Keystone-SDA gibt es mehr<br />

für gut <strong>die</strong> Hälfte des Personals (immerhin<br />

jene mit tieferen Löhnen).<br />

Beim Branchenprimus, dem wohlhabendsten<br />

Verlag, Tamedia, werden<br />

<strong>die</strong> Personalkommissionen weiter<br />

hingehalten. Auch bei CH Media ist<br />

das Personal nicht zufrieden, weil es<br />

mit Peanuts abgespeist wird.<br />

Bei Ringier, Ringier Axel Springer<br />

<strong>Schweiz</strong> und der NZZ gibt es einmalig<br />

eine fixe Summe, <strong>die</strong> bei der Mehrheit<br />

der Beschäftigten <strong>die</strong> Teuerungsentwicklung<br />

ausgleichen wird – das bedeutet<br />

dann ab 2024 einen Reallohnverlust,<br />

wenn <strong>die</strong> Erhöhung nicht<br />

verstetigt wird.<br />

Die ausgehandelten Lohnerhöhungen<br />

<strong>sind</strong> ein erster Schritt und zeigen,<br />

dass Bewegung bei den Löhnen<br />

möglich ist. Die Lohnsituation in den<br />

privaten Me<strong>die</strong>nhäusern muss nachhaltig<br />

verbessert werden. Darum ist<br />

klar: wir bleiben dran, zusammen mit<br />

den Personalkommissionen und dem<br />

ganzen Personal.<br />

Die Me<strong>die</strong>n haben ein Problem,<br />

wenn sie das Personal bezüglich Lohnentwicklung<br />

und Arbeitsbedingungen<br />

weiterhin geringschätzen.


18 Politik<br />

Mehr Sicherheit<br />

für Arbeitsmigrant:innen<br />

Die SGB-Migrationskommission sichert den Informationsfluss<br />

zum Thema Migration zwischen den Gewerkschaften und entwickelt<br />

Vorschläge zur Verbesserung der Situation von<br />

Migrant:innen in der <strong>Schweiz</strong>. Neben dem Präsidenten Hilmi<br />

Gashi (Unia) ist Regula Bühlmann, Zentralsekretärin SGB,<br />

zuständig für das Dossier. Sie beleuchtet für uns <strong>die</strong> Höhen,<br />

Tiefen und Ziele der gewerkschaftlichen Migrationspolitik.<br />

Text: Regula Bühlmann (SGB)<br />

Bild: Keystone/Laurent Gilliéron<br />

Migrant:innen in den<br />

Gewerkschaften<br />

Die <strong>Schweiz</strong> ist ein Einwanderungsland.<br />

Ohne Migrant:innen, <strong>die</strong> rund<br />

40 Prozent der Bevölkerung ausmachen,<br />

würden Gesellschaft und<br />

<strong>Wir</strong>tschaft nicht funktionieren. Das<br />

zeigt sich auch in den Gewerkschaften.<br />

Die Unia ist daher <strong>die</strong> grösste<br />

Migrant:innen-Organisation der<br />

<strong>Schweiz</strong>, mehr als <strong>die</strong> Hälfte ihrer<br />

Mitglieder <strong>sind</strong> keine <strong>Schweiz</strong>er<br />

Staatsangehörigen. Selbstverständlich<br />

haben in den Gewerkschaften<br />

auch Menschen ohne <strong>Schweiz</strong>er<br />

Pass das volle Mitspracherecht.<br />

Leider funktioniert <strong>die</strong> <strong>Schweiz</strong>er<br />

Politik nicht wie <strong>die</strong> SGB-Gewerkschaften.<br />

Im Gegenteil: In den<br />

letzten Jahren haben Bundesrat und<br />

Parlament <strong>die</strong> Ausländer:innen-Gesetzgebung<br />

immer mehr verschärft<br />

und Sozialhilfe und Migrationspolitik<br />

auf unmenschliche Art verknüpft.<br />

Armutsrisiko Migration<br />

Menschen ohne <strong>Schweiz</strong>er Pass dürfen<br />

ihr Umfeld poli tisch nicht mitgestalten,<br />

sondern werden in <strong>die</strong><br />

Prekarität gedrängt. Je prekärer, je<br />

schlechter ihre wirtschaftliche Situation,<br />

desto schlechter werden ihre<br />

Chancen auf stabile Aufenthaltsverhältnisse,<br />

finanzielle Sicherheit und<br />

<strong>Schweiz</strong>er Bürger:innen-Rechte.<br />

Diesen Teufelskreis bekämpfen <strong>die</strong><br />

SGB-Gewerkschaften.<br />

Unter den Armutsbetroffenen <strong>sind</strong><br />

Migrant:innen überdurchschnittlich<br />

vertreten: Die Armutsquote von<br />

<strong>Schweiz</strong>er:innen liegt bei 7,5 Prozent,<br />

von Menschen anderer Nationalitäten<br />

bei 10,5 Prozent. Nicht nur<br />

<strong>sind</strong> <strong>die</strong> Löhne migrantischer Arbeitnehmender<br />

tiefer als <strong>die</strong> Löhne<br />

von <strong>Schweiz</strong>er:innen. Auch setzt <strong>die</strong><br />

nationale Politik zurzeit <strong>alle</strong>s daran,<br />

den Sozialhilfebezug von Migrant:-<br />

innen tief zu halten.<br />

Letztes Jahr hat der Bundesrat<br />

eine Änderung des Ausländer:innen-<br />

und Integrationsgesetzes (AIG)<br />

in <strong>die</strong> Vernehmlassung geschickt,<br />

mit dem er Angehörigen von Drittstaaten<br />

<strong>die</strong> Sozialhilfe kürzen will.<br />

Diese Änderung verletzt gleich zwei<br />

Verfassungsgrundsätze: <strong>die</strong> Rechtsgleichheit<br />

<strong>alle</strong>r Menschen (Art. 8<br />

Abs. 1) und das Recht auf Hilfe in<br />

Notlagen (Art. 12). Dieser Vorschlag<br />

des Bundesrats ist ein neuer Tiefpunkt<br />

in einer Abwärtsentwicklung<br />

hin zu immer mehr Diskriminierungen<br />

von Armutsbetroffenen.<br />

Das neue AIG gefährdet seit<br />

dem 1. Januar 2019 <strong>die</strong> Aufenthaltssicherheit<br />

von Menschen ohne<br />

<strong>Schweiz</strong>er Pass: Während zuvor eine<br />

Niederlassungs bewilligung nur in<br />

Ausnahmefällen entzogen wurde<br />

und nach 15-jährigem Aufenthalt<br />

gesichert war, kann das Beziehen<br />

von Sozialhilfe neu immer zur Ausweisung<br />

oder zur Rückstufung der<br />

Bewilligung führen. Die Kriminalisierung<br />

der Armut hat zur Folge,<br />

dass viele armutsbetroffene Menschen<br />

nicht zum Sozialamt gehen,<br />

um ihr Aufenthalts- oder Niederlassungsrecht<br />

zu schützen.<br />

Armut ist kein Verbrechen<br />

Doch es gibt auch eine Gegenbewegung:<br />

Auf Druck gewerkschaftlicher<br />

und zivilgesellschaftlicher<br />

Akteur: innen hat der Nationalrat im<br />

September 2022 der parlamentarischen<br />

Initiative 20.451 «Armut ist<br />

kein Verbrechen» Folge gegeben.<br />

Nach zehnjährigem Aufenthalt in<br />

der <strong>Schweiz</strong> sollen Aufenthalts- bzw.<br />

Niederlassungsbewilligung auch bei<br />

Sozialhilfebezug nicht mehr entzogen<br />

werden dürfen. Dies ist ein<br />

wichtiges Leuchtsignal an Kreise,<br />

<strong>die</strong> <strong>die</strong> Grundrechte von Menschen<br />

ohne <strong>Schweiz</strong>er Pass immer weiter<br />

beschränken wollen.<br />

Zugang zum Arbeitsmarkt<br />

Das Ziel rechter Politiker:innen, mit<br />

Sozialhilfekürzungen Anreize für<br />

<strong>die</strong> Arbeitsintegration setzen, ist<br />

mehr als zynisch. Die Arbeitsintegration<br />

ist nicht in erster Linie<br />

eine Frage von gutem Willen der<br />

Betroffenen, es braucht vor <strong>alle</strong>m<br />

einen Arbeitsmarkt, zu dem auch<br />

Menschen ohne <strong>Schweiz</strong>er Pass<br />

Zugang haben. Und Menschen, <strong>die</strong><br />

keine <strong>Schweiz</strong>er Ausbildung haben<br />

oder nicht mit dem <strong>Schweiz</strong>er Arbeitsmarkt<br />

vertraut <strong>sind</strong>, müssen<br />

wir unter stützen, damit sie im Erwerbsleben<br />

Fuss fassen können.<br />

Der <strong>Schweiz</strong>erische Gewerkschaftsbund<br />

begleitet deshalb <strong>die</strong> Programme<br />

eng, mit denen der Bund


«Für <strong>die</strong> Integration braucht es vor <strong>alle</strong>m<br />

einen Arbeitsmarkt, zu dem Menschen ohne<br />

<strong>Schweiz</strong>er Pass auch Zugang haben.»<br />

Regula Bühlmann,<br />

<strong>Schweiz</strong>erischer Gewerkschaftsbund<br />

Riesige Arbeit<br />

der Gewerkschaft<br />

für <strong>die</strong><br />

Menschen<br />

Migrant:innen besser in den Arbeitsmarkt<br />

integrieren will: Mit der<br />

Integrations-Vorlehre werden seit<br />

2018 anerkannte Flüchtlinge und<br />

vorläufig Aufgenommene auf eine<br />

Berufslehre vorbereitet, seit Sommer<br />

2021 auch andere spät<br />

zugewanderte Jugendliche und junge<br />

Erwachsene. Arbeitgeber, <strong>die</strong><br />

Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene<br />

mit einem grösseren Bedarf<br />

an Ein arbeitung einstellen, erhalten<br />

finanzielle Zuschüsse. Der<br />

SGB setzt sich dafür ein, dass dank<br />

<strong>die</strong>sen Programmen Migrant:innen<br />

Zugang zum Arbeitsmarkt finden,<br />

ohne als billige Arbeitskräfte missbraucht<br />

zu werden.<br />

SGB streitet für<br />

leichtere Einbürgerung<br />

Ein Viertel der <strong>Schweiz</strong>er Bevölkerung<br />

hat keinen <strong>Schweiz</strong>er Pass und<br />

somit auch keine politischen Rechte.<br />

Die Einbürgerung ist kantonal<br />

und kommunal unterschiedlich geregelt<br />

– <strong>die</strong> Entscheide <strong>sind</strong> entsprechend<br />

willkürlich. Mit wenigen Ausnahmen<br />

verstehen <strong>die</strong> politischen<br />

Behörden das Bürgerrecht als Privileg,<br />

das es sich zu ver<strong>die</strong>nen gilt,<br />

und nicht als Grundrecht derjenigen,<br />

<strong>die</strong> hier leben.<br />

Etwas Bewegung ausgelöst hat<br />

<strong>die</strong> vom SGB 2017 lancierte Einbürgerungs-Offensive:<br />

In einigen Gemeinden<br />

wurden Hürden abgebaut<br />

und Einwohner:innen, welche <strong>die</strong><br />

Voraussetzungen für <strong>die</strong> Einbürgerung<br />

erfüllen, aktiv eingeladen,<br />

<strong>Schweiz</strong>er Bürger:innen zu werden.<br />

Der Ständerat hat eine Motion<br />

von Lisa Mazzone zur erleichterten<br />

Einbürgerung von Ausländer:innen<br />

der zweiten Generation an <strong>die</strong> Kommission<br />

zur Vor beratung überwiesen.<br />

Eine weiter gehende Motion des<br />

ehemaligen SGB-Präsidenten Paul<br />

Rechsteiner, der ein Recht auf das<br />

<strong>Schweiz</strong>er Bürgerrecht für in der<br />

<strong>Schweiz</strong> Geborene forderte, hat das<br />

Parlament leider abgelehnt.<br />

Im Verein «Aktion Vierviertel»<br />

kämpfen auch viele Gewerkschafter:innen<br />

für ein Grundrecht auf<br />

Einbürgerung, damit wir 50 Jahre<br />

nach Einführung des Stimmrechts<br />

für Frauen eine vollständige «Vierviertel»-Demokratie<br />

haben. Es ist<br />

eine Initiative in Arbeit, mit der <strong>die</strong>ses<br />

Ziel erreicht werden soll.<br />

Die <strong>Schweiz</strong> kann solidarisch sein<br />

Dass <strong>die</strong> <strong>Schweiz</strong> solidarisch sein<br />

kann, zeigt sie mit der Aufnahme<br />

der vor Putins Angriffskrieg geflüchteten<br />

Ukrainer:innen. Diese Solidarität<br />

muss sie <strong>alle</strong>n Menschen zukommen<br />

lassen, <strong>die</strong> auf der Suche<br />

nach Schutz und Sicherheit hierher<br />

kommen – egal woher. Sie muss ihnen<br />

den Weg aus der Armut ermöglichen<br />

und ihnen ein stabiles Daheim<br />

bieten. Die <strong>Schweiz</strong> muss<br />

zulassen, dass <strong>alle</strong> Einwohner:innen<br />

<strong>die</strong>ses Daheim politisch mitgestalten<br />

können. Damit <strong>die</strong>se Vision<br />

<strong>Wir</strong>klichkeit wird, setzt sich der SGB<br />

weiter ein für Aufenthaltssicherheit<br />

und Teilhabe und für ein Ende von<br />

Prekarität und Kriminalisierung.<br />

Zur Migrationskommission<br />

des SGB<br />

Meine Eltern <strong>sind</strong> aus Italien und<br />

Österreich in <strong>die</strong> <strong>Schweiz</strong> gekommen,<br />

um hier zu arbeiten, als man<br />

Arbeitskräfte gerufen hatte, aber<br />

Menschen kamen. Hier geboren,<br />

bekam ich <strong>die</strong> Nachwehen der<br />

Schwarzenbach-Initiative mit, welche<br />

glücklicherweise abgelehnt<br />

wurde. Mit 20 wurde ich «erleichtert<br />

eingebürgert». Da meine Eltern in<br />

der Gewerkschaft organisiert waren,<br />

wusste ich um deren elementare<br />

Unterstützung für <strong>die</strong> ausländischen<br />

Angestellten. Ich bin stolz auf<br />

<strong>die</strong> riesige Integrationsarbeit, <strong>die</strong><br />

<strong>die</strong> Gewerkschaften leisteten und<br />

leisten.<br />

Die IG Migration bei <strong>syndicom</strong><br />

Bei <strong>syndicom</strong> kommen Migrantinnen<br />

und Migranten zu Wort und zu<br />

ihrem guten Recht. In <strong>alle</strong>n Gremien<br />

<strong>sind</strong> sie willkommen und eingeladen,<br />

aktiv mitzuwirken. In den<br />

Branchen wie in der branchenübergreifenden<br />

IG Migration, deren zentrales<br />

Anliegen es ist, <strong>die</strong> Arbeitsbedingungen<br />

von Migrantinnen und<br />

Migranten zu verbessern und ihren<br />

Bedürfnissen Gehör zu verschaffen.<br />

Aktuell <strong>sind</strong> in der IG Migration<br />

Mitglieder aus Ländern wie Kongo,<br />

Marokko, Albanien, Ägypten, Iran,<br />

Kirgisien und Türkei (Kurd:innen)<br />

aktiv.<br />

Die IG unterstützt aktuell <strong>die</strong><br />

Aktion Vierviertel, siehe nebenstehenden<br />

Text, und engagiert sich gegen<br />

Rassismus auf der Arbeit und<br />

im Alltag. Dazu lancierte sie vor<br />

einiger Zeit Videostatements und<br />

entwickelt neue Ideen. Wichtig ist<br />

neben der erreichten Verankerung<br />

des Schutzes vor Diskriminierung<br />

aufgrund von Kultur und Herkunft<br />

in den Gesamtarbeitsverträgen,<br />

dass <strong>die</strong> Unternehmen bei Rassismus<br />

– gleich wie bei Sexismus –<br />

eine Haltung der Nulltoleranz leben.<br />

In Zürich besteht seit vielen Jahren<br />

zudem eine regionale Migrationsgruppe<br />

von <strong>syndicom</strong>, <strong>die</strong> jedes Jahr<br />

am Lauf gegen Rassismus teilnimmt.<br />

Patrizia Mordini<br />

Zur <strong>syndicom</strong>-Interessengruppe<br />

Migration


20 Die andere<br />

Seite<br />

«Eine Branche, <strong>die</strong><br />

nicht ausbildet, ist tot»<br />

Beat Kneubühler ist seit dem<br />

1. Oktober 2022 der neue<br />

Direktor des Arbeitgeberverbandes<br />

der grafischen Industrie,<br />

viscom p+c. Er geht im<br />

Gespräch ein auf <strong>die</strong> künftigen<br />

Herausforderungen der<br />

Papier- und Druck-Branche.<br />

Fragen: Redaktion<br />

Bild: Thoa van Tran für viscom p+c<br />

Herr Kneubühler, wie waren <strong>die</strong><br />

ersten Monate Ihrer Tätigkeit?<br />

Mit grosser Befriedigung blicke ich<br />

auf <strong>die</strong> ersten Monate. Zusammen<br />

mit meinem Team am visCampus in<br />

Aarau haben wir zentrale Themen<br />

der Verbandsstrategie 22–25 auf den<br />

Weg gebracht.<br />

Zum künftigen Fachkräftebedarf<br />

läuft eine umfangreiche Stu<strong>die</strong>,<br />

daraus leiten wir Massnahmen ab,<br />

um einem drohenden Mangel<br />

mög lichst optimal zu begegnen.<br />

Dieses Thema wird uns also auch in<br />

Zukunft begleiten. Politisch haben<br />

wir an <strong>alle</strong>n Fronten <strong>die</strong> Motion<br />

Katja Christ bekämpft. Diese<br />

Motion hätte Betriebe und Arbeitsplätze<br />

in unserer Branche gefährdet.<br />

Die von Katja Christ heraufbeschworenen<br />

«Abfallberge» <strong>sind</strong> ein Hirngespinst,<br />

das in der Praxis nicht<br />

existiert. Im Gegenteil: Altpapier ist<br />

ein wertvoller Rohstoff.<br />

Hier sieht man schön zwei<br />

weitere Handlungsfelder für den<br />

Verband: Unsere Branche ist<br />

nachhaltig und verfügt über<br />

geschlossene Kreisläufe. <strong>Wir</strong> haben<br />

im Papier- und Karton-Recycling<br />

Traumquoten und <strong>sind</strong> Partner im<br />

ältesten Gesamtarbeitsvertrag der<br />

<strong>Schweiz</strong>. Zeit also, dass man <strong>die</strong><br />

Kampagne «Printed in Switzerland»<br />

in eine neue Richtung lenkt. Dazu<br />

erfolgen ab Januar 2023 verschiedene<br />

Aktionen.<br />

Und im April werden wir im<br />

Rahmen der Mitgliederversammlung<br />

im Verband p+c eine Namensänderung<br />

sowie einen neuen<br />

visuellen Auftritt lancieren.<br />

Die Branche ist seit Jahren in einem<br />

enormen Umbruch. Schrumpft sie<br />

noch weiter oder gehen wir bereits<br />

in Richtung Stabilität?<br />

Es ist davon auszugehen, dass <strong>die</strong><br />

Branche noch einmal schrumpft.<br />

Dies ist der Substituierung von Print<br />

durch andere Kanäle geschuldet.<br />

Dadurch wird generell weniger<br />

gedruckt. Teilweise messbar ist<br />

auch <strong>die</strong> Abwanderung von Druckaufträgen<br />

ins Ausland. In der<br />

Tendenz stellen wir eine Stabilisierung<br />

fest, bleiben aber Nettoimporteur.<br />

Von der oft angepriesenen<br />

Regionalisierung spürt man im<br />

Print wenig. In China steigen nach<br />

der Pandemie <strong>die</strong> Exporte von<br />

Drucksachen in den EU-Raum und<br />

erreichen nie gesehene Quoten.<br />

Wie kann <strong>die</strong> Sozialpartnerschaft<br />

gestärkt werden?<br />

Zentral ist <strong>die</strong> Bereitschaft, weiter<br />

auf Fachkräfte zu setzen. Damit<br />

verbunden ist <strong>die</strong> berufliche<br />

Grund- und Weiterbildung. Ein<br />

Brain-Drain hätte schwerwiegende<br />

Konsequenzen für <strong>die</strong> grafische<br />

Industrie. In einer Branche, in der<br />

das Wissen eine sehr kurze Halbwertszeit<br />

hat, ist der Wille zur<br />

ständigen persönlichen Weiterbildung<br />

genauso wichtig wie ein gutes<br />

Angebot an Ausbildungsplätzen.<br />

Was könnte getan werden, um<br />

weitere Unternehmen zum Beitritt<br />

in den GAV zu bewegen?<br />

Die Branche ist heute sehr heterogen.<br />

Dienstleistungen und Produkte<br />

werden vielfältiger und <strong>die</strong> Grenzen<br />

zu anderen Branchen <strong>sind</strong> fliessend.<br />

Eine klare Trennung von Sektoren<br />

wird in der grafischen Industrie<br />

immer komplexer, das sieht man<br />

in der Grundbildung, wo es immer<br />

wieder zu Überschneidungen mit<br />

branchenfremden Berufen kommt.<br />

Trotzdem muss es gelingen, auch<br />

künftig eine überbetriebliche<br />

Sozialpartnerschaft zu pflegen.<br />

Wie beurteilen Sie <strong>die</strong> Grund- und<br />

Weiterbildung in der Branche?<br />

Eine Branche, <strong>die</strong> nicht ausbildet,<br />

ist tot. <strong>Wir</strong> müssen <strong>alle</strong>s daransetzen,<br />

dass ausgebildet wird. Natürlich<br />

muss man im Bereich Quereinsteiger<br />

neue Wege gehen und etwa<br />

Einsteigerkurse anbieten. Mit<br />

Helias haben wir ein ausgezeichnetes<br />

Instrument, nur müssen wir<br />

gemeinsam <strong>die</strong> Lehrgänge noch<br />

bekannter machen. Wichtig ist, dass<br />

am Ende immer ein eidgenössischer<br />

Abschluss absolviert wird. Für <strong>die</strong><br />

Branche und bei uns im Verband ist<br />

das Thema Bildung zentral.


Recht so!<br />

21<br />

Liebe Rechtsberatung<br />

Ich arbeite als Netzelektriker für eine Firma mit Sitz im<br />

Kanton Bern. Mein Chef erwähnte im Herbst, dass<br />

noch nicht klar sei, ob der Bundesrat <strong>die</strong> Verlängerung<br />

der Allgemeinverbindlicherklärung des GAV Netzinfrastruktur<br />

rechtzeitig bewilligt, damit eine lückenlose<br />

Weitergeltung gewährleistet ist. Gerüchte machten<br />

<strong>die</strong> Runde, wonach sich deswegen <strong>die</strong> Lohn- und Arbeitsbedingungen<br />

verschlechtern würden. Gilt der GAV<br />

Netzinfrastruktur noch?<br />

Auf der Grossbaustelle im Kanton Bern, auf der ich aktuell<br />

tätig bin, arbeiten befristet auch Netzelektriker<br />

aus Polen, <strong>die</strong> bei einer polnischen Unternehmung<br />

angestellt <strong>sind</strong>. Sie <strong>sind</strong> seit mehreren Monaten auf<br />

der Baustelle tätig und kehren sporadisch nach Polen<br />

zurück. Die polnischen Kollegen <strong>sind</strong> am Morgen meist<br />

früher vor Ort, machen kaum Pausen und arbeiten<br />

noch, wenn ich Feierabend mache. Welche Regeln zur<br />

Arbeitszeit gelten für <strong>die</strong> Kollegen aus Polen und welcher<br />

Lohn steht ihnen zu?<br />

Es zeigte sich, dass mehreren polnischen Arbeitern<br />

nicht der im GAV festgelegte Mindestlohn bezahlt wird<br />

und <strong>die</strong> Arbeits bedingungen gemäss Branchen-GAV,<br />

ArG und ArV nicht eingehalten werden. An wen können<br />

sich <strong>die</strong> polnischen Kollegen wenden, um auf <strong>die</strong> systematischen<br />

Verfehlungen ihres Arbeitgebers aufmerksam<br />

zu machen?<br />

Antwort des <strong>syndicom</strong>-Rechts<strong>die</strong>nstes<br />

Mit Beschluss vom 16. Dezember 2022 verlängerte<br />

der Bundesrat <strong>die</strong> Allgemeinverbindlichkeit<br />

(AVE) des GAV Netzinfrastruktur<br />

ohne Unterbruch bis zum 31. Dezember<br />

2026. Mit der AVE-Verlängerung bleibt der<br />

Geltungsbereich des GAV auf <strong>alle</strong> Arbeitnehmenden<br />

und Arbeitgeber der Netzinfrastruktur-Branche<br />

anwendbar. Damit <strong>sind</strong><br />

<strong>alle</strong> Arbeitgeber der Netzinfrastruktur weiterhin<br />

verpflichtet, <strong>die</strong> im GAV festgelegten<br />

Lohn- und Arbeitsbedingungen zu gewährleisten.<br />

Wenn ein Arbeitgeber Arbeitnehmende für<br />

einen bestimmten Zeitraum zum Arbeiten<br />

in ein anderes Land entsendet als das, wo er<br />

seinen Sitz hat und wo <strong>die</strong>se gewöhnlich<br />

ihre Arbeit verrichten, liegt eine Entsendung<br />

vor. Das Arbeitsverhältnis zwischen Arbeitgeber<br />

und entsandten Arbeitnehmenden<br />

bleibt während des Zeitraums der Entsendung<br />

weiterhin bestehen.<br />

Unter anderem zum Schutz ent sandter<br />

Arbeitnehmender hat das Parlament das<br />

Entsendegesetz (EntsG) erlassen. Dieses<br />

sieht vor, dass <strong>die</strong> für inländische Arbeitnehmende<br />

geltenden Normen in der<br />

<strong>Schweiz</strong> auch auf entsandte Arbeitnehmerinnen<br />

und Arbeitnehmer angewandt<br />

werden müssen. Auch für <strong>die</strong> Kollegen aus<br />

Polen gelten namentlich <strong>die</strong> sich aus dem<br />

Arbeitsgesetz (ArG), den Arbeitsverordnungen<br />

(ArV) und dem allgemeinverbindlich erklärten<br />

GAV Netzinfrastruktur ergebenden<br />

Regeln zur Arbeits- und Ruhezeit und zum<br />

Lohn aufgrund von Art. 2 Abs. 1 Bst. a und b<br />

des EntsG.<br />

Die Verstösse gegen <strong>die</strong> sich aus dem allgemeinverbindlichen<br />

GAV Netz infra struktur<br />

ergebenden Lohn- und Arbeitszeitbestimmungen<br />

<strong>sind</strong> an <strong>die</strong> Paritätische Kommission<br />

Netzinfrastruktur-Branche zu melden,<br />

während Verfehlungen bezüglich ArG und<br />

ArV in <strong>die</strong> Kompetenz der kantonalen Arbeitsmarktbehörde<br />

(Arbeitsmarktkontrolle<br />

Bern, AMKBE) f<strong>alle</strong>n.<br />

<strong>syndicom</strong>.ch/rechtso


22 Freizeit<br />

Tipps<br />

Movendo war früher <strong>die</strong><br />

«<strong>Schweiz</strong>er Arbeiterschule»<br />

1946 wurde <strong>die</strong> Stiftung Gewerkschaftsschule<br />

<strong>Schweiz</strong> als «Arbeiterschule»<br />

gegründet. In der Pandemie<br />

2021 hatte sie ihr 75-Jahr-Jubiläum.<br />

Weil das nicht angemessen gefeiert<br />

werden konnte, hat Movendo stattdessen<br />

als «elektronische Festschrift»<br />

eine Webseite gestaltet:<br />

Arbeiterschule.ch.<br />

Der Historiker Adrian Zimmermann<br />

hat <strong>die</strong> Geschichte der Gewerkschaftsschule<br />

erforscht und<br />

aufgeschrieben. Zwischen den Texten<br />

<strong>sind</strong> zahlreiche Dokumente und<br />

Fotografien zu entdecken, dazu<br />

kommen Video-Porträts von Absolvent:innen<br />

und Bildungsverantwortlichen,<br />

<strong>die</strong> <strong>die</strong> Arbeiterschule erlebt<br />

und geprägt haben.<br />

Gewerkschaftliche Bildung muss<br />

bezahlbar sein. Dies ermöglicht<br />

heute der Förderverein der Stiftung<br />

Gewerkschaftsschule <strong>Schweiz</strong>. Die<br />

Mitglieder des Vereins unterstützen<br />

<strong>die</strong> Weiterbildung von Mitgliedern<br />

von Personalvertretungen und<br />

Vertrauens leuten und den Ausbildungslehrgang<br />

Gewerkschaftssekretär:in.<br />

Ihr solidarisches Engagement<br />

trägt zu einer guten<br />

Bildung des gewerkschaftlichen<br />

Nachwuchses bei. Neuzugänge <strong>sind</strong><br />

willkommen!<br />

Movendo blickt auch in <strong>die</strong> Zukunft:<br />

Der Kurs «Politische Herausforderungen<br />

und Perspektiven der<br />

Gewerkschaftsbewegung» schaut als<br />

Teil des aktuellen Lehrgangs Gewerkschaftssekretär:in<br />

auf den Sozialstaat,<br />

den sozialen Wandel und<br />

Wandel der Arbeits welt, besonders<br />

das Dreigestirn Digitali sierung, Flexibilisierung<br />

und Privatisierung.<br />

Der drei tägige Kurs (22.–24.2.2023)<br />

mit Übernachtungen im Hotel Ambassador<br />

in Bern kann nicht gratis<br />

angeboten werden, ist aber offen für<br />

weitere Interessierte.<br />

Adrian Zimmermann/Red.<br />

«Gezeichnet 2022»<br />

Das vergangene Jahr humoristisch<br />

Revue passieren lassen: Das verspricht<br />

<strong>die</strong> Ausstellung «Gezeichnet<br />

2022», <strong>die</strong> im Museum für Kommunikation<br />

in Bern derzeit zu sehen<br />

ist. 50 <strong>Schweiz</strong>er Karikaturist:innen<br />

und Pressezeichner:innen stellen<br />

insgesamt 200 ihrer wichtigsten und<br />

besten Pressezeichnungen aus.<br />

Mal lustig, mal verspielt, mal<br />

nachdenklich, präsentieren sich der<br />

Ausstellungsbesucherin <strong>die</strong> Debatten<br />

und Ereignisse der letzten zwölf<br />

Monate. Es dominieren der Krieg in<br />

der Ukraine (Ueli Johner zeichnete<br />

das Bild oben), der drohende Energiemangel<br />

und <strong>die</strong> Klimakrise.<br />

Ist es möglich, <strong>die</strong>sen komplexen<br />

und ernsthaften Themen auf eine<br />

humoristische Art zu begegnen?<br />

Wie weit darf Satire gehen?<br />

Je nach Publikation geben <strong>die</strong><br />

Künstler:innen unterschiedliche<br />

Antworten auf <strong>die</strong>se Fragen. Wo <strong>die</strong><br />

einen Zeichnungen sich an der<br />

Grenze der Geschmacklosigkeit<br />

bewegen, regen <strong>die</strong> anderen zum<br />

Nachdenken an. Allen gemeinsam<br />

ist aber, dass sie den Kern der aktuellen<br />

Debatte mit einem Bild, mit<br />

einem Satz auf den Punkt bringen.<br />

Spannend ist auch das Zusammenspiel<br />

zwischen Bild und Text, <strong>die</strong> gemeinsam<br />

ihre <strong>Wir</strong>kung entfalten.<br />

Oft bleibt dabei das Lachen im Hals<br />

stecken. Kalt lassen <strong>die</strong> Bilder <strong>die</strong><br />

Besuchenden niemals und sie h<strong>alle</strong>n<br />

noch länger nach. Die Ausstellung<br />

bietet einen vielfältigen Blick<br />

über den eigenen Tellerrand hinweg<br />

und ermöglicht es den Betrachter:innen,<br />

<strong>die</strong> Tagesereignisse anders<br />

wahrzunehmen.<br />

Catalina Gajardo<br />

© Ueli Johner/MFK Bern © EKF<br />

Podcast «sie und sie»<br />

Ob Millennial, Gen Z oder Babyboomer,<br />

es gibt kaum eine politische<br />

Debatte, <strong>die</strong> nicht früher oder später<br />

mit einem angeblichen Generationengraben<br />

in Verbindung gebracht<br />

wird. Der «sie & sie»-Podcast der eidgenössischen<br />

Kommission für Frauenfragen<br />

EKF bringt jeweils zwei<br />

Frauen unterschiedlichen Alters zusammen,<br />

<strong>die</strong> im selben politischen<br />

Feld aktiv <strong>sind</strong>. Jede Folge ist einem<br />

Thema gewidmet. Was verbindet <strong>die</strong><br />

junge Klimaaktivistin mit der engagierten<br />

Frau aus der Anti-AKW-Bewegung?<br />

Wo werden Frauen in der<br />

Politik mit Sexismus konfrontiert?<br />

Was bedeutet es für eine Woman of<br />

Colour, in der <strong>Schweiz</strong> zu leben?<br />

Die Gespräche gehen einerseits<br />

auf <strong>die</strong> individuellen Erfahrungen<br />

und Werdegänge ein, andererseits<br />

werden <strong>die</strong>se Erfahrungen auch<br />

in einen grösseren historischen<br />

Kontext eingeordnet. Der Podcast<br />

bemüht sich, Frauen aus <strong>alle</strong>n<br />

(gesprächsbereiten) politischen<br />

Richtungen zu berücksichtigen.<br />

Jungfreisinnige und Mitte-Politikerinnen<br />

kommen genauso zu Wort<br />

wie <strong>die</strong> Präsidentin der Milchjugend<br />

(Anm.: queere Jugendorganisation)<br />

und <strong>die</strong> Klimaaktivistin. Er zeigt<br />

auf, was bereits erreicht wurde und<br />

wo noch Handlungsbedarf besteht.<br />

Er zeigt aber vor <strong>alle</strong>m eines: So<br />

unter schiedlich <strong>die</strong> Frauen und ihre<br />

Hintergründe auch <strong>sind</strong>, in jedem<br />

Gespräch finden <strong>die</strong> Protagonistinnen<br />

jeweils mehr Gemeinsamkeiten<br />

als Unterschiede. Alles in <strong>alle</strong>m ist<br />

er ein spannender Beitrag über aktuelle<br />

politische Debatten aus feministischer<br />

Perspektive.<br />

Catalina Gajardo<br />

Movendo einst: Arbeiterschule.ch,<br />

und jetzt (mit <strong>alle</strong>n Kursen): Movendo.ch<br />

Die Ausstellung «Gezeichnet 2022» ist noch<br />

bis 26. Februar 2023 im Museum für Kommunikation<br />

in Bern zu sehen, MFK.ch.<br />

Kann über jeden Podcatcher gefunden<br />

und kostenfrei gehört werden.


1000 Worte<br />

Ruedi Widmer<br />

23


24 Bisch im Bild Das ist <strong>syndicom</strong>: 57. Kongress des Gewerkschaftsbundes \ feierliche Übergabe<br />

der Unterschriften zur Konzernverantwortungs-Petition \ Mobilisierung für den<br />

Erhalt des Postamtes St-François in Lausanne \ Internationaler Tag der Migrant:-<br />

innen 2022 \ erste Sozialpolitische Konferenz der Pensionierten <strong>syndicom</strong>.<br />

1<br />

2 3<br />

4<br />

5 6


1 Gruppenfoto für <strong>die</strong> Delegierten des 57. Kongresses des <strong>Schweiz</strong>erischen Gewerkschaftsbundes am 25. und 26. November in Interlaken. (© SGB)<br />

2 Am SGB-Kongress: Zahra Rahzavis leidenschaftliche Rede zur Unterstützung des Kampfes der Frauen in Iran. (© SGB)<br />

3 Und der Situationsbericht der Grafikerin und Menschenrechtsaktivistin Shiva Khosravi. (© SGB)<br />

4 Die Delegierten applau<strong>die</strong>ren in Unterstützung der iranischen Frauen. (© SGB)<br />

5 Übergabe der Unterschriften für <strong>die</strong> Petition zur Konzernverantwortung am 1. Dezember in Bern. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

6 Mehr als 200 000 gesammelte Unterschriften in hundert Tagen: Lydia Schebesta (li.) und Patrizia Mordini zufrieden. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

7–8 Kampf um <strong>die</strong> Rettung des historischen Postamts Saint-François in Lausanne, das an eine Zürcher Immobiliengesellschaft verkauft wurde. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

9–10 Verteilen von Flugblättern durch <strong>die</strong> IG Migration Zürich zum Internationalen Tag der Migrant:innen, 18. Dezember. (© Patrick Gutenberg)<br />

11–12 Paul Rechsteiner, Alt-SGB, und Giorgio Pardini, Alt-<strong>syndicom</strong>, an der Sozialpolitischen Konferenz vom 10. Januar. (© Rodolphe Aeschlimann)<br />

25<br />

7<br />

8<br />

9<br />

10<br />

11<br />

12


26<br />

Aus dem<br />

Leben von ...<br />

Sara Winter Sayilir:<br />

«Eingebettet in eine weltweite Bewegung»<br />

Sara Winter Sayilir hat Turkologie,<br />

Islamwissenschaft und Politik in Berlin<br />

und Baku stu<strong>die</strong>rt und lebt seit 14 Jahren<br />

in der <strong>Schweiz</strong>. Das <strong>syndicom</strong>-<br />

Mitglied gehört zum Leitungsteam des<br />

Strassen<strong>magazin</strong>s Surprise. Seit knapp<br />

zehn Jahren ist sie ehrenamtlich im<br />

Vorstand zweier Exilme<strong>die</strong>n, <strong>die</strong> in und<br />

für Aserbaidschan und Russland um<br />

unabhängige Berichterstattung kämpfen.<br />

Winter Sayilir ist Mitbegründerin<br />

und Co-Vorsitzende der Neuen <strong>Schweiz</strong>er<br />

Me<strong>die</strong>nmacher:innen und wünscht<br />

sich eine rassismussensible <strong>Schweiz</strong>er<br />

Me<strong>die</strong>nbranche, <strong>die</strong> diverser besetzt<br />

ist und diskriminierungsfrei berichtet.<br />

Text: Sara Winter Sayilir<br />

Bild: Miriam Künzli<br />

«Armut und Migration<br />

<strong>sind</strong> eng verzahnt»<br />

Das Wort Gewerkschaft kannte ich,<br />

bevor ich wusste, was damit gemeint<br />

war. Mein Vater leitete den lokalen<br />

Gewerkschaftschor, vielleicht sang<br />

ich schon Lieder der internationalen<br />

Arbeiterbewegung mit, bevor ich<br />

einen ganzen Satz sagen konnte.<br />

Ich lebte in einer WG, <strong>die</strong> Eltern<br />

teilten sich <strong>die</strong> Haus- und Care-<br />

Arbeit, 1.-Mai- und Anti-Atomkraft-<br />

Demos, 35-Stunden-Woche-Kampagnen<br />

– das prägte meine Kindheit.<br />

Später fand ich <strong>die</strong> Lebenswelt der<br />

damals noch Gastarbeiter-Kinder<br />

genannten Menschen in meiner Umgebung<br />

spannender als meine Mitgymnasiast:innen.<br />

Mit 15 belegte ich<br />

einen ersten Türkischkurs, mein Abitur<br />

fiel in <strong>die</strong> Zeit von Kanak Attak,<br />

ich ging zum Studium nach Berlin.<br />

Von dort verschlug es mich nach<br />

Aserbaidschan. Hier fing ich auch<br />

mit dem journalistischen Schreiben<br />

an – für Zenith, das damals noch<br />

«Magazin für den Orient» hiess.<br />

Als ich ein Jahr in Baku stu<strong>die</strong>rte,<br />

kam es dort zum Generationswechsel<br />

in der Präsidentschaft: Das Ölgeld<br />

floss in Strömen und es wurde<br />

immer enger, was <strong>die</strong> politischen<br />

Freiheiten anging. Jahre später floh<br />

ein Freund nach Berlin und gründete<br />

mit anderen in der Diaspora einen<br />

Exilsender, Meydan TV. Ich unterstützte<br />

ihn, so gut ich konnte, und<br />

bin dem Projekt weiter verbunden.<br />

Derweil hatte ich in Basel geheiratet,<br />

mich auf der WOZ herumgetrieben<br />

und ein Kind bekommen.<br />

Schliesslich landete ich bei Surprise.<br />

In der Strassenzeitungswelt fühle ich<br />

mich sehr zu Hause: <strong>Wir</strong> machen mit<br />

unserer kleinen Redaktion spannenden,<br />

unabhängigen, anwaltschaftlichen<br />

Journalismus, ohne den Druck<br />

in der restlichen <strong>Schweiz</strong>er Me<strong>die</strong>nwelt<br />

direkt abzubekommen, und<br />

<strong>sind</strong> über das Netzwerk der Strassenzeitungen<br />

eingebettet in eine weltweite<br />

Bewegung gegen Armut, Ausgrenzung<br />

und Obdachlosigkeit.<br />

Bei Surprise merken wir direkt,<br />

wie eng Armut mit Migration verzahnt<br />

ist. Rassismus erschwert oft<br />

den Zugang zum ersten Arbeitsmarkt.<br />

Auch in der Me<strong>die</strong>nbranche<br />

wird <strong>die</strong>s zum Problem: Die postmigrantische<br />

Vielfalt unserer Gesellschaft,<br />

in der mindestens ein Drittel<br />

eine Migrationsgeschichte hat, spiegelt<br />

sich weder im Personal noch in<br />

der unbewusst perspektivenarmen<br />

Berichterstattung, <strong>die</strong> meist nur <strong>die</strong><br />

weisse, privilegierte Mehrheit vor<br />

Augen hat. Auch deswegen habe ich<br />

im Sommer 2020 mit einigen Gleichgesinnten<br />

<strong>die</strong> Neuen <strong>Schweiz</strong>er Me<strong>die</strong>nmacher:innen<br />

gegründet. <strong>Wir</strong><br />

möchten <strong>die</strong> Branche öffnen: Es sollen<br />

mehr Menschen mit Migrationsgeschichte<br />

berichterstatten und <strong>die</strong><br />

Berichterstattung muss antirassistisch<br />

sein. <strong>syndicom</strong> unterstützt uns<br />

dabei, was wir schätzen. Ich bin<br />

überzeugt, wir sitzen <strong>alle</strong> im selben<br />

Boot und <strong>sind</strong> es unserer Demokratie<br />

schuldig, für Chancengleichheit,<br />

Gerechtigkeit, Freiheit und Teilhabe<br />

tagtäglich einzustehen.<br />

https://surprise.ngo<br />

https://neueme<strong>die</strong>nmacherinnen.ch


Impressum<br />

Redaktion: Robin Moret und Giovanni Valerio<br />

(Co-Leitung), Rieke Krüger, Catalina Gajardo<br />

redaktion@<strong>syndicom</strong>.ch, Tel. 058 817 18 18<br />

Übersetzungen: Alexandrine Bieri, Gabriele Alleva,<br />

Laurence Strasser<br />

Porträtzeichnungen: Katja Leudolph<br />

Layout und Druck: Stämpfli Kommunikation, Bern<br />

Adressänderungen: <strong>syndicom</strong>, Adressverwaltung,<br />

Monbijoustrasse <strong>33</strong>, Postfach, 3001 Bern<br />

Tel. 058 817 18 18, Fax 058 817 18 17<br />

Inserate: priska.zuercher@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

Das Abo ist für Mitglieder kostenlos. Für Nichtmitglieder:<br />

Fr. 35.– (Inland), Fr. 50.– (Ausland)<br />

Abo-Bestellung: info@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

27<br />

Verlegerin: <strong>syndicom</strong> – Gewerkschaft<br />

Me<strong>die</strong>n und Kommunikation, Monbijoustr. <strong>33</strong>,<br />

Postfach, 3001 Bern<br />

Das <strong>syndicom</strong>-Magazin erscheint sechsmal im Jahr.<br />

Die Nummer 34 erscheint am 13. April 2023.<br />

Das <strong>syndicom</strong>-Kreuzworträtsel<br />

Günstiger übernachten: Zu gewinnen<br />

gibt es <strong>die</strong>smal eine HotelCard.<br />

Das Lösungswort wird in der nächsten<br />

Ausgabe zusammen mit dem Namen<br />

der Gewinnerin oder des Gewinners<br />

veröffentlicht.<br />

Lösungswort und Absender an:<br />

admin@<strong>syndicom</strong>.ch oder per Postkarte<br />

an: <strong>syndicom</strong>-Magazin, Monbijoustrasse<br />

<strong>33</strong>, Postfach, 3001 Bern.<br />

Einsendeschluss: 6. 3. 23<br />

Der Gewinner<br />

Die Lösung des Rätsels aus dem <strong>syndicom</strong>-Magazin<br />

<strong>Nr</strong>. 32 lautet: FULFILLMENT.<br />

Gewonnen hat Cornelia Schaad aus<br />

Beringen. Der Coop-Gutschein ist<br />

unterwegs. <strong>Wir</strong> gratulieren herzlich!<br />

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Das Bildungsinstitut der Gewerkschaften<br />

Kurs für Vertrauensleute, aktive Mitglieder<br />

und Mitarbeitende von Gewerkschaften<br />

3.–4. April 2023 in Sigriswil, Kurs <strong>Nr</strong>. D1.8.2307 Protokollführung<br />

Protokolle <strong>die</strong>nen der Information und Kontrolle und <strong>sind</strong> ein wichtiges Führungsinstrument.<br />

Protokollführung ist anspruchsvoll. Lerne <strong>die</strong> wesentlichen Aussagen und Entscheidungen<br />

schriftlich festzuhalten. Melde dich an unter www.movendo.ch oder 031 370 00 70<br />

movendo.ch


28 Inter-aktiv<br />

<strong>syndicom</strong> social<br />

Iran: Journalist:innen unter Beschuss<br />

15.01.2023<br />

Es ist schwierig, eine genaue Schätzung<br />

der Verhaftungen im Iran nach dem Tod<br />

von Mahsa Amini vorzunehmen. Unter ihnen befinden<br />

sich viele Journalist:innen, <strong>die</strong> gehindert werden, ihrer<br />

Arbeit nachzugehen (und über <strong>die</strong> Proteste gegen das<br />

islamische Regime zu berichten). Nach Angaben des CPJ<br />

(Komitee zum Schutz von Journalisten) wurden mindestens<br />

88 Journalisten und Fotografen verhaftet (Stand:<br />

15. Januar). Die Islamische Republik bestreitet, dass<br />

<strong>die</strong>se Me<strong>die</strong>nschaffenden aufgrund ihrer beruflichen<br />

Tätigkeit verhaftet worden <strong>sind</strong>.<br />

Vom Wert der Gewerkschaften 11.01.2023<br />

Eine Stu<strong>die</strong> des SGB hat <strong>die</strong> Auswirkungen von Gewerkschaften<br />

und GAV auf das Lohnniveau, <strong>die</strong> Arbeitsbedingungen<br />

und <strong>die</strong> Produktivität bewertet. Sie steht<br />

unter <strong>syndicom</strong>.ch/k8k37 zum Download bereit.<br />

Musikvideo zur Petitionsübergabe 15.12.2022<br />

Die Petition «Preise steigen! Löhne rauf!»,<br />

<strong>die</strong> von 8436 Post-Angestellten unterzeichnet<br />

wurde, fordert mindestens 200 Franken<br />

mehr Lohn pro Monat. Schau dir das Video der<br />

Petitionsübergabe an: <strong>syndicom</strong>.ch/yspij<br />

Wasser predigen – Wein trinken<br />

13.01.2023<br />

Eine von Greenpeace beauftragte<br />

Stu<strong>die</strong> zeigt: Die Privatflüge ans<br />

Weltwirtschaftsforum 2022 in Davos<br />

verursachten viermal mehr CO2 als<br />

eine normale Woche. Wenn sich <strong>die</strong><br />

Reichen treffen, um über Klima und<br />

Ungleichheit zu sprechen, benutzen<br />

sie das umweltschädlichste Verkehrsmittel.<br />

<strong>syndicom</strong>.ch/0aujc<br />

Wundersame Vermehrung der Gelder 06.12.2022<br />

Auf dem Papier haben sich <strong>die</strong> Beiträge der <strong>Schweiz</strong> an<br />

Klimaschutz in Entwicklungs- und Schwellenländern in<br />

zehn Jahren verdreifacht. Leider zu schön, um wahr zu<br />

sein, analysiert Alliancesud.ch.<br />

Löhne und GAV = mehr Arbeit 05.01.2023<br />

Die Forbes-Prognosen für den Tech-Bereich 20.12.2022<br />

Autonome (fahrerlose) Taxis, massive Investitionen in<br />

<strong>die</strong> Entwicklung humanoider Roboter, KI-Agenten, <strong>die</strong><br />

anstelle der heutigen Link-Listen für Google Online-<br />

Suchanfragen beantworten: Dies <strong>sind</strong> einige der Prognosen<br />

des <strong>Wir</strong>tschafts<strong>magazin</strong>s Forbes für 2023.<br />

Zur Archivseite der Wayback Machine: archive.ph/IkRxT<br />

Rising Together: UNI Global Union 01.01.2023<br />

Der Kongress von UNI Global Union – des Gewerkschaftsverbands,<br />

der über 20 Millionen Beschäftigte in 150 Ländern<br />

und 900 Gewerkschaften vertritt – findet vom 27. bis<br />

30. August in Philadelphia statt. Uniglobalunion.org<br />

Ein gängiges Klischee: Höhere Löhne führen<br />

zu mehr Arbeitslosigkeit. Das widerlegt<br />

der neue Bericht des @SGB. Im Gegenteil: Gesamtarbeitsverträge<br />

und höhere Löhne führen zu mehr<br />

Beschäftigten.<br />

Paris 2026, IJF-Kongress 29.06.2022<br />

Die Internationale Journalist:innen-<br />

Föderation (IJF) gibt bekannt, dass<br />

ihr nächster Kongress 2026 in Paris<br />

stattfindet, wo sie 1926 gegründet<br />

worden ist. Sie erinnert auch, dass<br />

der Fonds für Journalist:innen, <strong>die</strong><br />

von Gewalt bedroht <strong>sind</strong> oder medizinische<br />

Behandlung benötigen, jederzeit<br />

unterstützt werden kann.<br />

www.ifj.org/safety-fund<br />

Massive Repression in Russland 24.1.2023<br />

Elf Monate nach Beginn des Ukraine-Konflikts unterdrücken<br />

<strong>die</strong> russischen Behörden weiterhin öffentliche<br />

Proteste und unterbinden <strong>die</strong> Berichterstattung. Der<br />

Bericht «You will be arrested anyway» von Amnesty<br />

International dokumentiert <strong>die</strong>se Situation: Amnesty.ch<br />

Die Zeit ist unser einziger Feind 06.12.2022<br />

Durch neue Lebensmitteltechnologien könnten 80 %<br />

des Agrarlandes an <strong>die</strong> Natur zurückgegeben werden.<br />

Laut Forschungen der EU könnten weniger als 20 % des<br />

bestehenden Ackerlandes den weltweiten Nahrungsmittelbedarf<br />

decken. Allerdings wird es ein Jahrhundert<br />

dauern, bis <strong>die</strong>se Technologien entwickelt <strong>sind</strong>.<br />

Zu lange, um den Planeten zu retten.<br />

Folge uns auf <strong>alle</strong>n<br />

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