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121_Ausgabe August 2013

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Vorwort<br />

Liebe Leserinnen, liebe Leser,<br />

trotz Bruthitze, Reisewelle und Kleingartenfreuden<br />

häufen sich nun die sommerlichen<br />

Kultur-Höhepunkte bei uns. Tag der offenen<br />

Sanierungstür und Schlesischer Tippelmarkt<br />

lockten viel Publikum ins Stadtzentrum. Via-<br />

Thea und Altstadtfest stehen unmittelbar bevor.<br />

Aber zeigt sich die Stadt auch äußerlich<br />

von der besten Seite? „Ein jeder kehre vor<br />

seiner Tür, und rein ist jedes Stadtquartier.“<br />

So notierte es Goethe noch 16 Tage vor seinem<br />

Tode 1832 – eine Lebensweisheit also,<br />

die tagtäglich befolgt sein will. Nicht von der<br />

Obrigkeit ist die Rede, sondern von jedem<br />

einzelnen Bürger, ob Grundstückseigentümer,<br />

Mieter, Geschäftskunde, Autoparker oder Spaziergänger.<br />

Da gibt es manchen zu loben. Die<br />

Mauer hinter der Freitreppe südlich vom Jakobstunnel<br />

strahlt wieder mit ihren gereinigten<br />

Steinen. Apollo-Optik, Rauer und zahlreiche<br />

andere Geschäfte an der Berliner Straße<br />

empfangen mit frisch gestrichenen Fassaden.<br />

In der Theaterpassage ließ der Betreiber alle<br />

Schmierereien übermalen. An der Hartmannstraße<br />

stehen Baugerüste vor zwei der letzten<br />

nicht sanierten Häuser. An beiden Seiten der<br />

mittleren Jakobstraße leuchten frisch wiederhergestellte<br />

Geschäfts- und Wohnhäuser.<br />

Aber was erlebt der Fußgänger an dieser Straße<br />

zwischen Wilhelmsplatz und Postplatz? Die<br />

zwei Eckhäuser am Eingang zur Hospitalstraße<br />

mit eingeschlagenen, beschmierten und mit<br />

Gerümpel gefüllten Schaufenstern. Im tiefen<br />

Eingangsbereich Jakobstraße 33 (!) sehe ich<br />

seit nunmehr einem Vierteljahr (so um den 20.<br />

April) eine schwarz angeschmierte Aufschrift:<br />

Adi (Adolf), daneben ein gehörig großes, nur<br />

leicht verschmiertes Hakenkreuz, dann eine<br />

88 (zweimal der achte Buchstabe des Alphabets,<br />

gemeint „Heil Hitler!“), dahinter „Duc“<br />

(Führer). Ob nun politische Provokation von<br />

dieser oder jener Seite oder Blödelei – kein<br />

Hauseigentümer, Gewerbe- und Wohnungsmieter<br />

hat bisher etwas Anstößiges daran<br />

gefunden und das Übermalen veranlaßt. Ein<br />

Wunder, daß die überregionale Presse noch<br />

kein Spektakel fürs „Sommerloch“ daraus gemacht<br />

hat. Haus 37 ist seit Jahren vorn und<br />

im Durchgang mit Schmierereien übersät.<br />

Hier ist die Durchfahrt zum Parkplatz des Hotels<br />

„Europa“ – ein erlesener Willkommensgruß<br />

für Touristen. Gegenüber, Jakobstraße<br />

2, hinter dem linken Schaufenster, erblicken<br />

entsetzte Touristen Schutt und hängende<br />

Balken einer herabgestürzten Geschoßdecke.<br />

Eigentümer oder Verwalter sind seit Jahren<br />

nicht in der Lage, das Schaufenster von innen<br />

zu verkleiden, und sei es mit Werbung. Geschäftsleute<br />

der Nachbarschaft wissen davon<br />

zu berichten, wie das auf Gäste wirkt. Haus 3<br />

mit drei „Stolpersteinen“ davor, um 1940 „Judenhaus“<br />

vor den Deportationen, ist zu einer<br />

Ruine verkommen. Die Verwaltung verweist<br />

auf Paragrafen, die ein Eingreifen verbieten.<br />

Aber Parteien, Vereine, die Presse? „Ein jede<br />

kehre vor seiner Tür.“ Eben!<br />

Ihr Ernst Kretzschmar<br />

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Einleitung<br />

3


150 Jahre<br />

Jahre<br />

Görlitzer Zentralhospital<br />

Hospital–<br />

Ältestes Foto von Osten her um 1870<br />

Die Stadt Görlitz besaß vier Hospitäler<br />

und galt hier im Verhältnis zu anderen<br />

Städten als vorbildlich in der sozialen<br />

Alten- und Armenumsorge. Die wirtschaftlichen<br />

Grundlagen zur Unterhaltung<br />

solcher Einrichtungen bildeten zum<br />

einen städtische Besitzungen an Grund<br />

und zum anderen finanzielle Zuwendungen<br />

vermögender Bürger. Ein solcher<br />

Grundbesitz umfasste ganze Dörfer oder<br />

Dorfanteile, aber auch Ackerflächen,<br />

große Forstbestände und Fischteiche, die<br />

Pachtzinsen und Naturalien einbrachten.<br />

Die Aufsicht lag beim Magistrat.<br />

Das älteste Görlitzer Alten- und Armenpflegehaus,<br />

das „Hospital zum Heili-<br />

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4<br />

Jubiläum


150<br />

ein dankbares<br />

Jahre<br />

Jubiläum<br />

Hospital<br />

gen Geist“ oder auch „Neißehospital“<br />

genannt, geht auf den Anfang des 13.<br />

Jahrhunderts zurück. Es befand sich am<br />

östlichen Neißeufer, gegenüber der Dreiradenmühle.<br />

Das Gebäude wurde zuletzt<br />

im Jahre 1769 neu erbaut und beim Neißebrückenbau<br />

1905 teilweise abtragen.<br />

Noch bis 1931 waren in einem ehemaligen<br />

Gebäude des Hospitals eine Schule<br />

und ein Kinderhort untergebracht. Im<br />

19. Jahrhundert veränderte sich auch<br />

in der Stadt Görlitz das wirtschaftliche<br />

und soziale Gefüge durch sprunghaftes<br />

Wachstum von Wirtschaft und Industrie,<br />

Handel und Gewerbe. Mit der Industrialisierung<br />

erfuhr ebenso das soziale und<br />

kulturelle Leben einen erheblichen Aufschwung.<br />

Es bildeten sich mancherlei<br />

Wissenschafts-, Bildungs- und Geselligkeitsvereine.<br />

Im Zuge eines derartigen<br />

Wandels verloren freilich auch die altehrwürdigen<br />

Hospitäler an Ansehen und Bedeutung.<br />

Die Gemäuer waren baufällig,<br />

die Einrichtung veraltet. Die Hospitäler<br />

passten nicht mehr in das Bild einer aufstrebenden<br />

Industriestadt. Der Magistrat<br />

hegte daher den Gedanken eines großen<br />

Oberbürgermeister Hugo Sattig<br />

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Jubiläum<br />

5


150 Jahre<br />

Jahre<br />

Görlitzer Zentralhospital<br />

Hospital–<br />

Zentral-Hospital an der Krölstraße um 1905<br />

Hospitalneubaus. Insbesondere war es<br />

Oberbürgermeister Hugo Sattig, der sich<br />

mit Nachdruck für die Verwirklichung eines<br />

solchen Projektes einsetzte. Im Jahre<br />

1858 erwarb der Magistrat zu diesem<br />

Zweck die an der Krölstraße gelegenen<br />

Kießlich´schen und Blank´schen Gartengrundstücke<br />

mit einer Größe von 3 Morgen<br />

und 176 Quadratmetern für insgesamt<br />

5188 Taler und 3 Groschen. Am 10.<br />

April 1860 wurde das Projekt zur Erbauung<br />

eines Central-Hospitals für die Stadt<br />

Görlitz von Stadtbaurat Martius dem Magistrat<br />

vorgelegt und von diesem dem<br />

Oberpräsidenten der Provinz Schlesien<br />

zur Einwilligung zugestellt. Nach länge-<br />

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Jubiläum


150<br />

ein dankbares<br />

Jahre<br />

Jubiläum<br />

Hospital<br />

Zentral-Hospital von Norden um 1905<br />

ren Verhandlungen erteilte dieser am 23.<br />

September 1861 die Genehmigung. Die<br />

veranschlagten Kosten beliefen sich auf<br />

54000 Reichstaler, die realen Kosten betrugen<br />

am Ende 60000 Taler.<br />

Am 18. <strong>August</strong> 1863 begann der Einzug<br />

der ersten Bewohnerinnen und Bewohner<br />

in das neu errichtete Central-Hospital.<br />

Dabei erfolgte zunächst die Umbelegung<br />

aus den alten Hospitälern. So zogen um<br />

aus dem Neißehospital 10 Männer und<br />

27 Frauen, aus dem Frauenhospital 13<br />

Männer und 22 Frauen und aus dem Jakobshospital<br />

1 Mann und 19 Frauen. Unter<br />

den neu aufgenommenen Hospitalbewohnern<br />

befanden sich 3 Pensionäre,<br />

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Jubiläum<br />

7


150 Jahre<br />

Jahre<br />

Görlitzer Zentralhospital<br />

Hospital–<br />

Hospital mit Garten und Lutherkirche um 1910<br />

die durch Zahlung eines entsprechenden<br />

Einkaufsgeldes in von ihnen selbst möblierten<br />

Zimmern untergebracht werden<br />

konnten. Am 23. <strong>August</strong> 1863 fand in<br />

Gegenwart des Magistrats und der Stadtverordneten<br />

die feierliche Einweihung<br />

des Hospitals statt. Mit dem Jahresende<br />

lebten 102 Bewohner im Hause, die von<br />

6 Angestellten sowie einigen ehrenamtlichen<br />

Personen unter der Leitung des<br />

Hospitalverwalters Günther versorgt<br />

wurden. Bereits am 20. September 1862<br />

erwarb der Magistrat für den Unterhalt<br />

des Hospitals die Güter Rietschen und<br />

Werda im Kreis Rothenburg zu einem<br />

Preis von 275000 Talern. Das Zentralhos-<br />

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8<br />

Jubiläum


150<br />

ein dankbares<br />

Jahre<br />

Jubiläum<br />

Hospital<br />

Dresdener Platz (heute Lutherplatz) mit Lutherkirche und dahinter Hospital um 1903<br />

pital wurde eingebunden in eine städtische<br />

Stiftung. So tritt auch mit Wirkung<br />

vom 7. September 1866 das Statut des<br />

städtischen Zentralhospitals in Kraft. Darin<br />

wird die städtische Aufsicht über das<br />

Hospital einen Kuratorium übertragen.<br />

Entsprechend besteht der Zweck des<br />

Hospitals in der unentgeltlichen Versorgung<br />

armer, erwerbsunfähiger, betagter<br />

oder gebrechlicher Görlitzer Bürger. Die<br />

Versorgung bestand in Wohnung, Beköstigung,<br />

Geldunterstützung, Beihilfe zur<br />

Bekleidung, Heizung, Beleuchtung und<br />

Krankenpflege.<br />

Aufgenommen werden durften nur Bürger,<br />

die das 60. Lebensjahr vollendet<br />

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Jubiläum<br />

9


150 Jahre<br />

Jahre<br />

Görlitzer Zentralhospital<br />

Hospital–<br />

Zentral-Hospital mit Garten, um 1930<br />

hatten, Bürger, die siech geworden und<br />

besonderer Hilfe bedürftig waren, sowie<br />

Bürger mit entsprechender Würdigkeit<br />

und Verdienstlichkeit um die Kommune.<br />

Aber auch Bürger, die unverschuldet in<br />

Armut geraten waren oder weder von<br />

Ehegatten, Kindern noch Geschwistern<br />

versorgt werden konnten. Zur ärztlichen<br />

Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner<br />

wurde 1867 Doktor Schindler<br />

zum Hospitalarzt berufen. Im Jahre 1872<br />

nahm das inzwischen errichtete Siechenhaus<br />

hinter dem Zentralhospital die<br />

Arbeit auf. Es wurden 50 Personen untergebracht.<br />

Die Kapazität erwies sich jedoch<br />

von Anfang an als zu gering. Bereits<br />

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10<br />

Jubiläum


150<br />

ein dankbares<br />

Jahre<br />

Jubiläum<br />

Hospital<br />

Jochmannstraße mit Wirtschaftseingang zum Zentral-Hospital, um 1905<br />

von Anbeginn hatte das Siechenhaus mit<br />

einer übermäßigen Belegung von geistig<br />

behinderten Menschen zu kämpfen, da<br />

keine städtischen Unterbringungen zur<br />

Verfügung standen. Für die ärztliche Betreuung<br />

sorgten Dr. Joachim sowie der<br />

1872 zum Hospitalarzt berufene Sanitätsrat<br />

Dr. Kleefeld. Für die treuen Dienste<br />

erhielt der Hospitalverwalter am 12.<br />

Dezember 1874 vom Magistrat der Stadt<br />

den Amtstitel „Hospital-Inspektor“, der je<br />

nach Verdienst um die Einrichtung nachfolgend<br />

mehreren Verwaltern verliehen<br />

wurde.<br />

Am 1. Mai 1874 trat die Verwaltungsordnung<br />

für das Siechenhaus in Kraft. In<br />

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Jubiläum<br />

11


150 Jahre<br />

Jahre<br />

Görlitzer Zentralhospital<br />

Hospital–<br />

Punkt 1 hieß es:<br />

„Das Siechenhaus ist eine Zweig-<br />

Institution des hiesigen Central-<br />

Hospitals. Als Organ des Magistrats<br />

für die unmittelbare Verwaltung<br />

fungiert daher das Hospital-Curatorium,<br />

dessen Mitglieder sonach<br />

die nächsten Vorgesetzten des<br />

Hausverwalters sind“. Das Zentralhospital<br />

mit dem zugehörigen<br />

Siechenhaus war für die damalige<br />

Zeit eine beispielgebende soziale<br />

Einrichtung. Viele deutsche Städte<br />

sandten kommunale Abordnungen<br />

nach Görlitz, um Kenntnisse<br />

und Erfahrungen für eine zeitgemäße<br />

Alten- und Armenumsorge<br />

zu sammeln. So z.B. die Städte<br />

Beuthen, Frankfurt/Oder, Küstrin<br />

u.a.. Nach Eröffnung des neuen<br />

stadtischen Wasserwerkes 1878<br />

erhielten auch das Zentralhospital<br />

sowie das Siechenhaus in sämtlichen<br />

Stockwerken eine Wasserleitung.<br />

In diesem Zusammenhang<br />

wurden weitere Badestuben<br />

und Duschen eingerichtet, die Wochenmarkt neben dem Hospital um 1910<br />

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12<br />

Jubiläum


150<br />

ein dankbares<br />

Jahre<br />

Jubiläum<br />

Hospital<br />

Wäscherei erweitert sowie ein Dampfwaschapparat<br />

zur leichteren Reinigung<br />

der Wäsche geschaffen. Für die große<br />

Gewerbe- und Industrieausstellung vom<br />

14. Mai bis 27. September 1885 stellte<br />

das Kuratorium den Garten des Hospitals<br />

für eine Einnahme von 175 Mark und der<br />

Garantie der Wiederherstellung des alten<br />

Zustandes zur Verfügung.<br />

Am 23. <strong>August</strong> 1888 konnte das 25-jährige<br />

Gründungsjubiläum des Zentralhospitals<br />

feierlich begangen werden. Es wurde<br />

eine Andacht gehalten, und es sprach ein<br />

Magistratsrat. Das Kuratorium bestimmte,<br />

dass anlässlich des Jubiläums eine<br />

besondere Mahlzeit und ein Fass Bier zu<br />

bewilligen sind. Die Mahlzeit bestand aus<br />

Schweinebraten, Klößen und Kompott.<br />

Am Nachmittag gab es Kaffee und Kuchen.<br />

Anlässlich des Jubiläums wurde<br />

dem Hospitalverwalter Ritzkowsky auf<br />

Veranlassung des Magistrats der Amtstitel<br />

„Hospital-Inspektor“ verliehen. Der<br />

Geheime Medizinalrat Dr. Schmidt nahm<br />

am 24. November 1901 eine Visitation<br />

des Zentralhospitals vor, die im Ergebnis<br />

als „ausgezeichnet“ befunden wurde.<br />

Ebenso konnte die im Jahre 1903 von<br />

Medizinalrat Dr. Erdner im Auftrag der<br />

Königlichen Regierung vorgenommene<br />

Revision des Hospitals und des Siechenhauses<br />

mit der Note „sehr gut“ bewertet<br />

wurde. Das Hospitalgut Rietschen<br />

erbrachte im Jahre 1902 einen Reinertrag<br />

von 54.748,32 Mark und 1908 einen<br />

Reinertrag von 80.758,79 Mark. Das Kapital<br />

des Zentralhospitals in den Gütern<br />

Rietschen, Werda, Daubitz und Walddorf<br />

betrug 1902 insgesamt 1.621.307,69<br />

Mark. Aus Gründen der Überbelegung<br />

des Siechenhauses wurden in der Zeit<br />

vom 1. April 1900 bis 31. März 1901 auf<br />

Kosten der städtischen Armenkasse 25<br />

Personen mit geistiger Behinderung in<br />

die Dr. Kahlbaum´sche Nervenheilanstalt<br />

verlegt, mit einem erforderlichen Kostenaufwand<br />

von 8.643 Mark. Der Verpflegungssatz<br />

im Siechenhaus betrug 2<br />

Mark, für Armenverbände 1 Mark, bei Dr.<br />

Kahlbaum hingegen 6 Mark. Ab 1. April<br />

1909 konnten im Siechenhaus erstmals<br />

zwei ausgebildete Krankenschwestern<br />

angestellt werden, davon eine als Stationsschwester.<br />

Im Jahre 1909 wurde das<br />

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Jubiläum<br />

13


150 Jahre<br />

Jahre<br />

Görlitzer Zentralhospital<br />

Hospital–<br />

Lorenz´sche Gut (Rabenbergvorwerk)<br />

für 272.848,20 Mark für das Hospital<br />

erworben. Im April 1911 kaufte der Magistrat<br />

das frühere Rottmann´sche Gut<br />

für 229.503,62 Mark. Es umfasste 124ha<br />

im Stadtgebiet und 32 ha in Nieder-Leopoldshain.<br />

Das Gut wurde für 30 Mark<br />

pro Morgen verpachtet. Pächter beider<br />

Güter war der Rittergutspächter Otto Eydam<br />

in Niecha bei Deutsch-Ossig.<br />

In den Jahren des 1. Weltkrieges musste<br />

ein Teil des Zentralhospitals als Lazarett<br />

genutzt werden, da andere Räumlichkeiten<br />

für diesen Zweck nicht zu finden<br />

waren; insgesamt 60 Verwundete. Die<br />

Hospitalverwaltung übernahm die Verpflegung<br />

der Verletzten. 60 Hospitalbewohner,<br />

die vorübergehend ausziehen<br />

mussten, kamen bei ihren Verwandten<br />

unter. Am 1. <strong>August</strong> 1919 konnte das<br />

Hospital endlich wieder ausschließlich für<br />

die Alten- und Armenumsorge genutzt<br />

werden. Das Vermögen des Zentralhospitals<br />

bestand vor dem 1. Weltkrieg aus<br />

einem Kapital von 800.000 Mark und<br />

schmolz durch die Geldentwertung auf<br />

230.000 Mark zusammen. Der bedeutende<br />

Grundbesitz des Hospitals ermöglichte<br />

es, den Betrieb ohne Zuschuss<br />

aufrecht zu erhalten. Im Jahre 1992 ging<br />

das Staatliche Feierabend- und Pflegeheim<br />

in die Trägerschaft der inzwischen<br />

wieder gegründeten Arbeiterwohlfahrt,<br />

Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege,<br />

über und erhielt den alten Namen<br />

„Zentralhospital“ zurück. Gemeinsam<br />

mit einem Wiesbadener Architekturbüro<br />

(Architekt Bernd Rössel) entwickelte die<br />

AWO ein Sanierungskonzept, welches<br />

durch das Kuratorium Deutsche Altershilfe<br />

Köln evaluiert wurde. Mit Förderung<br />

des Freistaates Sachsen, der Kreisfreien<br />

Stadt Görlitz sowie mittels Eigenkapital<br />

konnte das Haus bis 1998 einer Generalsanierung<br />

unterzogen werden. Das Zentralhospital<br />

ist eingetragen in die Denkmalliste<br />

der Stadt Görlitz. Heute ist das<br />

Zentralhospital eine Stätte zeitgemäßer<br />

Altenumsorge mit insgesamt 80 Plätzen,<br />

insbesondere zur Pflege und sozialen Betreuung<br />

für alte Menschen mit dementiellen<br />

Erkrankungen. Es liegt am Rande<br />

der Görlitzer Innenstadt, inmitten einer<br />

großen Parkanlage. Städtisches Leben<br />

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14<br />

Jubiläum


150<br />

ein dankbares<br />

Jahre<br />

Jubiläum<br />

Hospital<br />

Blick vom Zentral-Hospital in Richtung Güterbahnhof, um 1905<br />

und grüne Ruhezone stellen ein ausgewogenes<br />

Miteinander her und bewahren<br />

pflegebedürftige alte Menschen vor<br />

ihrer Ausquartierung an die städtische<br />

Peripherie. Dank engagierter Sponsoren<br />

konnte im Jahr 2005 die Giebeluhr<br />

über dem Hauptportal an der Krölstraße,<br />

auch zur Freude der Anlieger im Wohnquartier,<br />

restauriert werden. Zeiger und<br />

Glockenwerk gehen auf die Erbauungszeit<br />

zurück. Seit 150 Jahren ist das Zentralhospital<br />

der Altenumsorge, als seiner<br />

eigentlichen Bestimmung, erhalten geblieben.<br />

Dankbar blicken wir auf eine bewegte<br />

Geschichte.<br />

Jörg Ignatius, Görlitz<br />

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Jubiläum<br />

15


Straßennamen<br />

Vor 200 Jahren wurde Napoleon besiegt –<br />

Das Jahr der vielen Jubiläen ist schon in<br />

seiner zweiten Hälfte: 150 Jahre Zentral-<br />

Hospital, 100 Jahre Sparkassengebäude,<br />

Realgymnasien Südstadt, Krematorium<br />

und Warenhaus. Deutschland feiert derweil<br />

Richard Wagner, den „umstrittenen“<br />

und gelegentlich verfemten. Sachsen sieht<br />

nun in ihm seinen berühmten Sohn. Verlage,<br />

Theater und Presse geben sich bemüht.<br />

Sondermarke und Gedenkmünze<br />

fehlen nicht. Um das 200. Jubiläum der<br />

antinapoleonischen Befreiungskriege ist<br />

es recht still geblieben. Nur Leipzig wird<br />

nicht umhin können, im Oktober an die<br />

„Völkerschlacht“ mit dem Sieg über den<br />

Eroberer zu erinnern. Die verbündeten<br />

Russen, Österreicher, Preußen, Engländer<br />

und Schweden machten 1813/15 den ungeheuren<br />

Menschenverlusten, Plünderungen<br />

und frechen Eroberungen ein Ende.<br />

Trotz der Versuche der „Heiligen Allianz“,<br />

die feudalen Zustände wiederherzustellen,<br />

setzten die Kriege und Reformen jene<br />

Kräfte frei, die Schritt um Schritt die nationalstaatliche<br />

Einigung und den wirtschaftlichen<br />

Aufschwung in Deutschland durchsetzten.<br />

Der vom Eroberer erzwungene<br />

Friedrich Ludwig Jahn, 1778-1852<br />

Zusammenschluss der Satellitenstaaten<br />

zum „Rheinbund“ zerbrach. Wenn man<br />

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16<br />

Geschichte


Straßennamen in Görlitz erinnern<br />

Karl Friedrich Friesen, 1784-1814<br />

sich heute, im Gegensatz zum Jubiläum<br />

vor 100 Jahren, mit 1813 schwertut, verwundert<br />

das kaum. Die Nachfahren der<br />

Rheinbündler aus dem Südwesten haben<br />

heute die meisten Spitzenpositionen im<br />

Lande besetzt. Sachsen verdankte zudem<br />

Napoleon die Königswürde für seine Kurfürsten,<br />

und man mag hier immer noch<br />

Könige, wenn auch nun nicht mehr aus<br />

dem Hochadel. In den Jahrzehnten des<br />

„Kalten Krieges“ bildeten sich wiederum<br />

Bündnissysteme, in deren Rahmen Staatengruppen<br />

gefügig gemacht wurden, mit<br />

allen Mitteln die wirtschaftlichen und militärstrategischen<br />

Ziele der jeweiligen „Führungsmächte“<br />

durchzusetzen, bis heute.<br />

In dieser Hinsicht bleibt Napoleon gegenwärtig<br />

auch als gescheiterter Zwingherr<br />

der Völker. In Markersdorf gedachte man<br />

der berühmten Todesopfer der Gegenseite<br />

(Duroc und Kirchner). Eine faktenreiche<br />

Broschüre begibt sich auf „Spurensuche:<br />

Napoleon I. in der Region Görlitz“. Haben<br />

die Befreiungskämpfer keine Spuren hinterlassen?<br />

Wer ehrt die vielen deutschen<br />

Opfer? Einer Pressenotiz war sogar zu<br />

entnehmen, dass beim Görlitzer Stadtfest<br />

Ende <strong>August</strong> auch Napoleon mit seinen<br />

Soldaten mit von der Partie sein soll. (Hof-<br />

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Geschichte<br />

17


Straßennamen<br />

Vor 200 Jahren wurde Napoleon besiegt –<br />

fentlich gibt es dann im Publikum auch<br />

ein paar beherzte schlesische Landwehrmänner<br />

aus der Armee von Blücher, die<br />

dem Eindringling den Weg nach Leipzig<br />

zeigen.) Immerhin: Das Schlesische Museum<br />

Görlitz bot eine aufschlussreiche und<br />

bewegende Busfahrt mit Thomas Maruck<br />

nach Breslau zu den Stätten des Aufbruchs<br />

von 1813 und einen Vortrag im eigenen<br />

Hause. Für September <strong>2013</strong> bereitet das<br />

militärgeschichtliche Museum Dresden<br />

eine Sonderausstellung zu 1813/15 vor.<br />

Der verdächtige Titel „Blutige Romantik“<br />

und der Werbetext lassen vermuten, dass<br />

wohlhonorierte und ideologisch gefällige<br />

Autoren und Gestalter wieder emsig „aufarbeiten“<br />

und „hinterfragen“ werden. In<br />

westlichen und südlichen Bundesländern<br />

gab es jüngst einen auffälligen Eifer, dort<br />

Straßen, Plätze und Kasernen umzubenennen<br />

und mit patriotischen Traditionen<br />

aufzuräumen. Vor diesem Hintergrund<br />

braucht man sich über das Stillschweigen<br />

in Görlitz kaum zu wundern.<br />

Auch heute noch erinnern hier in Görlitz<br />

eine Reihe von Straßennamen an Persönlichkeiten<br />

der Befreiungskriege. Von den<br />

Friedrich Fröbel, 1782-1852<br />

ausgewählten sieben Beispielen finden<br />

sich fünf in der um 1900 zum moderns-<br />

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18<br />

Geschichte


Straßennamen in Görlitz erinnern<br />

Joseph von Eichendorff, 1788-1857<br />

ten Stadtteil gewachsenen Südstadt, zumeist<br />

Namen aus Volksbildung und Kultur:<br />

Fichtestraße, Arndtstraße, Friesenstraße,<br />

Fröbelstraße und Eichendorffstraße.<br />

Im Gründerzeitbereich angesiedelt sind<br />

Jahnstraße und Theodor-Körner-Straße.<br />

Unsere Vorfahren wählten die Namen,<br />

um die Befreiungskämpfer zu ehren und<br />

sie als Vorbilder für die Bevölkerung und<br />

insbesondere für die Jugend zu würdigen.<br />

Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) als Begründer<br />

des Erwachsenenturnens und des<br />

Schulsports in Preußen und ganz Deutschland<br />

ist auch heute noch weithin bekannt.<br />

Nach ihm sind in Görlitz eine Straße, eine<br />

Schule und eine Sporthalle benannt. Die<br />

Grundschule an der Schulstraße trägt den<br />

Namen seines Schülers <strong>August</strong> Moritz Böttcher,<br />

des „Turnvaters der Oberlausitz“. Ein<br />

Porträtmedaillon Jahns findet man an der<br />

Vorderfassade der Mittelschule Elisabethstraße<br />

zwischen den Porträts von Diesterweg,<br />

Pestalozzi und Altenstein. Karl Friedrich<br />

Friesen (1784-1814) war als Lehrer<br />

ein enger Mitarbeiter Jahns in Berlin und<br />

dann 1813 gemeinsam mit ihm in Breslau<br />

einer der Organisatoren des Freikorps<br />

Lützow; 1814 fiel er während der Kämpfe<br />

in Frankreich. Die nach ihm benannte Stra-<br />

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Geschichte<br />

19


Straßennamen<br />

Vor 200 Jahren wurde Napoleon besiegt –<br />

ße führt am Sportplatz Biesnitz vorüber.<br />

Auch Friedrich Fröbel (1782-1852), bekannt<br />

vor allem als Begründer der ersten<br />

Kindergärten im Sinne Pestalozzis, kämpfte<br />

im Freikorps Lützow: Die Straße unmittelbar<br />

neben dem Sportplatz Eiswiese<br />

ist nach ihm benannt und läuft parallel zur<br />

Pestalozzistraße. Joseph von Eichendorff<br />

(1788-1857), der bekannteste und wohl<br />

beliebteste Dichter der deutschen literarischen<br />

Romantik, war ebenfalls Offizier bei<br />

den Lützowern. Er hinterließ unvergängliche<br />

Gedichte, oft vertont und zu Volksliedern<br />

geworden, und mehrere Novellen<br />

(„Aus dem Leben eines Taugenichts“). Die<br />

Straße mit seinem Namen führt hoch zum<br />

„schlesischen Dichterviertel“. Johann Gottlieb<br />

Fichte (1762-1814), einer der bekanntesten<br />

und fortschrittlichsten deutschen<br />

Philosophen jener Zeit, war erster Rektor<br />

der Berliner Universität und verstand sich<br />

als Nationalerzieher. Er begeisterte Mitbürger<br />

und Studenten mit den „Reden an die<br />

deutsche Nation“ (1807/08) und reihte<br />

sich selbst in die Bürgerwehr ein. Ernst<br />

Moritz Arndt (1769-1860), Hochschulprofessor<br />

in Greifswald und Rektor in Bonn,<br />

Johann Gottlieb Fichte, 1762-1814<br />

verfasste zündende patriotische Lieder<br />

und die Schrift „Geist der Zeit“. Als Se-<br />

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20<br />

Geschichte


Straßennamen in Görlitz erinnern<br />

Ernst Moritz Arndt, 1769-1860<br />

kretär des Reformpolitikers Freiherr vom<br />

Stein in Russland und Preußen kämpfte er<br />

um einen deutschen Nationalstaat.<br />

Arndstraße und Fichtestraße verlaufen von<br />

der Biesnitzer Straße parallel zur Kreuzkirche.<br />

Zum populärsten Dichter der Befreiungskriege<br />

1813/1815 und Offizier des<br />

Lützowschen Freikorps wurde der aus<br />

Dresden stammende Lyriker und Theaterdichter<br />

Theodor Körner (1791-1813).<br />

Vor allem seine begeisternden patriotischen<br />

Gedichte aus der Sammlung „Leyer<br />

und Schwert“ fanden weite Verbreitung<br />

und wurden vertont („Lützows wilde,<br />

verwegene Jagd“). Der Soldatentod des<br />

21jährigen machte ihn zu einer Legende<br />

der Befreiungskriege. Die ihm gewidmete<br />

Straße verbindet Schillerstraße und Emmerichstraße.<br />

Vor 1990 trug die erweiterte<br />

Oberschule Reichenbach seinen Namen.<br />

In den Jahren der Restauration durch die<br />

„Heilige Allianz“ von Russland, Österreich<br />

und Preußen gehörten Arndt und Jahn zu<br />

den verfemten und verfolgten Kämpfern<br />

für die nationalstaatliche Einigung. Die<br />

Burschenschaften der deutschen Studenten<br />

und die liberalen und demokratischen<br />

bürgerlichen Bewegungen vor 1848 führten<br />

die Volkserhebungen von 1813 unter<br />

Sponsor des Görlitzer-<br />

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21


Straßennamen<br />

Vor 200 Jahren wurde Napoleon besiegt –<br />

schwierigen Bedingungen fort. All dies<br />

zählt zu den vorwärtsweisenden Traditionslinien<br />

der deutschen Geschichte trotz<br />

mancher gehässiger Anfeindungen durch<br />

Parteiideologen, Medien und Behörden.<br />

In der Görlitzer Oststadt gab es vor 1945<br />

Straßennamen nach den preußischen Feldmarschällen<br />

jener Zeit Courbière, Blücher,<br />

Gneisenau, Kleist, Yorck, den Generälen<br />

Scharnhorst, Clausewitz und Goetzen und<br />

dem Freikorpsführer Major Lützow. Kasernen<br />

waren nach Courbière (1938) und<br />

Kleist (1935) benannt. Garnisontruppenteile<br />

waren 1813 entstanden: das Jäger-<br />

Bataillon Nr. 5 (in Görlitz 1830-1887) und<br />

Infanterie-Regiment Nr. 19 (hier 1871-<br />

1919).<br />

Auch in Görlitz und dem Umfeld haben wir<br />

allen Grund, die zahllosen militärischen<br />

und zivilen Opfer sowie die genannten<br />

Patrioten im Kampf um die Befreiung<br />

Deutschlands vom Joch Napoleons in unserem<br />

Gedächtnis zu bewahren. Die sehr<br />

genau nach Kriegsende ermittelten Schäden<br />

und Verluste der einzelnen Städte und<br />

Dörfer unserer Region machen deutlich,<br />

dass die Befreiungskriege unaufschiebbar<br />

Theodor Körner, 1791-1813<br />

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22<br />

Geschichte


Straßennamen in Görlitz erinnern<br />

Körner-Gedenkstein Landeskrone, 26.8.1995<br />

waren. Die damalige Generation verdient<br />

unser Mitgefühl und unseren Respekt.<br />

Am 200. Todestag von Theodor Körner,<br />

Montag, dem 26. <strong>August</strong> <strong>2013</strong>, wollen wir<br />

in Görlitz ein Zeichen setzen. Am Körner-<br />

Gedenkstein auf der Landeskrone (eingeweiht<br />

1895 durch die Ortsgruppe des<br />

Riesengebirgs-Vereins) wird es um 16 Uhr<br />

ein Gedenken für alle Kämpfer und Opfer<br />

von 1813/15 in unserer Region geben. Zu<br />

den einladenden Vereinen und Institutionen<br />

gehören der Aktionskreis für Görlitz,<br />

der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge,<br />

der Riesengebirgsverein und die Berggaststätte.<br />

Zu dieser Begegnung sind alle<br />

heimatverbundenen und traditionstreuen<br />

Mitbürger herzlich eingeladen. Als Motto<br />

mögen diese Zeilen aus Körners Gedicht<br />

„Aufruf“ von 1813 gelten:<br />

„Doch stehst du dann, mein Volk, bekränzt<br />

vom Glücke,<br />

In deiner Vorzeit heil´gem Siegerglanz:<br />

Vergiss die treuen Toten nicht und schmücke<br />

Auch unsre Urne mit dem Eichenkranz!“<br />

Dr. Ernst Kretzschmar<br />

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Geschichte<br />

23


Glückwünsche für Dr. Ernst Kretzschmar –<br />

Am 26. <strong>August</strong> <strong>2013</strong> wird unser geschätzter<br />

Dr. Ernst Kretzschmar 80 Jahre. An<br />

dieser Stelle will ich auch im Namen des<br />

ganzen Teams einmal Danke sagen.<br />

Danke für die vielen Artikel, die im Stadt-<br />

BILD erschienen sind, Danke für die teilweise<br />

auch kritischen Verworte unserer<br />

Broschur, Danke für das riesige Bildmaterial,<br />

Danke für die liebevollen Untertexte<br />

zu unserem historischen Kalender, Danke<br />

für die Zeit und Kraft, die Dr. Ernst Kretzschmar<br />

in unseren kleinen Verlag gesteckt<br />

hat und hoffentlich noch lange Zeit stecken<br />

wird.<br />

War in der 1. <strong>Ausgabe</strong> des StadtBILDes<br />

im Februar 2000 nur ein Abdruck aus dem<br />

Sagenheft Alt Görlitz von Dr. Ernst Kretzschmar<br />

vertreten, so wuchs im Laufe der<br />

Zeit aus sporadischen, kleineren Artikeln<br />

zu Jubiläen eine ehrenamtliche redaktionelle<br />

Mitarbeit an jeder <strong>Ausgabe</strong>. Seit der<br />

<strong>Ausgabe</strong> 40 wurden so immer wieder die<br />

Inhalte der Hefte mit ihm besprochen, die<br />

er natürlich auch dann redigierte. Ab der<br />

<strong>Ausgabe</strong> 57 schrieb Dr. Ernst Kretzschmar<br />

dann auch die Vorworte des StadtBILDes,<br />

und das bis heute. 2004 trat er an mich<br />

Am Schreibtisch, 2012<br />

heran, um ein Buch herauszugeben, welches<br />

er 10 Jahre vorher einem westdeutschen<br />

Verlag gesandt hatte, aber das aus<br />

„Kostengründen“ dort nicht erscheinen<br />

konnte.<br />

„Görlitz als preußische Garnisonstadt“ war<br />

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24<br />

Gratulation


Glückwünsche<br />

zum 80. Geburtstag<br />

Königshainer Sagenspiele, 2007<br />

der erste Buchtitel, den auch der kleine<br />

Verlag herausbrachte. Leider ist das Werk<br />

schon seit Monaten ausverkauft - aber wir<br />

denken an eine Nachauflage. In der Folge<br />

erschienen dann die ersten drei Teile der<br />

beliebten Schriftenreihe „Görlitzer Plätze<br />

und Straßen“ mit dem Postplatz als Band<br />

1, der Berliner Straße als Band 2 und dem<br />

Obermarkt als Band 3. Aber wir würden<br />

uns freuen, den geplanten 4. Band - „Der<br />

Wilhelmsplatz“ mit ihm realisieren zu dürfen.<br />

Vorausgesetzt, ihm bleibt die nötige<br />

Zeit, plant er noch 7 Titel.<br />

Legendär waren und sind aber auch seine<br />

kleinen Untertexte zu unserem historischen<br />

Görlitz-Kalender, der sich über die<br />

Jahre zu einem allseits beliebten Klassiker<br />

in der Branche entwickelt hat. Nicht zu<br />

vergessen sind aber auch seine treffenden<br />

Nachworte zu den Günter-Hain-Kalendern,<br />

die alle zwei Jahre seit 2006 erscheinen.<br />

Ich glaube, wir sind über den Zeitraum der<br />

letzten 10 Jahre wie eine zweite Familie<br />

von ihm geworden. Da ist unsere Kathrin<br />

Drochmann, die seit vielen Jahren das<br />

StadtBILD setzt und zusammen mit ihm<br />

die Korrekturen durchführt, da ist unsere<br />

Auszubildende Susanne Hensel, die seine<br />

Bildvorlagen regelmäßig scannt und bearbeitet,<br />

und da sind dann auch noch Bertram<br />

Oertel und Eberhard Oertel, die auch<br />

über das StadtBILD hinaus über Geschichte,<br />

aber auch aktuelle Stadtpolitik mit ihm<br />

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Gratulation<br />

25


Glückwünsche für Dr. Ernst Kretzschmar –<br />

diskutieren, was aber meist mit einem Augenzwinkern<br />

endet.<br />

Über Dr. Ernst Kretzschmar ist freilich wenig<br />

zu erfahren, da er private Gespräche<br />

eher meidet. Aber an dieser Stelle muß<br />

natürlich erwähnt werden, dass er die wilhelminische<br />

Zeit von Görlitz sehr verehrt<br />

und damit mich ebenfalls regelrecht angesteckt<br />

hat. Diese Zeit war für Görlitz eines<br />

der Kapitel, die Wachstum und Reichtum<br />

der Stadt brachten, vom Mittelalter mal<br />

abgesehen. Noch heute können wir das<br />

glanzvolle Gründerzeitviertel und die Jugendstilbauten<br />

bewundern. Mit welcher<br />

Dynamik und auch mit welcher Innovation<br />

unsere Vorfahren gerade zur Jahrhundertwende<br />

unterwegs waren, zeigen heute<br />

nicht nur Ruhmeshalle, Stadthalle und<br />

Jugendstilkaufhaus, auch die Industrieund<br />

Gewerbeausstellung von 1905 mit ca.<br />

1.500.000 Besuchern ist herausragend. Allein<br />

der logistische Aufwand zu Zeiten der<br />

Pferdewagen war bei diesem Großereignis<br />

für heutige Begriffe unvorstellbar. Dazu<br />

kam die Filigranität an Fassaden und in<br />

Treppenhäusern. Aber auch die handkolorierten<br />

Postkarten zeugen noch heute von<br />

Muschelminnafest, 2007<br />

dem Aufwand, der betrieben wurde, um<br />

natürlich auch den Reichtum der Stadt zu<br />

präsentieren.<br />

Für mich war es immer wieder erstaunlich,<br />

was alles Dr. Ernst Kretzschmar über die<br />

Görlitzer Stadtgeschichte weiß. Einen Teil<br />

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26<br />

Gratulation


Glückwünsche<br />

zum 80. Geburtstag<br />

Nächtliche Sagenführung 2012<br />

Dr. Ernst Kretzschmar genießt meine<br />

Hochachtung, da er unermüdlich ein Programm<br />

absolviert, das es in sich hat. Er<br />

macht Führungen u.a. auch für den Aktionskreis<br />

für Görlitz e.V., hält Vorträge, wird<br />

zum Schauspieler auf dem Nikolaifriedhof<br />

und bei den Königshainer Sagenspielen,<br />

interviewt beim Muschelminnafest und ist<br />

immer zur Stelle, wenn er in der Stadt gebraucht<br />

wird - er lebt Görlitzer Geschichte,<br />

wie es einst Günter Hain malte und Rainer<br />

Kitte fotografierte - ein Görlitzer Urgestein!<br />

Lieber Dr. Ernst Kretzschmar, ich habe Dir<br />

diese Zeilen gewidmet, weil ich gern in<br />

zwanzig Jahren auch zu Deinem 100. Geburtstag<br />

noch einmal gratulieren möchte.<br />

In diesem Sinne Gesundheit, Kraft, Energie<br />

und allseits glückliche Momente wünschen<br />

Dir<br />

dieses Wissens konnten wir in den zurückliegenden<br />

10 Jahren auf Papier bringen und<br />

auch elektronisch der Nachwelt sichern.<br />

Hoffen wir, dass noch viel Papier bedruckt<br />

wird und so auch der Nachwelt ein Großteil<br />

seines Wissens erhalten bleibt.<br />

Andreas Christian de Morales Roque<br />

und das ganze Team vom StadtBILD.<br />

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Gratulation<br />

27


STALAG<br />

Nachlese zum STALAG<br />

VIII<br />

VIII A<br />

Portrait Abbé Jean Brossard<br />

Im STALAG VIIIa waren neben dem bekannten<br />

französischen Musiker Olivier<br />

Messiaen noch weitere bedeutende, aber<br />

weniger bekannte Persönlichkeiten interniert.<br />

Wir werden uns in loser Folge diesen<br />

Persönlichkeiten und ihrem Wirken<br />

in Görlitz sowie in ihrer (französischen)<br />

Heimat widmen.<br />

Ein Mitgefangener Messiaens war der<br />

Geistliche ABBE JEAN BROSSARD, aus<br />

dessen Aufzeichnungen wir mit freundlicher<br />

Genehmigung von Hannelore Lauerwald<br />

aus ihrem Buch „Primum vivere.<br />

zuerst leben“ sowie weiteren Quellen<br />

Ausschnitte bringen möchten.<br />

Jean Brossard wurde am 27.12.1913 in<br />

Frazé (Eure et Loire) geboren. 1937 erhielt<br />

er die Priesterweihe und war seit<br />

1937 Priester in der Diözese Chartres. In<br />

dieser Eigenschaft wurde er als Unteroffizier<br />

der Reserve 1939 zum 41. Infanterie-Regiment<br />

in Rennes eingezogen.<br />

Am 7. Juni 1940 gerät er in der Nähe von<br />

Caix (Somme) auf freiem Feld in deutsche<br />

Gefangenschaft. Nach vier Tagen<br />

Fußmarsch bei großer Hitze erreichten<br />

die Gefangenen die Zitadelle von Cambrai.<br />

Auf dem Hof der Zitadelle hatte die<br />

Deutsche Wehrmacht unter freiem Himmel<br />

das Front - Stalag 101 errichtet. Die<br />

Gefangenen wurden zu Arbeitseinsätzen<br />

herangezogen, wie Transport von Sä-<br />

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28<br />

Geschichte


STALAG<br />

Nachlese zum STALAG<br />

VIII<br />

VIII A<br />

cken und Benzinfässern<br />

in den Docks am Bahnhof<br />

von Cambrai, Arbeit<br />

bei der Deutschen Luftwaffe<br />

in Niergnies, Bau<br />

eines Schwimmbades<br />

für die Deutsche Wehrmacht<br />

zwischen Cambrai<br />

und Arras.<br />

Im Oktober 1940 erfolgte<br />

die Verlegung im<br />

Güterwagen nach Görlitz.<br />

Nun folgen Abbe<br />

Brossards persönliche<br />

Aufzeichnungen:“ Kontrolle<br />

hinterm Lagertor.<br />

Der Posten lässt mir mein Gebetbuch,<br />

nachdem er seinen Namen hingeschrieben<br />

hat. Desinfektion. Für die französischen<br />

Priester und Priester-Eleven Zuweisung<br />

einer halben Baracke. Wir bilden<br />

seine kleine Gemeinde: Messe, Gebete,<br />

Rosenkranz. Erste Pflicht ist allerdings,<br />

an den Appellen teilzunehmen, Baracke<br />

zu reinigen, Kohle zu holen, kleine wilde<br />

Tiere zu jagen (Wanzen und Flöhe). Da<br />

die Verpflegung bescheiden, Päckchen<br />

Weihnachten 1943 in Penzig<br />

aus der Heimat selten, bemühen sich vor<br />

allem die Jüngeren, in den Küchen freiwillig<br />

Kartoffeln zu schälen.<br />

Als nach der Hitler- und Priester- Vereinbarung<br />

Teilnehmer des ersten Weltkrieges<br />

entlassen werden, dürfen wir<br />

Priester offiziell Versammlungen zu religiösen<br />

Themen durchführen. So behandelt<br />

R.P. Avril, ein Dominikanermönch,<br />

Fragen über das erste Buch Moses. Zur<br />

freien Ausübung ihres Glaubens wird ab<br />

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Geschichte<br />

29


STALAG<br />

Nachlese zum STALAG<br />

VIII<br />

VIII A<br />

Gottesdienst unter freiem Himmel<br />

November 1940 allen Kriegsgefangenen<br />

die Hälfte einer Baracke als Kapelle zur<br />

Verfügung gestellt, die ein junger belgischer<br />

Architekt mit pittoresken Arbeiten<br />

aus Packpapier schmückt. Jeden<br />

Sonntag wird nun so feierlich wie möglich<br />

eine große Messe zelebriert. Einem<br />

Dolmetscher muss vorher der Text der<br />

Predigt übergeben werden. Die Verantwortlichkeit<br />

für die geistliche Betreuung<br />

des Lagers hatte der Pfarrer der benachbarten<br />

Bonifatiuskirche<br />

Dr. Franz Scholz, bis sie<br />

Ostern 1941 den im Lager<br />

gefangenen Priestern<br />

übertragen wurde.<br />

Weihnachten 1940 in<br />

der WUMAG: Am Morgen<br />

des 25. Dezember<br />

führt mich ein Wachposten<br />

zu den Mitgefangenen<br />

im Außenlager<br />

hinter dem Betrieb.<br />

Die Kameraden leben<br />

hier eingepfercht hinter<br />

Stacheldraht neben der<br />

WUMAG.<br />

Mein erstes Amt als Feldprediger: Von einem<br />

bewaffneten „Schutzengel“ begleitet,<br />

verlasse ich aus diesem Grund das<br />

Stalag VIII A, um nach Strehlen, Richtung<br />

Breslau, zu fahren.<br />

Kommando 1045 in Strehlen: 60 - 70<br />

Kriegsgefangene, Unterbringung auf<br />

einem großen, schlecht beleuchteten<br />

Gasthaussaal in dreistöckigen Betten. Arbeit<br />

in einer Zuckerfabrik, Arbeitszeit 12<br />

Stunden täglich, außer Sonntag, Wecken<br />

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30<br />

Geschichte


STALAG<br />

Nachlese zum STALAG<br />

VIII<br />

VIII A<br />

5.00 Uhr, Abmarsch<br />

5.30 Uhr, bewacht, auf<br />

schlechten Wegen, Arbeitsbeginn<br />

6.00 Uhr.<br />

Ich entleere Säcke,<br />

um Platz für die neue<br />

Ernte zu schaffen. Aus<br />

offenen Zuckersäcken<br />

bedient sich mancher<br />

ganz „zufällig“.<br />

Ab September wird in<br />

Schichten gearbeitet,<br />

12 Stunden am Tag, 12<br />

Stunden in der Nacht.<br />

Wenn die Schicht wechselt,<br />

werden es 18 Stunden,<br />

Schmutzige Arbeit in Feuchtigkeit<br />

und Kälte. Entladen und Waschen von<br />

Zuckerrüben oder Arbeit an den Filtern<br />

bei Temperaturen von 35 bis 40 Grad,<br />

zwischendurch eine Dusche.<br />

Eine Messe vor der Arbeit: Als Priester<br />

habe ich eine wenig schwere Arbeit, außerdem<br />

bin ich von Sonntagsarbeit befreit.<br />

So kann ich mich vorbereiten, um<br />

jeden Montag vor Abfahrt zur Arbeit die<br />

Messe zu zelebrieren. Ich besitze wieder<br />

Feierliche Messe auf dem Sportplatz im STALAG VIII A<br />

einen tragbaren Altar, aber leider haben<br />

wir keinen Raum, den wir als Kapelle<br />

nutzen können. Aus diesem Grunde<br />

schreibe ich einen Brief an den Lagerkommandanten.<br />

Ohne Erklärung werde<br />

ich kurz darauf in ein anderes Kommando<br />

versetzt.<br />

Kommando Rittergut Deutsch - Jägel:<br />

900 - 1000 ha, 20 - 30km südlich von<br />

Strehlen. Der Verwalter des Gutes ist<br />

gutmütig und hat eine Schwäche für<br />

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Geschichte<br />

31


STALAG<br />

Nachlese zum STALAG<br />

VIII<br />

VIII A<br />

seine Franzosen. Ich hole Post ab, registriere<br />

unter Anleitung eines Sekretärs<br />

die Vollzähligkeit der Angestellten. Die<br />

Kameraden des Kommandos arbeiten im<br />

Wald oder säubern Gräben und versorgen<br />

sich mit Froschschenkeln.<br />

Erster Einsatz als Feldprediger: Wieder<br />

in Strehlen im Büro des Stalag - Außenkommandos.<br />

Unter Aufsicht eines<br />

deutschen Unteroffiziers habe ich hier<br />

die Lohnabrechnungen für das gesamte<br />

Außenkommando Strehlen zu erledigen.<br />

Offiziell werde ich beauftragt, die geistliche<br />

Betreuung meiner französischen und<br />

belgischen Kameraden zu übernehmen.<br />

Jeden Sonntag melde ich mich nun zu<br />

festgelegten Stunden bei der Wachkompanie.<br />

Ich werde von einem Posten<br />

übernommen, der mich zu einem oder<br />

zwei anderen Kommandos führt, wo sich<br />

die Gefangenen, die am Gottesdienst<br />

teilnehmen wollen, bereits versammelt<br />

haben (179 Teilnehmer Ostern 1942).<br />

Da sich Wege schnell einprägen, aber<br />

die Wachposten wechseln, bin ich es, der<br />

mittlerweile den Posten führt.<br />

Messe vor der Hakenkreuzfahne: Die Kameraden<br />

haben die Messe mit Altar und<br />

Kreuz auf weißen Tafeltüchern im großen<br />

Versammlungsaal der „Partei“ vorbereitet,<br />

im Hintergrund die Hakenkreuzfahne.<br />

Die Zeremonie der Messe beschränkt<br />

sich auf einige Gesänge. Wenn die Kameraden<br />

es wünschen, versehe ich sie<br />

mit dem Abendmahl, allerdings ohne<br />

Beichte. Ich komme der dringenden Bitte<br />

des Lager - Vetrauensmannes nach und<br />

weise sie auf die Bestrafungen hin, falls<br />

sie „gewissen Versuchungen“ nicht widerstehen,<br />

(enge Kontakte zu deutschen<br />

Frauen). Nicht immer sind die sonntäglichen<br />

Ausflüge Erholung. Im harten Winter<br />

1940/41 frieren meinen Posten die<br />

Ohren an.<br />

Begleitung auf dem letzten Weg: Ein<br />

Kamerad ist beim Baden im Steinbruch<br />

in der Nähe von Strehlen ertrunken. Die<br />

Trauerfeier findet am frühen Morgen 5<br />

1/2 - 6.00 Uhr, statt, ganz einfach, aber<br />

so feierlich wie möglich. Ein Kamerad<br />

aus meinem eigenem Kommando hatte<br />

während eines Fußballspieles einen Stoß<br />

in den Magen erhalten. Nach heftigen<br />

Schmerzen stirbt er acht Stunden nach<br />

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32<br />

Geschichte


STALAG<br />

Nachlese zum STALAG<br />

VIII<br />

VIII A<br />

einer Operation. Auch<br />

er wird in den ersten<br />

Stunden des Tages beigesetzt.<br />

Zweiter Einsatz als<br />

Feldprediger: Kommando<br />

920 in Niesky. 350<br />

Kriegsgefangene Franzosen<br />

in einer für mich<br />

mysteriösen Atmosphäre.<br />

Die Kameraden stehen<br />

in Opposition zu<br />

mir, ich bleibe von der<br />

Masse getrennt. Nach<br />

zwei Monaten werde<br />

ich ohne Erklärung wieder<br />

ins Stalag zurückgebracht.<br />

Dritter Einsatz als Feldprediger: Kommando<br />

277 Penzig, Glasfabrik Putzler.<br />

Der für uns verantwortliche Ingenieur,<br />

französisch sprechend, ohne Familie<br />

und Katholik, versucht mit allen Mitteln,<br />

unsere Lage als Gefangene zu erleichtern.<br />

In der Glasfabrik Putzler sind wir<br />

inzwischen „Meister“ unseres jeweiligen<br />

Arbeitsgebietes: Mein Priester-Schüler<br />

aus Cambrai beim „Formen“, ein Blei -<br />

Kriegsgefangenengräber in Penzig<br />

Zinkarbeiter aus Montceaules Mines, ein<br />

junger Franzose, der das dekorierte Glas<br />

nachmals erhitzt, ich selbst, der mittels<br />

Spritzpistole die Farbdekoration ausführt.<br />

Alle Gefangenen arbeiten vollkommen<br />

selbstständig.<br />

Luftschutzraum als Kapelle: Das Wohlwollen<br />

des Ingenieurs erleichtert auch<br />

meine Aufgabe als Prediger. Ich bekomme<br />

einen Luftschutzraum zur Verfügung,<br />

den ich einer Kapelle entsprechend aus-<br />

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Geschichte<br />

33


STALAG<br />

Nachlese zum STALAG<br />

VIII<br />

VIII A<br />

Beisetzung eines verstorbenen Kriegsgefangenen<br />

statte. Material dafür erhalte ich regelmäßig<br />

aus Frankreich. Bei den Kommandos<br />

außerhalb von Penzig, manchmal<br />

Fußmärsche von 10 - 15 km, kann ich<br />

frei über Zeit und Vorhaben entscheiden.<br />

Meine letzte Weihnachtsmesse während<br />

der Gefangenschaft lese ich am 25. Dezember<br />

1944 in Rauscha.<br />

Privater Kontakt: Ich treffe den Pfarrer<br />

der Gemeinde. Er ist zur Hälfte gelähmt.<br />

Als ich mich als Priester vorstelle, kann<br />

er nur mit Mühe seine Gefühle beherrschen,<br />

ihm kommen die Tränen. Diese<br />

spontane Reaktion zeigt mir, dass es in<br />

Deutschland Menschen gibt, die unser<br />

Schicksal ergreift.<br />

Sabotage in Strehlen: Eines Tages werde<br />

ich verdächtigt, an einem Sabotageakt<br />

in Strehlen beteiligt gewesen zu sein. Es<br />

handelt sich um einen Kasten Schmierfett,<br />

der mit Sand verunreinigt worden<br />

ist. Man glaubt durch meine vielen Kontakte,<br />

die ich als Pfarrer habe, davon<br />

gewusst zu haben. Das ist bizarr. Mein<br />

Freund Dr. Scholz schickt mir aus dem<br />

Stalag Görlitz einen Dolmetscher, der mir<br />

sehr hilfreich ist. (der Görlitzer Rechtsanwalt<br />

Karl Albert Brüll).<br />

Die letzten Monate: Mit Ankunft der<br />

russischen Armeen an den Grenzen<br />

Schlesiens beginnt unter dramatischen<br />

Bedingungen die Flucht der deutschen<br />

Zivilbevölkerung. Flüchtlingstrecks sind<br />

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34<br />

Geschichte


STALAG<br />

Nachlese zum STALAG<br />

VIII<br />

VIII A<br />

für mich die Illustration des Evangeliums:<br />

„Möge eure Flucht nicht im Wasser<br />

geschehen... Unglück für die schwangeren<br />

oder stillenden Frauen...“ (Math.<br />

XXIV).<br />

Februar 1945 - März 1945 Evakuierung:<br />

Gegen 5.30 Uhr Abmarsch. Vermischt<br />

mit der Zivilbevölkerung befinden wir<br />

uns auf der Straße nach Groß- Krauscha<br />

und erreichen Kodersdorf. Die Kolonne<br />

teilt sich. Während die deutschen Flüchtlinge<br />

in Richtung Rengersdorf gehen,<br />

kommen wir durch Särchen. Wir finden<br />

Quartier in der Scheune ein Gutes. Da<br />

das Dorf verlassen ist, gibt es gute Möglichkeiten,<br />

etwas zu essen zu besorgen.<br />

So sind wir zwei Monate unter widrigsten<br />

Bedingungen unterwegs. Den Waffenstillstand<br />

erfahre ich am 8. Mai in einer<br />

Pfarrei in Aussig am Ufer der Elbe. Ohne<br />

dass ich ihn darum gebeten habe, stellt<br />

der Pfarrer den französischen Rundfunk<br />

ein. Welch Seufzer der Erleichterung! Die<br />

Gefangenschaft ist zu Ende! Am nächsten<br />

Tag erfolgt das erste Zusammentreffen<br />

mit russischen Soldaten. Auf der<br />

Straße erschütternde Begegnungen mit<br />

einer Kolonne ehemaliger KZ - Häftlinge<br />

in gestreifter Kleidung. Nach mehreren<br />

Umwegen treffen wir an der deutsch -<br />

tschechischen Grenze am 17. Mai 1945<br />

auf die erste amerikanische Kompanie.<br />

Geduld, noch ist nicht alles gut! Aber<br />

man ist angekommen! Gott sei gelobt<br />

und gedankt in Ewigkeit!“<br />

Nach dem Krieg: Bis 1975 ist Abbé Jean<br />

Brossard Professor am Institut Notre<br />

Dame in Chartres. Von 1956 bis 1988<br />

übernimmt er im Gefängnis Chartres die<br />

geistliche Betreuung der Verurteilten.<br />

Viel Zeit verwendet er für die Aufarbeitung<br />

seiner Kriegserlebnisse. Er tritt für<br />

die Versöhnung aller Völker ein. So pflegt<br />

er auch zur Görlitzer Historikerin Hannelore<br />

Lauerwald einen guten Kontakt.<br />

1975 - 1993 ist er Sekretär im Bischöflichen<br />

Sekretariat von Chartres. Abbé Jean<br />

Brossard stirbt am 4.3.2001 in Chartres.<br />

Bertram Oertel<br />

Lauerwald Hannelore: Primum vivere - Zuerst leben.<br />

Wie Gefangene das STALAG VIII A Görlitz erlebten<br />

Lusatia Verlag Bautzen, 2008<br />

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Geschichte<br />

35


Stadtverkehr<br />

Geschichten vom Görlitzer Stadtverkehr –<br />

Viertürer auf der Emmerichstraße<br />

Zweitürer auf der Emmerichstraße<br />

Im Jahre 1983 waren noch vier von<br />

einst mindestens sechs Ikarus 180 im<br />

Regionalbuseinsatz des VEB Kraftverkehr<br />

Görlitz und aushilfsweise sogar<br />

auf Stadtbuslinien unterwegs. Von<br />

1963 bis 1975 sind 7802 Wagen dieses<br />

markanten und ab Werk meist<br />

rot- weiß lackierten Kurzgelenkbusses<br />

hergestellt worden, von denen die<br />

DDR zwischen 1966 und 1973 insgesamt<br />

1140 Fahrzeuge erhalten hat. Der<br />

Anteil des Kraftverkehrskombinates<br />

Dresden war vergleichsweise gering.<br />

Lediglich 40 Viertürer und 15 Zweitürer<br />

waren im gesamten Kombinat vorhanden.<br />

Dort begann der Zulauf auch<br />

erst Ende der 60er Jahre. Eine Hochburg<br />

war Freital mit 13 Stadtwagen,<br />

welche für den Schienenersatzverkehr<br />

nach Hainsberg benötigt wurden. Der<br />

Kraftverkehr Görlitz erhielt im Herbst<br />

1970 die ersten beiden Stadtwagen<br />

und setzte sie zunächst auf der Linie R<br />

923 (ab 1975 R 147) Görlitz- Tauchritz<br />

ein, welche damals ein recht großes<br />

Fahrgastaufkommen im Berufsverkehr<br />

zu bewältigen hatte, für das die Ikarus<br />

66 zu klein wurden. In einen Ikarus K<br />

180 war Platz für über 150 Fahrgäste,<br />

beim Ikarus 66 waren es lediglich<br />

knapp 100 bei voller Auslastung aller<br />

Stehplatzmöglichkeiten. Bis 1973 sind<br />

mindestens vier weitere Ikarus K 180,<br />

unter ihnen zwei in der Überlandaus-<br />

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36<br />

Geschichte


Stadtverkehr<br />

Eine fast vergessene Ikarusbaureihe<br />

Aushilfe als Stadtbus B<br />

Bei der Werkstatt Zittauer Straße<br />

führung (2 anstelle der sonst üblichen<br />

4 Türen), neu angeschafft worden.<br />

Die Fahrzeuge erwiesen sich als wenig<br />

standfest. Gebrochene Verbindungsteile<br />

in der Gelenkführung und defekte<br />

Luftkissen sowie die rasch voranschreitende<br />

Korrosion der Außenbeblechung<br />

führten immer wieder zu Ausfällen und<br />

einer raschen Alterung der Fahrzeuge.<br />

Generalrepariert wurde kein Fahrzeug<br />

des Kraftverkehrs Görlitz, weil das ausführende<br />

Werk zu weit entfernt lag<br />

(Halle/Saale) und eine Überführung eines<br />

derartigen Omnibusses auf dieser<br />

Strecke nicht zumutbar erschien. Der<br />

Zulauf der Ikarus 200er Reihe ab 1974<br />

hat hier wohl zusätzlich einen baldigen<br />

Verzicht auf die ungeliebte Busreihe<br />

bewirkt. Hatte ich im Sommer 1983<br />

noch vier Wagen bildlich dokumentieren<br />

können, so waren es Ende 1983<br />

beim Kraftverkehr Görlitz nur noch der<br />

Stadtwagen 7800156 (Weinhübel) und<br />

der Überlandwagen 7820110 (Emme-<br />

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Geschichte<br />

37


Stadtverkehr<br />

Geschichten vom Görlitzer Stadtverkehr<br />

Mehrere Busgenerationen in Weinhübel<br />

richstraße). Letzterer ist am Ende seiner<br />

Einsatzzeit zwei Jahre später als<br />

letzter seiner Reihe auf der Linie R 138<br />

(ab 1985 R 142) nach Niesky eingesetzt<br />

gewesen. Immerhin sind mehrere<br />

Ikarus 180 in Görlitz mit neuen Außenanstrichen<br />

versehen worden. Einer von<br />

ihnen erstrahlte sogar zuletzt in blauweiß.<br />

Die baugleichen Solowagen mit<br />

der Typbezeichnung Ikarus 556 befanden<br />

sich 1983 bereits seit mehreren<br />

Jahren nicht mehr im Bestand. Von<br />

Wg.7800156 kurz vor der Aussonderung<br />

ihnen hat es in Görlitz lediglich drei<br />

Omnibusse der Baujahre 1971-72 gegeben,<br />

in der DDR insgesamt 311 von<br />

5651 zwischen 1963 und 1975 produzierten<br />

Fahrzeugen.<br />

(wird fortgesetzt)<br />

Andreas Riedel, Wiesbaden<br />

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38<br />

Impressum:<br />

Herausgeber (V.i.S.d.P.):<br />

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Geschäftsführer:<br />

Andreas Ch. de Morales Roque<br />

Carl-von-Ossietzky Str. 45<br />

02826 Görlitz<br />

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Fax: (03581) 40 13 41<br />

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Geschäftszeiten:<br />

Mo. - Fr. von 9.00 bis 17.00 Uhr<br />

Druck:<br />

Graphische Werkstätten Zittau GmbH<br />

Verantw. Redakteur:<br />

Andreas Ch. de Morales Roque<br />

(Mitglied im Deutschen<br />

Fachjournalistenverband)<br />

Redaktion:<br />

Dr. Ernst Kretzschmar,<br />

Dipl. - Ing. Eberhard Oertel,<br />

Dr. Ingrid Oertel<br />

Anzeigen verantw.:<br />

Dipl. - Ing. Eberhard Oertel<br />

Mobil: 0174 - 31 93 525<br />

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verteilt, um eine größere Verbreitungsdichte<br />

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Texte & Fotos übernimmt der Herausgeber<br />

keine Haftung. Artikel, die namentlich<br />

gekennzeichnet sind, spiegeln nicht<br />

die Auffassung des Herausgebers wider.<br />

Anzeigen und redaktionelle Texte können<br />

nur nach schriftlicher Genehmigung<br />

des Herausgebers verwendet werden<br />

Anzeigenschluss für die September-<strong>Ausgabe</strong>:<br />

15. <strong>August</strong> <strong>2013</strong><br />

Redaktionsschluss: 20. <strong>August</strong> <strong>2013</strong><br />

Wir arbeiten mit<br />

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