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37_Ausgabe Februar 2006

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Görlitzer Geschichte leben <strong>Ausgabe</strong> <strong>37</strong><br />

Lebensstationen<br />

von Jacob Böhme<br />

Geschichte<br />

Görlitzer Hospitale<br />

Die Mollerlinde auf<br />

dem Nikolaifriedhof


Dankeschön: Matthias Schneider<br />

(langjähriger Chef der Görlitz Tourismus-und Marketinggesellschaft)


Vorwort<br />

Liebe StadtBILDleserinnen und -leser,<br />

nun wird’s Ernst ! Alle Kräfte müssen gebündelt werden, um im<br />

Sinne unserer Europastadt Görlitz-Zgorzelec „Kulturhauptstadt<br />

2010“ zu werden. Über den neuesten Stand der Bewerbung, die<br />

auch StadtBILD unterstützt, werden wir Sie, liebe Leser, mit<br />

diesem Heft informieren.<br />

Das neue Jahr ist erst ein paar Wochen alt, und schon gibt es gute<br />

Nachrichten für unsere Stadt. Die alljährliche Altstadtmillion ist<br />

da, diesmal bereits zum 12.Mal . Seit 1995 übergibt ein bis heute<br />

unbekannter Spender diesen Betrag alljährlich für sanierungsbedürftige<br />

denkmalgeschützte Gebäude an die Stadt. Die<br />

bisherigen Gelder wurden für Sanierungsarbeiten an zahlreichen<br />

öffentlichen, privaten und kirchlichen Einrichtungen eingesetzt.<br />

Der Redaktion von StadtBILD gingen auch in diesem Jahr wieder<br />

Leserzuschriften und mit ihnen neue Anregungen für eine<br />

interessante Gestaltung unseres Journals zu. So schrieb unser<br />

Leser Wolfhard Besser aus Berlin:“ In ihren Beiträgen erfährt<br />

man viele unbekannte Dinge über die Stadt Görlitz und ihre<br />

Umgebung, die bisher so nicht veröffentlicht wurden. Wenn Sie<br />

gestatten, dann möchte ich Ihnen ein Thema vorschlagen, zu dem<br />

ich beitragen könnte - Görlitz als Radiostandort - die Geschichte<br />

des Studios Görlitz.“ Diesen Artikel, liebe Leser, stellen wir<br />

Ihnen unter der Rubrik „Was mancher Görlitzer nicht weiß“ vor.<br />

Viel Spaß beim Lesen, und vielleicht kommen Ihnen dabei<br />

auch alte Erinnerungen aus jener Zeit in den Sinn. Lassen Sie<br />

es uns wissen!<br />

Ihre StadtBILD-Redaktion<br />

Herausgeber (V.i.s.d.P.):<br />

StadtBILD-Verlag<br />

Inh. Thomas Oertel<br />

Carl-von-Ossietzky-Str. 45<br />

02826 Görlitz<br />

Tel.: 0 35 81/ 87 87 87<br />

Fax: 0 35 81/ 40 13 41<br />

http://www.stadtbild-verlag.de<br />

e-Mail:info@stadtbild-verlag.de<br />

Verantwortlicher Redakteur:<br />

Dipl.Ing. E.Oertel<br />

Redaktion:<br />

Jenny Schreier<br />

Katja Baller<br />

Layout: Jenny Schreier<br />

Katja Baller<br />

Marnie Willig<br />

Internet: Mario Förster<br />

Anzeigen verantwortlich:<br />

Dipl. Ing. E. Oertel<br />

Funk: 0174/ 31 93 525<br />

im Verbund der<br />

incaming media group<br />

Demianiplatz 21/22 • Görlitz<br />

Tel.: 03581/ 64 90 222<br />

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Auflage: 10.000 Stück<br />

Für unverlangt eingesandte Fotos<br />

und Manuskripte wird keine<br />

Haftung übernommen.<br />

Nachdruck von Anzeigen und<br />

Layouts nur mit ausdrücklicher<br />

Genehmigung des Herausgebers.<br />

Alle Artikel sind urheberrechtlich<br />

geschützt. c <strong>Februar</strong> <strong>2006</strong><br />

Wohnen bei der Wohnungsgenossenschaft<br />

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02826 Görlitz • Biesnitzer Fußweg 870 • Tel.: 0 35 81/ 48 03-0 • Fax: 0 35 81/ 48 03 14<br />

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4<br />

Das Biblische Haus Neißstraße 29<br />

Das Biblische Haus Neißstraße 29<br />

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Das vor allem unter dem Namen Biblisches<br />

Haus bekannte Gebäude Neißstraße 29 wurde<br />

von 1570 bis 1572 im Auftrag der wohlhabenden<br />

Familie Heintze errichtet. Es gilt<br />

als eines der bedeutendsten Renaissance-<br />

Bürgerhäuser Deutschlands. Die Familie<br />

stammte aus Weimar und war unter anderem<br />

im lukrativen Handel mit Tuchen und<br />

dem Tuchfärbemittel Waid tätig. Wie es damals<br />

üblich war, wurden Teile eines Vorgängerbaus<br />

in das neue Gebäude einbezogen.<br />

So stammen etwa die Kellergewölbe<br />

und der im Erdgeschoss gelegene, beeindruckende<br />

Einstützensaal noch aus mittelalterlicher<br />

Zeit.<br />

Während für andere Görlitzer Bürgerhausfassaden<br />

des 16. Jahrhunderts der Wechsel<br />

von Spritzputzflächen und Sandsteingewänden<br />

üblich ist, gestaltete man die<br />

Straßenfassade des Biblischen Hauses vollständig<br />

mit schmuckreich bearbeitetem<br />

Werkstein. Namensgebend für das Patrizierhaus<br />

sind die detailreichen Fassadenreliefs.<br />

Auf einer Breite von etwa zehn Metern stellen<br />

sie in den Brüstungsfeldern der beiden<br />

Obergeschosse Szenen aus dem Alten und<br />

aus dem Neuen Testament dar. In einer noch<br />

bis in das 18. Jahrhundert üblichen Ausdeu-<br />

Neißstraße 29<br />

Gott schütze das ehrbare Handwerk<br />

Walkowiak & Brendle


tungstradition der Bibel werden hier - jeweils<br />

übereinander angeordnet - Personen<br />

oder Geschehnisse aus dem Alten Testament<br />

mit einer Person oder einem Ereignis<br />

aus dem Neuen Testament in Bezug gesetzt.<br />

So ist z. B. der Übergabe der Zehn Gebote<br />

an Moses auf dem Berg Sinai die Einsetzung<br />

der Eucharistie durch Christus<br />

beim Letzten Abendmahl gegenübergestellt.<br />

Portalansicht<br />

Ein besonderer Blickfang ist auch das säulenflankierte<br />

Sitznischenportal. Während<br />

ein behelmter Gaffkopf den Scheitelpunkt<br />

des Bogens schmückt, soll jeweils über den<br />

Sitznischen das Motiv des Knaben mit Totenschädel<br />

den Eintretenden an die Vergänglichkeit<br />

des irdischen Lebens erinnern.<br />

Ein ehemals vorhandener Giebel, dessen<br />

Gestaltung nicht überliefert ist, fiel 1726 einem<br />

Stadtbrand zum Opfer. An der hofseitigen<br />

Putzfassade haben sich die Reste einer<br />

Sgraffitogestaltung erhalten.<br />

Im Innern besitzt das Gebäude die für Görlitz<br />

typischen Hallenhausstrukturen: Im<br />

straßenseitigen Bereich liegt die nachträglich<br />

eingewölbte Erdgeschosshalle. Die<br />

schmale Zentralhalle, die die straßen- und<br />

die hofseitigen Räume des Hauses über<br />

Treppen und Galerien miteinander verbindet,<br />

ist von besonderer Schönheit. Gleichzeitig<br />

übernimmt sie die Funktion, das Gebäude<br />

über eine Fensteröffnung im Gewölbe<br />

auch in seinem Kern zu belichten. Die vorder-<br />

und rückseitigen Geschosse sind in ihrer<br />

Höhenlage gegeneinander versetzt,<br />

sodass hofseitig so genannte Zwischengeschosse<br />

entstehen.<br />

Ein prächtiger Renaissancesaal mit einer<br />

bemalten Holzbalkendecke, deren Balken<br />

ungewöhnlich dicht beieinander liegen, befindet<br />

sich im ersten Zwischengeschoss. Ne-<br />

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6<br />

ben Akanthusranken schmücken unregelmäßig<br />

eingestreute Tierdarstellungen die<br />

Deckenfelder. Die weiteren Räume sind vor<br />

allem durch eine barocke Umgestaltung geprägt<br />

und besitzen zum Teil noch Stuckdecken<br />

aus dem frühen 18. Jahrhundert. In<br />

der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die<br />

Erdgeschosshalle in zwei separate Geschäfte<br />

mit straßenseitigen Schaufenstern unterteilt.<br />

In den oberen Geschossen entstanden<br />

Mietwohnungen. Nachdem zu Beginn des<br />

20. Jahrhunderts das Gebäude in städtische<br />

Hand übergegangen war, wurde 1907 mit<br />

der Rückgestaltung des Erdgeschosses hin<br />

zu seinem früheren Zustand begonnen.<br />

Die in den Jahren 1953 bis 1955 durchgeführten<br />

Modernisierungsmaßnahmen am<br />

Gebäude galten in der damaligen Zeit als<br />

beispielhaft für denkmalpflegerischen Umgang<br />

mit historischer Bausubstanz und sollten<br />

zeigen, dass zeitgemäßes Wohnen auch<br />

in Altstadthäusern möglich ist. Nach der<br />

jüngsten umfassenden Instandsetzung, die<br />

2004 ihren Abschluss fand, wird das Vorderhaus<br />

heute von der Denkmalschutzbehörde<br />

der Stadt Görlitz genutzt.<br />

Im Hinterhaus besitzt die Oberlausitzische<br />

Gesellschaft der Wissenschaften e. V. ihre<br />

Räumlichkeiten.<br />

Quelle: Altstadtstiftung Görlitz<br />

Relief: Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies<br />

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Spaziergang zu Lebensstationen von Jacob Böhme<br />

Spaziergang zu Lebensstationen von Jacob Böhme<br />

7<br />

Als der weltweit bekannteste Görlitzer gilt<br />

Jacob Böhme. Noch heute bekommt man<br />

immer wieder neue Buchausgaben mit seinen<br />

Texten oder dickleibige Bände mit philosophiegeschichtlichen<br />

Betrachtungen<br />

über das Werk Jacob Böhmes zu Gesicht.<br />

Wissenschaftliche Tagungen<br />

suchen Bezüge zwischen<br />

Böhmes Gedankenwelt und<br />

den Ideen seiner geistigen<br />

Nachfahren bis in die Gegenwart.<br />

Im Jahre 2000 nahm in<br />

Görlitz ein Internationales<br />

Jacob-Böhme-Institut seine<br />

Arbeit auf. Volkstümliche<br />

Lesungen, biographische<br />

Stadtführungen (mitunter<br />

auch in szenischem Spiel mit<br />

Maske und Kostüm) und regionalgeschichtliche<br />

Vorträge finden immer wieder<br />

ihr Publikum.<br />

Weniger öffentliche Beachtung findet aber<br />

die Tatsache, dass Besucher aus ganz Europa<br />

und der übrigen Welt - oft einzeln oder in<br />

kleinen Gruppen - eigens nach Görlitz kommen,<br />

um an Böhmes Grab zu gehen und um<br />

weitere Spuren seines Lebens “vor Ort” zu<br />

finden. Haben sie Glück, dann begegnen sie<br />

zufällig jemand, der sich auskennt und sie<br />

auf einem Rundgang begleitet. Oder sie behelfen<br />

sich mit dem gut lesbaren, solide illustrierten<br />

und handlichen Führer, den das hiesige<br />

Jacob-Böhme-Institut 2004 herausgab.<br />

Alteingesessene Görlitzer geben<br />

freimütig zu, dass sie wenig oder<br />

nichts über Lebensstationen<br />

oder gar das Werk des bekanntesten<br />

Görlitzers wissen.<br />

Sie zitieren dann gern<br />

den Satz, dass der Prophet<br />

eben nichts in seinem Vaterland<br />

gelte. Dabei kostet<br />

es doch nur wenig Mühe,<br />

sich endlich einmal allein,<br />

mit der Familie oder mit<br />

Freunden auf den Weg zu machen.<br />

Man findet ja alles nahe<br />

beieinander entlang der Neiße und in<br />

der Altstadt.<br />

Vielleicht beginnt man dann mit dem Denkmal<br />

von Johannes Pfuhl (1898) im Stadtpark,<br />

das den Bildersturm von 1942 glücklicherweise<br />

überlebte. Das ursprünglich von<br />

einem Brunnen umgebene Werk zeigt uns<br />

Böhme nach landläufiger Vorstellung auf<br />

dem Schusterschemel sitzend, die Stiefel zur<br />

Seite gelegt, auf dem Knie die aufgeschlage-<br />

Seit 1928 Kraftfahrzeugmeisterbetrieb<br />

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8<br />

ne Bibel, die feingliedrigen Finger mit dem<br />

Griffel auf die Brust gelegt, den Blick in die<br />

Ferne gerichtet, nach dem Zeitgeschmack<br />

realistisch, doch auch ein wenig bieder und<br />

theatralisch. Dabei gibt es gar kein überliefertes<br />

Bildnis, sondern nur die Beschreibung<br />

des Biographen Frankenberg, der sich<br />

auf seine Begegnungen mit Böhme berufen<br />

konnte. Er beschrieb den früh Gealterten als<br />

verfallen, von schlechtem Ansehen, kleiner<br />

Statur, niedriger Stirn, mit leicht gebogener<br />

Nase, blaugrauen Augen, spärlichem Bartwuchs,<br />

rühmte jedoch seine Ausstrahlungskraft<br />

im Auftreten und Reden. Die Görlitzer<br />

nannten die Denkmalfigur seinerzeit re-<br />

spektlos den “Parkschuster”. Jenseits der<br />

Neiße, an der früheren Prager Straße (zu<br />

Böhmes Zeit Rabengasse, heute ul. Daszynskiego),<br />

findet man noch das erste<br />

Wohnhaus, das der Schuhmachermeister für<br />

seine Familie 1599 erwarb und bis 1610 bewohnte.<br />

Es wurde 1871 erheblich umgebaut.<br />

Zum 300. Todestag Böhmes wurde 1924 die<br />

heute noch sichtbare Gedenktafel angebracht.<br />

Eine kleine ständige Ausstellung im<br />

Hause bezeugt, dass auch auf polnischer Seite<br />

das Interesse an dem berühmten einstigen<br />

Hauseigentümer zunimmt.<br />

Das zweite Wohnhaus, das Böhme 1610 mit<br />

seiner Familie am östlichen Ende der Neissebrücke<br />

bezog und wo er 1624<br />

starb, wurde wie die benachbarte<br />

Gedenktafel des Wohnhauses<br />

Erstes Wohnhaus von Jacob<br />

Böhme vor dem Umbau<br />

Zeichnung Engelhardt-Kyffhäuser, 1924<br />

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arocke Heilig-Geist-Kirche vor dem Bau<br />

der Stahlbrücke 1906/ 07 abgetragen.<br />

Über die Altstadtbrücke erreichte Böhme<br />

die Peterskirche und betrat sie sicherlich<br />

über die halbrunde Treppe an der Südseite.<br />

(Das Innere des Kirchenraumes veränderte<br />

sich nach dem Brand von 1691 weitgehend.)<br />

Im Leben von Jacob Böhme spielte<br />

die Kirche eine bedeutende Rolle. Hier hei-<br />

Böhme vor dem Rathaus,<br />

Wandbild von Otto<br />

Engelhardt-Kyffhäuser<br />

9<br />

ratete er 1599 Katharina Kuntzschmann,<br />

Tochter eines wohlhabenden Fleischermeisters.<br />

Hier sind seine vier Söhne Jacob, Michael,<br />

Tobias und Elias im Taufregister verzeichnet.<br />

Hier spielten sich auch jene unerfreulichen<br />

Szenen ab, als der Oberpfarrer<br />

Gregor Richter Böhme im Gottesdienst mit<br />

harten Worten abkanzelte und seine Mitbürger<br />

gegen ihn aufbrachte.<br />

Wenige Schritte von hier liegt am Eingang<br />

zur Krebsgasse rechts das damalige Haus<br />

des Arztes Dr. Tobias Kober, der Böhmes<br />

Werke schätzte und den Verfemten, Kränkelnden<br />

unterstützte. Böhmes Frau war hier<br />

zeitweise als Krankenpflegerin tätig. Böhmes<br />

jüngster Sohn Elias starb in Kobers Haus<br />

1625 an der Pest, wenig später folgte ihm<br />

seine Mutter, die Pestkranke betreut hatte.<br />

Im Haus Neißstraße 30 findet der Interessierte<br />

in der Oberlausitzischen Bibliothek<br />

der Wissenschaften eine stattliche Sammlung<br />

von Werkausgaben Böhmes und von<br />

weiterführender Böhmeliteratur. Hier ist<br />

auch der Sitz des Internationalen Jacob-<br />

Böhme-Instituts.<br />

Die historische Rathaustreppe am Untermarkt<br />

erinnert an die Abmahnungen Böhmes<br />

durch die Obrigkeit 1613 und 1624. Auf<br />

Betreiben Gregor Richters wurde ihm das<br />

weitere Schreiben untersagt und sein grundlegendes<br />

Werk “Aurora” eingezogen und<br />

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10<br />

dann - kurz vor dem Tode Böhmes - das<br />

Fortgehen aus Görlitz angeraten. Diese Begebenheiten<br />

sind mehrfach nachgestaltet<br />

worden, auch durch die Görlitzer Maler und<br />

Zeichner Otto Engelhardt-Kyffhäuser (auf<br />

einem seit 1945 verschollenen Wandbild in<br />

der Luisenschule) und Günter Hain.<br />

Die Nordseite des Untermarktes, wo man<br />

heute auch die Schauwerkstatt “Handwerkerey”<br />

findet, war zu Böhmes Zeit Standort<br />

der Schusterbänke, von denen Meister Jacob<br />

eine 1599 für einige Jahre erwarb. Nicht<br />

weit von hier, Peterstraße 4, war das Wohnhaus<br />

von Bartholomäus Scultetus, dem Mathematiker<br />

und Astronomen, der 1613 als<br />

Bürgermeister Böhme ins Gewissen reden<br />

musste, möglicherweise zwischen persönlicher<br />

Nachsicht und amtlicher Strenge<br />

schwankend.<br />

Die ehrwürdigste Erinnerungsstätte ist gewiss<br />

die Grabanlage auf dem Nikolaifriedhof.<br />

Wurde doch das ursprüngliche Grabkreuz,<br />

das gebildete Bürger und Adlige für<br />

Böhme aufgestellt hatten, bald danach vom<br />

aufgeputschten Pöbel geschändet und entfernt.<br />

Die drei Grabsteine stammen aus dem<br />

frühen 19. Jahrhundert, von 1869 (aufgestellt<br />

von der Oberlausitzischen Gesellschaft<br />

der Wissenschaften) und von 1922 (Grabplatte<br />

und Sitzbank, gestiftet durch zwei<br />

amerikanische Verehrer). Der Ort mag einladen<br />

zum Gespräch über Böhme und Gott<br />

und die Welt.<br />

Meister Jacobs<br />

Denkanstöße wirken<br />

fort in die Gegenwart<br />

und die<br />

Zukunft.<br />

Dr. Ernst<br />

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Der Endspurt der Bewerbung läuft...<br />

Der Endspurt der Bewerbung läuft...<br />

13<br />

Die Überraschung war groß, als am Abend<br />

des 10. <strong>Februar</strong> eine e-mail eintraf, die den<br />

endgültigen Termin für die entscheidende<br />

Präsentation der Kulturhauptstadtbewerbung<br />

in Brüssel mitteilte: Der 15. März wird<br />

der Tag sein, an dem sich Görlitz-Zgorzelec<br />

vor der internationalen Expertenjury präsentieren<br />

wird. Sieben Mitglieder zählt die<br />

Jury, die aus jeweils zwei Mitgliedern des<br />

Europäischen Parlaments, des Europäischen<br />

Rates und der Europäischen Kommission<br />

und einem Mitglied vom Ausschuss<br />

der Regionen besteht. Die Namen<br />

von vier Mitgliedern sind schon bekannt,<br />

und die Gruppe, welche die schwere<br />

Aufgabe gestellt bekommt, eine Europäische<br />

Kulturhauptstadt zu küren, ist<br />

wahrhaft international besetzt: Jordi<br />

Pascual, Kulturmanager aus Barcelona,<br />

gehört ebenso dazu wie die Österreicherin<br />

Veronika Ratzenböck, eine Kultursoziologin.<br />

Die Jury wird sich nach der Präsentation<br />

entscheiden, ob sie die Bewerberstädte<br />

noch besuchen wird oder ob diese sich so<br />

eindrucksvoll präsentiert haben, dass eine<br />

Entscheidung getroffen werden kann.<br />

Innerhalb von zwei Wochen werden die<br />

Juroren dann eine Stellungnahme verfassen,<br />

welche deutsche Stadt Kultur-<br />

hauptstadt Europas im Jahr 2010 werden<br />

wird. Neben der ungarischen Stadt Pécs, die<br />

als Kulturhauptstadt 2010 schon feststeht,<br />

präsentieren sich noch Kiew und Istanbul,<br />

die den Titel als Städte ausserhalb der<br />

Europäischen Union tragen wollen.<br />

Vier Wochen verbleiben jetzt also noch, um<br />

die halbstündige Präsentation und die darauf<br />

folgende Fragerunde vorzubereiten. Vier<br />

Wochen, in denen freilich auch noch andere<br />

Aktivitäten anstehen: Am 1. März wird im<br />

Ausschuss der Regionen in Brüssel die<br />

Ausstellung „Lausitzer Jerusalem-500 Jahre<br />

Heiliges Grab in Görlitz” eröffnet. Auch zu<br />

diesem Anlass wird sich natürlich die<br />

Kulturhauptstadtbewerbung angemessen<br />

präsentieren.<br />

Unter dem Motto „Kultur in Görlitz” präsentiert<br />

sich Görlitz vom 8. bis zum 13. März<br />

mit einem eigenen Stand auf der ITB in Berlin,<br />

der größten Tourismusmesse der Welt, in<br />

der Halle 11.2. Neben Informationen zu<br />

Stadt und Bewerbung wird den Besuchern<br />

der ITB auch ein kulturelles Programm geboten,<br />

Tänzer des Theaters Görlitz bieten<br />

auf der Bühne der „Sachsenhalle" eine Tanzperformance.<br />

Ebenfalls in Vorbereitung ist der Staffellauf<br />

von Görlitz-Zgorzelec nach Brüssel, der<br />

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Görlitz


14<br />

vom 23. bis zum 27. März quer durch<br />

Deutschland und Belgien führen wird.<br />

Erfurt, Gießen, Köln und Aachen sind Stationen<br />

des Laufes, der von 25 Sportlerinnen<br />

und Sportlern aus Görlitz und Zgorzelec<br />

organisiert und vom Kulturhauptstadtbüro<br />

begleitet wird. Die Besucher des Kulturhauptstadt-Trucks,<br />

der in den jeweiligen<br />

Städten halt machen wird, erwartet ein aktionsreiches<br />

Programm, unter anderem<br />

spielt die Band Yellow Cap, und der von<br />

Stadt zu Stadt getragene Staffettenstab wird<br />

von prominenten Sportlern weitergereicht.<br />

Noch bevor der Startschuss für den Staf-<br />

fellauf gefallen ist, zeigt sich Görlitz-Zgorzelec<br />

als Stadt der Wissenschaften, prominente<br />

Wissenschaftler aus ganz Europa treffen<br />

sich, um im Rahmen eines Workshops<br />

mit dem Namen „Via regia kontrovers<br />

Dialog der Horizonte" Standpunkte zu<br />

kulturhauptstadtrelevanten Themen auszutauschen.<br />

Es gibt also viel zu tun für die Belegschaft<br />

des Kulturhauptstadtbüros, und es ist abzusehen,<br />

dass auch in den kommenden<br />

Wochen die Lichter bis in die Morgenstunden<br />

nicht verlöschen werden...<br />

Fabian Plank<br />

Peter Baumgardt,<br />

künstlerischer Leiter<br />

der Kulturhauptstadtbewerbung,<br />

bei der<br />

Präsentation der<br />

überarbeiteten<br />

Bewerbungsunterlagen<br />

in Brüssel<br />

im Dezember 2005<br />

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Leben<br />

wie<br />

Gott<br />

in<br />

Sachsen.


- Verlagssonderveröffentlichung -<br />

Wenn schon ESSEN, dann in GÖRLITZ !<br />

Peter Baumgardt, der künstlerische Leiter der Kulturhauptstadtbewerbung,<br />

enthüllte am vergangenen Freitag<br />

im Görlitzer Altstadtrestaurant "Filetto" vor versammelter<br />

Presse einen Aufkleber: "Wenn schon Essen, dann in<br />

Görlitz". Auf Initiative von Matthias Schneider (g-tm),<br />

den Görlitzer Altstadtwirten und des StadtBILD-Verlages<br />

wurde der Endspurt zur Bewerbung nun auch auf die<br />

lukullischen Genüsse ausgedehnt.<br />

Den Aufkleber im Din A4 Format gibt es in zwei Varianten,<br />

von innen und außen klebbar. Interessierte Gastronomen<br />

können diesen Wink mit dem Zaunpfahl in der Görlitz-Information,<br />

Brüderstr.1, im Kulturhauptstadtbüro,<br />

Demianiplatz 28, oder im StadtBILD-Verlag, Carl-von-<br />

Ossietzky Str. 45, kostenlos erhalten.<br />

Der satirische Ku(h)nstkalender ist da ...<br />

Der satirische Ku(h)nstkalender ist da ...<br />

15<br />

Andreas Neumann-Nochten signiert<br />

den ersten Kalender für P. Baumgardt<br />

Der Görlitzer Grafiker, Karikaturist und Maler<br />

Andreas Neumann-Nochten veröffentlichte in<br />

Zusammenarbeit mit dem StadtBILD-Verlag seine<br />

kü(h)ne Vision, was wäre, wenn die namhaften<br />

Maler dieser Welt in ihren Bildern eine Kuh dargestellt<br />

hätten. So wurden Werke von Hundertwasser,<br />

Munch, Marc, Dali, Chagall, Friedrich,<br />

Picasso, Miro, Klee... mit dem heiligen Tier interpretiert.<br />

Der Kalender im stattlichen Format von<br />

Din A2+, gedruckt auf hochwertigem Leinenkarton,<br />

ist ab sofort im Handel erhältlich bzw.<br />

kann auch im Internet unter www.stadtbildverlag.de<br />

bestellt werden. Eine Ausstellung der<br />

Originale wird in den nächsten Wochen folgen...<br />

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16<br />

Zur Geschichte der Hospitäler in der Neißestadt<br />

Zur Geschichte der Hospitäler in der Neißestadt<br />

Das Heilig-Geist-Hospital<br />

Die diakonisch-caritative Arbeit in Görlitz<br />

ist, wenn auch völlig anders strukturiert als<br />

heute, so alt wie die Stadt selbst. Ein Blick<br />

über die Geschichte gibt darüber interessante<br />

Aufschlüsse. In den ersten Jahren, nach<br />

Gründung der Neißestadt, gab es noch keine<br />

Gasthäuser im herkömmlichen Sinne. Deshalb<br />

entstand - 1264<br />

erstmals urkundlich<br />

erwähnt, mit Sicherheit<br />

aber früher errichtet,<br />

- am rechten<br />

Ufer des Flusses das<br />

Neißehospital, unmittelbar<br />

neben dem<br />

östlichen Brückenkopf<br />

der ersten Altstadtbrücke,<br />

gegenüber<br />

der Dreiradenmühle gelegen. Es diente<br />

zunächst manchem Fremden auf der Durchreise<br />

zur Unterkunft, später zudem der Versorgung<br />

alter und kranker Leute aus der<br />

Stadt, sofern das nicht durch die Barmherzigen<br />

Brüder des Franziskanerordens erfolgte.<br />

Die Brückenanlage ist leicht zu erklären.<br />

Unbekannte Reisende ließ man aus<br />

Sicherheitsgründen anfangs nicht ohne weiteres<br />

innerhalb der Mauern einer Stadt übernachten,<br />

bot ihnen aber verständlicherweise<br />

in unmittelbarer Nähe ein schützendes Dach<br />

über dem Kopf. Zu dem Hospital gehörte eine<br />

Kapelle, in der ein Kaplan seinen<br />

seelsorglichen Dienst tat.<br />

1301 nannte man diese Unterkunft Marienhospital,<br />

seit 1352 Heilig-Geist-Hospital.<br />

Im Lauf der Jahrhunderte wurde es immer<br />

w i e d e r d u r c h<br />

Hochwasser oder<br />

Feuer zerstört. Auch<br />

die Hussitenzüge<br />

Heilig-Geist-Hospital<br />

um 1770<br />

und der Dreißigjährige<br />

Krieg hinterliessen<br />

arge Verwüstungen.<br />

Die letzten Neubauten<br />

stammen von 1772. Finanziert wurde<br />

das Hospital auf der Grundlage einer “betriebseigenen”<br />

Landwirtschaft: Es besaß<br />

außerhalb der Stadt mehrere Hufen Ackerland,<br />

dazu eine Anzahl höriger Bauern. Zum<br />

anderen flossen die erforderlichen Gelder<br />

zuweilen durch den Aufruf eines Ablasses,<br />

im Wesentlichen aber aus wohltätigen Stiftungen<br />

vermögender Leute, den Sponsoren<br />

der damaligen Zeit. Infolge einer solchen<br />

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Schenkung wurde beispielsweise die nur<br />

wenige Schritte entfernt liegende Dreiradenmühle<br />

für eine Zeit lang Eigentum des<br />

Hospitals an der Neiße - eine ertragreiche<br />

Einnahmequelle, wie sich denken lässt.<br />

1863 erfolgte die Auflassung des Heilig-<br />

Geist-Hospitals; die etwa dreißig Insassen<br />

zogen in das neue Zentralhospital an der<br />

Krölstraße. 2 Jahre danach begann der Umbau<br />

des Gebäudes am Fluss zu einer Schule.<br />

Sie behielt ihre Funktion bis zur Sprengung<br />

der Neißebrücke in den Maitagen 1945. Das<br />

Gotteshaus der vormaligen Anstalt, die Heilig-Geist-Kirche,<br />

wurde bereits 1905 beim<br />

Bau der neuen Altstadtbrücke abgetragen.<br />

Kanzelaltar, Orgel und Kartusche (Wappen<br />

über dem Portal) mit der Inschrift “Spiritui<br />

sancto sacrum” (Dem Allerheiligsten Geist)<br />

wurde der neu errichteten Heilig-Geist-Kirche<br />

der Altlutheraner (nahe der Bischofskirche<br />

St. Jakobus) übereignet. Nicht wenige<br />

Görlitzer aber mögen es seinerzeit bedauert<br />

haben, dass infolge der Baumaßnahmen<br />

von 1905 ein Stück mittelalterliche Brükkenidylle,<br />

vielleicht ein wenig dem bekannten<br />

Henkersteg im damaligen Nürnberg vergleichbar,<br />

der modernen Stahlkonstruktion<br />

einer Bogenbrücke weichen musste. Deren<br />

sinnlose Zerstörung in den letzten Kriegstagen<br />

trennte dann für nahezu sechs Jahrzehnte<br />

die beiden Neißeufer in gravierender<br />

17<br />

Wenn die Brille nicht mehr ausreicht ... Anpassung von vergrößernden Sehhilfen.<br />

Weise voneinander. Inzwischen spannt sich<br />

nach diesem langen Zeitraum abermals eine<br />

schlichte Brücke von Ufer zu Ufer, sinnfälliger<br />

Ausdruck des Aufeinanderzugehens<br />

zweier Völker lange nach dem fürchterlichen<br />

2. Weltkrieg. Der Name des Heilig-<br />

Geist-Hospitals aber gerät im Wechsel der<br />

Zeiten mehr und mehr in Vergessenheit, obwohl<br />

diese Einrichtung frühen sozial-diakonischen<br />

Wirkens auf das Engste mit der Görlitzer<br />

Stadtgeschichte wie mit allen Brücken<br />

verbunden war, die im Laufe der Jahrhunderte<br />

in unmittelbarer Nachbarschaft an dieser<br />

Stelle als Verbindungszweck über den<br />

Fluss immer wieder gebaut worden waren.<br />

Das Jakobshospital<br />

Ein weiteres Görlitzer Hospital, wohl ebenfalls<br />

bald nach der Stadtgründung entstanden,<br />

war das Jakobshospital. Es lag im Umfeld<br />

des Hauses 29 der heutigen Jakobstraße.<br />

Die Einrichtung wurde urkundlich 1298 mit<br />

eindeutiger Zweckbestimmung als “domus<br />

leprosorum” (Haus für Aussätzige und Pestkranke)<br />

und 1305 “für sieche (Kranke) uf<br />

dem velde” (außerhalb der Stadt) erwähnt.<br />

Dieses Hospital war also ursprünglich nicht<br />

für die Beherbergung von Reisenden oder<br />

Alten gedacht, sondern ausschließlich für<br />

die Isolierung von Kranken, von denen die<br />

Gefahr einer Ansteckung ausging. Lepra<br />

und Pest galten damals als gefürchtete Geis-<br />

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18<br />

Anzeige<br />

seln, denen man völlig machtlos gegenüberstand.<br />

Einwohner der Stadt, die von einer<br />

solchen Erkrankung befallen wurden, erhielten<br />

einen grauen Mantel, den so genannten<br />

Bettelsack, und eine Schelle, um<br />

sich schon von weitem als gefahrbringend<br />

bemerkbar machen zu können. In der Jakobskirche,<br />

die unmittelbar neben dem<br />

Hospital entstanden war, saßen sie mit verhülltem<br />

Gesicht unter einem Trauergerüst,<br />

als wären sie schon nicht mehr unter den Lebenden.<br />

Lange Zeit stand auf dem Gelände<br />

dieses Hospitals auch eine kleine Kapelle,<br />

die Minoritenkapelle. Daraus lässt sich der<br />

Schluss ziehen, dass bei der Betreuung der<br />

“siechen uf dem velde” die Franziskaner<br />

aus dem Kloster am Obermarkt wirksam<br />

gewesen sein könnten. Die Hinwendung zu<br />

den Ärmsten und Ausgegrenzten gehörte<br />

Jakobhospital und Kirche (links) mit<br />

Frauenkirche (rechts), n. einer Darstellung<br />

von Metzker-Scharfenberg (1565)<br />

Markenschuhe<br />

zu Top-Preisen<br />

von jeher zu den Anliegen der Minderen<br />

Brüdern (wie die Franziskaner auch genannt<br />

wurden). An der Spitze des Hospitalpersonals<br />

stand der “Siechenmeister”, ein ehrenamtlicher<br />

Kurator als Hauptverantwortlicher.<br />

1705 war das der hochangesehene Bürgermeister<br />

Samuel Knorr von Rosenrot. Sodann<br />

gehörten dazu ein Spittelmeister, der<br />

Glöckner, die Altaristen und eine kleine Zahl<br />

von Wirtschaftsbediensteten. Vom Pflegepersonal<br />

ist nirgends die Rede - also dürften<br />

das zumindest bis in die Anfänge des 16. Jh.<br />

am ehesten die Barmherzigen Brüder aus<br />

dem Kloster gewesen sein. Ursprünglich aus<br />

Holz, wurden die Hospitalgebäude erst zwischen<br />

1400 und 1431 aus Stein errichtet,<br />

dreihundert Jahre später auch die Kirche. Im<br />

18. Jh. verschwand die kleine Kapelle - da<br />

gab es in Görlitz schon lange keinen Franziskanerorden<br />

mehr. Obwohl mit Stiftungen<br />

nicht so reich ausgestattet wie die Einrichtung<br />

an der Neiße, besaß das Jakobshospital<br />

als wirtschaftliche Grundlage doch einen<br />

größeren Wald bei Hennersdorf, dazu Äcker<br />

in der Gemarkung von Großbiesnitz, ebenso<br />

einige hörige Bauern aus weiteren Dörfern.<br />

1476 ist auch von zwölf Gärten auf dem Gelände<br />

des Jakobshospitals die Rede. Zudem<br />

wird nachdrücklich eine Badestube für die<br />

armen Leute erwähnt - deutlicher Hinweis<br />

darauf, dass mit dem Erlöschen der Pest in<br />

Made<br />

in<br />

Germany<br />

Meisterbetrieb seit 1955


deutung als Wallfahrtsstätte; nach und nach<br />

verringerte sich die Zahl der Pilger. So wurde<br />

das Frauenhospital als Unterkunft “für<br />

Arme, Elende und Alte” genutzt. Bereits<br />

1535 diente es nach dem Beschluss des Rates<br />

als Herberge für 35 Leute beiderlei Geschlechts,<br />

denen die Öffentliche Hand helfen<br />

musste. Noch zu Lebzeiten Georg Emmerichs,<br />

der zur Stiftung des Frauenhospitals<br />

1.000 ungarische Gulden beigesteuert<br />

hatte, wurde eine Wasserleitung aus dem<br />

Salmannsbrunnen (in der Gegend der heutigen<br />

Salomonstraße) zum Gelände der Einrichtung<br />

verlegt, “also dass die armen Leut<br />

darinnen und auch die uffm Rademarkt<br />

(etwa dem heutigen Demianiplatz) desselbigen<br />

zu ihrer Notdurft gebrauchen mögen” -<br />

ein für die Körperhygiene beachtenswerter<br />

Sachverhalt damaliger Zeit! Von Joachim<br />

Frenzel, dem Sohn des Erbauers der Annenkapelle,<br />

wurde eine abseits gelegene Scheune<br />

(von heute her gesehen etwa gegenüber<br />

dem Haupteingang der Sparkasse) mit der<br />

Bestimmung übergeben, dass das Gebäude<br />

genutzt werden möge “für Leute mit anfallender<br />

Seuche (d. i. Epilepsie), Pestilenz (als<br />

Umschreibung für ansteckende Krankheiten)<br />

und Haupterkrankungen” (wohl als<br />

Nervenleiden zu deuten). 1531 übertrugen<br />

Joachim Frenzel und seine Mutter zudem an<br />

das Frauenhospital eine der gewinnbrin-<br />

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Deutschland das Jakobshospital nicht mehr<br />

für die Unterbringung infektiöser Kranker<br />

genutzt, sondern für alte und hinfällige<br />

Frauen ein letzter Zufluchtsort wurde. 1863<br />

zogen die noch etwa 20 Insassinnen<br />

ebenfalls in das neue Zentralhospital an der<br />

Krölstraße. Der Abbruch der gesamten Hospitalanlage<br />

erfolgte 1870, nachdem schon<br />

Jahre zuvor ein Teil des Geländes als Turnplatz<br />

genutzt worden war. Grund und Boden<br />

aber wurden jetzt zum Bauland für die rasch<br />

wachsende Stadt. Der Name des Gotteshauses<br />

am Hospital aber lebt seit den Anfängen<br />

des 20. Jh. in der Jakobuskirche fort.<br />

Das Frauenhospital<br />

Streng genommen gehörte das Frauenhospital<br />

von 1483 zur Infrastruktur des Heiligen<br />

Grabes. Es diente nicht der Aufnahme<br />

von Frauen, wie aus dem Namen vermutet<br />

werden könnte, sondern war vielmehr eine<br />

Stiftung “für Pilger, aber auch Paedagogii<br />

und arme Schüler, die nach Görlitz kamen,<br />

dass sie eine Mahlzeit an Essen und Trinken,<br />

auch ein Nachtlager darin haben möchten”<br />

- mit meinem kühnen Schluss: anfangs<br />

gewissermaßen der frühe Vorläufer einer<br />

Jugendherberge. Der Name leitete sich von<br />

der gegenüber liegenden Frauenkirche her,<br />

die unserer lieben Frau(en) geweiht war,<br />

also der Mutter Maria. In nachreformatorischer<br />

Zeit verlor das Heilige Grab seine Be-<br />

19<br />

Wir betreuen liebevoll kranke, behinderte, pflegebedürftige und<br />

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Friedersdorf nahe der Landeskrone, einstmals<br />

mütterliches Heiratsgut. Es ist schon<br />

erstaunlich, dass sich in diesem Frauenhospital<br />

und dessen finanzieller Absicherung<br />

die Interessen der beiden reichsten Familien<br />

in Görlitz, der Emmerichs und der Frenzels,<br />

berührten wie sonst nirgendwo anders in der<br />

Neißestadt. Hinzuzufügen ist, dass die besagte<br />

Scheune bald<br />

nach der Übereignung<br />

an das Frauenhospital<br />

durch ein steinernes<br />

Gebäude ersetzt wurde,<br />

das fortan als Siechenhaus<br />

für arme<br />

Kranke und Waisenkinder<br />

diente. Bei der<br />

Belagerung durch die<br />

Kaiserlichen brannten<br />

die Gebäude 1641 ab;<br />

noch vor Ende des<br />

Dreißigjährigen Krieges erfolgte der Wiederaufbau.<br />

Zuletzt beherbergte das Frauenhospital<br />

29 Männer und Frauen. Auch für<br />

sie wurde 1863 das neue Zentralhospital an<br />

der Krölstraße zur neuen Heimat - woraus<br />

nun endlich der Name dieses Neubaus ersichtlich<br />

wird: An Stelle der vormals drei<br />

Hospitäler gab es jetzt nur noch dieses eine,<br />

zudem in der damals modernsten Einrichtung.<br />

Noch einmal sei von dem Steinbau, in<br />

den sich die ehemals Frenzelsche Scheune<br />

verwandelt hatte, die Rede. Hier erfolgte<br />

1818 ein Anbau - bestimmt als Lazarett für<br />

erkrankte Soldaten (heute etwa gegenüber<br />

dem Sparkasseneingang). Dieser Standort<br />

wurde Mitte der 40er Jahre des 19. Jh. durch<br />

das neue städtische Krankenhaus noch einmal<br />

erweitert. Es behielt seinen Platz allerdings<br />

kaum 5 Jahrzehnte,<br />

ehe an seiner statt<br />

das moderne Sparkassengebäude<br />

gegenüber<br />

dem Postplatz errichtet<br />

wurde. Die rasche Entwicklung<br />

der Medizin<br />

wie auch der Stadt Görlitz<br />

forderte den Abriss<br />

von Lazarett und Krankenhaus<br />

und hatte unmittelbar<br />

mit der Wende<br />

zum 20. Jh. den<br />

Krankenhausneubau an der Girbigsdorferstraße<br />

zur Folge.<br />

Hospital Zu Unseren Lieben Frauen<br />

(nach einer Zeichnung um 1730)<br />

Stiftung Diakonie<br />

Das Franzosenhaus an der Galgengasse<br />

Blättert man in einer alten Chronik des Bartholomäus<br />

Scultetus, zur Böhmezeit berühmtester<br />

Bürgermeister der Stadt, so findet<br />

man dort den Hinweis darauf, dass 1495<br />

die “Lues venera, so man vom ersten die<br />

neue Krankheit der Franzosen benennet,<br />

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Görlitz


zum ersten Male in unser Land kommen<br />

und offenbar worden (ist)”. Vor 1490 jedenfalls<br />

war die Syphilis, denn um diese handelt<br />

es sich, in Europa noch weithin unbekannt.<br />

Sie soll erstmals im Heer Karls VIII.<br />

von Frankreich auf dessen Kriegszug nach<br />

Italien in größerer Verbreitung aufgetreten<br />

sein, weshalb man sie als “Franzosenkrankheit”<br />

und auf Grund ihrer Übertragung auch<br />

als “Lustseuche” bezeichnete. In Görlitz<br />

dürfte sie nicht weniger Furcht und Schrekken<br />

verbreitet haben als anderswo auch.<br />

Man hielt sie für ähnlich gefährlich wie die<br />

Pest und versuchte deshalb, die davon Befallenen<br />

zu isolieren. Nach Richard Jecht<br />

wird in diesem Zusammenhang 1503 ein<br />

Haus ostwärts der Galgengasse (Rothenburger<br />

Straße) “für kranke Leute” erwähnt.<br />

Es stand unweit jener legendären Goldgrube,<br />

die zwischen 1477 und 1770 immer wieder<br />

einmal durch die Suche nach dem begehrten<br />

Edelmetall von sich reden machte,<br />

doch niemals jemandem Erfolg brachte. Ursprünglich<br />

Franzosenhaus genannt, später<br />

das “Neue Spital”, hieß es 1569 “das arme<br />

neue Spital”, auch “Französer” oder “Aussätzigenhaus”<br />

- womit deutlich wird, dass<br />

mit dieser Krankheitsbezeichnung sicherlich<br />

nicht in erster Linie die Lepra gemeint<br />

war. Scultetus berichtet in diesem Zusammenhang<br />

davon, dass das Haus im Pestjahr<br />

21<br />

1585 mit 14 Personen belegt war, von denen<br />

die Hälfte starb. 200 Jahre später, nach 1775,<br />

brachte man die Kranken in einem neuen<br />

Gebäude unter, das eigens zu diesem Zweck<br />

beim Jakobshospital errichtet worden war.<br />

Es behielt als “Neues Haus” gegenüber dem<br />

Hospital seine Selbstständigkeit. Später<br />

wurde dieses Neue Haus zum Zufluchtsort<br />

für arme und kranke Frauen, 8 an der Zahl,<br />

die hier Wohnungen und Geld, aber keine<br />

Verköstigungen erhielten. Mit dem Rettungshaus<br />

für gefährdete Knaben, bereits<br />

vor der Mitte des 19. Jh. (1841) am Ostufer<br />

der Neiße erbaut, begann dann ein neues Kapitel<br />

der Sozialarbeit in Görlitz, getragen<br />

von der evangelischen Diakonie wie den<br />

Werken der katholischen Caritas. Jedenfalls<br />

lässt der Blick zurück in die Geschichte der<br />

sozialen Arbeit in Görlitz während der vergangenen<br />

Jahrhunderte erkennen, dass Rathaus<br />

und Kirche dabei trotz mancher Unzulänglichkeiten<br />

immer Hand in Hand gingen,<br />

unterstützt von nicht wenigen ortsansässigen<br />

Bürgern, die ihren gut gefüllten Geldbeutel<br />

für Bedürftige öffneten, nicht zuletzt<br />

aber durch jene ungezählte Namenlose, die<br />

in uneigennütziger Weise den Menschen in<br />

Not ohne viel Aufhebens zur Seite standen -<br />

ein frühes Stück gelebter Solidarität.<br />

Horst Wenzel<br />

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22<br />

Die Mollerlinde auf dem Nikolaifriedhof in Görlitz<br />

Die Mollerlinde auf dem Nikolaifriedhof in Görlitz<br />

400. Todesjahr von Martin Moller (1547 - 1606)<br />

Schräg gegenüber dem Haupteingang von<br />

St. Nikolai stehen auf dem Görlitzer Nikolaikirchhof<br />

zwei Grufthäuser. An das kleinere<br />

der beiden, die sogenannte Gehlergruft,<br />

drängt sich, von Wetter und Stürmen<br />

zerfurcht, der uralte Stamm einer Linde, in<br />

der Geborstenheit des Alters von eisernen<br />

Klammern gehalten - die Mollerlinde.<br />

Folgen wir der Sage, die sich mit diesem<br />

Baum verwebt, dann trotzt er bereits seit<br />

vier Jahrhunderten allen Witterungsunbilden.<br />

Aber wie immer bei solchen heimatgeschichtlichen<br />

Überlieferungen, haben<br />

sich auch hier Dichtung und Wahrheit so<br />

eng miteinander verwoben, dass sie sich nur<br />

schwerlich auflösen lassen. Die mächtige<br />

Linde erinnert an Martin Moller, bis 1606<br />

Primarius an St. Peter und Paul, nach heutigem<br />

Verständnis der Superintendent der<br />

Neißestadt. Zu den Leuten unter seiner<br />

Kanzel gehörte in unangefochtener Selbstverständlichkeit<br />

der Schuhmacher Jacob<br />

Böhme. Martin Moller galt als tolerant und<br />

weitherzig. Er verfasste erbauliche Schriften,<br />

die deutschlandweit und sogar über die<br />

Landesgrenzen hinaus gelesen wurden. Das<br />

wird zum Beispiel in Peter Roseggers<br />

Zeitschrift ,, Heimatgarten”, Heft 1/1911, erwähnt.<br />

Es heißt dort: ,,Komme ich da jüngst<br />

in wirbelnden Schnee... hoch hinauf zur einfachen<br />

Ronacherhube in einem Seitental der<br />

Reichenau in Kärnten. Da sitzt das sechzehnjährige<br />

Bürschchen gebeugt über Martini<br />

Molleri, weiland Oberprediger zu Görlitz,<br />

Feldpostille vom Jahre 1601... “ Als<br />

Pastor primarius an St. Peter und Paul in<br />

Görlitz verfasste er auch Kirchenlieder, von<br />

denen derzeit noch zwei im Evangelischen<br />

Kirchengesangbuch zu finden sind: ,,Heiliger<br />

Geist, du Tröster mein...” (Nr. 128), ein<br />

Pfingstlied, und ,,Nimm von uns, Herr, du<br />

treuer Gott...” (Nr. 146), ein Bußelied.<br />

Martin Moller galt nicht nur als weitherziger,<br />

sondern auch als feinfühliger, sehr gewissenhafter<br />

Mann. Er soll darunter gelitten<br />

haben, dass man ihn verdächtigte, heimlich<br />

dem Kryptocalvinismus anzuhängen, jener<br />

geistlichen Strömung, die fast ein Jahrhundert<br />

nach der Reformation von manchen<br />

Auffassungen Martin Luthers abwich, aus<br />

damaliger lutherischer Sicht geradezu ketzerverdächtig.<br />

Damit geriet auch die alte<br />

Sechsstadt mit ihrem weltoffenenn Rat unter<br />

Bartholomäus Scultetus in einen gefährli-<br />

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23<br />

chen geistlichen Ruf.<br />

In der Sterbestunde soll Martin Moller darum<br />

gebeten haben, dass man auf seinem<br />

Grab eine junge Linde mit den Zweigen in<br />

die Erde und den Wurzeln zum Himmel<br />

pflanzen möge. Wenn daraus ein Baum<br />

wüchse, wäre dies das sichtbare Zeichen<br />

dafür, dass er zu Lebzeiten das Wort Gottes<br />

nach Luthers Lehre stets lauter und ohne<br />

Abweichungen verkündigt habe. Wahrlich<br />

eine höchst ungewöhnliche Weise der<br />

Rechtferigung! So aber geschah es. Noch<br />

nach vierhundert Jahren wiegt sich die<br />

inzwischen mächtige Krone der Linde im<br />

Sommerwind oder stemmt sich kraftvoll<br />

gegen die Winterstürme. Zum Nachfolger<br />

Martin Mollers beriefen die damaligen<br />

Stadtväter den gestrengen Gregor Richter.<br />

Mit diesem Pastor primarius jedenfalls<br />

liefen die Görlitzer keine Gefahr, noch einmal<br />

in den Verdacht des Kryptocalvinismus<br />

zu geraten, wurde der Neue doch vielmehr in<br />

seiner unnachgiebig orthodoxen Haltung<br />

zum geradezu fanatischen Gegner Jacob<br />

Böhmes.<br />

Horst Wenzel<br />

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24<br />

Die Annenkapelle in Görlitz Teil II<br />

Die Annenkapelle in Görlitz Teil II<br />

Die Annenkapelle in nachreformatorischer<br />

Zeit<br />

1539 wurden die Glocken aus dem Dachreiter<br />

heruntergenommen; die eine kam auf<br />

den Nikolaiturm, die andere auf den Reichenbacher<br />

Turm. Zwanzig Jahre später<br />

setzte man zwei Altäre in die Peterskirche<br />

um; sie gingen im Flammensturm des grossen<br />

Stadtbrandes von 1691 unter. Ein Jahr<br />

vor dem 100. Geburtstag Hans Frenzels, am<br />

11. März 1562, riss ein Wirbelsturm den<br />

Dachreiter in die Tiefe. Infolge dieses Unglücks<br />

gab der Turmknauf einer staunenden<br />

Umwelt sein Innerstes preis: Ein<br />

Stücklein vom Schweißtuch Christi; etwas<br />

Erde vom Geburtsort des Johannes; ebenso<br />

Erde vom Grab der Mutter Maria; Erde vom<br />

Grab Christi; Erde auch von dem Ort, an<br />

dem Maria geboren wurde; Erde schließlich<br />

von der Stelle, an der Christus über Jerusalem<br />

geweint hatte; Erde endlich auch von<br />

Golgatha und ein Stücklein von der Goldenen<br />

Pforte in Jerusalem - insgesamt wohl<br />

Stück für Stück teuer bezahlte Reliquien,<br />

Kleinodien der besonderen Art, wenn man<br />

die Dinge aus der Frömmigkeitshaltung des<br />

damaligen Glaubensverständnises betrachtet.<br />

Aus heutiger Sicht drängt sich freilich<br />

die Frage auf, wer da wohl in skrupelloser<br />

Art das schnelle Geld gemacht haben könnte.<br />

Scharlatane und Quacksalber gab es nicht<br />

nur in jener Zeit mehr als genug.<br />

In den beiden Jahrzehnten vor dem 30-<br />

jährigen Krieg diente die bis dahin genutzte<br />

Kirche als Hofkapelle des Markgrafen Johann<br />

Georg von Jägerndorf, für dessen Truppen<br />

Stadt Görlitz damals Standquartier war.<br />

In jenen Jahren hielt der Hofprediger des<br />

Generals, ein Magister Agricola, den ersten<br />

protestantischen Gottesdienst in der Annenkapelle.<br />

Auf vereinzelte Grablegungen innerhalb des<br />

Kirchraums deutete ein alter Denkstein, bis<br />

1990 an der südlichen Außenseite des Treppengebäudes,<br />

jetzt im Treppenaufgang des<br />

Aufgangs zur Aula zu finden und damit den<br />

Witterungseinflüssen entzogen.<br />

Die Umschrift ist nur noch mit Mühe zu<br />

entziffern: Anno 1640 den 29. August ist<br />

gebohren H. Johan Dreyers Wohlbestellen<br />

Castellans liebes Soenlein (folgt: unleserlich)<br />

verschieden den 26. September seines<br />

Alters 4 Wochen.<br />

Die obere Hälfte zeigt das aus Stein gemeißelte<br />

Brustrelief eines Kindes, in den gefalteten<br />

Händen eine Blume haltend, ihm zur<br />

Seite ein Engel, der das Kind schützend umfasst.<br />

Unter diesem Doppelbildnis stehen<br />

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vormals Fa. Hennersdorf


folgende Verse, inzwischen in argem Maße<br />

verwittert (des besseren Verständnisses wegen<br />

der heutigen Rechtschreibung angeglichen):<br />

Johann Daniel Dreyer bin ich genannt,<br />

Meine Seele, die ist in Gottes Hand.<br />

Ich lieg allhier unter diesem Stein<br />

Und habe erlitten große Pein.<br />

Es half mir der Herre Jesus Christ,<br />

Der aller Völker Helfer ist<br />

(folgt eine nicht mehr lesbare Zeile).<br />

Ein Kriegerschicksal anderer Art:<br />

Der schwedische Fähnrich<br />

Am bekanntesten von denen, die während<br />

des 30-jährigen Krieges in der Annenkapelle<br />

ihre letzte Ruhestätte fanden,<br />

blieb wohl Hans Loest, ein schwedischer<br />

Fähnrich. Seine Geschichte ist<br />

ebenfalls umschlungen von dem nicht<br />

mehr aufzulösenden Band von Dichtung<br />

und Wahrheit.<br />

Er wurde im Alter von 25 Jahren am 22.<br />

August 1641 durch ein Hinrichtungskommando<br />

vor dem Klostertor erschossen.<br />

Der junge Offizier hatte während<br />

eines Ansturms der Kaiserlichen seinen<br />

Posten auf dem kleinen Rondell an der<br />

Südostecke der Stadtmauer verlassen,<br />

25<br />

sei´s weil ihm ein herabstürzender Balkon<br />

die Besinnung raubte, sei´s weil er<br />

seine Verlobte, Anna Margarete Gobius,<br />

noch einmal wiedersehen wollte, ehe ihn<br />

eine feindliche Kugel träfe. Sein Vorgesetzter,<br />

der schwedische Oberst Wancke,<br />

hatte weder für das eine noch für das<br />

andere Verständnis, bezichtigte ihn der<br />

Fahnenflucht und ließ ihn trotz aller<br />

Vorsprachen einflussreicher Görlitzer<br />

Bürger, auch völlig ungerührt durch die<br />

Grabstein von 1641, seit 1991 im Inneren<br />

des Treppenhauses an der Südseite<br />

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26<br />

Tränen der jungen und schönen Braut, zum<br />

Tode verurteilen, zumal es den Kaiserlichen<br />

gelungen war, das von Loeset verteidigte<br />

Rondell für eine Weile zu besetzen.<br />

Dieses Türmchen stand etwa an jener Stelle,<br />

wo man heute den Zwinger an der Bergstraße<br />

verlässt. Noch lange hieß es im<br />

Volksmund der “Schwedische Fähnrich”,<br />

bis es dem Zahn der Zeit verfiel und schließlich<br />

abgerissen wurde.<br />

Der Grabstein des jungen Mannes aber fand<br />

sich gegenüber dem Kirchportal im Inneren<br />

der Kapelle; der lateinische Text des Grabmals<br />

hatte, übertragen ins Deutsche, folgenden<br />

Wortlaut:<br />

Wanderer, sei gegrüßt und nimm dich in<br />

acht, oder wenn es dir beliebt, lass das Spiel<br />

des unbeständigen und flüchtigen Glücks!<br />

Johann Loest, ein junger Herr zum Beneiden<br />

schön, fromm, rechtschaffen und gesittet,<br />

war geboren zu Höckendorf in Pommern<br />

von rechtschaffenen und vornehmen<br />

Eltern, Johann Loest und Elisabeth Vilters,<br />

im Jahre 1616 am Tage der Verkündigung<br />

Mariä (25.März) .<br />

In seiner Jugend ein getreuer und eifriger<br />

Zögling der Musen, in seiner reiferen Jugend<br />

des Mars, tat er nicht ohne Ruhm in<br />

der schwedischen Armee allerlei Kriegsdienste<br />

und wurde wegen seiner guten Eigenschaften<br />

und wegen seiner Tapferkeit<br />

mit Ehren Fähnrich unter den Musketieren<br />

und Dragonern. Allein als er auf der höchsten<br />

Stufe des schlüpfrigen Glücks stand,<br />

wurde er endlich getrogen, hinabgestürzt<br />

und in der harten Görlitz´schen Belagerung<br />

im 25. Jahr seines Alters hinweggenommen,<br />

welchem dieses Zeichen und Denkmal der<br />

letzten Ehre und Liebe seine vertrauten<br />

Freunde errichtet haben.<br />

Geh hin, Wanderer, und siehe, was zu deinem<br />

Besten dient. Lebe wohl und nimm dich in<br />

acht!<br />

Im Jahre 1641 den 23. August.<br />

Vom Kirchengebäude zum schulischen<br />

Mehrzweckbau<br />

Ein Jahrhundert später, um 1730, wurde an<br />

die Westseite des bis dahin völlig freistehenden<br />

Bauwerks ein neues Gebäude angesetzt,<br />

bestimmt zum “Armen-, Zucht- und Waisenhaus”.<br />

Fortan diente die Annenkapelle als<br />

anstaltseigene Kirche für diese Mehrzweckeinrichtung.<br />

Vor der Mitte des 19. Jh. War sie für einige<br />

Zeit das geistliche Zentrum der neu entstehenden<br />

katholischen Gemeinde in Görlitz,<br />

bis schließlich die Heilig-Kreuz-Kirche in<br />

der Struvestraße geweiht werden konnte.<br />

Zu dieser Zeit wurde auch die Orgel der Annenkapelle<br />

in die Nikolaikirche umgesetzt;<br />

das kostete den Rat der Stadt 150 harte Taler.<br />

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Mit dem Jahr 1871 erfolgte dann eine<br />

durchgreifende bauliche Veränderung des<br />

mittelalterlichen Kirchengebäudes: Durch<br />

eine Zwischendecke in Höhe des Gesimses<br />

der Maßwerkfenster wurde zu ebener Erde<br />

ein Raum als Turnhalle für das mittlerweile<br />

zur Schule umfunktionierte<br />

Waisenhaus gewonnen.<br />

Der lichterfüllte obere<br />

Raum, von glanzvoller<br />

Eindrücklichkeit in seiner<br />

schlichten spätgotischen<br />

Qualität, diente<br />

seit 1875 als Aula für die<br />

Mädchenmittelschule.<br />

Schließlich erfolgte der<br />

Abriss des alten Waisenhausgemäuers<br />

aus dem<br />

ersten Drittel des 18. Jh.<br />

Gleichsam als Phoenix<br />

aus der Asche entstand<br />

ein neuzeitliches, modernes<br />

Schulgebäude, 1902<br />

eingeweiht, die heutige<br />

Annenschule. Sie dient noch lange als<br />

Mittelschule, nach 1945 bis in die 90er<br />

Jahre hinein als Schule mit erweitertem<br />

Fremdsprachenunterricht (vorwiegend<br />

Russisch - deshalb der Name: Juri-Gagarin-<br />

27<br />

Schule); heute beherbergt sie eines der<br />

Görlitzer Gymnasien.<br />

Das Innere der Annenkapelle im 20. Jh.<br />

Von imponierender Schönheit zeigen sich<br />

nach der Innenrenovation in den 80er<br />

Jahren die sechs großen Schlusssteine im<br />

Scheitel des Netzrippengewölbes.<br />

Der östliche,<br />

einst unmittelbar über<br />

dem Hochaltar, farblich<br />

reich ausgestaltet, präsentiert<br />

Monogramm und<br />

Hausmarke des Bauherrn<br />

Hans Frenzel, der westliche,<br />

farblich etwas<br />

bescheidener, Initialen<br />

und Steinmetzzeichen<br />

des Baumeisters Al-<br />

Inneres der Annenkapelle -<br />

Westseite um 1820<br />

brecht Stieglitzer.<br />

Zwischen beiden haben<br />

die vier anderen Schlusssteine<br />

mit den Symbolen<br />

der Evangelisten ihren<br />

Platz, sehr würdevoll in<br />

Rot und Gold ausgemalt,<br />

auf einem Schriftband<br />

der dazugehörige Namenszug, trotz der<br />

Höhe unschwer zu entschlüsseln. Als besonders<br />

gelungen gilt das filigranartige Gefieder<br />

des Löwen von St. Markus.<br />

Fortsetzung folgt<br />

Horst Wenzel<br />

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28<br />

Die Sonntagsdamen in Sachsen<br />

Die Sonntagsdamen in Sachsen<br />

Zum 200. Geburtstag der berühmten Sängerin Henriette Sontag<br />

Als Wunderkind galt Henriette Sontag ihren<br />

Zeitgenossen. 1806 in Koblenz geboren, erhielt<br />

sie bereits als 5jährige eine Bühnenrolle.<br />

Durch gute Beziehungen erreichte die Mutter,<br />

dass ihre Tochter bereits im kindlichen<br />

Alter in die Gesangsklasse des Konservatoriums<br />

in Prag aufgenommen wurde. In<br />

Prag erhielt sie als 15jährige die Rolle der<br />

Prinzessin Navarra in der Oper "Johann von<br />

Paris". Der Theaterkritiker schrieb nach der<br />

Aufführung: "Sie führte diese wichtige Gesangspartie<br />

mit einer Präzision, Reinheit und<br />

Zartheit aus, dass man in rauschenden<br />

Beifall ausbrach und sie kaum zu Ende<br />

singen ließ." Ihre Zeitgenossen rühmten an<br />

Henriette "die anmutige Erscheinung, das<br />

graziöse Spiel und den weichen, schmelzenden<br />

Gesang."<br />

Der Ruhm der Tochter übertraf bald das Ansehen<br />

der Mutter. Diese achtete nun darauf,<br />

dass Henriette nur dort einen Vertrag unterschrieb,<br />

wo auch für die Mutter und die inzwischen<br />

herangewachsene Schwester Nina<br />

ein Engagement angeboten wurde. Von Prag<br />

gingen die Damen Sontag nach Wien und<br />

danach nach Leipzig.<br />

Carl Maria von Weber kannte Henriette<br />

schon von Prag her und verfolgte ihre Entwicklung.<br />

In Leipzig konnte Henriette 1825<br />

die Titelrolle in der Uraufführung seiner<br />

Oper "Euryanthe" gestalten. Weber studierte<br />

die Partie selbst mit ihr ein. Er notierte:<br />

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29<br />

"Mutter und Tochter waren ergriffen....auch<br />

mich närrischen Esel, der doch das Ding<br />

gemacht hat, rührte es aufs neue ..."<br />

Nach der Aufführung schrieb Weber: "Die<br />

Sontag wurde mit fabelhaftem Beifall empfangen,<br />

konnte 5 Minuten lang nicht anfangen<br />

und mußte dreimal abbrechen und<br />

danken. Es war aber auch hinreißend, wie<br />

sie singt und spielt." Henriette trat auch im<br />

Barbier von Sevilla auf, im Freischütz und<br />

in Figaros Hochzeit. Die Oper "Euryanthe"<br />

wurde in kurzer Zeit sechsmal auf die Bühne<br />

gebracht. der Berichterstatter der "Allgemeinen<br />

Musikalischen Zeitung" schrieb am<br />

22. Juni: "Die Erscheinung der jungen Sängerin<br />

ist äußerst anmutig und ihr Spiel, besonders<br />

im anständig Naiven, höchst fein<br />

und sehr zierlich...Ihr Gesang ist vortrefflich;<br />

unnachahmlich schön, mit ganz besonderer<br />

Zartheit versteht sie mit halber<br />

Stimme zu singen. Wahre Schmeichellaute<br />

sind dann ihre Töne."<br />

Das Gastspiel der Sontag - Damen währte in<br />

Leipzig nur vom 2. Mai bis 3. August 1825.<br />

Ein glänzendes Angebot von dem Dramaturgen<br />

K. von Holtei lockte sie nach Berlin.<br />

Dort wurde Henriette zur verwöhnten "göttlichen<br />

Jette". Ihren Ruhm festigte sie auch<br />

bei Gastspielen in Paris und London. Doch<br />

nach Sachsen kamen alle drei Frauen unter<br />

merkwürdigen Umständen wieder zurück.<br />

Die Mutter Franziska nahm 1836 ihren<br />

Wohnsitz in Dresden. Sie hatte ihr Haus in<br />

der Zwingerstraße, in der Nähe des alten<br />

Opernhauses. Hier empfing sie Gäste und<br />

unterrichtete Schauspielkunst. Henriette<br />

hatte inzwischen einen Diplomaten geheiratet,<br />

den Gesandten Graf Carlo Rossi. Aus<br />

Standesrücksichten durfte sie nicht mehr<br />

öffentlich auftreten. Die Mutter konnte nicht<br />

im gräflichen Haus leben. Sie war seit 18<br />

Jahren Witwe. Wahrscheinlich hatte sie<br />

mehrere Verhältnisse mit Männern, aber es<br />

kam wohl nie zur Eheschließung. Zwei Söhne,<br />

August und Friedrich, wurden noch in<br />

Prag geboren. Der jüngste Halbbruder von<br />

Henriette, Karl Sontag, wurde 1828 in Berlin<br />

geboren und lebte in Dresden. Von ihm<br />

heißt es: Er war ein Humorist der Bühne und<br />

der Feder. Mutter und Sohn starben in Dresden.<br />

Karl Sontag starb am 28.06.1900. Auf<br />

eigenen Wunsch wurde er zur Nachtzeit<br />

begraben, um niemanden zu stören.<br />

Henriettes Schwester Nina verfügte ebenfalls<br />

über eine wunderbare Stimme. Sie trat<br />

mit Mutter und Schwester auch in Opern auf.<br />

Doch war sie nicht so fröhlich und leichtlebig<br />

veranlagt wie ihre ältere Schwester.<br />

Sie gab die Künstlerlaufbahn auf und trat ins<br />

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30<br />

Kloster ein. Am 4. Mai 1846 erfolgte ihre<br />

Einkleidung als Zisterzienserin im Kloster<br />

St. Marienthal bei Ostritz in Sachsen. Als<br />

Ordensfrau in einem strengen Klausurkloster<br />

legte sie ihren bürgerlichen Namen<br />

Nina (Anna) ab und erhielt im Kloster den<br />

Namen Schwester Juliana. Hin und wieder<br />

konnte Henriette ihre Schwester sprechen.<br />

Bei ihren letzten Besuch in St. Marienthal<br />

soll die gefeierte Künstlerin den Wunsch<br />

geäußert haben, wenn sie stirbt, möchte sie<br />

in der Stille des Klosters beigesetzt werden.<br />

Dieser Wunsch wurde ihr erfüllt. Zwar war<br />

sie aus finanziellen Erwägungen im Juli<br />

1849 zur Bühne zurückgekehrt, aber auf einer<br />

Gastspielreise starb sie in Mexiko am<br />

17. Juni 1854. Ihrem Gatten, dem Grafen<br />

Rossi, gelang es unter Schwierigkeiten, den<br />

Sarg mit nach Europa zu bringen. Seit dem<br />

4. Mai 1855 ruht Henriette Sontag in der<br />

Gruft der Kreuz- und Michaeliskapelle des<br />

Klosters St. Marienthal in Ostritz an der<br />

Neiße.<br />

Die Zisterzienserinnen bieten im Sommerhalbjahr<br />

täglich um 15 Uhr eine Klosterführung<br />

an. Der Weg führt auch in die Kapelle<br />

über Henriettes Ruhestätte. Kleine Gruppen<br />

können in die Gruft hinab steigen. Neben<br />

Henriettes Metallsarg steht der hölzerne<br />

Sarg des Grafen Rossi. Zu den Gedenktagen<br />

1929 und auch noch 1954 war das Andenken<br />

an Henriette noch sehr wach. Es fanden Vorträge<br />

und musikalische Gedächtnisfeiern<br />

statt. In den letzten 50 Jahren wurde es sehr<br />

still um Henriette Sontag.<br />

<strong>2006</strong> erscheint eine Broschüre mit Henriettes<br />

Biografie<br />

Anmeldungen für Klosterführungen nimmt<br />

die Gästeinformation entgegen.<br />

Tel.: Ostritz 035823 / 770<br />

Josephine Schmacht<br />

Henriette Sontag, anonyme Lithographie<br />

um 1831, Mittelrhein - Museen Koblenz<br />

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Geschichte der Görlitzer Straßenbahn Teil XV<br />

Geschichte der Görlitzer Straßenbahn Teil XV<br />

Die 1960er Jahre<br />

1967 Kollision eines S 4000-1 - Lastzuges<br />

mit einer Straßenbahn am Südausgang des<br />

Jakobstunnels, bei dem beide Perrons des<br />

WUMAG- TW. 24II und ein Perron des angehängten<br />

Beiwagens der Bauart Dresden<br />

zertrümmert wurden (Wiederaufbau des<br />

Triebwagens bis Sommer 1968 in herkömmlicher<br />

Weise); 16.05.1968 Kollision<br />

eines Fahrschul- LKW der NVA mit einem<br />

Zug der Linie 1 in der Berliner Straße, bei<br />

der TW. 3III entgleiste und vom nachlaufenden<br />

Anhänger über den Bürgersteig in<br />

ein Schaufenster des neben dem Laden<br />

“Glas-Kaps” befindliche Koffergeschäftes<br />

gedrückt wurde. (1969/70 erfolgte die<br />

Grundinstandsetzung des schwer beschädigten<br />

Triebwagens im RAW Berlin-Schöneweide.)<br />

und last but not least: Auffahrt<br />

1967<br />

31<br />

1967<br />

TW. 27II in der Kunnerwitzer Straße Ende<br />

1970, bei der ein Perron völlig zertrümmert<br />

wurde (führte zur Aussonderung und Verschrottung<br />

des Wagens im Oktober 1972).<br />

Das Betriebsgeschehen bei der Görlitzer<br />

Straßenbahn wurde ab den 1960er Jahren bis<br />

in die 1990er Jahre entscheidend vom Wirken<br />

insbesondere zweier Personen im Unternehmen<br />

mitgeprägt: Hans-Joachim Bindig<br />

(1963 bis 1996 Leiter der Görlitzer Verkehrsbetriebe)<br />

und Frank-Jürgen Blasius,<br />

zuletzt kaufmännischer Leiter. Unter ihrer<br />

Regie kam es 1964 zur Errichtung einer<br />

Wendeschleife ca. 300 m stadtauswärts hinter<br />

der Endstation Bezirkskrankenhaus an<br />

der Nordseite der Girbigsdorfer Straße in<br />

Höhe der gegenüberliegenden Virchow-<br />

Straße (feierliche Inbetriebnahme anlässlich<br />

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32<br />

des 15. Jahrestages der DDR am 07.10.<br />

1964) sowie einer Dreieckskehre am anderen<br />

Endpunkt der Linie 2 Landeskrone bis<br />

Ende 1964, womit ab 01.01.1965 ein durchgängiger<br />

Einsatz mit Einrichtungszügen<br />

ohne Umsetzen an den Endpunkten möglich<br />

war. Darüber hinaus wurde eine kontinuierliche<br />

Instandhaltung und Wartung der<br />

Fahrzeuge und des Streckennetzes angestrebt<br />

und immer besser erreicht. Für die<br />

Linie 3 kam im Juli 1966 das unvermeidliche<br />

Aus, nachdem sie einige Jahre zuvor bereits<br />

nur noch im Abschnitt Platz der Befreiung<br />

- Stadthalle mit Solotriebwagen (ab<br />

1963 nur noch der WUMAG-Bauart) pendelte.<br />

Geblieben ist von dieser Linie nur<br />

1968<br />

noch das Gleisdreieck am Telegrafenamt, inzwischen<br />

mehrfach umgebaut. Die Erschließung<br />

der grenznahen Wohngebiete<br />

wurde mit der Neugestaltung des Busliniennetzes<br />

ab September 1966 etwas besser berücksichtigt<br />

als zuvor. Zum 31.12.1970 gab<br />

es bei der Görlitzer Straßenbahn zwei Linien:<br />

1 Rauschwalde- Weinhübel und 2 Landeskrone<br />

- Virchowstraße. 26 Personentrieb-<br />

und 23 Personenanhänger waren einsatzfähig<br />

(darunter 18 Trieb- und 20 Beiwagen<br />

der Einheitsbauarten LOWA und Gotha).<br />

Der Park der Dienstfahrzeuge umfasste<br />

neben verschiedenen Güterloren vier Triebund<br />

zwei Beiwagen, die aus ehemaligen Personenfahrzeugen<br />

entstanden waren (darunter<br />

einer noch im Aufbau befindlich). Bereits<br />

im März 1970 schied mit dem Anhänger 73<br />

(ex. 67) der letzte Dresdener<br />

Anhänger aus dem Personenverkehr<br />

aus und wurde<br />

verschrottet (wie kurz<br />

zuvor die Anhänger 70 ex.<br />

62II und 71II ex. 68 ex.<br />

60II gleicher Bauart, nachdem<br />

sie zusammen mit<br />

dem ebenfalls stillgelegten<br />

Anhänger 77 ex. Erfurt<br />

241II ab Sommer 1969 längere<br />

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chowstraße abgestellt waren und mehr oder<br />

weniger demoliert wurden). Der im Oktober<br />

1968 abgestellte Gerätewagen 103 (ex.<br />

3II), 1897 in Königsberg gebaut, ist Ende<br />

1969 zusammen mit den ebenfalls abgestellten<br />

Schleif- und Spültriebwagen 106<br />

(ex. 6II), 1897 in Görlitz gebaut, und Winterdiensttriebwagen<br />

104 (ex. 4II), 1898 in<br />

Köln gebaut, besichtigt und für eine Erhaltung<br />

als betriebsfähiges Traditionsfahrzeug<br />

ausgewählt worden. Seine Aufarbeitung erfolgte<br />

anlässlich der 900-Jahr-Feier von<br />

Görlitz bis zum Frühjahr 1971. Seitdem<br />

trägt er die (falsche) Nummer 29 und einen<br />

(ebenfalls falschen, weil in Görlitz nie verwendeten)<br />

dunkelroten Außenanstrich,<br />

konnte aber dennoch eine sehr hohe Popularität<br />

in Görlitz erreichen. Für die anderen<br />

beiden - vom denkmalpflegerischen Aspekt<br />

betrachtet ebenfalls sehr wertvollen - Fahrzeuge<br />

bedeutete diese Auswahl das Ende.<br />

Sie wurden am 10.12. 1969 (106) bzw. 26.<br />

08.1970 (104) verschrottet. Heute würde<br />

man sicher versuchen, wenigstens den Görlitzer<br />

Wagen museal zu erhalten. Aber es<br />

war schon ein Verdienst, das Herrn Blasius<br />

entscheidend zuzuschreiben ist, dass in einer<br />

Zeit, da kaum jemand an Oldtimer dachte,<br />

überhaupt ein solches Fahrzeug erhalten<br />

und betriebsfähig restauriert werden konnte.<br />

Seit <strong>Februar</strong> 1966 wurde fast unmerklich<br />

33<br />

ein winziges Detail an den Seitenwänden der<br />

Fahrzeuge für viele Jahre prägend im Alltagsbild<br />

bei der überwiegenden Zahl der im<br />

Görlitzer Stadtverkehr eingesetzten Busse<br />

und Straßenbahnen: ein links und rechts von<br />

jeweils drei laubgrünen Flügeln flankiertes<br />

farbiges Görlitzer Stadtwappen (Nassschieber).<br />

Es war das erste Mal in der damals fast<br />

84 jährigen Geschichte dieses Unternehmens,<br />

dass überhaupt ein Stadtwappen an<br />

den Außenwänden der Fahrzeuge zum Einsatz<br />

kam. Den Anfang bildeten der Gothatriebwagen<br />

12III und sein Anhänger 64III.<br />

Lediglich der WUMAG-Triebwagen 24II<br />

und einige wenige Omnibusse waren nach<br />

bisherigen Recherchen niemals mit einem<br />

derartigen Wappen versehen.<br />

Fortsetzung folgt... Andreas Riedel, Wiesbaden<br />

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34<br />

Das Dach der Welt im Naturschutz-Tierpark Görlitz<br />

Das Dach der Welt im Naturschutz-Tierpark Görlitz<br />

Tibetische Märchen beginnen etwa so:<br />

Eine Geschichte werde ich Euch erzählen,<br />

die ich vor einigen Jahren das 1. Mal hörte.<br />

Jedes Mal, wenn ich an diese Geschichte<br />

dachte oder sie wieder hörte, kam es mir<br />

vor, als würde sie immer schöner. Denn es<br />

geht mit den Geschichten wie mit vielen<br />

Menschen: Sie werden mit zunehmendem<br />

Alter immer schöner....<br />

Die märchenhafte Geschichte, ein tibetisches<br />

Dorf im Naturschutz-Tierpark Görlitz<br />

zu bauen, begann mit einer Idee und einem<br />

Gefühl für ein landschaftlich und kulturell<br />

beeindruckendes Land. Dieses Gefühl<br />

brachten die Mitarbeiter des Naturschutz-<br />

Tierparks, die Tibet besucht haben, mit nach<br />

Görlitz. Ein unbekannter tibetischer Dichter<br />

im 9. Jahrhundert beschrieb sehr treffend in<br />

einem Gedicht, was Tibet ist:<br />

Tibet<br />

Das Zentrum des Himmels,<br />

Die Seele der Erde,<br />

Das Herz der Welt,<br />

Ist umgeben von schneebedeckten Bergen.<br />

Das Ursprungsland aller Flüsse,<br />

Wo die Gipfel hoch sind und das Land rein.<br />

Ein Land, wo die Männer als Weise und<br />

Heilige geboren werden<br />

Und nach guten Gesetzen handeln.<br />

Tibet kann man sicher nicht in Görlitz entstehen<br />

lassen, aber ein tibetisches Dorf<br />

schon, auch wenn es märchenhaft klingt.<br />

Das tibetische Dorf im Naturschutz-Tierpark<br />

Görlitz ist eine notwendige, realistische<br />

und ganzheitliche Geschichte.<br />

Warum ist ein Umbau notwendig?<br />

In den letzten Jahren hat der Naturschutz-<br />

Tierpark Görlitz eine rasante bauliche Entwicklung<br />

genommen, die sich fortsetzen<br />

soll, um noch sanierungsbedürftige Bereiche<br />

erneuern zu können. Damit kann die Attraktivität<br />

weiter gesteigert und so das Besucherinteresse<br />

aufrecht erhalten werden. Im<br />

konkreten Fall geht es um Folgendes: Das<br />

Trampeltiergehege unseres Tierparks entspricht<br />

zwar den Mindestanforderungen zur<br />

Haltung von Säugetieren, ist aber nach unserer<br />

Ansicht inzwischen zu klein. Die Yaks<br />

und Kaschmirziegen waren in einem Gehege<br />

untergebracht, das vor ca. 30 Jahren für<br />

Wisente und Bisons gebaut wurde. Die Kuhreihervoliere<br />

passt didaktisch beim besten<br />

Willen nicht zwischen die Kamele und die<br />

Meishanschweine, die zudem nicht optimal<br />

untergebracht sind. Die Art der Führung und<br />

der Zustand der Besucherwege entsprechen<br />

in keiner Weise mehr den aktuellen Anforde-<br />

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Yaks sehen in ihr Haus<br />

35<br />

rungen. Der 1986 errichtete Spielplatz aus<br />

Holzfiguren ist an der Grenze seiner Lebenserwartung.<br />

Warum ist ein tibetisches Dorf realistisch?<br />

In seiner langfristigen Entwicklungskonzeption<br />

hat der Naturschutz-Tierpark Görlitz<br />

zwei geographische Schwerpunkte der<br />

Tierhaltung fixiert: Europa und Zentralasien.<br />

Bei der Gestaltung entsprechender<br />

neuer Tiergehege wird großer Wert auf Authentizität,<br />

Natürlichkeit und Informationsvielfalt<br />

gelegt - Tiere wie Besucher sollen<br />

sich gleichermaßen wohlfühlen. Inzwischen<br />

international anerkannte Beispiele<br />

dafür sind die Görlitzer Fischotteranlage,<br />

die Gehege für Rote Pandas und Rhesusaffen<br />

sowie der Oberlausitzer Bauernhof. Das<br />

größte und innovativstes Zukunftsprojekt<br />

des Naturschutz-Tierparks ist nun die Umgestaltung<br />

des Bereiches vom Holzspielplatz<br />

bis zum Kamelgehege. Die asiatischen<br />

Haustiere sollen nicht in Einzelhäusern oder<br />

Gehegen, sondern in einem tibetischen Dorf<br />

präsentiert werden, weil wir deren Lebensbedingungen<br />

und die der tibetischen Bauern<br />

möglichst authentisch nachgestalten möchten.<br />

Fünf Häuser bzw. Stallungen werden in einem<br />

typisch tibetischen Baustil errichtet<br />

werden. Ein großes gemeinsames Freigehege<br />

erhalten die Haustiere, andere die außerdem<br />

gezeigten Wildtiere.<br />

Ein Tschörten (mit Reliquien bestücktes<br />

Monument), Gebetsfahnen, eine Gebetsmühle<br />

und Manisteine werden Eindrücke<br />

von der buddhistischen Kultur vermitteln.<br />

Neben dem typischsten tibetischen Haustier,<br />

dem Yak, der wegen seiner Lautäußerungen<br />

auch Grunzochse genannt wird, werden im<br />

Dorf auch Schweine, Schafe, Kaschmirziegen,<br />

Geflügel und sogar Trampeltiere zu<br />

sehen sein. In Tibet gibt es noch vielerorts eine<br />

enge Beziehung zu den Wildtieren, die in<br />

den oder in der Nähe der Siedlungen leben.<br />

Auch solche Arten sollen im neuen Tierparkbereich<br />

gezeigt werden. Hier reicht die<br />

Spanne vom Pfeifhasen über Zwerglaufhäher,<br />

Streifengans bis hin zu Stachelschwein,<br />

Reh und Luchs.<br />

Warum ist dieses Projekt ein ganzheitliches?<br />

In dem Dorf sollen nicht nur Haustiere aus<br />

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36<br />

Feinarbeiten am Yakhaus<br />

Zentralasien gezeigt werden, sondern für<br />

die Besucher auch die Möglichkeit bestehen,<br />

das Leben der tibetischen Menschen<br />

kennen zu lernen. Unsere Gäste können<br />

„echte” tibetische Häuser sehen. Kinder haben<br />

die Möglichkeit, spielend zu lernen und<br />

zu vergleichen, wie ein Bauernhaus vor 150<br />

Jahren bei uns und wie ein solches in Tibet<br />

aussieht. Anhand von Gebetsmühlen,<br />

Tschörten oder Gebetsfahnen werden die<br />

Besucher etwas über den buddhistischen<br />

Glauben erfahren. Zudem wollen wir vermitteln,<br />

mit welchen Problemen die Tibeter<br />

konfrontiert werden. Solche Stichworte wie<br />

Bildungsdefizite, medizinische Versorgung,<br />

Umweltschutz usw. sollen in diesem<br />

Zusammenhang erläutert und schließlich<br />

dazu genutzt werden, die Besucher sachkundig<br />

zu informieren. Sie sollen bei Führungen<br />

oder Sonderveranstaltungen sogar<br />

mit Yakdung selbst Feuer machen, auf einem<br />

Yak reiten, beim Buttern mitmachen, Buttertee<br />

trinken und Tsamba essen. Solch eine lebendige<br />

Tierparkanlage gibt es unseres Wissens<br />

bisher nirgendwo.<br />

Der Umbau hat schon begonnen<br />

Mit dem Umzug des Sibirischen Luchses<br />

und dem Bau des Geheges für Yaks und<br />

Kaschmirziegen hat die Geschichte vom tibetischen<br />

Dorf im Tierpark im November<br />

2004 für den Besucher optisch sichtbar begonnen<br />

und mit dem neu entstandenen Yakhaus<br />

Gestalt angenommen. Die Kaschmirziegen<br />

sind schon mal probehalber in ihr<br />

neues Refugium umgezogen. Die Außenanlagen<br />

des Geheges werden noch neu gestaltet.<br />

Dann ist es soweit. Am 21.05.<strong>2006</strong> wird<br />

dieses neue Gehege für Yaks und Kaschmirziegen<br />

durch einen tibetischen Mönch, mit<br />

Yakreiten, kulinarischen Spezialitäten aus<br />

Tibet und einer Tibetausstellung eingeweiht.<br />

Die Fortsetzung des Baues des tibetischen<br />

Dorf bestimmt auch <strong>2006</strong> die Arbeit im Naturschutz-Tierpark<br />

Görlitz. Neben dem neuen<br />

Gehege wird eine Baustelle entstehen.<br />

Der Bau des neuen Schweine- und des Kamelhauses<br />

sind geplant. Die vorbereitenden<br />

Arbeiten dazu beginnen im Frühjahr.<br />

Auch inhaltlich wird uns die Natur und Kultur<br />

Tibets weiter beschäftigen. Vom 20.04.<br />

bis 23.04.<strong>2006</strong> wird der Naturschutz-Tier-<br />

Mit dem Denkmalschutz eng verbunden!


park Görlitz Ort des öffentlichen Workshops<br />

des Tibet Jugend Netzwerks der Tibet<br />

Initiative Deutschland e.V. sein. Er steht unter<br />

dem Titel „Tibet Natur und Kultur bewahren”.<br />

Wo kommt das Geld für das Projekt her?<br />

Einige Görlitzer und Görlitzer Firmen haben<br />

„Feuer gefangen” und sich von der märchenhaften<br />

Geschichte eines tibetischen<br />

Dorfes in Görlitz verzaubern lassen. Sie unterstützen<br />

uns mit Spenden. Die Gelder für<br />

den Umbau sind ausschließlich Spenden-,<br />

Sponsoren- und Fördermittel, die Stadt<br />

selbst kann sich finanziell nicht beteiligen.<br />

....und wenn ihr jetzt Menschen trefft, die so<br />

ein ganz besonderes geheimnisvolles<br />

Leuchten in den Augen haben, dann hat<br />

auch die das Tibet- Fieber ereilt. Dieses Fieber<br />

trifft nur gute Menschen und solche, die<br />

Yaks besuchen mit Karin Riedel und<br />

Andreas Zaplata ihr neues Gehege<br />

<strong>37</strong><br />

in ihren Herzen noch Kinder sind, die ihre<br />

Träume auch in der Wirklichkeit sehen. Ihr<br />

glaubt gar nicht, wie viele Menschen so sind,<br />

man kann es ihnen oft nicht ansehen!!<br />

Und so träumten plötzlich die Menschen,<br />

hoben Silberlinge auf, gaben sie dem Tierpark.<br />

Wer nicht so viele Silberlinge hatte,<br />

kam einfach helfen.... und so ergab es sich,<br />

dass gegenüber dem Gehege der Rehe nun<br />

schon eine Weile tibetische Gebetsfahnen<br />

hängen, der Boden des neuen zu Hauses für<br />

die Yaks von einem Tibetischen Mönch geweiht<br />

wurde. Es entstand ein wunderschönes<br />

Yakhaus, dass die urtümlichen Rinder an<br />

ihre Heimat erinnern soll.<br />

So wurde ein kleines Stückchen des Märchens<br />

vom tibetischen Dorf im Naturschutz-<br />

Tierpark Görlitz wahr. Das ist ja gerade das<br />

Schöne. Wenn viele Lebewesen, Menschen<br />

wie Tiere gemeinsam, einen Traum träumen,<br />

dann muss er wahr werden. Und wenn nun<br />

doch die Silberlinge nicht reichen und die<br />

Leute keine Lust zum Träumen haben? Hoffentlich<br />

nicht! Die Augen der Mitarbeiter<br />

und Freunde des Tierparks werden leuchten<br />

und wie der Tibeter sagt: Der köstliche Duft<br />

geschmolzener Butter steigt zum Himmel<br />

auf und alles Unglück wird weggespült und<br />

vom Fluss weggetragen.<br />

Und so enden viele tibetische Märchen!<br />

Katrin Matthieu Naturschutz-Tierpark Görlitz<br />

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38<br />

Das Staatliche Museum für Naturkunde Görlitz -<br />

Eine Forschungseinrichtung des Freistaats Sachsen<br />

Teil 1 Einleitung und Malakologische Sammlungen<br />

Den meisten Görlitzern ist das Naturkundemuseum<br />

mit seinem Ausstellungsgebäude<br />

am Marienplatz bekannt. Besucher von Vorträgen<br />

kennen darüber hinaus auch das eindrucksvolle<br />

Humboldthaus gegenüber vom<br />

Kaisertrutz. Doch die wenigsten wissen,<br />

dass das Naturkundemuseum fünf Häuser<br />

in der Görlitzer Innenstadt nutzt, in denen<br />

rund 90 Mitarbeiter, darunter 30 Wissenschaftler,<br />

ihrer Tätigkeit nachgehen. Wozu<br />

diese Gebäude dienen und was in ihnen passiert,<br />

ist Thema dieses und nachfolgender<br />

Beiträge.<br />

Geforscht wurde im Naturkundemuseum<br />

und durch die Naturforschende Gesellschaft,<br />

die das Museum schuf, schon seit<br />

1811. Die Intensität und Qualität der Forschung<br />

hing damals von den Mitgliedern<br />

der Gesellschaft ab. In Krisen- und Kriegszeiten<br />

ließ diese meist nach, während in<br />

wirtschaftlich prosperierenden Phasen auch<br />

die „private” Forschung beachtliche Ergebnisse<br />

lieferte. Grundlage der Forschung ist<br />

die umfangreiche, historisch gewachsene<br />

Sammlung von Tieren, Pflanzen, Fossilien<br />

und Gesteinen, die mittlerweile rund 5 Millionen<br />

Objekte umfasst. Schon vor dem 2.<br />

Weltkrieg wurde die Naturforschende Gesellschaft<br />

zu Görlitz gleichgeschaltet. Ihre<br />

Auflösung erfolgte nach dem Krieg, das Museum<br />

mit seinen Sammlungen wurde 1946<br />

unter Kuratel gestellt. Die Stadt Görlitz<br />

übernahm das Museum 1949 und ermöglichte<br />

die Wiederaufnahme eines kontinuierlichen<br />

Betriebes. 1953 wurde das Museum<br />

als Staatliches Museum für Naturkunde Forschungsstelle<br />

Görlitz dem Staatssekretariat<br />

für das Hoch- und Fachschulwesen der DDR<br />

unterstellt. Nach der deutschen Wiedervereinigung<br />

wurde das Museum 1991 dem<br />

Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft<br />

und Kunst zugeordnet und erhielt den<br />

Status eines Landesmuseums des Freistaates<br />

Sachsen. Die Aufgaben des Staatlichen Museums<br />

für Naturkunde umfassen neben der<br />

Bildung der Bevölkerung durch Ausstellungen,<br />

Vorträge, Exkursionen und museumspädagogische<br />

Angebote die Erforschung,<br />

Sammlung und Bewahrung von Organismen<br />

und Gesteinen aus der Oberlausitz und der<br />

Paläarktis (Europa, Nordafrika, Vorder- und<br />

Nordasien). Die Forschungsschwerpunkte<br />

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des Museums liegen dabei in der Erfassung<br />

der Vielfalt der Bodenorganismen, der Untersuchung<br />

ihrer Auswirkungen auf die sie<br />

umgebenden Lebensräume sowie auf die<br />

anderen Bodenlebewesen. Weitere Abteilungen<br />

widmen sich der Erforschung der<br />

Wirbeltiere, der Insekten, der Schnecken<br />

und Muscheln, der Blütenpflanzen, Pilze<br />

und Flechten sowie der Geologie.<br />

Der erste Teil über das Naturkundemuseum<br />

als Forschungseinrichtung befasst sich mit<br />

dem Wolfram-Dunger-Haus Sonnenstraße<br />

19. Es ist der jüngste Gebäudezuwachs des<br />

Museums. Hier befinden sich die Abteilung<br />

Bodenzoologie und Malakologie, wo<br />

vor allem über Schnecken geforscht wird,<br />

sowie die dazugehörigen Sammlungen. Das<br />

Gebäude erhielt seinen Namen nach dem<br />

langjährigen Museumsdirektor und Ehrenbürger<br />

der Stadt Görlitz, Prof. Dr. Wolfram<br />

Dunger, der das Museum von 1959 bis 1995<br />

leitete und seinen weltweiten Ruf als Forschungseinrichtung,<br />

vor allem mit dem<br />

Schwerpunkt Bodenzoologie, begründete.<br />

Die Mollusken-Sammlung<br />

Die erste Erwähnung einer kleinen Molluskensammlung,<br />

also von Schnecken und<br />

Muscheln, der Naturforschenden Gesellschaft<br />

zu Görlitz findet sich bereits in deren<br />

Abhandlungen von 1827. Schon 1835 verfügte<br />

die Sammlung der Gesellschaft über<br />

39<br />

560 sogenannter Conchylien (Muschel- u.<br />

Schneckenschalen). Überwiegend durch<br />

Aktivitäten von Mitgliedern der Naturforschenden<br />

Gesellschaft kam es in der zweiten<br />

Hälfte des 19. Jhd. zu einem bedeutenden<br />

Ausbau der Sammlung. Z. B. stammen 460<br />

Serien von Aufsammlungen des bedeutenden<br />

Molluskenforschers Otto von Möllendorff<br />

vom Balkan und von den Philippinen.<br />

Bereits als Schüler sammelte von Möllendorff<br />

unter der Leitung des ersten Kustoden<br />

des Museums, Reinhard Peck, einheimische<br />

Mollusken, die heute zu den wichtigen frühen<br />

Belegen der Land- und Süßwassermolluskenfauna<br />

der Oberlausitz gehören. 1873<br />

wurde eine 1.790 Serien umfassende Muschel-<br />

und Schneckensammlung aus dem<br />

Nachlass des Geheimen Justizrates Lepsius,<br />

dem Bruder des berühmten Ägyptologen Richard<br />

Lepsius, durch den Kaufmann Lesser<br />

Ephraim erworben und dem Museum geschenkt.<br />

Die Sammlungen des Museums<br />

wurden 1938 in einen Schau- und einen Forschungsbereich<br />

aufgeteilt, wobei die Mollusken<br />

mehrheitlich der Forschung zugeordnet<br />

wurden. 1956 konnte Gisela Vater als<br />

wissenschaftliche Oberassistentin am Museum<br />

angestellt werden, die 1959 auch kurzfristig<br />

die kommissarische Leitung des Museums<br />

übernahm. Frau Vater leitete bereits 1957<br />

die Neuordnung der Sammlungen ein und<br />

Gemeinsam<br />

sind wir für die Sanierung<br />

der Stadthalle stark.<br />

Reinhard W. Fröhlich - Mitglied im Förderverein Stadthalle<br />

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40<br />

übernahm später, im Zuge einer neuen Zuordnung<br />

der Sammlungen zu verschiedenen<br />

Kustodenbereichen, hauptamtlich die<br />

Sammlung Niedere Wirbellose, die die<br />

Mollusken beinhaltete. Sie hatte sich bereits<br />

an der Universität Leipzig mit der Biologie<br />

von Schnecken beschäftigt und promovierte<br />

1964 an der Universität Halle-Wittenberg<br />

über die Vielgestaltigkeit von Schalen von<br />

Schnirkelschnecken. Mit ihrer wissenschaftlichen<br />

Arbeit in Görlitz begründete<br />

Frau Vater die Untersuchungen an Nacktschnecken,<br />

die bis heute einen Schwerpunkt<br />

der Forschung im Bereich Mollusken bilden.<br />

Die Biologin Dr. Reise übernahm 1990<br />

die Aufgabe der Konservatorin der Molluskensammlung.<br />

Schwerpunkte der Sammlungen<br />

bilden weiterhin die Oberlausitz,<br />

aber auch Polen und die Slowakei sowie inzwischen<br />

auch Nordamerika. Mit den Aktualisierungen<br />

der Sammlungen begann Anfang<br />

der 90er Jahre auch die elektronische<br />

Erfassung der Bestände, die heute rund<br />

14.500 inventarisierte Serien von Schnekken,<br />

2.090 Serien Muscheln und 120 Serien<br />

anderer Mollusken-Gruppen umfassen. Dr.<br />

Reise forscht vor allem über landlebende<br />

Nacktschnecken. Durch die Verknüpfung<br />

verschiedener Methoden der Morphologie,<br />

Molekularbiologie sowie Ethologie (Verhaltensbeobachtungen)<br />

werden Fragen zur<br />

Taxonomie, Fortpflanzungsbiologie und<br />

Ökologie sowie zum Lebenszyklus der Tiere<br />

beantwortet. Zu diesen Zwecken wurden<br />

Zuchten ausgewählter Schneckenarten etabliert.<br />

Die Taxonomie, wissenschaftliche Beschreibung<br />

von Tier- o. Pflanzenarten, stützt<br />

sich heute nicht nur auf äußerliche Merkmale<br />

wie Schalengestalt oder Körperfarbe oder<br />

auf den inneren Aufbau der Tiere. Vielmehr<br />

kommen molekularbiologische Methoden<br />

zum Einsatz, die bei der Unterscheidung optisch<br />

schwer unterscheidbarer Arten helfen<br />

oder sie gar erst möglich machen. Auch für<br />

Fragen zur Fortpflanzungsbiologie ist die<br />

Arbeit mit Enzym- u. DNA-Markern<br />

wichtig. Ein weiterer Gegenstand der Forschung<br />

sind außerdem invasive Schadarten<br />

in Europa und Nordamerika, z. B. die Spanische<br />

Wegschnecke, die vor ca. 10 Jahren in<br />

die Oberlausitz eingewandert ist und sich zu<br />

einem bedeutenden Garten- und Agrarschädling<br />

entwickelt. Die Zusammenarbeit<br />

mit anderen Forschergruppen in Deutschland<br />

und im Ausland, z. B. Polen, Belgien,<br />

Niederlande, Kanada und USA, gehören<br />

heute genauso zu der erfolgreichen Wissenschaft<br />

wie die Publikation der Forschungsergebnisse<br />

in englischer Sprache in internationalen<br />

Fachzeitschriften und ihre Vorstellung<br />

durch Vorträge auf internationalen Kongressen.<br />

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Für wen ist es zugänglich?<br />

Für im Haushalt lebende Menschen, deren kognitive<br />

Fähigkeiten auf der Grundlage alters- u./o. krankheitsbedingter<br />

Hirnabbauprozesse nachlassen,<br />

deren Fähigkeit, Umweltreize aufzunehmen, zu verarbeiten<br />

und sich situativ anpassen zu können,<br />

eingeschränkt oder verloren gegangen ist.<br />

Was soll erreicht werden?<br />

Die sich entwickelnden Belastungsprozesse können<br />

und sollen durch die angebotenen Versorgungsstrukturen<br />

im Tagestreff reguliert werden, den Alltag der<br />

Betreuungspersonen normalisieren und Heimunterbringungen,<br />

wenn denn nötig, planbar machen .<br />

Ein gezieltes Setzen von visuellen, taktilen, akustischen<br />

und Umweltreizen trainiert vorhandene Fähigkeiten<br />

und erhält sie länger. Bereits verloren gegangene<br />

Fähigkeiten können durch wiederholtes Üben<br />

wiedererlangt werden, ebenso die geistige Wachheit<br />

angeregt und gesteigert werden, so dass das Fortschreiten<br />

des Krankheitsprozesses verzögert und die<br />

Selbstständigkeit und Lebensqualität des Betreffenden<br />

verbessert werden kann.<br />

Welche Kapazität hat der Tagestreff?<br />

Die Raumgestaltungen bieten die Möglichkeiten, zu<br />

Betreuende stundenweise, tageweise, sowie auch<br />

nachts aufzunehmen. Dadurch entstehen tageszeitlich<br />

unterschiedliche Präsenzen mit zeitlich fließenden<br />

Übergängen.<br />

Demente können wunschgemäß zu unterschiedlichen<br />

Zeiten zu Hause abgeholt und verbracht<br />

werden, ebenso ist die Versorgung mit Mahlzeiten<br />

gegeben.<br />

Die Versorgung bezieht sich auf die Strukturierung<br />

von Tageszeiten, Beübung von alltagsrelevanten<br />

Fähigkeiten und Gestaltungen des Tagesablaufes.<br />

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Schloss Krobnitz - Ein Stück Preußen in Sachsen<br />

Schloss Krobnitz - Ein Stück Preußen in Sachsen<br />

43<br />

Schloss und Gut<br />

Das Gut Krobnitz wird erstmals im Jahr<br />

1314 urkundlich erwähnt. Seit dem 16.<br />

Jahrhundert sind alle Besitzer lückenlos bekannt.<br />

1732 kaufte Carl Heinrich von<br />

Uechtritz das Gut. Sein Sohn<br />

Friedrich Wilhelm (1734-98)<br />

baute Schmiede und Pferdestall<br />

und legte einen Park an,<br />

der einst Friedrichstal hieß<br />

und heute Friedenstal genannt<br />

wird. Von der als englischer<br />

Landschaftspark angelegten<br />

Anlage haben sich Teile<br />

der Lindenallee und zwei<br />

Teiche mit Sitzgruppen erhalten.<br />

Aus dem Besitz der<br />

Familie von Oertzen erwarb<br />

im Jahr 1873 der preußische<br />

Kriegs- und Marineminister<br />

Albrecht Theodor Emil Graf<br />

von Roon das Schloss und<br />

Gut Krobnitz für 134.600 Taler. Er ließ das<br />

im Barockstil erbaute Herrenhaus durch<br />

Aufstockung des Mansardgeschosses mit<br />

einem Flachdach und Balustrade in ein neoklassizistisches<br />

Gebäude umgestalten. Die<br />

gegliederte Putzfassade kopiert in ihrem Erscheinungsbild<br />

das Berliner Kriegsministe-<br />

rium. Vermutlich verpflichtete von Roon für<br />

den Umbau den Architekten und Bauinspektor<br />

Georg Joachim Wilhelm Neumann, der<br />

bereits in der Reichshauptstadt u.a. das<br />

Kanzleramt erbaute und später die Pläne für<br />

den Neubau des Reichsfinanzministeriums<br />

lieferte.<br />

Graf von Roon ließ den Park<br />

ein zweites Mal anlegen. Im<br />

hinteren Parkteil errichtete<br />

von Roon eine Familiengruft,<br />

die 1876 eingeweiht wurde.<br />

Sein Sohn Waldemar von<br />

Roon ließ die Gruft mit einer<br />

neogotischen Kapelle bebauen,<br />

die jedoch im Jahr 1980<br />

abgebrochen wurde.<br />

Im Jahr 1904 wurde in der<br />

Eingangshalle des Schlosses<br />

ein Terrazzofußboden eingebracht,<br />

der ummittelbar an<br />

Graf von Roon<br />

der Haustür die Begrüßungsformel<br />

„Salve" und dahinter in quadratischem<br />

Feld unter der gräflichen Krone die<br />

verschlungenen Initialen „WAR” für Waldemar<br />

Albrecht von Roon zeigt.<br />

Anlässlich der Hochzeit seiner Tochter ließ<br />

Graf von Roon Anfang des 20. Jh. an das<br />

Schloss einen Saal anbauen, der sich jedoch<br />

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44<br />

nicht harmonisch in das Gesamtensemble<br />

einfügte und bei Beginn der Rekonstruktion<br />

im Jahr 2002 entfernt wurde. Die Familie<br />

von Roon blieb bis zur Enteignung durch<br />

die sowjetische Militäradministration 1945<br />

im Besitz des Gutes. Zwei Lehrer aus Meuselwitz<br />

verhinderten durch ihren persönlichen<br />

Einsatz die Sprengung des Schlosses<br />

durch die Sowjets. Nach Kriegsende fanden<br />

zunächst Flüchtlinge und Vertriebene Unterkunft.<br />

Anfang der 50er Jahre wurden elf<br />

Wohnungen eingebaut. Diese Maßnahme<br />

zergliederte die einstmals großzügige<br />

Raumstruktur vollständig. Auch fielen der<br />

Turm und die gesamte Fassadenstruktur diversen<br />

Umbaumaßnahmen zum Opfer.<br />

Trotz Nutzung u. a. durch eine Kindertagesstätte<br />

schritt der Verfall der Gesamtanlage<br />

fort. Im Jahr 2002 begann unter der Bauherrschaft<br />

der Stadt Reichenbach die umfassende<br />

Sanierung von Gut, Schloss und<br />

Park. Durch bauarchäologische Untersuchungen,<br />

Auswertung historischer Ansichten<br />

und stilkritische Vergleiche gelang die<br />

Rekonstruktion des ursprünglichen Zustandes.<br />

Der Bauherr<br />

Albrecht Theodor Emil Graf von Roon wurde<br />

am 30. April 1803 in Pleushagen geboren.<br />

Nach dem Tod seines Vaters 1811<br />

wuchs der junge von Roon bei seiner Groß-<br />

mutter auf und trat bereits als 13-jähriger in<br />

die Kadettenanstalt zu Kulm ein. Seine Ernennung<br />

zum Leutnant erfolgte1821 und<br />

drei Jahre später besuchte er die Allgemeine<br />

Kriegsschule in Berlin. Ab 1828 wirkte er<br />

selbst als Lehrer am Kadettenkorps. In den<br />

dreißiger Jahren publizierte er als Mitglied<br />

des Generalstabes Werke zur Militärtopographie.1846<br />

wurde er im Range eines Majors<br />

zum militärischen Begleiter des Prinzen<br />

Friedrich Karl ernannt. Mit seiner Denkschrift<br />

zur „vaterländischen Heeresverfassung"<br />

legte er den theoretischen Grundstein<br />

für die erfolgreichen Feldzüge der Jahre<br />

1866 und 1870/71. Mit seiner Ernennung<br />

zum Kriegsminister 1859 und ab 1861 zugleich<br />

zum Marineminister begann Roons<br />

bedeutendster Lebensabschnitt. Auf seine<br />

Anregung hin berief König Wilhelm I. 1862<br />

Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten<br />

und Außenminister. Im Jahr 1873 erfolgte<br />

Roons Ernennung zum Generalfeldmarschall<br />

sowie seine Berufung zum preußischen<br />

Ministerpräsidenten. Aus gesundheitlichen<br />

Gründen gab er seine öffentlichen<br />

Ämter bereits im November 1873 zurück<br />

und ging in den Ruhestand. Nach dem Verkauf<br />

seiner Berliner Güter baute er sich<br />

Schloss Krobnitz als Alterssitz aus. Er verstarb<br />

jedoch schon am 29.02 1879 in Berlin<br />

und fand seine letzte Ruhestätte in Krobnitz.<br />

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Zukünftige Nutzung<br />

Mit der Fertigstellung des Schlosses und der<br />

ehemaligen Wirtschaftsgebäude stellte sich<br />

selbstverständlich die Frage nach einer dauerhaften<br />

und sinnvollen Nutzung. Das ursprüngliche<br />

Konzept für ein Treppenmuseum<br />

im Schloss musste aus verschiedenen<br />

Gründen aufgegeben werden. Die im Jahr<br />

2004 grundlegend überarbeitete Zielsetzung<br />

des Museums sieht für das Haus drei<br />

Schwerpunkte, die sich aus der Geschichte<br />

der Anlage ableiten:<br />

- Gedenkstätte für Albrecht Graf von Roon<br />

und seine Familie<br />

- Oberlausitzer Architekturmuseum des 19.<br />

Jahrhunderts<br />

- Forschungs und Dokumentationszentrum<br />

„Die Treppe“<br />

Die Ausstellungen werden je nach finanziellen<br />

Möglichkeiten schrittweise umgesetzt.<br />

Bis zur Einrichtung der Dauerausstel-<br />

Bis<br />

Ende<br />

Juni<br />

45<br />

Gegenwärtige Nutzung<br />

Das Schloss wird durch die Schlesisch-<br />

Oberlausitzer Museumsverbund gGmbH<br />

bewirtschaftet, die hier seit Dezember 2004<br />

den Sitz ihrer Geschäftsstelle hat. Die bereits<br />

mit viel Resonanz stattfindenden Sonderausstellungen,<br />

Konzerte und Veranstaltungen<br />

tragen dazu bei, das Schloss als<br />

festen Bestandteil des kulturellen Angebotes<br />

in der östlichen Oberlausitz zu integrieren<br />

und es über die Grenzen des Landkreises<br />

hinaus bekannt zu machen. Höhepunkte in<br />

diesem Jahr sind die Eröffnung des Roonkabinetts,<br />

das Motorrad-Treffen am 17. Juni<br />

sowie das große Philharmonische Konzert<br />

am 24. Juni. Sie sind herzlich dazu<br />

eingeladen. Steffen Menzel, Schlesisch-Oberlaulungen<br />

wird das Haus mit Sonderausstellungen<br />

bespielt. Das Forschungs- und Dokumentationszentrum<br />

übernimmt die Sammlung<br />

des Vereins für Scalalogie Frankfurt/M.<br />

und stellt sie einer öffentlichen Nutzung zur<br />

Verfügung. In der mit einem Turm bekrönten<br />

ehemaligen Schmiede gegenüber dem<br />

Schloss entstehen ein Raum für Sonderausstellungen,<br />

ein Veranstaltungsraum und einfache<br />

Übernachtungsmöglichkeiten. Im Inspektorenhaus<br />

hat der Verein für Arbeitsmarkt<br />

und Regionalentwicklung eine Metall-<br />

und Holzwerkstatt eingerichtet.<br />

sitzer Museumsverband gGmbH<br />

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46<br />

Die Dichterin Carola von Roon, Schloss Krobnitz<br />

Die Dichterin Carola von Roon, Schloss Krobnitz<br />

Auf der Suche nach unseren geistigen Vorfahren<br />

in Görlitz und Umgebung begegnen<br />

uns Namen, die hier schon fast vergessen<br />

sind. Vor 80 Jahren starb Carola von Roon,<br />

Schlossherrin auf Krobnitz bei Görlitz.<br />

Auch wer sie noch kannte,<br />

lebt nun nicht mehr. Unter den<br />

hiesigen Schriftstellern und<br />

den gebildeteren Lesern<br />

der Stadt genoss sie hohes<br />

Ansehen. Der Görlitzer<br />

Rechtsanwalt und Dichter<br />

Dr. Paul Mühsam<br />

würdigte sie später in seinen<br />

Lebenserinnerungen:<br />

“Sie war nicht nur ein<br />

Mensch von feinster Kultur<br />

und einer Geistigkeit, die<br />

sie in die tiefsten philosophischen<br />

Probleme führte, sondern<br />

vor allem eine Dichterin, die dem<br />

Reichtum ihrer von Sehnsucht über das Irdische<br />

hinaus erfüllten Gedanken- und Gefühlswelt<br />

mit hohem Künstlertum in fein<br />

geschliffenen, klangschönen, bilderreichten<br />

Versen poetischen Ausdruck zu geben<br />

wusste, in einer starken, niemals verschwommenen<br />

Lyrik, die süß und herb zugleich<br />

war.” <strong>Ausgabe</strong>n dieser Werke, einige<br />

aus dem Nachlass von Paul Mühsam aus Israel<br />

wieder nach Görlitz gelangt, werden in<br />

der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften<br />

zu Görlitz aufbewahrt. Es sind<br />

dies “Klingende Stille” (Stiftsverlag<br />

Potsdam 1919), “Lebenskristalle”<br />

(Verlag Görlitzer Nachrichten<br />

und Anzeiger 1921),<br />

“Worte im Traum” (Verlag<br />

Görlitzer Nachrichten und<br />

Anzeiger 1922), “Um den<br />

Tropfen am Eimer - Erschautes<br />

und Gedachtes”<br />

(Verlag Universitas Buch<br />

und Kunst Berlin-Görlitz-<br />

Leipzig-Utrecht 1922).<br />

Die Dichtung “Das Amen<br />

der Welt” blieb unveröffentlicht,<br />

ist aber im Typoskript erhalten.<br />

Gegenstand ihrer Dichtung<br />

war das Verhältnis des Menschen<br />

zu Gott und der Welt. Das verband sie<br />

mit dem Görlitzer Dichter und Denker Paul<br />

Mühsam. Es ist erstaunlich, dass sie in dieser<br />

von dramatischen Konflikten zerrissenen<br />

Umwelt nach dem 1. Weltkrieg in einem<br />

scheinbar erdenfernen Gedankengebäude<br />

lebte. Ihre Sensibilität und ihre tiefe Religiösität<br />

entsprangen wohl auch ihrer Sehnsucht<br />

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eine Steinbruch in Arnsdorf. Bis zur Volljährigkeit<br />

ihres 1907 geborenen Sohnes<br />

Hans Albrecht verwaltete Carola von Roon<br />

die Besitze. In den kirchlichen Körperschaften<br />

der evangelischen Gemeinde Meuselwitz<br />

kümmerte sie sich insbesondere in<br />

der Frauenhilfe um soziale Belange.<br />

Auf ihrem Gute versammelte sie Gleichgenach<br />

dem Festen, Bleibenden in einer Zeit<br />

des Aufruhrs und des Zusammenbruchs.<br />

Die Dichterin stammte aus einer Familie,<br />

deren Mitglieder über Jahrhunderte hinweg<br />

in bedeutenden politischen Ämtern hervorgetreten<br />

waren. Geboren wurde sie als Freiin<br />

von Seckendorff-Aberdar<br />

am 3. April 1877 in Tentzerow.<br />

Sie hatte fünf Schwestern<br />

und zwei Brüder. 1899<br />

heiratete sie Albrecht von<br />

Roon, der 1916 als Major<br />

vor Verdun fiel. Er war ein<br />

Enkel des berühmten preußischen<br />

Feldmarschalls,<br />

Kriegsministers und Ministerpräsidenten<br />

Albrecht<br />

Graf von Roon, der sich nach<br />

seiner Pensionierung 1873<br />

in Krobnitz niedergelassen<br />

hatte. Zum Besitz derer von<br />

Roon gehörten die Güter<br />

Krobnitz und Döbschütz und<br />

Titelblatt Lebenskristalle<br />

47<br />

sinnte um sich zu Lesungen und Gesprächen.<br />

Sie förderte jüngere Schriftsteller und<br />

Künstler. In der Tätigkeit literarischer Vereine<br />

und Zirkel in Görlitz. war sie mit eigenen<br />

Beiträgen, aber auch als Zuhörerin und Gesprächsteilnehmerin<br />

ein gefragter Gast. Insbesondere<br />

der Verlag Görlitzer<br />

Nachrichten und Anzeiger,<br />

der vaterländische Autoren<br />

förderte, veröffentlichte<br />

ihre Werke. Carola von Roon<br />

starb, noch nicht 50 Jahre alt,<br />

am 25. April 1926 in Obernigk<br />

und wurde in der Familiengruft<br />

in Krobnitz beigesetzt.<br />

Sie hat es verdient, wieder<br />

bekannter zu werden. Lesungen<br />

aus ihrem Werk fanden<br />

jüngst dankbare Zuhörer.<br />

Sie vermag denen etwas zu<br />

sagen, die im allgemeinen<br />

geistigen Niedergang nach<br />

einem Halt suchen. In Kürze<br />

wird im sanierten Schloss Krobnitz in einer<br />

ständigen Ausstellung zur Geschichte des<br />

Hauses auch an Carola von Roon erinnert<br />

werden. Eine Fahrt dorthin dürfte sich dann<br />

wieder lohnen.<br />

Dr. Ernst Kretzschmar<br />

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48<br />

Was mancher Görlitzer nicht weiß...<br />

Görlitz als Radiostandort<br />

Im Haus Brüderstraße 11 residiert seit einiger<br />

Zeit der Mitteldeutsche Rundfunk<br />

(mdr). Ein ehemaliges Ladenlokal bietet<br />

Platz für das Regionalbüro Görlitz, ein Aussenstudio<br />

des Landesfunkhauses Sachsen.<br />

Die Radiojournalisten des Büros sind Zulieferer<br />

für die mehrmals täglichen, eigenständigen<br />

dreiminütigen Sendungen des Regionalstudios<br />

Bautzen innerhalb des Hörfunkprogramms<br />

MDR 1 -Radio Sachsen, für das<br />

Stammhaus in Dresden und für das Informationsprogramm<br />

des MDR. Sie produzieren<br />

Nachrichten und Berichte aus dem ostsächsischen<br />

Raum und von jenseits der<br />

Neiße.<br />

Zum Anderen hat sich auch eine private<br />

Rundfunkstation in Görlitz eingerichtet:<br />

Radio Lausitz.<br />

Görlitz ist also Radiostandort, aber nicht<br />

erst seit den letzten Jahren. Bereits in der<br />

Zeit des Faschismus richtete der damalige<br />

Schlesische Reichsrundfunk Breslau Ende<br />

der 30er Jahre eine Außenstelle ein, die<br />

ihren Sitz im Ständehaus hatte. Dies ist aber<br />

ein besonderes Thema, über das noch zu<br />

berichten sein wird.<br />

Auch Anfang der 50’er Jahre wird Görlitz<br />

als Rundfunkstandort auserkoren. Am Vorabend<br />

des 5. Jahrestages der Verkündung<br />

des DDR-Gesetzes zur Wahrung der Rechte<br />

der sorbischen Bevölkerung beschließt das<br />

Staatliche Rundfunkkomitee eine sorbische<br />

Redaktion in einem eigenen Studio zu gründen.<br />

Das ist am 22. März 1953. Zwar gab es<br />

schon seit 1948 sporadische Sendungen in<br />

sorbischer Sprache, die anfangs aus Leipzig<br />

kamen und später in Dresden für den Mitteldeutschen<br />

Rundfunk produziert wurden,<br />

und auch in Cottbus für die Niederlausitzer<br />

Sorben. Warum nun gerade Görlitz? In der<br />

Villa Heinzelstraße 4 war bereits 1952/53<br />

ein Rundfunkstudio installiert worden mit<br />

Sprechstudio, Regieraum, Schneideraum<br />

und Büros; nun war sich die Leitung des<br />

Staatlichen Rundfunkkomitees nicht einig,<br />

was nach der Fertigstellung damit geschehen<br />

soll. Nun ergibt sich dieser Anlass. Da<br />

das Studio komplett eingerichtet ist, kann<br />

am Tage des Gründungsbeschlusses bereits<br />

die erste Sendung in sorbischer Sprache über<br />

den Mittelwellensender Reichenbach (657<br />

Khz) ausgestrahlt werden.<br />

Als Leiter der Redaktion wird der Rundfunkjournalist<br />

Klaus Hemmo benannt,<br />

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selbst sorbischer Nationalität. Insgesamt<br />

drei Mitarbeiter gestalten die Sendungen,<br />

die Berichte und Nachrichten aus dem sorbischen<br />

Sprachgebiet zum Inhalt haben,<br />

umrahmt von geeigneter Musik. Die jungen<br />

Mitarbeiter verfügen über wenig Erfahrung<br />

und haben keine spezielle fachliche Ausbildung;<br />

dies müssen sie sich erst im Laufe der<br />

Zeit aneignen. Ihnen steht auch ein Übertragungswagen<br />

zur Verfügung, zunächst ein<br />

umgebauter HORCH-Pkw, in dem die erforderliche<br />

Technik eingebaut war, später<br />

dann ein als Ü-Wagen konzipierter Robur-<br />

Kleinbus, der allen rundfunkspezifischen<br />

Anforderungen der damaligen Zeit entsprach.<br />

Damit fahren sie über´s Land, in die<br />

sorbischen Dörfer und Städte, um über das<br />

Leben und Arbeiten der slawischen Minderheit<br />

in der Lausitz zu berichten. Anfangs<br />

sendete das sorbische Studio aus dem Haus<br />

Heinzelstr. 4; mittwochs und sonntags, insgesamt<br />

70 Minuten in der Woche. Um das<br />

Programm auch hörerwirksam zu gestalten,<br />

bedarf es geeigneter Musik. Sorbische<br />

Volksmusik allein als Programmgestaltungselement<br />

ist unbefriedigend. So sagen<br />

sich die Mitarbeiter des Studios, spezielle<br />

Musik in sorbischer Sprache müssen wir<br />

selbst produzieren. Studioleiter Klaus Hemmo<br />

nimmt Kontakt zum damals in der Region<br />

beliebten und bekannten “Grenzland-<br />

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49<br />

Orchester” auf. Er kann die Musiker dafür<br />

gewinnen, Tanz- und Unterhaltungsmusik<br />

mit sorbischen Interpreten speziell für den<br />

Rundfunk zu produzieren. Geeignete Räumlichkeiten<br />

werden dafür gefunden. So entstehen<br />

die ersten Titel für das sorbische Programm,<br />

die Anfänge eigener Musikproduktion,<br />

die dann später in Cottbus fortgesetzt<br />

werden. 1957 sind bereits 100 Titel produziert;<br />

1978 umfasst das Musikarchiv der sorbischen<br />

Redaktion (in Cottbus) über 2000<br />

Titel. Fünf Jahre sendete die sorbische Redaktion<br />

aus Görlitz. Zudem hat das Studio<br />

Görlitz auch die Aufgaben, die Zentrale in<br />

Berlin über wichtige Ereignisse in der Region<br />

zu informieren. So geschieht das im Juli<br />

1954, als große Teile der südlichen DDR-<br />

Bezirke von einer großen Unwetterkatastrophe<br />

betroffen sind. Das Studio berichtet in<br />

den Tagen um den 13.7.1954 über die Hochwasserlage<br />

an Neiße und Spree sowie über<br />

die Solidaritätsbekundung der Bevölkerung<br />

und Görlitzer Betriebe für die Hochwassergeschädigten.<br />

1958 fasst die Leitung des DDR-Rundfunks<br />

den Beschluss, die sorbischen Sendungen<br />

im Funkhaus Cottbus zu konzentrieren,<br />

denn dort existiert eine weitere Redaktion,<br />

die für das niedersorbische Sprachgebiet<br />

sendet. Die Görlitzer Kollegen ziehen nach<br />

Cottbus und senden von nun an aus dem dor-<br />

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tigen Funkhaus, z. Teil über den UKW-Sender<br />

Landeskrone bzw. Löbau sowie über die<br />

Mittelwelle Hoyerswerda. Somit endet ein<br />

Kapitel Rundfunkgeschichte in Görlitz; das<br />

Studio hat zunächst keine Aufgabe mehr.<br />

Nur eine Technikerin bleibt im Haus. Als<br />

Zwischennutzung richtet die Berliner Leitung<br />

für kurze Zeit eine Weiterbildungsstätte<br />

für junge Rundfunkmitarbeiter aus<br />

Berlin und den Regionalprogrammen ein.<br />

Anfang der 60’er Jahre wird das Studio<br />

Gör-litz dem Sender Dresden von Radio<br />

Ausschnitte aus der Programmzeitschrift<br />

-Unser Rundfunk- vom Nov. 1953<br />

DDR angegliedert. Die Dresdener Direktion<br />

fin-den einen geeigneten fachkundigen<br />

Journa-listen, der aus der Gegend stammt:<br />

Günter Rathaj, bis dato Leiter des<br />

Betriebsfunkstu-dios im VEB Görlitzer<br />

Maschinenbau. Zu dieser Zeit ist der<br />

ostsächsische Raum im Eigenprogramm des<br />

Senders Dresden we-nig präsent. Dies<br />

ändert sich nun mit der Be-richterstattung<br />

aus dem Görlitzer Studio. Günter Rathaj<br />

fühlt sich verpflichtet, das Geschehen im<br />

östlichen Teil des Bezirkes gut ins<br />

Regionalprogramm zu bringen, nicht nur<br />

über “Produktionserfolge” in Industrie und<br />

Landwirtschaft zu berichten, sondern auch<br />

über Ereignisse in Kultur, Sport und<br />

Wissenschaft. Diese Phase dauert allerdings<br />

nicht sehr lange; gesundheitlich bedingt<br />

kann Günter Rathaj die Arbeit nicht fortsetzen.<br />

Ein Nachfolger findet sich nicht, auch<br />

wenn zwischenzeitlich Kollegen des Senders<br />

Dresden aus dem Studio Görlitz berichten.<br />

Die Leitung des DDR-Rundfunks<br />

hat wohl auch aus Kostengründen kein Interesse<br />

mehr an der Erhaltung des Rundfunkstudios<br />

und löst es Mitte der 60’er Jahre auf.<br />

Nach dem Verkauf der im Schwarzwälder<br />

Stil erbauten Villa Heinzelstraße 4 richtete<br />

sich in diesem Haus ein Arbeiterwohnheim<br />

des Kraftwerkes Berzdorf ein. Heute ist es<br />

ein ganz normales Wohnhaus für eine Fa-<br />

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