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236 StadtBILD_Maerz 2023

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Detail an der Rathaustreppe in Görlitz. Diese Arbeit von Wendel Roskopf d.Ä.<br />

aus den Jahren 1537/38 zählt zu den bedeutendsten Treppenanlagen der deutschen Renaissance.


Liebe Leserinnen, liebe Leser,<br />

Vorwort<br />

die Görlitzer neigten schon des längeren dazu, die<br />

Elisabethstraße, auf Grund der herrlich breiten Allee<br />

voller Kastanienbäume, als Elisabethplatz oder<br />

einfach in Kurzform als „Eli“ zu bezeichnen. Die Elisabethstraße<br />

wurde zwischen 1853 und 1855 in ihrer<br />

heutigen Alleeform auf dem breiten Streifen der<br />

abgebrochenen doppelten Stadtmauer angelegt.<br />

Der Stadtgraben wurde verfüllt, die Zwingeranlage<br />

abgebrochen und die dort befindlichen Vorortgärten<br />

beseitigt. So bildet die Elisabethstraße heute<br />

die Grenze zwischen der historischen Altstadt und<br />

der Innenstadt. Auf Grund ihrer Weiträumigkeit<br />

wurde sie auch gleich als Handels- und Wochenmarkt<br />

ursprünglich von Tuchmachern, aber dann<br />

zunehmend als Lebensmittelmarkt genutzt.<br />

Obwohl Görlitz nie eine Residenzstadt war, wurden<br />

etliche Straßen und Plätze der Stadt nach gekrönten<br />

Häusern benannt. Und dieses Schicksal<br />

traf auch die frisch gestaltete Elisabethstraße, die<br />

nach der Gattin des preußischen Königs Friedrich<br />

Wilhelm IV, einer Prinzessin Elisabeth Ludovika von<br />

Bayern benannt wurde, die von Verwandten und<br />

Bediensteten jedoch einfach als Elise bezeichnet<br />

wurde, weswegen der heutige volkstümliche Name<br />

der Straße als „Eli“ eigentlich folgerichtig ist. Außer<br />

dass ihre Mutter die Halbschwester der Königin<br />

Amalie von Sachsen war, gibt es kaum Hinweise<br />

auf irgendwelche Beziehungen zu Sachsen oder<br />

speziell zu Görlitz. Da der Görlitzer Rat anscheinend<br />

schon von jeher ein gespaltenes Verhältnis zu in<br />

Görlitz zu ehrenden Personen hatte, verwundert<br />

diese Namensgebung eigentlich auch kaum. Es ist<br />

nur erstaunlich, dass die Elisabethstraße in der Zeit<br />

der beiden „sozialistischen“ Diktaturen nicht auch<br />

den üblichen Umbenennungsorgien zum Opfer<br />

fiel. So behielt sie bis Anfang Februar <strong>2023</strong> durch<br />

alle Zeitenwenden hindurch ihren Alleecharakter<br />

und ihren Namen. Doch am 4. Februar rückten Motorsägen<br />

und Bagger an und beseitigten im oberen<br />

Teil der Elisabethstraße die alten Rosskastanien mit<br />

Stumpf und Stil. So empfängt heute den Besucher<br />

ein weitläufiger, fast trostloser, baumloser Platz,<br />

weswegen der Stadtrat zu Recht auch einen Teil der<br />

oberen Elisabethstraße kürzlich als Elisabethplatz<br />

offiziell umbenannte.<br />

Die Baumfällarbeiten, bei denen übrigens keinerlei<br />

protestierende Klimaschützer in den Wipfeln entdeckt<br />

wurden, waren teilweise wegen der Morschheit<br />

der alten Alleebäume und dem Modernisierungsbedarf<br />

der Straße und der Erneuerung der<br />

Infrastruktur notwendig geworden. Aber keine<br />

Sorge, der Rat hat bereits beschlossen und die Mittel<br />

beiseite gelegt, dass nach der Bodensanierung<br />

neue widerstandsfähige Rosskastanien, in der<br />

ursprünglichen Anordnung in zwei Reihen angepflanzt,<br />

den Platz wieder umsäumen. Die Händler<br />

bleiben auch erhalten, sie müssen nur während der<br />

Bauarbeiten in den unteren Teil der Elisabethstraße<br />

ausweichen und kommen nach Abschluß der Arbeiten<br />

vermutlich im Sommer 2024 in den oberen<br />

Bereich des „Eli“ zurück. Bis dahin haben die Görlitzer<br />

nun einen wirklich großen Elisabethplatz.<br />

Bertram Oertel<br />

Berichtigung:<br />

In unserer Februar-Ausgabe <strong>2023</strong> (Seite 31) heißt<br />

es im Text zum Bild „Biesnitzerstr. um 1911“. Die<br />

Angaben sind leider falsch. Es handelt sich um die<br />

Rabenberg-Siedlung, die Kreuzung Rabenbergstraße/Talstraße<br />

und jetzt A. Struga / Stefana (PL).<br />

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Einleitung<br />

3


Abenteuer Neiße. Geschichten am Fluss<br />

Neiße<br />

Ansicht der Neißeaue von Hennersdorf aus in Richtung Görlitz. 1778, Johann Gottfried Schultz,<br />

Feder in Tusche, Pinsel in Wasserfarben. Kulturhistorisches Museum Görlitz.<br />

Die Ausstellung im Kulturhistorischen Museum<br />

entstand im Rahmen eines Interreg-<br />

Projektes im Jahr 2020 und war im Kaisertrutz<br />

zu sehen. Ein zweiter Ausstellungsteil<br />

des Senckenberg Museums für Naturkunde<br />

Görlitz mit dem Untertitel „Leben am<br />

Fluss“ wurde in Görlitz und in Zgorzelec<br />

gezeigt, nun folgt im Miejski Dom Kultu-<br />

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4<br />

Ausstellung


von Ines Haaser<br />

Abenteuer Neiße<br />

ry der kulturgeschichtliche Ausstellungsteil.<br />

Wir hoffen, dass auch viele Görlitzer<br />

den Weg in die Partnerstadt finden, denn<br />

wegen der Corona-Pandemie war im Kulturhistorischen<br />

Museum die Schau nur<br />

begrenzte Zeit zu sehen. Die Besucher<br />

erwartet in Zgorzelec zudem ein frisch restauriertes<br />

historisches Gebäude am Ostufer<br />

der Neiße, die ehemalige Oberlausitzer<br />

Gedenkhalle.<br />

Die Lausitzer Neiße steht im Mittelpunkt<br />

der Ausstellung. Sie ist Wirtschaftsfaktor<br />

und Touristenmagnet, in der Vergangenheit<br />

war sie militärische und politische Barriere,<br />

heute wichtiger Erinnerungsort europäischer<br />

Geschichte. Die Tafelausstellung<br />

mit zahlreichen Fotos und mehrsprachigen<br />

Texten erzählt von der Rolle der Neiße<br />

in der Steinzeit und der Zeit der slawischen<br />

Besiedlung der Oberlausitz, als der Name<br />

des Flusses zum ersten Mal für einen Landstrich<br />

„provinciam Nice“ 1018 beim Chronisten<br />

Thietmar von Mersburg erwähnt<br />

wird. Im Mittelalter entstanden zahlreiche<br />

Dörfer und wenig später Städte am Fluss –<br />

Zittau, Hradek, Guben. Die größte Stadt ist<br />

bis heute Görlitz-Zgorzelec.<br />

Neißequelle im Isergebirge, 1928, Adolf Schorisch,<br />

Druck nach Federzeichnung. Publiziert wurden<br />

30 Ansichten der Neiße von der Quelle bis zur<br />

Mündung in einer Mappe.<br />

Kulturhistorisches Museum Görlitz.<br />

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Ausstellung<br />

5


Abenteuer Neiße. Geschichten am Fluss<br />

Neiße<br />

Mündung der Neiße in die Oder bei Ratzdorf, 1928, Adolf Schorisch, Druck nach Federzeichnung.<br />

Kulturhistorisches Museum Görlitz.<br />

Die Neiße entspringt im nordböhmischen<br />

Nová Ves nad Nisou/Neudorf an der Neiße<br />

im Isergebirge. Der noch kleine Gebirgsbach<br />

passiert Jablonec nad Nisou/Gablonz<br />

an der Neiße und wenig später Liberec/Reichenberg.<br />

Bei Zittau wird sie zum<br />

deutsch-polnischen Grenzfluss. Über Görlitz,<br />

Bad Muskau und Forst fließt sie Richtung<br />

Norden. Nur wenige Kilometer nach<br />

Guben mündet sie bei Ratzdorf ganz unspektakulär<br />

in die Oder. Hier auf den letzten<br />

15 Kilometern war der Fluss sogar für<br />

größere Schiffe, die sogenannten Kaffenkähne,<br />

befahrbar. Diese aus dem Berliner<br />

Raum bekannten Transportschiffe führten<br />

Waren von der Oder aus flussaufwärts.<br />

Noch um 1900 investierte die Stadt Guben<br />

in einen neuen Hafen. Doch das Ende des<br />

Zweiten Weltkrieges beendete diese Wirtschaftsentwicklung.<br />

Die Hafenanlagen<br />

wurden vor einigen Jahren restauriert, um<br />

Radfahrern auf dem Oder-Neiße-Radweg<br />

eine neue Attraktion zu bieten. So steht<br />

die touristische Erschließung mit Bootsverleihen,<br />

Raftingtouren oder dem gut<br />

ausgebauten Radweg erst am Anfang.<br />

6<br />

Ausstellung


von Ines Haaser<br />

Abenteuer Neiße<br />

Ausschnitt aus der Stadtansicht von Görlitz von Joseph Metzker und Georg Scharffenbergk 1565/1566.<br />

Holzschnitt, Kulturhistorisches Museum Görlitz. Etwas links von der Mitte ist der Görlitzer Schlachthof, der<br />

Kuttelhof, zu sehen. Nachdem er 1691 abbrannte, wurde er nicht wiederaufgebaut.<br />

Immer verstanden es die Menschen, den<br />

Fluss wirtschaftlich zu nutzen – angefangen<br />

beim Fischfang – selbst in Görlitz gab<br />

es eine Fischerinnung – über die Wasserkraftnutzung<br />

für Mühlen, um Getreide<br />

oder Lumpen zu mahlen oder Tuchwalken<br />

anzutreiben. Färber spülten ihre Wollstoffe<br />

im Fluss, das Gleiche taten die Gerber<br />

mit ihren Produkten oder die Fleischer mit<br />

den Kutteln der frisch geschlachteten Tiere.<br />

So war der Fluss schon im Mittelalter<br />

stark verschmutzt und sein Wasser zum<br />

Trinken nicht geeignet. Die Industrialisierung<br />

verstärkte noch die Einleitung von<br />

Abfällen in die Neiße, die chemische Düngung<br />

der Felder tat das Ihrige. Erst jetzt<br />

sind sich die Menschen ihrer Verantwortung<br />

gegenüber der Natur und dem Neißefluss<br />

bewusst.<br />

Oft bedrohten Hochwasser und Eisgang<br />

das Leben der Menschen am Fluss. Zahlreiche<br />

Überschwemmungen zerstörten<br />

Brücken und Wehranlagen. An das letzte<br />

große Hochwasser im Jahr 2010 kann<br />

sich so mancher Görlitzer sicherlich noch<br />

erinnern. Der Damm am Speicher der<br />

Ausstellung<br />

7


Abenteuer Neiße. Geschichten am Fluss<br />

Neiße<br />

Ansicht der Fabriken an der Neiße mit Brücke, 1898, Albin Kühn, Pinsel in Wasserfarben. Kulturhistorisches<br />

Museum Görlitz. Trotz großer Wasserverschmutzung durch die örtliche Industrie sind links im Bild Neißefischer<br />

zu sehen.<br />

Wittig war gebrochen und eine Flutwelle<br />

folgte flussabwärts. Als 1897 ein<br />

Jahrhunderthochwasser zu hohen Personen-<br />

und Sachschäden führte, erkannten<br />

die Anwohner, dass unbedingt Gegenmaßnahmen<br />

ergriffen werden mussten.<br />

Der Wasserbauingenieur Prof. Otto Intze<br />

(1843–1904) trieb die Errichtung von Tal-<br />

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8<br />

Ausstellung


von Ines Haaser<br />

Abenteuer Neiße<br />

Die neu errichtete Altstadtbrücke, 1907, Robert Scholz, Fotografie, Ratsarchiv Görlitz. Dieses Bild zeigt<br />

die vom Hochwasser schwer beschädigte alte Neißebrücke gemeinsam mit dem daneben errichteten<br />

modernen Neubau.<br />

sperren an den Zuflüssen zur Neiße voran.<br />

Zwischen 1902 und 1910 entstanden fünf<br />

Stauwerke, eines der beeindruckendsten<br />

befindet mitten in Jablonec nad Nisou mit<br />

einer 20 Meter hohen Staumauer, die das<br />

Grünwalder Wasser aus dem Quellgebiet<br />

der Neiße im Isergbirge aufstaut.<br />

Zunächst führten Furten an zahlreichen<br />

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Ausstellung<br />

9


Abenteuer Neiße. Geschichten am Fluss<br />

Neiße<br />

Staumauer der Talsperre in Jablonec nad Nisou,<br />

1928, Adolf Schorisch, Druck nach Federzeichnung.<br />

Kulturhistorisches Museum Görlitz.<br />

flachen sedimentreichen Stellen über den<br />

Fluss. Die vermutlich älteste Brücke querte<br />

in Görlitz die Neiße. Schon Ende des 13.<br />

Jahrhunderts wird sie in den Aufzeichnungen<br />

erwähnt. In kleineren Orten baute man<br />

hohe hölzerne Stege über den Fluss wie sie<br />

auf Zeichnungen des 18. Jahrhunderts oder<br />

alten Fotografien noch zu sehen sind.<br />

Seit 1875 verbindet eine Bahnlinie die Städte<br />

Görlitz und Zittau miteinander. Diese<br />

führt durch das enge und schroffe Flusstal,<br />

was den Ingenieuren höchstes Können abverlangte.<br />

Allein vier Mal quert die Eisenbahn<br />

den Fluss. Seit längerer Zeit ist die<br />

Strecke aus verschiedenen Gründen stillgelegt,<br />

dabei könnte sie vor allem auch für<br />

den Tourismus im romantischen Neißetal<br />

eine große Rolle spielen.<br />

Heute wird in 36 Kraftwerken entlang der<br />

Neiße Strom produziert. Schon um 1900<br />

waren erste Turbinen zur Erzeugung von<br />

Elektrizität in bestehende Mühlenanlagen<br />

eingebaut worden. Die meisten von ihnen<br />

wurden in Folge der Kriegsereignisse 1945<br />

beschädigt oder gar zerstört. Ihren Wiederaufbau<br />

erschwerte die Grenzziehung entlang<br />

des Flusses.<br />

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10<br />

Ausstellung


von Ines Haaser<br />

Abenteuer Neiße<br />

Hölzerner Steg zwischen Penzig und Deschka, 1928, Adolf Schorisch, Druck nach Federzeichnung.<br />

Kulturhistorisches Museum Görlitz.<br />

Obwohl die Neiße schon immer als militärische<br />

Barriere genutzt wurde, wie zum<br />

Beispiel der Verlauf der Stadtmauer in<br />

Görlitz beweist, und die Zerstörung von<br />

Brücken in Folge von Kriegshandlungen<br />

im Dreißigjährigen Krieg oder während<br />

der Napoleonischen Kriege erfolgte, fanden<br />

die größten Veränderungen mit dem<br />

Zweiten Weltkrieg statt. Noch am letzten<br />

Kriegstag wurden als deutsche Kriegsstrategie<br />

in Görlitz alle sieben Neißebrücken<br />

zerstört, mit Guben und Forst waren ganze<br />

Städte durch die Kriegshandlungen<br />

dem Erdboden gleichgemacht worden.<br />

Am 2. August 1945 wurde die Oder-Neiße-Grenze<br />

im Potsdamer Abkommen<br />

zwischen den Alliierten festgelegt. Nun<br />

verlief inmitten der Neiße die Grenze zwischen<br />

Deutschland und Polen. Millionen<br />

Deutsche mussten ihre Heimat verlassen,<br />

um den aus den nun sowjetisch gewordenen<br />

Gebieten vertriebenen Polen Platz zu<br />

machen. Von der durch die DDR und die<br />

VR Polen 1950 im Görlitzer Abkommen<br />

propagierten Oder-Neiße-Friedensgrenze<br />

distanzierte sich die Bundesrepublik<br />

Ausstellung<br />

11


Abenteuer Neiße. Geschichten am Fluss<br />

Neiße<br />

Zerstörte Fußgängerbrücke in Görlitz, 1945, Paul Seifert, Pinsel in Wasserfarben.<br />

Kulturhistorisches Museum Görlitz.<br />

über Jahrzehnte lang. Erst mit dem Ende<br />

der DDR kam von der Bundesrepublik die<br />

verbindliche Aussage zur Anerkennung<br />

der Grenze. Vielfältige neue wirtschaftliche<br />

Möglichkeiten ergaben sich durch<br />

die Grenzöffnung. Aber auch Ängste begleiteten<br />

die Menschen beiderseits des<br />

Flusses. Seitdem sich 1998 Görlitz und<br />

Zgorzelec zur gemeinsamen Europastadt<br />

erklärten, nähern sich die Städte und ihre<br />

Bürger in vielen kleinen Schritten immer<br />

weiter an. Heute ist die Europastadt Alltag<br />

für die Menschen beiderseits des Flusses<br />

geworden. Viele Polen leben und arbeiten<br />

in Görlitz, so manch Görlitzer geht tanken<br />

und einkaufen in Zgorzelec. Kulturveranstaltungen<br />

wie Altstadtfest und Jakubyfest<br />

verbinden die Menschen.<br />

Unser VERANSTALTUNGSTIPP:<br />

Besuchen Sie die „Ausstellung Abenteuer<br />

Neiße. Geschichten am Fluss“ im Mejiski<br />

Dom Kultury in Zgorzelec vom 1. April bis<br />

zum 11. Juni <strong>2023</strong>. Geöffnet ist sie täglich<br />

von 15 bis 18 Uhr kostenfrei.<br />

Herzliche Einladung zur feierlichen ERÖFF-<br />

NUNG am Freitag, 31. März <strong>2023</strong>, 17 Uhr<br />

im Mejiski Dom Kultury in Zgorzelec.<br />

Polnische Führungen mit Petrus Snojer<br />

finden sonnabends, 1. April und 10. Juni,<br />

jeweils um 15 Uhr statt. Treffpunkt: Mejiski<br />

Dom Kultury.<br />

Eine deutschsprachige Führung mit Ines<br />

Haaser wird am Sonntag, 2. April, um<br />

15 Uhr geboten. Treffpunkt: Papst- Johannes-<br />

Paul- II.- Brücke (Stadtbrücke deutsche<br />

Seite). Die Führungen sind kostenfrei.<br />

12<br />

Ausstellung


Sonderausstellung „Über Druck” im März<br />

Ausblick<br />

Der Titel „Über Druck“ greift zum einen den atmosphärischen<br />

Zustand auf, der ungeahnte Kräfte<br />

freisetzen kann. Viele Künstlerinnen und Künstler<br />

charakterisieren so ihren kreativen Prozess und ihre<br />

Arbeitsweise. Druckgrafik verlangt zudem stets auch<br />

körperliche Kraft, etwa beim Vorbereiten schwerer<br />

Lithografie-Drucksteine, beim Schneiden ins harte<br />

Holz des Druckstocks oder beim Bedienen der<br />

Druckerpresse: Über Druck entstehen druckgrafische<br />

Bilder. Die Ausstellung gibt einen Überblick über prägnante<br />

Positionen und die Vielfalt druckgrafischer<br />

Techniken, um zu zeigen, dass Druckgrafik in der<br />

Gegenwart ein vielfältiges und lebendiges künstlerisches<br />

Medium ist. Sie versammelt Werke aus den<br />

Beständen des Kulturhistorischen Museums der Görlitzer<br />

Sammlungen und des Kunstfonds, Staatliche<br />

Kunstsammlungen Dresden. Begleitend findet ein<br />

umfangreiches Veranstaltungsprogramm statt.<br />

ERÖFFNUNG der der Sonderausstellung: Freitag, 10. März<br />

<strong>2023</strong>, Freitag, 18.00 10. Uhr März im <strong>2023</strong>, Kaisertrutz 18.00 Uhr im Kaisertrutz<br />

Interessiertes Publikum ist ist herzlich willkommen.<br />

willkommen.<br />

Erste Termine im März aus dem Begleitprogramm zur<br />

Sonderausstellung:<br />

Kuratorenführung<br />

26.3. Kai Wenzel – 14.00 Uhr<br />

Kunstpause, 12.12 Uhr<br />

15.3. Benjamin Badock und Sabrina Asche<br />

22.3. Christine Ebersbach und Katharina Immekus<br />

29.3. Juana Anzellini und Maren Oehling<br />

Die Kunstpause ist eine etwa 20-minütige Besprechung<br />

einzelner Werke mit den Ausstellungskuratoren<br />

Silke Wagler und Kai Wenzel. Die Tickets sind für<br />

jede Einzelveranstaltung und auch im Abo für die gesamte<br />

Reihe der Kunstpausen erhältlich.<br />

Ab dem 11. März erwartet die Besucherinnen und<br />

Besucher eine neue Sonderausstellung im Görlitzer<br />

Kaisertrutz:<br />

Über Druck. Zeitgenössische Druckgrafik aus Sachsen<br />

und der Lausitz<br />

Die Schau, die bis zum 20. August <strong>2023</strong> gezeigt wird,<br />

versammelt Werke von mehr als 60 namhaften Künstlerinnen<br />

und Künstlern aus Sachsen und der Lausitz.<br />

Zu sehen sind rund hundert Druckgrafiken aus den<br />

vergangenen drei Jahrzehnten. Sie zeigen, dass Sachsen<br />

und die Lausitz vitale Landschaften der zeitgenössischen<br />

Kunst sind.<br />

Druckwerkstatt im Kaisertrutz (mit Voranmeldung*)<br />

– Hier kann Drucktechnik ganz praktisch ausprobiert<br />

werden:<br />

25.3., 12.00 Uhr – Druckerpresse<br />

*Ihre Voranmeldungen zu dieser Veranstaltung erbitten<br />

wir bis zum vorhergehenden Tag an Marie Karutz<br />

(Museumspädagogik/Veranstaltungen):<br />

Tel. 03581/671417; E-Mail: paedagogik@goerlitz.de<br />

Alle Informationen zur neuen Sonderausstellung finden<br />

Sie hier: https://www.goerlitzer-sammlungen.<br />

de/Sonderausstellung-Kaisertrutz.html<br />

14<br />

Ausstellung


Weitere Ausstellungsankündigungen<br />

Ausblick<br />

Nur noch für kurze Zeit im Barockhaus<br />

(Neißstraße 30) zu sehen:<br />

Herbert Heimann – Fotografien aus den 1920er bis<br />

1950er Jahren: Die Arbeiten des Görlitzer Fotografen<br />

sind bedeutende Zeugnisse der Görlitzer Fotografiegeschichte<br />

und nur noch bis Mitte März im Graphischen<br />

Kabinett im Barockhaus zu sehen. Vorbeischauen<br />

lohnt sich.<br />

Herbert Heimann (1897-1970) gehörte zur Gruppe<br />

der Görlitzer Künstlerschaft und war mit dem Maler<br />

Willy Schmidt, dem bekanntesten Vertreter des Expressionismus<br />

in Görlitz, eng befreundet.<br />

Anlässlich des 125. Geburtstags von Herbert Heimann<br />

zeigen die Görlitzer Sammlungen erstmals<br />

Werke des bisher wenig bekannten Görlitzer Fotografen.<br />

Sein Sohn Robert B. Heimann übergab 2021<br />

zahlreiche Originalfotografien als Schenkung an das<br />

Museum.<br />

Mehr Infos zum Künstler und unserer Sonderausstellung<br />

im Graphischen Kabinett (Barockhaus, Neißstraße<br />

30): https://www.goerlitzer-sammlungen.de/<br />

Sonderausstellung-Barockhaus.html<br />

Weitere Ausstellungseröffnungen im März<br />

Foto von Herbert Heimann, Stillleben mit Margeriten<br />

in Kugelvase von Wilhelm Wagenfeld, 1945, Fotografie<br />

(Pigmentdruck)<br />

24. März <strong>2023</strong> bis 24. September <strong>2023</strong> | Barockhaus,<br />

Graphisches Kabinett | Neißstraße 30<br />

Ins Gebirge. Konrad Henker, Adolf Traugott v. Gersdorf<br />

und Karl Andreas von Meyer zu Knonow<br />

31. März bis 11. Juni <strong>2023</strong> | Wanderausstellung im<br />

Miejski Dom Kultury, Zgorzelec<br />

Geschichte(n) am Fluss. Abenteuer Neiße<br />

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Ausstellung<br />

15


Das Haus Nr. 3 an der Rosenstraße<br />

3<br />

Es gibt ja viele Städte, die eine Rosenstraße<br />

vorweisen können. Diese Straßen<br />

wurden aber nicht nach den dort evtl.<br />

wachsenden Rosen oder Blumenverkäufern<br />

benannt, sondern nach den dort tätigen<br />

„Damen“, die eine Rose im Knopfloch<br />

trugen – als Erkennungszeichen. Und das<br />

wohlgemerkt in jeder mittelalterlichen<br />

Stadt.<br />

Wer beim Besuch der Görlitzer Altstadt<br />

von der Peterstraße nach links durch die<br />

Rosenstraße (früher Rosengasse) geht,<br />

der wird vergeblich das Haus Nr. 3 suchen.<br />

Noch heute steht man immer noch vor<br />

einem öden unbebauten Fleck und einer<br />

Lücke im sonst so schönen Altstadtbild.<br />

Ob das Eckgrundstück Rosenstraße 3 eines<br />

Tages wieder mit einem Wohnhaus<br />

bebaut wird, wir dürfen gespannt sein.<br />

Erinnerungen von Dieter Seibt<br />

In einer Chronik im Ratsarchiv Görlitz<br />

schrieb der Chronist Buttkowski, dass es<br />

im Jahre 1388 eine Familie Rose gab. Aber<br />

es sei kaum anzunehmen, dass der Straßenname<br />

davon abgeleitet ist. Er erwähnt,<br />

dass die Rosenstraße vielleicht einst die<br />

Straße der Freudenmädchen war. Aus dieser<br />

Chronik habe ich weiter entnommen,<br />

dass die Straße 1445 und 1496 in einem<br />

Hypothekenbrief genannt ist. Der Chronist<br />

Buttkowski bringt für das Jahr 1511<br />

die Hausnummer 5 mit dem Baumeister<br />

Albrecht Stieglitz und 1549 mit dem Baumeister<br />

Wendel Roskopf in Verbindung.<br />

1691 brannte am 19. März die ganze Gasse<br />

nieder und 1717 wurden am 31. Juli<br />

die beiden Eckhäuser an der Petersgasse<br />

durch Feuer zerstört.<br />

Nach Richard Jechts „Geschichte der Stadt<br />

Görlitz“ war das Eckhaus Rosenstraße 3/<br />

Judengasse 18 (später Rathausstraße) ein<br />

alter Brauhof. Er war im Mittelalter nach<br />

der Wertigkeit aller Görlitzer Brauhöfe als<br />

9-bieriger Brauhof eingestuft. Noch aus<br />

dieser Zeit hatten die Kellerräume bis in<br />

die Neuzeit ein sehr massives Gewölbe.<br />

1645 gehörte das Haus dem Hausmeister<br />

Georg Specht aus Penzighammer. Besitznachfolger<br />

war sein Sohn, der Advokat Joachim<br />

Specht. Seit 1809 bis in die Zeit des<br />

1. Weltkrieges war das Haus im Besitz des<br />

bekannten Görlitzer Tuchfabrikanten Salin.<br />

Der letzte private Besitzer war Paul Si-<br />

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16<br />

Geschichte


Erinnerungen<br />

Rosenstraße 3<br />

Die Rosenstraße von der Jüdenstraße aus, um 1913, links die Häuser 4 und 5. Blickrichtung zur Peterstraße.<br />

gismund, ein Kaufmann aus Weißwasser.<br />

Er erwarb das Haus für 295000 RM. Auch<br />

das Nebenhaus Nr. 4 ist ein historisches<br />

Gebäude. Auffällig ist das Barockportal<br />

von 1720. Das Haus war Kloster, Höhere<br />

Mädchenschule, Kaserne und Brauhof.<br />

Noch heute erinnert eine Gedenktafel daran,<br />

dass hier einst Napoleon übernachtete.<br />

Nach der Schlacht bei Bautzen am 20. und<br />

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Geschichte<br />

17


Das Haus Nr. 3 an der Rosenstraße<br />

3<br />

Die Rosenstraße von der Peterstraße aus, um 1913.<br />

21. Mai 1813 kam Napoleon auf dem Wege<br />

der Verfolgung der russisch-preußischen<br />

Armee in Richtung Osten in das Haus Nr. 4<br />

und besuchte am 23. Mai seinen sterbenden<br />

General la Brière.<br />

1936 sind meine Großeltern Alma und<br />

Paul Stephan und 1938 meine Eltern Elisabeth<br />

und Alfred Seibt in das Haus Rosenstraße<br />

3 gezogen. Wenn meine Schwester<br />

und ich aus dem Küchenfenster der el-<br />

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18 Geschichte


Erinnerungen<br />

Rosenstraße 3<br />

terlichen Wohnung in der 1. Etage blickten,<br />

hatten wir 6 Meter von unseren Nasenspitzen<br />

entfernt die Häuserwand der<br />

Rathausstraße Nr. 2, 3 und 4 vor uns und<br />

konnten den Bewohnern in die Stuben sehen.<br />

Auf der Rückseite sahen wir über ein<br />

Pappdach auf das Hinterhaus der angrenzenden<br />

Rosenstraße 4. Der Hof war für<br />

uns Kinder auch der Spielplatz. Er war von<br />

allen Seiten von Hauswänden, von den<br />

Schuppen der Bewohner und hinten vom<br />

Waschhaus umsäumt. Es fehlte Grünes.<br />

Es gab keinen Baum, keinen Strauch, keinen<br />

einzigen Grashalm. Hinten links im<br />

Hof war der Eingang zum Seitenhaus. Die<br />

Seitenhaus- Wohnungen lagen schon im<br />

Gebäude der Rathausstraße 17/18. Im<br />

Haus wohnte auch der Kaufmann Paul<br />

Symmank – Kartoffelgroßhändler der Firma<br />

SYMMANK & APELT.<br />

Er hatte im Erdgeschoss einen größeren<br />

Lagerraum für seine Waren. In der Rosenstraße<br />

6/Ecke Peterstraße wurden in<br />

einem Ladengeschäft die Kartoffeln verkauft.<br />

Beim Vorbeigehen bekam ich immer<br />

eine Prise von frischem Kartoffelduft<br />

in die Nase.<br />

An der Rathausstraße waren bis 1945 französische<br />

Kriegsgefangene untergebracht.<br />

Sie waren „Freigänger“, arbeiteten in der<br />

Essigfabrik (später VEB Nordstern) und<br />

füllten Wein auf Flaschen. Nach der täglichen<br />

Arbeit sahen sie oft zum Fenster hinaus<br />

und zu uns Kindern herüber.<br />

Wenn sie ein Paket aus ihrer französischen<br />

Heimat erhalten hatten, packten sie es in<br />

6 m Entfernung vor unseren Augen aus.<br />

Da konnten wir sehen, was im Paket drin<br />

war, und sahen ihre Freude über die Geschenke<br />

von ihren Familien aus der Heimat.<br />

Anfang Mai 1945 flogen immer öfter Tiefflieger<br />

auch über die Altstadt. Auch wir<br />

Kinder spürten die Anspannung bei den<br />

Erwachsenen und die drohende und näher<br />

kommende Gefahr für unser Leben.<br />

Die Bewohner wagten sich kaum mehr<br />

auf die Straßen der Altstadt. Der Kartoffelhändler,<br />

Herr Symmank, hatte den noch<br />

anwesenden Hausbewohnern angeboten,<br />

sie bei der bedrohlichen Situation<br />

mit seinem Kartoffel- LKW aus der Stadt<br />

herauszubringen. Ich weiß aber heute<br />

nicht mehr, wohin er gefahren ist. Aber<br />

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Geschichte<br />

19


Das Haus Nr. 3 an der Rosenstraße<br />

3<br />

es war Montag, der 7. Mai 1945, am Nachmittag.<br />

Unsere Familie sollte, wenn Herr<br />

Symmank zurückkommt, mit der 2. Fahrt<br />

evakuiert werden. Bis zur geplanten Abfahrt<br />

haben wir uns an der Langenstraße<br />

in einem Luftschutzkeller aufgehalten.<br />

Das Gepäck für die Flucht oder eine Evakuierung<br />

hatten wir immer dabei. Danach<br />

sind wir zu unserem Haus gelaufen. Über<br />

uns flogen die Tiefflieger. Ich hatte gesehen,<br />

dass aus fast allen Fenstern weiße<br />

Bettlaken hingen, auch aus unserer Wohnung.<br />

Wir sind so schnell wie wir konnten<br />

in den Hausflur geflüchtet. In diesem Moment<br />

gab es über uns eine gewaltige Detonation.<br />

Eine Bombe oder Granate hatte<br />

unser Haus getroffen. Die Mutter hat uns<br />

Kinder sofort die Kellertreppe hinuntergezerrt<br />

in den Schutz des Gewölbes. Sie hat<br />

mich ganz eng an sich gedrückt, denn wir<br />

standen im dichten Staub des Trümmerschutts.<br />

Zum Benutzen des Mundschutzes<br />

waren wir nicht gekommen.<br />

Ich hatte bemerkt, dass unsere Mutter in<br />

dieser Situation nicht den Kopf verloren<br />

hat. Sie wollte mit uns schnell aus dem<br />

Keller auf die Straße kommen. Andere<br />

Bewohner der Straße waren zur Stelle<br />

und räumten Trümmer und Schutt weg,<br />

damit wir den Keller verlassen konnten.<br />

Danach wollten wir nur weg, raus aus der<br />

Stadt, Schutz suchen und herauskommen<br />

aus dem gefährlichen Bereich der Tiefflieger.<br />

Auf Herrn Symmank mit seinem<br />

LKW warteten wir nicht mehr. So hetzten<br />

wir auf den Untermarkt. Auch hier waren<br />

zur gleichen Zeit mehrere Häuser durch<br />

Granattreffer zerstört worden. Auf dem<br />

Untermarkt trennten wir uns von unserer<br />

Oma, die nicht mit uns flüchten konnte.<br />

Weiter sind wir durch die Weberstraße in<br />

Richtung Ständehaus. Unsere Mutter zog<br />

es weiter über die Reichenberger Brücke<br />

auf die Ostseite der Stadt. Ich glaube, sie<br />

hatte die richtigen Informationen über<br />

die Lage in der Stadt. Tatsache war, dass in<br />

diesen Tagen viele Bewohner unter dem<br />

Druck der Beschießung der Weststadt<br />

in die Ostviertel flüchteten. Von hier aus<br />

gab es noch eine offene Fluchtstraße aus<br />

der Stadt nach Süden, und in diese Richtung<br />

flüchteten wir. Am Abend wurden<br />

alle Brücken über die Neiße gesprengt.<br />

Erst im Spätsommer 1945 kehrte unsere<br />

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20 Geschichte


Erinnerungen<br />

Rosenstraße 3<br />

Familie nach einer Fluchtodyssee nach<br />

Görlitz zurück. Es vergingen noch einige<br />

Monate, bis wir eine Wohnung und damit<br />

ein neues Zuhause an der Goethestraße<br />

fanden. Das Bauamt notierte die Rosenstr.<br />

3/Rathausstr. 17/18 als Gebäudeverlust.<br />

Die Häuser waren mit 17 Wohnungen zu<br />

70 % zerstört und damit Totalschäden.<br />

1946 wurde die Ruine abgetragen und<br />

1963/64 das Grundstück enttrümmert. Im<br />

Gegensatz zu anderen im Krieg beschädigten<br />

Gebäuden in der Altstadt wurde<br />

diese Lücke im Altstadtbild bis heute<br />

nicht mehr geschlossen.<br />

Was für mich bleibt, sind Erinnerungen<br />

an das Kinderleben in der Altstadt, an<br />

das Zusammenleben unserer Großeltern<br />

und Eltern im Altstadthaus, an die wenigen<br />

Schulwochen seit dem Schulbeginn<br />

im Sommer 1944 und an die Zeit, als der<br />

Krieg auch bis in unser Haus kam.<br />

Rathausstraße/Ecke Rosenstraße um 1915<br />

<strong>StadtBILD</strong>-Archiv<br />

Fotos: Robert Scholz<br />

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Geschichte<br />

21


Als die Stadt Görlitz aufblühte<br />

aufblühte<br />

Im Jahr 1913, dem letzten Friedensjahr,<br />

herrschte noch Optimismus auch in Görlitz.<br />

Stetes Wachstum, steigender Wohlstand<br />

– so würde es weitergehen, glaubte<br />

man trotz drohender Wolken über dem<br />

politischen Horizont. Die Verwaltungsberichte<br />

des Görlitzer Magistrats dokumentierten<br />

das Leben einer aufstrebenden,<br />

modernen Provinzstadt mit knapp 86 000<br />

Einwohnern. 130 Wohnungen entstanden<br />

neu für die langsam, aber stetig wachsende<br />

Bevölkerung. In Görlitz erblickten 1 656<br />

Kinder das Licht der Welt. Da verzeichnete<br />

man 200 Geburten mehr als Sterbefälle.<br />

Es herrschte nahezu Vollbeschäftigung.<br />

Man zählte nur 139 Arbeitslose, und vielen<br />

Fabriken mangelte es an Facharbeitern. Zu<br />

den beschäftigungsintensivsten Branchen<br />

gehörte die Textil- und Bekleidungsindustrie,<br />

in der über 2 500 Männer und Frauen<br />

in Lohn und Brot standen. Die kommunalen<br />

Unternehmen erbrachten reichliche<br />

Gewinne für die Stadtkasse, die es sogar<br />

ermöglichten, dass die Stadt selbst Kredite<br />

vergab. Allein das städtische Braunkohlenwerk<br />

förderte über vier Millionen Tonnen<br />

Kohle. Der Stadtrat beschloss sehr sozial<br />

den Bau einer Schule in der Nähe der Grube.<br />

Man errichtete 32 Arbeiterwohnungen<br />

mit Wohnküche, zwei Stuben, Abort und<br />

Stall. 230 Schüler aus den Gemeindeschulen<br />

erhielten Gelegenheit, sich im städtischen<br />

Ferienheim in Daubitz zu erholen.<br />

Die Görlitzer konnten einen Höhepunkt<br />

nach dem anderen erleben. Im Juni fand<br />

das 18. Schlesische Musikfest in der neuerrichteten<br />

Stadthalle begeisterte Zuhörer.<br />

Erstmals inszenierte das Stadttheater<br />

unter dem königlichen Musikdirektor<br />

Professor Schattschneider das Görlitzer<br />

Sommertheater mit Operetten und<br />

Schauspielen. Weit über 30 000 Besucher<br />

bewunderten die Exponate und Räume<br />

der Oberlausitzer Gedenkhalle mit dem<br />

Kaiser-Friedrich-Museum. Auch das steinerne<br />

Antlitz der Stadt erlebte zahlreiche<br />

Verschönerungen. Am 21. August weihte<br />

der Magistrat den so prächtigen wie repräsentativen<br />

Sparkassenneubau auf der<br />

Berliner Straße ein. Nach nur knapp einem<br />

Jahr Bauzeit öffnete das „Kaufhaus zum<br />

Strauss“ der Louis Friedländer GmbH am<br />

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22 Geschichte


Von Ratsarchivar Siegfried Hoche<br />

Als Görlitz aufblühte<br />

Kaufhaus zum Strauss der Louis Friedländer GmbH, Foto: RAG, Robert Scholz<br />

30. September 1913 am Demianiplatz. Das<br />

gab Berliner Großstadtflair, die Architektur<br />

lehnte sich stark an das hauptstädtische<br />

Wertheimwarenhaus an. Im Vorfeld des<br />

Bauprojektes gab es zahlreiche Versuche<br />

von mittelständischen Konkurrenz-Unternehmen,<br />

das Kaufhausprojekt zu verhindern.<br />

In der Festschrift zur Eröffnung<br />

verwiesen die Berliner Eigentümer darauf,<br />

dass Görlitz nun eine „großstädtische<br />

Note“ erhalten habe. Das vom Potsdamer<br />

Architekten Schmanns und dem Görlitzer<br />

Baumeister Kaempfer errichte Kaufhaus<br />

böte den „Einheimischen und hierherziehenden<br />

Fremden die denkbar vorteilhafteste<br />

Quelle für alle Lebensbedürfnisse<br />

jeder Bevölkerungsschicht“. Es diene den<br />

Zielen von Görlitz als Industrie- und Gartenstadt.<br />

Kein Wort von Denkmalpflege<br />

– schließlich hatte das über 200 Jahre alte<br />

Hotel „Zum Strauß“ den modernen Bedürfnissen<br />

weichen müssen.<br />

Der Erste Weltkrieg beendete abrupt diese<br />

größte Blütenperiode der Görlitzer Stadtgeschichte.<br />

2 278 Görlitzer starben auf den<br />

Schlachtfeldern. Die Bevölkerungszahl<br />

sank um fast 14 000 Einwohner. Hunger<br />

und Not trafen die Görlitzer, besonders die<br />

Arbeiterschaft. Die meisten der etwa 900<br />

kaufkräftigen und kulturbegeisterten Pensionäre<br />

verloren in der folgenden Inflation<br />

ihr Vermögen und wurden zu Sozialhilfeempfängern.<br />

Die Zeit der schönen Visionen<br />

schien vorbei. Das wir heute wieder<br />

welche haben können, macht Mut.<br />

Ratsarchivar Siegried Hoche<br />

Geschichte<br />

23


Leserbrief<br />

Wolfgang Stiller schrieb uns zum Artikel<br />

„Geschichte der Volkswohlfahrt in Görlitz“,<br />

(Dezember-Ausgabe 2022) einen Leserbrief.<br />

Auch auf der Ostseite von Görlitz auf dem<br />

Rabenberg gab es ein städtisches Waisenhaus.<br />

Am 8. April 1912 wurde mit einer<br />

Feierstunde das Waisenhaus eröffnet.<br />

Die Fotos von Robert Scholz zeigen diese<br />

Einrichtung. Zugleich Fotos von Wolfgang<br />

Stiller als Gegenüberstellung 2018 und<br />

2017. Das Objekt diente damals als Wohnhaus.<br />

24 Leserbrief


Leserbrief<br />

Gleichzeitig gab es auf dem Rabenberg<br />

auf der Ostseite von Görlitz ein Waisenund<br />

Kinderheim.<br />

Dieses Objekt wurde saniert und ist nun<br />

Firmensitz einer Versicherung.<br />

Dieses gehörte der Stiftung von Gally und<br />

Helene Heymann, wie auf der Inschrift<br />

über dem Eingang zu lesen ist. In diesem<br />

Waisen- und Kinderhein wurden auch Kinder<br />

von ledigen Müttern untergebracht,<br />

damit die Mütter weiterhin berufstätig<br />

sein konnten.<br />

Auf dem linken Foto, ist eine Schwester<br />

mit 3 Kleinkindern zu sehen und auf dem<br />

rechten Foto meine Schwester Christa Stiller<br />

geb.Arlt 1932/33, im Waisen- und Kinderheim<br />

der Stiftung von Gally und Helene<br />

Heymann auf dem Rabenberg.<br />

Leserbrief<br />

25


Die Geschichte der Kammermusik in Görlitz<br />

Vor ungefähr 100 Jahren wurde die Görlitzer<br />

Kammermusik-Vereinigung gegründet. Sie<br />

hat durch künstlerisch hochstehende und<br />

gutbesuchte Konzertabende ihre Lebensfähigkeit<br />

erwiesen und den Nachweis erbracht,<br />

dass in Görlitz auch für diesen Zweig<br />

der Musik ein ausreichender Zuhörerkreis<br />

vorhanden war.<br />

Das eigentliche Konzertleben begann mit<br />

dem Anfange des 19. Jahrhunderts. Kontor<br />

Döring, Stadtmusikus Bischoff und Magister<br />

Hase hatten um 1803 einen Konzertverein<br />

ins Leben gerufen, der in jedem Winter 6<br />

Konzerte gab. Aus den Programmen wechselte<br />

Orchester-, Chor- und Solomusik, und<br />

im 6. Konzert des Winters 1811/12, am 21.<br />

Februar 1812, wurde zum ersten Male ein<br />

Kammermusikwerk dargeboten: ein Quartett<br />

des jetzt vergessenen Komponisten<br />

Franz Krommer. Als dann 1814 die Leitung<br />

der regelmäßigen Konzerte in die Hände<br />

des Kantors August Blüher und des Organisten<br />

Johann Schneider überging, treffen<br />

wir in den Programmen auf bekanntere Vertreter<br />

der Kammermusik; 1814 wurde das<br />

Klarinetten-Quintett von Mozart und 1816<br />

das Septett von Beethoven gespielt. Am 15.<br />

Dezember 1821 fand im Ressourcen-Saale<br />

der erste Görlitzer Kammermusikabend<br />

statt; er nannte sich bescheiden „Musikalischer<br />

Unterhaltungsabend“ und war von<br />

Blüher und Schneider veranstaltet. Das Programm<br />

konnte sich sehen lassen: 1 Septett<br />

von Beethoven, 2. ein Streichquartett von<br />

Haydn, 3. Septett von Hummel. Mit diesem<br />

Abend begann die umfassende Geschichte<br />

der Kammermusik in Görlitz; sie ist reich an<br />

Enttäuschungen für die Veranstalter gewesen,<br />

aber mit immer frischem Mute haben<br />

die jeweils neuen Männer die Versuche ihrer<br />

müde gewordenen Vorgänger wiederholt,<br />

mit einheimischen Kräften auch diesen<br />

edelsten Zweig musikalischer Betätigung<br />

zu pflegen. Der erste, der planmäßig an diese<br />

Aufgabe heranging, war der Kantor Wilhelm<br />

Klingenberg, der 1840 sein hiesiges<br />

Amt antrat. In seinen eigenen Konzerten<br />

und später in denen des 1850 gegründeten<br />

Musikvereins spielte die Kammermusik eine<br />

große Rolle. Klingenberg war selbst ein guter<br />

Geiger; er übernahm die Primgeige; die<br />

anderen Instrumente wurden von Mitgliedern<br />

der Stadtkapelle, gelegentlich auch<br />

von Dilettanten, bedient. Wie er von 1855<br />

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26<br />

Geschichte


Die Geschichte der Kammermusik in Görlitz<br />

Lauterbach-Quartett um 1862, Foto: SLUB / Deutsche Fotothek<br />

– als der Musikverein einging – bis 1863 die<br />

erste Blütezeit der Kammermusik in Görlitz<br />

schuf, allerdings mit auswärtiger Hilfe. Als<br />

Klingenberg älter geworden war und sich<br />

vom Konzertleben mehr zurückgezogen<br />

hatte, als das städtische Orchester unter<br />

der wachsenden Konkurrenz der hiesigen<br />

Militärkapelle in Stärke und Leistungen<br />

immer mehr zurückging, wurde 1875 der<br />

Verein der Musikfreunde gegründet, der<br />

nun nebenher auch die Kammermusik mit<br />

betreute und in seinen Konzerten einheimische<br />

Künstler und berühmte auswärtige<br />

Vereinigungen mit Werken dieser Gattung<br />

auftreten ließ. Einzelne Versuche auf unserem<br />

Gebiet unternahmen in dieser Zeit die<br />

Stadtkapelle (1875 unter Sauer, 1886 unter<br />

Österreich) und Bernhard Dessau (1880), der<br />

damals vorübergehend in Görlitz als Konzertmeister<br />

Xaver v. Makomaski ein Görlitzer<br />

Streichquartett gründete und mit dieser<br />

Vereinigung bis 1898 24 Soireen veranstaltete.<br />

Aber das Ende war dasselbe, das allen<br />

vorhergegangenen Anläufen beschert gewesen<br />

war; der „Görlitzer Anzeiger“ berichtet<br />

über die letzte Soiree: „Der Abend bilde-<br />

Geschichte<br />

27


Die Geschichte der Kammermusik in Görlitz<br />

te den Abschluss einer höchst fruchtbaren,<br />

aber wenig lukrativen siebenjährigen Tätigkeit<br />

im Dienste einer ernsten Kunstrichtung.<br />

Entmutigt durch die geringe und durch kein<br />

Mittel zu hebende Unterstützung des Publikums<br />

hat sich Makomaski entschlossen, die<br />

Kammermusikabende aufzugeben.“ Auch<br />

die Sonatenabende, die Makomaski nun mit<br />

Artur Stiehler am Klavier einrichtete, fanden<br />

keinen größeren Anklang und unterblieben<br />

nach 2 Versuchen, trotzdem sich im damals<br />

bestehenden Wagner-Verein eine Vereinigung<br />

von Freunden der Kammermusik<br />

gebildet hatte. Da sprang der Verein der<br />

Musikfreunde in die Lücke: er veranlasste<br />

den städtischen Musikdirektor Stiehler zur<br />

Einrichtung von Kammermusikabenden,<br />

die für eine vom Verein gezahlte Pauschalsumme<br />

für die Mitglieder frei und für Nichtmitglieder<br />

für 75 Pf. zugänglich waren. Vier<br />

solcher Abende fanden statt, aber „klein<br />

und fast unverändert bleibt die Gemeinde,<br />

die sich an dieser Kunstform erbaut“, musste<br />

der Anzeiger (1900) feststellen. Trotzdem<br />

nahm Artur Stiehler im folgenden Winter<br />

die Kammermusikabende in eigene Verwaltung<br />

und hat bis zu seinem Tode im Jahre<br />

1905 21 Soireen abgehalten; er beteiligte<br />

sich dabei als glänzender Klavierspieler und<br />

sorgte für moderne Programme. Im nächsten<br />

Jahre führte der Konzertmeister der<br />

Stadtkapelle, Robert Reitz (danach war er<br />

in der Staatskapelle Weimar), ein tüchtiger<br />

Geiger, unterstützt von seinem Bruder Fritz<br />

(Cello), Musikdirektor Eibenschütz (Viola)<br />

und Frau Lisbeth Alexander-Katz (Klavier),<br />

die Kammermusikabende aus, bis dann in<br />

den Jahren 1906/08 – nach dem Weggange<br />

der Brüder Reitz – Musikdirektor Eibenschütz<br />

selbst die Einrichtung der Soireen<br />

übernahm (8 Abende). Unter seinem Nachfolger<br />

Jüttner blieben die Kammermusikabende<br />

bestehen, obwohl sich Jüttner selbst<br />

nicht ausführend beteiligte; er sorgte für<br />

tüchtige Solokräfte in den Streichern, und<br />

die Klavierpartien übernahm der damalige<br />

Stadtarzt Dr. Reimer, ein modern eingestellter,<br />

guter Pianist, der seine außerordentlichen<br />

musikalischen Kenntnisse auch bei<br />

der Programmberatung geltend zu machen<br />

wusste. Als Arnold Schattschneider zum<br />

Leiter des städtischen Orchesters berufen<br />

wurde und gleichzeitig das Konservatorium<br />

einrichtete, waren in diesen beiden<br />

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28<br />

Geschichte


Die Geschichte der Kammermusik in Görlitz<br />

Instituten hinreichende Kräfte zur kammermusikalischen<br />

Betätigung vorhanden; sie<br />

haben sich auch gelegentlich hören lassen,<br />

aber zu regelmäßigen Veranstaltungen ist<br />

es nicht gekommen. Das geschah erst nach<br />

dem Kriege wieder, als sich Konzertmeister<br />

Schuhmacher 1920 an die Spitze eines<br />

Quartetts stellte und 5 Soireen durchführte,<br />

die als letzter Versuch, mit einheimischen<br />

Kräften Kammermusik zu machen, anzusehen<br />

sind.<br />

Immer, wenn die Görlitzer Künstler in der<br />

Pflege der Kammermusik erlahmten, traten<br />

zum Glück auswärtige Vereinigungen in<br />

die Bresche. Das geschah zum ersten Male<br />

1855, wo es dem Musikdirektor Klingenberg<br />

gelang, das Streichquartett der Hofkapelle<br />

des Fürsten Constantin von Hohenzollern<br />

aus Löwenberg nach Görlitz zu holen. Das<br />

ausgezeichnete Quartett bestand aus den<br />

Kammermusikern Max und Emil Seifriz (1.<br />

und 2. Geige), dem Bratschisten Hübschmann<br />

und dem Cellisten Oswald, die alle<br />

mit Klingenberg freundschaftlich verbunden<br />

waren. Es wurden zunächst 3 Soireen<br />

im Aussicht genommen, für die der Abonnementspreis<br />

1 Tlr. betrug. Die 1. Soiree<br />

fand am 17. November 1855 im Braunen<br />

Hirsch statt und brachte Werke von Haydn,<br />

Mozart und Beethoven. Der gute Erfolg dieses<br />

Versuchs ermutigte zur Fortsetzung, und<br />

so haben die Löwenberger bis 1863 im ganzen<br />

37 Kammermusikabende hier gegeben.<br />

Diese 9 Jahre bedeuten ohne Zweifel einen<br />

Höhepunkt in der Geschichte der Kammermusik<br />

in Görlitz. Nicht nur das bedeutet<br />

einen Fortschritt gegen früher, dass durch<br />

fast ein Jahrzehnt hindurch regelmäßige<br />

Soireen mit klassischen Programmen stattfanden<br />

und auf diese Weise ein geschlossener<br />

Zuhörerkreis gebildet und für diese Art<br />

der Musik erzogen wurde, sondern auch<br />

die Darbietungen selbst, „deren Wert in der<br />

Größe und Noblesse der Auffassung und<br />

dem bis in die kleinsten Nuancen exakten<br />

Zusammenspiel, als einer Frucht der ernsten<br />

Kunstbestrebungen der Ausführenden<br />

bestand“ (Anzeiger 1856), standen auf vorbildlicher<br />

Höhe. Zur Bereicherung der Programme<br />

traten oft die vorzüglichen anderen<br />

Solokräfte der Löwenberger Hofkapelle,<br />

wie der Klarinettist Jacob, der Hornist Klotz<br />

u. a., sowie die Hofpianisten des Fürsten, vor<br />

allem Hans Bronsart v. Schellendorf, zu den<br />

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Geschichte<br />

29


Die Geschichte der Kammermusik in Görlitz<br />

vier Streichern, zu denen in den letzten Jahren<br />

an Oswalds Stelle der später als Cellovirtuose<br />

berühmt gewordene David Popper<br />

gehörte. Dass Franz Liszt auf der Rückreise<br />

von Löwenberg nach Weimar in der Soiree<br />

am 29. April 1858 anwesend war, „ohne jedoch<br />

eine kleine Probe seiner berühmten<br />

Hände dem auserwählten Kreise der Zuhörer<br />

zu schenken, was viele gewünscht<br />

hatten“ (Anzeiger 1858), sei nur nebenbei<br />

bemerkt. Es lag nicht an mangelndem Interesse<br />

der Görlitzer Musikfreunde, dass diese<br />

genussreichen Abende auch einmal zu Ende<br />

gingen. „Wie sind uns diese vier Streichinstrumente<br />

so teuer, lieb und unentbehrlich<br />

geworden“, begann die Besprechung der 3.<br />

Soiree des Jahres 1863, und ein Neidischer<br />

spricht im Anzeiger (im Januar desselben<br />

Jahres) mit schlecht verhohlenem Groll von<br />

„den Strenggläubigen in musikalischer Beziehung,<br />

welche ausschließlich in den Soireen<br />

ihr musikalisches Bedürfnis befriedigen“.<br />

Vermehrte Arbeitslast des Quartettführers<br />

Max Seifriz, der seit 1857 Hofkapellmeister<br />

und Intendant des Fürsten war, zunehmendes<br />

Alter und öfter eintretende Krankheit<br />

einzelner Quartettmitglieder ließen die Unbequemlichkeiten<br />

der 50 Kilometer langen<br />

Wagen- oder Schlittenreise allmählich größer<br />

erscheinen und dämpften das jugendliche<br />

Feuer.<br />

Es sind dann 30 Jahre vergangen, ehe es<br />

zur Gründung des Görlitzer Streichquartetts<br />

durch Makomaski kam. Die in der<br />

Zwischenzeit von Görlitzer Künstlern unternommenen<br />

Versuche zur Pflege der<br />

Kammermusik sind oben bereits erwähnt<br />

worden; hier sollen noch die auswärtigen<br />

Quartette genannt werden, die sich in dieser<br />

Zeit in Görlitz hören ließen. Es kam da<br />

zunächst ein Dresdner Quartett, bestehend<br />

aus den kgl. sächs. Kammermusikern Seelmann,<br />

Ackermann, Meinel und Schlick, in<br />

den Jahren 1863 und 1865, beim zweitem<br />

Besuch begleitet von der Hofopernsängerin<br />

Frau Krebs-Michalesi und ihrer 14-jährigen<br />

Tochter Mary Krebs, die damals bereits eine<br />

vielbewunderte Pianistin war. 1865 erschien<br />

auch das damals „berühmteste Quartett<br />

der Welt“ der Gebrüder Müller aus Braunschweig;<br />

es wiederholte seinen Besuch<br />

1868. Im folgenden Jahre hörten die Görlitzer<br />

zum ersten Male das Florentiner Quartett<br />

(Jean Becker), das dann bis 1883 viermal<br />

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30 Geschichte


Die Geschichte der Kammermusik in Görlitz<br />

wiederkam. Allen diesen fremden Gästen<br />

war Klingenberg ein unermüdlicher Wegbereitet.<br />

1872 trat ein schlesisches Quartett bei<br />

uns auf. Graf Bolko von Hochberg, der Gründer<br />

der Schlesischen Musikfeste, unterhielt<br />

nämlich damals – nach der Sitte deutscher<br />

und österreichischer Magnaten in vergangenen<br />

Zeiten – in Rohnstock ein Hausquartett<br />

(Schiever, Franke, Wolff, Hausmann),<br />

und das konzertierte im Februar genannten<br />

Jahres im Gewerbehaussaal. Nach einer<br />

Pause von vier Jahren gab 1876 Xaver Scharwenka,<br />

unterstützt von Berliner Kammermusikern,<br />

eine Soiree, und dann kam 1877<br />

das Joachim-Quartett (Joseph Joachim, de<br />

Ahna, Rappoldi und Müller), dass erst 1905,<br />

also nach 28 Jahren, seinen Besuch wiederholte,<br />

nachdem der berühmte Geiger 1903<br />

mit Eugen d’Albert einen Sonatenabend<br />

vor überfülltem Vereinshaussaale gegeben<br />

hatte. In den achtziger Jahren scheint die<br />

Kammermusik ihre dürftige Zeit gehabt zu<br />

haben; man konnte nur die Soireen des de<br />

Ahna-Quartetts von 1882 und 1889 und<br />

die des Heymann-Quartetts aus Köln 1888<br />

buchen. Im Verein der Musikfreunde trafen<br />

in diesem Jahrzehnt auf das Barth-Trio<br />

Florentiner Streichquartett um 1870, Fotografie<br />

(Originalabzug) Foto: Kunstbibliothek, Staatliche<br />

Museen zu Berlin<br />

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Geschichte<br />

31


Die Geschichte der Kammermusik in Görlitz<br />

Dresdner Petri-Quartett um1907, Foto: SLUB / Deutsche Fotothek<br />

(1881), das Florentiner Quartett (1881), das<br />

Lauterbacher-Quartett (1882 und 1884), das<br />

Heckmann-Quartett (1887), das Leipziger<br />

Gewandhausquartett (1888), das Quartett<br />

der Berliner köngl. Kapelle (1889); auf diese<br />

Weise wurde eine wichtige Ergänzung der<br />

wenigen freien Unternehmungen geschaffen.<br />

Der Besuch des Lauterbach-Quartetts<br />

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32 Geschichte


Die Geschichte der Kammermusik in Görlitz<br />

1890 schließt dann die Reihe der Veranstaltungen.<br />

Nachdem sich dann 1898 das Görlitzer<br />

Streichquartett wieder aufgelöst hatte,<br />

kam 1899 das Böhmische Streichquartett<br />

nach Görlitz, das 1904, 1914 und 1916 seine<br />

Besuche wiederholte. 1906 folgte das Brüsseler<br />

Streichquartett, das 1908 wiederkam.<br />

Das Jahr 1908 brachte außer dem Halir-<br />

Quartett noch ein interessantes Ereignis auf<br />

kammermusikalischem Gebiete, indem am<br />

5. Februar ein Konzert der „Société de Concerts<br />

des instruments anciens“ stattfand.<br />

Die Vereinigung von 5 Herren stand unter<br />

Leitung von H. Casadesus und spielte die<br />

alten Instrumente Viole d´amour, Viole de<br />

Gambe, Quinton, Basse de Viole und Clavecin.<br />

Alle diese Soireen wurden entweder im<br />

Rahmen der Musikfreunde-Konzerte oder<br />

der Fiedlerschen Konzertunternehmungen<br />

gegeben. In dem ersten Jahrzehnt des neuen<br />

Jahrhunderts hatten neben diesen gelegentlichen<br />

Soireen auswärtiger Künstler die<br />

40 oben erwähnten Kammermusik-Abende<br />

unter Stiehler, Reiß, Eibenschütz und Jüttner<br />

stattgefunden und immer unter einem<br />

gewissen Mangel an Zuhörern gelitten. Es<br />

fehlte eben die jetzt geschaffene Organisation<br />

der Freunde der Kammermusik. Trotzdem<br />

wagte es die Konzertdirektion Fiedler,<br />

im Dezember 1910 das Petri-Quartett aus<br />

Dresden (Petri, Warwas, Spitzner, Wille) zu<br />

einer Reihe von Soireen nach Görlitz einzuladen;<br />

der Erfolg war verheißungsvoll,<br />

und so haben die vier ausgezeichneten<br />

Künstler bis zum Beginn des Krieges 16<br />

Kammermusik-Abende im fast immer gutgefüllten<br />

Bankettsaale der Stadthalle geben<br />

können. Beim letzten Konzert am 19. April<br />

1914 saß der temperamentvolle Henri Petri<br />

nicht mehr am Pult der 1. Geige, er war zehn<br />

Tage vorher gestorben. Sein Nachfolger als<br />

Führer des Dresdner Quartetts wurde Gustav<br />

Havemann, der nach dem Kriege in den<br />

Jahren 1919 und 1920 hier 7 Kammermusik-<br />

Abende veranstaltete; dann wurde er nach<br />

Berlin berufen. Da sich in den Nachkriegsjahren<br />

mit ihren wirtschaftlichen Nöten die<br />

Orchesterkonzerte überall verringerten, versuchten<br />

zahlreiche Kammermusik-Vereinigungen<br />

diese Lücke zu füllen. Auch der Verein<br />

der Musikfreunde hatte schon im Kriege<br />

selbst unter der Orchesternot gelitten und<br />

daher zu Konzerten des Böhmischen<br />

Streichquartetts (1914), des Gewandhaus-<br />

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Geschichte<br />

33


Die Geschichte der Kammermusik in Görlitz<br />

Quartetts (1916), des Havemann-Quartetts<br />

(1918 und 1919) und der Bläservereinigung<br />

der Berliner Staatsoper (1919) seine Zuflucht<br />

nehmen müssen. Des zweimaligen Besuchs<br />

des Russischen Trios (1913) in diesem Verein<br />

sei der Vollständigkeit halber gedacht. Sonst<br />

traten in diesen letzten Jahren in Görlitz das<br />

Schachtebeck-Quartett aus Leipzig (1921<br />

bis 1926 achtmal), das Klingler-Quartett aus<br />

Berlin (1921 bis 1924 dreimal), das Quartett<br />

der Gebrüder Post (1922 bis 1924 dreimal)<br />

und das neugebildete Dresdner Streichquartett<br />

(1924 bis 1926 zehnmal) in den<br />

Wettbewerb. Diese 24 Soireen in 6 Jahren<br />

wären an und für sich nicht zu viel für unsere<br />

Stadt gewesen; aber da sie von miteinander<br />

konkurrierenden Konzertunternehmen veranstaltet<br />

wurden, lagen die Konzertabende<br />

oft zu nahe beieinander; das Publikum zersplitterte<br />

sich, und oft wiesen die Säle recht<br />

große Lücken auf, ja der für das Klingler-<br />

Quartett im Januar 1926 angesetzte Abend<br />

musste wegen zu schwacher Beteiligung<br />

abgesagt werden. Dass dies alles kein Zeichen<br />

von mangelndem Sinn der Görlitzer<br />

für die Kammermusik, sondern ein Fehler<br />

der Organisation war, hat das vergangene<br />

Jahr deutlich bewiesen.<br />

Nach dieser geschichtlichen Übersicht über<br />

die Tätigkeit einheimischer und fremder<br />

Künstler auf Kammermusikalischem Gebiete<br />

müssen wir noch einen kurzen Blick auf<br />

die zu Gehör gebrachte Musik werfen.<br />

Es sind seit 1855 bis 1928 in Görlitz etwa<br />

200 Kammermusik-Veranstaltungen gewesen,<br />

von denen ungefähr 160 Programme<br />

erhalten sind. Auf dieses Material stützten<br />

sich die folgenden Ausführungen. Es ist<br />

ein gutes Zeichen, dass die Geschichte der<br />

Kammermusik in Görlitz mit den Namen<br />

Mozart (1814), Beethoven (1816) und Haydn<br />

(1821) beginnt. Diesen drei Wiener Klassikern<br />

sind unsere Musikfreunde ebenso wie<br />

die ausübenden Künstler treu geblieben.<br />

Beethoven steht mit 123 Aufführungen an<br />

der Spitze; trotz dieser großen Zahl gab es<br />

aber noch immer eine Anzahl Werke, die in<br />

Görlitz nie erklangen. Haydn und Mozart<br />

folgten mit je 54 Aufführungen; bei diesen<br />

beiden Meistern ist natürlich an eine vollständige<br />

Vorführung ihrer sehr zahlreichen<br />

Kammermusik-Kompositionen gar nicht zu<br />

denken. Die nächsthohe Aufführungsziffer<br />

erreichte mit 49 der vierte Wiener, Franz<br />

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34 Geschichte


Die Geschichte der Kammermusik in Görlitz<br />

Schubert, den man wohl der Romantik zurechnet;<br />

er erschien 1859 zum ersten Male<br />

auf einem Programm des Löwenberger<br />

Quartetts. Eine auffällige Zurücksetzung<br />

seiner Jugendwerke – ähnlich wie bei seinen<br />

Symphonien – war zu vermerken. Die<br />

beiden norddeutschen Romantiker Schumann<br />

und Mendelssohn, von denen der<br />

erste 1858 ebenfalls durch die Löwenberger<br />

in Görlitz eingeführt wurde, während<br />

der zweite erst merklich später (1877) hier<br />

erstmalig als Kammerkomponist auf einem<br />

Programm stand, brachten es auf 47 bzw.<br />

17 Aufführungen. Mendelsohn wurde übertroffen<br />

von Johannes Brahms, vom Florentiner<br />

Quartett 1881 zum ersten Male gespielt,<br />

mit 29 Aufführungen. Das Kammermusik-<br />

Werk, das man in Görlitz am häufigsten<br />

auf den Programmen fand, ist das D-Moll<br />

Streichquartett von Schubert („Der Tod<br />

und das Mädchen“), das 15mal aufgeführt<br />

wurde. Es folgen: Schumann, Klavier-Quintett<br />

in Es-Dur (13mal), die Streichquartette<br />

von Beethoven op. 18,4 (C-Moll), op. 59,1<br />

(F-Dur) und op. 74 (Harfenquartett, in Es-<br />

Dur) je 11mal, Beethoven op. 59,3 (C-Dur)<br />

und Schumann op. 41,3 (A-Dur) je 10mal.<br />

Wenn auch die genannten Meister zu allen<br />

Zeiten den Hauptanteil an den Programmen<br />

hatten, so sind doch auch die Sterne<br />

zweiter Größe nicht vergessen worden.<br />

Mokomasti brachte z. B. in den neunziger<br />

Jahren einzelne Werke von Bargiel, Henselt,<br />

Rubinstein und Hans von Bronsart; Stiehler<br />

erweckte Leben und führte neu ein Tschaikowski<br />

(1900), Sinigaglia (1902) und Dvořák<br />

(1904); auch verdanken ihm mehrere Werke<br />

von Brahms ihre Erstaufführung in Görlitz.<br />

Eibenschütz machte mit Kammerkompositionen<br />

von Sinding (1906), Bossi und Cesar<br />

Frank (1908) von sich bekannt. Zu Jüttners<br />

Zeit traten als Neuerscheinungen Werke<br />

von Verdi und Grieg (1909), von Gernsheim<br />

und Sekles (1910) auf. Bekanntschaft mit<br />

Arnold, Mendelsohn, Reger, Gräner, Hindemith,<br />

Honegger, Peterka, Respighi und Krenek<br />

wurden die letzten Jahre vermittelt. Zusammenfassend<br />

lässt sich also sagen, dass<br />

diejenigen, die hören wollten, Gelegenheit<br />

hatten, Werke aller Richtungen und Zeiten<br />

kennenzulernen, und dass die Geschichte<br />

der Kammermusik in Görlitz nicht so dürftig<br />

war, wie sie dem früher erschien.<br />

Quelle: Die Heimat, 1928<br />

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Geschichte<br />

35


Alois Kosch – Keiner kennt ihn wirklich<br />

Kosch<br />

Alois Kosch (Mitte) um 1934<br />

Alois Kosch wurde am 24. September 1907<br />

in Görlitz als Sohn des Tischlermeisters<br />

Alois Kosch und dessen Ehefrau Antonie<br />

geb. Leipelt geboren. Beide Elternteile<br />

waren katholisch. Laut den Görlitzer Adressbüchern<br />

wohnte man 1907/08 in der<br />

Leipzigerstr. 20a, 1914/15 in der Krölstr.<br />

36 und danach in der Hartmannstr. 19. Vater<br />

Alois Kosch ist am 30.12.1944 und die<br />

Mutter Antonie am 16.05.1950 in Görlitz<br />

verstorben.<br />

Alois Kosch war ein Super-Workaholiker.<br />

Leider konnte bisher von Alois Kosch keine<br />

Vita gefunden werden.<br />

Alois hat in Görlitz sein Abitur abgelegt<br />

und danach Medizin studiert. Er hatte<br />

sich auch der Kunst verschrieben. In einem<br />

Aufsatz „Der Künstler in mir” finden<br />

wir Zeichnungen aus dem Jahre 1926. Er<br />

schreibt, dass er das Zeichentalent vom<br />

Urgroßvater hat, der aus dem Altvatergebirge<br />

stammt, aber auch mütterlicherseits.<br />

Und in Görlitz besuchte er die „Schule” in<br />

den Nachmittagsstunden in Wüstens Atelier<br />

in der Kahle 7. Unter den ständigen<br />

Mitgliedern, (6 oder 7) waren Medizinalrat<br />

Dr. Jaeckel, einige Mädchen aus Kohlfurt,<br />

die vermutlich „in Künstlerkreisen verkehren<br />

wollten” und Alois Kosch.<br />

Und dann kommen die sportlichen und<br />

naturkundlichen Interessen von Alois<br />

Kosch. 1931 erscheint „Das Skiwanderbuch<br />

des Isergebirges” von DSV-Skilehrer<br />

36<br />

Persönlichkeit


Alois Kosch – Keiner kennt ihn wirklich<br />

Kosch<br />

Alois Kosch. Daneben erscheinen viele<br />

Artikel zu Natur und Brauchtum im „Wanderer<br />

im Riesengebirge” und in „Die Heimat”<br />

– Beilage des „Neuen Görlitzer Anzeigers“.<br />

Ab 1935 erscheinen in der Kosmos<br />

Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart<br />

die heute noch bekannten Bücher „Was<br />

find ich da? Tabelle zum Bestimmen von<br />

Pilzen, Beeren und Wildgemüse”, „Was<br />

blüht denn da?”, „Was fliegt denn da?”,<br />

„Was ist das für ein Baum?”, „Was find ich<br />

in den Alpen?”, „Was find ich am Strande?”.<br />

In 8 Jahrzehnten sind diese Bücher millionenfach<br />

verkauft worden. Aber auch<br />

der Komos-Verlag hat keine Vita von unserem<br />

Alois Kosch. In einer Pressemitteilung<br />

zu 80 Jahre „Was blüht denn da?, dass<br />

in 59 Auflagen über 4 Mill. mal verkauft<br />

wurde, nennt er den Medizinstudeneten<br />

Alois Kosch, der das Urbild dieses Bestimmungsbuches<br />

schuf.<br />

Dr. med. Alois Kosch taucht 1953 im Adressbuch<br />

in Innsbruck auf. Das städtische<br />

Meldeamt in Innsbruck teilt zu Kosch folgendes<br />

mit:<br />

Alois Kosch, geb. am 24. September 1907<br />

in Görlitz, ist am 25. Dezember 1954 in<br />

Solbad Hall (heute Hall in Tirol, ein paar Kilometer<br />

östlich von Innsbruck) verstorben<br />

(Sterbebuch Hall i.T., Zl. 302 aus 1954).<br />

Kosch war seit Oktober 1945 in Innsbruck<br />

gemeldet, hat als Arzt gearbeitet<br />

und bis zu seinem Tod in Innsbruck, Ing.<br />

Thommen-Straße 8, gewohnt.<br />

Ullrich Junker<br />

Impressum:<br />

Herausgeber (V.i.S.d.P.):<br />

<strong>StadtBILD</strong>-Verlag<br />

eine Unternehmung der<br />

incaming media GmbH<br />

vertreten durch den Geschäftsführer<br />

Andreas Ch. de Morales Roque<br />

Mitglied im Deutschen Fachjournalistenverband<br />

Carl-von-Ossietzky-Straße 45 | 02826 Görlitz<br />

Tel. 03581 87 87 87 | Fax: 03581 40 13 41<br />

E-Mail: info@stadtbild-verlag.de<br />

Shop: www.stadtbild-verlag.de<br />

Bankverbindung:<br />

IBAN: DE21 8504 0000 0302 1979 00<br />

BIC: COBADEFFXXX<br />

Geschäftszeiten:<br />

Mo. - Fr. von 9.00 bis 16.00 Uhr<br />

Druck:<br />

incaming print<br />

Erscheinungsweise: monatlich<br />

Redaktion & Inserate:<br />

Andreas Ch. de Morales Roque<br />

Kathrin Drochmann<br />

Dipl. - Ing. Eberhard Oertel<br />

Bertram Oertel<br />

Layout:<br />

Kathrin Drochmann<br />

Lektorat:<br />

Wolfgang Reuter, Berlin<br />

Teile der Auflage werden kostenlos verteilt, um<br />

eine größere Verbreitungsdichte zu gewährleisten.<br />

Für eingesandte Texte & Fotos übernimmt der Herausgeber<br />

keine Haftung. Artikel, die namentlich<br />

gekennzeichnet sind, spiegeln nicht die Auffassung<br />

des Herausgebers wider. Anzeigen und redaktionelle<br />

Texte können nur nach schriftlicher Genehmigung<br />

des Herausgebers verwendet werden.<br />

Redaktionsschluss:<br />

Für die nächste Ausgabe (April)<br />

ist am 15.03.<strong>2023</strong><br />

Persönlichkeit<br />

37


Steuerbonus für energetische Gebäudesanierungen<br />

ETL-Steuerberatung<br />

BMF veröffentlicht neue Bescheinigungsmuster<br />

Auch wer sich seinen Traum vom Häuschen im Grünen oder einer Eigentumswohnung bereits erfüllt hat, wird merken:<br />

Irgendwann muss das eine oder andere renoviert oder saniert werden, wie beispielsweise die Heizung oder die Fenster<br />

– und das kann teuer werden. Daher sollten Sie sich den Steuerbonus für energetische Sanierungsmaßnahmen an<br />

selbstgenutztem Wohneigentum nicht entgehen lassen.<br />

Innerhalb von drei Jahren können insgesamt 20 % der Sanierungsaufwendungen von der Einkommensteuer abgezogen<br />

werden. Die Investitionssumme ist dabei je Objekt auf 200.000 Euro begrenzt. Von der Einkommensteuer abziehbar<br />

sind somit maximal 40.000 Euro:<br />

– 7 % der Investition, maximal 14.000 Euro im Jahr, in dem die Sanierungsmaßnahme abgeschlossen wurde,<br />

– 7 % der Investition, maximal 14.000 Euro im zweiten Jahr und<br />

– 6 % der Investition, maximal 12.000 Euro im dritten Jahr<br />

Wird ein von der BAFA zugelassener Energieberater mit der planerischen Begleitung oder Beaufsichtigung der energetischen<br />

Maßnahmen beauftragt, können sogar 50 % der für den Energieberater aufgewendeten Kosten zusätzlich von<br />

der Steuer abgezogen werden.<br />

Die Zahlung muss zwingend auf ein Bankkonto erfolgen – Barzahlungen (ob Anzahlung, Teil- oder Schlusszahlung)<br />

werden nicht anerkannt.<br />

Nur selbstgenutztes Wohneigentum begünstigt<br />

Voraussetzung ist, dass das Gebäude älter als 10 Jahre ist und mit der Baumaßnahme nach dem 31. Dezember 2019<br />

begonnen bzw. der Bauantrag nach diesem Datum gestellt wurde. Zudem wird die Förderung nur für selbstgenutzte<br />

Wohngebäude gewährt, an denen zivilrechtliches oder zumindest wirtschaftliches Eigentum besteht. Das kann ein Einoder<br />

Mehrfamilienhaus, eine Eigentumswohnung oder auch eine selbstgenutzte Ferienwohnung sein. Unschädlich<br />

ist dabei, wenn Teile einer zu eigenen Wohnzwecken genutzten Wohnung anderen Personen unentgeltlich zu Wohnzwecken<br />

überlassen werden. Mietwohnungen oder Miethäuser sind in der Regel von der Förderung ausgeschlossen.<br />

Gasbetriebene Heizungen werden nicht mehr gefördert<br />

Gefördert werden insbesondere die Wärmedämmung, der Fensteraustausch, die Optimierung einer bestehenden oder<br />

der Einbau einer neuen Heizungsanlage. Zu beachten ist, dass seit dem 1. Januar <strong>2023</strong> gasbetriebene Heizungen aus<br />

der Förderung herausgenommen wurden. „Renewable Ready“-Heizungsanlagen, mit deren Einbau vor dem 1. Januar<br />

<strong>2023</strong> begonnen wurde und deren Hybridisierung innerhalb von zwei Jahren ab Einbau erfolgt, sind allerdings ungeachtet<br />

des zum 1. Januar <strong>2023</strong> in Kraft getretenen Förderstopps für Gasheizungen förderfähig.<br />

Begünstigt sind Aufwendungen für das Material sowie den fachgerechten Einbau bzw. Installation und die fachgerechte<br />

Verarbeitung und Inbetriebnahme der Anlagen durch das jeweilige Fachunternehmen einschließlich notwendiger<br />

Umfeldmaßnahmen (Baustelleneinrichtung, Rüstarbeiten etc.), Finanzierungskosten sind hingegen nicht abzugsfähig.<br />

Bundesfinanzministerium veröffentlicht neue Bescheinigung<br />

Die Steuerermäßigung wird nur dann gewährt, wenn das ausführende Fachunternehmen oder der vom BAFA zugelassene<br />

Energieberater eine nach amtlich vorgeschriebenem Muster erstellte Bescheinigung vorlegt und eine Rechnung<br />

in deutscher Sprache ausstellt. Die Bescheinigungen haben den mit BMF-Schreiben vom 23. Januar <strong>2023</strong> veröffentlichten<br />

amtlich vorgeschriebenen Mustern zu entsprechen.<br />

Bescheinigungen, die vor dem 26. Januar <strong>2023</strong> auf Grundlage der Muster des BMF-Schreibens vom 31. März 2020 oder<br />

vom 15. Oktober 2021 ausgestellt wurden, behalten ihre Gültigkeit, wenn die bescheinigten energetischen Maßnahmen<br />

nach dem 31. Dezember 2020 begonnen wurden und die Bescheinigungen dem jeweils gültigen Muster entsprechen.<br />

Tipp: Sprechen Sie rechtzeitig vor einer geplanten Bau- oder Sanierungsmaßnahme Ihren Steuerberater an. Achten<br />

Sie darauf, dass Ihnen das ausführende Fachunternehmen oder Ihr Energieberater eine Bescheinigung vorlegt, die den<br />

Anforderungen des neuen BMF-Schreibens entspricht. Sind Sie ein ausführendes Fachunternehmen oder ein zugelassener<br />

Energieberater, dann stellen Sie bitte nur noch Bescheinigungen nach den neuen amtlichen Mustern aus.<br />

Autor: Ulf Hannemann, Freund & Partner GmbH (Stand: 31.01.<strong>2023</strong>)<br />

38<br />

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