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76_Ausgabe Oktober 2009

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Vorwort<br />

Liebe Leserinnen, liebe Leser,<br />

es ist geschafft. Die alljährlichen städtischen<br />

Höhepunkte mit beachtlichen<br />

Besucherströmen sind vorüber. Muschelminnafest<br />

und ViaThea, Schlesischer Tippelmarkt<br />

und Altstadtfest, Schlesisches<br />

Musikfest, Denkmaltage und Königshainer<br />

Sagenspiele haben auch diesmal bewiesen,<br />

wozu die Görlitzer ganz am östlichen<br />

Rand des Landes fähig sind. Hunderte Ehrenamtliche<br />

sorgten dafür, daß sich Straßen<br />

und Plätze mit prallem Leben füllten.<br />

Freilich drängten sich auch aus nah und<br />

fern die Schausteller und Mittelalterprofis<br />

heran, um ihren Schnitt zu machen.<br />

Mitunter ging es allzu laut, ruppig und<br />

schmuddelig zu. Das Unverwechselbare an<br />

Görlitzer Stadtkultur darf nicht durch Tingeltangel<br />

und Ramsch verdrängt werden,<br />

soll die Stadt auch künftig im Sommer und<br />

Frühherbst Gäste anlocken und Einheimische<br />

auf die Beine bringen. Aber nach den<br />

Stadtfesten ist vor den Stadtfesten. Neue<br />

Ideen reifen, und bald ist der diesjährige<br />

Görlitzer Adventskalender heran.<br />

Es ist geschafft. Langeweile und Selbstgefälligkeit<br />

der Wahlvorbereitungen bescherten<br />

uns eine beunruhigend geringe Wahlbeteiligung<br />

oder auftrumpfenden Trotz<br />

gegen Exzesse der Intoleranz. Nun kommt<br />

die Probe aufs Exempel, und man wird sehen,<br />

was dran ist an der versprochenen<br />

Sachkompetenz. Die Wähler dürfen sich<br />

nicht resignierend zurückziehen und den<br />

Politikern das Feld überlassen. Wenn es<br />

eine aktuelle Lehre aus dem Geschehen<br />

von 1989 gibt, dann wohl die, daß man<br />

“die da oben” nicht machen lassen darf,<br />

was sie wollen. Der kritische, ideenreiche<br />

und tatbereite Bürger ist gefragt, heute<br />

nicht weniger als damals.<br />

Unser <strong>Oktober</strong>heft vermeidet zwar die<br />

tagespolitisch gewollten Flucht- und Mauergeschichten.<br />

Es gab ja auch zahllose<br />

Dableibegeschichten von unspektakulärer<br />

Solidarität, hilfreicher Verschwiegenheit<br />

und zupackender Alltagsbewältigung.<br />

Davon erzählen unsere Beiträge über<br />

die Kirchgemeinde in Berzdorf, über die<br />

Parkeisenbahn und über die Filmstadt<br />

Görlitz. Geschichten aus dem Leben geben<br />

ein wahrheitsgetreueres Bild als<br />

manche Phantastereien über politische<br />

Strahlemänner oder Finsterlinge, wie sie<br />

uns Fernsehanstalten und Zeitungsredaktionen<br />

dieser Tage im Übermaß zumuten.<br />

Daß unsere Autoren ihre wohlwollende<br />

Aufmerksamkeit finden, wünscht sich Ihr<br />

Ernst Kretzschmar<br />

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Einleitung<br />

3


Der Kohle<br />

Kohle<br />

geopfert –<br />

geopfert –<br />

Alte Kirche von 1<strong>76</strong>3<br />

Am 4. <strong>Oktober</strong> 1964, dem Erntedankfest,<br />

wurde die letzte Predigt in der Kirche zu<br />

Berzdorf auf dem Eigen gehalten, und mit<br />

diesem Datum wurde vom Oberkirchenrat<br />

Gottfried Knospe aus Dresden die Kirche<br />

entwidmet. Damit begehen wir am 4.<br />

<strong>Oktober</strong> <strong>2009</strong> ebenfalls wieder zum Erntedankfest<br />

den 45. Jahrestag des letzten<br />

Gottesdienstes in dieser ehemaligen historischen<br />

Kirche. Dies sollte Anlass sein<br />

für einen Abriss über die Geschichte dieser<br />

Kirche. Die Wehrkirche von Berzdorf<br />

war eine der kleinsten Kirchen in der Lausitz<br />

und stand unter Denkmalschutz. Sie<br />

wurde Mitte des 13. Jahrhunderts im romanischen<br />

Stil erbaut und dem Hl. Martin<br />

geweiht. Nach der Oberlausitzer Kirchengalerie<br />

war einem Görlitzer Bürger,<br />

Heinrich von Radeberg deren Erbauung<br />

zugeschrieben. Im Jahre 1317 bekamen<br />

die Herren von Schönburg über die Berzdorfer<br />

Kirche das Patronatsrecht. Der Ort<br />

Berzdorf gehörte kirchlich gesehen unter<br />

den Erzpriesterstuhl Reichenbach und<br />

damit zum Bistum Meißen. 1427 wurde<br />

die Kirche von den Hussiten in Brand gesteckt<br />

und 1438 wieder neu aufgebaut<br />

und im Jahre1443 durch den Weihbischof<br />

Johannes Erler geweiht. Er war in Görlitz<br />

Moys gebürtig und später Bischof von<br />

Gordar auf Grönland. Erler verstarb im<br />

Jahre 14<strong>76</strong> in Zittau.<br />

Das Langhaus und der Chor der Kirche<br />

entsprachen romanischer Bauart, und<br />

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4<br />

Titel |


die Kirche<br />

verlorene<br />

zu Berzdorf auf dem<br />

Kirche<br />

Eigen<br />

gotische Formen zeigten die Sakristeitür<br />

und 3 Fenster an der Südseite des Chores.<br />

Aus dem Jahre 1250 stammte der reich<br />

vergoldete gotische Flügelaltar des Hl.<br />

Laurentius. Dieser Altar stammt also<br />

noch aus vorromanischer Zeit und hat<br />

sogar die Hussitenkriege überdauert. Er<br />

zeigt einen großen Reichtum an kunstvoll<br />

geschnitzten Figuren. Die ganze Wand<br />

hat die Form eines geöffneten doppeltürigen<br />

Schrankes. Im Mittelschrein sehen<br />

wir Maria mit dem Kind und Zepter, zu<br />

ihrer Linken hält die Hl. Elisabeth Weinkannen<br />

und Teller mit Weintrauben und<br />

Brot. Auf der rechten Seite steht als segnender<br />

Bischof Benno von Meißen mit<br />

Bischofsmütze. Die Seitenflügel zeigen<br />

die 12 Apostel. Über jeder Statuenreihe<br />

wölbt sich eine Galerie Fischblasenmaßwerk.<br />

Der Altar wurde 1502 durch<br />

den Meißner Bischof geweiht. Der Altar<br />

in der Kirche zu Berzdorf wurde zunächst<br />

nach der Entwidmung der Kirche in das<br />

Gotteshaus nach Schönau-Berzdorf verbracht.<br />

Sein endgültiger Verbleib ist nun<br />

in der Laurenziuskirche in Crimmitschau<br />

Der Altar in der Kirche zu Berzdorf<br />

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Titel |<br />

5


Der Kohle<br />

Kohle<br />

geopfert –<br />

geopfert –<br />

Kanzel der Kirche zu Berzdorf am neuen<br />

Standort in der Sankt Katharinenkirche in<br />

Langenbernsdorf bei Crimmitschau. Das Innere der Berzdorfer Kirche vor 1909<br />

bei Chemnitz.<br />

Die nunmehr fast 400 Jahre alte Kanzel<br />

besteht aus 5 Seiten eines Achtecks ohne<br />

Haube oder Kuppel und ruht auf einer<br />

toskanischen Säule, in deren 4 Feldern<br />

die vier Evangelisten aufgemalt sind. Im<br />

mittleren Feld sehen wir Christus, die<br />

Weltkugel emporhaltend. An der Treppe<br />

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6<br />

Titel |


die Kirche<br />

verlorene<br />

zu Berzdorf auf dem<br />

Kirche<br />

Eigen<br />

zur Kanzel befinden sich drei Apostel –<br />

Petrus, Paulus und Jakobus.<br />

Die Emporen zeigten ab 1850 reichen<br />

und vielfältigen biblischen Schmuck, welcher<br />

aber später (vermutlich 1909 bei der<br />

Renovation) mit weißer Farbe übertüncht<br />

wurde.<br />

Taufsteine gab es mehrere. Der letzte<br />

Taufstein kam aus der Gemeinde Leuba.<br />

Im Jahre 1702 erhielt die Kirche die erste<br />

Orgel und im Jahre 1719 die erste Turmuhr.<br />

Am 8. August 1880 wurde eine neue Orgel<br />

unter Kantor Noack geweiht. Diese<br />

Orgel hatte Frau verwitwete Nauze aus<br />

Berzdorf Haus Nr. 33 der Gemeinde geschenkt.<br />

1929 erhielt die Orgel eine elektrische<br />

Anlage. Im Jahre 1958 wurde die<br />

Orgel letztmalig von der Firma Schuster<br />

aus Zittau erneuert und gestimmt. Die<br />

Berzdorfer Orgel befindet sich jetzt mit<br />

neuem Prospekt in der Kirche zu Bischdorf<br />

bei Löbau.<br />

Bis zur Erbauung der Kunnerwitzer Kirche<br />

1839 kamen die evangelischen Einwohner<br />

aus Jauernick-Buschbach nach Berzdorf<br />

zur Kirche, und daher gab es in der<br />

Kirche eine Jauernicker Empore und einen<br />

Jauernicker Kirchsteig sowohl nach<br />

Berzdorf als auch nach Tauchritz. Im<br />

Jahre 1868 wurde das Schindeldach der<br />

Kirche durch ein Ziegeldach ersetzt und<br />

mit Blech beschlagen. Im Jahre 1909<br />

fand die letzte durchgreifende Kirchenrenovation<br />

statt, bei der auch der Flügelaltar<br />

restauriert wurde.<br />

Die Kirchenbücher der Gemeinde Berzdorf<br />

ab 1731 bis in die Gegenwart befinden<br />

sich in der Kirchgemeinde Schönau-Berzdorf.<br />

Bis zum Jahre 1916 lag das<br />

Kirchenpatronat beim Kloster St. Marienstern,<br />

von da an beim Landeskonsistorium<br />

Dresden und seit 1926 bei der Superintendentur<br />

Löbau.<br />

Wegen der langfristig geplanten Tagebauerweiterung<br />

Berzdorf und der damit<br />

drohenden Abbaggerung der Ortslage<br />

Berzdorf erfolgte am 7. Juli 1956 auf dem<br />

Friedhof Berzdorf die letzte Beerdigung.<br />

Seit diesem Zeitpunkt werden die Verstorbenen<br />

auf dem Friedhof in Schönau-Berzdorf<br />

beigesetzt. Ab <strong>Oktober</strong> 1962 erfolgte<br />

die gesamte Friedhofsumbettung. Zu Ehren<br />

der Umgebetteten des Friedhofs von<br />

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Titel |<br />

7


Der Kohle<br />

Kohle<br />

geopfert –<br />

geopfert –<br />

Berzdorf wurde an der Friedhofsmauer<br />

in Schönau-Berzdorf<br />

das Denkmal errichtet. Die<br />

Inschrift lautet: „Friedhof Berzdorf<br />

1731 – 1962“.<br />

Am 27.9.1964 fand eine geistliche<br />

Musik und am Erntedankfest,<br />

dem 4. <strong>Oktober</strong> 1964, der<br />

letzte Gottesdienst statt. Die<br />

Predigt wurde gehalten vom<br />

Oberlandeskirchenrat Gottfried<br />

Knospe aus Dresden. Er sagte<br />

unter anderem:<br />

„Viele von euch haben schon<br />

Abschied von ihrem Heimatdorf,<br />

von der heimatlichen<br />

Scholle, vom Hof der Väter genommen<br />

und sind heute noch<br />

einmal gekommen, um diesen<br />

letzten Gottesdienst mitzuerleben.<br />

Anderen steht dieser Abschied noch<br />

bevor. Bald wird auch diese Kirche nicht<br />

mehr stehen, diese alte Kirche. Sie hat<br />

schon im 15. Jahrhundert an dieser Stelle<br />

gestanden. Viele Geschlechter haben<br />

vor diesem schönen alten Altar aus dem<br />

Jahre 1480 angebetet. Ihr selbst seid vor<br />

Orgel von 1880<br />

ihm getauft, konfirmiert, getraut worden.<br />

Auf dem Gottesacker liegen eure Toten.<br />

Bald wird von dem allen, was uns an vergangene<br />

Zeiten, an die eigene Kindheit<br />

und Jugend erinnert, keine Spur mehr<br />

vorhanden sein. “Solange die Erde steht,<br />

soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost<br />

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8<br />

Titel |


die Kirche<br />

verlorene<br />

zu Berzdorf auf dem<br />

Kirche<br />

Eigen<br />

Die Sankt - Martin - Kirche zu Berzdorf<br />

und Hitze, Sommer und Winter, Tag und<br />

Nacht.”<br />

Liebe Gemeinde Berzdorf, von dieser Zusage<br />

Gottes haben eure Väter gelebt, die<br />

Jahrhunderte hindurch den Samen aufs<br />

Land gestreut haben, auf die Felder rings<br />

um euer Dorf, und die Ernte eingefahren<br />

haben und dann hier in diesem<br />

Gotteshaus Erntedank hielten.<br />

Und wir? Dort, wo einst<br />

die Saatfelder grünten und die<br />

Ernte auf dem Halm stand, tut<br />

sich heute der Braunkohlentagebau<br />

auf, sind die Männer<br />

und Frauen Tag und Nacht am<br />

Werk, die kostbaren Schätze<br />

des Bodens zu bergen. Ist das<br />

keine Ernte? Natürlich ist das<br />

eine Ernte. Und wir brauchen<br />

nur daran zu denken, was heute<br />

aus der Landwirtschaft und<br />

aus uns allen würde, wenn wir<br />

das alles nicht hätten, was wir<br />

der Technik, dem Bergbau und<br />

der Industrie verdanken, Düngemittel<br />

und Dieselöl und landwirtschaftliche<br />

Maschinen. Die<br />

Zeiten haben sich geändert, die Produktionsverhältnisse<br />

und die Produktionskräfte.<br />

Aber Gottes Barmherzigkeit und Treue<br />

bleiben, und von ihnen leben wir alle. Ich<br />

wüßte nicht, was uns dazu bewegen sollte,<br />

von diesem Glauben unserer Väter zu<br />

lassen. Ich wüßte nicht, was uns davon<br />

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Titel |<br />

9


Der Kohle<br />

Kohle<br />

geopfert –<br />

geopfert –<br />

abhalten sollte, heute in diesem<br />

Erntedankgottesdienst mit<br />

Loben und Danken, mit Singen<br />

und Beten vor das Angesicht<br />

unseres Gottes zu treten und<br />

ihm die Ehre zu geben. Und in<br />

diesen Erntedank schließen wir<br />

alles ein. Nicht bloß das, was in<br />

diesem Jahr durch Gottes Güte<br />

auf den Feldern und in unseren<br />

Gärten gewachsen ist, sondern<br />

auch die Früchte aller ehrlichen<br />

Arbeit in den Fabriken und in<br />

den Kohlengruben. Das alles ist<br />

durch menschliche Hände gegangen,<br />

durch fleißige Hände,<br />

kommt aber her von Gott. Und<br />

es ist darum ein Zeichen seiner<br />

nicht endenden Barmherzigkeit<br />

und Treue. Und weil das so ist,<br />

deshalb klagen und jammern wir auch<br />

nicht darüber, daß euer Heimatdorf und<br />

dieses alte Gotteshaus nun der neuen<br />

Zeit und ihrer Technik weichen müssen<br />

– so sehr uns das auch ans Herz greift.<br />

Nein, wir wissen: Gottes Barmherzigkeit<br />

hat noch kein Ende, und seine Treue ist<br />

Der letzte Gottesdienst mit Landeskirchenrat Knospe<br />

groß. Damit ist ja nicht gemeint, daß alles<br />

in der Welt so bleiben müsse, wie es<br />

immer war, wie es in den Zeiten der Väter<br />

gewesen ist. Diese unsere Erde ist nicht<br />

ewig. Sie ist schon jetzt in dauernder Veränderung.<br />

Und es kommt der Tag, da all<br />

unser Mühen und Arbeiten ein Ende hat,<br />

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10<br />

Titel |


die Kirche<br />

verlorene<br />

zu Berzdorf auf dem<br />

Kirche<br />

Eigen<br />

nicht nur unser eigenes, sondern das des<br />

Menschengeschlechts überhaupt. Und<br />

dann wird auch dieser Wechsel von Saat<br />

und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und<br />

Winter, Tag und Nacht nicht mehr sein.<br />

Liebe Gemeinde, wir alle leben auf dieses<br />

Ende hin, und es wird alles hinter uns zurückbleiben,<br />

was unser war. Gerade das,<br />

was Ihr Berzdorfer jetzt erleben müßt, ist<br />

ein mahnender Hinweis auf die Vergänglichkeit<br />

alles Irdischen. Auch unsere Kirchen<br />

und Gotteshäuser sind davon nicht<br />

ausgenommen. Aber die Barmherzigkeit<br />

und Treue Gottes bleibt. Sie ist das einzige,<br />

was bleibt, auch über unseren Tod<br />

hinaus und über das Ende der Erde hinaus.“<br />

Bald darauf begann der Abbruch der Kirche.<br />

Am 17. <strong>Oktober</strong> erfolgte die endgültige<br />

Sprengung des Kirchengebäudes.<br />

Über den weiteren Verbleib des Inventars<br />

der Berzdorfer Kirch gibt es folgendes zu<br />

berichten.<br />

Die Altarbibel von 1729 befindet sich in<br />

der Gemeinde Schönau Berzdorf, ebenso<br />

die 2 Altarleuchter und das Altarkruzifix,<br />

die Wetterfahne mit Turmknauf<br />

und die kleine Glocke sowie ein rundes<br />

Buntglasfenster mit Bleiverglasung, darstellend<br />

den Jesuskopf, zwei flämische<br />

Leuchter und die Taufschale von 1732.<br />

Weitere Kostbarkeiten sind Kelche, mehrere<br />

gestickte Patene, eine Taufkanne<br />

und ein Lesepult, welches der ehemalige<br />

Ortschronist von Berzdorf Ernst Krische<br />

(15.11.1863 – 27.9.1937) anlässlich<br />

seines Verzugs von Berzdorf nach Görlitz<br />

1919 der Kirche gestiftet hatte.<br />

Die Berzdorfer Glocke befindet sich im<br />

Glockenstuhl zu Schönau Berzdorf. (gegossen<br />

1928) Da ihr Ton nicht zum bestehenden<br />

Geläut passt, wird sie nur als<br />

Taufglocke verwendet.<br />

Das Farbglasfenster mit Bleiverglasung<br />

aus der Kirche zu Berzdorf befand sich im<br />

Chor über dem Altar. Es befindet sich jetzt<br />

im Kirchenarchiv der Gemeinde Schönau.<br />

Die Turmuhr bekam die Kirche in Tauchritz.<br />

In der Kirche zu Berzdorf befand sich<br />

hinter dem Altar eine Einbaumlade mit<br />

den Maßen 1,90 Meter lang und 0,45 Meter<br />

breit von 1687, die zum Verwahr der<br />

Kirchenkasse diente. Diese wurde den<br />

Städtischen Sammlungen als Dauerleih-<br />

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Titel |<br />

11


Der Kohle<br />

Kohle<br />

geopfert<br />

geopfert<br />

Berzdorfer Kirche kurz vor ihrer Sprengung<br />

gabe übergeben und im Kaisertrutz ausgestellt.<br />

Das mittelbraun gebeizte Saalgestühl der<br />

Kirche zu Berzdorf befindet sich<br />

jetzt in der Kirche zu Gebelzig<br />

mit seiner wunderbaren Freskenausmalerei.<br />

Das übrige Gestühl<br />

erhielt das Konsistorium<br />

Görlitz.<br />

Der ehemalige Standort der<br />

Berzdorfer Schule und Kirche<br />

befindet sich nicht in den Fluten<br />

des Berzdorfer Sees.<br />

Zum Gedenken an die verschwundene<br />

Gemeinde Berzdorf<br />

hat der Heimatverein<br />

Schönau - Berzdorf mit Unterstützung<br />

des Vereins Oberlausitzer<br />

Bergleute und der LMBV<br />

eine kleine Erinnerungsstätte<br />

mit entsprechenden Schautafeln<br />

gestaltet.<br />

Wolfgang Stiller<br />

Verein Oberlausitzer Bergleute<br />

e.V.<br />

Quellen: Ortschronik von Berzdorf von Fritz Wünsch<br />

Neues Lausitzisches Magazin, Band 105 von 1929<br />

Archiv des Vereins Oberlausitzer Bergleute e.V.<br />

Fotos des Autors | Fotos Frau Dr. Gisela Krische, Leipzig<br />

Foto Kirchenruine Heinrich Schmorrde, Herrnhut<br />

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12<br />

Titel |


Die Görlitzer Stadtwappen<br />

Ältestes Wappen der Stadt Görlitz, 15 Jhd. Dreifaltigkeitskirche<br />

Der aufmerksame Spaziergänger findet<br />

an etlichen Orten im Stadtbild ein Görlitzer<br />

Stadtwappen. Es begegnet ihm auf<br />

stadtgeschichtlichen Büchern und Broschüren<br />

aus dem 19. und 20. Jahrhundert<br />

oder auf heutigen Werbefaltblättern<br />

oder amtlichen Schreiben. Allerdings<br />

sind diese Wappen in drei unterschiedlichen<br />

Formen anzutreffen, und der Betrachter<br />

fragt nach Gründen dafür.<br />

Es gibt drei aufeinander folgende<br />

Grundformen des Görlitzer Wappens.<br />

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Geschichte |<br />

13


Die Görlitzer Stadtwappen –<br />

Das erste, für das es wohl keine Verleihungsurkunde<br />

gab, zeigte nichts weiter<br />

als das Wappen des Landesherren, also<br />

des böhmischen Königs. Zu Kriegszeiten<br />

führte man es auf Panieren und Zelten,<br />

wenn die Aufgebote der Städte dem König<br />

für seine Kriegszüge zur Verfügung<br />

stehen mußten. Auch in Friedenszeiten<br />

zierte es das Stadtsiegel.<br />

In der Verleihungsurkunde von 1433<br />

über ein “verbessertes” Stadtwappen<br />

schrieb Kaiser Sigismund aus der Dynastie<br />

der Luxemburger, daß “Ratmannen<br />

und Stadt zu Görlitz in ihrem Wappen<br />

und Schild lange Zeit geführt haben<br />

einen weißen Löwen in einem roten Felde<br />

mit einem weißen Stücke unten an<br />

dem Feld”. In dieser Form sehen wir das<br />

Stadtwappen in der Barbarakapelle der<br />

alten Klosterkirche (Dreifaltigkeitskirche)<br />

neben der Konsolfigur eines Gitarrespielers<br />

an der Nordwand, gegenüber<br />

dem heutigen Standort des Marienaltars.<br />

Es erinnert an die sechs Jahrhunderte<br />

fast ununterbrochener Zugehörigkeit<br />

zur böhmischen Krone (bis 1636).<br />

Als eine Art kleines Stadtwappen war<br />

es in Görlitz bis in das frühe 20. Jahrhundert<br />

in Gebrauch. Man kennt es von<br />

Hartsiegeln, Siegeloblaten (Aufklebern)<br />

und Amtsstempeln. Auch an herausragenden<br />

städtischen Gebäuden sieht<br />

man den böhmischen Löwen stellvertretend<br />

für die Stadt. Das gilt für das<br />

Gymnasium Augustum auf dem Klosterplatz<br />

(im mittleren Giebel über den<br />

Aulafenstern, 1856), den Ratskellereingang<br />

(1903) oder für den Altbau der<br />

Stadtbibliothek an der Jochmannstraße<br />

(unter vier Fenstern des Lesesaales an<br />

der Vorderseite, 1907). Vielen Görlitzern<br />

vertraut sind in rotbraunem Backstein<br />

ausgeführte Löwenwappen an Häusern<br />

des städtischen Wohnungsbaus<br />

zwischen Hirschwinkel, Reichertstraße<br />

und Oststadt (heute Zgorzelec) aus den<br />

1920er und frühen 1930er Jahren. Der<br />

Fahnenmast auf dem Treppenturm der<br />

Sparkasse (1913) trug als Spitze einen<br />

Löwen aus vergoldetem Blech, der jedoch<br />

etwa 60 Jahre danach bei einem<br />

Unwetter aus der Halterung gerissen<br />

wurde.<br />

Das “verbesserte”, also zweite Stadt-<br />

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14<br />

Geschichte |


Görlitzer<br />

im städtischen Alltag<br />

Stadtwappen<br />

zu entdecken<br />

wappen verlieh Kaiser Sigismund 1433,<br />

verbunden mit einem Lob für die Stadt<br />

für ihren Kampf gegen die “verdammten<br />

Ketzer zu Böhmen”, also die Hussiten.<br />

Die Görlitzer hätten, so heißt es<br />

in der Urkunde, “allzeit an dem heiligen<br />

Christenglauben und uns (also<br />

dem Kaiser) beständig und getreulich<br />

gehalten”. Dem alten Wappen wurden<br />

nun das Reichswappen, also der doppelköpfige<br />

schwarze Adler auf goldenem<br />

Grund, und die Kaiserkrone hinzugefügt.<br />

Der Urkundentext beschreibt<br />

ausführlich das Aussehen des Wappens,<br />

das auch mehrfarbig im Text abgebildet<br />

ist. In heutigem Deutsch ausgedrückt,<br />

heißt es, daß “der Adler auf der rechten<br />

Hälfte des Schildes stehen soll und<br />

der weiße Löwe mit einem zweifachen<br />

Schwanz mit einer goldenen Krone auf<br />

dem Haupte, mit einer blauen Zunge<br />

und goldenen Klauen, darunter auf dem<br />

Schilde, wo der Löwe steht, ein kleines<br />

weißes Stück, auf der anderen Hälfte<br />

des Schildes. Und daß zwischen dem<br />

Adler und dem Löwen eine kaiserliche<br />

Krone auch stehen soll, je zur Hälfte auf<br />

Wappen der Stadt Görlitz, zweite Fassung, 1433<br />

dem goldenen und dem roten Feld. Und<br />

daß der Adler mit dem Munde die Krone<br />

oben halten soll und der Löwe mit dem<br />

rechten Fuße mit seinen Klauen danach<br />

greifen und sie halten soll”. Es folgten<br />

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Geschichte |<br />

15


Die Görlitzer Stadtwappen –<br />

Stadtwappen am “Dicken Turm” um 1960<br />

ausführliche Hinweise zur seinerzeit<br />

üblichen “Helmzier”<br />

des Wappens. Im heutigen<br />

Stadtbild ist diese zweite Wappenform<br />

allerdings seltener zu<br />

sehen. Zu nennen ist hier insbesondere<br />

das steinerne Wappen<br />

am Dicken Turm (1477),<br />

das sich vorher bis zum Abriß<br />

Mitte des 19. Jahrhunderts<br />

über der Einfahrt des äußeren<br />

Frauentores befand. Bald<br />

danach (1856) wurde es an<br />

der Südseite des Turmes als<br />

Zierde des neuen Marienplatzes<br />

angebracht. Als Werk der<br />

Spätgotik findet es dort die<br />

Aufmerksamkeit der Touristengruppen.<br />

Weniger bekannt<br />

sind die zwei Wappenschilde<br />

im Eingangsbereich der Frauenkirche,<br />

die dort als Schlußsteine<br />

der Wölbung dienen.<br />

Auf ihnen sehen wir je eines<br />

der Wappentiere, jedoch in<br />

nicht ganz exakter Färbung.<br />

Seit den 1920er Jahren be-<br />

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16<br />

Geschichte |


Görlitzer<br />

im städtischen Alltag<br />

Stadtwappen<br />

zu entdecken<br />

vorzugte man diese zweite<br />

Wappenvariante von 1433 auf<br />

Bucheinbänden (etwa bei Richard<br />

Jechts Stadtgeschichte),<br />

Urkunden und Stempeln<br />

wegen ihrer klaren, schlichten<br />

Form. So gilt es auch heute<br />

noch als das amtliche Wahrzeichen<br />

der Stadt. Auch für das<br />

Wappen über den Ankerplatten<br />

am Reichenbacher Turm<br />

wählte man Mitte der 1930er<br />

Jahre diese Wappenform, und<br />

sie wird auch bei der zur Zeit<br />

laufenden kostspieligen Neugestaltung<br />

beibehalten.<br />

Bereits 1536 lobte dann Kaiser<br />

Karl V. aus dem Hause<br />

Habsburg in einer neuen Verleihungsurkunde<br />

die “emsige<br />

Dienstbarkeit” der Görlitzer<br />

gegenüber dem Reich und gegenüber<br />

seinem Bruder, Böhmenkönig<br />

Ferdinand, ihren<br />

“redlichen Dienst” in Kriegsläuften<br />

und bei der Verteidigung<br />

des rechten Glaubens. Rathaus, kleiner Sitzungssaal, Stadtwappen von 1536<br />

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Geschichte |<br />

17


Die Görlitzer Stadtwappen –<br />

Wappen der Stadt Görlitz, dritte Fassung, 1536<br />

Das neue Wappen in seinen vier Feldern<br />

zeigte nun die Wappentiere oben<br />

und unten versetzt, die Krone jedoch<br />

auf dem Herzschild, unterlegt durch die<br />

waagerecht verlaufenden Farben Rot-<br />

Weiß-Rot der Habsburger (heute Landesfarben<br />

Österreichs). Das Stadtsiegel<br />

sollte dazu die Umschrift “Sigillum Senatus<br />

Populique Gorlicensis” tragen (Siegel<br />

des Rates und der Bevölkerung von<br />

Görlitz). Wegen des üppigen Formenreichtums<br />

bevorzugte man diese dritte<br />

Wappenform in der zweiten Hälfte des<br />

19. Jahrhunderts und bis zum I. Weltkrieg,<br />

gern auch als Prägedrucke auf<br />

Einbänden und Urkunden. Sehr schöne<br />

Beispiele im öffentlichen Raum sind<br />

das mehrfarbige Wappenmosaik über<br />

dem alten Eingang der Stadtbibliothek<br />

(1907), ein Farbglasfenster im Treppenaufgang<br />

des neuen Rathauses (1903),<br />

das Steinrelief am Schulhaus Fischmarkt<br />

vor dem Arkadendurchgang zur Elisabethstraße<br />

(1897) und zwei Allegorien<br />

im Dachbereich der Schule Elisabethstraße<br />

(1875).<br />

Obwohl diese dritte Wappenversion<br />

nach 1918 nur selten Verwendung fand,<br />

entdeckten sie die Gestalter (Designer<br />

ebenso wie laienhafte Computerbildner)<br />

aufs neue, ob nun für Werbefaltblättchen,<br />

Einladungsschreiben oder<br />

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18<br />

Geschichte |


Görlitzer<br />

im städtischen Alltag<br />

Stadtwappen<br />

zu entdecken<br />

gar Altpapiercontainer. Der Publikumsgeschmack,<br />

so meinte man, bevorzuge<br />

das Verspielte, Bunte, etwas Kitschige.<br />

Die so abgebildeten Wappen weichen<br />

oft erheblich von den Originalen ab und<br />

nehmen es mit heraldischen Einzelheiten<br />

und Farben nicht so genau. Eigentlich<br />

müßten sich die Behörden dagegen<br />

wehren, daß ein hoheitliches Symbol<br />

verunstaltet wird, aber bei wem anfangen?<br />

Abgesehen von politischen<br />

Vorgaben kann doch heute jeder nach<br />

Gutdünken in der vorgeblichen Spaßgesellschaft<br />

jeden Schund veröffentlichen.<br />

Verzerrte Stadtwappen geistern durch<br />

Marketing-Hochglanzbroschüren ebenso<br />

wie über Plakate, Rummelplätze und<br />

Wohngebietsfeste. Daß Grundkenntnisse<br />

in der Wappenkunde (Heraldik) dünn<br />

gesät sind, zeigten die öffentlichen Debatten<br />

über das neue Kreiswappen.<br />

Wappen sind ein Erbe der Feudalzeit,<br />

aber auch Ausdruck städtischen Selbstbewußtseins<br />

im Spätmittelalter und der<br />

frühen Neuzeit. Im Umgang damit sollte<br />

man es an Ehrfurcht und Genauigkeit<br />

nicht fehlen lassen. Welche Stadt ließe<br />

Schulstempel mit Stadtwappen, 1949<br />

schon ungerührt ihr Wahrzeichen verschandeln?<br />

Den Görlitzer Spaziergängern,<br />

Chronisten und Typografen sind<br />

scharfe Augen, Entdeckerfreude und<br />

Kenntnisgewinn zu wünschen.<br />

Dr. Ernst Kretzschmar<br />

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Geschichte |<br />

19


Wie das Fernsehzeitalter-Ost<br />

Die Geburtsstunde des Fernsehens liegt<br />

nun bald 80 Jahre zurück. Relativ kurze<br />

Zeit nach der offiziellen Einführung des<br />

Rundfunks in Deutschland 1923 gelang<br />

es Manfred von Ardenne, mit der Entwicklung<br />

der Braunschen Röhre 1930<br />

erste Bilder darzustellen und zu übertragen.<br />

Im Frühjahr 1934 begann der<br />

Probebetrieb des ersten öffentlichen<br />

Fernsehsenders, der in Berlin-Witzleben<br />

stand, durch Bildabtastung mittels<br />

Nipkow-Scheibe. Die Entwicklung des<br />

Fernsehens in Deutschland schritt soweit<br />

voran, dass zu den Olympischen<br />

Spielen 1936 Direktübertragungen von<br />

den Sportwettkämpfen in eigens dazu<br />

eingerichteten Fernsehstuben in Berlin<br />

möglich wurden. Zu weiter entfernt liegenden<br />

Gegenden reichte die Ausstrahlung<br />

des Programms nicht. Es mussten<br />

noch über 20 Jahre ins Land gehen, bis<br />

auch in Görlitz Fernsehen empfangen<br />

werden konnte. Die technische Entwicklung<br />

des Fernsehens machte weitere<br />

Fortschritte, so dass schon 1938 auf der<br />

Funkausstellung in Berlin eine verbesserte<br />

Übertragungstechnik vorgestellt<br />

werden konnte. Der von den Nazis angezettelte<br />

II. Weltkrieg unterbrach die<br />

Entwicklung, die erst wieder Ende der<br />

40er, Anfang der 50er Jahre aufgenommen<br />

werden konnte – in Ost- wie in<br />

Westdeutschland.<br />

1950 bereits begann der Nordwestdeutsche<br />

Rundfunk (NWDR) in Hamburg mit<br />

Fernsehversuchssendungen, um dann<br />

ab dem 25. Dezember 1952 ein ständiges<br />

Programm einzuführen. Auch in<br />

Ostberlin waren die Techniker und Wissenschaftler<br />

soweit vorangekommen,<br />

dass sie ein Versuchsprogramm starten<br />

konnten.<br />

Das in Berlin-Adlerhof gegründete und<br />

seit 1950 im Aufbau befindliche Fernsehzentrum<br />

nahm am 21. Dezember<br />

1952 sein Versuchsprogramm auf, vorerst<br />

wieder nur in Berlin zu empfangen,<br />

abgestrahlt zunächst vom Stadthaus am<br />

Molkenmarkt, später dann auch von den<br />

Müggelbergen.<br />

Aus einem bescheidenen Studio in Adlershof<br />

sendete das „Fernsehzentrum<br />

Berlin“ mehrmals wöchentlich ein zweistündiges<br />

Programm, an das man noch<br />

keine hohen Ansprüche stellen konnte,<br />

13 Stunden in der Woche. Es fehlten einschlägige<br />

Erfahrungen und technische<br />

Voraussetzungen. Das Areal des Fernsehzentrums<br />

wurde zügig ausgebaut;<br />

weitere Fernsehsender kamen dazu,<br />

erst in Leipzig, dann folgte Dresden.<br />

Das Versuchsprogramm gestaltete sich<br />

inzwischen auch abwechslungsreicher<br />

und weckte somit Interesse, obwohl<br />

Fernsehgeräte fast nicht erschwinglich<br />

waren. Pfiffige Görlitzer Rundfunktechniker<br />

machten sich Gedanken, wie man<br />

auch in der Neißestadt das Programm<br />

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20<br />

Geschichte |


Fernsehzeitalter<br />

in Görlitz begann<br />

aus Adlershof<br />

empfangen könnte.<br />

Aufgrund der<br />

Ausbreitungsweise<br />

von Fernsehsignalen<br />

ist es nur<br />

möglich, sie von<br />

einem starken<br />

Sender aus in einem<br />

Umkreis von<br />

etwa 100 km mittels<br />

einer aufwändig<br />

installierten<br />

Antenne einzufangen.<br />

Theoretisch<br />

hätte die Abstrahlung<br />

der Signale<br />

von Dresden bis<br />

Görlitz reichen<br />

Fernsehsender “Paul Nipkow”, 1935<br />

müssen. Aber das<br />

Oberlausitzer Bergland und die im Neißetal<br />

liegende Stadt sind Hindernisse Wünsche und Rudolf Hebestreit, mit<br />

Bekleidungswerk Görlitz, Hans-Günter<br />

in der Ausbreitung der Fernsehwellen. dem Experiment. Und siehe, auf dem<br />

Da ist nur die Landeskrone ein hoher Görlitzer Hausberg konnte man die Signale<br />

aus Dresden empfangen. Die Gast-<br />

Punkt, wo noch Fernsehempfang möglich<br />

wäre, sagten sich Görlitzer Enthusiasten<br />

1955/56. So begannen u. a. zwei wohl überzeugt werden, ein Fernsehstättenleitung<br />

der Landeskrone konnte<br />

Betriebsfunktechniker aus dem VEB gerät anzuschaffen; vermutlich witterte<br />

Görlitzer Maschinenbau und dem VEB sie einen höheren Umsatz an Getränken<br />

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Geschichte |<br />

21


Wie das Fernsehzeitalter-Ost –<br />

Deutscher Fernsehfunk (DFF)<br />

und Speisen.<br />

Seit Jahresanfang 1956 war das Fernsehen<br />

aus Adlershof kein Versuchsprogramm<br />

mehr. Es<br />

nannte sich von<br />

nun an Deutscher<br />

Fernsehfunk<br />

(DFF). Zu diesem<br />

Zeitpunkt registrierte<br />

die Deutsche<br />

Post 13 000<br />

Empfangsgeräte<br />

in der gesamten<br />

DDR. Da es sich<br />

in Görlitz herumgesprochen<br />

hatte,<br />

dass auf der Landeskrone<br />

Fernsehen<br />

möglich war,<br />

pilgerten viele<br />

Görlitzer bei besonderen<br />

Angeboten<br />

am zeitigen<br />

Abend auf den<br />

Hausberg. Das<br />

Gerät stand dann<br />

am Kopfende der<br />

großen Gaststätten-Veranda, die heute<br />

nur noch zu besonderen Anlässen genutzt<br />

wird.<br />

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22<br />

Geschichte |


Fernsehzeitalter<br />

in Görlitz begann<br />

Sehr voll wurde der Gastraum bei der<br />

neu eingeführten Unterhaltungssendung<br />

„Da lacht der Bär“. Sie kam in der<br />

Regel vierwöchentlich meist mittwochs<br />

aus dem alten Friedrichstadt-Palast. Da<br />

saßen nun einige zehn Dutzend Gäste<br />

in eigens aufgestellten Stuhlreihen und<br />

verfolgten das schwarz-weiße Geschehen<br />

auf dem kleinen Bildschirm, soweit<br />

das überhaupt gelang. Für die hintersten<br />

Reihen stellte die Fernsehübertragung<br />

oft nur einen gemeinschaftlichen<br />

Rundfunkempfang dar, wie der Autor<br />

das mehrmals erlebt hat. An anderen<br />

Tagen, wenn Adlershof keine so publikumwirksamen<br />

Programme sendete,<br />

stand das Empfanggerät im Turmzimmer.<br />

In dieser Zeit wurde das DDR-Territorium<br />

immer mehr fernsehmäßig erschlossen,<br />

so dass fast im ganzen Land das Programm<br />

des DFF gesehen werden konnte.<br />

Aber es gab auch Gebiete, die aufgrund<br />

der geografischen Lage schlecht<br />

zu versorgen waren wie das Görlitzer<br />

Neißetal. Deshalb suchte das zuständige<br />

Ressort „Rundfunk und Fernsehen<br />

im DDR-Ministerium für Post und Fernmeldewesen“<br />

einen Ausweg. Der lag zunächst<br />

in der Erprobung eines Kleinsenders.<br />

Die Wahl fiel auf die Landeskrone.<br />

Also errichteten Funktechniker dort im<br />

Laufe des Jahres 1956 einen Kleinsender<br />

für Versuchszwecke. Während normale<br />

Fernsehsender eine Leistung von<br />

mindestens 1 kW haben, verfügte der<br />

Versuchssender auf der Landeskrone<br />

nur über 200 Watt. Dazu musste der<br />

große Aussichtsturm der Landeskrone<br />

als Fernsehsenderstandort ausgerüstet<br />

werden. Außer diesem Kleinsender wurde<br />

noch ein UKW-Sender installiert, der<br />

bereits am 24.12.1956 seinen Probebetrieb<br />

aufnahm und schon ab 1.1.1957<br />

auf der Frequenz 95,2 MHz das Programm<br />

von Radio DDR ausstrahlen<br />

konnte. Auch dies war eine funktechnische<br />

Neuerung, denn zu dieser Zeit begann<br />

der DDR-Rundfunk sein UKW-Sendernetz<br />

auszubauen. UKW Görlitz war<br />

erst der fünfte Sender dieser Art von Radio<br />

DDR. In der Görlitzer Region konnte<br />

man bis zu diesem Zeitpunkt nur den<br />

schwachen Mittelwellensender Reichen-<br />

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Geschichte |<br />

23


Wie das Fernsehzeitalter-Ost<br />

bach einigermaßen mit seinem abgestrahlten<br />

Programm des Berliner Rundfunks<br />

gut zu empfangen, das ja nicht<br />

gerade für den Görlitzer Raum gedacht<br />

war, aber das sorbische Siedlungsgebiet<br />

aus dem damaligen Sorbischen Studio<br />

Görlitz (Heinzelstraße 4) mit Sendungen<br />

in sorbischer Sprache versorgte. (siehe<br />

auch StadtBILD Nr. 37/Febr. 2006).<br />

Am 15. September 1957 war es dann soweit:<br />

Von der Landeskrone aus wurden<br />

die ersten Fernsehsignale ausgestrahlt.<br />

Die Görlitzer konnten von nun an fernsehen,<br />

sofern ein Fernsehgerät für den<br />

Einzelnen erschwinglich war. Auch der<br />

Autor dieser Erinnerungen ließ sich von<br />

diesem neuen Medium begeistern und<br />

bestellte im HO-Rundfunk-Fachgeschäft<br />

in der Berliner Straße ein Gerät mit Eintragung<br />

in eine Warteliste. Es sollte ein<br />

Apparat der Marke „Raduga“ sein mit<br />

33er Bildröhre. Heute kaum vorstellbar,<br />

wie klein der Bildschirm gewesen wäre,<br />

wenn es nicht eines Tages das Angebot<br />

gab, auf den neuen Typ „Nordlicht“<br />

aus dem Fernsehgerätewerk Calbe/Saale<br />

auszuweichen mit 43er Bildröhre für<br />

1800,00 Mark; auf Abzahlung bei 280<br />

DDR-Mark Monatsverdienst! Zwölf Kanäle<br />

besaß der Fernseher, aber nur einer<br />

davon war für den Kleinsender Landeskrone<br />

bestimmt. Alle anderen blieben<br />

zunächst unbenutzt. Zwar konnte man<br />

später auch das polnische und tschechische<br />

Fernsehen empfangen, aber ohne<br />

Ton, denn die osteuropäischen Länder<br />

hatten ein anderes Übertragungssystem<br />

gewählt, so dass nur der Bildempfang<br />

möglich war. Trotzdem schaute man mal<br />

in das tonlose Programm hinein. Sonntagnachmittags<br />

sendete z.B. Telewizja<br />

Polska eine englische Abenteuerserie<br />

über Robin Hood. Man sah eben mal etwas<br />

andere bewegte Bilder.<br />

Wolfhard Besser<br />

(Fortsetzung folgt)<br />

Quellen: Programmzeitschriften „Unser Rundfunk“ (1957/58) und<br />

„FF-dabei“ (1974)/Deutsches Rundfunkarchiv Potsdam /Bundesarchiv/<br />

privat<br />

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24<br />

Geschichte |


165<br />

Kinder, wie<br />

Jahre<br />

die Zeit vergeht<br />

Friedrich Wilhelm August Fröbel<br />

So viel steht fest: wer später mal groß<br />

rauskommen will, muss klein anfangen<br />

– und den Weg Richtung „Ernst des Lebens“<br />

mit viel Mut, Spaß und einer gehörigen<br />

Portion Neugier antreten!<br />

Entsprechendes Rüstzeug erhalten<br />

kleine Görlitzer zum Beispiel im<br />

leuchtend gelben Haus an der Großen<br />

Wallstraße, wo derzeit insgesamt<br />

44 Kinder in liebevoll eingerichteter<br />

Umgebung alles finden,<br />

was zum groß werden und Welt<br />

entdecken anregt – vor allem aber<br />

liebevolle, engagierte Erzieherinnen.<br />

Dass sich der viertälteste Kindergarten<br />

Deutschlands mit dem<br />

angegliederten Hort unter kleinen<br />

Görlitzern großer Beliebtheit erfreut,<br />

hat sich längst herumgesprochen.<br />

Höchste Zeit, auch die spannende<br />

Geschichte der Einrichtung<br />

ein wenig näher zu beleuchten:<br />

bereits 1844 öffnete die „Kleinkinderbewahranstalt“<br />

im ältesten<br />

Viertel der Stadt ihre Pforten, zunächst<br />

für 24 Kinder im Alter von<br />

2-6 Jahren. Von welch wichtiger<br />

Bedeutung diese fast revolutionäre<br />

Möglichkeit der Kinderbetreuung<br />

besonders für weniger wohlhabende<br />

Bürger war, lässt ein Satz aus der Chronik<br />

des Kinderhauses erahnen: „Diese<br />

Anstalt hat sich seitens der armen Eltern,<br />

welche, auf Arbeit gehend, oft ihre<br />

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Jubiläum |<br />

25


165<br />

Kinder, wie<br />

Jahre<br />

die Zeit vergeht –<br />

Nikolaikindergarten<br />

Kinder mit großen Sorgen aufsichtslos<br />

lassen müssen, einer stets steigenden<br />

Theilnahme zu erfreuen gehabt.“ Die<br />

Armenpfleger der Stadt verfügten darüber,<br />

welche Kinder für die ganztägige<br />

Unterbringung – im Sommerhalbjahr<br />

von 6-20 Uhr, im Winter von 7-19 Uhr)<br />

geeignet schienen: neben der Bedürftigkeit<br />

der Eltern sollten die Schützlinge<br />

vor allem gesund sein, sprechen, gehen<br />

und selbstständig essen können. In den<br />

Folgejahren änderten sich Öffnungszei-<br />

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26<br />

Jubiläum |


165 Jahre<br />

Jahre<br />

Nikolaikindergarten!<br />

Denkmal für Friedrich Fröbel im Garten des<br />

Fröbel-Kindergartens zu Mühlhausen (Thüringen)<br />

ten, Beitragssätze, die Zahl der Kinder<br />

und andere Dinge, der Charakter der<br />

Einrichtung blieb. Seit 1999 bestimmt<br />

eine an die Grundsätze des weltweit<br />

bekannten und berühmten<br />

Pädagogen Friedrich Fröbel (1782-<br />

1852) orientierte Spielpädagogik<br />

den bunten, ereignisreichen und<br />

fröhlichen Alltag im Kindergarten,<br />

der mittlerweile viele Freunde und<br />

tatkräftige Helfer gefunden hat:<br />

mit dem Förderverein, der den Erzieherinnen<br />

u.a. mit der Organisation<br />

und Durchführung von Kinderfesten<br />

und der Blutspende zur<br />

Seite steht. Mit Detlev Schiener,<br />

der dafür Räumlichkeiten im Görlitzer<br />

Scharfrichterhaus zur Verfügung<br />

stellt. Und mit der Bäckerei<br />

Tschirch, die schon mal eine Rund<br />

e k ö s t l i c h e r B a c k w a r e n s p e n d i e r t .<br />

Eltern packen mit an, die Kinder<br />

freuen sich auf lebendigen Englischunterricht<br />

oder den Nachmittag<br />

mit der Vorlesetante. Und auf<br />

viele, viele weitere Jahre im Nikolaikindergarten!<br />

Sabine Euler<br />

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Jubiläum |<br />

27


Leserbriefe<br />

Meine Zeit als preußischer Soldat<br />

Es ist allgemein bekannt, dass unser<br />

schönes Görlitz in den vergangenen Jahren<br />

in vielfacher Weise von den Filmemachern<br />

als Kulisse auserkoren wurde. Diese<br />

Tatsache regte unseren Leser Hans-Georg<br />

Hoffmann an, dazu seine Erlebnisse<br />

als Kleindarsteller aufzuschreiben und an<br />

unsere Redaktion zu senden. Wie ihm so<br />

wird es wohl vielen Görlitzern ergangen<br />

sein, und sie können beim Lesen dieser<br />

Zeilen sicherlich ihre eigenen Erinnerungen<br />

auffrischen.<br />

Herr Hoffmann erinnert sich: Es war das<br />

Jahr 1968. Ein an Ereignissen reiches<br />

Jahr, nicht nur wettermäßige Kapriolen<br />

machten von sich reden. Auch tiefgreifende<br />

politische Ereignisse prägten dieses<br />

Jahr. Auswirkungen hatten solche Geschehnisse<br />

auf den Alltag der Menschen<br />

kaum. Man nahm sie zur Kenntnis oder<br />

nicht. Das Leben verlief damals für die<br />

Mehrheit von uns in geordneten Bahnen.<br />

Eher zufällig bot sich mir die Gelegenheit,<br />

einen von mir lang gehegten Wunsch zu<br />

erfüllen. Der Blick hinter die Kulissen der<br />

„Filmemacher“!<br />

Die DEFA hatte sich wie schon so oft die<br />

historische Görlitzer Altstadt als Kulisse<br />

auserwählt. Unter der Regie von Günter<br />

Reisch entstanden Außenaufnahmen für<br />

den Film „Jungfer, sie gefällt mir“ nach<br />

Heinrich Kleists Novelle „Der zerbrochene<br />

Krug“. Dazu hatten sich der Untermarkt<br />

und einige Straßen rund um die Peterskirche<br />

zur Filmstadt gewandelt.<br />

Statisten wurden gesucht. Soldaten, Bauern,<br />

Händler, Fußvolk und dergleichen.<br />

Das kam mir sehr gelegen, da ich zu dieser<br />

Zeit Urlaub hatte. Mit etwas Glück<br />

wurde ich auch angenommen und war<br />

nun Soldat der preußischen Armee.<br />

Jeden Morgen wurden wir Statisten geschminkt<br />

und der Rolle entsprechend eingekleidet.<br />

Dafür hatte man einige Räume<br />

der Musikschule auf dem Fischmarkt angemietet.<br />

Es waren ja Schulferien. Bei der<br />

Bekleidungszeremonie wurde selbstverständlich<br />

größter Wert auf Details gelegt.<br />

Das besorgten gestandene Fachleute der<br />

DEFA.<br />

Ausgestattet mit gepuderter Perücke (mit<br />

dem typischen Zopf), Dreispitz und kompletter<br />

Soldatenuniform ging es dann zum<br />

Drehort, zumeist auf den Untermarkt. Un-<br />

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28<br />

Leserbriefe |


Leserbriefe<br />

in der „Filmstadt“ Görlitz<br />

Drehpause auf dem Untermarkt (Foto privat)<br />

terstrichen wurde das Ganze noch durch<br />

die Bewaffnung mit Säbel und Gewehr.<br />

Nach Drehschluss passierte dann alles in<br />

umgekehrter Reihenfolge. Doch das Angenehmste<br />

kam zum Schluss – der Empfang<br />

der Gage. Das waren 25,- Mark pro<br />

Drehtag, und die wurden dann auch noch<br />

versteuert.<br />

Um zeitgemäß als Soldat agieren zu können,<br />

musste preußisches Liedgut ein-<br />

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Leserbriefe |<br />

29


Leserbriefe<br />

Meine Zeit als preußischer Soldat<br />

Szenenfoto aus “Jungfer, sie gefällt mir”<br />

studiert werden. Unter Leitung des Regieassistenten<br />

Siegfried Kühn hatten die<br />

„langen Kerls“ auf ihren Märschen in Feindesland<br />

auch zu singen. Von einem der<br />

Lieder kenne ich den Text noch heute:<br />

„Ach, wie schön ist es, bei den Preußen<br />

zu sein, wenn sie ziehn ins reiche Frankenland<br />

hinein. An den Rhein wird nun<br />

marschiert und die ganze Beute samt<br />

den Weibern einkassiert“! Aber da wur-<br />

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30<br />

Leserbriefe |


Leserbriefe<br />

in der „Filmstadt“ Görlitz<br />

de nicht nur gesungen. Geübt wurde nach<br />

preußischer Dienstvorschrift das Exerzieren<br />

und das so genannte „Griffeklopfen“.<br />

Das war gar nicht so einfach. Aber es hat<br />

tollen Spaß gemacht. Gelacht wurde auch<br />

viel, nur wenn gedreht wurde, herrschte<br />

absolute Ruhe.<br />

Neben dem Spaß an der Sache bot sich<br />

auch die Gelegenheit, mit solch großartigen<br />

Schauspielern wie Herbert Köfer, Rolf<br />

Ludwig und Marianne Wünscher in persönlichen<br />

Kontakt zu kommen. An einem<br />

der Drehtage hatte Rolf Ludwig Geburtstag.<br />

Nicht alle konnten wir ihm die Hand<br />

schütteln. Für die „Filmkinder“ spendierte<br />

er zu ihrer Überraschung eine große Torte.<br />

Gedreht wurde nur bei schönem Wetter.<br />

Eines Tages spielte Petrus nicht mit. Alles<br />

war auf „Ruhe bitte, Aufnahme“ eingestellt.<br />

Doch daraus wurde nichts. Also<br />

Warten auf Sonnenschein. Um die aufkommende<br />

Langeweile erträglich zu machen,<br />

gründeten Herbert Köfer, Rolf Ludwig<br />

und ein Mann vom Drehstab ganz<br />

spontan ein Gesangstrio. Zum Schluss ihrer<br />

Einlage, es war ein improvisierter Text<br />

über das Wetter und die Stimmung, gab<br />

es Gelächter und begeisterten Applaus.<br />

Dann brach für viele der letzte Drehtag an.<br />

Die Armee der Preußen hatte abgerüstet,<br />

und es wurden keine Soldaten mehr benötigt.<br />

Doch es kam für mich anders, als<br />

gedacht. Noch im August kreuzte plötzlich<br />

ein Aufnahmeleiter der DEFA in meinem<br />

Betrieb auf und bat bei der Kaderabteilung<br />

um meine Freistellung von der<br />

Arbeit. Für Außenaufnahmen im Zittauer<br />

Gebirge wurden erneut Kleindarsteller gesucht.<br />

Da ich mit 188 cm in die Gilde der<br />

langen Kerls hineinpasste, war ich damit<br />

als Darsteller gefragt. Irgendwie hat es<br />

mit der Freistellung geklappt, und so fuhr<br />

ich, mal als Soldat, mal als Bauernknecht,<br />

jeden Tag mit einem DEFAeigenen Bus<br />

Richtung Zittau. Es war eher ein bescheidenes,<br />

in die Jahre gekommenes Gefährt,<br />

welches auch noch hoffnungslos überfüllt<br />

war. Dann kam der Tag, an dem die letzte<br />

Klappe fiel. Der Alltag hatte mich wieder.<br />

Hans-Georg Hoffmann, Röderland<br />

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Leserbriefe |<br />

31


Parkeisenbahn<br />

Die Geschichte der Görlitzer Parkeisenbahn –<br />

Die fleissigen Kinder mit Herrn Körner<br />

Alles hatte sich soweit entwickelt, dass<br />

es an der Zeit war, Kinder für die Ausbildung<br />

zu kleinen Eisenbahnern zu gewinnen.<br />

Dafür setzte sich die Abteilung<br />

Volksbildung mit Herrn Beckmann ein.<br />

Bei einem Aufruf als Pioniereisenbahner<br />

tätig zu werden, meldeten sich rund<br />

60 Kinder. Diese mussten nun geschult<br />

werden, um den Anforderungen so eines<br />

Bahnbetriebes gerecht werden zu<br />

können, wenn es auch nur eine Parkeisenbahn<br />

betraf. Alle wurden auch vermessen,<br />

damit ihnen Uniformen in der<br />

passenden Größe genäht werden konnten.<br />

Das klappte wunderbar. Zu einer<br />

schicken Uniform gehört auch festes<br />

Schuhwerk. Nach einer erfolgreichen<br />

Rücksprache mit Herrn Bielefeld hat-<br />

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32<br />

Geschichte |


Parkeisenbahn<br />

ihre Mütter und Väter (Teil V)<br />

ten wir wieder neue Paten gefunden,<br />

und die Kinder bekamen gute schwarze<br />

Schuhe von der Schuhfabrik. Die Kooperation<br />

stellte sich als so gut heraus,<br />

dass wir später auch Souvenirs aus Lederresten<br />

anfertigen sowie Puzzles von<br />

der Eisenbahn stanzen lassen konnten.<br />

Es war schon beeindruckend, wie sich<br />

alle Menschen gegenseitig halfen.<br />

Unser Emblem für T-Shirt und Tragetasche<br />

Tragetasche aus blauem Vlies mit Logo<br />

Nach all den Jahren erinnere ich mich<br />

auch an eine Firma, die uns mit ihren<br />

guten Erzeugnissen bekannt und beliebt<br />

machte. Das war die Firma “Abraham<br />

Dürninger” aus Herrnhut. Herr Wenzel<br />

fertigte mit seinen prima Mitarbeitern<br />

nach unserer Vorstellung Kalender, Untersetzer<br />

und viele andere schöne Geschenkartikel<br />

aus Vlies. Viele kennen sicher<br />

noch die blauen Tragetaschen mit<br />

weißer Naht! Ein Novum zur damaligen<br />

Zeit.<br />

Man sollte auch nach langer Zeit nicht<br />

die Bemühungen der Firma “Spezialpapierdruck”<br />

von der Melanchthonstraße<br />

vergessen. Dort fand ich immer für<br />

meine Wünsche ein offenes Ohr. Herr<br />

Radewagen und Herr Malossek druckten<br />

Fahrkarten, Einladungen und waren<br />

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Geschichte |<br />

33


Parkeisenbahn<br />

Die Geschichte der Görlitzer Parkeisenbahn –<br />

damit eine große Starthilfe. Es wurden<br />

sogar faltbare Mützen mit dem “Adler”<br />

zum Jugendfest in Dresden gedruckt.<br />

Auf Servietten konnte man das Weinberglied<br />

vom “Adler” lesen. Im gleichen<br />

Haus wie die Druckerei befand sich auch<br />

die Firma Lederwaren Kammler. Auch<br />

sie halfen, wo sie konnten. Und es gibt<br />

noch heute Lederkalender mit Goldprägung<br />

aus dieser Zeit. Eine Etage tiefer<br />

befand sich eine Firma für Kartonagen,<br />

Frau Peschke war die dortige Betriebsleiterin.<br />

Für uns stellten sie die Kartons für<br />

Spiele und die bereits erwähnten Gläser<br />

zur Einweihungsfeier der Bahn zur Verfügung.<br />

Noch heute gilt mein Dank allen<br />

Beteiligten für ihren großen Einsatz.<br />

Der Termin der Fertigstellung rückte immer<br />

näher! Ich musste an die Einladungen<br />

denken. Wie sollte das alles ablaufen?<br />

Dazu ging ich zur Firma Bandtex<br />

(Gurtbandweberei) in Rauschwalde. Da<br />

alle Maschinen für den Export eingerichtet<br />

waren, war es nicht so einfach,<br />

meinen Wunsch zu erfüllen. Doch Herr<br />

Müller sah eine Chance und fertigte auf<br />

weißem Seidenband den “Oldtimerzug”<br />

goldfarben gestickt an. Frau Blech fertigte<br />

den Anstecker und versah jedes<br />

Band mit einer Nadel zum Anstecken.<br />

Damit wurden alle Gäste und Erbauer<br />

zur Einweihung eingeladen. Es war eine<br />

von der Größe kleine, aber auch gelungene<br />

schöne Geste, wie alle fanden.<br />

Hier fällt mir ein, kurz nach der Einweihung<br />

im Juni 19<strong>76</strong> kam Herr<br />

Schwerdtner Senior aus Löbau mit seiner<br />

gesamten Bäckermannschaft zu einem<br />

Betriebsausflug zu uns. Alle waren von<br />

der Bahn begeistert, und spontan gab<br />

er den diensthabenden Kindern 50 Mark<br />

für Bockwurst und Süßigkeiten. Da war<br />

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34<br />

Geschichte |


Parkeisenbahn<br />

ihre Mütter und Väter (Teil V)<br />

Zum alten Dampfross ging es gemütlich zu<br />

die Freude groß. Anknüpfend an diese<br />

Geste, sprach ich mit ihm, ob er nicht im<br />

Dezember zur Nikolausfahrt Lebkuchen<br />

für uns herstellen könnte? Ein Mann, ein<br />

Wort: “Wenn du mir die Ausstechformen<br />

lieferst, gibt es den “Adler” mit Schokoladenüberzug!”<br />

Nun erinnere ich mich<br />

dankbar an Wilfried Beier von der Firma<br />

Kältetechnik. Er baute aus Edelstahl<br />

zwei Ausstechformen als Lok und Wagen.<br />

Am 6.12. zur Nikolausfahrt wurden<br />

200 Lebkuchen mit Schokoüberzug zu je<br />

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Geschichte |<br />

35


Parkeisenbahn<br />

Die Geschichte der Görlitzer Parkeisenbahn –<br />

180 Gramm an die Kinder ausgegeben.<br />

Toll – und noch heute vielen Dank!<br />

Eine interessante Geschichte darf ich<br />

nicht vergessen. An den Wochenenden<br />

arbeiteten viele Menschen freiwillig ohne<br />

Bezahlung bei uns. Das einzige, was wir<br />

ihnen bieten konnten, war mittags eine<br />

Bockwurst und Vita Cola oder ein anderes<br />

Getränk. Aber wo sollte das eingenommen<br />

werden? Dazu bauten wir ein<br />

Blechschild für den Freigarten vor dem<br />

Weinberghaus mit der Aufschrift “Zum<br />

alten Dampfross”. In dem Gartenlokal<br />

gab es Holzhütten zum Sitzen, also recht<br />

gemütlich für diesen besonderen Zweck.<br />

Darüber hinaus gab es noch zwei Fässer<br />

mit Sitzbänken und bei Bedarf auch eine<br />

Betontanzfläche. Wir wussten auch, wie<br />

man gemütlich feiern konnte – es war<br />

halt unser “Dampfross”.<br />

Rundherum konnte man also mit der<br />

Entwicklung des Fortganges der Bauarbeiten<br />

zufrieden sein. Da kommt Herr<br />

Pluto von der Deutschen Reichsbahn<br />

(DR) ins Spiel. Er war für die technische<br />

Abnahme, die Einhaltung der Zeichnungstoleranzen<br />

usw. verantwortlich.<br />

Er hatte von Anfang an Einsicht in alle<br />

Zeichnungen gehabt und seinen Segen<br />

zum Bau gegeben. Aber nun – 5 vor<br />

zwölf – als die Wagen fertig gebaut waren,<br />

gefielen ihm die Einstiege nicht! Sie<br />

mussten breiter werden, eine nicht geringe<br />

Mehrarbeit, die da auf uns zukam<br />

und hätte verhindert werden können.<br />

Es bedurfte einer ganzen Portion Überzeugungskraft,<br />

um die Männer um Koll.<br />

Gruner und Baer für den nachträglichen<br />

Umbau zu begeistern. Als das geschafft<br />

war, hatte Herr Pluto noch ein Ass im Ärmel.<br />

Die Wagen, die durch eine kräftige<br />

Zugstange verbunden waren, mussten<br />

zusätzlich rechts und links durch zwei<br />

Güteketten gesichert werden. Nachdem<br />

ich vom Kraftwerk die Sicherheitsketten<br />

bekommen hatte, brachten wir sie planmäßig<br />

an den Waggons an – und nun<br />

war alles sicher. Eine aufregende Zeit,<br />

war doch jede Änderung auch mit einer<br />

gewissen Verzögerung verbunden.<br />

Endlich konnten die Tischler die Wagen<br />

komplettieren, das heißt, die Sitze wurden<br />

eingebaut und die Seitenverkleidungen<br />

angebracht. Ganz so schnell, wie es<br />

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36<br />

Geschichte |


Parkeisenbahn<br />

ihre Mütter und Väter (Teil V)<br />

Die Wagenkästen werden lackiert<br />

sich jetzt liest, ging es natürlich nicht.<br />

Zwischendurch gab es immer wieder<br />

Probleme, Herr Günzel mit seinen Kollegen<br />

kann ein Lied davon singen. Doch<br />

auch die Firma Farben Franke half uns<br />

nach Möglichkeit immer. Parallel zum<br />

Innenausbau lackierten Herr Golembus<br />

und seine Kollegen die Wagenkästen,<br />

den Unterbau in schwarz (war ewig<br />

haltbar), und oberhalb war die Farbgebung<br />

fast so wie der alte “Adler”, der<br />

1835 von Nürnberg nach Fürth fuhr.<br />

(Fortsetzung folgt)<br />

Hans-Rüdiger Eulitz<br />

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Geschichte |<br />

37


Denkmäler für Helden<br />

für<br />

in Deutsch-Ossig<br />

Helden<br />

Deutsch-Ossiger Denkmale für die Gefallenen - jetzt in Kunnerwitz<br />

Ganz andere Grabsteine als wir sie auf<br />

dem Friedhof finden sind dem 20. Jahrhundert<br />

und dem wachsenden Streben<br />

nach Kapital und Macht geschuldet.<br />

Wenn es stimmt, dass mit dem Ende eines<br />

Krieges der nächste schon in den<br />

Startlöchern steht, dann gibt das sogenannte<br />

Kriegerdenkmal in der Ortslage<br />

von Deutsch-Ossig darüber beredt Auskunft:<br />

„Zum Gedächtnis ihrer im Weltkrieg<br />

1914 bis 1918 Gefallenen hat die<br />

Gemeinde Deutsch-Ossig in Gemeinschaft<br />

mit den Gütern Ober-Deutsch-Ossig,<br />

Mittel-Deutsch-Ossig I und II sowie<br />

Nieder-Deutsch-Ossis dieses Denkmal<br />

errichtet als ein dauerndes Zeugnis ihrer<br />

Ehrfurcht und Dankbarkeit gegenüber<br />

jenen, die ihr Leben opferten. Möge die<br />

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38<br />

Geschichte |


Deutsch-Ossig<br />

sind traurige Mahnungen<br />

Nachwelt die Dankbarkeit derer, die das<br />

Denkmal stifteten, nicht messen an seiner<br />

bescheidenen Größe, sondern an der<br />

Not der Zeit, an der auch die Gemeinde<br />

Deutsch-Ossig reichlich zu tragen hatte.<br />

Im Sockel des Denkmals befindet sich<br />

eine Urkunde, datiert vom 15. <strong>Oktober</strong><br />

1922, in der hoffnungsvoll um Frieden<br />

gebeten wird und darum, dass der deutsche<br />

Name in der Welt wieder zu Ehren<br />

gelangt.“<br />

Nur 23 Jahre später trat jener Geist in<br />

seine Endoffenbarung. Ein Bericht aus<br />

dieser Zeit soll hier wiedergegeben werden:<br />

Am 4. Februar 1945 wurde vorzeitig die<br />

Konfirmation von 9 Jungs und 11 Mädchen<br />

vorgenommen. Vierzehn Tage später<br />

erging an einem Sonntagmorgen der<br />

plötzliche Räumungsbefehl des Dorfes,<br />

nachdem seine Einwohner schon Tage<br />

und Wochen zuvor an den durchfahrenden<br />

Trecks ein trauriges Anschauungsbild<br />

ihres ihnen bevorstehenden Schicksals<br />

bekommen hatten. Nur wenige<br />

entschlossen sich zum Bleiben. Da vor<br />

allem alle Frauen und Kinder in Sicherheit<br />

gebracht werden sollten, verließ an<br />

diesem Tage auch Pfarrer Coßmann mit<br />

den Seinen das Pfarrhaus. Dieses diente<br />

in den kommenden Monaten Hunderten<br />

von Soldaten und Flüchtlingen als<br />

Durchgangsquartier und war deshalb<br />

auch bald nicht mehr wiederzuerkennen.<br />

Allerdings überdauerten die vergoldeten<br />

Altargeräte und die Kirchenbücher zusammen<br />

mit vielen anderen Wertsachen<br />

diese bewegte Zeit in vergrabenen Kisten<br />

im Pfarrgarten. Das Näherkommen<br />

der Front ließ in den Märztagen 1945<br />

auf der Hauptstraße Görlitz – Zittau unweit<br />

der Kirche die ersten Barrikaden<br />

und Panzersperren entstehen, für die<br />

man rücksichtslos den Pfarrbusch lichtete,<br />

der dann im nächsten Winter von<br />

der Bevölkerung vollends geplündert<br />

und niedergeschlagen wurde.<br />

Am 8. Mai 1945 zogen die ersten Soldaten<br />

der Roten Armee ins Dorf ein. Zwei<br />

durch eine Explosion getötete Soldaten<br />

wurden noch am gleichen Tag am alten<br />

Kriegerdenkmal unter Salut bestattet.<br />

Es waren die einzigen scharfen Schüsse,<br />

die im Dorf gefallen sind. Denn nach<br />

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Geschichte |<br />

39


Die Grube<br />

Grube<br />

Berzdorf<br />

Berzdorf<br />

Durchzug der letzten deutschen Truppen,<br />

die am liebsten noch das 1922/23<br />

aufs beste ausgebaute Elektrizitätswerk<br />

in die Luft gesprengt hätten, was aber<br />

durch das energische Auftreten des Inhabers<br />

Tschörner verhindert wurde, und<br />

der damit für 12 Gemeinden die ununterbrochene<br />

Stromversorgung sicherte,<br />

wehte aus fast allen Häusern die weiße<br />

Fahne. Die auf Verlangen geöffnete Kirche<br />

wurde von den Soldaten der Roten<br />

Armee ehrfürchtig betreten und auch<br />

wieder unbeschädigt verlassen.<br />

Die Festlegung der Neißegrenze am<br />

1.6.1945 ergab für die vereinigten Kirchengemeinden<br />

das nächste einschneidende<br />

Ereignis. Ein ungeheurer Flüchtlingsstrom<br />

ergoss sich in den Monaten<br />

Juli, August und September über die<br />

Neiße und brachte dem Dorf eine tägliche<br />

Einquartierung bis zu 2.200 Menschen,<br />

wobei allein im Pfarrhaus in einer<br />

Nacht 145 Personen gezählt wurden.<br />

Als Folgeerscheinung brach ein Hungertyphus<br />

aus, der vor allem junges, blühendes<br />

Leben dahinraffte. Die bisherige<br />

durchschnittliche Beerdigungsziffer von<br />

16 pro Jahr stieg 1945 auf 70. Pfarrer<br />

Schulz von der Lutherkirche in Görlitz,<br />

der seit dem Wegzug von Pfarrer Coßmann<br />

die Pfarrverwaltung inne hatte,<br />

konnte fast alle Verstorbenen in kirchlicher<br />

Feier beisetzen.<br />

Im Zuge der Bodenreform wurden im<br />

Herbst 1945 die Güter Ober- und Nieder-Deutsch-Ossig<br />

und Klein Neundorf<br />

aufgeteilt, und zwar Ober-Deutsch-Ossig<br />

auf 18, Nieder-Deutsch-Ossig auf 7,<br />

Klein-Neundorf auf 13 Siedler, von denen<br />

insgesamt 22 Neubürger waren.<br />

Deren Zahl stieg allein in Deutsch-Ossig<br />

auf rund 500 gegenüber etwa 880 Alteinwohnern.<br />

Die Grube Berzdorf<br />

Vielleicht war es die Angst vor dem Unfassbaren,<br />

die die mutigen Unternehmer<br />

der Gründerzeit veranlasste, den<br />

Bergwerken fromme Namen zu geben.<br />

Gebohrt wurde allenthalben. Und so es<br />

sich lohnte, grub man mit Pioniergeist in<br />

der Erde. Der erste Abbau im Revier der<br />

Oberlausitz begann bereits 1850.<br />

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wur-<br />

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40<br />

Geschichte |


Deutsch-Ossig<br />

prägte Landschaft und Alltag<br />

Kraftwerk Hagenwerder von Klein Neundorf aus gesehen<br />

de das sogenannte Görlitz-Ostritzer Becken<br />

systematisch erbohrt. Das damalige<br />

Görlitz-Moys bildete den nördlichsten<br />

Punkt. Von da aus wurde unter Tage abgebaut.<br />

Südostwärts erstreckte sich das<br />

Kohlebecken bis Alt-Seidenberg, dem<br />

Geburtsort Jacob Böhmes. Von da aus<br />

westwärts bis Bernstadt. Auf der Höhe<br />

von Ostritz ist der südlichste Punkt seiner<br />

Ausdehnung erreicht. Im Norden<br />

lief es schließlich in den Spezialbecken<br />

Klein-Neundorf und Leschwitz aus.<br />

Die niedergebrachten Bohrungen förderten<br />

nach und nach die schwierigen geologischen<br />

Bedingungen für einen Abbau<br />

zutage. Es wurden verschiedene Spezialmulden,<br />

gestörte Lagerverhältnisse<br />

sowie verworfene Flöze festgestellt. Von<br />

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Geschichte |<br />

41


Die Grube<br />

Grube<br />

Berzdorf<br />

Berzdorf<br />

Blick auf den Tagebau Grube Berzdorf<br />

den das Becken umgebenden Mittelgebirgen<br />

und Bergzügen war die tertiäre<br />

Braunkohle in unterschiedlichen Schichten<br />

eingepresst worden. Unterlagerungen<br />

zeigten sich auch bei den überhängenden<br />

Granitfelsen. Im Bereich Moys<br />

befanden sich in der Kohle Ausstrudelungen,<br />

teilweise stark wasserführend<br />

oder einen Hohlraum bildend.<br />

1904 ereignete sich ein Grubenunglück,<br />

das die Lagerverhältnisse deutlich machte.<br />

Nach normalem Niedergang brachen<br />

die tragenden Gebirgsmassen explosionsartig<br />

herunter. Die Luft wurde unter<br />

kilometerweit hörbarem Heulen eingesogen.<br />

Strudelartig wurden Feldgeräte<br />

und große Bäume in die Tiefe gerissen.<br />

Das Unglück forderte drei Menschenle-<br />

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42<br />

Geschichte |


Deutsch-Ossig<br />

prägte Landschaft und Alltag<br />

ben.<br />

Zwei Bohrlöcher aus dieser Zeit, nachgewiesen<br />

in der Reihe der Naturforschenden<br />

Gesellschaft zu Görlitz, geben<br />

Aufschluss über den Zusammenhang<br />

der Lagerstätten von der Grube „Hoffnung<br />

Gottes“ Berzdorf bis Deutsch-Ossig<br />

(etwa 10 km). So fand sich Braunkohle<br />

in etwa 11 m, 17,50 bis 20 m,<br />

27-28 m sowie über 30 m Tiefe. Damit<br />

waren aber lediglich Anhaltspunkte gegeben.<br />

„In der Erde“ war man noch lange<br />

nicht. Und kam auch nur bis dahin,<br />

wo ein Stollenvortrieb möglich war. So<br />

geriet das Deutsch-Ossiger Feld unter<br />

die nicht abbauwürdigen Vorkommen.<br />

Das konnte sich mit der Eröffnung eines<br />

Tagebaues ändern, das aber unter absehbar<br />

schwierigen bergbautechnischen<br />

Bedingungen. Erschwerend kommen zu<br />

den verworfenen Flözen die Gebirgsränder<br />

hinzu, im Westen die Jauernicker<br />

Berge und die Ausläufer der Landeskrone.<br />

Da dieses Gebirge nicht geschlossen<br />

ist, treten ständig Rutschungen auf<br />

und teilen sich den anderen Höhenzügen<br />

um das Becken mit. Bei der tiefer<br />

liegenden Kohle erhöht sich dieses Risiko.<br />

Und nicht zuletzt befindet sich in<br />

diesem Gebiet eine Wasserscheide. So<br />

bringt das Wasser weitere Probleme mit<br />

sich, von der Neißeniederung ganz zu<br />

schweigen.<br />

Der Aufschluss des Tagebaues Berzdorf<br />

erfolgte 1922, wurde aber nur fünf<br />

Jahre unterhalten. Mit der Kohle wurde<br />

aber auch weiterhin gerechnet. 1937<br />

verkaufte das Dominium Ober-Deutsch-<br />

Ossig ihre Kohlebauvorrechte. Die Kirchgemeinde<br />

sollte ihrem Vorbild folgen.<br />

Nach langen Verhandlungen wurde der<br />

Verkauf mit Genehmigung des Konsistoriums<br />

getätigt. Die Bezahlung der Abbaurechte<br />

erfolgte in drei Jahresraten<br />

von je 4.424,80 Mark. Erworben wurden<br />

die Rechte durch das Hallische Kohlensyndikat,<br />

Gewerkschaft Michel aus Halle<br />

an der Saale.<br />

(Fortsetzung folgt)<br />

Dieter Liebig, Volker Richter, zusammengestellt<br />

durch Dr. Ingrid Oertel<br />

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Geschichte |<br />

43


Görlitzer<br />

Geschichten aus dem Görlitzer Stadtverkehr –<br />

Pferdebahn am Postplatz<br />

Der diesjährige Tag des offenen Denkmals<br />

am 13. September hielt wie immer zahlreiche<br />

Attraktionen bereit, die eine Entscheidung<br />

für das eine oder andere Highlight<br />

richtig schwer machten. Unter den<br />

zahllosen Angeboten gab es diesmal eine<br />

kleine Sensation zu bestaunen, an welche<br />

man noch vor wenigen Jahren nicht<br />

zu glauben gewagt hätte: Nach über 110<br />

Jahren kehrte wieder ein richtiger Pferdebahnzug<br />

auf Görlitzer Straßenbahngleise<br />

zurück. 2002 eher zufällig in einem Garten<br />

als Laube entdeckt, nahm sich die Un-<br />

tere Denkmalsbehörde<br />

des seit Ende des<br />

ersten Weltkrieges<br />

endgültig ausgemusterten<br />

Anhängers an,<br />

welcher übrigens zu<br />

jenen zehn Fahrzeugen<br />

gehörte, mit denen<br />

am 25.05.1882<br />

der Görlitzer Straßenbahnverkehr<br />

begann.<br />

In etwa fünfjähriger<br />

Arbeit erfolgte die in<br />

allen wesentlichen<br />

Details authentische Wiederherstellung im<br />

BMS Ostritz. In den Händen eines sachkundigen<br />

Teams um die Herren Grasse<br />

und Wuttig geschah nun das erste Wunder:<br />

Der hochbetagte Oldtimer sieht ganz<br />

wie in alten Tagen aus und ist wieder voll<br />

betriebsfähig. Das zweite Wunder erlebte<br />

man dann am Tag des offenen Denkmals<br />

selbst: Nachdem die Suche nach einem<br />

geeigneten Zugpferd sowie die Trainings<br />

erfolgreich verlaufen waren, setzte der<br />

Hengst Egon vom Pferdehof Mattutat in<br />

Ebersbach den Wagen mit Ehrengästen<br />

impressum<br />

44<br />

Impressum:<br />

Herausgeber (V.i.S.d.P.):<br />

StadtBILD-Verlag<br />

Inh. Thomas Oertel<br />

Carl-von-Ossietzky Str. 45<br />

02826 Görlitz<br />

Ruf: 03581/87 87 87<br />

Fax: 03581/40 13 41<br />

Mail: info@stadtbild-verlag.de<br />

www.stadtbild-verlag.de<br />

Verantw. Redakteur:<br />

Kathrin Drochmann<br />

Marnie Willig<br />

Redaktion:<br />

Dr. Ernst Kretzschmar,<br />

Dipl. Ing. Eberhard Oertel<br />

Layout:<br />

A. Ch. Oertel, K. Drochmann,<br />

M. Willig, M. Schneider<br />

Anzeigen verantw.:<br />

Dipl. Ing. Eberhard Oertel<br />

Mobil: 0174/ 31 93 525<br />

Druck:<br />

www.print-mania.de<br />

Teile der Auflage werden auch kostenlos<br />

verteilt, um eine größere Verbreitungsdichte<br />

zu gewährleisten. Für eingesandte<br />

Texte & Fotos übernimmt der<br />

Herausgeber keine Haftung. Artikel, die<br />

namentlich gekennzeichnet sind, spiegeln<br />

nicht die Auffassung des Herausgebers<br />

wider. Anzeigen und redaktionelle<br />

Texte können nur nach schriftlicher Genehmigung<br />

des Herausgebers verwendet<br />

werden.<br />

Anzeigenschluss für die November-<br />

<strong>Ausgabe</strong>: 15. <strong>Oktober</strong> <strong>2009</strong><br />

Redaktionsschluss: 15. <strong>Oktober</strong> <strong>2009</strong><br />

Geschichte |


Pferdestraßenbahneinsatz<br />

gegen 10.15 Uhr in Bewegung.<br />

Zwei Fahrten führten vom Postplatz<br />

bis zum Grünen Graben<br />

und zurück. Diese Leistung erfüllte<br />

das Pferd mit Bravour.<br />

Das Ereignis belegt in eindrucksvoller<br />

Weise, dass auch<br />

in Zeiten, in denen Pessimismus<br />

überwiegt, mit ungebrochenem<br />

Engagement, stetem Glauben<br />

an die Sache sowie beharrlicher<br />

und fleißiger Arbeit Dinge realisierbar<br />

werden, die niemand für<br />

Vorbeifahrt am Reichenbacher Turm<br />

Einfahrt in die Haltestelle Demianiplatz<br />

möglich halten würde. In Görlitz<br />

gibt es gewiß noch viel Raum<br />

für zahllose Überraschungen<br />

auf zahlreichen Gebieten der<br />

Traditionspflege. Allen Beteiligten<br />

für das Gelingen dieses einzigartigen<br />

Events sei an dieser<br />

Stelle auf das Herzlichste gedankt<br />

- neben den Mitarbeitern<br />

des BMS insbesondere der Unteren<br />

Denkmalsbehörde unter<br />

der Leitung von Peter Mitsching<br />

sowie der Verkehrsgesellschaft<br />

Görlitz für die Schaffung der Vor-<br />

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Geschichte |<br />

45


Görlitzer<br />

Geschichten aus dem Görlitzer Stadtverkehr<br />

Eine letzte Probefahrt in der Berliner Straße<br />

aussetzungen und fachkundige und originelle<br />

Begleitung der Veranstaltung. Aber<br />

auch die Leistung des Pferdehofes Mattutat<br />

kann man in diesem Zusammenhang<br />

nicht hoch genug würdigen. Und Egon<br />

ließ keinen Zweifel daran, dass er wiederkommen<br />

würde! Nicht zu vergessen sind<br />

selbstverständlich die großzügigen Spenden<br />

von Unternehmen<br />

und Privatpersonen,<br />

welche immer<br />

wieder in die Görlitzer<br />

Altstadtstiftung fließen<br />

und ohne die viele<br />

Projekte in unserer<br />

schönen Stadt – auch<br />

jenes eben vollendete<br />

in Gestalt dieses so<br />

wichtigen Zeugen einer<br />

längst vergangenen<br />

Epoche – bereits<br />

im Ansatz scheitern<br />

würden. Das dürfen wir nicht vergessen,<br />

wenn wir heute die vielen bereits sanierten<br />

Einzeldenkmäler und Ensembles in<br />

unserer Stadt bewundern können.<br />

Andreas Riedel, Wiesbaden<br />

(Fortsetzung folgt)<br />

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46<br />

Geschichte |

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