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Was ist eine Kurzgeschichte? - SpecFlash

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2<br />

vorwort<br />

Liebe Leserinnen und liebe Leser,<br />

willkommen zur neuen Ausgabe des <strong>SpecFlash</strong><br />

Magazins, diesmal als erste Ausgabe nur im<br />

ePaper-Format. Aber unter uns gesagt, Interessierte<br />

können sich den Inhalt durchaus auch als<br />

PDF-Datei lokal abspeichern. Es gibt da <strong>eine</strong>n<br />

extra Button dafür. Ist aber schöner sich das<br />

Magazin Online anzuschauen �<br />

Als zusätzlichen Service kann ich anbieten,<br />

sollte jemand die ePaper Version zum Offline<br />

lesen haben wollen, kann er bei mir, gegen <strong>eine</strong>n<br />

kl<strong>eine</strong>n Unkostenbeitrag selbstverständlich, <strong>eine</strong><br />

CD mit den ePaper Dateien ordern.<br />

Apropos Unkostenbeitrag. Ich hatte es ja schon<br />

im neuen Vorwort der ePaper Ausgabe 9 angesprochen,<br />

dass wir auf der Suche nach Spendern<br />

und Sponsoren sind, um die Erstellung des<br />

Magazins zu finanzieren. Wenn jemand Interesse<br />

hat uns zu unterstützen, kann er sich gerne<br />

an mich (redaktion@specflash.de) wenden.<br />

Das Titelbild dieser Ausgabe wurde übrigens<br />

exklusiv von Crossvalley Smith erstellt. M<strong>eine</strong>n<br />

Dank hier nochmals an Alisha Bionda, die dies<br />

eingefädelt hat, und natürlich an Crossvalley<br />

Smith für das geniale Bild. In <strong>eine</strong>r der nächsten<br />

Ausgaben wird es dann <strong>eine</strong> ausführliche Vorstellung<br />

von CS geben.<br />

Auf Vorschlag aus der Redaktion enthält das<br />

Titelbild diesmal k<strong>eine</strong> Inhaltshinweise. Schreibt<br />

mir doch eure Meinung, wie ihr das findet.<br />

Von Alisha stammt auch die neue Kolumne<br />

"ARS POETICA", in der sie sich zukünftig immer<br />

mit dem jeweilig aktuellen Hauptthema des<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Magazins beschäftigen wird. Dieses Mal also<br />

dem "Fest der Liebe". Eine wirkliche Bereicherung<br />

unseres Magazins, mit vielen guten Tipps.<br />

Auch sonst haben wir wieder ein breites Spektrum<br />

an Beiträgen, teils mit weihnachtlichem<br />

Bezug, teils ohne, aber auf jeden Fall interessant<br />

zu lesen und anzuschauen.<br />

Ausgabe 11 erscheint am 01.04.2012 und wird<br />

als Thema "SF Comedy" haben. Wenn ihr also<br />

Geschichten, Bilder, Anleitungen oder sonstige<br />

Artikel be<strong>ist</strong>euern möchtet, die dazu passen,<br />

immer her damit. Es dürfen aber durchaus auch<br />

Beiträge sein, die sich mit anderen Themenfeldern<br />

der Spekulativen Fiktion beschäftigen.<br />

Zum Schluss noch der obligatorische Hinweis,<br />

dass wir auch weiterhin auf der Suche nach<br />

Beiträgen aller Art aus dem Genre der spekulativen<br />

Fiktion sind und auch gegen weitere Mitarbeiter<br />

nicht abgeneigt sind.<br />

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen<br />

und Lesern ein paar gemütliche und geruhsame<br />

Feiertage und würde mich freuen euch<br />

im nächsten Jahr zur Ausgabe 11 am 01.04.12<br />

wieder begrüssen zu dürfen.<br />

Rainer Schwippl<br />

Chefredakteur<br />

E-Mail: redaktion@specflash.de


Artikel<br />

4 Kolumne „Ars Poetica“<br />

26 Interview „Elif Siebenpfeiffer“<br />

35 Kais Bücherdimension<br />

36 KB: Rezension „Menschengrenzen“<br />

41 KB: Interview mit Sven Klöpping<br />

47 Tutorial „Weihnachtsschmuck“<br />

58 Stiftung Wahrnehmungstest<br />

61 <strong>Was</strong> <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> <strong>Kurzgeschichte</strong>?<br />

103 Interview mit Carola Kickers<br />

111 Buchtipp „Seidendrachen“<br />

115 Liter@t.URL? Der Hype um Texte<br />

in Futur 2.0<br />

125 Rollenspiel „Contamination Europe“<br />

inhaltsverzeichnis<br />

Inhaltsverzeichnis<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong>n<br />

45 UP<br />

von Sven Klöpping<br />

71 JOMIKEL - Teil 1<br />

von Andreas Blome<br />

90 Spieglein, Spieglein…<br />

von Carola Kickers<br />

94 Die Logik der Bestie<br />

von Carola Kickers<br />

98 E-Riders!<br />

von Sven Klöpping<br />

101 Ein nächtlicher Streifzug<br />

von Susanne Ulrike Maria Albrecht<br />

Rubriken<br />

2 Vorwort<br />

3 Inhaltsverzeichnis<br />

131 Künstlernachweis<br />

132 Impressum<br />

3


4<br />

Ars<br />

Poetica<br />

In m<strong>eine</strong>r neuen Kolumne Ars Poetica werde ich künftig sowohl über<br />

Projekte aus m<strong>eine</strong>r "Dichterschmiede" berichten, aber natürlich auch<br />

über interessante Werke des gesamten Literaturmarktes. Dabei soll<br />

es nicht nur um Neuerscheinungen gehen, sondern auch um ältere<br />

Titel. Wie allerorts macht es ja auch beim Lesegenuss die "gesunde<br />

Mischung"<br />

Beginnen möchte ich - passend zum Thema - mit Titeln, die sich mit<br />

dem "Fest der Liebe" beschäftigen.<br />

© 2011 Alisha Bionda<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität


Weihnachten löst in den Menschen die unterschiedlichsten<br />

Empfindungen und Verhaltensweisen<br />

aus. Die <strong>eine</strong>n freuen sich auf<br />

besinnliche Tage, schlendern versonnen über<br />

Weihnachtsmärkte, trinken fröhlich Glühwein,<br />

backen gutgelaunt Kekse, mampfen mit ihren<br />

Menschen duftende Bratäpfeln, schmücken das<br />

Haus, trällern Weihnachtslieder und verströmen<br />

dabei <strong>eine</strong> menschliche Wärme, die jeden<br />

Schneemann zum Schmelzen brächte. Andere<br />

jedoch – und böse Zungen unken, es<br />

wäre das Gros der Menschheit – verfallen<br />

in unnötige Hektik, lassen je näher<br />

es den Weihnachtstagen kommt<br />

ihren Agressionen immer freieren<br />

Lauf, verfallen in <strong>eine</strong>n wahren Konsumrausch<br />

und sitzen schlussendlich<br />

stumm oder moralisch gequält mit ihren<br />

“Lieben” zusammen und verspüren<br />

außer dem fackelnden Schein der<br />

Kerzen wenig Wärme im Innern.<br />

Weihnachten, das Fest der Liebe<br />

überholt? Unzeitgemäß?<br />

Ich sage mal kühn: k<strong>eine</strong>swegs!<br />

So wende ich mich mit Freude den<br />

kommenden besinnlichen Tagen zu, lasse wieder<br />

einmal das Jahr Revue passieren, frage mich<br />

was und wer mit gut getan hat und wer nicht.<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 5<br />

von Alisha Bionda<br />

Und freue mich vor allen Dingen auch wieder<br />

auf die Bücher, die die Winterzeit so enheimelnd<br />

machen. Bücher, die sich auch um das<br />

Thema Weihnachten drehen.<br />

Zwei möchte ich näher erwähnen – und sollten<br />

Sie sich verführen lassen, sich diese selbst<br />

auf den Gabentisch zu legen, wünsche ich<br />

GUTES SCHMÖKERN!<br />

DIE WEIHNACHTSBRAUT<br />

Barbara Büchner<br />

Voodoo Press<br />

Roman – SCREAM, Band 3,<br />

Horror – Broschiert - 200<br />

Seiten - 14.90 EUR<br />

ISBN: 9783902802088 - Oktober.<br />

2011<br />

Buchumschlagsgestaltung und<br />

Innengrafiken: Mark Freier<br />

Kaum hat Fiona den etwas<br />

wunderlichen Maurice Mersenbeck<br />

kennengelernt, da<br />

lädt er sie schon ein, Weihnachten<br />

bei ihm und s<strong>eine</strong>m<br />

Cousin zu verbringen. Wer<br />

wird zu Weihnachten nicht gerne eingeladen?<br />

Da erfährt Fiona, dass Maurice schon mehrmals<br />

kurz vor Weihnachten Bekanntschaftsanzeigen<br />

aufgegebenen hat, man s<strong>eine</strong> "Verlobten" aber<br />

nach Weihnachten nie wiedersah. Und sie


6<br />

Ars Poetica<br />

erfährt auch, dass Weihnachten bei den Mersenbecks<br />

mit <strong>eine</strong>m viel älteren Kult als dem Chr<strong>ist</strong>entum<br />

zu tun hat...<br />

Leseprobe:<br />

"Bitte." Maurice schritt ihr voran, die Treppe<br />

hinauf. Während er s<strong>eine</strong>n Schlüssel hervorsuchte,<br />

betrachtete sie den seltsam geformten<br />

Messingklopfer am säulengestützten Eingang.<br />

Er trug die Züge <strong>eine</strong>r maritimen Monstrosität:<br />

ein flaches, von Tentakeln umkränztes Medusenhaupt,<br />

das den Messingring im breiten Maul<br />

hielt. Sie wollte es näher betrachten, aber da<br />

wurde die Tür bereits von innen geöffnet – von<br />

<strong>eine</strong>m schwarzgekleideten Hausmädchen, das<br />

ein paar leere Kartons im Arm trug. Sie stieß<br />

beinahe mit Maurice zusammen, trat <strong>eine</strong>n<br />

Schritt zurück und stammelte: "Oh ... Verzeihung."<br />

Er machte <strong>eine</strong> ungeduldige Handbewegung,<br />

die ihr deutete, sie solle an ihm vorbeigehen.<br />

Offenbar war sie mit den leeren Kartons auf dem<br />

Weg zum Altpapiercontainer auf der Straße<br />

unten, aber sie rührte sich nicht. Den Mund halb<br />

offen, stand sie breitbeinig da, hielt ihre Kartons<br />

fest und starrte Fiona an. Erst als Maurice sie<br />

scharf anfuhr, ging sie die Stiegen hinunter.<br />

Fiona blickte ihr nach, unwillkürlich abwartend,<br />

ob das Mädchen s<strong>eine</strong> Kartons fallenließe oder<br />

die Stiegen hinunterstolperte. Elena – so hatte<br />

Maurice sie genannt – musste wohl etwas<br />

beschränkt sein, so steifbeinig stieg sie die<br />

pulverschneebestreuten Stufen hinunter, den<br />

Mund halb offen, als konzentriere sie alle ihre<br />

ge<strong>ist</strong>igen Kräfte auf jeden Schritt. Dabei war sie<br />

ein nett aussehendes Mädchen mit dem halblangen<br />

dunkelbraunen Haar und ihren dunklen<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Augen. Nun, das <strong>eine</strong> musste mit dem anderen<br />

nichts zu tun haben.<br />

Maurice berührte ihren Arm. "Kommen Sie nur<br />

weiter, Fiona." Er führte sie rasch durch <strong>eine</strong><br />

weite, im abendlichen Zwielicht fast verdunkelte<br />

Halle, in der <strong>eine</strong> gruftartige Kälte herrschte. Das<br />

Mersenbeck-Haus, dachte Fiona, steht also<br />

unter dem Fluch aller alten und prächtigen<br />

Häuser: Es war praktisch unmöglich, es zu beheizen.<br />

Am gegenüberliegende Ende der eisigen Halle<br />

öffnete Maurice <strong>eine</strong> Tür und drehte das Licht<br />

an. Ein Deckenleuchter glomm auf. Im milden<br />

Lichtschein sah die junge Frau, dass sie sich in<br />

<strong>eine</strong>m geräumigen, grün getäfelten Salon befanden,<br />

dessen Ausgestaltung auf das späte achtzehnte<br />

Jahrhundert zurückgehen mochte. Fionas<br />

Blick glitt entzückt von den Türgiebeln mit den<br />

zierlichen dorischen Randle<strong>ist</strong>en zu dem kunstvoll<br />

geschnitzten Wandschmuck über dem<br />

Kamin, der <strong>eine</strong> von Blumenranken umkränzte<br />

Amphore zeigte. Hier wenigstens war es warm.<br />

Im Kamin brannte, hinter <strong>eine</strong>m aus Messinglilien<br />

geflochtenen Gitter verborgen, <strong>eine</strong> Gasfeuerung,<br />

die den Raum mit behaglicher Wärme<br />

erfüllte. Auf <strong>eine</strong>m Tischchen stand ein Tablett<br />

mit <strong>eine</strong>m goldfarbenen Teeservice und <strong>eine</strong>r<br />

Kanne, die auf <strong>eine</strong>m Stövchen warmgehalten<br />

wurde.<br />

Maurice hatte sich bereits in der bequemen<br />

Sitzgarnitur niedergelassen. "Am besten, wir<br />

bedienen uns selbst", sagte er. "Bei Elena habe<br />

ich immer Angst, dass sie irgendetwas fallen<br />

lässt."<br />

Fiona lächelte. "Einen Moment, ich möchte mir<br />

nur gerne die Bilder ansehen."<br />

An den Wänden entlang hingen in sorgfältiger<br />

Anordnung Gemälde in aufwändigen Rahmen.


Manche waren längst zu schemenhafter Undeutlichkeit<br />

verdunkelt, die me<strong>ist</strong>en aber noch gut<br />

erkennbar. Sie stammten zweifellos von der<br />

Hand <strong>eine</strong>s mittelmäßig begabten, aber sorgsamen<br />

Malers.<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 7<br />

Und was für absonderliche Sujets er sich<br />

gewählt hatte! Alte Begräbnisstätten. Tiefe, von<br />

schwärzlichen Schatten spinnwebartig verhangene<br />

Zypressenhaine. Klippen, die wie st<strong>eine</strong>rne<br />

Messer in die fahlen Gewässer <strong>eine</strong>r sterbenden<br />

See schnitten, Düstere getäfelte Säle oder das<br />

Mauerwerk unterirdischer Gewölbe.<br />

Alles Szenerien, von denen <strong>eine</strong> würgende<br />

Beklemmung ausging. Auf<br />

k<strong>eine</strong>m Gemälde war <strong>eine</strong> Person zu<br />

sehen, und doch waren sie alle von<br />

<strong>eine</strong>m zweifelhaften, spukhaften<br />

Leben erfüllt, von der Gegenwart<br />

<strong>eine</strong>s bedrohlichen Etwas, das – wie<br />

auf de Chiricos Gemälden – immer<br />

hinter der nächsten Ecke hervor<br />

s<strong>eine</strong>n sin<strong>ist</strong>ren Schatten warf. Nur<br />

ein Bild ließ ein Lebewesen erkennen.<br />

Auf dem Deckel <strong>eine</strong>s mächtigen<br />

schwarzmarmornen Sarkophags<br />

kauerte dort, die Froschglieder wie<br />

zum Sprung gespreizt, ein maritimes<br />

Ungeheuer von derselben Art, wie<br />

der Messingklopfer an der Türe es<br />

dargestellt hatte, blähbäuchig, glotzäugig,<br />

das grotesk in die Breite<br />

gequetschte Gesicht von Tentakeln<br />

umkränzt.<br />

O


8<br />

Ars Poetica<br />

HÖLLISCHE WEIHNACHTEN<br />

Hrsg. Alisha Bionda<br />

Fabylon Verlag<br />

Anthologie – ARS AMORIS, Band 2 - Düsterphantastische<br />

Erotik<br />

Broschiert - 196 Seiten - 14.90 EUR - ISBN:<br />

9783927071360 - November 2009<br />

Cover- und Innengrafiken: Crossvalley Smith<br />

Buchumschlagsgestaltung: Atelier Bonzai<br />

Eine maliziöse Begegnung auf dem Weihnachtsmarkt,<br />

seltsame Ereignisse in <strong>eine</strong>m<br />

Schlossinternat oder das düstere Geheimnis des<br />

Tänzers <strong>eine</strong>r Männer-Strip-Show ...<br />

... Arcana Moon, Ascan von Bargen, Tanya<br />

Carpenter, David Grashoff, Linda Koeberl, Sabine<br />

Ludwigs, Lothar Nietsch, Klaus-Peter Walter und<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Arthur Gordon Wolf zeigen auf unterschiedliche<br />

Weise wie höllisch Weihnachten sein kann!<br />

Arcana Moon<br />

Im Zeichen der Venus<br />

Jeanna <strong>ist</strong> verzweifelt in <strong>eine</strong>r Beziehung mit<br />

ihrem cholerischen Freund Richard gefangen,<br />

dem sie außer dem von ihn gewünschten Lustschmerz<br />

nichts mehr abgewinnen kann. Doch<br />

um ihn zu verlassen, fehlt ihr die Kraft, deshalb<br />

ordnet sie sich ihm unter und verleugnet ihrr<br />

eigenen Gefühle. Als sie jedoch an Weihnachten<br />

ein Paar besondere Ohrringe von ihrer Großmutter<br />

geschenkt bekommt, erfährt sie von <strong>eine</strong>m<br />

uralten Familiengeheimnis. Durch die Ohrringe,<br />

die "Das Zeichen der Venus" genannt werden,<br />

erhält Jeanna nicht nur die Möglichkeit sich von<br />

Richard zu befreien, sondern auch endlich ihr<br />

wahres Selbst nach außen zu tragen.<br />

Ascan von Bargen<br />

Höllische Weihnachten - Das Strafgericht des<br />

Hauses Sundheim<br />

Es <strong>ist</strong> ein bizarres Ritual, das auf Schloss Sundheim<br />

vollzogen wird: Inmitten <strong>eine</strong>r mysteriösen<br />

Bruderschaft gerät Ellen in den Bannkreis<br />

schwarzmagischer und sexueller Praktiken, die<br />

sie zunächst auf nie gekannte Weise stimulieren.<br />

- Doch schon bald schlägt die erotische Ekstase<br />

in Schmerz um, und aus dem harmlosen Spiel<br />

wird plötzlich tödlicher Ernst...<br />

Tanya Carpenter<br />

Teufel an der Wand<br />

Das erste Weihnachtsfest nach ihrer Scheidung.<br />

Charlotte <strong>ist</strong> todunglücklich und trauert<br />

ihrer gescheiterten Ehe nach. Sie glaubt nicht<br />

mehr daran, sich noch einmal neu verlieben zu<br />

können. Da begegnet sie auf dem Weihnachts-


mark dem geheimnisvollen Luc. Mit s<strong>eine</strong>m<br />

Charme fängt er die junge Frau ein. <strong>Was</strong> Charlotte<br />

nicht ahnt... Luc birgt ein finsteres Geheimnis<br />

in sich, und ihre Begegnung war alles andere<br />

als Zufall.<br />

David Grashoff<br />

Angst<br />

Angst frisst Seele auf. Das weiß k<strong>eine</strong>r so gut<br />

wie Tr<strong>ist</strong>an, der seit Jahren an Panikattacken<br />

leidet. Doch an Weihnachten kommt es zu <strong>eine</strong>r<br />

schicksalhaften Begegnung. Eine mysteriöse<br />

junge Frau entführt ihn auf <strong>eine</strong> Reise in das<br />

Reich der Lust und macht Tr<strong>ist</strong>an ein Angebot,<br />

das sein Leben für immer verändern könnte.<br />

Linda Koeberl<br />

Im Bann des Mondes …<br />

... scheint Joshuas Schicksal besiegelt, denn seit<br />

der Fluch des Werwolfs auf ihm lastet, zieht er<br />

mordend durch die Straßen s<strong>eine</strong>r Heimatstadt<br />

Madison.<br />

Eines Nachts wird er schwer verletzt und ausgerechnet<br />

s<strong>eine</strong> Jugendliebe Grace findet ihn,<br />

pflegt ihn gesund.<br />

Die Flammen ihrer einstigen Liebe lodern<br />

erneut, doch heißer und animalischer als je<br />

zuvor, getrieben von dem Raubtier, das in<br />

Joshua lauert.<br />

Er weiß um die Gefahr, die er für Grace darstellt,<br />

dessen ungeachtet treibt ihn an Weihnachten<br />

die Sehnsucht unaufhaltsam zu ihr.<br />

Schenkt sie ihm Erlösung oder er ihr den Tod?<br />

Sabine Ludwigs<br />

Santa Baby<br />

Nach <strong>eine</strong>r gediegenen Weihnachtsfeier landet<br />

die junge Chr<strong>ist</strong>in bei <strong>eine</strong>r Männer-Strip-Show<br />

im „Red Sensation“ - und steht vom ersten<br />

Augenblick im Banne <strong>eine</strong>r der Tänzer: dem sexy<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 9<br />

Weihnachtsmann Nick. Ihm scheint es ebenso<br />

zu gehen, und so kommt es noch in der selben<br />

Nacht zu <strong>eine</strong>m unheilvollen Rendezvous.<br />

Lothar Nietsch<br />

Die vergessene Göttin<br />

Götter sterben nicht, wenn die Menschen nicht<br />

mehr zu ihnen beten. Sie harren in <strong>eine</strong>r Dimension<br />

der Schatten auf ihre Chance, sich für das<br />

Vergessen zu rächen. So auch Aphrodite, die<br />

Göttin der Liebe, die ihre Opfer über Zeit und<br />

Raum hinweg in Versuchung führt, mit der<br />

Verlockung unbeschreiblicher Freuden <strong>eine</strong>r<br />

Nacht. Doch hüte dich vor dieser Verheißung,<br />

denn niemand vermag sich den Liebesrausch<br />

<strong>eine</strong>r Göttin auszumalen?<br />

Klaus-Peter Walter<br />

¡Harlowe<br />

¡Harlowe, einfach ¡Harlowe. Detektiv für metaphysische<br />

Ermittlungen in Berlin. Ziemlich schräger<br />

Vogel. Sex? Weihnachten kommt öfter als<br />

er. Apropos - rechtzeitig zur Bescherung soll er<br />

die entführte Tochter der sagenhaft hässlichen<br />

Wrestlerin Yellow Plischke wiederbringen. Von<br />

drüben. Von jenseits der Spiegel. Sogar dort gibt<br />

es überall Sex, nur für ihn wieder nicht. Ein<br />

wahrer Höllentrip. Aber ¡Harlowe, der Profi, <strong>ist</strong><br />

extrem hart im Nehmen.<br />

Arthur Gordon Wolf<br />

Der Fluch der Dearg-Due<br />

Weihnachten <strong>ist</strong> sicherlich die Zeit, die <strong>eine</strong>m<br />

Menschen s<strong>eine</strong> Einsamkeit besonders bewusst<br />

erleben lässt. So ergeht es auch dem Geschäftsmann<br />

Darragh O'Connell. Am Heiligabend versucht<br />

er s<strong>eine</strong>n Kummer in <strong>eine</strong>r kl<strong>eine</strong>n Bar zu<br />

ertränken. Da erscheint es wie ein Wunder, als<br />

plötzlich <strong>eine</strong> atemberaubend schöne Frau an<br />

dem verlassenen Ort auftaucht. Ihr Name <strong>ist</strong>


10<br />

Ars Poetica<br />

Deirdre und sie macht k<strong>eine</strong>n Hehl aus ihren<br />

Absichten. Sie sucht <strong>eine</strong>n Mann und Darragh<br />

scheint genau der passende Kandidat zu sein. Er<br />

kann sein Glück kaum fassen, doch das erotische<br />

tête à tête steht unter k<strong>eine</strong>m guten Stern. In<br />

der Nacht vor Weihnachten treiben auch uralte<br />

Dämonen ihr Unwesen. Und andere Monster...<br />

Leseprobe<br />

Ausschnitt aus: "Angst" von David Grashoff<br />

, die; -, Ängste; in Angst, in Ängsten sein; Angst<br />

haben; jmdm. Angst machen: mir <strong>ist</strong>, wird angst<br />

. Gefühl des Bedrohtseins, Ausgeliefertseins,<br />

starke Unruhe, große Sorge.<br />

„Wenn es möglich wäre, bei Lebzeiten zu<br />

wissen, was nach dem Tode mit uns geschieht,<br />

würde niemand Angst vor dem Tode haben.“<br />

Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden<br />

Feuchte Hände und ein rasendes Herz, das dir<br />

das Gefühl gibt, jeden Augenblick aus d<strong>eine</strong>r<br />

Brust springen zu wollen.<br />

Dann beginnst du dir einzureden, dass du<br />

schlechter Luft bekommst. Das hat zur Folge,<br />

dass du schneller atmest und hyperventilierst.<br />

Dadurch wird dir schwindelig und du bildest dir<br />

ein, dass du gerade an <strong>eine</strong>m Herzinfarkt oder<br />

<strong>eine</strong>m Asthmaanfall krepierst. An besonders<br />

guten Tagen gesellt sich noch das Gefühl dazu,<br />

dass du neben dir stehst oder der plötzliche<br />

Zwang wegzulaufen, als wärst du ein Zulu-Krieger<br />

und stündest vor <strong>eine</strong>r hungrigen Löwin.<br />

„Mein Name <strong>ist</strong> Tr<strong>ist</strong>an Becker, und ich habe<br />

panische Angst davor zu sterben.“<br />

Die Blicke haften an mir, wie diese Garfield-<br />

Puppen an den Scheiben von Familienwagen.<br />

Um s<strong>eine</strong> Angst zu bekämpfen, muss man sie<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

erst kennen lernen. Neunmalkluge Sprüche von<br />

neunmalklügeren Therapeuten.<br />

„Ich bin siebenunddreißig Jahre alt. Wenn ich<br />

Glück habe, <strong>ist</strong> das jetzt Halbzeit. Doch es macht<br />

mich fertig, darüber nachzudenken. Mir m<strong>eine</strong><br />

eigene Sterblichkeit vor Augen zu führen.“<br />

Gruppenpsychotherapie. Vor anderen über<br />

s<strong>eine</strong> Ängste zu sprechen, soll befreiend wirken.<br />

Die Ideale Ergänzung zu den Einzelsitzungen<br />

beim Seelenklempner. Lauter Angstpsychosen<br />

auf dreißig Quadratmeter zusammengepfercht,<br />

bei Kaffee und Kuchen. Das hat etwas von <strong>eine</strong>r<br />

Butterfahrt, von <strong>eine</strong>r Verkaufsveranstaltung für<br />

Wärmedecken, bei der die Teilnehmer aber<br />

k<strong>eine</strong> Toupetträger sind, sondern psychische<br />

Wracks, deren Leben sich um ein Gefühl dreht,<br />

das dafür verantwortlich <strong>ist</strong>, dass es die Menschheit<br />

überhaupt noch gibt. Gäbe es k<strong>eine</strong> Angst,<br />

wären die Urmenschen gar nicht dazu gekommen,<br />

sich zu etwas angeblich Zivilisiertem zu<br />

entwickeln.<br />

Hier in diesem Unterrichtsraum der Volkshochschule<br />

Düsseldorf findet man nun den Bodensatz<br />

der Angstpsychosen. Begleitet von <strong>eine</strong>m Therapeuten<br />

mit dem vertrauenerweckenden<br />

Namen Professor Doktor Haarmann.<br />

„Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt<br />

Haarmann auch zu dir, mit dem kl<strong>eine</strong>n Hackebeilchen,<br />

macht er Schabefleisch aus dir. Aus<br />

den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern<br />

macht er Speck, aus den Därmen macht er<br />

Würste und den Rest, den schmeißt er weg.“<br />

Flug- oder Höhenangst sucht man in dieser<br />

achtköpfigen Gruppe vergebens, denn hier<br />

landet nur, wer auch richtig <strong>eine</strong>n an der Angst-<br />

Klatsche hat.<br />

Zum Beispiel Niklas, 22 Jahre.<br />

Seit er als Jugendlicher s<strong>eine</strong> Eltern beim


Gruppensex im heimischen Wohnzimmer<br />

erwischt hat, bekommt er schon beim Gedanken<br />

an Geschlechtsverkehr schweißnasse Hände.<br />

Das Bild s<strong>eine</strong>s Vaters mit erigiertem Schwanz,<br />

s<strong>eine</strong>r Mutter beim Oral-Verkehr, hat s<strong>eine</strong><br />

Synapsen dermaßen durchgebrannt, dass er<br />

nicht in der Lage <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> Beziehung mit <strong>eine</strong>r<br />

Frau einzugehen, aus lauter Angst davor, es<br />

könne zu Intimitäten kommen.<br />

„Schon als Jugendlicher litt ich unter Angstzuständen.<br />

Immer, wenn mir wieder mal klar<br />

wurde, dass m<strong>eine</strong> Zeit begrenzt <strong>ist</strong>, überkamen<br />

mich Panikwellen. Damals waren sie noch nicht<br />

so schlimm. Es war mehr wie ein Aufwallen, das<br />

aber gleich wieder verschwand.“<br />

Nihat, ein Typ mit <strong>eine</strong>m Schnauzer wie die<br />

Stoßstange <strong>eine</strong>s Busses, fürchtet sich vor dem<br />

Sonnenlicht. Er arbeitet als Nachtwächter und<br />

verlässt das Haus nur, wenn es dunkel <strong>ist</strong>. Er lebt<br />

wie ein Vampir, hat alle Fenster s<strong>eine</strong>r Wohnung<br />

mit lichtdichter Farbe angestrichen und <strong>ist</strong> fest<br />

davon überzeugt, dass die UV-Strahlen der<br />

Sonne ihn verbrennen würden, sollte er ihnen<br />

ausgesetzt sein.<br />

Und ich dachte, ich wäre ein Spinner.<br />

„Je älter ich wurde, desto schlimmer wurden<br />

die Panikattacken. Inzwischen sind sie so<br />

schlimm, dass ich <strong>eine</strong>n Psychiater aufgesucht<br />

habe.“<br />

Ich schweige und erhalte betroffenes Schweigen<br />

als Antwort. M<strong>eine</strong> Angst spiegelt sich in den<br />

Augen der anderen Psychotiker.<br />

„Besonders schlimm <strong>ist</strong> es, wenn ich nachts<br />

wach im Bett liege. Obwohl ich es nicht will und<br />

Angst vor der Angst habe, gehen m<strong>eine</strong> Gedanken<br />

oftmals in <strong>eine</strong> unerwünschte Richtung.<br />

Dann, wenn mir wieder einmal klar wird, dass<br />

ich irgendwann sterben werde, dass ich irgend-<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 11<br />

wann nicht mehr bin, dann krallt sich die Angst<br />

an mir fest und lässt mich erst dann wieder los,<br />

wenn ich in m<strong>eine</strong>m Zimmer hin und her laufe<br />

und mir versichere, dass ich nicht sterben<br />

werde.“<br />

Angst frisst Seele auf.<br />

*<br />

Ich rauche nicht. Ich trinke in Maßen. Ich treibe<br />

viel Sport und gehe regelmäßig zu den Vorsorgeterminen<br />

beim Arzt. Obwohl ich weiß, dass<br />

ich dem Tod damit nicht von der Sense springen<br />

kann, tue ich alles, um m<strong>eine</strong>n Termin bei dem<br />

guten Mann soweit wie möglich nach hinten zu<br />

verschieben. Es <strong>ist</strong> nicht einfach mit der Angst<br />

zu leben. Aber ich habe mich arrangiert. Diazepam<br />

und Citalopram sind m<strong>eine</strong> Freunde. Erlauben<br />

mir, ein einigermaßen normales Leben zu<br />

führen. Erfolg im Beruf, ein teures Auto, <strong>eine</strong><br />

Penthouse-Wohnung mit Blick auf den Rhein.<br />

Das alles wäre ohne die Wirkung m<strong>eine</strong>r weißen<br />

und gelben Helferlein nicht möglich.<br />

Es <strong>ist</strong> Heilig Abend und der rot-weiße Wahn hat<br />

die Stadt fest im Griff. Weihnachten <strong>ist</strong> nicht<br />

mein Ding. Zimt und Lebkuchen mag ich genauso<br />

wenig, wie Klöße und Rotkohl, aber ich mache<br />

gute Miene zum bösen Spiel, während ich inmitten<br />

der Verwandtschaft sitze. Der bittere Geruch<br />

des Rotkrauts vermischt sich mit dem Standard-<br />

Kernseifen-Duft der Wohnung m<strong>eine</strong>r Mutter.<br />

Wie jedes Jahr hat sie den Platz an ihrer Seite<br />

frei gelassen. Dort, wo vor fünf Jahren noch mein<br />

Vater gesessen hat.<br />

Fibrosarkome. Eine seltene Hautkrebsform, die<br />

das Bindegewebe der Haut angreift. Stark metastasierend.<br />

Fünfundfünfzig <strong>ist</strong> mein Vater geworden, dann<br />

innerhalb von wenigen Monaten hat es ihn


12<br />

Ars Poetica<br />

dahingerafft.<br />

Die Erinnerung schmerzt in doppelter Hinsicht.<br />

Der Tod <strong>eine</strong>s Menschen, der <strong>eine</strong>n sein Leben<br />

lang begleitet hat. Ein Spiegelbild der eigenen<br />

Sterblichkeit.<br />

Spiegel.<br />

Die Beerdigung m<strong>eine</strong>s Vaters vor fünf Jahren.<br />

Der Tag als die Angst das Ruder m<strong>eine</strong>s Lebens<br />

übernahm.<br />

Ich sah in den Spiegel und fragte mich, wie<br />

lange ich wohl noch zu leben habe. Erste graue<br />

Haare, erste Falten, erste Zeichen von Verfall.<br />

Die Augen gerötet, die Trauer ins Gesicht<br />

geschrieben. Durch die Milchglas besetzte Toilettentüre<br />

drang das stumpfe Geklapper von<br />

Geschirr, drangen gedämpfte Stimmen, drang<br />

der Geruch des Leichenschmauses.<br />

Mir drehte sich der Magen, und ich stützte<br />

mich am <strong>Was</strong>chtisch ab.<br />

Todesgedanken. Angst vor der Dunkelheit,<br />

Angst vor dem Nichts. Sie packte mich mit<br />

eisernem Griff, drückte mir die Luft aus den<br />

Lungen, flutete mein Gehirn mit Adrenalin, mit<br />

Cortisol, mit Noradrenalin. Depersonalisation.<br />

Der Gedanke an Flucht. Das Verlangen, mir<br />

selbst immer wieder zu sagen, dass ich lebe, dass<br />

ich nicht sterben werde.<br />

Die Panik ging, ein Schuldgefühl blieb. Das<br />

schlechte Gewissen dafür, dass ich mir hauptsächlich<br />

um m<strong>eine</strong>twillen Sorgen machte,<br />

während vor <strong>eine</strong>r Stunde ein mir nahestehender<br />

Mensch unter die Erde gebracht worden<br />

war.<br />

Ich spülte mir <strong>Was</strong>ser ins Gesicht, wusch mir<br />

die Hände – doch das Gewissen lässt sich nicht<br />

mit <strong>Was</strong>ser reinigen.<br />

Ich fragte mich, wer wohl als Nächstes dran<br />

sei?<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

M<strong>eine</strong> Großeltern? M<strong>eine</strong> Eltern? Eine Tante?<br />

Ein Onkel? Ich?<br />

Das große Sterben hatte begonnen.<br />

Der leere Stuhl spült die Gefühle wieder hoch.<br />

Spült das Gefühl wieder hoch. Ich atme einige<br />

Male tief ein und aus.<br />

Citalopram auf Wein.<br />

Der Abend zieht an mir vorbei, wie ein Traum,<br />

in dem ich lächle und im richtigen Augenblick<br />

nicke.<br />

„Tr<strong>ist</strong>an, wird es nicht langsam Zeit für dich<br />

<strong>eine</strong> Frau fürs Leben zu finden und d<strong>eine</strong>r<br />

Mutter Enkelkinder zu bescheren?“<br />

Ich führe bereits <strong>eine</strong> gut funktionierende<br />

Beziehung mit m<strong>eine</strong>r Angst. Da <strong>ist</strong> kein Platz für<br />

<strong>eine</strong> Frau. Zumindest nicht für längere Zeit. Es<br />

lebe der One-Night-Stand.<br />

Ich bringe die Bescherung hinter mich und<br />

schiebe die Arbeit vor, damit ich verschwinden<br />

kann.<br />

„Du solltest mal die Arbeit hintenanstellen,<br />

Schatz. Du siehst schon ziemlich ungesund aus.<br />

Gönne dir mal <strong>eine</strong> Auszeit, mein Sohn.“<br />

Müdes Lächeln und das Versprechen ein wenig<br />

kürzer zu treten. Umarmung. Kuss. Wieder ein<br />

Weihnachtsfest geschafft.<br />

*<br />

Der Bus <strong>ist</strong> so leer wie mein Kopf. Alle sind bei<br />

ihren Lieben, nur ich fahre um zehn Uhr schon<br />

nach Hause. Das Auto habe ich stehen gelassen,<br />

weil ich gerne darauf verzichte – so bedröhnt<br />

wie ich jetzt bin –, mich um <strong>eine</strong>n Laternenpfahl<br />

zu wickeln.<br />

Die Wirkung m<strong>eine</strong>s gelben Freundes lässt<br />

nach und die Welt gewinnt an Schärfe.<br />

Der Bus hält und die vordere Tür öffnet sich<br />

mit <strong>eine</strong>m Seufzen. Ein Mädchen steigt ein, ihr


Gesicht <strong>ist</strong> ein weißer Klecks auf Karbonpapier.<br />

Früher hat man so etwas Grufti genannt, heute<br />

sind es Gothics oder Emos. Ziemlich affig. <strong>Was</strong><br />

ich erst für ein Teen gehalten habe, entpuppt<br />

sich auf den zweiten Blick als <strong>eine</strong> junge Frau,<br />

vielleicht Anfang zwanzig. Sie lächelt mich an<br />

und entblößt dabei ein Piercing zwischen ihren<br />

beiden mittleren Schneidezähnen.<br />

Sie hat Augen, so groß wie die <strong>eine</strong>r japanischen<br />

Zeichentrickfigur und von so hellem<br />

Blau, das man gar nicht anders kann, als sie<br />

anzustarren. Darin zu versinken, wie in <strong>eine</strong>m<br />

Tauchgebiet auf den Seychellen.<br />

Das Citalopram scheint immer noch in m<strong>eine</strong>r<br />

Blutbahn für Ruhe zu sorgen, denn ich habe<br />

kurzzeitig das Gefühl, dass mein ganzer Körper<br />

taub wird.<br />

Das Mädchen setzt sich genau auf den Platz<br />

vor mir. Eigentlich hätte ich erwartet, dass mir<br />

jetzt der Grabesgeruch von Patchouli in die Nase<br />

steigt, aber sie riecht nach Vanille.<br />

Ihr hochgestecktes Haar <strong>ist</strong> schwarz wie <strong>eine</strong><br />

Kohlengrube, und ich ertappe mich bei der<br />

Frage, ob das Natur oder Farbe <strong>ist</strong>. Wie den<br />

Friedhofsgeruch, so vermisse ich auch die archetypische<br />

blonde Strähne, <strong>eine</strong> Modeerscheinung,<br />

die aus „normalen“ jungen Menschen,<br />

Stinktiere auf zwei B<strong>eine</strong>n macht.<br />

Wie <strong>eine</strong> Mücke vom Licht, wird mein Blick von<br />

dem Blaulicht <strong>eine</strong>s vorbeirasenden Polizeiwagens<br />

angezogen.<br />

Ein befreundeter Bulle hat mir mal erzählt,<br />

dass an Weihnachten die Straftaten innerhalb<br />

der Familien schlagartig zunehmen. Me<strong>ist</strong> unter<br />

Alkohol gehen sich Onkel und Cousins, Großväter<br />

und Vetter gegenseitig an die Gurgel. Habe<br />

ich beinahe Verständnis für. Vielleicht sollte die<br />

Weihnachtsgebäckindustrie mal darüber nach-<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 13<br />

denken Citalopram in ihre Produkte zu mischen.<br />

„Na, hast du auch nichts Besseres zu tun als an<br />

Heilig Abend mit dem Bus durch die Gegend zu<br />

kurven?“<br />

Eine Stimme wie türkisches Honiggebäck. Das<br />

Mädchen hat sich umgedreht, die Arme auf der<br />

Lehne des Sitzes verschränkt und darauf ihren<br />

Kopf gelegt. Ihr Lächeln hat etwas Unverschämtes,<br />

<strong>eine</strong> ansteckende Wirkung, die mich<br />

dazu bringt, es zu erwidern.<br />

„Ich habe gerade schon m<strong>eine</strong> Pflicht hinter<br />

mich gebracht. Das hier <strong>ist</strong> sozusagen die Kür“,<br />

antworte ich. Mein Versuch witzig zu sein, wird<br />

mit <strong>eine</strong>m Zwinkern von ihr quittiert.<br />

„Und was <strong>ist</strong> mit dir?“, frage ich.<br />

„M<strong>eine</strong> Eltern sind tot. Andere Verwandte<br />

habe ich nicht“, antwortete sie, lächelt dabei<br />

aber immer noch, als würde sie gleich versuchen<br />

mir ein Abonnement der TV-Spielfilm anzudrehen.<br />

„Oh, das tut mir leid.“<br />

„Kein Ding, <strong>ist</strong> schon <strong>eine</strong> Ewigkeit her.“<br />

Ein Augenblick vergeht, in dem wir beide<br />

schweigend aus dem Fenster starren.<br />

„Ich heiße übrigens Sofia“, sagt sie und streckt<br />

mir ihre Hand entgegen.<br />

„Ich bin Tr<strong>ist</strong>an. Ist mir ein Vergnügen.“<br />

Ihre Hand fühlt sich an wie Porzellan – kühl und<br />

glatt.<br />

Dann zwinkert sie wieder und sagt: „Jetzt, wo<br />

wir uns ein bisschen besser kennen, hättest du<br />

vielleicht Lust mich zu ficken?“<br />

*<br />

„Eine ziemlich beeindruckende Wohnung hast<br />

du da“, sagt Sofia, während sie vom Panoramafenster<br />

aus auf den Rhein schaut. „Muss ziemlich<br />

teuer sein. <strong>Was</strong> machst du denn so?“


14<br />

Ars Poetica<br />

Ich reiche ihr ein Glas Wein und nippe an<br />

m<strong>eine</strong>m <strong>Was</strong>ser. „Wie sagt man so schön: Ich<br />

mache in Immobilien. Ziemlich stressiger Job,<br />

aber man kann gut davon leben. Und womit<br />

verdienst du dir dein Lebensunterhalt?“<br />

Sie lächelt und sagt: „Ich lasse mich von wohlhabenden<br />

Männern ficken und räume anschließend<br />

ihre Wohnung leer.“<br />

Beim Anblick m<strong>eine</strong>s verdutzten Gesichtsausdrucks<br />

zwinkert sie neckisch.<br />

„Nein, k<strong>eine</strong> Angst. Ich bin Autorin. Ich<br />

schreibe erotische Vampirgeschichten. So ein<br />

Zeug für pubertierende Mädchen und gelangweilte<br />

Hausfrauen. Ist k<strong>eine</strong> große Literatur,<br />

aber es sichert m<strong>eine</strong> Miete, und es <strong>ist</strong> sogar ein<br />

gelegentlicher Urlaub in Transsylvanien drin.“<br />

Wir lachen und nähern uns aneinander.<br />

Einen Augenblick lang überkommen mich Zweifel.<br />

Sie <strong>ist</strong> so gar nicht der Typ Frau, der mich<br />

normalerweise anspricht. Doch als sie mit ihren<br />

Fingern über m<strong>eine</strong> Wange streicht, verfliegen<br />

alle Vorbehalte und machen Platz für die Geilheit.<br />

Klingt vielleicht unromantisch, aber so <strong>ist</strong> es<br />

nun mal. Liebe <strong>ist</strong> Einbildung. Nicht viel mehr als<br />

<strong>eine</strong> chemische Reaktion unseres Körpers, die<br />

das Überleben der menschlichen Rasse sichern<br />

soll. Genau wie die Angst.<br />

Dopamin. Endorphin. Cortisol. Adrenalin. Das<br />

sind die Stoffe aus denen die Liebe gemacht <strong>ist</strong>.<br />

Ich lege m<strong>eine</strong> Hand um ihren Nacken, ziehe<br />

sie behutsam zu mir und flüstere in ihr Ohr: „Ich<br />

weiß nicht, was du mit mir gemacht hast, aber<br />

ich werde bald explodieren, wenn ich nicht<br />

gleich erfahre, wie du schmeckst.“<br />

Unser Lippen treffen aufeinander.<br />

Eine erste sanfte Berührung, die nach und nach<br />

immer wilder wird, bis unsere Zungen <strong>eine</strong>n<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

ekstatischen Tanz aufführen. Ich knabbere an<br />

ihrer Unterlippe, während m<strong>eine</strong> rechte Hand<br />

in die Schwärze ihrer Haarpracht verschwindet.<br />

Wie ein Tornado wirbelt das Gefühl der Lust<br />

m<strong>eine</strong> Gedanken durcheinander. Beinahe wie<br />

ein tierischer Trieb, der mich dazu antreibt, Sofia<br />

zu liebkosen, als sei es das Letzte, was ich in<br />

m<strong>eine</strong>m Leben mache. So etwas starkes, habe<br />

ich bisher noch nie gespürt. Sogar m<strong>eine</strong> Panikattacken<br />

wirken dagegen wie die Berührung mit<br />

<strong>eine</strong>r Feder.<br />

Ich lasse m<strong>eine</strong> Zunge um ihr Piercing kreisen<br />

und spüre, wie sich ihre Lippen zu <strong>eine</strong>m Lächeln<br />

formen.<br />

Sanft schiebt mich Sofia von sich weg.<br />

„Ich habe da unten noch mehr davon“, sagt sie,<br />

und der kokette Ton in ihrer Stimme lässt den


Pegel m<strong>eine</strong>s Verlangens um <strong>eine</strong> weitere Stufe<br />

steigen.<br />

Mit zitternden Händen knöpfe ich ihr<br />

schwarzes Hemd auf, muss das Gesicht in ihrem<br />

Vanilleduft vergraben, wie ein w<strong>eine</strong>ndes Kind<br />

im Schoß s<strong>eine</strong>r Mutter. Ihre Haut <strong>ist</strong> so weiß,<br />

so jungfräulich, so rein, dass der bloße Anblick<br />

mir schon fast den Verstand raubt. Einen BH<br />

trägt sie nicht und ihre apfelgroßen Brüste sehen<br />

mich erwartungsvoll aus gepiercten Brustwarzen<br />

an. Um ihren Nabel herum leuchtet <strong>eine</strong><br />

Schwarze Sonne, dessen Strahlen sich tentakelgleich<br />

auf ihren Bauch schlängeln…<br />

Meinungen zu dem Band:<br />

… Der zweite Band der Reihe ARS AMORIS <strong>ist</strong><br />

<strong>eine</strong> faszinierende Geschichtensammlung, die<br />

dank der neun talentierten Autoren zu <strong>eine</strong>m<br />

besonderen Lesevergnügen wird – und das k<strong>eine</strong>swegs<br />

nur zu Weihnachten. Wie aber passen<br />

die Begriffe Erotik, Weihnachten und düstere<br />

Phantastik zusammen? Die Antwort liefert Alisha<br />

Bionda mit der vorliegenden Anthologie, die<br />

wahrhaft höllische Weihnachten verspricht …<br />

… Die Aufmachung <strong>ist</strong> äußerst edel und ansprechend.<br />

Bereits das Serienlayout des Ateliers<br />

Bonzai <strong>ist</strong> ein Blickfang, der den Leser neugierig<br />

macht. Hinzu kommen erotisch höchst kunstvolle<br />

Innengrafiken des Künstlers Crossvalley Smith,<br />

die zwar nicht immer minutiös zum Inhalt passen<br />

(siehe !Harlowe), das Buch aber nichtsdestotrotz<br />

zu <strong>eine</strong>m bibliophilen Schmuckstück machen.<br />

Papierqualität und Format sind optimal.<br />

Höllisch gut! So furchterregend und erotisch<br />

zugleich kann Weihnachten sein.<br />

Florian Hilleberg, LITERRA, RATTUS LIBRI<br />

*<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 15<br />

Ich habe schon oft betont, dass gerade den so<br />

genannten Kleinverlagen nicht genug dafür<br />

gedankt werden kann, dass sie den Autoren <strong>eine</strong><br />

Plattform für die Veröffentlichung von <strong>Kurzgeschichte</strong>n<br />

bieten. Anders als die Großverlage, die<br />

sich summa summarum von derartigem Schriftgut<br />

d<strong>ist</strong>anziert haben, wird hier, fast quer durch<br />

alle Kleinverlage, die kurze Erzählung gepflegt.<br />

Damit nicht genug, werden die Bände in aller<br />

Regel liebevoll illustriert, sorgfältig aufgemacht<br />

und mit großem Sachverstand zusammengestellt.<br />

Besonders umtriebig <strong>ist</strong> hier Alisha Bionda. Im<br />

Fabylon Verlag ersch<strong>eine</strong>n regelmäßig entsprechende<br />

Bücher, die dem Freund der <strong>Kurzgeschichte</strong><br />

allerhand abwechslungsreiche Lesekost<br />

anbieten ...<br />

... nichts mit heimeliger Kerzenatmosphäre,<br />

Glühwein und Gutsle. Stattdessen gruselige<br />

Geschehnisse, Abgründe psychischer wie sexueller<br />

Art, alles aber immer sehr stimmungsvoll und<br />

nie aufdringlich oder plakativ. Wer sich also<br />

etwas anders auf das Fest der Liebe einstimmen<br />

möchte, dabei von teilweise deftigen, dann<br />

wieder zurückhaltenden erotischen Beschreibungen<br />

nicht abgestoßen wird, der findet in<br />

diesem Band das entsprechende Lesefutter.<br />

Carsten Kuhr - phantastik-news.de<br />

*<br />

Passend zur Weihnachtszeit erscheint mit „Höllische<br />

Weihnachten“ die neueste dunkel-erotische<br />

Anthologie aus der kreativen<br />

Ideenschmiede der deutschen Autorin und Herausgeberin<br />

Alisha Bionda. Wer bei dem Wort<br />

Weihnachten sofort an heimeliger Kuschel-Atmosphäre<br />

und gemütlichem Plätzchen- und<br />

Glühwein-Konsum denkt, <strong>ist</strong> hier leider eindeutig<br />

fehl am Platz. Ein weiteres Mal hat die Heraus-


16<br />

Ars Poetica<br />

geberin <strong>eine</strong> bunte Mischung an neuen und<br />

etablierten Autoren herausgesucht und präsentiert<br />

neun düstere Erzählungen und <strong>Kurzgeschichte</strong>n,<br />

die das klassische Familienfest mal<br />

etwas anders interpretieren ...<br />

... insgesamt <strong>ist</strong> „Höllische Weihnachten“ <strong>eine</strong><br />

in sich stimmige Anthologie aus dem Bereich<br />

Dark Fantasy und Erotik. Gerade wer von dem<br />

ganzen Weihnachtstrubel und allgegenwärtigen<br />

Konsum-Rausch nicht viel hält oder auch einfach<br />

nur als abwechslungsreiches Kontrastprogramm<br />

dazu, findet hier spannende und vielschichtige<br />

Erzählungen mit erotischem Touch.<br />

Carina Schöning - www.fantasyguide.de<br />

*<br />

Soviel zu den beiden Werken, auf die ich näher<br />

eingehen wollte. Komme ich abschließend, noch<br />

zu weiteren weihnachtlichen <strong>Kurzgeschichte</strong>nsammlungen.<br />

Zuerst zu einigen Weihnachtsanthologien aus<br />

dem Hause PIPER – herausgegeben von Carsten<br />

Polzin<br />

DAS FEST DER ZWERGE<br />

Hrsg. Carsten Polzin<br />

Piper<br />

Anthologie - Phantastische Erzählungen –<br />

Taschenbuch – 272 Seiten - 7.00 EUR<br />

ISBN: 9783492266482 - November 2007<br />

Dies <strong>ist</strong> die erste Weihnachtsanthologie, die<br />

Carsten Polzin herausgegeben hat und somit den<br />

Grundstein für <strong>eine</strong> neue <strong>Kurzgeschichte</strong>ntradition<br />

im Hause Piper legte, der mittlerweile zwei<br />

weitere Titel folgten – und hoffentlich noch<br />

mehr. Es dürfen auch gerne andere Anlässe als<br />

Weihnachten als roter Faden dienen.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Doch komme ich zu „Das Fest der Zwerge“.<br />

Wer könnte in <strong>eine</strong>r Anthologie bei PIPER als<br />

Opener geeigneter sein, als Markus Heitz wenn<br />

es um „Zwerge“ geht? Und so ebnet er den<br />

Lesern den Weg in <strong>eine</strong> wundervoll unterhaltsame<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong>nsammlung.<br />

Nun soll man über kurze Text in <strong>eine</strong>r Rezension<br />

nicht zu viel verraten, um aber die gelungene<br />

Bandbreite dieses Titels darzulegen,<br />

möchte ich wenigstens ein oder zwei Sätze zu<br />

jeder Story verlieren:<br />

Markus Heitz – Das Fest der Zwerge<br />

- handelt im „Geborgenen Land“ am südlichen<br />

Rand des Zwergenreichs des Zweiten und um<br />

die Zwillingsbrüder Boendal Pinnhand aus dem<br />

Clan der Axtschwinger und Boindil Zweiklinge,<br />

die <strong>eine</strong>r rästelhaften Felsölspur folgen, in <strong>eine</strong>n<br />

verlassenen Stollen geraten und in ein tollkühnes<br />

Abenteuer, in dem sie Erstaunliches<br />

entdecken und den Leser ins Land der Zwerg,<br />

Orks, Trolle und Oger entführen.<br />

Samit Basu – Das Jahr des Affen<br />

- handelt am letzten Tag des Jahres des<br />

Schweins, an dem Triag, der Wirt der Taverne<br />

„Duftender Bauch“ zu <strong>eine</strong>r Jahresfeier lädt.<br />

S<strong>eine</strong> Gäste sind Kirin, Maya (junge Hexe) und<br />

Stachel – und Kirin lernt das Geheimnis der<br />

Taverne kennen ...<br />

Monika Felten – Zwölfnächte<br />

- handelt von Lanaar und Myriah, s<strong>eine</strong>r Frau,<br />

die seit Jahren darauf warten, dass sie mit <strong>eine</strong>m<br />

Kind gesegnet werden, doch Myriahs Schoß<br />

bleibt leer. Dann bricht die Nacht zum 6. Januar<br />

an (die letzte und gefährlichste Nacht der Zwölfnächte),<br />

in der Wuotan sein Heer aus Ge<strong>ist</strong>ern,<br />

Dämonen und Wölfen über den Himmel zur<br />

Wilden Jagd treibt. Als Myriah über die Legen-


den der Zwölfnächte nachliest macht sie <strong>eine</strong><br />

erstaunliche Entdeckung - und das Unglück<br />

nimmt s<strong>eine</strong>n Lauf.<br />

Dan Simmons – Gequält vom Alptraum in der<br />

schaukelnden Wiege<br />

- handelt von <strong>eine</strong>m Heiligen Abend in New<br />

York und bietet dem Leser <strong>eine</strong> abgedrehte<br />

Story über den Bruder Jimmy-Joe Billy-Bob und<br />

ein besonderes Geschenk.<br />

Tobias O. Meißner – Der letzte Weihnaxtmann<br />

- handelt von <strong>eine</strong>r Story, in der noch 24<br />

Weinaxtmänner übrig sind, die sich an ihre<br />

Geschichte und den Heiligen Tag, den man ihnen<br />

zur Ehren einrichtete, erinnern – und an <strong>eine</strong>n<br />

bestimmten Heiligabend, nach dem nur noch ein<br />

Weinaxtmann übrig blieb.<br />

Richart Schwartz – Der Besuch<br />

- handelt von der durch <strong>eine</strong>n Unfall erblindeten<br />

Maria Magdalena Smith, die am<br />

24.Dezember in England an der Küste Cornwalls<br />

in ihrer kl<strong>eine</strong>n Kate von <strong>eine</strong>m mysteriösen<br />

Besucher heimgesucht wird.<br />

Karl Heinz Witzko – Dicke, rote Männer<br />

- handelt von den Kobolden Brams, Hutzel,<br />

Riette und Rempel Stilz und Tollwart, <strong>eine</strong>m<br />

„Roten Sänger“, <strong>eine</strong>m Einsiedler und Eigenbrötler,<br />

der sich <strong>eine</strong>s Ritters und s<strong>eine</strong>r Begleiter<br />

erwehren muss, die ihn aber schlussendlich<br />

aufknüpfen (wie etliche s<strong>eine</strong>r Art). Doch da<br />

treten die o.g. Kobolde in Erscheinung und der<br />

Ritter <strong>ist</strong> nicht mehr er selbst...<br />

Thomas M. Disch – Der Weihnachtsmann-Kompromiss<br />

- handelt von zwei Erwachsenen, die feststellen,<br />

dass 300.000 Kinder die Meinung vertreten:<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 17<br />

„Es gibt k<strong>eine</strong>n Weihnachtsmann“ – oder gibt es<br />

ihn doch?<br />

Marliese Arold – Die zweite Chance<br />

- handelt von <strong>eine</strong>r Autorin, die an <strong>eine</strong>r<br />

Podiumsdiskussion teilnimmt und sich darüber<br />

ärgert, dass <strong>eine</strong> schöne aber völlig talentfreie<br />

Fantasyautorin <strong>eine</strong>n Hulp erlebt – trotz ihres<br />

grauenvoll schlechten Buches – und sich selbst<br />

wünscht lieber schön und talentfrei zu sein, um<br />

endlich ihren Autorenkollegen Bernd zu bekommen.<br />

Doch schon bald bereut sie diesen<br />

Wunsch...<br />

A. Lee Martinez – Noch sind wir nicht tot<br />

- handelt von dem Cop Jones, <strong>eine</strong>m Warper<br />

( können sich zwischen den Realitäten bewegen)<br />

und s<strong>eine</strong>r Partnerin Brenda – die auf vier<br />

Wochen mit vier ermordeten Santa Clauses in<br />

vier Universen zurückblicken und wieder vor<br />

<strong>eine</strong>m ermordeten Santa Claus stehen. Dieses<br />

Mal hat der Killer schlampig gearbeitet und s<strong>eine</strong><br />

Waffe zurückgelassen. Darüber hinaus gibt es<br />

Zeugen – ein Elfenpaar. Und nun beginnt die<br />

Jagd auf den Santa-Killer im Omniversum.<br />

Mara Volkers – Der Tag des Teufels<br />

- handelt von der Burgherrin Bärbel und ihrem<br />

Mann Albert, die auf der Wallburg ihr erstes<br />

Weihnachtsfest als Herr und Herrin abhalten<br />

wollen. Als Albert losreitet um s<strong>eine</strong>n Freund<br />

und ehemaligen Lehrer Hannes zu holen, erfasst<br />

Bärbel <strong>eine</strong> böse Ahnung und sie reitet zusammen<br />

mit dem Knecht Kunz ihrem Mann hinterher…<br />

Michael Peinkofer – Der Orkvernichter<br />

- handelt <strong>eine</strong> Prologstroy zu s<strong>eine</strong>m Roman<br />

„Die Rückkehr der Orks“ ab.


18<br />

Ars Poetica<br />

Ray Bradbury – Der Wunsch<br />

- handelt von zwei Schriftstellern, zwei alten<br />

Gefährten, die in der Nacht vor Weihnachten<br />

zusammensitzen. Einer von ihnen äußert beim<br />

Schlag Zwölf <strong>eine</strong>n besonderen Wunsch an Gott<br />

– dieser soll s<strong>eine</strong>n Vater wieder lebendig<br />

machen...<br />

Andreas Eschbach – Ein Fest der Liebe<br />

- handelt von Helena, die das erste Mal in<br />

ihrem Leben Weihnachten all<strong>eine</strong> in <strong>eine</strong>m<br />

schönen alten Haus verbringt, das ihr Großvater<br />

erbaut und ihr ihr Vater vererbt hat. nachts hört<br />

sie plötzlich im Keller ein Geräusch --- jemand<br />

„weint“!<br />

Florian Straub – Kathy<br />

- handelt von dem Weihnachtsmann, der den<br />

Wunschzettel für das Jahr liest – mit <strong>eine</strong>m<br />

besonders „morbiden Wunsch“.<br />

Dem Herausgeber Carsten Polzin <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> interessante<br />

und ausgewogene Tex-Mixtur gelungen,<br />

bei der kein einziger Qualitätsausfall zu beklagen<br />

<strong>ist</strong> – mein persönlicher Favorit <strong>ist</strong> die Story „Der<br />

Besuch“, aber diese <strong>Kurzgeschichte</strong>nsammlung<br />

unterhält von der ersten bis zur letzten Seite auf<br />

gleich guten Niveau und man kann den Lesern<br />

nur wünschen, dass sich wieder mehr Großverlage<br />

an Anthologien heranwagen!<br />

Neben der immer guten Papierqualität, dem<br />

handlichen Taschenbuchformat gibt es ein<br />

nettes Motiv neben den Titel- und Autorennamen,<br />

Sternchen-Szenentrenner und ein Motiv<br />

unten auf dem Buchrücken.<br />

Leserherz was willst du mehr?<br />

Absolut empfehlenswerte Anthologie nationaler<br />

und internationaler Autoren, nicht nur für<br />

die Weihnachtszeit sondern auch den Rest des<br />

Jahres.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

DAS FEST DER VAMPIRE<br />

Hrsg. Carsten Polzin<br />

Piper<br />

Anthologie - Phantastische Geschichten –<br />

Taschenbuch - 238 Seiten - 7.00 EUR<br />

ISBN: 9783492266789 - November 2008<br />

Seit drei Jahren gibt Carsten Polzin bei PIPER<br />

Weihnachtsanthologien heraus, von der sich<br />

jede dadurch auszeichnet, dass sie <strong>eine</strong><br />

Mischung aus nationalen und internationalen<br />

Autoren und ihrer Texte bietet.<br />

So auch in dieser hier, in der es um Vampire<br />

und Weihnachten geht – <strong>eine</strong> Verknüpfung die<br />

neugierig macht. Daher seien zu jeder Story<br />

wenigstens einige Worte erwähnt.<br />

Jonathan Barnes – Mr. Coldicutts Party<br />

- handelt von <strong>eine</strong>m älteren Mann, der seit<br />

<strong>eine</strong>m Jahr tot <strong>ist</strong> und <strong>eine</strong>r abendlichen Firmen-<br />

Weihnachtsfeier. Dort erfährt die Ich-Erzählerin<br />

von ihrem ältlichen Boss die Geschichte der<br />

Firmengründung mit s<strong>eine</strong>mPartner, der ein Jahr<br />

zuvor verstarb...<br />

Susanne Gerdom – Lang lebe die Königin<br />

- handelt von <strong>eine</strong>m König, der am Heiligen<br />

Abend mit Hilfe <strong>eine</strong>s Nekromanten s<strong>eine</strong> verstorbene<br />

Gattin wieder zum Leben erwecken will<br />

– zu <strong>eine</strong>m hohen Preis.<br />

Tobias O.Meißner – Von draußen<br />

- handelt von <strong>eine</strong>m sehr speziellen Fall, mit<br />

dem sich Oberinspektor Zundt und sein Ass<strong>ist</strong>ent<br />

Gideoni am Heiligen Abend konfrontiert sehen:<br />

<strong>eine</strong>m Dreifachmord und <strong>eine</strong>m verschwundenen<br />

Weihnachtsbaum.


John Moore – Schneeschuhe<br />

- handelt von wundersamen Geschehnissen in<br />

<strong>eine</strong>m Hotel und <strong>eine</strong>m Hund, der die teuren<br />

Markenschuhe der Gäste zernagt und sich, als<br />

man ihm <strong>eine</strong> Falle stellen will, als klüger erwe<strong>ist</strong><br />

– denn er <strong>ist</strong> ein Werzwerspitz.<br />

Julia Conrad – Blüten<br />

- handelt von besonderen Blüten <strong>eine</strong>s Weihnachtsbäumchens.<br />

David Wellington – Das Experiment<br />

- handelt von Laura Caxton, die ihren Lebensunterhalt<br />

mit der Vernichtung von Vampiren<br />

verdient und <strong>eine</strong>m Zentrum für den Seuchenschutz,<br />

in dem die Wissenschaftlerin Helene<br />

Fremont ein sehr „spezielles“ Untersuchungsobjekt<br />

hat: <strong>eine</strong>n ausgesprochen dürren Vampir!<br />

William King – Karpfen im Netz<br />

- handelt von der Amerikanerin Liz, die Weihnachten<br />

nicht mag und immer verre<strong>ist</strong>. Dieses<br />

Mal nach Prag, wo sie den gutaussehenden<br />

Marek kennenlernt, der sie durch die Stadt führt.<br />

Durch ihn macht sie Erfahrung mit dem Ge<strong>ist</strong> des<br />

Absinth und <strong>eine</strong>m Mann, den sie nach dem<br />

Genuss des Getränks sieht und der den Eindruck<br />

erweckt schon <strong>eine</strong> Weile tot zu sein.<br />

Terry Pratchett – Zwanzig Pence mit Umschlag<br />

und Weihnachtsgruß<br />

- handelt am 24. Dezember 1843 von <strong>eine</strong>m<br />

Kutscher, der durch den Schnee irrt und von dem<br />

Tor zur Hölle und <strong>eine</strong>r konfusen Geschichte<br />

dazu ...<br />

Daniela Knor – Mittwinternacht<br />

- handelt von Arion und s<strong>eine</strong>r Schwester Sava,<br />

die den Elbstein vom Himmel holen wollen. Hier<br />

bekommt der Leser <strong>eine</strong> r<strong>eine</strong> Fantasystory<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 19<br />

gebot, <strong>eine</strong>r Prologstory zu dem Roman „Nachreiter“<br />

der Autorin.<br />

Michael Peinkofer – Das Geschenk<br />

- handelt in <strong>eine</strong>m alten Theater in London<br />

East End mit leicht bekleideten Tänzerinnen und<br />

grausigen Kuriositäten (z.B. dreibusige Frauen,<br />

siamesische Zwillinge). Dort tritt auch der Große<br />

Raganrick mit mäßigen Zaubertricks in der Weihnachtsabendvorstellung<br />

auf. Um s<strong>eine</strong><br />

Zuschauer doch noch zu fesseln, ruft er den<br />

Ge<strong>ist</strong> Morgan LeFays, der großen Zauberin ... ein<br />

alter Mann sucht Raganrick nach der Vorstellung<br />

in s<strong>eine</strong>r Garderobe auf und der Zauberer muss<br />

feststellen, dass der Greis erschreckend viel über<br />

ihn weiß, dann macht ihm dieser auch noch ein<br />

besonderes Geschenk – und das Leben des<br />

Zauberers nimmt <strong>eine</strong> dramatische Wende.<br />

Thomas Plischke – Horsch, was kommt von<br />

draußen rein<br />

- handelt von der kl<strong>eine</strong>n Leonie, die auf den<br />

Weihnachtsmann wartet. Doch das Haus ihrer<br />

Eltern wird von <strong>eine</strong>m anderen „Gast“ heimgesucht,<br />

der Leonie über ihren Vater ausfragt und<br />

sie entführen will – aber da hat er die Rechnung<br />

ohne das Mädchen gemacht!<br />

Thomas Finn – Me<strong>ist</strong>er Calamitas’ erstaunliche<br />

Kuriositäten<br />

- handelt von <strong>eine</strong>m Großvater, der s<strong>eine</strong>n<br />

Enkeln <strong>eine</strong> mystische Geschichte erzählt:<br />

warum sie in ihrem Ort „Tannfürst“ jeden Winter<br />

das Lichterfest feiern und von <strong>eine</strong>m Jungen, der<br />

ein Dieb war – jedoch kein gewöhnlicher - , der<br />

<strong>eine</strong>s Nachts bei <strong>eine</strong>m Zauberer (Me<strong>ist</strong>er Calamitas)<br />

einsteigt, ein Gespräch belauscht und von<br />

dem „Ring des Abends“ hört …


20<br />

Ars Poetica<br />

Charlotte Kerner – Vierundzwnazig Hahnenschreie<br />

- handelt auf der Baleareninsel Mallorca und<br />

<strong>eine</strong>m Mann, der am 24. Dezember in Port de<br />

Pollensa <strong>eine</strong>n einsamen Spaziergang antritt.<br />

Florian Straub – Das Ritual<br />

- handelt von <strong>eine</strong>r Dämonenmutter, Vara.,<br />

ihrer Jüngsten und <strong>eine</strong>m speziellen Ritual (alte<br />

Feierlichkeit der Dämonen) zum Fest<br />

Ian Watson – Wenn Jesus durch den Kamin<br />

kommt<br />

- handelt davon, dass die Mutter ihrem kl<strong>eine</strong>n<br />

Sohn Jamie von Jesus erzählen soll und so<br />

erfährt der Leser die Geschichte der Beiden –<br />

und wie Ian Watson sie sieht.<br />

Dem Herausgeber <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> gute Mischung<br />

nationaler und internationaler Autoren/Texte<br />

gelungen, die wunderbar unterhält und deutlich<br />

zeigt wie wichtig die Gattung „Anthologie“ in der<br />

deutschen Literaturlandschaften <strong>ist</strong>. Und wie<br />

bedauerlich, dass sie immer stiefmütterlicher<br />

behandelt wird, denn grade diese Textform <strong>ist</strong><br />

oft ein besonderer Lesegenuss.<br />

Mögen die Verleger dahingehend wieder<br />

mutiger werden und den Lesern endlich wieder<br />

gute <strong>Kurzgeschichte</strong>nsammlungen anbieten.<br />

Diese steht auf jeden Fall dafür, weil alle Texte<br />

auf gleich gutem Niveau sind und auch verdeutlicht,<br />

dass sich die nationalen Autoren k<strong>eine</strong>swegs<br />

vor den internationalen verstecken<br />

müssen – das Gegenteil <strong>ist</strong> der Fall.<br />

Auch die Aufmachung des Titels <strong>ist</strong> wie immer<br />

bei PIPER erstklassig: Papier, Satz, Layout sind<br />

ohne Fehl und Tadel. Dazu gibt es ein nettes<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Motiv neben den Titel- und Autorennamen,<br />

Sternchen-Szenentrenner und ein Motiv unten<br />

auf dem Buchrücken – da stimmt das Preis-<br />

Le<strong>ist</strong>ungsverhältnis zu hundert Prozent!<br />

Ausgewogene, abwechslungsreiche <strong>Kurzgeschichte</strong>nsammlung<br />

nationaler und internationaler<br />

Autoren in schöner Optik – absolut<br />

empfehlenswert!<br />

*<br />

DAS FEST DER ELFEN<br />

Carsten Polzin (Hrsg)<br />

Piper, München, 10/2009<br />

Fantasy, ISBN 9783492267069, 240/7.00<br />

Titelillustration von Jan Reiser, MÜnchen<br />

Titelgestaltung von Guter Punkt, München<br />

Paperback<br />

www.piper-fantasy.de<br />

www.guter-punkt.de<br />

www.enter-and-smile.de<br />

Dies <strong>ist</strong> die dritte Anthologie mit phantastischen<br />

Weihnachtsgeschichten unter der Ägide<br />

von PIPER-Fantasy-Programmchef Carsten<br />

Polzin. Wieder <strong>ist</strong> der Band, wie s<strong>eine</strong> Vorgänger,<br />

hübsch aufgemacht, sprich mit <strong>eine</strong>r kl<strong>eine</strong>n<br />

einheitlichen Entry-Grafik über jedem Text versehen.<br />

Das einzige Uneinheitliche <strong>ist</strong> das Layout<br />

das Buchumschlags. So sind Antho 1 und 2 mit<br />

gleicher Buchrücken-Optik gestaltet, weicht<br />

Band 3 komplett davon ab. Das <strong>ist</strong> aber auch das<br />

einzige winzige Manko.<br />

Mike Shultz bietet mit „Der Elf der Weihnachten<br />

stahl“ den Auftakt. Darin hegt Louis der Elf<br />

den Wunsch Weihnachtsmann zu werden und


Rudolf Rotnase kennenzulernen.<br />

Mitternacht des 23.12.2010 – Louis will mit<br />

s<strong>eine</strong>r Gefährtin Callie bei <strong>eine</strong>r Familie einbrechen<br />

um einige Fehler, die dort der Weihnachtsmann<br />

begangen hatte, rückgängig zu machen –<br />

sie sind somit sozusagen das „Aufräumkommando<br />

des Weihanchtsmanns“.<br />

In „Die Tränensammlerin“ von Marlies Arold<br />

<strong>ist</strong> Liliane auf dem Weg zu Vingelina um ihr ein<br />

Fläschchen mit Tränen von Menschen zu übergeben,<br />

die sie drei Monate gesammelt hat. Sie<br />

<strong>ist</strong> <strong>eine</strong> Nachtsammlerin, da Tränen der Nacht<br />

die ehrlichsten und somit wertvollsten sind.<br />

Vingelina hat ein Elfenherz, kann deswegen<br />

nicht w<strong>eine</strong>n und <strong>ist</strong> mit <strong>eine</strong>m Menschenmann<br />

verheiratet.<br />

Liliane <strong>ist</strong> ein „Halbling“ (Mutter Mensch,<br />

Vater Elf) und erzählt den Lesern von ihrer<br />

Kindheit, ihrem Freund dem Wolf und dem<br />

verstörenden ersten Kontakt mit ihrem Vater im<br />

Land der Elfen, wie sie Tränensammlerin wurde<br />

und den Gefühlen der Menschen, die Elfen<br />

fremd sind ...<br />

Sehr schön geschrieben!<br />

Tobias O. Meißner steuert die Titelstory „Das<br />

Fest der Elfen“ bei. Darin werden ein Trupp<br />

berittener Soldaten und <strong>eine</strong>m Wagen von <strong>eine</strong>r<br />

Lawine überrascht, was sich schlussendlich als<br />

Überfall entpuppt.<br />

Celdis und Rukan Ledd Hrengos Beute entpuppt<br />

sich als Ladung von Langbögen. Hrengo<br />

schlägt vor, diese den Elfen zu verkaufen und<br />

hören dort zum ersten Mal von dem „Fest der<br />

Vergebung“ ... mit fatalen Folgen.<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 21<br />

Julia Conrad erzählt von <strong>eine</strong>m besonderen<br />

„Weihnachtseinkauf“ des Rechtsanwalts<br />

Herwig. Er will für s<strong>eine</strong> Freundin bei dem<br />

Direktor des Kaufhaus „Centrum“ <strong>eine</strong>n besonderen<br />

Artikel erwerben – und erfährt am<br />

eigenen Leib die Auswirkung von „Angebot und<br />

Nachfrage“.<br />

In „Zwei müssen zurück“ von Thomas Plischke<br />

ereilt Sigrid Besuch von Gunnar, <strong>eine</strong>m ehemaligen<br />

Kollegen ihres Mannes Lars, mit dem sie<br />

unglücklich <strong>ist</strong>. Lars <strong>ist</strong> beruflich in China und<br />

lässt sie mit den gemeinsamen Zwillingen über<br />

Weihnachten allein. Sigrid erfährt Erstaunliches<br />

über ihn und den Weihnachtsmann ...<br />

Will Elliots „Mrs Claus“ handelt von Santa, der<br />

schon lange die Ehrfurcht vor den Elfen verloren<br />

hat. Santa wird krank und zerfließt seither in<br />

Selbstmitleid. Daher hat er kein Auge auf den<br />

Arbeitseifer der Elfen. Schon seit Langem<br />

bekniet s<strong>eine</strong> Frau – Mrs Claus – ihn, die<br />

Geschenke verteilen zu dürfen. Mit L<strong>ist</strong> und<br />

Tücke nimmt sie immer mehr Einfluss in die<br />

Weihnachtsvorbereitungen und es gerät alles<br />

außer Kontrolle, denn Mrs Claus <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> harte<br />

Frau ...<br />

In John Chr<strong>ist</strong>ophers „Weihnachtsrosen“<br />

befindet sich Jo auf dem Raumschiff Arkland und<br />

bringt für s<strong>eine</strong>n alten Freund Hans <strong>eine</strong>n Weihnachtsbaum<br />

von der Erde mit nach Luna City.<br />

Ihn hingegen lässt der Duft der Weihnachtrosen<br />

nicht mehr los ...<br />

Jeff Carlson erzählt in „Weihnachtliches Feuer“<br />

von Julie Beauchain, die <strong>eine</strong>n besonderen Job<br />

ausübt: die Bekämpfung <strong>eine</strong>r Termitenplage in


22<br />

Ars Poetica<br />

Montana. An ihrer Seite <strong>ist</strong> ihr Partner und<br />

Geliebter William Highsong.<br />

Den beiden läuft immer wieder ein Mann mit<br />

braunen Haaren und Bart über den Weg. Dann<br />

berichten Zeugen, dass sie beobachtet haben,<br />

wie jemand Insekten in die Stadt geschleust hat.<br />

Julie und William kommen <strong>eine</strong>m brisanten<br />

Verbrechen auf die Schliche.<br />

In „Der Dunkle Hof lässt bitten“ von Markolf<br />

Hoffmann befragt Drudes, der König des<br />

Dunklen Feenhofs, <strong>eine</strong> gefangene Elfe, die <strong>eine</strong><br />

Schachtel mit <strong>eine</strong>r wunderschönen von Menschen<br />

gefertigten Weihnachtsbaumkugel bei<br />

sich trug. Drudes befiehlt, dass ihm mehr davon<br />

in der Menschenwelt beschafft werden soll –<br />

dazu werden die beiden Dunkelelfen Ulces und<br />

Vulnes auserkoren. Sie sollen ihren König begleiten,<br />

dem sehr schnell in den Ohren klingelt, weil<br />

die Menschen ein so lautes Pack sind.<br />

Als die Dunkelelfen in <strong>eine</strong> WG einbrechen um<br />

dort den Chr<strong>ist</strong>baumschmuck zu stehlen,<br />

werden sie von dem kl<strong>eine</strong>n Mariechen überrascht<br />

... doch das <strong>ist</strong> nicht das Einzige, was sie<br />

ereilt!<br />

Dan Wells erzählt in „Gloria“ wie Gloria Hollins<br />

den Brief <strong>eine</strong>s Mannes erhält, der sie immer in<br />

<strong>eine</strong>m Wal-Mart beobachtet (und nicht nur dort)<br />

und gerne näher kennenlernen möchte – es wird<br />

nicht der einzige Brief bleiben …<br />

Mit „Soltaine“ beendet Richard Schwartz diese<br />

Sammlung. Die Erzählung entführt die Leser in<br />

die Welt von Askir.<br />

Lisbeth bittet ihren Großvater <strong>eine</strong> Geschichte<br />

zu erzählen – es <strong>ist</strong> die, mit der alles s<strong>eine</strong>n<br />

Anfang nahm ... <strong>eine</strong> Reisegruppe, der <strong>eine</strong><br />

schwangere Frau angehört, begegnet im Winter<br />

zwei Reiter, die sich als Legionäre entpuppen.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Als bei der Frau die Wehen einsetzen, kehren<br />

alle in <strong>eine</strong>r Gastschenke ein – es <strong>ist</strong> die Nacht<br />

vor Soltaine und die Dorfgemeinschaft fürchtet<br />

sich weil ihre traditionelle Prozession nicht<br />

stattfinden kann, da der Priester nicht erschienen<br />

<strong>ist</strong> und das Tor zum Tempel verschlossen<br />

blieb. Nun fragen sich die Dorfbewohner wer sie<br />

vor den Ge<strong>ist</strong>ern schützen soll, wenn diese<br />

kommen. Einer der Legionäre bricht mit <strong>eine</strong>m<br />

Knecht zum Tempel auf um dort nach dem<br />

Rechten zu sehen ...<br />

In dieser Anthologie überzeugen die Beiträge<br />

der nationalen Autoren vor denen der internationalen.<br />

<strong>Was</strong> wieder einmal bewe<strong>ist</strong>, dass es<br />

genug gute deutschsprachige Autoren gibt und<br />

man nicht über den großen Teich schielen muss.<br />

Die Sammlung liest sich abwechslungsreich<br />

und unterhält nicht nur unter dem Weihnachtsbaum.<br />

Abwechslungreiche, kurzweilige hübsch aufgemachte<br />

Fantasy-Anthologie.<br />

1<br />

Nun soll man ja nicht nur nach Großverlags-<br />

Kost schielen, daher beende ich m<strong>eine</strong>n ersten<br />

Kolumnenbeitrag mit <strong>eine</strong>m besonderen <strong>Kurzgeschichte</strong>nband<br />

von drei munteren Schriftsteller-Gesellen<br />

aus Berlin.<br />

Boris Koch, Chr<strong>ist</strong>ian von Aster, Markolf Hoffmann<br />

WEIHNACHTEN IM STIRNHIRNHINTERZIMMER<br />

Medusenblut – Berlin – November 2010<br />

Phantastik - ISBN 9783935901154 – 152 Seiten<br />

/10.00 EUR<br />

Paperback<br />

Titelillustration und Titelgestaltung von<br />

www.benswerk.de<br />

www. medusenblut.de


Lamettageschmückt und glöckchenklingelnd<br />

öffnet sich die Tür des StirnhirnhinterZimmers zu<br />

<strong>eine</strong>m Fest der weihnachtlichen Phantastik. Auf<br />

dem bunten Gabentisch liegen fünfzehn bedingt<br />

besinnliche Geschichten um finstere Chr<strong>ist</strong>kindlsmärkte,<br />

verschneite Waisenhäuser, verbrecherische<br />

Weihnachtsmannhorden, gleißende<br />

Wintermörder, präh<strong>ist</strong>orische Schneemänner<br />

und pelztragende Superhelden.<br />

Hier wird die Bibel mit zimtbestäubten Fingern<br />

umgedichtet und manch liebgewonnener Weihnachtsmythos<br />

<strong>eine</strong>r Generalüberholung unterzogen.<br />

Eine groteske Schlittenfahrt ohne Zuckerguß<br />

und Schleifchen, direkt aus dem Jütesack der<br />

geheimen Gesellschaft dichtender Rupprechte.<br />

DIESES BUCH WURDE MIT DER RUTE<br />

GESCHRIEBEN!<br />

Ich sage es vorweg: Das SHHZ lässt es immer<br />

wieder textlich krachen, so auch in diesem Band<br />

– und das <strong>ist</strong> gut so.<br />

Die <strong>Kurzgeschichte</strong>nsammlung des munteren<br />

Berliner Trios startet mit <strong>eine</strong>m VORWORT von<br />

Günter Steinmeyer, der <strong>eine</strong> kl<strong>eine</strong> Anekdote<br />

zum Besten gibt: Über Jesus, der nach s<strong>eine</strong>m<br />

ersten Weihnachten sieht, dass die Heiligen Drei<br />

Könige Boris, Chr<strong>ist</strong>ian und Markolf lediglich<br />

Bücher dabeihaben und somit beschließt <strong>eine</strong><br />

Religion zu gründen, in der es Brauch <strong>ist</strong>, sich<br />

ordentliche Weihnachtsgeschenke zu überreichen<br />

...<br />

Markolf Hoffmann: Schlecht Ruprecht – Am<br />

Morgen<br />

Paul, sein Bruder Günni und s<strong>eine</strong> Cousine<br />

Klara und deren Schwester Connie warten auf<br />

den Nikolaus – Günni erzählt ihnen in düsteren<br />

Tönen von Schlecht Ruprecht, dem Handlanger<br />

des Nikolaus.<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 23<br />

Markolf Hoffmann: Sternenfaust<br />

Hier bietet sich den Lesern ein Weihnachtsmärchen<br />

mit grausigem Verlauf und klebriger Moral<br />

... denn in den finsteren Kerkern der Weihnachtsbäckerei<br />

Hass müssen angekettete<br />

Gnome Zimtsterne backen. Wer nicht eifrig<br />

genug dabei <strong>ist</strong>, wird mit dem dornenbesetzten<br />

Schaumschläger gezüchtigt. Bis <strong>eine</strong>s Nachts im<br />

Kerker ein besonderer kl<strong>eine</strong>r Gnom geboren<br />

wird – Sternenfaust.<br />

Chr<strong>ist</strong>ian von Aster: Dunkle Geschäfte<br />

Der Weihnachtsmann macht mit der Piratenbande<br />

„Devil’s Bride“ dunkle Geschäfte der<br />

speziellen Art ...<br />

Boris Koch: Die Wichtel des Grauens<br />

Drei Gründe warum ein Mann Weihnachten<br />

liebt: Das Fest, das er braucht um über das<br />

restliche Jahr zu kommen – z.B. weil er dann<br />

endlich mal jeden Tag Sex hat.<br />

Doch dann kommt das Jahr in dem Weihnachtsterror<strong>ist</strong>en<br />

– „Wichtel des Grauens“ –<br />

s<strong>eine</strong>r Frau die Weihnachtsstimmung vermiesen<br />

und der Mann sieht s<strong>eine</strong>n Sex schwinden. Zu<br />

allem Überfluss mutiert er auch noch zum Xmas-Man<br />

und sein Leben gerät völlig aus den<br />

Fugen.<br />

Markolf Hoffmann: Der Gleiß<br />

„Das Leben tötet die Schönheit“ – und der<br />

Liebende, Eifersüchtige ...<br />

Grandios geschrieben.<br />

Chr<strong>ist</strong>ian von Aster: Neulich bei den Inuit<br />

Hier erfährt der Leser wie Dänemark beinahe<br />

Kanada den Krieg erklärt hätte. Akkikitok McCormack,<br />

Inuit-Halbblut und der Fischer Ed<br />

Kuminsky stoßen in <strong>eine</strong>m Eisberg auf <strong>eine</strong><br />

spektakuläre Entdeckung – <strong>eine</strong> arktische<br />

Schneemannarmee.


24<br />

Ars Poetica<br />

Eine geile, durchgeknallte Story von M<strong>ist</strong>er<br />

von Aster<br />

Boris Koch: Das Waisenhaus, auf das es nie<br />

schneite<br />

In <strong>eine</strong>m Waisenhaus leben verflucht, glücklose<br />

Kinder – zu allem Überfluss schneit es auf<br />

das Waisenhaus nie und es geht die Kunde, die<br />

Ursache wäre, dass der Direktor den Weihnachtsmann<br />

erschossen habe. Fortan beobachten<br />

die Kinder ihn mit Argusaugen.<br />

Lustiges Detail der Story sind der kl<strong>eine</strong> Markolf,<br />

Chr<strong>ist</strong>ian und Boris – sozusagen ein kindisches<br />

SHHZ.<br />

Markolf Hoffmann: Kl<strong>eine</strong>r Weihnachtsrant (in<br />

zwei Sätzen)<br />

Ein Mann auf dem Weihnachtsmarkt<br />

beschließt wieder einmal nie mehr <strong>eine</strong>n kommerzgeilen<br />

Weihnachtsmarkt zu besuchen.<br />

Herrlich auf den Punkt gebracht was zeitgenössische<br />

Weihnachtsmärkte zu bieten haben!<br />

Chr<strong>ist</strong>ian von Aster: Die Rote Horde<br />

Eine weihnachtliche Geschichte in klassischen<br />

Kostümen.<br />

Als <strong>eine</strong>r Geldfälscherbande <strong>eine</strong> Razzia droht,<br />

schlüpft ihr Boss in ein Weihnachtsmannkostüm,<br />

ein Metzergerme<strong>ist</strong>er spielt immer den Weihnachtsmann<br />

und erschlägt nach dreißig Jahren<br />

s<strong>eine</strong> Frau, zwei Ganoven überfallen als Weihnachtsmänner<br />

<strong>eine</strong> Bank, ein junger Mann befindet<br />

sich im studentischen Weihnachtsmann-<br />

Einsatz – sie alle treffen in diesem durchgeknallten<br />

Weihnachtsmann-Chaos zufällig aufeinander<br />

und bilden „Die Rote Horde“. Ihnen gegenüber<br />

steht Kommissar Ruprecht mit s<strong>eine</strong>r SEK Weihnachtsmann<br />

…<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Boris Koch: Nächtlicher Besuch<br />

Holger Erhardt und s<strong>eine</strong> Frau Mandy werden<br />

mit <strong>eine</strong>m nächtlichen Besucher konfrontiert.<br />

Dieser liegt in <strong>eine</strong>m Nikolauskostüm tot vor<br />

ihrem DVD-Kamin – <strong>ist</strong> somit mitsamt Geschenksack<br />

in die digitale Welt gerutscht.<br />

Markolf Hoffmann: Bescherung<br />

In <strong>eine</strong>m Großraumbüro von sechzig Parzellen<br />

finden einige Mitarbeiter ein kl<strong>eine</strong>s Geschenkpäckchen<br />

vor – mit <strong>eine</strong>r rostigen Schere darin.<br />

Dies hat verheerende Folgen für die<br />

Beschenkten.<br />

Chr<strong>ist</strong>ian von Aster: X-mas-Bash<br />

Wie Big Bad Boy und General Jihad des Weihnachtsfest<br />

retteten.<br />

Sowohl der Glauben an den Weihnachtsmann<br />

hat enorm eingebüßt, als auch die Anhängerschaft<br />

des Wrestlings – so machen sich beide<br />

„Verbände“ Sorgen um die Zukunft, bis der<br />

Wrestler „The Claus“ auftaucht, mitsamt s<strong>eine</strong>s<br />

kleinwüchsigen Managers Mr Elfman ...<br />

Köstlich, köstlich ... z.B. die „Heiligen Drei<br />

Amphetaminkönige“, stereoidgestählte Aushilfselfen<br />

und mehr.<br />

Boris Koch: Moby Bär<br />

Für <strong>eine</strong> Jagdexpedition an den Nordpol<br />

werden etwa zwanzig „echte, kernige Männer“<br />

gesucht, die <strong>eine</strong>n besonders gigantischen Bären<br />

jagen sollen. Wer ihn zuerst entdeckt soll <strong>eine</strong><br />

Sonderprämie von 10.000 Dollar erhalten.<br />

Von da ab gibt es Tote mit makabren Adventssprüchen<br />

versehen – die Männer bekommen es<br />

alle mit dem Weihnachtsmann zu tun.<br />

Boris Koch: Die Weihnachtsgeschichte<br />

... nach Lukas und Matthäus erweitert und<br />

ergänzt.


Kaiser Augustus <strong>ist</strong> nicht gut beraten als er auf<br />

die Lobby<strong>ist</strong>en der Tourismusbranche hört, <strong>eine</strong><br />

Volkszählung steht an, zu der auch Josef und die<br />

schwangere Maria aufbrechen ...<br />

Köstlich die Weihnachtsgeschichte in der<br />

Sprache und dem Gedankengut der heutigen Zeit<br />

zu lesen.<br />

Markolf Hoffmann: Die Gaben des Himmels<br />

Moses und s<strong>eine</strong> Schar in der Wüste Sin. Moses<br />

soll sie auf Gottes Geheiß aus Ägypten fortbringen.<br />

Die Israeliten beginnen am 15.Tag der Reise<br />

zu zweifeln und auch Moses lässt im Gespräch<br />

mit s<strong>eine</strong>m Schöpfer erste Anzeichen davon<br />

erkennen.<br />

Da lässt Gott als Prüfung „Manna“ regnen,<br />

doch die Schar <strong>ist</strong> zu gierig und das hat Folgen<br />

und zieht den Undank der Menschen nach sich.<br />

Chr<strong>ist</strong>ian von Aster: Post aus Weihnachtsmanns<br />

Tintenfass – ein besinnlicher Festbrief<br />

Eine wunderbare Story über die allweihnachtlichen<br />

Briefe, die knappen Telegramme erkalteter<br />

Zwischenmenschlichkeit im Stakkatostil, von<br />

weihnachtlichen Karteileichen, Grüßen, wo nur<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 25<br />

noch die Geste zählt – das alles betrachtet von<br />

dem „leitenden Mitarbeiter in Weihnachtsmanns<br />

Tintenfass“, die Weihnachtsbriefe verfassen<br />

...<br />

<strong>Was</strong> mir besonders gefiel, war ein Satz, mit<br />

dem auch ich als Rezensentin enden möchte.<br />

„Lassen Sie dieses Fest nicht zu <strong>eine</strong>r schändlichen<br />

Butterfahrt verkommen!“ und möchte<br />

hinzufügen: „Wohl gesprochen, Chr<strong>ist</strong>ian!“<br />

Das <strong>ist</strong> munter, das <strong>ist</strong> ideenreich, das <strong>ist</strong> frech<br />

– und nicht nur mit Glühwein bekömmlich.<br />

Absolut empfehlenswert!<br />

7<br />

Hier endet also m<strong>eine</strong> kl<strong>eine</strong> Betrachtungsweise<br />

zu Weihnachten und Büchern, mit denen<br />

man sich die kalten und dunklen Stunden des<br />

Winters vertreiben kann.<br />

Und wünschen Ihnen wundervolle Festtage –<br />

wir lesen uns im nächsten Jahr in m<strong>eine</strong>r<br />

Kolumne wieder.<br />

© Minaya


26<br />

portrait<br />

Elif Siebenpfeiffer<br />

<strong>eine</strong> junge talentierte Künstlerin<br />

Wir freuen uns, Euch in dieser Ausgabe <strong>eine</strong><br />

junge, aufstrebende Künstlerin präsentieren zu<br />

können, welche sehr vielseitig begabt <strong>ist</strong>. Egal<br />

ob am PC, oder auf der Leinwand mit Pinsel und<br />

Ble<strong>ist</strong>ift, kreiert sie Bilder, die zum Träumen<br />

verführen.<br />

Doch zuerst einmal soll sie sich selber vorstellen:<br />

Ich bin 23 Jahre alt, Studentin aus Kiel und<br />

illustriere unter anderem Geschichten und<br />

Rollenspiele, zeichne aber auch einfach nur<br />

für mich. M<strong>eine</strong> Bilder entstehen me<strong>ist</strong>ens<br />

mit Photoshop und Grafiktablett, ich<br />

arbeite allerdings ebenso mit Ble<strong>ist</strong>ift,<br />

Buntstiften, Aquarell, Acryl und Ölfarben.<br />

M<strong>eine</strong> Motive kommen größtenteils aus<br />

dem Fantasybereich, das liegt aber auch<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

daran, dass ich mich bisher noch nicht so<br />

recht an Maschinen und andere SciFi-Elemente<br />

getraut habe - ich plane aber, das zu<br />

ändern. Neben dem Zeichnen bin ich selbst<br />

auch Pen& Paper- und Liverollenspielerin<br />

und das <strong>ist</strong> mir häufig <strong>eine</strong> Inspirationsquelle.<br />

Freundlichweise hat sich Elif auch bereit erklärt,<br />

uns einige Fragen zu beantworten.


SF: D<strong>eine</strong> Webseiten sind alle in Englisch gehalten.<br />

Hat dies <strong>eine</strong>n bestimmten Grund?<br />

Elif: Ich möchte die Seiten <strong>eine</strong>m möglichst<br />

breiten Besucherkreis zugänglich machen und<br />

das geht auf Englisch natürlich besser als auf<br />

Deutsch. Allerdings gibt es von m<strong>eine</strong>r eigentlichen<br />

Website auch <strong>eine</strong> deutsche Version, die<br />

offensichtlich nicht deutlich genug verlinkt <strong>ist</strong> ;)<br />

(Anmerk. D. Red.: Okay, jetzt habe ich es auch<br />

gesehen. Manchmal hat man richtig Tomaten<br />

auf den Augen ;-))<br />

SF: Du studierst Archäologie und "nordic studies".<br />

<strong>Was</strong> <strong>ist</strong> unter zweiterem zu verstehen?<br />

Elif: Auf Deutsch heißt der Studiengang Nord<strong>ist</strong>ik<br />

oder Skandinav<strong>ist</strong>ik; mittlerweile habe ich<br />

auch m<strong>eine</strong>n Bachelor gemacht und studiere im<br />

Master nur noch Archäologie. Aber zur Frage:<br />

Das Studium behandelt Geschichte, Kultur,<br />

Sprachen und (h<strong>ist</strong>orische sowie moderne) Lite-<br />

Elif Siebenpfeiffer - <strong>eine</strong> junge talentierte Künstlerin<br />

portrait<br />

27<br />

ratur Skandinaviens. Es <strong>ist</strong> erstmal ein ziemlicher<br />

Rundumschlag, aber später kann man<br />

sich auf bestimmte Bereiche spezialisieren.<br />

SF: <strong>Was</strong> fasziniert dich an diesen Studiengängen?<br />

Gerade Skandinav<strong>ist</strong>ik <strong>ist</strong> ja doch sehr<br />

exotisch. Zumindest b<strong>ist</strong> du die einzige Person,<br />

die ich kenne, die dieses Studienfach belegt.<br />

Elif: Ich komme ja aus Kiel, und da <strong>ist</strong> schon<br />

der räumliche Bezug zu Skandinavien wohl etwas<br />

größer als in südlicheren Teilen Deutschlands.<br />

Wir sind früher ab und zu in den Urlaub<br />

nach Norwegen oder Dänemark gefahren und<br />

in der Schule hatte ich dann mal <strong>eine</strong>n kurzen<br />

Austausch nach Schweden; dabei habe ich mich<br />

ein wenig in die Sprache verliebt und auch sonst<br />

kam mir alles viel toller vor als in Deutschland.<br />

Da war ich natürlich noch sehr jung und ein<br />

bisschen naiv und mittlerweile weiß ich, dass<br />

auch die Skandinavier so ihre Probleme haben.<br />

Für die Wahl des Studienfaches kam dann noch


28<br />

portrait<br />

dazu, dass mich die skandinavische Geschichte<br />

und Mythologie schon immer fasziniert hat.<br />

Wenn man sich in der Skandinav<strong>ist</strong>ik mehr mit<br />

dem h<strong>ist</strong>orischen Teil befasst, passt es auch gut<br />

mit Archäologie zusammen. Allgemein finde ich<br />

vergangene Kulturen ungemein spannend und<br />

es <strong>ist</strong> toll, wenn man ihre Geschichte buchstäblich<br />

anfassen und aus ihren Hinterlassenschaften<br />

neue Erkenntnisse herleiten kann. Ich<br />

habe mich zu Anfang des Studiums mehr für das<br />

Mittelalter interessiert, aber mittlerweile finde<br />

ich auch urgeschichtliche Kulturen wirklich faszinierend,<br />

weil die Menschen mit dem, was sie<br />

uns hinterlassen haben, zum <strong>eine</strong>n viele Rätsel<br />

aufgeben und zum anderen oft auch zeigen, wie<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

intelligent und "weit" sie schon vor vielen tausend<br />

Jahren waren.<br />

SF: Gibt es <strong>eine</strong>n bekannten Künstler/-in, der<br />

für dich Vorbild <strong>ist</strong>?<br />

Elif: Niemand bestimmtes, nein. Ich bin viel im<br />

Internet unterwegs und schaue mir viele Bilder<br />

von tollen Künstlern an, an deren Niveau ich<br />

vielleicht irgendwann gern herankommen würde,<br />

aber me<strong>ist</strong>ens bleiben die Bilder eher hängen<br />

als dazugehörige Namen. Viele großartige<br />

Sachen kommen beispielsweise aus der Spieleindustrie,<br />

wo me<strong>ist</strong>ens die Künstler eher im<br />

Hintergrund arbeiten und außerhalb der Branche<br />

auch wenig bekannt sind. Aber auch die<br />

alten Me<strong>ist</strong>er der Malerei inspirieren mich und<br />

spornen mich an.


SF: Wie entscheidest du, welches Hilfsmittel<br />

du zum Malen nimmst? Ist dies vom Motiv<br />

abhängig, oder von d<strong>eine</strong>r Laune?<br />

Elif: Ehrlich gesagt <strong>ist</strong> es größtenteils <strong>eine</strong> Frage<br />

von Bequemlichkeit. Me<strong>ist</strong>ens läuft es auf<br />

den PC hinaus, weil es damit so viel einfacher<br />

<strong>ist</strong>, Fehler rückgängig zu machen und neue Sachen<br />

auszuprobieren. Im Endeffekt macht man<br />

sich damit häufig sogar mehr Arbeit, weil man<br />

alles immer wieder überarbeitet, aber es <strong>ist</strong><br />

einfach weniger frustrierend, als im Zweifelsfall<br />

wegen <strong>eine</strong>s blöden Fehlers ein ganzes Bild<br />

nochmal neu anfangen zu müssen.<br />

Ansonsten habe ich manchmal bestimmte<br />

Motive im Kopf, die ich mit bestimmten Materialien<br />

umsetzen möchte, und manchmal habe<br />

ich auch einfach Lust, mal wieder was mit<br />

<strong>eine</strong>m bestimmten Material zu machen. Aber<br />

Elif Siebenpfeiffer - <strong>eine</strong> junge talentierte Künstlerin<br />

portrait<br />

29<br />

ich kann kaum leugnen, dass die me<strong>ist</strong>en<br />

brauchbaren Ergebnisse digital entstehen. Dafür<br />

mache ich aber <strong>eine</strong>n Großteil m<strong>eine</strong>r<br />

Übungen und Studien mit Ble<strong>ist</strong>ift.<br />

SF: Soll das Malen ein Hobby bleiben, oder<br />

hast du weitergehende Ambitionen?<br />

Elif: Mittlerweile <strong>ist</strong> es schon so, dass das<br />

Zeichnen und Malen zu <strong>eine</strong>m regelmäßigen<br />

Nebenjob geworden <strong>ist</strong> und ich würde es gern<br />

irgendwann zu m<strong>eine</strong>m Hauptberuf machen.<br />

Als ich mit der Schule fertig war, hab ich mir<br />

kaum Hoffnungen gemacht, dass ich gut genug<br />

dafür wäre und dass man davon überhaupt leben<br />

kann (daher habe ich mich auch für ein<br />

komplett anderes Studium entschieden), aber<br />

das Zeichnen hat mich nie losgelassen und mittlerweile<br />

weiß ich, dass und wie man dahin kommen<br />

kann. Mein Freund hat sich ebenfalls für


30<br />

portrait<br />

diesen Weg entschieden und wir treiben uns<br />

gegenseitig an und lernen auch viel voneinander.<br />

SF: Auf oder in welchen Werken kann man<br />

d<strong>eine</strong> Bilder schon bewundern?<br />

Elif: Viele der Auftragsarbeiten, die ich mache,<br />

sind für Privatleute, für ihre Charaktere aus<br />

Rollenspielen oder Geschichten, und werden<br />

nicht großartig veröffentlicht. Ansonsten habe<br />

ich für "Payla - die Goldinsel" von Pierre H<strong>eine</strong>n<br />

mehrere Illustrationen geliefert und in letztem<br />

Jahr an <strong>eine</strong>m Browsergame mitgearbeitet, das<br />

noch nicht veröffentlicht <strong>ist</strong>. Eine Illustration<br />

habe ich auch für den Kurzroman "Zwischen<br />

den Welten" von Susanne Nort gemacht.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

SF: <strong>Was</strong> sind d<strong>eine</strong> kurzfr<strong>ist</strong>igen/langfr<strong>ist</strong>igen<br />

Ziele?<br />

Elif: Kurzfr<strong>ist</strong>ig erst einmal noch besser zeichnen<br />

lernen und dann in den nächsten zwei Jahren<br />

davon leben können. Dann irgendwann<br />

würde ich mir wünschen, irgendwo im Grünen<br />

in <strong>eine</strong>m Haus oder kl<strong>eine</strong>n Hof mit Tieren zu<br />

wohnen und auch zum Arbeiten nicht da<br />

wegzumüssen. Und natürlich gesund zu bleiben<br />

und das Leben auszukosten, solang es geht.<br />

SF: Erzähl doch etwas über d<strong>eine</strong> Live-Rollenspiele.<br />

Welchen Charakter stellt du dar? Wie<br />

ernst sind dir diese Events? Seid ihr <strong>eine</strong> eingeschworene<br />

Gemeinschaft, oder eher ein lockerer<br />

Haufen, der sich ab und an trifft?


Elif: Es <strong>ist</strong> nur ein Hobby - nicht<br />

mehr und nicht weniger. Es macht<br />

mir viel Spaß und während man im<br />

Spiel <strong>ist</strong>, kommt es <strong>eine</strong>m mitunter<br />

auch mal ernster vor, als es tatsächlich<br />

<strong>ist</strong>, aber es <strong>ist</strong> und bleibt ein<br />

Spiel. Im Prinzip <strong>ist</strong> es für mich auch<br />

nichts anderes, als <strong>eine</strong> intensiver<br />

erzählte Geschichte. Wie man bei<br />

<strong>eine</strong>m Buch oder Film mitfiebern<br />

kann, so tut man es dann eben auch<br />

beim Rollenspiel, nur dass man wirklich<br />

den Geruch des Lagerfeuers<br />

abends in der Nase hat, oder ein<br />

Heer von tausend Leuten auf sich<br />

zumarschieren sieht. Dass ich dabei<br />

m<strong>eine</strong>n Körper ab und zu mit wenig<br />

Schlaf, viel Bewegung und schwerer<br />

Rüstung an s<strong>eine</strong> Grenzen treiben<br />

kann, <strong>ist</strong> ein netter Nebeneffekt (das<br />

<strong>ist</strong> dann wohl m<strong>eine</strong> Interpretation<br />

von Sport).<br />

Ich habe ein paar unterschiedliche<br />

Charaktere, aber am me<strong>ist</strong>en spiele<br />

ich momentan mit <strong>eine</strong>r Soldatin. Es<br />

macht mir tatsächlich umso mehr<br />

Spaß, weil ich es zusammen mit<br />

Freunden mache, die ich gern hab<br />

und mit denen ich auch so viel unternehme,<br />

aber wir fahren dann zu<br />

Cons, also Veranstaltungen, zu denen<br />

sich normalerweise jeder anmelden kann.<br />

Es gibt sehr viele unterschiedliche Spielhintergründe,<br />

die in verschiedenen Welten und<br />

Zeiten spielen - ich mag Fantasysettings zwar<br />

am liebsten, aber dabei gefällt es mir besser,<br />

wenn der Fantasyanteil der Welt etwas geringer<br />

gehalten <strong>ist</strong>. Viele Fantasiewesen sind ein-<br />

Elif Siebenpfeiffer - <strong>eine</strong> junge talentierte Künstlerin<br />

portrait<br />

31<br />

fach sehr schwer glaubhaft darzustellen und es<br />

passiert schon mal, dass manche Kostüme eher<br />

lächerlich aussehen (natürlich nicht alle! Es gibt<br />

auch richtig tolle Umsetzungen).


32<br />

portrait<br />

SF: Zu Weihnachten: Wie sieht dein Weihnachtsfest<br />

aus? Ganz traditionell bei den Eltern?<br />

Elif: Ich habe k<strong>eine</strong> große Familie, aber ich<br />

feiere Weihnachten eigentlich immer mit m<strong>eine</strong>r<br />

Mutter und m<strong>eine</strong>m Bruder. Das <strong>ist</strong> ehrlich<br />

gesagt ziemlich entspannt - ich bekomme ja<br />

mit, dass bei größeren Familien auch der Stressfaktor<br />

immer höher <strong>ist</strong>. Wir machen uns einfach<br />

<strong>eine</strong>n netten Abend und essen was schönes und<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

schenken uns ein bisschen was. Als wir<br />

noch jünger waren, standen die Geschenke<br />

natürlich mehr im Vordergrund,<br />

aber mittlerweile <strong>ist</strong> mir das eigentlich gar<br />

nicht mehr wichtig. An den Weihnachtsfeiertagen<br />

komme ich dann mit zur Familie<br />

m<strong>eine</strong>s Freundes.<br />

SF: Wenn <strong>eine</strong> Fee dir drei Wünsche erfüllen<br />

würde, was wären die d<strong>eine</strong>n?<br />

Elif: Ich glaube, grundsätzlich wäre ich<br />

schonmal sehr glücklich, wenn ich mir k<strong>eine</strong><br />

Sorgen darüber machen müsste, wie<br />

ich m<strong>eine</strong>n Lebensunterhalt verdiene, sondern<br />

einfach jeden Tag nutzen könnte, wie<br />

ich möchte. Ich weiß nicht, ob die Fee ein<br />

Weltverbesserer <strong>ist</strong>, aber wenn ja, würde<br />

ich sie nochmal nach ein bisschen Vernunft<br />

für alle Menschen fragen, damit wären<br />

eigentlich die größten Probleme der Welt<br />

erledigt. Und ich glaube, dann würde ich<br />

noch gern alle Sprachen der Welt sprechen.<br />

SF: Welches Buch/Film/Musik sind momentan<br />

d<strong>eine</strong> Favoriten?<br />

Elif: Das <strong>ist</strong> schwierig. Ich lese in letzter<br />

Zeit viel weniger als als Kind, und ich glaube,<br />

mein ewiger Favorit <strong>ist</strong> und bleibt das<br />

Song of the Lioness Quartett von Tamora<br />

Pierce. Es gibt wahrscheinlich bessere und anspruchsvollere<br />

Bücher und ich habe wahrscheinlich<br />

auch schon welche davon gelesen,<br />

aber die haben sich einfach in mein Herz gefressen<br />

und gehen da nicht mehr weg.<br />

Ähnlich <strong>ist</strong> es bei Filmen, nur, dass ich davon<br />

relativ viele schaue. Ich hänge immer noch an<br />

Star Wars (hauptsächlich natürlich an den alten<br />

Teilen, aber m<strong>eine</strong> Güte, bei Episode 1 war ich<br />

11! Natürlich fand ich ihn da toll). Herr der


Ringe <strong>ist</strong> natürlich als Film auch großartig und<br />

ich bin ein Fan von Quentin Tarantino und Tim<br />

Burton. Ansonsten mag ich fast alle Filme mit<br />

Simon Pegg und schaue auch gern einige Serien,<br />

auch me<strong>ist</strong>ens aus dem Bereich Fantasy oder<br />

Mystery.<br />

<strong>Was</strong> die Musik angeht: Ich habe viele Jahre fast<br />

nur Metal gehört, das hat sich mittlerweile ein<br />

wenig aufgeweicht. Nach wie vor mag ich viel<br />

davon, aber ich finde es inzwischen ein bisschen<br />

kindisch, gewisse Musikrichtungen prinzipiell<br />

abzulehnen, und man hört sich auch irgendwann<br />

satt an vielem. Momentan höre ich zum Beispiel<br />

sehr gern Rise Against, Dropkick Murphys,<br />

Elvenking, Suidakra, Fjoergyn oder Haggard,<br />

aber auch mal Soundtracks oder Klassik.<br />

SF: Glaubst du, dass es <strong>eine</strong> Realität neben<br />

der unsrigen gibt?<br />

Elif: Das kommt auf die Definition "unserer"<br />

Realität an, oder? Ist ja die Frage, was man da<br />

Elif Siebenpfeiffer - <strong>eine</strong> junge talentierte Künstlerin<br />

portrait<br />

33<br />

alles dazuzählt. Ich glaube prinzipiell an das,<br />

was sich wissenschaftlich feststellen lässt, aber<br />

ich denke nicht, dass wir Menschen bisher <strong>eine</strong>n<br />

besonders großen Teil der Realität erforscht<br />

oder überhaupt entdeckt haben. Also<br />

denke ich schon, dass es Dinge und Orte gibt,<br />

von denen wir noch nichts wissen, ganz ohne<br />

spirituelle Hintergedanken.<br />

SF: D<strong>eine</strong> Meinung zum Thema E-Book? Wird<br />

das elektronische Buch das Gedruckte ablösen<br />

können?<br />

Elif: Ich glaube nicht, jedenfalls nicht in absehbarer<br />

Zeit. Ich selbst nutze E-Books gern zum<br />

Lernen und wenn ich mal nach bestimmten<br />

Wörtern suchen muss, <strong>ist</strong> das natürlich praktischer<br />

als in <strong>eine</strong>m gedruckten Buch (zumal ich<br />

seit Beginn m<strong>eine</strong>r Schulzeit das Markieren aller<br />

Texten boykottiert habe), aber spätestens<br />

beim Freizeitlesen <strong>ist</strong> das Starren auf <strong>eine</strong>n Bildschirm<br />

um einiges weniger angenehm als ein


34<br />

portrait<br />

richtiges Buch in der Hand. Ich glaube auch<br />

nicht, dass es <strong>eine</strong> Generation geben wird, die<br />

nur mit E-Books aufwächst, denn wenn Kinder<br />

und Jugendliche heutzutage ans Lesen herangeführt<br />

werden (was ja leider immer weniger der<br />

Fall <strong>ist</strong>), dann doch auch eher mit gedruckten<br />

Büchern. Ich glaube nicht, dass sich das grundlegend<br />

ändern wird.<br />

SF: <strong>Was</strong> hältst du von sozialen Netzwerken,<br />

wie Facebook, Google+, Xing? B<strong>ist</strong> du dort selber<br />

vertreten. Oder interessiert dich dies nicht?<br />

Elif: Ich hab mich grad vorgestern erst bei<br />

Facebook reg<strong>ist</strong>riert :D Ich mach da nur aus<br />

praktischen Gründen mit, aber eigentlich interessiert<br />

es mich nicht großartig. Vielleicht liegt<br />

das daran, dass ich schon vor zehn Jahren viel<br />

im Internet unterwegs war und diese Art von<br />

Kommunikation im Privaten nichts Neues,<br />

Spannendes mehr für mich hat. Es <strong>ist</strong> natürlich<br />

aus geschäftlicher Sicht <strong>eine</strong> unglaublich nützliche<br />

Sache, um immer mal wieder auf sich aufmerksam<br />

zu machen.<br />

SF: Über welche Erfindung würdest du dich<br />

am me<strong>ist</strong>en freuen?<br />

Elif: Ich glaube über so <strong>eine</strong> Art Holodeck. Gibt<br />

ja schon Experimente in die Richtung, aber das<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

dauert wohl noch ein Weilchen, bis das richtig<br />

ausgereift <strong>ist</strong>. Jedenfalls, bei Bedarf mal schnell<br />

in <strong>eine</strong> komplett andere Welt zu verschwinden,<br />

wäre schon ziemlich genial. Wobei ich auch<br />

sehr glücklich darüber wäre, wenn man in der<br />

Medizin einfach mal so weit springen könnte,<br />

dass sich ganze Gliedmaßen einfach ersetzen<br />

ließen... oder hinzufügen! Flügel wären doch<br />

mal was.<br />

Vielen Dank und das <strong>SpecFlash</strong> Team wünscht<br />

dir viel Erfolg auf d<strong>eine</strong>m weiteren Weg.<br />

(Das Interview führte Rainer Schwippl im<br />

November/Dezember 2011 per E-Mail. Alle Bilder auf<br />

diesen Interview-Seiten sind © Elif Siebenpfeiffer<br />

- Seite 26: Bazar<br />

- Seite 27: Guarding Graves<br />

- Seite 28: Hellfire und Healing Spell<br />

- Seite 29: this is not a nice place<br />

- Seite 30: At the Gate<br />

- Seite 31: Awaiting New Adventures<br />

- Seite 32: Ivory Gates<br />

- Seite 33: Peace of Mind)


Dieses Mal steht „Kais Bücherdimension“ ganz<br />

im Zeichen der Grenze und ihrer Überschreitung<br />

– und sie steht im Zeichen von Sven Klöpping,<br />

der mit s<strong>eine</strong>m Buch „Menschgrenzen“ den Kern<br />

des Neubeginns von „<strong>SpecFlash</strong>. Portal in <strong>eine</strong><br />

parallele Realität“ nicht besser hätte treffen<br />

können. Denn auch „<strong>SpecFlash</strong>“ überschreitet<br />

heute <strong>eine</strong> Grenze und wagt sich mit <strong>eine</strong>m<br />

neuen Äußeren, <strong>eine</strong>m verbesserten Inneren<br />

und großen Zielen in ein neues Territorium, in<br />

dem es noch viel zu entdecken geben wird – für<br />

die Mitarbeiter, aber auch vor allem auch für<br />

euch, die Leser.<br />

Es <strong>ist</strong> ein gutes Gefühl, nach der Pause, die<br />

„<strong>SpecFlash</strong>“ einlegen musste, „Kais Bücherdimension“<br />

wieder mit dabei zu sehen. Doch das<br />

war nicht so einfach wie gedacht, denn wie bei<br />

jedem anderen Mensch gibt es auch im Leben<br />

desjenigen, der diese Zeilen schreibt, immer<br />

wieder Grenzen zu überwinden.<br />

Zunächst wirken Grenzen unüberwindbar,<br />

schrecken im Sinne von Klöppings „Alpha Centauri“<br />

– <strong>eine</strong>r der spannenden <strong>Kurzgeschichte</strong>n<br />

von „Menschgrenzen“ – mit ihrem gewalttätigen<br />

Äußeren ab und sch<strong>eine</strong>n durch das Wirken von<br />

solchen, die sich der Erhaltung jener Grenzen<br />

verschrieben haben, nur verstärkt zu werden.<br />

Mut und Fleiß fordert es, <strong>eine</strong> solche Grenze zu<br />

überwinden, doch <strong>ist</strong> man erst einmal hinüber,<br />

so wird das nun zerstörte und einst feste Mauerwerk<br />

zum Baumaterial für ein neues Selbstwertgefühl.<br />

Mit erstaunlicher Einfühlsamkeit<br />

beschreibt Klöpping s<strong>eine</strong> Szenarien in „Mensch-<br />

grenzen“, und ich freue mich, mit der Rezension<br />

„Fünfundzwanzig Grenzen“ <strong>eine</strong>n kl<strong>eine</strong>n Einblick<br />

in jenes Werk geben zu können.<br />

Mit „Ein Universum in Menschenhand“<br />

dagegen lernen wir den Autor von „Menschgrenzen“<br />

selbst kennen. Die Hürden für Jungautoren<br />

sind dabei genauso Thema wie Inspirationsquellen<br />

oder die Anpassung des Schreibstils für<br />

Veröffentlichungen. An dieser Stelle danke ich<br />

Sven Klöpping noch einmal für das Interview auf<br />

höchster intellektueller Ebene.<br />

Zwei <strong>Kurzgeschichte</strong>n des Autors sind ebenfalls<br />

in der neuen „<strong>SpecFlash</strong>“ enthalten. Sie sind ein<br />

Einblick in Klöppings Fähigkeit, sich unterschiedlichen<br />

Genres zu nähern und unterschiedliche<br />

Schreibstile auf den Leser wirken zu lassen.<br />

Dementsprechend drastisch fällt die Geschichte<br />

„E-Riders“ aus, dementsprechend eindringlich<br />

verläuft der Leidensweg in „Up“. Sven Klöppings<br />

Schreibweise <strong>ist</strong> intensiv, gleich welcher Richtung<br />

er in der jeweiligen Geschichte folgt.<br />

Und in einigen Lesemomenten in „Menschgrenzen“<br />

kann man nur hoffen, dass sich rasch<br />

<strong>eine</strong> weitere Grenze aufbauen möge – nur<br />

darum, dass man sich an ihr messen kann.<br />

Nun wünsche ich euch viel Vergnügen bei dem<br />

Neustart von „<strong>SpecFlash</strong>. Portal in <strong>eine</strong> parallele<br />

Realität“ und dieser Ausgabe von „Kais Bücherdimension“.<br />

Kai Krzyzelewski<br />

Kais Bücherdimension - von Kai Krzyzelewski<br />

von Kai Krzyzelewski


FÜNFUNDZWANZIG GRENZEN<br />

SVEN KLÖPPINGS „MENSCHGRENZEN“<br />

Eine Rezension von Kai Krzyzelewski<br />

Grenzen – davon gibt es sowohl gute als auch<br />

schlechte. Grenzen können ein Leben regulieren,<br />

können soziales Zusammenleben formen und<br />

Schaden eingrenzen. Der Name <strong>eine</strong>r solchen<br />

Grenze lautet „Gesetz“. Doch die Grenze hat<br />

noch ein anderes Gesicht: Sie kann Leben einschränken,<br />

die Entfaltung des Selbst begrenzen.<br />

Solche Grenzen können überwunden werden<br />

– oder man scheitert an ihnen. Doch auch die<br />

für unanfechtbar gehaltene Grenze in <strong>eine</strong>s<br />

jeden Leben kann durchbrochen werden: die des<br />

Todes. Im Glauben der Ägypter der Antike war<br />

der Tod <strong>eine</strong> Grenze – und ein Neubeginn. Mehr<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

noch, der Tod war erforderlich, um verjüngt<br />

aufzuerstehen. Moderne Wissenschaften – insbesondere<br />

solche, die die Science-Fiction-Romane<br />

beherrschen – bieten dagegen ganz real<br />

anmutende Alternativen des ewigen irdischen<br />

Lebens an, in denen der Tod k<strong>eine</strong> Grenze mehr<br />

darstellt. Das Klonen <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> dieser Alternativen.<br />

„Menschgrenzen“ <strong>ist</strong> ein Buch über viele Grenzen,<br />

über Scheitern und über Erfolg bei deren<br />

Überschreitung. Fünfundzwanzig <strong>Kurzgeschichte</strong>n<br />

des Autors Sven Klöpping führen im Gewand<br />

der Science-Fiction an ex<strong>ist</strong>ierende und fiktionale<br />

Grenzen heran.<br />

Ein Teil dieser Geschichten <strong>ist</strong> dabei im Mega-<br />

Fusion-Universum angesiedelt, <strong>eine</strong>r von Klöpping<br />

erdachten Zukunftsvision der Erde und dem<br />

All. Vorkenntnisse, um sich in diesem Universum<br />

zurechtzufinden, sind jedoch nicht erforderlich;<br />

allzu vertraut sch<strong>eine</strong>n uns die Dinge, die wir<br />

doch gar nicht erfahren haben können. Aber wir<br />

ahnen sie, die weltumspannenden Städte, die<br />

die Natur verdrängen. Wir ahnen deren Wolkenkratzer,<br />

die ins All zu reichen sch<strong>eine</strong>n und deren<br />

silberner Glanz vom Untergang alles Natürlichen<br />

kündet. Und in dem Verhalten der Menschen<br />

des MegaFusion-Universums erkennen wir<br />

unsere eigene Verlorenheit, die uns manches<br />

Mal heimzusuchen droht. Trotz aller Science-<br />

Fiction <strong>ist</strong> MegaFusion somit auch „nur“ <strong>eine</strong><br />

Weiterführung unserer Welt.Diese Weiterführung<br />

und auch die vom MegaFusion-Universum<br />

unabhängigen Geschichten belebt Klöpping<br />

jedoch mit Hintergründen, die weit über das<br />

aktuelle Geschehen <strong>eine</strong>r der Erzählungen hinausgehen.<br />

Es sind philosophische Gedankensprünge,<br />

Denkweisen und ein Auge für Details,<br />

die Klöppings Welt interessant und vielschichtig<br />

machen. Da wird nicht nüchtern über die zer-


störte Zivilisation in „Ächzender Asphalt“ berichtet,<br />

sondern das Wesen der Zerstörung<br />

ergründet, s<strong>eine</strong>r Notwendigkeit und s<strong>eine</strong>m<br />

Nutzen. Ganz wie die Ägypter der Antike erkennt<br />

Klöpping, dass das Ende nichts weiter als <strong>eine</strong>n<br />

neuen Anfang darstellt. Sensibel verfolgt er den<br />

Aufgang <strong>eine</strong>r neuen Welt, die sich bildstark aus<br />

dem Asphalt empor presst. „Irgendwann<br />

würden wieder Dinosaurier, Reptilien oder<br />

Säuger – Menschen womöglich – aufstehen, die<br />

Erde zu bevölkern und ihrerseits Nachkommen<br />

hervorzubringen, neue Erben neuer Dynastien.<br />

Wie vor Millionen von Jahren, so würde es auch<br />

in weiteren Jahrmillionen sein.“ - Der Zyklus des<br />

Lebens beginnt nach dem Tode erneut.<br />

Klöpping gelingt es, den Leser Fragen stellen<br />

zu lassen: Fand vor dem bekannten Zyklus<br />

bereits ein anderer statt, dem das gleiche Schicksal<br />

zuteil wurde? Hat der Zyklus jemals ein Ende<br />

oder gibt es gar niemals ein Entkommen daraus?<br />

Wie sah der erste Zyklus aus, oder gab es diesen<br />

vielleicht gar nicht? Hat der Kreislauf des Lebens<br />

<strong>eine</strong>n Anfang und ein Ende – <strong>eine</strong> Grenze?<br />

Die Fragen bohren sich eindringlich in den Kopf<br />

des Lesers, zermürben ihn, machen ihn unruhig,<br />

wissbegierig - und werden wieder fortgespült,<br />

denn <strong>eine</strong> Grenze gibt es doch: die der <strong>Kurzgeschichte</strong>.<br />

Diese Grenze zieht sich – muss sich aus<br />

der Beschaffenheit der Textgattung heraus<br />

ziehen – durch die gesamten „Menschgrenzen“<br />

und bewirkt dieselbe Konsequenz <strong>eine</strong>r jeden<br />

Anthologie: Der Leser findet sich soeben in der<br />

neuen Welt, die die jeweilige Erzählung ihm<br />

öffnet, zurecht, hat deren Bräuche, Sitten, Eigenheiten<br />

und Regeln gerade eben ein bisschen<br />

erfasst, und schon verschließen sich ihm die<br />

Türen mit <strong>eine</strong>m Donnerschlag: die Geschichte<br />

<strong>ist</strong> beendet. Bei Klöpping kommt dieses Ende –<br />

Kais Bücherdimension - von Kai Krzyzelewski<br />

diese immerwährenden Enden – rasch. Fünfundzwanzig<br />

Geschichten auf zweihundert Seiten?<br />

Da bleibt der <strong>eine</strong>n oder anderen ein Raum von<br />

nur drei Seiten.<br />

Drei Seiten: Genug für Klöpping, um den Leser<br />

in <strong>eine</strong> ihm gleichzeitig vertraute und doch<br />

aufgrund ihrer Fremde sehr interessante Welt<br />

zu entführen, ihn hineinzuziehen und teilhaben<br />

zu lassen an den Rätseln, die dort auf ihn warten.<br />

Doch drei Seiten sind gleichzeitig viel zu wenig,<br />

um vielschichtige Charaktere, deren Entwicklung<br />

und <strong>eine</strong> Handlung zu entwerfen, die über <strong>eine</strong><br />

Momentaufnahme hinausgeht. Wahrhaftig entsteht<br />

Frust, wenn die Geschichte beendet <strong>ist</strong>,<br />

kurz nachdem sie begonnen hat. Es hätte mehr<br />

sein können, denkt man bei sich. Es hätte mehr<br />

sein müssen!<br />

Das freilich <strong>ist</strong> ein Lob an Klöppings Schreibstil,<br />

s<strong>eine</strong> Konzeption und s<strong>eine</strong> Ideen: Der Leser<br />

wünscht sich mehr, denn was er liest, <strong>ist</strong> gut, <strong>ist</strong><br />

sogar besser. Mit Entsetzen durchschreitet der<br />

Leser den „Irrgarten aus Knochenteilen“, der<br />

sich auf dem „Ächzenden Asphalt“ ausbreitet<br />

und vom Untergang <strong>eine</strong>r gesamten Kultur<br />

erzählt. Doch im nächsten Augenblick schöpft er<br />

Hoffnung, wenn er den namensgebenden Straßenbelag<br />

brechen hört und neues, junges und<br />

unschuldiges Leben hervorsprießen sieht. Und<br />

das Mysterium, das sich jenseits der Todeszone<br />

auf „Alpha Centauri“ befindet – <strong>eine</strong>r MegaFusion-Geschichte<br />

– will der Leser unbedingt<br />

ergründen. Daran wollen ihn die Protagon<strong>ist</strong>en<br />

der Geschichte hindern: Auf „Alpha Centauri“<br />

wird Menschen das Gedächtnis gelöscht, um das<br />

Rätsel ungelöst zu lassen, was sich hinter der<br />

verbotenen Zone verbirgt. Die Protagon<strong>ist</strong>en<br />

und der menschenunwürdige Brauch sind <strong>eine</strong><br />

weitere Grenze neben der realen Todeszone;


doch wozu sind Grenzen da, wenn nicht, um sie<br />

zu überwinden?<br />

Doch Klöpping gewährt es nicht, lässt s<strong>eine</strong><br />

Geschichte verheißungsvoll enden, ohne dass<br />

der Leser die Möglichkeit erfährt, das Geheimnis<br />

zu lüften. Freilich wird er auf kommende<br />

Romane verwiesen, womit Klöpping der<br />

bekannten Strategie der „zwingend erforderlichen<br />

Fortsetzung“ folgt, welche auch bei populären<br />

Buchreihen zum Tragen kommt und jede<br />

Folge unabgeschlossen lässt, um den Leser nach<br />

mehr verlangen zu lassen. Doch jene Fortsetzung<br />

des Geschehens <strong>ist</strong> nicht garantiert, nicht<br />

offensichtlich erreichbar – gleich ob im Bücherregal<br />

oder durch Vorfreude. Dem Leser bleibt<br />

nichts, als das Unvollständige hinzunehmen und<br />

die nächste Geschichte zu beginnen. Doch dafür<br />

muss er sein eigenes Gedächtnis löschen, denn<br />

die Welt der nächsten <strong>Kurzgeschichte</strong> <strong>ist</strong> <strong>eine</strong><br />

andere.<br />

Es <strong>ist</strong> daher durchaus möglich, dass man vor<br />

lauter Frust übersieht, dass „Der Augenblick“<br />

<strong>eine</strong> ordentlich inszenierte Geschichte mit<br />

<strong>eine</strong>m überraschenden, da vollkommen unerwarteten<br />

Ende darstellt. Durchaus möglich, dass<br />

man das Potential des Autors nicht erkennt, das<br />

er auch in Actionsequenzen wie in „Mutantenlöscher“<br />

demonstriert.<br />

In jenem Wort liegt die Ursache des „Problems“,<br />

welches „Menschgrenzen“ anhaftet:<br />

Klöpping demonstriert lediglich, gibt ein facettenreiches<br />

Beispiel s<strong>eine</strong>r Schreibtätigkeit. Er<br />

stellt s<strong>eine</strong> Fähigkeit unter Beweis, Zusammenhänge<br />

philosophisch zu hinterfragen wie beim<br />

„Ächzenden Asphalt“. Er zeigt mit „Nach<br />

Deutschland“, dass er sich auf bislang ungedachte<br />

Vorkommnisse und Werdenszweige in<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

der Zukunft einlassen kann, ohne ein Gefühl der<br />

Fremdartigkeit zu erzeugen. Und auch aus klassischen,<br />

vermeintlich erschöpften Ideen macht<br />

Klöpping ein interessantes Ganzes: Um die Verfolgung<br />

von Freunden und angeblichen Verrätern<br />

geht es in „Brief an Tanja“, <strong>eine</strong> nur allzu<br />

real verankerte Geschichte, die vom absoluten<br />

Misstrauen spricht. Es <strong>ist</strong> der typische Vollstrecker<br />

ohne Wahl, der <strong>eine</strong>n liebevollen Brief<br />

voller Anschuldigungen und eingetrichtertem<br />

Hass schreibt. Es geht um Unterdrückung und<br />

ein Terrorregime der Aliens, das offen von<br />

Geschehnissen in der Vergangenheit unserer<br />

Erde abgeleitet <strong>ist</strong>.<br />

„Stirbt K.?“ dagegen <strong>ist</strong> ein spannender Thriller<br />

und mit fast dreißig Seiten <strong>eine</strong> der längeren<br />

Geschichten von „Menschgrenzen“. Die<br />

Geschichte um den „'rechtschaffenen' Terror<strong>ist</strong>en“<br />

findet in politischen Dimensionen statt und<br />

zeigt, dass sich Klöpping auf diverse Genres<br />

versteht.<br />

Stellt sich „Stirbt K.?“ für Freunde des Thrillers<br />

als Hochgenuss dar, kommen Freunde überraschender<br />

Science-Fiction im Sinne von Isaac<br />

Asimovs Robotergeschichten bei „Werbepost“<br />

auf ihre Kosten. Anhand dieser und anderer<br />

gleichgearteter Geschichten wird offenkundig,<br />

dass Klöpping gern mit den konstruierten Bildern<br />

im Kopf des Betrachters spielt, die dieser mit<br />

s<strong>eine</strong>n Geschichten und s<strong>eine</strong>m Erzählstil<br />

erzeugt. Der Autor weiß um die Überlegungen<br />

des Lesers, obwohl er doch selbst in der Rolle<br />

des Autors jedes Ende bereits kennt. Das <strong>ist</strong> ein<br />

ganz großes Gelingen, denn nicht immer gelingt<br />

es <strong>eine</strong>m Autor, die Geschichte aus der Sicht des<br />

Unwissenden nachzuempfinden. Klöpping aber<br />

generiert bewusst ein „falsches“ Bild der<br />

Geschichte und den teilnehmenden Protagonis-


ten und schöpft bei s<strong>eine</strong>n überraschenden<br />

Enden aus dem Vollen.<br />

Humorvoll dagegen geht es zu in „Die Invasion<br />

der Sprachen“. <strong>Was</strong> geschieht, wenn man dem<br />

Menschen <strong>eine</strong> s<strong>eine</strong>r größten Charakter<strong>ist</strong>iken<br />

nimmt: die Sprache? <strong>Was</strong> geschieht mit den<br />

Menschen, wie reagieren sie und wie gehen sie<br />

mit der Situation um? Im gewählten humor<strong>ist</strong>ischen<br />

Stil lässt Klöpping sein Talent für philosophische<br />

Überlegungen nicht untergehen: er<br />

bedient sich des Stils für <strong>eine</strong> Geschichte, die das<br />

Thema der <strong>Kurzgeschichte</strong>nsammlung haargenau<br />

trifft: Wie überwinden Menschen die<br />

Grenze der Kommunikation ohne ihre Sprache,<br />

woraus die Frage folgt, wie angewiesen wir doch<br />

auf diese Eigenschaft unseres Zusammenlebens<br />

sind?<br />

Eine andere Grenze stellt „Der abgerissene<br />

Arm“ dar. „Bis hierher und nicht weiter!“, glaubt<br />

man die Szenerie im ersten Moment rufen zu<br />

hören, welche aus nicht mehr zusammengesetzt<br />

<strong>ist</strong> als dem Arm <strong>eine</strong>s Unbekannten. Denkbar,<br />

dass der Leser sich an den Arm der Sagengestalt<br />

Grendel erinnert fühlt, die der Krieger Beowulf<br />

ihr fortriss. In jedem Falle erzeugt Klöpping mit<br />

<strong>eine</strong>m einzigen Arm ein Rätsel, das den langen<br />

Spannungsweg <strong>eine</strong>s manchen Romans in den<br />

Schatten stellt. „Ein archäologischer Bericht“<br />

lautet der Untertitel der Geschichte und in der<br />

Tat scheint Klöpping die Argumentationsweisen<br />

der Wissenschaft entlehnt zu haben. Kreativ –<br />

ein anderes Wort <strong>ist</strong> kaum denkbar – wie Klöpping<br />

mit <strong>eine</strong>m Objekt umgeht, welches er doch<br />

zu genau kennt, da er es erschaffen hat, welches<br />

er aber dennoch in s<strong>eine</strong>r Geschichte wie ein<br />

Kind (oder ein Wissenschaftler) analysiert.<br />

Kais Bücherdimension - von Kai Krzyzelewski<br />

Viele Geschichten später (ein Tipp: jeden Tag<br />

nur <strong>eine</strong> Geschichte zu lesen, lindert den Frust<br />

vor dem raschen Ende <strong>eine</strong>r solchen und der<br />

Notwendigkeit des Einstellens auf ein neues<br />

Szenario, und lässt jede Geschichte mit Genuss<br />

beginnen – aber auch der Vorahnung, dass man<br />

erneut enttäuscht wird) endet „Menschgrenzen“<br />

mit „Gothic Lovers“ in <strong>eine</strong>m ähnlich jenseitsbezogenen<br />

Kontext wie der Auftakt der<br />

Sammlung begonnen hat. Allein die Konzeption<br />

dieser Reihenfolge der Geschichten verdient<br />

Anerkennung, doch „Gothic Lovers“ zeigt erneut<br />

die Bandbreite an Stilen und Genres, die Klöpping<br />

me<strong>ist</strong>ert. Das Klischee von Rostgittertoren<br />

und <strong>eine</strong>r naiven Faszination vom Tod<br />

beherrscht die Geschichte bis zu ihrem Finale,<br />

das wiederum den schwarzen Mantel abwirft<br />

und ganz offen verkündet: Grenzen können<br />

überwunden werden ... aber <strong>ist</strong> das wirklich<br />

immer gut?<br />

„Menschgrenzen“ verdient Aufmerksamkeit -<br />

ebenso wie der Autor. In s<strong>eine</strong>m Werk bewe<strong>ist</strong><br />

Klöpping, dass er etliche Stile, etliche Genres<br />

beherrscht – mehr bewirkt der zweihundertseitige<br />

Band jedoch nicht. Sich entwickelnde und<br />

vielschichtige Charaktere, verzweigte Handlungsstränge<br />

und vor allem ein andauernder<br />

Lesegenuss bleiben bei der Sammlung von zum<br />

Teil äußerst kurzen Geschichten aus.<br />

Doch Überraschungsmomente, spannende<br />

Actionsequenzen, Humor und ein interessantes<br />

und doch sehr vertrautes MegaFusion-Universum<br />

machen Lust auf mehr. Es sind Ausschnitte,<br />

ein lesbares Demoband, ein Einblick in mögliche<br />

Unterhaltungswelten, die Klöpping dem Leser<br />

bereitstellen könnte.


Geht es nach Klöpping selbst, so müssten wir<br />

nicht lange auf s<strong>eine</strong> Romane warten, die zweifellos<br />

von s<strong>eine</strong>m Talent für die Schriftstellerei<br />

künden werden. Bis dahin begnügen wir uns mit<br />

s<strong>eine</strong>m bisherigen Schaffen und dem Demonstrationswerk<br />

„Menschgrenzen“. Hier findet der<br />

Leser reichlich Kost, die – dies darf nicht übersehen<br />

werden – von Lothar Bauer pointiert und<br />

gekonnt illustriert wurde. Allein das Titelbild<br />

täuscht über die wahre Qualität des Bandes<br />

hinweg: Zwar greift die Illustration das Thema<br />

Grenze zwischen Natürlichkeit und Robot, zwischen<br />

Gestern und Heute, zwischen Emotion<br />

und Emotionslosigkeit sehr gut auf, doch <strong>ist</strong> die<br />

Umsetzung Geschmackssache – wie immer.<br />

Andererseits: Deutet die Verwendung <strong>eine</strong>s<br />

3D-Models für den natürlich belassenen Menschen<br />

darauf hin, dass <strong>eine</strong> jede Grenze fließend<br />

sein kann?<br />

„Menschgrenzen“ <strong>ist</strong> ein Buch der Fragen –<br />

und wenn auch <strong>eine</strong> Antwort auf die <strong>eine</strong> oder<br />

andere ausbleibt, so bietet es doch niveauvolle<br />

und zum Denken anregende Unterhaltung!<br />

Diese Rezension basiert auf der <strong>Kurzgeschichte</strong>nsammlung<br />

„Menschgrenzen“ des Autors<br />

Sven Klöpping, erschienen 2010 im p.machinery-<br />

Verlag von Michael Haitel unter der ISBN 978-<br />

3942533096.<br />

Weitere Veröffentlichungen des Autors:<br />

Bücher<br />

„OPST“ – Anthologie (als Hrsg., aalfaa enterbraynment,<br />

2000)<br />

„MegaFusion" – SF-Stories (G. Meyer Verlag,<br />

2001)<br />

„Menschgrenzen“ – SF-Stories (p.machinery,<br />

in der Reihe AndroSF des SFCD, 2010)<br />

„Kaskaden – die Lyrikzeitschrift“ – Lyrik (als<br />

Hrsg., jährl. Ausgaben, ab 2010)<br />

eBooks<br />

Kaskaden Online (als Hrsg, halbjährl. Ausgaben,<br />

bei new-ebooks.de)<br />

Sonstige Veröffentlichungen<br />

SF-<strong>Kurzgeschichte</strong>n in Nova (SF-Magazin) und<br />

diversen anderen deutschen und internationalen<br />

SF-Magazinen (z. B. Aphelion, Planet Magazine,<br />

Internova, c’t, phantastisch!);<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong>n und Lyrik in diversen Magazinen<br />

und Anthologien (z. B. Passagen, Federwelt,<br />

Die Brücke); außerdem <strong>ist</strong> Sven Klöpping<br />

Herausgeber der Lyrikzeitschrift „Kaskaden“.<br />

Preise<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

2. Platz beim Poetensitz (Heidelberg, 1999)<br />

Gewinner des Literascript-Wettbewerbes<br />

(Internet, 2001)<br />

Gewinner des Gerhard Beier Preises (Hessen,<br />

2001)<br />

2. Platz beim Satzfischer-Kreativprojekt (Internet,<br />

2002)<br />

Nominiert für den Kurd-Laßwitz-Preis<br />

(Deutschland, 2002)<br />

2. Platz beim Corona-Storywettbewerb „Spritztour“<br />

(Internet, 2010)


EIN UNIVERSUM IN MENSCHENHAND<br />

INTERVIEW MIT DEM<br />

MEGAFUSION -SCHÖPFER SVEN KLÖPPING<br />

Ein Universum beginnt bei <strong>eine</strong>m Sandkorn,<br />

s<strong>eine</strong> Grenzen liegen jenseits dessen, was ein<br />

Mensch sich vorzustellen vermag. <strong>Was</strong> verbirgt<br />

sich unter den Sandkörnern? Eine unterirdische<br />

Stadt? Reptilienartige Reittiere, die daraus<br />

emporsteigen? Und was befindet sich darüber?<br />

Welche Zivilisationen kamen und fielen auf<br />

jenem Boden? Ist der Boden gar mit frischem<br />

Blut befleckt? Oder sind die letzten Reste <strong>eine</strong>s<br />

Krieges unter etlichen Erdschichten begraben?<br />

Und was befindet sich jenseits jener Welt?<br />

Welche Ausmaße hat das Weltall? Gibt es<br />

andere Lebewesen darin? Gibt es Götter?<br />

Ein Universum hat gigantische Ausmaße; dabei<br />

muss nicht jedes Universum automatisch unzählige<br />

Planeten, den gesamten Weltraum beinhalten:<br />

Universen können <strong>eine</strong> einzelne Welt und<br />

deren Geschicke enthalten. Sven Klöpping<br />

erzählt in s<strong>eine</strong>m MegaFusion-Universum die<br />

Geschichte der Erde, doch geht er auch darüber<br />

hinaus. Wer <strong>ist</strong> der Mann, der ein Universum in<br />

s<strong>eine</strong>m Kopf trägt?<br />

Das folgende Interview führte Kai Krzyzelewski<br />

mit Sven Klöpping per E-Mail zwischen dem<br />

27.10. und 02.11.2011.<br />

Sven, zunächst würde ich dich bitten, etwas<br />

über dich zu erzählen. Wer <strong>ist</strong> der Mensch<br />

hinter dem MegaFusion-Universum?<br />

Eigentlich ein ganz normaler Typ: Ich bin Fußballfan,<br />

trinke gerne Weizenbier und schaue<br />

dieselben Serien wie viele andere auch. <strong>Was</strong><br />

Kais Bücherdimension - von Kai Krzyzelewski<br />

mich etwas davon<br />

unterscheidet <strong>ist</strong>,<br />

dass ich seit m<strong>eine</strong>m<br />

siebten Lebensjahr<br />

viel schreibe – ohne<br />

dafür Geld zu verlangen.<br />

Als Ex-Werbetexter<br />

weiß ich, dass man<br />

teilweise ganz schön<br />

buckeln muss, um von<br />

der Schreiberei zu<br />

leben – das war unter<br />

anderem auch ein<br />

Grund dafür, warum<br />

ich mich jetzt mit Minijobs über <strong>Was</strong>ser halte.<br />

Sollte einmal ein Bestseller bei m<strong>eine</strong>r Schreibtätigkeit<br />

herausspringen, hätte ich nichts dagegen,<br />

aber ich rechne nicht damit. Ich fühle mich<br />

gut dabei, so weiterzumachen wie bisher. Übrigens:<br />

Die Musik und Literatur liebe ich auch.<br />

Sven Klöpping<br />

Welche Art von Musik und Literatur inspiriert<br />

dich?<br />

Zu MegaFusion haben mich vor allem die Mixes<br />

von Sven Väth, Chris Liebing und DJ Rush inspiriert,<br />

allesamt Techno-DJs. Diese, in Kombination<br />

mit der beeindruckenden Skyline<br />

Frankfurts, waren die Quelle m<strong>eine</strong>r Storylines,<br />

die sich oft mit Drogenkonsum, illegalem und<br />

legalem Terror sowie Medienkritik beschäftigen.<br />

Privat höre ich aber nicht bloß elektronische<br />

Musik, sondern fast alle Spielarten: von Klassik<br />

über die 60er und Punkrock bis hin zu Liedermachern<br />

und Blues oder Jazz. Es reizt mich, m<strong>eine</strong><br />

jeweilige Stimmung auf das auszuloten, was ich<br />

gerade schreiben möchte. So höre ich bei <strong>eine</strong>r<br />

romantischen Szene auch schon mal Mozart,


während ich für <strong>eine</strong> brutale Splattergeschichte<br />

eher Punk oder Heavy Metal abspiele.<br />

Literarisch bin ich vor allem an Büchern interessiert,<br />

die mich von der ersten Seite an fesseln.<br />

So geschehen z. B. bei Tolstois Kreutzersonate,<br />

dem Simplicissimus, dem Herrn der Ringe oder<br />

Dune. Unter den modernen Autoren schätze ich<br />

vor allem John Updike, dessen Rabbit-Reihe<br />

<strong>eine</strong>n Meilenstein in der Literatur darstellt. Auch<br />

die Satiren von Tom Sharpe habe ich genossen.<br />

In der SF mag ich vor allem Douglas Adams,<br />

Stanislaw Lem, Isaac Asimov oder, um auch ein<br />

paar Deutsche zu nennen, Michael Marrak und<br />

Michael Iwoleit, mit dem ich ja auch bei Nova<br />

und Internova zusammen arbeite<br />

(http://www.nova-sf.de/internova) ...<br />

In punkto Kunst zählen zu m<strong>eine</strong>n Lieblingen:<br />

die Surreal<strong>ist</strong>en (Dalí, Magritte ...), Francis Bacon<br />

und einige Impression<strong>ist</strong>en.<br />

Die Inspirationsquellen und die damit verbundene<br />

Schreibtätigkeit haben sich ausgezahlt:<br />

Mit "Menschgrenzen" hast du selbst <strong>eine</strong><br />

Grenze durchbrochen - die Grenze zum vollständig<br />

eigenen Buch. <strong>Was</strong> glaubst du, Sven, <strong>ist</strong><br />

die Grenze, die für <strong>eine</strong>n neuen Autor am<br />

schwierigsten zu überwinden <strong>ist</strong>?<br />

Eigentlich <strong>ist</strong> Menschgrenzen mein zweites<br />

Buch. 2001 hatte ich bereits "MegaFusion" bei<br />

G. Meyer herausgebracht, was sozusagen der<br />

Startschuss für mein MF-Universum war. Die<br />

Grenze bestand für mich diesmal erneut darin,<br />

<strong>eine</strong>n Verleger zu finden, der verrückt genug <strong>ist</strong>,<br />

diese schrägen Texte in Buchform zu bringen.<br />

Zum Glück fand ich mit Michael Haitel <strong>eine</strong>n<br />

Menschen, der so etwas mitmacht. Wir konnten<br />

uns schnell darauf einigen, <strong>eine</strong> interessante<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Auswahl m<strong>eine</strong>r <strong>Kurzgeschichte</strong>n (nicht nur<br />

MegaFusion) zu treffen. Der Titel war übrigens<br />

s<strong>eine</strong> Idee. Ich bin also kein komplett "neuer"<br />

Autor, aber nach <strong>eine</strong>r längeren Schreibpause<br />

muss ich mir erst wieder <strong>eine</strong>n Bekanntheitsgrad<br />

erarbeiten.<br />

<strong>Was</strong> ich dem literarischen "Nachwuchs" empfehlen<br />

kann, die schwierigste Grenze - das Veröffentlichen<br />

- zu überwinden: Nicht aufgeben!<br />

Es gibt heute zahllose Möglichkeiten, auf sich<br />

aufmerksam zu machen. Und wenn man dafür<br />

s<strong>eine</strong> Werke erst einmal kostenlos auf die HP<br />

oder in den Blog stellt - auch schön! Ich würde<br />

es nicht anders machen, wenn mich k<strong>eine</strong>r<br />

m<strong>eine</strong>r Kontakte mehr lieb haben würde ... Also:<br />

nicht aufgeben und immer weiter am Schreibstil<br />

feilen.<br />

Ein Beispiel: für <strong>eine</strong> längere Erzählung von ca.<br />

50 Seiten brauche ich mindestens ein paar<br />

Monate, in denen ich den Text immer wieder<br />

überarbeite. Nur wer konstant an sich arbeitet,<br />

bringt auch Qualität zustande.<br />

Mit dem Schreibstil sprichst du <strong>eine</strong>n sehr<br />

interessanten Punkt an. Oft lesen sich individuelle<br />

Kreationen vergleichsweise unbekannter<br />

Autoren gänzlich anders als beispielsweise<br />

aktuelle Bestseller. Wie weit meinst du, Sven,<br />

sollte man gehen, wenn es darum geht, s<strong>eine</strong>n<br />

Schreibstil anzupassen? Wo liegt die Grenze<br />

zwischen Individualität und kommerziellem<br />

Denken?<br />

Eine sehr interessante und wichtige Frage. Ich<br />

habe mich schon oft darüber aufgeregt, dass<br />

unser Schreib- und Leseverhalten immer mehr<br />

von <strong>eine</strong>m so genannten "Common Sense"<br />

geprägt wird, der überall herum ge<strong>ist</strong>ert und von


dem niemand wirklich sagen kann was ihn nun<br />

eigentlich ausmacht. Denn am Ende des Tages<br />

muss doch jeder für sich selbst entscheiden, was<br />

ihm gefällt oder eben nicht. Da gibt es einige<br />

selbst ernannte Literaturpäpste, die wollen<br />

diesen Common Sense "einfangen" und erfinden<br />

fleißig neue Kategorien und Normen um ihn<br />

greifbar zu machen, wodurch aber oft nur das<br />

Gegenteil erreicht wird, nämlich statt literarischer<br />

Qualitätssicherung entsteht <strong>eine</strong> übertriebene<br />

Wissenschaftlichkeit, die kategorisch<br />

ausgrenzt statt Neues zu integrieren, nach dem<br />

Motto: "Wat der Bauer nit kennt, dat fret er nit."<br />

Das Schlimme dabei <strong>ist</strong>, dass viele Verlage und<br />

Bestseller-Autoren da mitmachen. Dabei wird<br />

aber oft vergessen, dass auch die heutigen<br />

Schreibstile und Thematiken einmal Neuland<br />

waren, auf die sich einige mutige Schriftsteller<br />

vor Jahrzehnten eingelassen haben. Ich finde, es<br />

<strong>ist</strong> gerade für die größeren Verlage das Wichtigste,<br />

sich auf die Suche nach Neuem zu machen<br />

und so etwas konsequent in ihr Programm zu<br />

integrieren und es stetig zu verbessern, denn<br />

das <strong>ist</strong> u. a. ihre Aufgabe. Einige machen das,<br />

andere eben nicht. Gerade in der SF würde ich<br />

es sehr schätzen, wenn sich einmal <strong>eine</strong> Schreibkultur<br />

entwickelt, die <strong>eine</strong>n Gegenpol zur Amerikanisierung<br />

bildet, nämlich <strong>eine</strong> wahrhaft<br />

"internationale" SF. Mit Internova versuchen wir<br />

dies zu erreichen, indem wir Autoren aus<br />

weniger bevorteiligten Märkten <strong>eine</strong> reelle<br />

Chance geben, auch international beachtet zu<br />

werden (http://www.nova-sf.de/internova).<br />

Natürlich müssen wir uns auch hier dem Englischen<br />

bedienen, was nun einmal die me<strong>ist</strong>en<br />

Menschen verstehen. Geplant <strong>ist</strong> aber z. B. auch<br />

<strong>eine</strong> spanische Version.<br />

Kais Bücherdimension - von Kai Krzyzelewski<br />

Als unbekannter Autor muss man immer <strong>eine</strong>n<br />

gewissen Drahtseiltanz vollführen, denn natürlich<br />

will man <strong>eine</strong>rseits etwas noch nie Dagewesenes<br />

schreiben, aber man merkt für gewöhnlich<br />

sehr schnell, dass man sich auch an allgem<strong>eine</strong>n<br />

Lesegewohnheiten orientieren sollte um Beachtung<br />

zu finden. Ich habe es für mich so gelöst,<br />

dass ich ein und dasselbe Universum (MegaFusion)<br />

mit ganz unterschiedlichen Schreibstilen<br />

fülle. Da gibt es die "klassischen" MF-Storys, die<br />

sehr experimentell, teilweise poetisch und<br />

immer mit extremen Inhalten gespickt sind -<br />

einige mögen das, aber viele finden es zu<br />

extrem. Seit einigen Jahren arbeite ich deshalb<br />

auch an "massentauglicheren" Texten, die sich<br />

schon eher an erfolgreichen Vorbildern orientieren<br />

(das sind me<strong>ist</strong>ens m<strong>eine</strong> längeren<br />

Geschichten und Erzählungen). Also kann ich<br />

mich <strong>eine</strong>rseits kreativ austoben, andererseits<br />

aber auch die Argumente derer entkräften, die<br />

behaupten: "Der schreibt ja eh nur wirres Zeugs<br />

..." Neuen Autoren kann ich nur empfehlen,<br />

Neues auszuprobieren und Experimente zu<br />

wagen. Sich anpassen kann man später immer<br />

noch.<br />

Eine Frage zu d<strong>eine</strong>r Schreibtätigkeit: Mit<br />

MegaFusion hast du dein eigenes Universum<br />

entwickelt. Verrätst du uns, wie du ein solches<br />

fiktives Universum für dich organisierst? Wie<br />

gelingt es dir, den Überblick über d<strong>eine</strong> Welt zu<br />

bewahren, damit sie sich nicht selbst widerspricht?<br />

Vor zehn Jahren war alles noch sehr vage. Es<br />

gab lediglich einige Rahmenbedingungen, Ideen,<br />

Bauwerke - also ein gewisses Setting, in dem<br />

m<strong>eine</strong> Storys spielten. Aber nur weniges war


ausgearbeitet. Das änderte sich ab 2009, als ich<br />

mich daran machte, <strong>eine</strong>n genauen Zeitplan zu<br />

entwerfen - mit <strong>eine</strong>r real<strong>ist</strong>ischen Entwicklung<br />

unserer heutigen Ballungsräume, mit wichtigen<br />

Ereignissen, MegaFusion-typischen Erfindungen<br />

und auch <strong>eine</strong>r charakter<strong>ist</strong>ischen Sprache. Dies<br />

alles <strong>ist</strong> online auf der MegaFusion-Site zu sehen<br />

(ein Glossar <strong>ist</strong> in Vorbereitung). Da es sich "nur"<br />

um <strong>eine</strong> Weiterentwicklung der heute ex<strong>ist</strong>ierenden<br />

Erde handelt, war es ziemlich einfach,<br />

soziale Strukturen und urbane Räume neu zu<br />

definieren. Schwieriger war es da schon, die<br />

technologische Entwicklung real<strong>ist</strong>isch abzubilden,<br />

denn Realismus <strong>ist</strong> ein wichtiger Bestandteil<br />

von MegaFusion. Man wird hier k<strong>eine</strong> utopischen<br />

Technologien finden, selbst in einigen<br />

tausend Jahren nicht, auch k<strong>eine</strong> Aliens (was sich<br />

aber ändert, wenn ich in ein paar Jahren daran<br />

gehe, die ersten MegaFusion-Onehead-Storys<br />

und -Romane zu schreiben). <strong>Was</strong> sich aber sehr<br />

wohl weiter entwickelt, <strong>ist</strong> das soziale Gefüge<br />

der Menschheit. Auch hier liegt ein Schwerpunkt<br />

von MF. Denn wie Menschen in Zukunft miteinander<br />

umgehen, welche Sprache(n) sie sprechen<br />

und welche Machtstrukturen sie entwickeln, <strong>ist</strong><br />

für mich sehr interessant und ermöglicht viele<br />

gute Plots. Um da <strong>eine</strong>n Überblick zu behalten,<br />

<strong>ist</strong> <strong>eine</strong> gut ausgearbeitete Chronologie das<br />

Allerwichtigste. Durch sie entstehen neue Ideen<br />

und sie verknüpft alle Storys wie ein roter Faden.<br />

Wenn es nach dir ginge, wohin würde Mega-<br />

Fusion gehen?<br />

Wenn es die auf m<strong>eine</strong>r MF-Site erwähnte<br />

"Gedankenextraktionsmaschine" für Autoren<br />

schon gäbe, wären m<strong>eine</strong> Texte schon längst bei<br />

Heyne veröffentlicht worden, aber mangels<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

dieser Technik muss ich leider noch mein Zehn-<br />

Finger-System bemühen, was bekanntlich etwas<br />

länger dauert. Konkrete Projekte sind momentan<br />

mehrere Romane, die im MF-Universum<br />

spielen (vorerst aber k<strong>eine</strong> Trilogien). Auch die<br />

vor kurzem begonnene Erzählung "Der Tag an<br />

dem die Welt ausfiel" fällt mittlerweile darunter.<br />

Oft passiert es, dass ein Plot sich beim Schreiben<br />

derart entwickelt, dass man damit <strong>eine</strong>n ganzen<br />

Roman füllen kann. Bei drei Romanen bin ich<br />

schon etwas weiter, habe jeweils um die 60<br />

Seiten geschrieben, einige Projekte ex<strong>ist</strong>ieren<br />

auch bloß in Konzeptform. Sicher <strong>ist</strong>, dass es in<br />

den nächsten Jahren auch MF-Romane geben<br />

wird.<br />

Mit m<strong>eine</strong>m Verlag (p.machinery) bin ich<br />

momentan sehr zufrieden. Sicher, <strong>eine</strong> Anfrage<br />

von Heyne oder Lübbe würde ich nicht ablehnen,<br />

aber Michael Haitel macht <strong>eine</strong>n sehr guten<br />

Job und ich schätze ihn, weil er Projekte sofort<br />

angeht und nicht auf die lange Bank schiebt.<br />

Sicher werde ich mit ihm noch einige Bücher<br />

realisieren.<br />

Das nächste Buchprojekt <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> Sammlung<br />

von bösen, "dreckigen" MF-Storys. Es wird dementsprechend<br />

"Dirty MegaFusion" heißen und<br />

erscheint Anfang 2012. Auch <strong>eine</strong> E-Book-Version<br />

von „Menschgrenzen“ <strong>ist</strong> für diesen Zeitraum<br />

geplant.<br />

Vielen Dank, Sven, für dieses interessante<br />

Interview. Ich und unzweifelhaft auch alle Leser<br />

von „<strong>SpecFlash</strong>“ wünschen dir für dein literarisches<br />

Schaffen alles Gute!<br />

(Zum Abschluss nun noch <strong>eine</strong> bisher unveröffentlichte<br />

Geschichte von Sven Klöpping. Viel<br />

Spass damit)


Up<br />

von Sven Klöpping<br />

Ah ... die Planets. Der Spaß kann losgehen. Die<br />

Senso-Schaltung blinkt auf – viel zu hohe<br />

Geschwindigkeit zeigt sie an, und: ich darf nicht<br />

im ersten Gang mit dreihundert fliegen. Nein,<br />

ich darf nicht – aber ich kann. Das <strong>ist</strong> ein<br />

gewaltiger Unterschied. Besonders, wenn man<br />

up <strong>ist</strong>. Gutes Zeug. Macht dich schneller, und<br />

gescheiter. Dreihundertfünfzig. Gleich<br />

explodiert der Motor. Okay, okay. Soviel<br />

Verstand besitze ich ja wohl noch, dass ich weiß,<br />

wann’s genug <strong>ist</strong>. Bloß k<strong>eine</strong> Panik. Zweiter<br />

Gang. Immer noch lautes Dröhnen, aber längst<br />

nicht mehr so gefährlich. Irgendwo wird<br />

aufgeatmet. Als ob alle Shuttles um mich herum<br />

aufatmen. Weichei.<br />

Macht schneller und gescheiter.<br />

Nicht wie Fluidol, wo du total wegtrittst und<br />

nichts mehr peilst. Das Zeug macht dich alle und<br />

weg, ich sag’s dir. Wenn du up b<strong>ist</strong>, hast du<br />

schon die halbe Wette gewonnen.<br />

Roter Schwebe-Illuminator. Diese Dinger hasse<br />

ich. Und noch mehr die Bullerei mit ihren<br />

Blaulichtern, die bei den Rotlichtern rumhängt.<br />

Sonst hätt ich auch einfach drüberfahren<br />

können. Aber nein – wir sind ja im Promiviertel.<br />

Rotlicht. Autorisation. Von hinten wird mir <strong>eine</strong>r<br />

dieser ultracoolen Pässe gereicht, den nur die<br />

Reichsten der Reichen bekommen. Alles okay.<br />

Der Bulle hat den komischen Flash in m<strong>eine</strong>n<br />

Augen nicht bemerkt. Glück gehabt.<br />

Weiterfahren.<br />

“... and when you’re up, you’re gonna be so out<br />

and full of control ...” Die Planets. Wirklich, die<br />

beste Band der Welt. Wie die ihre Messages<br />

rüberbringen, total einmalig. Klingt überhaupt<br />

nicht nach Pseudo-Mache. Die wissen, wovon<br />

die reden, kannste mir glauben. Macht dann eins<br />

fuffzig. Klingelbeutel. Mal gucken, wie viel der<br />

fette Sack aufbringt für n armen Taxifahrer. Drei<br />

Credits Trinkgeld? Hey, danke Mann. Werd dich<br />

weiter empfehlen.<br />

Der Sack wälzt sich raus. Kann weitergehen.<br />

Der Motor heult auf. Ich seh noch, wie der<br />

Fettsack von den Planets sich umdreht – totale<br />

Angst hat den zerfressen auf der Fahrt, ich<br />

glaub’s nicht. Mann, ich sag’s euch, der hat mir<br />

das voll abgekauft, dass ich ihn noch nie gesehen<br />

hab. Dabei <strong>ist</strong> der so bekannt wie ne frigide<br />

Hure. Der und s<strong>eine</strong> Band, diese beschissenen<br />

Planets. Na ja, was soll’s. Solang mein Trinkgeld<br />

stimmt ...<br />

Los geht’s. Erster Gang, dreihundert.<br />

Dreihunderfünfzig. Mann, was sollen diese<br />

Kinderspielchen? Vierhundert. Damit kannste<br />

verschreckte Passagiere ärgern, aber k<strong>eine</strong>n<br />

Taxifahrer. Lass mal den Me<strong>ist</strong>er ran.<br />

Fünfhundert. Sechshundert. Aufheulendes<br />

Getriebe. Ja, so muss das. Zweiter Gang. Ha! Das<br />

geht ab.<br />

Macht dich alle und weg.<br />

Kais Bücherdimension - von Kai Krzyzelewski<br />

Ich sag’s euch – das Zeug knallt, aber richtig.<br />

Rotlicht? Einfach ignorieren, Mann. Das Zeug


macht farbenblind. Und die Bullen tun eh nichts,<br />

wenn du k<strong>eine</strong>n Promi an Bord hast. Mann, war<br />

das ne Krampe. Echter Wichtigtuer. Aber denen<br />

kannste das Geld noch am ehesten aus der<br />

Tasche ziehen.<br />

Anhalten. Da vorne wartet <strong>eine</strong>r. Schon wieder<br />

so’n Typ. Der Sänger von den Smashers, glaub<br />

ich. Mann, die laufen ja wie die Fliegen rum.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Zähler einstellen, Tür auf. Wo willste hin? <strong>Was</strong>?<br />

Okay, okay – ich mach’s aus. Alles klar, Mann.<br />

Wird gemacht. Locker, immer locker. Wohin<br />

willste denn überhaupt? Rude box? Ist aber<br />

nicht billig ...<br />

„Ride on, ride on ...“ (Johnny Cash)<br />

© Sven Klöpping (fictionality@web.de)<br />

© Stefan Beckhusen


Passend zum Thema dieser<br />

Ausgabe haben wir hier <strong>eine</strong><br />

Anleitung für <strong>eine</strong>n tollen Steampunk-Weihnachtsschmuck.<br />

Das Material<br />

Ich wähle Miniaturpuppenfimo<br />

weil ich es zum Modellieren als<br />

perfekt erachte und weil es dank<br />

der Hautfarbe <strong>eine</strong>n Effekt<br />

zaubert als wäre das fertige<br />

Stück irgendwie lebendig. Es<br />

sieht auf <strong>eine</strong> ganz spezielle Art<br />

und Weise warm aus, als wäre<br />

es verkrustete, versilberte Haut.<br />

Schwer zu erklären, muss man<br />

gesehen und mit anderem verglichen<br />

haben.<br />

Wer kein Miniaturpuppenfimo<br />

nehmen mag dem empfehle ich<br />

schwarzes Fimo.<br />

Alles beginnt mit <strong>eine</strong>m Stück<br />

Fimo zur Platte gemacht<br />

Ich mache das mit der Pastamaschine,<br />

man kann's aber natürlich<br />

auch einfach auswallen.<br />

Aus der Platte ein Langeck ausschneiden,<br />

das <strong>ist</strong> die Grösse der<br />

Seiten der Edelverpackung.<br />

Wir brauchen zwei Stück, möglichst<br />

gleich dick, möglichst<br />

gleich gross.<br />

Die bereits fertige Platte lege ich<br />

auf ein Stück Backpapier (damit<br />

nichts klebt) und das Ganze auf<br />

die zweite Platte. Mit <strong>eine</strong>r<br />

Klinge kerbe ich die untere<br />

Platte da ein wo ich sie schnei-<br />

Tutorial - von Tumana<br />

tutorial 47<br />

Eine kl<strong>eine</strong> Weihnachtsüberraschung<br />

von Tumana<br />

den will, einfach den Klingenrücken<br />

leicht reindrücken.<br />

Die Grundstruktur entsteht mit<br />

<strong>eine</strong>m Stück Netzstoff. K<strong>eine</strong>n<br />

zur Hand? ...hol Dir ein paar<br />

Mandarinchen, Orangen oder<br />

so, die Netze eignen sich hervorragend!<br />

Die Platte hat ihre Grundstruktur.


48<br />

tutorial<br />

Gebraucht wird <strong>eine</strong> Metalldose<br />

zur Formgebung.<br />

Daran pappe ich die Fimoplatten.<br />

Die Platten möglichst gegenüberliegend<br />

anbringen damit die<br />

Dose nicht so schnell umkippt.<br />

Mehr Struktur!<br />

Die Ornamente mache ich mit<br />

den Staedtler Fimo-Motivformen.<br />

Platten sind einfach gerissene<br />

Stücke Fimo, wenn man reisst<br />

statt zu schneiden mit der Klinge<br />

entstehen schöne Strukturen am<br />

Rand.<br />

Schrauben sind einfache Kugeln<br />

welche ich später, nachdem sie<br />

mit Pigmentpulver bemalt sind<br />

mit <strong>eine</strong>m Schraubenzieher eindrücke.<br />

So entsteht der Schrauben-Effekt.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Wenn die Platten genügend verziert<br />

sind kommt Furnaceruss<br />

drauf.<br />

Vorsicht, der russt wirklich und<br />

schlichtweg ALLES.<br />

Bei schwarzem Fimo fällt dieser<br />

Arbeitsschritt weg.<br />

Einfach mit <strong>eine</strong>m weichen<br />

Pinsel alles anmalen mit dem<br />

Pigment.


Nach dem pigmentieren überschüssiges<br />

Pulver vorsichtig<br />

abpinseln und ein wenig abpusten.<br />

Wieder: Vorsicht! Das Zeug färbt<br />

wirklich sehr sehr gut.<br />

Nächster Arbeitsschritt: Silberpulver<br />

draufpinseln.<br />

Künstlerpigmente erhält man in<br />

verschiedenen Tönen, von Staedtler<br />

gibt es genau ein Silberpülverchen.<br />

Steht die Dose stabil?<br />

Sicher?<br />

Ab in den Backofen und nach<br />

Vorschrift backen! Heisst 30<br />

Minuten bei Ober- und Unterhitze<br />

bei 110°C<br />

Von Backexperimenten rate ich<br />

ab, es <strong>ist</strong> einfach nur schade um<br />

Material und Zeit.<br />

Ich empfehle auch ganz dringend<br />

<strong>eine</strong>n Backofenthermometer<br />

zu benutzen; die wenigsten<br />

Backöfen sind zuverlässig –<br />

wenn 110°C eingestellt sind<br />

heisst es noch lange nicht dass<br />

es auch 110°C sind.<br />

Steht die Dose nicht so stabil?<br />

Dann mach einfach Sand rein<br />

oder Kiesel oder ein paar Steinchen.<br />

Sie sollte möglichst nicht<br />

umkippen.<br />

Idealerweise wird das Fimo nach<br />

dem backen 48h stehengelassen,<br />

das Material <strong>ist</strong> erst nach<br />

dieser Zeit völlig „entspannt“<br />

und zum lackieren perfekt.<br />

Jetzt kann man die zwei Platten<br />

einfach von der Dose abnehmen.<br />

gegen das Licht gehalten <strong>ist</strong> das<br />

leicht Organische recht gut zu<br />

sehen.<br />

Tutorial - von Tumana<br />

tutorial 49<br />

Mit schwarzem Fimo gibt es<br />

solche Effekte nicht.<br />

Mit <strong>eine</strong>m weichen Pinsel und<br />

kräftig pusten die Pülverchenrückstände<br />

entfernen.<br />

Gerade bei solchen Reliefen<br />

bleibt gern etwas zu viel hängen;<br />

nach dem backen <strong>ist</strong> es aber kein<br />

Ding das Pulver zu entfernen.<br />

Danach die Platten mit Fimolack<br />

lackieren.<br />

Gut durchtrocknen lassen!<br />

19<br />

Nach dem trocknen wird der<br />

nächste Schritt vorbereitet:<br />

Das zusammensetzen.<br />

Dazu braucht's Sekundenleim<br />

und etwas Fimo zum verschaffen<br />

der Kanten.


50<br />

tutorial<br />

Die beiden Hälften wie auf dem<br />

Foto vorsichtig zusammenkleben,<br />

da <strong>ist</strong> wirklich nur Kante auf<br />

Kante.<br />

Stabilisiert wird mit Fimo:<br />

Bitte erst den Sekundenleim<br />

durchtrocknen lassen.<br />

Eine Fimowurst<br />

(ich spiele gerne mit Farben um<br />

Effekte zu erzielen, ich habe mir<br />

hier ein ganz dunkles Violett<br />

gemischt)<br />

zwischen die beiden Hälften<br />

legen.<br />

Mit <strong>eine</strong>m Modellierwerkzeug /<br />

Hölzchen drücke ich die Wurst<br />

so gut wie möglich in die Kerbe.<br />

Damit das neue Fimo hält verschmiere<br />

ich die Ränder so gut<br />

möglich auf dem gebackenen<br />

und lackierten Fimo.<br />

Je weicher das Fimo <strong>ist</strong> je einfacher.<br />

Wenn's nicht so gut klappt: Mix-<br />

Quick reinkneten.<br />

MixQuick <strong>ist</strong> extra für etwas<br />

älteres, bröckeliges Fimo damit<br />

es wieder schön geschmeidig<br />

wird.<br />

Die Wurst halt nochmal entfernen,<br />

mit MixQuick verkneten,<br />

gut mischen und wieder anfangen<br />

mit der Fimowurst.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Etwas friemelig <strong>ist</strong> es das selbe<br />

innen drin zu machen.<br />

Zum stabilisieren verteile / verschmiere<br />

ich kl<strong>eine</strong> Fimoportiönchen<br />

mit <strong>eine</strong>m Holzspiesschen<br />

in den Hohlräumen der Kanten<br />

auf der Seite.<br />

Die Seiten müssen natürlich<br />

auch noch mit Pigmentpülverchen<br />

bemalt werden.<br />

Einmal ohne Blitz, einmal mit,<br />

ich entschuldige mich für die<br />

nicht optimale Bildqualität.<br />

Ich hoffe den Unterschied zwischen<br />

bemalt und nicht-bemalt<br />

<strong>ist</strong> erkennbar.


Das Stück wandert nochmal in<br />

den Backofen, wie zuvor nach<br />

Vorschrift für 30 Minuten bei<br />

110°C Ober- und Unterhitze.<br />

Wieder 48h auskühlen lassen (<strong>ist</strong><br />

einfach der Idealfall, natürlich<br />

geht's auch schneller) und<br />

lackieren.<br />

Das Fimo stört sich nicht an<br />

mehreren Backdurchgängen,<br />

dem Lack <strong>ist</strong> es auch egal.<br />

Widmen wir und dem Boden<br />

und dem Deckel.<br />

Beide entstehen auf die genau<br />

gleiche Art und Weise.<br />

Wieder nehme ich Miniaturpuppenfimo.<br />

Aus dem Klumpen wird wieder<br />

<strong>eine</strong> Platte, <strong>eine</strong> etwas dickere<br />

diesmal.<br />

Gleichmässig flach wird die<br />

Platte mit <strong>eine</strong>m Platt-mach-o<br />

maten:<br />

Backpapier, darauf das vorbereitete<br />

Fimo, ich lege ein paar<br />

Gegenstände darum herum<br />

welche genau gleich dick sind<br />

und der Dicke entsprechen die<br />

ich haben will (man kann CDs<br />

aufstapeln, Notizzettel, Hölzchen,<br />

Farbstifte hernehmen....<br />

ich habe inzwischen welche aus<br />

Fimo gemacht aber man kann<br />

wirklich alles hernehmen dafür<br />

was sich eignet), zum Strukturieren<br />

gleich wieder ein Netzchen<br />

drauf, Glasscheibchen, CD-Hülle<br />

– was auch immer sich eignet<br />

und plattdrücken damit.<br />

Tutorial - von Tumana<br />

tutorial 51<br />

Die Platte wird so gleichmässig<br />

dick (danke den Abstandhaltern)<br />

und gleichzeitig schon strukturiert:<br />

Haushaltsfolie auf die Platte<br />

drauf (damit nichts festpappt)<br />

und jetzt vorsichtig! Einmal mit<br />

der gewünschten Unterseite von<br />

unserm Stück <strong>eine</strong>n Abdruck<br />

machen, auf <strong>eine</strong> zweite vorbereitete<br />

Platte mit der Oberseite<br />

<strong>eine</strong>n Abdruck machen.


52<br />

tutorial<br />

Boden und Deckel wird so<br />

perfekt passen!<br />

Grob zurechtschneiden, das wird<br />

die Grundform für Boden und<br />

Deckel.<br />

In der Mitte vom Innenteil, da<br />

wo's so leicht gewölbt <strong>ist</strong> ein<br />

Loch stechen.<br />

Apropos bleibt so:<br />

Furnaceruss überlebt die Spülmaschine<br />

locker! Die Dose<br />

kommt frisch aus dem Spülmaschinchen<br />

– <strong>ist</strong> genauso schwarz<br />

wie vorher.<br />

Boden und Deckel da wo der<br />

Abdruck <strong>ist</strong> pigmentieren,<br />

backen und lackieren.<br />

Die Lackschicht braucht's hier<br />

damit die folgenden Fimostückchen<br />

nicht einfach wegen Pulver<br />

abfallen, das Pulver <strong>ist</strong> auch ein<br />

prima Trennmittel und hier<br />

wär's doch richtig doof wenn's<br />

nicht hält.<br />

Sobald der lack gut durchgetrocknet<br />

<strong>ist</strong> geht's weiter.<br />

Unten <strong>ist</strong> ja noch nicht angemalt.<br />

Um dem ganzen Gebilde möglichst<br />

guten Halt zu verleihen,<br />

Fimo das so klebrig wie möglich<br />

<strong>ist</strong> (mit MixQuick versetzt z.B.),<br />

draufschmieren, damit sich die<br />

nächste Schicht gut anbringen<br />

lässt.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Es wird <strong>eine</strong> dünnere Platte sein,<br />

natürlich bekommt auch sie <strong>eine</strong><br />

Grundstruktur mit dem Netzchen<br />

verpasst.<br />

Es <strong>ist</strong> so <strong>eine</strong> kl<strong>eine</strong> Sache die so<br />

viel ausmacht beim fertigen<br />

Stück.<br />

Das Netz lasse ich gleich dran<br />

und drehe die Platte um, also<br />

das Netz liegt jetzt Unten.


Mit Boden und Deckel verfahren<br />

wir gleich, spielt also k<strong>eine</strong> Rolle<br />

was zuerst bearbeitet wird.<br />

Den gebackenen Teil auf die<br />

Platte legen und diese zurechtschneiden.<br />

Und zwar so, dass der Rand gut<br />

eingefasst werdenkann.<br />

Der untere Teil pappt jetzt<br />

wieder wunderbar, dank der<br />

frischen Schicht Fimo und jedwelche<br />

Zierelemente können<br />

angebracht werden.<br />

Zum Beispiel so.<br />

Zu schnell? Ok, nochmal in langsam.<br />

Gebackener Teil auf die Platte<br />

legen und ungefähr so zuschneiden.<br />

Mit der flexiblen Klinge von Staedtler<br />

geht das erprobt mühelos..<br />

Das Stück einfassen.<br />

Tutorial - von Tumana<br />

tutorial 53<br />

Heldenhafte Wunden von brutalen<br />

Katzenkämpfen zieren m<strong>eine</strong><br />

Pfoten.<br />

Na gut, streiche heldenhaft und<br />

brutal und wir sind der Wahrheit<br />

nah ;-)<br />

Den Rand möglichst gut anmodellieren,<br />

darf auch ein wenig<br />

über die obere Randkante hinausragen,<br />

wird man am fertigen<br />

Stück nicht sehen.<br />

Ich strukturiere auch den Rand,<br />

vom anmodellieren sieht er mir<br />

zu gleichmässig aus.


54<br />

tutorial<br />

Das Zierelement in der Mitte <strong>ist</strong><br />

ganz einfach zum machen.<br />

Es <strong>ist</strong> ein Swirl den ich platt<br />

drücken werde.<br />

Zum swirlen an sich habe ich ein<br />

kl<strong>eine</strong>s Video gemacht vor<br />

langer Zeit, zu finden <strong>ist</strong> es da:<br />

http://kreativ.fimotic.com/?pag<br />

e_id=114<br />

kreativ.fimotic.com -> Swirls und<br />

Linsen<br />

dort finden sich noch mehrere<br />

Anleitungen, Tipps und Tricks<br />

zum Thema swirlen.<br />

Und so sieht ein plattgemachter<br />

Swirl ausschneiden<br />

Ich piekse ein Löchlein in die<br />

Mitte.<br />

Dank dem bereits vorhandenen<br />

Loch im gebackenen und weiterverarbeiteten<br />

Stück habe sogar<br />

unbegabtes Ich k<strong>eine</strong> Mühe es<br />

am rechten Fleck zu positionieren.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Da bin ich völlig talentfrei. Mit<br />

dem kl<strong>eine</strong>n Trick schaffe ich es<br />

trotzdem, es hinzukriegen :-D<br />

Jetzt können die Zierelemente<br />

angebracht werden.<br />

Die Seiten werden auch noch mit<br />

Zierelementen verziert.<br />

Das Ganze wird nun mit Pigmentpülverchen<br />

bearbeitet, wie<br />

wir es schon kennen, nach Vorschrift<br />

gebacken wie gehabt und<br />

danach natürlich auch noch<br />

lackiert.<br />

Sobald auch der Lack gut durchgetrocknet<br />

<strong>ist</strong>, setzen wir unser<br />

Stück zusammen.<br />

Der Boden wird mit Sekundenkleber<br />

festgeleimt.<br />

Achtung! Boden und Deckel<br />

passen perfekt und wirklich ganz<br />

genau – wegen dem Abdruck<br />

den wir in Boden und Deckel<br />

gemacht haben müssen wir da<br />

ein bisserl suchen und probieren,<br />

wie bei <strong>eine</strong>m Puzzle.


Das kl<strong>eine</strong> Loch in Deckel und<br />

Boden muss noch etwas vergrössert<br />

werden, ich mache das mit<br />

<strong>eine</strong>m Handbohrer.<br />

Erst bohre ich mit <strong>eine</strong>m dünnen<br />

Bohrer vor und nehme danach<br />

erst den nächstgrösseren.<br />

Bis es zur ausgesuchten Kordel<br />

passt.<br />

Auf der Seite der Platten habe<br />

ich jeweils drei Löcher gemacht<br />

(natürlich schon von Anfang an,<br />

man kann sie aber auch nachträglich<br />

reinbohren), da fädle ich<br />

<strong>eine</strong> gewachste Baumwollkordel<br />

durch.<br />

Suchbild, hihi.<br />

Schon wieder so ein schlechtes<br />

Bild. Aber wenn Du gut hinschaust<br />

siehst Du die Kordel.<br />

Weil das fädeln wirklich blöd <strong>ist</strong><br />

mache ich mir aus ganz simplen<br />

Nylon <strong>eine</strong> Fädelhilfe.<br />

Das recht steife Nylonstück kann<br />

ich problemlos durch die Löcher<br />

fädeln.<br />

Tutorial - von Tumana<br />

tutorial 55<br />

Wie beim Einfädler von Nadel<br />

und Faden die Kordel durch die<br />

Nylonschlaufe fädeln.<br />

Und jetzt bitte Vorsicht – und<br />

eventuell mit <strong>eine</strong>r kl<strong>eine</strong>n Hilfe<br />

wie <strong>eine</strong> Flachzange oder so<br />

ziehen.<br />

Voilà! Geschafft!<br />

So geht das Löchlein für Löchlein.


56<br />

tutorial<br />

An diese Kordel knüpfe ich ein<br />

paar Perlen.<br />

Und jetzt stellen wir das<br />

Schmuckstück fertig!<br />

Eine genügend lange Kordel<br />

parat machen. Am besten an<br />

sich selber abmessen bis wohin<br />

das Stück reichen soll und noch<br />

<strong>eine</strong>n Drittel zugeben, je<br />

nachdem wie viele Knoten<br />

gemacht werden sollen.<br />

Ich fange Unten an, mit der<br />

untersten Perle.<br />

Mache Knoten um Knoten und<br />

fädle Perle um Perle auf.<br />

Fädle das Schmuckstück auf.<br />

Jawoll, das hängt am Faden, als<br />

ob es <strong>eine</strong> überdimensionale<br />

Perle wäre.<br />

Nur wer Gleichgewicht empfindet<br />

<strong>ist</strong> würdig es zu tragen ;-)<br />

Nach dem Behälter der Deckel.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Nach dem Deckel mache ich am<br />

für mich passenden Ort <strong>eine</strong>n<br />

Knoten und fädle noch weitere<br />

Zierperlen auf.<br />

Fertig!<br />

Es <strong>ist</strong> rundherum ein Unikat,<br />

beide Seiten sind verschieden.<br />

Steamy Weihnacht wünsche ich<br />

Euch!<br />

Die Perlen sind natürlich auch<br />

aus Fimo, die Anleitung dazu <strong>ist</strong><br />

hier:<br />

Steamy Perlen<br />

http://kreativ.fimotic.com/?pa<br />

ge_id=428<br />

Alle Materialien und noch viel<br />

mehr gibt es übrigens beim<br />

Versandhandel für Künstlerbedarf<br />

„Gerstaecker“ unter<br />

http://www.gerstaecker.de/


R.Schwippl: Wie ich auch schon auf der <strong>SpecFlash</strong><br />

Homepage gepostet hatte, hat Tumana mir<br />

dieses Schmuckstück als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk<br />

zugeschickt. Nochmals vielen<br />

Dank an dieser Stelle in die Schweiz. Ich habe<br />

mich sehr darüber gefreut.<br />

Ich habe sie auch noch überreden können ein<br />

paar Worte über sich zu schreiben. Hier also<br />

Tumana stellt sich vor<br />

Ja, weil prinzipiell stelle ich mich immer vor die<br />

Warteschlange - oder doch hinten dran aber mit<br />

Strickzeug in der Hand.<br />

Nein ich stricke nicht wirklich gern aber man<br />

kommt auf diese Art dermassen einfach in<br />

Kontakt mit Menschen die mich ohne Strickzeug<br />

niemals ansprechen würden ;-)<br />

Das sagt eigentlich schon alles, oder?<br />

Tutorial - von Tumana<br />

Ich freue mich wenn ich andere ankreativeln<br />

kann, wenn ich Phantasie anrege und Mut entfache,<br />

„das kann ich auch“ und noch lieber <strong>ist</strong><br />

mir ein „das kann ich besser!“ - DAS will ich!<br />

Ich bin neugierig auf andere, ich will mir D<strong>eine</strong><br />

Geschichte anhören.<br />

Dazu knete ich ein bisschen Fimo, zerreisse ein<br />

wenig Papier, kritzle etwas auf den Boden und<br />

freue mich auf den nächsten Montag.<br />

Unfassbar?<br />

Joa, kommt hin.<br />

Das bin ich.<br />

Liebe Grüsse,<br />

Eure Tumana<br />

tutorial 57<br />

Mein Blog: http://blog.schnugis.net<br />

Die Fimoseite: http://kreativ.fimotic.com


58<br />

von Markus Kügle<br />

vorschau<br />

Spekulatius in Form von Spekulativer<br />

Fiktion, exklusiv zur gnadenbringenden<br />

Weihnachtszeit.<br />

Nein, explizite Weihnachtsgeschichten gibt es<br />

bei uns nicht! Nach dicken Männern im roten<br />

Samtmantel werdet ihr in unserer Prosa-Abteilung<br />

vergeblich suchen. Stattdessen lassen wir<br />

das Jahr 2011 mit sechs ausgewählten Beiträge<br />

ausklingen, welche – entgegen dem sentimentalen<br />

Trend von Friede, Freude, Pfefferkuchen –<br />

ganz bewusst eher dunkle und pessim<strong>ist</strong>ische<br />

Töne anschlagen. Dies ganz klar als finsteres<br />

Omen auf das apokalyptische 2012. Denn laut<br />

dem Kalender der Maya soll da schließlich die<br />

Welt untergehen … Bis es soweit <strong>ist</strong>, gibt es also<br />

drei <strong>Kurzgeschichte</strong>n aus dem Bereich der<br />

Science Fiction, zweimal vielschichtige Mystery<br />

und dann noch <strong>eine</strong>n Vertreter des speziellen<br />

literarischen Sub-Genres crime mystery zu lesen.<br />

Wo wären wir denn ohne die wagemutigen<br />

Pioniere? Andreas Blome lässt s<strong>eine</strong>n Helden Joy<br />

in <strong>eine</strong>m dschungelesken Bizzar<strong>ist</strong>an<br />

Stiftung<br />

Wahrnehmungstest<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

raumschiffbrüchig werden. Dies allerdings nicht<br />

nur in der dritten, sondern auch in der vierten<br />

Dimension. Um wirklich in jeder Hinsicht von<br />

s<strong>eine</strong>r Welt abgeschnitten zu sein, <strong>ist</strong> er nun<br />

LOST in der Zeit – wegen <strong>eine</strong>s technischen<br />

Problems in <strong>eine</strong> unbekannte Zukunft<br />

geschleudert. <strong>Was</strong> bleibt da zu tun? Wohl die<br />

einzige Alternative: ein Luftschiff bauen. Doch<br />

als ob das nicht schon wegen der Kybernetik<br />

allein kompliziert genug wäre, bekommt es der<br />

futur<strong>ist</strong>ische Robinson Crusoe auch noch mit<br />

fleischfressenden Felsen und tonnenschweren<br />

Schildkröten zu tun, die <strong>eine</strong> ernsthafte<br />

Bedrohung darstellen. Armer Kerl! Aber es geht<br />

ja um den wilden Ge<strong>ist</strong> und eisernen Willen von<br />

Entdeckern und Abenteurern. „Unbekannte<br />

Welt, ich komme!“, bleibt da nur noch zu sagen.<br />

Spieglein, Spieglein an der Wand? Mit dem<br />

Märchen von Schneewittchen will Carola Kickers<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong> so gar nichts zu haben wollen.<br />

K<strong>eine</strong> sieben Zwerge gibt es da, Schneewittchen<br />

hat auch kein Asyl im Wald gefunden und<br />

lediglich die böse Stiefmutter Königin <strong>ist</strong> nun die<br />

Mutter Oberin <strong>eine</strong>s Klosters. Im thematischen<br />

Mittelpunkt steht die Aussage, dass im Spiegel


die Wahrheit liegen soll. Doch gibt es die<br />

überhaupt? Also DIE <strong>eine</strong> einzig wahre, objektive<br />

und unumstößliche Wahrheit? Oder haben wir<br />

es nur immer mit vielen einzelnen, höchst<br />

subjektiven Wahrheiten zu tun, die zudem so<br />

unglaublich simpel manipuliert werden<br />

(können)? Darüber muss sich Daniela, ein<br />

„bildhübscher Teenager mit kr<strong>ist</strong>allklaren,<br />

blauen Augen und langen, dunkelbraunen<br />

Haaren“ so ihre Gedanken machen, denn es geht<br />

um nichts geringeres, als ihre Zukunft. Sie<br />

befindet sich bei den (un)barmherzigen<br />

Schwestern von St. Bernadette, wo ein strenges<br />

Regiment geführt wird. Eingeschlossen in die<br />

Dachkammer, <strong>eine</strong>m „zugigen und kalten Loch“,<br />

harrt Daniela nun der Dinge, die da kommen<br />

werden. Denn bei Anbruch des Tages muss <strong>eine</strong><br />

Entscheidung fallen. Ein Selbsterfahrungstrip<br />

der etwas anderen Art. Darüber hinaus <strong>eine</strong><br />

zynisch grinsende Abhandlung in Sachen Freier<br />

Wille, der Macht der Kirche und des Glaubens.<br />

Michel Foucault hätte es garantiert gefallen.<br />

Das Ende <strong>ist</strong> nahe! (Klar, schließlich haben wir<br />

bald 2012.) Hier <strong>ist</strong> der Leibhaftige mal wieder<br />

auf die Erde gekommen, er mordet munter in<br />

Nordrhein-Westfalen. Und Andreas Lehmann<br />

von der Kripo Köln, <strong>ist</strong> ihm dicht auf den Fersen.<br />

Oder war es zumindest, bevor er in s<strong>eine</strong>r<br />

Abteilung mit diesem gewagten Verdacht<br />

massive Probleme bekommen hat. Denn dort<br />

wurde „[d]en zunehmenden Amokläufen und<br />

Familientragödien“ k<strong>eine</strong>rlei große Bedeutung<br />

beigemessen. Pfui, Deibel! Als einziger hat<br />

Lehmann nun „Die Logik der Bestie“<br />

dechiffrieren können, dies sehr eindeutig mit<br />

dem Kapitel 13 der Offenbarung: „Wer<br />

Verständnis hat, berechne die Zahl des Tieres,<br />

denn es <strong>ist</strong> <strong>eine</strong>s Menschen Zahl; und s<strong>eine</strong> Zahl<br />

Kolumne - Stiftung Wahrnehmungstest<br />

vorschau<br />

59<br />

<strong>ist</strong> sechshundertsechsundsechzig.“ Aufgedeckt<br />

wurde vom Kriminalkommissar nun nicht<br />

weniger, als <strong>eine</strong> regelrechte Verschwörung von<br />

wahrhaft und im wahrsten Sinne des Wortes<br />

biblischen Ausmaßes. Denn was kann es anderes<br />

sein, als schlicht die Vorboten der Apocalypse?<br />

Eine solche Theorie gibt durchaus Sinn, die<br />

bestialische Logik funktioniert also. Welt am<br />

Abgrund! Und Alternativen sch<strong>eine</strong>n nicht<br />

vorhanden. Na denn, Prost! Darauf <strong>eine</strong>n Klaren<br />

in der nächsten Altstadtkneipe. Auch wenn<br />

Alkohol im Dienst nicht erlaubt <strong>ist</strong>.<br />

Schwarzhumoriges crime mystery mit <strong>eine</strong>m<br />

Touch von Edgar Allan Poe. Und immer noch<br />

kann folgende Weisheit gelten: Der beste Trick,<br />

den der Teufel je gebracht hat, <strong>ist</strong> es, die<br />

Menschheit glauben zu lassen, dass es ihn nicht<br />

gibt …<br />

Joyride war gestern, E-Ride <strong>ist</strong> morgen. Hier<br />

wird nicht zu schnell gefahren, sondern nur zu<br />

tief geflogen! Willkommen in <strong>eine</strong>m ultimativen<br />

Cyber-Hyper-Rave, der das S-Bahn-Surfen in<br />

naher Zukunft neongrell beleuchtet – aus der<br />

Sicht <strong>eine</strong>s todesmutigen Adrenalin-Junkies.<br />

„Mit der E-Machine haben wir <strong>eine</strong> völlig neue<br />

Dimension des Reisens eingeführt!“ � Soviel zur<br />

r<strong>eine</strong>n Technik. Maximum Overdrive, lautet die<br />

Devise. Und der Leser <strong>ist</strong> mehr als hautnah<br />

dabei, wenn sich Sven Klöppings jugendlicher<br />

Held s<strong>eine</strong> Kicks auf <strong>eine</strong>r halsbrecherischen<br />

Fahrt an der Außenhülle dieses neuartigen<br />

Transportgeräts abholt – bei nicht weniger, als<br />

über 2000 Kilometer pro Stunde. Geht da noch<br />

mehr? Nein, da geht nichts mehr! Denn: „E-<br />

Riding <strong>ist</strong> zwar das schönste aber auch das<br />

gefährlichste Hobby der Welt; wöchentlich<br />

gehen Dutzende dabei drauf.“ Ergo: Ein Extrem-<br />

Trip, der flott und fetzig erzählt wurde. Und


60<br />

vorschau<br />

zwar mit dem Slang <strong>eine</strong>r Straße, die nicht mehr<br />

nur aus Teer und Asphalt gebaut <strong>ist</strong>, sondern<br />

auch zunehmend mehr aus Einsen und Nullen<br />

– gewissermaßen die Ghetto-Sprache des<br />

Daten-Highways. So muss sie dann wohl<br />

klingen, die Cyberpunk-Prosa des Web 2.0.<br />

Gewissermaßen ein Blog aus dem Block.<br />

Ähnlich furios und schwungvoll formuliert Sven<br />

Klöpping übrigens auch in s<strong>eine</strong>r wirklich kurzen<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong> UP. Dort liegt die Würze wirklich<br />

in der Kürze! Deswegen soll es auch<br />

diesbezüglich k<strong>eine</strong>n Verweis auf die Handlung<br />

geben. Stattdessen <strong>eine</strong> Empfehlung mittels<br />

<strong>eine</strong>s direkten Zitats von Elke Heidenreich:<br />

Lesen! Vielleicht zeigt sich hier auch diejenige<br />

gewisse Tendenz in der Literatur, wo die Form<br />

von ihrem Inhalt bestimmt wird, ... so wie ich<br />

es in m<strong>eine</strong>m Artikel über das, was denn <strong>eine</strong><br />

<strong>Kurzgeschichte</strong> an sich sein soll schon mal als<br />

anstrebenswertes Ziel angedacht habe. Sven<br />

Klöpping, schreib so weiter! Das <strong>ist</strong> genau das,<br />

was die Literatur heutzutage braucht!!<br />

K<strong>eine</strong> Regel ohne Ausnahme, denn Ausnahmen<br />

bestimmen die Regel! Deswegen gibt es nun<br />

doch noch <strong>eine</strong> Weihnachtsgeschichte,<br />

allerdings <strong>eine</strong> mit wehmütigem Unterton -<br />

dafür aber auch ohne den obligatorischen fetten<br />

Kerl im roten Samtmantel. Denn wie kalt und<br />

dunkel die Stille Nacht auch sein kann, davon<br />

erzählt Susanne Ulrike Maria Albrecht – aus der<br />

Sicht <strong>eine</strong>s streunenden Katers. Ist eben alles<br />

<strong>eine</strong> Frage der Perspektive. Bei Edwin, wie das<br />

Tier heißt, handelt es sich jedoch nicht um <strong>eine</strong>n<br />

gewöhnlichen, <strong>eine</strong>n ordinären, ja <strong>eine</strong>n<br />

gem<strong>eine</strong>n Vertreter aus der Gattung der<br />

Stubentiger, sondern um <strong>eine</strong>n rauchfarbenen<br />

Europäisch Kurzhaar – <strong>eine</strong>n Smoke, der<br />

immerhin <strong>eine</strong> Rarität darstellt. Angenehm<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

dargestellt <strong>ist</strong> das sentimentale Flair, welches<br />

Edwin auf s<strong>eine</strong>m nächtlichen Streifzug umweht.<br />

Schräg und schief liest es sich allerdings, wenn<br />

Katzen über Filme wie „Ist das Leben nicht<br />

schön?“, also über Frank Capras wundervollen<br />

Klassiker mit Jimmy Stewart, sinnieren. Wo<br />

bleibt da die Perspektive des personalen<br />

Erzählers? Vermutlich zu Hause, denn da <strong>ist</strong> es<br />

schließlich – <strong>eine</strong>s weit verbreiteten<br />

(Irr)Glaubens zufolge – in der Heiligen Nacht am<br />

schönsten … Auch wirkt das klebrig-zuckrige<br />

Happy Ending, in der sich die unsichere Position<br />

der erzählenden Instanz um beinahe 180°<br />

verdreht und verkantet, wie angepappt. Dies<br />

äußert umständlich und im Nachhinein. Ergo:<br />

Ein schöner Versuch, die Weihnacht anders<br />

herum darzustellen. Wegen diesem Anspruch<br />

gibt es <strong>eine</strong>n Pluspunkt für innovative<br />

Raffinesse. Darüber hinaus <strong>eine</strong>n für die<br />

Schöpfung des originellen „Helden“. Jedoch<br />

sollte bei alledem die Sicht auf die Dinge nun<br />

auch wieder nicht zu sehr rotieren. (Ist aber<br />

alles <strong>eine</strong> Frage der Perspektive.)


<strong>Was</strong> <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> <strong>Kurzgeschichte</strong>?<br />

Zugegeben, die Frage klingt ziemlich blöd. Aber<br />

bekanntlich gibt es k<strong>eine</strong> blöden Fragen, bloß<br />

blöde Antworten. Und <strong>eine</strong> solche wäre folgende:<br />

Eine <strong>Kurzgeschichte</strong> <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> kurze<br />

Geschichte � Na, klar! Warum auch nicht? Liegt<br />

doch auf der Hand und klingt darüber hinaus so<br />

überaus logisch. Ein LangFilm <strong>ist</strong> schließlich auch<br />

ein langer Film, ein AltKanzler ein alter Kanzler<br />

und <strong>eine</strong> JungFrau <strong>eine</strong> junge Frau. Deswegen<br />

und in diesem Sinne: Alles easy, alles cool<br />

soweit. Null Problemo mit der Herleitung von<br />

abstrakteren Begrifflichkeiten. Denn prinzipiell<br />

und (sehr) oberflächlich betrachtet mag das alles<br />

ja noch so stimmen. Doch gestalten sich derartige<br />

Definitionen bei eingehender Betrachtung<br />

und intensiverem Nachdenken dann doch als<br />

k<strong>eine</strong>swegs ergiebig, allerspätestens wenn es an<br />

den Abgleich der Theorie mit der Praxis, wenn<br />

es um die gezielte praktische Anwendung geht.<br />

Überlegen wir doch nur, ab wie vielen Seiten<br />

Text die Geschichte zu umfangreich geworden<br />

<strong>ist</strong>, um noch als kurz durchgehen zu können …<br />

An <strong>eine</strong>r solchen Definition der Länge scheiden<br />

sich nämlich heutzutage die Ge<strong>ist</strong>er. Unglücklicherweise<br />

glaubt zwar jeder irgendwie zu<br />

wissen, wie viele Seiten, Zeichen und Wörter<br />

formidabel wären, doch k<strong>eine</strong> Angabe deckt sich<br />

mit der anderen - irgendwie sagt jeder etwas<br />

anderes aus. Hierzu muss nur ein Blick auf die<br />

unsäglich vielen <strong>Kurzgeschichte</strong>nwettbewerbe<br />

geworfen werden, die aktuell im Internet kursieren.<br />

Da schwankt die Vorgabe des Umfangs<br />

<strong>Was</strong> <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> <strong>Kurzgeschichte</strong>? - von Markus Kügle<br />

artikel 61<br />

<strong>Was</strong> <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> <strong>Kurzgeschichte</strong>?<br />

von Markus Kügle<br />

schon mal locker zwischen zwei und zwanzig DIN<br />

A4 Seiten. Tausend Wörter dürfen hier bloß<br />

nicht überschritten werden, während dort zwanzigtausend<br />

Zeichen <strong>eine</strong> gängige Maximallänge<br />

darstellen. Jeder Verleger legt das für sich selbst<br />

aus – ganz individuell. Das <strong>ist</strong> dann in etwa so,<br />

wie im Mittelalter die Maßeinheit Elle, die jeder<br />

Schneider mit s<strong>eine</strong>m eigenen Unterarm wieder<br />

vollkommen anders ausgemessen hat, als sein<br />

großgewachsener Kollege. Und k<strong>eine</strong>r scheint<br />

wirklich Ahnung zu haben. Ergo: Wie lang darf<br />

die Geschichte denn nun sein, um noch als kurz<br />

gelten zu können? Und wie kurz muss sie sein,<br />

um nicht zu lang zu sein? Ob kurz oder lang wird<br />

es darum höchste Zeit den Nebel dieser verschwommenen<br />

Grauzonen zu lichten. Uns wird<br />

ja suggeriert, dass es letztendlich an <strong>eine</strong>m Wort<br />

zuviel, an <strong>eine</strong>m Buchstaben, ja sogar <strong>eine</strong>m<br />

einzigen Satzzeichen scheitern könnte, an dem<br />

<strong>eine</strong>n oder anderen Wettbewerb überhaupt<br />

teilnehmen zu können. (Bedeutet der Richtwert<br />

von 5.000 Zeichen jetzt gleich wieder 5.000<br />

Zeichen mit oder ohne Leerzeichen?) Da sitzt<br />

dann wohl der Lektor in s<strong>eine</strong>m Büro, zählt bei<br />

den Einsendungen und Teilnehmerbeiträgen als<br />

erstes die Zeichen und entscheidet dann ganz<br />

rigoros, dass diese <strong>eine</strong> Geschichte da k<strong>eine</strong><br />

<strong>Kurzgeschichte</strong> <strong>ist</strong> – unter Umständen, weil halt<br />

ein einziges Komma, das zudem noch falsch<br />

gesetzt <strong>ist</strong>, zuviel drin steht. So ein Text wäre<br />

dann per definititionem also doch eher <strong>eine</strong><br />

Novelle. Oder muss hier <strong>eine</strong> Novellierung in den<br />

‚Gesetzmäßigkeiten’ der <strong>Kurzgeschichte</strong> erfol-


62<br />

artikel<br />

gen?? Einer der sich damit bestens auskennt,<br />

Martin Scofield, ein Literaturwissenschaftler an<br />

der Universität in Kent räumt der <strong>Kurzgeschichte</strong><br />

immerhin <strong>eine</strong>n Raum von bis zu fünfzig Seiten,<br />

oder 20.000 Wörtern ein. Ab dann soll es sich<br />

um <strong>eine</strong> Novelle handeln. (Bis zu <strong>eine</strong>m Umfang<br />

von 150 Seiten oder 40.000 Wörtern) Aber<br />

welches Verlagshaus druckt heute noch Anthologien<br />

mit Beiträgen solchen Umfangs? Die<br />

me<strong>ist</strong>en versuchen doch aus Kostengründen, so<br />

viele Werke wie möglich in ein Buch zu quetschen<br />

– einundvierzig kurze Geschichten in <strong>eine</strong>r<br />

Publikation sind da k<strong>eine</strong> Seltenheit. Da macht<br />

es wohl die Masse. Anhand <strong>eine</strong>s solchen<br />

Umstandes lohnt vielleicht die Frage, wie kurz<br />

denn <strong>eine</strong> <strong>Kurzgeschichte</strong> sein müsse, um überhaupt<br />

noch <strong>eine</strong> Geschichte sein zu können …?<br />

Trotz aller Komprimierung und Reduktion sollte<br />

sie schon noch <strong>eine</strong>n Anfang, <strong>eine</strong>n Mittelteil<br />

und ein Ende haben, also <strong>eine</strong> dramatische<br />

Struktur mit <strong>eine</strong>r Wendung und <strong>eine</strong>m Höhepunkt.<br />

Die kürzeste stammt übrigens von Pulitzer-<br />

und Nobelpe<strong>ist</strong>räger Ernest Hemingway, sie<br />

umfasst lediglich sechs Wörter, doch dazu später<br />

mehr. <strong>Was</strong> nun <strong>eine</strong>n solchen Umstand des<br />

Umfangs anbelangt, war das früher anders,<br />

vielleicht nicht unbedingt besser, aber zumindest<br />

übersichtlicher. Deswegen lohnt es sich<br />

auch, <strong>eine</strong>n Blich zurück zu werfen, um <strong>eine</strong><br />

sinnvolle Antwort auf die Eingangsfrage erhalten<br />

zu können, jene nämlich, was denn nun <strong>eine</strong><br />

<strong>Kurzgeschichte</strong> sei(n soll) …<br />

<strong>Was</strong> <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> <strong>Kurzgeschichte</strong> gewesen?<br />

Erinnern wir uns: Am Anfang war das Wort und<br />

schon damals galt die Devise, dass in der Kürze<br />

die Würze zu liegen hatte. Dies zeigt sich schon<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

überaus markant bei <strong>eine</strong>r genaueren Studie der<br />

Homerschen Odyssee. Dieses Epos, schätzungsweise<br />

im achten Jahrhundert vor Chr<strong>ist</strong>i Geburt<br />

entstanden, besteht streng genommen in ihren<br />

vierundzwanzig Gesängen aus mehreren kurzen<br />

Geschichten – Odysseus auf Ogygia bei der<br />

Nymphe Kalypso, Odysseus auf Scheria bei Nausikaa,<br />

Odysseus bei den Kyklopen, den Lotophagen,<br />

den La<strong>ist</strong>rygonen, bei Kirke und natürlich<br />

auch in der Unterwelt … Selbstverständlich muss<br />

ein jeder Literaturwissenschaftler Homer zugute<br />

halten, dass der griechische Dichter s<strong>eine</strong> Episoden<br />

überaus furios erzählt, will heißen in ihrer<br />

Dramaturgie zueinander äußerst komplex und<br />

spannend strukturiert hat – dies mithilfe von<br />

zahllosen Rückblenden, Parallelhandlungen und<br />

ständig wechselnden Erzählperspektiven – doch<br />

es bleibt dabei: Die Odyssee <strong>ist</strong> im Grunde <strong>eine</strong><br />

‚Serie’, bestehend aus vierundzwanzig Folgen,<br />

welche durchaus von der Dramaturgie her als in<br />

sich abgeschlossen betrachtet werden können<br />

und somit der Idee <strong>eine</strong>r (An)Sammlung von<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong>n verdächtig nahe kommt. Natürlich<br />

gibt es da noch <strong>eine</strong>n übergeordneten<br />

Spannungsbogen – Odysseus will ja eigentlich<br />

„nur“ zurück nach Hause – aber worum es geht,<br />

sind die vielen einzelnen Abenteuer, die er an<br />

den verschiedensten Orten im Mittelmeerraum<br />

zu bestehen hat. Frei nach dem Motto, der Weg<br />

<strong>ist</strong> das Ziel. So gesehen ‚endet’ jede Episode<br />

offen, doch das kann so zweifelsohne auch als<br />

Stilmittel von <strong>Kurzgeschichte</strong>n festgestellt<br />

werden. Trotzalledem käme niemand auf die<br />

Idee, diese Irrfahrten als <strong>eine</strong> Sammlung von<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong>n oder gar als Anthologie zu<br />

verkaufen. i (Obwohl die alleinige Urheberschaft<br />

des ominösen Homer vielerorts erheblich<br />

bezweifelt wird) Der Begriff short story etab-


lierte sich jedoch erst im 19ten Jahrhundert. Vor<br />

also nicht einmal zweihundert Jahren wurde sie<br />

offiziell erfunden. Und insofern macht dann das<br />

müßige Geplänkel über die formidable Form und<br />

adäquate Länge am Anfang dieses Artikels auch<br />

Sinn, wenn darüber nachgedacht wird, dass der<br />

Pressedruck die short story in erster Instanz<br />

möglich und in zweiter sodann populär gemacht<br />

hat. Denn die räumliche Rahmung <strong>eine</strong>s Artikels<br />

schuf hierfür die klaren Grenzen und damit die<br />

grundlegendsten Voraussetzungen. Wären also<br />

die Redakteure und Schriftsetzer damals nicht<br />

so knauserig mit ihren freien Zeilen und Spalten<br />

umgegangen, hätten wir heute wohl k<strong>eine</strong> Kurz-<br />

geschichten ii . Denn eben nicht in Büchern<br />

sondern in Zeitungen wurden damals die short<br />

stories in erster Linie veröffentlicht, ganz einfach,<br />

weil sich Anthologien seit jeher schlecht<br />

verkauft haben – das <strong>ist</strong> heute ja nicht anders.<br />

Rein aus ökonomischen Kalkül bringt dem Verlag<br />

ein gebundenes Werk mit vielen Kurzgeschich-<br />

ten zume<strong>ist</strong> nicht mehr als ein Verlustgeschäft. iii<br />

(Oft kann er froh sein, wenn die Unkosten<br />

wieder reingeholt werden.) Als einzelne Rubrik<br />

unter vielen anderen jedoch konnte sich die<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong> in <strong>eine</strong>m Presseerzeugnis glänzend<br />

behaupten. Den Vereinigten Staaten kam<br />

hierbei <strong>eine</strong> Vorreiterrolle zu. So gelten die<br />

Werke Rip Van Winkle und The Legend of Sleepy<br />

Hollow von <strong>Was</strong>hington Irving (beide 1820 veröffentlicht)<br />

als die ersten <strong>Kurzgeschichte</strong>n der<br />

amerikanischen Literatur (für Interessierte<br />

Näheres hierzu bei Wikipedia).<br />

Und die Verleger dieser Print-Medien machten<br />

diesbezüglich genaue Angaben, wie groß oder<br />

klein, kurz oder lang der Text sein dürfe, da er<br />

ansonsten nicht auf die dafür vorgesehene<br />

Seite(n) der Zeitung gepasst hätte. In Zeiten des<br />

<strong>Was</strong> <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> <strong>Kurzgeschichte</strong>? - von Markus Kügle<br />

artikel 63<br />

Internets, wo ‚Platz’, also Speicherplatz in nicht<br />

enden wollendem Maß vorhanden <strong>ist</strong>, scheint<br />

es, als ob sich diese Formatvorgaben geändert<br />

hätten und obsolet geworden wären … doch<br />

dazu später.<br />

Wichtig <strong>ist</strong> nun folgendes: An der Länge herum<br />

zu diskutieren war damals, vor nicht ganz zweihundert<br />

Jahren schlichtweg sinnlos. Denn die<br />

rationalen Bedingungen der Veröffentlichungs-<br />

Form bestimmten maßgeblich den Inhalt. („Kann<br />

ich m<strong>eine</strong> Geschichte <strong>eine</strong> Zeile länger<br />

machen?“ Klar, kannst du, aber dann wird sie<br />

bei uns nicht veröffentlicht!“) Kasus Knaxus war<br />

nun dieser: Eine Handlung musste so erzählt<br />

werden, dass sie in ein solch enges Korsett<br />

passte und auf diese Weise auch dramaturgisch<br />

funktionierte. Dieser Sachverhalt war in jeder<br />

Hinsicht indiskutabel. Große Freiheit herrschte<br />

jedoch in der Wahl von Themen und Motiven.<br />

Alles konnte und kann auf diese Weise erzählt<br />

werden. Jedes Genre, jede literarische Kategorie<br />

kann in Kurzform präsentiert werden, von der<br />

Tragödie, bis zur Komödie, von der real<strong>ist</strong>ischdokumentar<strong>ist</strong>ischen<br />

bis zur phantastischen<br />

Ausrichtung. Roald Dahl beispielsweise hat<br />

sowohl über s<strong>eine</strong> Erlebnisse im Weltkrieg kurz<br />

erzählt, wie er bei der Royal Air Force abgestürzt<br />

<strong>ist</strong>, als auch makabere, äußerst schwarzhumorige<br />

Krimis geschrieben. Inhaltlich ex<strong>ist</strong>ierten<br />

demzufolge k<strong>eine</strong> Grenzen. Worüber allerdings<br />

in der Anfangsphase heiß debattiert wurde, war<br />

der Sinn dieser dato neuen literarischen Form.<br />

Die Schriftsteller der short story haben sich<br />

damit hervorgetan, Argumente dafür zu finden,<br />

worin denn genau die explizite Stärke ihrer<br />

damals noch so neuartigen Prosa läge. Das <strong>ist</strong><br />

übrigens ein Aspekt, den ich persönlich hochinteressant<br />

finde. Damals haben die Künstler nicht


64<br />

artikel<br />

einfach nur Kunst gemacht, sie haben dazu<br />

passend ihre Philosophie von Kunst entwickelt<br />

und verbreitet. Die hatten noch <strong>eine</strong> Vision! iv<br />

Entgegen dem, was Helmut Schmidt, immerhin<br />

der beste Bundeskanzler, den unser Land jemals<br />

hatte, gesagt hat („Wer Visionen hat, sollte mal<br />

zum Arzt gehen!“), sind konkrete Vorstellungen<br />

von Ideen und Idealen nicht immer schlecht.<br />

Deswegen muss spätestens hier nun auch Edgar<br />

Allan Poe erwähnt werden, welcher mit s<strong>eine</strong>n<br />

Essays Das poetische Prinzip und Die Methode<br />

der Komposition v sehr darum bemüht war die<br />

Vorteile kurzer Geschichten zu betonen.<br />

Auch wenn er sich hier in erster Linie auf<br />

(s<strong>eine</strong>) Gedichte konzentrierte (Die Methode der<br />

Komposition kann quasi als schriftliches ‚Making-<br />

Of’ s<strong>eine</strong>s The Raven angesehen werden), sind<br />

für uns folgende s<strong>eine</strong>r Thesen immer noch von<br />

nicht zu unterschätzender Bedeutung:<br />

1. Einheit des Effekts:<br />

Das große Ziel <strong>eine</strong>r <strong>Kurzgeschichte</strong> muss ein<br />

emotionaler Effekt sein, der beim Leser erreicht<br />

werden soll. Edgar Allan spricht hier auch von<br />

„seelischer Erregung“. Es sei jetzt mal dahingestellt,<br />

um was es sich hier genau handeln könnte.<br />

Freude, Trauer, Betroffenheit, Ekel oder Angst.<br />

Hauptsache, die Prosa lässt niemanden kalt. Und<br />

diese Wirkung muss vom Autor akribisch konzipiert<br />

werden. Wenn allerdings der betreffende<br />

Text zu lang <strong>ist</strong>, um in <strong>eine</strong>m Stück gelesen<br />

werden zu können, tendiert dieser Effekt gegen<br />

Null. Deshalb kann nach Poe <strong>eine</strong> so propagierte<br />

Einheit nur dann zustande kommen, wenn es<br />

sich um <strong>eine</strong> kurze Geschichte handelt. Ansonsten<br />

wird der Leser durch die Unterbrechungen<br />

und Pausen wieder vollkommen aus der Hand-<br />

lung herausgeworfen und hat erhebliche Probleme<br />

sich das nächste Mal wieder gefühlsmäßig<br />

hinein zu versetzen. Will heißen, der Effekt<br />

funktioniert nicht (mehr). Wie bereits erwähnt<br />

hat Edgar Allan Poe diese Thesen in erster Linie<br />

an Gedichten aufgestellt, doch lassen sich die<br />

Prinzipien s<strong>eine</strong>r Gedanken problemlos auf<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong>n oder andere Medienprodukte<br />

übertragen. In diesem Sinne macht es dann auch<br />

Sinn, wenn wir uns die fehlende Einheit des<br />

Effekts an Filmen oder Serien im hiesigen privaten<br />

Fernsehen vergegenwärtigen. Dort sind die<br />

Unterbrechungen durch Werbeblöcke mehr als<br />

einmal mehr als störend. Es geht also um <strong>eine</strong><br />

konzeptionelle Reinheit.<br />

2. Wider die epische Manie:<br />

Aus diesem Grund soll <strong>eine</strong> „little length“ vi der<br />

große Vorsatz und das angestrebte Ziel sein.<br />

Minimal<strong>ist</strong>isch vom Umfang her soll der Text<br />

sein, aber um Himmels Willen bloß nicht zuuu<br />

kurz – sonst wäre es ein Epigramm und das will<br />

schließlich auch k<strong>eine</strong>r. Es gibt ja heute noch<br />

viele Autoren und Dichter, die nach der Devise<br />

‚Die Masse macht´s!’ schreiben. Eine solche<br />

Einstellung <strong>ist</strong> uralt. Poe nannte diese damals<br />

schon <strong>eine</strong> „epische Manie“. Aber die Länge <strong>ist</strong><br />

nicht immer ausschlaggebend (leider nein), denn<br />

viel hilft nicht immer viel, da sonst das Risiko<br />

besteht, dass die Quantität über die Qualität<br />

geht. Darum also: Fasse dich, aber kurz. Denn<br />

die große Kunst besteht darin, punktgenau auf<br />

den Punkt zu kommen. vii<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität


3. Der ketzerische Didaktizismus:<br />

Darüber hinaus kursiert noch <strong>eine</strong> weitere<br />

Fehlannahme in den Köpfen der Künstler. Ein<br />

regelrechter Aberglaube, jener nämlich über die<br />

‚Moral <strong>eine</strong>r Geschichte’. Viele ‚Dichter’ neigen<br />

ja dazu, sich gegen Ende ihrer Texte als Philosophen,<br />

Richter, Dozenten oder Moralapostel<br />

aufzuspielen und ihr Publikum belehren zu<br />

wollen. Gerade hier in Deutschland, im Land der<br />

Dichter und Denker, will ein jeder Dichter gerne<br />

auch noch ein Denker sein. viii Das <strong>ist</strong> Quatsch!<br />

Denn wie sagte schon Pier Paolo Pasolini? „Wir<br />

sind k<strong>eine</strong> Richter und wenn wir genau darüber<br />

nachdenken, werden wir befinden, dass das<br />

Ungewöhnliche, Bizarre nichts Anstößiges hat,<br />

… solange das Prinzip der Delikatesse nicht<br />

verletzt wird.“ Edgar Allan zufolge geht es allerdings<br />

nicht um das Schöne, das Wahre und Gute<br />

in s<strong>eine</strong>r fast schon scheinheiligen Dreifaltigkeit<br />

aus der Zeit des altehrwürdigen Klassizismus,<br />

sondern nur und ausschließlich nur um das<br />

Schöne, die Ästhetik wenn man oder frau so will.<br />

Denn der Leser soll ja überhaupt nichts lernen,<br />

sein Intellekt soll gar nicht stimuliert oder sein<br />

schlechtes Gewissen nicht angesprochen<br />

werden. Nein! Dafür sind andere Arten von<br />

Schriften zuständig. Weg vom Prädikat ‚pädago-<br />

gisch wertvoll’ lautet darum die Devise ix – Ars<br />

gratia artis! Es geht einzig und allein um die<br />

Schönheit, genauer die „rhythmische Schöpfung<br />

der Schönheit“. Alles andere habe dem nachzustehen.<br />

Ein Text wird also nur um s<strong>eine</strong>r selbst<br />

willen geschrieben oder komponiert – L’art pour<br />

l’art! Und eben nicht aus intellektuellen, ideologischen,<br />

politischen, ethischen oder emotionalen<br />

Gründen heraus. Der Dichter <strong>ist</strong> kein<br />

Richter, obwohl sich diese Bezeichnungen so<br />

unglaublich ähnlich anhören.<br />

<strong>Was</strong> <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> <strong>Kurzgeschichte</strong>? - von Markus Kügle<br />

artikel 65<br />

4. Die rhythmische Kreation der Schönheit:<br />

Unter ‚Rhythmischer Kreation’ versteht Poe<br />

nicht etwa, dass beim Schriftstellen gesungen<br />

oder Musik gehört werden soll. Vielmehr, dass<br />

die Geschichte in <strong>eine</strong>m klaren Takt erzählt<br />

werden muss, einfacher ausgedrückt: Sie muss<br />

<strong>eine</strong> strikte, vorher festgelegte Struktur besitzen.<br />

Diese Forderung mag unter Umständen ein<br />

wenig kontraproduktiv ersch<strong>eine</strong>n. Begreift sich<br />

doch ein jeder ‚Dichter’ in erster Linie als Künstler<br />

und stilisiert sich gern als <strong>eine</strong>n solchen. Eine<br />

so geartete Person will sich dann auch nicht an<br />

Regeln und Vorgaben halten, noch nicht einmal<br />

dann, wenn diese von ihm selbst kommen. Er<br />

will frei sein.<br />

Nicht eingezwängt in Konventionen und Formatvorgaben.<br />

Frei in allem, was er tut, sagt und<br />

schreibt. Will heißen, es geht (ihm) um das<br />

Talent. Ein solches hat man eben oder eben<br />

nicht. Ausschlaggebend <strong>ist</strong> einzig und allein die<br />

Inspiration, die Eingebung. Poetisch gesprochen<br />

der Kuss der Muse. Und wenn dieser <strong>eine</strong>m<br />

aufgedrückt worden <strong>ist</strong>, so die weitläufige<br />

Annahme, läuft es mit den literarischen Ergüssen<br />

wie geschmiert. Aber ein solches Konzept<br />

von Genie, von gottgegebendem Talent <strong>ist</strong> <strong>eine</strong><br />

romantische Vorstellung, oder genauer, <strong>eine</strong><br />

klassiz<strong>ist</strong>ische Idee. (Goethe sprach schon davon<br />

und hielt sich selbst[redend] für <strong>eine</strong>s!) Nichts<br />

gegen gute Einfälle, die gibt es und sind auch<br />

nötig. Doch sie allein bringen nichts. Erst wenn<br />

die Idee umgesetzt, wenn sie penibel ausgearbeitet<br />

wurde, kann von <strong>eine</strong>m (Kunst)Werk<br />

gesprochen und selbiges dann auch besprochen<br />

werden. Dies geschieht allerdings me<strong>ist</strong> wieder<br />

unter Zuhilfenahme dieser hübschen Legende<br />

vom Genie-Moment, dann nämlich, wenn die<br />

Künstler die Mär verbreiten, dass sie selbst kein


66<br />

artikel<br />

konkretes Erfolgsrezept besäßen und intuitiv,<br />

aus dem Bauch heraus schreiben. Ist ja auch <strong>eine</strong><br />

schöne Geschichte. Da hat der Autor Soundso<br />

s<strong>eine</strong>n bahnbrechenden Roman in <strong>eine</strong>r Phase<br />

künstlerischer Schaffenskraft in <strong>eine</strong>m Stück<br />

innerhalb <strong>eine</strong>s Tages und <strong>eine</strong>r Nacht geschrieben.<br />

Und das Ding <strong>ist</strong> perfekt! Ist doch prima, so<br />

was will ein jeder gerne glauben. x Und wenn sich<br />

die Geschichte dann auch noch flüssig liest,<br />

spricht eigentlich nichts gegen <strong>eine</strong> solche Herstellungslegende<br />

– bis auf die Tatsache, dass die<br />

Quatsch <strong>ist</strong>. Allgemein kann von folgender<br />

Relation ausgegangen werden: Fünf Prozent<br />

Inspiration, fünfundneunzig Prozent Transpiration.<br />

Das sagt zumindest der Volksmund. Und<br />

liegt damit gar nicht so falsch. Doch was <strong>ist</strong><br />

damit gemeint? Eben nicht (nur) Intuition,<br />

sondern vor allem Kalkül macht <strong>eine</strong> gute<br />

Geschichte aus. Klar gibt es immer wieder Leute,<br />

die frei von der Leber weg’ schreiben (oder es<br />

zumindest behaupten) und deren Prosa gut bis<br />

sehr gut <strong>ist</strong>. Doch sind das dann mit höchster<br />

Wahrscheinlichkeit jene, die langjährige Erfahrung<br />

haben und die ungeschriebenen Regeln<br />

und Gesetze der Dramaturgie mittlerweile schon<br />

automatisch befolgen, ohne groß und viel<br />

darüber nachzudenken. xi Gerade wenn es eben<br />

um den logisch formalen Aufbau der Handlung<br />

geht wird klar, dass das Schreiben eher ein<br />

Handwerk <strong>ist</strong>, ein äußerst diffiziles, phasenweise<br />

sogar beinahe ein mathematisches – der Buchautor<br />

muss so gesehen zu <strong>eine</strong>n gewissen Teil<br />

auch ein Buchhalter sein: Konzipieren, kalkulieren,<br />

organisieren, strukturieren, produzieren …<br />

Darum geht es!<br />

Edgar Allan Poe vertrat hierzu gar die Meinung,<br />

dass emotionale Effekte punktgenau<br />

geplant und gesetzt werden können (und auch<br />

müssen). Eine gute Exposition steuert somit klar<br />

auf <strong>eine</strong>n Höhepunkt zu. Jeder Gag <strong>ist</strong> getimt<br />

und mit den Schockeffekten verhält es sich<br />

ebenso. An dieser Stelle sei zudem auch noch<br />

erwähnt, dass Edgar Allan mit s<strong>eine</strong>r <strong>Kurzgeschichte</strong><br />

Der Doppelmord in der Rue Morgue<br />

(1841) quasi das Krimi-Genre erfunden hat. xii<br />

Gerade an dieser Literatur zeigt sich besonders,<br />

wie wichtig der dramaturgische und auch<br />

logische Aufbau <strong>eine</strong>r Handlung <strong>ist</strong>, damit diese<br />

auch spannungstechnisch funktioniert. Selbstverständlich<br />

soll der Forderung nach rhythmischer<br />

Kreation nun aber nicht bedeuten, dass<br />

immer dieselbe Geschichte erzählt werden<br />

muss. Kein Konstrukt aus Standard-Plots, altbekannten<br />

„überraschenden“ Wendungen, tradierten<br />

Grundkonflikte und hinlänglich<br />

bekannter Figurenkonstellationen, die sich<br />

schon tausendmal bewährt haben. Nee, so<br />

nicht! Das <strong>ist</strong> ja auf Dauer auch langweilig. Denn<br />

die Turbine der Routine produziert auf Dauer<br />

schließlich nichts als heiße Luft und damit gähnende<br />

Langeweile.<br />

5. Originalität:<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Es geht bei Schreiben allgemein schon um<br />

Einfallsreichtum. Und das will Edgar Allan auch<br />

gar nicht wegdiskutieren: »My first object (as<br />

usual) was originality« xiii , betont er darum auch.<br />

Deswegen soll der Anspruch an ein dichterisches<br />

Werk auch folgendermaßen aussehen: Original,<br />

originär und originell muss es sein. Um aber<br />

eventuellen Irrtümern gleich zuvor zu kommen:<br />

Kein Sammelsurium, k<strong>eine</strong> Ansammlung von<br />

höchst innovativen Ideen, welche sich am Ende<br />

doch nicht harmonisch zusammen fügen.<br />

Soetwas verwirrt den Leser und erhöht die


Gefahr, dass er den Überblick, den Nerv und das<br />

Interesse verliert. Eine überraschende Wendung<br />

<strong>ist</strong> paradoxerweise nur dann sinnvoll überraschend,<br />

wenn sie plausibel im Kontext der Handlung<br />

erscheint. Überhaupt lässt sich feststellen,<br />

dass schon mehr als zwei „bahnbrechende“<br />

Neuheiten ein Problem darstellen. Selten fügen<br />

sie sich nämlich zu <strong>eine</strong>m runden Ganzen. Eine<br />

Raffinesse, ein origineller Ansatz pro Geschichte<br />

reicht völlig aus. xiv Niemand muss das Rad neu<br />

erfinden, es reicht, wenn er <strong>eine</strong> hübsche Felge<br />

designt. Kurzum: Die fiebrige Suche nach ständiger<br />

Innovation macht so nur dann Sinn, wenn<br />

das Konzept von Innovation richtig begriffen<br />

wurde. Hat doch diese zuallererst in der neuartigen<br />

Kombination traditioneller Motive zu<br />

bestehen. Aus altem etwas neu gemacht. Innovation<br />

<strong>ist</strong> schließlich bei genauerer Überlegung<br />

auch „nur“ die Variation von Tradition und Konvention.<br />

6. Wahrheit in Kürze:<br />

Wie schon erwähnt, hat sich Edgar Allan nur<br />

sehr grob über <strong>eine</strong> ungefähre Länge von <strong>Kurzgeschichte</strong>n<br />

ausgelassen und die me<strong>ist</strong>en s<strong>eine</strong>r<br />

Forderungen können für jede Art von Erzähltext<br />

gelten. Darum lohnt es sich, zudem noch auf<br />

Ernest Hemingway einzugehen. Dieser vertrat<br />

vehement die Ansicht, dass ein Großteil des<br />

Textes weglassen werden kann – die Eisberg-<br />

Theorie. Die Leserschaft <strong>ist</strong> ja schließlich nicht<br />

dumm und kann selbst mit den spärlichsten<br />

Hinweisen ebenfalls <strong>eine</strong> packende Geschichte<br />

vor ihren ge<strong>ist</strong>igen Augen entstehen lassen –<br />

gesetzt dem Fall, der Autor schreibt die Wahrheit.<br />

Dies war für Hemingway der bedeutende<br />

Punkt. Diesbezüglich stimmte er auch mit Poes<br />

<strong>Was</strong> <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> <strong>Kurzgeschichte</strong>? - von Markus Kügle<br />

artikel 67<br />

Ablehnung der epischen Manie voll und ganz<br />

überein. Jetzt kann natürlich über den diffusen<br />

Begriff Wahrheit selbstredend endlos diskutiert<br />

werden. <strong>Was</strong> das genau sein soll und ob es<br />

überhaupt die EINE Wahrheit gibt … selbst die<br />

größten Ge<strong>ist</strong>eswissenschaftler hatten und<br />

haben damit erhebliche Probleme. Doch kann,<br />

um dieses Wort mit s<strong>eine</strong>r abstrakten Bedeutung<br />

für unsere Zwecke zu vereinfachen, um es<br />

griffiger zu machen, Hemingway dahingehend<br />

interpretiert werden, dass der Autor ein<br />

gewisses Maß an Ehrlichkeit vermitteln muss.<br />

Dies nicht unbedingt was die Konstruktion s<strong>eine</strong>r<br />

Geschichte angeht, sonst wären ja alle Schreiber<br />

phantastischer Literatur schlichtweg Lügner,<br />

sondern eher, was das logisch und emotional<br />

glaubwürdig motivierte Handeln der Figuren<br />

angeht. Das muss echt, es muss authentisch xv<br />

sein. Ausgehend von <strong>eine</strong>r solchen These soll es<br />

dann auch mit <strong>eine</strong>r guten Geschichte funktionieren.<br />

Dann nämlich kann alles Überflüssige<br />

rigoros weggelassen werden, die Erzählung sich<br />

aufs Wesentliche beschränken. Den Rest macht<br />

der Leser mit s<strong>eine</strong>r Phantasie und Vorstellungskraft.<br />

Als gutes Beispiel kann hierfür die kürzeste<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong> der Welt herangezogen werden,<br />

die (natürlich, von wem auch sonst?) von Ernest<br />

geschrieben wurde: „Baby Shoes for sale, never<br />

worn.“ Worum es in diesen sechs Wörtern geht,<br />

<strong>ist</strong> bei genauerem Nachdenken über die ‚Situation’,<br />

<strong>eine</strong> Familientragödie. Und wenn sich der<br />

Leser dies vor Augen führt, entsteht dann auch<br />

tatsächlich <strong>eine</strong> regelrecht klassisch anmutende<br />

Geschichte mit <strong>eine</strong>m klaren Anfang, <strong>eine</strong>m<br />

tragischen Mittelteil und <strong>eine</strong>m offenem Ende.<br />

Soviel also zum Thema ‚Auf den springenden<br />

Punkt kommen’, was in etwa der Poe’schen Idee<br />

von der Einheit des Effekts entspricht.


68<br />

artikel<br />

Nichts <strong>ist</strong> so langweilig, wie dem Leser etwas<br />

zu (be)schreiben, was er eh’ schon kennt. xvi<br />

Darum: Alles so weit wie möglich komprimieren<br />

und reduzieren. Die Geschichte einkochen aufs<br />

Wesentliche. Allerdings bloß nicht vergessen,<br />

dass sie wahr (=aber nicht im Sinne von wirklich<br />

passiert!) sein muss. Dann kann bei <strong>eine</strong>r kurzen<br />

Geschichte auch von <strong>eine</strong>r <strong>Kurzgeschichte</strong><br />

gesprochen werden. Und Eisberg-Theorie<br />

nannte Hemingway s<strong>eine</strong> Überlegungen, weil ja<br />

bei <strong>eine</strong>m Eisberg der größte Teil, schätzungsweise<br />

sieben Achtel, auch nicht sichtbar aus dem<br />

<strong>Was</strong>ser ragt. Die Spitze des Eisberges soll demzufolge<br />

<strong>eine</strong> Metapher für die Geschichte sein,<br />

der Rest <strong>ist</strong> quasi die Vorgeschichte, die sich der<br />

Leser aus den kurzen, knappen, prägnanten<br />

‚Informationen’ selbst zusammen reimen kann.<br />

<strong>Was</strong> wird <strong>eine</strong> <strong>Kurzgeschichte</strong> sein?<br />

Zusammenfassend kann nun behauptet<br />

werden, dass <strong>eine</strong> <strong>Kurzgeschichte</strong> <strong>eine</strong> vom<br />

Verleger vorgeschriebene Länge und davon<br />

abgesehen, <strong>eine</strong> Einheit des Effekts besitzen<br />

muss. Ferner soll sie rhythmisch kreiert sein und<br />

sollte k<strong>eine</strong>n ketzerischen Didaktizismus oder<br />

<strong>eine</strong> epische Manie beinhalten. Und sie soll<br />

wahrhaftig und echt rüberkommen können. Auf<br />

inhaltlicher Ebene zudem kreative Funken sprühen,<br />

wobei <strong>eine</strong> einzige Raffinesse vollkommen<br />

ausreicht, womit wir wieder bei den drei O´s<br />

wären: original, originell und originär.<br />

Bei genauerer Überlegung fällt nun aber auf,<br />

dass die Herren Poe und Hemingway es damals<br />

schlichtweg leichter hatten. Beide publizierten<br />

ihre <strong>Kurzgeschichte</strong>n in Zeitungen und hatten<br />

jeweils genaue Angaben, wie viel Zeichen,<br />

Wörter, Seiten ihr Werk ausmachen durfte. Wie<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

schon erwähnt galt hier durchschnittlich ein<br />

Maß von fünfzehn Seiten. Doch so einfach <strong>ist</strong> es<br />

nicht (mehr), die Länge <strong>eine</strong>r <strong>Kurzgeschichte</strong> zu<br />

eichen, normieren oder zu kalibrieren – schade<br />

eigentlich. Diese Maximallängen gehören der<br />

Vergangenheit an. Im Zuge <strong>eine</strong>s regelrechten<br />

Booms der Zeitschriftenindustrie xvii , mittlerweile<br />

gibt es selbst zu den unpopulärsten und seltensten<br />

Hobbys ein eigenes Magazin, wuchs zwar die<br />

Nachfrage an <strong>Kurzgeschichte</strong>n erheblich, doch<br />

es wurde, gemäß Hemingways Forderung nach<br />

‚Wahrheit in Kürze’, der Wert der vorgegebenen<br />

Maximallänge sukzessive herabgesetzt. Egal ob<br />

in der Bravo oder in der Neon, in Muttis Hausfrauenmagazin<br />

oder Papis Kegelclubzeitung:<br />

Wenn es dort die Rubrik <strong>Kurzgeschichte</strong> gibt,<br />

umfassen diese literarischen Werke zume<strong>ist</strong><br />

<strong>eine</strong>n Umfang von höchstens zwei bis drei Seiten<br />

– allerhöchstens! Edgar Allan hätte diese Prosa<br />

wohl dann eher doch als Epigramme bezeichnet<br />

und sich als großer Freund von <strong>Kurzgeschichte</strong>n<br />

und Verfechter dieser speziellen literarischen<br />

Gattung im Grabe umgedreht …<br />

Jetzt könnte angenommen werden, dass sich<br />

diesbezüglich seit den Veröffentlichungsmög-<br />

lichkeiten von kurzen Geschichten xviii im Internet<br />

etwas getan hätte. Ein Umschwung vielleicht?<br />

Ein radikaler Wandel in der grundlegenden<br />

Konzeption der short stories … <strong>eine</strong> Revolution<br />

oder Evolution möglicherweise …? Gerade weil<br />

es doch k<strong>eine</strong> strikten Vorgaben mehr geben<br />

muss, wie lang die Erzählungen sein dürfen.<br />

Schließlich <strong>ist</strong> doch jetzt ‚Platz’, also Speicherplatz<br />

in nicht enden wollendem Maß vorhanden,<br />

so scheint es. Und billig bis kostenlos! xix Das <strong>ist</strong><br />

ja auch ein wichtiger Aspekt, weswegen Herausgeber<br />

immer so kleinkrämerisch ihre (str)engen


Vorgaben mach(t)en. Wie teuer <strong>ist</strong> denn die<br />

Herausgabe <strong>eine</strong>s eBooks schon, verglichen mit<br />

den Kosten <strong>eine</strong>s Buchdrucks? Doch im Netz gibt<br />

es weltweit und breit k<strong>eine</strong>n Admin<strong>ist</strong>rator, der<br />

sich in <strong>eine</strong>m Forum als erbsenzählender Verleger<br />

aufspielt und <strong>eine</strong> Veröffentlichung lediglich<br />

aus Platzgründen untersagt. (Und wenn doch,<br />

gibt es immer noch die Möglichkeit, die<br />

Geschichte in mehren kl<strong>eine</strong>n Teilen direkt<br />

nacheinander zu posten) So gesehen müssten<br />

nun die <strong>Kurzgeschichte</strong>n wieder ihre stattliche<br />

Länge aus der Anfangszeit um 1820-40 von<br />

mindestens fünfzehn Seiten erreichen, oder sich<br />

gar auf fünfzig ausbreiten, wo Mike Scofield ja<br />

die endgültige Grenze zur Novelle ausgemacht<br />

hat. Es spräche schließlich nichts dagegen – in<br />

k<strong>eine</strong>r Hinsicht. Die Formatvorgaben haben sich<br />

eben mit dem Medium geändert und sollten<br />

somit obsolet geworden sein ...<br />

Pustekuchen! K<strong>eine</strong> nennenswerte Weiterentwicklung<br />

hat es auf diesem Terrain gegeben!!<br />

Obwohl grob seit Ende der 1990er Jahre <strong>Kurzgeschichte</strong>n<br />

in großer Zahl im WWW gepostet<br />

werden, haben wir es hier – bei manchen abgesehen<br />

von der Qualität – immer noch mit denselben<br />

Produkten zu tun, wie sie in Printmedien<br />

veröffentlicht werden. Die allgemein verbindliche<br />

Länge der <strong>Kurzgeschichte</strong> hat sich unausgesprochen<br />

einvernehmlich im Rahmen von ein<br />

bis zwei Seiten etabliert. Es scheint, als ob<br />

vollkommen grundlos bis heute die Devise gilt,<br />

dass die Form(atierung) den Inhalt bestimmt.<br />

Beim Dichter genau so, wie beim Leser. Also Stil<br />

über Substanz? Es wäre schon schön so lesen,<br />

wenn es hier einmal umgekehrt der Fall wäre.<br />

Ein Inhalt, der s<strong>eine</strong> Form bestimmt.<br />

© 2011 by Markus Kügle<br />

<strong>Was</strong> <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> <strong>Kurzgeschichte</strong>? - von Markus Kügle<br />

� Bei der Bibel verhält es sich im übrigen vom Prinzip her ähnlich<br />

…<br />

�� Und auch k<strong>eine</strong>n Fortsetzungsroman! Obwohl die ersten<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong>n nach heutigem Standard geradezu<br />

verschwenderisch viel Platz einnahmen. Ein grober Richtwert war<br />

damals um die fünfzehn Seiten.<br />

��� Ausnahmen gibt es. Aber nur wenn ein bekannter Name als<br />

Verkaufsargument angeführt werden kann. Siehe Stephen King,<br />

Ephraim Kishon, …<br />

�� Im radikalen Gegensatz zu den Künstlern von heute. Die reden<br />

nicht mehr primär über ihr Werk, sondern erzählen stattdessen<br />

lieber so <strong>eine</strong>n Humbug, dass sie Nazis wären oder so …<br />

� Für Interessierte zum Nachlesen:<br />

http://www.matoni.de/dichtk/poeint1.htm<br />

�� http://www.eapoe.org/works/essays/poetprnb.htm<br />

��� Um dem zu entsprechen <strong>ist</strong> dieser Absatz auch der kürzeste in<br />

diesem Artikel.<br />

���� Siehe Martin Walser, Günter Grass, …<br />

�� Auch wenn das Herrschaften wie Bert Brecht gar nicht gefallen<br />

würde …<br />

� Mozart soll ja auch so begnadet gewesen sein, also ‚Amadeus’<br />

(von Gott geliebt) und konnte angeblich aus dem Kopf<br />

komponieren, ohne Musikinstrument und Notenblätter.<br />

�� Exemplifiziert werden können hierfür in erster Linie<br />

Vielschreiber wie Stephen King und Terry Pratchett.<br />

��� Arthur Canon Doyle hat dieses Prinzip für s<strong>eine</strong>n Sherlock<br />

Holmes nahezu deckungsgleich übernommen und damit <strong>eine</strong>n<br />

weiteren bedeutenden Grundstein für die Kriminalgeschichten<br />

gelegt.<br />

���� http://www.improvent.net/projekte/metz.html<br />

��� Vor allem bei <strong>eine</strong>r <strong>Kurzgeschichte</strong>!<br />

artikel 69<br />

�� Wobei es sich mit ‚Authentizität’ als Begrifflichkeit ähnlich<br />

verhält, wie mit ‚Wahrheit’.<br />

��� Das werden spätestens an dieser Stelle die Leser bestätigen<br />

können, die mit den Thesen Poes oder Hemingways bereits<br />

hinlänglich vertraut sind.


70<br />

artikel<br />

���� Grob ab den 1960er Jahren datiert.<br />

����� Nicht alle, nein wirklich nicht alle können als <strong>Kurzgeschichte</strong>n<br />

bezeichnet werden.<br />

��� Je nachdem, ob auf eigener Homepage oder <strong>eine</strong>m Forum<br />

veröffentlicht wird.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

© Markus Schüler


Das Luftschiff<br />

Mit <strong>eine</strong>m Dumpfen laut schlug die Axt jedes<br />

Mal tiefer in den Stamm hinein. Die Rinde des<br />

Baumes vibrierte dabei jedes Mal und platzte<br />

teilweise vom Stamm ab. Um ihn herum prasselten<br />

dann jedes Mal unzählige kl<strong>eine</strong> Rindenstücke<br />

herab. Joy zog dann immer den Kopf ein und<br />

wartete ab. Erst wenn der Regen aus Rindenteilen<br />

aufgehört hatte, schlug er erneut mit s<strong>eine</strong>r<br />

Axt zu.<br />

Bereits seit mehreren Stunden arbeitete Joy<br />

daran, diesen Baum zu fällen. Inzwischen hatte<br />

er die Hälfte des nur <strong>eine</strong>n Meter durchmessenden<br />

Baumes durchtrennt. Er richtete sich<br />

ächzend auf, schlug die Axt in <strong>eine</strong> freiliegende<br />

Wurzel und ging einige Schritte zurück. Der<br />

Grasboden federte dabei ein wenig unter s<strong>eine</strong>n<br />

Schritten, aber das nahm er schon gar nicht<br />

mehr wahr. Er hatte sich bereits an den ungewöhnlichen<br />

Boden dieser Welt gewöhnt. An was<br />

er sich allerdings immer noch nicht gewöhnen<br />

konnte, obwohl er nun schon seit etwa <strong>eine</strong>m<br />

Jahr hier im Hochwald lebte, waren die unheimlichen<br />

gigantischen Bäume, die es hier gab.<br />

Allein das Wurzelgeflecht dieser Bäume ragte<br />

viele Meter über den Grasboden hinaus und ging<br />

dann in <strong>eine</strong>n dicken geraden Stamm über. Diese<br />

Stämme waren bedeckt mit <strong>eine</strong>r glatten bräunlichen<br />

Rinde. Ganz anders als die Rinde, die Joy<br />

von den irdischen Bäumen her kannte. Dass<br />

diese Rinde sehr spröde war und sehr leicht<br />

abplatzte, hatte er bereits herausbekommen.<br />

kurzgeschichte 71<br />

Andreas Blome - JOMIKEL 1<br />

JOMIKEL - Teil 1<br />

von Andreas Blome<br />

Die ersten Äste lagen in fast unerreichbaren<br />

Höhen von etwa dreißig bis vierzig Metern über<br />

ihm.<br />

Joys Blick wanderte höher. Die Wipfel lagen<br />

rund 80 Meter hoch. Diese Baumkronen waren<br />

es auch die Joy immer wieder daran erinnerten,<br />

dass er sich nicht in <strong>eine</strong>m irdischen Wald befand.<br />

Die Baumkronen trugen nämlich k<strong>eine</strong>rlei Blätter,<br />

obwohl sie dicht und mit viel grün bewachsen<br />

waren. Mit dem bloßen Auge war es sehr<br />

schwer, zu erkennen. Aber mit s<strong>eine</strong>m Teleskop<br />

hatte er es in allen Einzelheiten sehen können.<br />

Die vielen Äste der Bäume waren umhüllt von<br />

<strong>eine</strong>m dünnen grünen Gespinst. Es wuchs aus<br />

den vielen Ästen heraus und verband sich mit<br />

dem Gespinst der übrigen Äste. Zusammen<br />

bildete es <strong>eine</strong> undurchdringliche Gespinstwolke<br />

um den oberen Teil des Baumes.<br />

Auch alle Nachbarbäume trugen das gleiche<br />

Gespinst als Krone auf ihren Ästen. Zudem<br />

standen sie so dicht beieinander, dass ihre<br />

Kronen sich berührten und den Blick in den<br />

Himmel verwehrten. Dazwischen ex<strong>ist</strong>ierten<br />

allerdings noch zahlreiche kl<strong>eine</strong>re Arten der<br />

Mammutbäume. Diese Art von Baum hatte er<br />

dann auch treffend 'Gespinstbaum' genannt.<br />

Diese Baumart war hier im Hochland ansch<strong>eine</strong>nd<br />

die am häufigsten vorkommende Art.<br />

Jedenfalls hatte er bisher nur sehr wenige<br />

andere Arten von Bäumen gesehen. Alle<br />

anderen Baumarten hatten ebenfalls passende<br />

Namen bekommen. So gab es hier dann noch


72<br />

kurzgeschichte<br />

den 'Hochlandbaum', weil er fast doppelt so<br />

hoch war wie alle anderen. Einen 'Kerzenbaum',<br />

<strong>eine</strong>n 'Dornenkugelbaum' oder auch den 'Wurzelbaum'.<br />

Jetzt im Augenblick war er dabei <strong>eine</strong>n kl<strong>eine</strong>n<br />

Ableger, <strong>eine</strong>s Hochlandbaumes zu fällen. Aus<br />

s<strong>eine</strong>m Stamm ließen sich die notwendigen<br />

Bretter herausschlagen, die er für das Luftschiff<br />

brauchte. An diesem Bauprojekt arbeitete er<br />

jetzt bereits ein halbes Jahr lang. Und zahlreiche<br />

Baumableger hatten bis jetzt daran glauben<br />

müssen.<br />

Joy überprüfte noch einmal die Richtung, in die<br />

der Baumableger fallen sollte, und begann dann<br />

mit der Axt die andere Stammseite zu bearbeiten.<br />

Eine halbe Stunde später begann sich der<br />

Baum leicht zu neigen. Aber noch hielt ihn sein<br />

Kronengespinst an den unteren Ästen der<br />

benachbarten Bäume fest. Joy wusste das,<br />

dieses Gespinst sehr reißfest war. Wenn er Pech<br />

hatte, blieb der Baum sogar an den Ästen der<br />

Nachbarbäume hängen und s<strong>eine</strong> ganze Arbeit<br />

war umsonst gewesen.<br />

Aber er hatte Glück. Der Stamm neigte sich<br />

unter s<strong>eine</strong>m eigenen Gewicht immer stärker<br />

zum Boden herab. Knallend und knirschend riss<br />

sich hoch oben das Gespinst aus den benachbarten<br />

Ästen heraus. Joy hatte bereits beim ersten<br />

Anzeichen des Fallens das Weite gesucht. Die<br />

einzelnen Fäden des Kronengespinsts dehnten<br />

sich um ein Vielfaches ihrer ursprünglichen<br />

Länge, bevor sie dann rissen. Die zurückpeitschenden<br />

Fäden konnten durchaus schwere<br />

Verletzungen hervorrufen. Als immer mehr<br />

Gespinstfäden rissen, fiel der Hochlandbaum<br />

endgültig herab. Mit <strong>eine</strong>m dumpfen Laut schlug<br />

er in den Grasboden hinein.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Erst einige Minuten später näherte sich Joy<br />

dem Baumriesen. Hoch oben im Kronendach der<br />

Bäume war durch den Wegfall des Ablegers <strong>eine</strong><br />

kl<strong>eine</strong> Lücke entstanden, durch die nun ein<br />

wenig rötliches Licht herabschien. Viel war es<br />

nicht, da sich dieser Wald in <strong>eine</strong>r Nachtregion<br />

dieser Welt befand. Aber es erhellte nun ein<br />

wenig mehr s<strong>eine</strong> Umgebung, wenn auch nur in<br />

<strong>eine</strong>m kl<strong>eine</strong>n Bereich.<br />

Joy setzte sich auf den langen Stamm des nun<br />

hingestreckten Baumes und aß etwas von<br />

s<strong>eine</strong>m mitgebrachten Fleisch. Bis auf den Wind<br />

war es nun ruhig im Wald. Die kl<strong>eine</strong>ren Tiere,<br />

die in den Gespinsten der Bäume lebten, waren<br />

durch den lauten Fall des Baumes verschreckt<br />

worden. Aber nach wenigen Minuten war die<br />

Geräuschkulisse wieder da. Während Joy sich<br />

von der anstrengenden Holzfällerarbeit ein<br />

wenig erholte, gingen s<strong>eine</strong> Gedanken ein wenig<br />

in der Zeit zurück.<br />

Seit etwa anderthalb Jahren lebte er nun in<br />

dieser künstlichen Welt dieser Ringwelt. Begonnen<br />

hatte es damit, dass er bei <strong>eine</strong>r Expedition<br />

durch <strong>eine</strong>n plötzlichen Windstoß in <strong>eine</strong>n Transmitter<br />

geschleudert worden war. Ihm war nichts<br />

weiter passiert, außer der Tatsache dass Er<br />

niemanden aus s<strong>eine</strong>r Expeditionscrew wiederfand.<br />

Außer dem Transmitter und ihm selbst gab<br />

es nichts um ihn herum. Von dem Moor, in dem<br />

der Transmitter stand mal abgesehen. Es war<br />

nichts vom Helikopter zu sehen, der ihn hergebracht<br />

hatte oder auch von den technischen<br />

Geräten mit denen sie diesen Transmitter erkunden<br />

wollten.<br />

Das war der Beginn s<strong>eine</strong>r Suche gewesen.<br />

Durch <strong>eine</strong> Nachricht, die ihm hinterlassen<br />

worden war, wurde ihm dann endgültig klar,


dass er in <strong>eine</strong> unbekannte Zukunft geschleudert<br />

worden war. Der Transmitter hatte ihn durch die<br />

Zeit geschickt. Wie weit konnte er nicht sagen.<br />

Die K<strong>ist</strong>e in der sich die Nachricht und einige<br />

andere Dinge befunden hatten, war aus Kunststoff<br />

gewesen und hatte somit überdauert. Nicht<br />

so die Kleider und Karten, die sich darin befunden<br />

hatten. Von ihnen hatte er nur noch Reste<br />

und Staub vorgefunden. Die einzige Nachricht<br />

die die Zeit überdauert hatte war in dem Griffstück<br />

s<strong>eine</strong>s Samureischwertes versteckt gewesen.<br />

Joy wischte sich die fettigen Hände trocken<br />

und holte sie wieder einmal hervor.<br />

Hallo Joy.<br />

Ich freue mich, wenn Du diesen Brief<br />

lesen wirst. Denn das bedeutet, dass Du<br />

hierher zurückgefunden hast. Wahrscheinlich<br />

hast Du die Pakete bereits ausgepackt.<br />

Falls nicht, dann tue es noch. Du wirst die<br />

Reservekombi, <strong>eine</strong> Kunststoffplane, <strong>eine</strong><br />

Karte, <strong>eine</strong> Flasche <strong>Was</strong>ser, ein Seil, und<br />

die Medobox finden. Dein Schwert hast Du<br />

ja bereits in der Hand. Folgendes <strong>ist</strong> passiert<br />

nachdem Du plötzlich verschwunden<br />

warst. Mark rief an und teilte mir mit, dass<br />

<strong>eine</strong> Funkverbindung zur ODYSSEUS hergestellt<br />

worden war. Von ihr erfuhren wir,<br />

dass es an Bord der SITAE ein Giftgasattentat<br />

gegeben hatte und das Schiff entführt<br />

worden <strong>ist</strong>. Etwa die Hälfte der<br />

Besatzung hat sich zum Nabenraumhafen<br />

retten können. Wie weit diese alles der<br />

Wahrheit entspricht kann ich nicht sagen.<br />

Mark hat den Befehl erhalten die Expedition<br />

abzubrechen und zum Nabenraumhafen<br />

zu fliegen. Ich habe vierundzwanzig<br />

kurzgeschichte 73<br />

Andreas Blome - JOMIKEL 1<br />

Stunden herausgepresst, um auf dich zu<br />

warten. In der Zeit habe ich versucht, das<br />

Gegengerät des Transmitters zu finden.<br />

Vergeblich, denn der Scanner hat ja nur<br />

<strong>eine</strong> Reichweite von 30 Kilometern. Auf<br />

der Karte, die ich angefertigt habe, wirst<br />

Du die groben geographischen Umrisse<br />

der benachbarten Regionen finden. Inwieweit<br />

sie Dir von Nutzen sind, kann ich nicht<br />

sagen. Folgendes solltest Du tun. Versuche<br />

die Höhle zu erreichen. Ich werde dort den<br />

Helikopter und ein paar andere Dinge<br />

stationieren. Außerdem werde ich das<br />

Funkgerät des Helikopters in der Transmitterhalle<br />

des Ringraumhafens zurücklassen.<br />

Damit kannst Du dann über die Sonde<br />

und den Nachrichtensatelliten uns wieder<br />

erreichen. Viel Glück und melde Dich<br />

schnellstens wieder.<br />

Claudia<br />

Claudia war es damals nicht klar geworden,<br />

dass es sich bei dem Transmitter um <strong>eine</strong>n<br />

Zeittransmitter handelte. Folglich gab es auch<br />

kein Gegengerät. Aber das konnte er ihr nun<br />

nicht mehr mitteilen denn sie waren durch <strong>eine</strong><br />

unbekannte Zeitspanne getrennt. Er hatte<br />

damals den Weg zur Höhle wiedergefunden.<br />

Aber dort hatte es inzwischen <strong>eine</strong>n Bergrutsch<br />

gegeben und der Eingang zum Nabenraumhafen<br />

war verschüttet worden. Lange Zeit hatte er<br />

versucht ihn wieder auszugraben aber es war<br />

ihm nur teilweise gelungen. Als er an die Stelle<br />

ankam wo sich eigentlich die Transportröhre<br />

befinden musste fand er nur Sand und St<strong>eine</strong><br />

vor. Irgendein Schutzmechanismus musste<br />

während des Erdrutsches die Transportröhre in<br />

Sicherheit gebracht haben. Für ihn hieß das, dass<br />

er in dieser Welt festsaß.


74<br />

kurzgeschichte<br />

Etwa ein halbes Jahr lang unternahm er von<br />

s<strong>eine</strong>r Höhle aus Erkundungsflüge mit dem<br />

Helikopter. Als Marks übriggebliebene Expedition<br />

überstürzt aufgebrochen war, hatten sie<br />

tatsächlich einige Dinge zurückgelassen. Den<br />

Helikopter und einige K<strong>ist</strong>en mit Werkzeugen.<br />

Bei s<strong>eine</strong>r Suche nach weiteren Höhlen hatte er<br />

Erfolg gehabt, aber die Transportröhren, die ihn<br />

wieder in das interne Verkehrsnetz der Ringwelt<br />

zurückbringen würden, fand er nicht.<br />

Bei dieser Suche bemerkte er auch, dass die<br />

Energiezelle des Helikopters immer schwächer<br />

wurde. Sobald sie ganz ausfiel, wäre der Helikopter<br />

nutzlos geworden. Damals hatte Joy den<br />

Entschluss gefasst, hier ins Hochland umzusiedeln.<br />

Einen weiteren Ausschlag zur Umsiedlung<br />

war das Wetter gewesen. Die Höhle befand sich<br />

rund elf Kilometer über der Torusebene und<br />

damit inmitten der Wolkenschicht. Jeder Regenschauer<br />

fand Eingang zur Höhle. Die Hochebene,<br />

die sich fünfundzwanzig Kilometer über der<br />

Torusebene befand, lag dagegen weit über der<br />

Wolkenschicht.<br />

Joy hatte mehrere Helikopterflüge unternehmen<br />

müssen, um alle K<strong>ist</strong>en ins Hochland zu<br />

bringen. Dabei wurde ihm dann auch klar,<br />

warum die Energiezelle immer schwächer<br />

wurde. Normalerweise speicherte sie die Sonnenenergie<br />

und gab sie als elektrische Le<strong>ist</strong>ung<br />

wieder ab. Sonnenenergie aber gab es in dieser<br />

Nachtregion unterhalb <strong>eine</strong>r Speiche nicht sehr<br />

viel. Infolgedessen speicherte die Zelle nicht<br />

allzu viel Energie. Jeder Flug verbrauchte mehr<br />

Energie als nachgeladen wurde. Seitdem verzichtete<br />

Joy auf Helikopterflüge. Wenig später war<br />

ihm dann die Idee mit dem Luftschiff gekommen.<br />

Vorsichtig faltete Joy den Brief wieder zusammen<br />

und steckte ihn ein. Gedanken an das<br />

Verlorene konnten ihm jetzt nicht helfen. Er<br />

packte Brief und Nahrung wieder weg. Dann<br />

begann er, sich an das Abtrennen der Äste zu<br />

machen. Das Gespinst trennte er mit s<strong>eine</strong>m<br />

Schwert dicht über den Ästen ab und trug es<br />

einige Meter beiseite. Anfangs hatte er es noch<br />

mit der Axt versucht, aber die Schneide war<br />

einfach nicht scharf genug. Seitdem benutzte er<br />

sein Schwert dazu. Dann trennte er mit der Axt<br />

den Baum in etwa fünf Meter lange Stücke. Als<br />

der so zerteilte Baum vor ihm lag, hörte er auf.<br />

»Das reicht für heute.«<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Wie immer wenn er s<strong>eine</strong> eigene Stimme<br />

hörte, erschrak er ein wenig. Sie schien ihm<br />

irgendwie seltsam fremd zu sein. Irgendein<br />

Bestandteil der Luft veränderte das Klangverhalten<br />

der Töne, die s<strong>eine</strong> Stimmbänder erzeugten.<br />

Außerdem fehlte ihm ein Gesprächspartner.<br />

Aber wo sollte der wohl herkommen. Andere<br />

intelligente Lebewesen hatte er bisher nicht<br />

gefunden. Entweder lebten sie nicht im Torus<br />

der Ringwelt oder sie waren bereits ausgestorben.<br />

Ex<strong>ist</strong>iert haben mussten sie irgendwann<br />

einmal, denn wer sonst konnte diese riesige<br />

wagenradähnliche Raumstation gebaut haben.<br />

Joy dachte seit s<strong>eine</strong>r Ankunft darüber nach, ob<br />

es außer ihm noch andere intelligente Lebewesen<br />

hier gab. Die Hälfte der ursprünglichen<br />

Mannschaft der SITAE lebte jetzt wahrscheinlich<br />

in der Nabenkugel dieser Raumstation. Dorthin<br />

konnte er beim besten Willen nicht. Sie lag rund<br />

3000 Kilometer senkrecht über ihm. Im Augenblick<br />

<strong>eine</strong> unüberwindbare Entfernung für ihn.<br />

Joy schulterte s<strong>eine</strong> Axt und begann zu s<strong>eine</strong>r<br />

Unterkunft zurückzulaufen. Sie lag von hier aus


gesehen, rund 600 Meter weiter westlich, nahe<br />

am Steilhang. Mit dem Helikopter war es unmöglich<br />

gewesen, irgendwo mitten im Hochwald zu<br />

landen. Es hatte nirgends freie Flächen gegeben.<br />

Nur direkt am Rande der Hügelkette gab es<br />

stellenweise einige Lichtungen. Genau am Rande<br />

des Hochwaldes hatte er s<strong>eine</strong> Unterkunft<br />

gebaut.<br />

Das dunkle rötliche Licht hier im Wald war ihm<br />

damals als stockdunkel vorgekommen. Inzwischen<br />

hatten sich s<strong>eine</strong> Augen aber an die<br />

gedämpfte Helligkeit gewöhnt. In diesem rötlichen<br />

Zwielicht tauchten immer wieder die<br />

mächtigen Stämme der Hochwaldbäume auf.<br />

Zwischen ihnen wuchs nichts als Gras. Joy hatte<br />

auf s<strong>eine</strong>n Erkundungen hier noch niemals<br />

Büsche oder Sträucher gefunden. Es schien fast<br />

so, als ob das Hochland <strong>eine</strong> eigene von der<br />

Torusebene unabhängige Welt war.<br />

Jedes Mal wenn Joy durch den Wald ging, hatte<br />

er das Gefühl durch <strong>eine</strong> riesige Kirche zu gehen.<br />

Die Bäume bildeten die Säulen und das grüne<br />

Gespinst das Dach der Kirche. Wenn es windstill<br />

war, wurde dieses Gefühl noch durch die<br />

unheimliche Stille vergrößert. Aber wenn man<br />

genau hinhörte, konnte man die Geräusche<br />

vieler kl<strong>eine</strong>rer Tiere hoch oben im Gespinst<br />

wahrnehmen. Große Tiere, die auf dem Waldboden<br />

lebten, hatte er bisher noch nicht gesehen.<br />

Vor ihm wurde es zwischen den Stämmen<br />

heller. Er näherte sich dem Waldrand. Zwischen<br />

dem Waldrand und der Hügelkette lag ein etwa<br />

30 Meter breiter Streifen freies Grasland. Er zog<br />

sich über einige Hundert Meter in beide Richtungen<br />

hin. Etwa in der Mitte stand sein Helikopter,<br />

dicht am Waldrand versteckt. Nicht weit<br />

kurzgeschichte 75<br />

Andreas Blome - JOMIKEL 1<br />

davon hatte er s<strong>eine</strong> Unterkunft im Hohlraum<br />

<strong>eine</strong>s Wurzelbaumes gebaut.<br />

Joy verließ den Wald und überquerte den<br />

Grasstreifen. Er wollte noch <strong>eine</strong>n Blick in die<br />

Torusebene hinabwerfen, die gleich hinter der<br />

Hügelkette begann. Es dauerte nicht lange, um<br />

die mit Gras bewachsene Hügelkette zu erklettern.<br />

Von hier aus hatte man dann <strong>eine</strong>n überwältigenden<br />

Ausblick. Nur wenige Meter vor ihm<br />

fiel der Boden mit fünfundsiebzig Grad Neigung<br />

hinab ins Bodenlose. Jedenfalls schien es so. In<br />

Wirklichkeit ging es nur 25 Kilometer tief hinab.<br />

Aber das war immer noch dreimal so hoch wie<br />

der höchste Berg der Erde, der Mount Everest<br />

mit s<strong>eine</strong>n über 8000 Metern.<br />

Der Steilhang war wild bewachsen mit Sträuchern,<br />

Büschen und sogar Bäumen. Aber merkwürdigerweise<br />

hatte es bisher kein Strauch oder<br />

Busch geschafft, hier oben im Hochwald<br />

Wurzeln zu schlagen. Ob diese Hügelkette vielleicht<br />

<strong>eine</strong> biologische Sperre darstellte?<br />

»MIT HOHER SICHERHEIT JA«, meldete sich<br />

s<strong>eine</strong> Kybernetik gedanklich.<br />

Inzwischen hatte er sich an die Mitteilungen<br />

s<strong>eine</strong>r Kybernetik gewöhnt. Er hatte sie selbst<br />

entworfen und während der Reise mit der SITAE<br />

sollte sie getestet werden. Aber es war alles<br />

andere passiert als ein ruhiger Flug.<br />

»Mit welch hoher Sicherheit?« Dachte Joy.<br />

»NICHT BERECHENBAR. ABER DENKBAR.«<br />

Also gab es wohl <strong>eine</strong> biologische Sperre für<br />

einige Pflanzenarten. Ob es das auch für Tiere<br />

gab?<br />

»UNBEKANNT.«


76<br />

kurzgeschichte<br />

Sein kybernetischer Gedächtn<strong>ist</strong>eil wusste also<br />

auch nicht mehr als er selbst. Joy blickte wieder<br />

hinab in die Ebene. Im Augenblick war sie größtenteils<br />

von Wolken bedeckt. Aber einige Löcher<br />

in der Wolkenschicht gab es dennoch. Genau<br />

unter ihm lag ein großes Moorgebiet mit vielen<br />

Flussläufen und ausgedehnten Schilfrohrfeldern.<br />

Im südlichen Teil dieser Moorfläche stand der<br />

geheimnisvolle Zeittransmitter in <strong>eine</strong>r Senke.<br />

Joys Blick wurde immer wieder dorthin gezogen.<br />

Dort hatte alles begonnen. Vor nicht ganz<br />

anderthalb Jahren irdischer Zeitrechnung plus<br />

<strong>eine</strong>r unbekannten Zeitspanne.<br />

Joy riss s<strong>eine</strong>n Blick von dem Ort wieder fort.<br />

Es hatte k<strong>eine</strong>n Sinn immer wieder dort <strong>eine</strong>n<br />

Ausweg zu suchen. Er war von s<strong>eine</strong>n Freunden<br />

fortgerissen worden und musste <strong>eine</strong>n Weg<br />

finden, um wieder mit ihnen zusammenzukommen.<br />

»FALLS SIE NOCH EXISTIEREN.«<br />

© Tobias Roetsch<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Diese typische Mitteilung s<strong>eine</strong>r Kybernetik<br />

ließ ihn sein Gesicht sauer verziehen. Er konnte<br />

noch nicht einmal mit ihr schimpfen, denn sie<br />

hatte ja recht. Joy seufzte kurz und schenkte der<br />

Umgebung wieder s<strong>eine</strong> Aufmerksamkeit.<br />

Vor und unter ihm lag die Torusebene. Er rief<br />

sich ihre gigantische Daten noch einmal ins<br />

Gedächtnis zurück. Sie erstreckte sich in <strong>eine</strong>r<br />

Breite von 350 Kilometern einmal durch das<br />

gesamte Rad. Insgesamt also 20400 Kilometer<br />

weit. Einmal um den ganzen Ring herum. Gehalten<br />

wurde diese gewaltige Röhre, in dem sich<br />

diese Landschaft befand, durch sechs etwas<br />

kl<strong>eine</strong>re Röhren, die radikal zur Nabenkugel<br />

führten. Vom Weltraum aus betrachtet glich<br />

diese Welt <strong>eine</strong>m Wagenrad mit sechs Speichen<br />

und <strong>eine</strong>r Kugel in der Mitte. Die Schwerkraft<br />

wurde durch rasches Rotieren um die gedachte<br />

Querachse des Rades geschaffen. Im Bereich der<br />

Torusebene betrug sie etwa 0,7 Grav der<br />

irdischen.


Damit diese Landschaft auch Licht bekam, gab<br />

es jeweils zwischen den Speichen riesige Spiegelfelder.<br />

Sie lenkten das Licht der Sonne in<br />

Richtung des Ringes um, wo sich große Fenster<br />

in der Ringhülle befanden. Die Landschaften<br />

unterhalb dieser Fenster lagen im ständigen<br />

Sonnenschein, während die Gegenden unterhalb<br />

<strong>eine</strong>r Speiche im ewigem Dunkel blieben.<br />

Das heißt, so ganz dunkel war es nun auch<br />

wieder nicht. Von den Nachbarregionen fiel<br />

immer etwas Licht herüber. Es war etwa so hell<br />

wie in <strong>eine</strong>r Vollmondnacht auf der Erde. Nur<br />

etwas rötlicher, was an der Sonne dieses Sonnensystems<br />

lag. Sie strahlte mehr im roten<br />

Bereich des sichtbaren Lichtes als die irdische<br />

Sonne. Eigentlich war es <strong>eine</strong> schöne Welt. Aber<br />

es gab hier k<strong>eine</strong> Tage oder Nächte, wie er sie<br />

von der Erde her gewohnt war.<br />

Von diesen Tages- und Nachtgebieten gab es<br />

jeweils immer sechs Stück. Joy lebte hier in <strong>eine</strong>r<br />

Nachtregion, direkt unterhalb <strong>eine</strong>r der Spei-<br />

kurzgeschichte 77<br />

Andreas Blome - JOMIKEL 1<br />

chen. Diese Nachtregion, die durchwegs mit<br />

Mooren und Tundra durchsetzt war, war etwa<br />

1700 Kilometer lang. Dann begann zu beiden<br />

Seiten jeweils <strong>eine</strong> Tagesregion. Von hier aus<br />

waren sie allerdings nicht zu sehen. Die Entfernungen<br />

waren einfach zu groß für das menschliche<br />

Auge. Aber mit s<strong>eine</strong>m Teleskop hatte er<br />

sie sehen können. Es war ein überwältigender<br />

Anblick gewesen, als er hindurchgeschaut hatte.<br />

Durch die Radkrümmung lagen die Tagesregionen<br />

oberhalb s<strong>eine</strong>s eigenen Standortes. Es<br />

schien so, als ob die Landschaften jeden Augenblick<br />

herunterfallen müssten. Aber sie taten es<br />

nicht. Die Fliehkraft, die ihn zu Boden drückte,<br />

tat mit der Landschaft genau das Gleiche.<br />

Die Moor- und Tundralandschaft unter ihm<br />

konnte genauso gut irgendwo auf der Erde<br />

beheimatet sein. Nur wenn man sich mitten in<br />

ihr bewegte, konnte man die Unterschiede<br />

erkennen. Aber von hier oben aus sah man sie<br />

nicht. Etwas Besonderes hatte diese Nachtre-


78<br />

kurzgeschichte<br />

gion aber. Mit dem bloßen Auge konnte man es<br />

nur sehr schwer ausmachen aber mit dem Teleskop<br />

sah man es deutlich.<br />

Von der Speiche über ihm zogen sich drei Kabel<br />

schräg nach unten weg. Sie mündeten weit<br />

nördlich von ihm irgendwo in der Dämmerungszone<br />

zu dem dortigen Tagesgebiet im Torusboden.<br />

Wozu es sie überhaupt gab, konnte er nicht<br />

herausbekommen. So wie es auf der nördlichen<br />

Seite dieser Nachtregion diese drei schrägen<br />

Kabel gab, so gab es auf der südlichen Seite<br />

ebenfalls drei dieser Kabel. Mit dem Teleskop<br />

konnte er sie alle sechs sehen, mit dem bloßen<br />

Auge allerdings nur <strong>eine</strong>s.<br />

Dieses <strong>eine</strong> verlief in etwa 100 Kilometer Höhe<br />

und endete weit nördlich irgendwo nahe des<br />

Steilhanges. Es gab noch drei weitere Kabel, die<br />

genau senkrecht in der Mitte der Region herunterkamen.<br />

Ansonsten glich diese Landschaft in<br />

vielen <strong>eine</strong>r vergleichbaren der Erde.<br />

Joy wandte sich zum Gehen. Er wurde langsam<br />

müde. Das Fehlen der Tageszeiten war das<br />

Einzige, was ihm hauptsächlich zu schaffen<br />

machte. Er hatte zwar <strong>eine</strong> Uhr aber sein Körper<br />

richtete sich nicht nach der Uhr, sondern nach<br />

den tatsächlichen Gegebenheiten. Und das war<br />

<strong>eine</strong> ewige Vollmondnacht. Allerdings ohne<br />

<strong>eine</strong>n Mond.<br />

Der Helikopter stand noch immer so, wie er ihn<br />

abgestellt hatte. Auch das restliche Lager sah<br />

immer noch genauso aus wie vorher. Es war<br />

niemand hier gewesen, trotzdem sah Joy erst<br />

überall nach dem rechten, bevor er s<strong>eine</strong> Unterkunft<br />

aufsuchte.<br />

Diese Unterkunft hatte er im Wurzelbereich<br />

<strong>eine</strong>s Wurzelbaumes errichtet. Dieser merkwürdige<br />

Baum hatte fast überhaupt k<strong>eine</strong>n richtigen<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Stamm. Stattdessen erhob sich ein rund 10<br />

Meter hohes und recht verworrenes Wurzelgeflecht<br />

aus dem Boden und ging fast übergangslos<br />

in <strong>eine</strong> Baumkrone über. Allerdings <strong>eine</strong> vollkommen<br />

andere Baumkrone wie die der Hochlandbäume.<br />

Diese Krone bestand aus vielen<br />

langen und spitzen Ästen, die an ihrer Spitze<br />

<strong>eine</strong> rote Fleischblüte trugen und von <strong>eine</strong>m<br />

pelzartigen Gespinst bedeckt waren. Allerdings<br />

nicht so üppig wie bei den anderen Bäumen. Im<br />

Ganzen war der Wurzelbaum nur 30 Meter<br />

hoch. Er verlor sich fast unter den anderen<br />

Bäumen der Umgebung.<br />

Das Besondere an ihm aber war der Wurzelbereich.<br />

Zwischen den Wurzeln gab es zahlreiche<br />

Höhlen. Joy hatte Glück gehabt und <strong>eine</strong> etwas<br />

größere Höhle gefunden, als er Schutz vor <strong>eine</strong>m<br />

Sturm gesucht hatte, der teilweise auch über das<br />

Hochland brauste. Etwa alle 72 Tage brach er<br />

los.<br />

Joy kletterte in den Eingang und krabbelte in<br />

s<strong>eine</strong> Höhle hinein. Die Wände der etwa ovalen<br />

Höhle hatte er mit selbstgewebten Tüchern aus<br />

dem Baumkronengespinst verhangen. Sie<br />

hielten die Kälte etwas zurück. Draußen<br />

herrschten nur etwa 5 Grad Celsius. In der Höhle<br />

waren es etwa 10 bis 15 Grad. An den Wänden<br />

hatte er einige K<strong>ist</strong>en als Möbel aufgestellt. Und<br />

an <strong>eine</strong>r der Längswände befand sich s<strong>eine</strong><br />

Lagerstatt und mitten im Raum die Feuerstelle.<br />

Müde, wie Joy sich fühlte, legte er sich gleich<br />

auf sein Lager und schlief fast augenblicklich ein.<br />

Die zwei Hölzer auf s<strong>eine</strong>r Schulter wurden mit<br />

der Zeit immer schwerer. Wie bei den vorherigen<br />

Gängen ignorierte Joy jedoch die Schmerzen<br />

und ging langsam weiter. Mit<br />

*


zusammengebissenen Zähnen erreichte er<br />

schließlich s<strong>eine</strong>n Lagerplatz. Er ließ die Hölzer<br />

zu den anderen auf den Boden fallen und setzte<br />

sich dann an das kl<strong>eine</strong> Feuer. Aus dem Topf, der<br />

über dem Feuer hing, quoll ein verheißungsvoller<br />

Duft.<br />

Allerdings war die vor sich hin köchelnde Mahlzeit<br />

noch nicht fertig. Joy holte sich deshalb den<br />

Werkzeugkasten und die schon zurechtgeschnittenen<br />

Blechstücke. Sie hatten alle die gleiche<br />

Form <strong>eine</strong>s fünfzackigen Sterns. Etwa Zehn<br />

Zentimeter im Durchmesser. Aus dem Blech, das<br />

zwischen den Ausrüstungstücken verborgen<br />

gewesen war, hatte er sich <strong>eine</strong> Fernwaffe zur<br />

jagt gebastelt. Die jagt mit s<strong>eine</strong>m Schwert hatte<br />

sich als sehr schwierig erwiesen. Zu s<strong>eine</strong>m<br />

Glück verfügte er über etwas Trockennahrung<br />

und es gab reichlich Früchte in der Umgebung.<br />

Während das Essen weiter vor sich hinduftete,<br />

feilte Joy die Kanten der Wurfsterne scharf. Etwa<br />

zwanzig dieser Schuriken, wie diese Wurfsterne<br />

auch genannt wurden, hatte er aus dem Blech<br />

herausschneiden können. Übriggeblieben waren<br />

einige dünne Blechstreifen, die er für den Bau<br />

des Luftschiffes verwenden wollte. Die Idee mit<br />

dem Luftschiff war ihm damals ganz plötzlich in<br />

den Sinn gekommen. Den Helikopter konnte er<br />

für größere Entfernungen nicht benutzen. Das<br />

würde die Energiequelle unter den hier herrschenden<br />

Lichtverhältnissen nicht lange durchhalten.<br />

Ein Luftschiff konnte auch ohne Motor<br />

weiterkommen. Er hatte einige Zeit überlegt,<br />

wie sein Luftschiff auszusehen hatte. Herausgekommen<br />

war <strong>eine</strong> art Floß.<br />

Das Luftschiff war etwa 10 Meter lang und 4<br />

Meter breit. Am hinteren Ende würde der Propeller<br />

des Helikopters eingebaut werden. Das<br />

kurzgeschichte 79<br />

Andreas Blome - JOMIKEL 1<br />

entsprechende Gerüst um ihn, den Motor plus<br />

Batterie aufzunehmen, ex<strong>ist</strong>ierte schon. Außerdem<br />

standen auch schon die Stangen, die den<br />

noch zu nähenden Ballon halten würden. Auch<br />

der Rumpf war fast fertig. Am Bug des Schiffes<br />

musste noch das niedrige Geländer angebracht<br />

werden, das sich um das Schiff herumzog.<br />

Die Hölzer die Joy in den letzten Tagen geschlagen<br />

und hierher transportiert hatte fanden nun<br />

Verwendung in <strong>eine</strong>r kl<strong>eine</strong>n Hütte mitten auf<br />

dem Schiff. Es sollte <strong>eine</strong> Blockhütte werden.<br />

Allerdings musste er auf Gewicht achten. Der<br />

künftige Ballon konnte nicht jedes Gewicht<br />

tragen. Auch nicht unter verminderter Schwerkraft.<br />

»FEHLER. SCHWERKRAFT WIRD DURCH FLIEH-<br />

KRAFT ERZEUGT.«<br />

Joy hielt in s<strong>eine</strong>r Arbeit inne. Er hatte sich<br />

noch immer nicht an die Kommentare s<strong>eine</strong>r<br />

Kybernetik gewöhnt. Seit er sie aktivierte und<br />

trug, waren einige Monate vergangen. Subjektive<br />

Zeit natürlich. Die reale Zeitspanne, die er<br />

durch den Zeittransmitter übersprungen hatte,<br />

war unbekannt geblieben. Allerdings hatte s<strong>eine</strong><br />

Kybernetik <strong>eine</strong>n Zeitraum von 20 Jahren errechnet.<br />

Ob es stimmte, konnte ihm niemand bestätigen.<br />

Aber auch die Monate, die er schon hier war,<br />

genügten der Kybernetik um sich immer mehr<br />

mit Joys Bewusstsein zu verbinden. Es war ein<br />

Risiko, das er damit eingegangen war, denn<br />

etwas Vergleichbares wie die Verknüpfung <strong>eine</strong>s<br />

menschlichen Bewusstseins mit <strong>eine</strong>m Computer<br />

war noch nie versucht worden. Bis auf die<br />

Kommentare und Berechnungen hatte Joy noch<br />

k<strong>eine</strong> anderen Wirkungen feststellen können.


80<br />

kurzgeschichte<br />

Allerdings konnte sich das noch ändern, denn<br />

der Prozess war noch nicht abgeschlossen.<br />

Der letzte Kommentar der Kybernetik war<br />

durchaus berechtigt. Physikalisch gesehen gab<br />

es <strong>eine</strong>n Unterschied zwischen Schwerkraft und<br />

Fliehkraft. Schwerkraft entstand durch <strong>eine</strong>n<br />

Massenpunkt, auf dem jede Materie hinabgezogen<br />

wurde. Auf der Erdoberfläche waren es<br />

genau 9,81 Meter pro Sekundenquadrat gleich<br />

<strong>eine</strong>m Grav. Hier wurde die Schwere durch die<br />

Fliehkraft der sich drehenden Ringwelt erzeugt.<br />

Jede Materie wurde durch sie nach außen<br />

gedrückt. Sie betrug hier etwa 0,7 Grav der<br />

Irdischen.<br />

Joy wandte sich wieder dem Schiffsbau zu.<br />

Wenn alles so gut weiterlief, wie bisher war er<br />

in etwa <strong>eine</strong>m Monat fertig damit. Wobei es<br />

schwierig war, hier <strong>eine</strong>n Monat zu definieren.<br />

Er hatte zwar <strong>eine</strong> Uhr aber ohne die internen<br />

Zeitfunktionen der Kybernetik hätte er bereits<br />

die Übersicht verloren. Es gab hier k<strong>eine</strong> Tagesund<br />

Nachtabläufe. In der Gegend, wo er sich<br />

zurzeit aufhielt, herrschte immerwährende<br />

Nacht. Einige 100 Kilometer weiter nördlich, also<br />

in Drehrichtung, herrschte dagegen immerwährender<br />

Tag. Diese Gegend war das Ziel, das er<br />

zuerst aufsuchen wollte.<br />

Die Tagesregion, die im Süden, also entgegen<br />

der Drehrichtung lag, bestand aus <strong>eine</strong>r einzigen<br />

Wüste, wie er mit dem Fernrohr festgestellt<br />

hatte. Zwar würde es dort auch Höhlen an den<br />

Steilhängen geben, aber die Nahrungsversorgung<br />

würde sich dort als sehr schwierig erweisen.<br />

Und ob es dort genügend <strong>Was</strong>ser gab, war<br />

auch <strong>eine</strong> unbeantwortete Frage. Durch das<br />

Fernrohr hatte er zwar <strong>eine</strong>n grünen Schimmer<br />

in der Gegend des Hochlandes ausmachen<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

können aber ob es dort Flüsse oder Bäche gab<br />

wusste er nicht.<br />

Selbst hier gab es im Umkreis von mehreren<br />

Kilometern nur <strong>eine</strong>n einzigen Bach. Er hatte ihn<br />

nur durch Zufall gefunden. Ohne ihn hätte er in<br />

der Ebene sein Lager aufschlagen müssen. Dabei<br />

wäre er der Witterung schutzlos ausgeliefert<br />

gewesen. Bei diesen Gedanken viel ihm ein, das<br />

s<strong>eine</strong> <strong>Was</strong>servorräte zur Neige gingen. Er befestigte<br />

noch <strong>eine</strong>n Querbalken am Schiff und<br />

suchte dann die leeren <strong>Was</strong>serkan<strong>ist</strong>er zusammen.<br />

Der Bach floss etwa 7 Kilometer vom Lager<br />

entfernt durch den Wald in Richtung des Steilhanges.<br />

S<strong>eine</strong> Umgebung glich <strong>eine</strong>m Trümmerhaufen.<br />

Unzählige Felsbrocken und St<strong>eine</strong><br />

bedeckten den Boden. Woher sie eigentlich<br />

kamen, war ihm unklar. Es gab k<strong>eine</strong>n Berg in<br />

der Nähe, von dem sie abgebröckelt waren.<br />

Dieses Rätsel wollte er, wie den Ursprung des<br />

Baches, noch lösen, bevor er mit dem Luftschiff<br />

aufbrach. Diese steinige Gegend und das Fehlen<br />

von Lücken im Kronenbereich der Bäume war<br />

ein Grund, warum sich sein Lager so weit vom<br />

Bach entfernt befand.<br />

Während sich die drei Kan<strong>ist</strong>er mit dem kostbaren<br />

Nass füllten, sah sich Joy <strong>eine</strong>n der Felsen<br />

näher an. Er lag mitten auf dem Rasenboden.<br />

Sand war nicht zu sehen. Es sah fast so aus, als<br />

ob diese Felsen von oben in den Boden gefallen<br />

waren. Aber dann müssten sie sich in kl<strong>eine</strong>n<br />

Senken befinden. Außerdem hätten sie das<br />

Kronendach der Bäume durchschlagen müssen.<br />

Und Joy wusste, wie widerstandsfähig dieses<br />

Gespinst war, das anstelle der Blätter auf den<br />

Bäumen wuchs. Felsen dieser Größe hätten es<br />

nicht so ohne weiteres durchschlagen können.


Vulkane gab es hier nicht. Außerdem gab es<br />

diese Felsen nur in der Nähe des Baches. Woher<br />

waren sie also gekommen?<br />

»AUS DEM BODEN ODER SIE WURDEN<br />

HIERHER TRANSPORTIERT. EMPFEHLE DIE OBER-<br />

FLÄCHE DES FELSEN NÄHER ANZUSEHEN.«<br />

Joy folgte dem Ratschlag der Kybernetik und<br />

sah sich den Felsen etwas näher an. S<strong>eine</strong> Oberfläche<br />

war glatt. Aber er fühlte irgendein Muster<br />

mit der Handfläche. Sehen konnte er dieses<br />

Muster nicht. Aber es war <strong>eine</strong>s vorhanden.<br />

»NETZMUSTER. GENAUERES BILD<br />

GEWÜNSCHT?«<br />

Ein netzartiges Muster also. Aber was hatte die<br />

Kybernetik mit dem genaueren Bild gemeint? Es<br />

gab nur <strong>eine</strong> Möglichkeit das herauszufinden.<br />

»Genaueres Bild erwünscht.« Dachte Joy konzentriert.<br />

Völlig unverhofft verschwand die allgegenwärtige<br />

schummrige Helligkeit und machte für ein<br />

völlig verfremdetes Bild platz. Joy fühlte Panik<br />

aufsteigen als ihm bewusst wurde, dass die<br />

Kybernetik s<strong>eine</strong> normale optische Wahrnehmung<br />

ausgeschaltet hatte und ihm ein Farbbild<br />

s<strong>eine</strong>r Umgebung in <strong>eine</strong>m völlig anderen Strahlungsspektrum<br />

lieferte. Bevor s<strong>eine</strong> Panik überhandnehmen<br />

konnte, reagierte die Kybernetik<br />

bereits und stellte die Normalität wieder her.<br />

»NORMALITÄT WIEDERHERGESTELLT. ES<br />

BESTAND KEINERLEI GEFAHR. PANIK NICHT<br />

LOGISCH.«<br />

Es dauerte einige Minuten bis Joy wieder zu<br />

sich fand. Als er endgültig begriff, was eigentlich<br />

passiert war, riss er sich den Stirnreifen vom<br />

Kopf. Dabei durchzog ihn ein kaum wahrnehmbarer<br />

Schmerzimpuls. Etwas ungläubig betrach-<br />

kurzgeschichte 81<br />

Andreas Blome - JOMIKEL 1<br />

tete er das Verbindungselement zu s<strong>eine</strong>r<br />

Kybernetik. <strong>Was</strong> hatte er da eigentlich geschaffen?<br />

Joy musste an die Minuten direkt nach<br />

s<strong>eine</strong>m unfreiwilligen Transmitterdurchgang<br />

zurückdenken. Damals hatte die Kybernetik<br />

s<strong>eine</strong> Kopfschmerzen ausgeschaltet. Jetzt hatte<br />

er den endgültigen Beweis dafür, dass sie einige<br />

Dinge mit s<strong>eine</strong>m Körper anstellen konnte, die<br />

er zwar in s<strong>eine</strong>n Berechnungen bei der Konstruktion<br />

herausgefunden hatte, aber nicht für<br />

sehr wahrscheinlich gehalten hatte.<br />

Die Gefahr, die jetzt akut wurde, war die<br />

Kontrolle über sich selbst zu behalten. Es war<br />

nicht unwahrscheinlich dass die Kybernetik<br />

selbst die Kontrolle übernehmen konnte. Doch<br />

halt!<br />

Joy dachte an die letzte Mitteilung der Kybernetik.<br />

Demnach hatte sie s<strong>eine</strong> Panik gespürt<br />

und s<strong>eine</strong> visuelle Sicht wiederhergestellt. Wichtiger<br />

waren allerdings die zwei letzten Sätze.<br />

>Es bestand k<strong>eine</strong>rlei Gefahr< und >Panik nicht<br />

logisch


82<br />

kurzgeschichte<br />

blauen Flecken, der mit dünnen Linien in Hellgrün<br />

überzogen war. Tatsächlich ein<br />

Netzmuster. Langsam folgte er dem Muster dem<br />

Felsen hinab und konnte erkennen, dass es im<br />

dunkelroten Boden verschwand. Jetzt wurde<br />

ihm auch klar, was er sehen konnte.<br />

In dieser Welt war der Boden wärmer als die<br />

Luft. <strong>Was</strong> er jetzt sah, war ein Wärmebild der<br />

Umgebung. S<strong>eine</strong> Füße leuchteten in Hellrot.<br />

Ebenso s<strong>eine</strong> Hände, die als hellrote Farbflecke<br />

durch sein Blickfeld wanderten.<br />

»Normale Sicht wiederherstellen.«<br />

Übergangslos wechselte die Sicht wieder. Mit<br />

den normalen optischen Möglichkeiten der<br />

Augen konnte er das Netzmuster des Felsen<br />

nicht mehr sehen. Aber er wusste jetzt dass es<br />

im Boden verschwand. Damit war es mehr als<br />

wahrscheinlich dass diese Felsen aus dem Boden<br />

hervorgebrochen waren.<br />

Vielleicht ein Erdbeben dachte er aber korrigierte<br />

sich selbst sofort wieder. Erdbeben<br />

konnte es in dieser Welt nicht geben. Immerhin<br />

hatte <strong>eine</strong>s der Rätsel dieser Welt gelöst. Gleichzeitig<br />

damit jedoch ein Neues gefunden. Wieso<br />

wurden diese Felsen aus dem Boden herausgedrückt<br />

und das auch nur in der Nähe des Baches?<br />

»UNBEKANNT.«<br />

Joy verzog etwas das Gesicht und holte die<br />

inzwischen vollen Kan<strong>ist</strong>er aus dem Bach. Dann<br />

machte er sich auf den Rückweg zum Lager.<br />

Aufatmend ging Joy zum Lagerfeuer zurück und<br />

setzte sich. Sein Luftschiff war soweit fertig.<br />

Rumpf und Hütte sowie ein kl<strong>eine</strong>s Geländer<br />

waren schon etwas länger fertig. Heute hatte er<br />

den Ballon in s<strong>eine</strong> Netzhalterung gelegt und mit<br />

*<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

s<strong>eine</strong>r Apparatur verbunden. Motor und Luftschraube<br />

waren ebenfalls installiert. Aber das<br />

Wichtigste fehlte noch.<br />

Der Ballon musste noch mit <strong>Was</strong>serstoff gefüllt<br />

werden. Dazu hatte er <strong>eine</strong> Apparatur zusammengebastelt,<br />

die aus <strong>Was</strong>ser das <strong>Was</strong>serstoffgas<br />

herausholen würde. Die elektrische Energie<br />

dafür lieferte die Batterie. Allerdings würde es<br />

sehr lange dauern, bis der Ballon vollständig<br />

gefüllt war.<br />

Die Zeit, die ihm dadurch zur Verfügung stand,<br />

wollte er nutzen und herausfinden, von wo der<br />

kl<strong>eine</strong> Bach eigentlich herkam. Irgendwo musste<br />

er ja s<strong>eine</strong>n Ursprung haben. Und auch das<br />

Rätsel der St<strong>eine</strong> wollte er auch noch lösen.<br />

Genügend Zeit hatte er nun dazu.<br />

Vorher ordnete er allerdings s<strong>eine</strong> Sachen.<br />

Einen großen Teil hatte er schon im Luftschiff<br />

verstaut. Den Rest brachte er jetzt unter. Viel<br />

war es nicht. Zu guter Letzt überprüfte er s<strong>eine</strong><br />

<strong>Was</strong>serstoffapparatur noch einmal. Der Ballon<br />

lag noch genauso schlaff in s<strong>eine</strong>r Halterung wie<br />

zu Beginn der Gasproduktion. Und auch der<br />

Vorratsballon mit dem <strong>Was</strong>ser war noch sehr<br />

gut gefüllt.<br />

Das Füllen des <strong>Was</strong>serballons hatte genauso<br />

lange gedauert wie der gesamte Bau des Luftschiffes<br />

an sich. Zuerst hatte er an <strong>eine</strong> <strong>Was</strong>serleitung<br />

vom Bach hierher gedacht aber die<br />

Entfernung war einfach zu weit. Also hatte er<br />

mit Hilfe des Helikopters mehrere Flüge in die<br />

Ebene machen müssen. Nach jedem Flug war<br />

allerdings <strong>eine</strong> Zwangspause angesagt, damit<br />

sich die Batterie wieder etwas auffüllen konnte.<br />

Im Augenblick war sie nur noch zu <strong>eine</strong>m<br />

Viertel gefüllt. Aber zur Produktion des <strong>Was</strong>serstoffes<br />

reichte es gerade noch. Die Sonnenkol-


lektoren der Batterie stellten genauso viel<br />

Energie zur Verfügung, wie zur Produktion des<br />

Gases gebraucht wurde. Aber es würde lange<br />

dauern, bis der Ballon gefüllt war.<br />

Nach <strong>eine</strong>r langen Schlafpause brach er auf.<br />

Der Bach lag in entgegengesetzter Drehrichtung<br />

des Rades. In s<strong>eine</strong>r Terminologie also in südlicher<br />

Richtung. Den Weg dorthin kannte er<br />

bereits, allerdings achtete er diesmal mehr auf<br />

s<strong>eine</strong> Umgebung. Sie sah etwas anders aus als<br />

die in der entgegengesetzten Richtung. Zwischen<br />

den riesigen Bäumen wuchsen nun auch<br />

sehr vereinzelt Büsche und Sträucher. Die hauptsächliche<br />

Vegetation aber wuchs oben in den<br />

Baumkronen. Dort ex<strong>ist</strong>ierten auch einige<br />

Lebensformen. Gesehen hatte er nur wenige<br />

verschiedene Arten, als er das Gespinst erntete.<br />

Sie ähnelten irdischen Eichhörnchen, was ihre<br />

Größe betraf. Alles andere aber stimmte nicht<br />

mehr mit der irdischen Art überein.<br />

Die Vegetation hatte da schon mehr Ähnlichkeit<br />

mit der irdischen, wenn man von der Größe<br />

absah. Das war es auch, was ihm am me<strong>ist</strong>en zu<br />

schaffen machte. Wenn er die Landschaft<br />

betrachtete, vergaß er manchmal, dass er sich<br />

in <strong>eine</strong>r völlig fremden Biosphäre befand.<br />

Auf dem Weg zum Bach folgte er s<strong>eine</strong>n<br />

eigenem Trampelpfad. Die Grasoberfläche hatte<br />

sich dort, wo er sie berührte, mit der Zeit verfärbt.<br />

Helle farblose Fußspuren führten ihn<br />

durch den kathedralenartigen Wald. S<strong>eine</strong> Körperchemie<br />

vertrug sich mit dem Gras dieser<br />

Welt ansch<strong>eine</strong>nd nicht. Aber er selbst hatte<br />

k<strong>eine</strong> Auswirkungen an sich selbst feststellen<br />

können. Und außer der Verfärbung fehlte dem<br />

Gras ansch<strong>eine</strong>nd auch nichts. Es wuchs genauso<br />

gut wie das s<strong>eine</strong>r Umgebung.<br />

kurzgeschichte 83<br />

Andreas Blome - JOMIKEL 1<br />

Kurz bevor er den Bach erreichte, sah er das<br />

erste größere Tier dieser Welt. Es stand etwa 60<br />

Meter vor ihm an <strong>eine</strong>m Baum und knabberte<br />

an dessen Rinde. Joy blieb sofort stehen und<br />

verhielt sich ganz still. Das Tier war nur schwer<br />

auszumachen aber Joy konnte erkennen, das es<br />

hirschähnlich war. Auch die Größe stimmte in<br />

etwa nur das Geweih sah anders aus. Es bestand<br />

aus drei langen gebogenen und sehr spitz zulaufenden<br />

Hörnern, die aus der Stirn des Tieres<br />

wuchsen. Ein Dreihorn, wie Joy es nannte. Aus<br />

dieser Entfernung konnte er nicht genau erkennen<br />

was das Tier genau tat, aber vermutlich aß<br />

es die Rinde des Baumes.<br />

Plötzlich verschwand es. Das ging so schnell,<br />

das Joy es zuerst gar nicht mitbekam. Es dauerte<br />

einige Sekunden bis ihm klar war, dass das<br />

hirschähnliche Tier verschwunden war. War das<br />

Tier nun harmlos oder nicht ging Joy durch den<br />

Kopf.<br />

»UNBEKANNT.«<br />

Vorsichtig näherte Joy sich dem Baum, an dem<br />

das Tier gerade eben noch gefressen hatte. Es<br />

schien nicht mehr da zu sein. Die Rinde des<br />

Baumes sah stellenweise zerrissen aus. Teilweise<br />

fehlte die faserartige Rinde ganz. Rillenartige<br />

Spuren deuteten auf Benutzung der Hörner hin.<br />

Also gab es doch noch andere größere Lebensformen<br />

in dieser Welt, als die Echse und der<br />

Wurm die ihm in der Ebene begegnet waren.<br />

Diese Begegnungen lagen allerdings schon<br />

einige Monate zurück. Seitdem war ihm kein<br />

größeres Tier mehr begegnet.<br />

Nach <strong>eine</strong>m erneuten Rundblick verließ Joy<br />

den Baum. Ein leichter und kühler Luftzug ließ<br />

ihn frösteln. War das unbekannte Tier noch in<br />

der Nähe? Der Griff des Samureischwertes


84<br />

kurzgeschichte<br />

wirkte etwas beruhigend. Aber das Frösteln<br />

blieb.<br />

»WETTERUMSCHWUNG.« Bemerkte s<strong>eine</strong><br />

Kybernetik.<br />

Also daher das frösteln. Es würde also wieder<br />

einmal etwas windiger und wohl auch regnen.<br />

Joy hatte schon drei solcher Wetterumschwünge<br />

mitgemacht. Sie schienen <strong>eine</strong>n regelmäßigen<br />

Zyklus zu haben. Kurze Zeit später drehte auch<br />

schon der Wind und kündete den Regen an.<br />

»Passt dieser Wetterumschwung in das Muster?«<br />

Dachte Joy.<br />

»POSITIV. ZYKLUSDAUER ETWA 72 IRDISCHE<br />

TAGE.« Antwortete die Kybernetik.<br />

Also würde es die nächsten fünf Tage etwas<br />

kühler und regnerischer werden. Wodurch<br />

dieser Wetterumschwung verursacht wurde,<br />

war ihm nicht ganz klar. Er schien aber mit der<br />

riesigen Speichenöffnung, hoch über dieser<br />

schummrigen Landschaft, zusammenzuhängen.<br />

Nur kurz dachte Joy an das Luftschiff. Das regnerische<br />

Wetter würde ihm nicht viel ausmachen<br />

und auch der stürmische Wind würde kaum <strong>eine</strong><br />

Angriffsfläche finden. Die hohen Bäume gaben<br />

<strong>eine</strong>n guten Windschutz ab.<br />

Ein Leises gluckern und plätschern verriet ihm<br />

die Nähe des Baches. Wenig später stand er an<br />

dessen Ufer und verspürte die ersten Windböen<br />

aus südlicher Richtung. Sie brachten den Geruch<br />

nach Regen mit. Joy füllte s<strong>eine</strong> <strong>Was</strong>serflasche<br />

neu auf und begann dann dem Bach flussaufwärts<br />

zu folgen. Vor den Sturmböen, die jetzt<br />

über der Moorebene brausten, brauchte er sich<br />

hier im Wald der Hochebene nicht zu fürchten.<br />

Die Sturmfronten schwappten nur wenig in die<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Hochebene hinüber. Für die richtigen Böen lag<br />

die Hochebene einfach zu hoch.<br />

Aber für den Regen nicht hoch genug. Es war<br />

zwar nur ein leichter Nieselregen, der vom Dach<br />

der Baumkronen heruntertropfte aber es gab<br />

k<strong>eine</strong>n Schutz vor ihm. Als er einige Stunden sein<br />

Nachtlager aufschlug, war er völlig durchweicht.<br />

Bei <strong>eine</strong>r Durchschnittstemperatur von nur rund<br />

5 Grad konnte das <strong>eine</strong> Erkältung bedeuten. Die<br />

Tücher, die er an der Höhlenwand des Wurzelbaumes<br />

hängen hatte, hielten den Wind zwar<br />

ab, aber nicht die Temperaturen.<br />

Als das Feuer endlich brannte, dauerte es nicht<br />

mehr lange, bis er sich wieder trocken fühlte.<br />

Vielleicht blieb er die Sturmzeit über hier in<br />

dieser Höhle. Er hatte ja alle Zeit der Welt.<br />

Es dauerte nur zwei Tage und Joy hatte die<br />

Nase von der Höhle voll. Es tröpfelte zwar immer<br />

noch und würde es auch die nächsten drei bis<br />

vier Tage tun, aber alles war besser, als andauernd<br />

die Wurzelwände anzustarren. Aus <strong>eine</strong>m<br />

der Fasertücher hatte er sich so etwas Ähnliches<br />

wie <strong>eine</strong>n Regenschirm gebastelt. Er sah zwar<br />

furchterregend aus tat aber s<strong>eine</strong> Aufgabe. Mit<br />

trockenem Kopf stapfte Joy durch den nassen<br />

Rasen am Bach entlang. Ab und zu musste er<br />

<strong>eine</strong>m Felsbrocken ausweichen, der den Weg<br />

versperrte.<br />

Seltsamerweise waren es hier weniger als<br />

weiter flussabwärts. Die Umgebung war immer<br />

noch die gleiche nur der Bach war etwas breiter<br />

geworden. Es war ein eigentümliches Gefühl so<br />

im Halbdunkel <strong>eine</strong>s riesigen Waldes zu gehen.<br />

Nur das Tröpfeln der Regentropfen, das Gurgeln<br />

des Baches und das leise raunen des Windes war<br />

zu hören. Ansonsten herrschte stille.<br />

*


Im Dämmerlicht vor ihm teilte sich der Bach<br />

jetzt. Der zweite Bach floss in Richtung Süden<br />

davon. Joy hielt sich nur kurz hier auf und aß<br />

etwas von den zur Neige gehenden Früchten,<br />

die er mitgenommen hatte. Entweder er fand<br />

demnächst Nahrungsmittel oder er musste<br />

wieder umkehren. Als er einigermaßen satt war,<br />

ging er weiter flussaufwärts.<br />

Als der Wind nachließ und kurz darauf wieder<br />

aus nördlicher Richtung wehte, wusste Joy, dass<br />

die Sturmzeit vorbei war. Gleichwohl tröpfelte<br />

der Regen aus den Baumkronen noch einige<br />

Stunden weiter. Aber dann war er vorbei. Joy<br />

nahm es zum Anlass zu <strong>eine</strong>r kurzen Pause am<br />

Bach. Er ließ die Füße im Bach baumeln und sah<br />

nachdenklich ins <strong>Was</strong>ser. Fische hatte er im Bach<br />

noch nicht bemerkt.<br />

»BODENERSCHÜTTERUNGEN IN NÄCHSTER<br />

NÄHE.«<br />

Joy handelte automatisch. Er warf sich rückwärts<br />

in <strong>eine</strong> Rolle und hechtete dann zur Seite,<br />

wo er völlig regungslos liegen blieb. Es konnte<br />

nur noch Sekunden dauern, bis der Wurm nach<br />

oben geschossen kam. Aber es passierte nichts.<br />

»GLEICHBLEIBENDE BODENERSCHÜTTE-<br />

RUNGEN AUS MEHREREN QUELLEN.«<br />

Vorsichtig beobachtete Joy s<strong>eine</strong> Umgebung.<br />

Ein Wurm, wie der aus der Torusebene war es<br />

also nicht. <strong>Was</strong> war es dann? Minuten später<br />

wusste Joy es. Aus dem Erdboden wuchsen<br />

langsam Felsbrocken empor. Es dauerte einige<br />

Minuten, bis sich die Umgebung des Baches<br />

grundlegend geändert hatte. Wo während der<br />

Sturmzeit nur Gras wuchs, lagen jetzt Felsbrocken<br />

aller Größe herum.<br />

kurzgeschichte 85<br />

Andreas Blome - JOMIKEL 1<br />

Vorsichtig stand Joy wieder auf. Ein leichtes<br />

Summen und der Geruch nach frisch aufgebrochener<br />

Erde lag in der Luft.<br />

»Analysiere das Summen.«<br />

»SUMMEN ERFOLGT AUS DEN FELSBROCKEN.«<br />

»Summende Felsbrocken!« Dachte Joy laut vor<br />

sich hin. »Eine merkwürdige Welt.«<br />

Während Joy weiterwanderte, dachte er<br />

darüber nach, was diese Felsbrocken dazu veranlasste,<br />

bei Regen im Boden zu verschwinden.<br />

Und überhaupt. Konnten Felsbrocken summen?<br />

Waren es überhaupt Felsbrocken? Fragen über<br />

fragen tauchten auf und konnten nicht beantwortet<br />

werden. Allerdings sollte Joy für das<br />

Summen noch <strong>eine</strong> Antwort erhalten.<br />

Einige Stunden später tauchten die ersten<br />

Insektenschwärme auf. Sie krochen direkt aus<br />

dem Boden im Uferbereich des Baches auf und<br />

bildeten größere Schwärme, die dann Minuten<br />

später im Kronenbereich der Bäume verschwanden.<br />

Einige Schwärme allerdings ließen sich auf<br />

den Felsbrocken nieder und bildeten <strong>eine</strong><br />

lebende Schicht. Plötzlich wurde ihm bewusst,<br />

dass sich diese Schwärme kurze Zeit später nicht<br />

mehr regten.<br />

Diese Felsbrocken waren Fleischfresser! Durch<br />

ihr summen lockten sie die Insekten an und<br />

hatten diese sich erst einmal niedergelassen so<br />

waren sie in <strong>eine</strong>r klebrigen Masse gefangen.<br />

Diese Masse stammte aus dem netzartigen<br />

Muster, das jeden Felsen überzog. Wahrscheinlich<br />

war dieses Netzmuster das eigentliche Lebewesen<br />

und der Felsen nur der Ort, wo sie<br />

ex<strong>ist</strong>ieren konnten. Die Insekten jedenfalls<br />

wurden in der klebrigen Masse aufgelöst und


86<br />

kurzgeschichte<br />

verschwanden Stunden später völlig von der<br />

Oberfläche.<br />

Etwas vorsichtiger geworden wanderte Joy<br />

jetzt außerhalb der lebenden Felsen weiter<br />

flussaufwärts.<br />

Eigentlich musste er jetzt irgendwo an den<br />

Rand der Hochebene stoßen. Der Bach war<br />

inzwischen immer breiter und s<strong>eine</strong> Strömung<br />

schneller geworden. Zu sehen war allerdings<br />

immer noch nichts. Joy überlegte sich mehrere<br />

Möglichkeiten wie und wo der Bach s<strong>eine</strong>n<br />

Ursprung hatte. Entweder entsprang er einfach<br />

dem Erdboden oder was er mehr vermutete, lag<br />

vor ihm ein Felsabschnitt, der an der Torushülle<br />

emporkroch. Dann wurde der Bach einfach von<br />

an der Torushülle verdunstender Feuchtigkeit<br />

gespe<strong>ist</strong>. Aber er musste es erst sehen, um völlig<br />

sicher sein zu können. Es konnte ja auch <strong>eine</strong>n<br />

völlig anderen Entstehungsgrund geben.<br />

Ein dumpfes Grunzen in der Luft ließ Joy stehenbleiben.<br />

War es ein Dreihorn, der so grunzte? Oder ein<br />

anderes Lebewesen. Aufmerksam sah er sich<br />

zwischen den Bäumen um. Seit den letzten drei<br />

Tagen hatte sich der Anblick des Waldes verändert.<br />

Zwischen den Bäumen wuchsen jetzt zahlreiche<br />

Büsche und Sträucher, so dass Joy<br />

manchmal große Schwierigkeiten hatte, überhaupt<br />

vorwärtszukommen. Das Grunzen ertönte<br />

ein weiteres Mal. Es musste s<strong>eine</strong>n Ursprung<br />

irgendwo vor ihm haben.<br />

Langsam und vorsichtig ging Joy weiter.<br />

Mehrere Male konnte er das Grunzen vernehmen.<br />

Es wurde allerdings immer leiser. Das Tier,<br />

von dem es höchstwahrscheinlich stammte,<br />

*<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

entfernte sich von ihm. Konnte es sein, das es<br />

ihn gewittert hatte und nun flüchtete?<br />

Einige Stunden später sah er zum ersten Mal<br />

<strong>eine</strong>n grauen oder braunen Schimmer zwischen<br />

den Wipfeln der Bäume. S<strong>eine</strong> Vermutung<br />

bezüglich <strong>eine</strong>r Felsformation am Rande des<br />

Hochwaldes schien zu stimmen. Bevor er aber<br />

mehr sah, passierte etwas völlig anderes.<br />

Zuerst einmal befand er sich plötzlich auf<br />

<strong>eine</strong>m freien Streifen Gras, der sich durch den<br />

Wald schlängelte. Die Büsche und Sträucher<br />

waren nur noch als Überreste zu sehen.<br />

Irgendetwas hatte <strong>eine</strong>n rund drei Meter breiten<br />

Streifen völlig leergefressen oder abgeweidet.<br />

Interessiert folgte Joy dem abgeweideten Weg<br />

einige Minuten lang. Er hatte sich schon entschlossen<br />

weiter zuwandern, um die Felsformation<br />

zu erreichen, als plötzlich ein Grunzen und<br />

Schnauben zu hören war. Kurz darauf ertönte<br />

auch ein Trommeln.<br />

»ACHTUNG. GEFAHR. ES NÄHERT SICH EIN<br />

GRÖSSERES TIER.«<br />

Noch bevor Joy im Wald verschwinden konnte,<br />

raste ein gigantischer Schatten den Weg entlang.<br />

Es gelang ihm gerade noch, zwischen die Büsche<br />

zu hechten. Von dort aus konnte er das gewaltige<br />

Tier gut erkennen. Es blieb einige Dutzend<br />

Meter hinter s<strong>eine</strong>m Versteck stehen und<br />

schnüffelte in der Luft herum. Es schien ihn<br />

gewittert zu haben. Als es sich herumdrehte,<br />

wusste er, was er da vor sich hatte.<br />

Es war <strong>eine</strong> gigantische Schildkröte. Sie war<br />

etwa sechs Meter lang und zwei Meter hoch. Sie<br />

musste die Ursache für diese abgeweideten<br />

Wege im Wald sein. Also war sie ein Pflanzenfresser.<br />

Aber ihr augenblickliches Verhalten<br />

passte nicht zu <strong>eine</strong>m Pflanzenfresser.


»SIE HAT UNS GEWITTERT UND WIRD UNS<br />

JAGEN. ICH EMPFEHLE DIE FLUCHT.«<br />

Joy musste der Kybernetik recht geben. Die<br />

Schildkröte begann gerade wieder, zu laufen.<br />

Ihre vier kräftigen und kurzen B<strong>eine</strong> erzeugten<br />

das Trommeln. Mit <strong>eine</strong>m Vorsprung von etwa<br />

100 Metern rannte Joy durch den Wald. Dabei<br />

riss er sich an den Sträuchern die Arme auf. Aber<br />

langsamer durfte er nicht werden, denn die<br />

Schildkröte war recht schnell. Er konnte hören,<br />

wie sie mit aller Gewalt durch das Buschwerk<br />

rannte.<br />

»Wird sie uns einholen?«<br />

»BEI UNSERER JETZIGEN GESCHWINDIGKEIT<br />

WIRD SIE UNS NICHT EINHOLEN. DAS SAGT ABER<br />

NICHT WIE LANGE SIE DIE VERFOLGUNG AUF-<br />

RECHTERHALTEN WIRD.«<br />

Das waren ja schöne Aussichten. Nur wenige<br />

Minuten verwandte Joy darauf sich zum Kampf<br />

zu stellen. Selbst mit s<strong>eine</strong>m Schwert würde er<br />

ihr nicht mehr als ein paar Kratzer am Panzer<br />

zufügen können. <strong>Was</strong> ihm mehr sorgen bereitete,<br />

war die Tatsache, dass ihn ein Pflanzenfresser<br />

als Beute betrachtete.<br />

»FALSCHE KÖRPERCHEMIE.«<br />

Natürlich. Warum war ihm das nicht gleich<br />

eingefallen. Er war ein Fremdkörper in dieser<br />

Welt. Es war ihm ja schon an den Verfärbungen<br />

am Gras aufgefallen, wo er öfters entlanggegangen<br />

war. S<strong>eine</strong> Körperchemie reagierte auf die<br />

fremde Biosphäre dieser Welt. Bei dem Gras war<br />

es nur <strong>eine</strong> Verfärbung. Bei dieser Schildkröte<br />

bewirkte es etwas anderes.<br />

Nach <strong>eine</strong>r halben Stunde schnellen Laufens<br />

begannen die Seitenschmerzen. Die Schildkröte<br />

war immer noch hinter ihm her. Ihm musste jetzt<br />

kurzgeschichte 87<br />

Andreas Blome - JOMIKEL 1<br />

schnell etwas einfallen, denn lange würde er<br />

dieses Tempo nicht mehr durchhalten können.<br />

<strong>Was</strong> tat ein Pflanzenfresser, wenn er <strong>eine</strong><br />

schmackhafte Pflanze witterte, sie aber nicht<br />

erreichen konnte?<br />

»AUFGEBEN.«<br />

Das war es. Er musste irgendwo <strong>eine</strong>n Ort<br />

finden, zu dem die Schildkröte nicht hingelangen<br />

konnte. Ein Baum war nicht schlecht. Schildkröten<br />

konnten nicht klettern.<br />

»SIE KÖNNEN AUCH NICHT SCHNELL RENNEN.«<br />

Der Einwand war berechtigt. Diese Schildkröte<br />

konnte rennen, und zwar recht schnell. Aber bei<br />

ihrer Größe musste sie einige Tonnen wiegen<br />

und damit konnte man nur sehr schwer auf<br />

Bäume klettern. Joy sah sich um, während er<br />

rannte und die Schmerzen immer schlimmer<br />

wurden. Minuten später sah er <strong>eine</strong> Möglichkeit.<br />

Wahrscheinlich aus Altersgründen war <strong>eine</strong>r<br />

der Mammutbäume umgefallen. Sein Wurzelwerk<br />

strotzte nur so von Pilzen. Das war wohl<br />

auch der Grund, warum er den Halt verloren<br />

hatte. Der Baum war nicht ganz zu Boden gefallen,<br />

sondern hing noch immer mit s<strong>eine</strong>m<br />

Gespinst an den anderen Bäumen fest.<br />

Joy nutzte die Chance, die sich ihm hier bot. Er<br />

sprang auf den Stamm und kletterte so schnell<br />

er konnte zum Gespinst hoch. Dort wurde er<br />

etwas aufgehalten, da sich das Gespinst als sehr<br />

widerstandsfähig erwies. Es gelang ihm gerade<br />

noch rechtzeitig in den Wipfel <strong>eine</strong>s benachbarten<br />

Baumes zu klettern, als die Schildkröte den<br />

umgestürzten Baum erreichte.<br />

Sie rannte mit der Nase am Boden genau auf<br />

Joys Spur entlang. Sie folgte somit einwandfrei<br />

s<strong>eine</strong>m Geruch. Als sie den umgestürzten Baum


88<br />

kurzgeschichte<br />

erreichte, begann sie doch tatsächlich an ihm<br />

hochzuklettern. Das Gespinst hielt dieses zusätzliche<br />

Gewicht allerdings nicht aus und riss. Als<br />

der Baum nun endgültig auf dem Boden aufschlug,<br />

gab es <strong>eine</strong>n gewaltigen Ruck. Joy hatte<br />

es erwartet und sich gut festgehalten. Die Schildkröte<br />

die nun etwa 60 Meter unter ihm am<br />

Boden herumschnüffelte schien s<strong>eine</strong> Spur verloren<br />

zu haben.<br />

Sie schnüffelte noch einige Minuten an dem<br />

Kronengespinst herum und begann anschließend<br />

damit es aufzuessen. Joy blieb ganz still<br />

oben auf <strong>eine</strong>m Ast sitzen und hoffte, dass der<br />

Wind s<strong>eine</strong>n Geruch nicht nach unten wehte. Er<br />

konnte sich gut vorstellen, dass das Gewicht der<br />

Schildkröte selbst <strong>eine</strong>n der Mammutbäume<br />

fällen konnte, wenn sie in Rage geriet.<br />

Stunden später war die Schildkröte mit ihrer<br />

Mahlzeit fertig und verschwand zwischen den<br />

Bäumen. Trotzdem blieb Joy noch einige<br />

Stunden im Geäst des Baumes sitzen. Das Erlebnis<br />

hatte er noch nicht ganz verdaut. Außerdem<br />

gab es da noch ein anderes Problem. Hochgekommen<br />

war er nun ja, aber wie kam er jetzt<br />

wieder hinunter? 60 Meter waren für <strong>eine</strong>n<br />

Sprung etwas zu viel.<br />

Als Joy wieder die Lichtung betrat auf der sein<br />

Luftschiff stand waren einige Tage vergangen.<br />

Nach dem Erlebnis mit der Schildkröte hatte er<br />

beschlossen umzukehren. Das Geheimnis der<br />

Felsen an der Toruswand musste warten. Vielleicht<br />

hatte er später einmal mit dem Luftschiff<br />

mehr Erfolg. Der Abstieg aus dem Baum, auf<br />

dem er sich vor der gefräßigen Schildkröte<br />

gerettet hatte, war auch sehr einfach gewesen.<br />

Er hatte nur erst drauf kommen müssen. Aus<br />

*<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

dem Kronengespinst hatte er sich einfach ein<br />

Seil geflochten und sich zum Boden abgeseilt.<br />

Der Rückweg zum Lager war dann ohne Schwierigkeiten<br />

verlaufen.<br />

Im Lager untersuchte er zuerst die Apparatur<br />

zu Erzeugung des <strong>Was</strong>serstoffgases. Der Ballon<br />

war inzwischen bereits zu <strong>eine</strong>m Drittel gefüllt.<br />

Joy kontrollierte die Sandsäcke und ihre Verschnürung,<br />

die das Luftschiff am Boden halten<br />

sollten. Es war alles in Ordnung. Bei dem bisherigen<br />

Tempo sollte der Ballon in etwas über<br />

<strong>eine</strong>n Monat gefüllt sein.<br />

In dieser Zeit verstaute er alle restlichen Dinge<br />

im Luftschiff. Dann kletterte er zur Höhle hinunter,<br />

in der alles angefangen hatte. Sie hatte sich<br />

nicht verändert. Noch immer war ein großer Teil<br />

der Höhle verschüttet. Ein letztes Mal kroch Joy<br />

durch den von ihm gegrabenen Tunnel zu der<br />

Stelle, wo eigentlich <strong>eine</strong> Transmitterröhre<br />

stehen musste. Aber dieser Teil der Höhle war<br />

leer. Hier ließ er <strong>eine</strong> von zwei Nachrichten<br />

zurück. Es war kein Brief oder Ähnliches, denn<br />

zum Schreiben gab es in dieser Welt nichts. Er<br />

hatte aus Borkenstücken und Gespinstfäden ein<br />

kl<strong>eine</strong>s Modell s<strong>eine</strong>s Luftschiffes gebastelt, das<br />

er nun an <strong>eine</strong>n Felsvorsprung hängte.<br />

Er hoffte, dass ein Finder die Botschaft verstand.<br />

Es war ja nicht auszuschließen, dass<br />

irgendjemand aus s<strong>eine</strong>r ehemaligen Mannschaft<br />

den Weg hierhin fand und das Modell<br />

vorfand. Dann hatten sie zumindest den Beweis<br />

in der Hand, dass er noch am Leben war und das<br />

er sich mit solch <strong>eine</strong>m Luftschiff irgendwo im<br />

Torusring dieser Welt aufhielt.<br />

Das zweite Modell hängte er in der Haupthöhle<br />

auf. Dann betrachtete er ein letztes Mal die<br />

Höhle und verließ sie wieder. Vielleicht kehrte


er irgendwann einmal wieder zurück, um zu<br />

sehen, ob s<strong>eine</strong> Botschaft gefunden worden war.<br />

Während er wieder zum Lager und zum fast<br />

fertigen Luftschiff hochkletterte, bemerkte er in<br />

der Ebene unter sich <strong>eine</strong>n Lichtpunkt. Er verfluchte<br />

sich, dass er sein Fernrohr nicht dabei<br />

hatte. So schnell er konnte kletterte er zum<br />

Hochland hinauf. Aber das dauerte trotz s<strong>eine</strong>r<br />

Schnelligkeit länger als er dachte. Als er endlich<br />

sein Fernrohr in den Händen hatte und in die<br />

Torusebene hinabspähte war nichts mehr zu<br />

sehen. Eine Täuschung vielleicht?<br />

»NEIN.«<br />

»<strong>Was</strong> kann es gewesen sein?«<br />

»EIN FEUER.«<br />

»<strong>Was</strong> für ein Feuer?«<br />

»MIT HOHER WAHRSCHEINLICHKEIT EIN<br />

LAGERFEUER. 84%.«<br />

Ein Suchtrupp kann es nicht gewesen sein,<br />

denn das Feuer lag in nördlicher Richtung. Der<br />

geheimnisvolle Zeittransmitter dagegen lag im<br />

Süden. Wer hatte ein Lagerfeuer gebraucht?<br />

»EINGEBORENE.«<br />

Wer sonst auch. Es gab also irgendwelche<br />

Wesen in dieser Welt, die wahrscheinlich Intelligenz<br />

besaßen. Wer waren sie und wie sahen<br />

sie aus? Vielleicht fand er es irgendwann noch<br />

heraus. Innerhalb der nächsten Zeit spähte er<br />

öfters in die Ebene hinab. Das Lagerfeuer sah er<br />

noch dreimal. Immer etwas weiter nördlicher als<br />

vorher. Wer immer es auch entfacht hatte er<br />

kurzgeschichte 89<br />

wanderte in die Tagesregion, die sich an diese<br />

Nachtregion anschloss. Durch das Fernrohr<br />

konnte Joy <strong>eine</strong>n riesigen Wald im Zentrum der<br />

Tagesregion ausmachen. Mehr allerdings auch<br />

nicht. Die Entfernungen waren selbst für sein<br />

Hochle<strong>ist</strong>ungsfernrohr zu groß.<br />

Tage später war der Ballon des Luftschiffes<br />

gefüllt. Joy baute die Anlage wieder so um, dass<br />

er den Propeller des Helikopters als Luftschraube<br />

benutzen konnte. Noch einmal kontrollierte<br />

er das gesamte Luftschiff. Es schien in<br />

Ordnung zu sein. Er konnte starten. Vorher<br />

führte er aber noch <strong>eine</strong> kl<strong>eine</strong> Zeremonie durch.<br />

Er benetzte den Rumpf des Luftschiffes mit<br />

<strong>Was</strong>ser.<br />

»Ich taufe dich auf den Namen >ARCHE


90<br />

kurzgeschichte<br />

Spieglein, Spieglein…<br />

von Carola Kickers<br />

Fünf Jahre nach dem Tode ihrer Großmutter<br />

lebte Daniela immer noch in dem ländlich gelegenen<br />

Waisenhaus, in dem die barmherzigen<br />

Schwestern von St. Bernadette ein strenges<br />

Regiment führten.<br />

Aus der damals Zwölfjährigen war ein bildhübscher<br />

Teenager geworden mit kr<strong>ist</strong>allklaren,<br />

blauen Augen und langen, dunkelbraunen<br />

Haaren, die sie jeden Tag zu <strong>eine</strong>m strengen<br />

Zopf flechten musste.<br />

Die Kinder mussten hart arbeiten zwischen<br />

ihren Gebeten und nebenbei noch für ihr Schulpensum<br />

lernen. Aber niemand wollte sie so<br />

recht auf das Leben da draußen vorbereiten,<br />

hegten die Nonnen doch immer die Hoffnung,<br />

dass die <strong>eine</strong> oder andere ihrer Schützlinge als<br />

Novizin in den Orden eintreten würde. Und in<br />

der Tat konnte sich dieser Orden über Nachwuchs<br />

nicht beklagen.<br />

Seit ihrer Ankunft fühlte sich Daniela mit ihrem<br />

freien Ge<strong>ist</strong> und ihrem fröhlichen Naturell<br />

einsam und unverstanden. Ihre Aufsässigkeit<br />

hatte ihr schon so manche Strafarbeit eingebracht.<br />

Jede Nacht, wenn sie allein in ihrem Bett<br />

in dem großen Schlafsaal lag, den sie sich mit<br />

weiteren zehn Mädchen teilte, quälte sie der<br />

Gedanke an Flucht. Aber wohin hätte sie gehen<br />

können? Sie hatte k<strong>eine</strong> lebenden Verwandten<br />

mehr. Langsam rückte der Tag näher, in dem sie<br />

diese schützenden Mauern würde verlassen<br />

müssen. So sehr sie sich auch nach der Freiheit<br />

sehnte, so sehr fürchtete sie diese.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

An diesem Abend hatte die Oberin Daniela zu<br />

sich gebeten. Ein hartes und entbehrungsreiches<br />

Leben hatte das Gesicht der Vorsteherin dieses<br />

Waisenhauses gezeichnet, und ihre dunklen<br />

Augen schienen unendlich müde zu sein. Sie<br />

hatten wohl zuviel Leid gesehen. Die Schwestern<br />

erzählten sich, dass die Oberin lange Jahre im<br />

Missionarsdienst in Afrika gewesen war und dort<br />

allerlei Kämpfe gegen die dunklen Künste ausgefochten<br />

haben musste.<br />

Mit strengem, aber gütigem Blick schaute sie<br />

nun auf das junge Mädchen vor ihr, das achtungsvoll<br />

den Blick gesenkt hielt.<br />

»Nun, es <strong>ist</strong> an der Zeit, dass du dir über d<strong>eine</strong><br />

Zukunft klar wirst, welchen Beruf du ergreifen<br />

möchtest. Willst du vielleicht <strong>eine</strong> Lehre in der<br />

Stadt machen?<br />

Mit d<strong>eine</strong>r schönen Stimme wärst du aber auch<br />

in unserem Chor willkommen. Solche Talente<br />

wie du sind selten. Natürlich möchte ich dich<br />

nicht drängen, schließlich hast du <strong>eine</strong>n freien<br />

Willen.«<br />

‚Aha, dachte Daniela, ‚darauf soll es also hinauslaufen.’<br />

Sie schaute weiter zu Boden und ließ die<br />

Oberin reden, die die Vorzüge des Klosterlebens<br />

in den höchsten Tönen pries.<br />

‚Niemals, ihr kriegt mich nicht’, antwortete<br />

Daniela wiederum in Gedanken. Es schien, als<br />

hätte die Oberin ihren Widerspruch in ihrem<br />

Gesicht abgelesen. Sie lächelte in sich hinein.


Dann legte sie dem Mädchen die Hand auf die<br />

Schulter.<br />

»Folge mir, mein Kind, du sollst in Ruhe<br />

nachdenken können.«<br />

Wortlos folgte Daniela der schwarz-weiß<br />

gekleideten Nonne die Treppen hinauf bis auf<br />

den Dachboden des Heimes. Verwundert blickte<br />

sie sich in der mit abgedeckten alten Möbeln,<br />

Spielzeug und allerlei Krimskrams zugestellten<br />

Kammer um. Das letzte Sonnenlicht schien durch<br />

die beiden kl<strong>eine</strong>n Glasfenster in der Schräge<br />

und verwandelte die Staubschleier in der stickigen<br />

Luft in tanzende goldene Punkte.<br />

»<strong>Was</strong> soll ich hier, Mutter Oberin? Etwa aufräumen?«,<br />

wieder war da diese gewisse Abneigung<br />

in ihrer Stimme herauszuhören, doch die<br />

Oberin überhörte ihre Widerwilligkeit geflissentlich.<br />

»Du wirst die Nacht hier oben verbringen.<br />

Allein. Schau dich in Ruhe um, vielleicht entdeckst<br />

du etwas, was dich zu d<strong>eine</strong>r Berufung<br />

führt.«<br />

Verständnislos schüttelte Daniela den Kopf.<br />

Für sie war das absoluter Blödsinn, die Nacht<br />

hier oben in diesem zugigen und kalten Loch zu<br />

verbringen. Sie wusste doch längst was sie<br />

wollte – weg hier, ganz egal wohin. Für sie war<br />

dieses Heim ein Gefängnis.<br />

Die Oberin öffnete <strong>eine</strong>n der alten Schränke<br />

und zog zwei Wolldecken und ein Kissen heraus.<br />

»Hier, mein Kind, natürlich sollst du nicht frieren.<br />

Aber ich rate dir gut, halte Zwiesprache mit<br />

Gott in dieser Nacht, damit er dir d<strong>eine</strong>n Weg<br />

erleuchtet.«<br />

Daniela schnaubte verächtlich. Die Oberin<br />

verließ die Dachkammer und das junge Mädchen<br />

kurzgeschichte<br />

Spieglein, Spieglein… - von Carola Kickers<br />

91<br />

hörte, wie sich der rostige Schlüssel im Schloss<br />

umdrehte. Man hatte doch tatsächlich die Frechheit,<br />

sie hier einzuschließen! Wollte man sie<br />

etwa damit erpressen, Nonne zu werden?<br />

Lächerlich, sie würde sich niemals diesem Orden<br />

anschließen.<br />

Vielleicht ließ sich aber etwas Wertvolles zwischen<br />

all dem alten Kram finden? Neugierig<br />

durchstöberte Daniela die Dachkammer. Als<br />

erstes griff sie nach <strong>eine</strong>m schmutzig silbrigen<br />

Kerzenleuchter, in dem sich noch <strong>eine</strong> halbe<br />

Kerze befand und nach ein paar Streichhölzern<br />

aus <strong>eine</strong>r Schublade voller alter Küchenutensilien.<br />

Zumindest würde sie in dieser Nacht nicht<br />

ganz im Dunkeln stehen. Sie blickte durch <strong>eine</strong>s<br />

der kl<strong>eine</strong>n Dachfenster in den Himmel, wo<br />

schon der aufgehende Mond halb zu sehen war.<br />

Wieder ging sie auf die Suche. In <strong>eine</strong>m der<br />

Schränke fand sie dann ein spitzenbesetztes,<br />

schwarzes Seidenkleid, mit Perlen bestickt. Sie<br />

schlüpfte hinein, und es schien wie für sie<br />

gemacht. Das war doch etwas ganz anderes, als<br />

diese Waisenhausuniform! Wie weich es sich<br />

anfühlte! Selbstverliebt drehte sie sich im Kreis,<br />

ließ den weiten Rock schwingen. Sie löste den<br />

Zopf in ihrem Nacken und die langen Haare<br />

flossen als dunkler Storm über ihre Schultern.<br />

<strong>Was</strong> für ein herrliches Gefühl!<br />

Unter <strong>eine</strong>r der staubigen Abdeckungen fand<br />

sie schließlich <strong>eine</strong>n ovalen, alten Standspiegel<br />

in <strong>eine</strong>m glänzenden, geschnitzten Holzrahmen.<br />

»Im Spiegel liegt die Wahrheit« behauptete<br />

<strong>eine</strong> der Schnitzereien oben im Rahmen.<br />

Zum ersten Mal sah das Waisenmädchen s<strong>eine</strong><br />

ganze aufblühende Schönheit. Spiegel waren<br />

sonst im Heim nur in den <strong>Was</strong>chräumen erlaubt.<br />

Daniela spürte zum ersten Mal dieses Gefühl von


92<br />

kurzgeschichte<br />

Stolz und Eitelkeit. Sie fühlte sich wie <strong>eine</strong><br />

verwunschene Prinzessin.<br />

All das sollte sie in Zukunft unter der eintönigen<br />

Schwesterntracht verbergen, wenn es<br />

nach der Oberin ging. Diese makellose Haut, die<br />

zierliche Taille, die schönen, langen B<strong>eine</strong>? Alles<br />

in Daniela wehrte sich gegen diese Vorstellung.<br />

So, wie sie sich gerade da im Spiegel betrachtete,<br />

würde ihr die Welt offen stehen, würde sie<br />

Männerherzen höher schlagen lassen. So wollte<br />

sie leben und nicht anders!<br />

Die Nonnen hatten den Mädchen schon früh<br />

alle kl<strong>eine</strong>n Schmuckstücke untersagt. »Wenn<br />

man nachts in den Spiegel sieht, guckt der Teufel<br />

heraus«, dieses altväterliche Sprichwort hatten<br />

sie den heranwachsenden Kindern immer<br />

wieder vorgehalten.<br />

‚Lächerlich’, dachte Daniela jetzt, als sie sich<br />

daran erinnerte.<br />

Mit der Gewissheit, <strong>eine</strong> Entscheidung über<br />

ihre Zukunft getroffen zu haben, legte sie sich<br />

auf ein ausrangiertes Sofa und kuschelte sich<br />

zufrieden in die nach Mottenkugeln duftenden<br />

Wolldecken.<br />

Ihr Schlaf war unruhig. Nicht nur die ungewohnte<br />

Umgebung machte Daniela zu schaffen,<br />

viel mehr der Alptraum, der sie quälte.<br />

Dabei fing er so harmlos an: Daniela sah sie sich<br />

erneut vor diesem kunstvollen, alten Spiegel<br />

stehen in dem bezaubernden, schwarzen Kleid.<br />

Dann entwickelte das Bild in diesem Spiegel ein<br />

Eigenleben. Es zeigte ihr wie in <strong>eine</strong>m Film die<br />

Szenen <strong>eine</strong>r imaginären Zukunft - ihrer Zukunft.<br />

Zuerst sah sie ihre Entdeckung als Sängerin bei<br />

<strong>eine</strong>m Talentwettbewerb in <strong>eine</strong>r großen Stadt,<br />

ihre aufsteigende Karriere und später deren<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

schreckliches Ende in Form von Kokain und<br />

schmutzigen Schlagzeilen. Aber sie sah auch, wie<br />

ihr Charakter sich veränderte, von der anständig<br />

erzogenen jungen Dame zu <strong>eine</strong>r überheblichen,<br />

bösartigen Frau mit Starallüren. Und zuletzt<br />

zeigte dieser seltsame Spiegel ihr die Menschen,<br />

die sie zunächst umjubelten und dann voller<br />

Selbstsucht umschmeichelten, um sie schließlich<br />

fallen zu lassen und zu vergessen.<br />

Daniela erwachte schweißgebadet. Sie blickte<br />

an sich herunter und bemerkte, dass sie immer<br />

noch dieses Kleid trug. Hastig zog sie es aus und<br />

hängte es zurück in den Schrank. Dann schlüpfte<br />

sie in ihre eigenen Sachen und lief zur Tür der<br />

Dachkammer. Mit heftigem Klopfen machte sie<br />

auf sich aufmerksam, bis <strong>eine</strong> der Schwestern<br />

ihr schließlich öffnete. Mit immer noch zitternden<br />

Knien eilte die Waise in den <strong>Was</strong>chraum.<br />

Die me<strong>ist</strong>en Mädchen befanden sich<br />

schon beim Frühstück, so dass sie ganz all<strong>eine</strong><br />

war. Nach <strong>eine</strong>r Katzenwäsche blickte sie in den<br />

kl<strong>eine</strong>n, schon angelaufenen Spiegel über dem<br />

<strong>Was</strong>chbecken und stellte fest, dass sie immer<br />

noch ihre Haare offen trug. Wie gewohnt begann<br />

sie, diese wieder zu <strong>eine</strong>m Zopf zu flechten.<br />

Danach lief sie hinunter in den Speisesaal zu den<br />

anderen.<br />

Nach dem gemeinsamen Frühstück gingen die<br />

Mädchen an die ihnen zugewiesenen Arbeiten.<br />

Nur Daniela wurde erneut zur Oberin gerufen.<br />

Schüchtern blieb Daniela vor der Leiterin des<br />

Waisenhauses stehen, um deren Mund ein<br />

wissendes Lächeln spielte.<br />

»Nun, mein Kind, was <strong>ist</strong> dir in der letzten<br />

Nacht widerfahren. Du siehst sehr blass aus«,<br />

begann sie das Gespräch im mütterlichen Tonfall.<br />

Daniela machte <strong>eine</strong>n tiefen Atemzug. Sto-


ckend erzählte sie von dem Traum, der sie<br />

immer noch nicht loslassen wollte, solch intensive<br />

Bilder und Gefühle hatte der Spiegel in ihr<br />

Gedächtnis eingebrannt.<br />

Die Oberin nickte nur, nachdem Daniela ihre<br />

Geschichte geendet hatte. »Ja, die Versuchung<br />

lauert in vielerlei Gestalt auf uns«, erwiderte sie<br />

nachdenklich, mit dem Rücken zu ihrem Schützling.<br />

Sie hatte die ganze Zeit am Fenster gestanden<br />

und zugehört.<br />

»Und wie hast du dich nun entschieden?«,<br />

wollte sie dann wissen.<br />

Daniela schwieg. Sollte sie wirklich ihre blühende<br />

Schönheit und ihr gerade beginnendes,<br />

junges Leben <strong>eine</strong>m trostlosen Alltag im Kloster<br />

opfern? Aber was, wenn dieser merkwürdige<br />

Spiegel ihr wirklich die Wahrheit gezeigt hatte?<br />

So wollte sie auf k<strong>eine</strong>n Fall enden!<br />

Sie seufzte. Dann würde sie doch lieber das<br />

kl<strong>eine</strong>re Übel wählen.<br />

»Ich werde in den Orden eintreten«, sagte sie<br />

leise, fast flüsternd, nach <strong>eine</strong>r kl<strong>eine</strong>n Weile.<br />

Die Mutter Oberin drehte sich um und ging zu<br />

ihr hinüber.<br />

»Eine kluge Entscheidung, mein Kind. Du wirst<br />

<strong>eine</strong> wahre Bereicherung für uns sein«, sagte sie<br />

und hob mit der rechten Hand Danielas Kinn<br />

hoch, so dass das Mädchen ihr direkt in die<br />

Augen schauen konnte.<br />

Daniela zuckte zusammen. Das Gesicht der<br />

Oberin wirkt heute Morgen überraschend<br />

jugendlich mit rosigen Wangen. In ihren moosgrünen<br />

Augen lag ein seltsamer Schimmer, der<br />

das hübsche Kind in die Tiefe zu reißen schien.<br />

kurzgeschichte<br />

Spieglein, Spieglein… - von Carola Kickers<br />

»Wirklich <strong>eine</strong> kluge Entscheidung«, lobte die<br />

Oberin noch einmal, und Daniela schien es, als<br />

ob in der Dunkelheit dieser Augen <strong>eine</strong> tückische,<br />

rote Glut aufloderte. »Wir sollten immer<br />

prüfen, wem wir unsere Seele anvertrauen.«<br />

ENDE<br />

93<br />

© Minaya


94<br />

kurzgeschichte<br />

Die Logik der Bestie<br />

von Carola Kickers<br />

»Es muss schleichend vor sich gegangen sein.<br />

Anders kann ich es mir nicht erklären. Aber erst<br />

einmal möchte ich mich vorstellen: Mein Name<br />

<strong>ist</strong> Andreas Lehmann. Genauer gesagt, Kriminalkommissar<br />

Lehmann. Seit über dreißig Jahren<br />

bin ich nun bei der Kripo Köln, aber solche<br />

merkwürdigen Vorfälle häuften sich erst in den<br />

letzten Jahren. So, als würde ein Rad sich immer<br />

schneller drehen! Begonnen hat es kurz nach<br />

dem Jahrtausendwechsel. Mittlerweile passiert<br />

es europaweit, ja sogar überall auf der Welt!<br />

Allerdings nur in den sogenannten »zivilisierten«<br />

Ländern, also verstärkt in den USA und Europa.<br />

Fast jeden Tag erreichen uns neue Schreckensmeldungen.<br />

Oh nein, ich spreche nicht von<br />

Naturkatastrophen und drohenden atomaren<br />

Super-Gaus. Nach m<strong>eine</strong>r Berechnung <strong>ist</strong> der<br />

Mensch die Katastrophe. Aber lassen Sie mich<br />

von vorne beginnen:<br />

Den zunehmenden Amokläufen und Familientragödien<br />

haben wir k<strong>eine</strong>rlei Bedeutung beigemessen.<br />

Wir bekamen nur die Meldungen von<br />

den anderen Kommissariaten, wenn sich der<br />

<strong>eine</strong> oder andere Täter auf der Flucht in unseren<br />

Bezirk befand, es Komplizen hier gab oder die<br />

Tatbestände Ähnlichkeiten mit unseren Fällen<br />

aufwiesen. Schließlich sind wir hier in Köln nicht<br />

immer direkt davon betroffen. Die Zusammenhänge<br />

zwischen den einzelnen Fällen waren auf<br />

den ersten Blick nicht erkennbar. Und die Bou-<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

levardpresse bauscht schließlich jeden Mord<br />

titelseitengerecht auf. Na ja, ich wäre nie auf die<br />

Wahrheit gestoßen, wenn ich nicht <strong>eine</strong>s Abends<br />

im Büro die Fakten beim Aufräumen m<strong>eine</strong>s<br />

Schreibtisches neu sortiert hätte. Vielleicht <strong>ist</strong><br />

es aber auch nur m<strong>eine</strong> Wahrheit. Der Fall des<br />

Amoklaufes von Köln-Ehrenfeld war so gut wie<br />

abgeschlossen. Wieder war so ein hoffnungsloser<br />

Schüler und PC-Freak ausgetickt. Dachten<br />

wir zumindest. Die sollten diese Ballerspiele<br />

endlich verbieten!<br />

Zunächst bemerkte ich in drei verschiedenen<br />

Akten – übrigens alles Mordfälle - nur die sich<br />

ähnelnden Autokennzeichen. Hätte auch ein<br />

Zufall sein können. Schließlich handelte es sich<br />

um völlig unabhängige Taten im Umkreis von<br />

Köln: Ein Familienvater hatte s<strong>eine</strong> beiden<br />

Kinder im Schlaf erschossen. Ein eifersüchtiger<br />

Liebhaber war nachts in das Haus s<strong>eine</strong>r Freundin<br />

eingedrungen, hatte sie vergewaltigt und<br />

erstochen. Beim dritten Fall handelte es sich um<br />

<strong>eine</strong>n Obdachlosen, der plötzlich mit <strong>eine</strong>r zerbrochenen<br />

Flasche in der Hand in s<strong>eine</strong>m<br />

Stammkiosk beim Hauptbahnhof aufgetaucht<br />

war und die Besitzerin damit umbrachte. <strong>Was</strong><br />

trieb Menschen nur zu solchen Taten? Glauben<br />

Sie mir, wir Beamte haben längst aufgegeben,<br />

uns diese Frage zu stellen! Fest steht für uns<br />

Poliz<strong>ist</strong>en nur, dass sich diese Art von »Ausrastern«<br />

über <strong>eine</strong>n ziemlich langen Zeitraum aufbauen.<br />

Vielleicht täuschten wir uns hier?


Im ersten Moment maß ich m<strong>eine</strong>r neuen<br />

Erkenntnis k<strong>eine</strong>rlei Beachtung bei. Mein Instinkt<br />

sagte jedoch etwas anderes. Um m<strong>eine</strong><br />

aufkeimende Vermutung zu untermauern,<br />

suchte ich im Archiv eher spaßeshalber nach den<br />

Akten der letzten Monate. Plötzlich hatte ich ein<br />

Puzzlestück nach dem anderen vor mir, dass ich<br />

zusammensetzen konnte, welche <strong>eine</strong>n grausamen<br />

Plan verrieten. Nur, wessen Plan? Ich bin<br />

nicht gerade ein gläubiger Mann. Aber ein wenig<br />

aus dem Religionsunterricht <strong>ist</strong> doch noch<br />

hängen geblieben. Das Problem <strong>ist</strong> nur: Niemand<br />

wird mir glauben! Würden Sie es, wenn ich Ihnen<br />

erzählte, dass in jeden dieser Mordfälle ein<br />

Wagen verwickelt war, dessen Kennzeichen die<br />

Zahl 666 enthielt? Würden Sie? Sehen Sie, Sie<br />

lachen auch! Nicht ein bestimmter Wagen, nein.<br />

Alles unterschiedliche Typen. Die Kioskbesitzerin,<br />

zum Beispiel, besaß <strong>eine</strong>n kl<strong>eine</strong>n alten Fiat<br />

mit dem Kennzeichen K-…666, die von ihrem<br />

Liebhaber ermordete Frau <strong>eine</strong>n schwarzen<br />

Corsa und der amoklaufende Familienvater<br />

<strong>eine</strong>n silbernen Mercedes A-Klasse mit dieser<br />

Zahlenkombination am Ende. Na, lachen Sie<br />

immer noch? Ich nähme es Ihnen nicht einmal<br />

übel. Aber m<strong>eine</strong> Nachforschungen gingen noch<br />

weiter. Ich griff mir weitere Akten, suchte gezielt<br />

in der Kripo-Datenbank. Dort traf ich immer<br />

wieder auf das gleiche Muster. Mal Täter, mal<br />

Opfer. Immer <strong>eine</strong> Nummernkombination,<br />

welche die dreifache Sechs enthielt. Das konnte<br />

nun wirklich kein Zufall mehr sein! Es gab nur<br />

wenige Ausnahmen, bei denen m<strong>eine</strong> Vermutung<br />

nicht zutraf. Zu wenige! Ich beschloss,<br />

m<strong>eine</strong> Nachforschungen auszudehnen.<br />

Seit diesem Tag hielt ich automatisch die<br />

Augen auf, wenn ich unterwegs war. Neben mir<br />

auf dem Beifahrersitz lag ein offener Notizblock.<br />

kurzgeschichte<br />

Die Logik der Bestie - von Carola Kickers<br />

95<br />

Raten Sie mal, was ich darin notiert habe?<br />

Richtig! Es waren verblüffend viele, die hier in<br />

Köln und Umgebung mit <strong>eine</strong>m solchen Kennzeichen<br />

herumfuhren. Also fuhr ich weiter raus.<br />

Düsseldorf, Krefeld, den gesamten Niederrhein<br />

entlang. Am Wochenende legte ich endlose<br />

Kilometer auf verschiedenen Autobahnen<br />

zurück. Mein Notizblock füllte sich erschreckend<br />

schnell. Sie waren überall. Abends, wenn ich<br />

nach Hause in m<strong>eine</strong> leere Wohnung komme,<br />

starre ich oft stundenlang auf dieses Buch. Das<br />

Fernsehprogramm interessiert mich schon lange<br />

nicht mehr.<br />

Ich beschloss, mir von den Zulassungsbehörden<br />

in ganz Deutschland die L<strong>ist</strong>en der in den<br />

letzten fünf Jahren zugelassenen Kennzeichen<br />

zu besorgen. Bald trudelte ein Berg von CDs auf<br />

m<strong>eine</strong>m Schreibtisch ein, die ich der Reihe nach<br />

durchging. M<strong>eine</strong>n Kollegen gegenüber konnte<br />

ich natürlich kein Wort verlauten lassen. Nein,<br />

damit hätte ich m<strong>eine</strong>n Job und m<strong>eine</strong> Karriere<br />

zerstört. Das einzige, was mir geblieben war, seit<br />

m<strong>eine</strong> Frau Petra mich vor zwei Jahren verlassen<br />

hatte! Dieser Job <strong>ist</strong> mein Leben, verstehen Sie?<br />

Auch wenn sich mir manchmal an den Tatorten<br />

der Magen umdreht.<br />

Also führte ich m<strong>eine</strong> Nachforschungen in<br />

m<strong>eine</strong>m Wohnzimmer fort, besorgte mir <strong>eine</strong><br />

große Korkwand und spannte <strong>eine</strong> Deutschlandkarte<br />

darüber. Dann begann ich die bisher aufgeklärten<br />

Amokläufe mit den zugelassenen<br />

Wagen zu vergleichen und dort mit kl<strong>eine</strong>n<br />

Stecknadeln zu markieren. Rot für familiäre<br />

Opfer, grün für spontane Ausraster und gelb für<br />

Schulattentate. Die waren Gottseidank seltener.<br />

Fragen Sie mich bitte nicht, was ich mir davon<br />

versprochen habe. Ich weiß es nicht. Jedenfalls


96<br />

kurzgeschichte<br />

ging m<strong>eine</strong> wenige Freizeit mit diesen wenig<br />

sinnvollen Recherchen drauf.<br />

Als ich mir dieses bizarre Muster aus Stecknadeln<br />

einmal von weitem betrachtete, glaubte ich<br />

sogar, lauter winzige Pentagramme darin zu<br />

erkennen. Jetzt halten Sie mich wirklich für<br />

verrückt, nicht wahr? Je länger diese wahnwitzige<br />

Idee in mir brütete, desto schlimmer wurde<br />

es. Dabei wusste ich gar nicht, was ich mit<br />

m<strong>eine</strong>n Erkenntnissen anfangen sollte.<br />

Dann passierte diese Sache mit Petra: Ich traf<br />

sie zufällig bei Ermittlungen in der Innenstadt.<br />

Sie hat mich nicht bemerkt, als sie Hand in Hand<br />

mit ihrem durchgestylten neuen Freund – <strong>eine</strong>m<br />

blonden Gigolo – durch die Fußgängerzone<br />

flanierte. Petra hatte mehrere Tüten mit den<br />

Aufdrucken teurer Boutiquen in der Hand. Und<br />

das alles von m<strong>eine</strong>m Geld! Ich folgte den<br />

beiden, diesmal nicht aus beruflicher, sondern<br />

aus privater Neugierde. Sie verschwanden in der<br />

Tiefgarage <strong>eine</strong>s bekannten Kaufhauses.<br />

Zunächst zögerte ich, dann betrat ich das nur<br />

von Neonleuchten erhellte Betongeschoß. Hat<br />

mich irgendwie an ein Gefängnis erinnert. Die<br />

Scheidung von m<strong>eine</strong>r Ex war so schmutzig, dass<br />

ich ihr diese Wohnstätte durchaus gegönnt<br />

hätte. Ich hielt mich hinter den Säulenquadern<br />

und im Schatten, so dass die beiden mich nicht<br />

entdecken würden. Die Erinnerungen kamen für<br />

<strong>eine</strong>n kurzen Moment wieder hoch, als ich die<br />

beiden vor dem schicken schwarzen Alpha<br />

Romeo sah. Ein nagelneuer, offener Sportwagen,<br />

wie ich ihn mir niemals würde le<strong>ist</strong>en<br />

können, von dem, was von m<strong>eine</strong>m Gehalt nach<br />

Abzug ihres Unterhaltes übrig blieb. Petra lud<br />

gerade die Einkaufstüten auf den Rücksitz. Ihr<br />

Liebhaber wich dabei k<strong>eine</strong>n Zentimeter von<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

ihrer Seite. Und als sie sich umdrehte, ihm um<br />

den Hals fiel und ihn leidenschaftlich küsste,<br />

ballte ich die Fäuste. Eine unbändige Wut<br />

erfasste mich in diesem Augenblick, derer ich<br />

kaum Herr werden konnte. Erst als der Motor<br />

aufbrüllte und das Echo von den kahlen Wänden<br />

zurückhallte, erwachte ich wie aus <strong>eine</strong>r Trance<br />

und bemerkte, dass m<strong>eine</strong> rechte Hand den Griff<br />

m<strong>eine</strong>r P<strong>ist</strong>ole umklammerte! Erschrocken<br />

starrte ich dem davonbrausenden Edelgefährt<br />

nach. Auf dem Nummernschild prangte ein<br />

Düsseldorfer Kennzeichen mit der Endziffer 666!<br />

Sie können sich nicht vorstellen, wie mir zumute<br />

war.<br />

Ich ging in die nächste Altstadtkneipe und<br />

gönnte mir erstmal <strong>eine</strong>n Klaren. Ich weiß, <strong>ist</strong> im<br />

Dienst nicht erlaubt, aber den hatte ich jetzt<br />

bitter nötig. Als ich den Aquavit hinunter gekippt<br />

hatte, wurde mir schlagartig einiges bewusst.<br />

Ich lief nach Hause, setzte mich an den Laptop<br />

und begann, alles, was ich über besagte Zahl<br />

finden konnte, m<strong>eine</strong>n eigenen Recherchen<br />

hinzuzufügen. Eine Passage aus dem Kapitel 13<br />

der Offenbarung fesselte mich besonders:<br />

Das zweite Tier ……Und es bringt alle dahin,<br />

die Kl<strong>eine</strong>n und die Großen, und die Reichen und<br />

die Armen und die Freien und die Knechte, dass<br />

sie ein Malzeichen annehmen, an ihre rechte<br />

Hand oder an ihre Stirn; und dass niemand<br />

kaufen oder verkaufen kann, als nur der, welcher<br />

das Malzeichen hat, den Namen des Tieres oder<br />

die Zahl s<strong>eine</strong>s Namens. Hier <strong>ist</strong> die Weisheit.<br />

Wer Verständnis hat, berechne die Zahl des<br />

Tieres, denn es <strong>ist</strong> <strong>eine</strong>s Menschen Zahl; und<br />

s<strong>eine</strong> Zahl <strong>ist</strong> sechshundertsechsundsechzig.


Verstehen Sie denn nicht? Umgesetzt auf<br />

unsere heutige moderne Zeit bedeutet das doch<br />

das Gleiche! Wie können wir denn am leichtesten<br />

vom Bösen programmiert werden als im<br />

täglichen Leben? Durch etwas, das wir automatisch<br />

und unterbewusst wahrnehmen, während<br />

wir scheinbar ganz normal zur Arbeit oder in den<br />

Urlaub fahren? Etwas, dass wir heutzutage<br />

unbedingt brauchen, um mobil und unabhängig<br />

zu sein? Etwas, dass wir nicht so schnell austauschen,<br />

ja, sogar hegen und pflegen? Ist so ein<br />

Kennzeichen nicht viel einfacher und unauffälliger<br />

als zum Beispiel <strong>eine</strong> Tätowierung? Hören<br />

kurzgeschichte<br />

Die Logik der Bestie - von Carola Kickers<br />

97<br />

Sie doch auf zu lachen und machen Sie endlich<br />

die Augen auf! Ich bitte Sie, es geht um Menschenleben!<br />

Wie oft soll ich Ihnen eigentlich<br />

m<strong>eine</strong> Geschichte noch erzählen? Hören Sie<br />

mich doch an! Sie können es ganz leicht selbst<br />

überprüfen! Holen Sie diese Nummer aus dem<br />

Straßenverkehr! Und lassen Sie mich endlich aus<br />

dieser verdammten Zelle raus!!!<br />

HÖREN SIE MIR DOCH WENIGSTENS<br />

ZU!!!!«<br />

© Sophia West


98<br />

E-Riders!<br />

von Sven Klöpping<br />

Primal Arrival<br />

kurzgeschichte<br />

Die E-Machine rollt ein & ich hüpf auf ihre Hülle.<br />

Mit m<strong>eine</strong>m speziellen tunnel suit (das <strong>ist</strong> so’n Teil wie‘n<br />

Raumanzug) kleb ich mich an ihre Außenbordwand &<br />

hab k<strong>eine</strong>rlei Probleme, wenn sie auch mal über 2000<br />

km/h drauf hat und mir die atmosphere mitten durch<br />

die Synapsen jagt wie nem Mäusebussard auf Beutesturzflug<br />

oder nem Downhill-Punker auf LSD-Trip. Dabei<br />

kommt <strong>eine</strong>m die Beschleunigung der Machine vor wie<br />

ne Speedshow in ner cine bowl, wo du nur noch die Arme<br />

zu recken brauchst, um die unerreichbare Supra-Intensität<br />

zu erfassen, die jede Pore d<strong>eine</strong>s Körpers zu durchströmen<br />

scheint ...<br />

Heute <strong>ist</strong> Mutprobe, Showtimeday, heut hat mich Guiseppo<br />

mal wieder so krass gelangweilt, dass ich mich<br />

aufgemacht hab es ihm zu beweisen: ich werd genauso<br />

riden wie er, ich schwör’s euch: ich werd mich an die<br />

E-Machine klinken und mich durch die Welt katapultieren<br />

lassen wie sonst nur die wagemutigsten E-Riders.<br />

Und m<strong>eine</strong> helmet cam wird alles aufzeichnen und live<br />

ins Net loaden ...<br />

Es hat schon was von boredom revenge, dass ich mich<br />

heute bei strömendem Regen ins Tunnelsystem der<br />

Machine aufgemacht & extra n Ticket gelöst hab ohne<br />

das man ja verdammt noch mal nicht in das verfickte<br />

Scheißsystem reinkommt: 3. Klasse, hundertachtzig<br />

Öcken. Aber das isses mir wert. Der Trip den ich jetzt<br />

gleich erlebe, den haben die me<strong>ist</strong>en anderen höchstens<br />

mal beim Pimmelreiben oder Basejumpen erlebt. Heftigste<br />

Action, die hier gleich abgeht!<br />

Introspeed<br />

Die ersten zwei Kilometer darf die Machine noch nicht<br />

voll beschleunigen, tuckert nur mit n paar hundert<br />

Sachen durch den Tunnel, bis so‘n Elektrosurren einsetzt<br />

und die Räder hochgeklappt werden. Dann geht’s voll<br />

ab ...<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Anschnallen, abgehen!<br />

Ich schalt m<strong>eine</strong>n Mediaplayer auf Vollvol & hör m<strong>eine</strong><br />

extremste Mucke, aber statt mich anzuschnallen, schnall<br />

ich durch den Tunnel, dessen Wände nur knapp an mir<br />

vorbei splashen. Auch mein vom vielen Smallbabble und<br />

Powershoppen gelangweilter Verstand splasht durch die<br />

ultimative Freiheitshölle, denn E-Riding <strong>ist</strong> zwar das<br />

schönste aber auch das gefährlichste Hobby der Welt;<br />

wöchentlich gehen Dutzende dabei drauf. Zwar haben<br />

sie jetzt Sicherheitskameras an der Außenwand installiert,<br />

aber die kann man mit nem Virus ganz leicht<br />

austricksen (»... kannste überall im Netz loaden, ey«).<br />

Der Kick entschädigt dann aber fürs Risiko und in<br />

diversen Foren macht <strong>eine</strong>n das zum Ridergott. Natürlich<br />

muss man auch alles dokumentieren, deshalb die helmet<br />

cam (Selbstbeweihräucherung on/off). Zum Glück bin<br />

ich mit m<strong>eine</strong>n Vakuumsaugnäpfen fester als fest mit<br />

der Machine verbunden, sonst würd ich wahre Elefantenkräfte<br />

brauchen um mich am Metall festzukrallen.<br />

Lichter sausen an mir vorbei und illuminieren m<strong>eine</strong><br />

Netzhaut – verdammt, ich könnt schwören, dass ich<br />

gerade eben durch n buntes Loch in ne andere Zeit<br />

getaucht bin & schwör & schwör & schwör: ich bin ganz<br />

vorne mit dabei! Im Affentempo geht’s dann Richtung<br />

Westküste, wo ich mich in San Angeles abkapseln werd<br />

um wenig später total fertig durch die Lichtschranken zu<br />

torkeln, hinter denen man mich für nen abgewrackten<br />

Junkie halten wird. Aber das <strong>ist</strong> mir total wurscht, hab<br />

nämlich schon n Date mit nem Kumpel der mich mit ner<br />

Downie Infusion vom Trip runterbringen wird (hach ja,<br />

ich freu mich schon auf m<strong>eine</strong>n Lieblingsfilm) ...<br />

Aber jetzt rauscht erst mal der Underground an mir<br />

vorbei.<br />

Ich fühl mich als wenn ich immer noch im Bauch m<strong>eine</strong>r<br />

künstlichen Gebärmutter strampeln würde, die mich vor<br />

über dreiundzwanzig Jahren mitten in den birth room<br />

geworfen und danach sofort wieder im Stich gelassen<br />

hat – Schwärze umgibt und erfüllt mich, ich kann nicht


anders, ich schrei los obwohl mich k<strong>eine</strong>r hört, ich selbst<br />

hör mich selbst auch nicht, denn in m<strong>eine</strong>n Ohren<br />

pulsiert der neueste Erguss von Mayaman: die musikalische<br />

Instanz der Neuzeit (jedenfalls für m<strong>eine</strong>r<strong>eine</strong>r):<br />

dröhnende Bässe, intergalaktische Melodien. Könnte<br />

ich, würde ich – na was wohl? Wild abstrampeln! Aber<br />

ich häng an der Außenbordwand fest, selbst wenn ich<br />

wollte könnt ich k<strong>eine</strong> großen Luftsprünge vollbringen.<br />

Elektrosturm!<br />

Durch den ant<strong>ist</strong>atischen Anzug merk ich davon kaum<br />

was, aber rein optisch isses schon hammergeil: Die<br />

elektromagnetischen Entladungen tanzen von den<br />

Spulen zur E-Machine und wieder zurück. Es <strong>ist</strong> wie ein<br />

Minigewitter, das der Chaostheorie zum Opfer gefallen<br />

<strong>ist</strong>: seltsame Attraktoren gibt es überall im Tunnel und<br />

äußerst seltsam erscheint es mir auch, dass die Machine<br />

trotz der heftigen Elektrostürme immer in ihrer vorgegebenen<br />

Position bleibt, also in der Tunnelmitte schwebend<br />

und von diversen Blitzen und starken<br />

Magnetfeldern nach vorne gepeitscht. Ohne den Anzug<br />

würde ich das hier wohl kaum überleben ...<br />

Kurvendrift!<br />

Eine ziemlich lang gezogene Biegung kommt auf mich<br />

zu. Nicht dass ich nicht drauf vorbereitet gewesen wäre:<br />

durch den kl<strong>eine</strong>n, im Visier integrierten »Bordcomputer«<br />

weiß ich ganz genau, dass ich die nächsten drei<br />

Kilometer aufpassen muss um am Leben zu bleiben –<br />

hier kann es <strong>eine</strong>n E-Rider nämlich ganz schnell rauswerfen<br />

und dann liegst du nur noch in Stücken hier rum ...<br />

Wie n kl<strong>eine</strong>s Klammeräffchen häng ich jetzt an der<br />

Machine fest, fehlt nur noch dass ich am Daumen lutsche<br />

und mich in Embryonalstellung krümme – dieser Trip <strong>ist</strong><br />

echt wie ne Neugeburt, ich kann’s überhaupt nicht<br />

fassen, Lichter verschwimmen zu <strong>eine</strong>m Lichtkanal & ich<br />

glaub ich flieg durch n Wurmloch so abgefahren <strong>ist</strong> das<br />

alles!<br />

Anderthalb Stunden bin ich jetzt schon dabei, kommt<br />

mir irgendwie viel kürzer vor – so langsam werden m<strong>eine</strong><br />

Glieder steif, obwohl sie ja in nem formbaren Korsett<br />

aus Titanimitat stecken. Trotzdem – dieser Extremsport<br />

kurzgeschichte<br />

verlangt <strong>eine</strong>m echt alles ab. Nicht dass ich schwitzen<br />

würde, aber du brauchst schon echt viel Muskelfleisch<br />

um das alles hier durchzuhalten!<br />

Alarm!<br />

E-Riders! - von Sven Klöpping<br />

K<strong>eine</strong> Sorge, nicht die Bullen.<br />

Nur die Weckfunktion m<strong>eine</strong>s data cubes gibt Laut und<br />

unterbricht die schönste Passage von »When you all will<br />

fall«:<br />

»When you all will fall you all will call: Give me madness,<br />

give me sadness!<br />

When you all will fall you all will call: All happiness must<br />

die! …«<br />

Krasse Getto-Scheiße, ey!<br />

Ach so, der Alarm. Der erinnert mich daran, dass die<br />

Geschwindigkeit bald nachlässt und dass ich mich wohl<br />

oder übel auf den Absprung vorbereiten muss, der noch<br />

vor der Station passieren muss, sonst glotzen mich die<br />

Leute voll doof an und die Bullen ham mich aufm<br />

Präsentierteller ...<br />

Also: aufgepasst!<br />

Verschiedene rote Lichter zeigen an, dass die Machine<br />

bald gedrosselt wird, das heißt die elektrischen Impulse<br />

in den Spulen werden schwächer und weniger häufig<br />

aktiviert. Der Absprung <strong>ist</strong> dann das Schwierigste beim<br />

ganzen E-Riden: du musst nach hinten weg, sonst nimmt<br />

dich die Machine in die Zwickmühle, also musste wohl<br />

oder übel in den freien Raum hinter das Gefährt springen<br />

und hoffen, dass dich die Kameras dabei nicht filmen,<br />

was nicht mal das Schlimmste wär, denn mein Gesicht<br />

<strong>ist</strong> durch den Helm mit getöntem Visier ausreichend<br />

geschützt. Das Schwierigste <strong>ist</strong>, unerkannt in die Station<br />

zu gelangen, den tunnel suit irgendwo zu verstecken und<br />

dann so zu tun als sei man total besoffen und nur wegen<br />

dem Alkohol in so nem fertigen Zustand.<br />

Jump into the void!<br />

99<br />

Also: ich schalt die Musik leiser, hör wie die elektrischen<br />

Impulse der Beschleunigungsspulen an mir vorbeijagen,


100<br />

kurzgeschichte<br />

sehe wie die Räder der Machine ausgefahren werden<br />

und dann ... voidness!<br />

So nennt man das, wenn der Strom weg <strong>ist</strong> aber die<br />

Machine immer noch ein paar Meter in der freien Luft<br />

schwebt. Erst dann setzen nämlich die Räder auf den<br />

Schienen auf und erzeugen dabei ein Ohren betäubendes<br />

Knirschen, überall dampft und zischt es und die Luft<br />

röche wohl nach verbranntem Gummi, wenn ich jetzt<br />

die Nase im Fahrtwind hängen hätte, der die kl<strong>eine</strong>n<br />

Windräder an der Außenhülle antreibt. Aber jetzt <strong>ist</strong> erst<br />

mal volle Konzentration angesagt: ich hab nur noch zwei<br />

Kilometer Zeit, den final jump vorzubereiten. Aber k<strong>eine</strong><br />

Sorge: In m<strong>eine</strong>m Anzug befindet sich natürlich auch ein<br />

programmierbarer Raketentorn<strong>ist</strong>er, ohne den ich jetzt<br />

völlig verloren wär. Aber ich werd ihn erst dann aktivieren,<br />

wenn ich mich schon hinter dem letzten Abteil in<br />

freier Luft befinde.<br />

Das Adrenalin steigt mir zu Kopf, ich muss mich anstrengen<br />

klar zu denken bei all den Sounds und Actions um<br />

mich rum; schon Sekunden später geht’s nicht mehr<br />

anders, ich muss jumpen: Die Machine hat immer noch<br />

ungefähr zweihundert Sachen drauf und ich Glück dass<br />

ich nicht an <strong>eine</strong> der Metallschienen pralle, auf denen<br />

sie nun rumrattert. Der final touch auf den Raketenauslöser<br />

muss exakt getimed sein, sonst fall ich ungebremst<br />

auf den Boden, auf dem man selbstverständlich k<strong>eine</strong>n<br />

flauschig-roten Teppich ausgelegt hat sondern bloß<br />

blanken Beton, der mich knallhart empfangen und<br />

schwere Verletzungen zur Folge haben würde wenn ich<br />

den Button jetzt nicht drück! Ich schaff’s gerade noch<br />

den Startknopf zu erwischen, bevor die ganze verfickte<br />

Realität über mir zusammen bricht: m<strong>eine</strong> beiden<br />

Raketen retten mich dann vor dem Sturz und zischen<br />

m<strong>eine</strong>n zitternden Körper zunächst ein paar Meter nach<br />

hinten weg, dann mit <strong>eine</strong>m Ruck nach oben, um dann<br />

mitten in der Luft stehen zu bleiben und mich sanft in<br />

Richtung Boden abzusenken.<br />

Puuuh! Wieder mal Wildschwein gehabt.<br />

Der Rest <strong>ist</strong> gar kein Problem und für mich schon fast<br />

Routine: schnell ausziehen, den Nanorucksack ausfalten,<br />

Anzug verstauen, ein paar Schritte laufen, bis ich den<br />

Belüftungsschacht finde, wo ich den Rucksack deponiere.<br />

In <strong>eine</strong>r Woche werd ich ihn mir wiederholen und<br />

die Rückreise antreten ...<br />

Aber jetzt erst mal raus hier aus dem ganzen Scheiß.<br />

Ich kann mich gerad noch so auf den B<strong>eine</strong>n halten,<br />

schwanke in Richtung Station, wo die Machine gerade<br />

von einigen hundert Leuten bestiegen wird, die wohl<br />

niemals in ihrem langweiligen Leben den Flash erleben<br />

werden, den ich gerade hinter mir hab – boah, was für<br />

Lebensloser! Die ham doch echt nur die nächste Zinserhöhung<br />

im Kopp.<br />

Outro<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Sooo ... da vorne isses. Ganz langsam an die Station<br />

anschleichen, bloß nicht erwischen / aufzeichnen lassen!<br />

Nur noch zehn, sieben, drei Meter, dann: ducken, von<br />

unten an die Plattform heran, über die Kante lugen und<br />

... hopp, schon bin ich wieder mitten drin in der Legalität!<br />

Mein Magen fühlt sich trotzdem an wie ne faule Tomate,<br />

<strong>ist</strong> immer noch sehr mitgenommen von der rasanten<br />

Fahrt, so dass ich wie der letzte Penner zum Ausgang<br />

schwanken muss – boah is mir schlecht, ersma stehen<br />

bleiben.<br />

Und natürlich spricht mich sofort n Bulle schief von der<br />

Seite an, was denn mit mir sei, ich sag, mir is sooo übel,<br />

er lässt mich durch, meint noch, ich soll zum Arzt, ja ja,<br />

scheiß auf den Arzt, ich brauch jetzt m<strong>eine</strong> Downies,<br />

aber der Bulle versteht mich nicht.<br />

»Brownies?« fragt er mich.<br />

»Ja«, sag ich, »und nen Kaffee.«<br />

Da guckt er nur blöd!<br />

»Mit der E-Machine haben wir <strong>eine</strong> völlig neue Dimension<br />

des Reisens eingeführt!« (Vorstandsvorsitzender<br />

von E-Machines Inc.)


Er strolchte durch die Straßen. Die nächtliche<br />

Ruhe wurde durch das Brummen <strong>eine</strong>s Motors<br />

gestört und das grelle Licht blendete s<strong>eine</strong><br />

Augen. Er kniff sie bis auf <strong>eine</strong>n Spalt zusammen<br />

und blieb unentschlossen im Scheinwerferlicht<br />

stehen. Er blinzelte zu <strong>eine</strong>m der Gärten hinüber.<br />

Dort oben auf der Mauer würde er jetzt<br />

gerne sitzen. Mit Anlauf sprang er hoch.<br />

Die Umgebung einmal bei Tage durchstreifen,<br />

das wünschte sich der Europäisch Kurzhaar.<br />

S<strong>eine</strong> orangefarbenen Augen leuchteten wie<br />

glühende Kohlen aus dem dunklen Gesicht und<br />

der Dunkelheit. Aber stets hieß es: Nein, Edwin!<br />

Auf gar k<strong>eine</strong>n Fall! Du darfst nur nachts raus,<br />

Edwin! - Du b<strong>ist</strong> ein außergewöhnlicher Kater.<br />

Allein schon D<strong>eine</strong>s Äußeren wegen!<br />

Das ärgerte ihn nicht nur, sondern kränkte<br />

s<strong>eine</strong> Seele.<br />

<strong>Was</strong> kümmerte es ihn, dass er nicht irgendein<br />

Europäisch Kurzhaar sondern ein rauchfarben<br />

Europäisch Kurzhaar war – ein Smoke, der <strong>eine</strong><br />

Rarität darstellt.<br />

Er wollte einfach nur ein Kater sein!<br />

Also mach ich wieder <strong>eine</strong>n nächtlichen Streifzug<br />

durch mein Reich. Wenigstens bei Nacht,<br />

darf ich hier der Katzenkönig sein!<br />

Zuhause zieht der Duft von frisch gebackenem<br />

Stollen, Glühwein, Bratäpfeln und Gebäck<br />

durchs Haus. Das Geraschel von Geschenkpapier,<br />

farbige Bänderreste, die auf den Boden<br />

kurzgeschichte<br />

gefallen sind, rote Wangen von der Kälte<br />

draußen und der Erwartungsfreude. Und alle<br />

sind außer sich vor Sorge, weil er schon seit<br />

Tagen nicht Daheim <strong>ist</strong>.<br />

Im ganzen Bezirk suchen sie ihn mittels Steckbriefs.<br />

Sogar <strong>eine</strong> Anzeige haben sie aufgegeben.<br />

Auf diese Weise wollte er dem vorweihnachtlichen<br />

Festtagstrubel nicht aus dem Weg gehen!<br />

So fern – so nah.<br />

Ein nächtlicher Streifzug - von Susanne Ulrike Maria Albrecht<br />

101<br />

Ein nächtlicher Streifzug<br />

von Susanne Ulrike Maria Albrecht<br />

Eigentlich wollte er am 24.Dezember wieder<br />

Zuhause sein.<br />

Vielleicht schneite es genau in diesem<br />

Moment, da draußen.<br />

Zuhause würde er auf der warmen Fensterbank<br />

liegen, fröhlich Erwachen und den tanzenden<br />

Schneeflocken zuschauen.<br />

Hier drinnen in dem feuchten kalten Keller<br />

herrschte gleichbleibende Dunkelheit.<br />

Er denkt an alle und weiß, dass auch sie jetzt<br />

an ihn denken. Die Verbindung zu ihnen bringt<br />

wehmütige Gefühle. Die Entfernung bleibt so<br />

groß, auch wenn wir gedanklich beisammen sind.<br />

Weihnachten <strong>ist</strong> nirgends schöner als Daheim.<br />

Jetzt <strong>ist</strong> Zuhause, die Zeit der Bescherung. Ganz<br />

bestimmt läuft in <strong>eine</strong>m Programm »Ist das<br />

Leben nicht schön?«, Frank Capras wundervoller<br />

Klassiker mit Jimmy Stewart. Vielleicht gerade<br />

die Szene, in der die kl<strong>eine</strong> Tochter ihrem Vater


102<br />

kurzgeschichte<br />

erklärt, dass immer wenn ein Glöckchen läutet<br />

ein Engel s<strong>eine</strong> Flügel erhält.<br />

Weihnachten sollte für die Menschen und die<br />

Tiere die glücklichste Zeit des Jahres sein, sagt<br />

der Mann, als er mich zu m<strong>eine</strong>r überglücklichen<br />

Familie zurückbringt, nachdem er mich endlich<br />

in s<strong>eine</strong>m Keller entdeckt hat.<br />

© Minaya<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Das weiche, warme Licht der Chr<strong>ist</strong>baumkerzen<br />

flattert reflektierend auf unseren<br />

Gesichtern. Wir schauen uns an. Die Eltern<br />

nicken lächelnd. Die Schwestern setzen sich<br />

abwechselnd auf den Drehstuhl und spielen auf<br />

dem Klavier »Stille Nacht, Heilige Nacht«, dann<br />

»White Chr<strong>ist</strong>mas«. Alle vier singen dazu. Und<br />

draußen rieselt leise der Schnee.


In der Rubrik <strong>Kurzgeschichte</strong>n<br />

gibt es in dieser Ausgabe der<br />

<strong>SpecFlash</strong> mal etwas anderes.<br />

Nicht nur <strong>eine</strong> bunte Mischung<br />

von Beiträgen der verschiedensten<br />

Autoren, sondern dazu der<br />

Verweis auf <strong>eine</strong> ganz besondere<br />

Autorin. Damit soll allgemein<br />

ihrem Talent und explizit ihrem<br />

exquisiten Schreibstil gehuldigt<br />

werden. Denn sie <strong>ist</strong> nicht nur<br />

m<strong>eine</strong>r Meinung nach <strong>eine</strong> der<br />

besten Schriftstellerinnen, die<br />

derzeit bei <strong>SpecFlash</strong> veröffentlichen.<br />

Zudem habe ich es auch<br />

geschafft, ein Interview mit ihr zu<br />

führen. Obwohl sie wegen ihres Umzuges sicherlich<br />

nicht gerade wenig Stress hatte, war Carola<br />

Kickers gerne bereit, sich m<strong>eine</strong>n Fragen zu<br />

stellen.<br />

MK: Hallo, Carola! Die erste Frage <strong>ist</strong> auch<br />

gleich, wie du zum Schreiben gekommen<br />

b<strong>ist</strong> … Bei Literatopia hast du schon<br />

erzählt, dass du seit frühster Jugend<br />

schreibst. Gab es da vielleicht <strong>eine</strong> Art<br />

Initialzündung?<br />

CK: Eigentlich nicht. Wenn mich früher<br />

etwas fasziniert oder beschäftigt hatte<br />

– ganz gleich welches Thema es war –,<br />

versuchte ich schon als Kind, diese<br />

Faszination in Worte auszudrücken. So<br />

entstanden die ersten Gedichte und<br />

Interview mit Carola Kickers<br />

interview 103<br />

Rede & Antwort:<br />

Nicht nur <strong>eine</strong> - Carola Kickers<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong>n. M<strong>eine</strong> Eltern<br />

haben es nie verstanden, dass<br />

ich stundenlang mit Büchern in<br />

m<strong>eine</strong>m Zimmer gehockt habe<br />

und erst zum Abendessen<br />

wieder rauskam . Wäre da<br />

nicht mein anderes Hobby – der<br />

Reitsport – gewesen, hätte ich<br />

mich wirklich zum<br />

Stubenhocker entwickelt.<br />

MK: Melanie Brosowski hast<br />

du damals erzählt, du wärst<br />

väterlich vorbelastet, also<br />

künstlerisch gesehen … <strong>Was</strong> hat<br />

denn dein Vater so alles<br />

geschrieben?<br />

CK: Mein Vater selbst <strong>ist</strong> eher der Musiker.<br />

Er kann Noten schreiben, aber k<strong>eine</strong><br />

Texte oder Geschichten. Diese<br />

Vorbelastung stammt von m<strong>eine</strong>m<br />

Großvater Hardy Kickers, der außer<br />

Kompositionen auch Heimatromane<br />

(damals sogenannte Groschenromane)<br />

schrieb. Aber auch Gedichte in<br />

rheinischer Mundart und ab und zu <strong>eine</strong><br />

Glosse oder Kolumne in regionalen<br />

Zeitungen.<br />

MK: Und wann kam es zu dem Entschluss, es<br />

als freiberufliche Autorin zu versuchen?<br />

(Ist ja ein gewagter Schritt, nicht gerade<br />

ohne Risiko)


104<br />

interview<br />

CK: Eigentlich war es kein Entschluss, eher<br />

<strong>eine</strong> Entwicklung. Leben kann man davon<br />

nicht, schließlich übe ich immer noch<br />

<strong>eine</strong>n „seriösen“ Broterwerb aus. Aber<br />

es <strong>ist</strong> ein Hobby, das k<strong>eine</strong>n Stillstand<br />

kennt und bei dem man sich selbst auch<br />

weiterentwickelt, immer wieder<br />

ausprobiert und stetig verbessert.<br />

MK: Wie kam es dann zu dem Sprung zur<br />

Phantastik? Du hast ja mit <strong>eine</strong>m<br />

Kinderbuch debütiert …<br />

CK: Begonnen hat es mit <strong>Kurzgeschichte</strong>n,<br />

wie bei vielen Autoren. Die ersten<br />

Beiträge in Anthologien wurden<br />

angenommen und so hat sich ziemlich<br />

rasch <strong>eine</strong> Eigendynamik ergeben. Ich<br />

glaube das Phantastik nicht unbedingt<br />

„unreal<strong>ist</strong>isch“ sein muss. Dinge, die wir<br />

Autoren uns jetzt ausdenken, wird es<br />

vielleicht in ein paar Jahrzehnten<br />

tatsächlich geben (siehe Jules Verne).<br />

Andere Geschichten basieren auf Mythen<br />

oder vergessenem Wissen. Allein unsere<br />

eigene H<strong>ist</strong>orie birgt in gewisser Weise<br />

viele fantastische Elemente.<br />

MK: Da hast du auch wieder recht. Aber warum<br />

ein Pseudonym? Manche d<strong>eine</strong>r<br />

Geschichten veröffentlichst du als Carola<br />

Kickers, manche als Carol Grayson …<br />

CK: In erster Linie, um ein wenig zu<br />

differenzieren. Da ich in vielen Genres<br />

unterwegs bin, wollte ich<br />

<strong>Kurzgeschichte</strong>n, Kinderbücher und<br />

Magazinbeiträge ein wenig von der<br />

Phantastik trennen. Außerdem soll und<br />

wird es früher oder später auch englische<br />

Ausgaben m<strong>eine</strong>r Stories geben. Also bot<br />

sich dieser Schritt von selbst an.<br />

MK: Aber warum ausgerechnet Carol Grayson?<br />

CK: Woher der Name „Grayson“ stammt?<br />

MK: Ja.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

CK: Nicht unbedingt ein Zufall, denn die Fans<br />

der Serie Vampire Diairies dürften es<br />

wissen<br />

MK: Ah ja, … Von der Serie habe ich zwar schon<br />

gehört, aber trotzdem nie <strong>eine</strong> Folge<br />

gesehen. Schande über mich, Asche auf<br />

mein Haupt! Aber Vampire sind ein<br />

gutes Stichwort und gleichzeitig auch die<br />

Überleitung zur nächsten Frage. Woher<br />

kommt diese Faszination für Vampire? Bei<br />

dir scheint das ja nicht ein bloßes Mode-<br />

Phänomen zu sein. Denn d<strong>eine</strong><br />

Geschichten kann man ja nun wirklich<br />

nicht als Twilight-Abklatsch bezeichnen ….<br />

CK: Wahrscheinlich, weil ich ein neugieriger<br />

Mensch bin. Ich lehne es grundsätzlich<br />

ab, in Schwarzweißmustern zu denken.<br />

Ein Wesen, das uns Furcht einflößt, muss<br />

nicht unbedingt „böse“ sein, nur weil wir<br />

es nicht verstehen oder ergründen<br />

können. Da stelle ich mir immer gleich<br />

die Frage nach dem „Warum“ - die<br />

Hintergründe, die Beweggründe, das<br />

interessiert mich persönlich. So, wie die<br />

Natur immer wieder neue Varianten an<br />

Spezies erschafft, so kann ein Autor zum<br />

Schöpfer werden. Weg von den


Plattitüden und dem Schubladendenken<br />

und hin zur Kreativität. Denn Fantasie <strong>ist</strong><br />

nichts anderes als ein kreativer Ge<strong>ist</strong>.<br />

MK: Wie würdest du dann, quasi als Expertin<br />

auf diesem Gebiet, den momentanen<br />

Vampir-Hype beschreiben? Wo siehst du<br />

da die ‚Probleme’?<br />

CK: Als Expertin würde ich mich da nicht<br />

bezeichnen, aber ich mache mir da schon<br />

so m<strong>eine</strong> Gedanken, wenn man bekannte<br />

h<strong>ist</strong>orische Figuren plötzlich zu<br />

Vampirjägern werden lässt, um<br />

unbedingt auf dieser Welle mit zu<br />

schwimmen.<br />

MK: Welche h<strong>ist</strong>orische Figur meinst du da<br />

genau? Habe ich da was verpasst??<br />

CK: Nun, sei es <strong>eine</strong> österreichische<br />

Monarchin oder ein amerikanischer<br />

Präsident. Da kann ich die Verlage auch<br />

nicht so recht verstehen. Die Bücher<br />

mögen gut geschrieben sein, aber ich<br />

sehe darin eher so etwas wie ein<br />

zwanghaftes Dabeiseinwollen und<br />

Mitverdienen. Ich verwende bei „Im<br />

Bann der Lilie“ zwar auch reale<br />

h<strong>ist</strong>orische Personen, aber bei mir <strong>ist</strong> die<br />

wahre H<strong>ist</strong>orie nur Rahmenschauplatz<br />

für die Handlung der „fantastischen“<br />

Figuren. Wie dem auch sei, bei mir geht<br />

es auch ohne Vampire, das beweisen die<br />

neuesten Geschichten. Dieser Hype wird<br />

wie viele andere vorübergehen und<br />

bestimmt in ein paar Jahren wieder<br />

aufleben. Das <strong>ist</strong> der übliche Rhythmus,<br />

sei es in der Mode oder in anderen<br />

Interview mit Carola Kickers<br />

interview 105<br />

Bereichen. Konstant überleben wird<br />

<strong>eine</strong>n Hype nur, wer immer wieder Neues<br />

und Ungewöhnliches zum Thema<br />

erschafft.<br />

MK: <strong>Was</strong> fehlt d<strong>eine</strong>r Meinung nach den<br />

Blutsaugern in Twilight und True Blood?<br />

CK: Hier wird mir persönlich zu sehr mit<br />

Klischees gearbeitet. Guter Vampir,<br />

böser Vampir, dazu der unabdingbare<br />

Werwolf.<br />

MK: Mittlerweile kommt ja k<strong>eine</strong><br />

Vampirgeschichte mehr ohne mindestens<br />

<strong>eine</strong>n Werwolf aus …<br />

CK: Bei der Fernsehserie True Blood heißt es<br />

eigentlich nur „Sex sells“ und sämtliche<br />

mythischen Wesen, die es nur gibt,<br />

tauchen darin auf.<br />

MK: Oh, ja! Inzwischen gibt es da ja auch<br />

Feen!! Und Suckie Stackhouse <strong>ist</strong> selbst<br />

<strong>eine</strong>!!!<br />

CK: Nichts wirklich Neues (sieht man vom<br />

„glitzernden“ Vampir mal ab), doch es<br />

verkauft sich gut, wie man sieht. Aber<br />

auch Klischees könnte man evtl.<br />

tiefgründiger umsetzen, doch das <strong>ist</strong><br />

m<strong>eine</strong> persönliche Meinung.<br />

MK: Dann gibt es von dir ja auch noch <strong>eine</strong>n<br />

„Katzenkrimi“ - Mr.Pattapu und das Geheimnis<br />

des alten Hauses. Willst du uns<br />

darüber etwas erzählen?<br />

CK: Dazu haben mich m<strong>eine</strong> eigenen Katzen<br />

inspiriert: ein Perserkatzer und ein


106<br />

interview<br />

Kartäusermädchen. Wobei sie in natura<br />

cleverer <strong>ist</strong> als er , aber das <strong>ist</strong> im Buch<br />

natürlich umgekehrt.<br />

MK: Robin und Winnie Puh?<br />

CK: Ja genau, laut Papieren Robin Hood von<br />

Weyerkastell und Eowyn, die ich<br />

aufgrund ihrer anfänglichen Scheu in<br />

Winnie Puh umgetauft habe.<br />

MK: Weil ich selber <strong>eine</strong>n Kater habe, kann ich<br />

dich da sehr gut verstehen. Würdest du<br />

sagen, dass „tierische“ Krimis wieder im<br />

kommen sind? Siehe Garou? Oder <strong>ist</strong> Mr.<br />

Pattapu mehr <strong>eine</strong> Hommage an Felidae?<br />

CK: Für mich war es eher ein Spaß, nach den<br />

Beobachtungen m<strong>eine</strong>r eigenen Tiere<br />

<strong>eine</strong>n kl<strong>eine</strong>n Krimi zu schreiben. Es hat<br />

mich gereizt, <strong>eine</strong> Geschichte zu<br />

verfassen, bei der es nicht um Mord und<br />

Totschlag ging, sondern der Humor an<br />

erster Stelle steht, ohne dass es an<br />

Spannung fehlt.<br />

MK: M<strong>eine</strong>r Meinung nach <strong>ist</strong> dein Schreibstil<br />

immer sehr schön mit dem von Edgar Allan<br />

Poe zu vergleichen – so elegant und voller<br />

morbider Süffisanz. Würdest du dich als<br />

Autorin in s<strong>eine</strong>r Tradition bezeichnen?<br />

CK: Die Tradition der Gothicnovelle<br />

hochzuhalten, liegt mir am Herzen. Diese<br />

stilvolle Art zu schreiben verblasst leider<br />

immer mehr. An Poe reiche ich bei<br />

weitem nicht ran, …<br />

MK: Oh, das würde ich so nicht sagen.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

CK: … aber ich versuche, mich beim<br />

Schreiben nicht nur in die Geschichte,<br />

sondern auch in die damalige Zeit<br />

zurückzuversetzen. Dadurch behalte ich<br />

viele „altmodische“ Ausdrücke beim<br />

Schreiben bei, die heute gar nicht mehr<br />

gelehrt werden. Vielleicht entsteht<br />

dadurch <strong>eine</strong> gewisse Ähnlichkeit.<br />

MK: <strong>Was</strong> hast du denn von Edgar Allan schon<br />

gelesen und wie <strong>ist</strong> d<strong>eine</strong> Meinung dazu?<br />

CK: Die Klassiker wie „Der Untergang des<br />

Hauses Usher“ und <strong>Kurzgeschichte</strong>n wie<br />

„<strong>Was</strong>sergrube und Pendel“ bekamen wir<br />

ja schon in der Schule zu lesen. Poes<br />

poetische Beschreibungen haben mich<br />

damals schon fasziniert. Ein gruseliges<br />

Thema in Metaphern zu beschreiben, die<br />

den Leser in <strong>eine</strong>n kalten Schauer<br />

einhüllen und ihn in die Geschichte<br />

hineinziehen, <strong>ist</strong> <strong>eine</strong> wahre Kunst. Poe<br />

verpasst dem ärgsten Schrecken <strong>eine</strong><br />

morbide Schönheit. Diese Schönheit <strong>ist</strong><br />

der Inbegriff von „Gothic“.<br />

MK: <strong>Was</strong> nun die Kategorie „Gothic“ angeht …<br />

D<strong>eine</strong> bevorzugten ‚Genres’ sind ja<br />

Mystery und Dark Fantasy, ich würde ja<br />

‚Schwarze Romantik’ dazu sagen. Wie<br />

sieht es prinzipiell mit anderen Genres<br />

aus? <strong>Was</strong> könntest du dir gut vorstellen,<br />

auch mal schreiben zu können und was <strong>ist</strong><br />

Tabu?<br />

CK: M<strong>eine</strong>r Meinung nach wäre Science<br />

Fiction für mich weniger ein Thema. Es<br />

käme zwar auf <strong>eine</strong>n Versuch an, doch<br />

da gibt es Autoren, die sich weit besser


in <strong>eine</strong> Zukunft oder <strong>eine</strong> andere Welt<br />

hineindenken können als ich. Prinzipiell<br />

schreibe ich gerne mal Krimis, wie z.B.<br />

„Der Teufel steckt im Labor“ (AAVAA<br />

Verlag) und auch Kinder- und<br />

Liebesgeschichten. Bei der Romantica-<br />

Reihe wird man ebenfalls wieder<br />

verschiedene Elemente aus Fantasy,<br />

H<strong>ist</strong>orie, Krimi und Mystery finden.<br />

MK: Bei Necroweb hast du erzählt, dass bei<br />

d<strong>eine</strong>n Lesungen auch mal live Vampire<br />

anwesend sind. Klingt interessant. Wie<br />

kann man sich das vorstellen?<br />

CK: Das sind inszenierte Lesungen, die ich mit<br />

1-2 Protagon<strong>ist</strong>en vorstelle, die in die<br />

Rollen m<strong>eine</strong>r Buchfiguren schlüpfen.<br />

Dabei können die Dialoge auch schon mal<br />

improvisiert werden. Eine Art Rollenspiel<br />

mit Lesung sozusagen.<br />

MK: Wie reagieren die Zuschauer darauf?<br />

CK: Grundsätzlich positiv. Viele bekannte<br />

Autoren arbeiten bereits mit Musikern<br />

und anderen Künstlern zusammen.<br />

Insofern sollte diese Art der<br />

Buchvorstellung durchaus Zukunft haben.<br />

MK: Sicherlich ein Grund, mal <strong>eine</strong> d<strong>eine</strong>r<br />

Lesungen zu besuchen. Du hast ja<br />

außerdem noch vor gar nicht allzu langer<br />

Zeit ein Hörbuch veröffentlicht – Erbin des<br />

Schicksals. Wie war das für dich? Das<br />

Schreiben für ein anderes Medium?<br />

Kannst du uns vielleicht etwas über die<br />

Entstehungsgeschichte erzählen? Gibt es<br />

da in nächster Zukunft mehr von dir?<br />

Interview mit Carola Kickers<br />

interview 107<br />

CK: Die me<strong>ist</strong>en Geschichten entstehen erst<br />

auf dem Papier, später auf <strong>eine</strong>m<br />

anderen Medium. Wobei ich selbst k<strong>eine</strong><br />

Hörbücher mehr produzieren werde, da<br />

der Aufwand sich nicht lohnt, wenn man<br />

bedenkt, dass die Piraterie immer mehr<br />

zunimmt, obwohl es genug kostenlose<br />

legale Quellen im Netz gibt. Aber ich<br />

habe für dieses, wie auch für die anderen<br />

Hörbücher <strong>eine</strong>n interessanten neuen<br />

Vertriebspartner gefunden, der in Kürze<br />

die Neuauflagen herausbringen wird, da<br />

die Firma Audiotrain leider ihre<br />

Aktivitäten eingestellt hat.<br />

MK: Welchen denn?<br />

CK: Es handelt sich um <strong>eine</strong>n der ältesten<br />

Musikverlage Deutschlands, die Firma<br />

ROBA in Hamburg, die bereits die ersten<br />

Hörbücher von mir im Vertrieb hat.<br />

MK: Den Namen merke ich mir mal. <strong>Was</strong><br />

allerdings das Thema Literatur in <strong>eine</strong>m<br />

anderen Medium angeht … welches d<strong>eine</strong>r<br />

Werke würdest du denn gerne verfilmt<br />

sehen? Und wie, bzw. von wem? J. K.<br />

Rowling wollte ja damals bei ihren<br />

Büchern in der Filmproduktion maßgeblich<br />

den Ton angeben. (Ich tippe mal auf Jason<br />

Dawn. Falls ja, wer sollte ihn spielen?)<br />

CK: Orlando Bloom wäre perfekt als Jason<br />

Dawn, aber wir geben natürlich auch<br />

dem Nachwuchs <strong>eine</strong> Chance .


108<br />

MK: Robert Pattinson?<br />

interview<br />

CK: Eignet sich leider nicht für Jason selbst<br />

vom Typ her, er wäre für <strong>eine</strong> der<br />

anderen Vampirrollen perfekt, vielleicht<br />

für <strong>eine</strong>n von Jasons Bandkollegen.<br />

MK: OK, aber zurück zur Frage, wer Jason<br />

Dawn verfilmen soll …<br />

CK: Um so <strong>eine</strong> komplexe Story zu verfilmen,<br />

müsste ein Regisseur wie Steven<br />

Spielberg gefunden werden. Vielleicht<br />

beginnen wir da eher mit etwas kürzeren<br />

Geschichten wie BioControl – ein<br />

durchaus real<strong>ist</strong>isches und aktuelles<br />

Thema, das als Krimi auch hier in<br />

Deutschland verfilmt werden könnte.<br />

MK: Hier in Deutschland? Als Event-Movie bei<br />

Sat.1? Mit Heino Ferch als Jason Dawn??<br />

Oder Jan-Josef Liefers???<br />

CK: BioControl <strong>ist</strong> ein Krimi aus „Der Teufel<br />

steckt im Labor“ und völlig unabhängig<br />

von Jason. Ja, nicht alles hat bei mir mit<br />

Vampiren zu tun , hier wird´s eher<br />

sozialkritisch. Da könnte ich mir Heino<br />

Ferch als korrupten Laborleiter<br />

vorstellen.<br />

MK: Apropos Literatur in andern Medien. Wie<br />

<strong>ist</strong> d<strong>eine</strong> Meinung zur Literatur im<br />

Internet? Aus finanziellen und<br />

künstlerischen Gründen? Wäre es als<br />

Autor nicht besser und einträglicher, vor<br />

150 Jahren gelebt zu haben? Oder <strong>ist</strong> es<br />

immer schwer, sich auf dem Buchmarkt<br />

durchzusetzen?<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

CK: Das Internet <strong>ist</strong> – wie für die Musiker<br />

auch – Chance und Fluch zugleich für die<br />

Autoren. Zum <strong>eine</strong>n gibt es da die<br />

Verlage, die eher auf Quantität als auf<br />

Qualität achten, zum anderen zu geringe<br />

Verdienstmöglichkeiten für die Urheber.<br />

Ich plädiere dafür, sich z.B. für die E-<br />

Bookverwertung Portale zu suchen, bei<br />

denen man die größtmögliche Kontrolle<br />

über Verkäufe etc. hat. Dann gibt es noch<br />

die (Möchtegern-) Literaturagenten<br />

(dieser Begriff <strong>ist</strong> nicht geschützt), die<br />

viel versprechen, wenig halten und selten<br />

Tantiemen zahlen. All diese Erfahrungen<br />

habe ich selbst machen müssen. Da nützt<br />

auch der beste Vertrag nichts. Jedem<br />

Autor rate ich daher, soviel wie möglich<br />

selbst in die Hand zu nehmen. Sich auf<br />

<strong>eine</strong>m Markt durchzusetzen, <strong>ist</strong> immer<br />

schwer, da braucht es Ausdauer und<br />

Zähigkeit über viele Jahre. Ob es vor 150<br />

Jahren besser war? Ich glaube nicht,<br />

weibliche Schriftsteller dürften es damals<br />

schwerer gehabt haben .<br />

MK: Ich denke gerade an Mary Shelley mit<br />

ihrem Frankenstein …<br />

CK: Eine geniale Geschichte übrigens, die<br />

heutzutage bereits teilweise Realität<br />

geworden <strong>ist</strong>, denken wir mal an<br />

Organtransplantationen. Ich sag ja, wir<br />

Autoren sind in gewisser Weise Schöpfer<br />

unserer Zukunft<br />

MK: Oh, wir schweifen ab. Es ging ja eigentlich<br />

um den Buchverkauf im Netz …


CK: Für die Verlage selbst <strong>ist</strong> das Netz ein<br />

zusätzlicher Marktplatz, der noch weiter<br />

erschlossen werden wird in der Zukunft.<br />

Davon bin ich überzeugt.<br />

MK: Definitiv! Jetzt habe ich ja auch <strong>eine</strong>n<br />

Artikel über <strong>Kurzgeschichte</strong>n geschrieben,<br />

mit (Aus)Blick auf das Thema Literatur im<br />

Netz … (Ein bisschen Eigenwerbung muss<br />

sein!) Hierzu noch folgende Frage an dich:<br />

<strong>Was</strong> denkst du als Autorin über solche<br />

Dinge wie ‚epische Manie’ und<br />

‚ketzerischen Didaktizismus’?<br />

CK: Wie schnell aus <strong>eine</strong>r <strong>Kurzgeschichte</strong> ein<br />

„Epos“ werden kann, habe ich bei der<br />

Story um den Vampir Jason Dawn selbst<br />

erlebt. Insofern kenne ich diese „Manie“<br />

bestens . Beim zweiten Punkt halte ich<br />

es mit Poe: Ästhetik und Schönheit<br />

sollten in der Poesie überwiegen. Die<br />

Haikus dagegen ver<strong>eine</strong>n beides: da liegt<br />

die Schönheit in der Kürze und Prägnanz<br />

der Worte bzw. Sätze. Allerdings –<br />

zugegebenermaßen – entwickle ich<br />

selbst manchmal auch <strong>eine</strong> leicht<br />

ketzerische Ader.<br />

MK: An welchen Projekten tobst du denn<br />

aktuell d<strong>eine</strong> leicht ketzerische Ader aus?<br />

CK: Zurzeit bereite ich einige Folgen für die<br />

Novellenserie beim FWZ Verlag vor. Nach<br />

m<strong>eine</strong>m Umzug wird es dann mit der<br />

Fortsetzung von „Im Bann der Lilie“<br />

weitergehen.<br />

Interview mit Carola Kickers<br />

interview 109<br />

MK: Willst du uns davon vielleicht schon etwas<br />

verraten? Also, wie es mit Marcel<br />

weitergeht??<br />

CK: Nun ja, er wird natürlich neue Abenteuer<br />

und Gefahren zu bestehen haben und ob<br />

sein Erschaffer der Marquis wirklich tot<br />

<strong>ist</strong>? Aber unser Jason Dawn wartet auch<br />

noch darauf, dass ich s<strong>eine</strong> Story<br />

weiterschreibe . Insofern <strong>ist</strong> das<br />

kommende Jahr vollauf verplant.<br />

MK: Also langweilig wird es dir sicherlich nicht.<br />

Ach, ja, was denkst du übrigens über die<br />

neue Specflash? Das neue Format??<br />

CK: Eine ausgezeichnete und vor allem<br />

praktikable Variante – das ePaper-<br />

Format. Online lesen wird vermutlich<br />

mehr Fans anziehen als der r<strong>eine</strong><br />

Download als PDF-Format. Das hat<br />

Zukunft! Und die neuen Themen hören<br />

sich ebenfalls sehr interessant an. Ich<br />

denke, dieses Magazin wird sich <strong>eine</strong>n<br />

ganz neuen Stellenwert erobern.<br />

MK: Carola, vielen Dank für das Gespräch. Es<br />

hat mich sehr gefreut. Auch, wenn es<br />

„nur“ per Mail stattgefunden hat.<br />

CK: Ich möchte mich auch ganz herzlich<br />

bedanken für das nette Interview und<br />

das Interesse! Ganz besonders freut<br />

mich, dass ich seit der Geburt des<br />

<strong>SpecFlash</strong> dabei sein darf!<br />

Das Interview führte Markus Kügle


110<br />

werbung<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität


Buchtipp - Seidendrachen von Carol Grayson<br />

buchtipp 111<br />

“Seidendrachen“ Gay Fantasy Romance<br />

von Carol Grayson<br />

��<br />

Jarin, unehelicher Sohn <strong>eine</strong>s<br />

niederländischen Herzogs, und Akio, ein<br />

asiatischer Mischling und freigekaufter<br />

Arbeitssklave aus dem fernen China,<br />

dienen beide aus unterschiedlichen<br />

Gründen als lebendes Pfand in <strong>eine</strong>m<br />

einsamen Kloster, bis der König von<br />

Frankreich sie beide an s<strong>eine</strong>n Hof beruft.<br />

Akio besitzt die Fähigkeit der<br />

Seidenmalerei und soll diese ausschließlich<br />

für den König einsetzen, um so dem Kloster<br />

zu Reichtum zu verhelfen. Der zarte Akio,<br />

dessen Kunstfertigkeit so offensichtlich<br />

ausgebeutet wird, weckt Jarins<br />

Beschützerinstinkt. Die beiden ungleichen<br />

jungen Männer verlieben sich ineinander,<br />

sehr zum Missfallen des Hauptmannes<br />

Nicolas de Vervier, der selbst ein Auge auf<br />

Jarin geworfen hat. Eine tragische<br />

Romanze beginnt, die vor langer Zeit<br />

geschrieben wurde.<br />

FWZ Verlag<br />

Aus der „Romantica“ Reihe<br />

des FWZ Verlages<br />

ISBN 978-3-942539-09-8<br />

Softcover, 104 Seiten<br />

Ab 14 Jahren<br />

VK-Preis € 7,95<br />

��


112<br />

buchtipp<br />

Leseprobe aus “Seidendrachen“<br />

Es war ihm ein Rätsel, wie dieser zarte Junge<br />

aus dem fernen Orient mit solch wissenschaftlicher<br />

Präzision s<strong>eine</strong> Vorbereitungen traf. Wie<br />

sollte er – Jarin - all die tausend kl<strong>eine</strong>n Handgriffe<br />

notieren oder sich überhaupt merken<br />

können? Dafür prägte er sich jede der anmutigen<br />

Bewegungen s<strong>eine</strong>s Schützlings ein. Es<br />

glich <strong>eine</strong>m Tanz in der Stille des Morgenlichts.<br />

Die schwarzen Haare fielen wie ein glatter<br />

Vorhang auf s<strong>eine</strong> schmalen Schultern. Sie bildeten<br />

<strong>eine</strong>n Kontrast zu dem mädchenhaft<br />

zarten Teint, der nun ebenfalls <strong>eine</strong>n goldenen<br />

Schimmer angenommen hatte. Er war ganz in<br />

schwarz gekleidet, in <strong>eine</strong>n traditionellen<br />

Kimono, der die Makellosigkeit s<strong>eine</strong>s zierlichen<br />

Körpers unterstrich. Immer noch umgab ihn der<br />

Liebreiz <strong>eine</strong>s Mädchens. Unwillkürlich kam Jarin<br />

ihre erste Begegnung wieder in den Sinn. Er<br />

betrachtete versonnen s<strong>eine</strong> Fingerspitzen, die<br />

Akio damals berührt und unbewusst gestreichelt<br />

hatten.<br />

Dann blickte er wieder zu dem Asiaten hin.<br />

Dieser schien ihm heute so zerbrechlich wie<br />

chinesisches Porzellan. S<strong>eine</strong> Anmut weckte sein<br />

Verlangen, Akio nahe zu sein, ihn in die Arme zu<br />

schließen. Mühsam beherrschte Jarin sich,<br />

obwohl er am liebsten aufgesprungen wäre. Ab<br />

und zu prüften Akios grüne Augen die Materialien,<br />

die vor ihm auf dem langen Tisch lagen. Er<br />

sortierte die f<strong>eine</strong>n Pinsel aus Tierhaaren. Es<br />

waren unendlich viele. Dann sah er wieder zum<br />

Fenster hinaus. Er schien auf etwas zu warten.<br />

Endlich schien die Sonne in <strong>eine</strong>m bestimmten<br />

Winkel zu stehen und Akio begann, die weiße<br />

Fläche vor sich mit den Grundmotiven zu bemalen.<br />

Erste hauchf<strong>eine</strong> Umrisse entstanden unter<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

s<strong>eine</strong>n Händen: <strong>eine</strong> Pagode umrahmt von<br />

Bambus. Der Tempel <strong>eine</strong>s unbekannten Gottes.<br />

Kinder in fremdartigen Gewändern und merkwürdigen<br />

Frisuren, die Opfergaben darbrachten.<br />

Jeder Pinselstrich zog Jarin mehr und mehr in<br />

s<strong>eine</strong>n Bann. Er folgte Akios zarten Fingern mit<br />

s<strong>eine</strong>n Augen und hatte sich mittlerweile von<br />

s<strong>eine</strong>m Stuhl erhoben. Näher und näher war<br />

Jarin an den Ateliertisch getreten, der für ihn<br />

aussah wie das Labor <strong>eine</strong>s Alchem<strong>ist</strong>en. Wie<br />

konnte Akio nur bei diesem Durcheinander den<br />

Überblick behalten?<br />

Akio schien genau zu wissen, dass Jarin dicht<br />

bei ihm war, obwohl dieser versucht hatte, so<br />

leise wie möglich zu sein. Außerdem übertönte<br />

der Lärm draußen s<strong>eine</strong> Schritte. „Du geben mir<br />

den anderen Pinsel?“, fragte er mit s<strong>eine</strong>m<br />

singenden Akzent. Welchen Pinsel? Da lagen ja<br />

Hunderte davon. Hilflos überflog Jarin mit s<strong>eine</strong><br />

n Augen die Auswahl an Malinstrumenten. Mit<br />

<strong>eine</strong>m Lächeln auf den Lippen wandte sich Akio<br />

z u s<strong>eine</strong>m Leibwächter um. Er wusste ganz<br />

genau, dass er Jarin mit dieser Bitte überfordert<br />

hatte! Und dieser starrte jetzt in die goldgrünen<br />

Augen – <strong>eine</strong>m geheimnisvollen See gleich, der<br />

ihn zu verschlingen drohte. Akio war <strong>eine</strong>n guten<br />

Kopf kl<strong>eine</strong>r als er und im Vergleich zu s<strong>eine</strong>r<br />

durchtrainierten Gestalt ein eher fragiles Wesen.<br />

Akios Lächeln vertiefte sich, als er mit der Hand,<br />

die immer noch den Pinsel aus feinstem Marderhaar<br />

führten, sanft über Jarins Wange fuhr und<br />

<strong>eine</strong>n dünnen Tuschestrich hinterließ. Instinktiv<br />

wollte er die Hand abwehren. S<strong>eine</strong> Finger<br />

umschlossen das zarte Handgelenk. Akio wehrte<br />

sich nicht. Er hielt ganz still. Verlor kein Wort.<br />

Jarin zog ihm den Pinsel aus der Hand, ohne ihn<br />

jedoch loszulassen. Und dann tat er etwas, das<br />

er früher nie für möglich gehalten hätte. Er


führte Akios Hand statt des Pinsels an s<strong>eine</strong><br />

Wange und dann ließ er das Handgelenk los.<br />

Würde der jung e Künstler s<strong>eine</strong> Hand fortnehmen?<br />

Nein. Stattdessen glitt diese an Jarins<br />

Wange hinunter zum Hals, über s<strong>eine</strong> Brust,<br />

verweilte bei s<strong>eine</strong>m Herzschlag. Auch Akios<br />

andere Hand legte sich nun auf s<strong>eine</strong> Brust,<br />

langsam begann er die goldenen Schließen der<br />

Uniform zu öffnen. Sollte Jarin ihn aufhalten?<br />

Nur das nicht! Stattdessen war er es nun, der<br />

ganz still hielt. Es zuließ, dass Akio die Jacke von<br />

s<strong>eine</strong>n Schultern streifte und nun das gleiche mit<br />

s<strong>eine</strong>m Hemd machte. Endlich berührten Akios<br />

Hände s<strong>eine</strong> bloße Haut, folgten dem Verlauf<br />

s<strong>eine</strong>r Muskeln wie ein Bildhauer. Jarin sog<br />

scharf die Luft ein. Diese unerträgliche Sanftheit<br />

war es, die in quälte. Jedes Streicheln hinterließ<br />

<strong>eine</strong> glühende Spur, die sein Verlangen steigerte.<br />

Als er schließlich Jarins Hosenbund öffnen<br />

wollte, kam ein verzweifeltes „Hal t ein“, aus<br />

dessen Mund.<br />

Daraufhin schlang der Asiate s<strong>eine</strong> Arme um<br />

ihn und schmiegte sich an ihn. Jarin glaubte zu<br />

zerspringen. Er konnte nicht anders und<br />

umarmte den zarten Körper ebenfalls, zog ihn<br />

fest an sich. Durch die kühle Seide s<strong>eine</strong>s<br />

Kimonos ahnte er, dass Akio nichts darunter<br />

trug. Sein Herzschlag fühlte sich an wie der <strong>eine</strong>s<br />

gefangenen Singvogels. Jarin wollte am liebsten<br />

noch viel mehr von ihm spüren.<br />

„Wir sollten das nicht tun“, murmelte er dabei,<br />

wie um sich selbst bei Besinnung zu halten.<br />

Schließlich war er im Dienst!<br />

„Ich weiß. Niemand darf erfahren“, flüsterte<br />

Akio genauso leise zurück. Allein die Melodie in<br />

s<strong>eine</strong>r Stimme ließ <strong>eine</strong>n wohligen Schauer über<br />

Jarins Rücken laufen. Dann fügte der kl<strong>eine</strong><br />

Buchtipp - Seidendrachen von Carol Grayson<br />

buchtipp 113<br />

Asiate in fremder Sprache einige Sätze hinzu, die<br />

Jarin nicht verstand. Sie klangen dennoch zärtlich<br />

und beruhigend. Sein Herz raste. Wie sollt<br />

en sie das, was sie sich da gegenseitig offenbarten,<br />

vor der Außenwelt geheim halten? Vor<br />

allem vor Nicolas, der selbst bereits versucht<br />

hatte, Jarin zu verführen? Wäre er vor wenigen<br />

Wochen so geduldig und ruhig vorgegangen wie<br />

nun Akio, wer weiß, was da geschehen wäre.<br />

Jarin strich über die schwarzen Haare s<strong>eine</strong>s<br />

neu gewonnen Freundes. „Wir sind hier nicht<br />

sicher. Trotz des Turniers könnte jederzeit <strong>eine</strong>r<br />

d er anderen Bediensteten hereinkommen“,<br />

mahnte er. „Außerdem muss d<strong>eine</strong> Arbeit fertig<br />

werden. Lass mich besser gehen, sonst weiß ich<br />

nicht, was mit uns geschehen wird.“<br />

Akio löste sich nur ungern und blickte zu dem<br />

blond en Jungen hoch. „Es wird geschehen“,<br />

versprach er. Jarin wurde heiß bei diesem<br />

Gedanken. Dachte Akio tatsächlich an das<br />

Gleiche wie er? Wieder lächelte der dunkelhaarige<br />

Junge verständnisvoll. Und dann sagte er<br />

etwas, dass Jarins Gefühle wieder abkühlte:<br />

„Einmal du mich loslassen musst.“ <strong>Was</strong> meinte<br />

er bloß damit?<br />

Akio schaute ihn weiter direkt an. S<strong>eine</strong> grünen<br />

Mandelaugen durchdrangen Jarins Seele. „Du<br />

hast viel Macht“, sagte er leise. „Macht, die man<br />

dir genommen hat vor langer Zeit“.<br />

„Wie bitte?“ fragte Jarin verwirrt.<br />

„Dein Vater mächtig sein, aber alt. Dein Bruder<br />

nun bald s<strong>eine</strong>n Platz einnehmen wird.“<br />

„Ich habe k<strong>eine</strong>n Bruder.“<br />

„Oh doch, du hast“, beharrte Akio.


114<br />

buchtipp<br />

„Unsinn. Ich bin in <strong>eine</strong>m Kloster erzogen<br />

worden. Man fand mich dort ausgesetzt vor der<br />

Pforte.“<br />

Akio schüttelte den Kopf. „Das nicht die Wahrheit.“<br />

Jarin wusste nicht, was er von diesen Worten<br />

halten sollte. Er war sich sicher, dass Akio ihn<br />

nicht anlog. Aber das alles klang so verwirrend.<br />

„Woher willst du das alles wissen?“<br />

„M<strong>eine</strong> Seele hat die d<strong>eine</strong> berührt schon vor<br />

langer Zeit. Ich bin ein Sohn des Drachen. Du der<br />

Sohn…“ Akio überlegte. „,…<strong>eine</strong>r irdischen<br />

Macht . Aber <strong>eine</strong>s Tages wir wieder werden<br />

eins.“<br />

Verlagsshop: http://www.fwz-edition.de/unser_shop.htm<br />

Blog der Autorin: http://carolgrayson-darkromance.blogspot.com/<br />

Zeit zum Träumen! Mit ROMANTICA - der neuen Novellenreihe des FWZ Verlages<br />

Die neue Reihe von Carol Grayson wird ab Herbst 2011 im FWZ-Verlag ersch<strong>eine</strong>n und vierteljährlich<br />

<strong>eine</strong> neue Novelle als Print- und E-Book-Version herausbringen. Der Schwerpunkt jedes<br />

Kurzromans liegt dabei auf <strong>eine</strong>r spannenden Rahmenhandlung gepaart mit Romantik<br />

und Sinnlichkeit, jedoch wird die Handlung im Vordergrund stehen. Es kann sich<br />

dabei um Fantasy, Krimi, H<strong>ist</strong>orie oder ein anderes Genre handeln. <strong>Was</strong> als<br />

nächstes erscheint, wird immer <strong>eine</strong> Überraschung für den Leser bleiben.<br />

Die Taschenbücher ersch<strong>eine</strong>n im Format 13 x 21,5 cm mit Hochglanzcover und<br />

<strong>eine</strong>r Illustration im Buch. Die Reihe beginnt mit der Gay Fantasy Romance<br />

„Seidendrachen“ im September 2011.<br />

Lasst Euch entführen in <strong>eine</strong> andere Welt.<br />

ROMANTICA - zum Lesen, Entspannen und Sammeln!<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität


Hohe Erwartungen! Der Anspruch an das<br />

Projekt war immens: Es sollte nicht nur ein<br />

neues Kapitel auf dem Terrain der postmodernen<br />

Prosa aufschlagen, nicht nur der Literatur<br />

zu grundlegend „ästhetischen Veränderungen“¹<br />

verhelfen, zu <strong>eine</strong>r von Grund auf neuen Literarizität<br />

möglicherweise … Nein! Es wurde<br />

darüber hinaus nicht weniger verlangt, als „der<br />

Tod des alten Romans“², was den ultimativen<br />

Medienumbruch markieren und die „Gutenberg-Galaxis<br />

durch die Turing-Galaxis“³ ersetzen<br />

sollte.<br />

Die Rede <strong>ist</strong> vom Hypertext, beziehungsweise<br />

der Hypertext Fiction und den exorbitant hohen<br />

Erwartungen, die noch bis zum Anfang des<br />

21sten Jahrhunderts in dieses (post)moderne,<br />

multiple und multimediale Prinzip des Schreibens<br />

(und Lesens) gesetzt wurden. Es sollte DIE<br />

neue „Literaturtheorie‐und praxis“⁴ werden,<br />

DAS neue „Medienmodell“ ⁵ schlechthin …<br />

Die Idee, die Ideologie, der Idealismus:<br />

Doch fangen wir doch einfach mal ganz von<br />

vorne an: Als erstes Werk der Hypertext Fiction<br />

gilt ���������, � ����� von Michael Joyce aus<br />

dem Jahre 1987. Ein „multipler Roman“⁶ in<br />

elektronischer Form, dessen Plot nicht linear<br />

abläuft, sondern zur freien Navigation für den<br />

Leser in einzelne Text-Module unterteilt <strong>ist</strong>.<br />

Rezipiert werden kann die Geschichte, oder<br />

vielmehr die Geschichten in <strong>eine</strong>m de-linearisierten,<br />

von <strong>eine</strong>m Stichwort (link) zum nächsten<br />

Liter@t.URL?<br />

Der Hype um Texte im Futur 2.0<br />

Liter@t.URL? - von Markus Kügle<br />

artikel 115<br />

bewegendem Lesen.⁷ Hierbei muss allerdings<br />

angemerkt werden, dass die ‚Delinearisierung’<br />

k<strong>eine</strong> korrekte Bezeichnung darstellt, da das<br />

grundlegende Prinzip von Linearität nicht vollkommen<br />

dekonstruiert wird. Vielmehr wird dem<br />

Leser <strong>eine</strong> Vielzahl an frei wählbaren Linearitäten,<br />

also Multi‐Linearität geboten. ⁸<br />

Die Handlung kre<strong>ist</strong> um Peter, <strong>eine</strong>n technischen<br />

Zeichner, der am Vormittag ein<br />

zertrümmertes Auto gesehen hat. Inzwischen<br />

<strong>ist</strong> es Nachmittag und er hat den<br />

schrecklichen Verdacht, dass das Auto<br />

s<strong>eine</strong>r früheren Frau gehörte.⁹<br />

Für den Diskurs um Hypertexte allgemein und<br />

explizit Hypertext Fiction <strong>ist</strong> dies <strong>eine</strong> der „maßgeblichsten<br />

Arbeiten“.¹⁰ Durch Michael Joyce,<br />

Jay David Bolter und Stuart Moulthrop kamen<br />

Ende der achtziger Jahre die ersten Hypertheoreme<br />

auf. Das Phänomen <strong>eine</strong>r „interactive<br />

fiction“¹¹ als Herausforderung an die Literatur<br />

(wissenschaft).¹² Ge<strong>ist</strong>ige Väter für die Thesen<br />

waren zum <strong>eine</strong>n die Post-struktural<strong>ist</strong>en:¹³<br />

Das Konzept des Computers, verbunden mit<br />

dem Computer versprach die radikale<br />

Änderung der Erzählform: Vom Roman zum<br />

Hypertext. Damit wiederholen sich große<br />

Begriffe. Gott <strong>ist</strong> tot, der Autor <strong>ist</strong> tot, das<br />

Buch <strong>ist</strong> tot, der Roman <strong>ist</strong> tot. ¹⁴<br />

Desweiteren kann von <strong>eine</strong>r Reaktivierung der<br />

Avantgarde-Konzepte gesprochen werden, die<br />

Anfang des 20sten Jahrhunderts die Epoche der<br />

Moderne eingeleitet haben. Jay David Bolter


116<br />

artikel<br />

vertritt die Meinung, dass der Hypertext Fiction<br />

…<br />

… die Fortführung der avantgard<strong>ist</strong>ischen<br />

Tendenz zur narrativen Delinearität darstellt<br />

und logisch aus den im Laufe des<br />

Jahrhunderts immer stärker gewordenen<br />

Tendenzen, aus den Beschränkungen des<br />

Buches auszubrechen […], hervorgegangen<br />

<strong>ist</strong>.¹⁵<br />

Dieser Ideenkomplex kann als erste der beiden<br />

Säulen gelten, auf welche die ursprüngliche<br />

Hypertheorie basiert. Die Geburt der Idee also,<br />

auf welcher die Hypertext Fiction <strong>eine</strong>rseits<br />

aufsetzt, kann in den 1910er Jahren verortet<br />

werden, als James Joyce s<strong>eine</strong>n ������� mittels<br />

„experimentelle[r] Erzählformen“¹⁶ zu Papier<br />

brachte.<br />

Im Kontext von „Dada und Futurismus“¹⁷ ent‐<br />

stand das Bedürfnis nach <strong>eine</strong>r „ästhetischen<br />

Veränderung des Romans“.¹⁸ Verhältnismäßig‐<br />

keiten von Form und Inhalt zueinander sollten<br />

sich grundlegend ändern, die Semantik <strong>eine</strong> ihr<br />

entsprechende Präsentation in Schrift und<br />

Zeichen erhalten. Das hypertextuelle Prinzip der<br />

Joyce’schen Prosa bestand nun in <strong>eine</strong>r „der<br />

Linearität der narrativen Erzählstränge unterlaufenden<br />

Schreibweise.“¹⁹ Diesem Schema blieb<br />

er anschließend mit ��������� ���� treu. So<br />

wurde, durch die Palimpsest-Struktur und durch<br />

den ‚stream of consciousness’, welcher assoziativ<br />

sich überlagernde Texte illustrierte, die<br />

Moderne Literatur eingeleitet.²⁰ Hohe Bedeu‐<br />

tung kommt in <strong>eine</strong>m solchen Kontext überdies<br />

dem Œuvre von Virginia Woolf zu, welche ihre<br />

Prosa in Episoden und Zwischenspiele gliederte<br />

und damit die Form <strong>eine</strong>r Erzählung entwickelte,<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

„die weder einfach linear noch einfach impression<strong>ist</strong>isch<br />

<strong>ist</strong>“²¹<br />

Chr<strong>ist</strong>iane Heibach nennt dies „hypertextuelle<br />

Literatur in Printform“.²² Ferner nennt sie in<br />

diesem Zusammenhang Jorges Luis Borges,<br />

dessen 1941 erschienene Prosa ������ ���<br />

�����, ��� ���� ���������� „von Stuart<br />

Moulthrop zu <strong>eine</strong>m Hypertext umgeformt<br />

wurde“.²³ Auch die Methode des ‚Cut-Up’ von<br />

William S. Burroughs muss hier erwähnt werden.<br />

Dieser hat 1959 sein Manuskript zu ����� �����<br />

‚zerschnitten’ und die so entstandenen Segmente<br />

und Fragmente als literarische Collage<br />

willkürlich, dabei fern jeden chrono-logischen<br />

Zusammenhangs der Handlung, neu angeordnet.<br />

McLuhan sprach hier von <strong>eine</strong>r<br />

„auffällige[n] Verwendung des Ausdrucks<br />

‚Mosaik’.“²⁴ Eine solche neue Methode hat<br />

„Gutenbergs Strukturpostulate ersetzt“.²⁵ Dieser<br />

collage-artigen Herangehensweise ähnlich hat<br />

Raymond Queneau, der 1961 mit dem lyrischen<br />

Werk ���� ����� ��������� �� ������ <strong>eine</strong><br />

Anordnung von zehn Sonetten geschaffen, die<br />

durch Klappen der in Streifen geschnittenen<br />

Buchseiten neue Anordnungen ergeben können<br />

und so durch Neukombination von insgesamt<br />

140 Zeilen titelgerecht hunderttausend Milliarden<br />

Gedichte entstehen lassen.<br />

Ein derartiger Textkomplex erfordert selbstverständlich<br />

„den Leser als aktive[n] Partner<br />

einzubeziehen.“²⁶ Die Delinearisierung geht mit<br />

dem Anspruch der Interaktivität einher. Ergo<br />

können solche Stilmittel, die nunmehr von<br />

Hypertexten beansprucht werden, als Reaktivierung<br />

<strong>eine</strong>s Avantgarde-Konzeptes gelten, dass<br />

auf der Basis <strong>eine</strong>s digitalen Codes nunmehr<br />

kongenial umgesetzt und präsentiert werden<br />

kann.²⁷


Die zweite Säule, auf welcher die Hypertheorie<br />

basiert, sind poststrukturale Thesen, welche sich<br />

auf „Entgrenzung der Printliteratur und die<br />

Dekonstruktion ihrer Kriterien“²⁸ beziehen.<br />

Michel Foucault, Roland Barthes und Jaques<br />

Derrida sind hierbei von Bedeutung. Dem ersten<br />

dieser drei Philosophen, wurde von Thomas<br />

Elsässer attestiert, ein „Denker in der Tradition<br />

von Friedrich Nietzsche“²⁹ zu sein. Damit soll<br />

<strong>eine</strong> Position verstanden werden, die „dem<br />

aufklärerischen Projekt des Fortschreitens der<br />

r<strong>eine</strong>n Vernunft, der Wahrheit und der moralischen<br />

Selbstverbesserung kritisch“³⁰ gegenü‐<br />

bersteht. In direkter Anlehnung an die<br />

provokative Parole „Gott <strong>ist</strong> tot!“ aus ����<br />

������ ����������� wird nunmehr das Ableben<br />

von Autor, Buch und Roman skandiert. Michel<br />

Foucault degradierte 1969 mit s<strong>eine</strong>m kritischen<br />

Aufsatz „<strong>Was</strong> <strong>ist</strong> ein Autor?“ den Urheber <strong>eine</strong>s<br />

Textes zur bloßen Funktion. Damit verfolgt er<br />

<strong>eine</strong>n ähnlichen Gedanken, wie Roland Barthes,<br />

der ein Jahr zuvor den „Tod des Autors“³¹ ausgerufen<br />

hat, durch welchen erst die „Geburt des<br />

Lesers“ ³² vonstatten gehen könne. Jaques<br />

Derrida <strong>ist</strong> für die Hypertheorie aufgrund s<strong>eine</strong>r<br />

Annahmen zu <strong>eine</strong>m neuen Textverständnis von<br />

Bedeutung. Im Wesentlichen konstatierte er<br />

1967, dass die Gedanken, „die es heute zu<br />

denken gilt“,³³ nicht linear in <strong>eine</strong>r Schrift archiviert<br />

werden können. Dabei bezieht er sich grob<br />

auf die „Magischen Kanäle“ von Marshall McLuhan,<br />

für welchen die Medien <strong>eine</strong> Fortbildung,<br />

<strong>eine</strong> Erweiterung der menschlichen Sinne und<br />

Organe darstellt.³⁴<br />

Die Hypertextualität soll durch ihre link-Struktur<br />

dem interaktiven Leser <strong>eine</strong>n multiplen<br />

Zugang zu Informationen gewähren. Diese Idee<br />

<strong>ist</strong> <strong>eine</strong> elektronische Simulation von Gedanken-<br />

artikel<br />

gängen, <strong>eine</strong> assoziative Strukturbildung. (Hier<br />

lässt sich der literarische Bewusstseinsstrom<br />

ebenfalls wieder nachweisen) Vannevar Bush,<br />

in gewisser Weise der Vordenker und ge<strong>ist</strong>iger<br />

‚Vater’ des Hypertextes, war der Ansicht, ein<br />

menschliches Gedächtnis wäre eben nicht linear<br />

strukturiert, sondern assoziativ aufgebaut. Erinnerungen<br />

würden auf <strong>eine</strong>m solchen Weg mit<br />

Wahrnehmungen und Sinneseindrücken verknüpft<br />

werden. Dementsprechend sollte das<br />

Suchen von gespeicherten Informationen nach<br />

<strong>eine</strong>m dem Lernen ähnlichen assoziativen Indexverfahren<br />

vonstatten gehen. Es sollten sich<br />

verzweigende Pfade (trails) aufbauen, die an<br />

andere Personen übertragbar wären.³⁵ Diese<br />

Forderungen bedeuteten bei konsequenter<br />

Umsetzung „für die Produktionsbedingungen<br />

von Literatur <strong>eine</strong> ebenso große Zäsur […] wie<br />

einstmals der Buchdruck.“³⁶<br />

Teilfazit:<br />

Liter@t.URL? - von Markus Kügle<br />

117<br />

Anhand dieser Vergleiche und Gegenüberstellungen,<br />

die im Kontext des Hypertextes aufbereitet<br />

werden, kann von <strong>eine</strong>m Höchstmaß an<br />

ideologischer Aufladung gesprochen werden.<br />

Dies artikuliert auf der <strong>eine</strong>n Seite sehr anschaulich<br />

das große Bedürfnis nach grundlegenden<br />

Veränderungen in der Literarizität, auf der<br />

anderen Seite zeigt sich überdeutlich der daraus<br />

resultierende Erwartungsdruck von exorbitanter<br />

Höhe, welcher hier an ein Medienprodukt<br />

gestellt wird, dass hinsichtlich s<strong>eine</strong>r Entwicklung<br />

– technisch, wie sprachlich, beziehungsweise<br />

textuell – noch am Anfang steht. Verlangt<br />

wurde kurzum der „Online‐Ulysses“³⁷, welcher<br />

imstande war, den Poststruktural<strong>ist</strong>en genauso<br />

zu entsprechen, wie der künstlerischen Avant-


118<br />

artikel<br />

garde, ferner in der Lage war, die Technologie<br />

der Neuen Medien in Form, wie Inhalt hinreichend<br />

zu reflektieren. Nichtsdestotrotz darf<br />

folgendes nicht vergessen werden: „Hyperfiction<br />

<strong>ist</strong> [immer noch] so neu, dass niemand weiß, was<br />

aus ihr wird …“³⁸<br />

LOST in HYPERTEXT FICTION?<br />

Das große Problem liegt in erster Linie in dem<br />

Umstand begründet, dass die Semantik von<br />

Hypertexten nicht ausreichend wider gegeben<br />

werden kann, da es sich eben nicht um <strong>eine</strong>n<br />

einzelnen Inhalt handelt, um <strong>eine</strong> stringent<br />

aufgebaute Handlung. ���������, � �����<br />

besitzt <strong>eine</strong>n Umfang von 539 Lexias. Damit sind<br />

die einzelnen Segmente des kompletten Textes<br />

gemeint, „die durch links auf vielfältige Weise<br />

miteinander verbunden werden können.“³⁹. Im<br />

diesem Werk von Michael Joyce exisiteren 900<br />

Links. Alle Lexias zusammen würden vom<br />

Umfang zwar nur 100 DIN A 4 Druckseiten<br />

entsprechen, aber die möglichen Plots, die sich<br />

durch <strong>eine</strong> solche Struktur ergeben könnten,<br />

orientieren sich an der Idee von Raymond<br />

Queneau mit s<strong>eine</strong>n hunderttausend Milliarden<br />

Gedichten … Darüber hinaus we<strong>ist</strong> Werner Faulstich<br />

darauf hin, dass Bücher als Medien vorrangig<br />

die Funktion <strong>eine</strong>r Speicherung zu erfüllen<br />

hätten und dies noch nicht im Kontext zur<br />

gesamten Medienkultur gesetzt worden <strong>ist</strong>.⁴⁰<br />

Folglich müsste im Rahmen <strong>eine</strong>r medienwissenschaftlichen<br />

Untersuchung des Hypertextes die<br />

Stellung des Buches neu definiert und diesbezüglich<br />

die literaturwissenschaftliche Schwerpunktsetzung<br />

auf die Semantik verlagert<br />

werden.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

So lässt sich festhalten, dass Elemente wie<br />

„Sequentialität, Hierarchie und Abgeschlossenheit“<br />

auf dem Terrain der Dramaturgie aufgebrochen<br />

werden und das Objekt so k<strong>eine</strong><br />

Ansatzpunkte für <strong>eine</strong> herkömmliche Text-Rezeption<br />

zu bieten scheint. <strong>Was</strong> bleibt, <strong>ist</strong> die<br />

Annäherung über die Form, womit zwei Aspekte<br />

gemeint sind: Die rhizomatische Struktur, in<br />

welcher die Hypertext Fiction angelegt <strong>ist</strong>. Und<br />

die Präsentation im Rahmen <strong>eine</strong>s digitalen<br />

Mediums, also Beschreibung des Objekts durch<br />

die Technologie s<strong>eine</strong>s Trägermediums. Bezüglich<br />

des arbiträr variablen Inhalts herrschte in<br />

den Rezeptionen und Rezensionen dieses Phänomens<br />

bald „[r]elative Einigkeit […] über die<br />

Flüchtigkeit der Werke.“⁴¹ Gewissermaßen <strong>eine</strong><br />

Kapitulation angesichts der Herausforderung<br />

dieser speziellen Prosa an die Literatur.⁴² Als<br />

Resultat dieser Annahme entstanden in Hinblick<br />

auf „[ä]sthetische Normen“⁴³ und Kanonisie‐<br />

rungsmaßnahmen k<strong>eine</strong> richtungsweisenden<br />

Abhandlungen.<br />

Stattdessen wurde der Focus verstärkt auf das<br />

„prozessurale und kommunikative Moment“⁴⁴<br />

gelegt. Web 2.0 entwickelte sich als Begriff. Als<br />

Folge verschwindet der Hypertext als Thema im<br />

„wissenschaftlichen und ästhetischen Diskurs<br />

um Literatur […] zusehens.“⁴⁵ Ironischerweise<br />

ließ zeitgleich das allgem<strong>eine</strong> Interesse an multiplen<br />

Romanen spürbar nach. Grundlegend gibt<br />

und gab es nur r<strong>eine</strong> Spekulationen wegen<br />

dieses kommerziellen Misserfolges: Eine solche<br />

Literatur würde „eigentlich nicht rezipiert“⁴⁶<br />

werden. Es stellte sich heraus, dass dies allgemein<br />

ein Problem „der Medienkunst [sei. Der<br />

Umstand,] dass das Medium so in den Vordergrund<br />

tritt. Der Text überlagert.“ ⁴⁷ Böhler<br />

zufolge würde es zuviel Diskurs über die Form,


womit Technologie und Trägermedium gemeint<br />

sind – und kaum <strong>eine</strong>n solchen über den Inhalt<br />

geben. Vorrangig aus diesem Grund veröffentlichte<br />

wohl …<br />

[d]erselbe Robert Coover, der in der New<br />

York Times 1992 die Ankunft des Hypertextes<br />

und das Ende des Buches verkündete,<br />

[…] Ende 2000 im Feed Magazine […]<br />

, dass das goldene Zeitalter der Hypertextes<br />

vorüber sei. ⁴⁸<br />

LOST HYPERTEXT FICTION!<br />

Es scheint, als wäre genau dieser Aspekt der<br />

Grund für den Niedergang der Hypertext Fiction:<br />

Die fehlende Kohärenz auf inhaltlicher Ebene.<br />

„Ein definitiver Text lässt sich im Labyrinth <strong>eine</strong>s<br />

Hypertext‐Romans schwer finden.“⁴⁹ Denn bei<br />

jenen Texten, welche sich ab den 80er Jahren in<br />

CERN online <strong>eine</strong>r hypertextuellen Struktur<br />

bedienten und damit das WWW begründeten,<br />

handelte es sich ausnahmslos um wissenschaftliche,<br />

kurz um informative Texte. Schlichtweg<br />

Fakten, k<strong>eine</strong> Fiktionen. Enzyklopädien des Wissens,<br />

die, um user-freundlicher zu sein, auf<br />

numerische, alphabetische, oder chronologische<br />

Gliederungen verzichteten und dem Leser so die<br />

freie (Aus)Wahl im Lesen der „verwaltete[n]<br />

Menge von Modulen“⁵⁰ offerierten. Die<br />

Verbindung(en) zwischen den jeweiligen Aggregaten<br />

des kompletten Hypertextes war durch<br />

die Link-Struktur gewährle<strong>ist</strong>et. Dies funktionierte<br />

in Tradition der Fußnote.<br />

Der Verweis auf <strong>eine</strong> Quelle konnte nun durch<br />

ein URL per Mausklick aufgerufen und gelesen<br />

werden. Dieses Konzept funktioniert in <strong>eine</strong>m<br />

Liter@t.URL? - von Markus Kügle<br />

artikel 119<br />

System, das der Aneignung von Wissen dient,<br />

überaus erfolgreich. Der Zulauf und die Popularität<br />

von Wikipedia, „die mittlerweile größte<br />

Enzyklopädie der Welt“⁵¹, bestätigt <strong>eine</strong> solche<br />

These heute überaus eindrucksvoll. Jedoch <strong>ist</strong>,<br />

different dazu die hypertextuelle Präsentation<br />

von belletr<strong>ist</strong>ischen Inhalten mit gewissen Problemen<br />

verhaftet. Um sich diesem Komplex<br />

anzunähern, müssen jene Aspekte, die für den<br />

Hypertext als so bedeutungsvoll innovativ gelten<br />

in ihrer tatsächlichen Wirkung geschmälert<br />

werden: Die Nicht-Linearität und die Referenzierung<br />

mittels <strong>eine</strong>r Link-Struktur. Der Verzicht auf<br />

die durchgängige Struktur <strong>eine</strong>s Plots, welcher<br />

Orientierung verspricht, funktioniert nicht.<br />

Wenn die Hypertext Fiction also nach den<br />

Thesen Ruth Nestvold ernsthaft in Konkurrenz<br />

zum Buch treten will, dann muss er nicht nur den<br />

Zugang zu großen Wissensmengen bereitstellen,<br />

sondern sollte auch <strong>eine</strong>n sicheren Pfad durch<br />

die Komplexität anbieten. Somit erwächst das<br />

Bedürfnis nach sicherer Navigation zu <strong>eine</strong>r<br />

immensen Relevanz. "Bleiben Benutzer auf sich<br />

all<strong>eine</strong> angewiesen, dann sind sie bei traditionellen]<br />

Texten allemal besser aufgehoben."⁵²<br />

Kuhlen verwe<strong>ist</strong> hierbei auf das Risiko von `Lost<br />

im Hyperspace’. Kurz: Dem user droht, wenn er<br />

kein Navigationssystem mit le<strong>ist</strong>ungsfähigen<br />

Suchoptionen zur Verfügung hat, sich in der<br />

Menge von Daten und Informationen zu verlieren.<br />

So revolutionär die Nicht-Linearität, beziehungsweise<br />

die Multi-Linearität auch sein mag:<br />

Sie kann folglich nur in Ansätzen praktiziert<br />

werden. Dies liegt in der Tatsache begründet,<br />

dass Prinzipien der Neuen Medien, insbesondere<br />

„the visual culture of a computer age“⁵³ auf<br />

denen der Kinematographie basieren. Präzise<br />

ausgedrückt handelt es sich hier um Mechanis-


120<br />

artikel<br />

men des Kinos der Narration, nicht dem der<br />

Attratkion – „[c]inematographic images“.⁵⁴ Ent‐<br />

scheidend <strong>ist</strong> hier also die Art der visuellen<br />

Präsentation <strong>eine</strong>r dramaturgischen Abfolge von<br />

Ereignissen - Geschichten, die in der Sprache,<br />

oder vielmehr in der Schrift des Kinos erzählt<br />

werden, nach chrono-logischen Schemata von<br />

Ursache und Wirkung. Lev Manovich übernimmt<br />

hier <strong>eine</strong> grundsätzliche Idee Marshall McLuhans,<br />

beziehungsweise entwickelt sie weiter<br />

fort:<br />

„Der Film in s<strong>eine</strong>r Form als Spule oder Drehbuch<br />

<strong>ist</strong> ganz der Buchkultur verhaftet.“⁵⁵ Das<br />

Verständnis <strong>eine</strong>s audiovisuellen Textes setzt<br />

also Kenntnisse „der phonetischen Schrift und<br />

de[s] linearen Buchdruck[s]“⁵⁶ zwingend voraus.<br />

Alphabetismus konditioniert folglich den<br />

Betrachter, grundlegend die Augen zu fixieren<br />

und davon ausgehend, kausale Zusammenhänge,<br />

auch wenn sie sich abstrakt präsentieren,<br />

Zeile für Zeile in <strong>eine</strong>m linearen Ablauf zu lesen<br />

und zu verstehen. Derartige Herangehensweisen<br />

an <strong>eine</strong>n Text, gleich ob skriptiver, auditiver,<br />

visueller, oder eben audiovisueller Art, sind also<br />

seit Beginn des Buchdrucks im Bewusstsein der<br />

Medienkonsumenten verankert worden.<br />

McLuhan spricht hier von <strong>eine</strong>r „Kultur, die im<br />

Banne <strong>eine</strong>r straffen, typographischen Konditionierung<br />

steht.“⁵⁷ Die Ansprüche, welche dem‐<br />

zufolge in gutberg’scher Tradition an ein<br />

Medienprodukt gestellt werden, sind die der<br />

Linearität und Kausalität. Auch wenn im Zuge<br />

der Modernen Literatur diesbezüglich Grenzen<br />

verschoben worden sind, konnten und können<br />

sie nicht vollends aufgelöst werden. Im jeweiligen<br />

Medium muss die Bereitstellung <strong>eine</strong>r<br />

narrativ sinnvollen Navigation durch die Inhalte<br />

gewährle<strong>ist</strong>et sein. Im Vergleich: Bei Hypertext<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Facts hat der user die Möglichkeit, Systeme zur<br />

Orientierung, wie etwa Internet-Suchmaschinen<br />

(google), zu benutzen. Vergleichbare Konzeptionen<br />

fehlen bei Hypertext Fictions völlig.<br />

(Obgleich Bolter <strong>eine</strong>n „reading path“⁵⁸, <strong>eine</strong><br />

„guided tour“ ⁵⁹, also <strong>eine</strong>n vom Autor vorgege‐<br />

benen Pfad zumindest angedacht hat.) Doch<br />

k<strong>eine</strong> Hypertext Fiction kann, so rhizomatisch<br />

ihre link-Struktur auch aufgebaut <strong>ist</strong>, das grundlegende<br />

Prinzip <strong>eine</strong>r Linearität verleugnen, oder<br />

vollends hinter sich lassen, wenn sie auf semantischer<br />

Ebene rezipiert werden will. Immer<br />

wieder hat das System als Fundament die tradierten<br />

Leseweisen einzuhalten. Wie in der<br />

westlichen Welt üblich, handelt es sich hierbei<br />

um <strong>eine</strong> Erfassung von Zeichen, in der Reihenfolge<br />

von links nach rechts, Zeile für Zeile, von<br />

oben nach unten. Auch wenn Verknüpfungen<br />

von elektronischen Fußnoten den linearen Lesefluss<br />

unterbrechen (können), so erfordert das<br />

jeweils neu angeklickte Textsegment abermals<br />

dieselbe Methode der textuellen Wahrnehmung,<br />

die nur scheinbar durch den zuvor betätigten<br />

Link außer Kraft gesetzt worden <strong>ist</strong>.<br />

Angesichts dieser Einschränkung des revolutionären<br />

Elements der Nicht-Linearität von Hypertexten,<br />

bleibt die Frage, worin die eigentliche<br />

Fortschrittlichkeit besteht. Wenn es sich dabei<br />

nicht um die Aufhebung der Linearität handelt,<br />

scheint es sich nur noch bei der „Verwendung<br />

von Links“⁶⁰ um die Innovation zu handeln. Doch<br />

der immense Vorteil von Hypertext(en) gegenüber<br />

analoger Literatur liegt ebenfalls nur bedingt<br />

auf dieser oberflächlich betrachtet neu ersch<strong>eine</strong>nden<br />

Referenzierung. Denn derartige weiterführende<br />

Informationen kann analoge Literatur<br />

mittels Fußnoten, Zusätzen und Verzeichnissen<br />

ebenso erbringen und le<strong>ist</strong>en. Der progressive


und innovative Aspekt besteht lediglich "[...]in<br />

der festen Verdrahtung der Verweise und Verknüpfungen<br />

und damit in der Verfügbarkeit<br />

ohne Zeitverzug und ohne Nachschlagen."⁶¹<br />

Kurz, in der gesteigerten user-Freundlichkeit.<br />

Darin besteht im Wesentlichen der Beitrag,<br />

welchen der Hypertext zu <strong>eine</strong>r neuen Literarizität<br />

le<strong>ist</strong>en kann. Werden allerdings nicht-lineare<br />

Dokumente lediglich vereinzelt zur<br />

Verfügung gestellt, wie dies häufig im Bereich<br />

der Hyper Fiction der Fall <strong>ist</strong>, droht der Konsument<br />

sich zu verlieren. Nestvold betont, daß "die<br />

Illusion des offenen Kunstwerks und das unbestimmte<br />

Wesen des Textes"⁶² in mancher Hin‐<br />

sicht sogar <strong>eine</strong> noch größere Kontrolle von<br />

Seiten des Autors erfordere. Die Verknüpfung<br />

<strong>ist</strong> zentrale Aufgabe. Der Autor muss in s<strong>eine</strong>r<br />

Funktion die links erstellen, um <strong>eine</strong> Linearität<br />

in der Nicht-Linearität gewährle<strong>ist</strong>en zu können.<br />

Der Rezipient muss also in all der Freiheit, die<br />

ihm offeriert wird, gelenkt werden. Erst durch<br />

Kohärenz, die Option auf Linearität, bzw. aufeinander<br />

aufbauenden Sinn-Einheiten kann die<br />

Hypertext Fiction funktionieren.<br />

Fazit & Ausblick<br />

Seit der "Geburt" von digitaler Hypertext Fiction,<br />

seit ���������, � ����� von Michael Joyce,<br />

sind nunmehr vierundzwanzig Jahre vergangen.<br />

Innerhalb dieser Zeit erlebte diese Form des<br />

Hypertextes <strong>eine</strong>n rasanten Aufstieg, <strong>eine</strong> ungeheure<br />

Popularität und konnte doch die hohen<br />

Erwartungen, die an sie gestellt wurden, nicht<br />

erfüllen. Die Euphorie der Anfangszeit, die der<br />

Pionierzeit <strong>ist</strong> verflogen. Das Buch <strong>ist</strong> nicht am<br />

Ende – beim Autoren und dem Roman sieht es<br />

ähnlich aus.<br />

Liter@t.URL? - von Markus Kügle<br />

artikel 121<br />

Denn: Kollaborative Autorenschaft erzeugt<br />

nicht automatisch wertvolle Prosa – weder<br />

künstlerisch, noch kommerziell wertvoll. Florian<br />

Hartling betitelt s<strong>eine</strong> Abhandlung dieses<br />

Themas darum auch ironisch mit der Frage, wo<br />

denn der „Online-Ulysses“ bliebe … Abschließend<br />

kann also behauptet werden, dass sich der<br />

Hypertext zwar als Prinzip durchgesetzt hat und<br />

s<strong>eine</strong> dem Internet im Allgem<strong>eine</strong>m und Wikipedia<br />

im Besonderen zugrunde liegen, jedoch war<br />

es im Gegensatz zu den Hypertext Facts der<br />

Hypertext Fiction nicht möglich, sich durchzusetzen,<br />

geschweige denn, <strong>eine</strong> neue Literarizität zu<br />

begründen. Auch kann nicht von markanten<br />

Einflüssen auf aktuelle Prosa-Werke die Rede<br />

sein. In dieser Hinsicht haben sich die Web-Logs<br />

als ungleich prägender herausgestellt, deren<br />

Postings und Threads bereits im totgesagten<br />

Medium Buch – das sich immer noch „bester<br />

Gesundheit“ erfreut – als sogenannte „Blooks“<br />

veröffentlicht wurden und so Einzug in die<br />

analoge Literatur gehalten haben. Wenn also in<br />

der heutigen Zeit <strong>eine</strong> bemerkenswerte Hybridisierung<br />

von Literatur und Neuen Medien stattgefunden<br />

hat, dann <strong>ist</strong> diese in <strong>eine</strong>m solchen<br />

Bereich zu finden. Der hypertextuelle Hype hat<br />

sich also rückwirkend betrachtet als Strohfeuer<br />

erwiesen. Eine Tatsache die aufgrund der innovativen<br />

und originellen Möglichkeiten, die sich<br />

hier sowohl semantisch, als auch formell bieten,<br />

irritierend mag. Offensichtlich <strong>ist</strong> die Technologie<br />

noch nicht ausgereift. Nach wie vor steht<br />

außer Frage, dass grundsätzlich die Optionen für<br />

<strong>eine</strong> Wende in der Literarizität gegeben sind.<br />

Doch das Konzept komplexe Informationen in<br />

entlinearisierter Form zu präsentieren konnte<br />

sich bislang im nonfiktionalen Bereich besser<br />

durchsetzen. Die Vermittlung von Wissen funk-


122<br />

artikel<br />

tioniert im Stil <strong>eine</strong>s Hypertextes unweit schneller<br />

und user-freundlicher. In der Belletr<strong>ist</strong>ik<br />

jedoch fand die Idee <strong>eine</strong>s endlosen Romans<br />

lediglich marginalen Anklang.<br />

Eine Tatsache, die allerdings mit dem speziellen<br />

Rezeptionsverhalten zusammenhängen<br />

könnte, das beim Umgang mit Neuen Medien<br />

die Sicht zu sehr auf die technischen Aspekte<br />

lenkt, wobei der jeweilige Inhalt bislang noch<br />

k<strong>eine</strong> genügende Auseinandersetzung erfahren<br />

hat. Das Medium überlagert sein Produkt. Hier<br />

muss die Einsicht erfolgen, dass tradierte Wahrnehmungen<br />

von Texten nicht gänzlich aufgegeben<br />

werden können.<br />

Falls es in dieser Hinsicht zu umfassenden<br />

Veränderungen kommt, sowohl in Rezeption, als<br />

auch Rezension stehen die Chancen gut, dass die<br />

Hyperfiction in Zukunft „Literaturtheorie- und<br />

praxis, Medienmodell und ästhetisches Modell<br />

in <strong>eine</strong>m“ ⁶³ werden kann.<br />

© 2011 by Markus Kügle<br />

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Liter@t.URL? - von Markus Kügle<br />

artikel 123<br />

3 Coy, Wolfgang: Von der Gutenbergschen zur Turingschen Galaxis:<br />

Jenseits von Buchdruck und Fernsehen. Einleitung zu:Marshall<br />

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4 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

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5 Ebd.<br />

6 Joyce, Michael: “Selfish interaction or subversive texts and the<br />

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7 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 20<br />

8 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 25<br />

9 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 25<br />

10 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 25<br />

11 Bolter, Jay David: Writing Space. The Computer, Hypertext<br />

and the H<strong>ist</strong>ory of Writing. Hillsdale, New Jersey. Lawrence Earlbaum<br />

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12 Winko Simone Hyper-Text-Literatur. Digitale Literatur als Herausforderung<br />

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/S.W. (Hg.): Digitalität und Literalität. Zur Zukunft der Literatur im<br />

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13 Heibach, Chr<strong>ist</strong>iane: Literatur im Internet – Theorie und Praxis<br />

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14 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 23<br />

15 Bolter, Jay David: Writing Space. The Computer, Hypertext<br />

and the H<strong>ist</strong>ory of Writing. Hillsdale, New Jersey. Lawrence Earlbaum<br />

2001 Seite 156.<br />

16 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 24<br />

17 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 24<br />

18 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 22<br />

19 Heibach, Chr<strong>ist</strong>iane: Literatur im Internet – Theorie und Praxis<br />

<strong>eine</strong>r kooperativen Ästhetik Heidelberg 2000 Seite. 215<br />

20 Bolter, Jay David: Writing Space. The Computer, Hypertext<br />

and the H<strong>ist</strong>ory of Writing. Hillsdale, New Jersey. Lawrence Earlbaum<br />

2001 Seite 142-145<br />

21 Seeßlen, Georg: Quentin Tarantino gegen die Nazis. Bertz &<br />

Fischer 2010 Seite 167<br />

22 Heibach, Chr<strong>ist</strong>iane: Literatur im Internet S. 215<br />

23 Heibach, Chr<strong>ist</strong>iane: Literatur im Internet S. 215<br />

24 McLuhan, Marshall: Die Magischen Kanäle 1968 Econ-Verlag<br />

GmbH, Düsseldorf und Wien Seite 250<br />

25 McLuhan, Marshall: Die Magischen Kanäle 1968 Econ-Verlag<br />

GmbH, Düsseldorf und Wien Seite 250<br />

26 Bolter, Writing Space, S. 156.


124<br />

artikel<br />

27 Bolter, Jay David: Writing Space. The Computer, Hypertext<br />

and the H<strong>ist</strong>ory of Writing. Hillsdale, New Jersey. Lawrence Earlbaum<br />

2001 Seite 132-140<br />

28 Heibach, Chr<strong>ist</strong>iane: Literatur im Internet – Theorie und Praxis<br />

<strong>eine</strong>r kooperativen Ästhetik Heidelberg 2000 Seite 216<br />

29 Elsaesser, Thomas: Hollywood heute – Geschichte, Gender<br />

und Nation im postklassischen Kino; Berlin, Bertz & Fischer 2009<br />

Seite 148<br />

30 Elsaesser, Thomas: Hollywood heute – Geschichte, Gender<br />

und Nation im postklassischen Kino; Berlin, Bertz & Fischer 2009<br />

Seite 148<br />

31 Barthes, Roland: Der Tod des Autors In: Texte zur Theorie der<br />

Autorschaft. Hrsg.: Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez<br />

und Simone Winko. Stuttgart 2000, S. 193<br />

32 Barthes, Roland: Der Tod des Autors In: Texte zur Theorie der<br />

Autorschaft. Hrsg.: Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez<br />

und Simone Winko. Stuttgart 2000, S. 193<br />

33 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 20<br />

34 McLuhan, Marshall: Die Magischen Kanäle 1968 Econ-Verlag<br />

GmbH, Düsseldorf und Wien Seite 50 f<br />

35 Bush, Vannevar. In: The Atlantic Monthly; July, 1945; As<br />

We May Think; Volume 176, No. 1; pages 101-108. -<br />

http://www.theatlantic.com/unbound/flashbks/computer/bushf.<br />

htm<br />

36 Heibach, Chr<strong>ist</strong>iane: Literatur im Internet – Theorie und Praxis<br />

<strong>eine</strong>r kooperativen Ästhetik Heidelberg 2000 Seite 171<br />

37 Hartling, Florian: Wo <strong>ist</strong> der Online-Ulysses? Kanonisierungsprozesse<br />

in der Netzliteratur In: HALMA. Hallische Medienarbeiten<br />

19, 2004. Seite 48<br />

38 Nestvold, Ruth: Das Ende des Buches. Hypertext und s<strong>eine</strong><br />

Auswirkungen auf die Literatur. In: Hyperkultur. Zur Fiktion des<br />

Computerzeitalters. Hrsg. Von Martin Klepper Berlin 1996 Seite<br />

30<br />

39 Heibach, Chr<strong>ist</strong>iane: Literatur im Internet Seite 216-217<br />

40 Faulstich, Werner: Das Medium als Kult. von den Anfängen bis<br />

zur Spätantike Göttingen, Vandenhoeck und Ruprecht, 1997, S.<br />

256ff.<br />

41 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 48<br />

42 Winko Simone Hyper-Text-Literatur. Digitale Literatur als Herausforderung<br />

an die Literaturwissenschaft. In: Harro Segeberg<br />

(Hg.): Digitalität und Literalität. Zur Zukunft der Literatur im Netzzeitalter.<br />

München: Fink 2005, S. 137-157.<br />

43 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 48<br />

44 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 48<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

45 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 24<br />

46 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 23<br />

47 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 23<br />

48 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 24<br />

49 Nestvold, Ruth: Das Ende des Buches. Hypertext und s<strong>eine</strong><br />

Auswirkungen auf die Literatur. In: Hyperkultur. Zur Fiktion des<br />

Computerzeitalters. Hrsg. Von Martin Klepper u.a. Berlin 1996. S.<br />

24<br />

50 Storrer, Angelika. 1999. <strong>Was</strong> <strong>ist</strong> „hyper“ am Hypertext? In<br />

Werner Kallmeyer, Hrsg. Sprache und neue Medien. Jahrbuch des<br />

Instituts für deutsche Sprache 1999. Berlin/New York: de Gruyter,<br />

Seite 15<br />

51 Schuler, Günter: Wikipedia inside. UNRAST-Verlag Münster<br />

2007 Seite 23<br />

52 Rainer Kuhlen, Hypertext, Ein nicht-lineares Medium zwischen<br />

Buch und Wissensbank. Springer-Verlag Heidelberg 1991. S.40<br />

53 Manovich, Lev: The language of New Media,<br />

Cambridge/Massachussetts/ London: MIT Press 2001. Seite 180<br />

54 Manovich, Lev: The language of New Media,<br />

Cambridge/Massachussetts/ London: MIT Press 2001. Seite 180<br />

55 McLuhan, Marshall: Die Magischen Kanäle 1968 Econ-Verlag<br />

GmbH, Düsseldorf und Wien Seite 312<br />

56 McLuhan, Marshall: Die Magischen Kanäle 1968 Econ-Verlag<br />

GmbH, Düsseldorf und Wien Seite 312<br />

57 McLuhan, Marshall: Die Magischen Kanäle 1968 Econ-Verlag<br />

GmbH, Düsseldorf und Wien Seite 315<br />

58 Bolter, Jay David: Writing Space. The Computer, Hypertext<br />

and the H<strong>ist</strong>ory of Writing. Hillsdale, New Jersey. Lawrence Earlbaum<br />

2001 Seite 99 f.<br />

59 Ebd.<br />

60 Ortmann, Sabrina, 2001: netz literatur projekt. Entwicklung<br />

<strong>eine</strong>r neuen Literaturform von 1960 bis heute. Berlin. Seite Seite<br />

46<br />

61 Rainer Kuhlen: Hypertext, Ein nicht-lineares Medium zwischen<br />

Buch und Wissensbank. Springer-Verlag Heidelberg 1991. S. 1<br />

62 Nestvold, Ruth: Das Ende des Buches. Hypertext und s<strong>eine</strong><br />

Auswirkungen auf die Literatur. In: Hyperkultur. Zur Fiktion des<br />

Computerzeitalters. Hrsg. Von Martin Klepper u.a. Berlin 1996. S.<br />

26<br />

63 Böhler, Chr<strong>ist</strong>ine: Literatur im Netz. Wien, Triton Verlag, 2001<br />

Seite 23


17. November 2.065 – Der große Krieg<br />

begann und endete am selben Tag. Es<br />

war kein Krieg von Soldaten, Panzern<br />

oder Gewehren. Es war der letzte, der<br />

ultimative Krieg. Es war der Krieg der<br />

Atombomben.<br />

Willkommen im Jahre 2154 in der Welt<br />

des postapokalyptischen Europas.<br />

Regeltechnisches<br />

Contamination Europe <strong>ist</strong> ein klassisches<br />

Pen&Paper Rollenspiel, es wird also ohne Spielfiguren,<br />

Spielbrett oder ähnlichem gespielt. Ein<br />

Spielleiter führt die Spieler und ihre Charaktere<br />

durch <strong>eine</strong> Geschichte, indem er die verschiedenen<br />

Orte, Situationen und Entwicklungen<br />

möglichst anschaulich und stimmungsvoll<br />

beschreibt.<br />

Der Einsatz von Attributen bzw. Fertigkeiten der<br />

Charaktere wird durch Würfelwürfe überprüft.<br />

Kämpfe werden ebenfalls ausgewürfelt.<br />

Die Regeln sind möglicht einfach aufgebaut,<br />

verständlich und schnell erlernbar. Von den 186<br />

Seiten des Buches nehmen die Regeln nur 27<br />

Seiten in Anspruch. Neben der Charakter-erschaffung,<br />

dem Einsatz von Attributen/ Fertigkeiten<br />

und den Kampfregeln, sind noch Regeln<br />

für gefährliche Umwelt-bedingungen, Tragkraft,<br />

Inventar, Handel, Taschendiebstahl, Schlösser<br />

öffnen, Computer hacken, Minen, Sprengfallen<br />

Contamination Europe - von Markus Schüler<br />

rollenspiel 125<br />

Contamination Europe<br />

vorgestellt von Markus Schüler<br />

und Sprengsätze, Bioimplantate, Lehrbücher,<br />

Zufallsbegegnungen, selbstgebaute Gegenstände,<br />

Rufsystem, eigene Basis und Fraktionen<br />

enthalten.<br />

Kurze Zusammenfassung<br />

2065 zerstörte ein weltweiter Atomkrieg die<br />

menschliche Zivilisation. Nur wenige überlebten


126<br />

rollenspiel<br />

die Apokalypse und gründeten neue<br />

Gemeinschaften/Organisationen in den Überresten<br />

der zerstörten Städte. Mit der Zeit entstanden<br />

aufgrund der radioaktiven Verstrahlung<br />

neue Lebewesen durch Mutationen.<br />

Die Weltmeere sind geschrumpft und haben sich<br />

je nach Region Hunderte Meter, bis Kilometer<br />

zurückgezogen. Niederschläge sind sehr viel<br />

seltener geworden, weshalb in vielen Teilen der<br />

Erde ein trockenes Ödland entstanden <strong>ist</strong>.<br />

<strong>Was</strong>ser <strong>ist</strong> zu <strong>eine</strong>m kostbaren Gut geworden.<br />

Viele Flüsse sind ausgetrocknet, die früheren<br />

Küsten grenzen nun an das Sandmeer, das<br />

entstanden <strong>ist</strong>, als sich die Meere zurückzogen.<br />

Die Welt <strong>ist</strong> ein düsterer Ort geworden, der<br />

mehr Tod als Leben enthält. Wo früher Millionen<br />

lebten, weht heute der heulende Wind unablässig<br />

über das Ödland.<br />

89 Jahre mach dem Atomkrieg <strong>ist</strong> die Welt<br />

immer noch ein verrottender Friedhof, in dem<br />

die wenigen Überlebenden jeden Tag um ihr<br />

Leben kämpfen müssen. Contamination Europe<br />

spielt im Jahre 2154 im postapokalyptischen<br />

Deutschland. Vor dem Atomkrieg wurde in<br />

Ostdeutschland ein jahrelanger blutiger Graben-<br />

krieg gegen die russische Armee um die letzten<br />

Kohlevorkommen geführt. Wegen der Rohstoffknappheit<br />

wurden kaum motorisierte Einheiten<br />

eingesetzt. Ganze Armeen von Panzern und<br />

Flugzeugen waren nutzlos, der Krieg wurde<br />

hauptsächlich von Infanter<strong>ist</strong>en geführt, ähnlich<br />

wie im ersten Weltkrieg.<br />

Eines Tages begann die russische Armee massiv<br />

biologische und chemische Kampfstoffe einzusetzen<br />

um die Frontlinien aufzubrechen, aber<br />

der Versuch war erfolglos. Trotzdem wurden<br />

weiterhin B und C Waffen großflächig eingesetzt.<br />

Selbst nach dem Atomkrieg sind große<br />

Gebiete immer noch mit den tödlichsten Viren<br />

und chemischen Gasen verseucht. Diese Regionen<br />

werden heute als „Giftfelder“ bezeichnet.<br />

In den Jahren nach dem Atomkrieg haben sich<br />

verschiedene Fraktionen, wie z.B. die Ödlandstämme,<br />

die Banditen-Clans, die Handels-Union<br />

oder der Panzerbund aus der nuklearen Asche<br />

erhoben und verfolgen ihre eigenen Ziele. Die<br />

me<strong>ist</strong>en Fraktionen wollen nur überleben, nur<br />

sehr wenige haben die technischen Möglichkeiten<br />

<strong>eine</strong> neue Zivilisation aufzubauen. Exemplarisch<br />

sind im folgenden einige Fraktionen kurz<br />

beschrieben.<br />

Ödlandstämme<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

Nach dem Atomkrieg haben die wenigen Überlebenden<br />

in den Ruinen der nicht bombardierten<br />

Städte Zuflucht gesucht. Doch schon<br />

bald regierte dort das Recht des Stärkeren. Diejenigen,<br />

die nicht kämpfen wollten oder konnten<br />

waren schon bald gezwungen die Städte zu<br />

verlassen, wenn sie nicht versklavt oder getötet<br />

werden wollten.


Die Vorfahren der Stämme zogen ins Ödland<br />

hinaus und gründeten an schwer zugänglichen<br />

Orten kl<strong>eine</strong> Dörfer. Von Anfang an hatten die<br />

Stämme k<strong>eine</strong>n Zugang zur Vorkriegstechnologie<br />

und mit der Zeit nahm das Wissen darum<br />

immer weiter ab. Heute gehören die Stammesgemeinschaften<br />

zu den technologisch primitivsten<br />

Bewohnern des Ödlandes, die fast jeden<br />

ihrer Gegenstände aus Schrott, Knochen und<br />

Tierhäuten selbst herstellen.<br />

Die Stämme betreiben me<strong>ist</strong> Ackerbau, Viehhaltung<br />

und Jagd. Sie bevorzugen eher den<br />

Handel als den Kampf, wohlwissend, dass sie<br />

mit Speeren und Messern gegen P<strong>ist</strong>olen und<br />

Gewehre wenig Chancen haben.<br />

Die größten Feinde der Stämme sind deshalb vor<br />

allem Banditen und Sklavenhändler, die sie<br />

regelrecht jagen, da Stammes-mitglieder in<br />

ihren Augen einfache Beute sind.<br />

Banditen<br />

Contamination Europe - von Markus Schüler<br />

rollenspiel 127<br />

Die ersten Banditen sind schon am ersten Tag<br />

nach der atomaren Apokalypse aufgetaucht, und<br />

ihre Vorgehensweise um zu Überleben hat sich<br />

seither kaum verändert: morden, plündern,<br />

vergewaltigen, stehlen, ... Banditen machen<br />

alles um zu überleben und ihre eigene Situation<br />

zu verbessern. Das Wohl von anderen <strong>ist</strong> ihnen<br />

dabei völlig gleichgültig: Der Stärkere nimmt sich<br />

was er will, alle die schwach sind, sind selbst<br />

daran Schuld.<br />

Die Banditen sind in Clans aufgeteilt, die in<br />

verschiedenen Gebieten operieren. Dabei<br />

achten die einzelnen Banditenclans das Territorium<br />

der anderen. Manche Clans haben auch<br />

Abkommen, die <strong>eine</strong>m anderen Clan erlauben<br />

in <strong>eine</strong>m bestimmten Umfang in ihrem „Jagdgebiet“<br />

tätig zu werden.<br />

Die verschiedenen Banditenclans operieren von<br />

gut getarnten und versteckten Basen aus. Die<br />

Kampftaktik und Bewaffnung <strong>ist</strong> von Clan zu Clan<br />

unterschiedlich.<br />

Viele Banditenclans gehen gegen ihre Opfer<br />

äußerst brutal und grausam vor, um Furcht bei<br />

den Überlebenden zu verbreiten. Deshalb lassen<br />

Banditen me<strong>ist</strong>ens einige Opfer ihrer Überfälle<br />

am Leben, die berichten können was ihnen<br />

zugestoßen <strong>ist</strong>.


128<br />

rollenspiel<br />

Viele Clans verkaufen ihre Gefangenen an die<br />

Sklavenhändler aus Agora. Daneben gibt es so<br />

gut wie k<strong>eine</strong>n Handel mit anderen Fraktionen,<br />

da die Banditenclans verständlicherweise fast<br />

überall gehasst werden.<br />

Panzerbund<br />

Der Panzerbund entstand aus den Überresten<br />

der deutschen Armee, die sich hauptsächlich in<br />

Süddeutschland in Bunkeranlagen vor den<br />

Atombomben schützen konnte. Als die Überlebenden<br />

2084 zum ersten Mal die Bunker verlie-<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in <strong>eine</strong> parallele Realität<br />

ßen, erkannten sie, dass es k<strong>eine</strong><br />

Nationalstaaten mehr gab und wahrscheinlich<br />

nie mehr geben würde. Stattdessen gibt es <strong>eine</strong><br />

lebensfeindliche Umwelt, in der die Menschen<br />

me<strong>ist</strong>ens die Beute sind.<br />

Als Reaktion wurde der Panzerbund gegründet,<br />

dessen Ziel es von nun an sein sollte, die größten<br />

Gefahren für das Überleben der Menschheit<br />

zu beseitigen. Dem Panzerbund stehen<br />

dafür die technologisch besten Mittel zur Verfügung,<br />

wie z.B. Energiewaffen und Panzeranzüge.<br />

Er verfügt auch über die letzten<br />

funktionsfähigen gepanzerten Fahrzeuge und


Helikopter. All diese Waffen wurden vor dem<br />

Atomkrieg in unterirdischen Waffenlagern verstaut.<br />

Das größte Problem des Panzerbundes <strong>ist</strong> die<br />

geringe Anzahl an Männern und Frauen die für<br />

ihn kämpfen. Außenstehenden wird grundsätzlich<br />

mit Misstrauen begegnet. Neue Mitglieder<br />

werden nur aufgenommen, wenn sie ihre Loyalität<br />

bewiesen haben.<br />

Der Panzerbund bekämpfte seit s<strong>eine</strong>r Gründung<br />

vor allem gefährliche Ödlandbestien, Banditen-Clans<br />

und sammelte Informationen über<br />

potentielle Bedrohungen. Er versucht auch alle<br />

fortschrittlichen Waffen und Technologien aus<br />

Bunkern und Depots zu bergen, bevor sie in die<br />

falschen Hände geraten.<br />

Ich hoffe m<strong>eine</strong> kl<strong>eine</strong> Beschreibung hat Ihnen<br />

gefallen. Im Grundregelwerk wird Ostdeutschland<br />

als Spielgebiet beschrieben, Westdeutschland<br />

und Süddeutschland werden als<br />

Quellenbücher folgen und neue Fraktionen, Orte<br />

und Gegenstände enthalten.<br />

Das Spiel <strong>ist</strong> in deutsch und englisch als PDF<br />

Datei und Print-Version erhältlich. Es <strong>ist</strong> auch ein<br />

Soundtrack mit Ambient Musik verfügbar. Wenn<br />

Sie sich für das Spiel interessieren, würde ich<br />

mich über Ihren Besuch auf <strong>eine</strong>r der folgenden<br />

Webseiten freuen.<br />

Publisher Seite:<br />

http://www.rpgnow.com/index.php?manufact<br />

urers_id=3829<br />

Artwork auf Deviantart:<br />

http://msgamedevelopment.deviantart.com/g<br />