Epicon - Star Trek NX

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Epicon - Star Trek NX

STAR TREK

CAST AWAY

RENE BARZ

Shades of Grey

Roman

Star Trek©

Cast Away

Band 4

Deutsche Erstausgabe


www.starfury.de.vu

MAYEN, 2007

STARFURY PRODUCTIONS

Band 04

NC-17 (Für Minderjährige nicht geeignet)

Deutsche Erstausgabe

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Nichts auf der Welt ist so gewiss wie der Tod.

JEAN FROISSART

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In der Zukunft ist die Menschheit überheblich geworden.

1. Die Föderation beurteilt technischen Fortschritt viel zu

optimistisch. Was fehlt, ist die warnende Stimme. Irgendwann

werden die Forscher die Kontrolle über ihre

Entdeckungen verlieren: was technisch möglich ist, wird

auch gemacht - Ohne, dass die Entdecker und Erfinder

dafür Verantwortung übernehmen. Seit Entdeckung des

Omega-Partikels ist jedoch zu beobachten, dass die Föderation

die Notwendigkeit erkannt haben, über die Konsequenzen

ihrer Forschung nachzudenken. Deshalb verweigern

sich einzelne Individuen heiklen Themen. Nicht

jede Entdeckung sollte gemacht, nicht jede technische

Möglichkeit ausgenutzt werden.

2. Die Föderation glaubt allem gewachsen zu sein. Außenteams

werden auf fremde Welten gebeamt, nur mit einem

dünnen Zweiteiler bekleidet, einem Handphaser und Tricorder

bestückt. Bei Routineeinsätzen mag das gut gehen.

Wenn aber ein Notfall eintritt, kann niemand auf die

Konsequenzen vorbereitet sein. Wer unerwartet, von einem

Augenblick zum anderen, seiner gewohnten Umgebung

entrissen und beispielsweise in den Urwald transportiert

wird, findet sich in einer völlig anderen Natur

wieder. Gefährliche Wetterbedingungen, giftige Pflanzen,

wilde Tiere. Und wie jedes in sich geschlossene Ökosystem,

duldet diese fremde Welt keine Touristen,

sondern fordert Eindringlinge mit Gefahren und Überraschungen

heraus und nur die stärksten und anpassungsfähigsten

Individuen überleben.

Darum geht es in dieser Miniserie.

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Einleitung

Im Jahr 2385 startete ein Föderationsraumschiff der Akira-

Klasse unter dem Befehl von Admiral Alynna Nechayev zu

einer diplomatischen Mission tief in den unerforschten, cardassianischen

Raum.

Die Crew bestand aus einer knapp vierhundert Mann starken

Besatzung, die sich nach einem katastrophalen Zwischenfall

plötzlich inmitten eines Krieges, gestrandet auf einem weit

entfernten Mond wiederfand.

Sie kämpften gegen die Tücken eines fremden Ökosystems,

gegen einen unbarmherzigen, brutalen Gegner und Verrat aus

den eigenen Reihen.

Diese Besatzung erlitt die höchste Opferzahl, seit dem Ende

des Dominion-Krieges.

Dies waren die Männer und Frauen der USS Shenandoah,

NCC 74101

Das ist ihre Geschichte.

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Schlucht

Die sengende Sonne stand hoch am Himmel und blinkte auf

dem Fernglas, das Shannyn auf die Karawane richtete, die sich

in geordneter Reihenfolge durch eine schmaler werdende Felsschlucht

auf ihre Position zu bewegte. Neben Shannyn lagen

Ramina, Allan D’Agosta und ein Dutzend anderer Offiziere,

die freiwillig zurückgeblieben waren, um den anrückenden

Tarkontrupp dort unten irgendwie aufzuhalten. Sie hofften dadurch,

den übrigen Gestrandeten genügend Zeit zur Flucht in

die Ebene zu verschaffen.

Die Anspannung war den Leuten in ihre staubigen Gesichter

geschrieben. Sie alle waren auf einem unbekannten Mond voller

feindlicher Wesen gestrandet, hatten vergangene Nacht eine

grauenhafte und verheerende Bombardierung überstanden

und waren nun mit unzuverlässigen Waffen in den Händen

kurz davor, einem erbarmungslosen und zahlenmäßig überlegenen

Feind gegenüberzutreten.

Shannyn senkte das Fernglas und spähte zur gegenüberliegenden

Seite der Schlucht, wo die übrigen Mitglieder des Verteidigungstrupps

hinter der Senke kauerten und warteten. Shannyn

schnaufte - von Schlucht konnte kaum die Rede sein. Sie

hielten sich hinter zwei Hügel versteckt und warteten, dass die

Tarkon durch den Graben zwischen ihnen durchmarschierten.

Die Offiziere waren auf Shannyns Anweisung zu beiden Seiten

dieses Grabens postiert, um die Tarkon in die Zange zu

nehmen, denn dieser Umweg führte nach der Sprengung der

Tunnel vor wenigen Tagen, nun als einziger zu ihrem Basisla-

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ger - sofern man nicht den kürzeren, aber beschwerlicheren

Weg über die Berge nehmen wollte. Kamen die Tarkon durch

diese Schlucht, saßen sie wie auf dem Präsentierteller und

glücklicherweise schien die Taktik aufzugehen. Sie musste

aufgehen, denn es war die einzige Taktik, die sie hatten.

Der einzige Vorteil.

Shannyn entdeckte Hallie auf der anderen Seite hinter einem

hohen Fels hervorspähen. Shannyn warf noch einmal einen

kurzen Blick zu dem Trupp schwarz-rot-ledern gekleideter

Tarkon, die langsam auf ihre Position zu marschierte, begegnete

dann wieder Hallies Blick und machte ein paar komplizierte,

rasche Handzeichen. Hallie verstand. Sie nickte, hob

einen Daumen und duckte sich erneut. Auch Shannyn zog sich

wieder hinter einen Felsvorsprung zurück, damit die Tarkon

sie nicht sehen konnten. Noch ahnten sie nichts von der Falle

und das sollte auch so bleiben.

„Sie haben ein Fahrzeug.“, sagte Shannyn leise an Ramina gerichtet.

„Einen Panzer oder etwas ähnliches. Großes Hauptgeschütz.

Außerdem sehe ich starke Infanterie. Dreißig, vielleicht

vierzig Mann. Schwer bewaffnet.“

Ramina schirmte sich mit der Hand die Augen vor der Sonne

ab und blinzelte. „Werden wir mit ihnen fertig?“

„Wenn wir auf den richtigen Moment warten und sprengen,

müssten wir die meisten von denen auf einen Schlag erledigen.“,

antwortete Shannyn. „Könnte klappen.“

„Es muss klappen.“, sagte D’Agosta neben ihr. Er hatte das

linke Augen zugekniffen. Die Sonne stand hoch und schien

ihnen direkt entgegen. Ein vielleicht verheerender Nachteil,

ihre Sicht war auf dieser Seite des Grabens geblendet. Shannyn

sah bei D’Agostas Worten kurz zum Himmel hoch und

fragte sich, ob sie noch die Möglichkeit hatten, jetzt die Stellung

zu wechseln. Aber es war bereits zu spät, die Tarkon kamen

immer näher. Würden sie nun ihre Position aufgeben,

würden sie entdeckt werden und alles wäre ruiniert. Shannyn

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war nicht begeistert. Aber ihnen blieb keine andere Wahl

mehr. Sie mussten sich mit dem zufrieden geben, was sie hatten

und das Beste aus der Situation machen.

„Es muss einfach klappen.“, wiederholte D’Agosta entschlossen,

fast bitter. „Canthar soll der letzte Tote gewesen sein. Das

letzte Opfer.“

Shannyn konnte verstehen, wie er sich fühlte. Aber er durfte

sich jetzt nicht ablenken lassen. Sie legte ihm eine Hand auf

die Schulter. „Allan. Es war nicht ihre Schuld.“

„Der Phaserstrahl war für mich bestimmt.“

„Solche Gedanken sind jetzt nicht angebracht. Verdrängen Sie

die! Konzentrieren Sie sich auf diese Sache hier, oder Sie

werden keine Gelegenheit mehr zum Trauern oder Nachdenken

bekommen. Verstanden?“

Er nickte.

Shannyn bemerkte, dass er den Phaser in seiner Hand nicht

richtig hielt. D’Agosta war offensichtlich ungeübt im Umgang

mit der Waffe. Sie würde auf ihn aufpassen müssen. Fabelhaft!

Noch mehr um das sie sich kümmern musste. Erneut lugte

sie hinter den Felsen hervor. Die Tarkon waren jetzt näher.

Kamen im leichten Laufschritt direkt auf die Falle zu. Shannyn

blickte hinunter zur Schlucht. Man konnte die aufgewühlten

Haufen, unter denen die beiden Torpedos begraben lagen,

leicht sehen. Die Erde war dort aufgewühlt und frisch gefurcht.

Sie hatten sich beeilen müssen. Vielleicht fiel es ihr

auch nur so stark ins Auge, weil sie genau wusste, wo sie hinschauen

musste. Shannyn hoffte, dass es den Tarkon nicht auffallen

würde. Sie krabbelte wieder zurück. Und hielt stirnrunzelnd

inne.

„Was war das?“, fragte sie.

D’Agosta runzelte die Stirn. Er hörte nichts. „Was denn?“

Shannyn lauschte. „Da ruft jemand ihren Namen, Allan.“

„Meinen Namen?“

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Sie drehten die Köpfe und sahen, wie Judy und Athol aus der

Richtung des Lagers auf ihre Position zugelaufen kamen.

D’Agosta stöhnte. Er lies seinen Phaser achtlos liegen, rutschte

die Schräge hinunter und lief ihnen sofort entgegen. Shannyn

folgte schnell.

„Dad...-“

D’Agosta hielt einen Finger vor den Mund. „Judy, sei leise!“

Sofort senkte das Mädchen ihre Stimme. „Dad.“

„Was ist? Ist was passiert?“

Sie öffnete die Faust und gab ihm einen Insignienkommunikator.

„Gordon meint, der hier hat einen größeren Radius und

könnte bis zum Sender reichen. Er will hören, was passiert

und Hilfe schicken, wenn ihr sie braucht.“

D’Agosta rollte die Augen. „Danke Judy. Jetzt geht wieder zurück.“

Er wollte sich abwenden, aber Judy hielt ihn am Arm fest.

„Ich will bei dir sein. Lass mich nicht zurück, ich kann helfen.“

„Auf gar keinen Fall.“, sagte D’Agosta. „Athol, du bringst sie

sofort wieder zu den anderen.“

„Aber ich kann mit einem Phaser umgehen.“

„Ich sagte, nein, Judy.“

„Dad...“ Judy machte ein flehendes Gesicht und nickte bedeutungsschwanger

zu Athol. Der schien davon nichts zu bemerken.

Sie wollte nicht mit ihm alleine sein. Nicht nach dem,

was passiert war. Sie wollte bei ihrem Vater sein. Und plötzlich

ertönte ein Dröhnen. Sie horchten auf das Tuckern des

Panzerfahrzeuges, das aus dem Graben zu ihnen drang. Die

Tarkon waren fast da. Die Männer und Frauen, die sich an den

Hang pressten, spannten ihre Körper an. Sie waren alarmiert.

Es ging jeden Augenblick los.

Shannyn machte in grimmiges Gesicht. Sie hatten jetzt keine

Zeit für so was! Ihr fiel plötzlich auf, wie blass D’Agosta um

den Mund war. Er stand verkrampft da und hielt die Waffen

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nicht richtig. Sie nahm in einer schnellen Bewegung den

Kommunikator aus seiner Hand, um ihn sich selbst anzustecken

und drehte D’Agosta Richtung Ebene. „Geht zurück. Alle

beide. Ich mach das allein.“

„Sind Sie sicher?“

„Ja, Allan. Ich weiß nicht, ob ich da oben auf Sie aufpassen

kann. Und jetzt Ruhe.“ Sie nahm Judy an der Hand und ging

mit ihr ein paar Schritte von D’Agosta weg. Das Tuckern des

Panzerfahrzeuges wurde lauter. Shannyn kniete sich vor Judy.

„Hör zu, Judy-“

„Ich kann kämpfen!“, behauptete Judy. „Ich schaff das!“

„Glaub ich dir aufs Wort. Ich mach mir auch keine Sorgen um

dich. Ich mache mir Sorgen um deinen Vater.“

„Meinen Vater?“

„Bring ihn aus der Gefahrenzone. Es ist mir lieber. Ich bekomm

das hier ohne ihn hin. Okay?“

Judy nickte.

„Dann haut ab. Schnell.“

Das Tuckern hinter ihnen wurde lauter. Die Tarkon kamen näher.

Immer näher.

Shannyns Worte hatten Judy überzeugt. Sie und Athol liefen

voraus. D’Agosta zögerte noch einen Moment. Er tauschte einen

Blick mit Shannyn. „Guter Trick. Dass Sie sich Sorgen

um mich und nicht um Judy machen würden, meine ich.“

„War kein Trick.“, erwiderte Shannyn. Und damit wandte sie

sich ab und rannte den Hügel wieder hinauf.

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Container-Gespann

Vier Kilometer entfernt, in der Trockenwüste der Ebene, öffnete

Alex Penkala das Cockpit der Arbeiterbiene und kletterte

hinaus. Der ganze Caravan hielt an. Verdutzt sahen sich die

Offiziere um und murmelten laut. Penkala schenkte ihnen keine

Aufmerksamkeit, stapfte zügig an den ersten beiden

Frachtcontainern vorbei und hielt auf Admiral Nechayev zu.

„Warum haben wir gestoppt?“

„Wir sind jetzt weit genug vom zerstörten Lager entfernt.“, erklärte

sie. „Wenn die Tarkon erneut bombardieren, werden sie

uns nicht treffen.“

„Wir sollten endlich von hier verschwinden. Richtung Berge.

So wie wir es besprochen haben.“

Aber Nechayev schüttelte den Kopf. „Wir warten auf die Anderen.“

„Lieutenant Commander D’Agosta hat deutlich gesagt-“

„D’Agosta hat hier keine Befehlsgewalt.“

Penkala schnaufte. Ihm gingen alle möglichen Erwiderungen

durch den Kopf. Dass Captain O’Conner Nechayev nicht traute

und damals Allan D’Agosta den Befehl über die Gruppe

übertragen hätte. Dass D’Agosta nun dort draußen Kämpfte,

um sie alle zu beschützen, während Nechayev mit dem Rest

Richtung Berge floh, obwohl sie weitaus erfahrener war und

die Leitung des Verteidigungstrupps hätte übernehmen sollen.

Dass D’Agosta die ganze Zeit über versucht hatte, die Gruppe

zu leiten, während sie im Umland nur spazieren gegangen war.

Aber er sagte nichts von alledem. Penkala schaute kurz über

Nechayevs Schulter. Weiter hinten im Schatten einer der Con-

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tainer lauerte Nottingham. Kaum sichtbar. Lauernd. Und ihn

anstarrend. Penkala taxierte Nottingham ein paar Sekunden,

dann sah er wieder zu Nechayev. „Niemand wird zurückgelassen,

nicht wahr Admiral?“

Er war auf Konfrontationskurs aus, hatte ihr noch immer nicht

verziehen, dass Nechayev ihn und Dike während dem Absturz

ihrem Schicksal überlassen hatte, obwohl ihre Rettungskapsel

sie ebenfalls hätte aufnehmen können. Aber Nechayev ignorierte

seinen Ärger einfach, was ihn nur noch wütender machte.

Sie sah ihm nicht mal in die Augen, schenkte ihm kaum Interesse.

Als sei er es gar nicht wert, dass man ihn richtig beachtete.

Er war ja nur ein Untergebener.

„Ganz genau.“, sagte sie.

Penkalas Blick wanderte zu den fernen Hügeln, wo sich ihr

aufgegebenes Basislager befunden hatte. Irgendwo dahinter

kämpfte der Rest von ihnen. Dann sah er zum Wagen rüber.

Dike saß am Steuer, trommelte nervös mit den Händen auf das

Lenkrad und wartete.

„Sollen wir dann nicht besser mit dem Jeep zurückfahren und

ihnen Verstärkung bringen?“

„Der Jeep ist für uns momentan zu Wertvoll.“

Penkala schürzte die Lippen, überlegte sich eine weitere Erwiderung,

lies es aber auch diesmal bleiben und wandte sich ab.

Es hatte einfach keinen Sinn mit Nechayev zu diskutieren,

man kam nicht an sie ran. Bei einem Disput verwies sie einfach

auf ihre Autorität.

„Ach, Penkala.“, rief Nechayev ihm nach. „Ich will, dass

Lieutenant Dike ihnen dabei hilft, für mich eine präzise Bestandsliste

zu erstellen, ehe wir weiterziehen. Das wurde bisher

nicht erledigt. Wir müssen aber wissen, was für Ausrüstung

uns zur Verfügung steht.“

Penkala blinzelte. „Aber-“

„Sie beide sind doch unsere Ausrüstungsoffiziere, nicht wahr?

Dann tun Sie, was ich sage.“

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„Aye, Sir.“ Penkala schüttelte den Kopf, winkte Dike zu sich

her und gemeinsam marschierten sie murrend zum ersten Container,

um die Arbeit aufzunehmen. Nechayev ignorierte das

Gemurmel und die Blicke, die man ihr zuwarf, ging an den

langen Frachtcontainern vorbei, bis sie zu Nottingham gelangte

und sah zum neuen Lazarett.

„Warten wir wirklich auf D’Agosta?“, fragte Nottingham leise

neben ihr.

Nechayev schüttelte den Kopf. „Wir warten auf Rhonda. Sie

lässt sich Zeit.“ Sie wandte den Blick vom Lazarett ab und

sprach noch leiser. „Ian, steigen Sie in den Jeep. Aber unauffällig.

Ich gebe ihr noch zehn Minuten.“

„Glauben Sie, sie kommt mit?“

„Das wird sie. Das wird sie auf alle Fälle. Wenn nicht, ist

Hawk ein toter Mann.“

Rhonda Smith sah durch die Tür mit dem kleinen Sichtfenster

nach draußen und erspähte Nechayev, die um das Lazarett herumschlich

und immer wieder auf ihr Chronometer starrte.

Sie wartete.

Sie wartete auf Rhonda. Smith sah sich um. Sie war im Lazarett

weitestgehend allein. Da sich der Zug momentan nicht

bewegte, nutzte Roe die Pause, war zu Gordon gegangen und

hatte ihn gebeten, ein medizinisches Gerät zu reparieren. Lemaire

befand sich bei dem Verteidigungstrupp. Sonst war

niemand hier. Nur ihre beiden Patienten. Garnere hatte die

Augen geschlossen und schlief feste. Im gegenüberliegenden

Bett drehte sich Hawk gerade auf den Rücken. Smith trat von

der Tür weg und setzte sich zu ihm auf eine Ausrüstungskiste.

Sie ergriff seine Hand und streichelte zart mit dem Daumen

über seine Haut.

„Rhonda.“, stöhnte er. Seine Stimme war kaum mehr, als ein

Flüstern.

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„Cooper, wie fühlst du dich?“

„Miserabel. Was ist mit mir passiert?“

Wie sollte sie ihm nur sagen, dass er ihretwegen einen tödlichen

Virus in sich trug? Von Nechajev injiziert.

„Du hast eine Infektion, Cooper. Nichts ernstes, ich bekomme

das hin. Du musst nur schlafen.“

„Mach dir keine Gedanken um mich, Rhonda. Es wird schnell

gehen.“

Sie wusste nicht, was er meinte.

„Das Ende, meine ich. Es kommt jetzt immer schneller, in

immer größeren Schritten.“

„Cooper...“

„Es ist wie mit einem Schneeball. Ich habe ihn ins Rollen gebracht.

Langsam. Dann wurde er immer schneller. Verstehst

du? Es ist wie mit der Evolution. Wie mit dem Leben. Es

hängt alles zusammen, es ist alles dasselbe.“

„Cooper, rede keinen Unsinn. Du wirst wieder, vertrau mir.“

„Keiner wird wieder Rhonda. Der Absturz war nur der Anfang.

Ein Ereignis. Seitdem kommt alles Schlag auf Schlag. Es

geht bergab, immer schneller. Schneller zum Rand des Chaosbandes.

Wir werden drüber hinweggestoßen und dann ist es

aus.“

„Cooper-“

„Nein, wirklich Rhonda. Es geht jetzt rasend schnell. Ein anschauliches

Beispiel dafür ist die Evolution des Lebens auf der

Erde. Soll ich es dir erklären? Pass auf: Erstes Leben entstand

vor vier Milliarden Jahren in Form von einzelligen Lebewesen.

In den nachfolgenden zwei Milliarden Jahren veränderte

sich nichts. Dann tauchten Kerne in den Zellen auf. Das Tempo

zog an. Nur einige hundert Millionen Jahre später: vielzellige

Organismen. Bamm. Wieder ein paar hundert Millionen

Jahre später, eine explosionsartige Lebensvielfalt. Und die

Vielfalt nimmt zu. Rapide. Vor immerhin schon zweihundert

Millionen Jahren gab es große Pflanzen und Tiere, komplexe

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Lebewesen, Dinosaurier. Gemessen daran ist der Mensch ein

Spätzünder: vor vier Millionen Jahren, aufrecht gehende Affen.

Vor zwei Millionen Jahren, erste menschliche Vorfahren.

Vor zwanzigtausend Jahren, erste Höhlenmalereien. Kommst

du noch mit?“

Sie hörte kaum hin. „Ja.“

„Weißt du, die Beschleunigung ist dramatisch. Würde man die

Geschichte des Lebens auf der Erde in vierundzwanzig Stunden

zusammendrängen, dann entstanden vielzellige Organismen

vor zwölf Stunden, Dinosaurier in der vergangenen Stunde,

die ersten Menschen tauchten vor vierzig Sekunden auf,

und den neuzeitlichen Menschen gibt es seit nicht mal einer

Sekunde. Zwei Milliarden Jahre dauerte es, bis in primitiven

Zellen ein Kern entstand, der erste Schritt zur Komplexität.

Doch es brauchte nur zweihundert Millionen Jahre – ein Zehntel

der Zeit –, bis sich vielzellige Tiere entwickelt hatten. Und

es waren nur vier Millionen Jahre vom Menschenaffen mit

kleinem Gehirn und groben Knochenwerkzeugen bis hin zum

modernen Menschen und zur Gentechnologie. So rasant hatte

sich das Tempo erhöht. Nicht nur auf der Erde. Auch auf anderen

Welten. Es ist fast überall dasselbe. Mit dem Chaos verhält

es sich genauso. Kleine Entwicklungen setzen große Dinge

in Gang und es geht immer schneller und schneller und

schneller.“

„Cooper...“

„Was ist denn?“

„Ich muss für eine Weile fort.“

Hawk seufzte. Er schloss die blinden Augen.

„Ich komme so schnell wie möglich wieder.“

„Das wirst du nicht.“

„Doch, Cooper, ich-“

„Dafür wird dir keine Zeit mehr bleiben, Rhonda. Es wird

schnell gehen. Furchtbar schnell.“

„Cooper, bitte. Hör mir zu! Ich will, dass du mir zuhörst.“

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„Ich hör dir doch zu.“

„Ich muss weg. Nur für eine Weile. Und ich wünsche – nein,

ich verlange -, dass du noch da bist, wenn ich wiederkomme.

Hast du mich verstanden? Cooper?“

Er schmatzte und drehte langsam den Kopf. „Rhonda, du hörst

mir nicht zu. Ich habe dir doch schon erklärt, dass-“

„Ja, ja. Evolution, Chaos. Ich will das jetzt nicht hören, Cooper!

Ich will einfach, dass du mir versprichst, durchzuhalten.

Versprich es mir. Bitte, Cooper, versprich es mir!“

Und für einen Augenblick schien er wieder klarer denken zu

können. „Du gehst mit Nechayev, nicht?“

Smith senkte den Kopf ein wenig. „Roe wird sich gut um dich

kümmern, bis ich wieder da bin.“

„Du darfst nicht mit ihr gehen, Rhonda. Du darfst es nicht.“

„Ich muss es. Ich muss mich ihr stellen. Das hast du selbst gesagt,

erinnerst du dich?“

Hawk seufzte. „Ja, richtig.“

„Hälst du durch?“

Er zog wieder dieses Gesicht, dass sie so sehr hasste.

„Cooper, bitte!“

„Ja, ja, ich verspreche es.“

Sie war misstrauisch. Er hatte einst scherzhaft zu ihr gesagt,

ein Versprechen an eine Frau sei eine Lüge, die nur noch nicht

stattgefunden hat. Und dabei hatte er gelächelt. Eben dieses

Lächeln huschte kurz über seine Züge. Rhonda schloss die

Augen und rieb sich den Nasenrücken, als Hawk ihre Hand

fest drückte und plötzlich sehr leise sprach. „Okay. Okay, ich

versuch’s.“

„Das ist alles, was ich will, Cooper.“

Er nickte.

„Ich liebe dich.“, sagte Rhonda.

Hawk schnaufte. „Liebe. Ich bin mir nicht sicher, ob menschliche

Wesen überhaupt ein Bewusstsein, oder Gefühle haben.

Dafür gibt es keinerlei Anhalts-“

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Rhonda hielt ihm einen Finger auf den Mund und beugte sich

dicht über ihn. „Sssscht. Nicht jetzt.“

Sie stand auf und schnallte sich einen Rucksack um. „Ich

bring dich hier durch, Cooper. Das ist ein Versprechen. Wir

schaffen das. Wir halten zusammen.“

Sie wollte gehen.

„Rhonda.“

„Ja?“

„Ich liebe dich auch.“

Smith lächelte bitter. Sie sah noch einmal zu Hawk, gab sich

einen Ruck und trat dann hinaus. Leise schloss sie die Tür.

„... es kann jederzeit passieren, dass wir uns verlieben, erkranken,

oder sterben, ohne, dass wir auch nur im mindesten damit

rechnen und das, meine Damen und Herren, ist eine Tatsache

des Lebens.“

Der Seminarraum befand sich im dritten Stockwerk der Sternenflottenakademie.

Vorne am Rednerpult machte Rhonda

Smith eine dramatische Pause, bevor sie ihre Vorlesung fortsetzte.

Smith war zu diesem Zeitpunkt zwanzig Jahre alt, trug

ihr langes Haar zu einem Dutt hochgesteckt, was ihr einen

Eindruck der Strenge vermittelte und war an der Akademie

schon jetzt bekannt, da sie ihren Abschluss erst vor drei Wochen

als Jahrgangsbeste beendet hatte und heute schon selber

Vorlesungen hielt und mehrere Kurse führte.

Smith galt allerorts als wissenschaftliches Wunderkind. Mathematik,

Naturwissenschaften – sie beherrschte alle möglichen

Gebiete perfekt und war in der Lage, sich binnen weniger

Wochen in jedes neue Themengebiet einzuarbeiten. Sie hatte

einen überragend logischen Verstand und besaß die Fähigkeit,

sofort das Wesentliche an einem Problem zu erfassen und die

nötigen Folgerungen daraus zu ziehen und oft kamen ältere

und erfahrenere Wissenschaftler, die in der Lage waren über

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einen nicht unerheblich großen Schatten zu springen, zu ihr

und baten sie um ihre Hilfe bei der Lösung höchst abstrakter

Probleme. Aus diesem Grund war ihr Terminkalender voll und

lies kaum Platz für Freizeit. Sie warf einen kurzen Blick auf

das Chronometer. Wenn sie die Vorlesung langsam zu einem

Ende kommen lies, hätte sie noch Zeit eine Stunde an ihrer

Doktorarbeit in Psychologie zu schreiben, bevor das nächste

Seminar begann.

Sie richtete ihren Blick wieder auf die Kadetten, die sich in

hoher Zahl eingefunden hatten. „Aber wir trösten uns mit der

Vorstellung“, sagte Smith. „dass eine plötzliche Veränderung

etwas ist, das außerhalb der normalen Ordnung der Dinge abläuft.

Für uns ist eine plötzliche Veränderung ein Unfall. Oder

etwas, das wir nicht unter Kontrolle haben, wie etwa eine tödliche

Krankheit. Wir können uns nicht vorstellen, dass plötzliche

und radikale Veränderungen zum Grundmuster unseres

Lebens gehören.“ Sie hielt Inne. „Aber genau so ist es. Und

die moderne Mathematik lehrt uns, dass die Linearität, die wir

bei allem für selbstverständlich halten, einfach nicht existiert,

auch nicht bei der Wahl unserer Entscheidungen in Folge solcher

Unvorhersehbarkeiten.“

Jemand in der letzten Reihe hatte die Hand gehoben. Smith

runzelte die Stirn. „Sie haben eine Frage?“, erkundigte sich

Smith.

„Habe ich, ja.“, sagte die blonde Frau, die Smith schon seit ihrem

Eintreten in den Raum aufgefallen war. Es handelte sich

nicht um eine Kadettin – dafür war sie auch viel zu alt -, sondern

um einen hochdekorierten Admiral, die wohl zu den

prominentesten Vertretern der Führungsebene der Sternenflotte

gehörte. Vermutlich gab es keinen Kadett an der Akademie,

der nicht schon einmal etwas von Alynna Nechayev gehört

hatte. Sie war allgemein als extrem harter Hund bekannt und

es gab zahlreiche Gerüchte, dass sie in verschiedenste Verschwörungen

und Geheimoperationen verwickelt war. Umso

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erstaunter war Smith, dass diese Frau eine ihrer Anhörungen

besuchte, lies sich aber nichts anmerken. Nechayev sagte: „Ich

war bisher der Ansicht, dass die Mathematik sehr wohl in der

Lage sei, Dinge berechnen zu können. Unter anderem, die

Wahl unserer Entscheidungen.“

Smith lächelte. „Sie beziehen sich auf die Chaostheorie.“, erkannte

sie. „Die Chaostheorie ermöglicht es uns aber nicht in

die Zukunft zu sehen, Admiral. In Wirklichkeit ist der Ablauf

der Dinge eine Reihe von Ereignissen, in der ein Ereignis die

folgenden in einer vollkommen unberechenbaren Weise verändern

kann.“ Sie lehnte sich auf dem Podium vor. „Das ist

eine grundlegende Wahrheit über die Struktur unseres Universums.

Aber aus irgendeinem Grund bestehen wir darauf, uns

so zu verhalten, als würde sie nicht existieren.“

Viele Kadetten nickten zustimmend.

Smith fuhr fort: „Ich erkläre es ihnen. Alle Entscheidungen

lassen sich in zwei unterschiedliche Kategorien gliedern: Entscheidungen

mit Kontingenz und solche ohne. Die letzten werfen

erheblich mehr Schwierigkeiten auf. Die meisten Entscheidungen

und nahezu alle Wechselwirkungen zwischen

Menschen kann man in ein Kontingenzsystem einordnen. Ein

Präsident kann beispielsweise einen Krieg erklären, ein Mann

kündigt seinen Job, oder er lässt sich von seiner Frau scheiden.

Eine solche Aktion ruft eine Gegenaktion hervor; die Anzahl

der Reaktionen ist unendlich, aber die Anzahl der wahrscheinlichen

Reaktionen ist überschaubar klein. Schon bevor der

einzelne eine Entscheidung trifft, kann er verschiedene Reaktionen

voraussehen und somit seine ursprüngliche, primäre

Entscheidung besser abschätzen.“ Sie kratzte sich an der Nase,

ehe sie fortfuhr: „Aber es gibt auch eine Kategorie, die sich

nicht mit Hilfe von Kontingenzen analysieren lässt. In diese

Kategorie fallen Ereignisse und Situationen, die absolut unvorhersehbar

sind, nicht nur Katastrophen aller Art, sondern

auch die seltenen Sternstunden des Entdeckens und jener Ein-

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sicht, die beispielsweise den Phaserstrahl oder das Warptriebwerk

entstehen lassen. Da diese Augenblicke nicht vorhersagbar

sind, kann man für sie auch nicht logisch vorplanen. Die

mathematischen Voraussetzungen sind ganz und gar unbefriedigend.

Wir können uns nur mit der Tatsache trösten, dass solche

Situationen – im Bösen wie im Guten – außerordentlich

selten auftreten...“

Nechayev starrte sie noch einen Augenblick an. Dann lehnte

sie sich wieder zurück und machte einige Notizen.

Die Vorlesung war beendet und Smith war zufrieden. Es war

gut abgelaufen. Es lief immer gut ab. Sie lehrte gern und

wusste, dass sie ihre Leidenschaft für die Themen an andere

vermitteln konnte. Smith packte gerade ihre Datenblöcke zusammen,

als jemand sagte: „Bitte entschuldigen Sie, wenn ich

Sie vorhin unterbrochen habe.“

Smith sah auf und stellte überrascht fest, dass Nechayev auf

sie zu trat, als die letzten Kadetten den Raum verließen. „Alynna

Nechayev.“, sagte sie und reckte Smith die Hand entgegen.

Sie ergriff und schüttelte sie. Nechayevs Händedruck war

warm und herzlich, aber ihre Augen kalt. „Normalerweise ist

es üblich mit Fragen bis zum Ende einer Vorlesung zu warten.“,

entgegnete Smith lächelnd. „Aber es macht mir nichts

aus. Rhonda Smith.“

„Freut mich.“, sagte Nechayev. „Ich habe viel von ihnen gehört,

Rhonda – ich darf Sie doch Rhonda nennen? Wissenschaftlerin,

Psychologin und nicht zuletzt Mathematikerin.“

Smith klemmte sich den letzten Datenblock unter den Arm.

„Hauptsächlich Mathematikerin.“, sagte sie. „So ziemlich alle

Bereiche der Forschung wurden im vollem Umfang weitgehend

mathematisch – eine exakte Wissenschaft. Versteht man

Mathematik, versteht man alles.“

„Sie sind eine vielseitige Frau, Rhonda.“, erklärte Nechayev.

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Smith winkte ab. Was wollte die nur? „Und Sie, Admiral, sind

Expertin für die Borg und die Cardassianer, aber nicht für Mathematik

– das weiß ich. Daher gehe ich davon aus, dass Sie

meine Vorlesung nicht aus reiner Neugierde besucht haben?“

Nechayev war verblüfft. Mathematiker galten als Menschen,

die in einer anderen Welt lebten, den Kopf in den Wolken trugen

und keinen Sinn für Alltagsdinge hatten. Aber Smith war

wachsam, ihr entging nichts. Und sie war erstaunlich direkt,

sagte, was sie dachte. „So weit ich weiß, werden Sie oft zum

Lösen schwieriger Probleme herangezogen, ist das richtig?“

„Hin und wieder, ja.“

„Ausgezeichnet. Sie sind vielleicht die Richtige.“

Smith sah übertrieben auf das Chronometer. „Admiral-“

„Egal was Sie vorhaben, es kann warten.“

„So?“

„Ich habe ihnen einen Job anzubieten, Rhonda. Das Sternenflottenkommando

arbeitet momentan an einer Sache, an einer

äußerst wichtigen Sache. Wir stehen unter enormen Zeitdruck

und erleiden aktuell einige Probleme.“ Sie seufzte. „Es ist ein

sehr mathematisches Gebiet. Ich kapier von dem ganzen Kram

nichts, aber verstehe es, Leute heranzuziehen, die etwas davon

begreifen und Ergebnisse liefern können. Bei ihnen scheine

ich genau an der richtigen Stelle zu sein.“

Smith runzelte die Stirn. „Was für eine Art Job ist das?“ Misstrauen

schwang in ihrer Stimme mit.

„Haben Sie Vertrauen. Die Sache ist Top Secret, wir können

das nicht hier besprechen und ich kann es ihnen auch nicht einfach

erklären. Aber eines kann ich ihnen auf jeden Fall sagen:

ihre Karriere dürfte einen gewaltigen Sprung machen, wenn

Sie sich zum Mitmachen ... entscheiden.“

„So außergewöhnlich?“ Rhondas Neugierde war geweckt.

„Es wird ihr Leben verändern.“, entgegnete Nechayev. Und lächelte

charmant.

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Schlucht

Sie hörten die Schritte der schweren Stiefel. Die Tarkon waren

jetzt ganz nahe. Ramina hielt den Finger auf den Auslöser des

Tricorders. Gordon hatte ihn zu einer Fernzündung umfunktioniert.

Ihre Hände waren klatschnass. Sie hoffte es würde

nichts schief gehen und die Torpedos würden wie geplant

zünden. Sie hatten schnell arbeiten müssen, waren in Eile gewesen,

als sie die beiden Torpedos begraben hatten. Es konnte

alles mögliche schief gegangen sein. Shannyn schob sich hinter

dem Felsen vor. Die Tarkon marschierten im Gleichschritt

durch den Graben. Sie waren jetzt fast genau dort, wo sie sie

haben wollten.

„Jetzt?“, flüsterte Ramina.

„Noch nicht.“

Der Befehlshaber des zweigliedrigen Trupps blieb unvermittelt

stehen. Er war auf den zweiten Sandhügel getreten, schien

plötzlich misstrauisch zu sein. Er drehte den Kopf, als würde

er schnuppern und signalisierte seinen Männern durch ein

knappes Handzeichen zu stoppen. Das Panzerfahrzeug kam

ruckend zum Stillstand. Noch ein paar Meter, dachte Shannyn.

Geht nur noch ein paar Meter!

Ramina bemerkte den besorgten Ausdruck auf Shannyns Mine.

„Was ist?“

„Sie bleiben stehen.“, flüsterte Shannyn.

„Haben sie uns entdeckt?“

„Ich weiß nicht.“

23


Der Anführer des Trupps runzelte die Stirn, starrte auf den

Erdwall auf dem er stand. Dann sah er sich erneut um, war

sichtlich misstrauisch. Shannyn spürte seinen Argwohn ganz

deutlich. Ihre Muskeln spannten sich an. Der Tarkon sah sich

weiter um und befahl einem der Soldaten den Panzer zurückzufahren.

In dem Moment, wo er zur anderen Hügelkette spähte, lugte

Hallie aus ihrer Deckung, um herauszufinden was dort unten

vor sich ging und warum die Tarkon gestoppt hatten. Sie wurde

sofort entdeckt. Und dann geschah alles auf einmal. Befehle

wurden gebrüllt, eine Kugel prallte singend von einem Felsen

vor Hallie ab. Sie warf sich gleichzeitig zurück in Deckung.

Wie auf ein Zeichen war im nächsten Moment eine

heftige Schießerei im Gange. Das Panzerfahrzeug rollte los.

Die Tarkon rannten durcheinander, eröffneten unvermittelt das

Feuer auf die Felsen und Hügel. Und sie benutzten primitive

Projektilwaffen, die einem das Trommelfell zu zerreißen drohten.

Das Panzerfahrzeug fuhr direkt zwischen die Torpedos.

Shannyn sprang zurück. Eine pfeifende Kugel verfehlte sie nur

knapp.

Sie brüllte: „Zünden!“

Ramina betätigte den Knopf. In dem Moment zerriss ein unvorstellbar

lauter Donnerknall die Luft, als die halbe Schlucht

in einer Detonation zugesprengt wurde. Der Hang unter ihnen

rumpelte und machte einen gewaltigen Satz. Alles bewegte

sich plötzlich. Die Offiziere, die sich nicht bereits auf allen

vieren befanden, oder sich an den Hang pressten, wurden von

den Füßen gefegt und kullerten das Gefälle hinunter. Ein Regen

aus Stein und Kies prasselte nieder. Dann beruhigte sich

der Untergrund wieder. Grauer Rauch quoll aus der Schlucht,

die sie soeben gesprengt hatten. Er stieg in Schwaden in den

Wüstenhimmel.

Und dann schnellten die Offiziere aus ihrer Deckung vor und

eröffneten das Phaserfeuer auf die überlebenden Tarkon im

24


Graben. Hier und dort sah man im Rauch blutige Überbleibsel

von Körpern, aber es waren mehr Überlebende, als gedacht.

Teils taumelnd, teils benommen, begannen sie ihrerseits Deckung

zu suchen und die Attacke zu erwidern. Der Panzer hatte

sich mit einer seiner Ketten über dem gezündeten Torpedo

befunden, bei der Explosion seitlich abgehoben, bis er fast

schräg stand und knallte gerade wieder mit Getöse auf den

Boden zurück. Unmittelbar danach ratterte seine Bordkanone

los. Shannyn fluchte. Der verdammte Panzer war fast unbeschädigt!

Aber er hätte es sein müssen. Er stand doch direkt

über den beiden-

Dann erkannte Shannnyn, was schief gelaufen war: nur ein

Torpedo – der auf Hallie’s Seite – hatte gezündet. Shannyn

sah verwirrt zu Ramina.

„Scheiße!“, fluchte diese.

„Was ist los? Was ist passiert?“

„Diese Idioten! Sie haben’s vertauscht!“

„Was ist passiert?“, wiederholte Shannyn.

Ramina hielt ihr zornig den blinkenden Tricorder vors Gesicht.

Sensordaten rasten über den winzigen Bildschirm. „Die

Techniker haben in der Eile anstatt des zweiten Torpedos eine

Sonde in den Boden gebuddelt!“

D’Agosta rannte so schnell es Judy zuließ. Athol folgte ihnen.

Immer wieder schüttelte D’Agosta den Kopf. Sie hatten sich

vielleicht vierhundert Meter von der Schlucht entfernt und eilten

nun durch unebenes Gelände. Da hörten sie die Explosion

irgendwo hinter sich und spürten die starke Erschütterung des

Bodens. D’Agosta blieb stehen und schlang seine Arme schützend

um Judy. Nach wenigen Sekunden war es vorbei. Er sah

eine Rauchsäule.

Nur eine.

25


Er runzelte die Stirn und tippte sich auf den Kommunikator.

Betete, dass er funktionierte. „D’Agosta an Bartez.“

Rauschen.

„Shannyn, melden Sie sich.“

Rauschen.

„Bitte, Shannyn!“

Die Rauchsäule stieg höher, wurde allmählich vom Wind fortgetragen.

D’Agosta hörte das helle, abgehakte Rattern entfernter

Gewehrsalven. Der Kampf war im Gange.

„Vielleicht hat sie abgeschaltet.“, sagte Judy.

D’Agosta schüttelte den Kopf. Immer wieder versuchte er

Shannyn zu rufen, erhielt aber keine Antwort. Schließlich gab

er es auf. Irgendwo vor ihnen war das zerstörte Lager. Jenseits

davon, in der Ebene, befand sich der Zug, den sie noch einholen

konnten. Hinter ihnen Shannyn und die anderen. D’Agosta

blickte abwechselnd in die eine, dann in die andere Richtung.

Dann sagte er: „Athol, bring Judy zu den anderen.“

Judys Augen weiteten sich. „Was?“

„Ich gehe zurück.“

„Dad, ich lass dich nicht allein!“

„Ich pass auf mich auf.“

Sie wollte Protestieren.

„Judy! Ich muss Shannyn helfen.“

„Dad...“

Ohne auf den Protest seiner Tochter zu achten wandte er sich

an Athol. „Bring sie zurück ins Lager.“

Athol nickte schwerfällig mit dem Kopf, stellte sich hinter Judy

und hielt sie sanft, aber bestimmt mit seinen großen Pranken

fest. Judy versuchte sich loszureißen. Sie wollte nicht mit

Athol alleine sein. „Dad..!“

„Ich bin gleich wieder da.“

D’Agosta eilte los.

26


Die Kugeln pfiffen nur so durch die Luft und vermischten sich

mit dem Heulen von Querschlägern. Shannyn hörte durcheinandergerufene

Befehle der Tarkon, das Rattern ihrer Waffen

und Schmerzensschreie, die sie keiner der beiden Seiten recht

zuordnen konnte.

Das Panzerfahrzeug der Tarkon feuerte gerade auf den Hang,

als Shannyn einen der Tarkon mit einem präzisen Phaserschuss

außer Gefecht setzte und zurücksprang. Ein Stück der

Hügelkuppe verabschiedete sich donnernd und Shannyn bekam

den Fels- und Sandregen über. Die Druckwelle warf sie

zurück. Die Tarkon waren aggressiv und schossen auf einen

fast unsichtbaren Gegner auf den Hügeln entlang der Schlucht.

Das Waffenfeuer auf die Felsen wurd zu einem lauten, beständigen

Trommeln. Shannyn strauchelte, bekam wieder ihr

Gleichgewicht und rannte von einer Deckung zur anderen,

sprang zu Ramina.

Da feuerte der Panzer erneut seine Hauptkanone. Ein weiteres

Hangstück wurde weggesprengt, wieder prasselte der Berg auf

sie nieder. Ramina schlug die Hände über dem Kopf zusammen,

wartete bis der Trümmerregen aufhörte und krabbelte

nach vorn, um über den Rand zu sehen. Da erwischte sie ein

Querschläge. Sie spürte plötzlich eine unglaubliche Hitze an

der Wange und beinahe hätte sie laut aufgeschrieen. Sie zog

den Kopf ein und rutschte zurück.

Shannyn griff nach ihrem Handgelenk und zog den Arm weg,

um die Wunde betrachten zu können. „Ist nur ein Kratzer.“ Sie

musste brüllen, um den Kampflärm zu übertönen.

Ramina nickte betäubt.

„Ramina, Die auf der anderen Seite feuern nicht!“

„Wieso?“

„Schätze, sie wollen nicht riskieren den Torpedo zu treffen

und auszulösen. Denken wir haben Probleme.“

„Wir haben auch Probleme, denn da ist kein verdammter Torpedo!“

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„Das können die nicht wissen.“

Ramina zog den Kopf ein, als der Panzer erneut auf den Hang

feuerte und diesmal mehr traf, als nur Fels. Zwei Offiziere

wurden schreiend von der Druckwelle durch die Luft geschleudert.

Eine dichte Qualmwolke fegte über Ramina hinweg.

„So wird das nie was!“, fluchte sie. „Wenn wir dieses verfrellte

Panzerfahrzeug nicht ausschalten-“

Und da war Shannyn auch schon auf den Beinen. „Warten Sie

hier!“ Sie zog ihr Schwert, rannte zur Kuppe hinauf und dann

den Abhang in den Graben hinunter, direkt auf die Tarkon zu.

Ramina riss die Augen auf. „Was zum...“

Shannyn eilte – teils rennend, teils rutschend - den Hang hinunter.

Noch immer war im Graben alles voller Rauch, die

Sicht wurde durch die nebelartigen Schwaden stark eingeschränkt.

Es stank nach Schießpulver. Die Tarkon waren inzwischen

überall in der Schlucht versprengt, suchten Schutz

an den Felsen, oder direkt am Panzer. Immer wieder ratterten

ihre Gewehre los, wurden hektische Befehle gebrüllt, oder die

Munition verflucht, wenn sie nicht richtig einrasten wollte.

Zuerst schossen die Tarkon überhaupt nicht auf Shannyn, weil

sie ihrer Aufmerksamkeit entging.

Anfangs, wegen dem Rauch und weil schlicht niemand damit

rechnete, dass die Sternenflottenoffiziere zum Nahkampf ansetzen

würden. Deswegen konzentrierten sie sich nur auf die

Hügelkuppen. Als Shannyn aber im Graben aus einer wattigen

Nebelbank springend auftauchte und nur mit dem Schwert

bewaffnet auf die Tarkon zustürmte, eröffneten sie noch immer

nicht das Feuer. Denn sie konnten nicht so recht glauben,

was sie da sahen. Unerschrocken und konzentriert, hielt Shannyn

auf sie zu.

28


Entweder war das eine völlig Wahnsinnige, oder jemand, der

ohnehin nicht aufgehalten werden konnte. Ein Tarkon, der den

neuaufgetauchten Gegner im letzten Moment bemerkte, tauchte

hochgewachsen vor ihr auf. Doch ehe er auch nur Gelegenheit

fand Schrecken zu verspüren, zuckte das Schwert in ihrer

Hand hoch und streckte den Mann nieder. Ohne auch nur im

Schritt inne zu halten, setzte Shannyn über den zusammenbrechenden

Mann hinweg und stürmte durch den Graben auf den

Panzer zu.

Auf der Kuppe beobachtete Ramina entgeistert, wie Shannyn

durch die Reihen der Tarkon brauste. Es war unglaublich. Einfach

unglaublich! Kugeln pfiffen durch die Luft, als das Feuer

auf sie eröffnet wurde und schlugen vor, neben und hinter

Shannyn im Boden ein und verfehlten sie mit enervierender

Genauigkeit. Shannyn achtete weder darauf, noch großartig

auf die Soldaten, die sie abzuwehren versuchten. Mit einer

brutalen Entschlossenheit, die selbst Ramina einen kalten

Schauer über den Rücken jagte, streckte Shannyn ohne das geringste

Zögern jeden nieder, der sich ihr in den Weg stellte.

Ramina konnte kaum begreifen, was sie da sah.

Shannyn schlug sich dort unten mit einer zahlenmäßig weit

überlegenen Gruppe von Angreifern herum – und hielt durch.

Ramina hatte noch nie gesehen, was diese Frau mit ihrem

Schwert anzurichten imstande war und jetzt, wo sie es sah,

war Ramina über alle Maßen erstaunt. Shannyn trug die Klinge

offenkundig wirklich nicht nur, weil sie sich an der Uniform

gut machte. Vier oder fünf Gegner lagen bereits blutend

am Boden und auch der Rest der Soldaten hatte keine Chance

– sie trafen Shannyn einfach nicht! Und Shannyn zeigte keine

Furcht! Nicht das geringste Anzeichen. Man hätte fast Mitleid

mit den Tarkon haben können.

29


Ramina sah zu einem der anderen Sicherheitsleute, der ebenso

verblüfft dreinschaute, wie sie selbst. Er konnte es ebenfalls

nicht fassen.

Ramina musste lächeln.

Ein junger Tarkon hob die Waffe eines gefallenen Kameraden

auf und wollte auf Shannyn feuern, aber das Gewicht der Waffe

schien seine Kräfte zu übersteigern. Eine Salve verfehlte

Shannyn um mehrere Meter und riss Splitter aus dem Hang.

Und endlich reagierte Ramina. Sie feuerte ihrerseits auf die

Tarkon. Der fauchende Phaserstrahl riss ihn von den Beinen.

Shannyn bekam davon nicht einmal etwas mit.

„Los!“, brüllte Ramina den anderen zu. „Gebt ihr Deckung!“

Sie mussten Shannyn unterstützen, auch wenn es auf Ramina

kaum den Anschein machte, als würde sie Hilfe brauchen. Die

Leute eröffneten das Feuer und Phaserstrahlen zuckten blitzartig

durch die Luft. Zwei, drei der Tarkon sackten sofort getroffen

und lautlos zurück aber auch einer der Sternenflottenleute

wurde vom Gegenfeuer der Tarkon den Hang hinab gewirbelt

und blieb in einer Blutlache liegen.

Die Luke vorne am Panzer polterte zu Boden und ein wütender

Tarkon sprang heraus. Shannyn tauchte unter seiner Salve

mit einer Rolle hinweg, als er mit einem Wutschrei das Maschinengewehr

hochriss und beinahe ziellos durch die Gegend

schoss.

Ein Schuss krachte und verfehlte Ramina um Haaresbreite,

dann zerfetzte eine Salve das Gestein unmittelbar vor ihrem

Gesicht und Ramina rollte herum, um sich in Deckung zu

bringen. Das letzte, was sie sah war, wie Shannyn dem Tarkon

das Schwert in den Brustkorb stieß und den Panzer enterte.

Im Panzerfahrzeug stolperte der Fahrer panisch zum Funkgerät.

Er hörte die Phaserstrahlen draußen fauchen und er sah

den blonden Schatten am Panzerfahrzeug vorbeihuschen.

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„Verdammt!“ Wie hatte das nur geschehen können? „Verdammt,

verdammt!“

Der Kanonier hinter ihm grunzte. Er verpasste gerade dem

Seitengeschütz einen Tritt, krallte sich ein Gewehr und eilte

zur Luke, um nach draußen zu springen und diese Teufelin

aufzuhalten. Der Fahrer Stieß sich im beengten Innenraum den

Kopf, stolperte, stieß sich das Knie und bekam endlich das

Funkgerät zu greifen. „Sie kommt!“, brüllte er hinein. „Die

Frau kommt! Wir brauchen Hilfe, schickt sofort den zweiten

Bohrer hoch, diese Irre-“

Der Kanonier war inzwischen nach draußen gesprungen. Sein

Gewehr gab eine laute Salve ab, die abrupt endete. Der Fahrer

hörte das Splittern von Knochen und drehte sich um. Der Kanonier

hatte keinen Ton von sich gegeben, als ein Schwert seinen

Brustkorb durchstoßen hatte. Er brach zusammen und die

Frau erschien im Eingang, starrte ihn einen Augenblick lang

emotionslos an. Er zitterte vor Entsetzen. Am ganzen Körper

brach ihm kalter Schweiß aus.

„Hilfe!“, brüllte er ins Funkgerät. „Hilfe!“

Dann blitze ihr Schwert auf.

Schwärze.

31


Bohrer

Judy sah über die Schulter zu ihrem Vater, der inzwischen

weit entfernt war und gerade eine Steigung hochkletterte. Athol

hatte ihre Hand fest ergriffen, während sie sich entfernten.

Er tat ihr nicht weh, verhinderte aber, dass sich Judy losreißen

konnte. Sie eilten durch den Bereich, wo sich in der Nacht zuvor

noch das Basislager befunden hatte. Noch immer lagen die

Trümmer und Überreste der Kapseln überall verstreut und

jetzt am helllichten Tag, sah sie erst, wie flächendeckend die

Bombardierung in der Nacht erfolgt war.

„Athol.“, sagte Judy in einem gequälten Tonfall. „Wir müssen

ihm helfen!“

„Es ist zu gefährlich.“

„Ja, für meinen Dad!“

„D’Agosta kommt klar.“, erwiderte Athol. Er setzte seinen

Weg stur fort. Wenn er wegen Canthars Tod irgendeinen Groll

gegen sie hegte, dann verbarg er ihn gut. Dennoch war Judy

unwohl. Sie fühlte sich schuldig und wollte jetzt nicht mit Athol

alleine sein.

„Ich habe einfach ein ungutes Gefühl. Wir sollten auf der Stelle

umkehren.“

Athol schüttelte den schweren Schädel. Er wollte gerade etwas

erwidern, als er unerwartet stehen blieb. Er lauschte.

„Was ist?“

Judy bekam keine Antwort.

Athol lauschte noch immer. Er hatte die Stirn in tiefe Falten

gelegt. Etwas stimmte nicht.

32


Dann spürte Judy das Rumpeln und Vibrieren des Bodens unter

ihren Stiefeln. Athols Gesicht verdunkelte sich. „Wir kriegen

Besuch.“

Shannyn trat geduckt aus dem Panzerfahrzeug heraus und sah

die Körper im Graben verteilt liegen. Noch immer fauchten

vereinzelte Phaserstrahlen durch die Luft, aber das Gegenfeuer

der Tarkon war stark abgeschwächt. Sie hatten erkannt auf

verlorenem Posten zu stehen und diese Schlacht nicht mehr

gewinnen zu können.

Shannyn sah durch den Rauch einige diffuse Gestalten in die

Richtung zurückrennen aus der die Tarkon gekommen waren.

Sie traten die Flucht an, gaben dabei ungezielte Salven von

sich und zerrten verwundete oder betäubte Kameraden hinter

sich her. Sie trafen niemanden mehr und entfernten sich rasch.

Nach einer Weile trat Stille ein.

Shannyn wanderte durch den Graben.

„Na bitte!“, rief Ramina vom Hügelkamm. „Wer sagt’s denn -

wir haben es geschafft.“

Shannyn wollte gerade etwas erwidern, als es plötzlich in den

Eingeweiden der Erde rumpelte. Und dann brach der Boden

unter ihren Füßen auf.

„Wir kriegen Besuch.“ Athol hatte die Worte kaum ausgesprochen,

als sich ein paar Meter vor ihnen, zwischen zwei

von der Bombardierung zerstörten Kapseln etwas aus dem

Erdreich wühlte. Judy befürchtete, es sei das Phänomen, dass

sie am ersten Tag beobachtet hatten und bekam Panik. Es

würde die Erde im Umkreis von mehreren Kilometern umwälzen

und sie beide verschlingen und töten. Aber es war etwas

viel kleineres, was da aus dem Boden brach. Wie ein Maulwurfhügel

bäumte sich vor ihnen die Erde auf. Athol schob

33


Judy hinter sich. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er

auf den größer werdenden Hügel zu bewegte. Er drehte sich

nicht zu ihr um, als er zu ihr sagte: „Lauf!“

„Was passiert hier?“

Als nächstes sah Judy, wie etwas metallisches aus dem Maulwurfhügel

brach. Ein Bohrer. Ein großer, metallischer Bohrkopf

mit Zacken und Kannten und er drehte sich wie wild.

Mindestens zwei Meter im Durchmesser. Und dann erschien

das ganze Fahrzeug.

Es war annähernd rund, wie eine Büchse, schwarz-rot und trug

das Wappen der Tarkon-Kinjal auf der Seite. Ein Raupenfahrzeug,

dass sich unterirdische Tunnel bohrte und sich auf diese

Weise knapp unter der Oberfläche fortbewegte. Das Fahrzeug

schoss schräg aus dem Boden und knallte auf die Raupen. Der

Bohrkopf vorne drehte weiter.

Judy war so erschrocken und fasziniert zugleich, dass sie wie

angewurzelt stehen blieb. Sie wollte fortlaufen, doch ihre Beine

rührten sich nicht. Athol stürmte vor, als sich die Seitenklappe

des Fahrzeugs öffnete und mit einem lauten Scheppern

auf den Boden herabknallte. Der Amphion packte den ersten

Mann der rauskam am Kragen und schleuderte ihn zu Boden.

Es war kein Tarkon.

Es war ein Breen. Und da waren noch mehr. Sie versuchten

alle nach draußen zu stürmen, aber der Ausgang bot nur Platz

für einen. Athol schnappte sich auch den zweiten, hieb ihm

seine großen Pranken in den Magen und warf ihn über die

Schulter. Für einen kurzen Moment sah er dabei Judy an.

„Lauf!“

Aber Judy rannte nicht. Denn in dem Moment wurde Athol

getroffen. Eine Energiewaffe. Vor Schmerzen schrie er auf

und ging in die Knie, stürzte aber nicht zu Boden. Im Gegenteil,

er biss die Zähne zusammen und rappelte sich sofort wieder

auf, um den Breen, der ihn niedergestreckt hatte, anzugreifen.

Dieser schoss erneut auf Athol, was den kräftigen Amhion

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aber noch immer nicht stoppte, nur verlangsamte. Jetzt reagierte

endlich auch Judy. Sie hob einen morschen Ast vom

Boden auf und sprang auf den ersten Breen zu, der langsam

wieder auf die Beine kam. Judy hieb ihm den Stock auf den

Rücken und hörte irgendetwas knacken. Der Breen brach erneut

zusammen.

„Lauf!“, rief Athol.

Judy drehte sich zu ihm um. In dem Moment kippte Athol

vornüber. Er versuchte erneut aufzustehen, aber seine Muskeln

zitterten, sein Körper verweigerte ihm den Dienst. Als er dann

schon wieder getroffen wurde, ging er endgültig zu Boden.

Judy hörte irgendwen ihren Namen rufen, reagierte aber nicht

darauf.

Sie sah nur Athol am Boden und ging mit dem Stock auf den

nächsten Breen los. Ein sinnloses Unterfangen, aber es wäre

ebenso sinnlos gewesen vor ihnen zu fliehen, denn nichts, aber

auch wirklich gar nichts hinderte die Breen daran, ihr in den

Rücken zu schießen. Und Judy hatte genug über sie gehört um

zu wissen, dass sie so etwas auch problemlos bei einem Kind

tun würden.

Also blieb nur der verzweifelte Angriff. Judy holte aus, zielte

auf das Knie des Breens, der Athol niedergestreckt hatte und

wurde jäh in die Höhe gehoben, noch bevor sie zum Schlag

ansetzen konnte. Jemand schnappte sie von hinten, drückte ihr

die Luft ab und zog sie in das Raupenfahrzeug. Judy lies den

Stock fallen. Ihre Hände griffen nach den Rändern des Türrahmens

und sie klammerte sich fest, versuchte sich herauszuziehen.

Soviel Kraft hatte sie jedoch nicht. Aber von der Tür

weg bekam sie der Breen hinter ihr nun auch nicht. Jedenfalls

nicht sofort. Judy hörte komische Geräusche – die Sprache der

Breen. Sie klangen wütend und gehetzt, sie waren über etwas

erzürnt und sehr aufgeregt.

Judy versuchte sich erneut rauszuziehen. Schaffte es ein paar

Zentimeter. Und noch ein paar. Dann sah sie ihren Vater die

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Anhöhe herunterlaufen. Er rief ihren Namen. Und für diesen

einen Moment war Judy abgelenkt. Irgendwer stieß ihr mit einem

Gewehrkolben in die Seite. Sie krümmte sich, ihre Finger

ließen den Halt los. Judy gab keinen Laut von sich, als sie in

das Raupenfahrzeug gezogen wurde.

D’Agosta kam einen Hügel heruntergerannt. Er war auf halben

Wege zu Shannyn und den anderen stehen geblieben, hatte

den Krach hinter sich gehört und mit entsetzen gesehen, wie

das Raupenfahrzeug der Tarkon direkt vor Judy und Athol aus

dem Boden geschossen kam. Sie machten keine Anstalten davonzulaufen.

Aber das hätte auch gar nichts genützt, denn

D’Agosta erspähte sofort die Waffenmündungen die ausgefahren

wuren. Erschrocken musste er mit ansehen, wie sie attackiert

wurden. Und dann war er endlich losgerannt. Schwer

atmend lief er, so schnell er konnte, Staub aufwirbelnd die

Anhöhe herunter, als plötzlich ein Breen aus dem Wagen

sprang.

Breen?

D’Agosta blinzelte. Was zum Teufel machten die Breen hier?

Und was machten sie in einem Tarkonfahrzeug? Und plötzlich

lief D’Agosta ein sehr kalter Schauer den Rücken herunter, als

er Eins und Eins zusammenzählte. Und D’Agosta lief schneller.

Er beobachtete, wie Athol die ersten beiden Breen überwältigte,

dann aber Probleme bekam. Er konnte nicht mit allen

fertig werden, denn es drängten sich immer mehr aus dem

Eingang.

D’Agosta griff an sein Halfter. Seine Hand fuhr ins Leere. Der

Phaser lag bei den anderen! Er fluchte. Keuchend verließ er

die Anhöhe, erreichte das Plateau und eilte mit brennender

Lunge weiter. Noch mindestens hundert Meter. Judy griff die

Breen an, Athol war überwältigt. D’Agosta schüttelte verzweifelt

den Kopf. Er würde es nicht schaffen. Aber er musste es

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versuchen. Arme und Beine flogen. Sein Atem kam in abgehackten

Stößen.

Judy wurde in den Wagen gezogen. Sie versuchte sich festzuklammern,

sah Allan und dann verschwand sie plötzlich im

Innern des Fahrzeugs. Die Breen schnappten sich auch Athol

und trugen ihn herein. Sie waren aufgeregt und wütend, einer

trat erzürnt gegen das Fahrzeug. Offenbar hatten sie etwas anderes

vorzufinden erhofft, als ein zerstörtes Lager. Aber das

wurde D’Agosta erst später bewusst.

Er kam immer näher, gestikulierte und brüllte laut. Der Bohrer

begann sich wieder schneller zu drehen. Ich schaff das nicht,

dachte er.

Selbst wenn – was sollte er tun?

Und dann war die Tür zu. Das Raupenfahrzeug ruckte kurz,

neigte sich nach vorn und begann sich in den Boden zu graben.

Das Fahrzeug verschwand schnell im Erdreich, furchtbar

schnell. Endlich kam D’Agosta an, aber es war zu spät. Er

wollte in den Tunnel des Fahrzeugs springen und ihnen hinterherlaufen,

musste aber entsetzt sehen, wie der Wagen die

Erde hinter sich auftürmte, wie ein zweiter Maulwurfhügel

entstand. Ohne Loch. Ohne Eingang.

Dann war das Fahrzeug völlig verschwunden. D’Agosta

sprang auf die aufgetürmte Erde und begann verzweifelt mit

bloßen Händen zu graben. Er rief immer wieder Judys Namen.

Er grub und grub, versuchte Erde und Steine fortzuschaffen,

sich selbst einen Tunnel zu schaffen. Und schließlich gab er es

auf. Es war sinnlos. Tränen kullerten ihm über die Wange und

er brach weinend zusammen.

Er hatte Judy verloren.

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Container-Gespann

Nottingham saß am Steuer. Nechayev neben ihm. Sie drehte

den Kopf, als Smith endlich um einen Container bog und auf

sie zu kam. Ihrem Gesicht war deutlich abzulesen, was sie von

dem ganzen hielt. Nechayev kümmerte sich nicht darum.

„Seien Sie entspannt, Rhonda.“

„Wie könnte ich?“

„In Kürze werden wir einen großen Schritt Richtung Zukunft

machen.“

Einen großen Schritt. Rhonda dachte an Hawks Worte. „Es

könnte ein Schritt in die falsche Richtung sein.“

Nechayev schüttelte den Kopf. „Sie sind immer so pessimistisch.“

Smith warf ihren Rucksack auf die Ablage und stieg hinten im

Jeep ein. „Können wir die Sache endlich hinter uns bringen?“

„Sie haben die Koordinaten?“

Smith überreichte ihr einen Tricorder. Nechayev betrachtete

das rotmarkierte X darauf mit einem Lächeln. Sie nickte Nottingham

zu. „Fahren wir.“

„Mist!“, grunzte Gordon und öffnete die breite Ladeklappe einer

der Container, in der sie Fracht, die Torpedos und die

Sonden aufbewahrten. „Wir werden doch wohl nicht aus Versehen-“

Penkala stand neben dem Gespann und sah angestrengt zu den

Hügeln hinaus. Er sah die Rauchsäule, die dort in den Himmel

aufstieg. Er bemerkte auch die gelegentlichen Blitze, wenn ein

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Phaserstrahl abgeschossen wurde. Außerdem wehte der Wind

den weit entfernten Donner von großkalibrigen Fahrzeugwaffen

heran. Penkala war unruhig. Irgendetwas stimmte nicht,

das spürte er.

„O Mann.“, stöhnte Gordon. „Jetzt sind wir in ernsten Schwierigkeiten.“

„Was ist denn los?“, fragte Penkala. Er wandte sich von der

Wüste ab und sah deshalb nicht, dass der Jeep in dem Moment

das Lager verließ und in Richtung Ebene davonbrauste.

„Eine Sonde fehlt und ein Torpedo, der sich nicht mehr in unserem

Bestand befinden sollte, liegt noch im Regal.“, sagte

Gordon. „Irgendein Idiot hat was vertauscht.“

„Sie meinen...“

„Ganz genau.“, sagte Gordon. „Wir haben nur einen Torpedo

in den Graben eingebuddelt.“ Er schloss die Ladeklappe wieder.

„Wahrscheinlich passiert überhaupt nichts. Aber es wird

natürlich nichts geschehen, wenn unsere Leute die zweite Überraschung

zünden wollen.“

Penkala schnallte sich bereits ein Gewehr um. „Das reicht.“,

sagte er. „Ich fahre ihnen jetzt helfen. Nur für den Fall.“ Er

ging schnell an dem Container-Gespann entlang. Penkala war

in großer Sorge. Es hatte ihm überhaupt nicht gepasst, als

D’Agosta und die anderen ohne ihn aufgebrochen waren. Aber

Allan hatte gemeint, seine Hilfe wäre hier, bei den Leuten jetzt

eher von Nöten.

Penkala hatte das Ende des Zuges fast erreicht und lief auf den

Jeep zu. Er war sehr froh, dass sie den Wagen von der Shenandoah

hatten retten können. Er konnte sofort losfahren und

in wenigen-

Der Jeep war verschwunden!

„Verdammt noch mal!“ Penkala starrte verwundert den leeren

Platz, wo er eben noch gestanden hatte an. Der Jeep war wie

vom Erdboden verschwunden!

Was zum Teufel war hier eigentlich los?

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Schlucht

Shannyn wurde von den Füßen geworfen, als unter ihr der Boden

aufbrach und etwas aus dem Erdreich drang. Sie rollte den

Hügel herunter, der sich unter ihr auftat, kam irgendwie auf

die Beine und sprang gerade noch rechtzeitig los, als hinter ihr

ein Bohrfahrzeug schräg aus dem Boden schoss und dort auf

die Raupen stürzte, wo sie sich gerade eben noch befunden

hatte.

Shannyn blieb stehen, hielt ihr Schwert fest in einer Verteidigungsposition

und schüttelte verzweifelt den Kopf. Das Ding

war aus Stahl, die einsetzenden Phaserschüsse der Offiziere

auf der Kuppe richteten nicht den geringsten Schaden an,

brannten nur große, schwarze Flecken auf die Hülle. Und

Shannyn entdeckte nirgends Löcher oder Fenster. Die Luke

war bestimmt fest verschlossen und diesmal würden die Tarkon

vermutlich nicht noch mal den Fehler begehen und sie für

Shannyn öffnen. Wie zum Teufel sollte sie mit dem Ding fertig

werden?

Der Bohrkopf hörte auf sich zu drehen und Waffen wurden

ausgefahren. Darunter ein extrem dickes Rohr an der Spitze

des Bohrers.

„Vorsicht!“, rief Ramina vom Hügel herab. „Die Kanone!“

In dem Moment sah Shannyn, dass sich das Seitengeschütz

gedreht hatte und auf sie zielte. Es wurde ihr schlagartig klar,

dass die Absicht, nach einer Schwachstelle zu suchen und das

Fahrzeug zu attackieren eine nicht ganz so gute Idee war, wie

sie gemeint hatte.

„Toller Einfall, Shannyn!”, knurrte sie, sich selbst verfluchend.

„Du bist ein Genie!” Sie winkte die Offiziere auf dem

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Hügel fort, bedeutete ihnen, sich in Sicherheit zu begeben und

rannte anschließend im Zickzack durch den Graben, während

das Fahrzeug sie zu verfolgen begann und ihr mehrere Schüsse

hinterherschickte.

Aus den Sandwolken, die die Einschläge hochstieben ließen,

tauchte sie jedoch jedes Mal unversehrt wieder auf. Shannyns

Kopf fuhr herum. Das Fahrzeug holte auf. Das Geschütz

schwenkte wieder zu ihr herum. Aber um sie zu kriegen, gehörte

schon mehr als diese Stahlbüchse, so viel stand fest!

Shannyn gab Fersengeld und hechtete an dem Panzerfahrzeug

vorbei, dessen Besatzung sie vorhin außer Gefecht gesetzt hatte.

Im gleichen Moment kam ihr eine andere Granate aus dem

Geschütz hinterher und verfehlte sie nur knapp. Die Detonation

zerfetzte die rechte Kette des Panzerfahrzeuges dicht hinter

Shannyn und machte ihn damit für die Zukunft unbrauchbar.

Mittlerweile hatte sie die Spielereien der Tarkon aber wirklich

satt!

Shannyn warf einen erneuten Blick nach hinten und sah, dass

das Bohrfahrzeug am ersten Panzer vorbeisteuerte, dabei aber

einen weiten Schlenker fahren musste und sie erkannte, dass

das Ding sich nicht so einfach und erst recht nicht schnell,

drehen lies. Das brachte sie auf eine Idee. Shannyn blieb stehen,

drehte um und rannte dem Bohrer entgegen.

Das Bohrfahrzeug schwenkte gerade wieder auf einen geraden

Weg zu der Frau ein und verfolgte sie weiter durch den Graben,

war jetzt, wo sie ihm entgegenstürmte aber auf Kollisionskurs.

Der Tarkon am Steuer riss die Augen auf, als er das

im schmalen Schlitz vorne im Bohrkopf sah und wollte ausweichen,

doch der Fahrzeugkommandant hielt ihn im rotgetauchten

Innern davon ab. „Fahr sie platt!“

Und wenn das nicht reichen sollte-

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Ein leichtes Ziel! Er wirbelte zum Kanonier herum. „Schieß

endlich! Schieß!“

„Jawohl!“

Die Frau hatte sie fast erreicht. Was dachte die sich nur bei

diesem törichten Angriff? Sie musste völlig verrückt sein. Eine

Selbstmörderin! Und dann griff die Frau unmittelbar vor

der Kollision das Rohr mit beiden Händen, spreizte die Beine

und stieß sich im gleichen Moment wie bei einem Bocksprung

ab, als gerade die Frontkanone feuerte. In der nächsten Sekunde

war sie verschwunden.

Der letzte Treffer war zuviel, die Frontkanone war auf eine so

hohe Schussfrequenz nicht eingestellt und überlud. Der Fahrzeugkommandant

fluchte. Normalerweise waren diese Bohrfahrzeuge

sowieso nur gedacht, um Tunnel zu bohren und sich

Wege durch die Erzminen zu sprengen. Nun, im Einsatz für

Beliars neue, ungewöhnliche Kampftaktik, wurde die Maschine

an ihre Belastbarkeitsgrenze geführt. Das ganze Fahrzeug

war voller Rauch. Alle begannen zu husten und nach Luft zu

schnappen.

Der Fahrzeugkommandant stieß den Fahrer an und sah wütend

aus dem kleinen Sichtschlitz. „Wo ist sie?!“

Dann hörte er über sich auf der Außenhülle den Krach. Schritte!

Die verdammte Frau war auf dem Dach. Er hörte, wie sie

von der Front zum Heck lief.

Und dann nichts mehr.

„Ich sehe sie!“, rief einer der schwerbewaffneten Männer am

Heck des Fahrzeugs, wo er aus einem kleinen Schlitz lugte.

„Sie läuft weg.“

„Das Miststück ist hinter uns!“, knurrte der Fahrzeugkommandant.

Er fletschte die Zähne. „Wenden, wenden!“

Mit einem harschen Ruck, der sie alle durchschüttelte, kamen

sie zum Stehen. Der Fahrer riss die Hebel herum und das

Bohrfahrzeug drehte sich auf der Stelle. Es dauerte eine halbe

Ewigkeit. Währenddessen sahen sie nicht, was die Frau mach-

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te, aber der Fahrzeugkommandant dachte nicht großartig darüber

nach. Was sollte sie schon großartig machen? Auf der

anderen Seite vor ihnen wegrennen natürlich - Was sonst? Aber

das würde er nicht zu lassen, seine Granaten konnten

schneller laufen als sie. Er hatte nichts anderes im Sinn, als sie

wieder in das Visier der Bordkanone zu behalten. Endlich beendeten

sie ihre Drehung.

Der Fahrzeugkommandant runzelte die Stirn. „Wo ist sie?“ Da

war niemand mehr, im ganzen Graben nicht. Der Rauch verdeckte

auch nichts. War sie etwa seitlich die Böschung hochgeflüchtet?

Gut möglich, denn da vor ihnen im Graben war

nichts als Sand, Stein, Rauch, das andere Panzerfahrzeug und-

Zu spät sah er, wie sich das Geschütz des Panzerfahrzeugs auf

sie richtete und plötzlich wusste er, wo sie war.

„O verdammt!“

Im Panzerfahrzeug schwang sich Shannyn hastig hinter die

Bordkanone und feuerte. Und sie hatte Anfängerglück. Sie traf

irgendeine empfindliche Stelle – den Benzintank. Das ganze

Bohrfahrzeug explodierte mit ohrenbetäubendem Poltern und

wirbelte Trümmer und Soldaten durch die von Feuer und

Rauch erfüllte Luft.

Ramina starrte auf das brennende Wrack des Bohrfahrzeuges

im Graben und musste sehr zu ihrer eigenen Verblüffung grinsen.

Es war unglaublich. Einfach unglaublich! Eine gegen Alle.

Diese Shannyn hatte im Alleingang zwei schwer gepanzerte

Fahrzeuge eliminiert.

Sie kam gerade aus dem Panzerfahrzeug geklettert. Offenbar

war sie in Ordnung, was man von ihren Gegnern nicht behaupten

konnte. Der Graben war voller Leichen und Trümmer. Alles

Tarkon. Und als die Männer und Frauen begriffen was sie

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dort unten sahen, brach ohrenbetäubender Jubel unter den Offizieren

aus. Sie hatten den Angriff abgewehrt. Shannyn war

weitaus gefasster, als sie zu Ramina auf den Hügel kletterte.

„Verluste?“

„Nur einen.“, entgegnete Ramina. „Ensign Tossman. Kaum

Verletzte. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, mit wem wir es

aufgenommen haben. Wirklich nicht schlecht.“ Sie blickte

wieder in den Graben herab. Als sie sich umdrehte, war Shannyn

gerade dabei den Hügel auf der anderen Seite herunterzugehen.

Ramina eilte ihr hinterher. Sie hatte große Mühe mit

ihr Schritt zu halten, Shannyn blieb nicht einen Moment stehen.

„Das war beeindruckend!“, sagte Ramina und lief neben ihr

her. „Sie haben sie Tarkon fast allein aufgehalten.“

Shannyn schien ihre Freude nicht zu teilen. Sie jubelte und lächelte

nicht. Vielleicht war sie nicht stolz auf das, was sie getan

hatte, tötete nicht zum Vergnügen, sondern einfach, weil

es für sie eine unvermeidbare Notwendigkeit in dieser Situation

war und ihr keine Befriedigung verschaffte. Das konnte

Ramina nur schwer nachvollziehen. „Wo gehen wir überhaupt

hin?“, fragte sie.

„Zu den anderen zurück. Hoffentlich ist nichts passiert.“

„Was soll denn passiert sein? He, reden Sie mit mir.“

„Ein Maulwurfpanzer, Ramina.“, sagte Shannyn. „Kommt ihnen

das nicht ein bisschen komisch vor? Der kam unterirdisch,

Ramina. Unterirdisch!“ Ihr Blick verdüsterte sich. „Die Kerle

hatten selbst einen Hinterhalt vorbereitet.“

Auf halbem Wege sahen sie D’Agosta noch halb in Trance auf

sie zu taumeln.

„Allan?“

Shannyn rannte los. „Allan?“

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Er wankte, fiel ihr regelrecht in die Arme. In D’Agostas Augen

standen Tränen. Um sie herum war Staub und Sand in der

Luft. Es roch verbrannt.

„Allan?“ Allan, was ist los?“

Er begegnete ihrem Blick. Er schien abwesend zu sein und

musste sich sehr zusammennehmen, um überhaupt etwas sagen

zu können.

„Sie haben Judy.“, sagte er. „Sie haben Judy!“

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Container-Gespann

Der Zug hatte sich nicht mehr weiterbewegt. Alle drängten um

Allan D’Agosta und redeten gleichzeitig. Sie waren sehr aufgeregt.

„Das ist schrecklich.“, sagte Dike. „Schrecklich!“

„Wie konnte das nur passieren?“, fragte Penkala.

„Sie hatten ein unterirdisches Bohrfahrzeug.“, erklärte

D’Agosta und schüttelte den Kopf. „Eine Art Maulwurfpanzer.“

Er war verzweifelt. Die Wangen waren noch nass und

die Augen blutunterlaufen.

Gordon runzelte die Stirn. „Warum haben die den nicht bei

uns hier eingesetzt?“

„Ich schätze das wollten sie.“, sagte Shannyn. „Die haben mit

unserer Falle gerechnet und selbst eine für uns bereitgehalten.

Sie fuhren im Untergrund weiter zum Lager, während die anderen

unsere Leute in Schach hielten. Dann hätten sie freie

Bahn gehabt im Lager rumzutoben. So sah wohl der Plan aus.

Aber dort war von uns ja keiner mehr, weil wir den Zug hier

haben und ihn bereits fortgebracht hatten. Das konnten die

Tarkon nicht wissen, die Container waren noch nicht da, als

der Jäger über unser Lager hinweggerast ist. Wir dachten er

wollte nur O’Conners Leiche abwerfen, aber er hat sicher auch

aufklären sollen, wie es um uns steht und ob wir fliehen können.“

Ramina nickte. „Und von denen hätte sicher niemand je damit

gerechnet, dass wir die Ablenkung in der Schlucht vernichten

können.“

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„Na dann kamen wir ja grade rechtzeitig.“, warf Gordon ein.

„Ziemlich schlauer Plan, muss man zugeben. Ohne unser mobiles

Lager wäre die Sache böse ausgegangen. Ein Glück,

was?“

„Ja, schlauer Plan.“, sagte D’Agosta düster. „Gerissen, wie eines

Breen würdig.“

„Dann haben es die Breen also tatsächlich auf die Oberfläche

geschafft.“, sagte Penkala düster. „Verdammt. Das ist nicht

gut. Ganz und gar nicht.“

Dikre fragte: „Aber was machen die bei den Tarkon?“

Ramina schnaufte. „Ich kann’s mir denken.“

„Wo können sie hin sein?“, fragte Dike Shannyn.

„Nach Osten. Hinter dem aufgegebenen Amphion-Lager liegt

ihre Stellung. Ich habe ihre Festung gesehen. Mindestens ein

Tarkon war bei ihnen im Bohrer, sagten sie, Allan?“

D’Agosta nickte.

„Dann operieren sich nicht alleine. Sie müssen zu dieser Festung

zurück.“

Hallie trat nun ebenfalls zu den anderen. „Soll das heißen,

dass jetzt auch die Breen auf diesem Planeten sind?“

„Ja, Hallie.“, nickte Penkala. „Vielleicht haben sie sich rechtzeitig

von ihrem Schiff gebeamt. Oder den Absturz ihres

Schiffes überlebten einige. Als Dike und ich runterkamen, war

ich mir ziemlich sicher, dass ich da ein großes Objekt habe abstürzten

sehen. Und es war keins von unseren.“ Er schüttelte

den Kopf. „Nicht auszudenken, was sie den Tarkon alles über

uns erzählten. Kein Wunder, dass die uns die ganze Zeit unerbittlich

angreifen. Was tun wir jetzt?“

D’Agosta. wandte sich zu Shannyn. „Sie wissen genau, wo deren

Lager ist?“

„Ja.“

„Können Sie es mir zeigen?“

„Ja.“

Penkala wurde unruhig. „Allan, was haben Sie vor?“

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„Meine Tochter holen.“

„Sie wollen zu denen gehen?“

„Ganz recht.“

„Wie stellen Sie sich das eigentlich vor? Ich meine, die-“

„Ich weiß es nicht!“, schnauzte D’Agosta. Sofort senkte er die

Stimme und schnaufte. „Alex, die haben meine Tochter. Sie

ist alles, was ich habe und ich werde Judy ganz sicher nicht im

Stich lassen.“

Penkala seufzte. „Sie wissen, was die mit Captain O’Conner

gemacht haben...?“

„Ich muss es trotzdem versuchen.“

Shannyn zögerte nicht. „Ich komme mit.“

D’Agosta nickte. „Sonst noch wer?“

Ramina nickte. Fast alle waren erstaunt. Sie sagte aber nichts,

sondern hob nur kurz die Hand.

„In Ordnung.“, sagte Shannyn lauter. „Wir holen Judy zurück.

Packt eure Sachen. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Fünf Minuten später stopfte Shannyn gerade ein paar Lebensmittel

in ihren Rucksack, als Dorak zu ihr kam.

„Sie gehen zu der Tarkon-Festung, nicht wahr?“, fragte er ohne

Einleitung.

Shannyn nickte, sah nicht auf. „So ist es.“

„Da wo ich herkomme, würde man das als Selbstmordmission

bezeichnen.“

„Mag sein.“

„Sie zweifeln nicht daran, dass Sie das tatsächlich überleben,

habe ich recht?“

„Nein, eigentlich nicht.“

Dorak nickte. „Habe ich mir gedacht. Aber können Sie auch

garantieren, dass es die anderen schaffen?“

Shannyn hielt inne, erstarrte in der Bewegung. Dann seufzte

sie und griff neben sich in die Ausrüstungskiste. Sie zog zwei

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Energiezellen heraus und füllte ihren Phaser mit einer. „Dorak,

ich habe keine Zeit für ihre Spiele.“

„Oh, ich spiele nicht, meine Liebe.“

„Warum sind Sie dann hier?“

„Um Sie zu begleiten natürlich.“

Jetzt sah Shannyn auf. Er lächelte, aber was er da sagte, war

offenbar sein Ernst. Ganz sicher sogar. Shannyn hatte gelernt

zu erkennen, wann Epius Dorak Spielchen spielte und wann er

es ernst meinte.

„Wieso?“, fragte sie nur.

Dorak neigte leicht den Kopf. „Meine Liebe, ich bin ein mitfühlender

Cardassianer. Dieses kleine Mädchen in den Händen

der Tarkon-“

„Dorak...“

„Wollen Sie mir etwa unterstellen, ich hätte keine noble Gesinnung?“

„Ja.“

Dorak lächelte breiter. „Nun, sagen wir einfach, ich bin mir

ziemlich sicher, dass es auf diesem ganzen Höllenmond nur

einen einzigen, wirklich sicheren Ort gibt.“

„Und der wäre?“

„An ihrer Seite natürlich.“

Shannyn runzelte die Stirn. „Sie glauben noch immer, ich käme

aus der Zukunft und würde Sie von dort kennen?“

„Absolut, ja.“

„Wenn Sie sich irren?“

Er breitete die Arme aus. „Dann spielt das auch keine Rolle

mehr. Sie könnten doch sicher noch jemanden mit einer Waffe

brauchen. Für dieses Unterfangen erst recht.“ Er deutete auf

Shannyns Phaser.

„Können Sie denn damit umgehen?“, fragte sie, obwohl sie die

Antwort längst zu wissen schien.

„Gewiss.“

„Ich dachte Sie wären nur ein Touristenführer.“

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Doraks Mine veränderte sich kaum merklich. „Genauso, wie

Sie nur ein Lieutenant der Shenandoah sind.“

Shannyn hielt seinem Blick stand. Sie starrten sich ein paar

Sekunden einfach nur an. Dann löste sie den Phaser vom Gürtel

und warf ihn Dorak zu. Der Cardassianer fing die Waffe

geschickt auf.

Shannyn wandte ihm den Rücken zu und widmete sich wieder

ihrer Ausrüstung. „Sie sind dabei.“

Dike sah, wie Alex Penkala mit einem Rucksack über der

Schulter durch das mobile Lager eilte und dabei heftig den

Kopf schüttelte. „Wo zum Teufel ist der nur?“

„Alex?“ Dike versuchte mit ihm Schritt zu halten, aber Penkala

war schnell unterwegs. Er eilte zwischen den Frachtcontainern

her, suchte etwas.

„Haben Sie ihn gefunden?“, fragte er, als er Sanitäter Roe endlich

fand.

„Uh, nein...“

„Suchen Sie weiter. Irgendwo muss er ja sein.“

„Das dürfte schwierig werden, Penkala. Nechayev hat ihn

vorhin genommen Ich denke irgendwie nicht, dass sie den

Jeep wieder zurückbringen wird..“

Penkala wirbelte herum. „Nechayev? Wann?“

„Vor ungefähr zwanzig oder dreißig Minuten.“

Penkala fluchte. „Hab ich mir schon gedacht. Blöder Dreck

aber auch!“ Er sah vorwurfsvoll zu Dike. „Dieses Miststück

hat uns nur vom Wagen wegbringen wollen. Ich hätte es wissen

müssen. Als Nottingham schon in der Ebene so am Jeep

interessiert war, hätte ich es wissen müssen! Roe, haben Sie

gesehen, in welche Richtung Nechayev gefahren ist?“

Roe schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, nein. Richtung Ebene.

Ich habe sie nur entdeckt, wie sie schon weiter entfernt waren.

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Doktor Smith begleitet sie und Nottingham saß glaube ich

auch drin.“

„Schöner Schlamassel.“

„Können Sie laut sagen. Ich hab jetzt alle Hände voll zu tun

mit Garnere und Hawk.“

„Wie geht’s denen?“

„Könnte besser sein.“

„Prima.“, brummte Penkala. „Na ja, danke, Roe.“

Roe nickte und ging zurück ins Lazarett.

„Prima.“, wiederholte Penkala und setzte sich in Bewegung.

„Was hast du denn überhaupt vorgehabt?“, fragte Dike. „Sag

schon.“

„Ich wollte D’Agosta und die anderen fahren. Du weißt schon,

Tarkonfestung, entführtes Mädchen, Selbstmordmission und

so weiter.“

„Du ... du wolltest mit?“

„Ich will mit, Dike.“, nickte Penkala. „Ich will mit.“

Dike hielt Penkala am Arm und stellte sich ihm in den Weg,

damit er endlich stehen blieb. „Warte, Alex!“

Penkala machte eine vage Geste. „Ja, ja, ich werde vorsichtig

sein.“

„Nein, das meinte ich nicht. Bleib du hier, Alex. Ich werde die

anderen begleiten.“

„Du? Du willst an meiner Stelle gehen?“

„Ich denke schon.“

Penkala neigte misstrauisch den Kopf. „Wieso?“

„Ich muss. Für mich.“ Dike atmete schwer ein. „Ich ... ich hab

über unser Gespräch im Jeep nachgedacht. Als du sagtest es

seien die Hochs und die Tiefs – und besonders die Tiefs -, und

wie man mit ihnen umgeht, die definieren, wer wir sind. Ich

hatte schreckliche Panik als das Lager gestern Nacht bombardiert

wurde und bin einfach davon gerannt. Wie ein Feigling.“

„Dike-“

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„So will ich nicht sein. Echt nicht. Ich will kein Feigling sein.

Wenn es uns definiert, wie wir mit diesen Sachen umgehen,

dann will ich jetzt etwas gutes tun. Nenn es Reue. Nenn es wie

du willst, aber ich muss das hier nun machen. Kannst du das

verstehen?“

Penkala sah ihn ein paar Sekunden an. Dann nickte er wiederwillig.

„Sicher. Natürlich versteh ich das. Du willst das also

echt machen?“

„Ich glaube ja. Ja – ja, ich will.“

„Hm.“

Nach einem Moment des zurückhaltenden Zögerns, umarmten

sich die beiden Männer schließlich.

„Pass auf dich auf, Mann.“, sagte Penkala, als sie sich wieder

voneinander lösten. „Ich will nicht den einzigen Gesprächspartner

verlieren, den ich hier hab.“

„Du meinst den einzigen Freund, den du hier hast.“

Penkala grinste. „He, ich hab nie gesagt, dass wir Freunde

sind.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber irgendwie ist es nun

mal so.“

Für einen Moment wussten beide nicht, was sie sagen sollten.

Es gab noch furchtbar viel, was sie sich sagen wollten, aber es

fühlte sich irgendwie nicht richtig an, jetzt sentimental zu

werden. Nicht männlich. Also klopfte Penkala Dike locker gegen

die Schulter, nickte knapp und stapfte davon.

D’Agosta blickte hinaus in die Ebene. Er schnaufte aufgrund

der Bullenhitze und blinzelte wegen der grellen Sonne. Die

ganze Umgebung war in ein gelbes Licht getaucht. Außerdem

zitterte er am ganzen Körper. Allmählich wurde es ihm einfach

zuviel. Irgendwo dort draußen trieb sich wieder Nechayev

herum, während er sie hier hätte brauchen können. Und den

Jeep. Er war es langsam leid.

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„Sollen wir hier auf Nechayev warten?“, fragte Gordon hinter

ihm.

D’Agosta wandte sich von der Ebene ab. „Nein. Sie warten

keinesfalls auf jemanden. Weder auf Nechayev, noch auf

Fowler oder uns. Setzen sie einfach den Weg Richtung Berge

fort und versuchen sie die Shenandoah zu finden.“

„Was ist mit ihnen?“

„Wir kommen irgendwie nach.“, sagte D’Agosta nur. Von seinen

Worten überzeugt, war er nicht.

Gordon streckte ihm eine Hand entgegen. „Na dann - Viel

Glück.“ D’Agosta ergriff und schüttelte sie. „Werden wir sicher

brauchen.“

Gordon drehte sich sofort um und gab Penkala ein Zeichen.

Der Lieutenant fuhr die Maschinen der Arbeiterbienen hoch.

Die Anti-Grav-Einheiten unter den schweren Containern surrten

gleichmäßig los, die Arbeiterbienen sorgten für den Vorwärtsschub.

Langsam setzten sich die Züge – zwei Containerketten

mit je vier Containern und das Lazarett – in Bewegung.

Ein paar Offiziere saßen auf den Dächern, andere gingen nebenher.

Sie alle blickten auf D’Agosta zurück. Ein paar winkten.

Die meisten hatten einen Ausdruck im Gesicht, als würden

sie ihn nie wieder sehen. Vermutlich hatten sie recht. Hallie

blieb noch einen Moment bei D’Agosta stehen. Sie sah ihm

misstrauisch über die Schulter auf einen Bereich hinter ihm.

„Wollen Sie wirklich nicht mehr Leute mitnehmen?“

„Nein.“

„Die Sicherheitsabteilung würde garantiert-“

„Wir sind mit weniger Leuten vermutlich erfolgreicher, Hallie.

Zumindest ... ist dann die Verlustliste nicht so hoch.“

Hallie seufzte. Sie hätte ihn gerne begleitet, aber die Verletzung

an ihrem Bein lies das nicht durch. Sie würde den langen

Marsch niemals überstehen. Wenn sie wenigstens ein Fahrzeug

hätten, oder eine der Arbeiterbienen entbehren könnten...

Aber ihnen standen kaum Möglichkeiten offen. Der Rettungs-

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trupp musste zu Fuß gehen. Hallie wusste nun nicht, was sie

sagen sollte. Auch D’Agosta fiel nichts ein. Also nickte sie

nur noch einmal und lief dann ein paar Meter humpelnd, um

zum Container-Gespann aufzuschließen. Dann sah sie ein letztes

Mal zurück.

Als der Container-Gespann etwas weiter entfernt war, drehte

sich D’Agosta zu den anderen. Shannyn, Ramina, Dike und

sogar der Cardassianer Dorak warteten auf ihn. Sogar der

Cardassianer. Damit hatte D’Agosta nicht gerechnet. Aber es

sollte ihm recht sein. Er würde weiß Gott jede Hilfe brauchen

und Shannyn war offenbar der Ansicht, dass Dorak nützlich

sein könnte.

„Sind alle bereit?“

Nicken.

„Abmarsch.“

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Nechayev

Der Jeep rollte langsam aus. Direkt vor ihnen ragte eine Wand

aus dichtem Feuerkraut auf, aber durch viele Lücken konnten

sie die Sonne auf der dahinterliegenden Lichtung sehen. Nechayev

saß still im Wagen und sah sich um. Die Gegend kam

ihr bekannt vor. Sie waren hier erst vor Kurzem gewesen. In

der Nähe musste das Shuttle der ersten Gruppe sein. Vielleicht

sechs, vielleicht zehn Kilometer entfernt. Nechayev war sich

nicht ganz sicher. Die Hügelformationen kamen ihr aber zweifelsohne

bekannt vor. Sie drehte sich um. Smith saß auf dem

Rücksitz. Die Stirn gerunzelt, die Augen starr auf ihre Tricorderanzeigen

gerichtet.

„Hier ist es?“, fragte Nechayev an Smith gewand.

„Hier ist es.“, bestätigte diese.

„Sind Sie sicher?“

„Ziemlich, ja. Der Datenkubus, den sie von der Ersten Gruppe

haben, war stark kompiliert, aber ich konnte diese Koordinaten

aus den Daten entschlüsseln.“

Nechayev war aufgeregt. Aber sie zeigte es nicht. Dennoch

spürte sie, wie ihr Herz schneller pochte. „Dann wollen wir es

hinter uns bringen. Geben Sie mir den Scanner.“

Nottingham reichte ihr den klobigen Scanner zur Seite.

„Geladen?“, fragte Nechayev.

„Energiezellen geladen.“, entgegnete Nottingham.

„Okay.“, sagte sie, stieg aus und schloss die Tür. Die anderen

folgten ihr.

Gemeinsam gingen sie einen knappen Hang hinauf. Sie spürte,

wie die Erde unter ihr vibrierte. Ein gleichmäßiges Vibrieren.

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Nechayev sah sich um. Kein Anzeichen des Phänomens vom

ersten Tag. Auch ihr Scanner blieb schwarz. Nottingham neben

ihr griff unter seinen Mantel. Nechayev wusste, dass er

dort eine Waffe bereithielt. Sie selbst trug einen Phaser am

Gürtel. Einzig Smith war unbewaffnet.

Nechayev sog die Luft ein und zwängte sich dann durch das

Gebüsch. Das rote Feuerkraut und die riesigen Farne, die sie

einschlossen, standen sehr dicht, aber ein Stückchen weiter

vorne sah sie wieder Sonnenlicht durchscheinen, sie war fast

an der Lichtung. Das Vibrieren des Bodens wurde stärker. Nechayev

zögerte. Dann schob sie sehr langsam die Wedel beiseite,

trat auf die Ebene und stand vor einer große, Dosenförmigen

Luke im Boden.

Das Runabout entfernte sich schnell von der USS Crazy Horse

und sauste durch den Weltraum, dem McCreary-Nebel irgendwo

tief im cardassianischen Raum entgegen. Das Mutterschiff

blieb auf Anordnung von Admiral Nechayev zurück,

die befürchtete, dass ein so großes Schiff unnötig Aufmerksamkeit

erregen könnte. Nähre Angaben hatte sie nicht gemacht.

Es war eine ihrer Geheimmissionen und niemand stellte

Fragen.

Hinter dem Piloten lehnte sich Nechayev zu Smith rüber.

„Aufgeregt?“, fragte sie.

„Kann man wohl sagen. Zwei Wochen. Wir arbeiten schon

seit zwei Wochen zusammen und Sie machen noch immer ein

großes Geheimnis aus der Sache.“

Nechayev lächelte gewinnend. „Geduld, Rhonda. In Kürze

werden Sie wissen, worum es geht.“

In Rhondas Augen leuchtete der Glanz einer aufgeregten Wissenschaftlerin.

„Ich freue mich darauf.“

„Signal direkt voraus.“, sagte der Pilot. „Zweihundert

Kilometer vor uns, dringen in den Nebel ein.“ Er nahm Schub

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ück. Sie hörten in Abständen das „Pang“ des Annäherungsalarms.

Nechayev fragte: „Haben Sie sich die Gleichungen angesehen,

die ich ihnen gab?“

„Ja, Admiral. Ich konnte Sie lösen.“

„Tatsächlich? Wie lange haben Sie dafür gebraucht?“

„Zwanzig Minuten.“

Nun war Nechayev wirklich verblüfft. „Wie machen Sie das

nur, Ensign?“

„Ich weiß es nicht. Ganz ehrlich, ich weiß es nicht.“

„Einhundert Kilometer. Signalcode wurde empfangen und verifiziert.“,

sagte der Pilot.

Durch die Aussichtsfenster konnten sie die Schleier des Nebels

sehen, der die Sicht stark einschränkte. Der Pilot erklärte,

dass es sich um einen Klasse-9-Nebel handelte, dessen übliche

Bestandteile sensordämpfende Eigenschaften aufwiesen.

„Sichtkontakt, wir sind am Ziel.“

„Oh, das möchte ich sehen!“, sagte Smith und trat nach vorn.

Der Pilot schwenkte das Runabout ein paar Grad herum. Zunächst

sah sie nichts als eine wabernde Masse, doch dann

lichtete sich der Nebel vor ihnen wie von Geisterhand und in

seinem Auge erschien eine Struktur.

„Forschungshabitat DH-8 direkt voraus.“, sagte der Pilot.

Während sie sich näherten, zählte Smith fünf verschiedene

teils senkrecht, teils waagerecht angeordnete Röhren, die

durch kugelartige Bauten miteinander verbunden wurden.

Oder die Röhren miteinander verbanden, so genau konnte sie

es nicht sagen. Die Struktur war um etwas drum herum gebaut,

von dem ein helles, blaues Licht ausging, wie von einer

mikroskopisch kleinen, aber enorm starken Sonne. Smith

konnte es hinter der Kuppel nicht richtig erkennen.

„Ihr neuer Arbeitsplatz für die nächsten dreizehn Tage.“, sagte

Nechayev. Sie erklärte, dass das Habitat aus mehreren kleinen

Modulen bestand, da sie es schnell und möglichst unauf-

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fällig hatten errichten müssen. Innerhalb von nur Zwei Tagen

war alles aufgebaut gewesen.

„Wieso?“, fragte Smith. „Arbeiten wir etwa ohne Genehmigung

der Cardassianer in deren Raum?“

Nechayev schenkte ihr nur einen vielsagenden Blick.

„Was ist das für ein blaues Licht in der Mitte?“

„Abwarten, Rhonda.“ Zum Piloten sagte sie: „Andocken.“

Duranium stieß gegen Duranium; ein scharfer Ruck, dann

blieb das Runabout stehen. Sie hörten Luft zischen. Der Pilot

öffnete die Luke, und überraschend kalte Luft strömte herein.

„Die Luftschleuse ist offen, meine Damen.“, sagte er und trat

beiseite.

Smith kletterte in die Schleuse und stellte sich vor die verschlossene

Tür. Mehrere rote Lampen blinkten. Es war so

eng, dass neben Nechayev keine weitere Person hineingepasst

hätte. Der Pilot schloss die Luke hinter ihnen. Als das Runabout

sich löste, spürten sie einen leichten Ruck. Ein Zischen

ertönte und die Tür öffnete den Weg in das Habitat. Nechayev

streckte die Hand aus, um Smith den Vortritt zu lassen.

Draußen begrüßte sie ein alter Mann, in einer blauen Uniform.

Trotz seines fortgeschrittenen Alters, war er erstaunlich

muskulös, fast wie ein Preisboxer. Sein Gesicht war faltig und

seine kleinen Augen freundlich. „Willkommen an Bord von

Habitat DH-8.“, sagte er. „Ich bin Doktor Damian Ketteract,

Chefphysiker und Leiter dieser Anlage. Sie müssen Rhonda

Smith sein? Freut mich sehr, Sie kennen zu lernen. Ich habe

viel von ihnen gehört.“

„Das beruht leider nicht auf Gegenseitigkeit.“, sagte Smith

verlegen.

„Dann mache ich meine Arbeit gut.“, entgegnete Ketteract

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und sah zu Nechayev, während er Smith die Hände schüttelte.

„Sie ist jung, Alynna.“

„Lass dich von ihrem Alter nicht täuschen, Damian. Sie ist ein

Genie und konnte mich in kürzester Zeit beeindrucken.“

„Nun, wenn selbst Alynna Nechayev beeindruckt ist, dann

müssen Sie wirklich was besonderes sein, Ensign Smith. Ihr

beide habt die Arithazin-Impfung von Doktor Kurdzweil vor

eurem Start durchführen lassen?“

Beide nickten.

„Perfekt. Mir nach.“ Er ging voraus und begann zu erklären:

„Diese Ebene sieht genauso aus wie die anderen. Sie ist kreisrund

und hat dieselbe Struktur wie die restlichen Module. Für

mehr hatten wir leider keine Zeit. Wir befinden uns jetzt im

äußersten Kreis. Hier wohnen und arbeiten wir. Messe,

Schlafräume, das ist alles hier draußen. Das nächste Modul

enthält das Hauptlaboratorium. Der Hexenkessel, wie wir es

nennen. Und noch weiter draußen befindet sich das Maschinenmodul...“

„Aber das ist von uns isoliert?“, fragte Smith.

„Sie scheint ihre Arbeit zu verstehen“, sagte Ketteract anerkennend.

„Das tut sie.“, nickte Nechayev.

„Die wichtigsten Hauptversorgungssysteme existieren doppelt,

die Trennwände bestehen aus zwanzig Zentimeter dickem

Duritanium. Aber nur für den Fall. Ach so, in jedem

Raum befinden sich Sensoren, und Sie werden sich daran gewöhnen,

dass sich die Umgebung fortlaufend Ihrer Gegenwart

anpasst. Das Licht geht von selbst an und aus, Wärmeplatten

schalten sich ein und aus und Luftdüsen springen an, um den

jeweiligen Ausgleich vorzunehmen. Alles funktioniert automatisch,

Sie brauchen nichts zu befürchten, zumal, wie gesagt,

jedes Hauptsystem in zweifacher Ausfertigung existiert.

Auch wenn Energie-, Luft oder Lebenserhaltungsversorgung

vollkommen zusammenbrechen sollten, passiert uns hundert-

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dreißig Stunden lang nichts. Wir sind auf alles vorbereitet.“

Nun ging es in die nächste Röhre. Bei ihrem Eintritt schaltete

sich das Licht selbsttätig ein. „Und jetzt.“, sagte Ketteract und

ging zur gegenüberliegenden Luke. „lüften wir das Geheimnis.“

Er öffnete den Hebel und führte sie in das Labor dahinter.

Durch die engen Schotten waren sie gezwungen sich zu bücken.

Und als sich Smith aufrichtete, kam aus dem Staunen

nicht mehr raus.

Das Labor war in einem ruhigen blauen Farbton gehalten. Alle

trugen blaue Uniformen. Es gab eine Menge Konsolen, ein

paar Tische und alle möglichen Scanner-, Steuer- und Beobachtungseinheiten

die man sich nur vorstellen konnte. Aber

was Smith sofort ins Auge stach, war die Kammer in der Mitte

des Labors, in der Mitte des gesamten Habitats. Auf dem

Hauptmonitor war die Vergrößerung einer sphärischen Struktur

abgebildet, einer-

„Ja.“, sagte Ketteract. „Es ist, wonach es aussieht. Ein Molekül,

ein höchst seltenes, dass in der Föderation unter strikter

Geheimhaltung geführt wird. Es ist so machtvoll, wie es instabil

ist und-“

Er unterbrach, als sich Nechayev warnend räusperte. Sie

schüttelte mit dem Kopf. Smith bemerkte davon nichts. „Da

wir das Molekül nicht bewegen können“, fuhr Ketteract fort.

„haben wir das Habitat drum herum gebaut. Ensign Smith, als

Mathematikerin sind sie hier, um uns ein paar neue Ideen geben.

Deborah dort drüben wird sie genauer einweisen. Noch

irgendwelche Fragen?“

„Fragen...? Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Was ...

was bewirkt es? Warum ist es geheim, wie gelingt es ihnen-“

Ketteract lächelte. „Stimmt. Sie sind die Richtige.“ Er drehte

sich zu Nechayev. „Ich denke wir lassen die gute Smith mit

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den Wissenschaftlern alleine. Komm, meinen Liebe. Wir haben

wichtiges zu besprechen.“

Ketteract brachte Nechayev zu seiner winzigen grauen Kabine,

die viel mit einer engen Gefängniszelle gemein hatte. Auf

dem Bett lagen einige Kleidungsstücke unordentlich hingeworfen.

In der Ecke stand ein kleiner Tisch mit einem Datenendgerät

und einer Tastatur. Daneben ein Schachbrett mit aufgestellten

Figuren in der Eröffnungsposition.

„Du spielst noch immer?“, fragte Nechayev.

Ketteract zuckte mit den Schultern. „Alte Gewohnheiten vergehen

nicht. Wie wär’s mit einer Partie?“

„Jetzt?“

„Warum nicht?“

„Wenn du unbedingt verlieren willst...“

Nechayev setzte sich auf den Stuhl. Er fühlte sich hart und unbequem

an.

„Ich habe geübt, meine Liebe.“, sagte Ketteract und nahm ihr

gegenüber eine steife Sitzposition ein. Das tat er immer, er

kannte nur diese eine. Hatte er sich einmal niedergelassen,

blieb er reglos sitzen.

„Und Damian ... wir sind seit neun Jahren geschieden.“, sagte

Nechayev. „Du solltest aufhören mich meine Liebe zu nennen.

Die Leute müssen nicht wissen, dass wir einst ein Paar waren.

Wir sollten die Umstände unserer Zusammenarbeit so schleierhaft

wie möglich halten. Niemand muss eine Verbindung

zwischen uns vermuten. Auch keine erloschene.“

Ketterakt schnaufte kopfschüttelnd. „Du bist paranoid.“

„Ich bin nur vorsichtig.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das

ist mein Job. Etwas von dieser Achtsamkeit stünde dir auch

gut zu Gesicht. Du hättest Rhonda vorhin beinahe zu viel verraten.“

Ketteract verstand das Problem nicht. „Sie wird hier

die nächsten Tage arbeiten, Alynna. Sie muss doch die Fakten

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kennen.“

„Nicht sämtliche Fakten. Im Großen und Ganzen läuft es darauf

hinaus.“, erklärte Nechayev. „dass wir alle den Mund halten

und extrem vorsichtig sein müssen, wenn wir nicht eine

ganze Weile im Militärgefängnis brummen wollen. Diese Station

... diese ganze Operation ist streng geheim. Nicht einmal

der Föderationsrat weiß davon. Wenn diese Sache hier auffliegt,

ist das ein Skandal! Denk immer daran: wir verstoßen

gegen die Omega-Direktive und einige Abkommen mit den

Cardassianern, also nimm das bitte nicht auf die leichte Schulter,

verstanden?“

„Na schön.“

Die beiden Kontrahenten hatten einander unzählige Male gegenübergesessen

und für gewöhnlich dauerten ihre Spiele sehr

lang. An diesem Tag eröffneten sie die Partie mit einem Wirbelwind

standardisierter Eröffnungszüge.

„Diese Geheimniskrämerei ist nur eine der vielen Dinge, die

mich beunruhigen.“, sagte Ketteract nach einer Weile. „Ich

habe ein ungutes Gefühl, Alynna. Wir stoßen auf mehr und

mehr Probleme und die Zeit wird knapp.“

„Habt ihr es geschafft Omega zu bewegen? Können wir die

Operation verlegen?“

„Nein. Das Molekül ist so instabil wie ein Weihnachtsbaum,

daher bekommen wir es auch noch nicht bewegt. Wir versuchen

eine Harmonik-Resonanzkammer zu konstruieren, in der

wir es eindämmen und stabilisieren können, aber es will uns

einfach nicht gelingen. Diese Technologie steckt noch in den

Kinderschuhen. Niemand kann so ein Ding bauen, weil sie

bisher nur auf dem Reißbrett existieren. Und wir können nicht

jeden für diese Operation einstellen und uns fehlt das technische

Know-How. Ich fürchte das wird ein Fehlschlag.“

Nechayev fragte leise: „Willst du abbrechen?“

„Willst du?“

Er schob seine Dame nach vorn. In dem Moment, als seine

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Finger die Figur los ließen, schoss Nechayevs Hand blitzschnell

nach vorn und schob herausfordernd einen Bauern vor.

Die Strenge kehrte in ihr Gesicht zurück. „Auf keinen Fall.“

Ketteract sah Sekundenlang verwirrt auf, ehe er sich wieder

dem Brett zuwandte und seine Möglichkeiten studierte. „Vielleicht

müssen wir aber. Unsere Sonden haben Schiffe in der

Nähe entdeckt. Unter anderem eine Fregatte, die hier herumschleicht.

Für meinen Geschmack herrscht in diesem Bereich

des cardassianischen Raumes zu viel Schiffsverkehr. Möglicherweise

finden wir noch woanders Omega. Es wird eine hohe

Konzentration im cardassianischen Territorium vermutet.

Niemand weiß wieso. Irgendwas ist hier faul. Wir haben Gerüchte

gehört, aber es scheint einiges dran zu sein. Vielleicht

finden wir etwas an einem abgelegeneren Teil des Sektors.

Vielleicht-“

Nechayev winkte seine Bedenken mit einer knappen Handbewegung

ab und machte einen weiteren Zug. Sie zettelte einen

Sturmangriff an und von nun an musste Ketteract sich jeden

Zug genau überlegen. „Nein, wir können jetzt noch nicht abbrechen.“,

sagte sie. „Diese Operation ist zu wichtig für die

Zukunft. Sei beruhigt, Damian. Wir sind mit der Crazy Horse

in der Nähe und fliegen unter einem Vorwand das System ab.

Wenn es eng wird, sind wir zur Stelle.“

„Aber wir müssen die Möglichkeit eines Abbruchs zumindest

in Betracht ziehen. Die Möglichkeit einer Krise.“

„Es wird weder eine Krise, noch einen Abbruch geben.“

Ketteract seufzte. „Du wusstest nie, wann Schluss ist.“ Er

deckte seinen Läufer mit einem Bauern. „Du nimmst zu viele

Risiken in Kauf.“

Nechayev bewegte ihr Pferd und schlug den Bauern. „Und du

gehst zu sehr auf Nummer Sicher.“, sagte sie.

„Vielleicht haben wir uns deshalb auseinandergelebt.“, entgegnete

Ketteract traurig und zog seinen Turm zurück. „Ich

mache mir nur Sorgen, Alynna. Du bist besessen von diesem

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Molekül, seit dein Vater im Lantaru-Sektor in der Omega-

Explosion starb. Ich will nicht, dass sich die Geschichte wiederholt.“

„Ich tue das hier nicht für ihn, Damian. Und auch nicht für

deinen Vater. Ganz bestimmt nicht. Ich tue es für die Föderation.

Und vergiss nicht, du hast mich angesprochen und gemeint,

wir könnten uns Omega nutzbar machen.“

Dann gab sie ihm eine wirkliche Nuss zu knacken. Ohne zu

zögern, schob sie ihre Dame ins Zentrum des Gefechts.

Ketteract schob das Pferd vor.

Sie beugte sich über dem Brett zu ihm vor. „Du weißt wie angespannt

die Lage derzeit ist.“, sagte sie. „Die Föderation steht

bald mit dem Rücken zur Wand. Wir brauchen einen Weg aus

unserer Misere. Und da draußen liegt die Antwort.“ Sie sprach

jetzt rascher. Entschlossener. „Durch dieses Molekül eröffnen

sich uns überwältigende Möglichkeiten, Damian. Jetzt haben

wir die einmalige Gelegenheit die Föderation auf einen technologischen

Stand, auf einen gesellschaftlichen Wohlstand, zu

katapultieren, der uns unangreifbar macht. Derjenige, der es

schafft sich Omega zunutze zu machen, ist übermächtig. In

jeglicher Hinsicht. Diese Macht dürfen wir nicht in die Hände

der Cardassianer, oder sonst wem fallen lassen. Es wäre unser

Untergang.“ Sie schlug mit dem Läufer einen von Ketteracts

Bauern, die dessen König deckten. Nun saß er in der Falle.

„Schachmatt.“ Sie stand auf und lächelte einnehmend, während

er ihren Sieg nicht glauben konnte. Sie sagte: „Mach dir

keine Sorgen. Wir sind mit der Crazy Horse in der Nähe und

verschaffe euch mehr Zeit. Ich kenne die Cardassianer, ich

kann sie in Schach halten. Und wenn nicht , verteidige ich unser

Geheimnis ... mit allen Mitteln.“

Sie trat an ihm vorbei und verließ die Kabine wieder. Ketteract

starrte noch immer auf das Schachbrett. Er wusste: wer dieses

Spiel spielte, musste gut sein.

Und Alynna Nechayev ... war eine Meisterin.

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Hitze

Shannyn sah zur sengenden Vormittagssonne hoch. Die Hitze

lies die Luft vor ihnen flimmern. Die Gruppe hatte die

Schlucht durchquert, in der heute Morgen noch ein heftiger

Kampf gegen die Tarkon getobt hatte. Zahlreiche Fliegen waren

um die stinkenden Leichen geflogen. Die Vögel mit den

drei Köpfen hatten sich als Aasfresser entpuppt und waren

damit beschäftigt gewesen, die Körper ausgiebig zu zerreißen.

Kein schöner Anblick.

Dike hatte gewürgt und sich schließlich übergeben. Er machte

insgesamt einen sehr zappeligen Eindruck und Shannyn bereute

es schon jetzt, ihn mitgenommen zu haben. Sie war sich fast

sicher, dass er Probleme bereiten würde. Als sie sich im Gehen

umdrehte, sah er nach wie vor schlecht aus. Blasse haut,

gerötete Augen. Er schwitzte. Und schwieg. Genau wie alle

anderen.

Dorak tupfte sich gerade mit einem Tuch den Schweiß von der

knochigen Stirn. Er begegnete kurz ihrem Blick und versuchte

ein nervöses Lächeln zustande zu bringen. Shannyn entging

nicht, dass er sich die ganze Zeit über besonders nahe bei ihr

aufhielt.

Ramina schien die Hitze nichts auszumachen. Oder sie zeigte

es nicht. Die Orionerin war für Shannyn insgesamt ein einziges

Rätsel. Weder aus ihrem Gesichtsausdruck, aus ihrer Mimik,

noch aus ihrer Gestik lies sich irgendetwas brauchbares

ablesen. Vor wenigen Minuten hatte sie ihre Waffe überprüft,

ansonsten blickte sie nur gelegentlich zu den Seiten – zu den

Hügeln, genauer gesagt. Sie schien nach etwas ausschau zu

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halten. Merkwürdig kam Shannyn dieses unterschwellige Lächeln

in Raminas Gesicht vor, zumal die Augen eine völlig

andere Sprache zu sprechen schienen.

Und D’Agosta? Der lief entschlossen voraus, mit deutlicher

Angst und Sorge in den Augen. Shannyn ging ein wenig

schneller, um zu ihm aufzuschließen. Sie warf einen kurzen

Blick über die Schulter, um zu sehen, ob Dorak weiterhin

dicht an ihr dran blieb. Offenbar verstand er aber, dass Shannyn

alleine mit D’Agosta sprechen wollte und erhöhte sein

Tempo nicht. Aber er beobachtete sie und blieb in ihrer Nähe.

Shannyn erreichte D’Agosta. Er sah sie nicht an.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie.

„Nichts ist in Ordnung.“

„Dumme Frage. Tut mir leid.“

„Was glauben Sie, wie weit ist es?“

Shannyn kniff die Augen zusammen. „Schwer zu sagen. Ist

noch ein gutes Stück. Dort drüben in der Richtung liegt das

verlassene Amphion-Lager.“

„Dort an der Hügelkette?“

„Richtig. Wohinter unser altes Lager sich befand. In ein paar

Kilometern müsste dann dort drüben das Felsgebiet kommen.

Aufragende Steine, ein halber Wald davon. Wir halten uns

besser links, das müsste der direkte Weg sein. Außerdem gibt

es dort mehr Vegetation und Schutz. Und irgendwo dahinter

liegt die Festung. Einige Stunden werden wir noch laufen

müssen. Es ist ein ordentlicher Marsch.“

„Ich werde es aushalten. Shannyn ... versprechen Sie mir etwas?“

„Was denn?“

„Versprechen Sie mir, zu helfen, Judy dort herauszuholen?“

„Dafür bin ich mitgekommen.“

„Versprechen Sie es.“

„Ich verspreche es.“

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D’Agosta sah wieder auf den Bereich vor sich. Irgendwo dort

lag das Tarkon-Lager. „Wenn diese Mistkerle Judy etwas antun...“

Er sprach den Satz nicht zuende. Was sollte er schon tun? Sich

plötzlich in einen wilden Klingonen verwandeln? Mitnichten.

Aber wenn Judy etwas geschah... Er ballte die Fäuste. Er würde

bis zum Äußersten gehen.

Beliar schloss die Tür hinter sich und durchquerte das kleine

Büro im obersten Stockwerk des Hauptturms der Festung, ohne

zu den anderen Tarkon im Raum zu sehen. Es war ein großes

Gebäude, die Tarkon brauchten eine ausgedehnte Sicht auf

ihr Umland.

Draußen, in der Arena vor der Burg, hörte er das gedämpfte

Geschabe und Gekreische der Kinjal und seiner Krieger, die

ihre Fertigkeiten im Kampf probten. Theia, seine rechte Hand,

stand irgendwo hinter Beliar im Schatten. Sie war ebenso

schwer sichtbar und verhielt sich ebenso lautlos. Neben ihr

wartete der Anführer der Breen und wischte sich mürrisch über

die beige Uniform. Aus seinem Helm drangen nicht die für

seinen Übersetzer typischen Geräusche. Er blieb stumm. Aber

auch ohne etwas zu sagen, wusste Beliar, dass der Breen dieses

Büro hasste. Er hasste es ja selbst. Er hasste diesen ganzen

Platz. Es stank nach Blut, war dunkel, ungemütlich, feindselig.

Passend zu meiner Stimmung.

Nach einer Weile drehte sich Beliar zu dem Breen um und

deutete zur Wand hinter der die Vorkammer lag. Durch die

Fenster konnte man die Boten sehen, die soeben die schlechte

Nachricht überbracht hatten.

„Zwei Gefangene.“, murmelte Beliar. „Der ganze Angriffstrupp

ist eliminiert und alles was ihr mir bringt, sind zwei lächerliche

Gefangene.“ Er fletschte die Zähne. „Wie konnte das

passieren?“

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Blecherne Geräusche drangen aus dem Helm des Breen.

„Hinterhalt?“, wiederholte Beliar aufgebracht. Er rollte mit

den Augen und warf die Arme in die Luft, um sie klatschend

wieder gegen seine Hüften fallen zu lassen. „Wie konnten die

einen Hinterhalt für uns bereit halten, wenn wir einen für sie

hatten?“

Wieder die Geräusche.

„Nein! Versuchen Sie nicht mir die Schuld in die Schuhe zu

schieben. Sie haben versagt, Thot Gor. Zugegeben, ich habe

auch nicht bedacht, dass die ihr Lager bereits geräumt haben

und mit dem Angriff vielleicht zu voreilig gehandelt, aber die

Sache hat eine Vorgeschichte, wie Sie wissen. Noch einmal

werde ich nicht denselben Fehler begehen und zögern, wenn

sich mir ein Feind präsentiert. Uns sitzen bereits die Bloodcats

im Nacken und warten auf die kleinste Schwäche. Ich kann es

mir nicht erlauben noch jemanden in meinem Territorium zu

dulden.“

Der Breen sagte etwas, woraufhin sich Beliar beruhigte. Er

hob seine Hand zu dem Helmbereich, wo man unter Umständen

eine Wange erwarten konnte. Seine Hand fuhr sanft über

das kalte Metall. Er lächelte künstlich „Nein, Sie sind ein

Glücksfall, mein eisiger Freund...“ Dann versetzte er dem

Breen einen Schlag, der ihn zurücktaumeln lies. Dessen Begleiter

griffen sofort nach den Waffen, aber Theia war schneller

und hob ihrerseits ein Gewehr.

Die beiden Breen erstarrten. Gor richtete sich langsam auf,

während sich Beliar die Hand schüttelte und mürrisch dreinschaute.

„Jedenfalls dachte ich das bisher.“, sagte er. „Sie erweckten

den Eindruck eines mächtigen Alliierten. Einzig

mächtig sind ihre vollmundigen Versprechungen, Gor. Eingelöst,

wurde bisher nichts davon.“

Gor gab seinen Begleitern ein Zeichen, woraufhin sie ihre

Waffen wegsteckten und sich entspannten. Dann straffte er

seine Gestalt. Selbst in geduckter Haltung überragte er Beliar

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um mindestens einen Kopf. Er sah auf den Tarkon herab und

erneut drangen seltsame Laute aus seinem Helm.

„Nein, nein.“, sagte Beliar. „Nein, ich habe nicht vergessen,

was Sie uns versprochen haben. Was ich aber ebenfalls nicht

vergessen kann.“, fuhr er fort. „ist die Tatsache, dass wir bisher

einen beträchtlichen Aufwand hatten. Unsere Suchtrupps

sind überall in der Region verstreut. Wir haben unzählige der

Föderierten aufgegabelt und eliminiert und nichts dafür bekommen.

Nichts!“

Der Breen wollte etwas erwidern, aber Beliar unterbrach ihn.

„Dann haben wir unsere Artillerie eingesetzt. Munition dafür

ist wertvoll. Ja sogar überlebenswichtig. Erst recht seit dem

Vorfall, der Sie hier herführte, Gor. Dennoch haben wir es getan

und ebenfalls nichts bekommen. Unser Frontalangriff...“

Er schüttelte den Kopf. „Ein Desaster! Sie haben selbst gesagt,

uns rennt die Zeit davon. Die Föderierten sind uns noch immer

einen Schritt voraus. Was, wenn sie die Waffe vor uns finden,

die mir von ihnen versprochen wurde, Gor?“ Er trat näher an

den Breen, sprach leiser. „Und was, wenn sie sich an meinen

Feind wenden?“

Der Breen erwiderte etwas.

„Uns beide.“, stellte Beliar klar. „Die Waffe wird uns beide

zur Macht führen.“ Beliar trat auf den Breen zu und steckte

die Hände in die Taschen. Er seufzte und sah dann Gor direkt

ins Gesicht. „Sie können die Waffe wirklich finden?“

Der Breen nickte.

„Und die Föderierten aufhalten, bevor sie die Waffe finden,

sowie richtige Gefangene machen? Oder die beiden, die wir

haben, hier her bringen?“

Nicken.

„Okay.“, sagte Beliar. „Dann machen Sie es auch!“

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Mine

„Ich bin neugierig. Wo haben Sie eigentlich so zu kämpfen gelernt?“,

fragte Ramina eine ganze Weile später, als die Gruppe

mühsam dem Weg durch die karge Landschaft folgte. Shannyn

legte die Hand an den Knauf des Schwertes, das an ihrem

Gürtel hing. Irgendwie wollte es einfach nicht ganz zu einer

Uniform passen, überall fiel sie damit auf. Ein bisschen ungewöhnlich

war der Anblick einer Frau mit Schwert aber schon,

das musste sie durchaus zugeben.

„Ist eine lange Geschichte.“

„Und Sie wollen sie mir nicht erzählen, nehme ich an.“

„Nein.“

Dorak, der dicht folgte, meinte: „Mich würde eher interessieren,

wann Sie so zu kämpfen gelernt hat.“

Shannyn warf ihm über die Schulter hinweg einen Blick zu. Er

lächelte unschuldig. Offenbar hatte sich Dorak in den Kopf

gesetzt, jede mögliche Gelegenheit zu nutzen, um zu versuchen,

sie aus der Reserve zu locken. Und er würde dies fortführen,

das wusste Shannyn. Wenn sich Dorak einmal in eine

Sache verbissen hatte, legte er eine bemerkenswerte Hartnäckigkeit

an den Tag.

„Das ganze Leben ist eine stete Herausforderung.“, sagte sie.

„Ein ständiger Kampf, den jeder von uns austragen muss, Dorak.

Der einzige Unterschied liegt in der Intensität mit der ihm

jeder einzelne von uns begegnet.“ Sie sah zu Ramina herüber.

„Nach allem, was ich von ihnen gehört habe, stimmen Sie mir

wahrscheinlich zu, nicht wahr?“

Ramina runzelte dir Stirn. „Was haben Sie denn gehört?“

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Shannyn machte eine vage Geste. Sie hatte in Erfahrung gebracht,

dass der Sicherheitschef Spiers mit ihr auf eine merkwürdige

Art und Weise liiert gewesen war. Offenbar wusste

niemand etwas genaues über die Art der Beziehung, nur, dass

es eine gegeben hatte. Spiers war von den Tarkon kurz nach

dem Absturz ermordet worden. Nun fürchtete Shannyn, dass

Ramina aus Rache mitgekommen war. Und jemanden mit nervösem

Finger am Abzug konnte sie nicht brauchen. „Nach allem,

was man so sagt, sind Sie unberechenbar.“

„Das sagt man über mich?“, fragte Ramina mit amüsiertem

Tonfall. „Gut so...“

„Es hat wahrscheinlich auch niemand damit gerechnet, dass

Sie sich an der Rettungsaktion beteiligen wollen.“

Ein Schatten fuhr über Raminas Gesicht. Sie sah erneut kurz

zu den Hügeln. „Ich bin nur mitgekommen, um zu überleben.“

Sonst sagte sie nichts dazu.

„Hm.“, machte Shannyn.

Dike schloss zu ihnen auf. Er war fix und fertig. „Wie weit ist

es denn noch?“

„Kommt ganz darauf an, was Sie wollen.“, antwortete Shannyn.

„Sobald wir dort oben zwischen den Felsen sind, können

wir das ganze Gelände überblicken.“

Shannyn sah zum Himmel hinauf. Die Sonne stand inzwischen

schon ziemlich hoch und leuchtete ihnen ins Gesicht. Es würde

vermutlich dunkel sein, ehe sie die Festung erreichten. Das

konnten sie vielleicht nutzen.

Sie näherten sich der Stelle an der sie das Gebiet überblicken

konnten. Das feine Geröll unter ihren Stiefeln knirschte, während

sie weitergingen. Ansonsten war es vollkommen still.

Der Weg führte sie gerade durch einen Engpass, breit genug

für Gruppen und Fahrzeuge, aber nicht mehr. Plötzlich hatte

Shannyn das untrügliche Gefühl, dass es einfach zu ruhig war

um sie herum, dass etwas an diesem Ort nicht stimmte. Er eignete

sich perfekt für einen Hinterhalt. Sie blieb stehen, kniete

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sich hin und suchte den Horizont nach Gefahr ab. Dorak blieb

ebenfalls stehen, während die anderen drei an ihnen vorbei

einfach weitergingen.

„Was ist?“, fragte Dorak.“

Shannyn antwortete nicht sofort. „Nur so ein Gefühl.“

„Dasselbe Gefühl, das Sie veranlasste, sich auf die Shenandoah

zu begeben?“

Shannyn setzte zu einer schlagfertigen Antwort an, als sie hinter

sich ein Klicken hörte. Ramina blieb unvermittelt stocksteif

stehen. Sie sah langsam an sich herab, ganz langsam. Der Boden

unter ihr war aufgewühlt. Zwischen den Feuerkrautblättern,

sah sie etwas metallisches. „Ich ... ich bin auf irgendwas

getreten.“ Shannyn glaubte ein Vibrieren in Raminas Stimme

zu hören, als sie sagte: „Eine Mine. Na toll! Ich bin auf eine

Mine getreten.“

Alle erstarrten. Nur Dike brach in Panik aus, trat zurück, stolperte,

stürzte und strampelte ein paar Meter von ihr weg. Er

rappelte sich auf und rannte die letzten Meter zu einem Felsen,

hinter den er sich duckte und schweißbedeckt hervorlugte.

Ramina beachtete ihn nicht. Sie hatte auch ganz andere Sorgen.

Eine ganz besonders heimtückisch im Boden vergrabene

Mine befand sich genau dort, wo sie ihren Stiefel aufgesetzt

hatte – und sie piepte. Sie war zweifellos aktiviert, aber aus

irgendeinem Grunde nicht explodiert. Ramina verspürte ein

Frösteln. Sie sah genauer hin und entdeckte die groben Umrisse

im sandigen Boden. Wieso war ihr das nicht aufgefallen?

Langsam, quälend langsam drehte Ramina den Kopf zu den

anderen. „Was soll ich tun?“

Doraks Augen verengten sich. „Niemand bewegt sich.“ Er

setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und ging neben

ihr in die Hocke, um die Mine mit fachmännischem Blick zu

inspizieren. „Was immer Sie tun, Ramina, rühren Sie sich

nicht. Halten Sie den Fuß genau dort, wo er gerade ist.“

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Ramina war nicht begeistert. Aber sie tat, was er sagte und

rührte sich nicht.

„Ein primitives Ding.“, erklärte Dorak. „Bei dieser Landmine

hier handelt es sich um einen flachen Behälter mit Sprengstoff

und einem Zünder, der explodiert, wenn er mit einem bestimmten

Gewicht belastet wird. Versuchen Sie also bitte innerhalb

der nächsten Minuten nicht ihr Gewicht nennenswert

zu verlagern. Oder dicker zu werden.“

Die Mine war scharf. Durch Raminas Gewicht aktiviert, aber

offenbar reichte es nicht, um sie zu zünden. Ein paar Kilo –

oder ein paar Gramm fehlten. Und sollte sie den Fuß und somit

den Druck von ihr nehmen, würde sie garantiert gezündet

und falls die Explosion den Eindringling nicht tötete, oder verletzte,

so würde sie doch bestimmt die Tarkon auf die eine oder

andere Art über ihre Anwesenheit hier draußen informieren.

Dorak griff in seine Jackentasche und zog ein weißes

Tuch heraus. Er wusch sich den Schweiß von der Stirn. Ohne

den Blick von der Mine abzuwenden sagte er: „Herzlichen

Glückwunsch, Ramina, Sie sind auf eine Fahrzeug- und Personenmine

getreten.“

„Hab ich mir immer gewünscht.“, sagte sie und diesmal war

sich Shannyn sicher furcht in ihrer Stimme zu hören. Sie pustete

sich einen Strähne aus dem Gesicht. Schweiß rann ihre

Nase runter. „Ist das so ein Ding dem Penkala begegnete? He

Dike, können wir die Mine wegwerfen.“

„Das wird kaum möglich sein.“, sagte Dorak bleiern. „Ehe wir

sie auch nur ansatzweise aus dem Boden gehoben haben, werden

Sie in Stücke gerissen. Aber ich denke ich kann sie entschärfen.“

„Kennen Sie sich damit aus?“, fragte Ramina.

Dorak zuckte mit den Schultern. Unendlich behutsam streckte

er den Arm aus, um über die rostige Oberfläche der Mine zu

taten. Als seine Fingerkuppen den Deckel eines Kontrollmechanismus

ertasteten und er sie mit einem Ruck abzog,

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schreckten alle anderen zusammen. „Vorsicht.“, flüsterte er

mehr zu sich selbst, als zu den anderen. Hinter dem Deckel

wartete eine zweite Abdeckung. Drei Schrauben. Dorak tupfte

sich erneut den Schweiß von der Stirn und streckte den Arm

nach hinten aus. „Geben Sie mir ihr Schwert, Shannyn.“

Als nichts geschah, sah er über die Schulter zu ihr. „Vertrauen

Sie mir.“

Shannyn zögerte, löste aber schließlich ihr Schwert und reichte

es ihm rüber. Dorak sah kurz an Ramina hoch, lächelte ihr

zu und drehte sich wieder zu der Mine. Er begann die Schrauben

mit dem Schwert rauszudrehen, was sich als knifflig erwies,

aber er bekam die erste Schraube auf. „Um ihre Frage zu

beantworten, Ramina, ich kenne mich tatsächlich aus. Ich habe

im Krieg selber ganz ähnliche Minen gelegt. Tückische Dominion-Minen

und Sprengkörper, die bei der Sternenflotte bekannt

sind als ... Houdinis.“

Die zweite Schraube war gelockert.

„Sie waren ein Unterstützer des Dominion?“, fragte D’Agosta.

Dorak nickte mit ausdruckslosem Gesicht. „Jeder macht mal

einen richtig großen Fehler.“

„Oder zwei.“, sagte Shannyn und sah ihm ebenso unbestimmt

an, als er den Kopf zu ihr drehte. Aber in ihren Augen ... da

blitze irgendwas auf. Etwas, dass er nicht recht einordnen

konnte.

Dann lockerte sich auch endlich die dritte Schraube. Dorak

löste äußerst vorsichtig auch diese Abdeckung und dahinter

sah er den Druckzünder, der durch das Gewicht eines Zieles

ausgelöst wurde. Er war direkt über ein kleines Kabel mit dem

Sprengstoff verbunden. Catastrophic Kill, dachte Dorak. Er

nahm Shannyns Schwert am Knauf und brachte die Spitze

ganz behutsam unter das Kabel. Der Platz reichte gerade so

aus. Er atmete tief ein ... und riss das Schwert in einem schnellen

Ruck hoch. Nichts geschah. Glücklicherweise. Die Klinge

durchtrennte sauber den Draht. Die Mine war entschärft.

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Dorak lies den angehaltene Luft zischend entweichen. „Das

war’s.“, sagte er und erhob sich schwerfällig. Die anderen

stöhnten erleichtert auf und Dike kam hinter dem Fels hervor,

nästelte an seiner Kleidung herum. Dorak übergab das

Schwert zurück an Shannyn. „Ziemlich nützlich, so ein

Schwert.“

„Ziemlich nützlich, so eine Minenkenntnis.“, hielt sie dagegen

und trat an ihm vorbei zur Spitze der Gruppe. „Ich gehe jetzt

voraus. Bleibt dicht hinter mir. Tretet dort hin, wo auch ich

hintrete.“

Die anderen hatten keine Einwände. Im Gänsemarsch folgten

sie dem Wegverlauf. Nach einer ganzen Weile veränderte sich

das Gesicht der Landschaft. Die Feuerkrautwedel und die Zykadophyten

wurden immer dichter und die Farnwiesen seltener.

Im nächsten Moment bogen sie um die Böschung herum, die

den Blick auf das Umland versperrte und die Festung und das

übrige Gelände lag vor ihnen wie auf einem Tablett. D’Agosta

trat neben Shannyn, die stehen geblieben war. Er schauderte

bei dem gewaltigen Anblick des metallenen Schutzwalls, der

um die Festung errichtet war. Von hier aus wirkte sie wie ein

unbezwingbarer Koloss. Shannyn bemerkte seinen besorgten

Gesichtsausdruck. „Geht’s?

Er nickte schwerfällig. „Und Judy ist jetzt dort?“

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Beliar

Beliar hatte nicht gewusst, welcher Anblick sich ihm bieten

würde, wenn er zu den beiden Gefangenen ging, denn niemand

hatte ihn aufgeklärt, um wen es sich überhaupt handelte.

Man hatte verlegen weggesehen, oder Ausflüchte gesucht.

Und jetzt, wo er in den Raum schritt, wo die Beute des morgendlichen

Angriffs gefangengehalten wurden, dämmerte ihm

auch wieso.

Er blieb abrupt im Türrahmen stehen. Damit hatte er nicht gerechnet.

Er drehte sich zu dem Breen um, der mit ihm den

Raum betreten hatte und wusste nicht, ob er humorlos lachen,

oder furchtbar wütend sein sollte. Er entschied sich für letzteres.

„Ein Kind?“, faucht er. „Zwei meiner Fahrzeuge zerstört,

ein ganzer Trupp ausgelöscht und alles was ihr vorzuweisen

habt ist ein Kind und ein Amphion?!“

Aus dem Helm des Breen drangen Geräusche.

Beliar knurrte. Sein Gesicht wurde puterrot und dicke Schlagadern

traten an seinen Schläfen hervor. Aber er lies sich nicht

zu einem Wutausbruch verleiten, schluckte den Ärger zähneknirschend

runter und betrachtete die beiden Gefangenen. Der

Amphion war nichts besonderes. Groß, kräftig, dümmliche

Boxervisage. Also genau wie alle anderen Mitglieder seiner

Spezies.

Das Kind hingegen machte schon einen interessanteren Eindruck.

Sie hatte keine Angst – zumindest versuchte sie es so

erscheinen zu lassen, was ihr aber nicht vollständig gelang und

blickte argwöhnisch auf, als Beliar im Türrahmen erschienen

war.

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Beliar schüttelte den Kopf. Ein Kind und ein Amphion. Unglaublich.

Theia, die seine Gedanken lesen konnte, beugte sich

leicht zu ihm rüber. Sie flüsterte: „Vielleicht bekommen wir

aus dem Mädchen die nötigen Infos.“

Beliar tauschte mit ihr einen Blick, gab ihr dadurch zu verstehen,

was er davon hielt und dass er ganz und gar nicht erfreut

war. Anschließend setzte er eine strenge, kalte Mine auf, für

die er sich nicht sonderlich verstellen musste. Er trat näher und

begann vor dem Mädchen auf und ab zu gehen, während er an

seinen Handschuhen spielte. Er zog sie zurück, bis das Leder

knarrte, streckte die Finger, ballte sie zu einer Faust und begann

von vorne. Ohne Einleitung und ohne das Kind anzusehen

fragte er gefühlsarm: „Wie viele seid ihr?“

„Tausende.“

„Von welchem Planeten kommt ihr?“

„Planet der Affen.“

Beliar stutzte einen kurzen Augenblick. Obwohl er das nicht

wollte, musste er hauchdünn lächeln. Er versuchte es ein falsches,

bösartiges Lächeln werden zu lassen, aber irgendwie

hatte er den Eindruck, dass sich das Mädchen davon trotzdem

nicht wirklich einschüchtern lies.

„Du bist vorlaut, Kind.“, sagte er. „Keck, aber vorlaut. Das gefällt

mir. Aber das wird schon noch vergehen, wenn du erkennst,

dass man dich aufgibt und du in einer Zelle verrotten

wirst.“

Judys bisher einigermaßen furchtlos gespielte Fassade bröckelte

und drohte für einen Moment einzustürzen, als Beliar

das sagte. Sie trat unbewusst einen Schritt zurück und musterte

ihn bewertend. Aus seiner Mine lies sich kaum etwas herauslesen.

Beliar taxierte sie mit seinen stechenden Augen,

schien direkt in ihre Seele zu schauen und dort einen riesigen

Scheinwerfer auf ihre Ängste zu richten. Aber so leicht würde

sie sich nicht geschlagen geben. Sie schob das Kinn vor und

log mit einer Selbstsicherheit, die nicht unbedingt ehrlich war:

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„Niemand wird mich zurücklassen. Ich bin eine Prinzessin bei

meinen Leuten. Wenn Sie mir etwas antun, wird die Rache

meines Volkes furchtbar sein.“

„Eine Prinzessin, also? Na schön. Zeig mir deine Hände, kleine

Prinzessin. Na los, zeig sie mir.“

Athol knurrte neben Judy. Er schien kurz nur einen Haaresbreit

davon entfernt zu sein, Beliar zu attackieren. Beliar bedachte

ihn keines Blickes als er nebensächlich verkündete:

„Beim geringsten Zucken werden meine Wachen ein Sieb aus

dir machen, Amphion.“ Er kniete sich vor das Mädchen. „Gib

mir deine Hände.“

Judy streckte sie ihm entgegen, um zu verhindern, dass Athol

eine Dummheit beging.

„Das sind nicht die Hände eines Arbeiters.“, sagte Beliar und

betrachtete sie grob. „Schwarz lackierte Fingernägel, keine

Blasen, keine Hornhaut...“ Er lies ihre Finger los und bedachte

sie mit einem kalten Blick. „Was würdest du denken, wenn du

von nun an in meinem Steinbruch arbeitest, hm? Was denn?

Warum schaust du so? Ist das einer ... Prinzessin ... etwa nicht

würdig? Du kannst dich vor diesem Schicksal bewahren. Alles

was du dafür tun musst, ist, meine Fragen zu beantworten.

Verstanden?“

Judy nickte.

Er erhob sich wieder und begann erneut mit dem Handschuhritual.

„Also, was wollen deine Leute auf meinem Mond?“

„Es ist ganz bestimmt nicht ihr Mond.“, zischte Judy. „Er gehört

den Gredor, nicht ihnen.“

„Habt ihr deswegen diese jämmerliche Invasion gestartet? Um

uns von hier zu vertreiben und Tieren den Mond zu überlassen?

Oder erhofft ihr euch eigene Vorteile?“

„Was für eine Invasion? Wovon reden Sie überhaupt? Wir haben

nie etwas derartiges getan. Unser Schiff erlitt einen Unfall

und wir sind hier gestrandet.“

78


Beliar wackelte tadelnd mit dem Finger. „Lüg mich nicht an,

kleine Prinzessin.“

Judy rollte genervt die Augen. „Okay! Wie Sie wollen! Vielleicht

sind wir tatsächlich hier um den Mond zu erobern. Für

diese Operation bilden wir erst die Vorhut – eine Spezialeinheit

bestehend aus Kindern und Idioten. Vielleicht sind wir

aber auch nur hier, um eine Kolonie auf dem Mond zu errichten.

Um dieses komische Erz abzubauen, genau wie sie.

Denkbar wäre natürlich auch, dass wir nur zufällig auf der

Oberfläche sind. Ein gescheitertes Soliton-Wellen-Experiment

hat uns leider hergeführt. O nein, warten Sie. Das ist zu unrealistisch!“

Sie machte ein übertrieben nachdenkliches Gesicht.

Dann schnippte sie mit dem Finger. „Ja, jetzt hab ich’s. Das ist

es! Wir sind im Grunde nur wegen der unerträglichen Hitze

hier. Um ein Urlaubsparadies für Klingonen zu bauen, wissen

Sie? Das wäre ein echter Renner!“

Athol neben ihr brummte hämisch. Das Oberhaupt des Kinjal-

Clans starrte Judy einfach nur an, schien nicht so ganz zu wissen,

wie er reagieren sollte.

„Ha!“, machte Judy und trat einen Schritt auf ihn zu. „Jetzt

wissen Sie nicht mehr, was Sie glauben sollen. Ich kann ihnen

alles mögliche erzählen und sie werden keine Gelegenheit haben

meine Worte zu überprüfen, ganz egal, was sie mit mir

anstellen. Sie müssen mir also einfach vertrauen schenken,

wenn ich ihnen versichere, die Wahrheit zu sagen. Dass wir

sie nicht angegriffen haben, oder irgendetwas – diesen Mond,

oder ihre Erze -, wollen. Das alles ist uns völlig egal. Wir sind

wegen einem Unfall hier, nichts weiter. Darauf gebe ich ihnen

mein Wort. Glauben Sie es mir, oder glauben Sie es mir nicht.

Mehr kann ich ihnen leider nicht bieten. Wir wollen nichts böses.

Basta!“

Beliar starrte sie eine Weile nur an. Niemand sprach. Niemand

im Raum wagte es zu atmen. „Treib es nicht zu weit, kleine

79


Prinzessin!“, sagte Beliar nach einer Weile gefährlich leise.

„Auch meine Geduld hat Grenzen.“

„Was wollen Sie denn von mir hören, eh? Eine dumme Geschichte,

dass wir Invasoren aus einer anderen Welt sind und

dass unsere Selbstsicherheit so groß ist, dass wir den Eindruck

haben, sie bloß mit Rettungskapseln besiegen zu können? Ich

weiß nicht woher Sie ihr verdrehtes Weltbild haben. Vielleicht

von denen da, die ihnen irgendeinen Blödsinn erzählten.“, sagte

Judy abfällig und deutete mit ausgestrecktem Arm zu den

Breen, die offenkundig unruhig wurden. „Aber Sie haben uns

bombardiert, nicht umgekehrt. Wenn hier jemand ein Aggressor

ist, dann Sie!“

Beliar antwortete nicht sofort darauf. Ihm entging keineswegs,

dass die Breen mit jedem weiteren Wort des Mädchens nervöser

wurden. Er tat so, als würde er es nicht bemerken, aber ihre

Körpersprache war unmissverständlich. Fast unmerklich wanderten

ihre Hände zu den Waffenhalftern. Für Sie war das

Mädchen möglicherweise ein Risikofaktor und Beliar begann

sich zu fragen wieso...

Er kratzte sich eine Zeitlang nur an seinem Kinnbart, während

er überlegte, was er nun tun sollte und machte dann eine Vage

Geste. „Also schön.”, sagte er kopfschüttelnd. „Diese Unterredung

hat offenbar keinen Sinn und beginnt mich zu ermüden.

Beenden wir das.”

Judy fragte vorsichtig: „Was ... was werden Sie jetzt mit mir

machen?“

„Du kannst gehen, kleine Prinzessin.“

„Wirklich?“ Zweifel schwang in ihrer Stimme mit.

„Ja, wirklich.“, versicherte Beliar. „Ich bin ein Monster, kleine

Prinzessin. Aber ich bin nicht diese Art von Monster. Ich töte

keine Kinder. Das kann die Wildnis für mich erledigen.“

„Und Athol? Was wird mit ihm?“

Beliar zuckte leichthin mit den Schultern. „Er wird hingerichtet.

Ein Exempel muss statuiert werden.“

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„Wieso?“

„Die Amphion können sich nicht einfach mit Gruppierungen

verbünden, die uns feindlich gesonnen sind.“

„Diese Leute waren gut zu uns.“, sagte Athol und blickte finster

drein. „Sie haben nicht versucht unsere Frauen zu rauben,

unser Fieh zu töten und unsere Felder zu verbrennen, im Gegenteil.“

Beliar warf Theia einen bedeutungsschwangeren Blick zu. Er

war nicht erfreut zu hören, dass seine Leute sich offenbar wieder

an den Amphion-Frauen zu schaffen gemacht hatten. Dennoch

sagte er zu Athol: „Ihr seid nur Amphion! Ihr habt euren

Herren, den Tarkon zu gehorchen, ob euch das gefällt oder

nicht. Wenn wir wollen, dass ihr lebt, dann lebt ihr! Wenn wir

wollen, dass ihr sterbt, dann sterbt ihr! Und wenn wir wollen,

dass ihr mit uns geht ... dann geht ihr mit uns! Mit dieser Föderierten-Allianz

hast du einen großen Fehler begangen Athol.

Er wird dich noch teuer zu stehen kommen.“

Beliar musterte ihn, dann schritt er zur Tür. Er machte sie weit

auf, sah zu Judy und deutete auf den Gang hinaus. „Na mach

schon. Geh. Lass deinen Amphion-Freund im Stich und rette

dich selbst.“

Judys Blick wechselte zwischen der offenstehenden Tür und

Beliar.

„Was ist los?“, fragte Beliar. „Willst du nicht in die Wildnis?“

Judy machte einen vorsichtigen Schritt auf die Tür zu, überlegte

es sich dann aber anders und stellte sich an Athols Seite.

Sie sah zu ihm auf und bemerkte, dass Athols Blick nicht erfreut

war.

Geh, teilte er ihr stumm mit. Aber Judy wollte nicht gehen. Es

war ihre Schuld, dass Canthar gestorben war und nun hier bei

ihm zu bleiben war das mindeste, was sie tun konnte. Mit finsterem

Blick sagte sie an Beliar gewandt: „Meine Leute werden

kommen und uns retten.“

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„Glaubst du wirklich, sie würden dieses Risiko wegen dir eingehen?“

Judy verschränkte trotzig die Hände vor der Brust und wollte

etwas erwidern. Beinahe hätte sie etwas wie mein Dad wird

mich retten, gesagt konnte sich aber gerade noch beherrschen.

Die Tarkon mussten gar nicht erst wissen, dass ihr Vater der

Anführer der Gruppe war. „Shannyn wird kommen.“, sagte sie

stattdessen. Denn das war nicht schlimm. Ihren Namen würden

die Tarkon so oder so erfahren.

Theia, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte fragte mit

gerunzelter Stirn: „Shannyn?“

„Ganz recht.“, nickte Judy. „Merken Sie sich ihren Namen.

Nichts kann Shannyn aufhalten. Ihre Armee nicht und Sie

können das auch nicht.“

„Shannyn.“, wiederholte Theia, als würde sie den Geschmack

des Wortes prüfen.

Beliar hatte genug. „Also schön, kleine Prinzessin.“, sagte er.

„Wie du willst.“ Er drehte den Kopf zu seinen Männern.

„Bringt die beiden in eine Zelle, bis wir wissen, was wir mit

ihnen anstellen sollen.“ Die Breen tauschten Blicke. Ehe sie

etwas tun konnten, signalisierte Beliar den Wachen mit einem

knappen Kopfrucken, dass sie die beiden unverzüglich fortbringen

sollten.

Sie wehrten sich nicht, Athol warf ihm lediglich einen möglichst

finsteren Blick zu. Als sie aus dem Raum und in den

Korridor dahinter geführt wurden und die Breen verärgert in

die entgegengesetzte Richtung verschwanden, schüttelte Beliar

den Kopf. „Kinder.“, sagte er.

Theia sagte: „Wir müssen uns unterhalten.“

„Ja, das müssen wir tatsächlich.“ Beliar rieb sich den Nasenrücken

und seufzte. Er hatte Kopfschmerzen. Ein Kind. „Was

für eine beschissene Art Krieg zu führen.“, murmelte er.

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Nechayev

Nechayev hockte vor der Luke und betrachtete sie nun schon

seit einer ganzen Weile. Die Sonne stand hoch am Himmel. In

der rechten Hand hielt sie den klobigen Scanner, während sie

sich mit der linken nachdenklich am Kinn kratzte. Die Luke

bestand aus einer glänzenden Legierung. Welche genau konnte

Nechayev nicht sagen. Es war kein Metall, soviel stand fest.

Vielleicht Duranium. Die Luke war in modernem Stil gebaut,

Duranium und Glas, aber die Natur hatte längst Besitz davon

ergriffen. Ranken hingen von den Rändern, Feuerkraut breitete

sich auf der schmutzigen Oberfläche auf. Ansonsten wirkte sie

praktisch und edel zugleich.

Nach einer Weile sah Nechayev auf. Nottingham stand reglos

im Gebüsch und lauschte, während Smith die Hände in die

Hüften gestemmt hatte und die Luke forschend umkreiste.

„Was denken Sie?“, fragte Nechayev. Die Frage war reichlich

dämlich, wie Smith fand. Sie war mit ihren Gedanken natürlich

bei Hawk, obgleich sie bei Entdeckung der Luke eine überwältigende

Neugier erfasst hatte, wie sie ungern zugeben

musste. Dennoch hallte in ihrem Kopf die mahnenden Stimme

der Vorsicht, die vielen Wissenschaftlern völlig entging. Ihr

früher auch. Sie hatte bitter dafür bezahlen müssen. Und bezahlte

noch. In diesem Moment. „Ich bin nicht sicher. Das hat

die erste Gruppe gefunden?“

Nechayev nickte. „Offenbar. Die Ränder sind freigelegt worden,

sehen Sie. Jemand hat es ausgegraben.“

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„Aber nicht aufbekommen.“, erkannte Smith. An der Hülle

waren deutliche Spuren zu sehen, dass jemand versucht hatte

die Luke mit Gewalt zu öffnen. Mit einem Stab, einer Schaufel.

Irgendwas in der Art. Sie ging nun ebenfalls wie Nechayev

in die Hocke und fuhr mit einer Hand über die Hülle. Sie

war kalt – trotz der Mittagshitze. Die Glasscheibe in der Mitte

war mit einem Pilz besprenkelt. Man konnte kaum hindurchsehen.

Dahinter erwartete einen ohnehin nur Dunkelheit. „Ich

sehe keinen Öffnungsmechanismus.“

„Es gibt keinen.“, nickte Nechayev.

„Dann soll sie auch nicht geöffnet werden.“ Smith erhob sich

wieder und trat demonstrativ von der Luke weg. „Admiral, die

Sache ist mir nicht geheuer.“

Nechayev lächelte süffisant. „Rhonda. Wo ist ihre wissenschaftliche

Neugierde?“

„In DH-8 verloren gegangen. Genau wie ihre Vernunft.“

„Rhonda...“

„Admiral, wo ist die erste Gruppe?“

„Weiß ich nicht. Vielleicht da drin.“

„Nicht so wichtig, was?“

Nechayev erkannte den Vorwurf. Auch sie erhob sich nun,

wobei ihre Beine knackte. Die kalte Entschlossenheit in ihrem

Blick schwand aber für keinen Moment. „Acht Monate sind

eine lange Zeit. Und das hier ist ein gefährlicher Ort.“

Gereizt sagte Smith: „Besonders, wenn man keinen Nottingham

mit Giftspritzen hat, nicht wahr?“ Sie warf dem wandelnden

Schatten einen bösen Blick über die Schulter zu. Wenn er

darauf reagierte, lies er sich nichts anmerken. Auch Nechayev

ignorierte ihren Kommentar. „Inzwischen sind sie vermutlich

längst tot.“

„Pech, wie?“

Nechayev wirkte verärgert. „Ja, Rhonda. Pech. Wichtiger als

die erste Gruppe aufzuspüren, war ihre Entdeckung zu finden.

Und das hier ist sie. Diese Luke. Ein Eingang.“

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„Oder Pandoras Büchse.“, sagte Smith leise.

„Rhonda, konstruktive Beiträge bitte. Sie sind viel zu nervös.

Vergessen Sie nicht, vierundzwanzig Stunden! Solange stehen

sie unter meinem Kommando.“

Rhonda schloss für einen Moment die Augen. Nechayev hatte

recht. So half sie Hawk nicht. Sie öffnete die Augen, dann

nickte sie.

„Ganz ruhig, Rhonda., sagte Nechayev. „Wenn Sie mir helfen,

sind wir sogar viel schneller zurück. Entdeckung um Drei, um

Fünf wieder im Jeep und um Sieben zurück bei ihrem Freund.

Peng. Erledigt. Finito. Sie haben ihre Ruhe und ich endlich

nach all den Jahren, was ich haben möchte.“

„Sie empfangen ein Signal?“

„Ja.“, sagte Nechayev und sah zur Sicherheit noch einmal auf

den Scanner. Seine Anzeigen waren ausgeschlagen, als sie

sich der Luke näherten. „Von drinnen.“

„Es muss eine Art unterirdischer Bunker sein.“

„Mehr als das.“, sagte Nechayev. „Ein großer Komplex.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Oh, wir wissen es schon seit einer ganzen Weile. Während

die anderen sich im Basislager um das Essen stritten, waren

wir nicht untätig. Wir wussten, dass es einen unterirdischen

Komplex gab. Nur hatten wir keine Ahnung, wo der Eingang

war. Dieser Mond ist mehr, als er zu sein scheint, Rhonda. Ich

jedenfalls bin inzwischen fest davon überzeugt. Nur, was er ist

... Ian, der Datenchip.“

Nottingham reichte ihr, sich auf die Haut klatschend einen Datenchip.

„Tolle Gegend, was?“, sagte Nechayev. „Kein Mangel an

Moskitos.“ Sie steckte den Datenchip in das Zugangsport des

Scanners hinein und justierte an den Tasten. Kurz darauf

flammte der Bildschirm wieder auf. Er zeigte eine großformatige,

topographische Karte der Gegend. Erhebungen im Terrain,

wie die Berge zu denen die anderen unterwegs waren,

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waren blau eingezeichnet. An verschiedenen Stellen in den

Tälern waren dichte, rote Kreise zu sehen.

„Was ist das?“, fragte Smith erstaunt.

„Warum lesen Sie nicht, was da steht?“, entgegnete Nechayev.

Smith nahm den Scanner von ihr entgegen und las. Alpha-

Daten Mond/P42x61 Mischspektren VSRR/FUSLR/EFFVR.

Und dann ein Haufen Zahlen. Daten.

„Richtig.“, las Nechayev ihre Gedanken. „Daten.“

„Überflugdaten, wenn ich mich nicht irre. Das ist eine Karte

mit den überlagerten Daten von mehreren Scannerdurchläufen,

nicht?“

„Richtig.“

Smith runzelte die Stirn. Ihr Verstand arbeitete. Der Mond bestand

größtenteils aus Boromit-Erz, welches für Scanner beinahe

undurchdringlich war. Für solche Daten benötigte man

ganz präzise Scannvorgänge, die Stunden, ja sogar Tage dauern

konnten. „Und das sind... Moment mal... Daten aus dem

sichtbaren Spektrum, die mit dem höchst komplizierten T’Pol-

Verfahren gemacht worden sind und-“

„Infrarotdaten. Breitbandige thermische Spektren.“ Nechayev

lächelte. „Die erste Gruppe war gründlich mit ihrer Arbeit.

Wir haben die Daten im Flugschreiber gefunden und geborgen.

Ich konnte sie selbst rekonstruieren. Habe mir die Datenstränge

einzeln entschlüsselt, sie zusammengefasst und schon

hatte ich die Antworten, die ich brauchte.“

„Der Scannvorgang muss Tage gedauert haben, um durch das

Erz zu kommen.“

„Drei Wochen. Dann wurden die Mitglieder der ersten Gruppe

offenbar entdeckt und abgeschossen. Vielleicht von den Tarkon.

Die Bruchlandung legten sie nicht weit von hier hin. Wie

es aussieht haben sie den Absturz überlebt, die Luke gefunden

und freigelegt.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht haben

die Unsichtbaren sie dann erwischt. Wir wissen es nicht.“

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„Verstehe.“, sagte Smith langsam. „Diese roten Kreise sind

Infrarotabdrücke?“

„Ja.“, sagte Nechayev. „Die roten Bereiche sind kalte Untergrundgebiete,

die sich vom Rest des vulkanischen Erzes abheben.

Unterirdische Anlagen. Komplexe. Hohlräume. Irgendwas

in der Art. Keine Ahnung. Wir wissen nicht mal, von

wem sie sind, oder ob natürlich, oder künstlich. Das Baudesign

dieser Luke hier lässt keine Rückschlüsse zu. Tarkon sind

es nicht. Die anderen Lebewesen, denen wir begegneten fallen

auch weg. Vielleicht jemand, der keinen Anspruch mehr darauf

erhebt.“

„Aber bei der enormen Menge an roten Kreisen...- Sie erstrecken

sich unter der ganzen Oberfläche.“

„Ganz recht.“, grinste Nechayev. „Ich denke dieser Mond ist

in Wirklichkeit gar keiner. Ahnen Sie nun, warum ich Sie

brauche? Das hier könnte ein wenig länger dauern als angenommen.

Und Zeit ist ein Luxus, den wir nicht haben. Also

brauchen wir die beste Wissenschaftlerin, die es gibt, um möglichst

schnelle Ergebnisse zu erhalten.“

„Woher wollen Sie wissen, ob da drin wirklich ist, was Sie suchen?

Die Scanneranzeigen das Signal betreffend sind durch

das Erz alles andere als verlässlich und nicht sehr tief. Es

könnte alles mögliche sein.“

„Deswegen wollen wir ja nachsehen und es selbst herausfinden.

Wenn Omega hier nicht drin ist – okay, gut. Wo ein Eingang

ist, gibt es auch noch andere.“

Smith schürzte die Lippen. „Ich stehe ihnen nur vierundzwanzig

Stunden zur Verfügung.“

„So war die Abmachung.“, nickte Nechayev ehrlich. „Daran

halte ich mich. Alles was ich will ist, herausfinden, was das

dort unten ist. Und ich bin mir fast sicher, dass wir das werden...“

„Vierundzwanzig Stunden.“

„Vierundzwanzig Stunden.“, nickte Nechayev.

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„Dann lassen Sie mich und Hawk zufrieden.“

„So ist es.“

Smith musterte sie einen Moment, als ob sie sich nicht sicher

wär. Aber Nechayev macht nicht den Eindruck zu lügen. Den

machte sie allerdings nie, wenn sie log.

„Okay, gut. Aber schon die erste Gruppe scheiterte hier an der

Luke. Wie wollen Sie das Ding aufbekommen? Ein Trebuchet

bauen?“

„Ganz und gar nicht.“, meinte Nechayev fast fröhlich. „Wie

Sie bereits richtig erkannten, haben wir Ian Nottingham.“

Sie nickte ihm zu, woraufhin Nottingham in seinen langen

Mantel griff und verschiedene Sprengsätze zum Vorschein

brachte.

„Entspannen Sie sich, Rhonda.“, sagte Nechayev. „Wir haben

alles unter Kontrolle...“

„...Bitte, antworten, Sir!“

Vize-Admiral Alynna Nechayev schlug die Augen auf. Das

Quartier wurde von einem hellen, gleichmäßigen, Licht eines

Sterns im Celtris-Sektor, um den die USS Crazy Horse kreiste,

erhellt. Blinzelnd drehte sie sich auf den Bauch.

„Kontrollraum an Admiral Nechayev. Bitte antworten, Sir!“

Es war eine raue Männerstimme, hart und durchdringen. Nechayev

griff müde hinüber zum Nachttisch neben dem Bett

und drückte auf einen Knopf. „Hier Nechayev. Was ist los?“

„Sir, kommen Sie bitte unverzüglich in den Kontrollraum.“

Es war Commander Keller, der neue an Bord. Ein fürchterlicher

Quälgeist. Immerzu stellte er Fragen. Sie hörte die Anspannung

in seiner Stimme.

„Was ist denn?“

„Sie wollten doch informiert werden, wenn wir ein Schiff nahe

des McCreary-Nebels orten.“

Es war eine Feststellung, keine Frage.

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„Ja, Commander.“

„Nun ... wir haben einen cardassianischen Kreuzer auf den

Sensoren.“

Mit einem Mal war Nechayev hellwach. Sie schlug die Decke

zur Seite und sprang aus dem Bett. „Ich komme sofort.“

Obwohl man sie eben aus dem Tiefschlaf gerissen hatte, saß

ihre Uniform tadellos, als sich Nechayev keine vier Minuten

später im beengten Kontrollraum über die tischförmige Sensorstation

in der Mitte beugte.

Der erste Offizier, Commander Keller, trat neben Nechayev.

„Ein cardassianischer Kreuzer, die Epicon.”, sagte er. „Ist vor

einer Minute auf den Sensoren aufgetaucht. Keine Ahnung,

wo der so plötzlich herkam.“

Nechayev sah angestrengt auf den grünen Punkt auf dem Monitor,

der die Epicon repräsentierte. Nicht weit davon entfernt,

befand sich ein Blauer Punkt, der den Nebel darstellte. Sie sah

nicht von den Anzeigen auf, als sie fragte: „Hat er seine Waffensysteme

aktiviert?“

Der Sicherheitsoffizier schüttelte den Kopf, als Keller zu ihm

rübersah. Keller sagte: „Nein, Sir.“

Nechayev sah über die Schulter. „Ist er in den Nebel C-7 Mc-

Creary eingeflogen?“

„Nein, Sir. Cardassianische Fregatte steht still in C-6, kurz vor

C-7.“

„Was hast du hier zu suchen?“, murmelte Nechayev, wieder

auf die grafische Darstellung des Systems schauend. Sie fürchtete

die Antwort längst zu wissen. Lauter: „Was ist mit seinen

Sensoren?“

Keller überprüfte die Daten. „Ahm ... seine Sensoren sind voll

aktiviert. Kurz- und Fernbereich. Er sucht nach etwas.“

„Sondiert er den Nebel?“

„Können wir nicht feststellen. Auch unsere Sensoren arbeiten

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in diesem Bereich des Celtris-Sektors nicht gut. Wir können

nicht genau bestimmen, was er macht.“

Nechayev runzelte die Stirn. „Steht noch immer still?“

„Ja, Sir, keine Verän- Nein, warten Sie. Sie haben soeben ihre

Schilde hochgefahren und den Antrieb aktiviert. Kurs auf den

Nebel.“

„Du bist zu nah dran, mein Lieber.“

„Sir?“

„Nichts. Geben Sie Alarmstufe Gelb. Steuer, bringen Sie uns

zwischen den Cardassianer und den Nebel. Lassen Sie es zufällig

aussehen.“

Die Offiziere wechselten irritierte Blicke. Keiner wusste, was

vor sich ging. Nechayev hatte niemanden eingewiesen, aber

das tat sie selten. Sie verlangte, dass man ihren Befehlen blind

vertraute und inzwischen hatte sich die Besatzung daran gewöhnt

ihre Anweisungen auszuführen, ohne die Hintergründe

zu kennen, also taten sie es. Die Crazy Horse schwenkte herum

und ging auf einen Kegelschnitt-Abfangkurs, wurde dann,

auf der Flugbahn der Epicon langsamer und stand schließlich

still. Die Epicon verringerte die Geschwindigkeit nicht. Nechayev

sah wieder zum Wissenschaftsoffizier. „Was machen

die?“

„Sind auf Kollisionskurs bei konstanter Geschwindigkeit. Kollision

in vierzig Sekunden.“

„Nicht weichen.“

Keller beugte sich zu Nechayev vor. Er sprach leise: „Admiral,

die Cardassianer sind hier in ihrem eigenen Raum, wir

können ihnen nicht...“

„Erreichen der Grenze in zwanzig Sekunden.“

„...vorschreiben, was sie tun sollen. Was Sie hier machen ist-“

Nechayev ging gar nicht auf ihn ein. „Steuer, Status?“

„Hält Kurs. Sollen wir auf Position bleiben?“

Keller begegnete Nechayevs Blick.

Sie sagte: „Kanal öffnen!“

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„Kanal offen.“

Nechayev nahm den Blick nicht vom Wandschirm, als sie sagte:

Epicon, hier ist die Crazy Horse. Wir raten dringend davon

ab, in den Nebel zu fliegen. Wir kartographieren ihn bereits

seit geraumer Zeit und haben am Rand der Nebelmasse

starke Vorkommen von Sirillium-Gas festgestellt, dass sich

extrem leicht entzündet. Hochexplosives Material.“

Keller und der Wissenschaftsoffizier warfen sich einen erstaunten

Blick zu. Sie hatte nichts dergleichen lokalisiert. „Sir,

wir-“

„Nicht jetzt, Keller.“

Die Antwort der Cardassianer bestand aus einem einfachen:

„Stellen sie sich uns nicht in den Weg, Sternenflotte.“

Nechayev kniff die Augen zusammen. Wenn sie es auf die

harte Tour haben wollten... Sie tippte drei mal in kurzer Folge

auf ihren Kommunikator. Niemand bekam etwas davon mit.

Die Epicon schwoll weiter an.

„Position halten.“

Keller drehte sich überrascht zu ihr um. „Sir?“

„Sie haben meinen Befehl verstanden.“

Als keine Bestätigung kam, sah Nechayev zu Keller auf. „Sie

haben meinen Befehl nicht verstanden, Commander?“

„Sir, das könnte einen kriegerischen Akt...“

„Befolgen Sie einfach meine Anweisungen. Die Epicon darf

nicht in diesen Nebel. Es ... ist zu gefährlich.“

Auf dem Wandschirm wurde die Epicon immer größer, füllte

nun das komplette Projektionsfeld aus.

„Admiral...“, sagte er gepresst.

Nechayev sah ihn nur an.

„Admiral!“

Die Epicon näherte sich weiter.

„Na schön.“, sagte Nechayev plötzlich. „Steuer, Antrieb aktivieren,

wir gehen aus ihrem Weg. So weit wie möglich. Wenn

Sie es nicht anders wollen...“

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„Aye.“

Keller lies den angehaltenen Atem zischend entweichen. Er

wandte sich vom Bildschirm ab und Nechayev zu. „Ich bin

froh, dass sie den Befehl gegeben haben, Sir.“, sagte Keller.

Hinter ihm trat die Epicon in den Rand des Nebels ein. „Der

Flug in den Nebel ist schließlich völlig ungefährlich für die

Cardassianer.“

In dem Moment platzte die Fregatte auseinander. Ein greller

Lichtblitz zuckte hinter Keller auf dem Wandschirm und im

nächsten Augenblick explodierte die Epicon in einer orangeroten

Feuerblume. Im Kontrollraum der Crazy Horse zuckten

alle zusammen, begannen nervös auf den Anzeigetafeln herumzuhacken

und der Alarm heulte los. Die Schilde wurden

hochgefahren, dennoch spürte Nechayev die Erschütterung der

Druckwelle, die das Deck leicht vibrieren lies. Sie schloss einen

Moment des Bedauerns die Augen. Als sie sie wieder öffnete,

kehrte die Härte in ihre Augen zurück. „Ich habe sie gewarnt.“,

sagte sie, während sie am verblüfften Commander

Keller vorbei und in den Turbolift trat. „Die Cardassianer hatten

ihre Chance.“ Die Türen schlossen sich hinter ihr. Der Lift

setzte sich in Bewegung und Nechayev betätigte ihren Kommunikator.

„Nechayev an Nottingham.“

„Nottingham hier.“

„Irgendwelche Probleme mit der Tarnvorrichtung des Jägers?“

„Negativ. Die Cardassianer haben meine Anwesenheit nicht

bemerkt. Ich konnte das Sirillium-Gas rechtzeitig ausstoßen

und unter dem Kreuzer entzünden.“

Nechayev nickte stumm. Sie war vorbereitet. Die Dinge waren

unter Kontrolle. Und nichts konnte sie aufhalten.

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Beliar

Beliar öffnete die Tür und sofort schwappte ihm der Geruch

des Todes entgegen. Er ging schnellen Schrittes den ganzen

Korridor entlang, zu dessen Seiten sich Gefängniszellen hinter

verrosteten Gitterstäben aneinander reihten. Die Tarkon hatten

viele Feinde. Auf diesem Stockwerk waren die Zellen leer. Ein

Überfall des anderen Lagers hatte es schon lange nicht mehr

gegeben, auch wenn es jeden Moment passieren konnte. Die

Föderierten, die in der Umgebung aufgeschnappt wurden, überlebten

in den seltensten Fällen lange genug, um die Zellen

überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Und wenn, dann überlebten

sie dort nicht lange.

Beliar verzog kaum merklich das Gesicht, als er an einer Zelle

vorbeimarschierte, in der einer dieser Uniformträger vor sich

hin verweste, noch immer an dem Pfahl hängend, an den man

ihn gefesselt hatte. Hinter Beliar folgte Theia, einem lautlosen

Schatten gleich. Er fragte: „Ist das Mädchen auf einer Ebene,

wo es nicht so stinkt?“

„Nicht so, ja.“, sagte sie. „Angenehm ist es dennoch nicht.“

Sie schnaufte. „Ich hasse diesen Scheißladen. Warum wollten

Sie, dass ich ausgerechnet hierher kommen?“

„Weil wir uns unterhalten müssen.“, antwortete Beliar.

„Das war mein Anliegen, ja.“

„Da drinnen können wir reden.“ Beliar führte sie zu einer gläsernen

Kontrollkabine. Die Gefängnisebene bestand aus vier

Korridoren, die sich alle auf einer großen Kreuzung trafen.

Die Kabine befand sich in der Mitte der Kreuzung. Die Fenster

waren zwar dreckig, dennoch konnte man sie da drin se-

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hen. Aber nicht hören. Beliar begann auf und ab zu gehen,

während Theia die Hände hinter dem Rücken verschränkte

und ihn taxierte. „Darf ich offen sprechen?“

„Das durften Sie immer, Theia.“, antwortete Beliar.

„Warum haben Sie das Kind am Leben gelassen?“

„Ich töte keine Kinder.“

„Seit wann? Sie haben es auch vorher-“

Beliar unterbrach sie. „Das war Amphion-Brut. Nichts weiter.

Und selbst dort habe ich es zu verhindern versucht, wo es nur

ging, auch wenn es nicht immer möglich war. Aber es traf nie

unschuldige Kinder, Theia. Nie.“

„Ist das Mädchen unschuldig?“

Beliar seufzte. „Die Frage habe ich mir selbst gestellt. Es ist

so: Inzwischen weiß ich nicht mehr, ob die Breen ehrlich zu

uns wahren. Welche Invasionsmacht hat schon ... Kinder bei

sich, hm?“

Theia hob eine Braue. „Interessanter Punkt. Eine unsagbar

clevere Streitmacht?“

„Oder eine unsagbar dumme.“

„Sie sind in großer Anzahl in unser Gebiet eingefallen.“

„Das sind die Breen ebenfalls.“, sagte Beliar und drehte sich

nun zu Theia um. „Schwer bewaffnet und Kampferprobt sogar.

Zugegeben, sie sind nur wenige. Zu wenige für eine Invasionsmacht.

Aber die Sache ist doch die: alle Föderierten, denen

wir bisher begegneten, waren desolutionierte Zielscheiben.

Die wenigsten haben sich gewehrt und noch weniger effektiv.

Wenn wir ihnen begegneten, versuchten sie zu reden.

Brachte das nichts, versuchten sie es mit verstecken und hatten

wir sie wieder ergriffen, wollten sie erneut reden.“ Er brummte.

„Alles was wir wissen ist folgendes: dort oben...“, er deutete

demonstrativ zur Decke. „... fand ein heftiges Gefecht statt.

Kurz darauf registrieren wir eine Explosion, die uns auf diesem

elenden Scheißplatz festsitzen lässt. Dann tauchen die

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Breen völlig aus dem Nichts auf. Materialisieren aus purer

Luft, während die Föderierten überall landen.“

„Eine Invasion.“

„So sieht es auf den ersten Blick aus. Es könnte aber auch ein

Unfall gewesen sein. Keiner von denen machte den Eindruck

etwas erobern zu wollen.“

„Wie ich bereits sagte. Sie könnten unsagbar clever sein. Eine

List. Sie stellen sich ahnungslos. Womöglich haben Sie sogar

recht, Beliar und die haben kein Interesse an uns. Wir sind

schon früher raumfahrenden Spezies begegnet, denen wir zu

unbedeutend waren.“

„Und jeder hat für diesen Frevel bezahlt.“, warf Beliar ein.

Theia sagte: „Nichts desto trotz, gibt es im All größere Imperien

als unseres, weitaus größere – so verletzend das für unseren

Stolz auch sein mag. Die haben vielleicht wirklich kein Interesse

an uns. Aber an dieser Waffe auf jeden Fall. Und die

werden sie früher oder später gegen kleinere Imperien wie unseres

einsetzen.“

„Was gleichfalls für die Breen gilt. Sie sind Monster, Theia.

Glauben Sie mir, ich weiß es. Das Böse kennt seines Gleichen.“

Beliar schüttelte den Kopf. „Welch Ironie. Wir sitzen

jahrelang auf der größten Macht, die es gibt und wissen nichts

davon. Fristen unser Dasein eingepfercht in dieser Festung,

beschäftigt mit dem Abbau irgendwelcher Mineralien.“

Theia nickte. „Um diesen Zustand zu ändern, haben wir eine

Allianz mit den Breen.“

„Allianz.“, wiederholte Beliar langsam. „Allianz ist nicht

gleich Allianz, Theia. Die hier ist zweckmäßig. Wir können

etwas besorgen, dass die Breen benötigen, die Breen können

etwas besorgen, was wir gerne hätten. Das ist keine Allianz.

Das erzwungenes Zusammenarbeiten.“

„Sollen wir das Bündnis etwa beenden?“

„Nein. Aber wer hindert die Breen daran? Seien wir ehrlich,

Theia. Sie benötigen uns nicht wirklich. Haben sie erst mal die

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Waffe, können sie uns in den Rücken fallen und sich die Dinge,

die sie brauchen, mit Gewalt beschaffen. Dann finden wir

uns in der Knechtschaft wieder, aus der wir so hart zu entkommen

gekämpft haben. Wir müssen nun wahnsinnig vorsichtig

sein. Ich würde alles für diese Waffe geben, um unseren

Clan endgültig zum Sieg über die Bloodcats zu führen.

Unsere Feinde würden dasselbe.“

„Vesta?“, runzelte Theia die Stirn. „Er weiß von nichts.“

„Nichts hindert die Föderierten daran, ihrerseits Allianzen einzugehen.

Wenn ich mit meiner Vermutung über ihren Zustand

richtig liege, dann müssen sie das sogar.“

„Das haben sie bereits.“, nickte Theia. „Die Amphion. Ist das

denn nicht Beweis genug für deren Dummheit? Die werden

sich nicht an Vesta wenden, sie können nichts wissen von unserem

Kampf mit-“

„Die Amphion sind dumm, Theia. Aber nicht so dumm.“, unterbrach

Beliar. „Sie wissen was zwischen unsern Clans vor

sich geht und werden die Föderierten längst darüber aufgeklärt

haben...“

Theia legte die Stirn kraus und taxierte Beliar, als sie ahnte,

worauf er hinauswollte. „Sie benutzen das Mädchen als Köder,

um Kontakt zu den Föderierten aufzunehmen?“ Es war

nicht zufassen. Das war totaler Wahnsinn und kühle Cleverness

zugleich.

Beliar lächelte anerkennend. „Sobald eine Seite die Waffe hat,

werden sämtliche Allianzen verfallen, Theia, und jeder steht

für sich und wir für uns.“ Er klopfte sich auf die Brust. „Wir

werden die Waffe haben! Nur müssen wir uns überlegen, welche

Bündnisse wir eingehen, um dieses Ziel zu erreichen. Die

einzige Gefahr, die von den Föderierten ausgeht, ist meines

Erachtens nach diese, dass wir nicht wissen, wie kurz sie davorstehen,

die Waffe zu finden. Erst mit ihr werden sie gefährlich.

Vorher sind sie kontrollierbar, anders als die Breen. Ich

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wette Toth Gor hat längst einen Plan uns zu vernichten, insbesondere

mich.“

„Kontrollierbar?“ Theia schüttelte den Kopf. „Sie haben heute

Morgen unseren Trupp ausgeschaltet. Unsere besten Leute.“

Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie der Verlust ihrer

Männer noch immer wurmte.

„Ein in die Enge getriebenes Tier ist stets das gefährlichste,

weil es nichts zu verlieren hat.“, sagte Beliar. „Es kann alles

riskieren. Also bieten wir ihnen etwas an, was sie verlieren

können.“

„Das Mädchen?“

„Auch. Aber hauptsächlich dasselbe, was auch die Breen wollen,

dasselbe was bald eintreffen dürfte.“

Theia schnaufte. „Wenn uns die Heimatwelt nicht längst aufgegeben

hat.“

„Das hat man nicht. Wir sind überlebenswichtig für das Imperium.“

„Die Föderierten.“, murmelte Theia nachdenklich.

Beliar nickte. „Wir haben ihren Anführer getötet. Sie sind hilflos.

Wissen nicht, was sie machen sollen. Das Mädchen werden

sie nicht im Stich lassen. Ich glaube ihr, ein Rettungstrupp

wird kommen, so aussichtslos die Lage auch sein mag. Der

neue Anführer wird hier auf der Matte erscheinen und diese ...

Shannyn. Die beiden gefährlichsten Föderierten. In jedem Falle

haben wir den Vorteil. Kooperieren sie, bekommen wir unsere

Waffe, ohne auf die Breen angewiesen zu sein. Kooperieren

sie nicht, schlagen wir der Henne den Kopf ab. Haben wir

ihre Anführer eliminiert, wird der Rest kein Problem mehr

sein und wir müssen uns nur noch Sorgen um die Breen machen.

Sie wissen also, was zu tun ist, Theia. Wenn sich föderierte

nähern, will ich sie lebend! Weisen Sie ihre Männer entsprechend

ein.“

„Was ist mit dieser Shannyn? Das Kind hat von einer Frau gesprochen.

Der letzte Funkspruch unserer Einheiten ebenfalls.

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Es muss dieselbe sein, die unseren Trupp auslöschte. Fast im

Alleingang.“

Beliar lächelte breit und legte Theia eine Hand auf die Schulter.

Sein Lächeln war schärfer als jedes Messer. „Niemand ist

geschickter im Kampf als Sie, Theia, nicht wahr? Also lege

ich diese Sache in ihre fähigen Hände. Während ich mich um

den Anführer der Gruppe kümmere und ihn auf unsere Seite

zu ziehen versuche, eliminieren Sie diese Frau klammheimlich.“

Er wandte sich zur Tür, hielt dann aber Inne und drehte sich

noch einmal um. „Theia.“, sagte er. „Dass wir uns nicht falsch

verstehen: Keine Fehler. Wir müssen vorsichtig sein, die Föderierten

könnten Überraschungen für uns bereit halten. Und

diese Waffe ... dieses Omega ... ist vielleicht die letzte Chance

unseren Clan zum Sieg über die Bloodcats zu führen. Die Geier

kreisen... Verstanden?“

„Keine Angst.“, sagte Theia. „Diese Shannyn hat ihr Todesurteil

in dem Moment unterschrieben, als sie einen Fuß auf diesen

Mond setzte!“

98


Hitze

Shannyn starb. Zumindest fühlte es sich so an. Sie schwitzte in

der erbarmungslosen Nachmittagssonne, wie ihre vier Gefährten

auch. Die Hitze war fast unerträglich und um diese Uhrzeit

glich die Mondoberfläche einem Backofen. Die Luft war trocken

und heiß und brannte in den Lungen. Shannyn war sehr

durstig, aber sie hatte es sich auf ihren Abenteuern antrainiert,

lange Zeit ohne Wasser auszukommen. Ohne Rücksicht auf

die Bedürfnisse ihres Körpers, marschierte sie mit den anderen

weiter.

Aber bis auf Ramina erwiesen sich die übrigen Mitglieder des

Rettungsteams leider als weit weniger zäh. Besonders Dike

und Dorak machte die Hitze zu schaffen. Dorak beschwerte

sich aber wenigstens nicht, ganz im Gegensatz zu Dike, der,

einem bitteren Vorwurf gleich, extra laut zu japsen schien.

Seine Anwesenheit war ihr nicht recht. Für Shannyns Geschmack

war er zu nervös und flattrig. Mit seinem Verhalten

bei der Mine, hatte er sich auch nicht besonders mit Ruhm bekleckert.

Shannyn hatte ihn gedrängt zurückzubleiben und zu warten,

während sie mit D’Agosta, Ramina und Dorak die weitere

Rettungsaktion aufnähme. Doch er hatte davon nichts hören

wollen. Er bestand darauf, er sei wieder ganz in Ordnung und

sie könnten weitermachen. Sie würden das schon irgendwie

schaffen, hatte er gemeint, dabei aber nicht besonders überzeugt

geklungen. Immerhin musste man ihm positiv anrechnen,

dass er ernsthaft versuchte, etwas positives beizutragen.

99


Dennoch war ihr klar, dass sie besonders auf ihn Acht geben

und ihn beschützen musste.

Um ihre Begleiter zu schonen, legten sie alle paar Kilometer

eine kurze Rast ein, kamen aber dennoch erstaunlich gut voran.

Den Grossteil der Strecke hatten sie bereits zurückgelegt

und die Festung, die bis auf die Türme wieder hinter einem

Hügel verschwunden war, rückte stetig näher, was auch ihre

aller Nervosität steigerte.

Vorhin hatten sie eine Gruppe Skorpione in der Entfernung erspäht,

waren von ihnen aber nicht entdeckt worden. Außerdem

war das Brüllen von Tieren hin und wieder zu hören. Dike begann

wieder zu keuchen und auch Dorak ermüdete langsam.

Sie waren schon eine ganze Weile unterwegs. Also beschloss

Shannyn an einer geeigneten, schattigen Stelle – einem Felsüberhang

-, eine erneute Pause einzulegen, um sich auszuruhen,

etwas zu essen und zu trinken. Die anderen waren dankbar

für die Verschnaufpause. Shannyn holte gerade eine Wasserflasche

aus ihrem Rucksack hervor und gab sie Dorak, der

das Wasser sehr viel nötiger hatte als sie. Er bedankte sich mit

einer leichten Verbeugung und trank zügig. Das kühle Wasser

tat enorm gut.

Shannyn öffnete den Reißverschluss ihrer staubigen Uniformjacke,

zog sie aus und trat neben Allan D’Agosta, der weder

hungrig, noch durstig war, sondern mit abwesendem Blick auf

die Tarkonfestung starrte. Er musste sich sehr zusammenreißen,

um nicht von der aufsteigenden Woge seiner Gefühle überwältigen

zu lassen. Er war selbst verletzt, hatte Schrammen

und war total fertig. Aber was spielte das jetzt für eine Rolle?

Er hatte seine einzige Tochter an die Tarkon verloren – gerade

jetzt, wo er die Dinge – vor allem mit ihr - wieder in Ordnung

hatte bringen wollen, um Missverständnisse der vergangenen

Jahre aus der Welt zu bringen und auf der Erde neu anzufangen.

Sie war von klein auf in Raumschiffen oder auf der Erde

aufgewachsen. Ihr waren die restlichen Welten im Universum

100


unbekannt, erst recht die Gefahren und Brutalität, die man dort

vorfinden konnte. Was wusste sie schon von solch einer Hölle?

Sie war ihr ebenso fremd, wie sie Allan fremd war. Und

nun war sie völlig allein.

Er machte sich Vorwürfe, nicht genug auf Judy achtgegeben

zu haben. In seinen Augen standen Tränen. Sie brannten. Um

sie herum war Staub und Sand in der Luft. Die Sonne knallte

gnadenlos herunter. Aber das war ihm egal. „Ich muss sie retten.“,

sagte er.

Shannyn versuchte ihm Mut zu machen. Sie legte D’Agosta

eine Hand auf die Schulter. „Das werden wir.“

Ohne den Blick von den Türmen zu nehmen, fragte er: „Was

haben Sie vor? Was sollen wir tun, wenn wir dort? Wie sieht

der Plan aus?“

„Weiß ich nicht genau.“, sagte Shannyn ehrlich. „Wir improvisieren,

lassen es auf uns zukommen.“

„Wir lassen es einfach auf uns zukommen?“

„Auch wenn ich nicht viel von solchen Dingen halte, so habe

ich im Laufe meines Lebens doch gelernt, mich auf das

Schicksal zu verlassen. Uns wird sich eine Möglichkeit offenbaren,

da bin ich sicher.“

„Hm. Haben Sie so etwas schon einmal gemacht?“

„Eine Hochburg infiltriert? Ja. Mehr als einmal sogar.“

„Hat wohl immer geklappt, wie?“

Shannyn verzog das Gesicht bei der Erinnerung an ihren katastrophalen

Versuch die Tugra zu unterwandern. Oder den

Heimatplaneten der Isanza, den vor ihr noch nie jemand gesehen

hatte. Jedenfalls war nie jemand zurückgekehrt, um davon

zu berichten.

„Mehr oder weniger.“, gestand sie.

„Aber Sie leben noch.“, stellte D’Agosta fest. „Ist doch so. Sie

haben es immer überstanden. Wie ... wie hoch schätzen Sie die

Chance, dass wir das hier schaffen?“

101


Shannyn konnte verstehen, dass er Angst hatte. Sie alle hatten

Angst. Tatsächlich sahen die anderen aufmerksam zu den beiden

herüber. Offenbar versuchten sie herauszubekommen, wie

die Dinge standen. Seit dem Anblick der Festung waren sie alle

entmutigt. Sie hatten etwas anderes erwartet. Etwas weniger

entmutigendes, etwas weniger bedrohliches.

„Wir schaffen’s.“, sagte Shannyn fest. „Wir schaffen das auf

alle Fälle.“

D’Agosta nickte langsam. Er sah wieder zur Festung herüber

und eine Weile schwiegen sie. „Judy hält große Stücke auf sie,

Shannyn.“, sagte er anschließend. „Sie glaubt es sofort, wenn

Sie so etwas sagen. Sie vertraut ihnen. Und ich ... ich vertraue

ihnen auch.“

Shannyn nickte nur. Nun versprachen die Dinge deutlich

komplizierter werden, denn von jetzt an würde sie aktiver ins

Geschehen rücken und musste dementsprechend höllisch aufpassen.

Aber wie weit konnte sie gehen, was durfte sie tun und

was nicht? Erfüllen Sie einfach ihr Schicksal, hatte Ducane

gesagt. Shannyn wünschte sich, wenigstens er wäre präziser

gewesen.

Aber sie war entschlossen. Sie führte Allan D’Agosta schon

zu Judy. Und dann, im richtigen Moment, würde sie handeln

und beide dort rausholen. Sie musste Vater und Tochter beschützen

und die ultimative Katastrophe verhindern, egal was

aus ihr selbst wurde. So war die Lage.

102


Nechayev

Die Explosion war heftig. Der gesamte Boden erbebte, Sand

rieselte die Anhöhe herab, hinter der sich Nechayev und Smith

in Sicherheit gebracht hatten. Langsam öffnete Smith die Augen.

Sie drehte den Kopf. Neben ihr hatte sich Nechayev gegen

den Boden gepresst, drückte ihre Hände auf die Ohren und

begegnete ihrem Blick. Dann sah die Admiralin zu Nottingham

auf. Der schwarzgekleidete Mann hatte sich nicht versteckt.

Er stand kerzengrade am Rand der Anhöhe, wartete ein

paar Sekunden. Lauschte. Dann gab er Nechayev das OK-

Zeichen und verschwand auf der Anhöhe. Nechayev lies ihre

Ohren frei und kletterte zurück nach oben. Smith folgte ihrem

Beispiel.

Eine Rauchsäule stieg in die Luft, verwehte aber schnell im

Wind, bis die Sicht klar wurde. Die Luke war offen. Nottinghams

Sprengsätzen hatte das Material nicht standhalten können.

Ein großes Loch klaffte in der Mitte der Luke. Das Glas

war zersplittert. Nottingham beugte sich über den Rand und

sah hinab. „Die Öffnung ist groß genug. Je eine Person passt

hindurch.“

Nechayev klopfte ihm auf den Rücken. „Ausgezeichnet. Holen

Sie nun die Lampen.“

Während Nottingham zum Jeep zurückeilte, beugten sich die

beiden Frauen über die Öffnung. Es war offenbar ein Tunnel,

der kerzengerade nach unten führte. Mehrere hundert Meter.

Möglicherweise mehr. Über eine silberne Leiter gelangte man

nach unten. Sie war schmutzig, die Chromgriffe von Korrosion

gesprenkelt. Aber in all dem Staub, dem Unrat und den

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welken Blättern, die irgendwie hineingeraten waren, war ganz

unten etwas zu erkennen.

„Dort unten ist Licht.“, stellte Smith stirnrunzelnd fest.

„Ja.“, sagte Nechayev. „Was schätzen Sie, wie tief ist es?“

„Bin mir nicht sicher. Ein paar hundert Meter vielleicht.“

„Denke ich auch.“

„Ob uns dort jemand erwartet?“

Nechayev schüttelte den Kopf. „Hier war schon ewig niemand

mehr. Ian?“

Nottingham kehrte gerade zurück und reichte den beiden

Frauen die Lampen. Eine behielt er selbst.

„Energiezellen geladen?“

„Alles geladen.“

„Gut. Wir brauchen nur zwei Lampen. Sie bleiben hier.“

Nottingham setzte zu einer Erwiderung an. „Admiral-“

„Vertrauen Sie mir einfach, Ian. Jemand muss den Eingang

bewachen.“

Damit war die Sache für Nottingham erledigt. Er stellte sich

breitbeinig vor der Luke auf und verschränkte die Hände vor

der kräftigen Brust. Smith war nicht davon begeistert, dass er

zurückblieb. Sie mochte ihn nicht. Nottingham war ihr unheimlich.

Aber er war kräftig und auf fast alles gefeit. Außerdem

trug er im Gegensatz zu ihr eine Waffe. Nein, Smith gefiel

die Sache nicht, sie behielt ihren Einwand jedoch für sich.

„Können wir?“, fragte Nechayev und stieg im nächsten Moment

bereits die Leiter herab. Ins Dunkel. Smith folgte.

An der Tür stand zu lesen KONFERENZRAUM BETA und

darunter in roten Buchstaben: ZUTRITT NUR FÜR

BEFUGTE. Dahinter lag ein schlichter Besprechungsraum

mit einem breiten Bildschirm an der Stirnseite, einer Föderationsflagge

an der anderen und einem schwarzen Konferenztisch

dazwischen. Er wurde selten genutzt, die Stabsbespre-

104


chungen der Führungsoffiziere der USS Crazy Horse fanden

immer in Raum Alpha statt, zu dem fast jeder Zugang hatte.

Nicht jedoch zu diesem. Was hier besprochen wurde, wirkte

sich meist auf die Zukunft des ganzen Quadranten aus. Heute

war so ein Tag. Als Nechayev mit Nottingham den Raum betreten

hatte, stand Gul Lemec bereits wartend am Tischende.

Er war äußerst wütend, hatte seine zwei Begleiter – einen

Soldaten namens Manchek und einen gewissen Glinn Dorak –

nur flüchtig vorgestellt und sofort mit den typisch cardassianischen

Drohgebärden begonnen. „Ihre aggressive Handlung

gegen den Kreuzer Epicon ist inakzeptabel und wird von der

cardassianischen Union nicht toleriert!“, bellte er. Um seine

Worte zu unterstreichen, knallte er den Bericht, den Nechayev

ihm gegeben hatte, auf den Konferenztisch. „Ihre Ausflüchte

kaufen wir ihnen nicht ab!“

Nechayev faltete die Hände auf dem Konferenztisch zusammen

und lehnte sich am Kopfende vor. „Verzeihen Sie, Gul

Lemec.“, sagte sie in einem unnachgiebigen Tonfall. „Vielleicht

habe ich mich unverständlich ausgedrückt. Die Aufzeichnungen

bestätigen eindeutig, dass die Crazy Horse

nichts, aber auch rein gar nichts, mit der Zerstörung ihres

Schiffes zu tun hatte. Unsere Phaserbänke wurden seit drei

Monaten nicht mehr eingesetzt und die Bestandsliste der Torpedos

ist unverändert. Das sind Fakten, Gul Lemec! Die können

selbst Sie nicht einfach ignorieren.“

Lemec, der es bisher vorgezogen hatte zu stehen, stützte sich

mit den Handrücken auf der Tischplatte ab und lehnte sich

Nechayev gegenüber vor. „Und wie erklären Sie dann die

Zerstörung unseres Schiffes?“, fragte er spitz. „Wie erklären

Sie den Verlust von fast fünfhundert cardassianischen Offizieren?

Hm, Admiral?“

Sein Blick war durchdringend, aber Nechayev hielt ihm problemlos

stand. Sie sagte schulterzuckend: „Ein Unfall. Womöglich

haben sie beim Eintritt in den Nebel das enthaltene

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Sirillium-Gas entzündet. Wir sind ebenso ratlos wie Sie.“

„Ein Unfall? Ist das also alles, was die Föderation dazu zu sagen

hat? Ein Unfall?“

„Die Föderation bedauert ihren Verlust zutiefst, Lemec, aber

eine Aufklärung dieses Unglück betreffend ist nicht unsere

Aufgabe. Ohne triftige Beweise – und die werden sie nicht

liefern können -, werden wir nicht die Schuld für etwas übernehmen,

das wir nicht getan haben.“

Lemec neigte den Kopf und zog die Stirn kraus. „Triftige

Beweise?“, wiederholte er. Es klang, als könne er nicht glauben,

was er da gerade gehört hatte. „Die Epicon wurde zerstört,

obwohl sie in technisch einwandfreiem Zustand war. Sirillium

Gas wurde von uns nirgends festgestellt. Und das einzige

Schiff innerhalb von drei Lichtjahren war ihr Schiff,

Admiral. Ein schwerbewaffnetes noch dazu.“

„Nein. Nein, nein.“, schüttelte Nechayev den energisch Kopf.

„Unser Aufenthalt in diesem Sektor wurde von ihrer Regierung

genehmigt, Lemec. Wir haben die Erlaubnis zu dieser

wissenschaftlichen Mission. Wenn ihre Schiffe uns dabei über

die Schulter zu sehen versuchen und dabei einen ... Unfall ...

erleiden, dann ist das nicht unsere Schuld.“

„Also, das ist doch wohl-“

Ihr Tonfall wurde schärfer. „Ihre Regierung hat diese Mission

als Zeichen ihres guten Willens und der Versöhnung genehmigt,

Lemec, vergessen Sie das niemals! Denn wir werden ihren

hinterhältigen Versuch, Minos Korva zu übernehmen,

ganz sicher nicht vergessen.“

Die Temperatur im Konferenzraum fiel schlagartig um mehrere

hundert Grad, die Atmosphäre wurde schneidend. Nechayev

fuhr unbeirrt fort: „Ebenso wenig wie die Folter von

Captain Jean-Luc Picard und die empfangene Transmission

während dem Angriff auf eine unserer Minenstationen am

Rande unseres Raumes, die für eine cardassianische Involvierung

spricht. Sie sind es, der Erklärungen abgeben sollten,

106


Lemec, nicht wir.“

Lemec tauschte einen Blick mit seinen beiden Begleitern.

Dann baute er sich herausfordernd vor Nechayev auf und

stemmte die Hände in die Hüften. „Ich habe eine Empfehlung

an meine Regierung weitergeleitet.“, sagte er. „Die Empfehlung

die Notwendigkeit ihrer Anwesenheit in unserem Raum,

zur Erforschung interstellarer Phänomene, umgehen zu prüfen.

Ich bin sicher, Sie werden bald neue Instruktionen erhalten,

Admiral Nechayev. In jedem Fall sind Sie hier nicht mehr

willkommen und solange Sie uns nicht beweisen können, dass

Sie die Epicon nicht zerstörten, werden wir davon ausgehen,

dass sie es getan haben.“ Er legte eine deutliche Pause ein,

ehe er hinzufügte: „Es ist die einzige Vorgehensweise, die die

vorliegenden Fakten verlangen.“

Nechayev warf einen kurzen Seitenblick zu Nottingham. Sie

wusste genau, dass Lemec sie einzuschüchtern versuchte und

sie kannte ebenso wie Lemec die Wahrheit. Nur konnte er ihr

nichts beweisen und Nechayev wusste, dass sie keine Schwäche

zeigen durfte. Das würde sie auch nicht. Sicher nicht. Sie

wusste, wie sie mit Cardassianern umzugehen hatte. Dann

sagte sie wieder an Lemec gerichtet: „Sie und ich, wir wandeln

beide auf einem schmalen Grad, Lemec. Aber ich kann

ihnen garantieren, dass Sie auf ihrem sehr viel mehr zu verlieren

haben, als die Föderation es je könnte. Die cardassianische

Nation liegt am Boden - dort haben sie sich selbst hinbefördert.

Und glauben Sie mir, sie möchten keinen Feind haben,

der sie im Versuch aufzustehen, wieder zu Boden befördert.“

Lemec starrte sie an. Seine Augen durchbohrten sie. Aber Nechayev

hielt ihnen noch immer problemlos stand und starrte

zurück. Sie spürte, wie Wellen von Hass und Zorn von diesem

Mann über ihr hinfluteten. Aber sie war entschlossen, sich

nicht von diesem Blick niedermachen zu lassen. Lemec sollte

in diesem Kampf der Willensstärke nicht Sieger bleiben. Er

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hatte eine würdige Gegnerin gefunden und unterlag. Als er

sprach, war seine Stimme bedrohlich und leise. „Eines Tages

werden wir Allianzen schließen, Admiral Nechayev. Allianzen,

vor denen auch die Föderation erzittern wird. Und wenn

wir ihre Welten in die Knie zwingen, wünsche ich, dass Sie,

Nechayev, sich an diesen Sieg heute erinnern. Denn es wird

ihr letzter gewesen sein.“

„Soll ich ihren Worten entnehmen, dass sich unsere Welten in

Kürze im Krieg befinden werden?“

„Das, Admiral“, richtete Lemec einen Finger auf Nechayev.

„hängt ganz alleine von ihnen ab. Ganz alleine.“ Er musterte

sie noch einmal. Dann gab er seinen Männern ein knappes

Zeichen, dass sie ihm folgen sollten und verließ den Konferenzraum.

Als sie gegangen waren, blieb Nechayev noch eine Weile sitzen

und starrte auf die Föderationsflagge an der Wand. Sie

wusste, Lemec hatte nicht nur leere Drohungen ausgestoßen,

sondern teilweise die Wahrheit gesagt. Noch konnte die Föderation

die Cardassianer und auch alle anderen Konkurrenten

im Schach halten. Aber die Zeiten würden sich ändern, wenn

Leute wie Nechayev nicht acht gaben und Vorsorgen trafen.

Sobald einer von ihnen – die Föderation, oder die Cardassianer

- eine Schwäche, ein minimales Schlupfloch preis gab,

wären ihre beiden Welten Feinde und im Krieg. Und dieser

Moment würde so oder so irgendwann kommen. Lemec wusste

das und Nechayev ebenso. Also manövrierten, täuschten

und betrogen sie so lange, bis eine Seite die Oberhand gewinnen

und das unvermeidliche kommen würde. Und Nechayev

hatte nicht vor in diesem, ihrem galaktischen Schachspiel

matt zu gehen.

Nach einer Weile drehte sie sich langsam zu Nottingham.

„Ian, behalten sie Lemecs Schiff im Auge. Sobald sie sich außer

Sensorreichweite befinden, machen sie ein Runabout zur

Forschungseinrichtung klar. Jetzt müssen wir handeln.“

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Judy

Judy rüttelte ein letztes Mal an den rostigen Gittestäben ihrer

Zelle, dann gab sie es mit einem frustrierten Ausruf endgültig

auf. „Pervo!“

Hier kam sie nicht mehr raus. Niemals. Es war zum verzweifeln,

aber Judy wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Shannyn

würde kommen und sie rausholen. Es war nicht unmöglich.

Shannyn schaffte alles! Bis dahin musste Judy sich wohl damit

abfinden, in Schwierigkeiten zu stecken. Man hatte sie und

Athol in einen T-Förmigen Gefängnistrakt geführt und nun

saßen beide in einer kleinen, muffigen Kammer, deren Stahlwände

keine Schwachstellen aufwiesen.

Durch das vergitterte Fenster an der Rück- und Außenwand

drangen die Strahlen der Abendsonne ein und tauchten die

Zelle in ein sanftes Orange. Außer ihnen beiden hielt sich

sonst offenbar niemand auf diesem Stockwerk auf. Jedenfalls

hatte Judy vorhin, als sie hergebracht worden waren, nur leere

Zellen gesehen. Nun konnte sie nicht einmal mehr die Wachen

erspähen. Weder in der Kontrollkammer in der Mitte, noch in

den Gängen.

Vielleicht waren die Tarkon so sehr von sich selbst und der

Ausbruchsicherheit der Zelle überzeugt, dass sie es nicht für

notwendig hielten, ihre Gefangenen zu bewachen. Aber Judy

vermutete eher, dass sich hier niemand aufhalten wollte, weil

es fürchterlich stank. Ein saurer, beißender Geruch, den sie

nicht recht einordnen konnte.

Einfach fürchterlich!

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Judy seufzte und drehte sich von den Gitterstäben weg. Athol

saß reglos in der Mitte der Zelle, auf dem mit Stroh ausgefüllten

Boden und lehnte gegen einen Pfahl, der fast bis unter die

Decke ging. Man hatte seine Hände hinter diesem Pfahl mit

Handschellen gefesselt. Seine Bewegungsfreiheit war arg eingeschränkt,

mehr als sich hinstellen oder setzen, konnte er

nicht.

Athol starrte besorgt vor sich hin, auf einen Fixpunkt, der

nicht im Hier und Jetzt existierte. Nach einer Weile bemerkte

er Judys unsicheren Blick auf sich ruhen, sah aber nicht auf,

als er sagte: „Es war sehr dumm von dir, zu bleiben.“

Judy schien gekränkt. „Glaubst du etwa ich würde dich im

Stich lassen?“

„Es wäre das beste gewesen. Du hättest gehen sollen, Judy. Du

hättest gehen sollen, als du die Chance dazu hattest.“

Er sah sie noch immer nicht an. Judy glaubte zu wissen warum

und sie konnte es ihm nicht verübeln. Traurig sagte sie: „Nicht

nach dem, was passiert ist.“ Sie suchte nach den passenden

Worten. „Athol ... das wegen Canthar tut mir sehr, sehr leid.

Ehrlich. Ich konnte das doch nicht wissen. Du bist jetzt sicher

wütend auf mich und-“

Nun begegnete Athol ihrem Blick erstmals. Er runzelte die

Stirn und war sehr ernst, als er sprach. „Du musst dich nicht

entschuldigen, Judy. Ich bin nicht wütend. Wir Amphion würden

ohne zu zögern unser Leben für dich geben und es wäre

eine Ehre.“

Für Judy klang das nicht, nach einer leeren Phrase. Im Gegenteil

sogar. Athol sagte das mit einer Intensität, die ihr einen

kalten Schauer den Rücken runterjagte. Es war ihr unbegreiflich.

Selbst jetzt, nach dem Tode Canthars schien sie Athols

einzige Sorge zu sein. Was war mit diesen Typen nur los? Sie

sahen aus wie Ringer, hatten aber das Gemüt eines getretenen

Pudels und legten ihr gegenüber eine außergewöhnliche Treue

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an den Tag, die ihr plötzlich sehr merkwürdig vor kam. Da

musste doch mehr dahinterstecken.

Judy ging vor Athol in die Hocke und blickte ihm angestrengt

in die dunklen Augen. „Wieso?“, fragte sie nur. „Wieso macht

ihr das?“

„Du bist etwas besonders.“

„Etwas ... besonderes?“

Ahol nickte. „Du wirst großes vollbringen, Judy. Ich weiß es.“

Judy runzelte die Stirn. „Großes? Athol, rede keinen Blödsinn.

Irgendwas stimmt nicht. Ihr haltet mich nicht einfach für Beschützenswert,

bloß weil ich ein Kind bin und ihr keine bekommen

dürft, nicht wahr? Da ist noch was anderes. Ich will

jetzt wissen was!“

Athol reagierte nicht. Aber sein Schweigen war Antwort genug.

Judy seufzte schwer. Die Dinge wurden immer verwirrender.

Allmählich war sie es leid. Sie wollte Antworten. „Sag

schon.“, drängte sie. „Raus mit der Sprache!“

Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Athol berichtete. Erst sah er

demonstrativ nach links, dann nach rechts und dann beugte er

sich verschwörerisch zu Judy vor, als würde er ihr nun ein ungeheuer

wichtiges Geheimnis anvertrauen wollen, von dem

nur sehr wenige wussten und plötzlich war sich Judy nicht

mehr sicher, ob sie dazugehören wollte.

„Es gibt eine Legende bei den Amphion.“, erklärte Athol. „Eine

uralte Weissagung, die von Generation zu Generation weitergegeben

wird. Sie handelt von einer Heiligen – einer jungen

Heiligen -, die unser geschundenes Volk aus der Knechtschaft

einer brutalen Führerschaft befreit und ihm den tausendjährigen

Frieden bringt.“

Judy lachte höhnisch „Wunschdenken.“, sagte sie leichthin

und begriff erst im nächsten Moment, dass Athol nicht gescherzt

hatte. Er meinte es sogar absolut ernst, was seinem

nachdrucksvollen Gesichtsausdruck zweifelsfrei abzulesen

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war. Und plötzlich verstand Judy, was er da gerade geäußert

hatte.

„Du scherzt doch, oder? Sag mir, dass du nur Witze machst.

Um mich aufzuheitern, oder so.“

Athol verneinte mit einem trägen Kopfschütteln.

Judy neigte skeptisch den Kopf. „Und diese ... heilige Figur ...

soll ich sein?“ Sie glaubte kein Wort.

Athol beugte sich etwas näher zu ihr vor, gerade so weit, wie

es die Handschellen hinter dem Pfahl zuließen. „Der Weissagung

zufolge fällt sie von den Sternen. Ein Blitz am Himmel

und grollender Donner werden ihre Ankunft verkünden. Sie ist

gutherzig, jung - jünger als alle anderen. Und sie wird nicht

von unserem Volk sein.“

Judy starrte ihn lange an. „Du glaubst diesen Humbug doch

nicht etwa?“

„Was ich glaube oder nicht, spielt keine Rolle.“, antwortete

Athol ernst. „Die Amphion glauben es und nur das ist wichtig.

Ob die Weissagung nun wahr ist oder nicht – sie ist die letzte

Hoffnung meinem Volk neue Entschlossenheit zu spenden und

sich selbst nicht aufzugeben. Du bist unsere letzte Hoffnung,

Judy D’Agosta.“

Athol sah sie durchdringend an, prüfte ihre Reaktion. Judy

glaubte in seinen Augen so etwas wie Wahn zu sehen und das

machte ihr Angst. Mehr, als alles andere machte ihr das Angst.

Unsicher, was sie sagen, was sie denken sollte, stand sie auf,

stopfte die Hände in die Jackentaschen und trat ein paar

Schritte von ihm weg, bis sie mit dem Rücken an die kalte

Rückwand stieß. Judy drehte den Kopf und sah durch das

Fenster nach draußen. Sie wünschte Shannyn würde endlich

kommen.

112


Hitze

Die Gruppe war nur noch wenige Kilometer von der Festung

entfernt. D’Agosta schlug wuchernde Feuerkrautwedel beiseite

und schloss zu Shannyn auf, die gerade in die Hocke ging.

Als sie ihn hinter sich bemerkte, zeigte sie auf den Boden.

Dort waren frische Abdrücke zu sehen, die D’Agosta nie im

Leben aufgefallen wären, Shannyn aber offenbar nicht entgangen

waren. Der Form und dem Muster des ersten Abdrucks

nach zu urteilen, war hier jemand mit Stiefeln vorbeigekommen.

„Spuren?“, fragte D’Agosta und beugte sich vor, um die Fährte

genauer in Augenschein zu nehmen. Shannyn sagte nichts

und suchte die Umgebung mit den Augen ab.

„Vielleicht von einem Tarkon?“

Shannyn schwieg weiter.

D’Agosta drehte den Kopf und sah zu den anderen, die hinter

ihnen stehen geblieben waren und zuckte mit den Schultern.

Sie tauschten Blicke.

„Nicht nur von einem.“, sagte Shannyn plötzlich. „Sehen Sie

sich das an.“ Sie deutete auf eine andere Stelle im Boden. Dort

befanden sich zahlreiche Eindrücke nebeneinander. „Das waren

mehrere. Ein ganzer Trupp. Abdrücke finden sich überall

in diesem Gebiet hier. Ich sehe sie schon eine ganze Weile. Je

näher wir kommen, desto mehr werden es. Und sie sind alle

frisch, nur ein paar Stunden alt. Höchstens.“

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Dike misstrauisch.

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„Das bedeutet.“, sagte Shannyn. „Dass die Tarkon in der Gegend

herumschleichen. Sie suchen etwas. Oder besser gesagt

jemanden. Und raten Sie mal wen.“

„Etwa uns?“ Dike machte große Augen.

Shannyn nickte. Sie stand auf. „Genau so ist es. So wie es aussieht

wissen sie, dass wir kommen.“

„Das ist nicht gut.“, sagte D’Agosta mit einem Blick auf die

Festung. Sie kamen immer näher und bald würden sie aus dem

Unterholz treten. Dann hatten sie keine Deckung mehr. Und

noch immer keinen Plan. „Was tun wir jetzt?“

„Wir gehen weiter.“, sagte Shannyn. „Wir kommen schon in

die Festung.“ Es gab keinen Zweifel, dass sie davon überzeugt

war.

Dike war es nicht. Überhaupt nicht. „Das ist Wahnsinn!“, sagte

er energisch. „Die Tarkon werden uns geradewegs über den

Haufen schießen, sobald sie uns sehen. Wenn hier so viele von

denen rumstreunen, sollten-“

Shannyn schüttelte den Kopf. „Jetzt, wo wir von ihnen wissen,

können wir uns den größeren Tarkontrupps problemlos entziehen.“

„Und den kleineren?“, fragte Ramina stirnrunzelnd. Sie ahnte,

dass Shannyn auf etwas bestimmtes hinaus wollte. Shannyn

begegnete ihrem misstrauischen Blick. „Den kleineren können

wir auflauern. Vielleicht gelingt es uns, ein paar Leute zu überwältigen

und können ihre Kleidung verwenden, um in die

Festung zu kommen.“

„Wie ein trojanisches Pferd.“, erkannte D’Agosta stirnrunzelnd.

„Könnte klappen.“ Er klang nicht überzeugt.

„Zumindest für Sie, Dike und mich.“, nickte Shannyn. „Oder

wir könnten Informationen aus ihnen herausbekommen. Ich

weiß auch nicht. Uns wird was einfallen, wenn’s so weit ist.

Na los, weiter.“ Sie setzte sich wieder in Bewegung und ging

voraus, ohne nachzusehen, ob die anderen ihr folgten. Trojanisches

Pferd, dachte D’Agosta. Die Vorstellung, sich in die

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Festung zu schleichen und zu versuchen Judy auf diese Art

rauszuholen, begeisterte ihn nicht sonderlich. Das würden sie

unmöglich schaffen. Shannyn vielleicht. Möglicherweise auch

Ramina. Aber er und Dike? Nein, sicher nicht. Und die zahlreichen

Toten, die diese Vorgehensweise wieder kosten würde...

Nein! Es musste einen anderen Weg geben, eine andere

Möglichkeit. Vielleicht, wenn-

„Kommt schon.“, rief Shannyn.

D’Agosta atmete tief ein und folgte ihr. Die andere zögerten

noch einen Moment. Dann setzten auch Ramina und Dorak

den Weg fort.

Der letzte war Dike. Unschlüssig darüber, ob er bei dieser

dämlichen Aktion überhaupt mitmachen wollte, sah er ihnen

nach, dann dorthin, von wo sie hergekommen waren und anschließend

wieder zu den anderen, die sich schon ein gutes

Stück entfernt hatten. Sie ließen ihn tatsächlich allein! Er

wollte nicht allein sein. Nicht hier und auch nicht auf dem

Rückweg. Er hatte Angst alleine. Also gab er ein verzweifeltes

Stöhnen von sich, rief „wartet!“ und rannte schnell den anderen

hinterher.

Die nächsten Minuten wanderten sie schweigend und geduckt

auf die Festung zu, von einer felsigen Deckung zur anderen.

Der Feuerkrautbewuchs wurde lichter, je näher sie kamen und

auch die baumartigen Zykadophyten wuchsen jetzt immer

breiter auseinander. Das Felsgebiet erstreckte sich hier noch

ein gutes Stück. Dahinter folgte eine Farnwiese und anschließend

gab es nichts, als Trockenwüste und die Festung. Dort

erspähten sie keine Suchttrupps und keine guten Deckungsmöglichkeiten,

also bewegte sich die Gruppe unter Shannyns

Führung wieder zwischen die schützenden Felsen zurück und

in eine andere Richtung auf die Festung zu. Die Umgebung

war still, nur der Wind wehte laut. Minuten vergingen.

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Auf einmal hörten sie das Brummen einer Jagdmaschine. Es

kam aus der Richtung der Festung. Shannyn duckte sich sofort

unter eine Reihe hoher Zykadophyten und die anderen folgten

ihrem Beispiel. Sie warteten, nach oben spähend. Wenige Augenblicke

später donnerten zwei Jäger über sie hinweg. Shannyn

konnte deutlich das Zeichen des Skorpions an deren Hüllen

ausmachen. Sie warf den abziehenden Jägern einen schiefen

Blick nach. „Von den Tarkon.“, sagte sie. „Die suchen

uns.“

Die Jäger verschwanden ebenso schnell in der Ferne, wie sie

erschienen waren. Die Gruppe zog schweigend weiter. Kurz

vor einer Lichtung, hörte Shannyn etwas. Sie blieb abrupt stehen

und gab den anderen mit einem schnellen Wink ein Zeichen.

D’Agosta und die anderen reagierten sofort – sie tauchten

unter eine Gruppe hoher Felsen und sahen, in die Richtung

in die Shannyn deutete. Sie hielt einen Finger vor die Lippen

und bedeutete allen ruhig zu sein. Die Atmosphäre war angespannt,

Dike wusste nicht wieso. Er hatte nichts gehört. Shannyn

saß mit Ramina am Rand des Felsens und fasste das Umland

ins Auge. Als sich nach zwei Minuten noch immer nichts

rührte, wurde Dike, der hinter Shannyn hockte, ungeduldig.

„Was haben Sie-“

Shannyn legte ihm grob die Hand auf den Mund. Sie wies auf

die Lichtung und bildete mit den Lippen ein Wort: Tarkon.

Dike öffnete die Augen weit. Shannyn nahm ihre Hand fort.

Sie alle sahen zu der Lichtung herüber. Immer noch rührte

sich nichts. D’Agosta machte mit dem Arm eine kreisförmige

Bewegung und deutete damit an, ob sie um die Lichtung herumgehen

und nachsehen sollten. Shannyn schüttelte den Kopf

und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, er solle sich

wieder ducken.

Sie sah Ramina fragend an und wies auf Dike, der sich ins hohe

Farngras zurückgezogen hatte und große Augen machte.

Shannyn schien zu befürchten, dass er ein Geräusch verursa-

116


chen könnte. Ramina machte ihm ein Zeichen, sie würde ihm

den Hals umdrehen, wenn er sich nicht ruhig verhielt. Es war

unnötig, Dike rührte sich nicht mehr. Er hatte verstanden und

warf misstrauische Blicke zur Lichtung hinüber. Noch immer

rührte sich dort nichts. Sie lauschten dem Quieken kleiner Käfer

in der heißen Nachmittagssonne und warteten. Dann drang

plötzlich das Geräusch marschierender Stiefel irgendwo hinter

der Lichtung zu ihnen. Sie wurden lauter. Shannyn und Ramina

tauschten Blicke. Die Orionerin zog ihren Phaser vom Gürtel,

während Shannyn ihre Schwerklinge so mit der Hand bedeckte,

das beim Herausziehen das metallische Geräusch gedämpft

wurde.

Das Geräusch wurde lauter. Shannyn warf einen Blick zu Dorak,

aber er sah nicht in ihre Richtung. D’Agosta und Dike

blieben hinter den dreien. Sie wussten, dass sie keine Kämpfer

waren und wollten nicht im Weg stehen. Shannyn blickte wieder

nach vorn. Sie alle starrten auf die Lichtung und warteten.

Und dann traten schließlich die Tarkon durch die Felsen und

ins Sonnenlicht. Shannyn zählte zwölf hochgewachsene, muskulöse,

mit schweren Gewehren bewaffnete Männer. Lange

Messer baumelten an ihren Waffengürteln. Allein das verlieh

ihnen ein bedrohliches Aussehen. Es waren zu viele!

Einfach zu viele!

Shannyn musste davon ausgehen, dass nur sie selbst, Ramina

und Dorak etwas ausrichten konnten. Drei gegen zwölf. Nein,

das Risiko war zu groß. Sie teilte den anderen durch schnelle

Handzeichen und Kopfschütteln mit, dass sie nicht angreifen

würden. Sie mussten auf einen anderen Trupp warten. Sie zog

sich in hinter die Deckung zurück und zwängten sich zusammen,

so dass man sie nicht sehen konnte. Die Tarkon hatten

ihre Anwesenheit nicht bemerkt. Sie marschierten einige Meter

an ihnen vorbei.

Nun konnte man nur noch ihre bulligen Köpfe sehen, die sich

immer wieder sichernd umwandten. Shannyn befeuchtete ihre

117


Lippen und drehte den Kopf. Die Gruppe machte keinen

Mucks. Aber sie sah etwas in Raminas Augen aufblitzen, von

dem sie sich nicht sicher war, worum es sich handelte. Wut?

Shannyn befürchtete, dass Ramina nun durchdrehte, aber das

war nicht der Fall. Sie verhielt sich still. Nicht einmal Dike bereitete

Probleme. Es war D’Agosta, der sie alle in den Untergang

stürzte. Sie hörte ihn auf einmal flüstern: „Bleibt hier,

ich versuche es alleine.“

Und dann musste sie entsetzt mit ansehen, wie er aufgestanden

war und gerade mit erhobenen Händen hinter dem Fels vor

und auf den Tarkontrupp zutrat. „Ich möchte zu ihrem Anführer

gebracht werden.“, rief er.

Die Tarkon sofort zu ihm wirbelten herum. Shannyn unterdrückte

ein Stöhnen und schloss für den Bruchteil einer Sekunde

die Augen. War das die Dummheit, von der in den Berichten

die Rede war? War es das? Sie hätte es ahnen müssen.

D’Agosta wollte ohne Gewalt in die Festung kommen, wollte

einfach zu Judy. Nun galt es zu reagieren. Sie würde ihn nicht

alleine lassen. Shannyn zog ihr Schwert.

„Blöder Trottel!“, brüllte Ramina und versuchte D’Agosta zurück

in Deckung zu ziehen, aber es war bereits zu spät, die

Tarkon hatten sie längst entdeckt. Alles geschah schneller, als

sie erwartet hätte. Shannyn hörte gebellte Befehle und die

Tarkon in ihre Richtung laufen. Sie kamen direkt auf sie zu!

Ein ganzer Trupp. Schwer bewaffnet. Und in diesem Augenblick

rannte Dike los. Er wimmerte und floh rasend schnell,

Hals über Kopf zurück ins Dickicht.

Ramina rief ihm „Feigling!“ hinterher und wirbelte dann mit

gezücktem Phaser zu den Angreifern herum. Sie wollte das

Feuer eröffnen, aber Shannyn stieß sie beiseite, in Deckung.

Ramina und die anderen durften den Kampf nicht aufnehmen.

Sie hatten gegen den Trupp absolut keine Chance - mit Überraschungseffekt

schon nicht und jetzt erst recht nicht.

Es lag nun an ihr.

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„Lauft!“, befahl sie. „Ich mach das!“

Shannyn nahm Anlauf, sprang über den Felsen hinweg und

warf sich den Tarkon entgegen. Vier stürmten direkt auf sie

zu, der Rest brach zu beiden Seiten aus, um den Fels zu umkreisen

und jagt auf die anderen zu machen. „Lauft!“, rief sie

den anderen erneut zu, aber die hatten sich bereits in Bewegung

gesetzt und stürzten ebenfalls in den Wald. Bis auf

D’Agosta. „Nein, nein!“, rief er.

Shannyn hörte ihn nicht. Sie hielt die Tarkon auf. Plötzlich

waren sie da. Einer und dann kam noch einer und alle stürzten

sie sich auf Shannyn. Der erste holte sie ein, sprang Shannyn

mit bloßen Händen an. Sie wich seitlich aus und schlug dabei

mit der blanken Faust zu. Ein knackendes Geräusch erklang,

als die Nase des Tarkon brach und er blutend und kreischend

zu Boden ging.

Shannyn hatte jedoch keine Zeit ihm hinterher zu schauen,

denn der zweite Tarkon kam heran, hob sein Gewehr und öffnete

den Mund, zu einem Kampfgebrüll.

Shannyn warf sich nach hinten, entging der tödlichen Salve

nur knapp und stopfte dem Kerl noch während sie strauchelte,

das Maul mit dem Schwert, bis die Klinge am Hinterkopf wieder

herauskam. Sie schaffte es, ihr Gleichgewicht zu behalten

und nicht zu stürzen, zog das Schwert zurück und musste sich

sofort einem anderen Angreifer zuwenden. Sie wich ein Stück

zurück, dann griff sie an, hielt aber sofort wieder inne, als sie

den hinterhältigen Ausdruck im Gesicht des Mannes erkannte

und sah, wie sein Blick sich auf etwas hinter ihr fokussierte.

Shannyn drehte reflexartig den Griff in ihrer Hand und stach

nach hinten, um den Tarkon mit der blutenden Nase zu durchbohren,

der ihr gerade ein Messer in den Rücken stechen wollte.

Mit einem schmatzenden Geräusch zog sie die Klinge wieder

aus seinem Brustkorb, wirbelte herum, während der Körper

hinter ihr umkippte und rammte dem Tarkon vor ihr den

Knauf in den Bauch.

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Er schrie auf. Krümmte sich und mit einem Stiefeltritt ins Gesicht

beförderte Shannyn ihn endgültig ins Land der schlechten

Träume. Und dann war es vorüber, scheinbar ganz plötzlich

und Shannyn stand auf der Lichtung, umgeben von blutenden

Körpern und nur ein einziger Tarkon stand noch.

Shannyn umschloss den Griff ihres Schwertes mit beiden

Händen und ging in eine Verteidigungsstellung. Er war allein.

Er hatte keine Chance. Aber ... warum lächelte er dann?

Shannyn runzelte die Stirn. Sie drehte langsam den Kopf und

sah über die Schulter hinter sich.

„Bitte nicht!“

D’Agosta stand dort, mit Entsetzen in den Augen und begegnete

ihrem Blick, während ihm ein Tarkon ein Messer an die

Kehle hielt. Und er war nicht allein. Dorak und Ramina waren

ebenfalls gefasst worden. Von Dike fehlte jede Spur. Sie wurden

gerade auf die Lichtung gestoßen und zu Boden geworfen.

Shannyn konnte nur verzweifelt zusehen, wie eine zweite

Gruppe Tarkon heranmarschierte und sich rings um sie herum

in Stellung brachte. Sie wirkten noch viel größer und zorniger

als der dezimierte erste Trupp. Sie richteten ihre Waffen auf

Shannyns Kopf. Shannyn stand noch immer da, in Verteidigungsposition,

mit ihrem Schwert in der Hand und schaute

sich düster um, wie ein umzingelter Löwe, ohne einen Schritt

zu weichen.

„Sie sind umstellt.“, sagte der Tarkon vor ihr. „Legen Sie das

Schwert ab, oder die anderen sterben.“

Shannyn rührte sich nicht.

Der Tarkon gab seinen Leuten einen knappen Befehl. Ohne

eine Miene zu verziehen, rammte einer der Soldaten sein Gewehr

in D’Agostas Bauch. D’Agosta keuchte und ging zu Boden.

Er verzog das Gesicht und hielt sich den Bauch. Der Soldat

schlug erneut zu, diesmal auf den Kopf. D’Agosta stöhnte.

„Hoch mit dir!“, sagte der Soldat und gestikulierte, D’Agosta

solle aufstehen. Als er nicht reagierte, stieß er ihn mit dem

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Stiefel an. Dorak ging zu D’Agosta und half ihm hoch. Er hustete.

Shannyn drehte den Kopf wieder zu dem Tarkon vor sich. „Sie

haben zwei Möglichkeiten.“, sagte er. „Entweder Sie ergeben

sich, oder wir feuern unsere Waffen ab, bis die Magazine leer

sind.“

Shannyn sog die stickige Luft tief ein. Sie schloss einen Augenblick

die Augen, überschlug ihre Optionen.

„Ich zähle bis drei, aber bei zwei werden wir das Feuer eröffnen.“,

warnte der Tarkon. Er schien nervöser als sie. Shannyn

wollte nicht aufgeben. Es war nicht aussichtslos. Sie wusste,

dass ihr nichts geschehen würde. Nicht hier. Nicht auf dieser

Lichtung. Aber die anderen...

Nein! Das Risiko war ihr zu hoch. Sie konnte nichts mehr tun.

Sie wusste, dass sie verloren hatte. Es gab keinen Ausweg. Elendes

Schicksal, dachte sie. Elender Ducane! Shannyn nickte

und lies ihr Schwert fallen. Es landete im Sand. Nun waren sie

in der Hand der Tarkon.

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Nottingham

Ian Nottingham stand reglos vor der aufgesprengten Luke und

beobachtete die Umgebung. Nechayev war mit Smith in den

Tunnel geklettert, Nottingham war also alleine. Er mochte die

Einsamkeit, war aber dennoch einigermaßen beunruhigt, Nechayev

allein gelassen zu haben. Aber er war nicht in der Position

sich die Frage anmaßen zu können, ob sie die richtigen

Entscheidungen traf, oder nicht. Wichtig war nur, dass sie

Entscheidungen traf und bisher hatte Nechayev immer gewusst,

was sie tat. Wenn sie mit Smith alleine dort unten umherwandern

wollte, dann hatte sie auch einen Plan. Und Nottinghams

Teil ihres Plans bestand darin vor der Luke zu stehen

und aufzupassen, wie sie es ihm befohlen hatte. Genau das tat

er nun. Keine Fragen, kein Bedauern. Einfach nur absolute

Pflichterfüllung. Nottingham sah sich nur als Teil eines größeren

Ganzen. Eines höheren Ziels. Ein kleines Zahnrad, dass

seine Aufgabe so zuverlässig und gut wie möglich erfüllen

musste, damit das Uhrwerk lief.

Und während er da stand und dem Summen der Moskitos

lauschte, glaubte er etwas zu hören. Ein Rascheln. Ja, ganz

deutlich! Es war hinter ihm. Irgendwo hinter ihm. Bedächtig,

mit den fließenden Bewegungen einer vorsichtigen Raubkatze,

drehte er sich um. In etwa sieben Metern Entfernung raschelte

ein Strauch. Nur schwach. Kaum merkbar. Genau wie das

Gurgeln. Und das Keuchen. Keuchen, dass zu einer krächzenden,

ausgezehrten Stimme gehörte. Und sie bildete ein Wort:

„Hilfe.“

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Es war so schwach und abgehakt, dass Nottingham es beinahe

nicht vernommen hätte – selbst mit seinem herausragenden

Gehör. Seine einzige Reaktion bestand im Runzeln der Stirn.

Das Gebüsch raschelte noch einmal.

„Hil-fe.“

Eine menschliche Stimme. Männlich. Mittleres Alter. Nottingham

glaubte für einen Moment die Stoffstreifen einer

grau-schwarzen Starfleet-Uniform zwischen den Feuerroten

Blättern zu erkennen. Ein Überlebender? Hier draußen?

Durchaus wahrscheinlich. Die Shenandoah hatte während dem

Absturz die Ebene überflogen, die Kapseln waren dabei in alle

möglichen Richtungen abgetrieben worden. Wenn es eine einzelne

Person war, hier draußen, ganz allein, dann musste sie so

schwach sein, wie sie sich anhörte. Am Ende ihrer Kräfte. Wo

war sie hergekommen? Hatte sie die ganze Zeit dort im Gebüsch

gelegen?

„Hil-“

Mehr kam diesmal schon gar nicht mehr. Keine sieben Meter

entfernt versuchte jemand mit den letzten schwachen Atemzügen

nach Hilfe zu rufen. Und Nottingham rührte sich nicht. Er

hatte eine Aufgabe. Er sollte die Luke bewachen. Also bewegte

er sich auch keinen Meter von ihr weg. Er wartete ab und

beobachtete. Dann raschelte das Gebüsch zum letzten Mal.

Wer auch immer dort war – er starb.

Nottingham konnte es hören, er konnte es spüren. Er fühlte

den verklingenden Atem, roch das Adrenalin, sah die zuckende

Bewegung im Gebüsch, eines endenden Lebens. Ein ersticktes

Gurgeln war das letzte außergewöhnliche Geräusch.

Anschließend herrschte wieder Ruhe. Und Nottingham blieb

wo er war. Er zuckte nicht einmal mit den Schultern. Es war

nicht notwendig. Es war nicht Teil seiner Aufgabe. Breitbeinig,

mit vor der Brust verschränkten Armen, blieb er wo er

war - an der Luke wachend und auf Nechayevs Rückkehr wartend.

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Unterirdischer Komplex

Der Abstieg erwies sich als Mühsam, obwohl der Tunnel für

einen Menschen groß genug war. Zu groß sogar. Rhonda

Smith entging ebenfalls nicht, dass der Abstand zwischen den

Sprossen ein klein wenig zu weit war. Wer immer diese unterirdische

Anlage erbaut und benutzt hatte, er wies mehr Volumen

auf als ein Mensch. Und ihm schien Hitze nichts auszumachen.

Schon nach wenigen Metern hatte Smith furchtbar zu

schwitzen begonnen. Die Luft im Innern war heiß – noch heißer

als draußen -, stickig und abgestanden. Es dauerte seine

Zeitlang, aber nach einer Weile kamen sie am Ende der Leiter

an.

Die letzte Sprosse hörte in vier Metern Höhe auf und mündete

in eine Art Gang. Smith wartete, bis Nechayev unter ihr beiseite

getreten war. Sie sah sich um und bedeutete Smith dann,

dass die Luft rein war. Smith lies los und landete auf dem

staubigen Boden. Der Aufprall ihrer Schuhe hallte durch etliche,

ineinander verschachtelte Korridore. Nechayev hatte den

Phaser gezogen. Sie sah sich ruhig in alle Richtungen um und

lauschte. Es war still. Unheimlich still.

Die Wände bestanden aus demselben Material wie die Luke

selbst. Und sie gaben Licht ab. Smith konnte keinerlei Lichtquellen

entdecken. Es war, als würden die Wände selbst leuchten.

Ein helles, durchdringendes Weiß. Die Wände waren

schlicht und glatt. Alle vier Meter fand man große, blaue

Schriftzeichen vor, deren Sprache Smith nicht entziffern konnte.

Sie hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Eine Nummerierung

der Gänge möglicherweise. Smith klappte ihren Tri-

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corder aus und betrachtete die Energieanzeige. Drei Balken.

Nicht mehr viel. Hier unten würden die Sensoren aber bestimmt

sowieso nicht funktionieren. Ihr Verdacht bestätigte

sich. Das Boromit-Erz warf die Sondierungsstrahlen zurück,

der Tricorder lieferte unsinnige Daten. Sie prüfte, ob die Übersetzungsmatrix

etwas mit den Schriftzeichen anfangen konnte.

Der Tricorder arbeitete eine Weile. Dann erschienen nacheinander

verschiedene Zahlen auf dem Display. 4-8-15-16-23-42

Sie erkannte keinen Sinn dahinter. Einfach nur Nummerierungen?

Ein Code?

Es konnte alles mögliche sein. Die mathematische Gleichung

zum Ende des Universums. Oder aber eine beliebige Zahl, die

sich irgendein Idiot ausgedacht und dort hingeschrieben hatte,

in der Hoffnung, dass sich jemand anderer den Kopf darüber

zerbrechen würde.

Sie sah auf.

Gleich nach den Schriftzeichen folgten schwarze Linien, welche

die Gangabschnitte in kleine Segmente unterteilten. So sah

jeder Gangabschnitt aus, wie ein Würfel. Smith lief eine Seitenwand

ab, rief im Geiste ihre Schrittlänge auf und rechnete

schnell nach. Vier Meter! Vier Meter lang, Vier Meter hoch,

Vier Meter breit.

„Gleichmäßige, symmetrische Anordnung.“, murmelte Smith

und ging zu den Schriftzeichen.

„Das ist also der unterirdische Komplex.“, sagte Nechayev.

„Eindeutig. Fühlen Sie, die Wand ist warm.“ Sie ging ein paar

Schritte weiter, berührte die Wand wieder hinter einer schwarzen

Markierung. Schnell zog sie die Hand weg. Die Berührung

war schmerzlich. „Hier ist sie hingegen eiskalt.“

Smith spürte, wie sie von wissenschaftlicher Neugierde gepackt

wurde. Hier gab es ein Rätsel. Viele Fragen, auf die es

Antworten zu finden galt. Sie bemerkte aber, dass Nechayev

diese Ansicht nicht teilte. Sie hatte anderes im Sinn. Und Nechayev

zeigte bei der reinen Beobachtung die Smith gerade

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machte deutliche Ungeduld und Desinteresse, als sie den

Scanner von der Schulter nahm und den Trageband zusammenwickelte.

Smith seufzte. Nechayev war stets derart ungeduldig gewesen.

Eine furchtbare Wissenschaftlerin. Sie wollte Daten analysieren,

sie nicht sammeln. Das war ein Beispiel für einen unter

Wissenschaftlern wohlbekannten Unterschied im Charakter. In

der Physik beispielsweise lebten die Experimentalphysiker einerseits

und die Theoretiker andererseits in vollkommen unterschiedlichen

Welten. Sie tauschten zwar ihre Datenblöcke

aus, hatten aber sonst kaum etwas gemeinsam. Es war beinahe

so, als arbeiteten sie in zwei unterschiedlichen Disziplinen zusammen.

Was Smith und Nechayev betraf, so war der Unterschied in

ihrer Herangehensweise schon sehr früh, kurz nachdem sie

sich kennen lernten, zutage getreten. Rhondas genialer Geist

und Nechayevs distanzierte Ergebnisorientiertheit, hatten zu

vielen gemeinsamen Theorien geführt. Aber auch zu streit und

Meinungsverschiedenheiten, bei denen Smith immer den Kürzeren

ziehen musste. Schon allein, weil Nechayev am längeren

Hebel saß. Und weil sie niemals unrecht haben wollte. Letztendlich

lagen ihre Differenzen in ihren unterschiedlichen Charakteren

begründet. Nechayev hielt Smith für kleinlich, viel zu

sehr mit unwichtigen Details beschäftigt. Sie sehe nie das große

Bild, nie das größere Ziel. Smith dagegen zögerte nicht Nechayev

hochnäsig, gleichgültig und an Details uninteressiert

zu nennen.

Daran dachte Smith nun, als sie die Wand weiter untersuchte.

Das nächste Tunnelstück war wieder kalt. Das danach auch.

Anschließend kam erneut ein warmes. Der Boden war warm.

Beide Wände. Verrückt. Einfach verrückt. „Das muss einen

Zweck erfüllen. Die Erbauer werden sich etwas bei der Konstruktion

dieser Würfelform gedacht haben. Ich denke die Anlage,

oder was immer es ist, ist noch aktiv.“

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„Unwichtig.“, sagte Nechayev langsam und justierte am Scanner

herum. Sie schien Smith nur mit halbem Ohr zuzuhören.

„Unwichtige Details, Rhonda. Vermutlich laufen Kabel durch

die Wand. Energieleitungen. Oder es handelt sich um geothermale

Erwärmungen.“

Smith stemmte die Hände in die Hüften: „Heißt es nicht, Gott

steckt im Detail?“

Nun sah Nechayev auf. „Ihrer vielleicht.“, sagte sie. „Meiner

nicht. Meiner steckt im Prozess.“

„Empfangen Sie ein Signal?“

„Nein.“, sagte Nechayev und bewegte den Scanner. „Da ist

etwas, aber eine genaue Peilung...“ Sie vollendete den Satz

nicht, schüttelte stattdessen den Kopf. „Hier unten ist das Boromit-Erz

zu störend.“

„Was machen wir jetzt?“

„Forschen.“, sagte Nechayev nur und ging voraus. Der Gang

war lange und führte in zahlreiche Nebengänge, die wiederum

in andere Gänge mündeten. Türen gab es offenbar keine. Die

Anlage schien gewaltig. Das Klacken ihrer Stiefelabsätze auf

dem Untergrund war das einzige Geräusch. Noch etwas fiel

Smith auf: Im Gegensatz zum Schacht gab es hier unten keine

Anzeichen von Staub oder Unrat. Dafür waren manche Gangabschnitte

arg in Mitleidenschaft gezogen. Die Wände wiesen

spröde Risse auf und waren matt, während andere wie neu

aussahen. Es war von Segment zu Segment verschieden, als

wären die entsprechenden Stücke des Korridors in völlig verschiedenen

Zeitabschnitten angebracht worden.

Smith fragte sich ob-

„Wird stärker.“, sagte Nechayev und sah auf den Monitor. „Es

muss in der Nähe- Mein Gott.“

„Was ist?“

„Die Anzeigen schlagen aus wie nie zuvor.“ Sie begann am

Scanner zu modulieren, als das Bild darauf flackerte. Mit einem

Mal erloschen die Anzeigen. Nechayev versuchte das Ge-

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ät wieder zu aktivieren, aber die Anzeigen blieben schwarz.

„Scheiße.“

„Die Energiezellen?“

„Unmöglich. Sie müssten voll aufgeladen sein. Nein, das-“ Sie

hielt inne. „Spüren Sie das auch?“

„Nein, was denn?“

Die Frage war überflüssig. Im nächsten Moment spürte es

auch Smith. Der Boden vibrierte. Zunächst wenig, dann entstand

ein handfestes Erdbeben. Als nächstes hallte unvermittelt

das weit entfernte Geräusch durch die Korridore. Es lies

ihnen einen kalten Schauer über den Rücken laufen und Smith

braucht ein paar Sekunden, um es als das Geräusch zu identifizieren,

dass die Gestrandeten bereits knapp nach ihrer Ankunft

immer wieder gehört hatten, als sich der Boden im Tal

umwälzte. Nur, hier unten hörte es sich durch die Korridorakustik

ganz anders an. Tiefer. Lauter. Kreischender. Es kam

von allen Seiten. Und Smith spürte auf einmal die Last von

Tausenden Tonnen Boromit-Gestein über ihrem Kopf. Wenn

sich der Boden umwälzte-

Dann gingen tief vor ihnen im Korridor die Lichter aus. Segment

für Segment, in schneller Reihenfolge, direkt auf sie zu.

Flamm. Flamm. Flamm. Flamm.

„Verflucht!“, rief Nechayev und drehte sich wie vor einer

Explosion weg, als die Finsternis sie erreichte. Sekunden später

war alles schwarz. Sie saßen im dunkeln. Rhondas Herz

schlug ihr bis zum Hals. Sie spürte, wie Adrenalin durch ihren

Körper geschossen wurde. Sie zitterte. Atmete schnell. Als

Nechayev endlich ihre Handlampe aktivierte, schreckte Smith

auf, woraufhin sich auch Nechayev erschreckte und Smith

sogleich böse anfunkelte.

Sie wollte schon aufatmen, als in einem Seitenkorridor die

Wand explodierte. Nechayev wirbelte herum, mit einem Angriff

rechnend und im Lichtkegel der Taschenlampe erkannten

sie, dass die Wand nicht explodierte. Sie verschob sich. Vor

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ihren Augen schob sich ein ganzer Korridor in den Fels und an

seine Stelle trat ein neuer, nur unmerklich anders und mit neuen

Schriftzeichen. Und das alles geschah unglaublich laut und

schnell. Smith ging vor Schreck auf die Knie, presste die Hände

auf die Ohren und zwang sich, nicht fortzusehen, alles akribisch

zu beobachten. Der Lärm hielt noch ein paar Sekunden

an und plötzlich – als hätte jemand einen Schalter umgelegt –

war es totenstill und der Boden beruhigte sich unter ihren Füßen.

Flamm. Flamm. Flamm. Flamm. Das Licht kam wieder. Die

Korridorsegmente erhellten sich. Eines nach dem anderen. Es

war alles wie vorher. Matt. Hell. Ruhig und Unscheinbar.

Nechayev half Smith hoch. Die Frauen standen eine Weile

einfach nur da, atmeten schnell und abgehakt, bis sie sich beruhigten.

„Was hatte das zu bedeuten?“, fragte Nechayev leise.

„Ich denke ich weiß ganz genau, was das war. Was dieser

Komplex ist.“, antwortete Smith. „Ein Transformer.“

„Transformer?“

Smith nickte. Sie zog ihren rechten Ärmel über die Hand und

wusch sich damit den Schweiß von der Stirn. „Ich glaube diese

... diese Anlage befindet sich im ständigen Wandel und sie

wird sich knapp unter der Oberfläche erstrecken. Das würde

die gleichmäßige Anzeige auf der thermischen Karte erklären.

Aber wie tief sie reicht, kann ich nicht sagen.“

„Ein, aus einer Ansammlung von sich verändernden Würfeln

gebildetes Gebäude?“

„Richtig.“, nickte Smith. „Da der Komplex unterirdisch gelegen

ist, wird zumindest die äußere Struktur größtenteils gleich

bleiben müssen.“

„Größtenteils?“

„Nun, ein paar der Segmente, die sich verschieben, werden

aus der äußeren Struktur herausragen müssen, nicht wahr?

Zumindest unter der Ebene.“, sagte Smith. „Anders lässt sich

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die Umwälzung des Bodens nicht erklären, die wir dort beobachteten.

Die Anlage ist vermutlich sehr, sehr viel größer als

wir dachten, Admiral. Womöglich sind es auch nicht mehrere

verschiedene. Es könnte eine zusammenhängende sein. Einfach

erstaunlich.“

„Okay, fein.“, sagte Nechayev. „Wir haben die Ursache der

Umwälzungen gefunden. Eine kontinuierliche Strukturveränderung

der unteririschen Anlage. Aber was ist der Grund? Warum

baut jemand so etwas?“

Smith rieb sich die Augen. „Ich weiß es nicht. Aber wir sollten

hier nicht allzu lange bleiben. Die Umstrukturierungen werden

nach einem Muster geschehen, schätze ich. Kontinuierlich.

Also verschwinden wir besser, ehe uns der Rückweg abgeschnitten

wird. Wenn es nicht schon längst geschehen ist.“

Smith war nervös.

Nechayev überhaupt nicht.

Sie standen in einer Kreuzung und Nechayev blickte nach

rechts und nach links, wo sie hergekommen waren. „Für mich

sieht es nicht aus, als hätte sich hier viel verändert.“

Mit einem mal wurde Smith aschfahl. Über Nechayevs Schulter

hinweg sah sie auf einen Punkt hinter dem Admiral. „Das

dort war vorher nicht hier.“

Nechayev drehte sich um. Am Ende des neuentstandenen Korridors

pulsierte hinter einer Gabelung ein hellblaues, glühendes

Licht auf.

Sie konnten nicht sehen, von was es verursacht wurde, aber

das Licht wurde stärker. Dann hörten sie beide das schrille

Pfeifen. Es kam näher.

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Kinjal-Festung

Schon aus der Entfernung hatte die Festung angsteinflössend

ausgesehen und nun, wo sie näher kamen, büßte sie nichts von

ihrer gefahrversprechenden Aura ein. Der massive Schutzwall

war rostig und an vielen Stellen eingedellt. Hier und dort zogen

sich meterlange Brandspuren über seine raue Fläche. Es

sah so aus, als hätten sich schon viele Gegner daran die Zähne

ausgebissen.

„Vorwärts!“, raunte einer ihrer Bewacher und stieß Shannyn

mit dem Gewehrkolben an. Der Stoß war nicht hart, aber er

setzte sie in Bewegung. Sie warf den anderen – D’Agosta,

Ramina und Dorak - einen Blick zu und folgte dem Tarkon

vor sich. Man hatte allen Handschellen angelegt und die Waffen

abgenommen - auch ihr Schwert. Es baumelte am Gürtel

des Anführers der Gruppe. Offenbar wollten die Tarkon es als

Trophäe behalten.

Nun schritten alle hintereinander einen schmalen Pfad entlang,

der hinauf zur Festung führte. Von hier aus konnte man auch

einen näheren Blick auf die Türme werfen, die so hoch waren,

dass sie sogar über den Wall hinausragten. Sie machten einen

verbrauchten und heruntergekommenen Eindruck. Shannyn

sah zahlreiche Stellen, an denen das Flickwerk, mit denen man

große Lücken an den dunklen Fassaden kaschiert hatte, deutlich

zu erkennen war. Einige der metallenen Stockwerke wurden

als gröbster Stilbruch mit Holzbauten verstärkt. Hier und

dort ragten Antennen auf und an einigen Masten hingen Flaggen

mit dem Symbol eines Skorpions und flatterten im Wind.

131


Ein enorm breites Metalltor öffnete sich knarrend und kreischend.

An den Spuren im Sand machte Shannyn aus, dass

hier viele Fahrzeuge durchkamen. Vielleicht hatte sogar das

Panzerfahrzeug, dass sie heute morgen erledigt hatte irgendwann

gestern dieses Tor passiert. Die Gruppe wurde in die

Festung geführt. D’Agosta war ein wenig bleich, während

man Shannyn keine Gemütsregung anmerkte. Und Ramina

und Dorak machten den Eindruck von Leuten, die argwöhnisch

durch ein Feindesgebiet eskortiert wurden. Besonders in

Raminas Augen konnte man große Sorge aufblitzen sehen.

Das änderte sich auch nicht, als das Metalltor hinter ihnen

wieder behäbig zuschwang und mit einem lauten Knall einrastete.

Jetzt waren sie definitiv gefangen.

„Wie wollen wir hier wieder wegkommen?“, murmelte Ramina.

Shannyn beugte sich zu ihr rüber. „Eins nach dem anderen.“

Ramina schüttelte energisch den Kopf. Sie war verärgert. „Das

war die dümmste Rettungsaktion in der Geschichte der

Menschheit, oder wie würden Sie das hier nennen?“

„Schicksal.“, war das einzige, was Shannyn entgegnete. Sie

verlor nicht ihren Mut, ihr Durchhaltevermögen. Aber es sah

nicht allzu gut aus. D’Agostas Kopf blutete nicht mehr, aber er

hatte einen riesigen Bluterguss über dem linken Auge. Sonst

war er in Ordnung. Trotzdem - er schien nicht in der Lage sich

zu wehren.

„Es tut mir leid.“, sagte er niedergeschlagen. „Was habe ich

mir bloß dabei gedacht? Ich wollte nur ... ich wollte zu Judy.

Irgendwie. Es war eine Kurzschlussreaktion. Eine dumme Reaktion.

Das hier ist meine Schuld.“

Shannyn schüttelte den Kopf. „Es war niemandes Schuld.

Immerhin sind wir in der Festung. Anders als geplant, aber wir

sind drin. So wie die Dinge stehen, will man uns noch nicht

töten, sonst hätten sie es längst getan. Also werden wir früher

oder später ihren Anführer kennen lernen.“

132


Er nickte stumm.

„In Zukunft...“, sagte Shannyn. „hören Sie auf mich!“ Auf die

Tochter der Sterne, fügte sie in Gedanken hinzu.

Ihre ursprünglichen Bewacher waren vor dem Tor zurückgeblieben

– vermutlich, weil sie Wachgänge erledigen mussten.

Ihre neuen Begleiter waren kräftige Gestalten mit hartgezeichneten,

wettergegerbten Gesichtern, mit denen sicher nicht

zu spaßen war.

Die Gebäude im innern des Hofes machten einen ähnlich massiven

Eindruck wie der Außenwall, auch wenn sie um einiges

heruntergekommener waren. Die Gebäude waren genauso wie

die Kinjal selbst; roh, massiv und unfreundlich. Alles in allem

bot sich den vier Gefangenen ein Bild zweckorientierter und

düsterer Architektur. Die Kinjal hatten sich anscheinend Mühe

gegeben einem militärischen Aufbau zu folgen, aber ihre

chaotische und alles andere als disziplinierte Art spiegelte sich

deutlich in den Bauten wieder.

Zwischen den Türmen und einer kleinen Arena, duckten sich

Bunker, Kasernen, Fahrzeughallen und Geschützstellungen.

Auf erhöhten Plattformen ruhten schwere Artilleriekanonen,

jede mindestens drei Meter breit und fünf Meter lang. Mit ihnen

hatten die Tarkon sie vergangene Nacht zweifellos bombardiert.

Außerdem waren dort Landeplätze auf denen kleine

Jagdmaschinen standen. Aber auch größere Truppentransporter

waren dabei, zur schnellen Verlegung kampfstarker Truppen.

Jeder mindestens zwanzig Meter lang, mit breiten Flügeln.

Alles war in ein helles Orange der untergehenden Sonne

getaucht – der Abend brach an. Dessen ungeachtet staute sich

im Hof eine beachtliche Hitze.

Dennoch war der Hof sehr belebt. Tarkon saßen, standen oder

gingen zwischen den Gebäuden, dem Stacheldraht oder unscheinbaren

Minenschächten herum, spuckten und schwitzten.

Manche wiesen schwarze Tätowierungen auf ihren kahlgeschorenen

Köpfen und in ihren glatten Gesichtern auf, andere

133


waren unrasiert und hatten staubiges Haar. Die ledernen Uniformen

waren allesamt in nur zwei Farben gehalten: rot und

schwarz. Dabei gab es anscheinend kein einheitliches Muster

und auch keine besondere Ordnungs- oder Sauberkeitspflicht.

Shannyn entdeckte Soldaten, die sich die Ärmel abgeschnitten

hatten, andere trugen überhaupt keine Jacke und wieder andere

ausstaffierte Schulterpartien.

Shannyn hatte den Eindruck, dass die Mitglieder des Kinjal-

Clans sich für etwas auszugeben versuchten, dass sie nicht waren

– Soldaten. Sie gaben sich Mühe militärisch aufzutreten,

was nicht einmal ansatzweise gelang und ihre Uniformen waren

wie fremde Mäntel in die sie sich hüllten, ohne dabei einen

Hehl daraus zu machen, dass sie ihnen nicht gehörten. Eins

hatten aber alle gemein: sie waren bewaffnet. Mit Messern,

Gewehren oder Pistolen. Trotz des martialischen Auftretens

der Tarkon machte die Szenerie einen trägen und ruhigen Eindruck.

D’Agosta, der sich nach allen Seiten umsah, stolperte über einen

losen Stein und stürzte. Als Shannyn ihm aufhalf, sah sie

etwas merkwürdiges. Fast wäre es ihrer Aufmerksamkeit entgangen

- In einer gut verborgenen Nische zwischen den Gebäuden

arbeiteten eine handvoll Breen an einer großen, Ballförmigen

Vorrichtung, die auf einem Ständer angebracht worden

war und blau leuchtete. Shannyn runzelte die Stirn. Es sah

genauso aus, wie eine-

„Los, los!“, schnauzte eine der Wachen und stieß sie auf das

mehrstöckige Gebäude vor ihnen zu. Man schaffte sie schließlich

in eine große Halle mit zahlreichen Türen und kurz darauf

in ein dunkles, angenehm kühles Treppenhaus. Sie wurden

nicht getrennt, sondern gemeinsam in die Gefängnisebene geführt.

Während die Wachen ihn vorantrieben, suchte D’Agosta

verzweifelt nach einem Ausweg, versuchte sich eine Methode

einfallen zu lassen, wie sie von hier wieder verschwinden und

diesen Tag überleben konnten, als eine andere Wache die Git-

134


tertür ihrer Zelle öffnete. Sie war nicht leer. Einen Augenblick

lang, in dem er ungläubig und fassungslos, wie gelähmt im

Zelleneingang stehen blieb, spürte er, wie sein Herz auszusetzen

schien.

Sie hatte die Hände in ihre Jackentaschen gesteckt und stand

neben Athol, der an einen Pfahl gefesselt war. Sie riss die Augen

auf, als sie ihn erkannte. „Dad!“

„Judy!“, rief D’Agosta, warf die Arme um sie und drückte

seine Tochter heftig an sich. Es war eine unbeschreibliche Erleichterung.

Eine Zentnerlast, die von ihm abfiel und Freude

und Dankbarkeit, dass es ihr gut ging. „Bist du verletzt? Hat

man dir was angetan?“

„Nein.“ Wie von selbst erwiderte sie die Umarmung.

Dann sagte er: „Und ich dachte schon, ich hätte dich verloren.“

Und er plapperte ohne Unterlass alles mögliche über Töchter

und Väter und Liebe. Es dauerte eine ganze Weile, bis Judy

begriff, dass er offenbar nicht damit gerechnet hatte, sie noch

einmal wiederzusehen. Und dennoch war er gekommen, hatte

alles riskiert, selbst in Anbetracht der verschwindend geringen

Chance, sie zu finden. „Oh, Dad...“, keuchte Judy erleichtert.

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie war froh, dass er

hier war.

Shannyn war insgeheim gerührt von der Versöhnungsszene

zwischen Vater und Tochter, allerdings lies sie sich nichts

anmerken, denn so hatte sie sich das nicht vorgestellt. Das war

nicht ihr Plan gewesen. Damit hatte sie nicht gerechnet. Die

verdammten Berichte stimmten hinten und vorne nicht, weil

die Sternenflotte alles mögliche dazugedichtet hatte. Jetzt

musste sie improvisieren.

Die Wachen knallten die Gittertür hinter D’Agosta und führten

Shannyn in die Zelle daneben. Offenbar wurde sie von den

Tarkon als enorm großer Gefahrfaktor angesehen, denn als

einzige der Gefangenen, presste man sie - wie Athol - mit dem

135


Rücken gegen den Pfahl, der sich in der Mitte einer jenen Zelle

befand. Der Rucksack, der sich noch immer auf ihrem Rücken

befand, wurde zusammen geknautscht. Man versah ihre

Hände hinter dem Pfahl mit Handschellen. Sie wehrte sich

nicht. Es wäre auch sinnlos gewesen, die Wachen hatte ihre

Gewehre erhoben und auf ihren Schädel gerichtet, sichtlich

begeistert von der Vorstellung, sie zu exekutieren.

„Töten wir Sie?“

„Nicht jetzt.“, sagte eine der Wachen mürrisch. „Später. Lass

Theia das machen.“

Also hatte Shannyn noch eine Gnadenfrist, aber wie lange?

Sie blieb ruhig. Natürlich wusste sie, dass es nicht gut aussah.

Aber es war noch nicht hoffnungslos. Durch die offene Tür

sah Shannyn, wie Dorak und Ramina rechts und links in die

beiden Zellen ihr gegenüber geführt wurden. Dorak sah kurz

in Shannyns Raum und warf ihr einen vielsagenden Blick zu.

Ein zorniger Ausdruck huschte über Raminas Gesicht, als die

eine Wache sie mit dem Gewehrkolben anstieß und eine andere

die Hand hob und ihr an die Brust fasste. Das Grinsen auf

den Gesichtern der Männer ließ Shannyn vermuten, dass sie

die Erlaubnis bekommen hatten, mit ihr zu machen, was sie

wollten.

Dann gingen sie alle hinaus.

Shannyn hörte, wie die Tür zu fiel und verriegelt wurde. Die

Wachen entfernten sich alle bis auf zwei, die am Ende des

Ganges stehen blieben und sich zu unterhalten begannen.

„Und jetzt?“, fragte Dorak, zwischen den Stäben seiner Zelle

zu ihr herübersehend.

„Jetzt ...“, murmelte Shannyn. „Stecken wir in Schwierigkeiten.“

136


Unterirdischer Komplex

Das Geräusch näherte sich. Nechayev und Smith sprangen vor

dem Korridor aus dem der Neuankömmling kam, zu beiden

Seiten auseinander und pressten sich an die Wand. Nechayev

wollte etwas sagen, aber Smith bedeutete ihr still zu sein. Sie

lugte vorsichtig um die Ecke. Im Schein des Lichts konnte

Smith das, um die Gabelung schwebende Objekt sehr deutlich

erkennen. Nein, nicht nur eines.

Es waren Zwei! Sie schwebten etwa anderthalb Meter über

dem Boden. Das Kopfteil beider Objekte bestand aus zwei, auf

dem Boden aneinandergepappten Pyramiden und wies kleine,

komplizierte Furchen auf. Könnten auch Beschriftungen sein,

dachte Smith. Ein etwa dreißig Zentimeter langes Rohr verband

die Pyramiden an der Unterseite mit einer blau glühenden

Kugel. Bei den Neuankömmlingen handelte es sich zweifellos

um Maschinen.

Sie surrten schrill pfeifend durch die Luft. Das eine in ihre

Richtung, das andere verschwand wieder hinter der Biegung.

Smith konnte kein Muster in der Bewegung finden, kein genaues

Ziel. Das verbliebene Objekt surrte von Rechts nach

links, wiederholte das Muster, ehe es an einer Wand innehielt.

Für einen Moment glaubte Smith, dass sie entdeckt worden

waren und zog sich ein Stück hinter die Ecke zurück. Aber das

Objekt kam nicht auf sie zu, es schwebte einfach in der Luft.

Horchte es?

„Was macht es?“, wispelte Nechayev auf der anderen Seite.

„Seien Sie still.“

„Was sind die? Die Erbauer der Anlage?“

137


„Nein, zu klein. Vielleicht Sicherheitsanlagen.“

„Eine Art fliegender Wächter?“

„Möglich. Leise jetzt.“

Smith lugte ein Stück weiter vor, genau wie Nechayev. Und

dann erkannte sie, wo das Objekt gehalten hatte: in dem

heruntergekommensten Segment des Korridors. Im nächsten

Augenblick löste sich auch bereits ein blauer Strahl aus der

Kugel. Ein Reinigungsstrahl. Man konnte förmlich sehen, wie

das Segment sauberer wurde.

„Es sind Reinigungsmaschinen.“, mutmaßte Smith. „Vielleicht

aber dennoch potentiell gefährlich.“

„Können sie uns sehen?“, fragte Nechayev leise.

„Nein. Die Entfernung ist womöglich zu groß. Aber wenn sie

den Korridor hinunterkommen und an uns vorbeiziehen bestimmt.

Wir sollten verschwinden.“

„Oder zumindest einen alternativen Weg suchen.“, nickte Nechayev.

„Los, kommen Sie rüber, Admiral.“

Nechayev sah zu Smith herüber. Vier Meter. Vier Meter freie

Fläche bis zur Ärztin. Keine Deckung. Keine verdammte Deckung.

Es musste schnell gehen. Nechayev hing sich den

Scanner um und zog den Phaser. Sie lugte um die Ecke. Die

Wartungseinheit schwebte noch immer an der gleichen Stelle

und säuberte das Schott mit einem gleichmäßigen Strahl.

Jetzt oder nie!

Nechayev sprang vor und hetzte geduckt zur anderen Seite,

wo sie sich mit dem Rücken an die Wand presste. Sie schloss

schwer atmend die Augen und horchte auf das Summen, versuchte

herauszufinden, ob es lauter wurde. Aber sie erkannte

keine Veränderung. Smith sah nach. Als sie den Kopf zurück

zog schüttelte sie ihn. „Hat Sie nicht gesehen.“

„Gut. Wir nehmen besser einen anderen Weg.“, sagte Nechayev

und ging voraus, schnellen Schrittes, sah immer wieder hin-

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ter sich ... und wäre beinahe in die zweite Wartungseinheit gerannt,

die plötzlich vor ihnen auftauchte.

Sie kam ohne Vorankündigung aus einem anderen Seitenkorridor

herangesaust. Sie hielt an. Smith wagte es kaum zu atmen.

Die Einheit schwebte direkt vor den beiden verwunderten

Frauen. Surrte fast aufgeregt. „Scheiße.“, murmelte Nechayev

neben ihr. Ihr Finger bog sich um den Abzug des Phaser.

Langsam hob sie ihn. Langsam. Quälend langsam, denn

sie wusste – jede hektische Bewegung konnte nun ihren Tod

bedeuten.

Smith sah das aus den Augenwinkeln. Sie hob kaum merkbar

die Hand. „Nein, nein. Bewegen Sie sich nicht!“

Das düstere Glühen im innern der Kugel begann schneller zu

pulsieren. Auf eine bedrohliche Art und Weise. Unverzüglich

wurde es warm. Smith spürte, wie sich die Luft mit knisternder

Energie füllte, denn die feinen Härchen an ihrem Körper

richteten sich auf. Und dann roch sie das Ozon. Ozon? Das

konnte doch nur bedeuten-

„Admiral!“, brüllte sie, sprang zur Seite und warf sich mit aller

Kraft gegen Nechayev.

In dem Moment kam der Blitz. Er zuckte aus dem Innern der

Kugel heraus, begleitet von einem solch gewaltigen Donnerknall,

dass Smith glaubte, ihr Trommelfell würde platzen. Sie

entging dem Blitz nur knapp, die Auswirkungen waren auf

diese Entfernung dennoch verheerend. Smith spürte die Hitze,

die ihre rechte Seite versengte. Eine unsichtbare Faust traf sie

und schleuderte Smith mit solcher Wucht gegen eine Wand,

dass sie spürte, wie etwas brach. Halb benommen kam Smith

auf die Beine. Ihre Lungen schrieen nach Luft. Die Schmerzen

explodierten wie ein Feuerwerk in ihrem Kopf und drohten sie

in die Bewusstlosigkeit zu zerren, aber Smith wusste genau,

dass sie dann sterben würde, denn sie bemerkte trotz aller Benommenheit,

wie sich die Luft wieder erhitzte und der Ozon

stank.

139


Sie taumelte los, spürte einen stechenden Schmerz im Knöchel,

kam dennoch halb stolpernd, halb rennend vorwärts und

entging nur knapp einem zweiten Blitz, der krachend irgendwo

in der Wand hinter ihr einschlug. Die Wartungseinheit

machte ein wütendes Geräusch.

Rhondas Schädel dröhnte, die Ohren wollten außer einem penetranten,

anhaltendem Piepen kein Geräusch produzieren. Irgendwie

schaffte sie es auf den Beinen zu bleiben und weiterzulaufen.

Als sie zurückschaute, sah sie Nechayev am Boden

liegen. Doch die Wartungseinheit war nicht hinter ihr, sondern

hinter Smith her. Sie rannte weiter, spürte den Schmerz und

schrie sich wegen ihm die Lunge aus dem Leib, während sie

immer weiter rannte, fragte sich dabei, wohin sie denn überhaupt

noch laufen konnte.

Sie stürzte um eine Ecke in einen anderen Korridor hinein.

Das Ding war hinter ihr. Sie nahm wieder eine Abzweigung,

diesmal links, dann rechts. Und immer noch schreiend. Damit

verriet sie vermutlich ihre Position, aber es half den Schmerz

im Knöchel auszuhalten. Hinter ihr zuckte ein weiterer Blitz,

schlug wieder in eine Wand ein und riss Smith von den Beinen.

Sie schlug hart auf dem Boden auf, zwang sich sofort wieder

auf die Beine und sprang um die Ecke, wodurch sie nur knapp

dem nächsten Schuss entging. Sie spürte, wie die Kräfte sie

verließen. Irgendetwas musste sie tun, abhängen konnte sie

das Ding keinesfalls. Sie überschlug schnell, was sie für Waffen

hatte – keine. Ausrüstung – keine. Der Tricorder befand

sich seit zwei Korridorabzweigungen nicht mehr an ihrer angesengten

Uniform.

Smith blieb stehen. Ihr war furchtbar heiß. Die rechte Gesichtshälfte

und auch der Arm fühlte sich an, als würde sie

brennen – vom Knöchel ganz zu schweigen. Das Atmen fiel

ihr schwer. Sie schleppte sich hinter eine Biegung und zog ihre

Jacke aus. Sie wusste, dass sie nur noch zehn Sekunden hat-

140


te, bevor die Wartungseinheit um die Ecke bog und sie

schnappte.

Zehn Sekunden.

Vielleicht noch weniger.

Nechayev hörte die Engel singen. Sie wusste nicht genau was

los war. Sie wusste nicht, wer sie war und erst recht nicht, wo

sie war. Aber eins schien ihr völlig klar: wenn sie jetzt nicht

rannte, hatte sie keine Zeit mehr Antworten auf all diese Fragen

zu finden. Sie wollte aufstehen. Stürzte. Rappelte sich

wieder auf, stürzte erneut.

Zornig und frustriert schlug sie gegen den Boden. Schließlich

begriff sie, dass sie gar nicht auf dem Boden lag, sondern gekrümmt

an der Wand. Dann hörte sie das Surren der Wartungseinheiten

irgendwo hinter sich. Und das half ihr sprichwörtlich

auf die Sprünge.

Mit einem Mal reichte die nackte Angst aus, um Nechayev anzuspornen.

Sie kam auf die Beine, taumelte und drohte einen

Moment umzukippen, fasste sich aber, rannte los und stürzte

um die nächste Biegung. Dann wurde das Summen leiser. Es

entfernte sich schnell. Nechayev schloss die Augen und lies

die angehaltene Luft entweichen. Sie hätte auf der Stelle losheulen

können. Ihre rechte Schulter brannte höllisch. Als sie

sich dazu überwinden konnte nachzusehen, sah sie das verbrannte,

angesengte Fleisch.

„Scheiß Maschinen!“, brachte sie zwischen vor Schmerz zusammengepressten

Lippen hervor. Die Maschinen!

Wenn sie zurückkamen-

Nechayev griff zum Halfter an ihrem Gürtel. Leer. Der Phaser,

wo war der verdammte Phaser. Dort! Nechayev hielt ihn noch

immer in der Hand. Sie hatte ihn die ganze Zeit nicht losgelassen.

141


Ihr Schmerz wandelte sich in Zorn, als sie mit zitternder Hand

die Waffe hob. „Kommt doch, ihr Biester!“

Sie hörte die fernen Explosionen aus dem Gewirr aus Gängen

und Korridoren und sah um die Ecke. Keine Spur der Wartungseinheiten.

Nechayev zog sich an der Wand hoch und

taumelte in den Korridor zurück. Dort, wo der Blitz eingeschlagen

hatte, war ein großes Loch entstanden. Dampf ging

von den Rändern aus.

Das halbe Gangsegment war schwarz verbrannt. Sie fragte

sich, wie sie selbst wohl aussah. Vermutlich kein bisschen

besser. Irgendwo vor ihr drangen weitere Explosionen an ihr

Ohr. Die Biester waren dort irgendwo. Nechayev setzte sich in

Bewegung. Dann hörte sie jemanden schreien. Es klang wie

Smith.

Smith stieß einen Schrei aus und sprang vor, in dem Moment,

wo die Wartungseinheit auftauchte. Sie riss die Uniformjacke

in ihren Händen hoch und warf sich mit aller Kraft gegen die

Maschine. Ein ersticktes, metallenes Geräusch ging von dem

Ding aus, als es unter dem schwarzen Stoff verschwand. Seine

Antigrav-Einheiten jaulten auf, als sie versuchte hochzukommen,

aber unter Rhondas Gewicht kapitulieren musste. Und

plötzlich glaubte Smith im Vorteil zu sein. Beinahe schon hätte

sie Zuversicht empfunden, der aber sofort wieder im Keim

erstickte, als sich die Luft erhitzte. Nun musste es schnell gehen.

Smith wickelte die Jacke um die Maschine, griff nach den

Ärmeln, stieß sich ab und nutzte den Schwung, um die Maschine

mit voller Wucht an die Wand zu donnern. Smith hörte

ein Splittern, wirbelte herum und schleuderte die Jacke mitsamt

Inhalt gegen die gegenüberliegende Wand. Das war’s.

Ein letztes, mechanisches Sprotzen drang gedämpft aus der

Jacke, dann war die Maschine erledigt. Die Luft kühlte sich

142


ab, die Gravitationseinheit der Maschine versagte. Jacke und

Maschine schepperten auf den Boden. Smith war völlig außer

Atem. Sie betrachtete einige Sekunden ihr Werk und konnte

kaum glauben, was sie da getan hatte. Langsam taumelte sie

mit dem Rücken zur Wand, glitt an ihr herab und versuchte ihren

zitternden Körper unter Kontrolle zu kriegen. Smith zog

die Beine an und umschlang sie mit den Armen. Sie sagte:

„Oh Gott.“ Dabei stellte sie überrascht fest, dass sie alles nur

gedämpft hörte. Das penetrante Piepen hatte sie fast gar nicht

mehr mitbekommen.

Nach ein paar Sekunden hatte sie sich wieder beruhigt. Sie

musste sich beruhigen. Es gab nur noch eine Sache, die wichtig

war: Hawk. Rhonda musste überleben, andernfalls wäre

das auch sein Todesurteil. Und wo war Nechayev? Smith hoffte

aufrichtig, dass die Wartungseinheiten sie erwischt hatten.

Wenn alles gut lief, lag sie nun irgendwo und ertrank in ihrem

eigenen Blut. Aber daran glaubte Smith selbst nicht. Warum

hatte sie Nechayev überhaupt zur Seite gestoßen, als die Wartungseinheit

angegriffen hatte? War es ein Reflex? Ein Beweis

ihres tiefsitzenden Pflichtbewusstseins, anderen Menschen zu

helfen, egal wem? Die einfachste Erklärung war wahrscheinlich

die richtige: Smith brauchte Nechayev.

Ihr Gegenmittel, genauer gesagt. Nottingham würde es kaum

rausrücken, wenn Smith die Luke hochkletterte und erzählte,

Nechayev sei in einem unterirdischen Transformer voller blitze

verschießender Wartungseinheiten gestorben. Sie würde es

ja selbst nicht glauben, wenn sie es nicht erlebt hätte. Also wo

war Nechayev? Wo war sie überhaupt selbst? Smith hatte

nicht drauf geachtet, wo sie hingerannt war. Sie hatte sich verlaufen.

Smith blickte nach rechts - Korridore.

Sie blickte nach links - Korridore.

Und als sie erneut nach rechts sah, tauchte die zweite Wartungseinheit

vor ihr aus einem Seitengang auf. Jetzt war es

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aus. Smith hatte keine Kraft mehr. Sie saß einfach da, wütend

und enttäuscht zugleich.

Als der Blitz zuckte, riss sie instinktiv die Arme hoch. Sie

spürte die Hitzewelle, hörte eine Explosion, die furchtbar fern

klang und ein Poltern. Dann passierte gar nichts. Als Smith die

Augen wieder öffnete, stellte sie erstaunt fest, nicht tot zu sein.

Nechayev kam auf sie zugehumpelt, warf den Phaser in eine

Ecke und lies sich neben Smith auf die Erde plumpsen. Sie

nickte zu der Uniformjacke. „Sie haben den ersten erledigt?“

„Ja.“, bestätigte Smith. Ihre Stimme war kaum mehr als ein

Krächzen.

„Dann war das der Letzte.“

„Wenn es nicht noch mehr gibt.“

Smith atmete tief ein und langsam wieder aus. Ihr ganzer Körper

schmerzte. Dennoch zwang sie ihn zu bewegen. Sie ging

vor Nechayev in die Hocke. „Wir müssen die Verletzungen

behandeln.“

Nechayev lächelte. „Trotz allem Ärztin, was? Wie schlimm ist

es?“

Nechayev sah furchtbar aus. Ihr Haar war zerzaust, die rechte

Gesichtshälfte gerötet. Das Schlimme war jedoch ihre Schulter.

Smith machte dort lederartige Hautgebiete aus, grau verfärbt.

„Ich fürchte Sie werden es überleben.“

Der Admiral stieß ein Lachen aus. „Pech, was?“

„Ja, Pech. Haben Sie Schmerzen?“

„Nein. Zunächst dachte ich ich hätte welche. War aber nur der

Schock.“

Smith beugte sich vor, um die Wunde genauer zu begutachten.

Graue Verfärbung. Jetzt schon. Das bedeutete, dass das verbrannte

Gewebe Reaktionsfähigkeit verloren hat. Die Durchblutung

war unterbrochen, womit auch keine Ernährung der

Zellen mehr stattfinden konnte. Das bedeutete wiederum, dass

das Gewebe schlicht abgestorben war.

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„Sie haben Verbrennungen Zweiten Grades. Stufe 2-B, genauer

gesagt. Das muss behandelt werden, bevor es sich entzündet.“

„Hab leider keinen Dermalregenerator zur Hand...“

Smith wusch sich den Schweiß von der Stirn. „Etwas kaltes

vielleicht? Wir müssen die Verbrennung kühlen, um die Ausbreitung

verbrannten Gewebes zu verhindern.“

„Wasser?“

„Könnte helfen.“

Nechayev griff in ihre Jacke und nahm eine kleine, flache

Feldschlafe heraus. „Hab ich bei einer solchen Hitze wie an

der Oberfläche immer dabei.“

„Leitungswasser?“

„Ja.“ Nechayev reichte ihr die kleine Flasche. „Ich bin nicht

mehr die Jüngste, müssen Sie wissen. Ich muss viel trinken.“

Smith drehte den Verschluss auf und lies einen tropfen probeweise

auf ihre Hand.

„Nicht gut genug?“, fragte Nechayev.

„Doch. Es darf nur nicht zu kalt sein, deswegen. –15 Grad ist

das Maximum. Vorsicht, das könnte jetzt etwas weh tun.“ Sie

kippte etwa die Hälfte der Flasche auf der Wunde aus. Nechayev

zuckte kurz zusammen. Dann hob sie die Hand. „Geht

schon.“

„Gut. Wir müssen die Wunde feucht halten.“

Sie krabbelte über den Boden, nahm ihre Jacke und riss einige

Stofffetzen heraus. Sie befeuchtete den ersten Fetzen und begann

eine Bandagierung um Nechayevs Schulter anzulegen.

Nechayev beobachtete sie aufmerksam dabei. „Was ist mit ihnen,

Rhonda? Keine Schmerzen?“

„Doch. Höllische.“

„Ein gutes, oder ein schlechtes Zeichen?“

„Ein gutes. Das bedeutet das Gewebe lebt noch. Was sehen

sie?“

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„Ihre Gesichtshälfte ist stark gerötet. Ich glaube sogar etwas

geschwollen.“

Smith nickte professionell. „Verbrennungen ersten Grades.“

„Hätte schlimm ausgehen können, nicht wahr?“

„Es ist schlimm ausgegangen, Admiral. Fertig.“

„Fertig?“

„Die erste Hilfe, ja.“, sagte Smith. Sie tränkte einen weiteren

Stofffetzen und kühlte damit ihre eigene Wunden. „Behandelt

werden muss das trotzdem.“

„Das hat Zeit.“, erhob sich Nechayev und klopfte sich den

Staub von der Uniform. „Zuerst will ich mir das dort drüben

ansehen.“

„Sie wollen noch immer nicht zurück? Ist ja nicht zufass-“

„Wieso sollte ich? Jetzt, wo wir einen Raum gefunden haben?“

Nechayev deutete lächelnd hinter Smith. Am Ende eines Korridors

war eine Tür – die erste, die sie bisher sahen. Der Raum

dahinter lag im Dunkeln.

„Eine gute Wegwahl, Rhonda.“ Nechayev zwinkerte, hob den

Phaser vom Boden und ging an der verblüfften Smith vorbei.

„War nicht meine Absicht.“

„Dann war es Schicksal.“ Sie streckte die Hände zwischen die

übergroßen Türflügel und versuchte sie aufzustemmen, aber

sie rührten sich nicht. Nechayev ächzte vor Anstrengung. Und

plötzlich glitten sie mit einem metallischen Kreischen auf. Sie

traten in die Dunkelheit hinter der Tür.

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Paradigmenwechsel

Eugene Roe sah aus dem Fenster des Lazaretts. Draußen zog

die Trockenwüste langsam an ihnen vorbei. Der Konvoi war

noch immer in Bewegung. Die Grav-Einheiten arbeiteten zuverlässig,

aber auch empfindlich. Jede Anhöhe war zu spüren.

Kleine Erschütterungen schüttelten das Lazarett ständig durch.

Plötzlich hörte er hinter sich Aktivität. Das Scheppern umgestürzter

Geräte.

Und dann: „Eugene? Eugene, sind Sie da?“

Roe lies vom Fenster ab und ging eilig in den provisorischen

Behandlungsraum. Dort war Schwester Lemaire über Hawks

Bett gebeugt. Sie sah auf, als Roe den Raum betrat.

„Er ist aufgewacht?“, fragte Roe.

„Gerade eben.“

Hawk atmete flach. Er wand sich im Delirium und plapperte

unter dem Einfluss der Narkose- und Morphiuminjektionen

Unsinn. Mit dem Fuß hatte er einen Diagnoseapparat umgestoßen.

Seine Augen waren geschlossen, als er den Kopf hin

und her warf. Es sah so aus, als hätte er Angst. Er murmelte

immer wieder dasselbe: „Nein! Geh nicht da rein. Nicht reingehen.

Nein, bitte. Nicht reingehen!“

„Medikamentös verursachte Wahnvorstellungen?“, fragte Lemaire

und versuchte Hawks Arme festzuhalten.

„Bin nicht sicher.“

Wahnvorstellungen waren nichts ungewöhnliches, wenn der

Körper voller Schmerz- und Beruhigungsmittel vollgepumpt

war. Aber Roe hatte den Eindruck, dass Hawk gerade eine

ganz reale Katastrophe erlebte.

147


„Nicht reingehen.“, sagte er immer wieder. „Du darfst da nicht

reingehen.“

Er schien große Angst zu haben. Roe runzelte die Stirn. „Was

hat das nur zu bedeuten?“

Die Lichtkegel ihrer Taschenlampen zuckten durch einen

pechschwarzen Raum, während Smith und Nechayev eintraten.

Nechayevs Blick fiel auf eine große, elektronische Karte,

die eine Wand des Quaderförmigen Raumes bedeckte.

„Was hat diese Karte zu bedeuten?“, fragte sie. „Haben Sie

vielleicht eine Ahnung, was diese Markierungen darauf aussagen?“

Smith sah sich die Karte genauer an. „Zwanzig Markierungen

in vier verschiedenen Farben. Fünf Markierungen von jeder

Farbe. Gruppiert zu einem Fünfeck, oder etwas ähnliches.

Zumindest zu einer Figur mit fünf Zacken, die in jeden Winkel

der Karte reichen. Ich würde sagen es sieht aus wie ein Netzwerk.“

„Wovon?“

„Ich kann’s nicht sagen. Von der Karte kann man nicht mal

ablesen, was sie überhaupt darstellen soll. Interessant.“

„Na ja, ist ja jetzt egal.“, sagte Nechayev. „Dort ist noch etwas.“

Sie leuchtete ans Ende des Raumes.

Smith ging hin. „Sieht aus wie ein Computerterminal.“

„Wirklich?“

„Ja. Glaube schon.“

Smith war keine Computerexpertin. Erst recht nicht für Alien-

Computersysteme. Aber sie hatte keine Angst. Hinter allem

steckte ein mathematisches System. Man musste nur die Zusammenhänge

herausfinden. Nachdem sich ihre Augen an das

trübe Licht der Taschenlampe gewöhnt hatten, untersuchte sie

das Objekt genauer. Es sah aus wie ein unscheinbares Termi-

148


nal, was bedeutete, dass man damit wahrscheinlich keinen Zugang

zu irgendwas vernünftiges bekam, aber einen Versuch

war es wert. Es gab keine Tastatur. Nur einen Knopf. Vermutlich

der Anlasser.

Sie schaltete das Gerät ein. Nichts passierte. Sie schaltete es

noch einmal aus und wieder ein. Nichts. Noch ein letztes Mal.

Diesmal kam eine Reaktion. Der Bildschirm wurde hell, ein

einzelnes Wort erschien. Seltsame Schriftzeichen. Das Wort

veränderte sich. Mehr Schriftzeichen.

Sie fragte Nechayev, ohne aufzusehen: „Haben Sie einen Tricorder?“

„Ja, hier.“

Smith nahm den Tricorder entgegen. Sie klappte ihn auf und

versuchte eine Übersetzungsmatrix zu starten. Das Gerät piepte

und surrte, als es die Schriftzeichen zu deuten versuchte. Sie

kamen nun in immer schnellerer Reihenfolge.

Nechayev beobachtete Smith genauestens. „Kriegen Sie es

hin?“

„Ich arbeite daran.“, antwortete Smith. Sie begann den Tricorder

zu modulieren. Änderungen und Ergänzungen an der Matrix

vorzunehmen. Das erste übersetzte Zeichen erschien. Ein

A. Dann ein Zweites. N.

„Wissen Sie, Rhonda.“, sagte Nechayev. „Sie sind ein sehr

cleverer Geist. Mit ihren Fähigkeiten hätten Sie es wesentlich

weiter bringen können, wenn Sie zielstrebiger wären.“

„Das war ich, Admiral.“

„Ja. Ich erinnere mich an den Tag, als ich diese Karrierebewusste,

kluge junge Frau getroffen habe, die mich beeindrucken

wollte. Was ist nur aus ihr geworden?“

„Sie fand ihr Glück.“, antwortete Smith.

„Sie kam vom Weg ab.“

„Nein, Admiral, das Gegenteil ist der Fall. Wohin hat mich

meine Karrieresucht denn gebracht, hm? Zum größten Fehler

meines Lebens und in ihre Schuld, Nechayev. Ich war blind

149


und naiv und habe mir von ihnen alles mögliche Einreden lassen.

Und wohin hätte der Weg geführt, wenn ich nicht aufgewacht

wäre? In die Einsamkeit. In die Isolation. In die Verbitterung.

Wir sind nicht unser Beruf, Admiral. Wenn wir nur für

ihn leben ... haben wir selbst kein Leben mehr.“

Nun sah sie zu Nechayev auf. Begegnete ihrem Blick. „Erkennen

Sie sich in dieser Beschreibung wieder?“ Sie fügte ein

spitzes „Admiral?“, hinzu.

Die Stimmung zwischen ihnen war plötzlich wieder eiskalt.

Nechayev erwiderte nichts. Sie sah auf und deutete zum Monitor.

„Wir sind drin.“

Smith war überrascht. Sie hatte überhaupt nichts gemacht. Die

rotierenden Zeichen waren verschwunden. Der Bildschirm

wurde für einen Moment schwarz und dann erschien ein neues

Bild. Es gab fast ausschließlich graphische Symbole, die sich

auf dem Bildschirm aufbauten.

Smith wusste, sie hatte irgendeine graphische Benutzeroberfläche

vor sich, aber die Bedeutung der Symbole war ihr nicht

klar und es gab keine Erläuterungen. Die Leute, die dieses

Programm benutzt hatten, waren darin geschult gewesen, aber

Smith konnte nur raten, was alles bedeutete. Sie wollten nur

Informationen, aber keines der Symbole hatte irgendetwas mit

Hilfe zu tun. Schließlich beschloss sie, es aufs Gradewohl zu

probieren, auch wenn das eine äußerst unwissenschaftliche

Herangehensweise war. Sie drückte das Symbol links unten

an. „Nein, das war es nicht.“

Nechayev beugte sich vor. „Stimmt was nicht?“

„Nein.“, sagte Smith. „Alles in Ordnung.“ Schnell betätigte sie

die Kopfzeile und kam so zum vorherigen Menü zurück. „Wir

könnten sonst was auslösen.“

„Na kommen Sie, Rhonda.“, sagte Nechayev. „Konzentrieren

Sie sich.“

Smith wandte sich wieder dem Bildschirm zu, wusste jedoch

nicht so recht, was sie tun sollte. Sie klickte ein Symbol in der

150


oberen Ecke an. Nichts geschah. Dann versuchte sie den Kreis

rechts. Und sofort füllte sich der Bildschirm mit mehr Symbolen.

„Bloß nicht nervös werden, Rhonda. Irgendwo wird es eine

ausführliche Zeichenerklärung geben. Wir müssen nur herausfinden,

was...“

Smith hörte nicht zu. Sie begann die Symbole anzutippen. Irgendwo

musste ein Hilfsmenü sein. Irgend etwas. Plötzlich

begann sich das Bild zu verzerren.

„Was haben Sie getan?“

Smith schwitzte. „Ich weiß nicht genau.“ Die Symbole wurden

zusammengepresst, bewegten und verzerrten sich vor ihren

Augen.

„Es ist ein Würfel.“, sagte Nechayev.

„Nein, er verwandelt sich weiter.“

Der drehende Würfel rotierte schneller. Seine Kannten glätteten

sich und wurden ... zu einem Kreis. Das gesamte Interface

wurde zu einem blau leuchtenden Kreis. Und Nechayev erkannte

ihn sofort. „Omega.“

Smith nickte. „Ich schätze wir haben es.“ Sie betätigte den

Kreis. Und auf einmal liefen Datenmengen über den Bildschirm.

Erklärungen und Informationen, die Omega, den

Nachbarplaneten, diese Anlage und deren Erbauer betrafen.

Der Tricorder übersetzte. Und die Augen der beiden Frauen

wurden immer größer.

Hawk atmete flach. Seine Augen waren geschlossen. Er hatte

die letzten Minuten immer wieder Rhondas Namen gemurmelt.

Er versuchte seine ganze Kraft zusammenzunehmen und

sich aufzurichten. Lemaire drückte seinen Brustkorb herunter.

„Okay.“, sagte Roe. „Das reicht. Ich gebe ihm noch einmal

Morphium.“

„Das wird zuviel.“

151


„Wie lange ist die letzte Dosis her?“

„Ein paar Stunden erst.“

Roe seufzte. Es war keine Lösung. Morphium war einfach

keine langfristige Lösung und er fürchtete, gerade Hawk damit

nur mehr zu schaden, als ihm zu helfen. Smith hatte ihn über

Hawks Sucht aufgeklärt. Aber was konnte er sonst schon tun?

Sie hatten weder die nötige Ausrüstung, noch Medikamente.

Und dann war da dieser Erreger in Hawks Blutkreislauf, über

den er kaum etwas herauszufinden vermochte. Er beugte sich

über den Piloten. „Hawk, können sie mich hören?“

Ein kaum merkliches Nicken.

„Versuchen Sie zu entspannen.“

„Es wird schnell passieren.“, sagte Hawk. Seine Stimme war

sehr leise. Kaum mehr als ein Flüstern.

„Ich werde Sie nicht aufgeben, Hawk.“

Hawk lächelte. „Davon sprach ich nicht. Wissen Sie, wir sind

hier Zeugen des Endes der wissenschaftlichen Ära. Die Wissenschaft

zerstört sich wie alle überkommenden Systeme

selbst. Je mehr Macht sie bekommt, desto unfähiger erweist

sie sich mit dieser Macht umzugehen. Weil jetzt alles sehr

schnell passiert.“

Roe tauschte mit Lemaire einen Blick. Hawk phantasierte

schon wieder.

„Im 20. Jahrhundert war die ganze Menschheit aus dem Häuschen

wegen der Atombombe. Das war wirkliche Macht. Keiner

konnte sich eine größere Vorstellen. Aber sie war schnell

überholt. Bald kam schon die Antimateriebombe. Torpedos.

Thalmeritladungen. Bomben gibt es in Bausätzen wie für

Hobbygärtner. Als Experimente für Kadetten. Als billige Labore

für Terroristen und Diktatoren. Und dann kommt bald

mehr. Mehr Energie. Die ursprünglichste Macht. Und niemand

kann sie kontrollieren, weil niemand sie erfunden hat. Es

kommt schon bald zu Veränderungen.“

„Welche Veränderungen?“

152


„Jede große Veränderung ist wie der Tod.“, sagte Hawk langsam.

„Man sieht die andere Seite erst, wenn man dort ist.“

Damit schloss er die Augen. Und zuckte wieder zusammen.

„Oh, Rhonda. Meine Rhonda.“

„Es geht ihr gut.“, sagte Roe. „Doktor Smith ist in Ordnung.“

Hawk seufzte. „Haben Sie eigentlich eine Vorstellung“, fragte

er. „wie unwahrscheinlich es ist, dass irgendjemand von uns

diesen Mond lebendig verlässt?“

Smith sprang von dem Computerbildschirm fort. „Grundgütiger!“

Sie hielt sich die Hand vor den Mund und starrte mit

weit aufgerissenen Augen auf das, was sie soeben erfahren

hatte. Nechayev war weitaus gefasster. Sie war sogar ... erheitert.

Lächelnd wandte sie den Blick vom Bildschirm ab.

„Nichts ist, wie es zu sein scheint, nicht wahr?“

„Wussten Sie davon?“, schrie Smith.

„Nein.“

Lauter: „Wussten Sie von dieser Maschine?“

„Rhonda, nein, ich schwöre. Wir wussten, dass es im cardassianischen

Raum und speziell in diesem Sektor eine hohe Omega-Konzentration

gibt, aber wir kannten nie den Grund dafür -

bis heute. Wir entdeckten das Partikel im Orbit, gingen aber

immer nur von diesem einen aus. Das änderte sich erst bei unserem

Eintreffen hier. Durch die Daten der ersten Gruppe

dachte ich, es seien vielleicht zwei.“ Sie deutete auf dem Bildschirm.

„Von alledem hier hatte ich ja keine Ahnung. Es ist ...

es ist überwältigend!“

Smith trat weiter von dem Monitor fort, als ginge von ihm eine

Gefahr aus. „Wir ... wir müssen es zerstören.“

„Auf gar keinen Fall.“

„Was?!“

„Smith, begreifen Sie denn nicht? Sehen Sie nicht, was uns

hier auf dem Präsentierteller angeboten wird? Wir können uns

153


die größte bekannte Macht zunutzen machen. Hier und jetzt!

Und in welchen Mengen – phantastisch!“

Smith schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht glauben, was sie

da hörte. „Sie sind ja völlig übergeschnappt. Eine Wahnsinnige!“

„Manche würden vielleicht auch sagen: Eine Visionärin.“

„Nechayev, erkennen Sie denn die enorme Gefahr nicht?

Selbst die Erbauer dieser Anlage-“

„Im Gegensatz zu ihnen erkenne ich, was uns hier praktisch

geschenkt wird.“

„Das ist ja das Problem.“, sagte Smith. „Es wird uns einfach

vor die Füße geworfen. Es stammt nicht von ihnen, also sind

Sie auch nicht bereit Verantwortung für die drohenden Konsequenzen

zu übernehmen. Es ... es ist dasselbe, als wenn Sie einem

Kind eine geladene Waffe in die Hand drücken. Es wird

sich selbst, oder jemand anderen zerstören.“

Nechayev neigte den Kopf. „Dies hier ist etwas völlig anderes.“

„Nein, Admiral! Es ist dasselbe. Genau wie damals in DH-8.

Es ist zuviel Macht für uns und sie verkennen das völlig. Haben

Sie denn gar nichts gelernt? Gar nichts? Fast alle Arten

der Macht verlangen von dem, der sie will beträchtliche Opfer.“

„Die ich schon gebracht habe.“, warf Nechayev scharf ein.

„Das meinte ich nicht. Nechayev, wachen Sie doch endlich

auf! Wenn man etwas erreichen will, da ist Lernen notwendig

und langjährige Disziplin. Egal, welche Macht Sie wollen. Als

Führer eines Planeten; als Träger eines schwarzen Gürtels in

Karate; als spiritueller Guru; als Profisportler; als Captain eines

Raumschiffes. Wonach Sie auch suchen, Sie müssen Zeit,

Training und Anstrengungen investieren. Sie müssen eine

Menge aufgeben, um es zu bekommen. Es muss Ihnen sehr

wichtig sein. Aber wenn Sie die Macht erreicht haben, gehört

sie Ihnen. Man kann sie nicht weitergeben, sie ist in Ihnen. Sie

154


ist das Ergebnis Ihrer Disziplin. Das Interessante an diesem

Prozess ist nun die Tatsache, dass jemand zu dem Zeitpunkt,

da er gelernt hat, mit seinen Händen zu töten, auch die Reife

erlangt hat, zu wissen, wie er diese Macht zu gebrauchen hat.

Er wird sie nie unvernünftig anwenden. Diese Art von Macht

besitzt einen eingebauten Kontrollmechanismus. Die Disziplin,

die notwendig ist, um sie zu erreichen, verändert einen so,

dass man sie nie missbrauchen wird. Das hier haben wir nicht

erreicht. Wir wollten es – schon damals. Wir haben es bereits

versucht, aber es ist missglückt. Zwei mal! Und nun ist es uns

gerade in den Schoss gefallen und wird in einer erneuten Katastrophe

enden.“

„Rhonda, das ist völlig-“

„Warum geben wir keine unserer Technologien an Prä-Warp

Völker weiter, hm? Warum, Admiral? Weil diese Leute damit

nichts anfangen können. Sie würden sich eher selbst vernichten.

Und dasselbe wird hier und mit dieser Maschine geschehen,

wenn wir nicht vorsichtig sind.“

Nechayev blieb stur. „Wir können Omega kontrollieren.“

„Das dachten wir auch damals.“

„Inzwischen haben wir die Mittel. Wir haben die Harmonikkammern.“

„Bloß weil wir in der Lage sind einen Käfig zu bauen, heißt

das noch lange nicht, wir könnten den Löwen darin kontrollieren.“

„Aber ihn in Schach halten.“

Smith schüttelte den Kopf. „Dieses Bestreben, alles zu kontrollieren

... Wir reden über eine typisch menschliche Haltung,

die Jahrhunderte alt ist. Die Sache begann zu der Zeit, als Florenz

die wichtigste Stadt der Welt war. Die Definition der

Wissenschaft - als neue Sicht der Wirklichkeit, als objektive

Methode, die unabhängig ist von Glauben oder Nationalität,

als Ausdruck der menschlichen Vernunft -, diese Definition

war damals neu und aufregend. Sie versprach eine neue Hoff-

155


nung für die Zukunft und fegte das jahrhundertealte mittelalterliche

System hinweg. Die mittelalterliche Welt der Feudalherrschaft,

der religiösen Dogmen und des abscheulichsten

Aberglaubens musste der Wissenschaft weichen. Aber tatsächlich

geschah das, weil das mittelalterliche System nicht mehr

funktionierte. Es funktionierte ökonomisch und intellektuell

nicht mehr, und es passte nicht zu der neuen Welt, die eben im

Entstehen war.“

Sie hustete.

„Aber inzwischen.“, fuhr sie fort, „ist die Wissenschaft auch

schon wieder ein jahrhundertealter Glauben. Und wie das mittelalterliche

System davor passt auch die Wissenschaft allmählich

nicht mehr zu uns Menschen, wie sie ist. Die Wissenschaft

hat inzwischen soviel Macht, dass die Grenzen ihres

Funktionierens zutage treten. Wir können alles mit ihr erreichen,

alles bauen, alles erklären, was wir im Universum vorfinden.

Aber - die Wissenschaft hilft uns nicht bei der Entscheidung,

was wir mit diesem Universum tun, wie wir leben

sollen. Sie kann einen Kernreaktor konstruieren, aber sie kann

uns nicht sagen, ihn nicht zu bauen. Die Wissenschaft kann

ein tödliches Gift entwickeln, aber sie kann uns nicht vorschreiben,

es nicht zu verwenden. Sie kann den Warpantrieb

hervorbringen, uns aber nicht davor warnen, dass wir mit ihm

den Subraum zerstören. Und wenn man allmählich den Eindruck

bekommt, als sei das Universum verseucht und zerstört,

dann liegt das an dieser nicht beherrschbaren Wissenschaft.“

Smith seufzte.

„Zumindest soviel ist doch für jeden offensichtlich. Gleichzeitig

existiert die große intellektuelle Rechtfertigung nicht mehr.

Schon seit Newton und Descartes verspricht die Wissenschaft

uns die totale Kontrolle. Wir maßen uns mit ihr die Macht an,

irgendwann einmal alles zu wissen, und zwar dank unseres

Verständnisses der Naturgesetze. Aber das stimmt nicht. Gödels

Theorem der Mathematik setzte der formalen Sprache der

156


Wissenschaft bereits Grenzen. Die Mathematiker glaubten

lange, ihre Sprache besitze eine gewisse inhärente Wahrheit,

die sich von den Gesetzen der Logik herleitet. Inzwischen

wissen wir, dass das, was wir Vernunft nennen, etwas vollkommen

Beliebiges ist. Nichts Besonderes und Einzigartiges,

wie wir das immer glaubten. Und jetzt beweist die Chaostheorie,

dass die Unberechenbarkeit in unser gewöhnliches Leben

quasi eingebaut ist. Sie ist so alltäglich wie das Unwetter, das

wir nicht vorhersagen können. Diese Erkenntnisse haben der

jahrhundertealten, großen Vision der Wissenschaft - dem

Traum von der totalen Kontrolle den Todesstoß versetzt, wenn

wir nicht vernünftig genug sind. Und Sie sind schon lange Zeit

nicht mehr vernünftig, Admiral!“

Smith musste innerlich lächeln, als ihr ihre eigenen Worte bewusst

waren und von wem sie beeinflusst worden waren.

Hawk hatte absolut recht gehabt.

Die ganze Zeit über.

„Wir können nicht alles kontrollieren, Alynna. Und diese Maschine

hier erst recht nicht. Erkennen Sie denn nicht, welchen

Fehler Sie ein zweites Mal begehen? Sie haben der Wissenschaft

die Rechtfertigung entzogen für das, was sie tun, und

uns die Rechtfertigung, an die Wissenschaft zu glauben. Wir

haben immer behauptet, dass wir vielleicht im Augenblick

noch nicht alles wissen, dass wir aber irgendwann alles wissen

werden. Jetzt sehen wir, dass das nicht stimmt. Es ist eine leere

Prahlerei. So töricht und so irregeleitet wie ein Kind, das

von einem Haus springt, weil es glaubt, es kann fliegen. Sie

maßen sich hier kontrollierende Fähigkeiten und wissenschaftliches

Kalkül an, das Sie nicht besitzen und das alles nur, um

ihr Ego zu schützen.“

Nechayev hatte sich alles angehört und mit jedem Wort, mit

dem Rhondas Zuversicht wuchs, erstarkte Nechayevs Wut und

Entschlossenheit. Die beiden Frauen sahen sich eine Weile

einfach nur an.

157


Schließlich brach Nechayev das Schweigen. „Ich werde unser

Vorhaben nicht beenden!“, grollte sie. „Niemals. Nicht nach

all dem, was wir durchgemacht, was wir geopfert haben. Wir

sind so kurz davor die Föderation zu retten.“

„Wir sind kurz davor sie zu zerstören.“

„Sie verstehen nicht, Rhonda!“, sagte Nechayev wütend. „Es

geht nicht um die Frage der Ehre, irgendein Ego oder jemandes

persönliche Sicherheit, sondern um politische Angelegenheiten,

die Sie als Wissenschaftlerin, die mit der Nase tiefer in

den Büchern, als in der Realität steckt, nicht verstehen können!

Sie sind eine Mathematikerin, die sich inzwischen auf

diese dumme Chaostheorie spezialisiert hat. Nun sind Sie ja

recht sympathisch und clever, aber eigentlich tun Sie außer

Schwarz sehen nichts anderes, als mit irgendwelchen Computermodellen

das Verhalten komplexer Systeme zu simulieren

und dabei kommt ihnen nicht in den Sinn, dass die Dinge im

Universum ein wenig anders stehen könnten als in den binären

Codes auf ihrem Bildschirm.“

„Ja, genau.“, entgegnete Smith frostig. „Gerade weil ich die

Dinge oft nicht so sah, wie sie wirklich waren, habe ich mich

in eine Lage manövrier, in der ich mir die letzte Jahre von ihnen

alles habe vorschreiben lassen. Wie ich zu arbeiten, wie

ich zu leben habe! Ich war jung, dachte alles zu schaffen und

beging deswegen einen Fehler, den wir beide jetzt zu wiederholen

drohen. Aber dazu lasse ich es nicht kommen. Diesmal

bin ich schlauer!“

„Rhonda-“

„Nein, Alynna.“, sagte Smith entschieden. „Es ist vorbei! Sie

haben ab sofort keine Kontrolle mehr über mich. Ich lasse

mich von ihnen nicht mehr einschüchtern. Diese Sache wird

beendet. Hier und jetzt. Ich gehe zu den anderen und werde sie

informieren. Ich bin davon überzeugt, dass sie mir beipflichten

und diese defekte Maschinerie – wie es sein sollte- aufhalten

werden.“

158


Sie drehte sich auf dem Absatz herum und humpelte in den

Korridor hinaus. Der Schmerz im Knöchel war enorm. Aber er

konnte sie nicht aufhalten. Nichts konnte das. Sie fühlte sich

gut. Zum ersten Mal seit einer langen, langen Zeit fühlte sie

sich frei und gut. Ab sofort würde sie alles anders machen. Sie

würde diese Sache nun beenden und mit Hawk ein neues Leben

aufbauen. Nein, der Knöchel konnte sie nun nicht aufhalten.

Sie musste zu den anderen. Sie musste zu Hawk. Er hatte

absolut recht gehabt.

Mit allem.

Nechayev kam ebenfalls in den Korridor hinaus. „Die Geschichte

ist im Begriff sich drastisch fortzubewegen, Rhonda.

Die, die nicht mithalten können, werden zurückgelassen und

uns aus der Distanz beobachten müssen. Und die, die in unserem

Weg stehen, werden überhaupt nichts mehr beobachten.

Ich bitte Sie, bringen Sie mich nicht in eine ausweglose Situation,

die ihnen schaden wird.“

Smith hielt inne. Ohne sich umzudrehen, wusste sie, dass eine

Waffe auf sie gerichtet war. Ihr Instinkt bestätigte sich, als sie

über die Schulter sah.

„Wollen Sie das wirklich tun?“

„Keineswegs.“, sagte Nechayev. „Aber ich kann nicht zulassen,

dass Sie alles verraten. Alles versauen.“

„Dann müssen Sie schießen.“

„Rhonda, wer gibt ihnen das Recht entscheiden zu wollen,

dass die Föderation diese Technologie nicht erhält? Sie könnte

alles verändern!“

„Wer gibt ihnen das Recht, Admiral.“, stellte Smith die Gegenfrage.

„entscheiden zu wollen, dass die Föderation bereit

ist für diese enorm gefährliche Macht?“

„Zwingen Sie mich nicht zu diesem Schritt, Rhonda. Tun Sie’s

bitte nicht!“

159


Smith setzte sich wieder in Bewegung. Weg von Nechayev.

Über die Schulter rief sie: „Sie werden nicht schießen, Alynna.

Sie würden nicht so weit gehen.“

Nechayev lies ihren Phaser sinken.

Smith ging weiter.

Sie hörte Nechayev sagen: „Es tut mir leid.“

Und dann spürte Smith plötzlich einen brennenden Schmerz

am Rücken und ein eigenartiges Gefühl, als ihr Körper durch

die Luft geschleudert wurde. Es ging alles sehr schnell, dennoch

spürte sie, wie die Welt kälter wurde. Sie schlug hart auf.

Die Luft wurde aus ihren Lungen gepresst, als würde ihr jemand

mit einem Hammer in den Magen schlagen. Und diese

Schmerzen! Für ein paar Sekunden war sie völlig benommen,

wusste nicht wo sie war. Es gelang ihr dennoch irgendwie auf

die Knie zu kommen. Smith konnte es nicht fassen. Nechayev

hatte ihr in den Rücken geschossen! In den Rücken. Noch

während sie das dachte, überwältigten Sie die Schmerzen.

Keuchend sank sie auf den Boden, berührte das kalte Material

mit der Wange.

„Hawk.“, keuchte sie. Hawk! Sie musste zu ihm. Er brauchte

sie. Mühsam begann sie weiterzukriechen. Ihr Atem kam in

dünnen, pfeifenden Stößen. Und noch immer war da dieser

unaufhörliche, gellende Schmerz, der Lichtpunkte in ihrem

Sichtfeld aufblitzen ließ. Sie kroch weiter. Dann erst bemerkte

sie die Schritte, die sich ihr näherten. Stiefel. Sternenflottenstiefel.

Nechayev ging neben ihr her, stieß sie mit dem Schuhen

an. Smith fiel zur Seite. Sie sah an Nechayev hoch, erspähte

den bitteren Ausdruck in ihren Augen. Mit den Lippen

bildete Smith Worte, aber aus ihrer Kehle kamen keine Geräusche.

„Es tut mir furchtbar leid.“, sagte Nechayev leise. „Ganz ehrlich.

Ich habe das nicht gewollt.“

„...Monster.“, keuchte Smith.

160


Nechayev schloss für einen Moment die Augen. „Je mehr man

weiß, desto mehr kostet es, nicht wahr. Was ich hier tue ist böse,

Rhonda. Ich mache mir keine Illusionen darüber. Aber es

muss getan werden und wenn ich den Rest meines Lebens mit

dieser Schuld leben muss und dafür in der Hölle schmore,

dann ist das ein notwendiges Opfer, dass ich bereit bin einzugehen,

um die Föderation zu schützen. Die Chance, die sich

uns hier anbietet, kann ich nicht verstreichen lassen. D’Agosta

und die anderen würden es nicht verstehen. Sie würden alles

zunichte machen. Unsere ganze Arbeit. Ihre. Meine. Die meines

Vaters. Ich kann das nicht zulassen! Es ist für ein höheres

Ziel. Alles ... für eine höheres Ziel.“

Sie richtete den Phaser auf Smith.

Furchtbar langsam.

Rhonda Smith stöhnte auf.

Der befreiende Schuss folgte.

„Rhonda!“ Hawk bäumte sich unter Schmerzen auf, nur um

kurz darauf völlig zu erschlaffen. Er viel auf das Bett zurück

und keuchte, als sei jeder Atemzug sein letzter. Er riss die

Glanzlosen Augen auf.

Die Anzeigen der medizinischen Diagnosegeräte schlugen aus.

„Herzrasen!“, rief Lemaire. „Er hat Herzrasen.“

Roe riss einen medizinischen Tricorder auf. „Was ist es? Was

ist es? Ich erkenne keine Ursache.“

„Das Virus?“

„Inaktiv.“ Er schüttelte den Kopf. „Kein Nervenschock, keine

inneren Blutungen. Ich erkenne keine Ursache.“ Er drehte sich

zu Lemaire. „Überprüfen Sie die Geräte. Schnell!“

Hawks Stimme war nur noch ein kaum hörbares Flüstern. „Alles

... sieht anders aus ... auf der anderen Seite.“

Roe beugte sich über ihn. „Auf der anderen Seite?“ Er glaubte,

Hawk würde über das Sterben sprechen.

161


„Wechsel.“, sagte Hawk.

„Wechsel?“

Hawk antwortete nicht sofort. Seine trockenen Lippen bewegten

sich. „Über ... Rand des Chaosbandes.“, brachte er schließlich

heraus.

„Chaos...“

„Chaoswechsel?“

„Paradigmen.“, sagte Hawk.

„Paradigmenwechsel? Hawk, was wollen Sie sagen?“

Roe wusste was ein Paradigmenwechsel war. Es handelte sich

um ein anderes Wort für ein Modell. Aber im wissenschaftlichen

Sprachgebrauch bedeutete es noch mehr, art Weltsicht.

Eine umfassende Weltsicht. Zu Paradigmenwechsel kam es,

wenn die Wissenschaft eine bedeutende Veränderung durchmachte.

Solche Veränderungen geschahen relativ selten. Vielleicht

einmal im Jahrhundert. Darwins Evolutionstheorie hatte

einen solchen Wechsel erzwungen. Die Quantenmechanik und

das Warptriebwerk einen kleinen.

„Nein.“, sagte Hawk schwach. „Nicht ... Paradigma ... hinter-“

„Hinter dem Chaosband?“, fragte Roe.

„Mir ... egal ... was ...“

Roe seufzte. Hawk geriet immer tiefer in ein terminales Delirium.

Völlig ohne neue Morphiuminjektion. Er warf einen

Blick auf die Geräte. Das Fieber stieg immer weiter, Roe hatte

keine Ideen mehr.

„Was ist ihnen egal?“

Keine Antwort.

„Hawk, reden Sie mit mir. Bleiben Sie hier. Was ist ihnen egal?“

„Alles.“, flüsterte Hawk. Er schloss die Augen. „Der Absturz

– meine Schuld. Rhondas ... tot. Euer aller ... tot .... durch

meine Schuld. Alles egal ... Weil alles anders ist ... auf der anderen

Seite.

162


Und er lächelte. Sein Körper erschlaffte. Vom Herzrhytmusmesser

ging ein langanhaltendes Piepen aus.

Herzstillstand.

In der schwülen Hitze des anbrechenden Abends kletterte Nechayev

aus der Luke und begab sich zu Nottingham. Er stand

zwei Meter vor dem freigesprengten Eingang und starrte durch

das rote Blattwerk auf die Ebene hinaus. Offenbar hatte er sich

in den vergangenen Stunden überhaupt nicht bewegt. Für ihn

nichts ungewöhnliches. Wortlos stellte sie sich neben ihn und

starrte ebenfalls in die Ferne. Ihre Augen waren sonderbar glasig.

Nottingham warf nur einen kurzen Blick zur Seite. Registrierte

Nechayevs Wunden. Das Fehlen der Ärztin. „Wo ist

Doktor Smith?“

Nechayev antwortete nicht sofort. Sie schien ihn überhaupt

nicht zu hören. Erst nach einer Weile sagte sie: „Sie hatte ...

einen Unfall.“

Sie sprach sehr leise. Fast traurig.

Nottingham nickte nur. „Ich verstehe.“

Für eine Weile schwiegen beide.

„Haben Sie einen Glauben, Ian?“

„Was genau meinen Sie?“

„Ich weiß nicht. Glauben sie ... an Gott? An ein Leben nach

dem Tod? An Richtbarkeit unserer Taten?“

Sie wirkte sehr nachdenklich. Nottingham schürzte die Lippen.

„Weder noch. Aber ich mache mir über so etwas auch

keine Gedanken. Es ist nicht Bestandteil meiner Aufgabe.“

„Ihrer ... Aufgabe?“

„Jeder hat eine. Ich habe meine, sie haben ihre. Sie zu erfüllen

ist unser Ziel.“

Einen Pause entstand.

Nechayev dachte lange nach. Dann räusperte sie sich. Versuchte

die Strenge in ihrer Stimme wieder herzustellen. „Sie

163


haben recht.“, sagte sie. Lauter: „Unsere Pläne haben sich geändert,

Ian. Alles hat sich geändert.“

„Inwiefern?“

„Diese Sache hier ist größer als wir dachten. Viel Größer. Wir

brauchen Hilfe.“

„Die anderen Gestrandeten?“

Nechayev lächelte bitter. „Nein, die können uns nicht helfen.

Die können sich selbst kaum helfen.“

Sie begab sich zum Jeep zurück und bedeutete Nottingham ihr

zu folgen. „Wir haben eine seltsame Linie überschritten, Ian.

Vielleicht müssen wir weitere überschreiten.“

Sie stieg ein, knallte die Tür zu. Nottingham nahm auf dem

Fahrersitz platz. „Wohin?“

„Den Container-Gespann finden. Wir müssen meine Wunden

behandeln, Hawk das Gegenmittel verabreichen. Und etwas

abholen.“ Sie dachte an die Luke. „Hat es hier irgendwelche

Vorfälle gegeben?“

Nottingham blickte kurz zu dem Gebüsch, wo er die Hilferufe

gehört hatte. „Nein, keine.“

Er trat das Gaspedal durch. Der Jeep schlitterte durch rutschiges

Unterholz, bekam dann wieder Bodenhaftung und zockelte

einen Hügel zur Ebene hoch.

„Ich kann nicht glauben, was du da getan hast!“, schimpfte

Ketteract und schüttelte energisch mit dem Kopf, während er

Nechayev durch die Röhrenkorridore von DH-8 folgte.

„Wäre es dir lieber gewesen, die Cardassianer hätten diese

Station entdeckt?“, fragte Nechayev mit unbewegter Mine.

„Du hättest sie nicht alle umbringen müssen.“, zischte Ketteract

zornig. „Du hättest-“

„Ich sagte, ich würde diese Basis vor einer Entdeckung verteidigen

und das habe ich getan. Es gab nur zwei Möglichkeiten;

die, oder wir. Mir ist lieber, dass es die erwischt hat, an-

164


statt uns.“ Sie sagte das ohne jede Spur von Mitgefühl. Und es

war genau diese Kälte, die Ketteract Angst machte. Er spürte

einen unbändigen Zorn. „Diesmal bist du zu weit gegangen,

Alynna. Viel zu weit!“

„Denkst du?“

„Oh ja, das denke ich. Du bist besessen, Alynna und verrätst

die Ideale der Föderation im Glauben sie zu beschü-“

Plötzlich verdüsterte sich Nechayevs Gesicht. Sie blieb abrupt

vor einer Luke stehen und wirbelte zu ihm herum. „Wir stehen

am Beginn eines Zeitalters, Damian, in dem die alten Regeln

nicht mehr gelten.“

Ketteract erwiderte nichts. Er stand einfach nur da, sah seine

Ex-Frau an und war enttäuscht. Einfach nur enttäuscht.

„Ich kann dich ja verstehen, Damian.“, sagte Nechayev und

legte ihre Hände an seine Oberarme. „Du bist Wissenschaftler,

du steckst die Meiste Zeit in Laboratorien und bekommst

nicht mit, was in der Galaxie um dich herum geschieht. Ich

aber schon. Und es sieht nicht gut aus. Früher oder später

wird die Föderation sich mit der Tatsache auseinandersetzen

müssen, dass wir nicht mehr die einzige Großmacht im Quadranten

sind. Die anderen steigen gerade dazu auf, oder sind es

bereits und drohen uns über den Kopf zu wachsen. Die Klingonen

haben die größte Kriegsmaschinerie. Die Tzenkethi die

höchste Lebenserwartung. Die Romulaner das beste Netzwerk

von Außenposten und Spionageanlagen, die niedrigsten Militärkosten,

sowie die kleinste Kluft zwischen Arm und Reich.

Die Cardassianer die robustesten Industrieerzeugnisse. Diese

Großmächte sind am reifen und werden bald eine wirtschaftliche

und militärische Größe erreicht haben, die der unseren

gleicht. Aber das ist denen allen nicht etwa gelungen, indem

sie genauso vorgegangen sind wie wir. Sie sind völlig anders

organisiert. Und sie haben eine ganz neue Art der Territorialerschließung

erfunden: auf Gegnerschaft hin ausgerichtetes

Expansion. Expansion ist Krieg, Expansion, die darauf zielt,

165


die Konkurrenz auszuschalten. Das hat die Föderation noch

nie verstanden.“

Sie seufzte. „Wir bestehen immer noch darauf eine friedliche

Organisation zu sein, die einfach das Universum erforscht und

mit bestem Beispiel für alle anderen vorangeht. Aber diese

anderen stellen sich die Frage, warum sie sich ändern sollten.

Die machen ihre Sache schließlich genauso gut, wenn nicht

sogar besser. Wie sollen wir darauf reagieren, frage ich dich.

Es ist absurd denen ihren Erfolg vorzuwerfen oder sie aufzufordern,

sie sollten ihr Wachstum verlangsamen. Solche Vorschläge

von föderierter Seite sind in den Augen der anderen

Großmächte nur kindisches Gegreine und mit dieser Einschätzung

haben sie recht. Es stünde der Föderation besser an,

endlich aufzuwachen, die anderen so zu sehen, wie sie sind

und der Realität entsprechend zu handeln. Das läuft letztendlich

auf große Veränderungen in der Föderation hinaus, aber

es ist nun einmal unweigerlich die Aufgabe des schwächeren

Partners, sich den Erfordernissen einer Beziehung anzupassen

– und die Föderation wird irgendwann der schwächere Partner

sein. Alle fordern uns doch bereits heraus. Die Klingonen, die

Romulaner, die Borg... Es wird Zeit, dass wir uns nach Möglichkeiten

umsehen unsere Machtposition zu bewahren. Was

ist? Was schaust du mich so vorwurfsvoll an?“

„Nichts besonderes, Alynna.“, meinte Ketteract traurig. „Es

ist nur so, dass ich mich frage, wo deine Grenzen liegen. Und

ob du überhaupt noch welche hast.“

„Das“, antwortete Nechayev. „sollten wir besser niemals herausfinden.“

Sie drehte sich auf dem Absatz herum und trat

durch die Luke.

Nechayev betrat das Labor und stellte erleichtert fest, dass

auch Smith zugegen war. Allmählich bildete sich in DH-8 eine

Art Routine heraus, ein Arbeitsrhythmus in den Laborato-

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ien, in denen es weder Tag noch Nacht, weder Morgen noch

Abend gab. Die Männer schliefen ein, wenn sie müde waren

und sie wachten wieder auf, wenn sie sich ausgeruht hatten.

Sie gingen in den verschiedenen Bereichen ihrer Arbeit nach.

Der größte Teil dieser Arbeit führte zu nichts. Das wussten

sie; sie hatten sich im voraus damit abgefunden. Am Ende

spielten alle Vorbereitungen keine Rolle, nicht einmal die Intuition.

Zum Erfolg brauchten sie Glück und das, was dem

Fleißigen durch echte, harte Arbeit eben zufällt.

Smith stand vor der Omega-Kammer und studierte die Anzeigen

einer Konsole. Für sie war das Molekül ein Rätsel, das ihren

Scharfsinn herausforderte. Sie musste es lösen. Sie war

überzeugt, dass ihr die Sensoren alles sagen konnte, was sie

wissen musste. Es kam nur darauf an, die Angaben richtig zu

kombinieren. Aber je länger sie suchten, um so mehr musste

sie zugeben, dass diese Angaben höchst verwirrend waren,

das hatte sie Nechayev bereits bei ihrem letzten Bericht eingestanden.

Nechayev trat neben sie. Smith sah auf. „Rhonda, es gibt eine

dramatische Entwicklung der Dinge. Wir müssen schnell machen,

uns rennt die Zeit davon und ich brauche von ihnen eine

ehrliche Antwort: schaffen sie es Omega mit dem Transporter

zu bewegen und zu nutzen, oder nicht?“

Smith setzte zu einer Antwort an, als Nechayev hinzufügte:

„Und damit wir uns nicht falsch verstehen, ich erwarte von

einer so begabten jungen Frau wie ihnen eine Antwort, die

mich zufrieden stellt.“

Ehe Smith etwas erwidern konnte, schob sich Ketteract zwischen

die beiden. „Alynna, wir können das nicht schaffen. Die

Computer brauchen zu lange für die Berechnungen und für

die Dematerialisierung. Das sind höchst komplizierte, mathematische

Verfahren. Wir haben nicht die nötige Technologie.

In ein paar Jahren vielleicht. Aber nicht jetzt. Noch nicht. Wir

brauchen einfach mehr Zeit.“

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„Ich könnte das nach Intuition berechnen.“, sagte Smith plötzlich.

Sowohl Ketteract, als auch Nechayev sahen sie verwundert

an.

„Glauben Mathematiker an Intuition?“, fragte Nechayev.

„Absolut. Die ist sehr wichtig.“, erwiderte Smith.

„Genaugenommen habe ich gerade über Fraktale nachgedacht.

Wissen Sie, was Fraktale sind?“

Nechayev schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht, nein.“

„Fraktale sind eine Art Geometrie. Aber im Gegensatz zur

gewöhnlichen Geometrie, die jeder in der Schule lernt –

Quadrate und Würfel und Kugeln-, beschreibt die fraktale

Geometrie reale Gegenstände der natürlichen Welt. Berge und

Wolken haben fraktale Gestalt. Also haben die Fraktale wahrscheinlich

mit der Wirklichkeit zu tun. Irgendwie. Man hat

mit diesen geometrischen Hilfsmitteln ein paar bemerkenswerte

Dinge herausgefunden. Zum Beispiel, dass Dinge, in

verschiedenen Maßstäben betrachtet, fast identisch aussehen.“

„In verschiedenen Maßstäben?“ fragte Nechayev.

Smith nickte. „Ich denke ich könnte mithilfe dieser Fraktale

Omega entschlüsseln, in dem ich eine identische Struktur finde.

Oder das Molekül zumindest stabilisieren, während es sich

im Transporterstrahl befindet. Womöglich können wir dann

das Molekül bewegen. Ja, das ist sogar sehr wahrscheinlich.“

Nechayev nickte zufrieden. „Hörst du, Damian? Fraktale. Wie

viel Zeit benötigen Sie, Rhonda?“

Smith schürzte die Lippen und dachte nach. „Ich weiß nicht.

Ich fange gleich an. Zu diesem Zweck würde ich mich aber

lieber auf die Crazy Horse begeben, der Hauptcomputer ist

um einiges Leistungsfähiger als unserer hier, der nur etwa die

halbe Kapazität und Größe besitzt. Ich könnte die Daten dann

an das Habitat weitersenden und wir fangen an. Geben Sie

mir nur ein paar Stunden.“

„Schaffen Sie das auch wirklich?“

„Ich denke schon. Es ist ein mathematisches Rätsel, wie jedes

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andere. Man kann es lösen. Ich brauche nur einen leistungsfähigeren

Computer.“

„Abgemacht. Packen Sie ihre Ausrüstung, wir treffen uns an

der Luftschleuse.“

Smith zögerte nicht und eilte sofort los. Nechayev war zufrieden.

Sehr zufrieden. Ketteract war es nicht. „Alynna, das kann

sie nicht. Diese Berechnungen sind zu komplex, selbst für-“

„Smith ist ein Genie.“, winkte Nechayev bereits jeden Zweifel

beiseite. „Sie hat die Gleichungen, die du nicht einmal schafftest

in kürzester Zeit gelöst. Nebenbei.“

„Du setzt sie zu stark unter Druck. Diese Frau will dich beeindrucken

und zufrieden stellen, das sieht doch jeder. Sie

will die Karriereleiter möglichst schnell hochklettern und du

bist ihr Sprungbrett. Das ist auch ganz schön, aber in dieser

Sache viel zu verheerend. Sie kennt die Risiken nicht, sie

weiß nicht, was alles passieren kann. Schon die kleinste Anomalie,

die winzigste Instabilität-“

„Wenn das hier einer kann, dann Rhonda Smith. Ich bestehe

darauf, dass sie das macht.“

„Ach so? Sie ist nicht die Leiterin dieses Projektes.“

„Du auch nicht.“

„Was?“

„Verdammt noch mal!“, schimpfte Nechayev, „Hast du es

denn immer noch nicht begriffen, Damian? Wir sind hier

nicht auf einem Wissenschaftlerkongress und dies ist auch

nicht das Lunar-Holiday Inn, wo jeder tun und lassen kann,

was ihm passt. Es handelt sich um eine militärische Operation,

und du wirst verflixt noch eins den militärischen Befehlen

gehorchen. Ist das klar?“

Sie wartete gar nicht auf eine Antwort und trat zum Ausgang.

Fünfzehn Minuten später flogen sie und Smith ab. Die Operation

kam in die heiße Phase.

Trotz der Risiken.

Trotz seiner Warnung. Ketteract schüttelte den Kopf. Ne-

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chayev meinte es gut, wollte der Föderation Vorteile gegenüber

den anderen Großmächten verschaffen, dies wusste er.

Aber sie konnte einfach nicht aufhören, wenn sie einmal etwas

angefangen hatte und nun ging sie bis zum äußersten. Sie

war zu zielstrebig. Zu Zweckorientiert. Der Zweck heiligt die

Mittel.

Und er fürchtete, dass dies irgendwann den gegenteiligen Effekt

von dem, was sie bezweckte hervorrief und der Föderation

erheblich schaden, anstatt nutzen würde.

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Kinjal-Festung

Eine Wache schaute in Shannyns Zelle herein und sah, dass

sie noch immer am Pfahl stand. Ein hallendes Klacken erklang,

als er die Tür aufschloss. Er trat näher, überprüfte ihre

Handschellen und ging wieder hinaus. Die Tür fiel erneut ins

Schloss.

„Ihr müsst ja große Angst vor mir haben.“, murmelte Shannyn,

als sie allein war. Lauter sagte sie: „Alles in Ordnung bei

euch?“

„So weit ja.“, antwortete Allan D’Agosta in der Nebenzelle.

Eine Stahlwand trennte sie, Shannyn konnte ihn nur hören, aber

nicht sehen. Irgendwo draußen, vermutlich von der Arena,

setzte Getöse ein.

Festliches Getöse.

„Was machen wir jetzt?“, hörte sie Judy sagen.

D’Agosta antwortete: „Lieutenant Dike ist auch noch draußen.

Er wird höchstens eine Weile brauchen, bis er bei uns ist.“

Ramina schnaufte, sagte aber nichts.

„Er hat ein Gewehr.“, versicherte D’Agosta. „Und mein Phaser

liegt bei ihm. Den hab ich im Wald fallen lassen.“

„Dad, meinst du, dass Mr. Dike ihn hat?“

„Ich hoffe es.

„Kommt er uns holen?“

Shannyn konnte sehen, wie Ramina in der Zelle gegenüber

den Kopf schüttelte. „Der wird nie kommen.“

„Sie meinen, er geht zurück? Dann holt uns keiner hier raus?“

„Nein, Mädchen. Keiner.“

„Sind wir verloren?“

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„Denk dir nichts.“, mischte sich nun Shannyn in das Gespräch

mit ein. Sie lies Ramina mit einem warnenden Blick verstummen.

„Wir schaffen auch das hier. Alles wird gut.“

Draußen wurde der Lärm lauter. Offenbar versammelten sich

mehr und mehr Tarkon – Rufe und Stimmengemurmel waren

zu hören.

„Die veranstalten wohl eine Feier.“, sagte Judy.

Shannyn nickte. „Und ich fürchte ich weiß, was für eine.“

Shannyn lies sich auf den kalten Boden sinken und lehnte sich

mit dem Rucksack gegen den Pfahl. „Am besten ihr setzt euch

auch hin. Kann eine lange Nacht werden.“

Die anderen taten es – bis auf Ramina.

Sie lauschten der grölenden und brüllenden Menge. Irgendwie

wusste Shannyn, was da passierte. Sie sah Ramina an. Doch

die schüttelte bloß den Kopf. Sie konnten nichts tun. Es kam

keine Hilfe. Es gab keinen Ausweg. Dorak hingegen war ruhig.

Er beobachtete Aufmerksam Shannyn. Sie hörten wieder

das Geräusch hallender Schritte und zwei Wachen erschienen.

Die Tür zu D’Agostas Zelle öffnete sich abermals. Die eine

Wache schloss sie auf und blieb draußen, mit der Hand an einer

Pistole, wie zuvor bereits.

Die andere Wache ging zu D’Agosta und legt nun auch ihm

Handschellen an. Athol knurrte bedrohlich, konnte aber nichts

machen. Er war noch immer an den Pfahl gefesselt. Die Wache

war fertig und verließ die Zelle wieder. Die Tür schlug ein

weiteres Mal hinter ihr zu. Dann entfernten sie sich. Draußen

tobte die Menge.

„Ganz ruhig.“, sagte Shannyn. „Die werden uns eine Weile

warten lassen. Es gibt noch Hoffnung.“

„Hoffnung worauf?“, fragte Ramina. Sie schüttelte den Kopf.

Shannyn drehte den Kopf zu Ramina und wollte gerade etwas

erwidern, als sie zu ihrem erstaunen sah, dass die Orionerin ihr

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Hemd abstreifte und begann, gegen die Stäbe zu treten, um die

Wachen auf sich aufmerksam zu machen.

„Was haben Sie vor?“, fragte Dorak in der Nebenzelle.

Raminas Blick verdüsterte sich. „Für mein Überleben sorgen.“

„Hallo, Süßer.“, sagte Ramina, als die erste Wache vor ihrer

Zelle erschien. Er starrte erstaunt auf ihren entblößten Oberkörper

und musste feststellen, dass sie anatomisch mit einer

Tarkon einiges gemeinsam hatte.

In Raminas Augen blitzte etwas auf. „Gefall ich dir?“ Sie bewegte

anzüglich ihr Becken.

Die Wache grinste. „He, Asha!“, rief er. „Komm mal her, das

musst du dir ansehen.“

Ramina hörte die herannahenden Schritte der zweiten Wache.

Er war älter, grinste aber genauso fies, als er sah, was sich in

der Zelle abspielte. Ramina ignorierte ihn. Sie fokussierte sich

ganz auf die erste Wache. Den Jungen. Den unerfahrenen Jungen.

„Hast du eine Ahnung, welcher Spezies ich angehöre?“

„Nein.“

„Ich bin Orionerin. Ein Sklavenmädchen. Uns sind besondere

sexuelle Stimulationsfähigkeiten angeboren, die uns überall in

der Galaxie als ... Handelsware enorm beliebt machen. Ich

verfüge auch darüber.“ Es war gelogen. Aufgrund ihres gemischtrassigen

Genoms besaß Ramina die Drüsen, die spezielle

Pheromone ausstießen, um Männer gefügig zu machen, gar

nicht. Aber die waren auch nicht nötig, um das zu bekommen,

was sie wollte. Ihr Körper reichte völlig aus, das hatte sie im

Laufe ihres Lebens gelernt. Der Junge reagierte bereits. Er

neigte leicht den Kopf. „Du bist ein Sklavenmädchen? Für besondere

Dienste, nehme ich an.“

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Ramina nickte. „Ihr müsst euch doch Vergnügen, oder? Ich

könnte dich sehr glücklich machen.“ Sie sprach die Sätze nicht

mehr, sondern hauchte sie. „Hast du Lust?“

Die Wache blickte zunächst misstrauisch, trat aber dann in die

Zelle. Er war jünger als sie, vielleicht zwei oder drei Jahre unterschied.

Dafür aber größer, nur nicht kräftiger. Er hatte ein

Gewehr um die Schulter geschnallt.

„Willst du ein bisschen Spaß haben?“, fragte Ramina. Sie lächelte

merkwürdig. Er beugte sich zu ihr vor, fasste sie am

Kinn, hob es empor und küsste sie sanft. Ihr Mund schmeckte

entfernt nach Zahnpasta. Sie kam ihm entgegen und dann

küsste sie ihn plötzlich sehr intensiv, leidenschaftlich und voller

Hingabe. „Pass auf mich auf.“, flüsterte sie. Ihr Atem war

warm in seinem Ohr. Er wollte sie erneut küssen, aber sie stieß

ihn sanft zurück. „Nicht hier, nicht in der Zelle. Ich hoffe dein

Quartier ist angenehm kühl und nicht so schmutzig.“

Die Wache grinste, aber das Lächeln wurde sofort wieder

schmaler, als er sich plötzlich seiner Pflicht bewusst wurde.

Fragend sah er sich nach seinem Kollegen um. „Wirst du mit

der fertig?“, fragte der.

Der Junge legte den Kopf schief. Diesmal in die andere Richtung.

„Schau sie dir doch an, drei Köpfe kleiner als ich.“

„Und was ist mit mir?“

Schulterzucken. „Du kommst hinterher dran.“

Die Wache brummte. „Na los, vergnüg dich.“

Der Junge lächelte. Er löste Raminas Handschellen und führte

sie mit der Hand in ihrem Rücken nach draußen auf den Gang.

Bevor beide den Korridor hinunterliefen, warf Ramina noch

einen Seitenblick auf Shannyn. Sie zuckte andeutungsweise

mit den Schultern, aber ihre Augen waren ernst. „Ihr seid auf

euch gestellt.“, sagte sie. Der Junge zog sie mit sich. Im nächsten

Moment waren sie außer Sichtweite. Ihre Schritte verklangen

schnell.

So viel zu ihrer Loyalität, dachte Shannyn.

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Theia

Ihre energischen Schritte hallten weit durch die muffigen Korridore

der Festung und zeugten von der miserablen Laune

Theias. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt, als sie nun mit

ihren vier Begleitern den Gefängnistrakt betrat. In dem Moment

stürmte eine ihrer Wachen achtlos um die Ecke und hätte

sie fast umgerannt. Er zog grinsend eine der Gefangenen hinter

sich her. Die grüne.

„Was soll das?“, fragte Theia harsch. „Es wurden noch keine

Exekutionen angeordnet.“

Und dieser Umstand ärgerte sie zutiefst, was Theia jeden, der

ihr über den Weg lief, auch sofort anhand eines vernichtenden

Blickes spüren lies.

Die Wache nahm sofort Haltung vor ihr an und lächelte verlegen.

„Wir ... äh ... möchten uns amüsieren.“

Theia musterte die Grüne skeptisch. Ihr Oberkörper war entblößt.

Es schien ihr nichts auszumachen. Sie war klein. Drahtig,

aber klein. Keine sonderlich große Gefahr. Theia tauschte

mit den anderen Wachen kurze Blicke, dann gab sie dem Jungen

mit einer ruckartigen Kopfbewegung stumm die Erlaubnis,

sich mit der grünen zurückzuziehen. Der Junge atmete erleichtert

aus, grinste triumphierend und war sogleich mit seiner

Eroberung um die nächste Abbiegung verschwunden. Es

sollte Theia recht sein. Dies war ein schmutziger Ort, es gab

kaum Frauen in Beliars Truppe. Ihre Männer hatten ein Recht

darauf, sich mit dieser Gefangenen zu vergnügen, bevor man

sie hinrichtete.

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Theia gab ihren Begleitern ein knappes Zeichen ihr zu folgen

und marschierte zu den Zellen, in denen die anderen Föderierten

festgehalten wurden. Ihr Ziel war die, mit dem Amphion,

in der sich auch das Kind und der andere befand. Sie wartete,

bis die Wachen das Schloss öffneten und trat ein. Ohne großartige

Einleitung fragte sie an den Mann gewandt: „Sind Sie

derjenige, der mit unserem Anführer sprechen wollte?“

Er beäugte sie misstrauisch, warf dem Kind einen Blick zu,

dann dem Amphion. Schließlich richtete er sich auf und nickte

vorsichtig. „Ich denke schon.“

Das wird leicht, dachte Theia. Der Mann hatte Angst. Schon

die bloße Gegenwart von Waffen würde ihn dazu bringen,

preiszugeben, was sie wissen mussten. „Verhalten Sie sich

kooperativ, dann wird ihnen nichts geschehen.“

Zwei Wachen kamen in die Zelle herein, beide bullig. Sie

flankierten D’Agosta und zogen ihn auf die Beine. Jeder Mann

umschloss einen Oberarm. Gemeinsam führten sie ihn hinaus.

Er warf einen Blick über die Schulter, zu dem Kind. Dann verschwand

er draußen. Das Mädchen wollte protestieren, ihm

nachlaufen. „Dad!“

Theia stieß sie grob in die Zelle zurück. Das Kind stolperte

und stürzte. Das machte den Amphion wütend. Er fletschte die

Zähne, knurrte und lehnte sich mit angespannten Muskeln vor,

als könnte er die Handschellen, mit denen seine Hände hinter

dem Pfahl gefesselt waren, mit bloßer Willenskraft sprengen.

Theia würdigte ihn keines Blickes, als sie zurück auf den Korridor

trat, wo die anderen Wachen mit dem Mann warteten.

Die Zellentür fiel hinter ihr krachend ins Schloss. Gerade als

sich Theia mit den anderen entfernen und den Gefangenen zu

Beliar führen wollte, hörte sie aus der Nachbarzelle jemanden

sagen: „Wenn Sie ihm etwas antun, werden Sie den Morgen

nicht mehr erleben.“

Theia blieb wie angewurzelt stehen. Sie wusste, wer gesprochen

hatte. Langsam, ganz langsam, drehte sie sich um und

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trat an die Zelle der Frau heran. Der blonden Frau. „Sie müssen

Shannyn sein.“, murrte sie. „Diejenige, die meine Männer

getötet hat.“

„Jeder muss irgendwann sterben. Ich habe nur den Ort und die

Zeit für ihre Leute gewählt.“

Theias Mund wurde zu einem schmalen Strich. Ihr entging

nicht, dass die Blonde keine Furcht zeigte. Das machte Theia

nur noch wütender, als sie ohnehin schon war. Vor allem in

Anbetracht der Tatsache, dass sie der Frau nichts antun durfte.

Noch nicht. Nicht in der Gegenwart des Mannes, den Beliar

sprechen wollte. Sie spürte seine Blick auf sich ruhen. Daher

öffnete sie die Tür zur Zelle der Frau und trat ein, wo er sie

nicht sehen konnte.

„Shannyn. Ist das ihr voller Name?“

„Shannyn Bartez.“

Theia nickte bedächtig. Dann beugte sie sich zu der Frau vor

und flüsterte so leise, dass nur Bartez ihre Worte hören konnte:

„Ich werde mir diesen Namen merken, Shannyn Bartez,

und ihn unter ihren Schädel schreiben, wenn ich ihn mit ihrem

eigenen Schwert abgeschlagen habe und in der Mitte des Hofes

auf einem Pflock aufhänge.“

„Sie werden sich diesen Namen auf jeden Fall merken, sofern

Sie den nächsten Tag erleben, dafür sorge ich.“

Theia starrte ihr tief in die Augen: „Sie sollten mir mehr Respekt

entgegenbringen, weil ich die Dinge für Sie sehr viel unangenehmer

bereiten könnte, Shanyn Bartez.“

„Das“, sagte Shannyn. „beruht auf Gegenseitigkeit.“

Theia packte ihr Kinn und zog ihren Kopf hoch. „Beliar möchte

nicht, dass Sie vor den Augen ihres Freundes dort draußen

sterben. Sie können sich glücklich schätzen.“

„Glücklicher als Sie, wenn Sie das Mädchen noch einmal anfassen.“

Sie machte Theia wütend, so unglaublich wütend! Selbst jetzt,

nach all ihren Drohungen, zeigte diese arrogante Frau keine

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Spur von Angst. Theia versuchte sich ihren Zorn nicht anmerken

zu lassen, ihrer Gegnerin keinen Sieg zu schenken, aber

dennoch klang es gepresst, als sie erwiderte: „Wir beide sind

nicht fertig miteinander. Noch lange nicht.“ Sie richtete sich

ruckartig auf und wandte sich zum Gehen.

„Wer auch immer Sie sind, Sie unterscheiden sich nicht im

Geringsten von den anderen Idioten, die sich mir in den Weg

stellten.“

Theia blieb im Türrahmen stehen, überlegte einen Moment, ob

sie Bartez im Ungewissen darüber lassen sollte, überlegte es

sich aber anders. Sie hielt es für wichtig, dass ihre Gegnerin

auch ihren Namen kannte. Theia wandte sich ihr ein letztes

Mal zu, baute sich auf und reckte das Kinn. „Es gibt keine wie

mich, in der Galaxie.“, verkündete sie bedrohlich. „Ich bin das

Gesetz, ich bin der Fluch meiner Gegner. Ich jage ihre Träume,

trinke ihre Furcht und ihr Blut und mein Hass wird die

Galaxie vernarben. Ich ... bin Theia.“

Und damit ging sie.

„Großartig.“, murmelte Shannyn. „Einfach großartig.“

D’Agosta zitterte. Die Schellen an seinen Handgelenken waren

kalt. Die Wachen brachten ihn an einer scheinbar endlosen

Reihe verschlossener Türen vorbei. Die Korridore waren dunkel

und muffig. Er hatte Angst und fühlte sich schlecht. Ihm

war, als würde er gleich zusammenbrechen. Draußen wurde es

allmählich lauter, die Menge kochte über. Er wusste nicht genau

was das bedeutete, nur, dass es ganz sicher nichts gutes

bedeutete. „Was ist da draußen los?“, fragte er. „Wo bringt ihr

mich hin?“

Als Antwort bekam er nur einen Kolbenschlag in den Rücken,

als die Wachen ihn weiterstießen. Seine Lippen vibrierten. Er

hoffte, dass Dike sie rausholte. Irgendwie. Irgendwie.

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Dike

Zitternd stand Joseph Dike auf und wischte sich den warmen

Sand von Gesicht und Händen. Eingezwängt zwischen zwei

großen Felsbrocken an einem Hang unterhalb des Weges zur

Festung hatte er eine schlimme Stunde verbracht. Er wusste,

dass das kein besonders gutes Versteck war, aber er war in

Panik geraten und hatte keine klaren Gedanken mehr fassen

können. Er war da im heißen Sand gelegen und hatte versucht,

sich wieder in die Gewalt zu bekommen, aber das Bild der

feuernden Tarkon ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Wie

diese waffenstarren Typen auf ihn zu kamen... auf die Gruppe

zu...

Dike wusste nicht mehr genau, was danach passiert war. Er erinnerte

sich, dass Ramina ihm etwas nachgerufen hatte, aber er

war nicht stehen geblieben, hatte nicht stehen bleiben können,

sondern war einfach nur weitergelaufen. Irgendwo zwischen

den roten Feuerkrautwedeln hatte er den Halt verloren und war

den Hügel hinuntergerollt. Die Felsbrocken hatten ihn gebremst

und da es so aussah, als sei dazwischen genug Platz,

war er einfach hineingekrochen. Keuchend und verängstigt

hatte er sich hineingezwängt und an nichts anderes gedacht,

als daran, wie er den Tarkontruppen entkommen konnte. Als

er schließlich wie eine gefangene Ratte zwischen den Felsbrocken

steckte, beruhigte er sich ein wenig und spürte das Entsetzen

und die Scham in sich aufkeimen, weil er die anderen

im Stich gelassen hatte, weil er weggelaufen war und nur sich

selbst gerettet hatte.

Er wusste, dass er eigentlich wieder zu Festung hochklettern

und versuchen sollte, sie zu retten, weil er sich selber immer

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für tapfer gehalten hatte, aber sooft er auch versuchte, sich

wieder in die Gewalt zu bekommen und sich zum Hinaufklettern

zu zwingen, es ging einfach nicht. Sofort überfiel ihn

wieder die Panik, er bekam Atembeschwerden und rührte sich

nicht.

Er redete sich ein, dass es sowieso sinnlos sei. Wenn die anderen

noch oben waren, würden sie nicht überleben und da es

sowieso nichts gab, was er für sie tun konnte, blieb er besser,

wo er war. Außer ihm würde keiner wissen, was passiert war.

Und es gab schließlich nichts, was er tun konnte. Also versteckte

sich Dike eine Stunde lang zwischen den Felsbrocken,

kämpfte gegen die Panik an und versuchte angestrengt sich zu

fragen, ob die anderen umgekommen waren, wie er wieder

nach Hause kommen sollte und was Alex Penkala sagen würde,

wenn er es herausfand. Dike setzte sich verzweifelt aufrecht,

lehnte gegen den Fels und vergrub das Gesicht in den

Händen.

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Shannyn

In der Zelle gegenüber Doraks, fragte Shannyn: „Können Sie

von ihrer Position aus zum Gang hinaussehen?“

„Ja.“

„Passen Sie gut auf. Sagen Sie mir, wenn einer kommt.“

„Natürlich.“, sagte Dorak langsam und forschend und sah auf

den Korridor hinaus. Die übriggebliebene Wache stand ganz

am Gangende. Was hatte sie nur vor? Er schielte zur Seite und

sah, dass Shannyn sich mit dem Rücken ganz eng an den Pfahl

presste. Ihr Rucksack knautschte, als er dabei eingedrückt

wurde. Sie hielt hinter dem Rücken den Pfahl mit beiden Händen

umfasst, jetzt winkelte sie die Beine an, drückte die Sohlen

ihrer Stiefel gegen das Holz und begann in erstaunlicher

Geschwindigkeit sich nach oben, den Pfahl hinauf zu bewegen.

Als sie ganz oben war, begann der schwierige Teil, denn nun

musste sie ihre Arme so weit wie möglich nach hinten strecken,

um die Handschellen über den Pfahl zu bekommen. Aber

es reichte nicht, sie hatte keinen Platz. Das Ding ging fast

bis unter die Decke. Weiter Höher klettern konnte sie auch

nicht, denn Shannyn stieß bereits mit dem Kopf an die Decke.

Mit den Schuhen hatte sie einigermaßen Halt gefunden, also

benötigte sie die Hände nicht mehr. Sie lies sich nach vorne

kippe, bis die Handschellen gegen den Pfahl stießen und sie

nur noch an ihnen hing. Ein stechender Schmerz explodierte in

ihren Schultergelenken. Sie ignorierte ihn. Shannyn versuchte

die Arme hinter ihrem Rücken weiter nach oben zu strecken.

Es kostete sie einige Mühe und Anstrengung und tat auch höl-

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lisch weh, das war ihrem schmerzerfüllten Gesicht anzusehen.

Aber sie biss die Zähne zusammen und gab außer einem leisen,

gelegentlichen Schnaufen kein Geräusch von sich.

Noch ein paar Zentimeter. Der Schmerz raubte ihr fast das

Bewusstsein.

Nur noch ein paar Zentimeter!

Und dann rutschten die Handschellen über das Pfahlende und

Shannyn sprang zu Boden. Sie rollte ab, prallte gegen die

Wand und verschnaufte einen Moment.

„Kommt einer?“, fragte sie.

„Nein ... Wo haben Sie das jetzt wieder gelernt?“

„Ich war in meiner Jugend Balletttänzerin. Ist gut für die Beweglichkeit.

Passen Sie weiter auf.“

Shannyn lehnte sich wieder so gegen den Pfahl, dass es aussah,

als wäre sie noch daran gefesselt. Sie seufzte. „Jetzt

kommt der unangenehme Teil.“ Und sie begann zu stöhnen

und nach der zweiten Wache zu rufen.

Es dauerte nicht lange ehe, wie bei Ramina zuvor, nun auch

jemand vor Shannyns Zelle erschien. Die Wache die Asha

hieß. Er war älter als der andere, etwa dreißig und bullig. Sehr

kräftig. Er hatte eine Pistole in der Hand und ein Messer baumelte

am Gürtel.

„Ramina ist nicht die einzige, die euch etwas Vergnügen bereiten

kann.“, sagte Shannyn mit leichtem Schmollmund. „Du

willst doch sicher nicht warten, bis dein Freund zurück

kommt, oder? Verstehst du mich? Komm schon. Mir tun die

Arme weh, mach mich los.“

Asha stieß ein Lachen aus, ein tiefes, kehliges Gurgeln. Dann

öffnete er die Zelle mit dem Schlüssel und ging zu ihr. Die Tür

lies er offen und den Schlüssel stecken. Er hockte sich vor sie.

„Oh, mach mich erst los, bitte...“

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„Ganz sicher nicht.“, sagte er lachend und schüttelte den Kopf.

Er wusste, er konnte sie auch so haben, aber nur, wenn sie

weiterhin an den Pfahl gefesselt war. Er nestelte an ihrer Hose

herum, aber mit der Pistole in der Hand hatte er Mühe, deshalb

legte er die Waffe weg.

Dann ging alles sehr schnell. Shannyn sprang in die Höhe und

riss die Beine hoch, traf die Wache unter dem Kinn und

schleuderte ihn nach hinten gegen die Wand. Sie selbst landete

auf dem Po, rollte nach hinten und setzte die Bewegung fort.

Sie zog die Beine dicht an die Brust, machte sich ganz klein

und schwang die gefesselten Arme unter den Füßen nach vorn,

sodass sie sie jetzt vor dem Körper anstatt hinter dem Rücken

hatte. Als die Wache taumelnd wieder hochkam, schlug sie

ihm krachend mit beiden Händen seitlich gegen den Kopf. Er

sackte auf die Knie. Sie hechtete sich auf ihn, warf ihn um,

rammte seinen Kopf auf den Boden. Dann zog sie das Messer

aus seinem Gürtel und schnitt ihm die Kehle durch. Sie blieb

auf seinem Körper sitzen, während der Mann bebte und zuckte

und das Blut auf den Boden floss. Es schien eine Ewigkeit zu

dauern.

Sie hörte Judy in der Nebenzelle. „Shannyn? Was ist passiert?

Was ist los?“

Sie konnte nichts sehen, machte sich Sorgen.

„Alles in Ordnung.“, sagte Shannyn und versuchte möglichst

gleichmütig zu klingen, aber die Anspannung war ihr deutlich

anzuhören. Sie warf Dorak einen kurzen Blick zu. Der Cardassianer

hatte die Augen weit aufgerissen. Er starrte auf das Blut

an ihren Händen, sagte aber nichts.

Als der Körper unter Shannyn endlich bewegungslos dalag,

stand sie auf und trat zur offen stehenden Tür. Konnte sie es

riskieren nach draußen zu schauen? Sie holte tief Luft und

warf einen vorsichtigen Blick auf den Gang. Nach rechts, nach

links – keiner da. Sie zog die Schlüssel ab und öffnete schnell

Doraks Zellentür. Sie wollte ihn von den Handschellen befrei-

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en, aber die Schlüssel passten nicht. Keiner von ihnen. Sie waren

alle viel zu große und nur für die Türen. Sie lief zurück in

ihre Zelle, zu dem leblosen Körper und untersuchte die Taschen.

„Verdammt.“, sagte sie. „Verdammt. Er hat die Schlüssel

nicht.“

Sie rollte die Leiche herum, bekam Blut an die Arme, achtete

jedoch nicht darauf. „Wo sind die Schlüssel?“

„Vielleicht hat sie die andere Wache.“, sagte Dorak.

„Welche, der Junge?“

„Ich bin nicht sicher.“, entgegnete Dorak. „Aber ich vermute

schon.“ Er starrte die Leiche an, sah das viele Blut. Sie bemerkte

es. „Ruhig bleiben, Dorak. Wer weiß, was die mit uns

gemacht hätten.“ Sie richtete sich auf. „Wir brauchen die

Schlüssel.“

„Die jetzt Ramina hat.“

„Sie wird kaum zurückkommen.“, sagte Shannyn. „Ich habe

ihren Gesichtsausdruck gesehen. Wir müssen uns etwas einfallen

lassen.“

Nun steckten sie in der Klemme. Athol war noch immer an

den Pfahl gefesselt und er war weit weniger beweglich als sie.

Ohne die passenden Schlüssel, konnten sie ihn nicht befreien.

Wenn ihr wenigstens das Schwert geblieben wäre. Sie hatten

nun zwar eine Pistole, aber es wäre dumm, sie zu benutzen.

Damit würden sie nur alle alarmieren. Sie durfte jetzt keinen

Fehler machen. Draußen tobte und brüllte die Menge, ein unablässiges

und hässliches Geräusch.

Draußen, in der Arena hielt einer der Tarkon eine Rede, brüllend,

in kurzen Sätzen, die jeweils von einem lauten Aufschrei

der Menge beantwortet wurden. Die Männer wurden aufgestachelt,

auf die bald erfolgenden Hinrichtungen vorbereitet. Ein

Fest, ein wahres Vergnügen. Die Stimmung wurde zunehmend

wilder, die Männer wollten Blut sehen. Theia beobachtete die

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Menge von einem entfernten Balkon oberhalb der Arena aus.

Sie lächelte triumphierend. Ihre Männer wollten Blut? Sie

würden ihr Blut sehen. Erst der Amphion, dann die Frau. Jetzt,

wo der Anführer dieser Föderierten bei Beliar war, hatte Theia

freie Bahn. Sie trat wieder in das Gebäude zurück und begab

sich mit zwei ihrer Wachen zum Gefängnistrakt. Die Menge

hinter ihr brüllte auf.

Shannyn hörte sie kommen. Stimmen, sich nähernde Schritte.

Die Soldaten kamen wieder! Sie huschte schnell zurück in ihre

Zelle. Dort presste sie sich direkt neben der offenen Tür gegen

die Wand, sodass man sie von draußen nicht sehen konnte und

wartete. Sie zwang sich ruhig zu atmen, möglichst keine Geräusche

zu machen. Die Leiche lag noch immer dort auf dem

Boden, vom Gang aus leicht sichtbar. Vielleicht konnte sie das

nutzen, als Köder oder gar als Falle. Sie versuchte zu bestimmten,

wie viele Soldaten sich gerade näherten, aber es gelang

ihr nicht genau. Drei, oder vier. Vielleicht waren es auch

fünf. Höchstens. Das war zu schaffen, dachte sie. Das war auf

alle Fälle zu schaffen!

Die Schritte verlangsamten, kamen zum Halten. Einen

schrecklichen Moment lang geschah gar nichts und Shannyn

befürchtete schon das Schlimmste. Sie mussten misstrauisch

werden, Ashas Fehlen bemerken. Sie mussten die verdammte

Wache vermissen, die hier blutend auf dem Boden lag! Dann

hörte sie, wie die Zelle neben ihr aufgeschlossen wurde. Judys

Zelle. Die Tür schwang quietschend auf. Jemand ging hinein

und sagte: „Los, aufstehen.“ Es war Theia. „Steh auf, hab ich

gesagt! Beweg dich, verdammter Amphion.“

Dann Judys Stimme: „Was haben Sie vor? Was wollen Sie

von ihm?“

„Misch dich nicht ein! Bindet ihn los, schnell.“

185


Plötzlich hörte Shannyn jemanden „Wo ist Asha?“ murmeln.

Einer von Theias Wachen, die im Gang geblieben waren.

Niemand schien ihm Beachtung zu schenken, da sich Athol

wehrte und auch Judy sorgte für Unruhe. Shannyn presste sich

fester an die Wand, als jemand vor ihrer Zelle auftauchte. Als

derjenige den Toten sah, wollte er zu ihm rennen, aber da hatte

Shannyn schon die Arme um seinen Hals und presste ihm ihre

Hände auf den Mund, damit er nicht schreien konnte. Dann

machte sie eine jähe, ruckartige Drehbewegung und lies den

Tarkon zu Boden sinken. Er war nicht tot, aber er würde eine

Weile weggetreten sein. Das alles war fast lautlos geschehen

und die einzigen Geräusche wurden von dem zunehmenden

Radau aus der Nebenzelle verschluckt.

Shannyn begegnete Doraks Blick. Er hob drei Finger. Drei

Gegner. Er schob langsam seine Tür auf. Nebenan entstand

Hektik. Shannyn hörte Athol knurren. Jetzt oder nie! Sie zog

die Pistole, stürmte in den Gang hinaus und zielte. Der erste

Schuss ging daneben. Der zweite traf die Wache vor Judys

Zelle in die rechte Schulter, er fiel hin und die Waffe glitt ihm

aus der Hand. Dorak sah das und stürmte aus seiner Zelle in

den Gang. Die Wache wollte sich hochrappeln. Shannyn trat

ihm ins Gesicht. Sie wirbelte herum und lief in Judys Zelle.

Der Tarkon, der Athol gerade hatte losbinden wollen, bekam

überhaupt keine Gelegenheit mehr, sich gegen Shannyn zu

wehren. Sie war mit einem Schritt an ihm heran und schlug

mit dem Pistolengriff gegen seine Schläfe. Sein Kopf flog

herum und er brach zusammen.

Zwei erledigt! Zwei von drei!

Wo war der drit-

Judy schrie: „Shannyn, aufpassen!“

Shannyn keuchte, als Theia in sie hineinrannte und lies die

Pistole fallen. Theia hatte sich genau wie Shannyn zuvor neben

der Tür versteckt. Und Shannyn war auch noch drauf

reingefallen! Das machte sie wütender, als alles andere. Die

186


eiden taumelten nach hinten gegen die Zellenwand und dann

wieder nach vorn. Es gelang Shannyn, Theia ihre Faust ins

Gesicht zu rammen, woraufhin sie zurücktaumelte. Hinter ihnen

knurrte Athol und versuchte an seinen Fesseln zu reißen,

was ihm aber nicht gelang. Unterdessen revangierte sich Theia

mit einem wuchtigen Tritt in Shannyns Magen. Sie wurde

nach draußen auf den Gang geschleudert, prallte dort gegen

die Tür der gegenüberliegenden Zelle. Theia stürmte ihr hinterher.

Wütend. Mit einer Pistole in der Hand. Sie zielte genau

auf Shannyns Stirn.

Theias Finger krümmte sich um den Abzug...

...und auf einmal war Dorak zwischen ihnen. „Warten Sie,

warten Sie!“ Dorak hatte die Hände gehoben, um zu signalisieren,

dass er keine Waffe trug. Theia wartete. Die Mündung

ihrer Pistole zeigte nun genau zwischen seine Augen.

„Warten Sie, bitte.“

Ihm rann der Schweiß über den Rücken, aber er versuchte sich

seine Nervosität nicht anmerken zu lassen, als er tückisch lächelte.

„Diese Frau hier hat ihre Truppe heute morgen ausgelöscht.

Die ganzen Wachen hier. Ihre Untergebenen. Meinen

Sie nicht auch, dies hier...“, mit einem knappen Nicken deutete

er auf Theias Pistole. „... sei ein viel zu unangemessener

Tod für sie, hm?“

Theia runzelte die Stirn.

„Also bitte!“, sagte Dorak. „Ich bin enttäuscht von ihnen.

Schwer enttäuscht. Sie sind zweifelsohne eine sehr starke

Frau. Diese Shannyn hinter mir ist ihnen nicht im mindesten

gewachsen, aber sie hier und jetzt zu erledigen, käme einem

Eingeständnis der Schwäche gleich. Einem Eingeständnis der

Angst, vor ihr.“

Doraks Selbstbewusstsein wuchs, als Theia den Kopf leicht

neigte. „Ich höre?“

„Wäre nicht ein Zweikampf ein angemessenerer Beweis für

ihre Überlegenheit? Angemessener, als eine unspektakuläre

187


Hinrichtung in diesem Gefängnisabschnitt?“ Der Jubel draußen

war unüberhörbar. „Ich bin sicher, die machen nicht umsonst

so einen Krach, was?“

„Dorak!“, zischte Shannyn hinter ihm. „Ich halte das für keine

so gute-“

„Es ist sogar eine ganz hervorragende Idee.“, lächelte Dorak,

ohne den Blick von Theia zu nehmen. „Also? Was denken

Sie?“

Der Mann, den Shannyn zuvor in die Schulter geschossen hatte,

kam auf die Beine und hob seine Waffe. Auch die Wache

in der Zelle rappelte sich wieder auf und zog sein Gewehr.

Nun hatte Shannyn keine Chance mehr, der Überraschungseffekt

war vorüber. Theia musterte sie argwöhnisch, dann den

Cardassianer, dann wieder Shannyn. Schließlich senkte sie die

Pistole und lächelte fies. „Ihr Freund hier hat recht, Bartez.“,

sagte sie. „Alle sollten dabei sein, wenn wir die Sache zu Ende

bringen.“

„Aha.“, entgegnete Shannyn. „Und das passiert jetzt? Das

große Finale? Sie, oder ich?“

„Ja, Bartez. Ganz genau.“

„Wie sie meinen.“, sagte Shannyn. Sie streifte sich den Rucksack

von den Schultern und warf ihn mit einem Seitenblick

auf Dorak in Judys Zelle. Der Cardassianer beobachtete das

mit ausdruckslosem Blick und zog seine eigenen Schlüsse.

„Pass für mich gut drauf auf.“, sagte Shannyn. „Lass niemanden

ran.“ Theia schnaufte nur und schloss die Tür zu Judys

Zelle. Sie bedeutete ihren Wachen mit einer zackigen Bewegung,

Shannyn mitzunehmen.

„Ich werde Sie ebenfalls begleiten.“, verkündete Dorak. Theia

schien davon wenig zu halten.

„Ich möchte ihr Ende mit meinen eigenen Augen sehen.“, erklärte

er.

„Also schön. Wir nehmen alle beide mit.“

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Bevor sie den Gang entlang gestoßen wurden, konnte Shannyn

noch einmal Judys Blick auffangen. Das Mädchen war besorgt,

aber Shannyn teilte ihr mit einem kaum merklichen

Kopfschütteln mit, dass dazu kein Grund bestand. Dann wurden

sie den Gang hinabgetrieben.

Shannyn lehnte sich zu Dorak neben ihr und flüsterte: „Warum

haben Sie nicht einfach die Waffe genommen, warum tun

Sie das hier?“

Dorak lächelte. „Ich möchte meine Theorie bestätigten.“

Shannyn brummte. „Dafür sollte ich Sie umbringen.“

„Aber das werden Sie nicht.“

„Vielleicht mache ich etwas schlimmeres.“

Sie wurden weitergestoßen, ehe Dorak die Gelegenheit bekam,

etwas zu erwidern.

„Tja, Athol.“, sagte Judy in der Zelle mit einem leisen Seufzen.

„Jetzt sind wir wieder allein.”

189


Container-Gespann

Der Zug stand still. Inzwischen war es kurz nach Sonnenuntergang

und langsam wurde die Ebene vom Schatten der Nacht

verschluckt. Im Lazarett war es dunkel, die Sanitäter und ihr

einziger Patient Garnere schliefen. Roe blieb wie üblich wach.

Er saß im Behandlungsbereich und starrte auf Hawks Leiche.

Der Pilot lag da, fast friedlich, mit einem entspannten Gesichtsausdruck

und lebte nicht mehr. Er war einfach gestorben.

Einfach so.

Roe fragte sich, wie es Doktor Smith ging und ob man ihr etwas

getan hatte. War sie noch am Leben? Er fühlte sich distanziert,

teilnahmslos. Vielleicht war er zu müde, um zu viel

zu empfinden. Er wandte sich ab und sah zum Fenster hinaus.

Draußen wurde es stufenweise immer dunkler. Roe überlegte,

was es für ihn bedeuten würde, wenn Hawk keine medikamentös

verursachte Wahnvorstellungen auf dem Sterbebett gehabt

hatte. Wenn er etwas gesehen, geahnt, oder gefühlt hatte. Roe

konnte es nicht erklären, aber er fühlte deutlich, dass mehr

hinter der Sache steckte.

Und er wusste, dass es Probleme bedeuten würde. Erhebliche

Probleme! Keine Rhonda Smith. Nach einer Weile stand er

kopfschüttelnd auf und verließ den Behandlungsbereich. Als

er durch die dunkle Kabine nach vorn ging, sah Roe, dass die

Krankenschwester Reneé Lemaire sich auf ihrer Liege aufsetzte.

Sie flüsterte: „Können Sie nicht schlafen?“

„Nein. Ich fühle mich...“ Er seufzte und zuckte mit den Schultern.

Er hatte keine Ahnung, wie er sich fühlte, denn im Mo-

190


ment empfand er einfach nichts. Gar nichts. „Sie können auch

nicht schlafen, Reneé?“

„Nein.“

Er deutete mit dem Kinn Richtung Ausrüstungskiste. „Gibt’s

noch Tee?“

„Ich glaub, ja.“ Sie stand auf und ging nach hinten, wo die

Frachtoffiziere ihnen ein paar Lebensmittel hingelegt hatten,

damit sie nicht ständig durch den Container-Gespann laufen

und suchen mussten. Roe trottete ihr hinterher.

Sie sagte: „Uh, mein Nacken ist ganz steif.“

„Meiner ist ganz okay.“, sagte er.

„Hm.“

Sie kramte herum, fand ein paar Notrationen, aber keine

Thermokanne. Aber da war eine angebrochene Flasche Wasser.

Lemaire trank einen großen Schluck und fragte dann, ob

er auch etwas davon wolle. Roe schüttelte den Kopf. „Sagen

Sie mal, Sie haben in der Hauptkrankenstation gearbeitet, richtig?

In der Tagesschicht.“

Lemaire nickte. „Das stimmt.“

„Wie lange kennen Sie Doktor Smith eigentlich?“

„Ich kenne sie nicht gut.“, sagte sie. „Ich habe sie erst neulich

das erste Mal getroffen. Bin auch erst seit ein paar Wochen an

Bord.“

„Hm.“, machte Roe. „Warum ist Sie mit Nechayev mitgegangen?“

„Ich glaube, Nechayev und Smith kennen sich schon länger.“

„Woher?“

„Ich weiß es nicht. Warum fragen Sie das alles?“

Er sah kurz zum Fenster. „Es ist nur ein Gefühl. Ich fürchte –

egal. Tut mir leid, es ist spät.“ Er rieb sich die Augen. „Ich sehe

mal im Nebencontainer nach, vielleicht finde ich meinen

Tee. Danach versuche ich ein wenig zu schlafen und Sie sollten

sich ebenfalls ausruhen, Reneé. Ich fürchte wir werden viel

Arbeit bekommen.“ Mit diesen Worten wollte er zur Tür tre-

191


ten, aber Lemaire hielt ihn am Unterarm fest. „Roe. Nehmen

Sie sich das mit Hawk nicht zu Herzen.“

Er beugte sich ein wenig zu ihr, roch ihr Parfüm. Sie riecht

gut. Es war erstaunlich. So unwirklich. Er selbst roch nicht

gut. Nach Schweiß, nach Dreck, nach Staub und nach sterbenden

Menschen – er stank sogar ganz fürchterlich. Alle stanken.

Aber Reneé roch gut. Er sah sie lange an. „Ich ... ich gehe jetzt

besser.“ Dann öffnete er die Tür und trat nach draußen in die

Dunkelheit.

Lemaire sah ihm nach. Sie war erleichtert, dass er nach vorn in

die Kabine gehen und sich hinlegen wollte, um ein wenig zu

schlafen. Sie machte sich Sorgen um ihn. Große Sorgen.

Als Roe am Gespann entlang ging, sah er, wie die Leute sich

in die Container begaben und die Piloten in den Arbeiterbienen

alles für die Nachtfahrt vorbereiteten, während ein paar

Techniker an den Containern rumhantierten und einen sogar

ganz abkoppelten. Auch sie begaben sich langsam nach drinnen.

Die Gespräche zwischen den Offizieren verliefen hektisch

und schnell.

Während der Dunkelheit mussten sich alle drinnen aufhalten,

die Gefahr durch die Unsichtbaren war noch immer erheblich.

Roe nickte einigen bekannten Gesichtern zu und kletterte dann

in den Frachtcontainer. Zu seiner Überraschung war er dort

nicht alleine.

Gordon stand direkt neben dem Eingang an einem Verteilerkasten,

der provisorisch an die Wand montiert war. Er hatte

eine kleine Taschenlampe zwischen die Zähne gesteckt, um

die Hände frei zu haben und fuchtelte an mehreren Kabeln

herum, während er mit dem Kopf schüttelte. Er sah nur kurz

auf, als Roe eintrat. „Gutn Nabnd.“

„Ob der gut ist, weiß ich nicht.“

„Knte dch schlimr sen.“

192


„Was?“

Gordon nahm die Taschenlampe aus dem Mund. „Ich sagte:

könnte doch schlimmer sein.“ Er schloss die Klappe des Verteilerkastens,

eilte zum anderen Ende des Containers, um dort

eine Stromleitung zu überprüfen und kam dann zurück. Gordon

war immer in Bewegung. Er lehnte sich aus der Tür und

rief: „Jerry, seid ihr bereit?“

„Bereit womit?“, drang Jerrys spitzbübische Stimme vom Energiecontainer

her.

„Verdammt Jerry! Hörst du mir denn nicht zu? Bereit für-“

Er hörte Jerrys Lachen. „War nur ein Scherz, Lieutenant. Wir

sind bereit. Keine Panik.“

Gordon grummelte und schüttelte die Faust. „Macht endlich

hin!“ Dann wandte er sich Roe zu. „Diese Kerle.“, sagte er.

„Nur Blödsinn im Kopf.“

Sie hörten wie ein System hochgefahren wurde, abwürgte und

im nächsten Moment zuckte ein weißglühender Blitz aus dem

Verteilerkasten, begleitet von einem lauten Knall. Gordon

sprang von dem Kasten weg. Beißender Rauch stieg auf. Das

System erstarb. „Was habe ich euch denn gesagt?“, rief Gordon.

„Erden! Ihr müsst es Erden, bevor ihr irgendwas tut! Wir

haben es hier mit mehreren tausend Volt zu tun. Wenn ihr

nicht acht gebt, werdet ihr geröstet. Geröstet, habt ihr gehört?

Saukerle!“

Er drehte sich zu Roe um und schüttelte den Kopf. „Die kapieren’s

einfach nicht.“, sagte er. „Die GIMA ist doch kein Spielzeug.“

Roe setzte sich auf eine Kiste. „GIMA?“

„Gordons interne Monsterabschreckung – so nennen es meine

Techniker. Das ist ihre merkwürdige Art von Humor.“, sagte

Gordon. „Zumindest trifft es den Kern der Sache ganz gut. Ich

hab das System in unserer ersten Nacht erfunden, weil die Unsichtbaren

versuchten in die Container einzubrechen. Die Container

sind ja jetzt alle mit Stromverbunden. Die Außenhülle

193


esteht aus einer besonders leitfähigen Duranium-Legierung.

Da brauch man nur eins und eins zusammenzuzählen. Ist nur

ein bisschen zappelig, das System. Trotzdem, mit einem

Knopfdruck kann man 10 000 Volt durch die Außenhaut des

Gespanns jagen. Peng. Da verliert auch der unsichtbarste Unsichtbare

die Lust. Aber meine Leute kann diese Stromstärke

glatt umbringen. Und dann? Dann bekomme ich den Ärger an

den Hals. Weil die so blöd waren.“ Er schüttelte den Kopf und

machte sich wieder an dem Verteilerkasten zu schaffen. Roe

saß noch immer auf der Kiste und sein Blick glitt ins Leere,

was Gordon nicht entging.

„Was ist los mit ihnen?“, fragte er. „Warum so betrübt?“

„Hawk ist gestorben.“ Roe senkte in stiller Andacht den Blick.

„Eben erst.“

„Hawk?“, wiederholte Gordon. „Der Pilot? Dachte der sei in

Ordnung soweit. Was ist denn passiert?“

„Ich weiß es nicht.“

„Sie wissen’s nicht?“

„Es ... es gab Komplikationen. Ich kann es mir nicht erklären,

Hawk hatte keine körperlichen Leiden, keine Lebensbedrohlichen

Krankheiten. Nichts. Gar nichts. Da war ein Virus in seinem

Blutkreislauf, ja ... aber der blieb inaktiv. Ich ... ich weiß

absolut nicht, was da vorhin passierte. Er ... er ist einfach gestorben.“

Roe seufzte und lies die Schultern hängen. Diese Sache

machte ihm sehr zu schaffen. „Hawk hat sich enorme

Vorwürfe gemacht Vielleicht hat er einfach aufgegeben. Vielleicht

wollte er nicht mehr leben..“

Gordon runzelte die Stirn. „Vorwürfe, sagen Sie? Weswegen

soll er sich denn solche Vorwürfe gemacht haben?“

„Irgendwas ist auf der Brücke passiert.“, antwortete Roe. „Als

die Breen uns attackierten und Captain O’Conner ihm die Aktivierung

des Warptriebwerks befahl, da hat er nicht reagiert.

War weggetreten und einfach nur dagesessen. Sekunden später

erfolgte sodann diese gewaltige Explosion im Orbit. Als dann

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auch noch der Co-Pilot nach dem Absturz starb ... Hawk gab

sich die Schuld an allem.“

„So ein Blödsinn!“, schnaubte Gordon unwirsch. „Wenn er

deswegen krepierte, war’s umsonst.“

„Was?“ Roe sah blinzelnd auf. „Wie meinen Sie das?“

„Na wie ich es sagte. Weggetreten oder nicht, es wäre ohnehin

zu spät gewesen – Hawk konnte den Warpantrieb gar nicht

mehr aktivieren. In dem Moment, als wir in diesem Sternensystem

unter Warp gingen, ist etwas mit den Maschinen passiert.

Der Kern überlud und stand nicht mehr unter unserer

Kontrolle, wir konnten gar nichts machen. Und das geschah

noch bevor das Ding da oben explodierte, was immer es auch

war.“

Roe war unverzüglich auf den Beinen und trat an Gordon heran.

„Moment mal...“, sagte er mit tief gerunzelter Stirn. „Der

Warpkern hat überladen? Von selbst?“

„Nein.“ Gordon schüttelte energisch den Kopf. „Nein, nicht

von selbst. Da war etwas in unseren Computern. Ein Virus, ein

extrem anpassungsfähiges Programm, das offenbar sämtliche

unserer Computersicherungen ausgetrickst hat. Ich kann mir

nicht erklären, wie es unentdeckt eingeschleust und vor unseren

zahlreichen Sicherheitsdiagnosen verborgen bleiben konnte.

Vielleicht, weil es im inaktiven Zustand verharrte, ehe es

aktiv wurde. Muss ein Profi geschrieben haben. Weiß nicht,

wie lange es sich schon in unseren Systemen befand – Stunden,

Tage, Wochen -, aber in dem Moment, als wir hier unter

Warp gingen, wurde es aktiv. Bamm! Das Virus nistete sich

sofort in zahlreiche Systeme ein - vor allem in denen des Antriebs

und breitete sich rasend schnell über das optische Datennetzwerk

aus, ehe wir überhaupt begriffen, was da gerade

passierte. Als wir es taten, war es bereits zu spät. Das Virus

überschwemmte den Computer mit Datenmüll und widersprüchlichen

Befehlen und sorgte somit für massenhaft Fehlfunktionen.“

Er schnaufte. „Wir bekamen nicht mal mehr eine

195


anständige Kommunikationsverbindung zur Brücke, um den

Captain zu informieren.“

Er schüttelte mit dem Kopf. Dann bemerkte er den konsternierten

Gesichtsausdruck des Sanitäters.

„Was ist denn?“, fragte Gordon. „Das wundert mich aber jetzt,

Sie schauen so überrascht. Was dachten Sie denn alle hier, warum

die Evakuierung der Shenandoah so katastrophal verlief?

Etwa wegen dem Energieverlust? Lächerlich! Die Notsysteme

hätten irgendwie überbrücken müssen, aber das taten sie eben

nicht, weil sie durch das Virus blockiert waren, oder ganz abschalteten.

Deswegen ließen sich auch zahlreiche Rettungskapseln

nicht starten.“

Roe konnte es nicht glauben. „Ein Virus war das also?“

„Ist richtig.“, nickte Gordon. „Ich bewundere den Programmierer.

Wirklich. Wissen Sie wie unwahrscheinlich es ist, erfolgreich

einen Technovirus in unseren Systemen platzieren zu

können, ohne, dass es bemerkt wird? Sehr unwahrscheinlich,

sag ich ihnen. Jede funktionsfähige Konsole wird im Abstand

von dreißig Millisekunden vom Zugriffs- und Abfragesystems

des Bibliothekscomputers - dem ZASBC - abgefragt, sodass

der lokale Subprozessor über alle Eingaben informiert ist. Es

hätte von den Sicherheitssystemen bemerkt werden müssen.

Allein die Firewall zu überwinden... Ts. Erstaunlich. Wurde

einfach so geknackt. Aber halten Sie sich fest, jetzt kommt der

Hammer: kurz vor der Explosion dieses Dings im Orbit, habe

ich noch gesehen, wie sich sowohl die Kühlung, als auch das

Sicherheitskraftfeld des Warpkerns schichtweise deaktivierten.

Der Befehl dazu kam vom Technovirus. Haben Sie eine Ahnung,

was das bedeutete? Von oben floss unkontrolliert Materie

aus dem Injektor, während von unten die Antimaterie

strömte. Im Reaktorkern brannte ein zehn Milliarden Grad

heißes Höllenfeuer und sowohl die Kühlung, als auch die

Schutzkraftfelder gingen aus. Das ist etwa so, als ob sie sich

auf einen Silvesterböller setzen und die Zündschnur anstecken

196


– irgendwann fliegt ihnen das Teil unterm Hintern in die Luft.

Die gewaltige Energie konnte nicht mehr eingedämmt werden.

Normalerweise würden in einem solchen Fall ja eine Vielzahl

von Notfallprozeduren greifen. Etwa den Warpkern entlüften,

oder abschalten, oder ganz ausstoßen. Aber diese Schutzmaßnahmen

waren durch das Technovirus abgeschaltet und unbrauchbar.

Der Kern überhitzte also, ohne, dass wir etwas dagegen

tun konnten. Ich gehe jede Wette ein; wären wir nicht

von der Explosion dort oben erwischt worden, - die diesen

herben Energieverlust auslöste und somit ironischer- und

glücklicherweise auch dem Virus die Basis nahm, da die

Computersysteme keinen Saft mehr erhielten -, wäre uns die

Shenandoah früher oder später um die Ohren geflogen und wir

hätten gar nichts dagegen tun können. So schaltete der Warpkern

wenigstens ab, bevor etwas geschehen konnte. Nein,

nein. Dieser Hawk hat sich umsonst den Kopf zerbrochen, er

konnte da nichts für.“

„Aber das würde bedeuten...“

„Ganz genau.“, sagte Gordon ernst. „Wir wurden sabotiert.“

Lemaire hatte Geräusche im Behandlungszimmer gehört und

angenommen, dass Roe schon zurückgekehrt war. Nun, als sie

nachsah, stellte Lemaire erstaunt fest, dass nicht der Sanitäter,

sondern Admiral Nechayev ins Lazarett eingetreten war. Sie

stand einfach da, vor Hawks Bett, mit bitterem Gesichtsausdruck

und starrte auf das blasse Gesicht des toten Piloten. Lemaire

hätte sie beinahe übersehen; Nechayev war in Schatten

gehüllt, ihr Gesicht kaum zu erkennen und bis auf das Heben

und Senken ihres Brustkorbes bewegte sie sich nicht. Sie

wirkte wie eine wandelnde Leiche und machte auf Lemaire einen

bekümmerten Eindruck. In der Hand hielt sie ein Hypospray.

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Nechayev drehte sich nicht zu Lemaire um, als sie ihr Eindringen

bemerkte. „Wie ist das passiert?“

„Wir ... wir können es uns nicht erklären, Admiral.“, sagte

Lemaire. „Er schlief zunächst tief und fest, als ich nach ihm

sah und plötzlich ist er aufgewacht, hat nach Doktor Smith gerufen

und...“

„Wann war das?“

„Vor ein paar Stunden.“

„Und dann ist er einfach ... gestorben?“

Lemaire nickte. „Wie gesagt, wir wissen nicht wieso. Es gab

keine äußeren Einwirkungen, nichts. Wir konnten nichts tun.

Vielleicht hätte Doktor Smith, wenn sie hier gewesen wäre...“

„Ja, vielleicht.“

„Wo ist Sie überhaupt?“

Nechayev schloss einen Moment die Augen. Sie wirkte unglücklich

und ging nicht auf Lemaires Frage ein. „Was ist mit

den anderen? Wie ist der Kampf verlaufen?“

Lemaire senkte bekümmert den Kopf. „Der Angriff konnte

abgewehrt werden. Aber die Breen stellten uns eine Falle, genau

wie wir ihnen. Sie haben sich das Mädchen und Athol geschnappt.“

„Was sagen Sie da?“ Nechayevs Augen weiteten sich in der

Dunkelheit. „Die Breen? Die Breen sind noch hier?“

Die Sanitäterin nickte. „Wie es aussieht arbeiten sie mit dem

Kinjal-Clan der Tarkon zusammen. Lieutenant Commander

D’Agosta hat sie in ihren Fahrzeugen gesehen. Sie kooperieren.

Er ist mit einem Team zu einer Rettungsmission aufgebrochen.

Aber ... es sieht nicht gut aus.“

„Die Breen, also.“, wiederholte Nechayev. Ihre Gedanken rasten.

„Was ist mit D’Agosta?“

Lemaire schüttelte den Kopf.

Nechayev murmelte verbissen: „Wenn dort Breen sind, wird

er es kaum schaffen. Breen und die Kinjal, hm? Ich kann mir

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vorstellen, was sie bei denen wollen. Dann ist es jetzt also ein

Wettrennen gegen die Zeit.“

Lemaire wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Sie starrte

Nechayev an, versuchte aus ihrem Verhalten schlau zu werden.

Die Frau hatte gerade gehört, dass das Mädchen und der

Amphion entführt wurden und dass sich Allan D’Agosta auf

eine Selbstmordmission begeben hatte, von der er wahrscheinlich

nicht mehr wiederkommen würde und das schien sie keineswegs

zu beunruhigen. Sie nahm es gelassen hin. Wo Nechayev

eben noch um den Piloten zu trauern schien, kehrte mit

Erwähnung der Breen ihre kühle und energische Art zurück.

Nechayev hob das Hypospray in die Höhe. „Dies hier wird

Hawk dann wohl nicht mehr benötigen.“ Sie warf das Spray in

eine Kiste neben dem Bett und wandte sich von der Leiche ab.

Nechayev ging zu einer Ablage, auf der ein offener Koffer mit

Dermalregeneratoren stand und trat dabei in den schwachen

Lichtschein einer Lampe.

Erst jetzt sah Lemaire, dass Nechayev starke Verbrennungen

am Körper aufwies. Ihr Gesicht war gerötet und geschwollen,

die Uniform an vielen Stellen aufgerissen und zerfranst. Das

Fleisch darunter sah abgestorben aus. Sie verströmte einen

schrecklich verkohlten Geruch.

Lemaire machte große Augen. „Admiral!“, sagte sie. „Sie sind

verletzt. Warum hat das noch niemand behandelt? Wo ... wo

ist Doktor Smith?“

Nechayev hielt einen Moment inne und blickte auf ihre Hände.

„Sie wird nicht zurückkehren.“

„Nicht zurückkehren? Wie meinen Sie das – nicht zurückkehren.“

Nechayev ging wieder nicht darauf ein. Sie stopfte zwei Dermalregeneratoren

in die Kiste und schlug den Deckel zu. „Ich

werde jetzt gehen, Schwester. Das hier war nicht so geplant,

ich hab das nicht gewollt. Aber es steht zu viel auf dem Spiel.

199


Nun, durch die Anwesenheit der Breen erst recht. Es gibt kein

Zurück mehr.“

Lemaire sah die Frau an, starrte auf die Falten in ihrem Gesicht

und in ihre strengen Augen, in denen plötzlich eiserne

Entschlossenheit brannte. Und etwas anderes. Etwas, dass

Lemaire Angst machte. Sie wich einen Schritt von Nechayev

zurück. „Ich ... ich hole besser Roe.“

Sie wandte noch den Kopf, um zur Tür zu gehen, sah die Kiste

mit den Dermalregeneratoren auf sich zusausen, dann barst ihr

Kopf vor wildem, brennenden Schmerz und um sie herum versank

alles in Schwarz.

Als Nechayev in die einbrechende Nacht hinaustrat, fragte sie

sich, warum sie sich eigentlich vor der Krankenschwester gerechtfertigt

hatte. Schließlich war die Frau nur eine Untergebene;

Nechayev hatte es nicht nötig, ihre Handlungen zu erklären.

Sie eilte am Gespann entlang, versuchte sich im Schatten aufzuhalten

und den umhereilenden Technikern, aus dem Weg zu

gehen. Es war spät und dunkel. Am Himmel verdichteten sich

finstere Wolken und sowohl das Wetterleuchten, als auch entferntes

Donnergrollen setzte ein. Aber ein weiterer Säureregen

blieb offenbar aus und Nechayev nahm es als gutes Omen.

Man konnte sagen, was man wollte, dieser Mond – diese Maschine

- hatte etwas vielversprechendes für die Föderation.

Und auch wenn Leute wie Smith ihn am liebsten vernichten

würden, änderte das nichts an dieser Tatsache. Er war ihre

Chance. Sie wusste, dass bereits einiges schief gelaufen war,

dass es Probleme bei früheren Operationen gegeben hatte, aber

Nechayev würde sie dieses mal alle lösen. Alle. So entstand

Fortschritt.

In dem man Probleme löste.

200


Während sie darüber nachdachte, kam ihr die Einsicht, dass

O’Conner nicht der richtige Mann und die Shenandoah nicht

das richtige Schiff für diese Mission gewesen waren. Er war

offensichtlich zu engstirnig gewesen, zu misstrauisch. Und er

war zu sehr mit dem Gedanken an seine Besatzung beschäftigt.

Anstatt ihren Anweisungen zu folgen, hatte er sie in Sicherheit

wiegen wollen. Aber das Universum war nicht sicher.

Man musste Risiken eingehen und das hatte O’Conner nicht

gewollt. Nechayev hatte den dunklen Verdacht, dass dies der

Grund für den Untergang des Schiffes war.

O’Conner war der Grund.

Außerdem musste sie zugeben, dass Smith für ihre Rolle in

dieser Operation nicht geeignet gewesen war. Von Anfang an

nicht. Sie hatte eindrucksvolle Referenzen, aber nach dem Unfall

im McCreary-Nebel, war sie zu einer ängstlichen Nörglerin

geworden. Sie war nicht mehr konzentriert gewesen und

hatte wichtige Dinge – das höhere Ziel – aus den Augen verloren.

Wichtige Dinge. In Wirklichkeit hatten weder O’Conner,

noch Smith, noch King die wichtigste Eigenschaft besessen,

überlegte sich Nechayev, die Fähigkeit zur Vision. Diese

großartige Leistung der Phantasie, sich eine wunderbare Ära

des Wohlstandes für jedermann in der Föderation vorzustellen

und eine unangreifbare Sternenflotte, deren Offiziere verzaubert

das Universum erforschten und die Grenzen immer und

immer weiter expandieren ließen. Eine wirkliche Vision. Die

Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen. Und die Fähigkeit Mittel

aufzutreiben, um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen.

Nein, weder Smith, noch O’Conner, noch sonst irgendjemand

hier war geeignet, oder eine gute Wahl. Nechayev schüttelte

den Kopf. Sie würde die Sache selber in die Hand nehmen.

Endlich erreichte sie das Ende des Caravan-Gespanns, wo sich

niemand aufhielt. Nottingham stand am Jeep und wartete auf

sie. Er hatte den Container mit den Kammern vom Gespann ab

– und an den Wagen dran gekoppelt.

201


„Hat das jemand gesehen?“, fragte Nechayev.

„Nein.“ Nottingham sah nur flüchtig zu ihr. „Ihre Wunden-“

„Die behandeln wir unterwegs.“, sagte Nechayev barsch und

legte den Koffer mit den Regeneratoren auf die Rückbank. Sie

stiegen beide ein. Nottingham rutschte hinter das Steuer. Nechayev

fragte: „Was ist mit der Energieversorgung? Reichen

die Batterien des Jeeps aus, um die Antigrav-Einheiten des

Containers mit Energie zu versorgen, sodass wir ihn bewegen

können?“

„Nur für wenige Stunden.“

„Mehr werden wir auch nicht brauchen.“ Sie schlug die Tür

zu. „Es ist genau wie damals, Ian. Wie mit den Cardassianern.

Der Gegner hat seine Figuren bereits in Position gebracht. Aber

diesmal werden wir zuerst den entscheidenden Zug machen.

Fahren Sie los.“

„Wohin?“

Ihr Blick verdüsterte sich. „Zur Festung der Bloodcats.“

Nottingham trat das Gaspedal durch.

„Wir sind im Begriff etwas wirklich bedeutendes zu vollbringen,

Damian.“

Auf dem kleinen Computerbildschirm brachte Ketteract seine

Zweifel mit einem frustrierten Schnaufen zum Ausdruck, als

er Nechayevs Worte vernahm. Er befand sich noch immer in

DH-8, im Hauptlabor. Hinter ihm eilten die Wissenschaftler

umher, alle waren angespannt. Bald würde es losgehen. Bald

würden sie anfangen und versuchen, Omega zu bewegen. Davon

war er nicht begeistert. Dies war nun sein dritter Anlauf,

Nechayev diese Operation auszureden, aber er hatte wenig erfolg

damit. Im Gegensatz zu ihm war sie nicht nervös, sogar

vollkommen ruhig, fast fröhlich. Sie saß im Bereitschaftsraum

der Crazy Horse hinter ihrem Schreibtisch und starrte auf den

Wandmonitor. Dort konnte sie das Partikel in enormer Ver-

202


größerung sehen, wie es sich bewegte, pulsierte, leuchtete. Zu

leben schien. „Beeindruckend, nicht wahr? Es wirkt so organisch.“

Ketteract teilte ihre Begeisterung nicht. In den vergangenen

Stunden war er zunehmend unruhiger geworden. „Alynna, wir

sollten die Sache noch einmal überdenken.“, sagte er. „Das

geht mir alles viel zu schnell, viel zu hektisch. Wir haben

nicht einmal Zeit für Simulationen. Das ist nicht gut, ganz und

gar nicht gut. Hör zu, die Physik ist wirklich sehr erfolgreich

bei der Beschreibung gewisser Arten von Verhalten: Planeten

in ihrer Umlaufbahn, Raumschiffe, Pendel und Sprungfedern

und rollende Bälle, solche Sachen eben. Die regelmäßigen

Bewegungen von Gegenständen. Die werden mit den sogenannten

linearen Gleichungen beschrieben, und Mathematiker

können diese Gleichungen sehr leicht lösen. Das haben wir

seit Hunderten von Jahren getan. Omega ist aber völlig anders,

Omega ist chaotisch. Unberechenbar und Willkürlich.

Und solche Turbulenzen können wir in dieser kurzen Zeit

nicht lösen, weder mit den nichtlinearen Gleichungen, noch

sonst einer mathematischen Formel.“

Nechayev wischte seine Bedenken mit einer laschen Handbewegung

beiseite. „Damian, du bist Physiker. Du bastelst in

deinem Büro an diesen hübschen Modellen, aber dabei

kommt es dir nie in den Sinn, dass das, was du hier Defekte

nennst, in Wirklichkeit notwendig ist. Damals, als ich noch

bei den Waffentechnikern arbeitete, mussten wir uns mit einem

Problem herumschlagen, dass sich resonantes Gieren

nannte. Dieses resonante Gieren bedeutete, dass ein Torpedo

hoffnungslos verloren war, wenn er kurz nach dem Start eine

auch noch so kleine Instabilität zeigte. Er geriet unweigerlich

außer Kontrolle und konnte nicht mehr zurückgebracht werden.

Aber, dieses resonante Gieren ist eine Eigenschaft von

mechanischen Systemen. Ein minimales Flattern kann so

schlimm werden, dass das ganze System zusammenbricht.

203


Aber genau dieses minimale Flattern ist bei lebendigen Systemen

sehr wichtig. Es bedeutet, dass das System gesund ist

und flexibel reagiert, das weiß sogar ich.“

„Aber das ist doch das Problem!“, empörte sich Ketteract.

„Omega ist zu gesund, zu sprunghaft und daher absolut unberechenbar.

Denken wir es verhält sich auf die eine Art, verhält

es sich auf eine völlig andere. Denken wir, wir hätten es soweit,

dass wir es entschlüsseln, oder gar erfolgreich synthetisieren

können, wirft uns die chaotische Natur des Moleküls

wieder Steine in den Weg. Das hat in den vergangenen Wochen

zu unzähligen Rückschlägen und Problemen geführt,

Probleme, die auch deine Rhonda Smith nicht lösen kann,

mag sie noch so genial sein! In dieser Sache überschätzt sie

sich. Und du lässt dich von ihr an der Nase herumführen,

weil-“

„Damian.“, sagte Nechayev mit Nachdruck, um ihn zu unterbrechen.

Sie wusste, wenn er einmal anfing, war sein Defätismus

kaum zu bremsen. Und in den vergangenen Stunden

ging er ihr damit wahnsinnig auf die Nerven. Sie wollte seine

pessimistischen, kleingeistigen Nörgeleien nicht hören, nicht

in einem so großen Moment. Ketteract war ängstlich und

vermutlich sogar eingeschnappt, weil er sich von Smith bedroht

fühlte. Zu recht, denn sie war besser. Nechayev wusste

das und er wusste es auch. „Damian, diese Turbulenzen mögen

die Arbeit mit Omega erschweren und zu einem heiklen

Unterfangen machen, aber sie sind nicht unlösbar. Wenn

Smith sagt, wir können es schaffen, dann schaffen wir das

auch.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Mehrere dieser Moleküle

können eine ganze Zivilisation erhalten. Was hast du erwartet?

Dass es einfach würde? Hm? Und wie lange sollen wir

deiner Meinung nach eigentlich noch warten, kannst du mir

das mal verraten? Bis uns andere zuvor kommen? Bis die

Cardassianer zuerst dran sind? Oder die Romulaner? Oder

vielleicht die Borg?“

204


Ketteract war unzufrieden. „Möglicherweise sollten wir diesen

Schritt nicht gehen. Manche Linien sind da, um nicht überquert

zu werden.“

„Aber das tun wir seit Jahrhunderten.“, sagte Nechayev.

„Selbst wenn wir uns der Entwicklung neuer Energiequellen

entgegenstellten, die Cardassianer würden es nicht tun. Sie

würden jetzt, in diesem Augenblick, im McCreary-Nebel nach

Omega suchen, wenn sie eine Ahnung hätten. Man kann den

technischen Fortschritt nicht aufhalten. Sobald wir wissen,

dass etwas möglich ist, müssen wir es auch tun.“

„Nein.“, entgegnete Ketteract. „Wir haben den freien Willen.

Wir können uns entscheiden.“

„Genau das habe ich, Damian. Mich entschieden. Wir müssen

es hier und jetzt versuchen. Ende der Debatte.“

„Aber-“

„Ende ... der Debatte!“ Eine Weile herrschte kühles Schweigen.

Sie sah wieder zum Wandschirm. Etliche Statistiken, die

auftauchten und durch neue ersetzt wurden. Die Sensoren lieferten

sekündlich neue Daten. Alles, was in der Station vor

sich ging. Obwohl Nechayev keine Mathematikerin war, hatte

sie doch im Laufe ihrer Karriere eine ganze Anzahl von Statistiken

vor Augen gehabt und in ihnen Muster zu erkennen

versucht. Dazu eignet sich das menschliche Gehirn von Natur

aus gut – Muster in visuellem Material zu erkennen. Nechayev

konnte zwar nicht genau sagen, was es war, aber sie spürte

intuitiv, dass es hier ein Muster gab. Es kommt mir nicht so

vor, als ob sich das Molekül willkürlich oder zufällig verhält,

dachte sie.

Eher ... organisch. Es war phantastisch. Diese Macht, dieses

ungeheure Potential. „Weißt du, Damian“, sagte Nechayev

nach einer Weile. „Ich denke, alles hängt davon ab, wie viel

man bereit ist zu riskieren. Für unsere Gefühle, für unser Berufsleben...

und, wie in diesem Falle, für unsere Zukunft. Für

die bin ich bereit einiges zu riskieren.“

205


„Bleibt zu hoffen, dass wir auf festem Grund landen, wie?“,

fragte Ketteract leise. Er hatte aufgegeben. Nechayev war

nicht abzubringen.

Sie nickte. „Ganz recht. Haltet euch bereit. Wir melden uns.

Nechayev, Ende.“ Sie beendete den Kom-Kanal und gerade,

als sie aufstand, öffnete sich die Tür zum Bereitschaftsraum

und Rhonda Smith trat ein. Sie sah müde aus, hatte seit ihrer

gemeinsamen Rückkehr von DH-8 das Labor nicht mehr verlassen

und die ganze Zeit über gearbeitet. Das war nun 43

Stunden her. Und nun, wo sie zur Brücke hochgekommen

war, spürte sie plötzlich wieder ihren Körper und mit ihm, all

seine Bedürfnisse. Nach Schlaf, nach Essen, nach Bewegung.

Smith seufzte und reckte Nechayev einen Datenblock entgegen.

„Sind sie fertig?“, fragte diese.

„Ja, Admiral, ich denke, ich habe es. Dank der Iteration.“

„Iteration?“ Nechayev verstand nicht.

„Das ist ein Begriff aus der Mathematik und bezeichnet eine

Methode, sich der Lösung eines Rechenproblems schrittweise,

aber zielgerichtet anzunähern. Ich habe dasselbe Rechenverfahren

immer und immer wieder angewandt und glaube, Omegas

Fluktuationen im Griff zu haben und das Molekül so

weit stabilisieren zu können. Den Rest übernimmt der Computer.“

Smith zog die Achseln hoch. „Alles, was wir benötigen,

ist die Technik. Das Molekül fügt sich dann schon.“ Das

war ihre Grundüberzeugung. Das Molekül, wie merkwürdig

es auch war, würde sich im wesentlichen so verhalten, wie

gewöhnliche Moleküle unter einem Mikroskop. Es war bis zu

einem bestimmten Grad berechenbar. Sie würde es genau beobachten

und entsprechend reagieren. Mit Hilfe des Computer.

So würde sie auch den unberechenbaren Teil unter Kontrolle

bekommen. Zu diesem Zeitpunkt, kannte sie Omega

noch nicht richtig...

Nechayev nickte zufrieden. „Beeindruckend, Rhonda. Wirk-

206


lich beeindruckend.“ Sie legte ihr einen Arm auf die Schulter.

„Ich werde das nicht vergessen, das garantiere ich ihnen. Ihr

Leben dürfte sich durch dieses Projekt in eine dramatisch positive

Richtung entwickeln.“

Smith lächelte. „Das wollte ich hören, Sir. Dieses Projekt

wird ein voller Erfolg.“

„Und das wollte wiederum ich hören.“ Sie nickte. Sie war bereit.

„Dann lassen Sie uns anfangen.“

Auf Grund ihres Rufes als „Problemlöserin“ und ihrer Arbeit

mit anderen Wissenschaftlern, waren Smith schon jetzt, so

kurz nach ihrem Akademieabschluss Situationen vertraut, wo

sich die Erwartungen anderer an sie und ihre eigenen Motive

nicht genau zur Deckung bringen ließen. Das war die zynische

Seite der Wissenschaft. Ein Forscher versprach manchmal

das Blaue vom Himmel herunter, um Mittel für seine Arbeiten

zu bekommen. Genau das tat Smith. Sie wollte höher

hinaus, die Karriereleiter nicht erklettern, sondern mit Antigravstiefeln

erfliegen. Und Nechayev war ihr Sprungbrett,

also versuchte sie alles, um sie zufrieden zu stellen. Allem

Anschein nach kam es Smith nie in den Sinn, dass Nechayev

sie ebenso kaltblütig benutzte, wie sie den Admiral. Von Anfang

an war Alynna Nechayev ihr gegenüber nie ganz offen.

Weder sie, noch einer der anderen Wissenschaftler, hatte

Smith in den katastrophalen Vorfall im Lantaru-Sektor eingeweiht,

niemand hatte sie aufgeklärt, wie gefahrvoll und fast

unberechenbar Omega wirklich war. Nechayev hatte Ketteract

und die anderen angewiesen „ein paar Informationen unter

den Tisch fallen zu lassen.“ Das war ohnehin zu ihrer zweiten

Natur geworden - jeder unter ihrem Befehl hatte gelernt, nur

das Allernötigste zu sagen. Nechayev behandelte Smith wie

eine Mittel zum Zweck und dasselbe tat Smith mit Nechayev

– ein großer Fehler.

207


Letzten Endes war es so, dass Rhonda Smith und Alynna Nechayev

einander falsch einschätzten, weil bei beiden der äußere

Schein auf die gleiche Art und Weise trog. Rhonda Smith

wirkte so unscheinbar. Aber trotz ihrer jugendlichen Schönheit

und ihres Alters, war sie von hoher Intelligenz und einer

tiefen, inneren Härte.

Ähnlich war es bei Nechayev. Wenn sie wollte und sich anstrengte,

wirkte sie so freundlich und gerissen, dass niemand

erkannte, wie Entschlossen sie war und welch unbeugsamer

Ehrgeiz sich hinter ihrer Maske verbarg. Sie hatte sehr früh

ihre Eltern verloren. Ihren Vater in Lantaru, ihre Mutter bei

Grenzstreitigkeiten mit den Cardassianern. Sie fühlte sich nun

verantwortlich für den Schutz des Föderationsraumes und war

entschlossen, es besser als ihre Eltern zu machen. Omega war

ideal dazu. Auch wenn es Probleme gab. Aber es war zumindest

möglich, dass Smith ihr an Ort und Stelle helfen konnte –

Grund genug, sie mitzunehmen. Darüber hinaus stellte Smith

nicht viele Fragen und tat, was man ihr auftrug. Sie versuchte

Nechayev zu beeindrucken und Nechayev konnte das nur begrüßen.

Es war ihr dienlich. Noch ein entscheidender Grund

sie mitzunehmen. Außerdem konnte Smith eher manipuliert

und beeinflusst werden, als Ketteract.

Im Endeffekt ging es Nechayev nur um die Nutzung der

reichhaltigen Macht Omegas. Um an sie heranzukommen,

war sie bereit, alles zu tun, alles zu sagen und notfalls alles zu

opfern. Auf einem Foto, das zufällig vor der Abreise auf der

Erde gemacht wurde, wirkten beide wie lächelnde Wissenschaftler,

die zu einer gemeinsamen Expedition aufbrachen.

Aber in Wirklichkeit hatten sie unterschiedliche Motive, die

sie wild entschlossen voreinander Geheim hielten. Rhonda

Smith mochte ihr nicht eingestehen, was für berufliche Ziele

sie verfolgte – und Alynna Nechayev mochte nicht eingestehen,

wie handfest die ihren waren.

208


Kinjal-Festung

Das Tor schwang mit einem energischen Knarren auf und gab

den Blick in einen Raum frei, der zum großen Teil von Schatten

verschluckt wurde. Nur hier und dort sorgten sehr schwache

Leuchtstreifen für etwas Licht, sodass man nicht einmal

die genauen Maße des Raumes abschätzen konnte. D’Agosta

wurde von seinen Bewachern unsanft hinein- und Richtung

Mitte gestoßen, wo ein glatzköpfiger auf einem martialischem

Thron ruhte. Seine Augen blitzten, als D’Agosta in den Raum

gebracht wurde. Das Gesicht war größtenteils in Schatten gehüllt.

D’Agosta verlor das Gleichgewicht und stürzte auf die Knie.

Sofort waren die Wachen bei ihm, packten ihn unter den Armen

und schleiften ihn vor den Thron, wo er brutal auf den

Boden geschleudert wurde. Die Wachen zogen sich wieder ein

paar Meter zur Tür zurück und D’Agosta stützte sich mühsam

auf Hände und Knie, wagte es aber nicht, ganz aufzustehen. Er

erschrak, als er auf den Boden sah. Direkt unter ihm klebte getrocknetes

Blut auf dem Boden. Rot. Menschlich. Und der Geruch!

Es roch nach tot.

„Was sie dort so angsterfüllt anstarren“, sagte die Gestalt auf

dem Thron. „floss bis vor ein paar Tagen noch durch die Adern

ihres Anführers. Der einzige Weg zu verhindern, dass ich

den Boden auch mit ihrem Blut und dem ihrer Begleiter tränke,

liegt darin, mir meine Fragen zu beantworten.“ Die Gestalt

beugte sich auf dem Thron vor und das Gesicht des Mannes

schälte sich aus dem Schatten. Kahlköpfig. Durchdringende,

stechende Augen, die meistens umherhuschten, als wittere er

209


überall Beleidigungen und er schien förmlich nach einem

Streit zu gieren. Er war ungeduldig und schnell zum Zuschlagen

bereit. Aber in seinen Augen lag dennoch beträchtliche Intelligenz.

Nicht nur aufgrund seiner Worte lief es D’Agosta eiskalt den

Rücken runter. Er sah wieder auf das getrocknete Blut unter

sich und versuchte die schrecklichen Gedanken an den Tod

Captain O’Conners zu verdrängen. Und die Gedanken daran,

dass ihm dasselbe wiederfahren könnte, wie seinem ehemaligen

Kommandanten. Noch immer saß ihm der Schreck vom

Anblick der Leiche in den Knochen. Er wagte es kaum, aufzublicken.

„Sie sind jetzt der Anführer ihrer Leute?“

D’Agosta runzelte bei dieser Frage die Stirn. Anführer. War er

so etwas überhaupt? Ja! Er nickte.

„Habt ihr nichts zu sagen?“, fragte der Glatzkopf und starrte

D’Agosta böse an. Sein Gesicht verdüsterte sich. „Das wird

sich noch ändern.“, knurrte er. D’Agosta rührte sich nicht und

blieb stumm. Spannung knisterte im Raum. Doch dann schien

Glatzkopf sich zu besinnen. Er stand auf, begann um

D’Agosta herumzuwandern und lächelte unverbindlich. „Wissen

Sie, wie ihr Anführer sein Ende fand?“, fragte er. „Er

kniete genau dort, wo sie jetzt auch knien. Und er erzählte mir

Märchen. Lügen. Vielleicht. Zumindest besaß er nicht ernsthaft

den Willen zu kooperieren.“ Glatzkopf wanderte noch

einmal um ihn herum, gab anschließend einer Wache ein

knappes Zeichen, die ihm daraufhin ihr Messer übergab. Es

war alt und rostig. Die Klinge war überdeckt mit getrocknetem

Blut. Glatzkopf ging neben D’Agosta in die Hocke und hielt

ihm das Messer hin. „Also.“, sagte er „wurde er hiermit bestraft.“

Ihre Blicke trafen sich einen Moment, als D’Agosta aufsah.

Glatzkopf hob erwartungsvoll eine Braue. Dann erhob er sich

ruckartig und lies sich wieder auf seinem Thron nieder. Er

210


sagte: „Wissen Sie, Föderierter, ich kann mir eine Menge anderer

Dinge vorstellen, als ihnen ein Messer ins Herz zu jagen,

um zu erfahren, was sich will. Aber glauben Sie mir, ich würde

keine Sekunde zögern, es zu tun. Aber ich denke, das wird

nicht notwendig sein. Sie werden von sich aus erzählen, was

ich wissen will. Denken Sie an das Mädchen.“

„Okay.“, sagte D’Agosta schnell. „Okay. Alles, was Sie wollen,

aber lassen Sie meine Tochter in Frieden.“

Glatzkopf öffnete weit die Augen. Er war überrascht „Das

Mädchen ist ihre Tochter? Sehr interessant.“

D’Agosta schloss einen Moment die Augen. Verdammt! Er

hätte ahnen müssen, dass Judy clever genug war, dem Kerl

nicht zu sagen, dass sie seine Tochter war.

Glatzkopf schien sich darüber sehr zu amüsieren. Er fragte:

„Wie soll ich Sie ansprechen, wie ist ihr Name?“

„D’Agosta. Allan D’Agosta. Und wer ... sind Sie?“, fragte er

vorsichtig.

Der Glatzkopf lächelte. Ein Lächeln, schärfer als jedes Messer.

„Meine Feinde nennen mich „Beliar, der Schreckliche“,

aber Sie können auch einfach Beliar zu mir sagen.“

D’Agosta schluckte.

„Aber vielleicht sind wir auch noch nicht so weit.“

„Was verlangen Sie von mir?“

„Verlangen?“, fragte Beliar. „Wie kommen Sie darauf, dass

ich etwas von ihnen verlangen will?“

„Sie hätten mich längst töten können, wenn Sie es gewollt hätten.“,

sagte D’Agosta. „Aber Sie haben es nicht.“

„Natürlich. Das stimmt.“ Die beiden starrten sich ein paar Sekunden

lang an. Beliar fuhr fort: „Sie haben im Orbit eine

Waffe gezündet. Eine Waffe, die unserem Imperium den Einsatz

des Warpantriebs verwehrt. Eine Waffe, die unserem Imperium

erheblich – erheblich – schadet! Und dann unternahmen

Sie den törichten Versuch einer Invasion dieses Mondes,

was mich persönlich enorm in Rage versetzt. Sie besaßen die

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Frechheit uns anzugreifen.“ Er lehnte sich auf seinem Stuhl

fort. In seinen Augen blitzte Tücke. „So sagen zumindest unsere

Alliierten. Die Breen. Und von ihnen, D’Agosta, möchte

ich nun die Wahrheit hören.“

D’Agosta nickte. Deswegen wurde er also hergelockt, weil

Beliar sich ein Bild von ihm machen wollte – ohne, von den

Breen beeinflusst zu werden. Er fragte: „Woher wollen Sie

wissen, wann ich die Wahrheit spreche?“

Beliar fletschte die Zähne und lächelte tückisch. „Ich entscheide,

was die Wahrheit ist.“, sagte er. „Sie können mich gar

nicht belügen. Denken Sie also darüber nach. Sie wissen viele

Dinge und ich weiß sie ebenfalls. Sie geben mir Informationen,

oder ihre Tage sind gezählt.“

Die Wachen hinter D’Agosta warfen die schwere Tür ins

Schloss. Der Stahl des Messers in Beliars Hand blitzte in einem

Lichtstrahl. Allan spürte, wie sich ein Kloß in seinem

Hals bildete. Er hatte sich noch nie im Leben so hilflos und

verzweifelt gefühlt, wie in diesem Moment.

Ramina schleuderte die Wache heftig gegen die Tür, die zu

dessen Quartier führte. Sie packte ihn am Hinterkopf an den

Haaren, zog ihn zu sich herab und küsste ihn lange und innig,

wobei sie sich eng an ihn presste. Ihre Hand wanderte seinen

Rücken herunter, mit den Fingerkuppen stieß sie an das

Schlüsselbund an seinem Gürtel, wo auch der Schlüssel für die

Türen war und ihre Mundwinkel hoben sich einen Moment in

schadenfrohem Gedanken an die anderen. Dann ließ sie ihre

Hand weiter zu seinem Po gleiten und drückte ihn noch dichter

an sich. Sie küsste so heftig, dass er sich seine Lippen an

den eigenen Zähnen verletzte. Er wischte sich einen Tropfen

Blut mit der Hand ab. „Du bist ja ganz schön gefährlich.“

„Vielleicht.“

212


Sie wirbelte ihn herum, drückte die Tür auf und trat rückwärts

mit wiegenden Hüften in sein Quartier, während sie ihm mit

einem Finger bedeutete, ihr zu folgen. Ihre Augen blitzten auf.

Sie atmete schwer und wartete auf ihn. Über ihre Lippen

huschte ein Lächeln. Eine Brise kam durch das offene Fenster

und wehte durch ihr schwarzes Haar. Irgendwo draußen bei

der Arena herrschte Lärm.

Sie achtete nicht weiter drauf.

„Ich liebe meinen Job.“, sagte er halblaut und schloss die Tür.

Sie riss ihm ungeduldig das Hemd vom Leib und öffnete seinen

Waffengürtel. Währenddessen pressten sich ihre Lippen

wieder hungrig auf die seinen und als sie den Gürtel von seiner

Hose zog und die Schlüssel scheppernd auf den Boden fielen,

trat sie einen Schritt von weg.. Er wollte sie weiterküssen,

machte einen Schritt auf sie zu, doch Ramina hob die Hand.

„Halt!“

Sie zögerte einen Moment, als würde sie ihm nicht recht trauen.

Die Wache war verdutzt und witterte schon eine Falle, als

sie plötzlich fragte: „Du kannst mich beschützen?“

„Ja.“, sagte die Wache.

„Auch vor den Gredor?“

„Natürlich, aber-“

„Du kannst für mein Überleben sorgen?“

Er schien verwirrt. „Wenn du bei mir bleibst, könnte ich dafür

sorgen, ja.“

„Garantiere es mir!“

„Dir wird’s gut gehen. Es wird dir an nichts mangeln.“

„Garantiere ... es!“

„Okay. Ich garantiere es.“

Sie sah sich unauffällig um. Der Raum war schmuddelig, heiß

und unfreundlich, aber sie hatte schon in deutlich schlimmeren

Baracken gehaust. Die Wache war auch keine besondere

Schönheit, aber auch hier hatte sie schon deutlich schlimmeres

213


ertragen müssen. Hier kann man leben, dachte sie. Hier konnte

man sogar recht gut leben. Es würde reichen. Für sie alle mal.

Ihr Blick wanderte wieder zur Wache. Er wirkte besorgt. Dann

grinste sie animalisch und stieß ihm gegen die Brust. Er taumelte

rückwärts zum Bett und fiel auf die Matratze. Im nächsten

Moment war Ramina auf ihm, einer Naturgewalt gleich.

Als sie seine Hose öffnete, schlug seine Phantasie Purzelbäume.

„Das machst du ... nur um ... am Leben zu bleiben?“, fragte

er zwischen schnellen Atemstößen. Ramina hielt auf ihm

einen Moment inne. Sie erwiderte ernst: „Der Zweck des Lebens

ist es, am Leben zu bleiben. Das war schon immer so und

es wird auch immer so bleiben. Wer diese einfache Wahrheit

nicht versteht, oder akzeptiert, wird sterben.“

„Vielleicht gibt es eine höhere Wahrheit als die, einfach am

Leben zu bleiben.“, sagte die Wache stirnrunzelnd.

„Bestimmt nicht.“, sagte Ramina. Dann küssten sie sich leidenschaftlich.

Athol wäre am liebsten in der Zelle auf und ab gelaufen. Er

war nervös und schüttelte ununterbrochen den schweren Kopf.

Judy und er waren erneut alleine. Ramina war noch immer

nicht zurückgekehrt – er zweifelte aufrichtig daran, dass sie es

überhaupt wieder tun würde. Und auch von Allan D’Agosta

fehlte jede Spur. Sorge machte ihm aber etwas anderes.

„Sie wird es nicht schaffen.“, sagte Athol traurig. „Sie werden

ihr eine Falle stellen. Die Tarkon sind hinterhältig, der Kampf

wird nicht fair verlaufen.“

„Keine Angst.“, sagte Judy. „Shannyn hat alles im Griff.“

Shannyn fand sich in einer Arena wieder. Allmählich brach

die Nacht an. Hin und wieder zuckten Blitze am entfernten

214


Horizont und erhellten den Wolkenbehangenen Himmel über

ihr. Die Stimmung war angemessen unheimlich.

Shannyn sah sich um. Die Arena war ein an drei Seiten von

hohen Zuschauerbühnen begrenzter Hof. Alles schimmerte in

den typischen Tarkonfarben: Schwarz und Rot. Lediglich auf

dem Boden lag ein heller Sand. Dutzende Flaggen mit dem

Zeichen des Skorpions flatterten im heißen Wind. Weit über

hundert Soldaten hatten sich eingefunden, um dem Kampf zuzusehen.

Und allmählich wurden ihre Rufe lauter.

Neben ihr trat Epius Dorak aus dem Schatten des Eingangs.

Man hatte ihm vorhin die Handschellen abgenommen. Er war

ein wenig beunruhigt, aber Shannyns Gesicht blieb Ausdruckslos.

Er nickte zum schwarzen Gittertor auf der anderen

Seite der Arena. „Verdammt groß, nicht wahr. Man baut keine

großen Tore, wenn nicht auch ein großer Gegner aus ihm heraustreten

soll.“ Er spielte mit ihr.

„Das hilft mir nicht, Dorak.“

Dorak nickte. Eine Pause entstand. Schließlich ergriff er wieder

das Wort. „Wissen Sie, ich an ihrer Stelle würde diesen

Kampf absagen.“

„Das geht nicht. Sie würden ihr Gesicht verlieren.“

„Das macht gar nichts.“, erwiderte Dorak. „Wirklich, ich würde

mich als Feigling sehr wohl fühlen.“

„Sie verstehen mich falsch.“, antwortete Shannyn. „Sie würden

es wirklich verlieren. Sehen Sie die Soldaten dort?“ Sie

deutete hinter sich, auf ihre beiden Bewacher, die Gewehre um

die Schulter trugen und je ein Krummschwert vor die Brust

hielten. „Die würden sofort losschießen, wenn Sie dem Kampf

jetzt auszuweichen versuchen. Und raten sie, worauf sie zielen

werden.“

„Oh.“ Er betrachtete die Soldaten in ihren Garderüstungen

sehr genau. Wenn sie nicht geatmet hätten, hätte man sie mit

215


Statuen verwechseln können. Diszipliniert, also, dachte Dorak.

Er wandte sich wieder an Shannyn. „Haben Sie Angst?“

„Nein.“

„Das dachte ich mir schon. Nun, bleiben Sie einfach in Bewegung.

Große Gegner sind selten schnell.“

„Das ist Lava auch nicht. Trotzdem habe ich noch von keinem

Fall gehört, wo sie jemand mit bloßen Händen aufhalten konnte.“

Mit diesen Worten trat sie hinaus in die Arena. Das Fallgitter

am anderen Ende der Arena erhob sich. Das Tosen der

Zuschauer wurde ohrenbetäubend.

Shannyn ballte die Fäuste und starrte auf den leeren, klaffenden

Eingang, der in Schwärze verhüllt war und nichts als

Dunkelheit bot. Das Fallgitter rastete mit einem Krachen an

der Decke ein. Einen Moment lang geschah gar nichts. Und

dann schälte sich etwas enorm großes aus der Dunkelheit. Als

erstes erkannte Shannyn Theia, die mit einem verhohlenem

Grinsen auf Sie herabblickte. Sie saß auf irgendetwas. Etwas

großem. Sie hörte das Aufsetzen von Klauen: tik – tik – tik.

Kalt und unerbittlich.

Dann sah Shannyn die Scheren. Theia ritt auf einem Skorpion!

Keinem klassischen, sondern den mutierten Riesenskorpionen

dieses verfluchten Planeten. Aus den Augenwinkeln erblickte

Shannyn eine der Flaggen auf dem das Wappen der Tarkon -

der Skorpion – flatterte. Nun war Shannyn klar, dass die Tarkon

die Tiere offenbar dressieren konnten. Das Ungetüm kam

langsam in die Arena herein. Am Ende des kräftigen,

schwarzblauen Körpers zitterte ein gefährlicher Stachel in der

Luft. Die Augen glühten in einem tiefen Rot, welches Shannyn

verriet, dass er überhaupt nicht glücklich darüber war, aus

seinem Schlaf gerissen zu sein.

Ramina war auf ihm und ihr Rücken glänzte vor Schweiß. Mit

den Fingernägeln kratzte sie blutige Wunden in seinen Brust-

216


korb, während sich ihre Schenkel gegen seine Hüften drängten.

Ihr Atem kam stoßweise und zwischen den Seufzern hörte

sie draußen vom Hof her Unruhe. Wilde Zuschauerrufe aus

der Arena.

Sie sah zum Fenster. „Was geht ... da draußen ... vor?“

„Nichts.“, sagte die Wache und zog sie wieder zu sich herunter.

„Gar nichts.“

Shannyn sog die heiße Luft zischend ein, als der Skorpion sich

insektengleich auf sie zu bewegte. Shannyn hatte ja Theia erwartet.

Vielleicht auch noch etwas größeres. Aber das nun

auch wieder nicht. An Theias Gürtel blitzte ihr Schwert auf,

dass sie wie eine Trophäe trug. Mit dem hätte Shannyn vielleicht

sogar eine reelle Chance gehabt das Monstrum zu besiegen.

Aber mit bloßen Händen?

Jetzt musste sie sich ernsthaft etwas einfallen lassen. Shannyn

drehte sich für einen Moment um, erspähte Dorak noch immer

am Eingang stehend. Der Cardassianer zuckte mit den Schultern.

Shannyn sah wieder zu dem Monstrum. Theia grinste sie

mit einem spöttischen Funkeln in den Augen an. Das Funkeln

erlosch für einen Moment, als sie bemerkte, dass Shannyn

keinen Meter zurücktrat, während sie sich näherte. Sie blieb

einfach stehen, wo sie war. Legte eine Unerschütterlichkeit an

den Tag, die nicht ganz aufrichtig war.

Dorak beobachtete, wie sich die beiden ungleichen Kontrahenten

näherten. Dabei trat er unbewusst immer tiefer in den

Schatten des Eingangs zurück. Der Skorpion bereitete Dorak

große Angst. Es war ihm beinahe unbegreiflich, warum Shannyn

nicht auch zurückwich.

Aber nur beinahe.

217


„Wissen sie...“, sagte er und drehte sich zu den beiden Wachen.

„Ich setze auf Shannyn Bartez.“

Keine Antwort. Er ging auf die Wachen zu. Etwa einen Meter

vor ihnen hoben sie die Waffen. Dorak hob beschwichtigend

die Arme. „Oh, verstehe. Sie nehmen keine Wetten an, oder?“

Über die Schulter sah er zur Arena. Shannyn zeigte keine

Furcht. Dorak lächelte. „Würde ich an ihrer Stelle auch

nicht.“, sagte er.

Theia genoss den Moment des Jubels der Menge und sah zu

der Frau herab, die so viele ihrer mühsam trainierten Männer

problemlos eliminiert hatte. „Nun gibt es nichts mehr.“, verkündete

sie laut. „Kein Schiff, keine Föderation. Keine Hilfe.

Kein Licht, keine Dunkelheit ... nur Sie und ich, genau hier.“

Sie war aufgeregt. Shannyn dagegen merkwürdig ruhig. „Irgendwelche

letzten Worte?“

„Ja.“, sagte Shannyn. „Sie können mir mein Schwert entweder

jetzt sofort wiedergeben, oder ich komme es mir holen.“

Theia blinzelte überrascht. Shannyn zuckte lediglich mit den

Schultern. „Ihre Entscheidung.“

Die Zuschauermenge tobte lauter. Sie wollten die Hinrichtung

sehen.

„Es ist erfrischend einen beinahe gleichwertigen Gegner zu

haben.“, verkündete Theia. „Jemanden, der Mut beweist. Törichten

Mut, aber Mut. Die meisten Männer respektieren oder

fürchten mich, Shannyn Bartez. Männer, die unter meinem

Kommando leben oder sterben, wenn ich es will. Meine Männer.

Und Sie haben den Fehler begangen, diese Kontrolle in

ihre Hände zu nehmen, was ich nicht tolerieren kann.“ Theia

entblößte Zähne. „Dafür ... werden Sie bezahlen!“

„Ich sterbe nicht, Theia. Nicht hier.“, entgegnete Shannyn ruhig.

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„Ihre Arroganz wird noch sehr schnell vergehen, wenn sie blutend

zu meinen Füßen liegen.“ Theia lachte. Nur, um dem

Skorpion im nächsten Moment die Sporen zu geben und einen

wütenden Schrei auszustoßen.

Das Vieh stürmte vor. Entgegen aller Erwartungen und entgegen

aller Vernunft, tat Shannyn dasselbe. Der Skorpion stockte

einen Moment. Hob beide Scheren und klatschte sie abwechselnd

zusammen, als wüsste er nicht genau, mit welcher

er Shannyn zuerst zerreißen sollte. Shannyn stürmte auf ihn

zu. Sie verdoppelte sogar ihre Geschwindigkeit, als der Skorpion

ausholte.

Und lies sich fallen. Die zuschnappende Schere sauste knapp

über ihrem Kopf hinweg. Shannyn nutzte den Schwung und

rollte unter dem Körper des Skorpions hindurch. Das Tier

machte einen Satz nach vorne, drehte sich schnell und griff erneut

an. Der mächtige Schwanz des Skorpions schleuderte

herum und schlug in die Seitenwand, wobei er Shannyns Kopf

nur knapp verfehlte. Instinktiv machte sie einen Hechtsprung

zur Seite, aus der eine Rolle vorwärts wurde. Als der tödliche

Stachel des Skorpions erneut durch die Luft sauste, sprang

Shannyn zurück. Der Schwanz schlug krachend in den Boden

und pumpte grünes Gift.

Shannyn rappelte sich auf und lief einen enger werdenden

Kreis um die Kreatur und dann – sprang sie auf. Theia schrie

auf vor Wut. Shannyn kümmerte sich nicht drum. Sie holte

aus und schlug Theia so feste gegen den Kiefer, dass sie von

dem Tier schleuderte und hart auf den sandigen Untergrund

prallte. Sie rollte sich gerade rechtzeitig zur Seite, um nicht

von den spitzen Klauen des aufgeregten Tieres zermalmt zu

werden.

Shannyn biss die Zähne zusammen. Es würde nur noch Sekunden

dauern, ehe der Skorpion sie abgeschüttelt hatte. Sekunden.

Sie zögerte nicht. Shannyn hatte Athol sorgsam beobachtet,

als er bei ihrer ersten Begegnung mit einem Skorpion

219


seine Schwachstelle ausgenutzt und ihn überwältigt hatte. Nun

tat sie es ihm gleich.

Sie ballte die Faust und hieb sie mit aller Kraft in den weichen

Nacken des Tieres – dorthin, wo sein Zentralnervensystem

lag. Der Skorpion zuckte zusammen und schlug unkontrolliert

mit Klauen und Schwanz, während er stürzte. Shannyn sprang

rechtzeitig ab, rollte über den Boden und brachte sich außer

Reichweite des zuckenden Giftstachels. Der Skorpion verfiel

in Krämpfe, zuckte noch einige Male, dann lag er still da. Die

Menge wurde vollkommen still.

Shannyn hustete. Der Staub brannte in ihren Lungen. Aus

mehreren Schrammen an der Wange floss Blut. Hinter ihr erklang

ein wütendes Knurren. Shannyn drehte sich um, als

Theia auf sie zu stampfte. Auf ihren Zügen breitete sich Zorn

und Hass aus. Sie zog Shannyns Schwert. Das Metall blitzte

auf. Am Himmel grollte Donner.

„Jetzt habe ich endgültig genug von ihnen!“ Und damit stürzte

sie auf Shannyn los. Ihre Züge verzerrten sich vor Wut. Sie

schwang die tödliche Klinge hoch über den Kopf. Ihre Bewegungen

waren schnell und gleitend.

Die Klinge sauste herab.

„Schweren!“, rief Shannyn. Und mit einem Mal war die Waffe

in Theias Hand tonnenschwer. Sie lies das Schwert nicht los,

stürzte entsetzt vornüber und ging mit der Waffe zu Boden.

Ihre Finger wurden unter dem Griff eingequetscht. Jaulend

zog Theia sie zurück, richtete sich auf und begegnete Shannyns

Blick und schien endlich zu begreifen, was da gerade

passiert war. Da hatte sie auch schon Shannyns Faust im Gesicht.

Wuchtig wurde Theia zurückgeworfen. Noch im Fall

schrie sie: „Knallt sie ab!“

Die beiden Tarkonwachen stießen Dorak brutal aus dem Weg,

traten in Richtung Arena vor, um ein besseres Schussfeld zu

220


haben und nahmen ihre Waffen von den Schultern. Dorak

knallte gegen das kalte Metall, lies sich herabsinken, bis die

Soldaten an ihm vorbeigerannt waren, nur, um blitzschnell

hinter ihnen aufzuspringen. Er schleuderte die Arme hoch und

knallte die Köpfe der beiden Soldaten zusammen. Ein merkwürdiges

Knacken erklang.

Noch in derselben Bewegung riss er das Gewehr einer der

beiden Männer aus dessen Hand, drückte ihm den Lauf in den

Bauch und betätigte den Abzug. Wie ein nasser Sack fiel er zu

Boden. Dorak wollte die Waffe herumreißen, aber der zweite

Wachmann reagierte instinktiv und lies sich gegen den Cardassianer

fallen. Beide gingen zu Boden. Ein heftiges Handgemenge

entstand.

Um die Arena herum brach Chaos aus. Die Zuschauer liefen

durcheinander, behinderten sich gegenseitig. Einige wollten

aus der Arena und Verstärkung rufen, als sie Schüsse hörten,

andere wiederum Theia helfen, konnten ihre Waffen aber nicht

ausrichten, da sie ständig von weglaufenden Kameraden umgestoßen

wurden. In der Arena hatte auch Shannyn die Schüsse

gehört. Sie erspähte Dorak für einen kurzen Moment, im

Kampf mit einem viel größeren Gegner verstrickt.

Theia kam mit einer kräftigen Bewegung auf die Beine und

hielt plötzlich wieder ein Schwert in der Hand – diesmal ihr

eigenes. Mit einem Wutschrei attackierte sie Shannyn, die ihr

den Rücken zugewandt hatte. Sie wirbelte herum, riss das

Schwert hoch. Theias Waffe prallte mit solcher Geschwindigkeit

gegen ihre, dass Shannyn mit einem überraschten Keuchen

zurücktaumelte und nur mit Mühe ihr Gleichgewicht

hielt. Theia hatte aus ihrer ersten Begegnung gelernt. Sie versuchte

nicht nur mit Wut und Kraft Shannyn zu überrennen,

sondern wich Shannyns blitzender Klinge aus und suchte nach

einer Schwäche in ihrer Deckung.

221


Shannyns Schwert zuckte immer wieder im letzten Moment

herab und schlug Theias Waffe beiseite. Sie sprang vor, lies

das Schwert in einem eleganten, blitzartigen Bogen niedersausen

und traf Theias Waffe mit solcher Wucht, dass der schier

unzerbrechliche Stahl mit einem gewaltigen Klirren splitterte.

Shannyn versetzte der überraschten Tarkon einen kräftigen

Tritt in den Bauch.

Theia landete keuchend im Sand, während endlich ihre Soldaten

in die Arena sprangen. Sie griffen Shannyn aus drei, vier

Richtungen gleichzeitig an. Ein Messer flog in ihre Richtung

und fiel klirrend zu Boden, als sie es mit ihrem Schwert aus

einem Reflex heraus traf. Ein Soldat sprang mit hoch erhobenen

Pranken und knurrend auf sie zu. Im nächsten Moment

stürzte er zu Boden und hielt sich den Arm. Aus einem breiten,

tiefen Schnitt sickerte Blut.

Shannyn verschaffte sich mit einem gewaltigen Hieb Luft,

wirbelte herum und rannte davon, so schnell sie konnte.

„Bleib stehen!“, rief Theia hinter ihr her. „Feiges Stück!“

Shannyn ignorierte sie. Sie stürmte Blindlings zum Ausgang,

lies die Klinge sausen und befreite den angeschlagenen Dorak

auf diese Weise von seinem Gegner. Noch in der Bewegung

packte sie ihn am Kragen und zog den Cardassianer mit sich.

Stolpernd folgte er ihr in den Schatten des Arenazugangs zurück,

während er mit einem Blick über die Schulter sah, wie

hinter ihnen mehrere Tarkon in die Arena sprangen.

Schwerbewaffnete Tarkon.

Shannyn wollte mit der Schulter gegen den Ausgang springen,

als sie im gleichen Moment von der anderen Seite geöffnet

wurde. Als nichts mehr da war wo gegen sie prallen konnte,

kämpfte Shannyn plötzlich mit dem Gleichgewicht und wäre

beinahe Gestürzt. Sie lies ihr Schwert fallen. Woran sie Halt

fand, war der Lauf des Gewehres, das der Soldat, der die Tür

geöffnet hatte, auf sie richtete. Offenbar war er genauso verblüfft

wie Shannyn, da er nicht einfach abdrückte, sondern mit

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ganzer Kraft an seine Waffe klammerte während auch Shannyn

daran zerrte und versuchte den Lauf nach unten zu drücken.

Es gelang ihr einigermaßen. Der Tarkon zog mit aller Macht

an seinem Gewehr – Shannyn ebenfalls. Und dann stieß sie die

Waffe plötzlich vor. Der Kolben drückte knirschend in den

Leib des Mannes und sein Finger krümmte sich um den Abzug.

Im gleichen Moment erkannte Shannyn, dass er nicht alleine

war und dass eine Begleiter – ebenfalls mit Gewehren

bewaffnet, an ihm vorbeistürmen wollten, um sie zu packen.

Shannyn machte einen Satz in die Höhe, als die Kugel zwischen

ihren Beinen hindurchsauste. Gleichzeitig trat sie mit

den Beinen aus und stieß den beiden anderen Soldaten ihre

Stiefel in die Magengrube. Sie taumelten zurück und stürzten

zu Boden.

Der Tarkon mit dem Gewehr lies aber noch immer nicht los,

zog und zerrte daran, so fest er nur konnte. Er drückte erneut

ab. Diesmal jagte die Kugel nur Millimeter an Shannyns

Wange vorbei. Der Lauf der Waffe wurde warm. Shannyn trat

ihm verzweifelt gegen das Schienbein und sah, wie seine beiden

Begleiter sich wieder aufrappelten. Der Tarkon knickte

unter ihrem Tritt ein, stürzte nach hinten und riss die überraschte

Shannyn mit sich. Für eine halbe, grässliche Sekunde

zielte die Gewehrmündung auf ihr rechtes Auge. Mit dem anderen

konnte sie sehen, wie der Tarkon grinste und den Abzug

betätigte. Mit einer verzweifelten Bewegung warf Shannyn

den Kopf beiseite. Die Kugel riss eine schmauchende Spur in

ihr Haar und verfehlte Dorak hinter ihr nur knapp. Der bekam

davon gar nichts mit und war damit beschäftigt, mithilfe seiner

erbeuteten Waffe die anrückenden Soldaten niederzuschießen.

Selbiges plante auch Shannyns Gegner. Der Lauf der Waffe

wurde heiß! Furchtbar heiß! Shannyn musste sich beherrschen,

um nicht aufzuschreien. Trotzdem lies sie die Waffe

nicht los.

223


Das wäre ihr sicherer Tod gewesen. Das sie nicht sterben würde,

dem war sie sich sicher, aber Shannyn fragte sich allmählich

ernsthaft, ob sie ihre Hände behalten würde. Denn bei diesem

Punkt war sie sich ganz und gar nicht sicher.

„Dorak!“, brüllte sie. „Helfen Sie mir, verdammt!“ Der Tarkon

vor ihr zerrte wieder an dem Gewehr, bekam es aber noch

immer nicht von ihr los. Aus den Augenwinkeln sah Shannyn,

wie die anderen Tarkon in ihre Richtung gestürmt kamen.

Jetzt hatte sie genug! Shannyn bekam den Lauf irgendwie unter

ihre Achsel geklemmt, lehnte sich mit aller Kraft zurück

und zerrte so lange, bis sie mit dem Tarkon eine Drehung um

hundertachtzig Grad vollführte. Als sie genug Schwung hatte,

lies sie los und der Kerl wurde in die anderen anrückenden

Tarkon hineingeschleudert. Wie Bowlingpins stürzten alle in

einem Gewirr aus Gliedmaßen zu Boden. Shannyn hob schnell

ihr Schwert vom Boden auf und griff nach hinten. Sie bekam

Dorak abermals am Kragen zu packen und zerrte ihn durch die

Tür, gerade als Theia draußen in der Arena ein Gewehr gefunden

hatte und ihrerseits das Feuer eröffnete. Die Kugeln gingen

knapp daneben. Shannyn und Dorak stürmten den dahinterliegenden

Gang entlang, eine Treppe hinunter und durch eine

gewaltige Halle. Die Soldaten waren dicht hinter ihnen.

„Sie hätten mir helfen können!“

Dorak lächelte milde, während er ungezielte Schüsse abgab.

„Ich hatte den Eindruck, dass Sie ganz gut alleine zurecht

kommen.“

Sie rannten blindlings nach rechts und plötzlich tauchte vor

ihnen ein schwerbewaffneter Soldat auf. Bevor er irgendwie

gefährlich werden konnte, rammte Shannyn ihm die blanke

Faust ins Gesicht. Er verdrehte die Augen und sackte mit einem

Gurgeln zusammen. Ohne langsamer zu werden, sprang

sie über den zusammenbrechenden Mann hinweg, warf sich

durch eine Tür und setzte mit Dorak die verzweifelte Flucht

fort.

224


D’Agosta

„Also, um das noch einmal zusammenzufassen.“, sagte Beliar

im Thronsaal. „Es war ein Unfall?“

Er wandte sich mit gerunzelter Stirn zu D’Agosta um und trat

wieder aus dem Schatten heraus. Beliar schien nicht überzeugt.

Seine Augen waren tückisch und suchend. D’Agosta

kniete weiterhin vor dem Thron, hatte inzwischen aber den

Oberkörper aufgerichtet. Er zitterte noch immer leicht, spürte,

dass seine Knie nach wie vor weich waren, aber seine Angst

wich allmählich einem ganz anderen Gefühl: Rage.

„Ja.“, behauptete er. Es klang gequält. „Ein Unfall.“

„Lügen! Alles Lügen! Sie waren hier, um unser Imperium ihrer

Föderation grausam zu unterwerfen!“

„Oh nein. Nein, nein. Bitte! Wie oft soll ich es denn noch sagen?

Das alles hier war nicht geplant. Wir wollten nichts böses.

Menschen sind herzlich, hilfsbereit...“

„Schwachsinn, D’Agosta.“

„Es gibt Gene für Altruismus...“

„Wunschdenken!“

„Grausamkeit resultiert aus Schwäche.“

„Manche mögen Grausamkeit, D’Agosta. Ihre Leute auch. Sie

haben unseren Trupp abgeschlachtet – heute morgen erst!“

„Das war Selbstverteidigung.“

„Blödsinn!“

D’Agosta explodierte: „Verdammt noch mal!“, polterte er heftig.

Beliar hob als Reaktion eine Braue. Er schien nicht wütend,

nicht einmal überrascht. Offenbar hatte er eine solche

Reaktion provozieren wollen, D’Agosta war sich nicht sicher.

225


Aber es spielte auch keine Rolle. Er hatte einfach genug! Genug

von den Hiobsbotschaften, genug von den Explosionen,

genug von den Toten und genug von den Einschüchterungen

und dem Terror der Tarkon. Und jetzt auch noch Beliars Psychospielchen.

Er war es langsam leid.

Einfach leid!

Er blickte zornig, als er gepresst sagte: „Noch mal: Wir waren

auf dem Weg zu einer Konferenz, als die Breen uns in diesem

System attackierten! In Folge des anschließenden Raumgefechtes

und der Explosion im Orbit, stürzte unser Schiff auf

ihrem Mond ab. Die Besatzung verließ die Shenandoah, aber

nicht viele haben es geschafft. Wir sind ebenso Opfer dieser

Katastrophe wie sie, Beliar. Und was auch immer in der Vergangenheit

geschehen ist, es lag nicht in unserer Absicht! Haben

Sie verstanden?“

„Nicht in ihrer Absicht?“ Beliar trat näher und beugte sich

misstrauisch zu D’Agosta hinab, bis sich fast ihre Nasenspitzen

berührten. „Nicht in ihrer Absicht? Warum sollte ich ihnen

das glauben?“ D’Agosta spürte seinen heißen, schneidenden

Atem auf seinem Gesicht. „Die Breen behaupten ebenfalls,

an diesem Zustand nicht schuld zu sein. Es steht Aussage

gegen Aussage...“

D’Agosta schloss die Augen, atmete mehrmals tief durch und

versuchte sich zu beruhigen und irgendwie – irgendwie - einen

Ausweg zu finden. Er hatte Angst, war furchtbar verzweifelt

und der Horror wollte kein Ende nehmen. Er hätte schreien

können, einfach nur schreien. Konzentrier dich Allan, dachte

er. Um Gottes Willen, konzentrier dich jetzt und reagier nicht

mit blinder Wut!

„Aber die Breen“, sagte er bemüht leise und behutsam „würden

niemals das hier tun: zugeben, dass sie einen Fehler begingen.

Wir schon. Wir haben ihn gemacht. In dem Moment,

als wir dem Kampf nicht auswichen, sondern ihn in diesem

System aufgenommen haben. Sie haben ja Recht, Beliar, wir

226


sind nicht perfekt. Bei weitem nicht. Wir wollen forschen, lernen.

Das Universum entdecken und mit unseren Nachbarn in

friedlicher Koexistenz leben.“ Er nickte. „Das ist das Credo

der Föderationsbürger, das ist unser Ideal. Wir versuchen ihm

gerecht zu werden. Wir versuchen es wirklich.“ D’Agosta

spürte, wie er mit jedem Wort gefasster und sicherer wurde. Er

öffnete die Augen und hielt Beliars durchdringendem Blick

erstmals stand. „Aber wie alle Ideale denen man nachstrebt,

können manche nicht realisiert werden. Und andere sind gefährlich.

Ich bin sicher die Breen werden ihnen berichtet haben,

dass unsere Welten im Krieg lagen.“

Beliar nickte wortlos. Seine glänzende Stirn lag in tiefen Furchen.

D’Agosta fuhr fort. „Unsere Welten machten in dieser

Zeit Fehler. Die Föderation vielleicht sogar den größten, denn

wir begannen diesen Krieg. Wir begannen ihn, weil wir das

bajoranische... Weil wir das Tor ins Unbekannte nicht aufgeben

wollten. Wir durchquerten es um ein Paradies zu erforschen.

Ein Paradies, dass nicht uns gehörte. Das schnell verschwand.

Und im Krieg endete. Wir wurden gewarnt, dieses

Tor zu durchqueren, aber wir wollten nicht hören. Dafür haben

wir bitter bezahlt und wir bezahlen noch heute. Aber wir lernten

auch aus dieser Erfahrung und werden ganz sicher nicht

noch einmal einen solchen Fehler begehen und jemanden herausfordern.

Das versichere ich ihnen.“

„Warum haben ihre Leute den Kampf gegen die Breen in diesem

System dann wieder aufgenommen?“

„Beide Seiten sind noch immer verbittert.“, erklärte D’Agosta

ehrlich. „Die Wunden die der Krieg geschlagen hat, sind lange

nicht verheilt und manch einer von uns hat weiterhin den Finger

gefährlich nahe am Abzug. Aber wir bemühen uns, Beliar.

Wir bemühen uns wirklich. Und wir werden ganz sicher keinen

zweiten Konflikt herausfordern. Nicht mit dem Dominion,

nicht mit den Breen und auch nicht mit den Tarkon. Wir sind

keine ... Aggressoren!“

227


Beliar starrte D’Agosta einige Zeit an. Dann drehte er sich um,

zupfte an seinem Kinnbart und überlegte angestrengt. Ein kaltes

Schweigen trat ein. Plötzlich fragte Beliar: „Wer hat gewonnen?“

„Niemand.“

Beliar runzelte die Stirn und drehte den Kopf wieder zu

D’Agosta. „Niemand?“

„In einem Krieg gibt es keine Gewinner, Beliar. Nur Verlierer.“

D’Agosta erhob sich nun und machte einen mutigen

Schritt auf Beliar zu. Die Wachen hoben sofort ihre Gewehre,

aber Beliar veranlasste sie mit einer knappen Handbewegung,

die Waffen sofort wieder zu senken. D’Agosta ignorierte sie.

Er war viel zu aufgeregt, um sich jetzt von ihnen aufhalten zu

lassen. Denn plötzlich war etwas merkwürdiges geschehen: er

sah Hoffnung! Einen winzig kleinen Hoffnungsschimmer am

Horizont, weit, weit entfernt, schier unerreichbar und verschwommen,

aber dennoch sah er ihn! Wenn er sich nur geschickt

genug anstellte, dann würde er vielleicht...

... nur vielleicht ...

„Sie wollen nicht denselben Fehler wie wir machen, Beliar.“,

sagte er nachdrücklich. „Also beenden Sie das Blutvergießen

und die Jagd nach meinen Leuten!“

Beliar lächelte. „Versuchen Sie gerade ernsthaft an mein Gewissen

zu appellieren?“

„Vielleicht. Ich glaube an das Gute in jeder Person.“

„Die Sache ist nur die...“, sagte Beliar mit einem geringfügigen

Lächeln. „Ich bin ein Monster. Und Sie könnten auch zu

einem werden. Doch! Doch, das könnten Sie, streiten Sie es

nicht ab! Das werden Sie sogar – ihr Dasein als Anführer wird

sie dazu machen. Personen ändern keine Führungspositionen,

die Sache verhält sich umgekehrt. Unsere beider Welten haben

ihre Monster, D’Agosta, Ihre Föderation und auch die Tarkon

– mich zum Beispiel -, aber wir erfüllen diese Rolle für unsere

Leute. Wir tun es, damit sie sicher sind und damit sie frei von

228


den Taten sind, die ihnen ihre Sicherheit gewährleistet. Wir

sind Monster, damit es unsere Leute nicht sein müssen. Ein

nobles Opfer.“

„Ein nobles Opfer ist es höchstens dann, wenn man diese Rolle

nicht genießt.“, wiedersprach D’Agosta.

Beliar beobachtete sehr aufmerksam seine Reaktionen. Er sagte:

„Und Sie wollen mir ernsthaft erzählen, dass es in ihnen

keinen Teil gibt, der danach Schreit, mich zu bekämpfen und

sich zu rächen, für das, was ich ihrem Anführer O’Conner angetan

habe?“

D’Agosta starrte Beliar lange an. „Und was, wenn es so wäre?“,

fragte er nach einer Weile. „Es würde keinen Unterschied

machen. Sich etwas wünschen und diesen Wunsch in

die Tat umzusetzen – und ihn zu genießen -, sind zwei völlig

verschiedene Dinge. Sie wurden von den Breen manipuliert,

Beliar, und entschieden sich gegen uns vorzugehen. Captain

O’Conner zu töten und unser Lager brutal zu bombardieren.

Daran lässt sich leider nichts mehr ändern. Aber an den Dingen,

die von nun an geschehen! Lassen Sie uns reden und verhandeln.“

„Verhandeln?“

„Ja, richtig gehört. Verhandeln. Wissen Sie, ich frage mich,

wie dieses Gespräch aussehen würde, wenn die Rollen vertauscht

wären, Beliar, weil ich kein Monster bin und auch zu

keinem werde. Und das sind auch die anderen nicht. Das Dominion

und somit auch die Breen waren es, die im Krieg ihre

Kapitulation erklärten. Nicht wir. Sie gaben auf. Und dennoch

– obwohl wir in diesem Moment überlegen waren -, sahen wir

von weiteren Kampfhandlungen ab und haben nicht noch weiter

auf einen Gegner eingeschlagen, der bereits am Boden

lag.“

„Am Boden? Liegen Sie etwa am Boden?“

„Ja.“, sagte D’Agost ernst. „Das tun wir.“

229


Beliar schüttelte den Kopf. „Ich erlebte bereits Kriege mit,

D’Agosta. Kriege, in denen auch bei einer Kapitulation kein

Halt mehr gemacht wurde. Und ich weiß, dass es da draußen

noch ganz andere Kriegslüsterne Völker gibt, vor denen ich

meine Leute beschützen muss!“

„Es gibt keine kriegslüsternen Völker, Beliar, es gibt nur

kriegslüsterne Führungspersonen.“

„Sehr richtig.“, nickte Beliar. „Wie wollen Sie mir garantieren,

dass es bei der Sternenflotte – bei ihnen – nicht genau so

ist?“

Es war verblüffend, dachte D’Agosta, dass Beliar ihm von einer

Sekunde auf die andere die kalte Schulter zeigen konnte.

Sein Verhalten – seine ganze Stimmung, war äußerst Sprunghaft.

Mal schien er ihm zu glauben, dann schwenkte er wieder

in eine andere Richtung. Was bezweckte er damit? Sollte das

Provokation sein? Sollte das eine Aufforderung sein, ein

Lockmittel, damit er Schritte auf ihn zu machte und mehr verriet,

als er es vielleicht sonst getan hätte? D’Agosta konnte

sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Beliar ihn gerade auf

Herz und Nieren prüfte, ihn testete und sich deswegen alles so

zurechtdrehte, wie er es gerade brauchte. Es machte D’Agosta

stinksauer. Am liebsten hätte er mit der Hand auf diesen Thron

geschlagen, laut klatschend, und gesagt: Hal-lo-o! Wachen Sie

auf, Mann!

Oder irgendetwas in der Art. Aber er war ziemlich sicher, dass

das alles nur noch schlimmer gemacht hätte. Das weckte in

ihm die Sehnsucht nach einem Gesprächspartner, der unkompliziert

war. Aber wann, fragte er sich, war Diplomatie je unkompliziert?

Und da war dieses Gefühl ... dieses Gefühl, irgendwie

auf dem richtigen Weg zu sein. D’Agosta schürzte

die Lippen. Er versuchte es mit einem anderen Ansatz. „Haben

Sie Kinder?“

Beliar schien von der Frage überrascht. „Nein.“

230


„Ich schon, wie sie wissen.“, sagte D’Agosta. „Eine Tochter.

Sie ist mir das wichtigste. Alles was ich will, ist mit ihr in

Frieden zu leben. Ohne Kampf, ohne Krieg. Ich will sie nicht

begraben müssen, wie ich Captain O’Conner begraben habe

und ich will nicht, dass sie mich begraben muss. Ich würde

nichts, unternehmen, nichts, was sie irgendwie in Gefahr

bringt. Es hängt von ihnen ab. Ich log nicht, als ich sagte, dass

wir am Boden liegen. Wir sind in ihrer Hand, Beliar. Wir sind

wehrlos, haben kaum Waffen. Die, die wir haben, sind unzuverlässig

oder ohne Energie. Wir sind nur wenige. Verängstigt.

Allein. Da draußen, irgendwo in der Ebene. Sie können

uns jederzeit eliminieren, wenn Sie das wünschen. Auch wenn

wir es wollten, könnten wir den Mond gar nicht erobern, oder

Sie stürzen. Die Breen haben Sie belogen, Beliar, weil wir

einst deren Feinde waren. Aber ich sage die Wahrheit. Ich gebe

zu, dass wir nicht perfekt sind und Fehler machen. Niemand

ist perfekt. Wenn Sie mir nicht glauben, dann beenden

Sie das jetzt, denn ich habe genug von dem Ganzen und keine

Kraft mehr. Einfach keine Kraft mehr. Mehr als die Wahrheit,

unsere Kapitulation und mein Leben kann ich ihnen nicht anbieten.“

Beliar musterte ihn sorgfältig. Er sagte nachdenklich: „Es ist

schon lange her, dass mir jemand die Wahrheit gesagt hat. Ich

erkenne sie schon gar nicht mehr.“

Und dann jubelte D’Agosta innerlich auf und ein Stein fiel

von seinem Herzen: Beliar glaubte ihm, er konnte es an seinen

Augen sehen. Endlich! Dies war D’Agostas Chance! Hier und

jetzt hatte er die Möglichkeit zu dem Tarkon durchzudringen,

sein Vertrauen zu erhalten.

„Dann machen Sie die Augen auf!“, sagte er. „Ich stehe hier,

direkt vor ihnen. Und alles, was ich will, ist meine Tochter.

Kein Kampf, keine Rache, keine Ressourcen – gar nichts! Nur

meine Tochter. Nur Judy.“

231


Stille kehrte in den Raum ein. Beliar drehte ihm den Rücken

zu und wanderte zurück zum Thron, wo er nachdenklich mit

den Fingern über das blanke Metall fuhr. Blut war darauf gespritzt

und getrocknet. Nach einer Weile sagte er: „Ich bedaure

nicht, was mit ihrem Anführer geschehen ist. Auch nicht,

wenn Sie tatsächlich unschuldig sein sollten, D’Agosta. Denn

mein Wissensstandpunkt zu diesem Zeitpunkt forderte von mir

die einzige Mögliche Handlungsweise; gegen ihn und ihre

Leute Maßnahmen zu ergreifen. Aber ich gestehe ein, dass es

vielleicht ein Fehler war, vorschnell den Breen zu vertrauen.

Und wenn sie die Kinjal hintergangen haben sollten, werden

sie bestraft werden.“

D’Agosta schloss die Augen und schüttelte vorwurfsvoll den

Kopf. „Warum sind Sie überhaupt eine Allianz mit denen eingegangen?“

Beliar fletschte die Zähne. „Weil ich auf der Jagd nach der

Waffe bin, D’Agosta. Die Waffe, wegen der auch Sie hier

sind, warum jeder hier ist.“

„Aha.“, sagte D’Agosta. Er verstand kein Wort.

„Diese Waffe, die ganze Sektoren zerstören kann – den Subraum

– und so furchtbar mächtig ist, dass alle vor ihr erzittern

werden. Dieses...“ Seine Augen funkelten. „...Omega!“

Allan schloss die Augen. Es war also noch ein Molekül auf

dem Mond! Nun wurde ihm klar, warum sich Nechayev dauernd

in der Ebene aufgehalten hatte. Sie hatte die ganze Zeit

davon gewusst.

Schlimmer noch, sie hatte ihren Aufbruch in die Berge verzögert,

um ein stabiles Basislager zu haben und hatte somit die

Bombardierung, bei der viele gute Männer gestorben waren, in

Kauf genommen! Und er hatte sich auch noch reinlegen lassen

und geglaubt, sie wolle ihm helfen. Er kam sich so dämlich

vor und spürte, wie Zorn in ihm brodelte. Aber er lies es sich

nicht anmerken, schluckte die Wut einfach runter.

232


„Ich bin beeindruckt, D’Agosta.“, sagte Beliar. „Beeindruckt

von ihrer Ehrlichkeit – auch wenn sie sicher verstehen, dass

ich ihnen noch immer nicht traue. Aber nicht jeder gesteht seine

Fehler ein und versucht nicht alles auf den alten Feind zu

schieben. Vielleicht passen wir besser zueinander, Sie und

ich.“

„Meinen Sie?“ D’Agosta klang ausdruckslos.

„Ich habe ihnen ein Angebot zu unterbreiten. Wir könnten zusammenarbeiten.“

„Und welches Angebot wäre das?“

„Es ist noch zu früh, um darüber zu sprechen.“, sagte Beliar.

„Aber wir würden beide von einer Abmachung profitieren.

Wenn Sie mich tatsächlich nicht belogen haben, dann brauchen

Sie Hilfe. Oder verfügen ihre Leute über Rettungskapseln,

die wieder in ihr Schiff hinaufspringen können? Sehen

Sie? Wir sitzen beide auf dem gleichen Mond fest. Also helfen

wir uns. Ich will Omega, aber ich weiß nicht, wie ich es kriegen

soll.“

„Dann fragen Sie die Breen.“

„Die wissen es nicht.“, erwiderte Beliar leichthin. „Nicht genau.

Ihre Ausrüstung wurde zerstört, unsere unterentwickelten

Scanner sind nutzlos. Oder aber Toth Gor sagt es uns nicht. In

dieser Allianz misstraut jeder dem anderen. Aber wir wissen,

dass ihre Leute, D’Agosta, kurz davor sind, die Waffe zu finden.“

D’Agosta runzelte die Stirn. „Das wissen Sie?“, fragte er vorsichtig.

„Die Breen haben es uns erzählt.“ Beliar zuckte mit den

Schultern. „Sie berichteten, dass sie die Gegner hier sind und

ebenfalls dem Molekül nachjagen und das wir sie aufhalten

müssten...“

Und D’Agosta begriff. Das war der einzige Grund, warum er

noch lebte. Die Kinjal wollten Omega und sie glaubten, dass

D’Agosta, wusste, wo es war. Dabei hätte er nicht einmal von

233


der Existenz eines weiteren Moleküls gewusst, wenn Beliar es

nicht gesagt hätte.

Er wollte ehrlich zu den Tarkon sein. Zu Beliar. Ein stabiles

Fundament für Verhandlungen schaffen. Aber irgend etwas

warnte ihn. Was immer er jetzt sagte, würde vielleicht über

mehr, als nur sein Schicksal und das der anderen entscheiden.

Er hatte Judy nicht vergessen. Und auch nicht die Waffen, die

auf ihn gerichtet waren.

„Ja.“, murmelte D’Agosta. „Wir sind kurz davor, Omega zu

finden.“ Das war haarsträubender Blödsinn. Er wusste nicht,

wo sich das Molekül befand. Aber vielleicht Nechayev. Sie

hatte ihn benutzt, jetzt benutze er sie. Es war nur gerecht. Aber

auch ein sehr gefährliches Spiel, auf das er sich da einließ. Beliar

setzte sich auf den Thron und entblößte Zähne. Er war guter

Laune. „Sie haben soeben eine erste Verhandlungsbasis geschaffen,

D’Agosta. Gut gemacht.“

Ja, wiederholte er in Gedanken. Gut gemacht. Er wollte sich

nicht ausdenken, was Beliar mit ihm anstellte, wenn er herausfand,

dass D’Agosta log. Und man würde zweifellos von ihm

Verlangen, dass er seine Behauptung bewies. Aber vielleicht

konnte er genug Zeit schinden, um weiter zu Beliar durchzudringen,

um auf ihn einzureden und ihm Alternativen zu bieten.

„Vielleicht können wir ihnen aber auch anders helfen, Beliar.“

„Anders?“

„Sie wollen diese Waffe wegen den Bloodcats, richtig? Weil

die Kinjal mit denen im Krieg liegen, nicht wahr?“

„Wir haben einen ... Waffenstillstand.“

„Vielleicht können wir ihnen bei Verhandlungen helfen. Um

einen langfristigen Frieden zu erarbeiten.“

„Nach allem, was wir getan haben? Wieso wollen Sie das?“

„Ich biete nur Alternativen an.“

Beliar schien darüber amüsiert zu sein. „Sie meinen ernsthaft,

wir könnten-“

234


Die Tür wurde aufgestoßen und einer von Beliars Soldaten trat

ein. Auf D’Agosta machte er einen nervösen Eindruck. Er salutierte

zackig und wandte sich an Beliar. D’Agosta verstand

nicht was er ihm ins Ohr flüsterte, aber auf Beliars Gesicht

breitete sich Sorge und Verärgerung aus. Er stand mit einem

Ruck auf. „Ich werde mir ihre Worte anhören, D’Agosta und

Sie die meinen.“, knüpfte er übergangslos an das vorhergegangene

Gespräch an. „Aber das hier ist nicht der richtige Ort

dafür. Das Blut auf dem Boden, die stickige Luft... Was halten

Sie davon, wenn wir dieses Gespräch woanders fortführen?

In einem Konferenzraum?“

D’Agosta runzelte die Stirn. „Wie zivilisierte Wesen?“

„Wie zivilisierte Wesen.“, nickte Beliar.

„Höchste Zeit.“

Beliar nickte. Er gab seinen Leuten ein Zeichen. „Führt ihn in

den Neubau. Dort sind wir ungestört.“ Die Wachen im Hintergrund

stecken das Messer wieder weg und führten D’Agosta

nach draußen in den Korridor. Beliar blieb noch einen Moment

bei dem Boten. Er senkte die Stimme: „Die Breen haben

also verdacht geschöpft?“

Der Bote nickte. „Sie wollen wissen, warum die neuen Gefangenen

nicht unverzüglich hingerichtet wurden, wie die anderen.“

„Hm.“, Beliar überlegte einen Moment. Das war ärgerlich.

Bisher lief alles außerordentlich gut. D’Agosta war recht leicht

einzuschüchtern und Beliar glaubte, ihn nun, nachdem er ihn

geprüft hatte, einschätzen zu können. „Wir bringen D’Agosta

in den Turm. Der Eingang ist am besten zu bewachen. Geben

Sie das an weiter, weisen Sie Leute ein! Die Breen dürfen unter

keinen Umständen dort hoch kommen.“

Der Bote nickte, salutierte erneut und eilte davon. Beliar saugte

die stickige Luft ein. Dann drehte er sich um und trat zu

D’Agosta in den Korridor. Er hatte nichts gehört.

235


„Wir könnten neue Alliierte werden.“, sagte Beliar. „Wenn Sie

jetzt keinen Fehler begehen, Sternenflotte. Wenn sie jetzt keinen

Fehler begehen...“

236


Nechayev

Beidseitig von aufmerksamen Soldaten begleitet, wurden Nechayev

und Nottingham durch die weitläufige Palasthalle in

der Bloodcat-Festung geführt. Am Kopfende der Halle ruhte

ein prunkvoll geschmückter Thron, von dem sich ein blonder,

streng blickender Mann erhob.

Nechayev und Nottingham wurden angewiesen stehen zu bleiben.

Die Wachen entfernten sich wieder. Ihre Schritte hallten

laut.

Der Anführer des Königshauses – Vesta – musterte die Neuankömmlinge

lange. „Man sagte mir, Sie wünschten eine Unterredung

mit den Führern der Bloodcats.“

„Das ist richtig.“

„Ich spreche für die Bloodcats auf diesem Mond. Was wollen

Sie von uns?“

Nechayev trat verschmitzt grinsend einen Schritt auf ihn zu.

„Ihnen einen Vorschlag unterbreiten.“ In ihren Augen blitzte

es. Und sie lächelte.

Die USS Crazy Horse lag 0,6 Lichtjahre vom Nebel entfernt,

still im Weltraum. Nechayev hatte ihrer Crew versichert, sie

täten dies, um die Cardassianer nicht auf sich aufmerksam zu

machen. Um sie nach dem ... Vorfall nicht zu provozieren.

Von hier aus könnten sie den Nebel noch immer mit den Sensoren

erfassen und den Sektor kartographieren. Ihre Offiziere

schluckten die Lüge. Wie immer. In Wahrheit wollte Nechay-

237


ev den Sicherheitsabstand zur Station vergrößern, nur für den

Fall, dass etwas schief ging. Sie war nämlich durchaus auf eine

Krise allergrößten Ausmaßes sowohl vorbereitet, als auch

eingestellt. Sie war nur absolut nicht bereit, sich diese Möglichkeit

einzugestehen. Natürlich würde nichts schief gehen,

dachte Nechayev. Sie war davon überzeugt, es würde nichts

schief gehen, weil sie einfach nicht wollte, dass etwas außer

Kontrolle geriet. Von diesem Punkt an bekam die Geschichte

eine neue Wendung. Die heiße Phase lief an. Nechayev und

Smith befanden sich im Kontrollraum. Smith saß an den

Transporterkontrollen, Nechayev stand hinter ihr und verlagerte

ihr Gewicht ungeduldig von einem Bein zum anderen.

„Beginnen Sie endlich, Rhonda.“

Sie wollten – von der Besatzung unbemerkt - das Omega-

Molekül erfassen, aus DH-8 beamen und im Transporterstrahl

stabil halten, bis sie den cardassianischen Raum verlassen und

eine zweite Forschungsbasis erreicht hatten. Dort sollte die

Operation weitergehen. Die Wissenschaftler würden mitgenommen,

DH-8 zerstört. Keine Spuren, keine Hinweise. Niemand

würde je etwas erfahren und sie konnten weiter arbeiten.

So sah der Plan aus. Simpel und einfach.

Er funktionierte nicht. Als die Indikatoren die ersten Anzeichen

von Problemen anzeigten, richteten sich Rhondas Nackenhaare

auf. Sie hatte das Molekül gerade erst erfasst und

den Transporterstrahl für den ersten Schritt aktiviert, als etwas

völlig unvorhergesehenes geschah: in dem Moment, als die

Molekularabbild-Scanner ein Echtzeit Abbild des Quantenauflösungsmusters

des Moleküls ableiteten, während die primären

Energiezuführungs- und Phasenumwandlungsspulen

das Objekt in einen subatomar verbundenen Materiestrom

umwandeln wollten, destabilisierte sich Omega noch während

dem Prozess.

Einfach so.

Der plötzliche Energieschub, den das Molekül produzierte,

238


geschah so schnell und ohne Warnung, dass selbst die durch

Rhondas harter Arbeit modifizierten Computer nicht einmal

Ansatzweise Gelegenheit zum Kompensieren irgendeiner

Fluktuation bekamen. 0,00024, Sekunden. Mehr brauchte es

nicht. Von einem Augenblick zum anderen geriet alles außer

Kontrolle. Smith sah, wie plötzlich alle Energieanzeigen bis

aufs Äußerste ausschlugen. Ein wahrer Höllensturm tobte auf

den Sensoren, dann überluden die Transportersysteme, noch

ehe sie richtig mit der Prozedur begonnen hatten. Es blitzte,

und alle Monitore im Kontrollraum wurden dunkel. Smith

beugte sich entgeistert vor, ihr Körper war angespannt und

steif. Bitte nicht jetzt! Das konnte sie jetzt wirklich nicht

gebrauchen, dass bei alle Systeme zusammenbrachen. Alles

war aus. Alles war tot. Kein Hauptcomputer mehr; keine Sensoren

mehr; keine Schilde

mehr. Kein Transporter mehr.

Sie hörte plötzlich Nechayevs gepresste Stimme neben sich.

„Was geht hier vor sich, Rhonda? Was ist passiert?“

„Ich hab’s verloren, Admiral. Ich habe die Kontrolle verloren..“

Im Hauptlabor von DH-8 begannen die Sirenen zu heulen.

Auf dem Computer erschien eine rote Schriftzeile:

DICHTUNG UNDURCHLÄSSIGKEIT NULL.

HAUPLABOR VERSEUCHT UND ABGERIEGELT.

Ketteract fuhr zu einer Mitarbeiterin herum. „Schnell!“ rief er.

„Laufen Sie hinaus. In diesem Labor ist kein Schalter der

Selbstvernichtungsanlage. Sie müssen nach nebenan.“

Im ersten Augenblick begriff die Frau nicht. Sie blieb einfach

sitzen. Aber dann, als sie die Erkenntnis wie ein Schlag traf,

stürzte sie zur Tür und auf den Korridor hinaus. In diesem

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Augenblick hörte sie ein Zischen und einen dumpfen Aufprall.

Eine massive Stahlplatte glitt aus der Wand und riegelte

den Korridor ab. Ketteract sah es ebenfalls. Er fluchte wild.

„Das war’s also.“, sagte er dann. „Wir sitzen in der Falle. Und

wenn die Bombe hochgeht, wird sie den halben Sektor verseuchen.

Es wird zum Krieg kommen.“

Aus dem Lautsprecher ertönte eine leblose, mechanische

Stimme: „Omega-Destabilisierung steht unmittelbar bevor.

Alarm! Omega-Destabilisierung steht unmittelbar bevor. Alarm!

Omega-Destabilisierung steht unmittelbar bevor…“

Ketteract sah das Molekül auf dem Wandschirm, wie es gleißend

leuchtete, immer greller. Er spürte bereits das Prickeln

und sah, wie sich die Härchen auf seinem Arm aufrichteten.

Die Strahlung nahm zu. Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit.

Die Bildschirme im Kontrollraum der Crazy Horse flackerten.

Und sprangen einer nach dem anderen wieder an. Die Sirenen

heulten los und der Alarm glühte rot. Die Zeiger aller Indikatoren

schnellten nach oben und die ausschlagenden Energiemesser

zeigten an, wann sich die Explosion ereignen würde.

Es herrschte ein heilloses Durcheinander auf der Brücke. Alle

Offiziere plapperten durcheinander, niemand wusste, was los

war. Nechayev hatte niemanden informiert. Wie immer.

„Verdammt!“, rief Smith und drückte wie wild Tasten auf der

Konsole. „Bitte nicht, bitte nicht! Alles im Eimer.“

Sie drehte sich halb und begegnete Nechayevs kaltem Blick.

„Es tut mir leid, Sir.“ Nechayev sagte nichts. Sie starrte Smith

nur an. Beide wussten, dass sie verloren hatten. Nechayev sah

auf die Indikatoren.

Sie wollte gerade den Befehl zum Warptransit erteilen, kam

aber nicht mehr dazu. Die Anzeigen veränderten sich. Etwas

verschwamm und kräuselte sich im Nebel, als es zu einer

240


Implosion kam. Keine Explosion. Nur eine Implosion. Ein elektronisches

Piepen ertönte. Auf den Bildschirmen sprangen

Linien auf und ab.

„Ich habe was.“, rief der Sicherheitschef. „Eine subnukleonische

Reaktion findet statt.“

Commander Keller wirbelte zu ihm herum. „Wo?“

„Direkt aus dem Nebel. Es scheint... Meine Güte!“ Der Sicherheitsoffizier

sah verblüfft auf. „Es scheint direkt von einer

Station im Nebel zu kommen. Die Theta-Strahlungswerte

sind extrem hoch.“

Nechayev trat neben den Sicherheitschef und starrte vom oberen

Deck zum Sichtschirm hinaus. Der Nebel waberte auf

einmal weiß-blau, als würde da drin etwas lebendiges wüten.

DH-8 strahlte wie ein Leuchtfeuer. Die Wissenschaftler da

drin würden nicht lange überleben. Nechayev lies den Kopf

sinken, während sich jeder um sie herum fragte, was das da

draußen war. Niemand hatte sämtliche Fakten gekannt. Ihre

Besatzung nicht und Rhonda Smith nicht. Lediglich Nechayev

kannte die komplette Wahrheit und darin lag ihre Kraft. Die

Leute fürchteten sie, weil sie nicht wussten, was Nechayev

wusste. Mit Angst kam Respekt. Mit Respekt Kraft. Geheimnisse

waren ihre Macht. Sie nutzte diese Macht um die Föderation

zu verteidigen.

„Was zum Teufel ist das?“, fragte Keller den Sicherheitsoffizier.

„Eine cardassianische Station vielleicht? Oder etwa eine

von uns?“

Nechayev hörte ihn kaum. Ihr Blick war nach innen gerichtet.

Denn was sie ebenfalls tat, war, ihre Geheimnisse auf Kosten

von Leben zu bewahren. Und dies war ebenfalls Teil ihrer

Macht. Sie befahl Männer und Frauen in tödliche Situationen.

Sie tat es, ohne erkennbare Emotionen. Deswegen glaubten

die meisten Leute, sie besäße keine Seele. Nechayev wusste

es besser. Jeder war unbezahlbar. Solche Genies wie die Wissenschaftler

in DH-8 sowieso. Jemanden wie sie zu verlieren,

241


war ein unwiederbringbarer Verlust, aber manche würden verloren

werden. Das war unvermeidlich. Immer. Bei jeder potentiell

gefährlichen Mission. Für sie wurden diese verlorenen

Leben ein Beweis ihres Mutes.

„Verdammt!“, fluchte der Ops-Offizier weiter vorne. „Ich habe

absolut keine Infos über irgendeine Installation in diesem

Sektor.“

Ein anderer Offizier fragte hektisch: „Sind dort Leute? Wir

müssen herausfinden, ob die Station besetzt ist und ob wir

Rettungsmaßnahmen ergreifen sollen!“

Keller wandte sich zu Nechayev. „Admiral? Admiral, sind Sie

mit dieser Station vertraut? Admiral?“

Nechayev sah noch immer niemanden an. Sie hatte die Augen

halb geschlossen. Ein Tag, an dem sie den Mut besaß, Männer

in den sicheren Tod zu befehlen, war für sie ein Tag, an dem

sie weiter die Föderation verteidigte. Heute würde sie herausfinden,

ob sie noch immer den nötigen Mut aufbrachte. Sie

drehte den Kopf geringfügig zu Keller. „Starten Sie die Rettungsschiffe.“

Keller atmete erleichtert aus.

Und dann kamen die Cardassianer.

Drei schwere Kreuzer der Galor-Klasse gingen unter Warp.

Niemand wusste genau, wo sie hergekommen waren, ihr

Kommen war in all dem Durcheinander völlig unbemerkt

geblieben. Sie positionierten sich genau zwischen der Crazy

Horse und dem Nebel, versperrten ihnen somit den Weg. Nechayev

spürte, wie sich ihre Nackenhaare sträubten.

„Wir werden gerufen, Admiral.“, verkündete Keller. „Von der

Reklar. Gul Lemecs Schiff.“

Nechayev atmete tief ein, als sie sagte: „Auf den Schirm.“ Sie

konnte sich bereits denken, was Lemec wollte.

Der Cardassianer lächelte infam, als sein Gesicht auf dem

242


Wandschirm erschien. „Ein interessanter Sektor, nicht wahr,

Admiral? Hier geschehen lauter merkwürdige Dinge. Ich

schätze wir werden gerade Zeuge dessen, was die Epicon zerstörte.

Wie es aussieht, hatten Sie Recht...“ Es bestand kein

Zweifel, dass er die Wahrheit kannte und nun mit ihr spielte.

„Nun ... es ist immerhin eine vernünftige Erklärung. Erstaunlich,

dass ihre Sensoren dieses Spektakel nicht aufzeichneten

und sie uns informierten. Glücklicherweise waren wir ganz in

der Nähe, um es nun mit eigenen Augen zu sehen.“

„Lemec, wir haben keine Zeit dafür. Wir wollten-“

„Gerade ein paar Schiffe aus ihrem Hangar entlassen, ja. Das

sehe ich. Wofür, frage ich mich. Beabsichtigen sie etwa, dieses

... Phänomen genauer zu untersuchen?“

„So etwas in der Art.“, erwiderte Neachayev gepresst.

„Sie werden nichts dergleichen unternehmen, Admiral. Ich

kann doch nicht zulassen, dass sich unsere geschätzten Alliierten

in unserem Raum in Gefahr begeben.“

Nechayev blinzelte. „Was?“

Nun lehnte sich Lemec zum Sichtschirm vor und sein Gesichtsausdruck

wurde finster. „Nun, offenbar ist der Nebel gefährlich,

Admiral Nechayev. Immerhin hat er uns schon die

Epicon gekostet. Nicht wahr? Diese ... Katastrophe soll sich

nicht wiederholen. Wir verbieten ihnen sowohl den Start

sämtlicher Schiffe, als auch die Abreise aus diesem System,

bevor das Phänomen dort im Nebel nicht nachlässt.“ Er lächelte.

„Sie baten doch um eine Einreise in unseren Raum für

... wissenschaftliche Forschungen. Nun, ich könnte mir für sie

nichts ... lehrreicheres vorstellen, als dem Spektakel dort drüben

beizuwohnen. Die ganze Zeit. Und alles mit ihren Sensoren

aufzuzeichnen...“

Er grinste. Nechayev starrte ihn an. Sie spürte, wie sich in ihrer

Magengrube etwas zusammenzog. „Ich bitte Sie, Lemec.

Tun Sie mir das nicht an!“

„Was denn?“

243


„Sie und ich - Wir wissen beide, was dort im Nebel liegt.

Selbst Sie können nicht so herzlos sein und-“

„Ich kann! Und ich werde.“ Er schürzte die Lippen. „Natürlich

habe ich begriffen, was vor sicht geht. Denken sie vielleicht,

uns wäre die Installation dort drinnen entgangen? Mitnichten,

Admiral.“ Er machte eine Vage Handbewegung. „Aber

wir wissen ja nicht, worum es sich dabei handelt... Es ist

definitiv keines von unseren. Und wenn Sie sich in den Nebel

begeben, um Hilfemaßnahmen zu leisen, dann wissen wir,

dass es eine ihrer Stationen ist und dass es sich nicht, wie sie

behaupteten, um ein natürliches Phänomen handelt. Und dann

wäre ein Krieg die Folge...“ Sein Tonfall wurde schneidender.

Tückischer. „Also sagen sie mir, Admiral, ist das da drin eine

von ihren Stationen?“

Nechayev schloss einen Moment die Augen. Schach, dachte

sie. Es war alles wie im Schach. Es gab da diese eine Eröffnungsfalle,

das sogenannte Seekadettenmatt. Bei dieser Wendung

opfert Weiß seine Dame, um ein Tempo für eine Mattkombination

gegen den in der Mitte verbliebenen König zu

gewinnen. Es war alles dasselbe. Sie wusste, dass sie zwar die

Dame, aber nicht die Partie verloren hatte. Gegen drei Schiffe

der Galor-Klasse konnten sie nicht ankommen. Sie konnte nur

noch eines tun.

„Es ist keines von unseren.“, sagte sie, als sie die Augen wieder

öffnete. Hinter ihr schnappten die Offiziere nach Luft.

„Sehr schön.“, nickte Lemec. „Wir werden die Position noch

eine Weile halten, bis das Phänomen nachlässt. Nur um Sicher

zu gehen, dass ihrem Schiff ... nichts geschieht, Admiral.

Anschließend beenden Sie ihre Arbeit hier und verlassen unseren

Raum.“

Nechayev nickte. „Dafür ... werden Sie bezahlen.“

Lemec zuckte mit den Schultern. „Sie hatten Recht, Admiral.

Wir haben eine Menge zu verlieren, sollte je ein Konflikt drohen.

Darum ist es uns natürlich sehr gelegen einen zu vermei-

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den und deswegen werde ich dem dort im Nebel nicht weiter

nachgehen. Aber ... ich möchte, dass Sie etwas begreifen. Ich

möchte, dass Sie begreifen, dass auch die Welten der Föderation

– Sie - sehr wohl Dinge zu verlieren haben, die ihnen

wichtig sind und das wir sie ihnen jederzeit wegnehmen können.“

Nechayevs Blick verdüsterte sich. „Und Sie werden herausfinden,

Lemec, dass ich ein gefährlicher Gegner bin.“

Lemec lächelte. „Gefährlicher, als jetzt? Ich freue mich bereits

auf dieses ... Amüsement. Lemec ... Ende.“

Mehrere Tausend Kilometer weiter östlich, im Nebel, starben

die Wissenschaftler in DH-8 qualvoll an Verseuchung durch

Theta-Strahlung. Selbst die zahlreichen Impfungen halfen auf

diese unmittelbare Entfernung zum Molekül nicht, ganz im

Gegenteil. Ironischerweise sorgte das Antrahzin sogar dafür,

dass die Leute länger lebten und somit mehr Qualen erlitten,

als unter normalen Umständen.

Und Nechayev wurde durch die Cardassianer zum Nichteingreifen

gezwungen. Sie musste die Station opfern und tatenlos

zusehen, während die Männer und Frauen dort elend verreckten.

Keller fragte, als es vorbei war und sich die Energiewerte

aus dem Nebel beruhigten: „Sollen wir die Sternenflotte benachrichtigen?“

Nechayev schüttelte den Kopf. „Nein. Löschen Sie alle Daten

über diesen Kontakt.“

Knapp siebenundvierzig Stunden nach dem verheerenden Unfall

auf der Station DH-8 und dem Abzug der Cardassianer

aus dem System, trafen Nechayev und Smith im Habitat ein.

Noch Wochen später, in der Abschlusssitzung, erinnerten sich

die beiden lebhaft an die Szene, die sich ihnen damals gebo-

245


ten hatte. Die Beleuchtung glühte schwach, die Luft war erhitzt.

Doch was ihnen zuallererst auffiel, war die Stille. Bis

auf den schwachen Luftzug der Umweltanlagen, der mit leisem

Wimmern durch die leeren Verbindungsgänge strich, war

es totenstill. Überall lagen Leichen. In einer Haltung, die von

einem entsetzlichen Todeskampf sprach, lagen sie kreuz und

quer auf dem Boden. Aber es war keinerlei Geräusch zu vernehmen

– kein beruhigendes Maschinenbrummen, kein Geplänkel,

kein Atmen. Nur Stille. Die beiden Frauen sahen einander

an. Sie wurden sich schmerzlich bewusst, was sie getan,

was sie an diesem Tage verloren hatten

Damian Ketteract lag im Hauptlabor. Als sie ihn fanden, war

nirgendwo eine Blutspur zu entdecken. Der Mann wirkte fast

lächerlich, wie er mit seinem sauberen, trockenen Kittel steif

dasaß, mit aufgedunsener Haut an die Hauptkonsole gelehnt.

Neben ihm stand ein Tonbandgerät, auf dem noch seine linke

Hand ruhte. Nechayev warf Smith einen fragenden Blick zu,

dann schaltete sie das Gerät ein. Eine zitternde, ärgerliche

Stimme sprach zu ihnen. „Ihr habt euch schön viel Zeit gelassen,

wie? Trotzdem bin ich froh, dass ihr doch noch gekommen

seid. Das heißt, ihr lebt und wir haben es geschafft, die

Explosion einzudämmen und das System zu retten. Gut so.

Ich habe das kommen sehen und Maßnahmen getroffen. Ich

hatte einen Notfallplan in der Hand; ich vermutete, dass man

die Verbindungen Omegas mit dem Ausstrahlen einer umgekehrten

Frequenz auflösen konnte. Hat wohl funktioniert. Tja,

bin eben doch noch kein eingerosteter, alter Mann, was? Ich

habe dich gewarnt, Alynna. Ich habe dir gesagt, es käme zu

einer Krise. Eine Krise, von Menschen ausgelöst, die mit ihren

eigenen Zielen, Neigungen und Veranlagungen in diese

Krise eintreten. Ich wusste es. Ich wusste es ganz genau. Eine

Krise ist die Summe von Intuition und Verblendung, eine Mi-

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schung aus erkannten und übersehenen Fakten. Und doch

liegt der Einmaligkeit einer jeden Krise eine beunruhigende

Gleichartigkeit zugrunde. Ein Merkmal aller Krisen ist –

rückblickend – ihre Vorhersehbarkeit. Ihnen scheint etwas

Unausweichliches anzuhaften, als seien sie vorbestimmt. Das

gilt nicht für alle Krisen, aber doch immerhin für so viele,

dass auch der hartgesottenste Historiker zynisch und menschenfeindlich

werden könnte. Jetzt werden wir sterben die

Theta-Strahlung wird immer stärker. Ich kann kaum noch atmen.

Meine Leute ... Ich sehe sie sterben, und wir haben doch

keinen Schutz. Keinen. Oh, mein...“

Das Band lief weiter, blieb aber stumm. Nechayev schaltete

das Gerät ab.

„Es tut mir leid, Admiral.“, sagte Smith nach einer Weile. „Es

war mein Fehler. Es war...“

Nechayev sah Smith nur an. Dann wandte sie sich ab und

ging.

Die Crazy Horse kehrte kurz darauf in Föderationsraum zurück.

Nechayev schrieb für alle Angehörigen der Opfer dieselbe

Nachricht: Ihr Mann/Ihre Frau/Ihr Sohn/Ihre Tochter/Ihr

Vater/Ihre Mutter, starb in Erfüllung seiner/ihrer Pflicht und

für die Zukunft der Föderation. Sonst nichts. Die Trümmer

von DH-8 wurden vernichtet, die Leichen verdampft. Berichte

diesen Vorfall betreffend, verschwanden und hatte es nie gegeben.

Nicht einmal die höchsten Tiere in der Sternenflotte

erfuhren etwas von diesem Vorfall. Einzig die Besatzung der

Crazy Horse wusste von der Implosion – das war nicht zu

verhindern -, aber nicht, um was es sich gehandelt hatte. Der

Computerkern des Schiffes wurde anschließend gelöscht, alle

Aufzeichnungen zerstört.

Die Öffentlichkeit erfuhr nichts. Lediglich Nechayev kannte

die komplette Wahrheit – wie immer. Und darin lag ihre

247


Kraft...

Es gelang ihr Rhonda Smith genügend Schuldgefühle einzureden,

um sie von nun an komplett der Hand zu haben. Es sei

ihr Fehler gewesen. Alles ihre Schuld. Obwohl Nechayev genau

wusste, dass es nicht so war. Smith trug keine Schuld. Sie

hatte die Fakten nicht gekannt, das Risiko. Aber das war nicht

wichtig. Und Smith konnte sich ihr nicht entziehen. Nechayev

hatte Einfluss und konnte Karrieren zerstören. Smith änderte

sich darauf grundlegend. Von nun an überhörte sie die warnende

Stimme in ihrem Kopf nicht mehr. Nechayev tat das

nicht. Sie verbiss sich sogar noch mehr in die Sache und gab

den Gedanken, Omega für die Föderation nutzbar zu machen,

niemals auf. Der Dominionkrieg folgte und die Cardassianer

fielen dem Alpha-Quadranten in den Rücken. Und Nechayev

vergaß Lemecs Worte niemals. Die Cardassianer hatten seine

Drohung wahr gemacht.

Das bestärkte Nechayev in ihrem Streben nach Mächten wie

Omega nur noch mehr. Damit so etwas niemals wieder geschah.

Damit die Föderation nie wieder vor irgendwem zurückschrecken

musste! Es war eine frustrierende Tatsache,

dass sie so nah gewesen war und doch nichts bekommen hatte.

Aber sie war sich sicher, dass sich ihr eines Tages eine

zweite Chance eröffnen würde. Sie wollte sie nutzen. Und dadurch

alles verändern. Alles!

248


Kinja-Festung

„Haben Sie die beiden gefunden?“, fragte Theia barsch, als einer

ihrer Soldaten den kleinen Kontrollraum betrat.

„Nein, Theia.“

„Findet sie!“

„Ich glaube nicht, dass wir-“

„Dann sehen Sie in der Festung nach.“, sagte Theia. „In den

Kerkern, den Einzelräumen. Sehen Sie überall nach, aber finden

Sie die beiden.“

Der Soldat nickte unbehaglich. Er hatte diejenigen gesehen,

die sich dieser fliehenden Shannyn in den Weg gestellt hatten.

„Soll ich Beliar informieren, dass sie entkommen sind?“

Theias Mine verfinsterte sich. „Nein.“, antwortete sie. „Das

werde ich machen.“

Shannyn und Dorak pressten sich im Schatten an die Wand.

Schwere Stiefel hallten den dunklen Korridor rechts entlang,

als eine schwerbewaffnete Schwadron Soldaten an ihnen vorbeizog.

Die Schritte wurden allmählich leiser. Schließlich waren

sie verstummt. Man hatte sie nicht entdeckt. Dorak lies die

angehaltene Luft zischend entweichen. „Das war knapp.“, sagte

er leise.

Shannyn lugte um die Ecke. Keine weiteren Wachen. „Früher

oder später werden sie uns finden. Der einzige Vorteil den wir

noch haben, liegt darin, dass wir den Zeitpunkt selbst bestimmen

können.“

249


„Ja, der Überraschungsmoment.“, bemerkte Dorak sarkastisch.

„Den haben wir jetzt wahrlich auf unserer Seite.“

Shannyn ignorierte den Kommentar. Sie spähte wieder in den

Korridor hinaus. Viele Türen. Viele Gänge. Aber es waren

keine weiteren Soldaten erkennbar. Anscheinend waren sie

hier vorerst sicher. Vorerst.

„Haben Sie eine Ahnung, wo wir sind, Dorak?“

„In Schwierigkeiten.“

„Welcher Ort.“

„Woher soll ich das wissen?“

„Seltsame Antwort für einen Reiseführer.“, entgegnete Shannyn.

„Wir müssen uns Waffen besorgen und herausfinden, wo

wir sind.“

„Und dann?“, fragte Dorak neugierig.

„Dann suchen wir Allan und die anderen, boxen sie irgendwie

raus und verschwinden endlich von hier.“

„Ein ausgefeilter Plan.“, sagte Dorak anerkennend. „Dem taktischen

Genie eines James T. Kirk würdig.“

„Das war meines Vaters Standartplan. Haben Sie einen besseren

Vorschlag?“

„Wir könnten uns ergeben. Nein?“ Shannyns Gesicht sprach

Bände. Dorak lächelte. „Dachte ich mir.“

„Was Sie sich immer denken ... Los, kommen Sie, suchen wir

einen Weg hier raus.“

Vorsichtig traten sie aus den Schatten und eilten durch den

nächsten leeren Korridor. Dorak sagte: „Gestatten Sie mir eine

Frage?“

„Schießen Sie los.“

„Sie wissen perfekt mit dem Schwert umzugehen, aber das

war zu erwarten. Nur...“, sagte er. „mir ist fast absolut nicht

ersichtlich, wieso Sie derart unerschrocken im Kampf sind.“

Shannyn zuckte mit den Schultern. „Ich war verlobt.“

250


Dorak blinzelte überrascht. Nun sprach sein Gesicht Bände.

Shannyn seufzte. „Ein Scherz. Wäre es ihnen lieber ich lasse

mich von Angst ablenken?“

„Mitnichten. Aber ihre Selbstsicherheit geht über puren Mut

hinaus und das ist nicht normal. Jedenfalls ... sehe ich meine

Theorie nun bestätigt.“

„Ach Dorak ... Für einen Reiseführer verteidigen Sie sich auch

nicht schlecht.“

Nun zuckte Dorak mit den Schultern. „Ich bin geschieden.“ Er

lächelte.

Shannyn lächelte zurück. Die Anspannung in ihrem Gesicht

hatte etwas nachgelassen. Dorak bewunderte diese Frau. Das

war ihm selbst rätselhaft, da er sie unter normalen Umständen

hätte fürchten müssen, denn Dorak traute niemandem, der ebenso

geheimnisvoll wie er selbst war. Aber aus irgendeinem

Grund glaubte er ihr vertrauen zu können. So recht konnte er

es nicht beschreiben, aber obwohl von Shannyn eindeutig eine

unberechenbare Gefahr ausging, die kaum jemand unter Kontrolle

haben konnte, wenn sie entfesselt wurde, mochte er sie.

Und das machte ihn noch vorsichtiger, als er ohnehin schon

war.

Als sie sicher waren, alleine zu sein, huschten sie gemeinsam

weiter durch das Netzwerk aus Korridoren, in der Hoffnung,

eine Wegbeschreibung zu finden. Oder D’Agosta. Rein zufällig.

Irgendwas.

„Bitte missverstehen Sie mich nicht, Shannyn.“, sagte Dorak

unterwegs. „In diesem Augenblick bin ich tatsächlich sehr erfreut,

dass Sie sich nicht einschüchtern lassen.“

„Aber?“

„Aber ich bemühe mich trotz allem herauszufinden, auf welcher

Seite Sie stehen.“

„Ich habe an einer Selbstmordmission teilgenommen, um einem

Vater seine Tochter zurückzubringen. Ist es nicht offensichtlich,

auf welcher Seite ich stehe?“

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„Das meinte ich nicht.“, sagte Dorak und tippte Shannyns

Schwert an. Eine rote Flüssigkeit besudelte die Klinge.

„An ihrem Schwert klebt Blut, Shannyn. Und auch an ihren

Händen. Ich habe gesehen, wie sie dem Tarkon die Kehle aufschlitzten.“

Shannyn blieb stehen. Etwas in ihrer Mine flackerte, verwandelte

sie zur Fassade, die verbarg, was in ihr vor ging. Das Lächeln

erblasste. „Ich verteidige mich nur.“

„Auf fragwürdige Art und Weise. Sie töten genauso wie die

Männer, die Sie bekämpfen. Knallhart. Ohne zu Zögern. Ich

bin sicher, Allan D’Agosta wäre am Boden zerstört, wenn er

jemandem das Leben nehmen müsste – sei es aus Notwehr,

oder Absicht. Er würde bedauern, bereuen und vermutlich

daran zerbrechen. Auf welcher Seite er steht, ist ziemlich offensichtlich.“

Sein Tonfall wurde schneidend. „Ich sehe kein

Bedauern in ihren Augen. Kein Mitgefühl für ihre Gegner.

Keine Gnade. Nur aus diesem einen Grunde frage ich mich ...

welche Seite?“

Shannyns Blick verhärtete sich. Sie starrte ihm tief in die Augen.

„Vor fünftausend Jahren erschufen die Vorfahren der Excalbianer

einen Götzen, der die Kräfte von Gut und Böse im

Gleichgewicht halten sollte. Halten konnte. Sie glaubten fest

daran. Und sie waren außerdem davon überzeugt, dass dieser

heilige Götze niemals von jemandem berührt werden konnte.“

Sie sprach sehr leise, als sie sich zu ihm vorbeugte und sagte:

„Ich habe ihn berührt. Und ich frage mich ... wo der Ausdruck

ihrer Reue ist, Dorak.“

Dorak sagte nichts dazu.

„Gut und Böse.“, äußerte Shannyn. „Sind das wirklich gegensätzliche

Kräfte? Oder nur zwei Seiten derselben Gleichung?

Im Ende ist es eine Frage der Balance. Vielleicht haben Sie

recht. Vielleicht empfinde ich tatsächlich keinerlei Mitgefühl

für meine ... Gegner. Ich schätze, das einfachste wäre also,

252


sich nicht gegen mich, oder die Personen für die ich mich verantwortlich

sehe zu stellen. Ganz einfach.“

Ein paar Sekunden starrten sie sich einfach nur bedeutungsschwanger

an, lieferten sich ein Duell der Blicke. Dann lächelte

Dorak wieder gefällig und verbeugte sich leicht. „Ich ... verstehe.“

Aus einem Nachbargang drangen die Geräusche marschierender

Soldaten. „Vielleicht gehen wir nun besser weiter.“, meinte

Dorak.

„Wie Sie wollen.“

Sie setzten sich wieder in Bewegung. Hinter ihnen näherten

sich die Soldaten.

Toth Gor beobachtete durch ein verdrecktes Fenster, wie der

Cardassianer und die Menschenfrau durch die Kellerhalle flohen,

dicht von Truppen der Tarkon verfolgt. Und nun wurde

ihm klar, warum Beliar sie gebeten hatte, nicht den Konferenzbereich

zu betreten.

Beliar sah sich also nach weiteren Allianzen um. Es musste

verhindert werden. Die Föderation durfte niemals eine Allianz

mit den Tarkon eingehen. Niemals! Gor trat vom Fenster weg.

Aus seinem Helm kamen düstere Geräusche, als er seinen

Männern befahl ihm zu folgen.

Dorak und Shannyn rannten weiter durch die Korridore. Und

auf einmal hielt Dorak nach nur wenigen Metern wieder inne.

Irgendwo hinter ihm erklang das entsetzliche Geräusch schwerer

Stiefel, die soeben in den Korridor getreten waren. Er wurde

aschfahl.

Beide rührten sich nicht. Shannyn umklammerte feste ihr

Schwert, atmete tief ein und drehte sich langsam um. Ihr Blick

war dorthin gerichtet, wo sie einen bullengroßen, bis an die

253


Zähne bewaffneten Soldaten erwartete, kaum erkennbar unter

der schweren Rüstung die er trug. Stattdessen blickte sie ins

Leere.

Erst beim zweiten Hinsehen, entdeckte sie den eher schmächtigen

Soldaten, kleiner als sie selbst, der breitbeinig im Korridor

aufgetaucht war und mit einem Gewehr auf ihren Kopf

zielte. Unter dem Helm erkannte man sein Gesicht nicht. Die

Uniform schien ihm zwei, vielleicht sogar drei Nummern zu

groß zu sein. Nichts desto Trotz hatte er eine Waffe. Und somit

Vorteil.

Dorak wich kaum merklich hinter Shannyn zurück. Sie wagte

kaum zu atmen. Jeden Moment mochte der Soldat den Finger

um den Abzug zurückziehen. Shannyn kniff die Augen zusammen

und umklammerte ihr Schwert. Sie war bereit den

Kampf aufzunehmen.

Es war nicht erfolglos. Sie würde nicht sterben. Noch nicht.

Nur musste sie sich deutliche Sorgen um Dorak machen. Und

in dem Moment, als Shannyn glaubte der Soldat würde das

Feuer eröffnen, fuhr seine Hand zum Helm und riss ihn herab.

Als darunter ein grünes Gesicht zum Vorschein kam, stöhnten

sie erleichtert auf.

„Was machen Sie beide denn hier?“, fragte Ramina, senkte die

Waffe und trat an die beiden heran.

„Dasselbe wollte ich auch grade fragen.“, antwortete Shannyn.

Sie hielt noch immer ihr Schwert in der Hand, traute der zufälligen

Begegnung nicht recht. „Wo waren Sie solange, Ramina?“,

fragte sie. „Wir dachten schon, Sie hätten die Seiten gewechselt.“

Ramina neigte den Kopf. „Trauen Sie mir nicht?“

„Nein, kein Stück.“, sagte Shannyn ehrlich.

Ramina lächelte. „Sehr klug. Ich wollte sicher gehen, dass die

Wache ihre Uniform nicht mehr an ihrem Körper trägt, wenn

ich Sie erledige. Die Uniform und...“ Sie kramte in der Tasche

254


herum und hielt einen Schlüssel hoch. Den Schlüssel für Athols

Handschellen. „...die hier.“

Shannyn amtete erleichtert aus. „Hat aber gedauert.“

Die Orionerin zuckte mit den Schultern. „Für manche Dinge

sollte man sich immer Zeit lassen.“

Erst jetzt fiel Shannyn auf, dass an Ramina Blut klebte und es

war nicht ihr eigenes, denn es war rot. Ihr halbes Gesicht war

besudelt.

Ramina fragte: „Was tun wir jetzt? Die halbe Festung ist auf

der Suche nach ihnen.“

„Wir holen die anderen.“, sagte Shannyn entschlossen. „Dann

verschwinden wir. Haben Sie eine Ahnung, wo wir sind?“

„Grob. Die Wache war redselig im Bett. Sie wären erstaunt,

was Männer bereit sind, einem zu erzählen, wenn man sie hinreichen

motiviert...“

Shannyn sparte sich jeden Kommentar.

„Der Gefängnistrakt ist zwei Ebenen über uns. Den Korridor

dort entlang, Treppen rauf.“

„Wachen?“

„Ich habe die Uniform und somit den Überraschungsmoment

auf meiner Seite. Kein Problem eigentlich.“

„Und Allan?“

„Soweit ich weiß hat man D’Agosta in einen Turm südlich

von hier gebracht.“, antwortete Ramina. „Wird schwer.“

Shannyn blinzelte. „Wie konnten Sie das alles in Erfahrungen

bringen?“

„Ich habe ... meine Methoden.“

„Sie kennen den Weg?“

„Denke schon.“

„Gut. Holen wir ihn.“ Shannyn wollte sich in Bewegung setzen,

aber Dorak hielt sie am Arm fest. Er wandte sich an Ramina.

„Zum Gefängnis geht es diesen Korridor dort drüben

entlang, sagten Sie?“

„Ja, wieso?“

255


Dorak inspizierte die Rüstung. Und lächelte bübisch. „Dürfte

ich Sie fragten, ob Sie sich für mich wohl entkleiden würden?“

„Noch Wein?“, fragte Beliar und goss eine rote Flüssigkeit in

sein Glas. Es war schmutzig und alt.

„Nein, vielen Dank.“, antwortete D’Agosta und lehnte sich im

Stuhl zurück. Zwar war er zweifellos nach wie vor ein Gefangener

– daran erinnerten ihn allein die Wachen an der Tür -,

aber Beliar gab sich offenbar Mühe, ihn wie einen Gast zu behandeln.

Sie saßen sich an einem langen Tisch gegenüber, in einem

baufälligen Konferenzsaal. Beliar und seine Männer hatten

D’Agosta vor wenigen Minuten hergebracht. Seit dem taten

sie, was sie D’Agostas Ansicht nach von Anfang an hätten tun

sollen; sie unterhielten sich. Und zum ersten Mal seit dem Absturz,

hatte er das Gefühl etwas zu tun, was er konnte und was

nützlich war. Aber er wusste, dass er vorsichtig und wachsam

sein musste. Dass er sich den Rücken freihalten sollte. Er warf

einen flüchtigen, misstrauischen Blick zu den Wachen und sah

sich erneut um.

Der Konferenzsaal war ganz oben in einem durch Holzbauten

erweiterten Turm errichtet und unvollendet. Baumaterial stand

in der Ecke herum, an manchen Stellen fehlten Teile der Decke

und der Boden machte einen sehr instabilen, brüchigen

Eindruck und knarrte bei jedem Schritt.

Beliar entging nicht, wie sich D’Agosta umsah. Er schwenkte

theatralisch sein Weinglas und sagte. „Dieser Konferenzraum

ist ein Sinnbild für den brüchigen Waffenstillstand zwischen

den Kinjal und den Bloodcats. Ein halbherzig begonnenes,

dann nie ordnungsgemäß vollendetes und anschließend in

Vergessenheit geratenes Bauprojekt, dass vor sich hinmodert

und über die Jahre so stark verrotten wird, bis es irgendwann

in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus.“

256


„Ich schätze dann müssen Sie einfach daran arbeiten.“, sagte

D’Agosta.

„Vielleicht.“, nickte Beliar nachdenklich. „Vielleicht sind wir

aber auch noch nicht so weit. Sie mögen auf uns herabsehen,

D’Agosta, weil die Tarkon technologisch und offenbar auch

sozial nicht so weit gereift sind wie sie und ein paar Jahrhunderte

hinterherhinken, aber-“

„Nein, das tue ich nicht.“, sagte D’Agosta schnell. „Ganz bestimmt

nicht. Wieso sollte ich auch?“

„Weil sie ... besser sind. Überlegen.“

„Sie sind genauso intelligent und einfallsreich und nachdenklich

und mutig und neugierig wie wir, und sie bemühten sich

genauso, ihre Welt zu begreifen wie wir. Wie die Amphion

und wie jeder andere auch.“ Er sah sich demonstrativ um.

„Und nun ... nun sitzen wir hier. Und reden. Sie und ich. Vielleicht

ist dieser Konferenzraum – dieses Sinnbild, wie Sie es

nennen mögen -, doch keine Verschwendung von Zeit und

Baumaterial gewesen, nicht wahr?“

Beliar betrachtete ihn lange Zeit. Er hob einen Mundwinkel.

D’Agosta lächelte ebenfalls. Das hier war seine große Chance!

Sie waren wegen einer Rettungsmission hergekommen, doch

daraus hatte sich nun mehr entwickelt. D’Agosta sah ernsthaft

die Möglichkeit, eine Beziehung zu den Tarkon aufzubauen.

Sie konnten Frieden schließen. Vielleicht. Wenn er es geschickt

anstellte und die nötige Balance zwischen Lüge und

Wahrheit fand.

„Von wo kommen Sie, D’Agosta?“, fragte Beliar nach einer

Weile. „Welche Welt nennen sie ihr Zuhause?“

D’Agosta seufzte. Zuhause. Seit dem Tod seiner Frau hatte er

nirgends das Gefühl gehabt wirklich zuhaue zu sein. Und nun

wollte er nicht unbedingt Geschichten über seine Heimat und

sein Herz mit Beliar dem Schrecklichen teilen. Aber er schätzte,

dass dies wohl zum Geschäft eines Diplomaten gehört –

sich ein Stück weit zu öffnen. Und heute war er ein Diplomat,

257


ob er wollte oder nicht und er verhandelte über nichts weniger,

als das Überleben seiner Leute. „Erde – ein kleiner Ort Namens

New Jersey, um genau zu sein.“

„Hm.“, machte Beliar und musterte ihn.

Um die Konversation aufrecht zu erhalten, fragte D’Agosta:

„Was ist mit ihnen? Was ist ihr Zuhause?“

„Mein ... Zuhause.“, wiederholte Beliar nachdenklich. Er setzte

das Glas an seine Lippen und trank in einem Ruck zügig

leer. Er stand auf und begann durch den Raum zu wandern.

„Auf meiner Heimatwelt herrschte einst ein idyllischer Frieden.

Es war ein regelrechtes Paradies, in dem die Tarkon...“ er

lächelte. „... sich bemühten, die Welt zu begreifen. So sagen es

die Erzählungen.“ Beliar seufzte, als er zum Fenster trat und in

die Ferne starrte. Seine Stimme veränderte sich kaum merklich,

wurde härter, bitterer. „In Wahrheit liegen diese Zeiten so

weit zurück, dass niemand mehr weiß, ob es sie je gegeben

hat, oder die Vorstellung eines geeinten Tarkonreichs nur das

verzweifelte Phantasiegespinst von Träumern ist. So weit die

Geschichtsschreibung zurückreicht, waren die Tarkon in drei

Klassen unterteilt. Das Königshaus – die Herrscher und sogenannten

Bloodcats, die Bürger, genannt Pomjke, nach der fleißigen

Biene und die Soldaten und Verteidiger, die man auch

Kinjal nannte. Die königliche Wache. Sie waren ebenso groß,

plump und gefährlich wie die Skorpione, nach denen man sie

benannt hatte. Und sie wurden ebenso dressiert und nach und

nach für die Zwecke der schlauen, gerissenen Bloodcats als

Kanonenfutter verheizt. Sie müssen wissen, mein Volk war

seit jeher eine Rasse, die aggressiv Expandierte und ihr Territorium

Stück für Stück vergrößern wollte. Die Pomjke entwickelten

den Warpantrieb und wir bekamen die Möglichkeit in

das Weltall zu unseren Nachbarn zu reisen. Nicht weit, aber

unsere Region des Weltraums ist dicht besiedelt, müssen Sie

wissen. Dort sind viele Welten, die man erobern kann. Und für

diesen Zweck wurden die Kinjal, immer wichtiger – um diese

258


ehrenhaften Soldaten im Krieg gegen die Nachbarwelten zu

verheizen. Das ging viele Jahrtausende so, bis die Kinjal nur

noch ein Schatten ihrer Selbst waren. Roh. Schmutzig. Keine

Ehre. Und die Kriege, die unsere Herrscher für notwendig

hielten, forderte einen weiteren Tribut: die Kinjal-Krieger fielen

wie die Fliegen. Um das Armeearsenal aufzustocken, zog

man immer mehr und mehr Personen ein. Irgendwann kamen

die Kriminellen und Sträflinge dazu und als auch die knapp

wurden, verschärfte man die Gesetze. Schon beim kleinsten

Delikt, landete man bei den verrohten Kriegern.“

Er machte eine Pause, sog die Abendluft tief ein. Irgendwo

unter ihm im Hof herrschte Hektik. Beliar kümmerte sich

nicht weiter drum.

Hinter ihm fragte D’Agosta mit gerunzelter Stirn: „Das ist ja

alles hochinteressant, aber warum erzählen Sie mir das?“

Beliar drehte sich zu ihm um. „Sie fragten mich, wo mein Zuhause

war.“

D’Agosta nickte.

„Auf der Straße.“, erklärte Beliar. „Ich war noch ein Kind, ein

kleiner Bengel, der kaum aufrecht laufen konnte, als sie kamen

und meine Eltern holten. Ihr Vergehen kenne ich bis heute

nicht. Man lies mir nie ernsthaft die Zeit, es herauszufinden.

Es gab keine Verhandlung, keine Anhörung. Sie wurden eingezogen

und starben vermutlich in einem Gefecht mit dem

Feind. Ich landete auf der Straße und schlug mich so durch.

Ich stahl essen, um zu überleben. Bis man eines Tages auch

mich erwischte und ebenfalls einzog. So kam ich zu den Kinjal.“

Für einen Moment empfand D’Agosta nichts als Mitleid mit

ihm. Gleich, was er getan hatte, in diesem Moment sah Allan

nichts anderes als einen kleinen Jungen, dem man seiner Freiheit

und Zukunft beraubt hat. „Und nun sind Sie Krieger?“,

fragte er.

259


„Man erzog mich zu einem. Sie haben ja keine Ahnung, was

die Trainingscamps aus einer Person machen konnten,

D’Agosta. Sie raubten den Tarkon die Seele, machten sie zu

brutalen, seelenlosen Monstern.“ Beliar sah in die Nacht hinaus.

„Aber wenn man ein Messer bis an seine Grenzen

schleift, läuft man Gefahr, sich in die eigene Hand zu schneiden.

Das Messer hat keine Wahl, als so scharf zu sein, wie

man es geschliffen hat.“

„Was wollen Sie damit sagen?“, fragte D’Agosta.

Beliar wandte sich wieder D’Agosta zu und lächelte boshaft.

„Nun, ich gehörte zu den Träumern, die verzweifelt an das

Phantasiegespinst eines idyllischen Tarkonimperiums glaubten.

Die Bloodcats waren der Ansicht, die Kinjal besäßen zwar

eine unglaubliche Kampfkraft und keinen Skrupel, seien aber

Kontrollierbar. Ein Fehler. Es hat mich all die Jahre gewundert...

denen war nie, nicht ein einziges Mal, der Gedanke gekommen,

die Kinjal könnten sich gegen ihre Herren wenden.

Sie dachten, weil wir so ein unorganisierter, verteilter Haufen

waren, der sich gegenseitig nicht traute, würde nie etwas geschehen.

Wir besaßen abgesehen von den Bloodcats keine

Führer, verrieten und ermordeten untereinander, sofern es einen

persönlichen Vorteil brachte. Nun, um die Sache abzukürzen:

Ich machte aus dieser Schwäche eine Tugend. Kalt und

skrupellos, aber mit Leidenschaft tat ich alles, was nötig war,

um in den Rängen zu steigen und wurde schon bald zum Führer

der Kinjal-truppen, die ich unter meiner Leitung einte, ihnen

eine Vision und Hoffnung gab und den Aufstand gegen

die Bloodcats probte.“

„Sie haben sich gegen ihre ehemaligen Herren gewandt?“

Beliar nickte. „Bis sie begriffen, dass sie keine Kontrolle mehr

über uns besaßen, war es fast zu spät. Mit terroristischen Methoden

setzten wir ihnen arg zu, eroberten sieben der zwölf

Kolonien und setzten die Heimatwelt in Brand. Als die Bloodcats

sich von diesem Schock erholten, assimilierten sie die

260


Pomjke und setzten zum Gegenschlag an. Seither kämpfen unsere

beiden verbliebenen Clans gegen die wenigen Planeten

unsere Imperiums. Momentan befinden sich beide Häuser in

einem Zustand brüchigen Friedens, nachdem die Heimatwelt

beinahe in einem verheerenden Bombenregen verwüstet wurde.“

„War das nötig?“

„Ja.

„Haben Sie es je mit Reden versucht?“

Beliar lachte ironisch. „Reden? Das kann nicht ihr Ernst sein.

D’Agosta. Versuchen Sie das Biest mit Worten zur Strecke zu

bringen, während es sein Maul um Sie schließt. Nein. Nein,

nein. Wir hatten keine andere Wahl, als für unsere Freiheit zu

kämpfen. Manchmal müssen Kriege geführt werden, um noch

mehr Blutvergießen zu verhindern.“

„Gewalt gebiert immer neue Gewalt.“

„Richtig.“, nickte Beliar. „Dennoch hängt manchmal an ihr

das Überleben. Das ist der Widerspruch. Und es hat funktioniert.

Wir haben uns aus der Knechtschaft befreit, auch, wenn

wir dafür Opfer bringen mussten.“

D’Agosta rutschte auf seinem Stuhl zurück. „Ja, sie mögen

sich befreit haben, aber sie haben nichts gelernt. Sie begehen

die selben Gräueltaten der Bloodcats, machen das gleiche was

die mit ihnen getan haben, mit den Amphion. Sie unterdrücken

sie.“

„Ich schätze das ist der Krieg.“, sagte Beliar in einer philosophischen

Anwandlung. „Er hat kaum begonnen, schon zeigt er

Auswirkungen. Und je länger er dauert, desto mehr ... verschwimmen

die Unterschiede.“

„Aber jetzt herrscht Frieden. Jetzt können Sie etwas verändern,

Beliar, es besser machen.“

„Wir haben Waffenstillstand mit dem Königshaus, ja, aber

dieser mutmaßliche Frieden ist mehr als brüchig.“, entgegnete

Beliar. „Er ist eine Farce. Die Bloodcats schwatzen, sie wür-

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den von weiteren Kampfhandlungen absehen und entgegen

unserer Vermutung nicht nur wertvolle Zeit schinden wollen,

um ihre ohnehin schon überlegene Streitmacht zum entgültigen

Schlag zu mobilisieren. Sagen, dass dies nicht Ehrenhaft

wäre. Pah! Lügen! Alles lügen! Die Bloodcats lieben es zu

sehr ihrer eigenen Stimme zu lauschen, als die Wahrheit zu

sagen.“

„Beliar.“, entgegnete D’Agosta wohl überlegt. „Vielleicht

müssen Sie sich auch nur einmal richtig an einen Verhandlungstisch

setzen und ein starkes Fundament des Friedens erschaffen.

Die Föderation würde ihnen dabei sicher bereitwillig

helfen und-“

„Nein, D’Agosta! Es geht nicht. Verstehen Sie doch endlich.

Ich kenne die Bloodcats besser als Sie! Die haben nicht vor,

uns irgendwelche Freiheiten zu lassen, oder unsere Abnabelung

von der Gesellschaft zu tolerieren. Das erlauben sie uns

nicht, weil es ihr Stolz nicht gebiert. Freiheit? Nein, nicht für

uns. Nicht für dem Abschaum der Tarkon.“

D’Agosta konnte das nicht verstehen. „Aber offenbar schaffen

es doch ihre beiden Clans auch auf diesem Mond friedlich nebeneinander

zu existieren. Sie sagten die Bloodcats hätten eine

überlegene Streitmacht. Warum greifen sie dann jetzt nicht

an?“

„Das hier ist eine Festung, D’Agosta, kein Pappmascheehaus.“

Beliars Stimme klang schärfer, aber D’Agosta war sich nicht

sicher, ob der vorherrschende Ton darin wirklich Überzeugung

war.

„Mir ist aufgefallen, dass Sie sich umgesehen haben.“,

fuhr er fort. „Diese Festung ist etwas besonderes.“

„Mir kommt sie nur besonders baufällig vor.“

„Das ist sie auch.“, bestätigte Beliar. „Sie ist alt, stammt noch

aus dem ersten Kolonialkrieg und ich glaube sie war schon

damals nicht mehr taufrisch. Plump, verrostet und nicht besonders

hell – aber sie hat einen gewaltigen Vorteil. Diese

262


Festung ist gepanzert wie ein Bergbock.“ Er nickte zum Fenster

hinaus, wo die Stahlmauer in der untergehenden Sonne

aufblitze.

„Einen Meter dicker Stahl. So etwas können selbst die Bloodcats

nicht durchdringen. Glauben Sie mir, hier drin sind wir

sicher, wie in Mutters Schoss. Nur dies hindert die Bloodcats

daran, unsere Festung zu überrennen. Bis sie einen Weg gefunden

haben hier einzudringen – und das werden sie nicht -,

bauen wir hier weiter die Erze ab, aus denen wir unsere Schiffe

und Bomben schmieden und halten weiterhin die Artilleriestellungen

aufeinander gerichtet.“ Er schüttelte den Kopf.

„Nein, D’Agosta. Die meinen das nicht ernst. Wir wissen alle,

dass unsere beider Seiten nun die Wunden lecken und früher

oder später wieder aufeinandertreffen werden, um die Sache

ein für allemal zu beenden, ganz egal, wie diplomatisch wir

oder die bis dahin vorgehen. Und die Bloodcats planen immer

voraus. Ihnen ist klar, dass es in Zukunft wahrscheinlich

schwieriger für sie wird, uns zurückzudrängen. Wir fördern

die Mineralien des Bodens hier sehr viel effektiver als sie. Unsere

Basis erhält regelmäßig Nachschub, unsere Werften spucken

Jäger am Fließband aus. Bisher sind sie noch in der Wiederaufbauphase,

genau wie wir, deshalb gehen sie äußerst diplomatisch

vor und verhalten sich ruhig. Aber es ist nur eine

Kriegspause. Wenn der erste von uns die Möglichkeit besitzt

zuzuschlagen, geht es weiter.“ Er eilte zurück zu seinem Platz,

beugte sich über den Tisch zu D’Agosta und ballte die Faust,

während er mit gefletschten Zähnen sagte: „Aber jetzt, mit ihrem

Eintreffen und der Macht, die sich auf diesem Mond befindet,

können wir dem Krieg nach so langer Zeit ein Ende bereiten.“

D’Agosta kniff die Augen zu. „Sie wissen absolut nicht, wo

Omega ist. Sie haben nicht einmal eine Ahnung, sonst hätten

Sie sich kaum die Mühe gemacht mich herzulocken.“

263


„Wie ich bereits sagte, die Breen wissen es nicht genau. Ihr

Schiff wurde zerstört, sie haben keine Ausrüstung und können

mit unseren Mitteln offenbar nicht das bauen, was sie benötigen,

um die Waffe aufzuspüren.“

„Daher der Angriff auf unser Basislager heute Morgen. Um an

unsere Ausrüstung zu gelangen.“

Beliar breitete die Arme aus. Sein Tonfall war entschuldigend.

„Und natürlich um sie alle zu eliminieren.“ Er zuckte mit den

Schultern. „Wir haben es hier mit einem unglaublich gut vorbereiteten

Gegner zu tun.“

„Noch sind sie Verbündete.“

„Noch, D’Agosta.“, sagte Beliar. „Noch. Das könnte sich aber

sehr schnell ändern, wenn wir stattdessen eine Allianz mit ihnen

bilden.“

„Mit uns?“

Beliar zuckte mit den Schultern. „Das wäre eine Möglichkeit.“

„Und dann? Warum sollte ich ihnen trauen, Beliar? Sie sind

gerade dabei, ihre bestehende Allianz zu den Breen zu verraten.

Wie soll ich sicher sein, dass Sie dasselbe nicht auch mit

uns tun würden?“

„Ein berechtigter Einwand.“, sagte Beliar und lehnte sich zurück.

„Sie können sich nicht sicher sein. Wir werden um diese

Waffe kämpfen. So oder so. Sie, ich, Vesta, die Breen ... Am

Ende werden alle übereinander herfallen. Dem Sieger die Beute.“

In Beliars Augen blitzte etwas auf, das D’Agosta absolut nicht

gefielt. Vielleicht sollte er sein Verhältnis zu Beliar noch einmal

überdenken. Sie hatten momentan eine Art Waffenstillstand

geschlossen, aber keine Freundschaft. „Und wenn sie

vorher aufgehalten werden?“, fragte er.

Beliar nahm einen tiefen Atemzug. Er sagte: „Tja, ich fürchte,

dann wird die Waffe wohl in die Hände der Bloodcats oder der

Breen fallen. So oder so haben sie ein Problem, D’Agosta. Mit

den Breen haben sie schon genug Probleme. Und sie sagten,

264


dass für manche der Krieg noch immer nicht vorüber sei.

Wenn diese Macht hingegen von den Bloodcats gefunden

wird, werden sie früher oder später nicht nur über uns, sondern

auch über alle anderen herfallen.”

„Vielleicht nicht. Vielleicht wollen sie nach dem ganzen Krieg

keine Expansion mehr. Keine Gefecht. Dasselbe könnte auch

für die Breen gelten.“

„Es wird immer Leute geben, die mehr Macht besitzen wollen

als andere.“

„Und ich soll darauf vertrauen, dass dies bei ihnen nicht der

Fall ist?“

Beliar lies D’Agosta keine Sekunde aus den Augen und

D’Agosta ihn nicht. Die Temperatur im Raum war gefallen.

Nun waren sie wieder knallharte Kontrahenten an einem Konferenztisch

und entschieden über die Zukunft. Beliar schürzte

die Lippen. „Warum nicht?“, sagte er. „Wir sind ein kleines

Imperium. Mich interessieren die Belange anderer nicht... Alles,

was ich will, ist mein Volk befreien.“

D’Agosta glaubte kein Wort. „Gewaltsam?“, fragte er herausfordernd

und war erstaunt, über den eigenen Mut, den er auf

einmal an den Tag legte.

„Wenn es nötig ist.“, nickte Beliar. „Passen Sie auf, Sie und

ich - wir machen gemeinsame Sache. Sie helfen mir die Waffe

zu finden, danach gehen wir getrennte Wege, ohne dass ihnen

etwas geschieht. Darauf gebe ich ihnen mein Wort.“

D’Agosta seufzte lange. Er schüttelte den Kopf. „Selbst wenn

ich ihnen helfen wollte, ich dürfte es gar nicht. Als Sternenflottenoffzier

kann ich mich nicht in die Belange anderer

Kulturen einmischen. Nicht in einem solchen Maße. Das ist

die oberste Direktive.“

Beliar nickte nachdenklich. „Wenn ihre Worte stimmen, dann

ist das edel. Aber ich halte es eher für eine leere Phrase. Sie

haben sich bereits in unsere Kultur eingemischt, als die Waffe

im Orbit zündete.“

265


„Das ist etwas anderes. Das war ein Unfall. „Die Sternenflotte

hat kein Interesse an Omega. Wir werden uns nicht in ihre Belange

einmischen und wir werden ihnen ganz sicher nicht dabei

helfen eine Waffe zu finden, Beliar. Tut mir leid.“

Beliar kniff die Augen zusammen. „Vielleicht, wenn Sie hinreichen

motiviert werden.“

„Ich dachte wir würden die Drohungen sein lassen. Wenn Sie

mir oder Judy etwas antun wollen-“

„Das war nicht meine Absicht.“, unterbrach Beliar ihn mit

mahnend erhobenem Finger. „Es wäre eine Möglichkeit, aber

das liegt nicht in meiner Absicht. Dem Mädchen wird nichts

passieren. Nein, ich wollte ihnen viel mehr etwas anbieten,

was sie interessieren dürfte. Einen Anreiz. Denn wir haben

etwas, woran sie interessiert sein dürften. Was glauben Sie,

warum die Breen auf uns angewiesen sind?“

„Ich weiß nicht.“

„Weil wir etwas haben, dass die nicht haben. Und Sie auch

nicht. Einen-“

Beliar wurde unterbrochen, als die Doppeltür zum Konferenzraum

aufschwang und Theia erschien. Ihre lederne Uniform

war schmutzig, ebenso ihr Haar, dass staubte, wenn sie den

Kopf ruckartig wandte. An ihrem Mundwinkel hing getrocknetes

Blut und sie hatte einige Kratzer im Gesicht. Sie kochte

vor Wut und gleichzeitig vor Scham und offenbar fürchtete sie

sich vor der Begegnung mit Beliar. Auf D’Agosta machte sie

einen nervösen Eindruck.

Sie trat nicht ein, bedeutete ihm nur mit einem knappen Kopfnicken,

er solle zu ihr kommen. Beliar war nicht erfreut unterbrochen

zu werden. Er wollte schon seinen Unmut darüber

äußern, als er Theias Erscheinungsbild sah. Und er wusste,

noch ehe sie etwas gesagt hatte, dass es Schwierigkeiten gab.

Er stand unverzüglich mit einem Ruck auf und eilte mit weiten

Schritten zu ihr. D’Agosta beobachtete, wie sie ihm etwas ins

Ohr flüsterte, ohne den Blick von D’Agosta zu nehmen. D'A-

266


gosta, der aufgrund der Entfernung nichts verstehen konnte,

hatte den Eindruck, dass Beliar keine guten Nachrichten und

ihn beschlich das ungute Gefühl, dass diese Nachrichten mit

ihm zu tun hatten.

Theia flüsterte weiter. Beliar hörte ihr zu, wurde wütend und

schrie: „Was?! Entwischt?“ Rasch senkte er seine Stimme und

sah flüchtig zu D’Agosta herüber. Allan runzelte ansatzweise

die Stirn. Ihm war plötzlich nicht sehr wohl in seiner Haut.

Wieder an Theia gewandt fauchte Beliar, seine kochende Wut

unterdrückend: „Findet Sie! Sofort!“ Er wollte sich abwenden,

als Theia sagte: „Da ist noch etwas.“

Beliar warf ihr einen finsteren Blick zu, ersparte sich aber jeglichen

Kommentar. Theia flüsterte weiter und diesmal reagierte

Beliar nicht mit Verärgerung, sondern mit Erstaunen. „Sind

die Spähposten sich sicher?“, fragte er. „Ist das bestätigt?“

Theia nickte.

Beliar schloss einen Moment die Augen. Dann deutete er mit

einem Kopfnicken zu D’Agosta. „Bewachen Sie ihn, bis ich

wieder zurück bin.“

„Aber, was ist mit-“

„Keine Wiederrede, Theia!“, zischte Beliar. „Sie hatten ihre

Chance und haben’s versaut. Ich habe immer große Stücke auf

sie gehalten.“ Er grollte: „Aber vielleicht irrte ich mich und

dies ist das Ende ihrer Karriere.“

Ehe sie etwas erwidern konnte, wandte er sich D’Agosta zu

und hob die Stimme. „Sie müssen mich einen Moment entschuldigen,

Lieutenant Commander D’Agosta.“

„Probleme?“, fragte Allan vorsichtig.

„Möglicherweise. Ich muss etwas nachprüfen. Hören Sie, wir

können uns hier und jetzt verraten und töten. Oder wir arbeiten

zusammen.“, sagte er. „Überlegen Sie in Ruhe, bis ich wieder

zurück bin.“

Beliar warf die Tür ins Schloss. Er lies D’Agosta allein mit

Theia und den Wachen. Und Theia war zornig. Sehr zornig.

267


Inferno

Judy zitterte. In der Nacht war die Gefängniszelle erstaunlich

kalt. Sie hatte Angst, das Warten ertrug sie nicht länger. Am

liebsten hätte sie einfach losgeheult. Draußen wurde es hektischer.

Sie hörte, wie Truppen durch den Hof liefen, wie

Befehle gebellt, neue Anweisungen gebrüllt wurden. Sie

wusste nicht, was das bedeutete. Irgendwas stimmte nicht.

Weder von ihrem Vater, noch von Shannyn oder Ramina hatte

sie noch mal etwas gehört. Sie befürchtete das Schlimmste.

Andererseits, wären die Tarkon draußen kaum in Aufruhr,

dachte sie, wenn sie den anderen einfach etwas angetan hätten.

Vielleicht war Shannyn der Grund der Hektik. Oder die

Tarkon bereiteten einfach das nächste Opfer vor.

Und dann hörte sie den Lärm. Das Krachen von Schüssen am

Gangende, ein gellender Schrei. Dann ein paar Sekunden lang

gar nichts und schließlich etwas anderes. Es war das Hallen

von Stiefeln. Leise, nachdrücklich. Jemand näherte sich. In der

Tür erschien eine Wache.

Judy runzelte die Stirn. An der Uniform erkannte sie, dass es

sich um den Mann handelte, der mit Ramina fortgegangen

war. Sie fragte sich, warum er seinen Helm trug. Und warum

seine Uniform voller Blutflecken war. Was ging da draußen

nur vor sich?

Der Mann schloss die Tür auf und trat ein. Judy wich zurück.

Sie befürchtete schon das Schlimmste, als der Mann den Helm

auszog und darunter das knochige Gesicht Doraks zum Vorschein

kam. „Dorak!“

268


Dorak legte einen Finger an die Lippen. „Leise.“, zischte er.

Aus eine der vielen Taschen kramte er einen Schlüssel hervor.

„Sie haben sich viel Zeit gelassen.“, sagte Athol und drehte

sich so, dass Dorak seine Handschellen aufschließen konnte.

Mit einem Klick kamen seine Hände frei und war endlich von

dem Pfahl erlöst.

Judy flüsterte: „Wo sind die anderen? Wo sind mein Dad und

Shannyn?“

„Sie sind in Ordnung.“, sagte Dorak schnell und spähte vorsichtig

in den Gang hinaus. „Noch ist Shannyn am Leben und

den Tarkon ein Dorn im Auge.“

„Und mein Dad?“

„Shannyn holt ihn.“

Judy atmete erleichtert aus. Sie waren noch am Leben. Ihr Dad

und Shannyn waren noch am Leben! So ein Glück! Sie griff

hastig den Rucksack vom Boden und schloss ihre Jacke. „Gehen

wir.“

Sie wollte nach draußen, in den Gang. Aber Dorak versperrte

den Ausgang mit seinem Körper. Er sah noch einmal über die

Schulter in den Gang – niemand da. Dann reckte er Judy die

geöffnete Hand entgegen. „Den Rucksack. Gib mir den Rucksack.“

Judy sah ihn misstrauisch an, erblickte das merkwürdige Funkeln

in Doraks Augen. Er machte keine Scherze, war entschlossen.

Dorak wollte den Rucksack. Sie umschlang ihn

demonstrativ mit beiden Armen und wich einen Schritt zu Athol

zurück. „Nein.“

„Mach schon!“

Judy wurde wütend. Der Cardassianer war nicht hier, um ihnen

zu helfen. Er wollte etwas von Shannyn und was es auch

war – es konnte sich um nichts gutes handeln. Sie fragte herausfordernd:

„Haben Sie mit ihrer Aktion vorhin herausgefunden,

was Sie wissen wollten?“

„Das habe ich.“

269


„Und was?“

„Dass du und dein Vater sich glücklich schätzen können, weil

ihr in Shannyn Bartez einen Schutzengel habt, der für euch gerade

zum Racheengel mutiert. Und jetzt ... gib mir den Rucksack!“

„Niemals!“

Dorak lud sein Gewehr durch und richtete die Mündung auf

Athol. „Den Rucksack ... bitte!“

Judy weigerte sich noch immer. „Was wird der Racheengel

wohl davon halten, wenn Sie uns etwas antun, hm?“

„Vielleicht wird sie nie etwas davon erfahren.“, entgegnete

Dorak gepresst. Die Zeit wurde knapp! Er hörte Schritte. Ein

paar Sekunden starrten sie sich einfach nur an. Das Mädchen,

Dorak und Athol. Von irgendwoher hörte er hektische Rufe

und sie kamen näher.

Dorak brummte und senkte die Waffe. „Na schön. Das klären

wir ein andermal.“ Er bedeutete den beiden ihm zu folgen und

trat auf den Gang hinaus. Er packte Judy am Arm und lief in

die entgegengesetzte Richtung, aus der die Geräusche kamen

los. „Verschwinden wir.“ Sie schlüpften in einen Seitengang

und liefen. Den Rest des Wege sprach niemand mehr. Judy

hielt den Rucksack umklammert.

Beliar fragte im Kontrollraum einen der Offiziere: „Ist das hier

bestätigt?“ Was er dort auf dem Bericht vor sich sah, gefiel

ihm ganz und gar nicht. Offenbar hatten die Spähposten keine

guten Nachrichten. „Ich habe die Stellenposten bereits informiert.“,

sagte der Soldat. „Sie machen sich bereit

Beliar schüttelte den Kopf. Das ergab doch keinen Sinn! „Warum

heute? Warum kommen die ausgerechnet jetzt? Sie müssen

wissen, dass wir kurz davor sind, mit den Sternenflottenleuten

die Waffe zu finden.“ Er sah zu seinen Soldaten auf.

270


„Schickt zusätzliche Garnisonen zur Verteidigung in den

Turm zu D’Agosta!“

Ramina und Shannyn rannten einen leeren Gang entlang. Es

war ihnen bisher gelungen den Tarkonsoldaten zu entgehen,

aber immer wieder mussten sie sich verstecken, oder Ausweichrouten

nehmen. Es fiel Shannyn schwer die Orientierung

zu behalten, aber Ramina hatte sich die Wege offenbar gut

eingeprägt.

Nach einer Weile begegneten sie auf den Korridoren überhaupt

niemandem mehr, offenbar war dafür draußen die Hölle

los. Von den Fenstern drangen hastige Rufe und es wurden zackige

Kommandos gerufen. Irgendwie hatte Shannyn das Gefühl,

dass der Quell von Hektik, der vom Hof zu ihnen drang

nicht nur in ihnen ihre Ursache fand.

In Anbetracht der Tatsache, dass sie sich auf der Flucht befanden

und nicht zu nahe an den Fenstern aufhalten sollten, war

es schwer Einzelheiten auszumachen, aber Shannyn sah huschende

Gruppen, die in großer Eile Stellung und Posten bezogen.

Das Geschehen in der Festung war beunruhigend und

etwas in Shannyn teilte ihr mit, dass sie schnellstmöglich verschwinden

sollten. Nun eilte sie eine Wendeltreppe hinauf. Es

war warm und stickig in der Festung.

Nach einer Weile fragte Shannyn Ramina: „Warum sind Sie

hier?“

„Um zu entkommen.“, sagte Ramina knapp.

„Nein, ich meine überhaupt. Warum sind Sie mit- und vor allem:

zurückgekommen? Ich habe fast nicht mehr damit gerechnet.

Und sagen Sie jetzt nicht nur, dass Sie dafür ihre

Gründe haben. Ich kann so etwas nicht mehr hören.“

Ein Schatten fuhr über Raminas Gesicht. „Wollen Sie es wirklich

wissen?“

„Ja.“

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„Also gut. Ich habe Zeit meines Lebens um mein Überleben

kämpfen müssen. Inzwischen bin ich ganz gut darin eine

Kämpfernatur auf den ersten Blick zu erkennen. Und in ihnen

sehe ich die einzige Chance, die unsere Gruppe aufs Überleben

hat.“

Shannyn seufzte. „Das höre ich in letzter Zeit häufiger.“

Ramina warf Shannyn einen Seitenblick zu, während sie weiter

hoch eilten. „Ich bin nicht hier um ihnen einen Gefallen zu

tun. Oder D’Agosta. Oder dem Kind. Ich bin hier, um zu überleben.

Nichts weiter.“

Sie öffnete eine Tür und trat aus dem Treppenhaus. Sie waren

nun ganz oben in einem halbfertigen Turm. An manchen Stellen

war der Boden undicht, man musste acht geben, wo man

hintrat, um nicht durch das morsche Holz zu krachen.

„Es muss hier irgendwo-“

Shannyn bedeutet ihr Still zu sein. Sie flüsterte: „Ich höre etwas.

Dort drüben.“

Hier oben war eindeutig jemand. Sie konnten Stimmen hinter

eine der Türen ausmachen und beschlossen in einen Nebenraum

auszuweichen. Er war Lakenbehangen und – wie das

meiste hier oben – unfertig. Shannyn trat vorsichtig zu einer

Säule. Von dort aus konnte man in den Konferenzraum hinabsehen.

Beidseitig der Flügeltüren der Halle standen einige

Soldaten. Shannyn konnte nicht genau erkennen, ob sie Pistolen

trugen. Gewehre sah sie jedenfalls keine. Vielleicht konnten

sie es mit denen aufnehmen. Shannyn sah sich hastig nach

D’Agosta um. Sie fand ihn, an einem Konferenztisch sitzend.

Er trommelte mit den Fingern auf dem Holztisch herum und

lächelte nervös die Frau an, die auf der anderen Seite des Tisches

saß.

Die Frau!

Shannyn seufzte und presste sich eng in den Schatten der Säule.

„Was ist los?“, zischte Ramina ihr zu.

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„Theia.“

„Theia?“

„Die Anführerin der Tarkon-Soldaten, soweit ich das mitbekommen

habe. Sie ist hier.“

„Und, ist das ein Problem?“

„Schätze sie ist wütend auf mich.“

„Na und?“

„Sehr wütend.“, betonte Shannyn. Sie starrte angestrengt in

den großen Raum hinunter. „Sieht so aus, als sei Allan in Ordnung.

Sie tut ihm nichts.“

„Was machen sie dann?“

„Sie sitzen da. Vielleicht weiß sie nicht, dass wir zu ihm unterwegs

sind.“ Shannyn zog sich in den Schatten zurück. „Okay,

holen wir ihn.“ Sie wollte gerade etwas entsprechendes

unternehmen, sprang aber schnell wieder in die Deckung zurück,

als die Tür des Konferenzraumes aufschwang und jemand

neues eintrat. Es waren die Breen.

Shannyn starrte aus dem Schutz des Säulenschattens auf die

Neuankömmlinge. Es waren insgesamt vier Stück. Und sie

waren bewaffnet. Ihre Hände ruhten unmissverständlich auf

den Waffenhalftern an ihren Hüften. Als sie eintraten, sprang

Theia wütend auf, ging zu ihnen und verlangte zu wissen, was

sie hier wollten. Seltsame Geräusche erklangen. Ramina runzelte

neben Shannyn die Stirn. „Breen?“

Shannyn nickte.

„Was wollen die hier?“

„Weiß nicht.“, antwortete Shannyn. „Sehen nicht sehr glücklich

aus.“

Sie beobachtete, wie die Diskussion zwischen Theia und dem

Breen hitziger wurde. Der Anführer der Breen sah immer wieder

zu D’Agosta herüber, der plötzlich sehr unruhig auf seinem

Stuhl herumrutschte.

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„Oh oh.“, flüsterte Shannyn. „Das sieht nicht gut aus. Fürchte

wir haben ein Problem.“

„Theia?“

„Nein, die Breen.“

Das Gespräch wurde lauter. Der Anführer der Breen war sichtlich

ungeduldig. Er wollte auf D’Agosta zugehen, aber Theia

stellte sich ihm immer wieder in den Weg. Shannyn bemerkte,

wie nun die Tarkon unauffällig die Fäuste ballten und in Angriffsposition

gingen. Offenbar entging auch Allan nicht, dass

sich die Situation zuspitzte. Er hob beschwichtigend die Hände,

stand langsam auf.

„Was ist los?“, fragte Ramina, die nicht an ihr vorbeisehen

konnte, ohne deutlich sichtbar aus dem Schatten zu treten. Es

war nicht der richtige Moment um Aufmerksamkeit zu erregen,

soviel war klar.

„Schätze die Breen sehen durch Allans Anwesenheit ihre Allianz

mit den Tarkon bedroht.“, sagte Shannyn. Ihre Finger griffen

nach dem Schwert an ihrem Gürtel.

Theia winkte unauffällig einer der Soldaten zu, die in einer

Fensternische hinter ihr standen.

„Wir sind in Schwierigkeiten.“, sagte Shannyn. Sie sprach

sehr leise.

In diesem Moment stieß der Breen Theia zur Seite und zog

seine Waffe. Es geschah alles gleichzeitig. D’Agosta warf sich

hinter den Tisch in Deckung, als der Breen das Feuer auf ihn

eröffneten. Gleichzeitig stürmten auch die Tarkon vor, um die

Breen zu überwältigen und sofort war eine heftige Auseinandersetzung

im Gang.

Ein Fackelständer schepperte mitsamt ringenden Gegnern zu

Boden und erste Flammen blakten auf den Brettern, wenn

auch noch nicht bedrohlich. Das war der Zeitpunkt, in dem

Shannyn entschloss, einzugreifen. Sie sprang nach unten in

den Konferenzraum. Es lief anders, als geplant. Anstatt auf

dem Boden aufzukommen und sich abzurollen, gab der Unter-

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grund nach, sodass Shannyn mit dem rechten Fuß durch einen

morschen Balken krachte. Scheppernd fiel ihr das Schwert aus

der Hand und rutschte fort. Sie sah sich hastig um. Ihr Blick

traf Theias. Ihre Augen weiteten sich.

„Bartez!“, brüllte Theia.

Das nächste, was Shannyn klar erkennen konnte, war der Soldat,

der auf sie zustürmte, aber offenbar nur das Feuer sah,

dass sich allmählich auf die Wand ausbreitete. Keuchend bekam

sie endlich ihr Bein wieder frei. Shannyn sprang auf. Sie

holte aus und schlug dem Soldaten die Faust auf das Kinn und

der Soldat, der ihre Anwesenheit kaum bemerkt hatte, bekam

auch keine Gelegenheit mehr dazu. Er gab ein gurgelndes Geräusch

von sich und sackte zusammen. Shannyn sprang über

ihn hinweg und aus der Reichweite der tobenden Theia, die

vergeblich versuchte, durch die durcheinanderlaufenden Soldaten

zu ihr zu gelangen, während sich die Tarkon mit den

Breen prügelten, oder das um sich schlagende Feuer einzudämmen.

Binnen weniger Sekunden war der Raum zu einem Tollhaus

geworden. Alle riefen durcheinander. Das Feuer bleckte, war

zu einem Schwelbrannt übergegangen, der die eine Seite des

Raumes mit beißendem Rauch füllte. Shannyn erhaschte einen

Blick auf Ramina, die ebenfalls herabgekommen war. Sie hieb

einem der Breen ein Tablett über den Helm, welcher davon

aber kaum beeindruckt war. Am Rande des Raumes lag ihr

Schwert.

Shannyn hechtete hin. Griff danach.

„Bartez!“ Theia war plötzlich bei ihr. Sie zog Shannyn zu sich

herum und schlug ihr mit dem Handrücken ins Gesicht. Der

Schlag riss Shannyn halb von den Beinen. Sie taumelte weiter

und fand erst halt, als sie mit dem Rücken an die Außenwand

prallte. Der Bretterverschlag splitterte unter ihrem Aufprall

und bog sich nach außen. Shannyn hatte aber keine Zeit darüber

näher nachzudenken.

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„Bartez!“, brüllte Theia erneut und sprang sich auf sie. Einfallsreich,

dachte Shannyn und rappelte sich auf. Theia kam

mit weit ausgebreiteten Armen auf sie zugestürzt. Shannyn

hob das Schwert und richtete die Klinge auf Theias Brust. Ihre

Gegnerin hatte zuviel Schwung, um noch angemessen ausweichen

zu können.

Sie griff nach der Klinge, wobei sie sich die Hände aufschnitt

und riss sie herum. Shannyn entglitt das Schwert beim Aufprall

und der Knauf prallte genau in ihren Magen. Für einen

Moment verschwamm alles vor ihren Augen. Sie sah Sterne.

Theia stieß einen ächzenden Laut aus, den Shannyn nicht

mehr deutlich hören konnte, da sie selbst lautstark nach Atem

rang. Der Schwung von Theia knallte sie beide in die angeknackste

Außenwand. Sie brach noch mehr. Shannyn kam

mühsam wieder auf die Beine. Mit der Hand hielt sie sich den

schmerzenden Bauch. Sie bekam kaum Luft. Dazu noch der

beißende Rauch, der in ihren Lungen brannte. Shannyn hustete.

Wo ihr Schwert abgeblieben war, konnte sie auch nicht sagen.

Sie sah zu Theia herüber, die sich auf dem Boden wand.

Ihre Uniform war seitlich zerrissen. Ein schwerer Schnitt

klaffte unter ihrem rechten Arm. Dickflüssiges Blut spritzte

auf den Boden.

Und dann kam noch eine der Wachen angelaufen. Shannyn

ächzte und hieb dem Tarkon die Faust ins Gesicht. Er fiel

vornüber in die Wand und verschwand bis zum Hals darin.

Brechendes Holz war zu hören. In dem Raum hatte sich der

Brand weiter ausgebreitet.

Ramina konnte Shannyn überhaupt nicht mehr sehen. Auch

von D’Agosta fehlte jede Spur. Während sich das Geschrei der

Soldaten steigerte, hatte sich Theia wieder aufgerappelt. Zwei

Tarkon kamen ihr zu Hilfe und stürmten an ihr vorbei, auf

Shannyn zu. Die packte den ersten und warf ihn gegen den

zweiten Mann, der mit einem langen Holzstab herumfuchtelte,

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der ihn mehr behinderte, als er Shannyn bedrohen konnte. Sie

fielen übereinander.

Der mit dem Stab war hartnäckig. Er rappelte sich sofort wieder

auf, hielt den Stab wie ein Speer vor sich und kam auf

Shannyn zugestürmt. Diese zog das rechte Bein hoch und trat

den Stab im richtigen Moment herunter. Er knallte in das morsche

Holz des Bodens, wo er sich verkantete. Der Tarkon

konnte nicht mehr bremsen, ihm wurde das andere Ende des

Stabes in den Magen gerammt, wie Shannyn zuvor ihr

Schwert. Einem Stabhochspringer gleich, machte er einen Satz

auf dem Stab, vollführte einen Halbkreis, schepperte durch ein

Fenster und verschwand in der Nacht.

Shannyn packte den Stab, hieb ihn gegen den Hinterkopf des

anderen Soldaten, der gerade in die Hocke gekommen war und

fing sich einen Tritt in die Seite von Theia ein, die unter

schweren Schmerzen wieder hochgekommen war, nun aber

erneut aus dem Gleichgewicht geriet und stürzte. Shannyn

taumelte zurück an die Wand. Eine dumpfe Stimme neben ihr

rief nach Hilfe. Der Tarkon, der mit dem Kopf durch das Holz

gekracht war, saß anscheinend fest.

„Mund halten!“, sagte Shannyn und trat dem Mann kräftig in

den Hintern. Ein ganzer Abschnitt der Wand gab nach. Shannyn

sprang erschrocken zurück.

„Bart-“ brüllte jemand hinter ihr.

„Ja, ich weiß!“, brüllte Shannyn zurück. Noch bevor sie sich

ganz umgedreht hatte, prallte Theia gegen sie. Beide purzelten

zu Boden und rangen miteinander, den Stab zwischen sich.

Shannyn auf dem Rücken. Sie hob ihr Knie, rammte es Theia

in den Magen und schaffte es irgendwie sie über sich hinwegzuschleudern.

Und alles wurde immer verrückter. Aber Shannyn

wusste, was zu tun war. Trotz der Schmerzen, durfte sie

sich keinen Moment ausruhen, oder innehalten. Sie kam ächzend

auf die Knie. Theia war längst wieder auf den Beinen

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und wollte gerade zuschlagen, als sie von hinten jemand zur

Seite stieß - D’Agosta.

„Danke.“, keuchte Shannyn.

„Wo ist Judy?“

„In Sicherheit.“

„Was .... was tun Sie hier?“

„Sie retten, natürlich.“

„Ich war kurz davor mit Beliar einen Dialog zu starten.“

„Sagen Sie das den Breen.“

D’Agosta öffnete den Mund, aber bevor er etwas erwidern

konnte, wurde er selbst von jemandem weggeschleudert. Die

Breen, die sich bisher damit beschäftigt hatten, die Tarkon zu

überwältigen, waren inzwischen auf Shannyn als größte Gefahr

im Raum aufmerksam geworden. Sie kamen in einer Reihe

heran.

Entschlossen.

„Na schön.“, sagte Shannyn grimmig. Sie nahm den Stab quer

vor die Brust und rannte los, bevor die Breen sich großartig in

Bewegung setzen konnten. Die Stange traf alle vier, die sie

einfach vor sich herschob. Sie kam fünf Schritte weit. Dann

hatten die Breen ihr Gleichgewicht wiedergefunden und hielten

gegen.

Ihr Vormarsch war gestoppt. Der Breen, der ihr direkt gegenüberstand

grinste ziemlich breit. Shannyn konnte das durch

den Helm natürlich nicht sehen, aber sie war sich sicher. Mit

seinen Kameraden marschierte er los. Und diesmal war es

Shannyn, die das Gleichgewicht verlor und zurückgedrängt

wurde.

D’Agosta, der sich aufgerappelt hatte und nun nicht schnell

genug ausweichen konnte, wurde mitgerissen. Unaufhaltsam

wurden die beiden gegen die Wand geschoben. Im letzten

Moment sprang Shannyn hoch und wollte sich mit den Beinen

nach hinten an der Wand abstützen. Die Bretter gaben nach.

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Mit dem linken Bein brach sie durch das Holz der Wand. Nun

lachten die Breen eindeutig.

„Also gut.“, sagte Shannyn grimmig. Ihr rechter Fuß hatte festen

Halt gefunden. Sie stieß sich von der Wand ab. Die Breen

wurden so einen Schritt zurückgedrängt. Gleichzeitig brach

ein ganzer Abschnitt der Wand, dort, wo Shannyn drückte, aus

der Verankerung und kippte nach hinten, in die Tiefe. Mit

ihm, der Soldat, der kopfüber im Holz steckte. D’Agosta

sprang erschrocken zur Seite.

Von alledem bekam Shannyn überhaupt nichts mit. Sie riss

das Knie hoch und traf den Breen vor sich dort, wo es selbst

bei der Spezies lange weh tat. Er gab einen schrillen Laut von

sich und stürzte nach hinten. Die anderen begannen fester an

der Stange zu drücken. Shannyn hielt dagegen. Ihre Sohlen

rutschten aber über den Boden. Sie rechnete damit nun gegen

die Wand gestoßen zu werden und machte sich auf den Aufprall

gefasst. Und plötzlich befand sich ihre Stiefelspitze auf

der äußeren Kante der Öffnung.

Sie war im Freien!

Der schwarze Himmel wurde von Wetterleuchten erhellt und

Donner grollte in weiter Ferne. Eine schwül heiße Luft wehte

ihr entgegen. Shannyn sah nach unten.

Tief!

Verdammt tief!

Sie blickte wieder auf. Zu den Breen. Diese mussten nur noch

einmal drücken und sie war draußen. Im selben Moment wurde

ihnen das selbst bewusst.

Sie drückten.

Kräftiger, als sie hätten müssen. Shannyn runzelte die Stirn,

als nichts geschaht. Genaugenommen drückten die Breen

schon seit einer ganzen Weile sehr heftig. Ihnen fiel im selben

Moment wie Shannyn auf, dass etwas nicht stimmte.

Dann erkannten sie es.

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Der herausgebrochene Wandteil war ziemlich breit. Aber zwei

Eisenverstrebungen waren stehen geblieben. Der Abstand zwischen

ihnen war gut einen halben Meter kürzer, als der Stab.

Er hatte sich verkeilt!

Im nächsten Moment lies Shannyn den Stab einfach los und

sich fallen, nach der Kante greifend greifend. Die Breen, die

einen halben Sekundenbruchteil länger gebraucht hatten, als

sie, waren zusammen stark genug, um jetzt, nachdem Shannyns

Wiederstand fehlte, den Stab durchzubrechen. Sie stürzten

alle nach draußen. Ihre gellenden Schreie wurden mit zunehmender

Tiefe leiser.

Shannyn biss die Zähne zusammen, ignorierte die Schmerzen

im Magen und zog sich wieder in den Raum. D’Agosta und

Ramina halfen ihr dabei. D’Agosta war erleichtert, sie zu sehen.

Er hatte ihr Schwert in der Hand und reichte es ihr nun.

„Haben Sie verloren.“

„Danke.“

Im Raum loderte das Feuer völlig unkontrolliert. Die Soldaten