Denkmalpflegepreis 2023
Sonderdruck der Denkmalpflege des Kantons Bern und der Zeitschrift UMBAUEN+RENOVIEREN, Archithema Verlag
Sonderdruck der Denkmalpflege des Kantons Bern und der Zeitschrift UMBAUEN+RENOVIEREN, Archithema Verlag
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SONDERDRUCK DER DENKMALPFLEGE DES KANTONS BERN UND DER ZEITSCHRIFT UMBAUEN+RENOVIEREN, ARCHITHEMA VERLAG<br />
ÉDITION SPÉCIALE DU SERVICE DES MONUMENTS HISTORIQUES DU CANTON DE BERNE ET DU MAGAZINE UMBAUEN+RENOVIEREN, ARCHITHEMA VERLAG<br />
WWW.BE.CH/DENKMALPFLEGE / WWW.BE.CH/MONUMENTS-HISTORIQUES / WWW.METERMAGAZIN.COM<br />
<strong>Denkmalpflegepreis</strong> <strong>2023</strong><br />
Prix des monuments historiques <strong>2023</strong><br />
Spezialpreis<br />
LEBENDIGER WERKPLATZ<br />
AN DER AARE<br />
Ausgezeichnet<br />
Verdichtet<br />
Neuer Wohnraum im<br />
ehemaligen Gewerbeareal
Frische Farbe<br />
im historischen<br />
Ensemble<br />
Bei der Projektierung eines Wohnhaus-Neubaus im ehemaligen<br />
Färbereiareal in Wangen an der Aare liess sich die Bauherrschaft<br />
in einem Workshopverfahren von einem Team begleiten.<br />
Der <strong>Denkmalpflegepreis</strong> des Kantons Bern würdigt<br />
das leidenschaftliche Engagement von Andrea und Peter Rikli<br />
für das Ortsbild und den öffentlichen Raum.<br />
Text: Elisabeth Schneeberger, Denkmalpflege des Kantons Bern; Fotos: Dominique Plüss<br />
2
1 Hinter den dreigeschossigen,<br />
parallel<br />
zur Gasse positionierten<br />
Baukörper mit<br />
Satteldach wurde<br />
im rückwärtigen<br />
Raum ein flach gedeckter<br />
Annex platziert.<br />
Beide Volumen<br />
sind vollständig aus<br />
Holz erbaut.<br />
2 Ausgehend vom<br />
Baubestand an der<br />
Rotfarbgasse wurden<br />
die Position, das Volumen<br />
und die Dachform<br />
des Neubaus<br />
bestimmt. Grosse<br />
Bedeutung kam auch<br />
der Gestaltung<br />
der gemeinsamen<br />
Aussenräume zu.<br />
3 Der Neubau<br />
nimmt Bezug auf das<br />
klassizis tische, lang<br />
ge zogene Wohnhaus<br />
mit Versammlungslokal,<br />
ehemals ein<br />
Teil der Werksiedlung<br />
«Rotfarb».<br />
I<br />
n der Rotfarbgasse geht es bunt zu und<br />
her: Auf dem Weg vom Städtchen zum<br />
Schulareal sind Kinder unterwegs. Sobald<br />
sich die Sonne zeigt, kommt Leben<br />
in die Gärten, und rote Farbtupfer säumen die<br />
Gasse: die Markisen eines grün gestrichenen<br />
Neubaus. Sie machen dem Namen des Quartiers<br />
alle Ehre. Die «Rotfarb» ist in Wangen<br />
ein Begriff. Obwohl seit Ende des 19. Jahrhunderts<br />
hier keine Garne und Tücher mehr<br />
gefärbt werden, ist in der Gasse der Geist des<br />
frühindustriellen Gewerbebetriebs spürbar.<br />
Die heutige gepflegte Wohnlichkeit der<br />
Rotfarbgasse ist dem Engagement von Andrea<br />
und Peter Rikli zu verdanken, die im alten Färbereigebäude<br />
zu Hause sind. Bei dessen Kauf<br />
hatte Peter Rikli erfahren, dass seine Vor fahren<br />
das Haus erbaut hatten. Er begann sich für die<br />
Geschichte der «Rotfarb» zu interessieren.<br />
« Das Eingliedern von Neubauten<br />
in den historischen Bestand<br />
ist aktuell ein wichtiges Thema<br />
in unserer Arbeit. »<br />
Adrian Stäheli, Denkmalpflege<br />
2<br />
3<br />
1<br />
Weiterentwicklung im Bestand<br />
2019 kaufte das Paar auch das vernachläs sigte<br />
ehemalige Wohnhaus der Färberfamilie<br />
Rikli mit dem Ziel, es zu renovieren und qualitätvollen<br />
Wohnraum zu schaffen. Im zugehörigen<br />
Garten sollte ein Neubau entstehen.<br />
Als erfahrener Holzbauer nahm Peter Rikli zusammen<br />
mit seiner Partnerin die Planung selbst<br />
an die Hand. «Das Eingliedern von Neu bauten<br />
in den historischen Bestand ist aktuell ein<br />
wichtiges Thema in unserer Arbeit», sagt<br />
4 5
« Das Modell ist zentrales Entwurfsinstrument<br />
für die Eingliederung<br />
eines Volumens in den Bestand. »<br />
Lorenz Frauchiger, Architekt<br />
grosse Aus nahme. Die Offenheit der Bauherrschaft<br />
und die gute Zusammenarbeit im Team<br />
haben alle Beteiligten motiviert und ein überdurchschnittliches<br />
Resultat hervorgebracht<br />
– bestechend einfach und in allen Details<br />
durchdacht. «Man kommt weiter, wenn man<br />
verschiedene Optionen anschaut und daraus<br />
das Positive mitnimmt», resümiert Andreas<br />
Fankhauser, der als Baukommissionspräsident<br />
von Wangen das Verfahren begleitete.<br />
5 Ein schopfartiger<br />
Holzbau kaschiert die<br />
Tiefgarageneinfahrt.<br />
6 Trotz Mehrkosten<br />
wurde die Einfriedung<br />
entlang der<br />
Gasse restauriert. Im<br />
Garten, der dem Neubau<br />
gegenüberliegt,<br />
entsteht ein öffentlicher<br />
Sitzplatz mit Zugang<br />
zum Mülibach.<br />
Aufgewerteter Aussenraum<br />
Das Engagement von Andrea und Peter Rikli<br />
endet nicht an der Fassade: Trotz Mehr kosten<br />
wurde die Einfriedung entlang der Gasse<br />
restauriert. Im gegenüberliegenden Garten<br />
entsteht ein öffentlicher Sitzplatz mit Zugang<br />
zum Mülibach. «Durch die Pandemie ist uns<br />
die Bedeutung gemeinsamer Aussenräume<br />
bewusst geworden», sagt Andrea Rikli.<br />
Kaum ist der Neubau bezogen, haben<br />
Riklis bereits die nächsten Baustellen in Arbeit:<br />
Auch im historischen Wohnhaus soll demnächst<br />
wieder das bunte Leben einziehen. Und<br />
in der Holzbauwerkstatt wurde soeben die Restaurierung<br />
des Gartenpavillons vollendet.<br />
4 Den Entscheid für<br />
die grüne Fassade mit<br />
den roten Markisen<br />
fällte man gemeinsam<br />
am Rohbau.<br />
der bei der Denkmalpflege für die Ortsbildpflege<br />
zuständige Adrian Stäheli. Er schlug der<br />
Bauherrschaft ein qualitätssicherndes Ver fahren<br />
in Form von Workshops vor – eine Art «runder<br />
Tisch», an den nebst der Bauherrschaft und<br />
zwei Bauberatern der Denkmalpflege auch Vertreter<br />
der Gemeinde sowie zwei unabhängige<br />
Architekten geholt wurden.<br />
«Anfänglich hatten wir Angst vor den Kosten»,<br />
berichten Riklis, «aber rückblickend sind<br />
wir froh um den Prozess. Beim ersten Workshop<br />
wollten wir es viel zu gut machen und brachten<br />
ein fertiges Projekt mit. Als es im Papierkorb<br />
landete, haben wir das Prinzip begriffen: Wir<br />
entwickeln schrittweise im Team.»<br />
Arbeit am Modell<br />
Mit der Arbeit am Modell geriet die Bauherrschaft<br />
in eine schöpferische Begeisterung: «Wir<br />
haben dieses Instrument sehr schätzen gelernt»,<br />
erzählt Andrea Rikli, «wir konnten<br />
durch die Gasse schauen und die Module variieren<br />
und umherschieben.» Ausgehend vom<br />
Bestand mit der prägenden Rotfarbgasse und<br />
den klassizistischen Bauten wurden die Posi<br />
tion, das Volumen und die Dachform bestimmt.<br />
«Das Modell ist ein zentrales Entwurfsinstrument<br />
für die Eingliederung eines Volumens in<br />
den Bestand. Es diente während des gesamten<br />
Workshopverfahrens zur gemeinsamen Verständigung»,<br />
erklärt der begleitende Architekt<br />
Lorenz Frauchiger. Die Gruppe erarbeitete<br />
einen dreigeschossigen, parallel zur Gasse<br />
positionierten Baukörper mit Satteldach, einen<br />
flach gedeckten Annex im rückwärtigen Raum<br />
und einen schopfartigen Holzbau zur Kaschierung<br />
der Tiefgarageneinfahrt.<br />
Der Entscheid für die grüne Fassade mit<br />
den roten Markisen ist für die begleitenden<br />
Architekten ein Highlight der Teamarbeit. Ursprünglich<br />
war für den Holzbau eine Fassade<br />
aus druckimprägniertem Holz vorgesehen.<br />
«Wir haben eine Farbfassung vorgeschlagen,<br />
um den repräsentativen Ausdruck der benachbarten<br />
Gebäude aufzunehmen», erläutert Pius<br />
Flury. Gemeinsam bestimmte man am Rohbau<br />
den neuen Farbakzent in der Gasse.<br />
Dass die Bauherrschaft ausserhalb der<br />
Workshops ohne Architektin oder Architekten<br />
arbeitete, ist bei derartigen Projekten eine<br />
4<br />
5<br />
6<br />
Kontaktadressen<br />
Bauberatung Denkmalpflege<br />
Adrian Stäheli, David Spring<br />
Denkmalpflege des Kantons Bern<br />
Schwarztorstrasse 31, Postfach, 3001 Bern<br />
T 031 633 40 30<br />
www.be.ch/denkmalpflege<br />
Planung und Bauleitung<br />
Andrea und Peter Rikli<br />
Rotfarbgasse 7, 3380 Wangen an der Aare<br />
prikli@hummel-rikli.ch<br />
Holzbau und Schreinerarbeiten<br />
Holzbau Hummel + Rikli<br />
Stadthof 5B, 3380 Wangen an der Aare<br />
T 032 631 31 30, www.hummel-rikli.ch<br />
Fachexperten<br />
Lorenz Frauchiger<br />
Werkgruppe agw<br />
Weyermannsstrasse 28, 3008 Bern<br />
T 031 388 00 88, www.werkgruppe.ch<br />
Pius Flury<br />
Flury und Rudolf Architekten AG<br />
Untere Steingrubenstrasse 19<br />
4500 Solothurn<br />
T 032 622 32 20, www.fluryundrudolf.ch<br />
6 7
«Wir haben die Arbeit mit dem Modell<br />
sehr schätzen gelernt.» Andrea und Peter<br />
Rikli, Bauherrschaft.<br />
Modellansicht<br />
A Neubau<br />
B Nebengebäude mit Garageneinfahrt<br />
C Früheres Wohnhaus der Familie Rikli,<br />
ursprünglich mit Brennerei, 1830<br />
D Gartenhaus, um 1900<br />
E Arbeiter-Wohnhaus mit Versammlungslokal,<br />
um 1870<br />
F Arbeiter-Wohnhaus «Untere Rotfarb», 1834<br />
G Altes Färbereigebäude «Rotfarb», 1817<br />
N<br />
Fabrikweg<br />
0 5<br />
F<br />
Schulhausstrasse<br />
Teamarbeit am<br />
Ortsbild<br />
Bei der Eingliederung von Neubauten in<br />
historische Ensembles ermöglichen<br />
qualitätssichernde Verfahren die Auswahl der<br />
optimalen Lösung aus verschiedenen Varianten.<br />
Text: Elisabeth Schneeberger, Denkmalpflege des Kantons Bern<br />
G<br />
E<br />
A<br />
Mülibach<br />
A<br />
D<br />
Rotfarbgasse<br />
B<br />
C<br />
Vorstadt<br />
E<br />
in Neubau im historischen Ensemble<br />
muss verschiedensten Ansprüchen<br />
gerecht werden. Die Gestaltung auf<br />
den Bestand abzustimmen, stellt oft<br />
eine besondere Herausforderung dar. Mit dem<br />
Streben nach innerer Verdichtung ist die Ortsbildpflege<br />
ein bedeutender Teil der denkmalpflegerischen<br />
Arbeit geworden. In der Praxis<br />
bewähren sich qualitätssichernde Verfahren,<br />
in denen Vertretungen aller involvierten<br />
Bereiche mit unabhängigen Expertinnen und<br />
Experten zusammenarbeiten. Meist entwickeln<br />
mehrere Teams im Rahmen eines Wettbewerbs<br />
oder eines Studienauftrags eine Lösung.<br />
Die verschiedenen Varianten werden<br />
von unab hängigen Fachpersonen beurteilt.<br />
Das Städtchen Wangen an der Aare ist<br />
im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder<br />
der Schweiz von nationaler Bedeutung<br />
(ISOS) verzeichnet. Entsprechend hoch waren<br />
die gestalterischen Anforderungen an den<br />
Neubau an der Rotfarbgasse.<br />
Workshopverfahren<br />
Für die Erarbeitung des Projekts wählte man<br />
eine Minimalvariante des qualitätssichernden<br />
Verfahrens: In mehreren Workshops wurde<br />
das Projekt von der Bauherrschaft, die gleichzeitig<br />
als Planerin agierte, gemeinsam mit<br />
einer Begleitgruppe entwickelt. Diese setzte<br />
sich aus Vertretungen der Gemeinde und der<br />
Denkmalpflege sowie zwei unabhängigen Architekten<br />
als Fachexperten zusammen. In<br />
einzelnen Schritten wurden das Volumen,<br />
die Positionierung und der architektonische<br />
Ausdruck des Neubaus im Team diskutiert<br />
und festgelegt. Andrea und Peter Rikli schätzten<br />
als Planer das Vertrauen, das ihnen die<br />
Begleitgruppe entgegenbrachte: «Nachdem<br />
die grundlegenden Fragen geklärt waren, arbeiteten<br />
wir jeweils selbstständig weiter.»<br />
Das Entwickeln im Dialog habe alle ausserordentlich<br />
motiviert, berichten die Fachexperten<br />
Lorenz Frauchiger und Pius Flury:<br />
«Das Workshopverfahren war erfolgreich, weil<br />
die Bauherrschaft sehr offen war.» Vonseiten<br />
Denkmalpflege waren Adrian Stäheli und<br />
David Spring für das Projekt in Wangen zuständig.<br />
Sie sind überzeugt, dass es sich lohnt,<br />
alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen.<br />
«Der Prozess eines qualitätssichernden Verfahrens<br />
ist intensiv und funktioniert nur, wenn<br />
sich alle wirklich auf den Prozess einlassen»,<br />
so Stäheli. Aber gemeinsam komme man zu<br />
sehr guten Resultaten. Die Teilnehmenden des<br />
Workshopverfahrens sind überzeugt, dass das<br />
Ergebnis – ein bereits bewilligungsfähiges und<br />
von allen Beteiligten unterstütztes Projekt –<br />
den Aufwand längstens wettmacht. «Durch<br />
das qualitätssichernde Verfahren ist man im<br />
nachfolgenden Baubewilligungsverfahren bereits<br />
einen Schritt weiter. Es gibt kein Hin und<br />
Her mehr», erläutert Andreas Fankhauser,<br />
Präsident der Wangener Baukommission.<br />
Färben mit<br />
Türkischrot<br />
1820 führte Abraham Friedrich Rikli das Färben mit<br />
Türkischrot ein. Der Betrieb florierte im 19. Jahrhundert,<br />
am Mülibach entstand ein kleines Fabrikareal.<br />
Text: Richard Buser<br />
Das «Rotfarbareal» im 19. Jahrhundert.<br />
Rechts dominiert<br />
das Färbereigebäude von 1817.<br />
Lavierte Federzeichnung von<br />
Karl Ludwig Hebler, 1847.<br />
Quelle: Privatbesitz<br />
Die meisten Fabrikgebäude<br />
und die hohen Kamine<br />
wurden 1902 abgebrochen.<br />
Quelle: Privatbesitz<br />
W<br />
o heute grün gebaut wird, wurde früher rot gefärbt. Der Name «Rotfarb»<br />
erinnert an die hier von der Familie Rikli im 19. Jahrhundert betriebene Textil-<br />
Färberei. Die Firma beschäftigte bis zu hundert Arbeiterinnen und Arbeiter.<br />
Das begehrte Türkischrot wurde aus der Krappwurzel (Rubia tinctorum) in<br />
einem auf wendigen Verfahren gewonnen. Es vermochte sich gegenüber den im späten<br />
19. Jahrhundert aufgekommenen chemisch erzeugten Anilin-Farben nicht zu behaupten.<br />
1897 stellte man den Betrieb ein und die meisten Fabrikgebäude wurden in der Folge<br />
abgebrochen. Geblieben sind das alte Färbereigebäude von 1817, die «Rotfarb» mit ihren<br />
mächtigen Ründe-Giebeln, sowie verschiedene Wohnhäuser. Das Ensemble prägt bis<br />
heute die Gasse und dokumentiert eindrücklich die Geschichte des frühindustriellen<br />
Gewerbebetriebs. Die «Rotfarb» wurde vor gut 15 Jahren von Peter Rikli umgebaut und<br />
fachgerecht renoviert. Hier wurde 1823 übrigens Arnold Rikli geboren, der nach anfänglicher<br />
Mitarbeit im Betrieb nach Österreich-Ungarn auswanderte und dort mit Licht-<br />
Luft-Kuren die lebensreformerische Naturheilkunde vorantrieb.<br />
8 9
Feuer in der alten Esse<br />
1 Eine industriegeschichtliche<br />
Rarität:<br />
Hammeranlage mit<br />
eiche nem Wellbaum und<br />
drei wassergetriebenen<br />
Schwanzhämmern aus<br />
dem 19. Jahrhundert im<br />
ältesten Teil des Areals.<br />
Die Mieterinnen und Mieter der Hammerschmiede Worblaufen engagieren sich mit viel<br />
Herzblut für die Nutzung und Weiterentwicklung des historischen Gewerbeortes. Dafür<br />
erhält die kreative Gemeinschaft den Spezialpreis der Fachkommission für Denkmalpflege.<br />
Texte: Barbara Frutiger, Denkmalpflege des Kantons Bern; Fotos: Dominique Plüss<br />
1<br />
10
H<br />
ier wird gearbeitet: Dies merkt<br />
sofort, wer die weitläufigen Hallen<br />
am Aareufer betritt. In jeder Ecke<br />
wird gehämmert, geschweisst und<br />
geschraubt. Nach der Stilllegung der<br />
Hammerwerke R. Müller AG 2014 blieben<br />
die Essen nicht lange kalt. Verschiedene<br />
Handwerkende sowie Kunst- und Kleinbetriebe<br />
mieteten sich in den ehemaligen Werkhallen<br />
ein und nutzen sie seither als Arbeits-,<br />
Produktions- und Ausstellungsort.<br />
Im Zentrum steht der Werkstoff Metall:<br />
Der Künstler GAMelle arbeitet hier an seinen<br />
Kreationen, im Atelier von Thomas Casa legno<br />
entstehen Regale und Geländer. Im hinteren<br />
Bereich des Areals nimmt der Schmied<br />
Benjamin Blaser soeben ein glühendes Eisenstück<br />
aus der wieder in Betrieb gesetzten Esse.<br />
Im ältesten Teil der Liegenschaft steht eine<br />
industriegeschichtliche Rarität: eine Hammeranlage<br />
mit eichenem Wellbaum und drei<br />
wasser getriebenen Schwanzhämmern aus<br />
dem 19. Jahrhundert. Aktuell stehen diese<br />
zwar still, die Anlage ist aber samt der zugehörigen<br />
Esse und dem 1996 rekonstruierten<br />
Wasserrad vollständig funktionstüchtig und<br />
zeugt von der Entwicklung des Schmiedehandwerks<br />
an diesem Standort.<br />
5<br />
5 Der Künstler GAMelle war einer der ersten Mieter in den ehemaligen Werkhallen.<br />
Er betreibt hier sein Atelier.<br />
2<br />
Breit abgestützte Arbeitsgruppe stellt<br />
wichtige Weichen<br />
Dass die Werkhallen und die historische<br />
Hammerschmiede bis heute erhalten geblieben<br />
sind, ist nicht selbstverständlich. 2016<br />
erwarb die Halter AG das ehemalige Industriequartier,<br />
um auf dem weitläufigen<br />
2 In den ehemaligen Werkhallen<br />
der Hammerwerke R. Müller AG<br />
haben sich verschiedene Handwerkende<br />
sowie Kunst- und<br />
Kleinbetriebe eingemietet.<br />
3 Die historische Hammeranlage<br />
steht im Moment zwar still, ist<br />
aber vollständig funktionstüchtig.<br />
Die Segmentbogendecke in<br />
diesem Bereich wurde kürzlich<br />
sorgfältig instand gestellt.<br />
4 In der wieder in Betrieb<br />
gesetzten Esse brennt das Feuer:<br />
Schmied Benjamin Blaser<br />
bietet für Interessierte, die das<br />
Schmiedehandwerk kennenlernen<br />
möchten, Kurse an.<br />
3<br />
Mit Rücksicht<br />
auf Bestehendes<br />
wird schrittweise<br />
und mit<br />
Konzentration<br />
auf die wichtigsten<br />
Massnahmen<br />
saniert.<br />
4<br />
12
« Die historische<br />
Hammeranlage<br />
soll der Öffentlichkeit<br />
zugänglich<br />
gemacht werden. »<br />
Benjamin Blaser,<br />
Schmied und Mieter<br />
Die Hammerschmiede um 1944. Vorne<br />
links die 1933 errichtete Presshalle,<br />
im Hintergrund das Wohnhaus von 1871<br />
über der alten Schmiede, rechts die<br />
Schornsteine der Erweiterung von 1915.<br />
Quelle: 100 Jahre Hammerwerke Müller/Worblaufen<br />
1844–1944, Christian Lerch, 1944<br />
6<br />
7<br />
6 Ein spannender Werkplatz,<br />
auf dem sich alte und neue<br />
Einrichtungen ergänzen.<br />
7 Die Mietergemeinschaft der<br />
Hammerschmiede, vertreten durch<br />
GAMelle und Benjamin Blaser,<br />
erhält den Spezialpreis <strong>2023</strong>.<br />
Gelände eine Wohnüberbauung zu realisieren.<br />
Die aussergewöhnliche Lage und die<br />
industriegeschichtliche Bedeutung des Ortes<br />
sah man dabei als Chance für das geplante<br />
Bauprojekt. Mittlerweile sind die Wohnungen<br />
der ersten Bauetappe bewohnt, die Umsetzung<br />
der zweiten Etappe steht kurz bevor.<br />
Ein Teil der alten Werkhallen musste der<br />
Überbauung weichen. Um die ältesten Hallen<br />
und die historische Hammerschmiede zu<br />
erhalten, setzte sich eine breit abgestützte<br />
Arbeitsgruppe, darunter Vertreter von Gemeinde<br />
und Schmiedezunft sowie lokale Interessenten,<br />
unter der Leitung der Halter AG<br />
und in Absprache mit der Denkmal pflege intensiv<br />
mit möglichen Szenarien auseinander.<br />
Das Areal wurde abparzelliert und zum Verkauf<br />
ausgeschrieben. Grundlage für die Suche<br />
nach einer neuen Eigentümerschaft war<br />
ein Konzept für die Nutzung und Weiterentwicklung<br />
des Areals, erstellt von Christian<br />
Baumann, Thomas Casalegno und GAMelle.<br />
Fündig wurde man beim Unternehmen<br />
equimo AG der Stiftung Edith Maryon, die<br />
das Areal 2018 von der Halter AG übernahm.<br />
Sanfte Sanierung, lebendiger Werkplatz<br />
Die in Basel beheimatete Stiftung setzt sich<br />
dafür ein, dass historische Gebäude gemeinsam<br />
mit den Mieterinnen und Mieter zu verträglichen,<br />
sozialen und lebendigen Nutzungen<br />
weiterentwickelt werden. In diesem Sinn<br />
wird das Gewerbeareal in Worblaufen mit<br />
Rücksicht auf Bestehendes schrittweise und<br />
mit Konzentration auf die wichtigsten Massnahmen<br />
saniert.<br />
Bei der Planung arbeiten der zuständige<br />
Bauleiter, die Mieterschaft und die Eigentümerin<br />
eng zusammen. Die Fachkommission<br />
für Denkmalpflege ist beeindruckt vom<br />
grossen Engagement, mit dem die Mietergemeinschaft<br />
bei den Sanierungsarbeiten und<br />
bei der Weiterentwicklung des Areals Einfluss<br />
nimmt und selbst Hand anlegt. Bei der<br />
Instand stellung der Segmentbogendecke im<br />
Bereich der historischen Hammerschmiede<br />
durch einen erfahrenen Hafner kümmerte<br />
man sich etwa um eine bessere Führung der<br />
Wasser-, Abwasser- und Stromleitungen und<br />
um historische Pendelleuchten. Als letzten<br />
Akt konnte man hier kürzlich eine passende<br />
historische Metallstütze aus einer der abgebrochenen<br />
Werkhallen einstellen.<br />
Dank der hier angebotenen Workshops<br />
geniesst der Werkplatz an der Aare inzwischen<br />
eine gewisse Bekanntheit. Eine weitere<br />
Attraktion ist bereits geplant: Die historische<br />
Hammeranlage soll in Gang gesetzt und unter<br />
der Obhut eines Vereins der Öffentlichkeit<br />
zugänglich gemacht werden. Wie gross wird<br />
die Freude sein, wenn ihr Hämmern erstmals<br />
wieder zu hören sein wird!<br />
Ansicht der Schmiedehalle, versehen mit Fall- und Lufthämmern, 1944.<br />
Quelle: 100 Jahre Hammerwerke Müller/Worblaufen, 1844–1944, Christian Lerch, 1944<br />
Die Hammerwerke R. Müller AG in Worblaufen<br />
Geschmiedet wird am Einfluss der Worble<br />
in die Aare seit Jahrhunderten. Eine Hammerschmiede<br />
ist in Worb laufen bereits 1490<br />
schriftlich belegt. Daneben nutzten im Lauf<br />
der Zeit verschiedenste Industrie- und Gewerbebetriebe<br />
die Wasserkraft des Baches.<br />
Der Kern des historisch gewachsenen Ensembles<br />
um die hölzerne Hammeranlage geht<br />
wohl auf das 17. Jahrhundert zurück. 1844<br />
übernahm die Familie Müller den Betrieb<br />
und entwickelte die Hammerschmiede zur<br />
Industrieschmiede. Über mehrere Generationen<br />
hinweg produzierte man in Worblaufen<br />
Metalllegierungen und verschiedene Teile<br />
aus Stahl. Der Betrieb wurde dabei stetig<br />
erweitert: 1915 erhielt die Schmiedewerkstatt<br />
einen Anbau Richtung Aare, 1933 entstand<br />
nach Westen eine Presshalle mit entsprechenden<br />
Installationen, 1948/49 eine weitere<br />
Fabrikhalle.<br />
Im Verlauf der 1980er Jahre nahm der<br />
Druck aus dem Ausland auf die Schweizer<br />
Schmiedewerke stetig zu und zwang die Hammerwerke<br />
Worblaufen, sich auf Nischenprodukte<br />
zu spezialisieren. Bemühungen,<br />
den Betrieb elektronisch aufzurüsten und<br />
die Arbeitsprozesse zu optimieren, reichten<br />
nicht aus, um das Werk profitabel weiterzuführen.<br />
2014 stellte die R. Müller AG den<br />
Betrieb ein.<br />
Plan der Hammerschmiede an der<br />
Einmündung der Worble in die Aare,<br />
Anfang des 19. Jahrhunderts.<br />
Quelle: Staatsarchiv des Kantons Bern, AA IV Bern 147<br />
Kontaktadressen<br />
Bauberatung Denkmalpflege<br />
Peter Ernst<br />
Denkmalpflege des Kantons Bern<br />
Schwarztorstrasse 31<br />
Postfach, 3001 Bern<br />
T 031 633 40 30<br />
www.be.ch/denkmalpflege<br />
Eigentümerin<br />
equimo AG der Stiftung Edith Maryon<br />
Klara Kläusler, Geschäftsführerin<br />
Gerbergasse 30, 4001 Basel<br />
T 061 337 78 78<br />
www.maryon.ch<br />
Bauleitung<br />
Michael Högger<br />
Högger Michael GmbH<br />
Gartenstrasse 6, 3007 Bern<br />
T 031 371 73 40<br />
mhoegger@lorraine.ch<br />
Kamin- und Deckensanierung<br />
Aeschbacher Ofen Platten Bau AG<br />
Lützelflühstrasse 4, 3508 Arni<br />
T 031 701 00 10<br />
www.ofen-platten-bau.ch<br />
14 15
<strong>Denkmalpflegepreis</strong> und Spezialpreis<br />
Die Denkmalpflege des Kantons Bern zeichnet mit dem <strong>Denkmalpflegepreis</strong> eine Bauherrschaft<br />
aus, die ein Baudenkmal mit Alltagsnutzung in Zusammenarbeit mit der Fach stelle<br />
sorgfältig restauriert und weiterentwickelt hat. Auch weniger beachtete, auf den ersten Blick<br />
unspektakuläre Baudenkmäler rücken in den Fokus: Aus architektonischer, geschichtlicher<br />
oder technischer Sicht sind sie oftmals sehr interessant und prägen die Identität unserer Dörfer<br />
und Städte genauso stark wie Herrschaftsbauten oder Kirchen. Der <strong>Denkmalpflegepreis</strong> würdigt<br />
das Engagement der Beteiligten, den respektvollen Umgang mit dem Baudenkmal und innovative<br />
Lösungen. Im Vordergrund steht die Werterhaltung, nicht die Wertvermehrung. Mit einem<br />
angemessenen Budget soll Wohn- oder Nutzungsqualität erhalten, optimiert oder geschaffen<br />
werden. Anders als der Hauptpreis richtet der Spezialpreis das Augenmerk generell auf die<br />
beispielhafte Restaurierung eines bedeutsamen Baudenkmals oder auf spektakuläre, aufwendige<br />
Einzelmassnahmen. Zur Auswahl steht die ganze Palette möglicher Bautypen, also<br />
Kirchen, Schlösser, Gasthöfe, Bahnhöfe oder Industriebauten ebenso wie Wohnhäuser oder<br />
Villen. Die Fachkommission für Denkmalpflege ist als externe Jury für die Wahl des Spezialpreises<br />
zuständig und bringt eine wichti ge Aussensicht ein. Die beiden Anerkennungspreise<br />
zeigen auf, über welchen kulturellen Reichtum der Kanton Bern vom Jura bis ins Oberland<br />
verfügt und was im Bereich der Kulturpflege geleistet wird – insbesondere von privaten und<br />
öffentlichen Bauherrschaften, Architektinnen und Architekten sowie Bauschaffenden.<br />
Alle Reportagen zum <strong>Denkmalpflegepreis</strong> seit 2010: www.be.ch/denkmalpflege.<br />
Prix des monuments historiques et Prix spécial<br />
Le Service des monuments historiques décerne le Prix des monuments historiques afin de<br />
récompenser des maîtres d’ouvrage qui, avec la participation de ses spécialistes, ont restauré<br />
et aménagé avec soin un monument historique d’usage quotidien. Il entend ainsi attirer<br />
l’attention sur les nombreux bâtiments présentant un intérêt par leurs caractéristiques, leur<br />
architecture, leur histoire ou leurs aspects techniques, ceux-là même qui marquent l’identité<br />
de nos villes et villages autant que les châteaux et les églises. Le Prix des monuments historiques<br />
honore l’engagement des personnes concernées, leur respect du monument historique<br />
et la recherche de solutions novatrices. La préservation de la valeur passe avant son accroissement.<br />
La qualité d’habitat ou d’utilisation doit être maintenue, optimisée ou créée avec un<br />
budget adapté. À la différence du prix principal, le Prix spécial met l’accent sur la restauration<br />
exemplaire d’un monument historique important ou sur des mesures de restauration<br />
spectaculaires ou coûteuses. Tous les types de bâtiments peuvent prétendre à cette distinction<br />
: les églises, les châteaux, les auberges, les gares ou les bâtiments industriels, ainsi que<br />
les maisons d’habitation ou les villas. La commission d’experts et d’expertes pour la protection<br />
du patrimoine est chargée de choisir le lauréat du prix spécial ; elle forme ainsi un jury<br />
externe dont l’avis est important. Ces deux récompenses montrent la richesse du patrimoine<br />
architectural du canton de Berne, du Jura à l'Oberland, et ce qui est réalisé dans le domaine<br />
de la protection du patrimoine – en particulier par des maîtres d’ouvrage privés et publics,<br />
des architectes et des professionnels du bâtiment.<br />
Tous les rapports sur le Prix des monuments historiques depuis 2010 :<br />
www.be.ch/monuments-historiques.<br />
Ausgabe <strong>2023</strong> auf Deutsch lesen: Lire l’édition <strong>2023</strong> en français :<br />
Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons<br />
Bern, Amt für Kultur / Denkmalpflege<br />
Die Denkmalpflege des Kantons Bern bedankt sich herzlich<br />
bei Andrea und Peter Rikli, Lorenz Frauchiger, Pius Flury,<br />
Andreas Fankhauser, GAMelle und Benjamin Blaser.<br />
Direction de l’instruction publique et de la<br />
culture du canton de Berne, Office de la culture<br />
/ Service des monuments historiques<br />
Le Service des monuments historiques remercie Andrea et<br />
Peter Rikli, Lorenz Frauchiger, Pius Flury, Andreas Fankhauser,<br />
GAMelle et Benjamin Blaser.<br />
Seit über 30 Jahren rückt das Schweizer<br />
Magazin Umbauen + Renovieren den<br />
Umbau ins Rampenlicht. Reports aus<br />
den Bereichen Umbau und Sanierung,<br />
Werterhaltung und Renovation sowie<br />
Umnutzung und Ausstattung vermitteln<br />
Leidenschaft für Architektur,<br />
Wohnen und für die baugeschichtliche<br />
Vergangenheit und Zukunft der<br />
Schweiz. Praktisches Wissen über<br />
Ausbau, Haustechnik, Baubiologie und<br />
Gestaltungsfragen vom Grundriss bis<br />
zur Farbe, von der Küche bis zum<br />
Bade zimmer runden die Ausgaben ab,<br />
die jeweils unter einem thema tischen<br />
Fokus stehen. Die Zeitschrift erscheint<br />
sechsmal pro Jahr, Auszüge daraus<br />
sowie ergänzende Beiträge werden im<br />
Onlinemagazin veröffentlicht.<br />
www.metermagazin.com<br />
IMPRESSUM<br />
Herausgeber: Archithema Verlag AG<br />
Güterstrasse 2, 8952 Schlieren<br />
T 044 204 18 18<br />
www.metermagazin.com<br />
Denkmalpflege des Kantons Bern<br />
Schwarztorstrasse 31<br />
Postfach, 3001 Bern<br />
T 031 633 40 30<br />
www.be.ch/denkmalpflege<br />
Verlegerin: Felicitas Storck<br />
felicitas.storck@archithema.ch<br />
Chefredaktion: Britta Limper<br />
britta.limper@archithema.ch<br />
Stv. Chefredaktion: Silvia Steidinger<br />
silvia.steidinger@archithema.ch<br />
Grafik: Archithema Verlag AG<br />
Bildtechnik: Thomas Ulrich<br />
thomas.ulrich@archithema.ch<br />
Druck: AVD Goldach<br />
Sulzstrasse 12, 9403 Goldach<br />
© <strong>2023</strong> Archithema Verlag AG<br />
Jeder Nachdruck, auch auszugsweise,<br />
ist nur mit Erlaubnis des Verlages,<br />
der Redaktion und der Denkmalpflege<br />
des Kantons Bern gestattet.