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durch<br />

blick<br />

Autorenzeitschrift<br />

Seit 1986<br />

Nr. 2/2023<br />

kostenlos<br />

mitnehmen<br />

25 Jahre<br />

H au s Herbstzeitlos<br />

Senioren – Begegnungszentrum<br />

der Stadt Siegen<br />

– eine Erfolgsgeschichte !<br />

ab Seite 16


Inhaltsübersicht<br />

Aus der Redaktion3<br />

Kurz berichtet4<br />

25 Jahre Haus Herbstzeilos16<br />

Graue Haare – Buntes Leben 20<br />

Gesellschaftliche Teilhabe im Alter 24<br />

Endlich im Ruhestand – was nun? 25<br />

Über Siegens 7 Berge 28<br />

Rufus Beck open air im Schlosshof 30<br />

durchblick verlost Freeikarten 32<br />

Dä ahl Proll 33<br />

Christliche Bräuche 34<br />

Der neue Blitzableiter 36<br />

Clemens Strack 38<br />

Schlossberg zu Dillenburg 40<br />

Mundart 42<br />

Die Schleier der Verborgenheit 46<br />

Superstar ohne Allüren 50<br />

Im Wald der Undurchdringlichkeiten 52<br />

Marianne und die Online-Bestellung 54<br />

Papier ist ja so geduldig 55<br />

Das war früher Chic! 56<br />

An Tagen wie diesen 57<br />

Integration 58<br />

Als die Bomben fielen 59<br />

Gedächtnistraining 62<br />

Seidenhemd und Schiebermütze 64<br />

Ein Tag voll Kunst und Kultur 66<br />

Auch Intelligenz wird immer künstlicher 68<br />

DigitalPackt Alter 69<br />

Der Mensch – Wolf oder Schaf ? 70<br />

Wiederkehrende Termine 74<br />

Veranstaltungen im „Haus Herbstzeitlos“ 76<br />

Veranstaltungen in Siegen-Wittgenstein 77<br />

Nach Redaktionsschluss 81<br />

Es fiel uns auf / Lösungen / Zu guter Letzt / Impressum 82<br />

Titelcollage: Nicole Scherzberg<br />

Aus der Redaktion<br />

Jahre Haus Herbstzeitlos ist nicht nur ein Silberjubiläum. Mit Fertigstellung<br />

25dieses Hauses als Seniorenzentrum hat sich die heimische Altenpolitik entscheidend<br />

verändert. Unter Seniorenarbeit verstand man bis dahin meist betreutes Kaffeetrinken<br />

organisiert durch Wohlfahrtsverbände.<br />

Astrid Ellen Schneider, erste Seniorenbeauftragte der Stadt Siegen, hatte einen völlig<br />

anderen Ansatz. Für sie bedeutete Seniorenarbeit 1995 schon gesellschaftliche Teilhabe<br />

und Nutzbarmachung von Erfahrungen und Ressourcen zum Wohle aller. Sie bewies<br />

der Politik und der Verwaltung mit unermüdlicher Ausdauer, dass ältere Menschen<br />

wichtige Beiträge für die Gesellschaft leisten können und auch wollen.<br />

In der Titelgeschichte, ab Seite 16 in dieser Ausgabe, berichtet Frau Schneider auf<br />

unterhaltsame Weise über die Entstehung des Haus Herbstzeitlos. Heute zählt das Begegnungszentrum<br />

mit seinen 24 Initiativen über 8.000 Besucher jährlich. Damit ist<br />

diese Einrichtung eines der Vorzeigeprojekte für gelungene Seniorenarbeit in NRW.<br />

Das Haus Herbstzeitlos hat seit seiner Gründung ungezählte Menschen motiviert etwas<br />

für sich zu tun und auch mit Freude etwas für andere zu tun.<br />

2/2023 durchblick 3


Siegen. Der DRK Kreisverband<br />

Siegen-Wittgenstein<br />

hat die erste Runde<br />

des landesweiten Pilotprojekts:<br />

„Sanitäter Plus<br />

Ausbildung“ für Personen<br />

mit Duldungsstatus erfolgreich<br />

abgeschlossen.<br />

Elf Menschen aus der<br />

Region mit unsicherem<br />

Aufenthaltsstatus haben<br />

seit Mai 2022 zwei<br />

Tage pro Woche eine<br />

Ausbildung in Katastrophenschutz,<br />

Erste Hilfe,<br />

Betreuung und Sprache<br />

gemacht. Die Teilnehmenden<br />

kamen aus Nigeria,<br />

Elfenbeinküste,<br />

Syrien, Tadschikistan und<br />

Guinea und waren zwischen<br />

22 bis 52 Jahre alt. Im Januar<br />

2023 haben sie die anspruchsvollen<br />

Abschlussprüfungen absolviert und<br />

können ab sofort aktiv in der Rotkreuzarbeit<br />

mithelfen. „Wir wollen ein aktiver<br />

Teil der deutschen Gesellschaft sein und<br />

Menschen helfen“, sagt Ayodele Osaimokhai<br />

aus Nigeria. „Ich freue mich<br />

jedes Mal, wenn ich zum Roten Kreuz<br />

kommen kann“. Ausbildungsleiter Boris<br />

Wißmann ist von dem Engagement der<br />

„Sanitäter Plus“ begeistert: „Alle waren<br />

Kurz berichtet<br />

Pilotprojekt Sanitäter Plus<br />

Internationale Einsatzkräfte für den Katastrophenschutz<br />

Absolventen im Januar 2023 mit Abschlusszertifikaten.<br />

super motiviert und mit Herzblut dabei!<br />

Von der Einsatzbereitschaft darf sich<br />

manch einer eine Scheibe abschneiden<br />

– mir sind die Jungs allesamt ans<br />

Herz gewachsen!“ Die „ungebundenen<br />

Einsatzkräfte“ können mögliche Lücken<br />

in den Einsatzeinheiten des Katastrophenschutzes<br />

beim DRK füllen. Schon<br />

beim Siegener Stadtfest im August<br />

2022 und bei der Altkleidersammlung<br />

im Herbst haben alle Teilnehmenden<br />

mit Begeisterung mitgeholfen. „Für<br />

alle Beteiligten ist die<br />

Maßnahme ein Gewinn.<br />

Das DRK gewinnt neue<br />

ehrenamtliche Einsatzkräfte<br />

für den Katastrophenschutz<br />

und die Teilnehmenden<br />

bekommen<br />

die Chance auf eine<br />

sinnvolle Betätigung“,<br />

verrät Ehrenamtskoordinatorin<br />

Susanne El<br />

Hachimi-Schreiber.<br />

Die Duldung ist kein<br />

Aufenthaltstitel und nur<br />

eine vorübergehende<br />

Aussetzung der Abschiebung.<br />

Geduldete Menschen<br />

sind mitunter seit<br />

Jahren in Deutschland<br />

und dürfen kein Arbeitsverhältnis<br />

aufnehmen.<br />

Ihnen stehen oft auch keine Deutschkurse<br />

zu. Mit DRK Sprachcoach Ioana<br />

Muntean haben viele der Teilnehmenden<br />

zum ersten Mal richtig Deutsch gelernt.<br />

Eine neue Maßnahme startete im<br />

März 2023. Sie wird vom Kommunalen<br />

Integrationszentrum (KI) des Kreises<br />

Siegen-Wittgenstein gefördert. Christine<br />

Wilhelms vom KI ist begeistert: „Genauso<br />

eine Maßnahme haben wir uns<br />

schon lange gewünscht. Deshalb fördern<br />

wir auch die zweite Runde.“ db<br />

Vielfalt und Lebendigkeit<br />

Waldland Hohenroth bleibt aktiv<br />

Netphen. Das Waldinformationszentrum<br />

Forsthaus<br />

Hohenroth ist ein<br />

Gemeinschaftsprojekt des<br />

Landesbetriebes Wald und<br />

Holz NRW und des Vereins<br />

Waldland Hohenroth.<br />

Waldland Hohenroth<br />

steht für die Wechselwirkung<br />

zwischen Mensch<br />

und Wald. Moderne Strömungen<br />

um Ökologie und<br />

Forstwirtschaft korrespondieren<br />

mit dem „alten Wissen“*<br />

um Wald und Holz<br />

als ein Refugium für Geist<br />

und Seele sowie als Quelle für Kreativität,<br />

Vielfalt und Lebendigkeit. Diese<br />

Gedanken lenken Wald und Holz NRW<br />

und den Verein Waldland Hohenroth in<br />

der Angebotsentwicklung für Besucher<br />

von Hohenroth. Die Anlage bietet eine<br />

bunte Mischung von Möglichkeiten für<br />

Menschen jeden Alters, die die Begegnung<br />

mit dem Wald suchen.<br />

Hier lassen sich auf<br />

unterschiedlichste Art und<br />

Weise Naturerfahrungen<br />

sammeln.<br />

Es wird Wissen über den<br />

Wald und seine komplexen<br />

Zusammenhänge in Form<br />

von Veranstaltungen und<br />

Ausstellungen vermittelt.<br />

Im Umfeld befinden sich<br />

ein Wildgehege mit Rotund<br />

Mesopotamischem<br />

Damwild, Themenwanderwege<br />

und nicht zu vergessen,<br />

das Café Hohenroth.<br />

Ein Blick in das neue Jahresprogramm<br />

lohnt sich. Es werden wieder viele interessante<br />

Veranstaltungen, Seminare<br />

und Führungen angeboten. db<br />

4 durchblick 2/2023<br />

2/2023 durchblick 5


Kurz berichtet<br />

Zu Besuch beim SkF Siegen e.V.<br />

Siegen. Die SkF (Sozialdienst katholischer<br />

Frauen Deutschland) -Bundesgeschäftsführerin<br />

Renate Jachmann-<br />

Willmer hat den Standort Siegen<br />

besucht und zeigte sich beeindruckt<br />

und zufrieden.<br />

Geschäftsführer Wolfgang Langenohl,<br />

und seine Mitarbeitenden stellten dem<br />

Gast im Rahmen eines Rundgangs die<br />

Einrichtungen und ihre vielfältigen Angebote<br />

vor.<br />

Der SkF Siegen e.V. blickt mittlerweile<br />

auf mehr als 110 Jahre zurück.<br />

Langenohl schilderte die Entwicklung<br />

des SkF Siegen e.V, die sich ganz dem<br />

SkF-Motto „Da sein – leben helfen“ verpflichtet<br />

fühlt.<br />

„Wir müssen auch in der sogenannten<br />

Zeitenwende alles daransetzen, dass<br />

die soziale Balance erhalten bleibt. Der<br />

SkF Siegen e.V. versteht sich in diesem<br />

Sinne selbst als Chancengeber“. db<br />

(v.l.) E. Forderung; J. Biesalski; R. Jachmann-Willmer; M. Becher; W. Langenohl, C. Dornhöfer<br />

Foto: SKF Siegen e.V.<br />

E - Bike Training<br />

Siegen.<br />

Die Zahl<br />

der E-Bikenutzer<br />

steigt stetig<br />

an. Leider<br />

auch die<br />

Zahl der Unfälle. Zwar sagt man „Radfahren<br />

verlernt man nicht“, aber mit einem<br />

E-Bike oder Pedelec ist einiges anders.<br />

Deshalb lohnt sich die Teilnahme an einem<br />

Fahrsicherheitstraining. Durch den<br />

Seniorenbeauftragten der Universitätsstadt<br />

Siegen wird nun wieder ein entsprechender<br />

Kurs für Senioren aus Siegen<br />

angeboten.<br />

Am Dienstag, dem 8. August 2023<br />

von 14 bis 17 Uhr wird ein Referent der<br />

Verkehrswacht Siegerland e.V. verschiedene<br />

praktische Fahrübungen auf einem<br />

Parcours auf dem Parkplatz an der Siegerlandhalle<br />

anbieten. Die Teilnehmer<br />

erfahren weiter, was es gemäß StVO zu<br />

den Themen Ge- und Verbote für Fahrräder,<br />

E-Bikes und Pedelecs zu beachten<br />

gilt und sie erhalten viele wertvolle Tipps<br />

zur persönlichen Sicherheitsausrüstung<br />

auf dem Rad sowie Verhaltensweisen<br />

und Gefahrenquellen im Straßenverkehr.<br />

Anmeldung bis zum 15. Juli 2023.<br />

Rathaus Weidenau 0271 / 404-2434<br />

v.reichmann@siegen.de<br />

db<br />

Überholverbot<br />

Neue Verkehrszeichen<br />

Bonn. 2020 wurden diese beiden Schilder<br />

bereits mit der Novelle StVO eingeführt.<br />

Vereinfacht ausgedrückt bedeutet<br />

das Zeichen, dass einspurige Fahrzeuge<br />

wie Fahrräder, Mofas, Roller oder Motorräder<br />

nicht von mehrspurigen Fahrzeugen<br />

wie Autos, Lkw oder auch Motorrädern<br />

mit Beiwagen überholt werden<br />

dürfen. Auch mehrspurige Fahrzeuge<br />

dürfen nicht überholt werden.<br />

Die Schilder werden an besonders<br />

engen Verkehrswegen aufgestellt. Damit<br />

sollen Fahrer von Zweirädern vor<br />

Gefahren beim Überholen besser geschützt<br />

werden.<br />

Wer trotz des Verbots überholt, riskiert<br />

70 Euro Bußgeld und einen Eintrag<br />

im Fahreignungsregister in Flensburg<br />

mit einem Punkt.<br />

db<br />

Diese Schilder sind wenig bekannt<br />

Kurz berichtet<br />

Maskenpflicht<br />

Der Verbandkasten im Auto muss zwei Masken enthalten<br />

Bonn. Die Pflicht zum<br />

Mitführen eines Kraftfahrzeug-Verbandkasten<br />

und<br />

die Vorschriften zu dessen<br />

Inhalt sind in der Richtlinie<br />

DIN 13164 und dem Paragraf<br />

35 der Straßenverkehrsordnung<br />

(§35, StVO)<br />

geregelt. Beide wurden bereits<br />

Anfang 2022 mit einer<br />

Übergangsfrist von einem<br />

Jahr geändert.<br />

Ab Februar 2023 gehören<br />

deshalb zwei medizinische Gesichts-<br />

Masken in den Verbandkasten. Der<br />

Gesetzgeber spricht ausdrücklich von<br />

„medizinischen Masken“, nicht von FFP2-<br />

Masken. Experten raten jedoch dazu,<br />

auf die deutlich sichereren Exemplare<br />

mit FFP2-Schutz zurückzugreifen. Beim<br />

Neukauf eines Verbandkastens sollte<br />

deshalb immer auf die aktualisierte „DIN<br />

13164 Februar 2022“ geachtet werden.<br />

Verbandkästen mit den bislang gültigen<br />

Ausgaben der DIN 13164 aus<br />

Januar 1998 und Januar 2014 dürfen<br />

weiterverwendet werden. Sie müssen<br />

nicht ausgetauscht werden. Jedoch<br />

lohnt es sich im Zusammenhang mit<br />

der neuen Vorschrift, den Verbandkasten<br />

einmal zu inspizieren. Einige Artikel<br />

darin sind nämlich mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum<br />

versehen. Ist das<br />

überschritten, müssen die abgelaufenen<br />

Artikel getauscht werden. Der<br />

Inhalt des Verbandkastens entspricht<br />

dann nicht mehr den Mindestanforderungen<br />

der DIN-Norm und an man riskiert<br />

mit abgelaufenem Verbandsmaterial<br />

zehn Euro Bußgeld.<br />

Bei der Hauptuntersuchung wird ebenfalls<br />

das MHD des Verbandkasten überprüft.<br />

<br />

db<br />

Reisen mit Herz<br />

Erholsame Herbstwoche auf der Insel Norderney<br />

Siegen. Erholung, Sonne, Strand und<br />

Meer bieten die Reisen des AWO Kreisverbandes<br />

Siegen-Wittgenstein/Olpe.<br />

Reiselustige Senioren können vom<br />

11.10 – 18.10.2023 auf der Insel Norderney<br />

im „Hus up Dün“ Inselflair und<br />

abwechslungsreiche, erholsame Urlaubstage<br />

erleben. Es sind noch wenige<br />

Plätze frei.<br />

Das modern ausgestattete und zentral<br />

gelegene „Hus up Dün“ bietet gemütliche<br />

Zimmer, die per Lift erreichbar<br />

sind. Das Haus mit seiner stilvollen und<br />

maritimen Einrichtung liegt direkt an<br />

den Dünen des Weststrandes und überzeugt<br />

mit seiner zentralen Lage.<br />

In wenigen Minuten ist man im Kurmittelhaus,<br />

Badehaus, Kurpark oder<br />

am feinen Sandstrand.<br />

Die Fahrt wird von einer ehrenamtlichen<br />

Reisebegleiterin betreut, damit<br />

sich die Teilnehmer von Beginn an sicher<br />

und gut umsorgt fühlen können.<br />

Weitere Informationen sind erhältlich<br />

unter 0271/ 3386 - 167 oder<br />

reisen@awo-siegen.de.<br />

db<br />

Bild: Wikipedia<br />

6 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 7


Kurz berichtet<br />

Kurz berichtet<br />

Neue Dienstleistungen<br />

Apotheken erweitern Angebote<br />

Siegen. Von der Abgabe von Medikamenten<br />

über Schutzimpfungen bis hin<br />

zur Beratung bei verschiedensten Beschwerden<br />

– die Apotheken vor Ort sind<br />

oftmals die erste Anlaufstelle in Gesundheitsfragen.<br />

Jetzt haben Patientinnen<br />

und Patienten Anspruch auf fünf weitere<br />

Dienstleistungen aus ihrer Apotheke.<br />

Die Kosten für diese einzelnen Leistungen<br />

übernimmt die Krankenkasse.<br />

Beratung bei Mehrfach-Medikation<br />

Wer fünf oder mehr Medikamente<br />

gleichzeitig einnimmt, kann sich von<br />

nun an in der Apotheke beraten und vor<br />

allem auch die gesamte Kombination<br />

der Arzneimittel prüfen lassen. Es wird<br />

geschaut, ob die verschriebenen Medikamente<br />

bestmöglich zueinander passen,<br />

damit es nicht zu unerwünschten<br />

Neben- oder Wechselwirkungen kommt.<br />

Anwendungsberatung Inhalatoren<br />

Das Angebot richtet sich an Patientinnen<br />

und Patienten ab einem Alter von<br />

sechs Jahren, die aufgrund einer Atemwegserkrankung<br />

ihre Medikamente<br />

mittels Inhalator<br />

einnehmen müssen. Das ist<br />

nämlich nicht so einfach, wie<br />

es den Anschein haben mag.<br />

Pharmazeutische<br />

Betreuung<br />

Speziell ausgebildete<br />

Apothekerinnen und Apotheker<br />

begleiten im Rahmen<br />

der neuen Dienstleistungen<br />

künftig Personen, die ein<br />

Spenderorgan bekommen<br />

haben.<br />

Auch Krebserkrankte, die<br />

im Rahmen ihrer Therapie orale Anti-<br />

Tumormittel erhalten, haben ab sofort<br />

Anspruch auf eine pharmazeutische<br />

Betreuung durch die Apotheke.<br />

Risikoerfassung bei<br />

Bluthochdruck-Patienten<br />

Fast jede bzw. jeder dritte Erwachsene<br />

hierzulande leidet unter Bluthochruck.<br />

Alle Patientinnen und Patienten,<br />

die deswegen mindestens einen Blutdrucksenker<br />

einnehmen, können ab<br />

sofort ihren Blutdruck durch die Apotheke<br />

überwachen lassen.<br />

Patientinnen und Patienten, die eine<br />

oder mehrere dieser Leistungen in Anspruch<br />

nehmen wollen, können sich an<br />

ihre Apotheke wenden.<br />

Da für die Dienstleistungen zum<br />

Teil spezielle Fort- und Weiterbildungen<br />

erforderlich sind, können derzeit<br />

noch nicht alle Apotheken alle neuen<br />

Dienstleistungen anbieten. Bei Interesse<br />

empfiehlt es sich, einfach in der<br />

Apotheke vor Ort direkt einmal nachzufragen.<br />

db<br />

Fit mit Musik<br />

Foto Pixabay<br />

Berlin. Mit der neu aufgelegten Förderung<br />

„Länger fit durch Musik“ verbessern<br />

das Bundesseniorenministerium<br />

und der Bundesmusikverband Chor &<br />

Orchester (BMCO) die Lebensqualität<br />

von Menschen mit Demenz und fördern<br />

ihre gesellschaftliche Teilhabe. Es richtet<br />

sich an Musikensembles, die bereits<br />

mit von Demenz betroffenen Personen<br />

arbeiten oder in diesen Bereich einsteigen<br />

möchten. Das Projekt hat eine<br />

Laufzeit von vier Jahren, wird wissenschaftlich<br />

begleitet und soll 2026 mit<br />

einem Fachkongress abschließen.<br />

Von Sommer 2023 an können sich<br />

Ensembles um eine Förderung von musikalischen<br />

Projekten bewerben und<br />

erhalten Weiterbildungsangebote zu<br />

demenzsensiblem Musizieren. Ziel der<br />

Strategie ist es, mit mehr als 160 Einzelmaßnahmen<br />

bis 2026 die Lebenssituation<br />

von Menschen mit Demenz und<br />

ihren An- und Zugehörigen in Deutschland<br />

in allen Lebensbereichen zu verbessern.<br />

Der Bundesmusikverband<br />

Chor & Orchester, der Dachverband der<br />

Amateurmusik in Deutschland, ist seit<br />

2022 Akteur der Nationalen Demenzstrategie.<br />

<br />

db<br />

Weitere Informationen unter:<br />

www.bundesmusikverband.de/demusik<br />

Rückblick auf die Südwestfalenbörse<br />

Siegen. Am 1. April 2023, fand die Südwestfalenbörse<br />

in der Siegerlandhalle<br />

statt. Geschätzt mehr als 1.000 Besucher<br />

stömten in den Leonhard-Gläser-Saal,<br />

der zum überregionalen Sammlermekka<br />

wurde. Organisiert wurde die Großveranstaltung<br />

von der Arbeitsgemeinschaft<br />

der fünf südwestfälischen Briefmarkensammlervereine<br />

Siegen, Olpe, Netphen,<br />

Bergneustadt und Wittgenstein. Die Besucher<br />

erwartete ein vielseitiges Angebot<br />

an Briefmarken, Münzen, Medaillen,<br />

Banknoten, Ansichtskarten, Orden und<br />

Ehrenzeichen.<br />

Besondere Bedeutung gewann dier<br />

Tag durch den Informationsstand der<br />

Verbandsprüfer des Verbands Philatelistischer<br />

Prüfer e.V. zum Thema „Echt!<br />

Oder falsch?“. Die Expertise und auch<br />

Bewertung von Sammlerstücken war<br />

kostenlos, ebenso die kompetente<br />

Beratung zur Veräußerung von Briefmarken,<br />

Münzen oder Orden durch die<br />

Verbandsprüfer, darunter auch der Siegener<br />

Thilo Nagler.<br />

Die Deutsche Post AG hatte ein<br />

„Event-Team“ nach Siegen entsandt.<br />

Dieses führte an diesem Tag einen<br />

Neunkirchen. Den Großteil des Tages<br />

verbringen wir in unserer eigenen Wohnung<br />

oder unserem Haus. Dort so lange<br />

wie möglich zu leben, sicher und mit<br />

einer hohen Lebensqualität, das wünschen<br />

sich die meisten Menschen.<br />

Um dies zu ermöglichen, gibt es viele<br />

hilfreiche Produkte, die nicht seniorenspezifische,<br />

sondern durchdachte Komfort-<br />

und Qualitätsprodukte für jede<br />

Generation darstellen.<br />

Hierzu lädt die Dauerausstellung der<br />

Deutschen Gesellschaft für Gerontotechnik<br />

in Iserlohn ein. Schwerpunkte<br />

der Ausstellung sind die Vermittlung<br />

von Konzepten und Lösungen in den Bereichen<br />

Küche, Bad, Mobilität, Wohnen,<br />

Heim und Freizeit, Telekommunikation,<br />

Sicherheit sowie Hilfsmittel im Sinne der<br />

Kranken- und Pflegeversicherung.<br />

Allein im Badbereich sind 12 Musterbäder<br />

als komplette Badlösungen zu<br />

sehen. Die komplette Ausstellung rund<br />

ums barrierefreie und sichere Wohnen<br />

erstreckt sich über 1.200 Quadratmeter.<br />

Sonderstempel mit dem Motiv von Carl<br />

Kraemer aus Anlass seines 150-jährigen<br />

Geburtstags des Hilchenbachers.<br />

Kreamer setzte sich über drei Jahrzehnte<br />

in Berlin für den Tierschutz<br />

ein und gilt als „Vater des deutschen<br />

Tierschutzgesetzes“. Deshalb stand die<br />

Südwestfalenbörse unter dem Motto<br />

„Tierschutz“.<br />

Das Tierheim Siegen, die Taubenhilfe<br />

Siegen und der Tierschutzverein<br />

Hilchenbach, zu dessen früheren<br />

Vorsitzenden auch Carl Kraemer gehört,<br />

haben mit einem Infostand ihre<br />

Arbeit vorgestellt. Außerdem bot der<br />

Geschichtsverein Hilchenbach Literatur<br />

zum Leben von Carl Kraemer und weitere<br />

Heimatbücher zum Kauf an.<br />

Die Briefmarkenfreunde Netphen<br />

hatten passend zum Sonderstempel<br />

ein Belegprogramm entworfen. Abbildungen<br />

und Informationen zu den Bestellmodalitäten<br />

sind weiterhin unter<br />

www.suedwestfalenboerse.de/belegeprogramm<br />

zu finden.<br />

2024 soll die Südwestfalenbörse erneut<br />

stattfinden und sich thematisch<br />

ganz dem Stadtjubiläum „800 Jahre<br />

Siegen“ widmen.<br />

db<br />

Forum für Generationen<br />

Fahrt zur Dauerausstellung der GGT nach Iserlohn<br />

Qualität und Komfort stehen im Mittelpunkt.<br />

Die Ausstellung hat keinen Museumscharakter,<br />

d.h. ausprobieren ist<br />

durchaus erlaubt und sogar erwünscht.<br />

Am Donnerstag, dem 13. Juli 2023<br />

von 9.00- bis ca. 15.30 Uhr bietet die<br />

Senioren-Service-Stelle Neunkirchen<br />

eine Fahrt zu dieser Ausstellung an. Ein<br />

fachkundiger Berater führt die Teilnehmergruppe<br />

durch die Ausstellung. Im<br />

Anschluss an den Ausstellungsbesuch<br />

wartet ein kleiner Imbiss auf die Teilnehmenden.<br />

Der Kostenbeitrag für die Veranstaltung<br />

incl. Austellungsbesichtigung und<br />

Imbiss beträgt 15,00 Euro pro Person<br />

und ist vor Antritt der Fahrt zu entrichten.<br />

Die Fahrt wird ermöglich durch die<br />

Lokale Allianz für Demenz und gefördert<br />

vom Bundesministerium für Familie,<br />

Senioren, Frauen und Jugend. db<br />

Infos und Anmeldungen bei der Senioren-Service-Stelle<br />

Neunkirchen, Bettina<br />

Großhaus-Lutz, 02735/767-200,<br />

b.grosshaus-lutz@neunkirchen-siegerland.de.<br />

8 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 9


Kurz berichtet<br />

Kurz berichtet<br />

Tatort Geldautomat<br />

Siegen-Wittgenstein Geld am<br />

Geldautomaten abzuheben ist ein<br />

simpler und trotzdem sensibler<br />

Vorgang. Kriminelle nutzen hier einen<br />

sehr einfachen, aber leider oft<br />

erfolgreichen Trick um an PINs der<br />

Bankkunden zu gelangen.<br />

Die Täter schauen dem Opfer<br />

über die Schulter – das sogenannte<br />

„shoulder surfing“ und kommen<br />

ihm sehr nahe. Sie erspähen dabei<br />

die PIN während sie eingegeben<br />

wird. Durch Ablenkung wird<br />

dann die Karte gestohlen, die<br />

dann durch eine gefälschte ausgetauscht<br />

wird, damit der Diebstahl<br />

nicht sofort bemerkt wird. Oder es<br />

wird behauptet, dass die Karten<br />

durch den Automaten eingezogen<br />

wurde. Mit der gestohlenen Karte<br />

und der ausspionierten PIN kann<br />

dann das Konto geplündert werden.<br />

Tipps zur Vorbeugung:<br />

Darauf achten, am Bankautomaten<br />

möglichst nicht beobachtet zu werden<br />

und das Eingabefeld mit der Hand o.ä.<br />

abdecken.<br />

Die Kreditkarte nicht aus den Augen<br />

lassen.<br />

Einen Sicherheitsabstand wahren<br />

und gegebenenfalls darauf bestehen<br />

das er eingehalten wird.<br />

Vorsicht bei Personen, die (angeblich)<br />

Hilfe suchen oder anbieten. Auch<br />

sie dürfen nicht zu nahe kommen und<br />

müssen warten bis der eigene Vorgang<br />

abgeschlossen ist.<br />

Nicht ablenken lassen.<br />

Geldautomaten meiden, die<br />

verdächtig erscheinen, evtl. durch<br />

Klebstoffreste.<br />

Verdächtiges sofort dem Bankpersonal<br />

melden.<br />

40 Jahre BUND<br />

im Kreis Siegen-Wittgenstein<br />

Hilchenbach. Rückblicke sind oftmals<br />

mit Wehmut verbunden. Für den Bund<br />

für Umwelt und Naturschutz war eine<br />

solche Rückschau jedoch Anlaß, stolz zu<br />

sein auf 40 Jahre „Fels in der Brandung“,<br />

Vordenker und Wegbereiter sowohl für<br />

Erneuerungen als auch für das Bewahren<br />

des Erhaltenswerten. „Vielleicht immer<br />

auch ein Körnchen Sand im Getriebe",<br />

wie Martin Zapletal und Bärbel Gelling,<br />

das Vorstandsgespann im heimischen<br />

BUND, in Ihrer Dankesrede feststellten.<br />

Im Rahmen einer kleinen Feier im<br />

Haus des Alpenvereins in Siegen, würdigte<br />

der Umweltverband die Gründer<br />

und ersten Mitglieder der BUND-Kreisgruppe<br />

Siegen-Wittgenstein.<br />

Friedrich Henstorf, als Initiator der<br />

Idee auch in unserem Raum den Belangen<br />

der Natur eine Stimme zu geben,<br />

trommelte damals einige Getreue<br />

zusammen, die bereits Mitglieder des<br />

BUND-Landesverbandes waren. Er warb<br />

für die Gründung einer BUND-Niederlassung<br />

vor Ort.<br />

Damals wie<br />

heute ging es<br />

dem BUND um<br />

Biotopschutz,<br />

Flächenverbrauch,<br />

naturnahen<br />

Landbau,<br />

Verkehr, Energieund<br />

Abfallthemen.<br />

Folgerichtig<br />

waren auch<br />

die Aktionen der<br />

ersten Jahre, wie<br />

die großen Ausstellungen<br />

„Mehr<br />

Natur in Dorf und<br />

Immer neue Betrugsmaschen<br />

Wenn man Opfer eines Betruges am<br />

Bankautomaten geworden ist, muss<br />

die Karte schnellstmöglich unter<br />

dem Sperrnotruf 116 116 gesperrt<br />

werden. Durch diese sogenannte<br />

Kuno-Sperrung werden auch Abhebungen<br />

durch Lastschriften gesperrt.<br />

Gleichzeitig muss bei der Polizei Anzeige<br />

erstattet werden.<br />

Grundsätzlich gilt:<br />

Es kann helfen, einen eventuellen<br />

Schaden bei Karten- oder Datendiebstahl<br />

gering zu halten, wenn man die<br />

Höchstgrenze der täglich möglichen<br />

Abhebungen auf einen niedrigen Betrag<br />

heruntersetzt. <br />

ssb<br />

Stadt“, „Alptraum Auto“ oder „Grün kaputt“<br />

Informationskampagnen, die sich<br />

auch heute noch nicht erledigt haben.<br />

Die erste Bewährungsprobe bestand der<br />

BUND in den 80er Jahren im Ringen um<br />

die vorgesehene Bebauung der Grünfläche<br />

des Bertramsplatzes. Daß er heute<br />

den Menschen der Stadt als Spiel-und<br />

Erholungsfläche dient, ist auch ein Verdienst<br />

der Umweltschützer.<br />

In den lebhaften Diskussionen an<br />

den geschmückten Tischen, an denen<br />

sich nun die langjährigen Weggefährten<br />

austauschten, wurde von erfolgreichen<br />

Einsätzen berichtet und davon, wie die<br />

Kreisgruppe durch Aufklärungsarbeit<br />

von Jahr zu Jahr einen größeren Bekanntheitsgrad,<br />

steigende Mitgliederzahlen<br />

und den Stellenwert einer ernstzunehmenden<br />

Institution erreichte.<br />

Heute zählt der Verband ca. 350 Mitglieder.<br />

Viele der jetzt Geehrten sind immer<br />

noch aktiv bei Fachvorträgen und<br />

Exkursionen und leiten federführend<br />

praktische Einsätze in Feld und Flur an.<br />

„Ja zum Leben, Mut zum Handeln“. Dies<br />

war das Anfangsmotto des BUND. Im<br />

Rückblick auf 40 Jahre BUND war auch<br />

die Presse ein wichtiger Baustein für die<br />

Aktivitäten. „Tue Gutes und rede darüber,<br />

aber auch sagen was ist“, ist die<br />

Leitschnur, die die BUND-Kreisgruppe bis<br />

heute anspornt und beflügelt. db<br />

Hier braucht man Köpfchen!<br />

Ganzheitliches Gedächtnistraining ein Dauerbrenner<br />

Kursleiterin Renate Rokitta und<br />

Seniorenberaterin Bettina Großhaus-Lutz.<br />

Neunkirchen. „Was, bitteschön, ist<br />

Edelmetallniederschlag? Oder ein Zerkleinerungsgerät<br />

in der Brüllöffnung<br />

eines Raubtiers?“ Mit diesem Blumenrätsel<br />

überraschte Renate Rokitta jetzt<br />

die Teilnehmenden des ganzheitlichen<br />

Gedächtnistrainings in Neunkirchen.<br />

Um-die-Ecke-Denken nennt sich das.<br />

Schon seit fünfzehn Jahren bietet die<br />

zertifizierte Gedächtnistrainerin ihren<br />

Kurs in Kooperation mit den Senioren-<br />

Service-Stellen in den Kommunen des<br />

südlichen Siegerlands an. Jeweils im<br />

Frühjahr und Herbst kommen zahlreiche<br />

Interessierte, um sich mit Rokittas<br />

Tipps, Übungen und Anleitungen weiterhin<br />

geistig fit zu halten.<br />

Ein Vexierbildchen gilt es zu entschlüsseln,<br />

eine Zeichnung, die zwei<br />

Motive zugleich zeigt. Außerdem hat Renate<br />

Rokitta ein paar Rechenaufgaben<br />

und ein Suchsel vorbereitet, ein Buchstabenrätsel,<br />

in dem<br />

die Teilnehmenden zehn<br />

Frühlingsblumen finden<br />

können – allerdings beim<br />

Rückwärtslesen.<br />

Der geistigen Tätigkeit<br />

geht ein theoretischer<br />

Teil voran: Die Gedächtnistrainerin<br />

erklärt, wie<br />

die grauen Zellen arbeiten,<br />

wie sich die beiden<br />

Gehirnhälften unterscheiden<br />

oder wie Denken<br />

und Tastsinn zusammenhängen.<br />

Überhaupt<br />

sind die Möglichkeiten,<br />

das Gehirn „auf Trab“ zu<br />

halten, umfassender als<br />

man vielleicht annimmt.<br />

„Wir trainieren das ganze Spektrum von<br />

der Konzentration und Wahrnehmung<br />

über assoziatives und logisches Denken<br />

bis hin zu Merkfähigkeit, Kreativität und<br />

Denkflexibilität“, so Rokitta. Das alles –<br />

und das ist der Neunkirchenerin wichtig<br />

– mit viel Humor und Leichtigkeit. Die<br />

Übungen für daheim sind somit keine<br />

Haus- sondern „Lustaufgaben“.<br />

Die gesellige Atmosphäre ist einer<br />

der Gründe, warum unter den Teilnehmenden<br />

viele Wiederholungstäter sind.<br />

Ein anderer Grund ist die Herzlichkeit<br />

der Kursleiterin, die sich 2006 beim<br />

Bundesverband Gedächtnistraining e.V.<br />

ausbilden ließ und ihr Wissen mit viel<br />

Begeisterung vermittelt.<br />

Eineinhalb Stunden dauert jede der<br />

sechs Kurseinheiten. Zum Abschlusstermin<br />

gibt’s ein gemeinsames Mittagessen.<br />

Der nächste Kurs wird im Herbst<br />

2023 stattfinden. db<br />

Viele Menschen sind „offline“<br />

Wiesbaden. Laut einer Pressemitteilung<br />

des Statistischen Bundesamtes<br />

vom 11. April 2023 nutzen knapp 3,4<br />

Millionen Menschen in Deutschland<br />

kein Internet.<br />

Ob digitales Deutschlandticket, Terminbuchungen<br />

oder Überweisungen<br />

– viele Dienstleistungen werden (fast)<br />

nur noch online angeboten.<br />

Für Menschen ohne Internet wird der<br />

Alltag daher zunehmend schwerer zu<br />

bewältigen. Knapp 6% der Menschen<br />

im Alter zwischen 16 und 74 Jahren<br />

waren im Jahr 2022 in Deutschland sogenannte<br />

Offliner – sie haben noch nie<br />

das Internet genutzt.<br />

Am größten war der Anteil derer, die<br />

das Internet noch nie genutzt haben, in<br />

der Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen:<br />

Hier war gut ein Sechstel (17%)<br />

offline. In der Altersgruppe der 45- bis<br />

64-Jährigen hatten 5% das Internet<br />

noch nie genutzt. Bei den unter 45-Jährigen<br />

gab es noch 2% Offliner.<br />

Im EU-Durchschnitt lag der Anteil der<br />

Offliner im Jahr 2022 bei 7%. db<br />

10 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 11


Pflegedienstleiter Thorsten Weil und<br />

Betreuungskraft Birgit Weiss.<br />

Kurz berichtet<br />

Neue Leitung der DRK Tagespflege<br />

Siegen. „Ich freue mich auf meinen<br />

neuen Aufgabenbereich und darauf,<br />

sowohl alte Projekte fortzuführen als<br />

auch neue Aspekte und Ideen in die<br />

Tagespflege einzubringen“, erklärt der<br />

neue Pflegedienstleiter der DRK-Tagespflege<br />

im „Haus am alten Bahnhof“ in<br />

Netphen-Dreis-Tiefenbach, Thorsten<br />

Weil. Der gebürtige Siegerländer löste<br />

zum Jahreswechsel seine Vorgängerin<br />

Esther Lock in der Leitung ab.<br />

Als gelernter Altenpfleger und Praxis<br />

anleiter mit langjähriger Erfahrung<br />

als stellvertretender Pflegedienstleiter<br />

freut sich der 35-Jährige nun auf seine<br />

neue Tätigkeit in der Tagespflege. „Bei<br />

uns können Seniorinnen und Senioren<br />

ihren Alltag gemeinsam in der Gruppe<br />

so gestalten, wie es zu ihnen passt: sicher,<br />

zwanglos und verlässlich – aber<br />

gern auch interessant und heiter“, so<br />

Thorsten Weil.<br />

Kontakt für Beratung und Information:<br />

0271-303 961 18 oder per<br />

Mail unter tagespflege.netphen@drksiegen-wittgenstein.de<br />

db<br />

Aus den Seniorenbeiräten<br />

Müllsammelaktion<br />

Siegener Seniorenbeiratsmitglieder machten mit<br />

Reformen in der Pflege nötig<br />

Bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf<br />

Bonn. Zum Tag der älteren Generation<br />

am 5. April 2023 rief die BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft<br />

der Seniorenorganisationen<br />

die Bundesregierung dazu<br />

auf, die im Koalitionsvertrag vereinbarten<br />

Reformen in der Pflege umzusetzen.<br />

Die bessere Vereinbarkeit von Pflege<br />

und Beruf müsse noch in dieser<br />

Legislaturperiode angegangen werden.<br />

Mehr als vier Millionen Menschen würden<br />

zu Hause gepflegt. Die Mehrzahl<br />

dieser pflegenden Angehörigen sei im<br />

Erwerbsalter. Die BAGSO fordert, dass<br />

sie einen Anspruch auf Pflegezeit und<br />

Pflegegeld erhalten, analog zu Elternzeit<br />

und Elterngeld.<br />

„Es sei nicht nur im Interesse der pflegenden<br />

Angehörigen, sondern in Zeiten<br />

des Fachkräftemangels auch im Interesse<br />

der Arbeitgeber, hier Möglichkeiten<br />

der Vereinbarkeit zu schaffen.“<br />

Die BAGSO kritisiert, dass der aktuelle<br />

Gesetzentwurf zur Unterstützung<br />

und Entlastung in der Pflege keine Einführung<br />

einer Lohnersatzleistung bei<br />

pflegebedingten Auszeiten vorsieht,<br />

obwohl dies im Koalitionsvertrag vereinbart<br />

wurde. Bereits im August 2022<br />

hat der Unabhängige Beirat für die<br />

Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ein<br />

Konzept vorgelegt, wie Pflegezeit und<br />

Pflegegeld konkret ausgestaltet werden<br />

können.<br />

Der Beirat schlägt vor, dass pflegende<br />

Angehörige ihre Arbeitszeit für<br />

Pflegeaufgaben bis zu 36 Monate reduzieren<br />

können. In dieser Zeit sollen sie<br />

Anspruch auf eine einkommensabhängige<br />

Lohnersatzleistung haben., das<br />

sogenannte Familienpflegegeld. db<br />

Beiratsmitglieder für saubere Umwelt.<br />

Foto: Seniorenbeirat Siegen<br />

Siegen. Überall in der Natur liegt achtlos<br />

weggeworfener Müll, vor allem Plastik,<br />

das dort absolut nicht hingehört.<br />

Daraus resultierend versammeln sich<br />

weltweit immer häufiger Menschen zu<br />

Müllsammelaktionen.<br />

Da es für derartige Aktivitäten keinerlei<br />

Vorbereitungen oder Organisation<br />

bedarf, trafen sich an einem trockenen<br />

Tag im Februar fünf Mitglieder des<br />

Siegener Seniorenbeirats um Müll aufzusammeln.<br />

Mit Handschuhen, Müllgreifer<br />

und Müllsäcken starteten sie<br />

auf dem öffentlichen Parkplatzgelände<br />

unter der HTS in Geisweid, Weidenauer<br />

Straße. Nach zwei Stunden und inzwischen<br />

an der Parkplatzschranke für<br />

Mitarbeiter des Geisweider Rathauses<br />

angekommen waren 15 Säcke mit allerlei<br />

Unrat zusammengetragen.<br />

Aufgefallen war dabei auch, dass die<br />

vorhandenen Info-Schaukästen am<br />

Rathaus leer und verschmiert waren,<br />

was zusätzlich zu dem ohnehin tristen<br />

Erscheinungsbild beiträgt.<br />

Insgesamt war die Aktion erfolgreich.<br />

Ärgerlich aber war, dass wieder einmal<br />

so viel achtlos entsorgter, zum Teil<br />

stark gesundheitschädlicher Müll bzw.<br />

Abfall aufgelesen wurde. <br />

db<br />

Vorsitzender neu gewählt<br />

Freudenberg. Bruno Stock wurde im<br />

Februar zum neuen Vorsitzenden des<br />

Seniorenbeirates der Stadt Freudenberg<br />

gewählt. Dieses Gremium will die<br />

Interessen der Seniorinnen und Senioren<br />

der Fachwerkstadt öffentlich zur<br />

Sprache zur bringen, Ideen zur Verbesserung<br />

der Lebensverhältnisse entwickeln,<br />

als Ansprechpartner für ältere<br />

Menschen zur Verfügung zu stehen und<br />

die Belange der älteren Menschen, im<br />

Rahmen seiner Möglichkeiten, in die jeweils<br />

zuständigen städtischen Gremien<br />

und Institutionen leiten. Bruno Stock<br />

will bürgernah sein und sich persönlich<br />

für die Belange seiner älteren Mitbürger<br />

einsetzen. Erreichbar ist er unter:<br />

02734/1629, bruno.stock@web.de•<br />

12 durchblick 2/2023<br />

2/2023 durchblick 13


Aus den Seniorenbeiräten<br />

Beiratsmitglieder kochten fürs „Café Patchwork“<br />

„Die Küchenbrigade“: Dr Bernd Knapp,<br />

Karin Piorkowski und, nicht im Bild,<br />

Regina Maxeiner.<br />

Siegen. Mitglieder des Siegener Seniorenbeirates<br />

haben am 24. April<br />

ein Mittagessen für ca. 40 Gäste des<br />

„Cafe Patchwork“ gesponsert. Vorbereitet<br />

wurde die Mahlzeit bestehend<br />

aus Hauptgericht, Salat und Nachtisch,<br />

am Besuchstag in der gut ausgestatteten<br />

Küche des Heimatvereins<br />

Niederschelden.<br />

Die erfahrene Köchin Karin Piorkowski,<br />

hatte ungarischen Gulasch mit<br />

Nudeln und Vanillepudding geplant:<br />

„Alles aus frischen Zutaten, keine Convenience-Produkte,<br />

nichts aus Dosen<br />

oder Tüten!"Dieses zu erwähnen war<br />

Karin sehr wichtig.<br />

Bereits am frühen Vormittag ließ Karin<br />

Piorkowski in einer riesigen Pfanne<br />

schmackhaften Gulasch brutzeln, zu<br />

dem später Nudeln gereicht werden<br />

sollten. Dr. Bernd Knapp putzte derweil<br />

knackig frische Salate,die er unmittelbar<br />

zuvor in einem Eiserfelder Gemüseladen<br />

erworben hatte. Und Regina<br />

Maxeiner, die in Vertretung ihres Mannes<br />

Armin (Vorsitzender des Seniorenbeirats)<br />

einsprang, kümmerte sich um<br />

den Nachtisch. Ganz traditionell bereitete<br />

sie, im wahrsten Sinne des Wortes,<br />

„Omas“ Vanillepudding mit frischer<br />

Schokoladensoße zu.<br />

Die Küchenaktion machte den dreien<br />

riesigen Spaß. Die Stimmung war ausgelassen<br />

und fröhlich, und das Probe<br />

essen war einfach nur ... lecker.<br />

Ohne Stress und bei bester Laune<br />

wurden die Gäste im Cafe Patchwork<br />

von dem Team pünktlich bewirtet.<br />

Die Resonanz bei den Besucherinnen<br />

und Besucher war zunächst zurückhaltend,<br />

wendete sich aber sehr schnell<br />

in Begeisterung. Für die drei Küchenwerker<br />

war das ein schöner „Lohn für<br />

eine gute Tat“.<br />

Wiederholungen, da sind sich die<br />

Beiratsmitglieder einig, sollen schon im<br />

Laufe des Jahres erfolgen. Feste Termine<br />

werden in Kürze eingeplant. db<br />

14 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 15


25 Jahre Haus Herbstzeitlos<br />

Senioren - Begegnungszentrum – eine riesige Erfolgsgeschichte<br />

Das Haus Herbstzeitlos heute.<br />

Als 1945 Nazi-Terror und Zweiter Weltkrieg zu<br />

Ende waren, lebten in Deutschland 75 Millionen<br />

Menschen, davon mehr als 40 Millionen nicht an<br />

dem Ort, an dem sie sein wollten. Mehr als die Hälfte der<br />

Menschen waren ausgebombt, auf der Flucht, Zwangsarbeiterinnen<br />

und Zwangsarbeiter, zurückgekehrte Soldaten<br />

und Kriegsgefangene, durch die Kriegswirren Versprengte.<br />

Fast die Hälfte aller Häuser und Wohnungen waren<br />

zerstört. Das las ich vor einigen Wochen in einem neuen<br />

Buch*. Diese Zahlen beschäftigten mich lange.<br />

Warum erzähle ich davon, wo wir doch ein Jubiläum<br />

feiern wollen? Weil wir ohne diejenigen, die in dieser Zeit<br />

Kinder oder Heranwachsende waren, heute kein Jubiläum<br />

dieser Art begehen könnten. Sie nämlich waren es, die in<br />

ungezählten Stunden am Umbau und am Erhalt des Hauses<br />

Herbstzeitlos beteiligt waren und sind. Sie kannten Aufbau<br />

und – unentgeltlichen – Einsatz für das Gemeinwesen von<br />

Kindesbeinen an. Ohne diese Unterstützung wäre die Idee<br />

eines selbstverwalteten Zentrums für ältere Menschen im<br />

Sande verlaufen.<br />

Dass das keine Floskel ist, sei am Beispiel der Finanzierung<br />

des Umbaus erläutert. Im November 1995 führte<br />

ich ein erstes Telefongespräch mit einem Mitarbeiter des<br />

nordrhein-westfälischen Ministeriums für Gesundheit und<br />

Soziales. Dem folgten die Antragstellung auf Projektförderung<br />

und einige Modifizierungen, die schließlich am<br />

23. Dezember 1996 zur Bewilligung von Landesmitteln in<br />

Höhe von 100.000 DM führten. Ein schöneres Weihnachtsgeschenk<br />

hätte ich mir nicht wünschen können… dachte<br />

ich. Doch die Sache hatte einen Haken: damit verbunden<br />

war ein Eigenanteil der Stadt Siegen von 20.000 DM, was<br />

ich als Quereinsteigerin in die Verwaltung nicht wusste.<br />

Die Finanzierungslücke war selbstverständlich auch nicht<br />

in den städtischen Haushalt eingestellt.<br />

Was also tun, wollte ich nicht eine arbeitsrechtliche<br />

Abmahnung riskieren, was durchaus im Gespräch war?<br />

Loke Mernizka, damals LandtagsabgeordneterW, half mir<br />

aus der Patsche und erreichte beim Ministerium<br />

in Düsseldorf eine Erhöhung<br />

der Förderung um weitere 20.000 DM.<br />

Weitere 23.000 DM kamen durch Spenden<br />

zustande. Und wieviel Kreativität<br />

dabei an den Tag gelegt wurde, bewies<br />

zum Beispiel Erika Röthinger. Sie war<br />

Stadtführerin und hatte die Idee, Baustellenführungen<br />

anzubieten und den<br />

Erlös für unseren Umbau zur Verfügung<br />

zu stellen. Was eine lohnende Einnahmequelle<br />

darstellte, gab es doch zu der Zeit<br />

einige Großbaustellen in der Stadt.<br />

Unverzichtbar war aber auch der Einsatz<br />

der ehrenamtlichen Bauhelferinnen<br />

und Bauhelfer. Auch hier kann ich nicht<br />

alle nennen, ohne vielleicht jemanden zu übersehen. Deshalb<br />

erwähne ich als Beispiel unseren ehrenamtlichen Bauleiter<br />

Herbert Junk, der als gelernter Statiker auf Augenhöhe<br />

mit den Handwerkern verhandeln konnte. Er war morgens<br />

der Erste auf der Baustelle und abends der Letzte, der sie<br />

verließ. Aber nicht nur er, zahlreiche weitere Engagierte<br />

standen mir mit Rat und Tat zur Seite. Der damalige Stadtdirektor<br />

Ulrich Mock bezifferte am Ende den Wert des ehrenamtlichen<br />

Einsatzes auf etwa 70.000 DM. Am finalen Anstrich<br />

der Innenräume beteiligten sich dann auch Mitglieder<br />

des Rates und der Stadtdirektor samt Mitarbeitern.<br />

Der gesamte Bauprozess wurde begleitet durch einen<br />

Hausrat, den es bis heute gibt. Hier waren alle Gruppen beteiligt,<br />

die im damaligen Pavillon aktiv sein wollten. Das<br />

waren der „Durchblick“, die ZWAR-Gruppen (ZW-ischen<br />

A-rbeit und R-uhestand), die Seniorenhilfe und der Seniorenbeirat.<br />

Jede Entscheidung, die nichts mit Statik zu tun<br />

hatte, wurde diskutiert und gemeinsam entwickelt. Beispielsweise<br />

ein<br />

ausgeklügeltes<br />

Farbkonzept<br />

für jeden<br />

Gruppenraum<br />

(die Fernsehsendung<br />

„Miami<br />

Vice“ stand<br />

dabei Pate),<br />

die Nutzungsbedingungen<br />

oder Aufgabenverteilungen<br />

und Zuständigkeiten.<br />

Sogar<br />

der Name kam<br />

basisdemokratisch<br />

zustande<br />

– im Rahmen ei-<br />

Golden Oldies<br />

nes Wettbewerbs, zu dem jede und jeder<br />

Vorschläge einreichen konnte. Eine fünfköpfige<br />

Jury unter Vorsitz des damaligen<br />

NRW-Sozialministers Axel Horstmann<br />

wählte dann den Namen aus. Gewinnerin<br />

und Namensgeberin war zufälligerweise<br />

meine Mutter Ulrike Schneider,<br />

die ihren Gewinn, eine dreitägige Reise<br />

nach Hamburg, wiederum dem Haus zur<br />

Verfügung stellte.<br />

Soweit die Abläufe in groben Zügen,<br />

die im Juni 1998 zur Eröffnung des<br />

„Hauses Herbstzeitlos“ führten.<br />

Ich will nun aber noch einmal zurückblicken<br />

zu den Anfängen der Entwicklung.<br />

Eingangs schrieb ich von denjenigen, die<br />

den Aufbau Deutschlands in der Nachkriegszeit als Kinder<br />

oder Heranwachsende erlebten, davon geprägt waren und<br />

diese Prägung ihr Leben lang nicht abgelegt haben.<br />

Ende der 70-er, Anfang der 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts<br />

kündigte sich ein wirtschaftlicher Strukturwandel<br />

in der Eisen- und Stahlindustrie an. Für viele, die 1945 Kinder<br />

waren, brachte er den Verlust ihrer Arbeitsplätze und<br />

den vorzeitigen Ruhestand mit sich. Nicht wenige gingen<br />

mit 50 oder 55 Jahren in Rente. In dieser Situation entwickelten<br />

in Dortmund einige Studierende des Seniorenstudiums<br />

ein Konzept, um Stadtteilgruppen von „Jungen Alten“<br />

auf den Weg zu bringen. Ziel war, für die Zeit des vorgezogenen<br />

Ruhestandes einen neuen (oder alten) Sinn zu finden<br />

und das möglichst selbstbestimmt. Die Frauen und Männer,<br />

die sich fortan ZWAR-Gruppen nannten, rekrutierten sich<br />

zunächst aus Beschäftigten der Stahlindustrie und wurden<br />

u. a. auch durch die Gewerkschaften unterstützt. Das Land<br />

NRW stieg aber bereits 1984 in die Förderung ein und ermöglichte<br />

so<br />

die landesweite<br />

Installation von<br />

ZWAR-Gruppen.<br />

Im Jahre<br />

1995 schloss<br />

sich die Stadt<br />

Siegen an und<br />

unterstützte die<br />

Gründung von<br />

ZWAR-Gruppen<br />

in Geisweid,<br />

Siegen<br />

Modenschau für aktive Junggebliebene am 31. August 1998<br />

und Eiserfeld,<br />

auch durch die<br />

Einstellung einer<br />

ABM-Kraft.<br />

Die früh<br />

in die Rente<br />

Wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier 1998.<br />

entlassenen Männer und Frauen veränderten die Motive<br />

ehrenamtlichen Arbeitens. Die Menschen suchten Sinn-<br />

Erfahrung, strebten nach Zufriedenheit und Selbstbehauptung<br />

und brachten eine große Bereitschaft zum Engagement<br />

mit – aber auch unter Beachtung ihrer individuellen<br />

Wünsche. Das war ein neuer Ansatz im Ehrenamt. Bis dahin<br />

lebte Engagement überwiegend von selbstlosem Handeln<br />

(Altruismus).<br />

Als ich 1995 meine Arbeit als Seniorenbeauftragte<br />

der Stadt Siegen aufnahm, war mit den ZWAR-Gruppen<br />

also schon der Grundstein für eine selbstbestimmte Form<br />

der Altenarbeit gelegt. Dazu zählte unbedingt auch der<br />

„Durchblick“, der auf Initiative der Hochschullehrerin<br />

Christel Ruback gegründet worden war.<br />

Dennoch galt es, das vorherrschende Defizitmodell des<br />

Alterns zu verändern, auf dem die Altenarbeit (um in der<br />

Begrifflichkeit der damaligen Zeit zu bleiben) Anfang der<br />

1990-er Jahre noch weitgehend basierte. Will sagen: Ältere<br />

Menschen wurden überwiegend mit ihren Defiziten wahrgenommen,<br />

und dem entsprachen auch die Ansätze der sozialpädagogischen<br />

Arbeit mit Begriffen wie „be-spielen“,<br />

„be-basteln“ und „be-treuen“. Mein Ansatz war ein anderer,<br />

sozusagen ein Paradigmenwechsel: „Ressourcenorientierte<br />

Arbeit mit älteren Menschen anstelle von Defizitdenken“<br />

so schrieb ich damals in den Altenplan, den der Rat der<br />

Stadt Siegen verabschiedete. Das prägte fortan die städtische<br />

Seniorenarbeit. Es ging nun darum,<br />

► die Kenntnisse und Fähigkeiten Älterer<br />

zu fördern und zu nutzen,<br />

► Strukturen zu schaffen, um selbst zu gestalten und<br />

► Selbstverwaltung zu ermöglichen.<br />

Durch meinen eigenen politischen Hintergrund, der geprägt<br />

war von Studenten-, Frauen- und Friedensbewegung,<br />

ist mir dieser emanzipatorische und basisdemokratische<br />

Ansatz sehr entgegengekommen. Aus der gewerkschaftlichen<br />

Jugendarbeit kannte ich selbstverwaltete <br />

16 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 17


2003 erhielt das Haus Herbstzeitlos neues Logo, damit wurde es nach außen erkennbarer.<br />

Jugendzentren und aus der Frauenbewegung autonome<br />

Frauenhäuser. Dieser Ansatz sollte auch für den Umbau<br />

unseres ehemaligen Schulpavillons im Stil der damaligen<br />

Zeit zugrunde gelegt werden. Wir nannten es Instandbesetzung<br />

und rückten mit Reinigungsutensilien, Maler- und<br />

Bauarbeiterwerkzeug an. Was aber nur symbolisch zu<br />

verstehen war, weil tatsächlich Wände eingerissen, neue<br />

in Ständer-Bauweise eingezogen, Toiletten und Fliesen<br />

erneuert, Estrich gegossen und Fußböden verlegt, Fenster<br />

und Türen ausgetauscht und eine Küche eingebaut werden<br />

mussten. Der Aufzug kam zehn Jahre später.<br />

In dieser Bauphase habe ich die Nerven meine städtischen<br />

Kolleginnen und Kollegen viele Male stark belastet.<br />

Wer Verwaltungsabläufe kennt, weiß wie wichtig ordentliche<br />

Ausschreibungsverfahren für zu vergebende Leistungen<br />

sind. Dazu gibt es „Vergabeordnungen“, die ich<br />

oftmals versuchte, kreativ zu umgehen. Aber der für den<br />

Umbau zuständige Kollege des Rechnungsprüfungsamtes<br />

behielt mich im Blick und so schickte er mir einmal eine<br />

Auszahlungsanordnung zurück…, mit einer Kopie der<br />

„Vergabeordnung“, wo er am Rand in roter Schrift „gilt<br />

auch für Frau Schneider“ geschrieben hatte.<br />

Noch vor der offiziellen Eröffnung bezogen Seniorenhilfe,<br />

„Durchblick“ und ZWAR-Gruppe ihre Räume. Jeden<br />

Montag traf sich der Hausrat und besprach notwendige Arbeiten,<br />

Gestaltungsfragen und Probleme personeller oder<br />

organisatorischer Art. Der „Siegerländer Wochenanzeiger“<br />

schrieb im März 1998: „Die Ideen der Menschen im Haus<br />

scheinen im Moment noch unerschöpflich.“<br />

Nach der Eröffnungsfeier am 20. Juni 1998 zeigte<br />

sich, wie unerschöpflich die Kreativität, die Ressourcen<br />

und Kompetenzen in der Tat waren. Die Angebotsvielfalt<br />

wuchs – stets nach dem<br />

Motto: „Alles, was in den<br />

Gruppen entwickelt und personell<br />

von diesen getragen<br />

wird, versucht die Seniorenbeauftragte<br />

in Strukturen zu<br />

bringen“.<br />

Die Philosophie dahinter<br />

lautete: Ermöglichen…, nicht<br />

verhindern! Die Stadt Siegen<br />

richtete bereits im Jahre 2000<br />

eine Haushaltsstelle für die<br />

Unterhaltskosten ein, dazu<br />

eine kleine Summe für Projektideen.<br />

Dieser Betrag hätte<br />

allerdings niemals die vielfältigen<br />

Aktivitäten decken<br />

können, so dass zur Refinanzierung<br />

in jedem Jahr weitere<br />

Einnahmen akquiriert wurden.<br />

Flohmärkte, Veranstaltungen,<br />

Ausstellungen, Feste und Vermietung<br />

der Räume trugen<br />

zur Finanzierung bei.<br />

Anlässlich des 10jährigen<br />

Jubiläums 2008 präsentierten<br />

sich die inzwischen mehr als 20 verschiedenen Gruppen<br />

und Angebote im vollbesetzten Ratssaal.<br />

Beispielhaft sei hier ein besonderes Highlight genannt:<br />

Mit viel Spaß für alle Beteiligten entwickelten wir in wochenlangen<br />

Proben eine Modenschau für die Siegerlandschau<br />

im Herbst 1998. Ein Siegener Modehaus stellte uns<br />

die Requisiten zur Verfügung, die Kleider wurden von den<br />

Models selbst ausgewählt und bezahlt. Gemeinsam mit einer<br />

Studentin erarbeiteten wir auf dem Schulhof vor dem<br />

Haus Herbstzeitlos die Choreografie. Die „Westfälische<br />

Rundschau“ berichtete damals mit dem Titel: „Außer Dessous<br />

und Bademoden (zeigen sie) alles…“<br />

Mehr als 20 Jahre durfte ich das Haus Herbstzeitlos<br />

entwickeln, begleiten und Veränderungen beobachten oder<br />

selbst forcieren. Es war der Höhepunkt meines beruflichen<br />

Lebens und ich habe all meine Energie und meine Ideen<br />

hineingesteckt.<br />

Heute wird viel von „Empowerment“ geschrieben und<br />

geredet. Was nichts anderes bedeutet als Menschen zu<br />

unterstützen, Fähigkeiten zu entwickeln, ihre Lebenswelt<br />

und ihr Leben selbst zu gestalten und sich nicht gestalten<br />

zu lassen.<br />

Bis heute zeichnet sich das Haus durch Kontinuität<br />

einerseits und Veränderungsbereitschaft andererseits aus.<br />

Kontinuität, weil wichtige Akteure der Gründerjahre bis<br />

heute dabei sind, auf deren Engagement immer Verlass<br />

war und ist: „Durchblick“, Seniorenhilfe, Seniorenbeirat<br />

und die ehemalige ZWAR-Gruppe, die nun auf eigenen<br />

Wunsch „Regenbogentreff“ heißt.<br />

Veränderungsbereitschaft, weil gesellschaftlichen Entwicklungen<br />

und neuen Betätigungswünschen immer eine<br />

Chance gegeben wurde.<br />

Jubiläum<br />

Hierzu drei Beispiele:<br />

► Die erste Generation, also diejenigen, die am Umbau<br />

beteiligt waren, legte noch großen Wert auf eine Werkstatt.<br />

Zum Beispiel Holzarbeiten oder kleinere Reparaturen<br />

konnten so in Eigenregie erledigt werden. Lange<br />

Jahre gab es dafür dann aber keinen Nachwuchs, und<br />

erst mit Gründung der Heinzelwerker wurde die Werkstatt<br />

wieder stärker genutzt.<br />

► Zu einem sehr frühen Zeitpunkt zeigte sich, dass die<br />

Digitalisierung zahlreicher Lebensbereiche ein großes<br />

Thema auch für die Älteren werden würde. Um das<br />

Internetcafé von ALTERAktiv ins Haus Herbstzeitlos zu<br />

holen, wurde daher die Raumverteilung verändert. Der<br />

Verein ist heute eine der tragenden Säulen des Hauses.<br />

► Die Gruppe „anders altern“ für ältere Homosexuelle<br />

entstand als vom Land NRW unterstütztes Projekt und<br />

war beispielgebend für andere Städte. Wir wollten hier<br />

thematisch und personell mehr Sichtbarkeit und Integration<br />

erreichen.<br />

Nicht alle Projekte waren so Leuchtturmprojekte wie<br />

„anders altern“, nicht alle Projekte waren von Dauer, manche<br />

scheiterten an fehlendem Personal (z.B. der Mittagstisch)<br />

und manche waren ihrer Zeit einfach voraus (z.B.<br />

Lach-Yoga).<br />

Aber wie richtig unser Ansatz war und ist, beweist die<br />

Tatsache, dass wir in diesem Jahr den 25. Geburtstag miteinander<br />

feiern können. Wir haben vor 25 Jahren gemeinsam<br />

etwas geschaffen, was zugleich innovativ war und bis<br />

in die Gegenwart nachhaltig ist. Und das erfüllt mich mit<br />

großer Freude und ein wenig Stolz.<br />

Ich wünsche denjenigen, die in den nächsten Jahren Angebote<br />

und Politik für die Babyboomer der 60-er Jahre (die<br />

nächsten, die in den Rentenbezug gehen) gestalten, dass sie<br />

Weitsicht und Kreativität genug haben, um die besonderen<br />

Lebenslagen dieser Generation zu berücksichtigen und in<br />

ihr Handeln einzubeziehen. Astrid E. Schneider<br />

* Harald Jähner, Wolfszeit – Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955, Rowohlt<br />

Taschenbuch, 2020, 480 Seiten, ISBN: 978-3-499-63304-1<br />

Astrid E. Schneider-Mareski und Horst Mahle<br />

besprechen die Titelthemen dieser Ausgabe.<br />

18 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 19


Graue Haare – Buntes Leben<br />

Senioren - Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos – Eine Erfolgsgeschichte<br />

Seit nunmehr<br />

25 Jahren findet<br />

in Siegens<br />

städtischem Begegnungszentrum<br />

an<br />

der Marienborner<br />

Straße ein vielfältiges<br />

Programm für<br />

Senioren statt. Unter<br />

dem Motto “Graue<br />

Haare – Buntes Leben“<br />

machen viele<br />

Gruppen und Kreise ein interessantes und hilfreiches Angebot<br />

für diese ständig wachsende Altersgruppe. Zur Information,<br />

zur Erinnerung und als Einladung, an den Aktivitäten<br />

teilzunehmen, stellen wir die Gruppen in Kurzform vor.<br />

Seniorenbeirat und SeniorenServiceStelle<br />

Der Seniorenbeirat nimmt eine besondere Stellung ein,<br />

da er die gesamten Seniorinnen und Senioren der Stadt<br />

Siegen vertritt. Dies geschieht durch Arbeitskreise und<br />

Tagungen des Plenums in enger Zusammenarbeit mit der<br />

SeniorenService-Stelle und der Verwaltung. Das Ziel des<br />

Beirates ist es, auch Belange einzelner Bürger wahrzunehmen<br />

oder Initiativen und Vereine zu unterstützen.<br />

Frühstückstreff: Dieser lädt einmal im Monat zu Kaffee<br />

und leckerem Frühstück ein. Angesprochen sind alle, die<br />

gerne in Gesellschaft den Tag beginnen möchten.<br />

Regenbogentreff: Von Beginn an dabei. Immer noch treffen<br />

sich spielfreudige Seniorinnen und Senioren einmal wöchentlich<br />

zum (meist) Kartenspielen und Klönen.<br />

Das Senec@fe<br />

Vorwärtschor:<br />

Vor etwa zehn Jahren fand sich im Haus Herbstzeitlos<br />

eine Gruppe von Sängerinnen und Sängern zusammen,<br />

um traditionelle Lieder der Arbeiterbewegung zu interpretieren.<br />

Im Laufe der Jahre hat sich der Chor weiterentwickelt.<br />

Es entstand der Wunsch, mehr neue Lieder zu singen,<br />

ohne die ursprüngliche Idee aus den Augen zu verlieren.<br />

Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden sind Themen, die das<br />

Repertoire des Chores auch heute noch prägen. Solidarität<br />

und Freundschaft ziehen sich wie ein roter Faden durch<br />

die Lieder. Musikalische Höchtleistungen werden nicht<br />

angestrebt. Den Sängerinnen und Sängern liegt es am Herzen<br />

Lieder zu singen, die eine Botschaft vermitteln oder<br />

eine Geschichte erzählen, mit der sie sich identifizieren<br />

können.<br />

Yoga<br />

Natürlich können Senioren Yoga machern. Dabei geht<br />

es im Wesentlichen darum, Körper, Geist und Atem miteinander<br />

in Einklang zu bringen. Yoga ist kein Leistungssport:<br />

Sanfte Dehh- und Streckübungen, wohltuende Bewegung<br />

der Wirbelsäule und achtsame Kräftrigung der Muskulatur<br />

und Gelenke wechseln sich mit Entsapannungsphasen ab.<br />

Selbstverteidigung<br />

Diese Gruppe von Männern und Frauen ist schon seit<br />

einigen Jahren im Haus Herbstzeitlos aktiv. Hier lernen ältere<br />

Menschen, wie man fit bleibt und sich im Notfall verteidigen<br />

kann. Dabei ist das Vertrauen in die eigene Stärke<br />

wichtig, so dass man bei einer eventuellen Bedrohung entsprechend<br />

reagieren kann.<br />

Der durchblick<br />

„Habt ihr auch den Durchblick?“, werden wir manchmal<br />

gefragt. Vielleicht nicht immer, aber wir bemühen uns eine<br />

Zeitschrift zu erstellen, die informativ und unterhaltsam ist.<br />

Dabei halten wir auch mit unserer Meinung nicht hinter dem<br />

Berg, sind aber weltanschaulich und politisch völlig neutral.<br />

Das Team von etwa zwanzig Redakteurinnen und Redakteuren<br />

eint die Lust und die Freude am Schreiben. Herkunft<br />

und früherer Beruf spielen in unserem Team keine Rolle.<br />

Eine Zeitung entsteht aber nicht nur in der Redaktion, viele<br />

weitere Ehrenamtliche sorgen dafür, dass aus den Redaktionsbeiträgen<br />

ein fertiges Produkt wird und dann auch in<br />

den Verteilstellen im gesamten Kreis Siegen-Wittgenstein<br />

ausliegt. Dort wird der durchblick dann von vielen Senioren<br />

und auch Jüngeren gerne mitgenommen. <br />

Seniorenhilfe Siegen e.V.<br />

Unter dem Dach der Seniorenhilfe gibt es unter dem<br />

Motto „Miteinander – Füreinander“ diese Angebote:<br />

Literaturcafé: Hier treffen sich Literaturbegeisterte, um<br />

sowohl klassische als auch moderne Bücher zu lesen und<br />

zu besprechen. Dabei wird die Auswahl gemeinsam festgelegt.<br />

Gelegentlich gibt es Museums-und Kinobesuche,<br />

wenn ein gemeinsam gelesenes Buch verfilmt wurde.<br />

Bücherei: In der 1. Etage des Hauses ist eine Bücherei<br />

eingerichtet, die allen Seniorinnen und Senioren zur Verfügung<br />

steht. Das Angebot an Büchern ist vielfältig, wobei<br />

die Belletristik ihrer Wortbedeutung nach (schöne Literatur)<br />

mit Romanen, Novellen, Kurzgeschichten, Fantasy,<br />

Biografien und Krimis den größten Teil einnimmt.<br />

Singgruppe: In jedem Alter ist das Singen eine ideale<br />

Freizeitbeschäftigung, so auch im Singkreis der Seniorenhilfe<br />

Siegen e.V.. „Wir singen zu unserer Freude, nicht um<br />

aufzutreten, weil bei uns der Spaß im Vordergrund steht<br />

und nicht der Leistungsdruck, so ist das Selbstverständnis<br />

der Gruppe. Sie singen einstimmige deutsche und auch internationale<br />

Volkslieder. Ein Chor im klassischen Sinne ist<br />

die Männer und Frauen der Singgemeinschaft nicht.“<br />

Wandergruppe: Jeden zweiten Samstag geht es auf<br />

Schusters Rappen durchs schöne Siegerland und Wittgenstein.<br />

Außerdem gibt es sporadisch das Angebot von Ausflügen<br />

in einen Zoo oder zu anderen Sehenswürdigkeiten.<br />

Hier stehen die neuen Medien im Mittelpunkt:<br />

Computer, Tablet und Smartphone. Man lernt, Briefe<br />

zu schreiben, Fotos am Computer zu bearbeiten, Überweisungen<br />

per Computer oder Smartphone zu erledigen und<br />

vieles mehr. Die Geselligkeit kommt auch nicht zu kurz,<br />

denn bei Kaffee und Kuchen kann Mann und Frau die neuesten<br />

Medienerfahrungen austauschen.<br />

MitweltZukunft<br />

Die Ziele dieses Arbeitskreises sind, sich für ein Wirtschaften<br />

einzusetzen, das auf Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit<br />

ausgerichtet ist. Daraus ergibt sich auch die Beschäftigung<br />

mit bereits existierenden solidarischen, demokratischen<br />

und ökologischen Alternativen und Initiativen.<br />

20 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 21


Tai Chi<br />

Der Film- und Video-Club<br />

Lerne, dein Chi fließen zu lassen! Spüre deine Kraft!<br />

Finde dein Gleichgewicht! Baue deinen Streß ab und genieße<br />

den Spaß am Erlernen der fließenden Bewegungen<br />

aus der zwanzigminütigen TAI CHI-Bewegungsfolge im<br />

Yangstil. Lass dich entführen in die komplexen Bewegungen<br />

der drei Teile der TAI CHI-Folge: „Die Erde, der<br />

Himmel, der Mensch“. Bei schönem Wetter trifft sich die<br />

Gruppe bevorzugt im Wald.<br />

Das Sonntagskaffee<br />

Immer am 1. Sonntag im Monat durchzieht Kaffeeduft<br />

das Haus und ein Büfett mit leckerem Kuchen verlockt<br />

zum Zugreifen. Im Sommer bei gutem Wetter werden<br />

Tische und Stühle vor dem Haus „Unter der Linde“ aufgestellt.<br />

Die Englischkurse<br />

Seit dem Frühjahr 2004 werden im Haus bereits Englischkurse<br />

für Ältere angeboten, ein Projekt, das der Siegener<br />

Seniorenbeirat initiiert hat. Geistig fit zu bleiben, die<br />

zunehmend in die Alltagssprache einfließenden englischen<br />

Wörter zu verstehen oder erleichterte Kontakte im Urlaub<br />

sind nur einige der Gründe, die es erstrebenswert machen,<br />

auch im fortgeschrittenen Alter die englische Sprache zu<br />

lernen. Anmelden kann man sich über die Volkshochschule.<br />

Das Heinzelwerk<br />

Bei dieser ehrenamtlichen Initiative haben sich Männer<br />

und Frauen zusammengetan, um Nachbarschaftshilfe<br />

anzubieten. Das Angebot gilt für Menschen, die aufgrund<br />

ihrer Lebenssituation nicht mehr in der Lage sind, solche<br />

Arbeiten selbst auszuführen .Solche Hilfen können sein:<br />

Bild aufhängen, technische Geräte erklären, Wasserhahn<br />

reparieren, Näharbeiten und vieles mehr .Hilfeersuchen<br />

sind telefonisch über den Seniorenbeauftragten der Stadt<br />

Siegen möglich. Es gibt auch eine Holzwerkstatt im Haus,<br />

die genutzt werden kann.<br />

Dieser besteht seit 2008 im Haus Herbstzeitlos und<br />

spricht Menschen an, die sich für Kameratechnik und Bildgestaltung<br />

interessieren. Mit Gleichgesinnten schaut man<br />

Filme an und entwickelt Filmkonzepte. Die Filme werden<br />

fachkundig besprochen und Verbesserungsvorschläge erarbeitet.<br />

Die erforderliche Technik ist im Haus vorhanden,<br />

Interessierte sind willkommen.<br />

Das Trauercafe`<br />

Hier bieten Ehrenamtliche der Ambulanten ökumenischen<br />

Hospizhilfe die Möglichkeit an, dass sich Trauernde<br />

mit anderen durch den Tod eines lieben Angehörigen Betroffenen<br />

treffen. Man kann dort miteinander oder mit den<br />

MitarbeiterInnen über seine Gefühle und seine Lebenssituation<br />

sprechen..<br />

Anders Altern:<br />

Diese Gruppe von schwulen Männern und lesbischen<br />

Frauen haben ihre eigenen Bedürfnisse, ihr Altern zu gestalten.<br />

Ihre Liebes- und Beziehungsbedürfnisse sind auf<br />

Menschen des gleichen Geschlechts ausgerichtet. Sie setzen<br />

sich dafür ein, in Wohnumfeld, Öffentlichkeit, Krankenhaus<br />

oder Pflege als gleichwertige Menschen anerkannt<br />

zu werden.<br />

Selbsthilfegruppen (SH):<br />

SH-Angehörige von psychisch Kranken: Wir sind<br />

offen für alle, die Angehörige mit psychischen Erkrankungen<br />

haben. Wir haben keine festgelegten Themen,<br />

in freien Gesprächen kann jeder mit seinen Sorgen, Erfahrungen<br />

und Empfindungen zu Wort kommen. Es ist<br />

Platz für alle Emotionen. Da alle die gravierenden Veränderungen<br />

in der Beziehung zu einem psychisch Kranken<br />

erfahren haben, kann hier ein ganz anderes Verständnis<br />

erwartet werden.<br />

MorbusCrohn/Colitis ulcerosa: Bei diesen Krankheiten<br />

handelt es sich um chronisch entzündliche, nicht heilbare,<br />

Darmerkrankungen. Die Selbsthilfegruppe steht sowohl<br />

Betroffenen als auch Partnern und Eltern Betroffener offen.<br />

Es werden Krankheitsgeschichten, Therapien und persönliche<br />

Erfahrungen u.a. mit Ärzten, Krankenhäusern und<br />

Rehakliniken ausgetauscht.<br />

SH-Asthma-Bronchitis: Zu den Zielen und Aufgaben der<br />

Gruppe gehört die Stärkung der Patientenkompetenz im<br />

Umgang mit der Langzeitsauerstoff- und der außerklinischen<br />

Beatmungstherapien.<br />

db<br />

22 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 23


Gesellschaft<br />

Gesellschaft<br />

Gesellschaftliche Teilhabe im Alter<br />

ALTERAktiv Siegen-Wittgenstein wird 20<br />

Im Jahr 2004 fand das Senec@fé ein Quartier im städtischen<br />

Seniorenzentrum „Haus Herbstzeitlos“. Trotz des intensiven<br />

ehrenamtlichen Engagements von sechs Arbeitsgruppen ließ<br />

der Rat der Stadt Siegen im Februar 2003 wissen, dass er<br />

die Fortsetzung des Agenda-Prozesses ablehnt. Unabhängig<br />

davon entwickelte sich die Arbeitsgruppe ALTERAktiv weiterhin<br />

personell und inhaltlich, so dass (auch aus rechtlichen<br />

Gründen) eine verbindliche Struktur erforderlich wurde. Daraufhin<br />

erfolgte im März 2003 die Gründung des Vereins „AL-<br />

TERAktiv Siegen e.V.“, der 2005 den Namen „ALTERAktiv<br />

Siegen-Wittgenstein e.V.“ annahm.<br />

Mit der 2007 erfolgten Einrichtung einer gut erreichbaren<br />

Geschäftsstelle im Gemeindehaus der Ev. Martini-<br />

Kirchengemeinde (St. Johann-Str. 7 in 57074 Siegen) wurde<br />

die Entwicklung zahlreicher weiterer Projekte möglich.<br />

Auch wenn eine Lokale Agenda 21 für Siegen nicht mehr realisiert<br />

werden kann, gilt deutlicher als noch vor 20 Jahren:<br />

Alles ist Beziehung: Der Mensch ist nicht nur umgeben<br />

von der (Um-)Welt, er ist fest eingebunden in sie, in seine<br />

Mitwelt. Menschen sind Mitwirkende, Gestalter, Akteure.<br />

Jedes Tun und Unterlassen hat Bedeutung – und<br />

derzeit bringen wir die Mitwelt mit unserem Handeln<br />

in Gefahr. Wenn wir unsere Lebensgrundlagen erhalten<br />

wollen, müssen wir das System dringend ändern.<br />

Genau daraus speist sich die –Radikale Zuversicht –. 3)<br />

Erich Kerkhoff<br />

1) Es handelte sich um eine vertraglich geregelte Kooperation zwischen der Siegener Agenda-Arbeitsgruppe<br />

ALTERAktiv und der Universität-GH Siegen, finanziert mit 25.000,- DM vom Landesversorgungsamt<br />

NRW. 2) Erneut vom Landesversorgungsamt NRW unterstützt (5.000,- DM) Die<br />

Namensgebung erfolgte in Anlehnung an den römischen Philosophen Seneca (gest. 63 n.Chr.) mit<br />

dem Anspruch „…nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir…“.3) Bergmann, Gustav<br />

(2022) Radikale Zuversicht, Möglichkeiten einer Mitweltgesellschaft, ISBN 978-3-96238-398-5<br />

Endlich im Ruhestand – was nun?<br />

20 Jahre engagiertes Ehrenamt<br />

Im Juni 1992 war es soweit. Die politisch verantwortlichen<br />

Vertreter von 170 Staaten (aus Deutschland war<br />

Bundeskanzler Helmut Kohl dabei) legten ein gemeinsames<br />

Aktionsprogramm vor. Das Ziel: weltweit drohende<br />

Fehlentwicklungen sollten vermieden, zumindest aber abgeschwächt<br />

werden. Es ging darum, Mittel und Wege zu<br />

finden, wie mit weniger Energie- und Rohstoffverbrauch,<br />

mit weniger Abfall und Schadstoffen die Bedürfnisse einer<br />

wachsenden Zahl von Menschen befriedigt werden können.<br />

Die acht Jahre bis zum Beginn des 21. Jahrhundert sollten<br />

für die Umsetzung eines Aktionsprogramms genutzt werden<br />

Es ging um das, was zu erledigen war, um eine Agenda. Den<br />

Autoren der dann so genannten Agenda 21 war bewusst, dass<br />

gerade die Städte als Lebensraum und als Organisationsform<br />

gesellschaftlichen Lebens und Handelns einen hohen Stellenwert<br />

einnehmen. Weil sie große Umweltprobleme schaffen:<br />

Luftverschmutzung, Müllnotstand, Wasserverbrauch<br />

und Gewässerverschmutzung, Lärm, Verkehrskollaps und<br />

Zersiedlung der Landschaft. Aus dieser Erkenntnis heraus<br />

wurde ein Kapitel in die Agenda 21 aufgenommen, das die<br />

Kommunen auffordert, im Dialog mit ihren Bürgerinnen<br />

und Bürgern, örtlichen Organisationen und der Privatwirtschaft<br />

eine Lokale Agenda 21 zu beschließen.<br />

Dementsprechend beschloss der Rat der Stadt Siegen im<br />

April 1998 die Erarbeitung einer Lokalen Agenda 21. Für den<br />

damals neuen Seniorenbeirat war die Beteiligung naheliegend<br />

und er beauftragte die Mitglieder seiner Arbeitskreise<br />

‚Öffentlichkeitsarbeit‘ und ‚Umwelt‘ mit folgender Aufgabe:<br />

„Wissens-, Erfahrungs- und Handlungspotenziale der älteren<br />

Generation in Siegen untersuchen, erschließen und<br />

auf der lokalen Ebene aktivieren. Es soll erreicht werden,<br />

die genannten Potenziale zu erhalten und für die Allgemeinheit<br />

in Form nachberuflicher freiwillig gemeinnütziger<br />

(ehrenamtlicher) Tätigkeit bzw. im Rahmen bürgerschaftlichen<br />

Engagements nutzbar zu machen.“<br />

Zur Realisierung dieser Aufgabe wurde im Oktober 99<br />

die Agenda-Arbeitsgruppe ALTERAktiv eingerichtet, die<br />

allen älteren Erwachsenen in Siegen zugängig war. Denn<br />

der Seniorenbeirat bestand aus nur 18 gewählten Personen<br />

+ 18 Vertretern, die außerdem – als beratendes Gremium -<br />

nicht rechtsfähig waren.<br />

Als Ergebnis eigener Umfragen zeigte sich, dass viele ältere<br />

Menschen nach neuen Perspektiven suchen und bereit sind,<br />

das soziale Zusammenleben auf der kommunalen Ebene mitzugestalten.<br />

Damit verbunden waren vor allem folgende Ziele:<br />

• Selbstbestimmte Lebensgestaltung im Alter.<br />

• Erhaltung eigener Kompetenzen und des<br />

Selbstwertgefühls.<br />

• Förderung der Solidarität zwischen den<br />

Generationen.<br />

Im Blick auf absehbare weitere Entwicklungen (Umwelt,<br />

demografischer Wandel etc.) gingen die Mitglieder<br />

der Arbeitsgruppe davon aus, dass die spezifischen Potentiale<br />

der Menschen im sogenannten „Dritten Lebensalter“<br />

– für die Gesellschaft unverzichtbar sind.<br />

Zur Klärung weiterer Zugangsmöglichkeiten fand daher<br />

ab August 2000 eine repräsentative Befragung 55-70jähriger<br />

Bürger zu (sozialen) Lebenslagen statt. 1) Schwerpunktthema:<br />

„Freiwilliges bürgerschaftliches bzw. ehrenamtliches<br />

Engagement“ Das Ergebnis lag im April 2001 vor.<br />

Bereits Ende 2000 konnte ALTERAktiv in der Siegener<br />

Oberstadt ein Internetcafé einrichten - das Senecafé. 2) Damit<br />

verbunden war der Aufbau der Homepage „senioren-siegen.de“.<br />

Wer freut sich nicht auf den Ruhestand nach vielen<br />

Jahren Berufstätigkeit? Endlich Zeit haben, ausschlafen<br />

dürfen, all die Dinge tun, die sonst vernachlässigt,<br />

wurden mich um Familie und Freunde kümmern,<br />

Kontakte pflegen, eine wunderbare Aussicht! Und<br />

doch befällt auch manchen die bange Frage: Was mache<br />

ich aber längerfristig mit all der freien Zeit?<br />

Wer voll eingespannt war im Berufsleben, sich im Laufe<br />

der Jahre viel Erfahrung und Wissen angeeignet hat; wer<br />

Verantwortung getragen hat, sich auch beruflich eine Position<br />

erarbeitet hat, realisiert plötzlich, dass das alles wegbricht.<br />

Da war keine Zeit, Hobbies oder Freundschaften<br />

zu pflegen. Und jetzt steht man plötzlich vor dem Nichts.<br />

Ebenso ergeht es den vielen hauptberuflich eingespannten<br />

Hausfrauen und Müttern, wenn die Kinder erwachsen sind<br />

und das Haus verlassen haben.<br />

Vor dem Hintergrund wachsenden Bewusstseins der weltweit<br />

immer größer werdenden Probleme wurde 1998 auf politischer<br />

Ebene eine lokale Agenda 21 geplant die 1998 zur<br />

Gründung der Agenda-Arbeitsgrupp ALTERAktiv führte.<br />

Daraus ging 2003 der unabhängige Verein ALTERAktiv e.V.<br />

hervor, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert.<br />

Was ist in den 20 Jahren aus dieser Initiative geworden?<br />

Es ist ein Sammelbecken vieler Möglichkeiten für <br />

24 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 25


Gesellschaft<br />

Gesellschaft<br />

Fahrrad-Reparatur-Gruppe: In dieser Initiative werden<br />

jeden Mittwoch gespendete Fahrräder wieder fahrtüchtig<br />

gemacht, die dann bedürftigen Menschen kostenlos zur<br />

Verfügung gestellt werden. Auch hier freut sich das Team,<br />

wenn sich neue handwerklich begabte Tüftler mit einbringen.<br />

Die Fahrradtüftler suchen dringend eine neue Unterkunft,<br />

da sie die jetzige zum Jahresende räumen müssen.<br />

Gruppe neu und sucht weitere MitmacherInnen. Einzelne<br />

Schulen haben ihr Interesse und ihren Bedarf an Unterstützung<br />

bereits angemeldet, ein Anfang ist schon wieder<br />

gemacht. Wer gerne mit Kindern zu tun hat und gerne liest<br />

findet hier ein befriedigendes Betätigungsfeld und ist herzlich<br />

willkommen. Den Umfang der Mitarbeit bestimmen<br />

die ehrenamtlich Aktiven selbst.<br />

am Tanzen die eigene Beweglichkeit von Körper, Seele<br />

und Geist gefördert und besonders auch die Geselligkeit.<br />

Für Menschen mit neuen Ideen und der Bereitschaft, an<br />

deren Umsetzung auch aktiv mitzuwirken ist ALTERAktiv<br />

eine ideale Adresse. Alle sind eingeladen, die einzelnen<br />

Gruppenangebote auch unverbindlich wahrzunehmen.<br />

Radeln ohne Alter<br />

Radeln ohne Alter: Wer selbst noch gerne Fahrrad fährt<br />

und fit genug ist, kann sich auch radelnd einbringen. Die<br />

Arbeitsgruppe Radeln ohne Alter‘ bietet mit ihrem engagierten<br />

Team älteren Menschen Ausflugfahrten mit der<br />

Fahrradrikscha an. Ein großer Spaß! Das Angebot wird von<br />

Bewohnern stationärer Alteneinrichtungen gerne genutzt,<br />

aber auch für andere mobilitätseingeschränkte Menschen<br />

gilt das Angebot, einfach mal wieder einen Lieblingsort zu<br />

besuchen oder eine Ausflugsfahrt ins Grüne zu unternehmen,<br />

das alles kostenlos und gerne auch mit Begleitung.<br />

Mitmach-Tänze: Ganz besonderer Beliebtheit erfreuen<br />

sich die „Mitmach-Tänze für Jung und Alt“, die von Barbara<br />

Kerkhoff angeleitet werden. Hier geht es für die TeilnehmerInnen<br />

in erster Linie um die Freude an der gemeinsamen<br />

Bewegung zur Musik. Dabei wird neben dem Spaß<br />

Der Verein ALTERAktiv Siegen-Wittgenstein e.V. betreibt<br />

das Seniorenbüro Siegen-Mitte, ist Mitträger der<br />

Siegener Wohnberatung und regional und überregional<br />

Mitglied in verschiedenen Verbänden der Seniorenarbeit.<br />

Anne Alhäuser<br />

Mitbürger, die sich und ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihr<br />

Können in unsere Gesellschaft einbringen möchten. Schon<br />

im Jahr 2000 startete die damalige Arbeitsgruppe ALTER-<br />

Aktiv das Senecafé, das auch heute noch bekannteste und<br />

größte Projekt des Vereins. Hier haben im Lauf der Jahre<br />

Hunderte von Senioren ihre ersten Schritte im Umgang mit<br />

dem Computer und dem Handy bzw. Smartphone gelernt<br />

und finden auch heute immer wieder Unterstützung und Hilfe<br />

bei Problemen mit den modernen Kommunikationsmitteln.<br />

Experten bringen ehrenamtlich ihr Wissen ein, bleiben selbst<br />

am Ball der Entwicklungen in der modernen Medienwelt<br />

und sind immer offen für Unterstützung ihres Engagements<br />

durch neue Mitstreiter. Nebenbei wird, wie der Name bereits<br />

andeutet, auch die Geselligkeit gepflegt. Bei Kaffee und<br />

Kuchen werden die großen und kleinen Probleme der Welt<br />

diskutiert – und Ratschläge erteilt für die ganz persönlichen<br />

Probleme und diversen Wehwehchen, die man so hat. Und<br />

so lernt man nebenbei auch immer wieder neue Menschen<br />

kennen. Eine Mitgliedschaft im Verein ist nicht erforderlich.<br />

Im Laufe der Jahre sind durch die persönliche Initiative<br />

einzelner Mitglieder immer wieder neue Projekte im<br />

Verein entstanden. Interessierte Senioren und Seniorinnen<br />

engagieren sich als aktive MitstreiterInnen oder sie nutzen<br />

die Angebote des Vereins als TeilnehmerInnen für sich<br />

selbst. Das sind, neben dem schon erwähnten Senecafé,<br />

die Möglichkeiten heute:<br />

Repaircafé: Technisch-handwerklich begabte können sich<br />

z.B. als ehrenamtliche Schrauber einmal monatlich im Repaircafé<br />

einbringen, wo nach dem Motto „Nicht wegwerfen,<br />

sondern reparieren“ kleine Elektrogeräte wie z.B. Bügeleisen,<br />

Näh- und Kaffeemaschinen, Staubsauger, Bohrer<br />

und auch Elektrosägen etc. repariert werden. Wenn so<br />

ein altes Schätzchen oder ein Lieblingsgerät dann wieder<br />

funktioniert, ist die Freude bei allen groß. Auch Textilien<br />

können hier wieder instandgesetzt werden.<br />

Arbeitsgruppe Integrationshilfe für Geflüchtete bedarf<br />

anderer Fähigkeiten. Hier ist Hilfe bei Behördengängen,<br />

Unterstützung bei der Alltagsbewältigung oder beim Erlernen<br />

der deutschen Sprache gefragt.<br />

Ausbildungspaten: In dieser Arbeitsgruppe unterstützten<br />

die Ehrenamtler Auszubildende bei ihrer Ausbildung,<br />

überwiegend mit Hilfe beim Erlernen der Theorie, z.B.<br />

bei der Vorbereitung auf Prüfungen. Auch sind Ratschlage<br />

beim Bewältigen des Alltags im Arbeitsumfeld gefragt.<br />

Den Umfang ihres Einsatzes und Engagements bestimmen<br />

die ehrenamtliche Tätigen selbst.<br />

Mitwelt Zukunft: Diese Arbeitsgruppe beschäftigt sich<br />

mit umweltbezogenen Themen und einem guten Leben<br />

für alle. Da geht es um ein besseres Verständnis der bestehenden<br />

Systeme und besonders um die Suche nach neuen<br />

Wegen. Auch hier sind neue Menschen mit neuen Ideen<br />

gerne gesehen.<br />

Handeln statt Misshandeln ist eine Initiative „gegen Gewalt<br />

im Alter“, sie ist dabei, sich neu zu organisieren und<br />

sucht dringend neue MitstreiterInnen, denen das Thema<br />

am Herzen liegt. Dabei geht es nicht darum, Gewalt aufzudecken<br />

oder anzuzeigen, sondern gemeinsam die Ursachen<br />

von vorhandenen Missständen zu ergründen und nach Lösung<br />

der Probleme durch Entlastung zu suchen.<br />

Spielegruppe: Durch Corona ist leider die Spielegruppe zum<br />

Erliegen gekommen. Das wäre zum Beispiel eine Möglichkeit<br />

für Interessierte, sie wieder zu neuem Leben zu erwecken.<br />

Lesepaten: Das gleiche Schicksal hat die Gruppe der Lesepaten<br />

„Jung und Alt“ getroffen. Ihr Einsatz an den diversen<br />

Schulen und in Büchereien kam während der Coronazeit<br />

ganz zum Erliegen. Doch jetzt formiert sich die<br />

Neue Räume gesucht<br />

Fahrradwerkstatt muss umziehen<br />

Seit 2017 reparieren ehrenamtlich neun Helfer unserer<br />

ALTERAktiv-Fahrrad-Reparatur-Treff-Werkstatt<br />

gespendete Fahrräder, die wir geflüchteten und bedürftigen<br />

Menschen schenken.<br />

Um unsere gemeinnützige Arbeit weiter führen zu<br />

können, suchen wir Raum/Halle/Lager o.ä. ca. 100 qm<br />

groß, möglichst ebenerdig in Tallage von Siegen. Möglichst<br />

preiswert oder kostenlos auf Spendenbasis.<br />

Seit Gründung haben wir 820 Fahrräder verkehrstüchtig<br />

aufgearbeitet und ausgegeben. (Schrauber, die<br />

ehrenamtlich mithelfen wollen, sind immer willkommen.)<br />

Wir nehmen gerne Spenden, wie alte Fahrräder<br />

(auch defekt), Ersatzteile, Werkzeug oder Geld für Materialanschaffungen<br />

entgegen.<br />

Noch sind wir jeden Mittwoch von 13 -17 Uhr in<br />

Siegen, im Innenhof der Sandstr. 20, zu erreichen.<br />

Kontakt: Klaus Reifenrath Tel.: 0171 882 14 20<br />

ALTERAktiv Siegen-Wittgenstein e.V.<br />

26 durchblick 2/2023<br />

2/2023 durchblick 27


Erinnerung<br />

Über Siegens 7 Berge<br />

Schon vor mehr<br />

als 40 Jahren<br />

gab es ihn einmal,<br />

den Siegener<br />

Sieben-Berge-Lauf;<br />

nachstehend ein<br />

Rückblick und ein<br />

Blick nach vorn.<br />

„Rom ist auf 7<br />

Hügeln erbaut“, so<br />

lernten es unzählige<br />

Schülergenerationen<br />

in verschiedensten<br />

Unterrichtsfächern.<br />

Manche Lehrkräfte<br />

verlangten sogar die<br />

Namen der einzelnen<br />

Erhebungen auswendig zu lernen. Romulus galt als<br />

Namensgeber und Gründer der Stadt im Jahre 753 v. Chr.<br />

„7-5-3, Rom kroch aus dem Ei“. Diese schlagwortartige<br />

Eselsbrücke half und hilft auch heute noch zahlreichen<br />

Schülerinnen und Schülern im Geschichtsunterricht. – In<br />

vielfältigen touristischen Informationsbroschüren wird unsere<br />

Stadt seit langem das zweite Rom genannt, da sie sich<br />

auch über 7 Hügel erstreckt. Dem Wunsch, diese 7 Berge<br />

einmal unter die Laufschuhe zu nehmen, wurde erstmalig<br />

im Jahre 1979 Rechnung getragen.<br />

Es ist der 1. Sonntagvormittag im Oktober 1979. Etwa<br />

50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich erwartungsvoll<br />

bei freundlicher Herbstsonne im Numbachtal unweit<br />

des belgischen Hallenbades eingefunden. Eingeladen hat<br />

der belgische Sportclub „Spiridon“, benannt nach dem ersten<br />

Olympiasieger der Neuzeit über die Marathondistanz.<br />

Der Lauftreff Fischbacherberg<br />

war Partner auf Siegener Seite.<br />

Es handelt sich um einen Freundschaftslauf<br />

und keinen Wettkampf.<br />

Das Läuferfeld besteht aus drei<br />

Gruppen. In der ersten Gruppe laufen Sportlerinnen und<br />

Sportler, welche regelmäßig an Volksläufen oder ähnlichen<br />

Wettkämpfen teilnehmen und meistens vier- bis fünf Mal<br />

in der Woche trainieren. Die beiden anderen Gruppen sind<br />

leistungsmäßig weniger anspruchsvoll. Manche haben erst<br />

vor wenigen Jahren mit dem Laufen begonnen. Durch realistische<br />

Zielsetzungen, gezielte Ermutigungen und individuelle<br />

Unterstützung haben sie sich immer weiterentwickelt.<br />

Valentin Hartfiel, stellvertretender Schulleiter an einer<br />

Siegener Hauptschule, fungiert seit längerem als Kontaktperson<br />

zu den belgischen Lauffreunden. Mit 61 Jahren ist er<br />

auch der älteste Teilnehmer. Er gibt noch einige Hinweise<br />

Ein Freundschaftslauf<br />

– kein Wettkampf<br />

zur Streckenführung und betont noch einmal den freundschaftlichen<br />

Charakter des Laufes. Mit einem freundlichen<br />

„bonne chance“ schickt der belgische Kommandant die<br />

Gruppen in kurzen Abständen nacheinander auf die Reise.<br />

Zunächst geht es flach am Minigolfplatz vorbei auf die<br />

Freudenberger Straße, ein steiler Fußweg führt zur Blücherstraße.<br />

Durch den bunten Herbstwald wird schließlich der<br />

Gipfel des Wellersberges mit 346 Höhenmetern erreicht.<br />

Von hier schweift der Blick auf sämtliche Hügel der Stadt<br />

Siegen. Wir wissen, was wir noch vor uns haben. Der Weg<br />

zieht sich gleich wieder hinunter ins Tal über die Weidenauer<br />

Hufeisenbrücke, welche die Bahnstrecke überquert, zum<br />

Siegener Giersberg mit 357 m Höhe. Unweit des Sendemastes<br />

ist eine Verpflegungsstation eingerichtet. Die kleinste Erhebung<br />

auf der Strecke, der Siegberg ist mit 307 m nach verhältnismäßig<br />

kurzer Zeit erreicht. Vom „Krebs“ bietet sich<br />

eine wunderschöne Aussicht über das nördliche Siegerland.<br />

Bergab geht es am ältesten Siegener Gasthaus vorbei,<br />

welches zahlreiche Sorten Bier anbietet. Jetzt ein Bier trinken,<br />

käme Fahren mit angezogener Handbremse gleich,<br />

denn nach Überquerung der Weiß liegt mit dem Lindenberg<br />

das steilste Stück vor uns. Schließlich erreichen wir<br />

auf 373 Höhenmetern den höchsten Punkt, auch „Katzenplätzchen“<br />

genannt, sinnigerweise finden dort auch regelmäßig<br />

Hundedressuren statt. Lautstarkes Gebell ist schon<br />

von weitem zu hören, und die Strecke nimmt auf dem letzten<br />

Stück noch einmal an Steilheit zu.<br />

Wieder bergab führt der Weg durch die Wetzlarer Straße<br />

zum Fludersbachtal, dann die Hambergstraße bergauf<br />

zum Häusling mit 364 m Höhe. Von dort aus traben wir<br />

über den Klingelschacht zur Leimbachstraße, wo freundliche<br />

Helferinnen und Helfer wieder eine Verpflegungsstation<br />

eingerichtet haben. Mit der Radschläfe ist auf 325 m der<br />

höchste Punkt des Rosterberges erklommen. In der Ferne<br />

ist bereits der Fischbacherberg<br />

zu erkennen, der letzte und zugleich<br />

höchste Gipfel mit 375 m.<br />

Nun aber zieht es uns erst einmal<br />

erneut ins Tal, es geht an der<br />

Siegerlandhalle vorbei und über die Sieg. Wir laufen en<br />

weiter unter einer Bahnunterführung in der Schemscheid,<br />

im Volksmund auch „Ziegenbrücke“ genannt. Rechter<br />

Hand befand sich in den 50ger Jahren noch der Siegener<br />

Stadtplatz, bei Lokalkämpfen zwischen den Sportfreunden<br />

Siegen und SuS Niederschelden sollen bis zu 10.000 Zuschauer<br />

das Gelände gesäumt haben. Über einen Hangweg<br />

gelangen wir zur belgischen Garnison auf dem Heidenberg,<br />

von wo aus bereits die Hochhäuser auf dem 7. Gipfel, auch<br />

„Nato-Zähne“ genannt, in den Blick geraten.<br />

Jetzt gilt es noch einmal am Witschert alle Kräfte zu mobilisieren.<br />

Geschafft! Nun geht es nur noch bergab. Auf dem<br />

„Seven Summits Siegen“, heißt die Neuauflage des Siegener „7-Berge-Lauf“.<br />

letzten Kilometer sticht einige Teilnehmer der Hafer, und sie<br />

beginnen das Tempo zu verschärfen. „Freunde, lasst uns zusammenbleiben,<br />

wir wollen als Gruppe gemeinsam ankommen“,<br />

sagt der erfahrene Lauftreffleiter Günther Schulte, Jahrgang<br />

1924, der die Gruppe die ganze Zeit geführt und ermutigt<br />

hat. Zeitlich versetzt treffen auch die Läuferinnen und Läufer<br />

der anderen Gruppen ein. Allen gilt ein herzlicher Beifall. Der<br />

belgische Kommandant überreicht jedem von uns eine ausdruckstarke<br />

Urkunde (vgl. Abbildung). Laut dieser Dokumentation<br />

war die Strecke 25 km lang und der Höhenunterschied<br />

betrug insgesamt 703 m. Gemäß Urkunde lag die Zeit für<br />

die erste Gruppe bei 2:15 Std., was knappe fünfeinhalb Minuten<br />

pro 1000 Meter bedeutet. Nach eigener Erfahrung hat<br />

niemand unterwegs aufgegeben. „Wir sind einfach stolz, die<br />

Strecke geschafft zu haben“, ist die einhellige Meinung aller.<br />

In den nächsten Jahren erlebte der Lauf seine Neuauflagen.<br />

Ein wenig Kritik sei jedoch an dieser Stelle angebracht:<br />

Das Tempo in der ersten Gruppe nahm um ihren neuen jungen<br />

„Anführer“ mehr und mehr zu und provozierte damit<br />

den eigentlich nicht erwünschten Wettbewerbscharakter. So<br />

wurde im dritten Lauf dieser Art die Zwei-Stundenmarke<br />

um etwa zehn Minuten unterschritten, was einem Durchschnittstempo<br />

von klar unter fünf Minuten pro Kilometer<br />

entspricht. Es war kein Wunder, dass nicht wenige bisherige<br />

Teilnehmer der ersten Gruppe sich nunmehr der zweiten<br />

anschlossen, wo es beschaulicher zuging; getreu der Devise,<br />

nach der man sich beim Laufen noch unterhalten kann.<br />

Im Mai 1983 fand der letzte Lauf dieser Art statt. Im<br />

Anschluss daran wurde an der damaligen Noltinghütte gebührend<br />

gefeiert. Einige Monate später erreichte Rechtsanwalt<br />

und Notar Günther Schulte mit 59 Jahren in Hamburg<br />

eine persönliche Marathon-Bestzeit über die 42,195 km von<br />

3:02 Std. Zum Vergleich: Der vorab genannte Spiridon Lou-<br />

is, Olympiasieger 1896 über die damals mehr als 1 km kürzere<br />

Marathondistanz, benötigte als 23-jähriger 2:58 Std.<br />

Vor zwei Jahren hat er seine Wiedergeburt erfahren,<br />

der „Sieben-Berge-Lauf“ der Universitätsstadt Siegen,<br />

nunmehr unter dem Titel „Seven Summits Siegen“<br />

(Sieben Gipfel). Die überaus erfreuliche Resonanz<br />

der bisherigen Veranstaltungen ermutigt zur Fortsetzung.<br />

Der nächste Lauf dieser Art ist für Samstag, den<br />

19. August geplant. Auf der Basis bisheriger Erfahrungen<br />

und Wünsche wird es eine Reihe von attraktiven Neuerungen<br />

geben. Näheres hierzu unter www.laufen57.de. Hoffen<br />

wir, dass sich dieses bewährte Projekt zu einem festen<br />

Bestandteil des Siegerländer Sportlebens entwickeln wird.<br />

Wünschen wir, dass dann wiederum möglichst sämtliche<br />

Gipfelstürmerinnen und Gipfelstürmer mit der wohltuenden<br />

Erfahrung nach Hause gehen: „Es war schon etwas anstrengend,<br />

aber auch schön. Ich bin froh, es geschafft zu haben.“<br />

Ernst Göckus, Teilnehmer der 1. Laufs 1979<br />

Foto: laufen57/:anlauf<br />

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Rufus Beck open air im Schlosshof<br />

Siegener Sommer startet Anfang Juni<br />

Nach coronabedingter Unterbrechung und einem<br />

durchwachsenen Neustart im letzten Jahr geht das<br />

städtische Veranstaltungsteam von KulturSiegen<br />

nun wieder in die Vollen und präsentiert in diesem Sommer<br />

an sechs Wochenenden hintereinander ein pralles und<br />

vielfältiges Kulturprogramm vor traumhaft schöner Kulisse<br />

am Oberen Schloss. Annähernd 100 internationale<br />

Künstler/innen und Artist/inn/en geben sich vom 2. Juni<br />

bis zum 8. Juli die Klinke in die Hand und sind dort live<br />

und hautnah zu erleben, was den künstlerischen Genuss<br />

so herrlich anders macht als in großen Veranstaltungshallen<br />

oder in der virtuellen Welt. Spielt dann noch wie im<br />

letzten Jahr das Wetter mit, darf man sich auf insgesamt<br />

22 lauschig warme Sommerabende unter freiem Himmel<br />

freuen – u.a. mit zahlreichen Konzerten unterschiedlichster<br />

Couleur (Klassik, Jazz, A Cappella, Folk und Weltmusik).<br />

Auch Kabarettistisches, Artistisches, Poetisches und<br />

Schräges steht auf dem Menü – wie immer zusammengestellt<br />

von Stephan Schliebs, der in den vergangenen 35<br />

Jahren annähernd 1000 Ensembles aus über 70 Nationen<br />

im Schlosshof präsentiert hat und sich in diesem Sommer<br />

von seinem „zweiten Arbeitszimmer“ verabschieden<br />

wird. Im diesjährigen Künstler-Pool finden sich deshalb<br />

(neben spannenden Neuentdeckungen) auch langjährige<br />

Bühnen-Gefährten, die immer wieder für Hochstimmung<br />

im ehrwürdigen Schlossgemäuer gesorgt haben. – so z.B.<br />

das Kölner NN Theater, das mit rekordverdächtigen 17<br />

unterschiedlichen Produktionen am Schloss zu sehen war<br />

und am 22. Juni mit seiner humorvoll-deftigen Version<br />

von Homers „Odyssee“ beim Festival gastieren wird.<br />

Drei „Big Names“ stehen gleich an den ersten beiden<br />

Wochenenden auf dem Programmzettel: Mit Hagen Rether<br />

eröffnet am 2. Juni einer der profiliertesten Kabarettisten<br />

Deutschlands den Veranstaltungsreigen, am 7. Juni legt der<br />

Kölner Wilfried Schmickler nach – letzterer war erstmals<br />

1992 Gast beim Sommerfestival. Als einer der renommiertesten<br />

deutschen Künstlergäste macht Hörbuch-Star Rufus<br />

Beck am 10. Juni Tournee-Stopp im Siegener Schlosshof,<br />

wo er gemeinsam mit seinem kongenialen MusikTrio<br />

„Tango Transit“ seine eigene, ironisch-moderne Version<br />

von Shakespeares unsterblichem „Sommernachtstraum“<br />

präsentiert, in dem er nacheinander in jede einzelne Rolle<br />

des Stücks schlüpft und diese mit seiner Stimme zum Leben<br />

erweckt.<br />

Tina Teubner (15.6.) gehört ebenfalls zu den bemerkenswertesten<br />

Erscheinungen in der deutschen Kabarettszene<br />

und ist wie ihre männlichen Kollegen Rether und<br />

Schmickler sowohl Trägerin des Deutschen Kabarettpreises<br />

als auch des Deutschen Kleinkunstpreises. Sie und ihre<br />

Künstlerkolleginnen vom ebenfalls preisgekrönten Duo<br />

Luna Tic, die für ihr Siegener Gastspiel am 18.6. eigens aus<br />

der Schweiz anreisen, belegen auf eindrucksvolle Weise,<br />

wie sich starke und humorvolle Frauen – abseits des leichten<br />

Comedy-Fachs – einen festen Platz auf den deutschen<br />

Kabarettbühnen erobert haben. Und der „Nachwuchs“?<br />

Der schläft auch nicht: Mackefisch (Lucie Mackert und<br />

Peter Fischer) sind „funny for future“ und gelten als SingerSongwriter-Duo<br />

der neuesten Generation: Mit Gesang<br />

und rasanter Wortakrobatik seziert das Zwei-Personen-<br />

Orchester selbstironisch die Gefühlslage der Gesellschaft<br />

und nimmt am 6.7. vor allem die Junge-Eltern-Generation<br />

aufs Korn. Eine weitere Neuentdeckung ist der Kabarettist<br />

Phillip Scharrenberg, der noch im Frühjahr den großen<br />

Poetry Slam im Siegener Apollo-Theater gewonnen hat<br />

und nun am 29.6. mit einem Kabarett-Solo beim Kultursommer<br />

gastiert. Am 2.7. lädt dann das Moderatorenteam<br />

Jan Schmidt und Tristan Kunkel zum traditionellen Highlander<br />

Poetry Slam unter freiem Himmel ein.<br />

Neuland betritt KulturSiegen mit zwei hochkarätigen<br />

Doppelprogrammen, bei denen vier völlig unterschiedliche<br />

Künstlergäste an zwei Abenden vorgestellt werden,<br />

die stark kontrastieren - und vor allem eins wollen:<br />

Neugierig auf Neues machen: Berührende und interaktive<br />

Torsionsakrobatik (Anna Krazy aus Estland) trifft<br />

bei der „Kurzen Nacht der langen Messer“ (8.6.) auf<br />

atemberaubende Messerwurfartistik (Company Midnight<br />

aus Belgien), und der bayerischer Philosokomiker Peter<br />

Spielbauer teilt sich bei „Schräge Vögel“ (7.7.) die Bühne<br />

mit dem „Depressing Clown“ Matthias Romir. Eigentlich<br />

hat es bereits jede einzelne der vier Aufführungen in<br />

sich – doch in dieser besonderen Kombination dürfen die<br />

zwei Abende als besondere Geheim-Tipps des diesjährigen<br />

Kultursommers gelten.<br />

Freuen darf man sich auch auf zahlreiche hochkarätige<br />

Konzerterlebnisse im stimmungsvoll erleuchteten Schlosshof<br />

– vor allem auf die nicht alltägliche Gelegenheit, das<br />

Konzert von einem der fünf besten Vokalensembles der Welt<br />

in Siegen erleben zu dürfen: Die Swingles (früher Swingle<br />

Singers) sind fünffacher Grammy-Gewinner und in der europäischen<br />

Vokal-Szene nach wie vor das Maß aller Dinge.<br />

Am 24.6. – zehn Jahre nach ihrem letzten gefeierten Konzert<br />

im Apollo-Theater – ist das Ensemble endlich wieder<br />

zu Gast in Siegen. Nicht ganz so bekannt – dafür aber mit<br />

viel Humor und begnadetem schauspielerischen Talent gesegnet<br />

– ist das in Siegen längst zum Publikumsliebling gekrönten<br />

Vokal-Trio Muttis Kinder - das am 1.7. wieder für<br />

große Augen und Ohren (und für lachende Herzen !) sorgen<br />

wird. Weitere Konzert-Highlights sind die Siegen-Premiere<br />

der „Echo“-prämierten Klassik-„Band“ Spark am 3.6., die<br />

Auftritte zweier kammermusikalischer Ensembles aus den<br />

Reihen der Philharmonie Südwestfalen (Bläserquintett am<br />

11.6. und Streichsextett am 25.6.), das Gastspiel der Celtic-<br />

Folk-Band Cara am 23.6. sowie die beiden Jazz-Konzerte<br />

des international gefeierten Gypsy-Gitarristen Joscho Stephan<br />

(30.6.) sowie der Siegener Late Night Jazz Foundation,<br />

die am 4.6. in Quintett-Besetzung aufläuft. Den Schluss-<br />

Akzent des Schlosshof-Programms setzt am 8.7. der Berliner<br />

Sänger und Pianist Mr. Leu – in Siegen vor allem durch<br />

seine Auftritte mit Piaf-Diseuse Evi Niessner und bei mehreren<br />

Burlesque-Shows bekannt – mit seiner musikalischen<br />

Hommage an Tom Waits.<br />

Finanziell unterstützt wird der Siegener Sommer von<br />

Westenergie, Sparkasse Siegen, Krombacher Brauerei,<br />

Volksbank in Südwestfalen, Siegener Versorgungsbetriebe<br />

und vom Land NRW - die Grundfinanzierung erfolgt aus<br />

dem Kulturhaushalt der Stadt Siegen.<br />

Rufus Beck 10. Juni<br />

Tina Teubner 15. Juni<br />

Muttis Kinder 1. Juli<br />

Online-Tickets und mehr Informationen über das vollständige<br />

Programm sind auf der Webseite von KulturSiegen<br />

über den Link siegenersommer.de erhältlich. Dort<br />

gibt es auch interessante Infos über Rabatte bzw. Ermäßigungen.<br />

Auch der Newsletter, kann hier unkompliziert<br />

angefordert werden. Tickets gibt es ebenfalls an allen Reservix-VVK-Stellen.<br />

•<br />

30 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 31


Dä ahl Proll<br />

Ein Leben im vorigen Jahrhundert<br />

Einleben im Dorf<br />

Der junge „ahl Proll“ hatte sich trotz anfänglicher<br />

Schwierigkeiten zum Bleiben entschlossen. Obwohl<br />

er noch keine Kassenzulassung hatte und nur privat<br />

– also auf Rechnung – behandeln konnte, lief die Praxis<br />

in Ammels Haus gut. Die Geschäftslage zwischen Bahnhof<br />

und Post bot Vorteile: Mit der Bahn kamen Patienten aus<br />

dem Untergrund* bis zum Hickengrund. Mit dem Postauto<br />

erreichten Patienten aus Lippe und dem hohen Westerwald<br />

Burbach. Es gab bis Emmerichenhain keinen Zahnarzt. Wer<br />

Zahnschmerzen hatte, war bis dato auf den „Bader“ angewiesen.<br />

Friseure behandelten lange Zeit auch Zahnschmerzen.<br />

Außerdem sattelten die Menschen<br />

zu jener Zeit auch für längere Strecken<br />

Schusters Rappen.<br />

Dieses umfängliche Einzugsgebiet<br />

sicherte die Existenz, sorgte aber auch<br />

für eine nahezu babylonische Sprachverwirrung.<br />

Jeder Ort zeichnete sich<br />

durch sprachliche Eigenständigkeit<br />

aus. In den Dörfern selber äußerte<br />

sich das in kleinen sprachlichen Hänseleien<br />

wie „Borbijer Kärschdormsgiggel“<br />

oder Woalwijer Braijdebbcher“<br />

(Burbacher Kirchturmsgockel<br />

und Wahlbacher Breitöpchen). Dabei<br />

wusste jeder, was gemeint war. Ein<br />

zugezogener Hesse, der Hochdeutsch<br />

zwar durchaus verstand, aber nicht<br />

selbst anwandte, konnte sein Handwerk<br />

nur mit Simultanübersetzerin<br />

ausüben. Und die hübsche junge<br />

Helferin entschärfte auch so manche<br />

semantische Klippe. Wer weiß, wie<br />

sonst die Begegnung mit dem soliden<br />

älteren Mann von der Lippe ausgegangen<br />

wäre, der Edmund sein Leid<br />

klagte: „Herr Proll, ech hurn nemmie<br />

good. Früher hoan ech besser gehurd!“<br />

(Herr Proll, ich höre nicht mehr gut,<br />

früher habe ich besser gehört).<br />

Zahnärzte verfügten in den dreißiger<br />

Jahren des 20sten Jahrhunderts<br />

nicht über Turbinenbohrer. Nicht selten<br />

wurde der Bohrer noch mit dem<br />

Fuß getreten, nach dem gleichen<br />

mechanischen Prinzip, wie Nähmaschinen<br />

bedient wurden. Die Elektrifizierung<br />

griff gerade erst um sich.<br />

Um Patienten Schmerzen durch heiß<br />

Heimische Dorfgeschichten – Burbach<br />

„Tretbohrer“ von 1931,<br />

seinerzeit ein „Hightech“ Gerät.<br />

gelaufene Bohrer oder durch die Behandlung empfindlich<br />

gewordene Zähne zu ersparen, wurden drei Behandlungstermine<br />

mindestens anberaumt, bis die offene Zahnwunde<br />

endgültig verschlossen wurde. Dazwischen legte man eine<br />

Füllung entweder mit CHKM (Kampferlösung) oder Tiranal<br />

ein, die schmerzlindernd und entzündungshemmend<br />

wirkte. Verschlossen wurde der versorgte Bohrkanal mit<br />

Cavit oder Biopercha. Diese vier Mittel machten den typischen<br />

Geruch einer Zahnarztpraxis aus, der manchen gestandenen<br />

Mannbildern schon den Angstschweiß auf die<br />

Stirn trieb. Ein solchermaßen unerschrockener Burbacher<br />

drückte das so aus: „Edmund, ech hoa vor kinn Mensch<br />

uff der Welt Angst, bloß vor Dir“ (Edmund,<br />

ich habe vor keinem Menschen<br />

auf der Welt Angst, nur vor Dir).<br />

Wenn Westerwälder oder Hicken<br />

zur Behandlung kamen, legten sie<br />

Wert auf umfängliche Zahnsanierung,<br />

nicht etwa, weil sie besonders leidensfähig<br />

oder schmerzfrei waren: Sie gingen<br />

zu Fuß! Autos konnten sich ohnehin<br />

nur ganz wenige Reiche leisten.<br />

Fahrtkosten für Bus oder Bahn sparte<br />

man. Weite Wege aber nutzten die<br />

Schuhsohlen ab. Da ließ sich sparen,<br />

also wurde alles behandelt, was sich<br />

auf einmal erledigen ließ.<br />

Es dauerte nicht lange, da wurde die<br />

Praxis Proll im Dorf und seiner Umgebung<br />

geschätzt, die Damen reagierten<br />

so wegen des feschen jungen Dentisten,<br />

die Männerwelt erlag eher der attraktiven<br />

Helferin. Einer, der wegen seines<br />

Alters eigentlich schon als jenseits<br />

von gut und böse eingeschätzt wurde,<br />

machte es deutlich. Der Chef selber bat<br />

ihn ins Sprechzimmer und stieß dabei<br />

aber auf Widerstand. Der alte Mann<br />

zeigte auf die junge Helferin und forderte:<br />

„Ech wöll no hedäem Maadche“<br />

(Ich will nach diesem Mädchen hier!).<br />

Und was sagt der Mann von Welt in einer<br />

solchen Situation? Edi löste die Situation<br />

mit einem Lachen: “Ei, kumme<br />

Se mit, ich kanns aach“ (Ach, kommen<br />

Sie mit, ich kanns auch).<br />

Tilla Ute Schöllchen<br />

* Untergrund mit Neunkirchen, Struthütten, Salchendorf,<br />

Zeppenfeld und Wiederstein sowie Obergrund mit Wahlbach,<br />

Burbach, Gilsbach, Würgendorf und Lippe bilden<br />

zusammen den Freien Grund. Foto: Archiv Schöllchen<br />

Nacht der schrägen Vögel<br />

durchblick verlost Freikarten<br />

Matthias Romir und Peter Spielbauer kommen aus Süddeutschland,<br />

gehören zur den skurrilsten Charakteren auf deutschen Bühnen –<br />

und begegnen sich in Siegen zum ersten Mal. „Expressive Juggler“, „Depressing<br />

Clown“ / „Contemporary Weirdo“ – so beschreibt der artistische<br />

Grenzgänger Matthias Romir seine wortlose Bühnenfigur. Er ist bekannt<br />

für seine schwarzhumorige Bühnenkunst und für seinen poetisch-verlangsamten<br />

Jonglierstil im Grenzbereich zwischen Clownerie und Objekttheater.<br />

Ganz anders – aber mindestens ebenso schräg – performt der bayerische<br />

„Philosokomiker“ Peter Spielbauer, der in seinem grandiosen Bühnen-Solo<br />

über die unumstößliche Tatsache schwadroniert, dass wir Menschen alle<br />

nur auf einer Kugel sitzen und durchs Weltall fliegen – und dass zwischen<br />

‚kosmisch‘ und ‚komisch’ nur ein Buchstabe Unterschied liegt!<br />

Freitag, 7. Juli 2023, 21.00 Uhr in Siegen<br />

Hof im Oberen Schloss<br />

Gewinnen können Sie<br />

3 x 2 Eintrittskarten,<br />

wenn Sie bis 30. Juni eine<br />

Nachricht mit Ihrem Namen,<br />

Telefonnummer und dem<br />

Vermerk Freikarten senden an:<br />

Redaktion durchblick<br />

Marienborner Str. 151<br />

57074 Siegen<br />

gewinnspiel@durchblick-siegen.de<br />

Die Gewinner werden telefonisch<br />

benachrichtigt.<br />

Eventuelle Rückfragen unter:<br />

s.schliebs@siegen.de<br />

Die Tickets werden liegen an der<br />

Abendkasse bereit.<br />

Glückwünsche an die Gewinner<br />

der letzten Verlosung<br />

(Willy Astor)<br />

Je zwei Karten erhielten:<br />

Leli Ida, Kreuztal;<br />

Stefan Klein, Siegen;<br />

Rüdiger Grebing, Erndtebrück.<br />

Teilnehmende an unsereren Verlosungen erklären<br />

sich damit einverstanden, dass ihre Namen<br />

im durchblick erwähnt werden.<br />

32 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 33


Gesellschaft<br />

Gesellschaft<br />

Christliche Bräuche<br />

Verlobung und Hochzeit<br />

Der Weg ins gemeinsame Leben.<br />

War mit der Konfirmation die Kindheit abgeschlossen,<br />

blickten Siegerländer Jugendliche wach in<br />

ihre Welt. Aus Mädchen wurden Anfang des 20.<br />

Jahrhunderts Backfische, aus Jungen in der zweiten Hälfte<br />

des vorigen Jahrhunderts Halbstarke. Man machte seine<br />

Erfahrungen mit der Eingliederung in die Welt der Erwachsenen<br />

und gewann an Selbstsicherheit. Recht schnell<br />

ließ man sich, bei allem Respekt für die Vorgesetzten,<br />

nicht mehr ausschicken, um einen Böschungshobel oder<br />

das Goldene Augenmaß zu holen.<br />

Mit diesem Selbstbewusstsein öffnete sich auch der<br />

Blick für überraschende Entdeckungen, zum Beispiel das<br />

andere Geschlecht. Hatte man Lieses Zöpfe früher in der<br />

Schule hinter ihr sitzend noch heimlich ins Tintenfass gesteckt,<br />

so versuchte man jetzt, ihr eher von vorne zu begegnen.<br />

Denn Liese mauserte sich zu einem prachtvollen<br />

Weibsmensch, dessen Anblick sich auf geheimnisvolle<br />

Weise auf den eigenen Kreislauf auswirkte. Die Lieses<br />

und Hanneloren des Dorfes ihrerseits sahen genauer hin,<br />

wenn ein Fritz, Horst oder Wolfgang früh morgens vor<br />

der Schicht mit nacktem Oberkörper eben noch eine Wiese<br />

mähte, zwischendurch die Sense auf den Griff stellte,<br />

mit einer Hand nach hinten fasste, den Wetzstein aus dem<br />

„Schlogger“ (mit Wasser gefülltes Kuhhorn am Gürtel, in<br />

dem der Wetzstein mitgeführt wurde) holte und mit lockerem<br />

Handgelenk das Sensenblatt nachschärfte. Dieser<br />

Ausblick verursachte der Betrachterin ebenfalls psychosomatische<br />

Unregelmäßigkeiten. Ach ja!<br />

Da kam es schon passend, dass man auf dem Weg von<br />

und zur Bibelstunde Gelegenheit fand, diesbezüglichen<br />

Erfahrungen auf breitere Basis zu stellen. Es gibt langweiligere<br />

Freizeitbeschäftigungen. So wuchs das Interesse an<br />

diesem Betätigungsfeld. Irgendwann hieß es im Dorf: „Dr<br />

Hannes und ed Liesche go börrenanner“ (Hannes und Lieschen<br />

gehen miteinander). Milde Sommerabende sorgten für<br />

Wohlfühlabende, schützten aber mit der langen Helligkeit<br />

unzureichend vor ungebetenen Blicken. In der dunklen Jahreszeit<br />

konnte man sich der nachbarschaftlichen Neugierde<br />

besser entziehen, litt aber doch unter der Kälte. Da blieben<br />

für die Freuden ausgiebiger Abschiedszeremonien nur<br />

windgeschützte Hauseingänge oder die noch leicht warme<br />

Backestüre. Jetzt wurde es Zeit, die Familie einzuweihen,<br />

die durch den Dorffunk längst informiert war.<br />

Es wurde sich verlobt. Verlobung feierte man im Hause<br />

der Braut. Die Familien nahmen offiziell Kontakt auf,<br />

schließlich wurde es ernst. Natürlich wurden Ringe getauscht,<br />

am linken Ringfinger zu tragen. Man versprach sich<br />

einander. Das Dorf war zwar nicht geladen, nahm aber doch<br />

auf seine Weise teil: Entferntere Verwandtschaft, Freunde,<br />

Nachbarn versammelten sich zum „Deckeln“ vorm Haus.<br />

Sie machten ordentlich Krach, schlugen Blechdeckel aufeinander,<br />

johlten, „schnalzden böd der Gaißel“ (schnalzten<br />

mit der Geißel) und hatten Spaß wie die bunten Affen. Niemand<br />

dachte daran, dass in heidnischer Zeit auf diese Weise<br />

böse Geister vertrieben wurden. Spielmannszug oder Posaunenchor<br />

spielte. Das Brautpaar gesellte sich zu ihnen und<br />

verteilte Schnäpse. Danach verzog sich die Deckelbande<br />

artig und feierte woanders weiter. In ganz seltenen Ausnahmefällen<br />

rächte sich ein verschmähter Konkurrent, der sich<br />

mit dem zweiten Platz nicht abfinden wollte. Einer stapelte<br />

tatsächlich eine Fuhre Mist an die Haustüre der Braut. Das<br />

machte ihn auch nicht sympathischer.<br />

Das Brautpaar nutzte jetzt die Möglichkeit zu überprüfen,<br />

ob sie wirklich zueinander passten. In der Kirche<br />

saßen sie offiziell nebeneinander, nachdem die strenge<br />

Sitzordnung aufgelöst war. Scheidung war fast undenkbar.<br />

Eine Verlobung konnte man lösen, wenn es auch einen gewissen<br />

Hautgout hatte. Dann gab man die Ringe zurück.<br />

Der Bräutigam holte sich das geschenkte Geschirr wieder<br />

und lagerte es für die neue Liebe ein.<br />

Meist aber verstanden sich die Brautleute gut, sehr gut,<br />

weshalb die Braut von ihrer Mutter ermahnt wurde: „Nun<br />

komm wieder, wie Du gegangen bist.“ Bis auf einmal wurde<br />

der Auftrag nach besten Kräften eingehalten. Öfter als zugegeben<br />

führte das Einverständnis der Verlobten zu noch nicht<br />

eingeplanten Manifestationen. Alle Welt regte sich auf oder<br />

zerriss sich das Maul. Das hing von der Nähe zum Brautpaar<br />

ebenso ab wie vom Wohlwollen. „Heiraten müssen“<br />

blieb eine Schande. Es manifestierte<br />

Wollust und Regelbruch. Schwer<br />

war es den Eltern beizubringen, weil<br />

man eben nicht wusste, dass es denen<br />

meist nicht anders gegangen war.<br />

Oder sie hatten einfach nur Glück gehabt.<br />

Ein junger Burbacher löste die<br />

Aufgabe elegant. Zu Ende des Frühstücks,<br />

schon mit der Aktentasche in<br />

der Hand, informierte er seine Familie:<br />

„I Burbich sei werrer en Masse<br />

Leu, die sich bestoare musse“ (In<br />

Burbach müssen viele wieder heiraten.)<br />

Und durch die zufallende Haustüre<br />

ergänzte er: „Ech sei och dobei“<br />

(Ich bin auch dabei).<br />

Das Aufgebot musste bestellt<br />

werden. Die Gemeinde hängte in<br />

ihrem Schaukasten am Amtshaus<br />

öffentlich aus, wer da wen ehelichen<br />

wollte, damit gegebenenfalls<br />

Einspruch erhoben werden konnte. Wenn dann gemunkelt<br />

wurde, die Braut wäre schwanger, konnte man sicher sein,<br />

dass im Schutze der Dunkelheit dieser amtliche Aushangkasten<br />

mit einem kräftigen Knüppel „gestegt“ (gestützt)<br />

wurde, damit er unter der Last nicht zusammenbrach.<br />

Die standesamtliche Trauung hatte die entscheidende<br />

zivilrechtliche Bedeutung. Die kirchliche Trauung blieb<br />

zentral. Man ging zu Fuß zur Kirche. Bis zur vorvergangenen<br />

Jahrhundertwende trug die Braut schwarz. Nur der<br />

Schleier war weiß. Das ganze Dorf nahm Anteil. Nicht nur<br />

geladene Gäste gingen in die Kirche, alle Interessierten<br />

auch. Den ersten gemeinsamen Weg des Paares behinderten<br />

Kinder auf neckische Art. Sie „hemmten“. Sie spannten<br />

ein Seil über die Straße und gaben den Weg erst frei, wenn<br />

sie mit Süßigkeiten bestochen worden waren. Erwachsene<br />

unterbrachen ihre Arbeit, stellten sich an die Straße und<br />

wünschten Glück.<br />

Der Pfarrer führte unter Orgelklängen das Brautpaar in<br />

die blumengeschmückte Kirche. Die Gemeinde erhob sich<br />

und wartete ab, bis die Brautleute am Altar Platz genommen<br />

hatten. Natürlich war niemand so stillos, die Trauungszeremonie<br />

mit Fotografieren<br />

zu stören.<br />

Dafür blieb später noch<br />

Zeit genug.<br />

Der Pfarrer predigte<br />

und segnete das Paar<br />

ein. Man wechselte<br />

die Ringe, erhielt den<br />

Trauspruch und die<br />

neue Familienbibel.<br />

Die Gemeinde sang,<br />

die Orgel spielte. Die<br />

Festgemeinde verließ<br />

Nach der Kirche gehts zum Feiern.<br />

die Kirche und zog zum Festlokal, Hotel Dilthey. Das Essen<br />

schmeckte natürlich hervorragend: „Frau Ewers, meine<br />

Hochachtung!“ (Anm. der Autorin: Frau Ewers war nicht<br />

die Ehefrau des heutigen Bürgermeisters von Burbach,<br />

Lioba Ewers, sondern eine Köchin, die in den Fünfzigerjahren<br />

des vorigen Jahrhunderts im Hotel Koch – ehemals<br />

Hotel Dilthey – bei großen Feiern die Küche führte).<br />

Dann brach die Feierlaune durch. Fromme Leute tanzten<br />

nicht. Aber Kinder sagten Gedichte auf. Jugendliche<br />

gaben ein Theaterstück zum Besten. Der Posaunenchor<br />

blies. Gesangverein oder kleinere Chöre traten auf. Und<br />

nicht nur das. Auch hier zeigte sich wieder der dörfliche<br />

Zusammenhalt. Wer Lust und eine Idee hatte, erschien uneingeladen<br />

auf der Gesellschaft, trug kurz etwas zur Unterhaltung<br />

bei, wurde mit Kuchen oder Schnäpschen belohnt<br />

und verschwand zuverlässig umgehend.<br />

So ging das bis zum späten Abend. Irgendwann löste<br />

sich die Gesellschaft auf. Auch das Brautpaar verschwand<br />

in die erste gemeinsame Wohnung. Aber das geht uns<br />

nichts mehr an. Wir sollten uns auch lieber verkrümeln.<br />

Text und Fotos: Tilla Ute Schöllchen<br />

34 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 35


Heimische Dorfgeschichten – Klafeld<br />

Heimische Dorfgeschichten – Klafeld<br />

Der neue Blitzableiter<br />

Die Holleküsser hatten ihren altersschwachen Kirchturm<br />

abgebrochen. Da der Blitzableiter ohne Turm<br />

keinen Zweck mehr hatte, wurde derselbe vom<br />

Blitzwart des löblichen Gemeinderats in das Spritzenhäuschen<br />

verfrachtet.<br />

Nun hatten die benachbarten Klafelder erfahren, dass<br />

die Holleküsser einen ledigen, gebrauchten Blitzableiter<br />

zu verkaufen hätten. Und weil die Klafelder schon seit<br />

langem Angst hatten, das Donnerwetter könne ihnen mal<br />

in die Gemeindewirtschaft schlagen, so wollten sie diese<br />

gute Gelegenheit nicht ungenutzt vorbeigehen lassen. So<br />

setzten sie sich mit dem Holleküsser Gemeinderat in Verbindung<br />

und verhandelten – nach Bauernart – wochenlang<br />

wegen des Ankaufs. Da endlich konnte der Blitzableiter<br />

zu einem Schandpreis an die Klafelder abgegeben werden.<br />

Das höchst wichtige Geschäft, den Blitzableiter nach<br />

Klafeld zu schaffen, konnte natürlich nur durch den tiefverehrten<br />

Ortsschäffe (Gemeindevorsteher) besorgt werden.<br />

Dieser fuhr denn auch eines schönen Morgens in<br />

Begleitung des Ratsschreibers mit Schimmel und Wägelchen<br />

nach dem im Walde gelegenen Hollekusse. In ihrer<br />

Begleitung war auch Lützes Babbe, der Ratsmitglied und<br />

zugleich im Ehrenamte Blitzwart war.<br />

Beim „Pifffer“ am Markte machte der vorgespannte<br />

Schimmel von selber halt. Bei dieser Dorfwirtschaft hatte<br />

er noch jedes Mal halt gemacht. Er konnte durchaus nicht<br />

einsehen, warum er heute eine Ausnahme machen solle.<br />

Schließlich hatte er die Ehre, die Blitzkommission von<br />

Klafeld zu befördern. Und so<br />

wurde denn der erste Blitzableiterschoppen<br />

beim Piffer hinter<br />

die Binde gegossen.<br />

Nun ging die Fahrt durch die<br />

untere Klafelder Au und bald<br />

darauf hielt der Schimmel vor<br />

der Schenke der „Kaders Mutter“.<br />

Der Ortsschäffe hatte das<br />

Leitseil gezogen und „Hü“ gerufen.<br />

Ohne abzusteigen goss sich<br />

die Kommission einen weiteren<br />

Schoppen hinter die Binde, wobei<br />

der Ratsschreiber anmerkte:<br />

„Dat es `n Hetzde-Schobbe – dä<br />

zälld net.“ Im schön gelegenen<br />

Dorfe Birlenbach kehren sie<br />

nochmals in die dortige Dorfwirtschaft<br />

ein, denn es war in<br />

der Tat heiß. Diesmal „zählte“<br />

der Willkommens-Schoppen<br />

und auch der nächste, den sie<br />

ganz einfach trinken mussten,<br />

um für ihre Gemeinde Klafeld Ehre einzulegen.<br />

So kamen sie auch glücklich nach Hollekusse. Das<br />

Geschäft selbst war schnell abgemacht. Der Blitzableiter<br />

wurde in Empfang genommen, bezahlt und hinten auf das<br />

Wägelchen gepackt, doch so, dass die Spitze gesehen werden<br />

konnte. Der Blitzwart des Holleküsser Gemeinderats<br />

bot gleich darauf der Klafelder Kommission die Ehre an,<br />

sich mit ein paar Abschieds-Schoppen zu stärken. Und als<br />

die drei biederen Vertreter der Gemeinde Klafeld wieder<br />

auf ihr Wägelchen kletterten, schüttelte der Holleküsser<br />

Kollege jedem kräftig die Hand.<br />

Zum Abschied sprach er noch: „Bal hädde ech et fergässe.<br />

Ir had itz en Blitzafleirer örschder Sorde. Hä es<br />

wahne finzelich (sehr empfindlich) on sid mier en fresch<br />

fergolde leese, es hä wi rosich (rasend) ob di Blitze. Hä<br />

zütt se a on schlockt (schluckt) se. Mier ha dearwäje bi<br />

Gewerrern sin Schbetzde met nem sirene Schdromb zogebonne,<br />

sost hädde hä derlätzt alles zesame geschläh“. (Wir<br />

haben deshalb bei Gewittern seine Spitze mit einem seidenen<br />

Strumpf zugebunden, sonst hätte er am Ende alles<br />

zusammengeschlagen).<br />

„Weiß ech all“, sagte der Klafelder Ortsschäffe großspurig<br />

und stupste den Amtsschimmel mit der Geißel. „Merk<br />

dir dat!“ rief er noch dem neuen Blitzwart zu und fuhr<br />

heimwärts. „Wönsche gore Heimkonft!“ rief der Holleküsser<br />

dem Fuhrwerk noch nach, das „so schwer“ geladen<br />

hatte – und er begann zu lachen. Dass auf der Heimfahrt<br />

der Herr Ortsschäffe auch wieder in Birlenbach halten<br />

Foto: Pixabay<br />

ließ, dafür sorgte schon der brave Schimmel. Und dass er<br />

auch wieder bei Kaders Mutter hielt, war eigentlich ganz<br />

selbstverständlich. Es galt weiterhin für die Klafelder Ehre<br />

einzulegen, denn die Kommission reiste ja schließlich auf<br />

Kosten der Gemeinde.<br />

Als das Trio samt dem Blitzableiter von Kaders Mutter<br />

wieder wegfuhr, hatte die ganze Gegend eine blaue Färbung<br />

angenommen. Der Herr Ratsschreiber sagte: „Ech<br />

mein, mier würd so schbassich!“ Und dem Herrn Ortsschäffe<br />

war auch so spassig inwendig unter der Weste, aber<br />

er wusste es nicht, denn er war glücklicherweise eingeschlafen.<br />

Und das dritte ehrwürdige Mitglied der Klafelder<br />

Blitzkommission träumte von einer Gemeinderatssitzung<br />

und murmelte öfter: „Einverstanden!“<br />

Auf einmal fuhr der Ratsschreiber in die Höhe und rief<br />

ängstlich: „Ortsschäffe, häst du wat gehort?“ Der hatte<br />

zwar gar nichts gehört, aber er wurde wach. Ein schwerer<br />

Regentropfen war ihm auf die glühend heiße Nase gefallen<br />

und hatte sich zischend in Dampf verwandelt. „Et ränt!“<br />

sagte der Ortsschäffe, „Et donnert!“ meldete der Amtsschreiber<br />

und „Einverstanden!“ murmelte einmal mehr<br />

Lützes Babbe, der nicht zu erwecken war.<br />

„E Gewerrer“, rief nun blitzartig der aufgeweckte Ortsschäffe<br />

und sah ganz erschrocken zum Himmel, der sich mit<br />

schweren Wolken bedeckt hatte. Jetzt fuhr ein Blitz hernieder<br />

und spiegelte sich verdächtig an der Spitze des Blitzableiters.<br />

Bald folgte auch ein rollender Donnerschlag und<br />

erschütterte die Luft. Nun folgte Blitz auf Blitz und Schlag<br />

auf Schlag. Die Männer waren wahrlich bei dem Blitzableiter,<br />

der ja angeblich alle Blitze schluckte, in großer Gefahr.<br />

„Rette sech, wä ka!“ rief der Ortsschäffe und sprang mit<br />

einem Satze vom Wagen. „Ech moss mech for de Gemai<br />

(Gemeinde) erhale; Rotsschriwer, bliff bim Schimmel!“<br />

„Dat ech e Narr wör!“ schrie der und sprang ebenfalls<br />

zur Erde. „Awer Lützes Babbe!“ jammerte der Ortsschäffe,<br />

dem nun trotz aller Angst das Gewissen schlug.<br />

Er deutete auf den schlafenden Blitzwart, den zu wecken<br />

sie in der Angst vergessen hatten. „Ainer moss d`rbi bliwe“,<br />

entschied der kluge Ratsschreiber, „on zodem es hä<br />

jo Blitzwart on ka itz sin Amt aträre (antreten). „Komm,<br />

Ortsschäffe, on rette mir os for de Gemai!“ Damit nahm er<br />

seine langen Rockschöße in die Hände und lief in großen<br />

Sätzen dem Dorfinneren zu. Mit den Worten „Dä Schimmel<br />

moss mier de Gemai bezahln!“ setzte der Ortsschäffe<br />

sich ebenfalls in Galopp. Das offenbar dem Tode geweihte<br />

Schimmelchen mit dem gefährlichen Blitzableiter und<br />

dem schlafenden Blitzwart trabte indes langsam dem heimischen<br />

Stalle zu.<br />

Just als das Gewitter vorüber war, endete auch die geträumte<br />

Ratssitzung und Lützes Babbe schlug die Augen<br />

auf. Gleich darauf rieb er sich diese, denn alles war so nass<br />

– und er selbst auch. Dazu saß er ganz alleine im Fuhrwerk<br />

und das Leitseil schleifte führerlos im Schlamm. Da hörte<br />

er plötzlich ein wüstes Geschrei und vom Dorfe her kam<br />

ihm ein Haufen Menschen entgegen.<br />

Sie hatten die alte Feuerspritze bei sich und Feuerleitern,<br />

Haken und Eimer. Der Herr Ortsschäffe saß neben Äwerts<br />

Kurt, dem Brandmeister. Der Nachtwächter tutete „Feueralarm“<br />

und der Ratsschreiber hielt einen Schlauch in der<br />

Hand und rief: „Halt, öm Gotteswelln halt! Hä geäht sost loss!<br />

Hä moss itz total foll sin! De Fonke danze schue em Wage.“<br />

Der Ortsschäffe seinerseits nahm einen seidenen Strumpf,<br />

reichte ihn mit einem langen Feuerhaken dem Blitzwart und<br />

rief: „Lützes Babbe, do häste en sirene Schdromb. Weckel<br />

en schwinn öm di goldiche Schbetze, fillechte hälft et noch.“<br />

Ganz erstaunt sah der Blitzwart von einem zum anderen.<br />

Waren die denn alle übergeschnappt? Er nahm den seidenen<br />

Strumpf von der Stange und wickelte ihn mit verblüffender<br />

Energie um die goldene Spitze des Blitzableiters.<br />

Ein wahres Triumphgeheul folgte dieser Heldentat und<br />

die Ratsmitglieder lagen sich vor Freude in den Armen.<br />

„Gerettet!“ schrie der Ortsschäffe und er meinte damit<br />

nicht nur die Anwesenden, sondern auch das ganze schöne<br />

Klafeld. Diese Rettung wurde beim Piffer schoppenreich<br />

begossen – natürlich auf Kosten der Gemeinde. Und der<br />

Blitzwart hauchte als Held des Tages sehr früh am anderen<br />

Morgen ein letztes Mal sein „Einverstanden“.<br />

In Erinnerung an Joseph Trapp<br />

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Aus der Region<br />

Aus der Region<br />

Clemens Strack<br />

Dahlbrucher Original im vorigen Jahrhundert<br />

Foto: Archiv Bensberg – Dahlbruch 1928<br />

Das bekannteste Dahlbrucher Original im vorigen<br />

Jahrhundert war ohne Zweifel Stracks Clemens. Er<br />

wurde am 17. Dezember 1882 in Dahlbruch geboren<br />

und begann seine berufliche Laufbahn auf der Grube<br />

Stahlberg als Bergmann. Er war im Ersten Weltkrieg Soldat<br />

und wohnte dann mit seiner Frau Lenchen und 4 Kindern in<br />

der alten Dahlbrucher Turnhalle. Clemens war nie auf Rosen<br />

gebettet und hatte zudem einen Sprachfehler. Ungeachtet<br />

dessen war er ein Original von altem Schrot und Korn,<br />

dazu sehr, sehr schlagfertig. In der heutigen Zeit, in der Eile<br />

und Profitgier dominieren, ist diese Art von Sonderlingen<br />

kaum noch zu finden. Nachstehend sind einige der früher<br />

oft erzählten Anekdoten von Clemens aufgezeichnet.<br />

Ein menschliches Bedürfnis<br />

Clemens weilte einst in Siegen. Es muss kurz nach der<br />

Währungsreform gewesen sein. Da bekam er plötzlich heftige<br />

Magenschmerzen und musste aus der Hose. Er kam<br />

noch bis an den Straßenrand und verrichtete am Eingang<br />

eines Bunkers das menschliche Bedürfnis. Als er seine<br />

Hose wieder erleichtert zuknöpfte, stand ein Schutzmann<br />

neben ihm, der das Schauspiel beobachtet hatte. „Wegen<br />

öffentlichen Ärgernisses bezahlen Sie eine Mark Strafe.“<br />

Clemens kopfnickend: „Uuund ich bezahle 1 Mark und 10<br />

Pfennig, ich habe dabei auch noch gggepforzt.“<br />

Im Gerichtssaal<br />

Das Original stand auch mal als Angeklagter vor Gericht.<br />

Er bekam dabei großes Rauchverlangen, hatte aber nur seine<br />

Pfeife und einen Strang Tabak bei sich. Clemens wusste<br />

sich zu helfen. Er nahm sein Taschenmesser und schnitt<br />

seelenruhig auf dem Tisch vor ihm einige Scheiben Tabak<br />

von dem Strang ab. Der Richter bekam große Augen und<br />

sagte: „Herr Strack, ist das nicht etwas grob, was Sie da<br />

machen?“ „Jjja Herr Richter, sie haben recht, der Tttabak<br />

ist so noch zu grob, er muss noch geribbelt werden.“ Ribbeln<br />

bedeutet in Dahlbruch: etwas zwischen den Handflächen<br />

zu Krümeln feinreiben.<br />

Clemens und der Kohlenhändler<br />

Dem Dahlbrucher Kohlenhändler Otto Becker half<br />

Clemens öfters beim Abladen der Kohlen auf dem alten<br />

Bahnhofsgelände in Dahlbruch. Es war dort, wo heute die<br />

freiwillige Feuerwehr ihr Domizil hat. Bei jedem abgeladenen<br />

Zentner, den sie von der Waage, die auf einem Eisenbahnwaggon<br />

stand, aufs Dreirad kippten, machte Otto<br />

einen Kreidestrich auf ein großes Brett. Einmal kam ein<br />

Hund vorbei, hob das rechte Hinterbein und pinkelte an<br />

das Brett. Clemens, der dies bemerkt hatte, rief laut:“ Otto<br />

pppass auf, da radiert dir einer im Hauptbbbuch!“<br />

Der Schlawiner und seine Eselei<br />

Im Juli 1951 war der TuS Dahlbruch Ausrichter des<br />

Bezirksturnfestes. Da etwa 700 Personen ihre Teilnahme<br />

gemeldet hatten, war der vorhandene Sportplatz für die<br />

ordnungsgemäße Durchführung der Wettkämpfe zu klein.<br />

Damals war der Sportplatz noch dort, wo heute Hallenbad<br />

und Faustballfelder sind. Im Anschluss daran, in Richtung<br />

Norden, stand das Freibad. Dahinter auf dem Wiesengelände<br />

sollten deswegen auch noch Wettkämpfe durchgeführt werden.<br />

Die Wiesen wurden abgemäht, Unebenheiten begradigt<br />

und mit Sägemehl die Abgrenzungen für die verschiedenen<br />

Sportarten ausgeführt. Hierbei muss wohl Clemens, der in<br />

unmittelbarer Nähe hauste, aus irgendeinem Grund geärgert<br />

worden sein. Am späten Abend waren Wiese und Sportplatz<br />

für den morgigen Wettkampftag bestens vorbereitet. Doch<br />

dann trauten die Mitglieder des Arbeitskommandos am<br />

nächsten Morgen ihren Augen nicht! Was war geschehen?<br />

Der Schlawiner Clemens hatte über Nacht auf die Wiese,<br />

die als Wettkampfstätte dienen sollte, Jauche gefahren!<br />

Nach anfänglich großer Hektik und massivem Geschimpfe<br />

wurden sehr schnell Auswegmöglichkeiten geschaffen. Das<br />

Turnfest wurde trotz der Eselei des Schlawiners vom TuS<br />

Dahlbruch mit Erfolg durchgeführt und abgeschlossen.<br />

Im Namen des Gesetzes<br />

In der alten Turnhalle in Dahlbruch wohnte, wie schon<br />

erwähnt, Clemens mit seiner Familie. Als er eines Tages<br />

zu viel von einem Siegerländer Nationalgetränk, dem<br />

Wacholder, zu sich genommen hatte, bekam er von seiner<br />

Frau Lenchen eine Gardinenpredigt gehalten. Es kam<br />

zum Wortwechsel und Clemens wurde sehr wütend. Er begann<br />

das Porzellan in der Küche zu richten. Es war ganz<br />

schlimm und Lenchen wusste sich keinen Rat mehr. Sie<br />

lief zum Gemeindevorsteher Friedrich Langenohl, der in<br />

der Müsener Straße wohnte. Er ging mit ihr zur Turnhalle<br />

und rappelte an der verschlossenen Türe. Nun setzte<br />

der Vorsteher seine Amtsmiene auf und rief laut: „Herr<br />

Strack, machen Sie sofort die Türe auf!“ Keine Antwort.<br />

Der Vorsteher rief nochmals: „Herr Strack, wenn Sie die<br />

Türe nicht sofort öffnen, schlage ich diese im Namen des<br />

Gesetzes ein!“ Nun öffnete sich das Oberlicht der geteilten<br />

Türe und Clemens steckte seinen Kopf hindurch und sagte:<br />

„Jjja Frieder, das kannst du ja machen, aber dann machst<br />

dddu dieselbe auch im Namen des Gesetzes wieder ganz.“<br />

Das Dröhnen an der Wellblechbude<br />

Bei Kochs Tante Molly, heute Dahlbrucher Hof, hatte<br />

Clemens seinerzeit mit einem anderen Dahlbrucher tüchtig<br />

gezecht. Sie gingen zum Gasthof Benfer und kamen beim alten<br />

Bahnhof an einer Wellblechbude vorbei, wo sie ganz nötig<br />

Wasser ablassen mussten. Da beide großen Druck verspürten,<br />

strahlten sie gegen das Wellblech, dass es nur so dröhnte. Aber<br />

dem anderen kam etwas nicht geheuer vor und er fragte: „Clemens,<br />

warum hört man denn bei dir nix, du hast doch auch so<br />

großen Druck?“. Darauf antwortete Clemens: „Dddas kannst<br />

du auch nicht. Ich seiche dir dddoch gegen den Mantel.“<br />

Die fehlende Baugenehmigung<br />

Ende der 1930er Jahre baute das Unikum in Dahlbruch<br />

am Bähnchen, heute Hüttenweg, für sich ein kleines<br />

Wohnhäuschen – oder besser gesagt, eine Hütte. Er hatte<br />

weder eine Baugenehmigung noch eine Zusage von dem<br />

Grundstückseigentümer, dass er hier etwas bauen durfte.<br />

Da Clemens sehr geschickt war, entstand der Neubau fast<br />

nur durch Eigenleistung. Dies blieb der Obrigkeit natürlich<br />

nicht verborgen und Clemens musste bei dem regierenden<br />

Amtmann Pränger in Keppel erscheinen. Der sagte ganz<br />

böse: „Herr Strack, Sie sind der Behörde seit vielen Jahren<br />

bekannt und wir wissen, dass Sie mit den Gesetzen schon<br />

oft in Konflikt geraten sind. Dass Sie aber ein ganzes Haus<br />

ohne Konzession errichten, das ist der Gipfel der Frechheit.<br />

Was sagen Sie dazu?“ „Wwwas soll ich dazu sagen?<br />

Wenn der Adolf (Hitler), als er voriges Jahr ins Rheinland<br />

einmarschierte, erst die Engländer und Franzosen nach der<br />

Kkkonzession gefragt hätte, da wäre er heute noch nicht<br />

drin.“ Zur Verständigung: Im Jahre 1936 ließ Adolf Hitler<br />

die deutsche Wehrmacht entgegen den Bestimmungen des<br />

Versailler Vertrages und ohne die Alliierten zu fragen, ins<br />

Rheinland einmarschieren.<br />

Was der Amtmann nun gesagt hat, wurde nicht bekannt.<br />

Clemens zog jedenfalls in sein Eigenheim ein und hat auch<br />

nie irgendwelche Steuern oder andere Abgaben dafür bezahlt.<br />

Bis zu seinem Todestag am 27. Dezember 1956 hat<br />

Clemens hier gewohnt. Die Hütte ging danach an den Grundstückseigentümer<br />

über. Sie steht heute noch, trägt den Namen<br />

Clemens-Klause und wird für Feierlichkeiten genutzt.<br />

Heinz Bensberg<br />

38 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 39


Aus der Region<br />

Nur 36 km von Siegen entfernt liegt Dillenburg, dessen<br />

Wahrzeichen, der Wilhelmsturm, aus allen<br />

Fahrtrichtungen von ferne sichtbar ist. Er wurde<br />

auf dem Plateau erbaut, wo jahrhundertelang ein prächtiges<br />

Schloss gestanden hatte. Dieses wurde im Verlauf des<br />

Siebenjährigen Krieges, am 13.07.1760, von französischen<br />

Truppen in Brand geschossen und im Laufe der nächsten<br />

Jahre geschleift.<br />

In Anwesenheit zahlreicher hochrangiger Gäste fand<br />

die Einweihung des Turmes am 29.06.1875 statt. Ein Neffe<br />

des Deutschen Kaisers, Prinz Albrecht von Preußen,<br />

wohnte als offizieller Vertreter des Deutschen Kaiserreiches<br />

der Zeremonie bei (1) .<br />

Benannt ist der Turm nach dem bekanntesten Sohn der<br />

Stadt, Wilhelm von Nassau-Dillenburg, der als ältester Sohn<br />

von Graf Wilhelm (dem Reichen) und seiner Ehefrau, Juliana<br />

von Stolberg-Wernigerode, am 24.04.1533 in Dillenburg<br />

geboren wurde. Im Alter von 11 Jahren erbte er von einem<br />

Verwandten die Grafschaft Orange in Südfrankreich. Um<br />

die Erbschaft anzutreten, musste er sein Elternhaus verlassen.<br />

Er wurde an den Höfen von Kaiser<br />

Karl V von Habsburg in Brüssel und<br />

Breda erzogen und erfuhr eine hochqualifizierte<br />

Schulbildung. Durch die Erbschaft<br />

der Grafschaft führte er forthin<br />

den Namen „von Oranien-Nassau“. In<br />

Biographien wird er auch als „Wilhelm<br />

der Schweiger“ bezeichnet. Er hatte<br />

maßgeblichen Anteil an der Befreiung<br />

der Niederlande von der spanischen Besatzung<br />

(2) . Die Nationalhymne der Niederlande<br />

beginnt mit dem Satz:<br />

„Wilhelmus von Nassauen bin ich<br />

von deutschen Blut“.<br />

Niederländer besuchen jährlich zu<br />

tausenden den Schlossberg mit dem<br />

Wilhelmsturm, der von Ostern bis zum<br />

01.11. eines jeden Jahres täglich (außer<br />

montags) von 10.00 Uhr bis 13.00<br />

Uhr und von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr<br />

Schlossberg<br />

zu Dillenburg<br />

Stadtkirche Dillenburg<br />

besichtigt werden kann. Auf drei Etagen wird die Nassauische<br />

Geschichte und die des niederländischen Königshauses<br />

auf vielfältige Weise verdeutlicht.<br />

Neben dem Wilhelmsturm warten viele weitere Sehenswürdigkeiten<br />

auf die Besucher des Schlossberges. Zunächst<br />

wenden wir uns der fürstlichen Grablege zu, die sich<br />

in der Stadtkirche befindet. Im Chor der Kirche werden<br />

mehr als 50 übereinanderliegende Grabnischen vermutet.<br />

Bestattet wurden dort u.a. Graf Wilhelm der Reiche und<br />

seine zweite Ehefrau, Juliana von Stolberg-Wernigerode,<br />

Johann VI (der Ältere) sowie seine zwei vor ihm verstorbenen<br />

Ehefrauen. Seine dritte Gattin starb 16 Jahre nach ihm<br />

und ruht ebenfalls in der Gruft (3) .<br />

In der kleinen, 16 m² großen Fürstengruft, die vor Einführung<br />

der Reformation als Sakristei genutzt wurde, befinden<br />

sich vier Bleisärge, in denen Fürst Wilhelm von Nassau-<br />

Dillenburg sowie seine Ehefrau und seine beiden Kinder<br />

ihre letzte Ruhe gefunden haben. Die Grafen von Dillenburg<br />

waren im Jahr 1652 in den Reichsfürstenstand erhoben worden.<br />

Fürst Wilhelm ist mit dem Beinamen „Der Gute oder<br />

der Fromme“ bekannt. Die Weihe der<br />

Stadtkirche erfolgte am 03.06.1491,<br />

vermutlich an der gleichen Stelle, wo<br />

zuvor die alte Marienkapelle stand (4) .<br />

Im Jahr 1510 wurde in der Nähe<br />

der Kirche in Gegenwart von Graf Wilhelm<br />

„dem Reichen“ und seiner ersten<br />

Frau, Walpurgis von Egmont, eine Glocke<br />

gegossen, die heute noch am angestammten<br />

Platz ihren Dienst versieht<br />

und als „Walpurgisglocke“ bekannt ist.<br />

Der „wandernde“ Glockengießer Heinrich<br />

van Prum verrichtete die Arbeit.<br />

Talseitig zur Dill wird der Schlossberg<br />

von der „Hohen Mauer“ dominiert,<br />

deren Errichtung im Jahr 1525<br />

begann. Sie ist ca. 300 Meter lang und<br />

teilweise 20 bis 25 Meter hoch. Als<br />

Baumeister wird Ulrich von Ansbach<br />

genannt, der die Arbeiten im Auftrag<br />

Foto: Archiv Stötzel<br />

Foto: Wikimedia Commons<br />

von Graf Wilhelm dem Reichen ausführte. Die Baukosten<br />

waren so riesig, dass der Landesherr bei seinem Bruder<br />

Heinrich um finanzielle Unterstützung nachsuchte (5) .<br />

Ihre Bauzeit wird mit ca. 10 Jahren geschätzt. Stützbögen,<br />

die wie zugemauerte Tore aussehen, wurden zur<br />

Stabilisierung direkt eingebaut. Ein maßgeblicher Anlass<br />

zur Errichtung der „Hohen Mauer“ war der Katzenelnbogischen<br />

Erbfolgestreit, aus dem sich beabsichtigte Übergriffe<br />

auf den Dillenburger Schlossberg abzeichneten.<br />

Die auf dem Bergkegel befindliche Burg war durch weitere<br />

Bollwerke, Rundmauern und Wachtürme gesichert. In<br />

den Kellern befanden sich die Waffenkammern und auch<br />

die Burgbrunnen, deren Funktionalität im Fall einer Belagerung<br />

lebenswichtig war. Erst im Laufe der Jahrhunderte<br />

wandelte sich der Burgcharakter in ein repräsentatives Residenzschloss.<br />

Etwa 20 Meter unter dem Plateau des Wilhelmsturmes<br />

befindet sich der jetzige Eingang zu den früheren Verteidigungsanlagen<br />

des Schlossberges, den Kasematten. Es handelt<br />

sich dabei um Bauwerke aus dem 15ten und 16ten Jahrhundert,<br />

die zur Zeit ihrer Herstellung teils oberirdisch, teils<br />

unterirdisch angelegt wurden (6) . Durch die Zerstörung des<br />

Schlosses im 18ten Jahrhundert veränderte sich das gesamte<br />

Bild, auch nach Verfüllung der früheren Wehranlagen.<br />

Der in Vorzeiten mit Wagen und Karren befahrbare<br />

Wallgraben kann heute, teilweise im Schlossberg liegend,<br />

bei einer Führung besichtigt werden.<br />

Bollwerk, Jägergemach, Große Durchfahrt, Krautkeller<br />

und „Löwengrube“ sind Begriffe, die dem Besucher beim<br />

Begehen der unterirdischen Räume und Gänge begegnen.<br />

Ein bis in die Niederungen des Dilltals mit 62 Metern Tiefe<br />

angelegter Brunnen sollte die Wasserversorgung sicherstellen.<br />

Die von einer Bergquelle führende, aus Tonrohren<br />

bestehende Wasserleitung war im Falle einer Belagerung<br />

der Anlage zu anfällig für eine Unterbrechung (7) .<br />

Torbogen in der „Hohen Mauer“.<br />

Zwei Jahre lang, von März 1571 bis Mai 1573, war<br />

Jan Rubens Gefangener in den Befestigungsanlagen<br />

von Dillenburg. Er wurde des Ehebruchs mit Anna von<br />

Sachsen, der zweiten Ehefrau von Wilhelm von Oranien-<br />

Nassau, beschuldigt, für die er anwaltlich tätig war. Gegen<br />

eine Kaution von 6.000 Talern wurde er freigelassen, durfte<br />

aber das Stadtgebiet von Siegen nicht verlassen. Dort<br />

wurde 1577 sein Sohn, Peter-Paul Rubens, geboren (8) .<br />

Eine Führung durch die Kasematten findet in den Ferien<br />

donnerstags bis sonntags um 15.00 Uhr statt. Gruppen<br />

können auch individuelle Führungszeiten vereinbaren.<br />

Heinz Stötzel<br />

Literatur- und Quellenverzeichnis: 1) Pletz-Krehahn, 650 Jahre Stadt Dillenburg, 1994,<br />

Seiten 135/136. 2) Lück, Alfred Siegerland und Neederland, 1981, Seiten 49 ff. 3) Schmidt,<br />

Thomas Dillenburger Blätter Nr. 17, 1991, Seite 126. 4) Schmidt, Thomas wie, Seiten 17-<br />

19. 5) Textor, Johann Nassauische Chronik aus 1617, Nachdruck bei Bronn und Fries 1980,<br />

Seiten 110 ff. 6) Becker, Emil Schloss und Stadt Dillenburg, 1994 Seite 65. 7) Sauer, Horst<br />

Stadtgeschichte von Dillenburg 1344 bis 1994, Seiten 193 bis 197. 8) Rubens, Maria Brief<br />

der Mutter von Peter-Paul Rubens an ihre Mutter von 14.06.1577 aus Siegen.<br />

Foto: Archiv Stötzel<br />

40 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 41


Mundart<br />

Det erschte Foahrrad eä Isern*<br />

Mundart<br />

Loufjewechdswoahw<br />

Zeichnung von Willi Grau, Eisern 2022<br />

Et woar ogefähr em 1890 rem. Mir Schoaljonge froute<br />

os onnernanner: „Häste och deän Mah of d`m Vilyzebeth<br />

(Fahrrad) schoe geseh?“ Off eimoal – mir<br />

woarn grad off d`r Roes am Kleckerches speeln – koam da<br />

dä Mah off zwai Rarer va d´r Kopperhette ronnergefoahrn.<br />

Mir lofe ah de Schossewäch bi Schollshanneses, onn du<br />

fuhr grad dat Unikum voarbi. Fast woarn m´r sprachlos,<br />

weil dä Mah net emfol onn besonnersch doadrewer, dat hä<br />

em de Kurve remm konn foahrn.<br />

Soe e Vilyzebeth woar doch eijentlich e Monstrum.<br />

Voarn hattet ai groeß Rad on heänne e klaijet. Die Soarte<br />

hol sech awer net lang. Et koame näje Marke russ, die<br />

hatte zwai glichegroaße Rarer, onn die ha sech bis ho<br />

durchgesatt.<br />

Eä Isern hatte m`r dumoals en Mah, dä woar sinner Zit<br />

em got fofzich Joahr voarus. Kai Wonner, dat dä och em<br />

Doarf det erschte Foahrrad hatte. Et woar Lecks Friedrich,<br />

m´r nannten och „d´r Schoal - Leck“. Det erschte Rad –<br />

ech sehnet ho noch – woar e rouh gebauter Apperat. Et<br />

woarn Iserohrn on Isebleäch. Eä de Felge lou e roerer Vollgummireäng.<br />

De Speiche woarn soe decke wie vierzöllije<br />

Droahtnäl, on ah de Felge woarn se emgebördelt. Doafoar<br />

hadde dat Rad deän Voardeil, darret kä Klingel bruchde.<br />

De loasse Speiche on dergliche hoarte m`r honnert Meter<br />

witt rabbeln, on da gonge de Lii schoe offsitte.<br />

De Foahrrarer wurn da emmer wierer verbässert, onn<br />

wie da Loftschliche onn Gummimändel ofkoame, du hadde<br />

Lecks Friedrich nadierlich och doava det erschde Rad<br />

eä Isern.<br />

Sin Jong, d´r Robert, kräj det ahle Rad. Morjens freh<br />

fuhrn die zweä off ihre Rarer noam Flußberg (Bergwerk)<br />

bonner Iserfeäll, woe se ah´ner Roesthahl oarwte. D`r Robert,<br />

ai Joahr äller wie ech, fuhr da af onn zo emoal noa Nenkerschdoarf,<br />

wo sinn Mamme härstammte. Sonnoawends<br />

seäte da d`r Robert, hä woll s`r noch en Roll<br />

Bännel hoeln foar moern. De Vollgummireife<br />

längte sech nämlich , on da moßte die während<br />

d`r Foahrt schoe moal festgebonne wern. Dumoals<br />

woar det Radfoahrn doch noch e Pläsier.<br />

D´r Schoal-Leck woar, wie schoe gesäd<br />

wur, sinner Zitt wit voarus. Sommerdags hol<br />

hä oawends bi d`r ahl Schoal mänchmoal<br />

Ahsproache ah det Volk. Männer onn Jonge<br />

woarn dat, die eä d`r Technik beätkomme<br />

wolle. Fraue onn Märercher onn Märercher<br />

woarn net d`rbi. Et goaw dumoals noch kä<br />

Gleichberechtigung, onn et hätte sech och kai<br />

Wiesmensche erlaubt, sech off e Foahrrad ze<br />

sätze. Ho eäs m`r loa schoe veel wierer.<br />

Lecks Friedrich klärte de Lii beät sinne<br />

Voarträj ewwer de ganze Foahrradtechnik off.<br />

Hä moch begrefflich, wie m`r om Rad setze moßte, wie<br />

hoij de Lenkstang ze stoah hätte, wie de Kurve ze foahrn<br />

wärn onn wie d`r Radfoahrer beät allerlei domme Mensche<br />

ze reächen hätte, die strack eä det Rad nehleefe. Onn<br />

da erklärte hä och noch de Ewersetzing am Rad, wie m`r<br />

die us de Zeänn va deän zwai Zahnrarer onn och us d`m<br />

Onnerschied va de Durchmeässern bereächen kenn. Doabi<br />

seäte hä schoe moal gä die Realscheäler, die d`rbi stonne:<br />

„Ihr konnt dat nadierlich net, mir ha dat all bim ahl Lehrer<br />

Schetz geloahrt.“<br />

Ah de erschte Rarer woar kän Frailauf onn kän Recktreätt.<br />

Doafoar hadde a d`r Gawel off jeder Sitte en Isesteft,<br />

off die d`r Foahrer sin Feße sätze konn, wenn et e beßche<br />

bergaf gong. De Pedale suste da elai rem. Ah d`r Heännerahs<br />

guckte lenks e Bolze rus, dä schwär wechtich woar.<br />

Bim Offstije moßte m`r d`n lenke Foß off deän Bolze sätze,<br />

de Greffe va d`r Lenkstang packe onn beäm reächte<br />

Foß det Rad noa voarn afstoeße, doabeät det Rad e beßche<br />

Schwonk kräj. Da moßte m`r hoijheppe, sech, sech off deän<br />

Bolze steälln onn langsam eä de Sattel neererloaße. Beät<br />

de Feße hatte m`r do de remlaufende Pedale ze schnappe.<br />

Lecks Friedrich loeß sin theoretische Onnerechtdeils<br />

vam Robert off deäm ahle Rad prakdisch voarmache, woebi<br />

d`r Robert moal eä`n Schär va`ner Meästkoarr fuhr.<br />

Doabi lachte da de Lii, onn d`r Friedrich seäte da, sie<br />

verstenne joa nix vam Rafoahrn, onn derwäje brichte se<br />

net ze lache. Jedenfalls hät d`r Schoal-Leck de Isener Lii<br />

eä de Technik eägeführt. Spärer koam hä moal durch en<br />

genstige Schürferäj foar sin Brorer Wilhelm eä d`r Stadt<br />

zu Geld onn boute s`r em Onnerdoarf e scheä Huss beärem<br />

Oebstgoarde d`rbi. De Lii nannte eän da mänchmoal e<br />

beßche mißgenstig „d´r Baron“. Off alle Fälle woar Lecks<br />

Friedrich e kloger Mah, onn et hät och mäncher Isener wat<br />

va`nem geloahrt. <br />

Karl Becker, Eisern<br />

Dat si ängarmije Woahwe för ungerschiedleches Madrial<br />

on mr kennt se och als Schwengel,- Balken,- Panne,-<br />

örrer Lohwoahwe. Wie dä Name Lohwoahw alt vermude<br />

löaßt wur die em Houberch benotzt, öm dat bet nem Schöwwel<br />

va dä Eichebäum jeschearlde Loh, dat mr zo der Zitt<br />

zom Gerwe eh dr Lärerfawrik bruchde, afzewieje.<br />

Em Schlachthus wure doadrob dure Dierer jewoowe,<br />

noa ner Jagd dat erlechde Wildpret, on wenn ech mech<br />

recht erennern ka, da hadde Merdes Edeward ah sinnem<br />

Romp, bzw. sinner Kippkarr, wobet hä sösd Mest ob de<br />

Fäller fuhr, so en Schwengelwoahw hingedra befesdicht.<br />

Doabet wur dr Schrott, dän de Lüh em Dorf jesammeld<br />

hadde, afjewohwe. Wenn hä god jelaunt wor goawet och<br />

för os Kinger hi on doa moal e paar Penninger örrer och<br />

Grösche. För mänche wor dat e besselche wat fört Krommijer<br />

Maart. Hau den Lukas, Dreller, Scheffschonkel, on<br />

veeles anger wor jo och ömmer so verlockend, va der<br />

Schnuggerej ganz ze schwieje. Nappo, Zitzelitz, Zuggerwadde,<br />

jebrannde Mandeln – dän Jeröch hanech hö noch<br />

eh dr Nas wenn ech doadra denke. Ka si, ech wor ze gizzich,<br />

awer ech broachde ömmer dat besselche Geld wat<br />

ech eh dr Däsche hadde och werrer bet noa heim.<br />

Hö sinech em vierde Läwensabschnett, awer dr Humor<br />

hanech ömmer noch net verlorn. Ech stelln mir jerad vör, ech<br />

wör noch aktiv als Heilprakdiger zegäng, on et köam moal<br />

werrer emet bet ner Masse Öwerjewechde on Reddungsringe<br />

De Schneira*<br />

E<br />

Fischelbach lebte em verige Johrhonnert en Schneira.<br />

Wenn dä en Ozog omaß, läte he sei Konne e de<br />

Stowwe on zachelte se ob met Kreire. Fast niemols<br />

gob he dar ewwarig geblewene Stoff zerecke. Sei Fra<br />

mochte ihm oft derwege bättere Verwerfe. Dos holf on<br />

batte awwar nix. En<br />

gurre Dog mol harre<br />

e besonnersch grußes<br />

Stecke Stoff fer<br />

sich zereckebehale.<br />

Sei Fra froote ihn:<br />

„Mächste da do ka<br />

Gewsse draus?“ „E<br />

Gewesse draus?“<br />

wärrahollte dar<br />

Schneira, „do mach<br />

ech mar hechstens<br />

e Weste draus!“<br />

Willi Scheffel, Banfe<br />

*Mit freundlicher Genehmigung des „Heimatbund Siegerland-Wittgenstein e.V.“<br />

öm de Hofd zor Dör ne. Einije ahne schur, wat ech hö gerne<br />

bet däm örrer där mache döa. So en Schwengelwoaaw eh<br />

dr Praxis för de Afspeckkur wör doch sensazionell, on ech<br />

hädde noch en SWA (Schwengelwoahweassistentin) ehstelln<br />

mosse. Honorarabrechnung noa GbüH: Adipositastherapie<br />

mit wöchentlicher manueller Gewichtskontrolle, mittels geeichter<br />

Schwengelwaage. Pro Kg Gewichtsreduktion 30,00<br />

Euro.„On wofa träumst de nachts“? froawde min Noachber.<br />

<br />

Bruno Steuber, Littfeld<br />

42 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 43


Mundart von Sigrid Kobsch, Burbach<br />

Mundart von Uli Schöllchen, Burbach<br />

Zum Thema Offklärung<br />

Ländlicher Fortbildungsbedarf<br />

Offklärung schue datt Woort woar ie meiner Jugend<br />

kaum gebräuchlich, geschweije denn, datt se konsequent<br />

prakdiziert wuer. Heit kunn schue de klaane<br />

Kenner voa dr Zeujung bis zur Geburt im Fernsehn<br />

lugge, orer im Internet downloaden.<br />

Bei us frejer broachde de Kenner noch dr Klabberschdorch<br />

– basta! Wenn mr e Kend wull, mußde mr Zugger off<br />

de Fisderbank schtreie un da koom irjendwann heimlich dr<br />

Klabberschdorch un broachde datt Klaa. Dobei bess hä de<br />

Mama iet Bei, desweje mußde die im Bädde lie.<br />

Ech hädde mich jo gewess schwär gefreit, wenn ech bet<br />

finf Joahr gewußt hädde, datt ech e Geschwisterche kridde.<br />

Zumool ech schue poarmol Zugger off de Fisderbank<br />

geschtreit hadde, weil ech e Breererche wull. Awwer mir<br />

hat niemes watt gesaat, un ech hadde och net gemärkt, datt<br />

sich de Figur voa dr Mama verennert hadde.<br />

Also woar ech schwär verwunnert, wie en Unnern im<br />

Juni Schoobrechersch Dande Martha bet ner grueß Däsch<br />

ie us Haus koom (de Dande Martha woar de Borbijer Heawamm<br />

– awer datt wußde ech och net).<br />

Die gob mir allerhand Schächdelcher un Deesjer un<br />

saade gä mich: „Nu gang dau mol naus un schbill, Sigrid.“<br />

Ech ging glecklich bet meinem neie Schbillzeich off de<br />

Schtrooße. Ie dr Flosse schdunn voam lätzde Rää noch Wasser,<br />

un ech ließ mei Schächdelcher un Deesjer als Scheffjer<br />

schwemme. Verdeeft ie mei Schbill woar ech ganz verdattert<br />

wie Annelses Ilse mich froochde: „Na, Sigrid, woar dr<br />

Klabberschdorch schue bei au? Watt harre da broacht?“<br />

Korzdroff wuer ech riegeroofe un de Dande Martha saade:<br />

„Etz därfsde dei klaa Schwesderche lugge.“ Medde om<br />

Kichedesch looch off nem Kobbkesse us Irmtraud, Woar<br />

retzerued un schrumbelich un bröllde wie oam Schbieß. Un<br />

all schdunne se dremrem un bewunnerden datt neie Kend<br />

– wie schie et wär, watt fier lange, dungele Hoar et hädde,<br />

un watt fier en schdark Lung, darret sue laut un oahalend<br />

brölln kunn. Ech awer doachde<br />

nur:“ Loat dä schroe Zwärch sall<br />

mei Schwesder sei? Nä, datt well<br />

ech net!“<br />

Schbärer verzuul de Mama,<br />

datt us Irmtraud eijentlich Astrid<br />

heiße sull – Astrid un Sigrid hädde<br />

doch sue schie gebaßt. Awer<br />

datt hadde us Oma net hoa wunn.<br />

Die hadde nämlich Angst, die annern<br />

Kenner aijerden et un riefe<br />

et ABTRITT.<br />

Net ganz sue verschaamt woar<br />

mr he om Land, wenn et em datt<br />

Veeh ging. Mir hadden drei Keeh.<br />

Da hieß et manchmol: „Datt Billa,<br />

orer dr Fuchs orer die Aal es easich – die muß noom Bölles.“<br />

(Dä woar im Schdall voam Gemeindehaus, watt heit<br />

Vogtei heißt.) Meisdens ging dr Obba bet dr Kooh oam<br />

Schtreck dohie. Watt do passierde, wußde mr als Kend net<br />

– nur, datt et scheinbar offrejend woar, un däesweje woar<br />

ech schwär neischierich.<br />

Eimol koom dr Babba bet dr Kooh voam Bölles un wuer<br />

gefroocht, ob alles geklappt hädde. „Nä „ saade hä.“Dä faul<br />

Hund voa nem Bölles wull net sue richdich. Mir musse nochemol<br />

derhie.“ „Ei“, doachde ech, „Datt es die Gelejenheit,<br />

datt ech mol sieh, watt dr Bölles bet dr Kooh mächt.“ Also<br />

froochde ech „Därf ech da us Billa nohm Bölles brenge?“<br />

All luggden se mich perplex oa, bis de Oma saade: „Watt<br />

kimmt datt off Iefäll! Off goar kenn Fall därfsde att! Datt sill<br />

noch Moare wäern! Datt det ganze Doorf iwwer us schwätzt<br />

weil mir us Kenner die Sauerei lugge loose!“<br />

Wie ech zwelf Joahr alt woar, hadden mei Ellern woahl<br />

beschlosse, datt ech etz offgeklärt wärn sull, denn dr Babba<br />

saade en Owend gä mich: „Sigrid, heit därfsde mol lugge,<br />

wie us Fuchs e Kälfje kreed.“ Mei Freundin, det Kölbachs<br />

Ursel, hierde watt mei Vadder saade un bäerelde „Onkel<br />

Waldemar, bitte, bitte, darf ich auch zugucken?“ „Nix do“<br />

saade dr Babba. „Luck bei aue Keeh!“<br />

Ie Erinnerung voa där ganze Saache es mir bliwwe, datt<br />

us oarmer Fuchs schwär zo kruche hadde, bis endlich datt<br />

Kälfje off der Welt woar. Un datt us Oma gä mich saade:<br />

„So, etz hasdet gesieh. Sue es datt och beim Kennerkreeje –<br />

also näehm dich ie noachde!“<br />

Ja, ja, us Oma! Zwie Daach vier meiner Hochzeit wull se<br />

mir nochmol besunnersch goot! Se noohm mich off de Seide<br />

un saade hälich: „Sigrid, wenn de beschdoat best un ihr<br />

oowends iet Bädde goot, deesde alt mol, als wenn de schue<br />

oam schloofe wärscht – da lässt hä dich ie Rooh!“ •<br />

Foto: Pixabay<br />

Breererche – Brüderchen, Unnern – Nachmittag, Heawamm – Hebamme, Zwärch – Zwerg,<br />

easich – paarungsbereit, Bölles – Bulle, Moare – Mode, ie noachde – in acht, hälich - leise.<br />

He die Geschichte hån ech vå Dielmanns<br />

Arno, un dr Sahms Ludwich,<br />

dä Jong våm ehemalije Bürjermeister<br />

vå Borbich, dm Ewald Sahm, hat se bestädicht<br />

un audoresiert.<br />

Dat wår sue: Bis ie de foffzijer un sechzijer<br />

Jåhrn hattn de meiste Haiser n Stall im Haus<br />

bött zwue Keeh, zwue Säudierer un vielleicht<br />

noch anner klaaneres Veeh wie a Kälbche år<br />

Hiehner. Jeden Daach ging ött bött de Keeh da<br />

sue, dat die freeh ierscht amå gemolke wuurn.<br />

Dånåh, vielleicht em nai Auern, wenn da dr<br />

Härte vå dr Kärche blies, wuurn de Stallsdiern<br />

åffgemaacht. De losgebunnene Keeh wussdn da<br />

schue, watt se ze maache hatte: Auf ie de Weidekamp!<br />

Ierscht a må off de Stråsse un da off<br />

de Hauptstråsse. Un du ging dr Zuch – dr Härte<br />

bött seinem Hund vorne här – gemeetlich dorch<br />

et Doorf, bis hönne åm Backes åbgeboje wuur<br />

ie Richtung Weidekamp, suezesaa zr Keeharbet Fræsse, Saufe,<br />

Keehblätter un Melch prodeziern. Die Keeh hattn abber<br />

Vürfåhrt im Doorf. Nu gåb et n hühjere Beamte ie dr Kreisverwaltung,<br />

dä mussde em die Zait nåh seiner Arbet ie t Amt<br />

ie Sieje. Dat wår dæm sue dringend, dat hä jedesmål genervt<br />

wår, wenn hä off dæm Weech ie sai Bürro ie Borbich vå dæn<br />

Kee emmer offgehaale wuur. Wie et e ordentlicher Beamter<br />

sue mecht, setzte hä e höchst amtliches Schreiben å de Bürjermeister<br />

vå Borbich off. Bürjermeister ie Borbich wår ze<br />

dær Zait dr Ewald Sahm, dæn die Alliierte nåhm Kreech ie<br />

Borbich iegesatt hattn. Ie dæm Schreive beschwærte sich dr<br />

Beamte, dat hä off dæm Weech zo seiner schwär wichtijen<br />

Arbet rejelmässig ie Borbich offgehaale wuur, un et sue off<br />

kenn Fall ging. Wenn die Keeh die ganze Stråsse ienæhme<br />

däten, da künn dr Gejenverkehr net fåhrn un hä künn schue<br />

går net übberhåln un wüür offm Weech ze seiner Arbet jedesmål<br />

offgehaale. Die Keeh hättn nur off dr reechde Saite ze<br />

laufe. Dr Bürjermeister süll off jeden Fall für Abhilfe sorje. Dr<br />

Ewald Sahm wussde, watt hä als klaaner Doorfbürjermeister<br />

De Keeh off m Weech våm Weidekamp nå haam.<br />

sue m huhje Bonze schuldich wår. Nu muss mer wösse, dat<br />

dr Ewald et faustdick hönner de Uuhrn hatte. Hä setzte also<br />

sölber en höchst bürjermeisterlichen Schriftsatz folgenden<br />

Inhalts an den Oberamtsrat (or wat dä Herr nu gråd wår) off:<br />

Sehr geehrter Herr Oberamtsrat,<br />

ich gebe Ihnen völlig Recht. Dieser Zustand ist unhaltbar,<br />

und es ist für Abhilfe zu sorgen. Zu diesem Behufe habe ich<br />

für jeden Montag um elf Uhr die Kühe auf dem Weidekamp<br />

Nr. 6 einbestellt. Sie werden dort in Formation bereitstehen,<br />

um von Ihnen Verkehrsunterricht zum rechten Verhalten im<br />

Straßenverkehr zu erhalten, insbesondere zum Laufen nur<br />

auf der rechten Straßenseite.<br />

Hochachtungsvoll<br />

Ewald Sahm, Bürgermeister“<br />

Ob dä „Sehr geehrte Herr Oberamtsrat“ dat Ågebot<br />

ågenumme hat, öss mir net bekannt.<br />

•<br />

Foto: Archiv Mudersbach<br />

44 durchblick 2/2023


Gesellschaft<br />

Gesellschaft<br />

Die Schleier der Verborgenheit<br />

Rex Gildo 1961 mit Fans.<br />

Straubing ist ein schmuckes 50.000-Seelen-Städtchen<br />

südöstlich von Regensburg. In dem mittelalterlich<br />

anmutenden Ort wurde dem Ehepaar Hirtreiter am<br />

2. Juli 1936 ihr viertes Kind geboren. Es war ein Knabe<br />

und er erhielt die Vornamen Ludwig und Franz, wobei der<br />

erstere sein Rufname wurde. Der Vater verdiente in jenen<br />

Tagen sein Geld als Postschaffner, die Mutter war Hausfrau.<br />

Als der nach dem Krieg zurückgekehrte Vater wegen<br />

einer anderen Frau die Familie verließ, erkrankte die Mutter<br />

an multipler Sklerose und starb. Der inzwischen 13-jährige<br />

Ludwig zog daraufhin zum Vater und dessen neuer<br />

Frau nach München. Niemals fand sich später ein Grund<br />

für ihn, über jene Zeit zu sprechen. Er war der Junge ohne<br />

Vergangenheit und es war dies das erste von Ludwigs vielen<br />

wohlgehüteten Geheimnissen.<br />

Wenn er freilich aus seiner Jugendzeit etwas preis gab,<br />

dann entsprach dies häufig nicht der Wahrheit. Nach eigenen<br />

Angaben besuchte Ludwig das Internat der Regensburger<br />

Domspatzen, wo er zum Sänger ausgebildet<br />

worden sei – hier hielt er sich aber nur zwei Wochen auf.<br />

Schauspielunterricht habe er an der renommierten „Otto-<br />

Falckenberg-Schule bekommen – auch das war frei erfunden.<br />

Seine Mutter sei Opernsängerin gewesen und sein<br />

Geburtsjahr sei 1939 – beides ebenfalls falsch. Und wenn<br />

er auf seinen braunen Teint angesprochen wurde, dann behauptete<br />

er, seine Urgroßmutter sei Italienerin gewesen.<br />

Viele Jahre lang war sein Auftischen von Lügen durchaus<br />

erfolgreich. Wenn die geschönte Biografie in irgendeiner Gazette<br />

veröffentlicht worden war,<br />

dann wurde sie auch schon von<br />

der nächsten und allen weiteren<br />

übernommen.<br />

Der Realität entsprach indes,<br />

dass sein Vater ihn gegen<br />

seinen Willen in eine kaufmännische<br />

Lehre steckte. Während<br />

der Ausbildung bahnte sich die<br />

entscheidende Wende in Ludwigs<br />

Lebensweg an. Ein Mann<br />

namens Fred Miekley suchte<br />

seine Bekanntschaft. Dieser<br />

hatte rasch erkannt, dass etwas<br />

Besonderes in dem hübschen<br />

Halbwüchsigen, der sich so<br />

geschmeidig bewegen konnte,<br />

steckte. Mickley war im Krieg<br />

Jagdflieger gewesen und durch<br />

und durch ein Mann von Welt.<br />

Er besaß eine kleine Filmfirma,<br />

in der Ludwig die ersten Proben<br />

vor der Kamera ablegte.<br />

Der Entdecker, der ihm alles Glück der Welt versprach,<br />

wurde nicht nur sein Förderer, Berater und Manager, sondern<br />

übernahm auch seine Schulung. Disziplin und Fleiß<br />

standen an oberster Stelle, gute Umgangsformen kamen<br />

gleich dahinter. Und Ludwig war ein strebsamer Schüler,<br />

schließlich wollte er ein Star werden. Das Leben in den<br />

sehr konservativen Städten Straubing und München hatte<br />

ihn geprägt und Zweifel an Miekleys Lebenshilfe, zu der<br />

auch Ludwigs Ausbildung zum Tänzer gehörte, kamen gar<br />

nicht erst auf. Es passte ins Verschleierungs-Schema, dass<br />

der Schüler seinen Mentor bei jeder Gelegenheit als seinen<br />

Onkel vorstellte.<br />

Dass dieser „Onkel“ sich zu Beginn der Karriere darum<br />

bemühte, einen einprägsamen Künstlernamen für seinen<br />

„Neffen“ zu erfinden, entsprach dem Geist der damaligen<br />

Zeit. Anders als in späteren Jahren (Beispiel: Marius Müller-Westernhagen)<br />

war eine Karriere im Show-Geschäft<br />

mit dem Namen Ludwig Franz Hirtreiter undenkbar. Als<br />

er 1957 seine erste Filmrolle in „Immer wenn der Tag beginnt“<br />

erhielt, lautete sein Name im Vertrag „Alexander<br />

Gildo“. Auch bei seiner ersten Hauptrolle im Film „Hula-<br />

Hopp, Conny“ wird er noch als Alexander geführt, doch<br />

dies sollte letztlich ein Intermezzo bleiben. Onkel und Neffe<br />

einigten sich danach auf „Rex Gildo“ – und so wollen<br />

auch wir ihn ab hier nennen.<br />

In jenen Jahren sorgten deutsche Heimatfilme für eine<br />

stabile Einnahmequelle in den Kinos. Vor allem die anspruchslosen<br />

Schlagerfilme waren bei den Jüngeren po-<br />

pulär. Die Musik war jugendlich, die Welt war heil, die<br />

Darsteller umschwärmt. Conny Froboess und Peter Kraus<br />

waren am erfolgreichsten. Weil Conny – ebenso wie Gildo<br />

– aber bei Electrola, Kraus jedoch bei Polydor unter<br />

Vertrag stand, gab es kaum gemeinsame Froboess-Kraus-<br />

Tonträger. Das war die Chance für Rex Gildo, der sogar<br />

eine Zeit lang bei Familie Froboess in Berlin wohnte und<br />

mit Conny neue Lieder einübte.<br />

Ihr Duett „Yes, my Darling“ hielt sich 1960 sogar zwölf<br />

Wochen lang in der Hitparade. Die Sängerin sagt heute über<br />

die damalige Zeit: „Wir lebten zusammen wie Bruder und<br />

Schwester.“ Und Gildos Fähigkeiten schätzte sie so ein: „Er<br />

konnte live singen, konnte sich gut bewegen und er übte<br />

eine eindrucksvolle Ausstrahlung aus. Dies alles geschah<br />

vor und hinter der Bühne mit einer absoluten Disziplin.“<br />

Damals gab es kaum einen amerikanischen Hit, der<br />

nicht kurz darauf mit einem deutschen Text bei uns im Radio<br />

erklang. So war es auch bei Gildos ersten Erfolgen als<br />

Schlagersänger. Die Musik seines Titels „Sieben Wochen<br />

nach Bombay“ entsprach dem Lloyd-Price-Song „I`m<br />

gonna get married“ und sein „Denk an mich in der Ferne“<br />

war die deutsche Version des Paul-Anka-Lieds „Put your<br />

head on my shoulder“.<br />

Conny Froboess 1962<br />

Als ich begann, mich mit der Hauptperson dieses Aufsatzes<br />

zu beschäftigen, kamen mir auf Anhieb drei persönliche<br />

Erlebnisse aus den Anfangsjahren seines Aufstiegs in<br />

den Sinn. Da war zunächst das im Jahr 1960 erschienene<br />

Rex-Gildo-Lied „Das Ende der Liebe“. Dabei handelte es<br />

sich um die deutsche Version des Ray-Peterson-Hits „Tell<br />

Laura i love her“. In der Schule hatten wir rasch gemerkt,<br />

dass der deutsche Text so rein gar nichts mit dem Original<br />

gemein hatte, aber die Melodie war eingängig und der Text<br />

war ja bei den Schlagern eh nicht so wichtig.<br />

Damals gab es beim Sender „Radio Luxemburg“ allsonntäglich<br />

eine Hitparade, präsentiert vom Programmleiter Camillo<br />

Felgen höchstpersönlich. Die Zuhörer durften nicht<br />

nur eines der vorgestellten Lieder per Postkarte unterstützen,<br />

sondern konnten auch die Top-Fünf-Lieder in der vermuteten<br />

Reihenfolge tippen. Als Camillo das Gildo-Lied erstmals<br />

vorstellte, ersetzte ich beim Tippen lediglich das bisherige<br />

Rang-Drei-Lied durch „Das Ende der Liebe“ und hatte dank<br />

dieser einfache Maßnahme tatsächlich ins Schwarze getroffen.<br />

Alle Fünf und auch die „Zusatzzahl“ – das war der Titel<br />

ganz am Ende der Rangliste – waren richtig getippt. Rasch<br />

holte ich die Mutti herbei und diese war Zeuge, wie Camillo<br />

meinen Namen samt Wohnort als einen der vier Gewinner<br />

einer Handvoll Schallplatten nannte. Wie ich anderntags auf<br />

dem Schulhof mit großem Stolz vermerkte, hatte mein Erfolg<br />

aber noch jede Menge weiterer Ohrenzeugen gehabt.<br />

Als ich drei Jahre später den Führerschein machen durfte<br />

und dank eines 150-DM-Schnäppchens auch rasch zu<br />

einem Auto kam, war der Weg zu Ausflügen in die große,<br />

weite Welt geebnet. Der von einem Arbeitskollegen aus<br />

Gosenbach erhandelte Autoknirps nannte sich Goggomobil,<br />

die Farbe war ungefähr rehbraun (die Freunde sagten<br />

„kackbraun“) und wenn man das Gaspedal ganz nach unten<br />

trat, waren 80 km/h drin. Ich nannte das Auto „Old Mary“<br />

und klebte ein Schild mit diesem Namen aufs Blech.<br />

Im Herbst 1963 gastierte in der zwei Jahre zuvor eröffneten<br />

Siegerlandhalle die damalige Popgröße Joey Dee<br />

(u.a. „Peppermint Twist“ und „Ya Ya“), zu dessen Begleitband<br />

„The Starliters“ kurzfristig sogar Jimi Hendrix gehörte.<br />

Eine US-Formation in Siegen – da musste ich hin, ich<br />

hatte für die 30-km-Anfahrt ja jetzt ein Auto. Die eher kleine<br />

Gruppe, zu der auch einige Go-go-Tänzerinnen zählten,<br />

entfachte einen solchen Wirbel, dass die ausverkaufte Halle<br />

Kopf stand. Im Begleitprogramm traten unter anderem<br />

Rex Gildo und Gitte Hӕnning mit mehreren Liedern auf.<br />

Das Duo hatte just zu diesem Zeitpunkt den deutschen Nr.-<br />

1-Hit mit dem Titel „Vom Stadtpark die Laternen“ gelandet.<br />

Ich erinnere mich noch gut daran, wie sich die beiden<br />

– zum Teil eng umschlungen – beinahe unentwegt verliebt<br />

Rex Gildo 1964<br />

46 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 47


Gesellschaft<br />

Gesellschaft<br />

Walk of Fame in Rotterdam<br />

anblickten und ich hegte keinerlei Zweifel daran, dass sie<br />

es auch waren. Welch ein Irrtum!<br />

Die dritte Erinnerung beruht auf einer Erzählung und ist<br />

eher banal. Ein Stubenkamerad bei der Bundeswehr verdiente<br />

seine Brötchen als Tontechniker bei der Kölner Schallplattenfirma<br />

Electrola. Hier standen viele deutsche Schlagerstars<br />

unter Vertrag, darunter war – wie schon erwähnt – auch Rex<br />

Gildo. Eines Abends, so die Erzählung meines Kameraden,<br />

habe man nach der Arbeit im Tonstudio mit diesem Künstler<br />

noch einen feuchtfröhlichen Umzug durch die Kölner Kneipenlandschaft<br />

gemacht. Bei der abschließenden Fahrt zum<br />

Hotel habe Gildo sich auf dem Beifahrersitz heftig übergeben<br />

müssen und dabei den Innenraum des Autos dermaßen versaut,<br />

dass man trotz einer Generalreinigung noch eine Weile<br />

unter den Folgen zu leiden hatte.<br />

Seinen ersten Nr.-1-Hit verbuchte Gildo 1962 mit der<br />

deutschsprachigen Version des Pat-Boone-Erfolgs „Speedy<br />

Gonzales“. Dank der nun verstärkt einsetzenden Popularität<br />

blieb es natürlich nicht aus, dass sich die Medien<br />

– allen voran die Jugendzeitschrift „Bravo“ – des Künstlers<br />

Gitte Haenning 2010<br />

annahmen. Die Schlagzeilen auf der Titelseite lauteten unter<br />

anderem: „Rex Gildo im Bravo-Liebestest“ oder „Rex<br />

Gildo – meine Welt dreht sich um Mädchen“. Es erschien<br />

auch ein Rex-Gildo-Starschnitt und bei der Verleihung<br />

des Preises „Bravo-Otto“ landete der Schlagerstar zu Beginn<br />

der sechziger Jahre in der Kategorie „Super-Sänger“<br />

gleich viermal auf dem Bronzerang.<br />

Vor allem die Plattenfirma hätte es gerne gesehen, wenn<br />

Rex Gildo und Gitte Hӕnning ein richtiges Paar würden.<br />

Sie passten ja auch wirklich sehr gut zusammen – obwohl<br />

die Dänin zehn Jahre jünger war als er. Heute sagt diese<br />

über die damaligen Bestrebungen: „Wir spielten ein Paar;<br />

was wir sangen, waren Liebeslieder und offensichtlich<br />

müssen wir sehr überzeugend gewesen sein. Wir mochten<br />

uns! Aber wenn man ihn anschaute war klar, dass er Männer<br />

liebte; er war sehr auf sein Äußeres konzentriert. Miekley<br />

hatte die Macht über Rex. Ich habe dann die Reißleine<br />

gezogen und die Zusammenarbeit beendet.“<br />

Die Sängerin kann inzwischen frei darüber sprechen,<br />

dass Fred Miekley und sein Schützling in jenen Tagen eine<br />

Lebensgemeinschaft bildeten, die über Jahrzehnte Bestand<br />

behielt. Nur wenige Vertraute wussten, dass Onkel und<br />

Neffe ein Liebespaar waren und diese hielten aus guten<br />

Gründen dicht. Der noch aus dem Kaiserreich stammende<br />

Paragraph 175 erklärte sexuelle Kontakte zwischen Männern<br />

zu einer unter Strafe stehenden kriminellen Handlung.<br />

Die Älteren unter uns wissen noch, dass man früher Homosexuelle<br />

als „175er“ bezeichnete. Und wer am 17. Mai<br />

Geburtstag hatte, der musste mitunter den – in der Regel<br />

gutmütig gemeinten – Spott seiner Bekannten ertragen.<br />

Das Paar und auch das enge Umfeld lebten permanent in<br />

der Furcht, dass die Presse die hier und da aufkommenden<br />

Gerüchte über Gildos Privatleben aufgreifen könne. Das<br />

beste Mittel, diese als Lügenmärchen zu enttarnen, konnte<br />

– wie auch schon mit Gitte angedacht – vorzugsweise eine<br />

Hochzeit sein. Und tatsächlich ließ sich Gildos Cousine Marion<br />

Olsen hierzu überreden und wurde 1974 zu Marion Hirtreiter.<br />

Der Einfachheit halber zog sie in das Haus, in dem<br />

ihr neuer Partner und dessen alter Partner bereits lebten.<br />

Zu diesem Zeitpunkt war der Paragraph 175 in der Bundesrepublik<br />

schon liberalisiert worden. Die Homosexuellen<br />

begannen sich langsam zu emanzipieren. Sich zu seiner<br />

sexuellen Neigung zu bekennen, stand für Rex Gildo<br />

dennoch nie zur Debatte. Es hätte vermutlich die Karriere<br />

zerstört, die dank seines größten Hits „Fiesta Mexicana“<br />

gerade einen Höhepunkt erlebte. Da schien eine Heirat<br />

doch viel unverfänglicher und eher angebracht.<br />

Die Frauenzeitschriften stürzten sich natürlich auf die<br />

späte Verbindung des inzwischen 38-Jährigen, dem die<br />

Frauen schon so lange reihenweise zu Füßen gelegen hatten.<br />

Nun hatte er endlich eine liebevolle Ehefrau gefunden. Titelbilder<br />

mit dem ach so glücklich sich gebärdenden Paar und<br />

Geschichten aus deren Alltag und Urlaub fanden bei „Brigitte“,<br />

„Bild der Frau“, „Gala“ und vielen anderen Blättern<br />

zumindest eine Zeit lang entsprechende Aufmerksamkeit.<br />

Das fortschreitende Alter war Rex Gildo im Übrigen<br />

kaum anzusehen; als schon im dritten Lebensjahrzehnt die<br />

ersten Anzeichen von Geheimratsecken sichtbar wurden,<br />

verhalf ihm eine nach höchsten Ansprüchen gefertigte Perücke<br />

langjährig zu einem in etwa gleich bleibenden Erscheinungsbild.<br />

Dass auch von seinen künstlichen Haaren neben<br />

dem zum Dichthalten verdonnerten Frisör nur das allerengste<br />

Umfeld etwas wusste, gehörte bei Rex Gildo ganz einfach<br />

zu den festen Regeln.<br />

Der Bruch in seinem Leben erfolgte, als 1988 sein Partner<br />

Fred Miekley starb. Das war ein schwerwiegendes Ereignis.<br />

Mehr und mehr zeigte sich in der Folge, dass ihm nun<br />

der gewohnte Halt fehlte. Zwei Jahre nach Miekleys Tod<br />

trennte sich auch noch Gattin Marion von ihm. Hildegard<br />

Knef gab mit ihrem Liedtext „Von nun an ging`s bergab“ die<br />

Richtung vor. Gildo hatte in über 30 Kinofilmen mitgewirkt,<br />

die Auflage seiner verkauften Schallplatten betrug rund 40<br />

Millionen. Er hätte sich getrost aufs Altenteil zurückziehen<br />

können – doch er verpasste den Absprung.<br />

Größere Hallen konnte er schon lange nicht mehr füllen<br />

und so hörte man ihn mit seinem von den weiblichen Fans immer<br />

wieder verlangten „Hossa, Hossa“ auf Betriebsfeiern, in<br />

Bierzelten oder bei Eröffnungen von Möbelmärkten. Mit viel<br />

Make-up, seiner wundervollen Perücke und seinem strahlenden<br />

Lächeln blieb er nach wie vor ein Frauenschwarm – zumindest<br />

für diejenigen, die mit ihm gealtert waren.<br />

Zum Bedauern seiner Fans machten sich schließlich<br />

in seinen letzten Jahren immer häufiger Alkoholprobleme<br />

bemerkbar, die gemeinsam mit einer Tablettensucht<br />

auf der Bühne für Torkeln und textliche Aussetzer sorgten.<br />

Und das Publikum beklagte sich. Am 23. Oktober 1999<br />

gab es wieder einmal einen derart missglückten Auftritt.<br />

Sein Fahrer alarmierte den Krankenwagen, weil er nach<br />

der Rückkehr in seine Münchener Wohnung einem Zusammenbruch<br />

nahe war. Als die Rettungskräfte eintrafen,<br />

stürzte er aus einem Fenster im zweiten Stock.<br />

Wollte er an einer Regenrinne nach unten rutschen (wie<br />

manche Wohlmeinende behaupten), war es ein tragischer<br />

Unglücksfall oder wollte er seinem Leben ein Ende setzen?<br />

Die Antwort ließ sich nie klären, denn drei Tage später war<br />

alle ärztlich Kunst am Ende, der Kampf um sein Leben war<br />

vorbei, Rex Gildo war tot. Und es passt zu seinen gesamten<br />

Erdentageng, dass sich selbst über seine letzten Stunden die<br />

„Schleier der Verborgenheit“ ausgebreitet haben.<br />

Unter seinem bürgerlichen Namen Ludwig Franz Hirtreiter<br />

liegt Rex Gildo in München begraben. An seiner<br />

Seite ruhen sein Lebensgefährte Fred Miekley und seine<br />

Ehefrau Marion.<br />

Ulli Weber<br />

Grabstätte von Rex Gildo auf dem Ostfriedhof München.<br />

(alle Bilder Wikimedia Commons)<br />

48 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 49


Superstar ohne Allüren –<br />

Die Sportwelt trauert um ihre „Gold-Rosi“<br />

Rosi Mittermaier 2014<br />

Mit ihren 25 Jahren war die am 5. August 1950 in<br />

München geborene Rosa Anna Katharina „Rosi“<br />

Mittermaier von der oberhalb von Reit im Winkl<br />

gelegenen Winklmoos-Alm schon eine Seniorin im alpinen<br />

Skizirkus, als sie als Führende im Gesamtweltcup zu<br />

den XII. Olympischen Winterspielen in Innsbruck reiste.<br />

Rosi Mittermaier hatte noch schlechte Erinnerungen an<br />

die „Axamer Lizum“, das größte Skigebiet vor den Toren<br />

Innsbrucks, wo alle alpinen olympischen Skiwettbewerbe der<br />

Damen stattfanden. Im Februar 1975 war sie dort bei einem<br />

Training des Deutschen Skiverbands auf der hierfür fahrlässigerweise<br />

nicht extra abgesperrten Strecke mit einem englischen<br />

Hobbyläufer kollidiert. Der Bruch des linken Ellenbogens<br />

zwang sie danach zu einer mehrwöchigen Pause.<br />

Der Abfahrtslauf war bis dahin ihre schwächste Disziplin.<br />

Vor dem 8. Februar 1976 hatte sie noch nie eine Weltcup-Abfahrt<br />

gewonnen. An diesem Sonntag waren 30.000<br />

Erinnerung<br />

Foto: cc-Lizenz; blu-news.<br />

org, Wikimedia Commons<br />

Erinnerung<br />

erwartungsfrohe Zuschauer in die „Axamer Lizum“<br />

gekommen. Mit der Bestzeit von 1:46:68 min war<br />

die Österreicherin Brigitte Totschnig als Favoritin<br />

durchs Ziel gesaust, bis Rosi Mittermaier diese Zeit<br />

mit 1:46:16 min pulverisierte und damit Gold gewann.<br />

Trotz der eigenen Enttäuschung sagte eine Konkurrentin<br />

später: „Der Rosi mag ich diese Goldmedaille<br />

von Herzen gönnen. Sie hat sich diesen Lohn redlich<br />

verdient.“ Sogar die vielen österreichischen Fans, die<br />

drei Tage nach Franz Klammers Sieg auf Abfahrts-<br />

Doppelgold gehofft hatten, bejubelten die sympathische,<br />

ganze zwei Kilometer jenseits der Landesgrenze<br />

aufgewachsene Siegerin. Und so erklang es im Chor:<br />

„Rosi, Rosi, noch einmal, es war so wunderschön.“<br />

Was folgte, war eine Mittermaiermania mit einem<br />

Exodus aus ihrem Heimatort Reit im Winkl. „Außer<br />

den Alten und Kranken sind alle hier“, sagte ihre<br />

ebenfalls als Skirennläuferin erfolgreiche jüngere<br />

Schwester Evi, als drei Tage später vor 40.000 Zuschauern<br />

der Slalom stattfand. Nach der zweitbesten<br />

Zeit im ersten Durchgang holte Rosi mit einem wahren<br />

„Traumlauf“ im entscheidenden zweiten Durchgang<br />

ihr zweites Olympia-Gold mit 0,33 Sekunden<br />

Vorsprung auf die Italienerin Claudia Giordani und<br />

musste anschließend von der Polizei vor ihren begeisterten<br />

Fans abgeschirmt werden. Der zum Abiturjahrgang<br />

1976 gehörende Autor erinnert sich noch<br />

gerne daran, dass er während der beiden unter der<br />

Woche stattfindenden Rennen nicht die Schulbank<br />

drücken musste, sondern zum „Public Viewing“ den<br />

Fernsehraum des Siegener Löhrtor-Gymnasiums<br />

aufsuchen und live mitfiebern durfte.<br />

Im Riesenslalom holte Rosi am 13. Februar zwar<br />

ihr drittes Edelmetall, verfehlte aber die von der Kanadierin<br />

Kathy Kreiner vorgelegte Zeit um 12 Hundertstel. Als sie von<br />

den Reportern gefragt wurde, ob sie sich nicht gräme, diesmal<br />

verloren zu haben, antwortete sie mit ihrem strahlenden<br />

Lachen: „Ich habe nicht verloren, sondern Silber gewonnen.“<br />

In ihrer zehnten Saison im Alpinen Skiweltcup entschied sie<br />

1976 die Weltcup-Gesamtwertung für sich und beendete noch<br />

in diesem Jahr auf dem sportlichen Höhepunkt ihre aktive<br />

Laufbahn. „Olympische Spiele und Weltcup gewonnen, im<br />

gleichen Jahr – mehr ist ja nicht möglich“, begründete sie<br />

diesen Entschluss knapp vier Jahrzehnte später. „Da war ein<br />

Hype und so viele Menschen. Da haben auch alle gesagt, da<br />

hast du keine Ruhe mehr zum Trainieren. Außerdem haben<br />

sich Türen geöffnet. Ich konnte Verträge schließen. Das war<br />

die Möglichkeit, eine Existenz zu gründen.“<br />

Rosi Mittermaier hatte die Gabe, trotz ihres Ruhms und<br />

ihrer großen Bekanntheit nie ihre Bodenständigkeit zu verlieren.<br />

Sie erhielt schon bald den Beinamen „Gold-Rosi“ sowie<br />

zahlreiche Ehrungen, darunter die Wahl zur Sportlerin<br />

des Jahres 1976 und die Aufnahme in die 2006 von der Stiftung<br />

Deutsche Sporthilfe gegründete virtuelle „Hall of Fame<br />

des deutschen Sports“. Außerdem wurde der 1982 eröffnete<br />

höchstgelegene Straßentunnel Europas in den Ötztaler Alpen<br />

in Tirol nach ihr „Rosi-Mittermaier-Tunnel“ benannt.<br />

Im schönsten Bergpanorama auf der urigen Winklmoos-<br />

Alm hatte Rosi Mittermaier schon früh ihre Liebe zum Alpinsport<br />

entdeckt. Die Eltern betrieben einen Gasthof, der<br />

Vater führte zudem eine Skischule. Bereits als kleines Kind<br />

stand sie auf den Brettern. Dem ganzen Trubel um ihre Person<br />

konnte die Ehefrau des Weltklasse-Skirennfahrers Christian<br />

Neureuther nie wirklich etwas abgewinnen. Mit ihrer<br />

Jugendliebe führte sie seit 1980 eine glückliche Ehe. Ihre<br />

Familie – mit Tochter Ameli und Sohn Felix, der ebenfalls<br />

mehrere alpine Ski-WM-Medaillen gewann, sowie ihren<br />

Enkelkindern – war das Wichtigste in ihrem Leben. Seiner<br />

ungebrochenen Popularität verdankte das ein unaufgeregtes<br />

und skandalfreies Leben führende Vorzeigepaar auch zahlreiche<br />

Auftritte im Fernseh-Unterhaltungsprogramm. So war<br />

es auch Mitglied im Team der Fernsehshow „Dalli Dalli“.<br />

Und stets jubelten vor dem Festspielhaus in Bayreuth mehrere<br />

Hundert Schaulustige den Eheleuten zu, wenn sie sich<br />

dort mit einem Hauch von Exklusivität einen Besuch der<br />

„Richard-Wagner-Festspiele“ gönnten. Ihren 65. Geburtstag<br />

feierte die „Gold-Rosi“ dagegen in einem Klettergarten.<br />

„Dann kommt niemand auf den Gedanken, sich allzu schön<br />

anzuziehen“, erklärte sie damals ihre Entscheidung.<br />

Für ihre natürliche, gutherzige und uneigennützige Art<br />

wurde die „Gold-Rosi“ geliebt – von Fans und Weggefährten.<br />

Übertriebener Ehrgeiz und Verbissenheit waren ihr fremd.<br />

Auf ihre beiden Goldmedaillen und die Silbermedaille, mit<br />

denen sie bei Olympia 1976 in Innsbruck ganz Wintersport-<br />

Deutschland verzaubert hatte, bildete sich die Skirennfahrerin<br />

nie etwas ein. „Ganz ehrlich, mir war es nicht wichtig,<br />

dass ich eine wahnsinnig gute Skirennfahrerin bin, und es<br />

war mir überhaupt nicht wichtig, dass ich gewinne“, sagte<br />

sie einmal. Sohn Felix Neureuther bezeichnete seine Mutter<br />

deswegen gar als ein „Phänomen in der Hinsicht. Ihr ist<br />

das Verlieren eigentlich wurscht.“ Die Bayerin liebte ihren<br />

Sport wie kaum eine andere, auf das Rampenlicht hätte Rosi<br />

Mittermaier aber gut und gern verzichten können. „Das reine<br />

Skifahren ist für mich immer noch das Schönste, was es<br />

gibt und wo mir immer das Herz aufgehen wird“, befand<br />

die Skilegende vor vielen Jahren einmal in ihrer gewohnt<br />

gutmütigen Art mit einem Lächeln auf den Lippen.<br />

Mit Sorge betrachtete sie die Entwicklungen in ihrem<br />

geliebten Sport. „Wenn sich nichts ändert, gibt es nur noch<br />

Olympische Spiele in Diktaturen. Die Vergabe der Winterspiele<br />

an Orte wie Sotschi oder Peking zum Beispiel,<br />

das ist schrecklich. Bei den Olympischen Spielen sollten<br />

Werte, Nachhaltigkeit und Fairplay im Mittelpunkt stehen<br />

und nicht das Geld und die Medaillen“, bezog sie 2016<br />

eindeutig Stellung.<br />

Foto: Rob C. Croes, Wikimedia Commons, Nederlands: Collectie / Archief: Fotocollectie Anefo<br />

Rosi Mittermaier bei der Eröffnung der Kunst-Skipiste<br />

„De Meerberg“ 1978 in Hoofdorp NL.<br />

Am 4. Januar 2023 ist Rosi Mittermaier-Neureuther in<br />

Garmisch-Partenkirchen im Alter von 72 Jahren an einer<br />

Krebserkrankung gestorben. Ihre positive Art wird wohl<br />

nicht nur im Skisport auch nach ihrem Tod unvergessen<br />

bleiben. Für viele wird sie immer die „Gold-Rosi“ bleiben.<br />

Wilfried Lerchstein<br />

50 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 51


Gesellschaft<br />

Grau bedeckte das aufgeschürfte Leder seiner Schuhe.<br />

Grau bestaubte auch den ausgedörrten Weg vor<br />

ihm. Mit jedem seiner schwerfälligen Schritte wirbelte<br />

er eine kleine Wolke auf, die sich erst langsam wieder<br />

legte. Die Sonne brannte gnadenlos auf das, was einmal gewesen<br />

war, obwohl die Uhr gerade mal 09.11 Uhr anzeigte.<br />

Sein Blick glitt über das Stoppelfeld. Wo früher einmal<br />

Bäume gestanden hatten, ragten nur noch Stümpfe aus dem<br />

Boden. Dazwischen größere Äste, unzählige Zweige. Hier<br />

und da noch eine schiefe Kiefer oder kümmerliche Grüppchen<br />

von Buchen. Und Borke. So viel, dass der ganze verdammte<br />

Wald nach Rindenmulch stank. Selbst der Weg war<br />

voll davon.<br />

Er blieb stehen. Mit der Kante seiner Schuhsohle wendete<br />

er ein Stück Borke, sodass die Innenseite nach oben<br />

zeigte. Auch hier das Labyrinth der gefräßigen Spuren des<br />

Mistviehs. In der Zeitung hatte er gelesen, dass der Borkenkäfer<br />

sich nur wegen des heißen und trockenen Sommers<br />

so hatte vermehren können. Schwachsinn! Früher waren die<br />

Sommer auch heiß und trocken gewesen! Deswegen hatten<br />

sie nicht gleich den halben Wald abholzen müssen!<br />

Während er an einzelnen Laubbäumen vorbeikam und<br />

die Sonne unbarmherzig auf seiner Stirn brannte, erinnerte er<br />

sich an die Spaziergänge mit Opa. Damals in den 60ern. Da<br />

war er noch ein kleiner Steppke gewesen. Zusammen waren<br />

sie bis nach Irmgardhausen gelaufen. Jedes Mal durch den<br />

Wald. Dabei war es manchmal so dunkel gewesen, als wäre<br />

es Abend. Da, wo die Nadelbäume zu strammen Soldaten<br />

zusammengestanden waren, wie Opa immer gesagt hatte.<br />

Da hatte die Sonne noch so stark scheinen können. Im Wald<br />

hatten sie nichts davon bemerkt. Schön war das damals gewesen.<br />

Als Kind hatte er sich vorgestellt, dass Zwerge in den<br />

Wurzeln der hölzernen Riesen leben würden. Das kannten<br />

die Kinder heutzutage gar nicht mehr. Saßen den ganzen<br />

Im Wald der<br />

Undurchdringlichkeiten<br />

Foto: Archiv Dörr<br />

Tag nur vor der Glotze. Ärsche breit wie 50-Liter-Fässer!<br />

„Morjen, Rüdiger! Na, wieder auf Schaffe?“ Kallmeier<br />

mit seiner Stinktöle.<br />

„Morjen, Herbert! Sonst machts ja keiner, wa!“ Wie er<br />

die Floskeln hasste, zu denen er sich bei jedem bekannten<br />

Gesicht gezwungen sah!<br />

„Alles um“, sprach Kallmeier, deutete aufs Stoppelfeld<br />

und schüttelte fassungslos den Kopf.<br />

Da hatte er mal ausnahmsweise recht.<br />

„Was willste machen, Herbert. Ändern können wa´s<br />

nicht“, brummte er zurück.<br />

„Haste schon die Scheißdinger in Mohnbach gesehen?“<br />

Mit den Scheißdingern meinte Kallmeier die Masten,<br />

die für die neuen Trassen gebaut wurden. Ökostrom sollten<br />

die angeblich transportieren. Wer´s glaubte!<br />

„Hör mir auf! Die Dinger sind ja mehr als doppelt so hoch<br />

wie die alten. Wer sich den Quatsch wieder ausgedacht hat!“<br />

Erst gestern war er durch Mohnbach gefahren und hatte<br />

von der Anhöhe aus auf die neuen Masten blicken können.<br />

Wie eiserne Ungetüme hatten sie das ganze Dorfbild verunstaltet.<br />

Furchtbar!<br />

„Hör mal, mach´s gut!“ Noch kopfschüttelnd verabschiedete<br />

sich Kallmeier und setzte sich wieder in Bewegung,<br />

um seine Töle weiter auszuführen. Dabei schiss der Köter<br />

stets an derselben Stelle. Das wusste das halbe Dorf, weil<br />

Herbert die vollen Hundescheißebeutel immer ins Gebüsch<br />

warf. Schöner Osterstrauch war das! Aber wehe, da gingst<br />

du zu nahe heran! Dann blieb dir die Luft weg!<br />

Ein kurzes Heben der Hand. Ein Pinkeln des Hundes<br />

gegen vertrocknete Grashalme, und die Begegnung war<br />

beendet. Mühsam quälte er sich den Anstieg hinauf. Nur<br />

noch um die Kurve, dann hatte er es geschafft. Am Mittag<br />

würde er den Bagger nicht im Wald stehen lassen, wie er<br />

es die Tage zuvor gemacht hatte. Er hatte doch keine Lust,<br />

sich von der Sonne die Birne verbrennen zu lassen! Ein<br />

leises Rascheln ließ ihn aufhorchen. Als er nach rechts blickte,<br />

entdeckte er auf dem Hang zwischen einer umgestürzten<br />

Fichte und einem dicken Stumpf ein Reh, welches auf ihn herabstarrte.<br />

Auch er war stehen geblieben. Erwiderte den Blick<br />

des Rehs, welches sich schließlich umwandte und über abgebrochene<br />

Äste sprang, bis es außer Sichtweite war. Die Dinger<br />

sah man auch immer seltener. Hatten kaum noch Möglichkeiten,<br />

sich zu verstecken. Früher hatten die Scheißviecher seine<br />

Rosen gefressen. Bis er einmal mit der Steinschleuder auf ein<br />

Kitz gezielt hatte. Da hatten sie sich erschreckt, dass er richtig<br />

sehen konnte, wie die die Panik bekommen hatten. Wenn die<br />

Viecher wieder aus ihrem Versteck kamen, wurde es Zeit, das<br />

alte Ding nochmal zu suchen.<br />

Schwer ging sein Atem. Doch länger stehen bleiben, um<br />

weiter zu verschnaufen, war auch Mist. Die Scheißsonne<br />

brannte ihm ja das Hirn heraus! Also weiter. Mit gesenktem<br />

Kopf stiefelte er über Geröll, Borke und Zweige. In der Kurve<br />

wurde es leichter, weil ein paar Laubbäume etwas Schatten<br />

spendeten. Dann hatte er sein Ziel erreicht. Kurz drückte<br />

er den Rücken durch. Beide Hände in die Seiten gestemmt.<br />

Na, da war er ja. Sein alter Kumpel hatte ihm schon<br />

einen gewaltigen Dienst erwiesen. Etwas beschwingter<br />

waren seine Schritte nun, als er auf den verwaschen-roten<br />

Bagger zuging und dabei mit der linken Hand nach dem<br />

Schlüssel in seiner Hosentasche tastete. Gerade jetzt, wo<br />

er in Rente war, wusste er seinen Kumpel mehr und mehr<br />

zu schätzen, da er sich mit ihm eine Kleinigkeit dazuverdienen<br />

konnte. Musste man ja heutzutage, wo alles teurer<br />

wurde und die feinen Herren von der Politik keine Ahnung<br />

vom kleinen Mann hatten. Da war er froh, dass die Waldarbeiter<br />

immer mal wieder auf ihn zukamen.<br />

Mit dem warmen Metallstück in seinen schweißnassen<br />

Fingern entriegelte er die Tür der Fahrerkabine. Den linken<br />

Fuß stemmte er auf die Trittstufe. Mit den Händen hielt er<br />

sich an Tür und Sitz fest. Einen Schwung, und schon saß er<br />

auf dem zerschlissenen Kunstleder.<br />

Vertraut fühlte er sich an, der alte Kamerad. Unter dem<br />

Sitz holte er eine halbvolle Flasche Wasser hervor. Er öffnete<br />

sie und nahm einen Schluck. Schmeckte zwar wie Pisse, aber<br />

besser als nichts! Dann steckte er den Schlüssel ins Zündschloss.<br />

Das beruhigende Dröhnen setzte ein. Er befestigte<br />

den Deckel auf dem Flaschenhals und ließ sie wieder unter<br />

dem Sitz verschwinden. Er zog die Tür zu und machte sich an<br />

die Arbeit. Ordentlich Erde bewegen. Die neue Trasse sollte<br />

auch hier direkt durch den Wald führen. An einigen Stellen<br />

mussten noch ein paar Laubbäume gefällt werden. Aber weiter<br />

unten konnte er schon mal loslegen, damit bald das Fundament<br />

gegossen werden konnte. Von dem zusätzlichen Geld<br />

würde er einen Zaun um sein Grundstück ziehen. Da bräuchte<br />

er die Steinschleuder gar nicht mehr. Sonja Dörr<br />

Aus ihrem Buch: Ein Sommer in zwei Teilen. ISBN: 978-3754975848<br />

52 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 53


Unterhaltung<br />

Unterhaltung<br />

Marianne und die Online-Bestellung<br />

Papier ist ja so geduldig<br />

Eigentlich wollte Marianne sich nur ein paar neue<br />

Stütz-Kniestrümpfe bestellen. Online! Es war<br />

höchste Zeit, denn bei ihren alten guckten fast überall<br />

die Zehen heraus. Leider hatte das letzte Strumpfgeschäft<br />

im Ort schon vor langer Zeit geschlossen. Aber Marianne<br />

fand relativ schnell einen Anbieter: „Spar-Strumpf<br />

2023.de“ oder so ähnlich. Und tatsächlich fand sie genau<br />

die Stütz-Kniestrümpfe, die sie wollte. Prima! Sie schob<br />

die Auserwählten in den Warenkorb, klickte freudig auf<br />

Kasse und dachte, dass sie fertig wäre. Doch dann ging<br />

es erst richtig los. „Möchten Sie einen Account einrichten<br />

oder als Gast bezahlen?“<br />

Marianne war völlig verunsichert und verlor schlagartig<br />

den Überblick, bei welchen Anbieter sie überhaupt<br />

schon Konten besitzt. Sie gab aufgeregt ihre persönlichen<br />

Daten ein und wählte leicht genervt irgendeine Bezahlmethode<br />

aus, von der sie noch nie etwas gehört hatte. Aber<br />

schließlich klappte es, wenn auch alles länger dauerte als<br />

das Aussuchen der Stütz-Kniestrümpfe. Mit dem nächsten<br />

Klick kam jedoch die Stunde der Offenbarung. „Bitte<br />

beweisen Sie, dass Sie kein Roboter sind!“ Sie verstand<br />

Bild: Carla Strehlau<br />

nicht, warum so etwas geprüft wurde. Jedoch fragte sie<br />

sich: „Was sollen Roboter mit Stütz-Kniestrümpfen anfangen?“<br />

Wie dem auch sei, im weiteren Verlauf sollte sie auf<br />

einem Bild, das in zwölf Kästchen aufgeteilt war, alle Felder<br />

anklicken, auf denen ein Baum zu sehen ist. Allerdings war<br />

die Auflösung so schlecht – oder ihre Brille so schwach –<br />

dass sie überhaupt keinen Baum entdeckte. Nicht einen einzigen!<br />

Und so drückte sie einfach auf „Weiter“. Und schon<br />

folgte das nächste Rätselbild: „Markieren Sie alle Felder, auf<br />

denen ein Fluss zu sehen ist!“ Marianne sah nur Wiesen und<br />

kam sich ein bisschen vor wie im Kindergarten. Nach weiteren<br />

„ich markiere Bilder mit Gegenständen“, erschien eine<br />

verzerrte Schrift in Hell-Rot auf dunkelgelbem Grund, die<br />

Marianne bitte abtippen sollte. Hätte sie ja gerne gemacht,<br />

doch Tatsache war, dass sie nicht viel entziffern konnte. Vorsichtig<br />

tippte sie „7eaR-0“, wobei sie sich unsicher war, ob<br />

das am Ende eine Null oder ein großes O sein sollte. Dieser<br />

Versuch war dann leider falsch. Sie bekam aber noch weitere<br />

Chancen, bis auch dieses endlich erfolgreich überstanden<br />

war. Nun ging es zur letzten großen Herausforderung: Marianne<br />

sollte ein Kästchen anklicken, hinter dem der Satz „Ich<br />

bin kein Roboter!“ stand. Inzwischen war ihr klar, dass es da<br />

nicht um das oberflächliche Treffen eines Vierecks ging. Sie<br />

war der Meinung, dass jetzt gemessen wurde, wie sich der<br />

Pfeil der Computermaus auf das Kästchen zubewegt, weil ja<br />

viele Menschen leicht zittern. War aber eigentlich egal, denn<br />

nachdem sie ihr Kreuz gemacht hatte, teilte ihr der Online-<br />

Shop mit: „Ihr Zeitlimit wurde überschritten. Bitte fangen<br />

Sie noch einmal von vorne an!“<br />

Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, wo Marianne sich<br />

kurzerhand entschloss, mit dem Bus in die nächstgrößere<br />

Stadt zum „Strumpf-Paradies“ zu fahren. Obwohl es eine<br />

lange Busfahrt war, ging der Einkauf mit persönlicher Beratung<br />

dann letztendlich wesentlich schneller, als das komische<br />

Online-Prozedere. Abends berichtete sie theatralisch<br />

im Seniorenkreis von ihren Erfahrungen, die ja letztlich<br />

darauf hinausliefen, dass sie „Spar-Strumpf 2023.de (oder<br />

so ähnlich) nicht beweisen konnte, dass sie ein Mensch ist.<br />

Und dort diskutierte man noch lange lebhaft zu dem in den<br />

Raum geworfenen Satz: „Aber was macht eigentlich einen<br />

Menschen zum Menschen?“<br />

Ulla D’Amico<br />

Bei Bekannten gibt<br />

es immer noch eine<br />

XL-Magnet-Pinnwand,<br />

an der wichtige Zettel<br />

der letzten Wochen, Monate,<br />

Jahre, vielleicht auch noch<br />

länger, hängen. In einem<br />

Anflug von Ordnungswahn,<br />

hat die „Dame des Hauses“<br />

dann das komplette Sammelsurium<br />

auf dem Tisch<br />

ausgebreitet. Terminkärtchen<br />

von Ärzten, Einladungen,<br />

geheimnisvolle<br />

Telefonnummern (wer war<br />

nochmal Bernhard?), Kassenbons,<br />

Rezeptempfehlungen<br />

und nätürlich Gutscheine<br />

jeglicher Art. Ein<br />

abgewetzter Edeka-Coupon<br />

für 50 Cent Rabatt an der Käsetheke, einer für ein selbstgekochtes<br />

Traum-Dinner von ihrem Ehemann, ein Muttertag-Gutschein<br />

von den Kindern für eine „Nakenmasasche“<br />

und ein Kosmetik-Gutschein von 2019. „Von wem der<br />

wohl war?“ fragte sie sich und entschied spontan, dass sie<br />

dringend ein Gesichtspeeling brauchte. Doch als sie die<br />

angegebene Telefonnummer wählte, kam eine fragende<br />

Stimme: „Kosmetik? Nein, wir haben nur Pizza!“<br />

Eigentlich war sie schon immer der Meinung, dass Gutscheine<br />

eine tolle Sache sind: „Bloß nichts falsch machen“,<br />

denkt sich der Schenkende. Und der Beschenkte denkt:<br />

„Zum Glück kein Stehrümchen!“ Und die Geschäfte hoffen<br />

auf: „Wird hoffentlich nicht eingelöst!“ Ja, Papier ist eben<br />

so geduldig. Es sei denn, der Schenkende kann das Event<br />

selbst kaum erwarten, weil er zum Beispiel zwei Karten<br />

für ein Fußballspiel seines Lieblingsvereins, kombiniert<br />

mit einem Essen an der Currywurstbude, sich hat einfallen<br />

lassen. „Toll Schatz!“<br />

Nun wurde ihr auch bewusst, dass selbst Einkaufsgutscheine<br />

ein ungewisses Schicksal erwartet. Diese kleinformatigen<br />

Dinger verschwinden doch meistens zwischen<br />

Kundenkarten, Stempelheftchen und Quittungen im Portemonnaie<br />

gerne auf Nimmerwiedersehen. Es gab auch mal<br />

einen Drogerie-Gutschein, an den sie nie dachte, wenn es<br />

darauf ankam. Doch knapp vor Ablauf, kaufte sie sich davon<br />

eine völlig überteuerte Geschenkpackung mit Fußpflegeartikel<br />

inklusive Peelingsocken. Apropos Peeling: Nach<br />

der Pleite mit dem Kosmetik-Gutschein knöpfte sie sich<br />

abends ihren Mann vor. „Schau mal Schatz“, triumphierend<br />

wedelte sie mit dem Traum-Dinner-Versprechen. „Wann<br />

kochst du denn endlich mal für mich?“ Daraufhin grinste<br />

er und zog ein Kästchen, mit Schleifen und Herzchen<br />

Collage: Carla Strehlau<br />

beklebt, aus einer Schublade. „Meine Liebste, bestimmt<br />

ganz bald nach unserem gemeinsamen Zeltwochenende<br />

am Edersee!“ So ein Mist, diesen uralten selbstgebastelten<br />

Valentinstag-Not-Gutschein hatte sie doch glatt vergessen!<br />

Inzwischen ist sie nun wirklich gespannt, ob es noch was<br />

wird mit diesen kulinarisch-abenteuerlichen Vorhaben, bei<br />

all den schon anliegenden Terminen. Aber als Gedankenstütze<br />

hängen die Gutscheine jetzt gut sichtbar an der XL-<br />

Magnet-Pinnwand. Ich glaube, sicher noch so lange, bis<br />

sie unter der nächsten Schicht hochwichtiger Zettel wieder<br />

verschwinden werden! Aber wie schon gesagt, Papier ist ja<br />

so geduldig! <br />

Ulla D’Amico<br />

54 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 55


Bauchfrei im Winter? Hosen,<br />

die auf halbem Hintern hängen?<br />

Glücklicherweise kein<br />

Look mehr, mit dem ich mich auseinandersetzen<br />

muss.<br />

Ich bin ein Kind der 70er Jahre!<br />

Zu meiner Einschulung trug ich<br />

nur Lieblingsklamotten: Ein weißes<br />

Kleid mit Rüschen und Blumendruck,<br />

dazu Riemchen-Sandalen, die mir<br />

Großvater gekauft hat. Meine Mutter<br />

hätte das nie getan: Das Kleid war<br />

viel zu schmutzanfällig. Den Sandalen<br />

konnte man schon ansehen, dass<br />

sie beständiges Gummitwist-Hüpfen,<br />

Stufe „unter“ oder „ober“, kaum lange<br />

aushalten würden. Immer wieder<br />

riss ein Riemchen, und der Schuster<br />

gab sich Mühe, den Schaden anschließend<br />

zu verkleben oder mit einem<br />

Flicken drunter zu vernähen.<br />

Mein zweites Paar Lieblingsschuhe<br />

waren Clogs, die Weiterentwicklung<br />

gewöhnlicher Klapperlatschen,<br />

oben dunkles Leder, unten Holz mit<br />

Fußsohlenschliff. Aufpassen musste<br />

man auf das Gummiprofil. Wenn es<br />

abgelatscht war, lief man sich schnell<br />

das Holz kaputt. Gummisohle konnte<br />

man aber am Stück an jeder Ecke<br />

kaufen, einen passenden Flatschen<br />

ausschneiden und die Schuhe selbst<br />

damit besohlen.<br />

Mein Kopfhaar hat in den ersten zehn Jahren meines<br />

Lebens nie einen Friseur gesehen: Die übliche Topffrisur<br />

Gesellschaft<br />

Das war früher Chic!<br />

Vom Wanderdirndl, Tesafilmfrisuren und Röhrenjeans<br />

gestalteten die Mütter selbst. Damit<br />

der Pony vorne gerade wurde, schnitt<br />

meine Mutter oberhalb eines sorgsam<br />

aufgeklebten Tesafilmstreifens entlang<br />

– ganz gerade und auch ziemlich<br />

kurz. Bis ich heiraten würde, wäre das<br />

wieder nachgewachsen, meinte sie.<br />

Wäre ich zehn Jahre früher auf die<br />

Welt gekommen, hätten die kurzen<br />

Haare ein Problem darstellen können:<br />

Als Mädchen hatte man Zöpfe<br />

zu tragen, als Junge eine „ordentliche<br />

Frisur“. Wenn umgekehrt die Jungen<br />

lange Haare bevorzugten und die Mädchen<br />

eine Kurzhaarfrisur, galten sie bereits<br />

als Gammler und Quertreiber.<br />

Wäre ich 20 Jahre früher auf die<br />

Welt gekommen, hätte ich noch im<br />

Dirndl wandern und im Rock Ski<br />

fahren müssen. Im Alltag hätte ich<br />

wohl einen Schürzenkittel getragen,<br />

und lange Hosen wären für mich<br />

tabu gewesen.<br />

Zehn Jahre später hätte ich mich<br />

vielleicht in mintgrün, rosa und zitronengelb<br />

gekleidet, die Mädchen<br />

mit den luftgetrockneten Dauerwellen<br />

bewundert und zur Einschulung<br />

statt des schon zu meiner Zeit altmodischen<br />

Ledertornisters („Man muss<br />

nicht genauso blöd sein wie andere“)<br />

doch einen Scoutranzen bekommen.<br />

In den 80er Jahren war ich selbst<br />

ein Mädchen mit luftgetrockneter Dauerwelle. Da Jeans<br />

noch nicht aus Stretchstoff waren, musste man die engen<br />

Foto: Archiv von Bünau<br />

Röhrenbeine entweder mit Hilfe von zwei Freundinnen<br />

über die Fersen zwingen oder etwas zu weit kaufen, sich<br />

damit in die heiße Badewanne legen und die Hose dann am<br />

Leib trocknen lassen. Ein deutlicheres Zeichen Richtung<br />

Mode setzte man, wenn man sich den Poppern, Punkern<br />

oder Ökos anschloss. „Popper“ kleideten sich halbwegs<br />

gepflegt, die Jungs mit leichter Elvistolle im Haar. Punker<br />

hatten einen Mix aus Frisurunfällen und kahlen Stellen<br />

auf dem Schädel, in individuellen Farben gefärbt. Dazu<br />

trugen sie Leder und Löchriges (Produkte beständiger individueller<br />

Verwahrlosung, noch nicht so zu erwerben).<br />

Ökos hatten selbst gebatikte T-Shirts an, ein Arafat-Tuch<br />

um den Hals, lange, zottelige Haare und bequeme Schuhe.<br />

Demonstrativ vermieden sie jede Form von Chic. In den<br />

90er Jahren habe ich Biologie studiert – dazu passte der<br />

An Tagen wie diesen<br />

Aufmerksam wurde ich durch eine Notiz in einer Zeitung,<br />

dass am 21. Januar der „Weltknuddeltag“ begangen<br />

werden soll. Erfunden hat ihn bereits 1986<br />

der amerikanische Pastor Kevin Zaborney. „Je öfter Sie jemanden<br />

umarmen, desto besser fühlen sie sich, und desto<br />

besser fühlen sich andere. Unsere Gesellschaft braucht mehr<br />

davon“, sagte er einmal gegenüber Spiegel Online. Das<br />

machte mich aufmerksam auf andere kuriose Gedenktage.<br />

Bekannt sind wohl der Valentinstag, der Muttertag oder der<br />

Weltfrauentag, hinter deren Beachtung man einen gewissen<br />

Sinn erkennt. Aber dass es einen bundesweiten Tag des Reibekuchens<br />

(Kartoffelpuffer) gibt, ist schon seltsam. In Indien<br />

erklärte das Ministerium für Fischerei, Viehzucht und<br />

Milchwirtschaft den 14. Februar zum „Kuh-Umarmungstag“<br />

und ruft die Menschen dazu auf, eine Kuh zu umarmen.<br />

Außerdem gibt es einen Welttag des Versuchtieres, einen<br />

Welttag des Schneemannes und einen Tag der Sonnenbrille<br />

am 27.06. Ein Weltfischbrötchentag am ersten Samstag im<br />

Mai darf nicht fehlen. Weitere seltsame Gedenktage nur in<br />

diesem Monat sind zum Beispiel der Weltschildkrötentag,<br />

Iss-eine-Kiwi-Tag oder der Tag des Purzelbaums. Besonders<br />

ausgeprägt scheinen solche Tage in den USA zu sein:<br />

Dort gibt es einen Tag der Artischockenherzen, Alles-wasdu-machst-ist-richtig-Tag<br />

oder einen Tag der gleichfarbenen<br />

Socken. Oft steckt hinter diesen Tagen auch die Industrie,<br />

die diese zu Werbezwecken forciert.<br />

Es gibt zahlreiche lustige, sinnvolle, seltsame sowie<br />

unnütze Feiertage, Aktionstage, Jahres-und Gedenktage<br />

– in Deutschland und weltweit. Tatsächlich gäbe es jeden<br />

Tag einen kuriosen Anlass zum Feiern. Wer mehr darüber<br />

wissen will, sei auf das Buch von Timo Lokoschat, Es<br />

wird eng im Kalender, 365 kuriose Gedenk- und Feiertage,<br />

Hanser-Verlag, hingewiesen.<br />

Gesellschaft<br />

selbst gebatikte Öko-Schlabber-Look und Räucherstäbchen-Mief.<br />

Als ich später Lokalredakteurin bei der Zeitung<br />

wurde, galt es, eigenwillig daherzukommen, bloß nicht angepasst.<br />

Feiner Zwirn beim Richtfest, ungewaschene Jeans<br />

beim Sinfoniekonzert. Eine gute Redakteurin sitzt immer<br />

zwischen allen Stühlen.<br />

In den 2000er Jahren habe ich Kinder gekriegt. Pflegeleichtes<br />

und Figurumspielendes wurde mein neuer Chic.<br />

Modisch austoben konnte ich mich an meinen noch wehrlosen<br />

Kleinkindern, denen ich nach Herzenslust selbst gestrickte<br />

Strampler, Mützchen und Söckchen anzog.<br />

Jetzt tragen die Kinder nur noch, was sie stylish finden.<br />

„Nicht dein Ernst!“, sagen sie, wenn wir im Fotoalbum<br />

(eingeklebte Papierabzüge) zurückblättern. Und: „Das war<br />

früher chic!“, antworte ich.<br />

Adele v. Bünau<br />

Mich erinnerte das Ganze auch an das Lied der Band<br />

„Die Toten Hosen“, in dem sie allerdings mehr die täglichen<br />

Begegnungen mit Menschen und hier besonders mit einer<br />

Person „an Tagen wie diesen“ beschreiben. Das Begegnen<br />

ist bedeutsam: „An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit,<br />

an Tagen wie diesen haben wir noch ewig Zeit“.<br />

Ich empfehle zusätzlich zu den vielen unnützen aber auch<br />

sinnvollen Tagen noch einen Habt-euch-lieb-Tag und einen<br />

Beendet-den-Krieg-Tag.<br />

Horst Mahle<br />

Am 27. Juni: Internationaler Tag der Sonnenbrille.<br />

Bild: Miki Merdas<br />

56 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 57


Meinung<br />

Gesellschaft<br />

Integration<br />

Hand in Hand für mehr Menschlichkeit!<br />

Als die Bomben fielen<br />

Ukraine-Krieg erinnert an unheilvolle Zeiten bei uns<br />

durchblick Titel 3/2015 zum Thema Integration.<br />

Das Wort Integration ist vor allem seit 2015, wo<br />

eine große Flüchtlingswelle Deutschland erreichte,<br />

in(fast)aller Munde. Das Wort ist lateinisch integratio<br />

= Wiederherstellung, Erneuerung. Früher bedeutete es,<br />

Menschen mit nationalen, kulturellen und religiösen Hintergründen<br />

den Sitten und Gebräuchen des Einwanderungslandes<br />

anzupassen. Diese Ansicht hat sich inzwischen geändert.<br />

Integration sollte eine wechselseitige, gegenseitige Beziehung<br />

sein. Die Migranten bringen ihre Kultur und Lebensweise<br />

mit, was für uns Einheimische meiner Meinung nach<br />

eine große Bereicherung ist. Sie sollten sie sich andererseits<br />

an unsere Regeln und Gesetze halten.<br />

Integration betrifft also uns alle, uns, die wir schon immer<br />

in unserer Heimat leben und die Zugewanderten! Die Zahl<br />

der Flüchtlinge, die wegen Krieg, Gewalt und Verfolgung<br />

ihre Heimat verlassen haben, steigt ständig. Nach Angaben<br />

des Bundesinnenministeriums lebten zum 30.6.2022 ca.1,5<br />

Millionen Menschen, die hier Schutz erhalten haben. Dazu<br />

kommen noch mehr als 216 Tausend Asylbewerbende mit<br />

offenem Schutzstatus und fast 200 Tausend ausreisepflichtige<br />

Personen, die sich aus unterschiedlichen Gründen noch<br />

bei uns aufhalten. Das ergibt dann zusammen 1.9 Millionen<br />

geflüchtete Menschen, die in Deutschland Schutz suchen.<br />

Sie möchten dauerhaft bleiben, doch wie geht das?<br />

Der Staat unterstützt die Integration von Zuwanderern<br />

mit zahlreichen Angeboten. Dadurch soll Chancengleichheit<br />

und die tatsächliche Teilhabe in allen Bereichen, insbesondere<br />

am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen<br />

Leben ermöglicht werden. Voraussetzung, diese zu nutzen,<br />

ist, oder sollte sein, dass sie die deutsche Sprache<br />

lernen und sich um Grundkenntnisse der<br />

freiheitlich demokratischen Grundordnung und<br />

des Grundgesetzes bemühen. „Sie müssen sich<br />

an die deutschen Gesetze halten und die geltenden<br />

Werte und Gepflogenheiten respektieren“,<br />

so das Bundesministerium des Innern und Heimat.<br />

Soweit der Gesetzgeber, doch wie können<br />

wir helfen und dazu beitragen, dass sich die geflüchteten<br />

Menschen bei uns wohl fühlen? Sie<br />

stehen ja, wenn sie bei uns ankommen, vor riesigen<br />

Problemen und ständig neuen Herausforderungen.<br />

Um sie zu bewältigen, sind sie auf unsere<br />

Unterstützung angewiesen. Unterstützung, die<br />

über Geld und Sachspenden hinaus gehen.<br />

Wichtig ist, sie im wahrsten Sinne des Wortes<br />

„an der Hand zu nehmen“, ihnen vor Ort<br />

die Infrastruktur und örtlichen Gegebenheiten<br />

zu zeigen und erklären, ebenso die alltäglichen<br />

Abläufe. Als kleines Beispiel sei hier nur die<br />

Mülltrennung genannt. Wir können nicht erwarten,<br />

dass Flüchtlinge wissen, was in unsere gelben, braunen<br />

und schwarzen Tonnen gehört! Wenn sie ihren Müll anderswo<br />

entsorgen, werden sie schnell und verallgemeinernd als<br />

schmutzig bezeichnet. Schnell wird hier wieder ein Vorurteil<br />

bedient. Zeigen wir, wie es funktioniert und das Problem<br />

ist gelöst! Eine Begleitung beim Einkaufen hilft, unsere<br />

Lebensmittel und Lebensweise kennenzulernen und macht<br />

gleichzeitig unsere Sprache vertraut. Behördengänge und<br />

Schriftwechsel sind selbst für uns manchmal schlecht zu begreifen.<br />

Geflüchtete haben damit sowohl inhaltlich als auch<br />

sprachlich ungleich größere Probleme. Begleiten wir sie bei<br />

Arztbesuchen. Vergessen wir nicht, dass diese Menschen<br />

bei ihrer Flucht nur das Wenigste mitnehmen konnten. Wir<br />

können ihnen bei der Wohnungssuche behilflich sein und<br />

bei der Besorgung von Einrichtungsgegenständen unter die<br />

Arme greifen.<br />

Geflüchtete Kinder und Jugendliche haben oftmals Probleme<br />

mit den schulischen Anforderungen. Viele Schulen suchen<br />

ehrenamtliche Helfer, die den Kindern zur Seite stehen.<br />

Man kann sie spielerisch mit der deutschen Sprache vertraut<br />

machen, was Allen oftmals auch viel Spaß und Freude bereitet.<br />

Ein sehr positiver Nebeneffekt des Schulunterrichts<br />

ist, dass Eltern von ihren Kindern lernen. Seit 2015 habe ich<br />

einige Jahre lang Migrationskinder in Deutsch unterrichtet.<br />

Es war toll für mich, mit einer irakisch-jesidischen Familie<br />

entstand dadurch eine tiefe Freundschaft. Diese Familie hat<br />

mich integriert, wofür ich sehr dankbar bin.<br />

Integration gelingt nur zusammen und gemeinsam; packen<br />

wir`s an.<br />

Ulla Schreiber<br />

Die Nachrichtenbilder, die seit über einem Jahr um die<br />

Welt gehen, haben viele Menschen erschüttert. Putins<br />

Einmarsch in die Ukraine, das Leid, das fortan über<br />

das Land im Osten Europas ausbrach, hat uns dieses Land<br />

ganz nah gebracht. Ukrainische Menschen haben in unseren<br />

Städten und Dörfern Zuflucht gefunden, während die Männer<br />

für die Freiheit ihres Landes kämpfen. Es sind Ehemänner,<br />

Väter, Söhne, Verwandte und Freunde, um die ihre Angehörigen<br />

bangen. Uns Ältere hat das Geschehen an schreckliche<br />

Erlebnisse im 2. Weltkrieg und danach erinnert. Plötzlich<br />

sind sie wieder präsent, die Ereignisse mit Bombenhagel und<br />

der möglichen Schutzsuche in Kellern oder Bunkern. Wenn<br />

man die Bilder der Menschen in der Ukraine im Fernsehen<br />

sieht, wie sie in ihren vermeintlich sicheren Kellern, U-Bahnschächten<br />

oder ähnlichem hocken, erinnert einen das an die<br />

Schutzsuche im 2. Weltkrieg in unserer Heimat.<br />

Damals ordnete Hitler im Oktober 1940 den Bau einer gigantischen<br />

Anzahl von Luftschutzbunkern an. Solche Bunker<br />

sollten gasdicht sein und einer abgeworfenen 1000kg-Bombe<br />

widerstehen können. Dass alle Schutzsuchenden einen Bunker<br />

bei Fliegeralarm erreichen konnten, war jedoch nicht möglich.<br />

Nur die Stadt Emden konnte seine 37.ooo Einwohner theoretisch<br />

komplett in den 32 Bunkern der Stadt unterbringen.<br />

Und es gab auch eine Großstadt, die für seine Bevölkerung<br />

gar keine Bunker hatte: Dresden. Es war nur eine geringe<br />

Beruhigung, dass auf die Stadt Siegen und ihre Umgebung<br />

erst zweimal vergleichsweise wenig Bomben gefallen waren,<br />

und zwar im Oktober 1940 und zu Beginn des Jahres 1942.<br />

Es war eigentlich allen klar, dass diese leichten Angriffe nur<br />

ein Vorspiel waren für weitere fürchterliche Angriffe, wie sie<br />

Köln und andere Städte bereits erlitten hatten. Und so kam<br />

es dann ja auch: Am 16. Dezember 1944 wurde Siegen nach<br />

einem Bombenangriff der Alliierten zu 80% zerstört. Innerhalb<br />

weniger Minuten sind mehr als 50.000 Bomben über der<br />

Stadt abgeworfen worden. Nach diesem schweren Angriff lag<br />

Siegen in Schutt und Asche. Ein normales Leben war nicht<br />

mehr möglich: Es gab keinen Strom, kein Gas und Wasser.<br />

Sogar die Kanalisation war an vielen Stellen zerstört. Christine<br />

Meister beschreibt in der Lebensgeschichte ihrer Mutter<br />

„Und gab doch niemals auf“ sehr anschaulich, wie Johanna<br />

mit ihrer kleinen Tochter bei Fliegeralarm in dem nächstgelegenen<br />

Bunker in der Burgstraße Schutz suchte. Für besonders<br />

gefährliche Alarmsituationen stand auch der Rathaus-Luftschutzkeller<br />

zur Verfügung, jedoch war dieser hinsichtlich<br />

Sicherheit nicht mit dem Burgstraßenbunker zu vergleichen.<br />

Ich meine, den Fliegeralarm noch heute zu hören, wenn<br />

von Bombenangriffen die Rede ist. Eine weitere Bombardierung<br />

am 1. Februar 1945 begann wie geplant in Siegen, jedoch<br />

verschob sich das Abwurfgebiet durch die vom Wind<br />

weggetriebenen Markierungen – den sogenannten Christbäu-<br />

men- in Richtung Osten über meinen Heimatort Kaan-Marienborn,<br />

Flammersbach und Gernsdorf bis nach Weidelbach<br />

im Dillkreis. In Kaan-Marienborn gab es 29 Menschenleben<br />

zu beklagen. 162 von 350 Häusern des Ortes wurden dem<br />

Erdboden gleichgemacht. Die brennenden oder rauchenden<br />

Ruinen sind mir noch in Erinnerung. Wir suchten Schutz im<br />

Stollen gegenüber von Klapperts Mühle. Diese Wassermühle<br />

befand sich am Ortsausgang Richtung Niederdielfen und<br />

Feuersbach. Dort harrten wir ängstlich und hilflos aus und<br />

hofften, dass es nicht so schlimm kommen würde. Aber mit<br />

gewaltigen Schlägen begann das Inferno. Es schmetterte und<br />

dröhnte aus allen Richtungen und die Erde schien zu beben.<br />

Mal waren die Einschläge weiter weg, mal schienen sie in unmittelbarer<br />

Nähe. Die Menschen hatten Todesangst. Manche<br />

fragten verzweifelt: „Womit haben wir das verdient?“, andere<br />

beteten. Als Kind von vier Jahren konnte ich das Geschehen<br />

sicher nicht richtig einordnen und man fühlte sich etwas geborgen,<br />

da die Mutter und Großeltern bei einem waren. Aber<br />

man spürte die Todesangst der anderen Schutzsuchenden.<br />

„Nie wieder Krieg“ und „Frieden schaffen ohne Waffen“<br />

waren die Gedanken und öffentlich geäußerten Parolen der<br />

Überlebenden. 77 Jahre hatten wir ja auch Gott sei Dank<br />

Frieden in Westeuropa, im Osten unseres Kontinents gab es<br />

die kriegerischen Auseinandersetzungen im Zusammenhang<br />

mit dem Zerfall Jugoslawiens. Dass so etwas wie der sowjetische<br />

Überfall auf ein Nachbarland passieren könnte, hatte<br />

wohl kaum jemand erwartet. Aber der Dichter Günter Kunert<br />

kannte die menschliche Natur wohl besser, wenn er dichtet:<br />

Als der Mensch<br />

Unter den Trümmern<br />

Seines Bombardierten Hauses<br />

Hervorgezogen wurde,<br />

Schüttelte er sich<br />

Und sagte:<br />

Nie wieder.<br />

Jedenfalls nicht gleich.<br />

Horst Mahle<br />

Literaturangaben: Dieter Tröps/Horst Braunöhler, Damals bei uns in Siegen Christine Meister,<br />

Und gab doch niemals auf (Johanna-eine Lebens-geschichte Dietermann/Schawacht, Die<br />

Zerstörung einer Stadt Dieter Pfau (Hg.), Kriegsende 1945 in Siegen<br />

Bild: Wikimedia Commons<br />

58 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 59


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Stabilitätsfaktor in unruhigen Zeiten:<br />

Sparkasse Siegen geht mit solider Basis in die Zukunft<br />

Das Geschäftsjahr 2022 gibt dem Vorstandsteam<br />

der Sparkasse Siegen in vielerlei<br />

Hinsicht Grund für einen positiven<br />

Rück- und Ausblick. Die Sparkasse geht<br />

mit wirtschaftlich solider Basis weiter<br />

in die Zukunft, trotz steigender Inflation<br />

und rasanter Zinswende. Wilfried<br />

Groos, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse<br />

Siegen, eröffnet die Bilanzpressekonferenz<br />

mit einer klaren Botschaft<br />

und einem Dank: „Wir sind dankbar für<br />

das große Vertrauen unserer Kundinnen<br />

und Kunden, der heimischen Wirtschaft<br />

und auch unserer Mitarbeitenden. Ihnen<br />

verdanken wir den Erfolg der Sparkasse<br />

Siegen und geben ihnen die Leistungsfähigkeit<br />

unserer Sparkasse zurück, als<br />

Stabilitätsfaktor in unruhigen Zeiten, auf<br />

den sie sich verlassen können.“<br />

Das Kundengeschäftsvolumen, die<br />

Summe aus Kundenkrediten, Kundeneinlagen<br />

und Wertpapierbestand, ist um 242<br />

Mio. Euro gewachsen auf 8,6 Mrd. Euro.<br />

Das Kreditvolumen beträgt inzwischen<br />

3,7 Mrd. Euro. Somit stellte die Sparkasse<br />

Siegen im Jahr 2022 noch einmal 284<br />

Mio. Euro mehr als im Vorjahr bereit an<br />

Kreditmitteln für die heimische Wirtschaft<br />

und die Menschen vor Ort. Im Geschäftsgebiet<br />

der Sparkasse Siegen, das neben<br />

Siegen auch Freudenberg, Hilchenbach,<br />

Kreuztal, Netphen und Wilnsdorf umfasst,<br />

leben rund 210.000 Menschen; fast<br />

140.000 von ihnen haben ihr Girokonto<br />

bei der Sparkasse Siegen, über 93.000<br />

davon mit Onlinezugang. 775 Mitarbeiterinnen<br />

und Mitarbeiter zählte die Sparkasse<br />

Siegen per 31. Dezember 2022,<br />

davon 37 Auszubildende und sieben<br />

Trainees. Letztes Jahr führten die Beraterinnen<br />

und Berater über 94.000 Beratungsgespräche.<br />

Erst kürzlich wurde die<br />

Sparkasse Siegen von der Gesellschaft<br />

für Qualitätsprüfung als beste Bank vor<br />

Ort ausgezeichnet.<br />

Mit einer starken Eigenkapitalbasis von<br />

fast 500 Mio. Euro (16 Mio. Euro mehr als<br />

im Vorjahr) und einer Bilanzsumme von<br />

4,9 Mrd. Euro (2022: 4,6 Mrd. Euro) ist<br />

das größte Kreditinstitut Südwestfalens<br />

gut aufgestellt.<br />

Privatkundengeschäft<br />

Die Sparkasse Siegen hält 18 Beratungsfilialen<br />

in der Region vor und<br />

betreibt insgesamt 40 Standorte. Vorstandsmitglied<br />

Tillmann Reusch dazu:<br />

„Komplexere private Anliegen werden einfach<br />

lieber persönlich besprochen – am<br />

Tisch, wo man sich direkt in die Augen<br />

sehen kann. Zugleich erleben wir aber<br />

mehr und mehr eine dauerhafte Verlagerung<br />

der Servicethemen ins Digitale oder<br />

aufs Telefon.“ Das Kundenservicecenter<br />

der Sparkasse Siegen nimmt jeden Monat<br />

im Durchschnitt fast 38.000 Anrufe<br />

entgegen. Neben den neuen Kontomodellen<br />

ging es 2022 oft um Fragen zum<br />

Onlinebanking. Hier beobachtet die Sparkasse,<br />

dass die Gespräche von Jahr zu<br />

Jahr länger werden. Es geht dabei kaum<br />

noch um Öffnungszeiten, Kontostand<br />

oder den Standort des nächsten Geldautomaten.<br />

„Gefragt ist echter Support und<br />

den können wir leisten“, erläutert Tillmann<br />

Reusch. „An den Telefonen sitzen<br />

bei uns ausgebildete Bankkaufleute, die<br />

auch Funktionalitäten im Onlinebanking<br />

oder in der App erklären können.“ Insgesamt<br />

führte das Team im Kundenservicecenter<br />

im Jahr 2022 rund 450.000<br />

Gespräche.<br />

Anhand der am Telefon und vor Ort in<br />

der Filiale nachgefragten Themen zeichnet<br />

sich ein weiterer Trend in der digitalen<br />

Welt ab: Die S-App wird wichtiger<br />

als das Onlinebanking in der Sparkassen-<br />

Internetfiliale. Viele Menschen haben<br />

ihr Mobiltelefon immer dabei und damit<br />

auch ihre mobile Sparkassenfiliale. „Die<br />

S-App ist mehrfach ausgezeichnet als<br />

beste Finanz-App Deutschlands und in<br />

der Handhabung auch wirklich einmalig.<br />

Nicht verwunderlich also, dass die Zahl<br />

derer, die die Banking-App nutzen, mit<br />

47.000 inzwischen über der Anzahl der<br />

Personen liegt (45.000), die die Internetfiliale<br />

regelmäßig nutzen“, so Tillmann<br />

Reusch. Auch das Bezahlen mit dem<br />

Mobiltelefon oder der Smartwatch ist für<br />

viele Menschen inzwischen Alltag. Noch<br />

liegt die Anzahl der Kartenzahlungen vorne;<br />

mehr als 14,7 Mio. hat die Sparkasse<br />

Siegen im Jahr 2022 abgewickelt, davon<br />

fast 12 Mio. kontaktlose Zahlungen.<br />

Die stetige Zunahme an digitalen<br />

Zahlungen zieht nach sich, dass die<br />

Menschen immer weniger Bargeld dabeihaben<br />

und auch seltener zum Geldautomaten<br />

gehen. Die Sparkasse Siegen<br />

unterhält in ihrem Geschäftsgebiet<br />

immer noch mehr als 40 Standorte. Aus<br />

Sicherheitsgründen sind inzwischen alle<br />

Filialen der Sparkasse Siegen nachts von<br />

23 Uhr bis 6 Uhr geschlossen. Für das<br />

Kundenzentrum Morleystraße gelten in<br />

den Nächten von Freitag auf Samstag<br />

sowie von Samstag auf Sonntag längere<br />

Öffnungszeiten bis 1 Uhr.<br />

Die Sparkasse Siegen hat mit der S-<br />

VITA-Kontowelt Giro-Modelle mit Zusatzleistungen<br />

eingeführt. „Wir freuen uns,<br />

dass unsere Kunden die Vorteile ihres<br />

S-VITA-Kontos aktiv nutzen und unterstützen<br />

sie gerne bei der Registrierung<br />

im Kundenportal. Denn nur wer dort<br />

zum Beispiel sein Smartphone registriert<br />

hat, kann im Schadensfall von der<br />

Mobilgeräteversicherung, die übrigens<br />

sehr gut angenommen wird, Gebrauch<br />

machen“, erläutert Tillmann Reusch. Ein<br />

weiterer S-VITA-Mehrwert, der im wahrsten<br />

Sinne des Wortes gut ankommt bei<br />

Kundinnen und Kunden, ist Cashback,<br />

der monatlich automatisiert dem Girokonto<br />

gutgeschrieben wird. Über 1.000<br />

Cashback-Partner nehmen bereits am<br />

S-VITA- Programm der Sparkasse Siegen<br />

teil, davon rund 100 regionale Händlerinnen<br />

und Händler. Insgesamt erhielten die<br />

S-VITA-Kunden mehr als 142.000 Euro<br />

Cashback für über 200.000 Einkäufe bei<br />

Lebensmittelhändlern, in Bäckereien, Restaurants<br />

oder im Elektromarkt.<br />

Immobiliengeschäft<br />

Wer bereits eine Immobilie sein Eigen<br />

nennt, beschäftigt sich jetzt intensiv<br />

mit dem Thema Energieversorgung und<br />

energetische Sanierung: moderne Technik<br />

zur Nutzung regenerativer Energien,<br />

Photovoltaik, Wärmepumpen, eine energieeffiziente<br />

Heizung, neue Fenster und<br />

Türen oder energiedämmende Maßnahmen<br />

am Gebäude. Für solche Finanzierungsanliegen<br />

hat die Sparkasse Siegen<br />

im vergangenen Jahr unter dem Namen<br />

„Mein grünes Zuhause“ ein eigenes Kreditprogramm<br />

aufgelegt. Bereits mehr als<br />

1,3 Mio. Euro haben Kundinnen und Kunden<br />

im vergangenen Jahr in ihr grünes<br />

Zuhause investiert und es wird stetig<br />

mehr. Insgesamt ist der Bestand an Privatkundenkrediten<br />

im vergangenen Jahr<br />

um 93 Mio. Euro gewachsen auf nunmehr<br />

fast 1,7 Mrd. Euro; davon sind 1,4 Mrd.<br />

Euro Immobilienkredite.<br />

Versicherungsgeschäft<br />

Mit der Gründung des „Versicherungswerks“,<br />

einer gemeinsamen Tochtergesellschaft<br />

mit der Provinzial-Agentur<br />

Arps & Neitzert in Eiserfeld, weitet die<br />

Sparkasse Siegen ihre persönliche Beratung<br />

im Bereich Versicherungen aus.<br />

Dazu Tillmann Reusch: „Bereits erlebbar<br />

ist das erste ‚Versicherungswerk‘ in<br />

der Sparkassenfiliale in Eiserfeld und die<br />

Spezialberatung in Versicherungsfragen<br />

steht Kundinnen und Kunden schon jetzt<br />

in allen Beratungsfilialen der Sparkasse<br />

Siegen zur Verfügung.<br />

Als digitale Ergänzung stellt die Sparkasse<br />

mit dem „Versicherungsmanager“<br />

seit 2022 ein neues Online-Tool bereit,<br />

das nicht nur Ordnung und Übersicht in<br />

die vorhandenen Versicherungsverträge<br />

bringen soll, sondern sie auch gleich auf<br />

Preis und Leistung überprüft. Der Service<br />

ist kostenfrei für Kundinnen und Kunden<br />

der Sparkasse Siegen. Es können alle<br />

Versicherungen eingetragen werden, und<br />

zwar unabhängig davon, bei welchem<br />

Anbieter sie abgeschlossen wurden. Auf<br />

Wunsch kann auch die Betreuung fremder<br />

Verträge von der Sparkasse Siegen<br />

übernommen werden. Derzeit sind bereits<br />

über 5.100 Verträge von rund 2.000<br />

Kundinnen und Kunden im „Versicherungsmanager“<br />

registriert.<br />

Geldanlage<br />

Wer aber kurzfristig nicht benötigtes<br />

Kapital übrig hat, dem raten wir unbedingt<br />

dazu, es sinnvoll zu investieren. Je<br />

nach Präferenz in Wertpapierfonds, Immobilien<br />

oder Versicherungslösungen,<br />

denn wenn Geld nur auf dem Konto liegt,<br />

erfährt es durch die hohe Inflation einen<br />

realen Wertverlust. Als weitere Alternative<br />

bietet die Sparkasse Siegen – die<br />

steigenden Zinsen machen es möglich –<br />

auch wieder Sparkassenbriefe mit attraktiver<br />

Verzinsung an.“<br />

Die Vermögensverwaltung „S-Premium<br />

Invest“ sowie die „Aktive Depotbetreuung“<br />

erarbeiten individuelle Lösungen für<br />

größere Geldanlagen. Eine weitere Spezialberatung,<br />

die bei der Sparkasse Siegen<br />

in den vergangenen Jahren stetig mehr<br />

Mandate erhält, ist die Finanz- und Nachfolgeplanung,<br />

die ein Komplettangebot<br />

rund um Vorsorgevollmachten, Nachlassplanung,<br />

Verfügungen bis hin zur Testamentsvollstreckung<br />

bietet.<br />

Nachhaltigkeit<br />

Die Sparkasse Siegen widmet sich intensiv<br />

dem Thema Nachhaltigkeit, auch<br />

in der Innenschau. Dabei geht es im Rahmen<br />

der ESG-Kriterien um die Themen<br />

Umweltschutz, Unternehmensführung<br />

und soziale Verantwortung. Mit dem Ziel,<br />

bis 2030 im Geschäftsbetrieb klimaneutral<br />

zu sein haben wir unter anderem eine<br />

Prüfung all unserer Standorte beauftragt,<br />

um sie, wenn möglich, auf Photovoltaik<br />

umzustellen. Unser Papierverbrauch ist<br />

deutlich zurückgegangen, zum einen natürlich<br />

durch die digitalen Kontoauszüge<br />

und Informationen, die unsere Kunden<br />

inzwischen ins E-Postfach eingestellt bekommen,<br />

aber auch intern, weil wir den<br />

eigenen Verbrauch reduzieren und inzwischen<br />

viel weniger ausdrucken. Unsere<br />

Dienstwagen haben mindestens Hybrid-<br />

Technologie, wir werden sukzessive auf<br />

E-Mobilität umstellen. Das Mobilitätskonzept<br />

für unsere Mitarbeiterinnen und<br />

Mitarbeiter umfasst ein Job-Ticket für<br />

den ÖPNV und ein Angebot zum E-Bike-<br />

Leasing. Wir haben Velocity-Stationen<br />

vor der Tür und eigene Dienstreisen erledigen<br />

wir, wenn nicht per Videokonferenz<br />

möglich, bevorzugt mit der Bahn.<br />

Stiftungsservice und<br />

soziales Engagement<br />

Im Stiftungsservice der Sparkasse<br />

Siegen und in den dort verwalteten<br />

Stiftungen war das Jahr 2022 geprägt<br />

vom Krieg in der Ukraine. Dazu Günter<br />

Zimmermann: „Es war bemerkenswert<br />

zu erleben, wie sich die Projektpartner<br />

‚unserer‘ Stiftungen an die Krisen-Situation<br />

anpassten und neue Projektideen<br />

entwickelten. Dabei ging es meistens<br />

um konkrete Hilfestellung für Menschen<br />

in unserer Region und es fällt auf, dass<br />

die Bürgerschaft näher zusammenrückt.<br />

Auch wir als Sparkasse Siegen haben<br />

solche ehrenamtlichen Hilfsprojekte mit<br />

Spenden unterstützt.“<br />

Im Stiftungsservice werden aktuell<br />

38 gemeinnützige Stiftungen mit einem<br />

Gesamtvolumen von über 65 Mio. Euro<br />

betreut.<br />

Die Sparkasse Siegen selbst war 2022<br />

ebenfalls im gesellschaftlichen Bereich<br />

engagiert mit einem Gesamtvolumen<br />

von insgesamt 5,3 Mio. Euro, die über<br />

Spenden, Zustiftungen und Sponsorings<br />

in die Region gegeben wurden.<br />

Rund 4,4 Mio. Euro flossen als Spenden<br />

an gemeinnützige Vereine, Institutionen<br />

und Projekte vor Ort.<br />

Rückblick und Ausblick<br />

Zum Abschluss der Bilanzpressekonferenz<br />

gab Wilfried Groos, der 2023 in den<br />

Ruhestand treten wird, noch einen kurzen,<br />

ganz persönlichen Rückblick: „Nach<br />

30 Jahren Vorstandstätigkeit verabschiede<br />

ich mich im September aus diesem<br />

Amt. Als ich in diese Position kam, lag die<br />

Bilanzsumme bei 1,8 Mrd. Euro, heute<br />

bei fast 5 Mrd. Euro. Die Sparkasse Siegen<br />

verfügte damals über 90 Mio. Euro<br />

Eigenkapital, heute sind es 500 Mio. Euro.<br />

Während meiner Vorstandszeit habe ich<br />

drei Fusionen begleitet. Es ist viel passiert<br />

in den vergangenen 30 Jahren und ich<br />

habe die Verantwortung für die Sparkasse<br />

immer gerne getragen – gemeinsam<br />

mit meinen Kollegen und meiner Kollegin.<br />

Daher freue ich mich sehr darüber,<br />

dass ich mit meiner Arbeit dazu beitragen<br />

konnte, die Sparkasse Siegen als zuverlässige<br />

Finanzpartnerin für die Menschen<br />

vor Ort und die heimische Wirtschaft auszubauen<br />

und weiterzuentwickeln.“<br />

Dr. Nadine Uebe-Emden, die im September<br />

seine Nachfolge als neue Vorstandsvorsitzende<br />

antreten wird, ergänzt:<br />

„Das Haus steht auf einem stabilen Fundament,<br />

wirtschaftlich wie menschlich.<br />

Kunden und Mitarbeiter können unter der<br />

Leitung des neuen Vorstandsteams weiter<br />

auf ihre Sparkasse bauen. Neben den<br />

aktuellen Bedarfslagen unserer Kunden<br />

sind für uns die Schlüsselthemen Nachhaltigkeit,<br />

Digitalisierung und Sparkasse<br />

zu bleiben, das heißt, weiterhin den<br />

wertschätzenden persönlichen Kontakt<br />

in den Mittelpunkt zu stellen. Denn das<br />

ist es, was Sparkasse im Kern ausmacht:<br />

Der Mensch macht den Unterschied.“<br />

Vorstand der Sparkasse Siegen: Günter Zimmermann, Wilfried Groos,<br />

Burkhard Braach, Dr. Nadine Uebe-Emden und Tillmann Reusch (v.lks.)


Gedächtnistr aining<br />

Lösungen Seite 82<br />

Regelsysteme im Alltag<br />

Bringen Sie Dinge möglichst rasch in die<br />

richtige Reihenfolge: Was kommt zuerst, als<br />

Nächstes usw.?<br />

z.B. Ungeordnet: Dachziegel, Parterre, Keller,<br />

Obergeschoss, Dachboden<br />

Geordnet: Keller, Parterre, Obergeschoss,<br />

Dachboden, Dachziegel<br />

a) begrüßen, essen, verabschieden, kommen,<br />

einladen, erzählen<br />

b) begießen, ernten, pflanzen, essen, jäten,<br />

umgraben, rechen<br />

c) Schlüssel umdrehen, losfahren, Fuß<br />

auf die Kupplung, Fuß auf das Gas,<br />

Gang raus, Gang rein, Kupplung treten<br />

Trainingsziel: Struckturierung<br />

Um die Ecke denken<br />

Welcher Beruf wird hier dargestellt?<br />

Teekesselchen<br />

Sie kennen sicher einige!<br />

Ein Wort mit verschiedenen Bedeutungen<br />

wird hier umschrieben. Finden<br />

Sie heraus, um welches es sich jeweils<br />

handelt<br />

1. Mein T bekommt man verliehen.<br />

Mein T ist eine Gemeinschaft von<br />

Brüdern oder Schwestern.<br />

Mein T ist z. B. das Bundesverdienstkreuz.<br />

Mein T lebt in einem Kloster.<br />

2. Mein T ist ein unappetitlicher Belag.<br />

Auf meinem T liegt das Glück der Erde.<br />

Mein T sind Pilze.<br />

Mein T sind farblich besondere Pferde.<br />

Die Made –<br />

ein Gedicht von Heinz Erhard<br />

In diesem Gedicht von Heinz Ehrhardt<br />

wurden die Vokale a, e, i und o entfernt.<br />

Setzen Sie diese wieder an die richtige Stelle.<br />

H_nt_r _ _n_s B_um_s R_nd_<br />

w_hnt d_ _ M_d_ m_t d_m K_nd_.<br />

S_ _ _st W_tw_, d_nn d_r G_tt_,<br />

d_n s_ _ h_tt_, f_ _l v_m Bl_tt_.<br />

D_ _nt_ s_ _uf d_ _s_ W_ _s_<br />

_ _n_r _m_ _s_ _ls Sp_ _s_.<br />

_ _n_s M_rg_ns spr_ch d_ _ M_d_:<br />

“L_ _b_s K_nd, _ch s_h_ gr_d_,<br />

drüb_n g_bt _s fr_sch_n K_hl,<br />

d_n _ch h_l. S_ l_b d_nn w_hl.<br />

H_lt! N_ch _ _ns, d_nk, w_s g_sch_h,<br />

g_h n_cht _us, d_nk _n P_p_!”<br />

_ls_ spr_ch s_ _ und _ntw_ch -<br />

M_d_ jun_ _r j_d_ch schl_ch<br />

h_nt_rdr_ _n; und d_s w_r schl_cht!<br />

D_nn sch_n k_m _ _n bunt_r Sp_cht<br />

und v_rschl_ng d_ _ kl_ _n_ f_d_<br />

M_d_ _hn_ Gn_d_. - Sch_d_.<br />

H_nt_r _ _nes B_ _ m _s R_nd_<br />

r_ft d_ _ M_d_ n_ch d_m K_nd_ …<br />

Trainingsziel: Urteilsfäigkeit<br />

Trainingsziel: Fantasie und Kreativität.<br />

Die Übungen wurden<br />

zusammengestellt von:<br />

Gedächtnistrainerin<br />

Bernadette von Plettenberg<br />

Mitglied im Bundesverband<br />

Gedächtnistraining e.V.<br />

02732 / 590420<br />

bernadette@plettenberg-struwe.de<br />

Gedächtnistrainingskurse auf Anfrage<br />

3. Mein T ist ein Vogel.<br />

Mein T steht in der Zeitung.<br />

Mein T lebt auf dem Wasser.<br />

Mein T ist eine Unwahrheit.<br />

4. Mein T ist ein lästiges Insekt.<br />

Mein T trägt der Mann zu feierlichen<br />

Anlässen.<br />

Mein T lebt manchmal nur einen Tag.<br />

Mein T ist eine Schleife um den Hals.<br />

Trainingsziel: Konzentration, Wortfindung<br />

Bildausschnitt<br />

Finden Sie das Original Bild in diesem Heft<br />

Hintergrundfoto: Pixabay<br />

62 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 63


Kultur<br />

Kultur<br />

Seidenhemd und Schiebermütze<br />

Bertolt Brecht – der Intellektuelle in Arbeiterkluft<br />

Als Schülerin<br />

erwarb<br />

ich 1967<br />

die gesammelten<br />

Werke von Bertolt<br />

Brecht (1898-<br />

1956) – 20 Bände<br />

mit 8.424 Seiten<br />

aus dem Suhrkamp<br />

Verlag. Damals ein<br />

Schatz für mich<br />

im tristen grauen<br />

Schuber. Denn<br />

Brecht hatte mich<br />

vom ersten Augenblick<br />

fasziniert.<br />

Bertolt Brecht<br />

Die Geschichten von Herrn Keuner hatten es mir zuerst angetan.<br />

Es sind kurze Parabeln, die er seit 1926 über 30 Jahre<br />

lang immer wieder schrieb. „Ein Mann, der Herrn K. lange<br />

nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben<br />

sich gar nicht verändert“, „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte.“<br />

Im Düsseldorfer Schauspielhaus hatte ich Aufführungen<br />

der „Dreigroschenoper“ sowie „Mutter Courage und<br />

ihre Kinder“ gesehen. Später folgten Liederabende mit<br />

Brecht-Songs der bekanntesten Diseuse Gisela May.<br />

2023 jährt sich Brechts Geburtstag vor 125 Jahren. Der Literat,<br />

Lyriker, Stückeschreiber und Librettist wird groß gefeiert<br />

und steht erneut im Fokus der Theaterwelt und der Medien.<br />

Autoren haben der umfassenden Literatur unter heutigen Gesichtspunkten<br />

etwa seinen Umgang mit Frauen oder Brecht<br />

als brillanten Interview-Partner interpretiert und bewertet. Einen<br />

Einblick in sein Leben gibt der zweiteilige Fernsehfilm<br />

„Brecht“ von Heinrich<br />

Breloer von<br />

2019 (Mediathek).<br />

Großartig. Adele<br />

Neuhauser, die seine<br />

zweite Ehefrau<br />

Helene Weigel<br />

spielt, bringt es auf<br />

den Punkt: „Mit<br />

seinen Liebesaffären<br />

und Liebestragödien<br />

wäre er<br />

heute vielleicht<br />

ein Fall für #Metoo“.<br />

Von Jugend<br />

an fühlte er sich als<br />

Dreigroschenoper, Aufführung von 1933.<br />

Helene Weigel<br />

Genie. Mit Geschick baute er sich erst zu Hause in Augsburg,<br />

bald in München und letztendlich auch in Berlin seit 1920<br />

ein Netzwerk mit maßgeblichen Künstlern und Funktionären<br />

aus Malerei, Musik und Theater auf, die ihm nützlich sein<br />

konnten. Wie ein Schwamm sog er alles auf. Berlin in der<br />

Zwischenkriegszeit war der ideale Nährboden für Kunst und<br />

Literatur. Die Treffpunkte der Künstler, Theater- und Filmleute<br />

sowie Journalisten waren Börsen, an denen Namen und<br />

Ideen gehandelt wurden. Hier wurden strategische Allianzen<br />

geschmiedet, die für die Karriere jedes einzelnen Künstlers<br />

und Publizisten notwendig waren. Brecht gehörte schnell<br />

dazu. Wie beim Speed-Dating eilte er von Runde zu Runde,<br />

informierte sich und zog seinen Nutzen daraus. Er lernte ständig<br />

neue, wichtige Leute kennen, wie Michael Bienert 1998<br />

in seinem lesenswerten Buch „Mit Brecht durch Berlin“ beschreibt.<br />

Brecht lernte schnell. Und dazu gehörten auch immer<br />

Frauen, die ihm im Alltag halfen, ihn bei seinen Plänen<br />

pushten, an sein Genie glaubten, ihm bei der Flucht halfen.<br />

Er umgab sich mit einem „Kreativpool“ von Freunden und<br />

Zeitgenossen. Er war der Boss. Und er bediente sich bei den<br />

praktischen und organisatorischen Fähigkeiten sowie hauptsächlich<br />

beim Ideenreichtum seines Teams.<br />

Was machte Brecht so anziehend? Bei Frauen konnte<br />

er auch zart und gefühlvoll sein. Er punktete mit seiner<br />

Coolness und seinem Charme. Seine Leidenschaft fürs<br />

Theater entfachte auch bei bühnenfernen Zeitgenossen ein<br />

wahres Feuer. Bis er hatte, was er wollte, war er ein zäher<br />

Verhandlungspartner. Rückschläge galten bei ihm nicht. Er<br />

suchte sofort Alternativen. Brecht war furchtlos.<br />

Später gab er viele Interviews, die er akribisch vorbereitet<br />

hatte. Er vermarktete sich selbst sehr geschickt. Und<br />

auch bei Fototerminen überließ er nichts dem Zufall. Mal als<br />

Gentleman im Anzug und seiner intellektuellen schwarzen<br />

Brille machte er eine gute Figur. Oder am Theater zeigte er<br />

sich gern in schwarzer Lederjacke bzw. in Arbeiterkluft, darunter<br />

immer mit maßgeschneiderten Seidenhemden, wurde<br />

gemunkelt. Auf dem Kopf trug er gern eine Schiebermütze,<br />

die seit den 30-iger Jahren typisch für Arbeiter war.<br />

Beim ersten Besuch in Berlin lernte er auch die talentierte,<br />

junge Schauspielerin Helene Weigel (1900-1971) kennen,<br />

die in einem Atelier über den Dächern der Spichernstraße<br />

lebte. Bald schon schlug Brecht bei ihr sein Hauptquartier<br />

auf, um Berlin zu erobern. Die beiden wurden ein Paar fürs<br />

Leben. Gleichzeitig hatte er viele „Auswärtsspiele“. In einer<br />

Dokumentation des ZDF heißt es dazu „Bertolt Brecht<br />

lebte und liebte exzessiv, seine „Polyamorie“ war legendär.<br />

Helene Weigel, seit 1929 seine Ehefrau, erduldete Brechts<br />

Liebesaffairen und -Tragödien tapfer“. Seine wichtigste<br />

Koautorin wurde schnell Elisabeth Hauptmann, von ihm<br />

„Bess“ genannt (1897-1973), mit der er Schreibtisch und<br />

diskret auch das Bett teilte. Der Radiobeitrag „Zeitzeichen<br />

vom 20.04.2023“ im WDR gibt Einblicke in ihre Beziehung<br />

und würdigt das vielfältige Werk von Elisabeth Hauptmann.<br />

Seinen Erfolg erkämpfte er sich und es dauerte, bis er<br />

1928 mit 30 Jahren seinen ersten Triumph auf der Bühne<br />

des wiedereröffneten Theaters am Schiffbauerdamm in Berlin<br />

feiern konnte: „Die Dreigroschenoper“. Bis heute gehört<br />

sie immer wieder zum Repertoire großer und kleiner Theater.<br />

Er adaptierte hier die „Beggar´s Opera“ von John Gay<br />

(Text). Brechts Assistentin Elisabeth Hauptmann hatte ihn<br />

erst auf den großen Theatererfolg in London vom wiederentdeckten<br />

Ganovenstück aufmerksam gemacht. Sie übersetzte.<br />

Brecht bearbeitete den Text und passte das Stück seiner<br />

Zeit an. Kurt Weill komponierte die Musik. Den neuen<br />

Titel „Dreigroschenoper“ übernahm er von seinem späteren<br />

Freund Lion Feuchtwanger. In Sachen geistiges Eigentum<br />

nahm Brecht es sowieso nicht so genau. (in Deutschland<br />

gab es seit 1902 das Urheberrecht.) Diese Laxheit brachte<br />

ihm aber auch immer wieder Ärger und Strafen ein. Trotz<br />

vieler Widrigkeiten, Zoff und Streit kam die Dreigroschen-<br />

oper rechtzeitig zur Aufführung. Das Stück wurde ein Riesenerfolg,<br />

nicht zuletzt wegen der großartigen Musik von<br />

Kurt Weill und den eingestreuten Balladen wie das „Lied<br />

der Seeräuber-Jenny“ oder die „Moritat von Mackie Messer“.<br />

Sein Traum wurde wahr, sein Stück war Tagesgespräch<br />

in Berlin, die Songs wurden zu Gassenhauern.<br />

Brecht befasste sich seit 1920 mit den Werken von Karl<br />

Marx und sympathisierte mit dem Kommunismus, war aber<br />

zeitlebens kein Mitglied der KP. Daraus entwickelte er seine<br />

Idee vom „epischen Theater“. Schauspieler sollten ihr Publikum<br />

zum Denken anregen, nicht zum Mitfühlen. Brecht<br />

wollte gesellschaftliche Strukturen durchschaubar machen<br />

und auf deren die Veränderbarkeit hinweisen. Nicht Egoismus<br />

war gefragt, die Menschen sollten zugunsten des <br />

64 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 65


Kultur<br />

Das Theater am Schiffbauerdamm.<br />

Kollektivs handeln. Ein Mittel dazu war sein „Verfremdungseffekt“<br />

. Dieses Thema hat Generationen von Schülern gequält.<br />

Denn es gab bei uns in den 60-iger Jahren noch keine<br />

Computer und Smartphones mit den vielen kleinen Helfern<br />

wie Wikipedia und You Tube, geschweige denn Chat GPT.<br />

Und nicht in jedem Haushalt gab es einen Brockhaus.<br />

Mit der Machtübernahme Hitlers in Berlin 1933 nahm<br />

seine Karriere ein abruptes Ende. Seine Bücher wurden<br />

verbrannt und Brecht stand auf einer „schwarzen Liste“ der<br />

Nationalsozialisten. Gleich nach dem Reichstagsbrand verließen<br />

er und seine jüdische Frau Helene mit dem D-Zug<br />

nach Prag Deutschland. Das Exil durch Europa und U.S.A.<br />

sollte 14 Jahre dauern.<br />

Einige Jahre verbrachte er in Santa Monica, Kalifornien,<br />

wo er zu den europäischen Exilanten gehört hatte und in<br />

Kontakt zu anderen Deutschen wie Feuchtwanger, Thomas<br />

Mann und Heinrich Mann stand. Es waren fleißige Jahre,<br />

Bertolt Brecht verfasst u.a. sein Theaterstück wie den „kaukasischen<br />

Kreidekreis“ oder übersetzte „Leben des Galilei“<br />

ins Englische und führte es in einem Theater in Beverley<br />

Hills auf. Aber er fühlte sich nie wohl in Amerika. 1942<br />

musste er sich als feindlicher Ausländer registrieren lassen,<br />

wurde nun überwacht und 1947 vom Ausschuss für unamerikanische<br />

Umtriebe befragt. Kurz nach diesem Termin verließ<br />

er das Land und machte auf seiner Flucht Zwischenstation<br />

in der Schweiz, wo er eine Aufenthaltserlaubnis erhielt,<br />

und sondierte die Lage, wie seine Chancen standen, wieder<br />

nach Deutschland – möglichst nach Berlin - zu kommen.<br />

Auch nahm er Kontakt mit dem Leiter der Salzburger Festspiele<br />

auf, vielleicht hatte er hier eine Chance?<br />

Die Einreise in die westlichen Besatzungsgebiete blieben<br />

ihm weiterhin untersagt. 1948 folgte er einer Einladung<br />

des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands<br />

nach Ost-Berlin. Untergebracht wurden Brecht und<br />

Weigel in einer Villa am Weißensee, ein etwas heruntergekommener<br />

klassizistischer Bau. Sein Ziel: wieder ein eigenes<br />

Theater zu leiten. Es sollte nach vielen Schwierigkeiten<br />

das Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm<br />

werden. 1949 wurde Helene Weigel Intendantin des Berliner<br />

Ensembles. 1954 holte Brecht Elisabeth Hauptmann<br />

als Dramaturgin an sein Theater. Er hatte sicher noch viele<br />

Pläne, aber er hatte sein Ziel erreicht. Nach seinem Tod<br />

übernahm die durchsetzungstarke Helene Weigel das Berliner<br />

Ensemble als Chefregisseurin, regelte den Spielplan und<br />

die Theaterorganisation. Bess Hauptmann blieb als Parteisekretärin<br />

am Berliner Ensemble und hatte nun Zugang zu<br />

allem Archivmaterial. Clever wie sie war, hatte sie schon<br />

1949 mit dem Verlag Suhrkamp einen Vertrag zur Herausgabe<br />

der Werke Brechts geschlossen. Nun begann sie die<br />

Mammutaufgabe, die Gesamtausgabe von Brechts Werken<br />

vorzubereiten, die 1967 dann im Suhrkamp Verlag erschien.<br />

„Und so sehen wir betroffen/ den Vorhang zu und alle<br />

Fragen offen“ könnte ein Fazit sein, mit dem Marcel Reich-<br />

Ranicki seine jahrelange Sendung „das literarische Quartett“<br />

beendete. Eine Anlehnung an einen Spruch von Bertolt<br />

Brecht aus seinem Stück „Der gute Mensch von Sezuan“.<br />

Alle Fotos: Wikipedia Commons • Text: Tessie Reeh<br />

Ein Tag voll Kunst und Kultur<br />

Steine, ovale Steine, rot und schwarz bemalt: Marienkäfer!<br />

- Marienkäfer, links und rechts am Treppenaufgang,<br />

rudelweise um neu gepflanzte Blumen und<br />

Büsche. Der neueste kreative Auswuchs meiner Schweizer<br />

Enkelkinder. Daneben – mitten auf dem kleinen Rasenfleck -<br />

die Wildschweinfamilie aus der Säge meines Mannes: Keiler,<br />

große Sau, mittelgroßer und kleiner Frischling. Alles gefertigt<br />

aus Baumstämmen, die er sich blutenden Herzens von unserem<br />

Wintervorrat an Holz abgezwackt hat. Im Haus präsentierte<br />

der Schwiegersohn voller Stolz sein neuestes Ölgemälde<br />

– mal wieder New York, die Wolkenkratzer schräger denn<br />

je! Ich bin erschlagen von so viel Kunst und Kunstverstand!<br />

Nachdem ich überschwänglich dankend einen besonders<br />

schönen Käfer von meinem jüngsten Enkel entgegengenommen<br />

habe („den wird die Oma immer als Andenken behalten“),<br />

meinen Mann auf seine Bemerkung: „Sind ja wirklich<br />

gut geworden, die Schweine, wa?“ ausgiebig zum X-ten Mal<br />

gelobt habe (nach 45 Ehejahren weiß ich, was ihn bei Laune<br />

hält), und den Schwiegersohn gebeten habe, wenn er denn<br />

mal Zeit hätte, ob er mir nicht auch ein Bild malen könnte<br />

(was er zum Glück bis heute nicht getan hat, denn dann müsste<br />

ich es ja gut sichtbar aufhängen), war ich sogar noch in der<br />

Lage, wohlwollend lächelnd die neuesten Gitarrengriffe und<br />

schrägen Gesangseinlagen meiner Tochter anzuhören.<br />

So habe ich mal wieder jeden froh und glücklich gemacht.-<br />

eigentlich bin ich doch klasse, wa? Sigrid Kobsch<br />

66 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 67


Gesellschaft<br />

Auch<br />

Intelligenz<br />

wird immer<br />

künstlicher<br />

„ChatGPT“ – nützliches<br />

Tool oder Gefahr für<br />

die Menschheit?<br />

telligenz“. Dank „Deep Learning“ ist die KI dem einzelnen<br />

menschlichen Gehirn in der Lerngeschwindigkeit weit<br />

überlegen. Was, wenn es der KI eines Tages gelingt, sich<br />

selbst zu verbessern? Dann würden ihre Fähigkeiten geradezu<br />

explodieren. Womöglich verdrängt eine solche superintelligente<br />

KI aufgrund ihrer Überlegenheit dann die Spezies<br />

Mensch, da sie keinen menschlichen Wertvorstellungen<br />

mehr unterworfen ist – wir kennen es bereits aus Romanen.<br />

Italiens Datenschutzbehörde hat den populären Text-<br />

Automaten ChatGPT im Land Ende März vorläufig gesperrt.<br />

Aufgrund einer Software-Panne waren wohl Daten aus fremden<br />

Profilen für andere Nutzer sichtbar geworden. Auch informiere<br />

der Betreiber OpenAI nicht ausreichend über die<br />

Verwendung von Daten, so die italienischen Datenschützer.<br />

Aber bevor die Welt untergeht, macht es auf jeden Fall<br />

Spaß, ChatGPT herauszufordern. Man kann die KI nach<br />

einfachen Rezepten fragen, mit denen sich beispielsweise<br />

Chicoree und Zucchini zusammen verarbeiten lassen. Sofort<br />

bekommt man einen Salat, ein Ofengericht und eins<br />

für die Pfanne zur Auswahl. Die Eltern können ihr Auto<br />

nicht mehr starten? ChatGPT weiß, wie man ihm auf die<br />

Sprünge hilft. Als Biografin frage ich mich, was LinkedIn-<br />

Nutzer gerne von mir lesen würden? ChatGPT macht mir<br />

eine Reihe von guten Vorschlägen. Zur Abrundung dieses<br />

Textes vielleicht noch ein kleiner Witz, möglicherweise<br />

mit „Siegerland“ und „Durchblick“-Bezug? Bitte sehr:<br />

Ein Siegerländer und ein Kölner unterhalten sich. Der<br />

Kölner fragt den Siegerländer: „Wie viele Einwohner hat<br />

denn das Siegerland?“ Der Siegerländer antwortet: „Keine<br />

Ahnung, ich habe noch nie gezählt.“ Der Kölner schüttelt<br />

den Kopf und sagt: „Typisch Siegerländer, ihr habt<br />

ja wirklich keinen Durchblick!“ Daraufhin antwortet der<br />

Siegerländer: „Mag sein, aber zumindest haben wir hier<br />

im Siegerland noch genug Platz zum Durchblicken!“<br />

Es ist nicht der beste je gehörte Witz, aber er kam<br />

aus der Hüfte geschossen und erfüllt die gestellten<br />

Anforderungen. Wer selbst einmal spielen will:<br />

https://openai.com/blog/chatgpt.<br />

<br />

Adele von Bünau<br />

Kindern schreibt sie Hausaufgaben, Studenten hilft<br />

sie bei Seminararbeiten, und auch in zahllosen anderen<br />

Bereichen ist sie nützlich: Die künstliche Intelligenz<br />

ChatGPT scheint auf alle Fragen im Handumdrehen<br />

eine wohlformulierte Antwort zu finden, ob es um das<br />

Lösen von Mathe-Aufgaben, das Schreiben von Programm-<br />

Codes, ein passendes Kochrezept oder das Verfassen eines<br />

Gedichtes geht. Allerdings klingen auch „halluzinierte Fakten“,<br />

wie OpenAI die „Fake News“ ihres Chat-Bots nennt,<br />

ähnlich überzeugend wie alles andere, was der Computer<br />

mit seinen Algorithmen aus den riesigen Datenmengen<br />

strickt, die weltweit digital zur Verfügung stehen. Die Texte<br />

sollen sich menschlich anfühlen, sie sind es nicht.<br />

Die künstliche Intelligenz des amerikanischen Unternehmens<br />

OpenAI hat innerhalb weniger Monate weltumspannend<br />

eine enorme Verbreitung gewonnen, nachdem eine kostenlose<br />

Demo-Version herausgekommen ist, mit der jede und<br />

jeder in seiner Sprache „spielen“ kann. Fragt man den Chatbot<br />

nach seinen eigenen Grenzen, so antwortet er folgendes:<br />

Als künstliche Intelligenz habe ich bestimmte Einschränkungen<br />

und Grenzen, die ich nicht überschreiten<br />

kann. Hier sind einige davon:<br />

1. Daten- und Informationsabhängigkeit: Ich bin darauf<br />

angewiesen, dass mir ausreichende und qualitativ hochwertige<br />

Daten und Informationen zur Verfügung gestellt werden.<br />

Ohne sie kann ich keine aussagekräftigen Antworten liefern.<br />

2. Mangelnde Fähigkeit zur Interpretation von Emotionen:<br />

Als künstliche Intelligenz kann ich nicht wirklich<br />

Emotionen verstehen oder interpretieren. Ich kann nur auf<br />

Basis der von mir analysierten Daten und Informationen<br />

Antworten geben, die Emotionen nicht berücksichtigen.<br />

Bild: Pixabay<br />

3. Eingeschränkte menschenähnliche Interaktion: Ich<br />

kann zwar in einer menschenähnlichen Sprache kommunizieren,<br />

aber ich bin kein menschlicher Gesprächspartner. Ich<br />

kann keine Beziehungen aufbauen oder ein tiefes Verständnis<br />

für menschliche Probleme und Emotionen entwickeln.<br />

4. Fehlende Kreativität und Intuition: Obwohl ich in<br />

der Lage bin, auf Grundlage von Daten und Informationen<br />

Vorhersagen zu treffen und Entscheidungen zu treffen, fehlt<br />

mir die Kreativität und Intuition eines menschlichen Geistes.<br />

Ich kann keine neuen Ideen oder unerwarteten Lösungen auf<br />

Basis meiner eigenen Erfahrung oder Intuition generieren.<br />

5. Begrenzte Verarbeitungsgeschwindigkeit: [...]<br />

Meiner Erfahrung nach kann man den fünften Punkt vernachlässigen.<br />

ChatGPT antwortet sekundenschnell. Und<br />

die KI lernt mit jeder Anfrage dazu. Version 4, die im März<br />

für zahlende Kunden herauskam, verspricht bereits, „kreativer<br />

und kooperativer als je zuvor“ zu sein. Die Schwächen<br />

3 und 4 sind also schon teilweise überwunden.<br />

Wie weit ist ChatGPT noch von Douglas Adams‘ Supercomputer<br />

„Deep Thought“ aus „Per Anhalter durch<br />

die Galaxis“ entfernt, der die Antwort auf die Frage nach<br />

dem „Sinn des Lebens, dem Universum und dem ganzen<br />

Rest“ errechnet hat? Wir wissen es nicht, aber wir ahnen,<br />

dass die KI es vor uns erfahren wird.<br />

Was bedeutet es für unsere Kultur, wenn man Computertexte<br />

von menschlich gemachten nicht mehr unterscheiden<br />

kann? Wenn Künstliches kunstvoller als die Natur klingt?<br />

OpenAI beschäftigt sich nach eigenen Angaben mit der<br />

Frage der „existenziellen Bedrohung durch künstliche In-<br />

„DigitalPakt Alter“<br />

Bundesfamilienministerin Lisa Paus gab den Startschuss<br />

für die neue Förderphase des „DigitalPakt<br />

Alter“ von 2023 bis 2025. Gemeinsam mit Brandenburgs<br />

Familienministerin Ursula Nonnemacher und<br />

Dr. Regina Görner von der Bundesarbeitsgemeinschaft<br />

der Seniorenorganisationen (BAGSO e.V.) begrüßte sie elf<br />

Bundesländer in dem Bündnis, das ältere Menschen fit machen<br />

will für die digitale Zukunft. Bis 2025 unterstützt das<br />

Bundesseniorenministerium mit über 3,1 Mio. Euro ältere<br />

Menschen dabei, sich digitales Know-How anzueignen.<br />

Bundesfamilienministerin Lisa Paus: „Die Digitalisierung<br />

stellt jeden von uns vor Lernherausforderungen. Mit<br />

dem DigitalPakt Alter schaffen wir Aufmerksamkeit für die<br />

derzeitige digitale Ausgrenzung vieler Millionen älterer Menschen.<br />

Wir unterstützen wohnortnahe Lerngelegenheiten, bei<br />

denen ältere Menschen verlässliche Ansprechpersonen finden,<br />

die sich Zeit nehmen und auf Augenhöhe erklären. Mit den elf<br />

Bundesländern als neue Partner können wir für noch mehr<br />

Sichtbarkeit, Vernetzung und Wissensaustausch sorgen.“<br />

Ministerin Ursula Nonnemacher: „Die Digitalisierung<br />

bietet große Chancen, besonders für die ältere Generation.<br />

Ob Videoanruf mit den Enkelkindern, Lebensmittel-Lieferservice<br />

per Internet oder Online-Sprechstunde mit dem Bürgerbüro<br />

oder der Arztpraxis. In vielen Bereichen erleichtert<br />

uns die Digitalisierung das Leben. Immer mehr Ältere gehen<br />

ganz selbstverständlich mit dem Smartphone um, viele<br />

wünschen sich aber hierbei mehr Unterstützung.“<br />

BAGSO-Vorsitzende Dr. Regina Görner: „Viele Ältere<br />

möchten lernen, digitale Medien zu nutzen. Wir müssen ihnen<br />

deswegen dort Angebote machen, wo sie leben. .“<br />

Der „DigitalPakt Alter“ fördert bis Ende 2025 weitere<br />

150 lokale Initiativen, die Ältere mit digitaler Technik vertraut<br />

machen. Neben der finanziellen Unterstützung und<br />

der Ausstattung mit Lernmaterialien werden die zumeist<br />

ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer begleitet und weiterqualifiziert.<br />

Seit 2021 wurden bereits 150 solcher Erfahrungsorte<br />

bundesweit gefördert.<br />

Neu in dieser Projektphase sind die Themenschwerpunkte<br />

soziales Miteinander, Wohnen, Gesundheit und<br />

Mobilität. In einem Wettbewerb werden Kommunen ausgezeichnet,<br />

die innovative Lösungen zur digitalen Teilhabe<br />

Älterer umsetzen.<br />

Knapp sieben Millionen Menschen der Generation<br />

60+ nutzen das Internet bislang nicht. Viele geben an, sie<br />

müssten einen Nutzen darin sehen können und bräuchten<br />

Unterstützung. Hier hat der DigitalPakt Alter im Jahr 2021<br />

angesetzt und mehr als 15.000 ältere Menschen erreicht.<br />

Den lokalen Einstieg in das KI-Projekt bietet die Initiative<br />

ALTERaktiv Siegen-Wittgenstein e.V. in seinem<br />

Senec@fé Treffpunkt Neue Medien im Haus Herbstzeitlos<br />

Siegen, Marienborner Str. 151 an. Besucherinnen<br />

und Besucher haben dort die Möglichkeit sich in kleinen<br />

Schritten auch dieses neue Technik-Wissen anzueignen.<br />

Informationen unter www.senioren-siegen.de db<br />

68 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 69


Der Mensch – Wolf oder Schaf ?<br />

Unsere Geschichte ist mit Blut geschrieben<br />

Der Mensch, eine Bestie?<br />

Die Vorgänge in der Ukraine beherrschten die Schlagzeilen<br />

in allen Medien. Mord, Totschlag, Vergewaltigung,<br />

Folter, Vernichtung, Zerstörungen, notleidende hungernde,<br />

frierende Menschen, schreiende, weinende Kinder und erschütterte<br />

Alte werden uns fortgesetzt vor Augen geführt.<br />

Inzwischen ist der Eindruck erweckt, als wären die Russen<br />

durchweg Bastarde. Aber waren die Menschen anderer<br />

Völker anders, wenn sie unter grauenhafter Propaganda<br />

einer brutalen, skrupellosen, dämonischen Herrschaft<br />

agierten? Der russische Gelehrte und Schriftsteller Fedor<br />

M. Dostojewski, vor 200 Jahren in Moskau geboren (1821<br />

– 1881), wusste, in welche Abgründe der Mensch abstürzen<br />

kann und schrieb:<br />

Menschen wie Tiger<br />

Es gibt Menschen, die wie Tiger nach Blut lechzen. Wer<br />

sie einmal gekostet hat, diese Macht, diese unumschränkte<br />

Herrschaft über den Leib, das Blut und den Geist eines anderen<br />

Menschen, der gleich ihm geschaffen und laut Christi<br />

Gebot sein Bruder ist, wer einmal die Möglichkeit kennen<br />

gelernt hat, einem anderen Geschöpf tiefste Schmach und<br />

Erniedrigung anzutun, der wird ganz unwillkürlich die Herrschaft<br />

über seine eigenen seelischen Regungen verlieren.<br />

Die Tyrannei ist eine Gewohnheit, sie hat die Fähigkeit,<br />

sich zu entwickeln und artet schließlich zu einer Krankheit<br />

aus. Ich bin ganz entschieden der Meinung, dass auch der<br />

beste Mensch durch Gewohnheiten erstarren und so roh<br />

und stumpf werden kann wie ein rohes Tier.<br />

Blut und Macht berauschen den Menschen; sie entwickeln<br />

in ihm einen Hang zur Rohheit und zu Ausschweifungen;<br />

der Geist und das Gefühl werden selbst für die anormalsten<br />

Dinge zugänglich. (Siegener Zeitung v. 6.5.2009).<br />

„Der Mensch – Wolf oder Schaf?“<br />

fragt der Psychoanalytiker Erich Fromm. Gewiss ist der<br />

Wolf tückischer als ein Tiger. Der Tiger tötet, um satt zu<br />

werden. Wölfe töten gelegentlich sinnlos und lassen ihre<br />

Opfer liegen. Der englische Denker und Philosoph Hobbes<br />

(1588 – 1679) kam zu dem Schluss: Der Mensch ist seines<br />

Mitmenschen Wolf“. Wölfe wollen töten; die Schafe wollen<br />

tun, was man ihnen befiehlt. So bringen (sinnbildlich) die<br />

Wölfe die Schafe dazu zu töten, nicht etwa, weil es ihnen<br />

Freude macht, sondern weil sie folgen wollen; und darüber<br />

hinaus müssen die Mörder noch Geschichten erfinden,<br />

die von ihrer gerechten Sache, von der Verteidigung der<br />

bedrohten Freiheit, von der Rache für mit dem Bajonett<br />

erstochene Kinder, von vergewaltigten Frauen und von<br />

verletzter Ehre handeln, um die Mehrheit der Schafe dazu<br />

zu bringen, sich wie Wölfe zu verhalten. 1)<br />

Essay<br />

Ein Blick zurück:<br />

Das gesamte Mittelalter und die Neuzeit waren durchzogen<br />

mit Kriegen, die unendliches Leid über die Menschen<br />

brachten. Kurfürsten und Fürsten waren meist in<br />

Feindschaft verbunden.<br />

Die Kurfürsten hatten das Land unter sich aufgeteilt<br />

und ihren Herzögen, Grafen und Bischöfen jeweils ein<br />

Stück davon abgegeben. Und die wiederum gaben es ihren<br />

Rittern und Freiherren, die fröhlich feiern und auf die Jagd<br />

gehen konnten.<br />

In diesem Kontext spielte die Kirche, auch Martin Luther,<br />

eine sehr unrühmliche Rolle. Sie verteidigte die nach<br />

ihrer Meinung „von Gott gewollte Ordnung“ (Kaiser oder<br />

König von Gottes Gnaden). Je nachdrücklicher die „Sprecher<br />

Gottes“ für die Rechte der Obrigkeit eintraten, je besser<br />

ging es ihnen. Und das funktionierte, weil sie verkündeten,<br />

dass Gott jeden an seinen Platz gestellt und jeder sich dem<br />

Willen Gottes zu unterwerfen hatte. Was der Adel tat, musste<br />

gottgewollt sein. So trugen die Menschen auf unterer Ebene<br />

gottesfürchtig ihr Leid und sahen mit an, wie der Adel in<br />

Glanz und Gloria und Pfarrer und Ordensleute wohlernährt<br />

lebten. Adel und Kirche nahmen sich einen immer größeren<br />

Batzen von den Ärmsten, meist von den Bauern, die sich<br />

durch harte Arbeit zugrunde richteten. Ihre Unersättlichkeit,<br />

ihre Machtgier, Selbstgefälligkeit, Ruhmsucht und ihr Geltungsdrang<br />

haben dem gemeinen Volke nur Elend gebracht.<br />

Grausame Wolfsrudel (im Sinne von Hobbes) sind immer<br />

wieder übereinander hergefallen. Wie schlimm die Menschen<br />

auf einander eingeschlagen haben, lässt das untenstehende<br />

Gedicht, geschrieben nach dem 30jährigen Krieg,<br />

vermuten. Not und Qual waren – wie in dem Gedicht erhofft<br />

– nicht zu Ende. Die Wölfe wüteten weiter.<br />

Die Geschichte der Menschheit ist mit Blut geschrieben,<br />

es ist die Geschichte nie abreißender Gewalttaten,<br />

denn fast immer hat man sich die anderen mit Gewalt gefügig<br />

gemacht. Veranlasst durch bösartige „Wölfe“ (Napoleon,<br />

Pascha, Hitler, Stalin). Diese Männer standen nicht<br />

Der Mai des Jahres 1649<br />

(Geist- und weltliche Gedichte Brieg)<br />

Durch dreißig Lenze dauert fort<br />

Hunger und Pest und Krieg und Mord.<br />

Zum ersten Mal nach 30 Jahren<br />

Der tausend Entsetzen und tausend Gefahren<br />

Grünt wieder heiter im Frieden der Mai<br />

Macht endlich die Menschenherzen frei<br />

Viel schöner und freudiger blühet das Land<br />

allein. Sie verfügten über Tausende, die für sie töteten,<br />

für sie folterten und die es nicht nur willig, sondern sogar<br />

mit Vergnügen taten. Stoßen wir nicht überall auf die Unmenschlichkeit<br />

des Menschen – bei seiner erbarmungslosen<br />

Kriegsführung, bei Mord und Vergewaltigung, schreibt<br />

E. Fromm weiter.<br />

Und all das, genau das, erleben wir gerade im Ukraine/Russland-Konflikt,<br />

ausgelöst durch einen bösartigen<br />

Leitwolf namens Putin. Zu seinen Motiven äußert sich die<br />

ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf: Man muss begreifen,<br />

dass sich Totalitarismus und Nationalismus nie mit dem eigenen<br />

Land zufrieden geben, sondern immer expandieren<br />

wollen. (Siegener Zeitung v. 13.2.23, S. 31). Das bestätigte<br />

Putin selbst, indem er die<br />

Auflösung des Ostblocks<br />

als größte Katastrophe<br />

des letzten Jahrhunderts<br />

markierte.<br />

Sicherlich hatte Dostojewski<br />

die Napoleonfeldzüge<br />

für seine barsche<br />

Kritik vor Augen – Napoleon,<br />

der der Kriegslust<br />

wegen den Boden Mitteleuropas mit Blut getränkt hat. Aber<br />

soweit muss man gar nicht zurückschauen. Die größte Katastrophe<br />

begann mit dem 1. Weltkrieg, der von Österreich<br />

ausging und das mit dem starken Bündnispartner Deutschland<br />

im Rücken den Krieg erklärte. Dass andere Staaten,<br />

angetrieben durch die international Finanzkapitalisten, den<br />

Krieg mit Deutschland schon weit vor den Schüssen in Sarajewo<br />

vorbereitet hatten und unbedingt wollten , wird in der<br />

Geschichtsschreibung meist unterdrückt.<br />

Die Kämpfe verloren sich in unbegreiflicher Grausamkeit,<br />

bitterem Leid und hatten etwa zehn Millionen Menschen<br />

das Leben gekostet. Und als Deutschland endlich<br />

kapitulierte, gab man unserem Land die Alleinschuld an<br />

der Auseinandersetzung und schloss den Versailler Vertrag,<br />

der dann wohl die Ursache für den zweiten, schrecklichen<br />

Weltkrieg war. Der britische Premierminister David<br />

Lloyd George hat die Friedenbedingungen maßgeblich<br />

mitbestimmt. Und als der Vertrag unterzeichnet war, stellte<br />

er fest „Jetzt haben wir ein schriftliches Dokument, das<br />

Und glückliche Menschen geh´n Hand in Hand.<br />

Niemand braucht sich mehr zu verstecken,<br />

niemand vor Waffengeklirr zu erschrecken.<br />

Es zieht als einziges Kriegesheer<br />

Der Blütenstaub im Land umher.<br />

Und siegesgekrönter Feldobrist<br />

Der schöne junge Maien ist<br />

Die Nachtigall das Kriegslied singt<br />

„Zir – zir! – horch, wie ihr Ruf erklingt:<br />

„Kybbutz! Da vit! Kitzeach, merikod“!<br />

Zuend ist alle Qual und Not.<br />

Essay<br />

uns Krieg in 20 Jahren garantiert“. 2) Er wusste also genau,<br />

was man angerichtet hat. Welch eine widerliche Hinterlist.<br />

Können rohe Tiger (um in der Wortwahl Dostojewskis zu<br />

bleiben) so heimtückisch sein?<br />

Tatsächlich hatten 20 Jahre später die Nationalsozialisten<br />

unter der Leitung des gebürtigen Österreichers Adolf<br />

Hitler zu ihrem Vernichtungsfeldzug angesetzt. Unter dem<br />

sadistischen Führer versammelte sich ein „Wolfsrudel“,<br />

das aufgebaut auf Lügengeschichten grobe, unbarmherzige,<br />

menschenverachtende Bestien in Aktion setzte. Die<br />

von den Nationalsozialisten ausgelösten Verbrechen, die<br />

Deportation und Ermordung der europäischen Juden, die<br />

Ausmerzung der Geisteskranken unter dem Begriff Euthanasie,<br />

und die Christenverfolgung<br />

durch die<br />

Protagonisten Hitlers<br />

liegt in ihrer Dimension<br />

jenseits menschlicher<br />

Vorstellungskraft (die<br />

nationalsozialistische<br />

Barbarei hat hierzulande<br />

allein unter den Priestern<br />

und Ordensleuten etwa<br />

4.000 Opfer gefordert 3) ). Beispielhaft dafür, wie sie im eigenen<br />

Lande wüteten, ist dem Buch von Kossert 4) zu entnehmen.<br />

So geschehen in Ostpreußen, als die Rote Armee<br />

unser Land schon erreicht hatte: 3000 jüdische Gefangene<br />

waren Anfang 1945 im ostpreußischen Palmnicken in der<br />

Hand der SS. Noch in der Nacht zum 1. Februar wurden<br />

die Opfer unter dem Vorwand, man wolle sie per Schiff<br />

in Sicherheit bringen, den Seeberg hinunter zum Strand<br />

geführt. Dort mussten sie an der vereisten Ostseeküste<br />

entlang nach Süden marschieren. Zwischen dem Strand<br />

und dem 30 Meter höher gelegenen Ort erstreckte sich in<br />

breiter Wald- und Parkstreifen, so dass nur wenige Palmnicker<br />

beobachteten, was jetzt geschah. Die SS-Schützen<br />

rollten die weit auseinandergezogene Kolonne von hinten<br />

auf, trennte jeweils die letzte Gruppe ab und jagte sie unter<br />

Maschinengewehrfeuer auf das Eis und ins Wasser. In der<br />

Dunkelheit und bei der Eile war nicht gewährleistet, dass<br />

alle Häftlinge tatsächlich getötet wurden. Viele hat man<br />

zunächst nur verwundet oder gar nicht getroffen. Manche<br />

sanken in Ohnmacht, erfroren oder gerieten zwischen die<br />

Eisschollen und ertranken. Andere starben nach tagelangen<br />

Qualen am Strand. Etwa 200 Menschen hatten wohl<br />

überlebt. Eine Frau, die mit dem Leben davon gekommen<br />

war, gab später zu Protokoll: Als wir an der Meeresküste<br />

ankamen, war schon finstere Nacht. Plötzlich erhielt ich<br />

einen Schlag mit dem Gewehrkolben auf den Kopf, und<br />

ich fiel in einen Abgrund. Ich erlangte das Bewusstsein im<br />

Wasser. Zu dieser Zeit dämmerte es schon. An der Meeresküste<br />

lag es voll Leichen. Gegen Morgen verschwanden<br />

die SS-Männer. Wir standen auf und kletterten auf das Ufer.<br />

Und doch waren nicht alle Menschen verroht, verkommen,<br />

barbarisch, vielleicht sogar in der über- <br />

Unersättlichkeit. Machtgier<br />

und Selbstgefälligkeit der Oberen<br />

haben dem gemeinen Volke<br />

immer nur Elend gebracht<br />

70 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 71


Essay<br />

Essay<br />

wiegenden Mehrheit nicht. Wie eng brutale, abscheuliche<br />

Barbarei und große Menschlichkeit auf engem Raum beieinander<br />

lagen, zeigt das Verhalten des Bergwerksdirektor<br />

Landmann aus Palmnicken in Ostpreußen: Die SS hatte<br />

ihm Ende Januar einen ganzen Güterzug Juden zugeführt,<br />

die er in den Stollen unterbringen sollte. Das hat er verweigert.<br />

Er ließ die erschöpften und halb erfrorenen Opfer in<br />

der Werksschlosserei Quartier beziehen. Als am nächsten<br />

Morgen der Güterdirektor Hans Feyerabend das Kommando<br />

übernahm, und erklärte: „Solange er lebe, würden Juden<br />

zu essen bekommen, keiner werde umgebracht.“ Er ließ<br />

Vieh schlachten sowie Stroh, Erbsen und Brot heranschaffen.<br />

Die Werkskantine musste für die Gefangenen kochen.<br />

Eine Woche später war Hans Feyerabend tot – ermordet;<br />

aber so, dass es wie Suizid aussah. 4)<br />

Wie grausam einige deutsche Soldaten in Polen und<br />

Russland gewütet haben, beschrieb Generalmajor Helmuth<br />

Stieff in einem Brief an seine Frau. Die blühendste Phantasie<br />

einer Gräuelpropaganda ist arm gegen die Dinge, die<br />

eine organisierte Mörder-, Räuber- und Plünderbande unter<br />

angeblich höchster Duldung verbricht. Ich schäme mich,<br />

ein Deutscher zu sein. Diese Minderheit, die durch Morden,<br />

Plündern und Sengen den deutschen Namen besudelt, wird<br />

das Unglück des ganzen deutschen Volkes werden. 5)<br />

Der Generalmajor spricht von einer Minderheit und<br />

bezieht nicht pauschal alle Soldaten in seine Kritik ein.<br />

Die prognostizierte Reaktion traf ein, die Rache folgte mit<br />

dem Ansturm der Roten Armee auf unser Land, besonders<br />

betroffen waren Preußen und Schlesien. Einen Eindruck<br />

vermittelt der russische Schriftsteller Lew Kopelew mit<br />

Blick auf seine Kriegskameraden, tief erschüttert schrieb<br />

er: In den Zeitungen, im Radio riefen wir auf zur heiligen<br />

Rache. Aber was für Rächer waren das, und an wem haben<br />

sie sich gerächt? Warum entpuppten sich so viele unserer<br />

Soldaten als gemeine Banditen, die rudelweise Frauen und<br />

Mädchen vergewaltigten – am Straßenrand im Schnee, in<br />

Hauseingängen; die unbewaffnete totschlugen, alles, was<br />

„Zweiundzwanzig, Höringstraße.<br />

Noch kein Brand, doch wüst, geplündert.<br />

Durch die Wand gedämpft – ein Stöhnen:<br />

Lebend finde ich noch die Mutter.<br />

Waren´s viel auf der Matratze?<br />

Kompanie? Ein Zug? Was macht es!<br />

Tochter – Kind noch, gleich getötet.<br />

Alles schlicht nach der Parole:<br />

NICHTS VERGESSEN! NICHTS VERZEIH`N!<br />

BLUT FÜR BLUT – und Zahn um Zahn.<br />

Wer noch Jungfrau, wird zum Weibe,<br />

und die Weiber Leichen bald.<br />

Schon vernebelt, Augen blutig,<br />

bittet eine: Töte mich, Soldat!“<br />

sie nicht mitschleppen konnten kaputtmachten, verhunzten,<br />

verbrannten? (…) sinnlos – aus purer Zerstörungswut (…).<br />

Wie ist das alles möglich geworden. 4)<br />

Der ebenfalls russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn<br />

hat als Politoffizier der Roten Armee den Einmarsch<br />

der Sowjets in Ostpreußen miterlebt und in seinem<br />

Gedichtzyklus „Ostpreußische Nächte“ festgehalten. (unten<br />

lks.). Kopelew und Solschenizyn wurden wegen Mitleids<br />

mit dem Feind und der kritischen Äußerung für viele<br />

Jahre nach Sibirien verbannt. 4)<br />

Dass mehrere Russen nacheinander dieselbe junge deutsche<br />

Frau vergewaltigt haben, ist nicht unbekannt; doch,<br />

dass es ein ganzer Zug (30 Mann) oder gar eine ganze<br />

Kompanie gewesen sein soll, ist unvorstellbar. Die Russen<br />

übten Rache, wie sie die russische Propaganda gefordert<br />

hatte – Rache am deutschen „Mördervolk“, wie Marschall<br />

Schukow die Deutschen schlechthin tituliert hatte. Sie<br />

setzten um, wozu der Schriftsteller Ilja Ehrenburg aufgerufen<br />

hatte: Vergewaltigung, um „den Rasenhochmut der<br />

germanischen Frauen zu brechen“. 6)<br />

Wie jedoch die Empörung der Schriftsteller Kopelew<br />

und Solschenizyn zeigen, stieß die Anstiftung zu diesen<br />

menschenverachtenden, skrupellosen Verbrechen keineswegs<br />

allseits auf Zustimmung. Auch die Russen sind demnach<br />

nicht durchgängig Barbaren (wie man heute angesichts<br />

der Ereignisse in der Ukraine vielleicht vermuten könnte).<br />

Einer meiner Freunde, dessen Vater in russischer Kriegsgefangenschaft<br />

war, erzählte mir, dass sein Vater später immer<br />

gesagt hat: Der Russe war stets anständig zu mir.<br />

Brutalität einerseits und Schutzgewährung andererseits<br />

gab es überall: Als in dem kleinen Ort Tempelfeld in Niederschlesien<br />

der Pfarrer mit einigen Mädchen und Frauen<br />

vor der anrückenden Roten Armee in der Kirche Schutz<br />

gesucht hatten, wurden sie rücksichtslos ergriffen, gedemütigt,<br />

gepeinigt – Vergewaltigungen im Schatten des Altares.<br />

Dann hatten die Deutschen das Dorf zu verlassen. Im<br />

Nachbarort auf einem Bauernhof fanden sie Unterschlupft.<br />

Nebenan in einer Stube ein russischer Offizier, ihr Glück (!)<br />

für kurze Zeit. Er bot ihnen Schutz. Wenn Rohlinge den<br />

Hof betraten und Frauen suchten, mussten die Getriebenen<br />

nur an die Tür klopfen. Der Offizier kam und verjagte<br />

die Bestien kraft seiner Autorität mit Erfolg. Vier Tage bewahrte<br />

er die bedrohten Menschen vor Übergriffen. Dann<br />

wurde er abgezogen. Am Tag darauf drang ein anderer Soldat<br />

ein, suchte und besichtige jungen Mädchen und Frauen.<br />

Als sich der Pfarrer schützend vor sie stellte, wurde er nach<br />

draußen getrieben und erschossen. – Herzensgüte und Brutalität,<br />

Tür an Tür<br />

Fast sechs Millionen Polen haben durch Hitlers Vernichtungskrieg<br />

ihr Leben verloren. Und die, die später<br />

von den Russen aus ihrer Ostpolnischen Heimat vertrieben<br />

wurden (z.B. aus Lemberg), kamen gedemütigt in das<br />

durch den Krieg verwüstete Schlesien – frustriert, verarmt,<br />

gereizt. Im angespannten Miteinander vegetierten die<br />

Schlesier und die zugezogenen Polen dahin – gemeinsam<br />

auf der Suche nach Überlebensmöglichkeiten. Die zu verzweifelnde<br />

Situation verband einander. Die Menschen erkannten,<br />

dass auch die anderen Menschen sind und gingen<br />

auf einander zu. Das Miteinander wurde sozialer – bis zur<br />

amtlichen Vertreibung der Deutschen.<br />

Andere Polen – auf der Seite der Kriegsgewinner – kosteten<br />

ihre gewonnene Machtstellung brutal aus. Rachehandlungen<br />

an unschuldigen Menschen – begangen von<br />

einigen Bastarden, wurden<br />

Herzlichkeit und Brutalität<br />

wohnen<br />

– gleich wo –<br />

oft nebeneinander,<br />

Tür an Tür<br />

zur Regel. Einer dieser Bastarde<br />

war der Kommandant<br />

des Lagers Lamsdorf Czesław<br />

Gęborski. Auf dem rund<br />

30 Kilometer südwestlich von<br />

Oppeln (Opole) gelegenen<br />

Gelände waren zwischen 1945<br />

und 1946 Tausende Deutsche<br />

interniert, vor allem Frauen,<br />

Alte und Kinder. Sie erblebten fürchterliche Zustände, erlitten<br />

Hunger, Krankheiten und bestialische Verbrechen, begangen<br />

von den Wächtern, die wie programmierte Roboter<br />

wüteten (vgl. Elliger, S.158 ff.; siehe auch: Google, Stichwort<br />

Lamsdorf). Frauen wurden in der Latrine ertränkt,<br />

halb zu Tode Gequälte lebendig begraben. Menschen die<br />

von den Gräueltaten der Nazis nicht wussten, erlitten das,<br />

wie die Menschen jüdischen Glauben in den Konzentrationslagern<br />

ertragen mussten. Zu Ungeheuerlichem ist der<br />

Mensch fähig, wenn er in einen bösartigen, skrupellosen<br />

dynamischen Prozess gerät. Dann wird der Mensch seines<br />

Mitmenschen Wolf.<br />

Doch fanden sich auch hier mitleidige Menschen.<br />

Deutsche, die sich auf der Flucht unwissend dem Lager<br />

näherten, wurden von ihnen gewarnt und zur Umgehung<br />

des Lagers angehalten (Elliger Seite 158). Nicht nur die<br />

Deutschen hatten vor den Polen Angst, sondern auch Polen<br />

vor ihren Landsleuten.<br />

Die Frage bleibt: Ist der Mensch eine Bestie, ein wildes<br />

Tier, ein gefährlicher Tiger, ein Wolf? Am Guten im<br />

Menschen kann man zweifeln, wenn man lesen muss, dass<br />

Deutsche auf der Flucht einen scheinbar unbelebten Bauernhof<br />

in der Nähe der schlesischen Grenze zu Tschechien<br />

betraten. Wir gingen in die weitläufige Diele. Dort brannte<br />

Licht. Um den großen runden Tisch knieten sechs oder<br />

sieben Personen. Sie waren ganz still und bewegten sich<br />

nicht. Ihre Köpfe waren nach vorne gefallen. Als wir näher<br />

kamen, sahen wir, dass sie mit der Zunge an der Tischplatte<br />

festgenagelt worden waren. Dem Bauern hatten sie die<br />

Augen ausgestochen, die Hände der Bäuerin lagen merkwürdig<br />

verdreht vor ihr auf dem Tisch. Mehr sah ich nicht,<br />

ich fiel um, bezeugt Katharina Elliger (Seite111). Welche<br />

herzlosen Barbaren hatten hier gewütet. Waren es Tschechen,<br />

waren es Polen, Ukrainer oder Russen? Es waren<br />

Menschen, Unmenschen! Wie können Menschen so grausam<br />

und gefühlslos sein? Auf der Suche nach den Gründen<br />

kommt man an der Frage nicht vorbei, wie wohl die Nazis<br />

in Tschechien oder Polen gewütet haben. Ein solch blinder<br />

Hass, eine solch tiefgründige Feindschaft ist nur mit<br />

vorangegangenen barbarischen Taten, die nach Rache und<br />

Vergeltung schrien, zu erklären (nicht zu rechtfertigen).<br />

Dostojewski wusste wohl, dass es Gut und Böse gibt<br />

und spricht davon, dass es Menschen gibt, die wie Tiger<br />

nach Blut lechzen. Er differenziert, übersieht nicht, dass<br />

die überwiegende Mehrzahl empfindsam, gutmütig, barmherzig,<br />

mitfühlend, – schlichtweg<br />

menschlich ist. Die Mehrzahl<br />

der Menschen bleibt auch unter<br />

widrigen Umständen menschlich.<br />

Das belegt z.B. der freie Journalist<br />

Viktor Padek aus Saporoshje/<br />

Ukraine in seinem Buch Ein Teller<br />

Suppe für den Feind – Zeugnisse<br />

der Menschlichkeit mitten<br />

im Krieg – und berichtet darüber,<br />

wie im Einzelfall russische Kriegsgefangene in Deutschland<br />

von Deutschen wohlwollend, sogar freundschaftlich<br />

behandelt wurden oder wie sich auch Russen um leidende<br />

deutsche Soldaten gekümmert haben. 7) Die große Mehrheit<br />

russischer Wehrpflichtiger (und ukrainischer Kämpfer)<br />

würde keine Verbrechen begehen. Werden sie aber von einer<br />

Masse mitgerissen, sind sie zu Ungeheuerlichem fähig.<br />

Hinzu kommen als Motive schließlich Notwehr, Nothilfe,<br />

Rache, Wut.<br />

Russland erlebt gerade nichts Geringeres, als das komplette<br />

Verschwinden aller moralischen Maßstäbe, weil<br />

jene den Ton angeben, die besonders unmenschlich sind,<br />

sagt die russische Journalistin Kirillowa (Siegener Zeitung<br />

v. 11.1.23, S. 17). So war es wohl auch in der deutschen<br />

Nazi-Vergangenheit. Immer führten unmoralische<br />

Beweggründe zu barbarischem Handlungen.<br />

Gewaltneigung oder Güte sind niemals typische Eigenschaften<br />

eines Volkes, Brutalität und Herzlichkeit wohnen<br />

– gleich wo – oft Tür an Tür – bei Deutschen wie auch bei<br />

Russen, bei Polen wie bei Ukrainern, bei Belgiern wie bei<br />

Briten, bei Iranern wie bei Syrern.<br />

Findet der Mensch keine Lösung? Dieser Frage ist bereits<br />

Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) nachgegangen<br />

und meinte: Rohe Kräfte können nur durch die Vernunft geregelt<br />

werden; es gehört aber eine wirkliche Gegenmacht,<br />

das ist Klugheit, Ernst und die ganze Kraft der Güte, dazu,<br />

sie in Ordnung zu setzen und mit heilsamer Gewalt darin<br />

zu erhalten. Es gibt nichts Größeres in der Welt als den<br />

Kampf der sehenden Vernunft gegen die blinde Gewalt.<br />

Es ist der Kampf, den der Mensch immer führen wird, bis<br />

Vernunft und Gewalt einander decken. Wann wird es soweit<br />

sein? <br />

Wolfgang Kay<br />

1) Fromm, Die Seele des Menschen –die Fähigkeit zum Guten und zum Bösen, Seite 13,<br />

Stuttgart 1979. 2) Carmin, Das schwarze Reich, Seiten 54 und 202, Hamburg 2006.<br />

3) Weisenborn, Der lautlose Aufstand, Hamburg 1962. 4) Kossert, Ostpreußen, Geschichte<br />

und Mythos, Seiten 312 ff., München 2005. 5) Berthold, Die 42 Attentate auf Hitler, Seite<br />

155, Wiesbaden 2007. 6) Knopp, Die große Flucht, Seite 35, München 2003; sowie Aust/<br />

Burgdorff, Die Flucht, Bonn 2003. 7) Padek, Ein Teller Suppe für den Feind, Zeugnisse<br />

der Menschlichkeit mitten im Krieg, Essen 2002.<br />

72 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 73


Jeden 3. Dienstag<br />

15.00 Treffen der Heinzelwerker<br />

städtisches<br />

Seniorenzentrum „Haus<br />

Herbstzeitlos“ Siegen, Marienborner<br />

Str 151. Helfer<br />

sind sehr willkommen!<br />

15.30-17.00 Smartphone-Treff,<br />

AWO Seniomontags:<br />

Wiederkehrende Termine<br />

11.00-12.00 Uhr Seniorengymnastik<br />

mit Anne<br />

Freudenberger, Dr. Ernst-<br />

Schuppener-Haus, Stadtteilbüro<br />

Heidenberg,<br />

0271/234188-72<br />

14.00 Montagscafé des<br />

DRK–Siegen Nord e.V.,<br />

Weidenau, Schneppenkauten<br />

1, 0271/76585<br />

18.00 Lese- und Literaturkreis<br />

mit Gustav Rinder,<br />

Lebendiges Haus e.V<br />

Siegen, Melanchtonstr. 61,<br />

0271/70328-46<br />

20.30 Tangosalon: Milonga,<br />

Tango Argentino – Gefühle<br />

tanzen, Kulturhaus Lÿz<br />

Siegen, St.-Johann-Str. 18<br />

Jeden 1. Montag<br />

14.00-16.00 Kreuztaler<br />

Repaircafé, Dietrich-Bonhoeffer-Hs.,<br />

Leipziger Str. 6<br />

0160 / 977 861 15<br />

19.00 Trauergruppe der<br />

Amb. Hospizhilfe, Stift. Diakoniestation<br />

Kreuztal, Ernsdorfstr.<br />

3, 02732/1028<br />

20.00 Tango Schnupperkurs<br />

(bis 21 Uhr),<br />

anschließend Tangosalon,<br />

Kulturhaus Lÿz Siegen, St.-<br />

Johann-Straße 18<br />

Jeden 2. Montag<br />

10.00 Trauercafé der<br />

Amb. ökumenischen Hospizhilfe<br />

Siegen e.V., „Haus<br />

Herbstzeitlos“ Siegen,<br />

0271/23602-67<br />

15.15 Montagsgespräch<br />

des „Bund der Vertriebenen“<br />

Siegen, Seilereiweg 6<br />

0271/82838<br />

18.30 „Anders Altern“<br />

Gruppe für gleichgeschlechtlich<br />

Lebende und Liebende,<br />

„Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />

0271/404-2434<br />

Jeden 4. Montag<br />

14.30-16.30 Spielenachmittag,<br />

AWO<br />

Seniorenzentrum Erndtebrück,<br />

Struthstr. 4, <br />

02753/5077-40<br />

Letzter Montag<br />

10.00 Stadteilfrühstück,<br />

Stadtteilbüro FES & MGH<br />

Kreuztal, Danziger Str. 2<br />

02732/3790<br />

16.30 Hayatın içinden –<br />

Selbsthilfegruppe für<br />

pflegende Angehörige<br />

(in türkischer Sprache),<br />

Verein De.-Türk. Akademiker<br />

e.V. Siegen, Hagener<br />

Str. 75<br />

18.30 Selbsthilfegruppe<br />

Asthma und Bronchitis<br />

„Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />

02737/3308<br />

dienstags:<br />

Jeden 1. Dienstag<br />

15.30-17.00 Smartphone-Treff,<br />

AWO Seniorenzentrum<br />

Erndtebrück,<br />

Struthstraße 4, Information:<br />

Aufwind Jugendhilfe<br />

GmbH, 0172/42861-50<br />

16.15 Selbsthilfegruppe<br />

Angehörige von Menschen<br />

mit Demenz, Siegerlandzimmer<br />

in der Siegerlandhalle,<br />

Koblenzer Str. 151<br />

Anm. 0271/673472-39<br />

17.00 Treffen der SHG für<br />

Hörgeschädigte, Ev. Martini-Kirchengemeinde<br />

Siegen,<br />

St. Johann Str. 7, Brigitte<br />

Schmelzer 02737/93470<br />

Jeden 2. Dienstag<br />

19.00 Vorwärts-Chor,<br />

städtisches Seniorenzentrum<br />

„Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />

renzentrum Erndtebrück,<br />

Information: Aufwind<br />

Jugendhilfe GmbH, Julia<br />

Trettin 0172/42861-50<br />

15.30 Smartphonecafé,<br />

Digitale Themennachmittage.<br />

Stadtteilbüro FES<br />

& Mehrgenerationenhaus<br />

Kreuztal, Danziger Str. 2,<br />

02732/3790<br />

Jeden 4. Dienstag<br />

17.30 Gesprächskreis<br />

der SH für Angehörige<br />

von Menschen mit Demenz<br />

Caritas Tagespflege<br />

St. Raphael Burbach, Steinhardtstr.<br />

4<br />

Jeden letzten Dienstag<br />

14.30-16.00 Café Auszeit<br />

Gesprächskreis für pflegende<br />

Angehörige, mit der<br />

Gruppe Lebensfreude, Otto-<br />

Reiffenrath-Haus Neunkirchen,<br />

0271/67 34 72- 39<br />

17.30-19.00 SH Angehörige<br />

von Menschen<br />

mit Demenz, Caritas<br />

Tagespflege St. Raphael<br />

Burbach, Steinhardtstr. 4<br />

mittwochs:<br />

9.00 Ü55-Fitness, (nicht<br />

in den Ferien) Stadtteilbüro<br />

FES & MGH Kreuztal, Danziger<br />

Str. 2 02732/3790<br />

9.00 Wandern, Nordic<br />

Walking, ab Wanderparkplatz<br />

Siegen, Rosterbergstraße,<br />

Günter Dickel, <br />

0271/3345-66<br />

10.00 Wanderungen, ca.<br />

5 km des „Interkulturelles<br />

Seniorennetzwerk“ ab<br />

Siegerl.-Center Weidenau,<br />

Alfonso López García<br />

0271/42517<br />

13.00-17.00 ALTERAktiv<br />

Fahrrad-Reparatur-Treff<br />

Selbsthilfe Werkstatt Siegen,<br />

Sandstraße 20, Innenhof,<br />

Info: Klaus Reifenrath,<br />

0171/88214-20<br />

14.00 Hilfen für zu Hause<br />

des Diak. Freundeskreises<br />

Siegen-Süd, Diakonie Si.-<br />

Eiserfeld, Mühlenstr. 7<br />

14.00-17.00 Taschengeldbörse<br />

Siegen, MGZ,<br />

Martinigemeinde Siegen,<br />

St.-Johannstraße 7,<br />

0271/23460-66<br />

15.30 Geselliger Nachmittag<br />

Lebendiges Haus<br />

e.V Siegen, Melanchtonstr.<br />

61, 0271/23166-79<br />

Jeden 1. Mittwoch<br />

10.00 Trauercafé Regenbogen<br />

der ambul.<br />

Hospizhilfe, Diakonistation<br />

Kreuztal, Ernsdorfstraße 3,<br />

02732/1028<br />

14.30 Museums-Momente,<br />

Führung für Menschen<br />

mit Demenz und ihre<br />

Begleitung, „Museum für<br />

Gegenwartskunst“ Siegen,<br />

Begrenzte Teilnehmerzahl!<br />

0271/40577-10<br />

15.00 Seniorennachmittag<br />

des Heimatvereins<br />

Burbach-Niederdresselndorf,<br />

Alte Schule, 0273/67726<br />

15.00 Frauenzimmer,<br />

Frauencafé des DRK-Niederschelden,<br />

Josefstraße 1,<br />

0271/354962<br />

15.30 Selbsthilfegruppe<br />

Angehörige von Menschen<br />

mit Demenz, Repair-Café<br />

der Klimawelten<br />

Hilchenbach, Kirchweg 17<br />

0271/67 34 72—9<br />

17.00 Smartphonecafé,<br />

Hilfe rund um Handy Laptop<br />

und Co., Stadtteilbüro FES<br />

& Mehrgenerationenhaus<br />

Kreuztal, Danziger Str. 2<br />

02732/3790<br />

19.30 Treffen der Heimatfreunde<br />

Trupach, Kapellenschule<br />

Si.-Trupbacher<br />

Str. 34, 0271/371022<br />

Jeden 2. Mittwoch<br />

14.00-17.00 Café Zeitlos,<br />

in der EssBar, Siegen,<br />

Schweriner Str. 23, (außer<br />

in den Ferien)<br />

17.30 Gesprächskreis für<br />

pflegende Angehörige<br />

Tagespflege „Bethanien“<br />

Siegen, Weidenauer Str.<br />

151, 0271/67 34 72- 39<br />

Jeden 3. Mittwoch<br />

16.00 Workshop Ton fühlen<br />

und formen, Angebot<br />

für Menschen mit Demenz<br />

und ihre Angehörigen. Netphen<br />

Untere Industriestr.<br />

57 (begr. Teilnehmerzahl)<br />

0271/ 67 34 72-39<br />

Jeden 4. Mittwoch<br />

14.00-17.00 Café<br />

Zeitlos, in der EssBar,<br />

Siegen, Schweriner Str.<br />

23 (außer in den Ferien)<br />

15.00 Fit im Kopf- gemeinsam<br />

das Gedächtnis in<br />

Bewegung halten Konferenzzimmer<br />

der Siegerlandhalle<br />

0271/673472-39<br />

Letzter Mittwoch<br />

14.00-17.00 Seniorencafé,<br />

Stadtteilbüro FES &<br />

MGH Kreuztal, Danziger Str.<br />

2 Begrenzte Teilnehmerzahl<br />

02732/3790<br />

15.00-16.30 Selbsthilfegruppe<br />

Frontotemporale<br />

Demenz im Café Auszeit<br />

Kreuztal, Ernsdorfstr. 5<br />

15.00-16.30 Fit im Kopfgemeinsam<br />

das Gedächtnis<br />

in Bewegung halten,<br />

im Konferenzzimmer der<br />

Siegerlandhalle, Koblenzer<br />

Str. 151<br />

donnerstags:<br />

10.00 -12.00 Seniorenwerkstatt,<br />

des „Interkulturellen<br />

Seniorennetzwerkes“,<br />

Spanischsprachige Gemeinde<br />

e.V., kath. Gemeindehaus<br />

Siegen, St.-Michaelstraße<br />

3 0271/42517<br />

10-12 Uhr Diakonischer<br />

Freundeskreis Siegen-Süd,<br />

Hilfen für zu Hause,<br />

Eiserfeld, Mühlenstraße 7<br />

12.30 Kunstpause Öffentliche<br />

Führung durch die<br />

Wechselausstellung, Museum<br />

für Gegenwartskunst<br />

Siegen<br />

14.00 Handarbeitstreff,<br />

Stadtteilbüro FES & MGH<br />

Kreuztal, Danziger Str. 2<br />

(Nicht in den NRW-Ferien)<br />

Jeden 1. Donnerstag<br />

19.00 Tischtennistreff für<br />

Männer, Stadtteilbüro FES<br />

& MGH Kreuztal, Danziger<br />

Str. 2<br />

men KSG-Senioren Wohnanlage<br />

S., Weidenauer Str.<br />

202, 0271/ 67 34 --72 39<br />

18.00 Gruppentreffen<br />

Omas for Future (Opas<br />

willkommen) Café Kaktus<br />

Freudenberg, Im Kurpark<br />

Jeden 3. Donnerstag<br />

19.00 Tischtennistreff für<br />

Männer, Stadtteilbüro FES &<br />

MGH Kreuzt., Danziger Str. 2<br />

Jeden 4. Donnerstag<br />

15.00 Trauercafé der Ambulanten<br />

ökum. Hospizhilfe<br />

Siegen e.V., „Haus Herbstzeitlos“<br />

Siegen, Marienborner<br />

Str. 0271/23602-67<br />

Jeden letzten Donnerstag<br />

17.30 Kraft tanken für<br />

die Pflege – Gesprächkreis<br />

für pflegende Angehörige,<br />

Tagespflege Burbach-<br />

Dresselndorf, Westerwaldstr.<br />

86, 02736/44957-<br />

90<br />

freitags:<br />

10.00 Lernc@fé digital,<br />

„KlimaWelten“ Hilchenbach,<br />

Kirchweg 17<br />

16.00 Tanzen ab der<br />

Lebensmitte auch ohne<br />

Partner, TanzZentrum<br />

Si.-Geisweid, Birlenbacher<br />

Hütte 16, 0271/84999<br />

18.00 Wochenschlussandacht,<br />

Autobahnkirche,<br />

Wilnsdorf, Info@Autobahnkirche-Siegerland.de<br />

21.00 Tango Milonga,<br />

Café Basico Kreuztal, Hüttenstraße<br />

30<br />

Jeden 1. Freitag<br />

16.00 Reparaturtreff im<br />

Gemeindezentrum „Mittendrin“<br />

Geisweid, Koomanstr. 8<br />

Jeden 2. Freitag<br />

19.00 Stammtisch, ein<br />

Stadtteil - ein Verein, in<br />

der Hainer Schule, Siegen,<br />

Marienborner Str. 151<br />

samstags:<br />

Jeden 3. Samstag<br />

9.00-12.00 Repaircafé,<br />

Kath. Gemeindehaus<br />

Erndtebrück, Birkenweg 2<br />

Friederike Oldeleer<br />

02759/21495-60<br />

13.00 ALTERAktiv Repaircafé,<br />

Mehrgenerationenzentrum<br />

Siegen,<br />

St.-Johannstr. 7<br />

0171/88214-20<br />

17, Ingrid Lagemann <br />

02733/2366<br />

sonntags:<br />

15.00 Öffentliche Führung<br />

durch die Wechselausstellung<br />

Museum für<br />

Gegenwartskunst Siegen<br />

20.00 Salsa Fiesta, Café<br />

Basico Kreuztal, Hüttenstr. 30<br />

Jeden 1. Sonntag<br />

14.00 Johannland-Museum,<br />

geöffnet ab 15<br />

Uhr, Kaffee und Kuchen,<br />

Netphen-Irmgarteichen,<br />

Glockenstraße 19<br />

15.00 Führungen im<br />

Wodanstollen Heimatverein<br />

Salchendorf e.V.,<br />

Neunkirchen, Arbachstr.<br />

28 a, 0170/ 47706-66<br />

15.00 Trauercafé der<br />

Ambulanten ökumenischen<br />

Hospizhilfe Siegen e.V.,<br />

Pfarrheim Heilig Kreuz Siegen,<br />

Im Kalten Born,<br />

0271/23602-67<br />

15.00 Café im städtischen<br />

Begegnungszentrum Haus<br />

Herbstzeitlos Siegen, Marienborner<br />

Straße 151<br />

16.00 Führung durch<br />

Neu-Entdeckungen Museum<br />

für Gegenwartskunst<br />

Jeden 2. Sonntag<br />

10-12 Tausch und Plausch,<br />

Treffen der Briefmarkenfreunde<br />

Netpherland,<br />

Heimatmuseum Netphen,<br />

Lahnstr. 47<br />

02737/2095-27<br />

14.30 Sonntagscafé, Alten<br />

Linde Wilnsdorf-Niederdielfen,<br />

Weißtalstraße<br />

15.00 Sonntagscafè,<br />

Heimatverein im Bürgerhaus<br />

Si-Niederschelden,<br />

Auf der Burg 15 <br />

0271/3115-79<br />

Jeden 3. Sonntag<br />

14.30 Kaffeeklatsch im<br />

Heimatverein Salchendorf<br />

e.V., Haus Henrichs Neunk.-<br />

Salchendf., Hindenburgpl. 1<br />

Jeden 2. Donnerstag<br />

15.00 Selbsthilfegruppe<br />

Mitten im Leben für Menschen<br />

mit Gedächtnisproble-<br />

Jeden 4. Samstag<br />

13.00 Klimawelten<br />

Repaircafé, Florenburg<br />

Hilchenb., Kirchweg<br />

74 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 75


montags<br />

57074 Siegen • Marienborner Straße 151<br />

www.unser-quartier.de/haus-herbstzeitlos-siegen<br />

09.00 - 12.00 SeniorenServiceStelle der<br />

Stadt Siegen geöffnet<br />

10.00 - 12.00 Sprechstunde der<br />

Seniorenhilfe Siegen<br />

14.00 - 18.00 ALTERAktiv-Senec@fé<br />

Computertreff<br />

17.00 - 18.00 Tai Chi unter Anleitung<br />

dienstags<br />

Haus Herbstzeitlos<br />

Seniorenbegegnungszentrum der Universitätsstadt Siegen<br />

09.00 - 12.00 ALTERAktiv-Senec@fé,<br />

Computertreff<br />

10.00 - 12.00 Redaktionsbüro des<br />

durchblick geöffnet<br />

18.00 - 20.00 Arbeitskr. MitweltZukunft,<br />

0271 / 404-2434<br />

(Nur in geraden Wochen)<br />

Kostenlose Parkplätze am Haus<br />

mittwochs<br />

09.00 - 10.30 Englisch für Senioren<br />

VHS Kurs Stadt Siegen<br />

09.00 - 12.00 SeniorenServiceStelle der<br />

Stadt Siegen geöffnet<br />

09.00 - 12.00 ALTERAktiv-Senec@fé<br />

Computertreff<br />

10.00 - 12.00 Redaktionsbüro des<br />

durchblick geöffnet<br />

10.30 - 12.00 Englisch für Senioren<br />

VHS Kurs Stadt Siegen<br />

14.00 - 18.00 ALTERAktiv-Senec@fé<br />

Computertreff<br />

15.00 - 17.00 Singen mit der<br />

Seniorenhilfe Siegen<br />

17.00 - 20.00 Regenbogentreff<br />

Spielen und Klönen<br />

18.00 - 21.30 Film und Videoclub<br />

14.00 - 16.30 (von Oktober bis März)<br />

Verwaltung:<br />

Seniorenbeauftragter 0271 / 404-24 34<br />

ALTERAktiv Siegen-Wittgenstein e.V.<br />

Senec@fé 0271 / 2 50 32 39<br />

durchblick - siegen e.V.<br />

Geschäftsstelle 0271 / 6 16 47<br />

Redaktion 0171 / 6 20 64 13<br />

Seniorenbeirat 0271 / 404-22 02<br />

SeniorenServiceStelle 0271 / 404-24 34<br />

Seniorenhilfe Siegen e.V.<br />

Geschäftsstelle 0271 / 6 61 03 35<br />

Gruppen<br />

Trauercafé 0271 / 23 602-67<br />

Film- und Video-Club 02732 / 1 24 60<br />

Selbstverteidigung 0160 / 8 30 18 67<br />

Heinzelwerkstatt 0271 / 6 39 61<br />

Englischkurse VHS 0271 / 404-30 46<br />

donnerstags<br />

09.30 - 10.30 Selbstverteidigung<br />

10.00 - 12.00 Sprechstunde der<br />

Seniorenhilfe Siegen<br />

10.00 - 12.00 Redaktionsbüro des<br />

durchblick geöffnet<br />

11.00 - 12.00 Yoga unter Anleitung<br />

12.15 - 13.15 Yoga auf dem Stuhl<br />

0271 / 404-2202<br />

14.00 - 16.30 Das Heinzelwerk<br />

Werkstatt geöffnet<br />

samstags<br />

09.00 - 12.00 Wandergruppe der<br />

Seniorenhilfe Si. Termine<br />

auf Anfrage 0271 / 64300<br />

Bushaltestelle: Blumenstraße<br />

Busse ab zentraler Omnibusbahnhof Siegen:<br />

B 1-2: Linien R 12, R 13, R 17, L 109.<br />

1. Donnerstag<br />

19.00 Theater & Kirche: Gottesdienst<br />

zum Theaterstück Jedermann<br />

reloaded, St. Marienkirche<br />

Siegen, Untere Metzgerstraße 15<br />

19.00 Die Siegerländer Krimi-Autorin<br />

Anette Schäfer singt und<br />

liest aus ihrem Roman ENTZWEIT,<br />

Kreuztal, Schloss Junkernhees.<br />

3. Samstag<br />

7.00 Geisweider Flohmarkt: Ein<br />

Markt für Jedermann, Unter der HTS,<br />

Stahlwerkstraße, Siegen-Geisweid<br />

19.00 Klangreise - 25 Jahre capella<br />

cantabilis, unter der Ltg. von<br />

KMD Ute Debus, Ev. Kirche Hilchenb.<br />

19.30 Schauspiel: Philipp Hochmair<br />

in Jedermann reloaded, Apollo<br />

Theater Siegen, Morleystr. 1<br />

Juni<br />

4. Sonntag<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />

Schloss Siegen<br />

16.00 Konzert: Die Amigos & Daniela<br />

Alfinito, Siegerlandhalle Siegen,<br />

Koblenzer Straße 151<br />

5. Montag<br />

18.30 Senioren-Service-Stelle / VHS<br />

Vortragsgespräch: Asthma und Richtige<br />

Anwendung von Asthmasprays,<br />

Bürgerhaus Burbach, Marktplatz 7<br />

Einfach<br />

hingehen, ohne<br />

Anmeldung!<br />

6. Dienstag<br />

19.00 Krimilesung mit Gruseleffekt,<br />

KulturFlecken, Freudenberg,<br />

Am Silberstern 4a<br />

7. Mittwoch<br />

14.00 SGV-Seniorenwandern:<br />

Rundwandern und Einkehren,<br />

Treffpunkt SGV Hütte, Buschhütten<br />

- Freibad<br />

16.30 Freude für StrickfreundInnen:<br />

Wolle & Nadel, Stadtbibliothek<br />

Siegen, Krönchen<br />

Center, Markt 25<br />

10. Samstag<br />

20.00 Komödie: Robin Hood<br />

von Britt Löwenstrom, Südwestfälische<br />

Freilichtbühne Freuden<br />

berg, Kuhlenberg 34 auch am 17.,<br />

23., 24. und 30.6.<br />

11. Sonntag<br />

14.00 Besichtigung: Förderturm<br />

Am Grimberg das kl. Schachtgebäude<br />

mit Ausstellung zum Siegerländer<br />

Bergbau, Niederdielfen<br />

15.00 Theater für Kinder: Biene<br />

Maja, Südwestfälische Freilichtbühne<br />

Freudenberg Kuhlenberg 34 auch<br />

am 18.6.<br />

76 durchblick 2/2023<br />

2/2023 durchblick 77


Einfach<br />

hingehen, ohne<br />

Anmeldung!<br />

11. Sonntag<br />

15.00 Tanz am Nachmittag: Standardtänze,<br />

Disco-Fox bei Kaffee<br />

und Kuchen, Haus des Gastes Bad<br />

Laasphe, Wilhelmsplatz 3<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />

Schloss Siegen<br />

12. Montag<br />

10.30 Für Strickfreunde: Wolle &<br />

Nadel, Stadtbibliothek Siegen, Krönchen<br />

Center, Markt 25<br />

17.00 Kino ohne ALTERSbeschränkung:<br />

Der Engländer, der in den<br />

Bus stieg und bis zum Ende der<br />

Welt fuhr, Viktoria Filmtheater Hilchenbach-Dahlbruch<br />

13. Dienstag<br />

19.00 Spiritueller Sommer: Yoga<br />

Kurpark Bad Laasphe, Treff: Wilhelmsplatz<br />

3 (nur bei ausreichender<br />

Teilnehmerzahl 02752/898)<br />

14. Mittwoch<br />

20.00 Sinfoniekonzert: Collegium<br />

Musicum live, Leitung: Naotaka<br />

Maejimat, Festsaal der Rudolf Steiner<br />

Schule Siegen, Kolpingstr. 3<br />

18. Sonntag<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />

Schloss Siegen<br />

Juni<br />

21. Mittwoch<br />

14.00 SGV-Seniorenwandern: Rundwandern<br />

und Einkehren, Treff:<br />

SGV Hütte, Buschhütten - Freibad<br />

22. Donnerstag<br />

14.30 LiteraturCafé der Seniorenhilfe,<br />

Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos<br />

Siegen, Marienborner Str. 151<br />

24. Samstag<br />

11.00 Uhr Jubiläumsfeier: 25 Jahre<br />

Haus Herbstzeitlos, Begegnungszentrum<br />

Haus Herbstzeitlos<br />

Siegen, Marienborner Str. 151<br />

Juli<br />

25. Sonntag<br />

14.00 Spiritueller Sommer: Kräuterführung,<br />

Treff: Bad Laasphe, Wilhelmsplatz<br />

3 (Veranstaltung findet<br />

nur bei ausreichender Teilnehmerzahl<br />

statt. 02752/898)<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />

Schloss Siegen<br />

27. Dienstag<br />

19.00 Spiritueller Sommer: Yoga<br />

Kurpark Bad Laasphe, Treff: Wilhelmsplatz<br />

3 (nur bei ausreichender<br />

Teilnehmerzahl 02752/898)<br />

8. Samstag<br />

21.00 Siegener Sommer, Mr. Leu<br />

Waits, Tom Waits Tribute, Hof<br />

Oberes Schloss<br />

9. Sonntag<br />

10.00 Spiritueller Sommer: Baumführung,<br />

Treffpunkt: Bad Laasphe,<br />

Wilhelmsplatz 3 (Veranstaltung findet<br />

nur bei ausreichender Teilnehmerzahl<br />

statt. 02752/898)<br />

14.00 Besichtigung: Förderturm<br />

Am Grimberg das kleine Schachtgebäude<br />

mit Ausstellung zum Siegerländer<br />

Bergbau, Niederdielfen,<br />

Grimbergstraße<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />

Schloss Siegen<br />

13. Donnerstag<br />

20.00 Schlagzeug-Konzert: Extremely<br />

urgent, Musiksaal der Uni Siegen,<br />

Bauteil B, AR-B 2311<br />

15. Samstag<br />

11.15 Spiritueller Sommer: Qigong<br />

in der Natur, Treff: Bad Laasphe,<br />

Wilhelmsplatz 3 (Veranstaltung findet<br />

nur bei ausreichender Teilnehmerzahl<br />

statt. 02752/898)<br />

16. Sonntag<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />

Schloss Siegen<br />

19. Mittwoch<br />

14.00 SGV-Seniorenwandern:<br />

Rundwandern und Einkehren,<br />

Treff: SGV Hütte, Buschhütten - Freibad<br />

20.Donnerstag<br />

10.30 Für Strickfreunde: Wolle<br />

& Nadel, Stadtbibliothek Siegen,<br />

Krönchen Center, Markt 25<br />

23. Sonntag<br />

15.30 Kultur mit Enkeln erleben,<br />

Schauspiel: Die Hase und der Igel,<br />

Einfach<br />

hingehen, ohne<br />

Anmeldung!<br />

für Kinder ab 4 Jahren, Gerichtswiese,<br />

Hilchenbach<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />

Schloss Siegen<br />

26. Mittwoch<br />

19.00 Spiritueller Sommer: Yoga<br />

Kurpark Bad Laasphe, Treffpunkt:<br />

Wilhelmsplatz 3 (Veranstaltung<br />

findet nur bei ausreichender Teilnehmerzahl<br />

statt. 02752/898)<br />

30. Sonntag<br />

15.30 Kultur mit Enkeln erleben,<br />

Schauspiel: Das Elefantenkind, für<br />

Kinder ab 4 Jahren, Gerichtswiese,<br />

Hilchenbach<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten,<br />

Oberes Schloss Siegen<br />

1. Samstag<br />

20.00 Komödie: Robin Hood von<br />

Britt Löwenstrom, Südwestfälische<br />

Freilichtbühne Freudbg., Kuhlenberg<br />

34 auch am 29.7.<br />

21.00 Siegener Sommer, Muttis Kinder,<br />

A Cappella, Hof Oberes Schloss<br />

Siegtal Pur<br />

2. Sonntag<br />

9.00 Autofreier Sonntag Siegtal<br />

Pur, entlang der Sieg von Netphen<br />

bis Siegburg<br />

15.00 Theater für Kinder: Biene<br />

Maja, Südwestf. Freilichtbühne Freudenbg.,<br />

Kuhlenberg 34 auch am 30.7.<br />

ganztägig am 2. Juli<br />

Foto: Adrian Alonso<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />

Schloss Siegen<br />

20.00 Siegener Sommer, Siegener<br />

Poetry Slam ...wird 20, Hof Oberes<br />

Schloss<br />

5. Mittwoch<br />

14.00 SGV-Seniorenwandern:<br />

Rundwandern und Einkehren,<br />

Treff: SGV Hütte, Buschhütten - Freibad<br />

16.30 Für Strickfreunde: Wolle &<br />

Nadel, Stadtbibliothek Siegen, Krönchen<br />

Center, Markt 25<br />

6. Donnerstag<br />

14.30 LiteraturCafé der Seniorenhilfe,<br />

Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos<br />

Siegen, Marienborner Str. 151<br />

21.00 Siegener Sommer, Mackefisch,<br />

Funny for future, Hof Oberes Schloss<br />

7. Freitag<br />

21.00 Siegener Sommer, Nacht der<br />

Schrägen Vögel, Hof Oberes Schloss<br />

78 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 79


Einfach<br />

hingehen, ohne<br />

Anmeldung!<br />

Stadtfest in der<br />

Siegener Innenstadt<br />

1. Dienstag<br />

15.00 Theater für Kinder: Biene Maja,<br />

Südwestf. Freilichtbühne Freudenbg.,<br />

Kuhlenberg 34, auch am 2., 13., 20.<br />

und 27.8.<br />

4. Freitag<br />

20.00 Komödie: Robin Hood von<br />

Britt Löwenstrom, Südwestfälische<br />

Freilichtbühne Freudenberg, Kuhlenberg<br />

34, auch am 5., 9., 11., 16., 19.,<br />

23., 25. und 26.8.<br />

5. Samstag<br />

7.00 Geisweider Flohmarkt: Ein<br />

Markt für Jedermann, Unter der HTS,<br />

Stahlwerkstraße, Siegen-Geisweid<br />

6. Sonntag<br />

10.00 Spiritueller Sommer: Waldbaden,<br />

Treff: Bad Berleburg-Stünzel,<br />

Zum Festplatz (nur bei ausreichender<br />

Teilnehmerzahl 02752/898)<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />

Schloss Siegen<br />

8. Dienstag<br />

14.00 E-Bike-Training für Senioren,<br />

Atriumsaal & Außenparkplatz Siegerlandhalle,<br />

Siegen 0271/404-2434<br />

19.00 Spiritueller Sommer: Yoga<br />

Kurpark Bad Laasphe, Treff: Wilhelmsplatz<br />

3 (nur bei ausreichender<br />

Teilnehmerzahl 02752/898)<br />

August<br />

Freitag 25.8. ab 15 Uhr<br />

Samstag 26.8. ab 11 Uhr<br />

Sonntag 27.8. ab 11 Uhr<br />

13. Sonntag<br />

14.00 Besichtigung: Förderturm Am<br />

Grimberg das kl. Schachtgebäude mit<br />

Ausstellung zum Siegerländer Bergbau,<br />

Niederdielfen, Grimbergstraße<br />

15.00 Tanz am Nachmittag: Standardtänze,<br />

Disco-Fox bei Kaffee<br />

und Kuchen, Haus des Gastes Bad<br />

Laasphe, Wilhelmsplatz 3<br />

15.30 Kultur mit Enkeln erleben, Familienzaubershow,<br />

für Kinder ab 5<br />

Jahren, Gerichtswiese, Hilchenbach<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />

Schloss Siegen<br />

14. Montag<br />

17.00 Kino ohne ALTERSbeschränkung:<br />

Im Taxi mit Madeleine, Viktoria<br />

Filmtheater Hi.- Dahlbruch<br />

17. Donnerstag<br />

16.30 Für Strickfreunde: Wolle &<br />

Nadel, Stadtbibliothek Siegen, Krönchen<br />

Center, Markt 25<br />

14.30 LiteraturCafé der Seniorenhilfe,<br />

Begegnungszentrum Haus<br />

Herbstzeitlos Siegen, Marienborner<br />

Str. 151<br />

19.Samstag<br />

11.15 Spiritueller Sommer: Qigong<br />

in der Natur, Treff: Bad Laasphe,<br />

Wilhelmsplatz 3 (nur bei ausreichender<br />

Teilnehmerzahl 02752/898)<br />

19.00 Kulturverein Silberstern,<br />

Wohnzimmerkonzert im Englischen<br />

Garten: u.a. mit den "Tippings",<br />

Freudenberg, Kleintirolstr. 71<br />

20. Sonntag<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten Si.<br />

22. Dienstag<br />

19.00 Spiritueller Sommer: Yoga<br />

Kurpark Bad Laasphe, Treff: Wilhelmsplatz<br />

3 (nur bei ausreichender<br />

Teilnehmerzahl 02752/898)<br />

27. Sonntag<br />

16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />

um 4 im Schlossgarten Si.<br />

18.00 Open-Air, Der Drache, Bruchwerk-Theater,<br />

Stift Keppel, Allenbach<br />

31. Donnerstag<br />

20.00 Konzert mit der Philharmonie<br />

Südwestfalen und dem Busch-Preis-<br />

Träger aus 2022, Kriss Garfitt an der<br />

Posaune, Ev. Kirche Hilchenbach<br />

Vorschau<br />

September<br />

7. Donnerstag<br />

20.00 Lesung mit Christine Westermann<br />

Zwischen den Zeilen - Mein<br />

Leben in Büchern Kulturhaus-Lÿz<br />

Siegen, St.Johann-Str. 18<br />

8. Freitag<br />

20.00 Musikkabarett mit William<br />

Wahl, Wahlgesänge, Kulturhaus-<br />

Lÿz Siegen, St.Johann-Str. 18<br />

15. Freitag<br />

20.00 Erzählungen mit Quichotte<br />

Nicht weniger als ein Spektakel,<br />

Kulturhaus-Lÿz Siegen, St.Johann-Str.<br />

23. Samstag<br />

20.00 Kabarett mit René Steinberg,<br />

Radikale Spaßmaßnahmen,<br />

Kulturhaus-Lÿz Siegen<br />

An der Bus-Haltestelle<br />

Seit vor ca.14 Jahren mein Auto einem<br />

Schlaganfall zum Opfer fiel, bin ich wieder<br />

Fußgängerin. Logischerweise muss<br />

ich deshalb einen Bus benutzen. Ich treffe wieder<br />

mehr mit anderen Menschen zusammen und<br />

wundere mich immer wieder, wie international<br />

unsere Gesellschaft inzwischen ist. Das war vor<br />

14 Jahren noch ganz anders.<br />

Ich komme gerade von einer physiotherapeutischen<br />

Behandlung und gehe auf die<br />

Haltestelle zu. Eine sehr junge Frau steht<br />

auf und bietet mir ihren Platz an. Sie scheint<br />

aus dem türkisch-arabischen Kulturkreis zu<br />

stammen. Diese Menschen stehen immer<br />

auf, wenn sich eine ältere Person nähert,<br />

denn sie haben gelernt, das Alter zu achten.<br />

Schräg hinter mir stehen eine ältere und<br />

eine jüngere Frau. Die jüngere sagt zu der älteren Frau<br />

im Brustton der Überzeugung: „Oczywi´sceie“. Mittlerweile<br />

weiß ich, dass es polnisch ist und „natürlich“<br />

heißt. Ein Stück vor mir stehen zwei jüngere Männer,<br />

vermutlich Studenten. Sie haben eine sehr dunkle Haut.<br />

Man könnte meinen, sie stammen aus einem afrikanischen<br />

Land. Aber wenn man sie reden hört, stellt man<br />

fest, dass ihre Aussprache nicht guttural ist, sondern<br />

einen weichen Zungenschlag hat. Sie sind wohl eher<br />

aus Indien, vielleicht Tamilen? Links schräg hinter<br />

mir stehen zwei Frauen. Eine davon habe ich nicht im<br />

Blickwinkel, die andere ist jung und groß gewachsen.<br />

Sie trägt das Haar glatt und lang bis zur Taille, wie es<br />

heute in Mode ist. Sie ist dunkelblond und spricht ein<br />

schönes Russisch. Einmal kommt in ihrem Gespräch<br />

das Wort „Novosibirsk“ vor. Vielleicht stammt sie von<br />

dort her oder sie erzählt von einer Reise dorthin.<br />

Vor mir auf der Straße steht ein junger Mann zwischen<br />

30 und 35 Jahren. Er hat zwei kleine Mädchen bei<br />

sich, die ständig quengeln. Sie sind offensichtlich müde<br />

und der Mann ist wohl der Vater. Sein Telefon klingelt.<br />

Am Apparat scheint seine Frau zu sein, denn er bellt<br />

unwirsch in das Telefon: „ Yes, ... I am waiting for that<br />

fucking bus to come“. Sie scheint sich zu erkundigen,<br />

wann er nach Hause kommt.<br />

Neben mir sitzt eine rundliche lebhafte Dame, die<br />

auch nicht mehr ganz jung ist. Sie steht auf, weil es<br />

ihr auf dem metallenen Sitz zu kalt geworden ist. Zu<br />

mir sagt sie:“ Du wirst kriegen kalten Arsch“.<br />

Dann lacht sie und erzählt: “Ja Deutsch habe sie<br />

noch von Ihrer Mutter gelernt. Sie habe 50 Jahre lang<br />

in Kasachstan gelebt und sei vor 20 Jahren mit ihrer<br />

Familie nach Deutschland gekommen. Aber ihre Mutter<br />

sei mit vielen anderen Deutschstämmigen im Jahr<br />

Nach Redaktionsschluss<br />

1941 zu Stalins Zeiten aus der Wolgarepublik nach<br />

Kasachstan verpflanzt worden. Dort in der Heimat ihrer<br />

Mutter hätten die Leute noch über Generationen<br />

Deutsch gesprochen, wenn auch mit etwas Russisch<br />

vermischt. Ja, aber wie sind die Deutschen denn in<br />

die Wolga-Republik gekommen? Zu damaliger Zeit<br />

regierte die Zarin Katharina die Große das russische<br />

Reich. Sie kam aus Zerbst in Deutschland und holte<br />

„tüchtige deutsche Bauern“ in ihr Land, um das Land<br />

weiter zu entwickeln. Französische Staatsbeamte und<br />

Philosophen nannten sie deshalb ehrerbietig „Katherine<br />

le Grand“ anstatt „Karherine la Grande“, weil<br />

sie der Meinung waren, dass sie das große russische<br />

Reich wie ein Mann regiere.<br />

Inzwischen ist auch das Enkelchen meiner Gesprächspartnerin<br />

aus der Giersbergschule hinzugekommen.<br />

Wir fahren gemeinsam nach Hause. Ich<br />

steige früher aus und die Beiden winken mir noch zu.<br />

Erna Homalla<br />

80 durchblick 2/2023<br />

2/2023 durchblick 81


Unterhaltung / Impressum<br />

Es fiel uns auf, …<br />

…dass die Natur wie ein Antidepressivum wirkt. Schon<br />

ein kurzer Aufenthalt von 30 Minuten im Grünen kann den<br />

Stresslevel erheblich senken. Der Gebrauch von Psychopharmaka,<br />

vor allem Antidepressiva, soll bei hohem Anteil<br />

an Grünflächen am Wohnort abnehmen. Mediziner der Charite`<br />

in Berlin wiesen darauf hin.<br />

…dass ein Partner gesund hält. Frauen, die mit ihrer Beziehung<br />

zufrieden sind, leiden im Alter seltener unter chronischen<br />

Erkrankungen. Das fand eine australische Studie nun heraus.<br />

..dass immer mehr 80-Jährige fit wie mit 50 sind. Es<br />

ist heute keine Seltenheit mehr, dass man bis ins hohe Alter<br />

gesund ist. Forscher gehen davon aus, dass der Grund<br />

dafür nicht allein in den Genen liegt. Viel wichtiger sind eine<br />

nährstoffreiche Ernährung, wenig Alkohol, Bewegung, ausreichen<br />

Schlaf und soziale Kontakte.<br />

…dass Frauen heute die Gebildeteren sind. Da scheint<br />

sich was gedreht zu haben: 40-jährige Frauen haben häufiger<br />

das Abitur (48%) oder ein Hochschuldiplom (28%) in der Tasche<br />

als gleichaltrige Männer (45% bzw. 26%). homa<br />

Gedächtnistraining – Lösungen von Seite 62 / 63<br />

Regelsysteme im<br />

Alltag a) einladen,<br />

kommen, begrüßen,<br />

essen (erzählen),<br />

erzählen (essen),<br />

verabschieden, b)<br />

mgraben, rechen,<br />

pflanzen, begießen,<br />

jäten, ernten, essen,<br />

c) Kupplung treten,<br />

Gang raus, Fuß auf<br />

das Gas, Schlüssel<br />

umdrehen, Fuß auf<br />

die Kupplung, Gang<br />

rein, losfahren. Um<br />

die Ecke denken:<br />

Buchhalter.Teekesselchen:<br />

1. Orden,<br />

2. Schimmel,<br />

3. Ente, 4. Fliege.<br />

Bildsuche: Seite 34<br />

Zu guter Letzt:<br />

Die Made<br />

Hinter eines Baumes Rinde<br />

wohnt die Made mit dem Kinde.<br />

Sie ist Witwe, denn der Gatte,<br />

den sie hatte, fiel vom Blatte.<br />

Diente so auf diese Weise<br />

einer Ameise als Speise.<br />

Eines Morgens sprach die Made:<br />

„Liebes Kind, ich sehe grade,<br />

drüben gibt es frischen Kohl,<br />

den ich hol. So leb denn wohl!<br />

Halt, noch eins! Denk, was geschah,<br />

geh nicht aus, denk an Papa!“<br />

Also sprach sie und entwich. -<br />

Made junior aber schlich<br />

hinterdrein; und das war schlecht!<br />

Denn schon kam ein bunter Specht<br />

und verschlang die kleine fade<br />

Made ohne Gnade. Schade!<br />

Hinter eines Baumes Rinde<br />

ruft die Made nach dem Kinde.<br />

Nun ja<br />

Nun ja, was soll man sagen? Man wird älter<br />

und hat gelernt, wie dies und jenes geht.<br />

Die Dinge lassen einen etwas kälter,<br />

weil man sie ohnehin nicht recht versteht.<br />

Man hat schon viel erlebt in seinem Leben,<br />

und leicht macht einem keiner mehr was vor.<br />

Die Dinge, wie sie sind, so sind sie eben.<br />

Man nimmt sie hin und trägt sie mit Humor.<br />

Man kennt sich etwas aus und wähnt sich weise,<br />

man trotzt der Welt mit Lächeln und mit List,<br />

und wird am Ende doch ganz still und leise,<br />

weil unterm Strich man auch nicht schlauer ist.<br />

Jörn Heller aus „Schluss für heute“<br />

durch<br />

blick<br />

Gemeinnützige Seniorenzeitschrift<br />

für Siegen und Siegen-Wittgenstein<br />

Herausgeber:<br />

durchblick-siegen Information und Medien e.V.<br />

Anschrift der Redaktion:<br />

„Haus Herbstzeitlos“, Marienborner Str. 151, 57074 Siegen<br />

Telefon 0271 / 6 16 47, Mobil: 0171 / 6 20 64 13<br />

E-Mail: redaktion@durchblick-siegen.de<br />

Internet: www.durchblick-siegen.de<br />

Öffnungszeiten:<br />

dienstags bis donnerstags von 10.00 bis 12.00 Uhr<br />

1. und 3. Dienstag im Monat auch von 15.00 bis 17.00 Uhr<br />

Redaktion:<br />

Anne Alhäuser, Ulla D'Amico, Ingrid Drabe (Veranstaltungen), Friedhelm<br />

Eickhoff (ViSdP), Eva-Maria Herrmann (stellv. Redaktionsleiterin),<br />

Erna Homolla, Erich Kerkhoff, Olaf U. Koplin (Sen.beirat), Sigrid<br />

Kobsch, Horst Mahle, Rita Petri, Tessie Reeh, Guntram Römer (Seniorenbeirat),<br />

Helga Siebel-Achenbach, Nicole Scherzberg (Archiv),<br />

Tilla-Ute Schöllchen, Ulla Schreiber, Ulli Weber, Angelika van Vegten.<br />

Bildredaktion:<br />

Thomas Benauer, Rita Petri, Tessie Reeh, Nicole Scherzberg,<br />

Angelika van Vegten.<br />

Bildnachweise: Sofern am Objekt nicht angegeben, stammen die<br />

veröffentlichten Bilder von den Autoren, bzw. den Veranstaltern.<br />

Lektorat:<br />

Anne Eickhoff, Gertrud Hein-Eickhoff, Horst Mahle, Jörgen Meister,<br />

Dieter Moll.<br />

Internet:<br />

Thomas Benauer, Thomas Greiner, Nicole Scherzberg.<br />

An dieser Ausgabe haben ferner mitgewirkt:<br />

Karl Becker, Heinz Bensberg, Adele von Bünau, Sonja Dörr, Ernst<br />

Göckus, Bettina Großhaus-Lutz, Jörn Heller, Wolfgang Kay, Wilfried<br />

Lerchstein, Bernadette von Plettenberg, Hartmut Reeh, Volker<br />

Reichmann, Willi Scheffel, Stephan Schliebs, Astrid E. Schneider-<br />

Mareski, Ulrich Schöllchen, Bruno Steuber, Heinz Stötzel,<br />

Carla Strehlau.<br />

Gestaltung und Herstellung:<br />

Nicole Scherzberg, Friedhelm Eickhoff.<br />

Anzeigenanfrage:<br />

durchblick-siegen e.V. Telefon 0171 / 6 20 64 13 oder 0271 / 6 16 47<br />

E-Mail: anzeigen@durchblick-siegen.de Es gilt die Preisliste 13/2021<br />

(www.durchblick-siegen.de/Mediadaten)<br />

Druck: rewi-Druck Wissen<br />

Erscheinungsweise:<br />

März, Juni, September, Dezember<br />

Gedruckt auf<br />

PEFC zertifiziertem<br />

Papier<br />

Verteilung:<br />

Hans Amely, Gerd Bombien, Nadine Gerhard, Erika Graff,<br />

Maximilian Großhaus-Lutz, Arndt Hensel, Heike Hütwohl, Kimberly<br />

Hütwohl, Wolfgang von Keutz, Geli Kreutter, Olaf Kurz, Jörn<br />

Lagemann, Oliver Mahle, Günter Matthes-Arongagbor, Marion<br />

Ortmann, Wolfgang Paesler, Karin Piorkowski, Birgit Rabanus,<br />

Christel Schmidt-Hufer, Hans-Rüdiger Schmidt und alle Redakteure<br />

Der durchblick liegt im gesamten Kreisgebiet kostenlos aus: in Sparkassen,<br />

Apotheken, Arztpraxen, Buchhandlungen und Geschäften des<br />

täglichen Bedarfs, in der City-Galerie, Läden des Siegerlandzentrums,<br />

bei unseren Anzeigenkunden, in öffentlichen Gebäuden, vielen sozialen<br />

Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände und Kirchen, in Rathäusern<br />

und Senioren-Service-Stellen des Kreises Siegen-Wittgenstein, sowie<br />

eingeheftet in den Zeitschriftenmappen des „Lesezirkel Siegerland“.<br />

Der durchblick ist kostenlos. Für die Postzustellung werden für vier Ausgaben<br />

jährlich 10,00 € ins Inland bzw. 16,00 € ins Ausland berechnet.<br />

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der<br />

Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Beiträge und<br />

Leserbriefe zu kürzen. Bei Nichtveröffentlichung von unverlangt eingesandten<br />

Beiträgen erfolgt keine Benachrichtigung. Der Nachdruck ist nur mit schriftlicher<br />

Genehmigung des Herausgebers gestattet.<br />

82 durchblick 2/2023

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