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durch<br />
blick<br />
Autorenzeitschrift<br />
Seit 1986<br />
Nr. 2/2023<br />
kostenlos<br />
mitnehmen<br />
25 Jahre<br />
H au s Herbstzeitlos<br />
Senioren – Begegnungszentrum<br />
der Stadt Siegen<br />
– eine Erfolgsgeschichte !<br />
ab Seite 16
Inhaltsübersicht<br />
Aus der Redaktion3<br />
Kurz berichtet4<br />
25 Jahre Haus Herbstzeilos16<br />
Graue Haare – Buntes Leben 20<br />
Gesellschaftliche Teilhabe im Alter 24<br />
Endlich im Ruhestand – was nun? 25<br />
Über Siegens 7 Berge 28<br />
Rufus Beck open air im Schlosshof 30<br />
durchblick verlost Freeikarten 32<br />
Dä ahl Proll 33<br />
Christliche Bräuche 34<br />
Der neue Blitzableiter 36<br />
Clemens Strack 38<br />
Schlossberg zu Dillenburg 40<br />
Mundart 42<br />
Die Schleier der Verborgenheit 46<br />
Superstar ohne Allüren 50<br />
Im Wald der Undurchdringlichkeiten 52<br />
Marianne und die Online-Bestellung 54<br />
Papier ist ja so geduldig 55<br />
Das war früher Chic! 56<br />
An Tagen wie diesen 57<br />
Integration 58<br />
Als die Bomben fielen 59<br />
Gedächtnistraining 62<br />
Seidenhemd und Schiebermütze 64<br />
Ein Tag voll Kunst und Kultur 66<br />
Auch Intelligenz wird immer künstlicher 68<br />
DigitalPackt Alter 69<br />
Der Mensch – Wolf oder Schaf ? 70<br />
Wiederkehrende Termine 74<br />
Veranstaltungen im „Haus Herbstzeitlos“ 76<br />
Veranstaltungen in Siegen-Wittgenstein 77<br />
Nach Redaktionsschluss 81<br />
Es fiel uns auf / Lösungen / Zu guter Letzt / Impressum 82<br />
Titelcollage: Nicole Scherzberg<br />
Aus der Redaktion<br />
Jahre Haus Herbstzeitlos ist nicht nur ein Silberjubiläum. Mit Fertigstellung<br />
25dieses Hauses als Seniorenzentrum hat sich die heimische Altenpolitik entscheidend<br />
verändert. Unter Seniorenarbeit verstand man bis dahin meist betreutes Kaffeetrinken<br />
organisiert durch Wohlfahrtsverbände.<br />
Astrid Ellen Schneider, erste Seniorenbeauftragte der Stadt Siegen, hatte einen völlig<br />
anderen Ansatz. Für sie bedeutete Seniorenarbeit 1995 schon gesellschaftliche Teilhabe<br />
und Nutzbarmachung von Erfahrungen und Ressourcen zum Wohle aller. Sie bewies<br />
der Politik und der Verwaltung mit unermüdlicher Ausdauer, dass ältere Menschen<br />
wichtige Beiträge für die Gesellschaft leisten können und auch wollen.<br />
In der Titelgeschichte, ab Seite 16 in dieser Ausgabe, berichtet Frau Schneider auf<br />
unterhaltsame Weise über die Entstehung des Haus Herbstzeitlos. Heute zählt das Begegnungszentrum<br />
mit seinen 24 Initiativen über 8.000 Besucher jährlich. Damit ist<br />
diese Einrichtung eines der Vorzeigeprojekte für gelungene Seniorenarbeit in NRW.<br />
Das Haus Herbstzeitlos hat seit seiner Gründung ungezählte Menschen motiviert etwas<br />
für sich zu tun und auch mit Freude etwas für andere zu tun.<br />
2/2023 durchblick 3
Siegen. Der DRK Kreisverband<br />
Siegen-Wittgenstein<br />
hat die erste Runde<br />
des landesweiten Pilotprojekts:<br />
„Sanitäter Plus<br />
Ausbildung“ für Personen<br />
mit Duldungsstatus erfolgreich<br />
abgeschlossen.<br />
Elf Menschen aus der<br />
Region mit unsicherem<br />
Aufenthaltsstatus haben<br />
seit Mai 2022 zwei<br />
Tage pro Woche eine<br />
Ausbildung in Katastrophenschutz,<br />
Erste Hilfe,<br />
Betreuung und Sprache<br />
gemacht. Die Teilnehmenden<br />
kamen aus Nigeria,<br />
Elfenbeinküste,<br />
Syrien, Tadschikistan und<br />
Guinea und waren zwischen<br />
22 bis 52 Jahre alt. Im Januar<br />
2023 haben sie die anspruchsvollen<br />
Abschlussprüfungen absolviert und<br />
können ab sofort aktiv in der Rotkreuzarbeit<br />
mithelfen. „Wir wollen ein aktiver<br />
Teil der deutschen Gesellschaft sein und<br />
Menschen helfen“, sagt Ayodele Osaimokhai<br />
aus Nigeria. „Ich freue mich<br />
jedes Mal, wenn ich zum Roten Kreuz<br />
kommen kann“. Ausbildungsleiter Boris<br />
Wißmann ist von dem Engagement der<br />
„Sanitäter Plus“ begeistert: „Alle waren<br />
Kurz berichtet<br />
Pilotprojekt Sanitäter Plus<br />
Internationale Einsatzkräfte für den Katastrophenschutz<br />
Absolventen im Januar 2023 mit Abschlusszertifikaten.<br />
super motiviert und mit Herzblut dabei!<br />
Von der Einsatzbereitschaft darf sich<br />
manch einer eine Scheibe abschneiden<br />
– mir sind die Jungs allesamt ans<br />
Herz gewachsen!“ Die „ungebundenen<br />
Einsatzkräfte“ können mögliche Lücken<br />
in den Einsatzeinheiten des Katastrophenschutzes<br />
beim DRK füllen. Schon<br />
beim Siegener Stadtfest im August<br />
2022 und bei der Altkleidersammlung<br />
im Herbst haben alle Teilnehmenden<br />
mit Begeisterung mitgeholfen. „Für<br />
alle Beteiligten ist die<br />
Maßnahme ein Gewinn.<br />
Das DRK gewinnt neue<br />
ehrenamtliche Einsatzkräfte<br />
für den Katastrophenschutz<br />
und die Teilnehmenden<br />
bekommen<br />
die Chance auf eine<br />
sinnvolle Betätigung“,<br />
verrät Ehrenamtskoordinatorin<br />
Susanne El<br />
Hachimi-Schreiber.<br />
Die Duldung ist kein<br />
Aufenthaltstitel und nur<br />
eine vorübergehende<br />
Aussetzung der Abschiebung.<br />
Geduldete Menschen<br />
sind mitunter seit<br />
Jahren in Deutschland<br />
und dürfen kein Arbeitsverhältnis<br />
aufnehmen.<br />
Ihnen stehen oft auch keine Deutschkurse<br />
zu. Mit DRK Sprachcoach Ioana<br />
Muntean haben viele der Teilnehmenden<br />
zum ersten Mal richtig Deutsch gelernt.<br />
Eine neue Maßnahme startete im<br />
März 2023. Sie wird vom Kommunalen<br />
Integrationszentrum (KI) des Kreises<br />
Siegen-Wittgenstein gefördert. Christine<br />
Wilhelms vom KI ist begeistert: „Genauso<br />
eine Maßnahme haben wir uns<br />
schon lange gewünscht. Deshalb fördern<br />
wir auch die zweite Runde.“ db<br />
Vielfalt und Lebendigkeit<br />
Waldland Hohenroth bleibt aktiv<br />
Netphen. Das Waldinformationszentrum<br />
Forsthaus<br />
Hohenroth ist ein<br />
Gemeinschaftsprojekt des<br />
Landesbetriebes Wald und<br />
Holz NRW und des Vereins<br />
Waldland Hohenroth.<br />
Waldland Hohenroth<br />
steht für die Wechselwirkung<br />
zwischen Mensch<br />
und Wald. Moderne Strömungen<br />
um Ökologie und<br />
Forstwirtschaft korrespondieren<br />
mit dem „alten Wissen“*<br />
um Wald und Holz<br />
als ein Refugium für Geist<br />
und Seele sowie als Quelle für Kreativität,<br />
Vielfalt und Lebendigkeit. Diese<br />
Gedanken lenken Wald und Holz NRW<br />
und den Verein Waldland Hohenroth in<br />
der Angebotsentwicklung für Besucher<br />
von Hohenroth. Die Anlage bietet eine<br />
bunte Mischung von Möglichkeiten für<br />
Menschen jeden Alters, die die Begegnung<br />
mit dem Wald suchen.<br />
Hier lassen sich auf<br />
unterschiedlichste Art und<br />
Weise Naturerfahrungen<br />
sammeln.<br />
Es wird Wissen über den<br />
Wald und seine komplexen<br />
Zusammenhänge in Form<br />
von Veranstaltungen und<br />
Ausstellungen vermittelt.<br />
Im Umfeld befinden sich<br />
ein Wildgehege mit Rotund<br />
Mesopotamischem<br />
Damwild, Themenwanderwege<br />
und nicht zu vergessen,<br />
das Café Hohenroth.<br />
Ein Blick in das neue Jahresprogramm<br />
lohnt sich. Es werden wieder viele interessante<br />
Veranstaltungen, Seminare<br />
und Führungen angeboten. db<br />
4 durchblick 2/2023<br />
2/2023 durchblick 5
Kurz berichtet<br />
Zu Besuch beim SkF Siegen e.V.<br />
Siegen. Die SkF (Sozialdienst katholischer<br />
Frauen Deutschland) -Bundesgeschäftsführerin<br />
Renate Jachmann-<br />
Willmer hat den Standort Siegen<br />
besucht und zeigte sich beeindruckt<br />
und zufrieden.<br />
Geschäftsführer Wolfgang Langenohl,<br />
und seine Mitarbeitenden stellten dem<br />
Gast im Rahmen eines Rundgangs die<br />
Einrichtungen und ihre vielfältigen Angebote<br />
vor.<br />
Der SkF Siegen e.V. blickt mittlerweile<br />
auf mehr als 110 Jahre zurück.<br />
Langenohl schilderte die Entwicklung<br />
des SkF Siegen e.V, die sich ganz dem<br />
SkF-Motto „Da sein – leben helfen“ verpflichtet<br />
fühlt.<br />
„Wir müssen auch in der sogenannten<br />
Zeitenwende alles daransetzen, dass<br />
die soziale Balance erhalten bleibt. Der<br />
SkF Siegen e.V. versteht sich in diesem<br />
Sinne selbst als Chancengeber“. db<br />
(v.l.) E. Forderung; J. Biesalski; R. Jachmann-Willmer; M. Becher; W. Langenohl, C. Dornhöfer<br />
Foto: SKF Siegen e.V.<br />
E - Bike Training<br />
Siegen.<br />
Die Zahl<br />
der E-Bikenutzer<br />
steigt stetig<br />
an. Leider<br />
auch die<br />
Zahl der Unfälle. Zwar sagt man „Radfahren<br />
verlernt man nicht“, aber mit einem<br />
E-Bike oder Pedelec ist einiges anders.<br />
Deshalb lohnt sich die Teilnahme an einem<br />
Fahrsicherheitstraining. Durch den<br />
Seniorenbeauftragten der Universitätsstadt<br />
Siegen wird nun wieder ein entsprechender<br />
Kurs für Senioren aus Siegen<br />
angeboten.<br />
Am Dienstag, dem 8. August 2023<br />
von 14 bis 17 Uhr wird ein Referent der<br />
Verkehrswacht Siegerland e.V. verschiedene<br />
praktische Fahrübungen auf einem<br />
Parcours auf dem Parkplatz an der Siegerlandhalle<br />
anbieten. Die Teilnehmer<br />
erfahren weiter, was es gemäß StVO zu<br />
den Themen Ge- und Verbote für Fahrräder,<br />
E-Bikes und Pedelecs zu beachten<br />
gilt und sie erhalten viele wertvolle Tipps<br />
zur persönlichen Sicherheitsausrüstung<br />
auf dem Rad sowie Verhaltensweisen<br />
und Gefahrenquellen im Straßenverkehr.<br />
Anmeldung bis zum 15. Juli 2023.<br />
Rathaus Weidenau 0271 / 404-2434<br />
v.reichmann@siegen.de<br />
db<br />
Überholverbot<br />
Neue Verkehrszeichen<br />
Bonn. 2020 wurden diese beiden Schilder<br />
bereits mit der Novelle StVO eingeführt.<br />
Vereinfacht ausgedrückt bedeutet<br />
das Zeichen, dass einspurige Fahrzeuge<br />
wie Fahrräder, Mofas, Roller oder Motorräder<br />
nicht von mehrspurigen Fahrzeugen<br />
wie Autos, Lkw oder auch Motorrädern<br />
mit Beiwagen überholt werden<br />
dürfen. Auch mehrspurige Fahrzeuge<br />
dürfen nicht überholt werden.<br />
Die Schilder werden an besonders<br />
engen Verkehrswegen aufgestellt. Damit<br />
sollen Fahrer von Zweirädern vor<br />
Gefahren beim Überholen besser geschützt<br />
werden.<br />
Wer trotz des Verbots überholt, riskiert<br />
70 Euro Bußgeld und einen Eintrag<br />
im Fahreignungsregister in Flensburg<br />
mit einem Punkt.<br />
db<br />
Diese Schilder sind wenig bekannt<br />
Kurz berichtet<br />
Maskenpflicht<br />
Der Verbandkasten im Auto muss zwei Masken enthalten<br />
Bonn. Die Pflicht zum<br />
Mitführen eines Kraftfahrzeug-Verbandkasten<br />
und<br />
die Vorschriften zu dessen<br />
Inhalt sind in der Richtlinie<br />
DIN 13164 und dem Paragraf<br />
35 der Straßenverkehrsordnung<br />
(§35, StVO)<br />
geregelt. Beide wurden bereits<br />
Anfang 2022 mit einer<br />
Übergangsfrist von einem<br />
Jahr geändert.<br />
Ab Februar 2023 gehören<br />
deshalb zwei medizinische Gesichts-<br />
Masken in den Verbandkasten. Der<br />
Gesetzgeber spricht ausdrücklich von<br />
„medizinischen Masken“, nicht von FFP2-<br />
Masken. Experten raten jedoch dazu,<br />
auf die deutlich sichereren Exemplare<br />
mit FFP2-Schutz zurückzugreifen. Beim<br />
Neukauf eines Verbandkastens sollte<br />
deshalb immer auf die aktualisierte „DIN<br />
13164 Februar 2022“ geachtet werden.<br />
Verbandkästen mit den bislang gültigen<br />
Ausgaben der DIN 13164 aus<br />
Januar 1998 und Januar 2014 dürfen<br />
weiterverwendet werden. Sie müssen<br />
nicht ausgetauscht werden. Jedoch<br />
lohnt es sich im Zusammenhang mit<br />
der neuen Vorschrift, den Verbandkasten<br />
einmal zu inspizieren. Einige Artikel<br />
darin sind nämlich mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum<br />
versehen. Ist das<br />
überschritten, müssen die abgelaufenen<br />
Artikel getauscht werden. Der<br />
Inhalt des Verbandkastens entspricht<br />
dann nicht mehr den Mindestanforderungen<br />
der DIN-Norm und an man riskiert<br />
mit abgelaufenem Verbandsmaterial<br />
zehn Euro Bußgeld.<br />
Bei der Hauptuntersuchung wird ebenfalls<br />
das MHD des Verbandkasten überprüft.<br />
<br />
db<br />
Reisen mit Herz<br />
Erholsame Herbstwoche auf der Insel Norderney<br />
Siegen. Erholung, Sonne, Strand und<br />
Meer bieten die Reisen des AWO Kreisverbandes<br />
Siegen-Wittgenstein/Olpe.<br />
Reiselustige Senioren können vom<br />
11.10 – 18.10.2023 auf der Insel Norderney<br />
im „Hus up Dün“ Inselflair und<br />
abwechslungsreiche, erholsame Urlaubstage<br />
erleben. Es sind noch wenige<br />
Plätze frei.<br />
Das modern ausgestattete und zentral<br />
gelegene „Hus up Dün“ bietet gemütliche<br />
Zimmer, die per Lift erreichbar<br />
sind. Das Haus mit seiner stilvollen und<br />
maritimen Einrichtung liegt direkt an<br />
den Dünen des Weststrandes und überzeugt<br />
mit seiner zentralen Lage.<br />
In wenigen Minuten ist man im Kurmittelhaus,<br />
Badehaus, Kurpark oder<br />
am feinen Sandstrand.<br />
Die Fahrt wird von einer ehrenamtlichen<br />
Reisebegleiterin betreut, damit<br />
sich die Teilnehmer von Beginn an sicher<br />
und gut umsorgt fühlen können.<br />
Weitere Informationen sind erhältlich<br />
unter 0271/ 3386 - 167 oder<br />
reisen@awo-siegen.de.<br />
db<br />
Bild: Wikipedia<br />
6 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 7
Kurz berichtet<br />
Kurz berichtet<br />
Neue Dienstleistungen<br />
Apotheken erweitern Angebote<br />
Siegen. Von der Abgabe von Medikamenten<br />
über Schutzimpfungen bis hin<br />
zur Beratung bei verschiedensten Beschwerden<br />
– die Apotheken vor Ort sind<br />
oftmals die erste Anlaufstelle in Gesundheitsfragen.<br />
Jetzt haben Patientinnen<br />
und Patienten Anspruch auf fünf weitere<br />
Dienstleistungen aus ihrer Apotheke.<br />
Die Kosten für diese einzelnen Leistungen<br />
übernimmt die Krankenkasse.<br />
Beratung bei Mehrfach-Medikation<br />
Wer fünf oder mehr Medikamente<br />
gleichzeitig einnimmt, kann sich von<br />
nun an in der Apotheke beraten und vor<br />
allem auch die gesamte Kombination<br />
der Arzneimittel prüfen lassen. Es wird<br />
geschaut, ob die verschriebenen Medikamente<br />
bestmöglich zueinander passen,<br />
damit es nicht zu unerwünschten<br />
Neben- oder Wechselwirkungen kommt.<br />
Anwendungsberatung Inhalatoren<br />
Das Angebot richtet sich an Patientinnen<br />
und Patienten ab einem Alter von<br />
sechs Jahren, die aufgrund einer Atemwegserkrankung<br />
ihre Medikamente<br />
mittels Inhalator<br />
einnehmen müssen. Das ist<br />
nämlich nicht so einfach, wie<br />
es den Anschein haben mag.<br />
Pharmazeutische<br />
Betreuung<br />
Speziell ausgebildete<br />
Apothekerinnen und Apotheker<br />
begleiten im Rahmen<br />
der neuen Dienstleistungen<br />
künftig Personen, die ein<br />
Spenderorgan bekommen<br />
haben.<br />
Auch Krebserkrankte, die<br />
im Rahmen ihrer Therapie orale Anti-<br />
Tumormittel erhalten, haben ab sofort<br />
Anspruch auf eine pharmazeutische<br />
Betreuung durch die Apotheke.<br />
Risikoerfassung bei<br />
Bluthochdruck-Patienten<br />
Fast jede bzw. jeder dritte Erwachsene<br />
hierzulande leidet unter Bluthochruck.<br />
Alle Patientinnen und Patienten,<br />
die deswegen mindestens einen Blutdrucksenker<br />
einnehmen, können ab<br />
sofort ihren Blutdruck durch die Apotheke<br />
überwachen lassen.<br />
Patientinnen und Patienten, die eine<br />
oder mehrere dieser Leistungen in Anspruch<br />
nehmen wollen, können sich an<br />
ihre Apotheke wenden.<br />
Da für die Dienstleistungen zum<br />
Teil spezielle Fort- und Weiterbildungen<br />
erforderlich sind, können derzeit<br />
noch nicht alle Apotheken alle neuen<br />
Dienstleistungen anbieten. Bei Interesse<br />
empfiehlt es sich, einfach in der<br />
Apotheke vor Ort direkt einmal nachzufragen.<br />
db<br />
Fit mit Musik<br />
Foto Pixabay<br />
Berlin. Mit der neu aufgelegten Förderung<br />
„Länger fit durch Musik“ verbessern<br />
das Bundesseniorenministerium<br />
und der Bundesmusikverband Chor &<br />
Orchester (BMCO) die Lebensqualität<br />
von Menschen mit Demenz und fördern<br />
ihre gesellschaftliche Teilhabe. Es richtet<br />
sich an Musikensembles, die bereits<br />
mit von Demenz betroffenen Personen<br />
arbeiten oder in diesen Bereich einsteigen<br />
möchten. Das Projekt hat eine<br />
Laufzeit von vier Jahren, wird wissenschaftlich<br />
begleitet und soll 2026 mit<br />
einem Fachkongress abschließen.<br />
Von Sommer 2023 an können sich<br />
Ensembles um eine Förderung von musikalischen<br />
Projekten bewerben und<br />
erhalten Weiterbildungsangebote zu<br />
demenzsensiblem Musizieren. Ziel der<br />
Strategie ist es, mit mehr als 160 Einzelmaßnahmen<br />
bis 2026 die Lebenssituation<br />
von Menschen mit Demenz und<br />
ihren An- und Zugehörigen in Deutschland<br />
in allen Lebensbereichen zu verbessern.<br />
Der Bundesmusikverband<br />
Chor & Orchester, der Dachverband der<br />
Amateurmusik in Deutschland, ist seit<br />
2022 Akteur der Nationalen Demenzstrategie.<br />
<br />
db<br />
Weitere Informationen unter:<br />
www.bundesmusikverband.de/demusik<br />
Rückblick auf die Südwestfalenbörse<br />
Siegen. Am 1. April 2023, fand die Südwestfalenbörse<br />
in der Siegerlandhalle<br />
statt. Geschätzt mehr als 1.000 Besucher<br />
stömten in den Leonhard-Gläser-Saal,<br />
der zum überregionalen Sammlermekka<br />
wurde. Organisiert wurde die Großveranstaltung<br />
von der Arbeitsgemeinschaft<br />
der fünf südwestfälischen Briefmarkensammlervereine<br />
Siegen, Olpe, Netphen,<br />
Bergneustadt und Wittgenstein. Die Besucher<br />
erwartete ein vielseitiges Angebot<br />
an Briefmarken, Münzen, Medaillen,<br />
Banknoten, Ansichtskarten, Orden und<br />
Ehrenzeichen.<br />
Besondere Bedeutung gewann dier<br />
Tag durch den Informationsstand der<br />
Verbandsprüfer des Verbands Philatelistischer<br />
Prüfer e.V. zum Thema „Echt!<br />
Oder falsch?“. Die Expertise und auch<br />
Bewertung von Sammlerstücken war<br />
kostenlos, ebenso die kompetente<br />
Beratung zur Veräußerung von Briefmarken,<br />
Münzen oder Orden durch die<br />
Verbandsprüfer, darunter auch der Siegener<br />
Thilo Nagler.<br />
Die Deutsche Post AG hatte ein<br />
„Event-Team“ nach Siegen entsandt.<br />
Dieses führte an diesem Tag einen<br />
Neunkirchen. Den Großteil des Tages<br />
verbringen wir in unserer eigenen Wohnung<br />
oder unserem Haus. Dort so lange<br />
wie möglich zu leben, sicher und mit<br />
einer hohen Lebensqualität, das wünschen<br />
sich die meisten Menschen.<br />
Um dies zu ermöglichen, gibt es viele<br />
hilfreiche Produkte, die nicht seniorenspezifische,<br />
sondern durchdachte Komfort-<br />
und Qualitätsprodukte für jede<br />
Generation darstellen.<br />
Hierzu lädt die Dauerausstellung der<br />
Deutschen Gesellschaft für Gerontotechnik<br />
in Iserlohn ein. Schwerpunkte<br />
der Ausstellung sind die Vermittlung<br />
von Konzepten und Lösungen in den Bereichen<br />
Küche, Bad, Mobilität, Wohnen,<br />
Heim und Freizeit, Telekommunikation,<br />
Sicherheit sowie Hilfsmittel im Sinne der<br />
Kranken- und Pflegeversicherung.<br />
Allein im Badbereich sind 12 Musterbäder<br />
als komplette Badlösungen zu<br />
sehen. Die komplette Ausstellung rund<br />
ums barrierefreie und sichere Wohnen<br />
erstreckt sich über 1.200 Quadratmeter.<br />
Sonderstempel mit dem Motiv von Carl<br />
Kraemer aus Anlass seines 150-jährigen<br />
Geburtstags des Hilchenbachers.<br />
Kreamer setzte sich über drei Jahrzehnte<br />
in Berlin für den Tierschutz<br />
ein und gilt als „Vater des deutschen<br />
Tierschutzgesetzes“. Deshalb stand die<br />
Südwestfalenbörse unter dem Motto<br />
„Tierschutz“.<br />
Das Tierheim Siegen, die Taubenhilfe<br />
Siegen und der Tierschutzverein<br />
Hilchenbach, zu dessen früheren<br />
Vorsitzenden auch Carl Kraemer gehört,<br />
haben mit einem Infostand ihre<br />
Arbeit vorgestellt. Außerdem bot der<br />
Geschichtsverein Hilchenbach Literatur<br />
zum Leben von Carl Kraemer und weitere<br />
Heimatbücher zum Kauf an.<br />
Die Briefmarkenfreunde Netphen<br />
hatten passend zum Sonderstempel<br />
ein Belegprogramm entworfen. Abbildungen<br />
und Informationen zu den Bestellmodalitäten<br />
sind weiterhin unter<br />
www.suedwestfalenboerse.de/belegeprogramm<br />
zu finden.<br />
2024 soll die Südwestfalenbörse erneut<br />
stattfinden und sich thematisch<br />
ganz dem Stadtjubiläum „800 Jahre<br />
Siegen“ widmen.<br />
db<br />
Forum für Generationen<br />
Fahrt zur Dauerausstellung der GGT nach Iserlohn<br />
Qualität und Komfort stehen im Mittelpunkt.<br />
Die Ausstellung hat keinen Museumscharakter,<br />
d.h. ausprobieren ist<br />
durchaus erlaubt und sogar erwünscht.<br />
Am Donnerstag, dem 13. Juli 2023<br />
von 9.00- bis ca. 15.30 Uhr bietet die<br />
Senioren-Service-Stelle Neunkirchen<br />
eine Fahrt zu dieser Ausstellung an. Ein<br />
fachkundiger Berater führt die Teilnehmergruppe<br />
durch die Ausstellung. Im<br />
Anschluss an den Ausstellungsbesuch<br />
wartet ein kleiner Imbiss auf die Teilnehmenden.<br />
Der Kostenbeitrag für die Veranstaltung<br />
incl. Austellungsbesichtigung und<br />
Imbiss beträgt 15,00 Euro pro Person<br />
und ist vor Antritt der Fahrt zu entrichten.<br />
Die Fahrt wird ermöglich durch die<br />
Lokale Allianz für Demenz und gefördert<br />
vom Bundesministerium für Familie,<br />
Senioren, Frauen und Jugend. db<br />
Infos und Anmeldungen bei der Senioren-Service-Stelle<br />
Neunkirchen, Bettina<br />
Großhaus-Lutz, 02735/767-200,<br />
b.grosshaus-lutz@neunkirchen-siegerland.de.<br />
8 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 9
Kurz berichtet<br />
Kurz berichtet<br />
Tatort Geldautomat<br />
Siegen-Wittgenstein Geld am<br />
Geldautomaten abzuheben ist ein<br />
simpler und trotzdem sensibler<br />
Vorgang. Kriminelle nutzen hier einen<br />
sehr einfachen, aber leider oft<br />
erfolgreichen Trick um an PINs der<br />
Bankkunden zu gelangen.<br />
Die Täter schauen dem Opfer<br />
über die Schulter – das sogenannte<br />
„shoulder surfing“ und kommen<br />
ihm sehr nahe. Sie erspähen dabei<br />
die PIN während sie eingegeben<br />
wird. Durch Ablenkung wird<br />
dann die Karte gestohlen, die<br />
dann durch eine gefälschte ausgetauscht<br />
wird, damit der Diebstahl<br />
nicht sofort bemerkt wird. Oder es<br />
wird behauptet, dass die Karten<br />
durch den Automaten eingezogen<br />
wurde. Mit der gestohlenen Karte<br />
und der ausspionierten PIN kann<br />
dann das Konto geplündert werden.<br />
Tipps zur Vorbeugung:<br />
Darauf achten, am Bankautomaten<br />
möglichst nicht beobachtet zu werden<br />
und das Eingabefeld mit der Hand o.ä.<br />
abdecken.<br />
Die Kreditkarte nicht aus den Augen<br />
lassen.<br />
Einen Sicherheitsabstand wahren<br />
und gegebenenfalls darauf bestehen<br />
das er eingehalten wird.<br />
Vorsicht bei Personen, die (angeblich)<br />
Hilfe suchen oder anbieten. Auch<br />
sie dürfen nicht zu nahe kommen und<br />
müssen warten bis der eigene Vorgang<br />
abgeschlossen ist.<br />
Nicht ablenken lassen.<br />
Geldautomaten meiden, die<br />
verdächtig erscheinen, evtl. durch<br />
Klebstoffreste.<br />
Verdächtiges sofort dem Bankpersonal<br />
melden.<br />
40 Jahre BUND<br />
im Kreis Siegen-Wittgenstein<br />
Hilchenbach. Rückblicke sind oftmals<br />
mit Wehmut verbunden. Für den Bund<br />
für Umwelt und Naturschutz war eine<br />
solche Rückschau jedoch Anlaß, stolz zu<br />
sein auf 40 Jahre „Fels in der Brandung“,<br />
Vordenker und Wegbereiter sowohl für<br />
Erneuerungen als auch für das Bewahren<br />
des Erhaltenswerten. „Vielleicht immer<br />
auch ein Körnchen Sand im Getriebe",<br />
wie Martin Zapletal und Bärbel Gelling,<br />
das Vorstandsgespann im heimischen<br />
BUND, in Ihrer Dankesrede feststellten.<br />
Im Rahmen einer kleinen Feier im<br />
Haus des Alpenvereins in Siegen, würdigte<br />
der Umweltverband die Gründer<br />
und ersten Mitglieder der BUND-Kreisgruppe<br />
Siegen-Wittgenstein.<br />
Friedrich Henstorf, als Initiator der<br />
Idee auch in unserem Raum den Belangen<br />
der Natur eine Stimme zu geben,<br />
trommelte damals einige Getreue<br />
zusammen, die bereits Mitglieder des<br />
BUND-Landesverbandes waren. Er warb<br />
für die Gründung einer BUND-Niederlassung<br />
vor Ort.<br />
Damals wie<br />
heute ging es<br />
dem BUND um<br />
Biotopschutz,<br />
Flächenverbrauch,<br />
naturnahen<br />
Landbau,<br />
Verkehr, Energieund<br />
Abfallthemen.<br />
Folgerichtig<br />
waren auch<br />
die Aktionen der<br />
ersten Jahre, wie<br />
die großen Ausstellungen<br />
„Mehr<br />
Natur in Dorf und<br />
Immer neue Betrugsmaschen<br />
Wenn man Opfer eines Betruges am<br />
Bankautomaten geworden ist, muss<br />
die Karte schnellstmöglich unter<br />
dem Sperrnotruf 116 116 gesperrt<br />
werden. Durch diese sogenannte<br />
Kuno-Sperrung werden auch Abhebungen<br />
durch Lastschriften gesperrt.<br />
Gleichzeitig muss bei der Polizei Anzeige<br />
erstattet werden.<br />
Grundsätzlich gilt:<br />
Es kann helfen, einen eventuellen<br />
Schaden bei Karten- oder Datendiebstahl<br />
gering zu halten, wenn man die<br />
Höchstgrenze der täglich möglichen<br />
Abhebungen auf einen niedrigen Betrag<br />
heruntersetzt. <br />
ssb<br />
Stadt“, „Alptraum Auto“ oder „Grün kaputt“<br />
Informationskampagnen, die sich<br />
auch heute noch nicht erledigt haben.<br />
Die erste Bewährungsprobe bestand der<br />
BUND in den 80er Jahren im Ringen um<br />
die vorgesehene Bebauung der Grünfläche<br />
des Bertramsplatzes. Daß er heute<br />
den Menschen der Stadt als Spiel-und<br />
Erholungsfläche dient, ist auch ein Verdienst<br />
der Umweltschützer.<br />
In den lebhaften Diskussionen an<br />
den geschmückten Tischen, an denen<br />
sich nun die langjährigen Weggefährten<br />
austauschten, wurde von erfolgreichen<br />
Einsätzen berichtet und davon, wie die<br />
Kreisgruppe durch Aufklärungsarbeit<br />
von Jahr zu Jahr einen größeren Bekanntheitsgrad,<br />
steigende Mitgliederzahlen<br />
und den Stellenwert einer ernstzunehmenden<br />
Institution erreichte.<br />
Heute zählt der Verband ca. 350 Mitglieder.<br />
Viele der jetzt Geehrten sind immer<br />
noch aktiv bei Fachvorträgen und<br />
Exkursionen und leiten federführend<br />
praktische Einsätze in Feld und Flur an.<br />
„Ja zum Leben, Mut zum Handeln“. Dies<br />
war das Anfangsmotto des BUND. Im<br />
Rückblick auf 40 Jahre BUND war auch<br />
die Presse ein wichtiger Baustein für die<br />
Aktivitäten. „Tue Gutes und rede darüber,<br />
aber auch sagen was ist“, ist die<br />
Leitschnur, die die BUND-Kreisgruppe bis<br />
heute anspornt und beflügelt. db<br />
Hier braucht man Köpfchen!<br />
Ganzheitliches Gedächtnistraining ein Dauerbrenner<br />
Kursleiterin Renate Rokitta und<br />
Seniorenberaterin Bettina Großhaus-Lutz.<br />
Neunkirchen. „Was, bitteschön, ist<br />
Edelmetallniederschlag? Oder ein Zerkleinerungsgerät<br />
in der Brüllöffnung<br />
eines Raubtiers?“ Mit diesem Blumenrätsel<br />
überraschte Renate Rokitta jetzt<br />
die Teilnehmenden des ganzheitlichen<br />
Gedächtnistrainings in Neunkirchen.<br />
Um-die-Ecke-Denken nennt sich das.<br />
Schon seit fünfzehn Jahren bietet die<br />
zertifizierte Gedächtnistrainerin ihren<br />
Kurs in Kooperation mit den Senioren-<br />
Service-Stellen in den Kommunen des<br />
südlichen Siegerlands an. Jeweils im<br />
Frühjahr und Herbst kommen zahlreiche<br />
Interessierte, um sich mit Rokittas<br />
Tipps, Übungen und Anleitungen weiterhin<br />
geistig fit zu halten.<br />
Ein Vexierbildchen gilt es zu entschlüsseln,<br />
eine Zeichnung, die zwei<br />
Motive zugleich zeigt. Außerdem hat Renate<br />
Rokitta ein paar Rechenaufgaben<br />
und ein Suchsel vorbereitet, ein Buchstabenrätsel,<br />
in dem<br />
die Teilnehmenden zehn<br />
Frühlingsblumen finden<br />
können – allerdings beim<br />
Rückwärtslesen.<br />
Der geistigen Tätigkeit<br />
geht ein theoretischer<br />
Teil voran: Die Gedächtnistrainerin<br />
erklärt, wie<br />
die grauen Zellen arbeiten,<br />
wie sich die beiden<br />
Gehirnhälften unterscheiden<br />
oder wie Denken<br />
und Tastsinn zusammenhängen.<br />
Überhaupt<br />
sind die Möglichkeiten,<br />
das Gehirn „auf Trab“ zu<br />
halten, umfassender als<br />
man vielleicht annimmt.<br />
„Wir trainieren das ganze Spektrum von<br />
der Konzentration und Wahrnehmung<br />
über assoziatives und logisches Denken<br />
bis hin zu Merkfähigkeit, Kreativität und<br />
Denkflexibilität“, so Rokitta. Das alles –<br />
und das ist der Neunkirchenerin wichtig<br />
– mit viel Humor und Leichtigkeit. Die<br />
Übungen für daheim sind somit keine<br />
Haus- sondern „Lustaufgaben“.<br />
Die gesellige Atmosphäre ist einer<br />
der Gründe, warum unter den Teilnehmenden<br />
viele Wiederholungstäter sind.<br />
Ein anderer Grund ist die Herzlichkeit<br />
der Kursleiterin, die sich 2006 beim<br />
Bundesverband Gedächtnistraining e.V.<br />
ausbilden ließ und ihr Wissen mit viel<br />
Begeisterung vermittelt.<br />
Eineinhalb Stunden dauert jede der<br />
sechs Kurseinheiten. Zum Abschlusstermin<br />
gibt’s ein gemeinsames Mittagessen.<br />
Der nächste Kurs wird im Herbst<br />
2023 stattfinden. db<br />
Viele Menschen sind „offline“<br />
Wiesbaden. Laut einer Pressemitteilung<br />
des Statistischen Bundesamtes<br />
vom 11. April 2023 nutzen knapp 3,4<br />
Millionen Menschen in Deutschland<br />
kein Internet.<br />
Ob digitales Deutschlandticket, Terminbuchungen<br />
oder Überweisungen<br />
– viele Dienstleistungen werden (fast)<br />
nur noch online angeboten.<br />
Für Menschen ohne Internet wird der<br />
Alltag daher zunehmend schwerer zu<br />
bewältigen. Knapp 6% der Menschen<br />
im Alter zwischen 16 und 74 Jahren<br />
waren im Jahr 2022 in Deutschland sogenannte<br />
Offliner – sie haben noch nie<br />
das Internet genutzt.<br />
Am größten war der Anteil derer, die<br />
das Internet noch nie genutzt haben, in<br />
der Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen:<br />
Hier war gut ein Sechstel (17%)<br />
offline. In der Altersgruppe der 45- bis<br />
64-Jährigen hatten 5% das Internet<br />
noch nie genutzt. Bei den unter 45-Jährigen<br />
gab es noch 2% Offliner.<br />
Im EU-Durchschnitt lag der Anteil der<br />
Offliner im Jahr 2022 bei 7%. db<br />
10 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 11
Pflegedienstleiter Thorsten Weil und<br />
Betreuungskraft Birgit Weiss.<br />
Kurz berichtet<br />
Neue Leitung der DRK Tagespflege<br />
Siegen. „Ich freue mich auf meinen<br />
neuen Aufgabenbereich und darauf,<br />
sowohl alte Projekte fortzuführen als<br />
auch neue Aspekte und Ideen in die<br />
Tagespflege einzubringen“, erklärt der<br />
neue Pflegedienstleiter der DRK-Tagespflege<br />
im „Haus am alten Bahnhof“ in<br />
Netphen-Dreis-Tiefenbach, Thorsten<br />
Weil. Der gebürtige Siegerländer löste<br />
zum Jahreswechsel seine Vorgängerin<br />
Esther Lock in der Leitung ab.<br />
Als gelernter Altenpfleger und Praxis<br />
anleiter mit langjähriger Erfahrung<br />
als stellvertretender Pflegedienstleiter<br />
freut sich der 35-Jährige nun auf seine<br />
neue Tätigkeit in der Tagespflege. „Bei<br />
uns können Seniorinnen und Senioren<br />
ihren Alltag gemeinsam in der Gruppe<br />
so gestalten, wie es zu ihnen passt: sicher,<br />
zwanglos und verlässlich – aber<br />
gern auch interessant und heiter“, so<br />
Thorsten Weil.<br />
Kontakt für Beratung und Information:<br />
0271-303 961 18 oder per<br />
Mail unter tagespflege.netphen@drksiegen-wittgenstein.de<br />
db<br />
Aus den Seniorenbeiräten<br />
Müllsammelaktion<br />
Siegener Seniorenbeiratsmitglieder machten mit<br />
Reformen in der Pflege nötig<br />
Bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf<br />
Bonn. Zum Tag der älteren Generation<br />
am 5. April 2023 rief die BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft<br />
der Seniorenorganisationen<br />
die Bundesregierung dazu<br />
auf, die im Koalitionsvertrag vereinbarten<br />
Reformen in der Pflege umzusetzen.<br />
Die bessere Vereinbarkeit von Pflege<br />
und Beruf müsse noch in dieser<br />
Legislaturperiode angegangen werden.<br />
Mehr als vier Millionen Menschen würden<br />
zu Hause gepflegt. Die Mehrzahl<br />
dieser pflegenden Angehörigen sei im<br />
Erwerbsalter. Die BAGSO fordert, dass<br />
sie einen Anspruch auf Pflegezeit und<br />
Pflegegeld erhalten, analog zu Elternzeit<br />
und Elterngeld.<br />
„Es sei nicht nur im Interesse der pflegenden<br />
Angehörigen, sondern in Zeiten<br />
des Fachkräftemangels auch im Interesse<br />
der Arbeitgeber, hier Möglichkeiten<br />
der Vereinbarkeit zu schaffen.“<br />
Die BAGSO kritisiert, dass der aktuelle<br />
Gesetzentwurf zur Unterstützung<br />
und Entlastung in der Pflege keine Einführung<br />
einer Lohnersatzleistung bei<br />
pflegebedingten Auszeiten vorsieht,<br />
obwohl dies im Koalitionsvertrag vereinbart<br />
wurde. Bereits im August 2022<br />
hat der Unabhängige Beirat für die<br />
Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ein<br />
Konzept vorgelegt, wie Pflegezeit und<br />
Pflegegeld konkret ausgestaltet werden<br />
können.<br />
Der Beirat schlägt vor, dass pflegende<br />
Angehörige ihre Arbeitszeit für<br />
Pflegeaufgaben bis zu 36 Monate reduzieren<br />
können. In dieser Zeit sollen sie<br />
Anspruch auf eine einkommensabhängige<br />
Lohnersatzleistung haben., das<br />
sogenannte Familienpflegegeld. db<br />
Beiratsmitglieder für saubere Umwelt.<br />
Foto: Seniorenbeirat Siegen<br />
Siegen. Überall in der Natur liegt achtlos<br />
weggeworfener Müll, vor allem Plastik,<br />
das dort absolut nicht hingehört.<br />
Daraus resultierend versammeln sich<br />
weltweit immer häufiger Menschen zu<br />
Müllsammelaktionen.<br />
Da es für derartige Aktivitäten keinerlei<br />
Vorbereitungen oder Organisation<br />
bedarf, trafen sich an einem trockenen<br />
Tag im Februar fünf Mitglieder des<br />
Siegener Seniorenbeirats um Müll aufzusammeln.<br />
Mit Handschuhen, Müllgreifer<br />
und Müllsäcken starteten sie<br />
auf dem öffentlichen Parkplatzgelände<br />
unter der HTS in Geisweid, Weidenauer<br />
Straße. Nach zwei Stunden und inzwischen<br />
an der Parkplatzschranke für<br />
Mitarbeiter des Geisweider Rathauses<br />
angekommen waren 15 Säcke mit allerlei<br />
Unrat zusammengetragen.<br />
Aufgefallen war dabei auch, dass die<br />
vorhandenen Info-Schaukästen am<br />
Rathaus leer und verschmiert waren,<br />
was zusätzlich zu dem ohnehin tristen<br />
Erscheinungsbild beiträgt.<br />
Insgesamt war die Aktion erfolgreich.<br />
Ärgerlich aber war, dass wieder einmal<br />
so viel achtlos entsorgter, zum Teil<br />
stark gesundheitschädlicher Müll bzw.<br />
Abfall aufgelesen wurde. <br />
db<br />
Vorsitzender neu gewählt<br />
Freudenberg. Bruno Stock wurde im<br />
Februar zum neuen Vorsitzenden des<br />
Seniorenbeirates der Stadt Freudenberg<br />
gewählt. Dieses Gremium will die<br />
Interessen der Seniorinnen und Senioren<br />
der Fachwerkstadt öffentlich zur<br />
Sprache zur bringen, Ideen zur Verbesserung<br />
der Lebensverhältnisse entwickeln,<br />
als Ansprechpartner für ältere<br />
Menschen zur Verfügung zu stehen und<br />
die Belange der älteren Menschen, im<br />
Rahmen seiner Möglichkeiten, in die jeweils<br />
zuständigen städtischen Gremien<br />
und Institutionen leiten. Bruno Stock<br />
will bürgernah sein und sich persönlich<br />
für die Belange seiner älteren Mitbürger<br />
einsetzen. Erreichbar ist er unter:<br />
02734/1629, bruno.stock@web.de•<br />
12 durchblick 2/2023<br />
2/2023 durchblick 13
Aus den Seniorenbeiräten<br />
Beiratsmitglieder kochten fürs „Café Patchwork“<br />
„Die Küchenbrigade“: Dr Bernd Knapp,<br />
Karin Piorkowski und, nicht im Bild,<br />
Regina Maxeiner.<br />
Siegen. Mitglieder des Siegener Seniorenbeirates<br />
haben am 24. April<br />
ein Mittagessen für ca. 40 Gäste des<br />
„Cafe Patchwork“ gesponsert. Vorbereitet<br />
wurde die Mahlzeit bestehend<br />
aus Hauptgericht, Salat und Nachtisch,<br />
am Besuchstag in der gut ausgestatteten<br />
Küche des Heimatvereins<br />
Niederschelden.<br />
Die erfahrene Köchin Karin Piorkowski,<br />
hatte ungarischen Gulasch mit<br />
Nudeln und Vanillepudding geplant:<br />
„Alles aus frischen Zutaten, keine Convenience-Produkte,<br />
nichts aus Dosen<br />
oder Tüten!"Dieses zu erwähnen war<br />
Karin sehr wichtig.<br />
Bereits am frühen Vormittag ließ Karin<br />
Piorkowski in einer riesigen Pfanne<br />
schmackhaften Gulasch brutzeln, zu<br />
dem später Nudeln gereicht werden<br />
sollten. Dr. Bernd Knapp putzte derweil<br />
knackig frische Salate,die er unmittelbar<br />
zuvor in einem Eiserfelder Gemüseladen<br />
erworben hatte. Und Regina<br />
Maxeiner, die in Vertretung ihres Mannes<br />
Armin (Vorsitzender des Seniorenbeirats)<br />
einsprang, kümmerte sich um<br />
den Nachtisch. Ganz traditionell bereitete<br />
sie, im wahrsten Sinne des Wortes,<br />
„Omas“ Vanillepudding mit frischer<br />
Schokoladensoße zu.<br />
Die Küchenaktion machte den dreien<br />
riesigen Spaß. Die Stimmung war ausgelassen<br />
und fröhlich, und das Probe<br />
essen war einfach nur ... lecker.<br />
Ohne Stress und bei bester Laune<br />
wurden die Gäste im Cafe Patchwork<br />
von dem Team pünktlich bewirtet.<br />
Die Resonanz bei den Besucherinnen<br />
und Besucher war zunächst zurückhaltend,<br />
wendete sich aber sehr schnell<br />
in Begeisterung. Für die drei Küchenwerker<br />
war das ein schöner „Lohn für<br />
eine gute Tat“.<br />
Wiederholungen, da sind sich die<br />
Beiratsmitglieder einig, sollen schon im<br />
Laufe des Jahres erfolgen. Feste Termine<br />
werden in Kürze eingeplant. db<br />
14 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 15
25 Jahre Haus Herbstzeitlos<br />
Senioren - Begegnungszentrum – eine riesige Erfolgsgeschichte<br />
Das Haus Herbstzeitlos heute.<br />
Als 1945 Nazi-Terror und Zweiter Weltkrieg zu<br />
Ende waren, lebten in Deutschland 75 Millionen<br />
Menschen, davon mehr als 40 Millionen nicht an<br />
dem Ort, an dem sie sein wollten. Mehr als die Hälfte der<br />
Menschen waren ausgebombt, auf der Flucht, Zwangsarbeiterinnen<br />
und Zwangsarbeiter, zurückgekehrte Soldaten<br />
und Kriegsgefangene, durch die Kriegswirren Versprengte.<br />
Fast die Hälfte aller Häuser und Wohnungen waren<br />
zerstört. Das las ich vor einigen Wochen in einem neuen<br />
Buch*. Diese Zahlen beschäftigten mich lange.<br />
Warum erzähle ich davon, wo wir doch ein Jubiläum<br />
feiern wollen? Weil wir ohne diejenigen, die in dieser Zeit<br />
Kinder oder Heranwachsende waren, heute kein Jubiläum<br />
dieser Art begehen könnten. Sie nämlich waren es, die in<br />
ungezählten Stunden am Umbau und am Erhalt des Hauses<br />
Herbstzeitlos beteiligt waren und sind. Sie kannten Aufbau<br />
und – unentgeltlichen – Einsatz für das Gemeinwesen von<br />
Kindesbeinen an. Ohne diese Unterstützung wäre die Idee<br />
eines selbstverwalteten Zentrums für ältere Menschen im<br />
Sande verlaufen.<br />
Dass das keine Floskel ist, sei am Beispiel der Finanzierung<br />
des Umbaus erläutert. Im November 1995 führte<br />
ich ein erstes Telefongespräch mit einem Mitarbeiter des<br />
nordrhein-westfälischen Ministeriums für Gesundheit und<br />
Soziales. Dem folgten die Antragstellung auf Projektförderung<br />
und einige Modifizierungen, die schließlich am<br />
23. Dezember 1996 zur Bewilligung von Landesmitteln in<br />
Höhe von 100.000 DM führten. Ein schöneres Weihnachtsgeschenk<br />
hätte ich mir nicht wünschen können… dachte<br />
ich. Doch die Sache hatte einen Haken: damit verbunden<br />
war ein Eigenanteil der Stadt Siegen von 20.000 DM, was<br />
ich als Quereinsteigerin in die Verwaltung nicht wusste.<br />
Die Finanzierungslücke war selbstverständlich auch nicht<br />
in den städtischen Haushalt eingestellt.<br />
Was also tun, wollte ich nicht eine arbeitsrechtliche<br />
Abmahnung riskieren, was durchaus im Gespräch war?<br />
Loke Mernizka, damals LandtagsabgeordneterW, half mir<br />
aus der Patsche und erreichte beim Ministerium<br />
in Düsseldorf eine Erhöhung<br />
der Förderung um weitere 20.000 DM.<br />
Weitere 23.000 DM kamen durch Spenden<br />
zustande. Und wieviel Kreativität<br />
dabei an den Tag gelegt wurde, bewies<br />
zum Beispiel Erika Röthinger. Sie war<br />
Stadtführerin und hatte die Idee, Baustellenführungen<br />
anzubieten und den<br />
Erlös für unseren Umbau zur Verfügung<br />
zu stellen. Was eine lohnende Einnahmequelle<br />
darstellte, gab es doch zu der Zeit<br />
einige Großbaustellen in der Stadt.<br />
Unverzichtbar war aber auch der Einsatz<br />
der ehrenamtlichen Bauhelferinnen<br />
und Bauhelfer. Auch hier kann ich nicht<br />
alle nennen, ohne vielleicht jemanden zu übersehen. Deshalb<br />
erwähne ich als Beispiel unseren ehrenamtlichen Bauleiter<br />
Herbert Junk, der als gelernter Statiker auf Augenhöhe<br />
mit den Handwerkern verhandeln konnte. Er war morgens<br />
der Erste auf der Baustelle und abends der Letzte, der sie<br />
verließ. Aber nicht nur er, zahlreiche weitere Engagierte<br />
standen mir mit Rat und Tat zur Seite. Der damalige Stadtdirektor<br />
Ulrich Mock bezifferte am Ende den Wert des ehrenamtlichen<br />
Einsatzes auf etwa 70.000 DM. Am finalen Anstrich<br />
der Innenräume beteiligten sich dann auch Mitglieder<br />
des Rates und der Stadtdirektor samt Mitarbeitern.<br />
Der gesamte Bauprozess wurde begleitet durch einen<br />
Hausrat, den es bis heute gibt. Hier waren alle Gruppen beteiligt,<br />
die im damaligen Pavillon aktiv sein wollten. Das<br />
waren der „Durchblick“, die ZWAR-Gruppen (ZW-ischen<br />
A-rbeit und R-uhestand), die Seniorenhilfe und der Seniorenbeirat.<br />
Jede Entscheidung, die nichts mit Statik zu tun<br />
hatte, wurde diskutiert und gemeinsam entwickelt. Beispielsweise<br />
ein<br />
ausgeklügeltes<br />
Farbkonzept<br />
für jeden<br />
Gruppenraum<br />
(die Fernsehsendung<br />
„Miami<br />
Vice“ stand<br />
dabei Pate),<br />
die Nutzungsbedingungen<br />
oder Aufgabenverteilungen<br />
und Zuständigkeiten.<br />
Sogar<br />
der Name kam<br />
basisdemokratisch<br />
zustande<br />
– im Rahmen ei-<br />
Golden Oldies<br />
nes Wettbewerbs, zu dem jede und jeder<br />
Vorschläge einreichen konnte. Eine fünfköpfige<br />
Jury unter Vorsitz des damaligen<br />
NRW-Sozialministers Axel Horstmann<br />
wählte dann den Namen aus. Gewinnerin<br />
und Namensgeberin war zufälligerweise<br />
meine Mutter Ulrike Schneider,<br />
die ihren Gewinn, eine dreitägige Reise<br />
nach Hamburg, wiederum dem Haus zur<br />
Verfügung stellte.<br />
Soweit die Abläufe in groben Zügen,<br />
die im Juni 1998 zur Eröffnung des<br />
„Hauses Herbstzeitlos“ führten.<br />
Ich will nun aber noch einmal zurückblicken<br />
zu den Anfängen der Entwicklung.<br />
Eingangs schrieb ich von denjenigen, die<br />
den Aufbau Deutschlands in der Nachkriegszeit als Kinder<br />
oder Heranwachsende erlebten, davon geprägt waren und<br />
diese Prägung ihr Leben lang nicht abgelegt haben.<br />
Ende der 70-er, Anfang der 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts<br />
kündigte sich ein wirtschaftlicher Strukturwandel<br />
in der Eisen- und Stahlindustrie an. Für viele, die 1945 Kinder<br />
waren, brachte er den Verlust ihrer Arbeitsplätze und<br />
den vorzeitigen Ruhestand mit sich. Nicht wenige gingen<br />
mit 50 oder 55 Jahren in Rente. In dieser Situation entwickelten<br />
in Dortmund einige Studierende des Seniorenstudiums<br />
ein Konzept, um Stadtteilgruppen von „Jungen Alten“<br />
auf den Weg zu bringen. Ziel war, für die Zeit des vorgezogenen<br />
Ruhestandes einen neuen (oder alten) Sinn zu finden<br />
und das möglichst selbstbestimmt. Die Frauen und Männer,<br />
die sich fortan ZWAR-Gruppen nannten, rekrutierten sich<br />
zunächst aus Beschäftigten der Stahlindustrie und wurden<br />
u. a. auch durch die Gewerkschaften unterstützt. Das Land<br />
NRW stieg aber bereits 1984 in die Förderung ein und ermöglichte<br />
so<br />
die landesweite<br />
Installation von<br />
ZWAR-Gruppen.<br />
Im Jahre<br />
1995 schloss<br />
sich die Stadt<br />
Siegen an und<br />
unterstützte die<br />
Gründung von<br />
ZWAR-Gruppen<br />
in Geisweid,<br />
Siegen<br />
Modenschau für aktive Junggebliebene am 31. August 1998<br />
und Eiserfeld,<br />
auch durch die<br />
Einstellung einer<br />
ABM-Kraft.<br />
Die früh<br />
in die Rente<br />
Wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier 1998.<br />
entlassenen Männer und Frauen veränderten die Motive<br />
ehrenamtlichen Arbeitens. Die Menschen suchten Sinn-<br />
Erfahrung, strebten nach Zufriedenheit und Selbstbehauptung<br />
und brachten eine große Bereitschaft zum Engagement<br />
mit – aber auch unter Beachtung ihrer individuellen<br />
Wünsche. Das war ein neuer Ansatz im Ehrenamt. Bis dahin<br />
lebte Engagement überwiegend von selbstlosem Handeln<br />
(Altruismus).<br />
Als ich 1995 meine Arbeit als Seniorenbeauftragte<br />
der Stadt Siegen aufnahm, war mit den ZWAR-Gruppen<br />
also schon der Grundstein für eine selbstbestimmte Form<br />
der Altenarbeit gelegt. Dazu zählte unbedingt auch der<br />
„Durchblick“, der auf Initiative der Hochschullehrerin<br />
Christel Ruback gegründet worden war.<br />
Dennoch galt es, das vorherrschende Defizitmodell des<br />
Alterns zu verändern, auf dem die Altenarbeit (um in der<br />
Begrifflichkeit der damaligen Zeit zu bleiben) Anfang der<br />
1990-er Jahre noch weitgehend basierte. Will sagen: Ältere<br />
Menschen wurden überwiegend mit ihren Defiziten wahrgenommen,<br />
und dem entsprachen auch die Ansätze der sozialpädagogischen<br />
Arbeit mit Begriffen wie „be-spielen“,<br />
„be-basteln“ und „be-treuen“. Mein Ansatz war ein anderer,<br />
sozusagen ein Paradigmenwechsel: „Ressourcenorientierte<br />
Arbeit mit älteren Menschen anstelle von Defizitdenken“<br />
so schrieb ich damals in den Altenplan, den der Rat der<br />
Stadt Siegen verabschiedete. Das prägte fortan die städtische<br />
Seniorenarbeit. Es ging nun darum,<br />
► die Kenntnisse und Fähigkeiten Älterer<br />
zu fördern und zu nutzen,<br />
► Strukturen zu schaffen, um selbst zu gestalten und<br />
► Selbstverwaltung zu ermöglichen.<br />
Durch meinen eigenen politischen Hintergrund, der geprägt<br />
war von Studenten-, Frauen- und Friedensbewegung,<br />
ist mir dieser emanzipatorische und basisdemokratische<br />
Ansatz sehr entgegengekommen. Aus der gewerkschaftlichen<br />
Jugendarbeit kannte ich selbstverwaltete <br />
16 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 17
2003 erhielt das Haus Herbstzeitlos neues Logo, damit wurde es nach außen erkennbarer.<br />
Jugendzentren und aus der Frauenbewegung autonome<br />
Frauenhäuser. Dieser Ansatz sollte auch für den Umbau<br />
unseres ehemaligen Schulpavillons im Stil der damaligen<br />
Zeit zugrunde gelegt werden. Wir nannten es Instandbesetzung<br />
und rückten mit Reinigungsutensilien, Maler- und<br />
Bauarbeiterwerkzeug an. Was aber nur symbolisch zu<br />
verstehen war, weil tatsächlich Wände eingerissen, neue<br />
in Ständer-Bauweise eingezogen, Toiletten und Fliesen<br />
erneuert, Estrich gegossen und Fußböden verlegt, Fenster<br />
und Türen ausgetauscht und eine Küche eingebaut werden<br />
mussten. Der Aufzug kam zehn Jahre später.<br />
In dieser Bauphase habe ich die Nerven meine städtischen<br />
Kolleginnen und Kollegen viele Male stark belastet.<br />
Wer Verwaltungsabläufe kennt, weiß wie wichtig ordentliche<br />
Ausschreibungsverfahren für zu vergebende Leistungen<br />
sind. Dazu gibt es „Vergabeordnungen“, die ich<br />
oftmals versuchte, kreativ zu umgehen. Aber der für den<br />
Umbau zuständige Kollege des Rechnungsprüfungsamtes<br />
behielt mich im Blick und so schickte er mir einmal eine<br />
Auszahlungsanordnung zurück…, mit einer Kopie der<br />
„Vergabeordnung“, wo er am Rand in roter Schrift „gilt<br />
auch für Frau Schneider“ geschrieben hatte.<br />
Noch vor der offiziellen Eröffnung bezogen Seniorenhilfe,<br />
„Durchblick“ und ZWAR-Gruppe ihre Räume. Jeden<br />
Montag traf sich der Hausrat und besprach notwendige Arbeiten,<br />
Gestaltungsfragen und Probleme personeller oder<br />
organisatorischer Art. Der „Siegerländer Wochenanzeiger“<br />
schrieb im März 1998: „Die Ideen der Menschen im Haus<br />
scheinen im Moment noch unerschöpflich.“<br />
Nach der Eröffnungsfeier am 20. Juni 1998 zeigte<br />
sich, wie unerschöpflich die Kreativität, die Ressourcen<br />
und Kompetenzen in der Tat waren. Die Angebotsvielfalt<br />
wuchs – stets nach dem<br />
Motto: „Alles, was in den<br />
Gruppen entwickelt und personell<br />
von diesen getragen<br />
wird, versucht die Seniorenbeauftragte<br />
in Strukturen zu<br />
bringen“.<br />
Die Philosophie dahinter<br />
lautete: Ermöglichen…, nicht<br />
verhindern! Die Stadt Siegen<br />
richtete bereits im Jahre 2000<br />
eine Haushaltsstelle für die<br />
Unterhaltskosten ein, dazu<br />
eine kleine Summe für Projektideen.<br />
Dieser Betrag hätte<br />
allerdings niemals die vielfältigen<br />
Aktivitäten decken<br />
können, so dass zur Refinanzierung<br />
in jedem Jahr weitere<br />
Einnahmen akquiriert wurden.<br />
Flohmärkte, Veranstaltungen,<br />
Ausstellungen, Feste und Vermietung<br />
der Räume trugen<br />
zur Finanzierung bei.<br />
Anlässlich des 10jährigen<br />
Jubiläums 2008 präsentierten<br />
sich die inzwischen mehr als 20 verschiedenen Gruppen<br />
und Angebote im vollbesetzten Ratssaal.<br />
Beispielhaft sei hier ein besonderes Highlight genannt:<br />
Mit viel Spaß für alle Beteiligten entwickelten wir in wochenlangen<br />
Proben eine Modenschau für die Siegerlandschau<br />
im Herbst 1998. Ein Siegener Modehaus stellte uns<br />
die Requisiten zur Verfügung, die Kleider wurden von den<br />
Models selbst ausgewählt und bezahlt. Gemeinsam mit einer<br />
Studentin erarbeiteten wir auf dem Schulhof vor dem<br />
Haus Herbstzeitlos die Choreografie. Die „Westfälische<br />
Rundschau“ berichtete damals mit dem Titel: „Außer Dessous<br />
und Bademoden (zeigen sie) alles…“<br />
Mehr als 20 Jahre durfte ich das Haus Herbstzeitlos<br />
entwickeln, begleiten und Veränderungen beobachten oder<br />
selbst forcieren. Es war der Höhepunkt meines beruflichen<br />
Lebens und ich habe all meine Energie und meine Ideen<br />
hineingesteckt.<br />
Heute wird viel von „Empowerment“ geschrieben und<br />
geredet. Was nichts anderes bedeutet als Menschen zu<br />
unterstützen, Fähigkeiten zu entwickeln, ihre Lebenswelt<br />
und ihr Leben selbst zu gestalten und sich nicht gestalten<br />
zu lassen.<br />
Bis heute zeichnet sich das Haus durch Kontinuität<br />
einerseits und Veränderungsbereitschaft andererseits aus.<br />
Kontinuität, weil wichtige Akteure der Gründerjahre bis<br />
heute dabei sind, auf deren Engagement immer Verlass<br />
war und ist: „Durchblick“, Seniorenhilfe, Seniorenbeirat<br />
und die ehemalige ZWAR-Gruppe, die nun auf eigenen<br />
Wunsch „Regenbogentreff“ heißt.<br />
Veränderungsbereitschaft, weil gesellschaftlichen Entwicklungen<br />
und neuen Betätigungswünschen immer eine<br />
Chance gegeben wurde.<br />
Jubiläum<br />
Hierzu drei Beispiele:<br />
► Die erste Generation, also diejenigen, die am Umbau<br />
beteiligt waren, legte noch großen Wert auf eine Werkstatt.<br />
Zum Beispiel Holzarbeiten oder kleinere Reparaturen<br />
konnten so in Eigenregie erledigt werden. Lange<br />
Jahre gab es dafür dann aber keinen Nachwuchs, und<br />
erst mit Gründung der Heinzelwerker wurde die Werkstatt<br />
wieder stärker genutzt.<br />
► Zu einem sehr frühen Zeitpunkt zeigte sich, dass die<br />
Digitalisierung zahlreicher Lebensbereiche ein großes<br />
Thema auch für die Älteren werden würde. Um das<br />
Internetcafé von ALTERAktiv ins Haus Herbstzeitlos zu<br />
holen, wurde daher die Raumverteilung verändert. Der<br />
Verein ist heute eine der tragenden Säulen des Hauses.<br />
► Die Gruppe „anders altern“ für ältere Homosexuelle<br />
entstand als vom Land NRW unterstütztes Projekt und<br />
war beispielgebend für andere Städte. Wir wollten hier<br />
thematisch und personell mehr Sichtbarkeit und Integration<br />
erreichen.<br />
Nicht alle Projekte waren so Leuchtturmprojekte wie<br />
„anders altern“, nicht alle Projekte waren von Dauer, manche<br />
scheiterten an fehlendem Personal (z.B. der Mittagstisch)<br />
und manche waren ihrer Zeit einfach voraus (z.B.<br />
Lach-Yoga).<br />
Aber wie richtig unser Ansatz war und ist, beweist die<br />
Tatsache, dass wir in diesem Jahr den 25. Geburtstag miteinander<br />
feiern können. Wir haben vor 25 Jahren gemeinsam<br />
etwas geschaffen, was zugleich innovativ war und bis<br />
in die Gegenwart nachhaltig ist. Und das erfüllt mich mit<br />
großer Freude und ein wenig Stolz.<br />
Ich wünsche denjenigen, die in den nächsten Jahren Angebote<br />
und Politik für die Babyboomer der 60-er Jahre (die<br />
nächsten, die in den Rentenbezug gehen) gestalten, dass sie<br />
Weitsicht und Kreativität genug haben, um die besonderen<br />
Lebenslagen dieser Generation zu berücksichtigen und in<br />
ihr Handeln einzubeziehen. Astrid E. Schneider<br />
* Harald Jähner, Wolfszeit – Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955, Rowohlt<br />
Taschenbuch, 2020, 480 Seiten, ISBN: 978-3-499-63304-1<br />
Astrid E. Schneider-Mareski und Horst Mahle<br />
besprechen die Titelthemen dieser Ausgabe.<br />
18 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 19
Graue Haare – Buntes Leben<br />
Senioren - Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos – Eine Erfolgsgeschichte<br />
Seit nunmehr<br />
25 Jahren findet<br />
in Siegens<br />
städtischem Begegnungszentrum<br />
an<br />
der Marienborner<br />
Straße ein vielfältiges<br />
Programm für<br />
Senioren statt. Unter<br />
dem Motto “Graue<br />
Haare – Buntes Leben“<br />
machen viele<br />
Gruppen und Kreise ein interessantes und hilfreiches Angebot<br />
für diese ständig wachsende Altersgruppe. Zur Information,<br />
zur Erinnerung und als Einladung, an den Aktivitäten<br />
teilzunehmen, stellen wir die Gruppen in Kurzform vor.<br />
Seniorenbeirat und SeniorenServiceStelle<br />
Der Seniorenbeirat nimmt eine besondere Stellung ein,<br />
da er die gesamten Seniorinnen und Senioren der Stadt<br />
Siegen vertritt. Dies geschieht durch Arbeitskreise und<br />
Tagungen des Plenums in enger Zusammenarbeit mit der<br />
SeniorenService-Stelle und der Verwaltung. Das Ziel des<br />
Beirates ist es, auch Belange einzelner Bürger wahrzunehmen<br />
oder Initiativen und Vereine zu unterstützen.<br />
Frühstückstreff: Dieser lädt einmal im Monat zu Kaffee<br />
und leckerem Frühstück ein. Angesprochen sind alle, die<br />
gerne in Gesellschaft den Tag beginnen möchten.<br />
Regenbogentreff: Von Beginn an dabei. Immer noch treffen<br />
sich spielfreudige Seniorinnen und Senioren einmal wöchentlich<br />
zum (meist) Kartenspielen und Klönen.<br />
Das Senec@fe<br />
Vorwärtschor:<br />
Vor etwa zehn Jahren fand sich im Haus Herbstzeitlos<br />
eine Gruppe von Sängerinnen und Sängern zusammen,<br />
um traditionelle Lieder der Arbeiterbewegung zu interpretieren.<br />
Im Laufe der Jahre hat sich der Chor weiterentwickelt.<br />
Es entstand der Wunsch, mehr neue Lieder zu singen,<br />
ohne die ursprüngliche Idee aus den Augen zu verlieren.<br />
Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden sind Themen, die das<br />
Repertoire des Chores auch heute noch prägen. Solidarität<br />
und Freundschaft ziehen sich wie ein roter Faden durch<br />
die Lieder. Musikalische Höchtleistungen werden nicht<br />
angestrebt. Den Sängerinnen und Sängern liegt es am Herzen<br />
Lieder zu singen, die eine Botschaft vermitteln oder<br />
eine Geschichte erzählen, mit der sie sich identifizieren<br />
können.<br />
Yoga<br />
Natürlich können Senioren Yoga machern. Dabei geht<br />
es im Wesentlichen darum, Körper, Geist und Atem miteinander<br />
in Einklang zu bringen. Yoga ist kein Leistungssport:<br />
Sanfte Dehh- und Streckübungen, wohltuende Bewegung<br />
der Wirbelsäule und achtsame Kräftrigung der Muskulatur<br />
und Gelenke wechseln sich mit Entsapannungsphasen ab.<br />
Selbstverteidigung<br />
Diese Gruppe von Männern und Frauen ist schon seit<br />
einigen Jahren im Haus Herbstzeitlos aktiv. Hier lernen ältere<br />
Menschen, wie man fit bleibt und sich im Notfall verteidigen<br />
kann. Dabei ist das Vertrauen in die eigene Stärke<br />
wichtig, so dass man bei einer eventuellen Bedrohung entsprechend<br />
reagieren kann.<br />
Der durchblick<br />
„Habt ihr auch den Durchblick?“, werden wir manchmal<br />
gefragt. Vielleicht nicht immer, aber wir bemühen uns eine<br />
Zeitschrift zu erstellen, die informativ und unterhaltsam ist.<br />
Dabei halten wir auch mit unserer Meinung nicht hinter dem<br />
Berg, sind aber weltanschaulich und politisch völlig neutral.<br />
Das Team von etwa zwanzig Redakteurinnen und Redakteuren<br />
eint die Lust und die Freude am Schreiben. Herkunft<br />
und früherer Beruf spielen in unserem Team keine Rolle.<br />
Eine Zeitung entsteht aber nicht nur in der Redaktion, viele<br />
weitere Ehrenamtliche sorgen dafür, dass aus den Redaktionsbeiträgen<br />
ein fertiges Produkt wird und dann auch in<br />
den Verteilstellen im gesamten Kreis Siegen-Wittgenstein<br />
ausliegt. Dort wird der durchblick dann von vielen Senioren<br />
und auch Jüngeren gerne mitgenommen. <br />
Seniorenhilfe Siegen e.V.<br />
Unter dem Dach der Seniorenhilfe gibt es unter dem<br />
Motto „Miteinander – Füreinander“ diese Angebote:<br />
Literaturcafé: Hier treffen sich Literaturbegeisterte, um<br />
sowohl klassische als auch moderne Bücher zu lesen und<br />
zu besprechen. Dabei wird die Auswahl gemeinsam festgelegt.<br />
Gelegentlich gibt es Museums-und Kinobesuche,<br />
wenn ein gemeinsam gelesenes Buch verfilmt wurde.<br />
Bücherei: In der 1. Etage des Hauses ist eine Bücherei<br />
eingerichtet, die allen Seniorinnen und Senioren zur Verfügung<br />
steht. Das Angebot an Büchern ist vielfältig, wobei<br />
die Belletristik ihrer Wortbedeutung nach (schöne Literatur)<br />
mit Romanen, Novellen, Kurzgeschichten, Fantasy,<br />
Biografien und Krimis den größten Teil einnimmt.<br />
Singgruppe: In jedem Alter ist das Singen eine ideale<br />
Freizeitbeschäftigung, so auch im Singkreis der Seniorenhilfe<br />
Siegen e.V.. „Wir singen zu unserer Freude, nicht um<br />
aufzutreten, weil bei uns der Spaß im Vordergrund steht<br />
und nicht der Leistungsdruck, so ist das Selbstverständnis<br />
der Gruppe. Sie singen einstimmige deutsche und auch internationale<br />
Volkslieder. Ein Chor im klassischen Sinne ist<br />
die Männer und Frauen der Singgemeinschaft nicht.“<br />
Wandergruppe: Jeden zweiten Samstag geht es auf<br />
Schusters Rappen durchs schöne Siegerland und Wittgenstein.<br />
Außerdem gibt es sporadisch das Angebot von Ausflügen<br />
in einen Zoo oder zu anderen Sehenswürdigkeiten.<br />
Hier stehen die neuen Medien im Mittelpunkt:<br />
Computer, Tablet und Smartphone. Man lernt, Briefe<br />
zu schreiben, Fotos am Computer zu bearbeiten, Überweisungen<br />
per Computer oder Smartphone zu erledigen und<br />
vieles mehr. Die Geselligkeit kommt auch nicht zu kurz,<br />
denn bei Kaffee und Kuchen kann Mann und Frau die neuesten<br />
Medienerfahrungen austauschen.<br />
MitweltZukunft<br />
Die Ziele dieses Arbeitskreises sind, sich für ein Wirtschaften<br />
einzusetzen, das auf Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit<br />
ausgerichtet ist. Daraus ergibt sich auch die Beschäftigung<br />
mit bereits existierenden solidarischen, demokratischen<br />
und ökologischen Alternativen und Initiativen.<br />
20 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 21
Tai Chi<br />
Der Film- und Video-Club<br />
Lerne, dein Chi fließen zu lassen! Spüre deine Kraft!<br />
Finde dein Gleichgewicht! Baue deinen Streß ab und genieße<br />
den Spaß am Erlernen der fließenden Bewegungen<br />
aus der zwanzigminütigen TAI CHI-Bewegungsfolge im<br />
Yangstil. Lass dich entführen in die komplexen Bewegungen<br />
der drei Teile der TAI CHI-Folge: „Die Erde, der<br />
Himmel, der Mensch“. Bei schönem Wetter trifft sich die<br />
Gruppe bevorzugt im Wald.<br />
Das Sonntagskaffee<br />
Immer am 1. Sonntag im Monat durchzieht Kaffeeduft<br />
das Haus und ein Büfett mit leckerem Kuchen verlockt<br />
zum Zugreifen. Im Sommer bei gutem Wetter werden<br />
Tische und Stühle vor dem Haus „Unter der Linde“ aufgestellt.<br />
Die Englischkurse<br />
Seit dem Frühjahr 2004 werden im Haus bereits Englischkurse<br />
für Ältere angeboten, ein Projekt, das der Siegener<br />
Seniorenbeirat initiiert hat. Geistig fit zu bleiben, die<br />
zunehmend in die Alltagssprache einfließenden englischen<br />
Wörter zu verstehen oder erleichterte Kontakte im Urlaub<br />
sind nur einige der Gründe, die es erstrebenswert machen,<br />
auch im fortgeschrittenen Alter die englische Sprache zu<br />
lernen. Anmelden kann man sich über die Volkshochschule.<br />
Das Heinzelwerk<br />
Bei dieser ehrenamtlichen Initiative haben sich Männer<br />
und Frauen zusammengetan, um Nachbarschaftshilfe<br />
anzubieten. Das Angebot gilt für Menschen, die aufgrund<br />
ihrer Lebenssituation nicht mehr in der Lage sind, solche<br />
Arbeiten selbst auszuführen .Solche Hilfen können sein:<br />
Bild aufhängen, technische Geräte erklären, Wasserhahn<br />
reparieren, Näharbeiten und vieles mehr .Hilfeersuchen<br />
sind telefonisch über den Seniorenbeauftragten der Stadt<br />
Siegen möglich. Es gibt auch eine Holzwerkstatt im Haus,<br />
die genutzt werden kann.<br />
Dieser besteht seit 2008 im Haus Herbstzeitlos und<br />
spricht Menschen an, die sich für Kameratechnik und Bildgestaltung<br />
interessieren. Mit Gleichgesinnten schaut man<br />
Filme an und entwickelt Filmkonzepte. Die Filme werden<br />
fachkundig besprochen und Verbesserungsvorschläge erarbeitet.<br />
Die erforderliche Technik ist im Haus vorhanden,<br />
Interessierte sind willkommen.<br />
Das Trauercafe`<br />
Hier bieten Ehrenamtliche der Ambulanten ökumenischen<br />
Hospizhilfe die Möglichkeit an, dass sich Trauernde<br />
mit anderen durch den Tod eines lieben Angehörigen Betroffenen<br />
treffen. Man kann dort miteinander oder mit den<br />
MitarbeiterInnen über seine Gefühle und seine Lebenssituation<br />
sprechen..<br />
Anders Altern:<br />
Diese Gruppe von schwulen Männern und lesbischen<br />
Frauen haben ihre eigenen Bedürfnisse, ihr Altern zu gestalten.<br />
Ihre Liebes- und Beziehungsbedürfnisse sind auf<br />
Menschen des gleichen Geschlechts ausgerichtet. Sie setzen<br />
sich dafür ein, in Wohnumfeld, Öffentlichkeit, Krankenhaus<br />
oder Pflege als gleichwertige Menschen anerkannt<br />
zu werden.<br />
Selbsthilfegruppen (SH):<br />
SH-Angehörige von psychisch Kranken: Wir sind<br />
offen für alle, die Angehörige mit psychischen Erkrankungen<br />
haben. Wir haben keine festgelegten Themen,<br />
in freien Gesprächen kann jeder mit seinen Sorgen, Erfahrungen<br />
und Empfindungen zu Wort kommen. Es ist<br />
Platz für alle Emotionen. Da alle die gravierenden Veränderungen<br />
in der Beziehung zu einem psychisch Kranken<br />
erfahren haben, kann hier ein ganz anderes Verständnis<br />
erwartet werden.<br />
MorbusCrohn/Colitis ulcerosa: Bei diesen Krankheiten<br />
handelt es sich um chronisch entzündliche, nicht heilbare,<br />
Darmerkrankungen. Die Selbsthilfegruppe steht sowohl<br />
Betroffenen als auch Partnern und Eltern Betroffener offen.<br />
Es werden Krankheitsgeschichten, Therapien und persönliche<br />
Erfahrungen u.a. mit Ärzten, Krankenhäusern und<br />
Rehakliniken ausgetauscht.<br />
SH-Asthma-Bronchitis: Zu den Zielen und Aufgaben der<br />
Gruppe gehört die Stärkung der Patientenkompetenz im<br />
Umgang mit der Langzeitsauerstoff- und der außerklinischen<br />
Beatmungstherapien.<br />
db<br />
22 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 23
Gesellschaft<br />
Gesellschaft<br />
Gesellschaftliche Teilhabe im Alter<br />
ALTERAktiv Siegen-Wittgenstein wird 20<br />
Im Jahr 2004 fand das Senec@fé ein Quartier im städtischen<br />
Seniorenzentrum „Haus Herbstzeitlos“. Trotz des intensiven<br />
ehrenamtlichen Engagements von sechs Arbeitsgruppen ließ<br />
der Rat der Stadt Siegen im Februar 2003 wissen, dass er<br />
die Fortsetzung des Agenda-Prozesses ablehnt. Unabhängig<br />
davon entwickelte sich die Arbeitsgruppe ALTERAktiv weiterhin<br />
personell und inhaltlich, so dass (auch aus rechtlichen<br />
Gründen) eine verbindliche Struktur erforderlich wurde. Daraufhin<br />
erfolgte im März 2003 die Gründung des Vereins „AL-<br />
TERAktiv Siegen e.V.“, der 2005 den Namen „ALTERAktiv<br />
Siegen-Wittgenstein e.V.“ annahm.<br />
Mit der 2007 erfolgten Einrichtung einer gut erreichbaren<br />
Geschäftsstelle im Gemeindehaus der Ev. Martini-<br />
Kirchengemeinde (St. Johann-Str. 7 in 57074 Siegen) wurde<br />
die Entwicklung zahlreicher weiterer Projekte möglich.<br />
Auch wenn eine Lokale Agenda 21 für Siegen nicht mehr realisiert<br />
werden kann, gilt deutlicher als noch vor 20 Jahren:<br />
Alles ist Beziehung: Der Mensch ist nicht nur umgeben<br />
von der (Um-)Welt, er ist fest eingebunden in sie, in seine<br />
Mitwelt. Menschen sind Mitwirkende, Gestalter, Akteure.<br />
Jedes Tun und Unterlassen hat Bedeutung – und<br />
derzeit bringen wir die Mitwelt mit unserem Handeln<br />
in Gefahr. Wenn wir unsere Lebensgrundlagen erhalten<br />
wollen, müssen wir das System dringend ändern.<br />
Genau daraus speist sich die –Radikale Zuversicht –. 3)<br />
Erich Kerkhoff<br />
1) Es handelte sich um eine vertraglich geregelte Kooperation zwischen der Siegener Agenda-Arbeitsgruppe<br />
ALTERAktiv und der Universität-GH Siegen, finanziert mit 25.000,- DM vom Landesversorgungsamt<br />
NRW. 2) Erneut vom Landesversorgungsamt NRW unterstützt (5.000,- DM) Die<br />
Namensgebung erfolgte in Anlehnung an den römischen Philosophen Seneca (gest. 63 n.Chr.) mit<br />
dem Anspruch „…nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir…“.3) Bergmann, Gustav<br />
(2022) Radikale Zuversicht, Möglichkeiten einer Mitweltgesellschaft, ISBN 978-3-96238-398-5<br />
Endlich im Ruhestand – was nun?<br />
20 Jahre engagiertes Ehrenamt<br />
Im Juni 1992 war es soweit. Die politisch verantwortlichen<br />
Vertreter von 170 Staaten (aus Deutschland war<br />
Bundeskanzler Helmut Kohl dabei) legten ein gemeinsames<br />
Aktionsprogramm vor. Das Ziel: weltweit drohende<br />
Fehlentwicklungen sollten vermieden, zumindest aber abgeschwächt<br />
werden. Es ging darum, Mittel und Wege zu<br />
finden, wie mit weniger Energie- und Rohstoffverbrauch,<br />
mit weniger Abfall und Schadstoffen die Bedürfnisse einer<br />
wachsenden Zahl von Menschen befriedigt werden können.<br />
Die acht Jahre bis zum Beginn des 21. Jahrhundert sollten<br />
für die Umsetzung eines Aktionsprogramms genutzt werden<br />
Es ging um das, was zu erledigen war, um eine Agenda. Den<br />
Autoren der dann so genannten Agenda 21 war bewusst, dass<br />
gerade die Städte als Lebensraum und als Organisationsform<br />
gesellschaftlichen Lebens und Handelns einen hohen Stellenwert<br />
einnehmen. Weil sie große Umweltprobleme schaffen:<br />
Luftverschmutzung, Müllnotstand, Wasserverbrauch<br />
und Gewässerverschmutzung, Lärm, Verkehrskollaps und<br />
Zersiedlung der Landschaft. Aus dieser Erkenntnis heraus<br />
wurde ein Kapitel in die Agenda 21 aufgenommen, das die<br />
Kommunen auffordert, im Dialog mit ihren Bürgerinnen<br />
und Bürgern, örtlichen Organisationen und der Privatwirtschaft<br />
eine Lokale Agenda 21 zu beschließen.<br />
Dementsprechend beschloss der Rat der Stadt Siegen im<br />
April 1998 die Erarbeitung einer Lokalen Agenda 21. Für den<br />
damals neuen Seniorenbeirat war die Beteiligung naheliegend<br />
und er beauftragte die Mitglieder seiner Arbeitskreise<br />
‚Öffentlichkeitsarbeit‘ und ‚Umwelt‘ mit folgender Aufgabe:<br />
„Wissens-, Erfahrungs- und Handlungspotenziale der älteren<br />
Generation in Siegen untersuchen, erschließen und<br />
auf der lokalen Ebene aktivieren. Es soll erreicht werden,<br />
die genannten Potenziale zu erhalten und für die Allgemeinheit<br />
in Form nachberuflicher freiwillig gemeinnütziger<br />
(ehrenamtlicher) Tätigkeit bzw. im Rahmen bürgerschaftlichen<br />
Engagements nutzbar zu machen.“<br />
Zur Realisierung dieser Aufgabe wurde im Oktober 99<br />
die Agenda-Arbeitsgruppe ALTERAktiv eingerichtet, die<br />
allen älteren Erwachsenen in Siegen zugängig war. Denn<br />
der Seniorenbeirat bestand aus nur 18 gewählten Personen<br />
+ 18 Vertretern, die außerdem – als beratendes Gremium -<br />
nicht rechtsfähig waren.<br />
Als Ergebnis eigener Umfragen zeigte sich, dass viele ältere<br />
Menschen nach neuen Perspektiven suchen und bereit sind,<br />
das soziale Zusammenleben auf der kommunalen Ebene mitzugestalten.<br />
Damit verbunden waren vor allem folgende Ziele:<br />
• Selbstbestimmte Lebensgestaltung im Alter.<br />
• Erhaltung eigener Kompetenzen und des<br />
Selbstwertgefühls.<br />
• Förderung der Solidarität zwischen den<br />
Generationen.<br />
Im Blick auf absehbare weitere Entwicklungen (Umwelt,<br />
demografischer Wandel etc.) gingen die Mitglieder<br />
der Arbeitsgruppe davon aus, dass die spezifischen Potentiale<br />
der Menschen im sogenannten „Dritten Lebensalter“<br />
– für die Gesellschaft unverzichtbar sind.<br />
Zur Klärung weiterer Zugangsmöglichkeiten fand daher<br />
ab August 2000 eine repräsentative Befragung 55-70jähriger<br />
Bürger zu (sozialen) Lebenslagen statt. 1) Schwerpunktthema:<br />
„Freiwilliges bürgerschaftliches bzw. ehrenamtliches<br />
Engagement“ Das Ergebnis lag im April 2001 vor.<br />
Bereits Ende 2000 konnte ALTERAktiv in der Siegener<br />
Oberstadt ein Internetcafé einrichten - das Senecafé. 2) Damit<br />
verbunden war der Aufbau der Homepage „senioren-siegen.de“.<br />
Wer freut sich nicht auf den Ruhestand nach vielen<br />
Jahren Berufstätigkeit? Endlich Zeit haben, ausschlafen<br />
dürfen, all die Dinge tun, die sonst vernachlässigt,<br />
wurden mich um Familie und Freunde kümmern,<br />
Kontakte pflegen, eine wunderbare Aussicht! Und<br />
doch befällt auch manchen die bange Frage: Was mache<br />
ich aber längerfristig mit all der freien Zeit?<br />
Wer voll eingespannt war im Berufsleben, sich im Laufe<br />
der Jahre viel Erfahrung und Wissen angeeignet hat; wer<br />
Verantwortung getragen hat, sich auch beruflich eine Position<br />
erarbeitet hat, realisiert plötzlich, dass das alles wegbricht.<br />
Da war keine Zeit, Hobbies oder Freundschaften<br />
zu pflegen. Und jetzt steht man plötzlich vor dem Nichts.<br />
Ebenso ergeht es den vielen hauptberuflich eingespannten<br />
Hausfrauen und Müttern, wenn die Kinder erwachsen sind<br />
und das Haus verlassen haben.<br />
Vor dem Hintergrund wachsenden Bewusstseins der weltweit<br />
immer größer werdenden Probleme wurde 1998 auf politischer<br />
Ebene eine lokale Agenda 21 geplant die 1998 zur<br />
Gründung der Agenda-Arbeitsgrupp ALTERAktiv führte.<br />
Daraus ging 2003 der unabhängige Verein ALTERAktiv e.V.<br />
hervor, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert.<br />
Was ist in den 20 Jahren aus dieser Initiative geworden?<br />
Es ist ein Sammelbecken vieler Möglichkeiten für <br />
24 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 25
Gesellschaft<br />
Gesellschaft<br />
Fahrrad-Reparatur-Gruppe: In dieser Initiative werden<br />
jeden Mittwoch gespendete Fahrräder wieder fahrtüchtig<br />
gemacht, die dann bedürftigen Menschen kostenlos zur<br />
Verfügung gestellt werden. Auch hier freut sich das Team,<br />
wenn sich neue handwerklich begabte Tüftler mit einbringen.<br />
Die Fahrradtüftler suchen dringend eine neue Unterkunft,<br />
da sie die jetzige zum Jahresende räumen müssen.<br />
Gruppe neu und sucht weitere MitmacherInnen. Einzelne<br />
Schulen haben ihr Interesse und ihren Bedarf an Unterstützung<br />
bereits angemeldet, ein Anfang ist schon wieder<br />
gemacht. Wer gerne mit Kindern zu tun hat und gerne liest<br />
findet hier ein befriedigendes Betätigungsfeld und ist herzlich<br />
willkommen. Den Umfang der Mitarbeit bestimmen<br />
die ehrenamtlich Aktiven selbst.<br />
am Tanzen die eigene Beweglichkeit von Körper, Seele<br />
und Geist gefördert und besonders auch die Geselligkeit.<br />
Für Menschen mit neuen Ideen und der Bereitschaft, an<br />
deren Umsetzung auch aktiv mitzuwirken ist ALTERAktiv<br />
eine ideale Adresse. Alle sind eingeladen, die einzelnen<br />
Gruppenangebote auch unverbindlich wahrzunehmen.<br />
Radeln ohne Alter<br />
Radeln ohne Alter: Wer selbst noch gerne Fahrrad fährt<br />
und fit genug ist, kann sich auch radelnd einbringen. Die<br />
Arbeitsgruppe Radeln ohne Alter‘ bietet mit ihrem engagierten<br />
Team älteren Menschen Ausflugfahrten mit der<br />
Fahrradrikscha an. Ein großer Spaß! Das Angebot wird von<br />
Bewohnern stationärer Alteneinrichtungen gerne genutzt,<br />
aber auch für andere mobilitätseingeschränkte Menschen<br />
gilt das Angebot, einfach mal wieder einen Lieblingsort zu<br />
besuchen oder eine Ausflugsfahrt ins Grüne zu unternehmen,<br />
das alles kostenlos und gerne auch mit Begleitung.<br />
Mitmach-Tänze: Ganz besonderer Beliebtheit erfreuen<br />
sich die „Mitmach-Tänze für Jung und Alt“, die von Barbara<br />
Kerkhoff angeleitet werden. Hier geht es für die TeilnehmerInnen<br />
in erster Linie um die Freude an der gemeinsamen<br />
Bewegung zur Musik. Dabei wird neben dem Spaß<br />
Der Verein ALTERAktiv Siegen-Wittgenstein e.V. betreibt<br />
das Seniorenbüro Siegen-Mitte, ist Mitträger der<br />
Siegener Wohnberatung und regional und überregional<br />
Mitglied in verschiedenen Verbänden der Seniorenarbeit.<br />
Anne Alhäuser<br />
Mitbürger, die sich und ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihr<br />
Können in unsere Gesellschaft einbringen möchten. Schon<br />
im Jahr 2000 startete die damalige Arbeitsgruppe ALTER-<br />
Aktiv das Senecafé, das auch heute noch bekannteste und<br />
größte Projekt des Vereins. Hier haben im Lauf der Jahre<br />
Hunderte von Senioren ihre ersten Schritte im Umgang mit<br />
dem Computer und dem Handy bzw. Smartphone gelernt<br />
und finden auch heute immer wieder Unterstützung und Hilfe<br />
bei Problemen mit den modernen Kommunikationsmitteln.<br />
Experten bringen ehrenamtlich ihr Wissen ein, bleiben selbst<br />
am Ball der Entwicklungen in der modernen Medienwelt<br />
und sind immer offen für Unterstützung ihres Engagements<br />
durch neue Mitstreiter. Nebenbei wird, wie der Name bereits<br />
andeutet, auch die Geselligkeit gepflegt. Bei Kaffee und<br />
Kuchen werden die großen und kleinen Probleme der Welt<br />
diskutiert – und Ratschläge erteilt für die ganz persönlichen<br />
Probleme und diversen Wehwehchen, die man so hat. Und<br />
so lernt man nebenbei auch immer wieder neue Menschen<br />
kennen. Eine Mitgliedschaft im Verein ist nicht erforderlich.<br />
Im Laufe der Jahre sind durch die persönliche Initiative<br />
einzelner Mitglieder immer wieder neue Projekte im<br />
Verein entstanden. Interessierte Senioren und Seniorinnen<br />
engagieren sich als aktive MitstreiterInnen oder sie nutzen<br />
die Angebote des Vereins als TeilnehmerInnen für sich<br />
selbst. Das sind, neben dem schon erwähnten Senecafé,<br />
die Möglichkeiten heute:<br />
Repaircafé: Technisch-handwerklich begabte können sich<br />
z.B. als ehrenamtliche Schrauber einmal monatlich im Repaircafé<br />
einbringen, wo nach dem Motto „Nicht wegwerfen,<br />
sondern reparieren“ kleine Elektrogeräte wie z.B. Bügeleisen,<br />
Näh- und Kaffeemaschinen, Staubsauger, Bohrer<br />
und auch Elektrosägen etc. repariert werden. Wenn so<br />
ein altes Schätzchen oder ein Lieblingsgerät dann wieder<br />
funktioniert, ist die Freude bei allen groß. Auch Textilien<br />
können hier wieder instandgesetzt werden.<br />
Arbeitsgruppe Integrationshilfe für Geflüchtete bedarf<br />
anderer Fähigkeiten. Hier ist Hilfe bei Behördengängen,<br />
Unterstützung bei der Alltagsbewältigung oder beim Erlernen<br />
der deutschen Sprache gefragt.<br />
Ausbildungspaten: In dieser Arbeitsgruppe unterstützten<br />
die Ehrenamtler Auszubildende bei ihrer Ausbildung,<br />
überwiegend mit Hilfe beim Erlernen der Theorie, z.B.<br />
bei der Vorbereitung auf Prüfungen. Auch sind Ratschlage<br />
beim Bewältigen des Alltags im Arbeitsumfeld gefragt.<br />
Den Umfang ihres Einsatzes und Engagements bestimmen<br />
die ehrenamtliche Tätigen selbst.<br />
Mitwelt Zukunft: Diese Arbeitsgruppe beschäftigt sich<br />
mit umweltbezogenen Themen und einem guten Leben<br />
für alle. Da geht es um ein besseres Verständnis der bestehenden<br />
Systeme und besonders um die Suche nach neuen<br />
Wegen. Auch hier sind neue Menschen mit neuen Ideen<br />
gerne gesehen.<br />
Handeln statt Misshandeln ist eine Initiative „gegen Gewalt<br />
im Alter“, sie ist dabei, sich neu zu organisieren und<br />
sucht dringend neue MitstreiterInnen, denen das Thema<br />
am Herzen liegt. Dabei geht es nicht darum, Gewalt aufzudecken<br />
oder anzuzeigen, sondern gemeinsam die Ursachen<br />
von vorhandenen Missständen zu ergründen und nach Lösung<br />
der Probleme durch Entlastung zu suchen.<br />
Spielegruppe: Durch Corona ist leider die Spielegruppe zum<br />
Erliegen gekommen. Das wäre zum Beispiel eine Möglichkeit<br />
für Interessierte, sie wieder zu neuem Leben zu erwecken.<br />
Lesepaten: Das gleiche Schicksal hat die Gruppe der Lesepaten<br />
„Jung und Alt“ getroffen. Ihr Einsatz an den diversen<br />
Schulen und in Büchereien kam während der Coronazeit<br />
ganz zum Erliegen. Doch jetzt formiert sich die<br />
Neue Räume gesucht<br />
Fahrradwerkstatt muss umziehen<br />
Seit 2017 reparieren ehrenamtlich neun Helfer unserer<br />
ALTERAktiv-Fahrrad-Reparatur-Treff-Werkstatt<br />
gespendete Fahrräder, die wir geflüchteten und bedürftigen<br />
Menschen schenken.<br />
Um unsere gemeinnützige Arbeit weiter führen zu<br />
können, suchen wir Raum/Halle/Lager o.ä. ca. 100 qm<br />
groß, möglichst ebenerdig in Tallage von Siegen. Möglichst<br />
preiswert oder kostenlos auf Spendenbasis.<br />
Seit Gründung haben wir 820 Fahrräder verkehrstüchtig<br />
aufgearbeitet und ausgegeben. (Schrauber, die<br />
ehrenamtlich mithelfen wollen, sind immer willkommen.)<br />
Wir nehmen gerne Spenden, wie alte Fahrräder<br />
(auch defekt), Ersatzteile, Werkzeug oder Geld für Materialanschaffungen<br />
entgegen.<br />
Noch sind wir jeden Mittwoch von 13 -17 Uhr in<br />
Siegen, im Innenhof der Sandstr. 20, zu erreichen.<br />
Kontakt: Klaus Reifenrath Tel.: 0171 882 14 20<br />
ALTERAktiv Siegen-Wittgenstein e.V.<br />
26 durchblick 2/2023<br />
2/2023 durchblick 27
Erinnerung<br />
Über Siegens 7 Berge<br />
Schon vor mehr<br />
als 40 Jahren<br />
gab es ihn einmal,<br />
den Siegener<br />
Sieben-Berge-Lauf;<br />
nachstehend ein<br />
Rückblick und ein<br />
Blick nach vorn.<br />
„Rom ist auf 7<br />
Hügeln erbaut“, so<br />
lernten es unzählige<br />
Schülergenerationen<br />
in verschiedensten<br />
Unterrichtsfächern.<br />
Manche Lehrkräfte<br />
verlangten sogar die<br />
Namen der einzelnen<br />
Erhebungen auswendig zu lernen. Romulus galt als<br />
Namensgeber und Gründer der Stadt im Jahre 753 v. Chr.<br />
„7-5-3, Rom kroch aus dem Ei“. Diese schlagwortartige<br />
Eselsbrücke half und hilft auch heute noch zahlreichen<br />
Schülerinnen und Schülern im Geschichtsunterricht. – In<br />
vielfältigen touristischen Informationsbroschüren wird unsere<br />
Stadt seit langem das zweite Rom genannt, da sie sich<br />
auch über 7 Hügel erstreckt. Dem Wunsch, diese 7 Berge<br />
einmal unter die Laufschuhe zu nehmen, wurde erstmalig<br />
im Jahre 1979 Rechnung getragen.<br />
Es ist der 1. Sonntagvormittag im Oktober 1979. Etwa<br />
50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich erwartungsvoll<br />
bei freundlicher Herbstsonne im Numbachtal unweit<br />
des belgischen Hallenbades eingefunden. Eingeladen hat<br />
der belgische Sportclub „Spiridon“, benannt nach dem ersten<br />
Olympiasieger der Neuzeit über die Marathondistanz.<br />
Der Lauftreff Fischbacherberg<br />
war Partner auf Siegener Seite.<br />
Es handelt sich um einen Freundschaftslauf<br />
und keinen Wettkampf.<br />
Das Läuferfeld besteht aus drei<br />
Gruppen. In der ersten Gruppe laufen Sportlerinnen und<br />
Sportler, welche regelmäßig an Volksläufen oder ähnlichen<br />
Wettkämpfen teilnehmen und meistens vier- bis fünf Mal<br />
in der Woche trainieren. Die beiden anderen Gruppen sind<br />
leistungsmäßig weniger anspruchsvoll. Manche haben erst<br />
vor wenigen Jahren mit dem Laufen begonnen. Durch realistische<br />
Zielsetzungen, gezielte Ermutigungen und individuelle<br />
Unterstützung haben sie sich immer weiterentwickelt.<br />
Valentin Hartfiel, stellvertretender Schulleiter an einer<br />
Siegener Hauptschule, fungiert seit längerem als Kontaktperson<br />
zu den belgischen Lauffreunden. Mit 61 Jahren ist er<br />
auch der älteste Teilnehmer. Er gibt noch einige Hinweise<br />
Ein Freundschaftslauf<br />
– kein Wettkampf<br />
zur Streckenführung und betont noch einmal den freundschaftlichen<br />
Charakter des Laufes. Mit einem freundlichen<br />
„bonne chance“ schickt der belgische Kommandant die<br />
Gruppen in kurzen Abständen nacheinander auf die Reise.<br />
Zunächst geht es flach am Minigolfplatz vorbei auf die<br />
Freudenberger Straße, ein steiler Fußweg führt zur Blücherstraße.<br />
Durch den bunten Herbstwald wird schließlich der<br />
Gipfel des Wellersberges mit 346 Höhenmetern erreicht.<br />
Von hier schweift der Blick auf sämtliche Hügel der Stadt<br />
Siegen. Wir wissen, was wir noch vor uns haben. Der Weg<br />
zieht sich gleich wieder hinunter ins Tal über die Weidenauer<br />
Hufeisenbrücke, welche die Bahnstrecke überquert, zum<br />
Siegener Giersberg mit 357 m Höhe. Unweit des Sendemastes<br />
ist eine Verpflegungsstation eingerichtet. Die kleinste Erhebung<br />
auf der Strecke, der Siegberg ist mit 307 m nach verhältnismäßig<br />
kurzer Zeit erreicht. Vom „Krebs“ bietet sich<br />
eine wunderschöne Aussicht über das nördliche Siegerland.<br />
Bergab geht es am ältesten Siegener Gasthaus vorbei,<br />
welches zahlreiche Sorten Bier anbietet. Jetzt ein Bier trinken,<br />
käme Fahren mit angezogener Handbremse gleich,<br />
denn nach Überquerung der Weiß liegt mit dem Lindenberg<br />
das steilste Stück vor uns. Schließlich erreichen wir<br />
auf 373 Höhenmetern den höchsten Punkt, auch „Katzenplätzchen“<br />
genannt, sinnigerweise finden dort auch regelmäßig<br />
Hundedressuren statt. Lautstarkes Gebell ist schon<br />
von weitem zu hören, und die Strecke nimmt auf dem letzten<br />
Stück noch einmal an Steilheit zu.<br />
Wieder bergab führt der Weg durch die Wetzlarer Straße<br />
zum Fludersbachtal, dann die Hambergstraße bergauf<br />
zum Häusling mit 364 m Höhe. Von dort aus traben wir<br />
über den Klingelschacht zur Leimbachstraße, wo freundliche<br />
Helferinnen und Helfer wieder eine Verpflegungsstation<br />
eingerichtet haben. Mit der Radschläfe ist auf 325 m der<br />
höchste Punkt des Rosterberges erklommen. In der Ferne<br />
ist bereits der Fischbacherberg<br />
zu erkennen, der letzte und zugleich<br />
höchste Gipfel mit 375 m.<br />
Nun aber zieht es uns erst einmal<br />
erneut ins Tal, es geht an der<br />
Siegerlandhalle vorbei und über die Sieg. Wir laufen en<br />
weiter unter einer Bahnunterführung in der Schemscheid,<br />
im Volksmund auch „Ziegenbrücke“ genannt. Rechter<br />
Hand befand sich in den 50ger Jahren noch der Siegener<br />
Stadtplatz, bei Lokalkämpfen zwischen den Sportfreunden<br />
Siegen und SuS Niederschelden sollen bis zu 10.000 Zuschauer<br />
das Gelände gesäumt haben. Über einen Hangweg<br />
gelangen wir zur belgischen Garnison auf dem Heidenberg,<br />
von wo aus bereits die Hochhäuser auf dem 7. Gipfel, auch<br />
„Nato-Zähne“ genannt, in den Blick geraten.<br />
Jetzt gilt es noch einmal am Witschert alle Kräfte zu mobilisieren.<br />
Geschafft! Nun geht es nur noch bergab. Auf dem<br />
„Seven Summits Siegen“, heißt die Neuauflage des Siegener „7-Berge-Lauf“.<br />
letzten Kilometer sticht einige Teilnehmer der Hafer, und sie<br />
beginnen das Tempo zu verschärfen. „Freunde, lasst uns zusammenbleiben,<br />
wir wollen als Gruppe gemeinsam ankommen“,<br />
sagt der erfahrene Lauftreffleiter Günther Schulte, Jahrgang<br />
1924, der die Gruppe die ganze Zeit geführt und ermutigt<br />
hat. Zeitlich versetzt treffen auch die Läuferinnen und Läufer<br />
der anderen Gruppen ein. Allen gilt ein herzlicher Beifall. Der<br />
belgische Kommandant überreicht jedem von uns eine ausdruckstarke<br />
Urkunde (vgl. Abbildung). Laut dieser Dokumentation<br />
war die Strecke 25 km lang und der Höhenunterschied<br />
betrug insgesamt 703 m. Gemäß Urkunde lag die Zeit für<br />
die erste Gruppe bei 2:15 Std., was knappe fünfeinhalb Minuten<br />
pro 1000 Meter bedeutet. Nach eigener Erfahrung hat<br />
niemand unterwegs aufgegeben. „Wir sind einfach stolz, die<br />
Strecke geschafft zu haben“, ist die einhellige Meinung aller.<br />
In den nächsten Jahren erlebte der Lauf seine Neuauflagen.<br />
Ein wenig Kritik sei jedoch an dieser Stelle angebracht:<br />
Das Tempo in der ersten Gruppe nahm um ihren neuen jungen<br />
„Anführer“ mehr und mehr zu und provozierte damit<br />
den eigentlich nicht erwünschten Wettbewerbscharakter. So<br />
wurde im dritten Lauf dieser Art die Zwei-Stundenmarke<br />
um etwa zehn Minuten unterschritten, was einem Durchschnittstempo<br />
von klar unter fünf Minuten pro Kilometer<br />
entspricht. Es war kein Wunder, dass nicht wenige bisherige<br />
Teilnehmer der ersten Gruppe sich nunmehr der zweiten<br />
anschlossen, wo es beschaulicher zuging; getreu der Devise,<br />
nach der man sich beim Laufen noch unterhalten kann.<br />
Im Mai 1983 fand der letzte Lauf dieser Art statt. Im<br />
Anschluss daran wurde an der damaligen Noltinghütte gebührend<br />
gefeiert. Einige Monate später erreichte Rechtsanwalt<br />
und Notar Günther Schulte mit 59 Jahren in Hamburg<br />
eine persönliche Marathon-Bestzeit über die 42,195 km von<br />
3:02 Std. Zum Vergleich: Der vorab genannte Spiridon Lou-<br />
is, Olympiasieger 1896 über die damals mehr als 1 km kürzere<br />
Marathondistanz, benötigte als 23-jähriger 2:58 Std.<br />
Vor zwei Jahren hat er seine Wiedergeburt erfahren,<br />
der „Sieben-Berge-Lauf“ der Universitätsstadt Siegen,<br />
nunmehr unter dem Titel „Seven Summits Siegen“<br />
(Sieben Gipfel). Die überaus erfreuliche Resonanz<br />
der bisherigen Veranstaltungen ermutigt zur Fortsetzung.<br />
Der nächste Lauf dieser Art ist für Samstag, den<br />
19. August geplant. Auf der Basis bisheriger Erfahrungen<br />
und Wünsche wird es eine Reihe von attraktiven Neuerungen<br />
geben. Näheres hierzu unter www.laufen57.de. Hoffen<br />
wir, dass sich dieses bewährte Projekt zu einem festen<br />
Bestandteil des Siegerländer Sportlebens entwickeln wird.<br />
Wünschen wir, dass dann wiederum möglichst sämtliche<br />
Gipfelstürmerinnen und Gipfelstürmer mit der wohltuenden<br />
Erfahrung nach Hause gehen: „Es war schon etwas anstrengend,<br />
aber auch schön. Ich bin froh, es geschafft zu haben.“<br />
Ernst Göckus, Teilnehmer der 1. Laufs 1979<br />
Foto: laufen57/:anlauf<br />
28 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 29
Rufus Beck open air im Schlosshof<br />
Siegener Sommer startet Anfang Juni<br />
Nach coronabedingter Unterbrechung und einem<br />
durchwachsenen Neustart im letzten Jahr geht das<br />
städtische Veranstaltungsteam von KulturSiegen<br />
nun wieder in die Vollen und präsentiert in diesem Sommer<br />
an sechs Wochenenden hintereinander ein pralles und<br />
vielfältiges Kulturprogramm vor traumhaft schöner Kulisse<br />
am Oberen Schloss. Annähernd 100 internationale<br />
Künstler/innen und Artist/inn/en geben sich vom 2. Juni<br />
bis zum 8. Juli die Klinke in die Hand und sind dort live<br />
und hautnah zu erleben, was den künstlerischen Genuss<br />
so herrlich anders macht als in großen Veranstaltungshallen<br />
oder in der virtuellen Welt. Spielt dann noch wie im<br />
letzten Jahr das Wetter mit, darf man sich auf insgesamt<br />
22 lauschig warme Sommerabende unter freiem Himmel<br />
freuen – u.a. mit zahlreichen Konzerten unterschiedlichster<br />
Couleur (Klassik, Jazz, A Cappella, Folk und Weltmusik).<br />
Auch Kabarettistisches, Artistisches, Poetisches und<br />
Schräges steht auf dem Menü – wie immer zusammengestellt<br />
von Stephan Schliebs, der in den vergangenen 35<br />
Jahren annähernd 1000 Ensembles aus über 70 Nationen<br />
im Schlosshof präsentiert hat und sich in diesem Sommer<br />
von seinem „zweiten Arbeitszimmer“ verabschieden<br />
wird. Im diesjährigen Künstler-Pool finden sich deshalb<br />
(neben spannenden Neuentdeckungen) auch langjährige<br />
Bühnen-Gefährten, die immer wieder für Hochstimmung<br />
im ehrwürdigen Schlossgemäuer gesorgt haben. – so z.B.<br />
das Kölner NN Theater, das mit rekordverdächtigen 17<br />
unterschiedlichen Produktionen am Schloss zu sehen war<br />
und am 22. Juni mit seiner humorvoll-deftigen Version<br />
von Homers „Odyssee“ beim Festival gastieren wird.<br />
Drei „Big Names“ stehen gleich an den ersten beiden<br />
Wochenenden auf dem Programmzettel: Mit Hagen Rether<br />
eröffnet am 2. Juni einer der profiliertesten Kabarettisten<br />
Deutschlands den Veranstaltungsreigen, am 7. Juni legt der<br />
Kölner Wilfried Schmickler nach – letzterer war erstmals<br />
1992 Gast beim Sommerfestival. Als einer der renommiertesten<br />
deutschen Künstlergäste macht Hörbuch-Star Rufus<br />
Beck am 10. Juni Tournee-Stopp im Siegener Schlosshof,<br />
wo er gemeinsam mit seinem kongenialen MusikTrio<br />
„Tango Transit“ seine eigene, ironisch-moderne Version<br />
von Shakespeares unsterblichem „Sommernachtstraum“<br />
präsentiert, in dem er nacheinander in jede einzelne Rolle<br />
des Stücks schlüpft und diese mit seiner Stimme zum Leben<br />
erweckt.<br />
Tina Teubner (15.6.) gehört ebenfalls zu den bemerkenswertesten<br />
Erscheinungen in der deutschen Kabarettszene<br />
und ist wie ihre männlichen Kollegen Rether und<br />
Schmickler sowohl Trägerin des Deutschen Kabarettpreises<br />
als auch des Deutschen Kleinkunstpreises. Sie und ihre<br />
Künstlerkolleginnen vom ebenfalls preisgekrönten Duo<br />
Luna Tic, die für ihr Siegener Gastspiel am 18.6. eigens aus<br />
der Schweiz anreisen, belegen auf eindrucksvolle Weise,<br />
wie sich starke und humorvolle Frauen – abseits des leichten<br />
Comedy-Fachs – einen festen Platz auf den deutschen<br />
Kabarettbühnen erobert haben. Und der „Nachwuchs“?<br />
Der schläft auch nicht: Mackefisch (Lucie Mackert und<br />
Peter Fischer) sind „funny for future“ und gelten als SingerSongwriter-Duo<br />
der neuesten Generation: Mit Gesang<br />
und rasanter Wortakrobatik seziert das Zwei-Personen-<br />
Orchester selbstironisch die Gefühlslage der Gesellschaft<br />
und nimmt am 6.7. vor allem die Junge-Eltern-Generation<br />
aufs Korn. Eine weitere Neuentdeckung ist der Kabarettist<br />
Phillip Scharrenberg, der noch im Frühjahr den großen<br />
Poetry Slam im Siegener Apollo-Theater gewonnen hat<br />
und nun am 29.6. mit einem Kabarett-Solo beim Kultursommer<br />
gastiert. Am 2.7. lädt dann das Moderatorenteam<br />
Jan Schmidt und Tristan Kunkel zum traditionellen Highlander<br />
Poetry Slam unter freiem Himmel ein.<br />
Neuland betritt KulturSiegen mit zwei hochkarätigen<br />
Doppelprogrammen, bei denen vier völlig unterschiedliche<br />
Künstlergäste an zwei Abenden vorgestellt werden,<br />
die stark kontrastieren - und vor allem eins wollen:<br />
Neugierig auf Neues machen: Berührende und interaktive<br />
Torsionsakrobatik (Anna Krazy aus Estland) trifft<br />
bei der „Kurzen Nacht der langen Messer“ (8.6.) auf<br />
atemberaubende Messerwurfartistik (Company Midnight<br />
aus Belgien), und der bayerischer Philosokomiker Peter<br />
Spielbauer teilt sich bei „Schräge Vögel“ (7.7.) die Bühne<br />
mit dem „Depressing Clown“ Matthias Romir. Eigentlich<br />
hat es bereits jede einzelne der vier Aufführungen in<br />
sich – doch in dieser besonderen Kombination dürfen die<br />
zwei Abende als besondere Geheim-Tipps des diesjährigen<br />
Kultursommers gelten.<br />
Freuen darf man sich auch auf zahlreiche hochkarätige<br />
Konzerterlebnisse im stimmungsvoll erleuchteten Schlosshof<br />
– vor allem auf die nicht alltägliche Gelegenheit, das<br />
Konzert von einem der fünf besten Vokalensembles der Welt<br />
in Siegen erleben zu dürfen: Die Swingles (früher Swingle<br />
Singers) sind fünffacher Grammy-Gewinner und in der europäischen<br />
Vokal-Szene nach wie vor das Maß aller Dinge.<br />
Am 24.6. – zehn Jahre nach ihrem letzten gefeierten Konzert<br />
im Apollo-Theater – ist das Ensemble endlich wieder<br />
zu Gast in Siegen. Nicht ganz so bekannt – dafür aber mit<br />
viel Humor und begnadetem schauspielerischen Talent gesegnet<br />
– ist das in Siegen längst zum Publikumsliebling gekrönten<br />
Vokal-Trio Muttis Kinder - das am 1.7. wieder für<br />
große Augen und Ohren (und für lachende Herzen !) sorgen<br />
wird. Weitere Konzert-Highlights sind die Siegen-Premiere<br />
der „Echo“-prämierten Klassik-„Band“ Spark am 3.6., die<br />
Auftritte zweier kammermusikalischer Ensembles aus den<br />
Reihen der Philharmonie Südwestfalen (Bläserquintett am<br />
11.6. und Streichsextett am 25.6.), das Gastspiel der Celtic-<br />
Folk-Band Cara am 23.6. sowie die beiden Jazz-Konzerte<br />
des international gefeierten Gypsy-Gitarristen Joscho Stephan<br />
(30.6.) sowie der Siegener Late Night Jazz Foundation,<br />
die am 4.6. in Quintett-Besetzung aufläuft. Den Schluss-<br />
Akzent des Schlosshof-Programms setzt am 8.7. der Berliner<br />
Sänger und Pianist Mr. Leu – in Siegen vor allem durch<br />
seine Auftritte mit Piaf-Diseuse Evi Niessner und bei mehreren<br />
Burlesque-Shows bekannt – mit seiner musikalischen<br />
Hommage an Tom Waits.<br />
Finanziell unterstützt wird der Siegener Sommer von<br />
Westenergie, Sparkasse Siegen, Krombacher Brauerei,<br />
Volksbank in Südwestfalen, Siegener Versorgungsbetriebe<br />
und vom Land NRW - die Grundfinanzierung erfolgt aus<br />
dem Kulturhaushalt der Stadt Siegen.<br />
Rufus Beck 10. Juni<br />
Tina Teubner 15. Juni<br />
Muttis Kinder 1. Juli<br />
Online-Tickets und mehr Informationen über das vollständige<br />
Programm sind auf der Webseite von KulturSiegen<br />
über den Link siegenersommer.de erhältlich. Dort<br />
gibt es auch interessante Infos über Rabatte bzw. Ermäßigungen.<br />
Auch der Newsletter, kann hier unkompliziert<br />
angefordert werden. Tickets gibt es ebenfalls an allen Reservix-VVK-Stellen.<br />
•<br />
30 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 31
Dä ahl Proll<br />
Ein Leben im vorigen Jahrhundert<br />
Einleben im Dorf<br />
Der junge „ahl Proll“ hatte sich trotz anfänglicher<br />
Schwierigkeiten zum Bleiben entschlossen. Obwohl<br />
er noch keine Kassenzulassung hatte und nur privat<br />
– also auf Rechnung – behandeln konnte, lief die Praxis<br />
in Ammels Haus gut. Die Geschäftslage zwischen Bahnhof<br />
und Post bot Vorteile: Mit der Bahn kamen Patienten aus<br />
dem Untergrund* bis zum Hickengrund. Mit dem Postauto<br />
erreichten Patienten aus Lippe und dem hohen Westerwald<br />
Burbach. Es gab bis Emmerichenhain keinen Zahnarzt. Wer<br />
Zahnschmerzen hatte, war bis dato auf den „Bader“ angewiesen.<br />
Friseure behandelten lange Zeit auch Zahnschmerzen.<br />
Außerdem sattelten die Menschen<br />
zu jener Zeit auch für längere Strecken<br />
Schusters Rappen.<br />
Dieses umfängliche Einzugsgebiet<br />
sicherte die Existenz, sorgte aber auch<br />
für eine nahezu babylonische Sprachverwirrung.<br />
Jeder Ort zeichnete sich<br />
durch sprachliche Eigenständigkeit<br />
aus. In den Dörfern selber äußerte<br />
sich das in kleinen sprachlichen Hänseleien<br />
wie „Borbijer Kärschdormsgiggel“<br />
oder Woalwijer Braijdebbcher“<br />
(Burbacher Kirchturmsgockel<br />
und Wahlbacher Breitöpchen). Dabei<br />
wusste jeder, was gemeint war. Ein<br />
zugezogener Hesse, der Hochdeutsch<br />
zwar durchaus verstand, aber nicht<br />
selbst anwandte, konnte sein Handwerk<br />
nur mit Simultanübersetzerin<br />
ausüben. Und die hübsche junge<br />
Helferin entschärfte auch so manche<br />
semantische Klippe. Wer weiß, wie<br />
sonst die Begegnung mit dem soliden<br />
älteren Mann von der Lippe ausgegangen<br />
wäre, der Edmund sein Leid<br />
klagte: „Herr Proll, ech hurn nemmie<br />
good. Früher hoan ech besser gehurd!“<br />
(Herr Proll, ich höre nicht mehr gut,<br />
früher habe ich besser gehört).<br />
Zahnärzte verfügten in den dreißiger<br />
Jahren des 20sten Jahrhunderts<br />
nicht über Turbinenbohrer. Nicht selten<br />
wurde der Bohrer noch mit dem<br />
Fuß getreten, nach dem gleichen<br />
mechanischen Prinzip, wie Nähmaschinen<br />
bedient wurden. Die Elektrifizierung<br />
griff gerade erst um sich.<br />
Um Patienten Schmerzen durch heiß<br />
Heimische Dorfgeschichten – Burbach<br />
„Tretbohrer“ von 1931,<br />
seinerzeit ein „Hightech“ Gerät.<br />
gelaufene Bohrer oder durch die Behandlung empfindlich<br />
gewordene Zähne zu ersparen, wurden drei Behandlungstermine<br />
mindestens anberaumt, bis die offene Zahnwunde<br />
endgültig verschlossen wurde. Dazwischen legte man eine<br />
Füllung entweder mit CHKM (Kampferlösung) oder Tiranal<br />
ein, die schmerzlindernd und entzündungshemmend<br />
wirkte. Verschlossen wurde der versorgte Bohrkanal mit<br />
Cavit oder Biopercha. Diese vier Mittel machten den typischen<br />
Geruch einer Zahnarztpraxis aus, der manchen gestandenen<br />
Mannbildern schon den Angstschweiß auf die<br />
Stirn trieb. Ein solchermaßen unerschrockener Burbacher<br />
drückte das so aus: „Edmund, ech hoa vor kinn Mensch<br />
uff der Welt Angst, bloß vor Dir“ (Edmund,<br />
ich habe vor keinem Menschen<br />
auf der Welt Angst, nur vor Dir).<br />
Wenn Westerwälder oder Hicken<br />
zur Behandlung kamen, legten sie<br />
Wert auf umfängliche Zahnsanierung,<br />
nicht etwa, weil sie besonders leidensfähig<br />
oder schmerzfrei waren: Sie gingen<br />
zu Fuß! Autos konnten sich ohnehin<br />
nur ganz wenige Reiche leisten.<br />
Fahrtkosten für Bus oder Bahn sparte<br />
man. Weite Wege aber nutzten die<br />
Schuhsohlen ab. Da ließ sich sparen,<br />
also wurde alles behandelt, was sich<br />
auf einmal erledigen ließ.<br />
Es dauerte nicht lange, da wurde die<br />
Praxis Proll im Dorf und seiner Umgebung<br />
geschätzt, die Damen reagierten<br />
so wegen des feschen jungen Dentisten,<br />
die Männerwelt erlag eher der attraktiven<br />
Helferin. Einer, der wegen seines<br />
Alters eigentlich schon als jenseits<br />
von gut und böse eingeschätzt wurde,<br />
machte es deutlich. Der Chef selber bat<br />
ihn ins Sprechzimmer und stieß dabei<br />
aber auf Widerstand. Der alte Mann<br />
zeigte auf die junge Helferin und forderte:<br />
„Ech wöll no hedäem Maadche“<br />
(Ich will nach diesem Mädchen hier!).<br />
Und was sagt der Mann von Welt in einer<br />
solchen Situation? Edi löste die Situation<br />
mit einem Lachen: “Ei, kumme<br />
Se mit, ich kanns aach“ (Ach, kommen<br />
Sie mit, ich kanns auch).<br />
Tilla Ute Schöllchen<br />
* Untergrund mit Neunkirchen, Struthütten, Salchendorf,<br />
Zeppenfeld und Wiederstein sowie Obergrund mit Wahlbach,<br />
Burbach, Gilsbach, Würgendorf und Lippe bilden<br />
zusammen den Freien Grund. Foto: Archiv Schöllchen<br />
Nacht der schrägen Vögel<br />
durchblick verlost Freikarten<br />
Matthias Romir und Peter Spielbauer kommen aus Süddeutschland,<br />
gehören zur den skurrilsten Charakteren auf deutschen Bühnen –<br />
und begegnen sich in Siegen zum ersten Mal. „Expressive Juggler“, „Depressing<br />
Clown“ / „Contemporary Weirdo“ – so beschreibt der artistische<br />
Grenzgänger Matthias Romir seine wortlose Bühnenfigur. Er ist bekannt<br />
für seine schwarzhumorige Bühnenkunst und für seinen poetisch-verlangsamten<br />
Jonglierstil im Grenzbereich zwischen Clownerie und Objekttheater.<br />
Ganz anders – aber mindestens ebenso schräg – performt der bayerische<br />
„Philosokomiker“ Peter Spielbauer, der in seinem grandiosen Bühnen-Solo<br />
über die unumstößliche Tatsache schwadroniert, dass wir Menschen alle<br />
nur auf einer Kugel sitzen und durchs Weltall fliegen – und dass zwischen<br />
‚kosmisch‘ und ‚komisch’ nur ein Buchstabe Unterschied liegt!<br />
Freitag, 7. Juli 2023, 21.00 Uhr in Siegen<br />
Hof im Oberen Schloss<br />
Gewinnen können Sie<br />
3 x 2 Eintrittskarten,<br />
wenn Sie bis 30. Juni eine<br />
Nachricht mit Ihrem Namen,<br />
Telefonnummer und dem<br />
Vermerk Freikarten senden an:<br />
Redaktion durchblick<br />
Marienborner Str. 151<br />
57074 Siegen<br />
gewinnspiel@durchblick-siegen.de<br />
Die Gewinner werden telefonisch<br />
benachrichtigt.<br />
Eventuelle Rückfragen unter:<br />
s.schliebs@siegen.de<br />
Die Tickets werden liegen an der<br />
Abendkasse bereit.<br />
Glückwünsche an die Gewinner<br />
der letzten Verlosung<br />
(Willy Astor)<br />
Je zwei Karten erhielten:<br />
Leli Ida, Kreuztal;<br />
Stefan Klein, Siegen;<br />
Rüdiger Grebing, Erndtebrück.<br />
Teilnehmende an unsereren Verlosungen erklären<br />
sich damit einverstanden, dass ihre Namen<br />
im durchblick erwähnt werden.<br />
32 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 33
Gesellschaft<br />
Gesellschaft<br />
Christliche Bräuche<br />
Verlobung und Hochzeit<br />
Der Weg ins gemeinsame Leben.<br />
War mit der Konfirmation die Kindheit abgeschlossen,<br />
blickten Siegerländer Jugendliche wach in<br />
ihre Welt. Aus Mädchen wurden Anfang des 20.<br />
Jahrhunderts Backfische, aus Jungen in der zweiten Hälfte<br />
des vorigen Jahrhunderts Halbstarke. Man machte seine<br />
Erfahrungen mit der Eingliederung in die Welt der Erwachsenen<br />
und gewann an Selbstsicherheit. Recht schnell<br />
ließ man sich, bei allem Respekt für die Vorgesetzten,<br />
nicht mehr ausschicken, um einen Böschungshobel oder<br />
das Goldene Augenmaß zu holen.<br />
Mit diesem Selbstbewusstsein öffnete sich auch der<br />
Blick für überraschende Entdeckungen, zum Beispiel das<br />
andere Geschlecht. Hatte man Lieses Zöpfe früher in der<br />
Schule hinter ihr sitzend noch heimlich ins Tintenfass gesteckt,<br />
so versuchte man jetzt, ihr eher von vorne zu begegnen.<br />
Denn Liese mauserte sich zu einem prachtvollen<br />
Weibsmensch, dessen Anblick sich auf geheimnisvolle<br />
Weise auf den eigenen Kreislauf auswirkte. Die Lieses<br />
und Hanneloren des Dorfes ihrerseits sahen genauer hin,<br />
wenn ein Fritz, Horst oder Wolfgang früh morgens vor<br />
der Schicht mit nacktem Oberkörper eben noch eine Wiese<br />
mähte, zwischendurch die Sense auf den Griff stellte,<br />
mit einer Hand nach hinten fasste, den Wetzstein aus dem<br />
„Schlogger“ (mit Wasser gefülltes Kuhhorn am Gürtel, in<br />
dem der Wetzstein mitgeführt wurde) holte und mit lockerem<br />
Handgelenk das Sensenblatt nachschärfte. Dieser<br />
Ausblick verursachte der Betrachterin ebenfalls psychosomatische<br />
Unregelmäßigkeiten. Ach ja!<br />
Da kam es schon passend, dass man auf dem Weg von<br />
und zur Bibelstunde Gelegenheit fand, diesbezüglichen<br />
Erfahrungen auf breitere Basis zu stellen. Es gibt langweiligere<br />
Freizeitbeschäftigungen. So wuchs das Interesse an<br />
diesem Betätigungsfeld. Irgendwann hieß es im Dorf: „Dr<br />
Hannes und ed Liesche go börrenanner“ (Hannes und Lieschen<br />
gehen miteinander). Milde Sommerabende sorgten für<br />
Wohlfühlabende, schützten aber mit der langen Helligkeit<br />
unzureichend vor ungebetenen Blicken. In der dunklen Jahreszeit<br />
konnte man sich der nachbarschaftlichen Neugierde<br />
besser entziehen, litt aber doch unter der Kälte. Da blieben<br />
für die Freuden ausgiebiger Abschiedszeremonien nur<br />
windgeschützte Hauseingänge oder die noch leicht warme<br />
Backestüre. Jetzt wurde es Zeit, die Familie einzuweihen,<br />
die durch den Dorffunk längst informiert war.<br />
Es wurde sich verlobt. Verlobung feierte man im Hause<br />
der Braut. Die Familien nahmen offiziell Kontakt auf,<br />
schließlich wurde es ernst. Natürlich wurden Ringe getauscht,<br />
am linken Ringfinger zu tragen. Man versprach sich<br />
einander. Das Dorf war zwar nicht geladen, nahm aber doch<br />
auf seine Weise teil: Entferntere Verwandtschaft, Freunde,<br />
Nachbarn versammelten sich zum „Deckeln“ vorm Haus.<br />
Sie machten ordentlich Krach, schlugen Blechdeckel aufeinander,<br />
johlten, „schnalzden böd der Gaißel“ (schnalzten<br />
mit der Geißel) und hatten Spaß wie die bunten Affen. Niemand<br />
dachte daran, dass in heidnischer Zeit auf diese Weise<br />
böse Geister vertrieben wurden. Spielmannszug oder Posaunenchor<br />
spielte. Das Brautpaar gesellte sich zu ihnen und<br />
verteilte Schnäpse. Danach verzog sich die Deckelbande<br />
artig und feierte woanders weiter. In ganz seltenen Ausnahmefällen<br />
rächte sich ein verschmähter Konkurrent, der sich<br />
mit dem zweiten Platz nicht abfinden wollte. Einer stapelte<br />
tatsächlich eine Fuhre Mist an die Haustüre der Braut. Das<br />
machte ihn auch nicht sympathischer.<br />
Das Brautpaar nutzte jetzt die Möglichkeit zu überprüfen,<br />
ob sie wirklich zueinander passten. In der Kirche<br />
saßen sie offiziell nebeneinander, nachdem die strenge<br />
Sitzordnung aufgelöst war. Scheidung war fast undenkbar.<br />
Eine Verlobung konnte man lösen, wenn es auch einen gewissen<br />
Hautgout hatte. Dann gab man die Ringe zurück.<br />
Der Bräutigam holte sich das geschenkte Geschirr wieder<br />
und lagerte es für die neue Liebe ein.<br />
Meist aber verstanden sich die Brautleute gut, sehr gut,<br />
weshalb die Braut von ihrer Mutter ermahnt wurde: „Nun<br />
komm wieder, wie Du gegangen bist.“ Bis auf einmal wurde<br />
der Auftrag nach besten Kräften eingehalten. Öfter als zugegeben<br />
führte das Einverständnis der Verlobten zu noch nicht<br />
eingeplanten Manifestationen. Alle Welt regte sich auf oder<br />
zerriss sich das Maul. Das hing von der Nähe zum Brautpaar<br />
ebenso ab wie vom Wohlwollen. „Heiraten müssen“<br />
blieb eine Schande. Es manifestierte<br />
Wollust und Regelbruch. Schwer<br />
war es den Eltern beizubringen, weil<br />
man eben nicht wusste, dass es denen<br />
meist nicht anders gegangen war.<br />
Oder sie hatten einfach nur Glück gehabt.<br />
Ein junger Burbacher löste die<br />
Aufgabe elegant. Zu Ende des Frühstücks,<br />
schon mit der Aktentasche in<br />
der Hand, informierte er seine Familie:<br />
„I Burbich sei werrer en Masse<br />
Leu, die sich bestoare musse“ (In<br />
Burbach müssen viele wieder heiraten.)<br />
Und durch die zufallende Haustüre<br />
ergänzte er: „Ech sei och dobei“<br />
(Ich bin auch dabei).<br />
Das Aufgebot musste bestellt<br />
werden. Die Gemeinde hängte in<br />
ihrem Schaukasten am Amtshaus<br />
öffentlich aus, wer da wen ehelichen<br />
wollte, damit gegebenenfalls<br />
Einspruch erhoben werden konnte. Wenn dann gemunkelt<br />
wurde, die Braut wäre schwanger, konnte man sicher sein,<br />
dass im Schutze der Dunkelheit dieser amtliche Aushangkasten<br />
mit einem kräftigen Knüppel „gestegt“ (gestützt)<br />
wurde, damit er unter der Last nicht zusammenbrach.<br />
Die standesamtliche Trauung hatte die entscheidende<br />
zivilrechtliche Bedeutung. Die kirchliche Trauung blieb<br />
zentral. Man ging zu Fuß zur Kirche. Bis zur vorvergangenen<br />
Jahrhundertwende trug die Braut schwarz. Nur der<br />
Schleier war weiß. Das ganze Dorf nahm Anteil. Nicht nur<br />
geladene Gäste gingen in die Kirche, alle Interessierten<br />
auch. Den ersten gemeinsamen Weg des Paares behinderten<br />
Kinder auf neckische Art. Sie „hemmten“. Sie spannten<br />
ein Seil über die Straße und gaben den Weg erst frei, wenn<br />
sie mit Süßigkeiten bestochen worden waren. Erwachsene<br />
unterbrachen ihre Arbeit, stellten sich an die Straße und<br />
wünschten Glück.<br />
Der Pfarrer führte unter Orgelklängen das Brautpaar in<br />
die blumengeschmückte Kirche. Die Gemeinde erhob sich<br />
und wartete ab, bis die Brautleute am Altar Platz genommen<br />
hatten. Natürlich war niemand so stillos, die Trauungszeremonie<br />
mit Fotografieren<br />
zu stören.<br />
Dafür blieb später noch<br />
Zeit genug.<br />
Der Pfarrer predigte<br />
und segnete das Paar<br />
ein. Man wechselte<br />
die Ringe, erhielt den<br />
Trauspruch und die<br />
neue Familienbibel.<br />
Die Gemeinde sang,<br />
die Orgel spielte. Die<br />
Festgemeinde verließ<br />
Nach der Kirche gehts zum Feiern.<br />
die Kirche und zog zum Festlokal, Hotel Dilthey. Das Essen<br />
schmeckte natürlich hervorragend: „Frau Ewers, meine<br />
Hochachtung!“ (Anm. der Autorin: Frau Ewers war nicht<br />
die Ehefrau des heutigen Bürgermeisters von Burbach,<br />
Lioba Ewers, sondern eine Köchin, die in den Fünfzigerjahren<br />
des vorigen Jahrhunderts im Hotel Koch – ehemals<br />
Hotel Dilthey – bei großen Feiern die Küche führte).<br />
Dann brach die Feierlaune durch. Fromme Leute tanzten<br />
nicht. Aber Kinder sagten Gedichte auf. Jugendliche<br />
gaben ein Theaterstück zum Besten. Der Posaunenchor<br />
blies. Gesangverein oder kleinere Chöre traten auf. Und<br />
nicht nur das. Auch hier zeigte sich wieder der dörfliche<br />
Zusammenhalt. Wer Lust und eine Idee hatte, erschien uneingeladen<br />
auf der Gesellschaft, trug kurz etwas zur Unterhaltung<br />
bei, wurde mit Kuchen oder Schnäpschen belohnt<br />
und verschwand zuverlässig umgehend.<br />
So ging das bis zum späten Abend. Irgendwann löste<br />
sich die Gesellschaft auf. Auch das Brautpaar verschwand<br />
in die erste gemeinsame Wohnung. Aber das geht uns<br />
nichts mehr an. Wir sollten uns auch lieber verkrümeln.<br />
Text und Fotos: Tilla Ute Schöllchen<br />
34 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 35
Heimische Dorfgeschichten – Klafeld<br />
Heimische Dorfgeschichten – Klafeld<br />
Der neue Blitzableiter<br />
Die Holleküsser hatten ihren altersschwachen Kirchturm<br />
abgebrochen. Da der Blitzableiter ohne Turm<br />
keinen Zweck mehr hatte, wurde derselbe vom<br />
Blitzwart des löblichen Gemeinderats in das Spritzenhäuschen<br />
verfrachtet.<br />
Nun hatten die benachbarten Klafelder erfahren, dass<br />
die Holleküsser einen ledigen, gebrauchten Blitzableiter<br />
zu verkaufen hätten. Und weil die Klafelder schon seit<br />
langem Angst hatten, das Donnerwetter könne ihnen mal<br />
in die Gemeindewirtschaft schlagen, so wollten sie diese<br />
gute Gelegenheit nicht ungenutzt vorbeigehen lassen. So<br />
setzten sie sich mit dem Holleküsser Gemeinderat in Verbindung<br />
und verhandelten – nach Bauernart – wochenlang<br />
wegen des Ankaufs. Da endlich konnte der Blitzableiter<br />
zu einem Schandpreis an die Klafelder abgegeben werden.<br />
Das höchst wichtige Geschäft, den Blitzableiter nach<br />
Klafeld zu schaffen, konnte natürlich nur durch den tiefverehrten<br />
Ortsschäffe (Gemeindevorsteher) besorgt werden.<br />
Dieser fuhr denn auch eines schönen Morgens in<br />
Begleitung des Ratsschreibers mit Schimmel und Wägelchen<br />
nach dem im Walde gelegenen Hollekusse. In ihrer<br />
Begleitung war auch Lützes Babbe, der Ratsmitglied und<br />
zugleich im Ehrenamte Blitzwart war.<br />
Beim „Pifffer“ am Markte machte der vorgespannte<br />
Schimmel von selber halt. Bei dieser Dorfwirtschaft hatte<br />
er noch jedes Mal halt gemacht. Er konnte durchaus nicht<br />
einsehen, warum er heute eine Ausnahme machen solle.<br />
Schließlich hatte er die Ehre, die Blitzkommission von<br />
Klafeld zu befördern. Und so<br />
wurde denn der erste Blitzableiterschoppen<br />
beim Piffer hinter<br />
die Binde gegossen.<br />
Nun ging die Fahrt durch die<br />
untere Klafelder Au und bald<br />
darauf hielt der Schimmel vor<br />
der Schenke der „Kaders Mutter“.<br />
Der Ortsschäffe hatte das<br />
Leitseil gezogen und „Hü“ gerufen.<br />
Ohne abzusteigen goss sich<br />
die Kommission einen weiteren<br />
Schoppen hinter die Binde, wobei<br />
der Ratsschreiber anmerkte:<br />
„Dat es `n Hetzde-Schobbe – dä<br />
zälld net.“ Im schön gelegenen<br />
Dorfe Birlenbach kehren sie<br />
nochmals in die dortige Dorfwirtschaft<br />
ein, denn es war in<br />
der Tat heiß. Diesmal „zählte“<br />
der Willkommens-Schoppen<br />
und auch der nächste, den sie<br />
ganz einfach trinken mussten,<br />
um für ihre Gemeinde Klafeld Ehre einzulegen.<br />
So kamen sie auch glücklich nach Hollekusse. Das<br />
Geschäft selbst war schnell abgemacht. Der Blitzableiter<br />
wurde in Empfang genommen, bezahlt und hinten auf das<br />
Wägelchen gepackt, doch so, dass die Spitze gesehen werden<br />
konnte. Der Blitzwart des Holleküsser Gemeinderats<br />
bot gleich darauf der Klafelder Kommission die Ehre an,<br />
sich mit ein paar Abschieds-Schoppen zu stärken. Und als<br />
die drei biederen Vertreter der Gemeinde Klafeld wieder<br />
auf ihr Wägelchen kletterten, schüttelte der Holleküsser<br />
Kollege jedem kräftig die Hand.<br />
Zum Abschied sprach er noch: „Bal hädde ech et fergässe.<br />
Ir had itz en Blitzafleirer örschder Sorde. Hä es<br />
wahne finzelich (sehr empfindlich) on sid mier en fresch<br />
fergolde leese, es hä wi rosich (rasend) ob di Blitze. Hä<br />
zütt se a on schlockt (schluckt) se. Mier ha dearwäje bi<br />
Gewerrern sin Schbetzde met nem sirene Schdromb zogebonne,<br />
sost hädde hä derlätzt alles zesame geschläh“. (Wir<br />
haben deshalb bei Gewittern seine Spitze mit einem seidenen<br />
Strumpf zugebunden, sonst hätte er am Ende alles<br />
zusammengeschlagen).<br />
„Weiß ech all“, sagte der Klafelder Ortsschäffe großspurig<br />
und stupste den Amtsschimmel mit der Geißel. „Merk<br />
dir dat!“ rief er noch dem neuen Blitzwart zu und fuhr<br />
heimwärts. „Wönsche gore Heimkonft!“ rief der Holleküsser<br />
dem Fuhrwerk noch nach, das „so schwer“ geladen<br />
hatte – und er begann zu lachen. Dass auf der Heimfahrt<br />
der Herr Ortsschäffe auch wieder in Birlenbach halten<br />
Foto: Pixabay<br />
ließ, dafür sorgte schon der brave Schimmel. Und dass er<br />
auch wieder bei Kaders Mutter hielt, war eigentlich ganz<br />
selbstverständlich. Es galt weiterhin für die Klafelder Ehre<br />
einzulegen, denn die Kommission reiste ja schließlich auf<br />
Kosten der Gemeinde.<br />
Als das Trio samt dem Blitzableiter von Kaders Mutter<br />
wieder wegfuhr, hatte die ganze Gegend eine blaue Färbung<br />
angenommen. Der Herr Ratsschreiber sagte: „Ech<br />
mein, mier würd so schbassich!“ Und dem Herrn Ortsschäffe<br />
war auch so spassig inwendig unter der Weste, aber<br />
er wusste es nicht, denn er war glücklicherweise eingeschlafen.<br />
Und das dritte ehrwürdige Mitglied der Klafelder<br />
Blitzkommission träumte von einer Gemeinderatssitzung<br />
und murmelte öfter: „Einverstanden!“<br />
Auf einmal fuhr der Ratsschreiber in die Höhe und rief<br />
ängstlich: „Ortsschäffe, häst du wat gehort?“ Der hatte<br />
zwar gar nichts gehört, aber er wurde wach. Ein schwerer<br />
Regentropfen war ihm auf die glühend heiße Nase gefallen<br />
und hatte sich zischend in Dampf verwandelt. „Et ränt!“<br />
sagte der Ortsschäffe, „Et donnert!“ meldete der Amtsschreiber<br />
und „Einverstanden!“ murmelte einmal mehr<br />
Lützes Babbe, der nicht zu erwecken war.<br />
„E Gewerrer“, rief nun blitzartig der aufgeweckte Ortsschäffe<br />
und sah ganz erschrocken zum Himmel, der sich mit<br />
schweren Wolken bedeckt hatte. Jetzt fuhr ein Blitz hernieder<br />
und spiegelte sich verdächtig an der Spitze des Blitzableiters.<br />
Bald folgte auch ein rollender Donnerschlag und<br />
erschütterte die Luft. Nun folgte Blitz auf Blitz und Schlag<br />
auf Schlag. Die Männer waren wahrlich bei dem Blitzableiter,<br />
der ja angeblich alle Blitze schluckte, in großer Gefahr.<br />
„Rette sech, wä ka!“ rief der Ortsschäffe und sprang mit<br />
einem Satze vom Wagen. „Ech moss mech for de Gemai<br />
(Gemeinde) erhale; Rotsschriwer, bliff bim Schimmel!“<br />
„Dat ech e Narr wör!“ schrie der und sprang ebenfalls<br />
zur Erde. „Awer Lützes Babbe!“ jammerte der Ortsschäffe,<br />
dem nun trotz aller Angst das Gewissen schlug.<br />
Er deutete auf den schlafenden Blitzwart, den zu wecken<br />
sie in der Angst vergessen hatten. „Ainer moss d`rbi bliwe“,<br />
entschied der kluge Ratsschreiber, „on zodem es hä<br />
jo Blitzwart on ka itz sin Amt aträre (antreten). „Komm,<br />
Ortsschäffe, on rette mir os for de Gemai!“ Damit nahm er<br />
seine langen Rockschöße in die Hände und lief in großen<br />
Sätzen dem Dorfinneren zu. Mit den Worten „Dä Schimmel<br />
moss mier de Gemai bezahln!“ setzte der Ortsschäffe<br />
sich ebenfalls in Galopp. Das offenbar dem Tode geweihte<br />
Schimmelchen mit dem gefährlichen Blitzableiter und<br />
dem schlafenden Blitzwart trabte indes langsam dem heimischen<br />
Stalle zu.<br />
Just als das Gewitter vorüber war, endete auch die geträumte<br />
Ratssitzung und Lützes Babbe schlug die Augen<br />
auf. Gleich darauf rieb er sich diese, denn alles war so nass<br />
– und er selbst auch. Dazu saß er ganz alleine im Fuhrwerk<br />
und das Leitseil schleifte führerlos im Schlamm. Da hörte<br />
er plötzlich ein wüstes Geschrei und vom Dorfe her kam<br />
ihm ein Haufen Menschen entgegen.<br />
Sie hatten die alte Feuerspritze bei sich und Feuerleitern,<br />
Haken und Eimer. Der Herr Ortsschäffe saß neben Äwerts<br />
Kurt, dem Brandmeister. Der Nachtwächter tutete „Feueralarm“<br />
und der Ratsschreiber hielt einen Schlauch in der<br />
Hand und rief: „Halt, öm Gotteswelln halt! Hä geäht sost loss!<br />
Hä moss itz total foll sin! De Fonke danze schue em Wage.“<br />
Der Ortsschäffe seinerseits nahm einen seidenen Strumpf,<br />
reichte ihn mit einem langen Feuerhaken dem Blitzwart und<br />
rief: „Lützes Babbe, do häste en sirene Schdromb. Weckel<br />
en schwinn öm di goldiche Schbetze, fillechte hälft et noch.“<br />
Ganz erstaunt sah der Blitzwart von einem zum anderen.<br />
Waren die denn alle übergeschnappt? Er nahm den seidenen<br />
Strumpf von der Stange und wickelte ihn mit verblüffender<br />
Energie um die goldene Spitze des Blitzableiters.<br />
Ein wahres Triumphgeheul folgte dieser Heldentat und<br />
die Ratsmitglieder lagen sich vor Freude in den Armen.<br />
„Gerettet!“ schrie der Ortsschäffe und er meinte damit<br />
nicht nur die Anwesenden, sondern auch das ganze schöne<br />
Klafeld. Diese Rettung wurde beim Piffer schoppenreich<br />
begossen – natürlich auf Kosten der Gemeinde. Und der<br />
Blitzwart hauchte als Held des Tages sehr früh am anderen<br />
Morgen ein letztes Mal sein „Einverstanden“.<br />
In Erinnerung an Joseph Trapp<br />
36 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 37
Aus der Region<br />
Aus der Region<br />
Clemens Strack<br />
Dahlbrucher Original im vorigen Jahrhundert<br />
Foto: Archiv Bensberg – Dahlbruch 1928<br />
Das bekannteste Dahlbrucher Original im vorigen<br />
Jahrhundert war ohne Zweifel Stracks Clemens. Er<br />
wurde am 17. Dezember 1882 in Dahlbruch geboren<br />
und begann seine berufliche Laufbahn auf der Grube<br />
Stahlberg als Bergmann. Er war im Ersten Weltkrieg Soldat<br />
und wohnte dann mit seiner Frau Lenchen und 4 Kindern in<br />
der alten Dahlbrucher Turnhalle. Clemens war nie auf Rosen<br />
gebettet und hatte zudem einen Sprachfehler. Ungeachtet<br />
dessen war er ein Original von altem Schrot und Korn,<br />
dazu sehr, sehr schlagfertig. In der heutigen Zeit, in der Eile<br />
und Profitgier dominieren, ist diese Art von Sonderlingen<br />
kaum noch zu finden. Nachstehend sind einige der früher<br />
oft erzählten Anekdoten von Clemens aufgezeichnet.<br />
Ein menschliches Bedürfnis<br />
Clemens weilte einst in Siegen. Es muss kurz nach der<br />
Währungsreform gewesen sein. Da bekam er plötzlich heftige<br />
Magenschmerzen und musste aus der Hose. Er kam<br />
noch bis an den Straßenrand und verrichtete am Eingang<br />
eines Bunkers das menschliche Bedürfnis. Als er seine<br />
Hose wieder erleichtert zuknöpfte, stand ein Schutzmann<br />
neben ihm, der das Schauspiel beobachtet hatte. „Wegen<br />
öffentlichen Ärgernisses bezahlen Sie eine Mark Strafe.“<br />
Clemens kopfnickend: „Uuund ich bezahle 1 Mark und 10<br />
Pfennig, ich habe dabei auch noch gggepforzt.“<br />
Im Gerichtssaal<br />
Das Original stand auch mal als Angeklagter vor Gericht.<br />
Er bekam dabei großes Rauchverlangen, hatte aber nur seine<br />
Pfeife und einen Strang Tabak bei sich. Clemens wusste<br />
sich zu helfen. Er nahm sein Taschenmesser und schnitt<br />
seelenruhig auf dem Tisch vor ihm einige Scheiben Tabak<br />
von dem Strang ab. Der Richter bekam große Augen und<br />
sagte: „Herr Strack, ist das nicht etwas grob, was Sie da<br />
machen?“ „Jjja Herr Richter, sie haben recht, der Tttabak<br />
ist so noch zu grob, er muss noch geribbelt werden.“ Ribbeln<br />
bedeutet in Dahlbruch: etwas zwischen den Handflächen<br />
zu Krümeln feinreiben.<br />
Clemens und der Kohlenhändler<br />
Dem Dahlbrucher Kohlenhändler Otto Becker half<br />
Clemens öfters beim Abladen der Kohlen auf dem alten<br />
Bahnhofsgelände in Dahlbruch. Es war dort, wo heute die<br />
freiwillige Feuerwehr ihr Domizil hat. Bei jedem abgeladenen<br />
Zentner, den sie von der Waage, die auf einem Eisenbahnwaggon<br />
stand, aufs Dreirad kippten, machte Otto<br />
einen Kreidestrich auf ein großes Brett. Einmal kam ein<br />
Hund vorbei, hob das rechte Hinterbein und pinkelte an<br />
das Brett. Clemens, der dies bemerkt hatte, rief laut:“ Otto<br />
pppass auf, da radiert dir einer im Hauptbbbuch!“<br />
Der Schlawiner und seine Eselei<br />
Im Juli 1951 war der TuS Dahlbruch Ausrichter des<br />
Bezirksturnfestes. Da etwa 700 Personen ihre Teilnahme<br />
gemeldet hatten, war der vorhandene Sportplatz für die<br />
ordnungsgemäße Durchführung der Wettkämpfe zu klein.<br />
Damals war der Sportplatz noch dort, wo heute Hallenbad<br />
und Faustballfelder sind. Im Anschluss daran, in Richtung<br />
Norden, stand das Freibad. Dahinter auf dem Wiesengelände<br />
sollten deswegen auch noch Wettkämpfe durchgeführt werden.<br />
Die Wiesen wurden abgemäht, Unebenheiten begradigt<br />
und mit Sägemehl die Abgrenzungen für die verschiedenen<br />
Sportarten ausgeführt. Hierbei muss wohl Clemens, der in<br />
unmittelbarer Nähe hauste, aus irgendeinem Grund geärgert<br />
worden sein. Am späten Abend waren Wiese und Sportplatz<br />
für den morgigen Wettkampftag bestens vorbereitet. Doch<br />
dann trauten die Mitglieder des Arbeitskommandos am<br />
nächsten Morgen ihren Augen nicht! Was war geschehen?<br />
Der Schlawiner Clemens hatte über Nacht auf die Wiese,<br />
die als Wettkampfstätte dienen sollte, Jauche gefahren!<br />
Nach anfänglich großer Hektik und massivem Geschimpfe<br />
wurden sehr schnell Auswegmöglichkeiten geschaffen. Das<br />
Turnfest wurde trotz der Eselei des Schlawiners vom TuS<br />
Dahlbruch mit Erfolg durchgeführt und abgeschlossen.<br />
Im Namen des Gesetzes<br />
In der alten Turnhalle in Dahlbruch wohnte, wie schon<br />
erwähnt, Clemens mit seiner Familie. Als er eines Tages<br />
zu viel von einem Siegerländer Nationalgetränk, dem<br />
Wacholder, zu sich genommen hatte, bekam er von seiner<br />
Frau Lenchen eine Gardinenpredigt gehalten. Es kam<br />
zum Wortwechsel und Clemens wurde sehr wütend. Er begann<br />
das Porzellan in der Küche zu richten. Es war ganz<br />
schlimm und Lenchen wusste sich keinen Rat mehr. Sie<br />
lief zum Gemeindevorsteher Friedrich Langenohl, der in<br />
der Müsener Straße wohnte. Er ging mit ihr zur Turnhalle<br />
und rappelte an der verschlossenen Türe. Nun setzte<br />
der Vorsteher seine Amtsmiene auf und rief laut: „Herr<br />
Strack, machen Sie sofort die Türe auf!“ Keine Antwort.<br />
Der Vorsteher rief nochmals: „Herr Strack, wenn Sie die<br />
Türe nicht sofort öffnen, schlage ich diese im Namen des<br />
Gesetzes ein!“ Nun öffnete sich das Oberlicht der geteilten<br />
Türe und Clemens steckte seinen Kopf hindurch und sagte:<br />
„Jjja Frieder, das kannst du ja machen, aber dann machst<br />
dddu dieselbe auch im Namen des Gesetzes wieder ganz.“<br />
Das Dröhnen an der Wellblechbude<br />
Bei Kochs Tante Molly, heute Dahlbrucher Hof, hatte<br />
Clemens seinerzeit mit einem anderen Dahlbrucher tüchtig<br />
gezecht. Sie gingen zum Gasthof Benfer und kamen beim alten<br />
Bahnhof an einer Wellblechbude vorbei, wo sie ganz nötig<br />
Wasser ablassen mussten. Da beide großen Druck verspürten,<br />
strahlten sie gegen das Wellblech, dass es nur so dröhnte. Aber<br />
dem anderen kam etwas nicht geheuer vor und er fragte: „Clemens,<br />
warum hört man denn bei dir nix, du hast doch auch so<br />
großen Druck?“. Darauf antwortete Clemens: „Dddas kannst<br />
du auch nicht. Ich seiche dir dddoch gegen den Mantel.“<br />
Die fehlende Baugenehmigung<br />
Ende der 1930er Jahre baute das Unikum in Dahlbruch<br />
am Bähnchen, heute Hüttenweg, für sich ein kleines<br />
Wohnhäuschen – oder besser gesagt, eine Hütte. Er hatte<br />
weder eine Baugenehmigung noch eine Zusage von dem<br />
Grundstückseigentümer, dass er hier etwas bauen durfte.<br />
Da Clemens sehr geschickt war, entstand der Neubau fast<br />
nur durch Eigenleistung. Dies blieb der Obrigkeit natürlich<br />
nicht verborgen und Clemens musste bei dem regierenden<br />
Amtmann Pränger in Keppel erscheinen. Der sagte ganz<br />
böse: „Herr Strack, Sie sind der Behörde seit vielen Jahren<br />
bekannt und wir wissen, dass Sie mit den Gesetzen schon<br />
oft in Konflikt geraten sind. Dass Sie aber ein ganzes Haus<br />
ohne Konzession errichten, das ist der Gipfel der Frechheit.<br />
Was sagen Sie dazu?“ „Wwwas soll ich dazu sagen?<br />
Wenn der Adolf (Hitler), als er voriges Jahr ins Rheinland<br />
einmarschierte, erst die Engländer und Franzosen nach der<br />
Kkkonzession gefragt hätte, da wäre er heute noch nicht<br />
drin.“ Zur Verständigung: Im Jahre 1936 ließ Adolf Hitler<br />
die deutsche Wehrmacht entgegen den Bestimmungen des<br />
Versailler Vertrages und ohne die Alliierten zu fragen, ins<br />
Rheinland einmarschieren.<br />
Was der Amtmann nun gesagt hat, wurde nicht bekannt.<br />
Clemens zog jedenfalls in sein Eigenheim ein und hat auch<br />
nie irgendwelche Steuern oder andere Abgaben dafür bezahlt.<br />
Bis zu seinem Todestag am 27. Dezember 1956 hat<br />
Clemens hier gewohnt. Die Hütte ging danach an den Grundstückseigentümer<br />
über. Sie steht heute noch, trägt den Namen<br />
Clemens-Klause und wird für Feierlichkeiten genutzt.<br />
Heinz Bensberg<br />
38 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 39
Aus der Region<br />
Nur 36 km von Siegen entfernt liegt Dillenburg, dessen<br />
Wahrzeichen, der Wilhelmsturm, aus allen<br />
Fahrtrichtungen von ferne sichtbar ist. Er wurde<br />
auf dem Plateau erbaut, wo jahrhundertelang ein prächtiges<br />
Schloss gestanden hatte. Dieses wurde im Verlauf des<br />
Siebenjährigen Krieges, am 13.07.1760, von französischen<br />
Truppen in Brand geschossen und im Laufe der nächsten<br />
Jahre geschleift.<br />
In Anwesenheit zahlreicher hochrangiger Gäste fand<br />
die Einweihung des Turmes am 29.06.1875 statt. Ein Neffe<br />
des Deutschen Kaisers, Prinz Albrecht von Preußen,<br />
wohnte als offizieller Vertreter des Deutschen Kaiserreiches<br />
der Zeremonie bei (1) .<br />
Benannt ist der Turm nach dem bekanntesten Sohn der<br />
Stadt, Wilhelm von Nassau-Dillenburg, der als ältester Sohn<br />
von Graf Wilhelm (dem Reichen) und seiner Ehefrau, Juliana<br />
von Stolberg-Wernigerode, am 24.04.1533 in Dillenburg<br />
geboren wurde. Im Alter von 11 Jahren erbte er von einem<br />
Verwandten die Grafschaft Orange in Südfrankreich. Um<br />
die Erbschaft anzutreten, musste er sein Elternhaus verlassen.<br />
Er wurde an den Höfen von Kaiser<br />
Karl V von Habsburg in Brüssel und<br />
Breda erzogen und erfuhr eine hochqualifizierte<br />
Schulbildung. Durch die Erbschaft<br />
der Grafschaft führte er forthin<br />
den Namen „von Oranien-Nassau“. In<br />
Biographien wird er auch als „Wilhelm<br />
der Schweiger“ bezeichnet. Er hatte<br />
maßgeblichen Anteil an der Befreiung<br />
der Niederlande von der spanischen Besatzung<br />
(2) . Die Nationalhymne der Niederlande<br />
beginnt mit dem Satz:<br />
„Wilhelmus von Nassauen bin ich<br />
von deutschen Blut“.<br />
Niederländer besuchen jährlich zu<br />
tausenden den Schlossberg mit dem<br />
Wilhelmsturm, der von Ostern bis zum<br />
01.11. eines jeden Jahres täglich (außer<br />
montags) von 10.00 Uhr bis 13.00<br />
Uhr und von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr<br />
Schlossberg<br />
zu Dillenburg<br />
Stadtkirche Dillenburg<br />
besichtigt werden kann. Auf drei Etagen wird die Nassauische<br />
Geschichte und die des niederländischen Königshauses<br />
auf vielfältige Weise verdeutlicht.<br />
Neben dem Wilhelmsturm warten viele weitere Sehenswürdigkeiten<br />
auf die Besucher des Schlossberges. Zunächst<br />
wenden wir uns der fürstlichen Grablege zu, die sich<br />
in der Stadtkirche befindet. Im Chor der Kirche werden<br />
mehr als 50 übereinanderliegende Grabnischen vermutet.<br />
Bestattet wurden dort u.a. Graf Wilhelm der Reiche und<br />
seine zweite Ehefrau, Juliana von Stolberg-Wernigerode,<br />
Johann VI (der Ältere) sowie seine zwei vor ihm verstorbenen<br />
Ehefrauen. Seine dritte Gattin starb 16 Jahre nach ihm<br />
und ruht ebenfalls in der Gruft (3) .<br />
In der kleinen, 16 m² großen Fürstengruft, die vor Einführung<br />
der Reformation als Sakristei genutzt wurde, befinden<br />
sich vier Bleisärge, in denen Fürst Wilhelm von Nassau-<br />
Dillenburg sowie seine Ehefrau und seine beiden Kinder<br />
ihre letzte Ruhe gefunden haben. Die Grafen von Dillenburg<br />
waren im Jahr 1652 in den Reichsfürstenstand erhoben worden.<br />
Fürst Wilhelm ist mit dem Beinamen „Der Gute oder<br />
der Fromme“ bekannt. Die Weihe der<br />
Stadtkirche erfolgte am 03.06.1491,<br />
vermutlich an der gleichen Stelle, wo<br />
zuvor die alte Marienkapelle stand (4) .<br />
Im Jahr 1510 wurde in der Nähe<br />
der Kirche in Gegenwart von Graf Wilhelm<br />
„dem Reichen“ und seiner ersten<br />
Frau, Walpurgis von Egmont, eine Glocke<br />
gegossen, die heute noch am angestammten<br />
Platz ihren Dienst versieht<br />
und als „Walpurgisglocke“ bekannt ist.<br />
Der „wandernde“ Glockengießer Heinrich<br />
van Prum verrichtete die Arbeit.<br />
Talseitig zur Dill wird der Schlossberg<br />
von der „Hohen Mauer“ dominiert,<br />
deren Errichtung im Jahr 1525<br />
begann. Sie ist ca. 300 Meter lang und<br />
teilweise 20 bis 25 Meter hoch. Als<br />
Baumeister wird Ulrich von Ansbach<br />
genannt, der die Arbeiten im Auftrag<br />
Foto: Archiv Stötzel<br />
Foto: Wikimedia Commons<br />
von Graf Wilhelm dem Reichen ausführte. Die Baukosten<br />
waren so riesig, dass der Landesherr bei seinem Bruder<br />
Heinrich um finanzielle Unterstützung nachsuchte (5) .<br />
Ihre Bauzeit wird mit ca. 10 Jahren geschätzt. Stützbögen,<br />
die wie zugemauerte Tore aussehen, wurden zur<br />
Stabilisierung direkt eingebaut. Ein maßgeblicher Anlass<br />
zur Errichtung der „Hohen Mauer“ war der Katzenelnbogischen<br />
Erbfolgestreit, aus dem sich beabsichtigte Übergriffe<br />
auf den Dillenburger Schlossberg abzeichneten.<br />
Die auf dem Bergkegel befindliche Burg war durch weitere<br />
Bollwerke, Rundmauern und Wachtürme gesichert. In<br />
den Kellern befanden sich die Waffenkammern und auch<br />
die Burgbrunnen, deren Funktionalität im Fall einer Belagerung<br />
lebenswichtig war. Erst im Laufe der Jahrhunderte<br />
wandelte sich der Burgcharakter in ein repräsentatives Residenzschloss.<br />
Etwa 20 Meter unter dem Plateau des Wilhelmsturmes<br />
befindet sich der jetzige Eingang zu den früheren Verteidigungsanlagen<br />
des Schlossberges, den Kasematten. Es handelt<br />
sich dabei um Bauwerke aus dem 15ten und 16ten Jahrhundert,<br />
die zur Zeit ihrer Herstellung teils oberirdisch, teils<br />
unterirdisch angelegt wurden (6) . Durch die Zerstörung des<br />
Schlosses im 18ten Jahrhundert veränderte sich das gesamte<br />
Bild, auch nach Verfüllung der früheren Wehranlagen.<br />
Der in Vorzeiten mit Wagen und Karren befahrbare<br />
Wallgraben kann heute, teilweise im Schlossberg liegend,<br />
bei einer Führung besichtigt werden.<br />
Bollwerk, Jägergemach, Große Durchfahrt, Krautkeller<br />
und „Löwengrube“ sind Begriffe, die dem Besucher beim<br />
Begehen der unterirdischen Räume und Gänge begegnen.<br />
Ein bis in die Niederungen des Dilltals mit 62 Metern Tiefe<br />
angelegter Brunnen sollte die Wasserversorgung sicherstellen.<br />
Die von einer Bergquelle führende, aus Tonrohren<br />
bestehende Wasserleitung war im Falle einer Belagerung<br />
der Anlage zu anfällig für eine Unterbrechung (7) .<br />
Torbogen in der „Hohen Mauer“.<br />
Zwei Jahre lang, von März 1571 bis Mai 1573, war<br />
Jan Rubens Gefangener in den Befestigungsanlagen<br />
von Dillenburg. Er wurde des Ehebruchs mit Anna von<br />
Sachsen, der zweiten Ehefrau von Wilhelm von Oranien-<br />
Nassau, beschuldigt, für die er anwaltlich tätig war. Gegen<br />
eine Kaution von 6.000 Talern wurde er freigelassen, durfte<br />
aber das Stadtgebiet von Siegen nicht verlassen. Dort<br />
wurde 1577 sein Sohn, Peter-Paul Rubens, geboren (8) .<br />
Eine Führung durch die Kasematten findet in den Ferien<br />
donnerstags bis sonntags um 15.00 Uhr statt. Gruppen<br />
können auch individuelle Führungszeiten vereinbaren.<br />
Heinz Stötzel<br />
Literatur- und Quellenverzeichnis: 1) Pletz-Krehahn, 650 Jahre Stadt Dillenburg, 1994,<br />
Seiten 135/136. 2) Lück, Alfred Siegerland und Neederland, 1981, Seiten 49 ff. 3) Schmidt,<br />
Thomas Dillenburger Blätter Nr. 17, 1991, Seite 126. 4) Schmidt, Thomas wie, Seiten 17-<br />
19. 5) Textor, Johann Nassauische Chronik aus 1617, Nachdruck bei Bronn und Fries 1980,<br />
Seiten 110 ff. 6) Becker, Emil Schloss und Stadt Dillenburg, 1994 Seite 65. 7) Sauer, Horst<br />
Stadtgeschichte von Dillenburg 1344 bis 1994, Seiten 193 bis 197. 8) Rubens, Maria Brief<br />
der Mutter von Peter-Paul Rubens an ihre Mutter von 14.06.1577 aus Siegen.<br />
Foto: Archiv Stötzel<br />
40 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 41
Mundart<br />
Det erschte Foahrrad eä Isern*<br />
Mundart<br />
Loufjewechdswoahw<br />
Zeichnung von Willi Grau, Eisern 2022<br />
Et woar ogefähr em 1890 rem. Mir Schoaljonge froute<br />
os onnernanner: „Häste och deän Mah of d`m Vilyzebeth<br />
(Fahrrad) schoe geseh?“ Off eimoal – mir<br />
woarn grad off d`r Roes am Kleckerches speeln – koam da<br />
dä Mah off zwai Rarer va d´r Kopperhette ronnergefoahrn.<br />
Mir lofe ah de Schossewäch bi Schollshanneses, onn du<br />
fuhr grad dat Unikum voarbi. Fast woarn m´r sprachlos,<br />
weil dä Mah net emfol onn besonnersch doadrewer, dat hä<br />
em de Kurve remm konn foahrn.<br />
Soe e Vilyzebeth woar doch eijentlich e Monstrum.<br />
Voarn hattet ai groeß Rad on heänne e klaijet. Die Soarte<br />
hol sech awer net lang. Et koame näje Marke russ, die<br />
hatte zwai glichegroaße Rarer, onn die ha sech bis ho<br />
durchgesatt.<br />
Eä Isern hatte m`r dumoals en Mah, dä woar sinner Zit<br />
em got fofzich Joahr voarus. Kai Wonner, dat dä och em<br />
Doarf det erschte Foahrrad hatte. Et woar Lecks Friedrich,<br />
m´r nannten och „d´r Schoal - Leck“. Det erschte Rad –<br />
ech sehnet ho noch – woar e rouh gebauter Apperat. Et<br />
woarn Iserohrn on Isebleäch. Eä de Felge lou e roerer Vollgummireäng.<br />
De Speiche woarn soe decke wie vierzöllije<br />
Droahtnäl, on ah de Felge woarn se emgebördelt. Doafoar<br />
hadde dat Rad deän Voardeil, darret kä Klingel bruchde.<br />
De loasse Speiche on dergliche hoarte m`r honnert Meter<br />
witt rabbeln, on da gonge de Lii schoe offsitte.<br />
De Foahrrarer wurn da emmer wierer verbässert, onn<br />
wie da Loftschliche onn Gummimändel ofkoame, du hadde<br />
Lecks Friedrich nadierlich och doava det erschde Rad<br />
eä Isern.<br />
Sin Jong, d´r Robert, kräj det ahle Rad. Morjens freh<br />
fuhrn die zweä off ihre Rarer noam Flußberg (Bergwerk)<br />
bonner Iserfeäll, woe se ah´ner Roesthahl oarwte. D`r Robert,<br />
ai Joahr äller wie ech, fuhr da af onn zo emoal noa Nenkerschdoarf,<br />
wo sinn Mamme härstammte. Sonnoawends<br />
seäte da d`r Robert, hä woll s`r noch en Roll<br />
Bännel hoeln foar moern. De Vollgummireife<br />
längte sech nämlich , on da moßte die während<br />
d`r Foahrt schoe moal festgebonne wern. Dumoals<br />
woar det Radfoahrn doch noch e Pläsier.<br />
D´r Schoal-Leck woar, wie schoe gesäd<br />
wur, sinner Zitt wit voarus. Sommerdags hol<br />
hä oawends bi d`r ahl Schoal mänchmoal<br />
Ahsproache ah det Volk. Männer onn Jonge<br />
woarn dat, die eä d`r Technik beätkomme<br />
wolle. Fraue onn Märercher onn Märercher<br />
woarn net d`rbi. Et goaw dumoals noch kä<br />
Gleichberechtigung, onn et hätte sech och kai<br />
Wiesmensche erlaubt, sech off e Foahrrad ze<br />
sätze. Ho eäs m`r loa schoe veel wierer.<br />
Lecks Friedrich klärte de Lii beät sinne<br />
Voarträj ewwer de ganze Foahrradtechnik off.<br />
Hä moch begrefflich, wie m`r om Rad setze moßte, wie<br />
hoij de Lenkstang ze stoah hätte, wie de Kurve ze foahrn<br />
wärn onn wie d`r Radfoahrer beät allerlei domme Mensche<br />
ze reächen hätte, die strack eä det Rad nehleefe. Onn<br />
da erklärte hä och noch de Ewersetzing am Rad, wie m`r<br />
die us de Zeänn va deän zwai Zahnrarer onn och us d`m<br />
Onnerschied va de Durchmeässern bereächen kenn. Doabi<br />
seäte hä schoe moal gä die Realscheäler, die d`rbi stonne:<br />
„Ihr konnt dat nadierlich net, mir ha dat all bim ahl Lehrer<br />
Schetz geloahrt.“<br />
Ah de erschte Rarer woar kän Frailauf onn kän Recktreätt.<br />
Doafoar hadde a d`r Gawel off jeder Sitte en Isesteft,<br />
off die d`r Foahrer sin Feße sätze konn, wenn et e beßche<br />
bergaf gong. De Pedale suste da elai rem. Ah d`r Heännerahs<br />
guckte lenks e Bolze rus, dä schwär wechtich woar.<br />
Bim Offstije moßte m`r d`n lenke Foß off deän Bolze sätze,<br />
de Greffe va d`r Lenkstang packe onn beäm reächte<br />
Foß det Rad noa voarn afstoeße, doabeät det Rad e beßche<br />
Schwonk kräj. Da moßte m`r hoijheppe, sech, sech off deän<br />
Bolze steälln onn langsam eä de Sattel neererloaße. Beät<br />
de Feße hatte m`r do de remlaufende Pedale ze schnappe.<br />
Lecks Friedrich loeß sin theoretische Onnerechtdeils<br />
vam Robert off deäm ahle Rad prakdisch voarmache, woebi<br />
d`r Robert moal eä`n Schär va`ner Meästkoarr fuhr.<br />
Doabi lachte da de Lii, onn d`r Friedrich seäte da, sie<br />
verstenne joa nix vam Rafoahrn, onn derwäje brichte se<br />
net ze lache. Jedenfalls hät d`r Schoal-Leck de Isener Lii<br />
eä de Technik eägeführt. Spärer koam hä moal durch en<br />
genstige Schürferäj foar sin Brorer Wilhelm eä d`r Stadt<br />
zu Geld onn boute s`r em Onnerdoarf e scheä Huss beärem<br />
Oebstgoarde d`rbi. De Lii nannte eän da mänchmoal e<br />
beßche mißgenstig „d´r Baron“. Off alle Fälle woar Lecks<br />
Friedrich e kloger Mah, onn et hät och mäncher Isener wat<br />
va`nem geloahrt. <br />
Karl Becker, Eisern<br />
Dat si ängarmije Woahwe för ungerschiedleches Madrial<br />
on mr kennt se och als Schwengel,- Balken,- Panne,-<br />
örrer Lohwoahwe. Wie dä Name Lohwoahw alt vermude<br />
löaßt wur die em Houberch benotzt, öm dat bet nem Schöwwel<br />
va dä Eichebäum jeschearlde Loh, dat mr zo der Zitt<br />
zom Gerwe eh dr Lärerfawrik bruchde, afzewieje.<br />
Em Schlachthus wure doadrob dure Dierer jewoowe,<br />
noa ner Jagd dat erlechde Wildpret, on wenn ech mech<br />
recht erennern ka, da hadde Merdes Edeward ah sinnem<br />
Romp, bzw. sinner Kippkarr, wobet hä sösd Mest ob de<br />
Fäller fuhr, so en Schwengelwoahw hingedra befesdicht.<br />
Doabet wur dr Schrott, dän de Lüh em Dorf jesammeld<br />
hadde, afjewohwe. Wenn hä god jelaunt wor goawet och<br />
för os Kinger hi on doa moal e paar Penninger örrer och<br />
Grösche. För mänche wor dat e besselche wat fört Krommijer<br />
Maart. Hau den Lukas, Dreller, Scheffschonkel, on<br />
veeles anger wor jo och ömmer so verlockend, va der<br />
Schnuggerej ganz ze schwieje. Nappo, Zitzelitz, Zuggerwadde,<br />
jebrannde Mandeln – dän Jeröch hanech hö noch<br />
eh dr Nas wenn ech doadra denke. Ka si, ech wor ze gizzich,<br />
awer ech broachde ömmer dat besselche Geld wat<br />
ech eh dr Däsche hadde och werrer bet noa heim.<br />
Hö sinech em vierde Läwensabschnett, awer dr Humor<br />
hanech ömmer noch net verlorn. Ech stelln mir jerad vör, ech<br />
wör noch aktiv als Heilprakdiger zegäng, on et köam moal<br />
werrer emet bet ner Masse Öwerjewechde on Reddungsringe<br />
De Schneira*<br />
E<br />
Fischelbach lebte em verige Johrhonnert en Schneira.<br />
Wenn dä en Ozog omaß, läte he sei Konne e de<br />
Stowwe on zachelte se ob met Kreire. Fast niemols<br />
gob he dar ewwarig geblewene Stoff zerecke. Sei Fra<br />
mochte ihm oft derwege bättere Verwerfe. Dos holf on<br />
batte awwar nix. En<br />
gurre Dog mol harre<br />
e besonnersch grußes<br />
Stecke Stoff fer<br />
sich zereckebehale.<br />
Sei Fra froote ihn:<br />
„Mächste da do ka<br />
Gewsse draus?“ „E<br />
Gewesse draus?“<br />
wärrahollte dar<br />
Schneira, „do mach<br />
ech mar hechstens<br />
e Weste draus!“<br />
Willi Scheffel, Banfe<br />
*Mit freundlicher Genehmigung des „Heimatbund Siegerland-Wittgenstein e.V.“<br />
öm de Hofd zor Dör ne. Einije ahne schur, wat ech hö gerne<br />
bet däm örrer där mache döa. So en Schwengelwoaaw eh<br />
dr Praxis för de Afspeckkur wör doch sensazionell, on ech<br />
hädde noch en SWA (Schwengelwoahweassistentin) ehstelln<br />
mosse. Honorarabrechnung noa GbüH: Adipositastherapie<br />
mit wöchentlicher manueller Gewichtskontrolle, mittels geeichter<br />
Schwengelwaage. Pro Kg Gewichtsreduktion 30,00<br />
Euro.„On wofa träumst de nachts“? froawde min Noachber.<br />
<br />
Bruno Steuber, Littfeld<br />
42 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 43
Mundart von Sigrid Kobsch, Burbach<br />
Mundart von Uli Schöllchen, Burbach<br />
Zum Thema Offklärung<br />
Ländlicher Fortbildungsbedarf<br />
Offklärung schue datt Woort woar ie meiner Jugend<br />
kaum gebräuchlich, geschweije denn, datt se konsequent<br />
prakdiziert wuer. Heit kunn schue de klaane<br />
Kenner voa dr Zeujung bis zur Geburt im Fernsehn<br />
lugge, orer im Internet downloaden.<br />
Bei us frejer broachde de Kenner noch dr Klabberschdorch<br />
– basta! Wenn mr e Kend wull, mußde mr Zugger off<br />
de Fisderbank schtreie un da koom irjendwann heimlich dr<br />
Klabberschdorch un broachde datt Klaa. Dobei bess hä de<br />
Mama iet Bei, desweje mußde die im Bädde lie.<br />
Ech hädde mich jo gewess schwär gefreit, wenn ech bet<br />
finf Joahr gewußt hädde, datt ech e Geschwisterche kridde.<br />
Zumool ech schue poarmol Zugger off de Fisderbank<br />
geschtreit hadde, weil ech e Breererche wull. Awwer mir<br />
hat niemes watt gesaat, un ech hadde och net gemärkt, datt<br />
sich de Figur voa dr Mama verennert hadde.<br />
Also woar ech schwär verwunnert, wie en Unnern im<br />
Juni Schoobrechersch Dande Martha bet ner grueß Däsch<br />
ie us Haus koom (de Dande Martha woar de Borbijer Heawamm<br />
– awer datt wußde ech och net).<br />
Die gob mir allerhand Schächdelcher un Deesjer un<br />
saade gä mich: „Nu gang dau mol naus un schbill, Sigrid.“<br />
Ech ging glecklich bet meinem neie Schbillzeich off de<br />
Schtrooße. Ie dr Flosse schdunn voam lätzde Rää noch Wasser,<br />
un ech ließ mei Schächdelcher un Deesjer als Scheffjer<br />
schwemme. Verdeeft ie mei Schbill woar ech ganz verdattert<br />
wie Annelses Ilse mich froochde: „Na, Sigrid, woar dr<br />
Klabberschdorch schue bei au? Watt harre da broacht?“<br />
Korzdroff wuer ech riegeroofe un de Dande Martha saade:<br />
„Etz därfsde dei klaa Schwesderche lugge.“ Medde om<br />
Kichedesch looch off nem Kobbkesse us Irmtraud, Woar<br />
retzerued un schrumbelich un bröllde wie oam Schbieß. Un<br />
all schdunne se dremrem un bewunnerden datt neie Kend<br />
– wie schie et wär, watt fier lange, dungele Hoar et hädde,<br />
un watt fier en schdark Lung, darret sue laut un oahalend<br />
brölln kunn. Ech awer doachde<br />
nur:“ Loat dä schroe Zwärch sall<br />
mei Schwesder sei? Nä, datt well<br />
ech net!“<br />
Schbärer verzuul de Mama,<br />
datt us Irmtraud eijentlich Astrid<br />
heiße sull – Astrid un Sigrid hädde<br />
doch sue schie gebaßt. Awer<br />
datt hadde us Oma net hoa wunn.<br />
Die hadde nämlich Angst, die annern<br />
Kenner aijerden et un riefe<br />
et ABTRITT.<br />
Net ganz sue verschaamt woar<br />
mr he om Land, wenn et em datt<br />
Veeh ging. Mir hadden drei Keeh.<br />
Da hieß et manchmol: „Datt Billa,<br />
orer dr Fuchs orer die Aal es easich – die muß noom Bölles.“<br />
(Dä woar im Schdall voam Gemeindehaus, watt heit<br />
Vogtei heißt.) Meisdens ging dr Obba bet dr Kooh oam<br />
Schtreck dohie. Watt do passierde, wußde mr als Kend net<br />
– nur, datt et scheinbar offrejend woar, un däesweje woar<br />
ech schwär neischierich.<br />
Eimol koom dr Babba bet dr Kooh voam Bölles un wuer<br />
gefroocht, ob alles geklappt hädde. „Nä „ saade hä.“Dä faul<br />
Hund voa nem Bölles wull net sue richdich. Mir musse nochemol<br />
derhie.“ „Ei“, doachde ech, „Datt es die Gelejenheit,<br />
datt ech mol sieh, watt dr Bölles bet dr Kooh mächt.“ Also<br />
froochde ech „Därf ech da us Billa nohm Bölles brenge?“<br />
All luggden se mich perplex oa, bis de Oma saade: „Watt<br />
kimmt datt off Iefäll! Off goar kenn Fall därfsde att! Datt sill<br />
noch Moare wäern! Datt det ganze Doorf iwwer us schwätzt<br />
weil mir us Kenner die Sauerei lugge loose!“<br />
Wie ech zwelf Joahr alt woar, hadden mei Ellern woahl<br />
beschlosse, datt ech etz offgeklärt wärn sull, denn dr Babba<br />
saade en Owend gä mich: „Sigrid, heit därfsde mol lugge,<br />
wie us Fuchs e Kälfje kreed.“ Mei Freundin, det Kölbachs<br />
Ursel, hierde watt mei Vadder saade un bäerelde „Onkel<br />
Waldemar, bitte, bitte, darf ich auch zugucken?“ „Nix do“<br />
saade dr Babba. „Luck bei aue Keeh!“<br />
Ie Erinnerung voa där ganze Saache es mir bliwwe, datt<br />
us oarmer Fuchs schwär zo kruche hadde, bis endlich datt<br />
Kälfje off der Welt woar. Un datt us Oma gä mich saade:<br />
„So, etz hasdet gesieh. Sue es datt och beim Kennerkreeje –<br />
also näehm dich ie noachde!“<br />
Ja, ja, us Oma! Zwie Daach vier meiner Hochzeit wull se<br />
mir nochmol besunnersch goot! Se noohm mich off de Seide<br />
un saade hälich: „Sigrid, wenn de beschdoat best un ihr<br />
oowends iet Bädde goot, deesde alt mol, als wenn de schue<br />
oam schloofe wärscht – da lässt hä dich ie Rooh!“ •<br />
Foto: Pixabay<br />
Breererche – Brüderchen, Unnern – Nachmittag, Heawamm – Hebamme, Zwärch – Zwerg,<br />
easich – paarungsbereit, Bölles – Bulle, Moare – Mode, ie noachde – in acht, hälich - leise.<br />
He die Geschichte hån ech vå Dielmanns<br />
Arno, un dr Sahms Ludwich,<br />
dä Jong våm ehemalije Bürjermeister<br />
vå Borbich, dm Ewald Sahm, hat se bestädicht<br />
un audoresiert.<br />
Dat wår sue: Bis ie de foffzijer un sechzijer<br />
Jåhrn hattn de meiste Haiser n Stall im Haus<br />
bött zwue Keeh, zwue Säudierer un vielleicht<br />
noch anner klaaneres Veeh wie a Kälbche år<br />
Hiehner. Jeden Daach ging ött bött de Keeh da<br />
sue, dat die freeh ierscht amå gemolke wuurn.<br />
Dånåh, vielleicht em nai Auern, wenn da dr<br />
Härte vå dr Kärche blies, wuurn de Stallsdiern<br />
åffgemaacht. De losgebunnene Keeh wussdn da<br />
schue, watt se ze maache hatte: Auf ie de Weidekamp!<br />
Ierscht a må off de Stråsse un da off<br />
de Hauptstråsse. Un du ging dr Zuch – dr Härte<br />
bött seinem Hund vorne här – gemeetlich dorch<br />
et Doorf, bis hönne åm Backes åbgeboje wuur<br />
ie Richtung Weidekamp, suezesaa zr Keeharbet Fræsse, Saufe,<br />
Keehblätter un Melch prodeziern. Die Keeh hattn abber<br />
Vürfåhrt im Doorf. Nu gåb et n hühjere Beamte ie dr Kreisverwaltung,<br />
dä mussde em die Zait nåh seiner Arbet ie t Amt<br />
ie Sieje. Dat wår dæm sue dringend, dat hä jedesmål genervt<br />
wår, wenn hä off dæm Weech ie sai Bürro ie Borbich vå dæn<br />
Kee emmer offgehaale wuur. Wie et e ordentlicher Beamter<br />
sue mecht, setzte hä e höchst amtliches Schreiben å de Bürjermeister<br />
vå Borbich off. Bürjermeister ie Borbich wår ze<br />
dær Zait dr Ewald Sahm, dæn die Alliierte nåhm Kreech ie<br />
Borbich iegesatt hattn. Ie dæm Schreive beschwærte sich dr<br />
Beamte, dat hä off dæm Weech zo seiner schwär wichtijen<br />
Arbet rejelmässig ie Borbich offgehaale wuur, un et sue off<br />
kenn Fall ging. Wenn die Keeh die ganze Stråsse ienæhme<br />
däten, da künn dr Gejenverkehr net fåhrn un hä künn schue<br />
går net übberhåln un wüür offm Weech ze seiner Arbet jedesmål<br />
offgehaale. Die Keeh hättn nur off dr reechde Saite ze<br />
laufe. Dr Bürjermeister süll off jeden Fall für Abhilfe sorje. Dr<br />
Ewald Sahm wussde, watt hä als klaaner Doorfbürjermeister<br />
De Keeh off m Weech våm Weidekamp nå haam.<br />
sue m huhje Bonze schuldich wår. Nu muss mer wösse, dat<br />
dr Ewald et faustdick hönner de Uuhrn hatte. Hä setzte also<br />
sölber en höchst bürjermeisterlichen Schriftsatz folgenden<br />
Inhalts an den Oberamtsrat (or wat dä Herr nu gråd wår) off:<br />
Sehr geehrter Herr Oberamtsrat,<br />
ich gebe Ihnen völlig Recht. Dieser Zustand ist unhaltbar,<br />
und es ist für Abhilfe zu sorgen. Zu diesem Behufe habe ich<br />
für jeden Montag um elf Uhr die Kühe auf dem Weidekamp<br />
Nr. 6 einbestellt. Sie werden dort in Formation bereitstehen,<br />
um von Ihnen Verkehrsunterricht zum rechten Verhalten im<br />
Straßenverkehr zu erhalten, insbesondere zum Laufen nur<br />
auf der rechten Straßenseite.<br />
Hochachtungsvoll<br />
Ewald Sahm, Bürgermeister“<br />
Ob dä „Sehr geehrte Herr Oberamtsrat“ dat Ågebot<br />
ågenumme hat, öss mir net bekannt.<br />
•<br />
Foto: Archiv Mudersbach<br />
44 durchblick 2/2023
Gesellschaft<br />
Gesellschaft<br />
Die Schleier der Verborgenheit<br />
Rex Gildo 1961 mit Fans.<br />
Straubing ist ein schmuckes 50.000-Seelen-Städtchen<br />
südöstlich von Regensburg. In dem mittelalterlich<br />
anmutenden Ort wurde dem Ehepaar Hirtreiter am<br />
2. Juli 1936 ihr viertes Kind geboren. Es war ein Knabe<br />
und er erhielt die Vornamen Ludwig und Franz, wobei der<br />
erstere sein Rufname wurde. Der Vater verdiente in jenen<br />
Tagen sein Geld als Postschaffner, die Mutter war Hausfrau.<br />
Als der nach dem Krieg zurückgekehrte Vater wegen<br />
einer anderen Frau die Familie verließ, erkrankte die Mutter<br />
an multipler Sklerose und starb. Der inzwischen 13-jährige<br />
Ludwig zog daraufhin zum Vater und dessen neuer<br />
Frau nach München. Niemals fand sich später ein Grund<br />
für ihn, über jene Zeit zu sprechen. Er war der Junge ohne<br />
Vergangenheit und es war dies das erste von Ludwigs vielen<br />
wohlgehüteten Geheimnissen.<br />
Wenn er freilich aus seiner Jugendzeit etwas preis gab,<br />
dann entsprach dies häufig nicht der Wahrheit. Nach eigenen<br />
Angaben besuchte Ludwig das Internat der Regensburger<br />
Domspatzen, wo er zum Sänger ausgebildet<br />
worden sei – hier hielt er sich aber nur zwei Wochen auf.<br />
Schauspielunterricht habe er an der renommierten „Otto-<br />
Falckenberg-Schule bekommen – auch das war frei erfunden.<br />
Seine Mutter sei Opernsängerin gewesen und sein<br />
Geburtsjahr sei 1939 – beides ebenfalls falsch. Und wenn<br />
er auf seinen braunen Teint angesprochen wurde, dann behauptete<br />
er, seine Urgroßmutter sei Italienerin gewesen.<br />
Viele Jahre lang war sein Auftischen von Lügen durchaus<br />
erfolgreich. Wenn die geschönte Biografie in irgendeiner Gazette<br />
veröffentlicht worden war,<br />
dann wurde sie auch schon von<br />
der nächsten und allen weiteren<br />
übernommen.<br />
Der Realität entsprach indes,<br />
dass sein Vater ihn gegen<br />
seinen Willen in eine kaufmännische<br />
Lehre steckte. Während<br />
der Ausbildung bahnte sich die<br />
entscheidende Wende in Ludwigs<br />
Lebensweg an. Ein Mann<br />
namens Fred Miekley suchte<br />
seine Bekanntschaft. Dieser<br />
hatte rasch erkannt, dass etwas<br />
Besonderes in dem hübschen<br />
Halbwüchsigen, der sich so<br />
geschmeidig bewegen konnte,<br />
steckte. Mickley war im Krieg<br />
Jagdflieger gewesen und durch<br />
und durch ein Mann von Welt.<br />
Er besaß eine kleine Filmfirma,<br />
in der Ludwig die ersten Proben<br />
vor der Kamera ablegte.<br />
Der Entdecker, der ihm alles Glück der Welt versprach,<br />
wurde nicht nur sein Förderer, Berater und Manager, sondern<br />
übernahm auch seine Schulung. Disziplin und Fleiß<br />
standen an oberster Stelle, gute Umgangsformen kamen<br />
gleich dahinter. Und Ludwig war ein strebsamer Schüler,<br />
schließlich wollte er ein Star werden. Das Leben in den<br />
sehr konservativen Städten Straubing und München hatte<br />
ihn geprägt und Zweifel an Miekleys Lebenshilfe, zu der<br />
auch Ludwigs Ausbildung zum Tänzer gehörte, kamen gar<br />
nicht erst auf. Es passte ins Verschleierungs-Schema, dass<br />
der Schüler seinen Mentor bei jeder Gelegenheit als seinen<br />
Onkel vorstellte.<br />
Dass dieser „Onkel“ sich zu Beginn der Karriere darum<br />
bemühte, einen einprägsamen Künstlernamen für seinen<br />
„Neffen“ zu erfinden, entsprach dem Geist der damaligen<br />
Zeit. Anders als in späteren Jahren (Beispiel: Marius Müller-Westernhagen)<br />
war eine Karriere im Show-Geschäft<br />
mit dem Namen Ludwig Franz Hirtreiter undenkbar. Als<br />
er 1957 seine erste Filmrolle in „Immer wenn der Tag beginnt“<br />
erhielt, lautete sein Name im Vertrag „Alexander<br />
Gildo“. Auch bei seiner ersten Hauptrolle im Film „Hula-<br />
Hopp, Conny“ wird er noch als Alexander geführt, doch<br />
dies sollte letztlich ein Intermezzo bleiben. Onkel und Neffe<br />
einigten sich danach auf „Rex Gildo“ – und so wollen<br />
auch wir ihn ab hier nennen.<br />
In jenen Jahren sorgten deutsche Heimatfilme für eine<br />
stabile Einnahmequelle in den Kinos. Vor allem die anspruchslosen<br />
Schlagerfilme waren bei den Jüngeren po-<br />
pulär. Die Musik war jugendlich, die Welt war heil, die<br />
Darsteller umschwärmt. Conny Froboess und Peter Kraus<br />
waren am erfolgreichsten. Weil Conny – ebenso wie Gildo<br />
– aber bei Electrola, Kraus jedoch bei Polydor unter<br />
Vertrag stand, gab es kaum gemeinsame Froboess-Kraus-<br />
Tonträger. Das war die Chance für Rex Gildo, der sogar<br />
eine Zeit lang bei Familie Froboess in Berlin wohnte und<br />
mit Conny neue Lieder einübte.<br />
Ihr Duett „Yes, my Darling“ hielt sich 1960 sogar zwölf<br />
Wochen lang in der Hitparade. Die Sängerin sagt heute über<br />
die damalige Zeit: „Wir lebten zusammen wie Bruder und<br />
Schwester.“ Und Gildos Fähigkeiten schätzte sie so ein: „Er<br />
konnte live singen, konnte sich gut bewegen und er übte<br />
eine eindrucksvolle Ausstrahlung aus. Dies alles geschah<br />
vor und hinter der Bühne mit einer absoluten Disziplin.“<br />
Damals gab es kaum einen amerikanischen Hit, der<br />
nicht kurz darauf mit einem deutschen Text bei uns im Radio<br />
erklang. So war es auch bei Gildos ersten Erfolgen als<br />
Schlagersänger. Die Musik seines Titels „Sieben Wochen<br />
nach Bombay“ entsprach dem Lloyd-Price-Song „I`m<br />
gonna get married“ und sein „Denk an mich in der Ferne“<br />
war die deutsche Version des Paul-Anka-Lieds „Put your<br />
head on my shoulder“.<br />
Conny Froboess 1962<br />
Als ich begann, mich mit der Hauptperson dieses Aufsatzes<br />
zu beschäftigen, kamen mir auf Anhieb drei persönliche<br />
Erlebnisse aus den Anfangsjahren seines Aufstiegs in<br />
den Sinn. Da war zunächst das im Jahr 1960 erschienene<br />
Rex-Gildo-Lied „Das Ende der Liebe“. Dabei handelte es<br />
sich um die deutsche Version des Ray-Peterson-Hits „Tell<br />
Laura i love her“. In der Schule hatten wir rasch gemerkt,<br />
dass der deutsche Text so rein gar nichts mit dem Original<br />
gemein hatte, aber die Melodie war eingängig und der Text<br />
war ja bei den Schlagern eh nicht so wichtig.<br />
Damals gab es beim Sender „Radio Luxemburg“ allsonntäglich<br />
eine Hitparade, präsentiert vom Programmleiter Camillo<br />
Felgen höchstpersönlich. Die Zuhörer durften nicht<br />
nur eines der vorgestellten Lieder per Postkarte unterstützen,<br />
sondern konnten auch die Top-Fünf-Lieder in der vermuteten<br />
Reihenfolge tippen. Als Camillo das Gildo-Lied erstmals<br />
vorstellte, ersetzte ich beim Tippen lediglich das bisherige<br />
Rang-Drei-Lied durch „Das Ende der Liebe“ und hatte dank<br />
dieser einfache Maßnahme tatsächlich ins Schwarze getroffen.<br />
Alle Fünf und auch die „Zusatzzahl“ – das war der Titel<br />
ganz am Ende der Rangliste – waren richtig getippt. Rasch<br />
holte ich die Mutti herbei und diese war Zeuge, wie Camillo<br />
meinen Namen samt Wohnort als einen der vier Gewinner<br />
einer Handvoll Schallplatten nannte. Wie ich anderntags auf<br />
dem Schulhof mit großem Stolz vermerkte, hatte mein Erfolg<br />
aber noch jede Menge weiterer Ohrenzeugen gehabt.<br />
Als ich drei Jahre später den Führerschein machen durfte<br />
und dank eines 150-DM-Schnäppchens auch rasch zu<br />
einem Auto kam, war der Weg zu Ausflügen in die große,<br />
weite Welt geebnet. Der von einem Arbeitskollegen aus<br />
Gosenbach erhandelte Autoknirps nannte sich Goggomobil,<br />
die Farbe war ungefähr rehbraun (die Freunde sagten<br />
„kackbraun“) und wenn man das Gaspedal ganz nach unten<br />
trat, waren 80 km/h drin. Ich nannte das Auto „Old Mary“<br />
und klebte ein Schild mit diesem Namen aufs Blech.<br />
Im Herbst 1963 gastierte in der zwei Jahre zuvor eröffneten<br />
Siegerlandhalle die damalige Popgröße Joey Dee<br />
(u.a. „Peppermint Twist“ und „Ya Ya“), zu dessen Begleitband<br />
„The Starliters“ kurzfristig sogar Jimi Hendrix gehörte.<br />
Eine US-Formation in Siegen – da musste ich hin, ich<br />
hatte für die 30-km-Anfahrt ja jetzt ein Auto. Die eher kleine<br />
Gruppe, zu der auch einige Go-go-Tänzerinnen zählten,<br />
entfachte einen solchen Wirbel, dass die ausverkaufte Halle<br />
Kopf stand. Im Begleitprogramm traten unter anderem<br />
Rex Gildo und Gitte Hӕnning mit mehreren Liedern auf.<br />
Das Duo hatte just zu diesem Zeitpunkt den deutschen Nr.-<br />
1-Hit mit dem Titel „Vom Stadtpark die Laternen“ gelandet.<br />
Ich erinnere mich noch gut daran, wie sich die beiden<br />
– zum Teil eng umschlungen – beinahe unentwegt verliebt<br />
Rex Gildo 1964<br />
46 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 47
Gesellschaft<br />
Gesellschaft<br />
Walk of Fame in Rotterdam<br />
anblickten und ich hegte keinerlei Zweifel daran, dass sie<br />
es auch waren. Welch ein Irrtum!<br />
Die dritte Erinnerung beruht auf einer Erzählung und ist<br />
eher banal. Ein Stubenkamerad bei der Bundeswehr verdiente<br />
seine Brötchen als Tontechniker bei der Kölner Schallplattenfirma<br />
Electrola. Hier standen viele deutsche Schlagerstars<br />
unter Vertrag, darunter war – wie schon erwähnt – auch Rex<br />
Gildo. Eines Abends, so die Erzählung meines Kameraden,<br />
habe man nach der Arbeit im Tonstudio mit diesem Künstler<br />
noch einen feuchtfröhlichen Umzug durch die Kölner Kneipenlandschaft<br />
gemacht. Bei der abschließenden Fahrt zum<br />
Hotel habe Gildo sich auf dem Beifahrersitz heftig übergeben<br />
müssen und dabei den Innenraum des Autos dermaßen versaut,<br />
dass man trotz einer Generalreinigung noch eine Weile<br />
unter den Folgen zu leiden hatte.<br />
Seinen ersten Nr.-1-Hit verbuchte Gildo 1962 mit der<br />
deutschsprachigen Version des Pat-Boone-Erfolgs „Speedy<br />
Gonzales“. Dank der nun verstärkt einsetzenden Popularität<br />
blieb es natürlich nicht aus, dass sich die Medien<br />
– allen voran die Jugendzeitschrift „Bravo“ – des Künstlers<br />
Gitte Haenning 2010<br />
annahmen. Die Schlagzeilen auf der Titelseite lauteten unter<br />
anderem: „Rex Gildo im Bravo-Liebestest“ oder „Rex<br />
Gildo – meine Welt dreht sich um Mädchen“. Es erschien<br />
auch ein Rex-Gildo-Starschnitt und bei der Verleihung<br />
des Preises „Bravo-Otto“ landete der Schlagerstar zu Beginn<br />
der sechziger Jahre in der Kategorie „Super-Sänger“<br />
gleich viermal auf dem Bronzerang.<br />
Vor allem die Plattenfirma hätte es gerne gesehen, wenn<br />
Rex Gildo und Gitte Hӕnning ein richtiges Paar würden.<br />
Sie passten ja auch wirklich sehr gut zusammen – obwohl<br />
die Dänin zehn Jahre jünger war als er. Heute sagt diese<br />
über die damaligen Bestrebungen: „Wir spielten ein Paar;<br />
was wir sangen, waren Liebeslieder und offensichtlich<br />
müssen wir sehr überzeugend gewesen sein. Wir mochten<br />
uns! Aber wenn man ihn anschaute war klar, dass er Männer<br />
liebte; er war sehr auf sein Äußeres konzentriert. Miekley<br />
hatte die Macht über Rex. Ich habe dann die Reißleine<br />
gezogen und die Zusammenarbeit beendet.“<br />
Die Sängerin kann inzwischen frei darüber sprechen,<br />
dass Fred Miekley und sein Schützling in jenen Tagen eine<br />
Lebensgemeinschaft bildeten, die über Jahrzehnte Bestand<br />
behielt. Nur wenige Vertraute wussten, dass Onkel und<br />
Neffe ein Liebespaar waren und diese hielten aus guten<br />
Gründen dicht. Der noch aus dem Kaiserreich stammende<br />
Paragraph 175 erklärte sexuelle Kontakte zwischen Männern<br />
zu einer unter Strafe stehenden kriminellen Handlung.<br />
Die Älteren unter uns wissen noch, dass man früher Homosexuelle<br />
als „175er“ bezeichnete. Und wer am 17. Mai<br />
Geburtstag hatte, der musste mitunter den – in der Regel<br />
gutmütig gemeinten – Spott seiner Bekannten ertragen.<br />
Das Paar und auch das enge Umfeld lebten permanent in<br />
der Furcht, dass die Presse die hier und da aufkommenden<br />
Gerüchte über Gildos Privatleben aufgreifen könne. Das<br />
beste Mittel, diese als Lügenmärchen zu enttarnen, konnte<br />
– wie auch schon mit Gitte angedacht – vorzugsweise eine<br />
Hochzeit sein. Und tatsächlich ließ sich Gildos Cousine Marion<br />
Olsen hierzu überreden und wurde 1974 zu Marion Hirtreiter.<br />
Der Einfachheit halber zog sie in das Haus, in dem<br />
ihr neuer Partner und dessen alter Partner bereits lebten.<br />
Zu diesem Zeitpunkt war der Paragraph 175 in der Bundesrepublik<br />
schon liberalisiert worden. Die Homosexuellen<br />
begannen sich langsam zu emanzipieren. Sich zu seiner<br />
sexuellen Neigung zu bekennen, stand für Rex Gildo<br />
dennoch nie zur Debatte. Es hätte vermutlich die Karriere<br />
zerstört, die dank seines größten Hits „Fiesta Mexicana“<br />
gerade einen Höhepunkt erlebte. Da schien eine Heirat<br />
doch viel unverfänglicher und eher angebracht.<br />
Die Frauenzeitschriften stürzten sich natürlich auf die<br />
späte Verbindung des inzwischen 38-Jährigen, dem die<br />
Frauen schon so lange reihenweise zu Füßen gelegen hatten.<br />
Nun hatte er endlich eine liebevolle Ehefrau gefunden. Titelbilder<br />
mit dem ach so glücklich sich gebärdenden Paar und<br />
Geschichten aus deren Alltag und Urlaub fanden bei „Brigitte“,<br />
„Bild der Frau“, „Gala“ und vielen anderen Blättern<br />
zumindest eine Zeit lang entsprechende Aufmerksamkeit.<br />
Das fortschreitende Alter war Rex Gildo im Übrigen<br />
kaum anzusehen; als schon im dritten Lebensjahrzehnt die<br />
ersten Anzeichen von Geheimratsecken sichtbar wurden,<br />
verhalf ihm eine nach höchsten Ansprüchen gefertigte Perücke<br />
langjährig zu einem in etwa gleich bleibenden Erscheinungsbild.<br />
Dass auch von seinen künstlichen Haaren neben<br />
dem zum Dichthalten verdonnerten Frisör nur das allerengste<br />
Umfeld etwas wusste, gehörte bei Rex Gildo ganz einfach<br />
zu den festen Regeln.<br />
Der Bruch in seinem Leben erfolgte, als 1988 sein Partner<br />
Fred Miekley starb. Das war ein schwerwiegendes Ereignis.<br />
Mehr und mehr zeigte sich in der Folge, dass ihm nun<br />
der gewohnte Halt fehlte. Zwei Jahre nach Miekleys Tod<br />
trennte sich auch noch Gattin Marion von ihm. Hildegard<br />
Knef gab mit ihrem Liedtext „Von nun an ging`s bergab“ die<br />
Richtung vor. Gildo hatte in über 30 Kinofilmen mitgewirkt,<br />
die Auflage seiner verkauften Schallplatten betrug rund 40<br />
Millionen. Er hätte sich getrost aufs Altenteil zurückziehen<br />
können – doch er verpasste den Absprung.<br />
Größere Hallen konnte er schon lange nicht mehr füllen<br />
und so hörte man ihn mit seinem von den weiblichen Fans immer<br />
wieder verlangten „Hossa, Hossa“ auf Betriebsfeiern, in<br />
Bierzelten oder bei Eröffnungen von Möbelmärkten. Mit viel<br />
Make-up, seiner wundervollen Perücke und seinem strahlenden<br />
Lächeln blieb er nach wie vor ein Frauenschwarm – zumindest<br />
für diejenigen, die mit ihm gealtert waren.<br />
Zum Bedauern seiner Fans machten sich schließlich<br />
in seinen letzten Jahren immer häufiger Alkoholprobleme<br />
bemerkbar, die gemeinsam mit einer Tablettensucht<br />
auf der Bühne für Torkeln und textliche Aussetzer sorgten.<br />
Und das Publikum beklagte sich. Am 23. Oktober 1999<br />
gab es wieder einmal einen derart missglückten Auftritt.<br />
Sein Fahrer alarmierte den Krankenwagen, weil er nach<br />
der Rückkehr in seine Münchener Wohnung einem Zusammenbruch<br />
nahe war. Als die Rettungskräfte eintrafen,<br />
stürzte er aus einem Fenster im zweiten Stock.<br />
Wollte er an einer Regenrinne nach unten rutschen (wie<br />
manche Wohlmeinende behaupten), war es ein tragischer<br />
Unglücksfall oder wollte er seinem Leben ein Ende setzen?<br />
Die Antwort ließ sich nie klären, denn drei Tage später war<br />
alle ärztlich Kunst am Ende, der Kampf um sein Leben war<br />
vorbei, Rex Gildo war tot. Und es passt zu seinen gesamten<br />
Erdentageng, dass sich selbst über seine letzten Stunden die<br />
„Schleier der Verborgenheit“ ausgebreitet haben.<br />
Unter seinem bürgerlichen Namen Ludwig Franz Hirtreiter<br />
liegt Rex Gildo in München begraben. An seiner<br />
Seite ruhen sein Lebensgefährte Fred Miekley und seine<br />
Ehefrau Marion.<br />
Ulli Weber<br />
Grabstätte von Rex Gildo auf dem Ostfriedhof München.<br />
(alle Bilder Wikimedia Commons)<br />
48 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 49
Superstar ohne Allüren –<br />
Die Sportwelt trauert um ihre „Gold-Rosi“<br />
Rosi Mittermaier 2014<br />
Mit ihren 25 Jahren war die am 5. August 1950 in<br />
München geborene Rosa Anna Katharina „Rosi“<br />
Mittermaier von der oberhalb von Reit im Winkl<br />
gelegenen Winklmoos-Alm schon eine Seniorin im alpinen<br />
Skizirkus, als sie als Führende im Gesamtweltcup zu<br />
den XII. Olympischen Winterspielen in Innsbruck reiste.<br />
Rosi Mittermaier hatte noch schlechte Erinnerungen an<br />
die „Axamer Lizum“, das größte Skigebiet vor den Toren<br />
Innsbrucks, wo alle alpinen olympischen Skiwettbewerbe der<br />
Damen stattfanden. Im Februar 1975 war sie dort bei einem<br />
Training des Deutschen Skiverbands auf der hierfür fahrlässigerweise<br />
nicht extra abgesperrten Strecke mit einem englischen<br />
Hobbyläufer kollidiert. Der Bruch des linken Ellenbogens<br />
zwang sie danach zu einer mehrwöchigen Pause.<br />
Der Abfahrtslauf war bis dahin ihre schwächste Disziplin.<br />
Vor dem 8. Februar 1976 hatte sie noch nie eine Weltcup-Abfahrt<br />
gewonnen. An diesem Sonntag waren 30.000<br />
Erinnerung<br />
Foto: cc-Lizenz; blu-news.<br />
org, Wikimedia Commons<br />
Erinnerung<br />
erwartungsfrohe Zuschauer in die „Axamer Lizum“<br />
gekommen. Mit der Bestzeit von 1:46:68 min war<br />
die Österreicherin Brigitte Totschnig als Favoritin<br />
durchs Ziel gesaust, bis Rosi Mittermaier diese Zeit<br />
mit 1:46:16 min pulverisierte und damit Gold gewann.<br />
Trotz der eigenen Enttäuschung sagte eine Konkurrentin<br />
später: „Der Rosi mag ich diese Goldmedaille<br />
von Herzen gönnen. Sie hat sich diesen Lohn redlich<br />
verdient.“ Sogar die vielen österreichischen Fans, die<br />
drei Tage nach Franz Klammers Sieg auf Abfahrts-<br />
Doppelgold gehofft hatten, bejubelten die sympathische,<br />
ganze zwei Kilometer jenseits der Landesgrenze<br />
aufgewachsene Siegerin. Und so erklang es im Chor:<br />
„Rosi, Rosi, noch einmal, es war so wunderschön.“<br />
Was folgte, war eine Mittermaiermania mit einem<br />
Exodus aus ihrem Heimatort Reit im Winkl. „Außer<br />
den Alten und Kranken sind alle hier“, sagte ihre<br />
ebenfalls als Skirennläuferin erfolgreiche jüngere<br />
Schwester Evi, als drei Tage später vor 40.000 Zuschauern<br />
der Slalom stattfand. Nach der zweitbesten<br />
Zeit im ersten Durchgang holte Rosi mit einem wahren<br />
„Traumlauf“ im entscheidenden zweiten Durchgang<br />
ihr zweites Olympia-Gold mit 0,33 Sekunden<br />
Vorsprung auf die Italienerin Claudia Giordani und<br />
musste anschließend von der Polizei vor ihren begeisterten<br />
Fans abgeschirmt werden. Der zum Abiturjahrgang<br />
1976 gehörende Autor erinnert sich noch<br />
gerne daran, dass er während der beiden unter der<br />
Woche stattfindenden Rennen nicht die Schulbank<br />
drücken musste, sondern zum „Public Viewing“ den<br />
Fernsehraum des Siegener Löhrtor-Gymnasiums<br />
aufsuchen und live mitfiebern durfte.<br />
Im Riesenslalom holte Rosi am 13. Februar zwar<br />
ihr drittes Edelmetall, verfehlte aber die von der Kanadierin<br />
Kathy Kreiner vorgelegte Zeit um 12 Hundertstel. Als sie von<br />
den Reportern gefragt wurde, ob sie sich nicht gräme, diesmal<br />
verloren zu haben, antwortete sie mit ihrem strahlenden<br />
Lachen: „Ich habe nicht verloren, sondern Silber gewonnen.“<br />
In ihrer zehnten Saison im Alpinen Skiweltcup entschied sie<br />
1976 die Weltcup-Gesamtwertung für sich und beendete noch<br />
in diesem Jahr auf dem sportlichen Höhepunkt ihre aktive<br />
Laufbahn. „Olympische Spiele und Weltcup gewonnen, im<br />
gleichen Jahr – mehr ist ja nicht möglich“, begründete sie<br />
diesen Entschluss knapp vier Jahrzehnte später. „Da war ein<br />
Hype und so viele Menschen. Da haben auch alle gesagt, da<br />
hast du keine Ruhe mehr zum Trainieren. Außerdem haben<br />
sich Türen geöffnet. Ich konnte Verträge schließen. Das war<br />
die Möglichkeit, eine Existenz zu gründen.“<br />
Rosi Mittermaier hatte die Gabe, trotz ihres Ruhms und<br />
ihrer großen Bekanntheit nie ihre Bodenständigkeit zu verlieren.<br />
Sie erhielt schon bald den Beinamen „Gold-Rosi“ sowie<br />
zahlreiche Ehrungen, darunter die Wahl zur Sportlerin<br />
des Jahres 1976 und die Aufnahme in die 2006 von der Stiftung<br />
Deutsche Sporthilfe gegründete virtuelle „Hall of Fame<br />
des deutschen Sports“. Außerdem wurde der 1982 eröffnete<br />
höchstgelegene Straßentunnel Europas in den Ötztaler Alpen<br />
in Tirol nach ihr „Rosi-Mittermaier-Tunnel“ benannt.<br />
Im schönsten Bergpanorama auf der urigen Winklmoos-<br />
Alm hatte Rosi Mittermaier schon früh ihre Liebe zum Alpinsport<br />
entdeckt. Die Eltern betrieben einen Gasthof, der<br />
Vater führte zudem eine Skischule. Bereits als kleines Kind<br />
stand sie auf den Brettern. Dem ganzen Trubel um ihre Person<br />
konnte die Ehefrau des Weltklasse-Skirennfahrers Christian<br />
Neureuther nie wirklich etwas abgewinnen. Mit ihrer<br />
Jugendliebe führte sie seit 1980 eine glückliche Ehe. Ihre<br />
Familie – mit Tochter Ameli und Sohn Felix, der ebenfalls<br />
mehrere alpine Ski-WM-Medaillen gewann, sowie ihren<br />
Enkelkindern – war das Wichtigste in ihrem Leben. Seiner<br />
ungebrochenen Popularität verdankte das ein unaufgeregtes<br />
und skandalfreies Leben führende Vorzeigepaar auch zahlreiche<br />
Auftritte im Fernseh-Unterhaltungsprogramm. So war<br />
es auch Mitglied im Team der Fernsehshow „Dalli Dalli“.<br />
Und stets jubelten vor dem Festspielhaus in Bayreuth mehrere<br />
Hundert Schaulustige den Eheleuten zu, wenn sie sich<br />
dort mit einem Hauch von Exklusivität einen Besuch der<br />
„Richard-Wagner-Festspiele“ gönnten. Ihren 65. Geburtstag<br />
feierte die „Gold-Rosi“ dagegen in einem Klettergarten.<br />
„Dann kommt niemand auf den Gedanken, sich allzu schön<br />
anzuziehen“, erklärte sie damals ihre Entscheidung.<br />
Für ihre natürliche, gutherzige und uneigennützige Art<br />
wurde die „Gold-Rosi“ geliebt – von Fans und Weggefährten.<br />
Übertriebener Ehrgeiz und Verbissenheit waren ihr fremd.<br />
Auf ihre beiden Goldmedaillen und die Silbermedaille, mit<br />
denen sie bei Olympia 1976 in Innsbruck ganz Wintersport-<br />
Deutschland verzaubert hatte, bildete sich die Skirennfahrerin<br />
nie etwas ein. „Ganz ehrlich, mir war es nicht wichtig,<br />
dass ich eine wahnsinnig gute Skirennfahrerin bin, und es<br />
war mir überhaupt nicht wichtig, dass ich gewinne“, sagte<br />
sie einmal. Sohn Felix Neureuther bezeichnete seine Mutter<br />
deswegen gar als ein „Phänomen in der Hinsicht. Ihr ist<br />
das Verlieren eigentlich wurscht.“ Die Bayerin liebte ihren<br />
Sport wie kaum eine andere, auf das Rampenlicht hätte Rosi<br />
Mittermaier aber gut und gern verzichten können. „Das reine<br />
Skifahren ist für mich immer noch das Schönste, was es<br />
gibt und wo mir immer das Herz aufgehen wird“, befand<br />
die Skilegende vor vielen Jahren einmal in ihrer gewohnt<br />
gutmütigen Art mit einem Lächeln auf den Lippen.<br />
Mit Sorge betrachtete sie die Entwicklungen in ihrem<br />
geliebten Sport. „Wenn sich nichts ändert, gibt es nur noch<br />
Olympische Spiele in Diktaturen. Die Vergabe der Winterspiele<br />
an Orte wie Sotschi oder Peking zum Beispiel,<br />
das ist schrecklich. Bei den Olympischen Spielen sollten<br />
Werte, Nachhaltigkeit und Fairplay im Mittelpunkt stehen<br />
und nicht das Geld und die Medaillen“, bezog sie 2016<br />
eindeutig Stellung.<br />
Foto: Rob C. Croes, Wikimedia Commons, Nederlands: Collectie / Archief: Fotocollectie Anefo<br />
Rosi Mittermaier bei der Eröffnung der Kunst-Skipiste<br />
„De Meerberg“ 1978 in Hoofdorp NL.<br />
Am 4. Januar 2023 ist Rosi Mittermaier-Neureuther in<br />
Garmisch-Partenkirchen im Alter von 72 Jahren an einer<br />
Krebserkrankung gestorben. Ihre positive Art wird wohl<br />
nicht nur im Skisport auch nach ihrem Tod unvergessen<br />
bleiben. Für viele wird sie immer die „Gold-Rosi“ bleiben.<br />
Wilfried Lerchstein<br />
50 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 51
Gesellschaft<br />
Grau bedeckte das aufgeschürfte Leder seiner Schuhe.<br />
Grau bestaubte auch den ausgedörrten Weg vor<br />
ihm. Mit jedem seiner schwerfälligen Schritte wirbelte<br />
er eine kleine Wolke auf, die sich erst langsam wieder<br />
legte. Die Sonne brannte gnadenlos auf das, was einmal gewesen<br />
war, obwohl die Uhr gerade mal 09.11 Uhr anzeigte.<br />
Sein Blick glitt über das Stoppelfeld. Wo früher einmal<br />
Bäume gestanden hatten, ragten nur noch Stümpfe aus dem<br />
Boden. Dazwischen größere Äste, unzählige Zweige. Hier<br />
und da noch eine schiefe Kiefer oder kümmerliche Grüppchen<br />
von Buchen. Und Borke. So viel, dass der ganze verdammte<br />
Wald nach Rindenmulch stank. Selbst der Weg war<br />
voll davon.<br />
Er blieb stehen. Mit der Kante seiner Schuhsohle wendete<br />
er ein Stück Borke, sodass die Innenseite nach oben<br />
zeigte. Auch hier das Labyrinth der gefräßigen Spuren des<br />
Mistviehs. In der Zeitung hatte er gelesen, dass der Borkenkäfer<br />
sich nur wegen des heißen und trockenen Sommers<br />
so hatte vermehren können. Schwachsinn! Früher waren die<br />
Sommer auch heiß und trocken gewesen! Deswegen hatten<br />
sie nicht gleich den halben Wald abholzen müssen!<br />
Während er an einzelnen Laubbäumen vorbeikam und<br />
die Sonne unbarmherzig auf seiner Stirn brannte, erinnerte er<br />
sich an die Spaziergänge mit Opa. Damals in den 60ern. Da<br />
war er noch ein kleiner Steppke gewesen. Zusammen waren<br />
sie bis nach Irmgardhausen gelaufen. Jedes Mal durch den<br />
Wald. Dabei war es manchmal so dunkel gewesen, als wäre<br />
es Abend. Da, wo die Nadelbäume zu strammen Soldaten<br />
zusammengestanden waren, wie Opa immer gesagt hatte.<br />
Da hatte die Sonne noch so stark scheinen können. Im Wald<br />
hatten sie nichts davon bemerkt. Schön war das damals gewesen.<br />
Als Kind hatte er sich vorgestellt, dass Zwerge in den<br />
Wurzeln der hölzernen Riesen leben würden. Das kannten<br />
die Kinder heutzutage gar nicht mehr. Saßen den ganzen<br />
Im Wald der<br />
Undurchdringlichkeiten<br />
Foto: Archiv Dörr<br />
Tag nur vor der Glotze. Ärsche breit wie 50-Liter-Fässer!<br />
„Morjen, Rüdiger! Na, wieder auf Schaffe?“ Kallmeier<br />
mit seiner Stinktöle.<br />
„Morjen, Herbert! Sonst machts ja keiner, wa!“ Wie er<br />
die Floskeln hasste, zu denen er sich bei jedem bekannten<br />
Gesicht gezwungen sah!<br />
„Alles um“, sprach Kallmeier, deutete aufs Stoppelfeld<br />
und schüttelte fassungslos den Kopf.<br />
Da hatte er mal ausnahmsweise recht.<br />
„Was willste machen, Herbert. Ändern können wa´s<br />
nicht“, brummte er zurück.<br />
„Haste schon die Scheißdinger in Mohnbach gesehen?“<br />
Mit den Scheißdingern meinte Kallmeier die Masten,<br />
die für die neuen Trassen gebaut wurden. Ökostrom sollten<br />
die angeblich transportieren. Wer´s glaubte!<br />
„Hör mir auf! Die Dinger sind ja mehr als doppelt so hoch<br />
wie die alten. Wer sich den Quatsch wieder ausgedacht hat!“<br />
Erst gestern war er durch Mohnbach gefahren und hatte<br />
von der Anhöhe aus auf die neuen Masten blicken können.<br />
Wie eiserne Ungetüme hatten sie das ganze Dorfbild verunstaltet.<br />
Furchtbar!<br />
„Hör mal, mach´s gut!“ Noch kopfschüttelnd verabschiedete<br />
sich Kallmeier und setzte sich wieder in Bewegung,<br />
um seine Töle weiter auszuführen. Dabei schiss der Köter<br />
stets an derselben Stelle. Das wusste das halbe Dorf, weil<br />
Herbert die vollen Hundescheißebeutel immer ins Gebüsch<br />
warf. Schöner Osterstrauch war das! Aber wehe, da gingst<br />
du zu nahe heran! Dann blieb dir die Luft weg!<br />
Ein kurzes Heben der Hand. Ein Pinkeln des Hundes<br />
gegen vertrocknete Grashalme, und die Begegnung war<br />
beendet. Mühsam quälte er sich den Anstieg hinauf. Nur<br />
noch um die Kurve, dann hatte er es geschafft. Am Mittag<br />
würde er den Bagger nicht im Wald stehen lassen, wie er<br />
es die Tage zuvor gemacht hatte. Er hatte doch keine Lust,<br />
sich von der Sonne die Birne verbrennen zu lassen! Ein<br />
leises Rascheln ließ ihn aufhorchen. Als er nach rechts blickte,<br />
entdeckte er auf dem Hang zwischen einer umgestürzten<br />
Fichte und einem dicken Stumpf ein Reh, welches auf ihn herabstarrte.<br />
Auch er war stehen geblieben. Erwiderte den Blick<br />
des Rehs, welches sich schließlich umwandte und über abgebrochene<br />
Äste sprang, bis es außer Sichtweite war. Die Dinger<br />
sah man auch immer seltener. Hatten kaum noch Möglichkeiten,<br />
sich zu verstecken. Früher hatten die Scheißviecher seine<br />
Rosen gefressen. Bis er einmal mit der Steinschleuder auf ein<br />
Kitz gezielt hatte. Da hatten sie sich erschreckt, dass er richtig<br />
sehen konnte, wie die die Panik bekommen hatten. Wenn die<br />
Viecher wieder aus ihrem Versteck kamen, wurde es Zeit, das<br />
alte Ding nochmal zu suchen.<br />
Schwer ging sein Atem. Doch länger stehen bleiben, um<br />
weiter zu verschnaufen, war auch Mist. Die Scheißsonne<br />
brannte ihm ja das Hirn heraus! Also weiter. Mit gesenktem<br />
Kopf stiefelte er über Geröll, Borke und Zweige. In der Kurve<br />
wurde es leichter, weil ein paar Laubbäume etwas Schatten<br />
spendeten. Dann hatte er sein Ziel erreicht. Kurz drückte<br />
er den Rücken durch. Beide Hände in die Seiten gestemmt.<br />
Na, da war er ja. Sein alter Kumpel hatte ihm schon<br />
einen gewaltigen Dienst erwiesen. Etwas beschwingter<br />
waren seine Schritte nun, als er auf den verwaschen-roten<br />
Bagger zuging und dabei mit der linken Hand nach dem<br />
Schlüssel in seiner Hosentasche tastete. Gerade jetzt, wo<br />
er in Rente war, wusste er seinen Kumpel mehr und mehr<br />
zu schätzen, da er sich mit ihm eine Kleinigkeit dazuverdienen<br />
konnte. Musste man ja heutzutage, wo alles teurer<br />
wurde und die feinen Herren von der Politik keine Ahnung<br />
vom kleinen Mann hatten. Da war er froh, dass die Waldarbeiter<br />
immer mal wieder auf ihn zukamen.<br />
Mit dem warmen Metallstück in seinen schweißnassen<br />
Fingern entriegelte er die Tür der Fahrerkabine. Den linken<br />
Fuß stemmte er auf die Trittstufe. Mit den Händen hielt er<br />
sich an Tür und Sitz fest. Einen Schwung, und schon saß er<br />
auf dem zerschlissenen Kunstleder.<br />
Vertraut fühlte er sich an, der alte Kamerad. Unter dem<br />
Sitz holte er eine halbvolle Flasche Wasser hervor. Er öffnete<br />
sie und nahm einen Schluck. Schmeckte zwar wie Pisse, aber<br />
besser als nichts! Dann steckte er den Schlüssel ins Zündschloss.<br />
Das beruhigende Dröhnen setzte ein. Er befestigte<br />
den Deckel auf dem Flaschenhals und ließ sie wieder unter<br />
dem Sitz verschwinden. Er zog die Tür zu und machte sich an<br />
die Arbeit. Ordentlich Erde bewegen. Die neue Trasse sollte<br />
auch hier direkt durch den Wald führen. An einigen Stellen<br />
mussten noch ein paar Laubbäume gefällt werden. Aber weiter<br />
unten konnte er schon mal loslegen, damit bald das Fundament<br />
gegossen werden konnte. Von dem zusätzlichen Geld<br />
würde er einen Zaun um sein Grundstück ziehen. Da bräuchte<br />
er die Steinschleuder gar nicht mehr. Sonja Dörr<br />
Aus ihrem Buch: Ein Sommer in zwei Teilen. ISBN: 978-3754975848<br />
52 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 53
Unterhaltung<br />
Unterhaltung<br />
Marianne und die Online-Bestellung<br />
Papier ist ja so geduldig<br />
Eigentlich wollte Marianne sich nur ein paar neue<br />
Stütz-Kniestrümpfe bestellen. Online! Es war<br />
höchste Zeit, denn bei ihren alten guckten fast überall<br />
die Zehen heraus. Leider hatte das letzte Strumpfgeschäft<br />
im Ort schon vor langer Zeit geschlossen. Aber Marianne<br />
fand relativ schnell einen Anbieter: „Spar-Strumpf<br />
2023.de“ oder so ähnlich. Und tatsächlich fand sie genau<br />
die Stütz-Kniestrümpfe, die sie wollte. Prima! Sie schob<br />
die Auserwählten in den Warenkorb, klickte freudig auf<br />
Kasse und dachte, dass sie fertig wäre. Doch dann ging<br />
es erst richtig los. „Möchten Sie einen Account einrichten<br />
oder als Gast bezahlen?“<br />
Marianne war völlig verunsichert und verlor schlagartig<br />
den Überblick, bei welchen Anbieter sie überhaupt<br />
schon Konten besitzt. Sie gab aufgeregt ihre persönlichen<br />
Daten ein und wählte leicht genervt irgendeine Bezahlmethode<br />
aus, von der sie noch nie etwas gehört hatte. Aber<br />
schließlich klappte es, wenn auch alles länger dauerte als<br />
das Aussuchen der Stütz-Kniestrümpfe. Mit dem nächsten<br />
Klick kam jedoch die Stunde der Offenbarung. „Bitte<br />
beweisen Sie, dass Sie kein Roboter sind!“ Sie verstand<br />
Bild: Carla Strehlau<br />
nicht, warum so etwas geprüft wurde. Jedoch fragte sie<br />
sich: „Was sollen Roboter mit Stütz-Kniestrümpfen anfangen?“<br />
Wie dem auch sei, im weiteren Verlauf sollte sie auf<br />
einem Bild, das in zwölf Kästchen aufgeteilt war, alle Felder<br />
anklicken, auf denen ein Baum zu sehen ist. Allerdings war<br />
die Auflösung so schlecht – oder ihre Brille so schwach –<br />
dass sie überhaupt keinen Baum entdeckte. Nicht einen einzigen!<br />
Und so drückte sie einfach auf „Weiter“. Und schon<br />
folgte das nächste Rätselbild: „Markieren Sie alle Felder, auf<br />
denen ein Fluss zu sehen ist!“ Marianne sah nur Wiesen und<br />
kam sich ein bisschen vor wie im Kindergarten. Nach weiteren<br />
„ich markiere Bilder mit Gegenständen“, erschien eine<br />
verzerrte Schrift in Hell-Rot auf dunkelgelbem Grund, die<br />
Marianne bitte abtippen sollte. Hätte sie ja gerne gemacht,<br />
doch Tatsache war, dass sie nicht viel entziffern konnte. Vorsichtig<br />
tippte sie „7eaR-0“, wobei sie sich unsicher war, ob<br />
das am Ende eine Null oder ein großes O sein sollte. Dieser<br />
Versuch war dann leider falsch. Sie bekam aber noch weitere<br />
Chancen, bis auch dieses endlich erfolgreich überstanden<br />
war. Nun ging es zur letzten großen Herausforderung: Marianne<br />
sollte ein Kästchen anklicken, hinter dem der Satz „Ich<br />
bin kein Roboter!“ stand. Inzwischen war ihr klar, dass es da<br />
nicht um das oberflächliche Treffen eines Vierecks ging. Sie<br />
war der Meinung, dass jetzt gemessen wurde, wie sich der<br />
Pfeil der Computermaus auf das Kästchen zubewegt, weil ja<br />
viele Menschen leicht zittern. War aber eigentlich egal, denn<br />
nachdem sie ihr Kreuz gemacht hatte, teilte ihr der Online-<br />
Shop mit: „Ihr Zeitlimit wurde überschritten. Bitte fangen<br />
Sie noch einmal von vorne an!“<br />
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, wo Marianne sich<br />
kurzerhand entschloss, mit dem Bus in die nächstgrößere<br />
Stadt zum „Strumpf-Paradies“ zu fahren. Obwohl es eine<br />
lange Busfahrt war, ging der Einkauf mit persönlicher Beratung<br />
dann letztendlich wesentlich schneller, als das komische<br />
Online-Prozedere. Abends berichtete sie theatralisch<br />
im Seniorenkreis von ihren Erfahrungen, die ja letztlich<br />
darauf hinausliefen, dass sie „Spar-Strumpf 2023.de (oder<br />
so ähnlich) nicht beweisen konnte, dass sie ein Mensch ist.<br />
Und dort diskutierte man noch lange lebhaft zu dem in den<br />
Raum geworfenen Satz: „Aber was macht eigentlich einen<br />
Menschen zum Menschen?“<br />
Ulla D’Amico<br />
Bei Bekannten gibt<br />
es immer noch eine<br />
XL-Magnet-Pinnwand,<br />
an der wichtige Zettel<br />
der letzten Wochen, Monate,<br />
Jahre, vielleicht auch noch<br />
länger, hängen. In einem<br />
Anflug von Ordnungswahn,<br />
hat die „Dame des Hauses“<br />
dann das komplette Sammelsurium<br />
auf dem Tisch<br />
ausgebreitet. Terminkärtchen<br />
von Ärzten, Einladungen,<br />
geheimnisvolle<br />
Telefonnummern (wer war<br />
nochmal Bernhard?), Kassenbons,<br />
Rezeptempfehlungen<br />
und nätürlich Gutscheine<br />
jeglicher Art. Ein<br />
abgewetzter Edeka-Coupon<br />
für 50 Cent Rabatt an der Käsetheke, einer für ein selbstgekochtes<br />
Traum-Dinner von ihrem Ehemann, ein Muttertag-Gutschein<br />
von den Kindern für eine „Nakenmasasche“<br />
und ein Kosmetik-Gutschein von 2019. „Von wem der<br />
wohl war?“ fragte sie sich und entschied spontan, dass sie<br />
dringend ein Gesichtspeeling brauchte. Doch als sie die<br />
angegebene Telefonnummer wählte, kam eine fragende<br />
Stimme: „Kosmetik? Nein, wir haben nur Pizza!“<br />
Eigentlich war sie schon immer der Meinung, dass Gutscheine<br />
eine tolle Sache sind: „Bloß nichts falsch machen“,<br />
denkt sich der Schenkende. Und der Beschenkte denkt:<br />
„Zum Glück kein Stehrümchen!“ Und die Geschäfte hoffen<br />
auf: „Wird hoffentlich nicht eingelöst!“ Ja, Papier ist eben<br />
so geduldig. Es sei denn, der Schenkende kann das Event<br />
selbst kaum erwarten, weil er zum Beispiel zwei Karten<br />
für ein Fußballspiel seines Lieblingsvereins, kombiniert<br />
mit einem Essen an der Currywurstbude, sich hat einfallen<br />
lassen. „Toll Schatz!“<br />
Nun wurde ihr auch bewusst, dass selbst Einkaufsgutscheine<br />
ein ungewisses Schicksal erwartet. Diese kleinformatigen<br />
Dinger verschwinden doch meistens zwischen<br />
Kundenkarten, Stempelheftchen und Quittungen im Portemonnaie<br />
gerne auf Nimmerwiedersehen. Es gab auch mal<br />
einen Drogerie-Gutschein, an den sie nie dachte, wenn es<br />
darauf ankam. Doch knapp vor Ablauf, kaufte sie sich davon<br />
eine völlig überteuerte Geschenkpackung mit Fußpflegeartikel<br />
inklusive Peelingsocken. Apropos Peeling: Nach<br />
der Pleite mit dem Kosmetik-Gutschein knöpfte sie sich<br />
abends ihren Mann vor. „Schau mal Schatz“, triumphierend<br />
wedelte sie mit dem Traum-Dinner-Versprechen. „Wann<br />
kochst du denn endlich mal für mich?“ Daraufhin grinste<br />
er und zog ein Kästchen, mit Schleifen und Herzchen<br />
Collage: Carla Strehlau<br />
beklebt, aus einer Schublade. „Meine Liebste, bestimmt<br />
ganz bald nach unserem gemeinsamen Zeltwochenende<br />
am Edersee!“ So ein Mist, diesen uralten selbstgebastelten<br />
Valentinstag-Not-Gutschein hatte sie doch glatt vergessen!<br />
Inzwischen ist sie nun wirklich gespannt, ob es noch was<br />
wird mit diesen kulinarisch-abenteuerlichen Vorhaben, bei<br />
all den schon anliegenden Terminen. Aber als Gedankenstütze<br />
hängen die Gutscheine jetzt gut sichtbar an der XL-<br />
Magnet-Pinnwand. Ich glaube, sicher noch so lange, bis<br />
sie unter der nächsten Schicht hochwichtiger Zettel wieder<br />
verschwinden werden! Aber wie schon gesagt, Papier ist ja<br />
so geduldig! <br />
Ulla D’Amico<br />
54 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 55
Bauchfrei im Winter? Hosen,<br />
die auf halbem Hintern hängen?<br />
Glücklicherweise kein<br />
Look mehr, mit dem ich mich auseinandersetzen<br />
muss.<br />
Ich bin ein Kind der 70er Jahre!<br />
Zu meiner Einschulung trug ich<br />
nur Lieblingsklamotten: Ein weißes<br />
Kleid mit Rüschen und Blumendruck,<br />
dazu Riemchen-Sandalen, die mir<br />
Großvater gekauft hat. Meine Mutter<br />
hätte das nie getan: Das Kleid war<br />
viel zu schmutzanfällig. Den Sandalen<br />
konnte man schon ansehen, dass<br />
sie beständiges Gummitwist-Hüpfen,<br />
Stufe „unter“ oder „ober“, kaum lange<br />
aushalten würden. Immer wieder<br />
riss ein Riemchen, und der Schuster<br />
gab sich Mühe, den Schaden anschließend<br />
zu verkleben oder mit einem<br />
Flicken drunter zu vernähen.<br />
Mein zweites Paar Lieblingsschuhe<br />
waren Clogs, die Weiterentwicklung<br />
gewöhnlicher Klapperlatschen,<br />
oben dunkles Leder, unten Holz mit<br />
Fußsohlenschliff. Aufpassen musste<br />
man auf das Gummiprofil. Wenn es<br />
abgelatscht war, lief man sich schnell<br />
das Holz kaputt. Gummisohle konnte<br />
man aber am Stück an jeder Ecke<br />
kaufen, einen passenden Flatschen<br />
ausschneiden und die Schuhe selbst<br />
damit besohlen.<br />
Mein Kopfhaar hat in den ersten zehn Jahren meines<br />
Lebens nie einen Friseur gesehen: Die übliche Topffrisur<br />
Gesellschaft<br />
Das war früher Chic!<br />
Vom Wanderdirndl, Tesafilmfrisuren und Röhrenjeans<br />
gestalteten die Mütter selbst. Damit<br />
der Pony vorne gerade wurde, schnitt<br />
meine Mutter oberhalb eines sorgsam<br />
aufgeklebten Tesafilmstreifens entlang<br />
– ganz gerade und auch ziemlich<br />
kurz. Bis ich heiraten würde, wäre das<br />
wieder nachgewachsen, meinte sie.<br />
Wäre ich zehn Jahre früher auf die<br />
Welt gekommen, hätten die kurzen<br />
Haare ein Problem darstellen können:<br />
Als Mädchen hatte man Zöpfe<br />
zu tragen, als Junge eine „ordentliche<br />
Frisur“. Wenn umgekehrt die Jungen<br />
lange Haare bevorzugten und die Mädchen<br />
eine Kurzhaarfrisur, galten sie bereits<br />
als Gammler und Quertreiber.<br />
Wäre ich 20 Jahre früher auf die<br />
Welt gekommen, hätte ich noch im<br />
Dirndl wandern und im Rock Ski<br />
fahren müssen. Im Alltag hätte ich<br />
wohl einen Schürzenkittel getragen,<br />
und lange Hosen wären für mich<br />
tabu gewesen.<br />
Zehn Jahre später hätte ich mich<br />
vielleicht in mintgrün, rosa und zitronengelb<br />
gekleidet, die Mädchen<br />
mit den luftgetrockneten Dauerwellen<br />
bewundert und zur Einschulung<br />
statt des schon zu meiner Zeit altmodischen<br />
Ledertornisters („Man muss<br />
nicht genauso blöd sein wie andere“)<br />
doch einen Scoutranzen bekommen.<br />
In den 80er Jahren war ich selbst<br />
ein Mädchen mit luftgetrockneter Dauerwelle. Da Jeans<br />
noch nicht aus Stretchstoff waren, musste man die engen<br />
Foto: Archiv von Bünau<br />
Röhrenbeine entweder mit Hilfe von zwei Freundinnen<br />
über die Fersen zwingen oder etwas zu weit kaufen, sich<br />
damit in die heiße Badewanne legen und die Hose dann am<br />
Leib trocknen lassen. Ein deutlicheres Zeichen Richtung<br />
Mode setzte man, wenn man sich den Poppern, Punkern<br />
oder Ökos anschloss. „Popper“ kleideten sich halbwegs<br />
gepflegt, die Jungs mit leichter Elvistolle im Haar. Punker<br />
hatten einen Mix aus Frisurunfällen und kahlen Stellen<br />
auf dem Schädel, in individuellen Farben gefärbt. Dazu<br />
trugen sie Leder und Löchriges (Produkte beständiger individueller<br />
Verwahrlosung, noch nicht so zu erwerben).<br />
Ökos hatten selbst gebatikte T-Shirts an, ein Arafat-Tuch<br />
um den Hals, lange, zottelige Haare und bequeme Schuhe.<br />
Demonstrativ vermieden sie jede Form von Chic. In den<br />
90er Jahren habe ich Biologie studiert – dazu passte der<br />
An Tagen wie diesen<br />
Aufmerksam wurde ich durch eine Notiz in einer Zeitung,<br />
dass am 21. Januar der „Weltknuddeltag“ begangen<br />
werden soll. Erfunden hat ihn bereits 1986<br />
der amerikanische Pastor Kevin Zaborney. „Je öfter Sie jemanden<br />
umarmen, desto besser fühlen sie sich, und desto<br />
besser fühlen sich andere. Unsere Gesellschaft braucht mehr<br />
davon“, sagte er einmal gegenüber Spiegel Online. Das<br />
machte mich aufmerksam auf andere kuriose Gedenktage.<br />
Bekannt sind wohl der Valentinstag, der Muttertag oder der<br />
Weltfrauentag, hinter deren Beachtung man einen gewissen<br />
Sinn erkennt. Aber dass es einen bundesweiten Tag des Reibekuchens<br />
(Kartoffelpuffer) gibt, ist schon seltsam. In Indien<br />
erklärte das Ministerium für Fischerei, Viehzucht und<br />
Milchwirtschaft den 14. Februar zum „Kuh-Umarmungstag“<br />
und ruft die Menschen dazu auf, eine Kuh zu umarmen.<br />
Außerdem gibt es einen Welttag des Versuchtieres, einen<br />
Welttag des Schneemannes und einen Tag der Sonnenbrille<br />
am 27.06. Ein Weltfischbrötchentag am ersten Samstag im<br />
Mai darf nicht fehlen. Weitere seltsame Gedenktage nur in<br />
diesem Monat sind zum Beispiel der Weltschildkrötentag,<br />
Iss-eine-Kiwi-Tag oder der Tag des Purzelbaums. Besonders<br />
ausgeprägt scheinen solche Tage in den USA zu sein:<br />
Dort gibt es einen Tag der Artischockenherzen, Alles-wasdu-machst-ist-richtig-Tag<br />
oder einen Tag der gleichfarbenen<br />
Socken. Oft steckt hinter diesen Tagen auch die Industrie,<br />
die diese zu Werbezwecken forciert.<br />
Es gibt zahlreiche lustige, sinnvolle, seltsame sowie<br />
unnütze Feiertage, Aktionstage, Jahres-und Gedenktage<br />
– in Deutschland und weltweit. Tatsächlich gäbe es jeden<br />
Tag einen kuriosen Anlass zum Feiern. Wer mehr darüber<br />
wissen will, sei auf das Buch von Timo Lokoschat, Es<br />
wird eng im Kalender, 365 kuriose Gedenk- und Feiertage,<br />
Hanser-Verlag, hingewiesen.<br />
Gesellschaft<br />
selbst gebatikte Öko-Schlabber-Look und Räucherstäbchen-Mief.<br />
Als ich später Lokalredakteurin bei der Zeitung<br />
wurde, galt es, eigenwillig daherzukommen, bloß nicht angepasst.<br />
Feiner Zwirn beim Richtfest, ungewaschene Jeans<br />
beim Sinfoniekonzert. Eine gute Redakteurin sitzt immer<br />
zwischen allen Stühlen.<br />
In den 2000er Jahren habe ich Kinder gekriegt. Pflegeleichtes<br />
und Figurumspielendes wurde mein neuer Chic.<br />
Modisch austoben konnte ich mich an meinen noch wehrlosen<br />
Kleinkindern, denen ich nach Herzenslust selbst gestrickte<br />
Strampler, Mützchen und Söckchen anzog.<br />
Jetzt tragen die Kinder nur noch, was sie stylish finden.<br />
„Nicht dein Ernst!“, sagen sie, wenn wir im Fotoalbum<br />
(eingeklebte Papierabzüge) zurückblättern. Und: „Das war<br />
früher chic!“, antworte ich.<br />
Adele v. Bünau<br />
Mich erinnerte das Ganze auch an das Lied der Band<br />
„Die Toten Hosen“, in dem sie allerdings mehr die täglichen<br />
Begegnungen mit Menschen und hier besonders mit einer<br />
Person „an Tagen wie diesen“ beschreiben. Das Begegnen<br />
ist bedeutsam: „An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit,<br />
an Tagen wie diesen haben wir noch ewig Zeit“.<br />
Ich empfehle zusätzlich zu den vielen unnützen aber auch<br />
sinnvollen Tagen noch einen Habt-euch-lieb-Tag und einen<br />
Beendet-den-Krieg-Tag.<br />
Horst Mahle<br />
Am 27. Juni: Internationaler Tag der Sonnenbrille.<br />
Bild: Miki Merdas<br />
56 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 57
Meinung<br />
Gesellschaft<br />
Integration<br />
Hand in Hand für mehr Menschlichkeit!<br />
Als die Bomben fielen<br />
Ukraine-Krieg erinnert an unheilvolle Zeiten bei uns<br />
durchblick Titel 3/2015 zum Thema Integration.<br />
Das Wort Integration ist vor allem seit 2015, wo<br />
eine große Flüchtlingswelle Deutschland erreichte,<br />
in(fast)aller Munde. Das Wort ist lateinisch integratio<br />
= Wiederherstellung, Erneuerung. Früher bedeutete es,<br />
Menschen mit nationalen, kulturellen und religiösen Hintergründen<br />
den Sitten und Gebräuchen des Einwanderungslandes<br />
anzupassen. Diese Ansicht hat sich inzwischen geändert.<br />
Integration sollte eine wechselseitige, gegenseitige Beziehung<br />
sein. Die Migranten bringen ihre Kultur und Lebensweise<br />
mit, was für uns Einheimische meiner Meinung nach<br />
eine große Bereicherung ist. Sie sollten sie sich andererseits<br />
an unsere Regeln und Gesetze halten.<br />
Integration betrifft also uns alle, uns, die wir schon immer<br />
in unserer Heimat leben und die Zugewanderten! Die Zahl<br />
der Flüchtlinge, die wegen Krieg, Gewalt und Verfolgung<br />
ihre Heimat verlassen haben, steigt ständig. Nach Angaben<br />
des Bundesinnenministeriums lebten zum 30.6.2022 ca.1,5<br />
Millionen Menschen, die hier Schutz erhalten haben. Dazu<br />
kommen noch mehr als 216 Tausend Asylbewerbende mit<br />
offenem Schutzstatus und fast 200 Tausend ausreisepflichtige<br />
Personen, die sich aus unterschiedlichen Gründen noch<br />
bei uns aufhalten. Das ergibt dann zusammen 1.9 Millionen<br />
geflüchtete Menschen, die in Deutschland Schutz suchen.<br />
Sie möchten dauerhaft bleiben, doch wie geht das?<br />
Der Staat unterstützt die Integration von Zuwanderern<br />
mit zahlreichen Angeboten. Dadurch soll Chancengleichheit<br />
und die tatsächliche Teilhabe in allen Bereichen, insbesondere<br />
am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen<br />
Leben ermöglicht werden. Voraussetzung, diese zu nutzen,<br />
ist, oder sollte sein, dass sie die deutsche Sprache<br />
lernen und sich um Grundkenntnisse der<br />
freiheitlich demokratischen Grundordnung und<br />
des Grundgesetzes bemühen. „Sie müssen sich<br />
an die deutschen Gesetze halten und die geltenden<br />
Werte und Gepflogenheiten respektieren“,<br />
so das Bundesministerium des Innern und Heimat.<br />
Soweit der Gesetzgeber, doch wie können<br />
wir helfen und dazu beitragen, dass sich die geflüchteten<br />
Menschen bei uns wohl fühlen? Sie<br />
stehen ja, wenn sie bei uns ankommen, vor riesigen<br />
Problemen und ständig neuen Herausforderungen.<br />
Um sie zu bewältigen, sind sie auf unsere<br />
Unterstützung angewiesen. Unterstützung, die<br />
über Geld und Sachspenden hinaus gehen.<br />
Wichtig ist, sie im wahrsten Sinne des Wortes<br />
„an der Hand zu nehmen“, ihnen vor Ort<br />
die Infrastruktur und örtlichen Gegebenheiten<br />
zu zeigen und erklären, ebenso die alltäglichen<br />
Abläufe. Als kleines Beispiel sei hier nur die<br />
Mülltrennung genannt. Wir können nicht erwarten,<br />
dass Flüchtlinge wissen, was in unsere gelben, braunen<br />
und schwarzen Tonnen gehört! Wenn sie ihren Müll anderswo<br />
entsorgen, werden sie schnell und verallgemeinernd als<br />
schmutzig bezeichnet. Schnell wird hier wieder ein Vorurteil<br />
bedient. Zeigen wir, wie es funktioniert und das Problem<br />
ist gelöst! Eine Begleitung beim Einkaufen hilft, unsere<br />
Lebensmittel und Lebensweise kennenzulernen und macht<br />
gleichzeitig unsere Sprache vertraut. Behördengänge und<br />
Schriftwechsel sind selbst für uns manchmal schlecht zu begreifen.<br />
Geflüchtete haben damit sowohl inhaltlich als auch<br />
sprachlich ungleich größere Probleme. Begleiten wir sie bei<br />
Arztbesuchen. Vergessen wir nicht, dass diese Menschen<br />
bei ihrer Flucht nur das Wenigste mitnehmen konnten. Wir<br />
können ihnen bei der Wohnungssuche behilflich sein und<br />
bei der Besorgung von Einrichtungsgegenständen unter die<br />
Arme greifen.<br />
Geflüchtete Kinder und Jugendliche haben oftmals Probleme<br />
mit den schulischen Anforderungen. Viele Schulen suchen<br />
ehrenamtliche Helfer, die den Kindern zur Seite stehen.<br />
Man kann sie spielerisch mit der deutschen Sprache vertraut<br />
machen, was Allen oftmals auch viel Spaß und Freude bereitet.<br />
Ein sehr positiver Nebeneffekt des Schulunterrichts<br />
ist, dass Eltern von ihren Kindern lernen. Seit 2015 habe ich<br />
einige Jahre lang Migrationskinder in Deutsch unterrichtet.<br />
Es war toll für mich, mit einer irakisch-jesidischen Familie<br />
entstand dadurch eine tiefe Freundschaft. Diese Familie hat<br />
mich integriert, wofür ich sehr dankbar bin.<br />
Integration gelingt nur zusammen und gemeinsam; packen<br />
wir`s an.<br />
Ulla Schreiber<br />
Die Nachrichtenbilder, die seit über einem Jahr um die<br />
Welt gehen, haben viele Menschen erschüttert. Putins<br />
Einmarsch in die Ukraine, das Leid, das fortan über<br />
das Land im Osten Europas ausbrach, hat uns dieses Land<br />
ganz nah gebracht. Ukrainische Menschen haben in unseren<br />
Städten und Dörfern Zuflucht gefunden, während die Männer<br />
für die Freiheit ihres Landes kämpfen. Es sind Ehemänner,<br />
Väter, Söhne, Verwandte und Freunde, um die ihre Angehörigen<br />
bangen. Uns Ältere hat das Geschehen an schreckliche<br />
Erlebnisse im 2. Weltkrieg und danach erinnert. Plötzlich<br />
sind sie wieder präsent, die Ereignisse mit Bombenhagel und<br />
der möglichen Schutzsuche in Kellern oder Bunkern. Wenn<br />
man die Bilder der Menschen in der Ukraine im Fernsehen<br />
sieht, wie sie in ihren vermeintlich sicheren Kellern, U-Bahnschächten<br />
oder ähnlichem hocken, erinnert einen das an die<br />
Schutzsuche im 2. Weltkrieg in unserer Heimat.<br />
Damals ordnete Hitler im Oktober 1940 den Bau einer gigantischen<br />
Anzahl von Luftschutzbunkern an. Solche Bunker<br />
sollten gasdicht sein und einer abgeworfenen 1000kg-Bombe<br />
widerstehen können. Dass alle Schutzsuchenden einen Bunker<br />
bei Fliegeralarm erreichen konnten, war jedoch nicht möglich.<br />
Nur die Stadt Emden konnte seine 37.ooo Einwohner theoretisch<br />
komplett in den 32 Bunkern der Stadt unterbringen.<br />
Und es gab auch eine Großstadt, die für seine Bevölkerung<br />
gar keine Bunker hatte: Dresden. Es war nur eine geringe<br />
Beruhigung, dass auf die Stadt Siegen und ihre Umgebung<br />
erst zweimal vergleichsweise wenig Bomben gefallen waren,<br />
und zwar im Oktober 1940 und zu Beginn des Jahres 1942.<br />
Es war eigentlich allen klar, dass diese leichten Angriffe nur<br />
ein Vorspiel waren für weitere fürchterliche Angriffe, wie sie<br />
Köln und andere Städte bereits erlitten hatten. Und so kam<br />
es dann ja auch: Am 16. Dezember 1944 wurde Siegen nach<br />
einem Bombenangriff der Alliierten zu 80% zerstört. Innerhalb<br />
weniger Minuten sind mehr als 50.000 Bomben über der<br />
Stadt abgeworfen worden. Nach diesem schweren Angriff lag<br />
Siegen in Schutt und Asche. Ein normales Leben war nicht<br />
mehr möglich: Es gab keinen Strom, kein Gas und Wasser.<br />
Sogar die Kanalisation war an vielen Stellen zerstört. Christine<br />
Meister beschreibt in der Lebensgeschichte ihrer Mutter<br />
„Und gab doch niemals auf“ sehr anschaulich, wie Johanna<br />
mit ihrer kleinen Tochter bei Fliegeralarm in dem nächstgelegenen<br />
Bunker in der Burgstraße Schutz suchte. Für besonders<br />
gefährliche Alarmsituationen stand auch der Rathaus-Luftschutzkeller<br />
zur Verfügung, jedoch war dieser hinsichtlich<br />
Sicherheit nicht mit dem Burgstraßenbunker zu vergleichen.<br />
Ich meine, den Fliegeralarm noch heute zu hören, wenn<br />
von Bombenangriffen die Rede ist. Eine weitere Bombardierung<br />
am 1. Februar 1945 begann wie geplant in Siegen, jedoch<br />
verschob sich das Abwurfgebiet durch die vom Wind<br />
weggetriebenen Markierungen – den sogenannten Christbäu-<br />
men- in Richtung Osten über meinen Heimatort Kaan-Marienborn,<br />
Flammersbach und Gernsdorf bis nach Weidelbach<br />
im Dillkreis. In Kaan-Marienborn gab es 29 Menschenleben<br />
zu beklagen. 162 von 350 Häusern des Ortes wurden dem<br />
Erdboden gleichgemacht. Die brennenden oder rauchenden<br />
Ruinen sind mir noch in Erinnerung. Wir suchten Schutz im<br />
Stollen gegenüber von Klapperts Mühle. Diese Wassermühle<br />
befand sich am Ortsausgang Richtung Niederdielfen und<br />
Feuersbach. Dort harrten wir ängstlich und hilflos aus und<br />
hofften, dass es nicht so schlimm kommen würde. Aber mit<br />
gewaltigen Schlägen begann das Inferno. Es schmetterte und<br />
dröhnte aus allen Richtungen und die Erde schien zu beben.<br />
Mal waren die Einschläge weiter weg, mal schienen sie in unmittelbarer<br />
Nähe. Die Menschen hatten Todesangst. Manche<br />
fragten verzweifelt: „Womit haben wir das verdient?“, andere<br />
beteten. Als Kind von vier Jahren konnte ich das Geschehen<br />
sicher nicht richtig einordnen und man fühlte sich etwas geborgen,<br />
da die Mutter und Großeltern bei einem waren. Aber<br />
man spürte die Todesangst der anderen Schutzsuchenden.<br />
„Nie wieder Krieg“ und „Frieden schaffen ohne Waffen“<br />
waren die Gedanken und öffentlich geäußerten Parolen der<br />
Überlebenden. 77 Jahre hatten wir ja auch Gott sei Dank<br />
Frieden in Westeuropa, im Osten unseres Kontinents gab es<br />
die kriegerischen Auseinandersetzungen im Zusammenhang<br />
mit dem Zerfall Jugoslawiens. Dass so etwas wie der sowjetische<br />
Überfall auf ein Nachbarland passieren könnte, hatte<br />
wohl kaum jemand erwartet. Aber der Dichter Günter Kunert<br />
kannte die menschliche Natur wohl besser, wenn er dichtet:<br />
Als der Mensch<br />
Unter den Trümmern<br />
Seines Bombardierten Hauses<br />
Hervorgezogen wurde,<br />
Schüttelte er sich<br />
Und sagte:<br />
Nie wieder.<br />
Jedenfalls nicht gleich.<br />
Horst Mahle<br />
Literaturangaben: Dieter Tröps/Horst Braunöhler, Damals bei uns in Siegen Christine Meister,<br />
Und gab doch niemals auf (Johanna-eine Lebens-geschichte Dietermann/Schawacht, Die<br />
Zerstörung einer Stadt Dieter Pfau (Hg.), Kriegsende 1945 in Siegen<br />
Bild: Wikimedia Commons<br />
58 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 59
Anzeige<br />
Stabilitätsfaktor in unruhigen Zeiten:<br />
Sparkasse Siegen geht mit solider Basis in die Zukunft<br />
Das Geschäftsjahr 2022 gibt dem Vorstandsteam<br />
der Sparkasse Siegen in vielerlei<br />
Hinsicht Grund für einen positiven<br />
Rück- und Ausblick. Die Sparkasse geht<br />
mit wirtschaftlich solider Basis weiter<br />
in die Zukunft, trotz steigender Inflation<br />
und rasanter Zinswende. Wilfried<br />
Groos, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse<br />
Siegen, eröffnet die Bilanzpressekonferenz<br />
mit einer klaren Botschaft<br />
und einem Dank: „Wir sind dankbar für<br />
das große Vertrauen unserer Kundinnen<br />
und Kunden, der heimischen Wirtschaft<br />
und auch unserer Mitarbeitenden. Ihnen<br />
verdanken wir den Erfolg der Sparkasse<br />
Siegen und geben ihnen die Leistungsfähigkeit<br />
unserer Sparkasse zurück, als<br />
Stabilitätsfaktor in unruhigen Zeiten, auf<br />
den sie sich verlassen können.“<br />
Das Kundengeschäftsvolumen, die<br />
Summe aus Kundenkrediten, Kundeneinlagen<br />
und Wertpapierbestand, ist um 242<br />
Mio. Euro gewachsen auf 8,6 Mrd. Euro.<br />
Das Kreditvolumen beträgt inzwischen<br />
3,7 Mrd. Euro. Somit stellte die Sparkasse<br />
Siegen im Jahr 2022 noch einmal 284<br />
Mio. Euro mehr als im Vorjahr bereit an<br />
Kreditmitteln für die heimische Wirtschaft<br />
und die Menschen vor Ort. Im Geschäftsgebiet<br />
der Sparkasse Siegen, das neben<br />
Siegen auch Freudenberg, Hilchenbach,<br />
Kreuztal, Netphen und Wilnsdorf umfasst,<br />
leben rund 210.000 Menschen; fast<br />
140.000 von ihnen haben ihr Girokonto<br />
bei der Sparkasse Siegen, über 93.000<br />
davon mit Onlinezugang. 775 Mitarbeiterinnen<br />
und Mitarbeiter zählte die Sparkasse<br />
Siegen per 31. Dezember 2022,<br />
davon 37 Auszubildende und sieben<br />
Trainees. Letztes Jahr führten die Beraterinnen<br />
und Berater über 94.000 Beratungsgespräche.<br />
Erst kürzlich wurde die<br />
Sparkasse Siegen von der Gesellschaft<br />
für Qualitätsprüfung als beste Bank vor<br />
Ort ausgezeichnet.<br />
Mit einer starken Eigenkapitalbasis von<br />
fast 500 Mio. Euro (16 Mio. Euro mehr als<br />
im Vorjahr) und einer Bilanzsumme von<br />
4,9 Mrd. Euro (2022: 4,6 Mrd. Euro) ist<br />
das größte Kreditinstitut Südwestfalens<br />
gut aufgestellt.<br />
Privatkundengeschäft<br />
Die Sparkasse Siegen hält 18 Beratungsfilialen<br />
in der Region vor und<br />
betreibt insgesamt 40 Standorte. Vorstandsmitglied<br />
Tillmann Reusch dazu:<br />
„Komplexere private Anliegen werden einfach<br />
lieber persönlich besprochen – am<br />
Tisch, wo man sich direkt in die Augen<br />
sehen kann. Zugleich erleben wir aber<br />
mehr und mehr eine dauerhafte Verlagerung<br />
der Servicethemen ins Digitale oder<br />
aufs Telefon.“ Das Kundenservicecenter<br />
der Sparkasse Siegen nimmt jeden Monat<br />
im Durchschnitt fast 38.000 Anrufe<br />
entgegen. Neben den neuen Kontomodellen<br />
ging es 2022 oft um Fragen zum<br />
Onlinebanking. Hier beobachtet die Sparkasse,<br />
dass die Gespräche von Jahr zu<br />
Jahr länger werden. Es geht dabei kaum<br />
noch um Öffnungszeiten, Kontostand<br />
oder den Standort des nächsten Geldautomaten.<br />
„Gefragt ist echter Support und<br />
den können wir leisten“, erläutert Tillmann<br />
Reusch. „An den Telefonen sitzen<br />
bei uns ausgebildete Bankkaufleute, die<br />
auch Funktionalitäten im Onlinebanking<br />
oder in der App erklären können.“ Insgesamt<br />
führte das Team im Kundenservicecenter<br />
im Jahr 2022 rund 450.000<br />
Gespräche.<br />
Anhand der am Telefon und vor Ort in<br />
der Filiale nachgefragten Themen zeichnet<br />
sich ein weiterer Trend in der digitalen<br />
Welt ab: Die S-App wird wichtiger<br />
als das Onlinebanking in der Sparkassen-<br />
Internetfiliale. Viele Menschen haben<br />
ihr Mobiltelefon immer dabei und damit<br />
auch ihre mobile Sparkassenfiliale. „Die<br />
S-App ist mehrfach ausgezeichnet als<br />
beste Finanz-App Deutschlands und in<br />
der Handhabung auch wirklich einmalig.<br />
Nicht verwunderlich also, dass die Zahl<br />
derer, die die Banking-App nutzen, mit<br />
47.000 inzwischen über der Anzahl der<br />
Personen liegt (45.000), die die Internetfiliale<br />
regelmäßig nutzen“, so Tillmann<br />
Reusch. Auch das Bezahlen mit dem<br />
Mobiltelefon oder der Smartwatch ist für<br />
viele Menschen inzwischen Alltag. Noch<br />
liegt die Anzahl der Kartenzahlungen vorne;<br />
mehr als 14,7 Mio. hat die Sparkasse<br />
Siegen im Jahr 2022 abgewickelt, davon<br />
fast 12 Mio. kontaktlose Zahlungen.<br />
Die stetige Zunahme an digitalen<br />
Zahlungen zieht nach sich, dass die<br />
Menschen immer weniger Bargeld dabeihaben<br />
und auch seltener zum Geldautomaten<br />
gehen. Die Sparkasse Siegen<br />
unterhält in ihrem Geschäftsgebiet<br />
immer noch mehr als 40 Standorte. Aus<br />
Sicherheitsgründen sind inzwischen alle<br />
Filialen der Sparkasse Siegen nachts von<br />
23 Uhr bis 6 Uhr geschlossen. Für das<br />
Kundenzentrum Morleystraße gelten in<br />
den Nächten von Freitag auf Samstag<br />
sowie von Samstag auf Sonntag längere<br />
Öffnungszeiten bis 1 Uhr.<br />
Die Sparkasse Siegen hat mit der S-<br />
VITA-Kontowelt Giro-Modelle mit Zusatzleistungen<br />
eingeführt. „Wir freuen uns,<br />
dass unsere Kunden die Vorteile ihres<br />
S-VITA-Kontos aktiv nutzen und unterstützen<br />
sie gerne bei der Registrierung<br />
im Kundenportal. Denn nur wer dort<br />
zum Beispiel sein Smartphone registriert<br />
hat, kann im Schadensfall von der<br />
Mobilgeräteversicherung, die übrigens<br />
sehr gut angenommen wird, Gebrauch<br />
machen“, erläutert Tillmann Reusch. Ein<br />
weiterer S-VITA-Mehrwert, der im wahrsten<br />
Sinne des Wortes gut ankommt bei<br />
Kundinnen und Kunden, ist Cashback,<br />
der monatlich automatisiert dem Girokonto<br />
gutgeschrieben wird. Über 1.000<br />
Cashback-Partner nehmen bereits am<br />
S-VITA- Programm der Sparkasse Siegen<br />
teil, davon rund 100 regionale Händlerinnen<br />
und Händler. Insgesamt erhielten die<br />
S-VITA-Kunden mehr als 142.000 Euro<br />
Cashback für über 200.000 Einkäufe bei<br />
Lebensmittelhändlern, in Bäckereien, Restaurants<br />
oder im Elektromarkt.<br />
Immobiliengeschäft<br />
Wer bereits eine Immobilie sein Eigen<br />
nennt, beschäftigt sich jetzt intensiv<br />
mit dem Thema Energieversorgung und<br />
energetische Sanierung: moderne Technik<br />
zur Nutzung regenerativer Energien,<br />
Photovoltaik, Wärmepumpen, eine energieeffiziente<br />
Heizung, neue Fenster und<br />
Türen oder energiedämmende Maßnahmen<br />
am Gebäude. Für solche Finanzierungsanliegen<br />
hat die Sparkasse Siegen<br />
im vergangenen Jahr unter dem Namen<br />
„Mein grünes Zuhause“ ein eigenes Kreditprogramm<br />
aufgelegt. Bereits mehr als<br />
1,3 Mio. Euro haben Kundinnen und Kunden<br />
im vergangenen Jahr in ihr grünes<br />
Zuhause investiert und es wird stetig<br />
mehr. Insgesamt ist der Bestand an Privatkundenkrediten<br />
im vergangenen Jahr<br />
um 93 Mio. Euro gewachsen auf nunmehr<br />
fast 1,7 Mrd. Euro; davon sind 1,4 Mrd.<br />
Euro Immobilienkredite.<br />
Versicherungsgeschäft<br />
Mit der Gründung des „Versicherungswerks“,<br />
einer gemeinsamen Tochtergesellschaft<br />
mit der Provinzial-Agentur<br />
Arps & Neitzert in Eiserfeld, weitet die<br />
Sparkasse Siegen ihre persönliche Beratung<br />
im Bereich Versicherungen aus.<br />
Dazu Tillmann Reusch: „Bereits erlebbar<br />
ist das erste ‚Versicherungswerk‘ in<br />
der Sparkassenfiliale in Eiserfeld und die<br />
Spezialberatung in Versicherungsfragen<br />
steht Kundinnen und Kunden schon jetzt<br />
in allen Beratungsfilialen der Sparkasse<br />
Siegen zur Verfügung.<br />
Als digitale Ergänzung stellt die Sparkasse<br />
mit dem „Versicherungsmanager“<br />
seit 2022 ein neues Online-Tool bereit,<br />
das nicht nur Ordnung und Übersicht in<br />
die vorhandenen Versicherungsverträge<br />
bringen soll, sondern sie auch gleich auf<br />
Preis und Leistung überprüft. Der Service<br />
ist kostenfrei für Kundinnen und Kunden<br />
der Sparkasse Siegen. Es können alle<br />
Versicherungen eingetragen werden, und<br />
zwar unabhängig davon, bei welchem<br />
Anbieter sie abgeschlossen wurden. Auf<br />
Wunsch kann auch die Betreuung fremder<br />
Verträge von der Sparkasse Siegen<br />
übernommen werden. Derzeit sind bereits<br />
über 5.100 Verträge von rund 2.000<br />
Kundinnen und Kunden im „Versicherungsmanager“<br />
registriert.<br />
Geldanlage<br />
Wer aber kurzfristig nicht benötigtes<br />
Kapital übrig hat, dem raten wir unbedingt<br />
dazu, es sinnvoll zu investieren. Je<br />
nach Präferenz in Wertpapierfonds, Immobilien<br />
oder Versicherungslösungen,<br />
denn wenn Geld nur auf dem Konto liegt,<br />
erfährt es durch die hohe Inflation einen<br />
realen Wertverlust. Als weitere Alternative<br />
bietet die Sparkasse Siegen – die<br />
steigenden Zinsen machen es möglich –<br />
auch wieder Sparkassenbriefe mit attraktiver<br />
Verzinsung an.“<br />
Die Vermögensverwaltung „S-Premium<br />
Invest“ sowie die „Aktive Depotbetreuung“<br />
erarbeiten individuelle Lösungen für<br />
größere Geldanlagen. Eine weitere Spezialberatung,<br />
die bei der Sparkasse Siegen<br />
in den vergangenen Jahren stetig mehr<br />
Mandate erhält, ist die Finanz- und Nachfolgeplanung,<br />
die ein Komplettangebot<br />
rund um Vorsorgevollmachten, Nachlassplanung,<br />
Verfügungen bis hin zur Testamentsvollstreckung<br />
bietet.<br />
Nachhaltigkeit<br />
Die Sparkasse Siegen widmet sich intensiv<br />
dem Thema Nachhaltigkeit, auch<br />
in der Innenschau. Dabei geht es im Rahmen<br />
der ESG-Kriterien um die Themen<br />
Umweltschutz, Unternehmensführung<br />
und soziale Verantwortung. Mit dem Ziel,<br />
bis 2030 im Geschäftsbetrieb klimaneutral<br />
zu sein haben wir unter anderem eine<br />
Prüfung all unserer Standorte beauftragt,<br />
um sie, wenn möglich, auf Photovoltaik<br />
umzustellen. Unser Papierverbrauch ist<br />
deutlich zurückgegangen, zum einen natürlich<br />
durch die digitalen Kontoauszüge<br />
und Informationen, die unsere Kunden<br />
inzwischen ins E-Postfach eingestellt bekommen,<br />
aber auch intern, weil wir den<br />
eigenen Verbrauch reduzieren und inzwischen<br />
viel weniger ausdrucken. Unsere<br />
Dienstwagen haben mindestens Hybrid-<br />
Technologie, wir werden sukzessive auf<br />
E-Mobilität umstellen. Das Mobilitätskonzept<br />
für unsere Mitarbeiterinnen und<br />
Mitarbeiter umfasst ein Job-Ticket für<br />
den ÖPNV und ein Angebot zum E-Bike-<br />
Leasing. Wir haben Velocity-Stationen<br />
vor der Tür und eigene Dienstreisen erledigen<br />
wir, wenn nicht per Videokonferenz<br />
möglich, bevorzugt mit der Bahn.<br />
Stiftungsservice und<br />
soziales Engagement<br />
Im Stiftungsservice der Sparkasse<br />
Siegen und in den dort verwalteten<br />
Stiftungen war das Jahr 2022 geprägt<br />
vom Krieg in der Ukraine. Dazu Günter<br />
Zimmermann: „Es war bemerkenswert<br />
zu erleben, wie sich die Projektpartner<br />
‚unserer‘ Stiftungen an die Krisen-Situation<br />
anpassten und neue Projektideen<br />
entwickelten. Dabei ging es meistens<br />
um konkrete Hilfestellung für Menschen<br />
in unserer Region und es fällt auf, dass<br />
die Bürgerschaft näher zusammenrückt.<br />
Auch wir als Sparkasse Siegen haben<br />
solche ehrenamtlichen Hilfsprojekte mit<br />
Spenden unterstützt.“<br />
Im Stiftungsservice werden aktuell<br />
38 gemeinnützige Stiftungen mit einem<br />
Gesamtvolumen von über 65 Mio. Euro<br />
betreut.<br />
Die Sparkasse Siegen selbst war 2022<br />
ebenfalls im gesellschaftlichen Bereich<br />
engagiert mit einem Gesamtvolumen<br />
von insgesamt 5,3 Mio. Euro, die über<br />
Spenden, Zustiftungen und Sponsorings<br />
in die Region gegeben wurden.<br />
Rund 4,4 Mio. Euro flossen als Spenden<br />
an gemeinnützige Vereine, Institutionen<br />
und Projekte vor Ort.<br />
Rückblick und Ausblick<br />
Zum Abschluss der Bilanzpressekonferenz<br />
gab Wilfried Groos, der 2023 in den<br />
Ruhestand treten wird, noch einen kurzen,<br />
ganz persönlichen Rückblick: „Nach<br />
30 Jahren Vorstandstätigkeit verabschiede<br />
ich mich im September aus diesem<br />
Amt. Als ich in diese Position kam, lag die<br />
Bilanzsumme bei 1,8 Mrd. Euro, heute<br />
bei fast 5 Mrd. Euro. Die Sparkasse Siegen<br />
verfügte damals über 90 Mio. Euro<br />
Eigenkapital, heute sind es 500 Mio. Euro.<br />
Während meiner Vorstandszeit habe ich<br />
drei Fusionen begleitet. Es ist viel passiert<br />
in den vergangenen 30 Jahren und ich<br />
habe die Verantwortung für die Sparkasse<br />
immer gerne getragen – gemeinsam<br />
mit meinen Kollegen und meiner Kollegin.<br />
Daher freue ich mich sehr darüber,<br />
dass ich mit meiner Arbeit dazu beitragen<br />
konnte, die Sparkasse Siegen als zuverlässige<br />
Finanzpartnerin für die Menschen<br />
vor Ort und die heimische Wirtschaft auszubauen<br />
und weiterzuentwickeln.“<br />
Dr. Nadine Uebe-Emden, die im September<br />
seine Nachfolge als neue Vorstandsvorsitzende<br />
antreten wird, ergänzt:<br />
„Das Haus steht auf einem stabilen Fundament,<br />
wirtschaftlich wie menschlich.<br />
Kunden und Mitarbeiter können unter der<br />
Leitung des neuen Vorstandsteams weiter<br />
auf ihre Sparkasse bauen. Neben den<br />
aktuellen Bedarfslagen unserer Kunden<br />
sind für uns die Schlüsselthemen Nachhaltigkeit,<br />
Digitalisierung und Sparkasse<br />
zu bleiben, das heißt, weiterhin den<br />
wertschätzenden persönlichen Kontakt<br />
in den Mittelpunkt zu stellen. Denn das<br />
ist es, was Sparkasse im Kern ausmacht:<br />
Der Mensch macht den Unterschied.“<br />
Vorstand der Sparkasse Siegen: Günter Zimmermann, Wilfried Groos,<br />
Burkhard Braach, Dr. Nadine Uebe-Emden und Tillmann Reusch (v.lks.)
Gedächtnistr aining<br />
Lösungen Seite 82<br />
Regelsysteme im Alltag<br />
Bringen Sie Dinge möglichst rasch in die<br />
richtige Reihenfolge: Was kommt zuerst, als<br />
Nächstes usw.?<br />
z.B. Ungeordnet: Dachziegel, Parterre, Keller,<br />
Obergeschoss, Dachboden<br />
Geordnet: Keller, Parterre, Obergeschoss,<br />
Dachboden, Dachziegel<br />
a) begrüßen, essen, verabschieden, kommen,<br />
einladen, erzählen<br />
b) begießen, ernten, pflanzen, essen, jäten,<br />
umgraben, rechen<br />
c) Schlüssel umdrehen, losfahren, Fuß<br />
auf die Kupplung, Fuß auf das Gas,<br />
Gang raus, Gang rein, Kupplung treten<br />
Trainingsziel: Struckturierung<br />
Um die Ecke denken<br />
Welcher Beruf wird hier dargestellt?<br />
Teekesselchen<br />
Sie kennen sicher einige!<br />
Ein Wort mit verschiedenen Bedeutungen<br />
wird hier umschrieben. Finden<br />
Sie heraus, um welches es sich jeweils<br />
handelt<br />
1. Mein T bekommt man verliehen.<br />
Mein T ist eine Gemeinschaft von<br />
Brüdern oder Schwestern.<br />
Mein T ist z. B. das Bundesverdienstkreuz.<br />
Mein T lebt in einem Kloster.<br />
2. Mein T ist ein unappetitlicher Belag.<br />
Auf meinem T liegt das Glück der Erde.<br />
Mein T sind Pilze.<br />
Mein T sind farblich besondere Pferde.<br />
Die Made –<br />
ein Gedicht von Heinz Erhard<br />
In diesem Gedicht von Heinz Ehrhardt<br />
wurden die Vokale a, e, i und o entfernt.<br />
Setzen Sie diese wieder an die richtige Stelle.<br />
H_nt_r _ _n_s B_um_s R_nd_<br />
w_hnt d_ _ M_d_ m_t d_m K_nd_.<br />
S_ _ _st W_tw_, d_nn d_r G_tt_,<br />
d_n s_ _ h_tt_, f_ _l v_m Bl_tt_.<br />
D_ _nt_ s_ _uf d_ _s_ W_ _s_<br />
_ _n_r _m_ _s_ _ls Sp_ _s_.<br />
_ _n_s M_rg_ns spr_ch d_ _ M_d_:<br />
“L_ _b_s K_nd, _ch s_h_ gr_d_,<br />
drüb_n g_bt _s fr_sch_n K_hl,<br />
d_n _ch h_l. S_ l_b d_nn w_hl.<br />
H_lt! N_ch _ _ns, d_nk, w_s g_sch_h,<br />
g_h n_cht _us, d_nk _n P_p_!”<br />
_ls_ spr_ch s_ _ und _ntw_ch -<br />
M_d_ jun_ _r j_d_ch schl_ch<br />
h_nt_rdr_ _n; und d_s w_r schl_cht!<br />
D_nn sch_n k_m _ _n bunt_r Sp_cht<br />
und v_rschl_ng d_ _ kl_ _n_ f_d_<br />
M_d_ _hn_ Gn_d_. - Sch_d_.<br />
H_nt_r _ _nes B_ _ m _s R_nd_<br />
r_ft d_ _ M_d_ n_ch d_m K_nd_ …<br />
Trainingsziel: Urteilsfäigkeit<br />
Trainingsziel: Fantasie und Kreativität.<br />
Die Übungen wurden<br />
zusammengestellt von:<br />
Gedächtnistrainerin<br />
Bernadette von Plettenberg<br />
Mitglied im Bundesverband<br />
Gedächtnistraining e.V.<br />
02732 / 590420<br />
bernadette@plettenberg-struwe.de<br />
Gedächtnistrainingskurse auf Anfrage<br />
3. Mein T ist ein Vogel.<br />
Mein T steht in der Zeitung.<br />
Mein T lebt auf dem Wasser.<br />
Mein T ist eine Unwahrheit.<br />
4. Mein T ist ein lästiges Insekt.<br />
Mein T trägt der Mann zu feierlichen<br />
Anlässen.<br />
Mein T lebt manchmal nur einen Tag.<br />
Mein T ist eine Schleife um den Hals.<br />
Trainingsziel: Konzentration, Wortfindung<br />
Bildausschnitt<br />
Finden Sie das Original Bild in diesem Heft<br />
Hintergrundfoto: Pixabay<br />
62 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 63
Kultur<br />
Kultur<br />
Seidenhemd und Schiebermütze<br />
Bertolt Brecht – der Intellektuelle in Arbeiterkluft<br />
Als Schülerin<br />
erwarb<br />
ich 1967<br />
die gesammelten<br />
Werke von Bertolt<br />
Brecht (1898-<br />
1956) – 20 Bände<br />
mit 8.424 Seiten<br />
aus dem Suhrkamp<br />
Verlag. Damals ein<br />
Schatz für mich<br />
im tristen grauen<br />
Schuber. Denn<br />
Brecht hatte mich<br />
vom ersten Augenblick<br />
fasziniert.<br />
Bertolt Brecht<br />
Die Geschichten von Herrn Keuner hatten es mir zuerst angetan.<br />
Es sind kurze Parabeln, die er seit 1926 über 30 Jahre<br />
lang immer wieder schrieb. „Ein Mann, der Herrn K. lange<br />
nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben<br />
sich gar nicht verändert“, „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte.“<br />
Im Düsseldorfer Schauspielhaus hatte ich Aufführungen<br />
der „Dreigroschenoper“ sowie „Mutter Courage und<br />
ihre Kinder“ gesehen. Später folgten Liederabende mit<br />
Brecht-Songs der bekanntesten Diseuse Gisela May.<br />
2023 jährt sich Brechts Geburtstag vor 125 Jahren. Der Literat,<br />
Lyriker, Stückeschreiber und Librettist wird groß gefeiert<br />
und steht erneut im Fokus der Theaterwelt und der Medien.<br />
Autoren haben der umfassenden Literatur unter heutigen Gesichtspunkten<br />
etwa seinen Umgang mit Frauen oder Brecht<br />
als brillanten Interview-Partner interpretiert und bewertet. Einen<br />
Einblick in sein Leben gibt der zweiteilige Fernsehfilm<br />
„Brecht“ von Heinrich<br />
Breloer von<br />
2019 (Mediathek).<br />
Großartig. Adele<br />
Neuhauser, die seine<br />
zweite Ehefrau<br />
Helene Weigel<br />
spielt, bringt es auf<br />
den Punkt: „Mit<br />
seinen Liebesaffären<br />
und Liebestragödien<br />
wäre er<br />
heute vielleicht<br />
ein Fall für #Metoo“.<br />
Von Jugend<br />
an fühlte er sich als<br />
Dreigroschenoper, Aufführung von 1933.<br />
Helene Weigel<br />
Genie. Mit Geschick baute er sich erst zu Hause in Augsburg,<br />
bald in München und letztendlich auch in Berlin seit 1920<br />
ein Netzwerk mit maßgeblichen Künstlern und Funktionären<br />
aus Malerei, Musik und Theater auf, die ihm nützlich sein<br />
konnten. Wie ein Schwamm sog er alles auf. Berlin in der<br />
Zwischenkriegszeit war der ideale Nährboden für Kunst und<br />
Literatur. Die Treffpunkte der Künstler, Theater- und Filmleute<br />
sowie Journalisten waren Börsen, an denen Namen und<br />
Ideen gehandelt wurden. Hier wurden strategische Allianzen<br />
geschmiedet, die für die Karriere jedes einzelnen Künstlers<br />
und Publizisten notwendig waren. Brecht gehörte schnell<br />
dazu. Wie beim Speed-Dating eilte er von Runde zu Runde,<br />
informierte sich und zog seinen Nutzen daraus. Er lernte ständig<br />
neue, wichtige Leute kennen, wie Michael Bienert 1998<br />
in seinem lesenswerten Buch „Mit Brecht durch Berlin“ beschreibt.<br />
Brecht lernte schnell. Und dazu gehörten auch immer<br />
Frauen, die ihm im Alltag halfen, ihn bei seinen Plänen<br />
pushten, an sein Genie glaubten, ihm bei der Flucht halfen.<br />
Er umgab sich mit einem „Kreativpool“ von Freunden und<br />
Zeitgenossen. Er war der Boss. Und er bediente sich bei den<br />
praktischen und organisatorischen Fähigkeiten sowie hauptsächlich<br />
beim Ideenreichtum seines Teams.<br />
Was machte Brecht so anziehend? Bei Frauen konnte<br />
er auch zart und gefühlvoll sein. Er punktete mit seiner<br />
Coolness und seinem Charme. Seine Leidenschaft fürs<br />
Theater entfachte auch bei bühnenfernen Zeitgenossen ein<br />
wahres Feuer. Bis er hatte, was er wollte, war er ein zäher<br />
Verhandlungspartner. Rückschläge galten bei ihm nicht. Er<br />
suchte sofort Alternativen. Brecht war furchtlos.<br />
Später gab er viele Interviews, die er akribisch vorbereitet<br />
hatte. Er vermarktete sich selbst sehr geschickt. Und<br />
auch bei Fototerminen überließ er nichts dem Zufall. Mal als<br />
Gentleman im Anzug und seiner intellektuellen schwarzen<br />
Brille machte er eine gute Figur. Oder am Theater zeigte er<br />
sich gern in schwarzer Lederjacke bzw. in Arbeiterkluft, darunter<br />
immer mit maßgeschneiderten Seidenhemden, wurde<br />
gemunkelt. Auf dem Kopf trug er gern eine Schiebermütze,<br />
die seit den 30-iger Jahren typisch für Arbeiter war.<br />
Beim ersten Besuch in Berlin lernte er auch die talentierte,<br />
junge Schauspielerin Helene Weigel (1900-1971) kennen,<br />
die in einem Atelier über den Dächern der Spichernstraße<br />
lebte. Bald schon schlug Brecht bei ihr sein Hauptquartier<br />
auf, um Berlin zu erobern. Die beiden wurden ein Paar fürs<br />
Leben. Gleichzeitig hatte er viele „Auswärtsspiele“. In einer<br />
Dokumentation des ZDF heißt es dazu „Bertolt Brecht<br />
lebte und liebte exzessiv, seine „Polyamorie“ war legendär.<br />
Helene Weigel, seit 1929 seine Ehefrau, erduldete Brechts<br />
Liebesaffairen und -Tragödien tapfer“. Seine wichtigste<br />
Koautorin wurde schnell Elisabeth Hauptmann, von ihm<br />
„Bess“ genannt (1897-1973), mit der er Schreibtisch und<br />
diskret auch das Bett teilte. Der Radiobeitrag „Zeitzeichen<br />
vom 20.04.2023“ im WDR gibt Einblicke in ihre Beziehung<br />
und würdigt das vielfältige Werk von Elisabeth Hauptmann.<br />
Seinen Erfolg erkämpfte er sich und es dauerte, bis er<br />
1928 mit 30 Jahren seinen ersten Triumph auf der Bühne<br />
des wiedereröffneten Theaters am Schiffbauerdamm in Berlin<br />
feiern konnte: „Die Dreigroschenoper“. Bis heute gehört<br />
sie immer wieder zum Repertoire großer und kleiner Theater.<br />
Er adaptierte hier die „Beggar´s Opera“ von John Gay<br />
(Text). Brechts Assistentin Elisabeth Hauptmann hatte ihn<br />
erst auf den großen Theatererfolg in London vom wiederentdeckten<br />
Ganovenstück aufmerksam gemacht. Sie übersetzte.<br />
Brecht bearbeitete den Text und passte das Stück seiner<br />
Zeit an. Kurt Weill komponierte die Musik. Den neuen<br />
Titel „Dreigroschenoper“ übernahm er von seinem späteren<br />
Freund Lion Feuchtwanger. In Sachen geistiges Eigentum<br />
nahm Brecht es sowieso nicht so genau. (in Deutschland<br />
gab es seit 1902 das Urheberrecht.) Diese Laxheit brachte<br />
ihm aber auch immer wieder Ärger und Strafen ein. Trotz<br />
vieler Widrigkeiten, Zoff und Streit kam die Dreigroschen-<br />
oper rechtzeitig zur Aufführung. Das Stück wurde ein Riesenerfolg,<br />
nicht zuletzt wegen der großartigen Musik von<br />
Kurt Weill und den eingestreuten Balladen wie das „Lied<br />
der Seeräuber-Jenny“ oder die „Moritat von Mackie Messer“.<br />
Sein Traum wurde wahr, sein Stück war Tagesgespräch<br />
in Berlin, die Songs wurden zu Gassenhauern.<br />
Brecht befasste sich seit 1920 mit den Werken von Karl<br />
Marx und sympathisierte mit dem Kommunismus, war aber<br />
zeitlebens kein Mitglied der KP. Daraus entwickelte er seine<br />
Idee vom „epischen Theater“. Schauspieler sollten ihr Publikum<br />
zum Denken anregen, nicht zum Mitfühlen. Brecht<br />
wollte gesellschaftliche Strukturen durchschaubar machen<br />
und auf deren die Veränderbarkeit hinweisen. Nicht Egoismus<br />
war gefragt, die Menschen sollten zugunsten des <br />
64 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 65
Kultur<br />
Das Theater am Schiffbauerdamm.<br />
Kollektivs handeln. Ein Mittel dazu war sein „Verfremdungseffekt“<br />
. Dieses Thema hat Generationen von Schülern gequält.<br />
Denn es gab bei uns in den 60-iger Jahren noch keine<br />
Computer und Smartphones mit den vielen kleinen Helfern<br />
wie Wikipedia und You Tube, geschweige denn Chat GPT.<br />
Und nicht in jedem Haushalt gab es einen Brockhaus.<br />
Mit der Machtübernahme Hitlers in Berlin 1933 nahm<br />
seine Karriere ein abruptes Ende. Seine Bücher wurden<br />
verbrannt und Brecht stand auf einer „schwarzen Liste“ der<br />
Nationalsozialisten. Gleich nach dem Reichstagsbrand verließen<br />
er und seine jüdische Frau Helene mit dem D-Zug<br />
nach Prag Deutschland. Das Exil durch Europa und U.S.A.<br />
sollte 14 Jahre dauern.<br />
Einige Jahre verbrachte er in Santa Monica, Kalifornien,<br />
wo er zu den europäischen Exilanten gehört hatte und in<br />
Kontakt zu anderen Deutschen wie Feuchtwanger, Thomas<br />
Mann und Heinrich Mann stand. Es waren fleißige Jahre,<br />
Bertolt Brecht verfasst u.a. sein Theaterstück wie den „kaukasischen<br />
Kreidekreis“ oder übersetzte „Leben des Galilei“<br />
ins Englische und führte es in einem Theater in Beverley<br />
Hills auf. Aber er fühlte sich nie wohl in Amerika. 1942<br />
musste er sich als feindlicher Ausländer registrieren lassen,<br />
wurde nun überwacht und 1947 vom Ausschuss für unamerikanische<br />
Umtriebe befragt. Kurz nach diesem Termin verließ<br />
er das Land und machte auf seiner Flucht Zwischenstation<br />
in der Schweiz, wo er eine Aufenthaltserlaubnis erhielt,<br />
und sondierte die Lage, wie seine Chancen standen, wieder<br />
nach Deutschland – möglichst nach Berlin - zu kommen.<br />
Auch nahm er Kontakt mit dem Leiter der Salzburger Festspiele<br />
auf, vielleicht hatte er hier eine Chance?<br />
Die Einreise in die westlichen Besatzungsgebiete blieben<br />
ihm weiterhin untersagt. 1948 folgte er einer Einladung<br />
des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands<br />
nach Ost-Berlin. Untergebracht wurden Brecht und<br />
Weigel in einer Villa am Weißensee, ein etwas heruntergekommener<br />
klassizistischer Bau. Sein Ziel: wieder ein eigenes<br />
Theater zu leiten. Es sollte nach vielen Schwierigkeiten<br />
das Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm<br />
werden. 1949 wurde Helene Weigel Intendantin des Berliner<br />
Ensembles. 1954 holte Brecht Elisabeth Hauptmann<br />
als Dramaturgin an sein Theater. Er hatte sicher noch viele<br />
Pläne, aber er hatte sein Ziel erreicht. Nach seinem Tod<br />
übernahm die durchsetzungstarke Helene Weigel das Berliner<br />
Ensemble als Chefregisseurin, regelte den Spielplan und<br />
die Theaterorganisation. Bess Hauptmann blieb als Parteisekretärin<br />
am Berliner Ensemble und hatte nun Zugang zu<br />
allem Archivmaterial. Clever wie sie war, hatte sie schon<br />
1949 mit dem Verlag Suhrkamp einen Vertrag zur Herausgabe<br />
der Werke Brechts geschlossen. Nun begann sie die<br />
Mammutaufgabe, die Gesamtausgabe von Brechts Werken<br />
vorzubereiten, die 1967 dann im Suhrkamp Verlag erschien.<br />
„Und so sehen wir betroffen/ den Vorhang zu und alle<br />
Fragen offen“ könnte ein Fazit sein, mit dem Marcel Reich-<br />
Ranicki seine jahrelange Sendung „das literarische Quartett“<br />
beendete. Eine Anlehnung an einen Spruch von Bertolt<br />
Brecht aus seinem Stück „Der gute Mensch von Sezuan“.<br />
Alle Fotos: Wikipedia Commons • Text: Tessie Reeh<br />
Ein Tag voll Kunst und Kultur<br />
Steine, ovale Steine, rot und schwarz bemalt: Marienkäfer!<br />
- Marienkäfer, links und rechts am Treppenaufgang,<br />
rudelweise um neu gepflanzte Blumen und<br />
Büsche. Der neueste kreative Auswuchs meiner Schweizer<br />
Enkelkinder. Daneben – mitten auf dem kleinen Rasenfleck -<br />
die Wildschweinfamilie aus der Säge meines Mannes: Keiler,<br />
große Sau, mittelgroßer und kleiner Frischling. Alles gefertigt<br />
aus Baumstämmen, die er sich blutenden Herzens von unserem<br />
Wintervorrat an Holz abgezwackt hat. Im Haus präsentierte<br />
der Schwiegersohn voller Stolz sein neuestes Ölgemälde<br />
– mal wieder New York, die Wolkenkratzer schräger denn<br />
je! Ich bin erschlagen von so viel Kunst und Kunstverstand!<br />
Nachdem ich überschwänglich dankend einen besonders<br />
schönen Käfer von meinem jüngsten Enkel entgegengenommen<br />
habe („den wird die Oma immer als Andenken behalten“),<br />
meinen Mann auf seine Bemerkung: „Sind ja wirklich<br />
gut geworden, die Schweine, wa?“ ausgiebig zum X-ten Mal<br />
gelobt habe (nach 45 Ehejahren weiß ich, was ihn bei Laune<br />
hält), und den Schwiegersohn gebeten habe, wenn er denn<br />
mal Zeit hätte, ob er mir nicht auch ein Bild malen könnte<br />
(was er zum Glück bis heute nicht getan hat, denn dann müsste<br />
ich es ja gut sichtbar aufhängen), war ich sogar noch in der<br />
Lage, wohlwollend lächelnd die neuesten Gitarrengriffe und<br />
schrägen Gesangseinlagen meiner Tochter anzuhören.<br />
So habe ich mal wieder jeden froh und glücklich gemacht.-<br />
eigentlich bin ich doch klasse, wa? Sigrid Kobsch<br />
66 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 67
Gesellschaft<br />
Auch<br />
Intelligenz<br />
wird immer<br />
künstlicher<br />
„ChatGPT“ – nützliches<br />
Tool oder Gefahr für<br />
die Menschheit?<br />
telligenz“. Dank „Deep Learning“ ist die KI dem einzelnen<br />
menschlichen Gehirn in der Lerngeschwindigkeit weit<br />
überlegen. Was, wenn es der KI eines Tages gelingt, sich<br />
selbst zu verbessern? Dann würden ihre Fähigkeiten geradezu<br />
explodieren. Womöglich verdrängt eine solche superintelligente<br />
KI aufgrund ihrer Überlegenheit dann die Spezies<br />
Mensch, da sie keinen menschlichen Wertvorstellungen<br />
mehr unterworfen ist – wir kennen es bereits aus Romanen.<br />
Italiens Datenschutzbehörde hat den populären Text-<br />
Automaten ChatGPT im Land Ende März vorläufig gesperrt.<br />
Aufgrund einer Software-Panne waren wohl Daten aus fremden<br />
Profilen für andere Nutzer sichtbar geworden. Auch informiere<br />
der Betreiber OpenAI nicht ausreichend über die<br />
Verwendung von Daten, so die italienischen Datenschützer.<br />
Aber bevor die Welt untergeht, macht es auf jeden Fall<br />
Spaß, ChatGPT herauszufordern. Man kann die KI nach<br />
einfachen Rezepten fragen, mit denen sich beispielsweise<br />
Chicoree und Zucchini zusammen verarbeiten lassen. Sofort<br />
bekommt man einen Salat, ein Ofengericht und eins<br />
für die Pfanne zur Auswahl. Die Eltern können ihr Auto<br />
nicht mehr starten? ChatGPT weiß, wie man ihm auf die<br />
Sprünge hilft. Als Biografin frage ich mich, was LinkedIn-<br />
Nutzer gerne von mir lesen würden? ChatGPT macht mir<br />
eine Reihe von guten Vorschlägen. Zur Abrundung dieses<br />
Textes vielleicht noch ein kleiner Witz, möglicherweise<br />
mit „Siegerland“ und „Durchblick“-Bezug? Bitte sehr:<br />
Ein Siegerländer und ein Kölner unterhalten sich. Der<br />
Kölner fragt den Siegerländer: „Wie viele Einwohner hat<br />
denn das Siegerland?“ Der Siegerländer antwortet: „Keine<br />
Ahnung, ich habe noch nie gezählt.“ Der Kölner schüttelt<br />
den Kopf und sagt: „Typisch Siegerländer, ihr habt<br />
ja wirklich keinen Durchblick!“ Daraufhin antwortet der<br />
Siegerländer: „Mag sein, aber zumindest haben wir hier<br />
im Siegerland noch genug Platz zum Durchblicken!“<br />
Es ist nicht der beste je gehörte Witz, aber er kam<br />
aus der Hüfte geschossen und erfüllt die gestellten<br />
Anforderungen. Wer selbst einmal spielen will:<br />
https://openai.com/blog/chatgpt.<br />
<br />
Adele von Bünau<br />
Kindern schreibt sie Hausaufgaben, Studenten hilft<br />
sie bei Seminararbeiten, und auch in zahllosen anderen<br />
Bereichen ist sie nützlich: Die künstliche Intelligenz<br />
ChatGPT scheint auf alle Fragen im Handumdrehen<br />
eine wohlformulierte Antwort zu finden, ob es um das<br />
Lösen von Mathe-Aufgaben, das Schreiben von Programm-<br />
Codes, ein passendes Kochrezept oder das Verfassen eines<br />
Gedichtes geht. Allerdings klingen auch „halluzinierte Fakten“,<br />
wie OpenAI die „Fake News“ ihres Chat-Bots nennt,<br />
ähnlich überzeugend wie alles andere, was der Computer<br />
mit seinen Algorithmen aus den riesigen Datenmengen<br />
strickt, die weltweit digital zur Verfügung stehen. Die Texte<br />
sollen sich menschlich anfühlen, sie sind es nicht.<br />
Die künstliche Intelligenz des amerikanischen Unternehmens<br />
OpenAI hat innerhalb weniger Monate weltumspannend<br />
eine enorme Verbreitung gewonnen, nachdem eine kostenlose<br />
Demo-Version herausgekommen ist, mit der jede und<br />
jeder in seiner Sprache „spielen“ kann. Fragt man den Chatbot<br />
nach seinen eigenen Grenzen, so antwortet er folgendes:<br />
Als künstliche Intelligenz habe ich bestimmte Einschränkungen<br />
und Grenzen, die ich nicht überschreiten<br />
kann. Hier sind einige davon:<br />
1. Daten- und Informationsabhängigkeit: Ich bin darauf<br />
angewiesen, dass mir ausreichende und qualitativ hochwertige<br />
Daten und Informationen zur Verfügung gestellt werden.<br />
Ohne sie kann ich keine aussagekräftigen Antworten liefern.<br />
2. Mangelnde Fähigkeit zur Interpretation von Emotionen:<br />
Als künstliche Intelligenz kann ich nicht wirklich<br />
Emotionen verstehen oder interpretieren. Ich kann nur auf<br />
Basis der von mir analysierten Daten und Informationen<br />
Antworten geben, die Emotionen nicht berücksichtigen.<br />
Bild: Pixabay<br />
3. Eingeschränkte menschenähnliche Interaktion: Ich<br />
kann zwar in einer menschenähnlichen Sprache kommunizieren,<br />
aber ich bin kein menschlicher Gesprächspartner. Ich<br />
kann keine Beziehungen aufbauen oder ein tiefes Verständnis<br />
für menschliche Probleme und Emotionen entwickeln.<br />
4. Fehlende Kreativität und Intuition: Obwohl ich in<br />
der Lage bin, auf Grundlage von Daten und Informationen<br />
Vorhersagen zu treffen und Entscheidungen zu treffen, fehlt<br />
mir die Kreativität und Intuition eines menschlichen Geistes.<br />
Ich kann keine neuen Ideen oder unerwarteten Lösungen auf<br />
Basis meiner eigenen Erfahrung oder Intuition generieren.<br />
5. Begrenzte Verarbeitungsgeschwindigkeit: [...]<br />
Meiner Erfahrung nach kann man den fünften Punkt vernachlässigen.<br />
ChatGPT antwortet sekundenschnell. Und<br />
die KI lernt mit jeder Anfrage dazu. Version 4, die im März<br />
für zahlende Kunden herauskam, verspricht bereits, „kreativer<br />
und kooperativer als je zuvor“ zu sein. Die Schwächen<br />
3 und 4 sind also schon teilweise überwunden.<br />
Wie weit ist ChatGPT noch von Douglas Adams‘ Supercomputer<br />
„Deep Thought“ aus „Per Anhalter durch<br />
die Galaxis“ entfernt, der die Antwort auf die Frage nach<br />
dem „Sinn des Lebens, dem Universum und dem ganzen<br />
Rest“ errechnet hat? Wir wissen es nicht, aber wir ahnen,<br />
dass die KI es vor uns erfahren wird.<br />
Was bedeutet es für unsere Kultur, wenn man Computertexte<br />
von menschlich gemachten nicht mehr unterscheiden<br />
kann? Wenn Künstliches kunstvoller als die Natur klingt?<br />
OpenAI beschäftigt sich nach eigenen Angaben mit der<br />
Frage der „existenziellen Bedrohung durch künstliche In-<br />
„DigitalPakt Alter“<br />
Bundesfamilienministerin Lisa Paus gab den Startschuss<br />
für die neue Förderphase des „DigitalPakt<br />
Alter“ von 2023 bis 2025. Gemeinsam mit Brandenburgs<br />
Familienministerin Ursula Nonnemacher und<br />
Dr. Regina Görner von der Bundesarbeitsgemeinschaft<br />
der Seniorenorganisationen (BAGSO e.V.) begrüßte sie elf<br />
Bundesländer in dem Bündnis, das ältere Menschen fit machen<br />
will für die digitale Zukunft. Bis 2025 unterstützt das<br />
Bundesseniorenministerium mit über 3,1 Mio. Euro ältere<br />
Menschen dabei, sich digitales Know-How anzueignen.<br />
Bundesfamilienministerin Lisa Paus: „Die Digitalisierung<br />
stellt jeden von uns vor Lernherausforderungen. Mit<br />
dem DigitalPakt Alter schaffen wir Aufmerksamkeit für die<br />
derzeitige digitale Ausgrenzung vieler Millionen älterer Menschen.<br />
Wir unterstützen wohnortnahe Lerngelegenheiten, bei<br />
denen ältere Menschen verlässliche Ansprechpersonen finden,<br />
die sich Zeit nehmen und auf Augenhöhe erklären. Mit den elf<br />
Bundesländern als neue Partner können wir für noch mehr<br />
Sichtbarkeit, Vernetzung und Wissensaustausch sorgen.“<br />
Ministerin Ursula Nonnemacher: „Die Digitalisierung<br />
bietet große Chancen, besonders für die ältere Generation.<br />
Ob Videoanruf mit den Enkelkindern, Lebensmittel-Lieferservice<br />
per Internet oder Online-Sprechstunde mit dem Bürgerbüro<br />
oder der Arztpraxis. In vielen Bereichen erleichtert<br />
uns die Digitalisierung das Leben. Immer mehr Ältere gehen<br />
ganz selbstverständlich mit dem Smartphone um, viele<br />
wünschen sich aber hierbei mehr Unterstützung.“<br />
BAGSO-Vorsitzende Dr. Regina Görner: „Viele Ältere<br />
möchten lernen, digitale Medien zu nutzen. Wir müssen ihnen<br />
deswegen dort Angebote machen, wo sie leben. .“<br />
Der „DigitalPakt Alter“ fördert bis Ende 2025 weitere<br />
150 lokale Initiativen, die Ältere mit digitaler Technik vertraut<br />
machen. Neben der finanziellen Unterstützung und<br />
der Ausstattung mit Lernmaterialien werden die zumeist<br />
ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer begleitet und weiterqualifiziert.<br />
Seit 2021 wurden bereits 150 solcher Erfahrungsorte<br />
bundesweit gefördert.<br />
Neu in dieser Projektphase sind die Themenschwerpunkte<br />
soziales Miteinander, Wohnen, Gesundheit und<br />
Mobilität. In einem Wettbewerb werden Kommunen ausgezeichnet,<br />
die innovative Lösungen zur digitalen Teilhabe<br />
Älterer umsetzen.<br />
Knapp sieben Millionen Menschen der Generation<br />
60+ nutzen das Internet bislang nicht. Viele geben an, sie<br />
müssten einen Nutzen darin sehen können und bräuchten<br />
Unterstützung. Hier hat der DigitalPakt Alter im Jahr 2021<br />
angesetzt und mehr als 15.000 ältere Menschen erreicht.<br />
Den lokalen Einstieg in das KI-Projekt bietet die Initiative<br />
ALTERaktiv Siegen-Wittgenstein e.V. in seinem<br />
Senec@fé Treffpunkt Neue Medien im Haus Herbstzeitlos<br />
Siegen, Marienborner Str. 151 an. Besucherinnen<br />
und Besucher haben dort die Möglichkeit sich in kleinen<br />
Schritten auch dieses neue Technik-Wissen anzueignen.<br />
Informationen unter www.senioren-siegen.de db<br />
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Der Mensch – Wolf oder Schaf ?<br />
Unsere Geschichte ist mit Blut geschrieben<br />
Der Mensch, eine Bestie?<br />
Die Vorgänge in der Ukraine beherrschten die Schlagzeilen<br />
in allen Medien. Mord, Totschlag, Vergewaltigung,<br />
Folter, Vernichtung, Zerstörungen, notleidende hungernde,<br />
frierende Menschen, schreiende, weinende Kinder und erschütterte<br />
Alte werden uns fortgesetzt vor Augen geführt.<br />
Inzwischen ist der Eindruck erweckt, als wären die Russen<br />
durchweg Bastarde. Aber waren die Menschen anderer<br />
Völker anders, wenn sie unter grauenhafter Propaganda<br />
einer brutalen, skrupellosen, dämonischen Herrschaft<br />
agierten? Der russische Gelehrte und Schriftsteller Fedor<br />
M. Dostojewski, vor 200 Jahren in Moskau geboren (1821<br />
– 1881), wusste, in welche Abgründe der Mensch abstürzen<br />
kann und schrieb:<br />
Menschen wie Tiger<br />
Es gibt Menschen, die wie Tiger nach Blut lechzen. Wer<br />
sie einmal gekostet hat, diese Macht, diese unumschränkte<br />
Herrschaft über den Leib, das Blut und den Geist eines anderen<br />
Menschen, der gleich ihm geschaffen und laut Christi<br />
Gebot sein Bruder ist, wer einmal die Möglichkeit kennen<br />
gelernt hat, einem anderen Geschöpf tiefste Schmach und<br />
Erniedrigung anzutun, der wird ganz unwillkürlich die Herrschaft<br />
über seine eigenen seelischen Regungen verlieren.<br />
Die Tyrannei ist eine Gewohnheit, sie hat die Fähigkeit,<br />
sich zu entwickeln und artet schließlich zu einer Krankheit<br />
aus. Ich bin ganz entschieden der Meinung, dass auch der<br />
beste Mensch durch Gewohnheiten erstarren und so roh<br />
und stumpf werden kann wie ein rohes Tier.<br />
Blut und Macht berauschen den Menschen; sie entwickeln<br />
in ihm einen Hang zur Rohheit und zu Ausschweifungen;<br />
der Geist und das Gefühl werden selbst für die anormalsten<br />
Dinge zugänglich. (Siegener Zeitung v. 6.5.2009).<br />
„Der Mensch – Wolf oder Schaf?“<br />
fragt der Psychoanalytiker Erich Fromm. Gewiss ist der<br />
Wolf tückischer als ein Tiger. Der Tiger tötet, um satt zu<br />
werden. Wölfe töten gelegentlich sinnlos und lassen ihre<br />
Opfer liegen. Der englische Denker und Philosoph Hobbes<br />
(1588 – 1679) kam zu dem Schluss: Der Mensch ist seines<br />
Mitmenschen Wolf“. Wölfe wollen töten; die Schafe wollen<br />
tun, was man ihnen befiehlt. So bringen (sinnbildlich) die<br />
Wölfe die Schafe dazu zu töten, nicht etwa, weil es ihnen<br />
Freude macht, sondern weil sie folgen wollen; und darüber<br />
hinaus müssen die Mörder noch Geschichten erfinden,<br />
die von ihrer gerechten Sache, von der Verteidigung der<br />
bedrohten Freiheit, von der Rache für mit dem Bajonett<br />
erstochene Kinder, von vergewaltigten Frauen und von<br />
verletzter Ehre handeln, um die Mehrheit der Schafe dazu<br />
zu bringen, sich wie Wölfe zu verhalten. 1)<br />
Essay<br />
Ein Blick zurück:<br />
Das gesamte Mittelalter und die Neuzeit waren durchzogen<br />
mit Kriegen, die unendliches Leid über die Menschen<br />
brachten. Kurfürsten und Fürsten waren meist in<br />
Feindschaft verbunden.<br />
Die Kurfürsten hatten das Land unter sich aufgeteilt<br />
und ihren Herzögen, Grafen und Bischöfen jeweils ein<br />
Stück davon abgegeben. Und die wiederum gaben es ihren<br />
Rittern und Freiherren, die fröhlich feiern und auf die Jagd<br />
gehen konnten.<br />
In diesem Kontext spielte die Kirche, auch Martin Luther,<br />
eine sehr unrühmliche Rolle. Sie verteidigte die nach<br />
ihrer Meinung „von Gott gewollte Ordnung“ (Kaiser oder<br />
König von Gottes Gnaden). Je nachdrücklicher die „Sprecher<br />
Gottes“ für die Rechte der Obrigkeit eintraten, je besser<br />
ging es ihnen. Und das funktionierte, weil sie verkündeten,<br />
dass Gott jeden an seinen Platz gestellt und jeder sich dem<br />
Willen Gottes zu unterwerfen hatte. Was der Adel tat, musste<br />
gottgewollt sein. So trugen die Menschen auf unterer Ebene<br />
gottesfürchtig ihr Leid und sahen mit an, wie der Adel in<br />
Glanz und Gloria und Pfarrer und Ordensleute wohlernährt<br />
lebten. Adel und Kirche nahmen sich einen immer größeren<br />
Batzen von den Ärmsten, meist von den Bauern, die sich<br />
durch harte Arbeit zugrunde richteten. Ihre Unersättlichkeit,<br />
ihre Machtgier, Selbstgefälligkeit, Ruhmsucht und ihr Geltungsdrang<br />
haben dem gemeinen Volke nur Elend gebracht.<br />
Grausame Wolfsrudel (im Sinne von Hobbes) sind immer<br />
wieder übereinander hergefallen. Wie schlimm die Menschen<br />
auf einander eingeschlagen haben, lässt das untenstehende<br />
Gedicht, geschrieben nach dem 30jährigen Krieg,<br />
vermuten. Not und Qual waren – wie in dem Gedicht erhofft<br />
– nicht zu Ende. Die Wölfe wüteten weiter.<br />
Die Geschichte der Menschheit ist mit Blut geschrieben,<br />
es ist die Geschichte nie abreißender Gewalttaten,<br />
denn fast immer hat man sich die anderen mit Gewalt gefügig<br />
gemacht. Veranlasst durch bösartige „Wölfe“ (Napoleon,<br />
Pascha, Hitler, Stalin). Diese Männer standen nicht<br />
Der Mai des Jahres 1649<br />
(Geist- und weltliche Gedichte Brieg)<br />
Durch dreißig Lenze dauert fort<br />
Hunger und Pest und Krieg und Mord.<br />
Zum ersten Mal nach 30 Jahren<br />
Der tausend Entsetzen und tausend Gefahren<br />
Grünt wieder heiter im Frieden der Mai<br />
Macht endlich die Menschenherzen frei<br />
Viel schöner und freudiger blühet das Land<br />
allein. Sie verfügten über Tausende, die für sie töteten,<br />
für sie folterten und die es nicht nur willig, sondern sogar<br />
mit Vergnügen taten. Stoßen wir nicht überall auf die Unmenschlichkeit<br />
des Menschen – bei seiner erbarmungslosen<br />
Kriegsführung, bei Mord und Vergewaltigung, schreibt<br />
E. Fromm weiter.<br />
Und all das, genau das, erleben wir gerade im Ukraine/Russland-Konflikt,<br />
ausgelöst durch einen bösartigen<br />
Leitwolf namens Putin. Zu seinen Motiven äußert sich die<br />
ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf: Man muss begreifen,<br />
dass sich Totalitarismus und Nationalismus nie mit dem eigenen<br />
Land zufrieden geben, sondern immer expandieren<br />
wollen. (Siegener Zeitung v. 13.2.23, S. 31). Das bestätigte<br />
Putin selbst, indem er die<br />
Auflösung des Ostblocks<br />
als größte Katastrophe<br />
des letzten Jahrhunderts<br />
markierte.<br />
Sicherlich hatte Dostojewski<br />
die Napoleonfeldzüge<br />
für seine barsche<br />
Kritik vor Augen – Napoleon,<br />
der der Kriegslust<br />
wegen den Boden Mitteleuropas mit Blut getränkt hat. Aber<br />
soweit muss man gar nicht zurückschauen. Die größte Katastrophe<br />
begann mit dem 1. Weltkrieg, der von Österreich<br />
ausging und das mit dem starken Bündnispartner Deutschland<br />
im Rücken den Krieg erklärte. Dass andere Staaten,<br />
angetrieben durch die international Finanzkapitalisten, den<br />
Krieg mit Deutschland schon weit vor den Schüssen in Sarajewo<br />
vorbereitet hatten und unbedingt wollten , wird in der<br />
Geschichtsschreibung meist unterdrückt.<br />
Die Kämpfe verloren sich in unbegreiflicher Grausamkeit,<br />
bitterem Leid und hatten etwa zehn Millionen Menschen<br />
das Leben gekostet. Und als Deutschland endlich<br />
kapitulierte, gab man unserem Land die Alleinschuld an<br />
der Auseinandersetzung und schloss den Versailler Vertrag,<br />
der dann wohl die Ursache für den zweiten, schrecklichen<br />
Weltkrieg war. Der britische Premierminister David<br />
Lloyd George hat die Friedenbedingungen maßgeblich<br />
mitbestimmt. Und als der Vertrag unterzeichnet war, stellte<br />
er fest „Jetzt haben wir ein schriftliches Dokument, das<br />
Und glückliche Menschen geh´n Hand in Hand.<br />
Niemand braucht sich mehr zu verstecken,<br />
niemand vor Waffengeklirr zu erschrecken.<br />
Es zieht als einziges Kriegesheer<br />
Der Blütenstaub im Land umher.<br />
Und siegesgekrönter Feldobrist<br />
Der schöne junge Maien ist<br />
Die Nachtigall das Kriegslied singt<br />
„Zir – zir! – horch, wie ihr Ruf erklingt:<br />
„Kybbutz! Da vit! Kitzeach, merikod“!<br />
Zuend ist alle Qual und Not.<br />
Essay<br />
uns Krieg in 20 Jahren garantiert“. 2) Er wusste also genau,<br />
was man angerichtet hat. Welch eine widerliche Hinterlist.<br />
Können rohe Tiger (um in der Wortwahl Dostojewskis zu<br />
bleiben) so heimtückisch sein?<br />
Tatsächlich hatten 20 Jahre später die Nationalsozialisten<br />
unter der Leitung des gebürtigen Österreichers Adolf<br />
Hitler zu ihrem Vernichtungsfeldzug angesetzt. Unter dem<br />
sadistischen Führer versammelte sich ein „Wolfsrudel“,<br />
das aufgebaut auf Lügengeschichten grobe, unbarmherzige,<br />
menschenverachtende Bestien in Aktion setzte. Die<br />
von den Nationalsozialisten ausgelösten Verbrechen, die<br />
Deportation und Ermordung der europäischen Juden, die<br />
Ausmerzung der Geisteskranken unter dem Begriff Euthanasie,<br />
und die Christenverfolgung<br />
durch die<br />
Protagonisten Hitlers<br />
liegt in ihrer Dimension<br />
jenseits menschlicher<br />
Vorstellungskraft (die<br />
nationalsozialistische<br />
Barbarei hat hierzulande<br />
allein unter den Priestern<br />
und Ordensleuten etwa<br />
4.000 Opfer gefordert 3) ). Beispielhaft dafür, wie sie im eigenen<br />
Lande wüteten, ist dem Buch von Kossert 4) zu entnehmen.<br />
So geschehen in Ostpreußen, als die Rote Armee<br />
unser Land schon erreicht hatte: 3000 jüdische Gefangene<br />
waren Anfang 1945 im ostpreußischen Palmnicken in der<br />
Hand der SS. Noch in der Nacht zum 1. Februar wurden<br />
die Opfer unter dem Vorwand, man wolle sie per Schiff<br />
in Sicherheit bringen, den Seeberg hinunter zum Strand<br />
geführt. Dort mussten sie an der vereisten Ostseeküste<br />
entlang nach Süden marschieren. Zwischen dem Strand<br />
und dem 30 Meter höher gelegenen Ort erstreckte sich in<br />
breiter Wald- und Parkstreifen, so dass nur wenige Palmnicker<br />
beobachteten, was jetzt geschah. Die SS-Schützen<br />
rollten die weit auseinandergezogene Kolonne von hinten<br />
auf, trennte jeweils die letzte Gruppe ab und jagte sie unter<br />
Maschinengewehrfeuer auf das Eis und ins Wasser. In der<br />
Dunkelheit und bei der Eile war nicht gewährleistet, dass<br />
alle Häftlinge tatsächlich getötet wurden. Viele hat man<br />
zunächst nur verwundet oder gar nicht getroffen. Manche<br />
sanken in Ohnmacht, erfroren oder gerieten zwischen die<br />
Eisschollen und ertranken. Andere starben nach tagelangen<br />
Qualen am Strand. Etwa 200 Menschen hatten wohl<br />
überlebt. Eine Frau, die mit dem Leben davon gekommen<br />
war, gab später zu Protokoll: Als wir an der Meeresküste<br />
ankamen, war schon finstere Nacht. Plötzlich erhielt ich<br />
einen Schlag mit dem Gewehrkolben auf den Kopf, und<br />
ich fiel in einen Abgrund. Ich erlangte das Bewusstsein im<br />
Wasser. Zu dieser Zeit dämmerte es schon. An der Meeresküste<br />
lag es voll Leichen. Gegen Morgen verschwanden<br />
die SS-Männer. Wir standen auf und kletterten auf das Ufer.<br />
Und doch waren nicht alle Menschen verroht, verkommen,<br />
barbarisch, vielleicht sogar in der über- <br />
Unersättlichkeit. Machtgier<br />
und Selbstgefälligkeit der Oberen<br />
haben dem gemeinen Volke<br />
immer nur Elend gebracht<br />
70 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 71
Essay<br />
Essay<br />
wiegenden Mehrheit nicht. Wie eng brutale, abscheuliche<br />
Barbarei und große Menschlichkeit auf engem Raum beieinander<br />
lagen, zeigt das Verhalten des Bergwerksdirektor<br />
Landmann aus Palmnicken in Ostpreußen: Die SS hatte<br />
ihm Ende Januar einen ganzen Güterzug Juden zugeführt,<br />
die er in den Stollen unterbringen sollte. Das hat er verweigert.<br />
Er ließ die erschöpften und halb erfrorenen Opfer in<br />
der Werksschlosserei Quartier beziehen. Als am nächsten<br />
Morgen der Güterdirektor Hans Feyerabend das Kommando<br />
übernahm, und erklärte: „Solange er lebe, würden Juden<br />
zu essen bekommen, keiner werde umgebracht.“ Er ließ<br />
Vieh schlachten sowie Stroh, Erbsen und Brot heranschaffen.<br />
Die Werkskantine musste für die Gefangenen kochen.<br />
Eine Woche später war Hans Feyerabend tot – ermordet;<br />
aber so, dass es wie Suizid aussah. 4)<br />
Wie grausam einige deutsche Soldaten in Polen und<br />
Russland gewütet haben, beschrieb Generalmajor Helmuth<br />
Stieff in einem Brief an seine Frau. Die blühendste Phantasie<br />
einer Gräuelpropaganda ist arm gegen die Dinge, die<br />
eine organisierte Mörder-, Räuber- und Plünderbande unter<br />
angeblich höchster Duldung verbricht. Ich schäme mich,<br />
ein Deutscher zu sein. Diese Minderheit, die durch Morden,<br />
Plündern und Sengen den deutschen Namen besudelt, wird<br />
das Unglück des ganzen deutschen Volkes werden. 5)<br />
Der Generalmajor spricht von einer Minderheit und<br />
bezieht nicht pauschal alle Soldaten in seine Kritik ein.<br />
Die prognostizierte Reaktion traf ein, die Rache folgte mit<br />
dem Ansturm der Roten Armee auf unser Land, besonders<br />
betroffen waren Preußen und Schlesien. Einen Eindruck<br />
vermittelt der russische Schriftsteller Lew Kopelew mit<br />
Blick auf seine Kriegskameraden, tief erschüttert schrieb<br />
er: In den Zeitungen, im Radio riefen wir auf zur heiligen<br />
Rache. Aber was für Rächer waren das, und an wem haben<br />
sie sich gerächt? Warum entpuppten sich so viele unserer<br />
Soldaten als gemeine Banditen, die rudelweise Frauen und<br />
Mädchen vergewaltigten – am Straßenrand im Schnee, in<br />
Hauseingängen; die unbewaffnete totschlugen, alles, was<br />
„Zweiundzwanzig, Höringstraße.<br />
Noch kein Brand, doch wüst, geplündert.<br />
Durch die Wand gedämpft – ein Stöhnen:<br />
Lebend finde ich noch die Mutter.<br />
Waren´s viel auf der Matratze?<br />
Kompanie? Ein Zug? Was macht es!<br />
Tochter – Kind noch, gleich getötet.<br />
Alles schlicht nach der Parole:<br />
NICHTS VERGESSEN! NICHTS VERZEIH`N!<br />
BLUT FÜR BLUT – und Zahn um Zahn.<br />
Wer noch Jungfrau, wird zum Weibe,<br />
und die Weiber Leichen bald.<br />
Schon vernebelt, Augen blutig,<br />
bittet eine: Töte mich, Soldat!“<br />
sie nicht mitschleppen konnten kaputtmachten, verhunzten,<br />
verbrannten? (…) sinnlos – aus purer Zerstörungswut (…).<br />
Wie ist das alles möglich geworden. 4)<br />
Der ebenfalls russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn<br />
hat als Politoffizier der Roten Armee den Einmarsch<br />
der Sowjets in Ostpreußen miterlebt und in seinem<br />
Gedichtzyklus „Ostpreußische Nächte“ festgehalten. (unten<br />
lks.). Kopelew und Solschenizyn wurden wegen Mitleids<br />
mit dem Feind und der kritischen Äußerung für viele<br />
Jahre nach Sibirien verbannt. 4)<br />
Dass mehrere Russen nacheinander dieselbe junge deutsche<br />
Frau vergewaltigt haben, ist nicht unbekannt; doch,<br />
dass es ein ganzer Zug (30 Mann) oder gar eine ganze<br />
Kompanie gewesen sein soll, ist unvorstellbar. Die Russen<br />
übten Rache, wie sie die russische Propaganda gefordert<br />
hatte – Rache am deutschen „Mördervolk“, wie Marschall<br />
Schukow die Deutschen schlechthin tituliert hatte. Sie<br />
setzten um, wozu der Schriftsteller Ilja Ehrenburg aufgerufen<br />
hatte: Vergewaltigung, um „den Rasenhochmut der<br />
germanischen Frauen zu brechen“. 6)<br />
Wie jedoch die Empörung der Schriftsteller Kopelew<br />
und Solschenizyn zeigen, stieß die Anstiftung zu diesen<br />
menschenverachtenden, skrupellosen Verbrechen keineswegs<br />
allseits auf Zustimmung. Auch die Russen sind demnach<br />
nicht durchgängig Barbaren (wie man heute angesichts<br />
der Ereignisse in der Ukraine vielleicht vermuten könnte).<br />
Einer meiner Freunde, dessen Vater in russischer Kriegsgefangenschaft<br />
war, erzählte mir, dass sein Vater später immer<br />
gesagt hat: Der Russe war stets anständig zu mir.<br />
Brutalität einerseits und Schutzgewährung andererseits<br />
gab es überall: Als in dem kleinen Ort Tempelfeld in Niederschlesien<br />
der Pfarrer mit einigen Mädchen und Frauen<br />
vor der anrückenden Roten Armee in der Kirche Schutz<br />
gesucht hatten, wurden sie rücksichtslos ergriffen, gedemütigt,<br />
gepeinigt – Vergewaltigungen im Schatten des Altares.<br />
Dann hatten die Deutschen das Dorf zu verlassen. Im<br />
Nachbarort auf einem Bauernhof fanden sie Unterschlupft.<br />
Nebenan in einer Stube ein russischer Offizier, ihr Glück (!)<br />
für kurze Zeit. Er bot ihnen Schutz. Wenn Rohlinge den<br />
Hof betraten und Frauen suchten, mussten die Getriebenen<br />
nur an die Tür klopfen. Der Offizier kam und verjagte<br />
die Bestien kraft seiner Autorität mit Erfolg. Vier Tage bewahrte<br />
er die bedrohten Menschen vor Übergriffen. Dann<br />
wurde er abgezogen. Am Tag darauf drang ein anderer Soldat<br />
ein, suchte und besichtige jungen Mädchen und Frauen.<br />
Als sich der Pfarrer schützend vor sie stellte, wurde er nach<br />
draußen getrieben und erschossen. – Herzensgüte und Brutalität,<br />
Tür an Tür<br />
Fast sechs Millionen Polen haben durch Hitlers Vernichtungskrieg<br />
ihr Leben verloren. Und die, die später<br />
von den Russen aus ihrer Ostpolnischen Heimat vertrieben<br />
wurden (z.B. aus Lemberg), kamen gedemütigt in das<br />
durch den Krieg verwüstete Schlesien – frustriert, verarmt,<br />
gereizt. Im angespannten Miteinander vegetierten die<br />
Schlesier und die zugezogenen Polen dahin – gemeinsam<br />
auf der Suche nach Überlebensmöglichkeiten. Die zu verzweifelnde<br />
Situation verband einander. Die Menschen erkannten,<br />
dass auch die anderen Menschen sind und gingen<br />
auf einander zu. Das Miteinander wurde sozialer – bis zur<br />
amtlichen Vertreibung der Deutschen.<br />
Andere Polen – auf der Seite der Kriegsgewinner – kosteten<br />
ihre gewonnene Machtstellung brutal aus. Rachehandlungen<br />
an unschuldigen Menschen – begangen von<br />
einigen Bastarden, wurden<br />
Herzlichkeit und Brutalität<br />
wohnen<br />
– gleich wo –<br />
oft nebeneinander,<br />
Tür an Tür<br />
zur Regel. Einer dieser Bastarde<br />
war der Kommandant<br />
des Lagers Lamsdorf Czesław<br />
Gęborski. Auf dem rund<br />
30 Kilometer südwestlich von<br />
Oppeln (Opole) gelegenen<br />
Gelände waren zwischen 1945<br />
und 1946 Tausende Deutsche<br />
interniert, vor allem Frauen,<br />
Alte und Kinder. Sie erblebten fürchterliche Zustände, erlitten<br />
Hunger, Krankheiten und bestialische Verbrechen, begangen<br />
von den Wächtern, die wie programmierte Roboter<br />
wüteten (vgl. Elliger, S.158 ff.; siehe auch: Google, Stichwort<br />
Lamsdorf). Frauen wurden in der Latrine ertränkt,<br />
halb zu Tode Gequälte lebendig begraben. Menschen die<br />
von den Gräueltaten der Nazis nicht wussten, erlitten das,<br />
wie die Menschen jüdischen Glauben in den Konzentrationslagern<br />
ertragen mussten. Zu Ungeheuerlichem ist der<br />
Mensch fähig, wenn er in einen bösartigen, skrupellosen<br />
dynamischen Prozess gerät. Dann wird der Mensch seines<br />
Mitmenschen Wolf.<br />
Doch fanden sich auch hier mitleidige Menschen.<br />
Deutsche, die sich auf der Flucht unwissend dem Lager<br />
näherten, wurden von ihnen gewarnt und zur Umgehung<br />
des Lagers angehalten (Elliger Seite 158). Nicht nur die<br />
Deutschen hatten vor den Polen Angst, sondern auch Polen<br />
vor ihren Landsleuten.<br />
Die Frage bleibt: Ist der Mensch eine Bestie, ein wildes<br />
Tier, ein gefährlicher Tiger, ein Wolf? Am Guten im<br />
Menschen kann man zweifeln, wenn man lesen muss, dass<br />
Deutsche auf der Flucht einen scheinbar unbelebten Bauernhof<br />
in der Nähe der schlesischen Grenze zu Tschechien<br />
betraten. Wir gingen in die weitläufige Diele. Dort brannte<br />
Licht. Um den großen runden Tisch knieten sechs oder<br />
sieben Personen. Sie waren ganz still und bewegten sich<br />
nicht. Ihre Köpfe waren nach vorne gefallen. Als wir näher<br />
kamen, sahen wir, dass sie mit der Zunge an der Tischplatte<br />
festgenagelt worden waren. Dem Bauern hatten sie die<br />
Augen ausgestochen, die Hände der Bäuerin lagen merkwürdig<br />
verdreht vor ihr auf dem Tisch. Mehr sah ich nicht,<br />
ich fiel um, bezeugt Katharina Elliger (Seite111). Welche<br />
herzlosen Barbaren hatten hier gewütet. Waren es Tschechen,<br />
waren es Polen, Ukrainer oder Russen? Es waren<br />
Menschen, Unmenschen! Wie können Menschen so grausam<br />
und gefühlslos sein? Auf der Suche nach den Gründen<br />
kommt man an der Frage nicht vorbei, wie wohl die Nazis<br />
in Tschechien oder Polen gewütet haben. Ein solch blinder<br />
Hass, eine solch tiefgründige Feindschaft ist nur mit<br />
vorangegangenen barbarischen Taten, die nach Rache und<br />
Vergeltung schrien, zu erklären (nicht zu rechtfertigen).<br />
Dostojewski wusste wohl, dass es Gut und Böse gibt<br />
und spricht davon, dass es Menschen gibt, die wie Tiger<br />
nach Blut lechzen. Er differenziert, übersieht nicht, dass<br />
die überwiegende Mehrzahl empfindsam, gutmütig, barmherzig,<br />
mitfühlend, – schlichtweg<br />
menschlich ist. Die Mehrzahl<br />
der Menschen bleibt auch unter<br />
widrigen Umständen menschlich.<br />
Das belegt z.B. der freie Journalist<br />
Viktor Padek aus Saporoshje/<br />
Ukraine in seinem Buch Ein Teller<br />
Suppe für den Feind – Zeugnisse<br />
der Menschlichkeit mitten<br />
im Krieg – und berichtet darüber,<br />
wie im Einzelfall russische Kriegsgefangene in Deutschland<br />
von Deutschen wohlwollend, sogar freundschaftlich<br />
behandelt wurden oder wie sich auch Russen um leidende<br />
deutsche Soldaten gekümmert haben. 7) Die große Mehrheit<br />
russischer Wehrpflichtiger (und ukrainischer Kämpfer)<br />
würde keine Verbrechen begehen. Werden sie aber von einer<br />
Masse mitgerissen, sind sie zu Ungeheuerlichem fähig.<br />
Hinzu kommen als Motive schließlich Notwehr, Nothilfe,<br />
Rache, Wut.<br />
Russland erlebt gerade nichts Geringeres, als das komplette<br />
Verschwinden aller moralischen Maßstäbe, weil<br />
jene den Ton angeben, die besonders unmenschlich sind,<br />
sagt die russische Journalistin Kirillowa (Siegener Zeitung<br />
v. 11.1.23, S. 17). So war es wohl auch in der deutschen<br />
Nazi-Vergangenheit. Immer führten unmoralische<br />
Beweggründe zu barbarischem Handlungen.<br />
Gewaltneigung oder Güte sind niemals typische Eigenschaften<br />
eines Volkes, Brutalität und Herzlichkeit wohnen<br />
– gleich wo – oft Tür an Tür – bei Deutschen wie auch bei<br />
Russen, bei Polen wie bei Ukrainern, bei Belgiern wie bei<br />
Briten, bei Iranern wie bei Syrern.<br />
Findet der Mensch keine Lösung? Dieser Frage ist bereits<br />
Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) nachgegangen<br />
und meinte: Rohe Kräfte können nur durch die Vernunft geregelt<br />
werden; es gehört aber eine wirkliche Gegenmacht,<br />
das ist Klugheit, Ernst und die ganze Kraft der Güte, dazu,<br />
sie in Ordnung zu setzen und mit heilsamer Gewalt darin<br />
zu erhalten. Es gibt nichts Größeres in der Welt als den<br />
Kampf der sehenden Vernunft gegen die blinde Gewalt.<br />
Es ist der Kampf, den der Mensch immer führen wird, bis<br />
Vernunft und Gewalt einander decken. Wann wird es soweit<br />
sein? <br />
Wolfgang Kay<br />
1) Fromm, Die Seele des Menschen –die Fähigkeit zum Guten und zum Bösen, Seite 13,<br />
Stuttgart 1979. 2) Carmin, Das schwarze Reich, Seiten 54 und 202, Hamburg 2006.<br />
3) Weisenborn, Der lautlose Aufstand, Hamburg 1962. 4) Kossert, Ostpreußen, Geschichte<br />
und Mythos, Seiten 312 ff., München 2005. 5) Berthold, Die 42 Attentate auf Hitler, Seite<br />
155, Wiesbaden 2007. 6) Knopp, Die große Flucht, Seite 35, München 2003; sowie Aust/<br />
Burgdorff, Die Flucht, Bonn 2003. 7) Padek, Ein Teller Suppe für den Feind, Zeugnisse<br />
der Menschlichkeit mitten im Krieg, Essen 2002.<br />
72 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 73
Jeden 3. Dienstag<br />
15.00 Treffen der Heinzelwerker<br />
städtisches<br />
Seniorenzentrum „Haus<br />
Herbstzeitlos“ Siegen, Marienborner<br />
Str 151. Helfer<br />
sind sehr willkommen!<br />
15.30-17.00 Smartphone-Treff,<br />
AWO Seniomontags:<br />
Wiederkehrende Termine<br />
11.00-12.00 Uhr Seniorengymnastik<br />
mit Anne<br />
Freudenberger, Dr. Ernst-<br />
Schuppener-Haus, Stadtteilbüro<br />
Heidenberg,<br />
0271/234188-72<br />
14.00 Montagscafé des<br />
DRK–Siegen Nord e.V.,<br />
Weidenau, Schneppenkauten<br />
1, 0271/76585<br />
18.00 Lese- und Literaturkreis<br />
mit Gustav Rinder,<br />
Lebendiges Haus e.V<br />
Siegen, Melanchtonstr. 61,<br />
0271/70328-46<br />
20.30 Tangosalon: Milonga,<br />
Tango Argentino – Gefühle<br />
tanzen, Kulturhaus Lÿz<br />
Siegen, St.-Johann-Str. 18<br />
Jeden 1. Montag<br />
14.00-16.00 Kreuztaler<br />
Repaircafé, Dietrich-Bonhoeffer-Hs.,<br />
Leipziger Str. 6<br />
0160 / 977 861 15<br />
19.00 Trauergruppe der<br />
Amb. Hospizhilfe, Stift. Diakoniestation<br />
Kreuztal, Ernsdorfstr.<br />
3, 02732/1028<br />
20.00 Tango Schnupperkurs<br />
(bis 21 Uhr),<br />
anschließend Tangosalon,<br />
Kulturhaus Lÿz Siegen, St.-<br />
Johann-Straße 18<br />
Jeden 2. Montag<br />
10.00 Trauercafé der<br />
Amb. ökumenischen Hospizhilfe<br />
Siegen e.V., „Haus<br />
Herbstzeitlos“ Siegen,<br />
0271/23602-67<br />
15.15 Montagsgespräch<br />
des „Bund der Vertriebenen“<br />
Siegen, Seilereiweg 6<br />
0271/82838<br />
18.30 „Anders Altern“<br />
Gruppe für gleichgeschlechtlich<br />
Lebende und Liebende,<br />
„Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />
0271/404-2434<br />
Jeden 4. Montag<br />
14.30-16.30 Spielenachmittag,<br />
AWO<br />
Seniorenzentrum Erndtebrück,<br />
Struthstr. 4, <br />
02753/5077-40<br />
Letzter Montag<br />
10.00 Stadteilfrühstück,<br />
Stadtteilbüro FES & MGH<br />
Kreuztal, Danziger Str. 2<br />
02732/3790<br />
16.30 Hayatın içinden –<br />
Selbsthilfegruppe für<br />
pflegende Angehörige<br />
(in türkischer Sprache),<br />
Verein De.-Türk. Akademiker<br />
e.V. Siegen, Hagener<br />
Str. 75<br />
18.30 Selbsthilfegruppe<br />
Asthma und Bronchitis<br />
„Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />
02737/3308<br />
dienstags:<br />
Jeden 1. Dienstag<br />
15.30-17.00 Smartphone-Treff,<br />
AWO Seniorenzentrum<br />
Erndtebrück,<br />
Struthstraße 4, Information:<br />
Aufwind Jugendhilfe<br />
GmbH, 0172/42861-50<br />
16.15 Selbsthilfegruppe<br />
Angehörige von Menschen<br />
mit Demenz, Siegerlandzimmer<br />
in der Siegerlandhalle,<br />
Koblenzer Str. 151<br />
Anm. 0271/673472-39<br />
17.00 Treffen der SHG für<br />
Hörgeschädigte, Ev. Martini-Kirchengemeinde<br />
Siegen,<br />
St. Johann Str. 7, Brigitte<br />
Schmelzer 02737/93470<br />
Jeden 2. Dienstag<br />
19.00 Vorwärts-Chor,<br />
städtisches Seniorenzentrum<br />
„Haus Herbstzeitlos“ Siegen,<br />
renzentrum Erndtebrück,<br />
Information: Aufwind<br />
Jugendhilfe GmbH, Julia<br />
Trettin 0172/42861-50<br />
15.30 Smartphonecafé,<br />
Digitale Themennachmittage.<br />
Stadtteilbüro FES<br />
& Mehrgenerationenhaus<br />
Kreuztal, Danziger Str. 2,<br />
02732/3790<br />
Jeden 4. Dienstag<br />
17.30 Gesprächskreis<br />
der SH für Angehörige<br />
von Menschen mit Demenz<br />
Caritas Tagespflege<br />
St. Raphael Burbach, Steinhardtstr.<br />
4<br />
Jeden letzten Dienstag<br />
14.30-16.00 Café Auszeit<br />
Gesprächskreis für pflegende<br />
Angehörige, mit der<br />
Gruppe Lebensfreude, Otto-<br />
Reiffenrath-Haus Neunkirchen,<br />
0271/67 34 72- 39<br />
17.30-19.00 SH Angehörige<br />
von Menschen<br />
mit Demenz, Caritas<br />
Tagespflege St. Raphael<br />
Burbach, Steinhardtstr. 4<br />
mittwochs:<br />
9.00 Ü55-Fitness, (nicht<br />
in den Ferien) Stadtteilbüro<br />
FES & MGH Kreuztal, Danziger<br />
Str. 2 02732/3790<br />
9.00 Wandern, Nordic<br />
Walking, ab Wanderparkplatz<br />
Siegen, Rosterbergstraße,<br />
Günter Dickel, <br />
0271/3345-66<br />
10.00 Wanderungen, ca.<br />
5 km des „Interkulturelles<br />
Seniorennetzwerk“ ab<br />
Siegerl.-Center Weidenau,<br />
Alfonso López García<br />
0271/42517<br />
13.00-17.00 ALTERAktiv<br />
Fahrrad-Reparatur-Treff<br />
Selbsthilfe Werkstatt Siegen,<br />
Sandstraße 20, Innenhof,<br />
Info: Klaus Reifenrath,<br />
0171/88214-20<br />
14.00 Hilfen für zu Hause<br />
des Diak. Freundeskreises<br />
Siegen-Süd, Diakonie Si.-<br />
Eiserfeld, Mühlenstr. 7<br />
14.00-17.00 Taschengeldbörse<br />
Siegen, MGZ,<br />
Martinigemeinde Siegen,<br />
St.-Johannstraße 7,<br />
0271/23460-66<br />
15.30 Geselliger Nachmittag<br />
Lebendiges Haus<br />
e.V Siegen, Melanchtonstr.<br />
61, 0271/23166-79<br />
Jeden 1. Mittwoch<br />
10.00 Trauercafé Regenbogen<br />
der ambul.<br />
Hospizhilfe, Diakonistation<br />
Kreuztal, Ernsdorfstraße 3,<br />
02732/1028<br />
14.30 Museums-Momente,<br />
Führung für Menschen<br />
mit Demenz und ihre<br />
Begleitung, „Museum für<br />
Gegenwartskunst“ Siegen,<br />
Begrenzte Teilnehmerzahl!<br />
0271/40577-10<br />
15.00 Seniorennachmittag<br />
des Heimatvereins<br />
Burbach-Niederdresselndorf,<br />
Alte Schule, 0273/67726<br />
15.00 Frauenzimmer,<br />
Frauencafé des DRK-Niederschelden,<br />
Josefstraße 1,<br />
0271/354962<br />
15.30 Selbsthilfegruppe<br />
Angehörige von Menschen<br />
mit Demenz, Repair-Café<br />
der Klimawelten<br />
Hilchenbach, Kirchweg 17<br />
0271/67 34 72—9<br />
17.00 Smartphonecafé,<br />
Hilfe rund um Handy Laptop<br />
und Co., Stadtteilbüro FES<br />
& Mehrgenerationenhaus<br />
Kreuztal, Danziger Str. 2<br />
02732/3790<br />
19.30 Treffen der Heimatfreunde<br />
Trupach, Kapellenschule<br />
Si.-Trupbacher<br />
Str. 34, 0271/371022<br />
Jeden 2. Mittwoch<br />
14.00-17.00 Café Zeitlos,<br />
in der EssBar, Siegen,<br />
Schweriner Str. 23, (außer<br />
in den Ferien)<br />
17.30 Gesprächskreis für<br />
pflegende Angehörige<br />
Tagespflege „Bethanien“<br />
Siegen, Weidenauer Str.<br />
151, 0271/67 34 72- 39<br />
Jeden 3. Mittwoch<br />
16.00 Workshop Ton fühlen<br />
und formen, Angebot<br />
für Menschen mit Demenz<br />
und ihre Angehörigen. Netphen<br />
Untere Industriestr.<br />
57 (begr. Teilnehmerzahl)<br />
0271/ 67 34 72-39<br />
Jeden 4. Mittwoch<br />
14.00-17.00 Café<br />
Zeitlos, in der EssBar,<br />
Siegen, Schweriner Str.<br />
23 (außer in den Ferien)<br />
15.00 Fit im Kopf- gemeinsam<br />
das Gedächtnis in<br />
Bewegung halten Konferenzzimmer<br />
der Siegerlandhalle<br />
0271/673472-39<br />
Letzter Mittwoch<br />
14.00-17.00 Seniorencafé,<br />
Stadtteilbüro FES &<br />
MGH Kreuztal, Danziger Str.<br />
2 Begrenzte Teilnehmerzahl<br />
02732/3790<br />
15.00-16.30 Selbsthilfegruppe<br />
Frontotemporale<br />
Demenz im Café Auszeit<br />
Kreuztal, Ernsdorfstr. 5<br />
15.00-16.30 Fit im Kopfgemeinsam<br />
das Gedächtnis<br />
in Bewegung halten,<br />
im Konferenzzimmer der<br />
Siegerlandhalle, Koblenzer<br />
Str. 151<br />
donnerstags:<br />
10.00 -12.00 Seniorenwerkstatt,<br />
des „Interkulturellen<br />
Seniorennetzwerkes“,<br />
Spanischsprachige Gemeinde<br />
e.V., kath. Gemeindehaus<br />
Siegen, St.-Michaelstraße<br />
3 0271/42517<br />
10-12 Uhr Diakonischer<br />
Freundeskreis Siegen-Süd,<br />
Hilfen für zu Hause,<br />
Eiserfeld, Mühlenstraße 7<br />
12.30 Kunstpause Öffentliche<br />
Führung durch die<br />
Wechselausstellung, Museum<br />
für Gegenwartskunst<br />
Siegen<br />
14.00 Handarbeitstreff,<br />
Stadtteilbüro FES & MGH<br />
Kreuztal, Danziger Str. 2<br />
(Nicht in den NRW-Ferien)<br />
Jeden 1. Donnerstag<br />
19.00 Tischtennistreff für<br />
Männer, Stadtteilbüro FES<br />
& MGH Kreuztal, Danziger<br />
Str. 2<br />
men KSG-Senioren Wohnanlage<br />
S., Weidenauer Str.<br />
202, 0271/ 67 34 --72 39<br />
18.00 Gruppentreffen<br />
Omas for Future (Opas<br />
willkommen) Café Kaktus<br />
Freudenberg, Im Kurpark<br />
Jeden 3. Donnerstag<br />
19.00 Tischtennistreff für<br />
Männer, Stadtteilbüro FES &<br />
MGH Kreuzt., Danziger Str. 2<br />
Jeden 4. Donnerstag<br />
15.00 Trauercafé der Ambulanten<br />
ökum. Hospizhilfe<br />
Siegen e.V., „Haus Herbstzeitlos“<br />
Siegen, Marienborner<br />
Str. 0271/23602-67<br />
Jeden letzten Donnerstag<br />
17.30 Kraft tanken für<br />
die Pflege – Gesprächkreis<br />
für pflegende Angehörige,<br />
Tagespflege Burbach-<br />
Dresselndorf, Westerwaldstr.<br />
86, 02736/44957-<br />
90<br />
freitags:<br />
10.00 Lernc@fé digital,<br />
„KlimaWelten“ Hilchenbach,<br />
Kirchweg 17<br />
16.00 Tanzen ab der<br />
Lebensmitte auch ohne<br />
Partner, TanzZentrum<br />
Si.-Geisweid, Birlenbacher<br />
Hütte 16, 0271/84999<br />
18.00 Wochenschlussandacht,<br />
Autobahnkirche,<br />
Wilnsdorf, Info@Autobahnkirche-Siegerland.de<br />
21.00 Tango Milonga,<br />
Café Basico Kreuztal, Hüttenstraße<br />
30<br />
Jeden 1. Freitag<br />
16.00 Reparaturtreff im<br />
Gemeindezentrum „Mittendrin“<br />
Geisweid, Koomanstr. 8<br />
Jeden 2. Freitag<br />
19.00 Stammtisch, ein<br />
Stadtteil - ein Verein, in<br />
der Hainer Schule, Siegen,<br />
Marienborner Str. 151<br />
samstags:<br />
Jeden 3. Samstag<br />
9.00-12.00 Repaircafé,<br />
Kath. Gemeindehaus<br />
Erndtebrück, Birkenweg 2<br />
Friederike Oldeleer<br />
02759/21495-60<br />
13.00 ALTERAktiv Repaircafé,<br />
Mehrgenerationenzentrum<br />
Siegen,<br />
St.-Johannstr. 7<br />
0171/88214-20<br />
17, Ingrid Lagemann <br />
02733/2366<br />
sonntags:<br />
15.00 Öffentliche Führung<br />
durch die Wechselausstellung<br />
Museum für<br />
Gegenwartskunst Siegen<br />
20.00 Salsa Fiesta, Café<br />
Basico Kreuztal, Hüttenstr. 30<br />
Jeden 1. Sonntag<br />
14.00 Johannland-Museum,<br />
geöffnet ab 15<br />
Uhr, Kaffee und Kuchen,<br />
Netphen-Irmgarteichen,<br />
Glockenstraße 19<br />
15.00 Führungen im<br />
Wodanstollen Heimatverein<br />
Salchendorf e.V.,<br />
Neunkirchen, Arbachstr.<br />
28 a, 0170/ 47706-66<br />
15.00 Trauercafé der<br />
Ambulanten ökumenischen<br />
Hospizhilfe Siegen e.V.,<br />
Pfarrheim Heilig Kreuz Siegen,<br />
Im Kalten Born,<br />
0271/23602-67<br />
15.00 Café im städtischen<br />
Begegnungszentrum Haus<br />
Herbstzeitlos Siegen, Marienborner<br />
Straße 151<br />
16.00 Führung durch<br />
Neu-Entdeckungen Museum<br />
für Gegenwartskunst<br />
Jeden 2. Sonntag<br />
10-12 Tausch und Plausch,<br />
Treffen der Briefmarkenfreunde<br />
Netpherland,<br />
Heimatmuseum Netphen,<br />
Lahnstr. 47<br />
02737/2095-27<br />
14.30 Sonntagscafé, Alten<br />
Linde Wilnsdorf-Niederdielfen,<br />
Weißtalstraße<br />
15.00 Sonntagscafè,<br />
Heimatverein im Bürgerhaus<br />
Si-Niederschelden,<br />
Auf der Burg 15 <br />
0271/3115-79<br />
Jeden 3. Sonntag<br />
14.30 Kaffeeklatsch im<br />
Heimatverein Salchendorf<br />
e.V., Haus Henrichs Neunk.-<br />
Salchendf., Hindenburgpl. 1<br />
Jeden 2. Donnerstag<br />
15.00 Selbsthilfegruppe<br />
Mitten im Leben für Menschen<br />
mit Gedächtnisproble-<br />
Jeden 4. Samstag<br />
13.00 Klimawelten<br />
Repaircafé, Florenburg<br />
Hilchenb., Kirchweg<br />
74 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 75
montags<br />
57074 Siegen • Marienborner Straße 151<br />
www.unser-quartier.de/haus-herbstzeitlos-siegen<br />
09.00 - 12.00 SeniorenServiceStelle der<br />
Stadt Siegen geöffnet<br />
10.00 - 12.00 Sprechstunde der<br />
Seniorenhilfe Siegen<br />
14.00 - 18.00 ALTERAktiv-Senec@fé<br />
Computertreff<br />
17.00 - 18.00 Tai Chi unter Anleitung<br />
dienstags<br />
Haus Herbstzeitlos<br />
Seniorenbegegnungszentrum der Universitätsstadt Siegen<br />
09.00 - 12.00 ALTERAktiv-Senec@fé,<br />
Computertreff<br />
10.00 - 12.00 Redaktionsbüro des<br />
durchblick geöffnet<br />
18.00 - 20.00 Arbeitskr. MitweltZukunft,<br />
0271 / 404-2434<br />
(Nur in geraden Wochen)<br />
Kostenlose Parkplätze am Haus<br />
mittwochs<br />
09.00 - 10.30 Englisch für Senioren<br />
VHS Kurs Stadt Siegen<br />
09.00 - 12.00 SeniorenServiceStelle der<br />
Stadt Siegen geöffnet<br />
09.00 - 12.00 ALTERAktiv-Senec@fé<br />
Computertreff<br />
10.00 - 12.00 Redaktionsbüro des<br />
durchblick geöffnet<br />
10.30 - 12.00 Englisch für Senioren<br />
VHS Kurs Stadt Siegen<br />
14.00 - 18.00 ALTERAktiv-Senec@fé<br />
Computertreff<br />
15.00 - 17.00 Singen mit der<br />
Seniorenhilfe Siegen<br />
17.00 - 20.00 Regenbogentreff<br />
Spielen und Klönen<br />
18.00 - 21.30 Film und Videoclub<br />
14.00 - 16.30 (von Oktober bis März)<br />
Verwaltung:<br />
Seniorenbeauftragter 0271 / 404-24 34<br />
ALTERAktiv Siegen-Wittgenstein e.V.<br />
Senec@fé 0271 / 2 50 32 39<br />
durchblick - siegen e.V.<br />
Geschäftsstelle 0271 / 6 16 47<br />
Redaktion 0171 / 6 20 64 13<br />
Seniorenbeirat 0271 / 404-22 02<br />
SeniorenServiceStelle 0271 / 404-24 34<br />
Seniorenhilfe Siegen e.V.<br />
Geschäftsstelle 0271 / 6 61 03 35<br />
Gruppen<br />
Trauercafé 0271 / 23 602-67<br />
Film- und Video-Club 02732 / 1 24 60<br />
Selbstverteidigung 0160 / 8 30 18 67<br />
Heinzelwerkstatt 0271 / 6 39 61<br />
Englischkurse VHS 0271 / 404-30 46<br />
donnerstags<br />
09.30 - 10.30 Selbstverteidigung<br />
10.00 - 12.00 Sprechstunde der<br />
Seniorenhilfe Siegen<br />
10.00 - 12.00 Redaktionsbüro des<br />
durchblick geöffnet<br />
11.00 - 12.00 Yoga unter Anleitung<br />
12.15 - 13.15 Yoga auf dem Stuhl<br />
0271 / 404-2202<br />
14.00 - 16.30 Das Heinzelwerk<br />
Werkstatt geöffnet<br />
samstags<br />
09.00 - 12.00 Wandergruppe der<br />
Seniorenhilfe Si. Termine<br />
auf Anfrage 0271 / 64300<br />
Bushaltestelle: Blumenstraße<br />
Busse ab zentraler Omnibusbahnhof Siegen:<br />
B 1-2: Linien R 12, R 13, R 17, L 109.<br />
1. Donnerstag<br />
19.00 Theater & Kirche: Gottesdienst<br />
zum Theaterstück Jedermann<br />
reloaded, St. Marienkirche<br />
Siegen, Untere Metzgerstraße 15<br />
19.00 Die Siegerländer Krimi-Autorin<br />
Anette Schäfer singt und<br />
liest aus ihrem Roman ENTZWEIT,<br />
Kreuztal, Schloss Junkernhees.<br />
3. Samstag<br />
7.00 Geisweider Flohmarkt: Ein<br />
Markt für Jedermann, Unter der HTS,<br />
Stahlwerkstraße, Siegen-Geisweid<br />
19.00 Klangreise - 25 Jahre capella<br />
cantabilis, unter der Ltg. von<br />
KMD Ute Debus, Ev. Kirche Hilchenb.<br />
19.30 Schauspiel: Philipp Hochmair<br />
in Jedermann reloaded, Apollo<br />
Theater Siegen, Morleystr. 1<br />
Juni<br />
4. Sonntag<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />
Schloss Siegen<br />
16.00 Konzert: Die Amigos & Daniela<br />
Alfinito, Siegerlandhalle Siegen,<br />
Koblenzer Straße 151<br />
5. Montag<br />
18.30 Senioren-Service-Stelle / VHS<br />
Vortragsgespräch: Asthma und Richtige<br />
Anwendung von Asthmasprays,<br />
Bürgerhaus Burbach, Marktplatz 7<br />
Einfach<br />
hingehen, ohne<br />
Anmeldung!<br />
6. Dienstag<br />
19.00 Krimilesung mit Gruseleffekt,<br />
KulturFlecken, Freudenberg,<br />
Am Silberstern 4a<br />
7. Mittwoch<br />
14.00 SGV-Seniorenwandern:<br />
Rundwandern und Einkehren,<br />
Treffpunkt SGV Hütte, Buschhütten<br />
- Freibad<br />
16.30 Freude für StrickfreundInnen:<br />
Wolle & Nadel, Stadtbibliothek<br />
Siegen, Krönchen<br />
Center, Markt 25<br />
10. Samstag<br />
20.00 Komödie: Robin Hood<br />
von Britt Löwenstrom, Südwestfälische<br />
Freilichtbühne Freuden<br />
berg, Kuhlenberg 34 auch am 17.,<br />
23., 24. und 30.6.<br />
11. Sonntag<br />
14.00 Besichtigung: Förderturm<br />
Am Grimberg das kl. Schachtgebäude<br />
mit Ausstellung zum Siegerländer<br />
Bergbau, Niederdielfen<br />
15.00 Theater für Kinder: Biene<br />
Maja, Südwestfälische Freilichtbühne<br />
Freudenberg Kuhlenberg 34 auch<br />
am 18.6.<br />
76 durchblick 2/2023<br />
2/2023 durchblick 77
Einfach<br />
hingehen, ohne<br />
Anmeldung!<br />
11. Sonntag<br />
15.00 Tanz am Nachmittag: Standardtänze,<br />
Disco-Fox bei Kaffee<br />
und Kuchen, Haus des Gastes Bad<br />
Laasphe, Wilhelmsplatz 3<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />
Schloss Siegen<br />
12. Montag<br />
10.30 Für Strickfreunde: Wolle &<br />
Nadel, Stadtbibliothek Siegen, Krönchen<br />
Center, Markt 25<br />
17.00 Kino ohne ALTERSbeschränkung:<br />
Der Engländer, der in den<br />
Bus stieg und bis zum Ende der<br />
Welt fuhr, Viktoria Filmtheater Hilchenbach-Dahlbruch<br />
13. Dienstag<br />
19.00 Spiritueller Sommer: Yoga<br />
Kurpark Bad Laasphe, Treff: Wilhelmsplatz<br />
3 (nur bei ausreichender<br />
Teilnehmerzahl 02752/898)<br />
14. Mittwoch<br />
20.00 Sinfoniekonzert: Collegium<br />
Musicum live, Leitung: Naotaka<br />
Maejimat, Festsaal der Rudolf Steiner<br />
Schule Siegen, Kolpingstr. 3<br />
18. Sonntag<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />
Schloss Siegen<br />
Juni<br />
21. Mittwoch<br />
14.00 SGV-Seniorenwandern: Rundwandern<br />
und Einkehren, Treff:<br />
SGV Hütte, Buschhütten - Freibad<br />
22. Donnerstag<br />
14.30 LiteraturCafé der Seniorenhilfe,<br />
Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos<br />
Siegen, Marienborner Str. 151<br />
24. Samstag<br />
11.00 Uhr Jubiläumsfeier: 25 Jahre<br />
Haus Herbstzeitlos, Begegnungszentrum<br />
Haus Herbstzeitlos<br />
Siegen, Marienborner Str. 151<br />
Juli<br />
25. Sonntag<br />
14.00 Spiritueller Sommer: Kräuterführung,<br />
Treff: Bad Laasphe, Wilhelmsplatz<br />
3 (Veranstaltung findet<br />
nur bei ausreichender Teilnehmerzahl<br />
statt. 02752/898)<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />
Schloss Siegen<br />
27. Dienstag<br />
19.00 Spiritueller Sommer: Yoga<br />
Kurpark Bad Laasphe, Treff: Wilhelmsplatz<br />
3 (nur bei ausreichender<br />
Teilnehmerzahl 02752/898)<br />
8. Samstag<br />
21.00 Siegener Sommer, Mr. Leu<br />
Waits, Tom Waits Tribute, Hof<br />
Oberes Schloss<br />
9. Sonntag<br />
10.00 Spiritueller Sommer: Baumführung,<br />
Treffpunkt: Bad Laasphe,<br />
Wilhelmsplatz 3 (Veranstaltung findet<br />
nur bei ausreichender Teilnehmerzahl<br />
statt. 02752/898)<br />
14.00 Besichtigung: Förderturm<br />
Am Grimberg das kleine Schachtgebäude<br />
mit Ausstellung zum Siegerländer<br />
Bergbau, Niederdielfen,<br />
Grimbergstraße<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />
Schloss Siegen<br />
13. Donnerstag<br />
20.00 Schlagzeug-Konzert: Extremely<br />
urgent, Musiksaal der Uni Siegen,<br />
Bauteil B, AR-B 2311<br />
15. Samstag<br />
11.15 Spiritueller Sommer: Qigong<br />
in der Natur, Treff: Bad Laasphe,<br />
Wilhelmsplatz 3 (Veranstaltung findet<br />
nur bei ausreichender Teilnehmerzahl<br />
statt. 02752/898)<br />
16. Sonntag<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />
Schloss Siegen<br />
19. Mittwoch<br />
14.00 SGV-Seniorenwandern:<br />
Rundwandern und Einkehren,<br />
Treff: SGV Hütte, Buschhütten - Freibad<br />
20.Donnerstag<br />
10.30 Für Strickfreunde: Wolle<br />
& Nadel, Stadtbibliothek Siegen,<br />
Krönchen Center, Markt 25<br />
23. Sonntag<br />
15.30 Kultur mit Enkeln erleben,<br />
Schauspiel: Die Hase und der Igel,<br />
Einfach<br />
hingehen, ohne<br />
Anmeldung!<br />
für Kinder ab 4 Jahren, Gerichtswiese,<br />
Hilchenbach<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />
Schloss Siegen<br />
26. Mittwoch<br />
19.00 Spiritueller Sommer: Yoga<br />
Kurpark Bad Laasphe, Treffpunkt:<br />
Wilhelmsplatz 3 (Veranstaltung<br />
findet nur bei ausreichender Teilnehmerzahl<br />
statt. 02752/898)<br />
30. Sonntag<br />
15.30 Kultur mit Enkeln erleben,<br />
Schauspiel: Das Elefantenkind, für<br />
Kinder ab 4 Jahren, Gerichtswiese,<br />
Hilchenbach<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten,<br />
Oberes Schloss Siegen<br />
1. Samstag<br />
20.00 Komödie: Robin Hood von<br />
Britt Löwenstrom, Südwestfälische<br />
Freilichtbühne Freudbg., Kuhlenberg<br />
34 auch am 29.7.<br />
21.00 Siegener Sommer, Muttis Kinder,<br />
A Cappella, Hof Oberes Schloss<br />
Siegtal Pur<br />
2. Sonntag<br />
9.00 Autofreier Sonntag Siegtal<br />
Pur, entlang der Sieg von Netphen<br />
bis Siegburg<br />
15.00 Theater für Kinder: Biene<br />
Maja, Südwestf. Freilichtbühne Freudenbg.,<br />
Kuhlenberg 34 auch am 30.7.<br />
ganztägig am 2. Juli<br />
Foto: Adrian Alonso<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />
Schloss Siegen<br />
20.00 Siegener Sommer, Siegener<br />
Poetry Slam ...wird 20, Hof Oberes<br />
Schloss<br />
5. Mittwoch<br />
14.00 SGV-Seniorenwandern:<br />
Rundwandern und Einkehren,<br />
Treff: SGV Hütte, Buschhütten - Freibad<br />
16.30 Für Strickfreunde: Wolle &<br />
Nadel, Stadtbibliothek Siegen, Krönchen<br />
Center, Markt 25<br />
6. Donnerstag<br />
14.30 LiteraturCafé der Seniorenhilfe,<br />
Begegnungszentrum Haus Herbstzeitlos<br />
Siegen, Marienborner Str. 151<br />
21.00 Siegener Sommer, Mackefisch,<br />
Funny for future, Hof Oberes Schloss<br />
7. Freitag<br />
21.00 Siegener Sommer, Nacht der<br />
Schrägen Vögel, Hof Oberes Schloss<br />
78 durchblick 2/2023 2/2023 durchblick 79
Einfach<br />
hingehen, ohne<br />
Anmeldung!<br />
Stadtfest in der<br />
Siegener Innenstadt<br />
1. Dienstag<br />
15.00 Theater für Kinder: Biene Maja,<br />
Südwestf. Freilichtbühne Freudenbg.,<br />
Kuhlenberg 34, auch am 2., 13., 20.<br />
und 27.8.<br />
4. Freitag<br />
20.00 Komödie: Robin Hood von<br />
Britt Löwenstrom, Südwestfälische<br />
Freilichtbühne Freudenberg, Kuhlenberg<br />
34, auch am 5., 9., 11., 16., 19.,<br />
23., 25. und 26.8.<br />
5. Samstag<br />
7.00 Geisweider Flohmarkt: Ein<br />
Markt für Jedermann, Unter der HTS,<br />
Stahlwerkstraße, Siegen-Geisweid<br />
6. Sonntag<br />
10.00 Spiritueller Sommer: Waldbaden,<br />
Treff: Bad Berleburg-Stünzel,<br />
Zum Festplatz (nur bei ausreichender<br />
Teilnehmerzahl 02752/898)<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />
Schloss Siegen<br />
8. Dienstag<br />
14.00 E-Bike-Training für Senioren,<br />
Atriumsaal & Außenparkplatz Siegerlandhalle,<br />
Siegen 0271/404-2434<br />
19.00 Spiritueller Sommer: Yoga<br />
Kurpark Bad Laasphe, Treff: Wilhelmsplatz<br />
3 (nur bei ausreichender<br />
Teilnehmerzahl 02752/898)<br />
August<br />
Freitag 25.8. ab 15 Uhr<br />
Samstag 26.8. ab 11 Uhr<br />
Sonntag 27.8. ab 11 Uhr<br />
13. Sonntag<br />
14.00 Besichtigung: Förderturm Am<br />
Grimberg das kl. Schachtgebäude mit<br />
Ausstellung zum Siegerländer Bergbau,<br />
Niederdielfen, Grimbergstraße<br />
15.00 Tanz am Nachmittag: Standardtänze,<br />
Disco-Fox bei Kaffee<br />
und Kuchen, Haus des Gastes Bad<br />
Laasphe, Wilhelmsplatz 3<br />
15.30 Kultur mit Enkeln erleben, Familienzaubershow,<br />
für Kinder ab 5<br />
Jahren, Gerichtswiese, Hilchenbach<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten, Oberes<br />
Schloss Siegen<br />
14. Montag<br />
17.00 Kino ohne ALTERSbeschränkung:<br />
Im Taxi mit Madeleine, Viktoria<br />
Filmtheater Hi.- Dahlbruch<br />
17. Donnerstag<br />
16.30 Für Strickfreunde: Wolle &<br />
Nadel, Stadtbibliothek Siegen, Krönchen<br />
Center, Markt 25<br />
14.30 LiteraturCafé der Seniorenhilfe,<br />
Begegnungszentrum Haus<br />
Herbstzeitlos Siegen, Marienborner<br />
Str. 151<br />
19.Samstag<br />
11.15 Spiritueller Sommer: Qigong<br />
in der Natur, Treff: Bad Laasphe,<br />
Wilhelmsplatz 3 (nur bei ausreichender<br />
Teilnehmerzahl 02752/898)<br />
19.00 Kulturverein Silberstern,<br />
Wohnzimmerkonzert im Englischen<br />
Garten: u.a. mit den "Tippings",<br />
Freudenberg, Kleintirolstr. 71<br />
20. Sonntag<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten Si.<br />
22. Dienstag<br />
19.00 Spiritueller Sommer: Yoga<br />
Kurpark Bad Laasphe, Treff: Wilhelmsplatz<br />
3 (nur bei ausreichender<br />
Teilnehmerzahl 02752/898)<br />
27. Sonntag<br />
16.00 Konzertreihe: Sonntagnachmittag<br />
um 4 im Schlossgarten Si.<br />
18.00 Open-Air, Der Drache, Bruchwerk-Theater,<br />
Stift Keppel, Allenbach<br />
31. Donnerstag<br />
20.00 Konzert mit der Philharmonie<br />
Südwestfalen und dem Busch-Preis-<br />
Träger aus 2022, Kriss Garfitt an der<br />
Posaune, Ev. Kirche Hilchenbach<br />
Vorschau<br />
September<br />
7. Donnerstag<br />
20.00 Lesung mit Christine Westermann<br />
Zwischen den Zeilen - Mein<br />
Leben in Büchern Kulturhaus-Lÿz<br />
Siegen, St.Johann-Str. 18<br />
8. Freitag<br />
20.00 Musikkabarett mit William<br />
Wahl, Wahlgesänge, Kulturhaus-<br />
Lÿz Siegen, St.Johann-Str. 18<br />
15. Freitag<br />
20.00 Erzählungen mit Quichotte<br />
Nicht weniger als ein Spektakel,<br />
Kulturhaus-Lÿz Siegen, St.Johann-Str.<br />
23. Samstag<br />
20.00 Kabarett mit René Steinberg,<br />
Radikale Spaßmaßnahmen,<br />
Kulturhaus-Lÿz Siegen<br />
An der Bus-Haltestelle<br />
Seit vor ca.14 Jahren mein Auto einem<br />
Schlaganfall zum Opfer fiel, bin ich wieder<br />
Fußgängerin. Logischerweise muss<br />
ich deshalb einen Bus benutzen. Ich treffe wieder<br />
mehr mit anderen Menschen zusammen und<br />
wundere mich immer wieder, wie international<br />
unsere Gesellschaft inzwischen ist. Das war vor<br />
14 Jahren noch ganz anders.<br />
Ich komme gerade von einer physiotherapeutischen<br />
Behandlung und gehe auf die<br />
Haltestelle zu. Eine sehr junge Frau steht<br />
auf und bietet mir ihren Platz an. Sie scheint<br />
aus dem türkisch-arabischen Kulturkreis zu<br />
stammen. Diese Menschen stehen immer<br />
auf, wenn sich eine ältere Person nähert,<br />
denn sie haben gelernt, das Alter zu achten.<br />
Schräg hinter mir stehen eine ältere und<br />
eine jüngere Frau. Die jüngere sagt zu der älteren Frau<br />
im Brustton der Überzeugung: „Oczywi´sceie“. Mittlerweile<br />
weiß ich, dass es polnisch ist und „natürlich“<br />
heißt. Ein Stück vor mir stehen zwei jüngere Männer,<br />
vermutlich Studenten. Sie haben eine sehr dunkle Haut.<br />
Man könnte meinen, sie stammen aus einem afrikanischen<br />
Land. Aber wenn man sie reden hört, stellt man<br />
fest, dass ihre Aussprache nicht guttural ist, sondern<br />
einen weichen Zungenschlag hat. Sie sind wohl eher<br />
aus Indien, vielleicht Tamilen? Links schräg hinter<br />
mir stehen zwei Frauen. Eine davon habe ich nicht im<br />
Blickwinkel, die andere ist jung und groß gewachsen.<br />
Sie trägt das Haar glatt und lang bis zur Taille, wie es<br />
heute in Mode ist. Sie ist dunkelblond und spricht ein<br />
schönes Russisch. Einmal kommt in ihrem Gespräch<br />
das Wort „Novosibirsk“ vor. Vielleicht stammt sie von<br />
dort her oder sie erzählt von einer Reise dorthin.<br />
Vor mir auf der Straße steht ein junger Mann zwischen<br />
30 und 35 Jahren. Er hat zwei kleine Mädchen bei<br />
sich, die ständig quengeln. Sie sind offensichtlich müde<br />
und der Mann ist wohl der Vater. Sein Telefon klingelt.<br />
Am Apparat scheint seine Frau zu sein, denn er bellt<br />
unwirsch in das Telefon: „ Yes, ... I am waiting for that<br />
fucking bus to come“. Sie scheint sich zu erkundigen,<br />
wann er nach Hause kommt.<br />
Neben mir sitzt eine rundliche lebhafte Dame, die<br />
auch nicht mehr ganz jung ist. Sie steht auf, weil es<br />
ihr auf dem metallenen Sitz zu kalt geworden ist. Zu<br />
mir sagt sie:“ Du wirst kriegen kalten Arsch“.<br />
Dann lacht sie und erzählt: “Ja Deutsch habe sie<br />
noch von Ihrer Mutter gelernt. Sie habe 50 Jahre lang<br />
in Kasachstan gelebt und sei vor 20 Jahren mit ihrer<br />
Familie nach Deutschland gekommen. Aber ihre Mutter<br />
sei mit vielen anderen Deutschstämmigen im Jahr<br />
Nach Redaktionsschluss<br />
1941 zu Stalins Zeiten aus der Wolgarepublik nach<br />
Kasachstan verpflanzt worden. Dort in der Heimat ihrer<br />
Mutter hätten die Leute noch über Generationen<br />
Deutsch gesprochen, wenn auch mit etwas Russisch<br />
vermischt. Ja, aber wie sind die Deutschen denn in<br />
die Wolga-Republik gekommen? Zu damaliger Zeit<br />
regierte die Zarin Katharina die Große das russische<br />
Reich. Sie kam aus Zerbst in Deutschland und holte<br />
„tüchtige deutsche Bauern“ in ihr Land, um das Land<br />
weiter zu entwickeln. Französische Staatsbeamte und<br />
Philosophen nannten sie deshalb ehrerbietig „Katherine<br />
le Grand“ anstatt „Karherine la Grande“, weil<br />
sie der Meinung waren, dass sie das große russische<br />
Reich wie ein Mann regiere.<br />
Inzwischen ist auch das Enkelchen meiner Gesprächspartnerin<br />
aus der Giersbergschule hinzugekommen.<br />
Wir fahren gemeinsam nach Hause. Ich<br />
steige früher aus und die Beiden winken mir noch zu.<br />
Erna Homalla<br />
80 durchblick 2/2023<br />
2/2023 durchblick 81
Unterhaltung / Impressum<br />
Es fiel uns auf, …<br />
…dass die Natur wie ein Antidepressivum wirkt. Schon<br />
ein kurzer Aufenthalt von 30 Minuten im Grünen kann den<br />
Stresslevel erheblich senken. Der Gebrauch von Psychopharmaka,<br />
vor allem Antidepressiva, soll bei hohem Anteil<br />
an Grünflächen am Wohnort abnehmen. Mediziner der Charite`<br />
in Berlin wiesen darauf hin.<br />
…dass ein Partner gesund hält. Frauen, die mit ihrer Beziehung<br />
zufrieden sind, leiden im Alter seltener unter chronischen<br />
Erkrankungen. Das fand eine australische Studie nun heraus.<br />
..dass immer mehr 80-Jährige fit wie mit 50 sind. Es<br />
ist heute keine Seltenheit mehr, dass man bis ins hohe Alter<br />
gesund ist. Forscher gehen davon aus, dass der Grund<br />
dafür nicht allein in den Genen liegt. Viel wichtiger sind eine<br />
nährstoffreiche Ernährung, wenig Alkohol, Bewegung, ausreichen<br />
Schlaf und soziale Kontakte.<br />
…dass Frauen heute die Gebildeteren sind. Da scheint<br />
sich was gedreht zu haben: 40-jährige Frauen haben häufiger<br />
das Abitur (48%) oder ein Hochschuldiplom (28%) in der Tasche<br />
als gleichaltrige Männer (45% bzw. 26%). homa<br />
Gedächtnistraining – Lösungen von Seite 62 / 63<br />
Regelsysteme im<br />
Alltag a) einladen,<br />
kommen, begrüßen,<br />
essen (erzählen),<br />
erzählen (essen),<br />
verabschieden, b)<br />
mgraben, rechen,<br />
pflanzen, begießen,<br />
jäten, ernten, essen,<br />
c) Kupplung treten,<br />
Gang raus, Fuß auf<br />
das Gas, Schlüssel<br />
umdrehen, Fuß auf<br />
die Kupplung, Gang<br />
rein, losfahren. Um<br />
die Ecke denken:<br />
Buchhalter.Teekesselchen:<br />
1. Orden,<br />
2. Schimmel,<br />
3. Ente, 4. Fliege.<br />
Bildsuche: Seite 34<br />
Zu guter Letzt:<br />
Die Made<br />
Hinter eines Baumes Rinde<br />
wohnt die Made mit dem Kinde.<br />
Sie ist Witwe, denn der Gatte,<br />
den sie hatte, fiel vom Blatte.<br />
Diente so auf diese Weise<br />
einer Ameise als Speise.<br />
Eines Morgens sprach die Made:<br />
„Liebes Kind, ich sehe grade,<br />
drüben gibt es frischen Kohl,<br />
den ich hol. So leb denn wohl!<br />
Halt, noch eins! Denk, was geschah,<br />
geh nicht aus, denk an Papa!“<br />
Also sprach sie und entwich. -<br />
Made junior aber schlich<br />
hinterdrein; und das war schlecht!<br />
Denn schon kam ein bunter Specht<br />
und verschlang die kleine fade<br />
Made ohne Gnade. Schade!<br />
Hinter eines Baumes Rinde<br />
ruft die Made nach dem Kinde.<br />
Nun ja<br />
Nun ja, was soll man sagen? Man wird älter<br />
und hat gelernt, wie dies und jenes geht.<br />
Die Dinge lassen einen etwas kälter,<br />
weil man sie ohnehin nicht recht versteht.<br />
Man hat schon viel erlebt in seinem Leben,<br />
und leicht macht einem keiner mehr was vor.<br />
Die Dinge, wie sie sind, so sind sie eben.<br />
Man nimmt sie hin und trägt sie mit Humor.<br />
Man kennt sich etwas aus und wähnt sich weise,<br />
man trotzt der Welt mit Lächeln und mit List,<br />
und wird am Ende doch ganz still und leise,<br />
weil unterm Strich man auch nicht schlauer ist.<br />
Jörn Heller aus „Schluss für heute“<br />
durch<br />
blick<br />
Gemeinnützige Seniorenzeitschrift<br />
für Siegen und Siegen-Wittgenstein<br />
Herausgeber:<br />
durchblick-siegen Information und Medien e.V.<br />
Anschrift der Redaktion:<br />
„Haus Herbstzeitlos“, Marienborner Str. 151, 57074 Siegen<br />
Telefon 0271 / 6 16 47, Mobil: 0171 / 6 20 64 13<br />
E-Mail: redaktion@durchblick-siegen.de<br />
Internet: www.durchblick-siegen.de<br />
Öffnungszeiten:<br />
dienstags bis donnerstags von 10.00 bis 12.00 Uhr<br />
1. und 3. Dienstag im Monat auch von 15.00 bis 17.00 Uhr<br />
Redaktion:<br />
Anne Alhäuser, Ulla D'Amico, Ingrid Drabe (Veranstaltungen), Friedhelm<br />
Eickhoff (ViSdP), Eva-Maria Herrmann (stellv. Redaktionsleiterin),<br />
Erna Homolla, Erich Kerkhoff, Olaf U. Koplin (Sen.beirat), Sigrid<br />
Kobsch, Horst Mahle, Rita Petri, Tessie Reeh, Guntram Römer (Seniorenbeirat),<br />
Helga Siebel-Achenbach, Nicole Scherzberg (Archiv),<br />
Tilla-Ute Schöllchen, Ulla Schreiber, Ulli Weber, Angelika van Vegten.<br />
Bildredaktion:<br />
Thomas Benauer, Rita Petri, Tessie Reeh, Nicole Scherzberg,<br />
Angelika van Vegten.<br />
Bildnachweise: Sofern am Objekt nicht angegeben, stammen die<br />
veröffentlichten Bilder von den Autoren, bzw. den Veranstaltern.<br />
Lektorat:<br />
Anne Eickhoff, Gertrud Hein-Eickhoff, Horst Mahle, Jörgen Meister,<br />
Dieter Moll.<br />
Internet:<br />
Thomas Benauer, Thomas Greiner, Nicole Scherzberg.<br />
An dieser Ausgabe haben ferner mitgewirkt:<br />
Karl Becker, Heinz Bensberg, Adele von Bünau, Sonja Dörr, Ernst<br />
Göckus, Bettina Großhaus-Lutz, Jörn Heller, Wolfgang Kay, Wilfried<br />
Lerchstein, Bernadette von Plettenberg, Hartmut Reeh, Volker<br />
Reichmann, Willi Scheffel, Stephan Schliebs, Astrid E. Schneider-<br />
Mareski, Ulrich Schöllchen, Bruno Steuber, Heinz Stötzel,<br />
Carla Strehlau.<br />
Gestaltung und Herstellung:<br />
Nicole Scherzberg, Friedhelm Eickhoff.<br />
Anzeigenanfrage:<br />
durchblick-siegen e.V. Telefon 0171 / 6 20 64 13 oder 0271 / 6 16 47<br />
E-Mail: anzeigen@durchblick-siegen.de Es gilt die Preisliste 13/2021<br />
(www.durchblick-siegen.de/Mediadaten)<br />
Druck: rewi-Druck Wissen<br />
Erscheinungsweise:<br />
März, Juni, September, Dezember<br />
Gedruckt auf<br />
PEFC zertifiziertem<br />
Papier<br />
Verteilung:<br />
Hans Amely, Gerd Bombien, Nadine Gerhard, Erika Graff,<br />
Maximilian Großhaus-Lutz, Arndt Hensel, Heike Hütwohl, Kimberly<br />
Hütwohl, Wolfgang von Keutz, Geli Kreutter, Olaf Kurz, Jörn<br />
Lagemann, Oliver Mahle, Günter Matthes-Arongagbor, Marion<br />
Ortmann, Wolfgang Paesler, Karin Piorkowski, Birgit Rabanus,<br />
Christel Schmidt-Hufer, Hans-Rüdiger Schmidt und alle Redakteure<br />
Der durchblick liegt im gesamten Kreisgebiet kostenlos aus: in Sparkassen,<br />
Apotheken, Arztpraxen, Buchhandlungen und Geschäften des<br />
täglichen Bedarfs, in der City-Galerie, Läden des Siegerlandzentrums,<br />
bei unseren Anzeigenkunden, in öffentlichen Gebäuden, vielen sozialen<br />
Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände und Kirchen, in Rathäusern<br />
und Senioren-Service-Stellen des Kreises Siegen-Wittgenstein, sowie<br />
eingeheftet in den Zeitschriftenmappen des „Lesezirkel Siegerland“.<br />
Der durchblick ist kostenlos. Für die Postzustellung werden für vier Ausgaben<br />
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Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der<br />
Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Beiträge und<br />
Leserbriefe zu kürzen. Bei Nichtveröffentlichung von unverlangt eingesandten<br />
Beiträgen erfolgt keine Benachrichtigung. Der Nachdruck ist nur mit schriftlicher<br />
Genehmigung des Herausgebers gestattet.<br />
82 durchblick 2/2023