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Lesebrobe Gut Brand! Ballenberg

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GUT BRAND!<br />

HISTORISCHES ZIEGELHANDWERK IN<br />

FORSCHUNG UND VERMITTLUNG<br />

TAGUNGSBAND ZUR INTERNATIONALEN ZIEGELTAGUNG VOM<br />

3. BIS 4. SEPTEMBER 2021 IM FREILICHTMUSEUM BALLENBERG


GUT BRAND!<br />

Historisches Ziegelhandwerk in<br />

Forschung und Vermittlung<br />

Tagungsband zur internationalen Ziegeltagung vom<br />

3. bis 4. September 2021 im Freilichtmuseum <strong>Ballenberg</strong><br />

herausgegeben von Volker Herrmann und Beatrice Tobler<br />

Friedrich Reinhardt Verlag


Diese Publikation, den Ziegelbrand und die Translozierung der Ziegelei Péry konnte<br />

das Freilichtmuseum <strong>Ballenberg</strong> realisieren dank der Unterstützung von: Kanton Bern:<br />

Bildungs- und Kulturdirektion, Archäologischer Dienst und Denkmalpflege; Bundesamt<br />

für Kultur (BAK); einer anonymen Spenderin; diversen Firmen und Organisationen wie<br />

AGZ Ziegeleien AG, Atelier KE, Fachgruppe Wissenschaft <strong>Ballenberg</strong>, Freilichtmuseum<br />

Bad Windsheim (DE), Gasser Felstechnik AG, Keller AG Ziegeleien, Klosterziegelei<br />

St. Urban, Militärflugplatz Meiringen, Prüf- und Forschungsinstitut Sursee, Stiftungsrat<br />

und Geschäftsleitung <strong>Ballenberg</strong>, Ziegelei Rapperswil Louis Gasser AG, Ziegeleimuseum<br />

Cham, Zürcher Ziegeleien AG; einer grossen Anzahl freiwilliger Personen wie Boris Bäsler,<br />

Holger Bönisch, Peter Brunner, Conrad Dietschweiler, Peter Hagmann, Gaëtan Rochoux,<br />

Mitarbeitende Freilichtmuseum und Kurszentrum <strong>Ballenberg</strong>, Ernst Mäder, Daniel Müller,<br />

Roman Raess, Hans Schmid, Christian Sidler, Cornelia Staffelbach und Hansjörg Villoz.<br />

Herausgeber: Volker Herrmann und<br />

Beatrice Tobler für <strong>Ballenberg</strong>,<br />

Freilichtmuseum der Schweiz<br />

Alle Rechte vorbehalten.<br />

© 2023 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel<br />

Projektleitung: Beatrice Rubin<br />

Korrektorat: Daniel Lüthi<br />

Gestaltung: Romana Stamm<br />

Layout: Célestine Schneider<br />

ISBN 978-3-7245-2596-7<br />

Der Friedrich Reinhardt Verlag wird<br />

vom Bundesamt für Kultur mit einem<br />

Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024<br />

unterstützt.<br />

www.reinhardt.ch


INHALTSVERZEICHNIS<br />

Feuer und Flamme<br />

Flügel und Wurzeln 7<br />

Christine Häsler<br />

Vom Ungewissen zum Erfahrungswissen<br />

Eine Einleitung 9<br />

Beatrice Tobler<br />

Die barocke Ziegelhütte aus Péry<br />

Die Entwicklung des Ziegelhandwerkes<br />

im Fürstbistum Basel und im Berner Jura 13<br />

Christophe Gerber<br />

Dokumentation der Ziegelei aus Péry vor ihrer<br />

Translozierung auf den <strong>Ballenberg</strong><br />

Eine Bilanz 21<br />

Andreas Marti<br />

Zum Wiederaufbau der Ziegelei aus Péry 31<br />

Karin Sander<br />

Der Gast im Fokus 39<br />

Jeanne Simmen<br />

Wir brennen auf historische Weise Ziegel 47<br />

Kurt Bühler<br />

und Volker Herrmann<br />

Bildung und Vermittlung im Ziegelei-Museum 55<br />

Judith Matter<br />

Die Ziegelhütte im Fränkischen Freilandmuseum<br />

Bad Windsheim<br />

Produktion – Vermittlung – Sammlung 63<br />

Herbert May<br />

Baustoff Lehm in der Vermittlung<br />

Frühmittelalterliches Bauhandwerk bei<br />

«Campus Galli» 73<br />

Tilmann Marstaller<br />

und Martin Rogier<br />

Von der historischen Lehmwand zur lebendigen<br />

Lehmbaustelle<br />

Vermittlung im Weinviertler<br />

Museumsdorf Niedersulz 81<br />

Veronika Plöckinger-Walenta<br />

Rekonstruktion eines römischen Militärziegelofens<br />

Experimentelle Archäologie im<br />

LWL Industriemuseum – Ziegelei Lage 87<br />

Andreas Immenkamp<br />

Der Gradschnitt<br />

Ein Erfolgsmodell des 12. Jahrhunderts 95<br />

Ulrich Knapp<br />

Kammeröfen und das Brennexperiment<br />

von St. Urban 103<br />

Jürg Goll<br />

Ziegelbrennöfen und Brenntechniken des<br />

17. Jahrhunderts<br />

In Ulm und im Herzogtum Württemberg 111<br />

Claudia Eckstein<br />

Regionale Ziegelproduktion in der longue durée<br />

Das Beispiel Bruneck 119<br />

Andreas Oberhofer<br />

Dachlandschaft = Regionalität + Zeitschnitt 127<br />

Marion Sauter<br />

Dachlandschaften<br />

Herausforderung für Denkmalpflege<br />

und Freilichtmuseum 135<br />

Monika Zutter<br />

Resümee der Ziegeltagung<br />

Einordnung und Bewertung der Ergebnisse 143<br />

Volker Herrmann<br />

Verzeichnisse 148


6


FEUER UND FLAMME<br />

FLÜGEL UND WURZELN<br />

Unter dem Titel «Feuer und Flamme» konnten wir am<br />

4. September 2021 im Freilichtmuseum <strong>Ballenberg</strong> die<br />

Ziegelei aus Péry offiziell in Betrieb nehmen. Ich durfte<br />

das Feuer entfachen – eine besondere Ehre, die normalerweise<br />

Sportlerinnen und Sportlern vorbehalten ist.<br />

Ursprünglich stammt die Ziegelei aus dem Berner<br />

Jura. Vor vier Jahren wurde sie mit grossem Aufwand<br />

auf das <strong>Ballenberg</strong>-Areal gezügelt. Dank der tatkräftigen<br />

Unterstützung von Mitarbeitenden des Freilichtmuseums<br />

sowie von Handwerkerinnen und Handwerkern<br />

aus Hofstetten und Umgebung gelang der Abbau<br />

und anschliessende Aufbau. Mitgeholfen haben auch<br />

die Denkmalpflege und der Archäologische Dienst des<br />

Kantons Bern, was mich als kantonale Kulturdirektorin<br />

besonders freut.<br />

Der Umzug der Ziegelei aus Péry ist ein perfektes<br />

Beispiel dafür, wie Behörden, Handwerkerinnen und<br />

Handwerker und eine Institution wie das einmalige<br />

Freilichtmuseum <strong>Ballenberg</strong> erfolgreich Hand in Hand<br />

zusammenarbeiten können. Es zeigt aber auch, wie sich<br />

Modernes und Historisches zu einem sinnvollen Ganzen<br />

zusammenfügen lassen. So wurden die Konstruktion<br />

und die Pläne der Ziegelei zwar digital erfasst, erst historische<br />

Bilder ermöglichten jedoch die getreue Rekonstruktion<br />

des Turms und der Trocknungshalle. Während<br />

der Turm aus neuem Material gebaut ist, besteht die<br />

Trocknungshalle zum grössten Teil aus den originalen,<br />

stellenweise russgeschwärzten Balken. An diesen zeigt<br />

sich die Verbindung von Altem und Neuem besonders<br />

schön: Anstatt die Balken einfach auszutauschen, verbanden<br />

die Zimmerleute die noch brauchbare Substanz<br />

stabil und dauerhaft mit neuen Holzstücken.<br />

Das Brennen der Ziegel erinnert ein bisschen an<br />

Politik: Es ist ein langsamer und konstanter Prozess,<br />

der Geduld und Fingerspitzengefühl benötigt, um im<br />

Ofen über Tage hinweg die richtige Temperatur zu halten.<br />

Aus denkbar einfachen Zutaten wie Sand, Wasser<br />

und Lehm wird dank einer beständigen Hitze ein Material<br />

geschaffen, das in Form von Dachziegeln langfristig<br />

und nachhaltig Schutz vor Wind, Wetter und Kälte bietet.<br />

Rund 3000 der Ziegel, die in den früheren Jahren auf<br />

dem <strong>Ballenberg</strong> geformt und am 4. September in <strong>Brand</strong><br />

gesetzt wurden, stammen von Besucherinnen und Besuchern<br />

des <strong>Ballenberg</strong>s. Ein schönes Zeichen für die<br />

Verbundenheit der Bevölkerung mit dem Museum und<br />

das grosse Interesse an der Schweizer Baugeschichte.<br />

Mehr als hundert Gebäude aus der ganzen Schweiz,<br />

die nicht an ihren bisherigen Standorten bleiben<br />

konnten, wurden bisher auf den <strong>Ballenberg</strong> versetzt.<br />

Im Freilichtmuseum zeigen sie beispielhaft die Vielfalt<br />

und die Besonderheiten ländlicher Architektur. Mit<br />

der Ziegelei aus Péry verfügt der <strong>Ballenberg</strong> nun über<br />

ein Kulturerbe, das im wahrsten Sinne der Worte «Feuer<br />

und Flamme» bietet.<br />

Für mich steht das Museum darüber hinaus für<br />

«Flügel und Wurzeln»: Flügel braucht es, um Neues<br />

anzupacken und Wurzeln, um zu wissen, woher wir<br />

kommen. Denn: Vergessen wir nicht, wo unsere Wurzeln<br />

sind und was uns geprägt und fürs Leben gestärkt<br />

hat. Zurückkehren an Vaters Hof, wie es Franz Kafka<br />

beschrieben hat: «Ich bin zurückgekehrt, ich habe den<br />

Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines<br />

Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. (…) Die Katze<br />

lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal<br />

im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind.<br />

Ich bin angekommen.»<br />

Christine Häsler<br />

Bildungs- und Kulturdirektorin<br />

7


8


VOM UNGEWISSEN ZUM<br />

ERFAHRUNGSWISSEN<br />

EINE EINLEITUNG<br />

Beatrice Tobler<br />

Dieses Buch dokumentiert zweierlei: Es präsentiert die<br />

Tagungsbeiträge der im September 2021 im Freilichtmuseum<br />

<strong>Ballenberg</strong> abgehaltenen internationalen Tagung<br />

zum historischen Ziegelwesen und dokumentiert<br />

gleichzeitig die Translozierung und Wiederinbetriebnahme<br />

der barockzeitlichen Ziegelei aus Péry im musealen<br />

Kontext des Freilichtmuseums der Schweiz.<br />

Von der Wiederentdeckung der Ziegelei in Péry bis<br />

zur internationalen Tagung und dem ersten Ziegelbrand<br />

im Freilichtmuseum <strong>Ballenberg</strong> vergingen neun<br />

Jahre, bis zum Erscheinen dieses Tagungsbandes fast elf<br />

Jahre. In dieser Zeit wechselten die Zuständigkeiten für<br />

das Projekt im Freilichtmuseum mehrmals. Die Begeisterung<br />

dafür teilten jedoch alle Beteiligten, auch über<br />

die eigene Anstellung hinaus.<br />

Die erste Initialzündung leistete der Archäologische<br />

Dienst des Kantons Bern. Er entdeckte die Ziegelei, die<br />

vor Ort wegen eines Bauprojektes nicht erhalten werden<br />

konnte, und wandte sich ans Freilichtmuseum<br />

<strong>Ballenberg</strong>. Die damalige Geschäftsleitung und die<br />

Fachgruppe Wissenschaft erkannten den kulturhistorischen<br />

Wert des Gebäudes. Die älteste erhaltene<br />

Ziegelei des Kantons Bern würde im Freilichtmuseum<br />

nicht nur eine Sammlungslücke schliessen, sondern<br />

auch spannende Vermittlungsmöglichkeiten eröffnen.<br />

Ungewiss war, ob eine Finanzierung gefunden werden<br />

könnte. Der Bund und der Kanton Bern unterstützten<br />

die Gebäudeübernahme und die Bauforschung. Nun<br />

kam eine Akteurin ins Spiel, ohne die das Ganze nicht<br />

hätte stattfinden können: Eine anonyme Spenderin ermöglichte<br />

mit einem grossen Geldbetrag nicht nur die<br />

Übernahme des Gebäudes. Das Geld wurde auch für die<br />

Vermittlung des Ziegelhandwerks und für einen ersten<br />

<strong>Brand</strong> gesprochen. Denn von Anfang an war klar: Nachdem<br />

der Ziegelofen in Péry über hundert Jahre lang kalt<br />

geblieben war, sollte das Gebäude auf dem <strong>Ballenberg</strong><br />

wieder vollständig in Betrieb genommen werden.<br />

Zunächst investierte der Archäologische Dienst des<br />

Kantons Bern grosse Ressourcen und sein immenses<br />

Fach- und Erfahrungswissen für die Bauaufnahmen<br />

und die Forschung vor Ort und in den Archiven. Derweil<br />

suchte man auf dem <strong>Ballenberg</strong> nach einem geeigneten<br />

Standort im Gelände, welcher für die Inbetriebnahme,<br />

also zum Trocknen der Ziegel in der grossen<br />

Trocknungshalle und zum Brennen im Schachtofen,<br />

geeignet ist. In der Baukommission wurden, basierend<br />

auf Ergebnissen der Bauforschung, Entscheide zum<br />

Wiederaufbau getroffen. Immer wieder kamen Fachleute<br />

zusammen, tauschten ihr Wissen aus und mussten<br />

unbekannte Faktoren bei ihren Entscheiden berücksichtigen.<br />

So ging man beispielsweise zunächst davon<br />

aus, dass der angebaute Wohnteil, der nicht ins Freilichtmuseum<br />

übernommen wurde, jüngeren Datums<br />

sei und der Turm über dem Schachtofen musste nach<br />

einer historischen Bildvorlage rekonstruiert werden.<br />

Beim Wiederaufbau wurde versucht, möglichst mit<br />

historischen Materialien und Techniken zu arbeiten.<br />

Gleichzeitig kamen moderne Maschinen und Erkenntnisse<br />

aus der Bauphysik, Bauforschung und Materialkunde<br />

zum Einsatz. Hier wird deutlich: Wir bleiben immer<br />

Menschen von heute. Unsere Auseinandersetzung mit<br />

der Vergangenheit findet immer aus der Perspektive der<br />

jeweiligen Gegenwart statt. Das kollektive Wissen einer<br />

Gesellschaft kann und soll nicht wegsubtrahiert werden,<br />

wenn es um die Vermittlung von Kulturerbe geht.<br />

Oberste Maxime beim Wiederaufbau war, dass das<br />

Gebäude vollumfänglich funktionstüchtig werden sollte.<br />

Es sollte nicht in einem rekonstruierten Zustand konserviert<br />

werden, sondern im musealen Kontext ein neues<br />

Leben erhalten. Bei der Entwicklung der Vermittlungs-<br />

9


aktivitäten tauchten viele Unbekannte auf. Auch hier galt<br />

es, ein Netzwerk aufzubauen, sich mit Fachleuten auszutauschen<br />

und trotz bleibender Ungewissheiten Entscheide<br />

zu fällen. Welcher Lehm soll verwendet werden?<br />

Welche Art von Ziegeln stellen wir her? Aus welchem<br />

Material sollen die Ziegelformen sein? Welches Vermittlungsformat<br />

eignet sich für welches Zielpublikum?<br />

Beim <strong>Brand</strong> gab es die wohl grössten Ungewissheiten.<br />

Hier durften wir im Vorfeld auf die Erfahrungen unserer<br />

Kolleginnen und Kollegen im Ziegelei-Museum Cham<br />

und im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim<br />

sowie auf das Erfahrungswissen von <strong>Brand</strong>experten heutiger<br />

Ziegeleien und Töpfereien zählen. Schnell war aber<br />

klar: Für den Ziegelbrand wollten wir die internationale<br />

Fachwelt vor Ort haben, damit sie uns fachlich und moralisch<br />

bei diesem mutigen Unterfangen unterstützen<br />

würde. So schrieben wir 2019 einen call for papers aus.<br />

Hierzu durften wir auf die Adressliste der «Internationalen<br />

Fachtagung Ziegeleigeschichte/Ziegeleimuseen»<br />

zurückgreifen und erreichten so zahlreiche Fachleute.<br />

Wir luden die an der Translozierung der Ziegelei aus<br />

Péry Beteiligten ein (Beiträge Bühler/Herrmann, Gerber,<br />

Marti, Sander, Simmen) und schrieben folgende<br />

Themen aus:<br />

• Traditionelles Ziegelhandwerk in der musealen<br />

Vermittlung (Beiträge Matter, Marstaller/Rogier,<br />

May, Plöckinger Walenta)<br />

• Erfahrungsberichte im Ziegelbrennen (Beiträge<br />

Goll, Immenkamp)<br />

• Historisches Ziegelwesen (Beiträge Eckstein, Knapp,<br />

Oberhofer)<br />

• Dachlandschaften – Herausforderung für Denkmalpflege<br />

und Freilichtmuseen (Beiträge Sauter, Zutter)<br />

Zu allen Themen konnten wir engagierte Vortragende<br />

gewinnen. Im September 2021 versammelten sich Expertinnen<br />

und Experten zum historischen Ziegelwesen<br />

aus der Schweiz, Deutschland, Österreich und Italien im<br />

Freilichtmuseum der Schweiz auf dem <strong>Ballenberg</strong>: Fachleute<br />

aus der Denkmalpflege und Museologie, Kunsthistorikerinnen<br />

und Archäologen, Historiker und Bauforscherinnen<br />

tauschten an zwei Tagen ihr Wissen und ihre<br />

Erfahrungen rund um das historische Ziegelwesen aus.<br />

Am Abend des ersten Tages war es dann so weit: Regierungsrätin<br />

Christine Häsler und Stiftungsratspräsident<br />

Peter Flück entfachten feierlich den Ziegelofen.<br />

Die Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen deckten<br />

sich grösstenteils mit unseren Plänen für den <strong>Brand</strong>.<br />

Dennoch blieb die Ungewissheit, ob er gelingen würde.<br />

Das <strong>Ballenberg</strong>-Team und die externen Fachleute, die<br />

mittlerweile echte <strong>Ballenberg</strong>er geworden waren, wurden<br />

für ihren Mut belohnt. Das Ergebnis des <strong>Brand</strong>es<br />

übertraf alle Erwartungen.<br />

Der Aufwand für das Gesamtprojekt war immens.<br />

Zum Input 1 zählten Hunderte von Arbeitsstunden von<br />

internen und externen Fachleuten, deutlich mehr als<br />

eine Million Schweizer Franken, mehrere Tonnen Lehm,<br />

50 Kubikmeter Holz, viel Sauerstoff, ein langer Atem<br />

und ganz viel Herzblut.<br />

Der Output besteht aus einem neuen Gebäude auf<br />

dem <strong>Ballenberg</strong>, einer Ausstellung, Gruppen- und<br />

Schulprogrammen, einer Handwerksvorführung, mehreren<br />

Veranstaltungen rund um den Ziegelbrand, viel<br />

Schweiss, Rauch, Wasserdampf, Kohlendioxyd und<br />

Wärme, rund 8000 gebrannten Ziegeln, einer Ziegeltagung<br />

und diesem Buch.<br />

Die internen Wirkungsziele, dass das Museum als<br />

Kompetenzzentrum für teilhabende Handwerksvermittlung<br />

wahrgenommen wird und neue Erkenntnisse<br />

beim Ziegelbrennen in Schachtöfen gewonnen werden,<br />

wurden erfüllt. Zur direkten Wirkung für das Freilichtmuseum<br />

(Outcome) gehört auch die zusätzliche<br />

Aufmerksamkeit, die sich in Museumseintritten, Medienberichten<br />

sowie Klicks und Likes in den digitalen<br />

Medien niederschlägt.<br />

Die Wirkung des Gesamtprojektes geht aber weiter.<br />

Die Referate der internationalen Ziegeltagung leisten<br />

einen Beitrag an den internationalen Fachdiskurs und<br />

liefern Erkenntnisgewinn (Outcome). Volker Herrmann<br />

ordnet sie am Ende dieses Bandes in seinem Resümee<br />

in den aktuellen Stand der Forschung ein.<br />

Das Projekt leistete und leistet auch einen Beitrag<br />

an die Vision, die Bevölkerung für das Kulturerbe zu begeistern<br />

und dieses erlebbar zu machen (Impact).<br />

Der vorliegende Tagungsband zeigt aber auch etwas<br />

ganz Grundlegendes auf, nämlich was es braucht, um in<br />

einem Projekt gemeinsam mit vielen Ungewissheiten<br />

zu neuem Erfahrungswissen zu kommen: viel Begeisterung,<br />

eine gute Portion Glück, reichhaltiges Fachwissen<br />

von allen Seiten und den Mut, für das Ungewisse Annahmen<br />

zu treffen und auszuprobieren. So bildet sich<br />

im Gesamtprojekt von der Übernahme der Ziegelei bis<br />

zur Ziegeltagung und dem ersten <strong>Brand</strong> das ab, was für<br />

Wissenschaft allgemein gilt: Wissen schafft Erfahrung<br />

und Erfahrung schafft Wissen.<br />

10


1<br />

Zu den folgenden Begriffen Input, Output, Outcome und Impact<br />

vergl. das Wirkungsmodell der Mercator-Stiftung, https://<br />

projekte-mit-wirkung.ch, 28.6.2022.<br />

11


12


DIE BAROCKE ZIEGELHÜTTE AUS PÉRY<br />

DIE ENTWICKLUNG DES ZIEGEL­<br />

HANDWERKES IM FÜRSTBISTUM<br />

BASEL UND IM BERNER JURA<br />

Christophe Gerber 1<br />

In der Zeit zwischen 1815 und der Gründung des Kantons Jura 1978 entsprach der Berner Jura weitgehend den weltlichen<br />

Gebieten des ehemaligen Fürstbistums Basel. In diesem von Tälern durchzogenen Gebirge waren die Dächer der Häuser bis<br />

Anfang des 19. Jahrhunderts noch weitgehend mit Schindeln oder gar Stroh gedeckt, wie es aus den <strong>Brand</strong>versicherungsregistern<br />

eindeutig hervorgeht. Die Verwendung von Dachziegeln setzte sich erst allmählich durch und erlebte insbesondere<br />

nach dem Erlass des kantonalen Dekrets über die Dacheindeckung von 1827 einen Schub. Im ehemaligen Fürstbistum Basel<br />

sind Ziegeleien seit dem 14. Jahrhundert historisch belegt. 2 Doch vor dem 19. Jahrhundert waren Dachziegel vor allem für<br />

öffentliche und sakrale Bauten beziehungsweise für Patrizier- und Stadthäuser bestimmt.<br />

Obwohl Ziegeleien längst aus der jurassischen Landschaft verschwunden<br />

sind und selten bekannt blieben, zeugen Archivalien und Flurnamen noch<br />

von diesem Handwerk. So geschah es auch in der Gemeinde Péry, wo bis um<br />

1905 zwei Kilometer östlich des Dorfes eine Ziegelei in Betrieb war.<br />

Die Flur Tuilerie (Ziegelei), die bis<br />

1916 auf dem Siegfried-Atlas neben<br />

einer kleinen Gebäudegruppe verzeichnet<br />

war, verschwand danach<br />

von der topografischen Karte. Die vorindustrielle<br />

Funktion des Bauwerkes<br />

geriet allmählich in Vergessenheit,<br />

bis 2012 ein Bauprojekt öffentlich aufgelegt<br />

wurde und der Archäologische<br />

Dienst des Kantons Bern (ADB) eine<br />

Begehung unternahm. Von aussen betrachtet,<br />

sah das Gebäude unscheinbar<br />

aus und liess nicht vermuten,<br />

dass im Innern derart viel historische<br />

Bausubstanz der Ziegelei noch erhalten<br />

war. Neben einer Trocknungshalle<br />

wurde auch ein fast vollständig<br />

erhaltener Schachtofen seitlich<br />

des Gebäudes wiederentdeckt. Die<br />

gesamte Anlage war 14,4 x 17,5 Meter<br />

1 Péry, Planche Nanry. Fotografie der Gebäudegruppe<br />

um 1905, rechts die Ziegelhütte.<br />

Hinter dem Baum ist das turmartige<br />

Dach über dem Ofen zu sehen.<br />

13


2 Péry, Planche Nanry. Die archäologische<br />

Bauaufnahme der Ziegelei startete im Winter<br />

2012/13 im tief verschneiten Berner Jura.<br />

3 Péry, Planche Nanry. Der Schachtofen<br />

der Ziegelei war bei seiner Entdeckung im<br />

Herbst 2012 stellenweise eingebrochen und<br />

stark von Pflanzen überwachsen.<br />

4 Péry, Planche Nanry. Nachdem der Bewuchs<br />

und die Verfüllung im und um den<br />

Ofen entfernt worden waren, zeigte sich der<br />

Schachtofen mit den doppelten Feuerungskanälen<br />

und dem Innenmantel aus Backsteinen<br />

in seiner vollen Pracht.<br />

gross und umfasste zusätzlich zur Produktionsstätte eine kleine Wohnung<br />

für den Ziegler. Die Trocknungshalle allein war 13,1 x 14,4 Meter gross und an<br />

einen viereckigen Ofen von 6,5 Meter Seitenlänge angebaut. Die dendrochronologische<br />

Analyse des Dachstuhls ergab, dass die Hölzer im Herbst/Winter<br />

1762/63 geschlagen worden waren. Es handelt sich somit um die älteste noch<br />

vollständig erhaltene Ziegelei im Kanton Bern.<br />

Es folgten mehrere Untersuchungsetappen in den Jahren zwischen<br />

2012 und 2016. Das gesamte Gebäude wurde mit CAD dreidimensional<br />

aufgenommen, Produktionsräume, Brennofen und Wohnteil wurden<br />

bauarchäologisch untersucht, ausgewählte Bereiche in den Produktionsräumen<br />

und die Brennkammer des Ofens wurden ausgegraben. Das<br />

scheinbar «gewöhnliche Bauernhaus» war bis dato in keinem Bauinventar<br />

erfasst, wurde jedoch zeitgleich zu den Untersuchungen durch die<br />

Denkmalpflege des Kantons Bern als Neuentdeckung und Kulturgut von<br />

regionaler Bedeutung eingestuft. Da sich eine museale<br />

Erhaltung vor Ort und eine Umnutzung der Räume für<br />

einen zeitgemässen landwirtschaftlichen Betrieb als<br />

gleichermassen schwierig erwiesen, wurde die Ziegelhütte<br />

dem Freilichtmuseum <strong>Ballenberg</strong> in Hofstetten<br />

bei Brienz angeboten, wo sie nun zu neuem Leben erweckt<br />

worden ist.<br />

Der Schachtofen<br />

Der Ofen von Péry wies einen zentralen Feuerraum mit<br />

doppeltem Feuerungskanal für die Zufuhr von Brennholz<br />

und Frischluft auf. Über dem Feuerraum befand<br />

sich, getrennt durch eine Art Lochtenne, der eigentliche<br />

Brennraum. Darin wurde das Brenngut aufgestapelt.<br />

Die oberste Schicht des Brenngutes war mit einem<br />

isolierenden Mantel aus Lehm, durchmischt mit Ziegelbruch,<br />

zugedeckt. Darin waren die Lüftungsöffnungen<br />

eingelassen, die als Zugkamine dienten. Der Ofentyp<br />

von Péry zählt zu den Schachtöfen, die sich im 18. und<br />

19. Jahrhundert stark verbreitet hatten. In der Regel<br />

wurden diese Öfen unmittelbar neben einer Trocknungshalle<br />

gebaut. Das scheunenartige Gebäude wies<br />

meistens Gimmwände auf beiden Traufseiten auf, um<br />

die langsame Trocknung der Ziegelprodukte vor dem<br />

<strong>Brand</strong> zu gewährleisten. Historisch sind Baupläne für<br />

Schachtöfen erhalten, so etwa jener aus dem Jahr 1768<br />

für einen Ofen, der in Thun BE 3 gebaut worden ist beziehungsweise<br />

gebaut werden sollte.<br />

Seine Installation ähnelt derjenigen von Péry. Von<br />

besonderem Interesse ist eine handschriftliche Bemerkung<br />

auf dem Grundrissplan des Thuner Ofens, die darauf<br />

hinweist, dass «dieser Ofen mit hoch ausgetrockneten<br />

Mauersteinen und nicht mit gebrannten» gebaut<br />

14


werden musste. Dieses Bauverfahren war anscheinend üblich und konnte in<br />

Péry archäologisch nachgewiesen werden.<br />

Interessante Hinweise aus dem Burgergemeindearchiv von Péry<br />

Das Archiv der Burgergemeinde 4 von Péry, bewahrt als damalige Bauherrin<br />

der Ziegelhütte mehrere bemerkenswerte Primärdokumente auf, die wertvolle<br />

Einblicke in die Ziegeleigeschichte geben.<br />

So ist beispielsweise der Bauvertrag vom 6. Dezember 1762 erhalten. Daraus<br />

geht hervor, dass der Zimmermann Nicolas Grandguenin ein Gebäude<br />

mit einer Trocknungskapazität für 8000 Ziegel aufstellen sollte. Dazu sollte<br />

auch eine Wohnung mit beheizter<br />

Stube, mit Kammer, Küche, Keller<br />

und Stall für den Ziegler errichtet<br />

werden. Der Zimmermann verpflichtete<br />

sich zudem, 8000 Brettchen zum<br />

Trocknen der Dachziegel und den<br />

Arbeitstisch zu liefern. Die gesamten<br />

Zimmermanns- und Schreinerarbeiten<br />

wurden auf 84 Bieler Kronen veranschlagt.<br />

Die 2013 durchgeführte<br />

de ndrochronologische Analyse des<br />

Dachstuhles bestätigt, dass das Bauholz<br />

im Winter 1762/63, also kurz<br />

nach der Vertragsunterzeichnung,<br />

gefällt worden ist. 5<br />

Der Vertrag für den Bau des Ofens<br />

wurde drei Monate später, am 3.<br />

März 1763, von Jean Henry Allemann<br />

aus Leubringen und seinen beiden<br />

Söhnen unterzeichnet. Für 100 Bieler<br />

Kronen sollten die Maurer den<br />

Ofen bauen und die Steinsockel für<br />

die Tragpfosten der Trocknungshalle<br />

herstellen. Die Transportarbeiten<br />

für das Steinmaterial wurden an drei<br />

Einwohner von Péry für einen Betrag<br />

von 95 Kronen vergeben. 6 Da die<br />

Arbeiten beim Bau des Ofens nicht<br />

nach Plan verliefen, liess die Gemeinschaft<br />

sie unterbrechen und holte<br />

den Rat von Bauexperten ein, die leider<br />

nicht namentlich erwähnt werden.<br />

Auf Basis des Expertenberichtes<br />

ermächtigte der Landvogt Imer die<br />

Burgergemeinde Péry, den Vertrag<br />

zum Bau des Ofens zu brechen und<br />

die Bauarbeiten neu zu beauftragen.<br />

5 Diverse Verträge und schriftliche Dokumente<br />

aus der früheren Betriebszeit der<br />

Ziegelhütte in Péry, Planche Nanry. Bis heute<br />

werden die Dokumente im Archiv der Burgergemeinde<br />

Péry aufbewahrt.<br />

6 Bauplan für einen Schachtofen, hier der<br />

Längsschnitt durch einen Ofen, welcher 1768<br />

in Thun (Bern, Schweiz) zum Brennen von<br />

Ziegeln und Kalk gebaut wurde. © Staatsarchiv<br />

des Kantons Bern, AA III 1192 (Plan 2).<br />

15


7 Drei archäologisch nachgewiesene Ziegelprodukte<br />

aus der Ziegelhütte Péry, Planche<br />

Nanry: flacher Backstein oder Bodenplatte,<br />

Kaminstein und Dachziegel (von links nach<br />

rechts).<br />

8 Péry, Planche Nanry, Ziegelhütte: Anhand<br />

der zeitgenössischen Dokumente im Archiv<br />

der Burgergemeide von Péry konnten die<br />

Warenpreise, Zinssätze und Brände im späten<br />

18. Jahrhundert tabellarisch erfasst werden.<br />

Péry, Planche Nanry, Ziegelhütte. Warenpreise, Zinsen und Brände im späten<br />

18. Jahrhundert<br />

Jahr Dachziegel Firstziegel Backstein<br />

klein<br />

pro 100 Stk. pro Stk. pro Stk. oder<br />

pro 100<br />

Ein neuer Vertrag war nicht zu finden und so bleiben die Maurer, die den Bau<br />

vollendet haben, leider unbekannt. Am 6. Dezember 1765 war die Ziegelei<br />

jedenfalls fertiggestellt und der Zimmermann Grandguenin und Jean Nicolas<br />

Criblez pachteten sie für drei Jahre, bei einem jährlichen Zins von 66 Kronen<br />

und zehn Batzen.<br />

Weiter geht aus den Archivalien hervor, dass der erste Ziegelbrand für<br />

die Deckung der Dächer der Ziegelei bestimmt war; bis dahin war das Gebäude<br />

mit Holzschwarten aus der Bearbeitung des Gebälks geschützt.<br />

Vertraglich waren anfangs fünf Brände pro Jahr erlaubt. Die Burgergemeinde<br />

verpflichtete sich, das Holz zu liefern, Transport- und Bearbeitungskosten<br />

gingen jedoch zulasten des Pächters. Letzterer musste die<br />

Ziegelsteine zu einem festen Preis liefern: Zehneinhalb Batzen für hundert<br />

Dachziegel, einen Kreuzer für einen<br />

grossen Backstein (im französischen<br />

Text carron) und einen halben<br />

Kreuzer für einen kleinen Stein.<br />

Ziegeleien brannten manchmal zusätzlich<br />

kleine Mengen Kalk. In Péry<br />

verkaufte der Ziegler Kalk für acht<br />

Batzen pro bosse, 7 jeder Bürger von<br />

Péry durfte eine bosse pro Jahr kostenlos<br />

beziehen. 1788 wurden die<br />

Preise neu festgesetzt: Dachziegel<br />

und Kaminsteine zu sieben Batzen<br />

pro Hundert und grosse Backsteine<br />

zu einem Kreuzer pro Stück während<br />

der Preis für eine bosse Kalk<br />

unverändert bei acht Batzen blieb.<br />

Die Pächterliste der Ziegelei von<br />

Backstein<br />

gross<br />

pro Stk.<br />

Kalk Zins Anzahl<br />

Brände<br />

pro Fuder*<br />

1765 10 ½ Batzen – ½ Kreuzer 1 Kreuzer 8 Batzen** 66 Kronen 10<br />

Batzen<br />

1788 7 Batzen – 7 Batzen/<br />

100<br />

1792–97 12 ½ Batzen 1 Kreuzer 12 ½ Batzen/<br />

100<br />

1 Kreuzer 8 Batzen 90 Kronen 3<br />

1 Kreuzer – 3 Louis d’or<br />

pro <strong>Brand</strong>***<br />

* Im französischen Text steht «bosse», was nach Dubler zu einem Fuder à ca. 900 Liter entspricht. Dubler,<br />

Anne-Marie: «Fuder», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 14.04.2005. Online: https://<br />

hls-dhs-dss.ch/de/articles/030746/2005-04-14/, konsultiert am 02.11.2021.<br />

** Eine Berner Krone war 25 Batzen Wert, ein Batzen gleich 4 Kreuzer. Nach: Zäch, Benedikt: «Krone», in:<br />

Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 01.02.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013674/2012-02-01/,<br />

konsultiert am 02.11.2021.<br />

*** Ein Louis d’or, auch Duplone genannt hatte, war 16 Franken oder 160 Batzen Wert. Nach: Schmutz,<br />

Daniel: «Louis d’or», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15.10.2009. Online: https://<br />

hls-dhs-dss.ch/de/articles/013683/2009-10-15/, konsultiert am 02.11.2021.<br />

5<br />

?<br />

Péry ist unvollständig. Überlieferte<br />

Verträge belegen diverse Anpassungen<br />

bei den Pachtbedingungen: Der<br />

eine musste Verbesserungen am<br />

Ofen aus eigenen Mitteln finanzieren,<br />

einem anderen wurde die Anzahl<br />

bewilligter Brände reduziert<br />

und der Dorfschullehrer Jean-Pierre<br />

Criblez unterzeichnete den dreijährigen<br />

Pachtvertrag 1788 für einen erhöhten<br />

jährlichen Pachtzins von 90<br />

Kronen. Er musste sich zudem verpflichten,<br />

den Ofen durch den Einbau<br />

eines Gitters zu verbessern und<br />

durfte nur drei statt der üblichen<br />

fünf Brände pro Jahr durchführen.<br />

Vermutlich liegt die Ursache dieser<br />

Reduktion in der im Jahr 1755 vom<br />

16


Fürstbischof von Basel erlassenen Forstverordnung und hatte eine Holzersparnis<br />

zum Ziel. Von 1788 bis 1816 ist die historische Überlieferung zur<br />

Ziegelei in Péry besonders lückenhaft.<br />

Bernische Ziegeleistatistik von 1817<br />

Erst im Jahr 1817 liess der Staat Bern ein Ziegeleiverzeichnis erstellen, in welchem<br />

für jeden Betrieb die Anzahl Öfen, jährliche Brände<br />

und der Holzverbrauch sowie die Menge der produzierten<br />

Ziegelsteine und des gebrannten Kalks erfasst wurden. Im<br />

Dokument werden sämtliche Typen von Ziegelsteinen unter<br />

der Rubrik «Ziegel jeder Art» zusammengefasst, sodass<br />

zwischen Dach- und Mauerziegel nicht unterschieden<br />

werden kann. Ziegler fertigten in der Regel Dachziegel,<br />

also Flach-, Hohl- und Firstziegel sowie Backsteine diverser<br />

Formate an, die zusammen mit dem Kalk gebrannt wurden.<br />

Bis ins frühe 19. Jahrhundert gab es keine genormte<br />

Produktion. Jede Region stellte ihre eigenen Dachziegel<br />

her, so dass es schwierig oder gar unmöglich war, Dachziegel<br />

aus verschiedenen Betrieben auf einem Dach zu<br />

kombinieren. Im Mandaten-Buch von 1838 wurden zum<br />

ersten Mal standardisierte Masse für die verschiedenen<br />

Architekturterrakotten festgelegt. 8<br />

Die im Dokument von 1817 erwähnten Zahlen liefern<br />

somit einen Durchschnittswert der Produktion<br />

im Kanton Bern. Die 23 Ziegeleien des ehemaligen<br />

Fürstbistums Basel fertigten jährlich 1 143 330 Ziegelsteine<br />

an, was fast 27 Prozent der gesamten Produktion<br />

entsprach. Fünf Manufakturen des heutigen Berner<br />

Jura lieferten alleine jeweils zwischen 15 000 bis 18 000<br />

Ziegel pro <strong>Brand</strong>. Die Produktion der Ziegelei in Péry<br />

wird in diesem Dokument mit einer jährlichen Menge<br />

von 90 000 Ziegelsteinen und 70 Fass gebranntem<br />

Kalk ausgewiesen. 9 Die Ziegeleien von Corgémont und<br />

Péry, die seit dem 18. Jahrhundert nachgewiesen sind,<br />

produzierten 20 000 bzw. 18 000 Ziegel pro <strong>Brand</strong>, während<br />

die Manufaktur von Saicourt nur 9000 Ziegel auf<br />

einmal brannte. Die Ziegelei von Corgémont produzierte<br />

genauso viel wie die Manufaktur in Biel, die den<br />

städtischen Markt belieferte.<br />

1828 erliess der Kanton Bern ein Gesetz, das für<br />

alle neuen oder sanierungsbedürftigen Dächer die<br />

Verwendung von Dachziegeln oder Schieferplatten<br />

anstelle von Stroh, Schilf und Schindeln als <strong>Brand</strong>schutzmassnahme<br />

vorschrieb. Dieses Gesetz galt<br />

natürlich auch für den Berner Jura, der nach den Beschlüssen<br />

des Wiener Kongresses von 1815 zu Bern<br />

zählte. Eine unmittelbare Folge dieses Dekretes war<br />

Statistik der Ziegelhütten im Kanton Bern 1817<br />

Die genannten Zahlen umfassen Ziegelsteine jeder Art<br />

(Dach-, Mauer- und Kaminsteine, Bodenplatten)<br />

Oberämter<br />

9 Die im Jahr 1817 erhobene Statistik zu den<br />

Ziegelhütten im Kanton Bern zeigt einerseits<br />

die grosse Menge an Ziegeleien im Kantonsgebiet<br />

und andererseits die grosse Bedeutung,<br />

die dem Berner Jura bei der Produktion<br />

im frühen 19. Jahrhundert noch zukam.<br />

Anzahl<br />

Öfen<br />

Anzahl<br />

Brände<br />

Anzahl<br />

Ziegeleien<br />

Holzverbrauch<br />

(Klafter)**<br />

Ertrag<br />

Kalk<br />

(Fass)*<br />

Anzahl<br />

Ziegelsteine<br />

Courtelary 3 3 15 158 236 275 000<br />

Delémont 8 8 29 257 0 282 750<br />

Freibergen 0 0 0 0 0 0<br />

Moutier 4 4 10 80 0 117 000<br />

Porrentruy 8 8 36 632 0 468 580<br />

Aarberg 1 1 9 140 0 135 000<br />

Aarwangen 3 3 25 534 748 262 000<br />

Bern 5 5 30 523 0 576 400<br />

Büren 3 3 14 168 250 149 600<br />

Burgdorf 1 2 13 200 300 312 000<br />

Erlach 2 2 11 131 335 210 000<br />

Fraubrunnen 2 2 9 23 0 117 000<br />

Frutigen 0 0 0 0 0 0<br />

Interlaken 0 0 0 0 0 0<br />

Konolfingen 0 0 0 0 0 0<br />

Laupen 1 1 0 0 0 0<br />

Nidau 2 2 14 276 540 264 000<br />

Oberhasli 0 0 0 0 0 0<br />

Saanen 0 0 0 0 0 0<br />

Schwarzenburg 1 1 2 24 0 30 000<br />

Seftigen 3 1 3 45 70 24 000<br />

Obere Simmenthal 0 0 0 0 0 0<br />

Untere Simmenthal 0 0 0 0 0 0<br />

Signau 1 1 3 105 300 78 000<br />

Thun 3 5 35 700 3500 757 500<br />

Trachselwald 0 0 0 0 0 0<br />

Wangen 3 3 15 268 500 169 000<br />

Gesamt 31 32 183 3 137 6 543 3 084 500<br />

Anteil Berner Jura 23 23 90 1127 236 1 143 330<br />

in % 74,2 % 71,9 % 49,2 % 37,1 %<br />

(Quelle : Berichte über Ziegelfabrikation 1817. Statsarchiv des Kantons Bern StAB<br />

BV 238, 1817)<br />

* Fass zu ca. 0,38 m 3 gebrannter Kalk. Nach http://www.studer­schweiz.ch/downloads/massegewichtegeldbern.pdf.<br />

** Klafter zu 6 × 6 × 3 Fuss (à 0,30 m) = 1,8 × 1,8 × 0,9 m = 2,916 m³. Nach: Dubler,<br />

Anne­Marie: «Klafter», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom<br />

09.03.2015. Online: https://hls­dhs­dss.ch/de/articles/014193/2015­03­09/,<br />

konsultiert am 02.11.2021.<br />

17


10 Die Verbreitungskarte der Ziegeleibetriebe<br />

im Kanton Bern von 1817–1907. Rot<br />

kartiert sind die in der Statistik von 1817<br />

erfassten Ziegeleien. Blau kartiert wurden<br />

Ziegeleien, die im Jahr 1907 (nach Letsch<br />

et al., Tonlager) noch in Betrieb waren. Grün<br />

unterlegt, die Territorien, die nach dem Wiener<br />

Kongress (1815) dem Kanton Bern zugeordnet<br />

wurden und heute, getrennt voneinander,<br />

den Kreis des Berner Juras und den<br />

Kanton Jura bilden. Befinden sich zu Beginn<br />

des 19. Jahrhunderts noch viele Ziegeleien<br />

im Berner Jura, so sind im frühen 20. Jahrhundert<br />

nahezu alle verschwunden.<br />

die Neugründung vieler Ziegeleien im Kanton. Im Amt Moutier wurden<br />

zum Beispiel mehrere Bauanträge für neue Ziegeleien gestellt:<br />

z. B. in Tavannes (1829), Saules (1836), Souboz (1837, 1859), Pontenet (1838)<br />

und Loveresse (1841). 10 Aber es dauerte Jahrzehnte, bis alle alten Schindelund<br />

Strohdächer mit Dachziegeln eingedeckt waren. 11 Einen Höhepunkt<br />

erreichten die Manufakturen um die Mitte des 19. Jahrhunderts; alleine im<br />

Bezirk Moutier waren im Jahr 1856 sieben Ziegeleien in Betrieb. Die steigende<br />

Nachfrage nach Dachziegeln und Backsteinen ab dem letzten Drittel<br />

des 19. Jahrhunderts förderte die Gründung stark mechanisierter Betriebe,<br />

die wesentlich grössere Mengen und normierte Produkte in industriellen<br />

Verfahren herstellten. Schachtöfen verschwanden zugunsten horizontaler<br />

Langöfen oder Ringöfen, hydraulische Pressen ersetzten die manuelle Herstellung<br />

von Ziegelsteinen und Dachziegeln. Dadurch sank die Rentabilität<br />

der traditionellen Manufakturen, und die Lebensdauer der Ziegeleien war<br />

eher kurz. Im Berner Jura schloss<br />

eine Ziegelei nach der anderen. Diejenige<br />

in Péry stellte um 1905 ihren<br />

Betrieb ein.<br />

Im Kanton Bern kam es zu Beginn<br />

des 20. Jahrhunderts zu einer Konzentration<br />

der Produktionsstätten<br />

im Mittelland und in den leicht zugänglichen<br />

Tälern mit qualitativ guten<br />

Tonvorkommen. Die von Andreas<br />

Heege erstellte Verbreitungskarte<br />

verdeutlicht diese Verlagerung der<br />

Betriebe zwischen 1817 und 1907. 12 Um<br />

1900/1910 gab es im Berner Jura nur<br />

noch drei hoch mechanisierte Ziegelwerke:<br />

ein 1911 neugegründetes Werk<br />

in Péry, eines in Saint-Imier und das<br />

dritte in Moutier. Die neue Ziegelei in<br />

Péry, nur einige hundert Meter weiter<br />

südlich der alten Handziegelei, ging<br />

allerdings bereits 1916 in Konkurs<br />

und wurde 1917 abgebrochen. 1928<br />

stand im Berner Jura nur noch die Ziegelfabrik<br />

von Saint-Imier. Zwölf Jahre<br />

später wurde auch sie abgebrochen.<br />

Zum einen erleichterte die Entwicklung<br />

des Eisenbahnnetzes den<br />

Transport schwerer Grund- und<br />

Baustoffe über längere Distanzen,<br />

1817<br />

1907<br />

zum anderen wurde die Konkurrenz<br />

immer stärker. Einzig die<br />

1817/1907<br />

Kanton Jura<br />

best eingerichteten, hochmechanisierten<br />

Ziegelwerke mit Berner Jura seit 1978<br />

hochquali-<br />

18


tativen Tongruben, einer günstigen Energieversorgung<br />

und guter Anbindung ans Bahnnetz überlebten diese<br />

Entwicklung. Der Berner Jura bezog seine Ziegel fortan<br />

aus den Ziegeleien in Laufen (Thonwaarenfabrik), Allschwil<br />

(Rothpletz), Büren an der Aare (Richener und<br />

Schiess), Pieterlen oder aus der Westschweiz und dem<br />

Elsass, wie zum Beispiel aus Altkirch (Gilardoni Frères).<br />

Schluss<br />

Im Jura ist die Herstellung von Ziegeln seit dem Spätmittelalter<br />

historisch belegt. Das Zieglerhandwerk entwickelte<br />

sich jedoch besonders im späten 18. und frühen<br />

19. Jahrhundert und erlebte infolge des kantonalen Dekrets<br />

von 1828 einen regelrechten Boom. Im Gegensatz<br />

zu den jüngeren, nach 1828 gegründeten Ziegelhütten,<br />

die oft schon nach einigen Jahren oder Jahrzenten ihren<br />

Betrieb wieder einstellen mussten, hat sich die Ziegelei<br />

in Péry während 140 Jahren halten können (1765–1905).<br />

Die gute Ziegelqualität war sicher einer der Gründe für<br />

diese lange Lebensdauer. Aber ihre Lage, weit von der<br />

Eisenbahnlinie entfernt, und die veraltete Technologie<br />

stellten sich zu Beginn des 20. Jahrhundert als zu grosse<br />

Hindernisse dar. Eine Erweiterung oder eine Modernisierung<br />

lohnten sich nicht mehr. Aber auch eine Neugründung<br />

garantierte den Erfolg nicht, wie das Beispiel<br />

der 1911 neu gegründeten industriellen Ziegelei in Péry<br />

zeigt. Die riesige Anlage wurde schon fünf Jahre nach<br />

ihrer Gründung wieder stillgelegt und 1917 gar abgebrochen.<br />

Die neuzeitliche Ziegelherstellung im Berner Jura<br />

sowie im Rest des Kantons Bern ist im Detail weitgehend<br />

unerforscht und stellt sich als spannendes Forschungsfeld<br />

heraus.<br />

Zusammenfassung<br />

Die im Jahr 1763 gebaute Ziegelhütte von Péry war von 1765 bis 1905 in Betrieb. Diverse im 20. Jahrhundert vorgenommene Umbauten machten<br />

das Gebäude unscheinbar und die Ziegelei geriet in Vergessenheit. Als 2012 der Ofen und die Trocknungshalle wiederentdeckt wurden, gehörten<br />

diese gut erhaltenen Befunde zu den ältesten noch stehenden Zeugen der Ziegelherstellung im Kanton Bern. Der archäologische Dienst des<br />

Kantons Bern führte eine umfassende Bauuntersuchung, partielle Ausgrabungen und eine Archivrecherche durch. Danach folgten der Rückbau<br />

und Wiederaufbau der Anlage im Freilichtmuseum der Schweiz auf dem <strong>Ballenberg</strong>.<br />

1<br />

Der Autor dankt Katharina König (Archäologischer Dienst des Kantons<br />

Bern) für die hervorragende Übersetzung.<br />

2<br />

1377 in Porrentruy (Babey, Ajoie, S. 101); 1563 in Moutier (Roland,<br />

Jura bernois, S. 262).<br />

3<br />

StAB Thun, Pläne 1–3.<br />

4<br />

In der Schweiz gelten die Burgergemeinden als «öffent.-rechtliche[n]<br />

Personalkörperschaften, deren Angehörige das gleiche<br />

Ortsbürgerrecht besitzen. Die Burgergemeinden sind von den<br />

Einwohnergemeinden (Gemeinde) und den Kirchgemeinden zu<br />

unterscheiden» (Sieber, Bürgergemeinde).<br />

5<br />

Sechs Proben (aus Ständern, Dachboden und Dachstuhl) wurden<br />

von Dendrochronologe Heinz Egger entnommen. Alle bestanden<br />

aus Weisstanne (abies alba), vier davon besassen noch Rindenspuren<br />

(Bericht: s. Egger/Egger, Péry).<br />

6<br />

Dabei handelte es sich um Jacob Grandguenin, Jean-Jacques<br />

Conrad und Abram Criblez. Die mögliche Verwandtschaft zwischen<br />

dem Zimmermann Nicolas Grandguenin und Jacob Grandguenin<br />

bleibt offen.<br />

7<br />

Eine bosse könnte eventuell mit dem deutschen Wort Fuder übersetzt<br />

werden und 900 Litern entsprechen.<br />

8<br />

Babey Ajoie, S. 95, Fussnoten 1098 und 1105a.<br />

9<br />

Das Fass war ein inoffizielles Mass; ein Fässlein [trockener gebrannter]<br />

Kalk entsprach im Berner Gebiet ca. 0,38 m 3 , was ca. 300<br />

Kilogramm wog (Volumenmasse: 800 kg/m 3 )! Vgl. Studer, Geld;<br />

École d’Avignon, Chaux, 41–42.<br />

10<br />

Roland, Jura bernois, S. 262.<br />

11<br />

Roland, Jura, S. 297–300; Roland, Jura bernois, S. 262, 265–267.<br />

12<br />

Angepasste Verbreitungskarte mit den 1815 zugeteilten Territorien<br />

(dunkel- und hellgrün zusammen) und den heutigen Berner Jura<br />

(hellgrün); nach Heege, Tachziegel, S. 330.<br />

19


Im September 2021 fand in der barockzeitlichen Ziegelei im<br />

Freilichtmuseum <strong>Ballenberg</strong> ein einzigartiger Ziegelbrand<br />

statt. Er bildet den Höhepunkt nach jahrelangen Forschungen,<br />

Dokumentationen, Fachdiskussionen, Abbau- und Wiederaufbauarbeiten,<br />

vielseitigen Vermittlungsprojekten und intensivem<br />

Ziegelhandwerk. Die Beteiligten des faszinierenden<br />

Projekts kommen in diesem Band zu Wort. Beim <strong>Brand</strong> war<br />

im Rahmen einer internationalen Tagung die internationale<br />

deutschsprachige Fachwelt zum historischen Ziegelhandwerk<br />

anwesend. Ihre Beiträge stellen den Kontext her zum<br />

aktuellen Stand der Forschung, zu Themen der musealen<br />

Vermittlung und zu Haltungen der heutigen Denkmalpflege.<br />

ISBN 978-3-7245-2596-7

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