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98 „Bettelorden“

98 „Bettelorden“ Korrekturabzug Aufnahmebeschränkungen galten im 17. und 18. Jahrhundert freilich nicht nur für den Trinitarierorden, sondern waren in dieser oder ähnlicher Weise für alle Ordensgemeinschaften festgelegt; sie betrafen außerdem nicht nur religiöse Kriterien, sondern es gab auch eine ganze Reihe anderer Ausschlussgründe: ansteckende oder schwere chronische Krankheit, Armut, uneheliche Geburt, merkliche Behinderungen, (ehemalige) Leibeigenschaft, Sklavenstatus u.a. 44 Die Ordenshäuser der Unbeschuhten Trinitarier in der Habsburgermonarchie und die Provinz „St. Joseph“ In der Regierungszeit Leopolds I. (Ks. 1658–1705), eines auch persönlich sehr religiösen Vertreters der „Pietas Austriaca“ und den geistlichen Orden besonders zugeneigten Kaisers, gründeten die Trinitarier im Jahr 1688 in Wien ihr erstes und wichtiges Ordenshaus im deutschsprachigen Raum 45 . Bereits im Zuge der Gründung eines polnischen Ordenszweiges im Jahr 1685 waren die aus Spanien stammenden Trinitarier P. Joannes a S. Antonio und P. Franciscus a Conceptione Beatae Virginis durch Wien gereist und hatten den Wunsch ausgesprochen, auch in Österreich eine Niederlassung zu errichten. Nach der Fertigstellung des Ordenshauses in Lemberg kehrte Pater Johannes, der vom Ordensgeneral zum Prokurator für die Gründung einer Niederlassung in Wien bestellt worden war, im Jahr 1687 nach Wien zurück. Erste einfl ussreiche Fürsprecher fand er hier, neben dem päpstlichen Nuntius Francesco Buonvisi – der sich schon drei Jahre zuvor, damals als Nuntius in Warschau, für die Etablierung des Ordens in Polen eingesetzt hatte – in Gräfi n Johanna Harrach, Graf Ferdinand Buonaventura Harrach – dem „Premierminister“ Leopolds I. und ehemaligen kaiserlichen Botschafter in Spanien – und nicht zuletzt in Kardinal Leopold Karl Graf Kollonitsch, Bischof von Neutra, Wiener Neustadt und Raab, Erzbischof von Kálocsa und Gran und Primas von Ungarn 46 . Kardinal Kollo- 44 ANTONIUS A CONCEPTIONE, Regula (wie Anm. 35) Constitutiones 204–207. 45 Vgl. KOBLIZEK, Niederlassung (wie Anm. 8) 8 u. 67. 46 Franz LOIDL, Geschichte des Erzbistums Wien (Wien - München 1983) bes. 96. Kollonitsch, damals Bischof von Wiener Neustadt, hatte sich 1683 besondere Verdienste um die Befreiung Wiens erworben. Als Präsident der ungarischen Hofkammer ließ er zahlreiche Wertgegenstände aus dem Schatz des Primas von Ungarn verpfänden, um sofortige fi nanzielle Hilfe bereitstellen zu können. Kollonitsch sorgte auch dafür, dass die Besoldung der Soldaten im belagerten Wien korrekt abgewickelt wurde; viele Klöster, das Bischofspalais etc. ließ er in Notspitäler umfunktionieren. Vgl. die umfassende und materialreiche, wenn auch deutlich „hagiographische“ Biographie von Joseph MAURER, Cardinal Leopold Graf Kollonitsch, Primas von Ungarn. Sein Leben und sein Wirken (Innsbruck 1887) sowie die Hinweise auf die Tätigkeit Kollonitschs in Thomas WINKELBAUER, Ständefreiheit und Fürstenmacht. Länder und Untertanen des Hauses Habsburg im konfessionellen Zeitalter (=Österreichische Geschichte 1522– 1699, Wien 2004) I 162, 507 und II 81, 84, 203. Kollonitsch spielte in der Zeit um 1700 jedoch auch eine sehr zweifelhafte Rolle, und zwar in religionspolitischen Angelegenheiten, vor allem als Motor für die besonders brutal durchgeführte Gegenreformation in Ungarn; als „Judenhasser“

„Bettelorden“ Korrekturabzug nitsch (manchmal auch mit der Schreibung: Kollonitz) entwickelte ein besonderes Naheverhältnis zum Trinitarierorden und ein großes Interesse an dessen Tätigkeit, da er selbst schon den Austausch türkisch-tartarischer Gefangener mit christlichen Soldaten initiiert hatte, wobei er die Methode anwandte, zunächst gefangene Muslime von ihren christlichen „Besitzern“ – meist Adeligen, vor allem ungarischen Magnaten – zu kaufen, um sie danach gegen Christen auszutauschen. Das zu errichtende Haupthaus der Trinitarier in der Habsburgermonarchie hätte seiner anfänglichen Meinung nach jedoch am besten in Ungarn errichtet werden sollen, in Wien dagegen nur ein Hospiz 47 . Obwohl das politische Klima für die Trinitarier in Österreich anfangs ein sehr günstiges war und Joannes a S. Antonio in einer Audienz die prinzipielle Zustimmung Leopolds I. erhalten hatte, verzögerten zunächst einige Koordinationsprobleme die Etablierung des Ordens in Wien: Pater Joannes a S. Antonio reiste bereits nach Spanien, wohin er berufen worden war, ab, bevor der ihm zur Unterstützung aus Rom gesandte P. Maurus a Conceptione eintraf, welcher ein „Recommendations- Schreiben“ des Papstes Innozenz XI. für den Kaiser sowie ein formelles Ansuchen für die Erbauung eines Hospitals bei sich hatte. Die auf Spanisch abgefasste Bittschrift verschwand aber; auf Anraten des Hofvizekanzlers Bucelleni wurde eine neue Schrift in Latein verfasst, in welcher aber anstatt eines Hospitals von einem zu gründenden Kloster die Rede war. Dieses Ansuchen wurde sodann von Hof und Magistrat rundweg abgeschlagen, wobei die Begründung – die in der Barockzeit keineswegs eine seltene war – lautete, dass es schon Klöster genug gäbe. Allerdings war die Sache damit noch nicht abgetan, sondern gelangte weiter an den Fürstbischof von Wien, Ernest Graf Trautson, einen weiteren Befürworter des Ordens, welcher ein Gutachten von den bereits in Wien ansässigen Orden einholte. Hier waren es, neben anderen, vor allem die Jesuiten, die Karmeliter-Barfüsser und die Kapuziner, die sich für die Niederlassung der Trinitarier in Österreich einsetzten. Auch Graf Harrach machte neuerlich seinen Einfl uss beim Kaiser geltend, und am 19. November 1688 traf schließlich der Landesfürstliche Konsens ein 48 . Nach dem Konsens der weltlichen Behörden war es nötig, einen Platz für das Ordenshaus zu fi nden; dabei standen zunächst zwei günstig zum Verkauf ste- war er auch treibende Kraft für die Ausweisung der Juden aus dem „unteren Werd“, der späteren Leopoldstadt in Wien. In dem 1688/89 gegründeten „Einrichtungs-Werkh des Königreiches Hungarn“, das unter der Leitung von Kollonitsch stand, tat er sich als Befürworter für eine gerechtere Aufteilung der Steuerlast zwischen Adel und Bevölkerung hervor, was in Ungarn aufgrund der adeligen Privilegien besonders schwierig durchzuführen war. 47 Vgl. KRALIK, Trinitarierorden (wie Anm. 3) 58. 48 Vgl. Matthias FUHRMANN, Historische Beschreibung und kurz gefaste Nachricht von der Römisch. Kaiserlich und Königlichen Residenz-Stadt Wien und ihren Vorstädten. 2. Theil, 1. Band: Von denen Kirchen, geistlichen Collegien und Clöstern in der Stadt, mit derselben in Kupffer gestochenen Prospecten (Wien 1766) 514f. 99

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