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104 „Bettelorden“

104 „Bettelorden“ Korrekturabzug sicheren Erbfolge, die vielfach erst durch die Ermordung von nächsten männlichen Verwandten durch den erfolgreichen Thronanwärter defi nitiv geregelt wurde, bis zum Timar- (Lehens-) und Ämtersystem, in welchem Enthebungen durchaus möglich waren. Vor allem drängte die islamische Militärdiktatur – wie das Osmanische Reich eine war – ständig auf weitere Ausdehnung, was seit dem späten 17. Jahrhundert angesichts der sich zu Gunsten der Christen verändernden Kräfteverhältnisse zu eminenten inneren Problemen der Staatsorganisation führte 61 . Dies betraf auch die Vasallenstaaten, nur dass hier eine noch größere Instabilität, bis hin zum politischen Chaos, herrschte; innerhalb dieser staatsähnlichen Gefüge bestand eine wenig geregelte Ämter- und Befehlsstruktur, sodass es für die Trinitarier sehr schwierig war, zu erkennen, an welche Ansprechpersonen sie sich wenden konnten bzw. sollten. Als Beispiel für die Schwierigkeiten, welche die Trinitarier bei ihren Reisen insbesondere in der „Tartarey“ zu bewältigen hatten, sei hier von der dritten Redemption der österreichischen Ordensprovinz in den Jahren 1692/93 berichtet, die den spanischen Pater Maurus a Conceptione und den polnisch-armenischen Trinitarier Michaele a SS. Sacramento auf die Halbinsel Krim in die dortige Hauptstadt der Krimtartaren Bağçeseray führte 62 . Bei diesem riskanten und schwierigsten Unternehmen nahmen die Redemptoren zuerst den Weg über Polen. Im Kloster in Lemberg – erst 1675 hatte Jan III. Sobieski Lemberg von den Krimtartaren zurückerobert 63 – wurden ihnen wichtige Hinweise im Bezug auf den Umgang mit den Tartaren gegeben, z.B. dass sie landesübliches Gewand, einen Kaftan, tragen sollten, um nicht aufzufallen, und immer zusammen mit Nichtkatholiken (Griechen, Armenier, Juden, Tartaren usw.) reisen sollten, damit diese als Zeugen dienen könnten, wenn sie in Unannehmlichkeiten geraten sollten. In Lemberg hielt sich während der Anwesenheit der Redemptoren gerade auch ein Mitglied der Girey-Familie als Gesandter auf, die als Khane das Oberhaupt der Krimtartaren stellten. Dieser versah die Mönche mit Geleitbriefen, die ihnen die Erlaubnis zum Gefangenenfreikauf erteilten, und gab ihnen einen „Murza“ (Offi zier) als Begleitschutz auf ihren weiteren Weg mit. In Bağçeseray angekommen, wurden die Trinitarier dennoch sogleich vom dortigen Wesir der Spionage bezichtigt, obwohl sie im Gefolge eines weiteren Angehörigen der Familie des Khans gereist waren. Diese Anschuldigung basierte, so berichtet San Felice, auf einer Intrige dieses Wesirs, der einige Sklavenbesitzer aufforderte, Gefangene zu maßlosen Preisen anzubieten. Wenn die Trinitarier daraufhin das Geschäft ablehnen würden, könnte man ihnen vorwer- 61 Vgl. Bertrand Michael BUCHMANN, Österreich und das Osmanische Reich (Wien 1999) 105– 109. 62 Vgl. JOANNES A SAN FELICE, Annalium (wie Anm. 43) 124–148. 63 Vgl. Boris ISCHBOLDIN, Essays on Tatar History (New Dehli 2 1973) 129.

„Bettelorden“ Korrekturabzug fen, sich gar nicht wegen der Gefangenen, sondern wegen Erkundigung der dortigen Begebenheiten in der Krim aufzuhalten. Diese Vorwürfe wurden vor einer versammelten Menge vorgebracht, um das ohnehin gegen „Fremde“ aufgebrachte Volk für die Pläne des Wesirs einzunehmen. Sodann ließ dieser Beamte die Trinitarier verhaften und einsperren, um für ihre Freilassung hohe Geldsummen fordern zu können. Allerdings durchschaute ein angesehener Mufti die Absichten des Wesirs und setzte sich für sie ein, worauf sie freikamen. Dieser Mufti, so San Felice, engagierte sich auch dafür, dass die Trinitarier Gefangene zu üblichen Preisen freikaufen durften. Der Wesir erwirkte jedoch, dass diese Geschäfte nur außerhalb der Stadt stattfi nden dürften; dort ließ er die Trinitarierpatres abermals einsperren und entzog sie so der Verfügungsgewalt des Mufti. Obwohl die Trinitarier, die nun in der jüdischen Vorstadt gefangen gehalten wurden, durch die Hilfe einiger ihnen wohlgesonnener, dort ansässiger Juden geschmuggelte Briefe an den Khan sandten, damit er sich für sie einsetze, konnte dieser ihre Freilassung nicht durchsetzen. Nach mehrmonatiger Haft schickten die Redemptoren an Kaiser Leopold ein Schreiben und baten ihn, sich für sie beim polnischen König Jan III. Sobieski zu verwenden, da dieser diplomatische Verbindungen zu den Krimtataren unterhielt. Leopold I. wandte sich auch tatsächlich persönlich in einem Schreiben an Jan Sobieski, doch während diese Vorbereitungen auf allerhöchster Ebene zur Befreiung der Trinitarier anliefen, gewährte ihnen schließlich der Wesir, der sie gefangen hielt (sein Name ist nicht bekannt), die Freiheit, nachdem er erhebliche Geldsummen für die Freilassung erhalten hatte 64 . Anhand dieser Begebenheit wird auch ersichtlich, dass die Machtbasis des Khans der Krimtartaren eine sehr geringe war; die Herrscher der erwähnten Giray-Dynastie wurden vom Sultan eingesetzt und konnten bei Fehlverhalten wieder abgesetzt werden. Im Unterschied zu seinen Untertanen war der Khan einer direkten Kontrolle durch das Osmanische Reich ausgesetzt, sodass eine zu starke, öffentliche Parteinahme für Christen (besonders für die am meisten verhassten Katholiken) offensichtlich ein hohes Risiko darstellen konnte. Generell standen die unter osmanischer Oberhoheit stehenden Krimtataren zum Osmanischen Reich nur in einem sehr losen Vasallenverhältnis 65 . Die Tataren der Krim wurden von den Osmanen seit dem Feldzug Süleymans des Prächtigen gegen Belgrad 1521 als schlagkräftige Hilfstruppen eingesetzt; ab dem 17. Jahrhundert erfüllten sie die Funktion der nicht mehr so „leistungsfähigen“ Akin- 64 Vgl. JOANNES A SAN FELICE, Annalium (wie Anm. 43) 125–143. 65 Die Nogai- und Kuban-Tartaren (vom Budschak bis zum Fluss Kuban bzw. dem Kaukasus wohnhaft) waren zudem, ähnlich den ukrainischen Kosaken, nomadisierende kriegerische Gruppen, die kaum in ein Untertanenverhältnis zu bringen waren und sich ihre Auftraggeber (Osmanisches Reich, Russland, Polen) je nach Zugeständnis und Beuteversprechen aussuchten. Vgl. ISCHBOLDIN, Tatar History (wie Anm. 63) 132. 105

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