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108 „Bettelorden“

108 „Bettelorden“ Korrekturabzug Dies hängt damit zusammen, dass einerseits bei den Auseinandersetzungen zwischen Habsburgern und Osmanen zu Land letztere zunehmend in die Defensive gedrängt wurden und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts keine großen „Beutezüge“ in den mitteleuropäischen Raum mehr stattfanden, andererseits aber die österreichische Habsburgermonarchie im Laufe des 18. Jahrhunderts zahlreiche Besitzungen in Italien erwarb: Nach dem spanischen Erbfolgekrieg kamen 1714 Mailand, Mantua, Neapel und Sardinien in österreichischen Besitz; letzteres wurde 1720 mit den Bourbonen gegen Sizilien eingetauscht, das bis 1735 österreichisch war. Beim Friedensschluss nach dem polnischen Erbfolgekrieg in jenem Jahr verlor das Haus Habsburg-Lothringen zwar Lothringen, Neapel und Sizilien, erhielt aber Parma, Piacenza und die Toskana 71 . Damit besaß das Habsburgerreich beträchtliche Gebiete an italienischen Küsten, insbesondere auch in Süditalien. Diese und vor allem deren Schifffahrt, die einen wichtigen Wirtschaftszweig darstellte, konnte die Habsburgermonarchie aber – zum Unterschied von traditionellen maritimen Großmächten, die über leistungsfähige Kriegsfl otten verfügten – nur sehr unzureichend schützen, sodass zahlreiche Personen, die als habsburgische Untertanen bzw. in Diensten habsburgisch regierter Gemeinwesen zur See fuhren, Opfer von Piratenangriffen wurden. Während des gesamten 18. Jahrhunderts bedrohten ja noch die so genannten Barbareskenstaaten (Tripolis, Tunis, Algier, Salé und Marokko) Schifffahrt und Küsten im Mittelmeer und versklavten die Besatzungen und Reisenden von gekaperten christlichen Schiffen ebenso wie bei immer wieder veranstalteten Raubzügen an Land Einwohner von – vor allem italienischen – Küstenstrichen 72 . Dementsprechend richteten sich die Redemptionsreisen der österreichischen Trinitarier ab der Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmend – neben Konstantinopel, das wegen seines großen Sklavenmarktes weiterhin eine wichtige Destination für Befreiungsunternehmen blieb – in die nordafrikanischen Länder. Die dort Befreiten waren fast ausschließlich erwachsene Männer, was damit zusammenhängt, dass man den Schiffstransport von A MATRE DEI, Catalogus Christianorum tum redemptorum tum adjutorum, quos extens inhaereditariis caesareo-regiis ditionibus Provincia Josephina P.P. Trinitariorum de Redemptione Captivorum ab anno 1780 usque ad mensem Aprilem 1783 magna momenta conferentibus S.C.R.A.M. Cancellaria Status Intimo-Aulica nec non C.R. Ministro Perae et Consule Liburni dura capitivitate tam in Barbaria quam in Turcia vel praesenti lytro exemit, aut sane auxiliis argentariis et collatis Christianae charitatis benefi ciis offi ciose, a calamitatibus eripuit, adjuvit, ac necessariis provisos ad patriam remisit (Wien o.J. [1783]). 71 Vgl. etwa Karl VOCELKA, Glanz und Untergang der höfi schen Welt. Repräsentation, Reform und Reaktion im habsburgischen Vielvölkerstaat (=Österreichische Geschichte 1699–1815, Wien 2001). 72 Vgl. Robert DAVIES, Christian Slaves, Muslim Masters. White Slavery in the Mediterranean, the Barbary Coast and Italy, 1500–1800 (New York 2004); Salvatore BONO, Corsari nel Mediterraneo. Cristiani e musulmani fra Guerra, schiavitù e commercio (Torino 1993).

„Bettelorden“ Korrekturabzug Frauen und Kindern im Mittelmeer, wenn nicht eine absolute Notwendigkeit bestand, damals mied. Die erwähnten Redemptionskataloge der Trinitarier 73 sind aus historischer Sicht ausgesprochen wertvoll; sie geben nicht nur über Namen, geographische Herkunft, Alter und Geschlecht der Befreiten Auskunft, sondern nennen meist auch deren Beruf oder Stand, die Dauer der Gefangenschaft (gelegentlich auch die Umstände, etwa eine Verwendung als Galeerensklave), den Ort der Befreiung und die Höhe des Lösegeldes. Allerdings sind solche Listen nicht für alle Befreiungsfahrten der österreichischen Trinitarier erhalten; die Informationen aller noch in Bibliotheken und Archiven erhaltenen Kataloge werden derzeit in einer Datenbank erfasst und sollen statistisch ausgewertet werden. Für den Zeitraum von 1760 bis 1783, für welchen die Kataloge aller Redemptionsfahrten erhalten sind, konnten die entsprechenden Auswertungen bereits abgeschlossen werden 74 : Unter den 600 Befreiten befanden sich nur neun Frauen, die meisten Befreiten (80,7 %) waren im Alter zwischen 16 und 45 Jahren. Aus den Angaben zu den Berufen geht hervor, dass es sich beim Großteil der ehemaligen Gefangenen um Seeleute (44,7 %), Soldaten (23,2 %), Handwerker (13,9 %) und Handelsleute (8,4 %) handelte, also Berufsgruppen, deren Tätigkeit häufi g die Notwendigkeit von Seereisen nach sich zog. Hinsichtlich der Lösegelder 75 kann festgestellt werden, dass mit Abstand die höchsten „Preise“ in diesem Zeitraum für Handwerker (im Durchschnitt 860 Gulden) bezahlt werden mussten. An diesen herrschte im Osmanischen Reich und seinen Vasallenstaaten traditionell ein Mangel und eine sehr hohe Nachfrage. An nächster Stelle folgten Militärangehörige mit 595 fl . und Seeleute mit 426 fl . Bemerkenswert ist weiters, dass sich auch bezüglich des Alters der Freigekauften deutliche Unterschiede in den Lösegeldsummen zeigen; für 26- bis 35-Jährige wurde im Durchschnitt am meisten bezahlt. Enorme Differenzen in der Höhe des Lösegeldes gab es aber vor allem hinsichtlich der Befreiungsorte: An erster Stelle rangierte die Großregion Nordafrika mit durchschnittlich 862 fl ., die pro Person für den Freikauf aufgewandt werden mussten. In Marokko und Salé im Speziellen betrug der Durchschnittspreis sogar 1600 fl .; hier wurden allerdings nur sehr wenige Sklaven befreit; die weitaus meisten – 39,2 % – stammten aus Algier, der Hochburg des damaligen Sklavenhandels im Mittelmeer (ca. 1/3 der Bevölkerung der Stadt Algier setzte sich aus Sklaven zusammen), wo durchschnittlich 882 fl . pro Gefangenem aufgewandt werden mussten. Der besonders hohe Sklavenpreis dieser Region lässt sich teils 73 Siehe die voranstehenden Quellenangaben. 74 Vgl. PAULI, Befreiungstätigkeit (wie Anm. 2) 153–168. 75 Berechnet für die Redemptionen der Jahre 1765 bis 1783, für die „Preisangaben“ in Gulden vor- handen sind. 109

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