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110 „Bettelorden“

110 „Bettelorden“ Korrekturabzug damit erklären, dass, anders als im Osmanischen Reich, Fluchtgefahr fast ausgeschlossen werden konnte. Insgesamt waren 56,5 % der zwischen 1760 und 1783 von den österreichischen Trinitariern befreiten Christen in Nordafrika in Sklaverei gewesen, zahlenmäßig gefolgt von Konstantinopel (28,5 %) und dem restlichen Osmanischen Reich (13,1 %). Die Tartarei spielte mit weniger als 2 % kaum mehr eine Rolle, was wohl auch mit dem Umstand zusammenhängt, dass diese Gebiete seit den 1730er Jahren intensiv von Russland bekriegt wurden und teils bereits besetzt waren (ab 1771 bestand ein russisches Protektorat); die durchschnittlichen Lösegeldpreise betrugen in den Jahren 1765–1783 in der Tartarei (218 fl .), aber auch im Osmanischen Reich (340 fl .) weniger als die Hälfte des nordafrikanischen Niveaus von 862 fl . Hinsichtlich der Herkunftsregionen wurde der hohe italienische Anteil der Freigekauften in jener Zeitspanne schon angesprochen; aus dem österreichischen Küstenland (Triest, Fiume, Görz, öst. Istrien) stammten 67 Befreite, 96 stammten aus sonstigen habsburgischen Besitzungen in Italien, vor allem aus dem Herzogtum Mailand, 50 aus anderen italienischen Staaten und 13 aus „Italien“, ohne dass die Herkunft näher zuzuordnen wäre. Insgesamt entspricht dies 37,7 % aller Freigekauften, also mehr, als den österreichischen Erblanden (ohne Küstenland) und den Ländern der böhmischen und ungarischen Krone entstammten (29,0 %). Eine beträchtliche Anzahl von durch die österreichischen Trinitarier Freigekauften war weiters „im Reich“, also den nicht-habsburgischen Teilen des Heiligen Römischen Reiches, geboren (19,4 %), unter denen besonders häufi g Handwerker waren. Die Dauer der Gefangenschaft betrug bei diesen freigekauften Personen in mehr als drei Viertel der Fälle unter fünf Jahre; die Finanzierung erfolgte vor allem über „Großspenden“ von Adeligen (ca. 209.000 fl . in den Jahren 1765–1783), gefolgt von Spenden aus der allgemeinen Bevölkerung („Almosen der Provinz“, ca. 61.000 fl .); weiteres Geld (ca. 19.000 fl .) hatte das kaiserliche Ärar beigesteuert. Über die näheren Umstände der Gefangenschaft kann anhand der Redemptionslisten leider wenig ausgesagt werden; wenn überhaupt, wurden hierzu nur sehr knappe Angaben gemacht, meist die Verwendung des Betroffenen als Galeerenruderer. Die Befreiung der Gefangenen von dieser überaus entsetzlichen und grausamen Art der Sklaverei war mit außerordentlich großen Schwierigkeiten verbunden, da für den Galeerendienst aufgrund der schweren körperlichen Belastung nur sehr kräftige Sklaven herangezogen werden konnten und dennoch ein großer „Verschleiß“ vorherrschte, sodass diese Gefangenen nicht beliebig austauschbar und insbesondere die Osmanischen Flottenkommandanten zu Verkäufen auch um hohe Summen nicht gewillt waren. Im Jahr 1700, nach dem Friedensschluss von Karlowitz, konnten etwa solche Gefangene nur unter größter Anstrengung seitens des österreichischen Botschafters und der

„Bettelorden“ Korrekturabzug Trinitarier und nach Intervention der höheren osmanischen Behörden von diesem Sklavendasein erlöst werden 76 . Interessanterweise berichtet der Trinitarier Joannes a San Felice auch, dass „Deutsche“ unter den Gefangenen besonders häufi g zu schweren Arbeiten herangezogen würden, da sie „als mäßiger, willfähriger und zu Mühen bereiter den Gefangenen anderer Nationen vorzuziehen waren“ 77 . Wenn auch eine detaillierte Auswertung der Redemptionskataloge für die Zeit vor 1760 erst erfolgen muss, ist doch die ungefähre Gesamtzahl der vom Orden der Allerheiligsten Dreifaltigkeit von Erlösung Gefangener der österreichischen Provinz im Zeitraum seiner Tätigkeit von 1688 bis 1783 befreiten Sklaven aufgrund anderer Quellen bereits bekannt 78 : Es waren insgesamt etwa 3.925 Personen, für deren Befreiung etwas mehr als eine Million Gulden aufgewandt wurde. Nähere Umstände der Befreiungsreisen der Trinitarier selbst sind, worauf schon hingewiesen wurde, vor allem aus den „Annales Provinciae Sancti Josephi“ des Joannes a San Felice bekannt, die allerdings nur bis zum Jahr 1728 reichen; derselbe Autor verfasste das Werk „Triumphus Misericordiae“, das insbesondere im Hinblick auf Ziele und Selbstbild des Ordens sehr informativ ist 79 . In beiden Werken, vor allem aber in den „Annales“, wird ausführlich auch auf die „Sitten der Tartaren“ eingegangen, die – wenig überraschend – nicht sehr schmeichelhaft geschildert werden. Zum Teil handelt es sich hierbei zweifellos um schon lange tradierte Klischees und verbreitete Vorurteile gegenüber als völlig „fremd“ empfundenen Völkern – so gelten die Tataren als besonders schmutzig, als Esser von Pferde-, Hunde- und Katzenfl eisch und als völlig zügellos in jeglichen Begierden, sodass sie sogar mit den am übelsten beleumundeten „Kannibalen“ verglichen werden 80 ; die Schilderungen über die Grausamkeit und Brutalität im Umgang mit ihren Sklaven müssen freilich, angesichts der bekannten Gräueltaten, welche sie auf ihren Feldzügen verübten, im Allgemeinen durchaus realitätsbezogen gewertet werden 81 . Die Lebensbedingungen als Sklave in 76 Vgl. JOANNES A SAN FELICE, Annalium (wie Anm. 43) 288–301. 77 JOANNES A SAN FELICE, Annalium (wie Anm. 43) 327. Im Original: „[…] tanquam modestiores magísque morigeros, & ad labores promptiores cunctis aliarum Nationum mancipiis praeferre soleant”. 78 Vgl. Bonifacio PORRES ALONSO, Libertad a los cautivos. Actividad redentora da la Orden Trinitaria (Córdoba - Salamanca 1997) 616f. 79 JOANNES A SAN FELICE, Annalium (wie Anm. 43); JOANNES A SAN FELICE, Triumphus Misericordiae (wie Anm. 11). 80 Vgl. JOANNES A SAN FELICE, Annalium (wie Anm. 43) 159. 81 So ist es, wenn auch für die sozialen Verhältnisse innerhalb der Tataren wohl unzutreffend, dennoch kein Wunder, dass der Trinitarier festhält: „Promissorum apud Tartaros nulla utpluriumum constantia & veritas“, „Versprechen haben bei den Tartaren überhaupt keine Beständigkeit und Wahrheit“, wenn man bedenkt, dass der Kriegszug von 1683 sicherlich noch in lebhafter Erinnerung war (vgl. den expliziten Hinweis in JOANNES A SAN FELICE, Triumphus Misericordiae [wie Anm. 11] 84), bei dem etwa nahezu die gesamte Bevölkerung von Perchtoldsdorf von Hilfstruppen der Osmanen entweder niedergemetzelt oder versklavt wor- 111

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