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Stenografischer Bericht 25. Sitzung - Deutscher Bundestag

Stenografischer Bericht 25. Sitzung - Deutscher Bundestag

(A) (B) 1918

(A) (B) 1918 Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 25. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 13. Februar 2003 Peter Götz Die finanzielle Lage der Städte und Gemeinden verschlechtert sich dadurch weiter. Diese Politik ist kurzsichtig, durchschaubar und führt nicht nur die Kommunen, sondern ganz Deutschland mittel- und langfristig in den Ruin. Die konkreten Folgen werden zunehmend sichtbar. Allein in Nordrhein-Westfalen unterliegen schon heute zwei Drittel aller Städte und Gemeinden Haushaltssicherungskonzepten. Alle kreisfreien Städte bis auf vier Großstädte sind dabei – Kommunalpolitik am Gängelband staatlicher Aufsicht. Wenn die Gemeinderäte vor Ort nicht mehr selbst über ihre örtlichen Angelegenheiten entscheiden können, ist dies das Ende der kommunalen Finanzautonomie. Das ist die logische Konsequenz. Liebe Kolleginnen und Kollegen von den Grünen und von der SPD, die Entwicklung macht deutlich: Sie bewegen sich mit Ihrem ständigen Griff in die kommunalen Kassen auch am Rande der Verfassungswidrigkeit. In Art. 28 unseres Grundgesetzes steht aus gutem Grund klipp und klar geschrieben: Den Gemeinden muss das Recht gewährleistet sein, alle Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft im Rahmen der Gesetze in eigener Verantwortung zu regeln. ... Die Gewährleistung der Selbstverwaltung umfasst auch die Grundlagen der finanziellen Eigenverantwortung ... Daran halten Sie sich in keiner Weise. Im Gegenteil: Die ständige Übertragung neuer Aufgaben und die Wegnahme kommunaler Steuereinnahmen zerstören die kommunale Selbstverwaltung und führen zu mehr Zentralismus. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Das wollen wir nicht. Wir wollen keinen Zentralismus und vom Sozialismus haben die Menschen in diesem Land ebenfalls genug. Herr Bundesminister Stolpe plant die Einrichtung eines Sonderfonds für finanzschwache Kommunen in Höhe von 1 Milliarde Euro. (Manfred Grund [CDU/CSU]: Hört! Hört!) Er weiß zwar noch nicht genau, woher er das Geld bekommt, ob von den Flutopfern oder aus den Goldreserven; aber immerhin hat er offensichtlich erkannt, wohin die kommunalfeindliche Politik dieser Bundesregierung geführt hat. (Manfred Grund [CDU/CSU]: Was eben bestritten wurde!) Besser wäre es, Herr Kollege Grund, eine Politik zu machen, die die Gemeinden nicht erst ruiniert, sondern sie eigenverantwortlich ihre Aufgaben wahrnehmen lässt. Das ist unser Verständnis von kommunaler Selbstverwaltung. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Die CDU/CSU will einen wirksamen Schutz der Kommunen vor weiteren Aufgaben- und Kostenverlagerungen. Wir wollen, dass in Deutschland wieder der Grundsatz gilt: Wer bestellt, bezahlt. Wir wollen auch, dass dieser Grundsatz in unserer Verfassung festgeschrieben wird. Wir brauchen erstens Sofortmaßnahmen zur schnelleren Verbesserung der kommunalen Einnahmen. Die Rücknahme der ungerechtfertigten Erhöhung der Gewerbesteuerumlage ist dafür eine Möglichkeit; damit könnten Sie ein Zeichen setzen. Das geht schnell und verschafft den Kommunen kurzfristig Luft zum Atmen. Zweitens. Mittelfristig brauchen wir eine umfassende Neuordnung der Gemeindefinanzen. Drittens müssen wir den Mut aufbringen, nicht mehr leistbare Aufgaben infrage zu stellen. Dies eröffnet zusammen mit Entbürokratisierung und dem Abbau von Vorschriften und Regulierungen eine Fülle neuer Gestaltungschancen für die Kommunen. Selbstverwaltung und Eigenverantwortung sind besser als Zentralismus und Staatsdirigismus. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Meine Damen und Herren, wir wollen starke Städte und Gemeinden. Sie sind die beste Grundlage für einen gut funktionierenden Staat. Wir wollen, dass Deutschland die rote Laterne in Europa endlich abgibt und wieder ein starkes Land wird. Die Kommunen können dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Geben Sie ihnen die Chance dazu! Herzlichen Dank. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer: Das Wort hat die Abgeordnete Kerstin Andreae. Kerstin Andreae (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Bevor ich zum Thema Gewerbesteuerumlage komme, möchte ich Sie, Herr Götz, auf eine Sache hinweisen. Sie sagen, man müsse das Konnexitätsprinzip umsetzen. Nehmen Sie einmal das Beispiel der bedarfsorientierten Grundsicherung im Alter: Wir haben direkt für die Kommunen für die Gewährung der bedarfsorientierten Grundsicherung 410 Millionen Euro in den Haushalt eingestellt. (Dr. Andreas Pinkwart [FDP]: Das reicht doch nicht!) Das sind 100 Millionen Euro mehr als der ermittelte Bedarf. Weiterhin ist festgelegt worden, dass es nach zwei Jahren eine Überprüfung dahin gehend gibt, ob diese Finanzmittel ausreichen. So setzen wir das Konnexitätsprinzip um. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD) Wir setzen es nicht so um, wie es unter Kohl im Zusammenhang mit dem Kindergartengesetz geschehen ist. Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz wurde zwar festgesetzt; aber die Kommunen haben keine Mittel dafür bekommen, dies umzusetzen. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Elke Wülfing [CDU/CSU]: (C) (D)

(A) (B) Kerstin Andreae Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 25. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 13. Februar 2003 1919 Das ist doch gar nicht wahr! – Dr. Andreas Pinkwart [FDP]: Stimmt doch nicht!) Sie sprechen von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dazu sage ich Ihnen: Dass wir im Koalitionsvertrag die Schaffung von Einrichtungen für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren festgeschrieben und die Finanzierung zugesichert haben, ist eine wahre Politik für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dazu legen wir etwas vor; da lassen wir die Kommunen nicht allein. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD) Zum Thema Gemeindefinanzen: Mich freut es, dass es inzwischen oben auf der Agenda steht. In dem von uns vorgelegten Antrag mit der Überschrift „Gemeindefinanzen dauerhaft stärken“ steht – das stellen Sie fest, wenn Sie ihn bis zum Schluss durchlesen –, dass wir bis zum Jahresbeginn 2004 ein Konzept vorlegen werden. Dies schafft langfristig Abhilfe in Bezug auf die Misere bei den Gemeindefinanzen. Ich stimme ja mit Ihnen darin überein, dass es den Kommunen finanziell nicht gut geht und wir ihnen helfen müssen. Aber wir müssen ihnen vor allem mit einem langfristigen Konzept helfen. Das werden wir mit der Reform der Gemeindefinanzen tun. Dies ist ein Konzept, in dem die Verstetigung und die Stärkung der Gemeindefinanzen an erster Stelle steht, ein Konzept, das die Modernisierung der Gewerbesteuer auf den Weg bringen wird. Wir sind nicht wie die FDP der Auffassung, dass die Abschaffung der Gewerbesteuer der richtige Weg ist. Ich bin mir sehr sicher: Die Abschaffung der Gewerbesteuer verlagert die Steuern, die jetzt bei den Unternehmen anfallen, auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, auf die Bürgerinnen und Bürger. Wir brauchen die Gewerbesteuer als ein Band zwischen Kommune bzw. Gemeinde und örtlicher Wirtschaft. Denn diese kommunale Steuer festigt das wichtige Band zwischen diesen beiden Ebenen. Wir werden die Gewerbesteuer also modernisieren. Aber Sie haben Recht: Wir brauchen eine kurzfristige Abhilfe. Wir haben ein Konzept, ein Gesetz vorgelegt, in dem es um eine kurzfristige Abhilfe geht. Das ist das Steuervergünstigungsabbaugesetz. (Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU – Zuruf von der CDU/CSU: Steuererhöhungen!) – Sie sagen, das seien Steuererhöhungen. In diesem Zusammenhang möchte ich Sie an Ihren Herrn Müller verweisen, der gesagt hat, dass ab 2004 Steuererhöhungen durchaus wieder denkbar sind. Da wäre ich also an Ihrer Stelle ganz vorsichtig. Dieses Steuervergünstigungsabbaugesetz beinhaltet Maßnahmen, wodurch den Kommunen in 2003 Mittel an die Hand gegeben werden können. In 2004 sind das 2,1 Milliarden Euro und in 2005 3,2 Milliarden Euro. In diesem Gesetz stehen konkrete Maßnahmen: zum Beispiel die Abschaffung der gewerbesteuerlichen Organschaften. Zur Vorbereitung meiner Rede habe ich mir noch einmal die Debatte zur ersten Lesung unseres Gesetzentwur- fes angesehen. Herr Schild und Herr Scheelen haben deutlich gesagt – dafür war ich sehr dankbar –: Natürlich wollen wir die Abschaffung der gewerbesteuerlichen Organschaften. Das ist das richtige Mittel. Das ist eine sofortige, kurzfristige Abhilfe für die Finanzmisere der Kommunen. Wir wollen eine Mindestbesteuerung mit einem Sockel. Wir haben gestern lange darüber diskutiert, ob es einen oder ob es keinen Sockel geben sollte. Wir wollen eine Eingrenzung der Verlustverrechnung. Das sind Maßnahmen, die den Kommunen kurzfristig Geld bringen. (Klaus-Peter Flosbach [CDU/CSU]: Dann sind die Unternehmen pleite!) Sie schlagen jetzt als Abhilfe die Absenkung der Gewerbesteuerumlage vor. Die Punkte, die gegen diese Maßnahme sprechen, sind schon genannt worden. Der eine ist, dass die Ausfälle in der Gewerbesteuer konjunkturbedingt sind. Eine Absenkung des Körperschaftsteuertarifs durch die Steuerreform hat das Steueraufkommen der Gemeinden unberührt gelassen. Worum es ging, war eine Beteiligung der Kommunen im Rahmen der Steuereinnahmenquote. Daran sind sie weniger beteiligt worden, als eigentlich erforderlich gewesen wäre. Herr Scheelen hat es vorhin gesagt: Eine 10-prozentige Absenkung der Gewerbesteuerumlage könnten die Länder, die zwei Drittel davon bekommen, vornehmen. Aber sie können es nicht finanzieren. Wir können nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Wir brauchen ein Gesamtkonzept. Dieses legen wir vor. Wir werden eine langfristige Stärkung und Sicherung der Gemeindefinanzen vornehmen. Dieses Instrument bringt aber – das ist für mich das entscheidende Argument – vor allem den finanzschwachen Kommunen nichts; es gibt ihnen nichts an die Hand. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD) Wenn Sie das Steuervergünstigungsabbaugesetz im Bundesrat ablehnen – Sie kündigen ja immer wieder an, dass Sie außer dem Körperschaftsteueranteil sowieso nichts durchgehen lassen –, dann schieben Sie Maßnahmen, die den Kommunen kurzfristig wirklich helfen können, auf die lange Bank. Sie schaffen eben keine kurzfristige Abhilfe für die Kommunen. (Hans Michelbach [CDU/CSU]: Bei der gewerbesteuerlichen Organschaft geht es drunter und drüber!) – Die Abschaffung der gewerbesteuerlichen Organschaft ist ein Element dafür. (Hans Michelbach [CDU/CSU]: Da gibt es einen Kahlschlag bei manchen Kommunen!) Die großen Städteverbände – alle drei – haben mit ihren Verunsicherungen in der Anhörung, die wir gemeinsam erlebt haben, durchaus ein bisschen den Druck genommen und sind inzwischen alle der Meinung, dass wir die gewerbesteuerlichen Organschaften wieder abschaffen müssen. Sie wissen, dass wir Zerlegungsregelungen schaffen können und dass wir den ostdeutschen Kommunen dabei helfen können. Wir müssen dieses Instrument (C) (D)

Deutscher Bundestag - Dr. Gudrun Lukin
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