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Editorial - Quickborn. Vereinigung für niederdeutsche Sprache und ...

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DAVIS – Die erste

DAVIS – Die erste illustrierte Ausgabe der „Stromtid“ aber zu dem Zeitpunkt des Besuches noch nichts an Freund Storm, denn erst in seinem Lebensbericht „Wie ich Schriftsteller wurde“, der 20 Jahre nach Reuters Tod im Jahre 1894 erscheint, können wir lesen: „Seine [Reuters, L.M.D.] Freude über die Erfüllung meines Versprechens war groß und herzlich. [...] Das Wiedersehen regte ihn eigentümlich auf. Er war nicht davon abzubringen, es in aller Form zu feiern durch reichlichen Genuß der in erschreckender Masse aufgetragenen Würste und Räucherwaaren, die ihm die mecklenburgische Heimat gespendet hatte und durch noch reichlicheres Weintrinken. [...] Seine Herzlichkeit war seltsam überströmend. Seine Frau blickte, wie mir nicht entgehen konnte, von Zeit zu Zeit mit besorgtem Ausdruck zu ihm herüber. Sie kannte diese Zustände hoher Erregtheit bei ihrem Fritz und deren nächste Folgen nur zu gut aus langer trauriger Erfahrung. Daß ihre Besorgnis nicht grundlos gewesen war, zeigt sich am nächsten Morgen. Frau Reuter begrüßte mich, als ich zum Frühstück kam mit trübem Gesicht.. Das bekannte „alte Uebel“, das ihren Mann von Zeit zu Zeit überfiele, wäre einmal wieder zum besonders heftigen Ausbruch gekommen.“ 25 Pietsch berichtet weiter, was ihm Luise Reuter über den Verlauf eines solchen Anfalls erzählt und daß er den Leidenden nicht mehr sehen, sich nicht von ihm verabschieden durfte. Der Künstler fährt zuerst mit der Bahn und wandert dann durch den Thüringer Wald nach Heiligenstadt, wo Storm einmal tätig gewesen war und wo Pietsch seinerseits bei Freunden „sofort zu Bett gebracht werden, mehrere Tage liegen und medicinieren mußte. [...] Ich verwünschte mein Geschick und die gesamte Mettwurst- und Spickgansproduktion der Mecklenburgischen und Vorpommerschen Rittergüter. Aber was half’s mir! Das Leiden und die lächerliche Situation mußten ertragen werden.“ 26 Ein Vergleich dieser späteren Version mit dem Bericht, den Pietsch von seinem zweiten Besuch bei Reuter an Theodor Storm schickt, ist so aufschlußreich wie geradezu rührend. Denn der „besonders heftige Ausbruch“ Reuters wird überhaupt nicht erwähnt und taktvoll schweigend übergangen. Lediglich das eigene Unwohlsein bei seinem Besuch in Heiligenstadt wird beschrieben. „Nach einem in Baden [dort war Pietsch zu Gast bei Turgenjew, L.M.D.] von Wussow [dem Freund in Heiligenstadt, L.M.D.] erhalte- 22

Die erste illustrierte Ausgabe der „Stromtid“ – DAVIS nen beweglichen Schreiben war es mir moralisch unmöglich, so nahe an ihm vorüberzugehen. Obwohl unwohl, fuhr ich heut vor acht Tagen von Eisenach bis Wanfried, brachte dort eine elende Nacht zu, ging am andern Morgen im Regen hierher. [...] Leider wurde mir dies Leben sehr dadurch verkümmert, daß ich mich sofort legen mußte. Ein nie zuvor erfahrener nervöser Darmkrampf setzte mir vier Tage lang mit abscheulichen Qualen zu und auch heut hat er mich noch nicht ganz verlassen.“ 27 Kein Wort über die Zecherei mit Reuter in Eisenach, der er doch in seinem Lebensbericht ausdrücklich die Schuld an seiner Krankheit geben wird. Wahrscheinlich soll Storm nicht nur das positive Bild von Reuter behalten, soll nur an Reuters Kraft und Tüchtigkeit denken und das übrige weiterhin für ein „dummes Gerücht“ halten, Pietsch mag befürchtet haben, daß ein Bericht doch vielleicht irgendwie über Storm an die Öffentlichkeit gelangen und so die „dummen Gerüchte“ bestätigen könnte. Abschließend möchte ich nicht versäumen, Pietschs Beschreibung von Reuter zu erwähnen. Mit seinen Zeichneraugen nahm Pietsch, wie zu erwarten, die Physiognomien aller Menschen mit großer Klarheit wahr, und nicht nur Fritz Reuter, sondern jeden gerade getroffenen Menschen beschreibt er in seinem Erinnerungsbuch mit großer Detail- Besessenheit und Exaktheit. Nachdem Pietsch seinem Leser zunächst versichert hat, daß Reuters Bildnis schon überall bekannt sei und er sich in diesem Fall eine Beschreibung schenken kann, gibt er sie dann doch. „Seine Erscheinung brauche ich nicht erst zu schildern. Photographische, gemalte, gestochene, in Holz geschnittene Bildnisse, Portraitbüsten, Statuen und Statuetten, welche eine treue richtige Anschauung seines Aussehens geben, sind so massenhaft ausgeführt und verbreitet, daß zweifellos jeder meiner Leser genau damit vertraut ist. Ich hatte ihn mir nicht so groß von Wuchs vorgestellt, wie ich ihn fand, als er mir dort in seinem Hause entgegen trat. Seine leicht gebückte Haltung minderte freilich etwas die Länge seiner breitschultrigen Gestalt. Der mächtige Kopf, mit dem etwas borstenartig und ‘struwwelig’ wuchernden ursprünglich rötlich blonden nun bereits stark grau untermengten Haar und Vollbart war in seinen Gesichtsformen fast grotesk.“ 28 23

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