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Wir hofften jedes Jahr noch ein weiteres Symposium machen zu ...

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Zunächst begann nach

Zunächst begann nach den Slawen diese regelrechte Völkerwanderung, vorbei an der Linde, vor etwa 900 Jahren mit den Bayern, die mit ihrem massiven Eindringen die Besiedelung dieser Gegend vorantrieben. Bereits vor etwa 600 Jahren stand dann nachweislich ein Haus unmittelbar neben dem Lindenbaum. Ende des 15. Jahrhunderts ging es dann kriegerischer zu: Die Ungarn wollten ihre Grenze weiter nach Westen ausdehnen. In den Jahren 1529 und 1683 statteten marodierende Türkenhorden der damals sicher auch schon sehr stattlichen Linde einen Besuch ab. Die Nächsten waren die Franzosen, gleich zweimal am Beginn des 19. Jahrhunderts. Im 20. Jahrhundert lösten dann die Kämpfer des Geistes die martialischen ab. So war die Überraschung bei den ersten Symposien groß, dass sich so viele Wissenschafter aus so unterschiedlichen Ländern tatsächlich in Kirchberg einfanden. Damit drang eine andere Welt in das Tal ein, äußerlich geprägt durch geschäftig ausschreitende Damen und Herren mit Aktentaschen und Skripten, mit einem Namensschild an der Brust — also typische „Wittgensteiner“. Von Anfang an war „die Linde“ beliebter Treffpunkt, nicht nur wegen des Kulinarischen, sondern auch wegen der Atmosphäre, die das Weiterdiskutieren, Weiterdenken und Weitersinnieren fördert — vor allem am Anfang auch oft mit Einheimischen, wobei wissenschaftliche Diktion in Alltagssprache transformiert wurde (Wittgenstein hätte wohl seine Freude daran gehabt). Ein richtig familiäres Klima entstand, besonders unterstützt durch die „Gründerfamilien“ des Symposiums, Lore und Adolf Hübner sowie Elisabeth und Werner Leinfellner. Persönliche Bekanntschaften wurden geschlossen und unter der Linde begossen, manch einen Teilnehmer verschlug es sogar auf Monate und Jahre nach Kirchberg. Und die Erinnerungsfotos von Symposiumsteilnehmern, aufgenommen unter diesem mächtigen Naturdenkmal, gehören für viele selbstverständlich dazu — hoffentlich noch lange. Inzwischen zählt man das 30. Symposium – genau in dem Jahr, in dem das „Gasthaus zur 1000-jährigen Linde“ 300 Jahre lang im Besitz der immer gleichen Familie Donhauser-Hennrich ist. Wenn das nicht ein weiterer Beweis für die Verbundenheit des Baumes mit historisch denkwürdigen Ereignissen ist! 165

Es gibt viele philosophische Gesellschaften, aber keine ist wie diese: Keine bietet Jahr für Jahr das atemberaubende Alpenpanorama durch die große Glaswand einer Schulturnhalle, die Vortragenden aus aller Welt sehen nur ihr Publikum, das Publikum neben dem Vortragenden die Wolken, wie sie über die Bergrücken ziehen. Keine bietet Unterkünfte wie diese: In großer Zahl und Vielfalt, im Gästezimmer der örtlichen Honoratioren bis zum Gästehaus im nahen, aber von Kirchberg so verschiedenen Trattenbach. Keine entspricht so vollkommen der Vielschichtigkeit ihres philosophischen Patrons, der sich in diesen Alpentälern der kleinen Buben aus meist ärmlichen Familien als Volksschullehrer angenommen hatte, der als Erbe eines großen Vermögens Jahre unter kärglichsten Bedingungen zubrachte. Seine Abwendung von der Philosophie war nur vorübergehend, so wie die Zuwendung mancher Teilnehmer des jährlichen Ludwig Wittgenstein Symposiums. Die meisten aber sind professionelle Philosophinnen und Philosophen, darunter viele jüngere und aus allen Ländern der Welt. Dreißig Jahre wird diese Institution nun alt und ich kann sagen, ich bin – fast – von Anfang an dabei gewesen und ich habe hier mehr gelernt, als auf allen anderen Kongressen, die ich in dieser langen Zeit besucht habe. Julian Nida-Rümelin, Universität München (Siehe auch „Zur Person“, Seite 182)

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