Weltnaturerbe Buchenwälder

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Weltnaturerbe Buchenwälder

Tagung „Naturerbe Buchenwälder“, Ebrach/Steigerwald,

26. Juni 2009

Weltnaturerbe Buchenwälder

Hans D. Knapp

Insel Vilm


Waldnaturschutz –

Streitthema mit Geschichte


Buchenwälder

Aktuelles Thema von

Naturschutz und Forstwirtschaft


Workshops und Veröffentlichungen

Bonner Thesen zum

„Naturerbe Buchenwälder


Welterbestätte „Beech Primeval Forests of the Carpatians“, Havesova


Weltnaturerbe Buchenwälder

Hans D. Knapp, Ebrach, 26. Juni 2009

1. Die Welterbekonvention der UNESCO

2. Sommergrüne Laubwälder als Welterbe

3. Welterbe in Deutschland

4. Warum Buchenwälder ?

5. Deutschlands besondere Verantwortung


Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes

der Welt, UNESCO (1972), 185 Vertragsstaaten


Welterbe-Kategorien

Kulturstätten (Cultural sites)

(seit 1992 einschließlich Kulturlandschaften)

Naturstätten (Natural sites)

Kultur-/Naturstätten (Mixed sites)


Anzahl

1000

Stand:2008

500

0

851 Welterbestätten in 141 Ländern

davon 355 in Europa (42 %)

1 2 3 4

Reihe1 660 166 25 851

Reihe2 320 24 11 355

1 - Kulturerbe, 2 - Naturerbe, 3 -

Kultur/Naturerbe, 4 - Gesamt

„europalastig“. „kulturlastig“


% aller Welterbestätten

100%

50%

0%

Welterbestätten in Europa

Naturerbe unterrepräsentiert

1 2 3 4

Reihe2 51,5 85,5 56 58

Reihe1 48,5 14,5 44 42

1 - Kulturerbe, 2 - Naturerbe, 3 -

Kultur/Naturerbe, 4 - Gesamt


Europa

90%

Kulturerbe


Strukturen und Procedere

Vertragsstaaten – reichen Anträge über UNESCO-Vertreter ein

Welterbezentrum (WHC, Paris) – berät und koordiniert

Gutachterorganisationen (IUCN, ICOMOS) – evaluieren Anträge

und geben Empfehlung ab

Welterbekomitee (aus 21 Mitgliedstaaten) – entscheidet jährlich

über Anträge:

1)einschreiben,

2) zurückgeben,

3) nicht einschreiben.


„Operational Guidelines“

Regeln das Verfahren und definieren Kriterien

„Outstanding Universal Value“

„Integrity“

Serielle Stätten

Transnationale Nominierungen


Kriterien

(i) – (vi) Kulturerbe, (vii) – (x) Naturerbe

(vii) – außerordentliche natürliche Schönheit und

ästhetische Bedeutung

(viii) – Erdgeschichte einschließlich Evolution und

andauernde geologische Prozesse

(ix) – fortlaufende ökologische und biologische Prozesse

(x) – natürliche Ökosysteme für Schutz der

biologischen Vielfalt


Naturerbe

Beispiele von Welterbestätten

Yellostone Nationalpark

Great Canyon

Iguazu-Fälle

Galapagos-Inseln

Serengeti

Kilimandscharo

Donaudelta

Grube Messel (Hessen)

Kulturerbe

Pyramiden von Gizeh

Hagia Sophia und Blaue

Moschee in Istanbul

Große Chinesische Mauer

Altstadt von Esfahan

Kölner Dom

Hansestädte Wismar und

Stralsund

Wartburg

Aachener Dom

Strasburger Münster


Weltnaturerbe Buchenwälder

Hans D. Knapp, Ebrach, 26. Juni 2009

1. Die Welterbekonvention der UNESCO

2. Sommergrüne Laubwälder

als Welterbe

3. Welterbe in Deutschland

4. Warum Buchenwälder ?

5. Deutschlands besondere Verantwortung


Wo gibt es sommergrüne Laubwälder ?

Thermische Vegetationszonen und nemorale Laubwald-Regionen

Östliches Nord-Amerika Europa / West-Asien Ost-Asien


Schutzgebiete

im östlichen

Nord-Amerika (U.S.N.P.S.)

Gebiet der Zuckerahorn-

Buchenwälder

Great Smoky

Mountains NP

1983 WHS, 200.000 ha


Ost-Asien


Shirakami-Sanchi Wilderness Area (Kat. Ib)

World Natural Heritage Site

(1993, 16.971 ha)

Japanischer Buchen-Urwald (Fagus crenata)


Mittel-Europa

Weltnaturerbe-Stätten mit

Laubwäldern

Pyrenäen –

Mont Perdu

(mixed site)

?

Plitvice

Urwald von

Bielowiecza

Buchenurwälder der

Karpaten (2007)

(Cluster)


Urwald von Bielowiecza,

Polen/Weißrußland (1979, 1992)


Primeval Beech Forests of the

Carpathians (2007)


Kriterium (ix), Kernzone 29.279 ha,

Pufferzone 48.693 ha

Transnational cluster,

Slovakia/Ukraine


Weltnaturberbe

Primeval Beech Forests of

the Carpathians (2007)

(Slowakei/Ukraine)

Ukraine, Waldkarpaten (Uholka)


Welterbe-Nominierung in Vorbereitung:

Hyrcan Forests of Azerbaijan and Iran

Transnationale, serielle Nominierung

Alleingang von Aserbaidschan 2007 gescheitert,

März 2008 Workshop Insel Vilm: gemeinsame

Nominierung vereinbart


Der Kaspische Wald

(2 Mio ha, davon ca.

100.000 ha Urwald)

„Dschängäl“

Das Kaspisches Meer


Buchenwald, Fagus Mazanderan, orientalis

Iran


Fagus orientalis, Kaspischer Wald, Iran


N

m

2500

2000

1500

1000

500

Caspian Sea

1000 - 2000 mm

precipitation

subalpine

Quercus

macranthera

Fagus orientalis

Tragacanthus-

Astragalus

Juniperus-

(Paliurus)

Quercus castaneifolia -

Zelkova - Parrotia - Diospyros

Alnus - Pterocarya /

Quercus castaneifolia - Buxus

Kaspisches Meer

Amygdalus-Pistacia /

Artemisia-Ephedra

237 mm

precipitation

Tehran

Artemisia /

Calligonum-

Haloxylon

S

100 mm

precipitation

Su aeda-

Sa lsola

salt

desert

Teheran

Damavand, 5.601 m


Buchenwald, Mazanderan, Iran

Iranisches Hochland südlich

Teheran, Salzwüste

Auf 250 km Distanz der größte denkbare

Kontrast in Klima, Vegetation,

Landschaftscharakter:

Üppigster Laubwald - Wüste


Der Kaspische Wald

• ist das letzte große, zusammenhängende,

naturnahe Laubwaldgebiet der Erde,

• ist eine „Wiege“ der europäischen Laubwälder,

• enthält die bedeutendsten Reste von Urwäldern der

Formation Sommergrüne Laubwälder,


Die Nutzung eines Urwaldes schneidet die Kontinuität von

Millionen Jahren Evolution ab. Ein einmal gerodeter Urwald ist

irreversibel zerstört, er kann als „Urwald“ niemals wieder

erschaffen werden.


Weltnaturerbe Buchenwälder

Hans D. Knapp, Ebrach, 26. Juni 2009

1. Die Welterbekonvention der UNESCO

2. Sommergrüne Laubwälder als Welterbe

3. Welterbe in Deutschland

4. Warum Buchenwälder ?

5. Deutschlands besondere Verantwortung


Welterbe in Deutschland (1976)

31 Kulturstätten

darunter z.B. Historische Stadtzentren von Wismar

und Stralsund,

Wörlitzer Park,

Mittleres Rheintal (Kulturlandschaft),

2 transnationale Stätten (Limes, Park Muskau)

1 Naturstätte (Grube Messel bei Darmstadt)


Potential für Naturerbe ?

1996/1997 2004


Machbarkeitsstudie Buchenwälder (2007):

Erschütterndes Ergebnis


Erkenntnisse / Thesen / Fazit

• Gebiete in Deutschland stellen einen wesentlichen Teil der

Vielfalt der europäischen Buchenwälder dar

(Arealzentrum!) und können damit wesentlich zu einem

vollständigen gesamteuropäischen Welterbe-Cluster

beitragen.

• Tieflandbuchenwälder sind auf mehreren (!) größeren

Flächen und in schutzwürdigem Zustand (fast) nur noch in

Deutschland erhalten.

• Nur Deutschland kann europaweit einen herausragenden

Beitrag im Bereich der arten- und basenarmen, kollin-

submontanen Buchenwälder leisten.


Aber:

• Die deutschen Vorschlagsgebiete zeichnen sich durch nur

noch sehr kleine Reste von Sekundär-„Urwäldern“ aus

(Nutzungsfreiheit: > 50 Jahre); Anteile: i. d. R. unter 100 ha!

• Der überwiegende Teil der in Kernzonen nicht genutzten

Buchenwälder unterscheidet sich nur geringfügig von

Wirtschaftswäldern.

• Die Arten-Garnituren der Großraubsäuger fehlen weitgehend.

• Totholzbiozönosen sind (im Vergleich mit karpatischen

Urwäldern) deutlich verarmt, Urwald-Zeiger größtenteils

ausgelöscht.


Aber:

• Das Management einzelner Gebiete ist hinsichtlich der

Kernprobleme Wildregulierung, Holzentnahme,

Besucherlenkung z.T. stark verbesserungsbedürftig.

• Mögliche Nominierungskulissen müssen sich auf die

eindeutig besten („unversehrtesten“) Buchenwald-

Kernflächen der vorgeschlagenen Schutzgebiete beschränken

und durch großzügige Pufferzonen gesichert werden.


Arbeitsgruppe aus vier Ländern (+ Bund)

(2007)

Erarbeitet Abgrenzung

des Clusters und

Nominierungsunterlagen,

2009 an WHC

2010 Entscheidung

Erweiterung der Primeval

Beech Forests of the

Carpathians zu

europäischem Cluster


Für eine Nominierung

vorgesehene Gebiete in Deutschland

(jeweils Teile):

•NLP Jasmund (planar, Typenvielfalt)

•Müritz-NLP, Teil Serrahn (planar,

glaziale Serie)

•NSG Grumsin, Biosphärenreservat

Schorfheide-Chorin (planar)

•NLP Hainich (kollin, Kalk)

•NLP Kellerwald-Edersee (kollin-

submontan, saurer Gesteinsuntergrund)


Nationalpark Jasmund

(3.003 ha)

Vielfalt planarer Buchenwälder

Buche: 2.100 ha

Nominierung: 493 ha


C. D. Friedrich,

Kreidefelsen auf Rügen (1822)


Müritz-Nationalpark (Teil Serrahn)

Nominierung: 268 ha


Müritz-Nationalpark, Serrahn


Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin

NSG Grumsin, Nominierung: 593 ha


Nationalpark Hainich

7.600 ha,

Buchenwald 5.000 ha

Nominierung: 1.573 ha


Die Wartburg – UNESCO Weltkulturerbe


Nationalpark Kellerwald-Edersee

(5.724 ha, 3.452 ha Buchenwald)

Nominierung: 1.466 ha


Weltnaturerbe Buchenwälder

Hans D. Knapp, Ebrach, 26. Juni 2009

1. Die Welterbekonvention der UNESCO

2. Sommergrüne Laubwälder als Welterbe

3. Welterbe in Deutschland

4. Warum Buchenwälder ?

5. Deutschlands besondere Verantwortung


(Nationalatlas BR Deutschland 2003)

Postglaziale

Ausbreitung der

Buche

bis heute expansiv


Mitteleuropäische Buchenwälder

von der Meeresküste bis ins untere Bergland

…ein weltweit einmaliges Monument der

nacheiszeitlichen Entwicklungsgeschichte der

Biosphäre

(Kriterium ix: fortdauernde ökologische

Prozesse)


Die vorgeschlagenen Buchenwälder in Deutschland

dokumentieren in Ergänzung zu den Beech Primeval

Forests of the Carpatians ein außergewöhnliches und

einzigartiges Beispiel für den ökologischen Prozess,

1 – dass eine einzige Baumart (Fagus sylvatica) im

Verlauf der postglazialen Ausreitungsgeschichte zur

absoluten Vorherrschaft in der natürlichen

Vegetation großer Teile eines Kontinentes (Europa)

gelangt

und sich mit intraspezifischer genetischer

Diversifizierung den sehr unterschiedlichen

Standortsbedingungen innerhalb des klimatisch

bedingten Gesamtareals anpasst,


2 – für den Wandel eines großräumig herrschenden

Vegetationstyps (Wandel von Eichen-Linden-

Mischwäldern zu Buchenwäldern) innerhalb derselben

Vegetationsformation (nemorale sommergrüne

Laubwälder) infolge globalen Klimawandels in der

Nacheiszeit

sowie die biogeographische und ökologische

Diversifizierung des von einer einzigen Baumart

geprägten Klimax-Ökosystems Buchenwald im Verlauf

der nacheiszeitlichen Evolution,


3 – für die Verinselung und das Überdauern von Klimax-

Ökosystemen mit langer Habitattradition

sowie das Überleben von Strukturen und Prozessen

ursprünglicher Wildnis innerhalb von ausgedehnten

Landschaften mit langer Siedlungs- und

Landnutzungsgeschichte.


Weltnaturerbe Buchenwälder

Hans D. Knapp, Ebrach, 26. Juni 2009

1. Die Welterbekonvention der UNESCO

2. Sommergrüne Laubwälder als Welterbe

3. Welterbe in Deutschland

4. Warum Buchenwälder ?

5. Deutschlands besondere

Verantwortung


?

?

? ?

(Bohn et al. 2000)

Natürliches Areal von

Buchenwäldern

in Europa (95 Mill. ha)

¼ entfällt

auf

Deutschland


Gesamtverbreitung der Rot-Buche (Fagus sylvatica)

(Karte: Erik Welk, Halle/S., in Ireland und Groß Britannien nach Dines in Preston et al. 2003)

Deutschland im Zentrum des

Buchenareals


Fagus sylvatica

Keine

Arealgrenze

in Deutschland


„erfolgreichste Pflanzenart

Deutschlands“

Aber…

583 Mio m³ Vorrat (17,3 %

des Gesamtholzvorrates)

10 Mio m³ Einschlag/Jahr

15 Mio m³ Zuwachs/Jahr


Buchenwälder im Verhältnis zur Gesamtfläche

und zur Waldfläche in Deutschland

Alte und nutzungsfreie

(Buchen)wälder haben

geringen Flächenanteil


Buchenwälder in Schutzgebieten (Deutschland)

ha

3.500.000

3.000.000

2.500.000

2.000.000

1.500.000

1.000.000

500.000

0

3.310.000

FFH-Gebiete

583.036

1.120.000

991.881

120.000

194.304

60.000

10.000 10.000

10.000 23.00014.000 31.246 17.500 17.500

Naturschutzgebiete

Biosphärenreservate (terr.)

Nationalparke (terr.)

Naturwaldreservate

Fläche gesamt (ha) Buchenwaldanteil (ha)* Buchenwaldfläche nutzungsfrei


Buchenwald

in NATURA 2000-

Gebieten

Laubwald

(CORINE-Landcover)

in NATURA 2000-Gebieten

mit Buchenwald-

Habitattypen


Nationale Strategie

zur biologischen Vielfalt

Am 7. November 2007 von der Bundesregierung verabschiedet

Vision für die Zukunft:

- Wälder weisen hohe natürliche Vielfalt und Dynamik auf,

- Faszinieren die Menschen durch ihre Schönheit,

- Nachhaltige Bewirtschaftung im Einklang mit ökologischen

und sozialen Funktionen,

- Nachhaltig gewonnener Rohstoff Holz erfreut sich

großer Wertschätzung.

Enthält u.a. als konkretes Ziel:

„2020 beträgt der Flächenanteil der Wälder

mit natürlicher Waldentwicklung 5 % der Waldfläche.“


1. Regeneration von Naturwald erfordert Zeit. Jeder

Eingriff in alte Wälder wirft Entwicklung meist um

Jahrzehnte zurück.

Die Zeit ungestörter Entwicklung ist durch nichts zu

ersetzen. Sie ist Maßstab für Naturnähe.


2. Integrativer Ansatz muß repräsentatives System

großer, nutzungsfreie Schutzgebiete („Segregation“)

einschließen.

Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch.

a) Naturwald-Schutzgebiete (Nationalparke,

Auswahl großer NSG),

b) Wälder mit „Pflegenutzung“ in Schutzgebieten,

c) Wirtschaftswälder (GfP, Zertifizierung).


3. Schutz der Tropenwälder kann nur wirksam

eingefordert werden, wenn wir unseren Wäldern

zu wenigstens geringem Prozentsatz Raum und

Zeit zur natürlichen Entwicklung geben.

Buchenwälder sind Teil des europäischen Naturerbes

und kultureller Identität Europas.


„Outstanding Universal Value“

• (ix) „Europäische Buchenwälder“ stellen ein

außergewöhnliches Beispiel eines bedeutenden, im

Gang befindlichen ökologischen und biologischen

Prozesses in der Evolution und Entwicklung von

Land-Ökosystemen sowie Pflanzen- und

Tiergemeinschaften dar.


Danke für Ihre Aufmerksamkeit !

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