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pro – deerfor - Nordfriisk Instituut

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pro und contra

Küstenschutzabgabe

Seite x

Jakob Tholund:

100 Jahre Stadt Wyk

Seite x

März 2011 � 3 Euro

70 Jahre Ende der

Hooger Allmende

Seite x

Nr. 173

Herausgegeben

vom

Nordfriisk Instituut


Inhalt

Kommentar“

Werner Junge: Sparen um welchen Preis? 2

Chronik

Biike-Empfang 2011 3

100 Jahre Albert Bantelmann 4

C.-P.-Hansen-Preis 2010 für Ommo Wilts 5

Tönnies-Symposion in Husum: Life Sciences 6

Friesisch an den Hochschulen 6

Üt da friiske feriine 7

Nordfriesland im Winter 8

Aufsätze

Juliane Rumpf, Dieter Harrsen:

pro und contra Küstenschutzabgabe 10

Jakob Tholund:

Ein Geschenk der Natur

Überlegungen zum 100-jährigen Wyker Stadtjubiläum 12

Hans Joachim Kühn:

Vom Bohls-Interessenten zum Grundeigentümer

Vor 70 Jahren endete die Allmendewirtschaft auf Hallig Hooge 21

Ferteel iinjsen!

Ellin Nickelsen: Uun a naacht 25

Merten Frank: En Kü fair en Kualev 27

Bücher

Der Elternlose und der Entehrte 27

Schneetage 29

Kiek mal rin! 30

Jahrbuch 2011 31

Gesamt-Inhaltsverzeichnis 2010 (Hefte 169172) 31

Impressum 32

Titelbild

Backenswarft auf Hallig Hooge (Foto: Thomas Steensen)

Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 2. März 2011

Nummer 173

von NORDFRIESLAND bringt

einen Text von Jakob

Tholund über Wyk auf

Föhr, eine der wenigen

Städte der Region, die ein

Charakteristikum Nordfrieslands

fast alle sehr jung

sind. Lediglich Tondern,

das politisch seit 1920 nicht

mehr zu Nordfriesland gehört,

erhielt sein Stadtrecht

im Mittelalter (1243). Garding

und Tönning wurden

1590 zu Städten erhoben,

Husum 1603. 1621 kam

Friedrichstadt als planmäßige

Gründung hinzu. Zu

Beginn des 20. Jahrhunderts

folgten Bredstedt (1900),

Westerland (1905) und eben

Wyk (1910). Die jüngste ist

Niebüll (1960).

*

Während die Städte die

größte Besiedlungsdichte

aufweisen, haben die Halligen

nur wenige Bewohner.

Auch die Aufhebung der

Allmendewirtschaft auf den

meisten von ihnen, von deren

Anfängen Dr. Hans Joachim

Kühn berichtet, konnte

deren Charakter als weltweit

einmaligen Lebensraum

nicht in Frage stellen.


Kommentar

Sparen

um welchen Preis?

Mit dem Hausrat scheint auch das

Herz des Nordfriesen Carstensen

nach Holstein gezogen zu sein.

Auffällig groß ist der „Mut“ der

schwarz-gelben Koalition, dem

Landesteil Schleswig Sparopfer aufzubürden.

Wer die Uni in Flensburg

auf den Stand einer Pädagogischen

Hochschule zurückfahren will, wer

den Fortbestand des Landestheaters

in Frage stellt und auch noch

überlegt, den Küstenschutz durch

Anliegerbeiträge zu fi nanzieren, gibt

ein zentrales Prinzip der Landespolitik

auf: das nämlich, vergleichbare

Lebensverhältnisse in den Landesteilen

anzustreben.

Dieses Ziel aufzugeben, weil der

Druck der Schulden unerträglich

ist, kann gefährlich werden.

Schleswig-Holsteins erster gewählter

Ministerpräsident legte 1948

die Denkschrift „Not eines Landes“

vor. Herrmann Lüdemann zweifelte

darin an, ob das neue Bundesland

überlebensfähig sei, weil es

zu klein und zu strukturschwach

ist. Das Problem besteht bis heute.

Nur mit Mut und Phantasie

kann es gelöst werden. Vieles ist

denkbar. Eines nicht: den Norden

Häägar

Wü snaki

gaar ek muar

me arküðer.

Wü haa

dach al

om ales

snaket.

abzukoppeln. Holstein allein hat

keine Zukunft.

Deshalb ist die Sparpolitik von

Schwarz-Gelb falsch. Ein Skandal ist

der Umgang mit den Minderheiten.

Als es darum ging, EU-Mittel für

dänisch-deutsche Projekte auch nach

Holstein zu leiten, beeilte sich Carstensen,

das Grenzland und die Minderheiten

zur Chefsache zu erklären.

Nun kneift es im Portemonnaie und

fl ugs wird das mühsam erreichte Versprechen

gebrochen, die dänischen

Schulen als Regelschulen der Minderheit

zu behandeln. Gekürzt wird

auch bei der deutschen Minderheit

in Dänemark und last not least beim

Nordfriisk Instituut. Das Land wird

damit wortbrüchig, und es verstößt

gegen die Landesverfassung. Sie legt

im Artikel 5 fest: Minderheiten sind

zu schützen und zu fördern.

Dramatisch wird die Lage, weil in

Kiel lange keiner mit ja oder nein

entscheiden wollte und deshalb

alljährlich „überrollt“ wurde. Alle

wurden vermeintlich geschont, indem

der Ansatz des laufenden Jahres

auf das nächste übertragen wurde.

In Wahrheit wurden damit alle

geschunden. Löhne und Sachkosten

stiegen, nur die Zuschüsse blieben

gleich. Real sinken sie dadurch seit

Jahren, haben auch das Nordfriisk

Instituut schon an den Abgrund

getrieben. Das war das „falsche“

Sparen. Nun wird also „richtig“

gespart: Den strukturell seit Jahren

Unterfi nanzierten wird nun extra

etwas abgezogen. Damit ist nicht

Wat heer

dit diarme

tö dön?

nur das Nordfriisk Instituut in seiner

Arbeitsfähigkeit gefährdet.

Alle Betroffenen jammern. Das

gehört zum Ritual. Zwei Rückfragen

der Politik müssen deshalb erlaubt

sein. Die erste: Was haben denn die

Besparten selber geleistet? Zumindest

das Nordfriisk Instituut kann

sich diesem Test mit weißer Weste

stellen. Das Institut wird von einem

Verein getragen, wirtschaftet äußerst

sparsam, wirbt mühevoll, aber

erfolgreich um Drittmittel sowie

Sponsoren und bindet vor allem

in großem Maße und mit hoher

Qualität das Ehrenamt ein.

Entscheidend bleibt Frage zwei:

Braucht Schleswig-Holstein dieses

Institut? Auch dahinter gehört ein

Häkchen. Die Bredstedter Einrichtung

funktioniert als Institut

fächerübergreifender regionaler

Forschung, erfüllt den Auftrag der

Lehre in großer Breite und bietet

bürgernah Service wie wohl kein

anderes im Norden. Es wirbt damit

für die einmalige Sprache, Kultur

und Geschichte Nordfrieslands.

In der Sprache der Werber schafft

das Institut für das Land damit ein

„Alleinstellungsmerkmal“. Das hilft

auch wirtschaftlich dem ganzen

Land. Wer in Schleswig am falschen

Ort spart, der schadet auch Holstein.

Werner Junge

ist Redakteur und leitet seit April

2005 das NDR-Studio in Flensburg.

(Adresse: Friedrich-Ebert-Str. 1,

24913 Flensburg.)

2 Nordfriesland 173 März 2011


Chronik

Biike-Empfang 2011

Der Bund hat friesische Projekte

inzwischen mit mehr als drei

Millio nen Euro gefördert. Davon

berichtete Staatsminister Bernd

Neumann, Beauftragter der

Bundesregierung für Kultur und

Medien, beim Biike-Empfang des

Frasche Rädj (Interfriesischer Rat,

Sektion Nord) am 26. Februar im

Bredstedter Bürgerhaus. Erk Hassold,

Vorsitzender des Friesenrates,

begrüßte dazu mehr als 120 Gäste,

darunter Besucher aus Westfriesland

und aus dem Saterland, und dankte

dem Staatsminister insbesondere für

den Sonderzuschuss in Höhe von

300 000 Euro, der die Einrichtung

der Organisations-Zentrale der

friesischen Vereine im Friisk Hüs im

Gebäude der ehemaligen Tabakfabrik

Preisler in Bredstedt ermöglicht

hatte (vgl. NORDFRIESLAND 172, S. 3).

Die Politik trägt eine erhebliche

Verantwortung für die Erhaltung

der kulturellen Vielfalt, das betonte

Bernd Neumann. Der Bund habe

seine Förderung für die friesische

Arbeit auch vor dem Hintergrund

der unerlässlichen Sparbemühungen

unvermindert beibehalten. Unter

dem lebhaften Beifall der Versammlung

appellierte der Staatsminister

an die Kieler Landesregierung, hier

ebenfalls nicht nachzulassen.

In einem Kurzreferat stellte sodann

Hans Jacob Paulsen, Vorsteher des

2008 im Zuge der Verwaltungsstrukturreform

gebildeten Amtes

Mittleres Nordfriesland, seinen

Amtsbereich vor. 20 500 Menschen

leben in 20 Gemeinden des Amtes,

bei dem auch die Administration

der amtsfreien Gemeinde Reußenköge

angesiedelt ist. Zusammen mit

dem Amt Südtondern bildet es eine

„Aktiv-Region“. Der Ausbau der

Breitbandversorgung als Grundlage

für die elektronische Kommunikation

stelle dabei ein ebenso wichtiges

Vorhaben dar wie die Weiterentwicklung

der erneuerbaren Energien,

sagte der Amtsvorsteher.

Uwe Hems, als Bredstedter Bürgermeister

Hausherr im Bürgerhaus,

nutzte sein Grußwort, um unter

anhaltendem Applaus deutlich

zu machen, dass die Menschen in

Nordfriesland und ihre Repräsentanten

in Kommunen und Verbänden

sich einig sind in der Ablehnung

der Pläne für die Endlagerung von

Lebensgestaltung für die vitale ältere

Generation eine wesentliche Rolle

spielen.

Mit 70 Prozent Agrarfl äche ist

Schleswig-Holstein nach wie vor

ein landwirtschaftlich geprägtes

Land. Die althergebrachte bäuerliche

Landwirtschaft gehört dabei

allerdings der Vergangenheit an.

Der Bauer der Gegenwart ist ein

Unternehmer, und das wird in der

weiteren Entwicklung verstärkt

zum Tragen kommen. Das waren

die zentralen Aussagen von Dr. Ju-

Biike-Empfang 2011 (von links): Erk Hassold, Vorsitzender des Frasche

Rädj, Staatsminister Bernd Neumann, Beauftragter der Bundesregierung

für Kultur und Medien, Dr. Juliane Rumpf, Landes-Ministerin für Landwirtschaft,

Umwelt und ländliche Räume

Kohlendioxid im Untergrund der

Region. Vor allem drückte er aber

seine Freude darüber aus, dass der

Preislersche Komplex, der zuvor

zeitweise das Kreisforstamt beherbergt

hatte, mit dem Friisk Hüs

nun wieder mit Leben erfüllt werde.

Gemeinsam mit dem Nordfriisk

Instituut das hoben mehrere Redner

hervor werde es ein Zentrum

für das Friesische bilden.

Die Zukunft des Kreises Nordfriesland,

so Kreispräsident Albert Pahl

in seinem Grußwort, wird nicht zuletzt

im Zeichen des demografi schen

Wandels stehen. Die Älteren werden

einen wachsenden Teil der Gesellschaft

ausmachen. Gerade die Pfl ege

der regionalen Traditio nen könne

bei Überlegungen zur sinnvollen

liane Rumpf, Ministerin für Landwirtschaft,

Umwelt und ländliche

Räume, in ihrem Festvortrag. Politik

und Gesellschaft müssen sich darauf

einstellen, die Landwirtschaft in

ihrer veränderten Rolle wahr- und

ernst zu nehmen. Die Bauern leisten

dabei auch einen erheblichen

Beitrag zum Umweltschutz und zur

Erhaltung der Artenvielfalt.

Mit plattdeutschen Liedern sorgte

die Drelsdorfer Gruppe „Landlicht“

für den musikalischen Rahmen.

Abschließend war Gelegenheit, bei

einem schmackhaften Buffet die

Räume der Friisk Foriining, des

Nordfriesischen Vereins und des

Friesenrats sowie das Friisk-Funk-

Studio im Friisk Hüs zu besichtigen.

Red.

Nordfriesland 173 März 2011 3

Foto: Harry Kunz


Foto: Sammlung Nordfriisk Instituut

100 Jahre Albert Bantelmann

Am 8. Januar 2011 jährte sich der

Geburtstag von Dr. Albert Bantelmann

zum 100. Male. Gemeinsam

mit dem Archäologischen Landesamt

Schleswig-Holstein luden das

Nordfriisk Instituut und seine AG

Geschichte aus diesem Anlass unter

dem Titel „Ein Forscherleben für die

Westküste“ zu einem Vortragsnachmittag

nach Bredstedt ein.

Der Name Albert

Bantelmann ist

mit der ErforschungNordfrieslands

untrennbar

verknüpft. Seine

Arbeiten gelten in

Albert

Bantelmann

diesem Kontext

als „Meilenstein“

(vgl. NORDFRIES-

LAND 42/44).

Es war kein Zufall, dass gerade er

gebeten wurde, den vor- und frühgeschichtlichen

Part der 1995

erstmals vorgelegten „Geschichte

Nordfrieslands“ zu verfassen, der

inzwischen als Einzelschrift „Nordfriesland

in vorgeschichtlicher Zeit“ in

vierter Aufl age vorliegt. Mit diesen

Worten begrüßte im Nordfriisk

Instituut Prof. Dr. Thomas Steensen

das äußerst interessierte Publikum,

darunter Bantelmann-Tochter Giede

Eichner sowie zwei der vier Enkelinnen

von Albert Bantelmann, der

1999 starb. „Wir möchten mit dieser

Veranstaltung auch die Aufmerksamkeit

darauf lenken“, so Steensen

weiter, „dass das Wattenmeer als

Kulturlandschaft bisher zu wenig

in den Blick genommen wurde.

Eine systematische archäologische

Erforschung des Wattenmeers wäre

dringend erwünscht. Bisher sind

aber viele Funde nicht einmal katalogmäßig

erfasst, geschweige denn

wissenschaftlich ausgewertet.“

Am 8. Januar 1911 wurde Albert

Bantelmann in Hamburg geboren.

Er studierte in Hamburg und Kiel

Geografi e, Ozeanografi e, Geologie

sowie Vor- und Frühgeschichte. Danach

war er in Westerland, Aventoft,

Breklum und Schobüll als Lehrer

tätig, das berichtete der Niebüller

Geschichtsforscher Albert Panten.

Bei Besuchen auf der Hallig Langeneß

wurde Bantelmann sodann auf

zahlreiche Kulturspuren im Wattenmeer

aufmerksam, so etwa auf

die Hinterlassenschaften des mittelalterlichen

Salztorfabbaus. Im Jahre

1934 wurden die Voraussetzungen

für eine systematische Siedlungsfor-

Am 8. Januar

2011 im Nordfriisk

Instituut: Dr. Christian

M. Sörensen,

Vorsitzender der Instituts-AGGeschichte,

die Referenten

Albert Panten und

Dr. Martin Segschneider,

Hausherr Prof.

Dr. Thomas Steensen

schung in Marsch und Wattenmeer

geschaffen, und zwar im Rahmen

eines seinerzeit aufgelegten Zehn-

Jahresplans zur Landerhaltung und

Landgewinnung an der Westküste.

Bei den Marschenbauämtern Heide

und Husum wurden entsprechende

Forschungsstellen eingerichtet.

Davon hatte Albert Bantelmann in

der Dankrede für den Hans-Momsen-Preis

des Kreises Nordfriesland

berichtet, den er 1986 als erster

erhielt (vgl. NORDFRIESLAND 77/78).

Im Zuge dieser Forschungen, für die

Bantelmann vom Schuldienst freigestellt

wurde, so Albert Panten weiter,

promovierte er 1939 zum Thema

„Das nordfriesische Wattenmeer, eine

Kulturlandschaft der Vergangenheit“.

Nach dem Krieg wirkte Bantelmann

sodann als Leiter der Abteilung für

Marschen- und Wurtenforschung

im damaligen Landesamt für Vor-

und Frühgeschichte in Schleswig. In

dem Buch „Die Landschaftsentwicklung

an der schleswig-holsteinischen

Westküste, dargestellt am Beispiel

Nordfriesland“ fasste er zentrale Ergebnisse

seiner Arbeit zusammen.

Das 1967 erschienene Werk gehört

zu den Klassikern der regionalgeschichtlichen

Literatur, so Albert

Panten abschließend.

In einem Bildvortrag arbeitete

Dr. Martin Segschneider, Leiter des

Dezernats Nord im Archäologischen

Landesamt, heraus, dass die Ergebnisse

von Albert Bantelmanns prähistorischer

Arbeit bis heute aktuell

und grundlegend geblieben sind.

Der Name des Prähistorikers ist vor

allem verbunden mit den umfassenden

Grabungen auf den frühgeschichtlichen

Großwarften Tofting

(Gemeinde Oldenswort) und Elisenhof

(Tönning). Tofting gehört

zu den frühesten Siedlungszentren

in der Eiderstedter Marsch und war

bereits im zweiten Jahrhundert nach

Christi Geburt dicht besiedelt. In

der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts

wurden auf Elisenhof die

ersten Häuser gebaut. Das könnte

auf einen Zusammenhang mit der

Einwanderung der ersten Friesen

in dieses Gebiet hindeuten. Die

zahlreichen dortigen Funde sind

in einer eindrucksvollen Buchreihe

dokumentiert.

Intensiv hat sich Albert Bantelmann,

so Dr. Segschneider, auch

mit den Siedlungsspuren und den

geografi schen Veränderungen im

Bereich des Wattenmeeres befasst.

Ihm sei es insbesondere gelungen,

die Entwicklung der Landschaft

anhand dieser Befunde allgemeinverständlich

darzustellen. fp

4 Nordfriesland 173 März 2011

Foto: Harry Kunz


C.-P.-Hansen-Preis 2010 für Ommo Wilts

„Wenn ich vielleicht für das Syltringische

und den Spracherhalt

etwas mehr getan habe, als streng

genommen in einem rein sprachwissenschaftlichen

Aufgabenbereich

lag, dann auch, weil ich damit auch

eine Dankesschuld abtragen wollte

gegenüber den Syltern, deren Gastlichkeit

und Hilfsbereitschaft mir

sehr geholfen haben.“ Mit diesen bescheidenen

Worten nahm der Frisist

Dr. Ommo Wilts am 12. Dezember

im Muasem Hüs in Morsum den

C.-P.-Hansen-Preis 2010 entgegen.

Er bezog sich dabei auf eine schwere

Zeit in seinem Leben, als 1976 seine

Ehefrau Bärbel geb. Klötzke an

Krebs starb und er mit drei kleinen

Kindern zurückblieb. Gerade auf

Sylt habe Ommo Wilts damals

Hilfe und Zuspruch gefunden. Das

berichtete Prof. Nils Århammar, C.-

P.-Hansen-Preis-Träger des Jahres

2001, in seiner Laudatio. Weiter

sagte er unter anderem:

Geboren wurde Ommo Wilts am

20. Mai 1937 in Oldenburg in Oldenburg.

Ist der Vorname Ommo

typisch ostfriesisch, so stammt der

patronymische Familienname Wilts

ursprünglich von der Insel Wangerooge,

wo bis ins 20. Jahrhundert ein

Rest des altertümlichen Rüstringer

Friesisch gesprochen wurde. Ommo

Wilts ging an die Universität Marburg,

wo er die Fächer Deutsch und

Englisch studierte. 1959 wechselte er

nach Kiel, wo er den Altgermanisten

und Nordisten Prof. Dr. Hans Kuhn

kennenlernte, der sein prägender

Lehrer wurde. Nach Stu dien- und

Lehraufenthalten auf Island und

in den USA sowie einer ersten

Tätigkeit an der von Hans Kuhn

geleiteten Nordfriesischen Wörterbuchstelle

promovierte er 1969 zu

einem altgermanistischen Thema.

Es folgte ein Referendariat in Brake

an der Unterweser und darauf dann

1972 die Abordnung an die Nordfriesische

Wörterbuchstelle. Von

1972 bis zu seiner Pensionierung

blieb Ommo Wilts dieser Institution

erhalten und hat hier 30 Jahre lang

seine ganze Kraft der nordfriesischen

Spracharbeit gewidmet.

Nachdem zunächst das festländische

Frasch im Zentrum seiner sprachwissenschaftlichen

Arbeit gestanden

hatte, brachte Ommo Wilts 1977

zusammen mit Dr. Alastair Walker

den Kassettenkurs „Hiir Sölring

Liir Sölring“ heraus. 1978 erschien

dann das vorbildliche Wörterbuch

„Sölring fuar sölring Skuulen (Söl-

auch bedeutendsten nordfriesischen

Dichter, am 7. Februar 1985 in

Keitum hielt. Viel Zeit investierte

er in das Lektorat des von Hans

Hoeg zusammengestellten, 1995

erschienenen Buches „Ströntistel en

Dünemruusen“, in dem das gesamte

lyrische Werk Jens Mungards zugänglich

gemacht wird.

Es war ein Akt großer symbolischer

Kraft, so Nils Århammar abschließend,

dass die feierliche Verabschiedung

anlässlich der Pensionierung

C.-P.-Hansen-Preis 2010 (von links): Kuratoriums-Mitglieder Franz Grobe,

Maren Jessen und Arnold Bussius, Preisträger Dr. Ommo Wilts, Laudator

Prof. Nils Århammar, Kuratoriums-Vorsitzender Peter Schnittgard

ring Dütsk und Dütsk Sölring)“.

Der Philologe Ommo Wilts arbeitete

daran zusammen mit Anna

Gantzel (18981984), einer Sylter

Sprachpfl egerin von großer Bedeutung.

Das Wörterbuch bildet

einen ersten Höhepunkt in Wilts’

didaktisch fundierter Wörter- und

Lehrbuchverfasserschaft. Es folgte

die Aufbereitung von Anna Gantzels

Übersetzung „Wü Jungen fan Bullerbü“

für den Schulunterricht. 1980

erschien auch bereits „Üüs sölring

Liirbok. Lehrbuch für den friesischen

Anfangsunterricht auf Sylt“. Gewissermaßen

als Krönung von Ommo

Wilts’ Arbeit für das Sölring erschien

im Jahr 1983 das sylterfriesische

Sach- und Lesebuch „Üt min Denkelbok“

(Aus meinem Notizbuch)

mit 48 Texten von Anna Gantzel.

Ommo Wilts lag stets auch die friesische

Literatur am Herzen. So bot

es sich an, dass er die Grundsatzrede

zum 100. Geburtstag von Jens Mungard,

dem produktivsten und wohl

von Ommo Wilts am 27. September

2002 im Sylter Heimatmuseum

in Keitum stattfand. Nach außen

hin habe Ommo Wilts all die Jahre

als Botschafter für die Sylter Sprache

und Kultur gewirkt.

Wo soll, so fragte Ommo Wilts in

seiner Dankrede, in den Familien, in

denen Sölring weitergegeben wird,

die künftige Generation der Friesischsprecher

noch Wohnraum und

Existenzmöglichkeiten fi nden auf

Sylt? Bei den Sorben in der Lausitz

hat man in DDR-Zeiten typisch

kommunistisch-primitiv im Interesse

der Braunkohlegewinnung einen

Teil des Sprachgebietes einfach

weggebaggert. Auf Sylt wird kapitalistisch

subtiler von Investoren

einfach alles weggekauft. C. P. Hansen

hat mit seinen Schriften einen

Zugang zum Friesischen eröffnet,

so Ommo Wilts abschließend. Auch

die heutige Sprach- und Kulturgemeinschaft

müsse für Nichtfriesen

offen stehen. Red.

Nordfriesland 173 März 2011 5

Foto: Linda Kupfer, Sylter Rundschau


Tönnies-Symposion in Husum: Life Sciences

Am 7. und 8. Mai wird in Husum

das 7. Internationale Tönnies-Symposion

abgehalten. Veranstalter sind

die Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft,

Kiel, das Institut für Technik-

und Wissenschaftsforschung der

Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

sowie das Nordfriisk Instituut,

Bred stedt. Das Thema lautet „Life

Sciences. Die Neukonstruktion des

Menschen?“ Veranstaltungsort ist

das 2010 fertiggestellte Nordsee-

CongressCentrum (NCC) Husum.

Die Veranstaltung steht unter der

Schirmherrschaft des Husumer

Bürgermeisters Rainer Maaß.

Im Rahmen des Symposions sollen

zwei Themenschwerpunkte

bearbeitet werden, nämlich die

humanmedizinischen Gen- und

Reproduktionstechnologien sowie

neuere Forschungen im Bereich der

künstlichen Intelligenz. Die Vorträge

des Symposions gliedern sich

in die folgenden Themenbereiche:

Friesisch an den Hochschulen

An den Hochschulen in Schleswig-Holstein

werden im Sommersemester

2011 voraussichtlich

folgende Lehrveranstaltungen zum

Friesischen angeboten:

Flensburg: Seminare/Übungen:

Einführung in die Frisistik

(Steensen) 2std. Grundzüge der

friesischen Landeskunde und

Geschichte im europäi schen Zusammenhang

(Steensen) 2std.

Zur nordfriesischen Phraseologie

Redewendungen und Sprichwörter

im Nordfriesischen (Faltings)

2std. Friesische Literatur

im Überblick (Joldrichsen) 2std.

Das Lektorieren und Editieren

nordfriesischer Texte (Joldrichsen)

2std. Seminare im Zertifi zierungsstudiengang:

Die friesische Sprache

und Landeskunde im Unterricht

(Steensen) 2std. Frühe nordfriesische

Sprachzeugnisse im Spiegel

ihrer sprachlichen Form (Faltings)

2std. Sprachkurse: Mooring I (Jold-

„1 Von Husum in die Welt“, „2 Die

Welt als Baukasten“, „3 Genesis 2“,

„4 Denkt ein Computer wie ein

Mann oder wie eine Frau?“, „5 Ersatzteillager

Mensch“, „6 Ökonomische

und politische Aspekte“ sowie

„7 Pädagogik und Religion ein anderer

Zugang: nach wie vor aktuell?“

In Bereich 1 steht nicht zuletzt die

Beschäftigung mit dem Wirken des

Soziologen Ferdinand Tönnies und

des Hirnforschers Oskar Vogt auf

dem Programm, die „von Husum

in die Welt“ hinein wirkten. Die von

Tönnies in Deutschland verankerte

Soziologie befasst sich gerade auch

mit den Problemen gesellschaftlicher

und politischer Teilhabe und

Verantwortung unter sich wandelnden

Bedingungen. In der von Oskar

Vogt wesentlich weiterentwickelten

Disziplin geht es auch um die

Möglichkeit, Menschen und ihr

Bewusstsein technisch-genetisch zu

manipulieren.

richsen) 2std. Fering I (Jannen)

2std. Friesischer Lektüre- und

Konversationskurs/Fering III (Jannen)

2std. Lektüre festlandsnordfriesischer

Texte (Steensen) 2std.

Kolloquium: Interdisziplinäres

Forschungskolloquium „Sprache“

(Jäkel) 1std.

Kiel: Proseminare: Einführung

in die Frisistik (Hoekstra) 2std.

Historische Grammatik des Friesischen

(Hoekstra) 2std. Sprachsoziologie:

Die friesischen Sprachen im

europäischen Vergleich (Walker)

Ged för‘t hood

Poche

Fölen mei hal gratem poche: Ik san en fresken!

Faan soken as miast ei föl tu ferhööbin.

Haben wir es mit einer gegenüber

dem 19. und 20. Jahrhundert

(Stichwort: Moderne) völlig veränderten

Situation zu tun (Stichwort:

Postmoderne)? Wer übernimmt die

Verantwortung dafür, das zu realisieren,

was möglich ist? Und wer

bestimmt, die Realisierung dessen,

was möglich ist, zu unterlassen?

Welches Wissen benötigen wir, um

an der Zukunft unserer Gesellschaft

in kompetenter und demokratischer

Weise mitzuwirken? Welche

Herausforderungen stellen sich für

Schule, Ausbildung und Medien?

So lauten einige Leitfragen für das

abschließende Podium.

Die Symposions-Beiträge wenden

sich das betonen die Veranstalter

nicht nur an das Fachpublikum,

sondern vor allem auch an

eine breitere interessierte Öffentlichkeit.

Nähere Informationen können

unter www.messehusum.de abgerufen

werden. Red.

2std. Morden im Norden. Regionalkrimis

am Beispiel Nordfrieslands

(Walker und Schmidt) 2std.

Lektüreübung: Jap. P. Hansen: Di

Gitshals of di Söl’ring Piðersdai

(Walker) 2std. Hauptseminar: Die

nordfriesische Theaterliteratur

(Hoekstra) 2std. Oberseminar:

Forschungskolloquium (Hoek stra)

2std. Sprachkurse: Mooring II

(N.N.) 2std. Mooring für Fortgeschrittene

(Walker) 2std. Fering

II (N.N.) 2std. Fering für Fortgeschrittene

(N.N.) 2std. Westfriesisch

II (Hoekstra) 2std.

Red.

Jakob Tholund

6 Nordfriesland 173 März 2011


Üt da

friiske feriine

E krouf bai e Wiidau

In dem Projekt „Der Krug an der

Wiedau“, das von den Organisationen

aller drei im Grenzland

beheimateten Minderheiten (Bund

deutscher Nordschleswiger, Friisk

Foriining, Sydslesvigsk Forening

Niebüll) organisiert wird, geht es

darum, eine Comedyserie in Form

von kurzen Radiospots zu produzieren,

deren Handlung sich um

die Geschehnisse an der Westküste

Südjütlands / Schleswigs dreht.

In dem fi ktiven kleinen Krug in

einem kleinen Dorf an der schleswigschen

Westküste, direkt an der

Wiedau und somit an der deutschdänischen

Grenze gelegen, werden

fünf Sprachen gesprochen: Reichsdänisch,

Süderjütisch, Friesisch,

Fresen-DVD

Nordfriislon Det san wi: so heet

‘n Film över de Nordfresen, den de

Frasche Rädj (Interfriesischer Rat,

Sektion Nord) verleden Johr produzeren

laten hett. Dat is ‘n DVD, de

knapp över ‘n Stünn duern deit, un

wo ok de Beopdraagte vun de Bunnesregerung

för Kultur un Medien,

BKM, Geld mit togeven hett.

Wenn een de Spegelplatt in sien

DVD-Speler starten deit, kann ‘n

sik de Spraak Freesch oder Hoochdüütsch

utsöken. Un dat weer

goot för mi, denn ik bün jo nich

wiet weg vun Bremen an de Weser

boren worrn. Un dat Ganze is jo

wat VUN Fresen för NICH-Fresen,

also, wo Lüüd as ik wat över Nordfreesland

un nordfreesche Minschen

to weten kriegen schüllt. Un wat dat

angeiht, dor kann ik Elin Rosteck,

de as Autorin un Regisseurin den

Film maakt hett, blots graleren.

Denn bi ehr Arbeit is ganz wat besünners

rutsuert. Ehr Film hett mi

vun de eersten Biller, vun de eerste

Musik, vun’t eerst Woort an packt,

Plattdeutsch und Hochdeutsch, und

das nicht immer nur von verschiedenen

Leuten. Viele Stammgäste

kennen alle diese Sprachen, zumindest

passiv. So herrscht am Tresen

und am Stammtisch von Pørksens

Kro / Pörksens Krouf ein sprachliches

Gewirr, das den Auswärtigen an babylonische

Verhältnisse erinnert. Für

die Einheimischen aber stellt es eine

über die Jahrhunderte gewachsene

Notwendigkeit dar in einer Region,

in der Jüten, Friesen und Deutsche

sich denselben Dorfkrug teilen.

Auch wenn für das Projekt ein fi ktiver

Handlungsort gewählt wurde,

stehen diese Gaststätten immer

noch in Dörfern wie Rosenkranz,

Rudbøl, Rodenäs oder in der Hoyer

Marsch. Innerhalb der gesamten Europäischen

Union stellt diese sprachliche

Vielfalt auf so engem Raum ein

absolutes Unikum dar. Es zeigt die

enge historische und kulturelle Verbundenheit

des alten Herzogtums

Schleswig über die deutsch-dänische

Grenze hinweg.

hett mi as so’n Well mitnahmen. Ik

kunn nich anners un möss den Film

to Enn kieken. Egentlich wull ik dor

an den Avend blots kott mol rinsnuven.

Aver ik weer bang, ik kunn

welk vun de Lüüd, de se mit vörstellt

hett, wat vun jümehr Geschichten

oder aver ok wat vun de Historie

vun Nordfreesland verpassen.

Elin Rosteck vertellt allens in ehrn

Film ganz knapp, mit man blots

soveel Wöör as jüst nödig sünd. Wat

de Minschen ehr vertellt hebbt, is op

kotte Dele tosamensneden worrn un

de Biller un Kamera-Instellungen

ännert sik in een Tour. Dorto kümmt

de Musik, de mi jüst so in een Tour

jümmers wedder överrascht hett.

Mol is dat Musik, de an’n fl otten

Reisebericht erinnern deit, mol een,

wo ik an’n spannend naspeelt Stück

Geschichte denken mutt, un wenn

Elin Live-Akkor deonmusik hebben

will, denn sett se de Spelersch meern

op ‘n grote gröne Wisch, wiest uns,

wo se dor speelt un nimmt de Musik

för’t Ünnermalen vun ganz anner

Fernseh-Biller.

Jede Folge ist mehrsprachig, die

Charaktere unterhalten sich in

sämtlichen angestammten Sprachen

der Region. Dabei sollen die

Dialoge so aufgebaut werden, dass

ein Verständnis der Handlung auch

ohne vorherige tiefe Kenntnisse

aller gesprochenen Sprachen und

Idiome möglich sein soll. Wichtig

ist das Aufzeigen von Gemeinsamkeiten

in Kultur und Mentalität.

Sprache und Kultur soll in unterhaltsamer

und lustiger Form für

alle Hörer nachvollziehbar vermittelt

werden.

Die einzelnen Folgen sollen jeweils

eine Gesamtdauer von drei bis vier

Minuten nicht überschreiten. Das

fertige Produkt soll interessierten

Einrichtungen wie Offener Kanal

Westküste, Radio Magic Music,

Radio Moijn kostenlos zur Ausstrahlung

überlassen werden. Daneben

sollen sämtliche Folgen im Internet

als Podcast und über You Tube zum

Download zur Verfügung stehen.

Manfred Nissen

De Film höllt sien groot Tempo, dat

Elin Rosteck vun‘n Anfang bet to’t

Enn dör. Un dat is jüst richtig so: Ik

kaam bi’t Tokieken nich ut de Puust,

nee, ik heff groten Spaass doran,

dat Tempo „mittokieken“ un föhl

mi an’t Enn vun den Film risch un

frisch un frei mi. Un ik krieg Lust,

em mi noch mol antokieken. Un dat

do ik ok. Glieks vunavend.

Hartmut Cyriacks

Nordfriesland 173 März 2011 7


Nordfriesland

im Winter

2. Dezember 2010

#. März 2011

� Mit einer bundesweiten Kampagne

sollen die besonderen Werte

des Weltnaturerbes Wattenmeer

vermittelt und die Entwicklung

eines nachhaltigen Tourismus unterstützt

werden. Das Thema wurde

auf der Jahres-Vollversammlung

der 68 deutschen Nationalpark-

Wattführerinnen und -führer am

15. Januar in Tönning diskutiert.

2010 begleiteten die Führer trotz einer

nur kurzen Schönwetterperiode

rund 40 000 Gäste auf 1 600 Wanderungen

durchs Watt. Matthias

Kundy von der Nationalparkverwaltung

berichtete, dass das umfangreiche

Fortbildungsangebot für die

Wattführer gut genutzt worden sei.

„Damit werden die hohe Qualität

der Führungen und die Sicherheit

der Gäste weiterhin gewährleistet.“

� Zehn Jahre Wirtschaftsförderungsgesellschaft

(WFG) Nordfriesland

feierten rund 200 geladene

Gäste aus Wirtschaft, Politik, Tourismus

und Kultur am 18. Januar

im Nordsee-Congress-Centrum in

Husum. Geschäftsführer Dr. Matthias

Hüppauff präsentierte die zehn

„WFG-Gebote“ und hob besonders

das Basisgeschäft Tourismus, von

dem etwa 25 000 Arbeitsplätze

direkt abhängen, die Windkraft-

Branche sowie die Bundeswehr

hervor, die rund 5 500 militärische

und zivile Jobs in Nordfriesland

vorhält. Hans-Jörn Arp (MdL),

Mittelstandsbeauftragter der CDU,

unterstrich, dass Schleswig-Holstein

zu 98 Prozent von mittelständischen

Betrieben getragen werde. Für

Nordfriesland habe die Landesregierung

in den letzten zehn Jahren

89 Maßnahmen genehmigt und

23 Millionen Euro an Zuschüssen

gezahlt. Landrat Dieter Harrsen lobte

„das dynamische Team“ der WFG

im Husumer Torhaus.

� Die Gemeindevertretung von

Koldenbüttel wählte am 18. Januar

einstimmig Frank Kobrow zum neuen

Bürgermeister. Der 45-jährige

Diplom-Sozialpädagoge löste damit

den stellvertretenden Bürgermeister

Jan-Friedrich Clausen ab, der seit

dem Tod von Dr. Andreas Bensel

die Amtsgeschäfte führte. Kobrow

gehört der Vertretung seit 2003 an.

Am 3. Februar wählte die Mildstedter

Gemeindevertretung Bernd

Heiber zum neuen Bürgermeister.

Er wurde Nachfolger von Klaus

Hinrichs, der aus Altersgründen

zurückgetreten war. Der 54-jährige

gebürtige Augsburger war Stabsoffi

zier der Bundeswehr und Jet-Pilot.

Er wohnt seit 1984 in Nordfriesland

und ist seit über zehn Jahren in

der Mildstedter Kommunalpolitik

engagiert.

� In Nordfriesland ist in Kampen

auf Sylt (Index: 354,3) das Wohnen

am teuersten, in Högel (63,2) östlich

von Bredstedt am günstigsten. Dies

besagte ein im Januar veröffentlichter

Wohnindex des Hamburger

Instituts F + B Forschung und Beratung

für Wohnen, Immobilien und

Umwelt. 412 untersuchte Kreise

und kreisfreie Städte in Deutschland

lieferten den Durchschnittswert

100. Im Vergleich der Kreise liegt

Nordfriesland mit einem Index von

108,1 auf Platz 97 in Deutschland.

Spitzenreiter ist hier der Kreis München

mit dem Wert 216, letzter der

Kreis Görlitz in Sachsen (52,8). Untersucht

wurde die Preisentwicklung

von Eigenheimen kombiniert mit

der Wertentwicklung von Mehrfamilienhäusern

und den Trends von

Neuvertrags- und Bestandsmieten.

� Mit seinem Bild „Tropfenblumen“

gewann der Husumer

Hobbyfotograf Peter Gubatz den

zweiten Preis bei Europas größtem

Fotowettbewerb. „Blende 2010“

wird jährlich von deutschen Tages-

zeitungen in Zusammenarbeit mit

der Fotografi e-Fördergesellschaft

Prophoto ausgeschrieben. Freunde

drängten den 66-jährigen früheren

Berufssoldaten zur Teilnahme an

dem Wettbewerb mit dem Motto

„Die Welt der kleinen Dinge“. Gubatz

siegte zunächst in der Vorausscheidung

des Schleswig-Holsteinischen

Zeitungsverlags und nahm im

Februar für seinen zweiten Platz im

Hauptfeld ein Preisgeld von 2 500

Euro entgegen.

� Auf Anfrage der CDU im Kreistag

Anfang Februar veranlasste die

Verwaltung die Einführung vierstelliger

Zahlen im Kfz-Kennzeichen

des Kreises Nordfriesland. Dadurch

sollen mehr Wunschkombinationen

z. B. mit dem Geburtsdatum oder

-jahr, mit alten Telefonnummern

oder Lieblingszahlen ermöglicht

werden. „Wir möchten mit diesem

Anstoß dazu beitragen, dass sich

viele Nordfriesen, Unternehmen

und Einrichtungen auf einfache Art

und Weise einen kleinen Wunsch

mehr erfüllen können“, erläuterte

Fraktions-Chef Tim Hanke. Durch

Um- und Neuanmeldungen rechnet

der Kreis mit Zusatzeinnahmen.

Anfang 2011 waren 139 903 Fahrzeuge,

darunter rund 90 800 Pkw,

7 550 Lkw, 21 500 Anhänger und

8 500 Motorräder in Nordfriesland

angemeldet.

� Am 11. Februar wurden die sterblichen

Überreste von Rio Reiser

von Fresenhagen nach Berlin-Schöneberg

umgebettet. Der Sänger der

Kult-Rockband „Ton, Steine, Scherben“,

dessen bürgerlicher Name

Ralph Möbius lautete, hatte 1996

mit einer Ausnahmegenehmigung

der damaligen Ministerpräsidentin

von Schleswig-Holstein Heide Simonis

im Garten eines alten Hofes

seine letzte Ruhe gefunden. 1975

erwarb die Band das über 230 Jahre

alte Bauernhaus in der Gemeinde

Stadum und gründete eine Landkommune.

Nach dem frühen Tod

des „Königs von Deutschland“

wurde das „Rio Reiser Haus“ zum

8 Nordfriesland 173 März 2011


� Bravo-Rufe und stürmischer

Applaus waren der

Lohn für eine überzeugende

Aufführung der Musical-Revue

„The Magical

World of Mary Poppins“

am 13. Februar im ausverkauften

Husumhus.

Die Begeisterung galt dem

Föhrer Ensemble „Junge

Stimmen des Nordens“

unter der Leitung von Studienrätin

Doris Rethwisch.

Die Truppe setzt sich ausnahmslos

aus Schülerinnen

und Schülern sowie jungen

Erwachsenen zusammen.

„Uns gefi el die Akustik im Husum hus, und die Zeit war reif, jetzt auch über die Insel hinaus aktiver zu werden“,

erklärte die Leiterin. Besonders überzeugen konnte ihre 18-jährige Tochter Lisa Rethwisch in der Hauptrolle,

die mit Stimme und Ausstrahlung das Publikum in ihren Bann zog. Für die aufwendig arrangierten Tanzszenen

zeichnete Choreografi n Anna Katharina Meier verantwortlich.

Treffpunkt seiner Anhänger. Mit

Konzerten, Lesungen, Wochenendseminaren

und Theaterabenden huldigten

sie ihrem Idol (vgl. Thomas

Steensen: Ton Steine Scherben. Rio

Reiser und die Freie Republik Fresenhagen.

In: NORDFRIESLAND 170).

Nun sahen sich seine Brüder Gert

und Peter Möbius aus wirtschaftlichen

Gründen genötigt, das Haus

zu verkaufen.

� Die vielleicht erste Stickbilderausstellung

in Deutschland wird bis

3. April in der „Kulturstation Zollhäuser

Rodenäs“ gezeigt. Ungefähr

die Hälfte der 256 Bilder kommt

aus Dänemark, erläuterte Elke

Nord, eine der beiden Vorsitzenden

des Vereins Kulturstation. „Sticken

ist keineswegs eine Handarbeit von

Gestern“, betonte ihre Kollegin

Barbara Schmidt-Tychsen und wies

weiter darauf hin, dass Sticken auch

nicht nur Frauensache sei. So wuchs

z. B. Friseurmeister Emil Botte aus

Neukirchen mit acht Geschwistern

auf, die angehalten waren, ihre Kleidung

selbst in Ordnung zu bringen.

Er lernte u. a. das Stopfen, Flicken,

Nähen und Stricken. Mit 60 Jahren

begann er, Bilder zu sticken. Für

eine Arbeit mit etwa 50 000 Kreuzstichen

benötigt Botte rund 1 000

Stunden. Drei große Bilder stellte er

für die Ausstellung zur Verfügung.

� Im Alter von 67 Jahren verstarb

am 16. Februar in Niebüll der Verleger

und Schriftsteller Hans Joachim

Alpers. Vor allem als Autor von

Science-Fiction- und Fantasy-

Romanen machte er sich einen

Namen. Häufi g schrieb er unter

Pseudonymen wie Jörn de Vries,

Daniel Herbst oder Mischa Morrison.

Alpers sorgte u. a. für eine angemessene

Übersetzung der Romane

von Philip K. Dick, die Filmen wie

„Blade Runner“ mit Harrison Ford

oder „Total recall Die totale Erinnerung“

mit Arnold Schwarzenegger

zugrunde lagen. Jungen deutschen

Talenten stand Alpers als Literaturagent

zur Seite. Für sein Wirken

im Bereich der Science-Fiction

ehrten die deutschen Science-Fiction-Schaffenden

den studierten

Ingenieur, Politik- und Erziehungswissenschaftler

mehrfach mit dem

Kurd-Laßwitz-Preis.

� Der Musiklehrer Jan Hahn von

der Theodor-Storm-Schule in

Husum wurde zum besten Lehrer

Deutschlands gewählt. An der

Aktion der Internet-Schülerzeitung

spickmich.de beteiligten sich über

210 000 Schülerinnen und Schüler.

Bewertet wurden Leistungen im

Schulhalbjahr 2010/11 u. a. in den

Kategorien „guter Unterricht“, „cool

und witzig“, „fachlich kompetent“,

„faire Noten“, „faire Prüfungen“, „beliebt“,

„motiviert“ und „vorbildliches

Auftreten“. Der 32-jährige Husumer

Lehrer erhielt die Gesamtnote 1,2.

Die Durchschnittsnote aller Lehrer

in Deutschland lag bei 2,8.

� Die Zahl der Privatinsolvenzen

hat in Nordfriesland leicht abgenommen.

Sie sank 2010 im Vergleich

zum Vorjahr um drei Prozent

auf 355 neue Anträge. Die Zahlen

wurden am 23. Februar von der

Hamburger Wirtschaftsauskunftei

Bürgel veröffentlicht. Damit verlief

die Entwicklung in Nordfriesland

gegen den allgemeinen Trend in

Norddeutschland. Die Länder Bremen,

Niedersachsen und Schleswig-

Holstein, das eine Steigerung um

2,5 Prozent aufzuweisen hat, liegen

an der Spitze des Schuldenatlasses.

Ursachen seien unwirtschaftliche

Haushaltsführung und wenig Erfahrung

im Umgang mit Geld gerade

bei jungen Menschen. Alleinerziehende

Frauen stellten die größte Risikogruppe,

hieß es in der Studie.

Harry Kunz

Nordfriesland 173 März 2011 9

Foto: Junge Stimmen des Nordens


pro deerfor

In den Küstenniederungen Schleswig-Holsteins

wohnen heute fast 345 000 Menschen. Das ist das

Ergebnis eines langen Kampfes und technischer

Meisterleistungen. Jede Generation hat das Ihrige

getan, um das von Überfl utung bedrohte Viertel

der Landesfl äche sicherer zu machen. Über Jahrhunderte

wurde der Deichbau in Eigenverantwortung

geleistet und fi nanziert, und daraus erwuchs

in den Küstenregionen mit Recht ein Stolz auf

Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Doch die

Katastrophensturmfl ut 1962 hat ganz Deutschland

vor Augen geführt, dass man die Küstenregionen

nicht länger mit der Bedrohung allein lassen darf.

Das Land hat 1971 die Verantwortung für die

Landesschutzdeiche übernommen, seither wurden

für den Küstenschutz etwa 2,4 Milliarden Euro zur

Verfügung gestellt. In diesem Jahr wenden wir insgesamt

rund 60 Millionen Euro auf, davon 18 Millionen

Euro für die Unterhaltung der landeseigenen

Küstenschutzanlagen und über 41 Millionen Euro

für investive Maßnahmen. Bei den Investitionen

erhalten wir von EU und Bund Zuschüsse, die Ausdruck

einer deutschland- und europaweiten Solidarität

mit den Menschen in den Küstenregionen und

Niederungsgebieten sind. Hierauf sind wir weiterhin

angewiesen. Auch andere Regionen müssen

mit ähnlichen oder ungüns tigeren Gegebenheiten

umgehen. Auch wenn in Deutschland grundsätzlich

überall gleiche Lebensbedingungen angestrebt

werden, so muss etwa in den hochwassergefährdeten

Flussgebieten oder in den Gebirgsregionen von

den Betroffenen auch ein gewisser Teil der Vorsorge

in Eigenleistung erbracht werden.

Ebenso werden Bürger für bestimmte Leistungen

zu Beiträgen herangezogen, zum Beispiel beteiligen

die Gemeinden ihre Bürger an den Ausbaukosten

von Anwohnerstraßen. Die Sicherung der Vorfl

ut im Binnenland wird über Verbandsbeiträge

ebenfalls anteilig von den Vorteilhabenden mitfi

nanziert. Ich halte es deshalb grundsätzlich für

vertretbar, die Vorteilhabenden des Küstenschutzes

mit etwa zehn Prozent der Gesamtkosten am Bau

von Küstenschutzanlagen, Sandvorspülungen oder

Instandhaltung von Deichen zu beteiligen.

Insbesondere an der Ostküste werden die Anwohner

auch heute noch von den örtlichen Wasser- und

Bodenverbänden über Verbandsbeiträge an den

Kosten für Bau und Instandhaltung der Küsten-

schutzanlagen beteiligt. Bis 1970, als das Land

vielerorts an die Stelle der Deichverbände trat,

wurde von den Wasser- und Bodenverbänden sogar

überall an den Küsten eine Deichumlage erhoben,

die zum Beispiel in Dithmarschen 27 D-Mark pro

Hektar betrug.

Abstriche im Umfang der Aufgabenerledigung sind

aus meiner Sicht nicht möglich. Organisatorisch

und personell haben wir mit dem Landesbetrieb

für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz,

in dem sämtliche Aufgaben des Küstenschutzes

zusammengefasst sind, die Optimierungspotenziale

weitgehend ausgeschöpft.

Nach dem Generalplan Küstenschutz sind bis

2025 Investitionen in einem Gesamtvolumen von

rund 575 Millionen Euro erforderlich, um auch

im Hinblick auf den Klimawandel das erreichte

Sicherungsniveau zu halten. Unsere Aufgaben werden

in Zukunft eher noch zunehmen. Notwendig

sind zum Beispiel die Verstärkung der Landesschutzdeiche

(325 Mio. Euro), Vorlandarbeiten,

Halligschutz (150 Mio. Euro), Sandaufspülungen

(95 Mio. Euro) sowie Investitionen in Regionaldeiche

und Verteidigungswege (105 Mio. Euro).

Auch künftig werden 90 Prozent der Kosten von

der Allgemeinheit getragen. Doch die Finanzierung

der notwendigen Maßnahmen wird durch die unumgängliche

Konsolidierung des Landeshaushaltes

immer schwieriger. Hier geht es um die Zukunftsfähigkeit

unseres Landes. Gelingt es nicht, in den

nächsten zehn Jahren jährlich wenigstens 125 Mio.

Euro einzusparen, gehen die Gestaltungsspielräume

für eine eigenständige Politik im Lande auf Null.

Vielen Gruppen im Lande müssen wir daher Kürzungen

zumuten und Belastungen auferlegen. Die

Herausforderungen der Zukunft werden wir nur

dann meistern, wenn alle Beteiligten zusammenstehen

und die Lasten gemeinsam tragen.

Dr. Juliane Rumpf (CDU)

ist studierte Agrarwissenschaftlerin

und war

seit 1985 im Finanzministerium

tätig. Seit

2009 ist sie Ministerin

für Landwirtschaft,

Umwelt und ländliche

Räume. (Adresse: Mercatorstr.

3, 24106 Kiel)

10 Nordfriesland 173 März 2011


Küstenschutzabgabe

Zu den Vorschlägen der Landesregierung

zur Sanierung des Haushalts

gehört auch die Erhebung einer

speziellen Abgabe von Bürgern, die

in besonderem Maße von den Küstenschutzmaßnahmen

profi tieren. Dagegen

erhob sich Widerstand. NORDFRIES-

LAND bat Dr. Juliane Rumpf, Ministerin

für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche

Räume und als solche zuständig

für den Küstenschutz, und Nordfrieslands

Landrat Dieter Harrsen, dazu

Stellung zu nehmen.

contra deeriinj

Wenn das hoch verschuldete Land Schleswig-

Holstein eine ernsthafte Haushaltskonsolidierung

betreibt, ist das erst einmal eine gute Nachricht für

seine 2,8 Millionen Einwohner. Doch jede Mehreinnahme

muss sachlich gerechtfertigt und verfassungsrechtlich

in Ordnung sein. Beides ist bei der

geplanten Küstenschutzabgabe nicht der Fall.

Zum einen wäre sie inhaltlich ungerecht: Die

Landesregierung will die 300 000 Menschen in

den potenziellen Überfl utungsgebieten zur Kasse

bitten, die Einwohner der höher gelegenen Landesteile

aber nicht. Sind denn die Küstengebiete

eine Last und nicht ein Gewinn für das ganze

Land? Stellen sie nicht Arbeitsplätze auch für

Menschen bereit, die auf der Geest leben? Dienen

sie nicht als Naherholungsgebiete für alle Schleswig-Holsteiner?

Trägt die Nähe zu den Küstenorten

und -regionen nicht ganz erheblich dazu bei,

dass Urlaubsgäste sich im Binnenland einmieten?

Allein die Kreise Nordfriesland und Dithmarschen

verzeichnen jährlich rund 16 Millionen

Tagesausfl ügler.

Und sind denn die 300 000 Küstenbewohner allein

für den Anstieg des Meeresspiegels und damit

für die Notwendigkeit immer höherer Deiche

verantwortlich? Oder müssen nicht schon rechnerisch

die 2,5 Millionen anderen Einwohner des

Landes mit ihren Pkw-Fahrten, Heizungsanlagen

und Flugreisen einen wesentlich größeren Anteil

daran tragen? Dabei ist jedem klar, dass selbst die

Bewohner unseres industriearmen Landes nur eine

geringe Rolle bei der Umweltverschmutzung spielen:

Wer die Ursache für den Klimawandel sucht,

muss global denken und dürfte nicht allein den

Küstenbewohnern die Rechnung für einen Schaden

präsentieren, den sie nur zu geringsten Teilen

selbst verursacht haben.

Um auch die verfassungsrechtliche Seite abzuklären,

haben die Insel Sylt, die Insel- und

Halligkonferenz und der Kreis Nordfriesland

Professor Dr. Matthias Dombert um ein Rechtsgutachten

gebeten. Er kam zu dem Ergebnis, dass

die Küstenschutzabgabe verfassungswidrig wäre:

Die Landesregierung selbst hat eingeräumt, dass

sie eigentlich eine Küstenschutzsteuer erheben

und somit alle Einwohner gleichmäßig belasten

wollte. Diesen Spielraum lässt ihr die Verfassung

jedoch nicht. Erst, nachdem sie dies erkannt hatte,

schwenkte die Regierung auf eine Abgabe für

die Überfl utungsgebiete um. „Die Konsequenz

aus der fehlenden Steuerkompetenz kann nun

aber nicht sein, in diesem Falle dann auf eine

Vorteilsabschöpfung Weniger zurückzugreifen“,

urteilt Prof. Dombert. Er weist darauf hin, dass

der Küstenschutz jahrzehntelang als Ausdruck

des Solidarprinzips angesehen und deshalb aus

allgemeinen Steuermitteln fi nanziert wurde. Das

Gebot der Systemgerechtigkeit verwehre es dem

Gesetzgeber, hiervon zum Nachteil Weniger abzuweichen.

Ich bin sicher: Sollte die Regierung die Küstenschutzabgabe

trotz aller Gegengründe erheben,

werden die ersten zur Zahlung Aufgeforderten

den Klageweg beschreiten. Und am Ende wird das

Verfassungsgericht die Abgabe für rechtswidrig

erklären.

Dieter Harrsen ist Diplom-Verwaltungsfachwirt

und war von 1991

bis 2007 Leitender Verwaltungsbeamter

beim

Amt Pellworm. Am

30. September 2007 wurde

er direkt zum Landrat

des Kreises Nordfriesland

gewählt. (Adresse: Kreishaus,

Marktstraße, 25813

Hüsem/Husum, NF.)

Nordfriesland 173 März 2011 11


Jakob Tholund:

Ein Geschenk der Natur

Überlegungen zum 100-jährigen

Wyker Stadtjubiläum

Im Jahre 2010 feierte Wyk auf Föhr mit zahlreichen Veranstaltungen den 100. Jahrestag

der Verleihung des Stadtrechtes. Den Vortrag zur Eröffnung der zentralen

Jubiläumswoche am 14. August im Kurgartensaal hielt Jakob Tholund. Der frühere

langjährige Vorsitzende des Friesenrats und ehemalige Direktor des Wyker Gymnasiums,

der aus Oevenum stammt und seit 1965 in Wyk lebt, betrachtete Stationen

der Wyker Geschichte und auch die Spannungen zwischen Wykern und Föhringern.

NORDFRIESLAND bringt den für den Druck bearbeiteten Text.

Der traditionelle Sprachgebrauch hat sich bis

heute erhalten. Man wohnt nicht „in“ Wyk, wi

waanen ,,bi de Wyk“. Die Besiedlung Wyks erfolgte

größtenteils nicht von den Inseldörfern, die viel

älter sind als die Siedlung „an der Bucht“, sondern

vor allem von den Halligen und auch vom Festland

aus. Anlass für die Einwanderung von den

Halligen waren zumal die verheerenden Sturmfl uten.

Viele Bewohner kamen von Nordstrand, viele

auch von Dagebüll, einer ehemaligen Hallig. Diese

„Immigranten“ sprachen weiter ihre Sprache, eben

nicht Fering, sondern Frasch oder Halligfriesisch.

Es gab also auch sprachliche Differenzen zwischen

den Wyker Neubürgern und der alteingesessenen

Dorfbevölkerung Föhrs. Das Bewusstsein, dass es

sich bei den Wykern und den Föhringern in gleicher

Weise um Nordfriesen handelte, war wenig

ausgeprägt. Gemeinsame Verkehrssprache wurde

meist Plattdeutsch, das sich dann zunehmend auf

Osterlandföhr ausbreitete und dort in Nieblum

eine Hochburg entwickelte. Das Wyker Friesisch

ist im 19. Jahrhundert ausgestorben.

Der schwedische Friesisch-Professor Nils Århammar

leitet den Namen Föhr von dem Verb „fahren“

ab. Gemeint ist damit eine Insel, zu der man

„hinfahren“, besser noch: an der man „anlanden“

kann. Und genau an dieser Stelle der Insel, bi de

Wik, bei der Bucht, lag die neue Siedlung, richtiger:

Gerade deshalb haben sich die Menschen hier

angesiedelt. Damit ist die besondere Funktion

dieses Ortes für die Insel vorgegeben: Wyk ist ein

Geschenk der Natur!

Man kann sagen, dass der Wyker Hafen über

Jahrhunderte Zentrum der Ortsgeschichte war.

Immer wieder haben die Bewohner um ihren

Hafen gekämpft, keine Schulden gescheut übrigens

eine der hartnäckigsten Traditionen Wyks ,

zum Beispiel auf den Bau einer eigenen Kirche

verzichtet und sich lange mit einem hölzernen

Glockenturm begnügt, weil sie genau wussten,

dass der Hafen Grundlage ihrer Existenz und ihres

Wohlstandes ist.

Wyks Aufstieg von der spätesten Ansiedlung mit

wenigen Häusern zum größten Ort der Insel

verlief zwar nicht gerade rasant, aber insgesamt

doch relativ stetig. Schon 1706 erhielt Wyk die

Fleckensgerechtigkeit. Mit diesem Privileg war

die Grundlage für die Entwicklung von Handel

und Gewerbe geschaffen. Ergänzt wurde die Entwicklung

1710 durch die Verleihung der Marktgerechtigkeit,

sodass Wyk eine zentrale Rolle nicht

nur für Föhr, sondern insgesamt für die Utlande

spielen konnte.

Von Wykern und Föhringern

Empfanden die Föhringer insgesamt schon

die „Friesen“ in Wyk als „Fremde“, so führte

die schnelle Entwicklung des Ortes zu neuen

Spannungen. Nach der Erteilung der Fleckensgerechtigkeit

versuchten die Wyker Handel und

Handwerk auf der Insel zu monopolisieren. Man

schickte Eingaben nach Tondern und auch nach

Kopenhagen, um Handel und Gewerbe in den

Landgemeinden zu unterbinden. Die Bemühungen

blieben ohne Erfolg. Um 1800 gab es auf

Westerlandföhr 52 und auf Osterlandföhr sogar

101 Handels- und Gewerbetreibende, davon allein

24 Krämer in den Dörfern Osterland-Föhrs.

12 Nordfriesland 173 März 2011


Föhrer Strandleben am Abend. Gemälde von Otto Heinrich Engel aus dem Jahre 1911. Der Fremdenverkehr, die

wichtigste Einnahmequelle, beruht auf der Schönheit der Insel und ist letztlich auch ein Geschenk der Natur.

Was die Wyker erreichten, war für keinen ein

Vorteil: Das Verhältnis zwischen dem Flecken und

den Landgemeinden verschlechterte sich immer

mehr. Der Versuch einer „Wiedervereinigung“

des Fleckens mit der Landschaft Osterland-Föhr

scheiterte an der hohen Verschuldung Wyks.

Fremdenverkehr und Meeresheilkunde

Entscheidend für die Entwicklung Wyks in neuerer

Zeit war die Gründung des Seebades im Jahre

1819. Es war ein Fremder, der die Initiative zu

diesem Projekt ergriff, der Land- und Gerichtsvogt

Johann Friedrich von Colditz. Immer wieder

können wir feststellen, dass von Fremden neue

Impulse ausgingen, die Wyk voranbrachten.

Die Einrichtung des Seebades löste allerdings Widerstand

aus. Nicht zuletzt in den Landgemeinden

sah man die Moral gefährdet. Der damals

sehr bekannte Reiseschriftsteller Johann Georg

Kohl schrieb um 1850: „Auf Wyk ... sehen die

Binnenländer, Bewohner der Dörfer, wenn nicht

gerade wie auf Sodom und Gomorrha, doch nicht

ohne etwas Mißtrauen herab, und die Prediger

der Dörfer des Innern (Föhrs) ziehen oft gegen

Wyk, wo gespielt und getrunken wird, wo Schiffe

und fremde Badegäste die Einfachheit der Sitten

verderben, wo die jungen Mädchen in Verachtung

der alten Sitten sich mehr und mehr deutsch kleiden,

zu Felde.“ Auf Amrum ging die Skepsis gegen

diese Entwicklung so weit, dass man sich durch die

Errichtung des streng christlichen Seehospizes des

Pastors Bodelschwingh Rettung des Seelenheils erhoffte.

Heute wissen wir, dass die Errichtung der

Seebadeanstalt eine Entwicklung einleitete, die

über Generationen zur Existenzgrundlage Wyks

und schließlich der gesamten Insel Föhr geworden

ist. Ohne die „Friesen und Fremden“ aus Wyk

wäre das nicht möglich gewesen.

Der Aufschwung Wyks bekam nach der Gründung

des deutschen Kaiserreichs 1871 frische

Dynamik. In der Auseinandersetzung mit Dänemark

hatten Wyk und Osterlandföhr schon

entschieden auf der schleswig-holsteinischen und

deutschen Seite gestanden. Man hat das auf einer

Nordfriesland 173 März 2011 13

Abbildung: Museum Kunst der Westküste, Alkersum auf Föhr


Das Wirken von Dr. Karl Gmelin und Dr. Carl Häberlin

war für die Entwicklung von Wyk auf Föhr von großer

Bedeutung.

der Inschriften am Wyker Glockenturm deutlich

dokumentiert. Hier wird von der „Befreiung“ von

dänischer Herrschaft gesprochen.

Ein wahrer Glücksfall für den Ort war es, dass

um 1900 zwei überragende Persönlichkeiten

aus dem Süden Deutschlands hier zu wirken

begannen: die Doktoren Karl Gmelin und Carl

Häberlin. Gmelin schuf das Nordseesanatorium

am Südstrand ein Projekt, das man heute gewiss

nicht mehr realisieren könnte , ließ die Gebäude

errichten von August Endell, einem der bekanntesten

Architekten des Jugendstils, und zwar ohne

Rücksicht auf gewachsene Bau traditionen in unserer

Landschaft, und versuchte, in einem eigens

erbauten „Pädagogium“ die lebensreformerischen

Ideen von damals zu verwirklichen.

Carl Häberlin erkannte als ein Zugereister die

Eigenheiten und den Wert der friesischen Volkskultur

besser als alle Einheimischen, gründete das

Friesenmuseum, das ein Kleinod auf unserer Insel

wurde und dies auch bleiben muss. Daneben hat

Prof. Häberlin als Arzt und Wissenschaftler die

Grundlagen der Meeresheilkunde als eigene medizinischer

Disziplin geschaffen. Die Haltung der

Insulaner hat er einmal so gekennzeichnet: Die

Menschen auf Föhr seien gut zu Tieren, zu Frauen

und zu Alten. Eben in der Zeit seines ersten

Wirkens, 1910, erhielt Wyk die Stadtrechte.

Kriegs- und Krisenzeiten

Mein Großvater, ein jütischer Einwanderer, der

in Toftum lebte und als Tagelöhner sein Brot verdiente,

musste im Herbst, so hat er immer erzählt,

50 Mark auf der hohen Kante haben, um seine

Familie gut über den Winter bringen zu können.

So wertvoll war damals das Geld. Heute kann von

25 Euro ein einzelner Mensch kaum einen einzigen

Tag leben! Es war aber nicht nur der Wert des

Geldes, der dazu führte, dass man mit 50 Mark

eine Familie nahezu ein halbes Jahr versorgen

konnte. Es war auch oder sogar vor allem die

Anspruchslosigkeit der Menschen. Vielleicht ist

es erlaubt, uns Wohlstandsbürger im Jahre 2010

einmal darauf hinzuweisen.

Diese anspruchslosen Menschen waren Untertanen

einer glanzvollen Monarchie. Nur vier Jahre

genoss die junge „Stadt“ Wyk den Frieden dieses

Kaiserreiches. Dann folgten vier Jahrzehnte mörderischer

Katastrophen. Voller Begeisterung marschierten

die Soldaten 1914 in den Krieg. Es gab

fast keine Zweifel an einem schnellen Sieg, an eine

glanzvolle Zukunft für die Weltmacht Deutschland.

1918 musste Deutschland kapitulieren. Und

im Friedensvertrag von Versailles wurde den Verlierern

eine gnadenlose Rechnung präsentiert.

Der deutsche Nationalismus blieb ungebrochen

auch in Wyk auf Föhr. Ein Blick auf eine der

Erinnerungstafeln am Wyker Glockenturm reicht

aus, um das zu erkennen. Der Friedensvertrag von

Versailles sah Volksabstimmungen im deutsch-dänischen

Grenzgebiet vor. Auch auf Föhr gab es leidenschaftliche

Auseinandersetzungen, die oft Familien

auf Lebenszeit entzweiten. Während es im

Westen der Insel dänisch-freundliche Stimmungen

gab, die weniger nationalistisch als vielmehr

traditionell-royalistisch geprägt waren, stimmten

die Bürger Wyks und auch Osterlandföhrs mit

großer Mehrheit für eine weitere Zugehörigkeit zu

Deutschland, getreu dem Motto: „Deutschland,

Deutschland über alles, und im Unglück jetzt erst

recht.“ So kann man es auf dem Wyker Glockenturm

lesen, der wahrscheinlich höchsten Litfaßsäule

des deutschen Nationalismus. Damals gab

es auf Föhr noch zwei Tageszeitungen: die Föhrer

Zeitung und den Föhrer Lokalanzeiger. Die Föhrer

Zeitung trommelte lautstark für Deutschland, der

Lokalanzeiger bemühte sich um eine gewisse Offenheit

und wurde deshalb als Dänen-freundlich

angegriffen.

Um den Krieg zu fi nanzieren, hatten die führenden

deutschen Stellen eine infl ationäre Geldpolitik

betrieben. Im Vertrag von Versailles wurden

Deutschland horrende Reparationszahlungen

auferlegt, wodurch die Geldentwertung nach

dem Krieg an Tempo gewann und 1923 ihren

14 Nordfriesland 173 März 2011


Foto: Sammlung Heinz Lorenzen (A. Ingwersen)

Ein besonderes Ereignis in der Wyker Geschichte war die Landung des zwölfmotorigen Flugbootes Do-X vor dem

Sandwall im Jahre 1932. Am Steuer saß der Fliegerheld und gebürtige Wyker Friedrich „Fiete“ Christiansen.

Christiansen stellte sich in den Dienst des NS-Regimes und war als General der Flieger Kommandant der deutschen

Besatzungstruppen in den Niederlanden.

Höhepunkt erreichte. Für die Berechnung der

Preise im Badebetrieb wurde ein sogenannter

Bädermultiplikator entwickelt, mit dem dann die

Friedenspreise multipliziert wurden. Am 25. Oktober

1923 betrug dieser Multiplikator 15 Milliarden.

Am 17. September 1923 hielt Dr. Häberlin

einen Vortrag über das Thema „Land und Leute in

Nordfriesland“. In der Anzeige für diesen Vortrag

konnte man folgenden Hinweis lesen: „Eintritt

nach Belieben, aber nicht unter 3 Milliarden

Mark.“

In den wenigen Jahren der Konsolidierung der

Weimarer Republik nach der Infl ationszeit entwickelte

sich auch in Wyk der freie Lebensstil

der Goldenen Zwanziger Jahre: Schönheitskonkurrenzen

lockten das Publikum, man ließ sich

von besonderen Ereignissen fesseln, etwa von

den Unternehmungen des Dauerschwimmers

Otto Kemmerich, von Fallschirmspringern, die

vom Himmel fi elen, und schließlich 1932 von

der Wasserung der riesigen Do-X vor dem Wyker

Sandwall, einem Großfl ugzeug der Dornier-Werke,

das durch eine Atlantiküberquerung die Weltöffentlichkeit

begeistert hatte.

Aber ein weiteres Verhängnis ließ nicht lange auf

sich warten: 1929 begann mit dem Börsenkrach

in New York die Weltwirtschaftskrise, die weltweit

zu einer Massenarbeitslosigkeit führte mit verheerenden

wirtschaftlichen, sozialen und politischen

Folgen.

Mit der Weltwirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit

begann das Vorspiel zum dunkelsten

Kapitel in der deutschen Geschichte. Für die Stadt

Wyk ergaben sich ernsthafte fi nanzielle Schwierigkeiten.

Der Ausbau der Kleinbahn von Niebüll

nach Dagebüll überstieg den Kostenanschlag von

800 000 Mark um 200 %. Als Aktionär musste

Wyk einen erheblichen Teil der Kosten tragen.

Die Unterhaltung des Schulwesens der Stadt

überstieg ihre fi nanziellen Möglichkeiten. Der

Plan zum Ausbau einer zentralen Wasserversorgung,

für den man schon große Vorleistungen

erbracht hatte, musste aufgegeben werden. Durch

die Wirtschaftskrise ging die Zahl der Kurgäste

zurück, so dass sich die Schere zwischen Einnahmen

und Ausgaben immer weiter öffnete. Um die

Not vieler Menschen zu mildern, eröffnete man

Suppenküchen. Und das alles geschah in einer

Zeit zunehmender Radikalisierung des politischen

Lebens in Deutschland.

Bei den Wahlen zum Reichstag zeigte sich in

Wyk während der Zeit der Weimarer Republik

schon früh ein Trend zu den Parteien der Rechten.

1925 bei den Präsidentenwahlen erhielt hier der

ehemalige kaiserliche Generalfeldmarschall Paul

von Hindenburg fast dreimal soviele Stimmen wie

der Kandidat der linken Mitte Wilhelm Marx. In

ganz Deutschland lagen beide Kandidaten etwa

gleichauf.

Bei den Reichstagswahlen 1928 also vor der

Weltwirtschaftskrise erhielt die NSDAP in Wyk

15 Stimmen. Zwei Jahre später erfolgte der große

Vorstoß der Partei Adolf Hitlers ins bürgerliche

Lager der Deutschna tionalen und der Deutschen

Volkspartei: 1930 entschieden sich 525 Wählerinnen

und Wähler Wyks für die NSDAP. Erst

Nordfriesland 173 März 2011 15


„Incertum, quo fata ferunt“ (ungewiss ist, was die

Schicksale tun) so steht es im „Sigillum Wieck“ aus

dem 18. Jahrhundert. Das im Siegelbild dargestellte

Schiff ziert auch das Stadtwappen.

danach wurde die Parteiorganisation richtig ausgebaut.

Ein Spielmannszug der Braunen zog mit

Trommeln, Pfeifen und Fanfaren über die Insel

und wurde überall mit Begeisterung begrüßt.

Als dann 1932 die Fahnenweihe der Ortsgruppe

Wyk mit großem Aufwand und etwa 500 Gästen

vom Festland zelebriert wurde, stand die ganze

Stadt schon im Zeichen des Hakenkreuzes. Bei

den Reichstagswahlen im Juli jenes Jahres erzielte

die NSDAP mit 1 482 Stimmen in Wyk sodann

einen Anteil von 64 %.

Der Aufstieg der NSDAP in Wyk und auf der

ganzen Insel wurde vom Föhrer Lokalanzeiger

kräftig unterstützt. Die Föhrer Zeitung dagegen

verteidigte nachdrücklich einen freiheitlichen und

verantwortlichen Journalismus. Zu Leserbriefen

führender Nationalsozialisten hieß es: „Wir werden

unsere Pfl icht, zu sagen, was ist, nicht mehr

und nicht weniger nach gewissenhafter Prüfung

auch in Zukunft erfüllen. Einsendungen obiger

Art wird die Föhrer Zeitung verschlossen bleiben,

weil sie geeignet sind, das Gemeinwohl zu schädigen.“

Noch nach dem 30. Januar 1933, dem Tag

der „Machtergreifung“ durch Hitler, erschien in

der Föhrer Zeitung der Nachdruck eines längeren

Beitrags aus dem Hamburger Fremdenblatt, einer

damals sehr angesehenen überregionalen Zeitung,

in dem in einer kritischen Analyse die möglichen

Folgen der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten

aufgezeigt wurden vom Ende der

demokratischen Freiheiten bis zur Gefahr eines

neuen weltweiten Krieges.

Bei der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung

am 12. März 1933 wurden die neuen Machtverhältnisse

in Wyk deutlich sichtbar: acht Mandate

für die NSDAP, zwei für die SPD und lediglich

noch ein Sitz für die bürgerliche Liste Schwarz-

Weiß-Rot. Damit begann auch in der Kommunalpolitik

eine neue Zeit. Der parlamentarische

Entscheidungsweg wurde liquidiert, galten doch

die Parlamente als wirkungslose „Quasselbuden“.

Wie in der NSDAP galt auf allen politischen

Ebenen das „Führerprinzip“. Diese Entwicklung

wurde von den meisten Menschen in Deutschland

damals begrüßt: Es wurde nicht mehr endlos diskutiert

und gestritten, sondern schnell entschieden

und kraftvoll gehandelt. Damals ahnten die

Wenigsten, wohin die Formel „Führer befi ehl, wir

folgen“ unser Volk führen würde.

Die Machtübernahme Hitlers und die Entwicklung

der folgenden Jahre bis zum Ausbruch des

Zweiten Weltkriegs wurde von vielen als eine

Erfolgsgeschichte erlebt, und von einigen Unverbesserlichen

wird diese Zeit wohl auch heute

noch so gesehen. In Wyk war das nicht anders.

Wichtig war vor allem, dass ein Millionenheer

von Arbeitslosen nach und nach von den Straßen

verschwand. Die Stadt Wyk, hoch verschuldet wie

stets wieder in der Geschichte, erhielt wie viele

andere Kommunen fi nanzielle Zuwendungen,

dies wurde wesentlich fi nanziert durch eine gigantische

Verschuldung des Deutschen Reiches. Auch

die eigene Wirtschaftskraft der Stadt und ihrer

Bürger stieg an, weil sich die Zahl der Kurgäste erhöhte.

Eine gewisse Rolle spielte dabei die Aktion

„Kraft durch Freude“, mit deren Hilfe staatliche

Erholungsprogramme fi nanziert wurden. Aber

der kurze Aufschwung diente letztlich nicht dem

Wohlstand, er diente vielmehr der Vorbereitung

einer kriegerischen Auseinandersetzung zur Erringung

der Vorherrschaft in Europa.

Das dunkelste Kapitel in der deutschen Geschichte

von 1933 bis 1945 war die systematische Entrechtung

der Juden bis hin zur „Endlösung der Judenfrage“,

das heißt praktisch deren Ausrottung.

Auch in unserer Stadtgeschichte war dies traurige

Wirklichkeit. Offenen Antisemitismus, gesellschaftlich

nicht nur toleriert, sondern politisch

16 Nordfriesland 173 März 2011


Foto: Sammlung Heinz Lorenzen (H. Schneider)

nachdrücklich gefördert, gab es ich muss sagen:

selbstverständlich auch in Wyk wie auf ganz

Föhr. Als ein Debattenredner schon am Beginn

der Weimarer Republik auf einer Versammlung einer

demokratischen Partei den Einfl uss der Juden

brandmarkte, bekam er von den meisten Teilnehmern

der Veranstaltung stürmischen Beifall. Nach

1933 begannen auch hier die Schikanen: Jüdische

Handelsreisende blieben ohne Aufträge, jüdische

Kurgäste waren unerwünscht wie sie schon am

Reedereigebäude lesen konnten. Am Sandwall

hing in einem Schaukasten die schlimmste antisemitische

Hetzschrift Der Stürmer. Zwei jüdische

Kinderheime mussten schließen, die Kinder marschierten

durch ein Spalier Wyker Schülerinnen

und Schüler, die sie aufgehetzt von Lehrern

schmähten und wohl auch bespuckten; ein beschämendes

Kapitel in der Schulgeschichte Föhrs.

Wir haben allen Grund, dies alles auch am Tage

des Stadtjubiläums nicht zu verschweigen.

Ein kleiner Lichtblick ist es immerhin, dass die

ortsansässigen Juden in gewisser Weise „geschont“

wurden, wenn man ein solches Wort in diesem

Zusammenhang überhaupt gebrauchen kann. Es

handelt sich vor allem um die Familie Heymann

und um Dr. Margarethe Schulz, die Frau des Wyker

Arztes Dr. Friedrich Schulz. Die Heymanns

Schild am Wyker Hafen um 1938

genossen in der Bevölkerung hohes Ansehen. Sie

haben alle überlebt, aber die Ängste, die sie über

Jahre ausgestanden haben, sind für uns sicher

kaum nachvollziehbar. Außerdem haben sie Teile

ihres Besitzes eingebüßt, und zwei Mitglieder der

Familie wurden kurz vor Kriegsende in ein Arbeitslager

deportiert.

Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg

mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen

begann, gab es auch in Wyk keinen Jubelsturm

wie 1914 beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Viele Deutsche schienen zu ahnen, jedenfalls aber

zu fürchten, dass mit dem Krieg erneut ein schweres

Verhängnis hereinbrechen würde.

Es gab auf Föhr vereinzelte Bombenabwürfe, und

in den letzten Monaten auch Tieffl iegerangriffe

auf Dampfer der Reederei mit Toten und Verwundeten.

Ansonsten ist die Insel von unmittelbaren

Kriegsfolgen nahezu verschont geblieben. Aber

an der Fülle der Todesanzeigen in der Tagespresse

konnte jeder das Ausmaß der Katastrophe erkennen,

die sich immer mehr steigerte. Ein Blick auf

die Gedenkstätten auf den Inselfriedhöfen zeigt

jedem, wie gerade im letzten Kriegsjahr die Zahl

der Opfer anstieg. Zwar haben wohl die meisten

auch auf Föhr das Kriegsende nicht als Befreiung

empfunden, aber sicher als eine Art Erlösung.

Wohl das größte Problem in der unmittelbaren

Nachkriegszeit war die Unterbringung der zahlreichen

Vertriebenen und Flüchtlinge. Wyk hatte vor

dem Zweiten Weltkrieg knapp 3 000 Einwohner,

1945 waren es mehr als 6 000. Die Not der Menschen

war genau so groß wie ihre Bereitschaft,

alles zu tun, um zu überleben. Der politische

Neuanfang setzte auf der untersten Ebene der Gemeinden

und Städte an. Das ganze deutsche Volk

sollte umerzogen werden zu guten Demokraten.

Die parlamentarische Arbeit in der Wyker Stadtvertretung

lief nur mühsam an.

Die wirtschaftliche Lage der Stadt war schier

ausweglos. Am 6. September meldete Wyk einen

Vorrat von 1 360 Litern Benzin, drei Tüten Kalk,

19 Rollen Wellpappe und neun Kubikmetern

Bauholz. Überall blühte der Schwarzmarkt. Die

Föhringer sprechen noch heute von der „Bütjertidj“,

der Tauschzeit. Die Situation änderte sich

gleichsam über Nacht mit der Währungsreform.

Die Zeit des Wirtschaftswunders begann und

die Zigarre des Ministers Ludwig Erhard wurde

zum Symbol eines wiedererwachten Optimismus.

Nordfriesland 173 März 2011 17


Städtische Debatten

Ein gutes Beispiel für die Aufbruchstimmung

auch in Wyk war die Diskussion über das Wyker

Stadtwappen. Für viele passte das abgetakelte

Schiff auf dem Wappen nicht mehr in die neue

Zeit. Es wurde leidenschaftlich diskutiert. Man

verlangte ein positiveres Symbol. Der Ruf nach einer

„friesischen Karibik“ erklang zwar noch nicht,

aber „das alte Wrack“, so meinten viele, müsse

weg. Da erhob der langjährige Wyker Archivar

Hans Hansen seine fachkundige und besonnene

Stimme und rettete das ehrwürdige Siegel aus dem

Jahre 1708. Das Schiff wurde freilich doch ein wenig

aufgefrischt.

Lebhafte Diskussionen sind überhaupt ein wichtiger

Bestandteil der Stadtgeschichte. Vor allem in

den ruhigen Wintermonaten tobten in den Leserbriefspalten

des Inselboten häufi g die wildesten

Fehden. Als überlegt wurde, die Wyker Dampfschiffs-Reederei

zu verkaufen, erhob sich ein Entrüstungssturm.

Wer sich heute im Hafen umsieht,

kann sich von Herzen freuen, dass unsere Reederei

weitgehend „unsere“ Reederei geblieben ist.

Eine der hitzigsten Stadtfehden entbrannte um

den Bau eines Hallenbades. Zunächst sollte ein

Im Wyker Stadtgebiet wie hier im Park bei der Mühle gibt es viel Grün.

Sportbad gebaut werden, aber dagegen formierte

sich eine vehemente Protestbewegung. Mit dem

schlagkräftigen Slogan „Wyker Wellen wirken

Wunder“ wurde der ursprüngliche Beschluss der

Stadtvertretung gekippt. Wyk erhielt ein damals

sehr modernes Wellenbad. Auch gegenwärtig gibt

es wieder ausreichend Konfl iktstoff. Es geht um

den Bau eines Vier-Sterne-Hotels auf dem Gelände

des Hauses Schöneberg am Südstrand. Keiner

kann behaupten, dass unsere Bürger sich nicht für

unsere kleine „res publica“, also für die öffentlichen

Angelegenheiten Wyks, interessieren.

Besonders lange beschäftigten sich die Wyker mit

den Auseinandersetzungen um das Schicksal des

Nordseekurhofs. Das Areal und auch die vielen

dazugehörigen Bauten und Baracken wurden

nach dem Krieg zunächst vorwiegend vom Carl-

Hunnius-Internat und von der gleichnamigen

Oberschule genutzt. Ursprünglich in Lettland beheimatet,

hatten Deutschbalten auf der Flucht vor

den Kommunisten das Internatsgymnasium nach

dem Ersten Weltkrieg in Misdroy in Pommern

weitergeführt. In einer weiteren Fluchtbewegung

nach dem Zweiten Weltkrieg verschlug es dann

einige von ihnen nach Wyk auf Föhr, wo es zur

18 Nordfriesland 173 März 2011

Foto: Thomas Steensen


Der Wyker Strand

zweiten Neugründung der Schule kam. Dadurch

wurde für die Kinder unserer Insel eine gymnasiale

Schullaufbahn bis zum Abitur eröffnet und

für Jakob Tholund die Möglichkeit geschaffen,

seine berufl iche Laufbahn auf der Heimatinsel

fortzusetzen und auch zu beenden. Der Sanatoriumsbetrieb

am Südstrand wurde nicht weitergeführt,

und als dann das Gymnasium als staatliche

Einrichtung in das ehemalige Pädagogium einzog

und das Internat aus wirtschaftlichen Gründen

schließen musste, verfi el der gesamte Gebäudekomplex.

Das Gelände wurde Objekt der Spekulation. Zwischen

der Stadt Wyk und dem Geschäftsführer der

Kurhof-AG begann ein langjähriger Rechtsstreit,

der sich Formen einer kriegerischen Auseinandersetzung

annäherte. Ein durch die Kurhof AG

abgesperrtes Stück der Strandpromenade ließ der

Wyker Bürgermeister gleichsam im Handstreich

öffnen. Wertvolle Jugendstilbauten gingen verloren,

aber mit der Lösung, die schließlich für das

Gelände mit dem Park gefunden wurde, kann

man sich durchaus versöhnen.

Regelrecht aufgewühlt hat die Bürgerschaft sodann

die Frage der Umbenennung der Friedrich-Christiansen-Straße

im Wyker Zentrum. Die Diskussion

verschaffte Wyk über einen langen Zeitraum

eine höchst unerwünschte mediale Aufmerksamkeit.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Stadt

die „Große Straße“ umbenannt nach einem ihrer

Söhne, einem hoch dekorierten Kriegshelden,

dem Marinefl ieger Friedrich Christiansen. Am

Ende der Weimarer Republik wuchs sein Ruhm

noch weiter, als er als Käpitän der Do-X, einem

zwölfmotorigen Flugboot der Dornier-Werke,

durch spektakuläre Fernfl üge in der ganzen Welt

gefeiert wurde. In New York etwa wurde er mit

einer Konfettiparade geehrt. Er wasserte mit der

Do-X 1932 auch vor Wyk.

Im Dritten Reich beförderte man Christiansen

zum General und ernannte ihn zum Führer des

Nationalsozialistischen Fliegerkorps. Im Krieg war

er Befehlshaber der deutschen Truppen in den

Niederlanden. Als Vergeltung für einen Anschlag

des niederländischen Widerstandes ordnete er die

Deportation der männlichen Bewohner des Dorfes

Putten an. Viele der Leute aus Putten kamen

in Konzentrationslagern um, über 100 allein im

KZ Ladelund.

Vorstöße, die Friedrich-Christiansen-Straße

wieder in „Große Straße“ umzubenennen, scheiterten

mehrfach in der Stadtvertretung. Die

Anhänglichkeit an „uns Fiete“, wie Christiansen

meist liebevoll genannt wurde, war stärker als ein

gerechtes Urteil über seine aktive Mitwirkung am

nationalsozialistischen Deutschland und als eine

klare Verurteilung für sein Handeln in den Niederlanden.

Es fehlte der Respekt vor den Opfern.

Quälend lange hat es gedauert, bis übrigens auf

Wunsch der Familie schließlich die Umbenennung

der Straße erfolgte, und noch länger, bis eine

Aussöhnung der Stadt Wyk mit den Bewohnern

Puttens gelang. Die treibende Kraft in diesem Zusammenhang

war der gegenwärtige Bürgermeister

Heinz Lorenzen. Er hat sich dadurch auf besondere

Weise um Wyk verdient gemacht.

Nordfriesland 173 März 2011 19

Foto: Petra Kölschbach / Der Insel-Bote


Den Reichtum bewahren

Insgesamt hat die lange Friedenszeit nach 1945 zu

einer neuen Blüte Wyks geführt. Immer mehr entwickelte

sich der Tourismus zur Existenzgrundlage

vieler Bürger, Wohlstand breitete sich aus. Aber

das heißt natürlich nicht, dass die Probleme verschwanden.

Vielleicht ist es sogar leichter, mit den

Problemen der Armut fertig zu werden als mit denen

des Wohlstands. Der rasante Wandel unserer

Welt überfordert viele Menschen. Das gilt in gleicher

Weise für Fragen der Moral wie etwa für solche

des Wirtschaftslebens. Wie viele eigenständige

kaufmännische Betriebe sind aus dem Straßenbild

verschwunden! Fremdes und meist anonymes

Kapital dominiert in immer mehr Bereichen. Die

Zahl und die Länge der „Ketten“ nimmt laufend

zu. Es wird viel Phantasie nötig sein, unser Wyk

als eine unverwechselbare Kleinstadt mit einem

wirklich ganz eigenen Charme zu erhalten.

Verständlich machen wollte ich Wyks Sonderstellung

auf unserer Insel, den vielfältig begründeten

Gegensatz von Stadt und Land. Die Zukunft

Föhrs kann man gewiss am ehesten sichern, wenn

man die Stärken beider Lebensformen vereint:

Wir sollten den Reichtum unserer gewachsenen

Volkskultur bewahren, unsere so wunderbaren

Sprachen Friesisch und Plattdeutsch, unsere

Baukultur, die den einmaligen Reiz unserer Inseldörfer

ausmacht mit der Krönung durch die drei

Inselkirchen, den heimeligen Stadtcharakter Wyks

mit seinen unverwechselbaren Gassen und mit

dem unvergleichlichen Sandwall, der den Blick

freigibt auf Meer und Halligen.

Es stimmt schon: Wir haben ein Paradies vor der

Haustür, es stimmt schon, ganz Föhr mit seiner

Hauptstadt Wyk ist ein Geschenk der Natur, so

wie es stimmt, dass unsere Insel mitten in der Welt

liegt. Wir müssen bewahren und uns gleichzeitig

öffnen, denn wir haben immer wieder erfahren

dürfen, dass nicht zuletzt Fremde, die hier auf der

Insel mit uns lebten, der Entwicklung auf Föhr

wichtige Impulse vermittelt haben. Wahrscheinlich

müssen wir uns auch immer wieder streiten,

aber Friedrich Hölderlin soll recht behalten, der

dichtete: „Versöhnung ist mitten im Streit und

alles Getrennte fi ndet sich wieder.“ Er hat sicher

nicht an Föhr-Land und Wyk gedacht, aber wir

sollten es tun. Und vielleicht müssen wir sogar

auch weiter Schulden machen, wie es Wyk in

seiner langen Geschichte geradezu virtuos immer

Die Wyker Große Straße 2010

wieder getan hat. Verwegene Pläne gibt es reichlich.

Ich nehme etwa nur die „angedachte“ neue

Seebrücke, die übrigens nur einige Hundert Meter

lang werden und keineswegs bis Dagebüll reichen

soll. Alle, die in dieser Stadt, alle, die auf dieser

Insel leben, tragen Verantwortung: Föhr zusammen

mit Wyk ist der Ort, wo uns alles etwas angeht!

Wir tragen Verantwortung für das Geschenk

der Natur. Wir brauchen ein „aran“, ein Zuhause,

wir brauchen Heimat.

Literaturhinweise

Karin Hansen: Der Flecken Wyk auf der Insel Föhr. Ein Beitrag

zur Geschichte der Bebauung des Fleckens und seiner Bewohner

von 1700 bis 2000, Husum 2010.

Wilhelm Koops: Wyker Gezeiten. 100 Jahre Auf und Ab in Wyk

auf Föhr, Husum 2010.

Thomas Steensen: Die Insel Föhr in der Abstimmungszeit. In:

Nordfriesisches Jahrbuch 20 (1984). Festschrift Dr. F. Paulsen,

S. 111142.

Jakob Tholund: Wyk. Die Stadt auf der grünen Insel Föhr, Bad

Sankt Peter-Ording 1985.

Jakob Tholund: Grüne Insel im Wattenmeer: Föhr. In: Thomas

Steensen (Hrsg.): Das große Nordfriesland-Buch, Hamburg 2000,

S. 430439.

Wyk auf Föhr. Geschichte und Bild eines Nordseebades. Mit

Beiträgen von Jakob Tholund, Ernst-Günter Schultze, Walter

Leistner und Aufnahmen von Walter Lüden, Heide 1969.

20 Nordfriesland 173 März 2011

Foto: Thomas Steensen


Hans Joachim Kühn:

Vom Bohls-Interessenten

zum Grundeigentümer

Vor 70 Jahren endete die Allmendewirtschaft auf Hallig Hooge

In weiten Teilen Europas bewirtschafteten die Bauern in alter Zeit die Ländereien

ihres Dorfes jeweils gemeinsam. In Schleswig-Holstein waren es Reformen des

18. Jahrhunderts, die den Weg zur modernen bäuerlichen Landwirtschaft ebneten.

Die Allmende, so eine traditionelle Bezeichnung der gemeinschaftlichen Landnutzung,

blieb schließlich nur noch in Randgebieten erhalten. Auf der Hallig Gröde

ist sie nach wie vor in Kraft. Auf den nordfriesischen Halligen wurde sie ansonsten

abgeschafft, und zwar zuerst auf Hooge im Jahre 1941.

Die Hallig Hooge löste sich vor 70 Jahren als

erste der nordfriesischen Halligen von der Allmendewirtschaft.

Aus Bohls-Interessenten, wie

die Berechtigten genannt wurden, die an Fennen

(Weideland) und Meedeland (Land zur Heugewinnung)

in Fennebriefen und Meedeschifftebüchern

niedergeschriebene Anteile hatten, wurden

in Eigenverantwortung wirtschaftende Halligbauern.

Mit der „Umlegung“ genannten Übertragung

von Gemeinschaftsland in Privatbesitz ging ein

Bruch mit jahrhundertelang praktizierten Arbeitsabläufen

und Bräuchen einher. Fast naturbelassenes

Halligland wurde parzelliert und planiert, die

Hallig veränderte ihr Gesicht.

Mit der Ausführungsanordnung vom 2. April

1941 beendete das Kulturamt in Flensburg als zuständige

Behörde das Umlegungsverfahren auf der

Hallig Hooge. Als Tag des Eintritts der rechtlichen

Wirkung wurde der 20. April 1941 festgesetzt.

Damit war, nachdem über einige Beschwerden

rechtskräftig entschieden worden war, die Übertragung

des bisher gemeinschaftlich genutzten

Halliglandes in Privatbesitz abgeschlossen. Die

Voraussetzungen dafür waren bereits in den Jahren

1911 bis 1914/15 durch den Bau eines Sommerdeiches,

einzelner Steindeichstrecken und von zwei

Entwässerungssielen geschaffen worden, wodurch

dem fortschreitenden Abbruch des unbefestigten

Halligufers Einhalt geboten worden war. Der Regierungspräsident

in Schleswig regte daraufhin im

Jahre 1921 bei der Landeskulturbehörde die Einleitung

eines Teilungsverfahrens mit dem Ziel der

Aufhebung des gemeinschaftlichen Eigentums an.

Bei einer Befragung der Halligbauern entschieden

sich aber nur zwei Drittel der Beteiligten für eine

Aufhebung der Allmendewirtschaft. Die Ursache

dafür sah der Vorsteher des Kulturamtes in Heide

„in der Eigenart der Halligbewohner, die mit einer

dem Fernstehenden fast unbegreifl ichen Zähigkeit

an ihrer Heimat, den alten Wirtschafts- und

Gesellschaftsformen hängen. Dieses Gefühl ist bei

ihnen so stark entwickelt, daß sie sich selbst gegen

Neuerungen, die ihr praktischer Sinn als richtig

erkannt hat, innerlich aufl ehnen“.

Hallig-Sicherung als Grundlage

Der tatsächliche Grund für die Ablehnung war

allerdings die noch unvollständige Sicherung des

südlichen Halligufers. Nachdem die ausstehenden

Arbeiten Ende 1931 fertiggestellt waren und die

Verhandlungen über die Eigentumsverhältnisse an

den Küstenschutzbauwerken und über deren Unterhalt

zum Abschluss gekommen waren, meldete

der Gemeindevorsteher Nanning Petersen am

19. Juni 1933, dass die Uferschutzarbeiten beendet

seien, und gab damit den Weg für das Umlegungsverfahren

frei. Durch Erlass des Oberpräsidenten

Landeskulturabteilung in Kiel wurde

schließlich das Kulturamt am 18. März 1935

beauftragt, das Teilungsverfahren einzuleiten.

Bei einem Ortstermin auf Hooge am 14. Juni

1935 stimmten alle Beteiligten dem Verfahren

zu, das darauf durch Erlass des Oberpräsidenten

vom 21. Juni 1935 genehmigt wurde. Zu dem

Zeitpunkt lebten auf Hooge 186 Menschen auf

neun Warften in 43 Wohnungen, zwei Warften

waren unbewohnt. Die vom Umlegungsverfahren

betroffene Fläche war 596,17 ha groß.

Nordfriesland 173 März 2011 21


Zu den gemeinschaftlich Bevollmächtigten der

Gesamtheit der Umlegungsbeteiligten wurden

vom Kulturamt in Flensburg fünf Halligbauern

bestellt, es waren neben Peter Diedrichsen,

Friedrich Boysen und Waldemar Binge der Bürgermeister

Max Kühn als Vorsteher und Nanning

Petersen als stellvertretender Vorsteher der

Teilnehmergemeinschaft. Diesen Personen war

eine schwere Bürde auferlegt, da sie sich weder

auf die 1837 formulierte Vereinbarung (Beliebung),

die von den „Hooger Eingesessenen“ zur

internen Schlichtung von Streitigkeiten verfasst

worden war, noch auf die in den Fennebriefen

und Meedeschifftebüchern niedergeschriebenen

Regeln stützen konnten. Diese waren in Aufl ösung

begriffen, seit durch die Küstenschutzmaßnahmen

dem Abbruch von Halligland und somit

dem ständigen Verlust von Wirtschaftsfl äche

Einhalt geboten war. Die Überschwemmungen

(„Landunter“) waren zudem seltener geworden,

dadurch wurde ein Vegetationswechsel ausgelöst,

der die Erträge erheblich steigerte. Nachdem es

bis dahin üblich war, in bestimmten Abständen

durch Kantenabbruch verlorenes Weideland

durch die „Absetzung“ genannte Verringerung der

Nutzungsansprüche auszugleichen, ließ das Halligland

jetzt sogar eine erhebliche Aufstockung der

Rinder- und Schafbestände zu.

Es wurden aber auch Erscheinungen zur Plage, die

bis dahin unbekannt waren. Nach dem Aussetzen

der sommerlichen Überfl utungen nahmen auf

den Fennen Ameisenvölker überhand, deren zum

Teil dicht an dicht stehende Bauten die Beweidung

behinderten. Auf dem Meedeland breiteten

sich Disteln und ein „Klappertopf“ genannter

Halbschmarotzer aus. Mit diesen ertragsmindernden

Einfl üssen ging ein Abbröckeln der Solidarität

einher, das sich in der nachlässigen Pfl ege der

jährlich wechselnden Wirtschaftsfl ächen zeigte.

Warum sollte man auch in ein Flurstück Geld

und Arbeit investieren, das im nächsten Jahr

der Nachbar nutzen würde? So schrumpfte der

Viehbestand wieder, der sich nach dem Bau des

Sommerdeiches mehr als verdoppelt hatte.

Da aber durchaus erkannt worden war, was bei

entsprechendem Arbeitseinsatz erwirtschaftet werden

könnte, stabilisierte sich der Wunsch, die Nutzungsansprüche

an dem Gemeinschaftsland gegen

konstanten Grundbesitz zu tauschen. Bedenken

gab es wegen nicht einschätzbarer fi nanzieller

Belastungen, denn es mussten zuerst feste Wege

gebaut und Grenz- und Entwässerungsgräben in

dem bis dahin nur durch natürliche Wasserläufe

parzellierten Halligland gezogen werden.

Es folgte für die Verantwortlichen ein kompliziertes

Verfahren der Landzuweisung. Zuerst mussten

die nach Notsgras (= Gräsung für eine Kuh, halligfries.

nuat = Rind), Kalbsgras und Lammsgras

überlieferten Nutzungsrechte am Weideland in

Hektar und Ar umgerechnet werden. Auf Hooge

einigte man sich auf folgende Formeln: ein Notgras

= 0,8624 ha, ein Kalbsgras = 0,1437 ha und

ein Lammsgras = 0,1069 ha.

Auch bei der Verteilung des für die Heugewinnung

bestimmten Halliglandes hatte man stets an den

alten überlieferten Maßen festgehalten. Gemessen

wurde mit Hilfe des „Rutenstockes“, der in acht

Ellen, 32 Quartiere und 192 Daumen unterteilt

war. Nach dem Rutenstock der Ockelützwarft

entsprach eine Rute 4,58 m, der Rutenstock der

Hanswarft war sechs Millimeter länger.

Neuer Landwert und neue Nutzungen

Wegen der Qualitätsunterschiede des Halliglandes

war es trotz der Einigung auf Anwendung

gebräuchlicher Flächen- und Längenmaße nicht

ohne Weiteres möglich, den Berechtigten ihre Anteile

an den Wirtschaftsfl ächen zuzuweisen. Erst

musste noch die Bonität der einzelnen Parzellen bestimmt

werden. Diese Bestimmung wurde im Juni

1935 von unabhängigen Schätzern, dem Bauern

Carl Ehlers aus dem Cecilienkoog und dem

Bauern und Bürgermeister Hermann Johannsen

von der Hallig Langeneß, nach den Schätzeranweisungen

des Kulturamtes vorgenommen. Es

wurde nach mehreren Qualitätsstufen unterschieden,

und so konnte es durchaus geschehen, dass

ein Halligbauer je nach der Bonität seines neuen

Landeigentums mehr oder auch weniger an Fläche

bekam, als es ihm nach den verbrieften Ansprüchen

zugestanden hätte. Die Landzuweisung wurde

auch noch dadurch verkompliziert, dass jeder

Berechtigte eine Fenne beanspruchte, die an die

Warft und möglichst auch an sein Warftgrundstück

grenzte, damit er sein Vieh bei überraschend

einsetzendem Landunter in Sicherheit bringen

konnte. Das hatte zur Folge, dass bis zum Meedeland

weitere Wege zurückgelegt werden mussten.

Nachdem das Land einvernehmlich verteilt worden

war, wurden die Arbeiten zur Parzellierung

22 Nordfriesland 173 März 2011


Abbildung: Sammlung Nordfriisk Instituut

Beilage der Arbeit „Zur Rechstgeschichte der Wiesengemeinschaften der Hallig Hooge“ aus dem Jahre 1931:

Fennen- und Meede-Einteilung der Hallig Hooge

und Entwässerung des Halliglandes in Angriff

genommen. Durch die bisher nur durch natürliche

Wasserläufe getrennten Flurstücke wurden

Grenz- und Entwässerungsgräben gezogen. Mit

dem Bodenaushub wurden Senken und kleinere

Wasserläufe verfüllt, was zu einer erheblichen

Nivellierung der Landoberfl äche führte, die damit

ihr halligtypisches Relief weitgehend verlor. Weitere

Veränderungen des gewohnten Landschaftsbildes

wurden durch den Bau von befestigten Wegen,

die Abdämmung des großen Prieles bei der

Kirchwarft und den Einbau eines Kammersieles

ausgelöst. Der Arbeitsaufwand war von den Halligbauern

und den Mitarbeitern des Marschenbauamtes

allein nicht zu leisten. Das Gros der

Erdarbeiten verrichteten seit dem 27. November

1937 etwa 100 Männer des Reichsarbeitsdienstes.

Untergebracht waren sie auf der Westerwarft in

Baracken, die zum Schutz vor Sturmfl uten auf

Pfählen errichtet worden waren.

Um den Halligbauern für das erfolgreiche privatwirtschaftliche

Handeln Richtlinien an die Hand

zu geben, wurde ein Musterbetrieb eingerichtet,

der in den Jahren 1938 bis 1941 unter Anleitung

eines Diplom-Landwirtes bewirtschaftet wurde.

Eigentümer war Nanning Petersen von der Ba-

ckenswarft, dem 13,6 ha Weide- und Meedeland

zugewiesen worden waren. Diese Fläche reichte

für einen Viehbestand von fünf Milchkühen, vier

zwei- und vier einjährigen Rindern, vier Kälbern,

einem Pferd, 14 Schafen und 20 Lämmern. Es

war ein Halligbetrieb mittlerer Größe und sollte

ausreichen, um die Existenz einer Familie zu sichern.

Nachdem schon von 1933 bis 1935 im Hanswarftkoog

und südlich von Ipkenswarft Hafer und

Gerste angebaut worden waren, wurden ab Herbst

1937 aus heutiger Sicht mit etwas übertriebenem

Optimismus mehrere Versuchsfelder angelegt,

auf denen der Anbau von Hafer, Sommergerste,

Steck- und Runkelrüben, Kartoffeln, Möhren,

Erbsen und Septemberkohl probiert wurde. Trotz

einiger guter Erträge erwies es sich auf Dauer als

schädlich, den Halligrasen aufzubrechen zu groß

war die Gefahr, dass die Ackerkrume bei den jährlich

eintretenden winterlichen Überschwemmungen

fortgespült oder die Ernte durch überraschend

eintretende Sommerüberfl utungen vernichtet

wird. So blieb die Viehwirtschaft einzige Einnahmequelle

der Halligbauern.

Am 9. Mai 1939 wurde schließlich eine vorläufi ge

Übertragung von Wirtschaftsland in Privatbesitz

Nordfriesland 173 März 2011 23


Foto: Sammlung Hans Joachim Kühn

Graben- und Straßenbau am östlichen Fuß der Backenswarft,

1938

verfügt, rechtskräftig abgeschlossen wurde das

Umlegungsverfahren am 20. April 1941. Das alles

gab es natürlich für die Halligbewohner nicht

geschenkt. Obwohl die Gemeinde noch mit dem

Abtrag der anteiligen Kosten für Deichbau und

Uferschutz belastet war, musste sie jetzt auch noch

für einen Teil der Umlegungs-Kosten aufkommen

und verschuldete sich mit weiteren 50 000 Mark.

„Hilligengeld“ als letztes Zeugnis

Eine letzte Spur aus der Zeit der Allmendewirtschaft

blieb noch bis 1956 erhalten. In dem

zwischen Backenswarft und Kirchwarft gelegenen

Backenswarftmeedeland befand sich vor der Parzellierung

ein „Hilligen“ genanntes Flurstück. Diejenigen

Halligbauern, die dieses Flurstück nutzten,

mussten jeweils zu Ostern einen bestimmten Betrag

an den Pastor der Alten Kirche von Pellworm

abführen. Diese „Ostergeld“ oder „Hilligengeld“

genannte Abgabe dürfte bis in die Zeit zurückzuführen

sein, als die Landschaft Hooge nach dem

Verlust ihrer während der großen „Mandränke“

des Jahres 1362 zerstörten Kirche zur Alten Kirche

von Pellworm eingepfarrt war. Auch nachdem auf

Hooge seit 1637 wieder in einer eigenen Kirche gepredigt

werden konnte, blieb die Abgabe erhalten.

Urkundlich lassen sich die Zahlungen bis 1763 zurückverfolgen.

Klagen gegen die Abgaben wurden

stets abgewiesen, auch nachdem das Wissen um

den Zahlungsgrund längst verloren gegangen war.

Erst am 15. August 1955 beschloss der Kirchenvorstand

der Alten Kirche, die Zahlungsverpfl ichtung

gegen eine einmalige Zahlung des 12,5-fachen

Jahresbetrages aufzuheben. Nach Eingang des Ablösungsbetrages

erklärte der Kirchenvorstand am

15. August 1956 die Forderungen an die Hooger

Grundbesitzer für erloschen.

Seither erinnert auf der Hallig nichts mehr an

die Zeit, in der das Weideland gemeinschaftlich

genutzt und das Land zur Heugewinnung jährlich

getauscht wurde, in der wirtschaftliches Handeln

nur in engem Kontakt mit den Nachbarn möglich

war, in der Streitigkeiten intern geregelt wurden

und in der sich niemand der Verantwortung für

die Allgemeinheit entziehen konnte. Gerätschaften

wie die Rutenstöcke sind nicht bewahrt und

mit der Allmende verbundene Begriffe sind aus

dem Wortschatz der Halligleute verschwunden.

In Privatbesitz geblieben sind nur einige Fennebriefe

und Meedeschifftebücher. Wenn auch viele

Eintragungen heute nicht mehr verständlich sind,

so lassen sie doch erahnen, wie kompliziert die

jährliche Neuverteilung des Meedelandes war und

der Betrachter des Fennebriefes des Hanswarfter

Süderbohls wird sich sicher fragen, wie es der

Teilhaber Harro J. Diedrichsen wohl geschafft

hat, nach einer im Jahre 1901 vereinbarten Kürzung

der verbrieften Ansprüche um 1/16 neben 3

Kühen und 3 Lämmern auch ein 343/512 Lamm

auf das gemeinschaftlich genutzte Weideland zu

treiben.

Dr. Hans Joachim Kühn stammt von der Hallig Hooge.

Er ist Archäologe und war bis zu seiner Pensionierung

Dezernatsleiter im Archäologischen Landesamt.

(Adresse: Holpuster Weg 3, 24850 Lürschau.)

Literaturhinweise

Hans Joachim Kühn: Feldgemeinschaft und Umlegungsverfahren

auf der Hallig Hooge. In: Kieler Blätter zur Volkskunde 8 (1976),

S. 6371.

Friedrich Müller: Das Wasserwesen an der schleswig-holsteinischen

Nordseeküste. Erster Teil: Die Halligen. Zwei Bände, Berlin

1917.

Guntram Riecken: Die Halligen im Wandel, Husum 1982.

Karl Weber: Zur Rechtsgeschichte der Wiesengemeinschaften der

Hallig Hooge, Leipzig 1931.

24 Nordfriesland 173 März 2011


Ferteel

iinjsen!

Uun a naacht

Faan Ellin Nickelsen

„Wat en naacht!“, toocht hat bi ham

salew. Hat hed uun hör leewent

noch ei fölsis beedigd, man das

naacht wiar hat kurt diarföör. Sant

trii stünj seed hat nü al alianing bit

wöning an luket ütj uun’t jonken.

Nian laacht tu sen, oonjonk, bluat

a winj hüület trinj am’t taag, faaget

at jaat ap an deel, leet de ual peerenbuum

föör’t dörnsk wöning bit

deel tu a wortler knare an knak. Hi

klangd üüs en sial, wat faan a düüwler

plaaget wurt.

„Wan de ual buum det auerstäänt,

auerstun wi det uk“, toocht hat.

A jongen slep, det wiar uk gud so.

Wat skul hat jo fertel? Wreekend

maden uun a naacht? Ütj a baaden

töset, kluaser uun an do? Hat wost,

wan’t hard üüb hard kaam, skul hat

jo wreekne, man noch ei. Hinne an

Hanne, Boys aalern, wenet jinauer.

Diar wiar’t uk jonk, jüst so jonk üüs

uun’t hiale taarep. Struatenlampen?

Diar hed’s üüb’t eilun nian mee ning

tu. Of dach: Det ded nemelk „ei

nuadig“. Hü hat detdiar wurd grem

küd: „Ei nuadig!“

So üüs manig, wat hat faan aran wen

wiar, ei nuadig den hed. En hok, wat

ei bluat en bualk beeft uun a kuul

kübusem wiar, en baaserüm, wat

am heitse küd. Naan, det hed hat

ales ütj „a freem“ mäbroocht. Boy

hee ham diarbi holpen. Diar wiar

hat uu so toonkboor för, dan uk

sin aalern wiar ualmuudsk iinstääld.

En grup tu pasin, en pomp uun

moolkrüm tu tauen, det wiar leewen

gudenooch weesen muar „ded ei

nuadig“. Man nü, nü wiar a nuad

grat an hat wost ham nian riad.

Uun’t jonken sat, ütj wöning luke an

teew. Teew üüb wat?

Foto: Harry Kunz

Wat kaam ’ar auer jo? Wat kaam

a naist stünjen a dör iin? Kaam ’ar

bööd faan Boy? An wat wiar do? An

wat, wan ei?

Ik san fi iw, bal haa ik gebuursdai.

Uun April! An do kem ik tu skuul.

Ik wal tu skuul! Ik harke efter a winj.

Hi as gratem daaling. Hi smat a rin

jin a rütjen, hi rödelt bi a busemdör.

Ik hual min hegen feest. Man bruler

leit uun’t öler baad. Kuul as’t. Of’er

noch sleept? Of hiart hi uk sin hart

klopin an at blud uun a uaren rüüsin.

Ik teenk a hiale tidj am Jonne-smas,

de hömerk, wat deeI gungt. Letj

Ellin Nickelsen stammt aus Oldsum

auf Föhr, Fering ist ihre Muttersprache.

Sie ist eine der erfolgreichsten

friesischen Autorinnen

und gibt ihre Erfahrungen etwa

in Schreibwerkstätten gerne an

Interessierte weiter. Beim Schreibwettbewerb

„Ferteel iinjsen!“,

den die NDR 1 Welle Nord 2010

zum sechsten Mal gemeinsam mit

der Nord-Ostsee Sparkasse, der

Spar- und Leihkasse zu Bredstedt

AG und dem Nordfriisk Instituut

ausrichtete — das Thema lautete

„Uun a naacht“ —, gewann sie

mit ihrer Geschichte über eine

Sturmfl utnacht auf Föhr den zweiten

Preis. (Adresse: Brahmsstr. 3,

27616 Beverstedt.)

belken sat uun min uaren an hömre.

Wan ik a uugen tacht maage, sä ik

bruket laachten. Do trak ik a uugen

noch feester tacht an a laachten

wurd ruad. A sturem schongt bütjen.

Gratmer üüs uun min druumer.

Ik schong jin uun: „Winj, winj, kem

tu rau, winj winj sliap nü gau, sat di

deel uun a peerenbuum, drem en

luuwenen somerdruum ...“ Ik liaw,

ik hiar a sarkklooken ring. Det as

nüürig. Hat as dach nian söndai.

„Marrin, Janne, stun’em ap!“

„Mam?“ „Jam skel apstun an

jam uuntji, sai ik, oober dali!“ Mam

stäänt uun a dör, mä en lochter uun

a hun. Sin hun redeIt. Mam as was

kuul. Man huaram maaget hat nian

laacht uun? Janne fu wi tu iarst goor

ei uun a gang. Hi brükt loong, bit’er

ham bedaarigd hee. Wi tji üs uun an

gung hen uun köögem. Klook tau

uun a naacht. Wat en üntidj! Wat

as mä Mam? An huar as Aatj? Mam

hee en kofer üüb boosel.

„Wat rede ik üüs iarst wech?“, hat

wiar gans uun hup. Det fering, det

salwer, dön papiaren, det gud serwiis

hat paaket ales iin uun de ual

kofer. Tu swaar moost’r ei wees, hat

skul ham jo was alianing slebe. An

kluaser, kluaser för a jongen. A kol

wiar gewaldig, a winj ging troch ales,

diartu a rin, wat sküüns faan a sidj

üübsten. Letj Marrin skul hat was

feestbinj, diarmä hat ei wechfl oog.

Janne skul slebin halep. Hat hed

a sarkklooken hiard an wost nü

beskias: „Marrin, Janne, tji jam jau

waremst kluaser uun an paake’m jau

best spelkroom tup.“

„Huar as Aatj?“ „Hi as bütjen!

Oober wi skel nü paake.“ „Huar

gung wi hen?“ „Ei widj wech!

Bluat efter boownen!“ „Oober det

weder? Huar skel wi hen uun so’n

weder? “ „Jüst diaram, jüst diaram

skel jam nü paake!”

Fiiw an njüügen wiar dön tau. Hü

küd hat jo rauelk hual, huar hat dach

salew rian ütj a tüüt wiar? Wat, wan

Boy ei welerkaam? Hü ging ham det

diar bütjen wel? Hat harket ütj uun

a naacht. A tiaren uun a busem wiar

ünrauelk, so üüs wan’s det ünlok

aanet. Dön kwiigen brolet, a hings-

Nordfriesland 173 März 2011 25


ter skupt jin a boksenwoger. A swin

skreid üüs letj jongen.

Tjiin minuten tuföören hed a lampen

tu fl akrin begand, an do ging’s

ütj. Man gud, hat hed noch en ual

pitrooleum-lamp uun mataalem

an en lochter. Nü seed hat mä a

jongen uun en kuulen köögem an

luuret üüb dön gelüten faan bütjen,

hööbet üüb de feest straal faan BOY,

wat uun steewel a dör iinkaam.

Hat wiar noch ens troch ale rümen

gingen, hed ufskias nimen faan dön

mööbler, wat’s tu bradlep fi ng, dön

reiluken, wat hat salew seid hed.

Uun’t mataalemwöning saat hat det

ual pitrooleum-lamp ap. För Boy,

det’r tüs foon uun’t jonken. Slaidören

klapet man det wiar bluat a winj.

Hi roket imer muar ap, tüüset det

raid faan’t taag, maaget at tjüch gans

bister. En stak blek hed ham luasrewen

an sküüret bütjen jin a müür.

Skul hat a ki, a swin, a hingster luasbinj

an ütjleet? Ded ’am det uun so’n

faal? Mänem küd hat jo jo ei.

Mam hee saad, wi skul nü gud

harke: Wi skul mä sak an pak efter

boownen gung ap uun’t fooder.

Det fi nj ik gud. Ik wul al imer

ens uun’t fooderrüm sliap. Man

wi moost det nimer. „Diar fu jam

fooderIüs!“, fertääld Ualmam. An

nü, üüb’t mool, maden uun a kuul

naacht, skel wi ap üüb böön an mut

sogoor at speltjüch mänem! Janne

hee sin legoo-stian al tup, ik nem

min beebi-pöpe mä. An do hen uun

a stianem an ap troch at lük! Janne

an ik, wi frööge üs.

Am klook elwen hed a maaner bööd

fi ngen. At feuerweer-autu saameld

jo ap. Kalwen, Madels twäärswai, a

kanaal, Oon, Sörens wai neemen

maad wat sai.

A winj hüület so gratem, ham skul

men, hi hed en aanj stem. Hi orgelt

gratmer üüs Hagge PIüsch söndais

uun’t hööw. Sim skul at stjüür orntelk

feesthual, a winj kaam faan nuurdwaast

an am so naier jo a dik kaam,

am so ariger fersoocht a sturem, det

letj autu faan a struat tu traken. A

naacht wiar jonk, oonjonk. Neen

muun, nian stäär bi a hemel. Lachterhun,

bi Dunsem, küd jo laachten

Moderatorin Elin Rosteck und Merten Frank. Der damals siebenjährige

Sylter gewann mit der Geschichte En Kü fair en Kualev (s. S. 27) einen

Sonderpreis und las sein Werk unter dem Beifall der Finalgäste in Leck am

27. November 2010 vor.

faan en öler skööl sä. Det wiar was

a dunsembüüren an a halpern ütj a

sölertaarpen. Boy toocht am sin wüf

dön tau letj jongen sin ual aalern.

Wost jo, wat tu dun wiar? Hed’r sin

wüf fertääld, wat tu dun as, wan at

weeder komt? Hat wiar so wen, dat

hi ales reegelt. An nü seed hat alian

aran mä a jongen an a ualen.

A ualen! Bal hed hat jo ferjiden,

maad’r ei am teenk, am det dramatisk

gesicht an am det „O-hauahaua-ha,

wi-aarem-lidj“-gerooft faan

Hanne. Nian halep wiar detdiar wüf,

wooraftig ei. Uun kuup nimen üüs

swiigermam, so üüs hat uun kuup

nimen wurden wiar, domools tjiin

juar sant.

„Ik san geliks weler diar! Ik gung

bluat ens gau auer tu Ualmam

an Ualaatj. Jam teew fein heer!“

A winj reew ham a dör bal ütj a

hun, mä meut fi ng hat at weler

slööden. Do wiar hat uun a naacht

ferswünjen.

Dön maaner maad ei föl snaake.

Arkeneen wiar ring tu mud. Wat

kaam diar üüb jo tu? Maden uun

a naacht ap üüb a dik, sunseeker

skofl e, hööl tacht maage an hööbe.

Üüs mä pitsgern sluch a rin jo

uun’t gesicht. Knaap küd’s a uugen

eebenhual. Man huartu uk, at wiar

so jonk, ham küd alikwent ei sä,

wat bütj a lampen faan’t autu wiar.

Oober hiar küd’s am so beeder: Det

weeder beeft a dik. Üüs en skööl arig

holin brolet a sia, hüület üüs wilj

hünjer an smeed dön maaner saaltig

an klewig sküm uunjin.

Det weeder, ölers so rauelk, a

hualew dai goor ei diar, hed ales

auernimen, a sunwaal, at föörlun, a

stiandik sten nü knaap en meeter

oner a kruun faan a dik. Hög huuger

waagen slaket al ma hongrig tongen

auer a dik henwech. Ocke fersoocht,

boowen auer tu lukin an wurd miast

geliks weler deelweid.

„Det schocht ei gud ütj!“, skreid’r

jin a winj uun. An do begand jo

tu skofl in, skofelt jin a winj, a rin

an a tidj, üüs wan det wat halep

küd. Efter tjiin minüuten wiar’s

altermaal njosktrochwiat an uun

iane sweet. Werkin holep jin a

angst. „Oober eentelk“, toocht

Boy, „eentelk hed’s uk aran bliiw

küden an beedige. Jin detdiar weeder

komt nian mensk jinuun.“ Do

hiard hi at. Wat wiar det? En stem?

En letjem schongen? En jongens

liidje? Hi racht ham ap an luuret:

„Harke’m dach ens!“

An do hiard’s at altermaal. Faan

fi arens klangd a sarkklooken. Enkelt

gelüten bluat, ütjenöler rewen faan a

sturembööien. Man dach, diar ringd

klooken. Wat skul det bedüüde?

Dön maaner sten tu püstin.

26 Nordfriesland 173 März 2011

Foto: Harry Kunz


„Ik liaw“, skreid Henjer, „a winj

saket uf. Ik liaw, a springfl ud as auerstenen.“

„Dom tjüch“, jolet Joope,

„bi Ödersem as was a dik breegen,

an nü gnaade üs God.“ Jo kreeb, mä

lochtern uun a hun, gemiansoom de

slobrig dik huug, een hääl de öler

feest. Wilj suart weeder saner aanj,

saner kiming ging auer uun hemel

an rin. Ei ens muar a salring ialtörn

skiind. A wäält, so kaam at jo föör,

wiar uun’t grat weeder onergingen.

„Leet’s tüs“, saad een tu de öler.

„Wan a dik heer breecht, kem’f ei

muar wech.“ „Ja“, rooftet Boy, „nü

kön üs bluat en woner halep. Leet’s a

wüfen an a jongen ap tu böön fu an

ufteew, wat a maaren brangt.“

Üüs Boy faan bütjtaarep sin jaat

huug kaam, wiar sin hüs jonk. Bluat

en ual pitrooleum-lamp skiind troch

at mataalemwöning an wiset ham a

wai. Do siig’r, hü de ual peerenbuum

uun guard üüs en skaad uun a winj

daanset. „Na, ual sleef, häälst di jo

noch gud“, saad’r letjem an maaget a

jaadör eeben. „Beest dach en tuchen,

ualen düüwel, ei?“

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En Kü fair

en Kualev

Faan Merten Frank

Hat es Nacht. Di güül Muun skintj

hiil leecht. Ön di Guart becht di

suurt Graavki sin Graavkistaker, di

Rot becht sin junk Hööler en di Ree

freet di fi in Knopen fan di Ruusen.

Tö liker Tir es di Puk ön di Kööken

en et dit aurblewen Iit. Iartapel fent

hi sa leker. Fan boowen jert hi bluat

dit Snārken fan di Familji.

Diar gairt en Kat fol Kneepen iin ön

di Knek en fangt en gre Müs.

Oo, hur stakels es dit fuar di gre

Müs! Man diar fraaget di Müs di

Kat: „Weest dü, hur di Puk uunet?

Bi di Buurenstair mung di Eekern

fair di Kü Elsa en Kualev, man dit

stat fast. Di Puk skel waker tö Help

kum.“ Di Kat kent di Buurenstair,

omdat sin Kusine Lotta diar uunet.

Uk di Kü Elsa her hi al sen, üs’er dit

leest Mol tö Bisjuk wiar. „Jaa, weet

ik, teev, gliks ön diderem Hüs diar

fuar“, swaaret di Kat. Da haalet di

Kat di Puk en fortelt, wat di gre Müs

sair heer.

Da kumt di Puk sa waker üt dit Hüs,

dat hi aur di Graavki falt. Diar uur

di Rot en di Ree niisgirig, en wel

weet, wat luas es. Di Puk birochtet

om di Kü, wat en Kualev fair en

Help brükt en sair: „Waker, kum,

wi skel diarhen! “ „Ik bliiv lewer jir“,

sair di Graavki, „ik ken dach ek fuul

help, sa blinj üs ik sen.“ Da laap di

Rot, di Ree en di Puk hen tö di Müs.

Diar raaki ja uk di Kat weðer, wat al

fuarof löpen wiar.

Da nemt di Ree ali trii üp sin Rech

en rent hen tö di Buurenstiar. Di

Kat lapt lewer bisir fan ön sin ain

Tempo.

Di Puk sjocht di Kü en hekset

di Kualev üðer Wai om me en

Heksenspröök „Kuli, fuli, mik, mak,

muk. Rocht Wai dit Kualev, da gair

dit uk!“

Nü ken di Kualev sener Swiirighairen

ütkum. Di Kü Elsa neemt dit Kualev

Paul en sair „fuul Toonk“ tö di Puk

en di Helper. Ali Dirter sen lekelk en

juubiliari.

Bücher

Der Elternlose

und der Entehrte

Was wäre die nordfriesische Kulturgeschichte

ohne die Dorfschullehrer?

Ohne Persönlichkeiten wie

Christian P. Hansen (18031879),

den Chronisten der Insel Sylt, oder

die Föhrer Heimatforscher Ocke

Nerong (18521909) und Hans

Philippsen (18661926)? Die Liste

der Lehrer, die sich als Naturkundler,

Historiker und Sprachpfl eger

um ihre Heimat verdient gemacht,

aber auch, wie der Keitumer Komödiendichter

Jap Peter Hansen

(17671855) oder der Maler Oluf

Braren (17871839) aus Oldsum

auf Föhr, auf künstlerischem Gebiet

Außerordentliches geleistet haben,

ist lang. Jetzt muss ihr ein weiterer

Name hinzugefügt werden: Mumme

Christian Hansen (18141868)

aus Poppenbüll in Eiderstedt.

Dass selbst Kenner der nordfriesischen

Literaturgeschichte von diesem

M. C. Hansen noch nie etwas

gehört haben, hat einen einfachen

Grund: Sein einziger Roman „Der

Elternlose und der Entehrte“ ist erst

im vergangenen Jahr, rund 170 Jahre

nach der Niederschrift, im Druck

erschienen:

M. C. Hansen: Der Elternlose und der

Entehrte. Aus der Handschrift getreu

übertragen und herausgegeben von

Tim Voß. 118 S. 11,90 Euro. Verlag

Reinecke & Voß, Leipzig 2010.

Dass es dazu kam, war reiner Zufall.

Denn eigentlich hatte der Leipziger

Germanist und Verleger Tim Voß,

ein gebürtiger Dithmarscher, im

Klaus-Groth-Archiv in Heide nach

plattdeutscher Literatur gefahndet.

In einer abgelegenen Ecke fand

er neben den Putzmitteln einen

Karton, in dem ein Konvolut lag:

Hansens Manuskript. Voß erkannte

sofort, dass er auf etwas Besonderes

Nordfriesland 173 März 2011 27


gestoßen war. Da Hansen als Lehrer

über eine sehr gut lesbare Handschrift

verfügte, machte die Entzifferung

wenig Mühe. Voß transkribierte

den Text und veröffentlichte ihn

in dem kleinen Verlag, den er kurz

zuvor mit seinem Kompagnon, dem

Mecklenburger Bertram Reinecke,

gegründet hatte.

M. C. Hansen selbst nennt sein

Werk „eine Erzählung“, doch was

in dem Buch von nicht einmal

120 Druckseiten erzählt wird, ist

eine Romanhandlung par excellence.

Irgendwann zu Beginn des

19. Jahrhunderts strandet bei Tönning

ein Schiff, dessen Besatzung

und Passagiere offenbar umgekommen

sind. An Bord wird nur ein

Kind gefunden. Der Junge mit dem

Namen Ludwig, den wegen seiner

vielfältigen Talente jedermann bald

„Tausendfach“ nennt, erzählt nun

sein Schicksal rückblickend in der

Ersten Person.

Ludwig wird in eine arme Pfl egefamilie

gegeben. Dort leidet er nicht

nur unter den harten Lebensbedingungen

und der Lieblosigkeit der

Pfl egeeltern, sein Pfl egevater zwingt

ihn auch zum Diebstahl. Als man

ihn beim nächtlichen Schlachten

fremder Schafe auf frischer Tat

ertappt, wird ihm wegen seiner Jugend

eine Strafe erlassen, und man

übergibt ihn Pfl egeeltern, „deren

Rechtschaffenheit keinem Zweifel

unterlag“. Nach Schule und Konfi rmation

will sich der vielseitig begabte

Junge als Laufbursche verdingen,

aber aufgrund seiner kriminellen

Vorgeschichte nimmt niemand ihn

in Dienst. So endet der erste Teil.

Der zweite Teil der Erzählung beginnt

damit, dass ein offenbar sehr

reicher Fremder nach Tönning zieht

und Ludwig als Diener einstellt.

Der geheimnisvolle Unbekannte

macht sich als Wohltäter der Armen

einen Namen, lebt aber weiterhin

zurückgezogen, was allerlei dunklen

Gerüchten Nahrung liefert. Diese

Gerüchte scheinen sich zu bestätigen,

als der Fremde eines Nachts

bei einem Raubüberfall am Kopf

verletzt wird. Dabei kommt zutage,

dass er auf der Stirn als Verbrecher

gebrandmarkt ist. Als sich darauf

alle von seinem Herrn der erklärt,

unschuldig verurteilt worden zu

sein abwenden, hält Ludwig ihm

die Treue. Erst als der Fremde unter

Einsatz des eigenen Lebens ein Kind

aus einem brennenden Hause rettet,

schlägt die allgemeine Stimmung

wieder um. Aber bei der Rettung hat

er schwere Verbrennungen erlitten.

Auf dem Sterbebett kommt endlich

heraus, was der Leser schon lange

geahnt hat: Der Fremde ist Ludwigs

Vater.

Die Wiedervereinigungs- ist zugleich

eine Abschiedsszene. Immerhin

fi ndet der Vater noch die Zeit,

das Rätsel der Herkunft unseres

Helden aufzulösen. Ludwigs Vater

ist ein französischer Graf namens

„Ferdinand von S...“, der einem

Fürsten einst die schöne Braut weggeschnappt

hat: Ludwigs Mutter. Bei

Ausbruch der Französischen Revolution

schickte er Frau und Kind ins

sichere Dänemark, während er selbst

sich dem Kampf gegen die französische

Republik anschloss. Doch dann

nahm das Unheil seinen Lauf. Der

ehemalige Nebenbuhler ließ Ferdinand

mittels gefälschter Briefe als

Verräter ins Gefängnis werfen. Das

Schiff, mit dem Frau und Kind nach

Kopenhagen gebracht werden sollten,

erlitt unterdessen Schiffbruch

und strandete an der nordfriesischen

Küste. Nach drei Jahren Kerkerhaft

begab sich der französische Graf

auf die Suche nach ihnen, wobei er

ganz nebenbei gewaltige Reichtümer

erwarb. Irgendwann gelangte

er schließlich nach Tönning. Das

Weitere ist bekannt.

Der Roman schließt mit einem

bittersüßen Happy End: Ludwig

trauert um den gefundenen und

gleich wieder verlorenen Vater, aber

er wird auch als dessen rechtmäßiger

Erbe bestätigt und kann die Güter

des Grafen, die nach der Restauration

der Bourbonenherrschaft in

Frankreich zurückerstattet worden

waren, in Besitz nehmen. Am Ende

erfährt Ludwig auch noch, dass

der Bösewicht, der seinen Vater

seinerzeit in den Kerker gebracht

hatte, inzwischen auf dem Schafott

gestorben ist.

Schon die Zusammenfassung der

Romanhandlung verdeutlicht, dass

es sich bei „Der Elternlose und der

Entehrte“ nicht wirklich um ein

literarisches Meisterwerk handelt.

Die Handlung folgt einem konventionellen,

tausendfach verwendeten

Muster und ist ziemlich vorhersehbar,

manche Schilderung, etwa die

Sterbeszene gegen Schluss, nicht

frei von Sentimentalität. Zudem

spart der Ich-Erzähler nicht mit

moralischen Belehrungen, gerne

auch, indem er seine Leser direkt anspricht.

All das wirkt reichlich, nun

ja, schulmeisterlich und altbacken,

sogar für eine Erzählung aus der

Mitte des 19. Jahrhunderts. „Der Elternlose

und der Entehrte“ war schon

in der Epoche seiner Entstehung ein

unzeitgemäßes Werk.

Tatsächlich ist es nicht unwahrscheinlich,

dass Hansens Poetologie

und Erzählweise sich der Lektüre

populärer aufklärerischer Schriften

aus dem 18. Jahrhundert verdanken,

etwa denjenigen des Moralphilosophen

und Dichters Christian

Fürchtegott Gellert (17151769).

Wir wissen, dass Gellerts Schriften

auch im ländlichen Raum verbreitet

gewesen sind. Einen Beleg dafür

28 Nordfriesland 173 März 2011


liefert ein anderer nordfriesischer

Autor, nämlich Jens Jacob Eschels

(17571842), der in seiner Anfang

des 19. Jahrhunderts geschriebenen

und 1835 erschienenen „Lebensbeschreibung

eines alten Seemannes“

immer wieder und in extenso Passagen

aus Gellerts Werken zitiert. Aber

solche Überlegungen bleiben spekulativ,

solange nicht durch genaue

Textvergleiche Hansens literarische

und moralphilosophische Vorlagen

ermittelt sind.

Auch wenn Hansen einem bereits

zu seiner Zeit als veraltet geltendes

Literaturmodell folgt, muss

man ihm doch lassen, dass er sein

Handwerk souverän beherrscht.

Der Poppenbüller Lehrer schreibt

nicht nur ein tadelloses Deutsch,

auch sein präziser, detailgenauer

Stil ist mustergültig. Die Darstellung

der elenden Lebensumstände

Ludwigs bei der Pfl egefamilie gerät

ihm sehr eindrücklich, dramatische

Szenen wie die Feuersbrunst wirken

sogar mitreißend. Hansen versteht

es auch, Spannung zu erzeugen.

Obwohl einem der ungefähre Ausgang

der Geschichte schon bald

klar ist, will man doch immer weiter

lesen, um die genaue Aufl ösung zu

erfahren. Ein bisschen schade ist,

dass Hansen auf Lokalkolorit weitgehend

verzichtet, seine Erzählung

könnte beinahe in jeder Hafenstadt

spielen. Aber das spricht nicht gegen

die literarische Qualität des Romans.

Insgesamt wirkt „Der Elternlose und

der Entehrte“ keineswegs wie die Arbeit

eines Anfängers. Hansen muss

viel und gründlich gelesen haben,

und offenbar war er im Schreiben

geübt.

Wer war dieser M. C. Hansen?

Über sein Leben ist wenig bekannt.

Hansen wurde 1814 als Sohn eines

Lehrers in Tating geboren, besuchte

das Lehrerseminar in Tondern und

wurde nach einer Zwischenstation

als Hilfslehrer in Sankt Peter 1838

Lehrer, Organist und Küster in dem

kleinen Dorf Poppenbüll. Auffällig

ist, dass Hansen erst im Jahre 1849,

also mit 35 Jahren, heiratete. Vermutlich

lag das an seinen Einkom-

mensverhältnissen. Wir wissen, dass

Hansen zwar schon 1846 Hauptlehrer

in Poppenbüll geworden war,

sein Gehalt aber mit den Erben

seines Vorgängers teilen musste.

Erst als der letzte Hinterbliebene des

ehemaligen Hauptlehrers gestorben

war, bezog Hansen das volle Gehalt

und konnte es sich leisten, die Ehe

einzugehen. Was ihn dazu bewog,

sich zwischen dem Frühjahr 1841

und April 1843 literarisch zu betätigen,

ob er an eine Veröffentlichung

seiner Erzählung je gedacht hat, werden

wir wahrscheinlich nie erfahren.

Weil er aber in seinem Manuskript

genau vermerkt hat, wann er an seinem

Roman gearbeitet hat, wissen

wir, dass er hauptsächlich während

der Ferienzeiten geschrieben hat.

So erklärt sich auch die angesichts

der Kürze der Erzählung recht lange

Periode der Niederschrift.

Vielleicht lässt das Wissen um den

Entstehungsprozess des Romans

sogar Rückschlüsse auf Hansens

Selbstbild als Schriftsteller zu. Wenn

Hansen ausschließlich während der

Schulferien geschrieben hat, könnte

das darauf hindeuten, dass er die

Schreiberei eher als Zeitvertreib

ansah und eine Veröffentlichung seiner

Arbeit gar nicht im Sinn hatte.

Dabei war Hansen durchaus willens

und in der Lage, Texte von sich

drucken zu lassen. Im Jahre seines

Todes, 1868, erschien von ihm im

Selbstverlag die kleine (nur 27 Seiten

umfassende) Schrift „100 Räthsel

zur Weckung des Nachdenkens für die

reifere Jugend“. Ob Hansen glaubte,

ein solches pädagogisches Werk sei

eher eine Veröffentlichung wert als

sein Roman, oder welche Umstände

sonst dafür verantwortlich sind, dass

„Der Elternlose und der Entehrte“

damals nicht als Buch erschienen

ist auch das bleiben offene Fragen.

Nichts spricht jedoch dafür, dass

sich Hansen etwa als verkanntes

Genie gefühlt und unter seiner

bescheidenen Existenz als Dorfschullehrer

besonders gelitten hätte.

Wahrscheinlich seine „Weckung des

Nachdenkens für die reifere Jugend“

kann als ein Beleg dafür genommen

werden versah er sein Amt mit

Fleiß und Leidenschaft und schrieb

nur zu seinem eigenen Vergnügen.

Mit einem Wort: Hansen war ein

reiner Freizeitschriftsteller. Aber als

solcher hat er Beachtliches geleistet.

Dass wir heute seinen Roman

„Der Elternlose und der Entehrte“ als

gedrucktes Buch in Händen halten,

hätte er sich wohl nicht träumen

lassen. Olaf Schmidt

stammt von Föhr, ist promovierter

Germanist, arbeitet als Literaturredakteur

des Leipziger Stadtmagazins

Kreuzer und hat 2006 mit „Friesenblut“

einen erfolgreichen Debütroman

vorgelegt. (Adresse: Schnorrstr. 40,

04229 Leipzig.)

Schneetage

Nordfriesland als literarischer Ort

ist kanonisiert (vgl. Nordfriesland,

Nr. 172, S. 2). Auch einhergehende

Themen wie Naturkatastrophen,

Landverlust und Landgewinn, Überlebenskampf

der Küstenbewohner

sowie nordfriesische Geschichte

gelten als literarisch etabliert. Dass

Nordfriesland auch heute einen

spannenden Erzählraum abgeben

kann, beweist Jan Christophersen

mit seinem Debütroman:

Jan Christophersen: Schneetage. 368 S.

22,00 Euro. Mareverlag, Hamburg

2009. Taschenbuchausgabe: 266 S.

9,95 Euro. Fischer Taschenbuch Verlag,

Frankfurt am Main 2010.

Im Roman erinnert sich der Ich-

Erzähler Jannis im Winter 1978/79

in karger, lakonischer Sprache seiner

Nachkriegskindheit in einer Pfl egefamilie

im Grenzkrug von Vidhof,

einem fi ktiven Ort an der deutschdänischen

Grenze. Diese Kindheit

wird durch die obsessive Suche des

Pfl egevaters Paul Tamm nach Fundstücken

des sagenumwogenen Ortes

Rungholt bestimmt. Während die

Schneemassen das gesamte Land

zudecken, deckt der Erzähler all die

familiären Probleme, Wünsche und

Suchbewegungen auf, die letztlich

in einem Kollaps des Pfl egevaters

Nordfriesland 173 März 2011 29


Paul und in einer Identitätssuche von

Jannis münden.

Der Handlungsverlauf wechselt

immer wieder zwischen Gegenwartsbeschreibungen

des Jahreswechsels

1978/79 sie tragen stets die

Kapitelüberschrift „Schnee“ und

Jannis’ Kindheitserinnerungen. Der

gesamte Roman bewegt sich zwischen

einem sich abwechselnden

Zu- und Aufdecken, das der Bewegung

von Ebbe und Flut entspricht.

Letztlich werden deshalb auch nicht

alle Fragen geklärt, sondern auch

Aspekte und Erinnerungen wegspült,

wodurch der Leser selbst Leerstellen

auszufüllen hat.

Jan Christophersen, dem stilistisch

eine Nähe zu Theodor Storm und

Siegfried Lenz nachgesagt wird,

schlägt in seinem Debütroman etliche

Brücken zu anderen Texten wie

etwa der „Deutschstunde“ von Lenz.

Insbesondere durch die Kindperspektive,

durch den Verweis auf Emil

Nolde und durch einen Schulaufsatz

von Jannis über die eigene Geschichte

wird diese Verbindung sichtbar.

Der Beginn der Geschichte erinnert

allerdings an einen anderen berühmten

Romananfang: an Robert Musils

„Mann ohne Eigenschaften“. Genau

wie Musils Jahrhundert roman beginnt

auch „Schneetage“ mit einer

nüchternen Wettervoraussage, die die

hereinbrechende Schneekatastrophe

ankündigt. Im Laufe des Romans

zeigt sich jedoch, dass das Erzählen

die diversen menschlichen und naturbedingten

Katastrophen besser zu

fassen weiß als eben eine nüchterne

Prognose. In der literarischen Verarbeitung

der sehr unterschiedlichen

Themen bei Christophersen gewinnen

die Schneekatastrophe und die

Geschichte Rungholts eine ganz

eigene Dimension. Diese kann für

Nordfrieslandkenner zwar manchmal

etwas lehrbuchartig wirken, doch

wird letztlich auch für Insider ein unterhaltendes

Mosaik nordfriesischer

Geschichte dargeboten.

Der gebürtige Flensburger Christophersen,

der am Leipziger Literaturinstitut

studiert hat und der

mittlerweile mit seiner Familie

wieder in Schleswig-Holstein lebt,

hat für seinen Debütroman insgesamt

sechs Jahre lang recherchiert.

Mit einschlägiger Sachkenntnis

der Rungholt-Literatur verarbeitet

er nordfriesische Kulturgeschichte

zu einer eindrucksvollen Familienund

Heimatgeschichte. Diese Geschichte

ist allerdings vor allem durch

Brüche und Risse gekennzeichnet,

welche sich durch die Figuren und

die Handlungen ziehen. Insbesondere

die Heimatverortung verläuft

nicht eindeutig. Durch die dargestellten

Nachkriegsschicksale wird

deutlich, dass eine nordfriesische

Identität nicht zwangsläufi g durch

Geburt oder Sozialisation vor Ort

bedingt sein muss, sondern sich für

Hinzukommende auch durch selbsttätige

Verortung und den Wunsch

nach Zugehörigkeit ergeben kann.

Christophersen führte dazu im NDR

Kulturjournal am 25. Mai 2009

aus: „Ich habe einen Heimatroman

geschrieben, weil er sich damit beschäftigt,

weil es wirklich Thema ist,

was Heimat bedeutet, was Herkunft

bedeutet [...]. Ich nehme es nicht

zum Anlass, Heimat zu feiern. Es gibt

ja durchaus Brüche im Heimatbild.“

Es sind vor allem die Figuren mit

ihren Schicksalen und persönlichen

Schwächen, die beeindrucken und

die dem Leser ein Verstehen von

unterschiedlichen Identitäten ermöglichen.

Indem durch Erinnerungen,

Zeitsprünge und vor allem durch die

Kindperspektive des Ich-Erzählers

Heimat- und Familienschichtungen

langsam abgetragen und verarbeitet

werden, erscheint gleichsam ein Bild

nordfriesischer Geschichte von

Rungholt bis zu den deutsch-dänischen

Auseinandersetzungen in

der Nachkriegszeit. Christophersen

schreibt sich mit „Schneetage“ in eine

bestehende Nordfriesland-Literatur

ein, ohne zu kopieren oder gar

plump nachzueifern. Dieser Roman

lohnt nicht nur für jeden Nordfriesland-Liebhaber

und Geschichtsinteressierten,

sondern ist all denjenigen

zu empfehlen, die ein ruhiges und

intensives Erzählen jenseits aller Action

schätzen. Ada Bieber

Kiek mal rin!

Kaum zu glauben, aber wahr. Es gab

bislang keine halbwegs benutzbare

Gebrauchsgrammatik des Plattdeutschen.

Jetzt liegt sie endlich vor und

Bauer Brakelmann aus Büttenwarder

könnte sagen: „Das kann man gar

nicht hoch genug verherrlichen!“

Heinrich Thies: Plattdeutsche Grammatik.

Formen und Funktionen. Hrsg.

von der Fehrs-Gilde. 367 S. 19,90

Euro. Wachholtz Verlag, Neumünster

2010.

Der mühseligen und deshalb so

verdienstvollen Arbeit, die heute

gültigen Formen und Funktionen

des Plattdeutschen zu erfassen, hat

sich mit Heinrich Thies aus Glinde

nicht ein Sprachwissenschaftler,

sondern ein Jurist unterzogen. Thies

war zehn Jahre lang Vorsitzender

der Fehrs-Gilde und hatte sich mit

der kompletten Überarbeitung des

Sass’schen Wörterbuchs schon einen

guten Ruf erarbeitet. Jetzt aber krönt

er seine Arbeit mit einem Buch, das

schon bei seinem Erscheinen als

Standardwerk gelten muss.

Thies’ Anliegen war nicht eine

wissenschaftliche Abhandlung. Er

wollte ein Handwerkszeug bereitstellen,

das Antworten auf häufi g

auftretende Fragen gibt. Das ist ihm

voll und ganz gelungen. Er traut sich

auch, mit „unwissenschaftlichen“

Kategorien wie „kennzeichnend

niederdeutsch“ die Aufmerksamkeit

des Benutzers auf strukturelle

Unterschiede zwischen Hoch- und

Plattdeutsch hinzuweisen.

Thies musste selbstverständlich

Leitformen setzen, denn wenn er alle

regionalspezifi schen Unterschiede

des Plattdeutschen gleichrangig hätte

dokumentieren wollen, wäre das

Ergebnis wohl kaum benutzbar. Er

fand dafür in der Regel einen guten

Weg. Wenn Abweichungen vom

Grundmuster großräumig gelten,

etwa für den ganzen Landesteil

Schleswig, dann werden sie vermerkt

und erläutert. Das macht Thies’

Grammatik auch für Nutzer in

Nordfriesland einsetzbar.

Peter Nissen

30 Nordfriesland 173 März 2011


Neu im

Nordfriisk

Instituut

Jahrbuch 2011

Mit Theodor Storms literarischer

Überformung von Elementen der

nordfriesischen Landschaft befasst

sich der Germanist Prof. Dr. Heinrich

Detering in einem Aufsatz in

Nordfriesisches Jahrbuch 46 (2011).

160 S. 9,80 Euro. Verlag Nordfriisk

Instituut, Bräist/Bredstedt 2010.

Der Historiker Dr. Paul-Heinz

Pauseback berichtet von der überaus

erfolgreichen Integration des gebürtigen

Husumers Ludwig Nissen

in New York um 1900. Prof. Dr.

Jarich Hoekstra, Kiel, publiziert und

kommentiert eine Ansprache des aus

Fahretoft stammenden Pastors Peter

Petersen, die dieser 1819 an der damaligen

Husumer Gelehrtenschule

auf Friesisch hielt. Wie es zur Zeit

der Aufklärung in der führenden

Schicht in Koldenbüttel zuging,

schildert der frühere dortige Pastor

Johann-Albrecht Janzen. Von dem

Husumer Juristen Johannes Paul Ipsen,

der 1749 in Wobbenbüll starb,

berichten die Chronistin Tatjana

Hetzel und der Stadtarchivar Holger

Borzikowsky.

Perspektiven des Friesischen im

Schulunterricht und an der Universität

Flensburg beleuchten Flensburger

Studierende. Der Erlanger

Germanist Prof. Dr. Horst Haider

Munske schildert die wissenschaftlichen

Lebensläufe von Sprachforschern,

die sich mit Leidenschaft

dem Friesischen zuwandten, ohne

selbst Friesen zu sein.

Eine Bibliografi e zur Geschichte,

Sprache und Kultur der Insel Amrum

hat Prof. Dr. Martin Rheinheimer,

Esbjerg, zusammengestellt.

Buchbesprechungen und eine

Aufstellung der im Jahre 2009 in

Zeitungen und Zeitschriften erschienenen

nordfriesischen Texte runden

das Jahrbuch ab. NfI

NORDFRIESLAND

Gesamt-Inhaltsverzeichnis 2010 Hefte 169172

Bahnsen, Bahne: Der „American dream“ des Heintich Lütjens.

Von der Hauptstraße in Leck zum Harvard Faculty Club. . . . . . . . . . . 169 17

Bammé, Arno: Lars Clausen ein Querdenker und Kämpfer † (Chronik) 171 5

Botter, Frank: Cassen Eils 1923 2010 (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 6

Bremen, Silke v.: Von der inneren Gefangenschaft eines Freiheitskämpfers.

Uwe Jens Lornsens seelische Not. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 22

Frank, Johann: Üüs Sölring Lön? (Reaktionen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 32

Hansen, Jon Hardon: C.-P.-Hansen-Pris 2009 (Chronik) . . . . . . . . . . . . . 169 5

Hölscher, Andrea: Biakin uun a jongensguard (Chronik) . . . . . . . . . . . . . 169 4

Jessen, Rike: Jü tååscheklook (Ferteel iinjsen!) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 28

Junge, Werner: 40 Jahre auf gutem Weg (Kommentar) . . . . . . . . . . . . . . . 171 2

Von der Schlammschlacht zum Weltkulturerbe.

25 Jahre Nationalpark Wattenmeer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 15

Karschin, Sibylle: Ansprache zur Einweihung des Gedenkortes für

Mirjam Cohen bei der TSS in Husum am 19. November 2010. . . . . . 172 29

Kunz, Harry: Nordfriesland im Winter (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 10

Nordfriesland im Frühling (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 8

Nordfriesland im Sommer (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 8

Nordfriesland im Herbst (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 7

81 Menschen pro qkm, 463 Höfe von über 100 ha, 10 436 381

Übernachtungen. Zahlen und Daten zu 40 Jahren Kreis Nordfriesland 171 22

Lohmeier, Dieter: Prof. Dr. Karl Ernst Laage 90 (Chronik). . . . . . . . . . . . 171 5

Mit Selbstvertrauen in die Zukunft. Antworten von Landrat

Dieter Harrsen zum 40-jährigen Bestehen des Kreises Nordfriesland . . 171 20

Nissen, Peter: Benotet (Bücher). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 30

Ermutigung (Kommentar) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 2

Ich auch nicht (Bücher). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 30

Gut un hemm (Bücher). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 31

Grothens Stolz (Bücher) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 30

Nordfriisk Instituut: Jahrbuch 2010 (Neu im Nordfriisk Instituut) . . . . . 169 31

Friesisches auf Russisch (Bücher). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 30

Glücklicher Matthias (Neu im Nordfriisk Instituut). . . . . . . . . . . . . . . 170 32

Der kleine Prinz auf Friesisch (Neu im Nordfriisk Instituut) . . . . . . . . 170 32

Nordfriesland und die Friesen (Neu im Nordfriisk Instituut) . . . . . . . . 170 32

Jarling 2011 (Neu im Nordfriisk Instituut). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 31

Olaf Braren (Neu im Nordfriisk Instituut) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 31

Friesische Straßennamen (Neu im Nordfriisk Instituut) . . . . . . . . . . . . 171 31

Frederik Paulsen: Vier Nordfriesen aus vier Jahrhunderten.

Regionalität und Weltbürgertum

Freiheitsdrang und Heimatverbundenheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 9

Pauseback, Paul-Heinz: Für ein paar Stunden Auswanderer sein.

Auswandererhaus in Bremerhaven und BallinStadt in Hamburg . . . . . 169 14

Pingel, Fiete: Üt da friiske feriine (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 7

Sylt-Büchlein (Bücher) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 30

Zwischen Landschaft und Sehnsucht (Bücher) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 30

Hans-Momsen-Preis für Dr. Christian M. Sörensen (Chronik) . . . . . . 172 4

Stolpersteine, Schicksal einer Schülerin

und ein engagiertes Theaterprojekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 27

und Thomas Steensen: Nordfriesischer Kanon (Kommentar) . . . . . . . . . 172 2

Püttger-Conradt, Armin: Das Erbe eines Gutsherrn.

Sönke Nissen in Glinde. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 19

Nordfriesland 173 März 2011 31


Redaktion: Biike-Empfang im Andersenhaus (Chronik). . . . . . . . . . . . . . 169 3

Bekenbrennen in Drage (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 4

Friesisch an den Hochschulen (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . 169 6; 171 4

H. P. Rickmers 90 (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 7

100 Jahre Vogelwarte Helgoland (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 7

Gedenken an Jens Mungard (Chronik). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 8

Feddersen-Preis 2009 (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 8

Friesische Filme (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 8

Üt da friiske feriine (Chronik). . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 9; 171 7; 172 6

Musiikweedstrid (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 3

Kulturpreis für Prof. Dr. Dieter Lohmeier (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . 170 5

Jungbauern zu Gast (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 6

Ferteel iinjsen! „Uun a naacht“ (Chronik). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 3

Reimer Kay Holander wurde 85 (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 4

Landtagsprospekt auf Friesisch (Chronik). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 4

Fest der Vielfalt (Chronik). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 6

Friesische Adjektiva (Bücher) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 30

Friisk Hüs (Chronik). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 3

Friisk Funk (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 3

Momsen-Haus gekauft (Chronik). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 4

Fest der nordfriesischen Vielfalt (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 5

100 Jahre Dr. Hugo Krohn (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 5

Thema „Uun a naacht“ (Ferteel iinjsen!) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 30

Riecken, Claas: Von Kuhstall bis Reichstag.

Friesische Filme für Nordfriesland. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 10

Seidel, Brigitta: Dr.-Ing. Marcus Petersen 100 Jahre (Chronik) . . . . . . . . 170 4

Steensen, Thomas: Provinz (Kommentar) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 2

Paulsen und das Kaiserreich (Bücher) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 29

Hirnforscher aus Husum (Bücher) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 29

Begegnung mit Horst Joachim Frank (Bücher). . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 30

Hinweis (Bücher) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 30

Ton Steine Scherben. Rio Reiser und die Freie Republik Fresenhagen . 170 15

„Doppelt hält besser!“ Das Nordfriisk Instituut und „seine“ IGB. . . . . 170 25

Der Kreis Nordfriesland ein historisch-kulturelles Porträt.

Festvortrag zum 40-jährigen Bestehen des Kreises Nordfriesland

am 26. April 2010 im Rittersaal des Schlosses vor Husum . . . . . . . . . . 171 10

Ansprache zur Verlegung des „Stolpersteins“ für Andreas Carlsen

am 23. November 2010 in Bredstedt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 27

und Fiete Pingel: Nordfriesischer Kanon (Kommentar). . . . . . . . . . . . . 172 2

Tadsen, Antje: Tante Lisbeth ütj Amerikoo (Ferteel iinjsen!). . . . . . . . . . . 172 30

Thormählen, Carl-Friedrich: 50. Interfriesisches

Bauerntreffen (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 6

Undeutsch, Dieter: Stoff für gute Stunden. Museum der Landschaft

Eiderstedt neu gestaltet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 12

Üüs Söl’ring Lön? Zur Entwicklung des Friesischen auf Sylt . . . . . . . . . . 170 20

Vanselow, Wendy: Plattdeutsch für Nordfriesland (Bücher). . . . . . . . . . . . 170 31

Die Zaubermühle A Troolmaln (Bücher) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 32

Vielleicht sollte man einfach hinschauen lernen!

Der Kreis Nordfriesland und die Friesen aus studentischer Sicht . . . . . 171 27

Weinbrandt, Britta: Det ual hüs (Ferteel iinjsen!) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 29

Wilts, Ommo: Friesische Lyrik als Widerstand.

Werk und Schicksal von Jens Mungard. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 21

Wrege, Dieter: Ein Bretone radelt

zu europäischen Minderheiten (Chronik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 6

Herausgegeben vom

Nordfriisk Instituut

Redaktion:

Peter Nissen, Fiete Pingel,

Thomas Steensen

Schlusskorrektur: Harry Kunz

Verlag: Nordfriisk Instituut,

Süderstr. 30,

D-25821 Bräist/Bredstedt, NF,

Tel. 04671/60120,

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ISSN 0029-1196

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