Elektronischer Sonderdruck für Sexualität und Internet Christiane ...

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Elektronischer Sonderdruck für Sexualität und Internet Christiane ...

Psychotherapeut

Elektronischer Sonderdruck für

Christiane Eichenberg

Ein Service von Springer Medizin

Psychotherapeut 2012 · 57:177–190 · DOI 10.1007/s00278-012-0894-z

© Springer-Verlag 2012

Christiane Eichenberg · Demetris Malberg

Sexualität und Internet

Relevante Schnittstellen für die psychotherapeutische Praxis

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privaten Homepage und Institutssite des Autors


Psychotherapeut 2012 · 57:177–190

DOI 10.1007/s00278-012-0894-z

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Christiane Eichenberg 1 · Demetris Malberg 2

1 Department Psychologie, Klinische Psychologie und Psychologische Diagnostik, Universität Köln

2 Institut für Soziale Therapie, Supervision und Organisationsberatung, Universität Kassel

Sexualität und Internet

Relevante Schnittstellen für die

psychotherapeutische Praxis

Zusammenfassung

In der Auseinandersetzung mit sexuellen Internetaktivitäten waren der fachliche und der

öffentliche Diskurs lange Zeit stark polarisiert. Inzwischen geht der Trend dahin, Onlinesexualität

differenziert und empirisch fundiert zu betrachten. Neben der ungewollten (z. B.

Übergriffe in Onlineforen) oder indirekten (z. B. durch exzessiven Pornokonsum des Partners)

Konfrontation mit Onlinesexualität gibt es ein breites Spektrum an selbst initiierten

sexuellen Nutzungsweisen. Dazu zählen u. a. die Rezeption von Aufklärungsseiten, der Erfahrungsaustausch,

die Inanspruchnahme sexueller Onlineberatung sowie der Aufbau sexueller

und romantischer Beziehungen. Gleichzeitig können mit der sexualbezogenen Internetnutzung

aber auch klinisch relevante Probleme einhergehen (z. B. „Cybersexsucht“). Durch

die Mediatisierung in der Gesellschaft verfügen die Patienten in psychotherapeutischen Praxen

zunehmend mehr über sexualbezogene Interneterfahrung. Für Psychotherapeuten ist

wichtig, die netzspezifischen Besonderheiten potenziell resultierender Probleme zu kennen,

um ihnen informiert begegnen zu können. Darüber hinaus sollten auch die sexuell konstruktiven

Einsatzweisen des Internet bekannt sein, um diese bei Bedarf in das Spektrum

netzbasiert-sexualtherapeutischer Möglichkeiten einzubinden.

Schlüsselwörter

Beratung · Psychotherapie · Selbsthilfegruppen · Suchtverhalten · Gewalt

Psychotherapeut 2 · 2012 |

177


CME

Erfahrungen und Probleme der Patienten

mit Sexualität im Internet

werden immer häufiger Anlass zur

Aufnahme einer Psychotherapie

Der Begriff „Internetsexualität“ umfasst

alle sexualbezogenen Inhalte

und Aktivitäten im Netz

178 | Psychotherapeut 2 · 2012

Nach Lektüre dieses Beitrags

F wissen Sie, warum die Kenntnis über Informationen und Diskurse im Internet zu

sexuellen Störungen oder Dysfunktionen für die psychotherapeutische Beratung und

Behandlung wichtig ist.

F sind Sie in der Lage, den Onlinesupport als Erweiterung der bestehenden Beratungs-

und Therapieinfrastruktur zu verstehen.

F wissen Sie, warum Sie Aspekte der Mediennutzung in der Anamnese systematisch und

standardmäßig erheben sollten.

F können Sie die spezifischen Motive und Gratifikationen sowie Belastungen und Probleme

Ihres Patienten sensibel erfassen und evtl. bestehende exzessive Nutzungsweisen

oder auch Erfahrungen mit sexueller Gewalt im Internet kompetent bearbeiten.

Hintergrund

In der Vergangenheit erfuhr sowohl der fachliche als auch der öffentliche Diskurs bezüglich sexueller

Internetaktivitäten eine starke Polarisierung, die auf pauschal-alarmierenden Annahmen gründete

oder Onlinesexualität in ihrer Bedeutung marginalisierte. Inzwischen geht der Trend dahin, Onlinesexualität

in ihren vielfältigen Erscheinungsformen und Funktionen zu betrachten und empirisch

fundiert zu beleuchten. So etablierte sich in Fachkreisen eine Normalisierungsperspektive, die

sexuelle Internetaktivität auf der Grundlage theoretischer Nutzungsmodelle im Internet relativiert

(Döring 2003).

Die Relevanz des Themenfelds „Sexualität im Internetfür die psychotherapeutische Praxis ergibt

sich daraus, dass die damit zusammenhängenden Erfahrungen und Probleme der Patienten

immer häufiger Anlass zur Aufnahme einer Therapie sind. Auch in laufenden Psychotherapien

können Probleme virulent werden, die im Zusammenhang mit sexualbezogener Internetnutzung

stehen (s. Fallbeispiel im Abschn. „Sexualbezogene Information und Meinungsaustausch“). Ziel

dieses Beitrags ist, das Spektrum sexueller Internetaktivitäten im Hinblick auf relevante Aspekte für

die psychotherapeutische Praxis differenziert zu beleuchten.

Der Begriff „Internetsexualität“ (oder auch „Onlinesexualität“, „Cybersexualität“, „virtuelle Sexualität“)

umfasst alle sexualbezogenen Inhalte und Aktivitäten im Netz. Er kennzeichnet eine Vielfalt

von sexuellen Phänomenen, wie z. B. Onlinepornografie, sexualbezogene Psychoedukation und Onlineberatung

sowie die Anbahnung sexueller Kontakte über Chats oder soziale Netzwerke wie Facebook.

Laut Döring (2009) lassen sich Formen von sexuellen Internetaktivitäten anhand der aktuellen

empirischen Befundlage in sechs große Bereiche klassifizieren (. Tab. 1).

Sexuality and internet. Relevant interfaces

for the psychotherapeutic practice

Abstract

On the discussion about sexual internet activities, the professional and public discourses have been

strongly polarized for a long time. Currently the trend is that online sexuality is to be seen in a differentiated

and empirical manner. Next to undesired (e.g. assault by internet platform) or indirect

(e.g. due to excessive pornography use by partners) confrontations with online sexuality, there is a

broad spectrum of self-initiated sexual use of the internet. These are, for example reception of information

sites, exchange of experiences, utilization of online sexual consultation and romantic relationships.

On the other hand clinically relevant problems could accompany sexual internet use, such

as cybersex addiction. Because of the mediatization in society ambulant patients in the psychotherapeutic

practice are more informed about sexual internet use. For psychotherapists it is important to

know the internet-specific details and the potential risks and chances for sexual behavior in order to

know how to deal with the situation and if necessary to integrate the internet into the spectrum of

web-based sexual therapeutic options.

Keywords

Counselling · Psychotherapy · Self-help groups · Behavior, addictive · Violence


Tab. 1 Nutzungsbereiche der sexualbezogenen Internetaktivität. (Döring 2009)

Bereiche der Onlinesexualität Beispiele

Pornografie Aktive Produktion oder Rezeption des vorhandenen pornografischen Materials

Sexshops Käuflicher Erwerb von erotischen Produkten

Sexuelle Tätigkeit Prostitution: Vermarktung der „Offlinesexarbeit“ vs. Ausübung der „Onlinesexarbeit“

(„Cyberprostitution“)

Sexualbezogene Psychoedukation

und -Beratung

Websites, Foren, Onlineberatungsstellen mit Fokus auf sexualbezogene Probleme

Anbahnung sexueller Kontakte Unentgeltliche sexuelle Kontakte („Cybersex“)

Austragungsort sexueller

Subkulturen

Plattformen für marginalisierte sexuelle Subkulturen, Nutzer mit speziellen

sexuellen Präferenzen

Insgesamt können Internetnutzer auf unterschiedliche Art und Weise mit Onlinesexualität konfrontiert

werden (Eichenberg u. Malberg 2011):

F selbst gewollte und bewusst initiierte Nutzung,

F indirekter Miteinbezug durch z. B. exzessiven Konsum von Erotika und Pornografie des Partners,

F ungewollte Konfrontation, z. B. durch sexuelle Belästigung in Chatrooms und durch „grooming“

oder

F erzwungene Cyberprostitution.

Schnittstelle 1: selbst gewählte Onlinesexualität

Aus dem Spektrum selbst gewählter Onlinesexualität werden im Folgenden vier Nutzungsbereiche

näher beschrieben:

F sexualbezogene Information und Meinungsaustausch,

F sexualbezogene Onlineberatung,

F sexueller Selbstausdruck und

F Aufbau sexueller und/oder romantischer Beziehungen.

Sexualbezogene Information und Meinungsaustausch

Das Internet bietet Hilfestellungen bei sexuellen Problemen und Störungen im Rahmen selbstedukativer

Aktivitäten wie z. B. die Rezeption entsprechend ausgerichteter Websites, die von unterschiedlichen

Anbietern realisiert werden. Manche sind allgemeiner Natur (z. B. das Onlinelexikon

Sexualität“, www.onmeda.de/lexi+ka/sexualitaet); andere richten sich an bestimmte Zielgruppen

(wie Jugendliche, www.sextra.de; marginalisierte sexuelle Subkulturen, z. B. www.datenschlag.org)

oder fokussieren bestimmte sexuelle Störungen oder Problembereiche (z. B. Impotenz, www.impodoc.de).

Analog verhält es sich bei virtuellen Diskussionsangeboten.

Da im Internet jeder veröffentlichen kann, gibt es keine Sicherheit bezüglich der Qualität von

WWW-Inhalten oder Postings in Foren. So belegen Studien zur Qualität gesundheitsbezogener Internetinhalte,

dass entsprechende Websites häufig Fehl- und Falschinformationen mit z. T. erheblicher

Gefahr für die körperliche und seelische Gesundheit beinhalten (Eichenberg u. Blokus 2010; Eichenberg

u. Ott 2012). Die Inhaltsqualität der Websites beispielsweise zum Thema sexuelle Hypoaktivität

bei Frauen wurde im Schnitt schlecht bis mäßig bewertet (Touchet et al. 2007). Es ist wichtig, dass

Psychotherapeuten über die Informationen und Diskurse im Internet unter den Betroffenen zu bestimmten

sexuellen Störungen oder Dysfunktionen informiert sind, um vom Patienten eingebrachte

potenzielle Falsch-/Fehlinformationen zu identifizieren und zu korrigieren.

Sexualbezogene Informationssysteme im Netz können eine geeignete Quelle zur Unterstützung

der Sexualaufklärung sein. Die Informationen sind kostenlos, decken ein breites Themenspektrum

ab und sind jederzeit sowie anonym abrufbar. Die Anonymität erlaubt bei prekären Fragen und Problemen,

wie es sexualbezogene per se sind, einen niederschwelligen Zugang zu solchen Informationen.

Der kritische Punkt von Informationen im Netz liegt in der Qualität und Nützlichkeit des konsumierten

Materials.

CME

Fehl- und Falschinformationen der

Websites können eine erhebliche

Gefahr für die körperliche und seelische

Gesundheit bedeuten

Sexualbezogene Informationssysteme

im Netz können eine geeignete

Quelle zur Unterstützung der

Sexualaufklärung sein

Psychotherapeut 2 · 2012 |

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CME

Sexualbezogene Diskussionsforen

ermöglichen den offenen Austausch

In der psychotraumatologischen Literatur

wird ausdrücklich zu geleiteten

Selbsthilfegruppen geraten

180 | Psychotherapeut 2 · 2012

Tab. 2 Chancen und Probleme virtueller Selbsthilfegruppen für Betroffene von sexueller Gewalt

Chancen Probleme

Soziale Unterstützung Soziale Belastung

Anonymität erleichtert das Äußern von schambesetzten

Themen

Schriftlichkeit erleichtert das erstmalige Mitteilen

traumatischer Erfahrungen

Enttabuisierung eines in der Gesellschaft stark stigmatisierten

Themas

Anbahnung und Ermutigung zur Aufnahme einer

Psychotherapie

Unempathische Reaktionen auf intime Selbstoffenbarung

bzw. Druck zur Mitteilung traumatischer Erfahrungen

„Trigger“-Effekte

Ausbildung oder Verfestigung einer „Opferidentität“

„False-memory“-Effekte

Isolation überwinden Sozialer Rückzug

Kollektives Wissen Fehl- oder Falschinformationen

Sexualbezogene Diskussionsforen ermöglichen den offenen Austausch über die eigenen sexuellen

Erfahrungen sowie über Themen, die sexuell konnotiert sind (z. B. Brustkrebs, www.brustkrebs.

net; sexualisierte Gewalt, www.sexuelle-gewalt.de). Entsprechende Netzangebote ergänzen die Infrastruktur

und kommen insbesondere denjenigen zugute, die im „realen Leben“ keine entsprechende

Unterstützung haben oder finden. So kann die Teilnahme an einem derartigen Forum z. B. die Selbstakzeptanz

von bestimmten sexuellen Begehrensformen fördern und Isolierungsgefühlen entgegenwirken.

Gleichzeitig ist es wichtig, mit Patienten über ihre internetbasierten Recherchen und Selbsthilfeaktivitäten

im Dialog zu sein, wie das nachfolgende Fallbeispiel illustriert:

Die Patientin sucht die Therapeutin wegen einer Reihe für sie unverständlicher Symptome auf. Neben

Ängsten und depressiven Zuständen leidet sie an einem diffusen Gefühl, keine Daseinsberechtigung zu

haben. Im Laufe der Therapie können die Ursachen biografisch erklärt werden. In der Behandlungsphase,

in der der Patientin zunehmend bewusster wird, dass sie von der Mutter höchst unerwünscht war,

begann sie, im Internet exzessiv Onlineforen zu besuchen. Sie las fast suchtartig viele Stunden am Tag

vorzugsweise solche Foren, in denen sich Menschen mit sexuellen Missbrauchserlebnissen austauschten.

Gemeinsam mit der Therapeutin konnte herausgearbeitet werden, dass für die Patientin unbewusst

erträglicher schien, wenn sie von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht worden sei. Den Vernichtungswunsch

durch die Mutter zu realisieren, war für sie kaum auszuhalten. Hier scheint die Nutzung von

entsprechenden Onlineforen ein Versuch gewesen zu sein, die Abwehr gegen die Kenntnisnahme der

eigentlichen Traumatisierung aufrechtzuerhalten. Dies konnte therapeutisch bearbeitet werden, da die

Patienten in der Therapie über ihre Internetaktivitäten sprach. Andernfalls wäre die Gefahr eines „False-memory“-Effekts

sicherlich vorhanden gewesen.

Insgesamt wird das generelle Potenzial des Internet zur Selbsthilfe bei verschiedenen Störungen in

Fachkreisen positiv eingeschätzt und ist mithilfe entsprechender Evaluationsstudien inzwischen

belegt (z. B. Uden-Kraan et al. 2008). So zeigte sich u. a., dass Onlineselbsthilfegruppen Brustkrebspatientinnen

zu einem höheren Maß an Verantwortungsbewusstsein sich selbst gegenüber

verhelfen, und bei an Unfruchtbarkeit leidenden Betroffenen führten die Onlineselbsthilfegruppen

zur Verbesserung der Beziehung zum Partner sowie zur Verringerung von Isolationsgefühlen ( Malik

u. Coulson 2008).

Onlineselbsthilfegruppen für Betroffene von sexueller Gewalt im Speziellen werden allerdings

skeptischer beurteilt (zum Überblick der Chance und Probleme . Tab. 2; Eichenberg u. Malberg

2011). Diese Einschätzungen beruhen jedoch auf klinischen Erfahrungen, da bislang keine soliden

empirischen Untersuchungen zu den Effekten entsprechender Onlinegruppen vorliegen.

So steht beispielsweise der Möglichkeit zur emotionalen Entlastung durch haltgebende und verständnisvolle

Kontakte zu anderen Betroffenen die Gefahr gegenüber, dass sich die Teilnehmenden

durch die gegenseitigen Schilderungen ihrer Erlebnisse zusätzlich belasten. Insgesamt wird in der

psychotraumatologischen Literatur ausdrücklich zu geleiteten Selbsthilfegruppen geraten (Fischer u.

Riedesser 2009), um auf die Stabilisierung der Teilnehmer zu achten und Trigger-Effekte durch Moderation

eines erfahrenden Therapeuten möglichst auszuschalten. Dies ist bei Onlineselbsthilfegruppen

häufig nicht gewährleistet, da sie in der Regel wenn nur durch Laien moderiert werden. Allerdings

sehen die Teilnehmer der Foren vielfach diese Gefahr und versuchen sie eigenständig zu minimie-


Abb. 1 8 Screenshot der Website „Sextra.de“

ren, z. B. durch die Regel, bestimmte Reizwörter nicht auszuschreiben, sondern einzelne Buchstaben

durch Platzhalter oder Sternchen zu ersetzen („m*ssbr**ch“).

Selbsthilfegruppen können der Tendenz von Opfern entgegenwirken, sich selbst zu beschuldigen

und sozial zu isolieren. Dies setzt ein offenes und freies Klima in der Gruppe voraus. Negative Auswirkungen

sind hingegen zu erwarten, wenn der Gruppendruck zu groß ist. Manche Gruppenmitglieder

spielen sich als selbst ernannte Autoritäten auf, erzeugen ein paranoides Klima und können die

neuen Mitglieder unter Druck setzen, ihre traumatische Erfahrung vorzeitig zu offenbaren (Hurley et

al. 2007). Hier fällt den Moderatoren eine anspruchsvolle Aufgabe zu. Obwohl z. B. Ochberg (1984)

von positiven Erfahrungen mit dyadischen Selbsthilfegruppen berichtet, in denen ehemalige Traumapatienten

durch Gespräch bei der Bewältigung von Lebensproblemen den neuerlich Betroffenen

helfen, besteht ein hohes Risiko zur Labilisierung der Helferpatienten. Dieses dürfte im Internet aufgrund

der hohen Gruppengrößen besonders hoch sein.

Weitere Gefahren sind z. B. sozialer Rückzug aus „Face-to-face“-Beziehungen und Verfestigung

einer „Opferidentität“, wenn beispielsweise ausschließlich und sehr intensiv der Austausch unter Betroffenen

geführt wird. Ebenso können „False-memory“-Effekte insbesondere bei denjenigen Betroffenen,

die noch auf der Suche nach den Ursachen ihrer Symptome sind, virulent werden. Zu den

sekundär- und tertiärpräventiven Funktionen der Onlinegruppen gehört neben der Enttabuisierung

eines in der Gesellschaft stark stigmatisierten Themas die gegenseitige Ermutigung zur Aufnahme

einer Psychotherapie. Studien zeigen, dass die Teilnahme an Selbsthilfeforen sogar bei Gruppen, die

einer Psychotherapie eher ambivalent bis ablehnend gegenüberstehen (z. B. die „Pro-Ana“-Bewegung

im Bereich der Essstörungen; Eichenberg u. Malberg 2011; Eichenberg et al. 2011), die Therapiemotivation

erhöht. Allerdings besteht hier die Gefahr, dass u. a. bezüglich Psychotherapie Falschinformationen

verbreitet und Fehlerwartungen erzeugt werden.

Allerdings muss in diesem Kontext das Internet auch in seinen begünstigenden Gelegenheitsstrukturen

für pädophile Aktivitäten reflektiert werden (Eichenberg 2006, s. Abschn. „Pädophilie im

Internet“). Sexuelle Belästigung z. B. von pädophil veranlagten Menschen in Foren von als Kind se-

CME

Den Moderatoren der Selbsthilfegruppen

fällt eine anspruchsvolle

Aufgabe zu

Gefahren sind sozialer Rückzug aus

„Face-to-face“-Beziehungen und

Verfestigung einer „Opferidentität“

Die gegenseitige Ermutigung zur

Aufnahme einer Psychotherapie gehört

zu den präventiven Funktionen

der Onlinegruppen

Sexuelle Belästigung kann retraumatisierende

Effekte haben

Psychotherapeut 2 · 2012 |

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CME

Der Mangel an nonverbaler Kommunikation

erhöht das Potenzial für

Missverständnisse

Die Offenheit von Psychotherapeuten

gegenüber der Einbindung neuer

Medien ist wichtig

182 | Psychotherapeut 2 · 2012

xuell Missbrauchten zerstört nicht nur den geschützten Raum der Betroffenen, sondern kann auch

retraumatisierende Effekte haben. Hier können geschlossene/moderierte Foren zumindest ein etwas

höheres Maß an Schutz bieten (Igney 2008). Zwar können sich auch dort pädophil veranlagte

oder (sexuell) anders gestörte Menschen anmelden, um nach potenziellem Material wie Narrativen

von Betroffenen zu suchen oder gar direkte Kontakte zu Opfern anzubahnen. Allerdings kann eine

entsprechend motivierte Aktivität einfacher identifiziert und schneller unterbunden werden. „Flaming“-Inhalte

1 , die das Klima einer Onlineselbsthilfegruppe gefährden, können zeitnäher beseitigt

oder erst gar nicht „frei geschaltet“ werden. Dies bedingt aber, dass der Moderator jeden Forumbeitrag

zunächst persönlich liest – ein Aufwand, der kaum zu bewältigen ist. Zudem wird eine solche

Kontrolle häufig als Zensur erlebt und daher nicht praktiziert. Gängiger ist das Modell, dass Moderatoren

die technischen, aber auch von der Gruppe legitimierten Rechte haben, Beiträge zu editieren

und zu löschen.

Sexualbezogene Onlineberatung

Fallbeispiel: Mädchen, 17 Jahre

Als wir noch zusammen waren, ja, da haben wir manchmal so Bilder gemacht, haben uns ausgezogen

und so Sachen gemacht und die Webcam angeschaltet. Und jetzt ist es aus, und er erpresst mich.

Wenn ich ihm nicht weitere solcher Bilder schicke, dann droht er, die alten zu veröffentlichen. Was soll

ich jetzt tun?

[Auszug aus einer Onlineberatungsanfrage]

Bei sexualbezogenen Fragen können Ratssuchende sexualbezogene Onlineberatungsangebote

nutzen. Ein Beispiel für eine entsprechende Onlineberatung für Jugendliche und junge Erwachsene

rund um das Thema Sexualität ist die psychosoziale E-Mail-Beratung sextra.de (. Abb. 1)von Pro

Familia. Eine Evaluationsstudie zeigte, dass sextra ein wirksames Angebot ist, das auch solche Ratsuchenden

erreicht, für die herkömmliche Beratungsformen eine zu hohe Zugangsschwelle haben. Die

wichtigsten Gründe für die Konsultation der E-Mail-Beratung sind (Eichenberg 2007):

F internetimmanente Besonderheiten der zeitversetzten und schriftlichen Kommunikation,

F einfache und schnelle Erreichbarkeit sowie

F Möglichkeit eines anonymen Hilfegesuchs.

Onlineberatung bei sexualbezogenen Problemen ist mit Vor- und Nachteilen verbunden. Der textbasierte

Austausch kommt besonders Menschen entgegen, die sich lieber schriftlich austauschen wollen;

Anonymität erleichtert die Kontaktaufnahme bei Schwellenängsten und beschleunigt die Selbstöffnung

bei heiklen Themen wie Sexualität. Risiken der Onlineberatungen sind z. B. das Potenzial

für Missverständnisse durch den Mangel an nonverbaler Kommunikation (ausführlich bei Eichenberg

2008).

Fallbeispiel: Medizinstudentin, 24 Jahre

Dass Onlineberatung den Weg zur Aufnahme einer Psychotherapie anbahnen kann, illustriert nachfolgende

Kasuistik (Bollinger 2004). Die Offenheit von Psychotherapeuten gegenüber der Einbindung

neuer Medien vor und während der Behandlung kann für bestimmte Patienten nicht nur gewinnbringend

sein, sondern z. T. die einzige Möglichkeit darstellen, in therapeutischen Kontakt zu kommen

bzw. zu bleiben (zur Einstellung von Psychotherapeuten bezüglich der therapeutischen Nutzung

von Internet und Handy: Eichenberg u. Kienzle 2011).

Die 24-jährige Medizinstudentin mit sexuellen Missbrauchserfahrungen zwischen dem 13. und 17. Lebensjahr

wendet sich per E-Mail an die Studentenberatungsstelle:

“… seit Tagen schleiche ich hier in meiner Wohnung umher, wie ein Tiger im Käfig …, mein Hirn

arbeitet auf Hochtouren, schläft scheinbar nie … es produziert immer und immer mehr Erinnerungen,

die mich erschlagen … ich kann einfach nicht mehr! In einer Beratungsstelle war ich diesbezüglich noch

nie, da ich nicht darüber reden kann, was passiert ist … Ich bekomme kein einziges Wort über die Lip-

1 Ein Flame (aus dem Englischen: to flame, aufflammen) ist ein ruppiger Kommentar bzw. eine Beleidigung in

E-Mail- oder Forennachrichten. Flaming wird in den meisten Foren als Unsitte empfunden und von den Moderatoren

meist mit einer Verwarnung bis hin zum Ausschluss geahndet.


pen, kann noch nicht einmal für mich die Dinge aussprechen … Schreiben klappt – wie es scheint – bisher

recht gut …“

Die Therapeutin war zunächst aufgrund von Bedenken bezüglich eines potenziellen Mitagierens

und der Verstärkung von Vermeidungstendenzen verunsichert, auf die Anfrage zu reagieren. Nach

der Reflexion in ihrer Supervisionsgruppe machte sich die Überzeugung breit, dass für diese Patientin

in einem E-Mail-Kontakt die derzeit einzige Möglichkeit besteht, sich an eine professionelle Helferin

zu wenden. Nach einem kurzen E-Mail-Wechsel kam der erste reale Kontakt zwischen Patientin

und Therapeutin zustande. Ohne das Einlassen der Therapeutin auf die Kontaktaufnahme via Internet

wäre die sich anschließende Behandlung nie zustande gekommen, die weiterhin von E-Mails

begleitet wurde.

Sexueller Selbstausdruck

Internetnutzer haben die Möglichkeit, sexualbezogene Websites anzubieten sowie eigene Sexualität

auf verschiedene Weise zu exponieren. Innerhalb von Blogs und virtuellen Tagebüchern können

die Nutzer Privates und Sexuelles ausdrücken, künstlerisch ausleben und psychologisch verarbeiten.

In einer Inhaltsanalyse von 300 willkürlich ausgewählten sexualbezogenen Websites (Eichenberg

u. Döring 2006) zeigte sich, dass die mediumimmanenten Besonderheiten des Internet die

Artikulation sexuellen Begehrens unabhängig von geschlechtsstereotypen Erwartungen begünstigen.

So unterschieden sich z. B. die von Frauen und Männern publizierten Websites nicht im Grad ihrer

Explizitheit, obwohl stereotyp oft davon ausgegangen wird, dass Frauen sexuell explizite bzw. pornografische

Darstellungen ablehnen, während Männer diese bevorzugen.

Zum anderen wird die Reproduzierung der bekannten, polarisierenden Sexualitätsklischees gefördert.

Als deutlichstes stereotypkonformes Ergebnis stach hervor, dass auf den von Frauen publizierten

Seiten signifikant mehr erotisch-pornografische Texte und auf den von Männern publizierten

Seiten mehr Bilder zu finden waren.

Sexueller Diskurs im Netz entlastet nicht nur von Diskriminierung und Stigmatisierung, sondern

bietet auch neue Möglichkeiten der sozialen Vernetzung, im Besonderen unter marginalisierten Personengruppen.

Darüber hinaus scheinen die Auswirkungen der sexualbezogenen Websites vorwiegend

positiv zu sein (Eichenberg u. Döring 2006).

Aufbau sexueller und/oder romantischer Beziehungen (Cybersex und Cyberliebe)

Zu sexualbezogener Internetnutzung zählt schließlich auch, via Internet sexuelle sowie romantische

Kontakte aufzubauen und Beziehungen einzugehen. Nach Döring (2003) lassen sich folgende Formen

der Beziehungsanbahnung, -entwicklung und -motivation unterscheiden:

F beiläufiges Kennenlernen, das etwa im Rahmen von geselligen Foren oder Fachdiskursen stattfindet,

und

F gezielte Partnersuche über Onlinekontaktanzeigen und Sex-Chats.

Unabhängig davon, ob eine erotische Begegnung nun ungeplant erfolgt oder bewusst arrangiert wurde,

können die Beteiligten es darauf anlegen, eine feste Partnerschaft einzugehen und letztlich auch

im realen Leben zusammenzukommen oder aber eine eher unverbindliche Affäre oder Nebenbeziehung

zu führen.

Bei Netzbeziehungen kann einerseits ein emotional-romantischer Austausch im Zentrum stehen.

Andererseits kann aber auch Cybersex stattfinden, wobei man einander per Chat oder E-Mail durch

explizite Botschaften zu erregen versucht und nicht selten durch begleitende oder anschließende Masturbation

auch körperliche Höhepunkte erlebt.

Die Besonderheit von intimen Beziehungen im Internet liegt in einer im Vergleich zu Face-toface-Situationen

beschleunigten Selbstöffnung: Durch den Wegfall körperlicher Kopräsenz werden

Stressfaktoren minimiert, was dazu führt, dass in Netzbeziehungen häufig sehr schnell intensive

Nähe erlebt wird (zum Phänomen der gesteigerten Emotionalität beim Cybersex: Leidlmair 2001).

Zudem begünstigt die Niederschwelligkeit der E-Mail-Kommunikation, ständig in Tuchfühlung zu

bleiben, sodass zu Beginn der Beziehungsentwicklung typischerweise sehr viel mehr Engagement

eingebracht wird als bei Beziehungsanbahnungen im „real life“.

CME

Internetnutzer können die eigene

Sexualität auf verschiedene Weise

im Internet exponieren

Die Artikulation sexuellen Begehrens

unabhängig von geschlechtsstereotypen

Erwartungen wird begünstigt

Sexueller Diskurs im Netz entlastet

von Diskriminierung und Stigmatisierung

Der emotional-romantische Austausch

kann im Zentrum stehen

Psychotherapeut 2 · 2012 |

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CME

Das Gegenüber kann als „ideales

Gegenüber“ fantasiert werden

Hauptprobleme sind kulturelle

Unterschiede, geografische

Distanzen oder der Verlust der

etablierten emotionalen und sexuellen

Intimität

Sexualbezogene Onlineberatung

hat sich als effektiv erwiesen

Onlinesupport bedeutet die Erweiterung

der bestehenden Beratungs-

und Therapieinfrastruktur

184 | Psychotherapeut 2 · 2012

Bei der Verliebtheit spielen Imagination und Projektion immer eine große Rolle. Beim Kennenlernen

im Netz, bei dem immanenterweise viele Hintergrundinformationen fehlen, ist die Gefahr

besonders groß, das Gegenüber durch gesteigerte Projektionsprozesse als „ideales Gegenüber“ zu fantasieren.

Im negativsten Fall kann es somit passieren, dass bei einem Face-to-face-Treffen die reale

Person gegenüber der fantasierten keine Chance mehr hat – es folglich zu Enttäuschungen kommt.

Um solche Entwicklungen zu vermeiden, ist ratsam, dass die Beteiligten möglichst schnell einen

„ Realitätscheck“ durchführen, indem der Kontakt auf andere Medien (Fotos, Telefonieren, persönliches

Treffen) ausgeweitet wird.

Langzeitstudien, die systematisch vergleichen, welche besonderen Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren

in Partnerschaften wirken, die sich aus Onlinebegegnungen ergeben haben, fehlen bislang. Dennoch

lassen sich einige Hauptprobleme extrahieren, wie z. B. kulturelle Unterschiede und geografische

Distanzen, da man im Netz häufiger Personen trifft, die nicht dem unmittelbaren Umfeld entstammen,

oder der Verlust der etablierten emotionalen und sexuellen Intimität, da die mediengebundene

Attraktion sich manchmal nicht auf die Begegnung im Real life übertragen lässt. Dass im Netz aufgebaute

Beziehungen auch zu tragfähigen Beziehungen im „Offline-Leben“ werden können, zeigt z. B.

Döring (2000) anhand einer systematischen Auswertung von Erfahrungsberichten.

Hinweise für die Praxis

Sexualbezogene Onlineberatung hat sich als effektiv erwiesen. Psychotherapeuten sollten nicht nur

Kenntnis entsprechender Angebote haben, um sie ggf. zu empfehlen, sondern ebenso um sie parallel

zu einer laufenden Therapie nutzen zu können. Auch ist bei auslaufender oder gar abgeschlossener

Behandlung die Möglichkeit einer E-Mail-Konsultation im Sinne einer Rückfallprävention gegeben.

Generell ist Onlinesupport nicht als Konkurrenz, sondern als Erweiterung der bestehenden Beratungs-

und Therapieinfrastruktur zu verstehen. Vielfach erweist sich die Information über und

Thematisierung von einem sexualbezogenen Problem im Netz als erster Schritt zu einer weiteren

Beschäftigung mit dem Thema. Laien ermutigen sich gegenseitig, professionelle Hilfe in Anspruch

zu nehmen, und weisen auf entsprechende Anlaufstellen hin.

Insbesondere wenn im therapeutischen Kontext ebenfalls mit kreativen Methoden gearbeitet

wird, lassen sich diese mit Netzpublikationen koppeln (z. B. „sex blogs“, z. B. Belle de Jour,

belledejour-uk.blogspot.com) oder auch mithilfe entsprechender Netzaktivitäten in der Psychotherapie

reflektieren (z. B. Schreiber 2003). In therapeutischen, aber auch in sozialen Kontexten sollten

Onlineromanzen nicht von vornherein pauschal als eskapistische oder nicht ernst zu nehmende

Scheinbeziehungen entwertet werden.

Schnittstelle 2: klinisch relevante Probleme

Neben den vorgestellten Chancen (aber auch Risiken) des Internet als psychoedukatives und therapeutisches

Medium für Sexualität kann die sexualbezogene Internetnutzung auch mit klinisch

relevanten Problemen einhergehen. In diesem Kontext werden folgende Phänomene exemplarisch

vorgestellt:

F Cybersexsucht,

F „barebacking“ und

F sexuelle Gewalt im Internet.

Cybersexsucht

Fallbeispiel

„Bei mir ist es momentan so, dass ich glaube, schon lange ein sexuelles Problem zu haben. In meiner

Kindheit, so mit 16, habe ich heimlich mehrmals wöchentlich im Elternhaus Sexhotlines angerufen. Als

dann die Rechnung kam und meine Eltern sich fragten, wie den diese horrende Rechnung zustande komme

(habe Geschwister), bin ich in Tränen ausgebrochen und habe gelogen, dass mir Zuhause ja keiner

zuhört und ich die Telefonseelsorge angerufen hätte. Es ist dann ein paar Jahre gut gegangen; mit der

eigenen Wohnung hat es dann aber wieder angefangen. Ich habe dann wieder Sexhotlines angerufen –

zwar nicht so oft, aber die Telefonrechnung war höher als normal. Meine Exfreundin habe ich angelogen

und habe ihr erzählt, dass das vom Internetsurfen kommt. Seitdem ich jetzt seit mehr als ein Jahr


alleine wohne, hänge ich manchmal bis zu 3-mal am Tag vor dem Internet und gucke mir Pornoseiten

an … Habe so gut wie keine sozialen Kontakte. Bin vereinsamt.“

(Auszug aus einem Onlineselbsthilfeforum)

Internetsucht als psychologisches Phänomen

Seit einigen Jahren wird die Internetsucht als psychologisches Phänomen diskutiert. Erste Studien

zur Epidemiologie pathologischen Internetgebrauchs wurden bereits vor 10 Jahren unternommen.

Hahn u. Jerusalem (2001) kamen in einer Onlinebefragungsstudie mit 7091 Teilnehmern zu dem

Ergebnis, dass die Prävalenz der Internetabhängigkeit etwa 3% beträgt. Hierbei trifft die Internetsucht

insbesondere (männliche) Jugendliche unter 20 Jahren, und die Anzahl der Betroffenen sinkt

mit zunehmend höherem Schulabschluss. Eine bestehende Partnerschaft schützt vor der Internetsucht;

Arbeitslosigkeit und Teilzeitbeschäftigung begünstigen sie. Verschiedene Subtypen der Internetsucht

wurden von diversen Autoren unterschieden. In einer aktuellen Studie fanden sich insbesondere

das Spielen von Online-Games und die Rezeption sexueller Angebote als die Internetanwendungen,

deren Nutzung mit pathologischem Internetgebrauch einhergehen (Meerkerk et al. 2006).

Zum Ausmaß der „Cybersexsucht“ existieren bislang keine repräsentativen Ergebnisse. Insgesamt

liegt nur eine Handvoll US-amerikanischer und skandinavischer Studien zur Prävalenzschätzung vor

(Übersicht bei Eichenberg u. Blokus 2010). So ermittelten z. B. Cooper et al. (2000) in einer internetbasierten

Fragebogenstudie mit 9265 Teilnehmern einen Anteil von 83% unauffälligen Cybersex-Usern

gegenüber 11% mit problematischem und knapp 6% mit süchtigem sexuellem Verhalten,

von denen 1% als „cybersex compulsive“ eingestuft wurde. Somit wird deutlich, dass die Mehrheit

der Cybersexnutzer keine mit ihrem Nutzungsverhalten zusammenhängenden Probleme aufweist.

Erste Hinweise auf Komorbidität insbesondere mit Substanzabhängigkeit, Sexsucht, Essstörungen,

posttraumatischen Belastungsstörungen (Schwartz u. Southern 2000) sowie affektiven, Persönlichkeits-

und Angststörungen (z. B. Orzack et al. 2006) liegen vor.

Ätiologische Modelle zur Cybersexsucht existieren bislang nicht. Eichenberg u. Blokus (2010) versuchten

jedoch, die möglichen Ursachen der Cybersexsucht mithilfe des polyätiologischen Modells

(Fischer 2007) zu systematisieren. Entsprechend können der Cybersexsucht traumatische, sozialisationsbedingte

und biologische Ursachen zugrunde liegen.

Psychische Traumatisierung spielt bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Sexsucht insgesamt

eine zentrale Rolle (Carnes 1991; Schwartz u. Southern 2000). Eine Untersuchung von Sexsüchtigen

konnte z. B. belegen, dass emotionaler Missbrauch (97%), körperliche Gewalt (72%) und

sexuelle Gewalt (82%) besonders häufig vorkommen (Carnes 1991).

Das interaktive Verhältnis zwischen Traumaschema (d. h. das in der traumatischen Situation

aktivierte Wahrnehmungs- und Handlungsschema) und den spezifischen (v. a. präventiven)

Aspekten des traumakompensatorischen Schemas (naive Vorbeugungstheorie der Betroffenen: Was

muss geschehen, um eine Retraumatisierung/vergleichbare traumatische Erfahrung für die Zukunft

zu vermeiden?) macht die Entstehung der Cybersexsucht vor dem Hintergrund von traumatischen

Erfahrungen versteh- und erklärbar. Die psychotraumatischen Symptome stellen im Sinne eines minimal

kontrollierten Handlungs- bzw. Ausdrucksfelds eine Kompromissbildung zwischen diesen

Schemata dar. So könnte das Internet für Cybersexsüchtige dieser „minimal kontrollierbare Handlungsraum“

für Sex- und Liebesbeziehungen sein, der aufgrund der Tendenz des Traumaschemas

zur Wiederholung (Tendenz zur reproduktiven Assimilation von kognitiv emotionalen Schemata

nach Piaget) und Wiederaufnahme der Handlung exzessiv in dem Sinne genutzt wird, dass traumatische

Erfahrungen in virtueller Form umgestaltet und zu einem anderen Ausgang gebracht werden.

Cybersexsucht würde so ein psychotraumatisches Symptom als Bewältigungsversuch eines erlittenen

Traumas darstellen.

Psychodynamische fundierte Erklärungen ergänzen, dass Betroffene hiermit versuchen, ihr sexuelles

Trauma kontraphobisch durch eine analgetische Überbesetzung des Sexuellen zu bewältigen.

Demzufolge kann davon ausgegangen werden, dass bei Cybersexsüchtigen negative traumatisierende

Beziehungserfahrungen in Kindheit und Jugend einerseits Vermeidung von Intimität in (realen)

Beziehungen und andererseits Entkoppelung von sexueller Lust und Beziehungsbedürfnis bewirken

(Fallbeispiel bei Berner u. Koch 2009).

Während die Übersozialisation einem übermäßig autoritären Erziehungsstil entspricht, stellt die

Untersozialisation das genaue Gegenteil dar („Laissez-faire“-Stil mit Verwöhnung und/oder Vernach-

Die Internetsucht trifft

insbesondere Jugendliche

CME

Die Mehrheit der Cybersexnutzer

weist keine mit ihrem Nutzungsverhalten

zusammenhängende Probleme

auf

Psychische Traumatisierung spielt

bei der Sexsucht eine zentrale Rolle

Cybersexsucht kann den Bewältigungsversuch

eines erlittenen Traumas

darstellen

Psychotherapeut 2 · 2012 |

185


CME

Triebwünsche kommen in der exzessiven

sexualbezogenen Nutzung

des Internet zu einer explosionsartigen

Entladung

Cybersexsucht kann ihre Ursachen

in der Einflusssphäre der Untersozialisation

haben

Suchtverhalten kann als regulative

Kompensation eines Mangels an

körpereigenen Endorphinen verstanden

werden

Durch bewusst ungeschützten

Geschlechtsverkehr nehmen

Sexualpartner eine HIV-Infektion

zumindest in Kauf

Hauptgründe für Barebacking sind

die als stärker empfundene physische

Stimulation und emotionale

Nähe

Das Internet wird als Mittel zur

Prävention von sexuell übertragbaren

Krankheiten genutzt

186 | Psychotherapeut 2 · 2012

lässigung). Übermäßige Verdrängung von Triebwünschen aufgrund der Übersozialisation führt dazu,

dass diese in der exzessiven sexualbezogenen Nutzung des Internet zu einer explosionsartigen Entladung

kommen. Infolge von Scham- und Schuldgefühlen bildet sich dabei der für die Entstehung von

Suchterkrankungen generell bekannte Kreislauf von Verlangen, Angst, Reue und Selbstbestrafung

aus. Tabuisierung von Sexualität und Sensualität in rigiden Familien führen zu gehemmten Handlungen

in dem Sinne, dass Betroffene sexuelle Bedürfnisse ausschließlich abgespalten, d. h. z. B. in

der virtuellen Welt ausleben können.

Ebenso kann die Cybersexsucht ihre Ursachen jedoch in der Einflusssphäre der Untersozialisation

haben. Patienten, die infolge eines Mangels an Akzeptanz von gesellschaftlichen Normen und Werten

unter Cybersexsucht leiden, befinden sich deshalb vermutlich oftmals an oder hinter der Schwelle

zur Delinquenz. Ein chaotisches und unberechenbares Familienklima hat die Betroffenen in einen

Zustand der Schutzlosigkeit versetzt (Roth 2010), wobei die Folge enthemmte Handlungen sind.

Letztlich können auch biologische Faktoren im Sinne einer prädispositiv unterschiedlich ausgeprägten

Stärke des Sexualtriebs bei der Entstehung von Cybersexsucht von Bedeutung sein. Dies trifft

insbesondere auf Männer zu, die physiologisch in der Amygdala eher stark erregbar sind und gleichzeitig

über wenige inhibitorische Mechanismen des präfrontalen Kortex verfügen (Bancroft u. Vukadinovic

2004). Diese erhöhte Vulnerabilität, die ebenso durch psychische Traumatisierung erworben

werden kann, lässt sich zudem neurobiologisch mit dem Belohnungssystem und den entsprechenden

Neurotransmittern (v. a. Dopamin und endogene Opiate) in Verbindung bringen. Hierbei kann

Suchtverhalten im Sinne einer antidepressiven und sich selbst verstärkenden, regulativen Kompensation

eines Mangels an körpereigenen Endorphinen verstanden werden (Schreckenberger 2009). In

besonderer Weise können dadurch Mehrfachabhängigkeiten als Kombination von sexuell süchtigen

Verhaltensweisen und beispielsweise Alkoholismus erklärt werden.

Barebacking

Ein weiteres diskutiertes Phänomen der Nutzung des Internet ist die Anbahnung spezifischer destruktiver

sexueller Verbindungen, das Barebacking. Ursprünglich beschränkte sich der Begriff

auf den bewusst ungeschützten Geschlechtsverkehr zwischen homosexuellen Männern mit dem

vorrangigen Motiv, sich gezielt mit „human immunodeficiency virus“ (HIV) zu infizieren bzw.

diesen Virus weitertragen zu können oder dieses zumindest in Kauf zu nehmen. Inzwischen wird

Barebacking auch für heterosexuelle Sexualpartner, die aus unterschiedlichsten Gründen bewusst ungeschützten

Sexualverkehr präferieren, verwendet.

Die Motivlage der Barebacker wurde im Rahmen einer eigenen Onlinebefragung von 414 internetnutzenden

Männern (Eichenberg u. Creutz in Eichenberg 2009), die bewusst ungeschützten Geschlechtsverkehr

mit Männern haben und suchen, untersucht. Als Motive für Barebacking gaben

die Befragten an:

F ein intensiveres Gefühl (94% der Befragten),

F eine tiefere, stärkere Verbindung mit dem Sexualpartner (81% der Befragten) und

F die Wichtigkeit des Spermaaustauschs (62% der Befragten).

Es würden 90% der Befragten ein HIV-verhütendes Gleitmittel verwenden, wenn dies erhältlich wäre.

Hierdurch wird verdeutlicht, dass für die meisten der Befragten nicht der Empfang bzw. die Weitergabe

des Virus der Hauptgrund für Barebacking ist, sondern vielmehr die als stärker empfundene

physische Stimulation und emotionale Nähe.

Dass das Internet bei der Suche nach Liebes- und Sexualpartnern eine zentrale Rolle spielt, belegen

die hohen Nutzerzahlen entsprechender Börsen und Foren (Eichenberg 2010). Inwieweit entsprechende

WWW-Portale (z. B. www.gayromeo.com, www.barebackcity.de) Barebacking jedoch begünstigen,

lässt sich schwer einschätzen. Als Kommunikationsmedium ermöglicht es über Blogs, Websites,

Foren und Chats verbesserte Kontaktaufnahme zu „Bareback-Partys“. Es erleichtert insgesamt

sicherlich, den gewünschten Sexualpartner besser selektieren zu können und senkt Hemmschwellen

zur Kontaktaufnahme. Auf der anderen Seite wird in den einschlägigen „online communities“ –

im Gegensatz zu „darkrooms“ und Sexpartys – jedoch immer auf die Gefahren des ungeschützten

Verkehrs hingewiesen.

Insgesamt wird das Internet auch als Mittel zur Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren

Krankheiten genutzt. So zeigt beispielsweise die Studie von McFarlane u. Bull (2007), dass


Verhaltensinterventionen im Internet, die auf die Aids-/HIV-Problematik abgestimmt sind, positive

Effekte erzielen können.

Sexuelle Gewalt im Internet

Im Spektrum der ungewollten sexualbezogenen Internetnutzung (Eichenberg u. Malberg 2011) stellt

sexuelle Gewalt im Internet das schwerwiegendste Problem dar. Verschiedene Phänomene sind hier

anzutreffen, vom pädophilen Grooming über Chaträume, über sexuelle Viktimisierung, über Videoplattformen

bis hin zu einem bislang wenig erforschten Problem, der „virtuellen Vergewaltigung“.

Pädophilie im Internet

Das Internet erlaubt einerseits eine unkomplizierte Vernetzung zwischen Gleichgesinnten, andererseits

die anonyme Kontaktanbahnung zwischen pädophilen Tätern und ihren Opfern bei gleichzeitig

niedrigem Risiko, bei illegalen Aktivitäten entdeckt zu werden. Eine Besonderheit der Internetkommunikation

ist die Möglichkeit, virtuelle Identitäten anzunehmen. Erwachsene können sich

als Kinder und Jugendliche, Männer als Frauen ausgeben und Grooming praktizieren, d. h. unter

Annahme falscher Identitäten gezielt an Kinder herantreten.

Ob das Internet hier die Schwelle zur direkten Tat senkt, wird kontrovers diskutiert (ausführlich

bei Eichenberg 2006). Zudem bietet sich eine Reihe von Möglichkeiten zur Prävention sexuellen

Kindesmissbrauchs an. Es könnte z. B. durch entsprechende Aufklärungskampagnen das mangelnde

Unrechtsbewusstsein in Bezug auf „cybercrimes“ im Allgemeinen (Eichenberg u. Rüther 2006) und

bezüglich der Rezeption von Kinderpornografie im Besonderen (McCabe 2000) geschärft werden.

Ebenso gibt es erste, sehr innovative Ansätze, Online- und Offlinehilfsangebote für z. B. pädophile

Dunkelfeldtäter miteinander zu verzahnen (Beier u. Neutze 2009, www.kein-taeter-werden.de).

Sexuelle Viktimisierung über Videoplattformen

Das öffentliche Bewusstsein über sexuelle Gewalt im Internet wird vorwiegend vom Bild des

( pädosexuellen) Fremdtäters geprägt, der die modernen Medien nutzt, um mit potenziellen Opfern

in Kontakt zu kommen. Allerdings wird sexuelle Gewalt in den neuen Medien vielfach von sowohl

Täterinnen als auch Tätern aus dem sozialen Nahbereich verübt, die nicht selten kaum volljährig sind.

So erfolgt sexuelle Viktimisierung häufig durch Hochladen von Videos oder Fotos auf „Community“-

Plattformen wie z. B. YouTube. Die Veröffentlichungen von Nacktszenen einer Exfreundin oder gar

die Preisgabe einer Vergewaltigungsszene können zu massiven primären und sekundären Viktimisierungen

mit entsprechend massiven psychischen Folgen bei den Betroffenen führen. Demzufolge

ist es für Therapeuten von Relevanz, die medienspezifischen Möglichkeiten, derartige Übergriffe auszuüben,

zu kennen, um adäquat mit betroffenen Opfern (aber auch Tätern) umgehen zu können.

Virtuelle Vergewaltigung

Unter dem Begriff der virtuellen Vergewaltigung werden einerseits Vergewaltigungen in virtuellen

Rollenspielen wie z. B. „Second Life“, andererseits sexuelle Gewalt mithilfe von „rape games“ (z. B.

Artificial Girl, Rapeplay), die z. T. verboten sind, verstanden. Inwieweit es bei „virtuellen“ Opfern zu

realen Traumatisierungen kommen kann, ist bislang nicht untersucht. Eine offene Forschungsfrage ist

ebenso, inwieweit Rape games Tendenzen zu realer sexueller Gewalt fördern. Auf der anderen Seite

schlagen manche Autoren vor, den potenziellen Nutzen virtueller Welten für rehabilitative Zwecke

zu prüfen, beispielsweise in der psychiatrischen Behandlung von forensischen Patienten (Gorrindo

u. Groves 2010). Weiterhin wird diskutiert, ob der gezielte Einsatz virtueller Realitäten (VR) präventive

Effekte erzielen kann: So untersuchten Jouriles et al. (2009; n = 62), ob VR die Bewusstwerdung

von bedrohlichen sexuellen Signalen in Rollenspielen steigern bzw. entsprechende Kompetenzen

der Gegenwehr vermitteln können. Die Befunde weisen darauf hin, dass die Probandinnen mit Einsatz

von VR im Vergleich zu einer Kontrollgruppe schneller und gezielter auf die in einem Rollenspiel

gesendeten bedrohlichen sexuellen Signale reagierten. Inwiefern diese Effekte auf reale Situationen

übertragen werden können, bleibt offen. Äquivalent für (potenzielle) Täter entstehen aktuell

erste Projekte zu „Antivergewaltigung-Websites“, die an Männer adressiert sind. Masters (2010) führte

eine Evaluationsstudie zu entsprechenden Websites durch mit dem ersten Ergebnis, dass sie dazu

verhelfen, positives soziosexuelles Verhalten zu fördern.

CME

Im Rahmen der Internetkommunikation

können virtuelle Identitäten

angenommen werden

Sexuelle Viktimisierung erfolgt

häufig durch Hochladen von Videos

oder Fotos auf „Community“-Plattformen

Aktuell entstehen erste Projekte zu

„Antivergewaltigung-Websites“

Psychotherapeut 2 · 2012 |

187


CME

Aspekte der Mediennutzung sollten

in der Anamnese systematisch und

standardmäßig erhoben werden

188 | Psychotherapeut 2 · 2012

Hinweise für die Praxis

Therapeuten stehen heutzutage vor der Aufgabe, der Internetnutzung ihrer Patienten informiert

gegenüberzustehen, um dysfunktionale und pathogene Onlinenutzungsmuster im Allgemeinen und

Internetpornografie sowie Cybersex im Besonderen im Alltag diagnostizieren und behandeln zu können.

Die Auswirkungen der veränderten Verfügbarkeit von sexuellem Material und Interaktion auf

menschliche Beziehungen und die psychische Gesundheit wurden bereits in einigen Studien untersucht

(Albright 2008). Folglich ist es empfehlenswert, Aspekte der Mediennutzung in der Anamnese

systematisch und standardmäßig zu erheben. Dies setzt voraus, dass Therapeuten den cybersexuellen

Aktivitäten ihrer Patienten offen gegenüberstehen. Nur so können die damit im Zusammenhang

stehenden spezifischen Motive, (stabilisierenden) Gratifikationen, aber auch Belastungen und

Probleme sensibel erfasst und evtl. bestehende exzessive Nutzungsweisen oder auch Erfahrungen mit

sexueller Gewalt im Internet bearbeitet werden.

Fazit für die Praxis

F Sexuelle Internetaktivitäten sind in verschiedenen Formen und Ausprägungen ein ubiquitäres

Phänomen.

F Für Therapeuten ist es wichtig, sich einen fundierten Überblick darüber zu verschaffen, auf welche

Weise Menschen mit Onlinesexualität konfrontiert werden und was Internetnutzer sexualbezogen

im Netz tun. Dies impliziert, sowohl über salutogene als auch pathogene Nutzungsformen

mit den jeweiligen Effekten informiert zu sein.

F Bei der Betrachtung der Auswirkungen von selbst gewählter Onlinesexualität ist nicht von allgemeinen

Effekten auszugehen.

F Welche Effekte die Nutzung letztendlich hervorbringt, hängt von vielen Faktoren ab, die sich

grob in Personen-, Kontext- und Medienmerkmale sowie Nutzungsdimensionen unterscheiden

lassen. So sind beispielsweise neben der psychosozialen Gesamtsituation die Häufigkeit bestimmter

sexueller Onlineaktivitäten und ihre Integration in reale Bezüge bei der Beurteilung

zu berücksichtigen.

Korrespondenzadresse

PD Dr. Christiane Eichenberg

Department Psychologie, Klinische Psychologie und Psychologische Diagnostik, Universität Köln

Höninger Weg 115, 50969 Köln

eichenberg@uni-koeln.de

Interessenkonflikt. Die korrespondierende Autorin gibt für sich und ihre Koautoren an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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Psychotherapeut 2 · 2012 |

CME

189


Bitte beachten Sie:

F Antwortmöglichkeit nur online unter:

CME.springer.de

F Die Frage-Antwort-Kombinationen werden

online individuell zusammengestellt.

F Es ist immer nur eine Antwort möglich.

?In wie viele Bereiche lassen sich laut Döring

(2009) Formen von sexuellen Internetaktivitäten

anhand der aktuellen empirischen

Befundlage klassifizieren?

o Drei

o Sechs

o Sieben

o Acht

o Zehn

?Welche Aussage zu sexuellen Informations-

und Unterstützungsangeboten im

Internet trifft nicht zu?

o Die Teilnahme an einem Diskussionsforum

kann die Selbstakzeptanz von bestimmten

sexuellen Begehrensformen fördern.

o Onlineberatung kann den Weg zur Aufnahme

einer Psychotherapie anbahnen.

o Die Qualität gesundheitsbezogener Websites

ist als sehr gut zu beurteilen.

o Onlineberatung erleichtert die Kontaktaufnahme

bei Schwellenängsten.

o In der Onlineberatung besteht Potenzial

für Missverständnisse durch den Mangel

an nonverbaler Kommunikation.

?Als Hauptgrund für die Konsultation der

E-Mail-Beratung ist nach Eichenberg

(2007) vorrangig zu nennen …

o die schriftliche Kommunikationsform.

o die kostenlose bzw. kostengünstige Beratungsform.

o die örtliche Flexibilität.

o die Abneigung gegenüber herkömmlichen/traditionellen

Beratungsangeboten.

o die schnelle Erreichbarkeit sowie die Möglichkeit

eines anonymen Hilfegesuchs.

?Welche der folgenden Aussagen wurde

in der Studie von Eichenberg u. Döring

(2006) zum sexuellen Selbstausdruck auf

privaten Homepages nicht bestätigt?

o Frauen lehnen sexuell explizite bzw. pornografische

Darstellungen ab, während

Männer diese bevorzugen.

o Auf den von Frauen publizierten Seiten

waren im Vergleich zu diesen von Männern

signifikant mehr erotisch-pornografische

Texte vorzufinden.

o Auf den von Männern publizierten Seiten

waren signifikant mehr erotisch-pornografische

Bilder zu finden.

o Die Auswirkungen der sexualbezogenen

Websites sind vorwiegend positiv.

o Sexueller Diskurs im Netz entlastet von

Diskriminierung und Stigmatisierung.

?Was sind laut Forschungsbefunden vorrangige

Risikofaktoren für die Entwicklung

einer „Internetsexsucht“?

o Früher Beginn der Internetnutzung, höherer

Schulabschluss, häufiger Wohnortwechsel.

o Arbeitslosigkeit, Teilzeitbeschäftigung,

Einsamkeit.

o Weibliche Jugendliche, Substanzabhängigkeit.

o Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom,

Impulsivität, emotionale Instabilität.

o Stress, Burn-out-Syndrom, mangelnde soziale

Unterstützung.

?Die Prävalenz von „Internetsexsucht“ beträgt

ca. …

o 1%.

o 3%.

o 8%.

o 11%.

o 20%.

?Das stärkste Motiv für „barebacking“ laut

der Studie von Eichenberg und Creutz

(2009) ist …

o Infizierungswunsch mit HIV

o Spermaaustausch

o ein intensiveres Gefühl

o Weitergabe von HIV

o „Sensation seeking“

?Was bedeutet „grooming“?

o Ungewollte und erzwungene Cyberprostitution.

o Diffamierung durch (bearbeitete) Bilder.

o Sexuelle Viktimisierung über Videoplattformen.

o Kontaktaufnahme pädophiler Menschen

zu potenziellen Opfern via Internet.

o „Mutproben“ (z. B. erzwungene Konfrontation

mit Gewaltbildern).

?Masters (2010) ging in seiner Studie der

Frage nach, ob …

o „Rape-games“-Tendenzen zu realer

sexueller Gewalt fördern.

o virtuelle Realitäten präventiv die

Kompetenz zur Gegenwehr bei

Vergewaltigungen fördern können.

o virtuelle Realitäten in der psychiatrischen

Behandlung von forensischen Patienten

die Rehabilitation unterstützen können.

o virtuelle Vergewaltigung zu realen

Traumatisierungen führen kann.

o „Antivergewaltigung-Websites“ positives

soziosexuelles Verhalten fördern können.

?Welche Funktion kommt dem Therapeuten

bei der Thematisierung der sexualbezogenen

Internetnutzung des Klienten

nicht zu?

o Von sexualbezogener Internetnutzung abzuraten.

o Falsch- und Fehlinformationen zu identifizieren

und zu korrigieren.

o Das Nutzungsmuster in der Anamnese

systematisch zu erheben.

o Die Auswirkungen der selbst gewählten

Onlinesexualität mit Berücksichtigung der

Nutzungsdimensionen zu beurteilen.

o Sich allgemein über pathogene Nutzungsformen

zu informieren.

Diese Fortbildungseinheit ist 12 Monate

auf CME.springer.de verfügbar.

Den genauen Einsendeschluss erfahren Sie

unter CME.springer.de

D Mitmachen, weiterbilden und CME-Punkte sichern durch die Beantwortung der Fragen im Internet unter CME.springer.de

190 | Psychotherapeut 2 · 2012

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