27.09.2023 Aufrufe

FINE Das Weinmagazin - Weingut Wegeler

Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!

Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.

E U R O P E A N F I N E W I N E M A G A Z I N E<br />

Deutschland · Österreich · S chweiz · Skandinavien · Grossbritannien · USA · Australien<br />

4 / 2013 Deutschland € 15<br />

Österreich € 16,90<br />

Italien € 18,50<br />

Schweiz chf 30,00<br />

DAS WEINMAGAZIN<br />

Châteauneuf-du-Pape: Château La Nerthe<br />

Pouilly Fumé: Domaine Didier Dagueneau<br />

Frauen im Wein: Cinzia Merli von Le Macchiole<br />

Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande<br />

<strong>Das</strong> <strong>Weingut</strong> Forstmeister Geltz-Zilliken<br />

Dreissig Jahre Geheimrat »J«<br />

Ten years after: Der Riesling 2003<br />

Neubeginn: Gut Hermannsberg<br />

202 Steinberger aus drei Jahrhunderten<br />

D E R S T E I N B E R G


Wein und Zeit ‹x›<br />

Gestern und heute: Die Rückkehr zu<br />

den Wurzeln des deutschen Weinbaus<br />

macht sich bei den Weingütern <strong>Wegeler</strong><br />

nicht nur in, sondern auch auf der<br />

Flasche bemerkbar. <strong>Das</strong> kleine rote<br />

Label aus dem 19. Jahrhundert diente<br />

als Vorlage für die neuen Etiketten, die<br />

mit der Beschränkung auf die Lagenbezeichnung<br />

für Große Gewächse<br />

Vorbildcharakter haben könnten.<br />

»<strong>Das</strong> sind wir«<br />

<strong>Das</strong> alt-neue Etikett der Weingüter Geheimrat J.<br />

<strong>Wegeler</strong> verweist auf das hohe Ansehen, das<br />

deutscher Riesling schon vor hundert Jahren genoss<br />

Von Daniel Deckers<br />

Fotos Guido Bittner<br />

Doctor – mehr als dieses Wort braucht es nicht, um einen Wein aus der Lage von Weltruf zu identifizieren. Der komplementäre<br />

Teil der Botschaft fällt buchstäblich ins Auge. Kunstvolle Ornamente in warmem Goldton prangen auf der mattschwarzen<br />

Vignette, mit höchster Präzision rund um das Oval in der Mitte geprägt. »<strong>Das</strong> ist es«, schoss es Tom Drieseberg,<br />

dem Geschäftsführer der in Oestrich-Winkel ansässigen Weingüter <strong>Wegeler</strong>, durch den Kopf. Immer wieder einmal hatte<br />

er einen in die Jahre gekommenen Band über die Geschichte des traditionsreichen Weinhandelshauses Deinhard zur Hand<br />

genommen, das einst Julius und Carl <strong>Wegeler</strong> gehört hatte. Jetzt fiel sein Blick auf eine alte Vignette, mit der das in Koblenz<br />

ansässige Unternehmen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einige seiner besten Weine ausgezeichnet hatte. <strong>Das</strong> Vorbild<br />

für das neue Etikett aller <strong>Wegeler</strong>-Weine mit Ausnahme des Geheimrat »J« war entdeckt, die Suche nach der best möglichen<br />

Foto: <strong>Wegeler</strong><br />

Präsentation der besten Weine aus den besten Lagen hatte in der Geschichte ihr Ende gefunden – und ihren Anfang.<br />

Die Ursprünge der Verknüpfung des<br />

Hauses Deinhard mit dem »Bernkasteler<br />

Doctor«, einer der namhaftesten Weinbergslagen<br />

an der Mittelmosel, liegen im ausgehenden<br />

19. Jahr hundert. Damals war die Koblenzer<br />

Wein handlung schon rund hundert Jahre alt<br />

und gehörte längst zu den bekanntesten »wine<br />

shippers« weltweit. Im Jahr 1794 war das Unternehmen<br />

begründet worden, wenige Wochen vor<br />

der Besetzung des linken Rheinufers durch französische<br />

Truppen. Nach dem Ende der napoleonischen<br />

Kriege machte sich das Haus bald einen<br />

Namen als Exporteur von deutschem Sekt, aber<br />

auch von Still weinen. Deinhard und Co. lieferte<br />

bis an die Grenzen der Erde. Über eine eigene<br />

Niederlassung in London, der Hauptstadt des<br />

weltumspannenden Empire, über amerikanische<br />

Importeure und zahllose Handelsreisende gelangten<br />

»Sparkling Moselle«, »Sparkling Hock« (eine<br />

von Hochheim am Main abgeleitete Bezeichnung<br />

für Rheingauer Weine), aber auch »Piesporter«,<br />

»Geisenheimer« oder »Niersteiner« in die entlegensten<br />

Winkel der britischen Kolonien, in die<br />

besten Hotels in den Metropolen diesseits und<br />

jenseits des Atlantiks, aber auch an die Fürstenhöfe<br />

der Alten Welt.<br />

Wein aus Deutschland, an der Spitze der unvergleichliche<br />

Riesling, stand um die Wende vom 19.<br />

zum 20. Jahrhundert weltweit im Zenit seines<br />

Ansehens. Die Zeitgenossen hielten es für ebenso<br />

normal wie angemessen, dass »Cabinet«-Weine<br />

aus dem Rheingau wie die besten » Creszenzen«<br />

aus der Rheinpfalz und von den Ufern von Mosel<br />

und Saar ein Vielfaches dessen kosteten, was für<br />

die teuersten Grands Crus aus dem Bordelais<br />

verlangt wurde. In Auerbachs Keller in Leipzig<br />

war ein »Berncastler Doctor« für fünf Goldmark<br />

zu erstehen – das entspricht, gemessen an den<br />

heutigen Goldpreisen von 40 Euro je Gramm,<br />

einem Preis von etwa 70 Euro für eine Flasche –,<br />

ein »Schloss Johannisberg Fürst Metter nich« für<br />

zehn, ein »Chateau Lafite 1. Gewächs« indes für<br />

nur sechs.<br />

88 89<br />

F I N E 4 / 2013 F I N E W E I N u N d Z E I t


Wie war es so weit gekommen? Schon im<br />

Mittel alter war Rheinwein in Nordeuropa eines<br />

der kostbarsten, begehrtesten Güter überhaupt.<br />

Von Straßburg, Worms, Mainz, Bacharach und<br />

Koblenz aus gelangten die Weine aus dem gesamten<br />

Oberlauf des Rheins und seiner Nebenflüsse<br />

nach Köln, dem Weinhaus der Hanse. Über den<br />

Kölner Stapel, der die Stadt über Jahrhunderte<br />

mit Wohlstand segnete, und über die Niederlande<br />

erreichten die Weine aus dem Elsass und<br />

von Rhein und Mosel England, Skandinavien und<br />

das Baltikum.<br />

Der Niedergang der Hanse im 15. Jahr hundert<br />

und der allmähliche Aufschwung des atlantischen<br />

Seehandels taten dem Ansehen des Rheinweins<br />

zunächst keinen Abbruch. Allerdings<br />

wurden die Weinbauregionen beiderseits des<br />

Rheins im 17. und 18. Jahrhundert immer wieder<br />

von Truppen aus aller Herren Länder verheert.<br />

Während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis<br />

1648) und des Pfälzischen Erbfolgekriegs (1688 bis<br />

1697) verging kaum ein Jahr, in dem nicht Städte<br />

zerstört, Burgen geschleift und Weinberge verwüstet<br />

wurden.<br />

Freilich ließen sich immer häufiger Kaufleute<br />

aus den Niederlanden direkt an der Mosel sehen.<br />

Sie suchten nicht nur die immer noch schier endlosen<br />

Rheinzölle zu umgehen. Der weit läufige<br />

Weinort Winningen an der Terrassen mosel sowie<br />

Traben-Trarbach und das in der Grafschaft Veldenz<br />

gelegene Dusemond (im Jahr 1925 in Braunberg<br />

umbenannt) an der Mittelmosel boten den Calvinisten<br />

auch eine Heimat in geistlichen Dingen –<br />

in der Reformation hatten sich ihre Herrschaften<br />

dem neuen Glauben angeschlossen. Die evangelischen<br />

Exklaven konnten ihren konfessionellen<br />

Vorteil aber nicht nur gegenüber den Niederländern<br />

ausspielen. Als das Königreich Preußen im<br />

18. Jahrhundert zu einer europäischen Großmacht<br />

aufstieg, waren in Berlin nicht zuletzt Weine der<br />

Glaubensbrüder von der Mosel gefragt. Um die<br />

Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, so erzählt<br />

man sich noch heute, wurde in Traben-Trarbach<br />

mehr Wein umgeschlagen als in Bordeaux.<br />

Allerdings war dem Wein von Mosel und<br />

Rhein in Nord- und Ostdeutschland längst Konkurrenz<br />

erwachsen. Seit dem 18. Jahrhundert<br />

gelangte Rotwein aus Frankreich und Südeuropa<br />

in großen Mengen über die an Nord- und Ostsee<br />

gelegenen Häfen ins Land. Mit der Verschiebung<br />

der Handelsströme ging bald eine Veränderung<br />

des Weingeschmacks einher – der Lübecker<br />

Rotspon zeugt noch heute von dieser Entwicklung.<br />

Die Stunde des Weins vom Rhein und seinen<br />

Nebenflüssen schlug erst wieder im 19. Jahrhundert.<br />

Nach dem Ende des Alten Reiches<br />

hatten die deutschen Romantiker zusammen<br />

mit zwei Generationen vorwiegend englischer<br />

Reisender und Landschaftsmaler dem Mythos<br />

Rhein romantik neue Nahrung gegeben. Was die<br />

Schriften der Brentanos, die Lyrik Heines und die<br />

Bilder William Turners in den Salons des Adels<br />

und des aufkommenden Bürgertums für die Kunst<br />

waren, das war in der Weinkultur das Ideal eines<br />

ursprünglich-unverfälschten Weins, des »Naturweins«:<br />

ein willkommenes Gegenbild zu einer<br />

Welt, der die Natur im Zuge von Industrialisierung<br />

und Beschleunigung zunehmend fremd wurde.<br />

Die Naturweine, mit denen sich Wein güter an<br />

Rhein und Mosel seit der Mitte des 19. Jahrhunderts<br />

von dem Angebot mächtiger Weinhandlungen<br />

wie Deinhard absetzen wollten, fielen<br />

indes nicht vom Himmel. »Selbständige« Rieslinge,<br />

die ohne Zusatz von Zucker oder Wasser<br />

ausgebaut und unverschnitten auf die Flasche<br />

gezogen werden konnten, mussten der Erde unter<br />

hohem Risiko abgerungen werden. Gute Weinjahre<br />

waren rar, die Steillagen entlang der Flüsse<br />

verlangten, wie es der Trierer Karl Marx selbst<br />

erlebt hatte, hohen Einsatz an Arbeit und Kapital.<br />

Kein Wunder also, dass es nirgendwo auf der Welt<br />

so detaillierte Lagenklassifikationskarten gab (und<br />

gibt) wie in der preußischen Rheinprovinz und<br />

im Rheingau. Wo sich das Ansehen vieler Lagen<br />

umgekehrt proportional zu ihrer Größe verhielt,<br />

waren Händler und Liebhaber auf eine genaue<br />

Kenntnis der Verhältnisse vor Ort angewiesen.<br />

Doch wo und wie diese »Naturwein« genannten<br />

Meisterwerke erwerben? Wer unter den<br />

Winzern etwas auf sich und seine Weine hielt,<br />

verkaufte die Trauben nicht vom Stock weg oder<br />

den Most im Fass an Händler wie Deinhard und<br />

Co. in Koblenz oder Dilthey, Sahl und Comp. in<br />

Rüdesheim. Vor allem im Rheingau setzten namhafte<br />

Produzenten auf Versteigerungen als den<br />

Königsweg, um ihre »Creszenzen« zu vermarkten.<br />

Wenn Fürst Metternich, der 1816 das ehemals<br />

fuldische Schlossgut Johannisberg als Thronlehen<br />

er halten hatte, der Herzog von Nassau, an<br />

den im Jahr 1803 das Zisterzienserkloster Eberbach<br />

mit seinen weltberühmten Weinbergen wie<br />

der Monopollage Steinberg gefallen war, oder<br />

die Greiffenclaus als Besitzer von Schloss Vollrads<br />

Versteigerungen anberaumten, kannte die<br />

Weinwelt kein Halten. Gerade nach guten Jahren<br />

strömten Händler und Kommissionäre in den<br />

Rheingau – zumal deren Zahl gerade in verkehrsgünstig<br />

gelegenen Städten wie Worms, Mainz,<br />

Bingen und Koblenz seit dem zweiten Drittel des<br />

19. Jahrhunderts stetig zunahm. Die Erschließung<br />

immer neuer Räume durch ein immer dichteres<br />

Eisenbahn-Netz ließ den Weinhandel mit den<br />

»Konsumgebieten« in der Mitte, im Osten und<br />

im Norden Deutschlands zu einem immens lukrativen<br />

Geschäft werden.<br />

Die Weingüter an der Mittelmosel und der<br />

Saar hatten einstweilen das Nachsehen. Als<br />

Rheinweine schon lange per Eisenbahn in großen<br />

Mengen und über weite Strecken transportiert<br />

werden konnten, existierte zwischen Trier, Bernkastel,<br />

Traben-Trarbach und Koblenz nicht einmal<br />

Quellen: Stadtarchiv Trier, Sammlung Wilhelmi, Trier<br />

eine Straße. Bis in die 1880er Jahren blieb der<br />

Weinhandel eine Domäne der Kaufleute aus<br />

Koblenz und Traben-Trarbach.<br />

<strong>Das</strong> Ende der »splendid isolation« kam mit<br />

dem Bau der »Kanonenbahn«, einer Trasse<br />

von Koblenz bis Metz. Der lothringischen Hauptstadt<br />

war es nach dem deutsch-französischen<br />

Krieg von 1870/71 beschieden, für zwei Generationen<br />

die größte Garnisonsstadt des Kaiserreichs<br />

zu sein. Um nach dem Militär auch den<br />

Wein handel, der in den Rheinstädten konzentriert<br />

war, an die Mosel zu locken und das Monopol<br />

alt ein ge sessener Weinhandlungen wie Deinhard<br />

in Koblenz oder Huesgen und Kayser in Traben<br />

zu brechen, schlossen sich namhafte Weingüter<br />

von Mittelmosel, Ruwer und Saar in den 1870er<br />

Jahren zu Versteigerungskonsortien zusammen.<br />

Der Vorteil für die Händler war nicht geringzuschätzen.<br />

Wer die feinfruchtigen und filigranen<br />

Naturweine von Mosel und Saar ersteigern wollte,<br />

fand das Angebot nicht über Monate verteilt vor,<br />

sondern konzentriert binnen weniger Tage jeweils<br />

im Frühjahr und im Herbst.<br />

Die eigentlichen Nutznießer der Konsortien<br />

waren freilich die Erzeuger. Der offene Wettbewerb<br />

untereinander förderte den Qualitätsweinbau<br />

und machte ihn überdies finanziell interessant.<br />

Denn die Bietergefechte der Händler um<br />

die gesuchtesten Naturweine aus den begehrtesten<br />

Lagen ließen die Preise in immer höhere Sphären<br />

steigen. Die Bildung von Konsortien war für die<br />

Produzenten indes noch mit einem weiteren Vorteil<br />

verbunden: Gemeinsam konnten sie nun auch<br />

Händlern und Kommissionären ihre Bedingungen<br />

diktieren, vor allem in Bezug auf die Naturreinheit<br />

ihrer Weine. Nichts hatten »Puristen«<br />

mehr zu fürchten als die immer wieder kehrenden<br />

Mosel und Rheingau: In Bernkastel und in Oestrich-Winkel erzeugen<br />

die Weingüter <strong>Wegeler</strong> hervorragende, doch ganz unterschiedliche<br />

Weine. Allen gemeinsam ist das neue Flaschenschild. In der Vergangenheit<br />

zierte eine Vielzahl von Motiven den Bernkasteler Doctor – vom<br />

kolorierten Stich (um 1900) über dekorativen Jugendstil bis zu dem<br />

zitronengelben <strong>Wegeler</strong>-Deinhard-Etikett für den »Kriegswein« von<br />

1917, das bis in die achtziger Jahre verwendet wurde.<br />

Skandale wegen Weinfälschung – denn nichts war<br />

damals (wie heute) lukrativer, als billig eingekauften<br />

Wein unter Vorspiegelung falscher Tatsachen<br />

als Spitzen wein zu vermarkten. Wie also die kostbaren<br />

Weine gegen die allgegenwärtigen Weinfälscher<br />

schützen?<br />

Um die Kontrolle über die Echtheit des Produkts<br />

zu erhalten, boten sich den <strong>Weingut</strong>sbesitzern<br />

nicht viele Möglichkeiten. Gesetze<br />

gewährten zunächst wenig Handhabe, sodass<br />

Selbsthilfe nottat. Abhilfe versprach ein Ver fahren,<br />

das später unter dem Namen »Original abfüllung«<br />

Furore machen sollte. Wer etwas auf sich und<br />

seine Weine hielt, verlangte von den Händlern,<br />

die Naturweine nicht im Fass, sondern nur auf<br />

Flaschen gezogen auf den Markt zu bringen. Die<br />

Echtheit sollte der Korken garantieren, in den der<br />

Name des Produzenten eingebrannt war (»Korkbrand«).<br />

Zudem sollte ein schmuckvoll gestaltetes<br />

Etikett außer dem Namen des Händlers auch den<br />

des Produzenten (»Wachstum …«) tragen. Im ausgehenden<br />

19. Jahrhundert vermochten die sogenannten<br />

Naturweinversteigerer, ihre Marktmacht<br />

bedeutend auszubauen.<br />

Doch damit nicht genug. Nach dem Vorbild<br />

der Trierer Versteigerungskonsortien schlossen<br />

sich 1897 die renommiertesten <strong>Weingut</strong>s besitzer<br />

im Rheingau zur »Vereinigung Rheingauer <strong>Weingut</strong>sbesitzer«<br />

zusammen. Die Koordination der<br />

Versteigerungstermine war der erste Zweck des<br />

neuen Vereins. Der zweite: der stetig steigenden<br />

Macht der Weinhändler und -kommissionäre in<br />

Mainz, Bingen und Wiesbaden geschlossen zu<br />

begegnen. Zehn Jahre später kam es in der bayerischen<br />

Rheinpfalz zu einem Zusammenschluss der<br />

angesehensten Naturweinversteigerer. Wiederum<br />

zwei Jahre später, im November 1910, schlossen<br />

sich die regionalen Vereinigungen zu dem nationalen<br />

»Verband deutscher Naturwein versteigerer«<br />

(VDNV) zusammen, der vor drei Jahren, heute als<br />

VDP firmierend, sein hundertjähriges Bestehen<br />

feiern konnte.<br />

Die Weinhändler sahen das Treiben der Naturweinversteigerer<br />

mit einem lachenden und<br />

einem weinenden Auge. Einerseits wollten sie<br />

von deren Können und deren Prestige profi tieren,<br />

andererseits konnte ihnen nicht daran gelegen sein,<br />

dass die Naturweinversteigerer aus ihrer Monopolstellung<br />

Gewinn zogen. Geheimrat Julius <strong>Wegeler</strong>,<br />

einer der Teilhaber von Deinhard und Co., war<br />

nicht der erste und nicht der letzte Weinhändler,<br />

der das Monopol der Naturwein versteigerer zu<br />

brechen versuchte. Um den Gutsbesitzern Paroli<br />

zu bieten und selbst von der steigen den Wertschöpfung<br />

zu profitieren, machte er sich selbst auf<br />

die Suche nach Weinlagen von Weltruf. Wein güter<br />

in Rüdesheim mit Par zellen im Rüdesheimer Berg<br />

sowie in Oestrich- Winkel machten in den achtziger<br />

und neunziger Jahren des 19. Jahr hunderts<br />

90 91<br />

F I N E 4 / 2013 F I N E W E I N u N d Z E I t


Durchblick und Aussicht: Für Tom Drieseberg, der seit 1998 die<br />

Weingüter <strong>Wegeler</strong> in Bernkastel und Oestrich-Winkel leitet, ist das<br />

alt-neue Etikett eine Art Identitätsausweis – auch für die Zukunft.<br />

den Anfang. Als im Jahr 1900 große Flächen<br />

in der nicht erst seit den Tagen Goethes und<br />

Beethovens berühmten Lage » Doctor« in Bernkastel<br />

zu er werben waren, griff sein Bruder Carl<br />

zu. Mit 100 Mark oder 35,8 Gramm Gold pro<br />

Quadrat meter bezahlte er mehr, als jemals zuvor<br />

und jemals danach für einen Weinberg in Deutschland<br />

angelegt wurde.<br />

Doch die Rendite ließ sich nicht in Mark und<br />

Pfennig ausrechnen. Fortan musste das Haus<br />

Deinhard nicht mehr Doctor-Weine einkaufen,<br />

um das englische Königshaus und viele andere<br />

prestigebewusste Kunden mit prestigeträch tigen<br />

Weinen beliefern zu können. Carl und sein Bruder<br />

Julius <strong>Wegeler</strong>, letzterer seit 1893 auch Präsident<br />

des Deutschen Weinbauvereins, konnten in einem<br />

der namhaftesten Weinhäuser der Welt mit<br />

» eigenem Gewächs« von den Moselufern prunken,<br />

erzeugt in schiefrig-steilen Parzellen, ausgebaut in<br />

einem Gutshaus, das nach modernsten Erkenntnissen<br />

der preußischen Domäne Ockfen errichtet<br />

worden war.<br />

Und wie den neuen Ruhm ins Bild setzen?<br />

Die Motive der bunten Steindruck-Etiketten mit<br />

Blick auf Bernkastel und dem Lob des Ȋchten<br />

Doctor«, die Deinhard bislang für seine Weine<br />

verwandt hatte, mochten in diesem Moment ausgedient<br />

haben. Ein an edler Anmut nicht mehr<br />

zu überbietendes Etikett musste her. Also kein<br />

modischer Jugendstil, sondern antike Symbolik,<br />

strenge Formen statt lasziver Ornamente. In<br />

dem in Rot gedruckten Etikett, in dessen Oval<br />

die Herkunfts bezeichnung Platz fand, schlugen<br />

sich diese Überlegungen nieder.<br />

War es dieses Motiv mit dem Eindruck<br />

»Geisen heim«, das Tom Drieseberg an einem<br />

Wintertag dieses Jahres wie ein Blitz in die Augen<br />

stach? Gut möglich. Doch im Henkell-Archiv, in<br />

das die Deinhard-Archivalien im Jahr 1997 nach<br />

dem Verkauf von Deinhard an Henkell & Söhnlein<br />

und der Abspaltung der Weingüter <strong>Wegeler</strong> überführt<br />

wurden, findet sich kein Beleg dafür, dass das<br />

Geisenheim-Etikett damals auch für die Spitzenweine<br />

aus der Lage Doctor verwendet wurde.<br />

Ebensowenig lässt sich ergründen, wer das äußerst<br />

kunstvoll gestochene Flaschenschild wo und wann<br />

entworfen hat. Zeitlich zuordnen lasse es sich<br />

indes dem Historismus, meint Barbara Burkardt,<br />

die das Henkell-Archiv leitet: »Die Vignetten<br />

sind wohl im damaligen Geschmack der Renaissance<br />

gehalten.«<br />

Tom Drieseberg scherte sich nicht darum.<br />

Denn ihm hatte es das Geisenheim-Etikett<br />

mit seiner an die griechische Sagenwelt angelehnten<br />

Ornamentik spontan angetan. Hatte nicht der<br />

Verband der Prädikatsweingüter (VDP), dem die<br />

Weingüter <strong>Wegeler</strong> seit seiner Gründung im Jahr<br />

1910 angehören, nicht gerade eine interne Klassifikation<br />

beschlossen, nach der nur noch die Namen<br />

der Spitzenlagen auf dem Etikett erscheinen sollten?<br />

Was auf den ersten Blick mit der Emphase<br />

für Terroir und der Verwendung histo rischer Etiketten<br />

als nostalgische Retrowelle im deutschen<br />

Weinbau abgetan werden könnte, ist im Kern die<br />

Rückbesinnung auf die Tugenden, die deutschen<br />

Riesling vor hundert Jahren zum weltweit gesuchten<br />

Objekt der Begierde hatte werden lassen.<br />

Von diesen goldenen Zeiten war indes nicht<br />

mehr viel übrig, als der Kommunikationsfachmann<br />

Drieseberg nach seiner Heirat mit Anja<br />

<strong>Wegeler</strong>, der ältesten Tochter von Rolf <strong>Wegeler</strong>,<br />

dem Vetter des legendären Geheimrats, im Jahr<br />

1998 die Leitung der Weingüter <strong>Wegeler</strong> übernahm.<br />

Wie die meisten Weinhäuser, so hatte auch<br />

Deinhard bei Sekten und Weinen längst auf Masse<br />

statt Klasse gesetzt. Immerhin hielt das Unternehmen<br />

immer an seinen Spitzenlagen fest. Doch<br />

Anspruch und Wirklichkeit stimmten am Rhein<br />

und an der Mosel selten überein. Bis zum Jahr 1991<br />

wurden die Doctor-Moste nicht etwa im Gutshaus<br />

in Bernkastel ausgebaut, sondern über mehr als<br />

eine Dekade per Lastwagen nach Koblenz gekarrt.<br />

Manch ein Jahrgang hatte nur noch den Namen<br />

mit den Weinen gemeinsam, die einst den Ruf<br />

der Lage begründet hatten. »Die Wein liebhaber<br />

hatten sich teilweise von der Marke <strong>Wegeler</strong> distanziert«,<br />

sagt Tom Drieseberg rückblickend.<br />

Allerdings hatten einige kluge Köpfe bei<br />

<strong>Wegeler</strong> die Zeichen der Zeit früh erkannt. Mitte<br />

der achtziger Jahre kam »Geheimrat J« auf den<br />

Markt, ein trockner Wein, der die schier unüberwindbare<br />

Barriere zwischen deutschem Wein<br />

und deutscher Küche einreißen sollte. Wenig<br />

später hatte auch das traditionelle zitronengelbe<br />

<strong>Wegeler</strong>- Deinhard-Etikett ausgedient, das seit den<br />

zwanziger Jahren auch für Weine und Sekte aus der<br />

Lage »Doctor« verwendet wurde. <strong>Das</strong> neue lehnte<br />

sich formal an das historische rote Etikett mit dem<br />

Eindruck »Geisenheimer« an, wurde aber in Gold<br />

und Schwarz ausgeführt. 1992 gehörte <strong>Wegeler</strong> im<br />

Rheingau zusammen mit den Weingütern Breuer,<br />

Hans Lang oder Robert Weil zu den Pionieren, die<br />

»Erste Gewächse« auf den Markt brachten und<br />

damit den Fokus wieder auf den Lagencharakter<br />

als das Gütekriterium schlechthin legten.<br />

Doch sollte es noch lange dauern, ehe sich die<br />

Rückkehr zu den Wurzeln des deutschen Weinbaus<br />

nicht nur in, sondern auch auf der Flasche<br />

bemerkbar machte. In den neunziger Jahren<br />

experimentierte man bei <strong>Wegeler</strong> mit Etiketten,<br />

die Tom Drieseberg freundlich mit »modisch«<br />

beschreibt. Ab dem Jahr 1999 konnte man auf den<br />

Etiketten der Spitzenweine die Handschrift von<br />

Peter Schmidt erkennen, einem der Top-Designer<br />

in Deutschland. Doch auch das führte nicht dazu,<br />

dass sich die Kunden von der Klasse der Weine<br />

emotional angesprochen fühlten.<br />

Der Kreis schloss sich erst zu Beginn dieses<br />

Jahres. Im Weinberg und im Keller war<br />

die Rückbesinnung auf die Tradition längst im<br />

Gange. Nicht nur viele Weingüter, sondern auch<br />

der VDP hatten in den zurückliegenden Jahren<br />

ihre Geschichte wiederentdeckt. Dann kamen die<br />

<strong>Wegeler</strong>-Weine des Jahrgangs 2012 auf den Markt.<br />

Sie schmückt ein alt-neues Etikett, das nach Tom<br />

Driesebergs Worten das einzig Wichtige signalisieren<br />

soll: »<strong>Das</strong> sind wir.« ><br />

Foto: Johannes Grau<br />

Caviar House & Prunier Seafood Bar im Alsterhaus<br />

Jungfernstieg 16 • 20354 Hamburg<br />

alsterhaus@caviarhouse-prunier.de<br />

Tel. 040 32509399<br />

Caviar House & Prunier ist Partner<br />

der Gastronomie und des selektierten Fachhandels.<br />

Gerne beliefern wir auch Sie, den privaten Feinschmecker<br />

mit Spezialitäten zu jedem Anlass aus unserem Versandkatalog.<br />

<strong>Das</strong> sollten Sie probieren!<br />

Fordern Sie unseren exklusiven Gratis-Versandkatalog an.<br />

Kostenfrei bequem per Telefon:<br />

0800 / 22 25 855<br />

Caviar House & Prunier GmbH – Headoffice / Versand<br />

Redcarstr. 2a • D-53842 Troisdorf<br />

www.caviarhouse-prunier.de • info@caviarhouse-prunier.de<br />

Tel. 0800 22 25 855<br />

Caviar House & Prunier Shops<br />

2x Airport Frankfurt<br />

Terminal 1, Departure Z & Terminal 1, Departure B<br />

Tel. 069 69713022<br />

92<br />

F I N E 4 / 2013


<strong>FINE</strong><br />

DAS WEINMAGAZIN<br />

SCHLAGEN SIE ZU<br />

UNTER DEM STICHWORT »ACHTFUERSECHS«<br />

BESTELLEN SIE IM ABONNEMENT ACHT AUSGABEN<br />

ZUM PREIS VON SECHS FÜR NUR € 120,–<br />

INKL. VERSAND (D) | BESTELLUNG PER TELEFON +49 611 50 55 840,<br />

FAX +49 611 50 55 842 ODER PER E-MAIL ABO@<strong>FINE</strong>-MAGAZINES.DE

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!