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Schönbächler, Patrick, Schönbächler, Walter - 150 Jahre Arbeiterbewegungen im Bezirk Einsiedeln, 100 Jahre SP Einsiedeln, Einsiedeln 2019

Die Geschichte der Arbeiterbewegungen und der Sozialdemokratischen Partei Einsiedeln in katholischen Stammlanden. Gleichzeitig ein politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Rückblick auf den Bezirk Einsiedeln, aber auch den Kanton Schwyz.

Die Geschichte der Arbeiterbewegungen und der Sozialdemokratischen Partei Einsiedeln in katholischen Stammlanden.
Gleichzeitig ein politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Rückblick auf den Bezirk Einsiedeln, aber auch den Kanton Schwyz.

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«DIE GROSSE GEFAHR»<br />

<strong>150</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>Arbeiterbewegungen</strong> <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> Sozialdemokratische Partei <strong>Einsiedeln</strong><br />

<strong>Patrick</strong> <strong>Schönbächler</strong> | <strong>Walter</strong> <strong>Schönbächler</strong>


«DIE GROSSE GEFAHR»<br />

<strong>150</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>Arbeiterbewegungen</strong> <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> Sozialdemokratische Partei <strong>Einsiedeln</strong>


Impressum<br />

Diese Schrift erschien anlässlich des <strong>100</strong>-Jahr-Jubiläums der Sozialdemokratischen Partei <strong>Einsiedeln</strong>.<br />

Redaktion/Text: <strong>Patrick</strong> <strong>Schönbächler</strong>, <strong>Walter</strong> <strong>Schönbächler</strong><br />

Korrektorat: Susanne Theiler, Markus Staub<br />

Satz: <strong>Walter</strong> <strong>Schönbächler</strong><br />

Druck: Druckerei Franz Kälin AG, <strong>Einsiedeln</strong><br />

Verlag: <strong>Patrick</strong> <strong>Schönbächler</strong>/<strong>Walter</strong> <strong>Schönbächler</strong>, CH-8840 <strong>Einsiedeln</strong><br />

<strong>Einsiedeln</strong> <strong>2019</strong><br />

ISBN 978-3-033-07220-6<br />

www.hejbsch.ch


INHALTSVERZEICHNIS<br />

<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

I. Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 09<br />

II. Grussworte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11<br />

Christian Levrat, Präsident <strong>SP</strong> Schweiz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11<br />

Andreas Marty, Präsident <strong>SP</strong> Schwyz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12<br />

<strong>Bezirk</strong>sammann Franz Pirker. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13<br />

III. Dank. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15<br />

Johannes Borner, Präsident <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15<br />

IV. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17<br />

V. Anfänge der Arbeiterorganisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19<br />

Der Grütliverein <strong>Einsiedeln</strong> (1852, 1863-1866, 1885-1887, 1900-190?) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20<br />

Der Arbeiterverein (1864-1869) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22<br />

Die Bahnarbeiter in den 1870er-<strong>Jahre</strong>n . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23<br />

Die katholischen Gesellen- und Arbeitervereine (1859-, 1871-, 1897-) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24<br />

VI. Die Sozialdemokratie fasst Fuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27<br />

Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27<br />

Der Benzigerstreik (1899/1900). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27<br />

Kantonale Bestrebungen und sozialdemokratische Anfänge. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29<br />

Der Konsumverein <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34<br />

Exkurs: Das «katholische Bollwerk» und die politischen Verhältnisse in <strong>Einsiedeln</strong>. . . . . . . . . . . . . . . . 35<br />

VII. Gründungsphase der Arbeiterpartei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37<br />

Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37<br />

Gründung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38<br />

Generalstreik und Grippe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39<br />

Ein Debakel mit Vorankündigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41<br />

Eine Volksrednerin und Arbeiternöte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43<br />

Erster Kantonsrat und Konsolidierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43<br />

Ein «Skandal» mit Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45<br />

Kantonsrat Daniel Kürzi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46<br />

Erste Erfolge und ein Staatsschutzgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47<br />

Nationalratswahlen und Vermögenssteuerinitiative. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48<br />

Das Warten auf das Etzelwerk und die Zollinitiative . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49<br />

Verlust des Kantonsratsmandats, die Initiative Rothenberger und ein roter Nationalrat . . . . . . . . . . . . . . 51<br />

Das Etzelwerk kommt! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52<br />

Religionsfeindlichkeit und liberal-sozialistische Opposition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53<br />

VIII. Eine erste Reaktivierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55<br />

Der Auslöser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55<br />

Neuorganisation und erste Aktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55<br />

Wahlniederlagen und ein neuer Präsident . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56<br />

Der bettelnde Vinzenz-Verein und weitere Kritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57<br />

Sozialistische Berufsverbände?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59<br />

Geistliche Spiele 1930, zur Religion und «Sihlsee-Spekulationswut» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60<br />

Ein «schartiger» Landschreiber-Kandidat und eine öffentliche Gabensammlung. . . . . . . . . . . . . . . . . 62<br />

Schnaps, ein erster Kommissionssitz und ein Parteiausflug . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62<br />

Sprechstunden des Arbeitersekretärs in <strong>Einsiedeln</strong> und die «sozialistische Ehe» . . . . . . . . . . . . . . . . 64<br />

Ein gemütlicher Abend, aufkommende Nervosität und politische Grundsätzlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . 65<br />

Gründung der Etzelwerk AG, Nationalratswahlen 1931 und «traurige Taglöhne». . . . . . . . . . . . . . . . . 66<br />

Der «Linksblock» von <strong>Einsiedeln</strong> und ein Wahlstreik der Oppositionsparteien. . . . . . . . . . . . . . . . . . 68<br />

Beginn der Etzelwerkarbeiten, Streiks und Arbeitsbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69<br />

Genfer Aufruhr und eine Rechtfertigung des Parteinamens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72<br />

Ein Präsidentenwechsel, eine Lohnabbauvorlage und Armenpflege. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73<br />

Exkurs: Nationalsozialismus in <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75<br />

Das «Ordnungsgesetz», Unruhen um den «Schwyzer Demokrat» und missliebige Bagger. . . . . . . . . . . . . 76<br />

Wehrvorlage, Kriseninitiative und eine «verdammte Pflicht» des <strong>Bezirk</strong>srates . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79


Die Nationalratswahlen 1935 – eine «Faust ins Gesicht» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80<br />

Die Forderung nach einem Regierungssitz, ein politisierender Sekundarlehrer und ein neuer, roter Kantonsrat. . . . 81<br />

Die Wehranleihe, ein neues Erwerbssteuergesetz, streikende Automobilisten und kantonale Notstandsarbeiten . . . 84<br />

Arbeiterschutz am Etzelwerk, programmatische Richtlinien, ein Erwerbssteuergesetz und eine Badeordnung . . . . 84<br />

Die Sihl wird gestaut, ein «neuer» Parteipräsident und die Auflösung der «Arbeiter-Union» . . . . . . . . . . . . 85<br />

Das schwyzerische Kommunistenverbot, friedliche <strong>Bezirk</strong>swahlen und ein «abstossendes Elaborat» . . . . . . . . 88<br />

Der Bau- und Holzarbeiterverband, der Ruf nach «neuer Industrie» und Arbeiternot . . . . . . . . . . . . . . . 90<br />

Eine «neue Industrie», eine rote Volksinitiative und die «Landi» 1939 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91<br />

Die Wehrmanns-Notunterstützung, militarisierte Arbeitslose und steigende Teuerung . . . . . . . . . . . . . . 93<br />

Friedliche Kantonsrats- und <strong>Bezirk</strong>swahlen und ein sozialdemokratischer Kantonsratspräsident! . . . . . . . . . 94<br />

Ein neuer Feiertag, bleibende Probleme und ein Unrecht an der Arbeiterschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . 96<br />

Durchhalteparolen, fleischlose Tage, Anbauschlacht und der Ruf nach einem Lohnamt . . . . . . . . . . . . . 97<br />

Volkswahl des Bundesrates, Weiterbildung und der wiederholte Ruf nach einer AHV . . . . . . . . . . . . . . 98<br />

Sozialistischer Auftrieb und politischer Druck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99<br />

«Eine neue Schweiz in einer neuen Welt» und missglückte Nationalratswahlen 1943. . . . . . . . . . . . . . <strong>100</strong><br />

Gewerkschaften, «schwyzerische Polizeiwillkür» und der unsägliche «Arbeitsrappen» . . . . . . . . . . . . . . 101<br />

Eine neue Parteiorganisation, «eine dunkle Seite <strong>im</strong> Buche» und ein neuer Regierungsrat . . . . . . . . . . . .102<br />

IX. Die Arbeiterpartei in den Nachkriegsjahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .105<br />

Eine Konstituierungsversammlung und eine «Säuberungs-Petition» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105<br />

Ein Konflikt <strong>im</strong> Schreinergewerbe, eine weitere Reorganisation und eine «sozialistische Zelle» in Euthal. . . . . . 105<br />

Hyperaktivitäten, eine Umbenennung der Partei und ein neuer Nationalrat. . . . . . . . . . . . . . . . . . 107<br />

Kantonsrats- und <strong>Bezirk</strong>swahlen 1948, Durchhalteparolen und eine Partei am Boden . . . . . . . . . . . . . .109<br />

Der Bodenvogt, die Nationalratswahlen 1951 und eine sozialistische Vermögensabgabe-Initiative . . . . . . . . . 110<br />

Kantonsrats- und <strong>Bezirk</strong>swahlen 1952, ein erster Angriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110<br />

Eine stattgehabte Vorstandserneuerung und der erste rote <strong>Bezirk</strong>srat 1954 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111<br />

Gründung der Baugenossenschaft «Mythen» (1955) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113<br />

Ein Fabrik-Neubau, ein «Mann des Jahrhunderts», fast friedliche Wahlen und das erste RPK-Mitglied der Arbeiterpartei . . 114<br />

Schulische Anliegen, ein «geistig unbeweglicher Schulratspräsident», das Referat des Pfarrers und ein neuer Nationalrat . . 115<br />

Ein «sozialistischer Kronprinz» und Ämterkumulationen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117<br />

Ein neuer Vorstand, ein ruhiges Intermezzo, Personenkult und die erste Schulrätin . . . . . . . . . . . . . . . 118<br />

Aufruf zur Parteiarbeit, ein Schulhaus-Neubau, das «Gespenst eines Frauenst<strong>im</strong>mrechts» und friedliche Nationalratswahlen . .120<br />

Ruhige Frühjahrswahlen 1968 und ein engagierter Parteipräsident . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .122<br />

Der erste sozialdemokratische Erziehungsrat, ein Gerichtssubstitut und eine politische Bankrotterklärung . . . . 122<br />

Endlich: das Frauenst<strong>im</strong>mrecht, Land für ein neues Altershe<strong>im</strong> und eine verjüngte Parteileitung . . . . . . . . . 124<br />

Die erste Kantonsratskandidatin und Meinrad Fuchs <strong>Bezirk</strong>sammann! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125<br />

Brand des Spitals und eine neue Generation übern<strong>im</strong>mt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127<br />

Ein Verwaltungsrichter, ein neuer Parteipräsident, Pressezensur, ein zweiter <strong>Bezirk</strong>sratssitz und das Kieswerk Trachslau . . 129<br />

Ein neuer Regierungsrat und die Reichtumssteuer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132<br />

Ein ruhiges Jahr 1978. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134<br />

Ein Nationalrat auf Zeit und Kantonsratswahlen 1980 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135<br />

Strube <strong>Bezirk</strong>swahlen 1980 und ein Präsidentenwechsel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .136<br />

Noch strubere <strong>Bezirk</strong>swahlen 1982, «eine Lektion in Sachen Anstand» und der dritte <strong>SP</strong>-Landammann . . . . . 138<br />

Martin Kälin neuer Kantonsrat, Helmut Hubacher in <strong>Einsiedeln</strong> und eine Insolvenzerklärung der Kantonalpartei . . .140<br />

Für eine Bundesratsbeteiligung, linke Konkurrenz und Kantonsratswahlen 1984 . . . . . . . . . . . . . . . .143<br />

Probleme um den «Schwyzer Demokrat», Teilerneuerung der Parteileitung und zahlreiche Abst<strong>im</strong>mungsvorlagen . .145<br />

Erfolg für das Betagten-Pflegehe<strong>im</strong> Langrüti und eine erste <strong>Bezirk</strong>sratskandidatin . . . . . . . . . . . . . . 146<br />

«Dr Sihlsee ghört üs!», keine Reduktion der <strong>Bezirk</strong>sratssitze – und ein Nationalrat! . . . . . . . . . . . . . . 147<br />

Friedliche Kantonsrats- und <strong>Bezirk</strong>swahlen und die erste Frau in der RPK . . . . . . . . . . . . . . . . . . .<strong>150</strong><br />

Das Ende des «Schwyzer Demokrat», «Dr rout Rab» und andere Publikationen . . . . . . . . . . . . . . . . .152<br />

X. Metamorphosen und Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .155<br />

Ein neuer Regierungsrat, ein neuer Präsident und die Armeeabschaffungsfrage . . . . . . . . . . . . . . . 155<br />

Die erste <strong>SP</strong>-<strong>Bezirk</strong>srätin und Atomvorlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .156


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Eine Zukunftswerkstatt und ein neues, «revolutionäres» Aktions-/Parteiprogramm . . . . . . . . . . . . . . 158<br />

Nationalratswahlen 1991 und das Kieswerk Trachslau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160<br />

Eine autofreie Hauptstrasse, eine bürgerliche Strafaktion sowie ein Einsiedler <strong>SP</strong>-Kantonsratspräsident . . . . . . . . . 161<br />

Notschlafstelle, Drogenpolitik, der richtige Polizeidirektor und eine zweite bürgerliche Strafaktion . . . . . . . . .164<br />

Rettung des Willerzeller-Viadukts und Verlust des Nationalratssitzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .165<br />

Die erste Einsiedler Kantonsrätin und ein «grauer Panther» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .166<br />

Eine neue Zukunftswerkstatt und erfolglose <strong>Bezirk</strong>sratswahlen 1998 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .168<br />

Eine neue Präsidentin, die Begrünung des Adlermättli und chancenlose Nationalratswahlen . . . . . . . . . . .169<br />

Kantonsratswahlen und ein neuer Regierungsrat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171<br />

Ein neues Positionspapier, ein neuer Kantonsrat, endlich eine Kinderkrippe und der Sihlseeuferweg . . . . . . . 172<br />

Eine «unheilige Allianz», Rückeroberung des RPK-Sitzes, eine Ombudsstelle und eine «Chropfleerete» . . . . . . . 174<br />

Ein Co-Präsidium, das Hallenbad und eine Einsiedler <strong>SP</strong>-Nationalrätin! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176<br />

Kantonsrats- und <strong>Bezirk</strong>swahlen 2004: ein zweiter Sitz!. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177<br />

Eine kantonale 1. Mai-Feier und eine Schweinerei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .180<br />

Verlust des zweiten <strong>Bezirk</strong>sratssitzes, die Ortsbus-Initiative und eine Fitze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181<br />

Tod unserer Nationalrätin, Energie-Stadt und ein neuer <strong>SP</strong>-Kantonsratspräsident . . . . . . . . . . . . . . . 182<br />

Der Ortsbus kommt, zwei Vollmandate bei den Kantonsratswahlen und ein abgewählter Landschreiber . . . . . .183<br />

<strong>SP</strong>-Hochburg <strong>Einsiedeln</strong>, offene Jugendarbeit, ein neues Co-Präsidium und ein «Porno-Rocker» . . . . . . . . 186<br />

Ein neuer Präsident, «Tischlein-deck-dich» und eine Demonstration Pro Spital <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . 187<br />

Ein unglaubliches Engagement der Partei, die <strong>SP</strong> fliegt aus der Regierung und ein neuer Präsident . . . . . . . .188<br />

Abzocker, Jugendkonzept und Wohnraum sowie starkes Mitgliederwachstum . . . . . . . . . . . . . . . . .190<br />

Präsidentenwechsel, «nüd ganz <strong>100</strong>» und Lancierung von zwei kantonalen Steuer-Initiativen . . . . . . . . . . . 191<br />

Ein neuer Präsident, «James Bond» als <strong>Bezirk</strong>srat, ein Positionspapier und der Verlust des Nationalratssitzes . . . .192<br />

Der «doppelte Pukelshe<strong>im</strong>er» und erfolgreiche Kantonsratswahlen 2016 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194<br />

Für fairere Steuern, Pro Viadukt Willerzell und ein neuer Kantonsrat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .196<br />

Eine Polit-Sensation, ein Säckelmeister-Kandidat zur falschen Zeit und «s‘Notariat ghöjrt i üüs»! . . . . . . . . . 198<br />

XI. Unsere amtierenden <strong>Bezirk</strong>sräte: persönlich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .201<br />

XII. Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .205<br />

XIII. Personen und Ämter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207<br />

Präsidenten Arbeiterpartei/<strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207<br />

Vize-Präsidenten Arbeiterpartei/<strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207<br />

Aktuare Arbeiterpartei/<strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .208<br />

Kassiere Arbeiterpartei/<strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .208<br />

Beisitzer Arbeiterpartei/<strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .209<br />

Rechnungsprüfer Arbeiterpartei/<strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .209<br />

Nationalräte Arbeiterpartei/<strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209<br />

Kantonsräte Arbeiterpartei/<strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209<br />

<strong>Bezirk</strong>sräte Arbeiterpartei/<strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210<br />

Mitglieder Rechnungsprüfungskommission Arbeiterpartei/<strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210<br />

Schulräte Arbeiterpartei/<strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210<br />

XIV. Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211<br />

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211<br />

Lexika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212<br />

Archive/Zeitungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212<br />

Bildmaterial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212


I. Vorwort<br />

<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Im Frühsommer 2018 stolperten wir mehr oder minder zufällig über eine Notiz <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» (EA 16.1.1918), welcher<br />

auf die Gründung einer Sozialdemokratischen Partei in der Waldstatt <strong>Einsiedeln</strong> hinwies. Bis anhin war parteiintern nur bekannt<br />

(und begnügte man sich auch damit), dass die damals sogenannte «Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>» 1944 einfach wieder zum Leben<br />

erweckt wurde.<br />

Über die Zeit vor 1944 herrschte aber tiefste Dunkelheit und Unkenntnis. Was für Personen bekannten und engagierten sich in<br />

den zum Teil jahrzehntelang wirtschaftlich schwierigen und katholisch-konservativ dominierten Zeitverhältnissen in <strong>Einsiedeln</strong><br />

auf welche Weise für die Anliegen der Arbeiterschaft?<br />

Stellten sie die «grosse Gefahr»<br />

dar, vor denen der Churer Bischof<br />

1919 eindringlich warnte?<br />

<strong>Patrick</strong> <strong>Schönbächler</strong><br />

Co-Präsident 2003 - 2012<br />

Die kantonale Geschichtsschreibung widmet<br />

sich den <strong>Arbeiterbewegungen</strong> und<br />

dem Engagement für die Anliegen der Arbeiterschaft<br />

und deren politischen Kampf<br />

vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts,<br />

und gerade was <strong>Einsiedeln</strong> anbelangt,<br />

stiefmütterlich und oberflächlich.<br />

Publikationen mit lokalhistorischem Bezug<br />

fehlen gänzlich, solche zur Sozialdemokratie<br />

<strong>im</strong> Kanton Schwyz sind spärlich<br />

und inhaltlich teilweise dünn.<br />

<strong>Walter</strong> <strong>Schönbächler</strong><br />

Präsident 1989 - 1999<br />

Fairerweise ist zu sagen, dass die Quellenlage dürftig ist. In <strong>Einsiedeln</strong> fehlen zum einen bis 1944 jegliche Parteiaufzeichnungen<br />

und zum anderen fanden «radikale» und «bolschewistische» Aktivitäten in der bürgerlich-katholisch dominierten Wirtschaft,<br />

Gesellschaft und Presse, wenn überhaupt, dann nur am Rande und als ablehnende oder kritische Reaktion eine Erwähnung.<br />

Eine Ausnahme bildet der von 1912-1987 in Siebnen herausgegebene sozialdemokratische «Schwyzer Demokrat».<br />

Der erste Teil der vorliegenden Jubiläumsschrift ist gerade darum, und weil es sich um eine erstmalige Darstellung handelt,<br />

umfassender und ausführlicher ausgefallen. Auch bildet er die wichtige Sturm-, Drang- und politische Findungsphase nicht<br />

nur auf kommunaler, sondern auch auf kantonaler Ebene ab. Die Anliegen der Arbeiterschaft waren Politik. Nach dem zweiten<br />

Weltkrieg wurden die Sozialdemokraten sowohl <strong>im</strong> Kanton als auch etwas später in <strong>Einsiedeln</strong> in die politische Verantwortung<br />

eingebunden. Der Fokus wird ab diesem Zeitpunkt darum bewusster auf die kommunale Parteipolitik gerichtet und lässt zudem<br />

Raum für Erinnerungen und Erfahrungen der beiden Autoren als langjährige Parteipräsidenten der <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong>.<br />

Selbstverständlich n<strong>im</strong>mt die Jubiläumsschrift für sich nicht in Anspruch vollständig und ausgewogen zu sein. Sie kann und<br />

soll aber Denkanstösse vermitteln und Nachschlagewerk sein, und will – und dies ganz besonders – diejenigen Männer und<br />

Frauen, Arbeiterinnen und Arbeiter, würdigen, welche sich unter der Fahne der Sozialdemokratie unerschrocken für die wirtschaftliche<br />

Besserstellung der Arbeiterschaft <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> und die Partei-Ideale eingesetzt haben. Ihnen sei diese<br />

Schrift gewidmet.<br />

<strong>Patrick</strong> <strong>Schönbächler</strong> / <strong>Walter</strong> <strong>Schönbächler</strong><br />

<strong>Einsiedeln</strong>, <strong>im</strong> April <strong>2019</strong>


II. Grussworte<br />

<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Christian Levrat, Präsident <strong>SP</strong> Schweiz<br />

Sozialdemokratie auf achthundert Metern über Meer<br />

Schon <strong>im</strong> 18. und 19. Jahrhundert gab es <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> kollektive Bewegungen von Arbeiterinnen und Arbeitern. Menschen<br />

wehrten sich gegen zu tiefe Löhne, gegen die Bezahlung in Naturalien statt in Geld oder auch gegen unerträgliche<br />

Arbeitsbedingungen. Die Industrialisierung schuf zwar zahlreiche neue Möglichkeiten, führte aber insbesondere in ihren Anfängen<br />

auch zur Ausbeutung der Lohnabhängigen, die auf Gedeih und Verderb auf ihren Verdienst angewiesen waren. Die<br />

wirtschaftlichen Verhältnisse <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> waren schwierig, die Gesellschaft konservativ und katholisch geprägt. Der Einzelne, die<br />

Einzelne war schwach: Die Menschen begannen deshalb, sich zusammenzuschliessen, um sich gemeinsam zu wehren.<br />

Langsam, aber sicher, fassten Gewerkschaften und die Arbeiterpartei<br />

– die spätere <strong>SP</strong> – Fuss auch <strong>im</strong> katholischen <strong>Einsiedeln</strong>.<br />

Vorliegendes Buch zeichnet die Entwicklung der <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

nach. Schon das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass dies keine trockene<br />

Festschrift mit einigen Zahlen und Fakten ist, sondern dass<br />

die Geschichte der Partei, hier wie andernorts, durch zahlreiche<br />

Aktivitäten und geselliges Beisammensein, politische Kampagnen<br />

und unerschrockenes Engagement, aber auch durch Widersprüche<br />

und Unregelmässigkeiten geprägt ist. Obwohl abseits<br />

der städtischen Zentren gelegen, spiegeln sich auch in der Geschichte<br />

der Einsiedler Arbeiterbewegung die grossen Ereignisse<br />

und Katastrophen des 20. Jahrhunderts. In den <strong>Jahre</strong>n nach dem<br />

Zweiten Weltkrieg wurde es ruhiger, doch keineswegs langweilig.<br />

Die Vertreter der Arbeitnehmenden wurden zunehmend in die politische<br />

Verantwortung eingebunden. Auch in diesen <strong>Jahre</strong>n entwickelte<br />

sich die <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> ständig weiter und wurde zu dem,<br />

was sie heute ist. Einige Themen – wie beispielsweise der Einsatz<br />

für die Rechte der Arbeitnehmenden oder für die Gleichstellung<br />

der Geschlechter – ziehen sich durch, andere Themen – wie beispielsweise<br />

Umweltschutz – kamen später dazu.<br />

Als Präsident der <strong>SP</strong> Schweiz bin ich stolz auf unsere Lokalsektionen<br />

<strong>im</strong> ganzen Land. Unerschrocken und engagiert halten mutige Männer und Frauen seit Jahrzehnten unsere Fahne hoch<br />

und setzen sich für die Werte der Sozialdemokratie ein. 1789 riefen die Menschen vor der Pariser Bastille nach Freiheit, Gleichheit<br />

und Solidarität. Dieser Ruf hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. Die <strong>SP</strong> ist die einzige Partei der Schweiz, die<br />

diese Grundwerte weiterträgt: Für alle statt für wenige.<br />

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern viel Vergnügen bei der Lektüre, und der <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> alles Gute und viel Erfolg für<br />

die nächsten <strong>100</strong> <strong>Jahre</strong>!<br />

11


Andreas Marty, Präsident <strong>SP</strong> Schwyz<br />

Mit Beharrlichkeit und Mut viel erreicht<br />

Seit 101 <strong>Jahre</strong>n engagiert sich die <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> für die soziale Gerechtigkeit. Die Geschichte der <strong>SP</strong> war und ist ein harter<br />

und anstrengender Weg. Auch <strong>im</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>2019</strong> ist man <strong>im</strong> Kanton Schwyz als Sozialdemokratin und Sozialdemokrat andauernd<br />

einem Gegenwind ausgesetzt. Doch <strong>im</strong> Vergleich dazu dürfte den ersten Einsiedler <strong>SP</strong>-Genossen sogar ein kalter Sturm entgegen<br />

geblasen haben. Im «Einsiedler Anzeiger» von 1918 ist die <strong>SP</strong> zum Beispiel als die Partei der «Radaubrüder und Störer der<br />

öffentlichen Ordnung» bezeichnet worden. Dabei waren ihre Anliegen überaus berechtigt und höchst dringlich.<br />

Dank Beharrlichkeit und Mut haben die Sozialdemokraten <strong>im</strong> letzten<br />

Jahrhundert gegen den Willen der rechts-konservativen Mehrheit<br />

sehr viel erreicht. Die Ausdauer führte denn auch zu wichtigen<br />

politischen Erfolgen. Denken wir nur an die 40-Stunden-Woche,<br />

das Frauenst<strong>im</strong>mrecht oder die Sozialversicherungen AHV und<br />

IV – alles Anliegen, für die sich jahrzehntelang <strong>im</strong> Kanton Schwyz<br />

alleine die <strong>SP</strong> einsetzte.<br />

Heute müssen wir darum kämpfen, dass nicht wieder eine umgekehrte<br />

Tendenz einsetzt. Viele der sozialen Errungenschaften sind<br />

direkt bedroht: Die Rechte schafft an der Erhöhung des Rentenalters,<br />

an der Privatisierung der Altersvorsorge, am Abbau der guten<br />

Arbeitsbedingungen und an Kürzungen be<strong>im</strong> Sozialstaat. Gerade<br />

bei uns <strong>im</strong> Kanton Schwyz müssen wir ständig kämpfen für eine<br />

faire Steuerpolitik und den Schutz unserer Umwelt. Und das, obwohl<br />

wir <strong>im</strong> reichsten Land der Welt leben. Genauso, wie die Sozialdemokraten<br />

schon vor hundert <strong>Jahre</strong>n mutige Vorkämpfer für<br />

unsere sozialen Werke gewesen sind, müssen wir es heute sein.<br />

Denn wir wollen uns mit dem Erreichten nicht zufriedengeben. Wir<br />

sind überzeugt, dass die Schweiz gerechter, innovativer und fortschrittlicher<br />

werden kann. Die <strong>SP</strong> ist darum heute nötiger denn je!<br />

Es ist mir ein grosses Anliegen der <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> für ihre wichtige Arbeit <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> und darüber hinaus zu danken.<br />

Sie ist heute die mit Abstand grösste <strong>SP</strong>-Sektion <strong>im</strong> Kanton Schwyz. Ganz herzlichen Dank auch für die interessante und spannende<br />

Aufarbeitung eurer Geschichte in dieser Festschrift.<br />

Ohne die <strong>SP</strong> würde es unserem Kanton und seiner Bevölkerung ganz best<strong>im</strong>mt schlechter gehen. Wir werden weiterhin für<br />

unsere Werte kämpfen, stets nach dem Motto: Für alle statt für wenige!<br />

12


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Franz Pirker, <strong>Bezirk</strong>sammann<br />

Herzliche Gratulation<br />

Ganz herzlich möchte ich der Sozialdemokratischen Partei <strong>Einsiedeln</strong> zum <strong>100</strong>. Geburtstag gratulieren!<br />

Die Verteilung der Sitze <strong>im</strong> heutigen Einsiedler <strong>Bezirk</strong>srat zeigt ein heterogenes Bild. Neben drei Vertretern der SVP sitzen in<br />

diesem je zwei der CVP, der FDP und der <strong>SP</strong>. Diese sehr ausgeglichene Verteilung ermöglichte in der jüngsten Vergangenheit<br />

wichtige und weitsichtige Entscheide zu Gunsten der Einsiedler Bevölkerung.<br />

Durch das gleichmässige Einbinden aller namhaften politischen Kräfte wird die Bevölkerung <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>srat <strong>Einsiedeln</strong> sehr repräsentativ<br />

abgebildet. Natürlich best<strong>im</strong>men die Wählerinnen und<br />

Wähler die Zusammensetzung des <strong>Bezirk</strong>srats. Da eine echte parteipolitische<br />

Opposition aber fehlt, ist es an den Mitgliedern des<br />

<strong>Bezirk</strong>srates, die ganze Breite der möglichen Meinungen zu diskutieren,<br />

abzubilden und schliesslich zu berücksichtigen. Durch die<br />

aktuelle Doppelvertretung der <strong>SP</strong> werden viele verschiedene Segmente<br />

dieser Breite wirksam repräsentiert, welche mir persönlich<br />

zugegebenermassen weniger nahe liegen.<br />

Die Zusammenarbeit <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>srat erlebe ich als sehr konstruktiv.<br />

Anders als in Parlamenten steht in der Exekutive oft nicht die Parteizugehörigkeit<br />

<strong>im</strong> Vordergrund. Stehen Probleme an, müssen diese<br />

gelöst werden. Strategische Weitsicht ist gefragt. Wir möchten den<br />

<strong>Bezirk</strong> in die Zukunft führen.<br />

Die Vertreter der verschiedenen Parteien machen sich jeweils mit<br />

ihren Idealvorstellungen an die strategische Arbeit. Im Verlaufe der<br />

Debatten und Diskussionen zeigt sich dann aber bei allen Vertretern,<br />

dass mit diesen Idealvorstellungen keine mehrheitsfähige Lösungen<br />

vorgelegt werden können. Was dann bleibt, sind die typisch<br />

schweizerischen Kompromisse.<br />

Gemessen an den Idealvorstellungen mögen manche Entscheide<br />

eher bescheiden sein. Trotzdem sind sie aber gut, weil sie mehrheitsfähig<br />

und für die ganze Bevölkerung wertvoll sind.<br />

Für diese Bevölkerung möchten wir auch in Zukunft gute Entscheidungen treffen und weitsichtige Strategien entwickeln. Mit<br />

den Idealvorstellungen von links bis rechts und <strong>im</strong> Dialog über alle Parteien.<br />

Der <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> mit all ihren Amtsträgern, Funktionären, Gönnern und Freunden wünsche ich für die Zukunft viel Erfolg, politisches<br />

Gespür und weiterhin die konstruktive und sachliche Hartnäckigkeit, die für das wertvolle Miteinander in unserem <strong>Bezirk</strong><br />

<strong>Einsiedeln</strong> einen bedeutenden Beitrag leistet.<br />

13


III. Dank<br />

<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Johannes Borner, Präsident <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Geschätzte Lesende<br />

<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> Parteileben sind ein guter Grund inne zu halten. Die Neugier, mehr über die Anfänge der <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> zu erfahren,<br />

war gross; umso mehr, als die Gründung in die sehr turbulente Zeit vor und um den Generalstreik zurückreicht. Der Appetit<br />

kommt bekanntlich mit dem Essen und so entstand aus der ursprünglich geplanten Festschrift ein veritabler historischer<br />

Abriss.<br />

In akribisch, schon fast detektivisch anmutender Recherchearbeit gruben die beiden Autoren <strong>Patrick</strong> und <strong>Walter</strong> <strong>Schönbächler</strong><br />

in stundenlanger Stuben- und Archivarbeit Fakten aus. Dies gestaltete sich fürwahr nicht <strong>im</strong>mer einfach, war die Parteiarbeit<br />

über die Zeit doch unterschiedlich gut dokumentiert. Danke an die Archivierungskünstler, Schande der Undiszipliniertheit vergangener<br />

Präsidenten und Aktuare! Es fehlten zum Teil ganze Jahrgänge, die versucht wurden, mittels Zeitungsberichten und<br />

historischen Dokumenten zu rekonstruieren.<br />

Das nun vorliegende Werk darf deshalb in Anspruch nehmen, nicht<br />

nur eine Parteihistorie zu sein, sondern vor allem auch Einblick<br />

in gesellschaftspolitische Veränderungen in <strong>Einsiedeln</strong> und dem<br />

Kanton Schwyz in den letzten zehn Jahrzehnten zu gewähren. So<br />

dürfte die Schrift selber zu einem interessanten historischen Gut<br />

werden. Der Idee, die Parteigeschichte der <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> nicht entlang<br />

ideologischen Linien zu entwickeln, wurde dadurch Rechnung<br />

getragen.<br />

Die Schrift n<strong>im</strong>mt natürlich nicht in Anspruch, vollständig zu sein.<br />

Entschuldigung bei allen, die auch noch gerne hätten erwähnt werden<br />

wollen. Ereignissen, die den Zeitgeist widerspiegeln, und ausgewählten<br />

Anekdoten wurde viel Aufmerksamkeit geschenkt. Das<br />

Werk soll nicht nur bilden, sondern auch unterhalten. Es dürfte hie<br />

und da zum Schmunzeln anregen.<br />

Der Ernsthaftigkeit der Materie tut dies keinen Abbruch. Das heutige<br />

Selbstverständnis der <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> ist stark von den Zielen<br />

und Aktionen der Vorfahren geprägt. Dies ist eine Erkenntnis der<br />

Arbeit. Das tönt zwar etwas pathetisch, ist aber so. Gerade der unermüdliche<br />

Einsatz der Gründer, die Anfang des 20. Jahrhunderts<br />

herrschende soziale Kluft zu beseitigen, hat an Aktualität nichts eingebüsst. Die heute akut gefährdeten, aber unerlässlichen<br />

Sozialwerke, haben ihren Ursprung in dieser Zeit, ebenso wie das allgemeine St<strong>im</strong>m- und Wahlrecht und der Arbeitsfriede.<br />

Grossen Respekt verdient auch die Beharrlichkeit, mit welcher die <strong>SP</strong>-Exponenten ihre Ziele verfolgten. Dies geschah zu Gründerzeit<br />

nicht selten unter Einsatz des Lebens. Den Forderungen wurde mit grosser Überzeugung Nachdruck verliehen, auch<br />

wenn diese — wie z.B. das Frauenst<strong>im</strong>mrecht — erst viel später erfüllt wurden. Einfach nur Modeströmungen aufzusitzen war<br />

dannzumal nicht <strong>SP</strong> Politik. Daran hat sich bis heute nichts geändert!<br />

Schliesslich, liebe Lesende, soll folgender Gedanke des Dichters André Malraux hier noch Platz haben: «Wer in der Zukunft<br />

lesen will, muss in der Vergangenheit blättern». Für die <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong> ist die Basis für eine weiterhin engagierte Politik gelegt.<br />

Den beiden Autoren gebührt grossen Dank!<br />

15


IV. Einleitung<br />

<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Seit es Arbeit und Arbeitsteilung gibt, gibt es Arbeitskonflikte.<br />

Der Kampf um die soziale Besserstellung der Lohnarbeiterschaft<br />

ist dabei so alt wie die Lohnarbeit selbst. Diese Auseinandersetzungen<br />

können individuell ausgetragen und gelöst<br />

werden. Oder, wo dies nicht möglich ist, und mit fortschreitender<br />

Industrialisierung<br />

erst recht: kollektiv und<br />

organisiert. Entweder<br />

mit Hilfe zur Selbsthilfe<br />

oder mittels Arbeitskampf<br />

und Streik. Und<br />

letztlich auch mittels politischer<br />

Einflussnahme<br />

und Parteigründung.<br />

Bis es soweit war<br />

vergingen in <strong>Einsiedeln</strong><br />

aber Jahrhunderte.<br />

Bis ins Hochmittelalter<br />

(1050-1250)<br />

herrschte <strong>im</strong> ländlichen<br />

Raum die Subsistenzoder<br />

Bedarfswirtschaft:<br />

Die Produktion<br />

diente noch vorrangig<br />

der Selbstversorgung,<br />

ohne nennenswerte<br />

Überschüsse zu erzielen.<br />

Getreideanbau und<br />

Viehhaltung sicherten<br />

die Ernährung der ansässigen<br />

Bevölkerung.<br />

Seit die ersten Eremiten<br />

in den Finsteren<br />

Wald gezogen sind, rodeten sie und legten Äcker und Matten<br />

an und führten Ackerbau und Viehhaltung in der Form der<br />

Feldgraswirtschaft ein.<br />

Die Kommerzialisierung der Wirtschaft setzte erst <strong>im</strong> 12.<br />

Jahrhundert ein. Auch das Stift <strong>Einsiedeln</strong> als lokaler Herrschaftsträger<br />

forcierte je länger je mehr die Umstellung vom<br />

Ackerbau auf die Viehwirtschaft mit seinen Schweigen. Diese<br />

waren seit dem 11. Jahrhundert stark verbreitet und konzentrierten<br />

sich in grösserer Zahl auch um <strong>Einsiedeln</strong>. Es handelte<br />

sich bei diesen um reine Viehhöfe, die teils bis ins 14. Jahrhundert<br />

in der unmittelbaren Abhängigkeit und Verwaltung des<br />

Klosters standen.<br />

Im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts fand – nach den<br />

einschneidenden, verschiedenen Pestzügen ab 1348 – infolge<br />

einer Bevölkerungszunahme, Rodungen, einer erhöhten<br />

Produktivität der Landwirtschaft (Dreizelgenwirtschaft), technischer<br />

Neuerungen (Mühlen, Ersatz des Ochsen durch das<br />

Pferd be<strong>im</strong> Pflügen und Warentransport, Steigerung der Eisenproduktion,<br />

Textilhandwerk), neuer rechtlicher Instrumente<br />

<strong>Einsiedeln</strong> um 1642 nach einem Stich von Matthias Merian.<br />

17<br />

(Verlags- und Kreditwesen, Formularisierung, Versicherung)<br />

und Organisationsformen <strong>im</strong> Handels- und Kaufmannswesen<br />

(Hanse, Kommanditgesellschaft) eine allmähliche Umgestaltung,<br />

Spezialisierung und Kommerzialisierung statt. Die zunehmende<br />

Verfügbarkeit von Münzgeld war für die Entwicklung<br />

der gesamten Wirtschaft – auch in <strong>Einsiedeln</strong> – grundlegend.<br />

Der Ackerbau wurde zu Gunsten der profit- und exportorientierten<br />

Viehzucht und Milchproduktion (Anken, Käse, Ziger)<br />

allmählich aufgegeben. Bereits 1311 wird <strong>Einsiedeln</strong> als «eindeutiges<br />

Grossviehzentrum» beschrieben. Man war von der<br />

Viehhaltung hauptsächlich oder gar ausschliesslich zur Viehzucht<br />

übergegangen.<br />

Das Klosterdorf <strong>Einsiedeln</strong> verdankte seine Stellung als<br />

Marktsiedlung sodann der <strong>im</strong> Laufe des Spätmittelalters zunehmenden<br />

Wallfahrt. Die Bedürfnisse der enormen Pilgermassen<br />

– Unterbringung, Ernährung und Versorgung mit allerlei<br />

Waren – förderten das lokale Gewerbe sehr stark. Es<br />

entwickelte sich eine vielfältige Einsiedler Wallfahrtsindustrie,<br />

welche sich mit der Befriedigung der religiösen und leiblichen<br />

Bedürfnissen der Pilger befasste: Verkauf religiöser Bücher<br />

und Bilder, verschiedener Andachtsgegenstände bzw. sog.<br />

Devotionalien, Kreuze, Rosenkränze, Medaillen, Statuen,<br />

Wachsartikel usw., ferner Verkauf von Lebensmitteln und Betrieb<br />

von Wirtshäusern und Gasthöfen.


Das durch Kloster und Wallfahrt geprägte Gewerbe <strong>Einsiedeln</strong>s<br />

übertraf an Dichte und Diversität bis ins 18. Jahrhundert<br />

alle anderen Schwyzer Gebiete und Ortschaften. Das<br />

Kloster entwickelte sich zum eigentlichen Gewerbezentrum,<br />

<strong>Einsiedeln</strong> um 1876, Fotografie von J.J. Lienhardt.<br />

Grossbetrieb und – als Grundherrin – Monopolgeberin auf<br />

den wichtigsten Gewerbebetrieben (6 Mühlen, 4 Sägereien, 3<br />

Schmieden, 1 Gerbe inkl. Lohstampfe und Reibe mit Schleiferei,<br />

Ziegelhütte, Apotheke). Um 1750 gab es in <strong>Einsiedeln</strong> 20<br />

Bäcker, 10 Metzger, 61 Wirtshäuser, 14 Weinschenken, 21 Weber-<br />

und Schneidermeister sowie zahlreiche Schuhmacher.<br />

Mit dem Aufkommen dieses Markt- und Krämerwesens war<br />

es je länger je mehr unumgänglich, dass die Fürstäbte auch<br />

Handwerks- und Gewerbeordnungen aufstellten, denn praktisch<br />

sämtliche Handwerke wie Gewerbe waren klösterliche<br />

Ehaften und durften nur mit Erlaubnis des Klosters betrieben<br />

werden. Gewöhnlich wurden die einhe<strong>im</strong>ischen Handwerkerund<br />

Gewerbetreibenden vor fremder Konkurrenz, insbesondere<br />

dem Hausierhandel, geschützt. Vor allem <strong>im</strong> 16. und 17.<br />

Jahrhundert entstanden Zünfte, anfänglich meist religiöse<br />

Bruderschaften. Das Wort «Zunft» steht <strong>im</strong> Zusammenhang<br />

mit «es ziemt sich»: die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen<br />

und sozialen Verhältnisse<br />

waren – <strong>im</strong> Einklang<br />

mit dem Fürstabt<br />

– somit lange Zeit geordnet.<br />

Die erste Einsiedler<br />

Zunftordnung<br />

datiert von 1620. 1731<br />

trennte sie sich auf in<br />

die vier heute noch bestehenden<br />

Handwerkszünfte<br />

der Metzger und<br />

Bäcker, Schneider und<br />

Weber, Schuhmacher<br />

sowie Geschenkten.<br />

Der Zusammenbruch<br />

der alten Eidgenossenschaft<br />

1798 und<br />

die Einführung der französischen<br />

Ideale und<br />

Freiheitsrechte führte<br />

dann nicht bloss zu einer<br />

Entmachtung des<br />

Fürstabtes als territorialem<br />

Herrschaftsträger,<br />

sondern auch dazu,<br />

dass die ständische<br />

Wirtschafts- und Zunftordnung<br />

zusammenbrach. Zwar wurde die Einsiedler Zunft<br />

1818 wiederbelebt, doch war ihr Ende mit der neuen Handels-<br />

und Gewerbefreiheit, der Niederlassungsfreiheit und<br />

der Rechtsgleichheit gekommen. Der Berufsstolz lebte ab<br />

1871 <strong>im</strong> katholischen Gesellenverein weiter («Gott segne<br />

das ehrbare Handwerk!»). Ein ständisches Denken wurde ab<br />

1886 vom Gewerbeverein wieder aufgenommen. Die frühere<br />

Zunftorganisation blieb zwar bestehen, nahm und n<strong>im</strong>mt heute<br />

aber als «Männerbastion» nur noch gewisse religiöse, liturgische<br />

und gesellige Aufgaben wahr.<br />

Hier, gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, fängt die uns interessierende<br />

Entwicklung der <strong>Arbeiterbewegungen</strong> und Geschichte<br />

der Lohnarbeiter in <strong>Einsiedeln</strong> an.<br />

18


V. Anfänge der Arbeiterorganisation<br />

<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Man kann den Aufstand der Einsiedler Krämerinnen gegen<br />

das Kloster von 1748 – auch bekannt als der «Kampf am Muttergottesbrunnen»<br />

– als ersten dokumentierten «kollektiven<br />

Arbeitskonflikt» in <strong>Einsiedeln</strong> bezeichnen. Bekannt ist auch<br />

eine (erfolgreiche) Lohnbewegung in der Klosterdruckerei <strong>im</strong><br />

18. Jahrhundert, bei der sich<br />

die Arbeiter gegen die Bezahlung<br />

in Form von Waren<br />

statt in Geld wehrten.<br />

«Mit dem 19. Jahrhundert<br />

beginnt die grosse Entwicklung<br />

der Industrie. Die sich<br />

rasch mehrenden Fabrikbetriebe<br />

schufen ein Heer von<br />

Lohnarbeitern. Das Kapital<br />

bemächtigte sich der Industrie.<br />

Gewissenlose Geldmenschen,<br />

die sich an keine<br />

sittlichen Normen gebunden<br />

fühlten und einem herzlosen<br />

Wirtschaftsliberalismus huldigten,<br />

schufen ein unerträgliches<br />

Ausbeutungssystem.<br />

Dieses ungeordnete Gewinnstreben<br />

musste naturnotwendig<br />

der Gegenwirkung rufen.<br />

Die Lohnarbeiterklasse fing<br />

an sich zu organisieren. Mit<br />

der Mitte des 19. Jahrhunderts<br />

beginnt der grosse<br />

Kampf der Lohnarbeiterschaft<br />

gegen die Auswüchse<br />

des Kapitalismus.» Dies<br />

die prägnante Zusammenfassung<br />

der Verhältnisse <strong>im</strong><br />

«Einsiedler Anzeiger» vom<br />

15. Juni 1927.<br />

Unter dem Begriff «Arbeiterbewegung»<br />

wird seit etwa<br />

den 1840er-<strong>Jahre</strong>n die Gesamtheit<br />

der Bestrebungen<br />

umfasst, durch organisatorische Zusammenschlüsse und<br />

kollektives Handeln der Arbeiter am Arbeitsplatz und in anderen<br />

Bereichen der Gesellschaft deren ökonomische, soziale,<br />

politische und kulturelle Emanzipation zu fördern. Die neuen<br />

Bedürfnisse der aufstrebenden Industrie und des Verkehrs auf<br />

der einen Seite und der Geist der Aufklärung auf der anderen<br />

Seite, gefördert durch die Bestrebungen Pestalozzis und seiner<br />

Anhänger für eine der menschlichen Natur angemessene<br />

Erziehung, drängten nach einer politischen Umgestaltung.<br />

Die Anfänge der schweizerischen Arbeiterbewegung lassen<br />

sich nur unscharf best<strong>im</strong>men. Die meist verbreitete Form<br />

19<br />

dauerhafter Arbeiterorganisation war zu Beginn die der Hilfsvereine<br />

bzw. -kassen, die ihre Mitglieder bei Krankheit und in<br />

anderen Notlagen unterstützten. Sie konstituierten sich nach<br />

Aufhebung der Zünfte als Vereine und zuerst unter qualifizierten<br />

Arbeitern.<br />

«Das neue Verhältnis zwischen Arbeiter und Unternehmer». Karikatur aus dem «Neuen<br />

Postillon», Zürich, Schweiz 1896.<br />

An erster Stelle standen hier die Typographen, die sich ab 1818<br />

zu konstituieren begannen. Während sich die meisten Berufe<br />

noch <strong>im</strong> 17. Jahrhundert, selbst an kleinen Orten, zu Zünften<br />

vereinigt hatten, hatten sich die Buchdrucker und verwandten<br />

Gewerbe – offenbar zahlenmässig zu schwach – früher fast<br />

nie zu einer Innung zusammengetan. Der 1858 gegründete<br />

Schweizerische Typographenbund, der lange nur qualifizierte<br />

Berufsleute (v.a. Schriftsetzer und Drucker) aufnahm, war die<br />

älteste schweizerische Gewerkschaft. Die Typographen gehörten<br />

einerseits bis zum 1. Weltkrieg zu den Gewerkschaften,<br />

die am meisten Streiks durchführten, anderseits zu den Pionie-


en <strong>im</strong> Vertragswesen. Seit den 1850er-<strong>Jahre</strong>n<br />

erreichten sie lokale Gesamtarbeitsverträge und<br />

zu Beginn des 20. Jahrhunderts als erste (fast)<br />

nationale Vereinbarungen.<br />

Der Grütliverein <strong>Einsiedeln</strong> (1852,<br />

1863-1866, 1885-1887, 1900-190?)<br />

Obwohl der in <strong>Einsiedeln</strong> domizilierte Benziger-<br />

Verlag in den Spitzenzeiten der 1870er- und<br />

1880er-<strong>Jahre</strong> über 900 Angestellte beschäftigte<br />

und nicht nur an der internationalen Spitze innerhalb<br />

des katholischen Verlagswesens stand,<br />

sondern überhaupt des grafischen Gewerbes,<br />

waren es nicht die Typographen, wie man annehmen<br />

müsste, welche sich in <strong>Einsiedeln</strong> als<br />

erste zu organisieren begannen.<br />

1852 wurde in <strong>Einsiedeln</strong> zunächst eine Sektion<br />

des Grütlivereins gegründet (Grü 19.5.1852).<br />

Es handelte sich um einen patriotischen<br />

Verein, der hauptsächlich wandernde Handwerksgesellen<br />

und <strong>im</strong> Lauf der Zeit <strong>im</strong>mer mehr<br />

Arbeiter an sich band und in der Fremde attraktiv<br />

machte: Lokaler Treffpunkt, Bibliothek, Zeitungen<br />

und Unterricht. Hinzu kamen Übungen<br />

in Gesang, Turnen, Schiessen, Theaterspiel und<br />

Feste. Es entwickelte sich eine heterogene Mitgliederstruktur,<br />

in der wohl Handwerksgesellen<br />

dominierten, die aber auch Handwerksmeister,<br />

Angestellte und Beamte, Fabrikarbeiter, Landwirte<br />

und vereinzelt Kleinunternehmer und Akademiker<br />

umfasste.<br />

Die Identifikation mit einem starken Zentralstaat<br />

entsprach den Interessen der wandernden<br />

Handwerksgesellen, die wegen ihrer Mobilität<br />

in den Kantonen rechtlich benachteiligt waren.<br />

Nach der in den 1860er-<strong>Jahre</strong>n einsetzenden<br />

Demokratischen Bewegung gelangte je länger je<br />

mehr – nachdem man sich bereits 1849 der Unterstützung<br />

der «freisinnigen Bestrebungen des Vaterlandes»<br />

verschrieben hatte – die Idee in den Vordergrund, die sozialen<br />

Fragen «radikal-demokratisch» zu lösen. Die gleichzeitig<br />

fortschreitende Proletarisierung der Gesellen machte die politische<br />

Orientierung für die Grütlivereine zur Zerreissprobe.<br />

1878 proklamierte der Grütliverein als seinen Hauptzweck:<br />

«Die Entwicklung des politischen und socialen Fortschrittes<br />

<strong>im</strong> Schweizerlande auf Grundlage der Socialdemokratie.» In<br />

den 1880er-<strong>Jahre</strong>n wirkten Grütlisektionen bei der Gründung<br />

selbständiger Arbeiterparteien und Gewerkschaften mit. Der<br />

Grütliverein erreichte 1890 mit 353 Sektionen und 16‘391 Mitgliedern<br />

seinen Höhepunkt.<br />

Die 1852 gegründete Einsiedler Sektion löste sich bereits<br />

Dem Grütliverein kam in der schweizerischen Arbeiterbewegung eine<br />

grosse Bedeutung zu. Dessen Sektionen schossen seit 1838 aus dem<br />

Boden und er konnte sich bereits 1843 nationale Strukturen geben. 1851<br />

wies er 34 Sektionen auf. Zentrales Anliegen war dem Grütliverein neben<br />

der Geselligkeit und der gegenseitigen Hilfe mittels Unterstützungskassen<br />

der soziale Aufstieg nach dem Motto «Durch Bildung zur Freiheit».<br />

20<br />

<strong>im</strong> selben Jahr aus nicht näher bekannten Gründen wieder auf<br />

(Grü 20.10.1852).<br />

1863 erfolgte in <strong>Einsiedeln</strong> eine Neugründung. In der<br />

Verbandszeitung «Grütlianer» vom 4. März 1863 wurde der<br />

Wunsch geäussert, dass diese 79. Sektion «ein höheres Alter<br />

als ihre Vorgängerin aus den Fünfzigerjahren erreiche, wozu<br />

nichts als Thätigkeit, Sittsamkeit und Ausdauer erforderlich<br />

ist.» Im «Einsiedler Anzeiger» vom 20. Juni 1863 wurde vermerkt,<br />

dass es vor allem «hier in Arbeit stehende fremde junge<br />

Männer, die den Werth des sozialen Lebens erkennen und zu<br />

benutzen wissen» seien. Der Verein stehe «in vollster Blüthe»<br />

da und umfasse zirka 40 Mitglieder. «Die Vereinsglieder treffen<br />

sich, wenn nicht durch Arbeit gehindert, alle Abend <strong>im</strong> Gesell-


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

schaftslokale, wo abwechselnd Gesang, Lesen verschiedener<br />

Zeitschriften, Besprechung sozialer Verhältnisse etc, die sie<br />

die Mühen des Tages vergessen macht.» Vereinslokal war die<br />

«obere Brauerei».<br />

Am 11. Oktober 1863 feierte der Einsiedler Grütliverein<br />

seine Fahnenweihe. Gegen 200 Gäste fanden sich zu den<br />

Feierlichkeiten ein. Eine Einladung, unterzeichnet von Schriftsetzer<br />

Theiler, ging auch an den <strong>Bezirk</strong>srat von <strong>Einsiedeln</strong>.<br />

Das Festmahl wurde <strong>im</strong> «Rebstock» eingenommen. Der «Einsiedler<br />

Anzeiger» nahm von den Feierlichkeiten zwar wohlwollend<br />

Kenntnis, monierte aber dennoch «die wässrigen Reden<br />

einiger Herren Gäste». Auf die entsprechende Kritik <strong>im</strong> «Grütlianer»<br />

replizierte der «Einsiedler Anzeiger» am 21. November<br />

1863: «Wir gehören keineswegs zu den Gegnern des Grütlivereins,<br />

sind diesem gegentheils sehr zugethan, – hassen aber<br />

jeden Zelotismus [Glaubensfanatismus], welchem Lager er<br />

angehöre, und glaubten daher, jene ‹pfaffenfresserischen›, öffentlich<br />

producirten Ergüsse – namentlich als Einsiedler – nicht<br />

stillschweigend hinnehmen zu dürfen.»<br />

1864 gab der Grütliverein über die Fasnacht eine theatralische<br />

Vorstellung. Im Juli 1864 erging vom Vorstand die öffentlich<br />

Aufforderung an Meinrad Theiler, Schriftsetzer von<br />

<strong>Einsiedeln</strong>, «die ihm wohlbewusste Schuld» zu bezahlen (EA<br />

30.7.1864).<br />

1865 ersuchte der Einsiedler Grütliverein um Aufnahme<br />

einer Stellungnahme <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» zur Frage eines<br />

Niederlassungsvertrages zwischen der Schweiz und Württemberg.<br />

Er äusserte sich kritisch, weil die Folgen für den Handwerkerstand<br />

nachteilig seien. «Wir erkennen als Handwerker<br />

die wohlthätigen Einflüsse des freien Verkehrs wohl, aber wir<br />

müssen dennoch dringend wünschen, dass die Schweiz nichts<br />

gebe, ohne wieder dafür zu erhalten, und letzteres wäre nicht<br />

der Fall, da die Schweiz in Würtemberg nie stark vertreten würde.»<br />

(EA 11.3.1865). Unterzeichnet war diese Stellungnahme<br />

vom Präsidenten Leonz Kälin und vom Aktuar Johann Spörri,<br />

Maler.<br />

Der Verein wies 1865 insgesamt acht Abonnenten der Verbandszeitschrift<br />

«Grütlianer» auf (Grü 23.8.1865). Im April 1866<br />

fand sich in diesem die Mitteilung, dass das Guthaben der aufgelösten<br />

Sektion <strong>Einsiedeln</strong> der Sektion Schwyz überwiesen<br />

werde (Grü 25.4.1865).<br />

Die Gründe der abrupten Auflösung des Grütlivereins sind<br />

nicht bekannt.<br />

Eine dritte Gründung fand am 14. Juni 1885 in der «Bierhalle»<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> statt (EA 10.6.1885). Als Präsident wurde ein<br />

Herr Zuber gewählt und als Vereinslokal wurde in der Folge<br />

die «Hofstatt» best<strong>im</strong>mt. Am 18. Oktober 1885 hielt Nationalrat<br />

Theodor Curti von St. Gallen auf Einladung einen Vortrag<br />

über die Alkoholfrage, die am 25. Oktober 1885 zur Abst<strong>im</strong>mung<br />

gelangte, und vertrat hierbei die Kontra-Haltung. Der<br />

ebenfalls anwesende Nationalrat Nikolaus Benziger-Benziger<br />

votierte für die Vorlage. Die Diskussion wurde von über 300<br />

Anwesenden verfolgt und dauerte fünf Stunden. Während Nationalrat<br />

Curti den neuen Grütliverein «in seinen drei Zielen freisinnig-toleranter,<br />

national-patriotischer und wirthschaftlich-fortschrittlicher<br />

Richtung» begrüsste, äusserte sich der Einsiedler<br />

Nationalrat und Mitinhaber des Benziger-Verlages, Nikolaus<br />

Benziger, deutlich kritischer zu diesem, «welcher laut seinen<br />

Statuten viel weitergehende zentralistische und soziale Zwecke<br />

verfolge als Hr. Dr. Curti andeutete. Wenn der Grütliverein hier<br />

den Fortschritt, wie leider an den meisten Orten <strong>im</strong> Vaterlande,<br />

so anstrebe, um Kirche und Geistlichkeit anzugreifen, so werde<br />

der Verein in <strong>Einsiedeln</strong> kaum lange dauern.» (EA 21.10.1885).<br />

In der Folge entspann sich <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» eine gehässige<br />

Diskussion über den Grütliverein und die Einsiedler<br />

Grütlianer. Dieser sei ein «Gesellenverein mit ganz ambulanten<br />

Elementen, dessen meiste Mitglieder heute hier, morgen dort<br />

wohnen» (EA 21.10.1885). Seine Mitglieder seien «missleitete<br />

Leute, vielfach ohne eigentliche Bildung und richtiges Verständnis»<br />

(EA 24.10.1885). Die Grütlianer waren aktiv und zogen<br />

mit Broschüren gegen die erwähnte Vorlage in den Vierteln<br />

und auch <strong>im</strong> Ybrig umher (EA 24.10.1885).<br />

Das Abst<strong>im</strong>mungsergebnis in <strong>Einsiedeln</strong> zeigte dann,<br />

dass die Grütlianer wohl unterlagen, aber einen St<strong>im</strong>menanteil<br />

von 41% zu gewinnen vermochten. Sie trugen einen Drittel<br />

der Ja-St<strong>im</strong>men <strong>im</strong> ganzen Kanton Schwyz zusammen (EA<br />

28.10.1885).<br />

Der Kommentator <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» war entsprechend<br />

beunruhigt: «Zum erstenmale – wenigstens in Bezug auf<br />

unsere Volksabst<strong>im</strong>mung in <strong>Einsiedeln</strong> – bemerkte man deutlich<br />

bei der Abst<strong>im</strong>mungsbewegung die Be<strong>im</strong>ischung und den<br />

Einfluss sozial-demokratischer Ideen. Es war die Taktik der Grütlianer<br />

– und das ist nicht bloss eine Phrase – ganz eigentlich<br />

den Klassenhass zu schüren, und den ‹armen Mann mit dem<br />

Gläschen› gegen den Herrn mit den feinen Weinen auszuspielen.<br />

Die Grütlianer entwickelten einen fieberhaften Eifer, <strong>im</strong> Dorf<br />

und Stadt Broschüren und Aufrufe aller Art gegen die Vorlage<br />

zu verbreiten und das Volk zu bearbeiten. Es ist zu verwundern,<br />

dass die Agitation nicht noch mehr Erfolg hatte. Immerhin blieb<br />

sie nicht ohne Wirkung, und eine gewisse Erbitterung und Unzufriedenheit<br />

war deutlich in den Massen zu bemerken. Wir hörten<br />

in dieser Beziehung merkwürdige Räsonements. Vielleicht werden<br />

wir später einmal auf dieses Thema zu sprechen kommen.<br />

Bescheiden war dies erste politische Debüt der Grütlianer, deren<br />

hiesige Sektion zwei Drittel auswärtiger Gesellen, und nur zu<br />

einem Drittel hiesigen Vertheidigern des Schnapses gehören,<br />

gerade nicht.» (EA 28.10.1885).<br />

Die Antwort des Grütlivereins liess nicht lange warten: «Dass<br />

der Grütliverein <strong>Einsiedeln</strong> aus zwei Drittel fremden Gesellen<br />

und nur ein Drittel hiesiger Bürger zusammengesetzt sei – ist<br />

eine pure Lüge. Es sind gegenwärtig 16 schwyzerische Kantonsbürger,<br />

10 Bürger anderer Kantone und 4 Ausländer (letztere jedoch<br />

nur Passiv-)Mitglieder unserer Sektion.» (EA 31.10.1885).<br />

Im Sommer 1886 kam es be<strong>im</strong> Benziger-Verlag zu einem<br />

21


Konflikt zwischen Maschinenmeistern und Prinzipalen (Arbeitgebern).<br />

Die Maschinenmeister forderten eine «anständigere<br />

und menschenwürdigere Behandlung» und traten, «angestachelt<br />

von aussen», wie von Seiten des Benziger Verlages betont<br />

wurde, in den Streik. «Acht faule Elemente von trozigem<br />

Wesen» wurden darauf entlassen, ohne dass die «gehässige(n)<br />

Elemente», die still, aber unruhig <strong>im</strong> Geschäft wirken würden,<br />

ganz entfernt werden konnten.<br />

Ob und wie weit diese Geschehnisse mit dem Grütliverein<br />

und seinen Mitgliedern zusammenhingen, ist nicht bekannt. Bis<br />

September 1887 hielt der Grütliverein noch Quartalssitzungen<br />

ab, an denen die Krankenkasse sowie Bibliotheksbücher traktandiert<br />

waren.<br />

Im «Grütlianer» vom 18. Oktober 1887 war dann aber erneut<br />

von einem abrupten Ende des Vereins zu lesen: «Die Sektion<br />

<strong>Einsiedeln</strong> sah sich zur Auflösung gezwungen und es ist die<br />

Liquidation bereits durchgeführt.» Der Auflösung vorausgegangen<br />

war eine Tagung der Schwyzer Sektionen in Rothenthurm<br />

und politische Agitationen <strong>im</strong> Hinblick auf die anstehenden<br />

Nationalratswahlen.<br />

Es scheint offensichtlich, dass der Druck vom grössten Arbeitgeber<br />

in <strong>Einsiedeln</strong>, dem Benziger-Verlag, ausgegangen<br />

war. Der «Einsiedler Anzeiger» kommentierte diese Entwicklung<br />

mit deutlichen und mahnenden Worten: «Eine andere<br />

Frage ist nun aber die, ob der schweizerische Grütliverein<br />

der richtige Faktor ist, um den Bestrebungen des Arbeiterstandes<br />

<strong>im</strong> Kanton Schwyz zum wirksamen Durchbruche zu<br />

verhelfen. Bekanntlich leistet der Grütliverein <strong>im</strong> Ganzen und<br />

Grossen einer radikal-zentralistischen Politik Vorschub, mit<br />

ausgeprägter sozialistischer Färbung, während unser Volk<br />

und Land in einem ganz andern Lager steht und gemäss<br />

seiner Geschichte und seinen Interessen in überwiegender<br />

Zahl konservativen Bestrebungen zugethan ist. Aus diesem<br />

Grunde möchten wir den Arbeitervereinen in unserm Kanton<br />

in wohlmeinendster Weise den Rath ertheilen, die Freunde<br />

und Gönner <strong>im</strong> konservativen und eigenen Lager zu suchen<br />

und den fremden Einflüsterungen ihr Ohr zu verschliessen.<br />

Es werden sich sicherlich auch Leute finden, die ein Herz für<br />

die Bestrebungen des Arbeiterstandes haben und ihr eigenes<br />

Interesse nicht über das allgemeine Wohl stellen.» (EA<br />

22.10.1887).<br />

Im Nachgang an den Benziger-Streik (zu diesem weiter<br />

unten) wurde <strong>im</strong> September 1900 erneut ein Grütliverein<br />

gegründet. Betont wurde hierbei jedoch, dass dieser nicht<br />

von den organisierten Arbeitern der Firma Benziger gegründet<br />

wurde (Grü 12.5.1900, Grü 19.6.1900). Im Oktober<br />

1900 wurde die Generalversammlung der schwyzerischen<br />

Grütlivereine in <strong>Einsiedeln</strong> abgehalten. Sie war von rund 50<br />

Personen besucht und auf dem Rathaus wurde über die Revision<br />

des kantonalen Steuergesetzes referiert. Der gemütliche<br />

Abschluss der Tagung fand <strong>im</strong> «Landhaus» statt. Der <strong>im</strong><br />

«Einsiedler Anzeiger» zitierte Berichterstatter der Grütlianer<br />

schrieb: «Wir glauben nicht, dass aller Samen, der da ausgestreut<br />

wurde, auf steinigen Grund gefallen sei. Wohl ist der<br />

Boden der Urschweiz und namentlich auch der Boden von<br />

<strong>Einsiedeln</strong> etwas hart für unsere Bestrebungen und Ziele, allein<br />

man muss denselben nur zu bebauen verstehen.» (EA<br />

10.10.1900).<br />

Der «Einsiedler Anzeiger» zitierte unter dem Titel «Ein<br />

ehrliches Bekenntnis» am 17. Oktober 1900 aus dem «Grütlianer»:<br />

«Der Grütliverein hat sich in richtiger Erkenntnis der<br />

Zeitforderungen zur Socialdemokratie bekannt und er wird<br />

sich durch nichts von der eingeschlagenen Bahn, die nur die<br />

gerade Fortsetzung der früheren ist, abbringen lassen.»<br />

Die Urabst<strong>im</strong>mung unter den schweizerischen Grütlivereinen<br />

über die Statuten der Socialdemokratischen Partei der<br />

Schweiz bzw. die Fusion mit dieser zeitigte in der Einsiedler<br />

Sektion ein gespaltenes, negatives Bild: 4 Ja-St<strong>im</strong>men standen<br />

5 Nein-St<strong>im</strong>men gegenüber. Offenbar führte dies zu einer<br />

Lähmung der Sektion, was dazu führte, dass sie in der<br />

Folgezeit nicht mehr in Erscheinung trat und 1909 als «eingeschlafen»<br />

galt (Grü 3.5.1909).<br />

Der Arbeiterverein (1864-1869)<br />

Dem damaligen Zeitgeist (organisatorische Zusammenschlüsse<br />

und kollektives Handeln der Arbeiter am Arbeitsplatz und<br />

Förderung von deren ökonomischen, sozialen, politischen und<br />

kulturellen Emanzipation) entsprach auch der 1864 in <strong>Einsiedeln</strong><br />

gegründete Arbeiterverein. Dieser hatte gemäss seinen<br />

Statuten die Hebung und Förderung der arbeitenden Klassen<br />

und deren Interessen in geistiger und materieller Hinsicht zum<br />

Zweck.<br />

Der Arbeiterverein bestand parallel zum Grütliverein, setzte<br />

sich aber offenbar mehr aus Einhe<strong>im</strong>ischen zusammen. Der<br />

Gründung ging ein öffentlicher Aufruf an alle Handwerker und<br />

Arbeiter voraus. Initianten waren Karl Hensler, Meinrad Petrig,<br />

J. Mathias Kälin, Martin Fuchs und Josef Anton Steinauer (EA<br />

23.1.1864).<br />

An der Gründung waren ca. 50 Männer jeden Alters anwesend.<br />

Namentlich bekannt sind nebst den Obgenannten:<br />

Buchbindermeister Peter Büeler (1836-1890), Fotograf Marian<br />

<strong>Schönbächler</strong> (1826-1897) und Posthalter Ignaz Schädler-Gyr<br />

(1808-1887). Letzterer amtete als Vereinspräsident und war<br />

nicht nur Posthalter, sondern nebenbei auch als Vieharzt sowie<br />

als Lehrer an der Knabenmittelschule <strong>im</strong> Dorf tätig.<br />

Von Beginn weg standen Gemeinnützigkeit und Selbsthilfe<br />

<strong>im</strong> Vordergrund. Es wurde über die Wichtigkeit des Pflanzens<br />

von Gemüse referiert und <strong>im</strong> Frühjahr wurde – zwecks Lieferung<br />

eines preisgünstigen und schmackhaften Brotes – die<br />

Errichtung einer Vereinsbäckerei beschlossen. Die Finanzen<br />

wurden mit dem Erlös einer Theaterproduktion hereingeholt.<br />

Als Vereinsbäcker amtete zunächst Johann Wikart, später<br />

Heinrich Eberle («be<strong>im</strong> Kirchhof»). Das Brot wurde in der Bä-<br />

22


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

ckerei sowie be<strong>im</strong> Sternen-Brunnen verkauft (Martin Kälin),<br />

in der «unteren Traube» (Frau Petrig), in der «Schmiedenen»<br />

(Geschwister Bamberger) und «ausser der Brücke» bei Anton<br />

Kurmann. 1865 organisierte der Arbeiterverein unter dem Kommissionspräsidenten<br />

Marian <strong>Schönbächler</strong> die erste Industrieund<br />

Gewerbeausstellung in <strong>Einsiedeln</strong>. Diese war von Beginn<br />

an von Misstönen begleitet. Bereits <strong>im</strong> Januar 1865 machten<br />

böswillige Gerüchte die Runde, die Ausstellung finde nicht statt.<br />

Die Gründe für die Missgunst oder die Opposition sind nicht<br />

bekannt. Generell und ganz grundsätzlich schien man der sich<br />

organisierenden Arbeiterschaft aber mit Misstrauen begegnet<br />

zu sein. Im «Einsiedler Anzeiger» vom 11. Februar 1865 las man<br />

zur nämlichen Zeit beispielsweise: «Zwei gewaltige Grossmächte<br />

sind es, welche in unsern Tagen die sociale Welt bewege:<br />

Arbeit und Geld! - Die Industrie mit ihren reichhaltigen Mitteln<br />

hat in wenigen <strong>Jahre</strong>n unsere socialen Verhältnisse beinahe umgewandelt,<br />

die Kapitalien zusammengehäuft und so die Macht<br />

des klingenden Metalls und des rauschenden Papiers auf den<br />

Thron gehoben. Der einzelne Arbeiter muss sich zwischen diesen<br />

kolossalen Erhebungen der Neuzeit gedrückt und beengt<br />

fühlen; er muss für seine gegenwärtige und künftige Existenz<br />

besorgt werden. Nur zwei Wege stehen ihm offen, um der wachsenden<br />

Gefahr des Unterliegens zu entgehen: die Auswanderung<br />

einerseits, und anderseits ein <strong>im</strong>mer näheres Anschliessen<br />

je Eines an den Andern, zu einer festen aber geordneten Masse,<br />

welche mit vereinten Kräften <strong>im</strong> Geleise des Rechts und der Gesetze<br />

auch für die Dableibenden Vorsorge dagegen zu treffen<br />

vermag.»<br />

Die Gründung des Arbeitervereins war jedenfalls ganz verschieden<br />

beurteilt worden: «Es ist nun Jedermann wohl noch<br />

zur Genüge in Erinnerung, wie verschieden dies Vorgehen<br />

einfacher Leute gedeutet wurde, von den Einten mit misstrauischem<br />

Auge angesehen, von Andern mitleidig belächelt oder<br />

gar als Ausgeburt einer erhitzten Phantasie bezeichnet.» (EA<br />

6.2.1867). Der Arbeiterverein wurde «als eine Missgeburt sozialer<br />

Verhältnisse mit Argusaugen betrachtet» (EA 30.11.1867).<br />

1867 konstatierte der «Einsiedler Anzeiger» erleichtert, dass<br />

der Arbeiterverein «nie auf einen Umsturz der bestehenden<br />

Weltordnung gerichtet» war, wie offenbar teilweise befürchtet<br />

worden war.<br />

Trotz «viel Widerwärtigkeiten» <strong>im</strong> Vorfeld und nach mehrmaliger<br />

Verlängerung der Werk-Abgabefristen fand die genannte<br />

Ausstellung dann vom 2. Juli – 5. Oktober 1865 <strong>im</strong><br />

Alten Schulhaus statt. Die Ausstellung war ein voller Erfolg.<br />

Es konnten von einem künstlichen Gebiss bis zu einem Zweispänner-Deichselwagen<br />

die verschiedensten Handwerkererzeugnisse<br />

aus der Waldstatt besichtigt werden.<br />

Der Arbeiterverein tätigte <strong>im</strong> Weiteren den gemeinsamen<br />

Ankauf von Kartoffeln, um diese möglichst günstig an die<br />

Vereinsmitglieder abzugeben. Gleichzeitig wurden die hohen<br />

Fleischpreise kritisiert, welche in keinem Verhältnis zu den<br />

niedrigen Viehpreisen stünden (EA 15.7.1865).<br />

1867 regte der Arbeiterverein die Einführung eines Wochenmarktes<br />

an und führte eine öffentliche Versammlung betreffend<br />

Anpflanzung von Getreide- und Gemüsearten für «die<br />

arbeitende Klasse von Dorf und Land» durch. Der «Einsiedler<br />

Anzeiger» erhob indessen den Mahnfinger und wünschte dem<br />

Verein, dass er bei dieser Sache bleibe und nur auf diese und<br />

auf nichts anderes, «wie leicht möglich, von dem einen oder<br />

andern Theilnehmer bezweckt werden möchte», sein Augenmerk<br />

richte (EA 7.3.1868).<br />

Mutmasslich war dies aber nicht der Fall. Angesichts der<br />

zu dieser Zeit steigenden Lebensmittelpreise und Wohnkosten<br />

gab es Forderungen betreffend Erhöhung der Arbeitslöhne<br />

und Verminderung der Arbeitszeit. Ende 1871 schrieb der<br />

«Einsiedler Anzeiger»: «Der einst blühende Arbeiterverein ist<br />

spurlos von der Erde verschwunden und doch könnte er bei<br />

einiger Mässigung und praktischem Eingreifen eine schöne<br />

Aufgabe erfüllen.» (EA 9.12.1871).<br />

Aller Wahrscheinlichkeit stand hinter dem Ende des Arbeitervereins<br />

wiederum die Verlegerfamilie Benziger, die grössten<br />

Arbeitgeber in der Waldstatt. Vom National- und späteren<br />

Ständerat Nikolaus Benziger-Benziger ist ein Brief an seinen<br />

Neffen Karl Benziger-Schnüringer vom 14. Dezember 1899 erhalten,<br />

indem jener schreibt: «(...) Wie man anfängt, so bleibt es<br />

lange. Muss man jetzt den aufgehetzten Reclamanten Gehör<br />

geben, so empfiehlt sich unser Vorgehen in den 1870er-<strong>Jahre</strong>n:<br />

zuerst die schl<strong>im</strong>msten Elemente, deren man gern oder<br />

lieber als bei andern los ist, vor zu empfangen – die zu fragen<br />

vor Zeugen und aus Protocoll – ob sie persönlich für ihre Verhältnisse<br />

zufrieden seien. Auf die Frage, warum sie für andere<br />

vorsprechen, was sie <strong>im</strong> Ablehnungsfalle der Firma persönlich<br />

zu thun beabsichtigen? Wird Entlassungsgesuch angedroht, so<br />

ist dasselbe unterschreiben zu lassen, und dann erst als vom<br />

Arbeiter ausgegangen, gerade genötigt, anzunehmen. Nur wenige<br />

werden so weitergehen. In den 1870er-<strong>Jahre</strong>n heilte ein<br />

Fall alle anderen und der Satz siegte: die Firma stellt nur jeden<br />

Einzelnen an, antwortet nur je ihm allein, kennt keine Gruppen<br />

und regelt das summarische nur <strong>im</strong> Reglement.»<br />

Die Bahnarbeiter in den 1870er-<strong>Jahre</strong>n<br />

Die Sensibilisierung bezüglich <strong>Arbeiterbewegungen</strong> und<br />

Durchsetzung von Arbeiterinteressen war in <strong>Einsiedeln</strong> sehr<br />

früh vorhanden. Bereits <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» v. 29. Juli<br />

1871 konnte man lesen: «Die Gesellschaft der Internationalen,<br />

ein Arbeiterbund, der über ganz Europa verbreitet ist und unter<br />

den Arbeitern aller Länder einige Millionen Mitglieder zählen<br />

soll, hat bekanntlich auch in unserer Schweiz einen ziemlich<br />

zahlreichen Anhang. Durch ihren Einfluss und ihre Wühlereien<br />

sind bereits in mehrern Städten, in Basel, Genf, Zürich und in<br />

jüngster Zeit in St. Gallen Conflikte der Arbeiter mit den Arbeitgebern<br />

entstanden, welche insbesondere durch Arbeitseinstellungen<br />

(Strikes) der Arbeiter behufs Erzwingung eines<br />

23


Inserat <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» vom 14. August 1875.<br />

Nebst den Versuchen, die Arbeiter zu organiseren,<br />

bestanden zu damaliger Zeit auch andere <strong>Arbeiterbewegungen</strong><br />

und -konflikte in <strong>Einsiedeln</strong>.<br />

höhern Lohns und niederer Arbeitszeit sich manifestirten. (...)»<br />

Im Zusammenhang mit dem Bau der Wädenswil-<strong>Einsiedeln</strong>-<br />

Bahn, welche <strong>im</strong> Sommer 1875 startete, schrieb der «Einsiedler<br />

Anzeiger»: «Im einst so ruhigen und öden Rabenest entwickelt<br />

sich durch die Eisenbahnarbeiten ein <strong>im</strong>mer regeres<br />

Leben. - Bereits sind einige Baraken und provisorische Sommerwirthschaften<br />

aufgestellt (…). Unter den Arbeitern spuckt<br />

auch hie und da der sozial revolutionäre Geist und gibt sich<br />

zeitweilig kund in Form einer partiellen Stricke [Streikes], welche<br />

Conflickte kleinern Belangs jedesmal ohne Militäraufgebot<br />

erledigt werden können. - An Aehnliches wird man sich<br />

gewöhnen müssen. Der Fortgang der Arbeiten <strong>im</strong> Ganzen erleidet<br />

wenig Störung.» (EA 21.8.1875)<br />

Insgesamt waren für die Strecke zwischen Chaltenboden<br />

(Schindellegi) und <strong>Einsiedeln</strong> ca. <strong>150</strong> Arbeiter <strong>im</strong> Einsatz.<br />

Die katholischen Gesellen- und<br />

Arbeitervereine (1859-, 1871-, 1897-)<br />

Frühestes Zeugnis eines «Gehülfen- und Gesellenvereins»<br />

findet sich <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>sarchiv <strong>Einsiedeln</strong>. Von 1859 datieren<br />

Statuten, die best<strong>im</strong>mten, «durch geeignete Einrichtungen<br />

kranken Mitgliedern (…) Hülfe und Unterstützung angedeihen<br />

zu lassen». Dessen Zwecksetzung war beschränkt auf eine<br />

Krankenkasse sowie die Aufrechterhaltung von Anstand und<br />

Ordnung.<br />

1871 wurde von P. Paul Schindler mit Unterstützung des<br />

späteren National- und Ständerates Nikolaus Benziger-Benziger<br />

fast nahtlos an die Auflösung des Arbeitervereins <strong>Einsiedeln</strong><br />

der katholische Gesellenverein als Vereinigung eines<br />

christlichen Handwerkerstandes installiert, dessen Zweck die<br />

«Anregung und Pflege eines kräftigen, religiösen und bürgerlichen<br />

Sinnes und Lebens unter den Gesellen» war und dessen<br />

Mitgliedern die Behandlung der Politik und öffentlicher<br />

Angelegenheiten statutarisch untersagt war. Nachdem sich<br />

– wie auch andernorts – vor allem fremde junge Gesellen <strong>im</strong><br />

Grütliverein eingefunden hatten («ein Gesellenverein mit ganz<br />

ambulanten Elementen, dessen meiste Mitglieder heute hier,<br />

morgen dort wohnen», EA 21.10.1885), die meistens als religionsfeindlich<br />

eingestellt galten, bot der neu gegründete katholische<br />

Gesellenverein eine Organisationsform, in der man die<br />

Gesellen besser zu kontrollieren und zu disziplinieren erhoffte.<br />

Ein katholischer Arbeiter am Ende des 19. Jahrhunderts<br />

war nicht in erster Linie ein Arbeiter, sondern schliesslich ein<br />

Katholik.<br />

Der katholische Gesellenverein basierte auf der christlichen<br />

Überzeugung seiner Mitglieder, diente der Förderung<br />

und Bewahrung des Glaubens und – vorab in der Winterzeit<br />

– der Weiterbildung, widmete sich aber auch stark gemütlichen<br />

Zwecken. Dem Verein stand ein Geistlicher als<br />

Präses vor. Von 1871-1875 war dies der erwähnte P. Paul<br />

Schindler, von 1875-1900 P. Augustin Gmür, danach – bis<br />

zu seinem Tode 1931 – P. Claudius Hirt. Domiziliert war der<br />

Verein zunächst <strong>im</strong> linken Ecksporren des Klosters, ab 1922<br />

dann <strong>im</strong> neu errichteten Gesellenhaus.<br />

Zum einen die zunehmende Radikalisierung und Hinwendung<br />

zu sozialistischem Gedankengut (gewaltsamer Klassenkampf,<br />

sozialistische Eigentumslehre, Religionsfeindlichkeit),<br />

zum anderen der nicht zu negierende Umstand, dass die Verhältnisse<br />

der notleidenden Arbeiterklasse tatsächlich nach<br />

Veränderungen und Verbesserungen verlangten, führten<br />

dazu, dass Papst Leo XIII. einen von Liberalismus und Sozialismus<br />

unabhängigen, dritten Weg zu weisen suchte. Am<br />

15. Mai 1891 veröffentlichte er die Enzyklika «Rerum Novarum»,<br />

die «Magna Charta der Arbeit und der kirchlichen Soziallehre»<br />

(EA 23.5.1941). Demnach habe der Mensch nach<br />

geleisteter Arbeit das Recht auf Lohn und auch das Recht,<br />

über diesen frei zu verfügen. Die Arbeitgeber ermahnte er,<br />

die Arbeiter würdevoll zu achten. Schutz und Rücksicht auf<br />

Wohlergehen, Alter und Geschlecht seien erforderlich. Unmissverständlich<br />

formulierte er auch, dass die Lehre des Sozialismus<br />

der naturrechtlich-christlichen Eigentumslehre widerspreche,<br />

Verwirrung in den Aufgabenbereich des Staates<br />

bringe und die Ruhe des Gemeinwesens störe. Religion und<br />

Kirche seien unverzichtbar und zuständig, die Ordnung der<br />

menschlichen Gesellschaft mitzugestalten.<br />

Es entstanden in der Folge – neben dem bestehenden<br />

katholischen Piusverein (1857), «einer Art katholischer Spitzenorganisation»<br />

und dem Schweizerischen Katholischen Gesellenverein<br />

(1868) und seinen Sektionen – die konservativen<br />

katholischen Männer- und Arbeitervereine, welche die Religion<br />

zur Grundlage hatten, sich materiellen und politisch-sozi-<br />

24


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

alen Fragen widmeten und<br />

der päpstlichen Arbeiter-<br />

Enzyklika folgten.<br />

Am 21. März 1897 wurde<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> <strong>im</strong> Gasthaus<br />

zur «Krone» der katholische<br />

Männer- und Arbeiterverein<br />

für den <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

gegründet und erklärten<br />

bereits ca. 200 Personen<br />

ihren Beitritt. «Der Verein<br />

soll nicht nur ein Herrenverein,<br />

sondern ein Männerund<br />

Arbeiterverein werden,<br />

ein Verein, der alle Stände<br />

und Berufsarten umfasst,<br />

ein Volksverein <strong>im</strong> besten<br />

Sinne des Wortes. Taglöhner,<br />

Handwerker, Gewerbetreibende,<br />

Bauern, Geschäftler,<br />

Wirte u. Krämer,<br />

Beamtete u. Angestellte,<br />

Alle seid gleich willkommen.»<br />

(EA 17./24.3.1897).<br />

Als Präsident wurde der<br />

Arzt Dr. med. Franz Lienhardt<br />

(1855-1923) gewählt,<br />

amtierender <strong>Bezirk</strong>sammann und verheiratet mit einer Nichte<br />

von Firmen-Doyen und damaligem Nationalrat Nikolaus Benziger-Benziger.<br />

Letzterer war viele <strong>Jahre</strong> Präsident der einsiedlischen<br />

Sektion des Schweizerischen Piusvereins, «Jahrzehnte<br />

sozusagen ihr Lebensnerv», und – wie erwähnt – auch an<br />

der Gründung des katholischen Gesellenvereins <strong>Einsiedeln</strong><br />

beteiligt.<br />

Die Sektion des Piusvereins, der katholische Gesellenverein<br />

und der katholische Männer- und Arbeiterverein<br />

sollten in der Folge in <strong>Einsiedeln</strong> das christlich-konservative<br />

Bollwerk gegen die aufkommende, als staats- und religionsfeindlich<br />

beurteilte Sozialdemokratie bilden. Man nahm für<br />

sich in Anspruch – entsprechend der päpstlichen Arbeiter-<br />

Enzyklika – die Arbeiternöte und -interessen basierend auf<br />

gegenseitigem christlichem Respekt und Nächstenliebe<br />

zwischen Arbeitgebern und Arbeitern, lösen zu können.<br />

Das katholische Gesellenhaus in einer Aufnahme um 1960.<br />

1899 wurde der Schwyzer Kantonalverband der katholischen<br />

Männer- und Arbeitervereine gegründet. An dessen<br />

Spitze stand der Einsiedler Buchhändler Heinrich<br />

Rickenbach.<br />

«Wer also nur das materielle, moralische und religiöse<br />

Wohl des Arbeiters erstrebt, der hat am kathol. Männer- und<br />

Arbeiterverein einen Ratgeber und Helfer, wie er für unsere<br />

Verhältnisse passt [und] braucht es vorderhand keine Organisation<br />

in sozialdemokratischen Sinne und keine ostentativen<br />

Versammlungen (…).» (EA 9.12.1899). «Zu friedlicher<br />

Lösung, lautet die Parole. Die kath. Männer- und Arbeitervereine<br />

wollen ihr Ziel nur mit gesetzlich erlaubten Mitteln<br />

erreichen, sie verurteilen alle separatistischen Gelüste und<br />

jede zwängerische, oder gar gewaltsame Anbahnung zur<br />

Lösung dieser oder jener Frage. Sie stehen auf grundsätzlich<br />

katholischem Boden.» (EA 13.10.1900).<br />

25


VI. Die Sozialdemokratie fasst Fuss<br />

<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Einleitung<br />

An dieser Stelle ist zunächst auf den Schweizerischen Arbeiterbund<br />

einzugehen. An dessen Ursprung stand die Erkenntnis,<br />

dass der Partei- und Sesselstreit zwischen Liberalen und Konservativen<br />

den Kern der grössten und dringendsten Zeitfrage,<br />

nämlich die sich stetig verschl<strong>im</strong>mernde ökonomische Lage<br />

des Volkes, ungelöst lasse. 1873 vereinigten sich darum mehrere<br />

Sektionen des Grütlivereins sowie Arbeitervereine und Gewerkschaften<br />

zu einem ersten Schweizerischen Arbeiterbund.<br />

1880 wurde dieser aufgelöst und es resultierte aus diesem der<br />

Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) und als politische<br />

Nachfolgeorganisation die Sozialdemokratische Partei (<strong>SP</strong>).<br />

1887 entstand dann ein neuer Schweizerischer Arbeiterbund<br />

als offizielle Organisation der schweizerischen Arbeiterschaft.<br />

Er vereinigte Gewerkschaften, Grütli-, Arbeiter-,<br />

katholische und evangelische Vereine sowie Krankenkassen<br />

zu einer Dachorganisation. Dieser Zusammenschluss auf der<br />

Basis eines religiös und parteipolitisch neutralen Charakters<br />

bildete die Voraussetzung für ein vom Bund subventioniertes<br />

Arbeitersekretariat mit dem späteren Zürcher <strong>SP</strong>-Nationalrat<br />

Herman Greulich, einem gelernten Buchbinder und Arbeiter-<br />

Aktivisten aus Schlesien, an der Spitze. Das Arbeitersekretariat<br />

agierte in praktischer Hinsicht als Ombudsstelle.<br />

Die heterogene Zusammensetzung und aktuelle politische<br />

Fragen führten indessen bald zu Spannungen und<br />

Zerreissproben <strong>im</strong> Schweizerischen Arbeiterbund. 1894 standen<br />

sich bei der von diesem unterstützten Krankeninitiative<br />

Sozialdemokraten und Grütlivereine dem katholischen Piusverein<br />

gegenüber. Nach dem Scheitern der Krankeninitiative<br />

verlangten Erstere den Ausschluss des Letzteren. Derselbe<br />

monierte die Entwicklung des Arbeiterbundes zu einer sozialdemokratischen<br />

Arbeitervereinigung und betonte seine<br />

Weigerung, «in kulturkämpferischen Angelegenheiten» mitzuwirken,<br />

verblieb aber zusammen mit den katholischen Männer-<br />

und Arbeitervereinen dennoch <strong>im</strong> Arbeiterbund.<br />

Die Zeit um 1900 war zum Teil noch beseelt vom (naiven)<br />

Gedanken an die Neutralität der Gewerkschaften.<br />

Der Benzigerstreik (1899/1900)<br />

Von zentraler Bedeutung war hierbei eine Begebenheit,<br />

die sich in <strong>Einsiedeln</strong> abspielte. «Wohl der denkwürdigste<br />

Streik, der seit Bestehen der schweiz. Arbeiterorganisation<br />

geführt wurde.», meinte die «Helvetische Typographia» zum<br />

Streik be<strong>im</strong> Benziger-Verlag, welcher zwischen dem 27. Januar<br />

und 27. April 1900 in <strong>Einsiedeln</strong> stattfand. Ausgelöst<br />

wurden die Unruhen aber bereits <strong>im</strong> September des Vorjahres,<br />

als Charles Benziger-Gottfried, der technische Direktor,<br />

eine Lohnreduktion von 20-25% ankündigte. Die auf<br />

den Platz gerufene Gewerkschaft, die Helvetische Typographia,<br />

engagierte sich für die Angestellten, organisierte und<br />

unterstützte diese. Bis dahin hatten die Verlegerfamilie Benziger<br />

jegliche <strong>Arbeiterbewegungen</strong> und -organisationen zu<br />

bodigen vermocht. Man war aber nicht nur gewillt, diese zu<br />

unterbinden, sondern weigerte sich überhaupt, mit solchen<br />

direkt zu verhandeln. Obwohl der Benziger Verlag mittlerweilen<br />

ein global tätiger katholischer Medienkonzern mit<br />

Niederlassungen in Deutschland und in den Vereinigten<br />

Staaten war, zeitweise bis zu 900 Angestellte beschäftigte,<br />

war es den Typographen in <strong>Einsiedeln</strong> nicht gestattet, sich<br />

zu organisieren und es wirkten ein paar Arbeiter <strong>im</strong> Verborgenen<br />

be<strong>im</strong> «Schweizerischen Typographenbund».<br />

Denkwürdig waren Lohnreduktionsaffäre und Streik in<br />

<strong>Einsiedeln</strong> bei der Firma Benziger aufgrund der besonderen<br />

Affiche: Gewerkschaft<br />

und Arbeiterbewegung<br />

in katholischen<br />

Stammlanden, in einem<br />

Wallfahrtsort und noch<br />

bei den «Typographen<br />

des hl. Stuhls», so der<br />

vom Papst verliehene<br />

Ehrentitel.<br />

Der Streik in der Firma<br />

Benziger besass, wie die<br />

prominente «Besetzung»<br />

der Abgeordneten und<br />

Referenten an den öffentlichen<br />

Versammlungen<br />

erkennen lässt, eine über<br />

Fragen der konkreten,<br />

lokalen Arbeitsbedingungen<br />

hinausreichende<br />

D<strong>im</strong>ension. Auf dem<br />

Platz referierten nicht<br />

bloss wiederholt Arbeitersekretär<br />

Herman Greulich,<br />

sondern auch der<br />

katholisch-konservative<br />

Bündner Nationalrat Caspar<br />

Decurtins. Unterstützt<br />

wurden die Streikenden<br />

vom Schweizerischen<br />

Typographenbund, zum<br />

einen von dessen Zentralkomitee,<br />

zum anderen<br />

von dessen Sektion Zürichsee,<br />

vom Schweizerischen<br />

Gewerkschaftsbund<br />

und verschiedenen<br />

Z e n t r a l v o r s t ä n d e n .<br />

Die «Schwyzer Zeitung»<br />

schrieb am 17. Februar<br />

1900, es mache fast den<br />

Anschein, als wolle man<br />

Meinrad Grätzer (1862-1929),<br />

Fotograf, Präsident der<br />

Streikkommission.<br />

Die erwähnte spezielle Affiche<br />

mag dazu beigetragen haben<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> ein «Exempel»<br />

zu statuieren oder einfach<br />

die Gelegenheit zu nutzen,<br />

<strong>im</strong> katholischen Stammland<br />

Fuss zu fassen. «Man muss<br />

das Eisen schmieden, so lange<br />

es heiss ist.» las man in der<br />

«Helvetischen Typographia»<br />

vom 15. September 1899 zur<br />

Fortsetzung der Lohnbewegung<br />

in <strong>Einsiedeln</strong>. Verlangt<br />

wurde u.a. eine Reduktion<br />

der Arbeitszeit, die Abschaffung<br />

der Stückarbeit bei den<br />

Maschinenmeistern sowie<br />

die Einführung des Lohntarifs<br />

der Sektion Zürichsee für die<br />

Buchdrucker.<br />

27


28


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

in <strong>Einsiedeln</strong> einen Musterstreik anzetteln, um den katholischen<br />

Arbeitern die Güte und Vortrefflichkeit der Sozialdemokratie<br />

aufzuzeigen. Die «Helvetische Typographia» selber<br />

führte aus: «Die Vorgänge in <strong>Einsiedeln</strong> sind äusserst wichtig<br />

und es ist Ehrenpflicht des Schweiz. Typographenbundes und<br />

seiner Organe, ihre Posten zu beziehen und alles zu thun, um<br />

vor Vergangenheit und Zukunft bestehen zu können.»<br />

Der «Einsiedler Anzeiger» bemühte sich zunächst, die Situation<br />

herunterzuspielen. «In den letzten Tagen sind gar viele Seifenblasen<br />

politischen und sozialen Charakters in unseren Landen<br />

aufgestiegen». «Nur sachte, die Arbeiterschaft ist patriotisch<br />

genug, um auf he<strong>im</strong>ischem Boden und mit he<strong>im</strong>ischer Hilfe ihre<br />

berechtigten Ziele zu erstreben und auch zu erreichen. (…) Nur<br />

kein landsfremd Gewächs!» (EA 20.9.1899) Dass der Redaktor<br />

des «Einsiedler Anzeigers», Clemens Frei, mit dem Benziger-Verwaltungsrat<br />

gemeinsame Sache machte, ist erstellt. Der Redaktor<br />

bekannte sich selber zwar als «Freund gesunder Arbeitsorganisation»,<br />

aber «ganz zweifellos auf konfessionellem Boden».<br />

«Wir leben eben in kath. <strong>Einsiedeln</strong> und nicht in der Grossstadt<br />

Zürich. Und ein kluger Arbeiter, der seine Lage kennt u. seine<br />

engere He<strong>im</strong>at liebt, teilt diese Ansicht und handelt darnach. Wir<br />

verpönen den sozialen Klassenhass.» (EA 6.12.1899).<br />

Widersprüchlich und erschreckend schwach war die Rolle<br />

des katholischen Männer- und Arbeitervereins <strong>Einsiedeln</strong>. Rannte<br />

dieser <strong>im</strong> September 1899 noch offene Türen ein, als er be<strong>im</strong><br />

Verwaltungsrat des Benziger-Verlages wegen der Lohnreduktion<br />

vorstellig wurde, verabschiedete er sich danach komplett aus<br />

der Auseinandersetzung, obwohl er für sich den Anspruch erhoben<br />

hatte, die Interessen der Arbeiterschaft zu vertreten. Dies in<br />

Anlehnung an die hoch gehaltene Arbeiter-Enzyklika von Papst<br />

Leo XIII., welche sich mitunter gerade gegen die aufkommenden<br />

Sozialdemokratie richtete. Brisant war, dass die Delegiertenversammlung<br />

des schweizerischen Verbandes katholischer Männer-<br />

und Arbeitervereine <strong>im</strong> Februar 1900 ein Sympathie-Telegramm<br />

an die Streikenden und die finanzielle Unterstützung<br />

derselben beschloss…<br />

Klar zu Tage trat in der Auseinandersetzung, dass die um<br />

die Jahrhundertwende kontrovers diskutierte Frage, ob es eine<br />

«Neutralität der Gewerkschaften» gab oder nicht, zu verneinen<br />

war. Dem katholischen Männer- und Arbeiterverein fehlten aus<br />

christlicher Überzeugung nicht bloss die Kampfmittel, sondern<br />

auch die Kampfbereitschaft; und ein Arbeitskampf, wenn er sich<br />

denn als unumgänglich und notwendig erwies, war in der damaligen<br />

Ansicht per se «socialdemokratisch» und verpönt.<br />

Fast logische Folge dieses «Musterstreiks» war der für die<br />

damaligen Verhältnisse unglaubliche Medien- und Propagandakrieg,<br />

welcher hauptsächlich zwischen der «sozialdemokratischen<br />

Presse» und dem «Einsiedler Anzeiger» sowie<br />

der Firma Benziger und den Streikenden stattfand und mit<br />

Vehemenz sowie schweizweit ausgetragen wurde. Auf dem<br />

Höhepunkt der Auseinandersetzung erschien <strong>im</strong> «Neuen<br />

Postillon» die Darstellung als moderne Gesslergeschichte.<br />

Nachdem sich – laut «Helvetische Typographia» – in der «Arbeiterst<strong>im</strong>me»<br />

jemand den Scherz erlaubt hatte, auf Ostern einen<br />

«Pilgerzug der Roten» nach <strong>Einsiedeln</strong> anzuregen, bot der<br />

Schwyzer Regierungsrat vorsorglich Truppen auf und sandte<br />

diese nach <strong>Einsiedeln</strong>, um dort über die Feiertage Ruhe, Ordnung<br />

und öffentliche Sicherheit aufrecht zu erhalten.<br />

Der Streik bei der Firma Benziger umfasste aber nur einen<br />

Teil der Belegschaft. Es war keine totale Solidarität aller Arbeiter<br />

der Firma Benziger vorhanden. Von insgesamt etwa 500 Arbeitern<br />

streikte etwa ein Drittel. Diese hielten ihre Versammlungen<br />

<strong>im</strong> «Pilgerhof» ab.<br />

Vermittlungsbemühungen des Schwyzer Regierungsrates,<br />

des Einsiedler Abtes oder auch des Bischofs von Chur führten<br />

zu keinem Erfolg. Eher ernüchternd war, dass die Einigung<br />

dann letztlich ohne Beteiligung der Gewerkschaften zustande<br />

kam, nämlich – mit Hilfestellung des <strong>Bezirk</strong>srates von <strong>Einsiedeln</strong><br />

– durch eine Zwölfer-Delegation der Belegschaft. Dennoch<br />

ist die Rolle der Gewerkschaften <strong>im</strong> Ganzen als zentral<br />

und wichtig einzustufen, weil sie den Streik durch die finanzielle<br />

und ideelle Unterstützung überhaupt erst ermöglicht hatten.<br />

Sachlich betrachtet gingen die Arbeiter gestärkt aus der Auseinandersetzung<br />

hervor und hatten sich die Arbeitsbedingungen<br />

für die meisten von ihnen – mit Ausnahme wohl am ehesten der<br />

Hilfsarbeiter – merklich verbessert. Die meisten der Ausständigen<br />

wurden wieder angestellt.<br />

Die «Helvetische Typographie» meinte abschliessend: «Eines<br />

ist sicher, dass in der finstern Waldstatt ein Samenkorn ausgestreut<br />

wurde, das nie mehr ganz zu ersticken sein wird.»<br />

Dass die Auseinandersetzungen zwischen dem Benziger-<br />

Verlag und den Arbeitern damit einen endgültigen Abschluss<br />

gefunden hätten, traf natürlich nicht zu. Mit Schreiben vom<br />

12. Mai 1900 musste eine Delegation der organisierten Arbeiter<br />

bereits be<strong>im</strong> Verwaltungsrat vorstellig werden, weil zum einen<br />

die Umsetzung der vereinbarten Punkte harzte und zum anderen<br />

Retorsionsmassnahmen wahrgenommen wurden. In der Urabst<strong>im</strong>mung<br />

vom 16. Mai 1900 lehnten die Arbeiter die von der<br />

Firma angebotene Schaffung einer internen Arbeitervertretung<br />

mit 284 zu 108 St<strong>im</strong>men ab. Das Streikergebnis war letztlich ein<br />

fauler Friede.<br />

Eine eigenständige Sektion des Schweizerischen Typographenbundes<br />

konnte sich in <strong>Einsiedeln</strong> erst 1907 etablieren.<br />

Kantonale Bestrebungen und<br />

sozialdemokratische Anfänge<br />

Der kantonalschwyzerische Grütliverein wurde ab 1890 politisch<br />

aktiv. So engagierte er sich 1890 für die Schaffung<br />

eines kantonalen Fabrikinspektorats, die Unentgeltlichkeit der<br />

Lehrmittel, die Gleichstellung der Krankenkasse des schweizerischen<br />

Grütlivereins mit den obligatorischen Arbeiter- und<br />

Gesellenkrankenkassen in den Gemeinden und die Errichtung<br />

einer kantonalen Brandversicherungsanstalt. Im selben<br />

29


Jahr kandidierten die Grütlianer <strong>im</strong> Kanton Schwyz mit der<br />

Person von Dr. iur. Friedrich Schreiber, Hotelier von Rigi-Kulm,<br />

erstmals für den Nationalrat. Gewählt wurde er nicht. In <strong>Einsiedeln</strong><br />

holte er <strong>im</strong>merhin 74 St<strong>im</strong>men (gegenüber je 508-575<br />

St<strong>im</strong>men der drei anderen Kandidaten).<br />

Pius Kessler (1837-1913), erster «sozialdemokratischer»<br />

Kantonsrat.<br />

1900 wurde mit Genossenschreiber Pius Kessler, Schübelbach,<br />

erstmals ein Grütlianer in den Schwyzer Kantonsrat<br />

gewählt.<br />

1904 waren es dann bereits deren drei: in Arth Depotchef<br />

Ernst Schmid und Ingenieur Karl Ludwig Kirchhoff auf der<br />

«demokratischen Wahlliste» und in Schübelbach Johann<br />

Wattenhofer auf der «Liste der Arbeiterpartei».<br />

1892 reichte der Kantonalverband der schwyzerischen Grütliund<br />

Arbeitervereine eine Petition um Herabsetzung des Salzpreises<br />

ein. Der Kantonsrat wies auch dieses Ansinnen ab.<br />

1893 wurde – ausgearbeitet vom Grütliverein Arth – in der Form<br />

eines Initiativbegehrens ein neues Tanzgesetz verlangt. Damit<br />

sollte das Tanzverbot an Sonn- und Feiertagen aufgehoben<br />

werden. Der «Einsiedler Anzeiger» kommentierte: «Wir dürfen<br />

es nicht dulden, dass der solide und ernste Charakter unserer<br />

Ortschaft in seiner Eigenschaft als Gnadenort profanirt und entweiht<br />

wird. (…) Es ist zu erwarten, dass die Bürger von <strong>Einsiedeln</strong><br />

mit grosser Mehrheit dies Danaer Geschenk des radikalen<br />

sozialdemokratischen Grütlivereins von der Hand weisen.» (EA<br />

31.5.1893). In der kantonalen Abst<strong>im</strong>mung wurde das Initiativbegehren<br />

mit 2‘156 Ja zu 5‘662 Nein verworfen. In <strong>Einsiedeln</strong><br />

st<strong>im</strong>mten 367 dafür und 909 dagegen.<br />

Im selben Jahr diskutierte die Delegiertenversammlung der<br />

schwyzerischen Grütlivereine, welche aus den Sektionen Arth,<br />

Buttikon, Wangen, Siebnen, Lachen und Wollerau bestand, ein<br />

Initiativbegehren für gehe<strong>im</strong>e Wahlen und Abst<strong>im</strong>mungen in<br />

Gemeindeangelegenheiten.<br />

1897 reichte der Kantonalverband eine Petition ein, den Karfreitag<br />

zu einem gesetzlichen Feiertag zu erklären. Diese wurde,<br />

wie eine zweite Petition, welche die Einführung der unentgeltlichen<br />

Beerdigung auf Kantonskosten verlangte, von der kantonsrätlichen<br />

Kommission abgewiesen. Abgewiesen wurden<br />

auch weitere Petitionen um Erlass eines Gesetzes zum Schutz<br />

der Tiere, um Reduktion der Aufenthaltsgebühren sowie um das<br />

Prioritätsrecht für Kantons- und Schweizerbürger bei der Übernahme<br />

und Ausführung öffentlicher Arbeiten.<br />

Der schwyzerische Kantonalverband der Grütlivereine setzte<br />

sich <strong>im</strong> Jahr 1900 aus den Sektionen Wollerau, Siebnen, Schwyz,<br />

Arth-Goldau, Küssnacht, Brunnen, Lachen, Bäch und der wieder<br />

neu gegründeten Sektion <strong>Einsiedeln</strong> zusammen. Anlässlich<br />

der Herbst-Delegiertenversammlung in <strong>Einsiedeln</strong> am 20. September<br />

1900 wurde über die von den Grütlianern angeregte Revision<br />

des kantonalen Steuergesetzes referiert. Verlangt wurde<br />

die Einführung der Progression bei steuerpflichtigem Vermögen<br />

und eine amtliche Inventarisation in allen Todesfällen.<br />

Im Februar 1903 wurde in Arth-Goldau die erste schwyzerische<br />

sozialdemokratische Partei gegründet. Diese wurde<br />

als Arbeiterverein bezeichnet und wies 86 Mitglieder auf. An der<br />

Delegiertenversammlung der Grütli- und Arbeitervereine <strong>im</strong> Mai<br />

1903 wurde in der Folge dazu aufgefordert, auch an anderen<br />

Orten <strong>im</strong> Kanton sozialdemokratische Arbeitervereine zu gründen<br />

(EA 16.5.1903). Der Kantonalvorstand wurde beauftragt, vor<br />

allen wichtigeren Abst<strong>im</strong>mungen die Stellung der «kommenden<br />

dritten Partei» öffentlich zu vertreten. Als Kantonalpräsident fungierte<br />

Gemeinderat Johann Wattenhofer, Siebnen.<br />

Der Kantonalvorstand war politisch aktiv. Seine Petition an<br />

den Kantonsrat betreffend Gründung eines Kantonsspitals oder<br />

Unterstützung der <strong>Bezirk</strong>s- und Gemeindespitäler erlitt <strong>im</strong> Januar<br />

1904 indessen eine Abfuhr.<br />

Als Vorort des Kantonalverbandes wurde 1904 neu Siebnen<br />

(bisher Goldau) best<strong>im</strong>mt. Die Delegiertenversammlungen<br />

befassten sich in den Folgejahren erneut mit der Frage der<br />

kantonalen Unterstützung der unentgeltlichen Abgabe von<br />

Lehrmitteln. Der Kantonsrat lehnte dies aber ab und stellte<br />

es den Gemeinden frei, die Unentgeltlichkeit der Lehrmittel<br />

einzuführen.<br />

30


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Der «Einsiedler Anzeiger» anerkannte 1907 zwar, dass die<br />

Lage der Arbeiter «heute keine so rosige» sei. «Unsere Industrie<br />

hat infolge der Schutzzollpolitik des Auslandes einen <strong>im</strong>mer<br />

schwereren Stand. Wir müssen die Rohstoffe kaufen, das<br />

Ausland schöpft sie aus dem Eigenen.» Die «sozialistischen<br />

Schreier» würden aber verkennen, dass für die Armut von Arbeiterfamilien<br />

in 99 von hundert Fällen nicht die Industrie, sondern<br />

andere Gründe verantwortlich seien. «Die sozialistischen<br />

Aufwiegeleien, die besonders unsere jungen Leute blenden<br />

und verwirren, sind ein überaus kurzsichtiges und unglückliches<br />

Tun (…). Die Aufreizungen des Sozialismus spalten unser<br />

so friedlich geartetes Volk in zwei feindliche Lager, sie mehren<br />

den Hass zwischen den Leuten, die Freunde sein sollten, sie<br />

malen Unmöglichkeiten vor und pflanzen Unzufriedenheit in<br />

ruhige Kreise, sie erschweren so naturgemäss das Gedeihen<br />

unserer Industrie und schaden ihrem Ansehen <strong>im</strong> Ausland.»<br />

(EA 19./23.1.1907).<br />

Ein Jahr später musste der «Einsiedler Anzeiger» seiner<br />

Leserschaft mitteilen: «Wie wir von zuverlässiger Seite erfahren<br />

haben, ist auswärts an einer sozialdemokratischen<br />

Versammlung beschlossen worden, in <strong>Einsiedeln</strong> mit einer<br />

sozialistischen Agitation einzusetzen. Wann die roten Volksbeglücker<br />

kommen wollen, wissen wir nicht genau, aber das ist<br />

sicher, dass die christliche Gewerkschaft mit allen Kräften eine<br />

Landung von dieser Seite zu verunmöglichen sucht. (…) Den<br />

Lesern des ‹Anzeiger› sind die staats- und kirchenfeindlichen<br />

Tendenzen der Sozialdemokratie schon öfters vor Augen gehalten<br />

worden. Sie wissen daher, mit wem man es zu tun hat.<br />

Sie wissen, dass dieser Geist nicht zu uns passt. Seien wir also<br />

auf der Hut!» (EA 1.2.1908). Eine Woche später fand be<strong>im</strong> katholischen<br />

Gesellenverein ein Referat statt, in welchem der<br />

Redner den «überzeugenden Beweis» erbracht habe, «dass<br />

die Sozialdemokratie, sowohl ihrem innersten Wesen wie auch<br />

ihrer äusseren Betätigung nach, durch und durch antichristlich<br />

und christentumsfeindlich sei, und eben deshalb ein überzeugter<br />

und praktizierender Katholik unmöglich einer sozialdemokratischen<br />

Verbindung angehören könne.» (EA 8.2.1908).<br />

Anlässlich der Delegiertenversammlung der schwyzerischen<br />

Grütlivereine vom 25. April 1909 wurde u.a. beschlossen, dass<br />

die «eingeschlafenen Sektionen Schwyz und <strong>Einsiedeln</strong> wieder<br />

zum Leben erweckt werden.» (Grü 3.5.1909). Entsprechende<br />

Versuche waren aber offenbar nicht erfolgreich.<br />

Bereits 1908 und 1910 wurde von den Grütlianern/Sozialdemokraten<br />

der Wahlproporz in den Nationalrat sowie bei<br />

<strong>Bezirk</strong>swahlen auf das politische Parkett gebracht. Im <strong>Bezirk</strong><br />

March scheiterte dies zwar, doch hielten die Liberalen der Arbeiterpartei<br />

ein Mandat zu. Es herrschte die Meinung vor, dass<br />

der Proporz nur den Sozialdemokraten Gewinne bringe. Im<br />

«Einsiedler Anzeiger» war hierzu ein gemässigtes Votum zu lesen<br />

und auch das Zentralkomitee der konservativen Partei des<br />

Kantons Schwyz meinte zu der zur Abst<strong>im</strong>mung gelangenden<br />

Volksinitiative für die Proporzwahl in den Nationalrat: «Da malt<br />

man den Leuten die Sozialdemokraten als Schreckgespenst an<br />

die Wand, die durch den Proporz vielleicht 5-10 Mandate in den<br />

Nationalrat gewinnen würden – aber was würde dies schaden!<br />

Haben denn diese Arbeiter, auch wenn sie eine andere politische<br />

Richtung vertreten, nicht auch Anspruch auf eine ihrer<br />

St<strong>im</strong>menzahl entsprechende Vertretung?»<br />

Im «Einsiedler Anzeiger» v. 21. Oktober 1910 publizierte<br />

die – erstmals so genannte – kantonale Arbeiterpartei ihre Abst<strong>im</strong>mungsparole:<br />

«Aufruf an die Arbeiterschaft des Kantons<br />

Schwyz! Eine aus allen Teilen des Kantons zahlreich besuchte<br />

Delegiertenversammlung der kantonalen Arbeiterpartei beschloss<br />

einst<strong>im</strong>mig und mit Begeisterung, am nächsten Sonntag<br />

bei Anlass der Abst<strong>im</strong>mung über den Nationalratsproporz<br />

ein freudiges Ja in die Urne zu legen. (…) Gerechtigkeit erhöhet<br />

ein Volk! Siebnen, den 17. Oktober 1910, namens der kantonalen<br />

Arbeiterpartei: J. Wattenhofer, Präsident.»<br />

Die Abst<strong>im</strong>mungsvorlage scheiterte schweizweit knapp<br />

und <strong>im</strong> Kanton Schwyz mit einem St<strong>im</strong>menverhältnis von etwa<br />

2:1. Die Grütlianer und Sozialdemokraten, die sich <strong>im</strong> Kantonsrat<br />

zeitweise der liberalen Opposition angeschlossen hatten,<br />

mussten zur Kenntnis nehmen, dass die Liberalen die Proporzvorlage<br />

bekämpft hatten. Sie reagierten harsch. Der «Einsiedler<br />

Anzeiger» kommentierte: «[D]ie Emanzipation des soz. Flügels<br />

der Opposition. Die Grütlianer unseres Kantons, welche namentlich<br />

in der March und in Goldau, z.T. auch noch in einigen<br />

anderen Gemeinden ihre Anhänger zählen, scheinen sich nun<br />

wirklich als sozialistische kantonale Arbeiterpartei selbständig<br />

machen zu wollen. Wir haben dies längst vorausgesehen.» (EA<br />

24.10.1910). In der gleichen Ausgabe folgte die Einsendung<br />

aus Lachen: «Herr Wattenhofer scheint nicht der Mann zu sein,<br />

der Worte macht, ohne Taten zu vollbringen. Es werde gegenteils<br />

ernstlich beabsichtigt, sofort die Organisation einer von<br />

den Liberalen vollständig unabhängigen sozialdemokratischen<br />

Partei durchzuführen, welche in den politischen Sachen den<br />

Kantonalverband der Grütlivereine abzulösen hätte, da die Sozialisten<br />

auch manche Anhänger zählen, die nicht dem Grütliverein<br />

angehören.»<br />

Zur Gründung einer kantonalen sozialdemokratischen Partei<br />

kam es indessen noch nicht.<br />

Der Arbeiterstand darbte. Die Teuerung der Lebensmittel<br />

stieg stark an.<br />

1911 fanden in Oesterreich, Deutschland und der Schweiz<br />

sozialdemokratische Frauentage statt. In den Schweizer Städten<br />

wurden Resolutionen angenommen, welche das gleiche<br />

Wahlrecht für Männer und Frauen in allen Angelegenheiten<br />

der Gemeinde, des Kantons und der Eidgenossenschaft<br />

verlangten.<br />

Im Nationalrat lehnten die Sozialdemokraten 1912 die neuen<br />

Militärkredite ab.<br />

Im <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> war man sich der sozialen Misere bewusst.<br />

Bei den Kantonsratswahlen 1912 portierten sowohl die<br />

konservative als auch die liberale Partei einen Arbeitervertre-<br />

31


Johann Wattenhofer wurde am 18. September 1869 in<br />

New York geboren. Als Vierjähriger kehrte er mit seinen Eltern<br />

in die He<strong>im</strong>at zurück. Nach Absolvierung der Schule<br />

erlernte er den Hafnerberuf, ging auf die Walz und arbeitete<br />

in Glarus, Luzern und Aarau, baute danach in Siebnen<br />

ein Hafnereigeschäft auf und betrieb eine Glashandlung.<br />

18 <strong>Jahre</strong> lang war er Präsident des Konsumvereins Siebnen.<br />

1924 wurde er Zentralpräsident des Schweizerischen<br />

Hafnermeisterverbandes, 1933 Präsident der Handelsgenossenschaft<br />

dieses Verbandes. Seit 1912 gehörte er<br />

auch dem Zentralvorstand der Schweizerischen Krankenkasse<br />

Helvetia an.<br />

1894 verheiratete sich Johann Wattenhofer mit Aloisia<br />

Elisabeth Market, 1908 mit Maria Sophie Oetiker. Johann<br />

Wattenhofer hatte eine Tochter und drei Söhne.<br />

Er verstarb am 30. Dezember 1941 (SD 2.1.1942, EA<br />

30.1.1942).<br />

Johann Wattenhofer (1869-1941), der Vater der Schwyzer<br />

Sozialdemokratie.<br />

ter. Im Kantonsrat fungierten unter der Bezeichnung «Arbeiterpartei»<br />

indessen nur die «Sozialisten» Joseph Köpfli, Goldau,<br />

Martin Hegner, Lachen, und Johann Wattenhofer, Siebnen,<br />

welche des Öfteren mit den ebenfalls oppositionellen Liberalen<br />

zusammenarbeiteten. Der «Einsiedler Anzeiger» sprach<br />

bissig von einer «treuen Brüderschaft» (EA 5.6.1912). Ein Paukenschlag<br />

war 1912 die Gründung des «Schwyzer Demokrat» in<br />

Siebnen. Diese ging auf die Initiative des aus <strong>Einsiedeln</strong> stammenden<br />

Josef Kürzi (1888-1946) zurück und fand schnell die<br />

Unterstützung der Grütlianer und ihres gewieften Kopfes, Johann<br />

Wattenhofer. Pate gestanden sein dürften auch die Erfahrungen<br />

der Sozialdemokraten <strong>im</strong> Deutschen Reich, bei denen<br />

das Verständnis für Zeitungen, ihre Macht und ihren Einfluss auf<br />

die öffentliche Meinung und den Einzelnen weit fortgeschritten<br />

war. Der Arbeiterstand <strong>im</strong> Kanton Schwyz hatte fortan sein Medium.<br />

Dieses richtete sich gezielt an die Arbeiterschaft, aber auch<br />

an die Bauernsame. «Ein Mädchen für alles scheint das neu erschienene<br />

Soziblättchen zu sein.» (EA 22.6.1912).<br />

1912 war aus Sicht der bürgerlichen Medien – so auch<br />

des «Einsiedler Anzeigers» – schweizweit beherrscht von<br />

«sozialdemokratischem Terrorismus», einem «unverantwortlichen»<br />

Zürcher Generalstreik, Aggressionen gegen christlich<br />

organisierte Arbeiter und einer «Aufreizung der Arbeiter<br />

durch die sozialdemokratische Presse». Arbeitgeber wurden<br />

als «Henker» und «Kannibalen» tituliert. Der Klassenkampf<br />

war in vollem Gange, die Verelendung der Massen ein brisantes<br />

Zeitthema. Die Religion wurde – ein Skandal – zur Privatsache<br />

erklärt.<br />

«Der wahre Schutzdamm gegen die sozialistische Hochflut<br />

ist und bleibt der Katholizismus.» (EA 29.10.1913).<br />

1914 wurde Johann Wattenhofer als «erster Sozialist» (EA<br />

6.5.1914) von der Märchler Landsgemeinde ohne Opposition<br />

zum <strong>Bezirk</strong>sammann gewählt.<br />

Die Auseinandersetzungen zwischen katholisch-konservativem<br />

«Einsiedler Anzeiger» und sozialdemokratischem<br />

«Schwyzer Demokrat» mehrten sich. Ersterer ärgerte sich über<br />

die «Flegeleien des sozialistischen Hetzorgans in Siebnen»<br />

(EA 30.1.1915). Gegenstand bildeten Arbeiterverhältnisse bei<br />

der Einsiedler Verlagsfirma Benziger, Vorfälle <strong>im</strong> Einsiedler<br />

Armenhaus, die Kost der Hilfstruppen in Brunnen-Seewen,<br />

Vorfälle in der Zwangsarbeitsanstalt Kaltbach in Schwyz, die<br />

Kritik, dass man das teure Geld für die paar Kanonenschüsse<br />

an der Morgartenfeier gescheiter für soziale Zwecke einsetze,<br />

Missbräuche durch Offiziere bei den Grenztruppen usw.<br />

Die schärfere politische sowie ant<strong>im</strong>ilitaristische Tonart<br />

führte in der Schweiz zunehmend auch zum Konflikt mit den<br />

gemässigteren und vaterländischer gesinnten Grütlianern,<br />

welche in der sozialdemokratischen Partei aufgehen sollten.<br />

32


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Der schweizerische Grütliverein lehnte seine Auflösung 1916<br />

indessen knapp ab.<br />

Im «Einsiedler Anzeiger» vom 20. September 1916 wurde<br />

konstatiert, dass am eidgenössischen Bettag viele Besucher<br />

in der Waldstatt zu verzeichnen waren, darunter «auch Jungvolk<br />

von der sozialdemokratischen Jungburschenherrlichkeit,<br />

wie ihre ‹roten› Krawättlein schliessen liessen.»<br />

Zu Beginn des Kriegsjahres 1917 teilte der Kantonalvorstand<br />

der schwyzerischen Grütlivereine dem Zentralkomitee<br />

mit, dass die Grütlivereine Siebnen, Lachen, Wangen, Pfäffikon,<br />

Wollerau, Küssnacht und Brunnen den Austritt aus der<br />

sozialdemokratischen Partei genommen hätten, um dem<br />

Grütliverein treu zu bleiben. Damit habe die sozialdemokratische<br />

Partei ihre sämtlichen bisherigen Organisationen <strong>im</strong><br />

Kanton Schwyz verloren, so der «Grütlianer» (EA 20.1.1917).<br />

Dies traf indessen nicht zu, denn am 1. Oktober 1916 war in<br />

Goldau wiederum eine Sektion der sozialdemokratischen Partei<br />

gegründet worden.<br />

Der «Einsiedler Anzeiger» mahnte gegenüber den Grütlianern<br />

dennoch: «Um jedem Missverständnis vorzubeugen,<br />

schicken wir voraus, dass der Grütliverein uns kein unsympathischer<br />

Gegner ist. Er hat gerade in diesen Kriegsjahren den<br />

Beweis dafür erbracht, dass er auf vaterländischem Boden<br />

steht und nicht durch Revolution, sondern durch Evolution seine<br />

politischen und sozialen Ziele verwirklichen will. Aber unser<br />

Gegner ist und bleibt er doch. Die ganze Weltanschaung auf<br />

der er fusst, ist nicht die unsere, ist freidenkerisch und sozialistisch.»<br />

«Katholisch, ultramontan sei unsere Losung!» (EA<br />

7.2.1917).<br />

1917 nahmen die Grütlianer zum zweiten Mal an den Nationalratswahlen<br />

<strong>im</strong> Kanton Schwyz teil. Sie portierten niemand<br />

anderen als den umtriebigen und bekannten Johann Wattenhofer,<br />

Siebnen, <strong>Bezirk</strong>sammann und Kantonsrat. Die liberale<br />

Partei hatte es abgelehnt, ihn auf ihre Liste zu nehmen. Seine<br />

Kandidatur war aber nicht von Erfolg gekrönt: «Trotz allem Agitieren<br />

und Weibeln fast von Haus zu Haus konnte eine ehrenvolle<br />

Wiederwahl der bürgerlichen Kandidaten von den Genossen<br />

nicht wirksam angefochten werden. Wohl gibt die Zahl der<br />

sozialistischen St<strong>im</strong>men zu denken.» (EA 31.10.1917). Wattenhofer<br />

erzielte in <strong>Einsiedeln</strong> 223 St<strong>im</strong>men (gegenüber 813-836,<br />

welche je auf die drei bürgerlichen Kandidaten entfielen).<br />

In <strong>Einsiedeln</strong> war man dennoch alarmiert. «Das wahre Gesicht<br />

beginnen unsere schwyzerischen Sozialdemokraten zu<br />

zeigen, denen offenbar durch die letzten Wahlen der Kamm<br />

gewachsen. Dass die Genossen rührig an der Arbeit sind, um<br />

ihre Lehren ins Volk zu bringen, kann ihnen niemand verwehren.<br />

(…) Doch nun zu unseren schwyzerischen Sozialdemokraten!<br />

Wir tun <strong>im</strong>mer mehr gut daran, ihre Bestrebungen je<br />

länger je intensiver unter dem Auge zu behalten. Nicht nur <strong>im</strong><br />

innern Lande, sondern auch in den äusseren <strong>Bezirk</strong>en entwickeln<br />

die Genossen eine energische zielsichere Tätigkeit.<br />

Während bei uns in <strong>Einsiedeln</strong> auf kommenden Frühling eine<br />

sozialdemokratische Arbeiterpartei geschaffen werden soll,<br />

wurde soeben eine solche <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> Höfe gegründet, an deren<br />

Gründung 140 Personen teilnahmen und deren Redner<br />

sich offenbar so ausdrückten, als ob es bisher <strong>im</strong> lieben Stauffacherländchen<br />

noch stockdunkle Nacht gewesen, die nun<br />

glücklicherweise durch sozialdemokratische Funkenbeleuchtung<br />

erhellt werde und werden müsse. Mit Fug und Recht wird<br />

gegen eine solche Besch<strong>im</strong>pfung der bürgerlichen Bevölkerung<br />

unseres Kantons, wie der katholisch organisierten Arbeiterschaft<br />

protestiert.» (EA 16.1.1918).<br />

Kantonsrat Wattenhofer sah sich <strong>im</strong> April 1918 bemüssigt,<br />

die öffentliche Erklärung abzugeben, dass er weiterhin auf<br />

dem Boden des schweizerischen Grütlivereins stehe, dessen<br />

Mitglied er sei. Grund für diese Erklärung war eine Volksversammlung<br />

in Lachen, an welcher der revolutionär-sozialistische,<br />

kommunistische Nationalrat Fritz Platten referierte. Die<br />

Volksversammlung war von einem provisorischen Komitee mit<br />

Fritz Wolf an der Spitze einberufen worden. «Der Grütliverein<br />

erstrebt eine Besserstellung des arbeitenden Volkes auf legalem,<br />

gesetzlichem Boden, er ist Gegner von Revolution und<br />

Generalstreik, anerkennt die Vaterlandsverteidigung usw.», so<br />

Wattenhofer (EA 27.4.1918).<br />

Im Oktober 1918 kam es zur Gründung der sozialdemokratischen<br />

Kantonalpartei mit Vorort Goldau. Geregelt wurde<br />

auch die Zusammenarbeit mit den Grütlivereinen.<br />

1921 erfolgte die Zusammenschweissung von Schwyzer<br />

Sozialdemokraten, Gewerkschaften und Grütlianern zur «Arbeiterunion<br />

des Kantons Schwyz», einer linken kantonalen<br />

Dachorganisation. Als Präsident fungierte Josef Meyer, Lokomotivführer<br />

aus Goldau. 1923 benannte sich die letzte Grütli-<br />

Sektion in Siebnen in «Allgemeiner Arbeiterverein» um. 1927<br />

war der schweizerische Grütliverein nach langjährigen internen<br />

Auseinandersetzungen untergegangen.<br />

Zentrale, aufbauende und integrierende Vaterfigur der<br />

Sozialdemokratie <strong>im</strong> Kanton Schwyz war ohne Zweifel Johann<br />

Wattenhofer, Siebnen. Während über 50 <strong>Jahre</strong>n war<br />

er politisch engagiert. Bereits 1887 trat er dem Grütliverein<br />

in Schwanden (Glarus) bei. Nach seiner Sesshaftwerdung<br />

anfangs der 1890er-<strong>Jahre</strong> war er zunächst Gemeinderat in<br />

Schübelbach, dann <strong>Bezirk</strong>sammann der March (1914-1918,<br />

1922-1926), Kantonsrat (1904-1924, 1932-1941) und erster <strong>SP</strong>-<br />

Nationalrat (1925-1928), erster sozialdemokatischer Kantonsratspräsident<br />

der Innerschweiz sowie zugleich langjähriger<br />

Kantonalpräsident der Schwyzer Grütli- und Arbeitervereine<br />

und der Arbeiterpartei.<br />

«Unser Bester ist tot», titelte der «Schwyzer Demokrat» am<br />

2. Januar 1942 mit Recht. «Genosse Wattenhofer kannte die<br />

Arbeiterbewegung von der Pike an, in ihren ersten Gehversuchen.<br />

Aber Wattenhofer war nicht nur Zeuge der grossen<br />

Entwicklung. Er hat alles als Handelnder und Tätiger miterlebt.<br />

Sein Leben erzählen, heisst die Geschichte der Arbeiterbewegung,<br />

ihres ganzen moralischen, politischen und sozialen<br />

33


Der «Franziskaner» (links), welcher den Konsumverein beherbergte, und der «Pokal» vor dem Umbau von 1928.<br />

Aufstieges wiedergeben. (…) [W]as ihn auszeichnete, war ein<br />

<strong>im</strong>mer klarer Blick und scharfer Verstand. Er hatte den Mut,<br />

den Dingen ins Auge zu sehen, die Wahrheit zu erkennen und<br />

sie auszusprechen.» (SD 2.1.1942).<br />

Der Konsumverein <strong>Einsiedeln</strong><br />

Die Arbeiterschaft regte sich in <strong>Einsiedeln</strong> – nach durchgestandenem<br />

Streik bei Benziger <strong>im</strong> <strong>Jahre</strong> 1900 – erst ab 1907<br />

wieder. Davor dürfte der erneut gegründete Grütliverein eingeschlafen<br />

sein.<br />

Im Sommer 1907 konnte man <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» lesen,<br />

dass aus Arbeiterkreisen ein Konsumverein gegründet<br />

wurde (EA 22./26.6.1907). «Diese ist keine politische (sozialdemokratische)<br />

Genossenschaft, sondern hat als einzigen<br />

Zweck, den Mitgliedern die Lebensbedürfnisse (Nahrungsund<br />

Genussmittel und andere Gebrauchsgegenstände) unter<br />

möglichst vorteilhaften Bedingungen zu verschaffen.» (EA<br />

6.7.1907).<br />

Am 1. Dezember gleichen <strong>Jahre</strong>s eröffnete der Konsumverein<br />

in Verbindung mit eigener Bäckerei seine Tätigkeit <strong>im</strong><br />

südwestlichen Hausteil des «Gross-Kreuz» <strong>im</strong> Unterdorf. Unterhandlungen<br />

mit den Spezierern hätten sich zerschlagen<br />

und deren Entgegenkommen gegenüber den Bezahlenden<br />

Null. «Man glaube wahrscheinlich zuständigen Orts, die Arbeiterschaft<br />

mache nur wau wau, und blieb starrköpfig.» (EA<br />

27.11.1907).<br />

Offenbar sanken in der Folge die Preise für Brot und andere<br />

Lebensmittel (EA 14.12.1907).<br />

Der «Einsiedler Anzeiger» brachte die Problematik am<br />

14. Januar 1908 auf den Punkt: «Die Schaffung des Konsumvereins<br />

<strong>Einsiedeln</strong> ist eine soziale Tat erster Güte. Wer mitangesehen<br />

hat, wie in der Waldstatt die Lebensmittel <strong>im</strong> Preise<br />

<strong>im</strong>mer mehr gestiegen sind, der musste sich die Hand vor die<br />

Stirne halten und fragen: Wo soll das noch enden an einem<br />

Ort, wo doch so viel konsumiert und so billig gewirtschaftet<br />

wird? (…) Die ganze Bevölkerung von <strong>Einsiedeln</strong> hat sich nach<br />

einigen wenigen Grossspezereihändlern richten müssen. Es<br />

ist eigentlich etwas Unerhörtes gewesen, wie man diesen par<br />

durch den Konsum des Volkes reich gewordenen Herren das<br />

Geld gutwillig <strong>Jahre</strong> hindurch zugetragen hat. (...)»<br />

Trotz Bekämpfung durch die etablierten Spezerei-Händler<br />

prosperierte der Konsumverein, wuchs und erwirtschaftete<br />

Gewinn. Die Genossenschafter erhielten Rückvergütungen<br />

von 8-10%.<br />

1911 war der Konsumverein in der Lage, die Liegenschaft<br />

zum «Pokal» zu kaufen, und zügelte in die neue Lokalität.<br />

Die schweizerischen Konsumvereine blieben 1912 trotz Umwerbung<br />

durch die sozialdemokratischen Gewerkschaften<br />

unabhängig.<br />

Die Verteuerung der Lebensmittel nahm während des<br />

1. Weltkrieges weiter zu. Im <strong>Jahre</strong> 1918 verzeichnete der Konsumverein<br />

bereits über 300 Mitglieder (<strong>im</strong> Jahr 1942 waren<br />

es 884). 1920 errichtete er in Bennau eine Filiale, 1929 in Egg<br />

und bis 1931 auch eine solche in Gross.<br />

Die Spezereihändler, Bäckermeister, Metzger, Tuch-, Konfektions-<br />

und Eisenwarenhändler reagierten erst 1922 auf<br />

diese ihnen missliebige Entwicklung mit der Gründung des<br />

34


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Der Einsiedler <strong>Bezirk</strong>srat anlässlich der <strong>Bezirk</strong>sgemeinde vom 6. Mai 1900.<br />

Rabattvereins und der Einführung einer einheitlichen Rabattsparkarte,<br />

nachdem entsprechende Anregungen bereits nach<br />

der Gründung des Konsumvereins gemacht worden waren.<br />

1926 gehörten dem Rabattverein bereits 50 Mitglieder an.<br />

1928 beschloss der Konsumverein eine Neubaute <strong>im</strong> vorderen<br />

«Pokal».<br />

Der Konsumverein <strong>Einsiedeln</strong> hatte sich zu einer Erfolgsgeschichte<br />

entwickelt. Aus Arbeiterkreisen gegründet und zum<br />

Wohle der Arbeiterschaft und Familien. Damit vermochte man<br />

die unbändige Teuerung der Lebensmittel mittels Selbsthilfe<br />

etwas einzudämmen und dem «Gewerbekartell» in <strong>Einsiedeln</strong><br />

Zugeständnisse abzuringen. Der Konsumverein <strong>Einsiedeln</strong><br />

blieb politisch aber neutral, wenngleich noch 1937 darüber diskutiert<br />

wurde, ob er eine «Vorstufe des Sozialismus» darstelle<br />

(SD 17.12.1937).<br />

Exkurs: Das «katholische Bollwerk» und die<br />

politischen Verhältnisse in <strong>Einsiedeln</strong><br />

Die grosse Mehrheit der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts<br />

geborenen Einsiedler Unternehmer waren politisch liberal-radikal<br />

gesinnt. Die Waldstatt <strong>Einsiedeln</strong> als ehemaliger Untertanenort<br />

des Alten Landes Schwyz besass keine ausgeprägt alte (konservative)<br />

Elite und galt darum <strong>im</strong> 19. Jahrhundert als liberale Hochburg<br />

des Kantons. Privilegien des Alten Landes Schwyz wurden<br />

hinterfragt, man trat für eine gerechte Verfassung ein, wollte allen<br />

Bürgern die gleichen Rechte gewähren und bekämpfte das<br />

Kloster, das oft mit Schwyz zusammenspannte, in seinem Bestreben,<br />

<strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> wirtschaftlich und politisch Einfluss zu<br />

nehmen.<br />

Daneben gab es die Anhänger der katholisch-konservativen<br />

Sache, eine Sammlung der traditionellen Elemente mit<br />

Flair für eine politische Einflussnahme der katholischen Kirche.<br />

Bäuerliches Denken und katholischer Glaube waren Neuerungen<br />

gegenüber vorsichtig. Dieser katholische Konservativismus<br />

dominierte seit 1870.<br />

Eine wichtige politische Zäsur bewirkte in <strong>Einsiedeln</strong> die Verwerfung<br />

der Verfassungsrevision 1898. Der mehrheitlich liberale<br />

Verfassungsrat wollte in der Vorlage die sogenannten Klosterartikel<br />

drin belassen, wonach die Klöster unter der Aufsicht des<br />

Staates stehen. Die Schwyzer St<strong>im</strong>mbürger erteilten diesem Ansinnen<br />

eine deutliche Abfuhr.<br />

Im <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> erwachte mit Verhörrichter Martin Ochsner<br />

in der Folge ein Mann, welcher dem katholisch-konservativen<br />

Einsiedlervolk den Spiegel vorhielt und ihm bewusst machte,<br />

dass die von ihm abgeordneten «liberalen Herren» mehrheitlich<br />

gar nicht in seinem Sinne agierten (EA 20.4.1898). In der anschliessenden<br />

Kantonsratswahl drang die konservative Siebnerliste<br />

prompt und deutlich durch.<br />

Im selben Jahr ging die Redaktion des «Einsiedler Anzeigers»<br />

auf die Katholisch-Konservativen über. Der Bedeutung des<br />

«Einsiedler Anzeigers» bewusst, fand zwischen Konservativen<br />

und Liberalen in den <strong>Jahre</strong>n 1900 und 1904 noch eine Verständigung<br />

in der Benutzung der Zeitung statt. Im Nachgang an ehrverletzende<br />

Äusserungen von Redaktor Clemens Frei gegenüber<br />

dem liberalen Einsiedler Regierungsrat Heinrich Wyss stiegen die<br />

Spannungen. Diese führten in der Folge, 1907, zur Gründung der<br />

liberalen «Neuen Einsiedler Zeitung». 1910 konnten die Konservativen<br />

den «Einsiedler Anzeiger» kaufen und fortan agierte dieser<br />

als «Kath.-Konservatives Organ», welches vom Redaktor und der<br />

Redaktionskommission geführt wurde.<br />

Anlässlich des Streiks be<strong>im</strong> Benziger-Verlag 1899/1900<br />

nahm interessanterweise keine der beiden politischen Parteien<br />

Einfluss.<br />

Für die Konservativen handelte um 1900 noch ein sog. konservatives<br />

<strong>Bezirk</strong>skomitee mit Vertretern aus dem Piusverein und<br />

dem katholischen Männer- und Arbeiterverein. Diese beiden<br />

gingen – wie auch schweizweit – 1906 <strong>im</strong> neu gegründeten ka-<br />

35


tholischen «Volksverein <strong>Einsiedeln</strong>» auf. Dieser wählte nun das<br />

konservative <strong>Bezirk</strong>skomitee, das für rein politische Zwecke tätig<br />

wurde und den «Volksversammlungen der konservativen Partei»<br />

vorstand.<br />

Zwecks «Verteidigung der Standesinteressen» und dem<br />

«Bestreben, einen Damm zu bilden gegen die <strong>im</strong>mer kühner<br />

vordringende Sozialdemokratie» wurde in <strong>Einsiedeln</strong> 1908 die<br />

«Christlich-Soziale Gewerkschaft» gegründet, welche Katholiken<br />

wie Reformierte umfasste. Noch <strong>im</strong> selben Jahr schaffte<br />

diese es, in <strong>Einsiedeln</strong> ein Kartell zu gründen, welchem die Gewerkschaften<br />

der Holzarbeiter, der Metallarbeiter und der Graphischen<br />

Gewerbe zusammengeschlossen waren. Der «Einsiedler<br />

Anzeiger» zeigte sich erleichtert: «Gottlob ist nun die<br />

christlich-soziale Gewerkschaft auch in der Waldstatt erwacht.<br />

Nicht lang, und vielleicht hätte auch hier die Sozialdemokratie<br />

drohend ihr Haupt erhoben. Auch so ist dieser Gefahr nicht<br />

jede Wurzel abgegraben.» (EA 4.7.1908).<br />

Nichtsdestotrotz entstand 1910 in <strong>Einsiedeln</strong> auch noch der<br />

«katholische Arbeiterverein». 1913 bestand dieser bereits aus 190<br />

Mitgliedern. Daneben existierte auch ein Arbeiterinnenverein, dessen<br />

Tätigkeit sich in der Abhaltung hauswirtschaftlicher Kurse erschöpfte.<br />

Während die Christlich-Sozialen pr<strong>im</strong>är wirtschaftliche<br />

Ziele verfolgten, kam dem katholischen Arbeiterverein pr<strong>im</strong>är<br />

die Aufgabe zu, auf politischem und religiösem Gebiet tätig sein.<br />

Hierzu dienten Schulung, Aufklärung und «geistige Hebung» (EA<br />

21.2.1910). Letztere wurden während des Winters auch <strong>im</strong> weiterhin<br />

existierenden «Volksverein <strong>Einsiedeln</strong>» durchgeführt, welcher<br />

als «Schrittmacher aller übrigen sozialen Vereine» (EA 31.5.1911),<br />

als bloss «religiös charitative Organisation» (EA 14.10.1914), als<br />

«allgemeinen Volksinteressen» dienend (EA 22.3.1916) oder als<br />

«übergeordnete Sammelorganisation aller Katholiken» bezeichnet<br />

wurde (EA 6.12.1930). Ab 1937 fungierte er als «Mittelpunkt<br />

und Repräsentant der katholischen Aktion für die Männer und<br />

Jungmänner» (EA 15./26.1.1937). Im «Volksverein» erstatteten die<br />

katholischen Vereine der Waldstatt jeweils Bericht über ihre Tätigkeiten<br />

<strong>im</strong> vergangenen Jahr. Verschiedentlich agierten diese<br />

Vereine auch zusammen als «katholisches Kartell».<br />

Im <strong>Bezirk</strong>srat waren die politischen Verhältnisse 1910 die,<br />

dass sechs Liberale neun Konservativen gegenüberstanden.<br />

Hieran änderte sich lange Zeit nicht viel.<br />

Diese strukturellen Verhältnisse waren aber noch nicht kompliziert<br />

genug, denn 1912 entstand auch noch die «christlichsoziale<br />

Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>». Diese bildete ein selbständiges<br />

Glied der konservativen Partei, welches nicht nur die Mitglieder<br />

des katholischen Arbeitervereins umfasste, sondern auch «anderweitige<br />

Gesinnungsgenossen aus dem Arbeiterstand, die sich zu<br />

den christlichsozialen Grundsätzen bekennen» (EA 5.6.1912). Auf<br />

gesamtschweizerischer Ebene bestand die Schweizerische katholische<br />

Volkspartei, an sich bereits 1894 gegründet, aber 1908<br />

wieder zum Leben erweckt (EA 14.11.1908).<br />

Ziel all dieser Bestrebungen war letztlich, dass «der Mann<br />

hauptsächlich in die Bahn unserer kathol. Weltanschauung gebracht<br />

wird, oder, wenn er darin schon ist, derselben erhalten<br />

bleibt.» (EA 16.3.1918). Clemens Frei, Redaktor des «Einsiedler<br />

Anzeigers» und Präsident des katholischen Volksvereins, genügte<br />

dies nicht: «Wir haben bei uns so ein bisschen Volksverein,<br />

Gesellenvereins- und christlich-soziales Arbeitervereinsleben.<br />

Aber wir treiben es sehr bescheiden; all‘ das wirkt nicht<br />

erwärmend und nicht abwehrend genug.» (EA 11.8.1917).<br />

1918 machten die Christlich-Sozialen Druck auf die Katholisch-Konservativen<br />

und verlangten eine bessere Vertretung in<br />

den Behörden. Im selben Jahr erfolgte der Zusammenschluss<br />

des katholischen Arbeitervereins und der christlich-sozialen<br />

Gewerkschaften zu einem Kartell. Man teilte die (konservativen)<br />

Mandate untereinander auf.<br />

Es verwundert nicht, dass all die gehäuften Versammlungen<br />

und Weiterbildungsveranstaltungen dieser Organisationen je<br />

länger je mehr schlechter besucht waren. Die Konservativen<br />

und Christlichsozialen tagten zu dieser Zeit hauptsächlich <strong>im</strong><br />

«Klostergarten», <strong>im</strong> «Schiff» und in der «Bierhalle» und führten<br />

grössere Veranstaltungen <strong>im</strong> Lokal des Gesellenvereins durch.<br />

Am 1. Oktober 1918 nahm der für die Kantone Schwyz und<br />

Glarus zuständige (christlich-soziale) Arbeitersekretär mit Büro<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> seine Tätigkeit auf (zunächst Gustav Helfenberg,<br />

ab Dezember 1918 Franz Ulrich, ab 1924 Peter Hüsser und ab<br />

1931 Fritz Husi). Dieser nahm auf dem Platz <strong>Einsiedeln</strong> in der<br />

Folge des Öfteren eine offensive und strategisch wichtige Haltung<br />

gegenüber der politischen Gegnerschaft ein.<br />

Prägnant, aber ideologisch verbrämt, brachte 1921 Pfarrer<br />

Riedener seine Abneigung gegenüber der Arbeiterbewegung<br />

zum Ausdruck: «Diese Bewegung wurde eingeleitet durch Ausländer.<br />

Sie hatten die Absicht, von der Schweiz aus ihr Vaterland<br />

zu revolutionieren. Das geht zurück in die <strong>Jahre</strong> 1830 bis 1840.<br />

Zwei Faktoren trugen dazu bei. In der Schweiz zunehmende<br />

Industrialisierung. Mit den Fabriken kamen die Maschinen, mit<br />

den Maschinen die Arbeiter, mit ihnen schlechte Löhne. Ausser<br />

der Schweiz waren es die Nachklänge der französischen<br />

Revolution. Die ärgsten Revolutionäre wurden aus Deutschland<br />

fortgejagt. Die Schweiz hatte das Asylrecht. Darum war sie der<br />

Spucknapf der andern Länder.» (EA 21.12.1921). Mit dieser Haltung<br />

war er zweifellos nicht allein.<br />

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass bis 1918 bei<br />

einiger Nervosität und Aktionismus ein regelrechtes Geflecht<br />

von Organisationen aus der Taufe gehoben wurde, das als «katholisches<br />

Bollwerk» gegenüber der aufkommenden Sozialdemokratie<br />

aufgezogen wurde. Hierunter lassen sich auch die<br />

Liberalen zählen, wenngleich auch sie zu den Konservativen in<br />

Opposition standen.<br />

36


VII. Gründungsphase der Arbeiterpartei<br />

<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Einleitung<br />

Sozialdemokraten gab es in <strong>Einsiedeln</strong> bereits vor der Gründung<br />

der Sozialdemokratischen Partei. Anton Kälin, von der<br />

Langrüti stammend, nahm 1912 als Vertreter der sozialdemokratischen<br />

Partei Einsitz <strong>im</strong> St. Galler Kantonsrat (EA 20.4.1912).<br />

Bekanntheit erlangte<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> auch<br />

Alphons Kälin (1841-<br />

1913), genannt<br />

« S c h w y z e r- F o n s i »,<br />

Dorforiginal, Ersteller<br />

der Langrüti-Brunnen<br />

und Kleinbauer an der<br />

Langrüti. «Konservativ<br />

<strong>im</strong> eigenen Gewerbe<br />

und Haushalt bis auf<br />

die Knochen, huldigte<br />

er <strong>im</strong> öffentlichen<br />

Leben der Sozialdemokratie<br />

rasch seiner<br />

Art.» (EA 15.3.1913).<br />

1907 erfolgte die<br />

Gründung der ältesten<br />

Gewerkschaftsorganisation<br />

auf dem<br />

Platz <strong>Einsiedeln</strong>. Die<br />

Typographen machten<br />

nun Ernst und 40<br />

Mitglieder gründeten<br />

eine eigene Sektion<br />

des Schweizerischen<br />

Typographenbundes.<br />

Der Vorstand setzte<br />

sich aus August Theiler<br />

(Präsident), Zölestin Zehnder (Vizepräsident), Xaver<br />

Schädler (Kassier), Gallus Kälin (Aktuar) und Benedikt Grätzer<br />

(Bibliothekar) zusammen. Der Verein diente «zur Hebung<br />

des Berufes, zur Hebung der pekuniären Lage seiner Mitglieder<br />

und ein Trostgebilde für des Alters Gebrechen und<br />

Leiden.» (EA 1.1.1908) und führte in den Folgejahren auch<br />

regelmässig Fachkurse und Wettbewerbe durch. Vereinslokal<br />

war die «Walhalla». Indessen fiel es manchmal schwer,<br />

sich lokal von den sozialdemokratischen Sympathien des<br />

Schweizerischen Typographenbundes zu distanzieren. Mit<br />

der am Platz bestehenden christlich-sozialen Buchbindergewerkschaft<br />

arbeitete man weitgehend kollegial zusammen.<br />

1913 und 1916 führte die «Typographia» unter den Präsidien<br />

von Benedikt Fuchs und Bruno Kälin mit Erfolg Lohnverhandlungen.<br />

1916 organisierte sie in ihrem neuen Vereinslokal «Hofstatt»<br />

– in welchem fortan auch Wanderausstellungen stattfanden<br />

und das von ihrem Präsidenten Bruno Kälin geführt wurde<br />

– ein Referat zur gegenwärtigen Lage <strong>im</strong> Buchdruckergewerbe.<br />

Gehalten wurde dieses von Jacques Schlumpf, Sekretär<br />

37<br />

des Schweizerischen Typographenbundes. Das schweizerische<br />

Buchdruckergewerbe war von den Kriegswirren sehr<br />

stark betroffen. Politisch muss sich Präsident Bruno Kälin bemerkbar<br />

gemacht haben. Er engagierte sich zusammen mit<br />

Gramper (Bahnarbeiter) der Südostbahn bei der Nübergsagi, Bennau, um 1910.<br />

dem katholischen Arbeiterverein 1917 um pachtweisen Erhalt<br />

von Pflanzland für den Gemüseanbau durch die Mitglieder.<br />

Die «Typographia» monierte <strong>im</strong> selben Jahr – so der «Schwyzer<br />

Demokrat» (29.12.1917) –, dass der Voranschlag 1918 des<br />

<strong>Bezirk</strong>s keinen Posten zur Subvention der Arbeitslosenkassen<br />

der Gewerkschaften vorsehe und die Riesenummen, die<br />

von der «Typographia» für arbeitslose Mitglieder geleistet würden,<br />

nicht anerkenne.<br />

1918 trat Bruno Kälin als Präsident der «Typographia» zurück<br />

und übergab sein Amt Ernst Kürzi. Als 1920 der Schweizerische<br />

Typographenbund mit den Sozialdemokraten kooperierte, führte<br />

dies zu Austritten aus der Einsiedler Sektion. Seine – ohnehin<br />

misstrauisch beäugte – Neutralität hatte der Verband weitgehend<br />

eingebüsst und wurde fortan als sozialistisch betrachtet.<br />

Der Vorgänger von Bruno Kälin, Benedikt Fuchs, wurde<br />

1921 als Vertreter der sozialdemokratischen Partei in den Aargauer<br />

Kantonsrat gewählt, welchem er offenbar bis 1941 angehörte<br />

(EA 11.5.1921, SD 28.3.1941, EA 23.10.1951).<br />

Eine wichtige Rolle spielten auf dem Platz <strong>Einsiedeln</strong> auch


die Eisenbahner. Das S.O.B.-Personal war organisiert und<br />

führte regelmässig Versammlungen durch. Am 3. Februar<br />

sowie am 21. Juli 1918 fanden <strong>im</strong> Hotel «Waldschloss» in Biberbrugg<br />

Tagungen statt in Sachen Teuerungszulage 1918<br />

und Pensions- und Hülfskassenangelegenheiten. Im November<br />

1918 traten die Angestellten der Südostbahn hierfür<br />

auch in den Streik, gleichzeitig mit ihren Kollegen der Bundesbahnen,<br />

was ihnen vom «Einsiedler Anzeiger» denn auch<br />

prompt den Vorwurf einer politischen Solidarität einbrachte<br />

(EA 23.11.1918).<br />

Gründung<br />

«Zur Sozialdemokratie soll sich ein hiesiger Gewerbetreibender<br />

verschrieben haben. Wir notieren dies ohne Randglossen, nur<br />

der Erscheinung halber. Blühende Rosen hat sein Gewerbe<br />

bisher gebracht; mögen sie ihm weiter blühen mit den Dornen<br />

der Sozialdemokratie.» (EA 15.4.1914).<br />

Am 16. Januar 1918 meldete der «Einsiedler Anzeiger»: «Die<br />

Gründung einer sozialdemokratischen Partei sei in hier auf<br />

den Frühling geplant. Wer Augen hat zum Sehen und Ohren<br />

zum Hören, dem ist diese Parteigründung kein Rätsel.»<br />

Am 23. Februar 1918 warnte die Zeitung: «Eine gefährliche<br />

Strömung macht sich zur Zeit <strong>im</strong>mer mehr auch in unserm<br />

lieben Kanton Schwyz bemerkbar: Die Sammlung der sozialistischen<br />

Elemente und deren politische Organisation. (…) In<br />

kluger und berechnender Weise nutzten die Sozialdemokraten<br />

38<br />

des Landes Schwyz die letzte Nationalratswahl, an der erstmals<br />

eine offizielle soz. Kandidatur zu verzeichnen war (…). Ein<br />

zweites Werbemittel der schwyzerischen Sozialdemokraten<br />

ist zur Zeit ihre äusserst rege Agitationstätigkeit durch Volksversammlungen,<br />

an denen die sozialistische Partei als wahre<br />

Volksbeglücker hingestellt und dem Volke vorab <strong>im</strong>mer und<br />

<strong>im</strong>mer beteuert wird, Religion sei Privatsache und man könne<br />

sehr wohl Sozialdemokrat und dennoch praktizierender Katholik<br />

sein. (…) Dagegen müssen wir die sozialdemokratische Bewegung<br />

vorab deswegen bekämpfen, weil sie ausgesprochenermassen<br />

auf einen Umsturz des Bestehenden hinzielt und<br />

eine ungeheure religiöse Gefahr darstellt. (…) Das sozialdemokratische<br />

Grundgesetz ist überall gleich, mag es auch da und<br />

dort weniger scharf vorgetragen werden. (…). Die Sozialdemokratie<br />

ist und bleibt eine grösste religiöse Gefahr. (…).»<br />

Zur gleichen Zeit stellte der «Schwyzer Demokrat» klar:<br />

«Was wollen die Sozialdemokraten? (…) Die Sozialdemokraten<br />

wollen der Entwicklung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse<br />

nicht untätig<br />

Die Rede dürfte von Bruno Kälin, seinerzeit Präsident<br />

der «Typographia», gewesen sein.<br />

Bruno Kälin wurde am 22. September 1886 in<br />

<strong>Einsiedeln</strong> geboren. Seine Eltern waren Meinrad<br />

Franz Kälin (1836-1910) und Marie Ochsner<br />

(1842-1912), Langrüti. Bruno Kälin arbeitete zunächst<br />

als Schriftsetzer bei der Firma Benziger,<br />

später auch in Druckereien in Thalwil, Aarau, Zürich<br />

und Affoltern a.A. Mit der Verehelichung mit<br />

der Wirtstochter Josefine Kälin von der «Hofstatt»<br />

wandte er sich ab 1914 dem Wirte- und Hotelierberuf<br />

zu. Er war Fähnrich <strong>im</strong> Turnverein <strong>Einsiedeln</strong><br />

und amtete später auch als Rechnungsprüfer. Bei<br />

der Gründung des Wirtevereins 1914 übernahm er<br />

das Amt des Aktuars. Dem Ehepaar wurde 1915<br />

Sohn Bruno geboren.<br />

Die «Hofstatt» führte er zusammen mit seiner Frau<br />

bis 1921. Im selben Jahr zogen sie zuerst nach<br />

Thalwil, wo sie das Restaurant «Central» führten,<br />

und später nach Affoltern, wo sie den «Löwen»<br />

übernahmen. Bruno Kälin blieb der Waldstatt weiterhin<br />

verbunden und starb am 2. Januar 1941.<br />

zusehen, sondern diese<br />

Entwicklung <strong>im</strong> Sinne<br />

der Vernunft und der<br />

Gerechtigkeit fördern<br />

und leiten. Sie wollen die<br />

Kräfte und Strömungen<br />

des Wirtschaftslebens<br />

nicht wie ein Verhängnis<br />

über sich ergehen lassen,<br />

sondern sie ordnen<br />

und beherrschen. (…) Sie<br />

wollen, dass die gewaltige<br />

Ertragssteigerung<br />

der gewerblichen und<br />

industriellen Arbeit nicht<br />

bloss einer Handvoll Kapitalisten,<br />

sondern dem<br />

ganzen Volke zugute<br />

komme. Sie wollen, dass<br />

die Kluft zwischen Ueberfluss<br />

und Massenelend<br />

einigermassen ausgeglichen<br />

werde. (...)»<br />

(SD 9./16.2.1918).<br />

Im März 1918 berichtete der «Einsiedler Anzeiger», dass auch<br />

hier Jungburschen mit rotem Band <strong>im</strong> Knopfloch beobachtet<br />

werden konnten. Es handle sich um solche, welche auswärts<br />

in Arbeit stehen.<br />

Ab Juni 1918 häuften sich <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» Einsendungen,<br />

welche Einsiedler Verhältnisse kritisch an den Pranger<br />

stellen, bspw. den Verteilmodus der Rationierungsmarken und<br />

das mehrstündige Warten vor dem Bureau sowie das ungenügende<br />

Zurverfügungstellen von Pflanzland für Familien.


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Nur die liberale «Neue Einsiedler<br />

Zeitung» publizierte das von<br />

einem «Aktionskomitee» gezeichnete<br />

Inserat mit der Einladung<br />

zur Volksversammlung in der<br />

«Hofstatt» am 1. Juni 1918. Der<br />

«Einsiedler Anzeiger» habe dies<br />

erfolglos zu verhindern versucht<br />

(SD 8.6.1918).<br />

Ob die Gründung der Partei bis<br />

dahin erfolgt ist oder aber an<br />

diesem Abend stattfand ist nicht<br />

bekannt.<br />

<strong>SP</strong>-Nationalrat August Huggler<br />

aus Zürich referierte für eine Annahme<br />

der Bundessteuer-Initiative.<br />

Diese wurde in <strong>Einsiedeln</strong><br />

zwar abgelehnt, doch votierten<br />

respektable 313 von 1‘300 abgegebenen<br />

St<strong>im</strong>men für Annahme<br />

derselben.<br />

Am 13. Oktober 1918 st<strong>im</strong>mten Volk<br />

und Stände der dritten Initiative über<br />

die Proporzwahl des Nationalrates<br />

mit gut 66 % Ja-St<strong>im</strong>men deutlich<br />

zu. Dies war ein wesentliches Zugeständnis<br />

an die Sozialdemokratie,<br />

welche nach politischer Mitbest<strong>im</strong>mung<br />

strebte.<br />

Am 19. Oktober 1918 lud der<br />

– dannzumal bereits konstituierte –<br />

Vorstand der Sozialdemokratischen<br />

Partei <strong>Einsiedeln</strong> <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat»<br />

zur Parteiversammlung am<br />

26. Oktober 1918 in die «Hofstatt».<br />

Da jegliche Protokolle aus der<br />

Gründungszeit fehlen und über die<br />

Versammlungen auch nicht berichtet<br />

wurde, ist nicht bekannt, wieviele<br />

Gründungsmitglieder bestanden und<br />

wie sich der Vorstand – mit Ausnahme<br />

des Präsidenten – zusammensetzte.<br />

Spätere Informationen legen<br />

den Schluss nahe, dass es wohl gegen<br />

fünf Mitglieder und hauptsächlich<br />

«Südostbähnler» gewesen sein<br />

dürften (s. EA 22./29.10.1919).<br />

Eine erste Kampfansage an die beiden bürgerlichen Parteien<br />

erschien <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» vom 26. Oktober 1918<br />

und stand <strong>im</strong> Zusammenhang mit der Ersatzwahl des verstorbenen<br />

Amtsschreibers: «Den Herren können wir jetzt schon<br />

versichern, dass sich bei den nächsten <strong>Bezirk</strong>sratswahlen die<br />

sozialdemokratische Partei aktiv beteiligen wird; damit hört<br />

dann auch die ewige ‹Kompromisslerei› einmal auf. Nun wohlan<br />

an die Arbeit und mit Glück!»<br />

Generalstreik und Grippe<br />

Vom 12.-14. November 1918 fand<br />

in der Schweiz der landesweite Generalstreik<br />

statt, an dem sich rund<br />

250‘000 Arbeiter und Gewerkschafter<br />

beteiligten. Die Behörden boten<br />

95‘000 Mann Ordnungstruppen auf.<br />

Im Nachgang an die russische Revolution<br />

1917 und die Weltkriegsjahre,<br />

welche Hunger und wirtschaftliche<br />

Ungerechtigkeiten hervorriefen oder<br />

bestärkten, fürchteten die Behörden<br />

einen «revolutionären Ansturm der<br />

extremen Sozialdemokratie und des<br />

Bolschewismus» in der Schweiz (EA<br />

23.11.1918).<br />

Gestreikt wurde in der Waldstatt<br />

selber nicht. Teils ruhte die Arbeit<br />

aber in den Gemeinden um den Zürichsee,<br />

unter anderem <strong>im</strong> benach-<br />

39


Auf dem Zürcher Paradeplatz stehen sich Militär und Streikende gegenüber<br />

(Foto Wilhelm Gallas, Baugeschichtliches Archiv Zürich).<br />

barten Richterswil und Wädenswil. Von Richterswil kam es<br />

zu einem Demonstrationszug nach Bäch und Wollerau, der<br />

etwa 300 männliche und 200 weibliche Teilnehmer aufwies.<br />

Die Ruhe und Ordnung wurde aber nirgends gestört, nur in<br />

der Seidenweberei Bäch wurden die Arbeiter angehalten, die<br />

Arbeit niederzulegen, obwohl der Streik ausdrücklich nur auf<br />

das Gebiet des Kantons Zürich beschränkt war.<br />

Der Generalstreik machte - nach damaliger Ansicht der Behörden<br />

- ein Truppenaufgebot notwendig und fiel in die Zeit<br />

der grossen Grippe, an der <strong>im</strong> Kanton Schwyz 336 Personen<br />

starben, unter ihnen zahlreiche Soldaten. Die bürgerlichen Medien<br />

wurden nicht müde zu betonen, dass die grippekranken<br />

Soldaten das Opfer des Generalstreikes waren. Dem entgegnete<br />

unter anderem der «Schwyzer Demokrat», dass wohl die<br />

meisten hätten gerettet werden können, wenn nicht so eine<br />

«h<strong>im</strong>meltraurige Ordnung, resp. Unordnung <strong>im</strong> Militärsanitätswesen<br />

geherrscht hätte!» (SD 30.11.1918, SD 8.7.1927).<br />

Erwähnenswert, weil aussergewöhnlich, war die «christlich-soziale<br />

Sternenplatz-Tagung» während der Zeit des Generalstreiks.<br />

Die Einsiedler Christlich-Sozialen führten auf dem<br />

Sternenplatz <strong>im</strong> Dorf eine Volksversammlung durch und demonstrierten<br />

«ihr namhaftes Bekenntnis gegen das Bolschewistentum<br />

unter der Arbeiterwelt» (EA 16.11.1918).<br />

«Die notwendigen sozialen und politischen Reformen sind<br />

nicht durch mutwillige Staatsstreiche und die rote Diktatur anzustreben<br />

und durchzuführen.», so der «Einsiedler Anzeiger»<br />

am 23. November 1918.<br />

Im Nachgang an den Generalstreik wurde auch der Schwyzer<br />

Kantonsrat Josef Meyer, Lokmotivführer und Mitglied der<br />

Arbeiterpartei Arth, der sich <strong>im</strong> Goldauer Streikkomitee engagiert<br />

und auch Versammlungen geleitet hatte, vorübergehend<br />

in der Zwangsarbeitsanstalt Kaltbach in Schwyz interniert.<br />

«Solche Radaubrüder und Störer der öffentlichen Ordnung gehören<br />

in der Tat hinter Schloss und Riegel.» (EA 16.11.1918).<br />

Auf Verfügung von Bern mussten er und die anderen Streikführer<br />

aber am 16. November 1918 wieder auf freien Fuss gesetzt<br />

werden.<br />

Der Landesstreik wurde damals in breiten Bevölkerungskreisen<br />

«nur als Vorspiel von grössern Dingen» betrachtet. Die<br />

Regierung des Kantons Schwyz veranlasste darum Ende Dezember<br />

1918 sogar die Bildung von Bürgerwehren, welche<br />

einen allfälligen Neuausbruch <strong>im</strong> Ke<strong>im</strong>e ersticken sollten. Der<br />

«Schwyzer Demokrat» kritisierte dies und meinte, dass solche<br />

hierzulande «den Ke<strong>im</strong> der Lächerlichkeit in sich bergen» (SD<br />

4.1.1919). Der Einsiedler <strong>Bezirk</strong>srat genehmigte in seiner Sitzung<br />

am 16. Januar 1919 nichtsdestotrotz das von einer Kommission<br />

ausgearbeitete Reglement für die Bürgerwehr in <strong>Einsiedeln</strong><br />

und rief seine Bürger mittels Inserat zum Beitritt in die<br />

40


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Bürgerwehr auf. Laut «Schwyzer Demokrat» vom 15. Februar<br />

1919 sollen dem Aufruf aber lediglich fünf Mann gefolgt sein.<br />

Von der Bürgerwehr war jedenfalls nichts mehr zu lesen.<br />

Im «Einsiedler Anzeiger» erging die Aufforderung an die Arbeiterschaft,<br />

die bislang in roten Gewerkschaften organisiert<br />

war, in die christlich-sozialen Gewerkschaften überzutreten<br />

(EA 19.2.1919). Bischof Georgius von Chur schrieb in seinem<br />

«Hirtenschreiben gegen den Sozialismus»: «Der Sozialismus<br />

ist in seinem tiefsten Grunde Auflehnung gegen Gott. (…) Er ist<br />

die natürliche Folge des Unglaubens: Dem arbeitenden Volke<br />

wurde die Hoffnung auf das ewige Leben geraubt; darum<br />

wendet sich die ganze Begierde seines Herzens der Erde und<br />

ihren Gütern zu. (…) Als Regel aber ist festzuhalten, dass ein<br />

Katholik nicht Sozialdemokrat sein darf – weder ein innerlich<br />

überzeugter, noch ein äusserlich mitlaufender. (…) Der Katholik,<br />

der die Lehre der Anarchisten oder Sozialisten ann<strong>im</strong>mt<br />

und als Anhänger bekannt ist, kann nicht mehr als Glied der<br />

Kirche angesehen werden. Ihm müssen die hl. Sakramente<br />

verweigert werden, solange er Anhänger des Anarchismus<br />

oder Sozialismus bleibt.» (EA 15.3.1919). Diese Worte sollten<br />

in der Waldstatt <strong>Einsiedeln</strong> lange als «Die grosse Gefahr»<br />

nachhallen.<br />

Die Einsiedler Sozialdemokraten hielt dies nicht davon ab,<br />

den <strong>Bezirk</strong>srat dafür zu kritisieren, dass er das von ihm angelegte<br />

Lager an Dörrobst nicht an die minderbemittelte Bevölkerung<br />

zu mässigen Preisen offeriere. Im April 1919 zeigten<br />

sie sich überdies kämpferisch und schrieben <strong>im</strong> «Schwyzer<br />

Demokrat»: «Hoffentlich dauern die schlechten Zugsverbindungen<br />

nicht mehr lange, besonders am Sonntag, damit auch<br />

wir in unserm ‹finstern› Hochtale mit unserer ‹Aktion›, d.h. mit<br />

volksaufklärenden Referaten beginnen können. Es tut gewiss<br />

unserer einsiedlerischen Bevölkerung gut, auch mit sozialen<br />

Referaten aufgeklärt zu werden, die Nachfrage nach solchen<br />

wird von Woche zu Woche stärker. Besonders in unsern Vierteln<br />

macht sich langsam aber sicher ein Zug nach links bemerkbar.»<br />

(SD 19.4.1919).<br />

Die Zuversicht war nicht unbegründet, denn in der Arbeiterschaft<br />

brodelte es weiterhin. Das Südostbahn-Personal<br />

war in scharfen Lohnverhandlungen mit der Direktion<br />

und sogar die christlich-sozial organisierten Schreiner und<br />

Z<strong>im</strong>merleute auf dem Platz <strong>Einsiedeln</strong> traten <strong>im</strong> Juni 1919 in<br />

einen Streik. «Die christlichen Brüder lassen sich halt doch<br />

auch nicht so leicht nur aufs Jenseits vertrösten.» schrieb<br />

der «Schwyzer Demokrat» spöttisch (SD 14.6.1919). Kritisiert<br />

wurde von den Einsiedler Sozialdemokraten auch die<br />

Trägheiten und Verschleppungen des Arbeitslosenfürsorgeamtes<br />

in <strong>Einsiedeln</strong>, welches sie kurzerhand in «Arbeitslosenfürsaugeramt»<br />

umbenannten. «Und gerade diese Herren<br />

wundern sich, wie in unserm <strong>Bezirk</strong> Sozialisten entstehen<br />

– und solche haben wir nicht wenige. (…) Wir sind keine Bolschewiki<br />

aber Sozialisten, welche für das allgemeine Wohl zu<br />

jeder Zeit einstehen.» (SD 30.8.1919).<br />

Ein Debakel mit Vorankündigung<br />

Im Juni 1919 wurde an der Parteivorstandssitzung der Kantonalpartei<br />

beschlossen, «als Sympathie für die dort erst kürzlich<br />

neu gegründete und aufblühende Sektion, den ersten schwyzerischen<br />

sozialdemokratischen Parteitag am 27. Juli in <strong>Einsiedeln</strong><br />

abzuhalten.» (SD 21.6.1919). Dieser musste jedoch aus<br />

nicht näher bekannten Gründen um vier Wochen verschoben<br />

werden. Mutmasslich fand dieser dann erst am 21. Dezember<br />

1919 statt.<br />

Im August 1919 diskutierten die Schweizer Sozialdemokraten<br />

über den Beitritt in die III. (Kommunistische) Internationale<br />

bzw. über das Ziel der proletarischen Weltrevolution.<br />

Die Urabst<strong>im</strong>mung unter den Sektionen lehnte diese einst<strong>im</strong>mig<br />

ab – unter ihnen auch die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> (SD<br />

13.9.1919). Gleichzeitig beschloss diese die Abhaltung eines<br />

öffentlichen Vortrages, in welchem den Einsiedlern das Wirken<br />

der Sozialdemokratie vor Augen geführt werden soll.<br />

Überdies kritisierte man, dass bezüglich der Bekämpfung der<br />

Feldmäuse und den von diesen angerichteten Schäden zu<br />

wenig unternommen werde. Die Arbeiterpartei richtete auch<br />

das Gesuch an den <strong>Bezirk</strong>srat um Einführung der Samstagsst<strong>im</strong>murne<br />

für die kommenden Nationalratswahlen sowie für<br />

spätere Wahlen. Das Eisenbahn- und Postpersonal sei nämlich<br />

sonntags infolge Arbeit oft verhindert, sein St<strong>im</strong>mrecht<br />

auszuüben. Der <strong>Bezirk</strong>srat hiess das Gesuch gut.<br />

Für die erstmals <strong>im</strong> Proporzverfahren durchgeführten Nationalratswahlen<br />

portierten die Schwyzer Sozialdemokraten<br />

und die Grütlianer Kantonsrat und alt <strong>Bezirk</strong>sammann Johann<br />

Wattenhofer. Dieser wurde zwar nicht gewählt, doch betrug<br />

der St<strong>im</strong>menanteil der sozialdemokratischen Liste <strong>im</strong> Kanton<br />

22% und <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> – «trotz der infamsten Hetze»<br />

(SD 31.10.1919) – 12.5% bei 192 unveränderten Listenst<strong>im</strong>men.<br />

Es fehlten gerade mal 280 Listenst<strong>im</strong>men oder rund 95<br />

Wähler und man hätte den Liberalen das Restmandat entrissen.<br />

An vielen Orten seien Plakate der Partei heruntergerissen<br />

und ihren Mitgliedern die Verteilung der St<strong>im</strong>mzettel und Broschüren<br />

mit Gewalt verhindert worden (SD 31.10.1919).<br />

Die <strong>im</strong> Hinblick auf diese Wahl organisierte öffentliche<br />

Volksversammlung in <strong>Einsiedeln</strong> am 18. Oktober 1919 in der<br />

«Hofstatt» war sodann ein Debakel sondergleichen. Eigentlich<br />

hätte man gewarnt sein müssen, weil <strong>im</strong> Juni 1919 in Siebnen<br />

bereits Ähnliches geschah (SD 7.6.1919).<br />

Als Referenten hatten die Einsiedler Genossen den Zürcher<br />

Nationalrat August Huggler eingeladen. Dieser verspätete sich<br />

indessen, weil er in Wädenswil stecken blieb. Währenddessen<br />

war der Saal in der «Hofstatt» bereits gefüllt. Der Einladung «an<br />

das werktätige Volk der Waldstatt» waren die Geistlichkeit vom<br />

Kloster und unter der Aegide der Konservativen Stände-, Kantons-<br />

und <strong>Bezirk</strong>sräte und der Jünglingsverein gefolgt! Nachdem<br />

der Referent ausblieb wählte diese Versammlung in der<br />

Person von Landschreiber August Bettschart kurzerhand ih-<br />

41


Die «Hofstatt» auf einer Werbekarte um 1925 des Einsiedler Zeichners Laurenz Landenberger.<br />

ren Tagespräsidenten. Der weitere Verlauf wird wie <strong>im</strong> «Einsiedler<br />

Anzeiger» wie folgt beschrieben:<br />

«Zur Eröffnung betonte er, es sei doch ein etwas böses<br />

Omen für die Sozialdemokraten, wenn sie solche Führer haben,<br />

die nicht einmal richtig den Fahrplan lesen können. Redaktor<br />

Dr. Bölsterli packte den Sozialismus bei den Hörnern<br />

und wies nach, wie derselbe in Russland, Ungarn und allerorten<br />

nur zum Untergang führte. (…) Wir Bürger und Bewohner<br />

von <strong>Einsiedeln</strong> legen vor allem flammenden Protest ein<br />

gegen den Versuch der Einsiedler Sozialisten, in der Waldstatt<br />

eine sozialistische Volksversammlung abhalten zu lassen. Es<br />

ist dies eine unerhörte Provokation, ein Faustschlag ins Angesicht<br />

des katholischen Einsiedlervolkes. Die heutige Versammlung<br />

beweist den hiesigen Sozialisten mit Wucht, dass<br />

sich das Einsiedlervolk so etwas nicht bieten lässt. Bruno<br />

Kälin, als sozialistischer Parteipräsident, versuchte, die Gründung<br />

der sozialistischen Partei damit zu entschuldigen, dass<br />

man sich gegen verschiedene Uebergriffe der konservativen<br />

Behörde, speziell der Notunterstützungskommisssion, habe<br />

wehren müssen. (…) Kreidebleich lehnte inzwischen der sozialistische<br />

Parteipräsident an der Wand und hörte weiter zu, wie<br />

die sozialistische Lehre zersaust wurde. Dr. Bölsterli betonte,<br />

es wäre absolut unnötig gewesen, eine sozialistische Partei zu<br />

gründen; man habe zur wirtschaftlichen Besserstellung in <strong>Einsiedeln</strong><br />

eine auf religiöser Basis fundierte christlich-soziale Organisation,<br />

die gerade auf wirtschaftlichem Boden viel mehr<br />

leiste als die Sozialisten <strong>im</strong> Kanton Schwyz. (…) Hochw. Herr<br />

Zentralpräses Pater Claudius Hirt bedauert, dass Nationalrat<br />

Huggler nicht erschienen. Er zeigt an Hand von Beweisen, Zitaten<br />

und so weiter, dass der Sozialismus nichts anderes sei,<br />

als der Vorspann am Wagen des jüdischen Kapitalismus. (…)<br />

Die Sozialdemokratie ist religionsfeindlich bis auf den heutigen<br />

42<br />

Tag. (…) Sekretär Ulrich protestierte<br />

vor allem dagegen,<br />

dass sich die sozialistische<br />

Partei den Anschein gibt, sie<br />

sei allein die ‹Arbeiterpartei›.<br />

Er bezeichnete das als unerhörte<br />

Anmassung. Die Sozialisten<br />

sollen sich als das<br />

bezeichnen, was sie sind,<br />

als sozialistische Arbeiterpartei.<br />

(…) Die christlich-sozialen<br />

Arbeiter, aber stehen<br />

einmütig ein für die konservativen<br />

Kandidaten. (…) Allen<br />

Referaten der bürgerlichen<br />

Redner folgte spontaner jubelnder<br />

Beifall. (…) Mit allen<br />

gegen fünf sozialistische<br />

St<strong>im</strong>men ward sodann folgende<br />

von ihm [Dr. Bölsterli]<br />

eingebrachte Resolution zum begeisterten Beschlusse der<br />

Versammlung erhoben. (…) ‹Die Versammlung protestiert einmütig<br />

gegen den klassenkämpferischen, religions- und staatsgefährlichen<br />

Sozialismus. (...)› Damit endete die denkwürdige<br />

Tagung <strong>im</strong> Lokal der Einsiedler Sozialdemokraten: Mit einem<br />

kläglichen Fiasco der Sozialdemokraten und mit einer wirklich<br />

erhebenden begeisterten Zust<strong>im</strong>mung für das katholisch-konservative<br />

und christlich-soziale Programm.» (EA 22.10.1919,<br />

s.a. SD 25.10.1919).<br />

Die Einsiedler Genossen widersprachen dieser Darstellung<br />

nicht gross, liessen das jedoch nicht auf sich sitzen und<br />

organisierten für den nächsten Freitag eine weitere Volksversammlung,<br />

erneut mit dem Referenten Huggler. Am Morgen<br />

wurden an allen Hausecken Plakate ausgehängt. Als sich die<br />

Bürgerlichen erneut einfanden war der Saal jedoch bereits besetzt.<br />

«Die mehrheitlich sozialistischen Südostbähnler hatten<br />

das ganze verfügbare Mannschaftspersonal von Goldau bis<br />

Pfäffikon und Wädenswil zusammengetrommelt. Dazu gesellten<br />

sich noch Hilfsfähnlein aus den Höfen und der March mit<br />

dem sattsam bekannten Genossen Wolf an der Spitze, und ein<br />

Kontingent Goldauer.» (EA 29.10.1919). Es entspann sich nach<br />

dem Referat eine intensive Diskussion, an der sich nebst dem<br />

Referenten auch P. Othmar Scheiwiller und P. Claudius Hirt,<br />

der christlich-soziale Arbeitersekretär Franz Ulrich und Redaktor<br />

Dr. Bölsterli beteiligten. Der Referent wurde sekundiert von<br />

Genosse Fritz Wolf aus der March. Letzterer sorgte ungewollt<br />

für beissenden Spott, als er das Christentum pries und hierbei<br />

den «gsteinigt Heiland» erwähnte… (EA 29.10.1919).<br />

Der «Einsiedler Anzeiger» kommentierte zufrieden: «Fürwahr,<br />

in unserm <strong>Einsiedeln</strong> da hangen die Trauben dem roten<br />

Fuchs vorderhand und für lange Zeit noch zu hoch!»<br />

Nach dem Achtungserfolg bei den Nationalratswahlen


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

konnte die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> jedoch nicht weniger als<br />

20 neue Mitglieder aufnehmen und man forderte unverblümt<br />

einen Vertreter <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>srat.<br />

Im «Einsiedler Anzeiger» äusserte sich die Partei ungeduldig,<br />

dass es höchste Zeit sei, dass Industrie in die Waldstatt<br />

komme, «sonst müssen sogar noch die Mäuse und Ratten<br />

auswandern.» (SD 31.10.1919). Die Partei umwarb <strong>im</strong> Kanton<br />

Schwyz auch ungeniert die Bauern.<br />

Eine Volksrednerin und Arbeiternöte<br />

Am 7. Dezember 1919 fand in der «Hofstatt» eine gut besuchte<br />

Parteiversammlung statt, welche den kommenden Parteitag<br />

der Kantonalpartei am 21. Dezember 1919 in <strong>Einsiedeln</strong> besprach.<br />

Man sprach sich befürwortend für die u.a. traktandierte<br />

Errichtung eines kantonal-schwyzerischen Arbeitersekretariats<br />

aus. Am Parteitag selber kamen noch kantonale<br />

Tagesfragen wie das Einkommenssteuergesetz und die Proporzwahl<br />

der <strong>Bezirk</strong>s- und Gemeindebehörden zur Sprache.<br />

Beschlossen wurde, ersterem zuzust<strong>im</strong>men, wenn die Proporzwahl<br />

gesichert sei. Als Referent fungierte am Parteitag<br />

Nationalrat Jacques Schmid aus Olten.<br />

Im «Schwyzer Demokrat» vom 7. Februar 1920 wurde kritisiert,<br />

dass der Direktor des Benziger-Verlages ein Haus kaufte.<br />

«Die Arbeiterschaft ist nicht auf Rosen gebettet, die schlechten<br />

Zeiten machen sich sehr fühlbar. Wir kennen Arbeiterfamilien,<br />

die gezwungen wurden, Möbel zu verkaufen, um den Lebensunterhalt<br />

der Familie zu fristen.» Zwischen 1914 und 1919<br />

fand eine starke Verteuerung der wichtigsten Konsumartikel<br />

zwischen 131% (Kartoffeln) bis 490% (Eier) statt.<br />

Anlässlich der Parteiversammlung vom 6. März 1920 konnte<br />

ein Zuwachs von weiteren 10 Genossen konstatiert werden.<br />

Traktandiert waren kantonale Sekretariatsfragen (Standort<br />

<strong>Einsiedeln</strong>?), eine Änderung des Wahlverfahrens von <strong>Bezirk</strong>sbeamten,<br />

die revisionsbedürftige Besoldungsverordnung der<br />

<strong>Bezirk</strong>sarbeiter und eine Verbesserung <strong>im</strong> Interesse der auswärts<br />

Arbeitenden. Zum Schluss wurde die Parteileitung in<br />

globo bestätigt.<br />

Auf Samstag, 13. März 1920, lud die Partei die «bestbekannte<br />

Volksrednerin» Annelise Rüegg zu einem öffentlichen<br />

Vortrag in der «Hofstatt» ein. Das Referat lautete: «‹Die eigenen<br />

Erlebnisse in den kriegführenden Staaten› vom arbeitenden<br />

Standpunkt aus». Der ebenfalls anwesende Redaktor des<br />

«Einsiedler Anzeigers» war enttäuscht, denn «ihr Hauptziel<br />

war und blieb von Anfang an eine Lobhymne – eine Verherrlichung<br />

des Bolschewismus, des Kommunismus. (…) Sie nannte<br />

die katholische Kirche die grösste Feindin des Kommunismus,<br />

weil sie die grösste Besitzerin des Staatseigentums (!) war, die<br />

Beschützerin der besitzenden Klassen, des Grosskapitals. (…)<br />

Das wagt man zu bieten einem kerngesunden kath. Volke <strong>im</strong><br />

Wallfahrtsorte <strong>Einsiedeln</strong>! (…) Das was geboten wurde, ist nicht<br />

politische Agitation, sondern Volksvergiftung und Verhetzung!<br />

(…) Es war ein kleines Häuflein, das da zuhörte, 5 Frauen, an<br />

die 20 Eisenbahner und etwa 15 andere neugierige Zuhörer.»<br />

(EA 17.3.1920). Die Arbeiterpartei sprach von 50 Personen<br />

und einem grossen Erfolg. Die Kritik des Redaktors verstand<br />

man nicht, weil man sich ja gegen die III. Internationale ausgesprochen<br />

habe (SD 27.3.1920).<br />

Im Frühjahr 1920 häuften sich die Klagen über die Arbeitslosigkeit<br />

in <strong>Einsiedeln</strong>. Aufgrund des nach wie vor am Boden<br />

liegenden Exports von Schweizer Fabrikaten ins Ausland hatten<br />

die Unternehmen ihre Personalbestände reduziert. Der<br />

Benziger-Verlag, der früher 800 Mitarbeiter kannte, beschäftigte<br />

noch <strong>100</strong>. Während ledige Arbeiter wegziehen könnten,<br />

sei dies für Familienväter schlecht möglich, so der Einsender<br />

<strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» (SD 20.3.1920). «In ihrer Not verzehren<br />

sie ihren Vorrat in Einsiedler-Gummeln, welch letztere<br />

sie glücklicherweise selbst pflanzen konnten. Der eine mag in<br />

grösster Not mit ‹Stöckausgraben›, der andere mit ‹Turbnen›<br />

etwas verdienen.» Eine grosse Hoffnung sei der Sihlsee und<br />

die Erwartung, dass man in <strong>Einsiedeln</strong> neue Industrie ansiedeln<br />

kann. Im Gespräch war eine neue Seidenfabrik der Firma<br />

Stünze u. Söhne, Horgen, mit 300 Arbeitsplätzen.<br />

Nachdem der Haus- und Grundbesitzer-Verein <strong>Einsiedeln</strong><br />

überdies noch beschlossen hatte, die Mietzinse um 10-30<br />

Prozent zu erhöhen, erging <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» der Appell,<br />

dass sich alle anderen Interessengruppen zu organisieren<br />

wüssten, unabhängig der konfessionellen und politischen<br />

Ausrichtung ihrer Mitglieder, «nur die Arbeiterorganisationen<br />

sollen sich zersplittern in konfessionelle und politische Organisationen,<br />

die gegeneinander von den andern gehetzt und<br />

dadurch gelähmt werden. Arbeitervolk, wann siehst du es endlich<br />

ein, dass nur Einigkeit zum Ziele führt?» (SD 27.3.1920).<br />

Der katholische Arbeiterverein tätigte eine Eingabe an<br />

den <strong>Bezirk</strong>srat, damit er sich bei der Südostbahn dafür verwende,<br />

dass vom vorgesehenen 60%igen Aufschlag auf die<br />

Arbeiterabonnente Umgang genommen werde. Dies erfolglos,<br />

weshalb er dann die Ausrichtung einer Differenzulage<br />

anregte. Gleichzeitig schlug er zwecks Bekämpfung der Mietund<br />

Wohnungsnot die Schaffung eines Mietamtes vor.<br />

Erster Kantonsrat und Konsolidierung<br />

«Die Sozialisten haben einen Kandidaten auf ihrer Liste und<br />

zwar den Hofstattwirt und sozialistischen Parteipräsident<br />

Bruno Kälin. Bisher hatten sie kein Mandat.» (EA 21.4.1920).<br />

Der katholisch-konservative «Einsiedler Anzeiger» geiferte<br />

über die Listenbezeichnung als «Arbeiterpartei» und rief<br />

dazu auf, unbedingt zu verhindern, dass der katholische<br />

Wallfahrtsort einen Sozialisten in den Kantonsrat entsende<br />

(EA 21.4.1920). «Am 13. März unterschrieben sich die Herren<br />

Genossen ‹Sozialdemokratische Partei <strong>Einsiedeln</strong>›, andernorts<br />

segeln sie unter der Flagge ‹Grütlianer›, und heute, wo<br />

es gilt, ihre ‹Machtgelüste› zu befriedigen, nennen sie sich<br />

43


‹Arbeiterpartei›. (…) Für wie dumm halten diese roten Brüder<br />

unser Volk!» (EA 24.4.1920).<br />

In Unteriberg referierte der Einsiedler P. Othmar Scheiwiller:<br />

«In eindringlichen Worten zeichnete er diese als ein Zersetzungsprodukt<br />

des Protestantismus und des wirtschaftlichen<br />

Liberalismus. In erschütternden Worten zeigte er die Zerstörungsarbeit<br />

der Sozialisten in Familie und Gesellschaft, Staat<br />

und Kirche. (…).» (EA 24.4.1920).<br />

Die Arbeiterpartei zog derweil mit «Wir wollen nicht Sklaven<br />

des Mammons sein, sondern den Mammon dem Menschentum<br />

dienstbar machen.» in den Wahlkampf und <strong>im</strong> «Schwyzer<br />

Demokrat» wurde die Hetze der Katholisch-Konservativen mit<br />

dem Bibelspruch gekontert: «Liebet euere Feinde, tut Gutes,<br />

denen die euch hassen.» (EA 24.4.1920, SD 24.4.1920).<br />

Die Kantonsratswahlen vom 25. April 1920 waren für die<br />

Schwyzer Sozialdemokraten ein voller Erfolg. Sie konnten die<br />

Zahl ihrer Mandatsträger auf neun verdreifachen. Zu diesen<br />

zählte auch Bruno Kälin, Schriftsetzer, von der sozialdemokratischen<br />

Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>. Die Waldstatt <strong>Einsiedeln</strong><br />

entsandte das erste Mal – neben neun Konservativen und vier<br />

Liberalen – einen Sozialdemokraten nach Schwyz. Er hatte<br />

276 St<strong>im</strong>men geholt. Nach der Konstituierung nahm er Einsitz<br />

in die Prüfungskommission des Rechenschaftsberichtes des<br />

Kantonsgerichts.<br />

Dieser Erfolg beschwingte die Einsiedler Genossen und<br />

man hegte sogar die Hoffnung, dass die konservative Partei<br />

ihrem neu gewählten Kantonsrat gar einen Sitz in der <strong>Bezirk</strong>sbehörde<br />

einräumen würde. Dem war jedoch nicht so.<br />

Währenddessen beherrschte die Frage eines Beitritts der<br />

Schweiz in den Völkerbund die politische Debatte, wie die Propaganda-Postkarten<br />

auf dieser Seite zeigen. Die Katholisch-<br />

Konservativen warben für einen Beitritt, die Sozialdemokraten<br />

waren dagegen. «Man will die Schweiz unter die Herrschaft<br />

der Entente-Imperialisten zwingen, Demokratie und Selbstbest<strong>im</strong>mungsrecht<br />

sollen in Scherben geschlagen werden. Die<br />

Arbeiterschaft wird und muss es best<strong>im</strong>mt ablehnen, für einen<br />

Völkerbund einzustehen, der auf Gewalt aufgebaut, nur das<br />

Recht des Stärkern vertritt und letzten Endes darauf hinaus<br />

geht, den sozialen Aufstieg der untern Volksschichten, des<br />

Proletariats zu hemmen. (…) Lasst euch nicht zum Selbstmord<br />

verleiten. Die kantonale Geschäftsleitung.» (SD 1.5.1920).<br />

Während das Schweizervolk dem Beitritt zust<strong>im</strong>mte,<br />

lehnten der Kanton Schwyz und auch der <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

diesen mit über 75% bzw. 70% ab – ganz <strong>im</strong> Sinne der Sozialdemokratischen<br />

Partei, wenngleich wohl aus anderen<br />

Überlegungen.<br />

Am 3. Juli 1920 hielt die Arbeiterpartei in der «Hofstatt» eine<br />

Parteiversammlung ab. «Mitgliedsbüchlein nicht vergessen,<br />

Neueintretende sind herzlich willkommen.» (SD 3.7.1920). Man<br />

gelangte mit einer Eingabe an den Kantonalvorstand, eine kantonale<br />

Genossenschaftsdruckerei mit zwe<strong>im</strong>alwöchentlicher<br />

Zeitungsausgabe zu gründen. Der <strong>Bezirk</strong>srat <strong>Einsiedeln</strong> wurde<br />

eingeladen, «Mittel und Wege zu suchen, dass der arbeitenden<br />

Bevölkerung Gelegenheit geboten wird, <strong>im</strong> Sommer erfrischende<br />

Bäder zu nehmen, was vom hygienischen Standpunkt aus für<br />

den Platz <strong>Einsiedeln</strong> sehr zu begrüssen wäre.» (SD 17.7.1920).<br />

Der <strong>Bezirk</strong>srat anerkannte wohl die Notwendigkeit, konnte die<br />

Frage aber noch nicht endgültig lösen (EA 23.10.1920).<br />

Die Arbeiterpartei kritisierte, dass man es <strong>im</strong>mer noch nicht<br />

geschafft habe, neue Industrie und Arbeitsplätze nach <strong>Einsiedeln</strong><br />

zu bringen. Auch auf den Sihlsee wartete man. «Wie viele<br />

Vertreter des Handwerker- und Gewerbevereins sitzen <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>srat?»<br />

fragte der «Schwyzer Demokrat» (SD 14.7.1920).<br />

Erfreut stellte man jedoch auch fest, dass der Fremdentourismus<br />

von Jahr zu Jahr zunahm. Der Grund sei wohl auf<br />

den freien Samstag Nachmittag und die bereits an andern Orten<br />

den Arbeitern bezahlten Ferien zurückzuführen, war die<br />

Mutmassung. «Wie lange dauerts wohl noch, dass auch wir<br />

Arbeiter in unserm Hochtale von den christlichen Arbeitgebern<br />

bezahlte Ferien erhalten, aber statt dessen tröstet man uns <strong>im</strong>mer<br />

mit dem bessern Jenseits.» (SD 21.8.1920).<br />

Anlässlich der Parteiversammlung vom 25. September<br />

1920 wurde beschlossen, ein Schreiben an den <strong>Bezirk</strong>srat zu<br />

44


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

richten betreffend den Winterfahrplan der Südostbahn. Demnach<br />

soll der Morgenzug um 6.00 Uhr auch <strong>im</strong> Winter beibehalten<br />

werden. Andernfalls würde den etwa 120 Arbeitern an<br />

den Industrieorten am See Lohnausfälle drohen. Der <strong>Bezirk</strong>srat<br />

leitete das Gesuch <strong>im</strong> empfehlenden Sinne an den Regierungsrat<br />

und die Direktion der SOB weiter (EA 23.10.1920).<br />

Die Parteiversammlung vom 14. Dezember 1920 befasste<br />

sich erneut mit einem Beitritt zur III. (Kommunistischen) Internationalen.<br />

Nach starker Diskussion votierte man erneut<br />

dagegen. Beschlossen wurde indessen, dass während des<br />

Winters wiederum sog. Agitations-Referate gehalten und eine<br />

Weihnachtsfeier mit Kinderbescherung und gemütlicher Unterhaltung<br />

abgehalten werden soll. Vom <strong>Bezirk</strong>srat wurde verlangt,<br />

dass dieser für sog. Notstandsarbeiten sorge. Hingewiesen<br />

wurde hierbei auf die schon lange von ihm in Aussicht<br />

genommene Dorfkanalisation sowie die Kanalisation der Alp<br />

<strong>im</strong> Rabennest. Zudem gelangte die Partei mit dem Gesuch an<br />

den <strong>Bezirk</strong>srat, <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> eine unentgeltliche Geburtenhilfe<br />

einzuführen (SD 20.11.1920).<br />

In Bezug auf die Beitrittsdiskussion um die III. Internationale<br />

und die damit verbundene Frage der Gewaltanwendung<br />

kommentierte der «Einsiedler Anzeiger»: «Immer mehr gilt für<br />

das Bürgertum das alte Mahnwort aus der Zeit der Väter: ‹Hütet<br />

euch am Morgarten!› Hütet euch vor der Sozialdemokratie!»<br />

(EA 18.12.1920).<br />

Die beschlossene Weihnachtsfeier fand am Silvesterabend<br />

statt. Es nahmen etwa 80 Personen teil. Das Programm war<br />

reichhaltig und gemütlich und mit einem Referat von Kantonsrat<br />

Johann Wattenhofer, Siebnen, verbunden zum Thema<br />

«Friede sei auf Erden, das ist das Ziel der Arbeiterschaft,<br />

des Sozialismus.» Es gab Tänzchen, humoristische Beigaben<br />

nebst Trompeten- und Violinsolo und um punkt 24 Uhr einen<br />

«ellenlangen Schübling» (SD 23.12.1920, SD 8.1.1921).<br />

Mittlerweilen hatte sich die Hoffnung auf Erstellung einer<br />

Seidenfabrik in <strong>Einsiedeln</strong> zerschlagen. Die Partei kommentierte<br />

bissig: «Der in Aussicht gestellte Bauplatz wird jetzt dem<br />

Vernehmen nach ein Institut für Sozialistenfresser und geistig<br />

verarmte ‹Einsiedler-Anzeiger›-Leser werden, unter der Direktion<br />

von Bölsterli.» (SD 5.2.1921).<br />

Am 5. März 1921 fand eine gut besuchte Generalversammlung<br />

der Partei in der «Hofstatt» statt. Wir erfahren hier zum<br />

ersten Mal weitere Namen von Parteileitungsmitgliedern: «Die<br />

Wahlgeschäfte waren bald erledigt. Präsident und Vizepräsident<br />

beliebten die bisherigen, das Aktuariat erhielt eine Verstärkung<br />

durch den Genossen Ed. Kälin, für den amtsmüden<br />

Kassier wurde Genosse Feusi Herm. erkoren, und als Beisitzer<br />

Genosse Kälin Mart. (...)» (SD 12.3.1921). Die Generalversammlung<br />

beschloss weiter, allmonatlich am ersten Samstag<br />

eine Monatsversammlung abzuhalten, das erste Mal am<br />

2. April 1921. An dieser nahm dann der Kantonalpräsident<br />

teil. Bemerkt wurde, dass in <strong>Einsiedeln</strong> nahezu <strong>100</strong> Abonnenten<br />

des «Schwyzer Demokrat» bestünden.<br />

Einen Erfolg konnte die Partei <strong>im</strong> März 1921 feiern, denn der<br />

<strong>Bezirk</strong>srat beschloss auf deren Eingabe, die durch die Erhöhung<br />

der Arbeiterabonnements verursachten Mehrkosten mit<br />

der sog. Differenzzulage zu subventionieren (SD 26.3.1921).<br />

Der <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> wies zu dieser Zeit zwischen 80-<strong>100</strong><br />

Arbeitslose auf, vorab aus dem Buchdruckergewerbe.<br />

Im Juni 1921 wurde <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> eine weitere Partei<br />

aus der Taufe gehoben: Im Hotel «Rigi» gründeten ca. 200<br />

Teilnehmer die «Bauern- und Bürgerpartei» (SD 11.6.1921).<br />

Die sozialdemokratische Kantonalpartei wiederum gründete<br />

<strong>im</strong> selben Monat am Parteitag in Küssnacht zusammen mit<br />

den verbliebenen Grütlivereinen und Gewerkschaften als kantonale<br />

Dachorganisation die «Arbeiterunion» (SD 7.8.1921).<br />

Ein «Skandal» mit Folgen<br />

Doch über der jungen Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> hatten sich in<br />

der Zwischenzeit dunkle Wolken breit gemacht. Im August des<br />

Vorjahres war <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» zu lesen gewesen:<br />

«Ein unglaublicher Skandal. Schon oft hörte man bittere<br />

Klagen darüber, wie in der sozialistischen Wirtschaft zur ‹Hofstatt›<br />

die nächtliche Ruhe gestört werde, ohne dass irgend ein<br />

Wächter das sehe oder höre. Aus diesem Grunde sahen sich<br />

einzelne Nachbarn zu Klagen be<strong>im</strong> Amte genötigt, das nun die<br />

Sache untersucht. (…) Leider ist es Mitte dieser Woche nicht<br />

mehr bei nächtlicher Ruhestörung allein geblieben, sondern<br />

hat man sich abseite einzelner Gäste in der ‹Hofstatt› Dinge<br />

erlaubt, die in unserer Waldstatt sicher noch nie vorgekommen<br />

sind und welche den flammenden Protest unseres katholischen<br />

Volkes herausfordern. Um ihm die Augen zu öffnen,<br />

bringen wir der Leserschaft folgenden Vorfall zur Kenntnis,<br />

welcher in der vorletzten Nacht passierte.<br />

Nach nicht gerade ruhigem Verhalten in der Wirtschaft<br />

gings ungefähr um halb 1 Uhr von neuem los und zwar aus<br />

einem Gastz<strong>im</strong>mer der ‹Hofstatt› heraus. Da hörten die Nachbarn<br />

einen Gast rufen: ‹Abe mit der liebe Muttergottes!› und<br />

darauf wurde eine Muttergottesstatue auf die Strasse geworfen,<br />

wo sie in mehrere Stücke zerschellte, die noch am nächsten<br />

Morgen von Schulkindern gesehen wurden.<br />

Dies der Tatbestand dieses betrübenden Vorfalles, der<br />

durch das <strong>Bezirk</strong>samt bereits amtlich untersucht und festgenagelt<br />

ist. Der Name des Täters steht fest und wird derselbe einer<br />

ganz exemplarischen Bestrafung sicher nicht entgehen. Das<br />

<strong>Bezirk</strong>samt verdient die Anerkennung und den Dank aller, dass<br />

es so rasch zum Rechten sah. Solche Dinge, solche entsetzliche<br />

Lästerungen unserer lieben Muttergottes lässt sich denn<br />

doch das katholische Einsiedlervolk nicht bieten.<br />

Es ist eine Schande und Schmach, dass in einer hiesigen<br />

Wirtschaft so etwas passieren konnte, eine Schande für das<br />

Haus, in welchem solch traurige Subjekte Herberge finden.<br />

Das katholische Einsiedlervolk protestiert mit flammender Entrüstung<br />

gegen jenen Geist und jene Gesinnung, wie er offen-<br />

45


sichtlich hier sich äussern darf, und wendet sich mit Ekel und<br />

Abscheu ab von einer Geistesrichtung, deren Gesinnungsgenossen<br />

selbst das uns Katholiken Heiligste frech beschmutzen.»<br />

(EA 28.8.1920).<br />

Parteipräsident und Wirt Bruno Kälin sah sich zu einer<br />

Rechtfertigung veranlasst: «Die misslichen wirtschaftlichen<br />

Verhältnisse in <strong>Einsiedeln</strong> und wohl auch die ‹Liebe› politischer<br />

Gegner zwangen mich, meinen Verdienst auswärts zu suchen,<br />

sodass ich die ganze Woche von <strong>Einsiedeln</strong> fort bin. Es lag also<br />

nicht in meiner Macht, irgendwie zur Verhütung dieses Vorfalles<br />

etwas beizutragen. Meine Frau hat den fraglichen Gast in der<br />

Wirtschaft energisch zur Ruhe gemahnt und was sich dann später<br />

<strong>im</strong> Schlafz<strong>im</strong>mer zugetragen hat, wird man einem Wirt oder<br />

Wirtin nicht zumuten können, dass sie bei den Schlafgänger die<br />

ganze Nacht hindurch – Z<strong>im</strong>merwacht – halten müssen. Und<br />

wie der Vorfall geschah, ist der wahre Tatbestand folgender:<br />

Infolge unvorsichtiger Bewegungen stiess genannter Gast an<br />

das kleine Tischchen, auf welchem die Statue stand und die<br />

dann auf den Boden fiel und in etliche Stücke zerbrach. Um die<br />

Scherben nicht in die Füsse eindringen zu lassen, wurden die<br />

Stücke gesammelt und in das Freie geworfen, ohne den lügnerischen<br />

Ausdruck <strong>im</strong> ‹Einsiedler Anzeiger›: ‹Abe mit der liebe<br />

Mueter Gottes!› Dies der wahre Vorgang. Aber nach dem<br />

beliebten Rezept, den politischen Gegner dadurch mundtot zu<br />

machen, dass man ihm jede Existenzmöglichkeit raubt, soll <strong>im</strong>mer<br />

auch gegen mich vorgegangen werden. Im Uebrigen wird<br />

sich dann Jurist Dr. Bölsterli daran erinnern können, dass es<br />

Gesetzesparagraphen gibt, die die Kreditschädigung betreffen.»<br />

(SD 4.9.1920).<br />

Erst über ein Jahr später stand fest, dass die Statue nicht<br />

absichtlich zerbrochen wurde, die Wirtsleute zur Hofstatt kein<br />

Verschulden traf und die erhobenen und verleumderischen<br />

Vorwürfe unbegründet waren. Der «Einsiedler Anzeiger» musste<br />

eine Richtigstellung publizieren (EA 25.5.1921). «Hinter der<br />

ganzen Geschichte steckte natürlich die ‹nächstenliebende›<br />

Absicht, der sozialdemokratischen Arbeiterschaft und ihren<br />

Führern eins ans Bein zu wischen, denn der Zweck (ist gleich<br />

was für einer) heiligt doch das Mittel! Allein Bölsterli hatte diesmal<br />

die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Gutmütigkeit<br />

von Herrn Kantonsrat Bruno Kälin ist es zu verdanken, dass die<br />

ganze Geschichte so gütlich abgemacht werden konnte.» (SD<br />

3.6.1921).<br />

Es muss davon ausgegangen werden, dass diese Geschichte<br />

dem persönlich betroffenen Parteipräsidenten und<br />

Kantonsrat Bruno Kälin zugesetzt hat. Im September 1921 gab<br />

er seine Abreise aus <strong>Einsiedeln</strong> und seine Wohnsitznahme in<br />

Thalwil bekannt, wo er zusammen mit seiner Frau das Restaurant<br />

«Central» übernahm. Entsprechend demissionierte er<br />

auch als Kantonsrat. Die Wirtschaft zur «Hofstatt» wurde vom<br />

bekannten Musiker Johann Fuchs, «Hudeli-Johann», übernommen<br />

(EA 1.10.1921).<br />

Die Arbeiterpartei kommentierte, dass sie durch diesen<br />

Wegzug «des treuen, unvergesslichen Genossen einen<br />

schweren Verlust» erleide. So sollte es mittelfristig auch kommen.<br />

Das frei gewordene Kantonsratsmandat beanspruchte<br />

sie aber weiterhin für sich (SD 17.9.1921).<br />

Der Nachfolger von Bruno Kälin als Präsident der Arbeiterpartei<br />

<strong>Einsiedeln</strong> ist nicht bekannt.<br />

Kantonsrat Daniel Kürzi<br />

Für die Ersatzwahl vom 16. Oktober 1921 portierte die Partei<br />

Daniel Kürzi, SOB-Lokomotivführer. Die Liberalen und Konservativen<br />

verzichteten auf eine Teilnahme und Letztere empfahl<br />

ihren Mitgliedern überdies, an der Wahl gar nicht teilzunehmen.<br />

«In aller Stille, ohne irgendwelche vorhergegangene Agitation<br />

Daniel Franz Kürzi wurde am 9. Juli 1875 in <strong>Einsiedeln</strong> geboren. Seine Eltern waren<br />

Meinrad Adelrich Kürzi (1843-1887) und Josepha Keller (1843-1921).<br />

Nach dem Tod seiner ersten Frau, Aloisia Apollonia Kälin (1882-1906), aus welcher<br />

Sohn Josef (1904-1990) entstammte, heiratete er Berta Seeholzer (1875-1958).<br />

Daniel Kürzi war während 33 <strong>Jahre</strong>n bis zu seiner Pensionierung 1929 Lokomotivführer.<br />

Er wohnte an der Nordstrasse 13 <strong>im</strong> Haus «Bahnblick» (später «Buche»).<br />

Er war der zweite Einsiedler <strong>SP</strong>-Kantonsrat (1921-1924), jahrelang Mitglied der<br />

Armenpflege (1930-1945), Schulrat (1932-1944) und auch Mitglied der Verkehrsund<br />

Industriekommission (1940-1944). «In den <strong>Jahre</strong>n seiner Gesundheit fehlte<br />

Genosse Daniel Kürzi nie am Parteitag der schwyzerischen Arbeiterpartei. Seine<br />

überlegten Worte fanden <strong>im</strong>mer wieder Verständnis. Der stille Kämpfer und Pionier<br />

der Arbeiterbewegung <strong>im</strong> finstern Walde blieb auch bis zu seinem Tode dem<br />

Sozialismus treu. Nie kam er ins Wanken.» (SD 29.3.1945).<br />

Daniel Kürzi war der Cousin des Herausgebers und Redaktors des «Schwyzer<br />

Demokrat», Josef Kürzi-Schnellmann (1888-1946) und der Grossonkel des späteren<br />

liberalen Einsiedler Regierungsrates Marcel Kürzi (1929-2001).<br />

Daniel Kürzi verstarb am 23. März 1945.<br />

46


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

vollzog sich letzten Sonntag in hier die Kantonsratsersatzwahl<br />

und wurde gewählt mit 53 St<strong>im</strong>men Genosse Daniel Kürzi.» (SD<br />

22.10.1921). Pikant ist, dass nur 59 St<strong>im</strong>mende an der Wahl teilgenommen<br />

hatten, was mindestens auf Seiten der bürgerlichen<br />

Jungmannschaft Missfallen erregte (EA 16.11.1921).<br />

Am 16. Oktober 1921 tagte in der «Hofstatt» der schwyzerische<br />

sozialdemokratische Arbeiterbund («Arbeiterunion»),<br />

verabschiedete seine Statuten und nannte sich fortan (auch)<br />

«Schwyzerischer Arbeiterbund».<br />

Etwas für die Waldstatt <strong>Einsiedeln</strong> Unerwartetes geschah<br />

am 14. November 1921. Vor dem Rathaus kam es zu einer<br />

Demonstration einer erheblichen Anzahl Arbeitsloser. Sie verlangten<br />

vom <strong>Bezirk</strong>srat, dass er für ausreichende und auch<br />

recht bezahlte Arbeit besorgt sein solle (SD 19.11.1921).<br />

Am 3. Dezember 1921 fand in der «Hofstatt» die übliche Monatsversammlung<br />

statt. Thema bildete unter anderem das Notstandsbüro<br />

des <strong>Bezirk</strong>s, mit welchem es von Tag zu Tag mehr<br />

Schwierigkeiten gebe (SD 3./24.12.1921).<br />

Erste Erfolge und ein Staatsschutzgesetz<br />

Im Februar 1922 zeigte sich in <strong>Einsiedeln</strong> weiterhin ein wirtschaftlich<br />

trostloses Bild. Mit den Notstandsarbeiten war<br />

wieder Schluss und es musste den meisten Arbeitslosen<br />

Barunterstützung geleistet werden. Dank der günstigen Witterungsverhältnisse<br />

vermochten <strong>im</strong>merhin die Fuhrleute viel<br />

Holz ab den Lagerstätten zu führen. Thema bildete natürlich<br />

wiederum der Sihlsee und die Frage, wann dieser komme (SD<br />

18.2.1922). «Die allgemeine wirtschaftliche Krisis, der flaue<br />

Geschäftsgang in den hiesigen graphischen Gewerben, der<br />

Rückgang der Holz- und Torfindustrie, die Abnahme des Fremden-<br />

und Pilgerverkehrs und der Ueberfluss an Arbeitskräften<br />

bei der Bauernsame haben speziell in unserem <strong>Bezirk</strong> einen<br />

also beängstigenden Grad der Verdienstlosigkeit herbeigeführt.»<br />

(EA 18.2.1922). Angeregt wurden von den Einsiedler<br />

Arbeiter- und Berufsverbänden darum weitere Notstandsarbeiten:<br />

Korrektion der unteren Alp, Kanalisation des Dorfbaches,<br />

Erweiterung der Schwanenstrasse, Verbesserung der<br />

Ochsnerstrasse, Friedhoferweiterung und Errichtung einer<br />

Badanstalt.<br />

Scharmützel ergaben sich mit dem christlich-sozialen Arbeitersekretariat<br />

über die Frage, wer für die Arbeitslosen was<br />

für «praktische Arbeit» leiste. «Was will die Sozialdemokratie?<br />

Die Sozialdemokratie will einen Zustand schaffen, bei dem<br />

jeder Mensch, der etwas Nützliches, sei es in geistiger oder<br />

körperlicher Hinsicht, leistet, eine anständige Existenz findet,<br />

sich seines Daseins freuen und ohne Sorgen in die Zukunft<br />

blicken kann. (...) Die Sozialdemokratie will nicht, wie die Gegner<br />

so naiv behaupten, den Wohlstand der Andern zerreissen<br />

und teilen, oder den Glauben aus den Herzen reissen. Ein jeder<br />

soll selig werden nach seiner Fasson, jeder kann glauben,<br />

was er für gut und recht findet. Die Sozialdemokratie verlangt<br />

volle Gleichberechtigung. Die Produktionserzeugnisse und die<br />

Produktionsmittel sollen Allgemeingut werden. Alle sollen Anteil<br />

an dem haben, was die Menschheit erzeugt und die Erde<br />

hervorbringt. Das ist unser Ziel! Das will die Sozialdemokratie!»<br />

(SD 25.2.1922).<br />

Im März 1922 beschwerte sich die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>,<br />

dass sie bei der Eingabe des christlich-sozialen Arbeitersekratariates<br />

an den Schwyzer Regierungsrat von diesem<br />

übergangen wurde. Das eidgenössische Arbeitsamt wies zudem<br />

eine Beschwerde der Partei betreffend Arbeitslosenunterstützung<br />

ab (EA 8./11.3.1922).<br />

Erfolg hatte die Partei hingegen mit ihrem Einsatz gegen<br />

den an der <strong>Bezirk</strong>sgemeinde <strong>im</strong> März 1922 erhobenen Antrag<br />

auf Abschaffung der Abgabe unentgeltlicher Lehrmittel. Dieser<br />

scheiterte mit grossem Mehr (SD 11.3.1922).<br />

Am 28. März 1922 hielt die Arbeiterpartei in der «Hofstatt»<br />

eine Volksversammlung ab, die aber sehr schwach besucht<br />

war. Referiert wurde über die «Lex Häberlein», gegen welche<br />

Unterschriften für ein Referendum gesammelt wurde (EA<br />

1.4.1922). Diese Gesetzesvorlage, benannt nach dem Urheber,<br />

Bundesrat Heinrich Häberlin, hatte zum Ziel, die Staatsschutzbest<strong>im</strong>mungen<br />

des Bundesrechts zu verschärfen, und<br />

richtete sich klar gegen sozialistische und kommunistische<br />

Gruppierungen. Diesen gab man die Schuld an den seit 1918<br />

vermehrt auftretenden Streiks und Strassenunruhen. Befürchtet<br />

wurde auch eine propagandistische Unterwanderung der<br />

Armee und anderer staatlicher Behörden.<br />

An den Maiwahlen 1922 beteiligte sich die Partei nicht.<br />

Diese endeten mit einem Sieg der konservativen Partei und<br />

einer Niederlage der Liberalen. Der Wahlkampf sei sehr leidenschaftlich<br />

geführt worden: mit Flugblättern, Wahlplakaten<br />

und Extraausgaben von Wahlzeitungen (SD 13.5.1922). Die<br />

Konservativen hatten den Christlichsozialen einen zweiten<br />

«Arbeitervertreter» <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>srat zugestanden (EA 6.5.1922).<br />

Die «Lex Häberlein», gegen welche das Referendum zustande<br />

gekommen war, beschäftigte die Einsiedler Sozialdemokraten<br />

erneut an ihrer Monatsversammlung vom 5. August<br />

1922. Traktandiert war auch die Revision des Art. 41 des Fabrikgesetzes,<br />

welche dem Bund die Möglichkeit geben wollte,<br />

die wöchentliche Arbeitszeit bis auf 54 Stunden zu verlängern.<br />

Der Besuch auch dieser Versammlung war schwach. «Das<br />

konnte aber unseren bewährten Referenten Sekretär Heinzer<br />

nicht bewegen, sein wohldurchdachtes und stark gewürztes<br />

Referat nicht abzuhalten. Er hat damit seine Aufgabe, uns den<br />

proletarischen Geist wieder aufzuwecken und aufzufrischen,<br />

vollauf erfüllt. Das Referat wäre etwas für unsere saumseligen<br />

Mitglieder gewesen.» (SD 12.8.1922). Die Konservativen<br />

sprachen nicht von der «Lex Häberlein», sondern vom Umsturzgesetz.<br />

Für eine Annahme desselben setzte sich in der<br />

öffentlichen Volksversammlung in <strong>Einsiedeln</strong> unter anderem<br />

Ständerat Martin Ochsner ein.<br />

Im Herbst stieg die Zahl der Arbeitslosen in <strong>Einsiedeln</strong> bis<br />

47


gegen 200. Der <strong>Bezirk</strong>srat beschloss angesichts der trüben<br />

Arbeitsaussichten <strong>im</strong> Winter Vorbereitungen für neue Notstandsprojetkte<br />

zur Beschaffung von Arbeitsgelegenheiten.<br />

Auch die am 16. September 1922 von der Arbeiterpartei<br />

<strong>Einsiedeln</strong> in der «Hofstatt» abgehaltene öffentliche Versammlung<br />

widmete sich erneut dem Kampf gegen die «Lex Häberlein»,<br />

«das jede freie Meinungsäusserung und besonders<br />

auch die Pressefreiheit knebelnde Zuchthausgesetz.» (SD<br />

16.9.1922). Es referierte erneut Arbeitersekretär Josef Heinzer<br />

aus Goldau.<br />

Die «Lex Häberlein» bzw. das Umsturzgesetz wurde vom<br />

Schweizervolk am 24. September 1922 – etwas überraschend<br />

– deutlich verworfen. Offenbar wünschte sich dieses keine polizeistaatlichen<br />

Methoden zur Lösung der gesellschaftlichen<br />

Konflikte. Im Kanton Schwyz und <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> wurde<br />

es jedoch mit 5‘163 Ja : 4‘899 Nein bzw. 805 Ja : 533 Nein<br />

angenommen.<br />

Nationalratswahlen und<br />

Vermögenssteuerinitiative<br />

«Wir glauben kaum, dass das Schwyzervolk für einen ‹roten›<br />

Nationalrat zu haben sein wird, Immerhin dürfen die bürgerlichen<br />

Wähler nicht hinterm Ofen bleiben.», meinte der «Einsiedler<br />

Anzeiger» am 21. Oktober 1922 mit Blick auf die<br />

anstehenden Nationalratswahlen und den von den Sozialdemokraten<br />

als Kandidaten portierten Johann Wattenhofer, alt<br />

<strong>Bezirk</strong>sammann, und Josef Heinzer, Arbeiter-Sekretär.<br />

Aus <strong>Einsiedeln</strong> war <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» zu lesen: «Mit<br />

Genugtuung hat man auch hier in <strong>Einsiedeln</strong> die Kunde von der<br />

Aufstellung eines Arbeiterkandidaten für den Nationalrat vernommen.<br />

Es gibt auch hier Leute, die einem wirklichen Arbeiterkandidaten<br />

sympatisch gegenüber stehen. Und hauptsächlich<br />

<strong>im</strong> Kanton Schwyz ist es wirklich sehr notwendig, wenn sich<br />

die Arbeiterschaft zu regen beginnt. (…) In keinem Fall dürften<br />

wir uns von irgend einer Seite das Gruseln einjagen lassen, wie<br />

dies bereits in unserm Einsiedler Systemblatt, dem konservativen<br />

‹Eins.-Anz.› geschieht. (…) Einsiedler Arbeiter, Handwerker<br />

und Kleinbauern steht zusammen, seid einig und lasst euch<br />

vom ‹Anzeiger› nicht verhetzen; wir sind uns zwar der Hetzerei<br />

dieses Blattes gewohnt und machen nicht mehr viel daraus, darum<br />

alles von uns an die Urnen, in den Vierteln, wie <strong>im</strong> Dorf.»<br />

(SD 28.10.1922). In der selben Ausgabe erschien dann auch<br />

folgender «Wahlspruch»:<br />

«Arbeitsmann, denk‘ an die Tagen<br />

Unsrer weisen Magistraten,<br />

Wenn du wählst; - vor allen Dingen<br />

St<strong>im</strong>me nicht den Häberlingen,<br />

keinem Geldsack-Advokaten,<br />

Säbelrassler und Magnaten,<br />

keinem Geldsackpatrioten;<br />

Schwarz und gelben Idioten.<br />

Wähle keinen Grossviehhändler,<br />

Schieber und verwandte Gängler,<br />

Räuber des Achtstundentages,<br />

Abt und Leute seines Schlages,<br />

keine Lohnabbau-Doktoren;<br />

Die dir blank das Fell geschoren.<br />

Wenn du wirst zur Urne schreiten,<br />

Lass dich von der Wahrheit leiten:<br />

«Nur die allergrössten Kälber<br />

Wählen ihre Metzger selber!»<br />

Die Wahlaufrufe fruchteten indessen noch nicht. «Ein Aufatmen<br />

geht durch die bürgerlichen Kreise. Wie schon vor drei<br />

<strong>Jahre</strong>n ist der sozialdemokratische Ansturm auch diesmal abgeschlagen<br />

worden und die bürgerliche Liste auf der ganzen<br />

Linie siegreich geblieben.» (EA 1.11.1922). Die Konservativen<br />

vereinigten <strong>im</strong> Kanton 18‘366 St<strong>im</strong>men auf ihre Kandidaten,<br />

die Liberalen 9‘566 und die Arbeiterpartei 7’933. In <strong>Einsiedeln</strong><br />

gingen 455 St<strong>im</strong>men für letztere ein.<br />

Die Nationalratswahlen standen, wenigstens <strong>im</strong> Kanton<br />

Schwyz, unter den Vorzeichen des am 3. Dezember 1922<br />

in der Schweiz zur Abst<strong>im</strong>mung gelangenden sozialdemokratischen<br />

Initiativbegehrens betreffend Vermögensabgabe.<br />

«Lappi tue d‘Auge uf hast du gleichzeitig geschrieben. Sie haben<br />

die Augen offen behalten die zirka 11‘500 bürgerlichen<br />

Wähler und gesehen, was der Sozialismus und Du, ‹Schwyzer<br />

Demokrat› für einen Gaunerschlag auf den 3. Dezember ausgebrütet<br />

haben.» (EA 4.11.1922).<br />

Auch die Arbeiterpartei befasste sich an ihrer Monatsversammlung<br />

v. 2. Dezember 1922 in der «Hofstatt» mit dieser<br />

Vorlage. Die Parolenfassung ist nicht bekannt, dürfte aber<br />

klar auf Annahme gelautet haben. Die bürgerlichen Parteien<br />

liefen Sturm gegen diese – wie sie sie nannten – «sozialistische<br />

Raubinitiative», welche eine einmalige Vermögens-<br />

48


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

abgabe vorsah, aber als Expropriation betrachtet wurde.<br />

Argumentiert wurde auch, dass diese hauptsächlich die<br />

Korporationen <strong>im</strong> Kanton treffe. Der Schwyzer Kantonsrat<br />

hat an seiner Sitzung sogar unter Namensaufruf eine ablehnende<br />

Abst<strong>im</strong>mungsparole herausgegeben. Die sozialdemokratischen<br />

Kantonsräte hatten sich unter Protest ihrer<br />

St<strong>im</strong>me enthalten (EA 2.12.1922). Das Abst<strong>im</strong>mungsresultat<br />

war für die Sozialdemokraten niederschmetternd (730‘584<br />

Nein : 109‘484 Ja).<br />

Das Warten auf das Etzelwerk und die<br />

Zollinitiative<br />

Schon <strong>im</strong> Oktober 1919 äusserten die Einsiedler Sozialdemokraten<br />

<strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat», dass man mit Sehnsucht auf<br />

den schon längst projektierten Sihlsee warte, der Arbeit in die<br />

Waldstatt bringen soll (SD 11.10.1919).<br />

Es sollten aber noch einmal drei <strong>Jahre</strong> ins Land ziehen,<br />

bis wieder Bewegung in die Angelegenheit kam. «Schon lange<br />

hat unser Systemblatt [der «Einsiedler Anzeiger»] gegen<br />

diesen geplanten Sihlsee gepoltert, was das Zeug hielt. Fortschritt<br />

kennt diese Richtung bekanntlich ja nicht. Aber müssen<br />

wir Einsiedler Geschäftsleute und Arbeiter denn <strong>im</strong>mer auf das<br />

Gekläffe dieses Klosterblattes hören? Mit der Konzessionierung<br />

des Sihlsees bringen wir Arbeitern, Geschäftsleuten und<br />

Bauern den so willkommenen Verdienst ins Land! Noch <strong>im</strong>mer<br />

haben wir hier noch eine grosse Zahl Arbeitslose; diese wollen<br />

statt magere Unterstützung lieber Arbeit, die mit dem Sihlsee<br />

in reichlichem Masse geboten wird!» (SD 18.11.1922).<br />

Im Dezember 1922 tagte zwar wieder einmal die Etzelwerkkommission,<br />

doch ging die Angelegenheit weiterhin «nid ab<br />

Tätsch». Der sozialdemokratische «Schwyzer Demokrat» fand<br />

erneut deutliche Worte: «Den nicht mehr nüchtern Denken könnenden<br />

und fanatisch gewordenen gewissen konservativen<br />

Politikern gibt die nun ins akute Stadium getretene Sihlseefrage<br />

je länger je mehr auf die Nerven. Am liebsten würden sie,<br />

alle, ‹die Auchfortschrittler›, dieses Werk zum Kuckuck wünschen.<br />

Was fragen sie der allgemeinen Wirtschaftskrisis, dem<br />

Tiefstand der Wallfahrt und der damit verbundenen Schwächung<br />

unserer Hauptindustrie und der stets zunehmenden Arbeitslosigkeit<br />

nach, trotzdem ganz sicher voraus zu sehen ist,<br />

dass es noch <strong>Jahre</strong> braucht, bis sich die hiesige Gebetbüchli-<br />

Industrie und die Wallfahrt wieder hebt! (…) Wer am meisten<br />

gegen den Sihlsee sperrt, das ist heute ein altes Gehe<strong>im</strong>nis,<br />

es sind gewisse konservative Angstpolitiker, die wegen einem<br />

‹Sesseli› alles zusammenlegen um das grossartig projektierte<br />

Werk zu verhindern. Dann ist‘s natürlich auch das Kloster, das<br />

sperrt und an seine alten ‹historischen› Rechte erinnert! (…)<br />

Wenn einer für den Sihlsee schreibt, dann wird bei ihm die<br />

politische Farbe angeschaut und je nach dem in der konservativen<br />

Presse kritisiert. (…) Die Konzessionsgemeinde naht nun,<br />

und da kommt den Schlaumeiern plötzlich der demokratische<br />

Gedanke in den Sinn, diese Schicksalsfrage <strong>Einsiedeln</strong>s nicht<br />

unter dem Einflusse augenblicklicher St<strong>im</strong>mungsmache durch<br />

die öffentliche Gemeinde, sondern in gehe<strong>im</strong>er Abst<strong>im</strong>mung<br />

beantworten zu lassen.» (SD 5.1.1923).<br />

49


Im Frühjahr 1923 war die Arbeitslosigkeit auch wieder <strong>im</strong> Steigen<br />

begriffen. «Die Zukunft stellt ein betrübendes Bild dar für<br />

den Arbeiter. Es werden Notstandsarbeiten durchgeführt, was<br />

zu begrüssen ist. Der Lohn, der aber bezahlt wird, steht nicht in<br />

Einklang der Lebensmittelpreise.» (SD 17.3.1923).<br />

Die Arbeiterpartei hielt am 13. Januar 1923 ihre letzte bekannte<br />

Generalversammlung in der «Hofstatt» ab. Deren Beschlüsse<br />

sind nicht bekannt. Am 25. Februar 1923 fand am<br />

selben Ort auch der ordentliche Parteitag der Kantonalpartei<br />

unter dem Vorsitz von Präsident Wüest, Steinen, statt. Diskutiert<br />

wurde über einen weiteren Ausbau des «Schwyzer Demokrat»<br />

und ein einheitliches Vorgehen in Abst<strong>im</strong>mungs- und<br />

Wahlzeiten. Angeregt wurde auch die Schaffung eines kantonalen<br />

Automobilgesetzes. Die Sektionen wurden zudem<br />

aufgerufen für die am 15. April 1923 zur Abst<strong>im</strong>mung gelangende<br />

Zollinitiative Propaganda zu machen. «Wir wollen keine<br />

künstliche Hochhaltung der Preise für Lebensmittel, Kleider,<br />

Schuhe und andere notwendigen Gebrauchsartikel. Darum<br />

st<strong>im</strong>men wir am Sonntag für die Zoll-Initiative. Wir st<strong>im</strong>men Ja!»<br />

(SD 14.4.1923). Demgegenüber polterte der «Einsiedler Anzeiger»:<br />

«Mitbürger! Durch die Zollinitiative will die Sozialdemo-<br />

50<br />

kratie dem Bunde siebzig Millionen Franken jährliche Einnahmen<br />

rauben und so die Eidgenossenschaft finanziell ruinieren.<br />

Gleichzeitig sollen Industrie, Gewerbe, Handwerk und namentlich<br />

die Landwirtschaft der Schleuderkonkurrenz des Auslandes<br />

schutzlos preisgegeben werden. Selbst der Abschluss<br />

guter Handelsverträge für unsere Ausfuhr würde unmöglich.<br />

(…) Verhütet ein grosses Landesunglück!» (EA 11.4.1923).<br />

Auch diese sozialdemokratische Vorlage wurde vom<br />

Schweizervolk deutlich verworfen (in <strong>Einsiedeln</strong> 962 Nein:<br />

116 Ja). «Die schweizerische Sozialdemokratie hat infolge der<br />

vielen Schlappen, die sie in der letzten Zeit erlitten hat, viel<br />

von ihrem früheren Selbstbewusstsein eingebüsst.» meinte danach<br />

der «Einsiedler Anzeiger» am 9. Mai 1923. Tatsächlich<br />

wurde es in <strong>Einsiedeln</strong> während der nächsten Jahr still um die<br />

Partei.<br />

In <strong>Einsiedeln</strong> stand weiterhin die Sihlseefrage und die Ansiedlung<br />

von Industrie in der öffentlichen Diskussion. Auch die<br />

Liberalen, allen voran Oberst Karl Gyr (1874-1930), votierten<br />

nebst den Sozialdemokraten mit Vehemenz und aus Überzeugung<br />

für die Erstellung des Etzelwerks. Die gewohnten Pilger,<br />

vorab aus Deutschland und Österreich, blieben nach dem<br />

Krieg nämlich weiterhin<br />

aus und ein Sihlsee<br />

könnte der Krise Abhilfe<br />

schaffen und Verdienst<br />

bringen.<br />

Die Industrie kam<br />

nicht und die Wallfahrt<br />

begann <strong>im</strong> Jahr 1924<br />

nurmehr zögerlich. «Skifahren<br />

ist jetzt Trumpf.<br />

Wenn die Wallfahrerei<br />

nicht zieht, dann kommt<br />

der Sport an die Reihe.»<br />

(SD 5.1.1924). <strong>Einsiedeln</strong><br />

schickte sich an zum<br />

Wintersportort zu werden,<br />

was natürlich einen<br />

willkommenen Ersatzverdienst<br />

in die Waldstatt<br />

brachte. Andere<br />

widmeten sich dem<br />

«Ysne», der Eisbeute,<br />

auf dem Langrüti- und<br />

Trachslauer- Weiher.<br />

«‹Familienglück ist Volkes Glück› – St<strong>im</strong>mt NEIN am 17. Februar», am 15. Februar 1924 gelaufene<br />

Werbe-Postkarte zur Abst<strong>im</strong>mung.<br />

Wirtschaftliche Vorteile<br />

erhoffte man sich<br />

auch mit der Wiederaufnahme<br />

der Aufführung<br />

geistlicher Spiele<br />

(Calderon’s «Das Grosse<br />

Welttheater»).


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Politisch von Bedeutung war 1924 die Volksabst<strong>im</strong>mung über<br />

die Revision von Art. 41 des Fabrikgesetzes vom 17. Februar,<br />

welche eine Arbeitszeitverlängerung vorsah. «Verflossene Woche<br />

sind von sozialistischer Seite <strong>im</strong> Dorf und auf den Vierteln<br />

Flugschriften verteilt worden, die mit scharfen Sätzen zur Verwerfung<br />

des diesen Monat zur Abst<strong>im</strong>mung kommenden Gesetzesentwurfes<br />

agitieren!» (EA 9.2.1924). Die Vorlage wurde<br />

schweizweit, <strong>im</strong> Kanton Schwyz und sogar in <strong>Einsiedeln</strong> abgelehnt.<br />

Während der «Schwyzer Demokrat» von einem «weithin<br />

sichtbaren Gedenkstein in der Geschichte der schwyzerischen<br />

Arbeiterbewegung» sprach (SD 22.2.1924), kommentierte der<br />

«Einsiedler Anzeiger»: «Es ist dies ein Resultat, das man von<br />

<strong>Einsiedeln</strong> nicht erwartet hätte.»<br />

Verlust des Kantonsratsmandats, die Initiative<br />

Rothenberger und ein roter Nationalrat<br />

Der «Einsiedler Anzeiger» äusserte sich am 19. April 1924 zu<br />

den anstehenden Kantonsratswahlen: «Die derzeitigen wirtschaftlichen<br />

Verhältnisse der Waldstatt verlangen, dass dem<br />

Volke die Aufregung eines Wahlkampfes und dessen Folgen<br />

erspart bleiben. In diesem Bestreben haben sich die drei<br />

bürgerlichen Parteien für die kommenden Wahlen auf einen<br />

Kompromiss geeinigt, der anderseits auch der sozialdemokratischen<br />

Arbeiterpartei den bisher innegehabten Sitz <strong>im</strong><br />

Kantonsrat nicht streitig macht.»<br />

Um so überraschter waren die drei bürgerlichen Parteien,<br />

als innert Frist auf dem Wahlbüro der <strong>Bezirk</strong>skanzlei kein<br />

Vertreter der sozialdemokratischen Partei erschien, und somit<br />

auch keine Liste eingereicht wurde. Aus späteren Aufzeichnungen<br />

muss geschlossen werden, dass die Partei den<br />

Termin «vergessen» hatte! Der 14. Kantonsratssitz wurde in<br />

der Folge der konservativen Volkspartei zugeschanzt. Der<br />

<strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> entsandte damit neun Konservative, die<br />

Bauern- und Bürgerpartei drei und die liberale Partei zwei<br />

Vertreter nach Schwyz.<br />

Dieser kampflose, selbstverschuldete Verlust des Kantonsratsmandates<br />

war der zweite Tiefschlag nach dem Wegzug<br />

des Gründungspräsidenten. Aufgrund jeglicher weiterer<br />

Informationen muss davon ausgegangen werden, dass die<br />

Partei ihre Aktivitäten in der Folge weitgehend einstellte.<br />

Dies hinderte den «Einsiedler Anzeiger» jedoch nicht, weiterhin<br />

gegen die verhassten Sozialisten zu wettern. P. Cölestin<br />

Muff kam in seinem Beitrag «Der Sozialist» zu Wort und<br />

äusserte darin: «Wer ein Christ ist, der ist kein Sozialist und<br />

wer Sozialist geworden, der kann nicht mehr Christ sein.» (EA<br />

4.6.1924). Im November brachte die Zeitung selber ihre Haltung<br />

auf den Punkt: «Was uns vom Sozialismus trennt, das ist<br />

der Klassenhass und der Klassenkampf. Die Klassenkampftheorie<br />

des Sozialismus öffnet eine Kluft zwischen uns und<br />

den Sozialisten, die niemals überbrückt werden kann. Die Kirche<br />

kennt keinen Klassenkampf, sondern nur ein Evangelium<br />

der Liebe: nicht Hass, sondern Versöhnung, nicht Klassenhass,<br />

sondern Klassenversöhnung.» (EA 19.11.1924).<br />

Am 24. Mai 1925 gelangte die sog. «Initiative Rothenberger»<br />

zur Abst<strong>im</strong>mung, benannt nach ihrem Urheber, dem<br />

freisinnigen Nationalrat Christian Rothenberger. Sie hatte<br />

zum Ziel, auf dem Wege der Gesetzgebung die Invaliditäts-,<br />

die Alters- und die Hinterlassenenversicherung einzuführen.<br />

Die Sozialdemokraten unterstützten diese Vorlage natürlich,<br />

währenddem sie von den Konservativen bekämpft wurde. An<br />

der Volksversammlung in <strong>Einsiedeln</strong> votierte Nationalrat Vital<br />

Schwander entschieden für eine Ablehnung: «Sie würde<br />

die gegenwärtige vorübergehende Kriegssteuer auf fast unabsehbare<br />

Zeit verlängern, sie müsste die Kantone und Gemeinden<br />

neu belasten und der ohnehin mit Steuern reich gesegneten<br />

Bevölkerung neue drückende Steuern aufbürden.»<br />

Die Initiative erlitt an der Urne eine deutliche Niederlage und<br />

wurde in <strong>Einsiedeln</strong> mit 912 Nein- zu bloss 194 Ja-St<strong>im</strong>men<br />

abgeschmettert.<br />

Im Herbst desselben <strong>Jahre</strong>s standen wiederum Nationalratswahlen<br />

an. «Wenn man sich an das erinnert, was die Sozialisten<br />

anlässlich der letzten Nationalratswahlen an Wahlvorbereitung<br />

und Agitation für ihre Kandidaten geleistet haben,<br />

so weiss man sofort, dass es auch diesmal heiss auf heiss<br />

gehen wird. Die Sozialisten werden alle Hebel in Bewegung<br />

setzen, um das seit <strong>Jahre</strong>n mit aller Hartnäckigkeit verfolgte<br />

Ziel eines roten Nationalratsmandates diesmal zu erreichen.»<br />

meinte der «Einsiedler Anzeiger» am 7. Oktober 1925.<br />

Die Schwyzer «Arbeiter-Union» portierte zum vierten Male<br />

Johann Wattenhofer, Siebnen, als Nationalratskandidaten<br />

und Arbeitsekretär Josef Heinzer als Ersatzkandidaten.<br />

«Mit dem Herannahen der Wahlen vom 25. Oktober wird<br />

die sozialistische Hetze <strong>im</strong>mer intensiver. Schon seit Monaten<br />

hat die rote Presse mobilisiert und ihre Leserschaft mit<br />

Schlagwörtern und Phrasen überfüttert. (…) Aber die Dummheit<br />

stirbt nicht aus, und das ist es was den Sozialismus am<br />

Leben erhält.» (EA 17./21.10. und 21.10.1925). «Wenn du Grütz<br />

<strong>im</strong> Kopf, Mark in den Knochen und ein Herz <strong>im</strong> Leibe hast,<br />

wirst Du keinen Sozialisten nach Bern schicken, sondern ins<br />

Pfefferland.» (EA 21.10.1925).<br />

Es kam anders. Die Schwyzer Sozialdemokraten waren<br />

auf Augenhöhe mit den Liberalen und errangen mit Johann<br />

Wattenhofer, Siebnen, zu Lasten der Konservativen das erste<br />

Nationalratsmandat <strong>im</strong> Kanton Schwyz. Im <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

betrug der Wähleranteil der sozialdemokratischen Liste<br />

14.5%. Nach den Wahlen konnte man noch einmal von der<br />

Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> lesen. Im Hinblick auf die kommenden<br />

<strong>Bezirk</strong>swahlen wurde <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» gemahnt,<br />

dass die liberale «Neue Einsiedler Zeitung», die bislang als<br />

loyal wahrgenommen wurde, von ihrer Hetzerei, wie sie diese<br />

während der Nationalratswahlen betrieben hatte, ablasse.<br />

«Will die liberale Partei die Mithilfe der Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>s,<br />

dann wird sie ihre Hefte wohl oder übel wieder revidie-<br />

51


en müssen. Dies nur zum guten Rat!» (SD 30.10.1925).<br />

Im Dezember 1925 nahmen Volk und Stände den Verfassungsartikel<br />

betreffend Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung<br />

an. Der <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> hatte auch diese<br />

Vorlage mit 715 Nein gegen 634 Ja abgelehnt.<br />

Das Etzelwerk kommt!<br />

In wirtschaftlicher Sicht ruhten die Hoffnungen und Erwartungen<br />

der Einsiedler weiterhin auf dem Etzelwerk. 1925 fingen<br />

die Schweizerischen Bundesbahnen mit Landkäufen <strong>im</strong><br />

Die «Konzessionsgemeinde» vom 28. November 1926 wird mit einem Gebet eröffnet.<br />

Sihlseegebiet an und fanden Konferenzen mit dem <strong>Bezirk</strong>srat<br />

<strong>Einsiedeln</strong> bezüglich der Verwirklichung des Werkes statt.<br />

Am 26. August 1925 tagte eine erweiterte Etzelwerkkommission<br />

und beriet über einen Zusatzvertrag zum Konzessionsvertrag.<br />

Der <strong>Bezirk</strong>srat suchte damit Zusicherungen zu erhalten.<br />

Dieser kam noch <strong>im</strong> selben Jahr zustande.<br />

Eine gewaltige Aufgabe bestand in der Um- bzw. Neuansiedlung<br />

sowie der Entschädigung der von ihrem Land Vertriebenen.<br />

Über die Hälfte des benötigten Landes befand sich in<br />

privaten Händen. 356 He<strong>im</strong>wesen mit einer Bevölkerung von<br />

1‘762 Personen waren durch das Stauwerk betroffen.<br />

Nachdem die Verhandlungen über das Etzelwerk nun ihrem<br />

Abschlusse zugingen stieg die Spannung. «Während die<br />

Bürger des Dorfes <strong>Einsiedeln</strong> und einiger <strong>im</strong> Sihlseegebiet<br />

liegenden Dörfer für den See St<strong>im</strong>mung machen, (…) wirken<br />

die Bewohner der südwärts liegenden Dörfer gegen den Bau<br />

des Etzelwerkes.» (SD 19.2.1926). Der konservativen Redaktion<br />

des «Einsiedler Anzeigers» wurde weiterhin vorgehalten<br />

gegen das Projekt eingestellt zu sein, obwohl sie «die St<strong>im</strong>mung<br />

unter der Arbeiterschaft, unter dem Handwerker- und<br />

Gewerbestand, und selbst einer Reihe von Landwirten, die<br />

nur wünschen, dass das Werk zustande kommen, [merke].»<br />

(SD 26.2.1926).<br />

Im Oktober 1926 st<strong>im</strong>mte der <strong>Bezirk</strong>srat mit zehn gegen<br />

vier St<strong>im</strong>men dem<br />

Zusatz- und Strassenvertrag<br />

sowie<br />

dem Kraftlieferungsvertrag<br />

mit den<br />

S c hweizerischen<br />

Bundesbahnen zu<br />

(SD 29.10.1926).<br />

Am 14. November<br />

1926 fand eine<br />

orientierende öffentliche<br />

Volksversammlung<br />

statt, welche<br />

von etwa 900 Bürgern<br />

besucht war.<br />

Am 28. November<br />

1926 war dann die<br />

sog. «Konzessionsgemeinde»<br />

betreffend<br />

das Etzelwerk.<br />

Zirka 1‘700 Bürger<br />

nahmen an dieser<br />

teil, was fast 80%<br />

der St<strong>im</strong>mberechtigten<br />

entsprach.<br />

Die Abst<strong>im</strong>mung <strong>im</strong><br />

52<br />

Handmehr ergab<br />

eine Mehrheit für<br />

Annahme der Konzession. «Die mit grosser Spannung erwartete<br />

<strong>Bezirk</strong>sgemeinde hat den Verlauf genommen, der seit einiger<br />

Zeit vorauszusehen war.» (EA 1.12.1926).<br />

In die selbe Zeit fiel auch die politische Diskussion um<br />

das «Schundkino». Es ging um den Schutz der Jugend vor<br />

dem Einfluss schlechter Filme und die Frage der kantonalen<br />

Zensur. Der «Einsiedler Anzeiger» schrieb: «Die Meinungen<br />

gingen in allen Parteien auseinander, nur die Sozialisten waren<br />

einig, das Kino zu ‹verteidigen› und möglichste Freiheit<br />

walten zu lassen. Der Pferdefuss schaute deutlich hervor: das<br />

Kino dient den sozialistischen Zielen, es gibt den Gelüsten der<br />

unbändigen Jugend nach, es verbreitet – wie ein Kommunist<br />

feststellte – gerne revolutionäre Ideen und dient der weitern


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Vom 20.-23. August 1927 fand in <strong>Einsiedeln</strong> auch der I. Eucharistische Kongress statt. Die Aufnahme zeigt den Empfang<br />

des Nuntius.<br />

Schwächung von Autorität und Selbstdisziplin. Der sozialistische<br />

Standpunkt war klar.» (EA 13.10.1926).<br />

An der Abst<strong>im</strong>mung v. 5. Dezember 1926 wurde ein<br />

schweizerisches Getreidemonopol als Vorbote eines «Staatssozialismus»<br />

knapp verworfen (in <strong>Einsiedeln</strong> deutlich mit<br />

1‘091 Nein : 270 Ja).<br />

Religionsfeindlichkeit und<br />

liberal-sozialistische Opposition<br />

Die Christlichsozialen nannte man zu dieser Zeit übrigens<br />

auch gerne «Weihwassersozialisten» und die Liberalen erklärten<br />

den Unterschied zwischen Christlichsozialen und Sozialisten<br />

mit den Worten: «Die Christlichsozialen wollen es, und<br />

die Sozialisten nehmen es!» (EA 27.10.1926).<br />

Die Diskussion um die Religionsfeindlichkeit des Sozialismus<br />

erreichte 1927 wieder einen Siedepunkt, nachdem der<br />

sozialdemokratische «Schwyzer Demokrat» wiederholt Zitate<br />

katholischer Schriftsteller und Redner verwendet hatte, «um<br />

mit ihrer Hilfe den Sozialismus zu rechtfertigen und dem katholischen<br />

Volke mundgerecht zu machen» (EA 4.6.1927) und der<br />

«Einsiedler Anzeiger» wahrzunehmen glaubte, dass eine von<br />

diesem bis dahin gepflegte «sogen. Neutralität in religiösen<br />

Dingen» zum offenen Kampf gegen die Religion überhaupt<br />

übergegangen sei. Der Katholizismus wurde weiterhin als<br />

«das stärkste Bollwerk gegen den revolutionären Sozialismus»<br />

erachtet (EA 7.8.1927). Ausbildung und Aufklärung wurden intensiviert:<br />

«Es geht in der Tat um die Seele des Arbeiters. Diese<br />

ist in Gefahr, sie muss gerettet werden» (EA 17.8.1927).<br />

Zur selben Zeit musste der «Einsiedler Anzeiger» von einer<br />

sich anbahnenden fortschrittlich-demokratisch-sozialistischen<br />

Allianz Kenntnis nehmen: «Die politische Praxis<br />

scheint <strong>im</strong> Kanton Schwyz zur Zeit auf eine Trennung der<br />

Geister nach links und rechts hinzusteuern: der konservativchristlichsozialen<br />

Phalanx gegenüber sammelt sich die liberale<br />

und sozialistische Opposition.» (EA 22./25.6.1927). Diese<br />

war dann auch Thema bei der späteren Ständeratsersatzwahl<br />

vom 29. April 1928.<br />

53


VIII. Eine erste Reaktivierung<br />

<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Der Auslöser<br />

Zwar wird noch <strong>im</strong> März 1927 die Eingabe des «Arbeitervereins»<br />

an den Einsiedler <strong>Bezirk</strong>srat betreffend Suche nach neuer<br />

Industrie erwähnt (SD 4.3.1927), doch muss davon ausgegangen<br />

werden, dass die Arbeiterpartei faktisch nicht mehr<br />

existent war.<br />

Sowohl die «Arbeiter-Union» des Kantons Schwyz am<br />

8. Mai 1927 als auch die sozialdemokratische Kantonalpartei<br />

20. November 1927 hielten ihre Tagungen <strong>im</strong> Restaurant<br />

«Bahnhof» in Biberbrugg ab. Erstere bestand aus acht Gewerkschaften,<br />

vier Arbeitervereinen und vier Parteisektionen.<br />

Die Kantonalpartei stand unter dem Präsidium von Zugführer<br />

Alfons Cottier aus Goldau.<br />

An diesem Arbeiter-Parteitag vom 20. November 1927<br />

wurde dem Sekretariat «nahegelegt, an verschiedenen Orten<br />

Neugründungen von Parteisektionen oder Arbeitervereinen<br />

ins Leben zu rufen und die bestehenden auszubauen.» (SD<br />

25.11.1927). Der Hintergründe dürften einige gewesen sein.<br />

Bereits unmittelbar nach der Niederlage der Katholisch-<br />

Konservativen in den letzten Nationalratswahlen erscholl von<br />

dieser Seite der Ruf, «neues frisch pulsierendes Leben vor<br />

allem in den Reihen unserer Jungmannschaft» Einkehr halten<br />

zu lassen (EA 28.10.1925). Dies erfolgte zum einen mit Weiterbildungen<br />

und führte zum anderen <strong>im</strong> September 1927 in <strong>Einsiedeln</strong><br />

und <strong>im</strong> November 1927 kantonal zur Gründung des<br />

«Jungkonservativen Stauffacherbundes»: Es «sind Mächte an<br />

der Arbeit, die katholische Urschweiz aufs neue unter Bann<br />

und Zwang zu führen, wenn sie auch die absolute Glaubens-,<br />

Lebens- und Gewissensfreiheit propagieren. Und wie der alte<br />

Stauffacher ein herrlich Weib besass, das ihn aufrichtete und<br />

ihm die besten Ratschläge gab, so steht auch uns eine hehre<br />

Frau zur Seite, eine treue Mutter, die mehr gibt, als die Stauffacherin<br />

je zu geben vermochte, die katholische Kirche.» (EA<br />

11.1.1928).<br />

Dies führte zur Gründung nicht bloss einer jungliberalen<br />

Partei, sondern auch der «Schwyzer Demokrat» rief nach sozialistischen<br />

Jugendorganisationen. Zunächst mussten aber<br />

die eingeschlafenen Sektionen wiederbelebt werden! Im Fokus<br />

hatten natürlich alle Parteien die nächsten Wahlen.<br />

Zur selben Zeit befanden sich die Eisenbahner in einem<br />

Arbeitskonflikt mit der Südostbahn. Dreissig Arbeiter aus <strong>Einsiedeln</strong><br />

waren aus Spargründen just auf den Winter entlassen<br />

worden.<br />

Und seit einem Jahr hatte man vom Etzelwerk und einem<br />

erwarteten Baubeginn nichts mehr gehört. «Wann kommt der<br />

Sihlsee?» (SD 11.11.1927).<br />

Neuorganisation und erste Aktivitäten<br />

«Man glaubte sie <strong>im</strong> hiesigen <strong>Bezirk</strong>e als verschwunden. Aber<br />

sie ist neu erstanden. 24 Mann stark hielt sie Sitzung. Herr<br />

Kantonsrat Heinzer von Goldau hielt ein Referat. Auch ein neuer<br />

Parteipräsident wurde gewählt.» (EA 31.12.1927).<br />

Die Medienmitteilung <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» v. 5. Januar<br />

1928 lautete: «Nachdem sich bereits ein jungkonservativer<br />

Stauffacherbund und jungliberale Partei gegründet hat, haben<br />

sich auch junge Männer zusammengeschlossen, um eine Allgemeine<br />

Arbeiterpartei zu gründen, und mit schönem Erfolg.<br />

Es ist dies in <strong>Einsiedeln</strong> eine bittere Notwendigkeit, umsomehr,<br />

da sehr viele Berufs- und Hilfsarbeiter jeglicher Branche<br />

gar nicht organisiert sind und deshalb völlig der Willkür der<br />

Meister oder Arbeitgeber ausgesetzt sind. Es ist nicht unsere<br />

Absicht, als politische Nörgler oder Aufwiegler zur Geltung zu<br />

kommen, sondern die Aufgabe ist und bleibt, jedem organisierten<br />

Arbeiter in Lohn- oder anderen Verhältnissen mit Rat<br />

und Tat beizustehen, und das sind wir eben <strong>im</strong>stande, da uns<br />

ja der bekannte tüchtige Arbeitersekretär Ktsrt. Jos. Heinzer<br />

von Goldau zur Verfügung steht. Wir laden alle der Partei fernstehenden<br />

Arbeiter freundlichst ein, anlässlich unserer ersten<br />

Monatsversammlung am 7. Januar abends ½ 8 Uhr <strong>im</strong> Restaurant<br />

zur ‹Alp› einen Besuch abzustatten, um selber Näheres zu<br />

vernehmen. Vielleicht ist es möglich, unsern lb. Sekretär für ein<br />

zügiges Referat zu gewinnen.»<br />

Über die Besetzung der Parteileitung ist leider nichts<br />

bekannt.<br />

Bereits am 5. Januar 1928 zeigte die neu organisierte Partei<br />

aber ihre Zähne. Als «roh und brutal» und als «Hexenprozess»<br />

bezeichnete sie den Beschluss des <strong>Bezirk</strong>srates, «nahezu <strong>100</strong><br />

Mitbürger, die vielleicht durch Not, Krankheit, Arbeitslosigkeit<br />

usw. an der rechtzeitigen Bezahlung der Steuern verhindert<br />

waren», <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» öffentlich an den Pranger zu<br />

stellen (SD 5.1.1928, EA 31.12.1927).<br />

Fortan betrieb die Partei in eigener Sache fleissig Werbung<br />

<strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat». Zum einen wurde kritisiert, dass<br />

es <strong>im</strong>mer noch Familienväter gab, welche teilweise lediglich<br />

einen Stundenlohn von 50-70 Rp. hatten und während des<br />

Winters entlassen wurden. Zum anderen appellierte sie an die<br />

Arbeiterschaft, Abhilfe zu schaffen und sich zu organisieren.<br />

«Nur vereinte Kraft macht stark!» (SD 17.2.1928).<br />

«Somit erfüllt er seine Pflicht, wenn er sich mutig und freudig<br />

entschliesst, sich einer passenden Partei einzureihen, und<br />

die Gelegenheit ist ihm günstigst geboten, indem er sich mit<br />

offenem Charakter der hiesigen Allgem. Arbeiter-Partei anschliesst,<br />

welche voraussichtlich am 10. März, abends ½ 8<br />

Uhr, <strong>im</strong> Restaurant ‹Alp› die erste Generalversammlung hält<br />

und womöglich Herr Kantonsrat Sekretär J. Heinzer mit einem<br />

zügigen Referat auftritt. Deshalb machen wir heute schon alle<br />

werten Genossen darauf aufmerksam und ermuntern sie, möglichst<br />

jeder einen fernstehenden schüchternen Arbeiter mitzunehmen.<br />

Wir sind gewiss keine Bolschewiken, habt nur keine<br />

Angst! Der Vorstand der Allg. Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>.» (SD<br />

2.3.1928).<br />

Auch die nächste Parteiversammlung vom 10. März 1928<br />

fand <strong>im</strong> Restaurant «Alp» (spätere Bäckerei Baumgartner)<br />

statt. Konstatiert wurde, dass gewissen Mitgliedern arbeit-<br />

55


geberseits nahegelegt wurde, die Partei zu verlassen. Auf den<br />

1. April 1928 organisierte die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> die Delegiertenversammlung<br />

der «Arbeiter-Union des Kts. Schwyz»<br />

in der «Hofstatt». «Im Falle schöner Witterung sollte es manchen<br />

Arbeiter zu einem Velotürchen verleiten, und es würde<br />

unsere junge Partei gewaltig freuen, mit recht vielen Verbandskollegen<br />

engere Fühlung zu nehmen.» (SD 30.3.1928). An der<br />

Versammlung referierte Nationalrat Arthur Schmid, Aarau,<br />

über den «Kampf der Arbeiterschaft für Freiheit und Frieden».<br />

Die Leitung der Versammlung hatte Kantonalpräsident Alfons<br />

Cottier, Zugführer aus Goldau, inne. «Den Gruss der neu gegründeten<br />

Einsiedler Arbeiterpartei überbrachte Genosse Jos.<br />

Kürzi, des Lokomotivführers, und wurde allgemein der Freude<br />

Ausdruck gegeben, dass sich die Arbeiter <strong>Einsiedeln</strong>s, unbekümmert<br />

aller Angriffe von rechts und links wieder zusammengefunden<br />

haben. Haltet zusammen, liebe Einsiedler Freunde,<br />

sammelt neue Abonnenten für die Arbeiterpresse und werbt<br />

eifrig für neue Mitglieder; der ausgestreute Samen durch das<br />

herrliche Referat von Genosse Nat.-Rat. Dr. Schmid aus Aarau<br />

hat es denn auch vermocht, dass sofort zirka 8 Neueintritte<br />

und zirka 10 ‹Demokrat›-Abonnenten gewonnen werden konnten.<br />

Nid lugg la gwünnt, gilt auch hier.» (SD 6.4.1928).<br />

Der «Einsiedler Anzeiger» konstatierte: «Das Knopfloch des<br />

Herrentschoppen scheint heutzutage wieder statt der Veilchen<br />

mit Parteizeichen der jungliberalen und sozialdemokratischen<br />

Partei geschmückt zu werden. Wir von der konservativen Partei<br />

verzichten auf Dekoration. Innerlichkeit und nicht Aussendekoration<br />

sind für wahrhaft christliche Demokratie massgebend.»<br />

(EA 11.4.1928).<br />

Wahlniederlagen und ein neuer Präsident<br />

Die Kantonsratswahlen vom 29. April 1928 waren stark umkämpft.<br />

Nicht nur nahmen die Sozialdemokraten wieder teil,<br />

sondern zielten auch die Liberalen auf einen Sitzgewinn und<br />

beharrte die Bauern- und Bürgerpartei auf ihrem Besitzstand.<br />

Nicht weniger als 31 Kantonsratskandidaten wurden für die<br />

14 Einsiedler Sitze portiert. «[D]ann gibt’s unfehlbar 17 Fliegerkandidaten.»,<br />

meinte der «Einsiedler Anzeiger» trocken (EA<br />

25.4.1928).<br />

Unter diesen befanden sich – weit abgeschlagen – die<br />

drei von der Arbeiterpartei vorgeschlagenen Kandidaten, alt<br />

Kantonsrat Daniel Kürzi (Lokomotivführer), kumuliert, Hans<br />

Stettler (Zugführer) und Martin Fuchs (Bahnarbeiter). «Eines<br />

gewissen Humors entbehrt die illustrierte Wahlempfehlung der<br />

Sozialisten für ihre Kantonsratskandidaten nicht. Ein grosser<br />

Jochbalken, links ein gebeugter Arbeiter, rechts ein feister Fabrikherr<br />

mit geschwungener Peitsche, der den Arbeiter unters<br />

Joch jagt.» «Trotzdem unsere Sozialisten viel Aufhebens machten,<br />

hat es sich gezeigt, dass der Einsiedlerboden für sie einstweilen<br />

noch kein fruchtbares Erdreich ist.» spottete der «Einsiedler<br />

Anzeiger» (EA 2.5.1928). Die Arbeiterpartei erwiderte<br />

trotzig: «<strong>Einsiedeln</strong> sei so ein glücklicher Flecken der Welt, wo<br />

es lauter Herren und sonst wohlhabende Leute, aber keine<br />

arme, bedrückte Schlucker gebe. (…) Nur die allergrössten Kälber<br />

wählen ihre Metzger selber!» (SD 11.5.1928).<br />

Die Christlich-Sozialen hatten sich vor allem an der Listenbezeichnung<br />

«Arbeiterpartei» gestört. Sie nahmen für<br />

sich nämlich in Anspruch, die Interessen der Arbeiterschaft<br />

wahrzunehmen und die schwyzerischen Arbeiter seien in der<br />

Person ihres Regierungsrates Josef Bösch auch bereits in der<br />

Regierung vertreten (EA 25.4.1928).<br />

Für die nachfolgenden <strong>Bezirk</strong>swahlen in <strong>Einsiedeln</strong> verständigten<br />

sich die bürgerlichen Parteien auf einen gemeinsamen<br />

Wahlvorschlag. Die Arbeiterpartei blieb aussen vor.<br />

Ihre nächste Monatsversammlung fand am 12. Mai 1928<br />

in der «Hofstatt» statt. Die Arbeiterpartei konnte an dieser<br />

eine Zunahme ihrer Mitgliederzahl seit 1. Januar um <strong>100</strong>% (!)<br />

verzeichnen. Arbeitersekretär und Kantonsrat Josef Heinzer<br />

referierte bei den Einsiedler Genossen. «Der Zielpunkt der Arbeiterpolitik<br />

ist ja wesentlich, ein gesichertes Dasein zu führen.<br />

Der Proletarier will von der Ungewissheit befreit sein, ob er<br />

morgen noch Arbeit und Verdienst hat. Er will die Beruhigung<br />

haben, der Gesellschaft gegenüber seine Pflichten erfüllen zu<br />

können. Ein unabhängiges Dasein, das heisst eine Unabhängigkeit<br />

von der Gunst oder Ungunst eines Arbeitgebers, das<br />

ist die Forderung, die zugleich das alte Sehnen erfüllt, das in<br />

dem Losungswort Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit widerklingt.»,<br />

so das Résumé (SD 25.5.1928). Bei der Arbeiterpartei<br />

schwang auch eine Hoffnung mit: «Es kann ja die Zeit<br />

kommen, da das Sihlsee-Projekt zur Ausführung käme, und da<br />

wird gewiss genannte Partei an Mitgliedern enorm zunehmen,<br />

aber auch jetzt schon sollten sich die Arbeiter zu einer massgebenden<br />

Partei entwickeln, indem sich eben noch diese Ausstehende<br />

willig und treu an derselben beteiligen.»<br />

In der Ausgabe des «Schwyzer Demokrat» vom 8. Juni<br />

1928 las man die informativen und interessanten Zeilen:<br />

«In einer der letzten Vorstandssitzungen wurde der<br />

Wunsch geäussert, man möchte die Veröffentlichung der<br />

Geschäftshäuser und Restaurants, in welchen unsere beliebte<br />

Arbeiterpresse (also der Schwyzer Demokrat) gehalten<br />

und abonniert wird, als eine Reklame erscheinen lassen.<br />

Wir unterstützen diese Anregung unseres geschätzten Genossen<br />

und geben somit folgende Namen bekannt. Selbstverständlich<br />

sollte und muss ein jeder Arbeiter solche Geschäfte<br />

und Wirtschaften in erster Linie berücksichtigen, die<br />

sich auch gegenüber unserer Arbeiterpresse erkenntlich<br />

zeigen und durch Abonnement oder Inserat unterstützen.<br />

Gyr Martin, 3-Herzen; Sgier, Coiffeur; Bisig, z. Pokal; Kälin,<br />

Landhaus; Re<strong>im</strong>ann, Augustinerhalle; Reichmuth, Hofstatt;<br />

<strong>Schönbächler</strong>, Weid; Zehnder, Biergarten; Oechslin, Sennenhof;<br />

Frau Grunder, Rest. Mythen; Frau Benz, Alpenrösli.»<br />

Ihre nächsten Monatsversammlungen, über die nichts weiter<br />

bekannt wurde, hielt die Partei am 9. Juni, am 7. Juli sowie<br />

56


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

am 11. August 1928 jeweils in der «Hofstatt» ab. An der letztgenannten<br />

Versammlung wurde der «altbewährte Parteigenosse<br />

alt Kantonsrat Daniel Kürzi, Lokomotivführer» zum neuen<br />

Präsidenten gewählt. Wessen Nachfolge er antrat blieb leider<br />

unerwähnt. Rückschlüsse über dessen Rücktritt lassen sich<br />

aus dem weiteren Bericht zu dieser Versammlung vermuten:<br />

«Es ist tatsächlich traurig, wie man in <strong>Einsiedeln</strong> dem Arbeiter<br />

Vorwürfe macht, wenn er sich einer ihm entsprechenden Arbeiterorganisation<br />

anschliesst. Die Herren verfahren nach dem<br />

Spruch: ‹Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den<br />

Schädel ein.› Das ist wieder die Christlichkeit dieser Heuchler<br />

und Augenverdreher an der Tat.» (SD 24.8.1928).<br />

An der Monatsversammlung vom 6. Oktober 1928 in der<br />

«Hofstatt» erwartete der Vorstand aufgrund der Wichtigkeit<br />

der zu behandelnden Traktanden ein «unbedingt vollzähliges<br />

Erscheinen» (SD 5.10.1928). Mutmasslich dürfte es um die anstehenden<br />

Nationalratswahlen gegangen sein.<br />

Ein Aufruf <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» vom 3. August 1928.<br />

Die Schwyzer Sozialdemokraten mussten an diesen Nationalratswahlen<br />

<strong>im</strong> Herbst 1928 indessen einen herben Rückschlag<br />

hinnehmen. Zur Wahl vorgeschlagen hatten diese ihren bisherigen<br />

Nationalrat Johann Wattenhofer, Siebnen, kumuliert,<br />

und Arbeitersekretär Josef Heinzer, Goldau. Johann Wattenhofer<br />

schaffte die Wiederwahl nicht (EA 31.10.1928).<br />

Für erboste Diskussionen sorgte die Wahlurne in Bennau.<br />

«Manchem Wähler von Bennau ist an der letzten Abst<strong>im</strong>mung<br />

aufgefallen, wie man direkt unter Aufsicht gestellt war von den<br />

Männern auf dem Abst<strong>im</strong>mungsbureau. Sie sassen so nahe<br />

an der Urne, dass sie vorweg jeden erkannten, wie er st<strong>im</strong>mte.<br />

Nach unserer Ansicht gehören die Herren denn doch weiter<br />

entfernt von der Urne, sonst wissen sie ja sofort, wie die Leute<br />

st<strong>im</strong>men, schon wegen den verschiedenen Sorten von St<strong>im</strong>mzetteln,<br />

die die Parteien haben. Hier dürfte eine richtige kantonale<br />

Verordnung einmal Remedur schaffen, dass jede Partei<br />

erstens das gleiche Format hat wie die andere und zum zweiten<br />

die ganz gleiche Papierqualität.» (SD 2.11.1928).<br />

Der bettelnde Vinzenz-Verein<br />

und weitere Kritik<br />

«Die Arbeitslosigkeit ist in hier wieder Trumpf. Man gibt sich nicht<br />

lange Mühe für event. Arbeiten, es wird einfach entlassen. Hoffentlich<br />

kommt bald Licht in die Sihlseeangelegenheit!» schrieb<br />

am 23. November 1928 ein Arbeiter <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat».<br />

Im Dezember 1928 führte der Einsiedler Vinzenzverein einen<br />

sog. Kartoffeltag durch. «Die Kleinen mussten bei Wohlhablicheren<br />

mit Körben und Säcken Kartoffeln betteln gehen<br />

und sei der Ertrag ein erfreulicher gewesen. Bedürftigen Familien<br />

wird dann zur Winterszeit damit ausgeholfen. (…) Dass es<br />

Pflicht des Staates wäre, für die Arbeitslosen ausreichend zu<br />

sorgen, das wissen sie nicht. Dafür wählt man wacker konservativ!<br />

Uns n<strong>im</strong>mts nur wunder, wenn diesen Leuten einmal die<br />

Augen aufgehen!» (SD 23.11.1928). Der «gute Vinzenzverein»<br />

würde gescheiter einmal «das Uebel an der Wurzel anzupacken<br />

und die frommen Herren Arbeitgeber auf hiesigem Platze<br />

ermuntern, etwas bessere Löhne zu zahlen, dann ist der arme<br />

Teufel ihm sicher noch viel dankbarer als mit Bettelalmosen.»,<br />

so der bissige Kommentar aus <strong>Einsiedeln</strong> (SD 14.12.1928).<br />

Im «Schwyzer Demokrat» vom 28. Dezember 1928 fand<br />

sich dann ein versöhnlicherer Neujahrswunsch der Arbeiterpartei<br />

<strong>Einsiedeln</strong>.<br />

Am 2. Februar 1929 fand die Generalversammlung der<br />

Arbeiterpartei in der «Hofstatt» statt. «Hoffentlich erscheinen<br />

diesmal alle Mitglieder und bringen einen Kameraden oder<br />

eine Freundin mit, denn die Versammlung verspricht nach dem<br />

kurzen Geschäftsteil sehr amüsierend und gemütlich zu werden,<br />

da es dem engern Vorstand gelungen ist, weltberühmte<br />

Komiker, Musikanten und Fakire aus verschiedenen Weltteilen<br />

für diesen Anlass zu gewinnen. Also alles hat freien Eintritt und<br />

ist ein jeder Ankömmling, ‹Fraueli oder Gspüsli›, herzlich willkommen.<br />

Sogar solche Arbeiter, die Maulkörbe tragen müssen<br />

und an der Leine herumgeführt werden, haben Zutritt. Wir<br />

fürchten uns nicht vor ihnen, denn unsere sog. Bösewichte<br />

knurren oder bellen nur, beissen jedoch niemand. Also auf Kameraden,<br />

Gott gebe uns eine recht frohe St<strong>im</strong>mung und glücklichen<br />

Verlauf.» (SD 25.1.1929).<br />

«Die so viel ersehnte Generalversammlung liegt nun hinter<br />

uns und man darf frei und viefen sagen, dass dieselbe bis in<br />

alle Details glänzend verlaufen ist. Mit grösster Opferwilligkeit<br />

gaben sich die Genossen hin, einen zielbewussten Vorstand zu<br />

bilden, der das Schifflein <strong>im</strong> neuen Jahr durch die stürmischen<br />

Wogen leiten soll. Der <strong>Jahre</strong>sbericht unseres verehrten Präsidenten<br />

war ausgezeichnet verfasst und konnten wir dadurch<br />

auf ein ziemlich kritisches, lebhaftes Jahr zurückblicken. Wenn<br />

wir auch bei den Kantons- und Nationalratswahlen keinen Sieg<br />

buchen können, so hindert es uns keineswegs, uns von den sozialen<br />

Gedanken zurückzuziehen, sondern noch in vermehrtem<br />

Massstab Auge und Ohr zu widmen. ‹Mir chömet gwüss au<br />

wider ä mol ä Trumpf über, oder meinst nüd au Schangäli?›<br />

Auch der <strong>Jahre</strong>sbericht des Kassiers war sauber und vor allem<br />

aufrichtig vollzogen. Das Bedenklichste ist jedoch, dass sich<br />

<strong>im</strong>mer noch Genossen erlauben, mit ihren verpflichteten Monatsbeiträgen<br />

auszustehen, was eben die Arbeit des Kassiers<br />

sehr erschwert. Der zweite und gemütliche Teil liess wirklich<br />

auch nicht das geringste zu wünschen übrig und sei diesen<br />

57


Hotel «Bahnhof» und das «Waldschloss» um 1935, beliebte Tagungsorte verschiedener Parteien und Verbände.<br />

Genossen, die sich die Mühe gaben, in Musik wie Komik, der<br />

wärmste Dank ausgesprochen. Aber auch der freundlichen,<br />

freigebigen Wirtin, die sich für unsere Magenfrage gütigst interessierte,<br />

sei hier herzlich bedacht, denn ihr geräumiger, flotter<br />

Saal ist wirklich prachtvoll dekoriert und verdient über die Fastnacht<br />

bis aufs letzte Plätzli besetzt zu werden. ‹Ae paar Tänzli<br />

hämer glich au gwogt, wämmer au ä chli müend büessa däfür;<br />

<strong>im</strong> Kanton Schwyz isch ja Modä.› - Unsere Parole <strong>im</strong> neuen<br />

Jahr laute wiederum wie <strong>im</strong>mer: Vorwärts und aufwärts ihr Genossen!»<br />

(SD 8.2.1929).<br />

Angeprangert wurde sodann die Ausnützung der weiblichen<br />

Dienstboten in den Einsiedler Gasthöfen und Restaurants.<br />

«Es kommt vor, dass diese geplagten Mädchen nicht einen<br />

einzigen Ruhetag erhalten während des ganzen Sommers.<br />

Ist das überhaupt gesetzlich?» (SD 8.2.1929, SD 5.7.1929, SD<br />

23.8.1940).<br />

Kritisiert wurde <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» auch, dass in <strong>Einsiedeln</strong><br />

offenbar ein Lehrer seinen Schülern einge<strong>im</strong>pft habe,<br />

«sie sollen ja nie auf Sozialisten horchen oder solche Zeitungen<br />

lesen. Er soll sich sogar so vereifert und Ausdrücke gebraucht<br />

haben, wie wenn die Sozialdemokraten keine rechten Leute<br />

wären. So weit bringt es also der Fanatismus in <strong>Einsiedeln</strong>!<br />

Und das bringt ein gebildet sein wollender Lehrer und Jugendbildner<br />

fertig!» (SD 1.3.1929).<br />

Und noch einmal wies man in der gleichen Zeitung auf eine<br />

negative Entwicklung, verbunden mit einer Hoffnung in eigener<br />

Sache hin: «Noch ist das Etzelwerk noch gar nicht gesichert<br />

und schon sind einige ‹brave, christliche› Hausbesitzer (…) bereit,<br />

mit dem Mietzins aufzuschlagen. Auch was die Arbeitslöhne<br />

anbetrifft, steht es auf dem hiesigen Platze recht schl<strong>im</strong>m und<br />

der arme Büetzer soll also doppelt ausgesaugt werden! Gegen<br />

diese Arbeiterausbeuterei ist schwierig beizukommen. Nur eine<br />

geschlossene, recht starke Arbeiter-Organisation könnte da<br />

Wunder wirken. (…) Wenn der Sihlsee kommt, dann allerdings<br />

ist von Anfang an eine starke Arbeiterorganisation nötig, die<br />

dem Arbeiter einen rechten Lohn verschafft; denn ist der Arbeiter<br />

konsumationsfähig und nicht mit einem schäbigen Schundlöhnlein<br />

abgetan, dann sagt mir, profitiert denn davon nicht in<br />

erster Linie der Gewerbe-, Handwerker- und Bauernstand, die<br />

ihre feilgehaltenen Produkte besser an den Mann bringen können?!»<br />

(SD 5.4.1929). Der «Einsiedler Anzeiger» konterte: «Es ist<br />

besser Neider zu haben, als Bemitleider. Wenn man <strong>im</strong>mer über<br />

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<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

die Christlichsozialen von einer ‹Aucharbeiterpartei› schreibt,<br />

so darf doch festgestellt werden, dass die christlichsozialen Organisationen<br />

und ihre Partei für das werktätige Volk praktische<br />

soziale Arbeit leisten. Die Genossen mögen einmal von ihren<br />

praktischen Arbeiten und Errungenschaften auf dem Platze <strong>Einsiedeln</strong><br />

berichten.» (EA 17.4.1929).<br />

Am 6. April 1929 hielt die Arbeiterpartei in der «Hofstatt»<br />

ihre Monatsversammlung ab. Es referierte Arbeitersekretär und<br />

Kantonsrat Josef Heinzer. Die nächste Monatsversammlung<br />

wurde am 1. Mai 1929 <strong>im</strong> Restaurant «zur Alp» durchgeführt,<br />

verbunden wiederum mit einem kurzen Referat «und nachher<br />

gemütliche Unterhaltung für die Maifeier» (SD 26.4.1929).<br />

Die Delegierten der «Arbeiter-Union des Kantons Schwyz»<br />

tagten <strong>im</strong> Mai <strong>im</strong> «Hotel Bahnhof» in Biberbrugg unter Kantonalpräsident<br />

Alfons Cottier. Es herrschte eine frohe Zuversicht:<br />

«Noch nie seit Bestehen der Arbeiterunion konnte eine solch<br />

starke Vertretung der politischen und gewerkschaftlichen Abordnungen<br />

gebucht werden, was darauf schliessen lässt, dass<br />

neuer Geist, neuer Schaffenswille in unsere Reihen Eingang gefunden<br />

hat.» (SD 17.5.1929). Zur selben Zeit wurde auch ein Einzug<br />

der Sozialdemokraten in den Bundesrat diskutiert und <strong>im</strong><br />

Dezember 1929 wurde am schweizerischen Parteitag mit einer<br />

Dreiviertel-Mehrheit für eine Beteiligung an der Staatsverantwortung<br />

gest<strong>im</strong>mt. Der Kandidat, Nationalrat Emil Klöti, Zürich<br />

scheiterte jedoch be<strong>im</strong> ersten Versuch 1929 (SD 6.12.1929).<br />

Sauer stiess einem Arbeiter aus <strong>Einsiedeln</strong> ein <strong>im</strong> «Einsiedler<br />

Anzeiger» publiziertes Anliegen auf, man solle <strong>im</strong> Friedhof wieder<br />

Familiengräber schaffen. «Da muss der Klassenunterschied<br />

also auch noch auf dem Friedhof bei den Toten gekennzeichnet<br />

sein. Vor dem Herrn sind doch alle gleich und jeder Mensch<br />

ist vom gleichen ‹Dreck› und werden auch auf dem Einsiedler<br />

Friedhof alle Toten mit demselben Dreck zugedeckt. (…) Wollen<br />

Sie nicht gleich den Vorschlag machen, man solle bei der Beerdigung<br />

eines armen Proletariers an den Leichenwagen einen<br />

Ochsen vom Armenhaus davorspannen, hingegen bei einem<br />

‹Besseren› zweispännig stolz zu Rosse fahren. O du armes Arbeitervolk!»<br />

(SD 5.7.1929).<br />

Sozialistische Berufsverbände?<br />

Im «Einsiedler Anzeiger» vom 27. Februar 1929 fanden die<br />

«sozialistischen Gewerkschaftsverbände» eine Aufzählung:<br />

Schweiz. Bau- und Holzarbeiterverband, Schweiz. Verband<br />

der Bekleidungs- und Lederarbeiter, Schweiz. Buchbinder-<br />

Die «sozialistische» Lithographia <strong>Einsiedeln</strong> anlässlich ihres 10jährigen Jubiläums 1928. Vorne in der Mitte ihr Gründungsmitglied<br />

und langjähriger Präsident Franz <strong>Schönbächler</strong> (1879-1953).<br />

59


Die «sozialistische» Typographia <strong>Einsiedeln</strong> feierte 1932 ihr 25-Jahr-Jubiläum.<br />

verband, Schweiz. Eisenbahnerverband und dessen Unterverbände,<br />

Schweiz. Verband des Personals der öffentlichen<br />

Dienste, Schweiz. Handels-, Transport- und Lebensmittelarbeiter-Verband,<br />

Schweiz. Lithographenbund, Schweiz.<br />

Metall- und Uhrenarbeiter-Verband, Schweiz. Textilarbeiter-<br />

Verband, Schweiz. Handsticker-Verband, Schweiz. He<strong>im</strong>arbeiter-Verband,<br />

Verband schweiz. Post-, Telephon- und Telegraphenangestellter,<br />

Schweiz. Typographenbund und der<br />

Stickereipersonal-Verband.<br />

Gerade aus der Zusammensetzung der Einsiedler Berufsverbände<br />

wird aber klar, dass der «Einsiedler Anzeiger» mit<br />

seiner Qualifizierung eine gezielte Schwarz-Weiss-Malerei<br />

betrieb und deren Mitglieder kaum als eigentliche Sozialisten<br />

betrachtet werden können. Der katholische Arbeiter sollte einfach<br />

in die für ihn «richtigen», christlich-sozialen Berufsverbände<br />

geleitet werden!<br />

Der Lithographia <strong>Einsiedeln</strong> beispielsweise stand als Präsident<br />

Franz <strong>Schönbächler</strong> (1879-1953) vor, Reproduktionsfotograf<br />

be<strong>im</strong> Benziger-Verlag, Mitglied des Infanterie-Schiessvereins,<br />

des Schützenvereins «Tell», des UOV, der Gruppe der<br />

Einsiedler Rütlischützen, des Turnvereins und des Schwingklubs.<br />

Er gewann als erster Schwyzer die Meisterschaft am<br />

eidgenössischen Schützenfest 1910.<br />

Mitglied sowohl in der Typographia als auch gleichzeitig <strong>im</strong><br />

Volksverein und <strong>im</strong> katholischen Arbeiterverein war beispielsweise<br />

alt Schriftsetzer Gallus Kälin (1868-1938), nota bene<br />

langjähriger Waldstattchronist be<strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» (EA<br />

21.6.1938, EA 24.6.1938).<br />

Geistliche Spiele 1930, zur Religion<br />

und «Sihlsee-Spekulationswut»<br />

Die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> lud – soweit bekannt – zu weiteren<br />

Monatsversammlungen am 6. Juli 1929, 3. August und<br />

am 2. November 1929 in die «Hofstatt» ein. Die Traktanden<br />

wurden jeweils erst an der Versammlung selber bekanntgegeben,<br />

sodass wir über diese nichts weiter wissen. Immer<br />

wurde auch zu «wieder einmal» vollzähligem Erscheinen<br />

aufgerufen.<br />

Am 15. September 1929 durfte man in der «Hofstatt» den<br />

Parteitag der schwyzerischen Arbeiterpartei durchführen (SD<br />

20.9.1929).<br />

Die 1930 wiederum geplante Aufführung der Geistlichen<br />

Spiele in <strong>Einsiedeln</strong> führte <strong>im</strong> Herbst 1929 zu einer Auseinandersetzung<br />

zwischen dem «Schwyzer Demokrat» und dem<br />

«Einsiedler Anzeiger». «Kehrt einmal den Stiel um», meinte ersterer<br />

und monierte die personale Verflechtung der Spiele mit<br />

der Konservativen Partei. «Soll die Hetze tatsächlich so weit<br />

60


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

gehen, dass die erfolgreiche Durchführung<br />

in Frage gestellt wird?»,<br />

fragte letzterer (EA 28.9.1929). «Wir<br />

vergegenwärtigen uns lebhaft, mit<br />

welch geistiger Ueberlegenheit und<br />

schauspielerischem Talente die<br />

Einsiedler Sozialisten sich der Sache<br />

bemächtigen und wie sie unter<br />

heroischer Verleugnung ihrer bisherigen<br />

Weltanschauung sich einer<br />

Sache hingeben, die in ihres Wesens<br />

Kern aber alles andere ist als<br />

sozialistisch. Die Trauben hangen<br />

vielleicht doch etwas zu hoch, auch<br />

in bezug auf den Platz; denn es ist<br />

zu wissen, dass die Aufführungen<br />

auf dem Klosterplatz spielen und<br />

das Kloster überhaupt ein entscheidendes<br />

Wort mitzusprechen hat.»<br />

(EA 5.10.1929). Die Diskussionen<br />

wurden als für den Platz <strong>Einsiedeln</strong><br />

nicht als gewinnbringend betrachtet<br />

und Regisseur Peter Erkelenz appellierte: «Und Ihr Einsiedler<br />

alle, schlachten Sie die Henne nicht, die Ihnen goldene Eier<br />

Der Kino-Saal in der «Taube» um 1935.<br />

Neu errichtete Auto-Garage Wetzel um 1935.<br />

61<br />

legt!» (EA 16.10.1929). Damit war die Thematik fürs erste erledigt,<br />

wenngleich man es später nicht mit dem Hinweis lassen<br />

konnte: «Es sind aber fast alles Arbeiterinnen und Arbeiter,<br />

die hier mitwirken, also nur wenige, welche der besseren Gesellschaft<br />

angehören. Möge darum eine entsprechende Abfindung<br />

belohnend wirken, denn auch hier kann gesagt werden,<br />

ohne Mithilfe seitens der Arbeiterbevölkerung<br />

wäre kaum daran zu denken, solch grosse (wie<br />

auch andere) Anlässe in Aktion zu bringen.»<br />

(SD 14.8.1930).<br />

Indessen: «Bei jeder nur passenden Gelegenheit<br />

wird der Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> vorgeworfen,<br />

sie sei gegen die Religion. Gegen<br />

diese Anwürfe protestieren wir lebhaft. Die Arbeiterpartei<br />

hat noch an keiner Versammlung<br />

gegen Glaubenssachen irgendwie Stellung<br />

genommen. Wir überlassen es jedem, nach<br />

seinem Glauben zu leben. Wir fragen jedoch<br />

nicht, was einer sei: bei uns sind alle Arbeiter<br />

gleich, welcher Konfession sie auch angehören.<br />

Unsere Aufgabe ist in dieser Linie, dass<br />

die Arbeiter eine richtige Belöhnung und eine<br />

humane Behandlung erhalten! Dass wir nicht<br />

einig gehen können mit den Christlichsozialen<br />

ist begreiflich. Uns ist es unmöglich, zwei<br />

Herren zu dienen!» (SD 6.12.1929).<br />

Nebst den in Aussicht gestellten Mietzinserhöhungen<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> ging die «Spekulationswut»<br />

<strong>im</strong> Hinblick auf den Beginn der<br />

Etzelwerkarbeiten weiter. In der Wiese von Bäckermeister<br />

Grätzer, «Gotthard», wurde ein Autopark erstellt<br />

(SD 31.5.1929), <strong>im</strong> Hotel «Taube» wurde ein ständiges Kino<br />

eingerichtet (SD 13.12.1929) und Autogaragen eröffneten ihren<br />

Betrieb (SD 23.5.1930).


Ein «schartiger» Landschreiber-Kandidat und<br />

eine öffentliche Gabensammlung<br />

Am 29. November 1929 starb Landschreiber Anton Kälin <strong>im</strong><br />

Amt. Bereits <strong>im</strong> Dezember 1929 wurde über die Nachfolge<br />

«schon heftig an Wirtstischen und <strong>im</strong> stillen Winkel disputiert.<br />

Wer wird’s?» (SD 13.12.1929). Es wurde hierbei der Wunsch<br />

geäussert, dass der Nachfolger der kommenden Sihlseeangelegenheit<br />

gewachsen und kein «Purenlandschreiber» sein<br />

solle (SD 17.1.1930).<br />

Inserat <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» vom 7. Februar 1930.<br />

Aufgrund der «Alles-üses-Politik<br />

einiger konservativer Parteibüffel»<br />

und der Ämter-Kumulation<br />

des katholisch-konservativen<br />

Kandidaten Stefan Oechslin<br />

(Hauptmann, Kantonsrat, Sektionschef,<br />

Zivilstandsbeamter,<br />

Amtsschreiber und Präsident<br />

des jungkonservativen Stauffacherbundes)<br />

beschloss die<br />

Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>, ihre<br />

St<strong>im</strong>me dem oppositionellen, liberalen<br />

Gegenkandidaten Karl<br />

Birchler zu geben.<br />

Da die Katholisch-Konservativen mit einer zweiten, wilden<br />

Kandidatur von <strong>Walter</strong> Lacher zu kämpfen hatten, erreichte<br />

<strong>im</strong> ersten Wahlgang keiner der drei Kandidaten das absolute<br />

Mehr. Auf Stefan Oechslin entfielen 678 und auf Karl Birchler<br />

643 St<strong>im</strong>men. <strong>Walter</strong> Lacher, abgeschlagener Dritter, erklärte<br />

seinen Rückzug. Im zweiten Wahlgang obsiegte dann der oppositionelle,<br />

liberale Kandidat Karl Birchler mit 1‘025 St<strong>im</strong>men<br />

vor Stefan Oechslin mit 811 St<strong>im</strong>men.<br />

Die Arbeiterpartei zeigte sich über diese Wahl hocherfreut:<br />

«Der Ausgang der Landschreiberwahl ist für die Arbeiterpartei<br />

eine grosse Genugtuung. Wir sind <strong>im</strong>mer für Gerechtigkeit<br />

eingestanden und es war auch nur gerecht, dass eine Minderheit<br />

in den Beamtungen eine entsprechende Vertretung fand.<br />

(…) Dass der von den Konservativen portierte Oechslin, der <strong>im</strong><br />

Stauffacherbund die erste Rolle spielt, keine Gnade gefunden<br />

hat, ist doppelt erfreulich. Er soll nämlich wissen, das allzu<br />

scharf schartig macht (…).» (SD 28.2.1930).<br />

Am 19. Februar 1930 führte die Arbeiterpartei in der «Hofstatt»<br />

ihre Generalversammlung durch. Wie anlässlich der<br />

letztjährigen Generalversammlung beschlossen, wurde diesmal<br />

eine Tombola durchgeführt. Die öffentliche Gabensammlung<br />

für diese verlief nicht ohne Misstöne. «Zur Aufklärung<br />

der Oeffentlichkeit. Letzte Woche sind in <strong>Einsiedeln</strong> Gaben<br />

62<br />

gesammelt worden von einer allgemeinen Arbeiterpartei. Die<br />

meisten der He<strong>im</strong>gesuchten waren der Auffassung, dass es<br />

sich dabei um den christlichsozialen Arbeiterverein handle.<br />

Wir stellen fest, dass sie sogen. ‹Allgemeine Arbeiterpartei› die<br />

sozialistische Partei von <strong>Einsiedeln</strong> ist. Dass man bei dieser<br />

Parteigabensammlung nicht sagen durfte, wer man war, zeugt<br />

wahrhaftig weder von Heldenmut noch von Aufrichtigkeit. Das<br />

ganze Jahr sch<strong>im</strong>pft man auf die bürgerliche Gesellschaft<br />

los, und schliesslich geht man unter verschleierter Flagge<br />

bei derselben Parteigaben sammeln. Was würde geschehen,<br />

wenn andere Partei dasselbe machten??» (EA<br />

25.1.1930). Die Arbeiterpartei erwiderte, dass<br />

ihr Stempel auf der Gabenliste klar ersichtlich<br />

gewesen sei, anerbot aber, dass irrtümliche<br />

Gaben abgeholt werden könnten (SD<br />

31.1.1930). Ob das tatsächlich gemacht wurde<br />

ist nicht bekannt.<br />

Der Vorstand ersuchte jedenfalls «pünktlich<br />

zu erscheinen. Herr Kantonsrat Heinzer<br />

hat uns den ganzen Abend zur Verfügung gestellt<br />

und wird uns mit einem Referat begrüssen.<br />

Nach der Versammlung ist musikalische<br />

Unterhaltung mit Tanz, komischen Vorträgen<br />

und grosser Gabenverlosung. Beginn der<br />

Abendunterhaltung halb 9 Uhr. Bringt Angehörige<br />

und Gesinnungsgenossen mit.» (SD<br />

14.2.1930).<br />

Bereits am 8. März 1930 wurde wieder<br />

eine Monatsversammlung in der «Hofstatt»<br />

durchgeführt. «Die Traktanden werden an der Versammlung<br />

bekannt gegeben. Es wird dringend ersucht, vollzählig<br />

zu erscheinen, da Neueintritte und Verschiedenes zu regeln<br />

sind.» (SD 7.3.1930). Näheres ist auch hier aber leider nicht<br />

bekannt.<br />

Saisonbedingt bestanden <strong>im</strong> Winter 1929/30 die üblichen<br />

tristen Arbeitsverhältnisse. «Die Arbeitslosigkeit ist in hier wieder<br />

Trumpf! Und an erster Stelle ist es wieder die S.O.B., die<br />

es nicht übers Herz bringt, diesen paar armen Teufeln über<br />

den Winter Verdienst zu geben. An Arbeit fehlt es gewiss nicht<br />

auf der Strecke der S.O.B. Aber auch in andern Gewerben<br />

stehts nicht besser.» wurde <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» einmal<br />

mehr konstatiert (SD 3.1.1930). Im März 1930 las man: «Die<br />

Arbeitslosigkeit in hier geht weiter, nachdem Eisausbeutung<br />

wieder vorbei und sowieso schmal genug bezahlt wurde.» (SD<br />

14.3.1930).<br />

Schnaps, ein erster Kommissionssitz und ein<br />

Parteiausflug<br />

Am Josefstag 1930 fand <strong>im</strong> katholischen Gesellenhaus in <strong>Einsiedeln</strong><br />

eine öffentliche Volksversammlung statt, an der Bundespräsident<br />

Jean-Marie Musy vor ca. 700 Teilnehmenden


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

über die am 6. April 1930 zur Abst<strong>im</strong>mung gelangende Alkoholgesetzrevision<br />

sprach. Von dieser versprach man sich<br />

eine Eindämmung des steigenden und in die Armut führenden<br />

Schnapskonsums und dessen Besteuerung zur Verwirklichung<br />

der Alters- und Hinterlassenenversicherung. Der<br />

Inserat <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» vom 4. April 1930.<br />

63<br />

Kritisiert wurde <strong>im</strong><br />

«Schwyzer Demokrat»<br />

jedoch, wie die Einsiedler<br />

Konservativen<br />

den Anlass für den<br />

«obersten konservativen<br />

Oberjodler» organisiert<br />

und gelobhudelt<br />

hatten. Die «Vive le<br />

Musy!»-Rufe der Einsiedler<br />

Kinder seien zudem,<br />

weil undemokratisch-komödiantisch,<br />

eine «blöde Schülereindrillung»<br />

gewesen (SD<br />

28.3.1930).<br />

Schweizerische Gewerkschaftsbund und die Sozialdemokraten<br />

unterstützten denn auch diese Vorlage, welche letztlich<br />

auch eine deutliche Zust<strong>im</strong>mung <strong>im</strong> Volk fand.<br />

Alkohol und Arbeit waren natürlich ein ständiges Thema.<br />

«Vor einigen Tagen erklärte mir ein nahestehender Christlichsozialer,<br />

bei den Christlichen herrsche die Meinung, dass die<br />

Arbeiterpartei Mitglieder habe, die, wenn sie einige Franken<br />

verdient oder Unterstützung bezogen haben, sofort alles verputzen.<br />

Gegen diese Auffassung protestieren wir. Bei uns ist<br />

kein einziges Mitglied, das die Unterstützung oder den Zahltag<br />

leichtsinnig verklopft hat.» (SD 18.4.1930). 1931 erging die Einsendung:<br />

«Etwas vom Trinken während der Arbeitszeit. Schreiber<br />

dies hatte in letzter Zeit auf einigen Bauplätzen zusehen<br />

müssen, wie verheiratete Männer während der Arbeitszeit 5-6<br />

Flaschen Bier hinuntergurgelten. An einem andern Platz sagte<br />

man mir, der und der habe heute schon den sechsten Liter<br />

Most getrunken. Das ist entschieden zuviel. (…) Da n<strong>im</strong>mt es<br />

einem nicht Wunder, wenn so ein Mann he<strong>im</strong>kommt, dass die<br />

Frau sch<strong>im</strong>pft und mit Recht; denn wenn einer den halben Taglohn<br />

vertrinkt, kann die Frau unmöglich mit ihren Kindern ohne<br />

Schuldenmachen auskommen.» (SD 14.8.1931).<br />

Am 5. April 1930 fand die Monatsversammlung der Arbeiterpartei<br />

in der «Hofstatt» statt. Eine erneute wurde am 3. Mai<br />

1930 am selben Ort abgehalten. Traktandiert waren die am<br />

Folgetag (!) stattfindenden Maiwahlen in die <strong>Bezirk</strong>sbehörden.<br />

Zugleich wurde eine kleine Maifeier mit Gratistrunk veranstaltet.<br />

«Bei den Maiwahlen sollen ausser der wieder neugegründeten<br />

Bauern- und Bürgerpartei auch die Sozialdemokraten<br />

Stellung nehmen und einen Ratsherrensessel beanspruchen<br />

wollen.» las man <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» v. 26. April 1930.<br />

Die <strong>Bezirk</strong>swahlen gingen «gemäss Vereinbarung der Parteien»<br />

<strong>im</strong> Frieden vor sich (EA 7.5.1930). Zwar<br />

wurde der Arbeiterpartei kein Ratsherrensessel<br />

zugebilligt, doch nahm mit alt Kantonsrat<br />

Daniel Kürzi <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> erstmals ein<br />

Sozialdemokrat Einsitz in eine Kommission. Er<br />

wurde als Mitglied der Armenpflege gewählt<br />

(EA 14.6.1930).<br />

Anlässlich der Monatsversammlung in der<br />

«Hofstatt» am 7. Juni 1930 äusserte sich die<br />

Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>, soweit ersichtlich,<br />

erstmals gegen eine Militärvorlage. Der 20-Millionen-Kredit<br />

für die Anschaffung von <strong>150</strong> Militärflugzeugen<br />

lehnte sie als «Geldverschleuderung»<br />

ab. «(E)s braucht sicher naive Ansichten,<br />

als könnte die Schweiz fremde Kampfflieger<br />

abhalten, um uns nicht zu vergasen oder bombardieren,<br />

wie der letzte ‹Einsiedler-Anzeiger›<br />

blausiebel machen will. Eigentlich sollte man<br />

diesem ‹Einsiedler-Anzeiger› gar keine Beachtung<br />

schenken, denn in Verdrehungen und<br />

Verdummungen, uns Arbeitern gegenüber, ist<br />

er ebenso auf der Höhe, wie die anderen verwandten Blätter;<br />

die servieren dem Arbeitervolk eine so schlechte geistige Kost,<br />

dass es Gott erbarmen möchte!» (SD 13.6.1930).<br />

Die Monatsversammlung vom 5. Juli 1930 in der «Hofstatt»<br />

und die ausserordentliche Versammlung vom 13. Juli 1930 in<br />

der «Alp» hatten die Beratung und definitive Beschlussfassung<br />

über einen Ausflug per Auto um die Rigi zum Gegenstand. Der<br />

Reisebericht sei hier wiedergegeben:<br />

«Sonntag, den 3. August machte die hiesige allgemeine<br />

Arbeiterpartei einen Ausflug per Auto um die Rigi, die Königin<br />

der Berge. Obschon die Verdienstquellen hier recht<br />

magere sind, machen doch 28 Personen mit und die Kasse<br />

leistete dazu auch noch einen Zuschuss. Das Wetter zeigte<br />

sich unsicher als wir um 8 Uhr <strong>Einsiedeln</strong> verliessen und<br />

zwar in guter St<strong>im</strong>mung mit Handorgelbegleitung. Um zirka<br />

9 Uhr trafen wir <strong>im</strong> schönen Fremdenorte Brunnen an, die<br />

vielen flotten Hotels bestaunend. Dort selbst gabs eine halbe<br />

Stunde Aufenthalt, um dann Küssnacht und dem Vierwaldstättersee<br />

entlang zu fahren. Nach einem kurzen Imbiss<br />

bei gemütlichster St<strong>im</strong>mung war Luzern bald erreicht,<br />

der schönsten Fremdenstadt der Schweiz. Hier zeigten<br />

sich sehr viele Fremde, darunter solche, die von der Not<br />

der Zeit noch nie etwas spürten. Es sind dies die Drohnen<br />

der Gesellschaft, die als Ausbeuter sich einfach auf nicht<br />

redlichstem Wege ihre ungeheuer grossen Vermögen er-


werben, dahe<strong>im</strong> aber dem Arbeiter einen gerechten Lohn<br />

vorenthalten, um ja es für sich so schön und luxuriös als<br />

nur möglich zu halten. - Auf bestellte Abmachung hin stand<br />

<strong>im</strong> Volkshaus ein einfaches, aber gutes Mittagessen bereit,<br />

das der Leitung dieses bestgeführten Hauses alle Ehre<br />

einlegte. Hernach wurde Freizeit gegeben bis 4 Uhr, wo<br />

die meisten ihren Besuch dem Löwendenkmal, Gletschergarten,<br />

Irrgarten usw., widmeten. Letzterer war äusserst<br />

etwas geleistet werden soll» (SD<br />

Ausflügler auf dem Dorfplatz vor dem «Landhaus» und dem «Franziskaner» um 1930.<br />

10.10.1930). An der nächsten Monatsversammlung<br />

vom 6. Dezember<br />

1930 stand die Besprechung<br />

amüsant, als sie ihre breitern und magern Gesichter in den der Generalversammlung und deren Abendunterhaltung auf<br />

Spiegelwänden anstiessen, das jeweils wahre Lachsalven der Traktandenliste. Es wurde die erneute Durchführung eines<br />

auslöste. Sehr von Interesse waren auch die Gletschermühlen,<br />

die aus uralter Zeit erinnern und von stetem Sichdre-<br />

Mitglieder werden sich erlauben, bei unsern verehrten Gönnern<br />

gemütlichen Abends mit Gabenverlosung beschlossen. «Vier<br />

hen ausgehölte Löcher bildeten. - Nur zu bald war die Zeit vorzusprechen, in Erwartung, nicht abgewiesen zu werden. Es<br />

verstrichen und unser tüchtige Chauffeur, Herr Zoller zur handelt sich also um eine Gabenspendung an die allgemeine<br />

Weissmühle, führte uns bei prächtigsten Sonnenschein und Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>. Wenn nun der Anzeiger für uns Reklame<br />

machen will, wie letztes Jahr, so ist er dazu freundlich<br />

unter viel Humor Zug zu, wo Freunde und Bekannte kurz<br />

besucht werden konnten. Ein letztes Halt gabs dann noch eingeladen. Dies nur zur Aufklärung, damit dies Jahr ja keine<br />

<strong>im</strong> ‹Sternen in Schindellegi›, und zwar aus Solidarität, weil ‹Täuschung› vorkommt.» (SD 12.12.1930). Gleichzeitig wurde<br />

dort das Lokal der Schindellegler Arbeiterpartei ist. Um gut an der Versammlung gegen den Ausweisungsbeschluss des<br />

9 Uhr gelangten wir in <strong>Einsiedeln</strong> <strong>im</strong> Vereinslokal an, wohlbehalten<br />

und hocherfreut über all das Gesehene, wo allen selbe hatte <strong>im</strong> Juli 1929, von London und Bellinzona herkom-<br />

Bundesrates gegenüber Giovanni Bassanesi protestiert. Der-<br />

der Dank ausgesprochen wurde für die Disziplin. Der Vorstand,<br />

an der Spitze unser beliebte Präsident Daniel Kürzi, und be<strong>im</strong> Rückflug <strong>im</strong> Gotthardgebiet eine Bruchlandung<br />

mend, über Mailand antifaschistische Flugblätter abgeworfen<br />

ermahnte zum Schluss alle Genossen, auch fernerhin nüchtern<br />

und treue Mitglieder und Kämpfer für die Sozialdemo-<br />

Nicht unerwähnt bleiben darf der Artikel «Die sozialistische<br />

gemacht.<br />

kratie zu sein.» (SD 22.8.1930).<br />

Ehe» <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» vom 31. Januar 1931. Es ging<br />

64<br />

Sprechstunden des Arbeitersekretärs in<br />

<strong>Einsiedeln</strong> und die «sozialistische Ehe»<br />

Am 31. August 1930 fand die nächste Monatsversammlung<br />

der Arbeiterpartei in der «Hofstatt» statt. Es referierte Arbeitersekretär<br />

Josef Heinzer.<br />

Am schwyzerischen Arbeiterparteitag vom 26. Oktober<br />

1930 bildete nicht nur die «Bestellung von Agitationskomitees<br />

in allen Sektionen» ein Thema, sondern<br />

auch die Eingabe der Sektion<br />

<strong>Einsiedeln</strong>. Diese wünschte nämlich,<br />

dass der Arbeitersekretär<br />

nicht nur wöchentlich in Wollerau<br />

und Siebnen Sprechstunden<br />

halte, sondern in Anbetracht des<br />

kommenden Etzelwerkes auch in<br />

<strong>Einsiedeln</strong>. Der Antrag wurde zur<br />

Beschlussfassung an die Delegiertenversammlung<br />

der Arbeiterpartei<br />

vom 14. Mai 1931, welche<br />

<strong>im</strong> «Waldschloss» in Biberbrugg<br />

stattfand, überwiesen, wo ihm<br />

dann auch zugest<strong>im</strong>mt wurde (SD<br />

31.10.1930, 15.5.1931).<br />

Im «Schwyzer Demokrat» vom<br />

10. Oktober 1930 wurde zur Teilnahme<br />

an der Monatsversammlung<br />

vom Folgetag in der «Hofstatt» aufgerufen.<br />

Vollständiges Erscheinen<br />

der Mitglieder sei Pflicht, «wenn


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

in diesem um die von der Sozialdemokratie und ihren Exponenten<br />

propagierte und geförderte wirtschaftliche Verselbständigung<br />

der Frau, deren politische Mitbest<strong>im</strong>mung man<br />

schon seit <strong>Jahre</strong>n verlangte. Zum einen hätten sich die wirtschaftlichen<br />

Grundlagen der Ehe verändert und vollziehe sich<br />

die Produktion ausserhalb der Ehe. Zum anderen gehe es vermehrt<br />

um «Maschinenarbeit und Geburtenregelung, die der<br />

Frau Zeit und Möglichkeit geben, durch richtige Pflege und<br />

Ertüchtigung <strong>im</strong> Sport Körperkraft und Jugend zu erhalten und<br />

dem Manne erotisch länger zu genügen. Dagegen habe übermässiges<br />

Gebären und pausenlose Arbeit <strong>im</strong> Haushalt jenes<br />

frühzeitige Altern hervorgerufen, das wir auch heute noch an<br />

der Bauernfrau beobachten können.» Der «Einsiedler Anzeiger»<br />

zeigte sich schockiert: «Es ist dies ein Bild des Grauens<br />

und Grausens für Mann und Frau».<br />

Ein gemütlicher Abend, aufkommende<br />

Nervosität und politische Grundsätzlichkeit<br />

Die Generalversammlung hielt die Arbeiterpartei am 17. Januar<br />

1931 in der «Hofstatt» ab. Die beschlossene Abendunterhaltung<br />

wurde zunächst auf den 26. Januar, dann auf den<br />

2. Februar 1931 verschoben.<br />

«Voraussichtlich werden zwei kurze Referate von den Genossen<br />

Nationalrat Wattenhofer und Kantonsrat Heinzer gehalten.<br />

Nachher kommen komische Vorträge zur Geltung.<br />

Eine Gruppe vom Jodlerklub ‹Alpenrösli› wird zur Verschönerung<br />

des Abends mithelfen. Selbstverständlich wird in der<br />

Zwischenzeit bei lüpfiger Musik das Tanzbein geschwungen.<br />

Auch die Magenfrage wird gelöst durch den obligatorischen<br />

Schüblig mit Brot und Kartoffelsalat. Zirka 12 Uhr erfolgt die<br />

Tombola, welche ebenbürtig derjenigen der letzten <strong>Jahre</strong> ist.<br />

Es wird gewiss jeder auf seine Rechnung kommen. Alles in<br />

allem, es wird ein gemütlicher Abend werden. Wir ersuchen<br />

unsere Gesinnungsfreunde und Kollegen auch Angehörige<br />

mitzubringen.» (SD 9.1.1931, SD 23.1.1931).<br />

«Der am Montag von der allgemeinen Arbeiterpartei abgehaltene<br />

gemütliche Abend war gut besucht und nahm einen<br />

urgemütlichen Verlauf. Ueber <strong>100</strong> Personen bezeugten der<br />

Arbeiterpartei durch ihre Teilnahme warme Sympathie. Der<br />

Saal zur Hofstatt war prächtig dekoriert, ein Kränzchen darum<br />

der wackeren Gastgeberin Frau Ww. Reichmuth. Die schneidige<br />

Unterhaltungsmusik, der flott auftretende Jodlerklub,<br />

sie haben uns einen unvergesslich schönen Abend bereitet,<br />

ihnen allen herzlichsten Dank. Es konnten sogar auch junge<br />

Mitglieder aufgenommen werden, sie seien in unserm Kreise<br />

stets willkommen! Der grosse Gabentempel hat dann bei der<br />

Losung und Ziehung viel Humor ins Zeug gebracht, wie ebenso<br />

die humoristischen und komischen Darbietungen, für deren<br />

Opfer den Spielenden alle Anerkennung gezollt sei. Zufolge Erkrankung<br />

von Sekretär Ktrt Heinzer fiel das Referat aus und so<br />

pflegte man die Gemütlichkeit noch einige Stunden, so dass<br />

jedermann voll befriedigt von dem Gebotenen, den Unterhaltungsabend<br />

der Arbeiterpartei noch lange in angenehmer Erinnerung<br />

wach halten wird.» (SD 6.2.1931).<br />

Trotz aufgeräumter St<strong>im</strong>mung ging in <strong>Einsiedeln</strong> weiterhin<br />

das Gespenst der Arbeitslosigkeit um. Indessen begann<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> eine gewisse Euphorie und Nervosität Einzug<br />

zu halten: der Beginn der Bauarbeiten am Etzelwerk stand<br />

nun endlich unmittelbar bevor und man rechnete mit einem<br />

Beginn <strong>im</strong> Sommer. Der <strong>Bezirk</strong>srat beschloss, sich bei den<br />

Bundesbahnen dafür einzusetzen, dass gemäss Konzessionsvertrag<br />

nur einhe<strong>im</strong>ische Arbeiter und Gewerbebetriebe, «sofern<br />

sie gleich leistungsfähig sind und zu Konkurrenzpreisen<br />

liefern», berücksichtigt werden. Auch wolle er sich dafür einsetzen,<br />

dass in den Baracken, die während des Baus erstellt<br />

werden, kein öffentlicher Wirtschaftsbetrieb gestattet werde<br />

(SD 2.1.1931, SD 13.2.1931).<br />

Die Z<strong>im</strong>merleute bereiteten sich auf die kommende Sihlseebauzeit<br />

vor. «Abbindplätze und Vergrösserungen der Maschinenwerkstätten<br />

sind <strong>im</strong> Gange.» (SD 6.2.1931). «Unsere<br />

Handwerker und Gewerbetreibende raffen sich auf, um das<br />

einsiedlerische Gewerbe hochzuhalten und einen Block zu<br />

gründen, gegen auswärtige Konkurrenz. Das ist alles recht und<br />

eine Besserung der Verhältnisse und Aufschwung ist ihnen zu<br />

gönnen. Aber wie steht es mit deren Arbeitern und Gesellen?<br />

Bekommen diese Leute auch eine angemessene Lohnerhöhung,<br />

wenn dann die Renditen gut sind.» wurde <strong>im</strong> «Schwyzer<br />

Demokrat» gefragt (SD 27.3.1931). «Sie alle wollen einhe<strong>im</strong>sen.<br />

Die Fuhrhalter haben sich zu einem Verband zusammen getan<br />

auf hiesigem Platze und die Schreinermeister und weitere<br />

folgen. Sie erkennen mit Recht, dass nur ein einiges geschlossenes<br />

Vorgehen ihnen Erfolg bringt. Nicht so die Arbeiter. Die<br />

lassen sich in Sekten teilen, sind leider vielfach zu dumm zu<br />

erkennen, dass sie in allererster Linie eine geeinigte grosse<br />

Organisation nötig hätten.» (SD 10.4.1931).<br />

Schutzvorkehrungen bestanden auch auf kantonaler Ebene,<br />

indem ohne vorherige Bewilligung der kantonalen bzw.<br />

eidgenössischen Fremdenpolizei Ausländern eine Arbeitsaufnahme<br />

strengstens untersagt war (SD 20.2.1931).<br />

Erfreulich war für die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>, dass ihrem<br />

Gesuch um Entsendung eines Vertreters in die Landkommission<br />

des Etzelwerks vom <strong>Bezirk</strong>srat stattgegeben wurde. Als<br />

Vertreter der Arbeiterpartei wurde Blasius Nauer gewählt (EA<br />

21.2.1931, EA 28.3.1931).<br />

Weitere Monatsversammlungen der Arbeiterpartei wurden<br />

am 11. April 1931 und am 2. Mai 1931 in der «Hofstatt» durchgeführt.<br />

An letzterer wurde «in bescheidenem Rahmen eine<br />

Maifeier» abgehalten (SD 10.4.1931, 30.4.1931).<br />

Anlässlich der – bereits oben – erwähnten Delegiertenversammlung<br />

der Arbeiterpartei des Kantons Schwyz vom<br />

14. Mai 1931 <strong>im</strong> «Waldschloss» in Biberbrugg wurde einst<strong>im</strong>mig<br />

beschlossen, die neue kantonale Steuergesetzvorlage<br />

abzulehnen, weil trotz «regierungsrätlichem Versprechen» der<br />

65


Aus dem «Schwyzer Demokrat» vom 15. Mai 1931.<br />

obligatorische Gemeinderats- und <strong>Bezirk</strong>sratsproporz noch<br />

nicht eingeführt sei (SD 15.5.1931, EA 20.5.1931). «Man will<br />

der Arbeiterschaft einfach keine Rechte zuerkennen. (…) Der<br />

Arbeiterpartei will man auch nie den Kantonsratspräsidenten<br />

geben; eine Ungerechtigkeit jagt die andere gegen uns. Man<br />

gönnt uns auch in der Regierung keine Vertretung.», so die<br />

Klage der Kantonalpartei (SD 15.5.1931).<br />

Die Steuergesetzvorlage erlitt in der Abst<strong>im</strong>mung dann auch<br />

Schiffbruch, aber wohl kaum aus alleiniger Sympathie für die<br />

Anliegen der Arbeiterpartei. Die Katholisch-Konservativen und<br />

Christlichsozialen hatten ohne Erfolg darauf hingewiesen, dass<br />

der <strong>Bezirk</strong> unbedingt vermehrte Finanzmittel benötige, um den<br />

Fremdenverkehr und die wirtschaftliche Lage von <strong>Einsiedeln</strong><br />

wieder zu heben (EA 30.5.1931).<br />

Im April 1931 fand in <strong>Einsiedeln</strong> eine christlichsoziale Landeswallfahrt<br />

nach <strong>Einsiedeln</strong> zur Feier des 40jährigen Bestehens<br />

der Arbeiter-Enzyklika «Rerum novarum» statt. Im August<br />

führte der katholische Arbeiterverein sogar eine Enzyklika-Feier<br />

durch (EA 25.4.1931, EA 22.8.1931). Man wähnte sich wahrlich<br />

in zwei Welten! Die damals vorherrschende katholisch-konservative<br />

Anspruchshaltung kommt in folgender Aussage treffend<br />

zum Ausdruck: «Es besteht in unserer Eidgenossenschaft ausser<br />

der katholisch-konservativen und der christlichsozialen Partei<br />

keine andere Partei, die mit den dogmatischen Lehren der<br />

Kirche nicht <strong>im</strong> Widerspruch steht. Daraus folgt mit eiserner<br />

Konsequenz, dass eine katholische Politik notwendig ist, sofern<br />

man die Notwendigkeit von Politik überhaupt nicht bestreitet.»<br />

(EA 19.9.1931).<br />

Konsequenz war des Öfteren auch folgende Erfahrung der<br />

Einsiedler Genossen: «Es ist oft interessant anzuhören, wie gewisse<br />

Arbeitgeber Mitglieder der Arbeiterpartei anöden und<br />

zugleich erklären, ja wenn Du austrittst, kannst Du bei mir arbeiten.»<br />

(SD 5.6.1931).<br />

Erwähnenswert ist der am 15. August 1931 erfolgte Wechsel<br />

des Sekretärs der christlichsozialen Organisationen in <strong>Einsiedeln</strong><br />

zu Fritz Husi, dem späteren langjährigen Kantonsrat,<br />

Kantonsratspräsidenten, <strong>Bezirk</strong>sgerichtspräsidenten, Regierungsrat<br />

und Landammann (EA 15.8.1931, EA 5.3.1985).<br />

Die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> traf sich am 6. Juni, 4. Juli und<br />

8. August 1931 zu ihren Monatsversammlungen in der «Hofstatt»<br />

(SD 5.6.1931, SD 3.7.1931, SD 7.8.1931). Über die behandelten<br />

Geschäfte ist leider nichts bekannt.<br />

Gründung der Etzelwerk AG,<br />

Nationalratswahlen 1931 und «traurige<br />

Taglöhne»<br />

Am 12. August 1931 wurde auf dem Einsiedler Rathaus zwischen<br />

Vertretern der Schweizerischen Bundesbahnen und<br />

der Nordostschweizerischen Kraftwerke mit einem Aktienkapital<br />

von 20 Mio. Franken eine Aktiengesellschaft zum Bau<br />

des Etzelwerkes gegründet (SD 14.8.1931).<br />

Vorboten der anstehenden Nationalratswahlen zeigten<br />

sich <strong>im</strong> September 1931. Der katholisch-konservative Schwyzer<br />

Nationalrat Fritz Stähli machte die Sozialdemokraten für<br />

den Generalstreik von 1918 und dessen Opfer («hunderte von<br />

Soldaten») verantwortlich (EA 16.9.1931).<br />

Der Parteitag der Arbeiterpartei des Kantons Schwyz in<br />

Lachen nominierte am 27. September 1931 für die Nationalratswahlen<br />

erneut das Gespann Johann Wattenhofer, alt Nationalrat,<br />

kumuliert, und Josef Heinzer, Arbeitersekretär (SD<br />

2.10.1931).<br />

«Die Sozialisten hoffen! Die Sozialisten geben ihrer Hoffnung,<br />

dass sie den Konservativen ein Nationalratsmandat entreissen<br />

werden, ganz unverhohlen Ausdruck. Dieser Hoffnung<br />

entspricht auch ihre ungemein rührige Tätigkeit in Versammlungen<br />

und in Bearbeitung der St<strong>im</strong>mfähigen. Das dürfte doch<br />

den Bürgerlichen ein Weckruf sein, und da die liberale Kandidatur<br />

gesichert ist, die konservative Liste mit den Namen von<br />

Weber und Dr. Stähli in die Urne zu legen.» (EA 17.10.1931).<br />

Auf 18. Oktober 1931 lud die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong><br />

zu einer Volksversammlung in die «Hofstatt». Alt Nationalrat<br />

und Nationalratskandidat Johann Wattenhofer, Siebnen, referierte<br />

über wirtschaftliche und politische Tagesfragen (SD<br />

16.10.1931).<br />

Die Katholisch-Konservativen machten <strong>im</strong> Wahlkampf<br />

weiter Dampf: «Wattenhofer als Vorspann Heinzers! Die sozialistische<br />

Arbeiterpartei verleiht ihrer Liste Zugkraft durch<br />

den Namen Wattenhofer, den sie als loyalen und tüchtigen<br />

Volksmann preist. Sie weiss, dass sie damit in weiten Kreisen<br />

66


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Eingang findet, die grundsätzlich nichts vom Sozialismus wissen<br />

und ihre St<strong>im</strong>me nur dem Kandidaten Wattenhofer geben<br />

wollen. Nun wird aber aus sicherer Quelle bekannt und auch<br />

der ‹Schwyzer Demokrat› deutet es an, dass Wattenhofer den<br />

Sitz seinem Listenkollegen Heinzer abtreten wird. So soll also<br />

das Volk mit dem Namen<br />

Wattenhofer geködert und<br />

in Wirklichkeit Heinzer gewählt<br />

werden. Ein Wahlmanöver!<br />

Mitbürger! Lasst<br />

Euch das nicht bieten!»<br />

(EA 24.10.1931).<br />

Die Einsiedler Genossen<br />

verlangten vom <strong>Bezirk</strong>srat<br />

eine Einsitznahme<br />

in das Wahlbüro für die<br />

Wahlen vom 25. Oktober<br />

1931. Dieser gab dem<br />

Verlangen statt und wählte<br />

in dieses zwei Vertreter<br />

der Arbeiterpartei (EA<br />

28.10.1931).<br />

Der Angriff der Schwy-<br />

67<br />

zer Sozialdemokraten<br />

blieb leider erfolglos. Obwohl<br />

sie die St<strong>im</strong>menzahl<br />

von 1928 fast halten konnten<br />

verpasste ihre Liste<br />

die notwendige Verteilzahl<br />

um über 2‘000 St<strong>im</strong>men.<br />

In <strong>Einsiedeln</strong> vermochte<br />

die Liste nur 9.5% der<br />

St<strong>im</strong>men auf sich zu vereinigen<br />

(EA 28.10.1931).<br />

Der «Einsiedler Anzeiger»<br />

frohlockte: «Die Nationalratswahlen<br />

sind nun vorüber.<br />

Die erhitzten Gemüter der Sozialdemokraten haben sich<br />

wieder gekühlt. Der heisse Kampf des Bürgertums gegen den<br />

revolutionären Sozialismus ist geschlagen. Die schwyzerische<br />

Sozialdemokratie, welche mit grosser Siegeshoffnung in den<br />

so scharf geführten Wahlkampf zog, ist glänzend besiegt worden.<br />

Unser Schwyzer Bergvölklein ist wie einst seine Väter in<br />

Not und Gefahr treu und fest zusammengestanden und hat die<br />

alte kathol. Urschweizertradition stramm und freudig hochgehalten.»<br />

(EA 31.10.1931).<br />

Die Arbeiterpartei hielt am 14. November 1931 ihre Versammlung<br />

in der «Hofstatt» ab. Thema bildeten offenbar Unkorrektheiten<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> bei der St<strong>im</strong>mabgabe und man<br />

verlangte einen Untersuch wegen unberechtigter Abgabe von<br />

Ausweiskarten (SD 20.11.1931). Um was ging es? – «Der Missbrauch<br />

des St<strong>im</strong>mrechts <strong>im</strong> Kloster <strong>Einsiedeln</strong>. (…) Die Schüler<br />

der obersten Klassen sind bei Wahlen und Abst<strong>im</strong>mungen<br />

auch st<strong>im</strong>mfähig und bekommen den St<strong>im</strong>mrechtsausweis.<br />

Nun ist es vorgekommen, dass anlässlich der Nationalratswahlen<br />

sogar jene St<strong>im</strong>mkarten erhielten, die schon das letzte<br />

Jahr das Kloster und die Schule verlassen haben. Es haben<br />

Inserat <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» vom 15. Oktober 1931 bzw. dem beigelegten Wahl-Pamphlet<br />

«Schwyzerland». «Das Machwerk strotzt von Lügen und Verleumdungen! Das sind<br />

Wahlmanöver gemeinster, niedrigster Art! Pfui. Mit solchen traurigen Mitteln voller Lügen u.<br />

Entstellungen kämpft die konservative Partei.» (SD 23.10.1931).<br />

nun einige wohl sehr gut konservative Studenten sich dieser<br />

St<strong>im</strong>mausweise unbefugterweise bemächtigt, nahmen solche<br />

St<strong>im</strong>mzettel von solchen, die nicht mehr da waren und gingen<br />

damit st<strong>im</strong>men; wie ist natürlich nicht notwendig zu fragen!»<br />

(SD 18.12.1931).<br />

Im Herbst 1931 wurde zudem bekannt bzw. ruchbar, mit<br />

was für Löhnen be<strong>im</strong> Bau des Etzelwerks gerechnet werden<br />

kann. «Es wird <strong>im</strong>mer viel vom Sihlsee geredet und auch gefragt,<br />

was da wohl für Löhne bezahlt werden. Und siehe da: Es<br />

gibt Unternehmer, gut katholische, die in der Kirche nie fehlen<br />

und glauben den Erdarbeiter mit einem Löhnchen von 70-80<br />

Rappen per Stunde abtun zu können. Wie ist dem zu begegnen?<br />

Ganz einfach: Die Arbeiter seien unter sich eben eins<br />

und weisen zum vornherein einen solchen Schundlohn energisch<br />

zurück. Für derartige Elendslöhne hat nämlich auch der


Handwerker- und Gewerbestand kein Interesse, denn wenn<br />

das Löhnchen bloss langt fürs Essen, dann reichts eben nicht<br />

mehr für andere Bedarfsartikel und den Schaden haben dann<br />

auch jene.» (SD 9.10.1931). Bezüglich der am Bau beteiligten<br />

Firma Käppeli war die Rede von Taglöhnen von Fr. 8.— bis Fr.<br />

8.50 (SD 2.10.1931).<br />

Das Jahr 1931 endete mit einem öffentlichen und überparteilich<br />

getragenen Vortrag von Nationalrat Alois Ab Yberg am<br />

29. November 1931 <strong>im</strong> «St. Georg» zur Alters- und Hinterlassenenversicherung<br />

(SD 27.11.1931) und mit einer letzten Parteiversammlung<br />

am 19. Dezember 1931 in der «Hofstatt» (SD<br />

18.12.1931).<br />

Der «Linksblock» von <strong>Einsiedeln</strong> und ein<br />

Wahlstreik der Oppositionsparteien<br />

Auch die Generalversammlung am Meinradstag 1932 wurde<br />

in der «Hofstatt» abgehalten (SD 15.1.1932). «Obwohl wir nicht<br />

alles erreichten, was wir erhofften, so dürfen wir doch zufrieden<br />

sein. Der Vorstand wurde wieder aus den alten Kämpen<br />

bestellt. Dass es auch bei uns zu verschiedenen Meinungsverschiedenheiten<br />

kam, geht nicht gut anders wie bei allen<br />

politischen Parteien. Das Referat vom Sekretär Josef Heinzer<br />

erntete grossen Applaus und wurde verdankt. Nach der Versammlung<br />

ging man zum gemütlichen Teil über mit Musik,<br />

komischen Einlagen und einigen köstlichen Witzen. Um 10<br />

Uhr wurde das Nachtessen eingenommen, was zur vollen Befriedigung<br />

aller Teilnehmer geschah. Nachher ging man zur<br />

Verlosung über und alle waren befriedigt über ihre Gewinne.<br />

Dass einige keine Lose erhielten, aus Versehen, ist dem Vorstand<br />

leid genug gewesen. Von 12 Uhr an wurde das Tanzbein<br />

geschwungen und es war köstlich wie Alt und Jung fast keinen<br />

ausliessen bis gegen Morgen. Alles in allem, es war ein<br />

richtiger Arbeiter-Unterhaltungsabend. Auch einen speziellen<br />

Dank allen jenen, die zum Gabentempel uns unterstützen.»<br />

(SD 29.1.1932).<br />

Wie sich der Vorstand mit den «alten Kämpen» genau zusammensetzte<br />

ist nicht bekannt. An der Budgetgemeinde vom<br />

10. Januar 1932 wurde Daniel Kürzi vorstellig und verlangte,<br />

der <strong>Bezirk</strong>srat möchte in Bern vorsprechen, um von dem Kredit<br />

für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auch einen Anteil<br />

für <strong>Einsiedeln</strong> zu sichern (EA 13.1.1932). Die Arbeiterpartei<br />

hakte in dieser Problematik kurz darauf nach und aus den<br />

<strong>Bezirk</strong>sratsverhandlungen war zu lesen: «Die Allgemeine Arbeiterpartei<br />

wünscht vom <strong>Bezirk</strong>srat, er möchte für vermehrte<br />

Arbeitsbeschaffung <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> besorgt sein, um Arbeitsentlassungen<br />

in verschiedenen Firmen zu vermeiden. Der Rat wird<br />

dafür Sorge tragen, dass so bald wie möglich neue Arbeitsgelegenheiten<br />

geschaffen werden, wie Meliorationen usw. Der<br />

Beginn dieser Arbeiten ist aber bedingt durch die Subventionsbehörden,<br />

welche eine Baubewilligung erteilen müssen.<br />

Der Rat wird bei Eingabe von Projekten den Oberbehörden<br />

empfehlen, die Baubewilligung umgehend zu erteilen, um der<br />

Arbeitslosigkeit zu steuern. Sodann kann der Rat darauf aufmerksam<br />

machen, dass gegenwärtig oder in allernächster Zeit<br />

verschiedene Arbeiten ausgeführt werden, die ziemlich viele<br />

Arbeitskräfte erfordern; so soll die Katzenstrickkanalisation<br />

tunlichst befördert werden; die Genossame Willerzell sieht ein<br />

Wegprojekt vor, und <strong>im</strong> Steinbach werden grössere Uebererdungsarbeiten<br />

ausgeführt. Verglichen mit andern Gemeinden,<br />

dürfte die Arbeitsmarktlage in unserm <strong>Bezirk</strong> relativ noch als<br />

gut zu bezeichnen sein.» (EA 23.1.1932).<br />

Am 5. März 1932 trafen sich die Genossen zur nächsten<br />

Monatsversammlung in der «Hofstatt». Mutmasslich ging es<br />

um den sehnlichst erwarteten Baubeginn des Etzelwerks.<br />

Die Partei verlangte die Schaffung eines bezirksrätlichen Einigungsamtes<br />

in etwaigen Arbeitskonflikten und eine Einsitznahme<br />

(SD 11.3.1932).<br />

Am 24. April 1932 standen die Regierungs- und Kantonsratswahlen<br />

an. Die liberale Partei und die konservative Volkspartei<br />

einigten sich auf eine Besitzstandswahrung <strong>im</strong> Regierungsrat.<br />

«Dies auch unter dem Gesichtspunkt, dass eine<br />

politische Minderheit <strong>im</strong> Rate nicht vertreten ist. Die sozialdemokratische<br />

Partei, die formell auf Grund ihrer St<strong>im</strong>menzahl<br />

auf ein Mandat Anspruch erhebt, wird die sozial fortschrittliche<br />

Einstellung und die <strong>im</strong> Verhältnis zu den gegebenen Mitteln<br />

entsprechende Wirksamkeit der obersten vollziehenden Landesbehörde<br />

anerkennen müssen.» (EA 2.4.1932). Der kantonale<br />

Parteitag beschloss, für die Regierungsratswahlen keinen<br />

Vorschlag aufzustellen und erklärte St<strong>im</strong>menthaltung (EA<br />

13.4.1932).<br />

In Bezug auf die Kantonsratswahlen in <strong>Einsiedeln</strong> gestaltete<br />

sich die Ausgangslage schwierig. Neu standen dem <strong>Bezirk</strong><br />

<strong>Einsiedeln</strong> nämlich nur noch 13 statt der bisherigen 14 Sitze<br />

zu. «Die Arbeiterpartei stellt auch dieses Mal wieder eine Nomination<br />

auf, und mit Recht, denn nach der Parteistärke bei den<br />

Nationalratswahlen hat sie das volle Recht auf ein Mandat und<br />

einen Ersatz. Ob es zum offenen Kampf oder zu einer Einigung<br />

aller Parteien kommt, wird eben erst am Samstag entschieden.<br />

Die Arbeiterpartei ist fest entschlossen, ob Kompromiss oder<br />

nicht, den Kampf aufzunehmen, denn 1 Sitz gehört ihr!» (SD<br />

15.4.1932).<br />

Nachdem die konservative Mehrheitspartei nach wie<br />

vor neun Sitze für sich beanspruchte, kam es nicht nur zum<br />

Kampf, sondern zu einem «Linksblock» in <strong>Einsiedeln</strong>. «Die<br />

liberale Partei und die Bauern- und Bürgerpartei haben sich<br />

für die Kantonsratswahlen mit der sozialdemokratischen Partei<br />

verbunden. Also hat eine Hochzeit stattgefunden und die<br />

Entente ist beieinander.» «Was sich <strong>im</strong> ganzen Kanton Schwyz<br />

sonst nirgendwo ereignet hat, ist in <strong>Einsiedeln</strong> passiert, nämlich,<br />

dass zwei bürgerliche Parteien die Sozialisten zu Hilfe<br />

nehmen, um einer dritten bürgerlichen Partei Mandate abzujagen.<br />

(…) Das ist eine Provokation seitens unserer Liberalen und<br />

der Bauern- und Bürgerpartei!» (EA 20.4.1932).<br />

68


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Auf der gemeinsamen Liste des «Linksblockes» stand als Kandidat<br />

der Arbeiterpartei alt Kantonsrat Daniel Kürzi, pensionierter<br />

Lokomotivführer (SD 22.4.1932). Die drei Oppositionsparteien<br />

warben mit einem schwefelgelben Flugblatt: «Es ist<br />

nach unserer Auffassung klug, wenn wir, entgegen dem Willen<br />

der konservativen Partei, auch der Arbeiterpartei Gelegenheit<br />

geben, neben den andern Parteien am Staatswagen zu ziehen.»<br />

(EA 27.4.1932).<br />

Dem Gesuch der Arbeiterpartei um eine Vertretung <strong>im</strong><br />

Abst<strong>im</strong>mungsbüro wurde vom <strong>Bezirk</strong>srat entsprochen (EA<br />

30.4.1932). Der Wahlkampf gestaltete sich aufgrund dieser<br />

Ausgangslage sehr lebhaft, endete aber mindestens für die<br />

Arbeiterpartei in einer Niederlage. «Alle neun Vorgeschlagenen<br />

der konservativ-christlichsozialen Liste wurden gewählt.<br />

(…) Von den Linksblockparteien sind drei Liberale und ein<br />

Bauern- und Bürgerparteiler gewählt, wie bisher. Der Sozialdemokrat<br />

wurde von seinen liberalen und bauern-bürgerparteilichen<br />

Wahlfreunden so gründlich gestrichen, dass er zum<br />

vorneherein ausser Abschied und Traktanden fiel. Ob sich die<br />

Einsiedler Sozialdemokraten ein anderes Mal wieder als Zahlenmaterial,<br />

um nicht einen bekanntern, zünftigen Ausdruck zu<br />

gebrauchen, hergeben?» (EA 27.4.1932).<br />

Immerhin kantonal gewann die schwyzerische Arbeiterpartei<br />

drei Mandate hinzu.<br />

Unmittelbar nach den Kantonsratswahlen standen die<br />

Wahlen in die <strong>Bezirk</strong>sbehörden an. Die Konservativen nahmen<br />

zur Kenntnis, dass die drei Oppositionsparteien sich weigerten,<br />

diesbezüglich mit ihnen in Verhandlungen zu treten (EA<br />

30.4.1932). «Wie die Linksblockgründung auf die Kantonsratswahlen<br />

für <strong>Einsiedeln</strong> eine Neuheit war, so waren es auch die<br />

<strong>Bezirk</strong>swahlen vom letzten Sonntag. Dieselben stunden nämlich<br />

<strong>im</strong> Zeichen des grundsätzlichen Wahlstreikes der Linksparteien.<br />

Wie kam die Sache? Die Herbeiziehung der Sozialdemokraten<br />

durch die Liberalen und Bürgerparteiler als Sturmtruppe<br />

gegen die Konservativ-Christlichsozialen hatte bei den Letzern<br />

selbstverständlich die berechtigte Ablehnung gefunden. (…)<br />

Nach erfolgter Aufstellung unserer Nominationen, die verdientermassen<br />

ganz <strong>im</strong> Sinne der Bestätigung erfolgt waren,<br />

erfolgten endlich am Freitag Verhandlungsanbahnungen aus<br />

den Minderheitsparteien. (…) Von den Linksparteien waren bei<br />

den Verhandlungen nur die liberale Partei und die Bürgerpartei<br />

vertreten. Wie die sozialdemokratische Partei, die am Sonntag<br />

zuvor noch mit den beiden andern Linksparteien marschierte,<br />

inzwischen von denselben ‹weggekommen› war, entzieht sich<br />

unserer Kenntnis. Die Verhandlungen zwischen den Konservativen<br />

und den Linksparteilern führten zu keinem Resultat. Die<br />

Letztern erklärten zum Schlusse, dass ihre in Aussicht genommenen<br />

Kandidaten solidarisch auf die ihnen zugedachten Sitze<br />

verzichten. Nun war der Wahlstreik da, eine Neuigkeit in <strong>Einsiedeln</strong>.<br />

Aber doch nicht auf der ganzen Linie. Der Landschreiber<br />

und der <strong>Bezirk</strong>sweibel wurden von den Linksparteien doch<br />

verlangt.» (EA 4.5.1932).<br />

Die Liste der Konservativen, der Christlichsozialen und des<br />

jungkonservativen Stauffacherbundes marschierte auch hier<br />

durch und diese errangen einen zusätzlichen Sitz <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>srat.<br />

In den notwendigen Nachwahlen überliessen sie den Liberalen<br />

und der Bauern-, Bürger- und Gewerbepartei indessen<br />

freiwillig einen Sitz, weil «die heutige allgemeine Wirtschaftskrise<br />

und die bevorstehenden wichtigen Fragen <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>shaushalt<br />

die Zusammenarbeit in der Behörde und den Frieden <strong>im</strong><br />

Volke» nahe lege (EA 18.5.1932). Die Arbeiterpartei sah zudem<br />

die Aussichtslosigkeit ein, mit einem Mann in den <strong>Bezirk</strong>srat<br />

einzuziehen und begnügte sich damit, gemäss Vereinbarung<br />

drei Kommissionssitze zu erhalten (SD 20.5.1932). Daniel Kürzi<br />

nahm nun nicht nur in der Armenpflege, sondern neu auch<br />

<strong>im</strong> Schulrat Einsitz (EA 28.5.1932). Der dritte Sitz dürfte weiterhin<br />

derjenige von Blasius Nauer in der Landkommission des<br />

Etzelwerks gewesen sein.<br />

Beginn der Etzelwerkarbeiten, Streiks und<br />

Arbeitsbedingungen<br />

Im Sommer 1932 gingen zwei Ankündigungen wie ein Lauffeuer<br />

durch <strong>Einsiedeln</strong>. Zum einen haperte es in den Buchdruckereien<br />

und standen Kündigungen <strong>im</strong> Raum. Zum anderen<br />

wurde das Etzelwerk vom Bund als Notstandsarbeit definitiv<br />

gesichert (SD 17.6.1932). Der Schwyzer Regierungsrat wies<br />

postwendend alle neuen Einreise- und Arbeitsgesuche von<br />

ausländischen Saisonarbeitern ab (SD 24.6.1932).<br />

«Das Etzelwerk, an dem am längsten Tag [21. Juni] der erste<br />

Spatenstich getan worden, wirkt sich bereits auch <strong>im</strong> täglichen<br />

Leben <strong>Einsiedeln</strong>s aus. Noch kann man öfters in Autocars einzelne<br />

Gruppen Offizieller sehen, die unter kundiger Leitung diesen<br />

oder jenen Punkt besuchen und in Augenschein nehmen.<br />

Schon macht sich aber auch der Zuzug von Leuten bemerkbar,<br />

die hier für die Zeit des Etzelwerkbaues ihr Auskommen<br />

zu finden hoffen. Zahlreich sind bereits die Schreinermeister,<br />

die vom Baubeginn Arbeit für ihre neuerrichteten Werkstätten<br />

erhoffen. In grosser Zahl gehen auch schon be<strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>samt<br />

von Kantinenhaltern die Gesuche zum Bau von Baracken <strong>im</strong><br />

Gebiete des Sihlsees ein und namentlich stellen sich täglich<br />

viele Arbeitssuchende ein. Sie werden vielfach von auswärts<br />

nach <strong>Einsiedeln</strong> gewiesen, denn hier bekämen sie schon Arbeit.<br />

Leider sehen sich dann die Leute getäuscht, denn von<br />

einem grossen Arbeitsbetrieb spürt man noch wenig, konnten<br />

doch bis anhin nicht einmal alle Arbeitslosen des <strong>Bezirk</strong>es Beschäftung<br />

finden.» (SD 22.7.1932).<br />

Zwei Konflikte traten für die hiesige Arbeiterschaft zu Tage.<br />

Der erste betraf den Kanton Zürich. Dieser verlangte, 65% der<br />

be<strong>im</strong> Etzelwerk angestellten Arbeiter stellen und entsprechend<br />

Arbeitslose nach <strong>Einsiedeln</strong> schicken zu können, auf was sich<br />

die Kantone auch einigten, was den Einsiedler Arbeitslosen<br />

aber natürlich nicht gefiel (SD 26.8.1932, SD 31.3.1933, SD<br />

9.11.1934). Von Seiten der Arbeiterpartei bestand zudem der<br />

69


Bauarbeiten am Hühnermattdamm <strong>im</strong> Horgenberg (Foto Hermann Lienert, undat.).<br />

Verdacht, dass vorrangig Christlichsoziale berücksichtigt würden.<br />

Das andere war ein Lohnkonflikt. Der Stundenlohn lag<br />

unter einem Franken und die Auswärtigen wurden besser<br />

bezahlt.<br />

Als erste wehrten sich die Strassenarbeiter der Firma Walo<br />

Bertschinger <strong>im</strong> Horgenberg. Ihr eintägiger Arbeitsunterbruch<br />

war erfolgreich und der Stundenlohn wurde von 85 Rp. auf 95<br />

Rp. angehoben (SD 2.9.1932).<br />

Am 25. September 1932 organisierten sich in <strong>Einsiedeln</strong> die<br />

Bau- und Holzarbeiter als freie Gewerkschaft (SD 23.9.1932).<br />

Die Arbeiterpartei hielt am 1. Oktober 1932 ihre Monatsversammlung<br />

in der «Hofstatt» ab «um alle Angelegenheiten zu<br />

regeln» (SD 30.9.1932).<br />

Am 14. Oktober 1932 machten in <strong>Einsiedeln</strong> Gerüchte die<br />

Runde, dass in Willerzell und Euthal in den Firmen Fietz &<br />

Leuthold sowie Gossweiler & Cie. einige Gruppen von Strassenbauarbeitern<br />

am Etzelwerk in den Streik getreten seien.<br />

«In einem Aufrufe an die Bevölkerung von Willerzell und Euthal<br />

wurde ab Seite der Streikleitung erklärt, dass die Arbeiter<br />

wirklich in den Ausstand getreten seien und dass auch kein<br />

Einhe<strong>im</strong>ischer den um bessere Existenzbedingungen kämp-<br />

70<br />

fenden Arbeitsbrüdern in<br />

den Rücken fallen möge.<br />

Grund zur Arbeitsniederlegung<br />

wurden genannt:<br />

kleine Löhne, strenge Arbeit<br />

<strong>im</strong> Wasser und Dreck,<br />

schlechte Behandlung<br />

durch die Vorgesetzten und<br />

teures, schwächliches Essen<br />

in den Kantinen. Sofort<br />

begab sich das <strong>Bezirk</strong>samt<br />

nach Willerzell und zum<br />

Schutze der Arbeitswilligen<br />

(lies Kapitalisten!) wurde als<br />

erste Massnahme natürlich<br />

sofort ein grosses Polizeiaufgebot<br />

hierher beordert.<br />

Eine Konferenz in Zürich<br />

mit den Vertretern des Etzelwerkes<br />

ergab, dass die<br />

Unternehmer erklärten, sie<br />

entlöhnen <strong>im</strong> Sinne des<br />

Vertrages. Da mögen nun<br />

einmal jene Herren selbst<br />

in die Schmutzlöcher<br />

herabsteigen mit einem<br />

Schundlöhnchen, denn<br />

der ortsübliche Tarif, das<br />

ist für <strong>Einsiedeln</strong> etwas<br />

Dehnbares. Aber trotzdem<br />

erklärten die Herren protzig,<br />

dass sie nicht gewillt seien, grössere Löhne zu zahlen.»<br />

(SD 21.10.1932).<br />

Der «Einsiedler Anzeiger» witterte aufgrund der Urheberschaft<br />

der Streikaktion wohl nicht zu Unrecht einerseits politische<br />

Motive, stellte andererseits aber auch unumwunden<br />

fest, dass die Lohn- und Arbeitsverhältnisse am Etzelwerk alles<br />

andere als gut waren: «Ohne gross zu leben und zu prassen,<br />

kann es passieren, dass das Lohntreffnis nicht ausreicht,<br />

um die gemachten Ausgaben [für Kost und Logis in den Kantinen<br />

der Unternehmer] zu decken. So sollte ein Arbeiter bei der<br />

Firma Gossweiler ausbezahlt werden; aber unglücklicherweise<br />

hatte er für Kost und Logis mehr ausgegeben, als seine Entlöhnung<br />

ausmachte. Er musste wohl oder übel weiter arbeiten,<br />

bis er den letzten Heller bezahlt hatte. Vollständig mittellos,<br />

war er gezwungen, zu Fuss nach Hause ins Zürichbiet zu tippeln.»<br />

(EA 26.10.1932). «Die Leute müssen Bier oder Mineralwasser<br />

kaufen oder in den Kantinen der Unternehmer wacker<br />

Schulden machen. Immer wird der am meisten berücksichtigt,<br />

der in der Kantine des Unternehmers am meisten konsumiert.<br />

Solche Zustände sind einfach skandalös. Ferner wird ungewohnten<br />

Arbeitern Akkordarbeit zugemutet. Dass die Behand-


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Wie sich <strong>im</strong> Nachhinein ergab, hatten die streikenden Arbeiter<br />

in Willerzell eine Versammlung abgehalten und war<br />

hierbei das Kampforgan der kommunistischen Partei Zürich,<br />

der «Kämpfer» verteilt worden. Dieser wurde anfangs<br />

Woche von zwei Radfahrern auch <strong>im</strong> Dorf unter die Leute<br />

gebracht (EA 22.10.1932). Die direkte Streikaktion mit sofortiger<br />

Arbeitsniederlegung und Verzicht auf vorgängige<br />

Verhandlungen wurde als Fehler beurteilt. Vermittlungsversuche<br />

des Einsiedler Arbeitsamtes scheiterten an der<br />

«Starrköpfigkeit der Unternehmer», die Begehren der<br />

Streikleitung wurden als unberechtigt zurückgewiesen,<br />

diese verhaftet und während dreier Tage <strong>im</strong> Gefängnis in<br />

<strong>Einsiedeln</strong> eingekerkert und die streikenden Arbeiter ausgesperrt<br />

(EA 26.10.1932, SD 28.10.1932).<br />

lung auch sehr zu wünschen übrig lässt, beklagten alle.» hielt<br />

auch der «Schwyzer Demokrat» fest (SD 28.10.1932). «Dass<br />

es bei derartigen Zuständen Erbitterung geben kann, ist nicht<br />

zu verwundern, besonders wenn man in Betracht zieht, dass<br />

diese Arbeit für manchen [Arbeitslosen] eine ungewohnte Tätigkeit<br />

ist. Verständigerweise bedeutet eine Arbeit, die in Lehm<br />

und Dreck bis über die Fussknochen ausgeführt werden muss,<br />

sicher kein Vergnügen. Was bleibt da bei solchen armseligen<br />

Löhnen noch übrig für gutes Schuhwerk und Kleider, für die<br />

Familie, für Frau und Kinder, für Hauszins, Heizung und andere<br />

vielgestaltige Unkosten?» (EA 26.10.1932).<br />

Die Stellungnahme der Gewerkschaften vom 1. November<br />

1932 zu Handen des Bundesamtes für Industrie, Gewerbe und<br />

Arbeit, der Bauleitung der Etzelwerk AG, Regierungsrat und<br />

Stadtrat von Zürich, nahm kein Blatt vor den Mund. Auf den<br />

fünf Baustellen arbeiteten insgesamt 283 Mann, wovon 174<br />

aus dem Kanton Zürich, und 109 aus dem Kanton Schwyz.<br />

Die Stundenlöhne betrugen zwischen 90 Rp. und Fr. 1.10 bei<br />

einer wöchentlichen Arbeitszeit von 55–58 Stunden. Die Verpflegung<br />

in den Kantinen kostete pro Tag etwa Fr. 3.—. «Das<br />

Essen kann als preiswert bezeichnet werden, ist jedoch für die<br />

schwere und ungewohnte Arbeit <strong>im</strong> Freien nicht ausreichend,<br />

so dass die Zwischenverpflegungen (Znüni und Zvieri) nicht<br />

übertrieben sind. Dadurch tritt aber eine wesentliche Verteuerung<br />

der Verpflegungskosten ein.» Die Arbeiter waren bei<br />

den Bauern in der Umgebung untergebracht und bezahlten<br />

pro Nacht 50–60 Rp. bzw. Fr. 15.— bis Fr. 18.— pro Monat auf<br />

der linken Sihlseite (!), währenddem bei den Baustellen auf<br />

der rechten Sihlseite pro Nacht 70–80 Rp. bzw. Fr. 21.— bis Fr.<br />

24.— pro Monat verlangt wurden. Meistens handelte es sich<br />

um 2er- oder 3er-Z<strong>im</strong>mer und bestand keine Gelegenheit, die<br />

nassen Kleider trocknen zu können. In Bezug auf die Behandlung<br />

der Arbeiter «musste festgestellt werden, dass bei letzteren<br />

[auf der rechten Sihlseite] verschiedenes nicht st<strong>im</strong>mt,<br />

und sich diese Arbeiter in einer ungünstigeren Lage befinden<br />

als ihre Kollegen links der Sihl. Dies kommt durch die niedrigeren<br />

Löhne, Mehrpreis für das Logis, wie durch eine starke<br />

Fluktuation unter den Arbeitern zum Ausdruck.» Hinzu kam:<br />

«Wie üblich haben die Arbeiter bei solchen Bauten wegen der<br />

Witterungsverhältnisse grosse Einbussen am Lohn zu erleiden,<br />

wogegen sie natürlich die Ausgaben für Verpflegung und<br />

Logis gleichwohl bestreiten müssen. Wie von der Bauleitung<br />

mitgeteilt wurde, werden die Arbeiten ab November auf den<br />

meisten Baustellen ganz eingestellt.» (SD 4.11.1932).<br />

Dem «Einsiedler Anzeiger» lagen Zahltagscouverts vor, bei<br />

71


Etzelwerk-Strassenarbeiter in Euthal in einer undatierten Aufnahme.<br />

etwas klares Wasser einzuschenken, das<br />

werden auch Sie für gut finden.» kommentierte<br />

der «Schwyzer Demokrat» gegenüber<br />

dem christlichsozialen Arbeitersekretär<br />

Fritz Husi trocken (SD 4.11.1932). «Der<br />

‹Goldregen am Etzelwerk›, wie ihn etliche<br />

haben, ist eben nicht der Arbeiterschaft<br />

beschieden, wohl aber hat es Ingenieure,<br />

die ein Monatssalär von 2‘500 und 3‘000<br />

Franken einsacken, Unteringenieure Fr.<br />

1‘400 bis 1‘600 Fr.»<br />

Das christlichsoziale Arbeitersekretariat<br />

bzw. Fritz Husi st<strong>im</strong>mte bei. «Mag der<br />

Streik, wie er in Szene gesetzt wurde, ein<br />

falsches Mittel gewesen sein, die Forderungen<br />

waren bis in die Einzelheiten gerecht.»<br />

(EA 2.11.1932).<br />

Ob und wie sich die Arbeitsverhältnisse<br />

danach verbesserten ist nicht bekannt.<br />

Wie sich vier <strong>Jahre</strong> später herausstellen<br />

sollte, war es um den Arbeiterschutz aber<br />

<strong>im</strong>mer noch nicht gut bestellt.<br />

Genfer Aufruhr und<br />

eine Rechtfertigung des<br />

Parteinamens<br />

welchen Arbeitern nach zwei Wochen Arbeit und Abzug von<br />

Kost und Logis zwischen Fr. 3.75 und Fr. 7.40.— übrig blieben<br />

und bei hiesigen Arbeitern Fr. 25.70. Letztere mussten hieraus<br />

die Wohn- und Lebenskosten ihrer Familie bestreiten (EA<br />

26.10.1932).<br />

«Ja, lieber Herr Sekretär, jetzt haben Sie einen Haufen Arbeit<br />

zu bewältigen und wir möchten ja nicht, dass Sie aus lauter<br />

Erfahrungen Sozialist werden. Den Herren hin und wieder aber<br />

Im Jahr 1932 traten in der Schweiz je länger<br />

je mehr Spannungen zwischen (gemässigten)<br />

Sozialdemokraten und Kommunisten<br />

auf. Die 1. Mai-Feiern beging<br />

man bereits getrennt.<br />

Der Grosse Stadtrat Zürich behandelte<br />

am 2. November 1932 eine Interpellation<br />

des Kommunisten Brunner<br />

betreffend die Arbeitsverhältnisse am Etzelwerk.<br />

Dieser warf dem roten Stadtrat<br />

vor, dass er <strong>im</strong> Etzelwerkstreik «eine jämmerliche<br />

Judasrolle» gespielt habe und<br />

die Arbeiter am Etzel «verrecken» lasse<br />

(EA 5.11.1932).<br />

Die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> hielt wie<br />

gewohnt am 1. Oktober und 5. November<br />

1932 ihre Monatsversammlungen in<br />

der «Hofstatt» ab (SD 30.9.1932, SD 4.11.1932). Die behandelten<br />

Geschäfte dürften sich um die Verträge mit den Elektrizitätswerken<br />

des Kantons Zürich betreffend Energielieferung<br />

und Verteilanlagen und um Sihlseeangelegenheiten gedreht<br />

haben.<br />

Am 9. November 1932 fanden die Unruhen von Genf statt,<br />

auch bekannt als «Blutnacht von Genf». Gegen eine Veranstaltung<br />

der frontistischen Union nationale demonstrierten<br />

72


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

etwa 8‘000 Personen des militanten linken Lagers um den<br />

späteren Kommunisten Léon Nicole. Die Situation eskalierte,<br />

als die Polizei die erst in der sechsten Ausbildungswoche stehende<br />

Rekrutenschule als Verstärkung beizog, und die Rekruten<br />

ohne Vorwarnung in die Menschenmenge schossen. Es<br />

kam in der Folge zur bislang letzten Bundesintervention mit<br />

Truppenaufgebot.<br />

Der Genfer Aufruhr wurde von der bürgerlichen Presse wegen<br />

dessen «bolschewistischen Charakter» als Alarmzeichen<br />

betrachtet und es wurden Rufe um einen vorsorglichen Schutz<br />

der öffentlichen Ordnung laut (EA 19.11.1932).<br />

Am 20. November 1932 lud die Arbeiterpartei zu einem<br />

öffentlichen Vortrag von Stadtrat Graf, Arbeitersekretär in Luzern,<br />

in die «Hofstatt». Der «Einsiedler Anzeiger» enervierte<br />

sich einmal mehr über die Namensgebung der Partei (EA<br />

23.11.1932). Diese konterte: «Also mein lieber Neuling, die Arbeiterpartei<br />

führt diesen Namen mit vollem Recht, denn sie ist<br />

die Partei des arbeitenden Volkes <strong>im</strong> tiefsten Sinne des Wortes,<br />

<strong>im</strong> Gegensatz zur christlichsozialen Partei, deren Wortführer<br />

angeblich Arbeiterpolitik betreiben, aber in recht vielen, das arbeitende<br />

Volk direkt berührenden Fragen am Gängelband der<br />

konservativen Kapitalisten tanzen. (…) Arbeiterpolitik ist nicht<br />

Herrenpolitik! Die Arbeiterpartei des Kt. Schwyz machte noch<br />

nie einen Hehl daraus, dass sie eine sozialdemokratische Partei<br />

sei.» (SD 25.11.1932).<br />

Im Dezember 1932 kursierten in <strong>Einsiedeln</strong> Unterschriftenbögen<br />

für die von den Sozialdemokraten und dem Gewerkschaftsbund<br />

lancierten «Krisen-Initiative» (EA 3.12.1932).<br />

Die Arbeiterpartei führte am 17. Dezember 1932 in der<br />

«Hofstatt» noch einmal eine Monatsversammlung durch (SD<br />

16.12.1932). Mutmasslich wurden Unterschriften gesammelt.<br />

Gleichzeitig nahm man zur Kenntnis: «Da die Arbeiten am Etzelwerk<br />

sozusagen fast ganz eingestellt sind, zufolge Schnee<br />

und Kälte, bleibt diesen armen Teufeln nichts anderes übrig,<br />

als zu feiern, indem es ausgeschlossen ist, jetzt anderorts<br />

Arbeit zu finden. Es ist nur zu hoffen, dass diese Leute ohne<br />

Scherereien anständig unterstützt werden.» (SD 16.12.1932).<br />

Ein Präsidentenwechsel, eine<br />

Lohnabbauvorlage und Armenpflege<br />

Die Befindlichkeiten in <strong>Einsiedeln</strong> brachte der «Einsiedler<br />

Anzeiger» bereits zu Beginn des <strong>Jahre</strong>s 1933 treffend zum<br />

Ausdruck: «Ungeteiltes Interesse über die Entwicklung der<br />

Dinge be<strong>im</strong> Bau des Etzelwerkes hält offensichtlich die Gemüter<br />

in zwiespältigen Ahnungen, hoffnungsvolle Zuversicht<br />

– hoffungsleeres Bangen. (…) Die starke Hoffnung auf ausreichenden<br />

Verdienst, die so manchen Bürger bewog, an der<br />

Konzessionsgemeinde für die Erteilung der Konzession zu<br />

st<strong>im</strong>men, erwies sich nach den gemachten Erfahrungen als<br />

trügerisch. In Wirklichkeit zeigt sich ein ganz anderes Bild:<br />

kleiner Verdienst und grosse Enttäuschung; an Stelle eines<br />

ausreichenden Einkommens ein armseliges Tröpfeln.» (EA<br />

7.1.1933).<br />

Gegen <strong>100</strong> Personen, die meisten von ihnen hatten Familien<br />

zu versorgen, waren arbeitslos. Allein das Kloster hatte<br />

<strong>im</strong> vergangenen November an Arbeiter über 1‘000 Essen<br />

verabreicht (SD 20.1.1933).<br />

Die Arbeiterpartei sammelte nicht nur Unterschriften für<br />

die erwähnte Kriseninitiative, sondern auch für das Referendum<br />

gegen den <strong>im</strong> Bund vorgesehenen Lohnabbau be<strong>im</strong><br />

eidgenössischen Personal (SD 10.1.1933).<br />

Am Meinradstag, 21. Januar 1933, hielt sie <strong>im</strong> Saale zur<br />

«Hofstatt» ihre Generalversammlung ab. «Die ziemlich ergiebige<br />

Traktandenliste fand reibungslose Erledigung: die Besetzung<br />

des Vorstandes fand darin eine Aenderung, dass an<br />

Stelle unseres beliebten Parteipräsidenten Daniel Kürzi, alt<br />

Kantonsrat, der infolge öfteren schmerzvollen Krankheiten<br />

sich veranlasst gefunden hatte, als Spitzenmann ins zweite<br />

Glied zurückzutreten. Seine Verdienste wurden denn auch<br />

vom Verein wärmstens verdankt, umsomehr, wenn man<br />

weiss, mit welchen oft verrosteten Waffen gegen den Sozialismus<br />

in konservativen und ohne grösseren Unterschied,<br />

auch von liberalen Zeitungen anödend, geschrieben wird.<br />

Da begreift man, dass es vom sozialdemokratischen Parteipräsidenten<br />

am zielvollen Bewusstsein für unsere hohe<br />

Aufgabe nicht fehlt, noch fehlen darf, um die gegnerischen<br />

Klippen zu umfahren, damit das Vereinsschiff nicht Lecke<br />

bekommt und das wusste unser alte Präsident stets zu handhaben,<br />

darum nochmals sei ihm Dank gezollt. An seine Stelle<br />

liess sich eine jüngere, frische Kraft, wenn auch zögernd,<br />

wählen und mit einst<strong>im</strong>miger Akklamation genehmigt. Ruhiges,<br />

sicheres und bewusstes Auftreten, sind auch am frischen<br />

Parteipräsidenten Eigenschaften, welche eine Garantie<br />

geben, dass unser Vorwärtsstreben nicht Rückschläge<br />

erfahren wird, obwohl es ebensoviel, an den Mitgliedern<br />

selbst liegt, entsprechend dem Charakter des Präsidenten<br />

mitzuhelfen und mitzuraten. Und so wollen wir ein ehrenhaftes<br />

Glied sein und bleiben in der grossen weltumsponnenen<br />

Kette des internationalen Proletariats. Ein wichtiger<br />

Faktor ist <strong>im</strong>mer <strong>im</strong> Vereinswesen die Finanzlage. Hierin<br />

haben wir in Kassier Birchler Stephan die richtige Kraft.<br />

Seine Rechnungsführung gab ein Bild von peinlichster Genauigkeit.<br />

Einst<strong>im</strong>mig und mit Dank für seine Gewissenhaftigkeit<br />

wurde er wiederum gewählt. Wir sind also stolz einen<br />

schönen Betrag in der Kasse zu wissen. Auch ergeht der<br />

Beschluss, den Genferopfern, welche durch hochstehende<br />

Militärpersonen verschuldet sind, einen schönen Betrag zuzusenden.<br />

Im grossen Ganzen hat schon mehrmals die hiesige Allgemeine<br />

Arbeiterpartei ihre Solidarität bewiesen, <strong>im</strong>mer zu<br />

helfen, wo es die Not erfordert. Mit Freuden wollen wir <strong>im</strong><br />

neuen Jahr die nie versagenden Pflichten zum Wohle der<br />

Werktätigen zu erfüllen suchen. Wenn auch der Lohn nicht<br />

73


direkt erfolgt, so doch indirekt. Für Gerechtigkeit, unser heilige<br />

Kampf!» (SD 7.2.1933).<br />

Leider ist nicht bekannt, welche «jüngere, frische Kraft»<br />

nach einigem Zögern das Parteipräsidium übernahm. Ob<br />

es sich hierbei um Stefan Birchler-Hensler (1898-1934), Ziegeleiarbeiter,<br />

wohnhaft <strong>im</strong> Hafnerquartier, gehandelt hat, ist<br />

ungewiss. Die Partei bedauerte jedenfalls relativ ausführlich<br />

und öffentlich sein frühes Dahinscheiden und zitierte ihn mit<br />

den Worten: «Ach, wenn doch das endliche Erkennen Platz<br />

greifen würde, dass alle Arbeiter, Kleinbauern und Kleinhandwerker<br />

ein Zusammenarbeiten finden würden in vereinigtem<br />

Handeln.» (SD 23.10.1934, EA 27.10.1934). Oder handelte es<br />

sich um den späteren Kantonsrat Fritz Moser-Birchler?<br />

Ende März 1933 wurden die Arbeiten <strong>im</strong> Etzelwerk wieder<br />

aufgenommen und fanden 60 Mann erneut eine Anstellung<br />

(SD 24.3.1933).<br />

Die Arbeiterpartei hielt am 29. März 1933 ihre gewohnte<br />

Versammlung in der «Hofstatt» ab (SD 28.3.1933).<br />

Am Ostermontag wurde <strong>im</strong> Saal zur Taube der Film «Das<br />

Eidgenössische Personal <strong>im</strong> Dienste der Arbeit» gezeigt (SD<br />

14.4.1933). Offenkundig wurde damit für eine Verwerfung<br />

des Bundesgesetzes über den Lohnabbau be<strong>im</strong> eidgenössischen<br />

Personal geworben.<br />

Der «Einsiedler Anzeiger» warb aus Spargründen für die<br />

Vorlage (EA 6./17.5.1933) und erntete zum Teil harsche Reaktionen.<br />

«Der gute, ja sehr gute katholisch-konservative<br />

Einsiedler Anzeiger lechzt nach dem Lohnabbau. Er will den<br />

dummen Leuten Gerechtigkeit in seinem Sinn vorschwafeln.<br />

Jener Zeitungsschreiber ist kein Arbeiter, der hat noch nie<br />

ein rechtes Werkzeug in Händen gehabt, sonst könnte der<br />

nicht so blöde Artikel schreiben. (…) Ein Einsiedler Arbeiter.»<br />

(SD 9.5.1933).<br />

Am 23. Mai 1933 organisierten die Christlichsozialen in<br />

<strong>Einsiedeln</strong> gegen die Lohnabbau-Vorlage eine öffentliche<br />

Volksversammlung <strong>im</strong> «Pilgerhof» (heute «Sihlsee»). «Da<br />

die hiesige Allg. Arbeiterpartei eine freundliche Einladung<br />

von kompetenten Vorstandsmitglieder seitens der christlich<br />

organisierten Arbeiter erhalten hatte, mit der Annahme unserseits,<br />

dürfe auch eine Beteiligung erwartet werden, soll<br />

nichts unterlassen bleiben, dem Wunsche nachzukommen.»,<br />

so der Aufruf der Partei zur Teilnahme (SD 12.5.1933).<br />

Der Lohnabbau wurde am 28. Mai 1933 schweizweit sowie<br />

<strong>im</strong> Kanton Schwyz und auch in <strong>Einsiedeln</strong> verworfen.<br />

Auch in Bezug auf die Armenpflege gingen die Arbeiterpartei<br />

und das christlichsoziale Arbeitersekretariat für einmal<br />

Hand in Hand und tätigten eine Eingabe an den <strong>Bezirk</strong>srat,<br />

damit in erster Linie der Kanton Schwyz und speziell die Einsiedler<br />

für die Arbeiten am Etzelwerk beigezogen würden.<br />

Der <strong>Bezirk</strong>srat versprach, mit den zuständigen Stellen Fühlung<br />

aufzunehmen (EA 10.5.1933).<br />

Am 17. Juni 1933 versammelten sich die Mitglieder der<br />

Abeiterpartei wiederum in der «Hofstatt». «Zahlreiches Erscheinen<br />

ist erwünscht, da sehr wichtige Traktanden zu behandeln<br />

sind.» (SD 13.6.1933).<br />

Das Problem der Arbeitslosen, ihr Hin- und Herschieben<br />

vom Arbeitsamt zum <strong>Bezirk</strong>samt und umgekehrt blieb in der<br />

Diskussion. «Der Herr <strong>Bezirk</strong>sammann gab den Rat, sich bei<br />

der Armenpflege zu verwenden und die Ledigen können ins<br />

Armenhaus. Uebrigens meinte ein Witzbold, der Amtmann<br />

kaufe in Zukunft ein Kilo Zuckerkügeli und gebe jedem ein<br />

Paar Stück für den Vormittag. Nachmittags könne ein jeder<br />

einen Schick zu sich nehmen, das genüge ja schon. Nein,<br />

meine Herren, wir wollen Arbeit und Brot und nicht armengenössig<br />

werden.» (SD 11.8.1933).<br />

Im Oktober 1933 musste vermeldet werden, dass bei<br />

den Etzelwerkarbeiten bereits Ebbe eingetreten sei. «Eine<br />

bittere Aussicht auf den Winter, wenn es der Regierung nicht<br />

gelingt, Arbeit zu schaffen. Dies alles ruft doch gewiss einer<br />

Arbeitslosenversicherung!» (SD 13.10.1933).<br />

Aus den <strong>Bezirk</strong>sratsverhandlungen vom 2. November<br />

1933 entn<strong>im</strong>mt man: «Die allgemeine Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong><br />

reichte dem Rat ein Gesuch ein, wonach die Armenpflege<br />

verhalten werden sollte, jene Gesuche, welche von unverschuldet<br />

arbeitslosen Einsiedlern gestellt werden, nicht ins<br />

allgemeine Armenprotokoll aufzunehmen, sondern in einem<br />

zu diesem Zweck zu schaffenden Kontrollbuch aufzuführen.<br />

Da zu einem solchen Vorgehen die gesetzlichen Grundlagen<br />

fehlen und zudem ein kantonales Versicherungsgesetz in<br />

Aussicht steht, wonach sich die Arbeiter versichern lassen<br />

können, muss der Rat das Gesuch ablehnen.» (EA 8.11.1933,<br />

SD 10.11.1933).<br />

Auf den 25. November 1933 berief die Arbeiterpartei<br />

eine wichtige Versammlung in die «Hofstatt» ein und in der<br />

Folge erging der Aufruf: «Wir ersuchen die Arbeiterschaft<br />

von <strong>Einsiedeln</strong> am Sonntag unter allen Umständen den Gang<br />

zur Urne nicht zu versäumen und Ja zu st<strong>im</strong>men. Aber nicht<br />

nur das, wir müssen es uns zur Pflicht machen, die letzten<br />

Stunden vor der Abst<strong>im</strong>mung zur Agitation zu benutzen und<br />

aufzuklären, wo solche noch not tut. Die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>.»<br />

(SD 1.12.1933).<br />

Am 3. Dezember 1933 stand nämlich die Abst<strong>im</strong>mung<br />

über das kantonale Gesetz betreffend Arbeitslosenversicherung<br />

und Arbeitslosenfürsorge an. Dieses wurde <strong>im</strong> Kanton<br />

und auch in <strong>Einsiedeln</strong> (722 Ja gegen 274 Nein) deutlich<br />

angenommen.<br />

Im Bericht zur öffentlichen Volksversammlung des Handwerker-<br />

und Gewerbevereins <strong>Einsiedeln</strong> sowie des Rabattvereins<br />

am 10. Dezember 1933 <strong>im</strong> Gesellenhaus zum<br />

Referat über die «Neuordnung der Wirtschaft und des Gewerbestandes»<br />

findet sich der Hinweis: «An der Diskussion<br />

beteiligten sich noch Hr. Wolf als Vertreter der sozialistischen<br />

Arbeiterpartei (…).» (EA 16.12.1933).<br />

«Das Wirtschaftsjahr 1933 gehörte zu den allerschlechtesten<br />

der Nachkriegszeit.» (EA 3.1.1934).<br />

74


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Exkurs: Nationalsozialismus in <strong>Einsiedeln</strong><br />

Die Machtergreifung von Adolf Hitler <strong>im</strong> Frühjahr 1933 in<br />

Deutschland zeitigte auch Auswirkungen in <strong>Einsiedeln</strong>.<br />

Be<strong>im</strong> «Gnädigen» handelte es sich um den Wirt des Hotels<br />

«Freihof», Willy Gnädinger, in <strong>Einsiedeln</strong> geboren und<br />

aufgewachsen.<br />

Postwendend fanden er und weitere Deutsche ihre Häuser<br />

mit einem Hakenkreuz verschmiert. «Als alte demokratische<br />

Bürger wünschen wir es ins Pfefferland. Wir wollen frei<br />

sein, wie es unsere Väter<br />

waren. Wenn auch verschiedene<br />

Fronten in<br />

unserm Schweizerlande<br />

entstehen, teilweise mit<br />

Programmpunkten, die<br />

wir Konservative schon<br />

längst vertreten, so ist<br />

und bleibt unser Weg der<br />

gerade Pfad der kathol.<br />

Weltanschauung. Kein<br />

Faszismus, keine Diktatur,<br />

komme sie von links<br />

oder von rechts.», kommentierte<br />

der «Einsiedler<br />

Anzeiger» (EA 3.5.1933).<br />

Die Schmierereien wurden<br />

verurteilt (SD 3./6.5.1933).<br />

Nebst Willy Gnädinger, der als<br />

erster nationalsozialistischer<br />

Gauleiter fungierte, galten<br />

auch die Gasthäuser zum<br />

«Rebstock» und das «Schwyzerhüsli»<br />

von Josef Brandt als<br />

deutschfreundlich.<br />

Willy Gnädinger wurde 1936<br />

wegen verbotener politischer<br />

Tätigkeit verwarnt (SD<br />

17.7.1936).<br />

Rechts: Inserat <strong>im</strong> «Einsiedler<br />

Anzeiger» vom 19.1.1936.<br />

Im Juli 1933 hielt der spätere Bundesrat und ehemalige<br />

Stiftsschüler Philipp Etter als katholisch-konservativer Zuger<br />

Ständerat ein Referat mit dem Titel «Fronten und Konservative<br />

Volkspartei». In der Berichterstattung war zu lesen: «Abschliessend<br />

befürwortet Ständerat Etter eine positive Einstellung<br />

unserer Partei zu den neuen Bewegungen. Wir wollen ihr<br />

Gutes anerkennen, uns freuen, dass eine vaterländische und<br />

soziale Erneuerung mächtigen Antrieb erhalten konnte. Wir<br />

müssen aber auch dafür wirken, dass eine Abklärung <strong>im</strong> Sinne<br />

der christlichen und schweizerischen Traditionen erfolgt.» (EA<br />

5.7.1933).<br />

Nachdem in Nazi-<br />

Der «Einsiedler Anzeiger» publizierte<br />

in seiner Ausgabe<br />

vom 26. April 1933 nebenstehendes<br />

Inserat, was für einigen<br />

Aufruhr sorgte.<br />

«Wirklich, das fehlt uns hier gerade<br />

noch! Der G n ä d i g e verschone<br />

uns mit solcher Kost.<br />

Die deutschen Märkli sind uns<br />

Einsiedlern recht, aber mit ihrer<br />

verrückten, kanzlerischen<br />

Volkserziehungsmethode sollen<br />

sie uns ferne bleiben.»<br />

(SD 28.4.1933).<br />

Deutschland eine<br />

schwere Katholikenverfolgung<br />

eingesetzt hatte<br />

und katholische wie<br />

reformierte Organisationen<br />

sowie die deutsche<br />

sozialdemokratische<br />

Partei und die Gewerkschaften<br />

aufgelöst und<br />

ihre Vermögen verstaatlicht<br />

wurden, fanden sich<br />

Katholisch-Konservative<br />

und Schweizer Sozialdemokraten<br />

kurzerhand <strong>im</strong><br />

selben Boot.<br />

Zu der von der «Hitlergarde»<br />

am 28. Mai 1933 in Biberbrugg eingeladenen öffentlichen<br />

Versammlung rief der «Schwyzer Demokrat» zur<br />

boykottierenden Teilnahme auf: «Arbeiter von <strong>Einsiedeln</strong> und<br />

Umgebung! Macht es wie die Genossen anderswo es gemacht<br />

haben: beteiligt euch in Masse an der Versammlung, lasst die<br />

Schweizernazi reden, aber dann redet auch und erklärt den<br />

Burschen den Standpunkt mit Einsiedlergründlichkeit. Dann<br />

werden sie unverrichteter Dinge abfahren und ihre Pfeifen<br />

einziehen müssen, wie es ihnen schon an manchen Orten ergangen<br />

ist.» (SD 19.5.1933).<br />

Im August 1933 war <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» zu lesen:<br />

«Eine krasse Reklame leistet sich der Besitzer des Gasthauses<br />

‹Freihof› in <strong>Einsiedeln</strong>, Herr Friedrich Wilhelm Gnädinger. Das<br />

75


unvermeidliche Bild der Stiftskirche, flankiert durch dasjenige<br />

des Gasthauses wird umrahmt von einer salbungsvollen<br />

Textaufmachung: ‹Wenn Sie mal nach <strong>Einsiedeln</strong> reisen, dann<br />

gehen Sie in das Gasthaus Freihof – altbekanntes deutsches<br />

Haus an der Hauptstrasse rechts, nahe der Kirche. Im Freihof<br />

werden Sie sehr freundlich aufgenommen... Den werten<br />

Zwischen Juli 1941 und April 1944 fanden <strong>im</strong> Hotel «Taube»<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> verschiedene nationalsozialistische<br />

Film- und Propagandavorführungen statt, welche aber<br />

vorab den Mitgliedern vorbehalten blieben.<br />

Diese Aktivitäten, welche auch Veranstaltungen und Feiern<br />

beinhalteten, wurden in <strong>Einsiedeln</strong> wohl wahrgenommen,<br />

doch wurde über sie nicht berichtet.<br />

Pilgern bestens empfohlen... empfehle mich speziell unsern<br />

lieben Landsleuten aus Deutschland. Deutsche, unterstützt<br />

das Deutschtum <strong>im</strong> Auslande! Heil Hitler! Hakenkreuz!› - Das<br />

ist der Herr, den zu betupfen wir schon einmal das Vergnügen<br />

hatten. Das ist der angebliche Freund Hitlers. Genossen<br />

von <strong>Einsiedeln</strong>, passt diesem Nazibruder auf die Finger!» (SD<br />

29.8.1933).<br />

Der sozialdemokratische «Schwyzer Demokrat» rief auch<br />

dazu auf, keine deutschen Waren zu kaufen (SD 17.11.1933).<br />

Im August 1934 wurde der «Freihof» wiederum mit einem<br />

Hakenkreuz verschmiert (SD 10.8.1934). Im Januar 1935<br />

tauchte in <strong>Einsiedeln</strong> die «Deutsche Kolonie» als «Stützpunkt<br />

der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei» auf (EA<br />

26.1.1935).<br />

Am 7. Juli 1941 wurde dann die «Deutsche Gemeinschaft <strong>Einsiedeln</strong><br />

und Umgebung», die <strong>Bezirk</strong>e <strong>Einsiedeln</strong>, Höfe und<br />

March umfassend, gegründet. Sie umfasste bis November<br />

1944 zwischen 60 und 130 Mitglieder. Die Beitrittsquote der<br />

hier <strong>im</strong> Kanton ansässigen Deutschen betrug etwa 41%. Der<br />

Stützpunkt der «Reichsdeutschen Jugend» («Hitler Jugend»<br />

und «Bund Deutscher Mädel») <strong>im</strong> Kanton Schwyz befand sich<br />

in <strong>Einsiedeln</strong>. Kolonie- und Gauleiter der <strong>Bezirk</strong>e March, Höfe<br />

und <strong>Einsiedeln</strong> war Johann Fritzsche, Zündstoff-Fabrikant in<br />

Schindellegi, Mitglied der NSDAP (SD 6./17.7.1945).<br />

Etwas irritierend, handkehrum aus Arbeiteroptik in gewisser<br />

Hinsicht aufschlussreich, erscheint das Lob ausgerechnet<br />

<strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» vom 14. April 1936: «Endlich<br />

hat sich ein Wirt in hier aufgemacht und es fertig gebracht,<br />

dass auch ein Arbeiter ein Gläschen Wein zu trinken vermag.<br />

Alle Ehre dem Freihofwirt, Herrn Willy Gnädinger. So bekommt<br />

man doch ein pr<strong>im</strong>a Tiroler-Spz., 2 Dezi für 35 Rp. Ebenso sind<br />

andere Weine so reduziert. (…) Dass der Freihof auf diese Weise<br />

gut besucht wird, ist selbstverständlich. Den andern Wirten<br />

zur Nachahmung empfohlen!»<br />

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden <strong>im</strong> Kanton<br />

Schwyz zehn Personen wegen nationalsozialistischer Umtriebe<br />

ausgewiesen, unter ihnen Willy Gnädinger («Freihof»),<br />

Josef Brandt («Schwyzerhüsli») und Paul Dalski (Besitzer des<br />

Trachslauer Kieswerks) aus <strong>Einsiedeln</strong> (EA 31.7.1945). Auf liberale<br />

Fürsprache wurde einzig und just der eidgenössische<br />

Ausweisungsbefehl gegen Johann Fritzsche – mit befürwortendem<br />

Antrag des Schwyzer Regierungsrates – in Wiedererwägung<br />

gezogen, was der «Schwyzer Demokrat» rundweg als<br />

Skandal bezeichnete, zu einer «Säuberungs-Petition» und zu<br />

einer Interpellation der Arbeiterfraktion <strong>im</strong> Schwyzer Kantonsrat<br />

führte (SD 7./17.8.1945, SD 7.5.1946).<br />

Das «Ordnungsgesetz», Unruhen um den<br />

«Schwyzer Demokrat» und missliebige<br />

Bagger<br />

Über die am 20. Januar 1934 in der «Hofstatt» stattgefundene<br />

Generalversammlung der Arbeiterpartei wissen wir leider<br />

nichts Näheres. Nebst Aktivmitgliedern müssen auch Passivmitglieder<br />

bestanden haben und waren «Gesinnungsfreunde»<br />

stets willkommen (SD 15.1.1934).<br />

Die nächste Monatsversammlung fand am 4. Februar<br />

1934 am nämlichen Ort statt. «Sehr wichtige Verhandlungen.<br />

Vollzähliges Erscheinen unerlässlich.» (SD 2.2.1934). In Österreich<br />

herrschte zur selben Zeit Bürgerkrieg. Die sozialdemokratische<br />

Partei Österreichs wehrte sich gegen ihre Vernichtung<br />

und hatte zum Kampf aufgerufen (EA 17.2.1934).<br />

Auf der politischen Traktandenliste stand das Bundesgesetz<br />

zum Schutze der öffentlichen Ordnung, das am 11. März<br />

1934 zur Abst<strong>im</strong>mung gelangte. Das Bundesstrafgesetz von<br />

1853 war veraltet und angesichts der struben Zeitverhältnisse<br />

76


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Der «Schwyzer Demokrat», ab Juli 1934 neu nicht mehr «Offizielles Organ der ‹Arbeiter-Union› des Kantons Schwyz».<br />

und insbesondere <strong>im</strong> Nachgang an die Genfer Unruhen hatte<br />

die neue Vorlage zum Ziel, auch Vorbereitungshandlungen<br />

und erfolglose Versuche, die öffentliche Ruhe und Ordnung zu<br />

stören, unter Strafe zu stellen. Die Vorlage war pr<strong>im</strong>är gegen<br />

die Sozialdemokratie gerichtet. «Die revolutionäre Massenaktion<br />

steht heute noch als Kampfmittel <strong>im</strong> sozialdemokratischen<br />

Programm. (…) Auch in unserer alten Demokratie zeigen sich<br />

Erscheinungen und Methoden, die undemokratisch sind, die<br />

öffentliche Ruhe und Sicherheit gefährden und schliesslich<br />

selbst den Bestand des Landes gefährden könnten. Allen diesen<br />

Tendenzen gegenüber gilt es, rechtzeitig für den nötigen<br />

Schutz des Staates und der öffentlichen Ordnung zu sorgen.»<br />

(EA 3.3.1934).<br />

Der «Schwyzer Demokrat» rief zur Ablehnung der Vorlage<br />

auf. «Warum st<strong>im</strong>men wir zum Ordnungsgesetz Nein? Weil es<br />

gegen das arbeitende Volk gerichtet ist und den Schutz des<br />

grosskapitalistischen Ausbeutertums in sich birgt. (…) Darum<br />

bachab mit einem neuen Prügel der Volksfreiheit!» (SD<br />

2.3.1934).<br />

Während der <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> und auch der Kanton<br />

Schwyz diesem Ordnungsgesetz deutlich zust<strong>im</strong>mten, wurde<br />

dieses durch das Schweizervolk bei einer St<strong>im</strong>mbeteiligung<br />

von 79% (!) eher überraschend verworfen. Der «Einsiedler Anzeiger»<br />

meinte: «Ein Sieg der allgemeinen Unzufriedenheit. (…)<br />

Ohne Übertreibung darf man sagen: noch nie bildete bei einer<br />

eidgenössischen Abst<strong>im</strong>mung die Mehrheit ein derartiges<br />

Konglomerat gegensätzlicher Elemente.» (EA 14.3.1934).<br />

Die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> war indessen zufrieden. «Der<br />

Kampf ist vorbei. Unsere Agitation gegen das Umsturzgesetz<br />

hat sich bezahlt, wie das Abst<strong>im</strong>mungsresultat ausweist. Besonders<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> hatte den beiden Zeitungsredaktoren<br />

der Schlotter in die Beine geschlagen, als sie am Montagmorgen<br />

etwas hinkend in ihr Bureau gingen.» (SD 16.3.1934).<br />

Der Frühling 1934 zeigte sich hoffnungsvoll, denn das<br />

Bauprogramm des Etzelwerks mit einem Schwergewicht der<br />

Bauarbeiten in den <strong>Jahre</strong>n 1935/36 wurde vorgestellt und die<br />

Tausendjahr-Feier des Klosters wurde feierlich eröffnet. Man<br />

schätzte, dass an den Feierlichkeiten bis September über<br />

200‘000 Personen <strong>Einsiedeln</strong> besucht hatten, darunter sechs<br />

Kardinäle, 50 Bischöfe und 30 Äbte (SD 19.10.1934). Missmut<br />

gab es wegen der Verteilung der Pilger auf die Gasthöfe und<br />

Hotels (SD 26.6.1934).<br />

Für die am 6. Mai 1934 anstehenden <strong>Bezirk</strong>swahlen wurde<br />

der Arbeiterpartei auf deren Gesuch hin das Recht eingeräumt,<br />

zwei Männer in das Wahlbüro zu entsenden (EA 5.5.1934). Die<br />

Beteiligung an den Wahlen war schlecht. Es stand nur ein gemeinsamer<br />

Vorschlag der Konservativen Volkspartei, der Liberalen<br />

Partei und der Bauern- und Bürgerpartei zur Wahl (EA<br />

5.5.1934).<br />

«Der Gang zur Urne liess sehr zu wünschen übrig. Es gab<br />

halt sehr viele, die sagten, das hat doch keinen Wert, wenn<br />

nicht von anderer Seite Opposition gemacht wird, bleiben wir<br />

zu Hause. Es muss gesagt sein, dass der Arbeiterpartei in letzter<br />

Stunde schriftlich und mündlich Vorwürfe gemacht wurden,<br />

weil wir nicht eine Nomination aufstellten. Das ist alles schön<br />

und recht, aber wenn der Vorstand eine Versammlung oder<br />

eine Vertrauensleute-Sitzung einberuft, so fehlen gerade die,<br />

welche man benötigte. Immerhin ist es erfreulich, zu hören,<br />

dass auch von andern Parteien gleiche Worte zu unsern Gunsten<br />

gefallen sind. Es sei einfach nicht recht, dass die Arbeiterpartei<br />

<strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>srate nicht vertreten sei. Aber das nächste Mal<br />

alle Mann auf Deck!» (SD 11.5.1934).<br />

Ob der Arbeiterpartei bei einer valablen Kandidatur tatsächlich<br />

ein Sitz <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>srat zur Verfügung gestellt worden<br />

wäre bleibt zu bezweifeln. Daniel Kürzi wurde indessen als<br />

Mitglied sowohl des Schulrates, als auch der Armenpflege bestätigt<br />

(EA 28.5.1934).<br />

Parteiintern sorgte der Entscheid der Präsidentenkonferenz<br />

der «Arbeiter-Union» des Kanton Schwyz für Aufruhr,<br />

wonach ab 1. Juli 1934 das neue Blatt «Schwyzer-Volk» als<br />

offizielles sozialdemokratisches Presseorgan best<strong>im</strong>mt wurde<br />

(SD 3.7.1934, EA 11.7.1934). Josef Kürzi als Herausgeber des<br />

auf das Abstellgleis verdonnerten «Schwyzer Demokrat» wetterte:<br />

«Seitdem wir hier in Siebnen den mehr kommunistisch<br />

als sozialdemokratisch eingestellten Schlosser Rudolf Meier<br />

haben, den verhetzte Arbeiter am Auffahrtstag zu ihrem Sekretär<br />

[der ‹Arbeiter-Union›] emporhoben, ist Unfriede in der<br />

schwyzerischen Arbeiterpartei eingekehrt. Infolge dessen,<br />

da sich der Verleger des Demokrat weigerte, diesen erstklassigen<br />

Hetzapostel als Redaktor anzustellen und weil er als an-<br />

77


gehender 50-jähriger Mann, der<br />

Sitten und Gebräuche unseres<br />

Volkes kennt, sich nicht unter einen<br />

27-jährigen Draufgänger beugen<br />

wollte, darum ist der ‹Teufel<br />

<strong>im</strong> Dach›. (…) Wenn wir mehr auf<br />

gemässigtem Boden stehen und<br />

dadurch entschieden mehr erreichen,<br />

als mit fortwährendem Gehetz,<br />

dann sind wir sicher, dass<br />

mit uns der Grossteil der vernünftig<br />

denkenden Arbeiterschaft<br />

geht.» (SD 10.7.1934).<br />

Die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong><br />

– mit Unterzeichner Daniel Kürzi,<br />

Schulrat und alt Kantonsrat – wie<br />

auch Arbeitervertreter aus den<br />

<strong>Bezirk</strong>en March und Höfe erklärten<br />

ihre Solidarität und Treue<br />

zum «Schwyzer Demokrat». «Wir<br />

stellen fest, dass über 2 Jahrzehnte<br />

hindurch der ‹Schwyzer-<br />

Demokrat› als kantonales Organ<br />

der Arbeiterpartei seine Pflicht<br />

voll und ganz erfüllt hat (…).» (EA<br />

17.7.1934). «Wie man das ‹Schwyzer<br />

Volk› bei uns in <strong>Einsiedeln</strong><br />

beurteilt, hat man allgemein in<br />

Arbeiterkreisen nur ein geringschätziges<br />

Lächeln für dieses<br />

Blättchen. Da ist uns dann der<br />

Schwyzer Demokrat schon tausendmal<br />

lieber; und dem Schwyzer<br />

Demokrat werden wir treu<br />

bleiben. Damit unterstützen wir<br />

eine gesunde Arbeiterpolitik und<br />

eine Zeitung, die man jedem Menschen vor die Augen halten<br />

darf. Wir glauben nicht, dass das ‹Schwyzer Volk› in <strong>Einsiedeln</strong><br />

nur den zwanzigsten Teil der Abonnenten werben kann, wie sie<br />

der Schwyzer Demokrat hat. (…) Also wir bleiben dem ‹Demokrat›<br />

treu! Damit unterstützen wir auch einen Einsiedler in der<br />

Fremde.» (SD 17.7.1934).<br />

Im Sihlseegebiet wurde über den Sommer 1934 wacker<br />

gearbeitet. Zusätzlich zu den Strassenarbeiten wurden nun<br />

die Staudämme in der Schlagen und in der Hühnermatt in<br />

Angriff genommen (SD 7.8.1934). Für Missst<strong>im</strong>mung sorgte<br />

dabei, dass vier Baggermaschinen zum Einsatz kamen, welche<br />

Handarbeiten und damit den Einsatz von Arbeitswilligen<br />

zu einem Teil überflüssig machten. Die Arbeitsämter wurden<br />

be<strong>im</strong> Bundesamt zuständig und verlangten, dass diese Baggermaschinen<br />

nur in Ausnahmefällen zur Anwendung kommen<br />

sollten (SD 17./24.8.1934, SD 14.4.1936, SD 15.5.1936).<br />

Eine der missliebigen Baggermaschinen <strong>im</strong> Einsatz bei Bauarbeiten am Hühnermattdamm<br />

(Foto Hermann Lienert).<br />

78<br />

Ganz verdammt wurden sie in der Folge nicht, aber <strong>im</strong>merhin<br />

wurden «Probeleistungen mit Handarbeit» vorgenommen (SD<br />

31.8.1934).<br />

Das letzte Quartal des <strong>Jahre</strong>s 1934 verlief eher ruhig. Auf<br />

dem Katzenstrick konnte ein Arbeitslager für ältere Arbeitslose<br />

durchgeführt werden, welche Schlipfe und Fluren ausbesserten<br />

und instandhielten (SD 6.11.1934). Der Vinzenzverein<br />

organisierte erneut einen sog. Kartoffeltag für in Not geratene<br />

Mitbürger, welcher <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» diesmal anerkannt<br />

und verdankt wurde (SD 9.11.1934).<br />

Anlässlich einer Versammlung des katholischen Arbeitervereins<br />

<strong>im</strong> «Klostergarten» wurde zum Thema «Gottlosentum<br />

in neuester Zeit» referiert. «(E)in anwesender Sozialdemokrat,<br />

der glaubte, das Wort in der Diskussion verlangen zu müssen<br />

und den Sozialismus in einem sehr schönen Lichte zu<br />

zeichnen, wurde vom Referenten gründlich abgefertigt.» (EA


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

14.11.1934). Die katholisch-konservativen An<strong>im</strong>ositäten waren<br />

<strong>im</strong>mer noch vorhanden.<br />

Aus den mitgeteilten <strong>Bezirk</strong>sratsverhandlungen von Ende<br />

November 1934 ging hervor, dass ein Gesuch der Arbeiterpartei<br />

betreffend Verbesserung der Verhältnisse <strong>im</strong> Pfrundwesen<br />

der Armenpflege zur Erledigung überwiesen worden sei<br />

(EA 28.11.1934).<br />

Am 16. Dezember 1934 gelangten zwei kantonale Vorlagen<br />

zur Abst<strong>im</strong>mung. Zum einen eine solche betreffend einen<br />

fakultativen <strong>Bezirk</strong>srats- und Gemeinderatsproporz, welcher<br />

von den Sozialdemokraten aus Gründen der Wahlgerechtigkeit<br />

schon längst verlangt und unterstützt wurde, zum anderen<br />

die von den Jungliberalen eingereichte Strassenbauinitiative.<br />

Auch für Annahme letzterer rief der «Schwyzer Demokrat»<br />

zwecks Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auf (SD 14.12.1934).<br />

Beide Vorlagen wurden an der Urne aber deutlich verworfen<br />

(EA 19.12.1934).<br />

In der anschliessenden politischen Diskussion nahm der<br />

«Schwyzer Demokrat» einen interessanten Bezug auf die Berichterstattung<br />

in der liberalen «Neuen Einsiedler Zeitung»:<br />

«Besonders glaubt sie, die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> sei nicht<br />

in der Lage, einen Vertreter in den <strong>Bezirk</strong>srat zu stellen, und<br />

kommt mit der Frage, ob ein solcher Vertreter auch einen Kommissionspräsidenten<br />

stellen könnte. Nur gemach, ihr Herren!<br />

Wenn es wirklich so weit wäre, so stellen wir gewiss einen<br />

Mann, der diese Aemter versehen könnte. Nur ein kleines Beispiel:<br />

Nach unseren Erkundigungen erfüllt unser Parte<strong>im</strong>ann<br />

in der Armenpflege, sowie <strong>im</strong> Schulrat vollauf seine Pflicht und<br />

vertritt offen seine Meinung. Also nur keine unnützen Anfragen<br />

ihr Herren. Aber eben, es ist wie der ‹Demokrat› schrieb: Zum<br />

liberal st<strong>im</strong>men wären wir gut genug, sobald der Arbeiterpartei<br />

aber auch ein Sitz <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>srat eingeräumt werden sollte, gibt<br />

es bei den Herren Bedenken! Das ist euer Proporz;<br />

euch alles, uns nichts. Darum ab heute die Parole:<br />

Entweder gibt man uns einen Vertreter und hilft ehrlich<br />

mit, ihn zu wählen, wie wir euch jahrelang auch<br />

geholfen haben, oder aber wir ziehen unsere Konsequenzen!»<br />

(SD 21.12.1934).<br />

gestellte Antrag eines Horgenberglers, man sollte gewisse Arbeitslose,<br />

die von der Armenpflege unterstützt werden, in den<br />

Zeitungen publizieren (SD 11.1.1935)!<br />

Die Arbeiterpartei traf sich zu ihrer Generalversammlung<br />

am 16. Februar 1935 in der «Hofstatt». Offenbar war die Teilnahme<br />

der Mitglieder an den Parteiaktivitäten alles andere<br />

als vorbildlich. Der Vorstand liess jedenfalls verlauten: «Wer<br />

an der Generalversammlung nicht teiln<strong>im</strong>mt, trifft eine Busse,<br />

ausgenommen triftige Gründe. Wir erwarten aber sämtliche<br />

Parte<strong>im</strong>itglieder. Einmal <strong>im</strong> <strong>Jahre</strong> wird es jedem möglich sein,<br />

an der Versammlung teilzunehmen. Gesinnungsfreunde mitbringen.»<br />

(SD 15.2.1935).<br />

In der politischen Grundsatzdiskussion stand die sog.<br />

Wehrvorlage, die am 24. Februar 1935 <strong>im</strong> Bund zur Abst<strong>im</strong>mung<br />

gelangte. Es ging um eine zeitgemässe Anpassung der<br />

Militärorganisation inklusive eine Verlängerung der Rekrutenschule.<br />

«Wiederum sind es die Linksextremisten mit den<br />

Kommunisten an der Spitze und den Linkssozialisten in deren<br />

Gefolge, die das Referendum gegen die zeitbedingte Abänderung<br />

der Militärorganisation ergriffen haben.» lästerte der<br />

«Einsiedler Anzeiger» (EA 20.2.1935). Die Sozialdemokraten<br />

standen wohl zur Landesverteidigung, waren aber gegen die<br />

Verlängerung der Rekrutenschule.<br />

Die Heisssporne vom jungkonservativen Stauffacherbund<br />

riefen zur Annahme auf: «Uebt keinen Verrat an unserer Vatererde.<br />

Seien wir zu Opfern bereit, zeigen wir uns als würdige<br />

Nachkommen der Helden von Morgarten. Wir st<strong>im</strong>men Ja!»<br />

(EA 23.2.1935).<br />

Die Überraschung war perfekt, als das Schweizervolk den<br />

Vorlagen wohl zust<strong>im</strong>mte, der Stand Schwyz beide aber sehr<br />

deutlich ablehnte. Offenbar hatten auch die Bauern dagegen<br />

gest<strong>im</strong>mt (EA 27.2.1935).<br />

Wehrvorlage, Kriseninitiative und<br />

eine «verdammte Pflicht» des<br />

<strong>Bezirk</strong>srates<br />

Im Januar 1935 stempelten in <strong>Einsiedeln</strong> wiederum<br />

114 Arbeitslose (SD 18.1.1935). Bei den SOB fanden<br />

Lohnstreitigkeiten statt (SD 4.1.1935). «Bitter bös<br />

stehts da und dort in den Arbeitslosenfamilien.», so<br />

der «Schwyzer Demokrat» (SD 8.2.1935). Und auch<br />

der katholische Arbeiterverein liess verlauten: «Wir<br />

leben heute in einer Zeit, die für so viele Arbeiter hart<br />

und trostlos ist.» (EA 19.1.1935). Kopfschütteln erntete<br />

hüben wie drüben der an der Budgetgemeinde<br />

Aus dem «Schwyzer Demokrat» vom 28. Mai 1935.<br />

79


Die nächste Grundsatzabst<strong>im</strong>mung – «unser Land geht einem<br />

Schicksalstag erster Ordnung entgegen» (EA 1. Juni 1935) –<br />

folgte am 2. Juni 1935 auf dem Fuss: die von der Sozialdemokratischen<br />

Partei und von Gewerkschaften mit 335‘000 St<strong>im</strong>men<br />

eingereichte sog. Kriseninitiative, welche zum Ziel hatte,<br />

die wirtschaftliche Misère zu bekämpfen und Arbeit zu schaffen.<br />

Ein sozialdemokratisches Aktionskomitee des Kantons Schwyz<br />

führte am 12. Mai 1935 eine öffentliche Volksversammlung <strong>im</strong><br />

«Pilgerhof» durch, am 19. Mai 1935 folgte eine Gegenveranstaltung<br />

<strong>im</strong> katholischen Gesellenhaus mit Bundesrat Philipp Etter<br />

als Referenten. Die Kriseninitiative, von den Bürgerlichen «Katastrophen-Initiative»<br />

genannt (EA 1.6.1935), wurde als Vorstufe<br />

des sozialistischen Planes der Arbeit betrachtet, welcher die<br />

politischen und wirtschaftlichen Grundlagen des Staatswesens<br />

völlig zerstören würde (EA 29.5.1935).<br />

Die Kriseninitiative wurde letztlich sowohl <strong>im</strong> Bund als auch<br />

<strong>im</strong> Kanton und in <strong>Einsiedeln</strong> deutlich verworfen. «Wir hatten<br />

nie damit gerechnet, dass der Kanton Schwyz eine Mehrheit<br />

für mehr Ja-St<strong>im</strong>men aufbringen würde. Das Resultat darf sich<br />

in Anbetracht unserer Verhältnisse <strong>im</strong>merhin noch sehen lassen.»<br />

(SD 4.6.1935).<br />

Die wirtschaftliche Situation auf dem Platz <strong>Einsiedeln</strong> blieb<br />

trotz Etzelwerk schwierig. «Die Arbeitslosigkeit n<strong>im</strong>mt auch<br />

bei uns ja selbst mitten <strong>im</strong> Hochsommer eher zu als ab. Es<br />

ist dies ein bedenkliches Zeichen. Wie soll das erst kommen,<br />

wenn einmal das Etzelwerk gebaut ist? Uns schaudert vor der<br />

Zukunft. Sucht unser <strong>Bezirk</strong>srat keine Mittel und Wege, um<br />

unsern Arbeitslosen Beschäftigung zu verschaffen? Gewiss<br />

ist das eine schwierige Sache, aber wer nun einmal sich hat<br />

in die Behörden wählen<br />

Der Wahlkampf war – den Zeitumständen entsprechend<br />

– grundsätzlicher Natur, hart und<br />

wurde mit allen Mitteln geführt. Die drei Kandidaten<br />

der Arbeiterunion und die Arbeiterpartei<br />

des Kantons Schwyz wurden radikalisiert<br />

und als Staats- und Gesellschaftsfeinde – «rote<br />

Volks- und Staatsausbeuter» – verungl<strong>im</strong>pft,<br />

«deren oberstes Ziel die Vernichtung und Zertrümmerung<br />

eines ordentlichen, christlichen<br />

Staatswesens und seiner Institutionen ist» (EA<br />

26.10.1935). «Männer und Frauen von <strong>Einsiedeln</strong><br />

bedenket, es gibt dunkle Mächte, die voller Ungeduld<br />

jener Tage harren, an denen sie mit Nietzsche,<br />

dem Gottesleugner, triumphierend sagen<br />

wollen: ‹Gott ist tot, erlöst das Volk von seinem Erlöser›.<br />

Ihr Sinnen ist Vernichtung der Religion und<br />

frohlockende Gottlosigkeit. (…) Es müsste nur der<br />

Sozialismus die Macht <strong>im</strong> Staate erhalten, dann<br />

wäre es sicher um die Bedeutung <strong>Einsiedeln</strong>s als<br />

Wallfahrtsort geschehen.» (EA 26.10.1935).<br />

80<br />

lassen, dem liegt auch<br />

die verdammte Pflicht<br />

und Schuldigkeit ob,<br />

für das Wohl des Volkes<br />

zu sorgen und wer dies<br />

nicht will, der tut besser,<br />

er dankt ab. Die<br />

Arbeitslosen verlangen<br />

Arbeit und keine Almosen,<br />

vorwärts mit der Arbeitsbeschaffung!»<br />

(SD<br />

26.7.1935).<br />

Der Benziger-Verlag<br />

musste 1935 Kurzarbeit<br />

einführen und letztlich<br />

auch Kündigungen aussprechen<br />

(SD 30.4.1935,<br />

SD 6.9.1935). An den<br />

<strong>Bezirk</strong>srat wurde erneut<br />

die Frage gestellt, ob<br />

dieser nicht Notstandsarbeiten<br />

in Auftrag geben<br />

könne (Ausbau Stationenweg auf Meinradsberg, Sportanlagen;<br />

SD 3.5.1935). Diskutiert wurde in <strong>Einsiedeln</strong> auch,<br />

ob an die Arbeitslosen verbilligt Fleisch abgegeben werden<br />

könne (SD 18.1.1935). Die Verbilligung von Fleisch, Milch und<br />

Käse griff in der Folge auch das christlichsoziale Arbeitersekretariat<br />

auf (EA 13.3.1935). Die Regierung gab dem statt und<br />

es wurde unbemittelten Familien Fleischkonserven zu reduzierten<br />

Preisen abgegeben (SD 17.5.1935).<br />

Im Juli wurde <strong>im</strong> Hotel «Rigi» in <strong>Einsiedeln</strong> eine Versammlung<br />

der am Etzelwerk beschäftigten Bauarbeiter durchgeführt.<br />

Thema bildeten die Löhne, die Arbeiterbehandlung, Barackenverhältnisse<br />

usw. Verlangt wurde, dass die Regierung sich mehr<br />

<strong>im</strong> Arbeiterschutz engagiere (SD 12.7.1935).<br />

Immerhin wurde man gewahr, dass der Touristenverkehr<br />

von Jahr zu Jahr zunahm. Das <strong>im</strong> Bau befindliche Etzelwerk<br />

erhielt fast täglich Besuch von grösseren und kleineren Gesellschaften.<br />

Auch das Welttheater war 1935 ein Publikumserfolg.<br />

Die Nationalratswahlen 1935 – eine «Faust ins<br />

Gesicht»<br />

Die «Arbeiter-Union» des Kanton Schwyz beschloss an ihrer<br />

ausserordentlichen Delegiertenversammlung in Wollerau die<br />

Teilnahme an den Nationalratswahlen vom 26./27. Oktober<br />

1935. Ziel war die Rückeroberung eines Nationalratsmandats.<br />

«Von der Geschäftsleitung der liberalen Partei in Verbindung<br />

mit den Konservativen lag ein Schreiben resp. ein Gesuch<br />

vor, worin gewünscht wird [angesichts Wirtschaftskrise und<br />

der damit verbundenen Notlage weiter Volkskreise], dass die


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

diesjährigen eidgenössischen Wahlen <strong>im</strong><br />

Interesse des Schwyzervolkes in Ruhe<br />

und Eintracht, das heisst bei Wahrung des<br />

bisherigen Besitzstandes durchgeführt<br />

werden sollen. Die Stellungnahme der Arbeiterpartei<br />

ist hierzu ohne weiteres ganz<br />

gegeben; bekanntlich hat sie ja gar keinen<br />

Besitzstand zu wahren, indem von den 5<br />

eidgenössischen Mandaten die Konservativen<br />

davon 4 und die Liberalen 1 Mandat<br />

beanspruchen.» (SD 17.9.1935).<br />

«Die Arbeiterpartei gelangte schriftlich<br />

an die andern Parteien mit dem Begehren<br />

auf kampflose Ueberlassung eines Mandates<br />

von den fünfen. Dieses Begehren<br />

wurde abgewiesen. (…) Aus ‹taktischen<br />

Gründen› gehen die konservative und die<br />

liberale Partei getrennt vor, aber gleichzeitig<br />

wurde beschlossen, dass die beiden<br />

Parteien eine Listenverbindung miteinander<br />

eingehen. (…) Auf diese Weise hoffen<br />

die Führer der konservativen und der liberalen<br />

Partei den berechtigten Anspruch der<br />

Arbeiterpartei auf ein Mandat bodigen zu<br />

können. (…) Gerechtigkeit erhöht ein Volk!»<br />

(SD 15.10.1935).<br />

Die Arbeiterunion portierte alt Nationalrat Johann Wattenhofer,<br />

Siebnen, Kantonsrat Josef Heinzer, Goldau, und alt<br />

Kantonsrat Bernhard Ineichen, Schwyz, als Kandidaten (SD<br />

22.10.1935).<br />

Das katholisch-konservative Lager verteilte ihre Wahlzeitung<br />

«Schwyzerland» in alle Haushaltungen und auch die Arbeiterunion<br />

warb mit ihrem Flugblatt «Es muss anders werden!».<br />

Die Wahlen endeten mit einer Niederlage der Sozialdemokraten.<br />

Die Katholisch-Konservativen erzielten einen Wähleranteil<br />

von 63%, die Liberalen 23% und die Arbeiterpartei kam auf<br />

lediglich 14% (EA 30.10.1935). Damit war der bisherige Besitzstand<br />

in Bezug auf die Mandate bestätigt. «Auch <strong>im</strong> sozialistischen<br />

Lager wird man nun einsehen, dass der Kanton Schwyz<br />

für einen Linkskurs nicht reif ist und es nie werden wird. Dafür<br />

bürgt zu sehr die treu katholische und bürgerliche Einstellung<br />

des Schwyzervolkes.» (EA 30.10.1935).<br />

Der «Schwyzer Demokrat» haderte: «Immerhin wird der<br />

Sonntag kein Ruhmesblatt bedeuten in der schwyzerischen<br />

konservativen Parteigeschichte. Denn was in letzter Stunde<br />

von dieser Seite geleistet wurde, grenzt tatsächlich ans Aschgraue.<br />

Mit allen glaublichen und unglaublichen, mit allen verfänglichen<br />

Mitteln, mit strotzenden Lügen, Märchen und ellenlangen<br />

Verdrehungen hat man der Arbeiterschaft die Faust ins<br />

Gesicht geschlagen. Das konservative Pamphlet Schwyzerland<br />

wird zu der übelsten Sorte von Wahlmache gehören, was je<br />

in der ganzen Schweiz fabriziert wurde. Anderseits wollen wir<br />

Aus der Wahlzeitung «Schwyzerland», Beilage zum «Einsiedler Anzeiger»<br />

vom 17. Oktober 1935.<br />

81<br />

auch anerkennen, dass diesmal die berüchtigte Verungl<strong>im</strong>pferei<br />

der gegnerischen Kandidaten beiseite gelassen wurde,<br />

wenigstens in Schrift und Bild.» (SD 29.10.1935).<br />

Zu reden gab schweizweit der Wahlsieg der Migros-Liste<br />

von Gottlieb Duttweiler. Ende November 1935 machte in <strong>Einsiedeln</strong><br />

das Gerücht die Runde, die Migros eröffne ein Geschäft.<br />

«Die arbeitende Bevölkerung wird es begrüssen, wenn<br />

in heutiger Zeit, wo alle Lebensmittelpreise wieder in die Höhe<br />

gehen, eine Quelle geschaffen wird, wo hauptsächlich der<br />

arme und weniger bemittelte Familienvater günstig einkaufen<br />

kann.» (SD 26.11.1935).<br />

Per Ende 1935 stellte das «Schwyzer Volk» als offizielles<br />

Organ der schwyzerischen sozialdemokratischen Partei sein<br />

Erscheinen ein. Neues Organ war die «Freie Innerschweiz»<br />

(EA 31.12.1935).<br />

Die Forderung nach einem Regierungssitz, ein<br />

politisierender Sekundarlehrer und ein neuer,<br />

roter Kantonsrat<br />

Das Jahr 1936 wurde mit einer weiteren Kampfansage eröffnet:<br />

«Die schwyzerische Arbeiter-Union fordert einen Regierungssitz.»<br />

(SD 3.1.1936). Begründet wurde dieser Anspruch<br />

mit dem Wähleranteil und mit dem Argument einer Mehrheitsbeschaffung<br />

in Bezug auf das neue Einkommenssteuergesetz.<br />

«Entweder nun gebt ihr der Arbeiterschaft eine<br />

Vertretung in die Regierung oder aber dann steigt uns den


Buckel herauf mit einem Einkommenssteuergesetz. - Wenn<br />

man uns keine Rechte geben will, Pflichten haben wir heute<br />

schon genug.» (SD 17.1.1936). «Angesichts der wachsenden<br />

wirtschaftlichen Not ist eine Vertretung der Arbeiterschaft<br />

umso erforderlicher.» (SD 21.2.1936).<br />

«Daraus wird nichts.», meinte der «Einsiedler Anzeiger»<br />

kurz und bündig (EA 14.1.1936).<br />

Wie bereits <strong>im</strong> Vorjahr, so vernahm man in den Medien<br />

auch 1936 praktisch nichts mehr von der Arbeiterpartei<br />

<strong>Einsiedeln</strong>. Hatten die gehässigen politischen Grundsatzdiskussionen<br />

und Verungl<strong>im</strong>pfungen die Mitglieder verunsichert<br />

und stumm gemacht?<br />

Gegiftelt wurde zwischen dem «Schwyzer Demokrat»<br />

und dem «Einsiedler Anzeiger» <strong>im</strong> März 1936 über einen Sekundarlehrer<br />

in <strong>Einsiedeln</strong>, «der seinen Schülern von unlogischen<br />

Abst<strong>im</strong>mungen seitens der Sozialdemokraten an der<br />

letzten Session vorschwafelte usw. Gehört das in eine Schule?<br />

(…) Wir halten dafür, dass ein Lehrer für die Schule da ist<br />

und nicht für die Politik.» (SD 20./24./31.3.1936). «Dass das<br />

Sozialistenblatt solch hetzerische Einsendungen aufn<strong>im</strong>mt,<br />

wundert bei der bekannten Geistesrichtung dieses Blattes<br />

nicht, wohl aber ist man weit herum in <strong>Einsiedeln</strong> darüber<br />

empört, dass Einsiedler zu Handlangern solcher Gehässigkeiten<br />

werden können. Wir glauben einige von ihnen zu kennen;<br />

es sind dieselben, die von dem Gedeihen der einsiedlischen<br />

Wirtschaft ganz und gar abhängig sind, umgekehrt<br />

aber jene Männer befeinden, die je und je ihre Kräfte in den<br />

Dienst der Allgemeinheit gestellt haben. Für solche Machenschaften<br />

hat das Einsiedlervolk ein Pfui!» (EA 24.3.1936).<br />

Währenddessen hörte man, dass es dem Benziger-Verlag<br />

nach wie vor schlecht gehe, machten sogar Übernahmegerüchte<br />

die Runde (SD 3.3.1936) und folgte letztlich eine<br />

Massenentlassung (SD 5.5.1936). Arbeitseinschränkungen<br />

gab es auch bei der Möbelfabrik G. Kuriger und Söhne (SD<br />

21.4.1936). Das Armen- und das Waisenhaus waren gefüllt<br />

(SD 8.9.1936). «Die Aussichten für das kommende Frühjahr<br />

und den Sommer sind nicht gerade rosig. Von Pilgerzugsanmeldungen<br />

hört man leider noch gar nichts. Im April werden<br />

die verschiedenen Wahlen und der Fröschnet für etwas Abwechslung<br />

sorgen. Be<strong>im</strong> Fröschnen muss man aufpassen,<br />

dass man die Richtigen erwischt. Be<strong>im</strong> Wählen sollte man<br />

ebenso vorsichtig sein.» (SD 13.3.1936).<br />

Dass sich bei den Einsiedler Sozialdemokraten eine<br />

gewisse Passivität eingeschlichen hatte bewies der Aufruf<br />

<strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» zu den anstehenden Kantonsratswahlen:<br />

«In früheren <strong>Jahre</strong>n hat <strong>Einsiedeln</strong> stets <strong>im</strong>mer<br />

auch einen Arbeiter-Kantonsrat nach Schwyz entsandt, so<br />

z.B. Herrn Bruno Kälin, Hofstatt und später Daniel Kürzi-Seeholzer.<br />

Am nächsten Sonntag muss nun auf dem Wahlbüro<br />

zwischen 10-11 Uhr eine event. Kandidatur eingegeben<br />

werden, versehen mit 15 Unterschriften von St<strong>im</strong>mberechtigten.<br />

Hoffen wir, dass auch <strong>Einsiedeln</strong> inskünftig wieder seinen<br />

Arbeiter-Kantonsrat nach Schwyz abordnen kann!» (SD<br />

17.4.1936).<br />

«Drückend schwer lastet die gegenwärtige Krise auf der<br />

werktätigen Bevölkerung. Insbesondere ist es die Arbeitslosigkeit,<br />

die die Arbeiter <strong>im</strong>mer mehr in ihrer sowieso kargen Lebensexistenz<br />

bedroht. Deshalb ist es in diesen Zeiten doppelt<br />

wichtig, die Volksvertretung <strong>im</strong> kantonalen Parlament so zu<br />

bestellen, dass die berechtigten Interessen der notleidenden<br />

Volksschichten richtig vertreten sind.» (SD 17.4.1936).<br />

Tatsächlich gab die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> ein Lebenszeichen<br />

von sich. Dies zum Missfallen der bürgerlichen Parteien,<br />

welche die Wahlgeschäfte mit allseitiger Besitzstandswahrung<br />

friedlich hatten abwickeln wollen. «Nun aber rückt<br />

auf Weisung oder Befehl der sozialistischen Parteiorganisation,<br />

wie man lesen konnte, die sozialistische Partei <strong>Einsiedeln</strong><br />

auf den Plan und verlangt mit einer Zweierliste ebenfalls Eintritt<br />

ins kantonale Parlament. Das bedeutet den Kampf, den<br />

man uns aufzwingt.» (EA 21.4.1936).<br />

Die Arbeiterpartei hatte für die Kantonsratswahlen an<br />

ihrer Versammlung Theodor Waldvogel und Fritz Moser-<br />

Birchler auf den Schild gehoben und beide auf der Wahlliste<br />

kumuliert (EA 17./21.4.1936). «Es sind zwei Männer, die es<br />

verdienen, dass ihnen eine gesicherte Wahl bevorsteht. Herr<br />

Theodor Waldvogel, früherer Wirt zum ‹Franziskaner› [1930-<br />

1935], ist ein welterfahrener Mann, der offen und gerade<br />

seine Meinung zum Ausdruck bringen darf, und zu Dorf und<br />

Land bekannt ist. Ebenso Fritz Moser, Maschinenschlosser<br />

[SOB], ist eine geachtete Person und wird für das soziale<br />

Wohl <strong>im</strong> Parlament energisch auftreten. Fritz Moser wird unter<br />

den Arbeitern best<strong>im</strong>mt als der richtige Mann angesehen<br />

und verdient auch er eine gesicherte Wahl. Die Arbeiterpartei<br />

hat das volle Recht, von den 13 Kantonsräten zwei Mandate<br />

zu beanspruchen. Es sei jetzt schon gesagt, dass wir<br />

keine Gehässigkeiten gegen unsere Gegner treiben. Aber<br />

wir hoffen auch, dass der Gegner sich gleich verhalten wird.<br />

Arbeiter und Gesinnungsfreunde! An Euch appellieren wir!<br />

Habt Zutrauen zu diesen Männern, die für eine gerechte<br />

Wirtschaft und für das soziale Wohl der ganzen Bevölkerung<br />

eintreten.» (SD 21.4.1936).<br />

«Rote Einsiedler Kantonsräte? Nein, niemals! Am nächsten<br />

Sonntag haben wir Einsiedlerbürger 13 Kantonsräte<br />

zu erküren und von allen hierorts existierenden Parteien<br />

werden insgesamt 20 Kandidaten zur umstrittenen Wahl<br />

vorgeschlagen. Auch die Sozialisten unseres Ortes treten<br />

unter der verfänglichen Maske der ‹Allgemeinen Arbeiterpartei<br />

<strong>Einsiedeln</strong>› mit einer Zweierliste in den Wahlkampf.<br />

Wir Bürger von Dorf und Land aber werden als senkrechte<br />

Eidgenossen eines weltberühmten Wallfahrtsortes doch<br />

nicht einen Sozialisten in den Schwyzer Kantonsratssaal<br />

entsenden wollen.» (EA 24.4.1936). «<strong>Einsiedeln</strong> darf keinen<br />

Sozialisten nach Schwyz senden, weil der Sozialismus in<br />

selbstsüchtiger Weise die Klassengegensätze mehrt und es<br />

82


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

«Die Arbeiterfraktion des schwyzer. Kantonsrates, aufgenommen in der Sommersession 1936. Sitzend v.l.n.r. Meister-Bäch,<br />

Meier-Goldau, Wattenhofer-Wangen, Schnyder-Galgenen, Heinzer-Goldau, Kürzi-Siebnen. Stehend v.l.n.r. Mächler-Lachen,<br />

Steiner-Brunnen, Röllin-Wollerau, Solka-Schwyz, Kistler-Reichenburg, Moser-<strong>Einsiedeln</strong>, Wildi-Feusisberg.» (SD 31.7.1936).<br />

Fritz Moser wurde am 26. Januar 1902 in <strong>Einsiedeln</strong><br />

geboren und durchlief hier auch alle<br />

Schulen. Er machte die Lehre als Schlosser und<br />

arbeitete danach neben seinem Vater, der Lokomotivführer<br />

war, als Hilfsheizer bei der SOB.<br />

Aus gesundheitlichen Gründen wechselte er<br />

dann als Schlosser in die Werkstätten der SOB.<br />

1928 verheiratete er sich mit Theresia Birchler<br />

und wurde Vater von zwei Kindern.<br />

Er amtete von 1936-1940 als dritter <strong>SP</strong>-Kantonsrat.<br />

«Als Politiker war Herr Moser massvoll und<br />

korrekt. Allein, die politische Tätigkeit sagte ihm<br />

nicht zu.», hiess es <strong>im</strong> Nekrolog (EA 22.4.1949).<br />

Fritz Moser starb am 16. April 1949 bei der St.<br />

Gangulf-Kapelle an einem Schlaganfall, als er<br />

vom Fischen nach Hause zurückkehrte.<br />

83<br />

selbst in Zeiten der Not nicht versteht, in verantwortungsbereiter<br />

Schicksalsgemeinschaft dem Volke die Treue zu<br />

halten. Sein Endziel ist Umsturz und Alleinherrschaft.» (EA<br />

24.4.1936).<br />

«Ja, <strong>im</strong> Heruntermachen des politischen Gegners bekommen<br />

unsere Patentchristen von der<br />

Zeitung des ‹Anzeiger› Note eins. So<br />

zu hetzen und bis anhin hochachtbare<br />

Männer derart schmutzig in den Kot zu<br />

ziehen, das bringt sonst niemand fertig.<br />

(…) Jetzt ist plötzlich wieder die Religion<br />

in Gefahr. (…) Wir erklären euch offen<br />

und ehrlich, wenn ihr die Arbeiterliste<br />

unverändert einlegt, dann begeht ihr<br />

nicht nur keine Sünde, sondern helft<br />

euch und eure Familie, auf dass sie<br />

leben und existieren kann. Die Arbeiterpartei<br />

will nichts Schlechtes.» (SD<br />

24.4.1936).<br />

Tatsächlich endeten die Wahlen in<br />

den Kantonsrat mit einem Erfolg für die<br />

Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>. Sie erzielte<br />

ein Vollmandat. Gewählt wurde mit 278<br />

St<strong>im</strong>men Fritz Moser. Statt bisher 11 Mandate hielten die Schwyzer<br />

Sozialdemokraten nun 13 Mandate <strong>im</strong> Kantonsrat inne.<br />

In den nachfolgenden <strong>Bezirk</strong>swahlen wurde Daniel Kürzi<br />

als Mitglied <strong>im</strong> Schulrat und in der Armenpflege bestätigt (EA<br />

15.5.1936).


Die Wehranleihe, ein neues<br />

Erwerbssteuergesetz, streikende<br />

Automobilisten und kantonale<br />

Notstandsarbeiten<br />

In der zweiten <strong>Jahre</strong>shälfte 1936 standen wiederum zwei<br />

wichtige politische Sachthemen an. Zu nennen ist zunächst<br />

die eidgenössische Wehranleihe. Diese Geldbeschaffung<br />

diente der Verstärkung der Landesverteidigung, der Schaffung<br />

von Arbeitsmöglichkeiten und der Belebung der Wirtschaft<br />

und war eine Spar- und Kapitalanlage, aufgeteilt in<br />

Obligationen zwischen Fr. <strong>100</strong>.— bis Fr. 5‘000.—. Sie konnte<br />

zwischen 21. September und 15. Oktober 1936 von jedermann<br />

gezeichnet werden und galt als «Prüfstein der vaterländischen<br />

Gesinnung» (EA 7.8.1936). Der Bundesrat, die<br />

Schwyzer Regierung sowie sämtliche Schwyzer Parteien –<br />

unter ihnen auch die Arbeiterpartei des Kantons Schwyz und<br />

die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> – riefen öffentlich zur Zeichnung<br />

auf (EA 15./22./25.9.1936). Die Sozialdemokratische Partei<br />

der Schweiz war in der Frage hingegen gespalten und hatte<br />

sie an ihrem Parteitag knapp abgelehnt (EA 9.6.1936).<br />

Zu gegenseitigen polemischen Äusserungen führte eine<br />

Protestaktion der Automobilisten, zu welcher der Zentralvorstand<br />

des schweizerischen Automobilklubs wegen der fortschreitenden<br />

Verteuerung des Strassenverkehrs aufgerufen<br />

hatte. «Die schweizerischen Automobilisten <strong>im</strong> Schlepptau<br />

des Sozialismus» betitelte der «Einsiedler Anzeiger» diese<br />

Aktion (EA 7.7.1936). «Das Blödsinnigste, was je eine Presse<br />

gebracht hat» antwortete ihm der «Schwyzer Demokrat» (SD<br />

10.7.1936).<br />

Für Gehässigkeiten, welche das Leben der Einsiedler Sozialdemokraten<br />

auch nicht gerade erleichterten, sorgte der<br />

beissende Spott in den sozialdemokratischen Zeitungen<br />

«Volksrecht» und «Freie Innerschweiz» betreffend den Aufruf<br />

des Ignatianischen Männerbundes der Sektion <strong>Einsiedeln</strong><br />

zur Teilnahme an den nächtlichen Anbetungsstunden: «Wie<br />

Schwyz für die Arbeitslosen ‹sorgt›. (…) Wirklich ein Rezept.<br />

Es soll einmal ein Arbeitsloser mit seiner Familie ausprobieren<br />

und versuchen, mit Beten in der Wallfahrtskirche seinen<br />

Hunger zu stillen, den Mietzins und den Krämer zu bezahlen.<br />

Hausmeister und Spezierer, auch wenn sie noch so fromm<br />

sind, würden jedenfalls keinen Betausweis als Zahlung entgegennehmen.<br />

Man muss schon staunen, dass solche Ratschläge<br />

überhaupt gemacht werden. Will man eigentlich noch über<br />

die armen Leute unter dem Deckmantel der Frömmigkeit spotten?»<br />

(EA 17.7.1936).<br />

Der «Schwyzer Demokrat» feierte 1936 sein 25jähriges<br />

Jubiläum (SD 31.7.1936). Die Festschrift wurde in alle Haushaltungen<br />

des Kantons vertragen. Der «Einsiedler Anzeiger»<br />

kommentierte und mahnte: «Theorie und Praxis stehen auch<br />

in der sozialistischen Partei sehr oft in Widerspuch zueinander.<br />

(…) Es wäre eine folgenschwere politische Kurzsichtigkeit, die<br />

Bedeutung dieses unbestreitbaren politischen Fortschrittes zu<br />

übersehen oder zu unterschätzen; denn gerade wegen seiner<br />

gemässigten Taktik erweist sich der Sozialismus in den katholischen<br />

Stammlanden als ausserordentlich gefährlich.» (EA<br />

28.8.1936).<br />

Ab 1. Oktober 1936 fungierte der «Schwyzer Demokrat»<br />

wieder als offizielles Organ der kantonalen «Arbeiter-Union».<br />

Als politischer Redaktor amtete neu der kantonale Parteisekretär,<br />

Gottlieb Graf, <strong>im</strong> Übrigen der Verleger Josef Kürzi (SD<br />

29.9.1936, EA 2.10.1936).<br />

Auf die politische Agenda <strong>im</strong> Kanton Schwyz gelangten<br />

1936 endlich auch wichtige kantonale Notstandsarbeiten<br />

bzw. Arbeitsbeschaffungsmassnahmen: der Ausbau der Pragelstrasse<br />

(1940 auf der Glarner Seite gebaut, auf Schwyzer<br />

Seite erst 1974!), die Melioration der Linthebene (realisiert<br />

1940-1964), der Hurdner Durchstich (1943) und die Elektrifikation<br />

der Schweizerischen Südostbahn (1938-39). Diese wurden<br />

von den Schwyzer Sozialdemokraten natürlich begrüsst<br />

(SD 5.6.1936, SD 18./21.6.1936).<br />

Arbeiterschutz am Etzelwerk,<br />

programmatische Richtlinien, ein<br />

Erwerbssteuergesetz und eine Badeordnung<br />

Die Arbeitsverhältnisse am Etzelwerk gaben nach wie vor zu<br />

reden und zu Kritik Anlass. «Die regierungsrätliche Wegleitung<br />

betreffend die Arbeitszeit werde so wenig eingehalten wie<br />

etwa die Vorschriften über die Bereitstellung von Wasserstiefeln,<br />

Trockengelegenheit für nasse Kleider usw. Schl<strong>im</strong>m vor<br />

allem sei, dass weder Süssmost noch Tee noch Trinkwasser<br />

auf den Arbeitsplätzen bereitgestellt werden.», wurde <strong>im</strong> Zürcher<br />

Kantonsrat kritisiert (SD 30.10.1936). «Als <strong>im</strong> Schwyzer<br />

Kantonsrat Genosse Kantonsrat Meister von Bäch ebenfalls<br />

bessern Schutz der Arbeiter am Etzelwerk verlangte, da bekam<br />

er von der Regierung die Antwort, dass ihr keine Klagen<br />

eingegangen wären.» (SD 30.10.1936).<br />

Die «Bau- und Holzarbeiterzeitung» liess in ihrer Schilderung<br />

ebenfalls kein gutes Haar am Etzelwerk. «Leider können<br />

wir nicht von einem Idealzustand sprechen, weder von der Arbeit,<br />

noch viel weniger von der Entlöhnung. Auch von übergrosser<br />

Menschlichkeit der Vorgesetzten gegenüber den Arbeitern<br />

war nichts zu bemerken. (…) Dazu kommt noch, dass auch der<br />

Durchschnittslohn von 1 Fr. nicht bezahlt wird. Kost und Logis<br />

aber müssen mit 4 Fr. pro Tag bezahlt werden. Wird nicht gearbeitet,<br />

geht natürlich mehr darauf, und die armen Teufel sind<br />

ständig mit einem Konto in der Baracke belastet oder bekommen<br />

am Zahltag überhaupt nichts mehr. Auch werden ihnen<br />

noch fünf Tage Decompte zurückbehalten. Zahltagsschluss<br />

ist Montag, Entlöhnung erfolgt erst am Samstagabend.» (SD<br />

10.11.1936).<br />

Mittels Interpellation verlangte der sozialdemokratische<br />

Kantonsrat Josef Kürzi, Siebnen, dass bei der letzten Bau-<br />

84


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

etappe am Etzelwerk in erster Linie Arbeiter und Unternehmer<br />

aus dem Kanton Schwyz berücksichtigt und angestellt werden<br />

(SD 30.10.1936).<br />

In <strong>Einsiedeln</strong> führten die Konservative Volkspartei, die<br />

Liberale Partei, die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei<br />

sowie die Arbeiterpartei gemeinsam öffentliche Versammlungen<br />

durch und es wurden Vorträge auch in den Vierteln<br />

gehalten (EA 7.12.1936).<br />

Im Oktober 1936 verabschiedete der Schweizerische Gewerkschaftsbund<br />

seine «Richtlinien für den wirtschaftlichen<br />

Wiederaufbau und die Sicherung der Demokratie». In diesen<br />

fand sich die vorbehaltlose Anerkennung der Demokratie,<br />

eine positive Einstellung zur militärischen, wirtschaftlichen<br />

und geistigen Landesverteidigung, die Achtung der religiösen<br />

Überzeugung der Volksgenossen<br />

als Voraussetzung des religiösen<br />

Friedens in der He<strong>im</strong>at und die Verpflichtung<br />

auf ein gemeinsames Programm<br />

für den wirtschaftlichen Wiederaufbau<br />

und für die Lösung der<br />

sozialen Probleme, welche die Forderung<br />

nach sozialer Gerechtigkeit<br />

und nach gegenseitiger Solidarität<br />

<strong>im</strong> Wirtschaftsleben zu verwirklichen<br />

sucht, ohne die eine wahre Volksgemeinschaft<br />

nicht bestehen kann (EA<br />

16.10.1936).<br />

Die Delegiertenversammlung<br />

der schwyzerischen «Arbeiter-<br />

Union» in Wollerau nahm diese<br />

programmatischen – sprich: auch<br />

pragmatischen – Richtlinien am<br />

29. November 1936 einst<strong>im</strong>mig an<br />

und beschloss, diese zur Grundlage<br />

der zukünftigen kantonalen Politik zu machen (SD 1.12.1936,<br />

EA 15.12.1936).<br />

Am 13. Dezember 1936 gelangte das kantonale Erwerbssteuergesetz<br />

zur Abst<strong>im</strong>mung. Fünfmal bereits war ein solches<br />

an der Urne gescheitert. Mit vereinter Kraft gelang es,<br />

das Erwerbssteuergesetz be<strong>im</strong> Volk <strong>im</strong> sechsten Anlauf<br />

durchzubringen (SD 15.12.1936).<br />

Zum <strong>Jahre</strong>sende sorgte der Präsident des katholischen<br />

Volksvereins, P. Othmar Scheiwiller, der geregelte Badeverhältnisse<br />

<strong>im</strong> zukünftigen Sihlsee verlangte, sprich eine absolute<br />

Trennung der Geschlechter (Verbot des Standbadens) und<br />

ein Verbot des wilden, unbeaufsichtigten Badens, für Spott<br />

(EA 22.12.1936). «Heiterschüch und dunkelfrech! Noch ist kein<br />

Tropfen Wasser <strong>im</strong> künftigen Stausee zusammengeronnen,<br />

und schon – man denke sich wie fortschrittlich! – haben einige<br />

Vorstände an den <strong>Bezirk</strong>srat das Gesuch gestellt, dass<br />

er auf raschestem Wege eine Badeordnung erlasse. Auch sei<br />

das ‹wilde› Baden und die Erstellung von Wochenendhäuschen<br />

verboten. – Herjeh, herjeh! Anstatt dass diese Leute sich<br />

zusammentäten und Mittel und Wege suchten, um in unsere<br />

Waldstatt bessern und vermehrtern Männerverdienst zu bringen,<br />

erachten sie es als das Wichtigste, heute, wo noch gar<br />

kein See existiert, eine Badeverordnung zu verlangen.» (SD<br />

5.1.1937).<br />

Die Sihl wird gestaut, ein «neuer»<br />

Parteipräsident und die Auflösung der<br />

«Arbeiter-Union»<br />

«Wir wollen Brot für alle!» Mit Neujahrsbeginn 1937 lancierte<br />

die Sozialdemokratische Partei der Schweiz eine neue Arbeitsbeschaffungsinitiative<br />

(auch Kriseninitiative Nr. 2 genannt),<br />

85


Der Sihlsee entsteht! Im Vordergrund das Bühl («Grüen Aff») in Willerzell, links der Viadukt (Aufnahme vom 4. Mai 1937).<br />

welche Subventionen des Bundes in der Höhe von 300 Mio.<br />

Franken vorsah (SD 18.12.1936). Die Bürgerlichen lehnten diese<br />

als «Exper<strong>im</strong>ent, auf vermehrten ungedeckten Defiziten<br />

eine Restauration der schweizerischen Wirtschaft herbeiführen<br />

zu wollen», ab (EA 5.1.1937). Bereits <strong>im</strong> März 1937 wurde<br />

das Initiativbegehren mit rund 280‘000 Unterschriften eingereicht<br />

(EA 26.3.1937).<br />

Während in den verschiedenen Baufirmen an der Staumauer<br />

über 30 Arbeiter entlassen wurden und die Armenpflege<br />

den <strong>Bezirk</strong>srat ersuchte, in <strong>Einsiedeln</strong> an Bedürftige verbilligte<br />

Kartoffeln abzugeben (SD 31.12.1936, SD 12.2.1937),<br />

suchten Ende Januar 1937 über 2‘000 Personen den Weg zu<br />

den Skifeldern in Oberiberg. Man zählte 300 Privatautos und<br />

gegen 50 Gesellschaftswagen und in Oberiberg soll es zu Verkehrsstockungen<br />

gekommen sein (SD 12.2.1937). Die einen<br />

leisteten sich den Luxus von Wintersportfreuden, die anderen<br />

wussten nicht, ob und bis wann sie Arbeit hatten. Die Zeit der<br />

Sihlsee-Stauung nahte. Bis 1. April 1937 musste das obere<br />

Sihltal von allen Gebäuden, Holzbeständen, Streuetristen usw.<br />

geräumt werden, da mit dem Stau des Sees begonnen werden<br />

soll (SD 29.1.1937). «Und nun ade ihr schönen Turbenfelder,<br />

die ihr uns bis heute <strong>im</strong>merhin etwelchen Verdienst gebracht<br />

und einen warmen Ofen gespendet habt.» (SD 19.1.1937).<br />

Der Turpäblätz war das Kohlenbergwerk des kleinen Mannes<br />

gewesen!<br />

Am 30. April 1937, morgens um 6 Uhr, war es soweit:<br />

mit dem Aufstau der Sihl zum Sihlsee wurde begonnen (EA<br />

30.4.1937)! Die Neugier in der Bevölkerung war gross und der<br />

werdende Sihlsee erhielt täglich Besuch von nah und fern. Für<br />

Spektakel sorgte anfangs Mai 1937 der als Militärübung inszenierte<br />

Fliegerbombenabwurf auf die letzten Häuser und Höfe<br />

<strong>im</strong> Sihlseebecken.<br />

Aber auch eine gewisse Ernüchterung hielt Einkehr. «Die Generalversammlung<br />

des hiesigen Handwerker- und Gewerbevereins<br />

(…) konstatierte, dass der nun zu Ende gehende Bau des<br />

Etzelwerkes <strong>Einsiedeln</strong> und seinen Gewerbetreibenden nicht<br />

das gebracht habe, was man von ihm erwartete. Etwelcher<br />

Verdienst ist ja geblieben, aber es ist eben auch klar u. darunter<br />

leiden nicht zuletzt die Gewerbetreibenden, dass wenn der<br />

Arbeiter niedere Löhne hat, ihm herzlich wenig abfällt, zumal<br />

gar zu viel mit Baggern gearbeitet wurde.» (SD 2.4.1937).<br />

Die Arbeitslosenzahl stieg in <strong>Einsiedeln</strong> wieder über <strong>100</strong><br />

und der Ruf nach Arbeitsbeschaffung und neuer Industrie in<br />

<strong>Einsiedeln</strong> wurde erneut laut (SD 29.10.1937, SD 23.11.1937).<br />

Am 27. August 1937 las man <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat»<br />

endlich wieder einmal etwas von der Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>:<br />

«Samstag, den 28. August begeht unser Genosse Fritz Wolf<br />

seinen 70. Geburtstag. Fritz Wolf war <strong>im</strong>mer ein unerschrockener<br />

Kämpfer für die soziale Besserstellung der Arbeiterschaft,<br />

zeitlebens kämpfte er für Fortschritt und Freiheit. Nichts<br />

begehrte er für sich, sein Kampf und seine Arbeit galten einzig<br />

und allein der Allgemeinheit. Auch heute noch, in seinem 70.<br />

Altersjahre, lebt er unerschütterlich seinem Ideal und arbeitet<br />

aktiv und begeistert, wie in seinen jungen <strong>Jahre</strong>n, in der Bewegung.<br />

Als Präsident unserer Parteisektion <strong>Einsiedeln</strong> stellt er<br />

heute noch seinen Mann, den Jungen ein leuchtendes Vorbild!<br />

Wir gratulieren unserm Genossen Fritz Wolf recht herzlich zu<br />

seinem 70. Geburtstag und wünschen ihm beste Gesundheit<br />

und noch viele <strong>Jahre</strong> Glück und Wohlergehen.»<br />

Fritz Wolf dürfte das Präsidium entweder 1934 oder 1936<br />

übernommen und dabei die 1933 gewählte «jüngere, frische<br />

Kraft» – entweder Stefan Birchler, der 1934 verstarb, oder Fritz<br />

Moser, der 1936 zum Kantonsrat gewählt wurde – abgelöst<br />

haben.<br />

86


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

«Noch selten hatte der Stand Schwyz so einschneidende Vorlagen<br />

dem Volke vorgelegt, wie es am 28. November der Fall<br />

ist.» (SD 23.11.1937). Zur Abst<strong>im</strong>mung gelangten die Arbeitsbeschaffungsvorlagen<br />

Seedamm, Pragelstrasse und die Elektrifikation<br />

der SOB, sowie die Arbeitslosenversicherung, welche<br />

allesamt deutlich angenommen wurden. «Ein wuchtiges<br />

Bekenntnis des Schwyzer Volkes, dass unsern Arbeitslosen<br />

dringende Hilfe not tut.» (SD 30.11.1937).<br />

Auf kantonaler Ebene fand Ende Jahr noch eine wichtige<br />

Reorganisation statt. «Die Arbeiter-Union des Kts. Schwyz,<br />

deren formelle Auflösung in der ausserordentlichen Delegiertenversammlung<br />

vom 19. Dezember in Wollerau in die Wege<br />

Fritz Wolf war eine aussergewöhnliche Persönlichkeit. Geboren<br />

wurde er am 28. August 1867. Sein Bürgerort war<br />

Lotzwil/BE. «Als Mitte der 90er <strong>Jahre</strong> dieser Mann als Angestellter<br />

eines grossen Etablissements in Lachen einzog und<br />

nicht lange nachher seine Propaganda begann, indem er der<br />

schul- und christenlehrpflichtigen Jugend durch freie Vorträge<br />

die Ideale der Sozialdemokratie mundgerecht machte<br />

und dabei auch den politischen und religiösen Liberalismus<br />

als Vater der Sozialdemokratie verherrlichte, da bedurfte es<br />

ganz aussergewöhnlicher Anstrengungen von Seite achtbarer<br />

Bürger bis von massgebender Seite eingeschritten und<br />

die öffentliche Tätigkeit Wolfs als ‹Jugendlehrer› unterdrückt<br />

wurde. (…) Wolf ist nicht der Mann, der seine politische Ansicht<br />

und Tätigkeit an den Nagel hängt, der Mann hat das<br />

Zeug zu einem politischen Führer, das muss ihm selbst der<br />

entschiedenste Gegner lassen. (…) Wolf hat durch den Vertrieb<br />

sozialistischer Presserzeugnisse und durch jeweils gepflogene<br />

mündliche Belehrungen den Boden bebaut, der<br />

vordem schon für sozialistische Ideen fruchtbar gemacht<br />

worden. (…) Und noch weniger wundern wir uns, wenn es<br />

Wolf noch in neuerer Zeit gelungen ist, einen Stab von 20-<br />

30 Burschen zu einem sozialistischen Jungburschenbund<br />

zu vereinigen.», las man von ihm <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger»<br />

vom 3. Juli 1912.<br />

Fritz Wolf arbeitete in Lachen als Velomechaniker und war<br />

auch 1910 politisch in Erscheinung getreten als Mitglied<br />

<strong>im</strong> «liberalen Ortskomitee», welches gegen die Katholisch-<br />

Konservativen agierte. Er wurde auch damals beschrieben<br />

als «ausgesprochener Sozialist und Verbreiter des Zürcher<br />

‹Volksrecht›», der sozialdemokratischen Tageszeitung von<br />

Zürich (EA 18.3.1910). 1912 war er es, der gegen sämtliche<br />

von der Lachner Gemeindeversammlung in gehe<strong>im</strong>er Abst<strong>im</strong>mung<br />

getätigten Wahlen (erfolglos) Kassationsklage erhob<br />

(EA 26.6.1912).<br />

Johann Wattenhofer musste sich 1918 als vaterländisch gesinnter<br />

«Grütlianer» von der in Lachen durchgeführten Volksversammlung,<br />

an der der schillernde St. Galler Kommunist<br />

und Nationalrat Fritz Platten referiert hatte, distanzieren. Einberufen<br />

hatte diese Volksversammlung «ein provisorisches<br />

Komitee, an dessen Spitze Fritz Wolf stand.» (EA 27.4.1918).<br />

Anlässlich der Kirchgemeindeversammlung in Lachen am<br />

17. August 1919 machte Fritz Wolf wieder von sich reden<br />

als einer derjenigen Sozialisten, die durch eine «Wirtshaus-<br />

Motion» die Behandlung von ihnen missliebigen Traktanden<br />

verhindern wollten, worauf die Versammlung abgebrochen<br />

werden musste (EA 23.8.1919).<br />

Danach schien es um ihn etwas ruhiger geworden zu sein.<br />

1929 zog er nach <strong>Einsiedeln</strong>. Der Einsiedler <strong>Bezirk</strong>srat erteilte<br />

ihm zusammen mit seiner Einsiedler Ehefrau, Marie<br />

Wihelmine Kälin (geb. 1894), Langrüti, die er am 28. Januar<br />

1928 geheiratet hatte, die Niederlassungsbewilligung (EA<br />

13.4.1929). Zwischen 1929 und 1945 inserierte er regelmässig<br />

<strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» als Velomechaniker<br />

und -reparateur, als Verkäufer von Herren- und Damenfahrrädern<br />

und von Kinderwagen sowie als Vertreter von<br />

Adler- und Pfaff-Nähmaschinen in der Langrüti.<br />

In <strong>Einsiedeln</strong> trat er politisch erstmals 1933 «als Vertreter der<br />

sozialistischen Arbeiterpartei» als Diskussionsteilnehmer in<br />

der öffentlichen Volksversammlung zum Thema «Neuordnung<br />

der Wirtschaft und des Gewerbestandes» in Erscheinung<br />

(EA 16.12.1933). Auch mindestens noch 1942, als der<br />

katholische Volksverein zum Thema «Familienschutz» einen<br />

Vortrag hielt, sowie 1947 anlässlich der <strong>Jahre</strong>sversammlung<br />

des Bauernvereins <strong>Einsiedeln</strong> beteiligte er sich aktiv an den<br />

Diskussionen (EA 17.3.1942, EA 29.4.1947).<br />

Fritz Wolf war laut eigener Aussage Vater von 11 Kindern<br />

(EA 17.3.1942) und damit finanziell sicher nicht auf Rosen<br />

gebettet. Ob diese Kinder der Ehe mit der 27 <strong>Jahre</strong> jüngeren<br />

Marie Wilhelmine Kälin entstammten oder aus einer früheren<br />

Ehe ist nicht bekannt.<br />

Bis 1943 amtete er als Präsident der Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong>.<br />

Von 1944-1947 war er <strong>im</strong> Vorstand noch als Beisitzer<br />

tätig. 1948 verliess Fritz Wolf <strong>Einsiedeln</strong> und zog nach Kreuzlingen,<br />

wo er <strong>im</strong> Frühjahr 1949 verstarb (EA 22.3.1949). Er<br />

war das einzig bekannte Ehrenmitglied der Partei. Eine Fotografie<br />

von ihm ist leider nicht vorhanden.<br />

geleitet werden soll, war bis jetzt die Zusammenfassung aller<br />

Arbeiter-Organisationen <strong>im</strong> Kanton Schwyz, die auf dem Boden<br />

der modernen Arbeiterbewegung stunden. Ihr beiden Abteilungen,<br />

die gewerkschaftliche, bestehend aus den lokalen Sektionen<br />

der zentralen Gewerkschaftsverbände und die politische,<br />

gebildet aus den Sektionen der Sozialdemokratischen Partei<br />

und den örtlichen Arbeiterparteien, ergänzten sich gegenseitig<br />

und traten bei wichtigen Aktionen gemeinsam in den Kampf.<br />

(…) Auf Grund der Beschlüsse des Schweiz. Gewerkschaftskongresses<br />

vom Oktober 1936 haben sich die kantonalen Gewerkschaftskartelle<br />

zu selbständigen Organisationen umzugestalten.<br />

Die bis jetzt bestehende organisatorische Verbindung<br />

87


mit der politischen Arbeiterpartei wird dadurch gelöst werden.»<br />

(SD 17.12.1937). Die Delegiertenversammlung st<strong>im</strong>mte dieser<br />

Auflösung und Neuordnung fast einhellig zu (SD 21.12.1937).<br />

Das schwyzerische Kommunistenverbot,<br />

friedliche <strong>Bezirk</strong>swahlen und ein<br />

«abstossendes Elaborat»<br />

Der «Schwyzer Demokrat» zeichnete zu <strong>Jahre</strong>sbeginn 1938 erneut<br />

ein düsteres Bild. «Es ist leider so, unser He<strong>im</strong>atkanton ist<br />

durch die jahrzehntelange Herrschaft der Konservativen sozial<br />

auf der letzten Stufe <strong>im</strong> ganzen Schweizerland angekommen.<br />

Statt sozialer Reformen wird in magerer freiwilliger ‹christlicher<br />

Nächstenliebe› gemacht. Wir haben das reichste Kloster <strong>im</strong><br />

ganzen Schweizerland, aber daneben auch die elendesten Armenhäuser.»<br />

(SD 14.1.1938). «Die grosse Arbeitslosigkeit in hier<br />

macht sich je länger je mehr spürbar und es ist bittere Wahrheit,<br />

dass wenn nicht viele Familien gar vom Kloster noch mit Speisen<br />

unterstützt würden, die Armenlasten noch grösser würden.» (SD<br />

25.1.1938).<br />

Im Oktober des Vorjahres hatte ein bürgerliches Komitee den<br />

Beschluss gefasst, <strong>im</strong> Kanton Schwyz den Kampf gegen den<br />

«Vaterland und Freiheit sind in Gefahr!! Ein Knebelungsgesetz,<br />

Marke Musy und Hitler soll <strong>im</strong> Kt. Schwyz durchgepeitscht<br />

werden. Musy ist der Vater und Hitler der Götti<br />

dieses freiheitsmordenden Gesetzes! Wehret den Anfängen!<br />

Wir wollen unsere alten Rechte ungeschmälert! Die<br />

Nazispinne soll sich bei uns nicht festsetzen! Fegt sie<br />

gründlich weg mit einem kräftigen Nein bei der Abst<strong>im</strong>mung<br />

über das sog. ‹Kommunistenverbot›!», machte<br />

der «Schwyzer Demokrat» gegen das Gesetz mobil (SD<br />

18.2.1938).<br />

Kommunismus aufzunehmen und <strong>im</strong> Sinne eines dringlichen<br />

Antrages eine ausgearbeitete Gesetzesvorlage eingebracht.<br />

«Man höre und staune, ausgerechnet <strong>im</strong> Kanton Schwyz soll<br />

eine kommunistische Gefahr bestehen, denn sonst müsste ja der<br />

Kampf gegen den Kommunismus nicht noch extra aufgenommen<br />

werden. Man muss sich nun wirklich fragen, haben diese Herren<br />

eigentlich nichts Gescheiteres zu tun. Denn von einer kommunistischen<br />

Gefahr <strong>im</strong> Kanton Schwyz kann <strong>im</strong> Ernste nur ein politischer<br />

Phantast sprechen. Denn <strong>im</strong> Kanton Schwyz gibt es keine<br />

einzige kommunistische oder den Kommunisten verwandte oder<br />

zugetane Organisation.» (SD 2.11.1937). In der kantonsrätlichen<br />

Beratung wurde dem Antrag der Arbeiterpartei, das Verbot<br />

wenigstens auf die faschistischen und frontistischen Organisationen<br />

auszudehnen, abgelehnt! (SD 12.11.1937).<br />

Es nützte nichts. Das «Kommunistenverbot» wurde vom<br />

Kanton Schwyz als erstem deutschsprachigem Kanton am<br />

20. Februar 1938 mit 5‘488 Ja gegen 3‘517 Nein angenommen,<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> mit 1‘066 Ja gegen 490 Nein (EA 22.2.1938). Trotz<br />

der deutlichen Zust<strong>im</strong>mung zeigte sich der «Einsiedler Anzeiger»<br />

irritiert ob der hohen Zahl Nein-St<strong>im</strong>men.<br />

Möglich, dass die Zust<strong>im</strong>mung zu diesem Gesetz durch die<br />

Plakataktion der <strong>SP</strong> Schweiz <strong>im</strong> Januar 1938 unfreiwillig gefördert<br />

wurde. «Wohin steuert die Schweiz? Das Volk soll entscheiden,<br />

nicht der Bundesrat. Nicht ein reaktionärer Block <strong>im</strong> Parlament.<br />

Fort mit der Dringlichkeitsdiktatur!», war die Losung, die mit dem<br />

nachfolgenden Plakat verbunden war (EA 25.1.1938). Die bürgerliche<br />

Presse tobte über «die widerlich gemeine Form dieser Art<br />

Kritik an unserer obersten Landesbehörde» (EA 1.2.1938).<br />

Am ausserordentlichen Parteitag vom 13. Februar 1938 – inmitten<br />

dieser politischen Gehässigkeiten – konstituierte sich die<br />

schwyzerische Arbeiterpartei nach der Loslösung aus der kantonalen<br />

«Arbeiter-Union». Als Kantonalpräsident amtete Kantonsrat<br />

Josef Heinzer, Goldau. Einsiedler Genossen waren in der kantonalen<br />

Parteiorganisation nicht vertreten (SD 15.2.1938).<br />

Die bürgerliche Presse in der Schweiz war sich einig, dass das<br />

Bild der sozialistischen Opposition in letzter Zeit eine grundlegende<br />

Wandlung durchgemacht hat. «Es besteht kaum ein Zweifel<br />

darüber, dass der klassenkämpferische Marxismus scharfer<br />

Observanz in den Vordergrund tritt.» (EA 11.2.1938).<br />

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Oesterreich und<br />

dem Überfall Deutschlands auf die Tschechoslowakei <strong>im</strong> März<br />

1938 und der sich überstürzenden Ereignisse in der Weltpolitik<br />

fragte selbst der «Einsiedler Anzeiger», ob der Sozialismus zur<br />

Mitarbeit in der obersten Landesbehörde einbezogen werden<br />

könne (EA 22.3.1938). Dass über Europa Unheil aufzog, hatte<br />

man kommen sehen und organisatorische, militärische und wirtschaftliche<br />

Vorbereitungen getroffen (SD 7.12.1937).<br />

Für die <strong>Bezirk</strong>swahlen vom 1. Mai 1938 einigten sich die katholisch-konservative,<br />

die liberale und die Bauern-, Bürger- und<br />

Gewerbepartei auf einen gemeinsamen Wahlvorschlag (EA<br />

26.4.1938). Daniel Kürzi von der Arbeiterpartei wurde als Mitglied<br />

<strong>im</strong> Schulrat und in der Armenpflege bestätigt (EA 13.5.1938).<br />

88


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

«Verletzung des Postgehe<strong>im</strong>nisses, Anerkennung Abessiniens,<br />

Verurteilung der Spaniensöldner, Verbot ausländischer<br />

Zeitungen, um etwa die wesentlichsten Stichworte<br />

zu nennen. Das Abstossendste aber wird in der illustrativen<br />

Aufmachung des Plakats geleistet. Es führt unsere sieben<br />

Bundesräte in Gehrock und Zylinder vor. Die Köpfe werden<br />

durch Konturen angedeutet, womit offenbar gesagt sein<br />

soll, dass es Hohlköpfe seien. Die linke Seite schmückt eine<br />

Stange mit dem Gesslerhut in der Form einer Hitlermütze<br />

und den Abzeichen des Nationalsozialismus, des Faszismus,<br />

des Frontismus und der spanischen Nationalisten.<br />

Das Elaborat wirkt umso abstossender, wenn man vern<strong>im</strong>mt,<br />

dass die Porträtköpfe der Bundesräte, die auf<br />

einem gesonderten Bildstreifen erscheinen, einer Photographie<br />

vom Trauergeleite zu Ehren des verstorbenen<br />

Oberstkorpskommandanten Roost entnommen sind.»<br />

(EA 25.1.1938).<br />

Im «Schwyzer Demokrat» vom 10. Mai 1938 erging der Aufruf:<br />

«Am kommenden Mittwoch, den 11. Mai 1938 wird abends 8<br />

Uhr in der ‹Hofstatt› eine Versammlung, einberufen von einem<br />

Aktionskomitee, abgehalten. Sehr wichtige und ernste Fragen<br />

der Arbeitsbeschaffung werden besprochen. Dass gerade<br />

dieses Problem ein sehr dringendes ist, müssen wir hier wohl<br />

nicht mehr erklären. Sind doch über <strong>100</strong> Arbeiter arbeitslos<br />

und grösstenteils auch ausgesteuert. (…) Die Not ist furchtbar<br />

ernst und gross, deshalb soll und darf es in der Frage der Arbeitsbeschaffung<br />

kein Zaudern und Zögern mehr geben. Jetzt<br />

heisst es handeln, wenn man nicht das Schl<strong>im</strong>mste erwarten<br />

will. (…) Also liebe Arbeiter, erscheint an die hochwichtige Versammlung.<br />

An dieser Versammlung wird auch eine Resolution<br />

zur Sprache kommen, die am darauffolgenden Tage als Eingabe<br />

an den löbl. <strong>Bezirk</strong>srat weitergeleitet wird.»<br />

Man darf wohl davon ausgehen, dass diese Aktion – zumal<br />

in der «Hofstatt» – von Mitgliedern der Arbeiterpartei initiiert<br />

war, doch warum stand nicht die Partei mit Namen hin?<br />

Der neu gewählte <strong>Bezirk</strong>srat nahm sich dem brennenden<br />

Problem der Arbeitsbeschaffung an und hatte «gleich einige<br />

konkrete Arbeitsbeschaffungsprojekte in Arbeit genommen.<br />

Es weht ein frischer Wind!» (EA 24.5.1938).<br />

Kurz darauf sah sich auch das Personal der Südostbahn,<br />

das auf die seit 1936 anhängigen, reglementarischen Gehaltsaufbesserungen<br />

wartete, dazu genötigt, zwecks Stellungnahme<br />

am 18. Mai 1938 eine Nachtversammlung in der «Hofstatt»<br />

abzuhalten (SD 20.5.1938). Aus dieser Lohnbewegung resultierte<br />

schliesslich ein Kompromiss (SD 17.6.1938).<br />

Es gärte aber weiterhin. «Die Delegiertenversammlung<br />

des Gewerkschaftskartells des Kantons Schwyz stellt<br />

fest, dass trotz den vom Volke beschlossenen Arbeiten,<br />

wie Hurdnerdurchstich, Bau der Pragelstrasse und Elektrifikation<br />

der Südostbahn, <strong>im</strong> Kanton Schwyz noch eine<br />

grössere Zahl von Arbeitslosen vorhanden ist, die mitten<br />

<strong>im</strong> Sommer keine Beschäftigung finden können. Die Versammlung<br />

erwartet von der Regierung, dass sie mit Beschleunigung<br />

die beschlossenen Arbeiten zur Ausführung<br />

bringen lässt, um den Arbeitslosen die in Aussicht gestellte<br />

Arbeit beschaffen zu können.» (SD 28.6.1938).<br />

Kantonalpräsident und Kantonsrat Josef Heinzer, Goldau,<br />

protestierte in der Sommersession des Schwyzer Kantonsrates,<br />

dass der Arbeiterpartei das Recht, den Vizepräsidenten<br />

zu stellen, abgesprochen wurde (EA 5.7.1938).<br />

89


Der Bau- und Holzarbeiterverband, der Ruf<br />

nach «neuer Industrie» und Arbeiternot<br />

Die <strong>SP</strong> Schweiz erliess <strong>im</strong> Juli 1938 einen flammenden, programmatischen<br />

Appell: «Für die Erhaltung von Demokratie<br />

und Freiheit! Für eine neue aufbauende Politik. Mitbürger!<br />

Krise und Not lasten auf der Schweiz. Stadt und Landschaft<br />

leiden gleicherweise unter der Arbeitslosigkeit und ihren katastrophalen<br />

Folgen. Die soziale Ungerechtigkeit, das Elend<br />

Das Hotel «St. Benedikt» in einer Aufnahme um 1932.<br />

der Massen hat Formen angenommen, die eine ernste Gefahr<br />

für unser Land bedeuten. Gebieterisch und unabweisbar<br />

stellt sich darum heute die Forderung des Tages: Sammlung<br />

aller gutgewillten Kräfte, Zusammenarbeit aller aufbauwilligen<br />

Schichten des Volkes, um die Schweiz zu retten als Land des<br />

Fortschritts, der Freiheit und des Rechts. (…) Schliesst euch<br />

zusammen zu einer neuen, starken, vom Willen zum Aufbau<br />

beseelten Volksmehrheit!» (SD 26.7.1938).<br />

Wo waren die Einsiedler Genossen, fragt man sich wieder.<br />

Im «Schwyzer Demokrat» waren seit geraumer Zeit keinerlei<br />

Aktivitäten mehr bekannt gegeben worden. Fritz Wolf amtierte<br />

aber als Parteipräsident, Fritz Moser sass <strong>im</strong> Kantonsrat und<br />

Daniel Kürzi war gerade erst wieder in den bezirksrätlichen<br />

Kommissionen bestätigt worden.<br />

Antworten liefern die regelmässigen Einsendungen des<br />

1932 in der «Hofstatt» gegründeten freien, d.h. «sozialistischen»<br />

Bau- und Holzarbeiterverbandes <strong>Einsiedeln</strong><br />

(SD 23.9.1932; nicht zu verwechseln mit<br />

der christlichsozialen Holz- und Bauarbeitergewerkschaft,<br />

die ihre Versammlungen jeweils <strong>im</strong> «Pilgerhof»<br />

abhielt!). Der Bau- und Holzarbeiterverband lud<br />

regelmässig zu Quartalsversammlungen in das Gasthaus<br />

«St. Benedikt». Präsident dieser Gewerkschaft<br />

war Stefan Bisig. Aktuar war niemand anders als Fritz<br />

Wolf, der amtierende Präsident der Arbeiterpartei,<br />

und als Sektionskassier, später sogar als Präsident,<br />

fungierte der nachmalige Kantonsrat der Arbeiterpartei,<br />

Anton Mächler (SD 3.2.1939, SD 26.4.1940,<br />

SD 7.2.1941).<br />

Es besteht die Vermutung, dass sich die Arbeiterpartei<br />

<strong>Einsiedeln</strong> <strong>im</strong> Verlauf der späten 1930er-<strong>Jahre</strong><br />

auf eine Wahlpartei und Austauschplattform der organisierten<br />

Gewerkschafter reduziert und ihr materielles<br />

Engagement für die Arbeiterschaft verstärkt<br />

auf gewerkschaftliche Basis verlegt hatte. Wenn die<br />

Arbeiterschaft nicht zu uns kommt, gehen wir zu ihnen,<br />

könnte das pragmatische Motto gelautet haben.<br />

Zu dieser Entwicklung beigetragen haben dürften die<br />

geschilderten politisch wie wirtschaftlich schwierigen<br />

Zeitumstände, eine gewisse Radikalisierung der<br />

schweizerischen Mutterpartei sowie eine mit all dem<br />

einhergehenden parteipolitischen Perspektivelosigkeit<br />

<strong>im</strong> streng katholischen Wallfahrtsort <strong>Einsiedeln</strong>.<br />

Dass die Einsiedler Genossen und Gewerkschafter<br />

politisch gemässigt ausgerichtet waren geht beispielhaft<br />

aus der Begebenheit hervor, dass der Bau- und<br />

Holzarbeiterverband <strong>Einsiedeln</strong> offenbar nicht be<strong>im</strong><br />

(«sozialistischen») Gewerkschaftskartell des Kantons<br />

Schwyz mitmachen wollte, und Kartellvorstandsmit-<br />

Am 25. Juni 1938 wurde <strong>im</strong> «St. Benedikt» eine öffentliche<br />

Bau- und Holzarbeiterversammlung einberufen. «Es<br />

werden die notwendigen Schritte zur Erreichung eines<br />

Arbeitsvertrages für das Maurergewerbe eingeleitet. Die<br />

gegenwärtig in unserer Gegend bezahlten Löhne sind unbefriedigend,<br />

müssen erhöht und die Arbeitsbedingungen<br />

verbessert werden.» (SD 17.6.1938).<br />

90


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

glieder 1939 darum ersuchten, die Frage eines Beitritts doch<br />

«in Wiedererwägung» zu ziehen (SD 3.2.1939). Dem kantonalen<br />

Gewerkschaftskartell gehörten damals 18 selbständige<br />

Gewerkschaftssektionen und 7 Gewerkschaftsgruppen an bei<br />

einem Mitgliederbestand von rund 1‘<strong>100</strong> (SD 17.3.1939). Die<br />

Parole der «Bau- und Holzarbeiter von <strong>Einsiedeln</strong> und Umgebung»<br />

lautete aber dennoch kämpferisch: «Wir Arbeiter sind<br />

gewillt, zu kämpfen für Arbeit und Brot; darum fürchten wir weder<br />

Willkür und Not!» (SD 3.2.1939).<br />

Auf sanftmütigerem Boden standen demgegenüber die<br />

christlichsozialen Gewerkschaften. Sie «wollen durch die kraftvolle<br />

Zusammenarbeit der Mitglieder und die eifrige Pflege des<br />

ständischen, religiös-sittlichen und sozialen Lebens die Arbeiterschaft<br />

geistig und materiell auf eine höhere Stufe emporführen<br />

und ihr die gerechte Anteilnahme an den Kulturgütern<br />

sichern.», las man <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» (EA 27.4.1937).<br />

Die ebenfalls neu in Erscheinung getretene Gewerkschaft<br />

der Chauffeure, die ihre Aktivitäten ebenfalls <strong>im</strong> «Schwyzer<br />

Demokrat» publizierte, hielt ihre Versammlungen jeweils <strong>im</strong><br />

«Central» oder in der «Helvetia» ab (sie waren dem Gewerkschaftskartell<br />

beigetreten) und die Versammlungen des «Südostbahn-Personals<br />

Höfe-<strong>Einsiedeln</strong>» wurden <strong>im</strong> «Waldschloss»<br />

in Biberbrugg durchgeführt. Daneben existierte bekanntlich<br />

noch die «Typographia». Die freien – <strong>im</strong> Gegensatz zu den<br />

christlichsozialen – Gewerkschafter waren somit in ihren jeweiligen<br />

Organisationen eingebunden. Die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong><br />

bildete folglich noch eine Austausch- und Wahlplattform<br />

für die politisch Interessierten von ihnen.<br />

Auch <strong>im</strong> Sommer 1938 wurde aufgrund der Zahl der Arbeitslosen<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> nach staatlicher Arbeitsbeschaffung,<br />

nach Notstandsarbeiten und «neuer Industrie» gerufen; das<br />

Arbeitsamt war überfordert, der <strong>Bezirk</strong>srat offenbar nicht <strong>im</strong><br />

Stande, genügend Abhilfe zu schaffen (SD 12.8.1938, SD<br />

26.8.1938). Das Ersuchen um mehr Truppenpräsenz in <strong>Einsiedeln</strong><br />

wurde abschlägig beantwortet; <strong>im</strong>merhin wurde der Weg<br />

auf den St. Meinradsberg in Angriff genommen und der Bau<br />

eines Pfrundhauses in Erwägung gezogen (EA 24.5.1938, SD<br />

30.9.1938, SD 18.10.1938). Auch die Abfallverwertung und das<br />

Sammeln von Abfällen wurde angestossen (SD 11.4.1939).<br />

«Bald scheint es, dass alles Diskutieren über die Arbeitslosigkeit<br />

<strong>im</strong> Dorf und Land unnütz sei. Beispielsweise können<br />

bei den Notstandsarbeiten bei der SOB nur Verheiratete beschäftigt<br />

werden. Ungefähr 20 Mann von <strong>Einsiedeln</strong>. (…) Ein<br />

Arbeiter kommt auf höchstens Fr. 7.50 pro Tag. Also wie wenn<br />

einer eine Familie hat, armengenössig wird und die Klostersuppe<br />

holen muss!! Für ledige Arbeitslose ist es heute besonders<br />

schwer, unterzukommen, sie werden als vogelfrei erklärt. Das<br />

bringt eben die heutige verfluchte Wirtschaftsordnung mit sich,<br />

die den Reichen <strong>im</strong>mer reicher und den Armen <strong>im</strong>mer ärmer<br />

macht. Eine fortschrittliche Regierung, die wirklich vom Volkswillen<br />

getragen wäre, könnte heute der Arbeitslosigkeit radikal<br />

den Garaus machen. (…) Ein Horgenbärgler.» (SD 21.101.1938).<br />

Derweil enervierten sich die Spezierer und Gewerbler auf dem<br />

Platz <strong>Einsiedeln</strong> über den beabsichtigten Einzug eines Girodienstes<br />

und der Migros. «Die Spezierer haben gemerkt, dass<br />

es ihnen an den Kragen geht. Daran sollen nun die Arbeiter<br />

schuld sein, weil sie bei den Giroladen einkaufen. ‹Die Arbeiter<br />

müssen zum Gewerbestand stehen›, haben sie geschrieben.<br />

In dieser Parole ist ein Fehler. Es soll heissen: ‹Die Gewerbler<br />

müssen zur Arbeiterschaft stehen. › (…) Es wird heute viel von<br />

Faschisten und Totalitären geschrieben, wir haben solche auch<br />

auf wirtschaftlichem Gebiete.» (SD 23.9.1938). Die Schwyzer<br />

Regierung beschloss indessen, dass ab Neujahr 1939 keine<br />

Migrosläden <strong>im</strong> Kanton existieren dürfen! (SD 13.1.1939).<br />

Eine «neue Industrie», eine rote<br />

Volksinitiative und die «Landi» 1939<br />

«Unser Arbeitsamt meldet nach ihrer letzten Zählung 136 kontrollierte<br />

Arbeitslose, davon sind 34 Berufsleute und 102 ohne<br />

Beruf, Tagwerker. 95 verheirateten stehen 41 ledige Arbeitslose<br />

gegenüber.» (SD 7.2.1939). Offenbar gab es in <strong>Einsiedeln</strong> aber<br />

auch noch etliche Arbeitslose, die nicht registriert waren. «Es<br />

gibt halt viele Verärgerte, welche sagen, was nützt mich das,<br />

‹zu dem ufä z‘goh›, der ja nur sagt, ich kann euch nicht helfen,<br />

habe keine Arbeit zu verschaffen. Darum schaut halt mancher<br />

selbst um etwas. Auch gibt es solche, welche meinen, das Arbeitsamt<br />

habe keinen Wert mehr, da ja doch jeder Arbeitgeber<br />

selber seine Leute, die er braucht, ohne Arbeitsamt einstellt,<br />

und der Kanton schön Geld einsparen würde.» (SD 21.7.1939).<br />

Auf eine Reklamation hiergegen von Seiten des Arbeitsamtes<br />

stellte der «Schwyzer Demokrat» klar, dass hinter dieser Äusserung<br />

kein «gr<strong>im</strong>miger Wolf» (gemeint Fritz Wolf) stecke und<br />

auch nicht die Arbeiterpartei (SD 1.8.1939).<br />

Die Oppositionsparteien von <strong>Einsiedeln</strong> führten am 19. Januar<br />

1939 in der «Linde» eine Volksversammlung durch, an der über den<br />

Finanzhaushalt des <strong>Bezirk</strong>s referiert wurde. Auch «unsere Parteifreunde»<br />

wurden aufgefordert, an dieser teilzunehmen (SD<br />

17.1.1939). Die Budgetgemeinde verlief in Ruhe. Im «Schwyzer<br />

Demokrat» wurde aber selbstkritisch moniert: «Dass kein Posten<br />

für Arbeitsbeschaffung in Sachen Herbeiziehung neuer<br />

Industrien vorgesehen ist, ist sehr bedauerlich und zeigt nicht<br />

gerade von grossem sozialem Verständnis. Aber wir hätten<br />

erwartet, dass mindestens jemand dieses Thema aufgegriffen<br />

und einen daherigen Posten <strong>im</strong> Budget einzusetzen verlangt<br />

hätte. Wo waren jetzt die vielen Arbeitslosen, ist ihnen das<br />

Herz in die Hosen gefallen, dass sie sich hier nicht wehrten?<br />

Das war ein Fehler, an solchen Tagungen muss man eben teilnehmen,<br />

man kann nachher wieder hinter der Ofenbank Trübsal<br />

blasen.» (SD 3.2.1939).<br />

Die Hoffnung der «Arbeiterparteiler», dass für den verstorbenen<br />

Einsiedler Ständerat Martin Ochsner der konservative<br />

Parteipräsident und Landammann August Bettschart aus<br />

<strong>Einsiedeln</strong> («offen in Arbeiterfragen») auf den Schild gehoben<br />

91


Aufgrund der herrschenden Krise und der unsicheren<br />

Weltlage war der Wallfahrtsverkehr bereits 1938 regelrecht<br />

eingebrochen, was für das Hotel- und Gastgewerbe<br />

schwerwiegende Einbussen zur Folge hatte. Besuchten<br />

1934 noch über 78‘176 Personen mit 128‘263 Logiernächten<br />

den Wallfahrtsort <strong>Einsiedeln</strong>, waren dies 1938 noch<br />

34‘963 Personen mit 51‘296 Logiernächten. <strong>Einsiedeln</strong><br />

war auf innerschweizerischen Verkehr angewiesen, besonders<br />

an kirchlichen Hauptfesttagen, religiösen Tagungen<br />

und während der Sommer- und Ferienwochen mit Besuch<br />

des neu geschaffenen Sihlsees (SD 14.3.1939).<br />

Am 6. Mai 1939 wurde überdies die Schweizerische Landesausstellung<br />

in Zürich, die «Landi», eröffnet. Sie dauerte<br />

bis Ende Oktober 1939 und führte zu einem weiteren<br />

«Frequenzausfall des Wallfahrtsortes» (SD 11.7.1939). Es<br />

kam hinzu, dass auch die bereits beworbenen «Geistlichen<br />

Spiele» («Welttheater») wegen der «Landi» und der<br />

unsicheren politischen Weltlage abgesagt worden waren.<br />

Man hatte Angst vor einem finanziellen Misslingen (SD<br />

6./20.6.1939, SD 11.7.1939).<br />

Titelseite des bereits herausgegebenen Werbeprospekts für<br />

das «Welttheater» 1939.<br />

würde, zerschlugen sich. Der einzige Kandidat für die Ersatzwahl,<br />

der katholisch-konservative Fritz Stähli aus der March,<br />

machte das Rennen (SD 10.2.1939, SD 7.3.1939).<br />

Im Februar 1939 machte – endlich – die Mitteilung die<br />

Runde, wonach es gelungen sei, in <strong>Einsiedeln</strong> eine neue<br />

Industrie anzusiedeln. Und zwar ging es um eine Isolierplattenfabrik<br />

bzw. um die Verarbeitung von Torf zu Isolierplatten<br />

für Bauzwecke, welche zu Beginn Verdienst für 30-<br />

40 ungelernte Arbeiter, später für 50-70 Arbeiter schaffen<br />

sollte (SD 17.2.1939, SD 14.3.1939). Das (Haken-)Kreuz an<br />

der Geschichte war, dass als treibende Kraft der nationalsozialistische<br />

Wirt vom «Freihof», Willy Gnädinger, galt (SD<br />

14.3.1939). Es war darum wiederholt notwendig darzulegen,<br />

dass die Aufenthaltsbewilligungen nicht für Deutsche waren<br />

und dass eine englische Finanzgesellschaft dahinter steckte<br />

bzw. kein deutsches Geld investiert wurde (SD 24.3.1939,<br />

SD 7./28.4.1939). In der Folge zeigten sich jedoch gewisse<br />

Schwierigkeiten. Reichte der zur Verfügung stehende Torf?<br />

Letztlich scheiterte das Projekt, zumal nach Kriegsausbruch<br />

und nachdem der <strong>Bezirk</strong> doch einen finanziellen Beitrag hätte<br />

bevorschussen müssen (SD 25.7.1939, SD 19.9.1939).<br />

Politisch von sich reden machte 1939 die Unterschriftensammlung<br />

für die «rote Verfassungsinitiative», welche – als Reaktion<br />

auf die erneute Nichtberücksichtigung der Sozialdemokraten<br />

bei der Bundesratsersatzwahl am 15. Dezember 1938<br />

– die Volkswahl des Bundesrates <strong>im</strong> Proporz verlangte (EA<br />

16.12.1938, SD 17./24.2.1939). Zwar meinte sogar der «Einsiedler<br />

Anzeiger»: «Als besorgniserregende Auswirkung des<br />

15. Dezember befürchten wir aber einen tiefgreifenden Rückschlag<br />

in der Nationalisierung der schweizerischen Sozialdemokratie,<br />

die – man muss das anerkennen – in verschiedener<br />

Richtung erfreulich eingesetzt hat. Gewiss mag es unbefriedigend<br />

sein, dass die schweizerische Sozialdemokratie ihr ‹patriotisches<br />

Herz› erst entdeckt hat, als ihr der Nazischreck in die<br />

Glieder fuhr; aber das enthebt uns nicht der unbedingten Notwendigkeit<br />

der innern, nationalen Einigkeit und Zusammenarbeit,<br />

und diese ist sicher durch die letzte Bundesratswahl nicht<br />

gefördert worden.» (EA 20.12.1938). Doch letztlich meinte er<br />

92


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

mit Blick auf die Stabilität und Festigkeit des Staates, dass diese<br />

Parteiaktion «ungeschickt aufgezogen (…) und <strong>im</strong> Interesse<br />

des Landes besser unterblieben wäre». «Hände weg von der<br />

roten Verfassungsinitiative!» (SD 10.3.1939).<br />

Am ordentlichen Parteitag der schwyzerischen Arbeiterpartei<br />

vom 14. Mai 1939 <strong>im</strong> «Weingarten» in Wollerau löste der<br />

unermüdliche alt Nationalrat Johann Wattenhofer Josef Heinzer<br />

als Kantonalpräsident ab. Notiert wurde die erste bekannte<br />

Teilnahme von Einsiedler Genossen, nämlich Daniel Kürzi,<br />

Fritz Wolf und Fritz Moser, die sich an der Diskussion über<br />

schwyzerische Pressefragen beteiligt hatten (SD 16.5.1939).<br />

Themen bildeten aber hauptsächlich die Unterschriftensammlung<br />

für die Verfassungsinitiative, wobei die Ortssektionen<br />

wiederholt zur Einreichung der Unterschriftenbögen<br />

aufgefordert werden mussten (SD 14./21.7.1939), sowie die<br />

beiden Abst<strong>im</strong>mungsvorlagen vom 4. Juni 1939 betreffend<br />

Verstärkung der Landesverteidigung und Bekämpfung der<br />

Arbeitslosigkeit. Es ging um ein Finanzierungsvolumen von<br />

400 Mio. Franken und einen «Markstein der Krisenwende» (SD<br />

2.6.1939). Beide Vorlagen wurden deutlich angenommen und<br />

die <strong>SP</strong> Schweiz zog in der Folge ihre sog. Kriseninitiative Nr. 2<br />

zurück. «Das Schweizervolk für Freiheit und Brot!» freute sich<br />

der «Schwyzer Demokrat» (SD 6.6.1939).<br />

Die Wehrmanns-Notunterstützung,<br />

militarisierte Arbeitslose und steigende<br />

Teuerung<br />

Das Bekanntwerden des russisch-deutschen Nichtangriffspaktes<br />

sowie Generalmobilmachungen in anderen Ländern<br />

veranlassten den Bundesrat zur Mobilisation der gesamten<br />

Grenzschutztruppen. Am 30. August<br />

1939 wählte die Bundesversammlung<br />

Henri Guisan zum<br />

General und am 1. September<br />

1939 erfolgte die Generalmobilmachung<br />

der schweizerischen<br />

Armee (SD 25./29.8.1939,<br />

SD 1./5.9.1939, EA 1.9.1939).<br />

Deutschland marschierte in der<br />

Slowakei und in Polen ein und seit<br />

dem 3. September 1939 befanden<br />

sich Deutschland, Frankreich und<br />

Grossbritannien <strong>im</strong> Kriegszustand<br />

(SD 1./5.9.1939).<br />

In <strong>Einsiedeln</strong> wurden zwei Bataillone<br />

einquartiert und ein weiteres<br />

Bataillon sicherte die Staumauer<br />

und den Hühnermattdamm<br />

(SD 8.9.1939).<br />

Die Generalmobilmachung<br />

führte dazu, dass die einrückenden<br />

93<br />

Wehrmänner nicht mehr für den Lebensunterhalt ihrer Familien<br />

aufzukommen vermochten. In die Bresche sprang zwar<br />

die sog. Wehrmanns-Unterstützung, eine Notunterstützung<br />

für in Notlage geratene Angehörige eines Wehrmannes. Die<br />

Arbeiterpartei des Kantons Schwyz wies allerdings sehr früh<br />

darauf hin, dass diese Unterstützungsleistungen völlig ungenügend<br />

waren, weil hieraus nicht einmal die Miete bezahlt<br />

werden konnte (SD 12.9.1939). Die Partei prangerte auch an,<br />

dass einzelne Gemeinden statt eine Barunterstützung nur<br />

Gutscheine für Lebensmittel aushändigten (SD 22.9.1939).<br />

Am ausserordentlichen Parteitag der kantonalen Arbeiterpartei<br />

am 1. Oktober 1939 <strong>im</strong> «Weingarten» in Wollerau wurde<br />

beschlossen, sich angesichts der schweren Zeit nicht an den<br />

anstehenden Nationalratswahlen zu beteiligen. Gleichzeitig<br />

wurde eine Reihe sozialer Postulate zu Gunsten der Wehrmänner<br />

und ihrer Angehörigen beschlossen und eine Eingabe an<br />

den Regierungsrat getätigt. Erwähnenswert ist, dass als St<strong>im</strong>menzähler<br />

am Parteitag Fritz Wolf, <strong>Einsiedeln</strong>, gewählt wurde<br />

(SD 3.10.1939). Die Nationalratswahlen vollzogen sich in der<br />

Folge still.<br />

Die Existenzsicherung der Familien der Wehrmänner wurde<br />

als dringendstes innerpolitisches Problem erachtet. Diskutiert<br />

wurde eine Erhöhung der Beiträge um 30% und die<br />

Finanzierung über ein Lohnopfer der Werktätigen von 2%,<br />

was den Protest der Sozialdemokratischen Partei hervorrief,<br />

weil das Kapital geschont wurde und die Werktätigen zusätzlich<br />

mit der einsetzenden Lebensmittelteuerung zu kämpfen<br />

hatten (SD 24.11.1939, SD 7.12.1939). Der Protest nützte aber<br />

nichts. Die unsoziale Lohnsteuer, welche für die untersten<br />

Lohnkategorien keinen abzugsfreien Betrag kannte, wurde<br />

beschlossen (SD 2.1.1940). Am 1. Februar 1940 trat die neue<br />

Vereidigung der Einsiedler Luftschutzkompanie am 3. September 1939 vor dem Alten<br />

Schulhaus (EA 8.9.1939, Foto Gasser).


Truppenpräsenz auf der Rösslistrasse in <strong>Einsiedeln</strong> <strong>im</strong> Februar 1940.<br />

Ob und inwieweit die bereits vor Kriegsausbruch auf Sparflamme<br />

funktionierende Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> durch<br />

die Generalmobilmachung betroffen war, ist nicht bekannt.<br />

Zwei ihrer wichtigsten Repräsentanten – Parteipräsident<br />

Fritz Wolf und <strong>Bezirk</strong>skommissionsmitglied Daniel<br />

Kürzi – waren jedenfalls pensioniert.<br />

Lohnersatzordnung in Kraft (SD 16.2.1940).<br />

Für den Detailhandel wurden diverse Preiserhöhungen behördlich<br />

bewilligt (SD 3.11.1939). Der <strong>Bezirk</strong>srat rief die Bevölkerung<br />

dazu auf, <strong>im</strong> kommenden Jahr vermehrt Gemüse anzupflanzen,<br />

vor allem Kartoffeln (SD 24.11.1939). Im Dezember<br />

1939 wurden Vorratskarten für rationierte Lebensmittel für die<br />

Anlegung von eisernen Rationen ausgegeben. «Das ist alles<br />

gut und recht. Aber viele, die in der heutigen schweren Zeit<br />

von der Hand in den Mund leben müssen – und das sind sehr<br />

viele, Arbeiter, Handwerker wie Bauern – sind nicht <strong>im</strong>stande,<br />

grosse Vorräte anzulegen.» (SD 15.12.1939).<br />

Am 26. November 1939 hielt der Bau- und Holzarbeiterverband<br />

<strong>im</strong> «St. Benedikt» eine Versammlung ab (SD 24.11.1939).<br />

Der Handel war – mit Ausnahme <strong>im</strong> Holzmarkt – ins Stocken<br />

94<br />

geraten (SD 5.12.1939, SD 9.1.1940). Auf dem<br />

Langrütiweiher wurde geeist, was einen gewissen<br />

Verdienst brachte (SD 2./9.1.1940). Im April 1940<br />

begann man wieder mit Fröschnen (SD 9.4.1940,<br />

s.a. SD 7.4.1942) und <strong>im</strong> Mai 1940 konnten Sammler<br />

30 Zentner Schnecken an eine auswärtige<br />

Grossfirma verschicken (SD 14.5.1940).<br />

Im Dezember 1939 hatte der Bundesrat eine<br />

Militarisierung der Arbeitslosen beschlossen «Es<br />

ist ein harter Schlag, der hier gegen die schweizerische<br />

Arbeiterschaft geführt wird. Es handelt sich<br />

nicht nur darum, dass die Arbeitslosen so um ihre,<br />

ihnen gesetzlich zustehende Arbeitslosenunterstützung<br />

kommen, für die sie die Prämien bezahlt<br />

haben. Noch schl<strong>im</strong>mer ist in der Auswirkung der<br />

Druck auf die Löhne. Jedermann wird versuchen,<br />

sich irgendwie Arbeit zu verschaffen, ohne Rücksicht<br />

auf den Lohn, um nicht in diese Zwangsarbeitsdetachemente<br />

eingereiht zu werden. Statt<br />

einer Lohnerhöhung, die durch die Teuerung mehr<br />

als gerechtfertigt wäre, wird eine allgemeine Lohndrückerei<br />

einsetzen.» (SD 19.12.1939).<br />

Gleichzeitig rollte eine erste Teuerungswelle bei<br />

den wichtigsten Nahrungsmitteln und Gebrauchsartikeln<br />

zwischen 6-50% über die Schweiz und<br />

es wurde zwangsläufig, wiederholt und dringlich<br />

nach Lohnerhöhungen gerufen (SD 12.1.1940, SD<br />

1.3.1940, SD 16.4.1940). Eine zweite Teuerungswelle<br />

folgte bis Frühjahr 1940 und die Teuerung<br />

betrug seit Mai 1939 bereits 10-90% (SD 16.2.1940). Vom<br />

Bundesrat wurden gegen den Protest der Sozialdemokraten<br />

diverse Brotaufschläge bewilligt (SD 5.4.1940).<br />

Friedliche Kantonsrats- und <strong>Bezirk</strong>swahlen<br />

und ein sozialdemokratischer<br />

Kantonsratspräsident!<br />

Das Parteileben litt natürlich unter diesen erschwerten Umständen.<br />

Die kantonale Arbeiterpartei appellierte: «Die Parteiarbeit<br />

muss trotz den durch die Mobilisation entstandenen<br />

Schwierigkeiten erledigt werden. Mit vereinter Kraft haben wir<br />

alle, Sektionsvorstände, Vertrauensleute und Mitgliedschaft,<br />

unter Beweis zu stellen, dass wir den Anforderungen, die die<br />

Parteiarbeit heute an uns stellt, gewachsen sind und ein jeder<br />

auf seinem Posten steht!» (SD 12.1.1940).<br />

Am 2. Februar 1940 erging <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» ein<br />

erneuter Aufruf: «Ist der Vertrauensleute-Apparat vollständig?<br />

Viele unserer Vertrauensleute mussten einrücken zum Militärdienst.<br />

Die entstandenen Lücken dürfen nicht bestehen<br />

bleiben. Jeder Fehlende ist für die Dauer der Mobilisation zu<br />

ersetzen. Der Kleinarbeit unserer Vertrauensleute haben wir<br />

den Aufstieg unserer Partei zu verdanken. Diese Kleinarbeit


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

ist unermüdlich fortzusetzen. Es darf darum kein Sektionsvorstand<br />

es versäumen, die Vertrauensleute regelmässig zu besammeln.<br />

(…) Aber Schwierigkeiten sind da, um überwunden<br />

zu werden. In früheren Jahrzehnten hatten unsere Genossen<br />

mit noch viel grösseren Hindernissen zu kämpfen – nehmen<br />

wir sie uns zum Vorbild.»<br />

Für die Kantonsratswahlen vom 28. April 1940 kam ein<br />

gemeinsamer Wahlvorschlag der konservativen Volkspartei,<br />

der Liberalen Volkspartei, der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei<br />

sowie der Arbeiterpartei zustande (EA 16.4.1940). «Die<br />

allgemeine Arbeiterpartei stellt in der Person von Anton Mächler,<br />

Bahnbeamter, Dorf, einen Vertreter, der das Zutrauen aller<br />

Kreise verdient, sodass zu erwarten ist, dass auch ihm die Bürger<br />

die St<strong>im</strong>me geben und sich so an das ehrliche Abkommen<br />

der Parteien halten. Wie den übrigen Volkskreisen gehört auch<br />

der Arbeiterschaft eine Vertretung.» (SD 16./26.4.1940). Der<br />

bisherige Kantonsrat, Fritz Moser, war nicht mehr angetreten.<br />

Der Bau- und Holzarbeiterverband <strong>Einsiedeln</strong> liess verlauten:<br />

«Als Vertreter der Arbeitersache, speziell der Gewerkschaften,<br />

figuriert auf der Liste unser bewährte Sektionskassier<br />

Anton Mächler. Er ist langjähriger Funktionär unseres<br />

Verbandes und wirkt fortwährend für den sozialen Fortschritt<br />

und das Wohlergehen der Allgemeinheit. Es ist Ehrenpflicht<br />

jedes Kollegen, an die Urne zu gehen.» (SD 26.4.1940, SD<br />

3.5.1940).<br />

Mit Ausnahme der Gemeinde Muotathal fanden in allen<br />

Schwyzer Gemeinden Kompromisswahlen statt (SD<br />

19.4.1940). Genosse Anton Mächler wurde auf dem gemeinsamen<br />

Wahlvorschlag – bei einigen Streichungen – mit einem<br />

guten Resultat gewählt (EA 30.4.1940, SD 30.4.1940).<br />

Der ordentliche Parteitag der kantonalen Arbeiterpartei<br />

Anton Mächler wurde am 31. Oktober 1892<br />

geboren. Nach der Pr<strong>im</strong>arschule betätigte<br />

er sich mit Fuhrwerken. Von 1919-1928<br />

arbeitete er als Heizer be<strong>im</strong> Gaswerk in<br />

<strong>Einsiedeln</strong>, danach als Bahnarbeiter und<br />

Gramper bei der Südostbahn, später – bis<br />

1961 – als Stationsarbeiter. Viele <strong>Jahre</strong> besorgte<br />

er auch das Amt als Leichenträger.<br />

1919 verehelichte er sich mit Mathilde<br />

<strong>Schönbächler</strong>. Das Ehepaar wohnte an der<br />

Wänibachstrasse. Ihrer Ehe entsprossen<br />

vier Mädchen.<br />

Anton Mächler, der am 28. September<br />

1970 verstarb, war ein Mann der Arbeit, so<br />

der Nekrolog. «Sein bescheidenes Wesen,<br />

seine Offenheit und seine sprichwörtliche<br />

Originalität machten ihn zu einem beliebten<br />

Mitbürger.» (EA 16.10.1970).<br />

95<br />

hatte sich am 14. April 1940 <strong>im</strong> «Weingarten» in Wollerau versammelt.<br />

Diesmal amtete Daniel Kürzi, <strong>Einsiedeln</strong>, als St<strong>im</strong>menzähler.<br />

«Be<strong>im</strong> Traktandum Regierungsratswahlen wurde<br />

der Beschluss gefasst, in Anbetracht der Zeit und da keine<br />

Vakanzen vorliegen, sich an den Regierungsratswahlen nicht<br />

zu beteiligen. Es wurde St<strong>im</strong>mfreigabe beschlossen. Grundsätzlich<br />

wird hingegen auf allermindestens ein Mandat Anspruch<br />

erhoben. Es ist Sache der konservativen Partei, die mit<br />

fünf von sieben Sitzen eine Uebervertretung besitzt, eine gerechte<br />

Verteilung durchzuführen.», so die klare Botschaft (SD<br />

16.4.1940).<br />

Der Drang in die Exekutive erwachte aber nicht nur auf kantonaler<br />

Ebene, sondern sachte auch in <strong>Einsiedeln</strong>. Im Februar<br />

1940 fand sich <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» die «Plauderei eines<br />

Wehrmannes aus <strong>Einsiedeln</strong>», welcher<br />

kritisierte, dass man sich <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong>srat<br />

keine Gedanken über he<strong>im</strong>kehrende<br />

Wehrmänner, die Arbeit suchen, mache.<br />

«Nach meiner unparteiischen Ansicht<br />

gehört unbedingt ein Arbeiterparteiler<br />

in den Rat, da ich es selber weiss<br />

und auch meine Kameraden aus allen<br />

Parteien bezeugen es ebenfalls, man<br />

wisse ja, was für Anstrengungen für Industrie<br />

und Arbeit gewisse Männer der<br />

Arbeiterpartei schon getan haben. Und<br />

der Wunsch Vieler ist, dass das ohne<br />

Verleumdung und Kampf vor sich gehen<br />

sollte. Gerade jetzt wäre die Zeit<br />

da, da man miteinander reden sollte.<br />

Ein 72er.» (SD 27.2.1940).<br />

Man muss davon ausgehen, dass<br />

die Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> 1940 entweder<br />

nicht in der Lage war, valable<br />

Kandidaten für den <strong>Bezirk</strong>srat zu präsentieren,<br />

oder eine Kampfwahl zum Voraus als aussichtslos<br />

erachtete. Schon zwei Tage vor der Wahl am 5. Mai 1940 liess<br />

sie nämlich <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat» verlauten: «Die Arbeiterschaft<br />

ist zwar leider in der engern <strong>Bezirk</strong>sbehörde nicht vertreten,<br />

doch hoffen wir, dass demnächst auch hier die gesunde<br />

Einsicht obwalte, um auch der Arbeiterschaft eine Vertretung<br />

zu gewähren. Am Wahlakte soll sich aber die Arbeiterschaft<br />

dennoch beteiligen, um als freie Bürger das St<strong>im</strong>mrecht auszuüben.»<br />

(SD 3.5.1940).<br />

«Die friedlichen ‹Kriegswahlen› in unsere <strong>Bezirk</strong>sbehörden<br />

sind ebenso still vor sich gegangen wie die Kantonsratswahlen<br />

(…).» war <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» zu lesen (EA 7.5.1940). Aufgrund<br />

der tiefen St<strong>im</strong>mbeteiligung von gerade 25% meinte<br />

der «Schwyzer Demokrat»: «Schuld daran ist nicht so sehr die<br />

gemeinsame Liste, als der Umstand, dass man <strong>im</strong> <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

die Arbeiterschaft beharrlich weiterhin von einem Mitspracherecht<br />

<strong>im</strong> Rate ausschliesst.» (SD 10.5.1940).


Immerhin ergab sich <strong>im</strong> Anschluss daran insofern ein Erfolg,<br />

als Daniel Kürzi nicht bloss als Schulrat und Mitglied der Armenpflege<br />

bestätigt wurde, sondern neu auch in die Verkehrsund<br />

Industriekommission gewählt wurde (EA 24.5.1940). Auch<br />

dieser Umstand lässt den Anschein erwecken, dass die Personaldecke<br />

der Arbeiterpartei dünn war. Indessen<br />

las man <strong>im</strong> «Schwyzer Demokrat»: «Auch das offene<br />

Mandat für den <strong>Bezirk</strong>sgerichts-Substituten<br />

hätte man bei einigermassen gutem Willen der Arbeiterpartei<br />

überlassen dürfen.» (SD 28.5.1940).<br />

Einen grossen Erfolg konnte dafür die Arbeiterpartei<br />

des Kantons Schwyz am 27. Juni 1940<br />

feiern. Genosse alt Nationalrat und Kantonsrat Johann<br />

Wattenhofer hatte nicht bloss die Ehre, als Alterspräsident<br />

die erste Sitzung des neugewählten<br />

Kantonsrates zu eröffnen, sondern wurde überdies<br />

ohne Gegenvorschlag und einst<strong>im</strong>mig zum neuen<br />

Kantonsratspräsidenten 1940/41 gewählt! Johann<br />

Wattenhofer verdankte die Wahl und meinte unter<br />

anderem: «Diese Wahl bedeutet ein Symbol dafür,<br />

dass die verschiedenen Parteien des Kantons gewillt<br />

sind, in gemeinsamer Arbeit in schwerster Zeit<br />

zusammen zu wirken.» (SD 28.6.1940).<br />

Bereits <strong>im</strong> Mai 1940 hatte die Arbeiterpartei mit<br />

Laurenz Kistler, Reichenburg, erstmals einen Kantonsrichter<br />

stellen können (SD 19.7.1940).<br />

Ein neuer Feiertag, bleibende Probleme und<br />

ein Unrecht an der Arbeiterschaft<br />

Französische und polnische Internierte bauen 1940 die Strasse auf die<br />

Sattelegg.<br />

96<br />

Engelweih-Prozession vor dem Einsiedler Rathaus um 1940<br />

(Foto Wilhelmine Marthaler).<br />

Weil der Wallfahrtsverkehr in den letzten <strong>Jahre</strong>n stark abgeflaut<br />

war, machte man sich Gedanken, wie dieser und der<br />

Tourismus generell gefördert werden könnten. Zum einen geschah<br />

dies dann mit dem Bau der Strasse von Willerzell über<br />

die Sattelegg nach Vorderthal, für welchen französische und<br />

polnische Internierte beigezogen wurden, und von dem man<br />

sich mehr Besucher des «schönen Alpenpanoramas» erhoffte<br />

(SD 14.6.1940, SD 6.9.1940), zum anderen – eher etwas unkonventionell<br />

– mit der Schaffung eines neuen Feiertages! Der<br />

<strong>Bezirk</strong>srat führte die Engelweihe bzw. den Heiligkreuztag, das<br />

Hochfest der Einsiedler Wallfahrt, als neuen lokalen Feiertag<br />

ein, «aus Dank an den Allmächtigen, dass unser liebes Vaterland<br />

bisher von der Kriegsgeisel verschont geblieben ist.» (SD<br />

27.8.1940). «Für Arbeiter gibt es da magere Löhnli.», meinte der<br />

«Schwyzer Demokrat» (SD 27.8.1940). Es seien jedoch gewisse<br />

Opfer zu bringen, die religiösen und kulturellen Motive würden<br />

die wirtschaftliche Belastung überwiegen, so<br />

Hochwürden P. Othmar Scheiwiller (EA 31.1.1939).<br />

Zahlreiche Schweizer Pilger kamen nämlich nach<br />

<strong>Einsiedeln</strong> um die Bitte niederzulegen, es möge<br />

die He<strong>im</strong>at vor Kriegswirren und ihren bitteren Folgen<br />

verschont bleiben (SD 9.8.1940).<br />

Vor dem zweiten Kriegswinter zeigte sich nun<br />

auch eine Benzin- und Kohlenknappheit und mittels<br />

Verbrauchslenkung (u.a. fünftägige Arbeitswoche)<br />

wurde versucht, dieser zu begegnen (SD<br />

23.8.1940). Das grosse Hotel «Pfauen» musste seinen<br />

Betrieb für mehrere Wochen einstellen, weil<br />

nicht genügend Brennmaterial vorhanden war (SD<br />

14.1941). Butter war scharf rationiert und es erging<br />

ein Rahmverbot (SD 22.10.1940).<br />

An der Versammlung des Bau- und Holzarbeiterverbandes<br />

<strong>Einsiedeln</strong> vom 13. Oktober 1940 in<br />

der «Linde» war das skandalöse Verhalten des Einsiedler<br />

Arbeitsamtes Thema. Dieses hatte gegen-


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

Die Frage der Arbeitsbeschaffung, insbesondere der Bau<br />

einer Jugendkirche und eines Pfrundhauses, blieb ein politisches<br />

Thema, und auch die Lebensmittelpreise stiegen<br />

weiterhin, verbunden mit dem wiederholten Ruf nach einer<br />

Angleichung der Löhne (SD 27.8.1940, SD 18.10.1940,<br />

SD 8.11.1940, SD 5.1.1942). «Arbeiter, schliesst die Reihen!<br />

Die Teuerung greift <strong>im</strong>mer weiter um sich, und die Löhne<br />

kommen nicht nach. Wohl sind in manchen Berufen<br />

Lohnaufbesserungen gewährt worden, aber sie sind wie<br />

ein Tropfen auf einen heissen Stein. Sie vermögen den<br />

Druck, der die Arbeiterfamilien bedrängt, bei weitem nicht<br />

aufzuhalten. (…) Deshalb ergeht der Ruf an alle Arbeitnehmer:<br />

Lasst Euch nicht trennen durch die Demagogie Eurer<br />

Gegner! Schliesst die Reihen der Organisierten!» (SD<br />

10.12.1940).<br />

Links: Aus dem «Schwyzer Demokrat» vom 18. Oktober 1940<br />

über einer ausserkantonalen Baufirma erklärt, die von dieser<br />

ausgerichteten Löhne seien «zu hoch und würden bloss die<br />

Arbeiter bei den einhe<strong>im</strong>ischen Unternehmen unzufrieden machen!»<br />

(SD 1.10.1940, SD 5.11.1940). «Eine feste und geschlossene<br />

Parteiorganisation ist heute mehr denn je notwendig und<br />

Voraussetzung für die erfolgreiche Verteidigung der Lebensinteressen<br />

der Arbeiterschaft!» lautete die Durchhalteparole des<br />

Verbandes (SD 11.10.1940).<br />

Am 1. Dezember 1940 gelangte die Bundesvorlage über<br />

einen obligatorischen militärischen Vorunterricht zur Abst<strong>im</strong>mung.<br />

Die Arbeitnehmerschaft votierte für eine Ablehnung.<br />

«Die Vorlage beeinträchtigt die freie Erziehung der Schweizer<br />

Jugend, sie schwächt ihren Freiheitsgeist, sie bereitet sie nicht<br />

zum Freiheitskampf vor, sie ist ein Stück Gleichschaltung.», so<br />

die Begründung (SD 22.11.1940). Zudem bestünde ein solcher<br />

auf freiwilliger Basis bereits seit 1915 <strong>im</strong> Kanton Schwyz (SD<br />

29.11.1940). Die Vorlage fand be<strong>im</strong> St<strong>im</strong>mvolk keine Gnade<br />

und wurde abgelehnt. «Eine gesunde ant<strong>im</strong>ilitaristische Gesinnung<br />

hat gesiegt!» triumphierte der «Schwyzer Demokrat»<br />

(SD 3.12.1940). Die kantonale Arbeiterpartei hatte indessen<br />

St<strong>im</strong>mfreigabe beschlossen (SD 26.11.1940).<br />

Der Versuch der Schweizer Sozialdemokraten, einen Sitz<br />

<strong>im</strong> Bundesrat zu erhalten, scheiterte <strong>im</strong> zweiten Halbjahr 1940<br />

gleich zwe<strong>im</strong>al. <strong>SP</strong>-Ständerat Gustav Wenk unterlag <strong>im</strong> Juli<br />

und die nominierten <strong>SP</strong>-Nationalräte Robert Bratschi und Johannes<br />

Huber <strong>im</strong> Dezember 1940. Deren Nichtberücksichtigung<br />

wurde als wiederholtes «Unrecht an der Arbeiterschaft»<br />

scharf gebrandmarkt. Die Partei rief ult<strong>im</strong>ativ nach «politischer<br />

Gerechtigkeit» (SD 16./17.7.1940, SD 10.12.1940).<br />

Viel Beachtung fand in dieser Thematik die Ansprache von<br />

Genosse Kantonsratspräsident Johann Wattenhofer anlässlich<br />

der Wintersession des Schwyzer Kantonsrates. «Man ist<br />

überrascht, aus konservativem Munde auf einmal die Bereitschaft<br />

der Zusammenarbeit innerhalb der politischen Parteien<br />

zu vernehmen.» meinte in der Folge der «Schwyzer Demokrat»<br />

(SD 10.1.1941). Doch mit der politischen Zusammenarbeit<br />

sollte es noch eine Weile gehen.<br />

Durchhalteparolen, fleischlose Tage,<br />

Anbauschlacht und der Ruf nach einem<br />

Lohnamt<br />

1941 war ein düsteres Jahr. «Die Parteiarbeit muss trotz den<br />

durch die Mobilisation entstandenen Schwierigkeiten erledigt<br />

werden.» ermahnte die kantonale Geschäftsleitung einmal<br />

mehr (SD 10.1.1941). «Heute mehr denn je muss wieder<br />

in vermehrtem Masse Kleinarbeit geleistet werden. (…) Pflicht<br />

und Aufgabe: mehr ins Volk hinaus, mehr Versammlungen<br />

abzuhalten. Diese Aufgabe soll erfolgen in Zusammenarbeit<br />

mit den Gewerkschaften.» (SD 22.7.1941).<br />

Anlässlich der Generalversammlung des Bau- und Holzarbeiterverbandes<br />

vom 1. Februar 1941 <strong>im</strong> Gasthaus «St.<br />

Benedikt» wurde der Kantonsrat der Arbeiterpartei, Anton<br />

Mächler, als neuer Präsident gewählt (SD 7.2.1941). «Praktische<br />

Arbeit kann aber nur geleistet werden, wenn alle mithelfen.<br />

Zusammenschluss macht stark, das war das Leitwort<br />

der ergrauten Kämpen der Arbeiterbewegung. In diesem<br />

Sinne und Geiste schafften sie Grosses. Was schliesslich<br />

97


<strong>im</strong> Laufe von Jahrzehnten erreicht wurde an Verbesserung<br />

des Lohnes und an sozialen Einrichtungen, das ist nicht zuletzt<br />

das Werk einer geschlossenen Arbeiterbewegung.» (SD<br />

7.2.1941).<br />

In wirtschaftlicher Hinsicht erging eine einheitliche Ladenschlussordnung<br />

und musste – nebst der allgemeinen<br />

Teuerung – ein erneuter Anstieg des Brotpreises konstatiert<br />

werden (SD 7.3.1941, SD 21.10.1941). Der «Schwyzer Demokrat»<br />

wies mit Recht auf die vor 15 <strong>Jahre</strong>n verpasste, weil vom<br />

Volk verworfene Regelung einer staatlichen Getreideversorgung<br />

hin (SD 18.4.1941). Schuhe wurden nun rationiert (SD<br />

25.4.1941), Kaffee, Tee und Kakao gesperrt (SD 3.6.1941) und<br />

die beiden Werktage Mittwoch und Freitag vom Bundesrat<br />

als fleischlose Tage verordnet (SD 13.5.1941). «Im Gegensatz<br />

zur Verordnung des [1.] Weltkrieges, als der Genuss von Innereien<br />

wie Zunge, Hirn, Milken, Leber, Kutteln usw. sowie<br />

Geflügel gestattet waren, sind die fleischlosen Tage diesmal<br />

vollständig; einzig der Konsum von Fischen, Krebsen, Schnecken<br />

und Fröschen wird gestattet.» Später wurde das Fleisch<br />

zusätzlich rationiert (SD 3.3.1942).<br />

Anbauplan und Anbauschlacht wurden propagiert und es<br />

wurden Vorträge gehalten. Die Lage der Volksernährung war<br />

gefährdet (SD 21.1.1941, EA 28.3.1941). «Hinter dem Kloster,<br />

dem sog. ‹Acher›, hat die Stiftsstatthalterei ein grosses Stück<br />

Land zu Anbauzwecken von Kartoffeln und Gemüse aufgebrochen.<br />

Auch die Genossame Dorf-Binzen gedenkt ein grösseres<br />

Areal Land aufzubrechen. Sie stellt jedem Bürger auf dem Waldweg<br />

bereits aufgebrochenes Pflanzland für den nächsten Frühling<br />

zur Verfügung.» (SD 15.11.1940, SD 5.6.1942).<br />

Weiterhin wurde angesichts der Knappheit und der Verteuerung<br />

der auswärtigen Kohlen Torf ausgebeutet. «Mit Maschinen<br />

ist man nun <strong>im</strong> sog. Möösli daran gegangen, dort ‹Turben zu<br />

stechen›. Viel wäre auf diesem Gebiete zu machen, aber grosse<br />

Torfgebiete liegen heute unter den Wellen des Sihlsees.» (SD<br />

6.6.1941, SD 2.6.1942). Immerhin fanden in <strong>Einsiedeln</strong> ca. 25 Arbeiter<br />

ein Auskommen und konnten 3‘519 Tonnen Turben ausgeführt<br />

werden (SD 12.10.1943). In He<strong>im</strong>arbeit fabrizierten kinderreiche<br />

Familien auch «Sägmehl-Briketts» (SD 24.11.1942).<br />

Der Einsiedler Bau- und Holzarbeiterverband führte seine<br />

gewohnten Quartalsversammlungen <strong>im</strong> Gasthaus «St. Benedikt»<br />

durch (SD 16.5.1941, SD 19.9.1941, SD 24.10.1941). Es<br />

wurde über die gegenwärtige Lage sowie die Aufgabe des Verbandes<br />

referiert. Positiv vermerkt wurde der Beschluss, in <strong>Einsiedeln</strong><br />

eine Jugendkirche zu bauen (SD 15.4.1941).<br />

Während die Katholisch-Konservativen und die Christlichsozialen<br />

ausgiebig den 50. <strong>Jahre</strong>stag der päpstlichen Enzyklika<br />

«Rerum novarum» feierten, auf der ihre Haltung nach wie<br />

vor fest fusste («Das Licht leuchtete in der Finsternis, aber die<br />

Finsternis hat es nicht begriffen.», EA 13.5.1941), tätigte das<br />

Schwyzer Gewerkschaftskartell eine Eingabe an den Regierungsrat:<br />

«Für Steuergerechtigkeit! Für Lohnausgleich! Gegen<br />

Teuerung!» (SD 20.6.1941). Der Parteitag der Arbeiterpartei des<br />

Kt. Schwyz doppelte am 20. Juli 1941 nach. «Der Parteitag erwartet<br />

von den Behörden des Bundes und des Kantons <strong>im</strong> Hinblick<br />

auf die 650-Jahrfeier der Eidgenossenschaft nicht hohltönende<br />

Phrasen, wohl aber soziale Taten und wirtschaftlicher<br />

Fortschritt: Planmässige Organisation der Wirtschaft; Staatlich<br />

gelenkte, grosszügige Arbeitsbeschaffung <strong>im</strong> Blick auf die kommende<br />

Arbeitslosigkeit; Gerechtere Steuerpolitik; Anpassung<br />

der Löhne an die Teuerung; Unterdrückung von sachlich ungerechtfertigten<br />

Preiserhöhungen und endlich die Schaffung einer<br />

Alters- und Hinterlassenenversicherung. Die Ausbeutung der<br />

Notlage der grossen Volkskreise durch eine kleine, ohnehin<br />

schon bevorzugte Schicht ist zu verhindern. Wir stehen am<br />

1. August dafür ein, dass das Motto ‹Einer für alle, alle für<br />

einen!› nicht ein wesenloses Schema bleibe, sondern zur<br />

wuchtigen Tatsache werde!» (SD 22.7.1941). An Stelle des<br />

abtretenden Johann Wattenhofer wurde neu als Kantonalpräsident<br />

Josef Kürzi jun., Siebnen, gewählt.<br />

Die Kantonalpartei forderte von der Schwyzer Regierung<br />

einen Appell an die Arbeitgeber, um deren soziales Gewissen<br />

zu wecken, die Schaffung eines Lohnamtes, das Verschwinden<br />

der Waren-Umsatzsteuer und Notstandsaktionen <strong>im</strong> Kanton<br />

(SD 4.11.1941). Der «Einsiedler Anzeiger» attestierte der Eingabe<br />

«gute Gedanken», kommentierte aber nicht ganz zu Unrecht,<br />

dass die Arbeiterpartei den von den Konservativen und<br />

Christlichsozialen propagierten Familienschutz mit der Idee der<br />

Ausrichtung von Familien- und Kinderzulagen überging bzw.<br />

dieser sogar ablehnend gegenüberstand («Anständige Löhne,<br />

damit der Arbeiter und Angestellte leben kann, sind der beste<br />

Familienschutz.», SD 20.3.1942). «Letzten Endes bilden wohl<br />

weltanschauliche Gegensätze den Grund dieser negativen Einstellung.»<br />

(EA 13.6.1941, EA 7.11.1941). Hier anknüpfend ist aber<br />

gerade interessant festzustellen, dass die Katholisch-Konservativen<br />

und Christlichsozialen mit ihrem Postulat von staatlichen<br />

Zulagen an sich den Sozialismus predigten und die Arbeiterpartei<br />

in ihrer Vorgehensweise faktisch teilweise dem Ruf der<br />

päpstlichen Enzyklika folgte!<br />

Sympathien zeigte aber der Präsident der Arbeiterpartei,<br />

Fritz Wolf, anlässlich eines öffentlichen Referates über die Familienschutzinitiative<br />

(EA 17.3.1932).<br />

Wie ein Blitz traf die Schwyzer Arbeiterbewegung die Mitteilung<br />

des Todes von Johann Wattenhofer am 30. Dezember<br />

1941. «Unser Bester ist tot.» (SD 2.1.1942).<br />

Volkswahl des Bundesrates, Weiterbildung<br />

und der wiederholte Ruf nach einer AHV<br />

Am 25. Januar 1942 gelangte die sozialdemokratische Initiative<br />

auf Volkswahl des Bundesrates und die Erhöhung der<br />

Zahl der Bundesräte von 7 auf 9 zur Abst<strong>im</strong>mung. Die Initiative<br />

hatte ihren Ursprung <strong>im</strong> ständigen Übergehen ihres Sitzanspruchs<br />

<strong>im</strong> Bundesrat und war ein Prestigeanliegen, weshalb<br />

die Arbeiterpartei <strong>im</strong> Kanton Schwyz auch eifrig Werbung für<br />

98


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

das betrieb, einen Kampffonds äufnete und in alle Haushaltungen<br />

eine Abst<strong>im</strong>mungszeitung vertrug (EA 13.1.1942, SD<br />

23.1.1942). «Me deckt ä keis Huus um, wenn‘s dusse stürmt!»,<br />

wurde <strong>im</strong> «Einsiedler Anzeiger» prägnant für ein Nein geworben<br />

(EA 13.1.942). Nicht förderlich war, dass sich die nationalsozialistische<br />

Bewegung der Schweiz für die Initiative<br />

aussprach (EA 2.12.1941, EA 23.12.1941). Diese wurde vom<br />

Schweizervolk denn auch mit einem Nein-St<strong>im</strong>menanteil von<br />

66% verworfen, <strong>im</strong> Kanton Schwyz mit 76% und in <strong>Einsiedeln</strong><br />

sogar mit gut 84% (EA 27.1.1942). «Gesamtschweizerisch, was<br />

ist die Konsequenz aus diesem Entscheid für die Sozialdemokratie?<br />

Sammlung aller Werktätigen zu einer zielklaren Politik,<br />

mehr Opposition allüberall, weniger Rücksichten auf die Satten,<br />

mehr Klassenpolitik!» war in der Folge der kämpferische<br />

Tenor (EA 30.1.1942).<br />

Der Bau- und Holzarbeiterverband <strong>Einsiedeln</strong> hielt am<br />

25. Januar 1942 in seinem üblichen Lokal «St. Benedikt» seine<br />

Generalversammlung ab. «Es soll und muss wieder vorwärts<br />

gehen, darum mache sich ein jedes Mitglied zur Pflicht, diesen<br />

Sonntagnachmittag dem Verbande zu widmen.», lautete der<br />

Aufruf (SD 23.1.1942). Am 7. März 1942 lud die Arbeiterpartei<br />

<strong>Einsiedeln</strong> daselbst zu einer öffentlichen Volksversammlung,<br />

in welcher der Zentralsekretär der <strong>SP</strong> Schweiz über das Thema<br />

«Der Ferne Osten und seine kriegspolitische Bedeutung»<br />

referierte und der Film «Insel der Dämonen», welcher von der<br />

Kultur und Landschaft der Südseeinsel Bali handelte, gezeigt<br />

wurde. „(E)ingedenk der [grütlianischen] Devise: ‹Durch Bildung<br />

zur Freiheit.›» (SD 20.2.1942, SD 6.3.1942).<br />

Der Vortrag und die Filmaufführung fussten auf dem Anliegen<br />

der Kantonalpartei und des Gewerkschaftskartells nach<br />

Durchführung von mehr Bildungsveranstaltungen und waren<br />

ein Erfolg. Den Organisationen stand unentgeltlich ein in Siebnen<br />

stationierter Filmvorführungsapparat zur Verfügung (SD<br />

10.7.1942). «Und man hört vielfach den Wunsch äussern, die<br />

Arbeiterpartei möchte in vermehrtem Masse solch volksbildende<br />

Anlässe veranstalten, denn gerade hier in <strong>Einsiedeln</strong>, wo<br />

eine gewisse Presse das Menschenmöglichste tut, um nicht<br />

zu erreichen, dass das Volk mehr lernt, selbständig zu denken,<br />

hier ist es ein dringendes Bedürfnis der Arbeiterschaft <strong>im</strong><br />

besonderen, mehr fortschrittliche Geisteskost zu bekommen.»<br />

(SD 17.3.1942).<br />

Derweil lautete die generelle Devise weiterhin: «Anbau,<br />

Mehranbau, Höchstanbau! (…) Das Jahr 1942 soll zum Kampfund<br />

Leistungsjahr der Kleinpflanzer und Selbstversorger werden.»<br />

(SD 3.2.1942). «Wir führen den Kampf gegen den Hunger.<br />

Es wird gerodet und melioriert, um pflanzen zu können.»<br />

(SD 6.3.1942).<br />

Die politische Forderung nach einer Alters- und Hinterbliebenenversicherung<br />

wurde einmal mehr erhoben. «Je mehr die<br />

Not zun<strong>im</strong>mt und der Mangel innerhalb der Wirtschaft wächst,<br />

umso deutlicher zeigt es sich, dass wir schweren Zeiten entgegengehen.<br />

In diesen Zeiten werden viele Menschen arbeitslos<br />

und andere verarmen. Ganz schl<strong>im</strong>m sind heute in vielen Staaten<br />

Europas die Kinder und die alten Leute dran. Für die Alten<br />

besonders wird die Situation in der kommenden Zeit schwer<br />

werden. Seit Jahrzehnten fordert die Sozialdemokratie eine Alters-<br />

und Hinterbliebenenversicherung.» (SD 20.3.1942).<br />

Im Mai 1942 erging der Aufruf an die Gewerkschafter und<br />

Sozialdemokraten <strong>im</strong> Kanton Schwyz, das Initiativbegehren<br />

für die Umwandlung der Ausgleichskassen für Wehrmänner<br />

in Alters- und Hinterbliebenen-Versicherungskassen zu unterstützen<br />

(SD 19.5.1942).<br />

Sozialistischer Auftrieb und politischer Druck<br />

Die freien bzw. sozialistischen Gewerkschaftsorganisationen<br />

in <strong>Einsiedeln</strong> waren aktiv. Der VHTL (Gewerkschaft Verkauf<br />

Handel Transport Lebensmittel) traf sich 1942 zu Sektionsversammlungen<br />

in der «Helvetia», <strong>im</strong> «Grütli» und <strong>im</strong> «Landhaus»<br />

(SD 15.3.1942, SD 12.6.1942, SD 21.8.1942, SD 4.12.1942), das<br />

Südostbahn-Personal tagte regelmässig <strong>im</strong> «Waldschloss» in<br />

Biberbrugg (SD 6.3.1942, SD 20.3.1942), «Typographia» und «Lithographia»<br />

waren engagiert und auch unser Bau- und Holzarbeiterverband<br />

führte seine General- und Quartalversammlungen<br />

<strong>im</strong> Gasthaus «St. Benedikt» durch (SD 1.5.1942, SD 9.10.1942,<br />

SD 17.1.1943).<br />

Deren Verhältnis zur kantonalen Arbeiterpartei war sehr gut.<br />

Die andernorts, bspw. in Zürich, vorhandenen Spannungen waren<br />

in Schwyz nicht vorhanden (EA 21.4.1942). Arbeiterpartei<br />

und Gewerkschaftskartell tagten mit ihren erweiterten Vorständen<br />

auch gemeinsam (SD 10.7.1942). Mit dabei der Kantonsrat<br />

der Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> und Präsident des Bau- und Holzarbeiterverbandes,<br />

Anton Mächler.<br />

An der Tagung des kantonalen Parteivorstandes vom 7. Juni<br />

1942 in der Post in Pfäffikon konnte Parteipräsident Josef Kürzi<br />

jun. selbstbewusst feststellen, dass «in unseren Reihen Stagnation<br />

kein He<strong>im</strong>atrecht geniesst.» (SD 12.6.1942). Anlass zu dieser<br />

Feststellung gaben diverse Parteigründungen <strong>im</strong> Kanton, Neukonstituierungen<br />

und erfolgreiche Wahlen in Gemeinden.<br />

Mit unverhohlener Genugtuung konnte der «Schwyzer Demokrat»<br />

in seiner Ausgabe vom 19. Juni 1942 sodann verkünden:<br />

«Aktivität! Eine neue V.P.O.D.-Gewerkschaftssektion in <strong>Einsiedeln</strong>!<br />

(...) Mit Stolz und ganz besonderer Freude können wir<br />

heute die Mitteilung machen, dass in <strong>Einsiedeln</strong> eine stramme<br />

Gewerkschaftssektion des VPOD, des Verbandes des Personals<br />

öffentlicher Dienste, ins Leben gerufen wurde. Die Führung liegt<br />

in tatkräftigen Händen. Wir grüssen den Benjamin in der schwyzerischen<br />

gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung und wünschen<br />

ihm frohes Glückauf!» Mutmasslich dürften hier u.a. die Zeughausarbeiter<br />

Paul Christen-Kälin und Martin Steiner treibende<br />

Kräfte gewesen sein.<br />

Die Arbeiterpartei und die Gewerkschaften trafen den Nerv<br />

der Zeit. Der Brotpreise wurde nämlich bereits wieder erhöht und<br />

auch die Teigwaren schlugen auf (SD 30.6.1942, SD 21.8.1942).<br />

99


Der Druck auf den Regierungsrat wurde aufrecht erhalten und<br />

es erfolgte wiederum die Aufforderung an diesen, «endlich eine<br />

umfassende kantonale Notstandsaktion auf den Herbst und Winter<br />

hin einzuleiten. Es geht nicht an, dass Tausende von Franken<br />

als Viehprämien an vermögliche Bauern ausbezahlt werden,<br />

während weitere Teile unseres schaffenden Volks heute darben<br />

müssen.» (SD 7.7.1942). Der Regierung wurde vorgeworfen, dass<br />

sie nichts von der Not der Zeit merke und sie nur nicke gegenüber<br />

dem Widerstand des Finanzchefs, wenn es gelte, etwas zur<br />

Linderung der Not zu unternehmen. Der «Einsiedler Anzeiger»<br />

sprach von übler Hetze in schl<strong>im</strong>mer Zeit (EA 24.7.1942). Es war<br />

wohl eher eine Mischung aus sozialem Notruf mit einem Schuss<br />

gewolltem Populismus.<br />

In der Arbeiterschaft rumorte es auch anderswo. Selbst die<br />

Hebammen von <strong>Einsiedeln</strong> verlangten in Anbetracht der Teuerung<br />

eine Erhöhung des Wartgeldes, was der <strong>Bezirk</strong>srat aber<br />

ablehnte. (SD 11.8.1942). Und das Einsiedler Schreinergewerbe<br />

widersetzte sich einer arbeitsvertraglichen Regelung auf dem<br />

Platz. «So richtig der Protzenstandpunkt wurde eingenommen.»<br />

(SD 11.8.1942).<br />

Im Oktober 1942 stellte die kantonale Arbeiterpartei an den<br />

Regierungsrat das weitere Begehren, «er möchte anlässlich der<br />

Kantonsratssitzung vom 28. Oktober nächsthin als gemeinsame<br />

Kundgebung der versammelten Kantonsbehörden an alle Arbeitgeber<br />

der Industrie und des Gewerbes den dringenden Appell<br />

richten, an die Arbeitnehmer eine Herbstzulage zur Tätigung der<br />

Herbst- und Wintereinkäufe auszurichten.» (EA 20.10.1942, SD<br />

20.10.1942).<br />

Es war aber nicht so, dass der Kanton gänzlich untätig geblieben<br />

wäre. Die kantonsrätliche Arbeitsbeschaffungskommission<br />

befasste sich mit Projekten <strong>im</strong> Umfang von 46.7 Millionen<br />

Franken (SD 27.10.1942). Sodann: «Gemäss Regierungsratsbeschluss<br />

vom 4.9.1942 sind <strong>im</strong> Kanton Schwyz verschiedene<br />

kriegswirtschaftliche Fürsorgemassnahmen durchzuführen.<br />

In Betracht kommen vorläufig: Beiträge zur Verbilligung des<br />

Brotes, Beiträge zur Verbilligung von Kartoffeln und Aepfel. Der<br />

<strong>Bezirk</strong>srat wählt zum Präsidenten dieser Kommission Hrn. Statthalter<br />

Franz Kälin.» (SD 27.10.1942). Per Kreisschreiben forderte<br />

das kantonale Arbeitsamt die Gemeinden auf, ein Arbeitsbeschaffungsprogramm<br />

für die Nachkriegszeit aufzustellen (SD<br />

3.8.1943).<br />

Kein Erfolg beschieden war der sog. Pfändler-Initiative, benannt<br />

nach dem St. Galler LdU-Nationalrat Otto Pfändler, die am<br />

3. Mai 1942 zur Abst<strong>im</strong>mung gelangte. Die Partei von Migros-<br />

Gründer Gottlieb Duttweiler wollte mit dieser eine Reorganisation<br />

des Nationalrates bewerkstelligen. Mittels Flugbatt hatte die<br />

Partei auch in <strong>Einsiedeln</strong> zu einer Volksversammlung ins Hotel<br />

«Steinbock» eingeladen. An der Diskussion nahm auch der Präsident<br />

der Arbeiterpartei <strong>Einsiedeln</strong> teil, nutzte die Plattform<br />

indessen für ein eigenes Votum: «Genosse Fritz Wolf forderte,<br />

dass doch endlich die Altersversicherung Tatsache werden<br />

möchte, denn schon der Ueberschuss der Lohnausgleichskasse<br />

von 165 Millionen Fr. bedeute dafür einen schönen Fond. Was<br />

den Familienschutz anbelangte, möge man mit bessern Löhnen<br />

aufwarten, das sei den kinderreichen Familien am wirksamsten<br />

geholfen.» (SD 28.4.1942).<br />

Die <strong>Bezirk</strong>swahlen in <strong>Einsiedeln</strong> vom 3. Mai 1942 verliefen<br />

unspektakulär ruhig und ebenfalls nach dem Motto «Wenn es<br />

stürmt, soll man das Haus nicht umdecken.» (EA 21.4.1942). Der<br />

gemeinsame Wahlvorschlag der Konservativen Volkspartei, der<br />

Liberalen Partei und der Bauern-, Bürger- und Gewerbepartei<br />

setzte sich durch (EA 28.4.1942, EA 5.5.1942). Daniel Kürzi von<br />

der Arbeiterpartei wurde ein weiteres Mal als Schulrat, Mitglied<br />

der Armenpflege sowie der Verkehrs- und Industriekommission<br />

bestätigt (EA 15.5.1942).<br />

«Eine neue Schweiz in einer neuen Welt» und<br />

missglückte Nationalratswahlen 1943<br />

Die kantonale Arbeiterpartei<br />

griff den Ball denn auch programmatisch<br />

auf und erklärte<br />

an ihrem Parteitag vom 16.<br />

September 1943 <strong>im</strong> «Weingarten»<br />

in Wollerau das Eintreten<br />

in den Nationalratswahlkampf.<br />

Nominiert wurden Kantonsrat<br />

Josef Heinzer, Goldau, Redaktor<br />

Josef Kürzi jun., Siebnen,<br />

und Kantonsrat Karl Röllin,<br />

Wollerau (SD 24./28.9.1943).<br />

An ihrer Tagung vom 5./6. Dezember 1942 äusserte sich die<br />

Sozialdemokratische Partei der Schweiz zu aktuellen Tagesfragen<br />

und gab ihr politisches Aktionsprogramm bekannt,<br />

welches mittels einer neuen<br />

Volksinitiative betreffend<br />

Wirtschaftsreform<br />

und Recht der Arbeit <strong>im</strong><br />

März 1943 lanciert wurde<br />

(SD 11.12.1942, EA<br />

23.12.1942, EA 2.3.1943).<br />

Die Initiative konnte<br />

bereits am 10. September<br />

1943 mit 161‘664 Unterschriften<br />

eingereicht<br />

werden und verfolgte <strong>im</strong><br />

Wesentlichen die gleichen<br />

Ziele wie die frühere Krisen-<br />

Initiative (EA 17.9.1943). Am<br />

schweizerischen Parteitag<br />

wurde verkündet: «Die Zeit<br />

für halbe Lösungen ist vorbei!»<br />

Verlangt wurde eine<br />

aktivere Lohnpolitik des<br />

Bundes, der Schutz der<br />

Arbeiter und Angestellten<br />

vor ungerechtfertigten<br />

Entlassungen, ein voller<br />

Teuerungsausgleich für<br />

kleine Einkommen, die Bekämpfung<br />

der Teuerung,<br />

eine vermehrte Förderung<br />

des Wohnungsbaues, die<br />

beschleunigte Vorbereitung<br />

der eidgenössischen<br />

Alters- und Hinterbliebe-<br />

<strong>100</strong>


<strong>100</strong> <strong>Jahre</strong> <strong>SP</strong> <strong>Einsiedeln</strong><br />

«Flugblätter, Broschüren und anderes Werbematerial fliegen<br />

in diesen Tagen in die aufnahmebereiten Briefkästen<br />

unserer Schwyzerfamilien. Vielerorts sind die Plakatsäulen<br />

und Anschlagstellen hübschfein mit Wahlplakaten dekoriert,<br />

wobei die Oppositionsparteien, nämlich die Sozialisten<br />

und Unabhängigen, sich besonders hervortun. Der<br />

arme rote Lazarus und der Migros-Krösus kennen keine<br />

Sparmassnahmen und schütten ihre wohlgespickten Kassen<br />

gründlich aus. Die Sozialisten wollen an die Macht. Zu<br />

diesem Zwecke soll vor allem das Manifest ‹Neue Schweiz›<br />

dienen (…).» (EA 29.10.1943). Der «Schwyzer Demokrat»<br />

scheute sich nicht, eine Wahl-Nummer herauszugeben:<br />

«Schwyzer Volk, lass dich aufklären! Der Weg in eine bessere<br />

Zukunft. Was wir wollen – für was wir dienen und<br />

kämpfen.» (SD 28.10.1943).<br />

nenversicherung und ein scharfer Kampf gegen die Steuerhinterziehung.<br />

Kurzum «Eine neue Schweiz in einer neuen Welt!»<br />

(SD 10.9.1943).<br />

Der von bürgerlicher Seite erhobene Vorwurf einer Wahlpropaganda<br />

war nicht ganz von der Hand zu weisen, denn am<br />

31. Oktober 1943 standen die Nationalratswahlen an.<br />

Zwei Begebenheiten verhinderten jedoch einen fast sicheren<br />

Sitzgewinn der schwyzerischen Arbeiterpartei! Zum einen<br />

nahm an den Nationalratswahlen erstmals eine Bauernvereinigung<br />

teil und zum anderen gingen diese, die Konservativen<br />

und die Liberalen eine Listenverbindung ein (EA 22.10.1943).<br />

Die Fronten waren klar. «Hier Reaktion – dort Fortschritt!» kommentierte<br />

der «Schwyzer Demokrat» (SD 12.10.1943). Das Gerücht,<br />

dass sich Gottlieb Duttweilers Landesring der Unabhängigen<br />

an den Nationalratswahlen <strong>im</strong> Kanton Schwyz beteilige,<br />

erwies sich als unrichtig (SD 27.7.1943).<br />

Die Konservativen verloren letztlich einen Sitz an die Bauernvereinigung,<br />

welche triumphierte. Die Liste der Arbeiterpartei<br />

war abgeschlagen. Es half ihr wenig, dass sie Panaschiergewinnerin<br />

war und die beste Parteidisziplin aufwies<br />

(EA 2.11.1943). Schwach war das Resultat der Arbeiterpartei-<br />

Liste in <strong>Einsiedeln</strong>, wo sie nur auf einen Wähleranteil von rund<br />

8% kam.<br />

Schweizweit betrachtet war die Sozialdemokratische Partei<br />

die Wahlgewinnerin mit zusätzlichen 11 Sitzen und mit 56 Sitzen<br />

neu stärkste Fraktion <strong>im</strong> Nationalrat (EA 5.11.1943). «Der<br />

Kampf um die ‹Neue Schweiz› ist eröffnet.» (SD 5.11.1943). Die<br />

Frage einer sozialistischen Bundesratsbeteiligung kam nach<br />

dem Rücktritt des freisinnigen Bundesrates Ernst Wetter wieder<br />

auf. Und diesmal ging es nicht anders: Genosse Nationalrat<br />

Ernst Nobs wurde mit 122 von 181 gültigen St<strong>im</strong>men<br />

zum ersten sozialdemokratischen Bundesrat gewählt (EA<br />

17.12.1943). Die «bürgerlich-sozialistische Koalitionsregierung»<br />

war ein «Markstein der innerpolitischen Entwicklung»<br />

(EA 17.12.1943), welche auch auf Schwyz und <strong>Einsiedeln</strong><br />

ausstrahlte.<br />

Gewerkschaften, «schwyzerische<br />

Polizeiwillkür» und der unsägliche<br />

«Arbeitsrappen»<br />

Im <strong>Bezirk</strong> <strong>Einsiedeln</strong> ging es politisch gemächlich zu. VPOD<br />

und Bau- und Holzarbeiterverband hielten <strong>im</strong> Januar 1943 ihre<br />

traditionellen Generalversammlungen beide <strong>im</strong> «St. Benedikt»<br />

ab (SD 10./17.1.1943). Es wurden <strong>im</strong> ersten Halbjahr 1943 insgesamt<br />

drei Filmabende – ebenfalls <strong>im</strong> «St. Benedikt» – organisiert,<br />

zu welchem auch Nichtmitglieder eingeladen wurden<br />

(SD 12.2.1943, SD 26.3.1943, SD 2.4.1943). Besonders der<br />

dritte Anlass, eine Arbeiterversammlung, hinterliess einen guten<br />

Eindruck. «Der junge, initiative Kollege Paul Christen führte<br />

den Vorsitz. Nachdem ein ansprechender Schwei