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Leseprobe_Berne_Wagners Ringen um ein neues Menschenbild

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<strong>Wagners</strong> <strong>Ringen</strong> <strong>um</strong> <strong>ein</strong> <strong>neues</strong> <strong>Menschenbild</strong><br />

Der fliegende Holländer<br />

Tannhäuser<br />

Lohengrin


Peter <strong>Berne</strong><br />

WAGNERS RINGEN UM EIN<br />

NEUES MENSCHENBILD<br />

Der fliegende Holländer<br />

Tannhäuser<br />

Lohengrin


Peter <strong>Berne</strong>: <strong>Wagners</strong> <strong>Ringen</strong> <strong>um</strong> <strong>ein</strong> <strong>neues</strong> <strong>Menschenbild</strong>.<br />

Der fliegende Holländer, Tannhäuser, Lohengrin<br />

Hollitzer Verlag, Wien 2023<br />

Coverabbildung:<br />

Richard Wagner-Steckbrief, Eberhardts Allgem<strong>ein</strong>er Polizei-Anzeiger,<br />

Dresden, 11. Juli 1853<br />

Alle Rechte vorbehalten.<br />

Satz und Umschlaggestaltung: Daniela Seiler<br />

Hergestellt in der EU<br />

© Hollitzer Verlag, Wien 2023<br />

www.hollitzer.at<br />

ISBN 978-3-99094-178-2


Für wertvolle gedankliche Anregungen und das Korrekturlesen danke ich Sibylle<br />

Dahms, Valentin Lukan, Robert Reimer sowie Einhard und Renate Weber; für die<br />

Hilfe bei der Erstellung der Notenbeispiele danke ich Johannes Püschel.


INHALT<br />

Einleitung<br />

Der geistige und biographische Hintergrund 9<br />

Romantische Opern mit geistigem Gehalt 9 – Die biographische Einordnung 11 –<br />

<strong>Wagners</strong> geistige Entwicklung: Der Dreischritt als Muster 13 – Jugendjahre und „Flegeljahre“<br />

14 – Das „Junge Deutschland“ 15 – Selbstfindung 17 – Weltzugewandte<br />

Innerlichkeit 19 – Die Werke als Ideendramen: Die neue Einstellung 20 – Die Aus<strong>ein</strong>andersetzung<br />

mit dem Leben 21 – Der neue Mensch 23 – Erlösung durch Liebe 26 –<br />

Das Wirken der Liebe 28<br />

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER<br />

Titanismus und Nihilismus der modernen Zivilisation 33<br />

Ein großer Wurf 33 – Das Geheimnis des künstlerischen Schaffensprozesses 36 – Eine<br />

abenteuerliche Seefahrt und <strong>ein</strong>e ironische Erzählung von H<strong>ein</strong>e 38 – Das Holländer-<br />

Problem 40 – Die psychologische Deutung 42 – Titanismus 44 – Nihilismus 46 –<br />

Parallelen 48 – Die Erlösung 50 – Liebe als heroische Haltung 51 – Liebe als das<br />

„Weibliche“ 53 – Die Ouvertüre: Die Motive 54 – Die Form 56 – <strong>Wagners</strong> bildhafte<br />

Erläuterung 59 – Der Ideen-Gehalt 60<br />

TANNHÄUSER<br />

Das Ideal der Ganzheitlichkeit 67<br />

Mehr als nur <strong>ein</strong>e romantische Oper 67 – Die verschiedenen Fassungen des Werkes 69<br />

– Der biographische Zusammenhang 72 – Wesen und Psychologie der Tannhäuser-<br />

Figur 76 – Der Konflikt mit der Gesellschaft 77 – Das Ideal der Ganzheitlichkeit 80 –<br />

Die Ouvertüre 82 – Der Venusberg 84 – Der Geist-Sinnlichkeits-Konflikt 87 – „Könnt<br />

ihr der Liebe Wesen mir ergründen?“ 89 – Gesellschaftskritik 94 – Zeitbezüge und<br />

persönliche Identifikation 96 – Tannhäuser und die Revolution 98<br />

LOHENGRIN<br />

Der Mensch und das Übersinnliche103<br />

<strong>Wagners</strong> beliebteste Oper 103 – Das Lohengrin-Problem 104 – <strong>Wagners</strong> eigene Unsicherheit<br />

106 – Der zugrundeliegende Archetypus 108 – Lohengrin als religiöses<br />

Drama: Der Gefühlsinhalt 110 – Zeus und Semele: Die Unerkennbarkeit des<br />

Gottes 112 – „Wer ist der Gral?“ Die Tragödie des dualistischen Weltbilds 113 –


Inhaltsverzeichnis<br />

Lohengrin – <strong>ein</strong> Heiliger? Liebe und Ganzheitlichkeit 117 – Lohengrin als Künstlerdrama:<br />

Das Verhältnis des Publik<strong>um</strong>s zur Kunst und z<strong>um</strong> Künstler 119 – Der Grals ritter:<br />

<strong>ein</strong> Spiegel von <strong>Wagners</strong> eigener Persönlichkeit? 123 – Die Grenzen der Liebe 126 –<br />

Lohengrin als Revolutionsdrama: Die „Tragik der Gegenwart“ 128 – Lohengrin und die<br />

Revolution: Herzog Gottfried 129 – Letzte Klärung: Das Vorspiel 133<br />

Daten zur Entstehungsgeschichte ...................................................................... 139<br />

Literaturverzeichnis ......................................................................................... 143<br />

Anmerkungen ................................................................................................. 145<br />

Der Autor ....................................................................................................... 158


EINLEITUNG<br />

Der geistige und biographische Hintergrund<br />

Romantische Opern mit geistigem Gehalt<br />

Der fliegende Holländer, Tannhäuser, Lohengrin: Diese drei Werke bilden <strong>ein</strong>e zusammenhängende<br />

Gruppe innerhalb von <strong>Wagners</strong> Gesamtwerk, die man als „<strong>Wagners</strong> frühe<br />

Meisterwerke“ oder „<strong>Wagners</strong> romantische Opern“ bezeichnen kann. Ihre Entstehung<br />

bezeichnet <strong>ein</strong>en Wendepunkt in s<strong>ein</strong>er künstlerischen Entwicklung. Denn mit ihnen<br />

hat er sich z<strong>um</strong> ersten Mal von den Vorbildern und Konventionen s<strong>ein</strong>er Zeit befreit<br />

und s<strong>ein</strong>e eigene musikalische Sprache gefunden; und mit ihnen hat er auch z<strong>um</strong> ersten<br />

Mal Stoffe behandelt, die s<strong>ein</strong>em geistigen Wesen gemäß waren und so zu Trägern der<br />

Gedanken werden konnten, die ihn damals in s<strong>ein</strong>em Inneren tief bewegten.<br />

Zwar haftet dem Holländer, als Erstlingswerk dieser Trias, noch manches Konventionelle<br />

der Oper, wie sie vor Wagner bestanden hat, an, so dass er stilistisch weniger<br />

<strong>ein</strong>heitlich ersch<strong>ein</strong>t als s<strong>ein</strong>e beiden Nachfolger. Tannhäuser und Lohengrin sind jedoch<br />

vollendete Meisterwerke. Denn wenn auch in ihnen noch Reste der alten N<strong>um</strong>mernform<br />

zu finden sind, und die Chöre und prächtigen Aufzüge ihre Herkunft aus<br />

der traditionellen großen Oper nicht leugnen können, so sind alle diese Dinge vollkommen<br />

in das Handlungsgeschehen integriert, so dass die dramatische Wahrhaftigkeit<br />

immer gewahrt bleibt. Das, was Wagner an anderer Stelle über Bach und Mozart<br />

lobend sagt – dass ihre Größe darin bestanden habe, vorgefundene Formen mit neuem<br />

Leben zu erfüllen und so zur höchsten Blüte zu führen 1 – kann man über ihn selbst im<br />

Hinblick auf diese Werke sagen. Er hat <strong>ein</strong>en neuen Inhalt in <strong>ein</strong>e alte Form gegossen<br />

und diese dadurch so <strong>um</strong>gestaltet, dass sie alle Unvollkommenheiten, die ihr früher<br />

anhafteten, abstreifte und den höchsten Grad der Reife erlangte. Und damit hat er die<br />

deutsche romantische Oper zu ihrer Vollendung geführt.<br />

Vor allem was ihren geistigen Gehalt anbelangt, gehen diese Opern über alles, was<br />

früher in diesem Genre geschaffen wurde, weit hinaus. Denn in ihnen werden viele<br />

der wichtigsten Gedanken, die Wagner s<strong>ein</strong> Leben lang beschäftigen sollten, nicht nur<br />

vorweggenommen, sondern sie kommen auch bereits in vollgültiger Form z<strong>um</strong> Ausdruck<br />

– Gedanken, die nicht nur durch ihre allgem<strong>ein</strong>-menschliche Aussage, sondern<br />

auch durch ihre oft bestürzende Aktualität größte Beachtung verdienen. Im Holländer –<br />

dem die Sage vom übermütigen Seefahrer zugrundeliegt, der, <strong>um</strong> s<strong>ein</strong>en unbändigen<br />

Willen durchzusetzen, das Meer herausfordert und als Strafe dafür dazu verdammt<br />

wird, ewig auf ihm her<strong>um</strong>zuirren – hat Wagner nicht nur das Problem der<br />

9


Einleitung<br />

leidenschaftlichen Begierde behandelt, sondern auch die Hybris des modernen Menschen<br />

bloßgelegt, der in s<strong>ein</strong>er Überheblichkeit m<strong>ein</strong>t, ungestraft die Gesetze der Natur<br />

missachten zu können. In Tannhäuser hat er dann das Idealbild <strong>ein</strong>es ganzheitlichen<br />

Menschen darzustellen versucht, der sich nicht scheut, auch s<strong>ein</strong>e sinnliche Natur<br />

– symbolisiert durch den Venusberg, in den sich die antike Liebesgöttin nach dem<br />

Sieg des Christent<strong>um</strong>s zurückgezogen hat – in s<strong>ein</strong>e Persönlichkeit zu integrieren,<br />

wodurch er in <strong>ein</strong>en verhängnisvollen Konflikt mit s<strong>ein</strong>er engstirnigen und heuchlerischen<br />

Umgebung gerät. In Lohengrin ist es schließlich <strong>ein</strong> Gralsritter, also <strong>ein</strong> Wesen<br />

aus <strong>ein</strong>er höheren, „göttlichen“ Sphäre, der ebenfalls s<strong>ein</strong>e Ganzheitlichkeit zu verwirklichen<br />

versucht, indem er aus der r<strong>ein</strong>geistigen Höhe in die irdische Welt hinabsteigt,<br />

<strong>um</strong> dort durch menschliche Liebe Erfüllung zu finden. Das sind Themen von<br />

großer Tragweite, die auf <strong>ein</strong>e tiefsinnige und reichhaltige Gedankenwelt hinweisen,<br />

wie sie Wagner offensichtlich bereits z<strong>um</strong> Zeitpunkt, als er diese frühen Meisterwerke<br />

schuf, in s<strong>ein</strong>em Inneren trug.<br />

Tatsächlich liegt allen drei Werken, so verschieden sie von ihrem Stoff und ihrem<br />

thematischen Schwerpunkt her auch s<strong>ein</strong> mögen, <strong>ein</strong> zusammenhängendes Gedankengebäude<br />

zugrunde, deren Schluss-St<strong>ein</strong> die Vision <strong>ein</strong>es neuen Menschentypus bildet:<br />

<strong>ein</strong>es Menschen, der es wagt, s<strong>ein</strong>e individuelle Kraft und innere Fülle voll zur Entfaltung<br />

zu bringen, trotz aller Probleme, die ihm die Natur oder die Gesellschaft entgegenbringen.<br />

Es ist dieses Gedankengebäude, das der Trias der romantischen Opern<br />

ihre innere Einheit verleiht; und erst wenn wir dieses Gebäude erschlossen haben und<br />

die <strong>ein</strong>zelnen Werke vor diesem Hintergrund betrachten, können wir die volle Bedeutung<br />

ihrer geistigen Aussage erkennen.<br />

Hierzu ist aber <strong>ein</strong>e gründliche Untersuchung nötig. Denn <strong>Wagners</strong> Gedanken<br />

werden in s<strong>ein</strong>en Werken nicht direkt ausgesprochen, sondern in Form von dramatischen<br />

Handlungen und mythischen Symbolen z<strong>um</strong> Ausdruck gebracht, die ihrem<br />

Wesen nach vieldeutig und daher auch offen für Fehldeutungen sind. Tatsächlich gibt<br />

es ka<strong>um</strong> <strong>ein</strong>en Künstler, der so grundlegend missverstanden worden ist – und immer<br />

noch wird – wie Wagner. An diesen Missverständnissen waren schon immer gleichermaßen<br />

Freund wie F<strong>ein</strong>d beteiligt: die Anhänger, weil sie in ihrer naiven Begeisterung<br />

ihre eigenen Wunschvorstellungen in die Werke hin<strong>ein</strong>projizierten; die Gegner, weil<br />

die Vieldeutigkeit von <strong>Wagners</strong> künstlerischer Sprache ihnen <strong>ein</strong>e gute Gelegenheit<br />

bot, ihm Absichten zu unterschieben, die ihn in <strong>ein</strong>em möglichst schlechten Licht<br />

ersch<strong>ein</strong>en ließen. Das hat dazu geführt, dass die eigentliche Werkaussage heute von<br />

<strong>ein</strong>er dicken Kruste von Vorurteilen überlagert wird, die man erst entfernen muss, <strong>um</strong><br />

diese Aussage freizulegen.<br />

Vorurteile kann man aber nur durch Sachlichkeit beseitigen. Im Falle <strong>Wagners</strong> heißt<br />

das in erster Linie: die Werke selbst möglichst unvor<strong>ein</strong>genommen zu betrachten. Es<br />

gibt aber auch zahlreiche Schriften, in denen Wagner versucht hat, s<strong>ein</strong>e Gedanken<br />

10


Die biographische Einordnung<br />

begrifflich auszusprechen. Diese sind zwar auch subjektiv; da aber das „Subjekt“ in<br />

diesem Fall der Werkschöpfer selbst ist, können sie wenigstens Authentizität für sich<br />

beanspruchen; und wer sie zur Grundlage s<strong>ein</strong>er Werkerklärungen macht, wird dadurch<br />

wenigstens davor gefeit s<strong>ein</strong>, sich allzu sehr in eigenmächtige Deutungen zu<br />

verlieren. Vor allem aber ist Gründlichkeit nötig; nicht nur, <strong>um</strong> jene plakativen Phrasen<br />

zu vermeiden, mit denen oft die Diskussion <strong>um</strong> Wagner geführt wird, sondern<br />

auch, <strong>um</strong> s<strong>ein</strong>er Gedankenwelt gerecht zu werden, die, entsprechend s<strong>ein</strong>er <strong>um</strong>fassenden<br />

Bildung, von außerordentlicher Weite und Komplexität ist. Deshalb ist es auch<br />

hilfreich, das geistige Umfeld und die Lebens<strong>um</strong>stände zu kennen, die den Nährboden<br />

bilden, auf dem s<strong>ein</strong>e Anschauungen gewachsen sind.<br />

Wir wollen im Folgenden diese gründliche Untersuchung in Angriff nehmen, <strong>um</strong><br />

z<strong>um</strong> Schluss <strong>ein</strong> zusammenfassendes Gesamtbild jenes Gedankengebäudes zu entwerfen,<br />

welches die geistige Grundlage s<strong>ein</strong>er drei romantischen Opern bildet. Wir beginnen<br />

mit dem biographischen Umfeld.<br />

Die biographische Einordnung<br />

Wagner selbst hat in s<strong>ein</strong>er kurz nach der Revolution verfassten autobiographischen<br />

Schrift „Eine Mitteilung an m<strong>ein</strong>e Freunde“ versucht, die geistige Bedeutung s<strong>ein</strong>er<br />

Dramen all<strong>ein</strong> aus den biographischen Umständen ihrer Entstehung zu erklären.<br />

Diese Art der Erklärung hat zwar ihre Grenzen; denn sie ist schon von ihrem Ansatz<br />

her auf <strong>ein</strong>en bestimmten Aspekt <strong>ein</strong>geschränkt. Doch wenn die Erläuterungen,<br />

die Wagner dort bringt, die geistige Aussage der Werke auch nicht in ihrer letzten<br />

Tiefe ausloten, so liefern sie doch wichtige Anhaltspunkte für ihre Deutung, weshalb<br />

wir bei der genaueren Besprechung der <strong>ein</strong>zelnen Werke auf sie näher <strong>ein</strong>gehen<br />

werden. Hier wollen wir jedoch nur die biographischen Grundtatsachen darstellen,<br />

die den Hintergrund jener Erläuterungen bilden. Sie werden uns auf jeden Fall helfen,<br />

das, was Wagner mit s<strong>ein</strong>en drei romantischen Opern aussagen wollte, besser<br />

zu verstehen.<br />

Es ist allerdings nicht <strong>ein</strong>fach, sich <strong>ein</strong> übersichtliches Bild von <strong>Wagners</strong> Leben zu<br />

machen, das bekanntlich reichhaltig und bewegt wie <strong>ein</strong>e Romanhandlung war und<br />

sich durch Widersprüche und Extreme kennzeichnete. Einen wichtigen Einschnitt<br />

bildet jedenfalls <strong>Wagners</strong> Teilnahme an der gescheiterten Revolution von 1848/9, die<br />

ihn dazu zwang, sich aus allen bisherigen bürgerlichen und beruflichen Bindungen<br />

zu lösen und in der Schweiz als politischer Flüchtling Asyl zu suchen, weshalb man<br />

von <strong>ein</strong>er vor-revolutionären Lebensperiode und <strong>ein</strong>er Periode nach der Revolution<br />

sprechen kann. Doch auch die vor-revolutionäre Zeit lässt sich in verschiedene Abschnitte<br />

<strong>ein</strong>teilen, die meistens mit <strong>ein</strong>em bestimmten Wohnort zusammenhängen.<br />

Wir können vier solche Abschnitte unterscheiden:<br />

11


Einleitung<br />

1) s<strong>ein</strong>e in Dresden und Leipzig verbrachte Jugendzeit;<br />

2) zwischen 1833 und 1839 die unruhigen „Wanderjahre“, in denen er als Theaterkapellmeister<br />

in Würzburg, Magdeburg, Königsburg und Riga tätig war;<br />

3) die Jahre von 1839 bis 1842, die er in Paris verbrachte, wo er beim vergeblichen<br />

Versuch, als Opernkomponist Fuß zu fassen, drei Jahre in dürftigsten<br />

Umständen lebte;<br />

4) und schließlich die Zeit von 1842 bis 1849, die er in Dresden verbrachte, wo<br />

er als königlicher Hofkapellmeister z<strong>um</strong> ersten Mal <strong>ein</strong>e gesicherte bürgerliche<br />

Existenz genoss und <strong>ein</strong>er geregelten Tätigkeit an <strong>ein</strong>em bedeutenden<br />

Kunstinstitut nachgehen konnte – bis ihn s<strong>ein</strong>e Teilnahme an der Revolution<br />

zur Flucht in die Schweiz zwang.<br />

Holländer, Tannhäuser und Lohengrin sind zwischen 1841 und 1846 entstanden; 2 sie<br />

fallen also in die Pariser und Dresdner Zeit, und diese bildet den biographischen Hintergrund,<br />

vor dem sie zu betrachten sind.<br />

Nun waren die Pariser Jahre der erste große Tiefpunkt in <strong>Wagners</strong> Leben. Er kam<br />

mit 26 Jahren als völlig unbekannter und vor allem völlig mittelloser Musiker in die<br />

französische Hauptstadt und lebte dort – da ihm der erhoffte Erfolg ausblieb – in<br />

<strong>ein</strong>er solchen Armut, dass er oft nicht wusste, wie er das tägliche Brot für sich und<br />

s<strong>ein</strong>e Frau herbeischaffen sollte. So konnte er das ganze soziale Elend der unterprivilegierten<br />

Klassen der Industriegesellschaft buchstäblich am eigenen Leib erleben, was<br />

sicherlich <strong>ein</strong>en bleibenden Eindruck auf ihn machte. Hinzu kamen deprimierende<br />

Erlebnisse in der Pariser Kunstwelt. Nicht nur, dass er demütigende persönliche Erfahrungen<br />

in s<strong>ein</strong>em Umgang mit den Herrschenden dieser Welt machte und sich zu<br />

entwürdigenden musikalischen Arbeiten herablassen musste, <strong>um</strong> das Geld zu verdienen,<br />

das er z<strong>um</strong> nackten Überleben brauchte; sondern er lernte auch die Hohlheit des<br />

damals ganz auf äußere Wirkung berechneten Theaterbetriebs kennen, was in ihm <strong>ein</strong><br />

Gefühl völliger Fremdheit dem modernen Kunsttreiben gegenüber erweckte.<br />

Ganz anders s<strong>ein</strong>e Erlebnisse in Dresden. Dort wurde er als Komponist des Rienzi begeistert<br />

gefeiert und erhielt bald danach durch s<strong>ein</strong>e Anstellung als Königlicher Hofkapellmeister<br />

z<strong>um</strong> ersten Mal die Möglichkeit, sich <strong>ein</strong>en gewissen Wohlstand zu verschaffen<br />

und sich mit äußerem Glanz zu <strong>um</strong>geben. Doch dieses Glück hielt nicht lange; denn<br />

bald wurde ihm die Oberflächlichkeit auch dieses Kunsttreibens offenbar. Und mehr<br />

noch: Da er nun durch s<strong>ein</strong>e offizielle Stellung in direkten Kontakt mit den politischen<br />

Mächten s<strong>ein</strong>er Zeit kam, trat ihm auch die Haltlosigkeit der politischen Zustände klar<br />

vor Augen. Das alles zusammen führte ihn geradeswegs in die Revolution.<br />

Das sind also die äußeren Lebens<strong>um</strong>stände, in denen Wagner s<strong>ein</strong>e drei romantischen<br />

Opern konzipierte und ausführte; und wir werden sehen, wie sehr diese damit<br />

zusammenhängen.<br />

12


<strong>Wagners</strong> geistige Entwicklung: Der Dreischritt als Muster<br />

<strong>Wagners</strong> geistige Entwicklung:<br />

Der Dreischritt als Muster<br />

Nun besitzt jeder Künstler nicht nur <strong>ein</strong>e äußere, sondern auch <strong>ein</strong>e innere Biographie.<br />

Und so reich an äußeren Geschehnissen <strong>Wagners</strong> Leben auch war, so sind die inneren<br />

Erlebnisse, welche die wichtigsten Etappen s<strong>ein</strong>er geistigen Entwicklung markieren,<br />

von größerem Interesse. Auch diese Entwicklung ist nicht leicht zu erfassen;<br />

denn sie ist, wie das äußere Leben, durch Widersprüche und Extreme gekennzeichnet.<br />

Doch was auf den ersten Blick als Inkonsequenz ersch<strong>ein</strong>en könnte, offenbart<br />

sich bei näherer Betrachtung als <strong>ein</strong> unbewusstes Streben nach Ganzheit. Denn die<br />

Wirklichkeit ist auch nicht <strong>ein</strong>dimensional; auch sie bewegt sich ständig zwischen<br />

Gegensätzen, die nicht nur widersprüchlich sind, sondern oft genug auch paradox<br />

ersch<strong>ein</strong>en können. Und nachdem Wagner k<strong>ein</strong> logisch vorgehender Philosoph war,<br />

sondern <strong>ein</strong> Künstler, der die Wirklichkeit intuitiv erfasste, ist es nur natürlich, dass<br />

s<strong>ein</strong>e Weltanschauung durch <strong>ein</strong>e Mannigfaltigkeit gekennzeichnet ist, die sich nicht<br />

in <strong>ein</strong> logisches Schema pressen lässt. Tatsächlich sch<strong>ein</strong>t sich s<strong>ein</strong> Denken nach dem<br />

Muster des Dreischritts dialektisch zu bewegen, d. h. nach dem Schema von These –<br />

Antithese – Synthese. Dies kann man leicht erkennen, wenn man <strong>Wagners</strong> Weltanschauung,<br />

wie sie sich von s<strong>ein</strong>en Jugendjahren bis zu s<strong>ein</strong>em Tod entwickelte, als<br />

<strong>ein</strong> Ganzes betrachtet. Die These bildet in diesem Ganzen <strong>ein</strong>e diesseitsorientierte,<br />

weltbejahende Grund<strong>ein</strong>stellung, die bis zu s<strong>ein</strong>er Begegnung mit der pessimistischen<br />

Philosophie Arthur Schopenhauers im Jahre 1854 vorherrschend war. Durch diese<br />

Begegnung, die in ihm <strong>ein</strong>e wahre geistige Revolution auslöste, entstand dann die<br />

Antithese, die in <strong>ein</strong>er Vern<strong>ein</strong>ung der irdischen Wirklichkeit und <strong>ein</strong>er Hinwendung<br />

zur transzendenten Ur-Einheit jenseits von Zeit und Ra<strong>um</strong> bestand. Schließlich gelang<br />

es Wagner, diese sch<strong>ein</strong>bar unver<strong>ein</strong>baren Gegensätze zu <strong>ein</strong>er Synthese zu ver<strong>ein</strong>en,<br />

indem er <strong>ein</strong>e Ethik verkündete, die durch selbstloses Handeln jene Ur-Einheit<br />

innerhalb der Welt der Vielheit verwirklichen sollte. 3<br />

Dieser große Dreischritt, der <strong>Wagners</strong> ganzes Leben <strong>um</strong>fasst, ist jedoch nicht der<br />

<strong>ein</strong>zige, der von s<strong>ein</strong>em Denken vollzogen wurde. Denn auch die geistige Entwicklung,<br />

die er bis zu jener Lebensperiode durchmachte, in der s<strong>ein</strong>e drei romantischen<br />

Opern entstanden, spielte sich als dialektischer Prozess ab. Hier war die These die<br />

geistige Prägung, die er in s<strong>ein</strong>er Jugend erfuhr, <strong>ein</strong>e Prägung, die durch Ernst und<br />

das, was man „deutsche Innerlichkeit“ nennen könnte, gekennzeichnet war. Darauf<br />

folgte die Antithese s<strong>ein</strong>er „Flegeljahre“, in denen er sich von dem, was ihn bis dahin<br />

begeistert hatte, radikal abkehrte, und sich den Genüssen der Außenwelt zuwandte.<br />

Zuletzt ver<strong>ein</strong>igten sich diese beiden Extreme zu <strong>ein</strong>er Synthese, in der sich die beiden<br />

Grundtendenzen s<strong>ein</strong>es Wesens – das Weltzugewandte und das Verinnerlichte<br />

– versöhnten, <strong>um</strong> <strong>ein</strong>e höhere Ganzheitlichkeit zu bilden. Diese Synthese vollzog<br />

13


Einleitung<br />

sich in Paris; und sie war die geistige Voraussetzung für die Entstehung s<strong>ein</strong>er frühen<br />

Meisterwerke Holländer, Tannhäuser und Lohengrin.<br />

Jugendjahre und „Flegeljahre“<br />

Schauen wir uns die Etappen dieser Entwicklung näher an. Über das, wofür sich Wagner<br />

in s<strong>ein</strong>er Jugend begeisterte, sind wir durch s<strong>ein</strong>e eigenen autobiographischen Schriften<br />

gut informiert. In der Schule las er mit großem Anteil neben den deutschen Klassikern<br />

auch die antiken Schriftsteller, z<strong>um</strong> Teil sogar im griechischen Original; zugleich<br />

lernte er früh auch Shakespeare und Beethoven kennen und lieben. Das alles<br />

sollte zu den unverrückbaren Pfeilern s<strong>ein</strong>es inneren Tempels werden und bildete <strong>ein</strong><br />

geistiges Koordinatensystem, das ihm auch später als unverrückbare Grundlage diente.<br />

In der Musik kam als Vorbild noch Carl Maria von Weber hinzu, der ihn vor allem<br />

mit s<strong>ein</strong>em Freischütz mit Bewunderung erfüllte; während s<strong>ein</strong>es kurzen Studi<strong>um</strong>s<br />

beim Thomaskantor W<strong>ein</strong>lig lernte er auch Bach und Mozart schätzen. In der Literatur<br />

war es vor allem E.T.A. Hoffmann, der mit s<strong>ein</strong>en fantastischen Erzählungen z<strong>um</strong><br />

Lieblingsschriftsteller s<strong>ein</strong>er Jugend wurde. <strong>Wagners</strong> erste Jugend<strong>ein</strong>drücke standen<br />

also ganz im Zeichen der deutschen Klassik und Romantik – wozu man damals auch<br />

Shakespeare rechnete – sowie jenes h<strong>um</strong>anistischen Idealismus, welcher die antiken<br />

Schriftsteller auszeichnet und den großen deutschen Dichtern der klassischen Epoche<br />

z<strong>um</strong> Vorbild diente. Diese erste Lebensphase fand ihren künstlerischen Ausdruck in<br />

<strong>Wagners</strong> erstem vollendetem Werk, Die Feen, das ganz in der Tradition der von Weber<br />

und Marschner gepflegten deutsch-romantischen Oper steht.<br />

Doch wie gesagt, setzten bald die „Flegeljahre“ <strong>ein</strong>. Ausgelöst wurde diese Abkehr<br />

von s<strong>ein</strong>en früheren Idealen nach <strong>Wagners</strong> eigener Aussage durch <strong>ein</strong> ganz bestimmtes<br />

künstlerisches Erlebnis: Mit 21 Jahren hörte er Wilhelmine Schröder-Devrient als<br />

Romeo in Bellinis I Capuleti e i Montecchi. Von der Musik Bellinis war er so begeistert,<br />

dass er <strong>ein</strong>e plötzliche Kehrtwendung vollzog und z<strong>um</strong> glühenden Apostel der italienischen<br />

Oper wurde. 4 Diese plötzliche Veränderung hat er später rückblickend als<br />

<strong>ein</strong>e „Verwilderung m<strong>ein</strong>es Geschmacks“ bezeichnet; 5 und der Kontrast zu s<strong>ein</strong>em<br />

früheren, vor allem an Beethoven und Weber orientierten künstlerischen Ideal könnte<br />

nicht größer s<strong>ein</strong>. Auch diese Einstellung sollte bald in <strong>ein</strong>em Kunstwerk ihren entsprechenden<br />

Ausdruck gewinnen: s<strong>ein</strong>er zweiten vollendeten Oper Das Liebesverbot.<br />

In ihr distanzierte er sich deutlich von allem Deutsch-Mystisch-Innigen. Wie er in<br />

s<strong>ein</strong>er „Autobiographischen Skizze“ schreibt:<br />

Damals war ich <strong>ein</strong>undzwanzig Jahre alt, zu Lebensgenuß und freudiger Weltanschauung<br />

aufgelegt Aus dem abstrakten Mystizismus war ich herausgekommen, und ich lernte<br />

die Materie lieben. 6<br />

14


Das „Junge Deutschland“<br />

Was das Künstlerische anbelangt, so wandte er sich ostentativ der Leichtigkeit der<br />

französischen und der Sinnlichkeit der italienischen Musik zu. Doch Das Liebesverbot<br />

war zugleich <strong>ein</strong> geistiges Bekenntnis; denn mit ihm huldigte er demonstrativ den<br />

Tendenzen des „Jungen Deutschland“, die damals in Deutschland die fortschrittlich<br />

gesinnten Menschen begeisterten, und die in H<strong>ein</strong>rich Laubes Roman Das junge Europa<br />

ihren künstlerischen Ausdruck fanden:<br />

Ich hatte mich hierzu des Sujets von Shakespeares Maß für Maß bemächtigt, welches<br />

ich, m<strong>ein</strong>er jetzigen Stimmung angemessen, in sehr freier Weise zu <strong>ein</strong>em Opernbuch,<br />

dem ich den Titel Das Liebesverbot gab, <strong>um</strong>gestaltete. Das Junge Europa und<br />

Ardinghello, geschärft durch m<strong>ein</strong>e sonderbare Stimmung, in welche ich gegen die klassische<br />

Opernmusik geraten war, gaben mir den Grundton für m<strong>ein</strong>e Auffassung, welche<br />

besonders gegen die puritanische Heuchelei gerichtet war und somit zur kühnen Verherrlichung<br />

der ‚freien Sinnlichkeit‘ führte. 7<br />

Um was ging es aber bei diesem „Jungen Deutschland“, dessen Ideen auf den 21-jährigen<br />

Wagner <strong>ein</strong>en so großen Einfluss ausübten?<br />

Das „Junge Deutschland“<br />

Die jungdeutsche Bewegung war als Reaktion auf die geistigen und politischen Zustände<br />

entstanden, die zu jener Zeit in Deutschland herrschten. Ihr Grundzug war<br />

<strong>ein</strong>e radikale Hinwendung zur Weltwirklichkeit, die zu <strong>ein</strong>er entschiedenen Ablehnung<br />

des antikisierenden Idealismus Goethes, sowie der weltabgewandten Innerlichkeit<br />

der Romantik führte. In der Politik richtete sich ihre Kritik gegen das repressive<br />

System Metternichs, aber auch gegen den „deutschen Michel“, der sich in s<strong>ein</strong>er<br />

Schläfrigkeit der Unterdrückung fügte und es vorzog, sich beschaulich in s<strong>ein</strong> Inneres<br />

zurückzuziehen, anstatt gegen sie zu kämpfen. Ausgelöst wurde die Bewegung durch<br />

die Pariser Juli-Revolution vom Jahre 1830, bei der das restaurative Regime in Frankreich<br />

gestürzt und das „Bürgerkönigt<strong>um</strong>“ Louis-Philippes errichtet wurde. Paris<br />

wurde deshalb für die Jungdeutschen z<strong>um</strong> Symbol alles Erstrebenswerten, und es ist<br />

bezeichnend, dass zwei ihrer Hauptvertreter, H<strong>ein</strong>rich H<strong>ein</strong>e und Ludwig Börne,<br />

gänzlich in die französische Hauptstadt übersiedelten. Mit ihren Schriften wollten die<br />

Jungdeutschen <strong>ein</strong>e ähnliche Entwicklung in Deutschland herbeiführen. Ihre Schlagworte<br />

waren „das Leben“, womit sie das unmittelbare gegenwärtige Leben m<strong>ein</strong>ten;<br />

“die Sinnlichkeit“ als Ausdruck dieses unmittelbaren Lebens; die „Wieder<strong>ein</strong>setzung<br />

des Fleisches“, worunter sie die freie Liebe verstanden; und jede Art von Freiheit, sei es<br />

politisch oder geistig. 8 Ihre Polemiken richteten sich gegen die herrschenden Fürsten,<br />

die autoritär regierten, und die Kapitalisten, welche die Menschen zu Arbeitssklaven<br />

15


Einleitung<br />

machten – aber auch gegen die herrschende Moral, die sie als repressiv und heuchlerisch<br />

empfanden, sowie gegen das kirchliche Christent<strong>um</strong>, dem sie vorwarfen, dass<br />

es dem Menschen <strong>ein</strong> Glück im Jenseits verspreche, anstatt ihn zur Verbesserung der<br />

irdischen Zustände aufzufordern.<br />

Wagner war schon vor s<strong>ein</strong>em Bellini-Erlebnis in Verbindung mit diesen Kreisen<br />

gekommen. Bereits als 18-jähriger Student in Leipzig wurde er von <strong>ein</strong>em Kommilitonen<br />

mit den Schriften H<strong>ein</strong>es bekannt gemacht; 9 zwei Jahre später begegnete er<br />

dort H<strong>ein</strong>rich Laube, <strong>ein</strong>em der Hauptvertreter der neuen Richtung, und schloss mit<br />

ihm <strong>ein</strong>e enge Freundschaft. Doch schon als 17-Jähriger hatte sich Wagner, wie die<br />

Jungdeutschen, für die Pariser Juli-Revolution begeistert, für die er „volle Partei“<br />

ergriff; 10 ja, er nahm sogar aktiv teil an dem Volksaufstand, der damals auch in Leipzig<br />

ausbrach. 11 Zwei Jahre später sollte sich s<strong>ein</strong>e Freiheits-Begeisterung am polnischen<br />

Freiheitskampf entzünden, der ihn, wie er später schreibt, „in Erstaunen und Ekstase“<br />

setzte, so dass ihm „die Welt wie durch <strong>ein</strong> Wunder neu erschaffen“ schien. 12<br />

Während Deutschland nach den aufregenden Ereignissen der Juli-Revolution und<br />

des polnischen Aufstandes wieder in den Metternich’schen Schlaf zurücksank, blieben<br />

<strong>Wagners</strong> Beziehungen zu den Vertretern des Jungen Deutschland weiterhin bestehen.<br />

Mit Laube war die Verbindung nie abgerissen. In Paris traf er den Freund, der inzwischen<br />

wegen s<strong>ein</strong>er freizügigen Schriften <strong>ein</strong> Jahr in preußischer Gefangenschaft verbracht<br />

hatte, wieder; und Laube war es auch, der Wagner dort mit H<strong>ein</strong>e persönlich<br />

bekannt machte, mit dem er nachher freundschaftlich verkehrte. 13 Über zehn Jahre<br />

lang blieb Wagner also unter dem Einfluss der jungdeutschen Bewegung, so dass man<br />

sie als die maßgebliche geistige Prägung dieser „Flegeljahre“ bezeichnen kann.<br />

Nun war das Junge Deutschland <strong>ein</strong> komplexes Phänomen, das auf verschiedene<br />

Art und Weise rezipiert werden konnte. So kann die Bejahung der Sinnlichkeit, wenn<br />

man sie <strong>ein</strong>seitig und oberflächlich auffasst, leicht in <strong>ein</strong>e Aufforderung zu Frivolität<br />

und primitivem Genuss entarten; die Verherrlichung des starken Menschen kann zu<br />

rücksichtslosem Egoismus führen; und das Recht auf Freiheit kann als Berechtigung<br />

zu schrankenloser Willkür missverstanden werden. Sogar die Weltbejahung kann negative<br />

Züge annehmen, wenn sie <strong>ein</strong>seitig verstanden wird, weil sie leicht zu <strong>ein</strong>em<br />

materialistischen Weltbild führen kann, das den Geist negiert und deshalb der Ganzheit<br />

der Wirklichkeit nicht gerecht wird. 14<br />

Dass Wagner selbst, als er Das Liebesverbot schuf, der Gefahr der Frivolität erlegen<br />

war, steht außer Zweifel. Doch davon sollte er sich bald abwenden. Dies geschah zunächst<br />

auf ästhetischem Gebiet: Schon in s<strong>ein</strong>er Rigaer Zeit hatte s<strong>ein</strong>e Begeisterung<br />

für die französische und italienische Opernmusik abgenommen. 15 Doch auch s<strong>ein</strong>e<br />

Auffassung der anderen jungdeutschen Ideen wurde allmählich von ihrer anfänglichen<br />

Leichtsinnigkeit befreit und nahm <strong>ein</strong>en ernsthafteren Charakter an. Zeugnis davon<br />

ist s<strong>ein</strong>e nächste Oper Rienzi, in der nichts mehr von der puerilen “Verherrlichung der<br />

16


Selbstfindung<br />

freien Sinnlichkeit“ zu finden ist, sondern nur jenes glühende Streben nach Freiheit,<br />

in welchem wir die edelste Tendenz des Jungen Deutschlands erkennen können.<br />

Damit war jedoch diese mittlere Periode s<strong>ein</strong>er Entwicklung noch nicht abgeschlossen.<br />

Erst nach der Vollendung des Rienzi, als Wagner sich bereits in Paris befand,<br />

wurde jene entschiedene Kehrtwendung vollzogen, bei der er die Ideale s<strong>ein</strong>er Jugend<br />

wiederentdeckte – und er sich selbst wiederfand.<br />

Selbstfindung<br />

Dass sich diese Wende in Paris vollzog, ist k<strong>ein</strong> Zufall; denn die Erfahrungen, die er<br />

dort machte, trugen wesentlich dazu bei, dass ihm die Schalheit und Oberflächlichkeit<br />

s<strong>ein</strong>er früheren Grund<strong>ein</strong>stellung bewusst wurden. Wie bereits erwähnt, war diese<br />

Stadt für die Vertreter des Jungen Deutschlands das Mekka aller Freiheitsliebenden.<br />

Mit <strong>ein</strong>em solchen Bild der französischen Hauptstadt war Wagner wohl auch dorthin<br />

gezogen. Doch ganz anders musste er sie dann erleben, als er, der unbekannte und<br />

völlig mittellose junge Künstler, versuchte, in der mondänen Stadt Fuß zu fassen, und<br />

nicht nur mit diesen Bemühungen scheiterte, sondern <strong>ein</strong> Leben in Not und Elend<br />

führen musste. Doch es war nicht nur die von ihm erlebte soziale Ungerechtigkeit, die<br />

s<strong>ein</strong> idealisierendes Bild zusammenbrechen ließ, sondern auch die Erkenntnis von der<br />

völligen Nichtigkeit der von den Jungdeutschen gepriesenen Pariser „Zivilisation“.<br />

Wie er <strong>ein</strong> Vierteljahrhundert später rückblickend an König Ludwig schreibt:<br />

Es ist das Herz der modernen Zivilisation, dahin ihr Blut strömt und von wo es wieder<br />

in die Glieder zurückfließt. Da ich <strong>ein</strong>st <strong>ein</strong> berühmter Opernkomponist werden wollte,<br />

trieb mich m<strong>ein</strong> guter Genius gleich nach diesem Herzen hin: hier war ich am Quell,<br />

und hier durfte ich schnell vollständig erkennen, was ich an den ‚Stationen‘ vielleicht erst<br />

nach Aufopferung m<strong>ein</strong>es halben Lebens erfahren hätte. Diese bestimmte Erkenntnis der<br />

wahren und richtigen Physiognomie der Dinge verdanke ich Paris … 16<br />

Von der Verherrlichung der modernen französischen Zivilisation war Wagner in Paris<br />

also sehr bald abgerückt – womit <strong>ein</strong> erster Schritt in der Richtung s<strong>ein</strong>er Selbstfindung<br />

getan war. Was diese aber voll z<strong>um</strong> Durchbruch brachte, war nach s<strong>ein</strong>er eigenen<br />

Aussage wieder <strong>ein</strong> bestimmtes künstlerisches Erlebnis. Wenige Monate nach s<strong>ein</strong>er<br />

Ankunft in Paris, im November 1839, wohnte er <strong>ein</strong>er Probe bei, in der der Dirigent<br />

des Conservatoire-Orchesters, Habeneck, die IX. Symphonie Beethovens zu Gehör<br />

brachte. Die Wirkung davon war <strong>ein</strong>e ästhetische Neugeburt: Das Erlebnis ließ, wie<br />

er selbst sagt, „mit <strong>ein</strong>em Schlage das in m<strong>ein</strong>er Jugendschwärmerei von mir geahnte<br />

Bild von diesem wunderbaren Werke“ auf <strong>ein</strong>mal „sonnenhell wie mit den Händen<br />

greifbar“ wiedererstehen. 17 Was er erlebte, war aber mehr als nur das Wiedererwachen<br />

17


Einleitung<br />

der Begeisterung für dieses <strong>ein</strong>e Werk; vielmehr war Wagner mit <strong>ein</strong>em Schlag auch<br />

von der Geschmacksverirrung, die ihn jahrelang s<strong>ein</strong>em eigenen Wesen entfremdet<br />

hatte, geheilt. Wie er in M<strong>ein</strong> Leben berichtet:<br />

Die ganze Periode der Verwilderung m<strong>ein</strong>es Geschmacks, welche genau genommen mit<br />

dem Irrewerden an dem Ausdrucke der Beethovenschen Kompositionen aus dessen letzter<br />

Zeit begonnen und durch m<strong>ein</strong>en verflachenden Verkehr mit dem schrecklichen Theater<br />

sich so bedenklich gesteigert hatte, versank jetzt vor mir wie in <strong>ein</strong>em tiefen Abgrund der<br />

Scham und Reue.“ 18<br />

Die Veränderung war grundlegend und ließ Wagner z<strong>um</strong> ersten Mal bewusst empfinden,<br />

wer er eigentlich war. Und diese Selbstfindung betraf nicht nur s<strong>ein</strong>en ästhetischen<br />

Geschmack, sondern s<strong>ein</strong>e ganze geistige Einstellung; denn er wandte sich nicht<br />

nur Beethoven wieder zu, sondern dem „deutschen Geiste“ überhaupt, den er nun<br />

„mit immer innigerer Wärme sehnsüchtig zu erfassen suchte“. 19 Frucht dieser inneren<br />

Verwandlung waren <strong>ein</strong>e Ouvertüre zu Goethes Faust, <strong>ein</strong> Aufsatz über Webers Freischütz<br />

– und das erste s<strong>ein</strong>er drei frühen Meisterwerke, Der fliegende Holländer.<br />

Mit dieser Hinwendung – oder besser gesagt: Rückkehr – zu den Idealen s<strong>ein</strong>er Jugend,<br />

wurde aber s<strong>ein</strong>e innere Beziehung zu den jungdeutschen Gedanken k<strong>ein</strong>eswegs<br />

abgebrochen. Vielmehr wirkten die ernsthaften Grundtendenzen jener Bewegung<br />

fort und übten auch nach s<strong>ein</strong>er Selbstfindung <strong>ein</strong>en großen Einfluss auf s<strong>ein</strong>e geistige<br />

Einstellung aus. Das beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass die Hauptideen des<br />

Jungen Deutschlands alle in s<strong>ein</strong>en Revolutionsschriften wiederkehren: die Verherrlichung<br />

des Lebens, die Forderung nach politischer Freiheit, die Überzeugung, dass<br />

der Mensch <strong>ein</strong> natürliches Recht auf freie Entfaltung s<strong>ein</strong>er Persönlichkeit und auf<br />

Lebensgenuss habe 20 – aber auch die Ablehnung des historischen Christent<strong>um</strong>s mit<br />

s<strong>ein</strong>er weltvern<strong>ein</strong>enden Grund<strong>ein</strong>stellung und s<strong>ein</strong>er heuchlerischen Moral, 21 sowie<br />

die Kritik an der kapitalistischen Ausbeutung, die den Menschen z<strong>um</strong> Arbeitssklaven<br />

degradiert. 22 Die Ideen des Jungen Deutschlands müssen also auch nach <strong>Wagners</strong><br />

Selbstfindung z<strong>um</strong>indest unterschwellig in s<strong>ein</strong>em Denken weitergelebt haben. Doch<br />

sie waren nicht mehr all<strong>ein</strong> bestimmend, sondern verbanden sich nach dem Muster des<br />

Dreischritts mit der wiederentdeckten deutschen Innerlichkeit zu <strong>ein</strong>er Synthese, bei<br />

der das Ideale, das den deutschen Geist kennzeichnet, von der <strong>ein</strong>seitigen Weltfremdheit<br />

der Romantik befreit wurde, und die Weltzugewandtheit der Jungdeutschen <strong>ein</strong>e<br />

veredelnde Vertiefung erfuhr.<br />

18


Weltzugewandte Innerlichkeit<br />

Weltzugewandte Innerlichkeit<br />

Ein deutliches Zeugnis dieser neugewonnenen Synthese finden wir in dem Entwurf<br />

zu <strong>ein</strong>em Drama über Manfred, den unglücklichen Sohn Kaiser Friedrichs II. Was<br />

Wagner zu diesem Stoff hinzog, war allerdings weniger das Interesse an diesem Sohn<br />

als die große Sympathie, die er für den Kaiser selbst empfand. In M<strong>ein</strong> Leben erzählt<br />

er ausführlich, war<strong>um</strong> ihn damals die Gestalt des staufischen Herrschers fesselte. Die<br />

Erklärung, die er dort gibt, verdient, hier zur Gänze wiedergegeben zu werden, da sie<br />

sehr deutlich die Grundtendenzen s<strong>ein</strong>es damaligen Denkens erkennen lässt.<br />

Schon damals erfreute es mich, im deutschen Geiste die Anlage zu erblicken, welche über<br />

die engeren Schranken der Nationalität zu <strong>ein</strong>em Erfassen des r<strong>ein</strong> Menschlichen in jedem<br />

fremden Gewande hinleitet und ihn mir so dem griechischen Geiste verwandt ersch<strong>ein</strong>en<br />

ließ. In Friedrich II. zeigte sich mir die Blüte dieser Anlage; der blonde Deutsche aus<br />

altschwäbischem Stamm, als Erbe des normannischen Reiches von Sizilien und Neapel,<br />

der italienischen Sprache ihre erste Ausbildung gebend, den Grund zur Entwickelung<br />

der Wissenschaften und Künste dort legend, wo bisher nur kirchlicher Fanatismus und<br />

feudale Roheit mit<strong>ein</strong>ander im Kampfe waren, an s<strong>ein</strong>em Hofe die Dichter und Weisen<br />

der orientalischen Reiche, die Anmut arabischer und persischer Elemente des Lebens wie<br />

des Geistes <strong>um</strong> sich ver<strong>ein</strong>igend – er, der z<strong>um</strong> Ärger des römischen Klerus s<strong>ein</strong>en Kreuzzug,<br />

auf welchem er von diesem an den ungläubigen F<strong>ein</strong>d verraten wurde, durch <strong>ein</strong>en<br />

Friedens- und Freundschaftsabschluß mit dem Sultan beendigte, welcher in Palästina den<br />

Christen alle Vorteile gewährte, wie sie ka<strong>um</strong> der blutigste Sieg hätte gewinnen können –<br />

dieser wundervolle Kaiser erschien mir nun, im Bann derselben Kirche und endlich im<br />

trostlos vergeblichen Kampfe gegen die wütende Beschränktheit s<strong>ein</strong>es Jahrhunderts, als<br />

der höchste Ausdruck des deutschen Ideals.“ 23<br />

Mögen diese Worte auch <strong>ein</strong>ige Jahrzehnte nach jener Periode niedergeschrieben und<br />

durch <strong>Wagners</strong> späteres Denken be<strong>ein</strong>flusst worden s<strong>ein</strong>, so beweist die bloße Tatsache,<br />

dass er vorhatte, <strong>ein</strong> Drama über diesen Stoff zu schaffen, dass solche Gedanken ihn schon<br />

damals erfüllten. Jedenfalls finden wir in s<strong>ein</strong>er Beschreibung viele wichtige Elemente<br />

des jungdeutschen Denkens: die weltbürgerliche Offenheit, den Kampf gegen den Feudalismus<br />

und den Klerus, die Forderung nach Geistesfreiheit; doch das alles verbindet<br />

sich nunmehr mit der Begeisterung für den deutschen Geist. Und wir sehen auch, wie<br />

diese Verbindung befruchtend auf beide Elemente wirkt; denn in ihr wird das Freiheitsbestreben<br />

bis zu s<strong>ein</strong>em höchsten Grad gesteigert – und zugleich wird dem deutschen<br />

Idealismus die Richtung nach außen, zur weltveredelnden Tätigkeit, gewiesen.<br />

Erst nachdem er aus künstlerischen Gründen darauf verzichtet hatte, diesen Entwurf<br />

auszuführen, wurde er durch s<strong>ein</strong>en jüdischen Freund Samuel Lehrs auf die<br />

19


Einleitung<br />

Volksbücher Der Venusberg und Der Sängerkrieg auf der Wartburg aufmerksam gemacht,<br />

sowie auf <strong>ein</strong>en Aufsatz, in dem die Geschichte Lohengrins erzählt wurde. Und auch<br />

diese entsprachen voll und ganz s<strong>ein</strong>er neugewonnenen geistigen Einstellung:<br />

Hatte ich im unwillkürlichen Drange dem, was ich als ‚deutsch‘ mit immer innigerer<br />

Wärme sehnsüchtig zu erfassen suchte, mich immer mehr zugewandt, so ging mir dies<br />

hier plötzlich in der <strong>ein</strong>fachen, auf das bekannte alte Lied von ‚Tannhäuser‘ begründeten<br />

Darstellung dieser Sage auf. In demselben Heft fand ich nun aber auch, und zwar als Fortsetzung<br />

des Wartburggedichtes, <strong>ein</strong> kritisches Referat über das Gedicht vom ‚Lohengrin‘,<br />

und zwar mit ausführlicher Mitteilung des Hauptinhaltes dieses breitschweifigen Epos.<br />

Eine ganze neue Welt war mir hiermit aufgegangen.“ 24<br />

Doch diese Welt war für ihn aber nicht bloß <strong>ein</strong>e schöne Vergangenheit. Wagner verfiel<br />

nicht der von den Jungdeutschen so scharf kritisierten Weltflucht, sondern die<br />

idealen Bilder, die ihm aus der deutschen Vergangenheit entgegenleuchteten, wurden<br />

z<strong>um</strong> Antrieb, die Misere der Gegenwart zu überwinden und <strong>ein</strong>e bessere Zukunft zu<br />

schaffen. Und s<strong>ein</strong>en Beitrag dazu wollte er mit s<strong>ein</strong>er Kunst leisten. Wie er später<br />

rückblickend in der „Mitteilung an m<strong>ein</strong>e Freunde“ schrieb:<br />

Alle unsere Wünsche und heißen Triebe, die in Wahrheit uns in die Zukunft hinübertragen,<br />

suchen wir aus den Bildern der Vergangenheit zu sinnlicher Erkennbarkeit zu<br />

gestalten, <strong>um</strong> so für sie die Form zu gewinnen, die ihnen die moderne Gegenwart nicht<br />

verschaffen kann.“ 25<br />

Aus dieser Einstellung heraus, in der die weltzugewandten Tendenzen des Jungen<br />

Deutschlands mit der idealistischen Begeisterung für die deutsche Vergangenheit <strong>ein</strong>e<br />

fruchtbare Synthese <strong>ein</strong>gingen, entstanden dann Tannhäuser und Lohengrin.<br />

Die Werke als Ideendramen<br />

Die neue Einstellung<br />

Wenn wir nun versuchen, <strong>Wagners</strong> geistige Einstellung in der Zeit, als er s<strong>ein</strong>e drei<br />

romantischen Opern schuf, kurz zusammenzufassen, so ergibt sich folgendes Bild:<br />

Unter dem Einfluss des Jungen Deutschlands stehend, ist er ganz der Welt, d. h. der<br />

irdischen Wirklichkeit und dem Leben des Menschen hier auf der Erde, zugewandt, so<br />

dass metaphysische Fragen wie die nach der Transzendenz, nach Gott oder nach dem<br />

Ursprung des S<strong>ein</strong>s, so gut wie k<strong>ein</strong>e Rolle spielen. 26 Diese Wirklichkeit wird jedoch<br />

nicht im <strong>ein</strong>seitig materialistischen Sinne als mechanischer, chemisch-physikalischer<br />

Prozess aufgefasst, sondern als das, was die Jungdeutschen „das Leben“ nannten; und<br />

20


Die Aus<strong>ein</strong>andersetzung mit dem Leben<br />

dieses <strong>um</strong>fasst für ihn nicht nur die „Sinnlichkeit“, also das mit den äußeren Sinnen zu<br />

Erlebende, sondern auch das Geistige, Verinnerlichte. Erst durch die Verschmelzung<br />

von beiden entsteht das Leben als lebendige Fülle. Und diese Fülle zu verwirklichen,<br />

ersch<strong>ein</strong>t ihm als die eigentliche Aufgabe des Menschen.<br />

Vor dem Hintergrund dieses Ideals muss Wagner aber die Zivilisation s<strong>ein</strong>er Zeit,<br />

die er in Paris in ihrer vollsten Ausprägung erlebt, als etwas höchst Unvollkommenes,<br />

ja Misslungenes ersch<strong>ein</strong>en, da sie nicht nur seicht und innerlich hohl sei, sondern<br />

auch die Selbstentfaltung des Menschen <strong>ein</strong>schränke und ihn an der Erfüllung s<strong>ein</strong>er<br />

eigentlichen Bestimmung hindere. Aus dieser Erkenntnis heraus entsteht der Wunsch<br />

nach Überwindung der gegenwärtigen Zustände und nach <strong>ein</strong>em Leben, in dem die<br />

höchsten Möglichkeiten des Menschen verwirklicht werden können. Dieses neue Leben<br />

wird jedoch nicht, wie später in der Revolutionszeit, in s<strong>ein</strong>en äußeren Ersch<strong>ein</strong>ungsformen<br />

erfasst, sondern s<strong>ein</strong>em inneren Gehalt nach; und dieser offenbart sich<br />

im neuen Menschen, der die Fülle des Lebens in sich trägt und danach strebt, diese in<br />

der Welt zu verwirklichen. In knappster Zusammenfassung kann man also sagen, dass<br />

<strong>Wagners</strong> Streben auf die Entstehung <strong>ein</strong>er erhöhten, gesteigerten irdischen Wirklichkeit<br />

gerichtet ist, die <strong>ein</strong> ebenso erhöhtes und gesteigertes Leben möglich macht – und<br />

sich in <strong>ein</strong>em neuen Menschentypus verkörpert, der die ganze Fülle dieses Lebens<br />

zu verwirklichen versucht. Und die Darstellung dieses neuen Menschen bildet den<br />

Hauptinhalt s<strong>ein</strong>er damals entstandenen Werke.<br />

Die Aus<strong>ein</strong>andersetzung mit dem Leben<br />

Wenden wir uns nun diesen Werken selbst zu. Wie kommen die soeben skizzierten<br />

Gedanken in ihnen z<strong>um</strong> Ausdruck? Fangen wir mit der Grundbeschaffenheit<br />

des Lebens an. Dass dieses als etwas Ganzheitliches und Umfassendes anzusehen<br />

ist, erkennt man daran, dass es k<strong>ein</strong>eswegs nur als bloß sinnliches Phänomen aufgefasst<br />

wird, sondern als etwas, das sich im Spannungsfeld zwischen den beiden Polen<br />

des Sinnlichen und des Geistigen entfaltet. Im Tannhäuser wird das Sinnliche durch<br />

die Göttin Venus verkörpert und kommt im Venusberg symbolisch z<strong>um</strong> Ausdruck,<br />

während das Geistige durch die Jungfrau Maria symbolisiert wird. Doch das Geistige<br />

spielt auch im Lohengrin <strong>ein</strong>e wesentliche Rolle und findet s<strong>ein</strong>en symbolischen<br />

Ausdruck dort in der Gralssphäre, die somit in <strong>ein</strong>em polaren Verhältnis z<strong>um</strong> Venusberg<br />

steht. Maria und Venus, Gralssphäre und Venusberg: Erst wenn sich beide<br />

Pole zu <strong>ein</strong>er Synthese ver<strong>ein</strong>igen, entsteht die volle Wirklichkeit und die Fülle des<br />

Lebens. Das ist <strong>ein</strong> ganzheitliches Weltbild, welches das Lebendige in den Mittelpunkt<br />

stellt und in klarem Gegensatz zur positivistisch-materialistischen Grund<strong>ein</strong>stellung<br />

steht, die sich zu <strong>Wagners</strong> Zeit auszubreiten begann und heute immer noch bei vielen<br />

Menschen vorherrscht.<br />

21


Einleitung<br />

Dass das Leben als etwas Ganzheitliches aufgefasst wird, an dem beide, der Venusberg<br />

und der Gral, teilhaben, sieht man daran, dass sowohl Tannhäuser als auch<br />

Lohengrin an der Einseitigkeit der Sphäre, in der sie sich jeweils befinden, leiden: Tannhäuser<br />

sehnt sich aus dem Bereich des r<strong>ein</strong> sinnlichen Genusses hinauf in den Bereich<br />

der Mitte, wo sich Schmerz und Freude in ewigem Wechsel ablösen; und Lohengrin<br />

sehnt sich hinab in das irdische Leben, wo all<strong>ein</strong> das Höchste zu finden ist, nämlich die<br />

Liebe. Nur dort also, in der Mitte, ist die Fülle zu finden.<br />

Nun gibt es innerhalb des Lebens drei Phänomene, mit denen sich der Mensch, der<br />

nach Fülle strebt, zwangsläufig aus<strong>ein</strong>andersetzen muss: die Natur, die Gesellschaft<br />

und s<strong>ein</strong>e eigene seelische Beschaffenheit. Die Natur spielt vor allem im Holländer <strong>ein</strong>e<br />

ganz entscheidende Rolle. Dort ist sie <strong>ein</strong>e Macht, mit der sich der Mensch zwangsläufig<br />

aus<strong>ein</strong>andersetzen muss; denn dieser ist nicht nur mit s<strong>ein</strong>em Einzelleben in sie<br />

<strong>ein</strong>gebettet, sondern s<strong>ein</strong> ganzes Das<strong>ein</strong> hängt von ihr ab. Sich ihr entgegenzustellen,<br />

bedeutet für ihn den Untergang; gelingt es ihm aber, s<strong>ein</strong> Leben mit ihr in Einklang<br />

zu bringen, so kann er die Fülle erreichen. Hier werden Kernprobleme der modernen<br />

Welt berührt, denn der Holländer ist der Prototyp des neuzeitlichen Menschen, der<br />

m<strong>ein</strong>t, ohne Rücksicht auf die Natur s<strong>ein</strong>en Willen durchsetzen zu können.<br />

Was die Gesellschaft betrifft, so wird Politik, im engeren Sinne als das Bekenntnis<br />

zu <strong>ein</strong>em bestimmten System aufgefasst, in den Werken ka<strong>um</strong> thematisiert; denn<br />

<strong>Wagners</strong> Interesse gilt dort vornehmlich dem Menschen. 27 Daher kommt es, dass die<br />

Frage nach der anzustrebenden Gesellschaftsordnung nur im Lohengrin <strong>ein</strong>e gewisse<br />

Rolle spielt, bei dessen Konzeption die Revolution bereits ihren Schatten vorausgeworfen<br />

hat. Dort wird im altdeutschen Königt<strong>um</strong>, das, im Gegensatz z<strong>um</strong> Absolutismus<br />

der deutschen Fürsten der Metternich-Zeit, als demokratisches Königt<strong>um</strong> dargestellt<br />

wird, <strong>ein</strong> Bild entworfen, das in s<strong>ein</strong>er freiheitlichen Grundtendenz wohl als<br />

Modell für die künftige Regierungsform in <strong>ein</strong>em ver<strong>ein</strong>igten Deutschland dienen<br />

sollte. Doch abgesehen von diesem symbolischen Hinweis in Lohengrin gibt es in den<br />

drei romantischen Opern nichts, was man als Darstellung <strong>ein</strong>er idealen äußeren Form<br />

der Gesellschaft auffassen könnte.<br />

Umso mehr wird aber in den beiden anderen Werken das Wesen der Gesellschaft<br />

thematisiert. Vor allem in Tannhäuser wird ganz offen <strong>ein</strong>e Gesellschaftskritik vorgebracht,<br />

deren Herkunft aus den jungdeutschen Gedanken offenkundig ist. Denn diese<br />

Hofgesellschaft, die mit ihren Jagdpartien und Festen nach außen hin <strong>ein</strong> so schönes<br />

Bild abgibt, erweist sich, sobald sie mit echter Menschlichkeit konfrontiert wird, als<br />

innerlich hohl und nichtig. Und wehe, wenn jemand es wagt, die starren Grenzen<br />

ihrer überkommenen Konventionen zu durchbrechen! Er wird bis aufs Blut bekämpft<br />

und aus der Gem<strong>ein</strong>schaft ausgestoßen. Zu ihren schlimmsten Eigenschaften gehört<br />

aber die moralische und religiöse Heuchelei; während sie nach außen hin christliche<br />

Nächstenliebe predigt, ist sie in Wirklichkeit sofort bereit, erbarmungslos gegen<br />

22


Der neue Mensch<br />

Andersdenkende vorzugehen. Ganz offen wird im Tannhäuser die etablierte Kirche<br />

kritisiert; denn der Papst, der ihr offizieller Vertreter ist, ist mit s<strong>ein</strong>er harten Lieblosigkeit<br />

nicht nur die negativste Person, die in <strong>Wagners</strong> Dichtung vorkommt, sondern<br />

<strong>ein</strong>e der negativsten Gestalten, die er überhaupt ausgesonnen hat.<br />

In Lohengrin ist die Kritik differenzierter. Dort ist die Gesellschaft gespalten in<br />

<strong>ein</strong>en Teil, der bereit ist, das Neue, das mit dem Gralsritter in die gewohnten Verhältnisse<br />

<strong>ein</strong>bricht, anzunehmen, und <strong>ein</strong>en anderen, der erbittert am Alten festhält und<br />

das Neue mit tödlichem Hass verfolgt. Diese Haltung wird vertreten durch Ortrud,<br />

über die Wagner in <strong>ein</strong>em Brief an Liszt schreibt:<br />

Sie ist <strong>ein</strong>e Reaktionärin, <strong>ein</strong>e nur auf das Alte bedachte und deshalb allem Neuen F<strong>ein</strong>dgesinnte,<br />

und zwar im wüthendsten Sinne des Wortes: sie möchte die Welt und die Natur<br />

ausrotten, nur <strong>um</strong> ihren vermoderten Göttern wieder Leben zu schaffen.“ 28<br />

Hier bemerkt man, dass diese Werke nicht nur Themen von zeitlosem Interesse behandeln,<br />

sondern auch <strong>ein</strong>en Bezug zu <strong>Wagners</strong> eigener Zeit haben. Denn das Reaktionäre<br />

hat er selbst unmittelbar erlebt: <strong>ein</strong>mal in Paris, wo es ihm nicht nur als<br />

Ursache des sozialen Elends der unteren Klassen entgegentrat, sondern auch als hierarchische<br />

Herrschaftsstruktur im Kunstbetrieb – aber später auch in Dresden, wo<br />

s<strong>ein</strong>e fortwährenden Aus<strong>ein</strong>andersetzungen mit <strong>ein</strong>er verhärteten Hofbürokratie ihn<br />

in unmittelbare Berührung mit dem reaktionären Metternich’schen System brachten.<br />

Auf dem Boden dieser Erlebnisse sind s<strong>ein</strong>e romantischen Opern gewachsen, gedüngt<br />

von den jungdeutschen Ideen. Sie tragen also den Keim der Revolution in sich und<br />

führen geradeswegs auf diese zu.<br />

Man geht also sicherlich nicht fehl, wenn man in den Hauptpersonen dieser Werke<br />

vor-revolutionäre Menschen erblickt, die bereits nach jenem vollen Menschent<strong>um</strong><br />

streben, das Wagner als Ideal für die Zeit nach der Revolution vorschwebte – dieses<br />

Ideal jedoch noch nicht voll verwirklichen können, da sie sich gegen die Widerstände<br />

und Probleme <strong>ein</strong>er veralteten Welt noch behaupten müssen.<br />

Was sind das aber für Menschen?<br />

Der neue Mensch<br />

Das erste, was uns auffällt, ist, dass in allen drei Werken der Titelheld <strong>ein</strong> Ausnahmemensch<br />

ist, d. h. <strong>ein</strong> Mensch, der sich durch <strong>ein</strong>e außergewöhnlich starke Persönlichkeit<br />

auszeichnet und deshalb über den Durchschnitt erhebt. Der Holländer<br />

trotzt Gott und Teufel, <strong>um</strong> s<strong>ein</strong> selbstgestecktes Ziel zu erreichen; Tannhäuser ragt<br />

nicht nur durch die Fülle s<strong>ein</strong>es Menschent<strong>um</strong>s und Künstlert<strong>um</strong>s aus der Masse hervor,<br />

sondern wagt es auch, unter Missachtung aller Konventionen s<strong>ein</strong>e starke Natur<br />

23

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