Jahrmarkt der Sensationen - Johannes Gutenberg-Universität Mainz

uni.mainz.de

Jahrmarkt der Sensationen - Johannes Gutenberg-Universität Mainz

[JOGU]

Nr. 206 November 2008

Das Magazin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

[ Jahrmarkt der Sensationen ]

[ Yamsforschung in Mainz ]

[ Vom Pferd gefallen ]

[ Wo das Herz schlägt ]


Inhalt

Zum Titelbild: Der siebte Wissenschaftsmarkt der Johannes Gutenberg-Universität Mainz präsentierte

im September 2008 mitten in der Mainzer Innenstadt das leistungsspektrum der Gutenberg-Universität.

An zwei Tagen stellten sich zahlreiche Fächer der Hochschule zusammen mit verschiedenen Förderern

der Öffentlichkeit vor. Mehr dazu auf Seite 4.

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Editorial

Evaluitis und kein Ende?

Campus aktuell

Jahrmarkt der Sensationen

Studium & Lehre

Experimentieren im Untergrund

Macht Fußball sexy?

Altbekanntes neu entdecken

„Kosten, wie ein lied schmeckt“

„Was ist Gerechtigkeit?“

Wissenschaft & Forschung

yamsforschung in Mainz

Vom Pferd gefallen

Wo das Herz schlägt

Analysen am Fließband

Das lachen des Mythos

Campus international

„Ein Fenster zur Welt“

Studierende im Rockhimmel

Kultur auf dem Campus

„Ich bin kein Monsterjäger“

Alice im Wissenschaftsland

400 Jahre Zeitungsgeschichte

www.uni-mainz.de

Chancen für den freien Wettbewerb

Personen & Positionen

lehmann

Neu an der Uni

Kurz & Bündig

Dante Alighieri und Mainz

CUBAME MUCHO bittet zum Salsatanz

Impressum

[JOGU] 206/2008 2

Foto: Sebastian Kump

Foto: Frank Erdnüß

Foto: Peter Thomas

Aufregend: Schüler

experimentieren im

Kellergewölbe

Seite 6

Vollautomatisch:

Neue laborstraße in

Betrieb genommen

Seite 18

Kafkaesk: Der Schriftsteller

und sein Mythos

Seite 20

Rückblick: 400 Jahre

Zeitungsgeschichte

Seite 28


Evaluitis und kein Ende?

Das wechselseitige Begutachten und begutachtet

werden gehört für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

zum berufl ichen Alltag. In der Tat: In

kaum einem anderen Beruf wird die eigene leistung

so oft und so schonungslos von Experten bewertet.

Jede Publikation in einer ernst zu nehmenden wissenschaftlichen

Fachzeitschrift wird vor der Annahme

zur Veröffentlichung von einem oder mehreren

anonymen Fachkollegen kritisch betrachtet, jeder

Forschungsantrag wird vor der Bewilligung der Fördermittel

einer kompetenten Prüfung durch unabhängige

Experten unterzogen. Auch wenn größere

Umstrukturierungen in unseren Fächern und Fachbereichen

anstehen, ist es zur guten Tradition geworden,

die eigenen Konzepte durch die Einschätzung

externer Experten zu spiegeln und sich einer

konstruktiven Diskussion zu stellen. So unterstützen

externe Begutachter die Akkreditierung / Einrichtung

neuer Studiengänge. Wenn dann nach einigen

Jahren die Erfahrungen der lehrenden und der

Studierenden im Rahmen einer Reakkreditierung in

die Planung möglicher Verbesserungen einfl ießen,

geschieht auch das – wiederum durch externe Evaluation.

Nimmt man die ebenfalls anonymisierte Begutachtung

der lehre durch die Studierenden hinzu, so

unterziehen sich aktive Wissenschaftler/innen und

Hochschullehrer/innen schnell 20-30 individuellen

Begutachtungen ihrer täglichen Arbeit pro Jahr, also

im Schnitt mindestens einmal alle zwei Wochen -

ein selbstverständlich gewordener Prozess der Qua-

litätssicherung und nicht zuletzt die selbst verordnete

Antwort auf die vergleichsweise große Freiheit,

die den in Forschung und lehre Handelnden aus

gutem Grund an prominenter Stelle unseres Grundgesetzes

eingeräumt wird.

Nun hat die Hochschulleitung in Abstimmung mit

dem Senat unserer Universität im Frühjahr dieses

Jahres beschlossen, die gesamte Hochschule einer

Begutachtung durch die Dachorganisation europäischer

Universitäten, die European University

Association (EUA), zu unterziehen. Hier sollen ausgewählte

Aspekte der Gesamtuniversität zunächst

innerhalb des Hauses und dann mit Gutachtern der

EUA kritisch diskutiert werden: die Entscheidungsprozesse

innerhalb der Universität, die Elemente

der Qualitätssicherung, die Arbeit des Gutenberg

Forschungskollegs und andere Aspekte. Im November

wird eine Gutachtergruppe zu einem ersten,

dreitägigen Besuch in Mainz sein; im kommenden

März folgt ein zweiter Besuch. In acht unserer elf

Fachbereiche werden Gespräche mit allen Interessengruppen

geführt, ergänzt durch Gespräche mit

der Hochschulleitung und der Steuerungsgruppe,

die zusammen mit dem Zentrum für Qualitätssicherung

und -entwicklung (ZQ) den internen Evaluationsbericht

erstellt und damit die Gesamtbegutachtung

vorbereitet hat. Am Ende steht ein kritischer

Blick auf eine der größten deutschen Universitäten,

der uns hoffentlich Ansporn und Reibungsfl äche

sein wird und damit zur weiteren Entwicklung hin

zu einer noch besseren Universität beitragen kann.

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„Evaluitis und kein Ende“, wird mancher einwenden.

Das ist angesichts des oben Gesagten eine

verständliche Bemerkung. Und doch: Nur wenn wir

uns immer wieder kritisch und ergebnisoffen der

Diskussion mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen

stellen, haben wir eine Chance, in der härter werdenden

internationalen Konkurrenz zwischen den

Universitäten einen unserer Größe entsprechenden

Rang einzunehmen und zu verteidigen. Ich kann

Sie nur alle dazu ermuntern, mitzudiskutieren und

sich einzumischen. Denen, die das schon im Vorfeld

durch ihre Mitarbeit in der Steuerungsgruppe getan

haben, gilt an dieser Stelle unser herzlicher Dank.

Ich bin sicher, dass sich die Mühe lohnen wird.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr

Univ.-Prof. Dr. Georg Krausch

Präsident

Editorial

[JOGU] 206/2008


Fotos: Peter Thomas

Campus aktuell

Jahrmarkt der Sensationen

Handfeste Wissenschaft aus Labor und Hörsaal Der siebte Wissenschaftsmarkt

der Johannes Gutenberg-Universität Mainz präsentierte im

September 2008 mitten in der Mainzer Innenstadt das leistungsspektrum der

Gutenberg-Universität. An zwei Tagen stellten sich zahlreiche Fächer der Hochschule

zusammen mit verschiedenen Förderern der Öffentlichkeit vor.

Forschung und Jahrmarkt haben auf den ersten

Blick so gar nichts miteinander gemein. Und doch

glänzt der Mainzer Wissenschaftsmarkt immer

wieder mit einer circensischen Eleganz, die Kinder

und Erwachsene nach der Art eines glitzernden

Volksfestes in ihren Bann zieht. Allerdings steckt

hinter diesem Markt nicht einfach buntes licht und

Bühnenzauber, sondern spannende und handfeste

Wissenschaft aus den verschiedenen Disziplinen der

fünftgrößten Hochschule Deutschlands.

In diesem Jahr richtete die Johannes Gutenberg-

Universität diese farbenfrohe leistungsschau mitten

in der Stadt bereits zum siebten Mal aus. Und auch

dieser jüngste Schulterschluss zwischen Campus

und Stadt wurde zum Erfolg. Dabei herrschte vor

allem am Samstagmorgen Regen, der dem Start des

Marktes einen alles andere als einladenden Rahmen

gab. In den Zelten führte der unerwartet starke

Niederschlag zu interdisziplinären Experimenten,

wie mit Schirmen und Plastikplanen das durch die

Nahtstellen tropfende Wasser am besten zu stoppen

war. Die laune ließen sich davon jedoch weder

Wissenschaftler noch Publikum verderben.

Neugier und Staunen auf der einen, leichte Schwellenangst

auf der anderen Seite – so sieht das Verhältnis

zur Universität für viele Menschen in der

[JOGU] 206/2008 4

Stadt noch immer aus. Dieses Gegensatzpaar ist

kein neues Phänomen: „Town and Gown“ heißt

der Unterschied zwischen Hochschule und Kommune

seit jeher in den alten britischen Universitätsstädten.

Und in Mainz mit seiner auf dem Berg

gelegenen Campus-Uni könnte das schon rein

geografi sch gelten. Doch die Universität will kein

Elfenbeinturm sein, sie sucht ganz bewusst den

Kontakt zur Stadt, betonte Professor Dr. Georg

Krausch, Präsident der Hochschule, zur Eröffnung

des Wissenschaftsmarktes. Mit dem Markt und anderen

Veranstaltungen bauen die Wissenschaftler

Brücken, laden ein zum sinnlichen Kontakt mit der

vermeintlich so trocknen Forschung. Das ist keine

Selbstdarstellung, sondern ein wichtiges Stück Verantwortung

der Hochschule gegenüber der Öffentlichkeit.

Daran erinnerte der Universitätspräsident

auf dem Wissenschaftsmarkt.

Mit dem Markt bauen die

Wissenschaftler Brücken,

laden ein zum sinnlichen

Kontakt mit der vermeintlich

so trocknen Forschung.

Es gehört durchaus ein bisschen Mut zu dieser

Präsentation ernsthafter Forschung im Kleid eines

bunten Jahrmarktes. Noch wich-

tiger sind aber Begeisterungsfähigkeit

sowie Feingefühl für

die Balance zwischen forscherischem

Ernst und der lust am

Spiel. Alles das brachten die

Mainzer Universitätsinstitute

von der Mathematik bis zur

Geschichte mit in die vier Zelte

Begehrter Glibber:

Nat-lab bot Chemie

zum Anfassen

rund um das Theater und auf die Bühne auf dem

Gutenbergplatz. Die Menschen in Mainz schätzen

dieses seit Jahren etablierte Programm, identifi zieren

sich mit der Hochschule und freuen sich auf den

Markt: „Die Mainzer wollen wissen, was in ihrer Uni

vor sich geht“, fasste der Oberbürgermeister der

landeshauptstadt, Jens Beutel, dieses fruchtbare

Verhältnis zusammen. Vom sprichwörtlichen verfl ixten

siebten Jahr war denn auch nichts zu spüren bei

dieser Aufl age des Wissenschaftsmarktes.

Vier Zelte, mehr als 50 Stände und Stationen, weit

über 100 Forscher, rund 800 Quadratmeter Ausstellungs-

und Informationsfl äche sowie das umfangreiche

Programm auf der Bühne: Diese respektablen

Rahmendaten unterstrichen die Rolle des Wissenschaftsmarktes

2008 als stolze leistungsschau

und gewichtige Messe der Mainzer Forschung. Der

Öffentlichkeit lag die Hochschule trotz dieses Umfanges

nicht auf der Tasche, erklärte der Universitätspräsident

zufrieden: Finanziert wird der Markt

allein durch Gelder verschiedener Sponsoren, sagte

Professor Krausch zur Eröffnung.

Viele dieser Partner gehören derMainzer Wissenschaftsallianz“

an, die Anfang September öffentlich

vorgestellt wurde. Die Mitglieder der Allianz präsentierten

sich nun auch im Rahmen des Wissenschaftsmarktes.

Dazu gehörten zum Beispiel die aus

der Region stammenden Weltkonzerne Boehringer

Ingelheim (als forschendes Pharmaunternehmen)

und Schott AG (als Hightech-Unternehmen mit

Zukunftslösungen in der Energietechnik). Ebenso

vertreten mit Ständen und Projekten waren unter

anderem die Akademie der Wissenschaften und

der literatur, die Max-Planck-Institute für Polymerforschung

und für Chemie, die Zukunftsinitiative

Rheinland-Pfalz (ZIRP), die Fachhochschule Mainz

und das Römisch-Germanische Zentralmuseum

Mainz.

Besonders begehrt war der

farbenfrohe Glibber, den das

NaT-Lab der Universität Mainz

in seinem Projekt „Chemie für

Jung und Alt“ mischte.

Erwachsene Besucher faszinierte am Wissenschaftsmarkt

vor allem die Vielfalt der Themen in ungewohnter

räumlicher Nähe: Alle Wege waren kurz,

aus den verschiedenen Instituten auf dem Campus


Besuch am Schott-Stand: Staatssekretär Ebling, Oberbürgermeister Beutel und Universitätspräsident Krausch (v.l.)

wurden hier für zwei Tage wirkliche Nachbarn Tisch

an Tisch. Kinder und Jugendliche begeisterten sich

darüber hinaus besonders für die Chance, mit den

vielen Experimenten selbst die Grundlagen von

Wissenschaft zu erkunden. „Forschung zum Anfassen“,

das versprachen beim siebten Mainzer

Wissenschaftsmarkt einmal mehr die spannenden

Experimente, die Spaß und lernen miteinander verbanden:

Da sprudelten bei den Geowissenschaften

Vulkane im Miniaturformat durch die Zugabe verschiedener

Chemikalien. Vor Zelt 4 sausten luftballons

an Schnüren durch die luft und demonstrierten

so die Wirkung von Antriebstechniken durch

Rückstoß. Besonders begehrt war der farbenfrohe

Glibber, den das NaT-lab der Universität Mainz in

seinem Projekt „Chemie für Jung und Alt“ als Spielzeug

mit eigenwilliger Anmutung mischte und an

die kleinen Besucher verschenkte. Antike zum Greifen

gab es dagegen beim Institut für Geschichtliche

landeskunde, wo sich Kinder als veritable römische

Krieger verkleiden konnten.

Im Wissenschaftsjahr der Mathematik inszenierte

das entsprechende Institut der Johannes Gutenberg-Universität

zusammen mit den Informatikern

seine Disziplin als Spiel bis hin zur Zauberei an

einer ganzen Reihe von Ständen. Hier leuchtete

eine Zahlenwelt zum Schauen, Staunen, Begreifen,

Bauen und Erleben auf. Die spielerische Vermittlung

komplexer naturwissenschaftlicher Fragen gelang

auch den Kernphysikern mit ihrer einfallsreichen

Murmelbahn „Kernphysik-Flipper“ sowie der Experimentellen

Teilchen- und Atomphysik, wo ein Spiel-

Sprudelnde Vulkane:

Stand der Geowissenschaften

mit dem Projekt Feuer, Wasser, Erde

zeuglastwagen auf einer Teststrecke zeigte, woher

Masse kommt. Teilweise überschnitten sich sogar

die Grenzen von Spiel als pädagogisches Element

und Spiel als Forschungsgegenstand: Während die

Mathematik ein Computerspiel präsentierte, das

Inhalte des Fachs vermittelt, zeigten Pädagogen,

Publizisten und Soziologen (Gender Studies) ihre

Forschungen zur Bedeutung und Struktur von Computerspielen.

Hand in Hand griffen Forschung und Praxis auch im

Zelt 3, wo sich die Medienfächer der Hochschule

mit einem Schwerpunkt präsentierten. Während

Buch-, Theater- und Filmwissenschaft sowie Medienrecht

zusammen mit dem Mainzer Medieninstitut

und der Medienintelligenz ihre Forschungen und

Angebote vorstellten, entstand hier zeitgleich das

„Marktblatt“ als Kooperation zwischen dem Institut

für Buchwissenschaft und der Allgemeinen Zeitung.

Den Start des marktaktuellen Flugblatts legte der

Regen allerdings am Samstagmorgen erst einmal

lahm, weil es in den Farbdrucker hineintröpfelte, der

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Campus aktuell

umgehend die Arbeit einstellte. Also erschien das

Blatt in schwarzweiß und mit Verspätung. Doch die

Redaktion nahm es mit Humor und integrierte die

Rubrik „Schirm des Tages“ in die Berichterstattung.

Bis zum nächsten Wissenschaftsmarkt

steht der Erfinder

des Buchdrucks mit

beweglichen Lettern hoffentlich

wieder über den Zelten.

Die große Zahl der Besucher und die positive Reaktion

auf das Programm an beiden Tagen bestätigte

die Hochschule 2008 einmal mehr in ihrem Konzept

für den Wissenschaftsmarkt. Nur einer fehlte beim

diesjährigen Markt: Universitäts-Namensgeber Johannes

Gutenberg, dessen Statue sonst gegenüber

dem Theater über das Geschehen wacht. Das Denkmal

ist derzeit in Restauration. Bis zum nächsten

Wissenschaftsmarkt steht der Erfi nder des Buchdrucks

mit beweglichen lettern hoffentlich wieder

über den Zelten. Peter THOMAS n

[JOGU] 206/2008


Studium & Lehre

Experimentieren

im Untergrund

Kinder zum Staunen bringen Gleich nach den Sommerferien ging es los. Das NaT-

Schülerlabor lud wieder interessierte Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klasse

ein in den Kellergewölben unterhalb der Oppenheimer Altstadt mit den vier Elementen

zu experimentieren. Unter fachkundiger Anleitung wurden die Kinder während eines Vormittags

zu kleinen Naturwissenschaftlern und arbeiteten fast wie in einem echten labor.

Die Endeckertour begann für die 26 Schülerinnen

und Schüler der dritten Klasse der Grundschule

Dahlheim noch unter freiem Himmel. Vor dem historischen

Rathaus und dessen Eingang zum Kellerlabyrinth,

das sich mit einer Fläche von ca. 6.000 m 2

unter dem gesamten Altstadtkern erstreckt, wurden

die Kinder von der Mitarbeiterin des NaT-Schülerlabors

Heike laubenheimer-Preuß empfangen und

erhielten sogleich ihre erste Einweisung darüber,

welche Regeln es bei der Arbeit im labor zu beachten

gilt. So mussten Pausenbrote und Trinkpäckchen

in den Rucksäcken bleiben, „denn Essen stört beim

Experimentieren“, so laubenheimer-Preuß.

Danach begann der von den Kindern spannend erwartete

Abstieg in das Oppenheimer Kellerlabyrinth.

Und schon nach wenigen Augenblicken unter der

Stadt erwachte der Forschergeist der Grundschülerinnen

und -schüler. Warum es dort unten viel kälter

sei als draußen, wie die Gänge und Tunnel früher

beleuchtet wurden und warum die Wände und

Decken an manchen Stellen trocken, an anderen

feucht seien, wollten die Kinder von den vier Projektmitarbeiterinnen

wissen. Und als diese geduldig

den ersten Wissensdurst gestillt hatten, nahmen sie

die Kinder mit auf eine kleine Wanderung durch das

labyrinth.

In vier verschiedenen je einem Thema gewidmeten

Räumen wurde eines der vier Elemente Feuer, Wasser,

luft und Erde und deren Beziehung zum Kellerlabyrinth

vorgestellt und erklärt. So standen die

Kinder etwa in einem blau beleuchteten Raum, der

den Bürgern Oppenheims früher als Wassersammelbecken

gedient hatte und bekamen an anderer Stelle

die Besonderheit der Oppenheimer Erde erläutert,

die vor allem aus fruchtbarem löß besteht.

[JOGU] 206/2008

Danach konnte es losgehen. Die Kinder wurden entsprechend

der Elemente in vier Gruppen eingeteilt

und durften nun mit dem Experimentieren beginnen.

„Bei diesem Experiment sollen die Kinder das

Prinzip der Verdrängung spielerisch kennen lernen“,

erklärt Heike laubenheimer-Preuß am Versuchstisch

zum Thema „Wasser“. Dabei folgten die einzelnen

Versuche unterschiedlichen didaktischen Konzepten.

Im Experiment „luft“ wurde der Erfi ndungsreichtum

der Kinder gefordert und wenig Hilfestellung

geboten, im Experiment „Erde“ die Kreativität und

bei „Feuer“ Vorsicht und Beobachtungsgabe gefördert.

Zu jedem Versuch erhielten die Kinder ein ihren

Bedürfnissen entsprechend gestaltetes Arbeitsblatt,

auf dem der Versuch genau erklärt wurde. Vor

Beginn eines jeden Experiments wurde dieses von

den Kindern vorgelesen, die benötigten Materialen

begutachtet und die Durchführung besprochen. Am

Ende wurden die gemachten Beobachtungen und

die Erklärungen dafür von den Kindern notiert – natürlich

immer unter den geschulten und geduldigen

Augen der insgesamt vier Mitarbeiterinnen.

„Die Kugel geht unter.

Das Schiff bleibt oben.“

Im Experiment zum Thema „Wasser“ sollten die

Schülerinnen und Schüler aus Knete eine Kugel und

ein Schiffchen formen und ausprobieren, welche

Form schwimmt. Der achtjährige Tarik notierte dazu:

„Die Kugel geht unter. Das Schiff bleibt oben.“ Und

die gleichaltrige Melanie hatte die passende Erklärung

dazu parat: „Das Schiff geht nicht unter, weil

es innen hohl ist.“

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Konzentriert: Schüler erarbeiten anhand

des Arbeitsblattes das Experiment

Für jedes Experiment hatten die Kinder ungefähr

eine halbe Stunde zur Verfügung, genug Zeit um

spielerisch, aber auch mit der nötigen Aufmerksamkeit

an die Versuche zu gehen. Denn vor allem bei

den sehr beliebten Versuchen zum Thema „Feuer“

war Vorsicht geboten. Hier untersuchten die kleinen

Naturwissenschaftler wie Substanzen, wie zum

Beispiel Stoff, Aluminium oder Stein auf die bis zu

1400°C hohen Temperaturen in der Flamme eines

Teelichtes reagieren.

Im Experiment „luft“ bastelten die Kinder eine

luftballonrakete, die an den entlang den Wänden

gespannten Fäden durch das Kellerlabyrinth sausten.

Und schließlich durften sie zum Thema „Erde“

Farben mit Oppenheimer lößboden herstellen und

damit malen. „Ich male mein Piratenschiff, das vorhin

leider untergegangen ist“, erklärte der neunjährige

Benjamin etwas wehmütig.

Die Entdeckertour endete mit dem Aufstieg aus dem

dunklen Oppenheimer Untergrund in die Mittagssonne

und der Verabschiedung durch Heike laubenheimer-Preuß.

Bei der Frage, welches Experiment ihnen

am besten gefallen hat, konnten sich die Kinder

nur schwer auf einen Favoriten einigen. „Das Feuer

hat mir am besten gefallen, weil man da viel über

das Element gelernt hat“, fasste die achtjährige

Melanie den Vormittag für sich zusammen.

Sebastian KUMP n

Fotos: Sebastian Kump


Macht Fußball sexy?

Studie zu Frauenfußball ausgewertet

Macht Fußball sexy?,

dieser und ähnlichen Fragen geht

Prof. Dr. Holger Preuß vom Institut

für Sportwissenschaft zurzeit mittels

statistischen Auswertungen auf den

Grund. In einer groß angelegten

Studie versucht Preuß herauszufinden,

mit welchen Attributen Frauenfußball

in Deutschland bei der breiten Bevölkerung

vergesellschaftet ist, welche

Vorurteile gegenüber dem Frauenfußball

bestehen und wie es um das

Image der spielenden Frauen generell

bestellt ist.

Die Idee für dieses Projekt war bereits 2005 entstanden:

auf Anregung von Theo Zwanziger fand,

in Kooperation mit der Universität Bayreuth, unterstützt

durch die Unternehmen IFM & Radiate Experience

und unter Mitwirkung von 70 Studenten in

der ersten Hälfte des Jahres 2008 eine groß angelegte

Befragung von über 3000 Personen statt. Diese

wurden in den Fußgängerzonen der potenziellen

Austragungsstädte der Frauenfußball-WM 2011 am

Wochenende durchgeführt, um eine möglichst breite

Schicht der deutschen Bevölkerung zu erreichen.

Erhoben wurde, ob die Befragten selbst Sport treiben,

respektive Fußball spielen; ob Männer- und/

oder Frauenfußball gesehen wird, sowie die Gründe

dafür.

Außerdem wurde erfragt, mit welchen Attributen

generell Frauenfußball verbunden wird, wie das

Auftreten der Frauen-Fußball-Nationalmannschaft

empfunden wird und nicht zuletzt, wie die Befragten

zu den Sponsoren von Frauenfußball stehen, beziehungsweise

welche Branchen mit Frauenfußball

in Verbindung gebracht werden.

Herausgekommen ist, dass das Interesse an Frauenfußball

höher ist, als man lange Zeit landläufig angenommen

hat: Nach den Spitzenturnieren/-ligen

der Männer (europäische Wettbewerbe, Fußball-

Bundesliga, DFB-Pokal) liegen Spiele der Fußball-

Nationalmannschaft der Frauen auf Platz 4 der am

meisten beachteten Fußballereignisse.

Frauen-Fußball wird eher mit

den Eigenschaften „fair“,

„sympathisch“ und „ehrlich“,

Männerfußball hingegen mit

„athletisch“, „aufregend“ und

„aggressiv“ in Verbindung

gebracht.

Ebenso herauskristallisiert hat sich, dass Frauen-

Fußball eher mit den Eigenschaften „fair“ , „sympathisch“

und „ehrlich“, Männerfußball hingegen

mit „athletisch“, „aufregend“ und „aggressiv“

in Verbindung gebracht wird. Hier decken sich die

Aussagen von Männern und Frauen weitestgehend,

wobei festzustellen ist, dass Fußball spielende Frauen

generell ein höheres Interesse an Frauenfußball

haben als Männer, obwohl der überwiegende Teil

Studium & Lehre

der Männer Frauenfußball mit dem Attribut „sexy“

betitelt; gleiches gilt übrigens für die befragten

Frauen hinsichtlich Männerfußball; diese finden allerdings

eher die männlichen Spieler beim Kicken

„sexy“.

Festzustellen ist also, dass Frauenfußball längst

nicht mehr die althergebrachte stiefmütterliche

Stellung hat, die er gefühlt vor einigen Jahren noch

einnahm.

Wen wundert es auch: Die deutschen Frauen sind

im Fußball höchst erfolgreich und das seit Jahren;

mit Ausnahme von1993 errang unsere deutsche

Mannschaft seit 1989 sämtliche Europameistertitel

und wurde 2003 und 2007 Weltmeister.

Bei den erst kürzlich zu Ende gegangenen Olympischen

Spielen in China gewann die deutsche Mannschaft

unter Trainerin Silvia Neid die Bronzemedaille

und sorgte durchgehend für voll besetzte Ränge in

den Spielstadien.

2011 ist Deutschland Ausrichter der Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft;

bei den Voraussetzungen

ist davon auszugehen, dass eine ähnliche Euphorie

wie bei der Weltmeisterschaft der Männer 2006

entsteht. Die Zeichen dafür stehen gut.

Claus-Henning BlEy n

Frauen-Fußball-

Weltmeisterschaft:

2011 ähnliche Euphorie

wie 2006 bei den Herren?

uli franke © www.photocase.com


Studium & Lehre

Altbekanntes neu entdecken

Unterwegs auf dem Campus der

Uni Mainz Seit fast 15 Jahren bietet

der von Studierenden und Professoren

der Uni Mainz gegründete Verein

„Geographie für Alle“ Führungen in

Mainz und der Rhein-Main Region an,

die anders gestaltet sind als gewöhnliche

Stadtführungen. Neue Ansichten

vom Altbekannten zu ermöglichen

und die Geschichte einer Stadt aus

einem spezifi schen Blickwinkel neu

zu beleuchten, sind die Anliegen der

Führungen. Jüngst hinzugekommen

ist nun auch eine Führung auf dem

Campus der Universität Mainz.

Die Idee kam Prof. Günter Meyer, Vorsitzender des

Vereines „Geographie für Alle“, während eines Treffens

mit Fachkollegen, als man erstaunt feststellte,

wie wenig über die wissenschaftlichen Aktivitäten

selbst der unmittelbar benachbarten Institute bekannt

war. Daraus entstand der Plan für eine Campusführung,

um diese lücken zu schließen, aber

ganz besonders um Menschen, die sonst nichts mit

dem universitären Alltag zu tun haben, auf die Universität

neugierig zu machen. „Zusammen mit 15

Studierenden aus unterschiedlichen Fachbereichen

haben wir die Führung im Rahmen eines Seminars

ausgearbeitet“, erklärt Meyer im Gespräch. Die

Führung „Zwischen Exzellenz und ‚Best Practice‘“

auf dem Campus der Mainzer Universität ist jedoch

nicht die einzige, die der von Studierenden und Professoren

1994 gegründete Verein „Geographie für

Alle“, kurz GfA, anbietet. Der gemeinnützige Verein

hat es sich zum Ziel gesetzt, den Teilnehmern einen

anderen Blickwinkel, eine neue Perspektive auf bisher

scheinbar Bekanntes zu ermöglichen. So ist es

dem Geographen Meyer wichtig anzumerken, dass

sich die Führungen nicht an Kurzzeittouristen richten,

die gerade einmal einen Vormittag zur Besichtigung

von Mainz Zeit haben. Alteingesessene und

neu zugezogene Mainzer, die ein Interesse daran

haben, einen spezifi schen Aspekt ihrer Heimatstadt

oder -region zu vertiefen oder besser kennen zu lernen,

sind das Zielpublikum.

[JOGU] 200/2007 206/2008

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Große Bereicherung: Campus-Rundgang ergänzt die „Geographie für Alle”- Führungen

Die Bandbreite an Führungen, die der Verein GfA

anbietet, behandelt vor allem historisch-geographische

Themen wie „Die Wacht am Rhein – Mainz als

Festungsstadt von den Römern bis in die Gegenwart“

oder „Mayence et la France – das französische

Mainz.“ Jedoch fi nden sich auch ökologische

Themen, Kunst, Kultur, die „Dunklen Seiten von

Mainz“, die Rheinhessische lebensart (Vun de Vilzbach

zu de Umbach – Meenzer Mundartführung)

sowie Führungen in Wiesbaden und Frankfurt im

Programm wieder. „Wir haben zudem Angebote

für Kinder und Jugendliche. Insbesondere Rallyes

für Gruppen und Schulklassen. Diese Führungen erfreuen

sich einer enormen Nachfrage“, fasst Meyer

zusammen.

„Zusammen mit 15 Studierenden

aus unterschiedlichen

Fachbereichen haben wir in

einem Seminar die Führung

ausgearbeitet.“

Drei bis vier Führungen pro Wochenende haben

im letzten Jahr rund 6.500 Besucher begeistert.

Vorbereitet, organisiert und ausgeführt werden

diese nicht nur von Studierenden der Geographie

sondern auch zahlreicher anderer Fächer an der

Universität. Dazu erläutert Meyer: „Hier lernen

die Studierenden, wie sie ihr theoretisches Wissen

anderen Menschen in Form einer anschaulich und

spannend vorgetragenen Führung vermitteln können.

Sie gewinnen dabei Sicherheit im Auftreten vor

einer Gruppe, Routine in der freien Rede und rhetorische

überzeugungskraft – Qualifi kationen, die im

späteren Beruf gefordert werden.“

„Die wenigsten wissen, dass

der oberste Sportberater des

Papstes ein Wissenschaftler

der Uni Mainz ist.“

Die neu entwickelte Campusführung beginnt mit

einem fi lmischen Rückblick auf die alte Mainzer

Universität (1477-1789) und spannt den Bogen von

den Anfängen der Johannes Gutenberg-Universität

nach dem Zweiten Weltkrieg in den Gebäuden der

ehemaligen Flakkaserne bis zu den heutigen international

herausragenden Forschungsprojekten. Die

Teilnehmer erfahren dabei unter anderem näheres

über die Arbeiten am leichtwasser-Forschungsreaktor

der Kernchemie und dem Mainzer Mikrotron

(MAMI) in der Kernphysik sowie über die Exzellenz-

Graduiertenschule „MAterials Science IN MainZ

(MAINZ)“, die als einziges Projekt in Rheinland-

Pfalz durch die Exzellenzinitiative des Bundes und

der länder gefördert wird. Die Beteiligung von Wissenschaftlern

des Max-Planck-Instituts für Chemie

am Marsmobil der NASA wird ebenso hervorgehoben

wie die wissenschaftliche leistung von Prof. Dr.

Paul Crutzen, der für seine Forschungen zum Ozonloch

mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Foto: privat


Eine überraschung eröffnet sich den Teilnehmern,

wenn sie in das Dunkel der Kasematten des einstigen

Forts Bingen eintauchen. „Dass es so etwas

hier auf dem Campus gibt, ist selbst den meisten

Universitätsangehörigen nicht bekannt“, konnte

Meyer bei den Führungen feststellen. Das gleiche

gilt auch für die Dauerausstellung der Ossuare, Knochenkästen

aus der Umgebung von Jerusalem, in

denen die Gebeine der Verstorbenen in der Zeit des

Neuen Testaments ihre letzte Ruhe fanden.

Die Mineraliensammlung des Instituts für Geowissenschaften

bietet weitere überraschungen: „Wertvolle

Edelsteine und eine Elfenbeinsammlung, die

der Frankfurter Zoll beschlagnahmt hat“, schmunzelt

Meyer. Aber auch Kuriositäten hält die Führung

bereit, denn die wenigsten wissen, so Meyer, „dass

der oberste Sportberater des Papstes ein Wissenschaftler

der Uni Mainz ist.“

„Der Rundgang endet im 15. Stockwerk des Studentenwohnheimes,

wo ein beeindruckender Gesamtblick

auf die Universität geboten wird und sich mit

der studentischen Bauwagensiedlung – versteckt

hinter Erdwällen – eine den wenigsten bekannte

Besonderheit auf dem Campus unserer Universität

offenbart“, fasst Prof. Meyer den kurzen Einblick auf

das Führungsprogramm zusammen. Abschließend

ergänzt er: „Der Blick auf den Campus und die Universität

war nach der Führung bei allen Teilnehmern

ein anderer.“ Sebastian KUMP n

Studium & Lehre

Die nächste Campusführung fi ndet am 15. November

2008 statt; Beginn 14.30 Uhr an der

„Muschel“. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Für Gruppen kann diese und andere Führungen

auch bei „Geographie für Alle“ speziell

gebucht werden unter Tel. 06131/3925145

oder per E-Mail info@geographie-fuer-alle.

de. Das ausführliche Veranstaltungsprogramm

mit 86 verschiedenen Rundgängen und

Rallyes für Alt und Jung fi ndet sich unter www.

geographie-fuer-alle.de. Studierende aller Fachbereiche,

die Interesse an einem Seminar zur

Führungsdidaktik haben und anschließend selber

Rundgangsleitungen bei GfA übernehmen

wollen, sind herzlich willkommen.

„Kosten, wie ein Lied schmeckt“

Hymnologische Forschung in Mainz Eine 1000-seitige Anthologie mit

Texten vom Mittelalter bis zur Gegenwart – in einer geschätzten Gesamtaufl

age von 20 Millionen? Na wenn das kein relevanter Forschungsgegenstand

ist! Mit schalkhaftem Augenzwinkern „korrigiert“ so Prof. Hermann Kurzke

die gelegentlich anzutreffende skeptische Reserviertheit dem Thema

„Hymnologie“ gegenüber.

Sein germanistischer Blick galt dem „Gotteslob“,

dem 1975 eingeführten katholischen Einheitsgesangbuch.

Als einer der bedeutendsten Thomas

Mann-Forscher unserer Tage widmet sich Kurzke

auch seinem zweiten Schwerpunkt, der Gesangbuchforschung,

mit ebenso spürbarem Engagement

wie dem Nobelpreisträger aus lübeck.

Die jüngste Frucht der von ihm mit-initiierten interdisziplinären

hymnologischen Forschung in Mainz

wurde nun mit einem Studientag im Haus am Dom

der Öffentlichkeit vorgestellt: „Geschichte des katholischen

Gesangbuchs“, von Dominik Fugger und

Andreas Scheidgen herausgegeben.

Die Referate folgten dem ersten, chronologischen

Teil des Buches. Scheidgen zeigte die Bedeutung

des „New Gesangbüchlin“, das Michael Vehe

1537 herausgab. Fugger stellte kurzweilig die tumultuarischen

Umstände der Einführung des Auf-

klärungsgesangbuches des Mainzer Pfarrers E. X.

Turin vor Augen, ehe Christiane Schäfer die im 19.

Jahrhundert initiierte Restauration erläuterte. Die

jüngste Planung eines neuen Gesangbuches durch

die Bischofskonferenz (eine Projektierung bis 2010

erscheint optimistisch) war Thema von Kurzkes

Abschlussreferat, in dem er bei den rund 70 Zuhörern

Verständnis auch für pragmatische Fragen der

Buch-Erstellung weckte. Der Verleger Gunter Narr

vom Francke-Verlag, in dem die „Mainzer Hymnologischen

Studien“ seit 1999 erscheinen, lud abschließend

zum Verlagsempfang.

Dass im Anschluss alle eingeladen waren, den Gegenstand

„Kirchenlied“ in der Memorienkapelle

des Domes auch sinnlich zu erfahren („Wir wollen

auch kosten, wie ein lied schmeckt, auf der Zunge

liegt oder knarrt“, so Kurzke), zeichnet den Mainzer

Ansatz der Forschung aus. An deren Relevanz gibt

es keinen Zweifel. Frank WITTMER n

9

[JOGU] 206/2008


Studium & Lehre

misterQM © www.photocase.com

„Was ist Gerechtigkeit?“

Studium generale im Wintersemester 2008/09 Fragen nicht nur zu

Mensch und Gemeinschaft, sondern auch zu Mensch und Natur stehen diesmal

im Mittelpunkt der interdisziplinären Veranstaltungen. Mit der Grundfrage der

Gerechtigkeit, nicht erst in der globalisierten Welt ein Menschheitsproblem, setzen

sich die „Mainzer Universitätsgespräche“ auseinander. Weitere Vorlesungsreihen

erörtern das Verhältnis des Menschen zu „seiner“ Natur – sie greifen

zum einen das Problem von „Naturschutz und Wissenschaft“ auf und zum

anderen jene Frage, die unser Menschsein betrifft: „Biologisch determiniert?“

Jedem das Seine geben? laut Friedrich Nietzsche

wäre das „die Gerechtigkeit wollen und das Chaos

erreichen.“ Jedem das Gleiche geben? Das wird

schon im Neuen Testament im Gleichnis der Arbeiter

im Weinberg, denen der Gutsbesitzer ohne Anrechnung

individueller Arbeitszeiten den gleichen lohn

gibt, von den Taglöhnern als ungerecht angesehen

und theologisch dann als Güte ausgelegt. Gerechtigkeit

verbindlich zu defi nieren, ist offenbar kaum

möglich. Schon Aristoteles bemerkt, „dass es also

mehrere Gerechtigkeiten gibt“. Neben der Gerechtigkeit

als Tugend spricht er von einer partikularen

Gerechtigkeit, die er in kommutativ und distributiv

unterteilt. Während die ausgleichende, kommutative

Gerechtigkeit im Sinne von ‚Jedem das Gleiche‘

heute zum Beispiel im Wirtschaftsrecht und

Strafrecht zum Tragen kommt, wird die austeilende,

distributive Gerechtigkeit, das sich über den Begriff

der Angemessenheit defi nierende ‚Jedem das Seine‘,

beispielsweise im Steuerrecht und lohnrecht

angewandt.

[JOGU] 206/2008

In den „Mainzer Universitätsgesprächen“ zum

Themenschwerpunkt „Was ist Gerechtigkeit?“

werden unterschiedliche Perspektiven, Positionen

und Probleme der Realisierbarkeit von Gerechtigkeit

aufgezeigt. Der Alttestamentler Prof. Dr. Rainer

Kessler, Marburg, eröffnet die Vorlesungsreihe mit

„Biblischen Impulsen für aktuelle Gerechtigkeitsdiskurse“.

Die Mainzer Theologen Prof. Dr. Wolfgang

Zwickel und Prof. Dr. Gerhard Kruip setzen

sich mit „Recht und Gerechtigkeit im Alten Testa-

the squirrel © www.photocase.com

ment“ und mit „Weltarmut und globaler Gerechtigkeit“

auseinander. Aus philosophischer Sicht

spricht Prof. Dr. Thomas Kesselring, Bern, zu „Gerechtigkeit

im Zeitalter der Globalisierung“.

Gerechtigkeit – Grundprinzip

sozialer Organisation

Als ein zentraler Grundsatz menschlichen Zusammenlebens

stellt Gerechtigkeit ein wünschenswertes

Grundprinzip sozialer Organisation dar. Die antike

10

Philosophie identifi zierte sie als eine Kardinaltugend

im individuellen wie im politischen Bereich.

Prof. Dr. Ruth Zimmerling, Politische Theorie, Mainz,

veranschaulicht „Gerechtigkeit als Eigenschaft politischer

Systeme“ und Prof. Dr. Axel Honneth, Frankfurt,

das „Gewebe der Gerechtigkeit“ aus sozialphilosophischer

Perspektive. Gerechtigkeit fungiert

als leitidee des politischen, religiösen und sozialen

lebens: „Marktwirtschaft und soziale Gerechtigkeit“

erörtert Prof. Dr. Friedrich Breyer, Konstanz;

„Sozialpsychologie der Fairness“ erläutert Prof. Dr.

Hans-Werner Bierhoff, Bochum; Prof. Dr. Michael

Beck, Mainz, thematisiert Verteilungsgerechtigkeit

in der Medizin. Ein Gerechtigkeitsempfi nden

scheint Menschen kulturen- und epochenübergreifend

eigen zu sein. Was aber genau als gerecht gilt,

ist historisch und kulturell beeinfl usst und differiert

in hohem Maß. Prof. Dr. Andreas Roth, Rechtsgeschichte,

Mainz, analysiert unter dem Titel „Was

einmal Recht war, kann heute doch nicht Unrecht

sein!“ die Aufhebung von NS-Urteilen durch die

bundesdeutsche Justiz.

Seit Ende des 20. Jahrhunderts hat der

beschleunigte Fortschritt in den Biowissenschaften

zu einem Wandel des Menschenbildes geführt. Im

Fokus eines zweiten Schwerpunktes steht das Thema

„Biologisch determiniert? Menschsein zwischen

Zwang und Autonomie“. Seit Beginn des Humangenomprojektes

wird die Bedeutung der neuen Erkenntnisse

für das Selbstverständnis des Menschen

verstärkt diskutiert. Sind wir eher durch soziokulturelle

Faktoren und Umweltbedingungen oder durch

biologische und genetische Vorgaben bestimmt?

Benjaminet © www.fotolia.de


Mit einem Vortrag über „Ethische und anthropologische

Aspekte der Genforschung“ eröffnet der

Berliner Bioinformatiker Prof. Dr. Jens G. Reich die

Vorlesungsreihe. Pro und Contra genetischer Diagnostik

diskutiert Prof. Dr. Markus Hengstschläger,

Wien; „Prädiktive Genetik“ erörtert Prof. Dr. Regine

Kollek, Hamburg. Prof. Dr. Dr. Mathias Gutmann,

Marburg, bringt philosophische Sichtweisen ein zu

„Genen und Evolution“.

Ist der Mensch biologisch

determiniert?

Spätestens seit Bekanntwerden der Darwinschen

Evolutionslehre wird über eine biologische Determination

des Menschen kontrovers, oftmals ideologiegeleitet,

debattiert. Im Jahr 2009 jährt sich

Darwins Geburtstag zum 200. Mal, die Publikation

seines Hauptwerkes über den Ursprung der Arten,

das Ende des 19. Jahrhunderts einen Boom der Biologie

auslöste, zum 150. Mal. Mit einer „Biologie

der Moral“ setzt sich der Wiener Verhaltensbiologe

Prof. Dr. Kurt M. Kotrschal, KlF Grünau, auseinan-

the squirrel © www.photocase.com

der, über Kulturentwicklung bei Schimpansen

spricht Dr. Tobias Deschner, MPI leipzig. Die Mainzer

Philologin Prof. Dr. Anja Müller-Wood analysiert

„Biologische Grundlagen und Grenzen der literatur“.

Der Spielraum des Menschen für Selbstbestimmung

und autonome Entscheidungen scheint immer

enger zu werden. Einen geschlechterkritischen

Blick auf „Das moderne Gehirn“ wirft HD Dr. Sigrid

Schmitz, Freiburg. „Sind psychische Erkrankungen

biologisch determiniert?“ fragt Prof. Dr. Klaus lieb,

Mainz. Die Identifi kation von genetischen Faktoren

für Krankheiten oder die Unterschiede zwischen

den Geschlechtern zeigen, wie stark genetische

Einfl üsse den Menschen prägen. Allerdings ist auch

zu fragen, inwiefern biologisch-genetische Erklärungen

für menschliches Verhalten reduktionistisch

sein können. Die Vorlesungsreihe abschließend,

erläutert Prof. Dr. Dr. Hans-Rainer Duncker, Gießen,

„nicht-darwinistische Evolutionsmechanismen“

und die „Entwicklung der Menschen zu Sprach- und

Kulturwesen“.

Naturschutzmaßnahmen

bewerten

Auch Naturschutz ist geschichtlichem Wandel unterworfen

– so können Eingriffe von gestern schützenswerte

Gebiete von morgen sein. Erkenntnisse

der Naturwissenschaften sind unentbehrlich für

die Entscheidungen, welche Natur wie geschützt

werden soll. Die dritte Veranstaltungsreihe „Natur-

schutz und Wissenschaft. Theorie – Praxis

– Wissenstransfer“, als Diskussionsforum konzipiert,

wird in Kooperation mit dem Ministerium für

Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz (MUFV,

RlP) durchgeführt. Bei der Bewertung von Naturschutzmaßnahmen

und bei der Rechtsprechung in

Bezug auf Arten- oder Biotopschutz stellt sich zunehmend

die Frage, ob Konzepte des staatlichen

und privaten Naturschutzes den wissenschaftlichen

Forschungsstand ausreichend und angemessen

berücksichtigen. Diese Problematik analysieren in

ihren Vorträgen die Münchener landschaftsökologen

Prof. Dr. ludwig Trepl und Prof. Dr. Dr. Wolfgang

Haber sowie der Frankfurter Jurist für Umweltrecht

Prof. Dr. Eckard Rehbinder.

11

Studium & Lehre

Wie funktioniert der Wissenstransfer zwischen verwaltungsorganisiertem,

privat organisiertem und

wissenschaftlichem Naturschutz? Welche Faktoren

beeinfl ussen den Austausch zwischen Theorie und

Praxis und welche Instrumente und Strategien stehen

zur Verfügung? Diesen Fragen stellen sich in

Kurzvorträgen und Diskussion Prof. Dipl.-Ing. Klaus

Werk, Geisenheim, aus Sicht des professionellen

Naturschutzes, und OBR Helmut Schneider, Koblenz,

aus der Praxis der Eingriffsverwaltung, sowie Dr.

Nils M. Franke, leipzig, aus historischer, und Dr. Uwe

Pfenning, Stuttgart, aus soziologischer Perspektive.

Der Abschlussabend ist der Kontroverse um „Naturschutzkonzepte

im Wandel“ gewidmet – moderiert

von Dipl.-Ing. Hildegard Eissing, MUFV, diskutieren

Prof. Dr. Werner Konold, Forst- und Umweltwissenschaft,

Freiburg, und Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender

des BUND, Berlin, über „Notwendige Dynamik

oder Preisgabe genuiner Ziele?“

Tobias Marx © www.fotolia.de

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen,

an den genannten Veranstaltungen teilzunehmen.

Für das in der Regel kostenlose Programmangebot

des Studium generale gelten keine

Zulassungsbedingungen. Zahlreiche weitere öffentliche

Veranstaltungen und lehrveranstaltungen

universitärer und außeruniversitärer Institutionen

fi nden Sie im Programmheft des Studium generale

und ständig aktualisiert unter http://www.studgen.uni-mainz.de;

Informationen zur Johannes

Gutenberg-Stiftungsprofessur im Sommersemester

2009 ab Dezember unter http://www.stiftungjgsp.uni-mainz.de

n

[JOGU] 206/2008


Interview

Wissenschaft & Forschung

Yamsforschung

in Mainz

Nigerianische Wissenschaftlerin zu Gast Die Speicherwurzel

der yams-Pflanze (Dioscorea spp.) stellt ein Grundnahrungsmittel für

mehr als 100 Millionen Menschen in tropischen Regionen der Erde

dar. Hunderte Sorten von verschiedenen Dioscorea-Arten sind weltweit

in Kultur, vor allem in Westafrika und Ostasien. Mit molekulargenetischen

Methoden versucht eine nigerianische Gastwissenschaftlerin

nun, einige Sorten zu klassifizieren, auch um möglicherweise

besonders geeignete Varianten für den Anbau zu finden. Im Botanischen

Garten der Universität Mainz zeigt Dr. Mubo Adeola Sonibare

einige Exemplare ihres Forschungsobjekts und erzählt unter anderem,

wie es zu der Kooperation mit der Mainzer Biologie kam.

JOGU: Dr. Sonibare, das hier sind also verschiedene

Arten von yams, die Sie untersuchen?

Sonibare: Ja, im Prinzip richtig. Die Arten, die

Sie hier sehen, untersuche ich jedoch nur zu Vergleichszwecken.

Ich konzentriere mich auf Dioscorea

dumetorum, eine Art, die im Hinblick auf ihre

Kultursorten noch nicht genau untersucht wurde.

Insgesamt bearbeite ich 53 verschiedene Sorten

dieser Spezies.

JOGU: Und die stehen alle hier im Gewächshaus?

Sonibare: Nein, keineswegs. Mein Probenmaterial

habe ich aus Nigeria mitgebracht. In Ibadan, der

größten Stadt Nigerias, befindet sich das „International

Institute of Tropical Agriculture“ (IITA), mit

dem ich zusammen arbeite. Dort werden Samen von

yamssorten aus verschiedenen Regionen Afrikas

(Benin, Kongo, Gabun, Ghana, Nigeria und Togo)

archiviert. Ich habe mir von den Kollegen die Samen

besorgt, die Pflanzen aufgezogen und dann über

Kieselsäuregel (Silicagel) getrocknet. Dieses Material

habe ich mit hierher gebracht und untersuche es

nun unter Anleitung von Dr. Dirk Albach.

JOGU: Wie kam es denn zum Kontakt zwischen

Ihnen beiden?

Sonibare: Dr. Albach hat sehr viel publiziert, unter

anderem zu speziellen PCR-basierten genetischen

Markern, den so genannten „Amplified Fragment

[JOGU] 206/2008

length Polymorphisms“ (AFlP). Mit ihrer Hilfe

möchte ich versuchen, die verwandtschaftlichen

Beziehungen der yamssorten zu entschlüsseln.

Nachdem ich Dr. Albachs Publikationen gelesen

hatte, habe ich ihn per E-Mail kontaktiert und er

war sofort zu einer Kooperation bereit.

JOGU: Herr Dr. Albach, haben Sie selbst diese Methode

hier in Mainz entwickelt?

Albach: Nein, sie stammt von niederländischen

Forschern und ist bereits seit etwa zehn Jahren

etabliert. Ich habe sie in meiner Dissertation und

meiner Post Doc-Zeit an mehreren Arten des Ehrenpreis

(Veronica ssp.) angewendet und freue mich,

Frau Dr. Sonibare jetzt bei ihrer Arbeit unterstützen

zu können.

JOGU: Das heißt, das Institut für Spezielle Botanik

stellt den laborplatz und die Geräte?

Sonibare: Ja, richtig.

Albach: letztlich wird der Forschungsaufenthalt

von Frau Dr. Sonibare hier in Mainz aber erst durch

ein Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung

ermöglicht. Dieses Georg Forster-Programm

der Stiftung unterstützt speziell promovierte Wissenschaftler

aus Entwicklungsländern.

JOGU: Wie lange werden Sie denn in Mainz bleiben?

12

Foto: Frank Erdnüß

Dr. Mubo Adeola Sonibare und Dr. Dirk Albach mit einer yams-Pflanze.

Die windenden Stauden werden in den Tropen an langen Stangen kultiviert

und sehr viel größer. In unseren Breiten müssen sie im Winter vor

Frost geschützt werden.

Sonibare: Geplant ist noch etwa ein Jahr. Ich bin

am 2. März in Frankfurt angekommen. Dort habe

ich zuerst einen viermonatigen Sprachkurs gemacht.

Seit dem 1. Juli bin ich jetzt in Mainz und gerade zurück

von einer zweiwöchigen Deutschlandtour.

JOGU: Das heißt, Sie beginnen erst mit Ihrer Arbeit.

Sonibare: Ja.

JOGU: Warum haben Sie sich denn gerade yams als

Forschungsobjekt ausgesucht? Ich habe gelesen,

dass Sie zuvor sehr viel über Feigenbäume (Ficus

spp.) geforscht und auch ethnobotanisch gearbeitet

haben. Eine Ihrer Publikationen behandelt zum

Beispiel Pflanzen, die in Nigeria gegen Asthma eingesetzt

werden.

Sonibare: Das stimmt, die Anwendung von Pflanzen

zur Heilung von Krankheiten hat bei uns eine

sehr lange Tradition. Es kommen aber fast nie

einzelne Pflanzen zum Einsatz, sondern Mixturen.

Auch Dioscorea-Arten sind aufgrund ihres Alkaloid-

Gehaltes Bestandteil vieler Rezepte. Mittlerweile

werden Wurzel und Rinde bestimmter Arten sogar

von der pharmazeutischen Industrie genutzt, um

bestimmte Steroidhormone (z.B. Kortison und Progesteron)

zu synthetisieren. Aber in erster linie ist

yams immer noch eine sehr wichtige Nahrungspflanze,

deren Knollen bis zu 20 Kilogramm schwer

werden können und ein Kohlehydratlieferant erster

Güte sind.


JOGU: Aber sind die medizinisch wirksamen Inhaltsstoffe denn

nicht giftig?

Sonibare: Doch, in größeren Mengen schon; deshalb sollte

yams auch nicht roh verzehrt werden.

JOGU: Wie bereitet man ihn denn traditionell zu?

Sonibare: Eigentlich so, wie in Deutschland die Kartoffel; man

schält und kocht ihn einfach.

JOGU: Ich weiß, dass man yams auch hier in Mainz kaufen

kann. Haben Sie das schon ausprobiert?

Sonibare: Ja, mein Mann brachte kürzlich einige Knollen mit.

Sie schmeckten ganz gut, sind aber einfach viel zu teuer.

JOGU: Ihr Mann? Sind Sie verheiratet und haben Sie Kinder?

Sonibare: Ja, mein Mann und unsere drei Kinder sind ebenfalls

hier. Meine ältesten beiden gehen auch in Mainz zur Grundschule.

Der Jüngste wird in den nächsten Tagen vier. Mein Mann

arbeitet genau wie ich an der Universität Ibadan, allerdings im

Bereich Geochemie. Gerade ist er dabei, einige Publikationen

fertigzustellen. Anschließend wird er am geowissenschaftlichen

Institut der Uni Mainz seine Forschungsarbeit weiterführen.

JOGU: Sie leben und arbeiten also normalerweise in Ibadan?

Sonibare: Ich unterrichte Studenten seit 1996, allerdings zuerst

an der Ogun State University und seit 2006 am Fachbereich

Pharmazie der Universität Ibadan, der größten und ältesten (gegründet

1948) Hochschule im land.

JOGU: Das ist ungewöhnlich. Wie ich gelesen habe, wurden Sie

erst 2003 promoviert. In Deutschland ist selbständige lehre erst

mit der Erlangung des Doktorgrades erlaubt.

Sonibare: Das ist bei uns ähnlich. Zwischen 1996 und 2003

war ich so genannter „Assistant lecturer“, das heißt, ich habe

unter Aufsicht unterrichtet.

JOGU: Und was planen Sie nach Ihrer Rückkehr nächstes Jahr?

Sonibare: Ich werde in meinen alten Job zurückkehren und natürlich

die Ergebnisse aus Mainz publizieren. Außerdem werde

ich die Zusammenarbeit mit den Kollegen vom IITA fortsetzen.

Das IITA wiederum kooperiert mit lokalen landwirten, die langfristig

hoffentlich auch von meinen Ergebnissen profitieren.

JOGU: Dann erst einmal viel Erfolg für Ihre Arbeit hier und herzlichen

Dank Ihnen beiden für das Interview.

Das Gespräch führte Frank ERDNüSS n

JOGU_90x258_13.11.2008:R+V 20.10.2008 10:28 Uhr Seite 1

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Wissenschaft & Forschung

Vom Pferd gefallen

Unfallverletzungen bei Kindern An der Mainzer Uniklinik

arbeiten Unfall- und Kinderchirurgen eng zusammen. Dass dieses

Konzept erfolgreich ist, bewies unter anderem der große Erfolg

der Mainzer Tagung über „Anspruchsvolle Verletzungen im

Kindesalter“ der Sektion Kindertraumatologie in der Deutschen

Gesellschaft für Unfallchirurgie.

Die zehnjährige Alexandra möchte mit dem Besuch

besser sprechen können, und so stopft ihr die Mama

ein Kissen in den Rücken. „...und dann hat sich das

Pferd erschrocken und ist vorne hochgegangen, und

da konnte ich mich nicht mehr halten“, erzählt das

Mädchen. Bei dem Versuch, sich linkerhand abzustützen,

verdrehte sich der Ellbogen; der Unterarm

brach an gleich zwei Stellen, ein Knochen durchstieß

die Haut. In der Nacht Erbrechen, aufgrund einer

Bauchprellung. Am späten Abend noch war das

Mädchen operiert worden, in spätestens drei Tagen

kann die kleine Patientin entlassen werden. „Die

Gefahr, dass eine Entzündung auftritt, ist aufgrund

der schnellen Versorgung der Wunde gering. Sicherheitshalber

bleibt diese Patientin etwas länger, als

es bei einem geschlossenen Bruch der Fall gewesen

wäre“, erläutert Prof. Pol Maria Rommens, Direktor

der Mainzer Uni-Klinik für Unfallchirurgie.

Die Verweildauer der Kinder im Krankenhaus

ist zurückgegangen. Denn die operative

Behandlung kindlicher Knochenbrüche

geschieht heute deutlich häufiger als

noch vor wenigen Jahren – veränderte

Behandlungsmethoden tragen den

kindlichen Spezifika Rechnung. Verletzungen

im Kindesalter treffen den

wachsenden Organismus. „Früher“,

erläutert Rommens, „verzichtete man

zumeist auf eine Operation, das hätte

zu stark belastend gewirkt. Man

beschränkte sich auf das Eingipsen

der betroffenen Gliedmaßen.

Allerdings war dieses risikoarme

Procedere von Schmerzen begleitet,

und die Heilung konnte

Wochen dauern.“ Dieser konservative

OP-Verzicht wurde

inzwischen von der seit den

[JOGU] 206/2008

achtziger Jahren in Frankreich entwickelten Methode

der elastisch-stabilen intramedullären Nagelung,

dem so genannten ESIN-Verfahren, abgelöst. „Der

Vorteil besteht darin, dass die verletzte Stelle und

mit ihr eventuell dort vorhandene Wachstumsfugen

unangetastet bleiben. In einer gewissen Entfernung

zum Bruch werden zwei dünne Titanfäden eingeführt.

Diese schienen den Knochen von innen – und

sichern so den Heilungsprozess“, erläutert Rommens.

Alexandra wird also schnell genesen. Schon am Tag

nach dem Unfall bereitet ihr weniger der verletzte

Arm Probleme als die Frage, ob sie sich wieder in die

Reitstunde traut. lässt sich die Angst bewältigen?

Jedenfalls hat sie heute Nachmittag schon „einen

Zeichentrickfilm mit Pferden“, so das Mädchen,

angeguckt. Die Atmosphäre im Krankenzimmer

14

ist entspannt. Wie schnell die Diagnose stand und

wie schnell operiert werden konnte, hat Alexandras

Mutter beeindruckt und beruhigt. Rundum hervorragend

betreut sei ihre Tochter, und ja, man habe sich

perfekt gekümmert, habe selbstverständlich auch

auf die Bauchschmerzen reagiert, durch Ultraschall

habe man innere Verletzungen sofort ausschließen

können.

„In einer gewissen Entfernung

zum Bruch werden zwei dünne

Titanfäden eingeführt. Diese

schienen den Knochen von

innen – und sichern so den

Heilungsprozess.“

Seit 2003 arbeiten die Mainzer Unfall- und Kinderchirurgen

im gemeinsamen Bereich „Kindertraumatologie“

eng zusammen. Diese Interdisziplinarität

geht auf das jahrzehntelange Engagement

des Unfall-Chefs für eine koordinierte Versorgung

von Trauma-Betroffenen zurück. „Ein schlecht versorgter

Patient kann ein Organversagen entwickeln,

das mit der primären Verletzung nichts zu tun hat.

Deswegen benötigt ein Unfallpatient einen Versorgungskoordinator,

also den Unfallchirurgen“, lautet

kurz und bündig Rommens’ Kommentar.

Was so selbstverständlich klingt, war nicht immer

medizinische Praxis. Vor 15 Jahren beteiligte sich

der gebürtige Flame an der Gründung der „Bel-

Veränderte Behandlungsmethoden:

Titanfäden sichern den Heilungsprozess

luxpainter © www.fotolia.de


gischen Gesellschaft für Unfallchirurgie“, zu deren

erstem Präsidenten der Spezialist ernannt wurde.

„In Belgien ist es uns gelungen, die Probleme der

Traumatologie ins medizinische Bewusstsein zu rücken,

wir konnten die Gesamtversorgung der Verletzten

in den Bereichen Therapie und Prävention

optimieren“, so Rommens, der auch am Aufbau der

Traumastation am löwener Uni-Klinikum beteiligt

war. Für sein organisatorisches und publizistisches

Engagement unter anderem als Mitherausgeber des

ersten lehrbuches für Traumatologie in niederländischer

Sprache und für seine leistungen auf dem

Spezialgebiet der Becken- und Hüftpfannenchirurgie

sowie der Versorgung der langen Bein- und

Armknochen wurde dem Direktor der Mainzer Klinik

für Unfallchirurgie 2005 die Ehrendoktorwürde

der griechischen Universität Patras verliehen.

Ein schlecht versorgter Patient

kann ein Organversagen entwickeln,

das mit der primären

Verletzung nichts zu tun hat.

Während die Urkunde im Wechselrahmen eine kontinuierliche

Herausforderung an alle darstellt, die

sich jemals mit dem griechischen Alphabet befasst

haben, kümmert sich Rommens weiter um die praktischen

Anforderungen des Klinikalltags – unter anderem

um die Vereinheitlichung der Behandlungswege.

In diesem Jahr kam die dritte Fassung des

sogenannten Vademecums heraus: eines über 300

Seiten umfassenden leitfadens für die Ärzte der

Mainzer Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie, der

alle im Hause üblichen Behandlungsmethoden verbindlich

dokumentiert. Ein Sonderkapitel nimmt die

Kindertraumatologie ein. Es fi nden sich in diesem

Abschnitt unter anderem genaue Hinweise zu den

Versorgungsprinzipien des kindlichen Polytraumas

bei der Ankunft in der Klinik.

Zu den Neuerungen, die Rommens in Mainz einführte,

zählt die Vereinheitlichung des sogenannten

Schockraumablaufes. Jeder Unfall-Patient wird unmittelbar

bei Einlieferung nach denselben Kriterien

durchgecheckt. Unterschiede werden nur zwischen

Erwachsenen und Kindern gemacht. Während die

Verletzungsschwere der Erwachsenen durch eine

wenige Minuten dauernde CT (Computertomographie)

des Kopf- bis Beckenbereiches festgestellt

wird, erspart man Kindern die entwicklungsschädliche

Strahlendosis, stattdessen kommen traditionelle

Röntgenverfahren und Sonografi e (Ultraschall) zum

Einsatz.

Dass Alexandras Mutter sich positiv und erleichtert

über das große „Empfangskomitee“ wundern

konnte, liegt auch daran, dass das klar strukturierte

Team aus Unfallchirurg, Radiologe und Anästhesist

wie stets durch einen Kinderchirurgen ergänzt war.

Optimierung ist das Stichwort, das Rommens und

sein Team antreibt: Optimierung der Zusammenarbeit

der Kliniken, etwa der Unfallchirurgie und der

Kinderchirurgie unter leitung von Prof. Felix Schier

– Förderung der Interdisziplinarität, welche letztlich

die Therapie koordinierend optimiert.

Optimierung ist das Stichwort,

das Rommens und sein Team

antreibt.

Wichtige Denkanstöße lieferte in diesem Kontext

auch die 27. Jahrestagung der „Sektion Kindertraumatologie

in der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie“,

die am sechsten und siebten Juni 2008

in Mainz statt fand. Die publizierten Gastvorträge

internationaler Spezialisten befassten sich mit Fragestellungen

der ESIN-Methode, der Kniescheibenluxation,

der pathologischen Fraktur im Falle gutartiger

Knochentumore und der die Wachstumsfuge

betreffenden gelenknahen Fraktur. Damit Alexandra

ihren Sturz vom Pferd – (ihr Armbruch war eine von

350 jährlich in Mainz operierten kindlichen Verletzungen)

– schnell vergessen kann.

Ulrike BRANDENBURG n

15

Wissenschaft & Forschung

Programm der 27. Jahrestagung der

„Sektion Kindertraumatologie in der

Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie“

[JOGU] 206/2008


Wissenschaft & Forschung

Wo das Herz schlägt

Weltweit größte Studie an der Uniklink Mit bis zu 17.000 Patienten an einer

Klinik ist die Gutenberg-Herz-Studie die weltweit größte Untersuchung dieser Art.

Erdacht hat sie ein Mainzer Kardiologe, der jetzt, 18 Monate nach dem Startschuss,

bereits den 5.000sten Probanden begrüßen konnte. Sein Chef gründete parallel die

„Stiftung Mainzer Herz“, die neben der einschlägigen Forschung auch Schwesternprojekte

an der Mainzer Uniklinik fördern möchte. Im Gespräch mit JOGU erklären

die beiden Mediziner Einzelheiten ihrer Projekte.

Schon als Student überlegte Prof. Stefan Blankenberg,

welche nützlichen Informationen man wohl

durch Blutanalysen erhalten könnte. Damals nahm

er Blut ab, als wissenschaftliche Hilfskraft im Herzkatheter-labor

der Uniklinik Mainz. Nach Abschluss

seines Medizinstudiums arbeitete er zwei Jahre in

einem molekulargenetischen labor in Paris. Dort

verfestigte sich seine Idee, aus den Blutzellen nicht

nur die eigentliche Erbinformation, die als Doppelstrang

vorliegende DNA (Desoxyribonukleinsäure),

zu isolieren, sondern auch die einsträngige RNA (Ribonukleinsäure).

Das war bislang nicht in großem

Umfang gelungen. Die RNA hat in den Zellen die

wichtige Aufgabe, die vorliegende Erbinformation

in Eiweiße (Proteine) umzusetzen. Mit der Bestimmung

der RNA erhält man also konkrete Hinweise

dazu, wofür einzelne Gene (DNA-Moleküle) im Körper

verantwortlich sind, welche Prozesse sie steuern.

Die Krux dabei ist, dass sich die RNA nach der

Blutentnahme weiter verändert. Aussagekräftige Ergebnisse

erzielt man also nur dann, wenn die Analyse

der Blutzellen schnell passiert. Und noch etwas

anderes fi el Blankenberg in Paris auf: Alle Analysen

im labor erfolgten mit Blut von kranken Patienten.

Für eine vernünftige Abschätzung des Risikos, an

einer koronaren Herzkrankheit (KHK) zu erkranken,

ist aber die Untersuchung einer gesunden Kohorte

Alle Proben der GHS werden bei minus

80 °C bis zu 60 Jahre lang aufbewahrt,

natürlich unter strenger Berücksichtigung

des Datenschutzes. Hier einer der Gefrierschränke

im Zwischenlager der

Uniklinik. Jede Schub-lade fasst bis zu

500 Röhrchen, zum Beispiel mit RNA,

Tränenfl üssigkeit, Zahnbelag, DNA,

Erythrozyten und Urin.

[JOGU] 206/2008

mit allen Altersgruppen unerlässlich, am besten mit

Hilfe periodisch wiederkehrender Untersuchungen

alle vier bis fünf Jahre.

„Weltweit gibt es keine andere

monozentrische Studie, die einen

derart großen Umfang hat

und pro Proband rund 9.000

Parameter erhebt.“

Zurück in Mainz reifte seine Idee weiter, auch inspiriert

von der wichtigsten epidemiologischen Studie

in den USA, der Framingham-Heart-Study (läuft seit

1948). Im Jahr 2005 fanden dann die ersten Geldverhandlungen

statt und zwei Jahre später stand die

Finanzierung zur Durchführung dieser einzigartigen

Studie: Mit einem Pool aus öffentlichen und industriellen

Geldern im Rücken konnte schließlich im April

2007 der erste Teilnehmer derGutenberg-Herz-

Studie“ (GHS) begrüßt werden. Gemäß dem Ziel

der Studie, eine zukünftig bessere Risikoabschätzung

für Herz-Kreislauferkrankungen vornehmen zu

können, erfolgte die internationale Namensgebung:

„PREVENT-it“. Mit mehr als 300.000 Todesfällen

pro Jahr in Deutschland führt dieses Krankheitsbild

die Statistik an. Beide sind multifaktoriell bedingt

und gerade deshalb auch so schwer vorherzusagen.

16

Foto: Frank Erdnüß

Prof. Dr. med. Stefan Blankenberg,

Initiator der Gutenberg-Herz-Studie

Die Ergebnisse der GHS sollen dazu beitragen, Risikokonstellationen

beim Einzelnen frühzeitig zu

erkennen, damit dann vorbeugende Maßnahmen

ergriffen werden können. „Weltweit gibt es keine

andere monozentrische Studie, die einen derart

großen Umfang hat und pro Proband rund 9.000

Parameter erhebt“, erläutert der 39-jährige Initiator

Blankenberg und fügt hinzu: „Wir arbeiten dabei

stark interdisziplinär, zum Beispiel zusammen mit

Prof. Dr. Norbert Pfeiffer von der Augenklinik, Prof.

Dr. Karl lackner vom Zentrallabor und Prof. Dr. Maria

Blettner vom IMBEI (Institut für Medizinische

Biometrie, Epidemiologie und Informatik).“

„Der Augenhintergrund ist

für uns besonders interessant,

weil es die einzige Stelle im

menschlichen Körper ist,

wo man direkt auf die Blutgefäße

schauen kann.“

Die Auswahl der Teilnehmer erfolgt streng nach

dem Zufallsprinzip, eine freiwillige Teilnahme aus

Eigeninteresse ist nicht möglich. Das würde die

statistische Auswertung erschweren, denn es sollen

sowohl land- und Stadtbevölkerung als auch

die Geschlechter gleich vertreten sein. So werden

aus dem Melderegister der Kreise Mainz-Stadt und

Mainz-Bingen insgesamt 35.000 Frauen und Männer

im Alter zwischen 35 und 74 Jahren angeschrieben.

Bei positiver Rückmeldung (bislang rund 70%)

erhält jeder Proband ausführliche Informationen,

unterschreibt die Einverständniserklärung und bekommt

dann einen Termin im Studienzentrum. Die

verschiedenen Untersuchungen reichen vom Blutdruck

messen über ein 50-minütiges Computerassistiertes

persönliches Interview bis hin zu einer

Analyse des Augenhintergrundes. „Der Augenhintergrund

ist für uns besonders interessant, weil es

die einzige Stelle im menschlichen Körper ist, wo

man direkt auf die Blutgefäße schauen kann“, er-

Foto: Peter Pulkowski


klärt dazu Dr. Philipp Wild, der Studienmanager. Er

wird von mehreren Kollegen, Studienassistentinnen

sowie laboranten unterstützt. Hier im Gebäude

406 erfolgen auch die RNA-Analysen, wie gesagt

unmittelbar nach der Blutentnahme. Insgesamt ist

jeder Teilnehmer fünf Stunden beschäftigt, wobei

so gut wie keine Wartezeiten auftreten. „Das läuft

bei uns wie im Zirkeltraining“, erzählt Blankenberg:

„Der erste Proband kommt um 7 Uhr morgens, erhält

einen Barcode und durchläuft dann die sieben

Untersuchungs-Stationen bis 12.10 Uhr; der letzte

Teilnehmer verlässt jeden Tag um 20.10 Uhr die

Klinik.“ Für diesen reibungslosen Ablauf sorgen

insgesamt 60 Mitarbeiter. Personal- und Materialkosten

belaufen sich auf jährlich rund eine Million

Euro, die genetischen Untersuchungen und weitere

spezielle Tests noch nicht inbegriffen. Auf die Frage

nach dem Zeitplan der GHS räumt Blankenberg

ein, dass hier auch die fi nanzielle Ausstattung eine

Rolle spielte: „Wir haben uns auf ein Computer-assistiertes

Telefoninterview nach 2,5 Jahren und eine

Wiederholungsuntersuchung jedes Probanden nach

4,5 Jahren geeinigt. Das ist aber auch medizinisch

sinnvoll, denn nach dieser Zeit sehen wir gemeinhin

die ersten Veränderungen an Gefäßen und im Echokardiogramm.“

Ein Ende der Studie ist nicht geplant.

Zurzeit läuft die Auswertung der ersten 5000

Teilnehmer. „Gerade bei den genetischen Analysen

zeichnen sich sehr interessante Hinweise ab, was

zum Beispiel die Verbindung von Genexpression

und bestimmten Phänotypen betrifft“, freut sich

Blankenberg. Wir dürfen also auf seine Publikationen

gespannt sein.

Ergebnisse anderer Studien

zeigen, dass erhöhter Lärm

den Blutdruck ungünstig

beeinflusst, und zwar

unabhängig davon, ob der

Lärm als störend empfunden

wird oder nicht.

Auch Prof. Dr. Thomas Münzel, Direktor der II. Medizinischen

Klinik und Poliklinik der Universität Mainz

und Mitglied der Studienleitung der GHS, zeigt sich

von Blankenbergs Initiative begeistert. „Wir verzeichnen

deutlich steigende Patientenzahlen und

müssen die Prävention verbessern; nach 4.500 Patienten

in 2004 waren es letztes Jahr schon 7.000“,

sagt Münzel und ergänzt: „Diese Entwicklung gab

auch den Anstoß für den Aufbau der Brustschmerzambulanz,

kurz CPU (Chest Pain Unit), der Uniklinik,

die seit 2008 den Patienten Tag und Nacht zur

Verfügung steht. Und sie war der Hauptgrund für

die Gründung der Stiftung Mainzer Herz im ver-

gangenen Dezember.“ Die Stiftung soll ausschließlich

der II. Medizinischen Klinik zu Gute kommen,

dort aber ganz verschiedene Bereiche unterstützen.

Zum einen soll die Ausbildung von Studierenden der

Medizin gefördert werden, zum Beispiel durch die

Vergabe eines Auslandsstipendiums für ein Jahr an

der Emory University in Atlanta, mit der seitens der

II. Medizinischen Klinik eine enge Kooperation besteht.

Außerdem werden tierexperimentelle Studien

unterstützt. Sie stellen laut Münzel generell ein essentielles

Werkzeug bei der Erforschung von Krankheiten

dar und sollen in diesem Fall auch Ergebnisse

der GHS nutzen. „Wenn dort beispielsweise neue

genetische Varianten als Risikofaktoren für KHK

entdeckt werden, kann dies entsprechend tierexperimentell

nachverfolgt und damit der translationelle

Aspekt umgesetzt werden“, erklärt der Mediziner.

Weiterhin soll die klinische Forschung von den Stiftungsgeldern

profi tieren. Münzels Spezialgebiet ist

hier die Endothel-Funktion. Als Endothel bezeichnet

man die Zellen der innersten Wandschicht von

Blutgefäßen, sozusagen die Innenhaut der Gefäße.

Sie kann mit speziellen Ultraschallgeräten am Arm

untersucht werden. Das Ergebnis einer solchen Untersuchung

stellt laut Münzel einen Schlüsselindikator

für das Herzinfarktrisiko dar. Eine Studie zum

Einfl uss von Fluglärm auf die Endothel-Funktion ist

geplant. Ergebnisse anderer Studien zeigen, dass

erhöhter lärm den Blutdruck ungünstig beeinfl usst,

und zwar unabhängig davon, ob der lärm als störend

empfunden wird oder nicht. Jetzt soll entsprechend

noch der Einfl uss auf die Herzfrequenz getestet

werden. Schließlich will die Stiftung Projekte

unterstützen, die im Bereich der Pfl ege zum Beispiel

die logistik verbessern – ein ebenfalls sehr wichtiger

Bereich im Hinblick auf eine optimale Patientenversorgung.

All das mit zurzeit 200.000 Euro Stiftungsvermögen?

„Wir stehen ja erst am Anfang“, sagt Mün-

17

Wissenschaft & Forschung

übergabe der Stiftungsurkunde durch den Präsidenten

der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier, Dr. Josef-

Peter Mertens (Zweiter von links) an die Verantwortlichen

(von links nach rechts): Peter E. Geipel, Prof. Dr. med.

Thomas Münzel sowie die Vertreter der Wirtschaft,

Wolfgang Hempler (Managing Direktor der Deutschen

Bank AG in Mainz) und Otto Boehringer.

zel, „gerade bauen wir einen Freundeskreis auf,

der zahlende Mitglieder (100 Euro pro Jahr) haben

wird, und natürlich gehen wir auch von weiteren

Spenden aus.“ Hier hofft man, dass sich andere Industrielle

und Unternehmen anstecken lassen, zum

Beispiel von Otto Boehringer, der 100.000 Euro

spendete oder von der Mainzer Volksbank (10.000

Euro). Für Mitglieder im Freundeskreis sollen dann

pro Jahr zwei Informationsveranstaltungen stattfi

nden, bei denen Prof. Münzel Rede und Antwort

steht. Außerdem sind ein Newsletter sowie die Vergabe

eines Stiftung Mainzer Herz-Preises geplant.

letzteres hatte bereits Dieter Haupt angeregt, auf

den auch der Name der Stiftung zurückgeht. Der

bekannte Wiesbadener Messebauer und Organisator

hatte geholfen, die Stiftung ins leben zu rufen;

Ende August 2008 ist er verstorben.

Frank ERDNüSS n

Information: Wer sich für die Stiftung interessiert

und/oder Mitglied im Freundeskreis werden

will, kann sich telefonisch an das Büro von Prof.

Münzel wenden (06131-17-5737) oder auch im

Internet informieren (http://www.klinik.uni-mainz.

de/2-med/startseite/stiftung-mainzer-herz.html).

Spenden werden erbeten auf folgende Konten:

Deutsche Bank Mainz,

Kto. 110999, BlZ 55070040 oder

Mainzer Volksbank eG,

Kto. 6161061, BlZ 55190000

[JOGU] 206/2008

Foto: Peter Pulkowski


Wissenschaft & Forschung

Analysen am Fließband

Neue vollautomatische Laborstraße

in Betrieb genommen Was

passiert eigentlich mit den Tausenden

von Blut- und Urinproben, die täglich

am Universitätsklinikum in Mainz den

Patienten entnommen werden? Wie

werden sie analysiert und können

dabei Verwechslungen und Fehler ausgeschlossen

werden? Das fragen sich

heute viele Patienten, vor allem wenn

die Ergebnisse schon nach sehr kurzer

Zeit vorliegen.

Zeit ist Geld, das gilt auch im Zentrallabor der Universitätsklinik.

Mehr als fünf Millionen Analysen von

62.000 stationären und einigen Tausend ambulanten

Patienten werden hier pro Jahr durchgeführt.

Die meisten Ergebnisse sind nach etwa 90 Minuten

ermittelt und stehen den Ärzten zur Verfügung. Ermöglicht

werden diese kurzen Bearbeitungszeiten

durch eine neue vollautomatische laborstraße, die

[JOGU] 206/2008

An der Zentrifuge: links stehen Proben, die noch auf den Schleudergang warten, rechts erkennt man Röhrchen,

deren Inhalt bereits durch zentrifugieren in das zellfreie Blutserum (gelblicher überstand) sowie die roten und weißen

Blutkörperchen aufgeteilt wurde.

nach etwa sechsmonatiger Aufbauzeit im Oktober

2007 ihren Betrieb aufnahm. Sie hat eine Gesamtlänge

von 18 Metern und eine gewisse Ähnlichkeit

mit modernen Abfüllanlagen von Getränkeherstellern.

Rund 3,7 Millionen Untersuchungen übernimmt

die Anlage im Jahr. Wie Prof. Dr. Karl lackner,

Direktor des Instituts für Klinische Chemie und

laboratoriumsmedizin, erklärt, ist diese Art Spitzentechnologie

in deutschen laboratorien bislang

einzigartig, weltweit existieren zehn weitere solcher

Geräte. Nach gewissen Anlaufschwierigkeiten – so

dauerte die optimale Einstellung der EDV allein drei

Monate – freut sich lackner nun über die vielen

Vorteile: „Wir sind heute in der lage, jeden an der

laborstraße verfügbaren Parameter innerhalb von

24 Stunden zu bestimmen. Früher gab es aufgrund

eines sehr viel früheren Annahmeschlusses dagegen

viele Proben, die erst am nächsten Tag bearbeitet

wurden.“ Damit haben sich also die Bearbeitungszeiten

deutlich verringert, was bei Notfällen wie

etwa Herzinfarktpatienten leben retten kann.

Darüber hinaus weist lackner auf die verbesserte

Standardisierung und damit präzisere Probenbearbeitung

sowie auf die Entlastung des Personals

von immer wiederkehrenden Routineaufgaben

18

hin. lediglich vier bis fünf Medizinisch-Technische

Assistentinnen (MTA) – im Gegensatz zu zehn Mitarbeiterinnen

vorher – sind nötig, um den Betrieb

der Anlage aufrecht zu erhalten. Das eingesparte

Personal wurde nicht entlassen, sondern wird jetzt

in anderen Gebieten eingesetzt, zum Beispiel in

der sehr arbeitsintensiven molekulargenetischen

Diagnostik. Etwa 5.000 Proben müssen in diesem

Bereich jährlich analysiert werden, nach wie vor von

Hand. Ebenso erfolgen die Erstellung des Blutbilds

sowie die Bestimmung der Blutgerinnungsfaktoren

nicht mit Hilfe der neuen Fließbandanlage. Proben

für Blutbilder dürfen nicht zentrifugiert werden und

Gerinnungsröhrchen laufen nicht über die Straße,

weil sonst Engstellen im Fluss auftreten können.

„Wir sind heute in der Lage,

jeden an der Laborstraße

verfügbaren Parameter innerhalb

von 24 Stunden zu

bestimmen.“

Die Zentrifuge, sie bildet den Anfang der laborstraße,

gleich nachdem die Proben von einer MTA

in die Halter eingestellt wurden und der Barcode

Fotos: Frank Erdnüß


abgelesen ist. Ab diesem Zeitpunkt bilden Röhrchen

und Halter eine Einheit und dürfen nicht mehr getrennt

werden. über Radiofrequenzen werden die

Halter gesteuert und die Proben so entlang der

laborstraße geleitet. So wird das wiederholte und

vergleichsweise aufwendige Auslesen der Barcodes

vermieden. Die Barcodes werden bereits auf den

Stationen gedruckt und beinhalten die Information,

welche Untersuchungen überhaupt gemacht

werden sollen. Ein Rohrpost-System wird in Zukunft

dann alle Stationen des Klinikums mit dem Zentrallabor

verbinden, so dass die Röhrchen mit dem Blut

oder Urin innerhalb von Minuten vom Krankenbett

ins labor kommen. Momentan erledigen das noch

Boten. „Wir erhalten zurzeit ungefähr 3.000 Proben

pro Tag, darunter auch fünf Prozent von niedergelassenen

Ärzten und anderen Krankenhäusern in

Mainz“, erzählt lackner und sein leitender Oberarzt,

Dr. Johannes lotz ergänzt: „Wir stehen sieben Tage

die Woche rund um die Uhr und so auch für Notfälle

in der Nacht zur Verfügung. Zusammen mit der

Nuklearmedizin und der Pathologie des Klinikums

bauen wir gerade ein Medizinisches Versorgungszentrum

(MVZ) auf, dass solchen externen Anfragen

noch besser gerecht werden wird.“ Vor allem die

Erstellung von Blutbildern kann dann auch mitten

in der Nacht beziehungsweise am Wochenende

erfolgen, um dem ärztlichen Notdienst schnell die

notwendigen Informationen zu liefern.

Doch zurück zu den Röhrchen: Nach dem Zentrifugieren

gelangen diese zum so genannten „Decapper“.

Er entfernt die Schraubdeckel, eine der

lästigsten Routineaufgaben. Danach beginnt die

eigentliche Analyse der Proben in den jeweils gewünschten

Analysegeräten. Jedes der sieben Gerä-

Proben am „Decapper“: Praktischerweise müssen solche Routinearbeiten

heute nicht mehr vom Personal übernommen werden.

te kann dabei auch separat ohne das Förderband

benutzt werden, ein wichtiger Aspekt zum Beispiel

bei Wartungsarbeiten. Vollautomatisch wird dort

mit Pipetten etwas vom gelblichen Blutserum entnommen,

mit entsprechenden Reagenzien gemischt

und analysiert. Im Serum befi nden sich außer den

Gerinnungsfaktoren alle natürlicherweise im Blut

gelösten Stoffe. Am Ende der Reise erhalten die

Röhrchen wieder einen Deckel und verschwinden in

einem riesigen Kühlschrank. Er bietet 15.000 Proben

Platz, so dass jede Probe etwa fünf Tage aufbewahrt

werden kann, zum Beispiel für eventuelle Nachuntersuchungen.

„längere Aufbewahrung ist ohnehin

kaum sinnvoll, denn für die meisten diagnostischen

Tests benötigen wir frische Proben“, erläutert

lackner.

19

Wissenschaft & Forschung

Ganz ohne den Menschen geht es nicht: laborantin

bei der technischen Freigabe der Analyseergebnisse.

„Längere Aufbewahrung

ist ohnehin kaum sinnvoll,

denn für die meisten diagnostischen

Tests benötigen wir

frische Proben.“

Insgesamt können mit der 1,1 Millionen Euro teuren

Anlage 144 verschiedene Parameter in Körperfl üssigkeiten

bestimmt werden, darunter auch Nachweise

von Antikörpern wie etwa beim HIV-Test.

überwiegend werden jedoch Elektrolyte wie Natrium

und Kalium, Cholesterin, Nieren- und leberwerte,

Hormone, Tumormarker wie etwa der PSA-Wert

zur Prostatakrebsvorsorge sowie Entzündungsparameter

bestimmt. Eine solche leistung hat ihren

Preis; auf etwa 700.000 Euro beziffern lackner und

lotz die jährlichen Reagenz- und Materialkosten,

was jedoch einer deutlichen Einsparung gegenüber

früher entspricht. Die Testergebnisse werden direkt

im laborinformationssystem gespeichert und vom

Computer dem jeweiligen Patienten zugeordnet.

Bevor die Werte jedoch für die anfordernde Stelle

freigegeben werden, erfolgt eine Plausibilitätsprüfung

durch MTA’s und laborärzte, unter anderem

durch einen Abgleich mit manuell analysierten

Kontrollproben. Dabei fallen regelmäßig fehlerhafte

Analyseergebnisse auf. Wie kann es dazu kommen?

Irrt etwa der Computer? „Keineswegs“, sagt

lackner, „die häufi gste Ursache für falsche laborergebnisse

ist eine Verwechslung der Proben, das

heißt also menschliches Versagen.“ Die laborstraße

arbeitet also bislang fehlerfrei und wird vermutlich

bald auch in weiteren deutschen Kliniken eingesetzt

werden. Frank ERDNüSS n

[JOGU] 206/2008


Wissenschaft & Forschung

Fotos: Peter Thomas

Das Lachen des Mythos

Kafka’s Liebe zur literarischen Komik Kafka hatte Sinn für Humor, im

leben wie im Werk. Dieser im öffentlichen Bewusstsein oft ausgeblendeten Facette

seiner Biografi e ging eine Tagung zum 125. Geburtstag des Schriftstellers

an der Johannes Gutenberg-Universität auf den Grund.

Da sitzt Franz Kafka nun also in der Schreibschule,

müht sich ab am Kursus „Creative Writing“ und bekommt

einfach nicht jenen „Knallersatz“ hin, den

der Dozent von ihm einfordert. Hanns Josef Ortheil

lässt in seinem Text „Warum ich mit Franz Kafka so

meine Schwierigkeiten habe...“ den Autor als literarische

Figur durch eine ganze Reihe solcher Szenen

stolpern. Die feine, kleine Satire kommt als Drahtseilakt

zwischen skurriler Komik, tiefer Zuneigung

zum dem Schriftsteller und seinem Werk sowie einer

kleinen Prise literaturgeschichtlicher Majestätsbeleidigung

daher.

Den melancholischen Mythos Kafka holte der

Hildesheimer Professor für Kreatives Schreiben und

Kulturjournalismus mit diesem Text während der Tagung

„Franz Kafka – Ein Klassiker?“ an der Universität

Mainz von seinem Podest. Ortheil rückte Kafka

Dem Klassiker auf der Spur: über Franz Kafka

diskutierten (von links): Werner Frick, Martin lüdke,

Manfred Engel, Sandra Poppe und Ritchie Robertson.

so in menschliche Augenhöhe – wo dieser auch hingehört.

Denn der Autor, der vor 125 Jahren in Prag

geboren wurde, ist keineswegs jener dunkle, überhöhte

Schmerzensmann der literatur, als welcher er

im kollektiven Bewusstsein verankert scheint. Das

zeigte die Tagung, die Junior-Professorin Dr. Sandra

Poppe vom Institut für Allgemeine und Verglei-

[JOGU] 206/2008

chende literaturwissenschaft gemeinsam mit Prof.

Dr. Dieter lamping am 3. Juli, dem Geburtstag des

Autors ausrichtete. Rund 80 Gäste kamen zu der

Veranstaltung in der Alten Mensa.

An der „legende vom Heiligen Franz“ – verbreitet

von Max Brod – rüttelte auch Dr. Fabian lampart,

der in Vertretung von Professor Dr. Dieter lamping

in die Tagung einführte. Stattdessen sollten wir

Kafka heute vor allem als jenen eigensinnigen, listigen,

faszinierenden Erzähler sehen, der aus den

Geschichten zu uns spricht.

Auch Ortheil zeigte in seiner Vision diese Facette

des Franz Kafka: Da sitzt er zusammen mit dem

Freund Brod im Zug und beide notieren die Sätze

des anderen, auf der Suche nach dem literarischen

Genie. Der Bahnhof, ganz Prag, ja die Welt werden

zum literarischen Wartesaal, während die beiden

Autoren die Worte des Gegenübers belauern und

zwischendurch in einen Streit über die Ökonomie

des Notierens ausbrechen. Das ist fi ktive literaturgeschichte,

die man sich als Buddy-Film mit Walter

Matthau und Jack lemmon auf die Kinoleinwand

wünscht.

Den spielerischen Charakter Kafkas hat Ortheil

aber gar nicht erfunden. Denn der Schriftsteller war

20

tatsächlich nicht nur ein kraftvoller, mitreißender

Erzähler, sondern auch ein ausdrücklich humorvoller

Mensch. Seinem „leichten, hyperbolischen

Ton“ folgte der Freiburger literaturwissenschaftler

Werner Frick in dem Vortrag „Der ‚Schwarze Kaffee’:

Hommage an Kafkas ‚friendly losers’“. Von

Pointe zu Pointe führte Frick sein Publikum – einem

oft kaffeeschwarzen, aber umso lebendigeren,

schrägen Witz auf der Spur. „Das sind virtuose, völlig

zu Ende ausgeführte übertreibungen“, würdigte

Frick die Konstruktionen.

Diese Fähigkeit, ja liebe zur literarischen Komik

im eigenen Werk, öffnete einen neuen Blick auf

Franz Kafka. Viel leichter zu durchdringen ist seine

Persönlichkeit deshalb aber nicht. Das unterstrich

Ritchie Robertson im Gespräch mit Sandra Poppe:

„Ein kleiner, unerklärbarer Rest Kafka wird immer

zurückbleiben“, sagte der Germanist des St. John’s

College der Universität Oxford in der Diskussion

über Kafkas Rolle als Klassiker. Dabei hat es an Versuchen

nie gefehlt, sich Kafka und das Kafkaeske

anzueignen – das zeigte Robertson am Vormittag

mit seinem Vortrag „Kafka als Weltautor: Zu seiner

Aufnahme in der englischsprachigen Welt“.

Wir sollten Kafka heute vor

allem als jenen eigensinnigen,

listigen, faszinierenden Erzähler

sehen, der aus den

Geschichten zu uns spricht.

In seiner phantastischen Kafka-Geschichte ließ Ortheil

derweil Kafka nicht nur mit der literatur der

ganzen Welt zusammentreffen, sondern auch mit

den modernen Medien: Kafka im Motel der Familie

Bates aus „Psycho“. Kafka beim Techtelmechtel mit

Romy Schneider im Cabrio auf einer Breitbildleinwand

vor der Cote d’Azur. Dann landet Franz nach

„Kafkawarten“ und „Kafkasitzen“ im Bahnhof

endlich zusammen mit Max Brod in der Eisenbahn.

Ortheil hatte sichtliches Vergnügen daran, seine Geschichte

vorzutragen – Kafka füttert darin mittlerweile

Brod und dessen Notizbuch ganz bewusst mit

echten Kafka-Sätzen, die der treue Chronist auch

brav aufschreibt. So entsteht der Stoff für literaturwissenschaftliche

Dispute der Zukunft.

Wie aber hielt es der wirkliche Kafka mit der Zukunftsfähigkeit

seiner Texte? Auf die Deutungshoheit

von literatur aus der Vergangenheit für die

Gegenwart habe Kafka jedenfalls nie gesetzt, sagte

Manfred Engel. Der Professor für Deutsche literaturwissenschaft

am Queen’s College der Universität

Oxford beleuchtete dieses Verhältnis in seinem Bei-


trag „Franz Kafka und der Glaube an die literatur“.

Trotzdem sei Kafka „ein Autor, der immerwährend

literatur produziert“. Damit spielte Engel auf literarische

Bezugnahmen moderner Autoren auf Kafka

ebenso an wie auf Zeitungsartikel oder Texte der

Sekundärliteratur. Allgemein jedoch scheine der

Glaube an die literatur in der Gegenwart nicht

sonderlich ausgeprägt zu sein. Das liege wohl auch

am „grausamen Darwinismus der Medienvielfalt,

in dem die literatur ihre Führungsposition eingebüßt

hat.“

Natürlich ist Kafka ein Klassiker. Das war Konsens

des Podiums bei der Antwort auf die Frage, die

Sandra Poppe als Titel und leitthema der Tagung

vorgegeben hatte. „Klassiker“, das meinte dabei

nicht nur die Kanonisierung von Autor und Text,

sondern auch die Rolle als Klassiker, „weil er immer

wieder lesenswert ist und neue Erkenntnisse bietet“,

sagte Ritchie Robertson.

Dann landet Franz nach

„Kafkawarten“ und „Kafkasitzen“

im Bahnhof endlich

zusammen mit Max Brod in

der Eisenbahn.

Nach dem Zweiten Weltkrieg habe Kafka geradezu

als „Generalschlüssel der literaturwissenschaft

gedient“, sagte Martin lüdke. Das habe sich bis

heute allerdings grundlegend verändert, betonte

der literaturredakteur des Südwest-Rundfunks aus

Mainz in seinem Vortrag „Die laufrichtung hat sich

geändert. Eine Befürchtung, Kafka betreffend“: An

den literarischen Klassiker Kafka hätten sich jüngere

Autoren wie Martin Walser und Wolfgang Hildesheimer

in den 1950er Jahren sehr deutlich angelehnt,

sagte lüdke – „davon haben sie sich erst später

freigeschrieben.“

Parallel zu dieser Abnabelung hat sich offenbar

auch die Rolle Kafkas in der öffentlichen Auseinandersetzung

mit literatur verändert. Den übermächtigen

Deutungsanspruch hätten Autor und Werk

jedenfalls verloren, fasste lüdke das „evolutionslo-

Initiatorin der Tagung:

Junior-Professorin Sandra Poppe

gische Pech Kafkas“ in der Rezeption des 20. Jahrhunderts

zusammen. Chancen für eine produktive,

spannende Auseinandersetzung mit dem Autor sah

der SWR-Kritiker darin, das Verständnis von Kafka

als „einem, der über sich selbst lachen konnte und

auch über sich selbst lachte“ zu stärken. Im Kontext

von Zeitgenossen wie Peter Altenberg und Robert

Walser entstehe so ein neues Kafka-Bild. Dazu

müssten aber noch immer Vorurteile in der literarischen

Welt abgebaut werden: lüdke erinnerte an

die Weigerung der Medien, Fotos aus der Sammlung

Wagenbach zu zeigen, auf denen ein herzlich

lachender Franz Kafka abgebildet ist. Der fröhliche

Autor passte einfach nicht ins Bild vom literarischen

Schmerzensmann und blieb deshalb unver-

öffentlicht.

Kafka „ein Autor,

der immerwährend

Literatur produziert.“

Neue Aspekte in der Kafka-Forschung erhoffte sich

Sandra Poppe auch vom intermedialen Ansatz: Das

betreffe zunächst Kafkas eigenen Kinoblick und

seine Bildbeschreibungen im Subtext. Umgekehrt

böte aber auch die Adaption von Kafka und seinem

Werk in Medien vom Film bis zum Comic reiches

Material. Das lesepublikum solle Kafka ebenfalls

unter diesem Blickwinkel wieder für sich

entdecken, machte die Organisatorin

der Tagung und Mitherausgeberin

der Kafka-Ausgabe von

Artemis & Winkler in ihrem

Schlusswort Mut: Noch sei

der „Mythos vom einsamen

Kafka“ zwar präsent,

aber selbst die Publikumsmedien

nähmen im Jahr

seines 125. Geburtstages

die neue Sicht auf den Autor

auf und trügen dazu bei,

das Stereotyp aufzulösen.

Nur Ortheils Schreibtrainer

hat noch immer etwas

an dem Autor auszusetzen:

„Du bist mit Deinen Phantasien

nicht bei der Sache“, rügt er

den Schüler Franz, „das ist richtig

schlimm.“ Hätte Kafka die Geschichte

gehört, wahrscheinlich hätte er sich

zusammen mit Referenten und Gästen

von „Franz Kafka – Ein Klassiker?“

gut darüber amüsiert.

Peter THOMAS n

21

Wissenschaft & Forschung

Abb.: Wikimedia Commons


Interview

Foto: Rüdiger Mosler

Campus international

„Ein Fenster zur Welt“

60 Jahre Internationaler Sommerkurs Deutschlernende aus aller Welt können

in Mainz ihre Sprachkenntnisse verbessern – und dazu die Region kennenlernen.

Möglich macht’s der Internationale Sommerkurs der Johannes-Gutenberg-Universität.

In diesem Jahr fand der 60. statt. Darüber sprach JOGU mit Rainer Henkel-von Klaß,

seit 15 Jahren leiter der Abteilung Internationales, die den Sommerkurs organisiert.

JOGU: 60 – eine stolz Zahl, oder …?

Henkel: Ja. Zu der 60 fällt mir zunächst ein: Kontinuität.

Wir haben den Kurs fest verankert. Und: Die

Universität führt ihn professionell durch. Das zeigen

viele Dinge, unter anderem die Nachfrage.

JOGU: Wie fi ng alles an?

Henkel: Wenn man 60 Jahre zurückrechnet und an

die Nachkriegszeit denkt und sich vergegenwärtigt,

dass Mainz noch sehr vom Krieg gekennzeichnet

war, dass Deutschland nicht hoch angesehen war,

dann muss man feststellen: Dieser Kurs war damals

ein erstes Fenster zur Welt. Die ausländischen

Teilnehmer konnten sich ein Bild von einem wieder

friedlichen Deutschland machen.

JOGU: Wie hat sich der Kurs entwickelt, seitdem Sie

dabei sind?

Henkel: Die Kurse sind größer geworden, vor allem

in den vergangenen Jahren. Die meisten Teilnehmer

kommen aus Asien, aus Japan und China. Aber auch

die Osteuropäer sind zahlreich vertreten. Das hängt

sicher mit globalen Entwicklungen zusammen. Generell

kann man sagen: Ins Ausland zu gehen ist

selbstverständlicher geworden als früher – nicht nur

aus Deutschland ins Ausland, sondern auch vom

Ausland nach Deutschland.

JOGU: Wodurch zeichnet sich der Kurs aus?

Henkel: Der Kurs zeichnet sich durch spezifi sche

Merkmale aus. Ein Merkmal ist das differenzierte

lehrangebot. Zweitens: eine sehr gute Betreuung

der Teilnehmer; auch außerhalb des Klassenzimmers.

Hinzu kommt die Professionalität der lehrer

– unsere Sprachlehrer besitzen alle eine Deutschals-Fremdsprache-Ausbildung.

Und schließlich: Wir

arbeiten in Kleingruppen, selbst im Sprachunterricht

sind es höchstens 15 leute.

JOGU: Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Kurs?

Henkel: Wir versuchen unter anderem die Germanistik

im Ausland zu stärken. Viele der Teilnehmer

sind Germanisten in ihren ländern. Wir bieten ihnen

nicht nur die Möglichkeit, ihre Deutschkenntnisse

zu vertiefen, sondern sie haben darüber hinaus die

Möglichkeit, Seminare über deutsche Geschichte,

landeskunde, Politik und Wirtschaft zu belegen

und natürlich auch unser land kennenzulernen, im

Besonderen natürlich Mainz und die Region hier.

Ein weiteres Ziel ist: Wir nutzen die Kurse auch als

Schnupperstudium. Ich merke immer wieder: Nach

der Teilnahme an einem Kurs gibt es einige, die wieder

kommen und dann länger bleiben, hier weiter

studieren.

JOGU: Wer kann sich alles anmelden?

Henkel:Theoretisch kann sich jeder anmelden. Das

Mindestalter ist 18. Es müssen also nicht nur Studierende

sein. Der Kurs ist offen. Der älteste Teilnehmer

war zum Beispiel um die 80. Klar, dass er

kein Student mehr war. Wir haben auch oft Deutschlehrerrinnen

oder -lehrer aus dem Ausland hier, die

sich bei uns sprachlich und kulturell auf den neuesten

Stand bringen möchten.

JOGU: Wie sieht das Rahmenprogramm aus?

Henkel: Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, eine

Rheinfahrt zu unternehmen. Oder einen Ausfl ug

nach Trier. Auch Städte hier im nähren Umkreis wie

Bad Kreuznach oder Frankfurt stehen auf der Tagesordnung.

Außerdem besuchen wir Unternehmen in

der Region. Auch beim ZDF schauen wir rein. Dazu

gibt es Stammtische, Stadtführungen, Sportgruppen,

Rainer Henkel-von Klaß

Grillfeste oder spontane Treffen. Ein internationales

Buffet, für das die Teilnehmer etwas aus ihren ländern

kochen, ist Teil der Abschlussfeier des Kurses.

JOGU: Welche kulturellen Unterschiede fallen besonders

auf?

Henkel: Man merkt natürlich schon Unterschiede.

Zum einen merken das die lehrer, die sich auf

Schüler einstellen müssen, die an sehr unterschiedliche

lehr- und lernmethoden gewöhnt sind. Zum

anderen passieren manche Dinge jedes Jahr wieder

– und die haben auch etwas mit unterschiedlichen

Normen zu tun. Bei den Japanern passiert zum

Beispiel regelmäßig Folgendes: Sie bekommen am

Anreisetag ihre Schlüssel fürs Wohnheim und gehen

dann auf ihre Zimmer. (schmunzelt) Nur: Wenn

zufällig keiner von uns dabei ist, kommen sie oft

wieder zurück und sagen, mit den Türen würde etwas

nicht stimmen.

JOGU: Und warum?

Henkel: (lacht) In Japan schließen die Schlösser

genau anders herum: nach links zu und nach rechts

auf …

Das Gespräch führte Dimitri TAUBE n

Information: Der 61. Internationale Sommerkurs

fi ndet statt vom 5. bis 29. August 2009. Unterricht,

Unterkunft, Monatsticket und Versicherung

kosten rund 850 Euro. Die Teilnehmer wohnen in

den Wohnheimen des Studierenden-Werkes und

haben die Möglichkeit, in der Mensa zu essen. Nach

dem Kurs können sie noch für zwei Wochen in eine

deutsche Familie gehen. Darüber hinaus gibt es seit

2004 auch einen Internationalen Herbstkurs. Der

6. Herbstkurs fi ndet statt vom 2. bis 26. September

2009. Weitere Informationen im Internet unter

www.uni-mainz.de/ferienkurs.

Foto: privat


Studierende im Rockhimmel

Band auf Augenhöhe mit Szene-Größen Umwerfend, phänomenal, überwältigend: Drei Studenten der Johannes-

Gutenberg-Universität haben in diesem Jahr Erfahrungen gemacht, die sie nie wieder vergessen werden. Mit ihrer Rockband

„Mr. Virgin And His love Army“ spielten sie auf großen Musikfestivals wie Rock am Ring und durften sich wie echte

Rockstars fühlen. Angefangen hatte alles im Frühjahr – mit einer Abstimmung im Internet.

Alles ist größer als sonst, alles

professioneller. Die fünf jungen

Musiker staunen, sind beeindruckt

und begeistert – vom

Zelt, von der Bühne, vom Sound,

einfach vom gesamten Ablauf.

„Wow“, denken sie sich. Für

sie ist das fast eine neue Welt.

Denn normalerweise spielen sie

in Clubs mit einem eher mittelmäßigen

Sound, in Städten wie

Bad Dürkheim oder Bensheim.

Nicht so hier, denn hier sind

sie bei Rock am Ring, einem

der populärsten Rockfestivals der Republik. Für die

Gruppe ist es das erste Mal. Es ist gigantisch, sie

genießt die Stunden. Ebenso ihre Begegnungen mit

Star-Musikern hinter der Bühne; es sind lockere Begegnungen,

auf Augenhöhe.

Die Band heist „Mr. Virgin And His love Army“.

Die Musiker stammen aus verschiedenen Ecken der

Erde: Sänger Christopher W. Brando kommt aus den

USA, Schlagzeuger Andi Atomic aus Deutschland,

und Waldimir Waldewic, der Mann am Keyboard

und am „Russian Percussion“, stammt aus Russland.

Das Trio studiert an der Johannes-Gutenberg-

Universität.

Die beiden anderen Bandmitglieder sind Gitarrist

Nils Gunnarsson aus Schweden und Bassist Mörice

Copper aus Kanada. Der Standort der Band ist

Worms, dort befi ndet sich auch der Proberaum. Kennengelernt

haben sich die Musiker beim Bowling in

Schweden, seitdem bezeichnen sie ihren Rock-Stil

als „Rock’n’Bowl“.

Bei Rock am Ring durften sie im Sommer spielen,

weil sie sich zuvor in einem Wettbewerb gegen andere

durchgesetzt hatten. Das war im Frühjahr; da

fi ng das Superjahr der Band an. Von 1.200 Bands,

die sich für den Wettbewerb anmeldeten, wählte

eine Jury 50 aus. Diese 50 stellten sich einer Abstimmung

im Internet. Am Ende durften die 20 be-

sten am Nürburgring auftreten – darunter „Mr. Virgin

And His love Army“.

Bei Rock am Ring stand jede Gruppe zwölfeinhalb

Minuten auf der Bühne. Wichtigstes Kriterium: Welchen

Eindruck machen die Bands live? Eine Jury

bestimmte danach die Top Ten – und auch da war

die Band mit den Mainzer Studenten wieder dabei.

Für die zehn Gewinner-Formationen hieß es: drei

zusätzliche Auftritte bei Hurricane, Highfi eld und

Area Four.

Am Tag der deutschen Einheit

am 3. Oktober standen sie in

Berlin am Brandenburger Tor

erneut auf der großen Bühne –

der Höhepunkt des Jahres.

Eine normale Band bekommt in der Regel keine

Chance, einfach mal so auf diesen Festivals aufzutreten.

Doch für das Quintett ging es sogar noch

weiter: Die Band überzeugte so sehr, dass sie es

unter die besten Drei des Wettbewerbs schaffte. Der

lohn: Am Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober

standen sie in Berlin am Brandenburger Tor erneut

auf der großen Bühne – der Höhepunkt des Jahres.

Für „Mr. Virgin And His love Army“ war es eine

wunderbare Erfahrung, auf Festivaltour zu gehen

und Musik vor mehreren hundert Zuschauern ma-

23

Foto: privat

Campus international

„Mr. Virgin And His love Army“

auf Festivaltour

chen zu können – und dann

auch noch hinter den Kulissen

auf Szene-Größen wie Danko

Jones oder „The Hives“ zu treffen.

Aber auch einige leute aus

dem Business kennenzulernen

und vielversprechende Kontakte

zu knüpfen.

Auf diese Weise ist aus der

„love Army“ in der Zwischenzeit durchaus mehr

geworden als eine „normale“ Studenten-Band, die

nur so ein bisschen hobbymäßig und ganz nebenbei

Musik macht. Andi Atomic spricht von „prägenden

Erfahrungen“ und sagt: „Es war klasse, auch mal

einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen zu werfen

– phänomenal, so eine Möglichkeit bekommt

man nicht oft.“

Die Band habe die Zeit sehr genossen und sei sich

einig: „Wir wollen das noch einmal erleben, und

darauf arbeiten wir hin.“ Innerhalb der Band habe

sich vieles getan, und diesen Schwung wolle man

jetzt nutzen, um professioneller zu werden. Ihre

Motivation sei durch die Tour um hundert Prozent

gestiegen. Andi Atomic: „Wir haben gesehen, dass

wir mit unserer Art und unserer Musik ankommen,

und jetzt wollen wir daran anknüpfen und uns weiterentwickeln.“

Komplett umkrempeln mussten die Fünf ihr leben

nicht, es sind eher Kleinigkeiten, die sich verändert

haben. Kleinigkeiten, die das Dasein als Band vereinfachen.

Wenn sie künftig zum Beispiel zu einer

Single ein Video drehen möchten, wissen sie jetzt,

an wen sie sich am besten wenden sollen. Und ihre

Erinnerungen kann den Jungmusikern sowieso keiner

mehr nehmen. Wer weiß, vielleicht erzählen sie

ja mal ihren Enkelkindern von diesem ereignisreichen

Jahr 2008. Dimitri TAUBE n

[JOGU] 206/2008


Interview

Kultur auf dem Campus

„Ich bin kein Monsterjäger“

Legende vom Werwolf Der Kulturwissenschaftler

Matthias Burgard hat

die Sage vom „Morbach Monster“

untersucht. Außergewöhnlich an der

im Hunsrück spielenden Werwolf-legende

ist, dass sie keinen historischen

lokalen Ursprung hat, sondern zuerst

von US-amerikanischen Soldaten im

20.Jahrhundert erzählt wurde. Matthias

Burgard ist der legende ganz

genau auf den Grund gegangen. Im

Gespräch mit der JOGU erzählte der

26 Jahre alte Doktorand der Kulturanthropologie

an der Johannes Gutenberg-Universität

Mainz von Werwölfen,

Feldforschung im Hunsrück und

im Internet sowie einem neuen Bild

der eigenen Heimat.

JOGU: Wann haben Sie eigentlich selbst zum ersten

Mal von der Sage des „Morbach Monster“ gehört,

Herr Burgard?

Burgard: Den Anstoß für das Forschungsprojekt

gab ein Gespräch mit meinem Bruder an Halloween

2006 über Gruselgeschichten aus der Region. Da

hörte ich von Werwolfssagen aus der Region und

machte mich auf die Suche nach Belegen. So habe

ich auf der Internetseite des amerikanischen Forschers

D.l. Ashliman die Sage vom „Morbach Monster“

gefunden.

JOGU: Können Sie kurz zusammenfassen, worum

es in der Sage geht?

Burgard: Es handelt sich um eine Werwolfsage,

nach der in Wittlich in historischer Zeit der letzte

deutsche Werwolf getötet wurde. Seitdem brennt

eine ewige Kerze in einem Schrein, bei deren Erlöschen

der Werwolf wieder erscheint. In der Sage

entdecken amerikanische Soldaten auf dem Weg

zum Stützpunkt die erloschene Kerze, scherzen

[JOGU] 206/2008

Vorgestellt: Matthias Burgard referierte über sein Forschungsprojekt anlässlich der Exkursion

der Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz in das Theodor-Zink-Museum Kaiserslautern.

über das Monster und prompt erscheint am selben

Abend eine riesige, hundeartige Gestalt am Grenzzaun

zum Munitionsdepot in Morbach.

JOGU: Sie kannten diese Sage vorher nicht?

Burgard: Nein, obwohl ich aus der Region stamme,

war die Sage für mich neu. Das hat mein Interesse

besonders geweckt. Und als ich ein Thema für

meine Magisterarbeit suchte, hat mich der Gedanke

immer mehr begeistert, die Sage vom „Morbach

Monster“ zu erforschen.

JOGU: Ihre Arbeit ist ein Stück klassisch-volkskundlicher

Feldforschung, die Spurensuche im Wald haben

Sie dabei ausgelassen?

Burgard: Ja – ich bin schließlich kein Monsterjäger.

Die Feldforschung stand zunächst im Mittelpunkt,

wobei ich neben der persönlichen Befragung auch

stark auf das Internet als Kontaktmedium setzen

musste. Denn es zeigte sich schnell, dass diese Sage

in den betroffenen Gemeinden Morbach und Witt-

24

lich bei der Bevölkerung überhaupt nicht bekannt

ist. über Web-Foren und von Bekannten vermittelte

Kontakte gelang es mir dann aber, amerikanische

Soldaten zu befragen. Und während bei 27 Befragungen

in Morbach sowie 35 Gesprächen in Wittlich

kein einziger Interviewpartner die Sage kannte,

kannten sechs von 24 amerikanischen Soldaten das

„Morbach Monster“.

JOGU: Hatten Sie dieses Ergebnis erwartet?

Burgard: Es bestätigte jedenfalls meine Hypothese,

dass es sich hier um eine amerikanische Soldatensage

handelt. In meiner Arbeit, die jetzt als Monografi

e erscheint, habe ich die Sage deshalb in der

klassischen Soldatenfolklore und der Zeitgeschichte

des 20. Jahrhunderts verortet.

JOGU: Wie spielen der Werwolfglaube, Soldatensagen

und diese Zeit denn zusammen?

Burgard: Es gibt zum Beispiel die paramilitärischen

deutschen „Werwolf“-Gruppen, die zum Ende des

Foto: Peter Thomas


Zweiten Weltkrieges die amerikanischen Truppen

aus der Bevölkerung oder aus dem Hinterhalt im

Wald heraus angreifen sollten. Strategisch hatte

das kaum eine Bedeutung, aber die psychische Belastung

für die Soldaten durch diese diffuse Gefahr

war umso größer. Ich gehe davon aus, dass dieses

Motiv sich auch in der Sage des Morbach Monster

wiederfi ndet. Ansonsten treffen wir hier auf die

klassischen Elemente von Soldatenfolklore: Die

Sage stärkt die Identität der Gruppe und warnt vor

der gefährlichen Fremde im Auslandseinsatz. Die

lust am Gruseln, die Fokussierung diffuser Angst

und die Möglichkeit zur Kompensation der komplexen

lebenswirklichkeit charakterisieren allgemein

das Genre der Schauersagen.

JOGU: Glauben Sie denn selbst an den Werwolf?

Burgard: Nein. Aber beim Spaziergang im Hunsrücker

Wald stellte ich doch fest, dass sich mit dem

Hintergedanken an die Sage mein eigenes, unterbewusstes

Bild dieses Ortes ein wenig zur amerikanischen

Perspektive hin verändert hat. Das individuelle

kulturelle Bild einer landschaft kann sich eben

durch Einfl üsse wie Sagen ändern – das erlebt man

am eigenen leib.

JOGU: Hat Ihre Arbeit die Einwohner von Wittlich

und Morbach eigentlich stärker auf die Sage aufmerksam

gemacht?

Burgard: Bisher haben ein oder zwei Morbacher

schon großes Interesse gezeigt, und die Medien

werden gerade neugierig auf die Geschichte. Dabei

gibt es schon länger Verbindungen zwischen der

Sage und dem leben in der Region, die aber nicht

kollektiv bewusst gewesen sind. So heißt zum Beispiel

das lokale American Football-Team „Morbach

Monsters“, und das logo der Mannschaft zeigt

auch einen Werwolf mit blitzenden Augen und

leuchtendem Fang. Der Name stammt vom

Coach der Footballer, der als Fantasy-

Fan die Sage kannte, aber selbst

nicht aus Morbach stammt.

logo des lokalen American Football-

Teams „Morbach Monsters

JOGU: Haben Sie sich bei ihrer Arbeit eigentlich an

Vorbildern aus der Volkskunde orientiert?

Burgard: Oh ja. Wichtige Anregungen hat mir

auf jeden Fall der mittlerweile verstorbene Erzählforscher

lutz Röhrich gegeben. Röhrich war der

erste Professor für Volkskunde in Mainz. Auch von

Matthias Zender und seinen Aufzeichnungen aus

der Eifel habe ich mich inspirieren lassen.

JOGU: Verfolgen Sie das Thema Sagenforschung

nun weiter?

Burgard: Ich werde im Wintersemester das Proseminar

„Moderne Sagen“ anbieten und möchte da-

Die Sage vom Morbach Monster

Hast Du je vom Morbach Monster gehört?

25

Kultur auf dem Campus

bei mit den Studierenden wenn möglich moderne

regionale Sagen sammeln. Meine Dissertation beschäftigt

sich aber mit einem ganz anderen Thema:

Dem Heimwehtourismus russlanddeutscher Spätaussiedler.

Das Gespräch führte Peter THOMAS n

Information: Burgards Monografi e „Das Monster

von Morbach“ erscheint im Winter 2008 im

Waxmann Verlag als Band in der Reihe „Mainzer

Beiträge zur Kulturanthropologie / Volkskunde“ der

Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz

Ich habe die Sage kennen gelernt, als ich auf der luftwaffenbasis Hahn in Deutschland stationiert

war. In Morbach war das Munitionsdepot untergebracht, etwas außerhalb der Kleinstadt

Wittlich.

Wittlich gilt übrigens als letzte Stadt, in der ein Werwolf getötet wurde. Es gibt da einen Schrein

etwas außerhalb der Stadt, in dem immer eine Kerze brennt. Nach der legende wird der Werwolf

zurückkehren, wenn die Kerze jemals erlischt.

Eines Abends war eine Gruppe von Sicherheitspolizisten auf dem Weg zu ihrem Posten in Morbach,

als sie entdeckten, dass die Kerze im Altar erloschen war. Alle machten daraufhin Scherze

über das angebliche Monster.

Später in derselben Nacht lösten Sensoren am Grenzzaun Alarm aus. Als die Sicherheitsleute

dem Alarm nachgingen, sah einer von ihnen eine große, „hundeartige“ Gestalt, die sich auf ihre

Hinterläufe stellte, ihn ansah und über den drei Meter hohen Maschendrahtzaun

sprang. Ein Wachhund des Militärs wurde an die Stelle geführt,

an der die Kreatur zum letzten Mal gesehen wurde, aber der

Hund wurde panisch und weigerte sich, die Spur zu verfolgen.

Das geschah um das Jahr 1988.

(übersetzung der englischen Fassung,

die D. l. Ashliman 1997 per E-Mail

zugetragen wurde.)

[JOGU] 206/2008


Kultur auf dem Campus

Fotos: privat

Alice im Wissenschaftsland

Auf der Tapete mit wogenden Barockrosen treibt

das Frauenporträt, gold gerahmt im goldenen

Blumenmeer. Verfremdung kraft historischer Pose:

Im look der „Golden Twenties“ posiert die frisch

gebackene Absolventin der Mainzer Akademie.

Stefanie Ohler hält Kafkas Käfer auf dem Schoß,

so scheint es, doch eigentlich handelt es sich um

ein papierenes Artefakt aus eigener Produktion, um

ein embryogroßes Collembola, ein eigentlich millimetergroßes

Insekt also. Das Gruppenbild mit moderner

Madonna fungierte als Einladungskarte zur

Examensausstellung. Verlockungen in den Heiligen

Hallen der Wissenschaft: Stefanie Ohler präsentierte

ihre ironisch-kritische Installation im Raum 00247

der inzwischen kaum noch genutzten, weil dem Abriss

geweihten „Alten Chemie“, Jakob-Welder-Weg

15. Und kommentierte: „Dass es soviel geballte Atmosphäre

überhaupt noch gibt, ein Haus von solch’

abseitigem Charme.“

Recht hat sie. Wer durch die Glastür geht, passiert

die Epochengrenze. Eigentlich fehlt nur ein Plakat

mit der Aufschrift „Welcome in Pleasantville“. Eintauchen

in die Fifties. Was für ein Mobiliar! Dezent

lackierte Einbauschränke im seinerzeit eleganten

Eierschal-Ton. Rokokohaft fragil die Treppenspindel

unterm lichtschacht. Klackern da nicht Stöckelschuhe,

schwingen da nicht Petticoats? Kommt

nicht eben jetzt ein Gutteil einer vergangenen Studierendengeneration

aus der Vorlesung, sich untereinander

siezend und in Edel-Klamotten, opernhaft

und opernfein?

[JOGU] 206/2008 26

Stefanie Ohler präsentierte eine ironisch-kritische Installation

Mit einer ungewöhnlichen Examensausstellung machte Stefanie Ohler auf

sich aufmerksam. Die Absolventin der Mainzer Akademie der Bildenden

Künste verwandelte einen Raum der „Alten Chemie“ in ein Panoptikum

ironisch interpretierter Wissenschaftsgeschichte. Mit medialem Geschick und

unter Verwendung literarischer und kunsttheoretischer Zitate konnte Ohler

mit einer spielerisch-installativen Arbeit von hoher Komplexität überzeugen.

Künstlerin Ohler im look

der „Golden Twenties”

Besser keine Begegnungen der dritten Art! Zumal

hinter der linkerhand sich öffnenden Eisentür die

Zone der Warnschilder und der Sicherheit beginnt.

Dass der laser in Betrieb ist, wenn die lampe

leuchtet, gilt für Raum 00247 allerdings schon lange

nicht mehr. Dass das Kunst-Werk arbeitete, wenn

die Tür zum goldenen labyrinth sich öffnete, war in

diesem Herbst allerdings umso wahrscheinlicher.

„Dass es soviel geballte Atmosphäre

überhaupt noch gibt,

ein Haus von solch’ abseitigem

Charme.“

Von April bis September war Stefanie Ohler aktiv:

Sie zog in den schwarzen, von wissenschaftlichem

Gerät bereits befreiten Raum Wände ein. Eine Miniaturwohnung

im Stile der – genau: Fünfziger –

konnte entstehen, mit antiquierten Seidentapeten

im Goldton, mit Frottee-Sesseln und Tütenlampen

im Stern-Dekor. Dank der Fundquellen „Großmutters

Dachboden“, „Flohmarkt“, „Ebay“ und dank

der Trouvaillen von Freunden.

Eintreten in ein mit Merkwürdigkeiten angefülltes

Wohngewebe. Konfrontiert sofort mit einer denkwürdigen

Ahnengalerie – hatte die Künstlerin doch

das Wort von der Adlernase greifvogelhaft-wörtlich

genommen. Und so schaute mit komischer Würde

unser Vorfahr, der Kondor, auf uns herab. Wir

fl üchteten uns in die Nahsicht und griffen zur ausliegenden

lupe – um eine mit feenartigen Flügeln

ausgestattete Spinne zu bestaunen. Wir schüttelten

eine im Wohnzimmerregal lauernde Wasserkugel,

so dass hunderte von Bienenfl ügeln ihren

schimmernden Schwebetanz vollführen konnten.

Wie wundersam-irritierend das alles! Und weiter

im Wohntext. Fernsehgucken gefällig? Wie wär’s

mit einer Fledermaus, hin- und herirrend im allzu

engen Käfi g – eine schmerzhaft berührende Choreographie

der Orientierungslosigkeit, stilecht in

antikem Schwarzweiß auf einen Screen der Fifties

gebannt, der Film wenige Meter weiter dann als

auf Zelluloid, pardon, DVD gebrannte Performance

wiederholt, mit der Erfi nderin der Wohnwelt 00247

in der Hauptrolle. Nach dem Medienerlebnis jetzt

doch Hunger? Im Esszimmer war der Tisch gedeckt,

mit leise murmelnden Käfermumien. Sie schienen

zum Blick ins Archiv aufzufordern – dort fanden

sich verkleinernd fotografi erte Menschenhände,

aufgespießt, Schmetterlingspräparaten gleich. Das

nächste Zimmer: In der grünen Kammer rotierte ein

Mobilee mit nur einem Ausstattungs-Gegenstand:

einem ausgestopften Vogel, der, in Rückenlage

aufgebahrt, die Flügel über der Brust gekreuzt, in

unfreiem Fluge seine Endloskreise zog.

Im Esszimmer war der Tisch

gedeckt, mit leise murmelnden

Käfermumien.

Was für ein Panoptikum! Die Verunsicherung des

Besuchers, die sich auch in dem Gefühl Bahn brach,

sich einer Mischwelt aus Kafkas Novellen, Alice im

Wissenschaftsland, Hitchcocks Vögeln und dem

wahnsinnigen Traum eines übermächtigen Big Brother

zu befi nden, war gewollt.


Wer etwa, so konnte man sich fragen, würde ein

solches labyrinth bewohnen (wollen)? Ein uns

selbst zeitweise gar nicht so unähnlicher Wissenschaftler,

welcher mehr Wagner als Faust, mehr Archivar

denn inspirierter Forscher ist oder war? Dessen

Hingabe an das Insekt(ische) in die Nähe der

Psychose rückt(e) – und der den Traum der Freiheit

dennoch träumt(e) – wenn phantastisch-künstliche

Objekte wie das einer geflügelten Spinne denn von

der Macht und Kraft der Utopie künden können?

Stefanie Ohler – welche ihre Kunstwelt übrigens aus

bereits vorhandenen Präparaten zusammensetzte –

wendet sich nicht gegen diese Deutung, reklamiert

für ihre Arbeit jedoch inhaltliche Offenheit. Dem widerspricht

nicht, dass sie im Katalog wiederholt Ilja

Kabakov zu Wort kommen lässt.

Allerdings enthält der Katalog

Ohlers durchaus literarische

Kommentare. Diese bestehen

aus Zitaten, welche der die

Examenszeit prägenden

Lektüre entnommen sind.

Kabakov, Jahrgang 1933, gehörte bekanntlich zu

den sowjetischen Dissidenten. Zu jenen Künstlern

des Untergrundes also, die mit ihren Arbeiten die

Sowjetideologie ad absurdum führten. Bis heute

bauen Ilja Kabakov und seine Frau Emilia, als mittlerweile

in New york lebendes Team zu weltweitem

Starruhm gekommen, historisch konnotierte Erlebnisräume

nach. Im Wiesbadener Museum symbolisiert

ein roter Eisenbahnwaggon Aufstieg und Fall

der Sowjetunion. In Essen planten die Kabakovs

für das Zechengelände die Errichtung einer „Utopischen

Stadt“, deren Theater Dante, Wagner und

Tschaikowsky gewidmet sein sollten. 1998 realisierte

das Künstlerpaar das Bremerhavener Auswandererdenkmal

„The last Step“ – jenen einem

historischen Auswandererheim nachempfundenen

Kubus, der das Fühlen der Menschen zu beherbergen,

ja gar zu bergen scheint, die im 19. Jahrhundert

ihre Heimat verließen.

Die Kabakovsche Auffassung des Themas Installation

scheint mit der Arbeit Stefanie Ohlers zu

korrespondieren. Anders als Kabakov jedoch stellt

Stefanie Ohler ihrer Arbeit keinen eindeutigen Begleittext

zur Seite. Keine historische Erklärung und

keine (ebenfalls Kabakov-typische) fiktive Begleit-

Biografie, welche das Kunstwerk dezidiert als lebensraum

einer literarischen Figur ausweist.

Allerdings enthält der Katalog Ohlers durchaus literarische

Kommentare. Diese bestehen aus Zitaten,

welche der die Examenszeit prägenden lektüre entnommen

sind. Viele Auszüge entstammen Winfried

Georg Sebalds (1944-2001) essayistischer Fiktion

„Ringe des Saturn“. Beim Text des vor dem verdrängenden

Schweigen der deutschen Nachkriegsgesellschaft

nach England emigrierten Germanisten

handelt es sich um einen fiktiven Reisebericht, welcher

nicht nur länder und Bildwerke, sondern auch

lebende und Tote in ein oszillierend-dialogisches

Verhältnis setzt. Dazu passen die Katalog-Passagen,

die von „Schrödingers Katze“ und damit von dem

quantenphysikalischen Problem an und für sich

handeln, von dem nicht auszuschaltenden Einfluss

der Beobachtung nämlich auf den Ablauf des experimentalen

Geschehens.

Stefanie Ohler geht es um eine die Wahrnehmung

des Besuchers einbeziehende Polyperspektive, um

die subjektive Beobachtungsfähigkeit des Betrachters,

welche der Wirklichkeit jene Komplexität zuerkennt,

welche die Realität des Seins ja tatsächlich

besitzt.

Zur Beglaubigung eben jener Individualität druckt

die junge Künstlerin Tagebuchpassagen ab, mischt

Texte eigenen Erlebens unter das sich lesend Angeeignete.

Rückweg in den Out-Door-Bereich. Vorbei an

Schrankfächern, deren Beschriftungen Ionenaustauscher,

Ofenbauteile, Selbstklebende

Alufolien, luftfilter und, nicht gerade

präzise, „Chemikalien“ auflisten,

vorbei auch an den Anzeigen am

Schwarzen Brett. „let life Sciences

meet you“ stand da zu lesen. Und

man war nach dem Besuch dieser

Ausstellung versucht, den Rotstift zur

Hand zu nehmen und das Wort „Sciences“

durchzustreichen. Auf dass

das Persönliche sich wehre gegen

einen antiquierten Wissenschaftsbegriff,

der alle Phänomene der lebendigkeit

als etwas zu Kategorisierendes

begreift.

Ulrike BRANDENBURG n

27

Wissenschaft & Forschung


Kultur auf dem Campus

400 Jahre

Zeitungs-

geschichte

Auswahl bildet den deutschen

Journalismus ab Vier Jahrhunderte

Zeitung: Diesem Thema widmet

sich die neue Ausstellung im Journalistischen

Seminar der Johannes

Gutenberg-Universität Mainz. Die

31 Titelseiten historischer Zeitungen

aus der Zeit seit 1609 stammen aus

dem Deutschen Zeitungsmuseum der

Stiftung Saarländischer Kulturbesitz.

Manchmal sind alte Schlagzeilen richtig gute Nachrichten.

Das gilt zumindest im Treppenhaus des

Journalistischen Seminars der Johannes Gutenberg-

Universität Mainz, wo seit Juni eine Auswahl historischer

Titelseiten aus der Sammlung des Deutschen

Zeitungsmuseums in Wadgassen gezeigt wird. Das

Motto „400 Jahre Presse“ macht deutlich, dass

auch in der Zeit digitaler Informationsströme die

Zukunft des Journalismus auf einem soliden historischen

Fundament der bewusst gemachten Herkunft

ruht.

Frisch geweißter Putz als Hintergrund, eine lockere

Hängung mit ansprechender Beschriftung – insgesamt

31 Exponate sind auf diese Weise entlang der

Treppe vom Erdgeschoss in den ersten Stock an den

Wänden der Domus Universitatis zu sehen. Allerdings

hat Dr. Roger Münch, Direktor des Zeitungsmuseums,

keine Originale nach Mainz geschickt.

Vielmehr zeigt die Ausstellung Reproduktionen,

die mit moderner Technik – zumeist Kaltlichtscans

– hergestellt worden sind. In der museumseigenen

Werkstatt sind diese Scans als detailgetreue Reproduktionen

gedruckt und auf Karton aufgezogen

worden.

Bewusst hat Münch, der in den 1990er Jahren Buchwissenschaft

in Mainz lehrte und das Zeitungsmuseum

von 1997 an aufbaute, die Formate der Vorlagen

nicht verändert. Deshalb erscheinen dem heutigen

[JOGU] 206/2008 28

Einmalige Chance: Die Auswahl bildet den deutschen Journalismus ab

Betrachter vor allem die frühen Nachrichtenblätter

seltsam klein, während wenige Meter weiter die

Seiten zeitgenössischer Qualitätszeitungen im nordischen

Format hängen. „Alles andere hätte Charakter

und Tonwerte der Originale aber nicht korrekt

wiedergegeben“, betonte der Museumsdirektor bei

der Eröffnung der Ausstellung.

Schon wer die Chronologie der Zeitungsgeschichte

von hinten aufrollt und die erste Titelseite der FAZ

aus dem Winter 1949 mit dem heutigen Auftritt des

Blattes vergleicht, kann die Umbrüche erahnen, die

das Medium Zeitung in diesen knapp 60 Jahren erlebt

hat. Umso größer fällt der Sprung natürlich von

heute zu den Pionieren des Mediums wie der weltweit

ersten Zeitung, der Straßburger „Relation“,

aus. Dieses erstmals 1605 gedruckte Blatt ist in der

Mainzer Schau mit einer Seite von 1609 vertreten.

„Der Rückblick auf 400 Jahre

Zeitung zeige auch, dass Journalisten

ein gutes Stück gesellschaftliche

Verantwortung

übernehmen müssen.“

Wirtschaftsnachrichten und Glamour, Politik und

Satire, politischer Widerstand und rassistische

Hetze: Die Bandbreite der Ausrichtungen, Inhalte

und Formen zeigt die Zeitung als ein Medium mit

vielen – auch dunklen – Facetten. „Diese Auswahl

bildet den deutschen Journalismus ab, sie demonstriert

den Mut von Autoren ebenso wie Verbrechen“,

sagte denn auch Professor Dr. Karl Nikolaus Renner

zur Eröffnung der Schau.

Die Ausstellung sei durch die großzügige Kooperation

des Deutschen Zeitungsmuseums eine „einma-

lige Chance“ für das Journalistische Institut, betonte

Renner, der die Professur für Fernsehjournalismus

innehat. Denn der Rückblick auf 400 Jahre Zeitung

sei nicht nur ein historisches Dokument, sondern

zeige auch jedem Studierenden am Seminar, dass

Journalisten ein gutes Stück gesellschaftliche Verantwortung

übernehmen müssen: Also genau nicht

so wie in der 1847 erschienenen Karikatur der „Guten

Presse“, wo die Redakteure am Gängelband der

maulwurfsblinden Regierung und ihrer Zensoren

einher trotten.

Das Drucken im Bleisatz lernt zwar heute niemand

mehr in der Domus Universitatis. Dafür spielt der

handwerkliche Aspekt des Zeitungmachens am

Computer im Studium eine wichtige Rolle. Grund

genug, sich in der Ausstellung durch historische

Illustrationen auch dem Aspekt der Produktion zuzuwenden.

Und Mainz als Heimatstadt Gutenbergs

lädt ja sowieso dazu ein, den Fokus der Mediengeschichte

auf die Bedingungen und Techniken der

Herstellung zu richten.

So berichtet die Ausstellung eben nicht nur von 400

Jahren Zeitungen, Flugblättern und Generalanzeigern,

von konservativer Tagespresse und der Geburt

des modernen Boulevardblatts in Deutschland,

sondern betrachtet auch die Technikgeschichte der

Zeitung. Von der Setzerei des 17. Jahrhunderts über

die Einführung der Rotationsdruckmaschine bis zur

linotype-Zeilensetzmaschine und dem Andruck der

ersten „Bild“-Ausgabe am 24. Juni 1952 reichen

diese Beispiele. So erzählen die Darstellungen nicht

nur vom technischen Fortschritt, sondern auch von

der zunehmenden Beschleunigung eines im 17.

Jahrhundert geborenen Mediums.

Peter THOMAS n

Foto: Peter Thomas


Chancen für den

freien Wettbewerb

Wie begegnet man den Konzentrationstendenzen auf dem Softwaremarkt

Für ihre beeindruckende Dissertation „Monopolisierungstendenzen bei

Netzwerkgütern: Wettbewerbspolitische Analyse mit Microsoft-Problematik“ erhielt

Dr. Anne Sohns den Preis der Peregrinus-Stiftung. Anne Sohns entwickelte

in ihrer Dissertation praktische Handlungsempfehlungen für die Wettbewerbspolitik

beim Umgang mit Märkten für digitale Netzwerkgüter (wie Software).

Heute arbeitet Anne Sohns als Wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Monopolkommission,

einem unabhängigen Beratungsgremium der Bundesregierung für

Fragen der Wettbewerbspolitik. Im Rahmen ihrer Tätigkeit betreut sie federführend

die Stellungnahmen der Kommission zu den Wettbewerbsentwicklungen

auf den Energiemärkten.

JOGU: Die gegenwärtigen wettbewerbsrechtlichen

Rahmensetzungen scheinen kaum geeignet, um

den Konzentrationstendenzen auf Märkten für digitale

Netzwerkgüter, wie dem Softwaremarkt, zu

begegnen. Sie zeigen das in Ihrer Dissertation am

Beispiel von Microsoft auf.

Sohns: Ja, der fast neunjährige Rechtsstreit zwischen

der Europäischen Kommission und Microsoft,

der erst im September 2007 beendet wurde, zeigt

erneut, dass die Wettbewerbsbehörden der westlichen

Industrieländer den spezifi schen Wettbewerbsproblemen

der New Economy nahezu ohnmächtig

gegenüber stehen. Insbesondere die lange

Dauer, bis die wettbewerbspolitischen Instrumente

– wie die Missbrauchsaufsicht – greifen, birgt erhebliche

Gefahren für den Wettbewerb auf schnelllebigen

Märkten wie dem Softwaremarkt.

JOGU: Können Sie uns kurz den Hintergrund schildern

und den gegenwärtigen Stand des Verfahrens

aufzeigen?

Sohns: Die Kommission sah es im Jahr 2004 als

erwiesen an, dass Microsoft seine marktbeherrschende

Stellung im PC-Betriebssystemmarkt missbraucht,

um seine Marktmacht auf angrenzende

Märkte wie den Markt für Media Player und Server-

PC-Betriebssysteme zu übertragen. Neben einem

Rekordbußgeld von 497 Millionen Euro erließen die

europäischen Wettbewerbshüter zwei einschneidende

Verhaltensaufl agen: Zum einen musste Microsoft

die Schnittstellen offen legen, die zur Her-

stellung einer hinreichenden Kompatibilität mit den

Windows Betriebssystemen erforderlich sind. Zum

anderen wurde Microsoft die seit einiger Zeit praktizierte

Kopplung des Microsoft Media Players mit

dem Betriebssystem Windows untersagt.

Im September 2007 bestätigte das Europäische

Gericht erster Instanz (EuG) nach fast dreieinhalb

Jahren die Entscheidung der EU-Kommission ganz

überwiegend in den drei Punkten, die von Microsoft

angefochten wurden. Von besonderer Bedeutung ist

dabei die Aufl age zur Offenlegung der detaillierten

Schnittstellenspezifi kationen und somit zur Sicherstellung

einer Interoperabilität. Auch die verhängte

Geldbuße blieb in ihrer Höhe unangetastet. Microsoft

kündigte noch im September 2007 an, nicht in

29

Dr. Anne Sohns

www.uni-mainz.de

Foto: privat

Berufung zu gehen. Vielmehr wolle das Unternehmen

den Aufl agen nachkommen.

JOGU: Mit der zunehmenden Bedeutung digitaler

Netzwerkgüter wie dem Internet, B2B-Platt-

formen und Standardanwendungssoftware entstehen

ganz neue Gefahren für den Wettbewerb auf

den entsprechenden Märkten. Welche spezifi schen

Probleme sind das?

Sohns: Märkte für digitale Netzwerkgüter, wie sie

im Bereich der New Economy vorzufi nden sind,

weisen in vielen Fällen deutliche Tendenzen zur

Monopolisierung auf. Nicht selten ist ein auf diesen

Märkten entstandenes „Quasi-“Monopol auch von

Dauer, obwohl diese Märkte ein vergleichsweise

[JOGU] 206/2008

Interview


www.uni-mainz.de

hohes Maß an Innovationsdynamik aufweisen. Der

Innovationsdruck ist bei Gütern der New Economy

besonders hoch, weil diese Güter aufgrund ihrer

Immaterialität keine Verschleißerscheinungen aufweisen.

JOGU: Unter welchen Voraussetzungen können

sich dauerhafte Vermachtungen herausbilden?

Sohns: Anders als bei „normalen“ Gütern liegt die

primäre Ursache für die Konzentrationstendenzen

auf Märkten für Netzwerkgüter weder in den

Verhaltensweisen der Anbieter noch in den angebotsseitigen

Größenvorteilen. Vielmehr sprechen

diverse, in meiner Arbeit näher herausgearbeitete

Indizien dafür, dass die Konzentrationstendenz

primär durch den nachfrageseitigen Wunsch nach

einem möglichst großen Netzwerk an Nutzern des

gleichen Programms beziehungsweise der gleichen

Plattform hervorgerufen wird. Dieser Wunsch lässt

sich darauf zurückführen, dass der Nutzen der

Nachfrager mit zunehmender Netzwerkgröße steigt

– ein positiver Netzwerkeffekt entsteht. So erhöht

es den Nutzen des Anwenders eines Textverarbeitungsprogrammes,

wenn auch andere Personen

dieses Programm nutzen, da er mit diesen gegebenenfalls

Dateien austauschen kann.

Zwar sind Netzwerkeffekte kein neues Phänomen

des Computerzeitalters, sie treten zum Beispiel auch

bei der Nachfrage nach Telefondienstleistungen auf.

Jedoch entfaltet sich die konzentrationsfördernde

Wirkung offensichtlich insbesondere bei virtuellen

Gütern, da hier in vielen Fällen ein Netzwerk auf

einem proprietären Standard eines Anbieters beruht.

Dies lässt sich wiederum darauf zurückführen,

dass der Anbieter einer Software im Prinzip

jede beliebige Marktnachfrage bedienen kann. Die

Software lässt sich in jeder gewünschten Geschwindigkeit

vervielfältigen. Anbieter von physischen

Gütern können die stark ansteigende Nachfrage

in der Wachstumsphase, wie sie für Netzwerkgüter

charakteristisch ist, in der Regel nicht alleine bedienen

und entscheiden sich daher häufi g, wie zum

Beispiel bei VHS-Videosystemen, für eine lizensierungsstrategie.

JOGU: Sie zeigen in Ihrer Dissertation die Auswirkungen

von Netzwerkeffekten auf und wie durch

spezifi sche Rahmensetzungen dazu beigetragen

werden könnte, vermachtete Märkte zu öffnen.

Sohns: Im Bewusstsein, dass die wettbewerbspolitischen

Entscheidungsträger nur dann adäquat gegen

die Ursachen der Wettbewerbsbeschränkungen

[JOGU] 206/2008

auf Märkten für Netzwerkgüter vorgehen können,

wenn sie die marktstrukturellen Besonderheiten

auf diesen Märkten in ihrer Komplexität kennen, ist

ein erstes zentrales Ziel meiner Studie, die Auswirkungen

von Netzwerkeffekten auf den Wettbewerb

detailliert zu analysieren. Aufbauend auf dieser

Analyse ist das zweite zentrale Ziel der Studie, der

Wettbewerbspolitik praktische Handlungsempfehlungen

beim Umgang mit Märkten für Netzwerkgüter

zu geben.

JOGU: Sie haben in Ihrer Dissertation deshalb ein

eigenes wettbewerbspolitisches Konzept zur lösung

des Problems entwickelt.

Sohns: Das Konzept besteht zunächst aus dem

weichen marktstrukturpolitischen Instrument des

„Senkens der Marktzutrittsschranken auf verfestigtvermachteten

Märkten für Netzwerkgüter“. Ich

habe mich für dieses Instrument entschieden, weil

ich zu dem Ergebnis kam, dass der Wettbewerb um

eine temporäre Monopolstellung unter den zuvor

analysierten Voraussetzungen die typische Wettbewerbsform

auf Märkten für digitale Netzwerkgüter

ist. Diese Form des Wettbewerbs kann wie im Fall

des Client-PC-Betriebssystems Microsoft Windows

durch hohe Marktzutrittsschranken marktstrukturell

unterdrückt werden. Deshalb liegt es auf der Hand,

dass die Wettbewerbspolitik an eben diesen Marktzutrittsschranken

ansetzen muss. Im konkreten Fall

von Microsoft Windows habe ich eine Ex-ante-

Offenlegung und Dokumentation der Windows

Schnittstellen gefordert. Dieses Konzept lässt sich

durch eine ergänzende Ex-ante-Kontrolle von wettbewerbsbeschränkenden

Verhaltensweisen komplettieren,

um so auch gegebenenfalls verhaltensbedingte

Marktzutrittsschranken zu unterbinden.

Diese lösung hat zwei wesentliche Vorteile: Erstens

wirkt sie im Vergleich zu den herkömmlichen

wettbewerbspolitischen Instrumenten ursachenadäquat.

Zweitens ist durch den Ex-ante-Charakter

ein zeitkritisches Eingreifen möglich, wodurch die

aufgezeigten Ineffi zienzen, eines über Jahre andauernden

Verfahrens weitestgehend vermieden

werden können.

Das Gespräch führte Maria COlOMBO n

30

Sitzungstermine

des Senats

Sommersemester

2009

Freitag, den 08.05.2009

Freitag, den 05.06.2009

Freitag, den 26.06.2009

Freitag, den 17.07.2009

Freitag, den 18.09.2009

- evtl. Feriensitzung -

Die Sitzungen fi nden im Sitzungszimmer

der Naturwissenschaftlichen Fachbereiche

(Johann-Joachim-Becher-Weg 21, 7.Stock)

statt und beginnen jeweils um 13.00 Uhr.

Blutspenden in der Uni

Spendeort

Johannes Gutenberg-Universität Mainz,

linke Aula, Alte Mensa, Becher-Weg 5

Information Tel. 0 61 31/17-32 16 oder 32 17

Termin

Dienstag, den 2. 12. 2008

Spendezeiten

8.30 bis 14.00 Uhr


Kardinal Karl Lehmann

Vor 40 Jahren zum Professor ernannt

Am 4. November 2008 jährt

sich die Ernennung von Karl lehmann

zum Professor für Dogmatik an der

Katholisch-Theologischen Fakultät

der Johannes Gutenberg-Universität

Mainz zum vierzigsten Mal. Dieses

Datum ist Anlass für einen kurzen

Rückblick auf die Zeit der ersten Tätigkeit

des späteren Mainzer Bischofs

und Kardinals als „ordentlicher öffentlicher

Professor“, so die damalige

übliche Bezeichnung für den Inhaber

einer Professur.

Karl lehmann, in Hohenzollern (Sigmaringen) am

16. Mai 1936 geboren, nahm im Sommersemester

1956 das Theologiestudium in Freiburg/Brsg.

auf. Von dort wechselte er 1957 nach Rom. Seine

Studien mündeten zunächst in seiner Promotion in

Philosophie an der Pontifi cia Universitas Gregoriana

mit einer Dissertation zum Thema: Vom Ursprung

und Sinn der Seinsfrage im Denken Martin Heideggers:

Versuch einer Ortsbestimmung. Es schlossen

sich weitere theologische Studien an. Zugleich

wurde lehmann unmittelbarer Zeuge des Zweiten

Vatikanischen Konzils (1962-1965). Seit Juni 1964

war lehmann wissenschaftlicher Assistent von Karl

Rahner SJ am Institut für christliche Weltanschauung

und Religionsphilosophie der Universität München

und wechselte mit diesem dann 1967 nach

Münster. Am 10. Juni 1967 erfolgte lehmanns

theologische Promotion, ebenfalls in Rom, mit einer

Dissertation zum Thema: Auferweckt am dritten

Tage nach der Schrift. – Exegetische und fundamentaltheologische

Studien zu 1 Kor 15,3b-5.

Das Prädikat lautete erneut „summa cum laude“.

Seit November 1967 von der Assistententätigkeit

befreit, begann lehmann, betreut von Rahner als

DFG-Stipendiat mit der Arbeit an seiner Habilitationsschrift

zum Thema: Die Verborgenheit Gottes

und der Begriff der Offenbarung. Zwar kam das

Habilitationsverfahren nicht zum Ende, doch sprach

sich für lehmann unter anderem kein Geringerer als

Foto: privat

Karl lehmann 1973 an der Mainzer Universität

Joseph Ratzinger in einem Gutachten aus. Erwähnung

verdient auch, dass lehmann, damals erst 32

Jahre alt, bereits ein beeindruckendes Verzeichnis

von Publikationen vorweisen konnte.

In seinen Vorlesungen setzte

sich Lehmann mit „Hans Küngs

Lehre von der Kirche“ auseinander

und ging auf die

„Demokratisierung in der

Kirche“ ein.

Den solchermaßen ausgewiesenen Wissenschaftler

erachtete die Mainzer Katholisch-Theologische

Fakultät für geeignet, die Nachfolge des Ende Mai

1968 zum Bischof von Speyer ernannten Friedrich

Wetter anzutreten. Am 27. August 1968 teilte

Dekan Prof. Wilhelm Pesch der Fakultät mit, dass

Karl lehmann die Berufung grundsätzlich angenommen

hat.

Prof. Dr. Dr. Karl lehmann, der seinen Dienst am

4. November 1968 angetreten hatte, nahm am

27. November dann erstmals an den Beratungen der

Katholisch-theologischen Fakultät teil. Als Inhaber

des zweiten lehrstuhls für Dogmatik war er Direk-

31

Personen & Positionen

tor des Propädeutisch-Dogmatischen Seminars. Mit

seiner Antrittsvorlesung über das Thema „Die dogmatische

Denkform als hermeneutisches Problem“

stellte er sich am 12. Juni 1969 der Universitätsöffentlichkeit

vor. Die regulären Vorlesungen hielt er

dann in Hörsaal 9 (Forum 7, EG), im Wintersemester

1970/71 in Hörsaal 15. Die Auswahl der Themen

markiert den Wendepunkt, an dem Theologie und

Kirche in dieser Zeit standen: Theologie der Gnade,

Grundzüge der Ekklesiologie, Amt und Autorität

in der Kirche, Theologie der Sakramente, Aktuelle

Grundfragen aus der Theologie der Sakramente,

Problematische Grundbegriffe der modernen systematischen

Theologie, Fragen der „Politischen Theologie“,

Fundamentalhermeneutik des katholischen

Glaubensverständnisses. In den Seminaren vertiefte

lehmann die Themen der Vorlesung. Hier setzte er

sich mit „Hans Küngs lehre von der Kirche“ auseinander

und ging auf die „Demokratisierung in der

Kirche“ ein.

Trotz allem Erfolg, der lehmann beschieden war,

sollte seine erste Mainzer Zeit nur von relativ kurzer

Dauer sein. Bereits am 10. Februar 1971 setzte er

den Fakultätsrat davon in Kenntnis, dass er sowohl

einen Ruf an die Fakultät in Freiburg als auch an

jene in Münster erhalten habe. Zu dieser Mitteilung

gaben die Studierenden laut Protokoll folgendes Votum

ab: „Die Studentenschaft der Katholisch-Theologischen

Fakultät ist sehr daran interessiert, daß

Herr Prof. DDr. lehmann weiterhin den lehrstuhl

für Dogmatik an unserer Fakultät behält. Sie bittet

den Fakultätsrat dringend, alle nötigen Schritte zu

unternehmen, um Herrn Prof. DDr. lehmann die

Fortsetzung seiner lehrtätigkeit in Mainz zu ermöglichen.“

Ganz in diesem Sinne fasste der Fakultätsrat

einen Beschluss. Als lehmann sich in der Sitzung

vom 28. April 1971 bereit erklärte, für ein Treffen

mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät, ein

Referat über die Probleme der Würzburger Synode

beizusteuern, war seine Entscheidung zu Gunsten

Freiburgs allerdings schon gefallen. Zum Wintersemester

1971/72 folgte ihm Theodor Schneider auf

den zweiten lehrstuhl für Dogmatik.

Thomas BERGER n

[JOGU] 206/2008


Personen & Positionen

Fotos: Peter Pulkowski

Die W 3-Professur am

Institut für Anorganische

Chemie und

Analytische Chemie

übernimmt Dr. Katja

Heinze

Katja Heinze begann ihre

wissenschaftliche laufbahn

1988 mit dem Studium der

Chemie an der Ruprecht-

Karls-Universität Heidelberg. Noch zu Schulzeiten hatte

sie bereits einen Buchpreis des Fonds der Chemischen

Industrie gewonnen. Während der Studienzeit arbeitete

sie als Hilfskraft in der RIA- und HPlC-Abteilung von Dr.

limbach in Heidelberg. Nach dem Abschluss des Studiums

promovierte Katja Heinze von 1995 bis 1998 bei

Prof. Dr. Gottfried Huttner auf einem Gebiet der anorganischen

Komplexchemie über Elektronentransfer und intramolekulare

elektronische Wechselwirkungen mit der

Gesamtnote Summa cum laude. Ein Postdoktoranden-

Aufenthalt führte sie danach für ein Jahr an die Universität

Zürich bevor sie als wissenschaftliche Angestellte am

Anorganisch-Chemischen Institut der Universität Heidelberg

tätig wurde. Im Jahr 2004 erfolgte die Habilitation

über „Ein- und mehrkernige Metallkomplexe: Festphasensynthese

und Selbstaggregation“. In dieser Zeit war

Katja Heinze zugleich als wissenschaftliche Assistentin

und als Verwalterin des landesforschungsschwerpunktes

„Modellierung von Moleküleigenschaften als

grundlegende Methodik moderner Molekülchemie“ tätig.

Für ihre leistungen in lehre und Forschung wurde

Katja Heinze mehrfach ausgezeichnet. So erhielt sie unter

anderem den lieseberg-Preis der Fakultät für Chemie

und Geowissenschaften der Universität Heidelberg, ein

Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft,

den „lecturer Award“ der Studenten der

Fakultät für Chemie und Geowissenschaften der Universität

Heidelberg und den „Hengstberger-Preis“ der

Universität Heidelberg. n

Dr. Christiane Tietz

übernimmt die W3-

Professur für Systematische

tische Theologie an der

Evangelisch-Theologischen

Fakultät,

Christiane Tietz, Jahrgang

1967, begann ihre universitäre

laufbahn 1986 mit

der Aufnahme des Studi-

ums der Mathematik und der Evangelischen Theologie

für das lehramt an Gymnasien an der Johann Wolfgang

Goethe-Universität in Frankfurt. Ihre Schulzeit bis

zum Abitur hatte die gebürtige Frankfurterin ebenfalls

in ihrer Heimatstadt verbracht. Nach zwei Jahren des

Studiums in Frankfurt wechselte sie an die Eberhard

Karls-Universität Tübingen. Im November 1992 erfolgte

die wissenschaftliche Prüfung für das lehramt an

[JOGU] 206/2008

Neu an der Uni

Gymnasien und daran an schloss sich die Tätigkeit als

wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Hermeneutik

der Universität Tübingen. Im April 1994 erhielt Tietz ein

Promotionsstipendium der Graduiertenförderung des

landes Baden-Württemberg und darauf folgend ein

Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Die Promotion erfolgte 1999 mit der Arbeit „Ratio in

se ipsam incurva. Eine Untersuchung zu Dietrich Bonhoeffers

früher Erkenntnistheorie“. Bis zur Habilitation

im Jahr 2004 mit einer Studie zur Thematik der Selbstannahme

war Tietz u.a. als wissenschaftliche Angestellte

und Assistentin bei Eberhard Jüngel in Tübingen

und als Redakteurin der „Zeitschrift für Theologie und

Kirche“ tätig. Danach übte sie lehraufträge an den

Universitäten Heidelberg und Saarbrücken aus und war

ein Semester lang Visiting Teaching Scholar am Union

Theological Seminary, New york City. Im Wintersemester

06/07 und Sommersemester 2007 hatte Tietz eine

lehrstuhlvertretung für Systematische Theologie an der

Universität Mainz inne. Im Wintersemester 07/08 war

sie Member in Residence am Center of Theological

Inquiry, Princeton. Ihre Forschungsschwerpunkte sind

das Verhältnis von Religion und Politik, der inter-

religiöse Dialog und die Theologie Dietrich Bonhoeffers.

n

32

Dr. Nicolas-Hubert

Bings ist neuer W2

Professor für Analytische

Chemie am

Institut für Anorganische

und Analytische

Chemie

Nach dem Chemie-studium

an der Universität Dortmund

in den Jahren 1986

bis 1993 promovierte Bings 1996 in Analytischer CheChemie, unterbrochen von einem Forschungsaufenthalt als

Erasmus-Stipendiat am Institut für Mikro- und Spurenanalyse

des Fachbereiches Chemie der Universität Antwerpen.

Seine Dissertation zum Thema „Diagnostische

und analytische Messungen am kapazitiv gekoppelten

Mikrowellenplasma (CMP) unter Verwendung verschiedener

Arbeitsgase“ erhielt die Note „Sehr gut“. Nach

Abschluss der Promotion war Bings gefördert durch ein

Postdoktorandenstipendium an der University of Alberta,

Edmonton (Kanada), für ein Jahr als wissenschaftlicher

Mitarbeiter tätig. Nach einem weiteren einjährigen

durch die DFG geförderten Auslandsaufenthalt an der

Indiana University, Bloomington (USA), arbeitete Bings

von 1999 bis 2003 als wissenschaftlicher Assistent am

Institut für Analytische Chemie der Universität leipzig

und wechselte im selben Jahr ebenfalls als wissenschaftlicher

Assistent an die Universität Hamburg, wo er sich

2005 mit Arbeiten zur Miniaturisierung von Analysensystemen

und der Plasma-Flugzeitmassenspektrometrie

habilitierte. Bis 2005 hatte er einen lehrauftrag an der

Universität leipzig inne und lehrte danach als Privatdozent

für Analytische Chemie an der Universität Ham-

burg. Er übernahm daraufhin für zweieinhalb Jahre die

Vertretung und leitung des lehrstuhls für Analytische

Chemie / Konzentrationsanalytik an der Universität

leipzig. 2005 erhielt er den „Bunsen-Kirchhoff Preis“

des Deutschen Arbeitskreises für Angewandte Spektroskopie.

Nicolas-Hubert Bings ist Mitherausgeber der

„Encyclopedia of Analytical Chemistry“, Co-Organisator

wissenschaftlicher Konferenzen und übt zudem zahlreiche

Gutachtertätigkeiten für Fachzeitschriften und

Wissenschaftsorganisationen aus. Seine Forschungsinteressen

liegen in den Bereichen der Entwicklung und

des Einsatzes atomspektrometrischer Methoden für die

Umwelt-, Werkstoff- und Bioanalytik, hauptsächlich unter

Einsatz elektrischer Plasmen. n

Dr. Heiner F. Klemme

übernimmt die W3 Pro-

fessur des ArbeitsbeArbeitsbereichs Philosophie der

Neuzeit am Philosophischen

Seminar

Nach Abitur und Wehrdienst

nahm Klemme, der 1962 in

Ahnsen (Bad Eilsen) geboren

wurde, das Studium

der Philosophie mit den Nebenfächern Religionswissenschaft

und Soziologie (später der Sinologie) an der

Philipps-Universität Marburg auf. Ein Auslandsaufenthalt

führte ihn von 1985 bis 1986 an die Universität

Edinburgh, von wo aus er für ein Semester an die Rheinische

Friedrich-Wilhelms Universität Bonn wechselte und

1987 wieder an die Universität Marburg zurückkehrte.

Nach dem Magister war Klemme als wissenschaftlicher

Mitarbeiter am Institut für Philosophie des Fachbereichs

Gesellschaftswissenschaften und Philosophie der Universität

Marburg tätig. 1995 promovierte er mit der, mit

summa cum laude ausgezeichneten Arbeit: „Kants Philosophie

des Subjekts. Untersuchung zum Verhältnis von

Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis.“ Von Marburg

wechselte Klemme 1997 an die Otto-von-Guericke-

Universität Magdeburg, wo er sich im Jahr 2003 habilitierte.

In Magdeburg bekleidete Klemme am Institut für

Philosophie eine wissenschaftliche Assistentenstelle und

eine Oberassistentenstelle, unterbrochen durch lehrstuhlvertretungen

an den Universitäten Marburg und

Wuppertal. Seit April 2006 hatte er die W3 Professur

für Philosophie mit dem Schwerpunkt Praktische Philosophie

am Fachbereich A der Bergischen Universität

Wuppertal inne. Schwerpunkte der Forschung Klemmes

sind die Philosophie der Neuzeit, insbesondere Aufklärung

und Kant, und die Philosophie der Gegenwart, mit

den Themengebieten Praktische Philosophie und Ethik.

In Mainz übernimmt er zugleich die leitung der Kant-

Forschungsstelle, an der u. a. die Redaktion der „Kant-

Studien“ beheimatet ist. n


Die W2-Professur für

Sportpädagogik und

Sportpsychologie am

Institut für Sportwissenschaften

übernimmt

Dr. Ralf Sygusch.

Nach der Gymnasialzeit

in Gütersloh studierte SyguschErziehungswissenschaften

mit Nebenfach

Psychologie an der Universität Bielefeld, wo er 1991

sein Diplom und 1999 das erste Staatsexamen für das

lehramt in Sport ablegte und im gleichen Jahr zum Dr.

phil. promovierte (magna cum laude). Thema der Promotion

war „Sportliche Aktivität und subjektive Gesundheitskonzepte

von Jugendlichen“. In den Jahren

dazwischen arbeitete er als wissenschaftliche Hilfskraft

an verschiedenen Projekten an der Universität Bielefeld

und übte lehraufträge für Fußball und Torschuss aus.

Die Mitarbeit an einem DFG-Projekt führte ihn an das

Institut für Sportwissenschaft Bayreuth, wo er ab 2000

als wissenschaftlicher Assistent am lehrstuhl von Prof.

Dr. W. Brehm arbeitet und sich 2006 habilitierte. Darauf

folgend übernahm er die Stelle des akademischen

Oberrates des Institutes. über die universitäre laufbahn

hinaus arbeitete und engagierte sich Sygusch in den Bereichen

sportlicher Aus- und Weiterbildung von Jugendlichen,

u.a. als hauptamtlicher Jugendsportkoordinator

„Fußball“ des DSC Arminia Bielefeld e.V., als Trainer im

Talentförderprogramm des Deutschen-Fußball-Bundes

und als Referent und Seminarleiter für Konfl iktmanagement

und Politische Bildung. Seit 2006 lehrt Sygusch

zudem am Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium in

Bayreuth. Schwerpunkte seiner Forschungsarbeit sind u.

a. „Persönlichkeits- und Teamentwicklung im Kinder und

Jugendsport und in den Sportarten“; Sport und Gesundheit

von Kindern und Jugendlichen“ sowie „Qualitäten

von Gesundheitssport“. n

Den Lehrstuhl für

Betriebswirtschaftslehre

und Controlling

am Fachbereich 03

übernimmt Dr. Louis

Velthuis.

Geboren wurde louis

Velthuis 1964 im südafrisüdafrikanischen Johannesburg.

Noch während seiner Schulzeit

kam er nach Deutschland, wo er im Anschluss daran

eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen

Bank begann. Nach Abschluss der Ausbildung nahm

Velthuis das Studium der Betriebswirtschaftslehre an

der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt auf

und beendete dieses 1991 mit dem Abschluss zum

Diplom-Kaufmann. Ebenfalls an der Universität Frankfurt

promovierte Velthuis im Jahr 1997. Thema der Dis-

sertation, für die er die Note summa cum laude erhielt,

war: „lineare Erfolgsbeteiligung: Grundproblem der

Agency-Theorie im licht des lEN-Modells“. Bereits seit

seiner Studienzeit und auch während der Phase seiner

Promotion arbeitete Velthuis als Hilfskraft und wissenschaftlicher

Mitarbeiter am lehrstuhl für Organisation

& Management von Prof. laux. Mit der Arbeit „Anreizkompatible

Erfolgsteilung und Erfolgsrechnung“ habilitierte

er sich 2003. Es folgten Tätigkeiten als Privatdozent

und lehrstuhlvertreter an der Universität Frankfurt

und als lehrbeauftragter an der Universität Wien. über

die lehrtätigkeit hinaus übte Velthuis Beratungstätigkeiten

für die freie Wirtschaft aus, ist Gutachter von

Fachzeitschriften wie ‚Zeitschrift für Betriebswirtschaft‘

sowie „American Economic Review“ und Mitglied des

Arbeitskreises „Internes Rechnungswesen“ der Schmalenbach-Gesellschaft.

In seiner Forschung konzentriert

sich Velthuis zusammen mit seinen Mitarbeitern insbesondere

auf Fragestellungen der Performancemessung

und Anreizgestaltung im Sinne eines wertorientierten

Controlling. n

Dr. Harald G. Dill erhält

die Honorarprofessur

am Fachbereich 09

Seine universitäre laufbahn

begann Harald Dill 1971

nach seinem Wehrdienst bei

der Bundeswehr mit dem

Studium an der Universität

Würzburg, wo er er im Hauptfach

Geologie Geologie und und in den

Nebenfächern Mineralogie und Geographie belegte. Sein

Diplom, das mit der Note „Sehr gut“ bewertet wurde,

legte Dill vier Jahre später ab und wechselte daraufhin

für ein zusätzliches Studium der lagerstättenkunde

an die Rheinisch-Westfälisch Technische Hochschule

Aachen und darauffolgend an die Universität Erlangen.

1978 promovierte Dill in Mineralogie mit der Arbeit

„lagerstättenkundliche Untersuchungen zur Entstehung

der Pyrit führenden Blei-Kupfer-Zink-lagerstätte

Accesa (SW-Toskana)“. Nach einem einjährigen

Forschungsaufenthalt am lehrstuhl für Bodenkunde und

Bodengeographie der Universität Bayreuth wechselte er

1979 an die Bundesanstalt für Geowissenschaften und

Rohstoffe (BGR) in Hannover, wo er seit dieser Zeit in

Forschung (223 Veröffentlichungen), Ausbildung (Afrika,

Asien Südamerika) und Koordination (Funde von zwei

Rohstoffvorkommen) tätig ist. Ab 1982 unterrichtete er

nebenamtlich an der Johannes Gutenberg-Universität im

Fach lagerstättenkunde, wo er sich 1985 mit der Arbeit

„Die Vererzung am Westrand der Böhmischen Masse-

Metallogenese in einer ensialischen Orogenzone“

habilitierte. Seit 1988 hält Dill auch an der Universität

Hannover Vorlesungen in lagerstättenkunde, wo ihm

1991 der Titel außerplanmäßiger Professor verliehen

wurde. Seine Tätigkeit an der BGR wurde von 1986

bis 1991 unterbrochen durch eine Tätigkeit als

33

Personen & Positionen

Koordinator für lagerstättenkunde, Mineralogie und

Geochemie in der Projektleitung des Kontinentalen

Tiefbohrprojektes der Bundesrepublik Deutschland.

Weitere lehrtätigkeiten führten ihn unter anderem

an die Universität der Bundeswehr in München und

die Universität Cottbus. Darüber hinaus lehrt(e) er

an Universitäten in Thailand, der Mongolei, lettland,

litauen, Malawi, Usbekistan, Bangladesch, Nepal,

Oman, Qatar, Tunesien und Jordanien. 2006 kehrte Dill

wieder an die Universität Mainz und das Zentrum für

Edelsteinforschung zurück. Die wissenschaftliche Arbeit

von Harald Dill wurde 2004 durch den „Quintino-

Sella“ Preis auf dem Internationalen Geologenkongress

in Florenz gewürdigt. Dill war bis zum Ende seiner

Promotion Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen

Volkes und schied 2006 als Oberst der Reserve aus der

Bundeswehr aus. n

Die Honorarprofessur

im Fachbereich 04

Medizin erhält Dr.

Helmut Haas

Nach dem Studium der

Humanmedizin an der

Justus liebig-Universität

liebig-Universität

Giessen und der Approbation

im Jahr 1976 promovierte

Helmut Haas

zwei Jahre darauf mit der Arbeit: „Untersuchungen

über die Altersabhängigkeit biochemischer Prozesse in

menschlichen Erythrozyten“ an der Medizinischen Klinik

der Justus liebig-Universität. In den darauffolgenden

Jahren leistete er seinen Wehrdienst als Stabsarzt

im Bundeswehrkrankenhaus Giessen und war während

dieser Zeit Assistenzarzt in den Abteilungen Chirurgie,

Urologie und Innere Medizin. Danach wechselte er als

Assistenzarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter an die

Urologische Klinik der Johannes Gutenberg-Universität.

1982 erhielt er die Anerkennung zum Facharzt für Urologie

und ließ sich im selben Jahr als Arzt mit eigener

Praxis in Heppenheim nieder. Neben dem Praktizieren

als Urologe war Haas als Belegarzt im Heilig-Geist-

Hospital in Bensheim tätig und übt seit dem Wintersemester

1982/83 eine lehrtätigkeit im Fach Urologie an

der Klinik der Johannes Gutenberg-Universität aus. Haas

wurde für seine Tätigkeiten mehrfach ausgezeichnet. So

erhielt er von der Deutschen Gesellschaft für Urologie

den „lichtenberg Preis“ und den „Praxis-Preis“ der

Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie. Helmut

Haas ist sei 2000 im Vorstand der „Südwestdeutschen

Gesellschaft für Urologie“ und seit 2003 ebenfalls im

Vorstand der „Deutschen Gesellschaft für Urologie“.

Schwerpunkte seiner lehre und Fortbildung sind Themen

wie die Praxisorientierung in lehre und Unterricht

der Studierenden, Konzepte zur Nutzung audiovisueller

und elektronischer Medien und die Entwicklung und

Realisierung eines praxisorientierten Fortbildungskonzeptes.

n

[JOGU] 206/2008


Kurz & Bündig

Dante Alighieri

und Mainz

Die bekannteste Dichtung italienischer Sprache,

„Die göttliche Komödie“ von Dante, verbreitete

sich nach seinem Tode 1321mehr und mehr. Zeugen

davon sind viele handgeschriebene Abschriften. Die

älteste gedruckte Fassung, von Johannes (Giovanni)

Neumeister und Evangelista Angelini, ist die aus

Foligno von 1472, die früheste Ausgabe also der

„Divina Commedia“ – und diese wurde von einem

Mitarbeiter Gutenbergs gedruckt.

Prof. Dr. Klaus ley vom Romanischen Seminar der

Universität Mainz, Organisator der 85. Jahrestagung

der Deutschen Dante-Gesellschaft in Mainz,

griff im Rahmen der Tagungsvorbereitungen diese

bislang kaum gewürdigte Verbindung auf. Sie wurde

in einer kleinen Ausstellung in der Villa Musica,

dem Hauptort der Tagung, vorgestellt. So lässt sich

eine beachtenswerte Brücke von Dante zu Mainz

schlagen.

Die Bedeutung der Inkunabeln für den Ausbau des

frühneuzeitlichen Wissens- und Bildungskanons

wird hier eindrucksvoll belegt und ist zusätzlich

deshalb von besonderem Interesse, weil in nur

einem Jahr in Italien gleich drei „Erstausgaben“

der „Divina Commedia“ herauskamen, zwei davon

waren von deutschen Druckern. Mit ihnen begann

sich die Verbreitung des berühmtesten italienischen

Werkes der Weltliteratur von den illustrierten Handschriften

auf den Druck und die Buchgrafi k zu

verlagern. Maria COlOMBO n

Ausgabe von Johannes Neumeister (Foligno 1472),

ein Exemplar im Besitz der Newberry library Chicago.

[JOGU] 206/2008

CUBAME MUCHO bittet zum Salsatanz

Die Hochschulgruppe Cubame Mucho bringt im WS 2008/09 wieder (Hüft-)Schwung in die allseits geforderte

Internationalisierung - dabei stehen der Austausch und die Verständigung mit lateinamerika

im Mittelpunkt des Interesses.

Seit sechs Semestern organisiert das Team um Cécile und Arny deshalb soziokulturelle Projekte: Gemütliche

Treffs, Kultur- und Sprachaustausch (insbesondere Sprachtandems), Percussion-Unterricht,

Tanzworkshops, gemeinsame Reisen zu Kultur- und Musikveranstaltungen und Orientierungshilfe für

ausländische Studierende stehen dabei auf dem Programm.

Am 28.Oktober bat CUBAME MUCHO zur „Rueda de Casino - Salsa Wheel“ ins Studihaus. EinsteigerInnen

wurden vertraut gemacht in einer 60-minütigen Salsa-Einführung, die großen Anklang fand.

Ab jetzt kann jeder bei den jeweils dienstags stattfi ndenden übungstreffs mitmachen, ob unerfahren

oder geübt.

Aber was ist überhaupt eine Rueda? Bei einer Rueda (spanisch für Rad) bilden die Tanzpaare einen

Kreis und auf Zuruf des „Cantante“ (Ansager) tanzen sie verschiedene Figuren. Grundlage ist der kubanische

Salsa-Tanzstil mit seinen trickreich verschlungenen Figuren. Bei dieser weltweit beliebtesten

Salsa-Variante sind Spaß und lernerfolg garantiert.

Rueda ist auf Partys immer eine Gaudi, die die Begeisterung aller entfacht. Durch ständiges Wechseln

der Partnerinnen ergibt sich eine ständige Verfeinerung der Tanztechnik. Auch Interessierte ohne

festen Tanzpartner sind herzlich willkommen, da man im Kreis immer durchwechselt und keiner zu

kurz kommt.

Ab 4.November geht es um 20.30 Uhr los, der Unkostenbeitrag fürs ganze Semester beträgt nur

30 Euro. Er schließt auch den Percussion-Unterricht, Sprachtreffs und den Zugang zu den Partys mit

ein. Erfahrene Tänzer können in der „leistungsgruppe“ eine komplette Salsa-Show im rasanten los

Angeles Style erlernen. Neben Andreas von der Salsamente Dance School in Mainz konnten „hp“ (International

Dance Master 2008) und der Broadway-erfahrene Bühnenprofi Paul Brandon als Dozenten

gewonnen werden.

Information: Tel. 06131-786280 oder www.cubame-mucho.de

Impressum

Herausgeber:

Der Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz,

Univ.-Prof. Dr. Georg Krausch

Leitung Bereich Öffentlichkeitsarbeit:

Petra Giegerich

Leitung Redaktion:

Annette Spohn-Hofmann (V.i.S.d.P.)

Mitarbeiter dieser Ausgabe: Dr. Ulrike Brandenburg,

Maria Colombo, Dr. Frank Erdnüß, Sebastian Kump,

Dimitri Taube, Peter Thomas, Peter Pulkowski (Fotos)

Redaktionsassistenz: Kathrin Voigt, Birgitt Maurus

Kontakt:

Telefon: + 49 61 31 - 39 22 369, 39 20 593

Telefax: + 49 61 31 - 39 24 139

E-Mail: Annette.Spohn@verwaltung.uni-mainz.de

Aufl age: 10.000 Exemplare, die Zeitschrift

erscheint viermal im Jahr

34

Veranstaltungstipp

Redaktionsschluss der JOGU 207,

Ausgabe Januar/Februar 2009,

ist der 1. Dezember 2008

Titelbild: Peter Thomas

Gestaltung: Thomas Design, Freiburg

Anzeigen und Vertrieb: Öffentlichkeitsarbeit

Druck:

Werbedruck GmbH Horst Schreckhase

Postfach 1233

34283 Spangenberg

Telefon + 49 56 - 63 94 94

Telefax + 49 56 - 63 93 988 0

www.schreckhase.de

kontakt@schreckhase.de

Namentlich gezeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die

Meinung des Herausgebers wieder. Für unverlangt eingesandte

Manuskripte oder Bild-material wird keine Gewähr geleistet.

Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet.


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Klinikum der

Johannes Gutenberg-Universität Mainz,

Transfusionszentrale,

Hochhaus Augustusplatz

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Telefon 0 61 31/17-32 16 / 32 17

Termine

Mo, Mi 8.00 bis 16.00

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Fr 8.00 bis 15.00

Sa 8.00 bis 11.00

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