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Februar_2023

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25. Jahrgang<br />

<strong>Februar</strong> <strong>2023</strong><br />

2,10 €, davon 1,- €<br />

für die VerkäuferInnen<br />

UNABHÄNGIGE STRASSENZEITUNG FÜR FREIBURG UND DAS UMLAND<br />

ZUR UNTERSTÜTZUNG VON MENSCHEN IN SOZIALEN NOTLAGEN<br />

EIN TREUER BEGLEITER<br />

Die starke Bindung zwischen<br />

Obdachlosen und ihren Haustieren<br />

GEFLÜCHTET AUS DER UKRAINE<br />

Interview mit Olena Tutova<br />

KRIEGSTAGEBÜCHER<br />

Buchtipps von utasch


INHALT<br />

3<br />

VORWORT<br />

23<br />

MITMACHSEITE<br />

4<br />

RECHT AUF STADT<br />

24<br />

BUCHTIPPS<br />

6<br />

EIN TREUER BEGLEITER<br />

25<br />

KOCHEN<br />

8<br />

INTERVIEW MIT OLENA TUTOVA<br />

26<br />

SPORT<br />

10<br />

900 JAHRE ARMUT IN FREIBURG<br />

28<br />

KRIMI 32. FOLGE<br />

14<br />

VIVE LA RÉVOLUTION<br />

30<br />

RÄTSEL<br />

18<br />

DAS BEWEGTE LEBEN DES GUIDO RENI<br />

31<br />

ÜBER UNS<br />

22<br />

VERKÄUFER PHILIPP<br />

OHNE IHRE UNTERSTÜTZUNG<br />

GEHT ES NICHT<br />

Liebe LeserInnen,<br />

um weiterhin eine<br />

interessante Straßenzeitung<br />

produzieren und Menschen<br />

durch ihren Verkauf einen<br />

Zuverdienst ermöglichen<br />

zu können, benötigen<br />

wir Ihre Hilfe.<br />

Vielen Dank!<br />

Spendenkonto:<br />

DER FREIeBÜRGER e. V.<br />

IBAN: DE80 6809 0000 0002 4773 27<br />

BIC: GENODE61FR1<br />

Denken Sie bitte daran, bei einer Überweisung Ihren Namen<br />

und Ihre Anschrift für eine Spendenbescheinigung anzugeben.<br />

2<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


Liebe LeserInnen,<br />

der erste Monat des neuen Jahres ist schon wieder vorbei.<br />

Unter der Kälte haben viele Menschen gelitten, auch unsere<br />

VerkäuferInnen bekamen das zu spüren und unsere<br />

Verkaufszahlen sind leider immens eingebrochen. Wir<br />

hoffen, dass sich das mit dem Frühling und wärmeren<br />

Temperaturen auch wieder ändert...<br />

Leider scheint sich zu bewahrheiten, dass sich an der aktuellen<br />

politischen Lage nichts schnell bessern wird und<br />

die weltweite Krise nicht einfach so verschwindet. Wir<br />

müssen wohl noch eine Weile mit Krieg und Krise leben.<br />

Denn um etwas ändern oder gar verbessern zu können,<br />

müssten wir aus unseren Fehlern lernen, was voraussetzen<br />

würde, dass wir diese auch einsehen. Das bedeutet<br />

leider nichts Gutes für den Krieg in der Ukraine, denn Fehler<br />

einsehen hat Wladimir Putin nicht in seinem Diktatoren-Handbuch<br />

stehen. Es wird wohl darauf ankommen,<br />

wer den längeren Atem und die besseren Freunde hat.<br />

Prinzipiell wäre es natürlich richtig, wenn wir uns aus<br />

sämtlichen Kriegen heraushalten würden, schon allein<br />

wegen unserer Geschichte. Da könnte man die Skrupel<br />

deutscher PolitikerInnen fast verstehen. Doch scheinbar<br />

sind sie nicht beunruhigt, dass Saudi-Arabien im Jemen<br />

mit deutschen Waffen tötet oder dass Erdogan damit<br />

Jagd auf Kurden macht. Selbst Mexikos Kartelle ballern<br />

mit Waffen aus Deutschland herum. Da fragt sich doch,<br />

welche Motivation hinter solchem Handeln steckt? Vielleicht<br />

ist es ja einfach nur die Tatsache, dass die anderen<br />

alle für die Waffen bezahlen, die Ukraine nicht? Das wäre<br />

dann allerdings sehr makaber. Zumindest hätte man die<br />

Frage nach Panzerlieferungen klären sollen, bevor man<br />

den neuen Verteidigungsminister der CDU/CSU zum Fraß<br />

vorwirft. Denn an dieser Frage wird Boris Pistorius gemessen.<br />

Es dauerte dann auch nicht lange, bis das Oppositionsmobbing<br />

wieder losging. Vor allem hat man dabei<br />

schnell vergessen, dass die CDU jahrzehntelang für die<br />

Bundeswehr zuständig war und diese in einem desolaten<br />

Zustand übergeben hat. Und was die Unfähigkeit der<br />

Ex-Ministerin Christine Lamprecht betrifft – der unfähigste<br />

Minister, den wir je hatten, war Andreas Scheuer und<br />

kam von der CSU. Er hat Milliarden in den Sand gesetzt als<br />

Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur!<br />

Redakteur und den Geschäftsführer des Senders aus den<br />

Betten und durchsuchten deren Wohnungen. Grund der<br />

Razzia war ein Bericht des Redakteurs über die Einstellung<br />

des Strafverfahrens gegen linksunten.indymedia.org.<br />

Dabei war wohl auch ein Verweis auf das Archiv der Plattform.<br />

Und obwohl der Redakteur „geständig“ war und<br />

die betreffenden Datenträger aushändigte, durchsuchte<br />

man anschließend auch noch die Redaktionsräume des<br />

Senders, was eigentlich nicht mehr nötig gewesen wäre.<br />

Ob etwas gefunden wurde und was, darüber gibt es noch<br />

keine Erklärungen.<br />

Es ist schon eigenartig... Wenn auf der linken Seite jemand<br />

hustet, scheinen Staatsschutz und Polizei sofort<br />

zur Stelle, da ist der Huster noch nicht mal verklungen,<br />

da will man das Volk schon vorsorglich vor allen Gefahren<br />

beschützen, die es meist gar nicht gibt. Vor dem Sozialismus<br />

muss sich jeder fürchten, vor allem der Kapitalist!<br />

Vor rechts hat der wohl weniger Angst...<br />

Zum Schluss möchten wir noch über etwas Schönes berichten<br />

– denn neben all dem Elend in der Welt gibt es<br />

das auch und wir sollten nicht vergessen, dass es viele<br />

Menschen gibt, die mit kleinen Dingen die Welt etwas<br />

lebenswerter machen... Im Januar waren die VerkäuferInnen<br />

und das Redaktionsteam des FREIeBÜRGER von<br />

einem langjährigen Freund, der dafür in seiner Firma<br />

gesammelt hatte, zum Brunch im Waldsee eingeladen.<br />

Vielen Dank, wir haben die gemeinsamen Stunden sehr<br />

genossen!<br />

In diesem Sinne: Wir wünschen Ihnen wie immer viel<br />

Spaß beim Lesen und bleiben Sie uns treu!<br />

Carsten<br />

Anzeige<br />

Dann ist da noch das Gerede um den ehemaligen Chef<br />

des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen. Dass hier<br />

ausgerechnet Friedrich Merz lautstark ein Parteiausschlussverfahren<br />

fordert... Ganz unserer Meinung, Herr<br />

Merz, und dann bitte auch gleich für Sie, denn Ihre populistischen<br />

Äußerungen z. B. zur Flüchtlingspolitik sind<br />

nicht weit von denen Maaßens entfernt!<br />

Einen schlechten Start ins neue Jahr gab es für Radio<br />

Dreyeckland in Freiburg. Am 17. Januar früh am Morgen<br />

warfen Angehörige von Polizei und Staatsschutz einen<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 3


FREIBURG – STADT FÜR ALLE?!<br />

DURCHSUCHUNGEN GEGEN RADIO DREYECKLAND<br />

ZEUGEN VOM MIESEN ZUSTAND DER PRESSEFREIHEIT<br />

Am 17. Januar fanden drei Hausdurchsuchungen gegen<br />

Radio Dreyeckland statt. Betroffen waren der Verantwortliche<br />

im Sinne des Presserechts für die Webseite rdl.<br />

de und der Redakteur, der die Meldung geschrieben hat,<br />

welche die Staatsanwaltschaft Karlsruhe zum Anlass für<br />

den Repressionsschlag genommen hat, aber auch die<br />

Redaktionsräume von Radio Dreyeckland. Als Grund gibt<br />

die Staatsanwaltschaft einen kurzen informatorischen<br />

Artikel an, der über die Einstellung eines Ermittlungsverfahrens<br />

im Zusammenhang mit dem umstrittenen Verbot<br />

der Internetplattform linksunten.indymedia berichtet,<br />

erwähnt, dass das Archiv dieser Plattform weiterhin offen<br />

im Internet zu finden ist und dieses verlinkt.<br />

Der Vorfall unterstreicht, dass vom Freiburger Staatsschutz<br />

– der das Verfahren wohl ursprünglich eingeleitet<br />

hat – ebenso wie von der zuständigen Staatsanwaltschaft<br />

eine Gefahr für die Grundrechte ausgeht.<br />

Mit Radio Dreyeckland richtet sich die völlig unverhältnismäßige<br />

Repression gegen ein Medium, das insbesondere<br />

in Freiburg versucht, aus einer Perspektive der Gegenöffentlichkeit<br />

zu berichten. Wenn es beispielsweise um den<br />

Stühlinger Kirchplatz geht, wird anders als bei anderen<br />

lokalen Medien nicht die Polizeipressemeldung wiedergegeben,<br />

sondern eine kritische Einordnung der Polizeieinsätze<br />

vorgenommen, bei denen stolz eine geringe Menge<br />

gefundener Drogen als großer Erfolg präsentiert wird.<br />

Und es kommen, z .B. durch die Geflüchtetenredaktion<br />

„Our Voice“, auch Menschen zu Wort, die vom ständigen<br />

Racial Profiling betroffen sind. Nach der rassistischen<br />

Hetzjagd, bei der aus einer Gruppe mit zwei Polizeihauptkommissaren<br />

heraus ein Antifaschist mit lettischer<br />

Staatsangehörigkeit eine halbe Stunde lang durch den<br />

Stühlinger gehetzt wurde, brachte Radio Dreyeckland<br />

nicht nur den Erfahrungsbericht des Betroffenen ausführlich<br />

zu Gehör, sondern versuchte auch deutlich länger als<br />

alle anderen Medien, mögliche rassistische Strukturen in<br />

der Freiburger Polizei aufzuklären. Weil die Polizei zahlreiche<br />

Auskünfte über den Arbeitsbereich des „Ausländer<br />

raus“ schreienden Polizeihauptkommissars verweigert<br />

hatte, zog RDL sogar vor Gericht. Leider stellte der baden-württembergische<br />

Verwaltungsgerichtshof das<br />

Persönlichkeitsrecht des Polizisten über die Pressefreiheit.<br />

Radio Dreyeckland ist also ein Medium, das der Polizei<br />

RECHT-AUF-STADT-NEWSLETTER<br />

Mit unserem RaS-Newsletter<br />

informieren wir einmal im Monat<br />

über „Recht auf Stadt“-Themen.<br />

Wer Infos will, einfach E-Mail an:<br />

info@rechtaufstadt-freiburg.de<br />

Homepage: www.rechtaufstadt-freiburg.de<br />

Aktuelle Termine: tacker.fr<br />

kritisch auf die Finger schaut. So wurde zudem eine ganze<br />

Podcastreihe zur institutionalisierten Diskriminierung<br />

erstellt, in der auch Alternativen zur Polizei vorgestellt<br />

wurden. Ob man beim Staatsschutz nur darauf gewartet<br />

hat, RDL mal richtig eins auszuwischen? Das ist Spekulation.<br />

Fest steht, dass man damit die wohl umfangreichste<br />

Durchleuchtung einer Medienredaktion seit der Spiegel-Affäre<br />

1962 ausgelöst hat. Obwohl der Redakteur, bei<br />

dem die Hausdurchsuchung stattfand, sich für die Veröffentlichung<br />

der besagten Meldung verantwortlich erklärt<br />

hatte, auch um Beschlagnahmungen innerhalb der<br />

Radioräume zu verhindern, ließ die Staatsanwaltschaft<br />

sämtliche Daten, die sie über beschlagnahmte Laptops,<br />

PCs, Smartphones und Speichermedien erhalten konnte,<br />

spiegeln bzw. kopieren.<br />

Da es sich bei dem ersten Betroffenen um einen langjährigen<br />

Redakteur handelt und der zweite Betroffene<br />

der Durchsuchung Geschäftsführer von RDL ist, liegt bei<br />

Polizei und Staatsanwaltschaft damit wohl ein recht umfassender<br />

Datensatz, der zahlreiche Infos über den Sender<br />

und Einblicke in grundrechtlich geschützte redaktionelle<br />

Arbeit ermöglichen würde.<br />

Da Radio Dreyeckland in der Freiburger Zivilgesellschaft<br />

seit vielen Jahren gut vernetzt ist und viele Interviews<br />

führt, dürften letztlich auch in Freiburg zahlreiche Menschen<br />

mittelbar von der polizeilichen Ausforschung von<br />

RDL betroffen sein. Die eindrücklichen Statements von<br />

geflüchteten JournalistInnen, die bei RDL arbeiten und<br />

berichten, wie sehr diese Durchsuchungen sie an die<br />

Repression gegen JournalistInnen in ihren Herkunftsländern<br />

erinnert, macht die Dimension der Vorgänge klar. Es<br />

steht ganz offensichtlich schlecht um die Pressefreiheit in<br />

Deutschland. Als Freiburger Zivilgesellschaft sollten wir<br />

dem Angriff auf Radio Dreyeckland als einen Angriff auf<br />

die Grundrechte gemeinsam entgegentreten.<br />

4<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


STADT-FÜR-ALLE-NACHRICHTEN (RÜCKBLICK VOM 15. DEZEMBER BIS 15. JANUAR)<br />

[FR] BIMA GENTRIFIZIERT DEN STÜHLINGER<br />

In der Colmarer Straße im Stühlinger, nahe der Bahnunterführung<br />

in der Lehener Straße, läuft der Abriss der drei<br />

Mietshäuser der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben<br />

(BImA). Die Mieten im Neubau sollen wohl bei etwa<br />

10 €/m 2 liegen. Vorher zahlten die BewohnerInnen durchschnittlich<br />

7,12 €/m 2 . Sozialwohnungen entstehen gar<br />

nicht.<br />

[FR] ANGEBOTSMIETEN STEIGEN UM 4 %<br />

Laut Immobilienportal Immowelt sind die Angebotsmieten<br />

in Freiburg im Jahr 2022 um 4 % gestiegen. In dem Fall<br />

geht es um die auf diesem Portal angebotenen Wohnungen<br />

(kein Neubau) mit einer Größe zwischen 40 und 120<br />

m 2 zur Neuvermietung. Der Durchschnittspreis liege hier<br />

nun bei 12,60 €/m 2 . In München lagen die Angebotsmieten<br />

bei Immowelt 2022 bei 18,70 €, in Berlin bei 10,90 €.<br />

[FR] DIETENBACH WIRD IMMER TEURER<br />

Schon vor dem Baubeginn wird der neue Stadtteil Dietenbach<br />

immer teurer. Neben dem Kauf der Entwicklungsmaßnahme<br />

Dietenbach GmbH von der Sparkasse, die mit<br />

den Personal- und Finanzierungskosten etwa 106 Mio. €<br />

kosten wird, hauen vor allem Steigerungen der Baupreise<br />

im Bereich des Straßen- und Hochbaus rein. Die Stadt<br />

Freiburg rechnet hier mit 282 Mio. € mehr als zuvor kalkuliert.<br />

Durch die stark steigenden Bodenpreise würden die<br />

Kostensteigerungen für die Stadt ausgeglichen, also gegenfinanziert.<br />

Die Zeche dürften die zukünftigen MieterInnen<br />

zahlen müssen.<br />

[FR] BANDERA-VEREHRER EHRENGAST IN FREIBURG<br />

Beim städtischen Neujahrsempfang war der Vize-Bürgermeister<br />

von Lviv Ehrengast. Angesichts dessen, dass der<br />

brutale imperialistische russische Angriffskrieg auch Freiburgs<br />

ukrainische Partnerstadt massiv trifft, klingt das<br />

nach einer schönen Geste. Die Fraktion Eine Stadt Für Alle<br />

kritisierte allerdings seinen Auftritt. „Der Vize-Bürgermeister<br />

der Stadt Lviv und andere staatliche RepräsentantInnen<br />

waren unter anderem Anfang Januar <strong>2023</strong> aktiver<br />

Teil der zentralen Bandera-Ehrungen am entsprechenden<br />

Denkmal.“ Und weiter: „Die Organisationen, denen Bandera<br />

angehörte und die er führte, waren an Kriegsverbrechen,<br />

ethnischen Vernichtungen gegen PolInnen und<br />

Pogromen gegen UkrainerInnen jüdischen Glaubens beteiligt.“<br />

Oberbürgermeister Horn schwieg im offiziellen<br />

Teil des Empfangs und äußerte sich nicht zur Kritik an seinem<br />

Gast.<br />

WIDERSTAND GEGEN<br />

ANTI-OBDACHLOSEN-ARCHITEKTUR<br />

In zahlreichen Städten gibt es sogenannte Anti-Obdachlosen-Architektur.<br />

In einem Artikel dazu schreibt die Kontextwochenzeitung<br />

dazu: „Der öffentliche Raum soll so<br />

ungemütlich wie nur möglich hergerichtet werden, damit<br />

die Bessergestellten nicht durch die Präsenz von Obdachlosen<br />

belästigt werden.“<br />

Metallspitzen auf potenziellen Sitz- oder Liegeflächen,<br />

Bänke, die immer wieder durch Querstreben getrennt<br />

werden etc. In Stuttgart, das nach Hamburg die zweithöchste<br />

Obdachlosenquote aufweist, hat eine Gruppe<br />

nun Handarbeit verrichtet und 60 Stahlwinkel auf einer<br />

potenziellen Liegefläche vor einer leerstehenden Bank abmontiert.<br />

Mit Warnwesten bekleidet verwendeten sie dafür<br />

Akkuschrauber und Flex.<br />

FEHLENDE WOHNUNGEN IM UMLAND<br />

Laut dem Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung<br />

GEWOS aus Hamburg fehlen nicht nur in Freiburg,<br />

sondern auch im Umland zahlreiche Wohnungen.<br />

GEWOS geht von einem Bedarf von 730 bis 1.060 neuen<br />

Wohnungen pro Jahr im Kreis Emmendingen und dem<br />

Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, auf den 2/3 des<br />

Bedarfs fallen, aus. Bis 2040 bräuchte es demnach gut<br />

14.500 bis über 21.000 Wohnungen. Ein- und Zweifamilienhäuser<br />

machen laut GEWOS 60 % des Bedarfs aus. Das<br />

riecht nach immer weiterer Zersiedelung der Landschaft<br />

und der Vernichtung von wertvoller Ackerfläche. Wie wäre<br />

es stattdessen mit sinnvoller Nachverdichtung in Freiburg<br />

und besserem ÖPNV, der die Menschen besser ins Grüne<br />

bringt?<br />

REICHE WERDEN IMMER REICHER – 10 % DER WELT<br />

HUNGERN<br />

Seit Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 wurde<br />

das reichste EINE Prozent der Weltbevölkerung 26 BILLI-<br />

ONEN US-Dollar reicher. Sie kassierten damit rund zwei<br />

Drittel des weltweiten Vermögenszuwachses. Währenddessen<br />

leben durch die Inflation 1,7 Milliarden ArbeiterInnen<br />

in Ländern mit Reallohnverlusten. 828 Millionen<br />

Menschen hungern. „Erstmals seit 25 Jahren haben extremer<br />

Reichtum und extreme Armut gleichzeitig zugenommen“,<br />

erklärt Oxfam in ihrer neuesten Studie „Survival of<br />

the Richest“. Die Entwicklungsorganisation fordert, exzessive<br />

Krisengewinne von Konzernen durch eine Übergewinnsteuer<br />

für die breite Gesellschaft nutzbar zu machen<br />

und mit einer Vermögenssteuer die Reichsten in die Verantwortung<br />

zu nehmen. Es müsste in Bildung, Gesundheit,<br />

soziale Sicherung und Geschlechtergerechtigkeit investiert<br />

werden.<br />

GRÖSSERE PARKPLÄTZE?<br />

Kaum zu glauben, aber wahr. Inmitten der Klimakatastrophe<br />

rät die zuständige Forschungsgesellschaft für Straßen-<br />

und Verkehrswesen e. V. (FGSV), die Autoparkplätze<br />

zu vergrößern. Für Parklücken soll nicht mehr die aktuell<br />

geltende Breite von 2,50 Metern, sondern 2,65 Meter empfohlen<br />

werden. Besser: SUVs abschaffen!<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 5


Foto: Eliska Kratka<br />

DIE STARKE BINDUNG ZWISCHEN<br />

OBDACHLOSEN UND IHREN HAUSTIEREN<br />

Unsere Haustiere leisten uns Gesellschaft und spenden<br />

Freude. Für diejenigen, die auf der Straße leben,<br />

bieten diese Tiere zusätzlich körperliche Wärme, Liebe<br />

und Schutz. Aber der Besitz eines Tieres kann auch die<br />

Wohnungssuche und den Zugang zu Unterstützungsangeboten<br />

erschweren. Glücklicherweise beginnen Hilfsorganisationen,<br />

die bedeutenden Bindungen zwischen<br />

Besitzern und ihren Tieren anzuerkennen.<br />

Laut dem Survival-Experten Jaroslav Pavlíček ist ein Hund<br />

der beste Begleiter in der Wildnis. Er schützt vor Bären,<br />

wärmt bei kalten Temperaturen und in extremer Not<br />

kann man sein Fleisch und Fell verwerten. Diese pragmatische<br />

Sichtweise zeigt, wie wichtig die Interaktion<br />

zwischen Mensch und Tier für das Überleben sein kann.<br />

Aber wir brauchen uns nur mal im Alltag umzuschauen,<br />

um zu sehen, wie Hunde und andere Tiere den Menschen<br />

auch tagtäglich beim Überleben helfen – und das nicht<br />

nur im Polarkreis, im Hochgebirge und in tiefen Wäldern,<br />

sondern auch in den Betonwüsten unserer Städte.<br />

Für einen obdachlosen Menschen in der Stadt wird ein<br />

Hund natürlich nie eine Quelle von Nahrung oder Kleidung,<br />

aber sehr oft wird er zu seinem einzigen Freund auf<br />

der Straße. Obdachlose, die ihren Alltag auf der Straße<br />

mit einem Hund teilen, erhalten durch dessen Fell nicht<br />

nur körperliche Wärme, sondern auch emotionale Nähe<br />

durch die Beziehung zu ihrem Tier. Mehrere Studien über<br />

das Zusammenleben von Tieren und Obdachlosen zeigen,<br />

dass ein Hund unter den extremen Bedingungen des Lebens<br />

auf der Straße eine wichtige Quelle des Trostes und<br />

der Unterstützung sein kann.<br />

Zwischen 5 und 24 % der Obdachlosen in den USA und im<br />

Vereinigten Königreich haben ein Tier – in den meisten<br />

Fällen einen Hund. In Tschechien wurden keine vergleichbaren<br />

Erhebungen durchgeführt, doch nach Angaben<br />

des Projekts Housing First lebt in 19 % der Haushalte ein<br />

tierischer Freund. Hunde und Katzen – und sogar Papageien,<br />

Kaninchen, Hamster, Ratten und Hühner – ziehen<br />

im Rahmen dieses Projekts mit ihren Menschen von der<br />

6<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


Straße und aus besetzten Häusern, Wohnheimen und<br />

anderen Orten in ein neues Zuhause.<br />

Die meisten Menschen, die auf der Straße leben, haben in<br />

ihrer Kindheit negative Erfahrungen mit anderen Menschen<br />

gemacht. So sind sie vielleicht in dysfunktionalen<br />

Familien mit Gewalt und Missbrauch aufgewachsen<br />

oder haben oft auch Missachtung und Respektlosigkeit<br />

von ihren Mitmenschen erlebt, was dazu führte, dass sie<br />

anderen Menschen misstrauen und sie meiden. Menschen<br />

mit solchen Erfahrungen finden in ihren tierischen<br />

Freunden dann oft das, was sie in ihren Familien und<br />

ihrem näheren Umfeld nicht erfahren haben. Sie spüren<br />

die Liebe und den Respekt ihrer tierischen Begleiter, und<br />

sie empfinden diese Art von Beziehung dann eher als erfüllend<br />

als einschränkend, wie sie in Interviews oft sagen.<br />

Dies ist auch der Grund, warum einige von ihnen ihren<br />

Hunden Freiheit geben wollen und sie nicht an der Leine<br />

führen: Sie haben selbst negative Erfahrungen mit Zwang<br />

und Einschränkungen durch andere gemacht und möchten<br />

das ihrem Tier ersparen.<br />

Eine obdachlose Person sieht ihr Tier oft als Freund oder<br />

Familienmitglied, was dabei hilft, das Gefühl der Einsamkeit<br />

zu überwinden. Manchmal baut das Tier auch die<br />

Barrieren zwischen der obdachlosen Person und anderen<br />

Menschen ab. Obdachlose, die mit Hunden leben, sind oft<br />

glücklicher und weniger deprimiert als Menschen ohne<br />

Tier. Das liegt daran, dass ihre vierbeinigen Freunde sie<br />

nicht verurteilen oder ungefragte Ratschläge erteilen,<br />

sondern ihnen einfach nur zuhören. Vor allem obdachlose<br />

Frauen schätzen an ihren Hunden zudem, dass das Tier<br />

sie bewachen und beschützen kann.<br />

Einigen Studien zufolge sind Obdachlose mit Tieren<br />

zudem stärker motiviert, ihr Leben zu ändern. So wurden<br />

beispielsweise die eigenen Hunde teilweise als Grund<br />

dafür genannt, dass einige Menschen nicht mehr kriminellen<br />

Aktivitäten nachgingen. Die Besitzer befürchteten<br />

nämlich, dass sie von ihren Hunden getrennt werden<br />

könnten, wenn sie verhaftet würden. Andere schränkten<br />

ihren Alkohol- und Drogenkonsum wegen ihrer vierbeinigen<br />

Freunde ein, und viele haben ihre Sucht sogar erfolgreich<br />

überwunden.<br />

James Bowen hat in seinen Memoiren – die bekannteste<br />

davon ist „A Street Cat Named Bob“ – die positiven<br />

Auswirkungen dokumentiert, die ein Tier auf Menschen<br />

haben kann, die auf der Straße oder in unsicheren Wohnsituationen<br />

leben. James Eltern ließen sich scheiden, als<br />

er noch klein war, und er und seine Mutter zogen oft um.<br />

Infolgedessen hatte er keine Freunde, wurde in der Schule<br />

gemobbt und hatte Mühe, auf eigenen Füßen zu stehen.<br />

Nachdem er auf der Straße gelandet war, entwickelte er<br />

zudem eine Heroinabhängigkeit. Die Wende in seinem<br />

Leben kam, als er eine Katze fand; er nannte sie Bob und<br />

begann, sich um sie zu kümmern. Vor allem dank Bob<br />

gelang es James, seine Sucht zu überwinden und einen<br />

Job zu finden. Jetzt hat er eine Wohnung und arbeitet mit<br />

mehreren Wohltätigkeitsorganisationen zusammen, die<br />

sich auf Obdachlosigkeit und Tierschutz konzentrieren.<br />

Die Geschichten von Obdachlosen und ihren tierischen<br />

Freunden haben jedoch nicht immer ein Happy End. Obwohl<br />

Tiere ihren obdachlosen Besitzern helfen, indem sie<br />

ihnen Gesellschaft leisten, sind sie oft der Grund, warum<br />

die Menschen letztendlich auf der Straße bleiben. Denn<br />

in vielen Wohnheimen, Aufnahmezentren und Notunterkünften<br />

sind Tiere nicht erlaubt. Viele Sozialdienste<br />

können nicht in Anspruch genommen werden, wenn man<br />

ein Tier mitbringt. Immobilienbesitzer verlangen von<br />

Menschen mit Tieren oft auch eine höhere Kaution oder<br />

weisen sie gleich ab. Forscher im amerikanischen San<br />

Bernardino haben zwanzig Obdachlose, die ihr Leben mit<br />

einem Hund teilen, gefragt, ob sie gerne in einer Wohnung<br />

leben würden. Alle beantworteten die Frage mit Ja.<br />

Dann fragten sie dieselben Personen, ob sie auch dann in<br />

einer Wohnung leben würden, wenn sie ihren Hund nicht<br />

mitnehmen könnten. Hier sah das Ergebnis anders aus:<br />

90 % sagten, dass sie in diesem Fall lieber auf der Straße<br />

bleiben würden.<br />

Glücklicherweise ändert sich die Situation langsam und<br />

immer mehr Unterkünfte erlauben es Obdachlosen, ihre<br />

pelzigen Freunde mitzunehmen. Dies ist auch in Tschechien<br />

der Fall, wo die Tiere von Obdachlosen dank Organisationen<br />

wie Psí život (dt. Ein Hundeleben), Můj pes a já<br />

- oba bez domova (dt. Mein Hund und ich – beide obdachlos)<br />

und Tierärzte ohne Grenzen nicht nur medizinisch<br />

versorgt, sondern auch gefüttert werden können.<br />

Als ein obdachloser Mann gefragt wurde, was seine Hündin<br />

für ihn bedeute, antwortete er: „Sie ist ich.” Obdachlose<br />

identifizieren sich mit ihren Tieren und sorgen sich<br />

deswegen ganz besonders um sie. Deutlich wird das vor<br />

allem darin, dass selbst in den schwierigsten Zeiten diese<br />

geliebten Tiere oft einen gleichen oder sogar größeren Anteil<br />

des Essens von den Tellern ihrer menschlichen Besitzer<br />

erhalten.<br />

Übersetzt aus dem Englischen von<br />

Translators without Borders<br />

Josef Hawel<br />

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von<br />

Nový Prostor / International Network of Street Papers<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 7


gut organisiert und sehr viele Menschen aus ganz Polen<br />

waren an der Grenze, um ihre Hilfe anzubieten. So bekam<br />

ich eine Mitfahrgelegenheit nach Warschau. Von dort ging<br />

es nach ein paar Tagen weiter nach Freiburg, weil ich hier<br />

gute Freunde habe, die mich aufnahmen.<br />

Wie sah Dein Leben vor dem Kriegsbeginn aus?<br />

Ich führte ein ganz normales friedliches Leben. Ich habe<br />

eine Wohnung im Zentrum der Stadt Kyjiw. Ich habe Wirtschaft<br />

und angewandte Mathematik studiert und in einem<br />

akademischen Institut im Bereich Wirtschaftsprognosen<br />

gearbeitet. Im Winter war ich immer gern zum Schlittschuhlaufen<br />

auf der Schlittschuhbahn in der Nähe vom<br />

Präsidialamt, die kostenlos benutzt werden durfte. Und ich<br />

war oft im Kino und im Theater. Ich war mit meinem Leben<br />

zufrieden.<br />

Es heißt oft, die Ukrainer und Russen seien ein „Brudervolk“.<br />

Wie sind Deine Beziehungen zu Russland?<br />

Meine Mutter war Ukrainerin und mein Vater Russe.<br />

Ukrainisch und Russisch sind beide meine Muttersprache.<br />

Und durch meinen Vater habe ich auch Verwandte in St.<br />

Petersburg und anderen Orten in Russland. Zwischen den<br />

Menschen aus der Ukraine und Russland gibt es oft familiäre<br />

Verbindungen.<br />

INTERVIEW<br />

mit Olena Tutova<br />

Foto: Olena Tutova<br />

Olena Tutova, kurz Lena, ist Ende <strong>Februar</strong> 2022 aus Kyjiw<br />

(Kiew) nach Freiburg geflüchtet. Sie ist eine von vielen,<br />

die ihre Heimat wegen des Krieges verlassen mussten.<br />

Wir wollten wissen, wie es ihr nach fast einem Jahr geht<br />

und was sie sich für die Zukunft wünscht.<br />

Liebe Lena, bitte erzähle uns doch etwas über Deine<br />

Flucht aus der Ukraine.<br />

Ich habe sofort nach den ersten Angriffen auf Kyjiw die<br />

Entscheidung getroffen zu fliehen und habe im Internet ein<br />

Ticket für einen Zug Richtung Westen gebucht. Der Krieg<br />

verursachte Betriebsstörungen am Bahnhof. Einige Züge<br />

waren verspätet, andere ausgefallen. Ich hatte Riesenglück,<br />

dass ich mit dem Evakuierungszug in den Westen der Ukraine<br />

fahren konnte.<br />

Aber die letzten 15 Kilometer bis zur polnischen Grenze<br />

musste ich zu Fuß gehen. Gemeinsam mit vielen anderen<br />

Frauen und Kindern wollte ich mich in Sicherheit bringen.<br />

Direkt hinter der Grenze standen Helfer und Helferinnen<br />

bereit und ich konnte mich ein paar Stunden in einer Turnhalle<br />

ausruhen. Die erste Hilfe für uns Flüchtlinge war sehr<br />

Was glaubst Du, warum es zu diesem Krieg kam?<br />

Viele UkrainerInnen rechneten nicht mit diesem Angriff. Ich<br />

wusste, dass Russland seinen Einfluss auf die Ukraine nicht<br />

verlieren will. Es ist eine russische Form von Imperialismus.<br />

Russland will die politische Kontrolle über die ehemaligen<br />

Sowjetrepubliken und die anderen Länder, die jemals ein<br />

Teil Russlands (wie zum Beispiel Polen) waren, behalten.<br />

Jetzt kann ich mir vorstellen, wenn wir diesen Krieg nicht<br />

gewinnen, dann würden UkrainerInnen dazu gezwungen,<br />

im nächsten imperialistischen Krieg Russlands gegen Polen<br />

teilzunehmen, weil genau das mit der Bevölkerung in den<br />

besetzten Territorien der Ukraine geschieht: Russland zieht<br />

sie in seine Armee ein. Trotzdem wollte ich nicht glauben,<br />

dass Russland wirklich die Ukraine bombardiert. Wir wurden<br />

alle überrascht, obwohl wir über die Gefahr Bescheid<br />

wussten.<br />

Hast Du Kontakt nach Kyjiw? Was erfährst Du über die<br />

aktuelle Situation?<br />

Ich habe regelmäßig Kontakt zu Freunden und Nachbarn.<br />

Viele Nachbarhäuser sind inzwischen stark beschädigt,<br />

aber das Haus mit meiner Wohnung steht noch und die<br />

Nachbarn sind zum Glück auch unbeschadet. Die Stromausfälle<br />

sind zurzeit das größte Problem, denn dann<br />

kommt auch kein Leitungswasser und keine Heizung in die<br />

Wohnungen. Das ist sehr schwierig für die Menschen, die<br />

in den Hochhäusern leben. Besonders für die älteren Leute,<br />

die die vielen Stockwerke nicht hoch- und runtersteigen<br />

8<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


können. Viele bleiben deshalb auch bei Luftangriffen in ihren<br />

Wohnungen. Die Versorgung mit Gemüse aus dem Umland<br />

funktioniert, aber alles ist teurer geworden. Aber viele<br />

Medikamente gibt es nicht mehr. Der Schulunterricht findet<br />

wohl weiterhin statt, aber bei Luftalarm müssen alle in<br />

den Schutzkeller. Die Angriffe auf die zivile Versorgung sollen<br />

die Menschen in Angst versetzen und die Bevölkerung<br />

spalten. Aber das funktioniert nicht, denn die Menschen<br />

werden ihre Heimat verteidigen, weil sie selbstständig und<br />

unabhängig bleiben wollen.<br />

Wie sollten sich Deiner Meinung nach Deutschland und<br />

die EU verhalten?<br />

Als Ukrainerin bin ich für Waffenlieferungen. Meine Meinung<br />

zu Waffen hat sich im Laufe der Zeit geändert. Vor der<br />

Besetzung der Krim 2014 war ich gegen die Bewaffnung von<br />

Privatpersonen, aber seitdem finde ich die zivile Verteidigung<br />

richtig und wichtig.<br />

Und heute denke ich, dass die Ukraine zur Verteidigung<br />

Waffen braucht, um Menschenleben zu retten. Besonders<br />

Luftabwehrwaffen sind wichtig, um die Menschen vor Bomben<br />

zu schützen. In den ersten Tagen des Krieges bewarfen<br />

mutige BürgerInnen die russischen Panzer nur mit Molotowcocktails.<br />

Sie starben als Helden, aber wenn sie auch<br />

moderne Waffen, einschließlich Panzern, gehabt hätten,<br />

würden sie heute vielleicht noch leben.<br />

Und was glaubst und hoffst Du in Bezug auf die weitere<br />

Entwicklung des Krieges?<br />

Ich kann nicht in die Zukunft sehen, aber ein Ende des Krieges<br />

ist erst in Sicht, wenn die Krim und der Donbass an die<br />

Ukraine zurückgegeben werden und wenn die russische<br />

Bevölkerung versteht, was passiert und ihre Verantwortung<br />

übernimmt. Die Macht liegt hinter den Mauern des<br />

Kreml und viele RussInnen blicken auf den Krieg wie auf<br />

einen sportlichen Wettkampf. Wir UkrainerInnen fühlen,<br />

dass wir Politik beeinflussen können. Aber RussInnen sind<br />

eher Untertanen als BürgerInnen. Ich wünsche mir, dass die<br />

russische Bevölkerung sich als Teil der Tragödie begreift und<br />

die Verantwortlichen verjagt.<br />

Gibt es etwas, was Dich hier in Deutschland und Freiburg<br />

besonders stört und was Du besonders magst?<br />

In Freiburg mag ich besonders die Natur und die gute Luft.<br />

Und die Hilfsbereitschaft der Menschen hat mich sehr<br />

beeindruckt. In Deutschland gibt es eine starke Zivilgesellschaft.<br />

Das habe ich gemerkt, als ich im letzten April<br />

angefangen habe, als Übersetzerin zwischen geflüchteten<br />

UkrainerInnen und ehrenamtlichen HelferInnen zu vermitteln.<br />

In Deutschland hat das Ehrenamt eine starke Tradition.<br />

Das gab es in der Ukraine nicht. Aber durch den Krieg ist<br />

ein starker Zusammenhalt entstanden und viele freiwillige<br />

HelferInnen sind im Einsatz und helfen den Menschen in<br />

ihrer Not. Ich wünsche mir, dass wir diesen Gemeinschaftssinn<br />

nach dem Krieg bewahren. Ich denke, es ist wichtig, die<br />

Verbindungen zwischen den deutschen und ukrainischen<br />

bürgerlichen Gesellschaften zu entwickeln. Es gibt viele<br />

Vereine und bürgerliche Initiativen hier in Deutschland.<br />

Ihre Erfahrung wäre sehr nützlich beim Wiederaufbau der<br />

Ukraine.<br />

In Deutschland stört mich am meisten, dass die mobile<br />

Internetverbindung und die digitalen Dienste nicht so gut<br />

funktionieren und auch teurer sind als in der Ukraine.<br />

Liebe Lena, wir danken Dir für das Gespräch und wünschen<br />

Dir und Deiner Heimat eine friedliche Zukunft!<br />

utasch<br />

In eigener Sache<br />

Wie ergeht es Dir in Freiburg und welche Pläne hast Du<br />

für die Zukunft?<br />

Ich bin nun fast ein Jahr in Deutschland und habe mich<br />

den Umständen entsprechend eingelebt. Ich habe einen<br />

Sprachkurs gemacht und jetzt im <strong>Februar</strong> meine Prüfung.<br />

Danach werde ich eine Arbeit suchen. Sobald es in der Ukraine<br />

sicher ist, will ich nach Kyjiw fahren.<br />

Aber wie es nach dem Krieg für mich weitergeht, kann<br />

ich nicht planen. Niemand weiß, wie lange der Krieg noch<br />

dauern wird. Alles ist ungewiss. Vielleicht bleibe ich auch<br />

in Deutschland, falls ich eine gute Arbeit finde. Ich weiß es<br />

einfach noch nicht. Ich möchte in Frieden leben und für die<br />

Gesellschaft nützlich sein.<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 9


900 JAHRE ARMUT IN FREIBURG<br />

Armenwesen und Pflege in Freiburg (Teil 24)<br />

Foto. PxHere<br />

In der letzten Folge schrieb ich über die schwere Zeit<br />

direkt nach dem Dreißigjährigen Krieg, wie die Stadt mit<br />

der Zerstörung, Verelendung und dem Hunger umgehen<br />

musste. Heute berichte ich darüber, wie es den FreiburgerInnen<br />

Schritt für Schritt gelang, ihre Stadt wiederaufzubauen<br />

und die Not (vorerst) zu besiegen. Als Erstes aber,<br />

wie das Heiliggeistspital wieder auf die Beine kam.<br />

DAS GROSSE SPITAL AN DER SCHWELLE ZU EINER<br />

NEUEN ZEIT<br />

Wie bereits erwähnt, hatte sich der Charakter des Spitals<br />

im Laufe der Zeit verändert. Von der rein städtischen<br />

Einrichtung der Armenversorgung und -pflege hatte es<br />

sich zu einer Art städtischem Krankenhaus entwickelt,<br />

wofür letztendlich auch der Große Krieg mit verantwortlich<br />

war. Schon aus Mangel an Alternativen wurden<br />

verletzte Soldaten und ZivilistInnen während der 30<br />

Kriegsjahre im Spital behandelt und wurden mitunter<br />

auch wochenlang hier versorgt. Zu den vielen Verletzten,<br />

den Kranken und den mehr gewordenen Armen nahm<br />

aber auch die Anzahl der Menschen zu, die sich mit<br />

einem Pfründnervertrag ihre Altersversorgung im Spital<br />

erkauften und ihren Ruhestand dann auch hier verbrachten.<br />

Man kann also sagen, das Heiliggeistspital war zum<br />

ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhundert eine<br />

Mischung aus Pension für Bessergestellte und Armenunterkunft<br />

mit Krankenversorgung und kirchlicher Betreuung<br />

geworden.<br />

Doch man muss dabei anmerken, dass das Hauptanliegen<br />

des Spitals, die Armenversorgung, im Verlauf der<br />

Jahrhunderte niemals aus den Augen verloren wurde.<br />

So stand das Spital auch für jeden offen, der sich eine<br />

notwendige medizinische Behandlung oder Pflege nicht<br />

leisten konnte. Das Spital sorgte in solchen Fällen für<br />

Behandlung und Arznei und oftmals konnte der oder die<br />

Betroffene bis zur Genesung dableiben. Einige der Handwerkszünfte<br />

hatten sich sogar vertraglich beim Spital<br />

abgesichert, dass im Krankheitsfall immer ein „Belegbett“<br />

für Angehörige ihrer Zunft bereit wäre. Einen Teil dafür<br />

10<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


ezahlten die jeweiligen Zünfte und für den anderen Teil<br />

leisteten sie kostenlose Reparaturarbeiten.<br />

Ausnahmen gab es natürlich auch hier. So wurden<br />

Aussätzige und Syphiliskranke weiter konsequent abgelehnt<br />

und ins Blattern- bzw. Gutleuthaus geschickt. Informationen<br />

darüber, was man mit diesen Menschen nach<br />

der Zerstörung des Gutleuthauses machte, konnte ich<br />

nicht finden. Auf der anderen Seite aber wurden geisteskranke<br />

Menschen und erkrankte StraftäterInnen aus dem<br />

Gefängnis im Spital aufgenommen.<br />

Auch äußerlich hatte sich das Heiliggeistspital verändert.<br />

Am besten kann man diese Änderungen sehen, wenn<br />

man den Stadtplan von Gregorius Sickinger aus dem<br />

Jahre 1589 mit dem Großen Stadtplan Freiburgs von 1713<br />

vergleicht. Bei Sickinger sieht man das Große Spital mit<br />

all seinen Bauten und Bestandteilen, in ihrer Position und<br />

auch in ihrer Lage zueinander, sehr detailliert. Das Spital<br />

ist als ein geschlossenes Rechteck mit großem Innenhof<br />

dargestellt. An der Seite zur Großen Gasse (heutige<br />

Kaiser-Joseph-Straße) befand sich ein zweistöckiger<br />

Bau, der als Kapelle genutzt wurde. Diese Kirche hatte<br />

eine Freitreppe, die zu einem separaten hochgelegenen<br />

Eingang führte, wahrscheinlich für kirchliche Würdenträger<br />

und hochgestellte BesucherInnen. Das Gebäude<br />

beeindruckte durch hohe Fenster im zweiten Stock sowie<br />

ein hohes Dach mit Glockenturm. Scheinbar war diese Art<br />

von zweistöckigen Kirchen in Spitälern für das damalige<br />

Kaiserreich nicht unüblich. Die Existenz der Freiburger<br />

Spitalkirche ist bis ins 18. Jahrhundert belegt.<br />

Im Plan von 1713 ist der Spitalkomplex nicht mehr<br />

geschlossen dargestellt. Im Nordosten der ehemaligen<br />

Spitalfläche sieht man nun eine Lücke, hier scheint das<br />

Spital nicht mehr begrenzt zu sein. Auch sind einzelne<br />

ehemalige Gebäude des Spitals inzwischen verkauft bzw.<br />

abgerissen, sodass sich das Heiliggeistspital als Flickenteppich<br />

darstellt. Leider gibt es keine genauen Daten,<br />

wer eventuell Teile des Spitals erworben hat oder für wie<br />

sie konkret genutzt wurden. Mit Sicherheit kann man<br />

auf diesem Plan lediglich zwei Häuser als Spitalgebäude<br />

identifizieren.<br />

Wirtschaftlich sehr geschwächt musste das Heiliggeistspital<br />

nach dem Dreißigjährigen Krieg Wege aus<br />

der Krise finden, um seinen Aufgaben weiter gerecht<br />

werden zu können. Als Erstes versuchte das Spital, seine<br />

günstige Lage im Stadtzentrum auszunutzen. Schon im<br />

Mittelalter hatte man die Lage an der Geschäfts- und<br />

Marktstraße, der Großen Gasse, für die verschiedensten<br />

wirtschaftlichen Zwecke genutzt. Darauf besann<br />

man sich nun wieder und vermietete an den Außenseiten<br />

des Spitals Plätze an Freiburger HändlerInnen und<br />

Abb.: Freiburger Schlossberg. Zeichen der Heiliggeistspitalstiftung,<br />

der die Reben gehören.<br />

Gewerbetreibende und erlaubte ihnen, sich hier Marktstände<br />

einzurichten. Diese Mieteinnahmen bedeuteten<br />

einen beachtlichen Zugewinn für das Spital.<br />

Da das Spitalgelände an sich eine ziemlich große Fläche<br />

war, konnten auch viele Händler hier einen Stand aufmachen.<br />

Meist waren es nur einfache Bänke, auf denen<br />

man seine Waren ausbreitete und feilbot. Allein auf der<br />

Nordwestseite befanden sich zeitweise 12 Bänke der Brotbäcker,<br />

wenn auch die Anzahl und die Art der Geschäfte<br />

ständig wechselten. Ende des 17. Jahrhunderts gab es ca.<br />

20 Läden an den Spitalmauern. Es gab neben den Bäckern<br />

Apotheker, Eisenwarenhändler, Gürtler und andere. Mit<br />

Stefan Rappolt und Burkhart Frauenfelder ließen sich<br />

auch zwei Goldschmiede neben dem Spital nieder. Die<br />

Jahresmiete betrug 3 Pfund und 15 Schilling, was die<br />

meisten Händler aber schnell wieder drin hatten. So<br />

hatten beide Seiten ihren Vorteil und konnten ganz gut<br />

verdienen. Die einheimischen HändlerInnen hatten nun<br />

gegenüber den fremden einen unschlagbaren Vorteil, der<br />

sich vor allem bei den beiden großen Jahrmärkten und<br />

den Fronfastenmärkten bemerkbar machte. Dank des<br />

Spitals hatten sie ihren festen Standort, der noch dazu in<br />

unmittelbarer Nähe zum Münstermarkt lag und den sie<br />

an solchen Tagen nicht zusätzlich bezahlen mussten. Die<br />

auswärtigen Händler mussten an solchen Tagen größere<br />

Foto: Andreas Schwarzkopf / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 11


Abb.: Der am 7. September 1714 in Baden im Aargau geschlossene Friede von Baden hatte u. a. zur Folge, dass Frankreich<br />

die Eroberungen im Breisgau räumte (Gemälde von Johann Rudolf Huber).<br />

Foto: Wikimedia Commons<br />

Summen an Miete bezahlen und eventuell sogar noch<br />

etwas an Bestechungsgeld für den Marktmeister drauflegen.<br />

Dazu kam dann noch das Gedränge auf dem Marktplatz.<br />

All das blieb den Händlern am Spital erspart. Und<br />

auch wenn das Spital in späteren Jahren die Miete für<br />

solche speziellen Markttage erhöhte, hatten die Freiburger<br />

HändlerInnen noch einen ordentlichen Gewinn.<br />

Die Belagerung Freiburgs durch französische Truppen<br />

im Jahr 1713 überstand das Spital erstaunlich gut.<br />

Obwohl der Spitalhof (Heidenhof) mitsamt seinen<br />

Wirtschaftsgebäuden wieder zerstört wurde, hatte man<br />

genug Lebensmittel (sogar ausreichend Fleisch), um die<br />

SpitalinsassInnen zu versorgen. Freilich gab es keinen<br />

nennenswerten Erlös aus verkauften Lebensmitteln, da<br />

die Belagerer sämtliche Felder verwüstet hatten. Deshalb<br />

schrieb der Spitalmeister 1714 etwas sarkastisch ins<br />

Rechnungsbuch unter die Spalte „Einnahmen für Korn<br />

und Weizen“: „Weilen wegen der harten Belagerung 1713<br />

nichts hat können angeblimpt werden, dero wegen nichts<br />

zum Schneiden gehabt!“ Bei der Belagerung 1744, also<br />

nur 30 Jahre später, traf es das Spital dann schlimmer.<br />

Der gerade wiederaufgebaute Heidenhof wurde erneut<br />

zerstört, das nebenan gelegene Wirtshaus „Zur Weißen<br />

Taube“ und weitere Wirtschaftsgebäude ebenfalls. Auch<br />

der in der Stadt gelegene Meierhof sowie das Spital selbst<br />

wurden bei dem Bombardement stark beschädigt. Viele<br />

Menschen verloren ihr Heim und flüchteten sich ins<br />

Spital. Innerhalb kurzer Zeit verdoppelte sich die Anzahl<br />

der SpitalinsassInnen fast.<br />

Doch neben der Armenversorgung und der Armenpflege,<br />

der Krankenpflege und der Versorgung von Pfründnern<br />

hatte das Spital auch noch andere Aufgaben. So beteiligte<br />

sich das Heiliggeistspital auch an der Armenpflege außerhalb<br />

des Spitals, wie zum Beispiel durch die Gabe von<br />

Almosen an Fremde, in Form von Geld oder Nahrungsmitteln,<br />

wie aus den Jahresbüchern hervorgeht. Dort<br />

steht auch, dass vom Großen Spital an jedem Neujahrstag<br />

Geldbeträge an das Gutleut-, das Blattern- und an das<br />

Findelkinderhaus ausgezahlt wurden. In den Büchern des<br />

Spitals findet man unter dem Posten: „item verkromet,<br />

verehrt und verschenkt“ gelegentlich weitere meist kleine<br />

Geldbeträge als Almosen verzeichnet.<br />

Auch wurde das Spital schon früh im Mittelalter als<br />

Gefängnis genutzt. Waren es am Anfang nur die BettlerInnen<br />

oder die im Haus lebenden Armen, die hier eingesperrt<br />

worden sind, brachte später auch die Stadt selbst<br />

ihre Gefangenen im Spital unter.<br />

12<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


DAS SPITAL ALS GEFÄNGNIS UND RECHT UND RECHT-<br />

SPRECHUNG IN FREIBURG<br />

Dass sich im Freiburger Heiliggeistspital ein Gefängnis<br />

befand ist nicht ungewöhnlich, in vergleichbaren Einrichtungen<br />

im Deutschen Reich war das auch der Fall. In alten<br />

Unterlagen ist meist die Rede vom Spitalsloch oder vom<br />

Spitalgefängnis. Alten Quellen zufolge soll das Gefängnis<br />

ein verliesartiger gruftiger Keller ohne genügend Licht<br />

und Luft gewesen sein, in dem es feucht, muffig und kalt<br />

war. Bereits in der ersten Spitalordnung von 1318 wurde<br />

ein solcher Kerker erwähnt, Beweise für seine Existenz<br />

gibt es aber nicht. Anders sieht es bei der Spitalordnung<br />

von 1540 aus, wie folgender Ratsbeschluss zeigt: „Jörgen<br />

Meyer von Lehen, nachdem er vollen Weins worden, übel<br />

geschworen und dem auch den pettelvogt in Bach treten<br />

und also ins Spitalsloch ein Tag gelegt, hat man im das<br />

Spenglin abkindet und daruf der Statt verwiesen!“ Auch in<br />

weiteren Spitalordnungen wird das Gefängnis benannt<br />

und die Nutzung ist bis zum Ende des 18. Jahrhundert<br />

nachgewiesen.<br />

Im Spitalgefängnis war Platz für mehrere Personen und<br />

hier wurden sowohl Männer als auch Frauen eingesperrt,<br />

gelegentlich auch Jugendliche. Meist waren es Tatverdächtige,<br />

die hier bis zu ihrem Prozess in Untersuchungshaft<br />

waren. In einigen Fällen hat das Spitalgefängnis<br />

aber auch zur Verbüßung geringfügiger Haftstrafen<br />

gedient. Die Liste der Vergehen, wegen derer man hier<br />

eingesperrt werden konnte, ist lang. Da wären z. B.<br />

Diebstahl, Ehebruch, Prostitution, Beleidigung, Schlägereien,<br />

Gotteslästerung, Ungehorsam, ungebührliches<br />

Verhalten und Faulheit(!), um nur einige zu nennen. Aber<br />

auch stadtfremde BettlerInnen wurden manchmal bis<br />

zu ihrer Ausweisung im Spitalsloch inhaftiert. Neben<br />

den „normalen“ Haftbedingungen gab es spätestens seit<br />

dem 17. Jahrhundert den verschärften Strafvollzug. Unter<br />

anderem wurde dabei dem Straftäter ein Holzklotz um<br />

den Hals oder um die Beine gebunden und man zwang<br />

ihn, körperlich schwerste Arbeiten zu verrichten. So<br />

erging es z. B. Anna Catharina Locherin im Jahr 1688, die<br />

wegen ihrer „unzüchtigen Huererey dahin verfällt, dass sie<br />

in den Spithal genommen und ein Blockh an den Halß solle<br />

gehenckht und damit abgebuest werden.“ 1724 sollte die<br />

Frau des flüchtigen Lorentz Dengler „samt dem Kind vom<br />

Thurm in das mehrere Spital gebracht und ihr all da ein<br />

Glotz angelegt werden.“<br />

Besondere Motive, warum die Stadt immer häufiger<br />

StraftäterInnen im Spital unterbrachte, konnte ich in<br />

den Unterlagen nicht finden. Ein plausibler Grund wäre<br />

allerdings die Verpflegung. Da im Spital sowieso für viele<br />

Menschen gekocht wurde, würde es auf die paar Esser<br />

mehr nicht ankommen. Müsste die Stadt die Gefangenen<br />

selbst versorgen, bräuchte man zuerst Küchenräume und<br />

Abb.: Belagerung von Freiburg 1744<br />

Personal und man müsste extra Nahrungsmittel kaufen.<br />

Dazu käme dann noch Personal für Betreuung und<br />

Bewachung. Das wäre wohl zu kompliziert und das Spital<br />

bot sich nun mal an. Zudem stand es ja unter städtischer<br />

Aufsicht. Ob die Stadt dem Heiliggeistspital Geld für die<br />

Verköstigung der Gefangenen bezahlt hat, ist nirgends<br />

erwähnt. Da aber in den penibel geführten Jahresbüchern<br />

keine dementsprechenden Einträge zu finden sind, hat<br />

das Spital die Versorgung wohl kostenlos übernommen.<br />

Außerdem hatte das Spital ja auch etwas von der Vereinbarung,<br />

denn viele der Verurteilten mussten schwere<br />

Strafarbeiten verrichten und davon gab es im Spital<br />

genug. Und einfach waren die Tätigkeiten, zu denen man<br />

im Spital eingeteilt wurde, sicher nicht.<br />

In der nächsten Folge geht es weiter mit den Aufgaben<br />

des Spitals. Dann erfahren sie auch mehr über Recht,<br />

Rechtsprechung und über die Strafen, die ein Gericht<br />

damals aussprach.<br />

Ich bedanke mich beim Stadtarchiv Freiburg und Herrn<br />

Thalheimer, der Waisenhausstiftung, Gerlinde Kurzbach,<br />

Peter Kalchtaler und Dr. Hans-Peter Widmann.<br />

Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg Generallandesarchiv Karlsruhe J-E F 8 Bild 1 (4-1133203-1)<br />

Carsten<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 13


Seit jeher ist es der innige Wunsch der Menschen, selbstständig<br />

und autonom zu sein. Im Völkerrecht ist der<br />

Begriff der Unabhängigkeit umstritten. Ein einheitlicher<br />

Maßstab dafür existiert (noch) nicht.<br />

Das wichtigste Merkmal der Unabhängigkeit ist, dass ein<br />

Staat ohne jede Einmischung von außen eigene Entscheidungen<br />

treffen kann. Dabei ist es unwichtig, ob der Staat<br />

in der Realität von anderen Ländern wirtschaftlich oder<br />

politisch abhängig ist. Um als eigenständiger und souveräner<br />

Staat zu gelten, ist die Anerkennung durch andere<br />

Länder notwendig. Zum Beispiel hat Russland Abchasien<br />

und Südossetien, beide im Kaukasus, geachtet.<br />

Bei idealen Verhältnissen wird der neue Staat von den<br />

Vereinten Nationen (UNO) anerkannt und als Mitglied<br />

aufgenommen. Hierbei müssen jedoch alle fünf ständigen<br />

Mitgliedsstaaten des UNO-Sicherheitsrats zustimmen.<br />

Das sind Russland, China, Großbritannien,<br />

Frankreich und die Vereinigten Staaten von Amerika. Eine<br />

fehlende Akzeptanz führt zu einem Ausschluss der Mitgliedschaft<br />

bei der UNO und diplomatischer Isolation.<br />

VIVE LA RÉVOLUTION!<br />

Foto: WikiImages / Pixabay<br />

Nach der Konvention von Montevideo über Rechte und<br />

Pflichten der Staaten von 1933 gibt es vier Voraussetzungen<br />

für eine staatliche Souveränität: erstens eine permanente<br />

Bevölkerung, zweitens ein definiertes Staatsgebiet,<br />

drittens eine Regierung und viertens die Fähigkeit, mit<br />

anderen Staaten in Beziehung zu treten. Diese Kriterien<br />

sind jedoch kein international bindendes Regelwerk. D. h.<br />

in der Praxis , dass die Entscheidung, einen Staat anzuerkennen<br />

oder nicht, der jeweiligen Regierung obliegt.<br />

Die Motivation, unabhängig zu sein, ist vielfältig. Unter<br />

anderem geht es um den Erhalt der eigenen regionalen<br />

Sprache, des Brauchtums, selbstständige Landwirtschaft<br />

sowie das Ausleben des religiösen Lebens und der kulturellen<br />

Identität. Bei letzterem ist die Annexion Tibets<br />

durch China im Jahre 1950 zu nennen. Der tibetische<br />

Buddhismus wurde unterdrückt, Mönche und Nonnen<br />

wurden bedrängt und verhaftet. Dem weltweit bekannten<br />

14. Dalai Lama Tenzin Gyatso (*6. Juli 1935) gelang<br />

die Flucht nach Indien, wo er am 30. März 1959 ankam.<br />

Seitdem lebt er dort im Exil und versucht von dort aus,<br />

politisch und religiös auf Tibet einzuwirken. In Tibet mit<br />

14<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


seiner jahrtausendealten Kultur wurden 6.500 Tempel<br />

und Klöster geplündert, gebrandschatzt und zerstört.<br />

Etwa 1,2 Millionen TibeterInnen, auch Geistliche, wurden<br />

gefoltert und ermordet. Rund 80 % der buddhistischen<br />

Stätten wurden vernichtet, mehr als 90 % der Nonnen<br />

und Mönche an der Religionsausübung gehindert. Die<br />

Jahre der Kulturrevolution von 1966 bis 1969 sind für Tibet<br />

ein bis heute unauslöschliches Trauma. Bis heute ist kein<br />

friedliches Ende des Konfliktes zwischen China und Tibet<br />

und dessen Unabhängigkeit in Sicht.<br />

Barcelona, die Hauptstadt Kataloniens, eine Region im<br />

Nordosten Spaniens, kommt nicht zur Ruhe. Katalonien<br />

möchte eigenständig und unabhängig sein, es herrscht<br />

eine politsche Zerrissenheit. Diese ist auf die vergangene,<br />

vier Jahrzehnte andauernde Militärdiktatur zurückzuführen.<br />

Bis 1975 hielt sich General Franco lange wie kein anderer<br />

an der Macht. Mit aller Gewalt und Kontrolle des sozialen,<br />

politischen und kulturellen Lebens in Spanien. Der<br />

Allianz aus Großgrundbesitzern, Militärs, Adel und Klerus<br />

stand die Bewegung aus bürgerlichen, gewerkschaftlichen<br />

und linken VerfechterInnen der Republik entgegen.<br />

Letztere errangen 1936 knapp einen Wahlsieg. Der Gegenschlag<br />

darauf erfolgte prompt, General Franco wurde<br />

zur Schlüsselfigur und trieb Spanien letztendlich in einen<br />

blutigen Bürgerkrieg für drei Jahre. Dieser „Bruderkrieg“<br />

spaltete das Land auf Dauer. Nach seinem Sieg eröffnete<br />

Franco die Jagd auf seine Gegner. Neben dem Baskenland<br />

war Katalonien der letzte Ort des Widerstands. Katalonien<br />

verteidigte damals seine weitreichende Autonomie,<br />

die die Regierung dem Teilstaat gab. 1939 setzte Franco<br />

der Autonomie ein Ende, indem die katalanische Sprache<br />

und Kultur unterdrückt wurde. Er hatte Angst vor Infragestellung<br />

seiner Macht. Dabei ist Katalonien bis heute<br />

eine wohlhabende Region Spaniens, kulturell, sprachlich<br />

als auch wirtschaftlich. Nach dem Tod Francos eröffnete<br />

König Carlos Spanien überraschend den Weg in die<br />

Demokratie. Inzwischen hat das katalanische Volk wieder<br />

Mitspracherecht. Bis heute ist die Eigenständigkeit den<br />

Katalanen Heiligtum geblieben.<br />

Deutschland, Mai 1945. Es war Kriegsende. Es herrschten<br />

Hunger, Not und Verzweiflung. Nach seiner Kapitulation<br />

teilten die Siegermächte Deutschland in vier Besatzungszonen<br />

auf. Sowjetisch, US-amerikanisch, französisch und<br />

britisch. Bis 1953 büßte der Ostsektor rund 30 % seiner<br />

industriellen Kapazität ein, da Reparationen an die Sowjetunion<br />

geleistet werden mussten. Ein Ballast bis 1990.<br />

Am 23. Mai 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland<br />

durch die westlichen Siegermächte gegründet. Am 7.<br />

Oktober 1949 gründete die sowjetische Besatzungszone<br />

die Deutsche Demokratische Republik, kurz DDR. Diktator<br />

Stalin bot 1952 den Westmächten Verhandlungen über<br />

ein wiedervereinigtes und neutrales Deutschland an.<br />

Der Westen aber misstraute ihm und lehnte ab. Walter<br />

Ulbricht verkündete den Aufbau des Sozialismus, also die<br />

Gleichschaltung von Politik, Wirtschaft und Kultur nach<br />

Vorgabe der Sozialistischen Einheitspartei. Die einsetzende<br />

Flüchtlingsbewegung im Ostsektor setzte die DDR<br />

unter Druck, sodass in der Nacht vom 12. auf den 13. August<br />

Berlin in Ost- und Westberlin geteilt wurde, die 168<br />

Kilometer lange Mauer um Berlin herum gebaut wurde.<br />

1972 trat Deutschland bei den Olympischen Spielen in<br />

München erstmals geteilt auf. Am 9. November 1989 fiel<br />

die Mauer schließlich. 1992 war das Deutsche Team auch<br />

bei den Olympischen Spielen in Barcelona, der Hauptstadt<br />

Kataloniens, wiedervereint.<br />

Fast vierzig Jahre herrschte in Portugal eine rechte Diktatur<br />

unter António de Oliveira Salazar. Sein Ziel war es,<br />

das Kolonialistische Weltreich zu erhalten. Und das um<br />

jeden Preis. Zu dieser Zeit besaß Portugal einige Kolonien<br />

in Afrika, unter anderem Angola, Mosambik, Portugiesisch-Guinea<br />

oder São Tomé und Príncipe. 1961 kam es<br />

zum Krieg gegen Aufständige in den afrikanischen Kolonien.<br />

Im sogenannten „Afrika-Jahr“ hatten 18 Kolonien<br />

in Afrika die Unabhängigkeit von ihren Kolonialmächten<br />

erlangt. Umso seltsamer scheint es da, dass Salazar, im<br />

Gegensatz zu anderen Diktatoren, den Antisemitismus<br />

ablehnte und 1940 aus Angst vor Hitler keine weiteren<br />

Visa mehr vergab. Angola, gelegen in Zentralafrika, wurde<br />

nach einem vierzehnjährigen Krieg gegen Portugal am 11.<br />

November 1975 eigenständig. Die offizielle Landessprache<br />

ist portugiesisch, daneben werden auch Umbundu oder<br />

Kikongo gesprochen. Die meisten Angolaner sind Bantu.<br />

Rund 38,1 % der Bevölkerung gehören der in der Kolonialzeit<br />

gegründeten protestantischen Kirche an. Auch in der<br />

angolanischen Küche sind die 400 Jahre Kolonialzeit erhalten<br />

geblieben. Zum Beispiel wird dort gerne Stockfisch<br />

gegessen, ein beliebtes Gericht der Portugiesen.<br />

Neben den bereits erwähnten Regionen und Ländern gibt<br />

es viele weitere Exempel für den Wunsch nach Mündigkeit.<br />

Da wären zu nennen Schottland, Flandern (Belgien),<br />

die Bretagne (Frankreich), Korsika (Mittelmeerinsel, Frankreich),<br />

die Lombardei und Venetien (Italien), Galicien und<br />

das Baskenland (Spanien) und Bayern. Wie bitte, Bayern?<br />

Ja, richtig gelesen. Regelmäßig gibt es Lösungsfantasien<br />

im Freistaat Bayern. Kurzzeitig sorgte das Wort „Bayxit“<br />

für Furore. Ende 2016 entschied das Bundesverfassungsgericht,<br />

dass ein Bundesland nicht aus der Bundesrepublik<br />

Deutschland austreten könne. Ob Regierungsbezirke<br />

wie Franken aus dem Freistaat austreten können, ist<br />

allerdings noch nicht gelöst.<br />

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FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 15


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FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 17


Abb.: Hippomenes und Atalante, um 1615–1618<br />

Foto: Museo Nacional del Prado, Madrid<br />

GUIDO RENI – GÖTTLICH UND MENSCHLICH<br />

Eine Ausstellung im Frankfurter Städel Museum<br />

Ein bewegtes Leben, geprägt von Höhen und Tiefen, führte<br />

der Künstler Guido Reni (1575-1642). Seine Probleme<br />

unterscheiden sich nicht allzu sehr von unseren heutigen.<br />

Übersättigt und reizüberflutet sind Menschen heute wie<br />

gestern. Und noch eins bleibt gleich: Wer hoch hinaus<br />

will, kann tief fallen. Das wird auch am Lebensweg dieses<br />

Malers deutlich.<br />

Renis Schaffen bescherte ihm großen Reichtum und sein<br />

Ruf ging weit über die Grenzen Italiens hinaus. Dennoch<br />

schien der Erfolg dem frommen Künstler zuzusetzen.<br />

Ihm wird eine exzentrische Persönlichkeit nachgesagt,<br />

dabei sei er gutaussehend, höflich und geschickt, aber<br />

auch reizbar, sensibel und spielsüchtig gewesen. Immer<br />

häufiger ging Reni in Casinos und verprasste dort seine<br />

Moneten. Hatte er wieder Geld, unterstützte er mit<br />

seinem Vermögen die Armen. Auch als abergläubisch<br />

wird er beschrieben. Und zu Frauen pflegte Reni wohl ein<br />

angespanntes Verhältnis; nur seiner Mutter vertraute<br />

er ausnahmslos. Als diese krank war, schlug er im Jahre<br />

1629 sogar einen Ruf nach Paris aus. Diesen hatte keine<br />

geringere als Maria von Medici, die Mutter des Königs<br />

von Frankreich, ausgesprochen. Zwar wird Reni in weiten<br />

Teilen als schwierig eingestuft, doch man könnte es auch<br />

anders deuten: Er war selbstbewusst genug, sich nicht<br />

alles gefallen zu lassen.<br />

Es sind einige Anekdoten über ihn überliefert, die davon<br />

zeugen, dass er sogar vor den Mächtigsten nicht kuschte.<br />

1609 beispielsweise wurde er mit festem Gehalt in die<br />

„famiglia“ des römischen Kardinals Scipione Borghese<br />

aufgenommen. Die Familie Borghese war damals eine<br />

der einflussreichsten Familien Italiens. So eröffnete<br />

diese Anstellung für Guido Reni Aufträge in völlig neuen<br />

Dimensionen, in denen Geld keine Rolle mehr spielte.<br />

Trotzdem währte dieser Arbeitsvertrag nur wenige Jahre.<br />

Reni kam nicht mit dem Zeitdruck und der herablassenden<br />

Behandlung durch die Borghese zurecht. Eine Erinnerung<br />

besagt, der Maler habe mit anderen Künstlern an<br />

den Fresken der großen Basilika Santa Maria Maggiore<br />

18<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


gearbeitet. Als demjenigen, der zuerst fertig würde, von<br />

den päpstlichen Beamten eine Goldkette als zusätzliches<br />

Geschenk angeboten wurde, habe Reni erwidert: „Sind<br />

wir Rennpferde, von denen das schnellste als das beste<br />

angesehen wird?“ Und auch mit anderen Auftraggebern<br />

gab es Ärger. Genervt durch die tägliche Kontrolle eines<br />

spanischen Diplomaten, der sich in Guidos römischem<br />

Atelier vergewissern wollte, wie die in Auftrag gegebene<br />

Arbeit voranschritt, habe Reni diesem mitteilen lassen,<br />

er solle sich gedulden. Man werde ihm schon Bescheid<br />

geben, wenn das Bild fertig und abholbereit sei. Als das<br />

Gemälde fertig war, revanchierte sich der Diplomat: Er<br />

ließ das Bild nicht abholen, sondern Reni ausrichten, er<br />

solle sich gedulden; wenn das Geld einträfe, würde das<br />

Bild schon abgeholt werden. Erbost darüber ließ Reni<br />

das Gemälde zusammenrollen und in seine Heimatstadt<br />

Bologna bringen. Danach machte er diesen Skandal auf<br />

der Piazza di Spagna in Rom öffentlich. Ein diplomatischer<br />

Skandal war es tatsächlich: Papst Urban musste intervenieren,<br />

um wieder Frieden zu stiften. Dieses Gemälde, um<br />

das es in dieser Anekdote geht, Renis Immaculata von 1627<br />

(Foto rechts), ist normalerweise im Metropolitan Museum<br />

of Art in New York ausgestellt, aber es gastiert derzeit in<br />

einer Ausstellung mit dem Titel „Guido Reni. Der Göttliche“<br />

im Städel Museum in Frankfurt. Wie waren nun die<br />

Lebenswege dieses eigenwilligen Malers und was vermittelt<br />

die Ausstellung am Main davon?<br />

Vergöttert, verkitscht, verdrängt und beinahe vergessen:<br />

Guido Renis Werk nun zu Besuch im Städel Museum<br />

Frankfurt<br />

Als Guido 1575 das Licht der Welt erblickt, ist sein Leben<br />

eigentlich vorbestimmt. Musiker soll er werden, wie sein<br />

Vater. Doch das zeichnerische Talent des neunjährigen<br />

Knaben wird bei abendlichen Zusammenkünften der<br />

höheren Gesellschaft von dem flämischen Maler Denys<br />

Calvaert erkannt. Dieser überredet Guidos Vater zu einem<br />

Vertrag. Zehn Jahre solle der Junge bei ihm in die Lehre<br />

gehen. Würde in dieser Zeit kein anständiger Maler aus<br />

ihm, solle Guido wie geplant Musiker werden. So schreibt<br />

es Carlo Cesare Malvasia, Renis Zeitgenosse und Biograf,<br />

in seinem umfangreichen Buch über die Bologneser Maler<br />

von 1678. Reni wird nicht nur ein anständiger Maler. Mit<br />

etwa neunzehn Jahren verlässt der Lehrling den einnehmenden<br />

Meister. Er wechselt in die von zwei berühmten<br />

Malern, den Brüdern Annibale und Agostino Carracci, in<br />

Bologna neu gegründete Akademie. Es folgen Auftragsarbeiten,<br />

die ihn 1601 nach Rom führen. Unter den Käufern<br />

seiner Werke finden sich Namen von hohen Klerikern<br />

und europäischem Adel. Seine damalige Welt steht ihm<br />

offen, doch der eigensinnige Reni kehrt 1614 endgültig<br />

nach Bologna zurück und verfeinert hier seine Manier.<br />

1642 stirbt er und hinterlässt nicht nur viele unvollendete<br />

Abb.: Immaculata Conceptio, 1627<br />

Werke, sondern auch den bereits zu Lebzeiten erhaltenen<br />

Beinamen: „Il divino“ – „Der Göttliche.“<br />

„Der Göttliche“ einerseits, da er von seinem Können so<br />

überzeugt war, dass er sich wohl divenhaft benahm.<br />

Zum anderen, weil er es wie kein anderer verstand, die<br />

mythologische Götterwelt und das Christlich-Himmlische<br />

darzustellen. Der „himmelnde Blick“ war zunächst<br />

als die Personifikation des abstrakten Begriffs „die Liebe<br />

zu Gott“ zu verstehen. Die Menschen waren begeistert.<br />

Und Reni übertrug diesen Blick auch auf andere Figuren.<br />

Ironischerweise ruinierte gerade dieses Markenzeichen,<br />

dieser himmelnde Blick, Guido Renis Ruhm. Seine Arbeiten<br />

waren so gefragt, dass sie sowohl von Zeitgenossen<br />

als auch in späteren Jahrhunderten vielfach kopiert und<br />

rezipiert wurden. Einzelne Themen und Werke waren mal<br />

mehr mal weniger beliebt. Im 19. Jahrhundert wurde sein<br />

Werk so weit reduziert, dass nichts mehr übrig blieb bis<br />

auf den „himmelnden Blick“. Fortan schmückten Renis<br />

himmelnde Madonnen und Ecce homo-Darstellungen<br />

in Massen produzierte Andachtsbildchen und verkitschten<br />

seine Hinterlassenschaft. Und noch ein weiterer<br />

beinahe tödlicher Hieb wurde ihm bald darauf versetzt:<br />

Foto: The Metropolitan Museum of Art<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 19


Abb.: David mit dem Haupt des Goliath, um 1605/06<br />

Ausgerechnet von dem Maler Caravaggio, seinem Konkurrenten<br />

in römischen Jahren, wurde er verdrängt. Denn<br />

was Caravaggio zu Lebzeiten nicht vermochte, erledigte<br />

der Zeitgeschmack in seinem Namen. Reni verschwand<br />

beinahe ganz von der Bildfläche der ernstzunehmenden<br />

Maler.<br />

Nur zaghaft erfolgten Wiederbelebungsversuche. 1988<br />

mit der ersten großangelegten Schau, in Deutschland in<br />

der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Aktuell findet der zweite<br />

Versuch statt. Nach acht Jahren Vorbereitung und mithilfe<br />

von über 60 internationalen Leihgebern werden<br />

130 eigenständige Werke – Gemälde, Zeichnungen und<br />

Druckgrafiken – des Malers gezeigt. Renis Arbeiten stehen<br />

Werke seiner Vorbilder und Lehrer gegenüber, aus denen<br />

er unverblümt schöpfte. Raffael, Parmigianino, Calvaert,<br />

die Carracci oder Caravaggio sind gegenwärtig. Stilistisch<br />

übernimmt Reni zwar von seinen Vorgängern und Zeitgenossen,<br />

jedoch wäre er wohl nie so erfolgreich geworden,<br />

hätte er nur kopiert. Was also macht Reni als Künstler<br />

aus?<br />

Foto: © Orléans, Musée des Beaux-Arts<br />

Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut und in<br />

Themenbereiche unterteilt, sodass man Renis künstlerischer<br />

Entwicklung ganz gut auf die Spur kommen kann.<br />

Der erste Teil zeigt seine Anfänge. Zwar sind zumeist<br />

religiöse Themen dargestellt – und diese vielleicht nicht<br />

jedermanns Sache – doch lohnt es sich auch hier, einmal<br />

genauer hinzuschauen. Wobei sehr viele Gemälde und<br />

deren Figuren so monumental sind, dass man gar nicht<br />

so leicht an ihnen vorbeischauen kann. Andere sind von<br />

kleinerem Format und doch stechen sie direkt ins Auge,<br />

wie die kleine Kupfertafel mit der Darstellung der Himmelfahrt<br />

Mariens von 1598/99. Sie erstrahlt in solch einem<br />

Glanz, dass man nicht umhinkann, als näherzutreten.<br />

Und das lohnt sich aus einem weiteren Grund: Reni gestaltet<br />

dieses weit verbreitete Thema neu. Er scheint die<br />

himmlische und irdische Sphäre zu vermischen. Es sind<br />

sowohl Engel als auch menschliche Figuren beim gemeinsamen<br />

Musizieren über den Wolken auszumachen.<br />

Und Marias himmlischer Aufstieg scheint witzigerweise<br />

von der Schwerkraft erfasst zu sein. Sie ist so schwer,<br />

dass man dem jünglinghaften Engel unter ihr die Mühe<br />

ansieht, sie in den Himmel hinaufzubewegen. Andere<br />

Gemälde sehen auf den ersten Blick eher „langweilig“<br />

aus, beispielsweise das Gemälde Loth und seine Töchter.<br />

Doch auch hier missachtet Reni die Ikonografie. Keine<br />

brennende Stadt im Hintergrund, keine lasziv gekleideten<br />

Verführerinnen. Nur das Prunkgefäß, in dem man Alkohol<br />

vermuten darf, deutet darauf, dass der Alte betrunken gemacht<br />

werden soll, um im Anschluss zum Inzest überredet<br />

zu werden. Schaut man jedoch genauer hin, entdeckt<br />

man die bewegte Trunkenheit in den Augen des Greises.<br />

Erstaunlich ist auch ein biblischer David. Stolz wie ein<br />

Pfau präsentiert dieser Goliaths abgeschlagenen Kopf<br />

auf einem Podest. Herausgeputzt und in caravaggeskem<br />

Licht in Szene gestellt, überraschen dessen Füße. Nicht<br />

die ganze Figur ist idealisiert und hat die Strahlkraft eines<br />

Helden; seine Zehen und vor allem Zehennägel heben sich<br />

unförmig und ungepflegt von dem dunklen Hintergrund<br />

ab. Abgesehen davon: Niemand vor Reni hat David in dieser<br />

Pose dargestellt. Der Maler stellt hier nicht nur seine<br />

Innovationskraft, sondern auch sein künstlerisches Können<br />

unter Beweis. Die prachtvollen Gewänder, die kunstvoll<br />

geflochtenen Haare, die idealisierte Schönheit der<br />

Figuren – sie ziehen sich durch Renis gesamtes Oeuvre.<br />

So auch durch den zweiten Teil der Ausstellung – die<br />

Bologneser Zeit ab 1614. Großformate, hauptsächlich mit<br />

mythologischen Figuren, aber auch allegorischen und<br />

religiösen Motiven. Dunkel erscheinen die Gemälde im<br />

ersten Raum. Bis auf eins: der Eyecatcher der Ausstellung<br />

Bacchus und Ariadne (um 1614-1616, Foto rechts oben).<br />

Den farblichen Kontrast zum ersten bildet der zweite<br />

Raum und dokumentiert Renis technische Weiterentwicklung.<br />

Die Farben der Bilder strahlen. Der Grund: Reni<br />

20<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


war darauf bedacht, sein Werk über die Zeit hinweg zu<br />

erhalten. Er hatte beobachtet, dass Gemälde mit der Zeit<br />

nachdunkelten. Um das zu vermeiden, mischte er seinen<br />

Farben Bleiweiß unter. Das hellte die Farbpalette auf und<br />

bewahrte offensichtlich die Strahlkraft der Farben. Silbrig<br />

flimmernde Leinwände und Farbtöne, für die das Vokabular<br />

erweitert werden müsste, sind das Ergebnis dieser<br />

Phase. Überaus interessant sind auch die „unfertigen“<br />

Arbeiten seiner letzten Jahre. Doch ob sie tatsächlich<br />

unfertig sind? So genau kann man das nicht sagen. Auch<br />

die Kunstwissenschaft nicht. Bei manchen mag es sicher<br />

stimmen. Andere wiederum erscheinen seltsam modern.<br />

Dies ist sicher nicht die einzige Frage, mit der man diese<br />

Ausstellung wieder verlässt.<br />

Guido Reni gilt nicht umsonst unter Kennerinnen und<br />

Kennern als einer der Hauptvertreter des italienischen<br />

Barocks. Die Wertschätzung, die ihm mit dieser hochkarätigen<br />

und durchdachten Ausstellung nach so langer Zeit<br />

zuteil wird, war längst überfällig. Sicher, an manch einer<br />

Stelle mag Enttäuschung eintreten. Dann beispielsweise,<br />

wenn ein Original nicht der Hochglanz-Abbildung aus<br />

dem Internet oder einer anderen Quelle in der Farbigkeit<br />

entspricht. Doch das lässt sich verschmerzen. An anderer<br />

Stelle werden die Erwartungen wohl eher übertroffen. Zu<br />

der Ausstellung ist ein gleichnamiger Ausstellungskatalog<br />

erschienen.<br />

AutorInnen: Julius Gritzner, Katharina Ramstein, Kristina<br />

Sieling, Ivanka Slovic<br />

Abb.: Bacchus und Ariadne, um 1614–16<br />

Foto: Los Angeles County Museum of Art, Los Angeles<br />

Der Text entstand im Rahmen eines Hauptseminars am<br />

Kunstgeschichtlichen Institut der Albert-Ludwigs-Universität<br />

bei Prof. Dr. Anna Schreurs-Morét.<br />

Ein herzliches Dankeschön für den freundlichen Empfang<br />

an den Kurator der Ausstellung: Dr. Bastian Eclercy und die<br />

Projektleiterin: Aleksandra Rentzsch.<br />

Guido Reni. Der Göttliche<br />

Städel Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt am Main<br />

Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr<br />

Donnerstag 10 bis 21 Uhr<br />

Bis 05. März <strong>2023</strong><br />

Abb.: Himmelfahrt Mariens, um 1598/99<br />

Foto: Städel Museum, Frankfurt am Main<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 21


Engagiert für<br />

wohnungslose Menschen<br />

Sonntagstreffs<br />

im <strong>Februar</strong> <strong>2023</strong><br />

05.02.<strong>2023</strong><br />

13 Uhr<br />

Katholische Hochschulgemeinde (KHG)<br />

Lorettostraße 24<br />

Straßenbahnlinie 2 Richtung Günterstal<br />

Halt Lorettostraße<br />

12.02.<strong>2023</strong><br />

13 Uhr<br />

Evangelische Melanchthongemeinde /<br />

Haslach<br />

Melanchthonweg 9<br />

Straßenbahnlinie 5 Richtung Rieselfeld<br />

Halt Dorfbrunnen<br />

Bus 14 Richtung Haid<br />

Halt Scherrerplatz<br />

Foto: E. Peters<br />

26.02.<strong>2023</strong><br />

13 Uhr<br />

Adventgemeinde<br />

Turnseestraße 59<br />

Straßenbahnlinie 2 Richtung Günterstal<br />

Haltestelle Lorettostraße<br />

VERKÄUFER PHILIPP<br />

Hallo, ich bin seit Ende 2022 Verkäufer beim FREIeBÜRGER<br />

und kenne die Straßenzeitung durch meinen verstorbenen<br />

Opa Bruno, der sehr viele Jahre Verkäufer beim<br />

FREIeBÜRGER war. Ich bin in Emmendingen geboren und<br />

in Waldshut aufgewachsen. Viele Jahre habe ich für das<br />

Unternehmen Remondis gearbeitet. Ich bin gerade an<br />

einem Punkt, wo ich einiges am ändern bin. Ich will raus<br />

aus der OASE und in eine eigene kleine Wohnung ziehen.<br />

Auch ein Vollzeit-Job wäre toll. Bis dahin verkaufe ich die<br />

Straßenzeitung von Mo. bis Fr. ab 8 bis 16 Uhr vor dem ZO<br />

Einkaufszentrum / Oberwiehre in Freiburg oder von ca.<br />

17:30 bis 21 Uhr an der Ecke Bertoldstrasse/Hans-Sachs-<br />

Gasse am Stromkasten beim Dönerladen. Der Verkauf<br />

bringt mir außer Geld eine wichtige Struktur in meinen<br />

Alltag. Ich komme raus und lerne viele neue Leute kennen.<br />

Früher, als ich körperlich noch fitter war, bin ich im<br />

Winter öfter zum Snowboarden in den Schwarzwald gefahren<br />

und war aktiv beim DLRG tätig. In meiner Freizeit<br />

fahre ich gerne Rad und gehe, sofern ich es mir leisten<br />

kann, zu den Heimspielen von meinem Lieblingsverein<br />

SC Freiburg. Ja, ich bin ein großer und langjähriger Fan<br />

und mein Traum wäre eine Dauerkarte für die Südtribüne<br />

oder ein SC-Trikot und andere SC-Fanartikel. Das wäre toll!<br />

Ihnen wünsche ich erst einmal ein gesundes neues Jahr<br />

und sage bis ganz bald mal an meinen Verkaufsplätzen!<br />

Ihr Philipp<br />

FEBRUAR <strong>2023</strong><br />

A DARK WAVE DJ NIGHT<br />

DO, 2. I 20 H I DARK WAVE<br />

TIMBEAU + EDWARD HUNT<br />

FR, 3. I 21 H I INDIE SYNTH POP<br />

ISN‘T<br />

SA, 4. I 21 H I DEATH METAL<br />

ZWEILASTER<br />

DO, 9. I 20 H I MYSTIC SOUND ART<br />

HELFER*INNEN PARTY<br />

FR, 10. I DJS<br />

poınts<br />

SA, 11. I 21 H I ELEKTRONISCH<br />

BIPOLAR FEMININ + LOBSTER LOBSTER<br />

DO, 16. I 20 H I FEMINIST PUNK-ROCK-POP, GARAGE, INDIE<br />

THE GEE STRINGS + PIRX +<br />

PUNK ROCK DISCO<br />

SA, 18. I 21 H I 77 PUNKROCK, INDIE, NOISE POP<br />

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FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


MITMACHSEITE<br />

Lernen Sie uns kennen...<br />

• Diskutieren Sie mit uns<br />

• Erzählen Sie uns Ihre Geschichte<br />

• Schreiben Sie einen Artikel<br />

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• Kommen Sie auf ein Käffchen vorbei<br />

Machen Sie mit!<br />

Sagen Sie es weiter!<br />

Wir freuen uns auf Sie...<br />

Ihr FREIeBÜRGER-Team<br />

Engelbergerstraße 3 – 0761/3196525 – info@frei-e-buerger.de<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 23


Andrej Kurkow<br />

„Tagebuch einer Invasion“<br />

Haymon Verlag<br />

ISBN 978-3-7099-8179-5<br />

352 Seiten | 19,90 €<br />

KRIEGSTAGEBÜCHER<br />

Buchtipps von utasch<br />

Yevgenia Belorusets<br />

„Anfang des Krieges“<br />

Matthes & Seitz<br />

ISBN 978-3-7518-0806-4<br />

191 Seiten | 22 €<br />

Andrej Kurkow, einer der bekanntesten Schriftsteller der<br />

Ukraine, schildert im „Tagebuch einer Invasion“ wie es<br />

zum Krieg in der Ukraine kommen konnte und wie er das<br />

Leben der Menschen verändert hat. Viele UkrainerInnen<br />

glauben, dass der gegenwärtige Krieg bereits 2014 mit<br />

der Annexion der Krim und den separatistischen Republiken<br />

im Osten der Ukraine begann. Kurkow beschreibt<br />

in seinen Aufzeichnungen die konfliktreiche Beziehung<br />

zwischen den „Bruderländern“ und wie die historischen<br />

Traumata von Deportationen, Zwangsvertreibungen und<br />

der Hungerkatastrophe „Holodomor“ das Verhältnis prägen.<br />

Für Kurkow gibt es definitiv nur zwei Möglichkeiten:<br />

„Die Ukraine wird entweder frei, unabhängig und europäisch<br />

sein, oder es wird sie überhaupt nicht mehr geben.“<br />

Kurkow berichtet von seiner eigenen Flucht in den Westen<br />

der Ukraine und sammelt Geschichten aus dem Kriegsalltag,<br />

die in unseren Nachrichten keine Erwähnung<br />

finden. Er erzählt von kleinen handgefertigten Stoffpuppen,<br />

die die Soldaten als Glücksbringer bei sich tragen,<br />

von der „Siegesgärten“-Kampagne der Regierung, einem<br />

berühmten Spürhund, den Delfinen im Schwarzen Meer<br />

und dem ukrainischen Borschtsch. Kurkow baut auf die<br />

Kraft der Kultur, die als unsichtbare Rüstung der menschlichen<br />

Seele dient und so auch die Lebens- und Denkweise<br />

der UkrainerInnen beschützt. Er kritisiert aber auch die<br />

zögerlichen Waffenlieferungen und bezweifelt, dass das<br />

friedliebende Europa das Ausmaß des Schreckens wirklich<br />

erfasst hat. Trotzdem will Kurkow optimistisch bleiben<br />

und so ist das „Tagebuch einer Invasion“ ein Schreckensbericht<br />

voller Hoffnung.<br />

Die Autorin Yevgenia Belorusets eröffnet „Anfang des<br />

Krieges“ mit ihrer Einschätzung der Ereignisse im Jahr<br />

2014, in dem der Krieg mit der Annexion der Krim und im<br />

Donbass anfing. Ihr Tagebuch aus Kyjiw beginnt am 24.<br />

<strong>Februar</strong> 2022 mit dem Beschuss der Stadt. Sie schreibt<br />

über die ersten Nächte im Schutzbunker, die leeren Straßen<br />

und Plätze der Hauptstadt, die Sorge um Familie und<br />

Freunde und über Begegnungen mit den Menschen, die<br />

ständig zwischen Verzweiflung und Hoffnung zu schwanken<br />

scheinen. Wenn sie mit ihrer Kamera unterwegs ist,<br />

macht sie sich verdächtig. Schnell wird Spionage für die<br />

Russen unterstellt. Das Veröffentlichen von Bildern könnte<br />

auch unabsichtlich den Feind auf mögliche Angriffsziele<br />

aufmerksam machen. Aber die Fotos, von denen 39 in diesem<br />

Buch veröffentlicht wurden, helfen ihr, die Eindrücke<br />

aus dem Kriegsalltag zu realisieren. Das Wort „Krieg“, findet<br />

sie, beschreibt den Terror und die gezielte Ermordung<br />

von Wehrlosen nicht richtig. Wehrlos ermordet wurden<br />

einige MitarbeiterInnen eines Zoos, die unter Einsatz ihrer<br />

Leben versuchten, zum Zoo zu gelangen, um die Tiere zu<br />

füttern und dabei unter Beschuss gerieten.<br />

„Dieser Krieg vernichtet alles, was die Welt nach dem Albtraum<br />

des 2. Weltkrieges erreicht hatte.“ Trotzdem finden<br />

sich in Belorusets Tagebuch viele Beispiele für unverwüstliche<br />

Menschlichkeit. Alte Damen füttern weiterhin<br />

die Tauben oder kümmern sich um die von Geflüchteten<br />

zurückgelassenen Haustiere. Und am Weltfrauentag<br />

werden trotz des Risikos Blumen an Frauen verteilt.<br />

Belorusets Aufzeichnungen aus Kyjiw sind verstörend,<br />

berührend, warmherzig und mit detailgenauer Beobachtungsgabe<br />

geschrieben.<br />

24<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


WARENIKI – UKRAINISCHE TEIGTASCHEN<br />

Foto: E. Peters<br />

Herzlich willkommen auf unserer Kochseite!<br />

In dieser Ausgabe bringen wir Ihnen durch zwei Buchtipps<br />

und ein Interview die Ukraine in schriftlicher Form<br />

etwas näher. Da fehlt ja nur noch ein Einblick in die ukrainischen<br />

Gaumenfreuden. Die ukrainische Küche hat eine<br />

lange Geschichte und verfügt über eine Menge Rezepte,<br />

von denen viele bis weit außerhalb der Landesgrenzen bekannt<br />

sind. Solinnja, Cholodez, Kapuśniak oder Soljanka,<br />

um nur ein paar zu nennen, sind traditionelle ukrainische<br />

Speisen. Wir bereiten für Sie den Renner in der ukrainischen<br />

Küche zu: Wareniki, köstliche Teigtaschen, klassisch<br />

zubereitet mit Kartoffel-Quarkfüllung. Auch bestimmt<br />

sehr lecker sind die Varianten mit Speck oder Pilzen in der<br />

Füllung. Für das Formen der halbmondförmigen Teigtaschen<br />

braucht es etwas Übung, aber Sie bekommen das<br />

hin, denn aus der angegebenen Menge entstehen ca. 35<br />

Stück. Viel Spaß beim Zubereiten und Formen!<br />

Zutaten für 4 Personen:<br />

Für den Teig: 400 g Weizenmehl, 1 Ei, 100 ml Wasser,<br />

1/2 TL Salz<br />

Für die Füllung: 600 g gegarte Kartoffeln, 200 g Magerquark,<br />

1 große Zwiebel fein gehackt, 2 EL Butter, 1 Ei<br />

etwas Salz, 1/2 TL schwarzer Pfeffer<br />

Zum Servieren: Schmand, Dill<br />

Zubereitung:<br />

Für den Teig das Mehl auf ein großes Brett geben. In die<br />

Mitte eine Mulde drücken und das Ei mit etwas Salz in die<br />

Mulde geben. Nach und nach das Wasser hinzufügen und<br />

einen glatten Teig herstellen. Dann den Teig mit einem<br />

Tuch abdecken und 30 Minuten ruhen lassen.<br />

Für die Füllung die Zwiebeln in der Butter goldbraun anbraten.<br />

Die gekochten Kartoffeln durch die Presse drücken<br />

und sorgfältig mit Quark, Zwiebeln, Ei, etwas Salz<br />

und Pfeffer mischen. Jetzt den Teig etwa 2 mm dick auf einer<br />

mit Mehl bestäubten Arbeitsplatte ausrollen und mit<br />

einem Glas Kreise von ca. 8 cm ausstechen. Auf je einen<br />

Kreis etwa 1 TL Füllung geben, in der Mitte falten und die<br />

Kanten zusammendrücken.<br />

Als nächstes einen großen Topf mit reichlich Wasser zum<br />

Kochen bringen. Die Teigtaschen werden dann in leicht<br />

siedendem Salzwasser portionsweise unter zeitweiligem<br />

Umrühren gekocht, bis sie an der Oberfläche schwimmen.<br />

Die Wareniki werden klassisch mit zerlassener Butter oder<br />

Schmand und mit Dill serviert.<br />

Guten Appetit!<br />

Oliver & Ekki<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 25


Im Biathlon und bei den Alpinen Rennfahrern läuft es<br />

besser, auch wenn es noch nicht allzu viele Siege zu<br />

vermelden gab. Dafür gab es schon einige Podestplätze<br />

und Rennen, bei denen die deutschen AthletInnen nur<br />

knapp hinter den ersten dreien ins Ziel kamen. Da auch in<br />

diesen beiden Sportarten bald die Weltmeisterschaften<br />

stattfinden, kann man da wohl auf den einen oder anderen<br />

Erfolg hoffen. Dabei fällt mir gerade auf, dass überall<br />

gerade eine WM stattfindet. Macht eigentlich keiner mehr<br />

Europameisterschaften? Gibt man sich mit so was nicht<br />

mehr ab oder hat man keine Zeit dafür? Oder reicht der<br />

Schnee nicht für so viele Wettbewerbe?<br />

Hallöchen, liebe Sportfreunde,<br />

das Jahr hat gerade erst begonnen, doch im Sport ist<br />

schon jede Menge passiert. Die Fußball-Bundesliga ist aus<br />

der Winterpause gekommen, bei den Handballern läuft<br />

die WM und auch die WintersportlerInnen sind Woche für<br />

Woche unterwegs und streben jetzt schon wieder ihren<br />

Saisonhöhepunkten entgegen, den Weltmeisterschaften<br />

in den verschiedenen Sportarten.<br />

Ich frage mich eh schon lange, warum die das alle allein<br />

machen, jede Sportart eine eigene WM. Da diese Weltmeisterschaften<br />

meistens in jedem Jahr stattfinden,<br />

könnte man doch alle zusammenschmeißen und hätte<br />

jedes Jahr ein riesiges Wintersportevent, so ein kleines<br />

Olympia, nur jährlich. Doch bleiben wir in der Gegenwart<br />

und da gleich mal bei den Skispringern. Die halbe<br />

Saison ist schon herum und ich habe immer noch keine<br />

Ahnung, was mit den deutschen Adlern los ist. Bei der<br />

Vierschanzentournee sind sie weit hinterher gesprungen,<br />

das war seit langem das schlechteste Endergebnis einer<br />

deutschen Mannschaft, das ich bei der Tournee gesehen<br />

habe. Und seit der Tour schafft es ab und zu mal einer<br />

unter die besten 10. Dabei haben die Skispringer in den<br />

letzten Jahren eigentlich immer Top-Leistungen gebracht.<br />

Es ist ja auch kein Mannschaftsumbruch, als wenn da<br />

jetzt nur noch junge Hüpfer„hüpfen“ würden. Es ist das<br />

gleiche Team wie in der letzten Saison! Doch die Polen, die<br />

Norweger und sogar die Österreicher springen momentan<br />

20 Meter weiter. Noch habe ich ja die Hoffnung, dass<br />

das alles nur ein cleverer Trick ist, um die Gegnerschaft<br />

in Sicherheit zu wiegen. In vier Wochen ist dann die WM<br />

und da zeigen sie dann ihr Gewinnergesicht und räumen<br />

alles ab! Das würde mich sogar für die vergeigte Tournee<br />

entschädigen, die man dann allerdings im nächsten Winter<br />

gewinnen darf...<br />

Noch eine WM läuft gerade in Polen und in Schweden, die<br />

der Handballer. Erfreulicherweise haben die deutschen<br />

Handballer die Vorrunde überstanden und das mit drei<br />

Siegen auch sehr souverän. Die ersten beiden Spiele in der<br />

Hauptrunde wurden auch deutlich gewonnen, sodass das<br />

Viertelfinale erreicht ist. Ab da wird es dann aber etwas<br />

schwieriger, da alle anderen Favoriten das auch schon<br />

geschafft haben. Und gegen einen muss die deutsche<br />

Truppe dann ran, da dürfte dann die Tagesform entscheiden.<br />

Mal schauen, wie weit die Reise geht. Ich hoffe nur,<br />

die lassen sich keine Tipps von den Fußballern geben.<br />

Und da wären wir dann auch schon beim Lieblingssport<br />

der Deutschen, dem Fußball! Und da muss ich gleich<br />

mal wieder mit etwas Traurigem beginnen. Der König<br />

des Fußballs ist tot. Nach schwerer Krankheit starb kurz<br />

nach dem Ende der Weltmeisterschaft, am 29. Dezember<br />

2022 im Alter von 82 Jahren, der große Brasilianer Edson<br />

Arantes do Nascimento, genannt Pelé. Als einzigem Fußballer<br />

der Welt ist es ihm gelungen, dreimal Weltmeister<br />

zu werden. Den ersten Titel holte er schon mit 17 Jahren!<br />

Leider habe ich ihn nicht mehr spielen sehen, denn als<br />

Pelé seine letzten Spiele bestritt, entstand meine Leidenschaft<br />

für den Fußball gerade erst. Aber was ich in alten<br />

Ausschnitten von und über ihn sah, war einfach grandios.<br />

Er machte Sachen mit dem Ball, bei denen sich jeder Normalsterbliche<br />

die Beine verknotet hätte. Er schoss Tore,<br />

wann und wie sie gebraucht wurden. Ging es nicht anders,<br />

lief er allein los, spielte die Abwehr schwindelig und<br />

machte sein Tor. Fast 20 Jahre ist Pelé für seinen Verein<br />

FC Santos aufgelaufen, eine Zahl, die heute fast utopisch<br />

wirkt. Nur nach seinem Abschied in Santos wechselte er<br />

den Verein und ging für zwei Jahre zu New York Cosmos,<br />

in die gerade gegründete US-Fußballliga. Hier zauberte er<br />

mit Stars wie Franz Beckenbauer, Carlos Alberto, George<br />

Best, Johan Cruyff und anderen noch ein bisschen, bevor<br />

er seine Karriere endgültig beendete. In mehr als 1.200<br />

Spielen schoss der Brasilianer über 1.100 Tore, eine magische<br />

Zahl. Pelé wurde von all seinen Mitspielern, aber<br />

auch von seinen Gegnern, immer als kompletter Stürmer<br />

bezeichnet, von denen es nicht allzu viele gab. Deswegen<br />

26<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


Abb.: Am 29.12.2022 ist Brasiliens dreimaliger Weltmeister Pelé im Alter von 82 Jahren gestorben.<br />

Foto: Sergio Moraes / REUTERS<br />

ging und geht es auch bei allen Wahlen zum Weltfußballer<br />

des Jahres immer nur um den zweiten Platz. Der erste<br />

ist auf ewig vergeben. RIP Pelé!<br />

Doch der Ball rollt weiter! In Deutschland hat die Bundesliga<br />

nach zehn(!) Wochen Weihnachtspause den Spielbetrieb<br />

wieder aufgenommen und spielt nun endlich die<br />

Hinrunde zu Ende. Und da haben doch meine Schalker<br />

gleich am 16. Spieltag eine Riesenchance verpasst. Die<br />

Knappen spielten in Frankfurt überraschend stark auf<br />

und hatten im Gegensatz zu den letzten Spielen jede<br />

Menge Torchancen. Doch außer zwei Treffern an den Pfosten<br />

sprang nix weiter heraus und so verloren wir auch<br />

dieses Spiel. Da die Bayern nur unentschieden gespielt<br />

haben, hätten wir bei einem Sieg zwei Punkte auf die<br />

Münchener aufholen können, aber wie gesagt, Chance<br />

vertan. Aber im Ernst, meine Schalker haben ganz gut gekickt<br />

in Frankfurt und waren eigentlich das bessere Team.<br />

Das lässt mich für die nächsten Wochen hoffen, dass sie<br />

sich nicht doch schon mit dem Abstieg abgefunden haben.<br />

Jetzt muss man so ein Spiel halt bloß mal gewinnen!<br />

Aber auch bei den anderen Spielen war eine Menge los<br />

und vor allem sind eine Menge Tore gefallen an diesem<br />

ersten Spieltag im Jahr <strong>2023</strong>. Bremen wurde in Köln mit<br />

1:7 aus dem Stadion gefegt und auch der SC Freiburg kam<br />

in Wolfsburg unter die Räder. Vielleicht war das ja der oft<br />

zitierte Schuss vor den Bug, den der Sportclub erhalten<br />

hat, große Sorgen mache ich mir da nicht. Die spielen eine<br />

Supersaison, sind immer noch dabei an der Tabellenspitze,<br />

im DFB-Pokal und in der Europa League spielen sie<br />

auch noch mit, also wohl alles im grünen Bereich... Ich bin<br />

mir sicher, der Sportclub wird sich auch in diesem Jahr<br />

über die Bundesliga für den nächsten Europapokal qualifizieren<br />

und die anderen beiden Wettbewerbe sind ein<br />

schönes Zubrot. Die Spiele sind was Schönes für die Fans,<br />

bringen ein schönes Sümmchen in die Vereinskasse und<br />

vielleicht kann man ja auch mal den einen oder anderen<br />

Pott holen! Frankfurt hat es ja gezeigt...<br />

Noch ein Wort zu den Bayern und „wir kaufen die Gegner<br />

nicht kaputt “: Da hat sich doch der Ex-Schalker Neuer<br />

das Bein gebrochen, fehlt den Bayern bis zum Saisonende<br />

und nun haben die ein Problem. Den nächsten Schalker<br />

Torwart haben sie zwar auch schon, aber der wurde nach<br />

Frankreich ausgeliehen. Da holt man sich halt den Keeper<br />

von Gladbach und alles ist in Ordnung. Ob Gladbach den<br />

braucht, ist egal. Wir haben Geld und das zeigen wir auch,<br />

typisch Bayern. Da freut es mich doch, dass die Bayern<br />

nun in der Champions League gegen Paris ranmüssen.<br />

Die machen das nämlich genau so, nur mit noch mehr<br />

Geld...<br />

Für heute war es das mal wieder...<br />

Carsten<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 27


Kontakt: www.schemske.com<br />

FOLGE 32<br />

Die Menschen hasteten schreiend zum Ausgang, überrannten<br />

einander, und Wolf erkannte, dass das dicke<br />

Kabel, das vom Mischpult zur Bühne verlief, unter den Tischen<br />

zischte und qualmte. War es ein Kurzschluss? Oder<br />

war es Sabotage?<br />

Der schwarze Rauch der Brandbombe im Jazzhaus wurde<br />

von der Lüftungsanlage sanft nach oben gezogen. Der<br />

Mann am Mischpult hatte nach dem Knall der Bombe<br />

sofort reagiert. Er drückte schnell den Lichtschalter und<br />

die Neonröhren an der gewölbten Decke des ehemaligen<br />

Weinkellers flammten auf. Zugleich setzte er die gesamte<br />

Ton-Anlage auf Not-Aus. Das Konzert war vorbei.<br />

Seltsamerweise gab es keine Panik. Das Publikum wurde<br />

von den vorher so leutselig feiernden angeblichen<br />

Geschäftsleuten sanft, aber bestimmt zum Ausgang<br />

gewiesen. Der donnernde Knall der Bombe war kaum<br />

verhallt, da hatten die letzten dünnen Rauchfäden die<br />

Rauchmelder erreicht. Ihr nerviges Quietschen ließ sich<br />

nicht abstellen.<br />

Wolf schob sich in der sich langsam zum Ausgang schiebenden<br />

Menge zu Miriam heran. Ein Bewachungsfriedel<br />

streckte seinen Arm dazwischen, den er erst senkte,<br />

als er Wolf erkannte. „Wir treffen uns anschließend im<br />

Besprechungsraum deiner Firma?“, fragte er. Er musste<br />

laut schreien, um die Alarmanlage zu übertönen. Miriam<br />

nickte. Dann drehte Wolf sich um, er suchte den ungarischen<br />

Musiker. Er stand neben Mary Sylvester, die gerade<br />

ihre Handtasche umhing. „Kannst du Mary nach Hause<br />

bringen?“, fragte Wolf. Er vermied Marys kritischen Blick.<br />

Das Jazzhaus wurde langsam leer. Wolf ging zu dem<br />

Tisch, unter dem die Bombe explodiert war, und drehte<br />

ihn um. Es war ein einfacher Mechanismus. Unter die<br />

Tischplatte war eine Nebelmaschine angebracht worden.<br />

Wolf erkannte das Gaffa, ein schwarzes Klebeband, das<br />

die Musiker verwenden. Ein Zeitschalter steckte zwischen<br />

dem Verlängerungskabel und dem Stromkabel des Rauchgenerators.<br />

Wohl wegen Überhitzung hatte er abgeschaltet,<br />

denn Wolf sah, dass die Düse für den Rauch mit einer<br />

dicken schwarzen Masse verklebt war.<br />

Wolf schnüffelte. Den Geruch kannte er doch? Ammoniak?<br />

Aber da war noch etwas anderes. Gebrannte<br />

Mandeln? Jetzt hatte er es, Zuckerkulör, ein Lebensmittelfarbstoff,<br />

nicht giftig. Der Täter, oder die Täterin, hatte<br />

nicht direkt töten wollen. Aber bei einer Panik hätte es<br />

viele Verletzte und auch einige Tote geben können. War<br />

der Täter der Serienmörder gewesen, den Freiburgs Musiker<br />

zu fürchten gelernt hatten?<br />

Am Mischpult telefonierte jemand. Das hatte ihm Zeit<br />

gegeben, um nachzuforschen. Weil eine Zeitschaltuhr<br />

verwendet worden war, bestand kaum Aussicht, den Täter<br />

im Saal aufzufinden. Er war längst entkommen. Bei einer<br />

Manipulation des Tatortes erwischen lassen wollte Wolf<br />

sich nicht, und so ging er zum Ausgang und stieg langsam<br />

die Treppe zur Straße hoch.<br />

Als ihn das Taxi am Seepark absetzte, ging er zu Miriams<br />

Firma. Er benutzte die Handyklingel und erhielt einen<br />

temporären Code für den Lift. Er fand Miriam auf einem<br />

der Sofas im Besprechungsraum. Sie wies mit ihrem leeren<br />

Becher auf die Cappuccino-Maschine. Als er mit zwei<br />

Bechern zurückkam, setzte er sich neben sie. Sie saßen<br />

eine Weile stumm beisammen. Als es leise summte, griff<br />

sie nach dem Tabletcomputer. „Oh!“, sagte sie und schaltete<br />

das Videogespräch auf den großen Wandbildschirm.<br />

28<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


Angies Stimme erklang aus den Lautsprechern, aber sie<br />

wirkte gestresst. „Gut, dass ihr da noch unversehrt rausgekommen<br />

seid. Hiroko hat mich angerufen.“<br />

Angie schaute auf Miriams Gesicht. „Kann ich dir noch<br />

was sagen?“, fragte sie. Miriam nickte. „Wir haben eine<br />

zweite Videokonferenz laufen, weil wir unsere Einzelergebnisse<br />

koordinieren wollten, bevor wir dich einschalten.“<br />

Miriam leerte ihren Becher, sagte: „Schieß los!“, und<br />

wischte über ihr Tablet.<br />

Auf dem Wandbildschirm erschienen die IT-Schamaninnen.<br />

Neben Angie blinzelte die Deutsch-Japanerin Hiroko<br />

in ihre Laptopkamera, dann kam ein großes Arbeitszimmer<br />

und im Hintergrund eine kleine Sylvie ins Bild. Angel,<br />

die Engländerin, lächelte freundlich, und auch Babsie aus<br />

dem Silicon Valley wirkte frisch und ausgeruht.<br />

Wolf zählte an den Fingern ab und kam auf 16 Uhr in San<br />

Francisco.<br />

Angie als die Leiterin des Spezialteams begann: „Ich fasse<br />

jetzt erstmal die Ergebnisse zusammen. Du kannst die<br />

Daten anschließend herunterladen. Also, du wirst das mit<br />

jemandem ausbaldowern müssen, denn wir haben einige<br />

der Leute, die in diesem Zusammenhang auftauchen,<br />

durchleuchtet. Zuerst nahmen wir uns den Wolf-Dieter<br />

von Grillenstein, genannt Didi, vor. Seine Antiquitätenund<br />

weitere Geschäfte gehen schlecht, Einnahmen soll<br />

er aus Patenten haben. Als solche getarnt gehen größere<br />

Summen auf sein Geschäftskonto. Kommen wir zu seiner<br />

Vergangenheit. Didi war in demselben Internat wie die<br />

Boss-Brüder, sie kannten sich von Jugend auf.<br />

Aber noch einer gehört zu den Freunden. Es ist Matteo<br />

‚Mats‘ Marchese, der Lieblingsneffe von Tommaso ‚Flip‘<br />

Marchese, dem psychopathischen Oberhaupt der Marchese-Familie<br />

im Clan von Samuele Salvatore, dem Paten von<br />

Palermo.“<br />

Wolf hörte konzentriert zu. Angie holte tief Luft und fuhr<br />

fort: „Matteo ‚Mats‘ Marchese begann ein Studium der<br />

Wirtschaftswissenschaften in Freiburg. Wann er Didi<br />

wieder begegnete, ist nicht klar, aber Freiburg ist eine<br />

kleine Stadt. Didi nutzte seinen Kontakt zu Mats, um<br />

seinem Freund Sir Davis aus einer finanziellen Klemme zu<br />

helfen, weil die benötigte Summe seine Möglichkeiten bei<br />

weitem überstieg. Als Sir Davis den ‚Kredit‘ zurückzahlte,<br />

erhielt Didi eine hübsche Summe als Anteil. Damit konnte<br />

er sich den Kauf und den teuren Umbau seines Schlösschens<br />

leisten.“<br />

Angie hob den Arm: „Kommt noch mehr!“, rief sie. „Es<br />

schien zunächst so, dass der Sektenführer Alois Rubac,<br />

der sich gerne ‚Ihre Heiligkeit‘ nennen lässt, eine größere<br />

Erbschaft gemacht hat und nicht mit der Mafia in Verbindung<br />

steht. Aber es wird immer wahrscheinlicher, dass es<br />

die Mafia ist, die hinter dem Sektenführer steht.“ Angie<br />

hob die Hand: „Wir wissen aber immer noch nicht, wie<br />

das alles zusammenhängt.“<br />

Hiroko hob den Arm und wurde auf Vollbild geschaltet.<br />

„Wir haben eine jahrhundertelange Erfahrung mit den<br />

Ninkyō Dantai, den japanischen kriminellen Organisationen,<br />

die ihr als Yakuza kennt. Natürlich muss man die<br />

Drahtzieher fassen, aber es geht auch auf die harte Tour:<br />

Die Sache von unten anfangen. Jeden, den man erwischt,<br />

festsetzen, ausmerzen, notfalls umbringen. Denn beim<br />

kleinsten Fehler bist du tot!“, sagte sie.<br />

Ravi mischte sich ein. Er war aus seinem Werkraum<br />

gekommen und hatte sich an seinen Zweit-Computerarbeitsplatz<br />

gesetzt. „Ich habe Daten über ‚Ihre Heiligkeit‘<br />

Alois Rubac gesammelt. Teilweise mit Drohnen, teilweise<br />

mit Datenerfassung, teils mit einem Crawler. Er lässt<br />

angebliche Spenden, die zwei Männer in Koffern zu ihm<br />

bringen, auf sein Kirchenkonto wandern. Das wäre an<br />

sich nicht schlimm, aber ihre Spur führt zu Matteo ‚Mats‘<br />

Marchese.“<br />

Wolf hatte sich sowas schon gedacht, aber er schaute nur<br />

kurz rüber zu Miriam. Sie ließ ihr Haar über das Gesicht<br />

fallen und senkte den Kopf. Es klingelte, Babsie war ungeduldig<br />

geworden: „Nach Durchleuchtung der Kirchenkonten<br />

kam folgendes raus: Mit den Spenden werden<br />

abbruchreife Häuser gekauft. Erinnert sich noch jemand<br />

an die sogenannten Kaußen-Immobilien? Laut dem Nachrichtenmagazin<br />

Der Spiegel ist Kaußen, der auch in San<br />

Francisco Immobilien besitzt, durch raffinierte Finanzmethoden<br />

und rüde Vermietungspraktiken zu einer Symbolfigur<br />

des westdeutschen Kapitalismus geworden. Seine<br />

Strategie: Er kauft preiswert Altbauten auf und vermietet<br />

die oft verkommenen Wohnungen für horrenden Mietzins,<br />

oder er lässt steuersparend renovieren und besorgt<br />

einen Teil der Werterhöhung sowie weiteren Gewinn zu<br />

Lasten seiner Mieter.“<br />

Wolf fragte sich, was das mit Freund Alois zu tun hatte,<br />

aber Babsie sprach schon weiter: „Mats besorgt polnische<br />

Hilfsarbeiter und lässt die Häuser der Kirche oberflächlich<br />

renovieren. Dann kassiert er über eine Beteilgungsfirma<br />

die Energiespar-Prämie und verkauft die Wohnungen<br />

einzeln als luxussanierte Eigentumswohnungen.“<br />

Wolf sah Miriam an und sagte müde: „Die Serie der<br />

Morde an den Freiburger Musikern ist damit nicht erklärt,<br />

geschweige denn aufgeklärt.“<br />

- Fortsetzung folgt -<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 29


WIR WERDEN DIE NUSS SCHON KNACKEN!<br />

WORTSPIELRÄTSEL<br />

von Carina<br />

Fett umrandete Kästchen stellen den jeweiligen Lösungsbuchstaben des endgültigen<br />

Lösungswortes dar und zwar von oben nach unten gelesen. Sind pro Einzellösung mehrere<br />

Kästchen fett umrandet, sind diese Buchstaben identisch! Alles klar? Na dann viel Spaß!<br />

Zur Beachtung: Ä/Ö/Ü = AE/OE/UE und ß = SS<br />

Helau, Ihr Rätselverrückten!<br />

Bei diesem Fest scheiden sich mal wieder die Geister – die einen lieben es und sind sogar<br />

aktiv dabei, andere können damit so gar nichts anfangen. Wer in den Hochburgen lebt,<br />

kann dem Trubel kaum entrinnen. Gefeiert wird es in vielen Ländern wohl schon seit einigen<br />

tausend Jahren aus unterschiedlichen, häufig religiösen Gründen vor dem Beginn der<br />

Fastenzeit. Traditionell gibt es meist Kostüme, Umzüge und Musik, aber auch sehr unterschiedliches<br />

Brauchtum. Vielerorts nennt man es auch häufig die Fünfte Jahreszeit. Es geht<br />

ums Thema: Fastnacht – Prost!<br />

1. Blumen-Wochentag<br />

2. Gemütslage mit englischer Feier<br />

3. Spirituosen-Flagge<br />

4. Kleine Kirche für Bewegung zur Musik<br />

5. Mütze für Spaßmacher<br />

6. Leibwache von Adeligen<br />

7. Beinahe-Tageszeit<br />

8. Unloses Nacktbild<br />

9. Kugelnde Rassehunde<br />

10. Ansprache eines Zubers<br />

Lösungswort:<br />

Zu gewinnen für das korrekte Lösungswort:<br />

1.- 3. Preis je ein Gutschein unserer Wahl<br />

UND:<br />

Im Dezember <strong>2023</strong> wird von ALLEN korrekten<br />

Einsendungen ein zusätzlicher Gewinner gezogen,<br />

der eine besondere Überraschung erhält!<br />

Einsendeschluss<br />

ist der 27. <strong>Februar</strong> <strong>2023</strong><br />

(es gilt das Datum des Poststempels bzw. der E-Mail)<br />

E-Mails NUR mit Adressen-Angabe. Unsere Postanschrift finden Sie<br />

im Impressum auf Seite 31. Teilnahmeberechtigt sind alle, außer die<br />

Mitglieder des Redaktionsteams. Wenn es mehr richtige Einsendungen als<br />

Gewinne gibt, entscheidet das Los. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.<br />

Lösungswort der letzten Ausgabe: ZEITMANGEL<br />

bestehend aus den folgenden Einzellösungen:<br />

1. ZIFFERNBLATT 2. ELTERNABEND<br />

3. ZEIT-ZONE 4. MINUTENTAKT 5. MORGENGRAUEN<br />

6. NACHTFALTER 7. SANDUHR<br />

8. MORGENTAU 9. BROTZEIT 10. ZEITLUPE<br />

Gewonnen haben (aus 51 korrekten Einsendungen):<br />

H. Scherzinger, Freiburg<br />

F. Jünger, Freiburg<br />

J. Horst, Freiburg<br />

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH !<br />

Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt.<br />

30<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong>


ÜBER UNS<br />

Seit Jahren geht in unserer Gesellschaft die Schere zwischen<br />

Arm und Reich weiter auseinander. Besonders durch die<br />

Agenda 2010 und die damit verbundenen Hartz IV-Gesetze<br />

wurden Sozialleistungen abgesenkt. Die Lebenshaltungskosten<br />

steigen jedoch von Jahr zu Jahr. Viele Menschen kommen<br />

mit den Sozialleistungen nicht mehr aus oder fallen schon<br />

längst durch das ziemlich löchrig gewordene soziale Netz.<br />

Und heute kann jeder von Arbeitslosigkeit bedroht sein.<br />

Vereine und private Initiativen versuchen die Not, in welche<br />

immer mehr Menschen kommen, zu lindern und die Lücken<br />

im System zu schließen. Es gibt unterschiedliche nichtstaatliche<br />

Einrichtungen wie z. B. die Tafeln, welche sich um diese<br />

ständig wachsende Bevölkerungsgruppe kümmern. Oder<br />

eben die Straßenzeitungen wie der FREIeBÜRGER.<br />

In unserer Straßenzeitung möchten wir Themen aufgreifen,<br />

welche in den meisten Presseerzeugnissen oft zu kurz oder<br />

gar nicht auftauchen. Wir wollen mit dem Finger auf Missstände<br />

zeigen, interessante Initiativen vorstellen und kritisch<br />

die Entwicklung unserer Stadt begleiten. Wir schauen aus<br />

einer Perspektive von unten auf Sachverhalte und Probleme<br />

und kommen so zu ungewöhnlichen Einblicken und<br />

Ansichten. Damit tragen wir auch zur Vielfalt in der lokalen<br />

Presselandschaft bei.<br />

Gegründet wurde der Verein im Jahr 1998 von ehemaligen<br />

Wohnungslosen und deren Umfeld, deshalb kennen die<br />

MitarbeiterInnen die Probleme und Schwierigkeiten der<br />

VerkäuferInnen aus erster Hand. Ziel des Vereins ist es, dass<br />

Menschen durch den Verkauf der Straßenzeitung sich etwas<br />

hinzuverdienen können, sie durch den Verkauf ihren Tag<br />

strukturieren und beim Verkaufen neue Kontakte finden<br />

können. Wir sind eine klassische Straßenzeitung und geben<br />

unseren VerkäuferInnen die Möglichkeit, ihre knappen finanziellen<br />

Mittel durch den Verkauf unserer Straßenzeitung<br />

aufzubessern. 1 Euro (Verkaufspreis 2,10 Euro) pro Ausgabe<br />

und das Trinkgeld dürfen unsere VerkäuferInnen behalten.<br />

Es freut uns zum Beispiel sehr, dass sich einige wohnungslose<br />

Menschen über den Verkauf der Straßenzeitung eine neue<br />

Existenz aufbauen konnten. Heute haben diese Menschen<br />

einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz und eine<br />

Wohnung. Der FREIeBÜRGER unterstützt also Menschen<br />

in sozialen Notlagen. Zu unseren VerkäuferInnen gehören<br />

(ehemalige) Obdachlose, Arbeitslose, GeringverdienerInnen,<br />

RentnerInnen mit kleiner Rente, Menschen mit gesundheitlichen<br />

Problemen, BürgerInnen mit Handicap u. a. Unser Team<br />

besteht derzeit aus fünf MitarbeiterInnen. Die Entlohnung<br />

unserer MitarbeiterInnen ist äußerst knapp bemessen und<br />

unterscheidet sich aufgrund der geleisteten Arbeitszeit und<br />

Tätigkeit. Dazu kommt die Unterstützung durch ehrenamtliche<br />

HelferInnen. Leider können wir durch unsere Einnahmen<br />

die Kosten für unseren Verein, die Straßenzeitung und Löhne<br />

unserer MitarbeiterInnen nicht stemmen. Daher sind wir<br />

auch in Zukunft auf Unterstützung angewiesen.<br />

SIE KÖNNEN UNS UNTERSTÜTZEN:<br />

• durch den Kauf einer Straßenzeitung oder<br />

die Schaltung einer Werbeanzeige<br />

• durch eine Spende oder eine Fördermitgliedschaft<br />

• durch (langfristige) Förderung eines Arbeitsplatzes<br />

• durch Schreiben eines Artikels<br />

• indem Sie die Werbetrommel für unser<br />

Sozialprojekt rühren<br />

Helfen Sie mit, unser Sozialprojekt zu erhalten und weiter<br />

auszubauen. Helfen Sie uns, damit wir auch in Zukunft<br />

anderen Menschen helfen können.<br />

Impressum<br />

Herausgeber: DER FREIeBÜRGER e. V.<br />

V.i.S.d.P: Oliver Matthes<br />

Chefredakteur: Uli Herrmann († 08.03.2013)<br />

Titelbild: Yash Rai<br />

Layout: Ekkehard Peters<br />

An dieser Ausgabe haben mitgearbeitet:<br />

Carsten, Carina, Conny, Ekki, H. M. Schemske,<br />

Karsten, Oliver, Recht auf Stadt, Rose Blue, utasch<br />

und Gastschreiber<br />

Druck: Freiburger Druck GmbH & Co. KG<br />

Auflage: 5.000 | Erscheinung: monatlich<br />

Vereinsregister: Amtsgericht Freiburg | VR 3146<br />

Kontakt:<br />

DER FREIeBÜRGER e. V.<br />

Engelbergerstraße 3<br />

79106 Freiburg<br />

Tel.: 0761 / 319 65 25<br />

E-Mail: info@frei-e-buerger.de<br />

Website: www.frei-e-buerger.de<br />

Öffnungszeiten: Mo. - Fr. 12 - 16 Uhr<br />

Mitglied im Internationalen Netzwerk<br />

der Straßenzeitungen<br />

Der Nachdruck von Text und Bild (auch nur in Auszügen) sowie<br />

die Veröffentlichung im Internet sind nur nach Rücksprache<br />

und mit der Genehmigung der Redaktion erlaubt. Namentlich<br />

gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung<br />

der Redaktion wieder.<br />

Die nächste Ausgabe des FREIeBÜRGER erscheint am:<br />

01.03.<strong>2023</strong><br />

1. und 2. Mittwoch im Monat um 14 Uhr:<br />

Öffentliche Redaktionssitzung<br />

FREIeBÜRGER 02 | <strong>2023</strong> 31


Angriff auf die Presse- und Rundfunkfreiheit<br />

Hausdurchsuchungen gegen Radio Dreyeckland<br />

Dieser hier zur Dokumentation abgebildete<br />

Ar tikel, der nie von der zuständigen Medienbehörde<br />

beanstandet wurde, reichte der Staatsanwaltschaft<br />

Karlsruhe aus, um zwei Privatwohnungen<br />

auf den Kopf zu stellen und in<br />

den Sender einzudringen. Hätte der Verfasser<br />

nicht schnell erklärt, dass er dafür verantwortlich<br />

war, wäre wohl der Großteil der digitalen<br />

RDL ­Technik beschlagnahmt worden.<br />

Amnesty Deutschland erklärt dazu:<br />

„Diese Einschüchterung kritischer Medien ist mit<br />

den Grundrechten unvereinbar. Bereits das Vereinsverbot<br />

gegen linksunten war fragwürdig – die<br />

Kriminalisierung der bloßen Verlinkung auf ein<br />

Archiv von linksunten.indymedia innerhalb eines<br />

redaktionellen Texts von Radio Dreyeckland umso<br />

mehr.“<br />

Linke Medienarbeit ist nicht kriminell!<br />

Ermittlungsverfahren nach linksunten.indymedia-Verbot<br />

wegen „Bildung krimineller Vereinigung“ eingestellt<br />

Die kontextualisierende Bildunterschrift überging die<br />

Staatsanwaltschaft in ihrem Durchsuchungsbeschluss.<br />

Quelle: RDL / Lizenz: CC Attribution, Non-Commercial<br />

Wichtiger Hinweis!<br />

Radio Dreyeckland kann<br />

aktuell die weitere<br />

Ausforschung des<br />

Redaktionsgeheimnisses<br />

leider NICHT<br />

ausschließen.<br />

Spendenkonto<br />

Freundeskreis<br />

Radio Dreyeckland e. V.<br />

IBAN:<br />

DE04 6809 0000 0009 320 202<br />

Verantwortlich im Sinne des Presserechts:<br />

Kurt-Michael Menzel, C/O RDL Adlerstr.12<br />

„Wir sind alle linksunten“ – ob dem so ist, war auch ein Streitpunkt auf der Podiumsdiskussion<br />

über das Verbot der Internetplattform.<br />

Bald fünf Jahre ist der konstruierte Verein linksunten.indymedia nun verboten. Jetzt informiert die<br />

Autonome Antifa Freiburg darüber, dass das zugehörige strafrechtliche Ermittlungsverfahren wegen<br />

„Bildung einer krimineller Vereinigung“ am 12. Juli nach § 170 Abs. 2 StPO eingestellt wurde. Die<br />

Staatsanwaltschaft habe keine Beweise finden können und damit keinen genügenden Anlass zur<br />

Erhebung einer öffentlichen Klage. „Bis heute konnte offenbar keiner der bei den linksunten-Razzien<br />

im August 2017 beschlagnahmten Datenträger entschlüsselt werden“, so die Autonome Antifa. Im<br />

November 2020 hatte der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg schon die Durchsuchung der<br />

KTS im August 2017 im Zuge des konstruierten Vereins linksunten.indymedia für rechtswidrig erklärt.<br />

Im Internet findet sich linksunten.indymedia.org als Archivseite. (FK)<br />

Jeden 1. Mittwoch<br />

des Monats: 12-13 Uhr<br />

im Mittagsmagazin<br />

'Punkt 12'<br />

Hört, macht, unterstützt Radio Dreyeckland: 102,3 Mhz – Stream: rdl.de/live – 0761/31028

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