Klinges Gedanken zum berühmten Satz: „Deine Probleme hätte ich gerne.“ – „Die Person, die so etwas sagt, würde mit meinen und Euren Problemen gar nicht umgehen können!“ Foto: Daniel Knaus 10 FREIeBÜRGER 10 | 2023
BENACHTEILIGT AUFGEWACHSEN, OBDACHLOS GEWORDEN Wie mein Leben sich zum Guten wendete Auf die Straße und zurück: Ich bin die Klinge, 23 Jahre alt, und berichte Ihnen und Euch hier von meiner turbulenten Lebensgeschichte. Ich will erzählen, wie ich es geschafft habe, dass mein Leben endlich gut verläuft. Dazu beginne ich von vorne – mit meiner Kindheit. Bis zu meinem achten Lebensjahr haben meine Eltern sich nur gezankt, angeschrien; und an alles weitere kann ich mich zum Glück nicht erinnern. Nach einiger Zeit trennten sie sich und seitdem lebten ich und mein kleiner Bruder bei meiner Mutter. Als ich die vierte Klasse beendete, zogen wir drei zu meinen Großeltern und meine Mutter fand eine neue Arbeit. Zwischendrin besuchte ich meinen Erzeuger, was immer katastrophal war; jedoch wusste ich es als kleines Kind nicht besser und bin jedes Mal zu ihm, obwohl es meiner noch gesunden jungen Psyche schadete. Ein Vorfall, der sich ereignete, als mein kleiner Bruder 11 Jahre alt war und ich 16: Er war schon bei meinem Erzeuger daheim und mich brachte dann mein damaliger Freund abends nach. Als ich zur Haustüre hereinkam, klappte mir fast die Kinnlade herunter. Was sehe ich – mein kleiner Bruder total aufgewühlt und verängstigt auf dem Sessel. Mein Erzeuger und seine Freundin hatten nichts Besseres im Sinn, als sich zu besaufen und Tabletten zu nehmen. Übrigens bin ich diagnostiziert mit Borderline, mittelschweren Depressionen, ADHS, multipler Persönlichkeitsstörung, Sozialphobie und auch einer Art von Autismus. Ich war ein spezielles Kind und bin heute noch ein spezieller Mensch. Eine Zeit lang dachte ich, das bringt mir im Leben große Nachteile. Die gab es anfangs auch, aber die meisten meiner Eigenschaften sind Vorteile zum Beispiel für einen breiteren Blick in die Welt, auch wenn sie mir den Alltag erschweren. BIS HEUTE IST ES ZUM BEISPIEL NOCH SO, DASS ICH… ...in großen Menschenmengen reizüberflutet bin und in Panik wie erstarrt stehen bleibe, vor vielen Menschen oder mit einer mir fremden Person nur mit Problemen sprechen kann, in der U-Bahn versuche, den Menschen aus dem Weg zu gehen, es aufschiebe, irgendwo anzurufen und Termine auszumachen, weil ich panische Angst davor habe und ich mich überwinden muss, Belästigern zu sagen, dass sie doch bitte gehen sollen. Mit meiner psychischen Situation fühlt sich alles etwas anders an. Durch das Borderline ist meine Gefühlswelt chaotisch. Ein Borderliner ist impulsiv, empfindet alles extrem und sich selbst oft als unverstanden. Durch das ADHS bin ich unkonzentriert, hibbelig und vergesse schnell, was ich anfange – oder habe nach einiger Zeit keine Lust mehr darauf. Durch meine Sozialphobie und meine Depressionen blieb ich früher meist zu Hause. Und durch meine dissoziative Identitätsstörung habe ich leider vieles aus meinem Leben vergessen – was aber nicht weiter schlimm ist, denn man schafft sich ja neue Erinnerungen. Durch diese ganzen Eigenschaften war ich lange eingeschränkt: sowohl im Alltag mit den Mitmenschen als auch in meiner Schullaufbahn. Einerseits gab es Themen, die mich hochgradig interessierten; andererseits auch solche, die mich so gar nicht interessierten. Viele Jahre lang wurde ich gemobbt, weil ich war und bin wie ich bin, aber ich habe mich nicht unterkriegen lassen und die Hauptschule beendet. Danach ging ich auf eine weiterführende Berufsschule in Richtung Metalltechnik, wo ich jedoch wieder massiv gemobbt wurde, sogar Morddrohungen bekam und das zweite Halbjahr freigestellt wurde. Also machte ich in einer Werkrealschule die zehnte Klasse nach. Zwischendurch verschlimmerten sich meine Depressionen, mein Borderline zeigte sich und Verständnis von den Lehrern empfand ich kaum; ich fehlte manchmal drei bis vier Tage in der Woche, aber zog den neuen Schulabschluss durch. WEITERHIN VIEL STRESS MIT MEINEM ERZEUGER Da mein Erzeuger Alkoholiker ist und krank, versuchte ich, über den Stress hinwegzusehen, den er mir zufügte. Ich war leider schon immer ein Papakind und wollte ihm alles recht machen. Aber ich bekam von ihm immer nur zu hören, wie schrecklich ich doch sei. Jahrelang musste ich zwischen ihm und meiner Mutter vermitteln. Er lud alles auf meinen Schultern ab. Da ich das so erleben musste, ist meine Meinung, dass man Kinder nicht in seine Probleme hineinziehen darf. Schwierigkeiten der Eltern sind eine Sache zwischen den beiden. Das Kind hat keinen blassen Schimmer, was zwischen den Erwachsenen vorgefallen ist. Im Endeffekt ist es dann wie in meinem Fall, dass ein Elternteil dies erzählt, das andere etwas anderes – und als Kind war ich dann einfach nur traurig und verwirrt. Mein Erzeuger sagte viele Sätze, die mir bis heute noch tief im FREIeBÜRGER 10 | 2023 11