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Gedächtnis und in den Knochen stecken: „Wärst du nicht<br />
meine Tochter, könnte man ja einen Dreier schieben“ oder<br />
„Deine Mutter hat auf ganzer Linie versagt.“ Ich besuchte<br />
ihn oft in Entzugskliniken, weil ich für ihn da sein wollte,<br />
aber auch dort bekam ich von ihm immer nur dumme<br />
Kommentare. Vor einigen Jahren nahm er dann mit<br />
Kollegen wieder Heroin und starb fast an einer Überdosis.<br />
Als er mich monatelang vollquatschte, dass er doch gerne<br />
sterben möchte und dies nicht selbstständig könne, habe<br />
ich mich von ihm distanziert. Lange hatte ich keinen Kontakt<br />
mehr zu ihm – bis zum Dezember 2022. Über einen<br />
Vorfall in dieser Zeit schrieb ich für die März-<strong>Ausgabe</strong> von<br />
Trott-war einen Beitrag. Mein Erzeuger hatte mal wieder<br />
einen zu viel im Tee und stritt sich an einem Stand auf<br />
dem Esslinger Weihnachtsmarkt mit Mitarbeitenden. Ich<br />
bekam einen Nervenzusammenbruch, er beleidigte mich<br />
aufs Übelste, drängte mich in eine Ecke und unterstellte<br />
mir, ich wolle nur Aufmerksamkeit.<br />
AUS DER SCHULE IN DIE KLINIK, VON DORT AUF DIE<br />
STRASSE<br />
Nach der Schule ging ich direkt in die Psychiatrische Klinik<br />
in Hirsau-Calw. Dort verbrachte ich zweieinhalb Monate.<br />
Erst hieß es, ich müsse noch länger bleiben, kurz darauf<br />
wurde ich aber entlassen. Der Aufenthalt war hilfreich, bis<br />
auf die Pfleger, die einem auch unnötige Strafen gaben.<br />
Ich würde auch wieder in eine Klinik gehen, wenn ich<br />
könnte. Nach dieser Zeit war ich mehrere Jahre zu Hause<br />
und leider mit meinen Depressionen allein, bis ich mir<br />
irgendwann sagte, aus der Situation rauskommen zu<br />
wollen und ausgezogen bin. Das war ein langer Kampf.<br />
Viel Stress! Ich wohnte mal hier und mal da – ein Jahr in<br />
Karlsruhe halb auf der Straße und halb bei Freunden. Als<br />
ich dort weg musste, zog ich zu Freunden nach Bayern,<br />
kam aber auch dort nicht aus meinem Trott raus und ging<br />
also wieder zurück nach Stuttgart. Hier war ich ein halbes<br />
Jahr auf der Straße. Eine Zeit lang musste ich leider<br />
Schnorren gehen, weil es anders nicht ging. Oft wurde ich<br />
übel beschimpft, die meisten Passanten waren aber sehr<br />
nett. Mittlerweile lebe ich in einer eigenen Wohnung zusammen<br />
mit meinem Freund, meinen zwei Hunden und<br />
unseren Katzen. Momentan beziehe ich noch Bürgergeld,<br />
möchte dies aber langsam ändern, indem ich wieder eine<br />
Therapie mache und arbeite. Trott-war hilft mir dabei.<br />
Hier ist es familiär und man fühlt sich direkt wohl.<br />
WAS ICH MIR UND EUCH LESENDEN WÜNSCHE<br />
Das war bis jetzt meine Lebensgeschichte. Sie ist nicht rosig,<br />
aber dennoch geht es langsam bergauf. Ich hoffe, dass<br />
ich alles, was ich mir vorgenommen habe, auch erreiche<br />
– wenn ich nur stetig daran arbeite. Und ich hoffe ebenfalls,<br />
dass Ihr Lesenden am Beispiel meiner Geschichte<br />
seht, dass es immer bergauf gehen kann, egal in welcher<br />
Lebenslage Ihr Euch befindet. Solltet Ihr wie ich etwas<br />
besonders sein, durch ADHS, Autismus, Borderline oder<br />
anderes: Macht Euch nichts daraus, seht es als Bonus. Wir<br />
können viel erreichen! Ihr müsst nur an Eurer Zukunft<br />
arbeiten und das Richtige für Euch finden. Ihr könnt alles<br />
schaffen, wenn Ihr das möchtet. Klingt blöd, ich weiß,<br />
diesen Satz wollte auch ich von niemandem hören.<br />
Wenn es Euch keiner jemals gesagt hat, dann sag ich es<br />
Euch eben jetzt: Lasst Euch nicht unterkriegen – Ihr seid<br />
stark und gut, wie Ihr seid! Verändert Euch für niemanden<br />
als für Euch selbst, denn so habe ich es auch gemacht<br />
und habe jetzt etwas für mich erreicht.<br />
Klinge<br />
Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Trott-war e. V.<br />
/ International Network of Street Papers<br />
ANGELL<br />
Infotermine<br />
Sa. 14.10. Tag der offenen Tür („Herbstzauber“)<br />
10 Uhr<br />
Mi. 15.11. Infoabend Grundschule<br />
19:30 Uhr<br />
Do. 07.12. Infoabend Gymnasium & Realschule<br />
19:30 Uhr<br />
Sa. 13.01. Hausführung<br />
10 Uhr<br />
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FREIeBÜRGER 10 | 2023