Otto Haendler (Eingeleitet, kommentiert und herausgegeben von Wilfried Engemann): Schriften und Vorträge zur Praktischen Theologie, Band 4 (Leseprobe)
Während die Bände 1–3 primär auf die Praktische Theologie und einzelne ihrer Forschungsfelder ausgerichtet waren, präsentiert der vorliegende Band „Glaube und Lebenswelt“ solche Beiträge, die generell auf Herausforderungen eines zeitgenössischen Christentums bezogen sind. Haendler wendet sich an eine breite Öffentlichkeit und greift Fragen auf, die die christliche Existenz unter den Bedingungen der Spätmoderne betreffen. In den Schriften über den Zusammenhang von „Denken und Glauben“, über die Bedeutung der „Meditation als Lebenspraxis“, über Vertrauensbildung oder die pädagogische Dimension des Kirchenjahres usw. kommt Haendlers tiefenpsychologische Fachkompetenz voll zur Geltung und verdeutlicht ganz nebenbei den Gewinn interdisziplinärer Argumentation.
Während die Bände 1–3 primär auf die Praktische Theologie und einzelne ihrer Forschungsfelder ausgerichtet waren, präsentiert der vorliegende Band „Glaube und Lebenswelt“ solche Beiträge, die generell auf Herausforderungen eines zeitgenössischen Christentums bezogen sind. Haendler wendet sich an eine breite Öffentlichkeit und greift Fragen auf, die die christliche Existenz unter den Bedingungen der Spätmoderne betreffen. In den Schriften über den Zusammenhang von „Denken und Glauben“, über die Bedeutung der „Meditation als Lebenspraxis“, über Vertrauensbildung oder die pädagogische Dimension des Kirchenjahres usw. kommt Haendlers tiefenpsychologische Fachkompetenz voll zur Geltung und verdeutlicht ganz nebenbei den Gewinn interdisziplinärer Argumentation.
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<strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong><br />
<strong>Schriften</strong> <strong>und</strong> <strong>Vorträge</strong><br />
<strong>zur</strong> <strong>Praktischen</strong> <strong>Theologie</strong><br />
<strong>Eingeleitet</strong>, <strong>kommentiert</strong> <strong>und</strong> <strong>herausgegeben</strong><br />
<strong>von</strong> <strong>Wilfried</strong> <strong>Engemann</strong><br />
<strong>Band</strong> 4 | Glaube <strong>und</strong> Lebenswelt
Vorwort<br />
Die Edition der <strong>Schriften</strong> <strong>und</strong> <strong>Vorträge</strong> <strong>zur</strong> <strong>Praktischen</strong> <strong>Theologie</strong> <strong>von</strong> <strong>Otto</strong><br />
<strong>Haendler</strong> (OHPTh) umfasst insgesamt einen Zeitraum <strong>von</strong> 61 Jahren (1916–1977).<br />
Sie präsentiert also die theologische Entwicklung <strong>Haendler</strong>s (1890–1981) <strong>von</strong><br />
seinem 26. bis zu seinem 87. Lebensjahr. Damit ist <strong>Haendler</strong> einer der wenigen<br />
<strong>Praktischen</strong> Theologen, <strong>von</strong> denen über einen so großen Zeitraum <strong>von</strong><br />
fünf Epochen deutscher Geschichte (er umfasst das Kaiserreich, die Weimarer<br />
Republik, die Zeit des Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit sowie 28 Jahre<br />
Forschung <strong>und</strong> Lehre in der DDR) derart facettenreiche fachliche Positionierungen<br />
vorliegen.<br />
Dass <strong>Haendler</strong> in diesen ca. sechs Jahrzehnten – bei aller Kontinuität bezüglich<br />
seiner Wertschätzung psychologischer Fragen <strong>und</strong> seines Interesses<br />
an der Rolle <strong>von</strong> „Personen“ <strong>und</strong> „Subjekten“ – Wandlungen durchlaufen <strong>und</strong><br />
bestimmte Einschätzungen <strong>und</strong> Thesen im Laufe der Jahrzehnte geändert,<br />
modifiziert <strong>und</strong> präzisiert hat, darf als Ausdruck seiner Bereitschaft gelten,<br />
sich einmal Durchdachtes vor dem Hintergr<strong>und</strong> neuer Erkenntnisse <strong>und</strong> einer<br />
vertieften Auseinandersetzung mit den Humanwissenschaften erneut vorzunehmen,<br />
früher Erarbeitetes zu reformulieren <strong>und</strong> auf geänderte Kontexte zu<br />
beziehen.<br />
Dies spiegelt sich auch in den Texten dieses 4. <strong>Band</strong>es der Edition OHPTh<br />
wider.<br />
1. Zur Auswahl <strong>und</strong> zum Inhalt der Texte<br />
1.1 Christliches Leben unter den Bedingungen der Gegenwart<br />
Der vierte <strong>Band</strong> der Edition der praktisch-theologischen <strong>Schriften</strong> <strong>und</strong> <strong>Vorträge</strong><br />
<strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>s (OHPTh) trägt den Titel „Glaube <strong>und</strong> Lebenswelt“. Er präsentiert<br />
überwiegend solche Arbeiten, die schon <strong>von</strong> ihrer Anlage her einen Bezug<br />
zu den Lebenszusammenhängen <strong>und</strong> Erfahrungshorizonten ihrer Hörer- bzw.<br />
Leserschaft haben <strong>und</strong> die zentrale Frage nach dem Glauben als Frage nach<br />
einem christlichen Leben unter den Bedingungen der Gegenwart stellen.<br />
Während <strong>Band</strong> 1 (Praktische <strong>Theologie</strong>) der Erschließung des interdisziplinär<br />
<strong>und</strong> existenztheologisch geprägten Standorts <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>s in der<br />
<strong>Praktischen</strong> <strong>Theologie</strong> des 20. Jahrh<strong>und</strong>erts diente, <strong>Band</strong> 2 (Homiletik) den<br />
Gewinn einer gemeindebezogenen, tiefenpsychologischen Durchdringung<br />
homi letischer Fragen für den Diskurs der Homiletik im 20. Jahrh<strong>und</strong>ert<br />
markierte <strong>und</strong> <strong>Band</strong> 3 (Seelsorge) den Inhalt <strong>und</strong> die Reichweite der seel-
6 Vorwort<br />
sorgetheoretischen Impulse <strong>Haendler</strong>s darzustellen suchte, bietet <strong>Band</strong> 4<br />
unter anderem auch populärwissenschaftlich argumentierende, sich an ein<br />
nicht-theologisch gebilde tes Publikum wendende Texte. Dass auch diese<br />
Beiträge als „praktisch-theo lo gisch“ charakterisiert werden, bezieht sich folglich<br />
nicht auf ein bestimmtes methodisches bzw. fachliches Profil, nicht auf ein<br />
Forschungsgebiet der <strong>Praktischen</strong> <strong>Theologie</strong> oder ein spezielles Handlungsfeld<br />
der Kirche, sondern auf den Anspruch theologischer Zeitgenossenschaft gegenüber<br />
den „Endverbrauchern“ praktisch-theologischer Bemühungen.<br />
Das sind in den Texten dieses <strong>Band</strong>es nicht immer die Kolleginnen <strong>und</strong><br />
Kollegen vom Fach, sondern die Menschen, denen gegenüber <strong>Theologie</strong><br />
<strong>und</strong> Kirche eine bestimmte Verantwortung wahrzunehmen hat: Wer mit der<br />
Kirche bzw. mit der Theorie <strong>und</strong> Praxis des christlichen Glaubens zu tun bekommt,<br />
sollte sich nicht vor der Herausforderung sehen, ein logisch sperriges<br />
Dogmenpaket zu bejahen <strong>und</strong> es sich gedanklich aneignen zu müssen, 1 sondern<br />
sollte einem Leben aus Glauben auf die Spur kommen, in dem die Erfahrung<br />
<strong>von</strong> Freiheit (Weite) <strong>und</strong> Liebe (Tiefe) <strong>zur</strong> täglichen religiösen Praxis gehört.<br />
Wer hier als Theologe Hilfestellung leisten will, muss sich nach <strong>Haendler</strong><br />
neben der <strong>Theologie</strong> auch mit den Menschen befassen, zu denen er unterwegs<br />
ist – <strong>von</strong> dem Anliegen bestimmt, „ganz der Glaubenswahrheit <strong>und</strong> ganz dem<br />
Menschen <strong>von</strong> heute“ 2 gerecht zu werden.<br />
Dem entspricht das weite Themenspektrum dieses Buches, dessen Beiträge<br />
ihren Fluchtpunkt im Alltag eines sich als christlich verstehenden Lebens haben.<br />
1.2 Die Monographien<br />
<strong>Haendler</strong>s Interesse an einer lebensweltlichen Verankerung <strong>von</strong> Glaubensfragen<br />
zeigt sich besonders an seiner Art, sich mit dem Phänomen, der Erfahrung,<br />
der Kraft <strong>und</strong> dem Zweifel des Glaubens auseinanderzusetzen. Vergleicht<br />
man die dogmatisch-überzeugte, stark behauptende, kaum <strong>von</strong> Fragen geprägte<br />
Argumentationsweise der Vortragsreihe „Glaube“ (um 1930) 3 mit dem<br />
Glaubensverständnis in den beiden <strong>Schriften</strong> zum Thema Glauben, die diesen<br />
<strong>Band</strong> eröffnen, kann man eine deutliche Vertiefung religionsphilosophischer<br />
<strong>und</strong> anthropologischer Einsichten feststellen, die für <strong>Haendler</strong> weitreichende<br />
theologische Konsequenzen haben:<br />
Teil I: So erörtert die Schrift Denken <strong>und</strong> Glauben (Teil I) 4 vor dem<br />
Hintergr<strong>und</strong> wichtiger Konzepte neuzeitlichen Denkens <strong>und</strong> naturwissen-<br />
1 Zur „Gefahr der Dogmatisierung der Kirche <strong>und</strong> ihrer Verkündigung“ vgl. <strong>Otto</strong><br />
<strong>Haendler</strong>: Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube, Göttingen 1966, in diesem <strong>Band</strong> S. 133–<br />
217, 141.<br />
2 A. a. O., 187.<br />
3 Vgl. <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Vortragsreihe „Glaube“ (um 1930), in: OHPTh 1, Leipzig 2015,<br />
577–599.<br />
4 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Denken <strong>und</strong> Glauben (1949), in diesem <strong>Band</strong> S. 27–119.
Vorwort<br />
7<br />
schaftlicher Erkenntnisse sowohl legitime als auch verfehlte Erwartungen an<br />
ein Leben aus Glauben. <strong>Haendler</strong> geht in diesem Zusammenhang ausführlich<br />
auf die Deutungsleistung sowohl des Denkens als auch des Glaubens ein <strong>und</strong><br />
bringt dabei die für die Existenzerfahrung des Menschen wichtigen Kategorien<br />
des Gewissens <strong>und</strong> einer ganzheitlichen Selbst- <strong>und</strong> Weltwahrnehmung ins Spiel.<br />
Teil II: 17 Jahre später geht <strong>Haendler</strong> mit seiner Schrift Zwischen Glaube<br />
<strong>und</strong> Unglaube (Teil II) 5 insofern in medias res, als er die mit diesem Thema<br />
verb<strong>und</strong>enen Phänomene <strong>und</strong> Erfahrungen vor einem weiten, interdisziplinären<br />
Horizont in den Blick nimmt, um sie auf der Höhe der philosophischen,<br />
psycho lo gi schen, päd agogischen <strong>und</strong> theologischen Diskurse jener Zeit zu<br />
kommentieren. Dementsprechend wird Glauben-Können nicht nur als theologische<br />
Kategorie reflektiert, sondern ebenso als Form menschlichen bzw.<br />
religiösen Verhaltens in bestimmten Situationen <strong>und</strong> Zeitaltern – wie z. B.<br />
dem der „Moderne <strong>und</strong> Nachmoderne“ 6 – betrachtet. <strong>Theologie</strong> <strong>und</strong> Kirche<br />
haben, so lassen sich die Ausführungen <strong>Haendler</strong>s verstehen, zu lange dem<br />
Eindruck Vorschub geleistet, als Christ stünde man vor der Alternative, entweder<br />
zu glauben oder ein aufgeklärter Zeitgenosse zu sein, der sein Gewissen<br />
schlechterdings nicht korrumpieren lassen kann. Aus <strong>Haendler</strong>s Sicht hängt<br />
für die Plausibilität, Akzeptanz <strong>und</strong> Aneignung des christlichen Glaubens viel<br />
da<strong>von</strong> ab, ob die Theologen- bzw. Pfarrerschaft dazu zu bewegen ist, die mit<br />
dem Mensch-, Person- <strong>und</strong> Subjektsein verb<strong>und</strong>enen Werte (Selbstwertgefühl,<br />
Lebensgefühl, Lebenswille, Wahrheitswille, Gewissen u. a. m.) nicht länger als<br />
Bedrohung der Kommunikation des Glaubens zu verstehen, sondern als wichtige<br />
Bestandteile der Existenzerfahrung des Menschen, um sie schließlich als<br />
Teil seiner Glaubensbedingungen zu akzeptieren.<br />
Teil III: Vor dem Hintergr<strong>und</strong> seiner vielfältigen Erfahrungen als Meditationsleh<br />
rer verfasst <strong>Haendler</strong> 1977 eine kleine Meditationslehre (Teil III) 7<br />
mit – wie der Titel des Werkes unschwer erkennen lässt – lebenspraktischem<br />
Schwer punkt: Diese Schrift vermittelt nicht nur gewisse Techniken <strong>und</strong><br />
Beispiele der Meditation, sondern auch die anthropologische <strong>und</strong> hermeneutische<br />
Bedeutung sowie den geistigen, geistlichen <strong>und</strong> lebenspraktischen<br />
Gewinn entsprechender Übungen – <strong>und</strong> dies in einfacher Sprache. Meditation<br />
kann, so <strong>Haendler</strong>, dazu beitragen, dass Menschen überhaupt in ein adäquates<br />
Verhältnis zu sich selbst, zu den anderen, <strong>zur</strong> Welt <strong>und</strong> zu Gott finden.<br />
Das Buch erläutert, inwiefern Meditation dazu beitragen kann, im Leben den<br />
Überblick nicht zu verlieren, ein gewisses Maß an Autonomie zu bewahren <strong>und</strong><br />
„Herr seiner Zeit zu werden“ 8 .<br />
5 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube (1966), in diesem <strong>Band</strong> S. 133–217.<br />
6 A. a. O., 147.<br />
7 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Meditation als Lebenspraxis, Göttingen 1977, in diesem <strong>Band</strong> S. 231–<br />
308.<br />
8 A. a. O., 247.
8 Vorwort<br />
1.3 Aufsätze, <strong>Vorträge</strong> <strong>und</strong> R<strong>und</strong>funkansprachen<br />
Die in Teil IV publizierten Aufsätze, <strong>Vorträge</strong> <strong>und</strong> R<strong>und</strong>funkansprachen lassen<br />
sich vier Perspektiven zuordnen, die im Rahmen dieses Vorworts nur knapp<br />
skizziert werden sollen. 9<br />
Teil IV.1: Mit dem Motto „Person sein <strong>und</strong> werden. Anthropologische Aspekte<br />
des Glaubens“ wurden fünf Beiträge überschrieben, die auf je eigene<br />
Art eines der Gr<strong>und</strong>prinzipien der <strong>Haendler</strong>schen <strong>Praktischen</strong> <strong>Theologie</strong> vertiefen<br />
– die konsequente Berücksichtigung der Person im Zusammenhang<br />
der wissenschaftlichen Charakterisierung <strong>und</strong> persönlichen Aneignung des<br />
Glaubens. Diese Texte behandeln (1.) die Erfahrung des Zwiespalts Glaubender,<br />
(2.) die Relevanz tiefenpsychologischer Erkenntnisse für die evangelische Pädagogik,<br />
(3.) wiederum – wie schon die Monographie „Meditation als Lebenspraxis“<br />
(Teil III) – die Bedeutung der Meditation für das Christentum sowie<br />
(4.) den Zusammenhang zwischen Lebensgestaltung <strong>und</strong> Glaubenserfahrung. Ein<br />
Beitrag über Person, Leben <strong>und</strong> Werk Paul Tillichs (5.) r<strong>und</strong>et diesen Themen -<br />
schwerpunkt ab.<br />
Teil IV.2: In drei R<strong>und</strong>funkansprachen setzt sich <strong>Haendler</strong> (1.) mit der<br />
Frage der Vertrauensbildung in einer riskanten Lebenswelt auseinander. Er befasst<br />
sich ferner (2.) damit, was man dem Sonntag als Feiertag abgewinnen<br />
könnte, <strong>und</strong> geht schließlich (3.), seelsorgliche Impulse setzend <strong>und</strong> ohne zu<br />
moralisieren, der Tugend der Geduld nach.<br />
Teil IV.3: Eine weitere Textgruppe steht unter der Überschrift „Christentum<br />
<strong>und</strong> Kirchenjahr“. Die unter diesem Titel vereinten Beiträge verbindet der<br />
Versuch <strong>Haendler</strong>s, die verschiedenen Horizonte des Kirchenjahres in der Lebenswelt<br />
der Gemeindeglieder zu verankern, wobei (1. <strong>und</strong> 2.) pädagogische <strong>und</strong> (3.)<br />
anthropologische Akzentuierungen eine besondere Rolle spielen.<br />
Teil IV.4: Eine stark kybernetisch geprägte Gedankenskizze zu einer<br />
Vortragsreihe <strong>zur</strong> geistlichen Lage der Kirche (1.) <strong>und</strong> ein seelsorglich ausgerichteter<br />
Zyklus <strong>von</strong> <strong>Vorträge</strong>n zum zweiten Glaubensartikel (2.) – beides<br />
Erstveröffentlichungen – haben im letzten Teil des Buches unter dem Titel<br />
„Zum christologischen Referenzrahmen der Kirche <strong>und</strong> des Glaubens“ ihren<br />
Platz gef<strong>und</strong>en.<br />
2. Editionsprinzipien<br />
Auch die Texte des 4. <strong>Band</strong>es dieser Edition mussten einem aufwändigen<br />
Lektorat <strong>und</strong> umfangreichen Redaktionsarbeiten unterzogen werden. Das hing<br />
einerseits mit dem Zustand jener unveröffentlichten Beiträge zusammen, die<br />
bislang nur als formal höchst unfertige Manuskripte vorlagen. Natürlich ist<br />
9 Wie jeder Teil dieses <strong>Band</strong>es hat auch Teil IV eine eigene Einleitung. Sie findet sich<br />
in diesem <strong>Band</strong> auf S. 313–319.
Vorwort<br />
9<br />
<strong>und</strong> bleibt es bei Editionsprojekten dieser Art überhaupt heikel, Texte, die ein<br />
Verfasser (aus welchen Gründen auch immer) nicht selbst bis <strong>zur</strong> Publikation<br />
gebracht hat, in mehreren Bearbeitungsstufen syntaktisch, orthographisch<br />
<strong>und</strong> stilistisch zu berichtigen, falsche Literaturangaben zu korrigieren, fehlende<br />
zu ergänzen usw.; dies bedeutet immerhin, einen Text gleichsam wichtiger<br />
zu nehmen als sein Autor. (Niemand vermag zu sagen, was die vielen<br />
Autoren, <strong>von</strong> denen posthum allerlei Schriftliches zum Druck gelangte, selbst<br />
<strong>von</strong> der Bekanntmachung ihrer Gelegenheitsarbeiten gehalten haben mögen.)<br />
Andererseits zeigten sich auch bei schon publizierten <strong>Schriften</strong> eine<br />
ganze Reihe ähnlicher Unebenheiten <strong>und</strong> Unstimmigkeiten, so dass es auch<br />
im Interesse des Autors <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong> liegen dürfte, wenn der Inhalt dieser<br />
Beiträge durch die Verbesserung ihrer Gestalt <strong>und</strong> Lesbarkeit sowie das<br />
Schließen <strong>von</strong> Informationslücken (Fußnoten) an Verständlichkeit gewinnt.<br />
Die Prinzipien der Edition OHPTh sind bei der Präsentation des ersten <strong>und</strong><br />
zweiten <strong>Band</strong>es eingehend erläutert <strong>und</strong> begründet worden. 10 Sie konnten für<br />
den vorliegenden <strong>Band</strong> – geringfügig modifiziert – beibehalten werden:<br />
– Rechtschreibung: Sämtliche Texte <strong>Haendler</strong>s sowie alle Referenztexte<br />
dieser Edition, die mit Schreibweisen des Deutschen aus mehreren<br />
Jahrh<strong>und</strong>erten konfrontieren, wurden der deutschen Rechtschreibreform<br />
<strong>von</strong> 1996 (2018) angepasst. Da durch wird verhindert, dass sich auf einer<br />
Druckseite für dieselben Worte oder Formulierungen gleich mehrere verschiedene<br />
Schreibvarianten finden.<br />
– Zitierweise: Um einer homogenen Zitierweise sowie um der Vollständigkeit<br />
<strong>und</strong> Richtigkeit der bibliographischen Angaben innerhalb dieser Edition<br />
willen wurde die Zitationsweise sowohl <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>s als auch der zitierten<br />
Texte nach heute geltenden bibliographischen Standards korrigiert,<br />
ergänzt <strong>und</strong> vereinheitlicht, ohne dass dies im Einzelnen vermerkt wurde.<br />
Ergänzungen <strong>und</strong> Kommentare, die über die Zitationen <strong>und</strong> Anmerkungen<br />
<strong>Haendler</strong>s hinausgehen, wurden als „Anm. d. Hg.“ bzw. „Erg. d. Hg.“ gekennzeichnet.<br />
– Paginierung: Mit dem in der Textwissenschaft für die Anzeige <strong>von</strong> Originalpaginierungen<br />
häufig benutzten senkrechten Strich (vor <strong>und</strong> nach der entsprechenden<br />
Zahl, wie in diesem |123| Beispiel) werden die ursprünglichen<br />
Seitenwechsel der Quellentexte bzw. der Erstveröffentlichungen im Fließtext<br />
markiert <strong>und</strong> zusätzlich in der Kopfzeile – abgesetzt <strong>von</strong> der durch laufenden<br />
Seitenzählung des <strong>Band</strong>es – grau dargestellt (z. B.: |123| 456).<br />
– Redigierende Eingriffe: Die Arbeit des Redigierens schließt die Berichtigung<br />
<strong>von</strong> Satzkonstruktionen 11 , <strong>von</strong> Zitaten <strong>und</strong> variantenreichen Verwechs-<br />
10 Vgl. die ausführlichen Hinweise in OHPTh 1, Leipzig 2015, 10–13, <strong>und</strong> OHPTh 2,<br />
Leipzig 2017, 9 f.<br />
11 Auf die in manchen Punkten eigenwillige Syntax <strong>Haendler</strong>s ist in den Vorworten der<br />
Bände OHPTh 1–3 ausführlich eingegangen worden. Ich beschränke ich mich auf ein
10 Vorwort<br />
lungen bei Personennamen, Buchtiteln <strong>und</strong> Jahreszahlen ein. Nur eine<br />
Handvoll der <strong>von</strong> <strong>Haendler</strong> in schriftstellerischer Freiheit ohne weitere<br />
Angaben als Zitat ausgewiesenen Sätze ließ sich nicht ermitteln. Die<br />
meisten Referenzen (auch Anspielungen auf Zitate) konnten ermittelt <strong>und</strong><br />
soweit erforderlich im Zuge dieser Edition korrigiert bzw. vervollständigt<br />
werden. 12 Solche „Reparaturen“ <strong>und</strong> ähnliche Berichtigungen wurden in<br />
der Regel nur dann durch eine „Anm. d. Hg.“ markiert, wenn <strong>Haendler</strong>s<br />
Intention entweder nicht völlig eindeutig war oder aber diese <strong>von</strong> ihm<br />
selbst missverständlich formuliert wurde. Sofern unter Beibehaltung <strong>von</strong><br />
Duktus <strong>und</strong> Lexik der <strong>Haendler</strong>-Texte nur die übliche Lektoratsarbeit zu<br />
erbringen war, ist auf entsprechende Kommentare verzichtet worden.<br />
– Ergänzte Überschriften, Gliederungen <strong>und</strong> Verzeichnisse: <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>s<br />
Texte entbehren oft über weite Strecken jeglicher strukturierender<br />
Anhaltspunkte. Selbst in umfangreichen Beiträgen wird häufig auf gliedernde<br />
Zwischenüberschriften verzichtet. Eine Monographie wie „Denken<br />
<strong>und</strong> Glauben“ erscheint ohne Inhaltsverzeichnis. – Um den Zugang zu dem<br />
umfangreichen Material dieses <strong>Band</strong>es zu erleichtern, sowie um des besseren<br />
Überblicks über den komplexen Stoff einzelner Texte willen wurden<br />
daher [in eckige Klammern gesetzte] Zwischenüberschriften, Gliederungen<br />
<strong>und</strong> Verzeichnisse eingefügt, die die Rezeption der Beiträge <strong>und</strong> die Arbeit<br />
mit ihnen erleichtern sollen.<br />
– Quellenlage: Die systematische Sichtung <strong>und</strong> detaillierte bibliographische<br />
Aufbereitung des <strong>Haendler</strong>-Archivs an der Humboldt-Universität zu Berlin<br />
steht leider noch aus. Daher war es für die Edition auch des vorliegenden<br />
<strong>Band</strong>es eine große Hilfe, auf Scans <strong>von</strong> Manuskripten <strong>zur</strong>ückgreifen zu<br />
können, die ich vor 13 Jahren im Archiv <strong>von</strong> Dr. Kerstin Voigt anfertigen<br />
konn te. Ihr Archiv wurde inzwischen der Universitätsbibliothek zu Berlin<br />
übergeben.<br />
Beispiel. <strong>Haendler</strong> formulierte: „Für Tillichs Lebensarbeit ist nicht nur eine Zugabe,<br />
sondern entscheidend wichtig sein inniges Verhältnis <strong>zur</strong> Natur.“ Stattdessen ist<br />
dieser Satz nun so zu lesen: „Für Tillichs Lebensarbeit ist sein inniges Verhältnis <strong>zur</strong><br />
Natur nicht nur eine Zugabe, sondern entscheidend wichtig“ (<strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Paul<br />
Tillich – der Mensch [1966], in diesem <strong>Band</strong> S. 382–400, 385). Korrekturen wie<br />
diese, die sich auf geringfügige, aber die Lesbarkeit zweifelsfrei verbessernde Satzumstellungen<br />
beziehen, wurden nicht gekennzeichnet.<br />
12 Auch hierzu ein Beispiel: <strong>Haendler</strong> zitiert Blaise Pascal ohne Literaturangaben aus<br />
dem Gedächtnis so: „Wir rennen alle auf den Abgr<strong>und</strong> zu, nachdem wir etwas hingestellt<br />
haben, dass ihn uns verbergen soll.“ Richtig – <strong>und</strong> mit einer anderen<br />
Pointe – lautet das Zitat: „Wir laufen unbesorgt in den Abgr<strong>und</strong>, nachdem wir irgend<br />
etwas vor uns hingestellt haben, das uns hindern soll, ihn zu sehen“. Blaise Pascal:<br />
Gedanken über Gott <strong>und</strong> den Menschen, ausgew. u. übers. v. Wilhelm Willige, Leipzig<br />
1948, 21.
Gesamtübersicht zu <strong>Band</strong> 4<br />
Teil I: Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
Inhalt Teil I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19<br />
Einleitung zu <strong>Haendler</strong>s Schrift „Denken <strong>und</strong> Glauben“.<br />
Kontext, Inhalt <strong>und</strong> Rezeption<br />
<strong>von</strong> <strong>Wilfried</strong> <strong>Engemann</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21<br />
<strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Denken <strong>und</strong> Glauben (1949) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27<br />
Teil II: Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube<br />
Inhalt Teil II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121<br />
Einleitung zu <strong>Haendler</strong>s Schrift „Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube“.<br />
Kontext, Inhalt <strong>und</strong> Rezeption<br />
<strong>von</strong> <strong>Wilfried</strong> <strong>Engemann</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123<br />
<strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube (1966) . . . . . . . . . . . . . . . 133<br />
Teil III: Meditation als Lebenspraxis<br />
Inhalt Teil III . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218<br />
Einleitung zu <strong>Haendler</strong>s Schrift „Meditation als Lebenspraxis“.<br />
Kontext, Inhalt <strong>und</strong> Rezeption<br />
<strong>von</strong> <strong>Wilfried</strong> <strong>Engemann</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221<br />
<strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Meditation als Lebenspraxis (1977) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231<br />
Teil IV: Aufsätze, <strong>Vorträge</strong> <strong>und</strong><br />
R<strong>und</strong>funkansprachen<br />
Inhalt Teil IV . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309<br />
Wechselwirkungen zwischen Lebenswelt <strong>und</strong> Glaubenskultur.<br />
Einleitung zu den Aufsätzen, <strong>Vorträge</strong>n <strong>und</strong> R<strong>und</strong>funkansprachen<br />
(1935–1966)<br />
<strong>von</strong> <strong>Wilfried</strong> <strong>Engemann</strong> . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
14 Gesamtübersicht zu <strong>Band</strong> 4<br />
IV.1 Person sein <strong>und</strong> werden.<br />
Anthropologische Aspekte des Glaubens<br />
Detailliertes Inhaltsverzeichnis Teil IV.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323<br />
1. Von der Zwiespältigkeit des Wiedergeborenen<br />
(1951, Erstveröffentlichung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325<br />
2. Evangelische Pädagogik <strong>und</strong> Tiefenpsychologie (1953) . . . . . . . . . . . . 344<br />
3. Meditation im Alltag (1957) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352<br />
4. Lebensgestaltung als Glaubenshilfe (1961) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364<br />
5. Paul Tillich – der Mensch (1966) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 382<br />
IV.2 R<strong>und</strong>funksendungen<br />
Detailliertes Inhaltsverzeichnis Teil IV.2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403<br />
1. Über das Vertrauen (1958) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405<br />
2. Betrachtung über den Sonntag (1959, Erstveröffentlichung) . . . . . . . . . 409<br />
3. Über die Geduld (1961, Erstveröffentlichung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 418<br />
IV.3 Christentum <strong>und</strong> Kirchenjahr<br />
Detailliertes Inhaltsverzeichnis Teil IV.3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433<br />
1. Die Bedeutung des Kirchenjahres in der Erziehung (1935) . . . . . . . . . . 435<br />
2. Unsere Kinder im Lichte der Weihnacht (1936) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 444<br />
3. Vortragsreihe <strong>zur</strong> Passionszeit <strong>und</strong> zu Ostern<br />
(um 1950, Erstveröffentlichung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 459<br />
IV.4 Zum christologischen Referenzrahmen<br />
der Kirche <strong>und</strong> des Glaubens<br />
Detailliertes Inhaltsverzeichnis Teil IV.4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 483<br />
1. Die geistliche Lage der Kirche <strong>und</strong> die Rolle <strong>von</strong> Bruderschaften.<br />
Gedankenskizze zu einer Vortragsreihe<br />
(1936, Erstveröffentlichung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 485<br />
2. Vortragsreihe „Ich glaube an Jesus Christus“<br />
(um 1962, Erstveröffentlichung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 494
Gesamtübersicht zu <strong>Band</strong> 4<br />
15<br />
Verzeichnisse<br />
Literaturverzeichnis zu den Texten des Herausgebers . . . . . . . . . . . . . . . . 519<br />
Literaturverzeichnis zu den Texten <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>s . . . . . . . . . . . . . . . . . . 531<br />
Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 536<br />
Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 537<br />
Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .541
Teil I<br />
Denken <strong>und</strong> Glauben
Einleitung zu <strong>Haendler</strong>s Schrift<br />
„Denken <strong>und</strong> Glauben“<br />
Kontext, Inhalt <strong>und</strong> Rezeption<br />
<strong>von</strong> <strong>Wilfried</strong> <strong>Engemann</strong><br />
1. Kontext <strong>und</strong> Hintergr<strong>und</strong> des Werkes<br />
Die hier vorzustellende Schrift erscheint in Jahr 1949, als <strong>Haendler</strong> <strong>von</strong> seiner<br />
Pfarrstelle in der Gemeinde Neuenkirchen bei Greifswald Abschied nimmt,<br />
um sich ganz auf seine Professur in Greifswald konzentrieren zu können. Er<br />
war bereits zum 1. März 1947 an die Greifswalder Fakultät (Nachfolge Walter<br />
Bülck) berufen worden, hatte jedoch das Neuenkirchener Pfarramt parallel zu<br />
seinem Ordinariat noch zwei Jahre im vollen Umfang weitergeführt.<br />
Sein in der akademischen Welt inzwischen vieldiskutiertes Werk „Die<br />
Predigt“, für das ihm die theologische Fakultät der Universität Berlin 1944 die<br />
Ehrendoktorwürde verliehen hatte, erfährt 1949 eine zweite Auflage. Eines der<br />
Anliegen, das für dieses unter anderem tiefenpsychologisch <strong>und</strong> existenzphilosophisch<br />
argumentierende homiletische Lehrbuch bestimmend war, wird nun<br />
seelsorglich vertieft: Die unaufhebbare Verschränkung des Glaubens mit dem<br />
Ganzen der betreffenden Person, mit ihren Wahrnehmungen, Empfindungen,<br />
ihrem Denken <strong>und</strong> Urteilen, was insgesamt auf die notwendige Aneignung des<br />
Glaubens zu den Bedingungen des eigenen Subjektseins hinausläuft, wozu eben<br />
auch die Bedingungen des Denkens gehören.<br />
Die seelsorgliche Entfaltung geschieht nun freilich nicht dergestalt, dass<br />
<strong>Haendler</strong> entsprechende Situationen aus der Arbeit mit Gemeindegliedern<br />
präsentierte <strong>und</strong> deren Fragen bzw. die Dilemmata des Verhältnisses <strong>von</strong><br />
Denken <strong>und</strong> Glauben im Alltag <strong>von</strong> Nicht-Theologen beschriebe, um anschließend<br />
Ratschläge für Seelsorger zu erteilen. Dieses Buch wendet sich an die<br />
Pfarrerschaft selbst. Das ergibt sich nicht nur aus der anspruchsvollen Anlage<br />
dieser Schrift, 1 sondern auch aus dem ausdrücklichen Hinweis, dass es in dieser<br />
Erörterung nicht um die Aufgaben <strong>und</strong> Pflichten des Seelsorgers gegenüber<br />
der Gemeinde gehe, sondern um „seelische Selbsthilfe“ 2 für ihn selbst. <strong>Haendler</strong><br />
1 Vgl. dazu unten unter 2. die Hinweise zu Inhalt <strong>und</strong> Struktur dieses Buches.<br />
2 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Denken <strong>und</strong> Glauben, Hamburg 1949, in diesem <strong>Band</strong> S. 88.
22 Teil I – Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
hat durch seine früheren Tätigkeiten als Militärseelsorger, als Studiendirektor<br />
des Predigerseminars in Stettin-Kückenmühle, durch den regen Austausch mit<br />
den Mitgliedern der „Berneuchener Bewegung“ <strong>und</strong> der Michaelsbruderschaft 3<br />
sowie durch die eigene, inzwischen 33-jährige Arbeit als Pfarrer einen tiefen<br />
Einblick in die religiöse Gesamtsituation der 1930er <strong>und</strong> 1940er Jahre<br />
gewonnen, 4 <strong>von</strong> der natürlich auch die Geistlichen selbst betroffen sind. 5<br />
Anders als in seiner zwei Jahre später erscheinenden populären Schrift<br />
„Angst <strong>und</strong> Glaube“ 6 , die <strong>Haendler</strong>s psychologische <strong>und</strong> theologische Einsichten<br />
(soweit sie in irgendeiner Hinsicht menschliche Erfahrungen <strong>von</strong> Angst oder<br />
den Glauben <strong>von</strong> Menschen betreffen) auch interessierten Laien zugänglich<br />
macht <strong>und</strong> leicht verständlich auf den Punkt bringt, wendet er sich mit diesem<br />
Buch an seine Amtskollegen. Sie kommen im persönlichen wie im beruflichen<br />
Leben nicht umhin, sich denkend <strong>und</strong> glaubend zu sich selbst, <strong>zur</strong> Welt <strong>und</strong> zu<br />
Gott zu verhalten. Um die damit einhergehenden Fragen <strong>und</strong> Erfahrungen aufzugreifen,<br />
benutzt Haend ler eine ausgesprochen meditative, assoziationsreiche<br />
Sprache, die mehr mit lautem Nachdenken als mit einer systematisch aufbereiteten<br />
Untersuchung zu tun hat. Angesichts der ganzheitlichen, auch leibliche<br />
Aspekte einschließenden Annäherungen an das Verhältnis <strong>von</strong> Denken <strong>und</strong><br />
Glauben wird man einmal mehr an die theologischen <strong>und</strong> anthropologischen<br />
Gr<strong>und</strong>sätze der Berneuchener Bewegung <strong>und</strong> der aus ihr hervorgegangenen<br />
Evangelischen Michaelsbruderschaft erinnert 7 , der <strong>Haendler</strong> angehörte.<br />
Mit einem Schmunzeln spekulierte der Rostocker Kirchenhistoriker Gert <strong>Haendler</strong><br />
(1924–2019), der Sohn <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>s, in einem am 18. September 2018 geführten<br />
Gespräch in seiner Wohnung in Bad Doberan darüber, dass es wohl<br />
kein Zufall war, dass das Buch „Angst <strong>und</strong> Glaube“ in der DDR erschienen<br />
sei (der damaligen Situation der Christen im östlichen Teil Deutschlands Rechnung<br />
tragend), während der Titel „Denken <strong>und</strong> Glauben“ im Westen habe publiziert<br />
werden dürfen. Nun, angesichts des hochakademisch angelegten, an<br />
politischen Akzentuierungen kaum interessierten Duktus <strong>von</strong> „Denken <strong>und</strong><br />
3 Vgl. hierzu meine Erläuterungen in OHPTh 1, Leipzig 2015, 57 f. Zum Programm der<br />
Berneuchener Bewegung s. Wilhelm Stählin: Berneuchen. Unser Kampf <strong>und</strong> Dienst<br />
für die Kirche, Kassel 1937.<br />
4 Vgl. z. B. <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Die Begegnung des Seelsorgers mit den religiösen Kräften<br />
der Zeit (1942), in: OHPTh 3, Leipzig 2019, 273–289, sowie ders.: Ungelöste Fragen<br />
<strong>und</strong> Seelsorge (1952), in OHPTh 3, Leipzig 2019, 290–308.<br />
5 Die wohl wichtigste Bilanz im Hinblick auf die Herausforderungen des (modernen)<br />
Denkens an eine zeitgenössische Glaubenskultur – zugleich eine Analyse der<br />
Wechselwirkungen zwischen ihnen – formuliert <strong>Haendler</strong> später in seinem Aufsatz<br />
„Glaubenskrise <strong>und</strong> Strukturwandel“ (1958), in: OHPTh 3, Leipzig 2019, 405–415.<br />
6 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Angst <strong>und</strong> Glaube (1952, 2 1953, 3 1954), in: OHPTh 3, Leipzig 2019,<br />
29–196.<br />
7 S. o. Anm. 3.
Einleitung des Herausgebers<br />
23<br />
Glauben“ dürfte es mit der Zensur bzw. einer Druckfreigabe keine Probleme<br />
gegeben haben. Die Schrift erweckt den Eindruck, als säße <strong>Haendler</strong> mit<br />
überein an dergeschlagenen Beinen im Kreise seiner Amtskollegen <strong>und</strong> sähe<br />
sich in ein schwieriges Gespräch über wichtige Prämissen ihrer gemeinsamen<br />
Arbeit verwickelt, Gr<strong>und</strong>fragen ihres Glaubensverständnisses betreffend. Er<br />
nimmt sich viel Zeit dafür, Schritt um Schritt den Fokus zu verschieben, eine<br />
Perspektive nach der anderen einzunehmen <strong>und</strong> zu erläutern, was dabei jeweils<br />
wahrzunehmen ist.<br />
Damit kommen wir auf den Inhalt <strong>und</strong> die Struktur des Werkes zu sprechen.<br />
2. Inhalt <strong>und</strong> Struktur<br />
„Denken <strong>und</strong> Glauben“ ist vor allem deshalb eine recht schwer zugängliche<br />
Schrift, weil <strong>Haendler</strong> selbst kaum für eine erkennbare Strukturierung gesorgt<br />
hat: Weit mehr als die Hälfte des Buches – sein gesamter erster Teil, der<br />
knapp 20.000 Wörter ausmacht – wird ohne jede Zwischenüberschrift, ohne<br />
Leerzeile, ohne jegliche gliedernden Elemente dargeboten. Diese schwierige<br />
Handhabbarkeit des Textes mag das Ihre zu der vergleichsweise dürftigen<br />
Rezeption dieser Schrift beigetragen haben, worauf unten noch einzugehen<br />
ist. Hinzukommt ein ausgesprochen meditativer Schreibstil, der den kreisenden<br />
Denkbewegungen des Verfassers unmittelbar folgt, so dass der Eindruck<br />
entsteht, es habe vor der Drucklegung keinerlei Sortierung beziehungsweise<br />
Reihung der facettenreichen Assoziationen, Bilder, Ideen gegeben. Ein amerikanischer<br />
Rezensent stöhnt geradezu auf angesichts der <strong>von</strong> ihm geforderten<br />
Lese- <strong>und</strong> Interpretationsleistung – <strong>und</strong> warnt vor dem scheinbar geringen<br />
Seitenumfang 8 des ansonsten „fascinating little book“ 9 . Der etwas sperrigen<br />
Zugänglichkeit des Werkes Rechnung tragend wurden im Zuge des Redigierens<br />
dieser Schrift – wie schon bei vielen anderen Texten der Reihe OHPTh – in<br />
eckigen Klammern Zwischenüberschriften eingefügt, die beim Lesen als<br />
Orientierung dienen können.<br />
Das Werk ist in zwei Teile untergliedert: Der erste Teil dreht sich um das Gr<strong>und</strong>problem<br />
einer konsequenten Unterscheidung <strong>von</strong> Denken <strong>und</strong> Glauben. Anhand<br />
geistesgeschichtlicher Schlaglichter versucht <strong>Haendler</strong>, die Leistungen<br />
<strong>und</strong> Grenzen logischen Denkens im Diskurs der Neuzeit auszuloten <strong>und</strong> <strong>von</strong><br />
dort aus Konsequenzen für Erwartungen an den Glauben zu formulieren.<br />
8 „The language is often difficult, even for one who is accustomed to read modern theological<br />
and philosophical German. The number of pages is deceptive; there must be<br />
between 35.000 and 40.000 words in the book“ (Paul Henry Buehring: <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>,<br />
Denken <strong>und</strong> Glauben, in: Lutheran Quarterly, Vol. 1, 1949, H. 3, 354–356, 355).<br />
Buehring hat gut geschätzt: Es sind mit den vom Herausgeber eingefügten Überschriften<br />
38.830 Wörter.<br />
9 A. a. O., 354.
24 Teil I – Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
Dabei nimmt er nicht nur Spannungen, sondern auch Zusammenhänge zwischen<br />
naturwissenschaftlichem Denken <strong>und</strong> Glauben wahr. Außerdem wird<br />
der Zusammenhang zwischen der Möglichkeit der Gotteserkenntis <strong>und</strong> den<br />
Prämissen des „Glaubensdenkens“ erörtert, wobei der Deutungsleistung sowohl<br />
des Denkens als auch des Glaubens sowie der Funktion des Gewissens ein<br />
besonderes Gewicht zugemessen wird.<br />
Sehr viel Raum nimmt <strong>Haendler</strong>s Versuch ein, rationale <strong>und</strong> irrationale<br />
Wahrnehmungen, Deutungen, Perspektiven usw. als gleichermaßen berechtigte<br />
Ausdrucksformen des „Glaubensdenkens“ zu plausibilisieren. In diesem<br />
Zusammenhang kommt <strong>Haendler</strong> auf verschiedene Ebenen <strong>von</strong> Erkenntnis <strong>und</strong><br />
Wahrheit zu sprechen <strong>und</strong> erläutert, was „Tatsachenmenschen“ <strong>und</strong> „Ideologen“<br />
<strong>von</strong>einander lernen können. Dabei bringt <strong>Haendler</strong> die „Organfunktionen des<br />
Glaubens“ 10 ins Spiel: Sehen-Hören-Schreiten-Fassen – ein Modell, auf das er<br />
im gesamten zweiten Teil aus verschiedenen Blickwinkeln immer wieder zu<br />
sprechen kommt, um die Verankerung des Glauben im ganzen Menschen zu<br />
verdeutlichen.<br />
Im zweiten Teil erörtert <strong>Haendler</strong> jene recht unterschiedlich gelagerten<br />
„Einzelprobleme“, die (2.1) sich aus seiner Sicht beim Durchdenken des<br />
Glaubensbekenntnisses stellen. Dabei geht er nicht <strong>von</strong> den dogmatischen<br />
Inhalten dieses Bekenntnisses aus, sondern <strong>von</strong> unterschiedlichen Prämissen<br />
(2.1.1) <strong>und</strong> verschiedenen Vollzugsformen (2.1.2) des Glaubens. Hier kommt<br />
nun das im ersten Teil präsentierte ‚organische Modell‘ zum Tragen, wonach<br />
Glauben in gewisser Hinsicht mit Sehen-, Hören-, Schreiten- <strong>und</strong> Fassen-<br />
Können zu tun hat. Im Anschluss daran kommen logische (2.2), naturwissenschaftliche<br />
(2.3) <strong>und</strong> ethische (2.4) Herausforderungen des Glaubensdenkens<br />
<strong>zur</strong> Sprache, deren spezifischer Charakter mit unterschiedlichen theologischen<br />
Inhalten <strong>und</strong> unterscheidbaren menschlichen Erfahrungen zusammenhängt.<br />
Im letzten Drittel des Buches werden <strong>Haendler</strong>s Ausführungen zunehmend<br />
abstrakt: Die Pointe mancher Sätze <strong>und</strong> ganzer Passagen ist – wie auch der<br />
nach unseren Recherchen einzige Rezensent dieser Schrift vermerkt 11 – oft nur<br />
schwer zu fassen. Gleichwohl finden sich schon in diesem Buch immer wieder<br />
luzide, typisch <strong>Haendler</strong>sche Einsichten <strong>und</strong> Thesen, die in seinen späteren<br />
<strong>Schriften</strong> voll <strong>zur</strong> Entfaltung kommen, ob sie nun den Zusammenhang zwischen<br />
dem Selbst- <strong>und</strong> Gottesverhältnis eines Menschen betreffen, die Notwendigkeit,<br />
Glauben konsequent auch vom Menschen her zu denken – oder ob es um die<br />
Menschwerdung des Menschen geht: „Freiheit ist die große Wirklichkeit, in<br />
der der Mensch zugleich ganz zu sich selbst <strong>und</strong> ganz zu Gott kommt.“ 12<br />
10 Vgl. <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Denken <strong>und</strong> Glauben, a. a. O. (s. o. Anm. 2), 1.3.4.7, in diesem<br />
<strong>Band</strong> S. 78–80.<br />
11 „The language is often difficult, even for one who is accustomed to read modern theological<br />
and philosophical German“ (Paul Henry Buehring: Rezension zu <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>,<br />
Denken <strong>und</strong> Glauben, a. a. O. [s. o. Anm. 8], 355).<br />
12 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Denken <strong>und</strong> Glauben, a. a. O. (s. o. Anm. 2), in diesem <strong>Band</strong> S. 105.
Einleitung des Herausgebers<br />
25<br />
3. Bleibende Bedeutung<br />
Verglichen mit der starken Rezeption anderer kleinerer <strong>Schriften</strong> <strong>Haendler</strong>s<br />
wie zum Beispiel „Angst <strong>und</strong> Glaube“ 13 hat „Denken <strong>und</strong> Glauben“ kaum eine<br />
literarische Spur im Fachdiskurs hinterlassen. Zu den wenigen Referenzen gehören<br />
zwei Texte <strong>von</strong> Schülern, die eher en passant auf dieses Büchlein zu<br />
sprechen kommen, um auf die Tradition „meditativen Denkens“, auf jenes „umkreisende<br />
Angehen des Gegenstandes“ bei den „wortführenden <strong>Praktischen</strong><br />
Theologen des Berneuchener Kreises“ verweisen 14 (wofür dieses Buch ein treffliches<br />
Beispiel ist) <strong>und</strong> im Zuge einer „Dialektik der christlichen Glaubenserkenntnis“<br />
auf das Verhältnis <strong>von</strong> „Offenbarungsparadox <strong>und</strong> rationalem<br />
Denken“ zu sprechen zu kommen. 15 Gleichwohl scheint Ernst-Rüdiger Kiesow,<br />
wie das Thema, die Anlage <strong>und</strong> die Argumentation seiner eben zitierten Dissertationsschrift<br />
zeigen, durch „Denken <strong>und</strong> Glauben“ stark für seine eigene<br />
Arbeit inspiriert worden zu sein. Ohne hierbei ausdrücklich auf <strong>Haendler</strong>s<br />
Schrift Bezug zu nehmen, bilanziert er:<br />
„Man weist [im theologischen Diskurs] darauf hin, dass sich der Glaube nicht im<br />
Denken erschöpfe, dass das logische Kriterium nur im rationalen, nicht im irrationalen<br />
Bereich gelte <strong>und</strong> dass also die Glaubenserkenntnis nicht unter die Forderung<br />
nach Ausschließung des Widerspruchs falle. Diese Bedenken [...] dürfen jedoch nicht<br />
die klare Einsicht in das faktische Verhältnis <strong>von</strong> Glaube <strong>und</strong> Denken verdunkeln, so<br />
dass künstlich getrennt wird, was höchstens theoretisch unterschieden werden kann.<br />
Glaube ist in menschlicher Wirklichkeit ein ganzheitlicher Vorgang an Leib, Seele<br />
<strong>und</strong> Geist, ein geheimnisvolles Miteinander <strong>von</strong> Tat <strong>und</strong> Hingabe, <strong>von</strong> Gefühl, Vertrauen<br />
<strong>und</strong> Gewissheit, <strong>von</strong> Intuition <strong>und</strong> auch <strong>von</strong> – Denken. In dieser lebendigen<br />
Ganzheit berührt der Glaube, wie das Leben überhaupt, irrationale Bezirke, hat er<br />
irrationale Objekte, vollzieht sich irrational. Und um auch die über die menschlichen<br />
Aspekte weit hinausgehende Wirklichkeit des Glaubens anzudeuten: Der Glaube ist<br />
in Wahrheit selbst das Objekt eines irrationalen Subjekts, das ihn bewirkt, erhält <strong>und</strong><br />
sich ihm zum Ziel gibt. Untrennbar gehört aber zum gelebten Glauben, als Geschehen<br />
am ganzen Menschen, der „gedachte“ Glaube. Glaube im vollen Sinne ist stets auch<br />
Bewusstsein, umschließt gewusste <strong>und</strong> wissbare Glaubensinhalte, ist immer auch mit<br />
Glaubensdenken <strong>und</strong> Glaubensreden verb<strong>und</strong>en. Das Denken im Glauben, der gedankliche<br />
<strong>und</strong> sprachliche Ausdruck des Glaubens [...] ist niemals ein Irrationales.“ 16<br />
13 Zur umfassenden Rezeption <strong>von</strong> „Angst <strong>und</strong> Glaube“ s. <strong>Wilfried</strong> <strong>Engemann</strong>: Einleitung<br />
zu <strong>Haendler</strong>s Schrift „Angst <strong>und</strong> Glaube“. Kontext, Inhalt <strong>und</strong> Rezeption, in:<br />
OHPTh 3, Leipzig 2019, 31–49, 42 –49.<br />
14 So der <strong>Haendler</strong>-Schüler Gerhard Bartning: Toleranz als Konkordanz. Vom Anfang<br />
ökumenischen Bewusstseins bei Nikolaus <strong>von</strong> Kues, in: Jean-Louis Leuba/Heinrich<br />
Stirnimann (Hg.): Freiheit in der Begegnung. Zwischenbilanz des ökumenischen<br />
Dialogs, Frankfurt a. M. / Stuttgart 1969, 61–88, 74. Zu Person Gerhard Bartning<br />
vgl. OHPTh 1, Leipzig 2015, 89, 91, 99, 107–109.<br />
15 Vgl. Ernst-Rüdiger Kiesow: Dialektisches Denken <strong>und</strong> Reden in der Predigt. An Beispielen<br />
aus der Predigtliteratur der Gegenwart untersucht (= Theologische Arbeiten<br />
<strong>Band</strong> V), Leipzig 1957, 41.<br />
16 A. a. O., 36.
26 Teil I – Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
<strong>Haendler</strong> selbst nimmt nur an zwei Stellen seines Gesamtwerkes explizit auf<br />
„Denken <strong>und</strong> Glauben“ Bezug, um deutlich zu machen (1.), welch wichtige<br />
Bereicherung das faktische „Glaubensdenken“ des Einzelnen bzw. der ganzen<br />
Christenheit gegenüber dem theologisch fixierten Dogma darstellt: „Man mache<br />
sich an der Bibel <strong>und</strong> an den Liedern durch Proben klar, was alles im Glauben<br />
über Gott, über Christus, über Mensch <strong>und</strong> Leben gesagt (also gedacht) worden<br />
ist <strong>und</strong> werden kann, so dass man das Glaubensdenken als das erkennt,<br />
was es ist, als intensives Erfassen <strong>und</strong> wirksam gestaltendes Durchdringen<br />
des ganzen Lebens <strong>von</strong> der erkannten <strong>und</strong> erfahrenen Wahrheit Gottes her.“ 17<br />
An anderer Stelle (2.) weist <strong>Haendler</strong> auf die Trinität als besonders herausforderndes<br />
Argumentationsmuster der Kirche hin <strong>und</strong> bringt sein Buch „Denken<br />
<strong>und</strong> Glauben“ ins Spiel, um den interessierten Leser auf die dort präsentierten<br />
Bilder <strong>und</strong> Beispiele hinzuweisen, die helfen sollen, Trinität zu denken. 18<br />
In dieser Richtung liegt auch die besondere Bedeutung dieses Buches.<br />
Während <strong>Haendler</strong> sich ansonsten gern im literarischen Diskurs seiner<br />
Zeit – also mit Bezug auf die entsprechende Fachliteratur – positioniert,<br />
zitiert, argumen tiert, bestreitet <strong>und</strong> unterstreicht usw., begegnet er in dieser<br />
Schrift als seelsorglich gestimmter Gesprächspartner für die Theologenschaft<br />
seiner Zeit. Er konfrontiert sie mit der Frage nach dem Subjekt ihres Glaubens,<br />
verdeutlicht Glauben als anthropologische Kategorie, fabuliert im philosophischen<br />
Sinn über die seelische Dimension des Denkens <strong>und</strong> die Notwendigkeit<br />
eines guten Gewissens in der Praxis des eigenen Glaubens. Er entwirft ein fache<br />
Modelle für das <strong>von</strong> ihm so genannte „Glaubensdenken“ <strong>und</strong> andres mehr.<br />
Praktisch-theologische Impulse dieser Art sollen in einer Edition wie dieser<br />
nicht fehlen.<br />
17 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Angst <strong>und</strong> Glaube [1952, 2 1952, 3 1954], in: OHPTh 3, Leipzig 2019,<br />
51–196, 162.<br />
18 A. a. O., 174.
Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
1949
[Vorwort]<br />
|7| „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.“ Das bekannte Goethewort sagt<br />
Faust zu Wagner, seinem philiströsen Famulus. 1 Das nie gestillte Verlangen derer<br />
drückt sich darin aus, die große Linie haben. Sie wissen, dass ihr Schwung<br />
zum Hohen <strong>und</strong> zum Niederen greift, göttlich <strong>und</strong> dämonisch zugleich. So ist<br />
dies Wort ein Seufzer starker Lebenskraft, die grad als starke schmerzhaft<br />
spürt, wie sie gespalten ist. Aber große Worte mit geprägter Gestalt haben ihre<br />
Schicksale, weil sie um ihrer Tiefe <strong>und</strong> Weite willen vieldeutig sind. So ist<br />
auch dieses Wort, seit es besteht, aus manch gepresster Brust gekommen als<br />
Ausdruck irgendeines Zwiespaltes, als Hilfe in Nöten mannigfacher, auch ganz<br />
andrer Art.<br />
Auf unsere Frage angewendet drückt es zunächst für viele Menschen den<br />
Zwiespalt zweier wichtiger, obschon oft nicht der stärksten Kräfte ihrer Seele<br />
aus. Denken <strong>und</strong> Glauben stehen widereinander. „Das eine will sich <strong>von</strong> dem<br />
andern trennen.“ Das ist die Not, die sich als unser Schicksal in Generationen<br />
gesammelt hat, wo das Glauben vom Denken her fraglich wurde, wo die<br />
Glaubenswahrheit vom Schicksal her erschüttert wurde.<br />
Aber solche Worte haben nicht nur ihre Schicksale, sie wirken auch erhellend.<br />
Man kann durch sie Erkenntnisse gewinnen. In diesem Sinne übt Fausts<br />
Wort aus der Tiefe der urdeutschen Seele bedeutsame Kritik an dem üblichen<br />
Verständnis des Problems.<br />
Wir meinen nämlich meist, wenn Glauben <strong>und</strong> Denken in Spannung sind,<br />
so stünden wir vor zwei objektiven Gegebenheiten, also vor zwei Wirklichkeiten<br />
außerhalb unserer selbst, die nicht in Einklang zu bringen seien. Die robusteren<br />
Seelen vergröbern diesen Gegensatz; sie meinen, dass wir entscheidend<br />
in einer Wirklichkeit leben, mit der man sich völlig einrichten könne, die mit<br />
dem Beobachten <strong>und</strong> Denken erfasst wird. Und daneben gebe es ein mehr oder<br />
weniger unsicheres Phantom, an das sich der Glaube halte. Je nach Anlage<br />
empfindet man es dann schmerzhaft oder erleichtert, dass der vom Glauben<br />
angenommenen Welt nicht so viel Realität beizumessen sei wie der mit dem<br />
Denken |8| erfassten Wirklichkeit. Daraus entsteht dann weiter die Meinung,<br />
dass das Denken zwingend sei, der Glaube aber eine private <strong>und</strong> der Willkür<br />
anheimgegebene Einstellung, die man haben oder lassen könne. Und so wird<br />
in dem Widerspruch zwischen Glauben <strong>und</strong> Denken gr<strong>und</strong>sätzlich das Denken<br />
als maßgeblich empf<strong>und</strong>en. Man meint, dem Denken dürfe das Glauben<br />
1 Anm. d. Hg.: Johann Wolfgang <strong>von</strong> Goethe: Faust. Eine Tragödie, Stuttgart 1832, Kapitel 5.
32 |9|<br />
Teil I – Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
keinesfalls widersprechen. Gefühlsmäßig aber läuft ein unerfülltes Verlangen<br />
nebenher, es möchte dennoch der Glaube Recht haben, ja es möchte möglich<br />
sein, vom Glauben aus das Denken zu bestimmen.<br />
Wer aber so eingestellt ist <strong>und</strong> das Leben auf das Denken gründet, der<br />
nimmt bei aller Ehrfurcht vor dem Glauben ihn doch als einen Zusatz zu dem<br />
unbestreitbaren Umkreis der „realen“ Welt <strong>und</strong> also letztlich als Luxus. Und<br />
wie man sich in armen Zeiten eben keinen Luxus leisten kann, so kann man<br />
sich nach dieser Meinung in den harten Zeiten, die alle „irdischen“ Kräfte<br />
fordern, den Luxus des Glaubens nicht leisten. „Dafür habe ich keine Zeit!“<br />
Man bleibt in dieser Haltung, bedrängt <strong>und</strong> verbissen, <strong>und</strong> merkt nicht einmal,<br />
wie man eben damit der Seele die Flügel beschneidet, die die irdischen Kräfte<br />
beschwingen könnten. Es ist aber eine Tragik <strong>und</strong> doch zugleich ein Anflug<br />
<strong>von</strong> Humor der Weltgeschichte, dass auch den ungewollten Fehlgängern der<br />
Rückschlag auf dem Fuße folgt: Sobald dem Menschen nämlich auf diese Weise<br />
der Glaube als Luxus sich verflüchtigt, wird ihm sogleich auch das Denken zum<br />
Luxus! Denn wenn uns heute tausendfältig die ängstliche Wendung „Denken<br />
darf man nicht“ begegnet, was heißt das anderes, als dass der Mensch nun<br />
auch das Denken aus der Reihe der notwendigen Tätigkeiten entlässt <strong>und</strong> also<br />
ohne wirkliches Glauben <strong>und</strong> ohne wirkliches Denken das Dasein einer gefangenen<br />
Seele führt. Man könnte fragen, inwieweit das noch im tiefsten Gr<strong>und</strong>e<br />
menschenwürdig ist. Und wie vielen wird ihr Leben durch diese Sorge verbittert,<br />
mit der sie die Zustände anklagen, vom „Zufall“ bis zum Herrn der<br />
Welt. Diese Situation also entsteht überall da, wo das Bild, das das Denken <strong>von</strong><br />
der Wirklichkeit hat, <strong>und</strong> das andere, das der Glaube <strong>von</strong> ihr hat, einfach als<br />
objektive Gegebenheiten außerhalb des Menschen genommen werden.<br />
Von hier aus wird die erhellende Kraft des faustischen Wortes deutlich; denn<br />
es veranlasst uns, an die Wirklichkeit <strong>und</strong> an uns selbst die Frage zu richten,<br />
ob es sich vielleicht, dem Anschein entgegen, statt objektiver Wirklichkeiten<br />
um Arten subjektiven Verhaltens handeln könnte. Dann läge der Fehler in unserem<br />
Innern – <strong>und</strong> dann könnte er vielleicht <strong>von</strong> innen her behoben werden!<br />
In der Tat ist schon Entscheidendes gewonnen, wenn der Mensch auch nur |9|<br />
im zaghaften Ansatz die Möglichkeit sieht, es könnte sich hier um Seelenkräfte<br />
handeln. Denn damit hat er das erschreckende Problem schon in geringem<br />
Maße in der Hand. Er erkennt dann das Denken als eine Haltung, in der man<br />
mit den Kräften des Verstandes an die Wirklichkeit herangeht. Und da der<br />
Mensch nun einmal Mensch ist <strong>und</strong> also auch sein Denken Grenzen hat, ist<br />
jetzt die Möglichkeit gegeben, dass auch das überzeugendste Denken <strong>und</strong> sein<br />
sicherstes Ergebnis relativ sein <strong>und</strong> die Wirklichkeit einseitig, unvollständig<br />
oder gar falsch erfasst haben könnte. Damit zugleich kann sich die Änderung<br />
ergeben, dass nun der Glaube nicht mehr als zweitrangige, wenn auch als<br />
heimlich ersterwünschte Kraft, ein unsicheres Dasein führt. Denn der Glaube<br />
ist dann ja auch eine „Seele“ in des Menschen Brust, <strong>und</strong> diese ganz gewiss<br />
ursprünglich, urgründig, normgebend <strong>und</strong> maßsetzend, vielleicht sogar mehr<br />
als das Denken. Man setze deshalb ernsthaft die Möglichkeit, dass der Glaube
[Vorwort] |10|<br />
33<br />
wirklich in diesem Sinne eine Seele ist, man lebe sich in diese Möglichkeit so<br />
tief hinein, dass all die wahrscheinlichen Befreiungen auftauchen, die daraus<br />
folgen, dass die tiefe Kraft <strong>und</strong> Zuversicht spürbar wird, die dann sogleich<br />
erwächst. Man versuche, ohne Furcht vor dem Denken sich völlig <strong>und</strong> gesammelt<br />
einzuleben in die Vorstellung, was ein „Leben aus dem Glauben“ bedeutet<br />
<strong>und</strong> wie da <strong>von</strong> der zentralen Seelenkraft aus die Wirklichkeit zutreffend <strong>und</strong><br />
gr<strong>und</strong>legend gedeutet <strong>und</strong> bewältigt wird. Für viele Menschen unserer Tage<br />
könnte das geradezu den Ansatz eines neuen Lebens bedeuten, sobald sie nur<br />
nicht bei jedem derartigen Versuch sofort in Hoffnungslosigkeit <strong>zur</strong>ücksänken,<br />
wie ein Vogel, der im Käfig zu fliegen versucht, sondern sich herauszuarbeiten<br />
begönnen, wie ein Gefangener, dem eine Feile zum Durchschneiden der<br />
Gitterstäbe in die Hand gegeben worden ist.<br />
Bedeutsamerweise kann <strong>von</strong> da aus dem denkverfallenen Menschen nicht<br />
nur als Beobachtung, die seinen Wesenskern nicht erreicht, sondern als innere<br />
Erkenntnis deutlich werden, was das Denken bedeutet. Man nehme also, wie angedeutet,<br />
jetzt das Denken entschlossen <strong>von</strong> der anderen Seite her, nicht so wie<br />
vorhin, als ob die objektive Wirklichkeit <strong>von</strong> unserem Denken unbezweifelbar<br />
zutreffend aufgenommen würde, sondern offen dafür, dass auch das Denken wirklich<br />
eine Seele in uns <strong>und</strong> also durch unsere Eigenart mitbestimmt sein könnte.<br />
Das ist ein Hinweis, der nicht den Tatbestand erweicht, sondern aus seiner<br />
scharfen Beobachtung sich ergibt. Sowohl die Denkkraft wie die Glaubenskraft<br />
arbeiten jede mit zwei Funktionen: Beobachten <strong>und</strong> Deuten. Das Beobachten<br />
|10| spielt zwischen der fast völligen „Objektivität“ des Experiments <strong>und</strong> der<br />
subjektiv bestimmten, affektiv geb<strong>und</strong>enen Aufnahme eines Tatbestandes,<br />
den wir nicht entdecken können, ohne dass er uns sogleich „betrifft“ (z. B.<br />
Charakterzüge eines uns nahestehenden Menschen). Aber alle Beobachtung<br />
wird erst lebendig in der Synthese, durch die wir sie sowohl mit anderen<br />
Beobachtungen als auch mit unserem seelischen Bestand verbinden <strong>und</strong> <strong>von</strong><br />
da aus deuten. Diese Synthese ist unvermeidlich, <strong>und</strong> sie ist immer mehr oder<br />
weniger subjektiv im Denken wie im Glauben. Der Anteil des objektiv Richtigen<br />
<strong>und</strong> Gültigen kann dabei entgegen verbreiteter Meinung im Glauben ebenso<br />
groß sein wie im Denken <strong>und</strong> ist in ges<strong>und</strong>em Glauben oft größer als in dürftigem<br />
Denken. Wir dürfen uns das Bild dieser Zusammenhänge nicht einseitig<br />
verschieben lassen durch die nicht seltenen Beobachtungen, die wir an ungeschultem,<br />
phantastischem <strong>und</strong> wirklichkeitsscheuem Glauben machen. Ist<br />
aber das Denken in diesem Sinne subjektiv, so ist es darüber hinaus „Seele“,<br />
sofern es uns zutiefst betrifft <strong>und</strong> bestimmt, <strong>und</strong> das darf nicht übersehen werden,<br />
auch wenn es eine „kühle“ Seele sein kann.<br />
Gerade dann aber könnten wir – ohne unser Denken zu verleugnen, ja<br />
eben mit seinem vollen Einsatz – zu einem anderen Bilde <strong>von</strong> der Wirklichkeit<br />
kommen <strong>und</strong> erkennten damit uns selbst <strong>und</strong> die Wirklichkeit tiefer. Und das<br />
muss umso dringender geschehen, als auch das falsche Denken uns deshalb so<br />
bezwingend scheint, weil es über uns die Macht einer Seele hat. Was aber in<br />
uns Seele ist, übt auf uns stärkere Macht aus als auch die gewaltigste als objek-
34 |11|<br />
Teil I – Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
tiv empf<strong>und</strong>ene Wirklichkeit. Am zwingendsten ist der Mensch doch immer an<br />
sich selbst geb<strong>und</strong>en. Was aus uns aufsteigt als unsere Seele, das hat wahrhaft<br />
über uns Gewalt. In diesem Sinne ist das Denken den Menschen der letzten<br />
Generationen einseitig <strong>zur</strong> Seele geworden. Und zwar nicht nur im helfenden<br />
Sinne, sondern über das ges<strong>und</strong>e Maß dieses Wissens hinaus verfallen wir als<br />
Erben der letzten Generationen weithin der Fron des Denkens. Das betrifft am<br />
meisten die, die am wenigsten denken können; am unfreiesten sind immer die,<br />
die sich in ihrem Denken frei zu sein wähnen.<br />
Nun ist es freilich gewiss, dass Denken mit dem Wesen des Menschen verb<strong>und</strong>en<br />
ist. Es ist tatsächlich eine Kraft, mit der wir in bestimmter Weise die<br />
Wirklichkeit erfassen müssen. Wir können nicht ohne Denken <strong>und</strong> wir können<br />
auch nicht im Widerspruch zu unserem Denken leben. Nur wo das ganz ernst<br />
genommen wird, ist es möglich, auf eine Lösung des Problems zuzugehen.<br />
Der Ansatz dazu liegt wiederum in der lebendigen Auffassung des Denkens<br />
als Seele. Nicht |11| nur in dem zuerst erwähnten Sinne, dass es dadurch relativ<br />
wird, sondern auch in dem zuletzt bezeichneten, dass es Beobachten <strong>und</strong><br />
Deuten zugleich ist. Wir können das auch so ausdrücken: Indem wir denken,<br />
erfassen wir die Wirklichkeit nicht nur im Sinne des Registrierens, sondern<br />
stets mit der produktiven Kraft des Gestaltens. Auch der schlichteste Mensch<br />
ist, wenn er denkt, nicht Fotograph, sondern Maler. Er nimmt mit der Linse seines<br />
seelischen Auges auf; aber nicht mit einer technischen, sondern mit einer<br />
künstlerischen Linse. So, wie wir vom einfachen Auffassen <strong>von</strong> Gegebenheiten<br />
zu der erwähnten Synthese fortschreiten, ist nicht nur die Einzelkraft des<br />
Denkens in uns produktiv, sondern unser ganzheitliches Wesen geht <strong>zur</strong> einheitlichen<br />
Schau <strong>und</strong> Verarbeitung des Beobachtens über. Und damit schießt<br />
ein subjektiv künstlerisches Moment in unser Denken ein. Kant, der klarste<br />
<strong>und</strong> stärkste Denker der Neuzeit <strong>und</strong> aller Zeiten, ist in dem grandiosen Wurf<br />
seines Denkgebäudes (<strong>und</strong> schon vorher in seiner Schau der Wirklichkeit) gestaltender<br />
Künstler größten Ausmaßes. Denken ist Gestaltung <strong>und</strong> eben damit<br />
Betätigung einer Seelenkraft. Denken ist Betätigung einer seelischen Kraft, die<br />
aus dem Ganzen der Seele nicht gelöst werden kann.<br />
Dass wir das vergaßen, hat auch unseren Glauben geschädigt. Das Christentum<br />
der Neuzeit leidet unter Schicksalen, die nach starkem Glauben rufen, in weiten<br />
Kreisen an einer verhängnisvollen inneren Leere, an Auszehrung der seelischen<br />
Kräfte. Die große Erkenntnis Luthers, dass Glaube Geschenk <strong>und</strong> reine Gnade<br />
ist, hat sich unvermerkt zu der lähmenden Unzulänglichkeit einer Glaubenshaltung<br />
entwickelt, die den Glauben als wirkende Kraft der Seele vernachlässigt. Und<br />
doch täte gerade unserer Zeit ein freudiges Bewusstsein dieser Kraft besonders<br />
not. Wie es jetzt ist, glauben viele darum halb, weil sie mit schlechtem Gewissen<br />
glauben. Und entsprechend denken sie halb, weil sie mit schlechtem Gewissen<br />
denken (s. o.). Wir glauben mit schlechtem Gewissen gegen das Denken, <strong>und</strong><br />
wir denken mit schlechtem Gewissen gegen das Glauben. Dächten wir zu Ende,<br />
so kämen wir an die Grenze, wo das Glauben als echte Möglichkeit auftaucht.
[Vorwort] |12|<br />
35<br />
Glaubten wir zu Ende, so würde das Denken als echte Notwendigkeit sich dem<br />
Glauben einordnen. In der Halbheit beider Kräfte aber ist die vermeintliche Spannung<br />
beider gegeneinander begründet <strong>und</strong> in dieser wiederum die wahre Kraftlosigkeit<br />
der Bemühungen, des Lebens Herr zu werden.<br />
Die Halbheit darf nicht deshalb übersehen werden, weil der Mensch unter<br />
dem Druck der Tagesforderungen zu einer scheinbar einheitlichen Haltung<br />
kommt; denn echte Einheitlichkeit muss frei sein. Diese Einheitlichkeit |12|<br />
aber ist Zwang. Und jeder, der sich mit ihr begnügen muss, spürt, wie in ihm die<br />
Seufzer über seinen Zustand unter der Oberfläche darauf warten, in stiller St<strong>und</strong>e<br />
aufsteigen zu können. Mancher flieht in die Arbeit nur, um sich nicht besinnen<br />
zu müssen. Schwächere Naturen bleiben hängen in dem Seufzen <strong>und</strong> kommen<br />
nicht zum Schaffen. Aber in beiden <strong>und</strong> in vielen entsprechenden Lebenslagen<br />
ist nicht, so völlig man auch da<strong>von</strong> überzeugt sein mag, „die schwere Zeit“ der<br />
Gr<strong>und</strong> für Versagen, für kraftloses <strong>und</strong> freudloses Leben, sondern der Gr<strong>und</strong> liegt<br />
im Menschen selbst. Neben Goethe als Zeugen dieser Wahrheit steht Schiller mit<br />
dem Aufruf: „In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne.“ 2 Wir dürfen dies<br />
Wort getrost aus der Etikettierung mit einem vom Christentum vielleicht beargwöhnten<br />
Idealismus lösen. Es ist urgründige Wahrheit, <strong>und</strong> aller befreite Glaube<br />
ist unbefangen <strong>und</strong> weiß in freudiger Zuversicht <strong>und</strong> gläubigem Dank, dass auch<br />
des Schicksals Sterne in der eigenen Brust Geschenk <strong>und</strong> Gnade sind, mit deren<br />
Erstarken der Mensch sich nicht gegen Gott erhebt, sondern zu ihm kommt.<br />
Da die Dinge so liegen, können wir <strong>von</strong> innen her verstehen, dass die Spannung<br />
Denken <strong>und</strong> Glauben in der Welt gewesen ist, seit es ein Denken <strong>und</strong> ein<br />
Glauben gibt. Vielen Menschen der Gegenwart wird allein das schon befreiend<br />
sein, dass diese Spannung im Gegensatz zu weit verbreiteter Meinung nicht<br />
erst aus dem naturwissenschaftlichen Zeitalter, also aus dem vorigen Jahrh<strong>und</strong>ert<br />
stammt. Neu ist in diesem Sinne nur ein Doppeltes: Einmal die besondere<br />
Fragestellung des Problems, die sich aus der neuen Naturwissenschaft, vor<br />
allem aus der Entdeckung des Kausalitätsgesetzes <strong>und</strong> der Abstammungslehre<br />
ergeben kann. Neu andererseits die belastende Intensität des Problems, die<br />
aus der Vorherrschaft des naturwissenschaftlichen Denkens in der Neuzeit<br />
folgt. Aber es ist doch wie ein Lächeln des Weltgeistes über diesem Problem,<br />
dass die einst so aufwirbelnden Theorien der Abstammungslehre schon mehrfach<br />
sich gewandelt haben, dass <strong>von</strong> der exaktesten Forschung der Gegenwart<br />
das einst absolutistische Kausalitätsgesetz eindrucksvoll relativiert worden ist.<br />
Das Problem als solches setzt für unseren Lebensraum mit dem Beginn des<br />
christlichen Denkens ein. Es zieht sich durch die Dogmengeschichte <strong>und</strong> durch<br />
die Geschichte der protestantischen <strong>Theologie</strong> als nicht immer sichtbarer, aber<br />
immer wirksam eingewobener roter Faden. Die Fragestellungen, die einst be-<br />
2 Anm. d. Hg.: Friedrich Schiller: Wallenstein I: Wallensteins Lager, Die Piccolomini.<br />
Ein dramatisches Gedicht [1800], Ditzingen 2016, 2. Akt, 6. Auftritt.
36 |13|<br />
Teil I – Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
wegend um die Jahrh<strong>und</strong>ertwende die Gemüter beherrschten, sind heute in<br />
den Hintergr<strong>und</strong> getreten vor anderen Fragen, die uns aus unserem Schicksal<br />
heraus erfassen. Aber in ihnen sind doch letztlich die alten Probleme lebendig.<br />
|13| Sucht man die gr<strong>und</strong>sätzlichen Möglichkeiten zu fassen, in denen<br />
das Denken mit dem Glauben in Widerspruch gerät, so ergeben sich derer drei,<br />
den drei Gr<strong>und</strong>richtungen des Denkens entsprechend:<br />
[1.] Als erste Schwierigkeit, wenn wir vom Denkproblem reden, nehmen<br />
viele – trotz des eben Gesagten – doch die Problemlage der Jahrh<strong>und</strong>ertwende<br />
wahr, in der das logische Denken den Vorrang hatte. Aus ihm ergibt sich der<br />
logische Widerspruch des Denkens gegen den Glauben, der sich vor allem an<br />
die Trinitätslehre heftet.<br />
[2.] Daneben ist durch die naturwissenschaftliche Forschung das Gewicht<br />
des naturwissenschaftlichen Denkens getreten. Seine Spannung gegenüber dem<br />
Glauben betrifft die vermeintliche praktische Unmöglichkeit gewisser Aussa gen des<br />
Glaubens. Hier dürfte das dringlichste Problem die Gottessohnschaft Christi sein.<br />
[3.] Schließlich begleitet uns alle durch unser Leben das ethische Denken.<br />
In ihm wurzelt die Spannung gegenüber dem Glauben, die die geschichtliche<br />
Unwirklichkeit bedeutsamer Glaubensaussagen feststellen zu müssen meint.<br />
Hier heftet sich die Schwierigkeit vor allem an das Problem der Liebe Gottes,<br />
die man im tatsächlichen Weltgeschehen nicht bestätigt findet.<br />
[4.] Vor diesen drei einzelnen Richtungen der Spannung zwischen Denken<br />
<strong>und</strong> Glauben liegt – als gr<strong>und</strong>sätzliche Schwierigkeit – das Problem des<br />
Glaubens überhaupt, das wir am besten an dem typischen Satz „Ich glaube an<br />
Gott“ erörtern können.<br />
Die Untersuchung ist so angelegt, dass sie auf diese vier Probleme zuläuft.<br />
Wir werden, wenn wir zu ihnen gelangt sind, erst das ebengenannte gr<strong>und</strong>legende<br />
<strong>und</strong> im Anschluss daran die drei einzelnen in der aufgeführten Reihenfolge<br />
anzufassen haben. Den Weg zu diesen vier Fragen bahnen wir uns<br />
dadurch, dass wir zunächst kurz die gr<strong>und</strong>sätzlich aufgezeigte Problemlage an<br />
zwei konkreten geschichtlichen Gestalten, nämlich Descartes als Typ des Denkens<br />
<strong>und</strong> Luther als Typ des Glaubens, illustrieren, daran anschließend kurze<br />
Streiflichter auf das Ringen dieser beiden Gr<strong>und</strong>haltungen in der durch sie<br />
bestimmten Geistesgeschichte werfen, die die gegenwärtige Lage verständlich<br />
machen. Von da aus gehen wir <strong>zur</strong> Frage des organischen Denkens <strong>und</strong> dann<br />
des Glaubensdenkens überhaupt über. Sie stellt Mitte <strong>und</strong> Achse der ganzen<br />
Untersuchung dar.<br />
Der Schlüssel zu dem, was gesagt werden soll, ist zu finden in der beispielhaften<br />
Ausführung über die vier Funktionen leiblichen Handelns (Sehen <strong>und</strong><br />
Hören als Organe der Ferne, Schreiten <strong>und</strong> Greifen als Organe der Nähe), in der<br />
Übertragung dieser Organtätigkeiten auf das seelische Handeln <strong>und</strong> schließlich<br />
|14| auf das Glauben. Im Anschluss an dieses die Untersuchung tragende<br />
Mittelstück wird das so Erarbeitete dann schließlich auf die vier genannten<br />
Probleme anzuwenden sein.
1. Das Gr<strong>und</strong>problem<br />
[1.1 Denken <strong>und</strong> Glauben.<br />
Geistesgeschichtliche Schlaglichter]<br />
[1.1.1 Luther <strong>und</strong> Descartes]<br />
Zunächst kommen wir auf zwei typischen Gestalten zu sprechen, die die seelische<br />
Haltung der Gegenwart gr<strong>und</strong>sätzlich bestimmen. Dabei beginnen wir mit<br />
der Haltung des Denkens.<br />
In der ersten Hälfte des 17. Jahrh<strong>und</strong>erts lebte im westlichen Europa René<br />
Descartes, Renatus Cartesius, der das Denken der Neuzeit entscheidend <strong>und</strong><br />
symptomatisch beeinflusst hat. Er ist in der Strenge jesuitischer Schulung erzogen,<br />
in der Klarheit mathematischen Denkens zum Philosophen gereift. Nach<br />
bewegtem Leben hat er die beiden letzten Jahrzehnte seines Daseins in tiefer<br />
Stille in den Niederlanden verbracht <strong>und</strong> dort seine Hauptwerke geschrieben.<br />
Sein Denken sucht mit leidenschaftlichem Verlangen den einen festen Punkt,<br />
auf dem alles gegründet werden kann. Es sucht den unbezweifel baren Urgr<strong>und</strong>,<br />
den wir im Glauben Gewissheit nennen, <strong>und</strong> sucht ihn subjektiv gesehen mit<br />
derselben Hingabe, mit der der Glaube sucht. Aber er tut es auf andere Weise,<br />
vom Denken aus. Auch hier wird gezweifelt an allem, aber nicht wie der Glaube,<br />
der verzweifelt, dass der Mensch gut sein kann, sondern im Denken wird an<br />
allem gezweifelt, was nicht unbedingt feststeht. So bleibt, wie im Glauben,<br />
ein Letztes. Aber das ist zunächst nicht Gott, sondern: In allem Zweifeln <strong>und</strong><br />
Denken ist gewiss, dass ich denke. Auch mein Zweifeln bestätigt mein Denken.<br />
Und indem ich denke, bin unbezweifelbar ich. Das ist also der Urgr<strong>und</strong>, auf<br />
dem alles gründet, der bekannte klassische Satz: „[Ego] cogito ergo sum.“<br />
Von hier aus ersteht, wie im Glauben, <strong>von</strong> seinem Urgr<strong>und</strong> aus in einem für<br />
damals klaren <strong>und</strong> genialen Aufbau die Welt, aber nun nicht dem verlorenen<br />
Menschen wiedergegeben, wie im Glauben, sondern dem denkenden Menschen<br />
gewiss werdend. Und als Krönung vollendet sich das Unbezweifelbare in dem<br />
Gott, der die Welt erschaffen hat, leitet <strong>und</strong> ordnet. So glaubt Descartes an Gott,<br />
so wendet er die Energie seines Lebens daran, die Gewissheit Gottes zu begründen<br />
<strong>und</strong> darzulegen, inwiefern sie unbezweifelbar sei. Und doch ist das eine<br />
andere Welt als die des unmittelbaren Glaubens. Er glaubt vom Denken aus,<br />
obwohl der überkommene Glaube |15| ihm das Ziel des Denkens gibt. Gott ist<br />
der Abschluss des Weltgebäudes. Man braucht den Gottesgedanken, weil man<br />
ohne Gott die Welt nicht begreifen kann.
38 |16|<br />
Teil I – Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
Diese Art <strong>von</strong> Verständnis des Glaubens hat weithin Schule gemacht. Wir wissen<br />
alle, wie tief in uns selbst die Neigung liegt, Gott als Abschluss des Weltgebäudes<br />
zu denken, <strong>und</strong> wie viele sich im Gr<strong>und</strong>e mit diesem sehr dürftigen<br />
„Gottesgedanken“ begnügen. Descartes ist mit dieser Begründung <strong>und</strong> Einordnung<br />
des Glaubens der Vater der Bewusstseinsphilosophie geworden, die den<br />
einen breiten Strom der Geistesgeschichte des Abendlandes beherrscht bis tief<br />
in die Kirche hinein. „Der Gr<strong>und</strong>, da ich mich gründe,“ ist hier mein Denken.<br />
Erst wenn ich auch mit dem Denken bei Gott angekommen bin, habe ich Ruhe.<br />
Descartes’ Philosophie ist ein gewaltiger Wurf. Auch wer nicht philosophiert,<br />
erkennt, dass hier ein anderer Weg zu Gott gegangen wird als der des unmittelbaren<br />
Glaubens. Hier spricht nicht der Prophet, der <strong>von</strong> Gott umgeworfen wird<br />
<strong>und</strong> der darum sagen kann <strong>und</strong> muss: „Du bist mir zu stark geworden <strong>und</strong> hast<br />
gewonnen.“ 1<br />
H<strong>und</strong>ert Jahre vor Descartes wirkte Martin Luther. Die Stille des Klosters,<br />
aus der er hervorging, war nicht die Ruhe <strong>zur</strong>ückgezogener Besinnung, sondern<br />
die Stille heißen Ringens. Auch er war ein Denker <strong>von</strong> gewaltiger Kraft. Aber<br />
seine Werke sind nicht im abgeschlossenen Raum, sondern im Lebenssturm<br />
entstanden, <strong>und</strong> er gründet seine Gewissheit nicht auf das Denken, er macht<br />
sie auch nicht nachträglich durch das Denken fest, sondern er gründet auf<br />
der Gewissheit Gottes. Von ihr geht all sein Denken aus. Der Weg ist dem des<br />
Denkers zutiefst entgegengesetzt. Auch Luther sucht, <strong>und</strong> tiefer <strong>und</strong> gigantischer<br />
als Descartes, mit der Glut einer fast einmaligen Seelenkraft den einen<br />
festen Punkt, auf den er alles gründen kann. Er sucht die Gewissheit, den unbezweifelbaren<br />
Urgr<strong>und</strong>, aber anders, unmittelbarer, gr<strong>und</strong>stürzender als der<br />
Denker. Zwar setzt auch Luther mit dem Zweifel ein. Der ist aber nicht ein<br />
Denken, mit dem er gleich Descartes in die Tiefe der außerhalb seiner selbst liegenden<br />
Wirklichkeiten bohrte, sondern es ist der Zweifel an sich selbst, der <strong>zur</strong><br />
Verzweiflung wird, weil sein Gewissen in die Tiefe seiner Seele bohrt <strong>und</strong> ihn<br />
brandmarkt als den Verlorenen vor Gott. Luther fragt nicht <strong>von</strong> sich aus nach<br />
Gott, sondern ehe er das kann, hat Gott schon nach ihm gefragt, Gott hat ihn<br />
gesucht, Gott hat ihn festgehalten vor sich durch Höllenqualen des Gewissens<br />
hindurch, hat ihn umgeworfen in diesem tiefsten Lebenssturm. Aber nun hält<br />
Gott ihn in belebender, erneuernder, mit Jubel erfüllender Gnade fest.<br />
|16| Auch Luther bleibt ein Letztes. Aber das ist nicht das unbezweifelbare<br />
Ich, sondern der unentrinnbare <strong>und</strong> beseligende Gott. Sein umstürzendes<br />
Erlebnis, der <strong>von</strong> ihm gef<strong>und</strong>ene Gr<strong>und</strong>stein zum neuen Erstehen (hier<br />
nicht der Welt nur, sondern seiner selbst) ist die große Erfahrung der Gnade<br />
Gottes; eben des Gottes, der ihm so unerträglich furchtbar erschien. Auch diese<br />
Erfahrung findet Ausdruck in einer bekannten klassischen Formulierung:<br />
„Sola fide“ – allein durch den Glauben. Ich bin nichts, Gott ist alles. Ich vergehe<br />
1 Anm. d. Hg.: Vgl. Jer 20,7: Herr, du hast mich überredet – <strong>und</strong> ich habe mich überreden<br />
lassen. Du bist mir zu stark gewesen <strong>und</strong> hast gewonnen; aber ich bin darüber<br />
zum Spott geworden täglich, <strong>und</strong> jedermann verlacht mich.
1. Das Gr<strong>und</strong>problem |17|<br />
39<br />
vor ihm, Gott schenkt mir neu das Leben. Hier ist Gott nicht die Krönung des<br />
Weltge bäu des, das zunächst ohne ihn verstanden würde, sondern der Urgr<strong>und</strong><br />
<strong>und</strong> die Vollendung der Welt zugleich, der sie geschaffen hat, sie trägt, der<br />
sie heiligt <strong>und</strong> mit seinem Geist durchdringt. Der Urgr<strong>und</strong> bei Descartes ist<br />
Denken, <strong>und</strong> mit dem Denken hat er den Glauben. Der Urgr<strong>und</strong> bei Luther<br />
ist Glauben, <strong>und</strong> in dem Glauben gewinnt er das Denken neu <strong>zur</strong>ück, nun als<br />
gereinigtes, erleuch te tes Den ken in der Gottesgewissheit, das gerade dadurch<br />
die unendlichen Bereiche des Lebens mit unerschöpflich erhellender Kraft<br />
durchleuchtet. Es setzt nicht ein als philosophische Frage, aber nimmt man<br />
Philosophie als Deu tung des Le bens, so ist es eine Philosophie ersten Ranges,<br />
die der Wirklichkeit deshalb gerecht wird, weil sie sie in ihrer wahren Situation<br />
als Werk Gottes <strong>und</strong> als auf ihn gerichtet sieht.<br />
Das aber ist Luther nicht nur am Denken aufgegangen, nicht einmal nur an<br />
einer einlinigen Gotteserfahrung, es ist ihm an der plastischen Wirklichkeit des<br />
Christus aufgegangen. Dadurch gewinnt Luthers Gewissheit <strong>von</strong> Gott <strong>und</strong> mit<br />
ihr zugleich sein Wissen um den Menschen <strong>und</strong> die Welt diese unvergleichliche<br />
prangende Fülle, die flutende Urlebendigkeit.<br />
Das Stichwort, das Descartes’ Leistung bezeichnet, heißt Klarheit. Das<br />
Stichwort für Luthers Werk heißt Erkenntnis in einem letzten Sinne, <strong>und</strong> zwar<br />
Erkenntnis aus Geistes- <strong>und</strong> Glaubenskraft, in der das Bild der Wirklichkeit in<br />
einer Tiefe überzeugend wird, die noch uns Heutige als gegenwärtig berührt,<br />
während Descartes’ Beweisführung uns historisch geworden ist.<br />
[1.1.2 Leistung <strong>und</strong> Grenzen des logischen Denkens im Diskurs der<br />
Neuzeit <strong>und</strong> die Konsequenzen für die Erfahrung des Glaubens]<br />
Die Geistesgeschichte der Neuzeit ist weithin als ein Ringen zwischen Luther<br />
<strong>und</strong> Descartes zu verstehen. Sie sind nicht ebenbürtige Partner. Der Größere ist<br />
der, der die bezwingende Macht der Ewigkeit in der Zeit erfahren, verstanden<br />
<strong>und</strong> gelebt hat. Aber der Mensch fällt umso mehr in sein Eigenwesen <strong>zur</strong>ück,<br />
je mehr er sich nur vom Bewusstsein aus versteht. Und Luthers Macht wie die<br />
Wirkung der Kirche haben nicht verhindern können, dass sich aus Descartes’<br />
großem Ansatz eine gefahrvolle Verkürzung im Verständnis des Menschen ergab.<br />
Nicht nur gr<strong>und</strong>sätzlich |17| wurde in Descartes’ Gefolgschaft mehr <strong>und</strong><br />
mehr der Mensch in der abendländischen Philosophie vom Bewusstsein her verstanden,<br />
sondern auch in der praktischen Lebenshaltung ging die fruchtbare<br />
Verbindung mit dem unbewussten Mutterboden, mit den rational nicht mehr<br />
fassbaren Tiefen der Wirklichkeit verloren.<br />
So ist es dahin gekommen, dass der Mensch der Neuzeit sich wesentlich als<br />
„bewusstes“ Wesen verstand. Er wurde <strong>und</strong> ist neben neuerdings aufbrechenden<br />
andern Seinskräften vielfach noch heute in einem sehr tiefen <strong>und</strong> bedeut samen<br />
Sinne Rationalist. Die evangelische Kirche in ihrer größeren Weltoffenheit ist<br />
stärker als die katholische Kirche den Weg der Bewusstseinsphilosophie mitgegangen,<br />
sowohl in ihrem Denken <strong>und</strong> Lehren als auch in ihrem unmittelbaren<br />
Lebens- <strong>und</strong> Glaubensempfinden.
40 |17|<br />
Teil I – Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
Eben darin aber ist die Not des Denkens gegenüber dem Glauben begründet.<br />
Sie ist umso stärker, als die Grenze des Denkens in der Philosophie des Abendlandes<br />
nicht etwa deutlich hervortritt; denn unsere großen Denker sind alles<br />
andere als trockene Rationalisten gewesen, <strong>und</strong> nicht Lähmung, sondern tiefe<br />
fruchtbare Belebung ist weithin <strong>von</strong> ihnen ausgegangen. Sie haben ihre Denkarbeit<br />
vollzogen mit der Leidenschaft der Hingabe in die überzeugende Kraft<br />
der Ehrfurcht <strong>und</strong> mit einem tiefen <strong>und</strong> genialen Durchblick: Kant begründet<br />
die Religion innerhalb der Vernunft, <strong>und</strong> gerade seine populärsten Worte sind<br />
ehrfürchtige Hinweise auf das Unerforschliche. 2 Hegel zeichnet das gewal tige<br />
Bild der sinnerfüllten Geschichte. 3 Fichte verkündet das im Ewigen erst zu sich<br />
selbst kommende Ich. 4 Schelling weiß mit bezwingender Klarheit um die Offenbarung,<br />
die wir nur nachdenken können. 5 (Nachzulesen in seiner Altersphilosophie,<br />
die bezeichnenderweise, nämlich eben vom Bewusstseins denken aus,<br />
in der philosophischen Arbeit nicht die gleiche Würdigung gef<strong>und</strong>en hat wie<br />
seine früheren Systeme!)<br />
2 Anm. d. Hg.: <strong>Haendler</strong> spielt vermutlich auf Kants Schrift über „Die Religion innerhalb<br />
der Grenzen der bloßen Vernunft“ an: „Die wahre, alleinige Religion enthält<br />
nichts als Gesetze, d. i. solche praktische Prinzipien, deren unbedingte Notwendigkeit<br />
wir uns bewusst werden können, die wir also durch reine Vernunft (nicht empirisch)<br />
offenbart anerkennen“ (Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen<br />
der bloßen Vernunft, Frankfurt/Leipzig 1793, 240).<br />
3 Anm. d. Hg.: Nach Hegel ist die Geschichte „der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“.<br />
Er vermittelte in seinen <strong>Schriften</strong> u. a. „die Auffassung <strong>von</strong> der einen Vernunft<br />
oder Idee, die in den logisch/ontologischen Gesetzen, der Natur, dem menschlichen<br />
Erkennen <strong>und</strong> dem menschlichen Zusammenleben gegenwärtig ist“ (vgl. Georg Wilhelm<br />
Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte, Bd. 1:<br />
Die Vernunft in der Geschichte, hg. v. Johannes Hoffmeister, Hamburg 1955, 68).<br />
4 Anm. d. Hg.: Als Vertreter eines metaphysischen Idealismus kommt Fichte zu dem<br />
Ergebnis, dass „das Ich fordert, dass es alle Realität in sich fasse, <strong>und</strong> die Unendlichkeit<br />
erfülle. Dieser Forderung liegt notwendig zum Gr<strong>und</strong>e die Idee des schlechthin<br />
gesetzten, unendlichen Ich; <strong>und</strong> dieses ist das absolute Ich“ (Johann Gottlieb Fichte:<br />
Gr<strong>und</strong>lage der gesamten Wissenschaftslehre [ 2 1802], in: Immanuel Hermann Fichte<br />
[Hg.]: Fichtes Werke, Bd. 1: Zur theoretischen Philosophie I, Berlin 1971, 83–329,<br />
277).<br />
5 Anm. d. Hg.: Schelling formuliert in seiner Philosophie der Offenbarung: „Die Welt,<br />
die durch die erste Schöpfung gesetzt ist, ist eine äußere für den Menschen, eine<br />
solche, die der Mensch, inwiefern er selbst Geschöpf ist, unmittelbar durch <strong>und</strong> in<br />
sich selbst voraussetzt; jene Welt, die durch die Offenbarung, also durch die Erlösung<br />
gesetzt ist, ist keine äußere, sondern eine innere Welt, die im Menschen erst hervorgebracht<br />
werden soll, deren Prinzip anzunehmen er nicht genötigt ist, die er sich nur<br />
aneignen kann, inwiefern er ein Herz dazu hat, inwiefern er den Mut besitzt, die Offenbarung<br />
als wirklich anzunehmen.“ Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: Urfassung<br />
der Philosophie der Offenbarung, Teilband 2, hg. v. Walter E. Erhardt, Hamburg<br />
1992, 53. Vorlesung, 426.
1. Das Gr<strong>und</strong>problem |18|<br />
41<br />
Das Problem dieser großen Denker für uns ist letztlich nicht ihre ratio, sondern<br />
Schwung der Hingabe, die überzeugende Ges<strong>und</strong>heit, die fruchtbare Wirkung,<br />
die ihnen eigen, <strong>und</strong> mit denen sie dem echten Glauben in seltsamer<br />
Mischung der Gegensätze zugleich dienen <strong>und</strong> gefährlich werden. Trotz der<br />
Gewalt dieser Kräfte konnte das Wirken dieser Großen mit tiefem Recht als<br />
der „Selbstrettungsversuch des Geistes“ (= ratio, Bewusstsein) gegenüber der<br />
„Seele“ verstanden werden (Heinemann) 6 . Aber dennoch liegt in ihrer Haltung<br />
Größe, <strong>und</strong> sie haben tiefe Wurzeln. Die kleineren Geister dagegen, die vielen,<br />
sind der Herrschaft des Bewusstseins verfallen, ohne zu merken, wie sie sich<br />
damit <strong>von</strong> allen tiefen Kräften lösten – <strong>und</strong> wie dann zugleich auch der Glaube<br />
seinen Wurzelboden verlieren musste.<br />
|18| Die Tragkraft dieses Stromes kann also nicht geleugnet werden,<br />
<strong>und</strong> der Gr<strong>und</strong> dieser Tatsache ist für unser Anliegen bedeutsam: Zunächst<br />
liegt er ganz einfach in der Struktur des menschlichen Wesens. Das Denken<br />
ist eine der Gr<strong>und</strong>kräfte, mit denen wir das Leben bewältigen. Schließen wir<br />
uns an die alte Dreiteilung Denken-Fühlen-Wollen an, die auch heute noch den<br />
verfeinerten Analysen des Geistes weithin zugr<strong>und</strong>e liegt, so ist es eine <strong>von</strong><br />
im Ganzen nur drei Kräften, die miteinander das Ganze des Menschengeistes<br />
ausmachen. Wir brauchen das Denken überall. So haben wir die berechtigte<br />
<strong>und</strong> notwendige Tendenz, es auszubilden <strong>und</strong> zu stärken. Alle Schulbildung<br />
mit dem breiten Raum, den sie einnimmt, sind wir gewohnt, vorwiegend als<br />
Schulung des Denkens zu verstehen. Und wer <strong>von</strong> Natur oder durch eine<br />
Verletzung nicht denken kann, den betrachten wir als geisteskrank, <strong>und</strong> er<br />
ist keine vollwertige Persönlichkeit. Ges<strong>und</strong>es Denken ist also unentbehrlich<br />
zum Leben <strong>und</strong> muss geschult werden als eine der tragenden Kräfte, mit denen<br />
wir das Leben bewältigen. So ist denn auch im Gebiet des Glaubens das<br />
Denken notwendig. Selbstverständlich <strong>und</strong> mit Recht gibt es ein intensives, ins<br />
Einzelne gehendes gedankliches Ausgestalten der Glaubenswahrheit, das ges<strong>und</strong><br />
ist. Dieses kann die Kirche nicht nur nicht entbehren, sondern sie muss<br />
es sorgfältig pflegen. Die Dogmatik einer Kirche mit ihren Nachbardiszplinen<br />
ist ein wesentlicher Maßstab ihrer Ges<strong>und</strong>heit <strong>und</strong> ein bedeutsames Mittel<br />
ihres Dienstes an der Welt. Zunächst liegt er ganz einfach in der Struktur des<br />
menschlichen Wesens.<br />
6 Anm. d. Hg.: Es handelt sich um den deutsch-jüdischen Philosophen Friedrich Heinrich<br />
Heinemann (1889–1960). <strong>Haendler</strong> greift mit seiner Bemerkung über den<br />
„Selbstrettungsversuch des Geistes“ Einsichten auf, die sich in Heinemanns Werk<br />
„Neue Wege der Philosophie. Geist, Leben, Existenz. Eine Einführung in die Philosophie<br />
der Gegenwart“ (Leipzig 1929) finden. Heinemann porträtiert anhand verschiedener<br />
philosophischer Strömungen die gegenwärtige Situation des Menschen<br />
<strong>und</strong> spricht sich dafür aus, die weithin anzutreffende Entgegensetzung <strong>von</strong> Geist <strong>und</strong><br />
Leben zu überwinden (a. a. O., XIX).
2. Die Einzelprobleme<br />
2.1 Der Ursatz „Ich glaube an Gott“<br />
[2.1.1 Glaubensfragen mit unterschiedlichen Prämissen]<br />
Diese gr<strong>und</strong>sätzlichen Einsichten über das Glaubensdenken müssen wir nun<br />
beispielhaft auf einzelne Probleme übertragen. Wir verdeutlichen uns das<br />
Gesagte am besten zunächst an dem gr<strong>und</strong>legenden <strong>und</strong> umfassenden Satz:<br />
„Ich glaube an Gott“. Er ist als erstes Beispiel deshalb besonders geeignet, weil<br />
er zugleich allgemein <strong>und</strong> bestimmt ist. Allgemein ist er insofern, als im weiten<br />
Umfang sehr verschiedene Gottesbilder in ihm gefasst werden können; denn<br />
auch Menschen, die dem ausgeprägten Christentum ferner stehen, werden in<br />
der Regel geneigt sein, diesen Satz als zutreffenden Ausdruck ihrer Religion<br />
anzuerkennen <strong>und</strong> in sich zu tragen. Zugleich ist er insofern bestimmt, als er<br />
doch ein irgendwie ausgeprägtes Gottesbild zum Ausdruck bringt, das mehr<br />
oder weniger der Vorstellung nahe ist, die wir mit einem sehr unzulänglichen<br />
Ausdruck „den persönlichen Gott“ zu nennen pflegen. Dieser Satz ist also der<br />
„Ursatz“, dessen universaler Gehalt wohl allen, die für unser Anliegen inneres<br />
Interesse haben, als Gr<strong>und</strong>lage ihres Lebens gelten kann, alles umfassend, befreiend<br />
<strong>und</strong> verpflichtend zugleich.<br />
Er enthält in je zwei Worten die beiden Momente, die wir vorhin als Inhalt<br />
des Glaubens erkannten, den Hinweis auf die objektive Wirklichkeit („an Gott“)<br />
<strong>und</strong> den Ausdruck der subjektiven Funktion („ich glaube“). Es ist aber eine allgemein<br />
menschliche Not, dass wir in bedrängten Lagen unser Befreiungswerk,<br />
je weniger wir geübt sind, umso mehr an der falschen Seite anfangen. Fast<br />
zwangsläufig beginnen wir unseren Versuch, die Schwierigkeiten des<br />
Glaubensdenkens zu lösen, damit, dass wir uns an die objektive Wirklichkeit<br />
heranmachen. Wir versuchen möglichst widerspruchslos zu erfassen, wer<br />
oder was „Gott“ ist. Da unser |63| Glaube aber nun als Glaube der Geschöpfe,<br />
die menschlich sind, <strong>von</strong> vornherein immer nur ein Geringstes nicht nur der<br />
Herrlichkeit Gottes überhaupt, sondern sogar nur des Saumes seines Gewandes<br />
erfassen kann, so wird bei diesem Versuch sogleich alles Glaubensdenken auf<br />
das geringst mögliche Maß herabgedrückt. Durch Ansatz <strong>und</strong> Richtung unseres<br />
Bemühens zwingen wir uns gegen eigenen Wunsch, unsere Gedanken über<br />
Gott so weit einzuschränken, dass sie mit unseren rationalen Möglichkeiten in<br />
Einklang kommen.
82 |64|<br />
Teil I – Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
Der Mensch kommt aus dieser Schlinge nur heraus, wenn er gr<strong>und</strong>sätzlich<br />
anders verfährt. Es geht dabei freilich nur um eine Zumutung, die dem rational<br />
geschulten Europäer des 20. Jahrh<strong>und</strong>erts schwerfällt, aber sie kann ihm doch<br />
nicht erspart bleiben. Wie wir bei sonstigen Denk- oder Rechenaufgaben, in denen<br />
wir uns verfangen haben, schließlich zu denken <strong>und</strong> zu rechnen aufhören<br />
<strong>und</strong> nun sogleich spüren, wie ein ges<strong>und</strong>es neues Erkennen sich vorbereitet<br />
<strong>und</strong> wächst, so müssen wir hier den Entschluss finden, unsere „Gedanken über<br />
Gott“ ausdrücklich abzusetzen. Das Leben mutet uns auch sonst die Spannung<br />
zu, unfertige Ergebnisse <strong>und</strong> offene Fragen aushalten zu müssen. Wer es nicht<br />
wagt, sich in den Glauben zu stellen, obwohl er ausdrücklich sieht, dass er mit<br />
seinen Gedanken über Gott nicht <strong>zur</strong>echtkommt, wird nie den Weg zu freiem<br />
<strong>und</strong> freudigem Glauben beschreiten.<br />
Aber es gibt in solchen Dingen praktische Hilfen, vorgestellt oder auch<br />
konkret durchgeführt. Man denke sich den Satz „Ich glaube an Gott“ in großen<br />
Buchstaben über das Bett gehängt, so dass er einem vor dem Einschlafen <strong>und</strong><br />
beim ersten Erwachen ins Auge fällt. Wer öfters wach liegt, denke sich die<br />
Nacht so mondhell, dass ein Schimmer des Lichtes auf diesen Spruch fällt,<br />
so dass er ihm vor Augen steht in den belastenden nächtlichen St<strong>und</strong>en, in<br />
denen die Gedanken beunruhigend in ihm kreisen. Wer sehr auf Denken eingeschult<br />
ist, stelle sich vor, er habe diesen Spruch über seinem Schreibtisch<br />
hängen gehabt, so dass sein Blick bei jedem Aufschauen auf ihn fiel, <strong>und</strong> sei<br />
nun immer zum Nachdenken über ihn veranlasst worden; er habe jetzt, daran<br />
scheiternd <strong>und</strong> verzweifelnd, in einem unmittelbar ausbrechenden religiösen<br />
Hungergefühl den Spruch vom Platz überm Schreibtisch weggenommen <strong>und</strong><br />
ebenfalls über sein Bett gehängt.<br />
Es ist deutlich, in wie hohem Maß die Situation, die diese Beispiele erläutern<br />
sollen, dem fragenden Menschen den Weg eröffnet, den Satz „Ich glaube<br />
an Gott“ nicht in sein Hirn, sondern in seine Seele hineinzulassen. Es geht nun<br />
darum, dass wir bereit sind, diese Haltung lange Zeit <strong>und</strong> immer wieder einzunehmen.<br />
Wer das tut, wird zunächst mit |64| befreitem Herzen merken, dass<br />
seine Glaubens„gedanken“ zwar armselig genug, aber doch zu viel waren. Er<br />
wird erkennen, dass er in geringerem <strong>und</strong> höherem Maße ein ihm übergestülptes<br />
Glaubensgebäude mit sich herumgetragen hat. Es gibt Fälle, in denen beim<br />
ersten Versuch dieser Art das ganze Feld bisheriger Glaubensmeinungen blitzartig<br />
erleuchtet <strong>und</strong> in seiner weitgehenden Unhaltbarkeit gebrandmarkt wird,<br />
während mit gleicher Schnelligkeit die wenigen Ansätze echten Glaubens, die<br />
unvermerkt darin enthalten waren, sich deutlich herausheben. Es gibt andere<br />
Fälle, in denen das sehr viel langsamer geschieht. Aber immer kann der<br />
Mensch verhältnismäßig rasch zu der Erkenntnis kommen, dass der übergestülpte<br />
Glaube durch einen erwachsenden Glauben abgelöst werden kann <strong>und</strong><br />
soll.<br />
In diesem Sinne können wir den Satz „Ich glaube an Gott“ in dreifacher<br />
Richtung in unsere Seele nehmen:
2. Die Einzelprobleme |65|<br />
83<br />
Zunächst – erstens – im Sinne einer Selbstbeschwörung: Ich erziehe meinen<br />
fehlgeleiteten Geist dazu, dass er bei dem Worte Gott nicht immer gleich auf<br />
„Gedanken“ aus ist <strong>und</strong> deshalb durch gedankliche Unklarheiten, die als<br />
Widersprüche erscheinen, gestört wird. Ich veranlasse mich selbst zu einer<br />
neuen Haltung, in der ich gleichgültiger als bisher werde, gegen die bezwingende<br />
Macht der gewohnten Vorstellungen, gegen das Kontrollrecht, das ich<br />
dem vermeintlichen allgemeinen Verhalten in diesen Dingen bisher eingeräumt<br />
habe. Und ich empfinde in diesem ersten Stückchen Selbstbefreiung zugleich<br />
eine spürbare neue Zuversicht <strong>und</strong> Freudigkeit.<br />
Dieser Satz kann sich aber – zweitens – wie auf die eigene Seele, so auch<br />
auf Gott richten. Er ist dann ein wortloses Flehen, das Gebet eines Menschen,<br />
der noch nicht beten kann oder neu beten lernen möchte. Man weiß dabei, dass<br />
man mit scheuem oder stürmischem Verlangen eine Erleuchtung über das göttliche<br />
Geheimnis, eine neue Erkenntnis Gottes herabfleht. In dieser Hingabe beginnt<br />
eine ges<strong>und</strong>machende Kraft zu wirken. Des Menschen Seele gewinnt stärkeres<br />
Übergewicht über seinen Verstand. Des Menschen Geist beginnt feinste<br />
Wurzeln in die Tiefen zu treiben, aus denen echte Erkenntnis erwachsen kann.<br />
Aus beidem zugleich ergibt sich – drittens – die Möglichkeit, sich Schritt<br />
um Schritt im Umlenken der Aufmerksamkeit zu üben: Wir hängen in dieser<br />
Haltung nicht mehr am Kleinen fest, wir bekommen Sinn für Größe <strong>und</strong> fangen<br />
an, unsere Seele auf das Große <strong>und</strong> eigentlich Entscheidende zu richten.<br />
Allein aber das schon ist im Wust der tausend Kleinigkeiten des Lebens <strong>und</strong> im<br />
Drang der mittelgroßen Gedanken <strong>und</strong> Verpflichtungen wie ein Frühlingsregen<br />
<strong>und</strong> ein Stahlbad zugleich. Diese Umlenkung auf das Große kann schon in<br />
|65| ihrem Anfang Dinge unwesentlich machen, die den Menschen bis dahin<br />
schmerzhaft bedrängt haben. Gerade bei unbefangenen Menschen beobachtet<br />
man Fälle, in denen diese Wirkung überraschend stark <strong>und</strong> umfassend eintritt,<br />
so dass bei geringstem Glaubensansatz bereits der ganze Mensch mit andern<br />
Augen in die Welt der Wahrheit hineinsieht.<br />
Hier setzt ein echtes Erkennen ein, <strong>und</strong> schon in diesem Beginn wird oftmals<br />
deutlich, dass das Denken ebenfalls in eine neue Richtung kommt. Die<br />
Frage „Was denke ich <strong>von</strong> Gott?“, die bis dahin so viel Leben gefangen hielt,<br />
verliert ihre Gewalt, weil sie nicht die eigentliche bleibt, sondern ihr, wenn<br />
auch oft noch unbewusst, die andere <strong>zur</strong> Seite tritt: „Wie denke ich an Gott?“ Der<br />
Unterschied liegt darin, dass bei der ersten Frage rationale Gedanken mit dem<br />
Problem des Widerspruchs das Hauptgewicht haben, während bei der zweiten<br />
lebendige Gestaltung das tiefbeteiligte Interesse der Seele ist <strong>und</strong> mit wachsender<br />
Dringlichkeit sich Geltung schafft.<br />
In den meisten Fällen kommt hierzu gleich am Anfang ein Weiteres, noch<br />
Gewichtigeres. Die Frage nämlich, wie denke ich an Gott, kann der Mensch<br />
nicht in seiner Seele fassen, ohne dass das Gottesbild irgendwie unmittelbare<br />
Lebendigkeit gewinnt <strong>und</strong> der Mensch in Gott eine Macht erkennt, nach der<br />
nicht nur er fragt, sondern die auch nach ihm fragt. Aus der Frage, „Wie denke<br />
ich an Gott?“, erwächst uns, wenn wir sie im Kern unseres Wesens tragen,
84 |66|<br />
Teil I – Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
wie <strong>von</strong> selbst die Gegenfrage: „Wie denkt Gott an mich?“ Erst ist sie eine Art<br />
Tochterfrage, zart <strong>und</strong> eben zum Leben geboren. Aber wo sie nun wirklich in der<br />
Seele lebt, da wächst sie schnell heran <strong>und</strong> wird immer entscheidender bedeutsam.<br />
Letztlich muss sogar der rational Denkende sich sagen, dass die Vorstellung<br />
eines Gottes, der nur <strong>von</strong> Menschen gedacht wird <strong>und</strong> nicht an den Menschen<br />
denkt, zu einer toten Formel wird, mit der man in Gedanken spielt, um die man<br />
sich vielleicht auch mit Gedanken müht, aber nicht ein Gott, mit dem man lebt.<br />
Der geringste Ansatz des Erkennens dagegen bringt erfahrungsgemäß das<br />
Wesentliche mit sich, dass der Mensch sich <strong>von</strong> Gott erkannt ahnt oder weiß.<br />
In dieser Hinsicht steht der Gebildete der Gegenwart in einer typisch unsicheren<br />
Haltung: Er hofft, aber zweifelnd <strong>und</strong> darum wirkungslos, dass wohl<br />
ein Gott sein möchte, der den Menschen letztlich nicht verlasse, <strong>und</strong> er hat<br />
den vagen, wenig zuversichtlichen Wunsch, dass dieses lockere Empfinden<br />
zu einer tragfähigen Kraft werden möchte. Wenn nun in ihm der Satz „Gott<br />
denkt an mich“ lebendig ersteht, so wird dadurch der unsichere Ansatz seiner<br />
Glaubensgedanken bedeutsamerweise nicht unnatürlich aufgepumpt, vielmehr<br />
reduziert, vielleicht |66| sogar schmerzhaft, aber doch erlösend reduziert,<br />
nämlich auf einen, wenn auch geringsten Anfang echten Erkennens, in<br />
dem sich der Mensch gegen Gedanken oft instinktiv sogar sträubt, um den<br />
kostbaren jungen Keim zu schonen, der in ihm die Krusten durchbrochen hat.<br />
Es ist dann zunächst keimhaftes Aufbrechen der Gewissheit, dass Gott sich<br />
um ihn kümmert, dass Gott alles in seinen Händen hat. Aber in diesem jungen<br />
Aufbruch ist Fülle <strong>und</strong> Reichtum echten Erkennens. Der Satz „Ich glaube an<br />
Gott“ gewinnt durch diese Einstellung zentrale Bedeutung. Was tot war, kann<br />
lebendig werden, <strong>und</strong> der Weg wird frei zu einem fortschreitenden Erkennen,<br />
aus dem ges<strong>und</strong>es, lebensnahes <strong>und</strong> ganzheitliches Glaubensdenken erwächst.<br />
[2.1.2 Vollzugsformen des Glaubens]<br />
Auf diesen Satz „Ich glaube an Gott“ wenden wir nun das Bild <strong>von</strong> den vier<br />
Organen an. Auch für das Erkennen <strong>und</strong> Denken des Glaubens gibt es Organe<br />
der Ferne <strong>und</strong> Organe der Nähe, ein seelisches Sehen <strong>und</strong> Hören, ein seelisches<br />
Schreiten <strong>und</strong> Greifen. Es ist ersichtlich, dass man leicht ins Theoretisieren<br />
kommt, wenn man hier sauber abteilen will. Die seelischen Funktionen gehen<br />
ineinander über. Aber solange es deutlich bleibt, dass wir „im Bilde“ reden,<br />
wenn wir hier vom Sehen <strong>und</strong> Hören, Schreiten <strong>und</strong> Greifen sprechen,<br />
sind diese Ausdrücke eine Hilfe, mit der wir zum ges<strong>und</strong>en <strong>und</strong> echten<br />
Glaubenserkennen <strong>und</strong> -denken kommen können.<br />
[2.1.2.1 Sehen]<br />
Ja, es ist sogar naheliegend, beim „Sehen“ des Glaubens mit einer höchst wirksamen<br />
Fehlvorstellung einzusetzen. In großer Zahl trifft man Menschen, denen<br />
für ihr ganzes Glaubensleben die aus der Kindheit mitgeschleppten bildhaften<br />
Vorstellungen <strong>von</strong> Gott hinderlich sind, manchmal in so hohem Maße, dass
2. Die Einzelprobleme |67|<br />
85<br />
überhaupt kein freier <strong>und</strong> freudiger Glaube entsteht. Immer wieder nämlich<br />
entsteht spontane Zustimmung, wenn man daran erinnert, dass manche sich<br />
Gott immer noch als den alten Mann mit weißem Bart vorstellen müssen. Das<br />
bedeutet aber, dass die seelische Funktion des Sehens im Glaubensleben naiv<br />
geblieben ist, obwohl sie unter Umständen auf anderen Gebieten <strong>zur</strong> Reifung<br />
gekommen ist. Und es geht nun darum, dass diese mitgeschleppte Vorstellung<br />
wirklich <strong>und</strong> völlig sich auflöst. Gute Hilfe bieten dazu gewisse alttestamentliche<br />
Geschichten gerade deshalb, weil in ihnen noch nicht die reife Höhe des<br />
Christentums ist, die uns eben um ihrer Höhe willen oft nicht unmittelbar zugänglich<br />
werden kann.<br />
Wir beschränken uns auf wenige Beispiele. Jakob ringt mit einem Mann<br />
bis zum Morgengrauen, der ihm die Hüfte verrenkt (Gen 32,23–33). Moses<br />
sieht Gott im brennenden Dornenbusch (Ex 3,1–7). Moses bittet Gott, er möge<br />
sein Angesicht sehen, aber Gott geht an ihm vorüber, so dass er |67| seiner<br />
Herrlichkeit nachschauen darf, <strong>und</strong> spricht: „Mein Angesicht kannst du nicht<br />
sehen“ (Ex 33,18–23). Elias spürt Gott nach dem Sturm <strong>und</strong> dem Erdbeben in<br />
dem stillen sanften Sausen (1. Kön 19,9–18). Das ist schon ein Übergang vom<br />
bildhaften zum bildlosen Sehen. Wer nun Gott als alten Mann mit weißem Bart<br />
zu sehen genötigt ist, befindet sich damit sowieso auf einer unleugbar atavistischen<br />
Stufe seines inneren Sehens. Es ist also zwar ein Rückschritt hinter<br />
das Neue Testament, aber er geht nicht hinter seine eigene Glaubenshaltung<br />
<strong>zur</strong>ück, wenn er als Schulung <strong>und</strong> Übergang diese alttestamentlichen Bilder<br />
zunächst einmal gründlich aufnimmt. Die unter Theologen leicht auftauchende<br />
Sorge, man könne damit den Menschen in einer unterchristlichen Stufe des<br />
Glaubens festhalten oder gar ihn schuldhaft auf sie <strong>zur</strong>ückdrücken, ist praktisch<br />
nicht begründet. Denn wer den Gott des Christentums sucht <strong>und</strong> wer wie wir<br />
alle in einer christlich durchtränkten Geistesluft lebt, der kommt entweder <strong>zur</strong><br />
christlichen Erkenntnis oder, wenn er auf einer niederen Stufe hängen bleibt, so<br />
tut er das aus fehlender Möglichkeit zu höherer Erkenntnis, gewiss aber nicht<br />
durch den beanstandeten Rat <strong>und</strong> seine Befolgung. Nach unserer Beobachtung<br />
vielmehr können gerade dadurch höhere seelische Kräfte unmittelbar befreit<br />
werden, dass man sich <strong>von</strong> einer niedrigen Stufe nicht gewaltsam zu ihnen<br />
aufschwingen will (wobei man immer in der Lage <strong>von</strong> Goethes Zikaden 1 bleibt),<br />
sondern die Zwischenstufen ernsthaft beschreitet. Wer die Geschichte vom brennenden<br />
Busch so tief in sich aufnimmt, dass sie ihm zu eigen wird, der „sieht“<br />
Gott in der Flamme dieses Busches mit doppeltem Akzent des Sehens. Er wird<br />
frei zum unmittelbaren Sehen, womit sich eine wohltuende Loslösung vom Bild<br />
des alten Mannes mit weißem Bart vollzieht. Und zugleich erspürt er, dass auch<br />
dieses Sehen noch unvollkommen ist <strong>und</strong> also über sich hinausweist.<br />
1 Anm. d. Hg.: Vgl. Johann Wolfgang <strong>von</strong> Goethe: Faust. Eine Tragödie [1832], Re clam –<br />
Ausgabe Stuttgart 2014. „Der langbeinige Zikaden“ hat im „Prolog im Himmel“<br />
(Z. 288) seinen Auftritt.
86 |68|<br />
Teil I – Denken <strong>und</strong> Glauben<br />
Man kann, etwa in der genannten Reihenfolge, stufenweise aufsteigen zu der<br />
Vision des Jesaja (Jes 6,1–8) <strong>und</strong> schließlich zu der bildlosen Gotteserkenntnis,<br />
dem bildlosen Sehen des Neuen Testamentes kommen, das heißt zum „Sehen“<br />
einer geistigen „Gestalt“, in das die Formen menschlicher Gestalten nicht<br />
mehr störend hineinwirken. Das kann sich verbinden mit dem tiefgründigen<br />
Pauluswort, dass wir die Klarheit Gottes in dem „Angesichte“ (!) Jesu Christi erkennen<br />
(2. Kor 4,6), wobei es helfend <strong>und</strong> lockernd zugleich ist, dass uns ja das<br />
leibliche Angesicht Christi auch unbekannt ist <strong>und</strong> uns doch sein „Angesicht“<br />
aus seiner lebendig erschauten geistigen „Gestalt“ erfahrbar wird.<br />
Man kann andererseits auch unmittelbar zu einem „geistigen“ Sehen<br />
|68| kommen, man kann ebenso gut eine der vorhin genannten kosmischen<br />
Vorstellungen zu Hilfe nehmen. Entscheidend ist einmal, dass überhaupt<br />
irgend etwas geschieht <strong>und</strong> wir weder in dem Bild <strong>von</strong> [Gott als] „altem Mann“<br />
hängenbleiben noch gewaltsam <strong>und</strong> darin fruchtlos versuchen, uns <strong>von</strong> ihm<br />
los<strong>zur</strong>eißen. Wichtig ist aber auch, dass wir findig sind <strong>und</strong> aus der Fülle der<br />
Möglichkeiten das herausgreifen, was uns weiterhilft, in der völligen Freiheit<br />
des Rechtes zu wählen <strong>und</strong> sich zu helfen. Und schließlich kommt es darauf an,<br />
dass bei dem allen unbeirrt als letztes großes Ziel die gereifte neutestamentliche<br />
Gotteserkenntnis vor uns steht.<br />
Hierbei wird nun bedeutsam, dass wir das Sehen als Organ der Ferne erkannt<br />
hatten. Alles, was uns <strong>von</strong> Gott begegnet, auch wenn es in unterchristlichen<br />
Vorstellungen geschieht, ist so gewaltig, dass dieses Sehen der gött lichen<br />
Wirklichkeit nur mit dem Sehen der kosmischen Unendlichkeiten verglichen<br />
werden kann. Wie unmessbar hoch das, was uns <strong>von</strong> Gott sichtbar wird, über<br />
uns steht, können wir nicht ergründen. Wir wissen aus der Astronomie, dass<br />
es Sternnebel gibt, die viele Millionen <strong>von</strong> Lichtjahren <strong>von</strong> uns entfernt sind,<br />
<strong>und</strong> dass das Licht der Sonne in etwa acht Minuten zu uns kommt. Jene Sterne<br />
<strong>und</strong> diese Sonne aber, beide sind uns sichtbar, beide erscheinen uns hoch<br />
am Himmel. So kommt Gottes unergründliches Geheimnis aus unendlichen<br />
Fernen zu uns <strong>und</strong> manches wohl auch aus verhältnismäßig größerer Nähe,<br />
immer aber so hoch wie vom Himmel. Das darf nicht vergessen werden, ja, es<br />
ist das begleitende Merkmal allen echten Erkennens <strong>und</strong> Sehens im Glauben,<br />
dass alles Gesehene nur als ein Einzelstrahl einer unermesslichen Lichtfülle<br />
<strong>von</strong> uns erspürt wird. Gott offenbart sich uns, aber je vollkommener er sich uns<br />
offenbart, umso unermesslicher wird uns das Geheimnis, das ihn umwebt <strong>und</strong><br />
das wir nur anbeten können.<br />
Kommen wir den Dingen näher, so kann das Problem des Sehens neue<br />
konkrete Gestalt gewinnen; denn man sieht ja Gott nicht nur aus allgemeinen<br />
Erfahrungen <strong>und</strong> Vorstellungen heraus, sondern man sieht ihn „in“ dem, was<br />
in der Bibel über ihn geschrieben steht. Auch mit dem leiblichen Auge können<br />
wir sehr verschieden sehen. Wir sehen die Gestalt des Menschen, der uns<br />
begegnet, <strong>und</strong> wir sehen die Buchstaben auf dem Blatt, das vor uns liegt. Die<br />
Gestalt sehen wir nur wirklich, wenn die einzelnen Züge sich zu lebendigem<br />
Bilde vereinen, das aus diesem hervorleuchtet, die Buchstaben nur, wenn sie
2. Die Einzelprobleme |70|<br />
87<br />
zu Worten, Sätzen <strong>und</strong> dem dahinterliegenden Sinn sich vereinigen. Immer<br />
ist Sehen eine Funktion, in der hinter dem, was der Blick wahrnimmt, ein<br />
Lebendiges erscheint, <strong>und</strong> erst darin vollendet sich das |69| Sehen. Zugleich<br />
ist es ein Unterschied, ob wir eine Gestalt oder eine Druckseite sehen <strong>und</strong><br />
erkennen. Wollen wir Gott sehen, wozu wir doch auf das gedruckte Buch angewiesen<br />
sind, das Bibel heißt, so kommt es darauf an, dass in dem Studium der<br />
Bibel sich das vereint, was in den beiden Bildern eben genannt wurde: Es muss<br />
uns nicht nur das gedruckte Blatt lebendig werden, wir müssen zugleich eine<br />
Gestalt dahinter sehen.<br />
In diesem Zusammenhang müssen wir uns hüten, kurzschlüssig zu folgern,<br />
dass ja Gott, der unsichtbar <strong>und</strong> Geist sei, in der Gestalt Jesu Christi uns<br />
sichtbar werde. In Bezug auf unser Bild ist vielmehr zu sagen, dass sowohl<br />
die Gestalt Gottes als auch die Gestalt Jesu Christi aus dem Buch der Bibel uns<br />
hervorleuchten müssen. Und wir müssen hinzufügen, dass auch aus der uns<br />
umgebenden Natur <strong>und</strong> der uns begegnenden Geschichte, auch aus Kirche <strong>und</strong><br />
Gemeinde uns im gleichen Sinne sowohl die Gestalt Gottes wie die Gestalt Jesu<br />
Christi vor das Auge der Seele treten müssen. Gott sehen ist nicht nur kosmisch<br />
weit <strong>und</strong> groß, es ist auch unendlich mannigfaltig <strong>und</strong> erwächst an der Fülle<br />
des Konkreten, das uns umgibt, uns zum Objekt des seelischen Auges werdend.<br />
[2.1.2.2 Hören]<br />
Neben dem Sehen steht das Hören. Bei dem Bilde <strong>von</strong> dem „alten Mann mit<br />
weißem Bart“ hätten wir sagen können, wir sehen <strong>von</strong> Gott nicht zu wenig, sondern<br />
in einem bedenklichen Sinne zu viel. So können wir hier sagen: Wir hören<br />
<strong>von</strong> Gott in der Regel nicht zu wenig, sondern in bedenklichem Sinne zu viel.<br />
Im Wort ist Seele. Und immer wieder hängen wir darin fest, dass wir zu sehr<br />
das Wort <strong>und</strong> zu wenig die Seele erfassen. Zumal alles Dogma <strong>und</strong> Bekenntnis<br />
in der Gefahr steht, dass wir mehr dessen Wort hören als den Klang seiner Seele<br />
vernehmen. Aber auch hier hilft uns das äußere Bild. Wir hören den Donner,<br />
der durch den Zusammenprall der Luftmassen entsteht <strong>und</strong> <strong>von</strong> weither zu uns<br />
dringt. Wir hören das Sirren der Mücke dicht an unserem Ohr. Beides ist nah<br />
<strong>und</strong> fern zugleich. Beides hören wir nur wirklich, wenn wir es in das Ganze des<br />
Verstehens einordnen <strong>und</strong> es in seiner Ganzheitswirkung erfassen. Imitierten<br />
Donner auf der Bühne hören wir ohne das Gefühl der Ehrfurcht vor einem<br />
grandiosen Geschehen, das uns im Erleben eines großartigen Gewitters erfüllt;<br />
<strong>und</strong> wenn wir so etwas <strong>von</strong> der Bühne her miterleben, so haben wir wirkliche<br />
Erlebnisse an die Darstellung assoziiert. Das Sirren der Mücke wird sehr<br />
verschieden empf<strong>und</strong>en <strong>von</strong> denen, die die Mücken plagen, <strong>und</strong> <strong>von</strong> denen,<br />
deren Blut sie nicht mögen. Wir hören sehr verschieden, wir hören im Sinne<br />
wirklichen „Hörens“ nur das, was mit dem Kern unseres Wesens in Berührung<br />
tritt. Das tiefste Hören ist das Hören |70| der menschlichen Stimme. In ihr tritt<br />
des Menschen Seele heraus, <strong>und</strong> wir wissen alle, dass wir nicht nur den Klang,<br />
auch nicht nur den Wohlklang, sondern eben die Seele des Menschen hören,<br />
wenn wir seine Stimme vernehmen.
Teil II<br />
Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube
Einleitung zu <strong>Haendler</strong>s Schrift<br />
„Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube“<br />
Kontext, Inhalt <strong>und</strong> Rezeption<br />
<strong>von</strong> <strong>Wilfried</strong> <strong>Engemann</strong><br />
1. Zum biographischen <strong>und</strong> literarischen Kontext<br />
Nachdem <strong>Haendler</strong> das Verhältnis des Glaubens zum Denken erörtert 1 <strong>und</strong> die<br />
Funktionen des Glaubens im Kontext verschiedener Erfahrungen <strong>von</strong> Angst<br />
dargestellt hat, 2 setzt er sich im Alter <strong>von</strong> 76 Jahren – er lehrt zu diesem Zeitpunkt<br />
immer noch an der Berliner Fakultät – mit den Spannungen <strong>und</strong> Wechselbeziehungen<br />
zwischen Glau ben <strong>und</strong> Unglauben selbst auseinander. Als Ergebnis<br />
einer jahrelangen Beschäftigung mit den damit verb<strong>und</strong>enen Fragen legt er<br />
ein theologisch anspruchsvolles Werk vor. Anders als der in drei Auflagen erschienene<br />
Bestseller Angst <strong>und</strong> Glaube ist diese Schrift nicht populärwissenschaftlich<br />
angelegt <strong>und</strong> wohl auch nicht <strong>zur</strong> Verbreitung in den Gemeinden<br />
bestimmt. <strong>Haendler</strong> wendet sich einmal mehr an die Theologenschaft seiner<br />
Zeit: Glauben wird als philosophisch, psychologisch, pädagogisch, soziologisch<br />
<strong>und</strong> natürlich auch als theologisch facettenreicher Stoff abgehandelt, wobei die<br />
Anthropologie die verbindende Reflexionsperspektive all dieser Zugänge ist.<br />
25 Jahre nach dem ersten Erscheinen seiner Homiletik 3 kommt nun vollends<br />
die Tragweite interdisziplinärer Diskurse in allen theologischen Fragen<br />
zum Vorschein, die das Menschsein des Menschen betreffen – <strong>und</strong> welche wären<br />
das nicht?! Gerade die Frage nach dem Wesen <strong>von</strong> Glauben <strong>und</strong> Unglauben<br />
bedarf aus <strong>Haendler</strong>s Sicht einer Auseinandersetzung mit Vorstellungen<br />
darüber, was es überhaupt heißt, sich Gott, den Menschen <strong>und</strong> der Welt zuzuwenden,<br />
etwas zu erwarten, Vertrauen zu empfinden <strong>und</strong> Visionen zu entwickeln,<br />
wobei seelische bzw. psychologische Aspekte eine starke Rolle spielen.<br />
Denn – so könnte man <strong>Haendler</strong>s Argumentationsgänge zuspitzen – Glaube<br />
gibt es nur als jemandes Glauben. 4<br />
1 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Denken <strong>und</strong> Glauben, Hamburg 1949.<br />
2 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Angst <strong>und</strong> Glaube, Berlin 1952, 3 1954, in: OHPTh 3, Leipzig 2019,<br />
213–262.<br />
3 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Die Predigt. Tiefenpsychologische Gr<strong>und</strong>lagen <strong>und</strong> Gr<strong>und</strong>fragen,<br />
Berlin 1941, 3 1960, in: OHPTh 2, Leipzig 2017, 269–632.<br />
4 Zur Entfaltung dieser anthropologischen Prämisse vgl. <strong>Wilfried</strong> <strong>Engemann</strong>: Als Mensch
124 Teil II – Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube<br />
<strong>Haendler</strong> hat das Thema Glauben – hier bewusst in der Verbform benannt – durch<br />
seine gesamte Vortrags- <strong>und</strong> Publikationstätigkeit hindurch kontinuierlich aufgegriffen,<br />
wobei nicht nur seine <strong>Theologie</strong>, sondern auch die Art seiner Argumentation<br />
eine beachtliche Entwicklung durchlaufen hat. Um (über die oben<br />
schon genannten Monographien, in denen „Glaube“ jeweils im Titel erscheint,<br />
hinaus) nur zwei weitere Wegmarken dieses Prozesses schlaglichtartig zu benennen,<br />
sei exemplarisch auf folgende Texte verwiesen:<br />
In seiner Vortragsreihe Glaube (ca. 1930) 5 unterscheidet <strong>Haendler</strong> noch<br />
klar „zwischen solchen Menschen, die Glauben haben, <strong>und</strong> solchen, die ihn<br />
nicht haben“ 6 – eine Auffassung, die er nun revidiert <strong>und</strong> deren Korrektur<br />
er mit all ihren Prämissen <strong>und</strong> Konsequenzen erläutert. Andererseits sieht<br />
<strong>Haendler</strong> schon damals – angesichts der drohenden „Selbstvergottung“<br />
eines ganzen Volkes in der Zeit des Nationalsozialismus – im Glauben einen<br />
Modus der „Wandlung“ im Sinne der Hinwendung zu einem selbständig verantworteten<br />
Leben in Freiheit. Und ebenfalls bereits in dieser Vortragsreihe<br />
verknüpft <strong>Haendler</strong> die Frage nach Glauben <strong>und</strong> Unglauben mit der Analyse<br />
menschlicher Haltungen wie etwa der des „Spießers“, des „Genießers“ oder<br />
des „Fanatikers“. 7<br />
In seinem leidenschaftlich appellierenden Manifest Glaubenskrise <strong>und</strong><br />
Strukturwandel 8 (1958) fordert <strong>Haendler</strong> <strong>von</strong> der Theologenschaft seiner Zeit<br />
eine entschlossenere Wahrnehmung der in der Nachkriegszeit hervortretenden<br />
religiösen <strong>und</strong> gesellschaftlichen Veränderungen <strong>und</strong> des mit ihnen einhergehenden<br />
Bewusstseinswandels. Er ruft dazu auf, bestehende Klischees über<br />
den als notorisch ungläubig <strong>und</strong> egozentrisch wahrgenommenen, religiösen<br />
Erfahrungen gegenüber angeblich abgestumpften Zeitgenossen aufzugeben<br />
<strong>und</strong> „immanentes Denken“, „Autonomie“ <strong>und</strong> „Realismus“ nicht als Affront des<br />
Menschen gegen das Erlösungshandeln Gottes zu diskreditieren. Gerade durch<br />
die Einübung in eine autonome Haltung könne ein Mensch seiner Auffassung<br />
nach versuchen, „sich selbst treu [zu] bleiben, das Leben ernst [zu] nehmen<br />
<strong>und</strong> ihm gerecht [zu] werden mit dem, was er ist <strong>und</strong> kann, mit dem, was er<br />
erkannt hat <strong>und</strong> zu verwirklichen sich verpflichtet fühlt“ 9 .<br />
zum Vorschein kommen. Anthropologische Implikationen religiöser Praxis, in: <strong>Wilfried</strong><br />
<strong>Engemann</strong> (Hg.): Glaubenskultur <strong>und</strong> Lebenskunst. Interdisziplinäre Herausforderungen<br />
zeitgenössischer <strong>Theologie</strong> (= WJTh, Bd. 10), Göttingen/Wien: Vandenhoeck &<br />
Ruprecht Unipress, 2014, 27–50.<br />
5 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Vortragsreihe Glaube (um 1930), Erstveröffentlichung in: OHPTh 1,<br />
Leipzig 2015, 577–599.<br />
6 A. a. O., 580.<br />
7 A. a. O., 577 f.<br />
8 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Glaubenskrise <strong>und</strong> Strukturwandel [1958], in: OHPTh 3, Leipzig<br />
2019, 405–415.<br />
9 A. a. O., 408.
Einleitung des Herausgebers<br />
125<br />
Im Gesamtwerk <strong>von</strong> <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong> ist dieses Buch die wohl wichtigste religionspsychologische<br />
Schrift. Sie nimmt „Glauben“ nicht nur als Wesenszug des Christentums<br />
theologisch in den Blick, sondern analysiert Glauben bzw. Unglauben darüber<br />
hinaus phänomenologisch als Form menschlichen bzw. religiösen Verhaltens.<br />
Dabei kommen Kategorien wie „Faszination“, „Entsetzen“ <strong>und</strong> „Selbstwertgefühl“<br />
zum Tragen; Fähigkeiten wie genießen zu können, sich in Frage zu stellen, Unbekanntem<br />
gegenüber aufgeschlossen zu sein werden religionspsychologisch <strong>kommentiert</strong>.<br />
– Damit sind wir bei der Frage nach Inhalt <strong>und</strong> Struktur dieses Werkes.<br />
2. Inhalt <strong>und</strong> Struktur<br />
<strong>Haendler</strong> gliedert die Schrift in vier große Kapitel:<br />
Das erste Kapitel („Die Situation“) ist im Gr<strong>und</strong>e eine religionskritische<br />
Annäherung an das Thema, indem vor dem Hintergr<strong>und</strong> soziokultureller Veränderungen<br />
die Frage nach der gegenseitigen Toleranz verschiedener Weltanschauungen<br />
in den Raum gestellt wird. Das Christentum wird nach seiner<br />
Verantwortung gegenüber Kirche <strong>und</strong> Gesellschaft befragt. Seine Antwort solle<br />
aber nicht nur zu einer internen christlichen Dogmatik passen, sondern müsse<br />
auch dem heutigen Menschen gerecht werden <strong>und</strong> ihm verständlich sein, was<br />
ohne ernsthaften Dialog mit Andersdenkenden <strong>und</strong> ohne aufrichtige Selbstkritik<br />
nicht mög lich sei. <strong>Haendler</strong> folgert aus der prinzipiell wünschenswerten<br />
„Weltzugewandtheit des Christentums“ ein „Offensein für Moderne <strong>und</strong> Nachmoderne,<br />
im geistigen Bereich ebenso wie in dem der naturwissenschaftlichen<br />
<strong>und</strong> vor allem technischen Neueroberungen“ 10 . Menschen dürfen nicht vor die<br />
Alternative gestellt werden, so könnte man diesen Teil des Buches zusammenfassen,<br />
entweder zu glauben <strong>und</strong> sich der Kirche zuzuwenden oder sich als aufgeklärter<br />
Zeitgenosse zu verstehen <strong>und</strong> die christliche Tradition gegen sich zu<br />
ha ben. Menschen erfahren ihren Glauben auf vielfältigere Weise, die über ein<br />
solch binäres Denken <strong>und</strong> entsprechende Zuordnungsversuche weit hinausgeht.<br />
In diesem Zusammenhang versucht <strong>Haendler</strong>, spezifische, mit „Glauben“,<br />
„Gläubigkeit“ <strong>und</strong> „Unglauben“ 11 verb<strong>und</strong>ene Einstellungs- <strong>und</strong> Verhaltensmerkmale<br />
zu charakterisieren, um auf notwendige Spannungen in der Glaubenserkenntnis<br />
selbst, auf die legitime Suche nach einer dem Gewissen folgenden<br />
religiösen Haltung, auf das Recht des Realismus u. a. m. aufmerksam zu<br />
machen. Ein Ergebnis dieser Analyse ist ein komplexes Gesamtporträt <strong>von</strong> Erscheinungsformen,<br />
die häufig als „Unglauben“ gelten, aber zum Teil auch anthropologische<br />
Notwendigkeiten implizieren (u. a. Faszinationsfähigkeit, wissenschaftliche<br />
Unbestechlichkeit, Unhintergehbarkeit des eigenen Gewissens<br />
usw.) <strong>und</strong> daher als „mögliche, subjektiv echte Haltung“ 12 anzuerkennen sind.<br />
10 <strong>Otto</strong> <strong>Haendler</strong>: Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube, Göttingen 1966, in diesem <strong>Band</strong><br />
S. 147.<br />
11 Vgl. A. a. O., 151.<br />
12 A. a. O., 161.
126 Teil II – Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube<br />
Im zweiten Kapitel („Der Mensch. Geflecht der Motive <strong>und</strong> Vielfalt der Voraussetzungen“)<br />
werden zentrale, mit der Existenz <strong>und</strong> der Person eines Menschen<br />
verb<strong>und</strong>ene Motive, Gr<strong>und</strong>impulse <strong>und</strong> Einstellungen charakterologisch <strong>und</strong><br />
tiefenpsychologisch dargestellt <strong>und</strong> vertieft. Der Mensch, seine Voraussetzungen<br />
<strong>und</strong> Beweggründe, sich Glauben anzueignen, stehen im Fluchtpunkt der<br />
Betrachtungen. Neben anthropologischen Gr<strong>und</strong>impulsen wie dem „Lebenswillen“,<br />
dem „Gestaltungswillen“, „Mut <strong>und</strong> Angst“ kommen solche Motive<br />
<strong>zur</strong> Spra che, die stärker personbedingt sind wie das „Selbstwertgefühl“, der<br />
„Le bens an spruch“ sowie der „Recht schaffenheits-“ <strong>und</strong> der „Wahrheitswille“.<br />
Aufgr<strong>und</strong> seiner professionellen psychoanalytischen Ausbildung <strong>und</strong> seiner<br />
jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Wirkungsgeflecht <strong>von</strong> persönlich gelebter<br />
Religion, Glauben <strong>und</strong> Lebensgefühl gelingt es <strong>Haendler</strong>, wichtige Faktoren<br />
der Aneignung <strong>und</strong> der Veränderung des Glaubens zu verifizieren <strong>und</strong> an<br />
konkreten Beispielen zu verdeutlichen.<br />
Der wichtigste Ertrag der dabei nach <strong>und</strong> nach bereitgestellten Reflexionsperspektiven<br />
ist m. E. darin zu sehen, für das Thema „Glauben“ <strong>und</strong> „Unglauben“<br />
– bislang erschlossen weitgehend nur durch dogmatische Kategorien <strong>und</strong><br />
Koordinaten – eine neue Landkarte zu entwerfen, in der Biographien, positive<br />
<strong>und</strong> negative Erfahrungen, gewonnen aus jeglichen Beziehungen (zumal aus<br />
denen der Kindheit), eine wichtige Rolle spielen. Dies führt in vielen Fragen<br />
bezüglich eines Lebens aus Glauben zu neuen Einschätzungen. Um hierfür nur<br />
ein Beispiel anzuführen: „Die traditionelle kirchliche Neigung <strong>zur</strong> Identifizierung<br />
des ges<strong>und</strong>en <strong>und</strong> beglückenden Selbstgefühls mit dem ‚bösen Willen‘<br />
oder dem ‚Eigenwillen‘, der ‚gebrochen‘ werden muss, wirkt noch heute verhängnisvoll<br />
nach. Man übersieht dabei, dass das Selbstwertgefühl nicht nur<br />
beglückend, sondern immer zugleich bedroht ist, nicht nur befreiend wirkt,<br />
sondern immer zugleich verpflichtend ist. Seine Freigabe macht bei sinnvoller<br />
Führung seine Grenzen bewusst.“ 13<br />
Das dritte Kapitel („Profil des Glaubens“) verknüpft zentrale theologische <strong>und</strong><br />
religiöse Aussagen über den Glauben sowie Erfahrungen im bzw. aus Glauben<br />
mit der psychologischen Kehrseite dieser Erfahrungen. Dabei kommen verschiedene<br />
Dynamiken eines Lebens aus Glauben in den Blick, die bald <strong>von</strong> der<br />
Tradition, bald durch die Erfahrung einer Bekehrung bestimmt sein können, die<br />
aber auch als Indikator eines emanzipatorischen Prozesses in Betracht kommen.<br />
In diesem Zusammenhang ist <strong>Haendler</strong>s Kritik an anthropologisch verkürzten,<br />
klischeehaften dogmatischen Aussagen über den christlichen Glauben<br />
besonders ausführlich <strong>und</strong> scharf. Sie führt ihn zu einer Neubewertung<br />
unter anderem <strong>von</strong> Bekehrungserfahrungen <strong>und</strong> Traditionstreue: Sie können<br />
das Führen eines eigenen Lebens aus einem angeeigneten Glauben heraus erleichtern,<br />
aber auch erschweren. Distanzierung <strong>zur</strong> Tradition werde viel zu<br />
rasch als „Abfall <strong>von</strong> Gott gesehen – ohne Gespür für die Tatsache, wie viel<br />
13 A. a. O., 177.
Einleitung des Herausgebers<br />
127<br />
ernstes Suchen nach Gott in der Welt ist <strong>und</strong> wie nahe Gott in […] neuen Formen<br />
befreiend erfahren werden kann“ 14 , <strong>von</strong> ekklesiogenen Neurosen, die<br />
durch Bekehrungen ausgelöst bzw. vertieft werden können, ganz zu schweigen:<br />
„Im Ganzen ist Bekehrung als Dynamik des Glaubens Wirkstoff <strong>und</strong> Explosionsgefahr<br />
zugleich. Bekehrung mit Eifer <strong>und</strong> Enge verb<strong>und</strong>en ist in der<br />
Regel nicht mehr gesprächsfähig. Betonter Eifer kann unbewusste Tendenz der<br />
Sicherung gegen unbewältigte Gegenströmungen im Untergr<strong>und</strong> der eigenen<br />
Existenz sein. Auch besonderer Eifer in Riten, Häufung <strong>von</strong> Reden aus bekehrter<br />
Haltung heraus, Zwangshaltung in der Richtung auf Beichtspiegel <strong>und</strong> Verwandtes<br />
kann unbewusste Tendenz <strong>zur</strong> Sicherung sein.“ 15<br />
Im vierten Kapitel schließlich („Wege zum Glauben zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube“)<br />
entwirft <strong>Haendler</strong> ein facettenreiches Bild <strong>von</strong> Formen der Aneignung<br />
des Glaubens (unter anderem durch Symbole“ <strong>und</strong> durch „Meditation“), die den<br />
Menschen gleichwohl als lebenslang Suchenden zeigen. „Zum Glauben kommt<br />
man nicht durch Zustimmung zu ‚Behauptungen‘, sondern durch eine Haltung,<br />
die Erfahrungen ermöglicht.“ 16 Mit Ausführungen zu der mit dem Glauben<br />
verb<strong>und</strong>enen Haltung des „Transzendierens“, <strong>zur</strong> Gr<strong>und</strong>erfahrung <strong>von</strong> Geborgenheit<br />
(„Urgeborgenheit“) <strong>und</strong> <strong>zur</strong> (Selbst)verpflichtung auf ein bestimmtes<br />
Ethos ruft <strong>Haendler</strong> die Theologenschaft dazu auf, der in der Öffentlichkeit<br />
verbreiteten Auffassung entgegenzutreten, das Markante am Christenglauben<br />
bestehe vor allem darin, dass er „unmögliche Forderungen stelle“ 17 .<br />
Dass dies vor theologisch-hermeneutische Herausforderungen stellt, macht<br />
<strong>Haendler</strong> an der christlichen Semantik <strong>und</strong> den Ambivalenzen <strong>von</strong> Symbolbegriffen<br />
wie „Gott, der Herr“, „Gott, der Vater“ <strong>und</strong> an der Gestalt sowie dem<br />
„Kreuz Jesu Christi“ deutlich. „Vom irdischen Vatererlebnis her haben wir einerseits<br />
unmittelbar den Sinn für die Intimität des Vaterverhältnisses. [...] Andererseits<br />
übertragen sich hier die negativen Projektionen umso inten siver:<br />
Der leibliche Vater war unnahbar, <strong>und</strong> man stellt sich Gott unbewusst als fern<br />
thronenden Pascha vor. Der leibliche Vater war weich, <strong>und</strong> man stellt sich Gott<br />
als nachgiebig vor (Großvaterprojektion). Der leibliche Vater war gesetzlichmoralistisch,<br />
<strong>und</strong> der ganze Christenglaube bleibt enger <strong>und</strong> säuerlicher<br />
Moralismus. Der leibliche Vater vernachlässigte seine Kinder zugunsten anderer<br />
Interessen, <strong>und</strong> man lebt als Christ, der zum Vater im Himmel betet, mit<br />
seinem Lebensgr<strong>und</strong>gefühl in einer vaterlosen, verlassenen Welt.“ 18<br />
<strong>Haendler</strong> beschließt seine Erörterungen über die eine Welt, in der sich<br />
Menschen als Glaubende <strong>und</strong> Ungläubige erfahren, mit einer Art Thesenpapier<br />
<strong>zur</strong> Funktion <strong>von</strong> Gebet <strong>und</strong> Meditation.<br />
14 A. a. O., 186.<br />
15 A. a. O., 190.<br />
16 A. a. O., 193.<br />
17 A. a. O., 197.<br />
18 A. a. O., 207.
Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube<br />
1966
Erstes Kapitel: Die Situation<br />
A. Die Forderung der Situation<br />
1. Standort, Aufgabe, Haltung<br />
|5| Glaube <strong>und</strong> Unglaube werden leicht nur als Fronten gesehen, die miteinander<br />
um die Gegenwart <strong>und</strong> um die Zukunft ringen <strong>und</strong> deren Kampf den<br />
Fortgang der Geschichte wesentlich mitbestimmen wird. Diese Schau hat ihr<br />
weitgehendes Recht. In der Regel kann auch weder der Glaubende noch der<br />
Ungläubige neben seiner persönlichen Haltung <strong>von</strong> dieser Frontenbildung absehen,<br />
<strong>und</strong> er kann auch nicht eine Stellungnahme vermeiden, mit der er sich<br />
entweder <strong>zur</strong> einen oder <strong>zur</strong> anderen Gruppe rechnet.<br />
Glaube <strong>und</strong> Unglaube sind aber nur äußerlich gesehen „Fronten“. In ihrem<br />
eigentlichen Wesen sind sie Kraftfelder in arbeitender Spannung. Es kann<br />
keinen Glaubenden geben, der nicht neben sich den Unglauben wüsste, <strong>und</strong><br />
keinen Ungläubigen, der nicht neben sich den Glauben wüsste. Auch wer diese<br />
Wahrheit aus seinem Bewusstsein möglichst verbannen wollte, lebt sie doch<br />
unbewusst <strong>und</strong> kann ihr auf keine Weise entfliehen.<br />
Er kann es deshalb nicht, weil der Gegenspieler nicht nur ihm gegenüber,<br />
sondern auch in ihm ist. „In jeder Gewissheit (erg.: des Glaubens an Christus)<br />
sitzt Antichrist mitten darin; er ist nämlich immer im Spiel“, sagt Père Nikon in<br />
der „St<strong>und</strong>entrommel“ 1 . „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“, ruft dem Christus<br />
der Mann zu, der mit ganzer Seele <strong>von</strong> ihm die Heilung seines geplagten<br />
Sohnes erwartet (vgl. Mk 9,24). Das sind zwei Belege aus unbezweifelt gläubiger<br />
Umgebung: Père Nikon ist Mönch |6| auf dem Athos, <strong>und</strong> der Mann im<br />
Evangelium ist gläubiger Israelit. Es ist demnach so, dass Glaube <strong>und</strong> Unglaube<br />
in jedem Menschen ihren Keimbereich haben. Je ehrlicher <strong>und</strong> hingebender<br />
der Glaubende seinen Glauben lebt, umso mehr weiß er das, ja umso mehr erfährt<br />
er das. Die Versuchungen der Heiligen, die in der katholischen Frömmigkeit<br />
eine praktisch bedeutsame Rolle der Situationserkenntnis spielen, sind<br />
ein beredtes Zeugnis dafür. Je ehrlicher <strong>und</strong> intensiver der Ungläubige seinen<br />
Unglauben lebt, umso eher ist er bereit, die Keime <strong>zur</strong> Frömmigkeit in sich zu<br />
1 Erhart Kästner: Die St<strong>und</strong>entrommel vom heiligen Berg Athos, Wiesbaden 1956, 156.
138 |7|<br />
Teil II – Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube<br />
finden <strong>und</strong> sich redlich mit ihnen auseinanderzusetzen, auch wenn er sie als<br />
Restbestände einer vergangenen Epoche wertet.<br />
Das „Zwischen“ zieht sich durch das ganze Leben jedes Menschen, der sich<br />
mit offenen Augen <strong>und</strong> freiem Herzen der Wirklichkeit in ihrer Breite <strong>und</strong> Tiefe<br />
stellt. Es ist Ausdruck der Totalität der Existenz <strong>und</strong> der Wirklichkeit unseres<br />
Seins. Man hat nur die Wahl, ob man ohne eigenen Standort fruchtlos zwischen<br />
den Kraftfeldern sein oder die mit ihnen gegebene Lebensaufgabe erfüllen will.<br />
Das bedeutet dann, den eigenen Standort so zu gründen <strong>und</strong> zu festigen, dass<br />
alle wesentlichen Kraftfelder vom eigenen Personsein aufgenommen <strong>und</strong> ihrer<br />
Art entsprechend in die geprägte Existenz eingearbeitet werden: gefestigt sowie<br />
gestaltungs-, reifungs- <strong>und</strong> wandlungsbereit in einem, <strong>und</strong> dies das Leben<br />
hindurch.<br />
Die Möglichkeit einer Analyse der gegenwärtigen Situation ist im Prinzip<br />
<strong>von</strong> jedem Standort aus gegeben, wenn die Bereitschaft besteht, andere Auffassungen<br />
vorurteilslos zu werten. Der Christusglaube ist ein Standort mit<br />
Absolutheitswerten <strong>und</strong> Unbedingtheitsanspruch. Er wird deshalb oft als verständnislos<br />
<strong>und</strong> <strong>und</strong>uldsam verdächtigt. Wo er sich wirklich mit diesen Engen<br />
verbindet, liegt das jedoch nicht an ihm, sondern an dem jeweiligen Vertreter, es<br />
sei ein Einzelner oder eine Kirche. Die Möglichkeit |7| vollen Verstehens <strong>und</strong><br />
vollen Geltenlassens anderer Überzeugungen ist zudem wesenhaft im Christentum<br />
verankert durch die Pflicht der Wahrheit <strong>und</strong> der Liebe. Dieser Satz<br />
widerstreitet nicht der Verkündigungsaufgabe <strong>und</strong> der Tendenz, andere <strong>von</strong> der<br />
Wahrheit des Christenglaubens zu überzeugen. Er nennt vielmehr den Anlass,<br />
auf den Andersdenkenden gerade mit dem ganzen Ernst einer personalen Hingabe<br />
einzugehen. Damit ist unmittelbar die Pflicht verb<strong>und</strong>en, die Situation einer<br />
Zeit <strong>und</strong> jedes Menschen zu verstehen, sowie die Aufgabe, Möglichkeiten zu<br />
erkennen <strong>und</strong> Wege zu bahnen. Mit gleichem Gewicht ist die Freiheit der Entscheidung<br />
jedes Einzelnen zu werten <strong>und</strong> zu achten. Und mit beiden Aufgaben<br />
verbindet sich die Pflicht <strong>zur</strong> Selbstkritik des Einzelnen, der jeweiligen Kirche,<br />
der Christenheit als Ganzer. Christenglaube als Kraft in den Kraftfeldern der<br />
Gegenwart ist nur auf diese Weise voll gewürdigt <strong>und</strong> voll auswertbar.<br />
Der vorliegende Entwurf geht vom Christenglauben aus. Gerade um dieser Eindeutigkeit<br />
willen ist er nicht polemisch. Denn wer polemisch vorgeht, verkürzt<br />
die Schau des anderen <strong>und</strong> meist auch seinen eigenen Standort. Er versteht<br />
sehr bald nicht die redlichen Motive des anderen, er hört nicht die Herztöne,<br />
er erspürt nicht die Herzensanliegen, er simplifiziert, <strong>und</strong> es bleibt ihm, mindestens<br />
streckenweise, verborgen, um welche zarten <strong>und</strong> hohen Werte es geht.<br />
Er übersieht vor allem leicht, dass des anderen Herz genauso brennend <strong>und</strong><br />
hingebend für seine Sache sich einsetzen <strong>und</strong> an ihr hängen kann wie sein<br />
eigenes an der seinen.<br />
Man kann demgegenüber an sich selbst die Erfahrung machen, dass gerade<br />
die Absicht zu verstehen den schärfsten Blick für Unterschiede gibt, weil sie<br />
spürt <strong>und</strong> ständig dessen bewusst ist, dass Verwischen <strong>von</strong> Unterschieden die
Erstes Kapitel: Die Situation |8| 139<br />
Gemeinschaft nicht fördert, sondern trübt oder hindert. |8| Wenn Erkennen <strong>und</strong><br />
Werten der Verschiedenheiten bleibendes Motiv ist, wird man gerade durch diese<br />
Unbedingtheit nicht selten auf Erkennen <strong>von</strong> Gemeinsamkeiten geführt, die<br />
man vorher nicht ahnte <strong>und</strong> die auch die eigene Position vertiefen <strong>und</strong> festigen.<br />
Ein wesentliches Moment ist dabei innerhalb der Mannigfaltigkeit der<br />
Kraftströme <strong>und</strong> der Vielfalt der nuancierten Überzeugungen die verschiedene<br />
Tiefe <strong>und</strong> Dynamik der jeweiligen Überzeugung. Tiefe ist das Maß der Nähe<br />
zu den Gründen – das Gewicht, mit dem das Leben aus dem Wesentlichen gelebt<br />
wird im Gegensatz zu einem Leben aus der Oberfläche. Dynamik ist die<br />
Spannkraft, mit der das Leben wahrhaft „gelebt“ wird, mit der Spannungen<br />
ertragen, Ziele durchgeführt, Werte gegen Unwerte durchgesetzt werden. Tiefe<br />
<strong>und</strong> Dynamik haben unmittelbare Bedeutung für die Gestaltung des Lebens,<br />
weil Glaube <strong>und</strong> Unglaube die entscheidend formenden Mächte im Menschen<br />
sind. Innerhalb der gleichen Überzeugung gibt es da mannigfache Grade der<br />
Haltung <strong>und</strong> des Wertes. Fruchtbarer Einblick in das Wesen <strong>und</strong> die Gestaltungen<br />
der Situation kann nur dann erwartet werden, wenn dem Andersdenkenden<br />
ebenso, wie man das für die eigene Haltung in Anspruch nimmt, Möglichkeit<br />
der Tiefe <strong>und</strong> der Dynamik ohne einengende Animosität gr<strong>und</strong>sätzlich<br />
zugestanden wird. Das ist freilich nicht nur eine sachliche Aufgabe, sondern<br />
auch eine sittliche Forderung, weil jede Überzeugung dazu neigt, gegen andere<br />
Überzeugungen ungerecht zu sein <strong>und</strong> Kurzschlüsse zu vollziehen. Sorge aber<br />
vor der Übermacht fremder Elemente ist entweder Mangel an Vertrauen in die<br />
eigene Überzeugung oder Mangel an Tiefe <strong>und</strong> letztmöglicher Durchdringung<br />
des Eigenen. Sie sollte, wo man sie an sich spürt, immer zu der selbstkritischen<br />
Frage führen, inwieweit man im eigenen Glauben in Freiheit gefestigt<br />
oder nur unfrei geb<strong>und</strong>en ist. Auch ehrlicher Glaube kann unfrei |9| <strong>und</strong> starr<br />
sein. Den Griechen ein Grieche <strong>und</strong> den Juden ein Jude zu werden ist immer<br />
ein wagendes Unterfangen, die prinzipielle Erkenntnis der Richtigkeit dieser<br />
Pflicht geht uns leichter ein als ihre Durchführung gegenüber Elementen, die<br />
wir ernsthaft als fremd oder als gefährlich erkennen (oder sie dafür halten!).<br />
2. Der Schritt ins Unbekannte<br />
Schon die ernsthafte Durcharbeitung der eigenen Position ist nur möglich mit<br />
dem Wagnis, nötigenfalls Schritte ins Unbekannte zu vollziehen. Erst recht gilt<br />
das <strong>von</strong> der verantwortlichen Ergründung der Gesamtsituation. Das kann innerhalb<br />
einer gefestigten Position <strong>und</strong> auch in den strengen Grenzen eines<br />
einseitigen Prinzips geschehen ohne Aufgabe des Eigenen, ja sogar zu bestem<br />
Verstehen des Gegenübers führen. So kann z. B. [der evangelische Theologe]<br />
Hans Hermann Walz [1914–1998] Karl Barth nicht nur zugestehen, dass er in<br />
<strong>Band</strong> III seiner Kirchlichen Dogmatik 2 eine „brillante“ Darstellung der Lehre<br />
2 Anm. d. Hg.: Vgl. Karl Barth: Kirchliche Dogmatik III/3. Die Lehre <strong>von</strong> der Schöpfung,
140 |10|<br />
Teil II – Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube<br />
Sartres vom Nichts gibt, sondern sogar hinzufügen, dass Barth, wo er Sartre<br />
verteidigt, besonders gegen die, die mit ihm fertig zu sein glauben, ihn mit<br />
einer Klarheit verteidige, die Sartre selbst übertreffe. 3<br />
Der Schritt ins Unbekannte ist aber darüber hinaus immer ein existentielles<br />
Wagnis. Man weiß nicht <strong>von</strong> ihm, wenn man nur vermeintlich richtige<br />
Gedanken gegen vermeintlich falsche Gedanken ins Feld führt. Man weiß erst<br />
<strong>von</strong> ihm, wenn man <strong>von</strong> der Aussage des anderen betroffen ist. Wer sich diesen<br />
existentiellen Angriffen aussetzt, verzichtet auf die Friedlichkeit im Gehege,<br />
aber er findet dafür durch die erhöhten Spannungen der Freiheit hindurch die<br />
Lebendigkeit, die alles Existenzielle vor dem Eintrocknen bewahrt. Er bleibt<br />
jung <strong>und</strong> gegenwärtig, er lebt im Heute der Geschichte mit dem Lebendigen<br />
der Vergangenheit <strong>und</strong> mit der Verheißung der Zukunft. Die bleibende echte<br />
Begegnung der dynamischen Mitte des |10| anderen <strong>und</strong> der eigenen Person,<br />
beider mit ihrem positiven Anliegen, ist die Urkraft der Lebensführung <strong>und</strong><br />
der Lebensfindung. Tiefe ist nicht nur Kraft der Zuwendung, sondern Erspüren<br />
des Herzschlages.<br />
Das führt <strong>von</strong> der Sicht der „Fronten“, unbeschadet ihres Teilrechtes, <strong>zur</strong><br />
Verwirklichung der „Gemeinschaft“, unbeschadet der Verschiedenheiten. Es<br />
gibt Gemeinschaft zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube über das Humane, „das uns<br />
alle verbindet“, hinaus, wirklich Gemeinschaft vor den letzten Fragen. Und es<br />
ist ein zentrales Anliegen für alle, dass diese Gemeinschaft verwirklicht wird.<br />
Wenn jemand überzeugt sagt „Ich glaube an Gott“ – <strong>und</strong> der andere ebenso<br />
ernst <strong>und</strong> tief, weil er nicht glauben kann, „Ich glaube nicht“, so ist Gemeinsamkeit<br />
da, soweit beide ernsthaft zu ihrer Überzeugung gekommen sind, für sie<br />
einstehen <strong>und</strong> bereit sind zum Verstehen. Wir müssen beim Verstehen immer<br />
den Weg zu den Antworten hinzunehmen, auf dem jemand zu seiner Überzeugung<br />
gekommen ist, <strong>und</strong> den Ausgangsstandort. Denn wir leben de facto nicht<br />
<strong>von</strong> unseren Antworten, sondern <strong>von</strong> der ganzen lebendigen Reihe der Schichtungen,<br />
die hinter diesen liegen. Wir leben auch im Heute immer unsere ganze<br />
Vergangenheit mit. So sind Christen verschieden, weil die Glaubensaussage, in<br />
der sie gleich oder fast gleich sind, die persönlich verschiedenen Untertöne <strong>und</strong><br />
Vibrationen hat. So sind entsprechend die Aussagen des Unglaubens verschieden.<br />
So stehen alle auch in diesem Sinne „zwischen“ Glaube <strong>und</strong> Unglaube, <strong>und</strong><br />
nur bei den Versteiften fehlt die Möglichkeit des Erspürens des Verwandten.<br />
Zürich 2 1961, 309–315.<br />
3 Anm. d. Hg.: Die Literaturangaben bei <strong>Haendler</strong> sind falsch. Das Zitat findet sich bei:<br />
Hans Hermann Walz: Jean-Paul Sartre, in: Die neue Furche, 6. Jg., 1952, 403–407,<br />
405. Hans Hermann Walz war v. a. in der Bildungsarbeit der Evangelischen Kirche<br />
<strong>und</strong> in der Ökumene aktiv. Die Deutsche Nationalbibliothek weist auf folgende Funktionen<br />
hin: „Evangelischer Theologe; nach 1945 Sekretär der Studiengemeinschaft<br />
der Evangelischen Akademien in Deutschland, Bad Boll; 1949–1955 Sekretär für<br />
Laienarbeit des ÖRK; 1955–1981 Generalsekretär des DEKT, seit 1987 Mitglied des<br />
Präsidiums des DEKT“ (s. https://portal.dnb.de/).
Erstes Kapitel: Die Situation |12| 141<br />
Je mehr wir diese Erkenntnis verwirklichen, umso mehr dämmen wir auch<br />
die Gefahr der Dogmatisierung der Kirche <strong>und</strong> ihrer Verkündigung ein. Diese<br />
Dogmatisierung ist eine der Außenschranken, die viele im Voraus <strong>zur</strong> Abkehr<br />
bewegen, weil sie schon <strong>von</strong> da aus nicht mehr |11| die Möglichkeit haben, die<br />
Lebendigkeit der Glaubensaussagen zu erspüren.<br />
Entscheidend ist aber für den Schritt ins Unbekannte nicht die Begegnung<br />
mit dem Gegenüber, d. h. mit dem Menschen, der immer auf gleicher Ebene<br />
wie man selbst lebt, sondern das Wagnis der Erfahrung Gottes. Das Wort Hiobs,<br />
„Gott ist groß – <strong>und</strong> unbekannt“ 4 , hat neue Aktualität gewonnen dadurch,<br />
dass dem heutigen Menschen die überlieferte Form christlicher Verkündigung<br />
weithin nicht mehr zugänglich ist. Das gleiche Wort ist aber auch für den, der<br />
darin keine Schwierigkeiten hat, neu schicksalhaft, weil wir die Antworten<br />
der Heiligen Schrift auf die Rätsel des Lebens, auf das Grauen der Geschehnisse<br />
erst dann zu erfassen vermögen, wenn sie uns anfassen. Das vertraute<br />
Gottesbild hält vor den Schrecknissen nicht mehr stand. Die Einwände sind<br />
dem Anschein nach ganz primitiv <strong>und</strong> haben doch ozeanischen Tiefgang. Wir<br />
sind heute alle in der Situation Jakobs, der durch eine Furt in ein neues Land<br />
geht, <strong>und</strong> während er seinem sehr menschlichen Bruder Esau begegnen will<br />
<strong>und</strong> ganz darauf vorbereitet ist, ganz darauf alles eingerichtet hat, tritt ihm<br />
unmittelbar nach der Furt, gleich am anderen Ufer, nicht Esau entgegen, sondern<br />
ein Gott, der Züge des Dämons mit Zügen des wirklichen Gottes zugleich<br />
zu haben scheint. 5<br />
Dürrenmatts „Der Tunnel“ 6 ist ein typisches Beispiel für den heutigen,<br />
dem Christentum entfremdeten Menschen, den man nehmen muss, wie Barth<br />
Sartre verteidigt: Ob uns vielleicht Werte in diesem Gegenüber begegnen, die<br />
wir nicht übersehen dürfen, ob er uns vielleicht Fragen stellt, die wir nicht<br />
überhören dürfen? Der 23-jährige Student, der sich mit Brille <strong>und</strong> anderem<br />
gegen die Angriffe der Wirklichkeit abschirmt, besteigt den fahrplanmäßigen<br />
Zug nach Zürich, ganz alltäglich, kommt in den Tunnel wie an jedem Tage,<br />
<strong>und</strong> erkennt allmählich, sehr allmählich, |12| dass der Tunnel nicht endet,<br />
dass die Strecke sich senkt, die Senkung immer steiler wird <strong>und</strong> die Fahrt mit<br />
schließlich rasender Geschwindigkeit in den Abgr<strong>und</strong> in der Mitte der Erde<br />
führt. Nach all den technischen Gesprächen mit dem Lokomotivführer, zu dem<br />
er vorgedrungen ist, sagt er zuletzt unmittelbar vor der Katastrophe, als der<br />
Zugführer ihm zuschreit „Was sollen wir denn tun?“, ganz unerwartet „Nichts!<br />
Gott ließ uns fallen, <strong>und</strong> so stürzen wir denn auf ihn zu!“ Das ist so, stark<br />
4 Vgl. Hiob 35,26. So die Fassung in der Lutherbibel. Die genauere Übersetzung „aber<br />
wir erkennen es nicht“ ist damit nicht identisch, geht aber in die gleiche Richtung des<br />
Ineinanders <strong>von</strong> Erkenntnis <strong>und</strong> Verborgenheit Gottes.<br />
5 Vgl. Gen 32,22–33.<br />
6 Vgl. Friedrich Dürrenmatt: Der Tunnel, in: Marianne Timm (Hg.): Die letzte Instanz.<br />
Ein Vorlesebuch (= Arbeitsbücher für die Hand des Religionslehrers 4), Göttingen<br />
1962, 106–115.
142 |13|<br />
Teil II – Zwischen Glaube <strong>und</strong> Unglaube<br />
oder abgemildert, ein vielfach sich wiederholendes Gotteserlebnis in unserer<br />
dem Christentum entfremdeten Zeit. Ist, was so erlebt wird, Gott? Oder ein<br />
Dämon? Oder ein heidnisches Phantom? Oder ein Nichts? Oder müssen wir<br />
nicht sagen, mindestens als Möglichkeit offenhalten, dass hier der lebendige<br />
Gott unmittelbar dem säkularisierten Menschen unserer Zeit in souveräner<br />
Majestät entgegentritt? Hier ist der absolute Gott <strong>und</strong> das absolute Nichts im<br />
Katastrophenerlebnis unmittelbar beieinander.<br />
Was bei Hiob <strong>und</strong> Jakob die Hälfte des Erlebten in Verbindung mit dem<br />
befreienden Gegenerlebnis <strong>und</strong> bei Dürrenmatt das Ganze nur mit geahntem<br />
Ergebnis ist, ist das Wesen des Schrittes ins Unbekannte. Das ist die Unausweichlichkeit:<br />
Es ereignet sich, es kommt überraschend, <strong>und</strong> man kann nicht<br />
ausweichen. Das Bekannte ist zu Ende, es trägt nicht mehr. Hinter das, was<br />
mir geschehen ist, kann ich nicht <strong>zur</strong>ück. Und dieses Geschehene ist zunächst<br />
die Katastrophe. Die reine Schicksalskatastrophe, dass man dem Grauen, der<br />
Ohnmacht ausgeliefert ist, wirkt dahin, dass Pfeiler, die bis zu dieser Erschütterung<br />
zu tragen schienen, als nur noch stehend, nur noch nicht gestürzt sich<br />
offenbaren. Sie sind nicht mehr tragend, sondern nur noch getragen <strong>und</strong> innerlich<br />
morsch. Diese Pfeiler sind für den heutigen Menschen weithin die Aussagen<br />
des Christentums. Der Ausdruck der Wahrheit, <strong>und</strong> das |13| heißt der<br />
tragenden Wirklichkeit, erscheint nun als nur noch gedacht.<br />
Der Liebe Gottes gewiss zu sein war zwar zu allen Zeiten eine Anfechtung<br />
in persönlicher Not, aber man hatte die Kraft, das „dennoch“ ins Herz zu fassen<br />
<strong>und</strong> bei Gott zu bleiben, <strong>und</strong> man empfand den Trost <strong>und</strong> die Gewissheit. Heute<br />
hält das nicht mehr, heute ist die Liebe Gottes für viele nicht ein zu erringender<br />
Trost, sondern ein nicht zu lösendes Rätsel, ein offener Widerspruch gegen die<br />
Wirklichkeit. Die Erlösung durch das Kreuz war einst der mögliche Weg zu<br />
Erkenntnis <strong>von</strong> Schuld <strong>und</strong> zum Frieden über ihr in der Gewissheit der Vergebung.<br />
Heute ist Schuld im Wesentlichen säkular oder allgemeinmetaphysisch<br />
erlebt, <strong>und</strong> damit verliert das Kreuz seine Beziehung <strong>zur</strong> menschlichen Wirklichkeit.<br />
Und so überall. Dogmen haben starre Rinden, vermeintliche Historien<br />
werden zu Legenden, Symbole lösen sich auf.<br />
Es bleibt, unerbittlich <strong>und</strong> gnadenvoll, nur eins: das Erlebnis, der Schritt ins<br />
Unbekannte, mit allen Schrecken, aller Ungewissheit, allem Risiko, aber auch<br />
mit allen Möglichkeiten. Und darin liegt die Verheißung. Gott wird wieder<br />
unmittelbar, wirkt unmittelbar, erscheint als numinose Macht, vor der der<br />
Mensch ein Nichts wird oder in Ehrfurcht schweigt. Gott wird erlebt als nichts<br />
weiter denn als göttliche Macht, aber das in unmittelbarer Evidenz. Es dürfte<br />
in vielen Menschen die Offenheit angenommen werden, die Karl Jaspers zu den<br />
(vom Dogma her gesehen) scheinbar allzu allgemeinen <strong>und</strong> doch in Wahrheit<br />
sehr positiven Thesen führt: Der Glaube ist „nicht etwas spezifisch Religiöses,<br />
sondern eine letzte Kraft des Geistes. [...] Mit dem Glauben ist dialektischer<br />
Fluss, unendliche Problematik, Verzweiflung <strong>und</strong> Angst verb<strong>und</strong>en, weil allem<br />
Leben des Geistes die nihilistischen Bewegungen ein Element <strong>und</strong> immer eine
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Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig<br />
Satz: Sabine Klemm, Leipzig<br />
Druck <strong>und</strong> Binden: Hubert & Co., Göttingen<br />
ISBN 978-3-374-03141-2 // eISBN (PDF) 978-3-374-07613-0<br />
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