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NL_FOCUS_2024_10_Assange

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AUSGABE <strong>10</strong> 1. März <strong>2024</strong> € 5,20 DAS MAGAZIN /// HIER SIND DIE FAKTEN /// SEIT 1993<br />

Der Merz ist da!<br />

Kann der CDU-Chef<br />

nicht nur entschlossen,<br />

sondern auch beliebt?<br />

Bye-Bye, Bayer?<br />

Kann ein Amerikaner den<br />

Dax-Konzern retten?<br />

DAS SPIEL DER MULLAHS<br />

Waffen, Terror, Unterdrückung<br />

Wie das iranische Regime die Welt bedroht


AGENDA<br />

„In den USA droht<br />

ihm die Todesstrafe“<br />

Anfang März entscheidet der Londoner High Court,<br />

ob WikiLeaks-Gründer Julian <strong>Assange</strong> an die USA<br />

ausgeliefert wird. Seine Ehefrau Stella über ihren<br />

schwindenden Optimismus, die Ignoranz europäischer<br />

Politiker und ihre Sehnsucht nach Normalität<br />

INTERVIEW VON REINHARD KECK<br />

Foto: Gueorgui Pinkhassov / Magnum Photos<br />

24<br />

<strong>FOCUS</strong> <strong>10</strong>/<strong>2024</strong>


WIKILEAKS<br />

Einer fehlt<br />

Stella <strong>Assange</strong>,<br />

die Ehefrau des<br />

WikiLeaks-<br />

Gründers, mit den<br />

beiden gemeinsamen<br />

Söhnen Max<br />

und Gabriel<br />

25


AGENDA<br />

Für die Juristin Stella <strong>Assange</strong><br />

ist es der Fall ihres<br />

Lebens: der Kampf um<br />

die Freilassung ihres Ehemanns<br />

Julian <strong>Assange</strong>.<br />

Der Gründer der Enthüllungsplattform<br />

WikiLeaks<br />

sitzt seit rund fünf Jahren<br />

in London in Haft. Das US-<br />

Justizministerium will dem Australier in<br />

den Vereinigten Staaten wegen Spionagevorwürfen<br />

den Prozess machen.<br />

Bei einer Verurteilung drohen ihm bis<br />

zu 175 Jahre Haft. Am Londoner High<br />

Court versuchen <strong>Assange</strong>s Ehefrau und<br />

seine Anwälte eine Auslieferung zu verhindern.<br />

Ob ihre Berufung gegen eine<br />

Abschiebung Erfolg hat, entscheiden die<br />

Richter Anfang März. Verliert <strong>Assange</strong>,<br />

könnte er umgehend an die USA ausgeliefert<br />

werden.<br />

Stella <strong>Assange</strong> wurde in Südafrika geboren<br />

und hat die schwedische und spanische<br />

Staatsangehörigkeit. Sie war <strong>Assange</strong>s<br />

Anwältin und wurde 2015 auch seine<br />

Lebenspartnerin. Während der Wiki-<br />

Leaks-Boss in der Londoner Botschaft von<br />

Ecuador lebte, wurde Stella von ihm zwei<br />

Mal schwanger. 2016 kam der erste Sohn<br />

Gabriel auf die Welt, 2019 Sohn Max.<br />

<strong>Assange</strong> hat weltweit etliche Unterstützer,<br />

auch sehr prominente. Baywatch-<br />

Star Pamela Anderson setzt sich für ihn<br />

ebenso ein wie Ex-Außenminister Sigmar<br />

Gabriel, der Schriftsteller Daniel<br />

Kehlmann und Oscarpreisträger Volker<br />

Schlöndorff. Außerdem machte sich die<br />

Gezeichnet Nach sieben Jahren in Ecuadors Botschaft<br />

in London wird Julian <strong>Assange</strong> 2019 festgenommen<br />

„Europäische Staats- und Regierungschefs haben<br />

sehr wohl Einfluss. Aber sie wenden sich ab“<br />

inzwischen verstorbene Modedesignerin<br />

Vivienne Westwood für seine Freilassung<br />

stark. Sie alle sahen und sehen im Prozess<br />

gegen Julian <strong>Assange</strong> einen Angriff auf<br />

die Pressefreiheit – und somit auf demokratische<br />

Grundwerte.<br />

Frau <strong>Assange</strong>, Sie kämpfen seit fast<br />

fünf Jahren unermüdlich für die Freilassung<br />

Ihres Mannes Julian <strong>Assange</strong>,<br />

bislang erfolglos. Gab es Momente,<br />

in denen Sie aufgeben wollten?<br />

Julians Freiheit ist das Wichtigste für<br />

unsere beiden Kinder und für mich. Die<br />

größte Gefahr für unsere Familie ist ein<br />

Leben ohne ihn. Sein Fall ist politisch.<br />

Und wie er ausgeht, hängt davon ab, wie<br />

sehr sich die Öffentlichkeit über diesen<br />

Fall und seine Folgen bewusst ist. Wenn<br />

ich nicht weiterkämpfe, werden wir Julian<br />

für immer verlieren.<br />

Mitte Februar hatten sie zum letzten Mal<br />

die Chance, vor Gericht seine Abschiebung<br />

in die USA abzuwenden. Ihr Mann und<br />

Mandant war wegen Gesundheitsproblemen<br />

nicht anwesend. Wie geht es ihm heute?<br />

Ich habe ihn am vergangenen Freitag<br />

gesehen. Julian war nicht in der Lage,<br />

persönlich oder per Videocall an der<br />

Anhörung teilzunehmen. Er wollte wissen,<br />

wie es vor Gericht war – und vor dem<br />

Gerichtsgebäude. Er ist in London in Haft,<br />

aber er könnte genauso gut auf dem Meeresgrund<br />

sein. Er ist isoliert, hat Schlafstörungen<br />

und steht unter enormem Druck.<br />

Nach der finalen Anhörung wollen die<br />

Richter frühestens Anfang März das<br />

Urteil verkünden. Wie zuversichtlich<br />

sind Sie, dass Sie gewinnen?<br />

Dass der Fall überhaupt verhandelt<br />

wird, ist ungeheuerlich. Er hätte niemals<br />

vorgebracht werden dürfen. Die britischen<br />

Gerichte hätten sich niemals damit<br />

befassen dürfen. In den letzten Verhandlungstagen<br />

hatte ich aber das Gefühl,<br />

dass wir endlich die Argumente vortragen<br />

konnten, die vorherige Richter entweder<br />

ignoriert oder nicht angehört hatten. Dazu<br />

zählen: Die Gefahr, dass die USA die<br />

Todesstrafe verhängen könnten, sobald<br />

sich Julian auf US-Territorium befindet.<br />

Dass die vorherige US-Regierung Pläne<br />

hatte, Julian zu entführen oder zu ermorden.<br />

Und dass die USA den verfassungsmäßigen<br />

Schutz der freien Presse und der<br />

Redefreiheit für ihn nicht gelten lassen<br />

wollen. Weil er Australier ist und die Chelsea-Manning-Leaks<br />

aus dem Vereinigten<br />

Königreich veröffentlicht wurden.<br />

Chelsea Manning war die Whistleblowerin,<br />

die WikiLeaks brisante Geheimdokumente<br />

über die Kriegseinsätze im Irak und Afghanistan<br />

zugespielt hatte. Die USA werfen<br />

<strong>Assange</strong> vor, er sei Komplize der damaligen<br />

Mitarbeiterin von US-Sicherheitsdiensten<br />

gewesen und habe sie zum Datendiebstahl<br />

angestachelt. Sollten die britischen Richter<br />

entscheiden, dass <strong>Assange</strong> sich wegen<br />

dieser Vorwürfe in den USA verantworten<br />

muss, was würde dann passieren?<br />

Entschlossen<br />

Unterstützer des<br />

WikiLeaks-Gründers<br />

versammeln sich<br />

am 20. Februar vor<br />

dem High Court<br />

Investigativ<br />

Bei einer Pressekonferenz<br />

im Oktober<br />

20<strong>10</strong> präsentiert<br />

Julian <strong>Assange</strong><br />

neue WikiLeaks-<br />

Enthüllungen<br />

Fotos: Henry Nicholls/Reuters, Glen Arkadieff/CAMERA PRESS/laif, Splash<br />

News / Shutterstock, Felipe Trueba/dpa<br />

26 <strong>FOCUS</strong> <strong>10</strong>/<strong>2024</strong>


WIKILEAKS<br />

Hoffnungsvoll<br />

Stella <strong>Assange</strong> auf dem<br />

Weg zur zweiten Anhörung<br />

am High Court<br />

Umlagert<br />

Vor dem Gerichtsgebäude scharen<br />

sich Journalisten und<br />

Unterstützer um Stella <strong>Assange</strong><br />

Im schlimmsten Fall werden US-Marshalls<br />

ihn umgehend in einen Militärjet<br />

schaffen und ausfliegen. Ich bin nicht in<br />

der Lage, optimistisch zu sein. Was ich<br />

aber sagen kann: Zum ersten Mal in den<br />

vergangenen fünf Jahren hatte ich jetzt<br />

das Gefühl, dass die Welt auf diesen Fall<br />

schaut.<br />

Aktivisten und Unterstützer von <strong>Assange</strong><br />

sehen in der Anklage gegen ihn eine<br />

Attacke auf die freie Presse. Warum?<br />

Weil die US-Regierung mit dieser<br />

Anklageschrift Journalismus als „Spionage“<br />

neu definiert hat. Der Feind ist demnach<br />

allerdings nicht ein fremdes Land,<br />

sondern die Öffentlichkeit. Wenn also<br />

Journalismus als ein Verbrechen betrachtet<br />

wird, dann ist Julian schuldig und wird<br />

für den Rest seines Lebens im Gefängnis<br />

landen. Er kann sich nicht auf den Ersten<br />

Verfassungszusatz berufen, da er Austra-<br />

lier ist und in Großbritannien veröffentlicht<br />

hat. Ihm drohen 175 Jahre Haft, weil<br />

er die Kriminalität des Staates aufgedeckt<br />

hat, der ihn vor Gericht stellt.<br />

In Deutschland vergleicht die Politikerin<br />

Sahra Wagenknecht den Fall <strong>Assange</strong><br />

mit dem Fall des russischen Dissidenten<br />

Alexej Nawalny, der nun in Haft offenbar<br />

getötet wurde. Was halten Sie von<br />

diesem umstrittenen Vergleich?<br />

Zunächst will ich klar machen: Ich<br />

habe großes Mitleid mit Nawalnys Frau<br />

und seinen beiden Kindern. Sie werden<br />

wahrscheinlich nie erfahren, was wirklich<br />

mit ihm passiert ist. Ihr Leid muss<br />

gerade unerträglich sein. Jeder, der ein<br />

Familienmitglied im Gefängnis hat, insbesondere<br />

wenn es ein politischer Gefangener<br />

ist, befürchtet, dass diesem geliebten<br />

Menschen etwas Schlimmes zustoßen<br />

könnte. Julian läuft Gefahr, wie Nawalny,<br />

im Gefängnis zu sterben. Julian ist wie<br />

Nawalny ein politischer Gefangener.<br />

Julian deckte die staatliche Korruption<br />

und Kriminalität der USA auf. Unter der<br />

Trump-Regierung wurden auf höchster<br />

Ebene Pläne zu seiner Ermordung diskutiert<br />

und ausgearbeitet. Wenn ich das Klagen<br />

westlicher Regierungen über Nawalnys<br />

Tod höre, werde ich zynisch. Denn für<br />

mich ist das reine Rhetorik, um innenpolitisch<br />

zu punkten. Läge diesen Politikern<br />

Gerechtigkeit und die Verteidigung<br />

politischer Gefangener wirklich am Herzen,<br />

hätten sie längst die Freilassung von<br />

Julian <strong>Assange</strong> gefordert.<br />

Russland ist ein autoritärer Staat, in dem<br />

regelmäßig Dissidenten unterdrückt,<br />

attackiert, vergiftet oder ermordet<br />

werden. Großbritannien und die USA<br />

sind westliche Demokratien. Allein hier<br />

hinkt doch der Vergleich mit Nawalny.<br />

Es ist leicht, die Regierung eines Landes<br />

zu kritisieren, mit dem es einen bewaffneten,<br />

wirtschaftlichen und geopolitischen<br />

Konflikt gibt. Der Westen hatte<br />

jedoch kaum Einfluss auf das Schicksal<br />

von Nawalny, nachdem er in ein russisches<br />

Gefängnis kam. Aber in Julians Fall<br />

ist es ein Journalist und Verleger, der im<br />

schlimmsten Gefängnis Großbritanniens<br />

einsitzt, seit fast fünf Jahren – ohne Verurteilung.<br />

Ihm drohen in den USA 175 Jahre<br />

Gefängnis. Und er sitzt deshalb in Haft,<br />

weil er Kriegsverbrechen, das Töten von<br />

Zivilisten und Fälle von Folter aufgedeckt<br />

hat. Im Fall von Julian <strong>Assange</strong> haben<br />

europäische Staats- und Regierungschefs<br />

sehr wohl Einfluss, doch sie wenden sich<br />

ab, stellen sich blind. Julians Leben im<br />

<strong>FOCUS</strong> <strong>10</strong>/<strong>2024</strong><br />

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