08.04.2024 Aufrufe

Nr. 116 «Joshua» - Frühling 2024 (CH)

Die Frühlings-Ausgabe der MANNSCHAFT flattert heran und versorgt dich mit 132 Seiten voller Geschichten aus der queeren Welt: vom After-liebenden Flussdelfin bis zum pansexuellen Stierkämpfer über trans Repräsentation in Filmen und Serien bis nach Wien zu einem queeren Designlabel und zudem Tipps für sicheres Online-Dating.

Die Frühlings-Ausgabe der MANNSCHAFT flattert heran und versorgt dich mit 132 Seiten voller Geschichten aus der queeren Welt: vom After-liebenden Flussdelfin bis zum pansexuellen Stierkämpfer über trans Repräsentation in Filmen und Serien bis nach Wien zu einem queeren Designlabel und zudem Tipps für sicheres Online-Dating.

MEHR ANZEIGEN
WENIGER ANZEIGEN

Erfolgreiche ePaper selbst erstellen

Machen Sie aus Ihren PDF Publikationen ein blätterbares Flipbook mit unserer einzigartigen Google optimierten e-Paper Software.

Deine Community, dein Team.<br />

<strong>Nr</strong> <strong>116</strong><br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

mannschaft.com<br />

Joshua Seelenbinder<br />

will mehr queere Rollen<br />

spielen<br />

Seite 92<br />

Virtueller Safe Space:<br />

8 Tipps für sichereres<br />

Onlinedating<br />

Seite 42<br />

Coming-out in der<br />

Stierkampfszene:<br />

Feiern wir das?<br />

Seite 100<br />

<strong>CH</strong>F 20


Foto: Zoo Zürich, Peter Bolliger<br />

ERD*<strong>CH</strong>EN<br />

Als Kund*in Kunde erhalten Sie Sie Zoo-<br />

Zoo-Tickets 20% 20% günstiger günstiger<br />

exklusiv über unsere Website.<br />

zkb.ch/zoo


Deine Community, dein Team.<br />

<strong>CH</strong>F 20<br />

Deine Community, dein Team.<br />

<strong>CH</strong>F 20<br />

EDITORIAL<br />

Bunt wie die<br />

Community<br />

MANNS<strong>CH</strong>AFT entstand 2010<br />

als Monatsmagazin für schwule<br />

und bi Männer. Seit 2020 sprechen<br />

wir als Quartalsmagazin<br />

die ganze queere Community<br />

an. Einige Inhalte behandeln<br />

LGBTIQ-Themen generell,<br />

andere sind explizit schwul,<br />

lesbisch, trans oder ein Mosaik<br />

diverser Identitäten. So bunt<br />

wie die Community eben.<br />

Foto: Jasmin Zaccone<br />

MANNS<strong>CH</strong>AFT MAGAZIN<br />

<strong>Nr</strong>. <strong>116</strong>, <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Das LGBTIQ-Magazin für die<br />

Schweiz, Deutschland, Österreich<br />

und Liechtenstein.<br />

Joshua Seelenbinder<br />

will mehr queere Rollen<br />

spielen<br />

Seite 92<br />

Virtueller Safe Space:<br />

8 Tipps für sichereres<br />

Onlinedating<br />

Seite 42<br />

Neun Storys bilden das Herzstück<br />

der MANNS<strong>CH</strong>AFT und<br />

stehen jeweils für eine Farbe<br />

der von Gilbert Baker 2017<br />

entworfenen Regenbogenfahne.<br />

Verschiedene Rubriken zu<br />

Film, Lifestyle, Literatur und<br />

Musik sowie aktuelle Meldungen<br />

runden das Magazin ab.<br />

Coming-out in der<br />

Stierkampfszene:<br />

Feiern wir das?<br />

Seite 100<br />

<strong>Nr</strong> <strong>116</strong><br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

mannschaft.com<br />

Singer-Songwriter<br />

Girli ruft im <strong>Frühling</strong><br />

das Matriarchat aus<br />

Seite 50<br />

Echo vom Eierstock:<br />

Feministisches<br />

Jodeln ohne Tracht<br />

Seite 56<br />

Dragkings und<br />

-quings erobern<br />

die Bühne<br />

Seite 122<br />

<strong>Nr</strong> <strong>116</strong><br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

mannschaft.com<br />

Liebe Mannschaft<br />

Wir werden immer sichtbarer. Queere Menschen zeigen sich an<br />

ganz unerwarteten Orten. Jüngst hat sich mit Mario Alcalde ein Stierkämpfer<br />

geoutet (Seite 100). Nicht als schwul oder bisexuell, sondern als<br />

pansexuell – eine sexuelle Orientierung, die bestimmt nicht wenige in<br />

der konservativen Stierkampfszene Spaniens und vielleicht auch einige<br />

in unserer Community zuerst einmal googeln müssen.<br />

Die LGBTIQ-Sichtbarkeit breitet sich aus wie ein Lauffeuer. In<br />

den Neunziger- und frühen Nullerjahren war in Filmen und Serien der<br />

schwule Sidekick – überzeichnet und klischiert – noch das Höchste der<br />

Gefühle. Ich kann mich gut erinnern, wie wir beim Start von MANN-<br />

S<strong>CH</strong>AFT vor über zehn Jahren noch die Augen offenhalten mussten,<br />

um queeren Inhalt zu finden. Heute erscheinen so viele Bücher, Filme<br />

und Serien, dass wir eine Auswahl treffen müssen, welche wir vorstellen<br />

wollen. So viele LGBTIQ-Menschen zeigen sich heute, dass wir eine<br />

abwechslungsreiche Bandbreite von Geschichten erzählen dürfen. Und<br />

das ist auch gut so!<br />

In dieser Ausgabe stellen wir dir ein queeres Designlabel aus<br />

Wien vor (Seite 28) und porträtieren einen feministischen Jodelchor<br />

(Seite 56). Wir begleiten den Fotografen Clifford Prince King bei seiner<br />

Suche nach Identität (Seite 68) und die Dragkings und -quings bei ihrem<br />

Kampf um mehr Sichtbarkeit auf der Bühne (Seite 122). Und wir sprechen<br />

mit Ilonka Petruschka, die Produktionsfirmen auf die Finger<br />

schaut, wenn es um trans Repräsentation in Filmen und Serien geht<br />

(Seite 68). Dazu gibt dir meine Co-Chefredaktorin Denise einen Einblick,<br />

wie das so mit queerer Repräsentation in der Tierwelt aussieht<br />

(Seite 110).<br />

Ist die queere Sichtbarkeit überall angekommen? Fast! Noch<br />

immer wird im Männerfussball auf Coming-outs von Profispielern<br />

gewartet. Doch auch hier könnte sich womöglich bald etwas ändern.<br />

Der ehemalige Fussballer Marcus Urban hat für den 17. Mai ein<br />

Gruppen-Coming-out angekündigt. Wir bleiben gespannt und berichten<br />

darüber auf MANNS<strong>CH</strong>AFT.com. Danke für deine Treue!<br />

Joshua<br />

Foto: Lily Cummings<br />

Girli<br />

Foto: Claryn Chong<br />

Greg Zwygart<br />

Co-Chefredaktion<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

3


Mannschaftsaufstellung<br />

In dieser Ausgabe haben unter anderem diese Personen<br />

für uns geschrieben, gezeichnet und fotografiert.<br />

Von klein auf wusste Raffi<br />

p.n. Falchi, dass er Fotograf<br />

werden wollte. Als Jugendlicher<br />

in der eigenen Dunkelkammer,<br />

als Lehrling in<br />

einem Atelier, als Assistent<br />

bei erfahrenen Fotografen<br />

führte sein Weg in die<br />

Selbständigkeit, worüber wir<br />

uns freuen: Die Fotos der<br />

Story 1 hat er geschossen<br />

und seit Anbeginn vollführt<br />

er unsere Bildredaktion.<br />

→ Seite 6<br />

Lily Cummings<br />

ist eine Fotografin aus New York,<br />

die in Berlin lebt. Sie hat eine Vorliebe<br />

für gedruckte Projekte und<br />

intime Porträts wie das von Joshua<br />

auf unserer Covervariante, das sie<br />

fotografiert hat. → Seite 92<br />

Julian Litschko studierte Kommunikationsdesign<br />

an der Muthesius Kunsthochschule<br />

Kiel und arbeitet als Illustrator<br />

in Hamburg. Sein neues Buch «Die<br />

grosse Revolution: Ein Mondroman» ist<br />

bei der Favoritenpresse erhältlich.<br />

→ Seite 42<br />

In seiner Zeit als Konstrukteur<br />

in der Ostschweiz<br />

realisierte Dominik Schefer,<br />

dass er keine Maschinen-<br />

teile mehr erschaffen wollte,<br />

die ihr Dasein im Dunkeln<br />

fristen müssen.<br />

Nach einem Studium an<br />

der Hochschule Luzern<br />

landete er in Bern und<br />

illustriert seit Jahren unsere<br />

Kolumnen, aktuell Mirko<br />

Beetschens «Alter Ego».<br />

→ Seite 18<br />

Foto: rubenwyttenbach.ch, noord.ch<br />

Bo Wehrheim ist Zimmerer<br />

und freier Autor. Deren<br />

Text nimmt das «go drag!<br />

munich»-Festival unter die<br />

Lupe, das den Drag von<br />

weiblichen, trans und<br />

nicht-binären Performer*innen<br />

feiert. Das Foto<br />

zeigt Bos erstes Mal in «full<br />

drag». → Seite 122<br />

Nora Kehli ist freie Autorin, schreibt mal<br />

über dieses, mal über jenes – Hauptsache,<br />

irgendwas mit Kultur. Wenn sie nicht gerade<br />

auf der Tastatur klimpert, findet man sie<br />

in Kinos, Museen oder auf Konzerten. Immer<br />

mit dabei: ihre geliebte Polaroid-Kamera.<br />

→ Seite 50<br />

Kolumnen:<br />

Mann, Frau Mona!, 37<br />

Reden ist Gold, 83<br />

Die trans Perspektive, 119<br />

4 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Storys<br />

1 2 3<br />

Gesundheit<br />

«Mein Selbstvertrauen<br />

hing<br />

davon ab, beschwipst<br />

zu<br />

sein»<br />

6<br />

4 5 6<br />

Musik<br />

Das Echo<br />

vom Eierstock<br />

bin<br />

ich<br />

56<br />

Lifestyle<br />

Die<br />

Architekten<br />

schöner<br />

Dinge<br />

28 40<br />

Fotografie<br />

«Ich suchte<br />

Bilder, die<br />

meine Identität<br />

widerspiegelten»<br />

Community<br />

68 84<br />

So schützt<br />

du dich auf<br />

Dating-Apps<br />

Film<br />

«Lasst<br />

uns trans<br />

Geschichten<br />

besser erzählen!»<br />

7<br />

Gesellschaft<br />

Blut, blutiger,<br />

das Leben<br />

(der Tod)<br />

8 9<br />

Natur<br />

13 queere<br />

Tiere treiben<br />

es wild<br />

Festival<br />

Dragkings:<br />

Raus aus der<br />

Nische<br />

100 110 122<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

5


Story — 1<br />

1<br />

«Mein<br />

Selbstvertrauen<br />

hing<br />

davon ab,<br />

beschwipst<br />

zu sein»<br />

6 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 1<br />

Text – Denise Liebchen<br />

Fotos – Raffi p.n. Falchi<br />

Wie schwer ist es, als queerer Mensch<br />

nüchtern zu leben? Darüber haben wir<br />

mit Schauspieler Dominic Hartmann<br />

und Dragqueen Klamydia von Karma<br />

gesprochen: in einer Bar übrigens. Aus<br />

ihren Kehlen sprudelte Tiefgang heraus.<br />

Über den Wunsch dazuzugehören,<br />

über grenzenlose Toleranz, tolerierte<br />

Grenzen und schambefreiten Spass.<br />

Bis am Ende das Bier kam.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

7


Story — 1<br />

n Zürich stürmt es auf die Art, die<br />

Regenschirme umknickt und kleine,<br />

fiese Tropfen ins Gesicht peitscht.<br />

Doch sobald sich die Tür zur Bar<br />

«Gleis» öffnet, trocknet das zerzauste<br />

Gemüt unter dem warmen Lächeln<br />

des Tresenpersonals. In der Mitte<br />

des Lokals an einem Holztisch unter<br />

hochhängenden Sonnenschirmen<br />

stecken zwei die Köpfe zusammen:<br />

der Schauspieler Dominic Hartmann<br />

und die Dragqueen Klamydia<br />

von Karma. Dominic gründete die<br />

Gruppe «Queer and Sober» Schweiz<br />

– Klamydia ist deren Botschafterin.<br />

Als die beiden zur Begrüssung aufstehen,<br />

ragt Dominic 1,98 Meter in die<br />

Höhe und Klamydia strahlt mit ihrem<br />

Glitzer-Make-up wie ein Stern. Auf dem Tisch stehen<br />

drei Gläser und eine Karaffe voll Wasser.<br />

Klamydia, du bist seit einem Jahr in der Schweiz<br />

und hast hier bereits zwei Drag-Kronen eingeheimst.<br />

Tagsüber erforschst du als Doktor*in die<br />

Evolution der Pflanzen. Zuvor warst du fünf Jahre in<br />

Schweden und in Frankreich bist du geboren.<br />

Brauchst du einen nüchternen Verstand, um dir<br />

so eine Biografie zu erarbeiten?<br />

Klamydia: Ich habe noch nie getrunken. Ich wurde<br />

nüchtern geboren.<br />

Wir alle werden nüchtern geboren, aber die<br />

meisten von uns bleiben es nicht.<br />

Klamydia: Ich weiss nicht, wie es ist, nicht nüchtern<br />

zu sein, aber als Drag bin ich im Nachtleben umgeben<br />

von Alkohol und Leuten, die mich fragen, ob ich was<br />

trinken möchte. Die Nacht erlebe ich sozusagen von<br />

der anderen Seite, der nüchternen.<br />

Wie gehst du damit um, dass die Leute um dich<br />

herum im Club betrunken sind?<br />

Klamydia: Ich habe weder schlechte noch gute Gefühle<br />

dabei. Ich verstehe, dass die Leute feiern wollen,<br />

eine schöne Zeit haben.<br />

Zu bestimmten Zeiten kann eine Party über-<br />

wältigend sein, oder?<br />

Klamydia: Ja, weil es lauter und dunkler wird. Es gibt<br />

viele Reize. Wenn man betrunken oder high ist, kann<br />

man diese Stimuli besser ertragen, weil man betäubt<br />

ist. Wenn es mir zu viel wird, ziehe ich mich in einen<br />

ruhigen Raum zurück, wo ich mit Leuten reden kann,<br />

und gehe dann wieder auf die Party. Aber irgendwann<br />

sind meine sozialen Batterien leer und es wird schwierig<br />

für mich, neben Leuten zu bleiben, die ich nicht<br />

kenne und die Substanzen konsumiert haben. Deshalb<br />

verlasse ich die Party meist als Erste.<br />

Dominic, wie hat sich dein Leben seit deiner<br />

Abstinenz verändert?<br />

Dominic: Zunächst möchte ich klarstellen, dass es völlig<br />

in Ordnung ist, Drogen zu nehmen oder Alkohol<br />

zu trinken. Ein Therapeut hat mir einmal gesagt: «Jeder<br />

Mensch hat ein Recht auf Rausch», und dem ich<br />

stimme vollkommen zu. «Queer and Sober» zielt nicht<br />

darauf ab, sich selbst zu optimieren, und ist nicht kapitalistisch<br />

ausgerichtet. Für mich ist es wichtig anzuerkennen,<br />

dass Drogen gute als auch schlechte Seiten<br />

haben. Für mich war der Missbrauch jedoch eher<br />

eine negative Erfahrung, die mit meiner mentalen<br />

Verfassung zusammenhängt. Ich habe ADHS, das bis<br />

vorletztes Jahr nie behandelt wurde, und habe deshalb<br />

Alkohol missbraucht. Das ständige Auf und Ab<br />

meines Dopaminspiegels führte zu Angstzuständen<br />

und Depressionen. Ohne den Konsum von Alkohol<br />

und Drogen fühle ich mich ausgeglichener. Meinem<br />

Freund habe ich neulich erzählt, dass ich nicht mehr<br />

die Wellen im Atlantik jage, sondern Stand-up-Paddling<br />

auf dem Zürichsee mache. Ich bin mir bewusst,<br />

dass ich in der privilegierten Lage bin, mein Leben so<br />

zu gestalten, wie es mir gefällt.<br />

Du hast schon einmal aufgehört zu trinken.<br />

Was ist diesmal anders?<br />

Dominic: Von 25 bis 29 war ich nüchtern, aber es fühlte<br />

sich wie ein Verzicht an. In dieser Zeit arbeitete ich<br />

an mir und meinem Wohlbefinden. Als es mir wieder<br />

gut ging, dachte ich, ich könnte ja jetzt auch wieder<br />

anfangen zu trinken und zu feiern. Aber es blieb nicht<br />

bei dem einen Aperol Spritz, sondern ich kam erst am<br />

nächsten Nachmittag nach Hause. Letzten <strong>Frühling</strong><br />

erhielt ich meine ADHS-Diagnose. Das war der Moment,<br />

in dem ich erkannte: Nein, es funktioniert nicht.<br />

Alkohol, Drogen und ADHS verträgt sich bei mir sehr<br />

schlecht. Also habe ich aufgehört. Seitdem fühle ich<br />

mich leichter und denke nicht mehr: Oh, Scheisse, ich<br />

kann nicht trinken, ich muss zu Hause bleiben.<br />

Klamydia, warum lebst du einen absolut nüchternen<br />

Lebensstil anstelle eines mässigen?<br />

Klamydia: Ich bin in einer französisch-tunesischen<br />

Familie geboren, grösstenteils in einer muslimischen<br />

Kultur. Das Trinken war zu Hause verboten, also bin<br />

ich mit dieser kulturellen Prägung aufgewachsen. Ich<br />

fühlte mich nicht einmal in Versuchung, wenn ich<br />

das Haus verliess und die Partys entdeckte. Aber mit<br />

8 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 1<br />

Lebt seit der Geburt<br />

nüchtern: Klamydia<br />

von Karma.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

9


Story — 1<br />

Drogen und Alkohol<br />

findet Schauspieler<br />

Dominic<br />

Hartmann völlig<br />

in Ordnung, bloss<br />

ihm haben sie<br />

nicht gut getan.<br />

10 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 1<br />

«Als ich den Entschluss<br />

fasste,<br />

wieder nüchtern<br />

zu werden, war<br />

meine grösste<br />

Angst, dass ich<br />

von der queeren<br />

Gemeinschaft<br />

ausgeschlossen<br />

werde.» Dominic Hartmann<br />

der Zeit hörte ich auf zu sagen, dass Alkohol böse ist.<br />

Später wurde ich krank und die Pillen, die ich seither<br />

nehmen muss, vertragen sich nicht mit Alkohol. Ich<br />

meine, Marilyn Monroe hat es versucht und ist gescheitert.<br />

Sie starb. Warst du kein einziges Mal versucht,<br />

Alkohol oder anderes zu probieren?<br />

Klamydia: Nein, ich habe noch nie etwas probiert und<br />

hatte auch keine Lust oder Neugier darauf.<br />

Dominic, wenn du noch Alkohol trinken würdest,<br />

wer wärst du dann heute?<br />

Dominic: Mein Leben wäre anstrengender und ungesünder.<br />

Meine psychische Gesundheit würde stark leiden.<br />

Wenn ich trinke und im Mittelpunkt stehe, gebe<br />

ich 150 Prozent und kann die ganze Nacht durchfeiern.<br />

Das ist in dem Moment lustig, aber danach fehlen<br />

mir die 50 oder sogar 80 Prozent.<br />

Du hast den Club «Queer and Sober» gegründet.<br />

Erzähl etwas darüber.<br />

Dominic: Als ich den Entschluss fasste, wieder nüchtern<br />

zu werden, war meine grösste Angst, dass ich<br />

nicht mehr zur queeren Gemeinschaft dazugehöre.<br />

Ich konnte nicht mehr in Bars, Clubs und auf Partys<br />

gehen.<br />

Warum nicht?<br />

Dominic: Mein Selbstvertrauen hing davon ab, beschwipst<br />

zu sein. Das gab mir ein Gefühl der Lockerheit<br />

und half mir, besser mit Leuten zu reden und<br />

soziale Situationen zu meistern. Also fragte ich mich,<br />

wie ich mein Leben wieder in den Griff bekommen<br />

könnte. Bei meiner Recherche stiess ich auf «Queer<br />

and Sober» in Amsterdam. Sie haben Tausende von<br />

Followern und 400 aktive Mitglieder, die zusammen<br />

auf Partys gehen, zur Pride, spazieren gehen und Kaffee<br />

trinken. Also beschloss ich, mutig zu sein und ein<br />

Instagram-Konto zu eröffnen, um zu sehen, was passiert.<br />

Im September fand unser erstes «Queer and Sober»-Treffen<br />

statt. Wir treffen uns hier im «Gleis» jeden<br />

ersten Dienstag im Monat und es kommen immer<br />

zwischen 5 bis 10 Leute. Wenn sich das Ganze mehr<br />

etabliert hat, planen wir auch gemeinsame Partybesuche,<br />

Schwimmen im Sommer oder Wanderungen.<br />

Und Klamydia ist unsere Botschafterin.<br />

Klamydia: Wenn ich als Drag in einer Bar bin, wollen<br />

die Leute nett sein und bieten mir einen Drink an.<br />

Dann sage ich nein und oft beginnt dadurch ein langer<br />

Dialog. Als Dominic mich für «Queer and Sober»<br />

anfragte, konnte ich mich damit identifizieren, weil<br />

ich in Clubs oft schräg angeschaut oder sogar ausgeschlossen<br />

wurde, weil ich nicht trinke. Auf der einen<br />

Seite gibt es den Druck zu trinken und auf der anderen<br />

den sozialen Druck der Ausgrenzung.<br />

Dominic: Ich glaube, die Ausgrenzung kommt hauptsächlich<br />

daher, dass die Leute anfangen zu interpretieren,<br />

was du denkst oder urteilst. Aber ich möchte<br />

noch einmal betonen, dass es aus meinem Herzen<br />

kommt. Ich würde nie Menschen verurteilen, weil sie<br />

betrunken oder high sind. Drogen haben auch gute<br />

Seiten. Ich nehme Drogen auf Rezept für meine geistige<br />

Gesundheit und sie helfen mir sehr.<br />

Klamydia: Genau, das meine ich. Die Leute fühlen sich<br />

unwohl, wenn ich in einer Gruppe bin, die trinkt oder<br />

Drogen nimmt, weil sie ein Urteil spüren, das nicht da<br />

ist.<br />

Dominic: Es ist gut für mich, offen nüchtern zu leben,<br />

damit ich mich nicht ständig erklären muss. Denn das<br />

geht niemanden etwas an. Umgekehrt frage ich auch<br />

nicht jede Person, warum sie trinkt. Geht es dir heute<br />

nicht gut? Hast du Probleme zu Hause? Hast du ein<br />

schlechtes Gewissen? Wurdest du betrogen? Nein, das<br />

interessiert mich nicht.<br />

Du sprichst das Problem der Stigmatisierung an.<br />

Dominic: Ja, das ist ein grosser Teil der Philosophie<br />

dahinter. Nüchtern zu sein hat für mich nichts mit<br />

Selbstoptimierung zu tun, es geht nicht darum, ein<br />

besserer Mensch zu werden. Du kannst nüchtern derselbe<br />

beschissene Mensch sein. «Queer & Sober» soll<br />

ein Ort sein, an dem Menschen es geniessen können,<br />

queer und nüchtern zu sein.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

11


Klamydia<br />

von Karma<br />

Tagsüber Doktor*in, nachts Dragqueen.<br />

Anis kam in Frankreich zur Welt und lebte<br />

zuletzt fünf Jahre in Schweden, arbeitete<br />

als Wissenschaftler*in und kreierte die<br />

Dragfigur Klamydia von Karma. Erst seit<br />

einem Jahr lebt Klamydia in der Schweiz<br />

und erhielt bereits zwei Drag-Kronen:<br />

in Basel von Odette Hella’Grand und in<br />

Zürich beim Heaven’s Drag Race. Darauf<br />

angesprochen, antwortet sie: «Chlamydien<br />

verbreiten sich tatsächlich.» Tagsüber<br />

arbeitet Anis als Biologie-Postdoc<br />

an der Eidgenössischen Technischen<br />

Hochschule (ETH).<br />

Instagram<br />

@klamydiavonkarma<br />

Klamydia: Als nüchterne Drag kann ich zeigen, dass<br />

ich keinen Alkohol brauche, um auf der Bühne albern<br />

zu sein und meinen Hintern zu präsentieren. Sobald<br />

du Alkohol für etwas brauchst, beginnt die Abhängigkeit.<br />

Dominic, wie denkst du heute über deine Angst,<br />

den Kontakt zur Community zu verlieren, weil du<br />

nicht mehr auf Partys oder in Bars gehst?<br />

Dominic: Das klingt klischeehaft, aber ich geniesse<br />

jetzt die Stille und die Einsamkeit, weil sich mein Dopaminspiegel<br />

reguliert hat. Am Sonntagmorgen einen<br />

Kaffee zu trinken und Zeitung zu lesen, erfreut mich<br />

biochemisch gleich wie früher die ganze Nacht zu feiern.<br />

Ich unternehme viel mit meinen Freund*innen,<br />

aber je länger ich nüchtern bin, desto weniger verspüre<br />

ich das Bedürfnis, in eine Bar oder auf eine Party zu<br />

gehen. Das hat viel mit der Gruppe «Queer and Sober»<br />

zu tun. Durch sie fühle ich mich zugehörig und nicht<br />

ausgeschlossen, weil ich nicht in den Club gehe. Das<br />

Gegenteil von Sucht ist Verbindung. Wenn du dich mit<br />

anderen Menschen verbindest, kannst du dieses Bedürfnis<br />

vielleicht kompensieren.<br />

Klamydia, welche Strategien hast du für dein<br />

soziales Leben?<br />

Klamydia: Ich höre in mich hinein. Wenn ich im Club<br />

bin und merke, dass ich nicht sozial sein will, fühle ich<br />

mich nicht schuldig. Ich mache meine Show und gehe.<br />

Manchmal ist es so. Wenn meine sozialen Batterien<br />

geladen sind, bleibe ich. Das ist einer der Gründe, warum<br />

ich Drag mache. Nicht nur um aufzutreten, sondern<br />

auch, um mit der queeren Community in Kontakt<br />

zu sein und verschiedene Perspektiven kennenzulernen.<br />

Meine Rolle ist viel mehr als die einer Dragqueen,<br />

ich bin auch eine Zuhörerin. Wenn sich jemand unwohl<br />

fühlt, weil er zum Beispiel nüchtern ist, sage ich:<br />

«Hey, ich bin auch nüchtern. Wenn du bleiben willst,<br />

dann bleib. Ich feiere mit dir. Wenn du nicht bleiben<br />

willst, geh. Folge deinem Herzen.» Meine Figur Klamydia<br />

von Karma ist auch ein Bewältigungsmechanismus.<br />

Sie hat mir gezeigt, was Anis nicht hat und<br />

was Klamydia haben will. Vielleicht hätte Alkohol<br />

Anis geholfen, dieses Update zu bekommen. Klamydia<br />

ist gekommen, um mir zu sagen: «Nein, du hast es in<br />

dir.» Klamydia ist meine Erweiterung, mein queerer<br />

Narr.<br />

Kennst du andere Dragqueens, die nüchtern sind?<br />

Klamydia: Ja, es gibt viele. In der Schweiz Fiorella, Betty<br />

Business oder in Amsterdam Lady Galore. Es gibt<br />

Dragqueens, die in ihrem Leben und auf der Bühne<br />

12 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 1<br />

nüchtern sind. Und es gibt Künstler*innen, die im Leben<br />

nüchtern sind, aber als Drags nicht als nüchtern<br />

wahrgenommen werden, weil sie in Discos auftreten,<br />

wo es Alkohol und Drogen gibt.<br />

Wie sieht deine Strategie aus, Dominic?<br />

Dominic: Ich respektiere meine Grenzen und die der<br />

anderen besser, wenn ich nüchtern bin. Ich habe<br />

gelernt zu akzeptieren, dass es völlig in Ordnung ist,<br />

zu Hause zu bleiben und zu sagen: «Nein, heute will<br />

ich neun Stunden schlafen und nicht neun Stunden<br />

feiern.» Es ist mir wichtig, meine Bedürfnisse und<br />

Wünsche respektvoll und liebevoll mit anderen zu<br />

teilen. Ich verlange von niemandem, in meiner Gegenwart<br />

nüchtern oder betrunken zu sein. Alle können<br />

so high sein, wie sie wollen. Ich erwarte nur, so respektiert<br />

zu werden, wie ich andere respektiere. Und<br />

ich habe wieder angefangen zu laufen, und mein Sexleben<br />

ist nüchtern viel besser als betrunken.<br />

Klamydia: Genau.<br />

Dominic: Ich habe gelesen, dass Eisbäder den Dopaminspiegel<br />

so stark erhöhen wie Kokain, aber die<br />

höchste Dosis bekommen wir über Sex.<br />

Bist du manchmal versucht zu trinken?<br />

Dominic: Manchmal, wenn ich gestresst bin und das<br />

Gefühl habe, ich muss mich schnell entspannen. Je<br />

länger ich nüchtern bin und meine Grenzen kenne,<br />

Dominic<br />

Hartmann<br />

Theaterschauspieler und «Queer and<br />

Sober»-Gründer: Dominic Hartmann,<br />

1992 in der Schweiz geboren, wuchs im<br />

Kanton Aargau auf. Sein Masterstudium<br />

in Schauspiel schloss er an der Zürcher<br />

Hochschule der Künste ab. Danach<br />

spielte er u.a. in Berlin im Gorki-Theater<br />

und im Theater Basel. Ab April ist er<br />

im Schauspielhaus Zürich zu sehen in<br />

«Moise und die Welt der Vernunft» – ein<br />

Stück über Verschwendung, sexuelle<br />

Zurückhaltung, Exzess und homosexuelle<br />

Zärtlichkeit. Im September gründete<br />

Dominic die Gruppe «Queer and<br />

Sober» in der Schweiz nach dem gleichnamigen<br />

Vorbild aus Amsterdam.<br />

Instagram @queerandsober_ch<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

13


Story — 1<br />

desto weniger lasse ich es so weit kommen. Bei stressigen<br />

Endproben, wo ich von neun Uhr morgens bis<br />

23 Uhr abends mit 40 Leuten auf der Bühne arbeite,<br />

wo es laut ist, trage ich Kopfhörer. In dieser Zeit kommuniziere<br />

ich freundlich mit Respekt, dass ich nicht<br />

angesprochen werden möchte, es sei denn, es ist wichtig.<br />

Dass ich weder die Situation noch die Leute verabscheue,<br />

sondern die Kopfhörer brauche, um es ohne<br />

den Drang nach einer Flasche Rotwein nach Hause zu<br />

schaffen.<br />

Klamydia: Es geht um die Jagd nach Dopamin. Zucker<br />

hat von allen Drogen den grössten Einfluss auf das<br />

Gehirn. Er dringt in jede Zelle ein. Es ist im Grunde<br />

genommen eine Orgie für dein Gehirn.<br />

Dominic: Wenn ich mich nicht mit Alkohol belohne,<br />

womit dann? Dann versuche ich es mit Zucker, Joggen<br />

oder Sex zu kompensieren. Ich wechsle zwischen verschiedenen<br />

Süchten. Mir hilft es, neue Dinge zu lernen,<br />

auszuprobieren und zu erleben. Zum Beispiel Pilates.<br />

Ausserdem habe ich mir eine kleine Gruppe von Menschen<br />

ausgesucht, deren Meinung ich hundertprozentig<br />

schätze und auf deren Feedback ich mich einfach<br />

verlasse. Wenn ich seit drei Wochen fünfmal die Woche<br />

jogge, sagen sie mir, dass ich eine Pause brauche.<br />

Draussen hängen<br />

Regentropfen an<br />

den Scheiben, drinnen<br />

ruht das Wasser<br />

in der Karaffe der<br />

«Gleis»-Bar und<br />

dazwischen ein<br />

Gespräch über das<br />

Nüchternsein.<br />

14 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 1<br />

«Sobald du<br />

Alkohol für etwas<br />

brauchst, beginnt<br />

die Abhängigkeit.»<br />

Klamydia von Karma<br />

Welche Tipps habt ihr für Queers, die mit dem<br />

Gedanken spielen, nüchtern zu leben?<br />

Dominic: Langsam ist immer besser. Fang vielleicht<br />

eine Woche an nicht zu trinken, dann zwei Wochen<br />

und dann wieder zwei Wochen. Nimm es locker, setze<br />

dir eigene Ziele, rede mit anderen Leuten und sei einfach<br />

nett zu dir selbst.<br />

Klamydia: Wenn du in einem Club bist und denkst, du<br />

brauchst Alkohol, um in Stimmung zu kommen, um<br />

zu flirten oder verrückt zu sein, dann sag nein. Alkohol<br />

ist nicht der Schlüssel, du selbst bist der Schlüssel,<br />

um dich zu befreien. Setze eine Perücke auf, schminke<br />

dich, lebe deine Fantasie aus. Schau den Kindern zu,<br />

wie sie spielen, singen, tanzen und sich verkleiden.<br />

Dieses Verhalten steckt in uns allen. Wir verlieren es<br />

nur durch gesellschaftliche Konditionierung wieder.<br />

Scham wird von aussen auf uns projiziert, aber es ist<br />

wichtig zu erkennen, dass es in Ordnung ist, albern zu<br />

sein. Ein Zitat von meiner Mutter lautet: «Das Leben<br />

ist kurz, also hab Spass.» Fühle dich nicht schuldig<br />

wegen der Blicke der anderen, denn es ist dein Leben<br />

und du wirst es nicht noch einmal leben. Und wenn du<br />

einen schlechten Tag hast, geh nach Hause schlafen.<br />

Dominic: Du bist nicht nur ein Zustand, du bist ein<br />

Mensch. Authentizität bedeutet, sich selbst zu kennen,<br />

zu wissen, was man will und was nicht, und sich<br />

selbst treu zu bleiben. Das gibt dir den Raum zu wachsen<br />

und zu erkennen, dass das Leben ein Prozess ist.<br />

Wenn ihr einen Wunsch frei hättet, was würdet ihr<br />

euch für die queere Szene wünschen?<br />

Klamydia: Einen freundlicheren und respektvolleren<br />

Austausch innerhalb unserer Community. Unabhängig<br />

von Alter, sozialem Status, Gesundheitszustand,<br />

ethnischer Herkunft oder sexueller Identität. Ein<br />

stärkerer Zusammenhalt würde dazu beitragen, dass<br />

wir uns alle mehr verbunden fühlen. Teilung ist nie<br />

gut. Eine queere Person wird diskriminiert wie alle<br />

Minderheiten in der Welt und in der Gesellschaft. Und<br />

leider findet diese Diskriminierung auch in unserer<br />

eigenen Gemeinschaft statt, weil wir dazu neigen, sie<br />

zu reproduzieren.<br />

Dominic: Genau das wünsche ich mir auch für die<br />

Community: ein Verständnis für das grössere Bild,<br />

eine Überwindung der internen Konflikte. Und nun<br />

lasst uns einen Drink nehmen – stellt euch das Interviewende<br />

vor.<br />

Stellt euch vor, wir werden betrunken.<br />

Klamydia (lacht): Von zwei Flaschen Wasser auf Ex!<br />

Dominic (lacht): Also ich ziehe alkoholfreies Bier vor.<br />

Prost!<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

15


LIFESTYLE<br />

TREND BIS TRASH<br />

Zusammengestellt von der<br />

MANNS<strong>CH</strong>AFT-Redaktion.<br />

Boomender Ball<br />

Pickleball boomt in den USA. Auch bei den diesjährigen<br />

Eurogames in Wien wird dieser Mix aus Badminton, Tischtennis<br />

und Tennis zu bewundern sein. Dabei wird ein löchriger<br />

Plastikball mit überdimensionierten Tischtennisschlägern<br />

übers Netz gespielt.<br />

We love, weil es einfach zu erlernen<br />

ist und alle Altersklassen leichtes Spiel<br />

haben.<br />

Bild: Unsplash<br />

Bild: Instagram/ququ_raaakun7<br />

Quälende Qualle<br />

Aqua-Trends wellen auf uns zu – und ganz vorne mit dabei<br />

sind die Quallen. Quallenlampen, Quallenohrringe und<br />

-kleider, sogar Quallenhaarschnitte (genannt Jellyfish). Was wir<br />

von dieser Invasion der majestätischen und glitschigen<br />

Meerestiere halten? Etwas zwischen neugierig und angeekelt.<br />

Ob sich der Trend bis zur Badesaison hält?<br />

Ein erfrischendes Gedankenexperiment.<br />

Bild: zVg Pantone<br />

Für fitte Fellnasen<br />

Tracker für Tiere: Das Minitailz-Halsband lokalisiert für<br />

schlappe 99 Dollar den pelzigen Liebling, misst<br />

Herzschlag, Atemfrequenz und erfährt, was er treibt.<br />

Doch das Verkaufsargument, sein Haustier damit<br />

gesund zu halten, zweifeln wir stark an. Machen die<br />

Tiere am Ende nicht eh, was sie wollen? Im deutschsprachigen<br />

Raum bisher in Deutschland erhältlich.<br />

Wau, was für ein Gadget!<br />

16 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Bild: Pexels Sean P Twomey<br />

Tiefer Talk<br />

LIFESTYLE<br />

An der Oberfläche kratzen war gestern: Auf Plattformen wie Pinterest steigt<br />

das Interesse nach Fragekarten und Gesprächsanregungen für Paare,<br />

Freund*innen und Familie. Der «Deep Talk»-Trend spiegelt, wonach wir uns<br />

sehnen: emotional verbunden und mental gesund sein und echten,<br />

achtsamen Austausch haben.<br />

Raus aus der Selbstspirale und dem Weltschmerz, rein<br />

in den tiefen Talk.<br />

Populärer Pfirsich<br />

Das auf Farbe spezialisierte Unternehmen<br />

Pantone hat Peach Fuzz zur Farbe<br />

des Jahres gekürt, inspiriert von der<br />

saftig-prallen Pfirsichfrucht und nicht<br />

etwa von der zweideutigen Emoji-Verwendung.<br />

Die süsse Versuchung in<br />

Pastell erobert seither Lippen, Wangen<br />

und Kleiderschränke.<br />

Ob das Versprechen was<br />

taugt, Peach Fuzz liesse uns<br />

gesünder aussehen? Selbst<br />

ausprobieren.<br />

Bild: zVg Apple<br />

Avantgardistischer<br />

Augapfel<br />

Sehen als Magie. Die Technologie<br />

der Mixed-Reality-Brille Apple<br />

Vision Pro erntet höchstes Lob,<br />

wobei jüngst einige Kund*innen<br />

die Brille zurückgeben wegen<br />

Kopfschmerzen und Schwindel.<br />

Seit Februar in den USA erhältlich<br />

für 3500 Dollar.<br />

Beeindruckt sind wir<br />

wahrlich, doch verweisen<br />

wir auf vorherigen Trend<br />

«Tiefer Talk» beharrlich:<br />

als Ausgleich,<br />

damit aus magisch nicht<br />

einsam wird.<br />

Caprese im Cocktail<br />

Drinks, die nach Gerichten schmecken, trenden: vom<br />

Caprese Martini in New York bis zum thailändischen<br />

Rindfleischsalat-Drink in Hongkong. Cheers rufen die<br />

Abenteuerlustigen, Prost die Verrückten!<br />

Trinken statt essen? Kann man machen.<br />

Muss man aber nicht.<br />

Bild: Yossy Arefi<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

17


ALTER EGO<br />

Die Freuden und Leiden<br />

der Samstagnacht<br />

Ein Samstagabend im Spätwinter. Mein Mann ist verreist, und ich<br />

habe die Wohnung für mich allein. Mit dem Hund war ich spazieren,<br />

der Haushalt ist erledigt, und es steht nichts mehr an. Ich freu’<br />

mich darauf, einen Abend lang nur zu lesen, Netflix zu glotzen und<br />

mir das Abendessen beim Inder zu bestellen. Ich will mich gerade<br />

aufs Sofa legen, als sich mein Alter Ego zu Wort meldet.<br />

Alter Ego: Ist heute nicht unsere Lieblingsparty?<br />

Ich (schulterzuckend): Möglich.<br />

Ich lasse mich langsam ins Polster sinken und wünsche mir,<br />

dass mein Alter Ego die Party gleich wieder vergisst.<br />

Alter Ego: Ich hab’ doch in der Stadt ein Plakat gesehen.<br />

Guck mal in der Kulturagenda.<br />

Ich (seufzend): Wenn du meinst.<br />

Lustlos stehe ich wieder auf und suche in den diversen über die<br />

ganze Wohnung verteilten Zeitungsstapeln nach der entsprechenden<br />

Beilage, heimlich hoffend, dass sie schon im Altpapier<br />

gelandet ist.<br />

Ich: Ich kann sie leider nicht finden. Ist wahrscheinlich schon<br />

entsorgt.<br />

Schnell schnapp’ ich mir mein Buch und lass’ mich zurück aufs<br />

Sofa plumpsen.<br />

Alter Ego (vorwurfsvoll): Wie wär’s mit online nachsehen?<br />

Ich krame grummelnd mein Handy aus der Tasche und öffne<br />

die Website eines queeren Veranstaltungskalenders.<br />

Alter Ego: Da! Da ist sie! Heute ab 21 Uhr!<br />

Ich: Toll.<br />

Alter Ego: Wir können ja erst gegen elf hin, dann hast du vorher<br />

genügend Zeit rumzulümmeln.<br />

Ich: So spät hab’ ich keine Lust mehr rauszugehen.<br />

Alter Ego: Bah, so spiessig. Früher hat dir das auch nichts<br />

ausgemacht.<br />

Ich: Früher hatten wir auch einen Kaiser. Ich möchte jetzt einfach<br />

einen gemütlichen Abend daheim, basta.<br />

Mein Alter Ego schweigt beleidigt, während ich mich wieder<br />

meinem Roman widme.<br />

Alter Ego (murmelnd): Nächsten Monat können wir bestimmt<br />

wieder nicht, und dann ist Sommerpause, im Herbst verreisen wir –<br />

das heisst, wir kommen dieses Jahr gar nicht mehr an diese Party.<br />

Ich: Was ja auch egal ist.<br />

Alter Ego: Ja, aber dort treffen wir doch immer Leute, die wir<br />

sonst nie sehen.<br />

Ich (zögerlich): Stimmt . . . aber ich bin heute echt nicht in<br />

Stimmung.<br />

Mirko Beetschen ist Schriftsteller –<br />

ausgezeichnet mit dem Literaturpreis<br />

des Kantons Bern.<br />

Er liebt Design und Architektur,<br />

seinen Vizsla-Rüde Puccini und<br />

Kater Elliot.<br />

– alterego@mannschaft.com<br />

Damit vertiefe ich mich wieder in mein Buch. Nach einer<br />

Weile kichert mein Alter Ego. Ich ignoriere es. Wieder ein<br />

Kichern.<br />

Ich: WAS?<br />

Alter Ego: Bestimmt ist die halbe Sportgruppe dort und<br />

feiert ihr Saturday Night Fever, und du liegst hier wie deine<br />

eigene Grosstante.<br />

Ich: Na und?<br />

Alter Ego: Der Türke ist sicher auch mit von der Partie.<br />

Ich (aufhorchend): Meinst du wirklich?<br />

Alter Ego: Na klar! Der lässt sich doch die coolste Party der<br />

Stadt nicht entgehen.<br />

Ich: Hm, vielleicht könnte ich ja gegen zehn kurz reinschauen.<br />

Wenn nichts los ist, bin ich vor Mitternacht wieder<br />

hier und guck’ noch einen Film.<br />

Alter Ego: Deal!<br />

Ich: Aber wehe, ich vergeude dort meine Zeit!<br />

Es ist viele Stunden später, als ich summend und torkelnd<br />

in die dunkle Wohnung zurückkehre und von unserem<br />

Hund freudig begrüsst werde.<br />

Ich (mich umständlich aus der Jacke windend): Wie spät<br />

ist es eigentlich?<br />

Alter Ego: Gleich fünf Uhr früh.<br />

Kurz ist es still, dann beginnen wir beide zu kichern.<br />

Text: Mirko Beetschen<br />

Illustration: Dominik Schefer<br />

18 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Tickets: ticketcorner.ch<br />

Info: gadget.ch<br />

Fletcher<br />

25.04.<strong>2024</strong> – Komplex 457 Zürich<br />

BecKs<br />

01.06.<strong>2024</strong> – Dynamo Saal Zürich<br />

Kim Wilde<br />

12.12.<strong>2024</strong> – Volkshaus Zürich


MANNS<strong>CH</strong>AFT+<br />

ARTS<br />

Kunst inmitten<br />

von Chaos<br />

Das Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich zeigt bis<br />

20. Mai die Ausstellung «Bliss» von Tarek Lakhrissi. Der franzö-<br />

sische Künstler nimmt sein Publikum auf eine autofiktionale<br />

Reise mit: eine Selbstfindung in einer mehrheitlich weissen und<br />

heterosexuellen Gesellschaft. Hautfarbe, soziale Klasse und<br />

Gender sind Themen, die immer wieder auftauchen. Der Künstler<br />

und Dichter nutzt dabei sowohl traditionelle Narrative als<br />

auch schillernde Pop-Ästhetik. – migrosmuseum.ch<br />

Foto: Studio Stucky © ProLitteris, Zürich<br />

Nicht-binäres<br />

Kinderbuch<br />

Stimmen aus dem eigenen Freund*innenkreis<br />

und dem ihres Patenkindes<br />

bewogen unsere Autorin Simone Veenstra<br />

dazu, ein Kinderbuch zu schreiben<br />

mit einer Hauptfigur (Luca), die nicht<br />

eindeutig als Mädchen oder Junge<br />

gelesen werden muss. Eine herzerwärmende<br />

Gutenachtgeschichte, in der sich<br />

Luca und Papa aufmachen, herauszufinden,<br />

was nachts passiert, wenn Luca<br />

schläft. Erzählt ohne ein einziges gegendertes<br />

Personalpronomen.<br />

Bild: David Harriman<br />

Die Welt von<br />

Kiki Kogelnik<br />

Bis 14. Juli <strong>2024</strong> erhält die österreichische<br />

Künstlerin Kiki Kogelnik (1935–1997) ihre<br />

erste Retrospektive in der Schweiz. Sie<br />

prägte die europäische Pop Art und nahm<br />

visionär die Themen vorweg, die heute mehr<br />

denn je aktuell sind: Genderfragen und<br />

sexuelle Identitäten, ethische Fragen rund<br />

um Spitzenforschung, Rationalisierung und<br />

Miniaturisierung durch Robotik. Die Ausstellung<br />

im Kunsthaus Zürich zeigt rund 150<br />

teils sehr grosse Formate aus Kogelniks Welt, die geprägt ist von<br />

menschlichen Figuren und Tieren und ästhetisch beeinflusst von<br />

Raumfahrt, Robotik, Mode und Subkultur. – kunsthaus.ch<br />

Foto: Kiki Kogelnik Foundation<br />

John Galliano<br />

auf der<br />

Leinwand<br />

Ab 16. Mai in den Kinos der<br />

Deutschschweiz: «High & Low»,<br />

der Dokumentarfilm über einen<br />

der herausragendsten und einflussreichsten<br />

Modedesigner unserer<br />

Zeit - John Galliano - seinen<br />

Aufstieg und Fall. Mit illustrer<br />

Besetzung, darunter Naomi<br />

Campell, Kate Moss, Penelope<br />

Cruz, und weitere schöne Menschen<br />

und natürlich John Galliano<br />

höchstpersönlich.<br />

– pathefilms.ch<br />

20 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


ZKO-HAUS, DIENSTAG, 11. JUNI <strong>2024</strong>, 20.00 UHR<br />

WEITERE INFOS: ZKO.<strong>CH</strong>/KONZERTE<br />

Verzaubert<br />

Q U E E R E L E B E N S G E S C H I C H T E N<br />

FORGET ME NOT<br />

QUEERE KOMPONIST*INNEN<br />

EINE REISE DUR<strong>CH</strong> DIE MUSIKGES<strong>CH</strong>I<strong>CH</strong>TE MIT<br />

LIEDERN VON KLASSIK BIS JAZZ UND MUSICAL.<br />

Gestaltung: artischock.net, Illustration: Goscha Nowak<br />

DER LIVETALK MIT DER ANDEREN SI<strong>CH</strong>T AUF KULTUR, EREIGNISSE UND BIOGRAPHIEN<br />

Wir engagieren uns – Sie<br />

Tickets 20 % günstiger.<br />

zkb.ch/verzaubert


+B<br />

MANNS<strong>CH</strong>AFT+ – WERBUNG<br />

BRANDS<br />

Bild: by Our<br />

«The Journey»<br />

Our: Mode für<br />

Menschen<br />

Reisetipps für die queere Community:<br />

In der Folge «Besondere Begegnungen»<br />

des Podcasts «The Journey» von<br />

Kuoni erzählt Patrick Zimmerling (Foto)<br />

von Pink Cloud über persönliche<br />

Reiseerlebnisse mit seinem Partner<br />

und was queere Reisende zu bedenken<br />

haben. Pink Cloud ist spezialisiert auf<br />

massgeschneiderte Trips für die<br />

lesbische Frau, den schwulen Mann<br />

und ihre Freund*innen.<br />

Bild: zvg<br />

Der Zürcher Modeschöpfer Chris Müller hat eine Mission:<br />

Unisexmode soll das neue Normal werden. Sein Modelabel<br />

taufte er deshalb zu Beginn «ournewnisex» – für neu und<br />

unisex stehend. Mittlerweile heisst es nur noch «our». Mit<br />

seinen Kollektionen betont er nicht geschlechterspezifische<br />

Attribute, löst Zuschreibungen auf und interpretiert sie neu.<br />

Die Our-Kollektionen sind weder weiblich noch männlich.<br />

Unter dem Strich sind wir alle Menschen, ein Individuum<br />

unabhängig vom Geschlecht.<br />

– ournewnisex.com<br />

Bild: Swiss<br />

Prost ohne<br />

Promille<br />

Bild: zvg<br />

Das 125-jährige Traditionsunternehmen Lateltin<br />

stellt in Winterthur fünf innovative Spirituosen-<br />

Alternativen ohne Alkohol her: für Gin-Liebhabende<br />

den G’nuine Zero Classic und seine Variante mit<br />

Gurke- und Zitronengras-Aroma. Für Vermouth-<br />

Fans den Jsotta Senza Rosso und Bianco. Und wer<br />

ein alkoholfreies Pendent aus der Schweiz zu<br />

Campari sucht, der sollte den Jsotta Bitter Senza<br />

probieren. Perfekt für alle, die auf keinen Apéro<br />

oder klirrenden Drink-Moment verzichten wollen,<br />

aber auf den Kater danach.<br />

– ginuine.ch, jsotta.ch<br />

Die Swiss<br />

macht sich<br />

locker<br />

Tattoos für alle, Make-up für Männer:<br />

Die Swiss ändert ihre Regeln für das<br />

Kabinenpersonal. Seit Februar sind<br />

einem Bericht der Luzerner Zeitung<br />

zufolge Tattoos beim Kabinenpersonal<br />

erlaubt – vorausgesetzt, sie sind nicht<br />

anstössig –, ebenso wie Nasenpiercings.<br />

Während die weiblichen<br />

Flight-Attendants jetzt mit ungeschminkten<br />

Lippen den Dienst antreten<br />

dürfen, können ihre Kollegen nun<br />

Nagellack und Make-up auftragen.<br />

22 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


heisst<br />

Safer Sex<br />

impfen<br />

Vor Mpox, HPV und Hepatitis<br />

A/B kannst du dich mit einer<br />

Impfung schützen. Eine Infektion<br />

kann schwere Folgen haben,<br />

darum lohnt sich der Schutz.<br />

Wo impfen?<br />

Alle Impfstandorte in deinem Kanton<br />

findest du hier: drgay.ch/impfen


MANNS<strong>CH</strong>AFT+<br />

COMMUNITY<br />

Bild: Ella Mettler<br />

Queer<br />

durch<br />

Europa<br />

«Pride on tour»: Auf 224 Seiten hat die<br />

Autorin Simone Bauer 35 queere europäische<br />

Reiseziele zusammengetragen<br />

– mit Geheimtipps und Inspirationen zu<br />

Communitytreffs, Festivals, Partys,<br />

Kultur und Sehenswürdigkeiten. Der<br />

Reiseführer eignet sich auch für diejenigen,<br />

die abseits von Queerness Urlaub<br />

machen möchten, ohne Angst haben zu<br />

müssen, seine*n Partner*in zu küssen.<br />

Nemo reist nach<br />

Malmö zu sich selbst<br />

Die Schweiz schickt Nemo zum Eurovision Song Contest <strong>2024</strong> nach<br />

Malmö: mit dem Lied «The Code», ein bombastischer Mix aus Rap,<br />

Drum ’n‘ Bass und Oper-Elementen, der die Selbstliebe zelebriert.<br />

Irgendwo zwischen den Nullen und Einsen des binären Systems<br />

habe Nemo zu sich gefunden, besingt der nicht-binäre Act aus Biel.<br />

Das erste Halbfinale geht am 7. Mai über die Bühne, das zweite<br />

Halbfinale mit der Schweiz am 9. Mai (beide live auf SRF zwei) und<br />

das Finale am Samstag, 11. Mai (live auf SRF 1).<br />

– Hier entlang zum Nemo-Interview und -Song:<br />

Schweizer Schulen zu<br />

wenig LGBTIQ-freundlich<br />

Eine neue Umfrage unter lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans,<br />

nicht-binären und queeren Schüler*innen zeigt, dass sich über die<br />

Hälfte der Befragten in der Schule unwohl oder nicht sicher fühlt. Die<br />

LGBTIQ-Organisationen Lesbenorganisation Schweiz (LOS), Transgender<br />

Network Switzerland (TGNS), Pink Cross, Milchjugend, ABQ,<br />

Queeres Ah&Oh, Comout und Du-bist-du haben gemeinsam mitgeteilt,<br />

dass junge Queers Abwertungen erlebten, mit homo-, bi- und<br />

transfeindlichen Sprüchen ausgegrenzt würden. Gleichzeitig fehle<br />

es ihnen an Unterstützung durch Lehrpersonen, die bei negativen<br />

Bemerkungen nur teilweise eingreifen würden.<br />

Drag<br />

im Ring<br />

Wrestling trifft auf Drag: Die<br />

Veranstalter*innen versprechen<br />

für die zweite Ausgabe von «Drag<br />

im Ring» by Rachel Harder einen<br />

noch grösseren Cast, der sich aus<br />

«Luzerns beliebtester Schlägertruppe»,<br />

der Brigade Brut, und den<br />

«angriffslustigsten Dragqueens<br />

der Schweiz» zusammensetzt. Das<br />

Event findet am 18. Mai in der<br />

Grossen Halle im Südpol Luzern<br />

statt mit anschliessender Afterparty.<br />

Vorverkauf empfohlen:<br />

– sudpol.ch<br />

Bild: Leni O.<br />

24 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Bist du bereits<br />

Mannschaft?<br />

Spannende Persönlichkeiten, tiefgründige<br />

Hintergrundartikel und Reiseberichte abseits<br />

der typischen Gay-Destinationen. Wir sind<br />

das Magazin für die ganze Community und<br />

erscheinen viermal jährlich.<br />

Beim Abo ist MANNS<strong>CH</strong>AFT+ inklusive. So<br />

hast du unbeschränkten Zugriff auf alle Artikel<br />

in unserer LGBTIQ-News-App oder auf unserer<br />

Newsseite mannschaft.com<br />

Ausserdem unterstützt du mit deinem Abonnement<br />

queeren Journalismus. Wir sind ein<br />

unabhängiger Verlag und leben von Abobeiträgen.<br />

Bist du bereits Teil der Mannschaft?<br />

→ mannschaft.com/shop


Teil der<br />

Hol dir<br />

dein Abo<br />

jetzt hier:


Story — 2<br />

2<br />

Die<br />

Architekten<br />

schöner<br />

Dinge<br />

28 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 2<br />

Text – Greg Zwygart<br />

Bilder – Sheyn<br />

Nicolas Gold und Markus<br />

Schaffer sind Gründer von<br />

Sheyn, ein junges Start-up aus<br />

Wien. Ein Protokoll über die<br />

Träume und Meilensteine eines<br />

queeren Designstudios.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

29


Story — 2<br />

ie 40 futuristische Spinnräder sehen sie<br />

aus: Die 3D-Drucker, die in der Zieglergasse<br />

in Wien leise vor sich hin surren. Nur<br />

spinnen sie keine Wolle, sondern Fäden aus<br />

biobasierten Kunststoffen. Auch spinnen<br />

ist das falsche Wort. Vielmehr tragen die<br />

Maschinen Schicht um Schicht auf, Millimeter<br />

um Millimeter – mit so grosser Präzision,<br />

dass am Ende eine perfekte geometrische<br />

Form entsteht, die nicht nur schön<br />

aussieht, sondern auch einen Zweck erfüllt:<br />

als Vase, als Schale, als Lampenschirm.<br />

Wir befinden uns im Atelier von Sheyn,<br />

am Tisch sitzen Nicolas Gold und Markus<br />

Schaffer. Die beiden Männer sind die<br />

Gründer des jungen Designstudios und sowohl<br />

geschäftlich als auch privat ein Paar.<br />

Die Idee<br />

Sheyn begann vor acht Jahren. Nicht in<br />

diesem Atelier, sondern in der Küche von<br />

Nicolas. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits<br />

seit etwas über einem Jahr mit Markus<br />

zusammen und schlug ihm vor, gemeinsam<br />

ein Unternehmen zu gründen.<br />

Er würde sich um das Kreative kümmern,<br />

Markus um das Geschäftliche. Was genau<br />

Nicolas jedoch produzieren wollte, wusste<br />

er damals noch nicht. «Nur etwas war mir<br />

klar: Ich wollte einfach schöne Dinge machen»,<br />

sagt Nicolas.<br />

Bei diesem entscheidenden Moment in<br />

der Küche war auch ein guter Freund von<br />

Nicolas dabei. Und sagte: «Dann wählt<br />

doch den Namen Sheyn!» Ein Argument<br />

dafür war nicht nur die jiddische Bedeutung<br />

«schön», sondern auch die Herkunft<br />

der jiddischen Sprache. «Ich stamme aus<br />

einer jüdischen Familie in Argentinien,<br />

Markus aus Österreich», sagt Nicolas.<br />

«Jiddisch steht für eine Verbindung der<br />

jüdischen Community mit Europa – ein<br />

Zusammenkommen von Hebräisch und<br />

Deutsch.»<br />

Markus studierte Informationsmanagement,<br />

Nicolas Architektur. Während<br />

Nicolas noch den Master anhängte, absolvierte<br />

Markus den Master in Wirtschaftsinformatik.<br />

Für Nicolas war lange klar,<br />

dass er sich einmal selbstständig machen<br />

würde. «Ich designe lieber für mich selbst<br />

als für andere Leute», sagt er. «Als ich noch<br />

in einem Architekturbüro arbeitete, war<br />

ich frustriert. Du arbeitest 60 Stunden pro<br />

Woche und tust am Ende das, was andere<br />

dir sagen.»<br />

Die Produkte<br />

Ein Architekt ist Nicolas geblieben – ein<br />

Architekt schöner Dinge. Dieser Background<br />

prägt Sheyn von den Anfängen<br />

bis heute, veranschaulicht wird das in den<br />

architektonischen Designs der Produkte.<br />

Diese kommen aus dem 3D-Drucker und<br />

werden nach Modellierungstechniken entworfen,<br />

die Nicolas im Studium gelernt hat.<br />

Die erste Kollektion, die Sheyn herausbringt,<br />

ist Schmuck. «Das waren Ringe,<br />

Anhänger und Armreifen, die wir in Silber<br />

fassten. Damit besuchten wir die ersten<br />

Designermärkte in Wien», erinnert sich<br />

Markus. Sowohl er als auch Nicolas hatten<br />

zu dieser Zeit noch ihre Jobs und Sheyn<br />

war nichts weiter als ein Nebenprojekt.<br />

2019 kauften die beiden ihren eigenen<br />

3D-Drucker, um mehr Kontrolle über die<br />

einzelnen Teile ihrer Schmuckdesigns zu<br />

haben. Nicolas experimentierte mit Vasen<br />

und produzierte erste Prototypen. Diese<br />

stellte er zusammen mit dem Schmuck am<br />

Wiener Fesch’Markt aus, ein ehemaliger<br />

Marktplatz für die Kreativszene Österreichs.<br />

«Die Prototypen waren schnell ausverkauft,<br />

so dass wir nachts weitere nachdrucken<br />

mussten», erinnert sich Markus.<br />

«Uns war sofort klar, dass wir die Vasen<br />

weiterverfolgen mussten.»<br />

30 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 2<br />

Für die «Embracing<br />

Beauty»-Kampagne<br />

posierten queere<br />

Menschen für Sheyn.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

31


Story — 2<br />

Markus Schaffer<br />

(links) ist für die<br />

geschäftliche Seite<br />

von Sheyn verantwortlich,<br />

Nicolas<br />

Gold für Design und<br />

Produktion.<br />

32 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 2<br />

«Markus ist der typische<br />

Österreicher. Er mag es gerne<br />

etwas langsamer, dafür auf<br />

der sicheren Seite.»<br />

Nicolas und Markus konzentrierten<br />

sich auf «Homeware». Der Begriff kann<br />

etwa mit Haushaltswaren übersetzt werden<br />

und umfasst Vasen, Schalen und Töpfe<br />

für Pflanzen. Bald kamen Leuchtmittel<br />

wie Tischlampen und Hängeleuchten<br />

hinzu, die das Paar erstmals 2022 bei der<br />

Vienna Design Week ausstellten.<br />

Heute ist der Schmuck eher in den<br />

Hintergrund gerutscht. «Die Homeware-<br />

Kollektionen können wir komplett selbst<br />

produzieren. Beim Schmuck ist es ein bisschen<br />

komplizierter, da wir die Fassungen<br />

andernorts herstellen lassen müssen»,<br />

sagt Nicolas. «Daher verkaufen wir den<br />

Schmuck nur noch auf Bestellung.»<br />

Vasen und Lampen aus dem 3D-Drucker:<br />

Kann man sich diese Wundermaschine<br />

kaufen und bloss auf den «Print»-Knopf<br />

drücken? So einfach, wie das klingt, ist es<br />

nicht. Abgesehen von der Tatsache, dass<br />

ein qualitativ hochwertiges Gerät mehrere<br />

hundert Euro kostet, sind die Produkte<br />

von Sheyn das Ergebnis eines zeitintensiven<br />

Design- und Herstellungsprozesses,<br />

die akribisch auf den Drucker abgestimmt<br />

sind. «Wir lassen uns vom Drucker nicht<br />

vorschreiben, wie er unsere Ware druckt»,<br />

sagt Nicolas. «Wir versuchen die Balance<br />

zwischen Design und Produktionsqualität<br />

zu finden.» Ähnlich wie die Statik eines Gebäudes<br />

in der Architektur eine Rolle spielt,<br />

muss Nicolas neben dem Design auch die<br />

Struktur und Stabilität seiner Produkte berücksichtigen<br />

– und wie diese durch den<br />

3D-Drucker gewährleistet werden können.<br />

Seine Anforderungen sind hoch: Produkte,<br />

die einen Makel oder Druckfehler aufweisen,<br />

wandern ins Recycling.<br />

ANZEIGE<br />

Häschs jetzt endli?<br />

Äh nei, ich bin<br />

am streame…<br />

Film: Triangle of Sadness<br />

Ausgesucht gute Filme.<br />

Im Kino und Zuhause.


Story — 2<br />

«Uns ist wichtig, dass wir<br />

mit ökologischen Materialien<br />

arbeiten.»<br />

Der Durchbruch<br />

2020 erhielten Markus und Nicolas eine<br />

Förderung über 60 000 Euro der Wirtschaftsagentur<br />

Wien, ein Fonds der Stadt<br />

Wien. Markus schrieb den dafür erforderlichen<br />

Antrag und das Budget. «Der Antrag<br />

musste sehr gründlich sein, fast wie<br />

ein Businessplan. Doch für uns war es gut,<br />

so konnten wir uns an ihm orientieren»,<br />

sagt er.<br />

Die beiden erhielten die Zusage für den<br />

Förderbeitrag im Februar 2020. Ein Monat<br />

später kam die Pandemie und Markus<br />

und Nicolas sassen zuhause im Lockdown.<br />

Während viele andere Unternehmen zum<br />

Stillstand kamen, hatte das Paar Glück. Es<br />

war ein guter Zeitpunkt, um durchzustarten.<br />

«Die Menschen mussten im Homeoffice<br />

bleiben und wollten ihr Zuhause<br />

verschönern. Unser Onlineshop mit allen<br />

Produkten war startbereit», sagt Nicolas.<br />

Heute besteht Sheyn aus einem fünfköpfigen<br />

Team. «Wir sind ein ziemlich<br />

queerer Brand», sagt Markus lachend. «Wir<br />

bestehen aus vier schwulen Männern und<br />

einer heterosexuellen Frau.»<br />

Auf die Frage, wann Sheyn der Durchbruch<br />

gelang, geben Markus und Nicolas<br />

unterschiedliche Antworten. Der Betriebswirtschafter<br />

Markus nennt die Bestellung<br />

eines kanadischen Onlineshops<br />

von 1300 Stück. Der lukrative Auftrag liess<br />

die jungen Unternehmer jedoch erst einmal<br />

leer schlucken.<br />

«Bis dahin war unsere grösste Bestellung<br />

lediglich bei 150 Stück», erinnert sich<br />

Markus. «Wir hatten nicht genügend Zeit<br />

und nicht genügend Platz für eine so grosse<br />

Bestellung.» Sheyn einigt sich mit dem<br />

Kunden auf eine Lieferfrist von zwei Monaten<br />

und eine Anzahlung. Mit dem Geld<br />

schaffen sich Markus und Nicolas fünf<br />

neue 3D-Drucker an und beginnen mit der<br />

Produktion.<br />

«Ohne diese Bestellung wären wir heute<br />

vielleicht nicht dort, wo wir jetzt sind», sagt<br />

Nicolas. «Wir konnten viel lernen, was den<br />

Umgang mit grossen Bestellungen betrifft.»<br />

34 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Für den Kreativkopf symbolisiert jedoch<br />

ein anderes Ereignis den Durchbruch<br />

von Sheyn: das Ausstellen bei der renommierten<br />

Designmesse «Maison & Objet»<br />

in Paris. «Die angesehenen Marken und<br />

Produkte sind dort vertreten, für mich<br />

schien das immer unerreichbar», sagt Nicolas.<br />

«Als wir aber dort unseren kleinen<br />

Stand hatten und die Leute zu uns kamen,<br />

um Bestellungen aufzugeben, gab es uns<br />

schon das Gefühl, endlich angekommen<br />

zu sein.»<br />

Die Balance zwischen Geschäft<br />

und Beziehung<br />

Markus und Nicolas sind nicht selten<br />

unterschiedlicher Meinung. Doch es sind<br />

gerade die gegensätzlichen Ansichten<br />

Wer hätte<br />

gedacht, dass<br />

Maisstärke so<br />

aussehen könnte?<br />

und das Treffen in der Mitte, was Teil des<br />

Erfolgsrezepts von Sheyn ist. «Ich bin<br />

sehr impulsiv und möchte alles am liebsten<br />

gleich sofort umsetzen», sagt Nicolas.<br />

«Markus ist der typische Österreicher. Er<br />

mag es gerne etwas langsamer, dafür auf<br />

der sicheren Seite. Für die geschäftlichen<br />

Dinge fehlt mir schlicht die Geduld.»<br />

Es ist jedoch der eher risikoscheue<br />

Markus, der Nicolas zu gemeinsamen<br />

Kollektionen mit anderen Künstler*innen<br />

bringt. «Ich sage anfangs oft nein, weil<br />

ich nicht mit anderen Menschen designen<br />

möchte. Am Ende kommen aber immer<br />

coole Produkte dabei raus», sagt Nicolas.<br />

Ein Jahr nach seiner grossen Bestellung<br />

meldete sich der kanadische Onlineshop<br />

wieder und schlug eine gemeinsame


Story — 2<br />

Die «Blend»-Kollektion kombiniert zwei Farben und erreicht so die Optik eines Farbverlaufs.<br />

Bild: Sellerie Studio<br />

Weihnachtskollektion vor. «Ich bin Jude,<br />

ich habe keinen Bezug zu Weihnachten»,<br />

sagt Nicolas lachend. Doch Markus überzeugte<br />

ihn und im Rahmen der Kollaboration<br />

entdeckte Nicolas eine Methode, die<br />

zwei Farben beim 3D-Druck miteinander<br />

kombiniert. Die zweifarbigen Modelle<br />

sind nun fester Bestandteil der Sheyn-<br />

Hauptkollektion. «Sie gehören zu unseren<br />

Bestsellern», sagt Nicolas. «Ohne die Zusammenarbeit<br />

hätten wir nie diese Richtung<br />

eingeschlagen.»<br />

Während Markus und Nicolas in den<br />

Anfangsjahren fast ihre gesamte Zeit in<br />

Sheyn investierten, kommen sie heute in<br />

einer durchschnittlichen Arbeitswoche<br />

auf je rund 50 Stunden. «Wir sind ein Paar,<br />

das zusammen arbeitet und zusammen<br />

wohnt. Oft besprechen wir Geschäftliches,<br />

wenn wir zuhause oder schon im Bett<br />

sind», sagt Markus.<br />

«Ich bin ein Workaholic», ergänzt Nicolas.<br />

«Für mich ist Sheyn nicht nur ein Unternehmen,<br />

sondern auch ein Hobby. Ich<br />

kann 24 Stunden am Tag arbeiten, wenn<br />

es sein muss.»<br />

Wirklich abschalten können die beiden,<br />

wenn sie auf Reisen sind und sich<br />

von Design und Architektur inspirieren<br />

lassen. Eine weitere Leidenschaft ist der<br />

Eurovision Song Contest, zu dem sie jährlich<br />

reisen. «In der Eurovision-Woche tun<br />

wir auch wirklich nichts Geschäftliches»,<br />

sagt Nicolas. «Wir achten darauf, dass wir<br />

gemeinsam mit unseren Freunden etwas<br />

unternehmen.» Am letztjährigen Contest<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

35


Story — 2<br />

Die «Edge»-Kollektion mit den Vasen «Bulbous» und «Touch» (hinten) enstand mit dem Designstudio «2LG Studio».<br />

unterstützten sie den finnischen Kandidaten<br />

Käärijä und trugen schwarze T-Shirts<br />

mit fluoreszierendem Aufdruck. Nicolas<br />

schmunzelt: «Wir schafften es in der Liveshow<br />

drei Mal vor die Kamera!»<br />

Die Verantwortung für Umwelt<br />

und Community<br />

Die Produkte von Sheyn werden mit<br />

PLA gedruckt, die englische Abkürzung<br />

für Polymilchsäuren. Vereinfacht ausgedrückt<br />

handelt es sich bei diesem Material<br />

aus biobasiertem Kunststoff. Markus und<br />

Nicolas füttern ihre 3D-Drucker mit Filamenten<br />

aus Maisstärke. «Uns ist wichtig,<br />

dass wir mit ökologischen Materialien arbeiten»,<br />

sagt Markus. «PLA aus Maisstärke<br />

ist erneuerbar, kann recycelt werden und<br />

ist sogar biologisch abbaubar.»<br />

Auf dem Komposthaufen sollte PLA<br />

trotzdem nicht landen – der Kunststoff<br />

ist vorerst nur industriell kompostierbar.<br />

«Produkte, die mit PLA gedruckt werden,<br />

können granuliert und so zu neuen Filamenten<br />

verarbeitet werden», erklärt Nicolas.<br />

Des Weiteren sind ihm eine nachhaltige<br />

Produktion wichtig. «Wir produzieren<br />

alles vor Ort und nur auf Bestellung. Wir<br />

36 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

benötigen keine Lagerhäuser und haben<br />

keine überschüssige Ware, die wir recyceln<br />

müssen.»<br />

Als queeres Designstudio legt Sheyn<br />

auch viel Wert darauf, in der Community<br />

ein Zeichen zu setzen. Zum Pridemonth<br />

im Juni 2023 lancierten Markus und Nicolas<br />

die «Embracing Beauty»-Kampagne.<br />

Menschen aus der LGBTIQ-Community,<br />

unter anderem auch «Drag Race Germany»-Finalist<br />

Metamorkid, posierten nackt<br />

mit Vasen. Die Bilder kamen nicht nur gut<br />

an und Sheyn büsste auf Social Media eine<br />

kleine Zahl von Followern ein. Es kamen<br />

Kommentare wie: «Es ist nicht mehr Juni,<br />

können wir wieder Bilder von coolen Vasen<br />

sehen und nicht nackten Menschen.<br />

Auch Kinder nutzen diese App.»<br />

Markus und Nicolas sind trotzdem stolz<br />

auf ihre Kampagne. «Wien ist sehr offen,<br />

wie ganz Österreich das sieht, weiss ich<br />

nicht. Deshalb ist es wichtig, dass wir die<br />

Kampagne zeigen», sagt Markus.<br />

Besonders queer ist auch die Kollektion<br />

«Edge», die Sheyn zusammen mit<br />

Jordan Cluroe and Russell Whitehead<br />

vom Londoner Designstudio «2LG Studio»<br />

umsetzte. Dazu gehören unter anderem<br />

die «genderlose» Vase «Touch» oder die<br />

phallische Vase «Bulbous», mit denen die<br />

beiden Designstudios queere Kreativität<br />

feiern wollen. «Ich arbeitete sicherlich mit<br />

50 Entwürfen von Penissen in den unterschiedlichsten<br />

Grössen und Formen», sagt<br />

Nicolas. «Und es war gar nicht so einfach,<br />

sich auf die Form zu einigen. Soll er lang<br />

oder kurz, dick oder dünn, beschnitten<br />

oder unbeschnitten sein?» Doch so wie<br />

bei allen Kollaborationen konnte auch hier<br />

eine Lösung gefunden werden. Nicolas<br />

lacht: «Es dauerte zwar zwei Monate, doch<br />

wir konnten uns auf einen Penis einigen,<br />

der allen vieren gefiel.»<br />

– sheyn.at


KOLUMNE<br />

Welche<br />

Gamie?<br />

Sie glauben es vielleicht nicht, geschätzte<br />

Leser*innen, aber es kommt vor, dass ich mich meinem<br />

Gegenüber vorstellen muss. Ich weiss – auch<br />

ich hätte gedacht, dass mein Name seit Jahren<br />

schon, spätestens aber seit ich Kolumnistin der<br />

‹Mannschaft› bin, bis in den hinterletzten Winkel des<br />

Landes – ach was! – ganz Europas bekannt ist. Dem<br />

ist bedauerlicherweise nicht so. Aber eigentlich<br />

wollte ich niemanden wegen einer (zugegebenermassen<br />

drastischen) Bildungslücke blossstellen,<br />

sondern schildern, was oft passiert, nachdem ich<br />

mich jemandem vorgestellt habe: In dem Moment,<br />

in dem mein Gegenüber das Wortspiel meines Namens<br />

begriffen hat – manche sind schneller als andere<br />

–, folgt nicht selten die verblüffte Frage: «Ist<br />

dein Name etwa ein Statement für die Monogamie?»<br />

Dieses Erstaunen ist vielschichtiger, als man gemeinhin<br />

aufs erste Hören glauben würde. Darin<br />

schwingt die Unterstellung mit, dass gerade Dragqueens<br />

– quasi die in Stöckelschuhen, Strümpfen<br />

und Make-up kondensierte Reinform der queeren<br />

Kultur – wenn nicht die Polyamorie, so doch mindestens<br />

eine offene Beziehung der Monogamie vorziehen<br />

müssten. Eine offene Beziehung scheint Standard<br />

zu sein in unserer queeren Community. Der<br />

Anspruch: Wer queer und somit sexuell und/oder<br />

geschlechtlich von der Norm befreit ist, soll darum<br />

auch gleich die olle Zweierkiste über Bord werfen.<br />

Erzählt mir doch mal jemand, er*sie sei monogam,<br />

schwingt oft ein entschuldigender Unterton mit.<br />

Nun geht es mir in dieser Kolumne nicht darum,<br />

eigenmächtig festzulegen, welche Beziehungsform<br />

– die polygame oder die monogame – die bessere<br />

ist. Weder will ich eine Lanze für die Monogamie<br />

brechen, noch ist mein Name eine verborgene Botschaft.<br />

Wer bin ich schon, darüber zu urteilen, wie<br />

andere Leute zusammenleben sollen? (Obwohl, als<br />

Dragqueen darf man ja über alles und jede*n ungefragt<br />

urteilen. Aber das am Rande . . . ) Mir geht es um<br />

etwas anderes: Statt, dass wir hier in unserer Community<br />

neue Normen – die offene Beziehung – etablieren,<br />

sollten wir unser Augenmerk darauflegen,<br />

dass wir unsere Lebensformen frei und unabhängig<br />

wählen können. Ganz ohne moralischen Ballast, ob<br />

jetzt von der monogamen oder der polygamen Seite.<br />

Und: Was sich mit der einen Person richtig anfühlt,<br />

muss nicht zur anderen passen. Jede Beziehung ist<br />

anders, jeder Mensch individuell und durch unser<br />

Queersein haben wir «die historische Gelegenheit,<br />

Beziehungs- und Gefühlsmöglichkeiten neuerlich zu<br />

eröffnen». Letzter Teilsatz stammt von meinem<br />

schwulen Lieblingsphilosophen, Michel Foucault. Er<br />

fand schon 1981 in einem wunderbaren Interview,<br />

dass wir uns für Lust empfänglich machen und unsere<br />

eigenen Lebensformen finden sollten, statt neue<br />

Normen zu etablieren. Wobei – über eine ganz bestimmte<br />

neue Norm wäre ich gar nicht so böse:<br />

Nämlich, dass ich nun endlich so berühmt werde,<br />

dass ich mich niemandem mehr vorzustellen brauche.<br />

Das ist die einzige Mono/agamie, um die ich<br />

mich schere.<br />

MANN, FRAU MONA!<br />

«Mona Gamie: Dragqueen mit<br />

popkulturellem Schalk und<br />

nostalgischem Charme. Diven-<br />

Expertin, Chansonnière und<br />

queere Aktivistin.»<br />

mona@mannschaft.com<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

37


REISEN<br />

Manchester & Glasgow<br />

Tanze zwischen Drags und Fussballfans bei<br />

der Manchester Pride und groove durchs grüne<br />

Glasgow, die grösste Stadt Schottlands.<br />

Manchester und Glasgow verbindet ihre<br />

Leidenschaft für Musik und die grosse queere<br />

Community. Manchester, das Herz der industriellen<br />

Revolution, punktet mit Architektur,<br />

Streetart und dem Gay-Village. Das Northern<br />

Quarter mit seinen Geschäften, Boutiquen<br />

und Pubs eignet sich ideal für einen Nachmittagsbummel.<br />

Für alle Asia-Food-Fans<br />

empfiehlt sich die Curry Mile mit der höchsten<br />

Dichte an asiatischen Restaurants in<br />

Grossbritannien. Die bekannteste schwule<br />

Persönlichkeit der Stadt ist der Mathematiker<br />

und Informatiker Alan Turing, der trotz seiner<br />

herausragenden Leistungen zu chemischer<br />

Kastration verurteilt wurde. Seine Statue in<br />

den Sackville Gardens gehört neben der<br />

Manchester Town Hall, der Kathedrale und<br />

der John Rylands Library zu den historischen<br />

Sehenswürdigkeiten. Bei einem Spaziergang<br />

am Kanal von Castlefield entflieht man dem<br />

Trubel: Restaurierte Mühlen, Lagerhäuser<br />

und Wohnviertel zeigen eine ganz andere<br />

Seite der Stadt. Für Sportfans ist ein Besuch<br />

des traditionsreichen Fussballstadions Old<br />

Trafford ein Muss.<br />

Nördlich von Manchester lockt die schottische<br />

Metropole Glasgow mit ihrer Mischung<br />

aus Geschichte, Kultur und Moderne. Der<br />

Mural Trail führt vorbei an riesigen Wandmalereien.<br />

Die Necropolis, Ruhestätte der<br />

bekanntesten «Glaswegians», bietet den<br />

besten Blick über die Stadt. Abends laden die<br />

Pubs der Stadt zu Drinks, gutem Essen und<br />

Livemusik ein.<br />

Bild: Marketing Manchester<br />

Die Manchester Pride<br />

findet jeweils am «Bank<br />

Holiday Weekend» Ende<br />

August statt.<br />

38 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Bild: Cedric Zaugg<br />

Für die Mannschaft<br />

unterwegs:<br />

Christina Kipshoven


REISEN<br />

Northern Quarter: Die Thomas Street mit ihren viktorianischen Gebäuden ist bekannt für ihre vielen Cafés, Bars, Restaurants<br />

und unabhängigen Geschäfte.<br />

Manchester – Tradition trifft Queerness<br />

Mit dem Gay Village, der Canal Street und Diskriminierung und Stigmatisierung.<br />

der zweitgrössten Pride Grossbritanniens Tausende Zuschauer*innen säumen am<br />

gilt Manchester als LGBTIQ-Destination Samstag die Strassen, wenn die Pride<br />

schlechthin. Während des Festwochenendes<br />

im August verwandelt sich die laufen kann man nicht: Nur angemeldete<br />

Parade durch die Innenstadt zieht. Mit-<br />

Stadt in ein brodelndes Regenbogenmeer<br />

mit Gästen aus aller Welt. Das Gay de teilnehmen.<br />

Gruppen und Firmen können an der Para-<br />

Village verwandelt sich in eine riesige<br />

Partymeile mit Strassenbars, unzähligen Ein Teil der Einnahmen des Festivals<br />

Konzerten und Performances auf verschiedenen<br />

Bühnen. Gut zu wissen: Für wurden über £120 000 (ca. EUR 140 000/<br />

fliesst zurück in die Community: 2022<br />

den Zutritt zum Gay Village benötigt man <strong>CH</strong>F 130 000) eingenommen und verschiedene<br />

Projekte initiiert. Seit ihrer<br />

ein Ticket, das man auf der offiziellen<br />

Website kaufen kann. Es empfiehlt sich, Gründung im Jahr 2007 ist die gemeinnützige<br />

Pride-Organisation stetig ge-<br />

die Verfügbarkeit im Auge zu behalten,<br />

denn besonders beliebte Konzerte sind wachsen und arbeitet nun das ganze<br />

schnell ausverkauft.<br />

Jahr über daran, das Leben von LGBTIQ-<br />

Personen im Grossraum Manchester zu<br />

Ein berührendes Erlebnis ist die Candlelit verbessern.<br />

Vigil als Abschluss des Pride Festivals: Bei<br />

Kerzenschein gedenkt die Mahnwache an – manchesterpride.com<br />

Menschen, die durch HIV ihr Leben verloren<br />

haben und setzt ein Zeichen gegen<br />

Die<br />

Arbeiterbiene<br />

Das fleissige Insekt ist eng<br />

mit der Geschichte Manchesters<br />

verbunden: Die Worker Bee<br />

stand für harte Arbeit in den<br />

Fabriken und symbolisierte den<br />

Kampf für Arbeiterrechte,<br />

soziale Gerechtigkeit und<br />

Gleichberechtigung. Heute<br />

repräsentiert sie den Stolz<br />

und den Zusammenhalt der Bewohner*innen<br />

und ist nicht<br />

mehr aus dem Stadtbild wegzudenken.<br />

Weltberühmt wurde die<br />

Biene nach dem Anschlag auf<br />

das Konzert von Ariane Grande<br />

im Jahr 2017: Viele Besuchende<br />

und auch der Popstar selbst<br />

liessen sich die Biene als<br />

Andenken tätowieren.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

39


REISEN<br />

Glasgow – City of Music and Art<br />

Glasgow, die grösste Stadt Schottlands<br />

finden sich überall in der Stadt, unter<br />

Glasgower Kunst- und Musikszene ver-<br />

und ehemalige Arbeiterstadt beherbergt<br />

anderem an der Clutha Bar, der Renfield<br />

bunden sind. Ein gutes Glasgower Pub<br />

einige der besten Museen Grossbritan-<br />

Lane und der Strathclyde University.<br />

erfüllt traditionell drei Kriterien: Es gibt<br />

niens. Wie in ganz Schottland können<br />

Der «Stride with Pride – Heritage Trail»<br />

eine Speisekarte mit einer guten Auswahl<br />

fast alle staatlichen Museen und Galerien<br />

führt Besuchende an Orte, die in der<br />

an Getränken und regionalen, einfachen<br />

kostenlos besucht werden (free access<br />

queeren Geschichte der Stadt eine<br />

Gerichten, abends bietet das Pub Unter-<br />

policy). Dazu gehört das Kelvingrove Art<br />

wichtige Rolle spielen. Dieser Trail<br />

haltung mit Livemusik, Quiz-Events oder<br />

Gallery & Museum mit einer vielfältigen<br />

ist ein Projekt der Women‘s Library,<br />

Sportübertragungen, und humorvolles,<br />

Sammlung von Kunstwerken, darunter<br />

dem einzigen anerkannten Museum in<br />

sympathisches Personal sorgt dafür, dass<br />

ein Teil der weltberühmten Mackintosh-<br />

Grossbritannien, das dem Leben von<br />

sich alle Gäste sicher und wohl fühlen. In<br />

Sammlung. Auch die Gallery of Modern<br />

Frauen gewidmet ist. Die umfangreiche<br />

vielen Pubs hängt die Pride-Flagge über<br />

Art (GoMA) ist einen Besuch wert. Die<br />

Sammlung von Büchern, Zeitschriften,<br />

dem Tresen und die meisten LGBTIQ-<br />

Sammlung des Museums umfasst ein<br />

Manuskripten und Fotografien blickt auf<br />

Pubs mit Dragshows, Karaoke und Kaba-<br />

breites Spektrum zeitgenössischer Kunst,<br />

die Geschichte der Frauen in Schottland<br />

rett befinden sich im Merchant Quarter in<br />

darunter Werke von Niki de Saint Phalle<br />

und ihrer Entwicklung. Die Organisation<br />

der Innenstadt.<br />

und Andy Warhol.<br />

Wer lieber an der frischen Luft unterwegs<br />

unterstützt feministische Forschung und<br />

Bildung und dient als Gemeindezentrum<br />

– peoplemakeglasgow.com/<br />

ist, kann die Stadt bei einem Rundgang<br />

mit Veranstaltungen und Workshops.<br />

oder einer geführten Walking Tour erkunden.<br />

Zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten<br />

zählen die beeindruckende Kathedrale<br />

mitsamt Necropolis an der Castle<br />

Street oder die unzähligen Street-Art-<br />

Kunstwerke. Die grossen Wandmalereien<br />

Der Botanische Garten oder der bekannteste<br />

Park der Stadt, «Glasgow Green»,<br />

sind ideal für ein Picknick im Freien. Mit<br />

über 90 Parks und Gärten ist Glasgow<br />

auch als «Dear Green Place» bekannt.<br />

Danach ist es an der Zeit, die unzähligen<br />

Pubs zu erkunden, die untrennbar mit der<br />

Bild: Dyana Wing, Unsplash<br />

Bild: Glasgow Life<br />

Städte<br />

Manchester — Manchester hat,<br />

nach London, die grösste queere<br />

Community in Grossbritannien.<br />

Das Gay-Village mit der Canal<br />

Street und den Sackville Gardens ist<br />

das Herz der queeren Szene.<br />

Glasgow — Die grösste Stadt Schottlands<br />

ist nicht nur UNESCO City of Music,<br />

sondern auch «World’s Friendliest<br />

City». Merchant City gilt als queerer<br />

Hotspot und ist eines der ältesten und<br />

schönsten Viertel der Stadt.<br />

Einreise — Reisende aus der EU<br />

und der Schweiz benötigen für die<br />

Einreise einen Reisepass, der für die<br />

gesamte Aufenthaltsdauer gültig ist.<br />

Reiseplanung — Ideal mit dem<br />

LGBTIQ- Guide von Visit Britain:<br />

Queer Life<br />

Was macht Manchester und<br />

Glasgow queer? Die «Mancunians»<br />

und «Glaswegians» haben<br />

für ihre Rechte gekämpft und<br />

prägten die organisierte<br />

Arbeiterbewegung. Manchester<br />

ist die Pionierstadt für<br />

LGBTIQ-Aktivismus: 1964 wurde<br />

hier der Grundstein für die<br />

Entkriminalisierung von Homosexualität<br />

gelegt. Mit der<br />

«LGBT Foundation», der grössten<br />

queeren NGO Grossbrittaniens,<br />

der Canal Street und dem<br />

Pride Festival hat sich die<br />

Stadt zu einem LGBTIQ-Hotspot<br />

entwickelt.<br />

Gemütlicher und genauso<br />

queer geht es in Glasgow zu:<br />

Viele Pubs sind explizit<br />

queerfriendly und direkt an<br />

der Castle Street, neben der<br />

St. Mungo's Cathedral und<br />

der Necropolis, weht auf dem<br />

Dach des Lehrkrankenhauses<br />

«Royal Infirmery» die Pride-<br />

Flagge.<br />

Wie auch im deutschsprachigen<br />

Raum kommt es vermehrt<br />

zu homophoben Übergriffen.<br />

Gemeinsame Kampagnen von<br />

LGBTIQ-Organisationen, Behörden<br />

und Polizei rufen zu<br />

mehr Akzeptanz und Toleranz<br />

auf.<br />

Queerometer:<br />

40 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


REISEN<br />

Das imposante Kelvingrove Museum in Glasgow ist eine der bedeutendsten kulturellen Einrichtungen Schottlands.<br />

Insidertipps<br />

NATIVE MAN<strong>CH</strong>ESTER<br />

Mitten im hippen Northern Quarter, wenige<br />

Gehminuten vom Piccadilly Bahnhof und<br />

der Canal Street, liegt das Hotel im Stil eines<br />

der für Manchester ikonischen Lagerhäuser.<br />

Es gibt sieben Zimmerkategorien für jeden<br />

Geldbeutel: vom Standardzimmer bis zum<br />

Apartment mit Küche. In der Lobby gibt es<br />

die besten Donuts der Stadt und das Ducie<br />

Street Warehouse: Die Brunch-Partys mit<br />

Bild: Delmonicas<br />

DJs, (queeren) Performances und Bottomless-Cocktails<br />

(Mocktails) finden jeden<br />

Samstag statt und sind extrem beliebt –<br />

reservieren empfohlen!<br />

– nativeplaces.com<br />

DELMONICAS GLASGOW<br />

Seit 1991 befindet sich das «Del’s» in der<br />

Virginia Street in Merchant City. Die Bar mit<br />

dem Neon-Regenbogen bietet die besten<br />

Drinks der Stadt und ein vollgepacktes Wochenprogramm<br />

mit Quiz Nights, der legendären<br />

Dragshow SUCK und Karaoke. Keine<br />

Angst vor der eigenen Courage: Mitmachen<br />

und vor allem: Mitsingen! Wer nach so viel<br />

Gesangsakrobatik eine Stärkung braucht, ist<br />

mit dem «Pizza & Prosecco Deal» bestens<br />

versorgt. Als Bonus: Gleich nebenan befindet<br />

sich die bekannte Kabarett-Bar «The<br />

Riding Room». Hier erwartet Besuchende<br />

ein schillernder Mix aus Party, Burlesque und<br />

Zaubershows.<br />

– delmonicas.co.uk<br />

– theridingroom.co.uk<br />

Besuche ein<br />

Pub-Konzert, einen<br />

Quizabend oder<br />

eine Drag-Karaoke-<br />

Show und singe<br />

deinen Lieblingssong.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

41


Story — 3<br />

3<br />

So schützt<br />

du dich<br />

auf Dating-<br />

Apps<br />

42 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 3<br />

Redaktion: Greg Zwygart<br />

Illustration: Julian Litschko<br />

In der Schweiz und Deutschland<br />

gab es vereinzelte Überfälle<br />

in Verbindung mit schwulen Dating-Apps.<br />

Täter nutzen sie, um<br />

queere Männer zu überfallen und<br />

auszurauben. So kannst du dich<br />

online besser schützen.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

43


Story — 3<br />

Insgesamt elf solche Fälle wurden in den Kantonen Bern,<br />

Basel- Landschaft, Basel-Stadt, Genf, Waadt, Zug und Zürich verübt,<br />

sechs weitere in den Nachbarkantonen. «Diese Fälle machen<br />

uns tief betroffen. Es ist wichtig und richtig, dass die Polizei diese<br />

Übergriffe ernst nimmt und aktiv dazu kommuniziert», erklärte<br />

Roman Heggli, Geschäftsleiter von Pink Cross im Dezember. Die<br />

Zusammenarbeit zwischen Polizei, Organisationen und Community<br />

sei in solchen Fällen unerlässlich: «Denn die Opfer müssen<br />

bei der Polizei ihre sexuelle Orientierung und die Nutzung von<br />

Dating-Seiten offenlegen, was häufig mit Scham und Angst vor<br />

Diskriminierung verbunden ist.»<br />

Pink Cross betont, dass solche Übergriffe kein neues Phänomen<br />

seien und aus Angst vor Diskriminierung oft in einer Dunkelziffer<br />

enden. «Umso wichtiger ist es, den Opfern eine besonders<br />

umsichtige Opferbetreuung garantieren zu können», so Heggli.<br />

chwule und bi Männer lernen sich heute primär online kennen.<br />

Dating-Apps und Social-Media-Plattformen haben die klassischen<br />

Spaces verdrängt, die jahrzehntelang die zentralen Treffpunkte<br />

der Community waren: Bars, Clubs, Saunen oder Cruising-Orte.<br />

Wer als Mann andere Männer für Freundschaft, Liebe<br />

und/oder Sex sucht, greift heute im meisten Fall zum Handy. Wer<br />

frisch geoutet ist und keine anderen queeren Männer kennt, findet<br />

am ehesten Anschluss über das Internet. Aus diesem Grund<br />

ist es wichtig, dass mit diesem Artikel keine Panik geschürt wird.<br />

Bei Dating-Apps handelt es sich nach wie vor um eine überwiegend<br />

sichere Möglichkeit, Gleichgesinnte kennen zu lernen.<br />

Vereinzelte Fälle in der Schweiz<br />

Im Dezember 2023 informierte die Kantonspolizei Waadt in einer<br />

Medienmitteilung über Betroffene, die über Dating-Plattformen<br />

wie «Gayromeo» und «Hunqz» Kontakt zu unbekannten Männern<br />

hatten und von diesen – mutmasslich bei einer Massage –<br />

betäubt und anschliessend bestohlen wurden. Die Täter nutzten<br />

gefälschte Profile und besuchten ihre Opfer bei ihnen zu Hause.<br />

Dort betäubten sie sie, unter anderem mit der Droge GHB – auch<br />

als Liquid Ecstasy bekannt. Die Kantonspolizei Waadt rief auf,<br />

bei spontanen Dates vorsichtig zu sein und bat Betroffene solcher<br />

Fälle, sich bei der Polizei zu melden. Im Zuge der Ermittlungen<br />

wurden zwei Verdächtige im Alter von 27 und 41 Jahren im Ausland<br />

festgenommen.<br />

Mehrere Fälle auch in Deutschland<br />

Im Februar <strong>2024</strong> meldete die Landespolizei Schleswig-Holstein<br />

mehrere Fälle von Gewalt, bei denen es die Täter offenbar gezielt<br />

auf Männer, die mit Männern Sex haben (MSM), abgesehen hätten.<br />

Demnach werden männliche Opfer in solchen Fällen etwa in<br />

den frühen Abendstunden auf ein abgelegenes Gelände gelockt,<br />

wo sie auf den oder die Täter treffen. Die Opfer werden den Angaben<br />

zufolge geschlagen, getreten oder sogar mit einem Messer<br />

oder Schlagstock bedroht. Auch werden ihnen Bargeld und Wertgegenstände<br />

abgenommen.<br />

Zuvor habe es in diesen Fällen eine Verabredung zwischen<br />

Opfer und Täter über eine Dating-Plattform gegeben, die zu den<br />

bekanntesten für homo- und bisexuelle Männer zählt. Im Gegensatz<br />

zur Polizei in der Schweiz wolle man keine näheren Angaben<br />

zur Website machen, damit es zu keiner negativen Werbung<br />

komme.<br />

«Wir haben für Schleswig-Holstein keine Zahlen zu diesem<br />

speziellen modus operandi. Nach meiner Erfahrung gibt es aber<br />

ein grosses Dunkelfeld», sagte Tim Jänke, der Ansprechperson für<br />

LGBTIQ ist bei der Landespolizei. Durch den Austausch mit anderen<br />

LGBTIQ-Ansprechstellen wisse man auch von Taten, die so<br />

oder ähnlich in anderen Bundesländern stattfänden.<br />

Die Taten zielen Jänke zufolge vermutlich bewusst auf schwule<br />

und bi Männer ab: «Die Täter machen sich zunutze, dass ihre<br />

Opfer aus Scham und aus Angst vor einem Coming-out nicht<br />

zur Polizei gehen.» Das Ausmass der Gewaltanwendung könnte<br />

zudem auf eine Hassmotivation aufseiten der Täter hinweisen,<br />

hiess es.<br />

Die Landespolizei Schleswig-Holstein will ihre Beamt*innen<br />

künftig für schwere Raubtaten sensibilisieren, bei denen es die<br />

Täter offenbar gezielt auf MSM abgesehen haben.<br />

Bei diesen Fällen in Deutschland und der Schweiz handelt es<br />

sich um jeweils vereinzelte und isolierte Taten. Es gibt keinen<br />

Grund, auf Dating-Plattformen zu verzichten. Um deine Sicherheit<br />

im virtuellen Raum zu erhöhen, haben wir dir auf der folgenden<br />

Seite ein paar Tipps zusammengestellt.<br />

44 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 3<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

45


Story — 3<br />

8 Tipps für sichereres<br />

Onlinedating<br />

1. Schütze deine<br />

Privatsphäre<br />

Teile nicht sofort persönliche<br />

Informationen wie deine genaue<br />

Adresse, deine Telefonnummer<br />

oder deinen Arbeitsplatz. Sei dir<br />

bewusst, dass Apps wie Grindr<br />

und Snapchat auf Geolokalisierung<br />

beruhen, die dich aufgrund<br />

deiner Entfernung in Metern<br />

zu anderen Usern oder deinen<br />

Standort auf einer Karte anzeigen.<br />

Mach dir mit den Einstellungen<br />

der Apps vertraut. Je nach<br />

Plattform kannst du deine Privatsphäre<br />

mit gewissen Funktionen<br />

besser schützen. Einige Apps<br />

bieten einen Inkognito-Modus<br />

an, mit dem du deine virtuellen<br />

Fussabdrücke besser verwischen<br />

kannst.<br />

2. Gib mit Bildern<br />

nicht ungewollte<br />

Informationen preis<br />

Wer auf der Suche nach Sex ist, möchte<br />

schnell einmal Nacktfotos sehen.<br />

Wenn du dich an die allgemeine<br />

Faustregel hältst, dass du dein Gesicht<br />

nicht auf Dickpics und anderen<br />

Nackfotos zeigst, bist du auf der sicheren<br />

Seite. Achte auch darauf, dass<br />

deine Bilder keine versteckten Hinweise<br />

auf deinen Wohn- oder Arbeitsort<br />

liefern. Diese können sich auch<br />

in der Datei befinden: Sogenannte<br />

EXIF-Metadaten verraten den genauen<br />

Standort und das Datum der Aufnahme<br />

sowie das Gerät, mit dem das<br />

Foto gemacht wurde. Am Computer<br />

kannst du dir die EXIF-Daten in den<br />

Dateiinformationen anzeigen lassen.<br />

Tipp: Gewisse Nachrichtendienste<br />

wie Signal entfernen beim Versand<br />

eines Bildes automatisch die Bildinformationen.<br />

Mit der Funktion «Notiz<br />

an mich» kannst du dir selbst ein Bild<br />

zuschicken. Übrigens: Mit einer Rückwartssuche<br />

bei Google können andere<br />

herausfinden, wo du dein Bild sonst<br />

noch hochgeladen hast.<br />

46 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 3<br />

3. Mach einen<br />

Videoanruf<br />

Gleich die Videokamera<br />

mit einer fremden Person<br />

zu teilen, setzt etwas Überwindung<br />

voraus – bietet<br />

aber Vorteile. Erstens siehst<br />

du gleich, ob die Person so<br />

aussieht wie auf ihren Bildern.<br />

Zweitens erkennt ihr<br />

auch in einem kurzen Austausch,<br />

ob ihr auf der gleichen<br />

Wellenlänge seid. Falls<br />

die Stimmung seltsam ist<br />

oder die Person nicht wirklich<br />

Interesse an dir zeigt, ist<br />

es vielleicht besser, sich gar<br />

nicht erst live zu treffen.<br />

4. Mach einen<br />

Background-Check<br />

Wir sprechen hier von einer<br />

gründlichen Prüfung und einem<br />

Auszug aus dem Strafregister.<br />

Nein, im Ernst: Nimm dir das Profil<br />

deines Dates genauer unter die<br />

Lupe. Was verrät die Person über<br />

sich? Scheint sie Teil der queeren<br />

Community zu sein? Frag dein<br />

Date nach seinen Social-Media-Profilen.<br />

Damit kannst du die<br />

Authentizität seiner Bilder überprüfen<br />

und kriegst einen Eindruck<br />

seiner Persönlichkeit.<br />

5. Triff dich an<br />

einem sicheren Ort<br />

Lade niemanden zu dir nach Hause ein,<br />

dem du nicht vertraust. Triff dich an gut<br />

beleuchteten, belebten Plätzen wie Cafés<br />

oder Restaurants –, besonders bei den<br />

ersten Treffen. Vermeide abgelegene Orte.<br />

An dieser Stelle muss jedoch erwähnt werden,<br />

dass einige LGBTIQ-Personen sich<br />

nicht gerne in der Öffentlichkeit treffen<br />

möchten. Vielleicht wohnen sie nicht in<br />

einer queer-freundlichen Umgebung oder<br />

möchten nicht als queere Person wahrgenommen<br />

werden. Frag sie nach ihren Beweggründen,<br />

falls sie dich lieber bei sich<br />

zu Hause oder an einem abgelegenen Ort<br />

treffen möchten. Wenn es sich wirklich um<br />

die vorhin erwähnten Befürchtungen handelt<br />

und du ihnen traust, kannst du immer<br />

noch entscheiden, ob du sie trotzdem<br />

treffen möchtest.<br />

Hast du Gewalt erfahren?<br />

Wenn du dich in einer akuten Notlage befindest oder<br />

unmittelbar Opfer von LGBTIQ-feindlicher Gewalt geworden<br />

bist, dann kontaktiere die Polizei. Wähle die<br />

Nummer 110 in Deutschland, 117 in der Schweiz und in<br />

Österreich 133. Europaweit gilt der Euronotruf 112.<br />

Hast du ein Hate Crime erlebt, gehört oder gesehen?<br />

LGBTIQ-Meldestellen sind auf Beratung spezialisiert<br />

und führen Statistiken. Diese sind besonders in denjenigen<br />

Orten von Bedeutung, in denen LGBTIQ-feindliche<br />

Gewalt nicht erfasst wird. In NRW und Wien sind solche<br />

Meldestellen zurzeit in Planung.<br />

DEUTS<strong>CH</strong>LAND<br />

Bayern: strong-community.de<br />

Sachsen-Anhalt: dimsa.lgbt<br />

Berlin: maneo.de<br />

S<strong>CH</strong>WEIZ<br />

lgbtiq-helpline.ch<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

47


48 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Story — 3


Story — 3<br />

6. Informiere eine dir<br />

nahestehende Person,<br />

wohin du gehst<br />

Informiere eine Person, der du vertraust,<br />

wohin du gehst, mit wem du dich triffst<br />

und wann du wieder zuhause sein wirst.<br />

Gib allenfalls temporär deinen Standort<br />

auf einer Messenger-App (wie beispielsweise<br />

Whatsapp) frei. Eine fremde Person<br />

für ein Treffen oder ein Sexdate zu<br />

treffen, gilt für viele noch als Tabu. Falls<br />

du nicht geoutet bist oder keine Person<br />

hast, der du diese Informationen anvertrauen<br />

möchtest, empfiehlt sich die<br />

Installation einer Notfall-App. Apps wie<br />

beispielsweise «Echo SOS» sind weltweit<br />

einsetzbar. Sie zeigt Notrufnummern<br />

und die nächstgelegene Notfallstation an<br />

und ermöglicht einen Notruf mit Standortübermittlung.<br />

Sorge dafür, dass dein<br />

Handy aufgeladen und bei Bedarf griffbereit<br />

ist, und mach dir im Voraus Gedanken,<br />

wie du in einem Notfall handeln<br />

würdest.<br />

7. Sprich über deine<br />

Erwartungen und setze<br />

Grenzen<br />

Einige dich mit deinem Date über eure Erwartungen<br />

an das Treffen und setze Grenzen.<br />

Sei dir bewusst, dass du während des<br />

Dates deine Meinung auch ändern und<br />

«Nein» sagen darfst, wenn dir beim Date<br />

nicht mehr wohl ist. Dein Gegenüber hat<br />

das zu respektieren.<br />

8. Vertraue deinem<br />

Bauchgefühl<br />

Selbst, wenn du diese Tipps befolgst<br />

und alles im grünen Bereich<br />

scheint, kann es immer<br />

noch sein, dass dir mulmig ist.<br />

Wenn sich etwas nicht richtig<br />

anfühlt oder dir bei einem Treffen<br />

nicht ganz wohl ist, dann sag<br />

das Date ab oder verschiebe es.<br />

Am Ende zählt dein Bauchgefühl.<br />

Überlege dir, was du benötigst,<br />

damit du mit einem guten Gewissen<br />

mit diesem Fremden<br />

intim werden kannst. Manchmal<br />

braucht es nur etwas Zeit, um<br />

Vertrauen in eine Onlinebekanntschaft<br />

aufzubauen. Wenn dein<br />

Date dafür kein Verständnis zeigt,<br />

war es ohnehin die richtige Entscheidung,<br />

es abzusagen.<br />

Diese Tipps wurden<br />

in Zusammenarbeit<br />

mit Pink Cross, der<br />

Schweizer Dachorganisation<br />

für schwule<br />

und bi Männer,<br />

erarbeitet.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

49


Interview<br />

50 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Interview<br />

Queer-Feminismus<br />

für die Ohren:<br />

Girlis neues Album<br />

«Matriarchy»<br />

Fünf Jahre nach dem Debütalbum der Londoner Künstlerin Girli erscheint<br />

Mitte Mai ihr zweites Album «Matriarchy». Darauf zeigt sich die Pop -<br />

rebellin von ihrer bisher sensibelsten Seite. Im Interview spricht sie über<br />

ihr Verständnis von Matriarchat, ihre bevorstehende Tour und übers kreative<br />

Dasein.<br />

Interview – Nora Kehli<br />

Bild: Claryn Chong<br />

Girli, wie sieht deiner Meinung nach das ideale<br />

Matriarchat aus?<br />

Für mich ist ein Matriarchat ein Ort, an dem Frauen, Mitglieder<br />

der LGBTIQ-Community und alle, die sich im patriarchalen System<br />

nicht wohlfühlen, sich selbst sein können. Ein Ort, an dem<br />

alle, die in der heutigen Gesellschaft keine Freiheit und Macht<br />

erfahren, diese Dinge erleben können. Mein Ziel ist es, dass sich<br />

meine Musik, meine Videos und meine Shows für die Menschen,<br />

die sie hören, so anfühlen.<br />

Du beschreibst dein kommendes Album «Matriarchy» als dein<br />

bisher reflektiertestes und verletzlichstes Werk, inwiefern?<br />

Während die ersten beiden veröffentlichten Songs «Nothing<br />

Hurts Like a Girl» und «Matriarchy» von anderen Menschen und<br />

der Welt im Allgemeinen handeln, sind die meisten Lieder des Albums<br />

introspektiv und erzählen vom Prozess der Selbstfindung.<br />

Die Songs sind weniger peppig und tanzbar, sondern langsamer,<br />

trauriger, tiefgründiger. Aber das kann auch nur meine Sichtweise<br />

sein, vielleicht empfinden andere die Songs als mitreissend.<br />

Das erste Lied des Albums «Be With Me» zelebriert die Selbstliebe,<br />

während der letzte Song «Happier Her» melancholisch<br />

daherkommt und von einem glücklicheren Ich handelt. Warum<br />

hast du dich dafür entschieden, das Album so enden zu<br />

lassen?<br />

«Happier Her» ist ein Lied über die Heilung und die guten Dinge,<br />

die kommen werden, aber auch über den Schmerz, der dafür<br />

durchlitten werden musste. Es ist ein hoffnungsvoller Song, der<br />

zugleich den Schmerz anerkennt. Das Ende des Albums drückt<br />

also nicht vollkommene Glückseligkeit aus, sondern betont den<br />

fortwährenden Prozess der Heilung.<br />

Welcher Song auf dem Album liegt dir besonders am Herzen<br />

und warum?<br />

Der Song «Overthinking» ist wahrscheinlich mein persönlicher<br />

Favorit. Als der Song entstand, fühlte ich mich vom Leben überrollt<br />

und hatte kaum noch Lust, Musik zu schreiben. Irgendwie<br />

fand ich dann doch die Motivation, ins Studio zu gehen. Der Text<br />

sprudelte nur so aus mir heraus. Zuerst dachte ich, der Song wäre<br />

wahrscheinlich Zeitverschwendung für alle Beteiligten, aber als<br />

ich später das Demo hörte, liebte ich ihn. Ich fühlte keinen Druck,<br />

dass das Lied perfekt sein musste, ich schrieb einfach, was mir in<br />

den Sinn kam, und am Ende kam etwas Schönes dabei heraus.<br />

Wo hast du das Album aufgenommen und wie hat deine<br />

Umgebung das Album beeinflusst?<br />

Ich habe das Album an drei verschiedenen Orten aufgenommen:<br />

London, Stockholm und Los Angeles. London, meine Heimatstadt,<br />

dient mir als stetige Inspirationsquelle, da ich viele Erinnerungen<br />

und Erfahrungen mit dieser Stadt verbinde. Stockholm ist<br />

ein sehr introspektiver Ort für mich. Dort verbringe ich viel Zeit<br />

allein, was mir den nötigen Raum zum Reflektieren gibt. L.A. ist<br />

das absolute Gegenteil: Ich gehe aus, treffe Leute und bin ständig<br />

unterwegs, was natürlich auch sehr inspirierend ist. Ich geniesse<br />

es, an all diesen verschiedenen Orten zu schreiben, da jede Stadt<br />

andere kreative Impulse gibt. Ich könnte wahrscheinlich kein<br />

ganzes Album nur an einem dieser Orte machen.<br />

Wie bereitest du dich auf die bevorstehende «Matriarchy<br />

Tour» vor? Was erwartet das Publikum?<br />

Neben den Proben für die neuen Songs freue ich mich am meisten<br />

darauf, meine Tour-Outfits auszusuchen. Es macht viel Spass,<br />

Kleider von neuen Modeschöpfer*innen zu besorgen. Ausserdem<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

51


Interview<br />

Queerness, Feminismus und mentale Gesundheit sind wiederkehrende Themen in Girlis Musik.<br />

plane ich Aktivitäten für meine Fans. Auf meiner letzten Tour<br />

habe ich etwa eine Schnitzeljagd organisiert, bei der die Fans<br />

Aufkleber mit QR-Codes finden mussten, um Koordinaten zu erhalten,<br />

die sie zu kostenlosem Merchandise führten. Ich habe mir<br />

auch überlegt eine Tiktok-Serie mit dem Titel «Matcharchy Tour»<br />

zu erstellen, in der ich an den verschiedenen Stationen nach dem<br />

besten Matcha-Latte der Stadt suche. Die Tour besteht also nicht<br />

nur aus den Auftritten selbst, sondern auch aus vielen weiteren<br />

spannenden Aktivitäten.<br />

Inwiefern ist Girli eine Stagepersona? Sind Girli und Milly<br />

dieselbe Person?<br />

Girli ist eine übertriebene Version meiner Selbst, die ich online<br />

und in meinen Shows präsentiere. Als Milly geniesse ich es, Zeit<br />

mit mir selbst, meiner Familie und meinen Liebsten zu verbringen,<br />

abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das sind auch Momente,<br />

die ich bewusst nicht mit den sozialen Medien teile. Wenn<br />

ich Songs schreibe, tue ich das sowohl als Girli als auch als Milly.<br />

Ich habe zwar kein Alter Ego wie David Bowie geschaffen, aber<br />

es gibt definitiv eine gesunde Trennung zwischen meiner öffentlichen<br />

und privaten Identität.<br />

Du hast eine grosse Onlinepräsenz. Inwiefern gehört diese<br />

digitale Präsenz heutzutage zum kreativen Dasein?<br />

Als Songwriter und Musikerin verbringe ich wahrscheinlich leider<br />

mehr Zeit damit, Inhalte zu erstellen und Werbung zu machen,<br />

als neue Musik zu kreieren. Der Druck ist gross, die eigene<br />

Musik selbst zu vermarkten. Es gibt allerdings auch positive<br />

Aspekte, zum Beispiel können alle ihre Musik selbst promoten,<br />

ohne auf ein Label angewiesen zu sein. Ausserdem kann ich mich<br />

über die sozialen Netzwerke mit Fans auf der ganzen Welt austauschen.<br />

Das Schönste ist dann, diese Menschen bei Konzerten<br />

persönlich zu treffen.<br />

Du hast eine Videoreihe geschaffen, in der du weibliche und<br />

nicht-binäre Persönlichkeiten vorstellst. Kannst du eine oder<br />

zwei Personen nennen, die dich besonders inspiriert haben?<br />

Die Arbeit an der Reihe hat mir sehr Spass gemacht und ich<br />

habe viel gelernt. Ich liebe Geschichte, aber ich bedauere, dass<br />

der herkömmliche Unterricht viele Erfahrungen und Biografien<br />

von Frauen und queeren Menschen ausradiert hat. Zum Beispiel<br />

die von Chevalier d’Éon, einer genderfluiden Person aus dem 18.<br />

Jahrhundert – es ist nicht bekannt, wie sich diese Person heute<br />

identifizieren würde, weil es die entsprechende Sprache damals<br />

noch nicht gab –, die in Spionageaktivitäten verwickelt war. Die<br />

erste Hälfte ihres Lebens lebte sie als Mann, die zweite als Frau.<br />

Sie wurde sowohl als Mann als auch als Frau respektiert und hat<br />

Erstaunliches geleistet. Chevalier d’Éon inspirierte mich auch<br />

zum Musikvideo für den Song «Matriarchy». Ich war fasziniert<br />

von sapphischen Beziehungen und Liebesgeschichten vor Hunderten<br />

von Jahren, über die kaum etwas bekannt ist. Aber ich<br />

bin mir sicher, dass es schon immer queere Gemeinschaften gegeben<br />

hat.<br />

Kannst du über den Entstehungsprozess der Musikvideos von<br />

«Nothing Hurts Like A Girl» und «Matriarchy» erzählen?<br />

52 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Interview<br />

Bei den beiden Musikvideos führte Claryn Chong die Regie. Gerade<br />

bei diesem Album war es mir wichtig, für die Videos und Visuals<br />

mit einer Frau zusammenzuarbeiten, um so den männlichen Blick<br />

zu vermeiden. Ich wollte viele Frauen und LGBTIQ-Personen am<br />

Set und bei der Arbeit an den Videos einbeziehen, um auch ihre Geschichten<br />

zu repräsentieren. Das Set fühlte sich wie ein Safe Space<br />

an, in dem ich mich unterstützt und gut aufgehoben fühlte. Es war<br />

grossartig.<br />

Auch deine Tour wird von einer weiblichen und nicht-binären<br />

Crew begleitet.<br />

Ja, ich möchte während meiner Tour von Menschen umgeben sein,<br />

mit denen ich mich wohlfühle und mit denen ich mich identifizieren<br />

kann. Da die Tourneewelt ein Männerclub sein kann, werden viele<br />

Frauen und queere Menschen nicht engagiert, obwohl sie besser<br />

oder gleich gut qualifiziert sind. Das möchte ich ändern.<br />

In Anlehnung an deinen Vlog «I am obsessed with . . . » auf Youtube<br />

lautet meine letzte Frage: Wovon bist du gerade besessen?<br />

Im Moment bin ich vom Frauenfussball besessen. Ich habe mich erst<br />

letztes Jahr wegen der Weltmeisterschaft damit auseinandergesetzt.<br />

Das englische Team hat so gut gespielt. Mein Vater ist Australier, also<br />

habe ich auch das australische Team verfolgt. Jetzt spielen nicht die<br />

internationalen Teams, sondern die verschiedenen Vereinsmannschaften.<br />

Ich habe noch nie in meinem Leben ein Fussballspiel gesehen,<br />

aber in den letzten sechs Monaten waren es ungefähr fünf.<br />

Girli<br />

Die gebürtige Londonerin<br />

Amelia «Milly» Toomey<br />

begann ihre Karriere in Bands.<br />

Die Sängerin und Songwriterin<br />

wollte aber ihren eigenen Weg<br />

gehen und startete mit 17 Jahren<br />

ihre Solokarriere. Seit ihren<br />

musikalischen Anfängen setzt<br />

Girli sich offen mit Themen<br />

wie Queerness, Feminismus<br />

und psychischer Gesundheit<br />

auseinander. Klanglich bewegt<br />

sie sich zwischen explorativem<br />

Pop und pulsierendem Elektro.<br />

In Kombination mit ihren persönlichen<br />

Lyrics entsteht ein<br />

mitreissender Sound, der empowert.<br />

Unsere Albumrezension<br />

findest du auf der nächsten<br />

Doppelseite.<br />

Bilder: Claryn Chong<br />

«Ich will Frauen<br />

und LGBTIQ-<br />

Personen bei<br />

der Arbeit an<br />

den Videos<br />

einbeziehen.»<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

53


Musik<br />

Neue<br />

Musik<br />

Lynks<br />

ABOMINATION<br />

Lynks will Aufmerksamkeit und<br />

macht daraus keinen Hehl. Ohne<br />

ein Blatt vor den Mund zu nehmen,<br />

kokettiert Lynks auf dem Debüt<br />

«ABOMINATION» mit der hedonistischen,<br />

sexpositiven Haltung<br />

vieler Queers und macht diese<br />

auch musikalisch erfahrbar – in<br />

Form von exzessiven elektronischen<br />

Beats und Melodien.<br />

Thematisch schlägt das Album<br />

aber auch kritischere Töne an<br />

und bemängelt, dass schwule,<br />

lesbische, nicht-binäre und trans<br />

Personen noch immer Gewalt und<br />

gesellschaftlicher Unterdrückung<br />

ausgesetzt sind.<br />

Erscheint am 12.04.<strong>2024</strong> (PIAS/<br />

Heavenly Recordings/Rough<br />

Trade)<br />

Gossip<br />

Real Power<br />

So feiert man ein fulminantes<br />

Comeback! 12 Jahre nach der<br />

Veröffentlichung ihres letzten Albums<br />

«A Joyful Noise» melden<br />

sich Gossip mit einem wahren<br />

Geniestreich zurück. «Real Power»<br />

hat alles, was man von einer<br />

innovativen Platte erwartet: Intelligente<br />

Texte, eingängige Hooklines,<br />

die zum Tanzen animieren,<br />

sich aber auch nach mehrmaligem<br />

Hören nicht abnutzen, und<br />

eine Frontfrau, deren Stimme<br />

sowohl zarte als auch harte Töne<br />

anschlagen kann. Die LP entstand<br />

in Zusammenarbeit mit<br />

Produzentenlegende Rick Rubin,<br />

der auch für den Nummer-1-<br />

Erfolg «Music For Men» (2009)<br />

mitverantwortlich war, und unterstreicht<br />

die Stärken von Beth<br />

Ditto, Nathan Howdeshell und<br />

Hannah Blilie. Gekonnt bedient<br />

sich das exzentrische Trio bei<br />

Elementen aus Pop, Dance, Post-<br />

Punk, Folk und Soul, um damit<br />

die Indie-Rock-Blaupause, die<br />

den elf Tracks zugrunde liegt,<br />

bunt zu colorieren. Gossip sind<br />

laut, progressiv, lebensbejahend<br />

und sprengen jedweden Konservatismus,<br />

der sich ihnen in den<br />

Weg stellt. Mehr Durchschlagskraft<br />

geht nicht!<br />

Erscheint am 22.03.<strong>2024</strong><br />

(Columbia/Sony Music)<br />

Redaktion<br />

Martin Busse<br />

Can’t Get<br />

It Out Of<br />

My Head<br />

Playlist<br />

Eine exquisite Auslese<br />

von aktuellen<br />

Ohrwürmern findest<br />

du in unserer<br />

MANNS<strong>CH</strong>AFT-<br />

Playlist:<br />

54 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Porij<br />

Teething<br />

Ausfallende Zähne werden in der<br />

Traumdeutung gerne mit dem Verlust<br />

der sexuellen Unschuld assoziiert.<br />

Sollen wir nun glauben, dass die<br />

queere Dance-Pop-Formation Porij<br />

ihr Erstlingswerk zufällig «Teething»<br />

(zu deutsch: Zahnen) getauft und mit<br />

einem Zahn auf dem Cover versehen<br />

hat? Wohl kaum! Denn dafür ist die<br />

Aura der LP viel zu lasziv und flirrend.<br />

«Teething» eignet sich perfekt als<br />

Hintergrundkulisse für Intimitäten aller<br />

Art, bringt das Blut in Wallung und<br />

vernebelt auf angenehme Weise den<br />

Verstand.<br />

Erscheint am 26.04.<strong>2024</strong> (PIAS)<br />

Girli<br />

Matriarchy<br />

Musik<br />

Girli ruft das Matriarchat aus und präsentiert<br />

sich zuversichtlich und selbstbestimmt.<br />

Verpackt in 14 energiegeladene<br />

Popsongs erzählt die Londonerin ihre<br />

Geschichte und gewährt den Zuhörer*innen<br />

Einblicke in das Leben einer<br />

lesbischen Frau, die sich gegen männliche<br />

Dominanz zu behaupten weiss. Dass<br />

dies nicht immer einfach ist, unterstreichen<br />

die Lyrics auf «Matriarchy». Fans<br />

von Robyn, Charli XCX oder Georgia<br />

werden begeistert von Girlis Optimismus<br />

und der mitreissenden Dynamik der Platte<br />

sein. Erfahre mehr über die Sängerin<br />

im Interview ab Seite 50.<br />

Erscheint am 17.05.<strong>2024</strong><br />

(AllPoints/Believe)<br />

Becky<br />

Diary of Dreams<br />

Berlins vielleicht eigenwilligste<br />

Drag-Künstlerin Becky spannt mit<br />

ihren warmen, aber thematisch und<br />

stimmlich höchst eindringlichen<br />

Stücken einen stilistischen Bogen von<br />

Anohni and the Johnsons über David<br />

Bowies Spätwerk bis hin zu Zara Leander.<br />

Die Theatralik, die ihrer zweiten EP<br />

«Diary of Dreams» anhaftet, ist dabei<br />

keineswegs plakativ, sondern berührt<br />

durch Sensibilität und Reflexionsvermögen.<br />

Ein absoluter Geheimtipp<br />

fernab ausgetretener Klischeepfade<br />

der Travestiekunst.<br />

Erschienen am 23.02.<strong>2024</strong><br />

(Selbstveröffentlichung)<br />

ANZEIGE<br />

www.mfk.ch<br />

NI<strong>CH</strong>TS<br />

NI<strong>CH</strong>TS<br />

10.11.2023 21.7.<strong>2024</strong><br />

Visit<br />

Visit


Story — 4<br />

4<br />

Das Echo<br />

vom<br />

Eierstock<br />

bin ich<br />

56 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 4<br />

Text – Denise Liebchen<br />

Die Jodelszene hat die Nase gerümpft,<br />

als der erste feministische Jodelchor<br />

der Schweiz die Bühne betreten hat:<br />

Das «Echo vom Eierstock» bekam Ärger<br />

und Hass zu spüren – auch in Briefform.<br />

Offenbar hat der Chor einen Nerv getroffen<br />

– mit seiner Art die Tradition aus<br />

dem Gestrigen ins Morgen zu führen<br />

und die Texte, die aus der Zeit gefallen<br />

sind, wieder aufzuheben. In sieben Strophen<br />

erzählt das «Echo vom Eierstock»<br />

seine schallende Geschichte selbst.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

57


Story — 4<br />

Strophe 2: Wo ich zuhause bin<br />

ereinspaziert, hereinspaziert in meine gute Stube. Hab' keine<br />

falsche Scheu vor mir, dem Echo vom Eierstock, dem ersten feministischen<br />

Jodelchor der Schweiz. Ich beisse nicht, auch wenn sich<br />

das manche ausmalen. Ich jodle bloss. Das Wort «bloss» habe ich<br />

bewusst gewählt, um zu betonen, dass es bei mir friedlich zu und<br />

her geht, dass ich weder Männer verschlucke noch die Tradition<br />

der Schweizer Jodelmusik. Das Einzige, was bei mir ab und zu<br />

verrückt spielt, das sind die Töne, die zwischen meiner Kopf- und<br />

Bauchstimme umherflippen. Jodeliho, jodelihi.<br />

Hast du etwas Zeit für mich? Dann singe ich ein Lied für dich.<br />

Darüber, was mich antreibt, wie ich ticke und warum bei mir und<br />

dem Publikum mitunter Tränen kullern.<br />

Nimm dir einen der freien Stühle, lehne dich zurück und<br />

lausche. Bereit? Die erste Strophe geht so:<br />

Strophe 1: Wer ich bin und wie viele<br />

Kannst du sie sehen, die Frauen, die hier stehen? Sie alle lieben<br />

das Jodeln. Deshalb sind sie zu mir gekommen. Manch eine<br />

hat jahrelange Chorerfahrung wie die Gründerin Elena Kaiser,<br />

die in Stans ein Wollgeschäft führt. Manch andere jodelte bisher<br />

nur ihren Kühen etwas vor und wagte sich erstmals mit mir in<br />

die Öffentlichkeit wie Petra Fässler aus Zürich, die ihre ersten 20<br />

Lebensjahre im Kanton Schwyz auf einem Bauernhof verbrachte.<br />

52 Menschen sind es an der Zahl, die sich als Frauen identifizieren<br />

oder fühlen – 52 Stimmen, die mich vereint zum Klingen<br />

bringen. Die jüngsten Stimmbänder um die Zwanzig, die ältesten<br />

schwingen auf die Siebzig zu. Mehrere Generationen, Erfahrungen,<br />

Sichtweisen aufs Leben nebeneinander. Kurzhaarschnitt<br />

unter schwarzem Hut neben hüftlangen grauen Gretelzöpfen,<br />

Jeanskleid neben Overall, Boots neben Barfüssen. Alle verteilen<br />

sich im Raum, schütteln sich, machen sich locker, bewegen ihr<br />

Zwerchband, hecheln, achteln, schlagen Triolen, zischen lange<br />

Schs, was auch immer ihre musikalische Leiterin Simone Felber<br />

mit ihren durch die Luft schwingenden Armen anweist.<br />

Simone Felber ist meine Dirigentin und vereint Disziplin<br />

mit Hingabe, Herzlichkeit und Anspruch. Sie lächelt gern<br />

und viel, doch wenn sie spricht, weiss ich sofort, welcher<br />

Marsch geblasen hat. Alle zwei Wochen reist die Vollzeitmusikerin<br />

aus dem 15 Minuten entfernten Luzern<br />

nach Stans für eine zweistündige Chorprobe, wofür die<br />

Jodelfrauen je nach Wohnort zwei oder mehr Stunden<br />

Anfahrt in Kauf nehmen. Sie treffen sich im Pfarrereihaus<br />

oder in der Aula eines Schulhauses in Stans, dem Hauptort<br />

mit 8000 Einwohner*innen im Kanton Nidwalden in der Zentralschweiz.<br />

Für mich ist es der perfekte Ort: Als traditionelle<br />

Jodelseele mit modernem Bewusstsein passe ich in dieses geografische<br />

Tor zwischen Städten wie Luzern und Zürich und den<br />

umliegenden, ländlichen Regionen mit Bergen namens Bürgenstock<br />

oder Ruchstock. Petra sieht das tupf genauso. Hach, wie<br />

ihre gletscherblauen Augen leuchten, wenn sie erzählt, wie sie<br />

ihre Liebe zum Ländlichen und Urbanen mit mir verbinden kann:<br />

«In Zürich muss ich erklären, warum ich Jodelmusik mag, meiner<br />

Familie auf dem Bauernhof, was Feminismus ist. Hier im Chor ist<br />

ein Ort, wo sich meine beiden Welten treffen. Hier kann ich ich<br />

selbst sein.» Und Simone strahlt gleich mit und findet: «Es ist Zeit,<br />

dass man urbane Menschen in der Volksmusik sieht.»<br />

Ich spüre, dass ich einen Zeitgeist treffe, denn als ich im Herbst<br />

2022 nach Stimmen suchte, kamen viele mehr als ich rief. Und<br />

auch meine Strahlkraft reicht weit hinaus über die Region und<br />

Landesgrenze, was mich anfangs überrascht, gefreut und mit der<br />

Zeit gar gestört hat. Sogar 900 Kilometer nördlich bis nach Berlin<br />

hallte meine Botschaft. Darauf komme ich in Strophe 6 zurück.<br />

Strophe 3: Wie ich entstanden bin<br />

Meine Mama heisst Elena Kaiser. Sie hat mich vor drei Jahren<br />

als Idee auf die Welt gebracht, aus Jux. Sie erzählt die Geschichte<br />

immer so: «Mit meinem Mann habe ich über die doofen Texte gewitzelt,<br />

die ich im Trachtenchor in Stans singen musste. Irgendwann<br />

muss ich einen feministischen Frauenchor gründen, und<br />

der wird Echo vom Eierstock heissen, sagte ich zu ihm.»<br />

Seither gärte ich als Idee in Elenas Kopf. Das erste Mal, dass<br />

sie mit anderen über mich sprach, war während des Frauentreichelns<br />

des feministischen Kollektivs im Jahr 2021 in Stans. Die<br />

Frauen, darunter auch Elena, standen alle auf dem Dorfplatz und<br />

fanden, es brauche jetzt einen «Juiz», wie es Brauch ist bei einem<br />

Treichelumzug, dem traditionellen Festumzug mit Kuhglocken.<br />

«Juizä» heisst Naturjodeln in Nidwalden, also Jodeln ohne Text.<br />

58 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 4<br />

Bild: zVg<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

59


Story — 4<br />

Frau kann bestens ohne Tracht jodeln, findet das «Echo vom Eierstock».<br />

Alle Frauen meinten, ja, das wäre toll, aber sie wüssten nicht, wie<br />

das gehe. Dann machte es in Elenas Kopf Bling und sie entliess<br />

mich in die Welt, indem sie vorschlug, einen feministischen Jodelchor<br />

zu gründen: Das Echo vom Eierstock. Als mich alle als<br />

gute Idee befanden, suchte Elena eine Person, die mich anleiten<br />

konnte. Auf der anderen Seite des Telefons antwortete Simone:<br />

«Ich habe überhaupt keine Zeit, aber das müssen wir tun.» Das<br />

war meine offizielle Geburtsstunde. Mit einer ersten Aufgabe: am<br />

Weltfrauentag im März 2022 mit 17 Stimmen zwei bis drei Lieder<br />

zu jodeln. Das haben wir wunderbar hinbekommen – und danach<br />

standen Elena und die Frauen da, schauten sich an und konnten<br />

sich nicht vorstellen, dass nun alles vorbei sein sollte.<br />

Dank einem Bericht über uns in der Nidwaldner Zeitung flatterte<br />

uns prompt eine Anfrage der Stanser Musiktage ins Haus. Und<br />

falls du das noch nicht weisst: Die Stanser Musiktage sind schon<br />

eine andere Liga und als Musikfestival in der Zentralschweiz ein<br />

Begriff. Nachdem ich den ersten Schock verarbeitet hatte, war mir<br />

klar: «Go big or go home.» Alles oder nichts. Wenn ich das mache,<br />

muss ich gut sein. Sonst tue ich weder dem Jodel noch dem<br />

Feminismus einen Gefallen. Also habe ich einen Aufruf gestartet<br />

und Sängerinnen gesucht. Der Andrang war riesig. Auch von weit<br />

her, aus anderen Kantonen, Stunden entfernt von meinem herzigen<br />

Stans. Nach 50 Bewerber*innen musste ich dann Stopp sagen. Im<br />

September 2022 begannen meine Proben als offizieller Projektchor.<br />

60 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Buchstabentausch aus dem Jodlerverband einen<br />

Jodelverband machen könnte. Alle drei Jahre lockt der<br />

Verband mit seinem Eidgenössischen Jodlerfest um<br />

die 15 000 Mitwirkende und 200 000 Besucher*innen<br />

an. Es ist ein Wettbewerb, an dem die verschiedenen<br />

Jodelformationen gegeneinander antreten. Um sich<br />

miteinander messen zu können, braucht es Vorgaben,<br />

ein Regelwerk: von der Tracht (eine Frauentracht kostet<br />

rund 10 000 Franken/Euro) bis zur Jodeltechnik.<br />

Die Kehrseite dessen ist das Korsett, in dem die Jodelmusik<br />

dadurch steckt.<br />

Die Texte der Jodellieder, viele im 19. Jahrhundert<br />

von Männern geschrieben, sind längst nicht in der<br />

neuen Zeit angekommen. Noch immer besingen sie<br />

echte Mannsbilder, herzige Mädchen, liebe Mütter<br />

oder böse Gattinnen und das romantische Leben auf<br />

der Alp. Zeitgenössische Themen fehlen fast gänzlich.<br />

«Die Texte waren schon vor hundert Jahren Retrokitsch»,<br />

sagt der Musikethnologe Dieter Ringli in der<br />

Dokumentation «Typisch Volksmusik?» des Schweizer<br />

Senders SRF.<br />

Nicht nur wegen der verstaubten Texte braucht es<br />

mich, sondern auch, weil das Jodeln der Männerchortradition<br />

entspringt. Das merkt man der Szene insofern<br />

an, als es Frauen wie Petra gibt, die erst bei mir<br />

ihren Platz finden: «Bei uns im Dorf gab es einen reinen<br />

Männerchor. Andere Chöre mit Frauen hatten ein<br />

hohes Niveau, da waren die Frauen immer die Vorjodlerinnen,<br />

die mit ihren kopfstimmigen Soli jedes Lied<br />

adeln. Auf unserem Bauernhof habe ich viel und gern<br />

gesungen, aber in der Öffentlichkeit habe ich mich das<br />

nie getraut. Erst als ich vom Chor hörte, hat es mich<br />

richtig gepackt.»<br />

Bild: Christian Felber<br />

«Jodlerklub<br />

Männertreu»<br />

Strophe 4: Warum es mich braucht<br />

Wenn eine Gesangsform die Schweiz repräsentiert, dann ist<br />

es der Jodel. Tausende von Menschen jodeln in der Schweiz, in<br />

Chören, kleineren Formationen oder solo – meist in der Gesangsästhetik<br />

des 19. Jahrhunderts. Während sich die Volksmusik stetig<br />

wandelte, hinkte der Jodel hinterher. Ein Umstand, den der<br />

Eidgenössische Jodlerverband mitgeprägt hat.<br />

«Die Dachorganisation der Schweizer Vereine von Jodlern,<br />

Alphornbläsern, und Fahnenschwingern» besteht mehrheitlich<br />

aus Männern, wird von einer Frau präsidiert und legt bis<br />

heute keinen Wert auf geschlechtergerechte Sprache, wobei ein<br />

Der erste Gay-Jodelklub der Schweiz<br />

existiert seit Januar. Mitgründer<br />

ist Franz-Markus Stadelmann: Der<br />

Dirigent und Jodler sass bereits in der<br />

Jury des Eidgenössischen Jodelfests.<br />

Der «Jodlerclub Männertreu» entspringt<br />

seinem Wunsch gemeinsam<br />

zu jodeln, ohne ein Statement setzen<br />

zu wollen, und probt monatlich.<br />

Mehr Infos:<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

61


Story — 4<br />

62 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Petra Fässler, Jodlerin<br />

«In Zürich muss ich erklären, warum ich<br />

Jodelmusik mag; meiner Familie auf<br />

dem Bauernhof muss ich erklären, was<br />

Feminismus bedeutet. Im Chor kommen<br />

meine beiden Welten zusammen und ich<br />

kann einfach ich selbst sein.»<br />

Strophe 5: Wie feministisch<br />

und queer ich bin<br />

Versteh mich bitte richtig: Ich liebe die traditionellen Jodelund<br />

Volkslieder, die sich vor der schönen Natur verneigen und<br />

die Kühe besingen, die von der Alp ziehen. Ich will die Texte<br />

nicht zensieren. Ich will nicht moralisieren, sondern sensibilisieren.<br />

Dafür, dass ich mich nicht wohl fühle, wenn ich übergriffige<br />

Texte singe wie «Chumm gib mer es Schmützli, etz tue nid<br />

eso» («Komm gib mir ein Küsschen, jetzt tu nicht so») – oder über<br />

christlich konforme Situationen, in denen eine Frau zum Tanz<br />

geht und im Jahr darauf gleich heiratet und ein Kind bekommt.<br />

Ich will Mädchen und Frauen weder verniedlichen noch verteufeln.<br />

Ich will sie aktiv, selbstbestimmt und stark zeigen. Auch das<br />

eine oder andere Gipfelkreuz oder den Herrgott nehme ich heraus,<br />

weil wir heute gesellschaftlich an einem Punkt stehen, wo verschiedene<br />

Konfessionen nebeneinanderstehen und ein Austausch<br />

zwischen ihnen stattfinden muss.<br />

Texte, mit denen ich mich nicht identifizieren kann, ändere<br />

ich: Mal sind es einzelne Wörter – aus «Mann und Frau» wird «Du<br />

und ich», damit die Liebesgeschichte, um die es geht, für alle Liebeskonstellationen<br />

passt –, mal sind es ganze Strophen – «Manne<br />

gö mit Froue und a Frou mit ner Frou, und Manne mit de Manne,<br />

alles andre gat au» («Männer gehen mit Frauen, eine Frau mit ‘ner<br />

Frau, Männer mit den Männern, alles andere geht auch»). Immer<br />

öfter wollen Autor*innen mitschreiben wie zum Beispiel Martina<br />

Clavadetscher, die 2021 für ihren Roman «Die Erfindung des Ungehorsams»<br />

mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde.<br />

Manche Texte lasse ich im Original, wie das «Truurigi Meitli»,<br />

ein Lied, das mich sehr berührt, über eine Frau, die ihr Kind<br />

verliert, deren Mann weggeht und die von der Gesellschaft abgelehnt<br />

wird. Wenn meine 52 Jodelfrauen zusammenstehen und<br />

Bild: Christian Felber Bild: Denise Liebchen<br />

aus tiefstem Herzen solche Texte singen, dann geschieht etwas<br />

Magisches, eine unsichtbare Energie, die den Raum füllt und sie<br />

miteinander verbindet. Da kullert mir mitunter eine Träne runter.<br />

Das ist auch schon bei Auftritten passiert. Aber ich weiss nicht<br />

mehr so genau, wo die Tränen zuerst herkamen: von mir oder<br />

vom Publikum.<br />

Die Frage, wie queer ich bin, finde ich ehrlich gesagt unwichtig.<br />

Einige meiner Jodelfrauen sind queer, aber ich habe sie weder<br />

gezählt noch explizit danach gefragt. Petra bringt es wunderbar<br />

auf den Punkt: «Das Schöne am Chor finde ich, dass es kein Thema<br />

ist, wer queer ist und wer nicht. Wir sind einfach Menschen<br />

und es spielt keine Rolle.»<br />

Strophe 6: Was ich bisher erlebt habe<br />

Die Medien fahren auf mich ab. Ohne dass ich auch nur eine<br />

Pressemitteilung herausgegeben habe, klopfen sie an meine Tür:<br />

die Regionalpresse von Berlin bis Nidwalden, nationale Sendungen<br />

von SRF (Schweizer Radio und Fernsehen) bis ZDF (Zweites<br />

Deutsches Fernsehen). Elena sagt dazu: «Wir finden das lustig,<br />

aber mittlerweile haben wir genug von Mikrofonen und Kameras,<br />

denn die wenigen Proben, die wir haben, sind durchgetaktet und<br />

wir wollen einfach nur tun, was wir lieben: singen.»<br />

Die vielen positiven Rückmeldungen haben mich überaus gefreut.<br />

Doch natürlich habe ich nicht nur Fans.<br />

Simone Felber, Dirigentin<br />

«Zuerst habe ich die Liedtexte nicht hinterfragt<br />

und das ist auch gut so, denn es gibt<br />

so viele schöne Jodellieder. Doch irgendwann<br />

habe ich gemerkt, wie die Frau<br />

dargestellt wird als liebes Mäteli und liebs<br />

Mütti und Objekt, das für einen Kuss<br />

herhalten soll.»


Story — 4<br />

Tiziana Jäggi, Jodlerin<br />

Bild: Denise Liebchen<br />

Durch mein Auftreten und meine Einstellung öffne ich anderen<br />

das Tür und baue Vorurteile ab: Man kann Jodelmusik hören,<br />

ohne politisch abgestempelt zu werden oder als Landei zu gelten.<br />

Man kann auch ohne teure Tracht jodeln und auftreten.<br />

Ich werde weiterjodeln für Menschen, die sich kritisch mit<br />

Volkskultur auseinandersetzen wollen – und auch für diejenigen,<br />

die gerne Jodellieder hören, sich aber noch nie mit den Aussagen<br />

befasst haben. Für Menschen, die sich bisher nicht für Volksmusik<br />

interessiert haben, und vielleicht erst durch innovative<br />

Projekte wie mich einen Zugang finden. Für Menschen, die sich<br />

schon immer über die Texte geärgert haben und auch für solche,<br />

die sich über meine Anpassungen empören. Schlussendlich gehört<br />

Volksmusik uns allen – sie ist nicht politisch.<br />

Ein paar konzertante Höhepunkte stehen dieses Jahr schon in<br />

meinem Kalender: Zum Beispiel freue ich mich auf die Stubete<br />

am See im August in Zürich, ein zauberhaftes Festival für neue<br />

Schweizer Volksmusik. Wenn du Zeit hast und in der Nähe bist,<br />

schau doch mal vorbei.<br />

«Als Kind wollte ich Bäuerin und Jodlerin werden.<br />

Doch erst, als ich erfahren habe, dass es einen<br />

feministischen Jodelchor gibt, konnte ich es mir als<br />

Erwachsene vorstellen zu jodeln. Nun bin ich im<br />

‹Echo vom Eierstock› und arbeite in der psycho-<br />

logischen Forschung.»<br />

Der Musikethnologe Dieter Ringli sagte in der Dokumentation<br />

«Typisch Volksmusik?»: «Das, war der Chor macht, ist super, aber<br />

er ist grottenschlecht.» Da bin ich ganz anderer Meinung: Ich habe<br />

mich seit der Gründung musikalisch stetig verbessert. Dieter hat<br />

sich nach der Ausstrahlung der Doku bei mir entschuldigt, dass<br />

er mich noch nie live gehört habe und lediglich aus einer Aufnahme<br />

Rückschlüsse gezogen. Das Produktionsteam hatte diese<br />

Aussage aus seinem zweistündigen Interview herausgepickt, was<br />

ihm nicht recht gewesen sei. Schwamm drüber. Kann ja jede*r<br />

sagen, was er oder sie will. Ich bin nicht dafür verantwortlich,<br />

was andere über mich denken. Meistens bin ich nur eine Projektionsfläche.<br />

Auch für jene, die mir Hassbriefe schicken oder<br />

mich mit Blicken strafen, wenn sie mich im Dorf entdecken. Aber<br />

niemand hatte bisher den Mumm, mir ins Gesicht zu sagen, dass<br />

er oder sie mich scheisse findet. Dabei würde ich so gerne mit<br />

so einer Person reden. Egal, was die Leute über mich sagen, ob<br />

himmelhochjauchzend oder tiefverteufelnd, mich als Chor beeinflusst<br />

das nicht. Ich bin mir meiner Sache sicher.<br />

Strophe 7: Was ich noch vorhabe<br />

Bild: Christian Felber<br />

Willst du mich jetzt gleich singen hören?<br />

Hier im Kurzvideo bekommst du einen Vorgeschmack:<br />

Nun verbeuge ich mich vor dir, bedanke mich fürs lesende Zuhören<br />

und falls du bei mir mitjodeln möchtest oder einfach auf<br />

dem Laufenden bleiben, schau hier vorbei: echovomeierstock.ch<br />

Für mich sind schon so viele Träume wahr geworden, darunter<br />

der allergrösste, dass es mich überhaupt gibt, dass Frauen<br />

zusammenstehen, Texte in ihrer Muttersprache singen können,<br />

die sie singen wollen, auf die Art, die ihnen liegt, und das ist der<br />

traditionelle Jodelgesang. Ich wünsche mir, dass es mich noch<br />

möglichst lange gibt und ich noch mehr Menschen den Weg zum<br />

Jodelgesang zeigen kann. Nach unseren Konzerten kommen oft<br />

junge Leute zu uns und sagen: «Jodeln ist gar nicht so scheisse,<br />

wie ich dachte.»<br />

Elena Kaiser, Gründerin<br />

«Ich habe schon in vielen Chören<br />

gesungen, aber eine solche Stimmung<br />

und solchen Zusammenhalt habe ich<br />

noch nie erlebt.»<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

63


FILM<br />

Filmguru<br />

Patrick Schneller<br />

filmguru@mannschaft.com<br />

All of Us Strangers<br />

Zwischen Traum und Wirklichkeit<br />

Der im letzten November 89-jährig verstorbene<br />

japanische Drehbuchautor Taichi<br />

Yamada veröffentlichte drei Romane. Darunter<br />

1987 «Ijintachi to no natsu», der 20<br />

Jahre später als «Sommer mit Fremden»<br />

auf Deutsch erschien und schon 1988 von<br />

Nobuhiko Ôbayashi («Hausu») verfilmt<br />

worden war. Die Adaption fand aber nie<br />

ihren Weg in den deutschen Sprachraum.<br />

Nun diente Yamadas Buch dem Engländer<br />

Andrew Haigh, der schon mit «Weekend»<br />

(2011) ein beachtliches schwules Liebesdrama<br />

geschaffen hatte, als lose Vorlage<br />

für seinen fünften Spielfilm.<br />

Der Autor Adam (Andrew Scott) lebt<br />

in einem Londoner Hochhaus-Apartment,<br />

die Wohnungen um ihn herum stehen leer.<br />

Er arbeitet an einem autobiografischen<br />

Skript, kommt aber nicht voran. Dann<br />

64 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

lernt er Harry (Paul Mescal) kennen und<br />

lieben, der offenbar einzige weitere Mieter<br />

im Gebäude. Parallel versucht Adam,<br />

seinen Schreibstau zu lösen, indem er das<br />

Haus seiner Kindheit in Dorking besucht,<br />

wo seine Eltern (Claire Foy, Jamie Bell) vor<br />

30 Jahren bei einem Autounfall umgekommen<br />

sind. Verblüfft stellt er fest, dass diese<br />

immer noch dort wohnen – und keinen<br />

Tag gealtert sind.<br />

Haigh leitet Adam und mit ihm das<br />

Publikum durch einen geheimnisvollen<br />

Gefühlssturm, in dem sich Realität<br />

und Fantasie vermischen. Das metaphysische<br />

Element erklärt er dabei nie, was<br />

die traumwandlerische Kraft des Ganzen<br />

verstärkt. Virtuos schildert Haigh<br />

gleichzeitig eine fragile Lovestory und<br />

die melancholische Bewältigung eines<br />

Alle sind irgendwie<br />

einsam: Harry in<br />

der ungemütlich<br />

leeren U-Bahn.<br />

Kindheitstraumas, und beides entfaltet<br />

sich emotional mitreissend. Das fulminante,<br />

gleichsam schmerzliche wie tröstliche<br />

Finale schliesslich macht «All of Us<br />

Strangers» endgültig nicht nur zu einem<br />

der besten Filme des Jahres, sondern vielmehr<br />

zu einem der aufwühlendsten Liebesfilme<br />

überhaupt.<br />

Mysterydrama, GB/USA 2023. Regie &<br />

Drehbuch: Andrew Haigh. Mit Andrew<br />

Scott, Paul Mescal, Carter John Grout,<br />

Jamie Bell, Claire Foy, Ami Tredrea.<br />

VoD/Streaming tba.<br />

Bild: The Walt Disney Studios


Patrick empfiehlt<br />

auch das düstere<br />

dänische Historiendrama<br />

«Bastarden»,<br />

das am<br />

2. Mai als «The<br />

King’s Land» (D)<br />

bzw. «The Promised<br />

Land» (<strong>CH</strong>) in die<br />

Kinos kommt.<br />

Patrick Schneller<br />

Fantasykomödie. D 2023. Regie<br />

& Drehbuch: Harvey Rabbit.<br />

Salzgeber VoD/DVD: April<br />

FILM/SERIEN<br />

Captain Faggotron<br />

Saves the Universe<br />

Priester Gaylord (Rodrigo Garcia<br />

Alves) ist entsetzt: Sein Ex-Lover<br />

Queen Bitch (Bishop Black,<br />

Foto) will die Erde mithilfe eines<br />

magischen Rings in einen queeren<br />

Planeten verwandeln! Daher bittet<br />

er Captain Faggotron (Tchivett)<br />

um Hilfe, dies zu verhindern.<br />

Guerilla-Kino hat in der queeren<br />

Filmgeschichte Tradition. Mit<br />

Rosa von Praunheim und John<br />

Waters seien an dieser Stelle nur<br />

zwei Regisseur*innen erwähnt,<br />

die in diesem Stil ihre Karrieren<br />

starteten. Nun hat der in Berlin<br />

ansässige kalifornische Transkünstler<br />

Harvey Rabbit seinen<br />

ersten Guerilla-Trashfilm gedreht.<br />

Das Resultat ist zwar etwas zu geschliffen<br />

und eher träge inszeniert,<br />

dennoch bietet es 70 Minuten lang<br />

ordentliche queere Unterhaltung<br />

Bild: Salzgeber, Nick Jaussi<br />

mit tüchtigen Seitenhieben gegen<br />

die Bigotterie der Kirchen,<br />

Klemmschwestern und Homophobie.<br />

Zu den Highlights gehören<br />

ein Anti-Grindr-Song,<br />

ein Hot-Dog-Wettfellieren und<br />

natürlich der Anus zur Hölle,<br />

den Queen Bitch öffnen will.<br />

Serienjunkie<br />

Robin Schmerer<br />

robin@mannschaft.com<br />

«Mary & George» – Wenn<br />

die Mutter mit dem Sohne<br />

Seit dem 7. März bei Sky zu sehen.<br />

Bild: <strong>2024</strong> Sky Studios Limited<br />

Die Prämisse von «Mary & George» klingt unglaublich, ist aber<br />

wahr: Anfang des 17. Jahrhunderts schickt Mary Villiers, die Witwe<br />

eines verarmten Adeligen, ihren Sohn George nach Frankreich,<br />

um ihm eine umfassende Ausbildung zu ermöglichen und ihn anschliessend<br />

an den Hof des englischen Königs zu schicken. Kaum<br />

dort angekommen wird George zum Geliebten und Günstling von<br />

König James I., wodurch Mutter und Sohn zunehmend an Einfluss<br />

gewinnen und zahlreiche Intrigen spinnen können. Besonders<br />

Mary nutzt ihre durch ihren Sohn erlangte Machtposition als enge<br />

Vertraute des Regenten immer skrupel- und rücksichtsloser aus.<br />

Mithilfe krimineller Verbündeter und mittels Bestechung schafft<br />

sie es zu einer der reichsten Frauen im Establishment aufzusteigen.<br />

Das siebenteilige Historiendrama ist nicht nur opulent ausgestattet,<br />

sondern auch hochkarätig besetzt. In der Rolle der Mary<br />

Villiers ist Oscar-Preisträgerin Julianne Moore («Still Alice») zu sehen,<br />

die Rolle ihres charismatischen Sohnes George spielt «Royal<br />

Blue»-Star Nicholas Galitzine. Schon der zu Beginn des Jahres veröffentlichte<br />

Trailer hat gezeigt, dass es in der Miniserie wenig zimperlich<br />

zugeht und sie das Potential hat zumindest kurzzeitig die<br />

Lücke zu füllen, die seit dem Ende von «The Tudors» entstanden ist.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

65


SERIEN<br />

«Supersex»: Alles Porno, oder was?<br />

Seit dem 6. März auf Netflix.<br />

Was? Wo? Wann?<br />

WAS WO & WANN IN EINEM SATZ<br />

Single, Out –<br />

Die komplette<br />

erste Staffel<br />

Teen-Drama<br />

Staffel 2<br />

15. Februar<br />

DVD (Salzgeber)<br />

Das australische Teendrama<br />

begleitet einen frisch geouteten<br />

Jugendlichen bei seinen ersten<br />

Schritten im Datingleben. Erfrischend<br />

und humorvoll.<br />

Hotel Mondial –<br />

Staffel 2<br />

Drama<br />

Staffel 2<br />

23. Februar<br />

DVD (OneGate<br />

Media) / ZDF<br />

Mediathek<br />

Dramaserie rund um ein 4-Sterne-<br />

Hotel mit einer lesbischen Hauptfigur.<br />

Nach der Absetzung durch<br />

das ZDF versuchten Fans, die<br />

Produkten mit einer Petition zu<br />

retten – soweit vergeblich.<br />

The Winchesters<br />

– Die komplette<br />

erste Staffel<br />

Fantasy<br />

Staffel 1<br />

07. März<br />

DVD (Warner)/<br />

Amazon Prime<br />

Die Prequel-Serie zum Langzeit-<br />

Hit «Supernatural» macht das<br />

Publikum mit dem nicht-binären<br />

und bisexuellen Dämonenjäger<br />

Carlos bekannt.<br />

Young Royals<br />

Drama<br />

Staffel 3<br />

Seit 11. März<br />

(Teil 1) /<br />

18. März (Teil 2)<br />

Netflix<br />

Die Serie um den schwulen<br />

Kronprinz Schwedens, der sich in<br />

seinen Mitschüler verliebt, geht<br />

in die dritte und letzte Runde. Wie<br />

geht die Geschichte für Wilhelm<br />

und Simon aus?<br />

Rocco Siffredi ist einer der wenigen<br />

männlichen Pornodarsteller, denen es gelungen<br />

ist, sich einen Namen zu machen. Besonders<br />

in seinem Heimatland Italien kommt er<br />

einem Nationalhelden gleich, doch auch im<br />

Rest der Welt ist er kein Unbekannter mehr.<br />

Zugleich ist Siffredi einer der umstrittensten<br />

Akteure der Erotikbranche, war er doch lange<br />

Zeit bekannt für besonders brutale und<br />

tabulose Sexfilme. Insgesamt soll der «Italian<br />

Stallion» in über 1500 Pornos mitgewirkt<br />

und mit über 4000 Frauen geschlafen haben.<br />

So sorgte es auch für Aufsehen, als Siffredi<br />

sich 2017 als bisexuell outete und angab,<br />

auch Sex mit Männern zu haben.<br />

Nun hat Netflix das Leben des wohl<br />

grössten Pornostars seiner Zeit als Serie verfilmt.<br />

Die Hauptrolle in der siebenteiligen<br />

italienischen Produktion spielt der international<br />

noch weitgehend unbekannte Alessandro<br />

Borghi. Besonders interessant ist,<br />

dass das Drehbuch zur Serie «Supersex» von<br />

der militanten Feministin Francesca Manieri<br />

stammt, die einen Blick hinter die harte<br />

Schale des Pornodarstellers verspricht. Der<br />

im Vorfeld veröffentlichte Trailer zeigte in<br />

erster Linie viel Pathos und Camp-Ästhetik.<br />

Ob es der Miniserie tatsächlich gelingt, den<br />

Mann hinter den Schmuddelfilmen greifbar<br />

zu machen, davon kann man sich selbst<br />

überzeugen.<br />

Bild: Lucia Iuorio/Netflix<br />

66 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


KLEINE<br />

S<strong>CH</strong>MUTZIGE<br />

BRIEFE<br />

WICKED LITTLE LETTERS


Story — 5<br />

5<br />

«Ich suchte<br />

Bilder,<br />

die meine<br />

Identität<br />

widerspiegelten»<br />

68 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 5<br />

Interview – Greg Zwygart<br />

Fotos – Clifford Prince King<br />

Die Analog-Kamera ist Clifford<br />

Prince Kings Begleiterin auf der<br />

Suche nach Gleichgesinnten und<br />

nach Repräsentation. Auf seinen<br />

Bildern zeigen sich schwarze<br />

Männer zärtlich und verletzlich –<br />

eine Seite, die für den Fotografen<br />

allzu oft im Verborgenen bleibt.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

69


Story — 5<br />

Wir sind über Instagram auf dich gestossen.<br />

Findet sich dort eine repräsentative<br />

Übersicht deiner Arbeit als<br />

Fotograf?<br />

Ich fotografiere sehr regelmässig. Folglich<br />

kann man meine Bilder als eine Art visuelles<br />

Tagebuch verstehen. Ich fotografiere die<br />

Menschen, mit denen ich Zeit verbringe,<br />

Freundschaften aufbaue oder Beziehungen<br />

teile. Ich fotografiere primär analog –<br />

wenn es darum geht, Bilder für spezifische<br />

Projekte oder Ausstellungen auszuwählen,<br />

tauche ich oft in meine Sammlung von<br />

Fotofilmen ein. Im Kern dreht sich meine<br />

Arbeit um schwarze Männlichkeit und<br />

den queeren Kontext des Schwarzseins in<br />

den USA.<br />

Sind es spontane Schnappschüsse<br />

oder inszenierte Bilder?<br />

Einige meiner Werke sind bewusst inszeniert,<br />

um Bilder zu präsentieren, die in der<br />

Kunstwelt und den Mainstream-Medien<br />

oft fehlen. Die Suche nach Repräsentation<br />

war in meiner Jugend als queerer Heranwachsender<br />

nicht immer einfach. Es gab<br />

keine Bilder, die meine Identität widerspiegelten,<br />

also nahm ich mir vor, sie selbst<br />

zu schaffen.<br />

Wie war deine Jugend?<br />

Ich bin in Tucson, Arizona, im Südwesten<br />

der USA aufgewachsen, wo die Bevölkerung<br />

hauptsächlich mexikanisch oder<br />

weiss ist. Mein Vater stammt aus Louisiana,<br />

und so fühlte ich mich oft als Aussenseiter<br />

– nicht «schwarz genug», um Anschluss<br />

bei anderen Schwarzen zu finden.<br />

Ohne Spanischkenntnisse passte ich auch<br />

nicht in die mexikanischen Gruppen.<br />

Da das Klima sehr heiss ist, verbrachte<br />

ich viel Zeit drinnen und schaute viele<br />

Filme. Mein Interesse an der Filmkunst<br />

wuchs stetig, ich tauchte in die Welt von<br />

Tumblr ein und bewunderte Pionier*innen<br />

wie Ingmar Bergman. Die Videokamera<br />

meines Vaters wurde mein Werkzeug, um<br />

mein Zimmer oder meine Freund*innen<br />

und Familie zu filmen. Sie wurde auch zu<br />

einem Puffer, der es mir ermöglichte, mich<br />

anderen Menschen zu nähern, ohne ihnen<br />

direkt gegenüberstehen zu müssen.<br />

Und um deine Identität zu erforschen?<br />

Das kam erst später, als ich nach Los Angeles<br />

gezogen bin. Dort traf ich mich mit<br />

Menschen, zu denen ich mich hingezogen<br />

fühlte, verbrachte Zeit mit anderen<br />

70 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

schwarzen Männern – einige davon queer,<br />

andere nicht. In diesem Prozess habe ich<br />

gelernt, mich durch Fotografie auszudrücken.<br />

Fallen dir beim Durchgehen deines<br />

Archivs bestimmte Themen deiner<br />

Arbeit auf?<br />

Ja, mit Fotofilmen ganz besonders. Kennst<br />

du das Gefühl: Du machst ein Foto und<br />

es beeindruckt dich nicht? Gerade in der<br />

heutigen Zeit übersehen wir oft Dinge, die<br />

uns im Moment nicht wertvoll erscheinen.<br />

Aber im Laufe der Zeit gewinnen die Bilder<br />

an Gewicht und werden bedeutsamer.<br />

Wenn du zum Beispiel ein Bild von dir<br />

heute siehst und dann in fünf Jahren. Du<br />

blickst auf die vergangene Zeit zurück und<br />

denkst über den Weg nach, den du zurückgelegt<br />

hast.<br />

Unterscheidest du zwischen Bildern<br />

aus deinem visuellen Tagebuch und<br />

zwischen Bildern, die dich als Künstler<br />

repräsentieren?<br />

Ich lasse alles miteinander verschmelzen.<br />

Das gefällt mir an Instagram. Manchmal<br />

poste ich etwas aus Lust und Laune – egal,<br />

ob es schon älter ist. Gelegentlich gibt es<br />

Reaktionen wie «Ist das deine Kunst?».<br />

Ja, aber nicht alles, was ich poste, muss<br />

ein sorgfältig ausgearbeitetes Kunstobjekt<br />

sein. Instagram ist für mich wie ein kleines<br />

Studio, das mir einen Raum gibt, um über<br />

meine Gefühle, Stimmungen und über<br />

meinen Platz in der Welt zu reflektieren.<br />

Du bist von Los Angeles nach New York<br />

gezogen. Weshalb?<br />

Ich hatte das Bedürfnis, mich selbst herauszufordern,<br />

solange ich noch etwas jugendliche<br />

Ausdauer habe (lacht). In New<br />

York liegt ein stärkerer Fokus auf der<br />

Kunstwelt im Vergleich zu der von der<br />

Filmindustrie geprägten Atmosphäre in<br />

L.A. Ich hatte noch nie an der Ostküste gelebt<br />

und wollte das tun, bevor ich mich «zu<br />

alt» fühle. Eine veränderte Umgebung gibt<br />

mir als visuelle Person neue Energie und<br />

frische Perspektiven auf meine Arbeit. In<br />

New York fühle ich mich grossartig!<br />

Du hast dich lange nach Repräsentation<br />

gesehnt. Wann hast du diese Repräsentation<br />

zum ersten Mal gefunden?<br />

Als ich auf die Arbeit des Dichters und Aktivisten<br />

Essex Hemphill gestossen bin. Er<br />

war eng befreundet mit Marlon Riggs, mit<br />

dem er an Filmen wie «Black Is . . . Black<br />

Ain’t» und «Tongues United» zusammengearbeitet<br />

hat. Leider sind sie aufgrund der<br />

Aids-Krise der Achtziger und Neunziger<br />

nicht mehr hier. Sie wurden so etwas wie<br />

meine queeren schwarzen Vorfahren. In<br />

ihre Arbeit einzutauchen, fühlte sich wie<br />

eine Initiationszeremonie an, als ob sie mir<br />

und anderen zeitgenössischen schwarzen<br />

queeren Künstlern das Staffelholz übergeben<br />

würden. Ihre Arbeit war kraftvoll und<br />

bestärkend und öffnete eine Welt, von der<br />

ich nicht wusste, dass sie existierte.<br />

In einem Interview hast du erwähnt,<br />

dass du deine Identität als queerer,<br />

schwarzer und HIV-positiver Künstler<br />

erforschst. Gehören diese Eigenschaften<br />

unweigerlich zusammen?<br />

Manchmal neige ich dazu, sie unterbewusst<br />

zu trennen – besonders, wenn ich<br />

mich online präsentiere. Ich bin Clifford,<br />

ich bin schwul, ich bin schwarz. Das heisst<br />

nicht, dass diese Etiketten nicht dazu beitragen,<br />

wer ich bin, aber ihre Bedeutung<br />

hängt von der Botschaft ab, die ich im<br />

Moment vermitteln möchte. In bestimmten<br />

Projekten lege ich meinen HIV-Status<br />

offen, weil mir die Entstigmatisierung am<br />

Herzen liegt. Während einige Menschen<br />

nicht bereit sind, diesen Schritt zu gehen,<br />

Clifford<br />

Prince<br />

King<br />

Der Fotograf dokumentiert<br />

seine intimen Beziehungen in<br />

alltäglichen Umgebungen, die<br />

seine Erfahrungen als queerer<br />

schwarzer Mann zum Ausdruck<br />

bringen. Seine Bilder<br />

sind in diversen Zeitschriften<br />

erschienen, darunter Butt, i-D,<br />

The New York Times, Vice und<br />

Vogue. Nebst Ausstellungen<br />

unter anderem im ICA Miami<br />

oder dem Kleefeld Contemporary<br />

Art Museum war King Teil<br />

der Phototriennale Hamburg<br />

und des queeren Midsumma<br />

Festivals in Melbourne.<br />

instagram.com/<br />

cliffordprinceking


Story — 5<br />

glaube ich, dass die Bereitschaft darüber<br />

zu sprechen im Laufe der Zeit zunimmt,<br />

wenn man sich in seinem Körper wohl<br />

fühlt und die mit HIV verbundenen Herausforderungen<br />

bewältigt.<br />

Was bedeutet schwarze Männlichkeit in<br />

der queeren Community für dich?<br />

Über die Jahre hinweg habe ich es mir erlaubt,<br />

verletzlicher und emotional verbundener<br />

zu sein auf Arten, die ich zuvor für<br />

unmöglich gehalten hatte. Vor rund zehn<br />

Jahren – mit etwa 20 – befand ich mich<br />

noch in einem Kampf-oder-Flucht-Modus<br />

bezüglich dessen, was ich wirklich wollte.<br />

Durch die Fotografie und die Verbindung<br />

mit anderen schwarzen Queers konnte ich<br />

persönlich wachsen. Schliesslich habe ich<br />

gelernt, wie wichtig es ist, sich mit Menschen<br />

zu umgeben, die Glück und Schönheit<br />

in dein Leben bringen. Das gibt es auch<br />

in der queeren Kultur – trotz aller Herausforderungen<br />

und Ängste. Ich verbringe<br />

Zeit an Orten, wo mein Herz sich rein und<br />

aufgeregt fühlt, und versuche, mich mit<br />

denen zu umgeben, die zu diesem Gefühl<br />

beitragen.<br />

Wie findest du Menschen, die du<br />

fotografieren möchtest?<br />

Es kommt darauf an. Manchmal spreche<br />

ich jemanden auf der Strasse an. In der<br />

Vergangenheit waren Apps wie Grindr<br />

eine Quelle, weil ich die Anonymität<br />

schätze. Ich bevorzuge es, Personen zu finden,<br />

die nicht unbedingt darauf aus sind,<br />

fotografiert zu werden und keine Erwartungen<br />

an die Fotos haben. Manchmal<br />

sind es auch Freund*innen, mit denen ich<br />

Zeit verbracht und ein Vertrauensverhältnis<br />

aufgebaut habe. Das ermöglicht es mir,<br />

sie in Situationen zu platzieren, in denen<br />

sie meiner Arbeit vertrauen und sicher<br />

sind. Es hängt alles vom Kontext ab.<br />

greifen auf Klischees zurück – setzen ihre<br />

Models in Jockstraps und nennen es Kunst.<br />

Ich versuche sexy Bilder zu machen, die<br />

nicht billig sind. Es ist eine Gratwanderung,<br />

intim und verletzlich zu sein, ohne<br />

gleich alles zu enthüllen. Ich bewahre<br />

lieber eine geheimnisvolle Aura, statt einfach<br />

explizit zu sein um der Explizitheit<br />

willen.<br />

«Viele Fotografen<br />

greifen auf Klischees<br />

zurück – setzen ihre<br />

Models in Jockstraps<br />

und nennen<br />

es Kunst.»<br />

Arbeitest du derzeit an Projekten<br />

oder Ausstellungen?<br />

Ich schreibe derzeit viel und bin in<br />

Drehbüchern involviert. Es gibt ein Projekt<br />

mit dem Public Art Fund in New York,<br />

das eine Ausstellung an Bushaltestellen<br />

und Zeitungskiosken in New York, Boston<br />

und Chicago zeigt. Ausserdem habe ich<br />

eine Foto-Triennale in Australien in der<br />

Pipeline.<br />

Was ist dir in deiner Arbeit wichtig?<br />

Mir liegt viel daran, die Zärtlichkeit und<br />

Verletzlichkeit schwarzer Männer zu betonen,<br />

statt sie auf ihre Sexualität oder ihre<br />

Körper zu reduzieren. Viele Fotografen<br />

Clifford Prince King (links) inszeniert sich in einigen Bildern auch selbst.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

71


72 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Story — 5


Story — 5<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

73


74 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Story — 5


Story — 5<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

75


76 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Story — 5


Story — 5<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

77


78 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Story — 5


Story — 5<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

79


80 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Story — 5


Story — 5<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

81


LOVE<br />

IS<br />

LOVE<br />

www.coiffyoursuccess.ch


KOLUMNE<br />

Kein Sex mehr<br />

auf Grindr<br />

Es gibt ein neues Wort! Zumindest<br />

auf Grindr. Denn dort kann man seit kurzem<br />

einen neuen Suchbegriff wählen.<br />

Neben Chat, Verabredungen, Freunde,<br />

Vernetzung und Beziehung gibt es jetzt<br />

auch Casual Dating. Casual Dating? Kenner<br />

fragen sich: Wo ist der gute alte Sex<br />

geblieben? Warum ist er verschwunden<br />

und durch Casual Dating ersetzt worden?<br />

Vermutet werden rechtliche Hintergründe:<br />

Eventuelle Änderungen in den Appstore-Regeln<br />

und mögliche Schwierigkeiten<br />

bei der Freigabe durch Apple.<br />

Der Begriff Casual Dating ist auf<br />

vielen Ebenen interessant. Wegen der<br />

magischen Ausstrahlung des Wortes<br />

«casual«. Bisher kannte man Casual<br />

Streetwear. Casual Dining. Casual Friday.<br />

Nun auch Casual Dating.<br />

Aber was ist das? Casual Dating<br />

ist locker, unverbindlich, mal sehen, was<br />

passiert – oder auch nicht. Casual Dating<br />

ist alles und nichts zugleich. Wie eine<br />

offene Hintertür und auch eine offene<br />

Vordertür für Situationen, aus denen man<br />

rauskommen will. Vorbei ist die Zeit, in<br />

der man sich trickreich herauslügen<br />

musste.<br />

Vielleicht ist es auch nicht mehr<br />

nötig, jemanden zu ghosten? Ich kann<br />

nur jemanden ghosten, der ein bestimmtes<br />

Verhalten von mir erwartet. Und welche<br />

Erwartungen löst Casual Dating<br />

schon aus? Wenige bis gar keine. «Ich<br />

muss mich nicht mehr melden, ich habe<br />

nichts versprochen. Es war zwanglos.»<br />

Das Uneindeutige macht den Begriff so<br />

attraktiv.<br />

Das Wort strahlt auch auf einen<br />

selbst zurück. Casual Dating macht mich<br />

zum Casual Dude. So möchte ich sein.<br />

Locker und lässig – so kennen mich die<br />

Leute. Es ist ein Begriff, der mich selbst<br />

attraktiver macht. Der Philosoph Friedrich<br />

Nietzsche sagte treffend: «Was ist dir das<br />

Menschlichste? Jemandem Scham<br />

ersparen.» Und genau das tut das Konzept<br />

des Casual Dating. Es erspart<br />

Scham, die ich vielleicht empfinde, wenn<br />

das Date nicht so gelaufen ist, wie ich es<br />

mir vorgestellt hatte. Denn wer casual<br />

datet, der kann nicht zurückgewiesen<br />

werden, der kann sich nicht in seiner<br />

möglichen Selbstabwertung bestätigt<br />

fühlen – weil es ja nur casual war.<br />

In der englischen Version von<br />

Grindr wurde «Sex« übrigens nicht durch<br />

«Casual Dating« ersetzt, sondern durch<br />

den Begriff «Hookups«. Ein viel klarerer<br />

Begriff! Es wäre spannend zu erfahren,<br />

warum Hookups nicht auch in der deutschen<br />

Version verwendet wird.<br />

Für mich ist Casual Dating ein<br />

grossartiger Begriff. Denn mit einem<br />

neuen Wort kann man einen Schlussstrich<br />

unter all das ziehen, was bisher<br />

war. Casual Dating setzt die Onlinedating-Karriere<br />

auf Werkseinstellungen zurück.<br />

Wie ein Reset-Knopf für die eigene<br />

Dating-Vergangenheit. Das Blatt ist wieder<br />

weiss, das was war, ist vergessen.<br />

Einfach neu anfangen. Deshalb steckt im<br />

Casual Dating auch ein bisschen Hoffnung:<br />

Wenn es mit den Männern bisher<br />

nicht geklappt hat, vielleicht jetzt? Und<br />

wenn es trotzdem so enttäuschend weitergeht<br />

wie bisher, dann fordert einen<br />

der Begriff freundlich, aber bestimmt<br />

auf: Jetzt sei ENDLI<strong>CH</strong> MAL ein bisschen<br />

locker!<br />

REDEN IST GOLD<br />

Peter Fässlacher ist<br />

Moderator und Sendungsverantwortlicher<br />

bei<br />

ORF III und Stimme des<br />

Podcasts «Reden ist Gold«<br />

über die Liebe und das<br />

Leben mit Menschen<br />

der LGBTIQ-Community.<br />

Er lebt in Wien.<br />

peter@mannschaft.com<br />

Illustration: Sascha Düvel<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

83


Story — 6<br />

6<br />

«Lasst uns<br />

trans<br />

Geschichten<br />

besser<br />

erzählen!»<br />

84 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 6<br />

Text – Kriss Rudolph<br />

Mit der Repräsentation von trans<br />

Personen in Film und Fernsehen ist<br />

es so eine Sache. Allzu oft sind in<br />

Deutschland noch Klischees und<br />

verletzende Ignoranz am Werk. Die<br />

Schauspielerin Ilonka Petruschka hat<br />

sich aufgemacht, das zu ändern.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

85


Story — 6<br />

Ilonka Petruschka war 16, ihre Transition lag noch<br />

vor ihr und bis sie ihre erste Rolle in einem Fernsehfilm<br />

spielen durfte, musste erst eine halbe<br />

Ewigkeit von 30 Jahren vergehen. Damals sah sie<br />

zum ersten Mal einen Film mit einer trans Frau.<br />

«Zweiter Aufschlag», so der Titel des US-Spielfilms<br />

basierend auf der Lebensgeschichte von Renee Richards,<br />

dargestellt von Vanessa Redgrave. Die trans<br />

Tennisspielerin schaffte es bis auf Platz 20 der Damen-Weltrangliste,<br />

später coachte sie die lesbische<br />

Legende Martina Navratilova.<br />

In einer Szene des TV-Films zeigt sich Richards als Frau in der<br />

Öffentlichkeit und wird verprügelt. Ilonka war tief erschüttert.<br />

Sie glaubte, in ihre unvermeidbare Zukunft geschaut zu haben.<br />

«Ich dachte, es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich nehme<br />

mir das Leben oder ich werde immer wieder zusammengeschlagen.»<br />

Ilonka, die in West-Berlin aufwuchs, machte sich früh im Cabaret<br />

La Cage einen Namen als Drag Queen. Mit zwölf stand sie<br />

schon auf der Bühne und wurde gefeiert. «Ich wurde extrem viel<br />

gebucht damals: Ich war jung, ich war hübsch, ich war talentiert.»<br />

Schon als Teenie auf der Bühne<br />

Als Jugendliche führte sie ein klassisches Doppelleben, in der<br />

Schule durfte keiner wissen, wer sie nachts war. Aber als die Zeitungen<br />

über sie berichteten, sprach es sich natürlich herum. Und<br />

als ein Schulfest geplant wurde, fragte man sie, ob sie auftreten<br />

wolle. Sie wollte. Danach fing das Mobbing an.<br />

Aber sich unterkriegen lassen, das kam für Ilonka nicht in Frage.<br />

«Ich war wild und rebellisch, auch verzweifelt, aber es gab ja<br />

keine Alternative. Mir war klar: Ich werde mich jedem in den Weg<br />

stellen, der mich aufhalten will.»<br />

Mit Verkleiden allein war es auf Dauer nicht getan, sie wollte<br />

als Frau leben. Doch das noch recht junge Transsexuellengesetz<br />

(TSG) von 1980 sah vor, dass sie erst nach zwei Gutachten den<br />

Personenstand ändern konnte. Sich vor einem Psychologen ausziehen,<br />

nackt auf und ab gehen, das kam für sie aber überhaupt<br />

nicht in Frage. «Ich hab’ dem Gutachter gesagt: Welchen besseren<br />

Beweis braucht es, als mich dem zu verweigern? Ich ertrage meinen<br />

eigenen Körper nicht – das ist ein wesentlicher Teil meiner<br />

Transidentität.» Ihr Gegenüber war überzeugt, sie bekam ihr erstes<br />

Gutachten.<br />

«Ich entscheide<br />

ja<br />

nicht, dass<br />

ich trans bin<br />

oder eine<br />

Frau. Ich bin<br />

es einfach!»<br />

Allein gegen das TSG<br />

Das mittlerweile über 40 Jahre bestehende Transsexuellengesetz<br />

nennt Ilonka «brutal, super erniedrigend und menschenverachtend».<br />

Ursprünglich erlaubte es eine Vornamensänderung erst mit<br />

25. Eine breite politische Lobby für trans Rechte gab es damals<br />

noch nicht. «Halt die Klappe und sei dankbar» – so fasst Ilonka die<br />

damalige Haltung gegenüber ihrer Community zusammen.<br />

Dass in diesem Jahr nun endlich ein Selbstbestimmungsgesetz<br />

das alte TSG ersetzen soll, findet die 51-Jährige überfällig. Auch<br />

wenn sie den Begriff «Selbstbestimmung» nicht besonders mag:<br />

«Für mich klingt es wie: Ich entscheide jetzt, dass ich trans oder<br />

eine Frau bin. Aber ich bin es einfach.»<br />

Damals war sie mit 17 laut Gesetz zu jung, um eine Transition<br />

durchzuziehen, das fing schon bei den Hormonen an. Zum<br />

Glück kannte sie längst andere trans Frauen, die unter der Hand<br />

mit Hormonen handelten. Von ihnen hörte sie auch von einem<br />

guten Gynäkologen in der Stadt. «Da sass ich dann mit meinen<br />

rotzigen 17 und sagte: Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten – entweder<br />

du hilfst mir oder ich mache das schwarz.» Er sagte: «Ich<br />

mache mich strafbar, wenn ich dir helfe.»<br />

86 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Wie man Ärzte und Richter überzeugt<br />

Trotzdem entschloss er sich, ihren Weg zu begleiten. «Ein unglaublich<br />

mutiger, toller Arzt. Er war nie fahrlässig, er hat das<br />

ganz seriös gemacht.» Um ihn zu schützen, behält sie seinen Namen<br />

für sich.<br />

Mit ihrem Selbstbewusstsein, das sie selbst rückblickend als<br />

«Grössenwahn» bezeichnet, konnte sie später auch den Richter<br />

überzeugen. «Ich sagte: Wenn ich mir heute die Knochen breche,<br />

dann gibt es kein Gesetz, das sagt: Du darfst aber erst in ein<br />

paar Jahren zum Arzt!» Damals galt Transidentität noch als<br />

Krankheit.<br />

Bild Julia Bornkessel


Story — 6<br />

Selbstbewusst<br />

oder «grössenwahnsinnig»?<br />

Ilonka Petruschka<br />

weiss, was sie will.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

87


Story — 6<br />

«Zu fordern, dass trans Leute<br />

trans Rollen spielen, ist vielleicht<br />

etwas brachial, aber offensichtlich<br />

braucht es das.»<br />

Für die Operation ging sie ins Ausland, deutsche Chirurg*innen<br />

hatten keinen besonders guten Ruf. Es gab trans Frauen, die<br />

danach im Rollstuhl gelandet sind, erinnert sich Ilonka. Schauerliche<br />

Geschichten rankten sich um geschlechtsangleichende<br />

Eingriffe. Von einem Chirurgen hiess es: «Wenn du dich bei dem<br />

operieren lässt, musst du vorher deinen Pass abgeben, und wenn<br />

es schiefgeht, wird die Leiche samt Pass im Meer versenkt!»<br />

Mit Kredit zur OP<br />

In London wurde Ilonka ein guter Chirurg von Selbsthilfe-Gruppen<br />

empfohlen. Umgerechnet 20 000 Mark hat der Eingriff damals<br />

gekostet, so viel wie ein neuer VW Golf. Ilonka musste einen<br />

Kredit aufnehmen. «Für mich war klar: Ich wollte den besten<br />

Operateur – ich wollte glücklich werden!»<br />

Hätte ihr damals jemand gesagt, dass sie als erwachsene Frau<br />

ein selbstbestimmtes Leben führen würde – sie hätte es nicht geglaubt.<br />

«Ich bin dankbar und glücklich und möchte das auf allen<br />

Kanälen, die mir zur Verfügung stehen, unter die Leute bringen.»<br />

Als Aktivistin sieht sie sich jedoch nicht. Sie ist auch keine<br />

Freundin von forcierter politischer Überkorrektheit, auch wenn<br />

sie sprachliche Veränderung und Entwicklung für wichtig und<br />

richtig hält. »Political Correctness ist nötig, sie darf uns nur nicht<br />

stumm werden lassen.» Darum bezeichnet sie sich manchmal<br />

selbst ganz bewusst als «Transe». Mit einer gewissen Selbstironie,<br />

so wie manche Schwule von sich als «Schwuchtel» reden. Denn<br />

ab und zu spürt sie bei anderen noch eine grosse Unsicherheit,<br />

wie man ihr begegnen soll. Sie möchte Hemmschwellen abbauen.<br />

«Wenn ich ganz offensiv und mit einem Augenzwinkern daran<br />

gehe, entstehen tolle Dialoge – und diese Gespräche sind so kostbar.»<br />

Die Schauspielerin will erreichen, dass Geschichten über trans<br />

Personen anders erzählt werden, echt und authentisch. Wenn sie<br />

nicht selbst vor der Kamera steht – im ZDF-Krimi «Der Kommissar<br />

und der See» war sie im Herbst als trans Frau zu sehen, die<br />

einem Mord zum Opfer fällt –, sorgt sie dafür, dass trans Personen<br />

in Filmen oder Serien authentisch und realistisch dargestellt<br />

werden.<br />

So erzählt man authentisch<br />

Für die Amazon-Serie «Luden», die im vergangenen Jahr Premiere<br />

feierte, wurde sie als trans Consultant angeheuert, denn<br />

der Produktionsfirma Neue Super war es wichtig, so authentisch<br />

wie möglich zu erzählen. Ilonka wirkt heute noch etwas<br />

ungläubig, dass das wirklich passiert ist – so glücklich ist sie<br />

mit dem Ergebnis. Sie war schon recht früh in das Projekt<br />

involviert. Man schickte ihr die ersten Drehbücher und nach<br />

dem Lesen war sie so angefixt, dass sie es kaum abwarten konnte,<br />

weiterzulesen.<br />

Immer wieder erlebte sie Meetings, die sie als «unfassbar<br />

fruchtbar» erinnert, sei es mit den Produzenten, mit der Regie,<br />

aber auch mit der Kostümabteilung, die sie einlud, bei der Anprobe<br />

für die trans Figur Bernd/Linda dabei zu sein. Selbst beim<br />

Schnitt war sie involviert und konnte Änderungen vorschlagen.<br />

Zum Beispiel war eine Szene geplant, in der betrunkene Touristen<br />

auf der Reeperbahn der frühen 80er-Jahre die trans Frau<br />

anpöbelten. Linda, in High Heels, überragte sie alle. Dieses Bild<br />

bemängelte Ilonka als zu stereotyp.<br />

«Die trans Frauen, die ich kenne, sind früher nicht draussen in<br />

High Heels rumgelaufen, denn dann waren sie 1,90 Meter gross<br />

und fielen auf. Lieber wollten sie verblenden mit der Gesellschaft,<br />

um nicht eins auf die Schnauze zu bekommen, und trugen flache<br />

Schuhe.» Die Produzenten nahmen die Kritik an und verzichteten<br />

ganz auf die Szene.<br />

Beratung nicht bloss als Alibi<br />

So ein Einsatz als trans Consultant kommt für Ilonka ohnehin<br />

nur in Frage, wenn sie sicher sein kann, dass bei der Produktion<br />

ein ehrliches Interesse besteht, Geschichten anders zu erzählen.<br />

Bloss als Alibi herhalten, damit hinterher jemand sagen kann,<br />

es habe eine trans Person drübergeschaut – das ist ihr zu wenig.<br />

«Wenn ich höre: Wir brauchen nur den Input fürs Drehbuch, den<br />

Rest kriegen wir hin, dann weiss ich schon, die meinen es nicht<br />

ernst.»<br />

So wie es bei «Luden» lief, ist es keineswegs Usus bei deutschen<br />

Produktionen. Zu nennen wäre aber noch «Oskars Kleid»<br />

von und mit Florian David Fitz. Der Film feierte Ende 2022 seine<br />

Kino-Premiere und erzählt von den Schwierigkeiten eines Vaters,<br />

sich mit der trans Identität seines Kindes abzufinden. Bei dem<br />

Film war die trans Aktivistin Patricia Schüttler beratend tätig.<br />

Ob es in der DA<strong>CH</strong>-Region weitere Beispiele für den Einsatz von<br />

trans Consultants gibt? Netflix kann uns auf Anfrage keine Produktionen<br />

nennen. Auch beim Bundesverband Schauspiel (BFFS)<br />

kommen wir nicht weiter. Man empfiehlt uns, bei der Produzentenallianz<br />

nachzufragen, aber auch dort – so sorry! – kann man<br />

uns die gewünschte Auskunft nicht geben.<br />

Offenbar findet es noch zu selten statt. Dabei stellt Ilonka einen<br />

gewissen Hype in deutschsprachigen Produktionen fest: Man<br />

wolle mit aller Macht mitnehmen, was geht, weil es Quote bringt.<br />

Oft werden dann Bilder aus einer heterosexuellen Cis-Perspektive<br />

konstruiert. «Aber ich würde gerne sehen, dass die Leute nicht<br />

Bild normankeutgen<br />

88 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 6<br />

Maren Kroymann (links) heuerte Petruschka Anfang des Jahres für ein TV-Special an.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 6<br />

Noah Tinwa (Mitte) als Bernd/Linda in der Amazon-Serie «Luden».<br />

nur über uns erzählen, sondern anfangen, konstant mit uns zu<br />

erzählen.» Denn, davon ist Ilonka überzeugt: Die Quote könnte<br />

besser werden, wenn man uns zuhört und Geschichten besser<br />

erzählt.<br />

Mit trans Personen über trans Personen erzählen<br />

Hier und da passiert es schon: So spielt sie die Hauptrolle in einer<br />

ZDFneo-Serie von Creator Kai Pieck, die noch ihrer Fertigstellung<br />

harrt. Um ihre Figur glaubhaft schreiben zu können, hatte<br />

er sich eine trans Person als Co-Autor ins Boot geholt. Eigentlich,<br />

sagt Pieck, der vor ein paar Jahren die Queer Media Society<br />

gegründet hat, eine ehrenamtlich organisierte Initiative queerer<br />

Medienschaffender – eigentlich sollte beim Erzählen von trans<br />

Geschichten bereits in der Stoffentwicklung eine trans Person involviert<br />

sein. Nicht erst nach dem Schreiben als Sensitivity Reader<br />

oder als Consultant am Set. Das müsse dann aber auch von<br />

der Produktion bezahlt werden – und das sei oft der Knackpunkt.<br />

Dazu komme: «Viele Autor*innen, die länger im Geschäft sind,<br />

glauben immer noch, es langt, ein bisschen zu recherchieren und<br />

sich mal mit einer trans Person zu unterhalten. Aber das reicht<br />

eben nicht.» Junge Autor*innen oder Filmschaffende überhaupt,<br />

so beobachtet es Pieck, seien zum Glück heute wesentlich bewusster<br />

und sensibler.<br />

Und dann stellt sich ja irgendwann die Frage der Besetzung:<br />

Wer spielt am Ende die trans Rolle? Bei «Luden» fiel die Wahl auf<br />

den cis Schauspieler Noah Tinwa, auch Ilonka setzte sich dafür<br />

ein, und Amazon war einverstanden.<br />

«Eine Transition, wie sie in der Serie Luden dargestellt wird,<br />

empfinden viele trans Personen als traumatisch und sollte nicht<br />

noch einmal durchlebt werden müssen», erklärt uns Nadja Ziegltrum<br />

von Amazon Deutschland.<br />

Der Streamingdienst hat im Jahr 2021 ein sogenanntes Playbook<br />

für den US-Markt implementiert, in dessen Vorwort es<br />

heisst: «Die Arbeit für Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion erfordert,<br />

dass wir alle diese Vorurteile sowie die langjährigen<br />

Bräuche und Praktiken in der Branche durchbrechen, um echte,<br />

dauerhafte Veränderungen herbeizuführen.» Eine Adaption des<br />

Playbooks für den deutschen Markt sei in Planung, teilt uns Amazon<br />

mit.<br />

Im Fall von «Luden» hat man sich entschieden, Tinwa für die<br />

Darstellung der Bernd/Linda-Figur beratend Ilonka Petruschka<br />

an die Seite zu stellen. Dafür war der Schauspieler auch sehr dankbar.<br />

«Ich habe es sehr genossen, dass ich da jemanden hatte, mit<br />

der ich sehr intensiv zusammenarbeiten konnte.» Er habe das als<br />

sehr hilfreich empfunden, erzählt Tinwa im Interview mit Zeitjung<br />

– Normalität sei das bei deutschen Produktionen leider nicht.<br />

Was den Einsatz vor der Kamera angeht, so ist Ilonka schon<br />

grundsätzlich dafür, dass trans Rollen mit trans Personen besetzt<br />

werden. Das Gegenargument, dass es doch ums Schauspielen gehen<br />

soll und darum auch cis Personen besetzt werden könnten,<br />

kennt sie zur Genüge. Doch am Ende führt es nur wieder dazu,<br />

dass hauptsächlich cis Personen engagiert werden, während<br />

trans Schauspieler*innen in die Röhre schauen. «Zu fordern, dass<br />

trans Leute die trans Rollen spielen, ist vielleicht etwas brachial,<br />

90 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 6<br />

Bild zVg<br />

aber offensichtlich braucht es das. Wir müssen den Fuss in die Tür<br />

bekommen!», findet Ilonka, die als junge trans Frau nicht mal zur<br />

Schauspielschule zugelassen wurde.<br />

Nach wie vor schaffen es deutschsprachige TV-Produktionen<br />

immer noch, sie verzweifeln zu lassen. Beispiel: der ORF-Krimi<br />

«Tatort: Die Amme» aus dem Jahr 2021. «Da wird Trans als Monster<br />

erzählt, und am nächsten Tag müssen trans Frauen Angst haben,<br />

U-Bahn zu fahren, zumindest wenn sie kein so gutes Passing<br />

haben.» Passing – das ist die Wahrnehmung der anderen, eine<br />

Person dem Geschlecht zugehörig zu sehen, als das sie sich fühlt<br />

und nach aussen präsentiert. Filmschaffende müssten verantwortungsvoller<br />

vorgehen, wenn sie solche Geschichten erzählen, findet<br />

Ilonka.<br />

Psychopathen in Frauenkleidern<br />

Mit ihrer Kritik ist sie nicht allein: Zu dem österreichischen Krimi,<br />

in dem ein Mann Sexarbeiterinnen tötet und dafür Frauenkleider,<br />

Perücke und Make-up trägt, erklärte der «Tatort»-Kritiker<br />

Matthias Dell im Deutschlandfunk: «Hier ist niemand fluide, will<br />

nicht-binär gelesen werden oder als Dragqueen reüssieren – das<br />

Hin und Her zwischen den Geschlechterbildern ist vielmehr die<br />

Wurzel allen Übels. Der Psychopath in Frauenkleidern ist, auch<br />

wenn das nicht explizit gesagt wird, am Ende transfeindlich.»<br />

Kritiker Dell stellt den Film in Zusammenhang mit älteren<br />

Werken wie Hitchcocks «Psycho» mit Anthony Perkins und dem<br />

Buffalo-Bill-Charakter, den Jodie Foster in «Das Schweigen der<br />

Lämmer» jagt – alles Beispiele dafür, «dass Männer, die Frauen<br />

sein wollen, aber ihren Gender-Trouble nicht gebacken kriegen,<br />

Psychopathen werden müssen».<br />

Der ORF teilte uns dazu mit, der Kritiker habe sich offenbar<br />

«von einem gelernten Krimireflex aufs Glatteis führen lassen»,<br />

denn «die Bösartigkeit der Figur stünde (eben nicht) im Zusammenhang<br />

mit Crossdressing». Auch die Antwort der Produktionsfirma<br />

Prisma Film, die lediglich auf die Aussage des ORF<br />

verweist, lässt nicht gerade erahnen, dass man bereit ist, Kritik<br />

anzunehmen.<br />

Nach oben ist also noch eine Menge Luft. Dabei gäbe es so viele<br />

schöne und positive Geschichten zu erzählen. Von älteren trans<br />

Frauen etwa, die auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Solche<br />

Geschichten fehlen Ilonka noch in Film und Fernsehen. Oder dass<br />

sie selber mal als Mutter besetzt wird, als Polizistin oder Taxifahrerin,<br />

bei der nicht explizit im Drehbuch der Hinweis trans stehen<br />

muss, damit man sie überhaupt zum Casting einlädt.<br />

Perfekt für die Rolle der Schurkin?<br />

Eher kommt es noch vor, dass man sie aus falscher Rücksichtnahme<br />

übergeht, wie sie es mal bei einer Regisseurin erlebt hat –<br />

mit der Begründung: «Du bist perfekt für die Rolle der Bösen. Ich<br />

würd’ dich so gerne besetzen, aber ich mache es nicht aus meiner<br />

Verantwortung gegenüber der trans Community. Du darfst keine<br />

bösen Rollen spielen.» Auch das ist Diskriminierung, nur in etwas<br />

hübschere Worte verpackt.<br />

Umso mehr hat sich Ilonka Petruschka gefreut, als sie angefragt<br />

wurde, in dem «Kroymann»-Special «Ist die noch gut?» mitzuspielen,<br />

das Anfang des Jahres in der ARD ausgestrahlt wurde.<br />

Den Part bekam sie unabhängig von ihrem trans Kontext. So war<br />

sie als Maskenbildnerin von Maren Kroymann zu sehen, eine<br />

kleine Rolle nur, aber Ilonka war sehr dankbar für das Engagement:<br />

«Das müsste viel mehr stattfinden.»<br />

Wenn man zurückblickt auf all das, was die Berlinerin bisher<br />

erreicht hat, kann man fast sicher sein: So wird es auch<br />

kommen.<br />

Bild Julia Bornkessel<br />

«Ich möchte<br />

gerne, dass die<br />

Leute nicht nur<br />

über uns erzählen,<br />

sondern<br />

konstant mit<br />

uns erzählen.»<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

91


Interview<br />

«Ich habe<br />

Lust auf mehr<br />

queere Rollen»<br />

Die erfolgreiche Serie «Charité» meldet sich zurück mit einer ungewöhnlichen,<br />

in der nahen Zukunft spielenden vierten Staffel (ab 9. April in der<br />

ARD). Mit dabei ist dieses Mal Joshua Seelenbinder, der uns bei einem<br />

Matcha Latte in einem Café in Berlin-Mitte unter anderem verraten hat,<br />

wie er nach #ActOut auf die queere Zukunft in der deutschsprachigen<br />

Filmbranche blickt.<br />

Interview – Patrick Heidmann<br />

92<br />

Joshua, Anlass unseres Gesprächs ist die neue «Charité»-<br />

Staffel, die eine neue, in der Zukunft angesiedelte Geschichte<br />

erzählt. Du spielst darin den Pfleger Lou. Was hat dich an<br />

dieser Rolle gereizt?<br />

Für mich war Lou beim Lesen der Drehbücher die spannendste<br />

Männerfigur in dieser Geschichte. Schon allein, weil er nicht<br />

in einer Liebesbeziehung steht, über die er definiert wird, was<br />

ich gerade für eine solche jüngere Figur interessant fand. Es gibt<br />

zwar einen möglichen Flirt mit der von Gina Haller gespielten<br />

Kollegin Marlene, aber das war’s. Und es gab auch mal einen anderen<br />

kleinen Flirt mit einer männlichen Figur. Dieses Changieren<br />

fand ich sehr schön.<br />

Die ganze Serie ist unerwartet queer: Im Zentrum steht ein<br />

lesbisches Paar, und gleich in der ersten Folge kommt eine<br />

polyamouröse Beziehung vor, was im deutschen Fernsehen<br />

geradezu revolutionär erscheint.<br />

Deswegen mussten wir bei Lou nicht konkret werden, selbst<br />

wenn für mich immer eine gewisse Queerness mitschwang. Wir<br />

haben über eine potentielle Nicht-Binarität gesprochen, doch weil<br />

ich mich nicht als nicht-binär identifiziere, wollte ich so eine Rolle<br />

nicht spielen. Die Figur Lou kann sicherlich so gelesen werden,<br />

und ich finde es schön, dass die Verbindung zu Marlene nie ganz<br />

eindeutig wird. Lou ist einfach eine gute Seele und jemand, der an<br />

der Charité ist, um Menschen zu helfen und Dinge zu verändern.<br />

Auch deswegen hatte ich grosse Lust, diese Rolle zu spielen.<br />

Du sagst dezidiert: Ich spiele keine nicht-binäre Person.<br />

Andere, gerade ältere Kolleg*innen erwidern bei dieser<br />

Thematik gerne, dass gute Schauspieler*innen alles spielen<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

können und dürfen müssen. Das sollte in einer idealen Welt,<br />

in der es gleiche Chancen für alle gibt, natürlich auch so sein.<br />

Glaubst du, dass wir jemals dahin kommen werden?<br />

Ich glaube nicht, dass das zu erreichen ist. Vieles wird sich noch<br />

ändern und bessern, aber um in dieser idealen Welt anzukommen,<br />

sind wir Menschen zu egoistisch. Niemand gibt gerne Privilegien<br />

ab. Ausserdem verschieben sich immer wieder die Themen. Für<br />

mich ist die Diskussion über queere Geschichten und Figuren in<br />

der Arbeit wichtig, aber für andere gibt es vielleicht Wichtigeres.<br />

Gegenwärtig passiert so viel, dass rein politisch andere Themen<br />

deutlich höher auf der Agenda stehen. Der Weg ist also noch weit.<br />

Wichtiger als die Frage, wer was spielt, ist die, wer überhaupt<br />

welche Geschichten mit Authentizität erzählt, oder?<br />

In dieser Diskussion wird schnell vergessen, erst einmal hinter<br />

die Kamera zu gucken. Es macht einen grossen Unterschied, wenn<br />

eine queere Person solche Geschichten schreibt. Schon wenn andere<br />

queere Menschen am Set sind, erlebe ich die Arbeit ganz<br />

anders. Ein einschneidendes Erlebnis hatte ich während meines<br />

festen Engagements am Theater in Braunschweig. Dort bestand<br />

das Team – also Regie und Ensemble – zu Dreivierteln aus queeren<br />

Personen. Das Stück drehte sich zwar nicht primär um solche<br />

Themen, aber die Arbeit fühlte sich anders an. Der Raum, in dem<br />

ich mich bewegen und ausprobieren durfte, war ein anderer, weil<br />

wir andere Gespräche führten und bestimmte Diskussionen nicht<br />

mehr führen mussten. Es hat mich fasziniert, wie viel sicherer ich<br />

mich plötzlich gefühlt habe.<br />

Bei «Charité» war das Team grösstenteils weiblich besetzt.<br />

Das macht sicherlich einen Unterschied, oder?<br />

Bild: Lily Cummings Photography


Interview<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

93


Interview<br />

Eine gute Seele: Joshua Seelenbinder als Pfleger Lou (rechts), der Menschen helfen will.<br />

Ja, das finde ich schon. Ich habe mich darauf auch richtig gefreut,<br />

denn damit setzt die Produktion ja auch ein Zeichen. Die vier<br />

grössten Rollen in der Geschichte sind zum Beispiel auch Frauen,<br />

drei davon nicht weiss, und im Zentrum steht eine lesbische Beziehung.<br />

Es wird sicherlich auch Gegenwind kommen, könnte ich<br />

mir vorstellen. Gerade deswegen finde ich das Statement toll, vor<br />

allem für eine Produktion dieser Grössenordnung, die ein breites<br />

Publikum hat, das mutmasslich zu weiten Teilen nicht aus meiner<br />

Generation kommt.<br />

Zuletzt warst du in Serien wie «1899» sowie dem Kinofilm<br />

«Stella. Ein Leben» zu sehen, und demnächst folgt der Mehrteiler<br />

«Herrhausen – Der Herr des Geldes». Verbindet all die<br />

Rollen etwas, für das du dich interessierst?<br />

Die Einladung zu Castings hängt zunächst einmal vom Glück ab.<br />

Wenn es darum geht, was ich persönlich machen möchte, müssen<br />

die Drehbücher mich ansprechen. In «1899» war meine Rolle<br />

zwar nicht besonders gross, aber die Möglichkeit, an einem aufwändigen<br />

internationalen Projekt teilzunehmen, reizte mich. Bei<br />

«Herrhausen» hat mich insbesondere die fesselnde Geschichte<br />

angesprochen. Mir ist es generell wichtig, nicht auf eine einzige<br />

Art von Rolle festgelegt zu sein, sondern verschiedene Charaktere<br />

zu verkörpern. Deshalb habe ich eine Rolle in der Reihe «Mord<br />

oder Watt?» übernommen, die eine völlig andere Richtung einschlägt,<br />

in der ich einen norddeutschen Polizisten spiele.<br />

Dass du die Sicherheit des Theater-Ensembles aufgegeben<br />

hast und zum freischaffenden Schauspieler mit Schwerpunkt<br />

Film und Fernsehen geworden bist, ist erst ein paar Jahre her<br />

und fiel in eine ähnliche Zeit wie auch #ActOut. Du hast in einem<br />

Interview mal gesagt, dass du damals gezögert habest, dich an<br />

der Aktion zu beteiligen. Welche Angst hattest du da?<br />

Da kam mehreres zusammen. Einmal war da die banale Angst,<br />

was die unmittelbaren Folgen in der Branche sein würden. Ich<br />

94 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Interview<br />

selbst ausgemacht. Meine Agentur habe ich erst informiert,<br />

nachdem ich mich entschieden hatte. Die waren zum Glück total<br />

supportive.<br />

Bild: The Walt Disney Studios<br />

Bild: ARD, Armanda Claro<br />

Joshua<br />

Seelenbinder<br />

Wurde 1990 in einer niedersächsischen<br />

Kleinstadt<br />

geboren, bevor es ihn nach<br />

der Schule in die Grossstadt<br />

zog. In Hamburg sammelte<br />

er erste Bühnen-Erfahrungen,<br />

in Berlin studierte er<br />

schliesslich Schauspielerei.<br />

Nach einem festen Theater-Engagement<br />

steht er seit<br />

einigen Jahren vor allem für<br />

diverse Filme und Serien<br />

vor der Kamera, darunter<br />

auch „Das Boot“ oder eine<br />

„Tatort“-Episode. Im Februar<br />

2021 gehörte er zu den 185<br />

Schauspieler*innen, die<br />

sich im Rahmen der Aktion<br />

#ActOut öffentlich outeten.<br />

Ab dem 5. April ist er in der<br />

vierten Staffel der Serie<br />

«Charité» zu sehen (in der<br />

ARD-Mediathek); ab 9. April<br />

sendet das Erste die neuen<br />

Folgen, die erstmals in der<br />

Zukunft spielen.<br />

hatte nie etwas verschwiegen und behauptet, ich sei heterosexuell.<br />

Aber würde ich nach so einem offiziellen Coming-Out mit meinem<br />

Namen und meinem Gesicht vielleicht nicht mehr besetzt werden?<br />

Oder spiele ich nur noch schwule Rollen? Solche Fragen haben<br />

sofort reingekickt, aber das war auch gut, weil ich mich wirklich<br />

damit auseinandergesetzt habe. Und wenn jemand nicht mehr mit<br />

mir arbeiten will, weil ich mich öffentlich geoutet habe, dann will<br />

ich vielleicht mit denjenigen auch nichts mehr zu tun haben. Zum<br />

anderen war ich unsicher, ob mir das nicht einfach zu persönlich<br />

war. Man macht sich mit so einem Schritt angreifbar, auch als Privatperson.<br />

Ich musste erst überlegen, ob sich da das Private und<br />

das Berufliche oder auch Politische zu sehr vermischten.<br />

Das Ganze ist jetzt drei Jahre her. Wie fällt dein Fazit aus?<br />

Für mich persönlich hat #ActOut ein Gefühl von Freiheit gebracht<br />

und zwar im Privaten wie auch in der Arbeit. In Gesprächen<br />

mit Kolleg*innen oder wenn es am Set um Familie geht,<br />

habe ich ein anderes Selbstbewusstsein, mit dem ich auch meinen<br />

Freund erwähne.<br />

Das hast du früher nicht gemacht?<br />

Doch, hin und wieder schon. Aber ich habe immer gemerkt, dass<br />

es mindestens einen Moment gab, in dem ich überlegte, ob ich es<br />

tun sollte. Dieses Gefühl ist inzwischen weg. Ausserdem ist es toll<br />

zu wissen, dass es diese Community gibt. Plötzlich gibt es Namen<br />

und Gesichter. Und es war emotional und berührend, wie wir uns<br />

am Anfang vernetzt haben, ohne uns eigentlich zu kennen. Da<br />

war sofort ein echter Safe Space entstanden, in dem man sich austauschen<br />

und unterstützen konnte.<br />

Und welche Konsequenzen siehst du in der Branche<br />

allgemein?<br />

Ich würde sagen, dass die Aktion einige Diskussionen und positiven<br />

Entwicklungen angestossen hat. Queere Stoffe und Themen<br />

mehren sich langsam, habe ich das Gefühl. Wobei ich lustigerweise<br />

erwartet hatte, dass ich mehr queere Rollen angeboten bekomme<br />

als es bislang der Fall ist. Da hätte ich sogar Lust auf ein<br />

bisschen mehr.<br />

«Nichtbinäre<br />

Rollen will<br />

ich nicht<br />

spielen.»<br />

Fiel die Entscheidung dafür letztlich auch durch Gespräche<br />

mit anderen?<br />

Gar nicht so sehr. Mit meinem Partner habe ich mich selbstverständlich<br />

ausgetauscht, aber letztlich habe ich das mit mir<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

95


Literatur<br />

Die guten Seiten<br />

Gerbrand Bakker<br />

Der Sohn des Friseurs<br />

Der erste Satz<br />

Igor schwimmt.<br />

Das Genre<br />

Eine berührende Vater-Sohn-Geschichte!<br />

Roland Müller-Flashar vom Buchladen<br />

Prinz Eisenherz hat «Der Sohn des Friseurs»<br />

für dich gelesen.<br />

Die Handlung<br />

Simon schneidet Männern die Haare, ungern<br />

zu viel davon. Er ist Friseur, doch von Leidenschaft<br />

kann keine Rede sein, der Beruf ist ihm<br />

in den Schoss gefallen. Simon übernahm den<br />

Friseursalon von seinem Vater, der wiederum<br />

das Geschäft von Simons Grossvater fortgeführt<br />

hatte. Simons Mutter nennt ihn «träge»<br />

und «ein grosses Kind mit einem Friseur laden».<br />

Nun kommen in seinen Laden eine Handvoll<br />

Stammkunden, die sich die Haare schneiden<br />

lassen und Monologe halten, die Simon mit<br />

«hm» oder «ah» beantwortet.<br />

Als er sich bei den wöchentlichen Schwimmausflügen<br />

einer Gruppe geistig behinderter<br />

Jugendlicher engagiert, gerät sein wechselvolles<br />

Leben auf Hochtouren. Zu seiner<br />

Schande fühlt er sich nicht nur zu einem der<br />

geistig behinderten Jugendlichen hingezogen,<br />

dessen körperliche Schönheit ihn an den<br />

Schwimmer Aleksandr Popov erinnert; zum<br />

ersten Mal in seinem Leben beginnt Simon<br />

auch, sich Fragen über seinen Vater zu stellen.<br />

Er hat ihn nie gekannt und untersucht nun die<br />

Umstände seines bizarren Todes bei einem<br />

Flugzeugabsturz auf Teneriffa.<br />

Simons Alltag, der sich hauptsächlich<br />

zwischen Friseursalon und Schwimmbad abspielt,<br />

wird zunehmend abwechslungsreicher<br />

und das Leben des Protagonisten nimmt erheblich<br />

an Fahrt auf, auch weil er sich mit dem<br />

Phänomen Flugzeugkatastrophen und mit der<br />

Geschichte seines Vaters auseinandersetzt.<br />

Das Urteil<br />

Ein warmherziger Roman über eine Vatersuche<br />

mit überraschenden Wendungen,<br />

Sehnsucht, der Suche nach Nähe und der<br />

Notwendigkeit, unbequeme Wege zu gehen.<br />

Roman, Suhrkamp, 287 Seiten<br />

96 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Literatur<br />

Kauf deine Bücher im<br />

queeren Buchladen:<br />

buchladen-erlkoenig.de<br />

loewenherz.at<br />

queerbooks.ch<br />

prinz-eisenherz.com<br />

Bist du ein Bücherwurm?<br />

Wühle dich hier<br />

weiter durch:<br />

Carina Maggar<br />

Unzählige schlaflose Nächte<br />

Carina Maggar hat 85 queere Menschen<br />

aus 16 Ländern interviewt, woraus eine<br />

bewegende Sammlung entstanden ist<br />

mit 50 Coming-out-Geschichten von Geschlechtern<br />

unterschiedlichster sexueller<br />

Orientierung: berührend, kraftvoll, traurig,<br />

überraschend und lustig. Einige Gespräche<br />

hallten bei der lesbischen Autorin aus<br />

London nach, machten sie wütend und<br />

traurig, weil sie daran erinnern, wie viele<br />

Menschen auf der Welt leiden müssen, nur<br />

weil sie jemanden lieben.<br />

Wir finden: Ein Buch für Queers, ganz<br />

gleich, ob sie sich geoutet haben oder<br />

nicht, für diejenigen, die Unterstützung<br />

brauchen oder selbst mehr unterstützen<br />

wollen, für Heterosexuelle, die besser<br />

verstehen wollen, für Eltern, die es ihren<br />

Kindern schenken möchten, wenn sie<br />

vermuten, dass sie mit ihrer Sexualität zu<br />

kämpfen haben.<br />

Sammlung, Laurence King Verlag,<br />

176 Seiten<br />

Constance Debré<br />

Love Me Tender<br />

Nach ihrem Coming-out verliert die Protagonistin<br />

in «Love Me Tender» den Zugang<br />

zu ihrem Sohn. Noch schlimmer: Ihr Ehemann<br />

bezichtigt sie der Pädophilie und beantragt<br />

das alleinige Sorgerecht. Die einst<br />

erfolgreiche Anwältin hängt ihren Job an<br />

den Nagel, um an ihrem Buch zu schreiben.<br />

Sie vertreibt ihre Zeit mit Schwimmen und<br />

wahllosem Sex mit Frauen, die ihr wenig<br />

bedeuten.<br />

Wir finden: Der autobiografische Roman<br />

der ehemaligen französischen Strafverteidigerin<br />

Constance Debré ist eines von<br />

drei Büchern, in denen sie die Drogensucht<br />

ihrer Eltern, ihr Coming-out und den<br />

Kampf um das Sorgerecht für ihren Sohn<br />

verarbeitet. In «Love Me Tender» tut sie das<br />

in einer schnörkellosen und ungefilterten<br />

Sprache, die die Leser*innen an ihrem<br />

tauben Schmerz teilhaben lässt. Eine tief<br />

bewegende Lektüre.<br />

Roman, Matthes & Seitz Berlin,<br />

152 Seiten<br />

Neuerscheinungen<br />

TITEL GATTUNG VERLAG SEITEN IN EINEM SATZ<br />

An Rändern<br />

Angelo Tijssens<br />

Leute von früher<br />

Kristin Höller<br />

Sieben Sekunden Luft<br />

Luca Mael Milsch<br />

Box Hill<br />

Adam Mars-Jones<br />

Roman Rowohlt 128 Der Drehbuchautor des für den Oscar nominierten Films<br />

«Close» erzählt in seinem Romandebüt<br />

von den Traumata und Ängsten junger Menschen, die<br />

ihre Homosexualität verstecken müssen.<br />

Roman Suhrkamp 317 Über eine Liebe auf einer nordfriesischen Insel. Vom Bewahren<br />

und Verschwinden, von Abschied und Neubeginn.<br />

Von alten Legenden und moderner Lohnarbeit, von der<br />

Suche nach einem Platz im Leben.<br />

Roman Haymon 264 Über das Abschütteln von Spuren, entstanden zwischen<br />

Mutter und Kind, gesellschaftlich geprägt von Misogynie,<br />

Heteronormativität und Klassismus.<br />

Roman Albino 144 Mehr als ein Satz zum Buch:<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

97


Comic<br />

Kind of Magic<br />

Queen, das Comic<br />

In welches Regal?<br />

Zu den (auto-)biografischen Comics über<br />

Musiker*innen wie «Heartstrings: Melissa<br />

Ethridge & Her Guitars» (Z-Comics), Tine<br />

Pesch: «Rebel Girl» (Ventil Verlag) oder<br />

Reinhard Kleists «Nick Cave», «Starman»<br />

(über David Bowie) und «Cash» (alle Carlsen-Verlag).<br />

Wie sieht es aus?<br />

Extrem vielfältig, 17 der 20 Kapitel wurden<br />

von unterschiedlichen Künstler*innen<br />

einer, laut Verlag, «neuen Generation<br />

franko-belgischer Comiczeichnenden»<br />

gestaltet. Von realitätsnahen Zeichnungen<br />

über beinahe cineastisch ausgearbeitete<br />

Panels reichen die Umsetzungen bis hin zu<br />

Karikaturhaftem und digital bearbeiteten,<br />

eher flächigen Bildern.<br />

Um was geht es?<br />

Freddy Mercury – ein Name, den alle kennen,<br />

die sich jemals mit Musikgeschichte<br />

beschäftigt haben. Weniger bekannt dagegen<br />

dürfte sein Geburtsname Farrokh<br />

98 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Bulsara sein oder aber die Umstände, wie<br />

die legendäre Band Queen eigentlich zusammenfand,<br />

welche Zufälle es bedurfte,<br />

welcher Zugeständnisse, wo feste Überzeugung<br />

und absolute Kompromisslosigkeit<br />

nötig waren. Einige dieser Lücken füllt<br />

«Queen – Das Comic».<br />

Wie finden wir es?<br />

Der Comicband reiht keine allseits bekannten<br />

Anekdoten aneinander und bemüht<br />

sich erst gar nicht um Vollständigkeit. Im<br />

Gegenteil, das hier verfolgte Konzept der<br />

geplanten Sprünge wirft zwanzig Schlaglichter<br />

auf die Geschichte einer der einflussreichsten<br />

Bands der Musikgeschichte<br />

und ihre Mitglieder. Eine historische und/<br />

oder gesellschaftliche Einordnung erhält<br />

jedes der Kapitel anhand des dazwischengeschobenen<br />

Text- und Fotomaterials.<br />

Im französischen Original des Verlages<br />

Éditions Petit à Petit gehört «Queen» zu<br />

einer Reihe gleichartig aufgebauten Biografien,<br />

die sich vornehmlich mit weissen,<br />

heterosexuellen cis Männern beschäftigt.<br />

Umso mehr freuen wir uns, dass sich<br />

der österreichische Verlag Bahoe Books<br />

dafür entschieden hat, diesen Band<br />

zu übersetzen und in ihr Programm<br />

aufzunehmen. Wenn wir uns nun noch<br />

etwas wünschen dürften, dann, dass als<br />

nächstes das einzige Buch auf deutsch<br />

erscheint, das die französischen Kolleg*innen<br />

einer Frau gewidmet haben:<br />

Nina Simone.<br />

– Simone Veenstra<br />

«Queen – Das Comic»,<br />

Szenario: Emmanuel Marie,<br />

Texte Sophie Blitman, Zeichnungen:<br />

various, Verlag:<br />

bahoe books, Hardcover,<br />

aus dem Französischen übersetzt<br />

von Yara Haidinger


Konzert<br />

und<br />

Theater<br />

St.Gallen<br />

Musical von<br />

Jonathan Larson<br />

konzertundtheater.ch<br />

Bis zum 8.6. im<br />

Grossen Haus<br />

Hauptsponsoren: Co-Sponsoren: Medienpartner:<br />

Mit grosszügiger<br />

Unterstützung:


Story — 7<br />

7<br />

blutiger,<br />

das Leben<br />

(der Tod)<br />

100 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

100 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Blut,


Story — 7<br />

Ein Essay von Curdin Seeli<br />

Eigentlich sollte ich ein Interview<br />

mit dem kürzlich als<br />

pansexuell geouteten Torero<br />

Mario Alcalde führen. Es kam<br />

alles anders, aber ich schrieb<br />

mir dennoch die Fingerkuppen<br />

wund. Vom verpönten<br />

Stierkampf im ambivalenten<br />

Spanien, über den horrenden<br />

Fleischkonsum unserer Welt,<br />

bis zur (un)moralischen Einsicht,<br />

dass . . .<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

101


Story — 7<br />

Der Himmel über Madrid ist tiefblau, man könnte<br />

sich an diesem Januarmorgen in der spanischen<br />

Hauptstadt in den Bündner Bergen wähnen.<br />

Die Luft ist klar und frisch, auch wenn meine<br />

Wetter-App immer schrecklich schlechte Luftverschmutzungswerte<br />

für die Capital anzeigt.<br />

Ich bekomme eine Nachricht eines Freundes mit einem augenzwinkernden<br />

Emoji zu einem Link, der mich auf einen Artikel der<br />

Tageszeitung El Mundo führt. Ich lese, dass sich der Stierkämpfer<br />

Mario Alcalde als pansexuell geoutet hat. Er kann alle Geschlechter<br />

lieben. Spontan denke ich: Wie schön. Und dann: Will er fünfzehn<br />

Minuten Fame oder möchte er ein Zeichen setzen? Aber<br />

schliesslich merke ich: Stierkampf, echt jetzt?<br />

Ich rieche warmes Blut - süsslich, metallisch.<br />

Es fliesst in einem kleinen Bächlein an mir<br />

vorbei. Tiere schreien. Die Kleider der Menschenmassen<br />

um mich herum sind farbenfroh:<br />

senfgelb, orange, rot und braun. Ich bin in<br />

einem hinduistischen Tempel Nepals, Ziegen<br />

werden geopfert. Und ich wünsche mir, ich hätte<br />

nein zu diesem Ausflug gesagt.<br />

Ein selbstsicherer Mann<br />

Mario Alcalde ist 31-jährig, er arbeitet an Madrids Flughafen Barajas<br />

in der gelben Weste als Kofferträger. Er hat braune Augen,<br />

ziemlich weich gezeichnete Gesichtszüge, die Haare sind von<br />

Gel durchtränkt und schimmern schwarz. Der Zeitung El Mundo<br />

erklärt er, dass er sich sehr mit der LGBTIQ-Community identifiziere.<br />

Seine Kollegen aus der Stierkampfszene würden andere<br />

politische Ansichten haben, er selber wolle sich aber nicht zu<br />

Politik äussern. Da frage ich mich: Was ist ein öffentliches Coming-out,<br />

wenn nicht politisch? Alcalde sagt, er nehme sich als<br />

Künstler wahr und «Artistas» würden die Arena des Politischen<br />

nicht betreten. Ein Stierkämpfer ist ein Künstler? Ist Kunst auch<br />

nicht politisch? Irgendwann während des Interviews ergänzt Mario<br />

«jedem das Seine», da nicke ich für einmal meinen kritischen<br />

Kopf. Er spricht von Verschlossenheit unter LGBTIQs und einem<br />

«Fehlen an Kultur» seinem Metier gegenüber. Er fügt an, dass er<br />

niemandem etwas schuldig sei, da er seinen Lebensunterhalt anderweitig<br />

verdiene. Ob all die getöteten Stiere auch finden, dass<br />

er in keiner Schuld steht? Immerhin nimmt er diesen Tieren in<br />

einem unfairen Kampf das Leben – wieder und wieder.<br />

Ich lege mein iPhone auf den Tisch und schaue den verkratzten<br />

Screen an. Überrascht mich dieses Coming-out? Der Wunsch<br />

nach einer liberalen Öffnung innerhalb dieses erzkonservativen<br />

Miefs? Ja und nein. Spanien ist ein so schönes, aber auch so ambivalentes<br />

Land. Vor zwanzig Jahren hatte ich – Schweizer – in<br />

Barcelona ein Erasmus-Semester gemacht. Seither bin ich von der<br />

iberischen Halbinsel eigentlich nie mehr wirklich weggekommen.<br />

In der Zwischenzeit sind auch Madrid und Valencia Teil meiner<br />

Heimat; sie ist poly, nicht pan.<br />

Valencia, Altstadt: Als ich das erste Mal in<br />

Valencia war, spazierte ich vom Bahnhof weg<br />

und blieb bald darauf stehen, um mich neuerlich<br />

zu orientieren. Ich merkte, dass ich vor<br />

der Stierkampfarena stand. Ich roch die Abgase<br />

der Autos.<br />

Spanien verstehen<br />

Spanien ist weltweit eine Vorreiterin für LGBTIQ-Rechte. 2005<br />

wurde es das dritte Land, das homosexuellen Paaren die Ehe und<br />

Adoption ermöglichte. Was ist hier anders als anderswo? Als Nation<br />

ist España sehr vielseitig und vielschichtig. Es gibt vier Landessprachen,<br />

im Süden wird gebadet, im Norden Ski gefahren, in<br />

Barcelona trifft sich der LGBTIQ-Jetset jeden Sommer zum Circuit,<br />

in Pamplona werden parallel dazu Stierkämpfe inszeniert.<br />

Politisch betrachtet gibt es den historischen Konflikt zwischen<br />

den Republikaner*innen (heute Sozialist*innen) und den Nationalist*innen<br />

(die heutige Rechte), was 1936 in einen blutigen Bürgerkrieg<br />

mündete. Von 1939 bis 1975 lebte das Land unter Franco<br />

in einer faschistischen Diktatur.<br />

Hier wird es kompliziert mit der Ambivalenz: Schlussendlich<br />

litten fast alle – links wie rechts – unter dem Terrorregime, das<br />

eine grauenvolle Begrenzung von persönlichen und intellektuellen<br />

Freiheiten erzwang. Dieses Trauma eint(e) danach viele Menschen<br />

in einer liberalen Haltung, was den privaten Alltag betrifft.<br />

Die politischen Lager hingegen sind dieselben geblieben, seit Generationen<br />

wird unversöhnlich gegeneinander angekämpft. Lange<br />

waren die Diktatur und ihre Schatten noch so beängstigend<br />

präsent, dass der Wunsch nach persönlicher Freiheit in der Gesellschaft<br />

stärker war als ihre anderweitigen Differenzen. Heute<br />

sind die politischen Fronten verhärtet wie lange nicht mehr.<br />

Paris, 11. Arrondissement: Ich rieche heisses<br />

tierisches Fett. Ich spaziere der Rue Faubourg<br />

du Temple entlang, auf der Höhe der Rue Saint-<br />

Maur gibt es eine nordafrikanische Bude, die<br />

gegrillte Poulets verkauft. Die gerupften Hühner<br />

sind in Reih und Glied aufgespiesst, als<br />

wären sie Schuhe auf einem Regal. Sie drehen<br />

sich im letzten Kreis ihres Lebens um die eigene<br />

Achse. Ich halte immer die Luft an, wenn<br />

ich dort vorbei spaziere.<br />

Der sensible Torero<br />

Unsere Redaktion nimmt mit Mario Alcaldes Manager Kontakt<br />

auf. Zu einem Gespräch mit mir ist er nicht bereit, es sei alles gesagt.<br />

Dem TV-Sender Antena 3 gibt Alcalde allerdings ein Interview,<br />

was es mir ermöglicht, ihn etwas genauer zu studieren. Er<br />

wirkt sympathisch, ruhig, natürlich, attraktiv. In einem Nachtclub<br />

Madrids würde er keineswegs (negativ) auffallen, sofern er<br />

nicht in seinem traje de luces, den unglaublich kunstvoll verzierten<br />

Bild: Pepe Riofrío Herranz<br />

102 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 7<br />

Wenn Mario Alcalde<br />

nicht in der Stierkampfarena<br />

steht,<br />

arbeitet er als<br />

Kofferträger am<br />

Madrider Flughafen.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

103


Story — 7<br />

Die blutige<br />

Passion<br />

Der Stierkampf (spanisch: corrida) in seiner<br />

heutigen Form entstand im frühen 18. Jahrhundert.<br />

Die corrida etablierte sich in der<br />

spanischen Gesellschaft und wird bis heute –<br />

trotz der Existenz von Tierschutzgesetzen –<br />

landesweit durchgeführt. Die Stierkampflobby<br />

hat 2013 erreicht, dass die corrida zum nationalen<br />

Kulturgut erklärt wurde, das gesetzlich<br />

geschützt wird. Und das, obwohl die Mehrheit<br />

der spanischen Bevölkerung nicht dahinter<br />

steht – nur zirka 14 Prozent befürworten das<br />

traditionsreiche Blutvergiessen.<br />

Der Kampfstier (toro de lidia oder toro bravo)<br />

wird ausschliesslich für den Stierkampf gezüchtet.<br />

Sein Mindestgewicht beträgt 460 Kilogramm.<br />

Im Alter von fünf bis sechs Jahren,<br />

auf dem Höhepunkt seiner körperlichen Kraft,<br />

wird ein toro bravo im Stierkampf eingesetzt.<br />

Es wird geschätzt, dass 2017 etwa 3,5 Millionen<br />

Personen einen Stierkampf in Spanien<br />

besuchten. Es gibt im Land aber immer mehr<br />

Orte, die sich selbst als ciudad anti-taurina<br />

(Anti-Stierkampf-Stadt) deklarieren, wo somit<br />

keine Stierkämpfe erwünscht sind. Die Befürworter*innen<br />

sagen, dass Stierkämpfe ein<br />

kulturelles und schätzenswertes Gut Spaniens<br />

darstellen, dass Arbeitsplätze dadurch<br />

gesichert und der Tourismus angekurbelt<br />

würden. Die Gegner*innen argumentieren<br />

mit dem Leid der Tiere und wollen sich auch<br />

international vom Bild eines «barbarischen»<br />

Spaniens distanzieren.<br />

Kleidern des Toreros, erscheinen würde. Zugleich spürt man, dass<br />

sein Selbstverständnis, sein scheinbar vom lieben Gott gegebenes<br />

Recht, Tiere makaber zu töten, vollkommen diskussionslos<br />

in ihm ruht. Er sagt, dass er der Community den Stierkampf näherbringen<br />

wolle, dass er sich vorstellen könne, eine peña taurina<br />

(einen «Stierkampf-Fanklub») im Gay-Viertel Chueca zu gründen.<br />

Schwule Toreros habe es immer schon gegeben, es sei einfach<br />

nicht darüber gesprochen worden. Vielleicht werde er eines Tages<br />

auch die Regenbogenflagge neben den nationalen Flaggen in die<br />

Arena tragen. Auf die Frage, was er für eine Reaktion des Kulturministers<br />

auf sein Coming-out erwarte, antwortet der in Barajas<br />

de Melo, einem 1000-Seelen-Dorf in Castilla-La Mancha, geborene<br />

Matador: «Der Kulturminister sollte Sensibilität zeigen mit<br />

allen, die in diesem Bereich [Stierkampf] aktiv sind, und alle, egal<br />

wen, respektieren.» Offizielle Statements gibt es danach von keiner<br />

Seite, aber Sensibilität scheint bei Mario Alcalde eine Qualität<br />

zu sein, die sehr selektiv verlangt und gezeigt wird.<br />

Stierkampf olé, oh je<br />

Zur Zahl der bei Stierkämpfen in Spanien getöteten Tiere liegen<br />

keine offiziellen Angaben vor. Der spanische Tierschutzverein<br />

PACMA geht von etwa 11 000 Tieren jährlich aus, der gemeinnützige<br />

Verein AVATMA (Tierärzte gegen Stierkämpfe) von 4000<br />

bis 6000. In den vergangenen fünfzehn Jahren wird von einem<br />

Rückgang an corridas (siehe Box links) im Land um die vierzig<br />

Prozent gesprochen. Für sehr traditionelle Schichten, die das<br />

Spektakel als Herzstück der hiesigen Kultur betrachten, kann das<br />

beängstigend wirken. Während der gnadenlosen Rivalität zwischen<br />

den zwei Fronten, die zum Bürgerkrieg führte, gab es ausser<br />

dem Stierkampf keinen Gegenstand gemeinsamer Begeisterung.<br />

Ich selber habe in zwanzig Jahren vor Ort nicht ein einziges Mal<br />

über das Thema gesprochen. Erst durch Alcaldes Statement habe<br />

ich Bekannte darauf angesprochen. Die Reaktionen waren immer<br />

ähnlich: Kopfschütteln, manchmal fast peinlich berührt. Mit<br />

Stierkampf haben sie nichts am Hut. Wenn sie jemanden kennen,<br />

dann ist das ein Cousin zweiten Grades oder der Grossvater der<br />

Nachbarin. Direkt folgt die Einordnung, dass das Rechte, fachas<br />

(Faschist*innen) seien, die der Tradition weiterhin frönen würden.<br />

New York, Manhatten: Ich stehe vor<br />

einer koscheren Metzgerei und frage mich, was<br />

«koscher» genau bedeutet. Die Tür geht auf<br />

und ich komme zum Schluss, dass totes Fleisch<br />

immer und überall übel riecht.<br />

Fleisch ist Fleisch, Tier ist Tier?<br />

Mir kommt eine Studie in den Sinn, die ich vor Wochen ziemlich<br />

entsetzt gelesen habe. Plötzlich fallen mir wie Schuppen von den<br />

Augen und ich denke: Wieso ist Stierkampf kollektiv derart verpönt<br />

in der Welt, in der ich lebe, der allergrösste Teil dieses Umfelds<br />

isst aber seelenruhig Fleisch? Kann man Grausamkeit messen?<br />

Leidet ein Mastschwein weniger als ein Stier, der sein Leben<br />

in der Arena lässt? Ist versteckte Grausamkeit weniger schlimm<br />

als öffentliche? Dann mache ich einen Vergleich, den man sehr<br />

wohl ziehen kann: Im Jahr 2020 wurden in Spanien 100,56 Kilogramm<br />

Fleisch pro Kopf verzehrt. Vergleicht man die geschätzten<br />

8000 Stiere, die je zirka 500 Kilogramm wiegen und pro Jahr<br />

104 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 7<br />

am Dolchstoss sterben, mit dem gesamten Fleischkonsum des<br />

Landes, kommt der Zeigefinger arg in Schieflage: 4000 Tonnen<br />

«Stier» stehen in Spanien mit seinen 47,42 Millionen Menschen<br />

jährlichen 4,5 Millionen Tonnen Fleisch, das im menschlichen<br />

Magen landet, gegenüber. Amen.<br />

Zürich, Café Casablanca: Vor vielen Jahren<br />

arbeitete ich in einem Café. Vor der Vitrine<br />

erklärte ich einem Gast, ein alter Mann,<br />

dass es keine Fleisch-Sandwiches mehr gebe.<br />

Er sagte: «Für mich bedeutet kein Fleisch so<br />

viel wie Krieg.» In Kriegszeiten habe es kaum<br />

Fleisch gegeben. Ich war in meinem überheblichen<br />

Veggie-Dasein kurz etwas relativiert.<br />

Fleisch und Umwelt<br />

Der Zusammenhang zwischen Fleischproduktion und Umwelt ist<br />

bekannt. Die Unmengen an Wasser und Land, die es für die Produktion<br />

von Tierfleisch braucht, sind besorgniserregend. Das Füttern<br />

der Tiere über Jahre hinweg verbraucht massig Ressourcen,<br />

um in Form eines Koteletts oder eines coolen Döners auf einem<br />

Teller respektive in Alufolie to go zu enden. Wir könnten dieses<br />

Futter auch einfach selber essen und kämen so zu den nötigen<br />

Kalorien, um das etwas vereinfacht zusammenzufassen. Allein in<br />

Zentralamerika wurden innerhalb der letzten vierzig Jahre vierzig<br />

Prozent des gesamten Regenwaldes geopfert, hauptsächlich<br />

um Weideland oder Futtermittel zu generieren. In Anbetracht all<br />

der Informationen im Fleischatlas 2021 (boell-hessen.de/publikation/fleischatlas-2021)<br />

fällt es mir schwer, hier einfach eindimensionales<br />

Stierkampfbashen vom Zaun zu brechen.<br />

Der Hafen von Larache, Marokko: Zig Sardinen<br />

nebeneinander aufgereiht auf einem Grill,<br />

der schöne Matrose mit den so unglaublich<br />

schmutzigen Händen verkauft fünf Stück für<br />

fünf Dirham. Ich gehe wegen ihm da runter,<br />

nicht wegen den Fischen. Das Meer in seinem<br />

Rücken, das Salz in der Luft. Der schönste<br />

Mann meines Lebens, denke ich. (Dachte ich<br />

zumindest damals.)<br />

Stierkampf<br />

und Kunst<br />

Stierkampf faszinierte in früheren Epochen<br />

auch künstlerische Zirkel. Berühmtheiten<br />

aus Literatur, Musik und bildnerischer<br />

Kunst nahmen die corrida als Stoff auf<br />

und liessen sich vom brutalen Spektakel<br />

inspirieren. Goya und Picasso sind die<br />

prominentesten Maler, die sich dem Thema<br />

annahmen. Der homosexuelle Dichter<br />

Federico García Lorca schrieb ein bewegendes<br />

Klagegedicht nach dem Tod eines<br />

berühmten Toreros. Mit der Veröffentlichung<br />

von Ernest Hemingways Buch «Tod<br />

am Nachmittag» stiegen dann ab 1932<br />

die existenzielle Deutung des Stierkampfs<br />

und seine Ästhetik zu auch international<br />

verpflichtenden Themen unter den Intellektuellen<br />

auf. In jüngster Zeit analysierte<br />

die Schottin A.L. Kennedy in «Stierkampf»<br />

(2001) ihre eigene Schaffenskrise anhand<br />

des blutrünstigen Rituals.<br />

Um diese Bewegung zu verstehen, muss<br />

der historische Kontext einbezogen<br />

werden. Die Konzentration auf den Tod<br />

als Teil der menschlichen Existenz war<br />

entstanden. Durch die Materialschlachten<br />

des Ersten Weltkriegs war dieser Teil<br />

des menschlichen Daseins auch Teil der<br />

breiten Kultur geworden. Boxen, Bergsteigen<br />

oder das Durchschwimmen des<br />

Ärmelkanals mit den jeweiligen Risiken<br />

zogen nach 1918 die Aufmerksamkeit von<br />

Millionen auf sich, als Fussball noch kein<br />

Massensport war.<br />

Wieso ist Stierkampf<br />

verpönt in der Welt, der<br />

allergrösste Teil dieser isst<br />

aber seelenruhig Fleisch?<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

105


Story — 7<br />

Mit diversen Mitteln<br />

wird der Stier in<br />

Rage gebracht und<br />

in seiner Kraft eingeschränkt<br />

(siehe Box<br />

auf Seite 108).<br />

106 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 7<br />

Bild: Pepe Riofrío Herranz<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

107


Story — 7<br />

Die anderen, ich und wir<br />

Ich kaufe nach wie vor bei H&M und Konsorten Kleider, das<br />

«Made in Bangladesh» schneide ich raus, um es nicht ansehen zu<br />

müssen, wenn ich die Shirts in die Hand nehme. Ich produziere<br />

viel Abfall. Ich esse im Lokal tortilla de patatas, obwohl die Eier,<br />

die da drinstecken, ganz sicher von misshandelten Hühnern gelegt<br />

wurden. Ich verdränge das alles. Mein Hauptproblem mit<br />

dem Klima ist aber meine Mobilität. Ich nehme zwar ab und zu<br />

die Streikgeilheit der französischen und die generelle Ungeilheit<br />

der deutschen Bahn in Kauf und versuche, mich mit ihnen fortzubewegen.<br />

Wie ich ohne Flugzeug von Spanien in die Schweiz<br />

gelange, habe ich noch nicht gelöst.<br />

Als ich mit zwanzig zum ersten Mal alleine in die Welt zog,<br />

wurde mir plötzlich klar, dass ich noch ganz anders sein konnte<br />

als der, der in Graubünden auf dem Land aufgewachsen war.<br />

Schnell hatte ich Blut geleckt; ich wollte immer mehr davon. Das<br />

Eintauchen in eine unbekannte Welt ist atemberaubend, weil man<br />

die Erfahrung macht, dass hinter der Angst vor dem Ungewissen<br />

die Freiheit wartet. Auf wessen Kosten gehen meine Erinnerungen?<br />

Muss ich sie löschen? Mich dafür entschuldigen? Es ist nicht<br />

so einfach mit der Moral (und) der Geschichte.<br />

Gran vía, Madrid, drei Uhr morgens: Grelles<br />

grünliches Licht, dicke Luft, die nach Frittiertem,<br />

Schweiss, Ketchup, Salz und warmem<br />

Karton riecht, der von Fett durchtränkt ist.<br />

Betrunken esse ich im McDonald’s Pommes.<br />

Ach<br />

Der Impuls, den Finger zu erheben und auf andere zu zeigen, ist<br />

menschlich. Vielleicht kommt man weiter, wenn man nicht alles<br />

und alle in ein Entweder-oder-Paradigma zwängt. Ich bin der<br />

erste, der gerne verallgemeinert und nur Extreme bespricht. Aber<br />

immerhin weiss ich in der Zwischenzeit, dass dieses Gebaren in<br />

Stillstand und verhärtete Fronten mündet. Vielleicht gewinnen<br />

wir schon viel, wenn wir ambivalent und widersprüchlich sein<br />

dürfen und nicht einfach eindimensional vorgeben gut (oder<br />

schlecht) zu sein. Der Torero ist pansexuell, die Fleischgaumen<br />

essen vielleicht irgendwann nur noch dreissig statt hundert<br />

Kilo Blutiges im Jahr, ich gebe der Deutschen Bahn noch viele<br />

Chancen.<br />

Auch Mario Alcaldes Coming-out kann ich nun so lesen. Eigentlich<br />

schön, dass selbst in einem derart konservativen Sektor<br />

eine diesbezügliche Öffnung möglich zu sein scheint – oder zumindest<br />

gewagt wird. Nur weil ich Stierkampf verurteile, muss<br />

ich nicht alles verneinen, was dort geschieht. Klar ist, dass die<br />

Differenzen in der Gesellschaft nicht verschwinden, weil man<br />

sich aus dem Weg geht oder gegenseitig zu verbieten versucht.<br />

RANDNOTIZ<br />

2020 wurden in China 136 kg Fleisch pro Kopf verzehrt, die USA<br />

liegen auf Rang zwei mit 127 kg. In Spanien wurden durchschnittlich<br />

101, in Deutschland 79, in Österreich 78 und in der Schweiz 66<br />

kg, was Rang 61 bedeutet, konsumiert.<br />

Quelle: «Meat supply per person», Our World in Data<br />

Der Autor unterwegs durch<br />

Spanien und die Welt.<br />

Systematisches<br />

Leid<br />

Stierkampf-Anhänger*innen behaupten<br />

immer wieder, der Kampfstier habe ein<br />

wundervolles Leben und leide nur 20<br />

Minuten. Betrachtet man allerdings, welche<br />

Torturen diese Tiere am Ende ihres<br />

Lebens erfahren, mutet diese Haltung<br />

direkt zynisch an. Viele Kampfstiere werden<br />

mit Phenylbutazon gedopt. Stressigen<br />

Tiertransporten folgen tagelanges<br />

Warten in unbekannter Umgebung. Im<br />

schlechtesten Fall werden dem Stier vor<br />

dem Kampf wochenlang schwere Gewichte<br />

um den Hals gehängt. Ihm wird<br />

die Nase tamponiert, um ihm das Atmen<br />

zu erschweren und in die Hoden werden<br />

Nadeln gesteckt, um ihn durch Schmerzen<br />

«scharfzumachen». Um seine Sicht<br />

zu verschlechtern, wird ihm Vaseline in<br />

die Augen geschmiert. Die Füsse werden<br />

ihm mit einem Farb-Verdünnungsmittel<br />

eingerieben, damit er sich durch das<br />

Brennen nicht richtig konzentrieren kann.<br />

Er wird vor der corrida stundenlang<br />

in Dunkelheit gehalten, damit er beim<br />

Einlauf in die Arena vom grellen Licht<br />

geblendet ist. Um durch einen veränderten<br />

Winkel ein zielgerechtes Zustossen<br />

der Hörner zu verhindern und somit die<br />

Gefahr für den Torero zu mindern, werden<br />

dem Stier die Hörner um mehrere Zentimeter<br />

abgeschliffen.<br />

108 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Die queere Herberge auf der Alm<br />

das erste<br />

queere Hotel<br />

österreichs<br />

www.absteige.eu


Story — 8<br />

8<br />

13 queere<br />

Tiere<br />

treiben<br />

es wild<br />

110 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 8<br />

Text – Denise Liebchen<br />

Illustration – Katarzyna Zietek<br />

Vom After-liebenden Flussdelfin<br />

bis zur penisfressenden Zwitterschnecke:<br />

Im queeren Tierreich<br />

ist ganz schön was los.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

111


Story — 8<br />

ie mikroskopisch kleinen Rädertierchen<br />

haben uns seit hunderten Millionen Jahren<br />

etwas voraus. Auch Schmetterlinge<br />

und Fruchtfliegen schweben quasi über<br />

uns. Das Tierreich wimmelt nur so von<br />

queeren Bewohner*innen, die auf Gender-<br />

Grenzen pfeifen. Je tiefer wir in ihre Welt<br />

eindringen, umso mehr entlarven sie das<br />

Wörtchen «normal» als eine Menschenerfindung.<br />

(Wobei selbst das Geschlecht<br />

des Menschen nicht mal so eindeutig<br />

ist: Weiblich und männlich stellen keine<br />

festen Kategorien dar, sondern vielmehr<br />

zwei Pole, die ein Spektrum bilden.)<br />

Der Biologe Bruce Bagemihl geht davon<br />

aus, dass homosexuelles Verhalten bei<br />

rund zehn Prozent der Tiere vorkommt.<br />

Wie spezifisch die Ausprägung bei allen<br />

Gattungen ist, bleibt schwierig zu beantworten,<br />

da sich einige Tierarten in der<br />

freien Wildbahn besser beobachten lassen<br />

als andere.<br />

Regelmässig berichten Tierparks weltweit<br />

über Beispiele wie jüngst in Berlin: Ende<br />

Januar brütete das männliche Meerespelikan-Pärchen,<br />

«Charlie Brown» und<br />

«Halle», ein kleines Fleckschnabelpelikan-<br />

Küken aus. Seither wächst es in der Obhut<br />

seiner beiden fürsorglichen Väter auf, die<br />

es adoptiert hatten, nachdem es aus dem<br />

Nest seiner Eltern gefallen war.<br />

Was Tiere uns voraus haben, ist auch der<br />

Umstand, dass sie aufgrund ihrer sexuellen<br />

Präferenzen niemals nachteilig behandelt<br />

werden, sagt Veterinärmedizinerin<br />

Pascale Wapf. Wir Menschen können also<br />

einiges von ihnen lernen.<br />

Aus ihrem illustren Reich haben wir für<br />

dich 13 wunderbar queere Tierchen ausgewählt,<br />

von denen es noch viele, viele mehr<br />

gibt, über die wir mehr oder weniger oder<br />

noch nichts wissen.<br />

Der Amazonas-<br />

Flussdelfin<br />

Homosexuelles Verhalten<br />

ist bei mehreren Delfinarten<br />

bekannt und macht<br />

bis zur Hälfte ihrer sexuellen<br />

Aktivität aus. Das Liebesspiel<br />

männlicher Amazonas-Flussdelfine<br />

kann<br />

Stunden dauern. Dabei<br />

streicheln sie sich, berühren<br />

sich zärtlich und penetrieren<br />

sich in den After,<br />

in die Geschlechtsöffnung<br />

und sogar ins Spritzloch<br />

am Kopf.<br />

112 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 8<br />

Wale:<br />

Schwuler<br />

Sexfilm<br />

Der Clownfisch<br />

Hast du gewusst, dass Nemo, der aus dem<br />

Film bekannte Clownfisch, trans ist? Er lebt als<br />

Paar oder Gruppe in Symbiose mit Seeanemonen.<br />

In einer Gruppe lebt das dominante<br />

Weibchen oft polyamorös mit einem Harem<br />

von Männchen. Doch wenn es stirbt, verwandelt<br />

sich das grösste Männchen und wird zum<br />

neuen Weibchen.<br />

Ende Februar<br />

veröffentlichte<br />

die Pacific Whale<br />

Foundation eine<br />

Sensation: Erstmals<br />

wurden zwei<br />

Buckelwale bei<br />

der Paarung gefilmt.<br />

Das Bemerkenswerte<br />

daran:<br />

Es waren zwei<br />

Männchen.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

113


Story — 8<br />

Der Albatross<br />

Albatrosse sind für ihre<br />

Treue und lebenslange<br />

Bindung bekannt. Doch<br />

so hetero wie viele meinen,<br />

läuft das bei den<br />

Vögeln nicht ab: Sie paaren<br />

sich mitunter gleichgeschlechtlich.<br />

Viele<br />

der auf Hawaii lebenden<br />

Laysan-Albatrosse etwa<br />

leben als «lesbische» Elternpaare,<br />

nachdem sich<br />

eines der Weibchen von<br />

einem Männchen begatten<br />

liess.<br />

Das Schaf<br />

Schafe sind soziale Tiere und unter solchen ist homosexuelles Verhalten<br />

gängig: Bei den Hausschafen paaren sich 6 Prozent der männlichen<br />

Hausschafe ausschliesslich mit anderen Schafböcken. Seltener<br />

beobachtet, aber bekannt, sind auch intergeschlechtliche Schafe,<br />

die weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale aufweisen, oder<br />

auch solche, bei denen das biologische Geschlecht nicht mit der geschlechtlichen<br />

Identität übereinstimmt. Ein Schaf kann sich in seinem<br />

Verhalten eher wie ein Tier des anderen Geschlechts verhalten.<br />

114 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 8<br />

Der Monarchfalter<br />

Bei einigen Schmetterlingsarten, wie dem Monarchfalter,<br />

können Intergeschlechtlichkeit vorkommen. Ein Individuum<br />

weist sowohl männliche als auch weibliche Merkmale<br />

auf. Dies äussert sich in genitalen Variationen – ein<br />

Schmetterling kann sowohl Hoden als auch Eierstöcke<br />

haben – bis hin zu Farben, Formen und Muster der Flügel.<br />

Die Tüpfelhyäne<br />

Tüpfelhyänen-Weibchen<br />

sind grösser als die Männchen<br />

und führen die Rudel.<br />

Da sie maskulinisierende<br />

Sexualhormone produzieren,<br />

entwickeln sie einen<br />

«Pseudopenis», bei dem die<br />

stark vergrösserte Klitoris<br />

aussieht wie ein männliches<br />

Genital. Ein Nutzen könnte<br />

sein, dass Weibchen die<br />

Paarung kontrollieren durch<br />

den erschwerten Zugang für<br />

den männlichen Penis.<br />

Die Fruchtfliege<br />

Forscher haben Verhaltensweisen beobachtet,<br />

die darauf hindeuten, dass<br />

Fruchtfliegen bisexuelle oder pansexuelle<br />

Neigungen haben könnten, indem<br />

sie sowohl männliche als auch weibliche<br />

Partner wählen oder sich nicht von<br />

den Geschlechtern ihrer Partner beeinflussen<br />

lassen.<br />

Das Rädertierchen<br />

Seit Millionen von<br />

Jahren leben die mikroskopisch<br />

kleinen<br />

Rädertierchen im<br />

Zölibat: Eine Artengruppe<br />

vermehrt sich<br />

rein parthenogenetisch,<br />

also ohne sich<br />

sexuell zu vereinigen.<br />

Dadurch können die<br />

Tiere, die in den Böden<br />

unserer Gewässer<br />

leben, ohne der<br />

Notwendigkeit von<br />

Männchen ihren Fortbestand<br />

sichern.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

115


Story — 8<br />

Der Königspinguin<br />

Männliche und weibliche<br />

Pinguine gehen<br />

sowohl lebenslang<br />

als auch kurzfristig<br />

Beziehungen mit<br />

Mitgliedern ihres eigenen<br />

Geschlechts<br />

ein. Regelmässig<br />

berichten Zoos über<br />

gleichgeschlechtliche<br />

Eltern, die sich<br />

gemeinsam um ein<br />

Küken kümmern:<br />

Buddy und Pedro<br />

aus Toronto, Skipper<br />

und Ping aus Berlin,<br />

Electra und Viola aus<br />

Valencia.<br />

Der Blob<br />

Schleimpilze sind keine Pilze, sondern mikroskopische Lebewesen.<br />

Sie lieben es feucht, leben in unseren Wäldern und<br />

Komposthaufen, und können zu einem riesigen Konglomerat<br />

verschmelzen, um gemeinsam Nahrung zu suchen. Ein einziger<br />

Blob weist schon acht Geschlechter auf – die gesamte Art<br />

sogar rund 700 Geschlechter (durch die vielfältigen Kombinationen).<br />

Übrigens: Den Weltrekord bei der Anzahl Geschlechter<br />

hält ein echter Pilz. Bei dem einheimischen Spaltblättling, der<br />

etwa auf Buchen lebt, sind 23 328 Geschlechter bekannt!<br />

<strong>116</strong> <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 8<br />

Der Tigerschnegel<br />

Tigerschnegel verdanken ihren Namen ihrer markant gestreiften Körperfärbung.<br />

Es sind Schnecken, die mit mächtigen Penissen ausgestattet sind, die<br />

bis zu einem Viertel ihrer Körperlänge erreichen können. Während des Paarungsakts<br />

verflechten sich ihre Penisse miteinander. Andere Arten von Nacktschnecken<br />

gehen noch weiter: Sie haben gigantische Geschlechtsteile, die<br />

sie während der Paarung gegenseitig verspeisen. Warum sie dies tun, ist bis<br />

heute ein Rätsel.<br />

Der Reismehlkäfer<br />

Reismehlkäfer leben gern da, wo<br />

wir Menschen Getreide, Mehl,<br />

Reis, Nüsse und Trockenfrüchte<br />

lagern. Die Männchen deponieren<br />

ihr Sperma im Genitaltrakt<br />

des anderen Männchens. Dieser<br />

überträgt das fremde Sperma,<br />

wenn er sich danach mit einem<br />

Weibchen paart.<br />

Sonderausstellung<br />

«Queer — Vielfalt ist<br />

unsere Natur»<br />

Das Naturhistorische Museum Bern erhielt für seine<br />

Sonderausstellung über das «Queerreich» einen Diversity-Award<br />

und eine Auszeichnung der Akademie der<br />

Naturwissenschaften Schweiz. Von 2021 bis 2023 bot<br />

sie eine Entdeckungsreise in die Vielfalt der Geschlechter<br />

und sexuellen Ausrichtung bei Tieren und Menschen.<br />

Hier gelangst du zum virtuellen Rundgang:<br />

Die Strumpfbandnatter<br />

Bei den nordamerikanischen<br />

Strumpfbandnattern<br />

sind die ausgewachsenen<br />

Weibchen<br />

meist deutlich grösser<br />

als die Männchen. Unter<br />

letzteren gibt es «Transvestiten»,<br />

die in ihrem<br />

Körperbau und Verhalten<br />

den Weibchen ähneln<br />

und sogar Sexuallockstoffe<br />

imitieren. Indem<br />

sie so andere Männchen<br />

verführen, können<br />

sie den eigenen Körper<br />

warmhalten.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

117


ZITIERT<br />

Gehört, gelesen, gesehen:<br />

Story — 7<br />

«Wir hatten wochenlang<br />

daran zu kauen.»<br />

Avi Jakobs im Interview<br />

auf MANNS<strong>CH</strong>AFT.com<br />

über das Aus von «Queer<br />

Eye Germany»: «Wir hoffen<br />

die ganze Zeit, dass<br />

es vielleicht doch mal<br />

noch weitergeht.»<br />

«Die Plattenfirma<br />

sagte, ich solle mich<br />

nicht in Schwulenbars<br />

blicken lassen.»<br />

Rob Halford, Sänger von Judas Priest,<br />

gegenüber MANNS<strong>CH</strong>AFT.com über sein<br />

Coming-out vor 25 Jahren.<br />

«Ich wollte<br />

einer Vielfalt<br />

von Stimmen<br />

helfen.»<br />

Comedian Hannah Gadsby<br />

über ihre neue Netflix-Show<br />

«Gender Agenda» mit sieben<br />

genderqueeren Komiker*innen.<br />

«In der lesbischen<br />

Community sind deine<br />

besten Freundinnen<br />

deine Exfreundinnen.»<br />

Jodie Foster im Interview über Freundschaften zwischen<br />

lesbischen Frauen. Im Film «Nyad» verkörpert<br />

die Schauspielerin Bonnie Stoll, die beste Freundin der<br />

Schwimmerin Diana Nyad (gespielt von Annette Benning).<br />

Die Rolle bescherte Foster eine Oscar-Nomination<br />

als beste Nebendarstellerin.<br />

Der Film erzählt die wahre Geschichte von Nyads Versuchen,<br />

die Floridastrasse zwischen Kuba und Florida<br />

zu durchqueren. Foster: «Es gibt etwas Schönes an<br />

diesen beiden Frauen, die keine Kinder hatten und keine<br />

Partnerinnen fanden, jedoch eine derartige Hingabe<br />

zueinander pflegten. Es ist wirklich wunderbar, diese<br />

Bindung auf der Leinwand zu sehen.»<br />

Bilder (im Uhrzeigersinn von oben links): Dario De Marco, Thomas Schenk/Netflix,<br />

Netflix, Priscilla Grant/Everett Collection, IMAGO<br />

118 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


KOLUMNE<br />

Knoten im<br />

Kopf<br />

Ich halte mit meinem Leben und<br />

wie ich lebe nicht (mehr) hinter dem<br />

Berg. Nicht bei meinen Freund*innen,<br />

nicht bei meiner Familie und mittlerweile<br />

auch nicht in meinem Beruf. Mein sehr<br />

queeres und abseits jeglicher Heteronormativität<br />

geführtes Leben ist ein sinnund<br />

identitätsstiftender Teil meiner Persönlichkeit.<br />

Und damit möchte ich mich<br />

vollkommen in meine sozialen Beziehungen<br />

einbringen. Nicht immer konnte ich<br />

frei darüber reden, war ausweichend oder<br />

habe es in Gänze vermieden. Aber unser<br />

Leben wird durch die Begegnung und<br />

den Austausch bestimmt. In unendlich<br />

vielen sozialen Situationen offenbaren<br />

sich Menschen einander und geben Einblicke<br />

in ihre private Welt. Im Grunde<br />

nichts Ungewöhnliches, ausser du lebst<br />

in den Augen der anderen anders oder<br />

nicht alltäglich.<br />

Das eigene Leben im Büroalltag<br />

zu verstecken und nicht darüber zu sprechen,<br />

ist keine gute Option. In einem Gespräch<br />

unter Kolleg*innen werden Fragen<br />

gestellt. Oft hatte ich das Gefühl, mich<br />

mit einer Antwort zurückhalten zu müssen,<br />

da ich sonst zu viel von mir offenbart<br />

hätte. Zum Beispiel, dass ich polygam<br />

lebe. Ich habe nicht nur die romantische<br />

Beziehung zu meiner wunderbaren Ehefrau,<br />

sondern auch romantische oder sexuelle<br />

Beziehungen zu anderen Menschen<br />

– all genders welcome. Ein Thema,<br />

das in meiner queeren Community vielseitig<br />

und gefühlt alltäglich gelebt wird.<br />

Niedlich war ein Erlebnis mit meinem<br />

Chef. Wir sprachen über Wochenendpläne<br />

und ich erwähnte, dass ich<br />

meine Partnerin treffen würde. Er fragte<br />

nur verdutzt, ob denn meine Frau schon<br />

wieder aus dem Ausland zurück sei und<br />

ich entgegnete nur «Nein, sie ist weiterhin<br />

dort.» Nach ein paar Augenblicken<br />

sickerte diese Info durch, wurde verstanden<br />

und abgespeichert. Es war eine Information,<br />

ein wichtiger Teil meines Lebens<br />

und seitdem weiss er, dass ich polygam<br />

lebe, ohne diesen Begriff jemals im Gespräch<br />

mit ihm benutzt zu haben.<br />

Schwieriger war das Gespräch mit<br />

Kollegen zu dritt bei einem gemeinsamen<br />

Abendessen. Beiläufig kamen die Fragen<br />

auf nach der Frau, dem Leben, Kind, Haus<br />

und Hund. Als ich unverblümt von meiner<br />

Partnerin erzählte, offenbarte sich mir gegenüber<br />

eine Abwehrfront. Meine beiden<br />

cis-männlichen Kollegen erklärten mir<br />

gemeinsam, dass das ja gar nicht gehen<br />

würde, spätestens dann nicht mehr, wenn<br />

Kinder im Spiel seien. Ich war verdutzt.<br />

Ich hatte nicht geahnt, dass ich damit ihren<br />

Moralvorstellungen gegen das<br />

Schienbein treten würde. Interessierte<br />

Fragen gab es keine, nur Zurückweisung<br />

und Unverständnis. Einen Einblick zu<br />

erhalten in meine Erfahrungen, daran<br />

waren sie nicht interessiert. Ich fühlte<br />

mich etwas abgewertet. Abwertung oder<br />

Geringschätzung in der Liebe zu meiner<br />

Frau oder auch in den Gefühlen zu meinen<br />

Partner*innen. Die Bastion der heteronormativen<br />

Welt wurde vor meinen<br />

Augen hochgezogen und bitter verteidigt.<br />

Egal. Ich hielt Stand. Ich verteidigte<br />

mich nicht, denn es gab nichts zu verteidigen.<br />

Ich gewähre weiterhin Einblicke<br />

in mein Leben. Verständnis darf auch<br />

langsam reifen.<br />

Über mein Leben zu sprechen, von<br />

den damit verbundenen wunderbaren<br />

Momenten wie auch unschönen oder<br />

traurigen zu erzählen, ist für mich ein weiterer<br />

Schritt, um Sichtbarkeit für Vielfalt<br />

zu schaffen. Kein «besseres» oder «schöneres»<br />

Leben zu führen, sondern einfach<br />

nur Einblicke in eine für viele doch andere<br />

Lebensweise zu geben. Horizonterweiterung<br />

und zugleich Begegnung mit<br />

etwas Neuem – einfach so. Und auch für<br />

mich die schöne Erkenntnis: teile und<br />

bereichere.<br />

DIE TRANS PERSPEKTIVE<br />

Anastasia war die erste<br />

trans Kommandeurin der<br />

deutschen Bundeswehr und<br />

Protagonistin des Films<br />

«Ich bin Anastasia». Sie<br />

wohnt in Berlin.<br />

anastasia@mannschaft.com<br />

Illustration: Sascha Düvel<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

119


mannschaft.com<br />

mehr News auf<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

Mehr World<br />

News hier:<br />

120 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


KEIN MAULKORB FÜR<br />

LEHRPERSONEN IN UTAH<br />

Salt Like City – Der Bundesstaat Utah<br />

stellt sich gegen die zunehmend LGBTIQfeindliche<br />

Gesetzgebung in den USA.<br />

Ein Gesetzesvorschlag, der verhindert<br />

hätte, dass Lehrpersonen im Unterricht<br />

bestimmte politische Überzeugungen<br />

fördern oder herabwürdigen, wurde Ende<br />

Februar abgelehnt. Das von der republikanischen<br />

Partei geführte Repräsentantenhaus<br />

lehnte den Entwurf mit 39 zu 32<br />

Stimmen ab. Sowohl Demokrat*innen als<br />

auch Republikaner*innen kritisierten die<br />

vage Formulierung des Gesetzentwurfs<br />

und warnten, dass dadurch wichtige<br />

Lehren im kritischen Denken zunichte gemacht<br />

werden könnten.<br />

«Diskussionen im Klassenzimmer übermässig<br />

zu regulieren» sei nicht zielführend,<br />

erklärte Bürgerrechtlerin Ellie<br />

Menlove. «Ebenso verstösst der Gesetzentwurf<br />

gegen die Rechte der Lehrer*innen<br />

gemäss dem Ersten Verfassungszusatz,<br />

indem er Symbole wie Prideflaggen<br />

im Klassenzimmer verbietet.»<br />

GHANA VERS<strong>CH</strong>ÄRFT<br />

HOMOFEINDLI<strong>CH</strong>E GESETZE<br />

Accra – Ende Februar beschloss das ghanaische<br />

Parlament ein umstrittenes Gesetz<br />

mit schweren Strafen gegen Queers und<br />

deren Verbündeten. Wer sich als LGBTIQ<br />

identifiziert oder queere Aktivitäten unterstützt,<br />

riskiert mehrere Jahre Gefängnis.<br />

Präsident Nana Akufo-Addo muss das<br />

sogenannte «Gesetz über menschliche<br />

sexuelle Rechte und ghanaische Familienwerte»<br />

noch unterzeichnen, gab jedoch in<br />

einem Interview bekannt, dass er dies tun<br />

würde, wenn die Mehrheit seines Volkes<br />

dies wünsche.<br />

Bislang konnten sexuelle Handlungen<br />

zwischen Menschen des gleichen Geschlechts<br />

mit maximal drei Jahren Haft<br />

bestraft werden. Unter dem neuen Gesetz<br />

kämen Strafen von bis zu fünf Jahren<br />

für diejenigen hinzu, die der Förderung,<br />

Finanzierung oder Unterstützung von<br />

LGBTIQ-Aktivitäten verurteilt würden.<br />

Ehe für alle könnte<br />

am 1. Januar 2025<br />

Realität werden in<br />

Liechtenstein.<br />

LIE<strong>CH</strong>TENSTEIN BERÄT<br />

EHE FÜR ALLE<br />

Vaduz – Am 8. März behandelte der Liechtensteiner<br />

Landtag erstmals die Gesetzesvorlage<br />

zur Ehe für alle. Dies sei «ein grosser<br />

Schritt» für Liechtenstein, das nun als<br />

letztes deutschsprachiges Land die Ehe<br />

für alle einführen könnte, sagte der Landtagsabgeordnete<br />

Daniel Seger, der einst<br />

Vorsitzender des Vereins «FLay – Schwule<br />

und Lesben Liechtenstein und Rheintal»<br />

war. Die zweite Lesung könnte noch vor<br />

der Sommerpause folgen – gemäss Vorlage<br />

soll das Gesetz am 1. Januar 2025<br />

in Kraft treten. Ob es danach zu einem<br />

Referendum kommt, hänge davon ab, ob<br />

der Landtag die Vorlage von sich aus dem<br />

Volk vorlegt oder ob 1000 Personen ein<br />

Referendum ergreifen.<br />

EHE FÜR ALLE S<strong>CH</strong>EITERT<br />

IN TS<strong>CH</strong>E<strong>CH</strong>IEN<br />

Prag – Ende Februar konnte ein Vorstoss<br />

zur Ehe für alle im tschechischen Abgeordnetenhaus<br />

keine Mehrheit finden.<br />

Stattdessen entschieden die Abgeordneten,<br />

eingetragene Lebenspartnerschaften<br />

stärker der Ehe anzugleichen. Dafür gab es<br />

123 Ja-Stimmen bei 36 Nein-Stimmen und<br />

17 Enthaltungen. Der Gesetzesentwurf<br />

geht nun weiter an den Senat, das Oberhaus<br />

des Parlaments. Die Initiative «Wir<br />

sind fair», die sich seit Jahren für die Ehe<br />

für alle einsetzt, sprach von einem «traurigen<br />

Tag für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung».<br />

Auch rund 70 Firmen hatten<br />

die Eheöffnung gefordert: Die Ungleichbehandlung<br />

von Homosexuellen koste die<br />

Wirtschaft jährlich viel Geld.<br />

POLIZEI STELLT AIRLINE-<br />

MANAGER EINE GRINDR-FALLE<br />

Doha – Anfang März geriet die Inhaftierung<br />

von Manuel Guerrero Aviña an die<br />

Öffentlichkeit. Die katarische Polizei hatte<br />

den 43-Jährigen, der als Manager bei<br />

Qatar Airways arbeitet, Anfang Februar<br />

verhaftet, nachdem sie ihn mit einem<br />

Fakeprofil auf Grindr geködert haben soll.<br />

Guerrero Aviñas Familie machte den Fall<br />

öffentlich, da ihm im Gefängnis angeblich<br />

wichtige HIV-Medikamente verwehrt<br />

werden. Des Weiteren habe die Polizei<br />

ihm zunächst einen Rechtsbeistand verwehrt<br />

und ihn dazu gezwungen, für ihn<br />

unleserliche Dokumente auf Arabisch zu<br />

unterschreiben. Ebenfalls habe die Polizei<br />

ihn mit Gewaltandrohungen dazu bringen<br />

wollen, Namen von LGBTIQ-Personen zu<br />

verraten. Für den mexikanisch-britischen<br />

Doppelbürger haben sich nun beide<br />

Botschaften eingeschaltet, online fordern<br />

Unterstützer*innen mit dem Hashtag<br />

#QatarMustFreeManuel seine Freilassung.<br />

Die Polizei in Katar<br />

verweigert Guerrero<br />

Aviña notwendige<br />

HIV-Medikamente.<br />

POLIZIST ERS<strong>CH</strong>IESST<br />

EXFREUND UND DESSEN<br />

PARTNER<br />

Sydney – Ein Beziehungsdrama erschüttert<br />

Australien. Der Polizeibeamte<br />

Beaumont Lamarre-Condon soll angeblich<br />

seinen Exfreund, TV-Moderator<br />

Jesse Baird, und dessen neuen Partner<br />

erschossen haben. Die Polizei konnte die<br />

beiden Leichen auf einer abgelegenen<br />

Farm bergen, nachdem sich Lamarre-<br />

Condon in Untersuchungshaft kooperativ<br />

gezeigt hatte.<br />

Der Mord soll am 19. Februar in Bairds<br />

Haus in Paddington, einem Vorort von<br />

Sydney, stattgefunden haben. Die Polizei<br />

von New South Wales teilte mit, dass eine<br />

Menge Blut und eine Kugel, die aus der<br />

Dienstwaffe von Lamarre-Condon stammte,<br />

am Tatort gefunden worden seien.<br />

Bevor er in den Polizeidienst trat, war Lamarre-Condon<br />

als Celebrity-Blogger tätig<br />

und soll viele Prominente interviewt haben.<br />

Fotos bei den Golden-Globe-Awards<br />

zeigen ihn mit Prominenten wie Taylor<br />

Swift, Miley Cyrus oder Harry Styles.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

121


Story — 9<br />

9<br />

Dragkings:<br />

Raus aus<br />

der Nische<br />

122 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 9<br />

Text – Bo Wehrheim<br />

Im Mai findet erstmals das internationale<br />

Festival «go drag! munich» statt.<br />

Es feiert den Drag von weiblichen, trans<br />

und nicht-binären Performer*innen –<br />

ausgerechnet in München, wo Drags<br />

von Rechten zum Feindbild erklärt<br />

wurden, weil sie in der Stadtbücherei<br />

Kindern Geschichten vorlasen.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

123


Story — 9<br />

Sommer 2023: Im Münchner Nobelviertel<br />

Bogenhausen herrscht<br />

Ausnahmezustand. Vor der Stadtbibliothek<br />

entlädt sich die Queerfeindlichkeit<br />

von rund 200 AfD-<br />

Anhänger*innen und anderen<br />

Rechtsextremen. Sie sind gekommen,<br />

weil ein Dragking und eine<br />

Dragqueen eine Lesung für Kinder<br />

anbieten. Mehr als doppelt so viele Menschen solidarisieren<br />

sich lautstark mit dem Bündnis «München ist<br />

bunt» und den Drag-Künstler*innen.<br />

Die Aufregung draussen scheint in keinem Verhältnis<br />

zu stehen zu der Szene, die sich drinnen abspielt:<br />

Hier sitzen Prinzessin Vicky und Prinz Eric in<br />

fantasievollen Gewändern und lesen Märchen vor.<br />

Die Kinder im Publikum lauschen gespannt und bekommen<br />

durch die dicken Bibliothekswände hoffentlich<br />

nicht mit, welche Aufregung die Lesung in der<br />

Stadt und darüber hinaus auslöst. Mitten im Wahlkampf<br />

greifen die AfD und ihre Verbündeten zu allen<br />

Mitteln, um unter dem Deckmantel des angeblichen<br />

«Kinderschutzes» gegen queere Kultur zu hetzen: Sie<br />

kleben Hassplakate, beschmieren die Fassade der Bibliothek,<br />

schicken sogar Morddrohungen und planen,<br />

die Lesung zu stürmen.<br />

Die Idee entstand an einem Filmset<br />

Ein Jahr später, im Mai <strong>2024</strong>, wird München erneut im<br />

Zeichen des Drag stehen. Das Festival «go drag! munich»<br />

bringt internationale Performer auf bayrische<br />

Bühnen. «Wir wollen Drag als vielfältige Kunstform<br />

zeigen», sagt der Münchner Dragking Ruby Tuesday.<br />

Gemeinsam mit der Berliner Künstlerin Bridge Markland<br />

kuratiert er das Festival. An sieben Standorten<br />

wird ein buntes Programm geboten, mit Shows, Konzerten,<br />

Theaterstücken, Kabarett, Workshops, Vorträgen,<br />

Podiumsdiskussionen und einer grossen Party.<br />

Die Idee für das Festival entstand im Jahr 2000<br />

am Set von «Venus Boyz», einem Kinofilm über fluide<br />

Geschlechtsidentitäten, der auch auf dem Festival<br />

gezeigt wird. Dort traf Bridge Markland auf die Genderaktivistin<br />

Diane Torr, deren legendäre «Man for a<br />

Day»-Workshops die Dragkingszene nachhaltig geprägt<br />

haben. In einem New Yorker Diner tauschten<br />

sich die Künstler*innen über die wachsende internationale<br />

Dragszene aus und stellten fest: «Queens sind<br />

schon überall, aber die Aufmerksamkeit für die Kings<br />

ist immer noch zu klein». Als Gegenoffensive organisierten<br />

sie das erste «go drag!»-Festival, das 2002 in<br />

Berlin stattfand und einen ganzen Monat lang dauerte.<br />

«Das würde ich so heute nicht mehr machen – und<br />

es ist dann leider auch nicht weitergegangen», erinnert<br />

sich Bridge Markland. Doch als 20 Jahre später<br />

zwei junge Berliner Dragartists anregten, das Festival<br />

wieder aufleben zu lassen, war die rund 60-Jährige<br />

sofort dabei. Und so fand 2022 die zweite Ausgabe<br />

von «go drag!» statt, präsentiert vom queeren Stadtmagazin<br />

Siegessäule, in Kooperation mit der Tageszeitung<br />

taz.<br />

Raus aus der Nische, rein ins Kulturzentrum<br />

Auch heute noch ist das «go drag!» ein seltenes Festival<br />

weltweit, das explizit den Drag von Frauen, nichtbinären<br />

und trans Künstler*innen aller Altersgruppen<br />

und Styles feiert. Diese sind ebenso wie Kings und<br />

Queens of Colour, Quings (genderneutraler Drag) mit<br />

(sichtbaren) Behinderungen und Plus-size-Queens<br />

immer noch deutlich unterrepräsentiert.<br />

Das Münchner Festival «go drag! munich» bleibt<br />

diesem Konzept treu, bindet aber die lokale Dragkingszene<br />

und Münchner Institutionen wie das NS-<br />

Dokumentations-Zentrum und den Gasteig ein. Bridge<br />

Markland hofft, dass diese Orte auch «Publikum anziehen,<br />

das sich bisher noch nicht mit Drag beschäftigt<br />

hat.» Der Gasteig ist eines der grössten Kulturzentren<br />

Europas, wenn die Dragkings dort auftreten, sind sie<br />

auch in München kein Nischenact mehr.<br />

Für wen ist Drag?<br />

Nicht nur in München wird Drag immer sichtbarer.<br />

Mit der Castingshow «Drag Race Germany» bekam<br />

Deutschland vergangenes Jahr endlich eine Adaption<br />

des «Ru Pauls Drag Race». Diese war für eine deutsche<br />

Casting-Show erstaunlich wenig cringe, unerwartet<br />

politisch und absolut bereichernd für die queere<br />

Kultur im deutschsprachigen Raum. Doch als mit der<br />

Wienerin Pandora Nox die einzige cis Frau im Cast<br />

zur Gewinnerin der ersten Staffel gekürt wurde, ging<br />

das einigen zu weit. In den Kommentarspalten meinten<br />

einige, es sei für eine cis Frau keine Kunst, eine<br />

Queen darzustellen, und andere behaupteten, Drag sei<br />

schwulen Männern vorbehalten. Ruby Tuesday hält<br />

nichts von der Diskussion, wer Drag machen darf:<br />

«Drag ist für alle», stellt er klar. «Wenn jemand sagt,<br />

Drag ist nur für Queers oder nur für Männer oder nur<br />

für dies und das, dann stellt er Regeln auf. Dabei geht<br />

es bei Drag genau darum, diese Regeln zu brechen.»<br />

Pandora Nox ist die erste cis Frau, die eine Ausgabe<br />

des internationalen «Drag Race»-Franchise gewonnen<br />

hat. Sie ist gut vernetzt in der Münchner Szene und<br />

wird auch bei «go drag! munich» auftreten.<br />

Das Line-up: lokale Kings und internationale Stars<br />

Das weitere Line-Up ist eine Mischung aus lokalen<br />

Kings und internationalen Stars und umfasst Acts<br />

wie Martwa aus Polen, Majic Dyke aus Kenia und<br />

Don One aus Birmingham. Aus London kommen das<br />

Neo-Burlesque-Talent Lolo Brow, und die 68-jährige<br />

Solokünstlerin Claire Dowie, die seit Jahrzehnten<br />

Theaterstücke schreibt. Mieze McCripple, eine aktivistische<br />

Queen aus Düsseldorf trägt empowernde<br />

Texte über das «Be_hindert-werden und Dicksein in<br />

einer fettfeindlichen Gesellschaft» vor. Die Berliner<br />

Bild: Manuela Schneider<br />

124 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 9<br />

Dragking Buba<br />

Sababa zeigt<br />

Interessierten,<br />

wie sie sich<br />

in Dragquings<br />

verwandeln<br />

können.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

125


Story — 9<br />

Dragking-Legenden Alexander Cameltoe und Buba<br />

Sababa bieten Workshops an, in denen sich die Teilnehmenden<br />

zu Dragquings verwandeln können mittels<br />

Schminke, Outfit und Walk-Technik. Und natürlich<br />

gibt es auch jede Menge Shows, ein Rockkonzert<br />

von Macho-King Peter Frost und ein lustvolles Spektakel<br />

aus Tanz, Schauspiel und Musik vom Cuma-<br />

Kollektiv aus Nordrhein-Westfalen. Gastgeberin der<br />

Podiumsdiskussion wird die Münchner Lokalgruppe<br />

von «The Magdalena Project», einem internationalen<br />

Netzwerk, das sich für Frauen in der freien Theaterund<br />

Performance-Szene einsetzt. Im Theater Drehleier<br />

zeigen die «Kings and Quings of Munich», wie<br />

eindrucksvoll sich die Münchner Dragszene in den<br />

letzten Jahren entwickelt hat. Diese Show hat eine besondere<br />

Bedeutung für die Münchner Szene, die lange<br />

sehr klein und eher von Dragqueens geprägt war.<br />

Das Festival<br />

Die Berliner Gender-Künstlerin Bridge<br />

Markland und der Münchner Dragking<br />

Ruby Tuesday bringen als Kurator*innen<br />

des 3. «go drag!»-Festivals den<br />

Drag weiblicher, trans und nichtbinärer<br />

Künstler*innen erstmalig nach<br />

München. «go drag! munich» findet<br />

vom 1. bis 5. Mai an sieben Spielorten<br />

in München statt, darunter der Gasteig,<br />

das Pathos Theater, die Kunsthalle und<br />

das NS-Dokumentationszentrum.<br />

Rubys Drag-Sohn Perry Stroika<br />

Um nicht mehr der einzige Dragking der Stadt zu sein,<br />

hat Ruby Tuesday 2021 begonnen, Workshops anzubieten.<br />

Hier konnten sich schon viele Interessierte<br />

ausprobieren und einige haben ihren Zugang zu Drag<br />

entdeckt. Am Ende der Workshops sammelten die Baby-Quings<br />

und -Kings bei einer Abschlussshow erste<br />

Bühnenerfahrungen. Daraus entstand die «Kings of<br />

Munich»-Show, die sich im Laufe der Zeit zu einer<br />

Open Stage für die neu entstehende Szene entwickelte.<br />

Heute ist die «Kings of Munich» eine professionelle<br />

Dragshow, die von Ruby zusammen mit seinem Drag-<br />

Sohn Perry Stroika veranstaltet wird.<br />

Perry Stroika kam durch einen Workshop von<br />

Ruby zum Drag und hat vor nicht allzu langer Zeit<br />

selbst sein Debüt in der Show gegeben. Zuvor hatte<br />

er Drag für sich zu Hause ausprobiert, aber keine Gelegenheit<br />

gehabt, auf einer Bühne zu stehen oder mit<br />

der Szene in Kontakt zu kommen. Mit der Show will<br />

er die Sichtbarkeit der Kings erhöhen: «Wenn mehr<br />

Leute wüssten, dass es Dragkings gibt, gäbe es auch<br />

viel mehr», sagt er in der ZDF-Doku «Drag Kings – Auf<br />

der Bühne Mann». Als queeres Kind, das aus Russland<br />

nach Deutschland migriert ist, hat Perry schon früh<br />

Erfahrungen mit Ausgrenzung gemacht: «Ich wurde<br />

für alles Mögliche gemobbt und musste meinen Charakter<br />

herunterschrauben, um akzeptiert zu werden.<br />

Durch Drag habe ich endlich meinen Weg gefunden.»<br />

Heute gehört er neben Ruby Tuesday zu den bekanntesten<br />

Kings der Stadt.<br />

Weiter Weg zur diversen Szene<br />

Auch die katalanische Dragqueen Janisha Jones ist<br />

eine feste Grösse in der Münchner Szene. Sie veranstaltet<br />

Events wie eine Dinnershow, einen Brunch<br />

und verschiedene Partys, bei denen Drags auftreten<br />

Bild: Manuela Schneider<br />

126 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 9<br />

Bridge<br />

Markland<br />

Die Berlinerin Bridge Markland<br />

ist Tanz-, Theater-,<br />

Kabarett- und Performance-<br />

Künstlerin mit den Schwerpunkten<br />

Rollenspiel und Verwandlung.<br />

Gemeinsam mit<br />

Genderaktivistin Diane Torr<br />

hatte sie im Jahr 2000 die<br />

Idee zum Festival «go drag!»<br />

und kuratiert es in diesem<br />

Jahr zum dritten Mal.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

127


Story — 9<br />

Ruby<br />

Tuesday<br />

Ruby Tuesday ist Dragking<br />

und Neo-Burlesque-Performer<br />

aus München und<br />

bietet seit 2021 regelmässig<br />

Workshops an. Als Co-Host<br />

der Show «Kings of Munich»<br />

gilt er als eine der zentralen<br />

Figuren der wachsenden<br />

Münchner Dragkingszene.<br />

Bei «go drag! munich» ist er<br />

zum ersten Mal als Kurator*in<br />

dabei.<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Story — 9<br />

Bild: Verena Gremmer<br />

können. Newcomer können sich bei monatlichen<br />

Lip-Sync-Battles ausprobieren, die vom queer-inklusiven<br />

Kollektiv «Lovers» organisiert werden. «Seit<br />

Corona ist hier endlich mehr los», freut sich Ruby<br />

Tuesday, «aber bis die Szene wirklich divers sein wird,<br />

ist es noch ein weiter Weg.»<br />

Einmal im Jahr, vor dem Münchner CSD, veranstaltet<br />

sie mit ihrer Draqueen-Kollegin Vicky Voyage<br />

gemeinsam die Drag Royalty Show. Dabei achten sie<br />

«auf einen möglichst diversen Cast, um Queens, Kings<br />

und verschiedene Arten von Dragpersonen zusammenzubringen».<br />

Vicky Voyage und der nicht-binäre King Eric<br />

BigCl!t (bezeichnet sich selbst als Dragking-Monster)<br />

standen im vergangenen Jahr im Zentrum der rechten<br />

Hasskampagne. Doch die noch junge Dragkingszene<br />

will sich von der rechten Hetze nicht einschüchtern<br />

lassen: Im Februar veranstalteten Ruby und Eric gemeinsam<br />

«Frau kann Mann», eine Dragshow mit<br />

Bildungsauftrag, die den Zuschauenden Berührungsängste<br />

vor dem Spiel mit verschiedenen Geschlechtern<br />

nehmen soll. «Wenn Frauen auf der Bühne<br />

Männlichkeit darstellen, ist das für viele Leute immer<br />

noch erschreckend», sagt Bridge Markland. Sie glaubt<br />

aber nicht, dass das «go drag! munich» gefährdet sei:<br />

«Damals haben rechte Parteien mit Queerfeindlichkeit<br />

Wahlkampf gemacht. Wir gehen eher davon aus,<br />

dass die Hetze diesmal online stattfindet.» Tatsächlich<br />

hat die AfD bereits versucht, das Festival mit Falschbehauptungen<br />

zu diskreditieren. Deshalb wollen sich<br />

die Veranstalter*innen mit einem Coaching auf mögliche<br />

Shitstorms vorbereiten.<br />

Schönheit ohne Schranken<br />

Das «go drag! munich» bietet die Chance, Drag in<br />

seinen unterschiedlichen Facetten einem breiten Publikum<br />

näher zu bringen. Es zeigt, welches Potenzial<br />

darin steckt, Geschlechternormen spielerisch zu hinterfragen<br />

und enge Rollenvorstellungen, unter denen<br />

viele Menschen leiden, zu überwinden. Gleichzeitig<br />

kann die Veranstaltung dazu beitragen, Vorurteile<br />

gegenüber queerer Kultur abzubauen und reaktionärer<br />

Hetze den Nährboden zu entziehen. Wenn Drag-<br />

Performer wieder Zielscheibe rechter Angriffe werden,<br />

kann eine aufgeklärte Öffentlichkeit für Schutz<br />

sorgen.<br />

Für die Münchner Szene kann das Festival ein<br />

weiterer Anschub sein, der zukünftige Dragbabys empowert,<br />

sich auf die Bühne zu trauen und die Münchner<br />

Dragfamilie um einen schwarzen, dicken, behinderten<br />

oder gender-fluiden Artist zu bereichern. Denn<br />

die unterschiedlichen Acts zeigen die Schönheit von<br />

Drag als Kunstform, die sich auch nicht von bestimmten<br />

Vorstellungen innerhalb der queeren Community<br />

einschränken lässt. Die Diskussion darüber, wie Dragquings<br />

auszusehen haben und wer darstellen darf, erübrigt<br />

sich – «go drag! munich» zeigt, was uns sonst<br />

entgeht.<br />

Die Berliner Dragking-Legende<br />

Alexander Cameltoe<br />

bietet Workshops<br />

an.<br />

Kings,<br />

Queens,<br />

Quings<br />

und Babys<br />

Dragkings und -queens: Künstler*innen,<br />

die sich durch Outfit,<br />

Make-up und Performance mit<br />

Gendernormen auseinandersetzen<br />

und dabei oft überspitzt<br />

feminin oder maskulin auftreten.<br />

Dragquing, -thing und Creature<br />

Drag: Spielarten des Drag, die<br />

über männliche und weibliche<br />

Identitäten hinaus gehen. Tiere,<br />

Monster oder Gegenstände können<br />

als Inspiration dienen.<br />

Qu*ings: Eine inklusive Bezeichnung,<br />

mit der alle unterschiedlichen<br />

Dragartists gemeint sind.<br />

Cis-Frau: Eine Person, der bei<br />

der Geburt das weibliche Geschlecht<br />

zugewiesen wurde und<br />

die sich mit diesem Geschlecht<br />

identifiziert.<br />

Lip-Sync-Battle: Dragartists<br />

treten gegeneinander an, indem<br />

sie möglichst überzeugend zu<br />

einem Song performen.<br />

Dragbaby: Ein*e Künstler*in,<br />

die*der neu in der Dragszene ist.<br />

Dragsohn, -tochter, -kind: Eine<br />

Person, die von einer*m erfahrenen<br />

Dragperformer*in unterstützt<br />

wird.<br />

Bild: Manuela Schneider<br />

<strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong><br />

129


COMIC<br />

IMPRESSUM<br />

Mannschaft Magazin <strong>Nr</strong>. <strong>116</strong>, <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>, Ausgabe für die Schweiz, Deutschland, Österreich und Liechtenstein<br />

Auflage 22 000 Ex. Abo service Mannschaft Magazin ist im Abo (<strong>CH</strong>F 79/EUR 59 Jahr) sowie im Spezialabo für Studierende/<br />

Lernende und Menschen ab 65 (<strong>CH</strong>F 49/EUR 39 Jahr) erhältlich, mannschaft.com/shop, kontakt@mannschaft.com<br />

Herausgeberin Lautes Haus GmbH, Blumensteinstrasse 2, <strong>CH</strong>-3012 Bern Redaktionsverantwortung Denise Liebchen,<br />

Greg Zwygart Art Direction Sandro Soncin Bildredaktion Raffi p.n. Falchi Korrektorat Curdin Seeli, Schaumkino<br />

Anzeigenverkauf Christina Kipshoven, Fabian Simon, medien@lauteshaus.com Druck Radin Print Rechtschreibung<br />

Mannschaft Magazin nimmt die Schweizer Rechtschreibung als Vorlage. Urheberrecht Jegliche Wiedergabe und<br />

Vervielfältigung von Artikeln und Bildern ist nur mit ausdrück licher Genehmigung des Verlags gestattet. Mannschaft<br />

Magazin erscheint quartalsweise. Die nächste Ausgabe ist ab 5. Juni <strong>2024</strong> erhältlich.<br />

130 <strong>Frühling</strong> <strong>2024</strong>


Let’s date<br />

happy.


23.4. — 2.5.24<br />

ZÜRI<strong>CH</strong><br />

–<br />

3.5. — 5.5.24<br />

FRAUENFELD<br />

–<br />

16.<br />

APRIL<br />

Ticketvorverkauf ab:<br />

<strong>2024</strong><br />

QUEERES FILMFESTIVAL<br />

Wir leben Diversity.<br />

Auch als Hauptpartnerin von Pink Apple. Die nahe Bank.<br />

zkb.ch/pinkapple

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!