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Markus Hein | Stefan Michel (Hrsg.): Herbergen der Christenheit 2020/2021 (Leseprobe)

Die »Herbergen der Christenheit« erscheinen in der Reihe »Beiträge zur deutschen Kirchengeschichte«. Zum Redaktionsbeirat gehören: Jan Brademann (Anhalt), Wolfgang Krogel (Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz), Volker Gummelt (Pommern), Margit Scholz (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland für die ehemalige provinzsächsische Kirche), Markus Hein (Landeskirche Sachsens) und Susanne Böhm (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland für die ehemalige thüringische Landeskirche).

Die »Herbergen der Christenheit« erscheinen in der Reihe »Beiträge zur deutschen Kirchengeschichte«. Zum Redaktionsbeirat gehören: Jan Brademann (Anhalt), Wolfgang Krogel (Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz), Volker Gummelt (Pommern), Margit Scholz (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland für die ehemalige provinzsächsische Kirche), Markus Hein (Landeskirche Sachsens) und Susanne Böhm (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland für die ehemalige thüringische Landeskirche).

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<strong>Herbergen</strong> <strong>der</strong><br />

<strong>Christenheit</strong><br />

<strong>2020</strong>/<strong>2021</strong><br />

Jahrbuch für deutsche<br />

Kirchengeschichte<br />

Aus dem Inhalt<br />

Hans Schnei<strong>der</strong>:<br />

Die »Apologetica responsio« für<br />

Johannes Sylvius Egranus: eine<br />

Lutherschrift?<br />

Gerhard Graf:<br />

Preußens religiöse Erfahrung in den<br />

Befreiungskriegen als nationalpolitisches<br />

Credo<br />

Matthias Wolfes:<br />

Moralische Mobilisierung: Friedrich<br />

Schleiermachers Predigten als Beitrag zum<br />

preußischen Befreiungskampf im Jahre<br />

1813<br />

Carlies Maria Raddatz-Breidbach:<br />

Franz Blanckmeister als Pfarramtsleiter<br />

<strong>der</strong> Dresdner Trinitatiskirchgemeinde<br />

Dieter Maess:<br />

Beiträge des Zesen-Gedenken in Priorau<br />

zum 400. Geburtstag des Dichters 2019


Inhalt<br />

7 Vorwort<br />

9 Hans Schnei<strong>der</strong> (†)<br />

Die »Apologetica responsio« für Johannes Sylvius Egranus<br />

Eine Lutherschrift?<br />

39 Gerhard Graf<br />

Preußens religiöse Erfahrung in den Befreiungskriegen<br />

als nationalpolitisches Credo<br />

57 Matthias Wolfes<br />

Moralische Mobilisierung<br />

Friedrich Schleiermachers Predigten als Beitrag zum preußischen<br />

Befreiungskampf im Jahre 1813<br />

91 <strong>Markus</strong> <strong>Hein</strong><br />

Gustav Friedrich Dinter (1760-1831)<br />

Sächsischer Pfarrer und deutscher Schul(re)former<br />

109 Carlies Maria Raddatz-Breidbach<br />

Franz Blanckmeister als Pfarramtsleiter <strong>der</strong><br />

Dresdner Trinitatiskirchgemeinde<br />

123 Dieter Maess<br />

Zesen-Gedenken in Priorau zum 400. Geburtstag des Dichters<br />

125 Jan Brademann<br />

Priorau – o<strong>der</strong> Patriotismus und Poetik<br />

Zum Werk Philipps von Zesen aus Anlass seines 400. Geburtstags<br />

153 Johannes Schilling<br />

Seufzer einer frommen Seele<br />

Philipp von Zesens geistliche Lyrik<br />

171 Erik Sänger<br />

Memoria des thüringischen Hoch- und Nie<strong>der</strong>adels<br />

Forschungsdesi<strong>der</strong>ate und -perspektiven<br />

177 Thomas Wilhelmi<br />

Kleine und große Schatzkammern


193 Irmfried Garbe<br />

Zur Geschichte <strong>der</strong> pommerschen Territorialkirchengeschichtsschreibung<br />

bis zum Ende <strong>der</strong> DDR<br />

Aus Anlass des 50jährigen Bestehens <strong>der</strong> Arbeitsgemeinschaft<br />

für pommersche Kirchengeschichte<br />

225 Berichte aus den Arbeitsgemeinschaften und Vereinen<br />

für Kirchengeschichte<br />

243 Buchbesprechungen<br />

279 Personenregister<br />

287 Abkürzungsverzeichnis<br />

Anschriften <strong>der</strong> Mitarbeiter<br />

Pfr.in Dr. Susanne Böhm, Dornburger Str. 4, 99510 Apolda; Prof. em. Dr. Gerhard Graf, Hermundurenstr.<br />

18, 04159 Leipzig; Dr. Jan Brademann, Archiv <strong>der</strong> Ev. Landeskirche Anhalts,<br />

Friedrichstraße 22/24, 06844 Dessau-Roßlau; Pfr. i.R. Dietrich Bungeroth, Alexandrastr. 13,<br />

06844 Dessau-Roßlau; Prof. Dr. Christoph Bultmann, Universität Erfurt (Campus), Nordhäuser<br />

Str. 63, 99089 Erfurt; Pfr. Christian Dietrich, Straße <strong>der</strong> Einheit 1, 99102 Klettbach; Dr. Christiane<br />

Domtera-Schleichardt, Gleisstr. 9, 04229 Leipzig; Pfr. Dr. Irmfried Garbe, Dorfstraße<br />

29, 17111 Beggerow; Pfr. Dr. <strong>Markus</strong> <strong>Hein</strong>, Schloßweg 4, 04159 Leipzig; Prof. Dr. D. Rudolf<br />

Keller, Seckendorffstraße 14, 91522 Ansbach; Prof. em. Dr. Ernst Koch, Feierabendhaus, Georg-<br />

Schwarz-Str. 49, 04177 Leipzig; Dr. Wolfgang Krogel, Albrechtstr. 51, 12103 Berlin; Dieter<br />

Maess, Ev. Landeskirche Anhalts, Friedrichstraße 22/24, 06844 Dessau-Roßlau; PD Dr. <strong>Stefan</strong><br />

<strong>Michel</strong>, TU Dresden, Inst. für Evang. Theologie, 01062 Dresden; Altbischof Prof. Axel Noack,<br />

Willi-Dolgner-Str.7, 06118 Halle (Saale); Kirchenarchivrätin i.R. Dr. Carlies Maria Raddatz-<br />

Breidbach, Sonnenbergstr. 1, 07743 Jena; Miriam Rieger, Tiefurter Allee 38, 99425 Weimar;<br />

Saskia Jähnigen, Sächsische Akademie <strong>der</strong> Wissenschaften zu Leipzig, Karl-Tauchnitz-Str. 1,<br />

04107 Leipzig; Sascha Salatowsky, Landesbibliothek Coburg, Schloss Ehrenburg, Schlossplatz 1,<br />

96450 Coburg; Erik Sänger, An den Geraer Linden 1, 04600 Altenburg; Prof. Dr. Dr. Dr. h.c.<br />

Johannes Schilling, Esmarchstraße 64, 24105 Kiel; Pfr.in Dr. Nikola Schmutzler, Kirchplatz 4,<br />

08209 Auerbach; Prof. Dr. Hans Schnei<strong>der</strong> †, Marburg; Dr. Benedikt Schubert, Carl-von-Ossietzky-Str.<br />

22, 99423 Weimar; Domherr Pfr. Alexan<strong>der</strong> Wieckowski, Domplatz 9, 04808 Wurzen;<br />

Prof. Dr. Thomas Gerhard Wilhelmi, Heidelberger Akademie <strong>der</strong> Wissenschaften, Karlstraße 5,<br />

69117 Heidelberg; Dr. Christian Winter, Sächsische Akademie <strong>der</strong> Wissenschaften zu Leipzig,<br />

Karl-Tauchnitz-Str. 1, 04107 Leipzig; Dr. Dr. Matthias Wolfes, Her<strong>der</strong>straße 6, 10625 Berlin.<br />

6


Vorwort<br />

Der vorliegende Doppelband <strong>der</strong> <strong>Herbergen</strong> <strong>der</strong> <strong>Christenheit</strong> ist Zeugnis des<br />

Übergangs in <strong>der</strong> Herausgeberschaft. Vor über 15 Jahren übernahm <strong>Markus</strong> <strong>Hein</strong><br />

2007 nach dem Tod Günther Wartenbergs die Herausgeberschaft des etablierten<br />

Kirchengeschichtsorgans. Nun ist es an <strong>der</strong> Zeit, diese Aufgabe weiterzugeben.<br />

<strong>Stefan</strong> <strong>Michel</strong>, Kirchenhistoriker an <strong>der</strong> TU Dresden, tritt ab diesem Band mit in<br />

die Herausgeberschaft ein. Gedankt sei an dieser Stelle Alexan<strong>der</strong> Wieckowski<br />

für seine unermüdliche Mitarbeit bei <strong>der</strong> Zusammenstellung <strong>der</strong> Beiträge und sein<br />

gründliches Lektorat. Auch im Beirat gibt es Verän<strong>der</strong>ungen: Die Anhaltische Kirche<br />

vertritt schon seit dem letzten Band Jan Brademann anstelle von Christoph Werner,<br />

und ab dem nächsten Band wird <strong>Markus</strong> <strong>Hein</strong> für Michael Beyer die Sächsische<br />

Landeskirche im Beirat vertreten.<br />

Der vorliegende Band enthält wie üblich Beiträge aus den verschiedenen territorialkirchengeschichtlichen<br />

Vereinigungen, die dieses Jahrbuch tragen. Auf einen<br />

Aufsatz und auf einen Themenkomplex soll hier allerdings geson<strong>der</strong>t hingewiesen<br />

werden: Zu Weihnachten 2022 verstarb <strong>der</strong> ehemalige Marburger Kirchenhistoriker<br />

Hans Schnei<strong>der</strong> (1941-2022), <strong>der</strong> stets eine detektivische Quellenarbeit betrieb und<br />

sehr gut mit den Werken und <strong>der</strong> Biographie Martin Luthers vertraut war. Seinen<br />

kirchenhistorischen Scharfsinn stellt er mit einem seiner letzten Aufsätze in diesem<br />

Band unter Beweis, <strong>der</strong> sich einem bisher nicht erkannten Werk des Wittenberger<br />

Reformators widmet: »Die »Apologetica responsio« für Johannes Sylvius Egranus:<br />

eine Lutherschrift?« Wir sind dankbar, diesen Aufsatz in unserem Jahrbuch<br />

bringen zu können.<br />

An zweiter Stelle soll auf ein Jubiläum hingewiesen werden, dessen Feier in<br />

diesem Band dokumentiert wird. 2019 wurde im Geburtsort des Dichters und<br />

evangelischen Kirchenlieddichters Philipp von Zesen, in Priorau, nördlich von<br />

Bitterfeld, dessen 400. Geburtstag begangen. Die aus diesem Anlass gehaltenen<br />

Beiträge – die Eröffnung durch Dieter Maess sowie die beiden Vorträge von Jan<br />

Brademann und Johannes Schilling – werden hier mit abgedruckt.<br />

Neben den Berichten aus dem Leben <strong>der</strong> beteiligten territorialkirchengeschichtlichen<br />

Vereine runden wie<strong>der</strong> einschlägige Rezensionen diesen Band ab.<br />

Gedankt sei an dieser Stelle auch <strong>der</strong> Evangelischen Verlagsanstalt für ihre<br />

Geduld.<br />

<strong>Markus</strong> <strong>Hein</strong>, Leipzig<br />

<strong>Stefan</strong> <strong>Michel</strong>, Dresden<br />

7


Vorwort<br />

8


Die »Apologetica responsio« für Johannes Sylvius Egranus<br />

Die »Apologetica responsio« für Johannes Sylvius Egranus<br />

Eine Lutherschrift?<br />

Von Hans Schnei<strong>der</strong> (†)<br />

Johann Wildenauer, latinisiert Sylvius, aus Eger gebürtig und daher Egra o<strong>der</strong> Egranus<br />

genannt, zählte als Prediger in Zwickau zu Martin Luthers frühen Sympathisanten.<br />

Weiteren Kreisen bekannt wurde er zuerst durch eine literarische Kontroverse<br />

um eine Legende über die hl. Anna. Dadurch kam er auch in brieflichen Verkehr<br />

mit Luther, <strong>der</strong> sich für ihn einsetzte. Ein unbeachtetes Dokument aus dem Thüringischen<br />

Hauptstaatsarchiv Weimar wirft neues Licht auf diese frühe Beziehung<br />

Luthers zu Sylvius Egranus.<br />

Die Umrisse <strong>der</strong> Biographie Wildenauers sind bekannt. 1 Als Johannes Wildenawer<br />

de Egra (Eger, heute tschech. Cheb) bezog er im Sommersemester 1500 die<br />

Universität Leipzig, wo er 1507 Magister artium wurde, in den folgenden Jahren<br />

lehrte und auch literarisch in Erscheinung trat. Früh zeigte sich seine humanistische<br />

Prägung, die auch in einer lebenslangen Verehrung für Erasmus von Rotterdam<br />

zum Ausdruck kam. Von 1515 (o<strong>der</strong> erst 1517?) bis 1521 wirkte er als Prediger<br />

(concionator, nicht Pfarrer) an <strong>der</strong> Pfarrkirche St. Marien in Zwickau. Thomas<br />

Müntzer, <strong>der</strong> ihm wohl schon aus Studienzeiten bekannt war und ihm als Zuhörer<br />

bei <strong>der</strong> Leipziger Disputation erneut begegnete, schlug er 1520 dem Zwickauer Rat<br />

als Nachfolger vor, als er selbst – mit den Rahmenbedingungen seines Dienstes unzufrieden<br />

– Zwickau verlassen wollte. Der Rat versuchte, Egranus durch finanzielle<br />

Anreize und die Garantie seines Amts zu halten und stellte Müntzer nur aushilfsweise<br />

an. Nach einer halbjährigen Reise zu humanistischen Gesinnungsfreunden in Süddeutschland<br />

und im Elsass und zu Erasmus nach Löwen sowie Besuchen bei Luther<br />

in Wittenberg kehrte Egranus im Oktober 1520 nach Zwickau zurück. Nach einer im<br />

Frühjahr 1521 eskalierenden Auseinan<strong>der</strong>setzung mit Müntzer verließ Egranus die<br />

Stadt und nahm eine Pfarrstelle in St. Joachimsthal (tschech. Jachymov) an. 1523<br />

reiste Egranus noch einmal zu seinen Humanistenfreunden nach Süddeutschland und<br />

besuchte Erasmus in Basel. Nach Stationen als Pfarrverweser in Kulmbach (1524),<br />

1 Vgl. Otto Clemen: Johannes Sylvius Egranus. Mitteilungen des Altertumsvereins für<br />

Zwickau und Umgegend 6 (1899), 1-39; 7 (1902), 1-32; wie<strong>der</strong> abgedr. in: <strong>der</strong>s.: Kleine<br />

Schriften zur Reformationsgeschichte (1897-1944). Bd. 1: 1897-1903/ hrsg. von Ernst<br />

Koch. Leipzig 1982, 125-196; Karlheinz Blaschke: Art. Egranus. NDB 4 (1959), 341 f;<br />

Julia Kahleyß: Die Bürger von Zwickau und ihre Kirche: kirchliche Institutionen und<br />

städtische Frömmigkeit im späten Mittelalter (Schriften zur sächsischen Geschichte und<br />

Volkskunde; 45). Leipzig 2013, bes. 352-361. 548 f; Michael Wetzel: Johannes Sylvius<br />

Egranus. In: Sächsische Biografie, Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi (18.2.2022)<br />

(dort jeweils weitere Lit.).<br />

9


Hans Schnei<strong>der</strong><br />

in Sagan (poln. {agaE) (1526) und Chemnitz (1530) kehrte Egranus 1533/34 nach<br />

St. Joachimsthal zurück, wo er am 11. Juni 1535 starb. Egranus gehört zu jener<br />

Gruppe von Humanisten, die frühe Sympathisanten Luthers gewesen waren, ihm aber<br />

theologisch bald nicht mehr folgten, sich auch aus Sorge um eine Kirchenspaltung<br />

immer deutlicher von ihm abgrenzten und so häufig zwischen die sich ausbildenden<br />

kirchenpolitischen Fronten gerieten. 2<br />

Schon bald nach Beginn seiner Predigttätigkeit in Zwickau verursachte Egranus<br />

einen Skandal, als er in seinen Predigten die weitverbreitete Legende von einer<br />

dreimaligen Vermählung (trinubium) <strong>der</strong> hl. Anna kritisierte. Sie besagt, dass sich<br />

Anna, nachdem ihr erster Ehemann Joachim bald nach <strong>der</strong> Geburt <strong>der</strong> Maria, <strong>der</strong> Mutter<br />

Jesu, verstorben sei, noch zweimal verehelicht habe, zunächst mit Cleophas – aus<br />

dieser Ehe sei eine zweite Maria hervorgegangen, die später den Alphäus heiratete –,<br />

danach mit Salomas – aus dieser Ehe stamme die dritte Maria, die spätere Ehefrau des<br />

Zebedäus. Die zweite Maria habe Jakobus den Jüngeren, Joseph, Justus, Simon und<br />

Judas geboren, die dritte Maria sei die Mutter von Jakobus dem Älteren und Johannes.<br />

Wie an vielen an<strong>der</strong>en Orten gab es in Zwickau nicht nur eine Annenbru<strong>der</strong>schaft, 3<br />

son<strong>der</strong>n auch in <strong>der</strong> Marienkirche eine künstlerische Darstellung <strong>der</strong> Legende, die<br />

noch heute betrachtet werden kann. Die »heilige Sippe« 4 ist auf einer <strong>der</strong> Tafeln<br />

des spätgotischen Altars zu sehen, die Michael Wolgemut gemalt hat; eine Inschrift<br />

am unteren Bildrand erläutert die Legende und nennt die abgebildeten Personen. 5<br />

10<br />

2 Vgl. Bernd Moeller: Die deutschen Humanisten und die Anfänge <strong>der</strong> Reformation. ZKG<br />

70 (1959), 46-61; wie<strong>der</strong> abgedr. in: <strong>der</strong>s.: Die Reformation und das Mittelalter: kirchenhistorische<br />

Aufsätze/ hrsg. von Johannes Schilling. Göttingen 1991, 98-110; zu Egranus vgl.<br />

Georg Buchwald: Die Lehre des Johann Sylvius Wildnauer Egranus in ihrer Beziehung zur<br />

Reformation, dargestellt aus dessen Predigten. BSKG 4 (1888), 163-202; Hubert Kirchner:<br />

Johannes Sylvius Egranus: ein Beitrag zum Verhältnis von Reformation und Humanismus.<br />

Berlin 1961.<br />

3 An St. Katharinen, vgl. Kahleyß: Die Bürger … (wie Anm. 1), 448 f.<br />

4 Zu dem Motiv in <strong>der</strong> Kunst vgl. Martin Lechner: Art. Sippe, Heilige. LCI 4 (1974), 163-<br />

168.<br />

5 Die in (etwas »klapprigen«) Hexametern verfasste Inschrift lautet:<br />

Anna solet dici tres concepisse Marias,<br />

Quas genuere viri Joachim, Chleophas Salomeque.<br />

Has duxere viri Joseph, Alpheus, Zebedeus.<br />

Prima parit Christum, Jacobum secunda Minorem<br />

Et Joseph Justum peperit cum Simone Judam,<br />

Tertia Maiorem Jacobum volucremque Johannem.<br />

(Clemen: Johannes Sylvius Egranus [wie Anm. 1] 128; anstatt Hos in Zeile 3 bei Clemen<br />

muss es Has heißen). Zum Altar vgl. Rainer Alexan<strong>der</strong> Gimmel: Der Wolgemut-Altar im<br />

Dom St. Marien – Zwickau (Kleine Kunstführer; 2885). Regensburg 2018 (Lit.); Michael<br />

Kühn: Die »Zwickauer Heilige Familie«: Gedanken zur Bildtafel »Heilige Sippe« aus dem<br />

Weihnachtszyklus des Wolgemut-Altares. In: Dom St. Marien 21 (2022), 19-24.


Die »Apologetica responsio« für Johannes Sylvius Egranus<br />

Es ist wohl zurecht vermutet worden, dass diese Darstellung Anlass und Anstoß<br />

für die Kritik des Egranus bildete. 6 Obwohl die Legende von Annas trinubium<br />

auch an<strong>der</strong>norts in Europa in humanistischen Kreisen heftig angegriffen wurde und<br />

literarische Kontroversen auslöste, 7 erschienen in Zwickau die kritischen Attacken<br />

des Egranus als unerhört, bewirkten hitzige Debatten und brachten dem Kritiker<br />

schwere Anfeindungen ein.<br />

Die genaue Chronologie des von Egranus ausgelösten Streits ist unklar, da wichtige<br />

Dokumente nicht erhalten o<strong>der</strong> erhaltene nicht genauer datiert sind. Jedenfalls erregte<br />

die Angelegenheit bald eine über die lokale Ebene hinausgehende Aufmerksamkeit.<br />

Zwar erhielt Egranus auch Beifall von humanistischen Gesinnungsfreunden, 8 doch<br />

die Gegner am Ort und von auswärts 9 blieben nicht untätig. Offenbar kam es sogar zu<br />

einer Denunziation als »Ketzer und falschen Propheten« bei dem neuen Naumburger<br />

Bischof (Pfalzgraf Philipp von Wittelsbach 10 ). Gegenüber den Angriffen verteidigte<br />

sich Egranus in einer gedruckten lateinischen Apologie: »Ioannis Sylvii Egrani,<br />

contra Calumniatores suos Apologia, in qua diuam Annam, nupsisse Claeophae &<br />

Salomae (id quod vulgo sentiunt) euangelicis & probatissimis testimoniis refellit.«<br />

Sie erschien bei Friedrich Peypus in Nürnberg. 11 Darin skizziert Egranus die Entstehung<br />

<strong>der</strong> Kontroverse und stellt seine Ansichten dar.<br />

Er lässt die Frage offen, ob Anna dreimal verheiratet war, auch ihre Ehe mit<br />

Joachim zweifelt er nicht an. Dass sie aber den Cleophas und einen Salomas geheiratet<br />

6 So Clemen: Johannes Sylvius Egranus (wie Anm. 1), 128.<br />

7 Sheila M. Porrer: Jacques Lefèvre d’Étaples and the Three Maries debates. On Mary Magdalen,<br />

On Christ‘s three days in the tomb, On the one Mary in place of three: a discussion.<br />

On the threefold and single Magdalen: a second discussion (THR; 451). Genf 2009. In Kap.<br />

IV wird auch die Apologia des Egranus behandelt.<br />

8 Das zeigen ein zustimmen<strong>der</strong> Brief des Petrus Mosellanus (damals Student in Leipzig) und<br />

ein die Gegner verspottendes Gedicht eines pseudonymen Morsus Satyricus [»<strong>der</strong> satirische<br />

Biss«], die Egranus am Schluss seiner Apologia (siehe unten Anm. 11, fol. B ii r -Biv r )<br />

abdruckt, sowie die Anfrage des Andreas Frank (siehe unten Anm. 39).<br />

9 Egranus erwähnt in seiner Apologia Denunzianten »aus einem an<strong>der</strong>en Bistum« (ex aliena<br />

diocesi). Theobald Freudenberger: Hieronymus Dungersheim von Ochsenfurt am Main<br />

1465-1540: Theologieprofessor in Leipzig. Leben und Schriften (RGST; 126). Münster<br />

1988, 98, vermutet, dass bereits hier Dungersheim in Leipzig (das zum Bistum Merseburg<br />

gehörte) gemeint sei.<br />

10 Vgl. <strong>Hein</strong>z Wießner: Das Bistum Naumburg 1,1-2: Die Diözese (GermSac NF 35,1-2).<br />

Berlin; New York 1997/1998, 951-965. Philipp hatte am 22. November 1517 offiziell die<br />

Verwaltung des Bistums übernommen (ebd, 953).<br />

11 Ioannis Sylvii Egrani, co[n]tra Calumniatores suos Apologia, in qua diua[m]<br />

Anna[m], nupsisse Claeophae & Saloma[e] (id quod vulgo sentiu[n]t) eua[n]gelicis &<br />

probatissimis testimoniis refellit. [Nürnberg: Friedrich Peypus] [1518]. (VD16 W 3073). Die<br />

Angaben bei Blaschke und Wetzel (wie Anm. 1) »Nürnberg 1519« sind zu korrigieren. – Zu<br />

Peypus vgl. Hans-Otto Keunecke: Friedrich Peypus (1485-1535): zu Leben und Werk des<br />

Nürnberger Buchdruckers und Buchhändlers. Mitteilungen des Vereins für Geschichte <strong>der</strong><br />

Stadt Nürnberg 72 (1985), 1-65.<br />

11


Hans Schnei<strong>der</strong><br />

12<br />

Die hl. Anna mit den drei Ehemännern, den drei Marien und <strong>der</strong>en Familien<br />

Bildtafel Heilige Sippe aus dem Weihnachtszyklus des Wolgemut-Altars<br />

in <strong>der</strong> Marienkirche Zwickau<br />

(Foto: Kirchgemeinde St. Marien, Zwickau)


Die »Apologetica responsio« für Johannes Sylvius Egranus<br />

und in je<strong>der</strong> dieser Ehen eine Tochter geboren habe, die jeweils den Namen Maria<br />

erhalten habe, sei mit dem Befund in den Evangelien nicht vereinbar. Um die Verbreitung<br />

dieser Lüge zu verhin<strong>der</strong>n, habe er in Zwickau solchen Unsinn öffentlich verurteilt,<br />

ohne aber irgend jemandem dabei persönlich nahezutreten. Er sei in seiner Kritik umso<br />

eifriger gewesen, als darüber we<strong>der</strong> von <strong>der</strong> Kirche noch einem Papst eine autoritative<br />

Äußerung vorliege; die Fabel sei erst von einigen »Neueren«, die des Altertums und <strong>der</strong><br />

griechischen Sprache völlig unkundig seien, im Volk verbreitet worden. Daraufhin habe<br />

ihn eine vielgestaltige Menge von Wi<strong>der</strong>sachern angegriffen; einige hätten ihn wegen<br />

einer so geringfügigen Sache als Ketzer und falschen Propheten bezeichnet, darunter<br />

ungebildete Priester und engstirnige Mönche. Schließlich sei er gar beim Naumburger<br />

Bischof denunziert worden, und zwar von Leuten aus einem an<strong>der</strong>en Bistum, die doch<br />

diese Angelegenheit überhaupt nichts angehe. Er habe seinerseits den Bischof schriftlich<br />

gebeten, sich in Gegenwart seiner Gegner verteidigen und rechtfertigen zu dürfen. Doch<br />

die Gegner hätten einen Rückzieher gemacht. Darauf habe er eine Weile geschwiegen.<br />

Da aber die Angriffe gegen ihn nicht aufhörten, sehe er sich nun gezwungen, mit einer<br />

Apologie zu antworten und seine Unschuld zu beweisen. Er könne Männer von Rang<br />

und Titel namentlich anprangern, doch wolle er einstweilen keine Namen nennen; aber<br />

wenn die Attacken nicht endeten, werde er eine Namensliste bekannt machen.<br />

Es folgt dann eine weitläufige Kritik <strong>der</strong> Anna-Legende mit exegetischen und philologischen<br />

Beobachtungen zu den in den Evangelien genannten Marien (Mk 16,1, Lk<br />

24,10 und Joh 19,25) sowie Zeugnissen aus <strong>der</strong> Alten Kirche.<br />

Die Apologie des Egranus rief zwei renommierte Theologen auf den Plan: Konrad<br />

Wimpina, Professor in Frankfurt an <strong>der</strong> O<strong>der</strong>, 12 verfasste drei Bücher »de sanctae Annae<br />

trinubio et trium filiarum eius asservatione contra Annae mastiges,« 13 und Hieronymus<br />

Dungersheim von Ochsenfurt, von 1501-1504 Egranus’ Vorgänger an <strong>der</strong> Zwickauer<br />

Marienkirche und inzwischen Professor in Leipzig, 14 griff ihn – ohne den Gegner namentlich<br />

zu nennen – in scharfen Thesen an. 15 Der genaue Zeitpunkt <strong>der</strong> Veröffentlichung<br />

bei<strong>der</strong> Schriften im Druck ist unbekannt, doch geben Bemerkungen in Briefen Luthers<br />

(siehe unten) einige Anhaltspunkte.<br />

Eine zweite Verteidigungsschrift, die »Apologetica responsio contra dogmata, que<br />

in M. Egranum a calumniatoribus invulgata sunt«, erschien nicht wie die erste in<br />

12 Vgl. Remigius Bäumer: Konrad Wimpina. In: Katholische Theologen <strong>der</strong> Reformationszeit/<br />

hrsg. von Erwin Iserloh. Bd. 3 (KLK; 46). Münster 1986, 7-17 (Lit.).<br />

13 Der Text <strong>der</strong> »nicht mehr aufzutreibende[n]« Schrift Wimpinas (Clemen in WA.B 1, 128)<br />

ist noch greifbar in ihrem Nachdruck in Konrad Wimpina: Farrago Miscellaneorum. Köln<br />

1531, fol. 137 r -162 v .<br />

14 Vgl. Freudenberger: Hieronymus Dungersheim … (wie Anm. 9). Zu Dungersheims Zwickauer<br />

Tätigkeit ebd, 24-27, zum Streit um Egranus ebd, 97-102; Kahleyß: Die Bürger … (wie<br />

Anm. 1), 346-348. 535 f.<br />

15 Die Thesen Dungersheims sind verschollen. Terminus ante quem ihrer Veröffentlichung ist<br />

ihre Erwähnung in dem Brief Luthers an Egranus vom 24.3.1518, aus dem auch hervorgeht,<br />

dass Egranus von Dungersheim nicht namentlich genannt wurde. Siehe dazu unten.<br />

13


Hans Schnei<strong>der</strong><br />

Apologia. Titelblatt<br />

Apologetica responsio. Titelblatt<br />

Nürnberg, son<strong>der</strong>n in Wittenberg bei Johannes Grunenberg. 16 Sie ist ebenfalls nicht<br />

genauer datiert; auch sie gibt nur 1518 als Jahr des Drucks an. Da sie jedoch auf die<br />

erste als bereits erschienene zurückweist, 17 muss sie später als jene herausgekommen<br />

sein. Als Motto steht auf dem Titelblatt ein Dictum des Erasmus, und ein undatierter<br />

Brief Luthers an »seinen« Johannes Sylvius auf <strong>der</strong> Titelrückseite – es ist überhaupt<br />

<strong>der</strong> erste im Druck erschienene Lutherbrief – dient als eine Art Widmungsschreiben<br />

o<strong>der</strong> Vorrede. Auf diesen Brief wird noch zurückzukommen sein.<br />

Diese zweite Verteidigungsschrift lässt erkennen, dass Egranus nicht nur mit <strong>der</strong><br />

Kritik an <strong>der</strong> Anna-Legende Anstoß erregt, son<strong>der</strong>n in seinen Predigten noch weitere<br />

Ansichten vertreten hatte, die von seinen Gegnern 18 missbilligt o<strong>der</strong> gar als ketzerisch<br />

16 Apologetica responsio contra dogmata, que in M. Egranum a calumniatoribus<br />

inuulgata sunt. Wittenberg: Grunenberg o.J. [1518]. VD16 W 3071. Im August 1518<br />

druckte sie Pamphilus Gengenbach in Basel nach. VD16 W 3070. – Zitate aus <strong>der</strong> Apologetica<br />

responsio nach dem Abdruck in <strong>der</strong> Beilage.<br />

17 Art. 18: De Sancte Anne coniugio quid sentiat/ in Apologia/ quam edidit/ copiosius docet.<br />

18 Wie verschiedene Notizen in den Zwickauer Ratsprotokollen zeigen (vgl. die Nachweise<br />

bei Clemen: Johannes Sylvius Egranus [wie Anm. 1], 137, Anm. 33) zählten nicht zuletzt<br />

die Zwickauer Franziskaner zu den Gegnern des Egranus.<br />

14


Preußens religiöse Erfahrung in den Befreiungskriegen als nationalpolitisches Credo<br />

Preußens religiöse Erfahrung in den Befreiungskriegen<br />

als nationalpolitisches Credo<br />

Von Gerhard Graf<br />

Kaiser Wilhelm II. erklärte am 6. August 1914 in seinem Aufruf an das deutsche Volk:<br />

»Vorwärts mit Gott, <strong>der</strong> mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war.« Zuvor hatte<br />

bei Ausbruch des Krieges von 1870/71 sein Großvater Wilhelm I. versichert: »In<br />

diesem Kampfe, in dem wir kein an<strong>der</strong>es Ziel verfolgen, als den Frieden in Europa<br />

dauernd zu sichern, wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vätern war.« 1 Und<br />

bereits gegen Ende des Feldzuges 1814 war es eine selbstverständliche Äußerung<br />

in Preußen, wenn in einer Dankpredigt hingewiesen wurde auf den »ewig treuen<br />

Gott, <strong>der</strong> uns nie verlässt, sobald wir sind und bleiben sein wahres Volk.« 2 Der<br />

inhaltliche Zusammenhang dieser drei Zitate ist unschwer zu erkennen. Er bezieht<br />

sich auf die religiös-politische Erfahrung Preußens in den Befreiungskriegen und<br />

findet seine mentale Fortsetzung bis in den Ersten Weltkrieg hinein. Insofern kann<br />

man hier von einem nationalpolitischen Credo sprechen, das als Staatsideologie<br />

stets zu beherzigen war und gerade auch im Fall des Krieges akute Geltung erlangte.<br />

Inzwischen ist die gegenwärtige Forschung hauptsächlich interessiert an <strong>der</strong><br />

kritischen Aufarbeitung <strong>der</strong> Spätzeit dieser Anschauung. 3 Dagegen findet die vorausgehende<br />

Tradition zunehmend geringere Beachtung, zumeist subsumiert unter<br />

dem Leitwort »Mit Gott für König und Vaterland«, 4 sowie die eigentliche Entstehungsphase<br />

in den Jahren <strong>der</strong> Befreiungskriege. Über zu vermutende Gründe dieser<br />

Verlagerung ist vorliegend nicht zu sprechen. Aber auch wenn heute ein verbreitetes<br />

Unbehagen gegenüber jener seit 1813 nochmals engeren und folgenreichen Verbindung<br />

von Thron und Altar vorherrscht, so sollte das nicht ausschließen, dass man<br />

sich – bei aller berechtigten Kritik – zunächst einmal umfassend kundig macht, aus<br />

welcher Erfahrung einst diese Verbindung zustande kam. 5<br />

1 Die Zitate zusammengeführt bei Gerd Krumeich: »Gott mit uns«?: <strong>der</strong> Erste Weltkrieg<br />

als Religionskrieg. In: »Gott mit uns«: Nation, Religion und Gewalt im 19. und frühen 20.<br />

Jahrhun<strong>der</strong>t/ hrsg. von dems.; Hartmut Lehmann (Veröffentlichungen des Max-Planck-<br />

Instituts für Geschichte; 162). Göttingen 2000, 277.<br />

2 Carl Friedrich Ferdinand Nicolai: Vaterlandspredigten. Bd. 2. Züllichau 1816, Dankpredigt<br />

Jubilate 1814 wegen <strong>der</strong> letzten Siege vor dem Einzuge in Paris, vorgeschriebener Text<br />

Psalm 77, 13-18, 2.<br />

3 Z. B »Gott mit uns« … (wie Anm. 1).<br />

4 Dazu Gerhard Graf: Die Devise »Mit Gott für König und Vaterland!«: eine Orientierung<br />

auch für die Disziplin Kirchengeschichte. Pastoraltheologie 74 (1985), 478-497.<br />

5 Ohne Rückgriff auf die hun<strong>der</strong>tjährige, zuletzt 1913 belebte Tradition bei Beschreibung <strong>der</strong><br />

Kriegstheologie im Ersten Weltkrieg jüngst auch Hartmut Lehmann: Das Christentum im<br />

39


Gerhard Graf<br />

Nachfolgend kann das bestenfalls in einem Überblick geschehen. Das liegt vor<br />

allem an dem Materialreichtum, <strong>der</strong> bislang wohl nie vollständig gesichtet und<br />

noch weniger aufgearbeitet wurde. Dazu zählen die damals uferlose Tagesliteratur<br />

(Aufrufe, Flugschriften, Zeitungen, Gedichte, Lie<strong>der</strong>, Karikaturen), offizielle<br />

Verlautbarungen auf politisch verschiedenen Ebenen, außerdem Predigten, Kirchenbücher,<br />

Regimentsgeschichten, Ortschroniken und – ebenfalls unübersehbar<br />

verstreut – persönliche Äußerungen. 6 Angesichts dieser Fülle wird deshalb lediglich<br />

eine Schneise durch die Kriegszeit versucht werden. Sie orientiert sich dabei an<br />

typischen zeitgenössischen Zitaten, die jeweils den Fortschritt <strong>der</strong> religiösen Erfahrung<br />

während <strong>der</strong> beiden Kriege kennzeichnen und schließlich an <strong>der</strong>en Ende<br />

in ein nationalpolitischen Credo für die Zukunft münden.<br />

I »Gott will, wollet auch!« (Ernst Moritz Arndt)<br />

Seit dem Frieden von Tilsit 1807 war das stark verkleinerte Preußen als Staat<br />

abhängig von <strong>der</strong> Gnade Napoleons. Es hatte Kriegskontributionen in eigentlich<br />

nicht leistbarer Höhe zu zahlen, und zuletzt 1812 spitzte sich die Situation erneut<br />

zu. Napoleon brach zum Feldzug nach Russland auf, bei dem Preußen ein weiteres<br />

Mal ausgeplün<strong>der</strong>t wurde und ein Hilfskontingent von 20.000 Mann zu stellen<br />

hatte. Nachdem die Grande Armée von etwa einer halben Million Soldaten hinter<br />

<strong>der</strong> russischen Grenze verschwunden war, hielt Europa den Atem an. Nachrichten<br />

flossen spärlich. Im November sickerten erste Meldungen von <strong>der</strong> Katastrophe in<br />

Russland durch. Im Januar wurde die Konvention von Tauroggen bekannt, mit <strong>der</strong><br />

General Ludwig von Yorck das preußische Kontingent neutralisierte. Bald darauf<br />

sah man zurückkehrende erbärmliche Heerestrümmer von Napoleons Armee, und<br />

am 20. Februar erschien erstmals ein russisches Streifkorps in Berlin. Es handelte<br />

40<br />

20. Jahrhun<strong>der</strong>t: Fragen, Probleme, Perspektiven (Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen;<br />

IV, 9). Leipzig 2012, 141-145.<br />

6 Zur Quellenvielfalt vgl. Gerhard Graf: Gottesbild und Politik: eine Studie zur Frömmigkeit<br />

in Preußen während <strong>der</strong> Befreiungskriege 1813-1815 (Forschungen zur Kirchen- und<br />

Dogmengeschichte; 52). Göttingen 1993, 160-163. Beson<strong>der</strong>s zu beachten ist auch die<br />

ältere Literatur, z. B.: Die historischen Volkslie<strong>der</strong> <strong>der</strong> Freiheitskriege: von Napoleons<br />

Rückzug aus Russland, 1812, bis zu dessen Verbannung nach St. Helena, 1815.<br />

Aus fliegenden Blättern, handschriftlichen Quellen und aus dem Volksmunde/ hrsg. von<br />

Franz Wilhelm von Ditfurth. Berlin 1871 [Reprint 1965]; Karl Goedeke: Grundriß zur<br />

Geschichte <strong>der</strong> deutschen Dichtung aus den Quellen/ hrsg. von Edmund Goetze. Bd. 5-7.<br />

2. Aufl. Dresden 1893-1900; Paul Czygan: Zur Geschichte <strong>der</strong> Tagesliteratur während <strong>der</strong><br />

Freiheitskriege. 2 Bde. Leipzig 1909-1911 [mit preußischen Zensurberichten]; zu regionalen<br />

und lokalen Ereignissen vgl. auch die Amtsblätter <strong>der</strong> preußischen Provinzialregierungen<br />

sowie die 1813 entstandenen Zeitschriften. Sachzeugnisse z. B. in: Helden nach Maß:<br />

200 Jahre Völkerschlacht bei Leipzig. Stadtgeschichtliches Museum Leipzig. Katalog/ hrsg.<br />

von Volker Rodekamp. Leipzig 2013.


Preußens religiöse Erfahrung in den Befreiungskriegen als nationalpolitisches Credo<br />

sich um Kosaken und Baschkiren – letztere bewaffnet mit Pfeil und Bogen. Die<br />

bisherige Welt war aus den Fugen.<br />

Exemplarisch heißt es zum Eindruck <strong>der</strong> eingetretenen Wende in einer Predigt:<br />

»Als uns die Kunde kam von dem entsetzlichen Untergang <strong>der</strong> zahlreichen Heeresmassen,<br />

… da durchdrang ein kalter Schauer unwillkürlich unser ganzes Wesen. Wir hatten die<br />

unübersehbaren Reihen von Kriegern und die unermeßlichen Streitkräfte zum Ver<strong>der</strong>ben<br />

unseres eigenen Landes vorüberziehen sehn und staunten über ihre Menge, über ihre<br />

Schönheit und ihr stolzes Ansehn. Und alle diese Tausende waren eines schmählichen<br />

Todes gestorben, nicht durch das Schwert ihrer Feinde, son<strong>der</strong>n durch die Hand Gottes,<br />

erstarrt vom eisigen Hauch des Nordens. Wir fühlten es Alle recht lebhaft: ›das hat <strong>der</strong><br />

Herr gethan! Der Herr mächtig und groß. Nur er ist Gott! und alles muß sich beugen<br />

unter seiner gewaltigen Hand.‹« 7<br />

Diese Entdeckung eines nahen, unmittelbar in das politische Geschehen eingreifenden<br />

Gottes scheint, zu erkennen bis hinein in persönliche Briefe, 8 sehr bald<br />

Allgemeingut geworden zu sein. Zusätzlich bestärkt wurde sie durch den Einfluss,<br />

<strong>der</strong> von russischer Seite erfolgte. 9 Zum einen beeindruckte, im Gegensatz zum französischen<br />

Auftreten, das auffällig fromme Brauchtum des russischen Heeres. Wie<br />

eine »reitende Kirche«, angeführt durch Standarten mit Heiligenbil<strong>der</strong>n, wirkten<br />

durch ihren Gesang die anrückenden Kosaken. Und es war ein Höhepunkt, den man<br />

erzählte, dass während des Feldgottesdienstes zuerst <strong>der</strong> Zar und dann seine Truppen<br />

demutsvoll auf die Knie fielen und lange so verharrten. Zum an<strong>der</strong>en ergoss sich<br />

jetzt eine Flut publizistischer Erzeugnisse ins Land, die sich vervielfachte durch<br />

Nachdrucke, während die Verteiler unterdessen weiter nach Westen vorrückten.<br />

Berichte, Aufrufe, Armeebefehle, Bil<strong>der</strong> und Karikaturen, anfangs mitunter noch<br />

zweisprachig, und mancherlei davon bald schon wie<strong>der</strong> zu eigenen Sammlungen<br />

vereint, schil<strong>der</strong>ten den vorangegangenen Feldzug und riefen zum religiösen Volkskrieg<br />

nach russischem Muster auf. Der Tenor dabei war: »Gott war mit den Russen!<br />

Gott wird mit Euch seyn.« 10<br />

7 C[hristian] W[ilhelm] Spieker, im heiligen Kriege Diener des göttlichen Worts und Ritter<br />

des eisernen Kreuzes. Gebete, Predigten und Reden: Zur Zeit <strong>der</strong> Erhebung des Preußischen<br />

Volks gegen die Tirannei des Auslandes, im Felde und in <strong>der</strong> Heimat gehalten. Berlin und<br />

Leipzig 1816, 77 (Predigt am Kriegsbeginn 28. März 1813).<br />

8 »Sehnlich erwarte ich die morgende Post.«: Amalie und Theodor von Schöns Briefwechsel<br />

aus dem Befreiungskrieg (1813)/ hrsg. von Gustava Alice Klausa. Köln; Weimar;<br />

Wien 2005, zugleich illustrativ für Ostpreußen sowie für das preußische Hauptquartier April<br />

bis September 1813.<br />

9 Vgl. Graf: Gottesbild … (wie Anm. 6), 16-26.<br />

10 Im Aufruf »Deutsche Jünglinge und Männer«, Berlin 11./23. März 1813, Hauptquartier<br />

General Graf von Wittgenstein, z. B. in: Urkunden <strong>der</strong> Deutschen Erhebung: Originalwie<strong>der</strong>gabe<br />

in Faksimiledrucken <strong>der</strong> wichtigsten Aufrufe, Erlasse, Flugschriften, Lie<strong>der</strong> und<br />

Zeitungsnummern/ hrsg. von Friedrich Schulze. Leipzig 1913, Nr. 10; Das neue Deutschland<br />

1813/14/ neu hrsg. von Fritz Lange, Berlin (Ost) 1953, 76; Die Erhebung gegen<br />

Napoleon 1806-1814/15/ hrsg. von Hans-Bernd Spies (Quellen zum politischen Denken<br />

41


Gerhard Graf<br />

Sehr häufig waren an <strong>der</strong> Propagandaarbeit Deutsche in russischen Diensten<br />

beteiligt. Nicht fehlen soll hier <strong>der</strong> Hinweis auf den Literaten und bekannten Lustspieldichter<br />

August Friedrich Ferdinand von Kotzebue, <strong>der</strong> nicht nur 1812 das Theaterstück<br />

»Der Flußgott Niemen und noch Jemand« (mit vielen Nachahmungen) 11<br />

verfasst hatte, son<strong>der</strong>n seit Anfang April 1813 das »Russisch-Deutsche Volks-Blatt«<br />

herausgab, um das sich nach Deutschland hinein eine ihm zuarbeitende Lesergemeinde<br />

scharte. 12 Erfolgreichster Propagandist war jedoch zweifellos Ernst Moritz<br />

Arndt, dessen Schrifttum teilweise Auflagenhöhen erreichte, die in viele Zehntausende<br />

gingen. Ihn hatte <strong>der</strong> Freiherr vom Stein, <strong>der</strong> Berater des Zaren, 1812 als<br />

Mitarbeiter nach Russland geholt. Arndts Tätigkeit erstreckte sich dort vornehmlich<br />

auf die ideologische Orientierung <strong>der</strong> gerade aufgestellten Russisch-Deutschen<br />

Legion. Damals entstanden unter an<strong>der</strong>em das Lied »Der Gott, <strong>der</strong> Eisen wachsen<br />

ließ, <strong>der</strong> wollte keine Knechte« sowie die Urfassung des späteren »Katechismus<br />

für den teutschen Kriegs- und Wehrmann, worin gelehret wird, wie ein christlicher<br />

Wehrmann sein und mit Gott in den Streit gehen soll«. 13 Mit Stein im Januar 1813<br />

aus Russland zurückgekehrt, beteiligte sich Arndt sofort mit großem publizistischem<br />

Einsatz an <strong>der</strong> nationalen Erhebung in Ostpreußen, die bekanntlich <strong>der</strong> Entscheidung<br />

des Königs vorgriff.<br />

Aus dieser Königsberger Zeit stammte auch sein »Aufruf an die Preußen«,<br />

gerichtet an die ersten Adressaten <strong>der</strong> jetzt notwendigen deutschen Erhebung. Der<br />

Aufruf setzte ein mit den Worten: »Wackere Preußen! Geliebte Landsleute! Gott hat<br />

<strong>der</strong> Welt ein herrliches und fröhliches Neues Jahr gegeben, er hat ein fürchterliches<br />

Gericht gehalten; er hat gnädig und gewaltig bewiesen, dass er noch <strong>der</strong> alte Gott<br />

ist und dass er stehet und streitet mit denen, die fest auf ihn bauen; er hat die Bösen<br />

geblendet, gestraft, zerschmettert, damit die Guten sich erheben und ermannen<br />

können.« Dem folgte ein Rückblick auf das französische und russische Verhalten im<br />

Kampf, übergehend in die Nutzanwendung: »Ihr habt das hohe Beispiel vor euch,<br />

was ein Volk vermag, das Gott fürchtet und sein Vaterland und seine Freiheit über<br />

alles liebt!« Und am Schluss: »Auf denn! wackere Beginner <strong>der</strong> Freiheit und Ehre!<br />

auf mit euren Herzen zum deutschen Gott und zur deutschen Tugend! auf zu jedem<br />

<strong>der</strong> Deutschen im 19. und 20. Jahrhun<strong>der</strong>t; 2). Darmstadt 1981, 258; Graf: Gottesbild …<br />

(wie Anm. 6), Textbeilage 3, 112-114.<br />

11 Nachdruck u. a. in: Rußlands Triumpf [!] o<strong>der</strong> das erwachte Europa [Zeitschrift, 6<br />

Hefte, 1812/13]/ neu hrsg. von Fritz Lange. Berlin (Ost) 1953, 158-170. Wie<strong>der</strong>abdruck<br />

in: Die Erhebung gegen Napoleon … (wie Anm. 10), 209-224. Zu Nachahmungen Graf:<br />

Gottesbild … (wie Anm. 6), 87.<br />

12 Russisch-Deutsches Volks-Blatt [39 Nummern, 10 Ergänzungsblätter, 1.4.-29.6.1813]/<br />

neu hrsg. von Fritz Lange. Berlin (Ost) 2. Aufl. 1953.<br />

13 Arndts Werke: Auswahl in zwölf Teilen/ hrsg. von August Leffson/ Wilhelm Steffens.<br />

Berlin o. J. [1912], 10, 113-129, 131-162; gekürzt in: Die Erhebung gegen Napoleon …<br />

(wie Anm. 10), 236-244. Außerdem: Gerhard Graf: Zur Nachahmung des Lutherdeutsch<br />

bei Ernst Moritz Arndt. HCh 13 (1981/82), 119-131.<br />

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Preußens religiöse Erfahrung in den Befreiungskriegen als nationalpolitisches Credo<br />

kühnsten Muth und zu je<strong>der</strong> reinsten Hingebung! und ihr werdet wie<strong>der</strong> in Ehren<br />

leben und eure Kin<strong>der</strong> und Enkel in Freiheit wohnen. Gott hat Gericht gehalten,<br />

Gott hat die Bahn geöffnet, Gott will, wollet auch!« 14<br />

II »Mit Gott für König und Vaterland« (Landwehr-Verordnung)<br />

Auch wenn <strong>der</strong> Befreiungswille in <strong>der</strong> Bevölkerung vorhanden war, so stand zunächst<br />

aber noch die Entscheidung des Königs aus. Sie ergab sich durch die Kriegserklärung<br />

an Frankreich vom 16. März 1813 und wurde zusammen mit einem ganzen Paket<br />

jetzt zu treffen<strong>der</strong> Maßnahmen am 17. März bzw. in den darauf folgenden Tagen<br />

publik gemacht. Dazu zählten die Aufrufe »An Mein Volk«, »An Mein Kriegsheer«, 15<br />

die Ankündigung <strong>der</strong> Bildung von Landwehr und Landsturm, die Bekanntgabe <strong>der</strong><br />

Stiftung des Eisernen Kreuzes und wenig später das im Gottesdienst zu benutzende<br />

Kriegsgebet. Alle diese Verlautbarungen erklärten den beginnenden Befreiungskampf<br />

zur Sache des gesamten Volkes, und sie waren auch deshalb eingängig, weil<br />

sie <strong>der</strong> religiösen Ausdeutung <strong>der</strong> Zeit voll Rechnung trugen.<br />

Beispielhaft zeigt das die »Verordnung über die Organisation <strong>der</strong> Landwehr«. An<br />

ihrer Konzeption hatten die preußischen Reformer bereits seit 1808 gearbeitet, denn<br />

an<strong>der</strong>s als auf <strong>der</strong> Ebene einer allgemeinen Bewaffnung war Napoleon militärisch<br />

nicht zu besiegen. Aber kurz vor Erscheinen hatte man noch aktuelle Verän<strong>der</strong>ungen<br />

eingefügt. Die von Gerhard von Scharnhorst auf nationale Selbständigkeit und<br />

Ehre zielenden Worte in <strong>der</strong> Präambel wurden durch den Passus ersetzt: »Ein vor<br />

Augen liegendes Beispiel hat gezeigt, daß Gott d i e Völker in seinen beson<strong>der</strong>en<br />

Schutz nimmt, die ihr Vaterland in unbedingtem Vertrauen zu ihrem Beherrscher<br />

mit Standhaftigkeit und Kraft gegen fremde Unterdrückung vertheidigen.« Eine<br />

zweite Abän<strong>der</strong>ung betraf das vorgeschlagene Landwehrkreuz. Es war als an <strong>der</strong><br />

Kopfbedeckung zu tragendes Zeichen von <strong>der</strong> russischen Nationalbewaffnung<br />

übernommen worden (und also kein an die Mütze formengleich versetztes Eisernes<br />

Kreuz). Die Reformer hatten statt <strong>der</strong> dortigen Inschrift »Für Glaube und Zar« den<br />

Text »Wehrlos, ehrlos« 16 vorgesehen und schon gedruckt. Demgegenüber verfügte<br />

am 15. März Friedrich Wilhelm III. in letzter Minute: »Mit Gott für König und<br />

14 Urkunden <strong>der</strong> Deutschen Erhebung … (wie Anm. 10), Nr. 2; Arndts Werke … (wie Anm. 13),<br />

10, 163-170; Die Erhebung gegen Napoleon … (wie Anm. 10), 224-228; Graf: Gottesbild<br />

… (wie Anm. 6), Textbeilage 1, 105-109.<br />

15 Faksimile <strong>der</strong> beiden Aufrufe in: Urkunden <strong>der</strong> Deutschen Erhebung … (wie Anm. 10), Nr.<br />

5-6; Nachdruck »An Mein Volk« in: Erhebung gegen Napoleon … (wie Anm. 10), 254 f;<br />

Graf: Gottesbild … (wie Anm. 6), Textbeilage 4, 115 f.<br />

16 Diese Devise für eine beabsichtigte Landwehr findet sich bei Friedrich Ludwig Jahn schon<br />

1810, vgl. seine Schrift Deutsches Volkstum/ hrsg. von Ernst Brümmer. Leipzig o. J.,<br />

186.<br />

43


Gerhard Graf<br />

Vaterland«. 17 Für das öffentliche Bewusstsein wurde diese ausgegebene Devise, die<br />

den althergebrachten Begriff »König und Vaterland« einleuchtend mit dem aktuellen<br />

Gottesbild verband, rasch zur Kurzformel, mit <strong>der</strong> man insgesamt den Vorgang des<br />

nationalen Aufbruchs umschrieb.<br />

Provoziert durch eine spätere, oft idealisierende Berichterstattung, beson<strong>der</strong>s<br />

um die Zeit <strong>der</strong> Jahrhun<strong>der</strong>tfeier 1913, ist man heute unsicher über die reale Einschätzung<br />

gerade dieser ersten Wochen des Kriegsbeginns 1813. Doch auch ein<br />

nüchtern-kritisches Quellenstudium legt nahe, dass es eine außergewöhnliche Zeit<br />

gewesen sein muss, die in <strong>der</strong> deutschen Geschichte ihresgleichen sucht: Jedes<br />

Alter, bei<strong>der</strong>lei Geschlecht, alle sozialen Schichten taten sich hervor durch Opferbereitschaft,<br />

Gemeinsinn und persönliche Hingabe, wie bis heute <strong>der</strong> Blick in die<br />

nicht enden wollenden Spendenlisten lehrt, zugänglich als Beilagen im Amtsblatt<br />

<strong>der</strong> jeweiligen königlichen Provinzialregierung.<br />

Es gab allerdings auch Ausnahmen und Zurückhaltung, die jedoch in <strong>der</strong> verbreiteten<br />

Hochstimmung untergingen. Zum Kreis <strong>der</strong> Wi<strong>der</strong>strebenden gehörten in<br />

Preußen u. a. Staatsangehörige polnischer Zunge, die sich teilweise <strong>der</strong> Musterung<br />

durch die Flucht entzogen. Ebenfalls die Mennoniten in Ostpreußen, von jeher den<br />

Kriegsdienst ablehnend, verstanden sich auch jetzt lediglich zu einer auferlegten<br />

hohen Geldzahlung (die freilich in die Rüstung floss). Die schlesischen Herrnhuter<br />

dagegen gaben diesmal ihren Wi<strong>der</strong>stand auf. Freiwillig meldeten sich Juden, auf<br />

diese Weise <strong>der</strong> Emanzipation von 1812 entsprechend.<br />

Für das allgemeine Empfinden jedenfalls – man denke etwa an die Spiegelung<br />

durch die Leserwelt im »Russisch-Deutschen Volks-Blatt« – war es G o t t e s Krieg,<br />

an dem man teilnahm und dem man sich schon wegen dieser Urheberschaft nur<br />

schlecht entziehen konnte. Gott war <strong>der</strong> große politische Bundesgenosse, von dem<br />

man alles erwartete und dem mit höchstem Eifer Genüge getan werden musste.<br />

Welch eine Verän<strong>der</strong>ung gegenüber dem Zeitalter des »großen Frie<strong>der</strong>ich«, <strong>der</strong> das<br />

»Pro deo« aus den Regimentsfahnen entfernt hatte mit dem Bemerken, »man muß<br />

den Namen Gottes nicht in die Streitigkeiten <strong>der</strong> Menschen mischen«. 18<br />

Der allgemeinen Mobilisierung entsprechend vermehrten sich gleichfalls die<br />

Aufgaben für Kirche und Geistlichkeit. 19 Letzterer war deshalb sogar wenige Tage<br />

17 Zum Hergang vgl. Theodor Gottlieb von Hippel: Beiträge zur Charakteristik Friedrich<br />

Wilhelms III. Bromberg 1841, bes. 66 f. Er war übrigens, damals Vortragen<strong>der</strong> Staatsrat, auch<br />

Verfasser des Aufrufs »An Mein Volk«. – Entlehnungen aus dem russischen militärischen<br />

Brauchtum hat es mehrfach gegeben: so vor 1813 die neuen Uniformen und Regimentsfahnen<br />

und im Kriege z. B. die Aufstellung einer Schwadron Garde-Kosaken, das dreifache<br />

Hurra <strong>der</strong> Truppen, die Einführung <strong>der</strong> Morgen- und Abendandacht sowie die Form des<br />

Siegesdankes im Felde sowie auch die religiöse Ausgestaltung <strong>der</strong> Kriegsdenkmünzen.<br />

18 Preußische Anekdoten/ hrsg. von Herbert Blank (Schriften zur Nation, 22). Bd. I. Oldenburg<br />

o. J., 17.<br />

19 Sehr informativ ist <strong>der</strong> zusammengeführte Fundus von Pfarrakten im Domstiftsarchiv<br />

Brandenburg (Havel).<br />

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Moralische Mobilisierung<br />

Friedrich Schleiermachers Predigten als Beitrag zum preußischen<br />

Befreiungskampf im Jahre 1813 1<br />

Von Matthias Wolfes<br />

Moralische Mobilisierung<br />

Friedrich Schleiermacher war ein eminent politisch denken<strong>der</strong> Mensch. Das ist<br />

kein Umstand, <strong>der</strong> erst in letzter Zeit ins Bewußtsein getreten wäre. Er selbst hat<br />

Anlaß genug gegeben, ihn in den diversen Bereichen seines Wirkens, als Theologe,<br />

Philosoph und Geistlicher, so wahrzunehmen. In seinen mehrmals vorgetragenen<br />

Vorlesungen über »Staatslehre« (o<strong>der</strong> »Politik«), vor allem aber bei einer Vielzahl<br />

von Predigten in den Gottesdiensten <strong>der</strong> Berliner Dreifaltigkeitskirche hat er sich<br />

einem großen Zuhörerkreis als politischer Kopf präsentiert, <strong>der</strong> das klare Wort nicht<br />

scheut. Daß er wie<strong>der</strong>holt in das Visier behördlicher Beobachtung und Nachforschung<br />

geriet, blieb nicht unbekannt, und vollends die vertrauteren Gesprächs- und<br />

Korrespondenzpartner haben ihn zu allen Zeiten in diesem Sinne erlebt.<br />

I Schleiermacher und die Politik<br />

In <strong>der</strong> Nachwirkung aber und beson<strong>der</strong>s auch aus heutiger Sicht überwiegt sein<br />

Einsatz im Jahr <strong>der</strong> antinapoleonischen Erhebung alles an<strong>der</strong>e bei weitem. Es<br />

handelt sich um eine rezeptionsgeschichtliche Fixierung, die früh eingesetzt hat,<br />

im beginnenden 20. Jahrhun<strong>der</strong>t noch einmal verstärkt worden ist und sich seither<br />

nur schwer korrigieren läßt. Dafür gibt es auch Gründe, die Schleiermacher selbst<br />

zu verantworten hat.<br />

Seine staatstheoretische Konzeption ist, obwohl von ihm nicht mit allzu hohen<br />

systematischen Ansprüchen versehen, doch zu vielschichtig, vielleicht in sich auch<br />

zu wenig überzeugend und jedenfalls in <strong>der</strong> Darstellung nicht markant genug gewesen,<br />

als daß sie größere Spuren hätte hinterlassen können. Sogar im Schülerkreis<br />

stand sie nicht hoch im Kurs. Bei näherer Betrachtung zeigen sich auch inhaltliche<br />

Schwächen. Eine gewisse Realitätsferne und programmatische Übersteigerung<br />

wird bei ihm, an<strong>der</strong>s als bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel, nicht durch den zusammenhaltenden<br />

Zug des Gedankens ausgeglichen (wie es des großen Wi<strong>der</strong>parts<br />

Idee von <strong>der</strong> freiheitsverbürgenden Funktion vernunftgegründeter Institutionen<br />

ist). Wahrscheinlich hat Schleiermacher auch deshalb – und nicht nur wegen mehr<br />

äußerer Hemmnisse – keine an<strong>der</strong>e Form <strong>der</strong> Mitteilung über die politiktheoretische<br />

Thematik gesucht als den rein akademischen Vortrag.<br />

1 Vortrag bei <strong>der</strong> wissenschaftlichen Tagung des Vereins für Kirchengeschichte <strong>der</strong> Kirchenprovinz<br />

Sachsen zum Thema »Kirche, Krieg und nationaler Aufbruch im Jahr 1813« am<br />

11. und 12. Oktober 2013 in Möckern bei Magdeburg.<br />

57


Matthias Wolfes<br />

Was seine Vorstellungen von <strong>der</strong> konkreten Gestaltung <strong>der</strong> staatlichen Verhältnisse<br />

betrifft, insbeson<strong>der</strong>e die reichsweite Einigung <strong>der</strong> deutschen Bevölkerungsteile<br />

zu einer mo<strong>der</strong>nen Nation, repräsentiert in einem deutschen »Kaisertum«, so ist es<br />

zwar gerade diese Vision, die ihn im Krisenjahr <strong>der</strong> Erhebung beseelt hat. Doch hat<br />

er sie nicht zum Gegenstand öffentlicher Äußerungen gemacht, nicht einmal in <strong>der</strong><br />

Staatslehrevorlesung des Sommersemesters 1813. 2<br />

Auch hier lassen sich Gründe für den Verzicht nennen: in erster Linie die Anspannung,<br />

in die Schleiermacher sich ohnedies im preußischen Krisenjahr versetzt<br />

sah. Denn alles an<strong>der</strong>e, jede radikalreformerische Rede, wäre von offizieller Seite<br />

als schwere Provokation aufgefaßt worden. In <strong>der</strong> fragilen Lage, in <strong>der</strong> sich das<br />

militärisch und politisch gedemütigte, bis an den Rand seines Bestehens gebrachte<br />

preußische Reststaatswesen befand, hätten Töne solcher Art sofort Alarm ausgelöst<br />

und den Sprecher ernsthaft bedroht – eine Erfahrung, die Schleiermacher dann in<br />

den Jahren nach 1817 tatsächlich selbst machen mußte.<br />

Doch die wirkungsgeschichtlich dominante Würdigung Schleiermachers als<br />

eines »patriotischen Predigers«, zumal mit den entsprechenden nationalpolitischen<br />

Konnotationen <strong>der</strong> Wendezeit vom 19. zum 20. Jahrhun<strong>der</strong>t, wird ihm nicht gerecht. 3<br />

Bereits <strong>der</strong> enge Freund <strong>Hein</strong>rich Steffens, ein Philosoph und Naturforscher, hatte<br />

1842 im sechsten Band seiner »Erinnerungen« geschrieben:<br />

58<br />

»Sein Entschluß, sich für das schmachvoll gedrückte Vaterland zu opfern, hatte damals<br />

eine ansteckende Gewalt und unterhielt die kühne Gesinnung, die entschlossen war, nicht<br />

bloß bessere Zeiten unthätig zu erwarten, son<strong>der</strong>n auch, wo sich die Gelegenheit darbot,<br />

durch die That herbeizuführen. Sein mächtiger, frischer, stets fröhlicher Geist war einem<br />

kühnen Heere gleich in <strong>der</strong> trübsten Zeit. Denn die Kräfte, die er in Bewegung setzte,<br />

waren keine vereinzelten, beschränkter Art, es waren die tiefsten und edelsten des ganzen<br />

Menschen in <strong>der</strong> höchsten, Alle durchdringenden Einheit.« 4<br />

Bei aller pathetischen Tönung hat Steffens hier mit dem Stichwort »Einheit« tatsächlich<br />

das zentrale Motiv von Schleiermachers kriegsrednerischem Engagement<br />

getroffen.<br />

2 Diese vierstündige Vorlesung ist als »philosophische Staatslehre« (»Doctrinam de re publica<br />

philosophice«) angekündigt worden. Genaue Angaben über Anfangs- und Schlusstermin<br />

sind nicht überliefert. Schleiermacher las vor sieben Hörern. Insgesamt liegen <strong>der</strong>art wenige,<br />

zum Teil auch nur unsicher zuzuordnende Zeugnisse zu <strong>der</strong> Vorlesung vor, dass sie von <strong>der</strong><br />

älteren Forschung nicht einmal als Faktum wahrgenommen worden ist. Die Materialien<br />

finden sich jetzt in: Friedrich Schleiermacher: Vorlesungen über die Lehre vom Staat/<br />

hrsg. von Walter Jaeschke (Kritische Gesamtausgabe. Abteilung II.8). Berlin; New York<br />

1998, 3-52.<br />

3 Siehe Johannes Bauer: Schleiermacher als patriotischer Prediger: ein Beitrag zur Geschichte<br />

<strong>der</strong> nationalen Erhebung vor hun<strong>der</strong>t Jahren. Mit einem Anhang von bisher ungedruckten<br />

Predigtentwürfen Schleiermachers (Studien zur Geschichte des neueren Protestantismus;<br />

4). Gießen 1908.<br />

4 <strong>Hein</strong>rich Steffens: Was ich erlebte: aus <strong>der</strong> Erinnerung nie<strong>der</strong>geschrieben. Bd. 6. Breslau<br />

1842, 272.


Moralische Mobilisierung<br />

Und Wilhelm Dilthey, dessen (unvollendet gebliebene) Biographie Schleiermachers<br />

für viele Jahrzehnte maßgeblich gewesen ist, faßte in einer Studie von 1859<br />

zusammen: »Direkter noch wirkte Schleiermacher durch seine Predigten, zu denen<br />

Leute alles Alters und aller Stände sich herzudrängten. Neben den Reden Fichtes<br />

haben diese Predigten am meisten dazu beigetragen, immer neu die nationale Begeisterung<br />

anzufachen.« 5 Für die hier ausgesprochene Sichtweise ließe sich eine große<br />

Zahl weiterer Belege bis in die jüngere Schleiermacher-Literatur hinein beibringen.<br />

Sie hat sich wie ein Schatten über alles gelegt und den tatsächlich innovativen homo<br />

politicus, <strong>der</strong> er war, für die Nachwelt so gut wie unsichtbar gemacht. Aus diesem<br />

Schatten aber gilt es, Schleiermacher zu befreien.<br />

Das ist an sich, geht man auf die Quellen zurück, kein schwieriges Unterfangen.<br />

Sie sprechen eine deutliche Sprache. Doch jenes fatale Interpretationsmuster übt<br />

nach wie vor eine starke Kraft aus, und die neueren Rekonstruktionen mit ihrem<br />

viel weiterreichenden Rahmen und zum Teil überraschenden Horizonterweiterungen<br />

bewirken nur langsam eine sachnähere Einschätzung auch über den Kreis <strong>der</strong><br />

Schleiermacher- und Goethezeitforschung hinaus. Dabei wäre eine solche Revision<br />

in den verschiedensten Kontexten bedeutsam, nicht nur in <strong>der</strong> Theologie, <strong>der</strong><br />

Historiographie, <strong>der</strong> Verfassungsgeschichte o<strong>der</strong> <strong>der</strong> Geschichte des Liberalismus<br />

in Deutschland, son<strong>der</strong>n auch im weiteren kirchlichen und politischen Raum. 6<br />

Denn <strong>der</strong> außerordentliche intellektuelle Rang Schleiermachers ist ja gerade<br />

erst, in den letzten drei Jahrzehnten, wie<strong>der</strong> unverstellt sichtbar geworden, nachdem<br />

eine lange Phase endlich beendet ist, in <strong>der</strong> er vornehmlich als Ahnherr einer mo<strong>der</strong>nistischen,<br />

bildungs- und kulturfixierten Selbstverleugnung des Protestantismus<br />

denunziert worden ist. Der sogenannte »Neuprotestantismus« beginnt zwar nicht<br />

mit ihm (son<strong>der</strong>n mit Pietismus und neologischer Aufklärungstheologie), aber sein<br />

theologisches Denken markiert doch einen Gipfelpunkt, dessen Höhe bisher nicht<br />

überboten worden ist. Schleiermacher ist in erster Linie ein theologischer Visionär<br />

gewesen. Es ging ihm um eine methodisch und sachlich zulängliche Umgestaltung<br />

<strong>der</strong> Theologie als einer verstehenden, das heißt reflexiven Selbstauslegung des<br />

christlichen Bewußtseins. Die Ausstrahlung dieser Vision aber reicht in alle an<strong>der</strong>en<br />

5 Wilhelm Dilthey: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. In: <strong>der</strong>s.: Zur Geistesgeschichte<br />

des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts: Portraits und biographische Skizzen, Quellenstudien und Literaturberichte<br />

zur Theologie und Philosophie im 19. Jahrhun<strong>der</strong>t/ hrsg. von Ulrich Herrmann<br />

(Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften; 15). Göttingen 1970, 17-36, hier: 34 (Erstdruck<br />

unter dem Pseudonym Wilhelm Hoffner: Westermanns Monatshefte 5 [1859], 602-614).<br />

6 Siehe zur staatstheoretischen Konzeption jetzt vor allem Miriam Rose: Schleiermachers<br />

Staatslehre (Beiträge zur historischen Theologie; 164). Tübingen 2011. Zum Gesamtbild von<br />

Schleiermachers politischem Einsatz siehe Matthias Wolfes: Öffentlichkeit und Bürgergesellschaft:<br />

Friedrich Schleiermachers politische Wirksamkeit. 2 Bde. (AKG; 85.1 und 85.2).<br />

Berlin; New York 2004. Nähere Ausführungen zu dem im vorliegenden Aufsatz erörterten<br />

Sachverhalt finden sich dort im vierten Teil »Das Jahr 1813« (ebd Bd. 1, 324-373).<br />

59


Matthias Wolfes<br />

Bereiche gedanklicher Selbst- und Weltdeutung hinein, auch in den <strong>der</strong> politischen<br />

Thematik.<br />

Aus diesem weiten Kontext konzentriere ich mich auf einen eng umgrenzten<br />

Einzelaspekt: die Predigten des Jahres 1813, und auch hieraus wie<strong>der</strong>um nur auf<br />

einen einzigen Text. Dies letztere allerdings geschieht notgedrungen, da die Überlieferungssituation<br />

keine an<strong>der</strong>e Möglichkeit offenläßt. Zwar liegen Hinweise auf<br />

weitere Predigten des Jahres vor, aber keine Texte. 7<br />

Schleiermacher will auch in seiner Rolle als Prediger mehr leisten als eine<br />

enggeführte Interpretationslinie erkennen läßt. Es geht ihm nicht lediglich darum,<br />

mit den ihm gegebenen Mitteln an <strong>der</strong> militärischen Mobilisierung mitzuwirken.<br />

Zwar ist das ohne Zweifel sein primäres Ziel in diesen Ansprachen gewesen, und<br />

er war dazu in gewisser Hinsicht als evangelischer Geistlicher sogar verpflichtet;<br />

es entsprach aber auch seinem eigenen Willen. Doch zugleich ging es ihm darum,<br />

zu einer offenen, ideologisch ungebundenen und selbstkritischen Einschätzung <strong>der</strong><br />

gegenwärtigen Lage beizutragen. Diese Intention geht über das spontane Moment<br />

hinaus.<br />

Das eindimensionale Modell des »patriotischen Predigers«, zu dem Schleiermacher<br />

seit dem Sommer 1806 sich entwickelt habe, nimmt genau dies nicht<br />

angemessen wahr. 8 Meine Ausführungen sollen helfen, das deutlich zu machen. Im<br />

folgenden möchte ich kurz die Situation schil<strong>der</strong>n, in <strong>der</strong> Schleiermacher sich im<br />

Frühjahr 1813 befunden hat. Im Mittelpunkt steht dann die Predigt vom 28. März.<br />

Ich fasse den Gedankengang zusammen, versuche die Eigenart <strong>der</strong> Argumentation<br />

durchsichtig zu machen, werfe aber auch einen Blick auf die unmittelbare Wirkung,<br />

die sie gehabt hat. Am Schluß gehe ich mit einigen wenigen Bemerkungen auf die<br />

Bedeutung von Schleiermachers politischer Konzeption ein.<br />

60<br />

7 Belegen lässt sich, dass Schleiermacher neben dem 28. März – um die an diesem Tag<br />

gehaltene Ansprache geht es im Folgenden – am Karfreitag, dem 16. April, am ersten und<br />

zweiten Ostertag, dem 18. und 19. April, am Bußtag, dem 12. Mai, sowie am 12. September,<br />

am 10. Oktober und am 7. November im Gottesdienst gesprochen hat. Hinweise auf<br />

einzelne weitere Predigten im Frühjahr und Sommer liegen in brieflichen Äußerungen vor.<br />

Am Sonntag Misericordias Domini, dem 2. Mai, hielt er eine Dankpredigt für die Siege <strong>der</strong><br />

verbündeten Armeen bei Möckern und Gommern; <strong>der</strong> Text ist nicht überliefert. Am 27. Mai<br />

trug er eine Abendpredigt, am Pfingstfest eine Festtagspredigt vor. Ein privates Schreiben<br />

sowie eine behördlich verwendete Inhaltsübersicht dokumentieren eine Predigt vom 14.<br />

Februar. Weitere Hinweise finden sich in Briefen an die Gattin vom 9. und 19. Juni. Für<br />

das Jahresende sind überdies zwei Predigten bezeugt.<br />

8 Infolge <strong>der</strong> kriegerischen Ereignisse samt Universitätsschließung, die Schleiermacher in<br />

Halle, seinem damaligen akademischen Wirkungsort, miterlebt hatte, war es zu einem Politisierungsschub<br />

gekommen, <strong>der</strong> sich in ersten dezidiert politisch ausgerichteten Predigten<br />

nie<strong>der</strong>geschlagen hat. Siehe dazu die zusammenfassende biographische Schil<strong>der</strong>ung von<br />

Simon Gerber: »… es scheint wirklich Ernst zu werden. Gott sei Dank.«: Politik, Krieg<br />

und Zeitdeutung in Schleiermachers Hallenser Briefwechsel. In: Friedrich Schleiermacher<br />

in Halle 1804 – 1807/ hrsg. von Andreas Arndt. Berlin; Boston 2013, 115-130.


Moralische Mobilisierung<br />

II Die Situation im Frühjahr 1813<br />

Seit dem Regierungsantritt Karl August Hardenbergs (4. Juni 1810) überwog bei<br />

Schleiermacher eine negative Beurteilung <strong>der</strong> politischen Lage. Am 2. Januar 1813<br />

schrieb er seinem Vertrauten, dem Grafen Alexan<strong>der</strong> zu Dohna: »Meine Ansicht<br />

über die neuesten Vorfälle, glaube ich, kennen Sie. Nichts kann uns helfen, wenn<br />

wir in unserer erbärmlichen Passivität und innern Nichtigkeit verharren, und ich<br />

halte nun erst den Staat recht gründlich für verloren und für ebenso unfähig als unwürdig,<br />

in seiner gegenwärtigen Form die Stellung in Deutschland und in Europa<br />

anzunehmen, die ich eigentlich immer als seine wahre Bestimmung ansah.« »Das<br />

arme Preußen! ich möchte meine blutigen Thränen weinen, wenn ich daran denke.« 9<br />

Drei Wochen später heißt es in einem Brief an den Freund Joachim Christian Gaß:<br />

»[…] wenn unser Cabinet noch einen Monat unentschieden bleibt, so geht die ganze<br />

Sache, wenigstens ganz Deutschland zum Teufel.« 10 Bei wem für diese Situation<br />

»die Schuld« liege, will Schleiermacher unerörtert lassen, »denn ich bekümmere<br />

mich um die ganze Nachtseite des Geschäftsganges gar nicht«. 11<br />

Dies än<strong>der</strong>te sich erst zur Jahreswende 1812/13 als er sich allmählich aus tiefer<br />

Mutlosigkeit herausarbeitete. Nun setzte eine Phase ein, in <strong>der</strong> »<strong>der</strong> Krieg und die<br />

Politik« »die meiste Zeit« in Anspruch nahm. 12 Den Ausgangspunkt bildete die große<br />

militärische Nie<strong>der</strong>lage Napoleons in Rußland. Allen zeitgenössischen Beobachtern<br />

in Preußen war klar, daß mit diesem sensationellen Geschehen die Stunde für den<br />

Ausbruch aus <strong>der</strong> französischen Umklammerung gekommen war. Doch weigerten<br />

sich König und Regierung zunächst noch, die nunmehr angezeigten Schritte zu<br />

unternehmen. Für Schleiermacher dagegen war die Entscheidung des Generalgouverneurs<br />

David Ludwig Graf Yorck, am 30. Dezember 1812 die Konvention von<br />

Tauroggen abzuschließen, das entscheidende Zeichen zum Neubeginn. 13<br />

Das war sie in <strong>der</strong> Tat. Zuvor schon hatte <strong>Hein</strong>rich Friedrich Karl vom und zum<br />

Stein (den seine Weigerung zur Mitwirkung am Krieg gegen Rußland 1812 in den<br />

9 Abgedruckt in: Schleiermacher als Mensch: sein Werden und Wirken. [Bd. 2:] Sein<br />

Wirken: Familien- und Freundesbriefe 1804 – 1834/ in neuer Form mit einer Einleitung<br />

und Anmerkungen hrsg. von <strong>Hein</strong>rich Meisner. Mit einem Bilde. Gotha 1923, 148-150, hier<br />

148-149.<br />

10 Brief an Joachim Christian Gaß vom 24. Januar 1813, in: Schleiermacher’s Briefwechsel<br />

mit J[oachim] Chr[istian] Gaß: mit einer biographischen Vorrede/ hrsg. von W[ilhelm]<br />

Gaß. Berlin 1852, 108-109, hier 109. – Gaß war von 1810 an Mitglied des Konsistoriums<br />

<strong>der</strong> Provinz Schlesien und lehrte parallel dazu seit 1811 Praktische und Systematische<br />

Theologie in Breslau. Von dort aus versah er Schleiermacher ständig mit Informationen<br />

über den Verlauf <strong>der</strong> Ereignisse.<br />

11 Brief an Dohna vom 2. Januar 1813, in: Schleiermacher als Mensch (wie Anm. 9), 149.<br />

12 Brief an Henriette Schleiermacher vom 24. Juni 1813, ebd, 198-200, hier 198.<br />

13 Kenntnis von dieser Vereinbarung, die die vorläufige Neutralisation <strong>der</strong> Yorckschen Truppen<br />

vorsah, dürfte Schleiermacher bereits zu Jahresbeginn erhalten haben, obwohl die Berliner<br />

Zeitungen wegen <strong>der</strong> rigiden Zensurgrundsätze erst am 19. Januar davon berichten konnten.<br />

61


Matthias Wolfes<br />

Beraterstab des Zaren geführt hatte) die Zusage des russischen Kaisers erhalten,<br />

Rußland werde den Krieg fortsetzen, um die Wie<strong>der</strong>herstellung Preußens und die<br />

Befreiung Europas zu erreichen. Als Beauftragter des Zaren und begleitet von Ernst<br />

Moritz Arndt erschien <strong>der</strong> Freiherr am 22. Januar 1813 in Ostpreußen, wo er sich erfolgreich<br />

für die Teilnahme <strong>der</strong> Provinz an einer Erhebung gegen Napoleon einsetzte.<br />

Es gelang ihm, einen am 5. Februar in Königsberg zusammengetretenen Landtag zu<br />

einer entsprechenden Entschließung zu bewegen. Diese Ständeversammlung wurde<br />

von Schleiermachers Korrespondenzpartner, dem als Generallandschaftsdirektor<br />

wirkenden Alexan<strong>der</strong> Graf Dohna, geleitet. 14<br />

Auf Vorschlag des zu dieser Zeit in russischen Diensten stehenden Carl von<br />

Clausewitz wurde mit dem Aufbau einer Landwehr begonnen, <strong>der</strong> zwanzigtausend<br />

Mann angehören sollten. Bemerkenswert ist <strong>der</strong> einzigartige Vorgang vor allem<br />

deshalb, weil <strong>der</strong> Beschluß zur Landesbewaffnung ohne königliche Genehmigung<br />

getroffen wurde. Des außerordentlichen Charakters ihres Vorgehens waren sich die<br />

Mitglie<strong>der</strong> <strong>der</strong> Ständeversammlung bewußt. Nach einem Wort Friedrich August<br />

Ludwig von <strong>der</strong> Marwitz’ handelte es sich um »eine kleine Probe <strong>der</strong> Revolution«.<br />

Seine Signalwirkung war beträchtlich. 15<br />

Schleiermacher lobte Yorck uneingeschränkt. An Dohna schrieb er am 23. März:<br />

»Unstreitig verdanken wir <strong>der</strong> Yorckschen Convention und <strong>der</strong> Art, wie diese in Preußen<br />

ist angenommen worden, die ganze schöne Wendung, welche unsere Angelegenheiten<br />

genommen haben. Hätte sich die Nationalstimme über jene That nicht so entscheidend<br />

und kräftig dort ausgesprochen, so würde sie schwerlich diese Folge gehabt haben […].« 16<br />

Yorck erschien ihm als positives Gegenbild zum Staatskanzler, als Retter Preußens.<br />

Mit eigenen Augen verfolgten Schleiermacher und sein Verleger, Georg Andreas<br />

Reimer, am 16. März den Einzug des Helden in Berlin. Brieflich heißt es über das<br />

Erlebnis, man müsse »doch in Freude und Wonne vergehn über die so herrlich sich<br />

entwickelnde Zeit, die auch Menschen, welche schon ganz hoffnungslos waren,<br />

einen neuen Geist einhaucht«. 17<br />

14 Dohna war Präsident des ständischen Ausschusses von Ostpreußen und Litauen.<br />

15 Vgl. Urkunden des Provinzialarchivs in Königsberg und des Gräflich Dohnaschen<br />

Mayorots-Archivs in Schlobitten betreffend die Erhebung Ostpreußens im Jahre<br />

1813 und die Errichtung <strong>der</strong> Landwehr/ hrsg. von Adalbert Bezzenberger. Königsberg<br />

1894; Walter Grosse: Die Entstehung des Landwehrgedankens in Ostpreußen 1812/13. In:<br />

Leistung und Schicksal: Abhandlungen und Berichte über die Deutschen im Osten/ hrsg.<br />

von Eberhard G. Schulz. Köln; Graz 1967, 297-302. – Bereits im Dezember 1812 hatten die<br />

Landstände ihre Unabhängigkeit bewiesen, indem sie die von Yorck vollzogene Auflösung<br />

<strong>der</strong> Waffenbrü<strong>der</strong>schaft mit Napoleon ausdrücklich billigten und ein Kavallerie-Regiment<br />

aufstellten, das fast ausschließlich von ihnen finanziert wurde. Das Regiment wurde von<br />

Carl Graf Lehndorff geführt.<br />

16 Brief an Alexan<strong>der</strong> Graf Dohna vom 23. März 1813, in: Schleiermacher als Mensch (wie<br />

Anm. 9), 150-152, hier 150.<br />

17 Ebd, 150.<br />

62


Gustav Friedrich Dinter (1760-1831)<br />

Sächsischer Pfarrer und deutscher Schul(re)former 1<br />

Von <strong>Markus</strong> <strong>Hein</strong><br />

Gustav Friedrich Dinter (1760-1831)<br />

Vor über 250 Jahren wurde in Borna am 29. Februar 1760 ein Mann geboren, <strong>der</strong><br />

zu seiner Zeit und auch später eine ganze Reihe Ehrennamen bekam, die jedoch<br />

meist nur die eine Seite seines Schaffens beleuchten: die des Pädagogen. Er wurde<br />

als »sächsischer Pestalozzi« 2 bezeichnet, als »Vater <strong>der</strong> Katechese«, 3 als »Vorkämpfer<br />

einer vernünftigen (d. h. auf Vernunft aufgebauten) Reformschule«. Als<br />

»Vater Dinter« ehrten ihn noch 1844 die provinzsächsischen Lehrer <strong>der</strong> sächsischen<br />

Volksschule. 4 Außerdem galt er seiner Zeit als »Begrün<strong>der</strong> des neueren deutschen<br />

Volksschulwesens«. 5<br />

1 Vortrag, gehalten 2010 in Borna, anlässlich des 250. Geburtstages Gustav Friedrich Dinters.<br />

Der Vortragsstil wurde beibehalten. Der Vortrag basiert vor allem auch auf Gustav Friedrich<br />

Dinter: Dinter’s Leben: von ihm selbst beschrieben. Ein Lesebuch für Aeltern und Erzieher,<br />

für Pfarrer, Schul-Inspectoren und Schullehrer; mit einem Fac-Simile. Neustadt an <strong>der</strong> Orla<br />

1829; G. F. Dinter’s Leben von ihm selbst beschrieben: nebst einem Anhange … Mit<br />

Erläuterungen und Kommentaren versehen von Robert Nie<strong>der</strong>gesäß. Wien 1879; Brombach:<br />

Dinter, Gustav Friedrich. In: Pädagogisches Lexikon/ hrsg. von Hermann Schwartz. Bd. 1:<br />

Abhärtung – Exzentrisch. Bielefeld 1928, 1004-1009; <strong>Hein</strong>rich Herzog: Gustav Friedrich<br />

Dinter. HCh 5 (1967), 153-210 – siehe dazu auch: Jürgen Bennack: Gustav Friedrich Dinter:<br />

seinen Bedeutung für Schule und Lehrerstand. Ratingen 1975; Hans Jürgen Fraas: Gustav<br />

Friedrich Dinter. In: Denk-Würdige Stationen <strong>der</strong> Religionspädagogik: Festschrift für Rainer<br />

Lachmann/ hrsg. von Horst F. Rupp und Manfred L. Pirner. Jena 2005, 137-145; Laura Frost:<br />

Gustav Friedrich Dinter (Ostpreußische Volksbücher; 8 = Ostpreußische Leute; 1). Gumbinnen<br />

1907; N.N.: Ein Mann <strong>der</strong> Volksschule. Die Gartenlaube (1860), 100-102. 126-128.<br />

142-144. Einzelne Aspekte werden in neuerer Zeit gefunden bei Werner Greiling: Bücher<br />

für Schüler und Lehrer: Gustav Friedrich Dinter als Lehr- und Schulbuchautor im Verlag<br />

von Johann Karl Gottfried Wagner. In: Schulbücher um 1800: ein Spezialmarkt zwischen<br />

staatlichem, volksaufklärerischem und konfesssionellem Auftrag. Wiesbaden 2015, 97-120;<br />

<strong>der</strong>s.: Verlagsstrategien zur Schulverbesserung und Volksbildung im 19. Jahrhun<strong>der</strong>t: Gustav<br />

Friedrich Dinter und Johann Karl Gottfried Wagner. Leipzig 2017; <strong>der</strong>s.: Kommentierung,<br />

Popularisierung, Trivialisierung?: die neunbändige Schullehrerbibel 1824-1828 von Gustav<br />

Friedrich Dinter. In: Luther auf <strong>der</strong> Wartburg 1521/22: Bibelübersetzung – Bibeldruck –<br />

Wirkungsgeschichte/ hrsg. von Werner Greiling, Uwe Schirmer, Elke Werner (Quellen und<br />

Forschungen zu Thüringen im Zeitalter <strong>der</strong> Reformation; 13). Wien; Köln, 101-128.<br />

2 Kurt Wadewitz: G. F. Dinter: <strong>der</strong> sächsische Pestalozzi. Borna 1936.<br />

3 Schweizerisches Schularchiv: Organ <strong>der</strong> Schweizerischen Schulausstellung in Zürich<br />

3 (1882), 53.<br />

4 Leopold Clausnitzer: Geschichte des Preußischen Unterrichtsgesetzes: mit beson<strong>der</strong>er<br />

Berücksichtigung <strong>der</strong> Volksschule. 2, verm. Auflage Berlin 1891, 119.<br />

5 Encyklopädie <strong>der</strong> Pädagogik vom gegenwärtigen Standpunkte <strong>der</strong> Wissenschaft<br />

und nach den Erfahrungen <strong>der</strong> gefeierten Pädagogen aller Zeiten. Bearb. von<br />

91


<strong>Markus</strong> <strong>Hein</strong><br />

Diese Bezeichnungen sind zweifellos alle richtig und wohl verdient, lassen<br />

jedoch zu sehr im Hintergrund, dass Dinter eben in erster Linie Pfarrer war und als<br />

solcher sich um das Schulwesen, beson<strong>der</strong>s das Volksschulwesen sorgte. Diesem<br />

»Pfarrer« Dinter wollen wir zunächst nachspüren. Immerhin bekleidete er 19 Jahre<br />

seines Lebens das Amt eines Pfarrers, keines davon in Borna, seiner Vaterstadt, aber<br />

auch keines davon in Grimma, seiner Schulstadt. Dabei hatte er durchaus versucht,<br />

in seiner Vaterstadt eine Pfarrstelle zu bekommen.<br />

Im Jahre 1786 verstarb in Borna <strong>der</strong> allseits geachtete Archidiakonus <strong>Hein</strong>rich<br />

Salomo Herrmann. Geboren wurde Herrmann am 4. Februar 1719 in Nie<strong>der</strong>frohna,<br />

wo wie<strong>der</strong>um sein Vater Salomo Herrmann Pfarrer war. Mit 22 Jahren trat er bei<br />

seinem Vater die Substitutenstelle an, ehe er 1745 (sein Vater starb kurz darauf) nach<br />

Benndorf in <strong>der</strong> Nähe von Borna und schließlich 1764 als Archidiakonus, 2. Pfarrer,<br />

nach Borna selbst kam. Hier verblieb er bis zu seinem Tode 1786 – ein typisches<br />

Pfarrerleben im 18. Jahrhun<strong>der</strong>t. Er hatte es bis zum 2. Pfarrer <strong>der</strong> Ephoralstadt<br />

gebracht, die erste Pfarrstelle hatte <strong>der</strong> Superintendent inne.<br />

Erwähnenswert ist dies in zweierlei Hinsicht. Es ist erstens ein Beispiel, wie<br />

das Pfarrerdasein in <strong>der</strong> zweiten Hälfte des 18. Jahrhun<strong>der</strong>ts funktionierte. Wer<br />

eine Pfarrstelle hatte, behielt diese bis zu seinem Tode. Sollte er nicht mehr fähig<br />

sein, sie auszuüben (aus welchem Grund auch immer), bekam er einen Substituten,<br />

<strong>der</strong> ihm die Arbeit abnahm, allerdings auch von ihm unterhalten werden musste.<br />

Beson<strong>der</strong>s häufig war dies <strong>der</strong> Sohn – wie im Falle <strong>Hein</strong>rich Salomo Herrmanns,<br />

<strong>der</strong> bei seinem Vater Salomo Subsitut wurde – o<strong>der</strong> auch <strong>der</strong> Schwiegersohn.<br />

Es gab in <strong>der</strong> damaligen Zeit noch kein festes Gehalt, wie es sich später im Laufe<br />

des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts etablieren sollte. Das Gehalt setzte sich aus verschiedenen<br />

Teilen zusammen, den Gebühren für die Amtshandlungen, den Abgaben <strong>der</strong> Bauern<br />

und <strong>der</strong>en Diensten. Ein Pfarrer – zumal auf dem Lande – war wesentlich stärker in<br />

die Schicksalsgemeinschaft seiner Gemeinde eingebunden als zu späteren Zeiten.<br />

Ihn trafen Missernten o<strong>der</strong> Feuerbrünste ebenso.<br />

Oft folgte <strong>der</strong> Substitut dem Pfarrer in seinem Pfarramt und wurde selbst dort<br />

Stelleninhaber. 6 Bei dem jüngeren Herrmann war es nicht so, noch vor dem Tode<br />

seines Vaters hatte er 1745 in Benndorf eine eigene Pfarrstelle gefunden.<br />

Als er nun 1786 starb – und dies ist <strong>der</strong> zweite Punkt, weshalb ich mit Herrmann<br />

eingestiegen bin – bewarb sich auch Gustav Friedrich Dinter in Borna auf die freigewordene<br />

Pfarrstelle, für den es bereits <strong>der</strong> dritte Versuch war, ein Pfarramt zu<br />

92<br />

einem Vereine praktischer Lehrer und Erzieher. Bd. 1: A-L. Leipzig 1860, 597. – In den<br />

Fachlexika zur Pädagogik bis 1879 zählt Dinter zu den am häufigsten genannten, vgl. Anne<br />

Hild: »Helden und Denker« <strong>der</strong> Pädagogik im Spiegel ihrer Fachlexika von 1774 bis 1945.<br />

Göttingen 2018, 100, die allerdings ebd, 199 auch feststellen muss, dass Dinter in Bezug<br />

auf Pädagogik »heutzutage [eine] eher wenig bis gar nicht thematisierte« Person ist.<br />

6 Siehe hierzu kurz <strong>Markus</strong> <strong>Hein</strong>: Pfarrer. In: »… und das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt«:<br />

Gedächtnismale <strong>der</strong> Martin-Luther-Kirche zu Markkleeberg/ hrsg. von Karl-<strong>Hein</strong>rich<br />

von Stülpnagel und <strong>Markus</strong> <strong>Hein</strong> (HCh-Son<strong>der</strong>bd.; 28). Leipzig 2022, 53.


Gustav Friedrich Dinter (1760-1831)<br />

erlangen. Sein erster Versuch war gescheitert, als er sich direkt beim Konsistorium<br />

in Dresden um eine Stelle beworben hatte und das Konsistorium ihn beschied, erst<br />

einmal das annum Christi (das Alter von 30 Jahren) zu erreichen, vorher bekomme<br />

kein Kandidat eine Stelle. Bei einem zweiten Versuch in <strong>der</strong> Nähe von Borna kam<br />

er zu spät, <strong>der</strong> Patron hatte die Stelle inzwischen an<strong>der</strong>weitig besetzt.<br />

Nun also bewarb Dinter sich in Borna, seiner Heimatstadt. Als Kandidat, also einer,<br />

<strong>der</strong> noch keinerlei Berufserfahrung als Pfarrer hatte, kam für ihn nur die unterste<br />

Pfarrstelle in Frage, in Borna die des Diakonus (des 3. Pfarrers). Üblicherweise war<br />

es so, dass in einer solchen Stadt wie Borna aufgerückt wurde, zumindest bis zur 2.<br />

Pfarrstelle. Aus irgendeinem Grunde jedoch rückte Pfarrer Johann Gottfried Winter<br />

aus <strong>der</strong> dritten Stelle nicht auf o<strong>der</strong> präzieser: Er wurde nicht aufgerückt. Dinter<br />

konnte ihm aber als (lediglich) Kandidat trotz guter Unterstützung in Borna, nicht<br />

vorgezogen werden, so dass auch seine dritte Pfarrstellenbewerbung scheiterte. 7<br />

Die Unterstützung in Borna kam daher, dass Dinter ein richtiges »Bornaer Kind«<br />

war. Sowohl sein Vater als auch seine Mutter, <strong>der</strong>en achtes Kind er war, stammten<br />

aus <strong>der</strong> Stadt. Seine Familie, so schreibt er in seiner Lebensbeschreibung, stammte<br />

ursprünglich aus Irland, von wo sie aus Glaubensgründen ausgewan<strong>der</strong>t sein soll. 8<br />

Urgroßvater Christian Dinter war Sohn eines Crimmitschauer Böttchers gewesen<br />

und von 1671 bis 1722, also 51 Jahre lang, Pfarrer in Gablenz (bei Werdau). Seit<br />

1709 hatte ihn auch schon sein Sohn Wolfgang <strong>Hein</strong>rich Dinter – <strong>der</strong> Großonkel<br />

Gustav Dinters – als Substitut unterstützt, <strong>der</strong> nach seinem Tode 1722 wie<strong>der</strong>um<br />

für 40 Jahre (bis 1762) ebendort das Pfarramt versah. Die Gemeinde Gablenz war<br />

also über 90 Jahre lang in guter Dinterscher Pfarrpflege.<br />

Der Großvater Dinters war von dort nach Borna gekommen und hier Stadtchirurg<br />

und Landrichter gewesen. Sein Sohn, <strong>der</strong> Vater Gustav Friedrich Dinters, war auch<br />

Jurist geworden mit dem Titel eines Kammer-Commissarius und für die Gerichte<br />

verschiedener Grundherren in den Dörfern rund um Borna zuständig. Er verdiente<br />

jährlich 1800 bis 2000 Taler 9 – ein für damalige Verhältnisse sehr gutes Einkommen.<br />

Dinter war also nicht nur ein Bornaer Kind, son<strong>der</strong>n wenn man so will, ein<br />

gut situiertes Kind. Er hat nie Not leiden müssen. Sein Vater unterstützte ihn von<br />

Anfang an. Seine Studienzeit ist in dieser Hinsicht davon gekennzeichnet, dass er<br />

hatte, was er brauchte – wenn es nicht reichte, genügte eine Notiz an den Vater, <strong>der</strong><br />

sofort aushalf. Wie sein Vater interessierte sich Dinter nicht so sehr für das Geld und<br />

schon gar nicht für das Wirtschaften, er ließ dies zeitlebens von an<strong>der</strong>en machen –<br />

und sei es, wie später in Königsberg, durch seinen elfjährigen Pflegesohn Johann<br />

August Köhler, einen Schüler, <strong>der</strong> ganz in die Stapfen seines Lehrers treten sollte.<br />

Dinter wuchs streng auf, Gehorsam war eine <strong>der</strong> Haupttugenden, die <strong>der</strong> Vater<br />

ihm weitergeben wollte. Dinters Mutter, Johanne Josepha, geb. Krüger, war 17<br />

7 G. F. Dinter’s Leben … (wie Anm. 1), 76.<br />

8 Ebd, 1.<br />

9 Ebd, 10.<br />

93


<strong>Markus</strong> <strong>Hein</strong><br />

Jahre jünger als ihr Mann, den sie mit knapp 15 Jahren geheiratet hatte. Sie war die<br />

frühverwaiste Tochter auch eines Rechtsgelehrten in Borna. 10 Sie vermittelte Dinter<br />

seine ersten positiven Erfahrungen mit Schullehrern, denn sie schwärmte immer<br />

wie<strong>der</strong> von ihrem Winkelschullehrer Freiwald. Dieser hatte sie zu einem rationalen<br />

Christentum erzogen, das auch für Dinter prägend sein sollte. Rationales Christentum<br />

hieß, dass eigentlich nichts im Glauben wi<strong>der</strong> die Vernunft gehen könne. Dinter<br />

war ein Kind <strong>der</strong> Aufklärung, in <strong>der</strong> Engel und Teufelsglauben keinen Platz hatten;<br />

alles musste eine rationale Erklärung finden.<br />

Über seine Mutter schreibt er:<br />

»Die schwärmerischen Verzückungen, die weinerlichen Empfindeleien waren ihr fremd,<br />

auf die man in unseren Tagen (Es ist die Zeit <strong>der</strong> ersten Erweckungsbewegungen. MH)<br />

zuweilen so vielen Wert setzt. Sie spielte we<strong>der</strong> mit dem Lamme noch mit dem Satanas.<br />

Aber das Heilige war ihr heilig.« 11<br />

So bekam Dinter durch seine Mutter die theologische Prägung schon als Kind<br />

mit. Dabei hatte seine Mutter relativ viel Zeit, wie er sich erinnert, sich um ihn zu<br />

kümmern. Als er sieben Jahre alt war, gingen die beiden größeren Brü<strong>der</strong> auf die<br />

Fürstenschule nach Grimma, waren also dem elterlichen Haushalt entzogen. Sein<br />

Bru<strong>der</strong> Rudolph wurde zunächst Mitarbeiter, dann Nachfolger seines Vaters in<br />

Borna. Zwei weitere Brü<strong>der</strong> wurden ebenfalls Theologen.<br />

Über die Mutter hinaus wurde in Bezug auf sein späteres Pfarramt und sein theologisches<br />

Verständnis noch <strong>der</strong> Superintendent von Borna, Johann Gottfried Richter,<br />

prägend, <strong>der</strong> mit dem Vater Dinter befreundet war und wohl auch Gustav Friedrichs<br />

Taufpate. Nicht zu vergessen sind die Hauslehrer, bei denen er seine Ausbildung<br />

genoss, ehe auch er nach Grimma aufs Gymnasium kam: Mag. Christian Gottlieb<br />

Stelzner und ein Herr Stecher. Letzterer z. B. gewöhnte Dinter ab, aus Frömmigkeit<br />

geistliche Lie<strong>der</strong> zu dichten, er sah zu viel Eitelkeit dabei. 12<br />

Erst später hat Dinter auch gelegentlich wie<strong>der</strong> gedichtet. Erwähnenswert ist<br />

hier auch, dass er, ehe er mit 13 Jahren Schüler <strong>der</strong> Fürstenschule wurde, noch<br />

Tanzunterricht in seiner Heimatstadt genoss, beim Tanzmeister Holand, von Beruf<br />

Schornsteinfeger. Dinter erinnert eine Kindheit, wie man sie sich – nicht nur damals<br />

– wünschen konnte. Umsorgt und sorglos mit den besten Ausbildungschancen, mit<br />

einem Wort: glücklich.<br />

Diese Kindheit endete dann aber auch so, wie es damals üblich war – ziemlich<br />

abrupt. Am 27. April 1773 bezog Dinter die Fürstenschule in Grimma – gewissermassen<br />

schon eine Tradition, nicht nur die zwei erwähnten Brü<strong>der</strong> waren, son<strong>der</strong>n<br />

auch sein Vater war Schüler dort gewesen. Zeitgleich verließ sein ältester Bru<strong>der</strong><br />

Rudolph die Schule. Durch seine Hauslehrer war Gustav Friedrich überaus gut vor-<br />

10 Ebd, 7.<br />

11 Ebd, 8.<br />

12 Ebd, 27.<br />

94


Gustav Friedrich Dinter (1760-1831)<br />

gebildet, beson<strong>der</strong>s Latein und Griechisch hatten im Vor<strong>der</strong>grund gestanden – eine<br />

gute Voraussetzung für die Teilnahme an einem humanistisch geprägten Gymnasium.<br />

In beide Richtungen seiner späteren Tätigkeit sollte er hier entscheidend geprägt<br />

werden: Zum Einen erhielt er in dieser Zeit den Anstoß, Theologie zu studieren, um<br />

Pfarrer zu werden. Zum An<strong>der</strong>en bekam er die Möglichkeiten und Freuden eines<br />

Lehrers am eigenen Leibe vor Augen geführt und konnte sich selbst darin üben.<br />

Dinters Entschluss, Theologie zu studieren<br />

Warum entschloss sich Gustav Friedrich Dinter überhaupt für das Fach Theologie?<br />

Sowohl <strong>der</strong> Vater als auch die Mutter wünschten, dass ihr Sohn die Rechte studieren<br />

sollte. Beide kamen aus Juristenhaushalten. So ist es nicht verwun<strong>der</strong>lich, dass dies<br />

zunächst auch Gustav Friedrichs Wunsch war, zumindest bis zum 15. Lebensjahr.<br />

Als Knabe hatte er oft interessiert Akten gelesen, die er beim Vater fand. Der Vater<br />

machte auch ganz den Eindruck, dass <strong>der</strong> Beruf eines Richters und Rechtsgelehrten<br />

durchaus erstrebenswert war. Er war nahezu immer fröhlich, hatte immer genug<br />

Geld und es schien, dass diese relative Sorglosigkeit mit dem Beruf zusammenhing.<br />

Zwei Menschen än<strong>der</strong>ten Dinters Sinn während <strong>der</strong> ersten Jahre in Grimma:<br />

Ein älterer Mitschüler auf seiner Stube bat ihn, sich als Hebräisch-Schüler zur<br />

Verfügung zu stellen, weil er, <strong>der</strong> ältere Schüler, so besser lernen würde, wenn er<br />

selbst lehrte. Dinter fand dabei Freude am Hebräischen und wollte es am Ende nicht<br />

umsonst gelernt haben. Als zweiten Menschen, <strong>der</strong> ihm Anstoß gab, nennt Dinter<br />

den Archidiakon Christian Gottlieb Schindler, seinen Beichtvater:<br />

»Seine Predigten bezauberten mich. Es war zuweilen etwas min<strong>der</strong> Deutsches, wie das<br />

schon damals altmodische Wort: Mein, als Ton des Schmeichelns, darin. Aber er entzückte<br />

durch die Herzlichkeit seines Tones, durch den Geist <strong>der</strong> Liebe, <strong>der</strong> das Ganze<br />

beherrschte, durch das Licht, das seine Ideen über meinen Geist ausgossen, meine ganze<br />

Seele. Nein, so predigen, das muß doch wahrhaftig seliger sein und seliger machen, als<br />

Processe führen und Kaufcontrakte schreiben. Ich muß einst auch so predigen lernen!« 13<br />

Die Eltern waren zunächst entsetzt. Der Vater ließ gleich als <strong>der</strong> Brief kam, in<br />

dem Dinter seinen Entschluß mitteilte, das für den Abend angesetzte große Essen<br />

ausfallen – ein Umstand, den <strong>der</strong> gerade zu Gast weilende Organist Otto Scherzer<br />

Dinter später immer wie<strong>der</strong> vorhielt. Letztlich aber akzeptierten die Eltern den<br />

Wunsch und unterstützen ihn, nicht zuletzt finanziell.<br />

Dinters Interesse für Pädagogik<br />

In <strong>der</strong> Fürstenschule ging es sehr streng zu. Nur wenn Jahrmarkt war, durften die<br />

Schüler das Gelände verlassen und in die Stadt gehen. Im Jahr durften sie für acht<br />

Tage nach Hause, Ferien gab es keine.<br />

13 Ebd, 44.<br />

95


<strong>Markus</strong> <strong>Hein</strong><br />

»Der Geist <strong>der</strong> damaligen Gymnasien«, so formulierte es Dinter als prägend in<br />

<strong>der</strong> Erinnerung, war:<br />

»Sprachen müssen das Hauptbildungselement sein. Unter ihrem Einflusse gedeiht die<br />

Kraft. Der religiöse Geist muß vorherrschen. Religiöse Kenntnis nur soviel, wie <strong>der</strong><br />

gebildete Christ braucht, aber Andachtsübung, Anregung des religiösen Sinnes, muß<br />

herrschend hervortreten.« 14<br />

Jeweils drei Schüler verschiedener Klassen waren auf einer Stube (ein Ober-, ein<br />

Mittel- und ein Untergeselle), und füreinan<strong>der</strong> verantwortlich: <strong>der</strong> Obergeselle für<br />

die beiden an<strong>der</strong>en, <strong>der</strong> Mittelgeselle für den Untergesellen. Halbjährlich wurden<br />

die Stuben neu zusammengestellt. Dinter avancierte rasch zu einem gern gehabten<br />

Stubengesellen. Sein pädagogisches Geschick zeigte sich schon hier in <strong>der</strong> Fürstenschulzeit<br />

deutlich. Viele Schüler <strong>der</strong> Unter- und Mittelklassen wollten auf die<br />

Stube des Primaners Dinter gelegt werden, so dass es schon dem Rektor auffiel. Der<br />

klagte: »Nun, ich kann Euch doch nicht alle zu Dintern stecken.« 15<br />

In seiner Rückschau gab ihm die Zeit in Grimma vor allem eines an Erfahrung<br />

mit: »Wißbegierde anregen ist mehr, als Kenntnisse vermitteln.« 16 Nicht die Masse<br />

<strong>der</strong> Kenntnisse, des Ausweniggelernten sei entscheidend, son<strong>der</strong>n, dass <strong>der</strong> Wunsch<br />

nach Wissen geweckt wird und das Handwerkszeug gegeben, diesem Wunsche<br />

nachgeben zu können – Kompetenzvermittlung statt reiner Faktenvermittlung.<br />

In die Grimmaer Zeit fiel auch <strong>der</strong> Tod seiner Mutter, die am 5. Oktober 1778<br />

42jährig während <strong>der</strong> Schwangerschaft ihres 14. Kindes starb. 17 Dinter versuchte<br />

dies vor allem mit dem Schreiben von Gedichten rund um den Tod zu verarbeiten.<br />

Lei<strong>der</strong> ist davon so gut wie nichts überliefert, da ein Brand später nahezu die gesamte<br />

Bibliothek Dinters vernichtete mitsamt seinen Materialen und allem Geschriebenen.<br />

96<br />

Universitätszeit<br />

Nach bestandenen Prüfungen bezog Dinter 1779 die Universität Leipzig. Im Hause<br />

August Wilhelm Ernesti – bei einem Neffen von Johann August Ernesti – fand er<br />

Aufnahme. Letzterer, Pfarrerssohn aus Thüringen, sollte auch als akademischer<br />

Lehrer beson<strong>der</strong>en Einfluss auf ihn haben. Er hatte in Wittenberg und Leipzig studiert<br />

und war zunächst seit 1734 für 27 Jahre Rektor <strong>der</strong> Thomasschule in Leipzig.<br />

1759 wechselte er ganz als Professor <strong>der</strong> Theologie an die Leipziger Universität.<br />

In ihm als Gönner und Unterstützer hatte Dinter einen Professor, dem die Schule<br />

ebenso wie die akademische Lehre am Herzen lag.<br />

Ernestis theologische Kritik, die auch auf Dinter abfärbte, richtete sich beson<strong>der</strong>s<br />

gegen die, die in <strong>der</strong> Heiligen Schrift alles auf die Eingebung des Heiligen Geistes<br />

14 Ebd, 31 f.<br />

15 Ebd, 36.<br />

16 Ebd, 32.<br />

17 Ebd, 51 f.


Franz Blanckmeister als Pfarramtsleiter <strong>der</strong> Dresdner Trinitatisgemeinde<br />

Franz Blanckmeister als Pfarramtsleiter <strong>der</strong><br />

Dresdner Trinitatiskirchgemeinde<br />

Von Carlies Maria Raddatz-Breidbach<br />

Franz Blanckmeister, »einer <strong>der</strong> bekanntesten Köpfe <strong>der</strong> sächsischen Kirchengeschichte<br />

«, 1 verlebte die längste Zeit seiner Amtszeit als Pfarramtsleiter <strong>der</strong> Dresdner<br />

Trinitatiskirchgemeinde. Für ihn war die Pfarramtsleitung <strong>der</strong> Trinitatisgemeinde<br />

die Vollendung seiner Laufbahn. Das Glück, mit seiner siebenköpfigen Familie eine<br />

Wohnung mit Garten in dem mo<strong>der</strong>nen Trinitatis-Pfarrhaus beziehen zu dürfen,<br />

klingt in seinem Artikel über die Trinititatisgemeinde in dem Band »Die Ephorie<br />

Dresden I« <strong>der</strong> sächsischen Kirchengalerie noch an. 2<br />

Die Trinitatisgemeinde, die erst 1886 aus <strong>der</strong> Johannesgemeinde ausgepfarrt<br />

worden war, hatte, als er 1897 seinen Dienst als Pfarramtsleiter antrat, schon Bedeutendes<br />

geleistet: 1894 wurde die Trinitatiskirche eingeweiht, 1896 das Pfarrund<br />

Gemeindehaus. Der erste Pfarramtsleiter, Karl <strong>Hein</strong>rich Nicolai, verstarb über<br />

diesen Anstrengungen. Die Trinitatiskirche war eine <strong>der</strong> elf Kirchen, die zwischen<br />

1856 und 1906 in neu gebildeten Gemeinden errichtet worden waren. Sie sollten<br />

den Notstand <strong>der</strong> Massenparochien beenden, die mit dem rasanten Bevölkerungswachstum<br />

Dresdens entstanden waren.<br />

Nicolais Nachfolger Franz Blanckmeister hatte sich als Schriftleiter des Gustav-<br />

Adolf-Vereins und Vorstandsmitglied dessen Dresdner Hauptvereins bereits einen<br />

Namen gemacht. Die sozialen Probleme und die fortschreitende Entkirchlichung,<br />

die mit <strong>der</strong> Industrialisierung in Dresden einhergingen, hatte er als Erster Anstaltsgeistlicher<br />

am Stadtkrankenhaus Dresden-Friedrichstadt mit dem ihm angeschlossenen<br />

Irren- und Versorghaus und dem Siechenhaus seit 1889 kennengelernt. Diese<br />

Erfahrungen befremdeten ihn zutiefst. Denn sein Bild von Kirche und Gesellschaft<br />

war geprägt von kleinstädtischen Strukturen des Vogtlandes und des Erzgebirges. 3<br />

1 <strong>Stefan</strong> Gerber: »Aber wo und wer sind sie?«: die »127 Katholiken von Dresden« und<br />

die mediale Inszenierung konfessioneller Dissidenz im Sachsen des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts. In:<br />

Medien – Kommunikation – Öffentlichkeit: vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. FS für<br />

Werner Greiling zum 65. Geburtstag/ hrsg. von Holger Böning; Alexan<strong>der</strong> Krünes; Uwe<br />

Schirmer; Hans-Werner Hahn; Werner Greiling; Joachim Bauer. Wien; Köln 2019, 302.<br />

2 Franz Blanckmeister: Die Trinitatisgemeinde in Dresden. In: Die Ephorie Dresden I (Neue<br />

Sächsische Kirchengalerie). Leipzig [1906], 632.<br />

3 Zu Blanckmeisters Lebensweg siehe Carlies Maria Raddatz-Breidbach: Blanckmeister,<br />

Franz Theodor. In: Sächsische Biografie/ hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und<br />

Volkskunde e.V., online: https://saebi.isgv.de/biografie/581 [Zugriff 3.10.2023]; dort auch<br />

weitere Literaturverweise zu diesem Beitrag.<br />

109


Carlies Maria Raddatz-Breidbach<br />

I Lebensweg Blanckmeisters 1858–1897<br />

1 Jugend, Studium, Kandidatenzeit 1858–1881<br />

Blanckmeister wurde am 4. Februar 1858 in Plauen als sechstes von zwölf Kin<strong>der</strong>n<br />

des Königlichen Bezirksarztes Dr. Ludwig Blanckmeister, eines Pfarrersohnes, und<br />

seiner Frau Marie geb. Schuster geboren. Ludwig Blanckmeister war Landarzt, und<br />

die Fahrten mit dem Vater über Land wie die Gespräche mit den im Familienwohnzimmer<br />

wartenden Patienten gaben Franz Einblick in die Nöte <strong>der</strong> unterbürgerlichen<br />

Schichten. Die Anliegen, denen er sein Leben widmen sollte, wurzelten in dieser<br />

Jugendzeit: Den Gustav-Adolf-Verein lernte er als Konfirmand kennen. Auch mit<br />

Geschichte und Genealogie beschäftigte er sich bereits als Gymnasiast lebhaft. Die<br />

Ferien verlebte er im Dorfpfarrerhaushalt seiner Schwester und seines Schwagers<br />

Eugen Theodor Pöschmann in Schönberg bei Brambach. Dies betrachtete er zeitlebens<br />

als »praktische Theologie, wie ich sie im Hörsaale niemals lernen konnte.« 4<br />

Doch 1875 stürzte <strong>der</strong> frühe Tod Ludwig Blanckmeisters seine Familie in wirtschaftliche<br />

Schwierigkeiten. Franz konnte sich dennoch am 20. April 1877 in Leipzig<br />

für Theologie immatrikulieren. Der Plauener Stadtrat stellte ihm regelmäßig ein<br />

Armutszeugnis zur Vorlage in Leipzig aus. Außerdem gelang es ihm 1878 dank<br />

intensiver Studien seiner mütterlichen Familiengeschichte, für fünf Jahre ein Stipendium<br />

<strong>der</strong> Stadt Weimar zu erhalten. Trotz dieser Unterstützung und sehr sparsamer<br />

Lebensführung beliefen sich seine Schulden an gestundeten Kollegiengel<strong>der</strong>n auf<br />

334 Mark, als er am 1. August 1880 sein Studium mit dem 1. Examen beendete.<br />

Blanckmeister trat trotz seiner Armut schon als Student dem Gustav-Adolf-Verein<br />

bei. Bei dessen Präsident Gustav Adolf Fricke hörte er systematische Theologie. Als<br />

»Haus- und Herzensheiligen« 5 verehrte er jedoch zeitlebens den liberalen Kirchenhistoriker<br />

Karl von Hase. 6 Am 2. August 1879 suchte er ihn sogar in Jena persönlich<br />

auf. Ein von Hase für ihn signiertes Bild hing immer in seinem Arbeitszimmer. Bei<br />

dieser Reise hörte er sogar ein Kolleg des faszinierenden Evolutionsbiologen Ernst<br />

Haeckel, <strong>der</strong> die Abkehr vom Christentum predigte. 7<br />

Der Kandidat Blanckmeister verdiente seinen Lebensunterhalt als Lehrer am<br />

Käuffer’schen Institut in Dresden und Betreuer <strong>der</strong> Internatsschüler. Blanckmeister<br />

war Mitglied des Kandidatenvereins des Hofpredigers Rüling und beteiligte sich<br />

an <strong>der</strong> Kin<strong>der</strong>gottesdienstarbeit. Sie hatte Franz Dibelius, damals Pfarrer an <strong>der</strong><br />

Annenkirche, gegen Wi<strong>der</strong>stände in Dresden eingeführt.<br />

110<br />

4 Franz Blanckmeister: Heimatscholle: Jugen<strong>der</strong>innerungen. Dresden 1925, 207.<br />

5 Franz Blanckmeister: Im Pfarrhausfrieden: Amtserinnerungen. Dresden 1935, 30.<br />

6 Zu Hase siehe Magdalena Herbst: Karl von Hase als Kirchenhistoriker (Beiträge zur<br />

historischen Theologie; 167). Tübingen 2012.<br />

7 Zu Haeckel siehe Olaf Breidbach: Der Gegenpapst: über Ernst Haeckels Welt- und Naturanschauung.<br />

In: Welträtsel und Lebenswun<strong>der</strong>: <strong>der</strong> Biologe Ernst Haeckel (1834-1919)/<br />

hrsg. von Hendrik Rö<strong>der</strong>; Maren Ulbrich. Potsdam, 2001, 19-35.


Franz Blanckmeister als Pfarramtsleiter <strong>der</strong> Dresdner Trinitatisgemeinde<br />

Der Betreuung undisziplinierter Schüler und seiner schlecht geheizten Internatsunterkunft<br />

müde, kündigte Blanckmeister schon zu Ostern 1881 beim Käufferschen<br />

Institut. Schönberg, die frühere Gemeinde seines Schwagers, wünschte ihn sich<br />

dringend als Pfarrer. Dort hatte er als Student öfter gepredigt. Dank einer Ausnahmegenehmigung<br />

des Landeskonsistoriums legte er bereits am 13. Mai 1881 das<br />

zweite Examen ab und wurde am 12. Juni ordiniert.<br />

2 Dorfpfarrer im Vogtland 1881–1884<br />

Zum Schönberger Sprengel gehörten auch die Dörfer Hohendorf und Bärendorf.<br />

Außerdem waren die sächsischen Bahnbeamten des böhmischen Nachbarorts Voitersreuth/Vojtanov,<br />

an <strong>der</strong> österreichisch-sächsischen Vogtländischen Staatseisenbahn, zu<br />

Schönberg eingepfarrt. Die Gemeinde bestand überwiegend aus armen Bauern und<br />

Häuslern, die sich als Steinmetze o<strong>der</strong> Bahnarbeiter einen Zuverdienst verschafften.<br />

Mit den Kirchen- und Schulvorstehern und dem Patronatsherrrn Hans Georg Christoph<br />

Freiherr von Reitzenstein verstand Blanckmeister sich gut. Die erfahrenen Amtsbrü<strong>der</strong><br />

des Adorfer Konvents gaben dem Anfänger hilfreiche Ratschläge. Jedoch fand er ihre<br />

strenge Ablehnung des Gustav-Adolf-Vereins, in dem sie mit Lutheranern <strong>der</strong> Altpreußischen<br />

Kirche <strong>der</strong> Union hätten zusammenarbeiten müssen, »eng und kleinlich.« 8<br />

Angesichts <strong>der</strong> Schwierigkeiten protestantischer Gemeinden in Böhmen schien ihm<br />

die Bündelung protestantischer Kräfte gegen den Katholizismus notwendig.<br />

3 Archidiakon an St. Wolfgang zu Schneeberg 1884–1889<br />

Da die Schönberger Vergütung Blanckmeister eine Heirat nicht erlaubte, bewarb er<br />

sich – mit Erfolg – um das Archidiakonat an St. Wolfgang zu Schneeberg, damals<br />

eine Bergstadt von 8000 Einwohnern. 1884 heiratete er Elise Schmidt aus Adorf.<br />

Er gründete einen Jünglingsverein 9 für seine ehemaligen Konfirmanden, <strong>der</strong> sich<br />

wöchentlich in seiner Wohnung traf.<br />

Nun begann seine Karriere als Volksschriftsteller. Mit kirchenhistorischen<br />

Traktaten erreichte er ein breiteres Publikum als als Prediger. Bis 1889 veröffentlichte<br />

er u. a. mehrere Hefte für die Reihe »Für die Feste und Freunde des Gustav<br />

Adolf-Vereins« sowie drei Bände »Alte Geschichten aus dem Sachsenlande.« 10<br />

In dem Volksbuch »Einst und jetzt« legte er 1889 das Ziel seiner publizistischen<br />

Tätigkeit dar:<br />

8 Blanckmeister: Im Pfarrhausfrieden (wie Anm. 5), 72.<br />

9 Zu den Jünglingsvereinen siehe Lucian Hölscher: Geschichte <strong>der</strong> protestantischen Frömmigkeit<br />

in Deutschland. München 2005, 262.<br />

10 Franz Blanckmeister: Alte Geschichten aus dem Sachsenlande. Reihe 1 (Familien-<br />

Bibliothek für’s deutsche Volk; 89). Barmen [1886]; Reihe 2 (Familien-Bibliothek für’s<br />

deutsche Volk; 97/98). Barmen 1887; Reihe 3 (Familien-Bibliothek für’s deutsche Volk;<br />

108/109). Barmen 1888.<br />

111


Carlies Maria Raddatz-Breidbach<br />

»Ich bin nämlich ein unverbesserlicher Liebhaber und Lobredner <strong>der</strong> guten alten Zeit.<br />

Seitdem ich angefangen, alte Bil<strong>der</strong> und Papier zu sammeln, alte Akten und Kirchenbücher<br />

zu studieren, in alten Archiven und Bibliotheken zu stöbern …, seitdem [ist] mir nichts<br />

lieber und angenehmer, als mich hineinzuvertiefen in den Geist jener Zeit, aus <strong>der</strong> uns ein<br />

so ganz an<strong>der</strong>er Geist anweht, als <strong>der</strong> des neunzehnten Jahrhun<strong>der</strong>ts.« 11 – »… Auch ich<br />

bin herzlich froh, … daß wir heute ein bequemeres und in vieler Beziehung menschenwürdigeres<br />

Leben führen können. Aber etwas vermisse ich doch in dieser bequemen Zeit,<br />

nämlich … die Treue und Redlichkeit, die Einfalt und Genügsamkeit, die Bie<strong>der</strong>keit und<br />

Gottesfurcht <strong>der</strong> vergangenen Zeit.« 12 – »Und darum wird’s wohl nicht gerade überflüssig<br />

sein, wenn man den Leuten noch einen Extraspiegel vor das Angesicht hält, nämlich die<br />

Vergangenheit des eigenen Volks, die alte Zeit mit allen ihren Tugenden.« 13<br />

4 Erster Anstaltsgeistlicher am Stadtkrankenhaus<br />

4 Dresden-Friedrichstadt 1889–1897<br />

Nach Jahren in Kleinstädten und auf dem Dorf zog es Blanckmeister in die Residenzstadt<br />

Dresden. Als Arztsohn glaubte er, seine Erfahrungen gut in das Amt des Ersten<br />

Anstaltsgeistlichen am Stadtkrankenhaus Dresden-Friedrichstadt mit Irren- und Versorghaus<br />

und Siechenhaus einbringen zu können. Seine Bewerbung war erfolgreich, doch<br />

sah er sich in Dresden mit Elend ihm bis dahin nicht bekannten Ausmaßes konfrontiert.<br />

Auch die Begegnung mit Sozialdemokraten und Arbeitern, die sich <strong>der</strong> Kirche längst<br />

entfremdet hatten, war ihm neu. Gemeinsam mit dem Zweiten Anstaltsgeistlichen<br />

Karl Mätzold betreute er 1100 Patienten, überwiegend Schwerkranke. Die Seelsorge<br />

an den Geisteskranken bedeutete eine beson<strong>der</strong>e Herausfor<strong>der</strong>ung.<br />

Sein großes Arbeitspensum hin<strong>der</strong>te ihn nicht an schriftstellerischer und an Verbandstätigkeit.<br />

Bereits 1890 warnte er in »Die Pietät und ihre Pflege in Volk und<br />

Haus« vor <strong>der</strong> grundlegenden Gefährdung von Kirche und Staat durch die um sich<br />

greifende »Pietätlosigkeit.« 14 Für sie machte er den Liberalismus, den Rationalismus,<br />

die Sozialdemokratie, die Presse und »Schundliteratur« verantwortlich. Das<br />

Familienleben <strong>der</strong> Arbeiter und Arbeiterinnen, für ihn »das Proletariat, die Entartung<br />

des Bürgerstandes,« 15 kritisierte er scharf, weil sie seiner Meinung nach zu wenig zu<br />

Hause waren und ihre Kin<strong>der</strong> vernachlässigten. Er verlangte von den Familienvätern,<br />

dass sie zur »Familienpietät« durch die Hausandacht, durch die Erforschung <strong>der</strong><br />

Familiengeschichte und den Aufbau einer »Familienbücherei« erzögen.<br />

Mit weiteren Veröffentlichungen reihte er sich in die Tradition <strong>der</strong> als Volksschriftsteller<br />

erfolgreichen Pfarrer des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts ein. Beson<strong>der</strong>s zu erwähnen<br />

11 Franz Blanckmeister: Einst und jetzt: Geschichten aus dem Bürgerleben <strong>der</strong> guten alten<br />

Zeit. Ein Volksbuch, Stuttgart 1889, 3.<br />

12 Ebd, 7.<br />

13 Ebd, 10.<br />

14 Franz Blanckmeister: Die Pietät und ihre Pflege in Volk und Haus (Zeitfragen des<br />

christlichen Volkslebens; 15,6). Stuttgart 1890, 18.<br />

15 Ebd, 33.<br />

112


Franz Blanckmeister als Pfarramtsleiter <strong>der</strong> Dresdner Trinitatisgemeinde<br />

sind hier nur das »Dresdner Reformationsbüchlein« 16 und »Aus dem kirchlichen<br />

Leben des Sachsenlandes«, 1893.<br />

Die christlichen Volksschriften umfassten historische und biographische Erzählungen<br />

sowie Dorf- und Alltagsgeschichten mit heimatgeschichtlichem Hintergrund<br />

und sollten zu Religiosität und Treue zu den überkommenen Herrschafts- und<br />

Sozialstrukturen erziehen. 17 Den geistlichen Volksschriftstellern – wie z. B. dem<br />

Berliner Hofprediger Emil Frommel – und den meisten evangelischen Pfarrern<br />

dieser Zeit war gemeinsam, dass es ihnen an analytischem Potential fehlte, um die<br />

gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen ihrer Zeit einordnen und auf<br />

die Infragestellung durch die mo<strong>der</strong>nen Naturwissenschaften angemessen reagieren<br />

zu können. 18 So boten sie ihrer Leserschaft angesichts großer sozialer Probleme und<br />

eines grundlegenden kulturellen Umbruchs Trost mit Erzählungen, die Frömmigkeitsprofile<br />

und Normen des vorindustriellen, ländlich-kleinststädtischen Milieus<br />

als Modelle verantwortlichen christlichen Lebens anboten. Eine Perspektive für die<br />

Gegenwart eröffneten sie so nicht.<br />

In gewisser Weise war dies ein Gegenprogramm zu dem Reformkonzept Paul<br />

Drews’ – von 1889 bis 1894 Pfarrer <strong>der</strong> Lukaskirchgemeinde. Er gehörte zum<br />

Evangelisch-Sozialen Kongress und sah dessen wichtige Aufgabe darin, »unter<br />

unseren Arbeitern – und unter unseren Gebildeten vielleicht nicht weniger – dem<br />

geistlichen Stand und <strong>der</strong> Kirche wenigstens die Achtung zurückzuerobern.« 19 Dies<br />

war jedoch eine Außenseiterposition.<br />

Blanckmeister hingegen war über die Landeskirche hinaus angesehen. 1896<br />

erreichte er die Genehmigung, den Einband seines Volksbuchs »Sachsenspiegel« 20<br />

mit dem sächsischen Wappen und <strong>der</strong> Krone zu verzieren. 21 Der Titel »Sachsenspiegel«<br />

war sehr ambitioniert. Denn dies ist <strong>der</strong> Titel des »wichtigsten deutschen<br />

Rechtsbuchs des späteren Mittelalters.« 22<br />

Im selben Jahr schlug ihm Oberbürgermeister Otto Beutler vor, sich um die<br />

Leitung des Trinitatispfarramts zu bewerben.<br />

16 Franz Blanckmeister: Dresdner Reformationsbüchlein (Schriften für das deutsche Volk;<br />

11). Halle 1891.<br />

17 Siehe Klaus Müller-Salget: Erzählungen für das Volk: evangelische Pfarrer als Volksschriftsteller<br />

im Deutschland des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts. Berlin 1984, 137 f.<br />

18 Siehe Olaf Breidbach: Philosophisch-naturwissenschaftliche Kritik am protestantischen<br />

Bildungspathos: Anmerkungen zum Umgang mit dem Religiösen im Kontext einer sich<br />

etablierenden Naturwissenschaft. In: Protestantische Bildungsakzente (Reformation heute;<br />

1)/ hrsg. von Christopher Spehr. Leipzig 2014, 115-137.<br />

19 Paul Drews: Die Kirche und <strong>der</strong> Arbeiterstand. Göttingen 1909, 41.<br />

20 Franz Blanckmeister: Sachsenspiegel: Altes und Neues aus dem Sachsenlande in Geschichten<br />

und Lebensern. Ein Volksbuch. Dresden 1897.<br />

21 LKA DD, Best. 12, Nr. 511.<br />

22 Eike von Repgow: Sachsenspiegel, http://www.geschichtsquellen.de/repOpus_02216.html,<br />

2019-04- 01.13.5.2019.<br />

113


Carlies Maria Raddatz-Breidbach<br />

II Pfarramtsleiter <strong>der</strong> Trinitatiskirchgemeinde 1897-1928<br />

1 1897–1914<br />

Seine Bewerbung war erfolgreich. Am 28. Februar 1897 führte ihn Superintendent<br />

Dibelius in sein Amt ein.<br />

1.1 Gemeindearbeit<br />

Zum Pfarramt <strong>der</strong> Trinitatisgemeinde gehörten 1897 die Pfarrer August Robert Müller<br />

und Matteo Johannes Paul Lucchesi, zwei Gemeindediakonissen, je ein Kantor,<br />

Kirchner und Glöckner. Die Trinitatisgemeinde wuchs rasant. 1900 umfasste sie<br />

bereits 38 000 Glie<strong>der</strong> und wurde in fünf Seelsorgebezirke unterteilt. Die Pfarrstellen<br />

waren zur Zeit Blanckmeisters wie folgt besetzt: 23<br />

23 Sächsisches Pfarrerbuch. Bd. 1: Die Parochien und Pfarrer <strong>der</strong> Ev.-luth. Landeskirche<br />

Sachsens (1539-1939). Bearb. von Reinhold Grünberg. Freiberg 1940, 144.<br />

114


Redaktionsbeirat<br />

Jan Brademann (Anhalt), Wolfgang Krogel (Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz),<br />

Volker Gummelt (Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland für die ehemalige<br />

pommersche Landeskirche), Margit Scholz (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland für die<br />

ehemalige provinzsächsische Kirche), Michael Beyer (Landeskirche Sachsens) und Susanne<br />

Böhm (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland für die ehemalige thüringische Landeskirche).<br />

Die »<strong>Herbergen</strong> <strong>der</strong> <strong>Christenheit</strong>« erscheinen in <strong>der</strong> Reihe<br />

»Beiträge zur deutschen Kirchengeschichte« – ursprünglich<br />

»Beiträge zur Kirchengeschichte Deutschlands«.<br />

Gedruckt mit Unterstützung <strong>der</strong> beteiligten Kirchen.<br />

Bibliographische Information <strong>der</strong> Deutschen Nationalbibliothek<br />

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in <strong>der</strong> Deutschen Nationalbibliographie;<br />

detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.<br />

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Jede Verwertung außerhalb <strong>der</strong> Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des<br />

Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbeson<strong>der</strong>e für Vervielfältigungen, Übersetzungen,<br />

Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.<br />

Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.<br />

Cover: Zacharias Bähring, Leipzig<br />

Layout: Institut für Kirchengeschichte <strong>der</strong> Theologischen Fakultät Leipzig<br />

Satz: Felicia <strong>Hein</strong><br />

Druck und Binden: BELTZ Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza<br />

ISBN 978-3-374-07557-7 // eISBN (PDF) 978-3-374-07558-4<br />

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