29.05.2024 Aufrufe

FINE - Das Weinmagazin - 65. Ausgabe - 02/2024

Hauptthema: BORDEAUX Château Lascombes: Frische Luft für einen Klassiker Weitere Themen dieser Ausgabe EDITORIAL Von Könnern und Kritikern NAPA VALLEY Cardinale Winery: Die Blackbox NAPA VALLEY Freemark Abbey: Harte Arbeit und Visionen NAPA VALLEY Lokoya Winery: Das gebirgige Quartett WEIN & SPEISEN Jürgen Dollase isst im Vendôme in Bergisch Gladbach GENIESSEN Der sanfte Berliner Blau von Urstrom Käse UMBRIEN Nibbio della Sala: Das Gipfelwerk PORTRÄT Renzo Cotarella: Der Vertraute des Marchese DIE PIGOTT-KOLUMNE Platzt gerade eine globale Weinblase? CHAMPAGNE Egly-Ouriet: Perlen ohne Allüren CHAMPAGNE Charles Heidsieck: Ein tiefes Verständnis von Zeit CHAMPAGNE Krug × Schiller: Wie man Champagner vertont DAS GROSSE DUTZEND Rosé-Champagner aus der Magnum GESPRÄCH Jeannie Cho Lee MW über den Weinmarkt in Asien SCHWEIZ Die nächste Generation übernimmt – sechs Beispiele PORTRÄT Der streitbare Schreiber und Winzer Armin Diel WEIN & ZEIT Der Weinbau im Burgenland nach dem Ersten Weltkrieg BADEN Schloss Ortenberg: Neuanfang dank Thomas Althoff ABGANG Im Zweifel für das Schweigen

Hauptthema: BORDEAUX Château Lascombes: Frische Luft für einen Klassiker
Weitere Themen dieser Ausgabe
EDITORIAL Von Könnern und Kritikern
NAPA VALLEY Cardinale Winery: Die Blackbox
NAPA VALLEY Freemark Abbey: Harte Arbeit und Visionen
NAPA VALLEY Lokoya Winery: Das gebirgige Quartett
WEIN & SPEISEN Jürgen Dollase isst im Vendôme in Bergisch Gladbach
GENIESSEN Der sanfte Berliner Blau von Urstrom Käse
UMBRIEN Nibbio della Sala: Das Gipfelwerk
PORTRÄT Renzo Cotarella: Der Vertraute des Marchese
DIE PIGOTT-KOLUMNE Platzt gerade eine globale Weinblase?
CHAMPAGNE Egly-Ouriet: Perlen ohne Allüren
CHAMPAGNE Charles Heidsieck: Ein tiefes Verständnis von Zeit
CHAMPAGNE Krug × Schiller: Wie man Champagner vertont
DAS GROSSE DUTZEND Rosé-Champagner aus der Magnum
GESPRÄCH Jeannie Cho Lee MW über den Weinmarkt in Asien
SCHWEIZ Die nächste Generation übernimmt – sechs Beispiele
PORTRÄT Der streitbare Schreiber und Winzer Armin Diel
WEIN & ZEIT Der Weinbau im Burgenland nach dem Ersten Weltkrieg
BADEN Schloss Ortenberg: Neuanfang dank Thomas Althoff
ABGANG Im Zweifel für das Schweigen

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4 197772 520006 <strong>02</strong><br />

CHÂTEAU LASCOMBES<br />

FRISCHE LUFT FÜR EINEN KLASSIKER<br />

Baden Champagne Umbrien Schweiz Winzer-Kritiker<br />

Neuanfang auf Die Häuser Egly-Ouriet Renzo Cotarella und Jetzt sind die Armin Diel, der<br />

Schloss Ortenberg und Charles Heidsieck sein Nibbio della Sala Jungen dran! streitbare Pionier


LIEBE LESERINNEN,<br />

LIEBE LESER,<br />

gibt es in der Weinwelt einen irreführenderen Begriff als »2ème Grand Cru«? Dreist drängt<br />

sich die Ziffer in den Vordergrund, weckt Gedanken an Zweitweine, Zweitwagen, jedenfalls<br />

Zweitrangiges, und lässt einen die Hauptsache, den Grand Cru, fast übersehen. Dabei bewegen<br />

wir uns hier nicht in irgendwelchen Randgebieten der ehrwürdigen Bordeaux-Klassifikation<br />

von 1855, sondern knapp unter ihrem absoluten Gipfel. Nun zählte Château Lascombes zuletzt<br />

wirklich nicht zu den ersten Adressen, die einem zum Médoc einfielen, aber das dürfte sich<br />

dank Axel Heinz jetzt ändern. So selbstverständlich der Ornellaia-Weinmacher aus deutscher<br />

Perspektive als unser Mann in Italien gegolten hat – für den Sohn einer Französin ist der Wechsel<br />

zu Lascombes eine halbe Heimkehr. Zudem kommt er dort einer Idealbesetzung nahe, kennt er<br />

sich doch nach 18 Jahren Masseto mit Merlot aus wie kaum jemand sonst, und wer toskanische<br />

Sommer überstanden hat, den können Hitze und Trockenheit im Bordelais nicht schrecken.<br />

Ein anderer Meister seines Fachs hat sich noch weitaus sesshafter gezeigt: Seit 45 Jahren<br />

ist Renzo Cotarella als Chefönologe für die Güter von Antinori zuständig, und noch immer<br />

gönnt ihm sein Perfektionismus keine Ruhe. <strong>Das</strong> reicht von den großen Linien, wenn er etwa<br />

den Cabernet Franc zur kommenden Leit-Rebsorte erklärt, bis zur monatelangen Diskussion<br />

über das richtige Fass für einen Wein. Wenn so jemand auf eine Leistung »unglaublich stolz«<br />

ist, dann will das was heißen. Der Chardonnay Nibbio, von dem er das sagt, ist seine ureigene<br />

Schöpfung, ein wahres Lebenswerk – die besonderen anderthalb Hektar Land, die Auswahl der<br />

Rebstöcke, die Feinheiten des Ausbaus, alle Details hat Cotarella selber bestimmt.<br />

Vor Renzo Cotarella und Axel Heinz würde wohl jeder, der etwas von Wein versteht, umstandslos<br />

den Hut ziehen. Von der dritten Persönlichkeit mit Langzeitwirkung, die Sie in diesem<br />

Heft porträtiert finden, kann man das nicht behaupten. <strong>Das</strong> liegt schon an Armin Diels heikler<br />

Doppelrolle. Ein Winzer als Weinkritiker, ein Weinkritiker als Winzer: Wie man es dreht, man<br />

ahnt das Konfliktpotenzial. Es liegt aber auch daran, dass Diel diese Rolle stets, wie man so sagt,<br />

meinungsfreudig, machtbewusst und mit offensichtlicher Lust am Streit ausgefüllt hat, und längst<br />

nicht jeder seiner zahlreichen Feinde war einfach nur überempfindlich. Andererseits hat Diel als<br />

oft giftiger Rezensent wie als Mitglied im VDP-Präsidium viel für den deutschen Wein geleistet<br />

und das Bewusstsein für Qualität geschärft, sonst hätte ihm <strong>FINE</strong> gewiss keine Bühne als Autor<br />

geboten. Inzwischen geht er es ruhiger an und spielt sogar mit Helmut Dönnhoff Skat, obwohl<br />

der einst einen offenen Brief unterzeichnet hat, den Diel lieber nie gelesen hätte. Die Schlüs sel<br />

zum Schlossgut Diel hat der Senior bereits vor Jahren seiner Tochter Caroline überlassen.<br />

Gleich ein halbes Dutzend Generationswechsel hat Peter Keller in seiner Schweizer Heimat<br />

für uns in Augenschein genommen – verheißungsvolle Aussichten quer durch die eidge nössischen<br />

Anbaugebiete. Als hingegen Thomas Althoff 2<strong>02</strong>1 nach Jahrzehnten an der Spitze der deutschen<br />

Gourmet-Hotellerie das badische Schloss Ortenberg pachtete, bestand er auf Kontinuität. Also<br />

ist die bewährte Mannschaft komplett im Haus geblieben und genießt ambitioniert die neu<br />

gewonnenen Möglichkeiten. Eigentlich war die frühere Bezeichnung Versuchsweingut für<br />

Schloss Ortenberg ja anders gemeint, doch Althoffs Einstieg in die Branche war tatsächlich ein<br />

Experiment. Angesichts der ersten Ergebnisse können wir sagen: Es ist geglückt.<br />

Ihre Chefredaktion<br />

EDITORIAL <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 9


<strong>FINE</strong>AUTOREN<br />

KRISTINE BÄDER Als Winzertochter aus Rheinhessen freut sie sich über die positive Entwicklung ihrer<br />

Heimatregion, wo sie ein eigenes kleines Wein projekt pflegt. Eine besondere Beziehung hat die stu dierte Germanistin<br />

und ehemalige Chefredakteurin des <strong>FINE</strong> <strong>Weinmagazin</strong>s zu den Weinen aus Portugal.<br />

DANIEL DECKERS Die Lage des deutschen Weins ist sein Thema – wenn er nicht gerade als Politikredakteur<br />

der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« über Gott und die Welt zur Feder greift. An der Hochschule Geisenheim<br />

lehrt Daniel Deckers Geschichte des Weinbaus und ­handels. In seinem Buch »Wein. Geschichte und Genuss«<br />

beleuchtet er durch mehr als 3000 Jahre die Rolle dieses unschätzbaren Kulturguts als Spiegel der Zeitläufte.<br />

JÜRGEN DOLLASE hat sich schon als Rock musiker und Maler verdingt; als Kritiker der kulinarischen Landschaft<br />

ist er heute eine feste Instanz. Viel beachtet sind seine Bücher über die Kunst des Speisens: Bei Tre Torri<br />

erschien zuletzt seine »Geschmacksschule«; das visionäre Kochbuch »Pur, präzise, sinnlich« widmet sich der<br />

Zukunft des Essens.<br />

URSULA HEINZELMANN Die Gastronomin und gelernte Sommelière schreibt für die »Frankfurter Allgemeine<br />

Sonntagszeitung«, die Magazine »Efflee« und »Slow Food« sowie Bücher übers Essen und Trinken.<br />

Ihr Buch »China – Die Küche des Herrn Wu« (erschienen bei Tre Torri) liefert tiefe Einblicke in die vielfältige<br />

Kochkunst der Chinesen.<br />

BIRTE JANTZEN In Hamburg aufgewachsen, teilt sie heute ihre Zeit zwischen Deutschland und Frankreich.<br />

Ob in der Haute Couture oder beim Wein: Tex turen und Nuancen sind kein Geheimnis für sie. Wenn sie nicht<br />

gerade in den Weinbergen unterwegs ist, um den Winzern über die Schulter zu schauen, liebt sie es, für Wein zu<br />

begeistern. Birte Jantzen schreibt sowohl in Frankreich als auch in Deutschland und lehrt französischen Wein<br />

an der Hochschule in Geisenheim.<br />

UWE KAUSS In Weinkellern kennt er sich aus: Der Autor und Journalist schreibt seit 20 Jahren über Wein,<br />

etwa für die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«, das <strong>Weinmagazin</strong> »Enos«, »wein.pur«, das »Genuss­<br />

Magazin« in Wien sowie das Internetportal wein.plus. Daneben hat er 16 Sach­ und Kindersachbücher, einen<br />

Roman und zwei Theaterstücke publiziert.<br />

PETER KELLER Ehe er 25 Jahre alt war, ging der Schweizer dem Alkohol aus dem Weg – heute schätzt er<br />

ihn als Geschmacksträger. Als Weinredakteur der »NZZ am Sonntag« pensioniert, betreut er auf der Website<br />

»NZZ Bellevue« weiterhin die Rubrik »Weinkeller«, leitet Weinreisen und ­seminare. Als Weinakademiker<br />

besitzt er das Diplom des Wine and Spirit Education Trust (WSET).<br />

PAUL KERN Im Campingurlaub mit dem Sohn ei nes Weinjournalisten probierte Paul Kern Große Gewächse<br />

aus dem Emaillebecher. Es folgten ein Weingutspraktikum in Südafrika, eine Kochausbildung in ei nem Zweisternerestaurant<br />

und ein Studium der Weinwirtschaft in Geisenheim. Nun schreibt er über Wein und Gastronomie<br />

für diverse Magazine und Führer.<br />

STEFAN PEGATZKY Der promovierte Germanist kam 1999 nach Berlin und erlebte hautnah, wie sich<br />

die Metropole von einer Bier­ zur Weinstadt wandelte. Er schreibt regelmäßig über Wein und Genuss, steuerte<br />

zur Tre­Torri­Reihe »Beef!« den Band »Raw. Meisterstücke für Männer« bei und bereicherte die »Gourmet<br />

Edition – Kochlegenden« um Titel zu Hans Haas, Harald Wohlfahrt und Marc Haeberlin.<br />

STUART PIGOTT Seit der 1960 in London geborene studierte Kunsthistoriker und Maler im Wein – dem deutschen<br />

zumal – sein Lebensthema fand, hat er sich mit seiner unkonventionellen Betrachtungsweise in den Rang<br />

der weltweit geachteten Autoren und Kritiker geschrieben. Sein Buch »Planet Riesling« erschien bei Tre Torri.<br />

RAINER SCHÄFER wuchs in Oberschwaben auf und lebt seit drei Jahrzehnten in Hamburg, wo er über die<br />

Dinge schreibt, die er am meisten liebt: Wein, gutes Essen und Fußball, stets neugierig auf schillernde Per sönlichkeiten,<br />

überraschende Erlebnisse und unbekannte Genüsse.<br />

VERLEGER UND HERAUSGEBER<br />

Ralf Frenzel<br />

r.frenzel@fine­magazines.de<br />

CHEFREDAKTION<br />

info@fine­magazines.de<br />

ART DIRECTOR<br />

Guido Bittner<br />

TEXTREDAKTION<br />

Boris Hohmeyer,<br />

Katharina Harde­Tinnefeld<br />

AUTOREN DIESER AUSGABE<br />

Kristine Bäder, Daniel Deckers,<br />

Jürgen Dollase, Ursula Heinzelmann,<br />

Birte Jantzen, Uwe Kauss, Peter Keller,<br />

Paul Kern, Stefan Pegatzky,<br />

Stuart Pigott, Rainer Schäfer<br />

FOTOGRAFEN<br />

Guido Bittner, Rui Camilo, Leif Carlsson,<br />

Johannes Grau, Marco Grundt,<br />

Alex Habermehl, Arne Landwehr<br />

GRÜNDUNGSCHEFREDAKTEUR<br />

Thomas Schröder (2008–2<strong>02</strong>0)<br />

VERLAG<br />

Tre Torri Verlag GmbH<br />

Sonnenberger Straße 43<br />

65191 Wiesbaden<br />

www.tretorri.de<br />

Geschäftsführer: Ralf Frenzel<br />

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Bora Erdem<br />

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b.erdem@fine­magazines.de<br />

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Die <strong>FINE</strong>­Charta mit den Regeln, nach denen wir<br />

verkosten und bewerten, finden Sie im Internet unter<br />

fine­magazines.de/die­fine­weinbewertung<br />

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht<br />

unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Der<br />

Verlag haftet nicht für unverlangt eingereichte<br />

Manuskripte, Dateien, Datenträger und Bilder.<br />

Alle in diesem Magazin veröffentlichten Artikel<br />

sind urheberrechtlich geschützt.<br />

Worauf warten Sie noch?


FRISCHE LUFT FÜR<br />

EINEN KLASSIKER<br />

ALS AXEL HEINZ VOR GUT EINEM JAHR VON ORNELLAIA<br />

ZU CHÂTEAU LASCOMBES WECHSELTE, WAR KLAR,<br />

DASS MAN VON DEM BORDELAISER 2ÈME GRAND CRU<br />

KÜNFTIG NOCH EINIGES HÖREN WÜRDE. EINE FRAGE IST<br />

IN MARGAUX MINDESTENS SO DRINGLICH WIE ZUVOR IN<br />

BOLGHERI: WIE LASSEN SICH TROTZ KLIMAERWÄRMUNG<br />

AUSDRUCKSSTARKE MERLOTS KELTERN?<br />

Von PAUL KERN<br />

Fotos JOHANNES GRAU<br />

12 <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 BORDEAUX<br />

BORDEAUX <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 13


In Bordeaux tut sich gerade viel, überall werden die Weingüter ökologischer und<br />

grüner. Gerade im Médoc, wo die kiesreichen Böden wenig Feuchtigkeit halten,<br />

sind zwei Fragen allgegenwärtig: Wie lassen sich die Rebberge gegen den Klimawandel<br />

rüsten, und wo genau findet der divenhafte Merlot noch genug Wasser?<br />

Dazu sind die Weine selber in der jüngsten Vergangenheit wieder etwas eleganter<br />

geworden. Besonders spannend ist gegenwärtig Château Lascombes, der neue<br />

Arbeitsplatz von Axel Heinz: Wegen des Personalwechsels lassen sich die Entwicklungen<br />

des Bordelais dort wie im Zeitraffer beobachten.<br />

April 2<strong>02</strong>4 in einem Messezentrum am alten Hafen<br />

von Bordeaux. Unser Besuch bei Heinz ist noch ei nige<br />

Woche hin, doch die Semaine des Primeurs, in<br />

der die Grandes Châteaux ihren 2<strong>02</strong>3er­Jahrgang im Fass<br />

präsentieren, gewährt einen ersten Einblick in das Erstlingswerk<br />

des deutsch­französisch­italienischen Weinmachers. In<br />

unseren Verkostungsnotizen steht hinterher: tolle Balance,<br />

voll im Saft, nicht bitter oder schokoladig, nur dezent erdig –<br />

kein Stil, der stark in die eine oder andere Richtung geht. <strong>Das</strong><br />

passt tatsächlich ziemlich exakt zu dem, was uns Axel Heinz<br />

dann auf Château Lascombes erzählt.<br />

»Ich denke, zu einem 2ème Grand Cru Classé passt ein<br />

klassizistischer Stil viel besser als irgendwelche Extreme«, sagt<br />

der neue Kellermeister, Gutsdirektor und CEO des Traditionshauses<br />

in Margaux. <strong>Das</strong> gelte für den Wein und erkläre zugleich<br />

die Motivation, das Etikett zu ändern – weg von der dezent mo ­<br />

dernisierten violetten Schlossansicht hin zu historisierenden<br />

Lettern in Schwarz, Rot und Gold, die ähnlich wie vor 100 Jahren<br />

das Wappen des Hauses umrahmen. Sonst kümmert sich <strong>FINE</strong><br />

ja recht wenig darum, was auf den Flaschen klebt, aber in diesem<br />

Fall ist eine Ausnahme sinnvoll, veranschaulicht sie doch<br />

den Wandel, den Château Lascombes gerade durchläuft.<br />

Begonnen hatte dieser Umbruch schon einige Monate vor<br />

Axel Heinz’ Ankunft, als das Gut im Jahr 2<strong>02</strong>2 an die ameri ­<br />

kanische Familie Lawrence verkauft wurde. Gaylon Lawrence<br />

Senior hatte sein Vermögen zunächst als Farmer gemacht, spä ter<br />

als Inhaber des weltgrößten Herstellers von Ventilatoren und<br />

Klimaanlagen. Heute investieren die Erben des 2012 ve r storbe<br />

nen Milliardärs zunehmend in Weingüter. In den USA be ­<br />

sitzt die Familie bereits sieben Häuser, darunter seit 2018 das<br />

renommierte Gut Heitz Cellar in St. Helena im Napa Valley.<br />

Viel wurde in der Branche darüber spekuliert, warum Gaylon<br />

Lawrence Jr. für das erste Investment in Europa ausgerechnet<br />

Lascombes ausgewählt hatte. Es erschien eher als Château aus<br />

der zweiten bis dritten Reihe, das ein wenig den Glanz früherer<br />

Tage verloren hatte – und das zu einer Zeit, in der Bordeaux<br />

sei ne Preise abseits der ganz großen Namen immer schwerer<br />

halten kann. Spätestens mit der Verpflichtung von Axel Heinz<br />

wurde klar: Château Lascombes soll wieder ein ganz großer<br />

Name werden und in die erste Reihe mindestens von Margaux<br />

kommen, am besten des gesamten Bordelais.<br />

Den größten Teil seines Lebens hat<br />

Axel Heinz in Frankreich verbracht<br />

<strong>FINE</strong>­Leser sind Axel Heinz in der <strong>Ausgabe</strong> 1/2<strong>02</strong>3 noch in<br />

Bolgheri begegnet: Von 2005 bis 2<strong>02</strong>3 war er das Gesicht und<br />

Gehirn hinter Ornellaia und vor allem dessen Ableger Masseto,<br />

dem wohl besten Merlot Italiens. So selbstverständlich ist Heinz<br />

als deutscher Weinmacher in der Toskana bekannt, dass oft<br />

vergessen wird, dass er als Sohn eines deutschen Vaters und<br />

einer französischen Mutter mehr Lebenszeit in Frankreich verbracht<br />

hat als in jedem anderen Land. In München geboren,<br />

ging er nach der Schule zum Studium nach Bordeaux, lernte<br />

seine Frau kennen und arbeitete für mehrere Châteaux, zuletzt<br />

bis 2005 als Gutsdirektor bei La Dominique in Saint­Émilion.<br />

Nach Bordeaux kommen, heißt für Axel Heinz ein Stück weit,<br />

nach Hause kommen.<br />

Ob er nach Masseto auch woanders hingegangen wäre? Die<br />

USA, wo Lawrence ebenfalls spannende Güter betreibt, seien<br />

aus familiären Gründen keine Option gewesen, und anderswo<br />

in Eu ropa böten nun mal nur wenige Regionen Gutsdirektoren<br />

solche Möglichkeiten: gut ausgebaute Keller, Ressourcen, um<br />

Ideen umzusetzen, und vor allem große Weinberge mit der Pers<br />

pektive, große Weine im großen Maßstab zu keltern. Ein, zwei<br />

perfekte Pièces Grand Cru in Burgund? »Ja, sicherlich schön«,<br />

findet Heinz, »aber auf Dauer auch ein bisschen langweilig.«<br />

Mit der Rückendeckung der Familie Lawrence kann er an<br />

viele Überlegungen aus Masseto­Zeiten anknüpfen.<br />

Eine wesentliche Herausforderung dürfte sein – so ­<br />

wohl damals wie heute –, mit Merlot in Zeiten des Klimawandels<br />

klarzukommen, und ein Vorteil von Axel Heinz ist mit Si ­<br />

cherheit, dass er Erfahrungen aus einem heißeren, trockeneren<br />

Terroir nach Margaux mitbringt. »Ich habe bestimmt ein paar<br />

andere Reflexe«, erzählt er, »und meine Alarmglocken gehen<br />

eher los als bei Kollegen, die das heißere Klima nicht gewohnt<br />

sind.« Als in den ersten beiden Septemberwochen eine Glutwelle<br />

das Médoc überrollte, ließ Heinz Trauben mit eingetrockneten<br />

Bee ren rasch separat lesen und verkürzte für solche Chargen<br />

die Mai schegärung auf gerade einmal zwei Wochen. »Der<br />

typische überreife Ton von Merlot«, erläutert er, entstehe erst<br />

nach dieser Zeitspanne.<br />

Anknüpfend an Masseto, wo 2019 erstmals Cabernet Franc<br />

verwendet wurde, will Axel Heinz den Rebsortenspiegel auf<br />

Château Lascombes allmählich ändern. Merlot soll zwar weiter<br />

Auf gut der Hälfte der Rebfläche von Lascombes<br />

wächst heute Merlot – in kühleren Zeiten war<br />

dies die sicherste Wahl. Jetzt soll sein Anteil auf<br />

etwa ein Drittel reduziert werden<br />

eine wichtige Rolle in der Cuvée spielen, doch eher ein Drittel<br />

als die Hälfte der Rebfläche füllen. »30 bis 40 Prozent unserer<br />

Böden«, meint Heinz, »sind gut für Merlot geeignet. Aber wir<br />

werden ihn in Zukunft nicht mehr auf sehr drainierten, stark<br />

kieshaltigen Böden pflanzen.« Anders als Cabernet Sauvignon<br />

und Cabernet Franc ist Merlot auf eine stetige sowie vor allem<br />

gleichmäßige Wasserversorgung angewiesen. Bestens passen<br />

zur Rebsorte deshalb tonhaltige Böden, die Wasser noch lange<br />

nach den letzten Regenfällen speichern. Solche Böden finden<br />

sich in Saint­Émilion und besonders prominent in Pomerol,<br />

aber auch in flussnahen Lagen im Médoc.<br />

Bodenanalysen haben das Wissen<br />

über die Standortfaktoren präzisiert<br />

Lascombes’ für die Region hohe Merlot­Quote von 51 Prozent<br />

der Rebfläche erklärt sich aus der Geschichte des Weinguts. Mit<br />

130 Hektar ist das Château eines der größten Güter im Médoc und<br />

musste deshalb schon immer Risiken minimieren. Entspre chend<br />

konservativ wurde lange Zeit auf Château Lascombes gepflanzt –<br />

Cabernet Sauvignon nur dort, wo es besonders warm und trocken<br />

war, und überall sonst Merlot, der auch an kühleren Stellen<br />

14 <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 BORDEAUX<br />

BORDEAUX <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 15


DAS GIPFELWERK<br />

WEIT OBEN IN DEN HÜGELN SEINER HEIMAT UMBRIEN HAT RENZO<br />

COTARELLA ENDLICH DEN RICHTIGEN WEINBERG FÜR DEN KÜHLEN,<br />

KLAREN CHARDONNAY GEFUNDEN, DER IHM JAHRZEHNTELANG<br />

VORSCHWEBTE. SEIN NIBBIO IST EIN SEHR PERSÖNLICHER HÖHEPUNKT<br />

IM GRANDIOSEN LEBENSWERK VON ANTINORIS CHEFÖNOLOGEN<br />

Von RAINER SCHÄFER<br />

Fotos THILO WEIMAR<br />

Manches Projekt braucht länger als gedacht, und alle Hindernisse und Komplikationen machen es erst recht<br />

zu einer Herzenssache. Renzo Cotarella ist nicht für große Sentimentalitäten bekannt, aber beim Nibbio<br />

wird mitten im energischen Redefluss seine Stimme kehliger und rauer. Jahrzehnte habe er von diesem<br />

Wein geträumt, und nun, erst seit dem Jahrgang 2019, gebe es endlich diesen einzigartigen Chardonnay aus<br />

Umbrien. »Der Nibbio ist mein Kind«, sagt der Chefönologe und Generaldirektor des Antinori-Imperiums,<br />

»ich habe fast mein ganzes Leben lang an diesen einen Wein gedacht. Seit ich vor 45 Jahren begonnen habe,<br />

Wein zu machen, wollte ich ihn schaffen, vom ersten Tag an wuchs die Idee für den Nibbio in meinem Kopf.«<br />

Um die besonders innige Beziehung von Renzo Cotarella<br />

zu seinem Ausnahme-Chardonnay zu verstehen, muss<br />

man zurückgehen in seiner glanzvollen Karriere. Seine<br />

erste Stelle als Kellermeister trat er auf Antinoris Castello della<br />

Sala in Umbrien an, wenige Kilometer von Orvieto entfernt. Die<br />

mächtige mittelalterliche Festung wacht nahe der Grenze zur<br />

Toskana über eine grüne Hügellandschaft mit längst erloschenen<br />

Vulkanen, Wäldern, Weinbergen, Wiesen und Weizenfeldern,<br />

die am Morgen nur allmählich aus dem Nebel hervortritt<br />

und Kontur annimmt. In diesem beschaulichen Naturambiente<br />

scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Ländereien des<br />

Kastells umfassen stolze 600 Hektar, 200 davon mit Reben<br />

bepflanzt. Die meisten Weinberge liegen neben und über<br />

der prächtigen Burganlage, einige davon sind als Terrassen<br />

angelegt; sie ziehen sich hin bis zum Monte Nibbio. 1979 hatte<br />

Piero Antinori den damals 25-Jährigen angeheuert, der sich<br />

noch keinen großen Namen in der Weinbranche hatte machen<br />

können – eine überraschende und mutige Entscheidung des<br />

gewöhnlich sehr umsichtigen Marchese.<br />

Renzo Cotarella war ganz in der Nähe in Castel Viscardo<br />

als Sohn einer Bauernfamilie aufgewachsen, die das fruchtbare<br />

Land bestellte und auch Reben anbaute. Die Ernte, erinnert<br />

er sich, wurde als schlichter Fasswein getrunken und verkauft.<br />

Hier begann seine Bilderbuchkarriere als weltweit geschätzte<br />

Weinkoryphäe, auch wenn es anfangs gar nicht danach aussah.<br />

Zunächst habe er sich für Chemie interessiert, sich dann<br />

den Agrarwissenschaften zugewandt und schließlich den Wein<br />

entdeckt, doch »in dieser Szene zu arbeiten, konnte ich mir lange<br />

Zeit nicht vorstellen«. Trotzdem fand er dort seine Bestimmung:<br />

Cotarella hat einige der besten Rotweine Italiens geformt, Super-<br />

Toskaner wie Solaia und Tignanello, daneben Maßstäbe für Stil<br />

und Qualität des zeitgemäßen Chianti Classico gesetzt. Aber<br />

Weißwein, sagt der 69-Jährige, stehe auch für seine Herkunft<br />

und seine innige Verbundenheit mit Umbrien. Seit zwei Jahrtausenden<br />

würden dort helle Trauben angebaut, schon die<br />

Etrusker hätten daran ihre Freude gehabt: »Ich bin mit Weißwein<br />

aufgewachsen, davon wurde ich geprägt, damit habe ich<br />

meine ersten Erfahrungen gemacht.« Nur sei Weißwein in Italien<br />

schwieriger zu erzeugen als Rotwein, allein schon wegen<br />

des mediterranen Klimas. Man müsse dabei mehr Parameter<br />

und Details beachten – zumindest, kann man hinzufügen, wenn<br />

man so einen gewaltigen Anspruch hat wie Renzo Cotarella.<br />

Aber der stellt sich gerne komplizierten Aufgaben. Auf<br />

Castello della Sala erfand er den Cervaro della Sala aus Chardonnay<br />

und einer Dosis der lokalen Rebsorte Grechetto, der<br />

noch immer als einer der besten Weißweine Italiens gilt. »Seine<br />

erste große Liebe« nennt ihn der Önologe, und wenn er entscheiden<br />

müsste, welche Flasche Wein er als allerletzte trinken<br />

wolle, dann fiele seine Wahl auf den Cervaro della Sala von 1986.<br />

Mit dem unerwarteten Erfolg dieses Weins begann Cotarella<br />

seine triumphale Laufbahn, und doch war er nicht ganz zufrieden,<br />

was auch in seinem Naturell liegt. In ihm wuchs das Verlangen<br />

Castello della Sala<br />

54 <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 UMBRIEN<br />

UMBRIEN <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 55


DER VERTRAUTE<br />

DES MARCHESE<br />

RENZO COTARELLA HAT MEHR ZEIT MIT PIERO ANTINORI VERBRACHT<br />

ALS MIT SEINER EIGENEN FRAU. ALS CHEFÖNOLOGE UND TECHNISCHER<br />

DIREKTOR IST DER ENTWICKLER VON MEISTERSTÜCKEN WIE CERVARO<br />

DELLA SALA UND MATAROCCHIO AUCH MIT BALD 70 JAHREN NOCH DIE<br />

BESTIMMENDE KRAFT IM GLANZVOLLEN WEINGÜTER-IMPERIUM<br />

Von RAINER SCHÄFER<br />

Fotos THILO WEIMAR<br />

Man kann es drehen und wenden, wie man will, es ändert nichts: Am 16. November wird Renzo Cotarella<br />

70 Jahre alt. Leicht könnte man ihn für jünger halten, auch wenn sein Schnauzer inzwischen grau meliert<br />

ist. Schlank und drahtig, gerne im Rollkragenpullover zum Sakko, tritt Cotarella energisch auf. Ein fester<br />

Händedruck, ein kurzes Messen mit entschlossenem Blick – er steht immer noch unter Spannung, er ist<br />

ein Macher, stets auf dem Sprung. Zu lange über etwas zu sinnieren und dabei die Zeit zu vergessen, das<br />

liegt ihm nicht, zu motivieren und voranzugehen umso mehr. Wenn andere schon für kurze Strecken den<br />

Fahrstuhl nehmen, läuft er die Treppen hoch und runter, als wolle er sagen: Schaut her, ich bin noch gut<br />

in Schuss und habe mächtig Spaß an dem, was ich tue! Und Chefönologe sowie technischer Direktor bei<br />

Antinori zu sein, ist gewiss kein gewöhnlicher Job.<br />

Renzo Cotarella hat alle Hände voll zu tun. Er ist verantwortlich<br />

für Ausrichtung und Stilistik aller Weingüter,<br />

er ist die oberste Instanz, wenn es um den bestmöglichen<br />

Geschmack geht. Er legt die Koordinaten der Weine fest<br />

und entwickelt den Code, der Antinori von anderen Betrieben<br />

unterscheidet. Über verschiedene Kontinente verteilt, unterhalten<br />

die Marchesi Antinori ein beeindruckendes Ensemble an<br />

Gütern, die der 69­Jährige regelmäßig besucht. Seit 650 Jahren<br />

zählt die Familie Antinori zu den größten und erfolgreichsten<br />

Weingutsbesitzern Italiens, zu ihrem Imperium gehören so be ­<br />

rühmte Güter wie Tenuta Tignanello, Tenuta di Pèppoli, Badia<br />

a Passignano, Guado al Tasso, Castello della Sala oder Pian delle<br />

Vigne, dazu kommen Beteiligungen in Kalifornien, Washington,<br />

Chile, Ungarn und Rumänien.<br />

Im Weingut Antinori nel Chianti Classico in Bargino, eine<br />

halbe Stunde südlich von Florenz, verkostet Renzo Cotarella<br />

fast täglich Weine der zahlreichen Güter mit den beiden Önol<br />

o ginnen Dora Pacciani und Sara Pontremolesi, die er gerne<br />

»meine rechte und meine linke Hand« nennt. Der spektakuläre<br />

Gutskomplex, im Oktober 2012 nach siebenjähriger Bauzeit<br />

eröffnet, ist ein Form und Materie gewordener architektonischer<br />

Traum aus Terrakotta, Holz, Cortenstahl und Glas. Bis ins<br />

kleinste Detail ist alles durchdacht, und obendrauf wachsen<br />

Reben für einen Rotwein mit dem passenden Namen La Vigna<br />

sul Tetto, der Weinberg auf dem Dach. Im Jahr 2<strong>02</strong>2 wurde das<br />

Gut von einer internationalen Jury als weltbeste Weinkellerei<br />

auf Platz eins der World’s Best Vineyards gewählt. Antinori<br />

nel Chianti Classico ist die Schaltzentrale des Wein­Giganten:<br />

60 <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 PORTRÄT<br />

PORTRÄT<br />

<strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 61


DIE STUART PIGOTT-KOLUMNE<br />

AM ENDE<br />

DES BOOMS:<br />

PLATZT EINE<br />

GLOBALE<br />

WEINBLASE?<br />

Anfang dieses Jahres landete eine Reihe schlechter Nachrichten vom<br />

rückläufigen Weinverkauf in meinem E-Mail-Postfach. Plötzlich gab es<br />

so viele Prozentangaben im negativen Bereich, dass sie in meinem Kopf<br />

einen Brei aus deprimierenden Zahlen bildeten. Theoretisch könnte man<br />

eine nach der andere analysieren, aber ich glaube, es bringt nicht viel, die<br />

Unterschiede unter ihnen auseinanderzudröseln beziehungsweise sich<br />

die Frage zu stellen, warum das eine Gebiet bloß 15 Prozent weniger Wein<br />

verkauft und ein anderes 35 Prozent. Nur ein Punkt ist relativ klar: Diese<br />

Krise trifft teure Weine heftiger als billige Weine oder Weine mit dem<br />

Ruf, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis zu bieten. Teuer ist plötzlich<br />

unerwünscht, wenn der Wein nicht gerade eine Legende ist.<br />

Sehr schnell fragten manche Mitglieder der Branche,<br />

ob jetzt »die Weltweinblase« geplatzt sei. Demnach<br />

hätte es – mit kurzen Unterbrechungen – seit Anfang<br />

der 1980er-Jahre einen globalen Weinboom gegeben, der in<br />

den letzten paar Jahren in eine Blase gemündet wäre, und die<br />

wäre nun verpuff. Zum ersten Teil dieser Vorstellung kann<br />

ich sagen: Ja, es gab tatsächlich einen großen Weinboom, der<br />

über Jahrzehnte angehalten hat. <strong>Das</strong> weiß ich so genau, weil<br />

der Anfang meiner Karriere als Weinjournalist mit dem Anfang<br />

dieser Hausse zusammenfiel. Ich hätte es nicht besser treffen<br />

können, aber es war nur ein glücklicher Zufall, dank dem ich<br />

diese ganze Entwicklung verfolgen und miterleben konnte.<br />

Es war faszinierend zu sehen, wie zahlreiche Anbaugebiete<br />

und Weinländer aufgestiegen sind, manche davon, beispielsweise<br />

Chile oder Neuseeland, auf spektakuläre Weise. Während<br />

der 70er- und frühen 80er-Jahre wurden dort kaum hochwertige<br />

oder ei genständige Weine erzeugt, daher war der Kontrast<br />

zwischen der rustikalen alten und der charaktervollen neuen<br />

Produktion ziemlich krass. Natürlich war es auch total<br />

spannend, Ende der 80er-Jahre die ersten genialen<br />

Pinots Noirs aus dem kalifornischen Sonoma County<br />

zu verkosten und parallel dazu die Entfaltung des<br />

neuen Geistes in der Toskana zu erleben.<br />

Selbst in längst etablierten Gebieten wie Bordeaux<br />

und Burgund fand ein großer technologischer<br />

und stilistischer Wandel statt, verbunden mit<br />

einem qualitativen Aufstieg. Persönlichkeiten wie<br />

Henri Jayer im burgundischen Vosne-Romanée<br />

und Jacques Thienpont von Le Pin im Bordelaiser<br />

Pomerol haben die Weine ihrer Regionen neu er -<br />

funden und Möglichkeiten geschaffen, die von zahlreichen<br />

Kollegen genutzt wurden. All diese Abläufe<br />

haben <strong>FINE</strong> und mir einen großen Fundus an Storys<br />

geboten, aus dem wir freudig geschöpft haben. Aber<br />

zurück zur »Weinblase«.<br />

Die Wahrheit ist, dass es keine klare Grenze<br />

gibt zwischen ein paar überdurchschnittlich<br />

ergiebigen Lesen und systematischer Überproduktion<br />

– was lange für das eine gehalten wurde,<br />

kann sich plötzlich als das andere entpuppen. Fassweinpreise<br />

sind wichtige Indikatoren für den Zustand<br />

der Branche in unterschiedlichen Gebieten und für<br />

die Wertschätzung diverser Weinkategorien. Man<br />

sollte sie im Auge behalten, wenn man wissen möchte,<br />

wie gut es den Winzern tendenziell geht.<br />

So spricht etwa die Entwicklung der Fassweinpreise<br />

in Australien Bände über den Zustand der ge -<br />

samten Industrie, und sie haben mich gerade schwer<br />

schockiert. Im Juli 2<strong>02</strong>0 kostete ein Liter australischer<br />

Rotwein aus den Rebsorten Shiraz, Cabernet Sauvignon<br />

und Merlot 1,50 Australische Dollar. Im Juli<br />

2<strong>02</strong>3 lagen die Preise für diese Kernsorten der australischen<br />

Weinproduktion durchweg bei nur 60 Cent.<br />

Hauptverantwortlich für diesen fast beispiellosen<br />

Preis verfall sind die gewaltigen Importzölle, mit de -<br />

nen China vor vier Jahren australische Weine belegt<br />

hatte. Aber sie allein erklären ihn nicht, weil für die<br />

Australier auch Europa und Amerika sehr wichtige<br />

Märkte sind. Ende März dieses Jahres hob China<br />

diese Zölle auf, aber nach einer derartig langen Lücke<br />

müssen die Australier ihren Platz auf dem dortigen<br />

Weinmarkt von nahezu Null wieder aufbauen.<br />

Natürlich beziehen sich Fassweinpreise auf den<br />

Bereich der alltäglichen Weine. Bei hochwertigem<br />

Wein ist mein wichtigster Maßstab dafür, ob es<br />

ei ne Überproduktion in einer bestimmten Region<br />

oder Appellation gibt, die Häufigkeit der Sonderangebote<br />

für Endverbraucher. Obwohl momentan<br />

ziemlich viele davon auftauchen, ist die Situation<br />

nicht fundamental anders als vor ein paar Jahren.<br />

Falls es also wirklich eine riesige Weinblase gibt, ist<br />

sie aus meiner Sicht nicht erst kürzlich entstanden.<br />

Die extremen Höhenflüge in ein paar Bereichen,<br />

vor allem bei roten Burgundern und Prestige-Cuvée-<br />

Champagnern, sind Ausnahmen in diesem Bild. Da<br />

sind wohl zwischen Herbst 2<strong>02</strong>0 und Ende 2<strong>02</strong>2<br />

aus geprägte Blasen entstanden und auch geplatzt.<br />

Aber wenn eine Weinkategorie zum ultimativen<br />

Statussymbol für Neureiche aufsteigt, so ist ihre<br />

Entwick lung natürlich nicht vergleichbar mit der<br />

auf dem allgemeinen Weinmarkt; der Kontrast zwischen<br />

den Märkten für Kleinwagen und teure Sportwagen<br />

ist ziemlich ähnlich. Solche Preise am oberen<br />

Rand kommen nur zustande, wenn die Nachfrage<br />

für bestimmte Weine die Produktion um Dimensio<br />

nen übersteigt und dazu eine überzogene Idealisierung<br />

dieser Weine stattfindet. Um das zu ermöglichen,<br />

muss die Realität der Erzeugung durch<br />

Träume er setzt werden, und das beschreibt exakt<br />

die Situation der anspruchsvollen burgundischen<br />

Weine der letzten Jahre. Doch die Erfahrung lehrt,<br />

dass in sol chen Fällen irgendwann das Ganze kippt –<br />

und so ist die Anbetung von Burgund dem »Burgundy<br />

bashing« gewichen, bei dem die Region blindlings<br />

niedergemacht wird.<br />

Guter Wein ist nicht schuld an der<br />

Inflation, doch sie trifft ihn hart<br />

Die Inflation der letzten paar Jahre war für fast jeden<br />

von uns irgendwann schmerzlich spürbar, aber sie<br />

könnte hoffentlich ein Ausnahmephänomen bleiben.<br />

Ihr Hauptgrund lag Lichtjahre vom guten Wein entfernt<br />

im massiven Anstieg der Energiepreise, bedingt<br />

durch den Krieg in der Ukraine und seine Folgen.<br />

Sehr viele Menschen in sehr vielen Ländern haben<br />

seitdem weniger Geld zum Ausgeben und üben<br />

sich in Vorsicht beim Einkaufen, auch beim Wein.<br />

Deutschland ist gewiss nicht das einzige Land, in<br />

dem Wein kein unantastbares Image genießt, das<br />

ihn vor den Inflationsfolgen hätte schützen können.<br />

Nein, bei uns ist der Wein empfindlich exponiert.<br />

Seit einem Jahr fällt die Inflationsrate in Deutschland<br />

beinahe jeden Monat, zuletzt lag sie bei einem<br />

Viertel ihres Spitzenwerts von 8,8 Prozent im Herbst<br />

2<strong>02</strong>2. Diese Tendenz haben die großen Industriestaa<br />

ten gemeinsam, aber in manchen anderen Ländern<br />

wie den USA und Großbritannien lagen und<br />

liegen die Werte deutlich höher als bei uns – kein<br />

Wunder, dass diese Weinmärkte die Folgen der<br />

Infla tion sehr deutlich gespürt haben. Doch an der<br />

Ostküste der USA steigt der Weinverkauf jetzt wieder,<br />

was vielleicht als Erneuerung der guten Zeiten für<br />

die Branche gedeutet werden kann.<br />

Wenn das stimmt, ist dann die Frage nach<br />

der »Weinblase« ad acta gelegt? Jein.<br />

Ich sehe Langzeittrends, die gegen eine<br />

unproblematische Rückkehr zum Boom des späten<br />

20. und frühen 21. Jahrhunderts sprechen. Zum Beispiel<br />

hat sich der Rotweinkonsum in Frankreich<br />

seit 1994 fast exakt halbiert. Ein Teil davon wurde<br />

durch den Aufschwung der Rosés (besonders aus der<br />

Provence) ausgeglichen, und auch das etwas weniger<br />

auffällige Wachstum im Bereich der Crémants, vor<br />

Bei hochwertigem Wein ist mein wichtigster<br />

Maßstab dafür, ob es eine Überproduktion<br />

in einer bestimmten Region oder Appellation<br />

gibt, die Häufigkeit der Sonderangebote für<br />

Endverbraucher. Obwohl momentan ziemlich<br />

viele davon auftauchen, ist die Situation nicht<br />

fundamental anders als vor ein paar Jahren<br />

allem von der Loire, aus Burgund und dem Elsass,<br />

hat einiges aufgefangen. Jetzt aber hat die Rosé-Welle<br />

definitiv ihren Höhepunkt überschritten, so wie jede<br />

Mode erst steigt und dann wieder fällt.<br />

Die Folgen davon sind vor allem bei jenen<br />

großen französischen Anbaugebieten sichtbar, die<br />

sehr viel Rotwein im Basisbereich erzeugen. Jetzt<br />

steht in den Regalen einer französische Supermarktkette<br />

ein roter Bordeaux für 1,60 Euro – ein<br />

klares Zeichen für einen übersättigten Markt, der<br />

nur durch extreme Rabatte zu entlasten ist. Natürlich<br />

sieht die Situation für Spitzen-Bordeaux ganz<br />

anders aus, ist dort aber auch nicht nur rosig, weil<br />

die chinesische Weinblase tatsächlich geplatzt zu<br />

sein scheint: 2<strong>02</strong>3 importierte China gerade mal<br />

ein Drittel des Spitzenwerts von 2018! Und seit der<br />

Markt dort vor 20 Jahren zu wachsen begann, war<br />

roter Bordeaux die wichtigste Weinkategorie des<br />

Landes. <strong>Das</strong> ist noch ein Grund, weswegen ich sicher<br />

bin, dass die Anbaufläche des Bordelais schon ziemlich<br />

bald deutlich schrumpfen wird.<br />

Viele junge Menschen wollen<br />

jede Form von Alkohol vermeiden<br />

Ich fürchte, Deutschland liegt mit dem Schrumpfungsprozess<br />

nur ein paar Jahre hinter Bordeaux,<br />

denn hier vollzieht sich gerade eine ähnlicher Konsumenten-Generationswechsel<br />

wie in Frankreich.<br />

66 <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 DIE PIGOTT-KOLUMNE<br />

DIE PIGOTT-KOLUMNE <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 67


EIN TIEFES<br />

VERSTÄNDNIS<br />

VON ZEIT<br />

CHAMPAGNE CHARLES HEIDSIECK WIRD SELBST NACH 173 JAHREN<br />

NOCH VON SEINEM CHARISMATISCHEN GRÜNDER GEPRÄGT: NIEMAND<br />

SPRICHT IN DIESEM BETRIEB VON HEIDSIECK ODER DER MAISON,<br />

FÜR ALLE GEHT ES NUR UM CHARLES, AUCH FÜR GENERALDIREKTOR<br />

STEPHEN LEROUX UND DIE NEUE KELLERMEISTERIN ELISE LOSFELT<br />

Von KRISTINE BÄDER<br />

Fotos RUI CAMILO<br />

Wer von Charles Heidsieck erzählen will, muss erst mal Klarheit schaffen: Die Geschichte von der Gründung<br />

dieses Champagnerhauses und seiner Verquickung mit den beiden anderen Häusern, die den Namen Heidsieck<br />

tragen, ist etwas kompliziert. Sie begann 1785, als der Deutsche Florenz-Ludwig Heidsieck in Reims die<br />

Firma Heidsieck & Co gründete und sich bald erfolgreich auf die Produktion von Champagner spezialisierte.<br />

Nach seinem Tod brach unter seinen vier Neffen der übliche Streit der Erben aus, der zunächst das Ende von<br />

Heidsieck & Co besiegelte und aus dem – stark verkürzt zusammengefasst – im Laufe der Zeit drei Champagnerhäuser<br />

unter Führung je eines Heidsieck-Nachfolgers entstanden.<br />

Charles-Camille Heidsieck war der Sohn des Neffen Charles-<br />

Henri und eben jener Charles, der 1851 zusammen mit<br />

seinem Schwager Ernest Henriot seinen eigenen Betrieb<br />

gründete, Champagne Charles<br />

Heidsieck. Er soll ein Charmeur<br />

und Geschäftsmann gewesen<br />

sein und eroberte dank diesen<br />

Qualitäten nicht nur den englischen<br />

Markt: Innerhalb kürzester<br />

Zeit brachte er mit Stil und<br />

Ausstrahlung den Amerikanern<br />

das Champagnertrinken bei,<br />

verkaufte innerhalb weniger<br />

Jahre 300 000 Flaschen in die<br />

Staaten und erwarb sich dort den liebevollen Spitznamen Champagne<br />

Charlie. Bis heute prägt diese Persönlichkeit das Haus –<br />

niemand spricht dort von Heidsieck oder der Maison, für alle<br />

geht es nur um Charles.<br />

Der 1861 in den USA ausbrechende<br />

Bür gerkrieg setzte<br />

Charles Heidsiecks Erfolg freilich<br />

ein jähes Ende – nur ein<br />

un erwartetes Erbe konnte den<br />

drohenden Bankrott abwenden.<br />

Bis 1976 blieb Charles Heidsieck<br />

ein familiengeführtes Unternehmen,<br />

danach fusionierte es mit<br />

Champagne Henriot und wurde<br />

78 <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 CHAMPAGNE<br />

CHAMPAGNE <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 79


DAS GROSSE DUTZEND<br />

ROSÉ-CHAMPAGNER<br />

AUS DER MAGNUM<br />

92 <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 DAS GROSSE DUTZEND<br />

DAS GROSSE DUTZEND <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 93


» ICH BIN EIN<br />

GROSSER FAN<br />

VON RIESLING«<br />

JEANNIE CHO LEE, MASTER OF WINE, SPRICHT ÜBER DIE<br />

ENTWICKLUNG DER WEINSZENE IN ASIEN, DIE AUS WIRKUNG<br />

VON ZÖLLEN AUF DIE TRINKKULTUR UND DIE LOHNENDE<br />

MÜHE, SICH AN SÄURE ZU GEWÖHNEN<br />

Von UWE KAUSS<br />

Fotos LEIF CARLSSON<br />

Jeannie Cho Lee wurde in Korea geboren, studierte in den USA und lebt seit über 30 Jahren<br />

mit ihrer Familie in Hongkong. 2008 erlangte sie als erste Asiatin den Titel Master of Wine.<br />

Die Burgund-Expertin schreibt seit vielen Jahren über Wein, unter anderem für »Decanter«,<br />

»Wine Spectator«, »La Revue du vin de France« und »China Business News«. Dazu leitet sie<br />

internationale Verkostungen und arbeitet als Beraterin etwa für Fluglinien, Hotelketten und<br />

die Auktion der Hospices de Beaune. 2<strong>02</strong>2 wurde Jeannie Cho Lee an der Polytechnischen<br />

Universität Hongkong in Philosophie promoviert, bereits seit 2012 lehrt sie dort als Professorin<br />

zum Thema Wein. Zudem verfasste die Autorin drei Bücher: 2010 erschien »Asian Palate«,<br />

2011 »Mastering Wine for the Asian Palate«, und 2019 veröffentlichte sie »The 100 Burgundy«<br />

in einer englischen und chinesischen <strong>Ausgabe</strong>.<br />

Jeannie Cho Lee, Sie leben seit drei Jahrzehnten in Hongkong. Seit wann weiß man dort Wein zu schätzen?<br />

Mitte der 1990er-Jahre zeigten die Menschen in Hongkong und China erstmals Interesse an Wein. Damals gab<br />

es viele Berichte, ein oder zwei Gläser Rotwein seien sehr gut für die Gesundheit und verringerten Herz-Kreislauf-Erkrankungen.<br />

Als diese Nachrichten kursierten, entstanden erste Grüppchen der Wein-Community in<br />

Hongkong und China, besonders aus Menschen, die im Ausland studiert hatten. Hongkong gehörte damals<br />

noch zu Großbritannien, daher lebten dort auch viele Briten, für die Wein ein wichtiger Bestandteil ihrer<br />

Kultur war. So begannen kleine Gemeinschaften von im Ausland ausgebildeten Chinesen und Expats, Wein<br />

zu genießen; innerhalb von zwei, drei Jahren stiegen die Weinimporte auf fast das Doppelte an. Die Gesamtmenge<br />

war noch klein, aber es belegte das Interesse.<br />

98 <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 GESPRÄCH<br />

GESPRÄCH <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 99


NEXT SWISS<br />

GENERATION<br />

SCHWEIZER WEINE HABEN IN DEN<br />

LETZTEN 30 JAHREN MASSIV AN QUALITÄT<br />

GEWONNEN, DANK EHRGEIZIGEN WINZERN<br />

UND WINZERINNEN. JETZT ÜBERNEHMEN<br />

QUER DURCHS LAND DEREN EBENSO<br />

TALENTIERTE NACHKOMMEN DIE LEITUNG –<br />

SECHS VON IHNEN STELLEN WIR HIER VOR<br />

Von PETER KELLER<br />

Fotos ARNE LANDWEHR<br />

Von einer Palastrevolution zu sprechen, wäre wohl etwas übertrieben. Aber das Mémoire des<br />

Vins Suisses (MDVS), der renommierteste Schweizer Winzerverein, erlebte bei der jüngsten<br />

General ver sammlung im März 2<strong>02</strong>4 einen überraschenden Generationenwechsel: Alle bisherigen<br />

Vorstandsmitglieder traten zurück und machten Platz für eine komplett neue Leitung. Im MDVS<br />

sind rund 60 Spitzenbetriebe aus allen sechs Anbauregionen des Landes mit je einem ausgewählten<br />

Wein vertreten. Die Organisation hat den Anspruch, das Reifepotenzial der einheimischen<br />

Crus aufzuzeigen – aufgenommen wird nur, was mindestens zehn Jahre lang lagern kann.<br />

Jetzt sind im Mémoire die Jungen dran – das Präsidium teilen sich neu der 31-jährige Gianmarco<br />

Ofner vom Zürcher Weingut Pircher in Eglisau sowie die 37-jährige Catherine Cruchon-Griggs<br />

von der Domaine Henri Cruchon im Waadtländer Echichens. Der Stabwechsel passt zur derzei tigen<br />

Situation im Schweizer Weinbau: In zahlreichen Betrieben der einheimischen Winzerelite<br />

stehen seit Kurzem Söhne und Töchter an der Spitze, die das Erbe ihrer Eltern behutsam weiterpflegen,<br />

aber dabei innovative Wege beschreiten. Diese Aufgabe ist so reiz- wie anspruchsvoll,<br />

schließlich haben Pioniere wie Daniel und Martha Gantenbein aus der Bündner Herrschaft, Marie-<br />

Thérèse Chappaz aus dem Wallis, Christian Zündel aus dem Tessin oder Jean-Denis Perrochet<br />

aus Neuenburg, um lediglich ein paar Namen zu erwähnen, in den letzten 20, 30 Jahren eine<br />

wahre Qualitäts revolution geschafft.<br />

104 <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 SCHWEIZ<br />

SCHWEIZ<br />

<strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 105


DAS MAGAZIN FÜR WEIN UND GENUSS<br />

Viermal im Jahr richtet <strong>FINE</strong> <strong>Das</strong> <strong>Weinmagazin</strong> einen faszinierenden Blick auf die<br />

großen Weine der Welt – mit wissenswerten Infor mationen, fesselnden Reportagen,<br />

spannen den Porträts, exklu siven Verkostungen und vielem mehr, geschrieben und<br />

recherchiert von sachkundigen, sprachmächtigen Autoren, bebildert mit ausdrucksstarker,<br />

lebendiger Fotografie, präsentiert in groß zügiger, prächtiger Auf machung:<br />

ein unverzichtbares Lesevergnügen für Weinliebhaber, Sammler und Genießer.<br />

<strong>FINE</strong> DAS WEINMAGAZIN 3|2<strong>02</strong>4 erscheint<br />

im September 2<strong>02</strong>4<br />

… voraussichtlich mit diesen Themen: BORDEAUX Château Smith Haut Lafitte<br />

in Pessac-Léognan SAAR Egon Müller-Scharzhof, Inbegriff des süßen Rieslings<br />

PROVENCE Château d’Esclans – eine Reise des guten Geschmacks DAS<br />

GROSSE DUTZEND Der Riesling Clos Sainte Hune von Trimbach im Elsass<br />

TOSKANA Antinori: <strong>Das</strong> Weltreich der Marchesi DIE GLORREICHEN SIEBEN<br />

Großes von Antinori SIZILIEN Gaia und Graci auf der Insel OREGON Lingua<br />

Franca Wines im Willamette Valley WEINHANDEL Der österreichische Gastronomie-Spezialist<br />

Morandell WEINBAU Marco Simonit, der Meister des sanften<br />

Rebschnitts DELIKATESSEN Die Münchner Institution Feinkost Käfer WEIN &<br />

SPEISEN Jürgen Dollase isst im Gourmetrestaurant Löffelspitze des Panoramahotels<br />

Alpenstern im Bregenzerwald WEIN & ZEIT Steiermark – eine Region,<br />

zwei Länder KOLUMNEN von Ursula Heinzelmann und Stuart Pigott<br />

<strong>FINE</strong> DAS WEINMAGAZIN IST ERHÄLTLICH IM AUSGEWÄHLTEN BUCH- UND<br />

ZEITSCHRIFTENHANDEL IN DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH UND DER SCHWEIZ.<br />

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erhalten Sie als Danke schön die Sonderausgaben »New Generation« und<br />

»101 Meisterwerke des Weins«.<br />

Selbstverständlich können Sie auch einzelne <strong>Ausgabe</strong>n nachbestellen oder<br />

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Generation«, »New Generation« und »101 Meisterwerke des Weins« zum<br />

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144 <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 145


<strong>FINE</strong>ABGANG<br />

IM ZWEIFEL FÜR<br />

DAS SCHWEIGEN<br />

Wine of the Year<br />

2<strong>02</strong>3<br />

100/100<br />

Es war alles ganz anders. Als im Januar 2<strong>02</strong>1 Einbrecher aus dem legendären<br />

Keller des Hattenheimer Kronenschlösschens Flaschen von sechsstelligem<br />

Wert gestohlen hatten, da wurde bald der Inhaberfamilie Ullrich und ihrem<br />

Sommelier unterstellt, sie hätten den Diebstahl nur vorgetäuscht und wollten die<br />

Versicherung betrügen. Vermeintlich mussten Insider dahinterstecken; Parallelen<br />

zu ähnlichen Einbrüchen in Spitzenlokale blieben ebenso außer Acht wie der Lockdown,<br />

in dem das Haus so leer gewesen war, dass die Täter fast beliebig Zeit<br />

gehabt hat ten. Spätestens nach einer mehrtägigen Durchsuchung des Kronenschlösschens<br />

meinten viele: »Wenn so viel Polizei da ist, muss ja was dran sein.«<br />

Muss es nicht. Längst sind die Vorwürfe als haltlos fallen gelassen worden,<br />

und gegen drei verhaftete Kriminelle liegen offenbar erdrückende Beweise aus<br />

Handy­Chats vor. Welche Fehler bei den Ermittlungen passiert sein mögen, will<br />

ich nicht bewerten, denn dafür fehlt mir das Wissen über die Details – so, wie es<br />

all denen fehlte, die damals Hans Burkhardt Ullrich, seine Tochter Johanna und<br />

ihr Team verdächtigt haben. <strong>Das</strong> nämlich erscheint mir noch wichtiger als die<br />

vielen Entschuldigungen, die jetzt anstandshalber fällig wären: Unsere Gesellschaft<br />

muss wegkommen vom Hang zur ständigen Anklage und sich auch im Alltag<br />

auf das kostbare Rechtsprinzip der Unschuldsvermutung besinnen. Hinter<br />

der Lust, trotz Unkenntnis zu urteilen, steckt oft der bloße Neid auf diejenigen,<br />

die etwas geschaff haben.<br />

Ihr Ralf Frenzel<br />

Verleger und Herausgeber<br />

146 <strong>FINE</strong> 2 | 2<strong>02</strong>4 ABGANG

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