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Zwischen den Zeilen

Der junge Baron Jupp von Kerckerinck, ein moderner Nachkomme eines uralten Adels, der als Kind eine enge Beziehung zu seinen Eltern hatte, wurde in Nachkriegsdeutschland stark von der amerikanischen Kultur beeinflusst. Jupps Leidenschaft für das Autorennen brachte ihn in den Rennzirkus, aber er hatte noch andere Interessen und suchte das Abenteuer. Er schaffte den Balanceakt zwischen dem traditionellem Adel und einer modernen Lebensführung. Später im Leben entdeckte er das Tauchen durch eine seiner vier Töchter und engagierte sich stark für den Schutz der Meere. Jupp hat Vorträge über Umweltprobleme gehalten und schwamm mehrfach mit Haien, um zu zeigen, dass sie keine gefährlichen Monster sind. Spannend und gut zu lesen!

Der junge Baron Jupp von Kerckerinck, ein moderner Nachkomme eines uralten Adels, der als Kind eine enge Beziehung zu seinen Eltern hatte, wurde in Nachkriegsdeutschland stark von der amerikanischen Kultur beeinflusst. Jupps Leidenschaft für das Autorennen brachte ihn in den Rennzirkus, aber er hatte noch andere Interessen und suchte das Abenteuer. Er schaffte den Balanceakt zwischen dem traditionellem Adel und einer modernen Lebensführung. Später im Leben entdeckte er das Tauchen durch eine seiner vier Töchter und engagierte sich stark für den Schutz der Meere. Jupp hat Vorträge über Umweltprobleme gehalten und schwamm mehrfach mit Haien, um zu zeigen, dass sie keine gefährlichen Monster sind. Spannend und gut zu lesen!

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Baron Jupp

von Kerckerinck

zur Borg

Zwischen

den

Zeilen

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Zwischen

den

Zeilen

Baron Jupp

von Kerckerinck

zur Borg

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Impressum

Herausgeber & Autor:

Jupp von Kerckerinck zur Borg

Konzeption & Layout:

Claus Steinrötter, Ralph Monshausen

Fotos & Abbildungen:

David Cholmondeley, Reza Pahlavi, Ovid Bentheim,

Familien Archiv, Vatikan, Antje Debus, Peter Sauer,

Teresa + Madeleine Kerckerinck, Marco Stepniak,

Forbes Magazin, Jupp Kerckerinck, Ferdi Krähling,

Docma TV, Mike Ellis, Lars Schwellnus, Wolfgang

Leander, Christoph Lefebvre

Veröffentlichung:

Im Netzwerk per E-Book

© 2024 Jupp von Kerckerinck zur Borg, Münster

Alle Rechte vorbehalten,

auch auszugsweise

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Inhalt

Mit auf den Weg

Eine große Familie

Die erfolgreiche Werbeagentur

Frauen die mir imponierten

Freunde für immer

Privat-Audienz beim Papst

Schüleraustausch in die USA

Auf der Heimreise

Glücklich wieder zu Hause

Zum Berghof im Pongau

Zwischen Angst und Neugier

Sommerzeit auf Haus Borg

Der wärmste Platz im Haus

Der Bürger in Uniform

Die wilden Jahre im Motorsport

Lucky Star Ranch

Unterwegs als Aussteiger

Meine Liebe zur Kunst

Tauchen mit Haien

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Mit auf den Weg

Im Märchen kommen die

Prinzen auf weißen Rössern

daher und heiraten

Reinigungskräfte, denen Glasschuhe passen. Ein moderner Spross von

uraltem Geschlecht hat häufig viele Rösser unter der Haube, die er

gelegentlich mit großem Erfolg auf die Rennpisten jagt. Jupp

Kerckerinck hatte Glück und gute Freunde, die ihm den Einzug in den

Rennzirkus ermöglichten. Im Kreis zu rasen und nicht kalkulierbare

Gefahren mit gleichgesinnten Pistenjunkies, war nicht sein einziges

Hobby wirft aber einen Blick auf die Gesellschaft, zu der sich der junge

Baron bekannte. Er war das sechste von acht Kindern und hatte immer

ein sehr enges Verhältnis zu seinen Eltern. Ich erwähne das, weil diese

Konstellation typisch für Karrieren ist, denen die frühe Zuneigung

Anlass ist, die Liebe zu entgelten. So wurde aus Jupp, wie ihn die

Kameraden nannten, kein Nesthäkchen, sondern ein Mitglied von

wilden Abenteurern, die ihr Vorbild und ihre Verehrung bei Menschen

wie James Dean fanden. Im Nachkriegs-Deutschland waren die

Amerikaner die Befreier. Nicht nur im politischen Bereich, sondern auch

in der gesamten Einstellung zum Leben. Ausdruck der Zugehörigkeit

waren die Jeans und die dazu passende Musik. Jupp gelang der Spagat

zwischen Tradition und neuer Lebensführung. Im Schüleraustausch mit

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Amerika vertiefte er sein Bild von der Neuen Welt illusionslos und

brachte es in seinen Ansichten unter. Dieser frühe Erfahrungsschatz

machte ihn zum Kosmopoliten und verhinderte nationale Engstirnigkeit.

Der Handkuss in der bürgerlichen Welt hat keinen Einfluss gewonnen,

während sein natürlicher Auftritt beim Adel blieb. Wenn er den verläßt,

wirkt er geckenhaft und neureich. Das ist bezeichnend und zeigt die

Grenzen zwischen den Welten auf Zeit. Die jungen Adeligen

bekommen auch heute Verantwortungsgefühl vermittelt, das sie häufig

für Führung prädestiniert. Sie kommen aus gefügten Verhältnissen und

haben ein Familienbewusstsein, das im Deutschland unserer Tage

schmerzlich vermisst wird. Eine seiner vier Töchter, zu denen er eine

tiefe Beziehung pflegt, begeisterte Jupp im hohen Alter fürs Tauchen.

Eine neue Welt erschloss sich dem ehemaligen Grosswildjäger und

Rennfahrer. Schnell war ihm klar, das diese neue Welt äußerst gefährdet

ist. Seit Jahren hält er Vorträge über die fatalen Verhältnisse auf

unserem Erdball - und speziell in den Meeren. Um zu beweisen, daß

Haie keine Monster und Menschenfresser sind, ist er 150 mal zu ihnen

ins Meer gestiegen, um mit allen „potenziell gefährlichen” Haien zu

schwimmen.

Claus Steinrötter

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Eine große

Familie


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Meine Mutter

Meine Mutter war eine geborene Gräfin Korff Schmising, und sie

war für mich die Größte von all den Damen, die mir im Leben so sehr

imponiert haben. Sie war eine sehr mutige Frau, und dabei war sie so

bescheiden. Sie wird noch oft in meiner Geschichte vorkommen.

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Mein Vater

Im Alter von 76

Jahren wollte

mein Vater die

Geschäfte nicht mehr alleine führen, und es wurde vereinbart, dass ich

die Geschäfte weiterführen sollte. Es wurden zwischen mir und meinem

Bruder Vereinbarungen getroffen, die zunächst nur mündlich gemacht

wurden. Es war viel Arbeit, weil so einiges liegen geblieben war. Ich

fand die Aufgabe gut, wollte aber auch nicht für den Rest meines

Lebens arbeiten und ein Gehalt beziehen. Wir einigten uns, dass ich

einen Teil für meine Arbeit in Immobilien bekam. Ich hatte ja eine

gutgehende Werbefirma, die sich in den letzten Jahren mehr als Sales

Promotion-Unternehmen entwickelt hatte. Eine Freundin in München

hatte mir einen Astrologen empfohlen und wollte unbedingt, dass ich zu

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ihm ging, was ich letztendlich ihr zuliebe auch tat. Es war der Herr

Grasmuck, der mich eindringlich darauf aufmerksam gemacht hat, dass

ich alles schriftlich machen sollte, und das haben wir dann auch mit

wenigen Ausnahmen gemacht. Gott sei Dank, denn mein Bruder, der

eigentliche Erbe des ganzen Vermögens, hat kurz darauf geheiratet, und

es gab plötzlich Spannungen.

Ohne schriftliche Verträge wäre ich leer ausgegangen. Es war eine

traurige Entwicklung, auf die ich hier nicht weiter eingehen will. Ich war

auf jeden Fall zu Hause und täglich im Büro und habe die finanzielle

Lage wieder retten können.

Mein ganzes Leben war so, ich traf Royalty und hatte Spass auf

Bauernhochzeiten. Ich genoss die Ceilidhs in Schottland und

Schützenfeste in Rinkerode. Ich war mir nie zu schade, um auf

Scheunenfesten in den USA und Canada zu tanzen und Field Days in

Neuseeland und Australien zu besuchen, um mit den Leuten zu feiern.

Mein Vater sagte mir einmal: „Jupp, du musst auf jeder Hochzeit tanzen

können.” Das war ein guter Rat, an den ich mich mein Leben lang

gehalten habe. Danke Papi!

Mein voller Name ist

Josef, Clemens, August,

Johannes, Rudolf,

Antonius, Hubertus,

Wendelin, Pankratius,

Maria, Reichsfreiherr von

Kerckerinck zur Borg, und

weil das ein ziemlicher

Mund voll ist, nennen mich

alle nur „Jupp“. Mein

Name ist lang, meine


Familie ist alt, das Vermögen ist weg, aber wir blicken auf eine

interessante Familiengeschichte von mehr als 750 Jahren zurück. Anno

1264 ist unser Name in Münster nachweislich schon vorgekommen. Es

gibt Dinge, die man mit Geld nicht kaufen kann. Ich wurde am 22. Juni

1939 in Münster/Westfalen geboren. Ich war die Nummer 6 von 8

Kindern und wog 10 Pfund bei meiner Geburt. Ich sage immer, dass ich

für jedes Pfund einen Vornamen bekommen habe. Damals war es auch

nicht üblich, dass Väter bei den Geburten ihrer Kinder anwesend waren,

was heute ja schon fast normal ist. Mein Vater war an dem Tag meiner

Geburt jedenfalls zunächst auf einer Beerdigung, um einem Verwandten

das letzte Geleit zu geben. Als er schließlich in der Klinik erschien, war

er, wie meine Mutter immer gerne erzählte, voll des süßen Weines, auf

deutsch: er war ziemlich blau. Die Schwestern in der Klinik haben mit

großer Anstrengung einen bequemen Sessel für ihn ins Zimmer

gebracht und waren sehr viel besorgter um ihn als um seine Frau und

mich, den Neuankömmling. Erst als er ausgeschlafen hatte, rückte ich

wieder in den Mittelpunkt des Interesses.

Meine Mutter war eine sehr mutige Frau. Sie hat Adolf Hitler, den

„Führer“, wirklich aus ganzem Herzen gehasst und weigerte sich

ständig, mit dem Hitler-Gruß zu grüßen. Sie machte gerne eine lustige

Bewegung mit ihren Armen und gab vor, nicht genau zu wissen, wie der

Hitler-Gruß richtig angewandt wurde. Statt „Heil Hitler“ zu rufen, sagte

sie „Guten Morgen“ und machte sich lustig. Das blieb auch im Dorf

nicht unbemerkt, und der Ober-Nazi hat sie deswegen angezeigt. Sie

musste in Münster vor Gericht erscheinen, um sich für diese

Respektlosigkeit dem Führer gegenüber zu rechtfertigen. In der

Verhandlung hat sie, auf die Frage, was sie zu der Anschuldigung zu

sagen habe, den Ankläger direkt angesprochen und gesagt: „Wie können

Sie behaupten, ich habe Sie nicht mit „Heil Hitler“ gegrüßt? Ich grüße

Sie doch nie.“ Da musste selbst der Richter lachen und hat sie nach

Hause geschickt.

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Meine Mutter wurde öfter verhört, aber sie hat immer zu ihrer

Ablehnung gestanden. In der Nazizeit war das nicht ungefährlich, aber

sie bestand auf ihren Prinzipien. Nach meiner Geburt gab es eine neue

Idee im Rassenwahn des Führers, das „Ehrenkreuz der Deutschen

Mutter“, kurz „Mutterkreuz“ genannt. Es wurde am 16. Dezember

1938 gestiftet. Frauen bekamen das Mutterkreuz in Bronze für vier

arische Kinder, in Silber für sechs und in Gold für sieben arische Kinder

und mehr. Mit meiner Geburt wurde meiner Mutter das Mutterkreuz in

Silber verliehen, doch sie hat es nicht angenommen und es dem

Überbringer wieder mitgegeben mit den Worten, sie sei keine Kuh, die

Zuchtprämien für ihre Kälber bekommt. Die Mami hat wohl auch in

etwa gesagt, sie habe ihre Kinder nicht für den Führer und das

Vaterland geboren. Man kann darüber streiten, ob das alles im Jahre

1939 sehr mutig oder leichtsinnig war, aber so war sie eben, und sie ist

immer für das, was ihr wichtig war, eingestanden.

Meine Mutter hat auch so gut wie nie über andere Menschen geredet,

wenn die Personen nicht anwesend waren. Wenn sie etwas zu sagen

hatte, dann sagte sie es einem direkt ins Gesicht, und das saß dann aber

auch. Sie war ein wundervoller Mensch und doch so bescheiden.

Meine Töchter

Der Verlauf meines Lebens war von den Umständen der Zeit bestimmt,

und die waren sehr bewegt und alles andere als langweilig. Aus heutiger

Sicht passte es sogar zu mir, wie eine gut sitzende Hose. Dafür bin ich

sehr dankbar. Mein Leben war nicht erfolglos oder langweilig. Ehrlich

gesagt, ich fand es sehr interessant - wenngleich nicht immer ohne

Chaos. Einige nannten mich einen Träumer, und das bin ich auch.

Ich liebe es, wenn die Beatles singen: „...and I’m not the only one.”

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Ich denke, wer keine Träume hat, dem fehlt eine ganze Dimension. Ich

habe immer gearbeitet, mal mehr und mal weniger verdient, so wie

normale Menschen halt leben. George Bernhard Shaw hat einmal

gesagt: „Ein Leben voller Fehler ist nicht nur ehrenhafter, sondern auch

nützlicher als ein Leben, in dem man gar nichts getan hat.”

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Andrea

Am 11 September, dem Tage an dem Terroristen zwei Flugzeuge

kaperten und einen nicht vorstellbaren teuflischen Plan in die Tat

umsetzten, wobei beide Maschinen in die beiden Tower des World

Trade Centers in Manhattan flogen und tausende Menschen damit

ermordeten. Ich buchte den Flug nach München und von dort nach

Newark New Jersey. Ich musste aber in München wieder durch die

Schlange gehen und neu einchecken. Wo viele Menschen weinend,

flüsternd und völlig verwirrt auch umbuchten. Man kannte noch nicht

die wahre Story nur, dass in New York eine grosse Explosion statt

gefunden hatte. Keiner wusste mehr aber viele erzählten bereits eine

neue Story. Die Verwirrung war so stark, dass man noch immer nichts

Genaues erfahren konnte. Die Tat war so schlimm, wie man es sich

kaum vorstellen konnte. Während ich noch in der Schlange stand und

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neu einchecken wollte, sah ich eine hübsche junge Frau, die ebenfalls

von München nach New York fliegen wollte.

Ich betrachtete sie mit Interesse und es dauerte auch nicht lange bis sie

mich fragte, ob sie wohl noch in dem Flug nach Newark mitkommen

konnte denn sie stand nur auf der Warteliste. Die Dame am Schalter

war nicht bei guter Laune, was sie auch laut kundtat. Die hübsche

Dame bekam einen Anpfiff sodass ich zu der Lufthansa Mitarbeiterin

sagte „Wie reden Sie denn mit der Dame? Sie ist doch immerhin Ihre

Kundin.“ Und zu der hübschen Dame sagte ich: „Warum wollen Sie

denn unbedingt nach New York, da ist doch, wie man hört, die Hölle

los?“ Die Antwort kam prompt: „Das weiss ich wohl, aber ich muss

meinen Bruder suchen, der auch in dem Turm ein Büro hat und wir

haben noch nichts von ihm gehört.“ Wow, mir war als hätte ich gerade

einen Tritt in den Magen bekommen und ohne weiter nachzudenken

bot ich an, wenn es nicht anders ginge, der Dame meinen Sitz

anzubieten. So wurde das geregelt und ich wartete bis ich an die Reihe

kam. Falls ich jetzt nicht mitkommen konnte, musste ich mich um einen

anderen Flug nach New York umschauen.

Das alles geschah am 16.September, also, fünf Tage nach der

grausamen Tat. Ich musste nicht lange warten und bekam doch noch

einen Platz in der gleichen Maschine. Nachdem wir in der Luft waren

und die Flughöhe erreicht hatten und nachdem sie ein wenig geschlafen

hatte, kam die hübsche Dame zu mir, um mir für ihren Platz zu danken.

Es war auch noch ein Platz neben mir frei und wir unterhielten uns. Ich

fragte woher sie käme und hörte „Münster“, dann kam „Roxel“ und

dann erkannten wir beide plötzlich, woher der andere kam und dass wir

sozusagen Nachbarn waren. Sie Ackermann und ich Hotel Schloss

Hohenfeld, die liegen nur ein paar hundert Meter von einander

entfernt. Nachdem wir ankamen und unsere Telefonnummern

ausgetauscht hatten, fuhr ich allein, weil Andrea abgeholt wurde, zum

„Ground Zero“ wie der Trümmerhaufen genannt wurde, und ich muss

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sagen, dass es so schrecklich war, wie man es sich kaum vorstellen

konnte. Die Menschen suchten alle nach Lebenszeichen und

Erinnerungen. Jeder hatte einen oder mehrere liebe Menschen verloren

oder vermisste jemanden. Es war ganz schrecklich. Wie ich anfangs

schon gesagt habe, das war Teufelswerk. Ich persönlich habe keine

Menschen dabei verloren aber man musste nur durch die Menge gehen

und die Gesichter voller Ratlosigkeit und Verzweiflung sehen. Kein

lautes Wort, nur Tränen über die vielen verstorbenen Lieben.

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Meine Großeltern

Als Jungvermählte sind meine Großeltern gerne im offenen Landauer

durchs Münsterland gefahren, um Verwandte zu besuchen. Meiner

Großmutter fiel auf, dass ihr Mann öfters den Hut zog, und in der

Annahme, dass ein Kreuz am Wege stand, hat sie sich immer

bekreuzigt. Einmal hat sie gesagt: „Da war doch kein Kreuz“, worauf

mein Großvater sagte: „Kreuz? Wieso Kreuz? Ich ziehe immer meinen

Hut wenn ich ein Schwein sehe. Das bringt Glück.“

(Für diese Geschichte

habe ich als Junge von

der „Hör Zu“ 10 Mark

bekommen.)

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Huberts

Tod

Zunächst brach für uns alle am 27. Februar 1965 eine Welt zusammen.

Es war mitten im Karneval, ich hatte kräftig gefeiert und schlief noch.

Ich war außerdem nach der abgeschlossenen Banklehre mitten in

meiner Bankprüfung. Wegen des Karnevals wohnte ich in Münster bei

Freunden, wo mich frühmorgens ein Anruf meiner Mutter mit der

traurigen Nachricht weckte, dass mein jüngerer Bruder Hubert tödlich

verunglückt sei. Das war ein furchtbarer Schlag für uns alle. Ich wusste

nicht, was ich sagen sollte. Tränen schossen mir in die Augen. Hubert,

ein super Typ, groß, blond, blauäugig, ein Junge, den alle mochten und

der voller Liebe zum Meer in die Bundesmarine eingetreten war. Er war

21 Jahre alt und voller Lebenslust. Uns traf eine völlige Leere aus

heiterem Himmel. Doch dann zeigte sich wieder einmal die Stärke und

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Größe unserer Mutter. Hubert war unbestritten ihr Liebling, denn beide

liebten das Meer - und nun sollte das alles vorbei sein? Die Mami war

stark und hat uns alle noch getröstet, obwohl sie mindestens den

gleichen Schmerz fühlte wie wir.

Hubert, in List auf Sylt stationiert, war 10 Tage lang im Einsatz auf

hoher See. Er und sein Freund Manni wollten zum Karnevalfeiern nach

Westerland fahren und sind auf vereister Straße in den Graben

gefahren. Hubert wurde aus dem Auto geschleudert, und das Auto hat

ihn erschlagen. Ich bin sofort nach Hause gefahren. Unser Vater war

noch geschäftlich unterwegs und hat vom Tod seines Sohnes von

jemandem auf der Strasse erfahren, der ihm kondolierte. Es war alles in

Aufruhr geraten, und nichts würde sein wie vorher. Wir mussten nach

Sylt fahren, um Hubert zu identifizieren. Dazu haben mir meine

Freunde ein Auto geliehen, und ich fuhr mit meinen Eltern und meiner

Schwester Madeleine nach Sylt. Dort trafen wir den Kommandeur von

Hubert’s Truppe und seinen besten Freund Manni, der den Wagen

gefahren hatte. Es war eine traurige Stimmung, und der arme Manni

dachte, wir würden jetzt alle wie die Rachsüchtigen über ihn herfallen.

Doch die Mutter kam wieder allem zuvor und hat ihn fest in den Arm

genommen. Auf dem Heimweg war zufällig der Wagen mit Huberts

Sarg zwei Autos vor uns auf dem Zug, aber keiner von uns sagte ein

Wort. Zu Hause wurde Hubert in einem der beiden Säle aufgebahrt, und

wir Geschwister haben Tag und Nacht bis zur Beerdigung Totenwache

gehalten.

Hubert war ein paar Wochen vor seinem Tod nach Hause gekommen,

aber es war niemand von uns da. Da hat er aus lauter Enttäuschung und

Langeweile aus einem Fenster heraus mit einem Gewehr in die

Dachrinnen geschossen und diese damit ziemlich durchlöchert. Nun lief

das Regenwasser durch die Schusslöcher direkt in die Außenwand eines

der darunter liegenden Säle, in dem Hubert jetzt aufgebahrt war. Es

gibt eine alte Spökenkieker Geschichte. Wenn es in der Nacht vor der

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Beerdigung eines Menschen laut rumpelt, dann ist das der Teufel, der

sich ärgert, dass er die Seele des Verstorbenen nicht bekommen hat.

Soweit die Sage. Doch in der Nacht vor Hubert’s Beerdigung hat es

tatsächlich dermaßen wild gerumpelt, dass uns allen Angst und Bange

wurde. Es war ein unheimliches Gepolter, das nie aufzuhören schien und

lange Minuten so weiterging. Wir alle waren halb eingeschlafen, als der

Lärm begann. Was war geschehen?

Die Steine aus der Mauer, die soviel Wasser durch die Löcher in der

Dachrinne abbekommen hatten, lösten sich aus dem Mauerwerk und

sind mit viel Getöse auf das Gerüst gefallen, das die Baufirma aufgebaut

hatte, um die Schäden in der Außenwand zu beheben. Ob es nun der

Teufel war, wer weiß das schon? Für uns Geschwister, die etliche Tage

und Nächte bei unserem toten Bruder Wache gehalten haben, war es

das schlimmste Geräusch. Es war einerseits furchterregend, andererseits

aber auch ein positives Zeichen, wenn man der Sage glauben schenken

will. Am nächsten Tag war die Beerdigung mit militärischen Ehren. Es

war würdevoll aber dennoch der traurigste Tag unseres Lebens.

Ich durfte meine Bankprüfung wegen des Todesfalls später ablegen,

aber ich wollte lieber damit fertigwerden und habe die freundliche

Genehmigung der Industrie- und Handelskammer in Münster mit Dank

abgelehnt.

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Nach bestandener Prüfung bin ich nach München gefahren, um eine

Werbefirma zu gründen. Ein Freund wollte mir helfen und hat mir einen

Teil seiner Wohnung gegen eine monatliche Kostenbeteiligung

angeboten. Das sollte den Beginn der Firma für mich sehr erleichtern.

Ich hatte ein wenig Geld gespart, und ein anderer Freund in Berlin hat

mir den Firmenmantel, „SWG Werbung” überlassen. Alles sah gut aus.

Der Freund aus Münster schien sehr hilfreich für den Anfang, doch ich

musste bald erkennen, dass er mehr auf sein eigenes Wohl bedacht war

als auf meins.

Ich hatte ihm anfänglich einen Geldbetrag geliehen aber es sah so aus,

als würde ich mein Geld wohl nicht wieder bekommen. Er konnte das

geliehene Geld nicht wie versprochen in zwei Wochen und dann nicht in

zwei Monaten und schliesslich überhaupt nicht zurückzahlen. Es war

dumm von mir. Ich war noch immer in tiefer Trauer über den Tod

meines Bruders und habe keinen richtigen Darlehnsvertrag und auch

keine Sicherheit gefordert. Das Geld war weg, und mein Freund war

plötzlich kein Freund mehr. Er hat die Wohnung gekündigt und

versucht, mich dem Vermieter gegenüber als Schuldner hinzustellen.

Ich hatte noch eine andere Sache, die mir auf der Seele lag. Hubert und

ich haben uns öfter gegenseitig Geld geliehen, und als er starb,

schuldete ich ihm eine Summe, und das belastete mich. Ich bin zu

einem Priester gegangen und hab ihm die Geschichte erzählt. Sein

Ratschlag war, die Summe, die ich Hubert schuldete, einem wohltätigen

Zweck in Hubert’s Namen zu spenden, und genau das habe ich getan.

Nun hatte ich kein schlechtes Gewissen mehr. Aber die Wohnung und

das Geld waren weg.

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Die

erfolgreiche

Werbeagentur


Kampagnen der SWG Werbung

Meine Werbefirma, mittlerweile nach Düsseldorf verlegt, lief immer

besser. Ich verdiente gutes Geld und hatte auch noch Zeit, mich um

meine Hobbys zu kümmern. Wir machten interessante Kampagnen wie

z.B. die Aktion für Bensdorf Kakao, zu der wir einen Vertrag mit Walt

Disney abschlossen, und kleine Puzzel mit den „Aristocats“ an die

Packungen hefteten, welche von Kindern eifrig gesammelt wurden. Ich

erinnere mich auch an eine Aktion für Ferrero Küsschen, in der wir

einige Tausend Plastikrosen für die Großhändler machen liessen. Es

sollten farbige Rosen sein aber bis ganz kurz vor der Lieferung haftete

die Farbe noch nicht. Es gab eine riesige Aufregung, doch wir fanden die

richtige Farbe und konnten pünktlich liefern. Es wurde ein grosser

Erfolg. Solche Aktionen machten immer wieder Spass, besonders weil

sie so gut bezahlt wurden.

Sportliche Werbegeschenke

Es waren die ersten Jahre meiner Werbefirma und ich habe diese Zeit

sehr genossen. Ich war frei, hatte genug Geld und war dabei das Leben

zu geniessen. Ich machte weiterhin meine Reisen nach Amerika und

kaufte Werbegeschenke auf der Messe in Chicago.

Ich brachte Frisbees und allerlei Dinge nach Deutschland, die

grösstenteils bei uns noch nicht bekannt waren. Gerade die Frisbees

gefielen mir, aber der deutsche Markt war noch nicht reif dafür. Es

dauerte einige Jahre bis sie in Deutschland bekannt und akzeptiert

wurden. Dass sie ein so bedeutender Werbeträger wurden, konnte ich

damals auch nicht ahnen.

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Nach meinem furchtbaren Unfall hatte ich 2 1/2 Jahre lang keinen

Führerschein und habe schwer gearbeitet um die Werbefirma immer

mehr zum Erfolg zu bringen und auszudehnen. Inzwischen hatte ich drei

Angestellte und mietete mit 3 Freunden zusammen eine Villa in

Düsseldorf. Es war eine Wohngemeinschaft mit Stil auf einem schönen

Grundstück mit Pool. Zum Beginn veranstalteten wir eine Kirmes mit

verschiedenen Buden, wo die Gäste sich amüsieren konnten.

Trudchen Droste, Zeitungsunternehmerin und lustige Nachbarin, kam

mit Hilfe einer Leiter über die 3 Meter hohe Mauer zwischen unseren

Grundstücken geklettert. Das war ein riesiger Auftritt und alle hatten

viel Spass. Auch meine Eltern kamen und haben sich, soviel ich weiss,

gut unterhalten.

Nach Berlin durch die DDR

Natürlich musste ich öfter nach Berlin fahren, weil ich immer noch

einen Platz im Büro von Hans Möhsner hatte. Es war jedes Mal eine

bittere Pille, durch die „Ostzone“ zu fahren. Die Grenzbeamten waren

schwer zu ertragen. Sie hatten Spass daran die Reisenden „aus dem

Westen“ zu schikanieren.

Einmal war ich auf dem Weg von Berlin nach Hamburg und habe mich

total verfahren. Ich landete in Neustrelitz, wo ich schliesslich auf einem

Polizeirevier über eine Stunde festgehalten und politisch geschult

wurde, weil ich das Wort „Ostzone“ benutzt hatte. Danach wurde ich

nochmal eine Stunde verkehrstechnisch geschult, weil ich angeblich zu

schnell gefahren bin. Es war immer eine beängstigende Zeit, denn man

musste stets damit rechnen, verhaftet zu werden.

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Auf dem Weg nach München wurde ich mal bei Hof festgehalten und

die Innenverkleidung des Autos wurde total auseinander genommen

weil man eine Schrotpatrone fand. Ich wurde belehrt, dass der

Schmuggel von Waffen und Munition mit zwei Jahren Gefängnis

bestraft wird. Der Wagen gehörte Hans Möhsner und der war

begeisterter Tontauben Schütze, daher die Schrotpatrone. Mir wurde

Angst und Bange und ich hatte grosses Glück, dass mir solches erspart

geblieben ist.

Ich habe es immer gehasst durch die DDR zu fahren aber manchmal

ging es eben nicht anders um nach Berlin zu kommen. Trotzdem bin ich

auch manchmal von West-Berlin nach Ost-Berlin gefahren um mit

Leuten zu reden, aber das war den Menschen verboten und für uns

immer ein Risiko. Das Café an der Friedrich Strasse war oft mein Ziel

doch erreicht habe ich dort nichts. Man hatte immer das Gefühl

bespitzelt zu werden und man wusste nie ob die Menschen mit denen

man versuchte zu reden, nicht selber auch Spitzel waren. Wenn ich

länger in Berlin war habe ich meistens bei Möhsners in Charlottenburg

auf der Bayern Allee gewohnt. Von dort habe ich Berlin erkundet und

die vielen Night Clubs besucht wobei das „Eden“ immer das weitaus

lustigere war.

Kurz danach war ich eingeladen mit einer Mannschaft von Ford/Köln

nach Japan zu fliegen, wo ein grosses Rennen zwischen Ford und Mazda

geplant war. Es war eine sehr interessante Reise. Das Rennen fand auf

dem Speedway Oyama am Fusse des Futshijamas

statt. Zur Zeit der Kirschblüte war das eine wunderschöne Kulisse.

Zum Ärger der Japaner hat Jochen Mass auf Ford das Rennen

gewonnen. Unser Rennleiter war Jacky Steward, mit dem ich auf der

Fahrt von Tokyo zum Fuji in der, von den Japanern gestellten Limousine,

interessante Gespräche geführt habe.

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Werbetafeln für München und Kassel

Ich konnte nicht länger in München bleiben, denn mein Geld war stark

geschrumpft. Ich hatte vielleicht noch tausend Mark, das war alles. Da

kam ein Anruf von meinem Freund aus Berlin, der mir sagte, dass bisher

noch niemand mit Großflächen Werbung in Kassel angefangen habe,

und er gab mir den Tip, schnellstens nach Kassel zu fahren und es dort

zu versuchen. Das war meine Rettung. Ich konnte es nicht fassen. Ich

fuhr sofort nach Kassel. Wie so oft im späteren Leben kam mir in

diesem Moment wieder irgendetwas oder irgendjemand unerwartetes

zur Hilfe. Ich beschloss, nicht nach Hause zu fahren, sondern fuhr direkt

nach Kassel. Ich wollte meinem Vater gegenüber nicht zugeben müssen,

dass ich mein Geld, zu dem er einen Teil beigesteuert hatte, durch ein

leichtfertiges Darlehen größtenteils verloren hatte. Ich war beschämt

und wollte meinen Fehler wiedergutmachen. Doch als ich in Kassel

ankam, hatte ich ein neues Problem. Ich hatte nicht mehr genug Geld,

um zu leben oder mir ein anständiges Zimmer zu mieten. Ein Hotel war

noch unmöglicher, Kreditkarten gab es nicht und Smartphones schon

mal gar nicht. Ich landete schließlich in einem Gasthof, der auch schon

bessere Zeiten gesehen hatte, aber preislich für mich wie geschaffen

erschien. Ich war erstaunt, als ich hörte, dass es noch ein Zimmer gab

für unter 10 Mark pro Nacht. Ich hatte keine Wahl, obwohl das Zimmer,

die Einrichtung und Sauberkeit nicht genau meinem Geschmack

entsprachen. Das war nicht, was ich gerne gehabt hätte. Es war aber

genau das, was man für 7 Mark und 50 Pfennig pro Nacht erwarten

konnte. Am Abend kam mir auf dem Flur eine Frau entgegen, die so

aussah, als ginge sie auf den Strich, und genau das, wie ich später

feststellte, tat sie auch.

Da sah ich eine weitere Frau, und mir wurde klar, das waren „Ladies of

the Night“. Ich grüßte die Damen höflich. Man würde sich ja wohl hin

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und wieder begegnen, wenn die Damen von der Nachtschicht

zurückkamen und ich zur Arbeit ging, um nach Plätzen zu suchen, wo

ich meine Werbetafeln anbringen konnte. Ich war, gelinde gesagt, etwas

erstaunt, aber die Damen waren ganz nett, und wie ich in den vier

Wochen danach erfahren sollte, hatten sie sogar ein Herz für junge

Burschen, die sich kein anständiges Zimmer leisten konnten. Sie

müssen wohl gemerkt haben, dass ich nicht viel Geld hatte, und sie

selber waren ja wahrscheinlich in der gleichen Lage.

Sie waren in einem Alter, wo man die Sonne bereits im Rücken hat. Es

war wohl auch für sie nicht leicht. Nach ein paar Tagen kamen bei ihnen

auch noch Muttergefühle auf. Es begann damit, dass sie mir morgens,

wann immer sie von der Schicht kamen einen Becher Kaffee vor die Tür

stellten, manchmal auch einen Apfel oder eine Banane. Irgendwie war

die ganze Situation sehr seltsam, ich war in einem Mini-Puff gelandet,

wo die Akteure nachts arbeiten gingen, während ich jeden Morgen auf

der Suche nach Plätzen für Werbeflächen war. Ich habe hart gearbeitet,

und nach etwas mehr als vier Wochen hatte ich tatsächlich Plätze für 50

Werbeflächen vertraglich angemietet.

Ich hatte nur vier Wochen gebraucht und die Tafeln schnell bestellt. Das

war nicht leicht, die Menschen waren misstrauisch, denn in Deutschland

war Plakatwerbung noch nicht so bekannt. An einer Stelle hat mir sogar

die Stadt Kassel selbst eine Fläche vermietet, und kurz darauf haben sie

genau dort Bäume gepflanzt, die meine Tafeln verdecken würden. Das

war wirklich eine Frechheit, aber ich habe nichts gesagt, bin abends zu

der Stelle gefahren und hatte für jedes Bäumchen einen kleinen

Kupfernagel den ich ganz dicht unter der Grassnarbe in den Stamm

hämmerte was das Leben dieser Bäume sehr schnell beenden und meine

Werbeflächen nicht länger verdecken würde. Nach 4 Wochen in Kassel

hatte ich Flächen für 50 Tafeln und hoffte, dass ich die Stellen auch gut

vermieten könnte. Schon wieder kam mir das Glück zur Hilfe, denn in

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der 5. Woche rief mich mein Freund Hans Möhsner aus Berlin an und

sagte: „Ich hatte heute einen Anruf vom Werbechef von BAT (British

American Tobacco), er wollte wissen, wem die Tafeln in Kassel gehören

und wie viele es sind?” Ich sagte: „Genau 50 Stück”, und mein Freund

sagte: „Er hat gesagt er nimmt sie alle.” Das war die beste Nachricht,

auf die ich nicht einmal zu hoffen gewagt hatte. Nun hatte ich den

Grundstock für meine Werbefirma gelegt. Ich hatte 50 Tafeln, die aber

leer waren. Also musste ich noch lernen, wie man die Plakate richtig

anbringt.

Die Tafeln waren ca. 2 mal 3 Meter, und es gehörte einige Erfahrung

dazu, die 9 Stücke des Plakats in der richtigen Reihenfolge so

aufzukleben, dass die Botschaft gut leserlich zu sehen war. Im Winter,

wenn es sehr kalt war, mussten die Plakate auch noch in Salzwasser, im

Sommer dagegen nur in normalem Wasser getränkt werden. Man

musste sie auch richtig falten. Ich fuhr nach Berlin zu meinem Freund,

der weit über 500 solcher Tafeln besaß, und ging mit einer seiner

Kolonnen für eine Woche auf Tour, um Plakate kleben zu lernen. Dazu

gab es eine lustige Geschichte. Ich hatte mit meinem Freund an einem

Abend im Club „Ku’damm 77“ zwei junge Damen kennengelernt, und

während der Unterhaltung wurde auch darüber gesprochen, dass ich

gerade eine neue Werbefirma angefangen hatte. Ich fand, dass es sich

gut anhörte, obwohl ich noch nicht viel in der neuen Firma getan hatte,

außer die Tafeln auf den angemieteten Flächen aufzubauen. Am

nächsten Tag stand ich auf der Leiter vor einer Tafel und war voll

bekleckert mit Leim, als dieselben Damen über den Ku’damm

schlenderten und mich, mit Kleister beschmutzt, auf der Leiter stehen

sahen und mich beim Kleben „erwischten”. Sie machten Witze und

sagten: „Also, das ist Deine neue Werbefirma?“ und lachten mich aus.

Aber das war schnell geklärt, und es hat unserer Freundschaft keinen

Abbruch getan. „Ich bin, wer ich bin“ war schon immer mein Motto. Ob

ich nun in einem Mini-Puff wohnte oder Plakate kleben musste, ich bin

30


immer derselbe geblieben. Ich lernte eine Menge in der Zeit mit Hilfe

von Hans Möhsner, dem ich das alles zu verdanken hatte. Ich fuhr

zurück nach Kassel, wo ich schon ein Inserat „Lukrative

Nebenbeschäftigung“ geschaltet hatte. Es meldete sich nur ein einziger

Mann, aber der war auch der beste, den ich je hätte finden können. Er

lernte schnell, war grundehrlich und dazu auch noch besonders nett und

zuverlässig. Das war nun meine Firma, die in Berlin beheimatet war, in

Kassel das Geld verdiente und zwei Jahre später in Düsseldorf durch

Sales Promotion noch erweitert wurde.

Meine erste Firma, die so abenteuerlich begann. Ich bereitete meine

Abreise von Kassel vor und bezahlte meine Rechnung in dem Gasthof

der zum Mini-Puff geworden war. Ich fragte den Inhaber, wieviel es

kosten würde, wenn ich die Damen der Nacht auf ein wirklich opulentes

Abendessen mit allem Drum und Dran, mit Getränken ihrer Wahl,

einladen würde, und bezahlte den mir genannten Preis gerne. Mein

Freund Karl Wendt hatte mir auf schnellstem Wege etwas Geld

überwiesen, und ich konnte alle Kosten decken. Dann verabschiedete

ich mich mit besten Grüßen an die Damen und fuhr nach Hause. Ich war

mit mir zufrieden und war glücklich, dass alles so gut gelaufen war. Die

Tafeln würden mir mehr Geld einbringen, als ich erhofft hatte. Pro Tafel

und Tag bekam ich vier Mark, das sind 200 Mark am Tag, im Jahr 1965

eine Menge Geld, weit mehr, als ich erwartet hatte.

Mein ganzes Leben hindurch habe ich getan, was mir richtig erschien,

und habe soweit, mit einigen Ausnahmen, einen ganz guten Griff damit

getan. Ich habe viele Reisen gemacht und viele interessante Menschen

kennen gelernt. Vor allem habe ich das große Glück gehabt Menschen

aus allen Schichten der Bevölkerung kennen zu lernen.

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Mein Flug mit der Concord

Zu der Zeit flog ich auch ein oder zwei mal im Jahr in die USA, zur

„Haushalts Messe“ in Chicago. Damals gab es noch die Concord, die

von Paris oder London nach New York flog. Das reizte mich sehr aber es

war wahnsinnig teuer. Ich kannte jedoch eine junge Dame, die bei der

Air France arbeitete und die mir folgenden Tip gab: Das Ticket kostete

so viel wie ein First Class Ticket plus 20%. Der Trick war, dass man sich

am Abend vor dem Flug um 15 Minuten vor Büroschluss zur Air France

begeben musste um nach einem Flug mit der Concord zu fragen die

sehr selten wirklich voll besetzt war. Man zeigte das Ticket das man

hatte und wenn die Dame ein Auge zugedrückt hat, reichte manchmal

sogar ein Business Class Ticket.

Dadurch kam man sehr günstig in den Genuss mit dieser wirklich

wunderbaren Maschine zu fliegen. Für mich klappte es auf Anhieb und

ich stellte mich am kommenden Tag frühzeitig zum Check-in am

Flughafen ein. Als ich in die Maschine kam, sass bereits ein sehr

korpulenter Herr auf dem Fensterplatz neben mir, was mich nicht sehr

freudig stimmte. Der Herr war sehr damit beschäftigt, der armen

Stewardess das Leben so schwer wie möglich zu machen. Damals durfte

noch im Flugzeug geraucht werden und er hatte einen Platz im

Raucherabteil gebucht, war aber jetzt im Nichtraucherteil gelandet. Als

die Stewardess höflich fragte, erzählte er ihr den Grund für seinen

Unmut und die nette Dame schickte ihn weiter nach hinten in die

Raucherkabine. Damit war ich allein auf zwei Sitzen, was sehr

angenehm für mich war, denn die Concord war schon ziemlich eng. Als

wir eine bestimmte Höhe erreicht hatten, wurde auf einem Monitor die

Geschwindigkeit angezeigt und die näherte sich immer mehr an „Mach

1“ und, nach kurzer Ansage des Piloten, auch an „Mach 2“. Jedes mal

ging ein kurzes Rucken durch die Maschine aber sonst bemerkte man

kaum etwas. Es war ein wunderbarer Flug und das Essen war exzellent.

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Man flog also mittags um 12:00 Uhr in Paris ab und kam am selben Tag

morgens gegen 09:00 in New York an. Der Flug war ein tolles Erlebnis.

Der zweite Flug war ebenfalls wunderbar, hat allerdings für meine

Verhältnisse ein Vermögen gekostet. Doch ich tröstete mich mit der

Einsicht: „Wenn man mit den Erwachsenen fliegen will, muss man eben

auch erwachsene Preise bezahlen“.

Der legendere Flug United 811

Jahre später hatte ich ein weniger schönes Erlebnis: Ich wollte nach

Neuseeland fliegen und machte einen Zwischenstop in Honolulu,

Hawaii. Auf dem Weiterflug sass ich in der Business Class und hatte

einen sehr angenehmen Flug. In Auckland wurde mir allerdings am

nächsten Tag gesagt, das wir vielleicht einem grossen Unglück nur mit

viel Glück entgangen waren. Die Flüge gingen laufend von Honolulu

über Auckland nach Sidney und wieder zurück. Auf dem Flug nach dem

unseren sind ganze Teile der Aussenverkleidung der Maschine

weggerissen, wobei das Flugzeug beinahe abgestürzt wäre. Es war der

berühmte Flug United 811 und aus der Maschine, in der ich geflogen

bin, sind sechs Sitze aus der Business Class mit den Menschen

zusammen, aus der Maschine gerissen worden. Der Sitz auf dem ich

gesessen habe war einer davon. Diese Geschichte hat mir klar gemacht,

wie schnell so ein Unglück passieren kann. Ich hatte wieder einmal

meinem Schutzengel zu danken.

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Frauen

die mir

imponierten

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Sybil Cholmondeley

Durch meinen Freund Todd Bruno lernte ich David Cholmondeley, The

Lord Great Chamberlain of England, in seinem Schoss Houghton Hall in

Norfolk und später auch seine Frau Lady Rose Cholmondeley kennen.

Bei meinem ersten Besuch in Houghton Hall lernte ich auch David’s

Grossmutter kennen, The Right Honorable Marchioness Lady Sybil

Cholmondeley. Eine reizende Dame, die mich sofort fragte, ob ich

verheiratet sei. Zu der Zeit war ich es noch und sagte es ihr. Darauf

sagte sie: „Ist es nicht eine Schande, alle guten Männer sind

verheiratet?“ Sie war sehr witzig und lud mich gleich zum Lunch ein.

Ich saß auf der Lehne ihres Sessels, was eigentlich ein Platz ist, den

viele als unhöflich bezeichnen würden. Aber sie hatte mich just dahin

gebeten, damit wir uns besser unterhalten konnten, wie sie sagte. Sie

sah mich mit ihrem verschmitzten Lächeln an, und wir unterhielten uns,

bis gemeldet wurde, dass unser Lunch serviert sei. In dem kleinen

Speisesaal wartete der Butler bereits auf uns. Die Unterhaltung war

lustig und spritzig, immer wieder hatte Lady Cholmondeley eine

witzige Bemerkung parat, während der Butler unermüdlich mit der

Weinflasche um den Tisch kreiste. Alles war so normal und

unkompliziert. Da tat ich etwas, was man eigentlich in feiner

Gesellschaft nicht tut. Ich hielt den Arm des Butlers für zwei Sekunden

fest, um das Etikett auf der Flasche zu betrachten, und sah, dass es ein

ganz bekannter Rotwein von einem hervorragenden Jahrgang war. Ich

sagte: „Lady Cholmondeley, das ist wahrlich ein wunderbarer Wein zum

Lunch, vielen Dank“, worauf sie prompt antwortete: „Junger Mann, ich

bin 96 Jahre alt. Ich werde den Wein geniessen, solange ich noch

kann“.

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Ich pflichtete ihr bei und habe jede Minute von diesem Lunch so

genossen wie wir alle den Wein. Nach dem Lunch, als wir den Raum

verließen, hörte man im Hintergrund, wie der Butler, gluck gluck gluck,

wahrscheinlich die Flasche an den Hals gesetzt, den restlichen Wein

austrank. Wieder bemerkte Lady Cholmondeley auch das sofort und

auch, dass wir alles mitbekommen hatten. Sie sagte nur: „Ich weiß, ich

weiß, aber ich bin zu alt um mich an einen neuen Butler zu gewöhnen“.

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Gertie Legendre

Es war ein großes Glück, Gertie Legendre von Gosse Creek, South

Carolina, die Besitzerin der Medway Plantation, kennenzulernen. Mit

Gertie gab es nie einen langweiligen Augenblick. Sie liebte Männer, und

als solcher war man bei ihr immer ein gern gesehener Gast. Die

Medway Plantage wurde wie vor 100 Jahren gehalten. Sie hatte eine

ziemlich große Zahl von Angestellten, fast alle waren einheimische

Schwarze, die bei Gertie auf das freundlichste behandelt und fürstlich

bezahlt wurden. Der gemütlichste Raum im Haus war die kleine

Bibliothek, wo man sich vor den Mahlzeiten versammelte. Wenn man

im Haus wohnte und nicht in einem der kleinen Gäste-Häuschen,

erkannte Sam, der Butler, schon nach einem Tage am Gang, wer die

Treppe herunterkam, und wenn man unten ankam, war der Drink schon

fertig gemixt. Manchmal, wenn es draußen Lunch in der Blockhütte

gab, kamen die Angestellten zusammen und sangen die alten Spirituals.

Es war für mich immer eine ganz besondere Freude. Gertie war im 2.

Weltkrieg die erste Amerikanerin, die in deutsche Gefangenschaft

geraten ist. Sie konnte mit Hilfe eines Amerikaners deutscher

Abstammung fliehen. Er war von den Nazis gezwungen, für

Deutschland zu kämpfen, andernfalls würde man seine Familie

ermorden. Bis zur Befreiung war es für Gertie eine furchtbare Zeit. Ihre

abenteuerlichen Erfahrungen hat sie in dem Buch: „The Sands Ceased

To Run“ (Der Sand rinnt nicht mehr), geschildert. Gemeint war die

Sanduhr. Gertie hatte nur noch wenige Exemplare, doch sie schenkte

mir eines mit der Widmung: „For Jupp - who fourty-seven years later

sent me a book about Castle Dietz - Many Thanks Gertrude Legendre.“

Ich hatte ihr zum Geburtstag ein Buch über die Burg Diez geschenkt.

Die Burg Dietz bei Limburg war das erste Gefängnis, in dem sie in

Deutschland gefangen gehalten wurde.

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In vielen Ländern ist es üblich, wenn man als männlicher Gast das erste

Mal in einem Haus zum Essen ist und neben der Hausfrau sitzt, muss

man eine Rede auf die Hausfrau halten. Ich habe das oft erlebt, und ich

habe das auch sehr gerne getan. Diese Tradition wird besonders in

Dänemark und Schweden gepflegt. Ich hatte nachmittags schon etwas

in ihrem Buch gelesen und sagte ihr, wie froh ich sei, dass sie einen

Deutschen nach dieser Art der Behandlung noch in ihrem Haus duldete.

Ich hatte sie mit Mrs. Legendre angesprochen, und sie sagte nur: „Der

Krieg ist lange vorbei, und tun Sie mir den Gefallen und nennen mich

einfach nur Gertie“.

Von da an waren wir Freunde bis zu ihrem Tod. Gertie hat viel erlebt in

ihrem Leben. Der Krieg - und die Gefangen-schaft in Deutschland, die

alles andere als einfach war. Gertie hat die ganze Welt

bereist und Tiere, tot oder lebend, für Naturkunde-

Museen gesammelt. Sie kannte Gott und die Welt,

von Dr. Albert Schweizer bis hin zu Haile

Selassie. Man konnte ihr stundenlang zuhören.

HRH Prinzessin Beatrix

der Niederlande

Seit einigen Jahren ist Silvester für mich zu einem ganz

besonderen Erlebnis geworden. Früher war Silvester immer ein Abend,

an dem ich nicht so recht wusste, was ich damit anfangen sollte. In den

USA konnte mir bestenfalls das Lied „Auld lang syne” über die sonst so

unechten, überschwänglichen und Champagner getränkten guten

Wünsche hinweghelfen. Doch seit einigen Jahren darf ich echte gute

Wünsche von lieben Freunden sowie neuen Bekanntschaften genießen,

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und dazu gehört auch Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Beatrix der

Niederlande, ehemalige Königin der Niederlande. Sie ist jedes Jahr als

Gast in Blumendorf bei Elisabeth Baronin Jenisch, wo Silvester immer

ein ganz besonderer Tag für alle Gäste ist.

Elisabeth Baronin Jenisch

Ich bin schon einige Male mit von der Partie gewesen und habe auch

sonst oft die Gastfreundschaft in Blumendorf genießen dürfen. Hanni

und Elisabeth sowie die ganze Familie: Titi, Martin, Marcus und

Christoph runden das Bild ab, und wir Gäste freuen uns immer auf diese

schönen Tage. Ich lernte die Königliche Hoheit vor einigen Jahren

kennen und habe die Unterhaltungen mit ihr immer sehr interessant

gefunden. Ich hoffe, dass es so bleibt, so wie mit interessanten

Gesprächen unter einem wahrlich majestätischen Weihnachtsbaum im

Haus meiner lieben Freunde Jenisch in Blumendorf. Prinzessin Beatrix

hat so viel erlebt und erzählt oft auch sehr spannend über die 30 Jahre

ihrer Zeit, als sie die Königin der Niederlande war. Leider war das im

letzten Silvester 2020 wegen Covid 19 nicht möglich, doch hoffen wir

alle auf die kommenden Silvesterabende bei Elisabeth, Titi, den

Brüdern und einer Reihe von Freunden.

Lydia Redmond

Eine Dame, die ich in mein Herz geschlossen

hatte und noch habe, ist Mrs. Lydia Redmond,

ehemals Principessa di San Faustino Bourbon,

del Monte Santa Maria, ehemals Mrs. Macy. Sie

war wahrlich eine grosse Dame, nicht von

Gestalt, aber von Witz und Humor. Es war eine

Freude, ihren Geschichten zu lauschen. Was für

eine liebevolle lustige und höchst interessante

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Frau! Lydia ist in Italien aufgewachsen, und sie erzählte mir oft von

ihren Reisen, wie sie früher mit ihren Eltern per Schiff von Italien mit

Zwischenstop in den USA, per Bahn quer durch die USA und dann

wieder per Schiff von Kalifornien nach Maui Hawaii fuhren, um dort auf

einem Besitz der Familie die Sommerferien zu verbringen. Mit Lydia

konnte man so herrlich plaudern. Sie erzählte gerne die alten

Geschichten von früher, die sie wie kein anderer auf eine lustige Art und

Weise erzählen konnte. Sie starb mit 105 Jahren, aber sie ist jemand,

den man einfach nie vergisst.

Fara Diba, Shahbannu

Auch mit Farah Diba der Shabannou habe ich mich gern unterhalten und

interessante Gespräche geführt. Von ihr lernte ich, wie in Persien der

echte Safran gewonnen wird. Ich kannte sie ja durch ihren Sohn Reza,

der eines Tages bei mir auf der Ranch vorfuhr und, auf Empfehlung

eines gemeinsamen Freundes, nach der Möglichkeit einer Entenjagd

fragte. Ich wusste zwar, wer er war, denn er kam ja angesagt. Ich hatte

aber keine Ahnung, wie ich ihn anreden sollte. Immerhin war er der

Sohn vom Shah von Persien. Also fragte ich ihn einfach und sagte: „Ich

bin nicht sicher, wie ich Sie anreden soll.“ Darauf bekam ich die

Antwort: „Mein Name ist Reza.“ Und da sagte ich: „Mein Name ist

Jupp.“ Sein Freund sagte: „Ich bin Christoph.“ Da war das Eis

gebrochen, und wir sind bis heute Freunde geblieben. Christoph

Lefebvre ist leider an Krebs gestorben, aber mit seiner Frau Assiyeh und

den Kindern bin ich noch heute in Kontakt. Ich war zu Reza’s 40.

Geburtstag nach Washington D.C. eingeladen und brachte meine Nichte

Amelie mit, die gerade bei mir zu Besuch war. Bei Tisch saß ich rechts

von der Shahbannu, und wir bekamen ein wunderbares Essen. Ein extra

Gang bestand nur aus Safran-Reis mit echtem Safran, der Reza zu

Ehren frisch aus dem Iran eingeflogen wurde, ein extra Leckerbissen,

aber leider nicht für mich. Ich habe Safran nie gern gegessen, aber aus

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dieser Nummer kam ich

nicht so leicht heraus.

Meine Mutter würde

sagen: „Es wird

gegessen, was auf den

Tisch kommt“, und ich

tat das normalerweise

auch, aber in diesem Fall

wohl nicht mit der

notwendigen Intensität

und Freude am

Geschmack. Was ich tat,

war zu verhalten, als dass

die Shahbannu es nicht

bemerken würde. Sie

fragte: „Sie mögen

keinen Safran?“ Ich

dachte, was mache ich

jetzt? Was sagt man

einer Kaiserin, wenn

einem ihr Essen nicht

schmeckt? Ich sagte:

„Majestät, bitte verzeihen Sie mir, aber so ist es. Ich mag keinen Safran.

“ Darauf sagte sie ich solle doch mal richtig probieren und nicht so

zaghaft sein. Sie fragte mich ganz nebenbei, ob ich eigentlich wisse, wie

echter Safran hergestellt wird, was ich verneinte, denn was man nicht

mag, interessiert einen meistens auch nicht. Da hat mir Farah Diba eine

kleine Zeichnung gemacht und mir erklärt, wie die kleinen

Blütenstängel vom Krokus geerntet, getrocknet und pulverisiert werden,

und das sei der echte Safran, und der schmeckt mir jetzt besonders gut,

weil mir die Geschichte, die so authentisch und freundlich von der

Shahbannu, an Reza Pahlavi’s 40. Geburtstag erklärt wurde, besonders

gut gefällt. Amelie kann das bezeugen, sie war ja dabei. Ich muss

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wirklich sagen, ich achte jetzt immer auf Safran, aber so gut und

intensiv wie den persischen habe ich wirklich noch keinen gefunden. Ich

hatte noch ein paarmal die Chance, die Shahbannu zu treffen. Sie hat

mir auch eines ihrer Bücher geschenkt und signiert. Reza und Christoph

waren noch oft bei mir zur Entenjagd, und immer war es auch ein

lukullischer Genuss, denn beide kochten mit Leidenschaft, und wir

hatten nach jeder Entenjagd ein opulentes Frühstück, wobei wir, nach

der ersten Tasse Kaffee zum Aufwärmen, schon bald auf Rotwein zum

Warmbleiben umstiegen. In der Zeit bis zum Lunch ließen sich die

frühen Stunden der Entenjagd und der fehlende Schlaf wieder

nachholen. Nachmittags wurden Tontauben geschossen - zur Übung für

die Entenjagd.

Vor meinem Haus auf der Ranch war ein See, und auf dem See lebte ein

einsamer, sehr unfreundlicher weißer Schwan. Schwäne darf man

eigentlich nicht schießen, es sei denn, sie richten Schaden an wie dieser.

Er hat mir schon lange die Enten und Gänse vertrieben. In England darf

nur die Königin Schwan essen, aber nach dem Desaster mit meinem

Schwan tut mir die Königin jetzt echt leid. Ich sagte zu Reza: „Du bist ja

auch eine Art König, und deshalb darfst Du den Schwan schießen. Dann

machen wir ein Schwanenlunch und laden ein paar Freunde ein und

essen Dir zu Ehren Schwan. Die Bedingung ist, dass Du den Schwan

selber schießen musst“. Das hat Reza meisterhaft gemacht, mit

Kopfschuss aus dem Boot heraus. Doch weiter wurde aus unseren

Plänen leider nichts, denn der Schwan war eine große Enttäuschung,

soweit es sich um das Fleisch handelte. Es war ungenießbar und wir

bekamen keinen Bissen davon runter.

Es war immer eine lustige Zeit wenn die beiden bei mir aufkreuzten.

Der Schwan war eine riesige Enttäuschung, denn wir alle hatten uns so

darauf gefreut. Ich war jedenfalls froh, dass der alte Schwan mir nicht

mehr meine Enten und Gänse vertreiben konnte.

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Freunde

für immer

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Mein Freund Männe

Als ich im Jahr 1951 zur Silbernen Hochzeit meines Onkels und meiner

Tante wieder im Sauerland war, habe ich meinen, wie ich ihn immer

gerne nannte: „väterlichen Freund” Manfred Freiherr von Landsberg

kennen gelernt. Ich durfte ihn auch „Männe“ nennen. Er war dort mit

seiner Braut Regina und seiner Schwester, die auch frisch verlobt war.

Die waren alle so lustig, da habe ich mir mit 12 Jahren die beiden

Bräute geschnappt und bin mit ihnen, zum Gaudie der Anwesenden,

durch die Gegend gezogen. Männe hat das auch gefallen, und wir sind

im Laufe der Jahre beste Freunde geworden.

Manfred Freiherr von Landsberg-Velen, kurz Männe genannt, war einer

der bedeutendsten Menschen in meinem Leben. Es gibt selten solche

Freunde wie ihn. Wann immer ich Probleme mit meinen Eltern hatte,

oder besser gesagt, wenn meine Eltern Probleme mit mir hatten, bin ich

zu Männe gefahren. Auch wenn ich mal wieder ein Auto zu Schrott

gefahren hatte oder sonst in Geldnot geraten war, Männe war immer da

und hat mir geholfen. Nicht nur um mich auszulösen, oft auch mit

starken Ermahnungen. Er war auf meiner Hochzeit und hat meine

Scheidung mit organisiert.

Er ist von Deutschland in die USA geflogen, um mir zu helfen, obwohl

er das Fliegen gehasst hat. Wie ich später von ihm erfuhr, hat er alles

Geld mit dem er mir über die Jahre geholfen hat, auf Heller und Pfennig

festgehalten, und er hat einen Gentlemen-Weg gefunden, um es sich

von mir zurückzuholen. Ein guter Weg, wie ich ihm alles auf die feine

Art zurückzahlen konnte. Das war typisch Männe. Ohne dass ein

Pfennig in bar den Besitzer wechselte. Als ich bereits ganz in den USA

wohnte, kam eines Tages ein Anruf von Männe mit folgendem Inhalt:

„Ich komme nächste Woche mit meiner Schwiegertochter und meinem

Neffen nach New York. Wir brauchen drei Zimmer in einem anständigen

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Hotel, und wir sind Deine Gäste für die Tage, die wir in New York City

verbringen“.

Das war wirklich echt Männe. Da hat er mich auf eine schöne Art und

Weise zur Kasse gebeten. Alles war aufgeschrieben, auf Heller und

Pfennig mit Zinsen. Jetzt hatte ich die Chance, ihm meine Schulden auf

eine schöne Art und Weise und auf bestem Wege zurückzuzahlen, und

hatte auch noch Spaß dabei. Er hatte mich bis dahin nie um

Rückzahlung gebeten. Männe hat alles auf seine Kappe genommen,

ohne irgend ein Wort darüber zu

verlieren. Er gab mir die Chance,

alles mit Hotelzimmern und

wunderbaren Abendessen

zurückzuzahlen. Er war der beste

Freund und wir haben unsere

50jährige Freundschaft kräftig

gefeiert. Das war einige Jahre

vor seinem Tod. Ein Freund, der

mir auch manchmal kräftig den

Marsch geblasen hat, den ich

aber mehr vermisse, als ich je

gedacht hätte.

Er hatte ein halb verfallenes Schloss, das in Sand und Moor stand, mit

guten Ideen und großem Risiko zum Ferienzentrum um- und

ausgebaut. Zum Schluss standen dort, wo früher Landwirtschaft

betrieben wurde, bis zu 700 Ferienhäuschen. Das Motto war: „Ferien

vom Kind mit dem Kind“ und das war ein Multimillionen- Geschäft, das

allein auf seinen Ideen aufgebaut wurde. Männe war ein

Geschäftsmann durch und durch. Anders als es heute ist. Aber er war

auch ganz sicher nicht jemand, der nicht gerne gut gelebt hat. Wenn ich

ihn besuchte, bin ich meistens über Nacht geblieben. Abends gingen wir

dann Essen in einem seiner Restaurants im Feriencenter, und danach

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saßen wir zusammen und tranken Kuller-Pfirsich, oder ich durfte mir

eine Flasche meiner Wahl aus seinem Weinkeller holen. Da war manch

eine verstaubte Superflasche, die ich mich kaum traute mitzunehmen,

die wir aber dann gemeinsam gekillt haben. Vorher mussten wir

allerdings erst einmal ein paar Schnäpschen trinken. Er hatte sich für

sein Feriencenter ein eigenes Etikett entwerfen lassen, und diesen

Schnaps mussten wir stets neu verkosten.Man konnte so herrlich mit

ihm über alles quatschen. Ich war in vielem immer etwas kritischer als

er, doch wenn er eine Meinung vertrat, dann hatte sie gewöhnlich auch

Hand und Fuß. Er hat seiner Familie ein riesiges Geschäft hinterlassen,

mit dem sie mehr Geld verdienen, als sie sich je erträumt hätten. Ich bin

nicht sicher, ob sie sich für diesen Geldsegen anständig bei ihm bedankt

haben.

Mit Romy und Brigitte

Ich traf auch Schauspieler wie Brigitte Bardot, in deren Haus „La

Madrague” in St. Tropez ich zwei Sommer mit meiner Freundin Gloria

Silva aus Chile wohnen durfte. Sean Connery, Joan Collins und Rod

Stewart im Haus meiner lieben Freundin Terry Allen Kramer und Viggo

Mortensen, dessen Vater ein guter Freund von mir war, der aber auch

leider verstorben ist. Ich bin zu seiner Beerdigung nach Dänemark

geflogen, wo Viggo, seine Brüder und sein Sohn Henry sich ganz

rührend um mich gekümmert haben. Bei der Gelegenheit habe ich

Viggo etwas näher kennengelernt und bin erstaunt, wie normal und

natürlich er privat wirklich ist.

Ich traf auch Romy Schneider in Brigitte’s Haus. Wir hatten sofort eine

besondere Zuneigung zueinander. Ich hatte das Gefühl, dass wir

irgendwie seelenverwandt waren. Wir konnten stundenlang reden und

haben uns auf Anhieb gut verstanden. Es war eine rein platonische

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Freundschaft, die mir aber von Anfang an schon so vorkam, als hätten

wir uns ewig gekannt. Romy hatte etwas romantisch Trauriges um sich,

und wir hatten einige sehr tief gehende Unterhaltungen. Sie machte mir

den Eindruck, als würde sie etwas Melancholisches mit sich

herumtragen, aber sie wollte nie darüber reden. Wir sind öfter

zusammen zum Dinner gegangen, wenn Brigitte und Gloria woanders

eingeladen waren. Es war eine schöne und liebevolle Zeit, aber es war

nie so ernst, dass man etwas Greifbares dahinter vermuten konnte. Es

ist schwer, das richtig auszudrücken. Es war auch nicht immer so. Romy

konnte auch sehr lustig sein, und wir haben viel gelacht, aber es war

immer, als fehlte ihr etwas, das sie nicht richtig greifen konnte.

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In St. Tropez bei Sam Spiegel

Als ich in St. Tropez mit Gloria im Gästehaus von Brigitte Bardot

wohnte, kam eine Einladung von dem bekannten Hollywood

Produzenten und Regisseur Sam Spiegel. Brigitte war samt ihren

Hausgästen eingeladen. Auch Romy Schneider war dabei.

Das Schiff von Sam, auf das wir geladen waren, sah von aussen nicht

sehr einladend aus. Sobald man aber im Schiff war, sah es sehr gepflegt

und gemütlich aus. Es war ausserdem mit der neuesten Technik

ausgerüstet. Sam begrüßte erst die Damen und sagte dann zu mir:

„Young man, this is your lucky day. I had intended to have all these

ladies entirely to myself.“ (Junger Mann, heute ist Dein Glückstag, denn

ich hatte ursprünglich gehofft alle Damen für mich ganz allein hier zu

haben.) Ich sagte ihm: „Don’t worry, Sir, if I get into your way just let

me know, and I’ ll jump over board.“ (Keine Sorge mein Herr, wenn ich

Ihnen im Wege bin, sagen Sie es mir und ich springe über Board) Damit

war der Ton so positiv, dass die gute Stimmung den ganzen Abend nicht

nur anhielt, sondern sich durch den ganzen Abend hindurch noch

steigerte und sehr lustig wurde.

Wir aßen auf dem Hinterdeck und sprachen über Gott und die Welt.

Dabei kam auch die Geschichte von Sam Spiegels Haus zur Sprache, das

er um diese Zeit in Hollywood baute. Er nannte es sein Traumhaus und

hatte viele lustige Geschichten zu erzählen. Eine Sache die ihm noch

nicht ganz klar war, wurde das Hauptthema des Abends. Es war schwer,

wie er sagte, einen passenden Namen zu finden der auch Bezug auf ihn

selber haben sollte. Wir alle machten die wildesten Vorschläge, von

denen aber keiner so richtig den Nagel auf den Kopf traf.

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Auf einmal sagte Romy Schneider, mehr zu sich selbst als zu uns oder

zu Sam. „Warum nicht Spiegel-Ei?“ und das war die Krönung des

Abends. Es war ein Abend wie man ihn selten erlebt. Die Stimmung, die

Menschen, das Essen, die Weine, alles passte und in unseren Köpfen

thronte noch lange das Spiegel-Ei.

Von Montreux bis nach Paris

Ich fuhr einmal nach Montreux weil, eine Freundin dort im Internat war.

Während sie in der Schule war, ging ich nach dem Frühstück zum

Skilaufen. Vorher ging ich immer in dasselbe Café wo auch stets ein

älterer Herr saß und frühstückte. Wir kamen ins Gespräch und er

erzählte mir, dass er als Kind eine deutsche Nanni hatte und daher

etwas Deutsch sprechen könnte. Er war sehr nett und humorvoll und

gab mir seine Adresse in Paris mit der Bitte ihn unbedingt zu besuchen.

Das tat ich leider erst ein Jahr später, als ich meine Schwester

Madeleine in Paris besuchte. Ich ging also zu der angegebenen Adresse,

in ein sehr vornehmes Gebäude wo ich in den obersten Stock geschickt

wurde. Ich klingelte an der Tür und als mir geöffnet wurde, sah ich, dass

hier eine eher gehobene Veranstaltung war, wofür auch meine Kleidung

höchst unpassend war. Alle sahen mich erstaunt an und jemand fragte

was der Grund meines Besuches sei. Auf meine Antwort, ich käme um

Monsieur Paul Mill zu besuchen, trat eine peinliche Stille ein. Ich hatte

keine Ahnung warum alle so still wurden und mich anstarrten.

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Dann kam ein netter Herr zu mir und erklärte mir, dass man Paul an

dem Tag beerdigt hatte. Der Herr stellte sich als der Bruder von Paul

heraus und er war sehr nett und freundlich. Sein Name war Herve Mill

und er bat mich hinein und bot mir ein Glas Champagner an was ich

gerne annahm, denn mein Hals war total ausgetrocknet von der

merkwürdigen Situation. Ich war sehr traurig, denn ich hatte mich sehr

auf mein Wiedersehen mit Paul gefreut. Plötzlich wollten alle wissen wo

ich her komme, was ich in Paris mache, wie lange ich bleiben wollte und

und und…..

Herve war sehr nett und lud meine Schwester Madeleine und mich zum

Essen in ein super Restaurant am Place Victor Hugo ein. Dort gab es

Valé Parking und prompt baute der Valé Parker einen Unfall mit

meinem heiss geliebten VW Cabrio. In Paris muss man bei solchen

Reparaturen mit bis zu 2 Monaten rechnen. Ich aber hatte von nun an

einen grossen Citroen mit Chauffeur vom Paris Match, dessen Präsident

Herve war. Nun konnte ich mir Paris „in Style“ ansehen. Nur schade,

dass Paul nicht mehr da war. Ich gab mir Mühe, die Besuche in den

Museen und in der Piscine auszubalancieren und arbeitete somit an

meiner Bildung auf beiden Gebieten. Ich machte nette Bekanntschaften

und genoss die Zeit in vollen Zügen.

Edward Kent

Als ich wieder zu Hause war ging ich dann auf die Höhere

Handelsschule, um mein Handels-Abitur zu machen. Um die Zeit ist

Edward Herzog von Kent, Vetter der englischen Königin, nach Münster

versetzt worden, wo er vom Westfälischen Adel auf Festen

herumgereicht wurde. Man war beeindruckt, dass der Vetter von

Königin Elisabeth II den Einladungen aus Westfalen so gerne folgte.

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Auf einem dieser Feste lernte er meine Schwester Madeleine kennen.

Beide mochten sich auf Anhieb und sprachen überwiegend Französisch

miteinander, was nicht vielen im Westfälischen Adel so leicht über die

Lippen ging wie den beiden. Irgendwann hatte ich ihn durch Madeleine

kennen gelernt, und er fragte mich, ob ich meine Schwester auf ein

bestimmtes Fest bringen könnte, wo er auch eingeladen war. Ich war in

dem Alter wo man ziemlich frech sein kann und sagte ihm: „Eddy, ich

bin kein Chauffeur.

Wenn Du meine Schwester dort

auf dem Fest sehen willst, dann

musst Du mir bitte eine Einladung

besorgen, dann bringe ich sie mit.“

Das war eine klare Ansage und

funktionierte recht gut, denn ich

habe Eddy sehr oft danach

gesehen. Er mochte meine offene

Art, wie er mir mal sagte, und er

fand, dass ich kein Boot-Licker bin.

Er hat mich hin und wieder in die

Offiziers Messe der Scotch Greys

eingeladen, was immer sehr lustig

war, und auch in Great Style. Er hatte stets eine Gruppe Freunde um

sich, von denen einer schwarze Cowboy-Stiefel zum Smoking trug, was

ich wahnsinnig cool fand und in späteren Jahren in den USA auch

nachgemacht habe. Die Königliche Hoheit war ein lebenslustiger Typ,

der seine Dienstzeit in Münster sehr genossen hat - und ich deshalb

ebenfalls.

53


Hippies in Marbella

In den frühen 70er Jahren bin ich auch einige Male nach Marbella

gefahren und habe dort immer im Marbella Club gewohnt. Es war ein

ganz besonderer Ort für mich. Ich hatte mich auch mit dem Besitzer,

Prinz Alfonso Hohenlohe angefreundet. Wir trafen uns oft früh am

Morgen, wenn er seinen Hund, einen schwarzen Labrador, der im Pool

nach Steinen tauchte, spazieren führte. Alfonso war ein sehr netter und

freundlicher Herr mit dem ich mich gut unterhalten habe.

Ich war auch mit einer Gruppe englischer Hippies befreundet, die ich in

Marbella kennen gelernt hatte. Es wurde viel geraucht in jenen Tagen

und ich erinnere mich noch an einen Abend als ich von den Hippies zum

Abendessen auf einer Hazienda eingeladen war. Es gab die beste Musik

und jeder bekam eine Pille. Danach gab es dann das Essen, was sehr gut

war, aber keiner der Anwesenden hat ein einziges Wort gesprochen,

jeder von uns war in seiner eigenen Welt. Es war eine höchst

ungewöhnliche Situation zu der eine der anwesenden Damen noch stark

beigetragen hat. Sie war berühmt geworden, als sie in Ascot bei dem

Pferderennen im Hosenanzug erschien und deshalb aus dem inneren

Zirkel verbannt wurde, bevor die Königin kam. Darauf hat einer der

feinen Herren seine Hose ausgezogen und gesagt: „Wenn die Dame hier

nicht in Hosen sein darf, dann will ich auch keine Hose anhaben“.

Das war natürlich ein riesiger Skandal aber ich war von etwas anderem

sehr viel mehr begeistert, und das war ihr Auto. Sie hiess Jane Harris

und fuhr einen Aston Martin, meiner Meinung nach das schönste Auto

auf der Welt und Jane lud mich auf eine Probefahrt ein. Ich war total

verliebt aber ich war mir nicht ganz sicher, ob in Jane oder in ihr Auto.

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Saubere Strassen in Düsseldorf

Kurz darauf musste ich wieder nach Düsseldorf, wo ich mein Büro

hatte. Ich war kein Freund von Düsseldorf. Es war mir immer einen Tick

zu spiessig aber für meine Firma war es genau der richtige Platz.

Ich hatte inzwischen ein paar Freunde gefunden wie z.B. Franzl

Auersperg und Nino Mommsen. Mit den beiden konnte ich immer

lachen und wir machten teilweise verrückte Sachen. Eines Tages kamen

wir morgens früh aus dem Pferdestall und sahen, wie Männer von der

Strassen Reinigung die Strasse fegten. Nino fragte sie: „Jungs, habt ihr

schon gefrühstückt?“ Das verneinten alle. Darauf gab er ihnen fünfzig

Mark und sagte: „Kauft euch erst mal ein paar Brötchen und einen

Kaffee.“ Die Burschen rannten los zum nächsten Bäckerladen während

wir noch überlegten, wie wir nach Hause kommen sollten.

Da fiel uns die Strassen-Kehr-Maschine auf und wir beschlossen, damit

nach Hause zu fahren. Einer von uns musste fahren, einer bediente die

rotierenden Bürsten die vorne und an den Seiten angebracht waren und

der dritte von uns bediente die Bewässerung der Strasse bevor die

Besen an die Arbeit gingen. Wir fuhren vom Pferdestall quer durch die

Stadt bis fast zum Ende der Cecilien Allee, wo Nino wohnte. Keiner

hielt uns auf und wir fuhren lustig weiter. Als wir ankamen, wollten wir

natürlich die Maschine abstellen aber wir fanden nicht den rechten

Knopf dafür. Wir mussten leider die laufende Maschine stehen lassen

denn es war höchste Zeit ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.

Als wir ausgeschlafen hatten, war die Maschine nicht mehr da, wo wir

sie abgestellt hatten. Wir haben nie erfahren wann oder von wem sie

abgeholt worden ist.

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Privat-

Audienz

beim

Papst


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Unser Onkel Bischof

Kurz bevor wir 1942 nach Österreich fuhren, lernte ich unseren

berühmten Onkel, den Kardinal von Galen, genannt „Der Löwe von

Münster“ kennen, der so mutig gegen die Nazis predigte.

Er war der Vetter ersten Grades meiner

Großmutter, und meine Mutter

erzählte oft, wie sie mich dazu

bringen wollte, seinen Ring zu

küssen, und ich statt dessen

Klimmzüge an seinem Arm

machte. Onkel Bischof, wie

er damals noch genannt

wurde, war ein großer

Mann, und das meine ich

nicht nur geistig, sondern

auch körperlich, denn er war

mindestens zwei Meter vier

gross. Er war sehr beliebt in

der Bevölkerung und mit

meinen Eltern befreundet, weil

er und unsere Mutter

ausgesprochen gegen die Nazis

waren. Onkel Bischof war auf den

Namen Clemens August getauft, und das ist auch

mein zweiter und dritter Name. Er hat immer geglaubt, ich sei nach ihm

benannt, aber das stimmte leider nicht. Meine Mutter hat mir oft

gesagt, sie habe nie das Herz gehabt, ihm das zu sagen. Ich wäre

natürlich froh, wenn es so gewesen wäre. Clemens August war als

junger Priester schon Pfarrer von Lamberti in Münster. Er ging für

einige Jahre nach Berlin und kam dann zurück nach Münster. Meine

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Eltern sind damals öfter nach Münster in die Messe gegangen weil er

halt der Onkel war, nicht wegen seiner Predigten, die anfangs sogar

ziemlich langweilig gewesen sein müssen. Im Jahre 1933 wurde er zum

Bischof von Münster ernannt, und von da an, mit den Nazis auf dem

Vormarsch, wurden seine Predigten immer besser und gehaltvoller. Zur

gleichen Zeit gab es einen jungen Mann in Polen, der im Alter von 20

Jahren, die Predigten des Bischofs ins Polnische übersetzte und sie über

ganz Polen verteilte. Natürlich war das gefährlich, aber das schien den

jungen Mann nicht aufzuhalten, obwohl Polen bereits von deutschen

Truppen besetzt war. Der junge Mann war Karol Wojtyla, bekannt als

Papst Johannes Paul der II., der am 1. Mai 2011 heilig gesprochen

wurde.

Ein Autogramm von Johannes Paul II.

Am 26. Februar 2001 war ich, dank meiner lieben Freundin Terry Allen

Kramer, in Rom bei Papst Johannes Paul II. zu einer Privat-Audienz mit

nur 10 Personen. Ich wusste, dass die Frau des amerikanischen Sängers

Vic Damone dem Papst 1 Million Dollars schenken wollte, und

überlegte fieberhaft, was ich dem Papst schenken könnte.

Da fand ich ein Buch über unseren Onkel, den neuerdings zum Kardinal

ernannten Clemens August Graf von Galen, und kaufte zwei Exemplare.

Unser Besuch im Vatikan begann sehr früh am Morgen. Nachdem wir

uns alle versammelt hatten, wurden wir über wunderschöne

Marmortreppen in die Privaträume des Papstes geführt, direkt in die

Privatkapelle des Heiligen Vaters, wo wir den Pabst bereits betend, auf

eine Betbank gestützt, vorfanden. Er hat dann die Messe gelesen, und

danach wurden wir alle gebeten, dem Gang zu folgen, der in sein

Arbeitszimmer führte. Es war das Zimmer in dem der Papst immer am

Fenster erscheint und zu den Gläubigen spricht. In dem Raum wurden

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wir von Monsignore Stephano betreut, und dann kam der Papst. Wir

durften ihn einer nach dem anderen persönlich begrüßen. Als er das

Buch mit dem Bild des Kardinals sah, fragte er mich: „Kardinal von

Galen, in welcher Beziehung stehen Sie zu ihm?“ Ich sagte: „Er war der

Vetter meiner Großmutter, Euer Heiligkeit“, und der Papst fragte mich:

„Haben Sie ihn persönlich gekannt?“ Ich sagte: „Ja Euer Heiligkeit, als

ich drei Jahre alt war, hat er meine Eltern besucht, und ich sollte seinen

Ring küssen, aber ich habe nur Klimmzüge an seinem Arm gemacht.“

Da lachte der Heilige Vater und sagte: „Da haben Sie mehr Glück

gehabt als ich. Ich habe ihn sehr verehrt, aber ich habe ihn leider nie

kennengelernt.“ Dann griff jemand über die Schulter des Papstes und

nahm meine beiden Bücher, der Papst schenkte mir einen Rosenkranz,

und ich machte Platz für Terry.

Ich hatte zu Beginn des Besuches den Sekretär des Papstes,

Monsignore Dsiwisz, gefragt, ob der Heilige Vater mir eines der beiden

Bücher signieren würde. Monsignore Dsiwisz sagte mir:

„Es gibt im Vatikan ein ungeschriebenes Gesetz: Päpste geben keine

Autogramme.“ Darauf sagte ich zu ihm: „Monsignore, dann schenke ich

Ihnen das zweite Buch.“ Doch als wir den Heiligen Vater verlassen

mussten, kam Monsignore Dziwisz zu mir und sagte: „Hier ist Ihr

Buch“, und ich sagte: „Monsignore, ich habe es Ihnen doch geschenkt.“

Aber Monsignore Dziwisz bestand darauf, dass ich das Buch nehme,

und sagte lächelnd: „Ich glaube dieses werden Sie sicher gerne behalten

wollen.“ Da wusste ich, dass der Heilige Vater es signiert hatte.

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Später war ich wieder in Rom zur Seligsprechung unseres Onkels

Kardinal Clemens August. Es war ebenfalls eine sehr ergreifende Feier

im Peters Dom. Für diesen Anlass hatte ich mir schon rechtzeitig von

Monsignore Stephano Extra-Karten bestellt, und die waren für ganz

vorne in der zweiten Reihe. Ich wollte vermeiden, mit dem ganzen

Verwandtschaftsklüngel gehen zu müssen, alles klappte wunderbar.

Mein Neffe Mathias von Birkensee kam auch mit zur Seligsprechung

unseres Onkels. Als wir beide morgens zeitig am Vatikan ankamen, war

trotz der frühen Stunde schon eine lange Schlange von Menschen auf

dem Petersplatz, unter anderem eine Gruppe Männer, einheitlich in

grüne Jacken gekleidet. Ich hörte, dass sie Deutsch sprachen, und wir

gingen einfach zu ihnen und begrüßten sie alle mit Handschlag wie alte

Bekannte und reihten uns wie selbstverständlich mit in die Gruppe ein.

Es war der Männer-Gesangsverein von Coesfeld, und wir hörten all die

Geschichten, wie sie vom Kardinal Galen gefirmt wurden. Ich stellte

mich vor als der Grossneffe und erzählte von meinem Onkel, und die

Herren erzählten mir von ihrer Firmung, und so kamen wir leicht und

zeitig in den Petersdom. Mit den Karten, die ich von Monsignore

Stephano bekam, landeten wir, allerdings auf Umwegen, auf Plätzen in

der zweiten Reihe. So waren Mathias und ich bestens versorgt.

Die dritte Karte gab ich meiner Schwester Margret, und dann gingen

wir, vorbei an der versammelten Verwandtschaft, auf unseren Platz in

der zweiten Reihe. In den Vatikan bin ich beim ersten Besuch mit Terry

übrigens sozusagen hineingeschmuggelt worden. Es gab eine Liste, auf

der wir alle zwölf verzeichnet sein sollten. Nur mein Name war nicht

dabei, und da stand ich nun, keine Einladung, kein Eintritt, und ich

dachte, ich sei umsonst nach Rom geflogen. Doch der nette Herr, der

den Besuch für die Amerikaner organisiert hat, lieh mir seinen

Diplomaten-Pass und damit stand mir der Weg zum Heiligen Vater

offen. Das hätte allerdings auch schief gehen können.

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Schüleraustausch

in die USA

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Mit 15 Jahren bin ich dann von der Schule in Lüdinghausen im

Schüleraustausch mit den USA für ein Jahr nach Amerika gegangen.

Zuerst musste ich aber noch mehrere Hürden in Form von Interviews

und Befragungen überwinden, aber dann, nachdem ich genügende Male

mündlich und schriftlich versichert hatte, dass meine Eltern jemals

weder der kommunistischen Partei noch der NSDAP angehört hatten,

bekam ich freie Fahrt. Meine Eltern waren sehr für diese Reise und

brachten mich nach Bremerhaven, und am nächsten Morgen ging es an

Board der „Seven Seas“. Die Eltern durften sogar für eine Weile mit

aufs Schiff, aber dann hieß es Abschied nehmen. Wir waren 220

deutsche Austauschschüler/innen.

Das war ein Gewusel von Jugendlichen, Eltern und Freunden, die alle

„Wiedersehen“ sagen und Küsse verteilen wollten. Doch dann wurden

die Nichtreisenden gebeten, das Schiff zu verlassen, und es ging endlich

los. Nun gab es kein Zurück mehr. Mit 15 ein Jahr in Amerika, das sagt

sich so leicht, aber als das Schiff sich in Bewegung setzte, war einem

doch ein wenig mulmig zumute. Wir hatten ja alle keine Ahnung, was

uns bevorstand, und die Englisch-Kenntnisse waren auch noch nicht so

gut, wie ich in einigen Tagen auf der anderen Seite des Atlantiks, zum

Gaudi meiner Kameraden, noch erfahren sollte.

Auf hoher See hatten wir schnell herausgefunden, wo die interessanten

Ecken auf dem Schiff waren. Schnell war das Vorderdeck, das

unbeleuchtet war, der beliebteste Platz. Dort war kein Licht, damit die

Brücke eine bessere Sicht nach vorne hatte. Für uns war das ein

Stückchen Freiheit, was Teenagern immer so wichtig ist. Es war auch für

uns der beste Platz, um Zigaretten zu rauchen und Bekanntschaften zu

machen. Schließlich waren wir ein wilder Haufen von

hormongesteuerten Halbstarken, die auf die Umwelt losgelassen

wurden. Mit 15 oder 16 Jahren ist man irgendwie noch ein unsicherer

und überfragter Jugendlicher.

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So jedenfalls fühlte ich mich. Die Überfahrt sollte sieben Tage dauern

und am dritten Tag kamen wir in einen ziemlichen Sturm, der viele der

Passagiere seekrank machte. Man muss sich vorstellen: 700 Passagiere

an Bord, von denen zwei Drittel seekrank wurden und das ganze Schiff

vollkotzten.

Die ganz dummen achteten dabei nicht einmal auf den Wind. Sie

standen an der Reling und kotzten gegen den Wind, und es störte sie

nicht, dass die ganze Suppe wieder auf sie zurückgeflogen kam. Es war

ein Gestank auf dem Schiff, der selbst mir zu schaffen machte. Obwohl

ich nie seekrank werde und auch nie geworden bin, war mir doch elend

zumute. Ich wusste zuerst nicht wohin, aber dann kam mir das

Vorderdeck wieder in den Sinn, und ich marschierte dorthin so schnell

ich konnte. Ich war nicht der Einzige, der diesen rettenden Gedanken

hatte, aber ich habe mich ganz nach vorne begeben, dorthin, wo die

Winde für die Ankerkette ist. Ein Platz der streng verboten war, an den

aber von der Besatzung keiner bei Windstärke 9 bis 10 Zeit hatte zu

denken. Dort, wo der frische Wind mir um die Nase wehte, fühlte ich

mich wohl und blieb die ganze Nacht dort. Nach einigen Stunden war

der Sturm vorbei, und es wurde eine wunderschöne Nacht. Es war kühl,

aber nicht kalt. Das Schiff hob und senkte sich langsam in einem

gemütlichen Rhythmus. Ich lag auf den Seilen neben der Ankerkette

und fühlte mich sehr viel wohler als im Schiff mit all dem Gestank.

In den Morgenstunden befiehl mich plötzlich ein sagenhafter Hunger,

und ich ging zurück ins Schiff. Es fiel mir auf, wie sauber alles war. Der

Gestank war weg, und alles sah wie gewöhnlich aus. Jemand von der

Besatzung sagte mir, es gebe auch schon ein Frühstück. Ich lies mich

nicht zweimal bitten und frühstückte fast alleine im leeren Speisesaal.

Die meisten Passagiere erholten sich wohl noch in den Kabinen. Der

Sturm war gerade erst vorbei, als ich einen furchtbaren Schmerz fühlte.

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Es war so schlimm, dass ich mich erst einmal hinlegte, aber in der

folgenden Nacht bin ich auf allen vieren bis zur Toilette gekrochen und

habe dann den Schiffsarzt mobil gemacht. Die Diagnose war

Blinddarmreizung in einem ziemlich akuten Zustand. Der Arzt sagte

mir, er müsse wahrscheinlich operieren, aber der Wind wurde wieder

stärker, und es schaukelte zu stark, um eine Operation durch zu führen.

Ich hatte solche Schmerzen, dass ich es kaum noch aushalten konnte.

Der nette Arzt gab mir Schmerztabletten, die mir soweit geholfen

haben, dass ich es gerade noch ertragen konnte. Es waren nur noch 2

Tage bis nach Montreal in Canada. Als wir kurz vor der Mündung des

St. Lawrence Stroms waren, gab es nochmal eine große Aufregung an

Bord, weil eine Gruppe Wale ganz in der Nähe schwamm und ihre

Fontänen von Luft und Wasser bis fast ins Boot bliesen.

Damals ahnte ich noch nicht, wie gerne ich später im Leben zu ihnen ins

Meer gesprungen bin. Mir ging es soweit wieder besser, und wir legten

kurz darauf erst in Quebec an, und am nächsten Morgen früh erreichten

wir Montreal. Bei der Landung ging es mir wieder ganz normal, und wir

durften uns etwas in der Stadt umsehen. Der nette Arzt sagte mir noch,

ich solle, sobald ich etwas spüre, umgehend am Blinddarm operiert

werden.

In Montreal sah ich die erste Hotdog-Bude meines Lebens, auf Deutsch

eine Würstchen-Bude, mit Pommes frites und Ketchup. Alles Dinge, die

wir von zu Hause nicht kannten. Deshalb mussten wir das unbedingt

ausprobieren. In der Eile habe ich bei der Bestellung „to get“ und

„bekommen“ verwechselt und sagte laut: „I want to become a hot dog,

please.“ Der Mann lachte laut und sagte: „I don’t care what you want to

become, just tell me what you want to eat.“ (Ich will nicht wissen, was

Du werden willst, sag mir lieber, was Du essen willst.) Da gab es ein

großes Gelächter auf meine Kosten. Später trennten wir uns alle, und

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jeder fuhr in die Stadt oder Gegend, wo er oder sie das nächste Jahr

verbringen würde. Ich musste mit der Bahn von Montreal über Chicago

nach La Cross Wisconsin und von dort zu einem Ort mit Namen

Caledonia im Staat Minnesota.

Ich war aufgeregt und hatte Angst, den falschen Zug zu nehmen. Ich

fragte mich durch, sogut ich konnte. Die Menschen waren alle

besonders freundlich und zeigten mir, wohin ich gehen musste. Am

letzte Zug den ich ausgesucht hatte, war ein sehr freundlicher

Schaffner, und als ich ihm mein Ticket zeigte, was ich schon nach Hause

geschickt bekommen hatte, war ich tatsächlich an der richtigen Adresse.

Ich musste in Chicago umsteigen und dann weiter nach LaCross in

Wisconsin, wo meine Gastfamilie mich abholen würde. So stand es in

meiner Reiseagenda, und der freundliche Schaffner hat mir die

Unsicherheit genommen.

In LaCross standen die Huesmanns schon am Bahnhof und warteten auf

meine Ankunft. Nach kurzer Begrüßung ging es dann nach Caledonia

auf die Farm, wo ich ein Jahr lang leben sollte. Als ich dort ankam,

begrüßten mich die älteste Tochter Mary Jane und der Sohn Alan. Die

andere Tochter Dotie lernte ich erst später kennen.

Es gab noch eine blinde Tante auf der Farm namens Lena und reichlich

Kühe sowie Schweine und Hühner, die ich alle bald kennenlernen sollte.

Es fing schon sofort gut an. Kurz nach meiner Ankunft, als ich gerade

meinen Koffer auspackte, kam Alan in mein Zimmer und warf eine Blue

Jeans und ein T-Shirt auf mein Bett. Ich sagte: „Thank you“, worauf er

antwortete: „Don’t say: Thank you, this means work.“ (Bedank Dich

nicht, das bedeutet Arbeit.)

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In Jeans und T-Shirt

Also zog ich die Jeans und das T-Shirt an, beides Sachen, die ich noch

nie im Leben gesehen hatte, und wurde in den Kuhstall geführt, den ich

erst einmal ausmisten durfte. Am ersten Tag schon Stall ausmisten, das

war nicht, was ich mir vorgestellt hatte. Es war harte Arbeit, die ich in

dem Maße nicht gewohnt war. Die ersten Wochen waren wirklich sehr

schwer. Es haperte zunächst an neuen Bekanntschaften, und ich fühlte

mich immer einsamer. Mir fiel auf, dass es nur wenig junge Leute in der

Gegend gab. Die waren wohl, außer den Kindern von Farmern, alle

bereits in den Sommerferien, die gerade rechtzeitig zu meiner Ankunft

begonnen hatten. Das Wort Ferien bekam immer mehr einen negativen

Beigeschmack, denn dadurch wurde meine Arbeitszeit stark verlängert.

Am Anfang war es außer dem Füttern der Tiere und dem Melken nicht

ganz so schwer, aber jetzt fing die Heuernte an, wo wir Heuballen vom

Boden auf den Wagen heben mussten, eine Knochenarbeit, die einem

kräftig auf den Rücken haute. Ich war ja mit Abstand der jüngste auf

der Farm und wollte aber auch nicht wehleidig sein und sagte nichts. Es

war aber doch einfach zu viel für mich. Zwischendurch meldete sich

auch hin und wieder mein Blinddarm, aber immer gab es zu viel zu tun,

und für einen Aufenthalt im Krankenhaus war nie Zeit. Einmal jedoch,

es war kurz vor Ostern, war es so schlimm, dass ich gesagt habe, jetzt

geht es einfach nicht mehr, jetzt muss ich ins Krankenhaus wo ich auch

sofort operiert wurde.

Das war ein positiver Verlauf der Dinge, denn irgendwie änderte sich

von da an alles. Als ich aus der Narkose aufwachte, stand mein

Blinddarm fein säuberlich in einem kleinen Glasröhrchen auf meinem

Nachttisch. Anscheinend ein Brauch in Minnesota. Was sehr viel

wichtiger war als mein Blinddarm, der mir jetzt nicht mehr wehtun

konnte, waren einige Karten mit „Gute-Besserung-Grüßen“ sowie

Blumen von wildfremden Menschen. Als deutscher Austauschschüler,

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zehn Jahre nach dem Krieg, wurde man nicht unbedingt immer

freundlich empfangen. Ich muss allerdings sagen, dass die Menschen in

Caledonia besonders nett und freundlich waren. Ich begann, mich bei

einigen von den Blumenspendern persönlich zu bedanken. Es war

schwierig, die Menschen zu besuchen, denn ein Auto hatte ich nicht und

ein Pferd auch nicht. Also schrieb ich Karten an einige der Leute und

ging zu anderen auch persönlich und zu Fuß. Da war ein Ehepaar das

mir eine nette Karte geschrieben hat, die mir ganz besonders gut gefiel.

Sie ragte aus all den anderen Karten weit heraus. Es war so nett

geschrieben, und etwas in der Karte berührte mich ganz besonders. Ich

beschloss, diese Menschen kennenzulernen, und ging einfach hin.

Es war kurz nach Ostern, als ich an deren Tür klopfte. Es stellte sich

heraus, dass der Mann der Herausgeber der kleinen lokalen Zeitung war.

Er war interessiert zu hören, wie es in Deutschland nach dem Krieg

aussah und welche Art von Regierung jetzt am Ruder war. Sein Name

war Perk Steffen. Er war sehr besorgt um mich, und wir haben uns sehr

gut unterhalten. Perk sagte mir, dass er gerne mit mir redete, weil ich

schlicht und einfach redete, und außerdem, weil ihm mein Akzent

gefalle. Ich fühlte eine echte Freundschaft vom ersten Tag an. Seine

Frau Helen war eine der nettesten Damen, die ich in Amerika

kennengelernt habe. Sie war so herzlich und konnte mir immer

zuhören, wenn ich wieder einmal einen schlechten Tag hatte, weil ich

meine Familie vermisste.

Helen hat auch beschlossen, dass ich mehr von der Gegend sehen sollte.

Schließlich sollte ich nicht nur Kuhscheiße kennen lernen, sondern die

Menschen und deren Meinungen und Erlebnisse. Minnesota war das

Land der 10000 Seen, und ich hatte noch nicht einmal einen davon zu

Gesicht bekommen. Sie sagte den Huesmanns, dass ich unbedingt öfter

mit ihr wegfahren sollte, sozusagen für meine Bildung. Wir haben

wundervolle Ausflüge gemacht, und ich verbrachte soviel Zeit mit den

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beiden, wie ich nur konnte. Mein Leben war plötzlich wieder interessant

und konnte auch lustig sein. Ich bin richtig aufgelebt. Als ich wieder in

Deutschland war, besuchten mich die beiden, und wir verbrachten

schöne Tage kreuz und quer durch’s Münsterland. Ich konnte mich

revanchieren und beiden eine schöne Zeit in Deutschland bieten.

Perk kam nie über die Tatsache hinweg, dass man in Deutschland

Streichhölzer bezahlen musste. Aber wenn er ein Kästchen kaufte gab

er auch gerne 5 Mark Trinkgeld. Ich habe die zwei noch öfter besucht.

Die Freundschaft hat bis zu deren Tod gedauert, und ich denke heute

noch gerne an beide zurück. Zuerst starb Perk, und Helen verkaufte das

Haus und zog in ein Altenheim in LaCross, wo ich sie auch einige Male

besucht und zum Essen ausgeführt habe. Dann kam die Nachricht, dass

Helen gestorben war, und dann blieb mir nur die Erinnerung an die

beiden nettesten Menschen meines Aufenthalts in Amerika. Helen hat

mir immer wieder gesagt, ich solle endlich aufhören meine Dankbarkeit

zeigen zu wollen, und ich sagte ihr, dass ich nicht dankbar sei sondern

dass ich sie nur besuchen käme, weil sie so schöne Geschichten erzählt.

Damit konnte sie dann besser umgehen. Ich habe sie noch mehrmals in

dem Heim in LaCross besucht, und solange es noch ging, sind wir zum

Essen ausgegangen und haben von der guten alten Zeit geredet, als sie

mich gerettet und auch in Deutschland besucht haben. Helen ist wenige

Jahre nach Perk gestorben. Ich bin dankbar, dass ich beide kennen

lernen durfte.

Es gab noch eine andere Familie, die auch mit Steffens befreundet war.

Staatsanwalt Röhrkohl und seine Frau Olivia. Beide waren sehr nett,

aber was mir an ihnen am besten gefiel war, dass sie eine reizende

Tochter hatten, die auch in meiner Klasse in der Caledonia High School

bei den Nonnen war. Ihr Name war Marceline. Unsere Schule wurde

vom Franziskaner Orden geleitet, von Katholischen Nonnen, die

besonders nett und erstaunlich offen allem gegenüber waren. Einmal im

Monat veranstalteten sie einen Tanzabend in der Schule, wo ich auch

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den Jittebug gelernt habe. Wenn jemand nach draußen ging, um

verbotenerweise eine Zigarette zu rauchen, sagte Schwester Norbert

immer: „Auf dem Schulgelände ist Rauchen und Küssen verboten. Dazu

habt Ihr gleich im Auto noch genug Zeit.“

Ich war öfters abends bei Marceline und ihren Eltern zum Essen

eingeladen, und der Vater fragte mich bei meinem ersten Besuch, aus

welcher Gegend in Deutschland ich komme. Ich dachte, wenn er viel

von Deutschland weiß, dann kennt er vielleicht Westfalen, und nachdem

ich ihm Westfalen genannt habe, hat er gesagt: „Westfalen ist gross, wo

denn genau?“ Ich dachte wieder, wenn er Westfalen so gut kennt, dann

kennt er vielleicht auch Münster, und ich sagte ihm: „Münster“, worauf

er fragte: „in der Stadt oder außerhalb?“. Ich konnte es nicht fassen. Ich

sagte: „Außerhalb, ich bin aus Rinkerode“, da lachte er und sagte:

„Rinkerode kenn ich, da war ich vor zwei Jahren mal. Ich habe einen

Vetter im Nachbardorf Albersloh“. Ich wäre fast wieder vom Stuhl

gefallen. Der Name Röhrkohl wird in Amerika wie „Rekkel” mit

rollendem R ausgesprochen, aber auf Röhrkohl wäre ich nie gekommen.

Marceline’s Mutter Olivia leitete den Kirchenchor, und ich bin sofort

Chormitglied geworden. Einmal pro Woche keine Kühe melken. Also

sang ich bald, auch Marceline zuliebe, im Kirchenchor der katholischen

Kirche St. Peter in Caledonia, Minnesota. Da war ich wohl der erste

Deutsche, der da gesungen hat.

Marceline kam mich auch zweimal in Haus Borg besuchen. Einmal mit

ihrem ersten Mann und noch mal mit ihrer Freundin Carol. Wir stehen

noch heute in Verbindung. Sie ist zum zweiten Mal verheiratet und hat

ein Haus im Staat New York mit Blick auf den Hudson River.

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Apple Pie mit Ice Cream

Seit meiner Zeit als deutscher Austauschschüler in den USA, lernte ich

Apple Pie, den berühmten Apfelkuchen, zu dem jede Hausfrau in

Amerika ein geheimes Sonderrezept hat, kennen und lieben. Noch

heute, besonders in den Zeiten von Corona, liebe ich diesen ganz

besonderen Kuchen und habe sogar angefangen selbst Apple Pie zu

backen. Wie gesagt, in den USA gibt es den Kuchen in tausenden von

Varianten und man bestellt ihn mit Sahne, mit Ice Cream oder mit Käse.

Wenn man ihn mit Vanille-Eis möchte, sagt man „a la Mode“. Ich

konnte mir aber unter „a la Mode“ nichts vorstellen und habe mein

halbes Leben lang, wenn ich den Pie mit Ice Cream wollte, immer

„Alamo“ genannt.

Die Alamo, die kleine Mission in der so viele berühmte und weniger

berühmte Menschen im Kampf gegen die Mexikaner, gefallen sind, ist

eine der berühmtesten und bekanntesten Schlachten in der Geschichte

Amerikas. Erst Jahre später, bei einem Abendessen im Argyle Club in

San Antonio, Texas, fiel meine Erinnerung an die Schlacht auf und ich

wurde belehrt, das der Ausdruck „a la Mode“ auch heute noch von

vielen Amerikanern missbraucht wird. Meine Freunde, die Pettys, hatten

viel Spass und gute Lacher über die Ice Cream „Alamo“.

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Senior Class Chicago

Obwohl ich aus Altersgründen noch ein Junior war, durfte ich mit der

Abschlussklasse meiner Schule in Caledonia auf die übliche Klassenfahrt

gehen. Das war eine grosse Ehre, und ich war froh, endlich mal wieder

auf Reisen gehen zu dürfen. Wir fuhren per Bahn nach Chicago und

dort sofort vom Bahnhof in unser Hotel. Es war der sogenannte „Spring

Break“, und es wimmelte nur so von Schülern in der Stadt. Im Hotel

wurde mir von den Schülern eröffnet, dass für den ersten Abend eine

Slumber Party geplant sei und dass ich, als Ausländer, die Aufgabe

hätte, für Alkohol zu sorgen. Blauäugig, wie ich war, ging ich in die

Hotel-Bar und fragte, wo ich Alkohol kaufen könnte. Darauf bin ich als

erstes aus der Bar geflogen, doch ich versuchte es draußen noch mal,

wobei ich tatsächlich einen Laden fand, der die Gesetze nicht so ernst

nahm und Wein und Whisky verkaufte. Mein Versprechen, die nötige ID

Karte nachzuliefern, genügte, um mit zwei Flaschen Whisky, in braune

Papiertüten gewickelt, wieder ins Hotel zu gehen. Dort wartete aber

leider schon der Hoteldetektiv auf mich, der mich noch von der Episode

in der Bar kannte, als er mich persönlich rausgeworfen hatte.

Zum Glück gab es in dem Hotel die sogenannten Paternoster- Aufzüge,

die offen und ständig in Bewegung sind. Ich erwischte gerade ein leeres

Abteil und sprang hinein. Diese Aufzüge halten nie an, es sind nach

vorne offene Kabinen, in die man hinein- oder heraustritt. Es waren

zwei Lifte nebeneinander, und ich hatte viele Möglichkeiten, nicht nur

nach oben oder unten zu springen, sondern abwechselnd von links nach

rechts oder umgekehrt. Es waren auch so viele Schüler in dem Hotel,

dass der Hotel-Detektiv nicht wusste, in welchen Zimmern meine

Seniors waren. Ich hatte Glück und konnte den Hotel-Detektiv

abschütteln, und es gab einen Riesenjubel der Seniors, als ich mit

meinen zwei Flaschen bei ihnen ankam. Die Party konnte beginnen. In

der Nähe des Hotels gab es auch ein Kino, das war für mich wieder

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einmal eine neue Sache. Die ganze Nacht liefen dort die Filme, was

natürlich für die Obdachlosen und sonstige unerwünschte Personen eine

gute Möglichkeit war, die Nacht im Warmen zu verbringen. Um alle

wach zu halten, lief dort aber ein Mann in Livree und mit einem kleinen

Stöckchen in der Hand durch die Reihen und hat ständig die

Schlafenden mit dem Stöckchen aufgeweckt. Ich beobachtete die Sache

und fand das alles sehr lustig. Doch wenn er jemanden das dritte Mal

geweckt oder ermahnt hatte, wurde der- oder diejenige gebeten, das

Kino zu verlassen. Das alles war neu für mich, und ich verbrachte jeden

Abend einige Zeit in dem Kino. Am letzten Abend saß ich am Gang und

beobachtete den Mann mit dem Stöckchen, als ich auf ein Mädchen

aufmerksam wurde, das gerade zum dritten Mal aufgeweckt worden

war und jetzt gebeten wurde, das Kino zu verlassen. Sie ging direkt an

mir vorbei, und trotz der spärlichen Beleuchtung konnte ich sehen, dass

sie sehr hübsch war. Ich beschloss also, ihr zu folgen und sie

anzusprechen, denn ich sah, dass sie weinte. Draußen brauchte ich

mehrere Häuserblocks, um endlich den Mut zu besitzen, sie zu fragen,

ob sie Lust auf einen Kaffee hätte. Sie erschrak zunächst, doch als sie

einen 15 jährigen vor sich sah, verlor sie die Angst und sagte, sie hätte

lieber eine heiße Schokolade. Also gingen wir zusammen in einen

Coffee-Shop und tranken dort eine heiße Schokolade, das war nämlich

ihr Lieblingsgetränk und ab dann auch meins.

Sie erzählte mir unter Tränen, sie sei aus den Südstaaten. Ihre Familie

war zwar ziemlich wohlhabend, aber, weil sie schwarz war, hatte sie kein

College gefunden, das sie aufnehmen wollte und wo sie studieren

konnte. Ihr Vater hat dann für sie in Chicago ein kleines Apartment

gemietet, und sie war nun allein in Chicago im College, hatte aber

ziemliches Heimweh. Diese Geschichte hat mich sehr ergriffen, und

deshalb spendierte ich gleich noch eine Runde heiße Schokolade. Ich

bot ihr an, sie bis nach Hause zu begleiten. Chicago bei Nacht ist ein

gefährliches Pflaster, besonders für junge Mädchen. In dem Kino, aus

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dem sie gerade rausgeworfen worden war, lief ein Western mit dem

Titel „Tall Men” Alle Männer größer als 6 Fuss (ca.1,85 m) hatten freien

Einlass. Da ich mit fast 16 schon sechs Fuss zwei Inches groß war,

wurde ich auch umsonst hineingelassen, was mein Selbstbewusstsein

überdimensional gesteigert hat. Ich kaufte ein Ticket für sie, und nach

dem Film habe ich sie zu ihrem Apartment begleitet. Als wir an ihrem

Wohnblock ankamen, wollte sie auch nicht allein hineingehen, es war

mitten in der Nacht, und sie fragte mich, ob ich vielleicht noch etwas

bei ihr bleiben könnte. Ich bin bei ihr geblieben und habe die Nacht dort

bei ihr verbracht. Sie war die erste Frau, mit der ich die Nacht verbracht

habe. Jetzt möchte der Leser wohl gerne wissen, wie die Geschichte

weiterging, aber das erzähle ich ein anderes Mal (vielleicht). Es war

aber lediglich ein harmloses, unschuldiges Erlebnis zweier Teenager, die

Nähe suchten.

Chicago war für mich die Stadt der Superlative. Es gibt nichts, was es

dort nicht gibt. Am Morgen musste ich früh wieder im Hotel und beim

Frühstück sein, und mein Zimmerkumpel hat mich netterweise nicht

gefragt, wo ich so lange gewesen bin. Die Tatsache meiner Abwesenheit

kam garnicht erst auf. An diesem Tag gab es für uns eine Einladung zu

„Don McNeal’s Breakfast Club“, einer Live- Sendung. Wir mussten früh

und sehr pünktlich dort sein. Wir waren alle ziemlich aufgeregt, und der

Tag sollte noch eine ziemliche Sensation für uns alle, besonders für

mich, haben. Als wir am Studio ankamen, bekam jeder ein Programm

mit Platz auf der Rückseite, wo man eine lustige Geschichte

aufschreiben sollte, die einem mal passiert war. Die lustigsten wollte

Don McNeal dann selber vorlesen und die Betreffenden nach vorne

bitten. Ich schrieb die Geschichte von Montreal auf, wo ich gesagt

hatte: „I want to become a hot dog“ und dachte weiter nicht darüber

nach. Mein Englisch war inzwischen so gut, dass es mir bereits sehr

leicht fiel, die Geschichte aufzuschreiben. Diese Geschichte kannte

meine Senior-Klasse auch noch nicht. Doch dann kam die große

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Überraschung, als ausgerechnet meine Montreal-Geschichte von Don

McNeal vorgelesen und ich nach vorne gerufen wurde. Es war wie

bestellt. Als meine Leute in Minnesota, die Steffens, die Röhrkohls, die

Nonnen und einige meiner Klassenkameraden frühmorgens beim

Frühstück saßen und meine Stimme im Radio hörten, sind sie auch fast

vom Stuhl gefallen. Meine Hotdog-Geschichte war nun eine nationale

Angelegenheit geworden, denn Don McNeal war sehr bekannt und sein

Breakfast Club wurde über ganz Amerika live gesendet. Nach der

Sendung bekam ich sogar von ihm eine Schallplatte, auf der ein

Mitschnitt der Sendung mit meinem Interview zu hören war. Er

verabschiedete mich, sehr zum Gelächter der Anderen, mit den Worten:

„Be careful now, and don’t become a hotdog.“ (Sei vorsichtig und werde

kein Würstchen!) An den Satz habe ich mich immer gehalten. Leider

war die Zeit in Chicago viel zu schnell vorbei, doch die Erinnerung ist

mir geblieben.

Öffentliche Schule in Caledonia

Ich musste auch einmal in der Woche in die öffentliche Schule gehen,

weil ich ein Fach belegt hatte, das die Nonnen nicht lehrten. Es hieß

„Shop“ und war eine handwerkliche Stunde. Ich beschloss meinen

Leuten zu Weihnachten einen kleinen Beistelltisch zu machen und ich

sah Weihnachten, dass er auch mit Freude angenommen wurde.

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Farmarbeit und Autounfall

Zurück in Caledonia, gab es immer mehr Arbeit auf der Farm, und die

Ferien waren eine schwere Hürde für mich. An einem Tag, als wir

wieder Heu machen mussten, ging ich achtlos an einem Grasbüschel

vorbei, als Alan plötzlich meinen Arm ergriff und mich ruckartig zur

Seite zog. Ich fragte: „Was ist denn los?“, und er warf einen Stein in das

Gras, und da sah ich eine ziemlich grosse Schlange vondannen ziehen.

Sie machte seltsame Geräusche, und ich war wie versteinert. Alan

erklärte mir, dass es sich um eine ziemlich grosse Klapperschlange

handelt, deren Biss giftig und sehr schmerzhaft ist.

Später am Tag fragte er mich, ob ich das Auto fahren könnte. Ich sagte

„Ja”, und er bat mich, das Auto, einen alten Plymouth, nach Hause zu

fahren, während er den Traktor nahm und vorausfuhr. Auf dem Weg

nach Hause aber baute ich einen Unfall. Ich winkte einem Farmer zu,

den ich kannte, aber dabei achtete ich nicht auf die Strasse und fuhr in

einen Graben, der Gott Dank nicht sehr tief war. Das Auto überschlug

sich einmal und landete glücklicherweise wieder auf den Rädern. Der

Farmer kam, um mir zu helfen, und sah mich im Graben liegen. Er

rannte ins Haus und rief meine Leute an.

Dann kam er wieder zurück zu mir. Ich war bewusstlos, und der Farmer

nahm ein weißes Tuch, das wir immer im Auto hatten, wenn die Hunde

mitfuhren, und deckte mich damit zu, um die Fliegen abzuhalten. Als

meine Leute kamen, sahen sie mich unter dem weißen Tuch liegen und

dachten, ich sei tot. Doch ich kam langsam wieder zu mir, und sie

brachten mich nach Hause. Natürlich war das alles meine Schuld, und

ich bot ihnen an, das Auto zu bezahlen. Autos kosteten nicht viel

damals in den USA, und ich kam mit 400 US $ für die alte Klapperkiste

davon. Ich schrieb meinen Eltern, die mir das Geld sofort schickten. Ich

war wohl noch zu jung, und man hätte mir kein Auto in die Hand geben

dürfen, weil ich nicht einmal einen Führerschein hatte.

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Talent Show

Meine Schule beteiligte sich auch immer gerne an sogenannten „Talent

Shows“, wo die Schüler zeigen konnten, was die guten Lehrer ihnen

beigebracht haben. Ich hatte damals für mein Alter eine recht tiefe

Stimme, und man beschloss, dass ich, von einem Klavier begleitet, ein

deutsches Lied singen sollte. Ein Lehrer von der öffentlichen Schule im

Ort schlug das Lied „Schwarz-braun ist die Haselnuss“ vor. Ein anderes

war auch nicht bekannt, und so stand das Lied fest. Ich sollte auch

etwas auf dem Akkordeon spielen. Als ich auf der Bühne stand, saßen

meine Klassenkameraden alle in der ersten Reihe, und als ich anfing,

sah ich, dass sie alle einen Riesenspaß hatten. Auch als ich ein Lied auf

dem Akkordeon spielte, lachten sich meine Freunde kaputt. Ich hatte

keine Ahnung warum und fand das Benehmen meiner Klasse nicht

gerade hilfreich.

Als alles vorbei war und wir, meine fünf Freunde und ich, wieder im

vollgepackten Auto saßen, habe ich sie gefragt, warum sie so gelacht

hätten, und mir wurde eröffnet, dass ich beim Lied und beim

Akkordeonspielen meinen Hosenstall aufhatte, was sie alle sehr lustig

fanden. Das war mir sehr peinlich, aber es ging im allgemeinen

Geknutsche unter. Das Knutschen war mir in dem Maße von zu Hause

nicht bekannt, aber ich wollte auch nicht unhöflich sein und machte mit.

Ich war mir allerdings nicht bewusst, dass Küssen bei den Schülern einer

katholischen Schule nicht unbedingt ein Zungenkuss, sondern nur ein

Aufeinanderpressen der Lippen war. Der Zungenkuss war schon

fast eine Todsünde. Das Mädchen, das ich auf diese Art und Weise

geküsst habe, schrie etwas von „French kissing“, und damit war die

Knutscherei für mich zu Ende. Offene Hose und French Kissing war

etwas zuviel auf einmal.

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Falsche ID

Meine erste Investition in Amerika war der Kauf einer falschen ID Karte.

Ich war, wie gesagt, auch schon 6 Fuß und 2 Inches groß, und manchmal

klappte es auch für mich, ein Bier zu bekommen, aber manchmal musste

man eine ID Karte vorzeigen. Man wurde „carted“. Diese Karte kostete

damals 5 $. Meine Töchter erzählten mir später, dass die unechte Karte

schon in ihrer Schulzeit bereits über 50 $ gekostet hat. Die ID Karte

funktionierte am besten in La Cross Wisconsin und nur manchmal in

Minnesota, wo die Gesetze strenger waren.

Meine Eltern zu Besuch in USA

Als meine Eltern uns mal wieder in New York besuchten, habe ich eine

Amerikanerin eingeladen, die sehr gut Deutsch sprach. Ich wollte, dass

meine Mutter sich gut mit der Dame unterhalten konnte. Als diese Frau

sagte, wie schön sie es fände, dass meine Eltern jedes Jahr, trotz ihres

Alters, in die USA flögen, um uns zu besuchen, sagte meine Mutter: „Ja,

wissen Sie, mein Mann und ich können kaum noch laufen, aber fliegen

können wir noch gut.“

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Auf der

Heimreise


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So langsam kam der Tag meiner Heimreise näher. Ich war aufgeregt und

froh aber ich habe auch hier neue Freunde gefunden, und ich wusste,

dass besonders die Steffens den Abschied sehr schwer nehmen würden,

so wie ich in ihrem Fall auch. Mir standen aber noch einige Erlebnisse

bevor, von denen ich noch nichts wissen konnte. Auch die Rückreise war

wieder voll von Abenteuern.

President Eisenhower

Alle Austauschschüler trafen sich in einem Hotel in Washington DC.

Dort wurde uns in Aussicht gestellt, dass wir den Präsidenten der

Vereinigten Staaten von Amerika im Weißen Haus besuchen dürften.

Das war aufregend. Perk Steffen hatte mir vor der Abreise einen jener

Knöpfe geschenkt, die man bei Wahlveranstaltungen in Amerika trägt.

Auf meinem Knopf stand „I like Ike“ (Ike war sein Spitzname.) Als wir

alle im Rose Garden U-förmig aufgestellt waren, kam der Präsident

Dwight D. Eisenhower aus dem Weißen Haus, und plötzlich war totale

Stille.

Ich glaube, er sah meinen Knopf, denn er kam direkt auf mich zu. Er

interessierte sich aber erst mal für meine Kamera, die meine Mutter mir

geliehen hatte, und sagte, er habe genau die gleiche gehabt, als er im

Krieg in Deutschland als Oberbefehlshaber der US Truppe war. Dann

fragte er mich auch, ob ich in dem vergangenen Jahr gut Englisch

gelernt hätte, und ich sagte: „Yes Mr. President“, und dann sagte er:

„You know, I only know one word in German“ und ich sagte: „Which one

Mr. President?“ Er sagte ganz schlicht: „Eisenhower“ und ging weiter

zum nächsten Schüler. Den Präsidenten zu besuchen und sogar mit ihm

zu sprechen, war für uns alle ein ganz besonderes Erlebnis. Er nahm sich

wirklich die Zeit, um mit vielen aus unserer Gruppe zu reden.

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New York und ein Jazzclub

Am nächsten Tag ging es weiter nach New York. Die Fahrt mit der Bahn

war nicht sehr lang, sodass wir, sobald wir im Hotel waren, wieder viel

Zeit zu unserer freien Verfügung hatten. Es war der letzte Tag in den

USA, und einige von uns gingen in die Stadt, um so viel wie möglich von

New York zu sehen und noch einige Geschenke und Andenken

einzukaufen.

Am späten Nachmittag waren wir immer noch in der Stadt unterwegs,

als mir ein alter Gedanke wieder durch den Kopf ging, den ich noch in

die Tat umsetzen wollte. Ich hatte viel von den berühmten Jazz-Lokalen

gehört, von denen in Minnesota nie gesprochen wurde. Jetzt war die

letzte Gelegenheit, und ich wollte mir selber den Wunsch erfüllen, der

schon lange zum Traum geworden war. Mein Interesse ging ganz klar in

Richtung Jazz- Lokal.

Ich musste nur noch herausfinden, wie ich dort hinkomme. Also bat ich

einen Taxifahrer, mich nach Harlem zu fahren. Der sagte als erstes zu

mir, ich sei verrückt. „Nach Einbruch der Dunkelheit fährt niemand nach

Harlem und in deinem Alter schon gar nicht“ mit diesen Worten wollte

er mich davon abhalten. Aber ich bestand darauf, und er sagte: „OK, Ich

fahre Dich zu einem bestimmten Lokal, und von da an bist Du allein.

You are on your own.“ Das war OK mit mir, und los ging die Reise. Dort

angekommen, zeigte er in Richtung auf ein nicht sehr einladend

aussehendes Gebäude mit einer halbkaputten Tür und sagte: „Da ist es.“

Ich stieg aus und er fuhr ab. Ich meine ihn gehört zu haben, als er etwas

murmelte, was sich anhörte wie „keine Verantwortung übernehmen“

oder so. Auf was hatte ich mich da nur eingelassen?

Als ich auf die Tür zu ging, hörte ich schon die Musik, und obwohl mir

langsam mulmig zumute war, ging ich hinein. Als ich den Raum hinter

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der kaputten Tür betrat, war plötzlich Totenstille, auch die Musik

verstummte. Ich war wohl der einzige Weiße in dem Laden, und alle

sahen mich an. Ein Mann, der direkt neben der offenen Tür sass, fragte

in sehr unfreundlichem Ton: „What do you want?“ Der ganze Laden war

mäuschenstill. Ich sagte ihm mit zitternder Stimme, ich sei wegen der

Musik gekommen. Er fragte: „Where are you from?“ Ich sagte zaghaft:

„From Germany.“ Worauf die ganze Atmosphäre schon etwas

freundlicher zu werden versprach. Er sah mich an und sagte: „Sit over

there and when I tell you to go, you go“ (Setz Dich da hin und wenn ich

Dir sage geh, dann gehst Du.) Worauf ich mit einer etwas festeren

Stimme sagte: „Yes Sir“. Ich setzte mich brav dahin, wo er mich

hinkommandiert hatte, und bestellte eine Coca Cola.

Langsam normalisierte sich die Lage. Die Musik fing wieder an, und ich

fühlte mich so langsam wie ein Gast und nicht mehr wie ein

Eindringling. Es war die echte Nummer, die Musik, das Lokal, die

Stimmung, die Menschen. Unglaublich. So hatte ich es mir gewünscht,

und so wollte ich es haben. Alles war weitaus besser, als ich es mir je

hätte träumen können. Nach einer Stunde sagte der Mann: „I called you

a Cab, that will take you to Manhattan.“ (Ich habe Dir ein Taxi bestellt,

das bringt Dich nach Manhattan.) Ich wollte meine Cola bezahlen, aber

der Barmann sagte: „That’s on the House“. Als das Taxi da war,

bedankte ich mich nach allen Seiten und ging hinaus. Es war

interessant, wie wichtig es war, aus Deutschland zu kommen. Plötzlich

stieg mir die Angst wieder im Hals hoch, und mir wurde zum ersten Mal

klar, was ich da riskiert hatte. Trotzdem war ich aber auch froh, denn

sowas erlebt man nicht oft und kommt dabei ungeschoren davon.

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Abfahrt mit der SS Italia

Am kommenden Morgen hatten wir ein spätes Frühstück, und am

Nachmittag ging es aufs Schiff, die „SS ITALIA“. Wir waren alle

ziemlich aufgeregt, als es am Abend dann hieß „Leinen los”, und dann

ging es, an der Statue of Liberty vorbei, in Richtung offenes Meer.

Vorderdeck

Es gab ja so viel zu erzählen und Erfahrungen auszutauschen. Natürlich

war auch bei fast allen das Vorderdeck wieder hoch im Kurs. Es gab drei

Mädchen, die stolz ihren Verlobungsring vorzeigten. Ich war sehr

erstaunt zu hören, wie sie sich die weitere Entwicklung vorstellten, denn

1956 nach Amerika zu kommen, war noch immer nicht so leicht, auch

nicht, wenn man verlobt war. Die Rückreise war sehr angenehm, und es

gab keinen Sturm oder sonstige Krankheiten zu befürchten. Mein

Blinddarm war, Gott sei Dank, in Minnesota gut aufgehoben, und ich

konnte es kaum erwarten, meine Eltern wiederzusehen. Ich fand, dass

es zu früh war, mit 15 Jahren für ein Jahr von zu Hause fortzugehen,

und dann auch noch über den Atlantik. Es war nach meiner Rückkehr

interessant zu sehen, wie ich für meine Eltern eigentlich schon als

erwachsen galt, obwohl ich drei Jahre jünger war als mein Bruder

Engelbert. Doch er hat sich nie beschwert.

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Glücklich

wieder

zu Hause

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Einladungen und Schule

Ich wurde damals, allein schon wegen meiner Zeit in den USA, hin und

wieder eingeladen und musste jedes Mal eine gute Ausrede haben, um

die Schule zu schwänzen. Meistens waren es Einladungen zu Festen

oder Treibjagden. Ich hatte mir angewöhnt, als mir die Gründe

ausgingen, in Missachtung der Intelligenz meiner Lehrer einfach zu

sagen, ich müsste zu einer Beerdigung eines Verwandten. Eines Tages

nahm mich mein Klassenlehrer Charlie ten Hövel, der netteste aller

Lehrer, zur Seite und sagte mit einem todernsten Gesicht: „Kerckerinck,

Sie tun mir wirklich leid.“ Ich fragte ihn warum, und er sagte: „Sie armer

Mensch, sie können doch langsam keinen lebendigen Menschen mehr

in Ihrer Verwandtschaft haben, die müssen doch alle tot sein.“ Da wurde

mir klar, dass ich zu weit gegangen war, und ab dann waren die

Beerdigungen auch kein Grund mehr für mein Fehlen im Unterricht.

Es dauerte nicht lange nach diesem Gespräch, dass ich zu einer

Abiturfeier bei den Ratibors in Corvey eingeladen war. Die Einladung

ging ursprünglich an einen Gustav Kerckerinck, und als mein Vater dort

anrief und sagte, er habe keinen Sohn namens Gustav, aber zwei Söhne,

Engelbert und Josef, da wurden wir beide eingeladen. Engelbert hatte

nie Lust auf solche Feste, so fuhr ich allein zum Fest nach Corvey.

Es war ein rauschendes Fest, und ich fand mich früh am Morgen gegen

6 Uhr in der Klosterküche mit dem Gastgeber beim Rühreiermachen.

Da fiel mir siedend heiß ein, dass ich ja um acht Uhr in der Schule sein

musste. Ich bedankte mich höflich und fuhr nach Münster. Als ich viel

zu spät in die Klasse kam, ertönte ein schallendes Gelächter. Ich wusste

erst nicht warum, doch dann fiel mir ein, dass ich noch immer meinen

Smoking trug. Charlie sagte nur: „Kerckerinck, bitte bleiben Sie

während der Großen Pause in der Klasse“, und er fuhr fort mit dem

Unterricht, als ob es nicht die geringste Störung gegeben hätte.

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Wo gibt es noch solche Lehrer? Charlie holte immer das Meiste aus

einem heraus, auch wenn die Kleidung nicht immer passend war, wie an

dem besagten Montagmorgen.

Der Englischlehrer in Lüdinghausen

Ich kam im Juli 1956 aus Amerika zurück und wurde von meinen Eltern

abgeholt. Die arme Mutter wurde durch ihren Sohn zur Schmugglerin,

denn ich bat sie, mein Akkordeon schnellstmöglich zum Auto zu

bringen, denn es war vollgestopft mit Zigaretten. Das wusste meine

Mutter aber nicht, sonst wäre die Sache nicht ganz so einfach gewesen.

Im allgemeinen Trubel war es für sie möglich, direkt zum Auto zu

gehen, ohne aufzufallen. Rauchen war damals in den USA billiger. Ich

habe lange widerstehen können, aber seit einigen Monaten vor meiner

Rückreise bin ich dann doch zum Raucher geworden. Ich glaube, dass

meine Eltern weniger entsetzt waren, als ich befürchtete. Ich war nach

den Sommerferien noch für kurze Zeit in Lüdinghausen in der Schule,

die ich aufgrund der Amerikareise verlassen hatte. Mein Englischlehrer

war kein Charlie ten Hövel. Er fragte mich, ob ich ihm einen Bericht in

englischer Sprache auf Tonband sprechen könnte, um meine Erlebnisse

in Amerika zu schildern. Ich sagte, dass ich das sehr gerne machen

würde, und besprach innerhalb einer Woche zwei Tonbänder für ihn, für

die ich mir große Mühe gab.

Ich fand sie eigentlich ganz gelungen. Einige Tage später gab er sie mir

zurück mit den Worten: „Es sei ein unerhörtes Kauderwelsch, was ich da

aufgenommen hätte, und er könnte nichts damit anfangen. Auch würde

er mir in Englisch eine Fünf geben. Ich sagte ihm, dass er kein „Queen’s

own English“ von einem Schüler erwarten kann, den die Schule für ein

Jahr nach Amerika geschickt hat. Ich sagte: „Im übrigen spreche ich

trotz meinem amerikanischen Akzent sehr viel besser Englisch als Sie“

und ging damit zum Direktor der Schule, um mich zu beschweren. Den

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Direktor, der selbst kein English sprach, bat ich, vor eine unabhängige

Kommission gestellt zu werden, die mit mir Englisch sprechen, mir

Fragen stellen und meine Englischkenntnisse beurteilen sollte. Ich

würde deren Urteil, ohne es jetzt schon zu kennen, akzeptieren. So

wurde es auch gemacht, und ich bekam, entgegen der Empfehlung

meines Englischlehrers, eine glatte 1 in Englisch.

Atelier Bar

Bald ging auch die Schule wieder los, und da fiel es dann nicht mehr so

auf. Es war nicht besonders schwer für mich in der Schule, doch es war

wieder eine Umstellung, die ich erst einmal verkraften musste. Ich

lernte wieder neue Freunde kennen, und alles verlief ruhig.

In Münster gab es eine Bar namens „Atelier“, und irgendwie kannten

wir den Geschäftsführer, Herrn Dörfler. Wir wurden immer freundlich

bedient, und es war eine ganz harmlose Geschichte. In der Zeit, so

gegen Ende der 50er Jahre, war es aber verpönt, in eine Bar zu gehen,

das kam schon einer Sünde gleich. Der Name „Bar“ durfte kaum laut

ausgesprochen werden. Für uns 17- und 18- jährige war das natürlich

Grund genug, um extra in der Bar zu verkehren. Woher die

„anständigen Bürger“ die schmutzigen Phantasien nahmen, die sich in

ihren Köpfen bewegten, wenn das Wort „Bar“ aufkam, habe ich nie

verstanden. Schließlich war eine Bar in Münster damals nichts als ein

schlecht beleuchteter Raum, in dem man denselben Alkohol trank, den

man zu Hause bei besserer Beleuchtung und sehr viel billiger trinken

konnte.

In den Bars von Münster wurde nicht gesündigt, jedenfalls nicht

öffentlich. In dem Jahr nach meiner Rückkehr aus Amerika sprach mich

eines Tages Herr Dörfler an und sagte: „Sie waren doch in den USA,

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kennen Sie das Lied White Christmas?“ Ich sagte: „Wer kennt das

nicht?“ Herr Dörfler sagte: „Jeden Abend kommt hier ein Amerikaner

rein, der grosses Heimweh hat und den Tränen nahe ist, wenn er fragt,

ob nicht einer das Lied für ihn singen kann. Können Sie das nicht mal

singen?“ Ich sagte: „Ja, wenn ich dafür die Getränke frei hab, dann

mach ich das.“ So sang ich ein paarmal „White Christmas“ in der

sündigen Bar. Das kam wohl meinen Eltern zu Ohren, die von einem

befreundeten Ehepaar über ihren sündigen Sohn aufgeklärt wurden.

Mein Vater fragte mich: „Sag mal, ich höre, du singst jetzt in einer Bar?

“ Ich erzählte den Eltern meine Geschichte, und beide waren eher

amüsiert als schockiert. Die Frau des befreundeten Ehepaars war eine

bekannte Klatschbase.

Hotelfachschule

Wir drei aus Karlstein haben schnell herausgefunden, wie man eine

kostenlose gute Malzeit, die mit viel Liebe und Mühe angerichtet

wurde, umsonst bekommen konnte. In Reichenhall gab es eine

renommierte Hotelfachschule mit vielen hübschen Mädchen, die für uns

anfangs unerreichbar waren, es sei denn, wir würden als zukünftige

Schüler Interesse zeigen und „uns nur mal kurz umschauen wollen“.

Wenn man zur Mittagszeit einen Termin bekam, gab es die besten

Malzeiten, von den Schülern der Fachschule mit besonderer Liebe

hergestellt und zum Probieren frei gegeben. Wir haben das einmal

erlebt, wurden aber beim zweiten Versuch wiedererkannt und höflich

abgewiesen.

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Nach Reichenhall in Bayern

Zu Beginn des neuen Schuljahres 1957 ging ich in eine Schule in

Bayern, genau gesagt in Bad Reichenhall. Dort waren schon drei meiner

Geschwister, die bei den sogenannten „Blücher-Tanten“ wohnten. Das

hatte ich allerdings nicht vor und fand eine sehr viel interessantere

Wohnmöglichkeit in Karlstein bei Frau Henn, die noch an zwei weitere

Schüler Zimmer vermietet hatte. Damit begann eine lustige Zeit.

Nachhilfe

Wir drei, Jobst, Michi und ich, verstanden uns gut, nur einmal, als ein

Mädchen namens Ulli Holtz in unserer Nähe einzog, kam eine gewisse

Konkurrenz auf. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich auf den Hohenstaufen

geklettert bin, um Ulli zu imponieren. Jeder legte seine kleinen

Schlingen aus, aber es war nie ein echter Streit, sondern immer ein

freundlicher Wettbewerb, ohne böse Worte. Zum Schluss haben wir alle

nicht gewonnen.

Unser bester Freund im Dorf hieß Ernst, dessen Nachname mir leider

entfallen ist. Mit ihm gingen wir auf alle Dorffeste, tranken eine Menge

Bier, nachdem wir vorher immer eine Dose Ölsardinen aßen, um das

viele Bier besser vertragen zu können. Das „Rindviech Lied“ hat uns

öfter den Weg nach Hause gewiesen. Wenn die braven Leute, die schon

schliefen, sich über unseren lautstarken Gesang beschwerten, wussten

wir auch, in welche Richtung wir uns einnorden mussten, um nach

Hause zu finden. Es war eine schöne Zeit, nur die Schule war nicht, was

sie sein sollte. Frau Professor, die Schulleiterin, war eine schreckliche

Person, und viele der Lehrer waren wohl in anderen, seriöseren Schulen

nicht angenommen worden. Mein Französischlehrer war alt, aber

besonders nett, und die junge Französischlehrerin, die einen immer zum

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Nachhilfeunterricht zu sich nach Hause bestellte, wollte im Grunde nur

junge Typen in ihr Haus locken. Sie war immer sehr spärlich bekleidet,

und wenn dann ein hormongesteuerter Schüler auf die Offerte einging,

hat sie ihm damit gedroht, ihn der Schulleitung zu melden. So jedenfalls

hat sie es mit mir versucht. Sie hat die Nachhilfe wohl zu wörtlich

genommen und spielte lieber die „Schwarze Witwe“. Genuss ohne Reue

gab es nicht in ihrem Programm. Schließlich hätte sie ja nur fragen

müssen…

Tanztee

Dumm gelaufen, aber wir gaben nicht auf. Es gab an Wochenenden

immer einen Tanztee im Kurhaus. Zu diesem Anlass zogen wir uns

besonders ordentlich an, um dem Spießertum genüge zu tun, und

gingen mit gestriegeltem Haar und sauberen Fingernägeln regelmäßig

dorthin. Wir konnten aus den jungen Damen, die in Begleitung der

Eltern dort waren, auswählen, indem wir immer sehr höflich bei den

Eltern nachfragten, ob es ihnen recht sei, dass wir einmal mit dem

Töchterlein tanzten. Dann, wenn wir unter den strengen Blicken der

Eltern aus der sogenannten besseren Gesellschaft, mit ihren Töchtern

tanzten, trafen wir mit denen feste Verabredungen für die kommende

Woche. Es war ein riesiger Spaß, und die Eltern, die von uns

wohlerzogenen Knaben höchst angenehm überrascht waren, sahen die

lieben Töchter in guten Händen und waren mit sich und der Welt

zufrieden.

Die Schule wurde immer seltsamer, und unser Klassenlehrer war ein

Idiot. Einmal hat er Behauptungen über die USA aufgestellt, die nicht

haltbar waren und über die ich laut lachen musste. Schließlich war ich ja

erst vor kurzem von dort zurück gekommen. Er hat mich deshalb nach

vorne gerufen und wir haben angefangen zu diskutieren. An einer Stelle

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habe ich wieder laut gelacht, und als ich noch etwas sagte, was er nicht

hören wollte, da hat er mir vor der Klasse eine Ohrfeige gegeben, und

ich habe instinktiv zurück geschlagen, wonach er zu Boden ging. Ich war

in der Oberprima, und Ohrfeigen waren schon 1957 ein totales No-go.

Ich flog daraufhin aus der Schule.

Nach einer Woche des Rumsitzens suchte und fand ich einen Job in

einem Werk, in dem Betonrohre und Bausteine gemacht wurden. Es

war schwere Arbeit, aber das kannte ich ja noch aus Amerika. Nach

meinem Jahr in den USA auf der Farm konnte mich nichts mehr

umhauen. Ich hörte, dass die Firma, wo ich arbeitete, in finanziellen

Schwierigkeiten war, und kurz darauf hörte ich auch, dass eine Ladung

Bausteine an die Schule geliefert werden sollte, aus der ich gerade

rausgeflogen war. Ich sagte dem Besitzer, wenn er mich mit der Ladung

an die Schule beauftragen würde, brauchte er mich den ganzen Tag

nicht zu bezahlen. Er sagte, dass er nichts dagegen hätte, und zwei Tage

später war ich unterwegs zur Schule. Dort angekommen, parkte ich den

Lieferwagen in die Nähe der Eingangstür vor der Schule. Ich steckte mir

zuerst nach Halbstarken- Manier eine Zigarette an. Es war genau die

große Pause, das passte ja alles sehr gut zusammen. Ich sagte meinen

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Freunden, sie sollten ihre Sachen aus der Schule holen oder sie auf die

Fensterbank des Klassenzimmers legen, wo die Fenster immer offen

standen. Als die Glocke zum Ende der Pause läutete, drückte ich auf

den Knopf für die Hydraulik. Die Ladefläche stieg vorne hoch, und die

Steine landeten teilweise in dem Eingang und ein großer Teil versperrte

die Tür. Das war die Rache des kleinen Mannes. Frau Professor schrie

und tobte, aber es half nichts, die Schule war für den Tag aus, und das

einzige was mir leid tat, war, dass mein Französischlehrer noch in der

Klasse war. Wie ich später hörte, musste er durch das Fenster nach

draußen geholt werden. Bei ihm habe ich mich schriftlich entschuldigt,

um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Und er hat mir sehr nett

zurückgeschrieben und dabei kein nettes Wort über Frau Professor

verschwendet. Das hat meinem schlechten Gewissen sehr geholfen. Ich

schrieb einen Brief an meine Eltern und sagte ihnen, dass ich erst noch

eine Weile in Reichenhall bleiben wollte und bald nach Hause käme. Ich

hatte meinen Führerschein, kurz bevor ich aus der Schule flog, bei

einem sehr netten Fahrlehrer gemacht und die Prüfung sofort

bestanden. Der Prüfer wollte mich mit Rückwärts-Einparken reinlegen,

aber er wusste nicht, dass ich das in den USA lange geübt hatte.

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Zum

Berghof im

Pongau

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Kurz nach meiner Geburt brach der 2. Weltkrieg aus, mit dem Überfall

auf Polen am 1. September1939. Ich war noch ganz klein, und der Krieg

war in vollem Gange, als unsere Eltern beschlossen, uns zur Sicherheit

nach Österreich zu schicken. Wir fuhren mit einem Kindermädchen per

Bahn nach Goldegg im Pongau, nahe von Schwarzach St. Veit, der

Heimat unserer Großmutter Galen. Mein Vater war immer schon

besorgt um Bombenalarm und hatte Angst, dass unser Haus Borg auch

noch bombardiert werden könnte. Wenn das Haus bombardiert werden

sollte, waren wir Kinder nicht nur im Wege, sondern auch in großer

Gefahr. Also wurden wir per Bahn nach Goldegg verfrachtet. Ich glaube

mich heute noch zu erinnern, wie ich in das Gepäcknetz gelegt wurde

weil ich schlafen sollte. Damals waren das noch richtige Netze, in denen

ein Kind gut schlafen konnte. Schlafen war aber nicht so recht in

meinem Sinne, ich war viel zu aufgeregt, um zu schlafen. Ich meine

mich auch noch zu erinnern, dass ich durch das Fenster schaute, und

glaube, dass wir durch ein Gebiet fuhren, wo gekämpft wurde, denn

man konnte hin und wieder eine Explosion sehen.

Als Flüchtlinge nach Goldegg

In Österreich wohnten wir in einem großen Haus genannt „der

Berghof“. Es gehörte der Familie meiner Großmutter Galen, die, wie

schon erwähnt, eine Cousine ersten Grades von unserem berühmten

Onkel Kardinal war.

Wir wurden aufgenommen wie Flüchtlinge, und für mich begann eine

interessante Zeit. Es gab so viel zu entdecken. Da war einmal der

Haushund „Rex”, mit dem ich mich schnell angefreundet habe. Ich bin

sogar einmal gesucht worden, und keiner konnte sagen, wo und wann

ich zuletzt gesehen wurde. Es dauerte eine ganze Weile, bis schliesslich

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jemand auf die Idee kam, in die Hundehütte zu sehen, und da lag ich

zusammen mit meinem Freund Rex. Wir beide schliefen fest und

wunderten uns, warum alle so aufgeregt waren.

Ein anderes Mal habe ich den Sohn vom Pächter geärgert, worauf der

mich fasste und mir einen dicken Regenwurm zur Strafe in den Mund

steckte, den ich dann schlucken musste. Von dem Tag an war ich immer

besonders nett zu Pächters Fritz. Im Ort gab es auch eine Badeanstalt,

wo meine älteren Schwestern gerne baden gingen. Ich konnte damals

noch nicht schwimmen und wäre beinahe ertrunken. Ich bin nicht mehr

sicher, wie und warum, aber Gott sei Dank hat mich ein Soldat just in

dem Moment gesehen, als ich in das tiefe Becken fiel und dort sofort

unterging. Der gute Mann ist mir sofort nachgesprungen und hat mich

wieder hochgeholt. Natürlich war ich froh, dass er mich gerettet hat,

aber dass ich splitterfasernackt quer durch die ganze Badeanstalt laufen

musste, um mich bei ihm zu bedanken, das hielt ich doch für ziemlich

überflüssig und beschämend. Es war peinlich, aber es musste wohl sein.

An Rex, Pächters Fritz und die Badeanstalt erinnere ich mich noch, vom

Rest der zwei Jahre in Österreich weiß ich nicht mehr viel. Das

Kindermädchen allerdings ist uns allen stets als unangenehm im

Gedächtnis geblieben, denn sie war eine sadistische Person. Eine

meiner Schwestern hat nachts manchmal das Bett nass gemacht, weil

all der Trubel mit Krieg, Reise, Weg-von-zu-Hause-sein, einem Kind

psychologisch eine Menge abverlangt. Sie befahl meiner Schwester,

morgens vor dem Frühstück in den Wald zu gehen und Stöcke zu

sammeln, mit denen sie dann nach dem Frühstück verprügelt wurde.

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Nach dem 2. Weltkrieg

Am Ostersonntag 1945 marschierten die Amerikaner an Rinkerode

vorbei nach Westen. Der Krieg war zu Ende, und es war eine lange

Schlange von Panzern, die über die Hammer Strasse, nicht weit von

unserem zu Hause entfernt, fuhren. Wir gingen alle zur Strasse und

sahen uns diese Prozession an. Ich werde das Ereignis nie vergessen. Ein

Panzer folgte dem anderen, es war eine Prozession, wie ich sie noch nie

gesehen hatte. Auf den Panzern saßen die US Soldaten, und die

Menschen feierten sie wie die Helden, die sie ja auch für uns alle waren.

In unserem Haus gab es keine Nazis, die wären von meiner Mutter

niemals geduldet worden. Auf einem der Panzer saß ein ziemlich dicker

schwarzer Soldat, wohl der erste Schwarze, den ich in meinem Leben je

gesehen habe. Ich zeigte mit dem Finger auf ihn und sagte: „Mami,

Mami ein Schwarzer“, worauf meine Mutter mir einen Klaps auf die

Hand gab und sagte: „Man zeigt nicht mit dem Finger auf Menschen.“

Der Soldat sah das, er grinste in unsere Richtung, und das war das

freundlichste Grinsen, das ich je gesehen habe. Er nahm eine kleine

Tafel Hershy-Schokolade und warf sie in unsere Richtung. Mehrere

Kinder und ich wollten die Tafel Schokolade haben, weshalb wir

hinterher hechteten. Es hätte leicht etwas passieren können. Aber wir

ergatterten die kleine Hershey-Schokolade, und das war das erste Stück

Schokolade meines Lebens, das ich im Alter von sechs Jahren essen

durfte. Welch ein Genuss, und keiner war unter die Panzer gekommen.

Wir mussten es aber noch unter uns aufteilen, so hatte jeder nur ein

kurzes, aber schmackhaftes Vergnügen.

Nach dem Krieg fing bald auch meine Schule an. Ich ging jeden Tag zu

Fuß einen Kilometer ins Dorf Rinkerode, wo meine Schule war. Meine

Lehrerin war Fräulein Püning, damals wurden unverheiratete weibliche

Personen noch Fräulein genannt. Sie hat uns vorsichtig, aber interessant

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in die Geheimnisse des Alphabets und des Einmaleins eingeweiht. Ich

war anscheinend ein guter Schüler, nur meine Handschrift war nicht, wie

sie sein sollte. So ist sie wohl auch heute noch ziemlich schwer leserlich.

Trotzdem habe ich die dritte Klasse übersprungen und kam nach der

zweiten direkt in die vierte Klasse. Das ist allerdings das Schlimmste,

was man einem Kind antun kann. Heute ist mir klar, was für ein Fehler

das war, denn ich bin mein ganzes Leben lang hinter diesem einen Jahr

her gelaufen. Nach den drei Jahren Volksschule in Rinkerode wechselte

ich auf das Konrad-von-Schlaun-Gymnasium in Münster, und das ging

nur mit der Bahn. Der Weg zum Bahnhof war noch länger als der zur

Schule. Die Fahrt mit dem Zug nach Münster dauerte 15 Minuten, und

in Münster mussten wir nochmal einen Kilometer bis zur Schule laufen.

Egal wie, ich landete zwei Jahre später auf der Landwirtschaftlichen

Realschule in Lüdinghausen. Mein Vater hatte sich das wunderbar

ausgedacht: Engelbert sollte, als der Besitzer des Ganzen, der Baron

sein. Ich sollte die Landwirtschaft, mein jüngerer Bruder Hubert die

Forstverwaltung übernehmen. Man sagt ja: „Je mehr der Mensch plant,

umso härter trifft ihn der Zufall“, und gemäß dieser Weisheit werden

solche Pläne oft nie wahr. Und so auch hier, die Rechnung ging nicht

auf, und daraus wurde nichts.

Zunächst war aber die Landwirtshaftliche Realschule Lüdinghausen

angesagt, und dort war ich das erste Mal verliebt. Es geschah nicht in

einer lauen Sommernacht, sondern es gab einen sehr pragmatischen

Weg zur Seligkeit. Ihr Name war Kaktus, und ich fand sie wunderschön.

Sie war lustig und freundlich und überhaupt nicht stachelig. Sie war mir

schon länger aufgefallen, aber ich hatte leider keine Ahnung, wie ich an

sie heran kommen sollte, doch ich lernte sehr schnell, wie das gemacht

wurde.

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102


Zwischen

Angst und

Neugier

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Als wir nach zwei Jahren wieder nach Hause kamen, erlebten wir einen

ziemlichen Schock, denn einer der zwei Wohnflügel des Schlosses und

fast alle landwirtschaftlichen Gebäude waren bombardiert und teilweise

völlig zerstört worden. Es sollen 200 Brandbomben gewesen sein. Unser

Vater hat mit seinen Vorahnungen doch recht gehabt. Den Zeitpunkt

konnte ja keiner kennen, aber alles andere stimmte, und wenn wir

Kinder, damals noch sechs, auch noch dort gewesen wären, hätte es in

einer Katastrophe enden können. Auch so war es furchtbar genug.

Kühe, Schweine und sonstige Tiere waren teilweise verbrannt. Pfauen

sind direkt ins Feuer geflogen. Eine von den 200 Brandbomben schlug

sogar in den Wohnflügel ein, in dem wir 20 Zimmer bewohnten. Sie

kam durch das Dach und das Obergeschoss bis in die Puppenstube

meiner Schwester Felicitas. Die Puppenhäuschen waren von unserer

Mutter entworfen und von unserem Hofschreiner unter Anleitung

unserer Mutter gebaut worden. Zur „Wiedergutmachung” mussten wir

alle von unseren Spielsachen etwas abgeben, denn Felicitas war die

einzige, deren Puppenstube bombardiert worden war. Grund für das

Bombardement war ein Fehler der British Royal Air Force, denn sechs

Kilometer von uns entfernt gab es ein Kloster, das von den Nazis als

Munitionsdepot umgerüstet worden war. Dieses Depot wollten die

Engländer bombardieren, doch Präzisionsbomben gab es damals noch

nicht, und so haben sie aus Versehen sozusagen unser Zuhause zerstört.

Es gab wenig zu essen in diesen Tagen, denn obwohl wir eine große

Landwirtschaft hatten, durften wir selber von der Ernte nichts behalten.

Mit sechs Kindern und Angestellten in der Landwirtschaft sowie den

vielen Bettlern, die ständig zu uns kamen, war das doppelt schwer. Wir

hatten eine Kuh für uns Kinder und Kartoffeln konnte man nur nach der

Ernte, wie auch die Ähren, als Nachsuche sammeln. Natürlich durften

wir auch die Milch nicht unbegrenzt haben, und Butter gab es schon

garnicht. Ähren lesen war nur bedingt erlaubt, nachdem das Getreide

geerntet war. Doch meine Mutter war auch hier wieder die Rettung.

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Sie wusste, dass Kinder für solche Kleinigkeiten nicht bestraft werden,

und hat die Sahne von der Milch unserer Kuh in eine Weinflasche getan,

die wir dann so lange schütteln mussten, bis sie zu Butter wurde. Das

war eine Arbeit, die wir alle nicht mochten, aber es musste ja sein. Es

war auch nicht ganz einfach, denn wenn man zu lange schüttelte, war

die Butter zu dick, um durch den Flaschenhals zu gehen. Wenn man

nicht lange genug schüttelte, war es eben noch keine Butter.

Kartoffeln suchen

Wir gingen zusätzlich gern in den Garten und suchten nach Gemüse und

oft auf die Felder, um Kartoffeln oder Getreide zu suchen. Wie gesagt,

immer nur nach der offiziellen Ernte. Eines Tages waren wir wieder

einmal mit zwei Angestellten unseres Vaters und einem Pferd mit

einem kleinen Wagen unterwegs, um Kartoffeln zu suchen. Wir waren

zu dritt, meine Schwestern Felicitas, Margret und ich. Wir hatten jeder

einen Korb, und wenn der voll war, schüttete man die Kartoffeln auf den

Wagen. Das Pferd folgte uns brav. Plötzlich hörten wir ein Flugzeug in

der Ferne. Das war in unserer Gegend nicht oft der Fall. Wir sahen, wie

das Flugzeug immer näher kam. Es war ein seltsames Gefühl zwischen

Angst und Neugier. Doch das Flugzeug kam immer näher und immer

tiefer, und dann hörten wir das Rattern eines Maschinengewehrs.

Unsere Neugier ging voll in Angst über, und das mit Recht, denn uns

wurde klar, das die Schüsse uns galten. Es gab nichts wo wir uns

verstecken konnten, und wir sahen mit Entsetzen, wie der Flieger

plötzlich immer tiefer herunterging, und dann flogen uns die Kugeln wie

ein Schwarm Hornissen um die Ohren. Wir weinten, schrieen, beteten

und wussten nicht, was wir tun sollten. Doch so schnell, wie es kam, ist

das Flugzeug auch wieder verschwunden. Wir waren alle fassungslos.

Uns war Gott sei Dank nichts passiert. Leider aber hatte unser Pferd

nicht das gleiche Glück wie wir, denn man konnte sehen, wie die

Gedärme aus seinem Bauch herausquollen. Es war ein furchtbarer

Anblick für uns Kinder, das treue Tier so leiden zu sehen. Gott sei Dank

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ist es nach wenigen Minuten gestorben.

Für uns Kinder war die Zeit aber auch voll von freudigen Dingen. Wir

nahmen den Krieg nicht immer so ernst, denn unsere Mutter machte die

Zeit vor Weihnachten immer so schön, wie es unter den Umständen

möglich war. Bald war wieder der sechste Dezember, da kam der

Heilige Nikolaus, und für eine kleine Weile war der Krieg vergessen.

Abends wurden die Weihnachts- und Nikolauslieder gesungen:

Nikolaus komm in unser Haus,

pack Deine grosse Tasche aus,

stell den Schimmel untern Tisch,

dass er Heu und Hafer frisst.

Wenn der Tag dann endlich kam, an dem wir den Nikolaus erwarteten,

versammelten wir uns alle in der Bibliothek und sangen aus vollem Hals

dieses Lied. Dann kam Sankt Nikolaus in den Raum, und es war

absolute Stille. Er war gekleidet mit einem Kirchengewand und trug die

Bischofs-Mitra. Natürlich hatte er auch das große Buch in den Händen,

in dem „alle Kinder dieser Welt“ mit ihren guten und nicht so guten

Taten aufgezeichnet waren. Wie war es nur möglich, dass St. Nikolaus

all das wissen konnte? Der Nikolaus wurde von seinem Helfer, dem

Knecht Ruprecht, begleitet. Der war ganz in Schwarz gekleidet und

hatte einen Besen aus trockenen Reisern in der Hand und Ketten wie

Gürtel umgeschnallt.

Wenn die nicht so guten Taten aufgezählt wurden, kam auch die Rute

manchmal leicht zum Einsatz. Im Großen und Ganzen reichte aber die

Zusage unsererseits, im kommenden Jahr ganz besonders brav zu sein

und den Eltern nur noch Freude zu machen. Das Versprechen von uns

freute dann den Nikolaus, und er öffnete den Sack, den Knecht

Ruprecht trug, und hinterließ uns „braven Kindern“ einen Haufen

Süssigkeiten.

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Als der Nikolaus gegangen war, dauerte es nicht lange, bis wir uns von

dem aufregenden Besuch wieder einigermaßen erholt hatten und über

die süßen Sachen herfielen. Natürlich war das in jedem Jahr die gleiche

Prozedur, aber in der Kriegszeit, den frühen 40er Jahren, war es gar

nicht so leicht - um nicht zu sagen fast unmöglich - diese süßen Sachen

zu besorgen. Es war unglaublich, wie unsere Mutter immer wieder eine

gute Idee und Überraschung auf Lager hatte. Sie muss wohl Nächte lang

daran gebacken haben.

Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie schwer der Krieg

damals für die Menschen war. Wir aßen zum Beispiel Brennnesseln

statt Spinat, nachgesuchte Kartoffeln, selbstgemachte Butter und vieles

mehr. Jedes Kind hatte einen eigenen Butterteller, mit einer

abgewogenen Menge, die für eine Woche reichen musste. Die

abendlichen Lieder waren aber mit dem Besuch vom Heiligen Nikolaus

nicht vorbei, denn in zwei Wochen war Heilig Abend mit Bescherung

und auch da hat sich der Erfindungsgeist unserer Mutter wieder von der

besten Seite gezeigt. Ich wollte so gerne ein Schaukelpferd haben, ein

eigentlich unmöglicher Wunsch in der Zeit. Dabei ging es uns allen ja

gut, im Vergleich zu vielen anderen Menschen. Wir hatten, wenn auch

spärlich, aber dennoch zu essen und ein Dach überm Kopf. Doch die

vielen Menschen, die betteln kamen, mussten, wie unsere Mutter

immer sagte, „mitgefüttert werden“. Sie hat in dem großen Kessel, in

dem sonst das Futter für die Schweine gekocht wurde, wann immer es

möglich war eine Suppe gekocht, und die Leute, die bettelten, konnten

sich wenigstens einmal wieder satt essen. Es gab auch noch ein paar

Russen, die auf den verschiedenen Heuböden versteckt waren, die auch

gerne von der täglichen Suppe mitessen wollten.

Ich habe mir in all dem Trubel auch noch ein Schaukelpferd gewünscht,

was eigentlich ein unmöglicher Wunsch war. Für die Mami war das aber

eher eine Herausforderung, und sie hat es irgendwie geschafft, das

Schaukelpferd, das allerdings vier Beine hatte und nicht schaukelte, von

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einem Schreiner machen zu lassen. Als es gebracht wurde, fiel ihr auf,

dass das Pferdchen keinen Schwanz hatte. Und das zwei Tage vor

Weihnachten - und keiner da, der ihr helfen konnte. Da ist sie - und das

ist wieder so typisch für unsere Mutter - in den Pferdestall gegangen

und hat dem nächstbesten Pferd einen Büschel Haare vom Schwanz

abgeschnitten und an mein Pferdchen geklebt. Damals hat unser Vater

Traber gezüchtet, und einem seiner besten Pferde fehlte plötzlich ein

Büschel Schwanzhaare. So war sie eben. Praktisch und unkonventionell.

Der Spruch „Geht nicht gibt’s nicht“, den ich oft von meinen Freunden

im Büro von „Herzenswünsche“ höre, hätte auch von unserer Mutter

stammen können.

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Die Tage vor Weihnachten

waren wieder eine ganz

besondere Zeit für uns alle.

Unsere Mutter war wieder

reich an Ideen und

Erfindungsgeist. Ihre Idee war

wie folgt: Sie wollte auch in

der Vorweihnachtszeit eine

gewisse Spannung bei uns

aufbauen. Deshalb nahm sie

ein altes Fußwaschbecken und

füllte es zu Beginn der

Adventszeit bereits mit

trockenen Rasenstücken. Man

habe diese gehegt und

gepflegt, erzählt meine

Schwester Madeleine, und so

sei zur Weihnachtszeit immer

ein frischer grüner

Rasenteppich, gespickt mit

Marienblümchen, vorhanden


gewesen. Mit dem Aufsprießen der Blümchen sollten für uns Kinder

ähnliche Erwartungen verknüpft werden wie etwa heute mit der

Spannung eines Adventskalenders.

So entstand die berühmte „Himmelswiese“. Eine Erfindung unserer

Mutter. Die Strohhalme in der noch leeren Krippe waren dem oder der

sich täglich am besten benehmenden von uns Kindern, vorbehalten. So

konnte man, durch gutes Benehmen und die Ansammlung von

einzelnen Strohhalmen dafür sorgen, dass das Jesuskindchen ein

weiches Lager hatte. Auf der Himmelswiese waren auch noch reichlich

Schafe und Hirten und sonstige Figuren. Es gab sogar eine Figur von

Maria, die auf einem Esel ritt, und Josef, der den Esel am Halfter hielt.

Ein weiteres Privileg für gutes Benehmen war, dass man sich das Recht

verdiente, Maria auf dem Esel sitzend immer ein Stückchen näher an

den Stall zu Ochs und Esel zu bewegen.

Der künstlich und eigentlich zur Unzeit erweckte Rasen war irgendwie

die magische Mitte unseres Weihnachtsfestes. So war Weihnachten

immer ein ganz besonderes Fest für uns Kinder. Ohne den

Erfindungsgeist und die Mühen unserer Mutter wäre das alles nicht

möglich gewesen. Die Mami hat immer erzählt, dass sie später am

Heiligen Abend, als sie nach uns Kleineren sah, mein Pferd in voller

Pracht dick und breit in meinem Bett liegen sah und mich ganz klein

zusammen gerollt in einer Ecke des Bettes.

Am Heiligen Abend kamen auch immer alle unsere Angestellten zur

Bescherung zu uns. Für die Kinder gab es Spielzeug, für die Frauen

Geschenke, und die Männer bekamen ein Kuvert mit Geld. Erst aber

wurde das Lied „Heiligste Nacht” (nicht zu verwechseln mit „Stille

Nacht, Heilige Nacht”) gesungen. Das Lied ist sehr lang und hat drei

Strophen. Unser Verwalter Bernhard Schipke musste immer anstimmen,

und wenn wir Kinder uns ihm gegenüber frech benommen hatten, dann

hat er, um uns zu ärgern, alle drei Strophen nacheinander angestimmt.

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Wir konnten kaum mitsingen weil wir aus Neugier über unsere

Geschenke platzten. Das gute Benehmen gegenüber den Angestellten

war bei uns immer eine ganz wichtige Sache und ein großer Bestandteil

unserer Erziehung. Für unsere Eltern war das schlimmer, als wenn man

sich ihnen gegenüber frech benommen hätte.

Wenn das Lied dann endlich vorbei war, wurden wir von den Eltern jeder

einzeln an sein Tischchen geführt, und die Geschenke wurden

übergeben. Es war immer ein feierlicher Akt. Da gab es auch Geschenke

von anderen und später auch von Geschwistern, Patenonkels und -

tanten. Jeder von uns hatte auch auf seinem Tischchen einen Teller zum

Knabbern, mit Marzipan, Plätzchen und Haselnüssen. Den mit mir

gebackenen Christstollen hat meine Mutter allerdings nicht dazugetan.

Wie sie mir viel später erzählte, ist mein Teig, je länger ich ihn knetete,

immer dunkler geworden.

Man durfte nie an den Teller eines anderen gehen, ohne dessen

Erlaubnis zu haben. Später gab es Abendessen, und eine Sache, die

dabei nie fehlen durfte, war Erbsen-Salat. Irgendwie war das unser

Lieblingsessen am Heiligen Abend. Es tat auch gut, nach all den

Süßigkeiten, den kalten Erbsen-Salat zu essen.

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Kaktus

Man fragte ein Mädchen aus der Gruppe der Begehrten, derselben

einen Gruss zu bestellen. Wenn sie auch ein gewisses Interesse hatte,

würde sie einen Gruss zurück schicken, wenn kein Interesse vorhanden

war, kam kein Gruss zurück, und man war abgeblitzt. Ich hatte Glück.

Kaktus ließ mich zurückgrüßen, und ich hatte meine erste Freundin.

Sweet fifteen and never been kissed. Es war eine schöne Zeit. Ich war

glücklich, und von nun an gingen Kaktus und ich immer gemeinsam

durch die Stadt und um den Pudding. In Lüdinghausen gab es eine

Stelle in der Stadtmitte - das war der berühmt berüchtigte Pudding.

Dort trafen sich immer alle Schüler/innen, entweder zu Fuß, oder man

fuhr mit dem Rad um den Pudding. Es ging immer im Kreis herum über

drei Strassen. Von der Stadtmitte die Einbahnstrasse zur Hauptstraße,

dann ging man 100 Meter links die Hauptstraße entlang und dann die

erste Strasse wieder links, und so kam man wieder zum Ausgangspunkt.

In der Zeit kam die Amerikareise, für die ich mich schon vor längerer

Zeit beworben hatte. Ich musste mich von Kaktus zunächst einmal

trennen. Wir hatten fest vor, den Tanzkursus, im nächsten Jahr

mitzumachen, aber daraus wurde nun nichts. Wir waren beide traurig,

aber da war nichts mehr zu machen, als sich gegenseitig alles Gute zu

wünschen. Ich habe Kaktus leider nie wiedergesehen.

Vorbei mit sehen und gesehen werden. Mit Kaktus hat mir die Zeit viel

Spass gemacht und jetzt, auf einmal, Amerika. Es war eine neue Welt,

die an meine kleine landwirtschaftliche Tür klopfte. Ich ahnte damals

nicht, wie schwer sich diese einfachen Worte noch bewahrheiten

sollten.

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Sommerzeit

auf Haus Borg

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Die Tage im Mima Häuschen

Ich werde auch nie vergessen, wie wir unsere Sommer verbrachten.

Damals fuhr man nicht in den Urlaub, wegen Krieg und Nachkriegszeit

konnte man ohnehin nicht verreisen. Bei uns zu Hause war es sowieso

viel schöner. In den Ferien verließen wir manchmal das Haus

frühmorgens, um im Obstgarten in unserem kleinen Häuschen, Mima-

Häuschen genannt, den Tag zu verbringen. Das war immer ein beliebter

Ausflug. Wir hatten auch unsere eigenen kleinen Gärten im Park, wo

wir eigenes Gemüse züchteten und immer darauf bedacht waren, das

kleine Gärtchen sauber und attraktiv zu halten. Es war immer auch ein

wenig Konkurrenz zwischen uns Geschwistern, wer den schönsten

Garten hatte. Es war die ultimative Kleingärtnerei, und sowas vergisst

man nicht. Wir lernten im frühen Alter, beim Spielen, wie die Natur

funktioniert, wie man für Pflanzen und Tiere sorgen muss und wie man

zu Ende macht, was man begonnen hat. Das war eine gute Lehre in

jungen Jahren.

Unser Haus war mit einem sehr breiten Wassergraben, Gräfte genannt,

umgeben, in dem sich Millionen Frösche tummelten, die jede

Sommernacht ein herrliches Froschkonzert veranstalteten. Wir Kinder

liebten diesen Gesang und haben oft gesagt, es gebe katholische und

protestantische Frösche. Die katholischen Frösche sangen mit tiefen

Stimmen „Papst, Papst, Papst“, und die evangelischen sangen mit hoher

Stimme: „Luther, Luther, Luther“. Ich liebte es, den Fröschen

zuzuhören.

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Eine Eule im Plumpsklo

Eines Tages sah ich eine Eule in der Maueröffnung, wo die Plumpsklos

in die Gräfte führten. Die wenigen Klos, die es nach der Bombardierung

noch gab, hatten bis auf eines kein fließendes Wasser.

Die Eule sah mir ziemlich krank aus, und ich beschloss sie zu retten. Ich

war vielleicht 13 Jahre alt und zwängte mich von innen durch die

Plumpsklo-Öffnung und kletterte durch den Schacht unterhalb der

Sitzfläche nach unten. Ich griff nach der Eule und konnte sie gerade

noch mit der rechten Hand von vorne unter den beiden Flügeln

erwischen. Sie hat auch nicht versucht zu fliehen, was ein weiteres

Zeichen für ihre Krankheit war. Doch dann kam der weitaus

schwierigere Teil des Rückwegs. Ich musste mich mit einer Hand und

mit beiden Beinen durch den mit unappetitlichen Exkrementen

verschmutzten Schacht wieder nach oben hangeln. Was man mit 13

Jahren nicht alles hinbekommt! Als ich wieder in relativ sauberen

Gefilden war, suchte ich eine Möglichkeit, die Eule unterzubringen. Ich

fand nur einen einzigen sicheren Platz, und das war in der Küche im

Porzellan-Schränkchen. Ich muss wohl geglaubt haben, dass Meißner

Zwiebelmuster gerade recht wäre für die Genesung meiner kranken

Eule.

Das entpuppte sich allerdings als keine gute Idee. Als ich die Eule in der

Küche platziere, war meine Mutter nicht zu Hause, doch am nächsten

Morgen hörte ich ihre Stimme laut und deutlich „Juuuuuuuuuup“ und

ich wusste, hier ist etwas schief gelaufen. Die Konversation zum

Frühstück war nicht sehr freundlich und endete mit der Forderung: Die

Eule verschwindet, und zwar jetzt sofort. Aber was sollte ich denn mit

ihr machen? Da kam mir der rettende Gedanke.

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Ich wollte schon immer ein Pärchen Wellensittiche haben, und der

Direktor vom Zoo in Münster wäre sicher an einem Tausch interessiert.

Es waren Ferien, und ich hatte genügend Zeit zur Hand, also fuhr ich

mit meiner Eule im Karton per Fahrrad, von meiner tollen Idee

beflügelt, nach Münster. Es waren 14 km bis dorthin, und ich fragte

mich durch bis zum Zoo. Gleich nachdem ich dort ankam, bat ich auch

um Rücksprache mit dem Direktor. Als ich aber auf meinen Wunsch

Eule gegen Wellensittiche zu sprechen kam, hat der Herr mich schallend

ausgelacht. Das war nicht nett, und nun stand ich da mit meiner Eule

aus dem Plumpsklo und hatte nichts vorzuweisen als meine

verschmutzte Kleidung, das Theater mit meiner Mutter, und einen

unfreundlichen Zoo Direktor. Meine Eule musste im Zoo bleiben. Was

sollte ich sonst mit ihr machen? Ich war tief betrübt. Die Rückreise war

sehr mühsam, weil ich so enttäuscht war und der Zoo Direktor mir den

letzten Elan genommen hatte. Ich redete mir ein, dass die Eule jetzt

jedenfalls ein besseres Zuhause hat als ein Plumpsklo, und das mit

meiner Hilfe. Bitte schön, gern geschehen, es war mir ein Vergnügen!!!

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Asta war mein erster Hund

Wir Kinder lernten von klein auf, wie man Verantwortung für die uns

anvertrauten Tiere übernimmt. Dabei will ich auch nicht meinen ersten

Hund vergessen. Eine deutsche Schäferhündin namens Asta. Sie war so

erzogen, dass sie kein Futter von Menschen annahm, wenn man es ihr

nicht mit einer speziellen Geste der linken Hand anbot. (Zeige- und

Mittelfinger gespreizt über Daumen). Sie war leider auch geschult,

keinen Laut von sich zu geben, wenn ein Unbekannter das Zimmer

betrat, in dem sie selber war. Sie war aber auch so dressiert, dass sie

diese Person nicht wieder aus dem Zimmer herausließ. Nun war wieder

einmal meine arme Mutter dran. Jeden Sonntag fuhren wir mit dem

offenen Landauer ins Dorf zur Kirche. Doch an diesem besagten

Sonntag ging es meiner Mutter gesundheitlich nicht gut, und sie blieb

zu Hause. Da passierte dann die unglückliche Geschichte, dass meine

Mutter ein Zimmer betrat, um ein Fenster zu schließen und Asta sie für

eine gute Stunde dort festgehalten hat.

Ich stand ohnehin kurz davor, ins Sauerland zu meinen Verwandten zu

ziehen, und das war dann auch das Ende von Asta. Wir fanden eine

liebevolle Familie für sie, und es gab einen traurigen Abschied für uns

beide. Sie hat in der Familie noch viele glückliche Jahre gelebt, während

ich mich durch diverse Schulen durcharbeiten und einige Rauswürfe den

Eltern erklären musste. 1: 0 für Asta.

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Der wärmste

Platz im Haus

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In der Schulzeit in Rinkerode und später in Münster konnte der Weg in

die Schule schon sehr anstrengend sein. Wir standen um 6 Uhr morgens

auf, um 6:30 Uhr gab es Frühstück in der großen Küche auf der Bank

hinter dem großen Ofen. Das war damals der wärmste Platz im Haus,

weil in der Küche mit Brikett geheizt und die Öfen damit die ganze

Nacht angehalten wurden. Damals gab es noch Knabbeln, die in Milch

aufgeweicht gegessen wurden.

Vorgeschichte

Meine Vorfahren waren auch sehr mit Annette von Droste Hülshoff

befreundet, die zu Lebzeiten auch oft und gern nach Haus Borg

gekommen ist. Zum Tod meines Vorfahren Casper Nikolaus Kerckerinck

gibt es ein ausführliches Gedicht von Annette. Es heißt „Vorgeschichte“

und erzählt, wie er eines Nachts seine eigene Beerdigung vom

Schlafzimmerfenster aus beobachtet und aufgeschrieben hat. Das

Gedicht steht in jedem deutschen Balladenbuch, und nach seiner

Beschreibung hat Annette das Gedicht verfasst. Das ist genau das, was

die Westfalen unter Spökenkiekerei verstehen. Mein Bruder Engelbert

und ich haben viele Jahre später in demselben Zimmer geschlafen, als

uns ein Geist erschienen ist.

Der Mann mit dem Schlapphut

Es war früh am Morgen, als ich Engelbert fragte, ob er schon wach sei,

und hörte, wie er von unter der Bettdecke her wisperte: „Da steht ein

Mann“. Als ich aufschaute, stand da wirklich ein Mann zwischen

unseren beiden Betten und schaute auf uns herab. Wie von der Tarantel

gestochen sind wir aufgesprungen und in das Schlafzimmer der Eltern

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gerannt. Wir riefen „Da ist ein Mann, da ist ein Mann!“ Unser Vater

trennte uns sofort und hat uns einzeln befragt, wie der Mann denn

ausgesehen hat, und wir haben ihn beide ganz genau gleich

beschrieben. Der Mann mit dem Schlapphut hat uns noch lange

beschäftigt, und er ist wohl auch noch anderen im Haus erschienen, aber

später nur in den Kellerräumen, nie in der großen Küche.

Die Geschichte vom Männlein

Ich erinnere noch gut wie meine Grossmutter am Spinnrad saß und die

gewaschene Wolle von den Schafen meines Vaters in einen Wollfaden

verwandelte. Dabei erzählte sie uns die Geschichte vom „Männlein“.

Eine nie endende Geschichte von den Abenteuern eines kleinen

Männchens das uns immer wieder gefesselt hat. Unsere Grossmutter,

Homama genannt, hatte eine unglaubliche Fantasie und das Männlein

hatte unglaubliche Mengen an Abenteuern zu bestehen.

Das alles klingt wie ein Märchen und für uns Kinder war es das auch.

Ein Männlein, das uns so tapfer von den Ereignissen des Krieges

abgelenkt hat. Wir wohnten jetzt in dem einzigen Wohnflügel des

Schlosses, der nicht bombardiert worden war.

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Entenpopo

Nach dem der Krieg beendet war, versuchte mein Vater so nett wie

möglich zum englischen Oberbefehlshaber in Münster zu sein. Er wollte

erreichen, daß er die Erlaubnis bekäme ein Jagdgewehr zu haben und

auf die Jagd gehen zu können. Dafür musste man die Herren Offiziere

zum Tee ins Schloss bitten und auch Treibjagden für sie organisieren.

Bei uns gab es zum Fest der Heiligen Drei Könige am sechsten Januar

immer Berliner Ballen, von denen einer statt Marmelade eine

Kaffeebohne in sich hatte. Wer die Kaffeebohne bekam, wurde mit

einem angebrannten Weinkorken im Gesicht schwarz gemacht, denn er

sollte den Schwarzen von den Heiligen Drei Königen darstellen. Wir

Kinder fanden aber, dass es viel lustiger wäre, wenn wir einen Berliner

anstatt mit der Kaffeebohne mit einem Entenpopo füllen würden.

Wir hatten frisch geschossene Enten von der letzten Jagd der Engländer

und schnitten unten in der Küche vorsichtig den Popo einer Ente ab und

backten, mit Hilfe von Tante Tesa, die unsere Köchin war, die Berliner

zusammen mit dem, der den Entenpopo in sich hatte. Dann brachten

wir alle Berliner Ballen nach oben für die englischen Gäste.

Ausgerechnet, zu allem Übel und wirklich mit dem Teufel zugehend,

kam ausgerechnet der mit dem Entenpopo beim Britischen

Oberbefehlshaber an, der leider einer dieser Leute war, die überhaupt

keinen Humor haben. Mein Vater war selten so böse auf uns wie an

dem Tag. Der englische Oberbefehlshaber fand auch sehr schnell einen

Grund, ziemlich kurzfristig abzufahren, und meinem armen Vater war

die Sache so peinlich, dass ihm die Worte fehlten, die eigentlich für uns

gedacht waren, und das waren sicherlich nicht die nettesten.

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Schafe hüten

Mein Vater besaß zu der Zeit ca. tausend Schafe, und die waren seine

ganze Leidenschaft. Als ich 10 Jahre alt war, bin ich nachmittags oft mit

einer kleinen Herde von 100 Schafen durch den Wald und über die

Felder gezogen, die extra danach ausgesucht waren.

Ich war stolz, dass mein Vater mir seine Lieblinge anvertraute. Man

musste schon etwas wissen, z.B. wie man die Hufe beschneidet und wie

man die Herde zusammenhält. Dazu hatte ich zwei Hunde dabei. Man

konnte die Schafe auch nicht auf zu viel Klee hüten, sonst würden sie

Blähungen bekommen und evtl. daran eingehen. Schafe sind

Wiederkäuer und reagieren sehr empfindlich auf falsches Futter. Beim

Hüten muss man immer ein Auge auf die Herde haben, besonders dann,

wenn viel Klee auf den Wiesen ist.

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Taubenzucht

Ich war auch Mitglied im Taubenzucht-Verein in Rinkerode. Ich

züchtete Brieftauben, die dann auf die Reise geschickt wurden und ihr

Zuhause wieder anfliegen mussten. Tauben wurden in großen LKWs bis

nach Wien gebracht, von wo aus sie dann wieder nach Hause fliegen

sollten. Man weiß heute noch nicht genau, welche Radarsysteme diese

Tiere benutzen, um den Weg nach Hause zu finden. Es war faszinierend

und spannend. Leider waren meine eigenen Tauben nicht die allerbesten

Flieger, und viele sind irgendwo hängengeblieben, andere erst nach

Tagen wieder zu Hause angekommen.

Die Kirche in Rinkerode

Es wurde von uns erwartet, dass wir am Sonntag zur Heiligen

Kommunion gingen, und die fand im Hauptschiff der Kirche statt.

Unsere Familie hatte vorne am Chor eigene Bänke, was wir Kinder

gehasst haben wie die Pest. Die Kirche wurde 1721 von unseren

Vorfahren und den Grafen von Galen finanziert und von dem

berühmten Baumeister Gottfried Laurenz Pictorius gebaut. Meine

Vorfahren sind fast alle in der Kirche begraben, einige sogar im

Hauptschiff. Die Wände in der Kerckerinck’schen Kapelle sind voll mit

Grabsteinen der Familie Kerckerinck, dennoch gab es einen ewigen

Streit mit der katholischen Kirche über die sogenannte

„Kerckerinck’sche Kapelle“ Die Katholische Kirche wollte uns immer die

Kapelle nehmen, weil wir nicht als Eigentümer im Grundbuch standen.

Dabei hat man übersehen, dass es damals noch kein Grundbuch gab.

Meine Eltern machten sich aber immer wieder Gedanken, wo sie einmal

begraben würden. Mit Hilfe von Franz Horstkötter, dem alten Freund

der Familie, und dem Kirchenvorstand in Rinkerode, ist es gelungen, die

Kapelle an die Kirche abzugeben, gegen das Recht, die Eltern dort

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begraben zu dürfen und meinen Bruder Hubert in die Kapelle zu

überführen. Begräbnisse in der Kirche sind heute nicht mehr erlaubt,

doch in diesem Fall wurde eine Ausnahme gemacht. Ich musste die

Außentreppe, den Zugang zur Kerckerinck’schen Kapelle auf meine

Kosten für viel Geld komplett renovieren und die Grabkammern für

meine Eltern einrichten lassen. Alles zusammen etwa 25 tausend Mark.

Jetzt liegen die Eltern dort, wo sie immer hin wollten. Franz

Horstkötter, dem alten Freund, bin ich ewig dankbar für seine Hilfe.

Ohne ihn und den Kirchenvorstand von Rinkerode, wäre das alles nicht

möglich gewesen.

Die Samstags Routine

Als ich klein war, gab es samstags immer dieselbe Routine. Mittags um

12 Uhr gab es Erbsensuppe, dann wurde gebadet, wobei zuerst der

Wasserbehälter an der Badewanne erhitzt werden musste. Es war ein

hoher Wasserbehälter, der unterhalb eine Feuerstelle hatte. Dort ist mit

Holz oder auch Brikett so lange geheizt worden, bis genügend warmes

Wasser für die ersten drei Kinder vorhanden war. Solange drei in der

Wanne waren, wurde der Wasserbehälter für die nächsten drei wieder

aufgewärmt. Wir waren ja zunächst nur sechs, und so passte es gerade

für drei und drei. Nach dem Bad gab es frische Wäsche, und dann

gingen wir Kinder in die Kirche im Dorf zur Andacht und manchmal

auch zum Beichten. Diese Reihenfolge gab es jeden Samstag. Am

Sonntagmorgen ging es dann im offenen Landauer mit Pferdegespann

wieder zur Kirche, gesäubert von innen und von außen.

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126


Der

Bürger in

Uniform

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Ich mußte zur Bundeswehr

Bald nach meiner Rückkehr musste ich mich in Handorf bei der

Bundeswehr an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit in

einer bestimmten Kaserne melden. Im Gebäude angekommen, sah ich

mehrere Soldaten, die mit Zahnbürsten die Treppe und den Boden

reinigten. Dabei wurden sie von anderen Uniformierten beschimpft und

teilweise mit Füßen getreten. Es war schon ziemlich einschüchternd,

doch wir merkten bald, dass alles nur Show war, um uns neuen

Rekruten Angst zu machen.

Im ersten Monat machten wir Geländeübungen im dicksten Dreck und

trainierten, wie man durch die geöffnete Bodenklappe während der

Fahrt aus dem Schützenpanzer aussteigen konnte. Wir lernten, wie die

Schützenpanzer sich im Gelände verhielten. Die von Hispano Suiza

waren allerdings ständig in der Werkstatt und mussten immer wieder

repariert werden. Es war nicht einfach, was ich schon bald als normal

empfunden habe. Für einen starken Feind waren wir nicht geeignet.

Wir bekamen damals zwei DM (Deutsche Mark) Wehrsold pro Tag und

freuten uns immer wenn der Monat 31 Tage hatte, dann gab es zwei

DM mehr, was dem Zigaretten-Haushalt sehr gut tat. Ich werde nie

vergessen, wie ich zum ersten mal meinen Wehrsold bekam. Wir waren

immer gedrillt worden, uns stets mit Dienstgrad und Namen bei

Vorgesetzten zu melden.

Als ich an der Reihe war, vergaß ich jedoch meinen Dienstgrad zu

nennen, und meldete mich zwar laut genug, aber nur mit: „Kerckerinck“,

worauf der Unteroffizier Zahlmeister mich anbrüllte: „Was heisst hier

Kerckerinck, was sind Sie, ein Graf?“ Ich blieb ganz ruhig und sagte:

„Nein, ein Baron.“

128


Das hat ihm, wie er mir viel später sagte, die Sprache verschlagen. Mit

dem Unteroffizier, der mich so anbrüllte, war ich später sehr

befreundet, und wir haben angefangen, eine Schneckenfarm

aufzubauen. Im Park von Haus Borg gab es sehr viele

Weinbergschnecken, weil vor vielen Jahren dort eine französische

Schule betrieben wurde. Also sammelten wir so viele Schnecken wie

möglich und setzten sie in ein kleines Gehege von ca. 1 Quadratmeter.

Natürlich mussten wir sie füttern, und wir fanden schnell heraus, dass

sie am liebsten Franzosenkraut oder Blattsalat fraßen. Es war immer

eine Freude, ihnen beim Fressen zuzuhören, denn sie schmatzen und

fraßen recht laut. Weinbergschnecken gehören zur Ordnung der

Hermaphroditen, und somit kann jede Schnecke Eier legen, aus denen

eine neue Schnecke geboren wird. Ich habe mal all die Eier gezählt und

kam auf über 30 Stück von einer Schnecke. Die Eier waren so groß wie

eine Erbse. Leider ist mein Freund befördert und versetzt worden, und

ich blieb in Handorf, von wo ich, nach einem weiteren Lehrgang, zur

Offiziersschule nach München versetzt wurde. Somit war die

Schneckenfarm nicht von langer Dauer.

Ich wurde also nach München versetzt - und das im Fasching! Davor

wäre ich beinahe aus dem vorhergehenden Lehrgang geflogen, weil ich

einen der Ausbilder, der sich ganz auf mich eingeschossen hatte, als

„Arschloch“ bezeichnet hatte. Da habe ich mal wieder Glück gehabt.

Drei Monate München auf Kosten der Steuerzahler und mitten im

Fasching, das war eine tolle Sache. Natürlich hatten wir nie genug Geld,

denn es gab so viel zu feiern und so wenig zum Ausgeben. Wir fanden

jedoch schnell eine Geldquelle, und zwar beim Roten Kreuz, wo wir uns

zur Blutspende meldeten. Man bekam damals 60 Mark für einmal

spenden, und wir waren eine Gruppe von sechs Offiziersanwärtern und

hatten auf diese Art jedenfalls immerhin genug Geld zusammen.

Irgendwann haben wir es dann doch übertrieben. Wir fühlten uns nicht

mehr wohl, und waren wackelig auf den Beinen. Einige von uns mussten

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oft beim morgendlichen Appell vom Hintermann gestützt werden. Das

ständige Blutspenden machte einen auf die Dauer schwach, und

außerdem wurden auch die Prüfungen immer schwieriger. Als der

Offizierslehrgang zu Ende war, wurden wir nach Hammelburg versetzt

zum Fähnrichslehrgang. Aber auch dort war wenig Zeit zum Schlafen,

denn dort waren auch die US-Soldaten stationiert, und zwar die

Rangers, ein wahrlich harter Haufen. Die Ranger wurden zur Übung bei

130


Nacht und Nebel in der Gegend ausgesetzt und mussten, nur mit einem

Kompass ausgerüstet, wieder zurück in die Kaserne finden. Das Essen

mussten sie im Wald finden oder beim Bauern klauen. Die Bevölkerung

wurde sogar in der Zeitung darauf aufmerksam gemacht, und jeder, der

einen Ranger einfing und anzeigte, bekam 50 DM. Anfangs hat uns das

nicht gestört, das war ja für die Ranger, aber bald kam auch unser

Kommandeur auf die Idee, dass wir das auch konnten. Und bald wurden

dann auch wir, nicht ganz so streng wie die Rancher, hin und wieder bei

Nacht und Nebel ausgesetzt und mussten in kleinen Gruppen von vier

Mann, wieder nach Hause finden.

Es gab noch eine andere Sache bei den Rangers, sie durften ohne Grund

innerhalb des gesamten Kasernengeländes nicht einfach nur gehen,

sondern es musste alles immer im Laufschritt passieren, und auch das ist

dann bei uns eingeführt worden. Der Fähnrichlehrgang dauerte sechs

Wochen, und dann ging es wieder in die ursprüngliche Kaserne, in

meinem Fall zurück nach Handorf. Es war geplant, dass wir, nachdem

die 18 Monate vorüber waren, als Leutnants der Reserve entlassen

würden. Doch dann kam uns die Berlin-Krise und der Mauerbau

dazwischen, und wir mussten alle noch drei Monate länger dienen. Ich

hatte beschlossen, aus der Not eine Tugend und die zwei Jahre voll zu

machen. Dafür gab es damals einen Sonderbetrag von über 7000 DM,

und das bot sich an, um mein erstes Auto zu finanzieren. Das Leben als

Leutnant der Reserve war nicht einfach, man wurde von den

Berufssoldaten nicht ernst genommen, und uns wurden haufenweise

Steine in den Weg gelegt. Ich hatte meinen früheren Ausbilder,

Oberfeldwebel Viemann, als meinen stellvertretenden Zugführer

zugeordnet bekommen. Er war nicht nur ein kriegserfahrener und hoch

dekorierter Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch ein

supernetter Mensch. Es machte ihm Spaß, die Berufsoffiziere auflaufen

zu lassen. Ich habe ihn, als er sich bei mir meldete, abends zum Essen

eingeladen, und wir haben uns danach erst einmal total betrunken und

waren im Rausch Freunde geworden. Die Berufssoldaten, Leutnants und

131


Hauptmanns konnten meinem Stellvertreter nicht das Wasser reichen,

und mein Zug stand im Manöver immer sehr gut da. Keiner wagte es, an

unserer Kriegsführung herumzumeckern. Wir wurden plötzlich

ernstgenommen. Mehr wollte ich garnicht. Während dieser Zeit bekam

ich einen Brief meines Vaters, in dem stand, ich hätte doch die Offiziere

in Handorf im letzten Herbst bereits mit Kartoffeln beliefert und es

wäre jetzt doch an der Zeit, denen eine Rechnung zu schicken. Ich

schrieb zurück, das wäre nicht mehr nötig, die hätten alle schon bei mir

bezahlt. Daraufhin kam der Befehl, in allernächster Zeit nach Hause

zum Abrechnen zu kommen. Jetzt wurde es brenzlich, denn ich hatte

abkassiert, was mir nicht zustand. Ich suchte alle Quittungen

zusammen, die ich finden konnte, wo ich einmal Geld bezahlt hatte,

was ich aber nie erstattet bekommen habe, und fuhr damit, wohl

gewappnet, nach Hause zur Abrechnung.

Mein Vater hatte ebenfalls Belege gesammelt, die aber überwiegend

von mir für den Betrieb bereits bezahlt worden waren, und dazu auch

die Rechnungen für die Kartoffeln an meine Soldatenfreunde. Wir

rechneten und rechneten, und zum Schluss kam heraus, dass mein Vater

mir noch einen kleinen Betrag schuldete und nicht umgekehrt. Er hat

alles noch einmal nachgerechnet und alles endete in dem berühmten

Satz meines Vaters: „Ich weiss dass Du mich bescheißt aber ich weiß

nicht, wie Du es machst.“ Ich schuldete ihm aber wirklich nichts, nur

wollte er das nicht wahr haben. Wir haben die Sache dann im besten

Einvernehmen, wie man so schön sagt, ad acta gelegt, und es hat

unserem guten Verhältnis nicht geschadet.

In Handorf wurden neue Rekruten ausgebildet, und ich war eines Tages

dabei, diese jungen Soldaten an der Waffe auszubilden. Das Gewehr G3

war noch ziemlich neu, und manchmal gab es Ladehemmungen. Auf

dem Schießstand kam einer der Rekruten zu mir, das Gewehr in der

Hand, die Mündung der Knarre auf meinen Bauch gerichtet, und sagte,

mehrmals am Abzug ziehend: „Herr Fähnrich, das Gewehr schießt

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nicht.“ Ich wurde kreidebleich im Gesicht, wie man mir später sagte,

und nahm ihm das Gewehr ganz schnell aus der Hand und ging mit dem

Gewehr zum Schießstand. Dort zielte ich auf eine Scheibe und zog nur

einmal den Abzug, und sofort kamen 20 Schuss Dauerfeuer aus dem

Lauf. Ich handelte wie im Traum. Es fühlte sich an, als bewegte ich

mich in Zeitlupe. Ich war ganz ruhig, hatte alles in Ruhe gemacht, und

plötzlich fing mein Herz an zu pochen, besser gesagt: zu rasen, denn die

volle Einsicht über das, was ich soeben erlebt hatte, wurde mir jetzt erst

richtig bewusst. Der Junge hätte mich in Höhe meiner Taille mit

Dauerfeuer mittendurch schneiden können. Ein Gedanke schoss mir

durch den Kopf. Ich könnte schon 1 Minute tot sein und der Junge

unglücklich für den Rest seines Lebens. So schnell geht das. Ich war

nicht einmal sauer, sondern habe die Sache sofort mit den Rekruten

besprochen und das Schießen eingestellt. Was hätte alles passieren

können? Wie kann man sowas verhindern und wie gefährlich sind

Waffen? Ich glaube, wir haben an dem Tag alle etwas dazugelernt,

etwas, das man wohl nie vergessen wird.

Der Schneckenvater

So nannte mich meine Mutter in liebevoller Begrüssung wann immer

ich von der Bundeswehr abends nach Hause kam, um mich um meine

neu entdeckten Lieblinge, einer Anzahl von Weinbergschnecken, zu

kümmern. Es war eine jener Ideen um viel Geld zu verdienen. Ich hatte

mir gemerkt wie Schnecken auf der Speisekarte von guten Restaurants

gehobene Preise erzielen.

Ich erfand Ideen, mit denen man viel Geld verdienen konnte und auch

Informationen über Schnecken die sich unweigerlich in bahre Münze

niederschlagen. Das alles fand ich höchst interessant in Amerika, von

wo ich vor einigen Jahren nach einem Jahr in Minnesota als deutscher

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Austauschschüler zurückgekommen war. Also die Amerikaner hatten für

alles einen passenden Namen. Da gab es in Kalifornien den „Snail Club“

wo man mit Weinbergschnecken schon schnell eine neue Dollar-Idee

gehabt hat. Zuerst hatte man sie mit Benzin übergossen und verbrannt.

Aber das war Verschwendung. Ein kluger Kopf und Werbemann kam

schnell mit dem Slogan „If you can't beat them, eat them“ heraus. Das

war die neue Idee und an den Schecken hat es nicht gefehlt. Nun war

die Idee geboren und es ging weit über die USA hinaus, aber die

Schnecken gab es nicht überall. Also mussten Zuchttiere her und das

Geschäft damit lief sehr gut, wie man mir berichtete. Es gab einen Run

auf die Schnecken, die früheren Ungeheuer, die die Weinstöcke kahl

frassen, aber nun wurden sie in grossen Zahlen gehandelt. Bevor sie die

Weinstöcke kahl fressen konnten, wurden sie schon eingesammelt,

sodass alle Beteiligten damit Geld verdienen konnten. Ein neuer

Moneymaker war entdeckt und wurde mit großem Eifer begrüsst. Ich

lernte schnell und viel. Schnecken sind Hermaphroditen, also

zweigeschlechtlich. Jede Schnecke legt 50 Eier, so gross wie eine Erbse.

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Das war sehr positiv und ich lernte in den ständigen Manövern, dass

man die Schnecken öfter füttern muss, um Geld zu verdienen. Die

Aussicht auf Gewinne standen natürlich in krassem Gegensatz zu den 2

Mark die ich pro Tag bei der Bundeswehr erhielt. Bei meinem ersten

Wehrsold meldete ich mich fälschlicherweise mit „Kerckerinck”. Der

Unteroffizier, dem man salutierte und dem man korrekt und laut

meldete, schrie mich darauf hin an: „Was heisst hier Kerckerinck, sind

Sie ein Graf?” Ich sagte: „Nein, ich bin ein Baron.” Das hat ihm die

Sprache verschlagen, damit hatte er nicht gerechnet und wie er mir

später oft sagte, war ich der erste Soldat der ihn jemals sprachlos

gemacht hat. Genau den habe ich später als Scheckenvater Nr. 2

ernannt.

Die Bundeswehr allerdings schickte mich auf die Offiziersschule in

München sowie auf den Fähnrichlehrgang in Hammelburg. Jetzt konnte

ich die Schnecken leider nicht mehr füttern und behüten und deshalb

habe ich sie alle laufen lassen. Der Traum des schnellen Geldes musste

dem Dienst am Vaterland Platz machen. Aber ich schaue gerne zurück,

denn es war eine wunderschöne Zeit.

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Die wilden

Jahre im

Motorsport

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Als ich noch in Kassel war, hatte ich meine Freundschaft mit Karl Wendt

ausgebaut, wir waren sogar verwandt. Nach der Bundeswehr habe ich

Karl den DKW 1000 Ralley abgekauft, ich hatte ja die dicke Abfindung

von der Bundeswehr bekommen und der Wunsch nach einem Auto war

groß. Als Karl mir sagte, dass er sein Rallye Auto verkaufen und nur

noch Rennen fahren wollte, habe ich mir diesen Wunsch erfüllt und Karl

den DKW abgekauft. Das Auto war ein Hammer, und ich war der stolze

Besitzer. Leider bin ich immer ein bisschen zu schnell gefahren, und so

hat der schöne Rallyewagen nur drei Monate gehalten. Sein Nachfolger,

ein DKW Junior, war nicht halb so schön, aber auch der ist den Weg

allen Irdischen gegangen. Ich kaufte mir von einem Prokuristen der

Firma Hengst in Münster einen Porsche 1300. Mein erster Porsche,

nicht mehr sehr hübsch, aber schnell und zuverlässig. Leider stand mir

auf der Rösenbecker Höhe im Sauerland ein Baum im Weg und das war

das Ende von meinem ersten Porsche.

Bei Karl waren oft interessante Rennfahrer aus allen Ländern und

Klassen. Von Tourenwagen über GT und Formel 3, und sogar einige

Formel 1 Fahrer wie Joe Siffert, Emerson Fittipaldi und Jochen Maas

waren dabei. Auch Dr. Marco aus Österreich, Gerhard Mitter, Herbert

Schulze, Willi Kausen, Rainer Brown, Porky Fröhlich und viele mehr.

Einer war jedoch kein Rennfahrer, sondern ein Talentsucher. Es war

Jungi Lehmann vom Bundes Anzeiger, der die Organisation IGFA

gegründet hat. IGFA steht für „Internationale Gesellschaft zur

Förderung des Automobilsports“. Jungi veranstaltete Fahrerlehrgänge

auf dem Nürburgring, und da ich viele der Rennfahrer persönlich

kannte, habe ich mich an diese vielversprechende Offerte herangewagt

und habe mich zu einem Lehrgang angemeldet. In dem Lehrgang waren

auch Niki Lauda und Striezel Stuck, die beide sehr bekannt wurden.

Mein Lehrer war Herbert Schulze, der schnell mein Freund wurde. Der

Lehrgang dauerte fast eine Woche, und zum Schluss wurden Preise

vergeben. Herbert Schulze aus Berlin hat mir viel beigebracht. Er hat

mir gesagt, dass man eine Rennstrecke erst einmal zu Fuss ablaufen

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muss, um wirklich schnell zu sein. Also sind wir in den fünf Tagen

einmal um die ganze Nordschleife gelaufen, immerhin 22,8 km des

Nürburgrings. Ich muss sagen, dass meine Kenntnis vom schnellen

Fahren, ohne jedesmal einen Baum abzuholzen, sehr verbessert wurde.

Dank Herbert Schulze habe ich so viel gelernt, dass ich den Lehrgang in

meiner Klasse gewann. Als Preis bekam ich einen 1100 cc Fiat/Abarth,

auf 1300 cc aufgebohrt, für ein Jahr kostenlos zur Verfügung gestellt.

Ich konnte es nicht fassen aber ich war auf einmal ein Rennfahrer

geworden. Wieder ein neues Abenteuer, das für mich wie

maßgeschneidert war. Ich hatte eine wunderbare Zeit. Mein erstes

Rennen war in Mainz Finthen, dann kam die Avus in Berlin. Wir fuhren

damals noch durch die Steilwand und ich wäre beinahe über den oberen

Rand gefahren und auf der Rückseite samt Auto heruntergefallen. Ich

war viel zu hoch, aber niemand hat mir gezeigt, wie man die Steilkurve

fahren muss. Man kommt mit 200 Sachen in die Kurve hinein, und

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wenn man einmal in der Wand ist, hilft nur noch Gas geben und nicht

nach vorne schauen, denn dann kommt man sich vor, als führe man in

einer Tonne. Deshalb ist es besser, aus dem linken Fenster in den

Mittelpunkt der Steilwand zu schauen. Weil ich zu hoch gekommen bin

und über den gelben und den weißen Strich kam, sollte ich vom Rennen

disqualifiziert werden. Gott sei Dank hat Huschke von Hanstein, den ich

kurz vorher bei Leo Diergard in Düsseldorf kennengelernt hatte, ein

gutes Wort für mich eingelegt, und ich durfte dann doch im Rennen

starten. Ich wurde zweiter in meiner Klasse, und Huschke überreichte

mir mit freundlichen Worten den Pokal. Das Autorennen war sehr

kostspielig, doch ich hatte das Glück, durch Karl Wendt Zutritt zu den

grossen Firmen zu bekommen. Da waren Aral, Bielstein, Dunlop und

Castrol. Mein Rennleiter war Erich Bitter. Abarth habe ich nur einmal

von Weitem gesehen. Ich war gut vernetzt, und so konnte ich mir das

alles leisten. Einfach war es nicht, aber es ging. Wie so oft in meinem

Leben war ich wieder ganz oben, ganz plötzlich aber auch wieder

genauso tief unten. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es einmal so

kommen würde.

Es geschah im August 1968, als mein Team und ich Klassensieger im

Alfa Romeo in der Klasse 1300 cc beim 24-Stunden Rennen in Spa-

Francorchamp wurden. Für mich eines der größten Rennen und ein

echter Triumph. Ich hätte kurz vorher beinah einen Vertrag mit Renault-

Alpine unterschrieben, der mich möglicherweise in die Formel Drei

gebracht hätte. Also war ich in bester Partylaune - und das im wahrsten

Sinne des Wortes. Ich ging aus und traf Freunde im Nachtlokal

„Pferdestall“ in Düsseldorf, wo ich wohnte. Es war Modewoche in

Düsseldorf, und irgendwann in der Nacht, als ich gerade gehen wollte,

bat mich eine Freundin, ob sie bitte mit mir fahren könnte, denn wegen

der Modewoche gäbe es kein Taxi auf die Schnelle. Ich sagte zu und wir

gingen zu meinem Auto, was ich in der Nähe stehen hatte, und fuhren

los. Ich wusste ungefähr, wo sie hin wollte, und wir kamen ohne

Probleme bei ihrer Wohnung an. Ich wartete, bis sie im Haus war, und

141


fuhr dann wieder in Richtung auf meine Wohnung zu. An einem Punkt

muss ich kurz eingenickt sein, denn ich hatte schon einige Tage den

Sieg in Spa-Francorchamp gefeiert. Jedenfalls hatte ich eine Art

Sekundenschlaf und bin versehentlich auf die Verkehrsinsel der

Straßenbahn-Haltestelle „Friedrich Strasse“ - gefahren, auf der sich eine

Person befand, die durch meine Schuld getötet wurde. Es war eine

furchtbare Situation und eine Sache, an die ich heute und immer wieder

noch denke. Ich hatte übermüdet und unter Einfluss von Alkohol einen

Menschen getötet. Sowas wird man nie wieder los.

Ich war zwei Monate im Gefängnis und wurde ein Jahr später, in einer

Gerichtsverhandlung zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung unter

Anrechnung der zwei Monate verurteilt. Ich hatte auch keinen

Führerschein für 2 1/2 Jahre und wurde bei meinen Freunden

Fürstenberg in Angermund aufgenommen, da ich nicht mehr in

Düsseldorf wohnen wollte. In Angermund wohnte auch mein Freund

Auchen Westerholt, mit dem zusammen ich eine Firma in Düsseldorf

betrieb. Bei Fürstenbergs wurde ich mit offenen Armen aufgenommen,

und die Freundschaft mit ihnen war für mich die Rettung. Ich nahm mir

vor, mein Leben zu ändern, und natürlich war der Vertrag mit Renault-

Alpine nicht mehr akut. Der Unfall war für mich ein Warnschuss vor den

Bug, denn ich war ein Wilder und glaubte fest daran, dass mir niemals

etwas passieren könnte.

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Lucky Star

Ranch

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Im Oktober 1977 habe ich geheiratet, und im August 1978 sind meine

Frau und ich nach New York geflogen, um einen Besitz mit dem

schönen Namen Lucky Star Ranch zu übernehmen. Es war der Anfang

einer einerseits schönen Zeit und der Beginn einer schwierigen Zeit. Wir

fanden erst spät heraus, dass es für eine herkömmliche Landwirtschaft

nicht geeignet war. Das hätte ich, aber nicht ich alleine, schon vor dem

Kauf klugerweise prüfen müssen, wofür ich auch, aber nicht ich alleine,

die Verantwortung trage. Wir waren jedoch alle - und ich sage bewusst

„alle“ - von der Schönheit der Ranch mit dem See und der wilden

Umgebung sowie der rauen Wildheit und Schönheit des Besitzes

begeistert. Erst als das Neue und Verwilderte nicht mehr interessant

genug war für Cocktail Party Talk, sah die Sache plötzlich ganz anders

aus. Natürlich war es kein Platz, um Geld zu verdienen, was von mir

allerdings erwartet wurde. Da fiel mir wieder ein, was ich in Minnesota

über die Jagdgesetze gelernt hatte. Erlegtes Wild durfte nicht verkauft

werden. Die Restaurants boten Wildragout umsonst an und kassierten

Geld nur für die Getränke. Das brachte mich auf die Idee einer

Wildfarm, wo man Wild, das nicht einheimisch war, züchtet, dessen

Fleisch aber verkauft werden darf. Wir fingen an mit Damwild, und

innerhalb von wenigen Jahren, hatte ich einige der besten Restaurants

in New York City als Kunden geworben und die - überwiegend

europäischen - Küchenchefs mit meiner Fleischqualität begeistert.

Die Restaurants durften es auch auf die Speisekarte setzen, und sie

durften jetzt Geld dafür nehmen. Die Idee war gut, aber ich hatte auch

Pech in vieler Hinsicht. Als erstes kaufte ich 50 Stück weibliches

Damwild und zwei Hirsche und begann damit, Damwild in einem

kleinen Gatter wie Schafe, Kühe und sonstige landwirtschaftliche

Nutztiere zu züchten. Soweit so gut. Ich merkte auch schnell, dass die

Tiere nicht ganz dem üblichen Gewicht entsprachen, und ich kaufte

einige Hirsche in Schweden, um durch gute Zucht etwas mehr

Körpergewicht bei den Tieren zu erreichen. Das lief alles nach Plan.

Nach zwei Jahren hatte ich die Wildkörper im Gewicht fast verdoppelt.

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Ich hatte auch eine neue Art der Landwirtschaft damit ins Leben

gerufen. Immer mehr Menschen wollten wissen, wie das gemacht wird,

und ich gründete die „North American Deer Farmers Association“ kurz

genannt: NdeFA.

Ich beantwortete so viele Fragen, dass ich beschloss, ein Buch zu

schreiben über diesen, wie ich es nannte: „Conquest of a new Frontier“.

Ich verkaufte 2000 Bücher und galt als der erste, der eine Wildfarm in

Nord America gegründet hat. Im

ersten Jahr, in dem ich das qualitativ

exzellente Fleisch verkaufen wollte,

war es sehr schwierig. Die

Küchenchefs der besten Restaurants

in New York City wollten mir nicht

glauben, dass es, wie nach alter

Gewohnheit, illegal sei, das Fleisch

anzubieten. Mein Freund Andreas

Dreyhaupt hat mir sehr geholfen,

indem er seine Freundin Betty Davis

einspannte, die wiederum in den

Restaurants Reservierungen für uns

machte, wo wir an dem Abend essen

gehen wollten. Nach dem Essen

fragten wir nach dem Küchenchef,

und bei einem Gläschen Wein machten wir die nötige Ego Massage, und

schon war der Koch überzeugt.

Ich hatte allerdings auch schon einige Wildkörper im Kofferraum meines

Wagens, auf das Feinste verpackt und appetitlich anzusehen. Mein

erster Kunde war „La Cote Basque“, bei dem ich am nächsten Tag kurz

nach dem Lunch vorsprach und ihm mein Stück Damwild zeigte. Ich gab

zu, dass ich es im Wagen über Nacht draußen in der Kälte gelassen

hatte, was dem Fleisch nicht schaden würde. Ich tat Ähnliches mit

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mehreren Restaurants“, und bald hatte ich ca. 35 Restaurants, die

meine Kunden waren. Der Bann war gebrochen, und das Geschäft sah

aus, als hätte es Zukunft. Ich kaufte einen Kühlwagen und fuhr zunächst

selber, bis ich später einen Fahrer einstellte, um die Restaurants mit

Damwildfleisch zu beliefern.

Ich wurde sogar von der US

Regierung für drei Monate

nach Ungarn geschickt, um

den ehemaligen

Kolchosebauern beizubringen,

wie man eine Wildfarm

aufbaut. Das war im Zemplèn

Gebirge im nördlichen Ungarn,

wo ich dann sogar ein Jahr

später nochmal zum selben

Thema eingeladen wurde.

In New York hatte ich gute

Presse, nachdem mein Freund

Tom Hoving einen Artikel im

Connaisseur Magazin schrieb

mit dem Titel „The Baron of

Venison“, der dann auch im

„Forbes Magazin“ ein Echo

fand. Das alles blieb vielen

Köchen nicht verborgen, und man sprach über mein Damwildfleisch.

Alles sah nach Erfolg aus, bis die Neuseeländer aufmerksam wurden,

was gleichzeitig mein baldiges Ende bedeutete.

Die Neuseeländer hatten die Unterstützung von zwei Universitäten und

ihrer gesamten Regierung. Ich hatte die gesamte Beef Industry gegen

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mich, weil sie eine Konkurrenz in mir sahen. Ich hatte zwar gute

Kontakte im USDA, dem US Landwirtschaft Ministerium in Washington

D.C., Aufgebaut, und ich bekam meine Genehmigung für eine

Fleischverarbeitung schon innerhalb eines einzigen Tages, an dem ich

von Office zu Office laufen musste, aber ansonsten keinerlei Hilfe vom

Staat bekam. Der Landwirtschaftsminister sagte mir: „Jupp, ich kann

mich um Euch paar Deer Farmer nicht kümmern, ich habe Tausende

Beef Farmer, um die ich mich kümmern muss.“

Die Neuseeländer hatten Know-how, von dem ich nur träumen konnte.

Zum Beispiel wussten sie, dass Wildfleisch nicht am Gefrierpunkt,

sondern einige Grade darunter erst friert, und somit konnten sie ihr

eigenes Wildfleisch, per Schiff von Neuseeland nach Amerika bringen

und als frisch verkaufen. Rotes Fleisch friert z.B. erst zwischen -2 Grad

Celsius und -3 Grad Celsius. Dann erst kommen Bakterien im Fleisch

auf, was meinen Vorteil der heimischen Produktion zunichte machte.

Dies alles wussten wir nicht. Auch die Gefahr der unappetitlichen Farbe,

die das Fleisch nach 6 Wochen trotz der Vakuum-Verpackung haben

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wird, ist mit einem kleinen Spritzer Stickstoff beim Vakuum- Verpacken

leicht zu beheben. Im Gegensatz zu mir, der den gesamten Wildkörper

verkaufte, konnten die Neuseeländer nun einzelne Teile wie Rücken,

Schenkel, Filets, Steaks usw. anzubieten. Dem hatte ich nichts

entgegenzusetzen.

Ich bin dreimal nach Neuseeland geflogen um zu lernen, aber die

wirklich wichtigen Dinge, die für meine Kunden wichtig waren, wie

einzelne Stücke anstatt ganzer Wildkörper, waren für meinen noch

jungen Markt zu unbekannt und auch zu teuer. Meine Kunden wollten

auch nur Teile wie Rücken, Steaks usw. kaufen, und ich musste liefern,

konnte aber nicht. Also musste ich auch eine Verarbeitung vornehmen,

was sehr viel Geld für Löhne und Ausrüstung erforderte. Ich musste eine

Fleischverarbeitung vornehmen, die nicht einkalkuliert war.

Man sagt: „Pioniere sterben mit einem Pfeil im Rücken“. So erging es

auch mir. Ich konnte die restlichen Teile sonst nur mit Verlust verkaufen.

Ich musste auch einen USDA Inspector bezahlen, der mich nicht nur

inspiziert, bald aber auch schikaniert hat. Er wollte mit mir ein illegales

Ding drehen, um seiner Tochter Arbeitsstunden zu bescheinigen,

obwohl ich die Tochter nie gesehen hatte. Als ich das ablehnte, hat er

mir nur noch das Leben schwer gemacht. Er ging soweit, dass ich ihn

schließlich aus dem Gebäude gejagt habe.

Da stand ich nun wieder einmal dumm da und habe die Ranch in eine

Jagdfarm umgewandelt. Immerhin waren es 800 ha, die ich in ein

Gatter umwandelte. Es lief gut an, aber diese Art der Jäger waren nicht

lange zu ertragen. Das Angeln im See brachte nicht genügend, um die

Kosten zu decken, und so musste ich schließlich die Ranch verkaufen,

denn ich konnte sie nicht mehr halten. Ich war allein gelassen und

bekam keinerlei Hilfe von irgendwoher. Ich hätte das früher kommen

sehen müssen, dann hätte ich mir später nicht von Leuten, die selbst

keine Ahnung haben, Vorhaltungen anhören müssen.

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Mit dem Snowmobil unterwegs

Lucky Star mit den Kindern war die schönste Zeit meines Lebens, so

wie ich es mir immer gewünscht hatte. Damals war die Welt noch in

Ordnung. Im November 1979 Wurde Antonia geboren. Wir waren über

glücklich. Dann kam Teresa am 13. Mai 19981 und Philipa am 15.

September 1982. Das alles war eine einzige Freude. Wir waren eine

richtige Familie. Wir waren auch die ersten in Nord America die eine

kommerzielle Wildfarm aufgebaut haben. Um ein Haar jedoch wäre das

schon frühzeitig zu Ende gewesen. Ich fuhr an einem sonnigen und

wunderbaren Wintertag mit meinem Snowmobil zum Entenhaus um die

Schwäne zu füttern und drehte noch eine Schleife über unseren See,

der immerhin 40 Hektar gross war.

Die Sonne schien aber es war minus 45 Grad. Plötzlich brach das

Snowmobil ein. Ich dachte: Bei dieser Kälte würde ich keine 3 Minuten

im Wasser überleben. Gott sei Dank war die Maschine stark genug und

brachte mich bis ans Ufer, wo mir die Knie so wild zitterten, dass ich

kaum laufen konnte. Das war wieder einmal ein grosser Schrecken.

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Mein Buch „Deerfarming“

Nach einem Skiunfall in St. Moritz, war ich für längere Zeit ans Haus

gefesselt und vertrieb mir die Zeit damit, die vielen Anfragen von

Leuten aus den USA, die sich für das neue Konzept der Wildfarm

interessierten, zu lesen. Dabei kam mir die Idee diese Erklärungen und

mein Know-how in einem Buch zusammenzufassen anstatt es zu

verschenken. Also begann ich damit, ein Buch „Deerfarming in North

America“ zu scheiben.

Das Buch wurde ein Erfolg aber kein Geschäft, weil ich nicht glauben

wollte, daß es die Chance zum Erfolg haben würde. Ich lies nur tausend

Exemplare drucken, doch die waren nach 3 Monaten bereits vergriffen.

Ich musste noch einmal tausend Exemplare drucken lassen, aber mit

zweimal 1000 Büchern kann man kein Geld verdienen, mit einmal 2000

Stück wäre das möglich gewesen. Mein Mangel an Selbstvertrauen hat

mich eine Menge Geld gekostet. So begann meine Wildfarm, die Lucky

Star Ranch.

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Unterwegs als

Aussteiger


Eine Auszeit in Spanien

Ich konnte einfach nicht mehr mit der Firma und allem, was dazu

gehörte, fertigwerden und beschloss, eine Auszeit zu nehmen. Ich hatte

ja meine Freunde Auchen Westerholt, Drix Bentheim meinen Schwager

Elmar Westphalen in der Firma, die alles so gut wie möglich

weiterführen wollten. Ich flog zunächst nach Madrid und suchte mir

eine Wohnung. Eine Freundin, die ich aus Marbella kannte, hatte

versprochen mir eine Wohnung zu besorgen, aber als ich ankam, hatte

sie nichts dafür getan. Wir suchten den ersten Abend nach Wohnungen

und wurden auch fündig, aber die Wohnung war in der Calle Dr.

Fleming, nicht gerade eine renommierte Gegend, aber immerhin eine

Wohnung.

Zu meinem ersten Wochenende in Madrid wurde ich von der Freundin

und ihrem Mann mitgenommen nach Chinchon, wo die Häuser rund um

den runden Marktplatz gebaut sind. Der Marktplatz diente einige Male

im Jahr als Ort für die Corrida. Alle Häuser waren offen für geladene

Gäste, und die Balkone verliefen somit ebenfalls rund um den

Marktplatz. Es gab Getränke und leckere Tapas zu essen, man konnte

von Balkon zu Balkon gehen, sie waren alle miteinander verbunden und

für geladene Gäste offen. Ebenerdig wurden die üblichen Wände rund

um den Platz aufgestellt, und dann ging auch schon die Veranstaltung

los. Jetzt war der Moment, wo die noch unbekannten Toreros ihre

Chance sahen und ohne Erlaubnis in den Ring sprangen und den

Menschen zeigten, wie gut sie waren. Einer hat mir besonders gefallen,

denn er hatte einen langen Stab in der Hand und rannte dem Stier

damit entgegen, um dann kurz vor dem Stier einen Stabhochsprung

über den Stier hinweg zu machen und dabei wieder auf den Füssen zu

landen. Solche Burschen wurden meistens, wie auch in diesem Fall,

verhaftet, aber von Talentsuchern dann aus dem Gefängnis wieder

herausgekauft und unter Vertrag genommen. Der Satz: „Die Größten

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Wunden schlägt der Hunger“ trifft in vielen Fällen auf diese jungen

Burschen zu, sie kommen oft aus ärmlichen Verhältnissen und müssen

so auf sich aufmerksam machen.

In Chinchon traf ich auch Franzl Seefried, der mich öfter übers

Wochenende zu Freunden mitnahm. Einmal fuhren wir über Salamanca

nach Ciudad Rodrigo an der portugiesischen Grenze. Franzl war auf ein

Wochenende auf eine Hacienda eingeladen und hat mich netterweise

auch dort angemeldet. Auf der Hacienda war eine private Veranstaltung,

wo die Kühe für die Zucht von Kampfstieren ihren Mut beweisen

müssen und die spanischen Männer ihrer Eitelkeit frönen konnten. Die

spanischen Männer produzieren sich gerne vor den Damen. Ich

betrachtete das alles mit einem Schmunzeln von meinem kleinen

Plätzchen in einer Mauerecke, von wo man alles gut überschauen

konnte. Plötzlich jedoch war es vorbei mit „Sehen und nicht gesehen

werden“, denn ich hörte wie jemand laut sagte: „Wo ist eigentlich der

deutsche Freund von Francesco, vielleicht will der auch gerne mal zeigen

was er kann?“

Ich musste aus meinem Eckchen kommen und wurde gleich in die Arena

geführt. Dort erklärte man mir, wie man „die “Capa“, die nichts weiter

ist als ein Cape, benutzt. Das Tier war eine junge Kuh, und die sind

gefährlicher als die Stiere. Eine Kuh greift mit offenen Augen an,

wogegen der Stier die Augen schließt. Die Kühe sind sehr wichtig für

die Zucht, weil die Kampflust für die jungen Stiere von der Mutter

vererbt wird. Um nicht von dem Biest umgerannt zu werden, gibt es

eine Taktik: Wenn das Tier auf einen zurennt, steht man hinter der

Capa. Im letzten Moment macht man einen Schritt nach rechts, aber

die Capa bleibt da, wo sie war und wo das Tier sie gesehen hat. Das Tier

visiert die Capa an, wo sie vorher war, aber der Mensch steht nicht mehr

dahinter. Meine Aufgabe war es ja, mein Dabeisein damit zu verdienen

und die Leute zu unterhalten. Ich stand da mit der Capa in der Hand,

und es dauerte nicht lange, da rannte das Biest auf mich zu. Es war

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fixiert auf die Capa. Ich machte aus Angst einen Schritt nach rechts, das

Biest bemerkte das aber nicht und rannte direkt gegen die Capa, die

jetzt an meiner linken Seite geblieben war. Kaum war es durch, musste

ich mich umdrehen, denn das Biest war fest entschlossen, mir weh zu

tun, und kam sieben Mal auf mich zu und an mir vorbei.

Ich hatte Glück, meine junge Kuh hatte Mut, und ich hätte beinahe

meine Hose voll gehabt. Zum Schluss stand sie keuchend da und

schaute mich an. Sie hatte Mut bewiesen, aber jetzt wurde ich mutig.

Ich kniete mich ungefähr fünf Meter vor sie hin auf einem Knie und rief

„Toro, Toro“ Ich nannte das meine El Cordobes- Nummer, aber sie kam

zum Glück nicht noch einmal. Anscheinend hatte ich mich jedenfalls als

Freund von Franzl Seefried bewährt, der auch mit mir zufrieden war.

Von Ciudad Rodrigo ging es dann auf der Rückreise durch ein

mittelalterliches Dorf. Die Sonntagsmesse war gerade aus, und wir

sahen die Männer alle in blauen Kitteln vor der Kirche stehen. Plötzlich

drehten alle einer bestimmten Richtung den Rücken zu, und wir sahen

eine alte Frau schnell an der Menge vorbeieilen. Wie Franzl mir erklärte,

sind solche mittelalterlichen Dörfer nur noch in den Bergen vorhanden,

und die alte Frau war wohl die Dorfhexe. Die anzusehen soll Unglück

bringen. Ich war noch ganz angetan von dem lustigen Wochenende und

konnte Franzl nicht genug danken. Gegend Abend waren wir wieder in

Madrid.

Wir hatten noch ein par Drinks und dann ging Franzl nach Hause, für

ihn war morgen schon wieder ein Arbeitstag. Ich hatte einen Crash

course in Spanisch belegt, der erst nachmittags gegen vier Uhr anfing

und bis acht Uhr abends dauerte. Das war immer eine lange Zeit, und an

manchen Tagen, wenn ich von Spaniern zum Lunch eingeladen wurde,

war ich zu schnell zu müde, um noch zu meinem Spanisch-Kurs zu

gehen.

157


Ich hatte auch einen Wein gefunden, den ich besonders gerne hatte, und

wollte unbedingt davon mit nach Hause nehmen. Ich kaufte vier Kartons

à zwölf Flaschen und lud sie in den Kofferraum meines Alfa Romeos.

Ich brauchte zwei Tage, bis ich zu Hause ankam, und bald danach stellte

ich leider fest, dass dieser Wein, ein Rioja Alta, die Reise nicht

vertragen hat. Keine der 48 Flaschen war noch genießbar, was mir

besonders leid getan hat.

Ameiseneier in Acapulco

Dann kam der zweite Teil meiner Zeit als Aussteiger, und den wollte ich

in Mexico verbringen. Als alles geregelt war, flog ich also nach Mexico

City, wo ich die Wohnung von Christian Woelfer, einem Freund, für die

kommenden drei Monate übernehmen konnte. Ich wurde bereits am

Flughafen erwartet und zu meiner Wohnung gebracht. Es dauerte nicht

lange, und ich lernte Kuni Kottulinsky und Nicki Beatschewitz kennen,

mit denen ich von da an öfter nach Acapulco fuhr, wo ich lernte, wie

man Wasserski fahren kann, ohne sich zu blamieren. Die beiden haben

behauptet, sie würden sich blamieren, wenn ich das nicht richtig könnte,

und natürlich wollte ich ja nicht, das die beiden netten Jungs sich mit

mir schämen mussten.

Mexico City ist die einzige Stadt, die ich kenne, wo man morgens beim

Aufwachen den Smog schon riecht. Die Luft ist sehr dünn, weil die

Stadt sehr hoch liegt. Die Wohnung hatte ich ja bereits doch ich kam

nie ganz mit den mexikanischen Einstellung zurecht. Die Menschen

waren entweder sehr arm oder wahnsinnig reich, und die Reichen

spuckten auf die Armen. Ich bin von einem Lunch aufgestanden, weil ich

es nicht ertragen konnte, wie einige Gäste mit den Bettlern umgingen.

Die wurden bespuckt und mit Füßen getreten, und als ich intervenierte,

waren die Antworten so, dass ich nicht länger an dem Tisch sitzen

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bleiben konnte. Es waren alles junge Menschen, einige waren

Nachkommen, in einem Fall sogar Urenkel, von „Pancho Villa“, dem

wohl prominentesten Revolutionär Mexikos. Als ich ihnen sagte, dass

ihre Vorfahren für eben diese Menschen gekämpft und ihr Leben

riskiert haben, die jetzt von den Nachkommen bespuckt und mit Füßen

getreten werden, kam bei den jungen Leuten kaum etwas davon rüber.

Dabei habe ich auch etwas sehr Seltsames erlebt, was nur schwer zu

verstehen ist. Wir fuhren frühmorgens los durch die City und in

Richtung auf Acapulco zu. Als wir um eine Strassenecke bogen, lag da

eine Person mitten auf der Strasse in einer großen Blutlache. Meine

Reaktion war: anhalten und sehen, ob die Person noch lebt, und dann

einen Krankenwagen rufen oder die Polizei. Meine beiden Freunde aber

kannten Mexico besser als ich und sagten, dass man in Mexico solche

Sachen besser nicht bemerkt, denn entweder stand die Polizei schon an

der nächsten Ecke und würde den beschuldigen, der als erster anhält,

oder der Mörder stand hinter der nächsten Ecke, um von sich

abzulenken. Erste Hilfe in so einem Fall gibt es in Mexico wohl nicht.

Dafür gab es aber ein sehr interessantes Museo Nacional de

Antropologia und etwas außerhalb die Pyramide in Teotihuacan, die ich

auch bestiegen habe. Mexico war schon ein wildes Pflaster, aber ein

echtes Abenteuer. Wir sind zum Beispiel auch mal zum See

Tequesquitengo gefahren. Dort war das Wasserski laufen etwas

schwieriger als im Meer, denn Salzwasser trägt viel besser als

Frischwasser. Ich habe viel gesehen und interessante Menschen

kennengelernt. Acapulco fand ich einen interessanten Ort. Dort habe

ich auch mein erstes Erdbeben erlebt, was wirklich sehr beängstigend

war. Im Marbella Club lernte ich eine Dame kennen, die mir ihr

Apartment anbot, da sie in der Woche doch nie dort war. Wir teilten uns

die Miete und ich blieb für eine Weile in Acapulco. Ich lernte eine junge

Frau kennen, die im Las Brisas einen Bungalow gemietet hat. Sie lud

mich ein, mit ihr und ihren Eltern zu Abend zu essen. Wir gingen in

einen jüdischen Club, in dem überwiegend Menschen aus New York

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verkehrten. Sie und ihre Eltern waren auch jüdisch, und wir haben uns

alle nichts dabei gedacht, dass ich mit den Eltern und der Tochter dort

essen wollte. Nach einiger Zeit, in der wir uns sehr gut unterhalten

haben, wurde die Stimmung sehr seltsam, und meinen Gastgebern war

das höchst unangenehm, denn wann immer ich sprach, hörten alle

anderen auf zu reden. Es war so peinlich, dass die Eltern, die sich sehr

unwohl fühlten, vorschlugen, dass ich mit ihrer Tochter in anderes Lokal

gehen sollten, und sie würden bald nach kommen. Da hat mein

deutscher Akzent, so wie auch in New York City schon des öfteren, mal

wieder unangenehme Nachwehen gehabt. Der Abend wurde an einer

anderen Stelle doch noch sehr schön und unterhaltend.

Ein anderes Mal war ich mit Freunden in einem Lokal, wo es als

Vorspeise Ameiseneier gab, etwas, das ich noch nie auf einer

Speisekarte gesehen habe und was ich unbedingt probieren musste. Sie

schmeckten seltsam, aber nicht schlecht. Schlecht war mir allerdings am

nächsten Morgen, als ich so krank war wie selten in meinem Leben. Ich

nahm mir vor, in Zukunft nicht alles auszuprobieren, was mir in die

Quere kommt.

Silvester in Kitzbühl

Als ich wieder zu Hause war, fuhr ich nach München, und prompt traf

ich eine alte Freundin aus meiner früheren Zeit dort. Sie war fast

hyperaktiv und überschwänglich. Sie fragte mich, was ich Silvester

mache, und als ich sagte, ich hätte keine Pläne, lud sie mich ein, mit ihr

und ihren Eltern in Kitzbühel Silvester zu feiern. Das sah nach einer

guten Einladung aus, und ich sagte zu. Als ich allerdings in Kitzbühel

ankam, wurde mir mitgeteilt, dass sie bereits jemand anderen

eingeladen hat, und damit stand ich auf der Strasse. Ich hatte großes

Glück und fand noch ein Zimmer im „Tenner Hof“, weil dort gerade

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eine telefonische Absage für ein Zimmer gekommen war. Nun musste

ich mir etwas ausdenken, wie ich den Silvesterabend verbringen könnte,

und da traf ich auf der Strasse Poldi und Etzel Bayern, die überrascht

waren, mich zu sehen. Ich erzählte ihnen, was mir gerade passiert war,

und beide luden mich ein, am Abend mit ihnen auf eine Hütte zu fahren

und mit ihnen und einer Gruppe von Freunden Silvester zu feiern. Ich

sollte nur einen Schlitten mitbringen und mich an der Umlage für das

Essen beteiligen. Das war meine Rettung, es war unglaublich, wie der

Abend für mich viel interessanter zu werden versprach als vorgesehen.

Ich borgte im Hotel einen Schlitten und wurde später von den beiden

abgeholt. Wir fuhren in einem VW-Bus bis zur Hütte hoch, und später

am Abend sollte es eine Schlittenfahrt ins Tal geben mit großem Gaudi.

Soweit war alles wieder gut gelaufen aber der Schock der Absage, die

Situation, kein Zimmer zu haben, hatten mir die Stimmung irgendwie

vermiest, und ich trank etwas zu viel Glühwein. Ich hatte irgendwie die

Lust zum Feiern verloren und bin, unter starkem Alkoholeinfluss, allein

in Richtung Kitzbühl abgefahren. Es war verrückt, aber ich wollte

plötzlich so schnell wie möglich ins Hotel. Ich war ganz kurz unterwegs,

als ich eine Strasse überquerte, wo plötzlich mein Schlitten stehen

blieb. Ich lag kurz vor einem Auto, dessen Räder durchdrehten, weil es

nicht die richtigen Reifen hatte. Ich fuhr weiter und war mir nicht

bewusst, welch ein Glück ich hatte, dass das Auto auf der Strasse

stecken geblieben war. Was hätte alles passieren können! Ich fuhr aber

weiter in Richtung Kitzbühel, und dann weiß ich nicht mehr, was sonst

noch passiert ist. Jedenfalls hatte ich mich total verfahren mit meinem

Schlitten und wurde irgendwann während der Nacht von einem Freund

namens Claus Adler schlafend auf meinem Schlitten gefunden.

Claus und seine Frau hatten sich ebenfalls verlaufen und fanden mich

schlafend auf meinem Schlitten. Sie weckten mich und zusammen

fanden wir dann den Weg nach Kitzbühel. Ich fand mein Hotel und am

Empfang auch meinen Zimmerschlüssel. Dann war da noch jemand, auf

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den ich nicht weiter geachtet habe. Ich dachte, es sei der Nachtportier,

und rief von der halben Treppe runter in seine Richtung: „Können Sie

mich bitte morgen früh um 10 Uhr wecken?“ Darauf bekam ich die

Antwort: „Ich glaube nicht.“ Ich fand das eine ziemlich freche Antwort

vom Nachtportier und fragte: „Was heisst, ich glaube nicht?“ Er sagte

lachend: „Ich bin der dänische Botschafter in den USA, um zehn Uhr

sitze ich schon im Flugzeug.“ Da mussten wir beide lachen, der Herr

Botschafter hatte Humor und hat mir die Verwechslung nicht übel

genommen. Ich bin ins Bett am Silvesterabend gegen Mitternacht und

wurde am zweiten Januar gegen zwölf Uhr mittags wieder wach. Claus

Adler und seine Frau, haben mir das Leben gerettet. Ich hatte einen

Bärenhunger.

Meine Reise nach Moskau

Ich bekam einen Musterungsbescheid, der ohne Zweifel zur

Einberufung in die Bundeswehr führen würde. Aber vorher wollte ich

noch auf eine Reise gehen, die damals, Ende der 50er Jahre, als eher

ungewöhnlich, zu der Zeit vielleicht sogar als leichtfertig angesehen

wurde. Durch meinen Freund Manni Backhaus und seine Schwester Mo

lernte ich die sehr hübsche und äußerst attraktive Wera Hengst kennen,

die in Münster studierte. Sie erzählte mir von einer Reise nach Moskau,

die vom Studentenverband ASTA organisiert wurde. Ich war zwar kein

Student, aber Banklehrling, und als solcher war ich qualifiziert, mich

ebenfalls anzumelden. Das war ja wieder etwas hoch Interessantes, ein

neues Abenteuer, was mich sehr gereizt hat. Ich war immer für

Abenteuer, denn, wie Paulo Coello richtig erkannte: „Wer denkt,

Abenteuer seien gefährlich, soll es mal mit Routine versuchen, die ist

tödlich.”

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Ich wollte zunächst die finanziellen Dinge regeln und mir wenigstens

ein paar Rubel besorgen. Doch sehr zu meinem Leidwesen stand der

Kurs für Rubel auf über 4 DM, was für mich viel zu teuer war. Ich habe

trotzdem bei einer Bank in Münster ein paar Rubel gekauft, obwohl das

schon weit über meinen finanziellen Möglichkeiten lag. Man sagte mir

aber auch, dass die Einfuhr von Rubeln verboten sei, und deshalb

musste ich meine schon gekauften Rubel gut verstecken.

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Um unangenehmen Dingen aus dem Wege zu gehen, kaufte ich eine

Dose Kukident, schüttete das Pulver raus und legte einige Rubel innen

auf den Boden und füllte danach das Pulver wieder auf. Nun musste ich

die anderen Rubel auch noch unterbringen, und da kam mir eine Idee.

Ich kaufte eine Packung Kondome und verteilte die restlichen Rubel

zwischen den Kondomen und behielt das ganze in meinem Handgepäck.

Ich fand die Idee ganz gut. Als ich dann mit Freunden über die

bevorstehende Reise sprach, sagte Heinz-Anton Laurenz zu mir: „Wenn

du in Moskau bist, musst du unbedingt den deutschen Botschafter

anrufen, der war früher mal Prokurist in der Firma meines Vaters. Sein

Name ist Gröpper.“ Er gab mir auch die Telefonnummer von Herrn

Gröpper in Moskau, was sich als ein sehr guter Tip erweisen sollte. Mir

war auch gesagt worden, dass man in Moskau durch Tausch von

Westwaren den teuren Rubel gar nicht kaufen musste, und so deckte ich

mich gut ein, mit bügelfreien Nylonhemden für die Männer und

Nylonstrumpfhosen für die Frauen. Plötzlich schien der teure Rubel kein

Problem mehr zu sein. Mein Gepäck war voll mit Strumpfhosen und

bügelfreien Hemden.

Dann ging die Reise los. Wir fuhren mit der Bahn von Münster nach

Berlin und von dort weiter in Richtung Moskau. Die Wagons hatten

Holzbänke, unter denen Decken lagen, die man aber freiwillig nicht

benutzen wollte, weil sie aussahen, als seien sie schon mehrfach benutzt

und nie gewaschen worden. Die Begeisterung von Wera, Mo und mir

war aber ungebrochen. Die Reise ging von Berlin über Warschau, Posen,

Minsk weiter nach Moskau. Ich glaube, wir waren mindestens zwei Tage

und zwei Nächte unterwegs. In Minsk wurde uns gesagt, dass wir den

Zug nicht verlassen dürften. Der Grund war ein größeres Unterfangen,

das mehrere Stunden dauerte. Von unserem Zug wurde das ganze

Laufwerk gelöst und ausgewechselt, nachdem alle Wagons hydraulisch

angehoben waren. Ein neues Laufwerk wurde untergeschoben und mit

den wieder herabgelassenen Wagons befestigt. Der Grund war, dass die

164


Spurbreite in Russland anders ist als in Deutschland, was wiederum

fremden Truppen die Benutzung der Bahn östlich von Minsk unmöglich

machte. Warum das alles so geheimnisvoll gemacht wurde und man mir

beinahe die Kamera aus der Hand gerissen hat, war mir nicht klar, denn

diese Art, eine Invasion zu verhindern, war so bahnbrechend ja auch

wieder nicht.

Von Minsk an hatten wir nun auch eine Dame vom russischen

Reisebüro Intourist bei uns, die uns vorschrieb, wo wir hingehen durften

und wo nicht. Diese Dame hatte auch eine Diskussion von unserer

Gruppe mit angeblich russischen Studenten für uns organisiert. Doch

das war für mich uninteressant, und wie sich heraus stellte waren das

keine Studenten, sondern Universitäts- professoren die die deutschen

Studenten so fertiggemacht haben, wie es schlimmer schon nicht mehr

ging. Ich war froh, dass ich da nicht mitgemacht habe. Wir wohnten alle

in einem Hotel in der Nähe vom Roten Platz und dem Lenin

Mausoleum. Dort, im Hotel, wurde auch immer gegessen. Mir fiel auf,

dass es immer Schnitzel mit Erbsen gab, was nach einer Woche etwas

langweilig wurde. Die Restaurants, die Herr Gröpper uns genannt hat,

waren von bedeutend besserer Qualität, wie wir bald erfahren durften.

Kaum waren wir in Moskau angekommen, machte ich mich bereit für

meine Hemdengeschäfte, denn wir wurden bereits am 1. Tag auf der

Gorki Strasse von russischen Studenten angesprochen, die etwas kaufen

wollten. Wir fanden schnell heraus, dass die Menschen in Moskau

genug Geld hatten, sie konnten nur nichts dafür kaufen. Mit anderen

Worten: Das Geld war nichts wert. Geschäfte wie das Kaufhaus Gumm

waren fast leer. Die Studenten erkannten bereits an unserer Kleidung,

dass wir aus dem Westen kamen und sprachen uns auf offener Strasse

an. Das wurde von der Obrigkeit nicht gern gesehen, denn die wollte

die eigenen Leute am kurzen Zügel halten. Durch mein

Hemdengeschäft hatte ich plötzlich soviel Geld, dass ich mir schon

Gedanken machte, wie ich es wieder loswürde, bevor wir abreisten und

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vielleicht durchsucht wurden. Ich hatte ja keine Bankbelege über einen

Kauf von Rubeln. Wir haben das Geld aber sehr gut eingesetzt, indem

wir in den verschiedenen Restaurants gegessen haben, die uns Herr

Gröpper genannt hatte. Dort waren sehr wenig Ausländer, denn die

meisten hatten Probleme mit dem hohen Wechselkurs für den Rubel.

Wir sahen das Schwanensee Ballett in der Kongress-Halle und die Oper

„Falstaff“ von Verdi im Bolschoi Theater. Wir wären auch gerne einmal

zum Kloster Sagorsk gefahren, aber die Taxifahrer durften Kundschaft

nur innerhalb von Moskau fahren.

Zum Hemdengeschäft traf ich mich mit völlig fremden Leuten,

überwiegend Studenten, wenigstens glaubte ich, dass es solche waren.

Wir trafen uns nachts ab 23 Uhr unter dunklen Moskva Brücken. Die

Käufer kamen immer zu dritt, und ich war stets allein. Die ersten zwei

Nächte hatte ich schon etwas Angst, die hätten mich alle sehr einfach

überfallen, ausrauben oder umbringen können. Ich hatte keinerlei

Garantie. Sie waren aber alle sehr nett und freundlich und erklärten mir,

dass einer immer aufpassen musste, dass kein Spitzel oder die Polizei

uns überraschte. Was konnte ich anderes tun als ihnen zu glauben? Ich

hatte aber das Gefühl, dass sie alle sehr ehrlich waren. Nur einer kam

mal am Tage ins Hotel und war sehr unangenehm. Drei Tage

hintereinander war ich Hemden- und Strumpfhosen Verkäufer. Die

Strumpfhosen gingen besser, denn die wurden nicht anprobiert, sondern

nur durch Stichproben auf Fehler oder Laufmaschen durchsucht.

Das Verkaufen von Hemden war natürlich nicht legal, weil jeder Handel

mit Westwaren streng verboten war. Daher die Vorsicht der Studenten.

Das wusste ich aber nicht, sondern das haben sie mir erst gesagt, als ich

ausverkauft war. Wir trafen manchmal schon wilde Gestalten unter den

Brücken, die mich an Gestalten wie Rasputin erinnerten. Da waren mir

die Studenten sehr viel lieber, weil sie mir weniger Angst machten. Sie

waren immer freundlich und ehrlich, und bald fühlte ich mich sogar

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wohl in ihrer Gesellschaft. Ich hatte die Treffen der deutschen mit den

russischen Studenten abgesagt, denn ich dachte mir schon, dass sie

wahrscheinlich von Universitätsprofessoren richtig vorgeführt würden.

Völkerverständigung im Eilverfahren machte für mich wenig Sinn.

Stattdessen ging ich in die ruhigeren Gegenden von Moskau und traf

viele sehr interessante Menschen, meistens Albanier, mit denen ich

mich auch auf Deutsch unterhalten konnte. Mit dem Geld, das ich mit

Nylonhemden und Strumpfhosen verdiente, haben wir gut gegessen,

und für einen Teil habe ich Kaviar gekauft, für den ich in Deutschland

schon von meinem Freund Karl Wendt eine Bestellung hatte, womit ich

diese Reise finanzieren musste. Erst dann konnte ich sie mir leisten.

Herrn Gröpper ein herzlicher Dank!

Ich kaufte auch Schallplatten, weil mir die russische Musik gefiel, und

kaufte Kunstbücher, weil die Druckqualität oft ganz besonders gut war

und Kunst mich immer fasziniert hat. Mit all diesen Sachen habe ich

meine Reise nach Moskau finanziert. Als Banklehrling konnte ich mir

diese Reise sonst gar nicht leisten, denn als Lehrling der Dresdner Bank

verdiente ich in drei Monaten nicht soviel, wie diese Reise gekostet hat.

Aber über Nylonhemden und Strumpfhosen war der Wechselkurs sehr

positiv, verglichen zum Weg über die Banken.

Wir hatten durch den Botschafter auch sehr gute Plätze im Bolschoi-

Theater beim Schwanensee-Ballett. Er hatte leider keine Zeit für uns,

aber er war höchst hilfsbereit und freundlich. Alles zusammen war das

eine super Reise, die viel Spass gemacht, neue Eindrücke geweckt und

viele neue Abenteuer gebracht hat. Man sah die Welt plötzlich mit ganz

anderen Augen an.

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168

Meine Liebe

zur Kunst


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In der Zeit habe ich auch meine Liebe für Gemälde entdeckt und bin

öfter nach Paris gefahren, wo mein Freund Alexander Braumüller eine

Gemälde-Galerie betrieb. Dort lernte ich viele der Künstler kennen, und

mit vielen war ich besonders eng befreundet, wie mit Mati Abdul

Klarwein, Christian Bouillé, Michel Henricot, Roland Cat, Istvan

Sandorfi, um nur einige zu nennen. Mit Christian Bouillé und Mati

Klarwein war die Verbindung ganz besonders eng. Von Mati kaufte ich

z.B. das Bild mit Ma Ananda Mayé auf dem Kohlenhaufen wie auch

einige Zeichnungen. Von Christo Bouillé habe ich viele Bilder

gesammelt. Er war für mich ein ganz besonderer Künstler, der einige

seiner frühen Gemälde an eine grässliche Person in Paris verkauft hatte,

die ich dann, nach langer Verhandlung, wieder zurückgekauft habe. Ich

habe ein Buch über seine Bilder finanziert, und er ist auch in einem

weiteren Buch ausführlich genannt, wobei er auch von seinen Besuchen

170


in Haus Borg berichtet. Christo, wie ich ihn immer nannte, war ein ganz

besonderer Mensch. Er ist leider viel zu früh gestorben. Es gab einen

Maler, mit dem ich sehr befreundet war, den ich aber nicht in Paris,

sondern in Monte Carlo kennenlernte. Es war Mathias Waske, dessen

Bilder mich sehr interessierten. Ich glaube, ich war sein erster Kunde,

jedenfalls einer seiner ersten Sammler.

Als erstes kaufte ich in Monte Carlo die beiden „Softeis Engel“ von

1973, später auch „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von 1974, „Auf

mein Wohl“ von 1982, und den Hexenspruch „SATOR AREPO TENET

OPERA ROTAS“, den er mir zur Hochzeit geschenkt hat.

Alexander Braumüller war ein alter Freund, den ich immer gern in Paris

besucht habe, besonders, wenn er Ausstellungen von den Künstlern

hatte, die ich gekannt und gesammelt habe. Einmal war ich dort, weil es

eine Ausstellung für Mati Klarweins Bilder gab. Mati sollte an dem Tag

aus Bali kommen, aber wir hatten noch nichts von ihm gehört.

Dann kam ein Anruf von ihm vom Flughafen Orly, wo er gerade

festgenommen worden war. Mati reiste stets ohne Gepäck, im T-Shirt

und barfuß. Er hatte in Bali gerade ein Bild verkauft und hatte ca. 9000

US $ in der Hosentasche. Das war für die Behörde wohl Grund genug,

ihn zunächst einmal zu verhaften. Er bat uns, ihn abzuholen. Darauf

haben wir uns über ihn lustig gemacht und gesagt, wir könnten leider

nicht zum Flughafen kommen, weil wir morgen eine Ausstellung hätten.

Natürlich war das seine eigene Ausstellung, aber wir ließen ihn etwas

auflaufen. Der Arme war völlig mit den Nerven am Ende, und

schließlich sind wir dann zum Flughafen gefahren und haben ihn

abgeholt.

Ich fragte ihn was er morgen zur Ausstellung anziehen wollte, und er

sagte, er bliebe so, wie er war, aber ich hatte eine bessere Idee. Ich

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hatte einen ganz leichten beigen Cordanzug, und den habe ich ihm für

die Ausstellung geliehen. Als ich sah, wie gut er ihm stand, habe ich

Mati den Anzug geschenkt.

Mati hat uns für ein Familienportrait in New York besucht und ist

meinen Töchtern in ständiger Erinnerung geblieben, denn zum

Frühstück aß er ein Brot mit Erdnussbutter, rohen Zwiebeln und oben

drauf noch Marmelade. Er war ein guter Freund, er ist viel zu früh

gestorben, aber unvergessen.

Das Gleiche kann ich auch über Alexander sagen. Er liebte die Clubs in

Paris und war überall ein gerngesehener Gast. Einmal hat er in einem

Club die Musik für neun Uhr abends bestellt, weil er Gäste habe aus

dem Ausland. Der Gast war unter anderem ich. Wir gingen also zu einer

Zeit in den Club, zu der niemand dort zur Arbeit kam. Die normale Zeit

war gegen 23 Uhr, und wenn man pünktlich war, dann war man um die

Zeit immer noch alleine im Club.

Eines Tages wollte Alexander wieder einmal früh in seinen Lieblings

Club, ich glaube mich zu erinnern: der Name war „Chevaux“. Es wurde

getanzt, der Disc Jockey wurde extra früh bestellt, und der Champagner

floss in Strömen. Ich trug meine neue Armbanduhr mit dem schwarzen

Zifferblatt, wo man auf einen Kopf drücken musste und die Zeit digital

angezeigt wurde. Ich hatte sie mir von Freunden aus der Werbebranche

aus New York von Tiffany mitbringen lassen. Alexander konnte nicht

genug davon kriegen, auf den Knopf zu drücken. Es begeisterte ihn,

weil es so neu war. Eine digitale Uhr war damals in den 70ern in Europa

nicht zu haben. Dies war eine „Pulsar” und die wurde berühmt, weil sie

in einem James Bond Film von dem Secret Service Agenten getragen

wurde. Da war die berühmte Szene, wo James Bond die Frau umarmt

und hinter ihrem Rücken auf den Knopf dieser Uhr drückte. Alexander

kam immer wieder zu mir und drückte auf die Uhr, sodass ich ihm

schließlich die Uhr geschenkt habe. Doch das wollte er so auch nicht

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haben, und er nahm seine Uhr und gab sie mir. Das war wie der Tausch

eines RollsRoyce gegen einen Kleinwagen. Ich nahm mir fest vor, ihm

seine Uhr am nächsten Morgen, wenn wir alle wieder nüchtern waren,

zurückzugeben. Doch das lehnte er ab, und ich bin mit seiner teueren

Uhr am Arm nach Hause geflogen. Auf dem Rückweg sah ich, dass seine

Boucheron in Gold stehen geblieben war. Auf meinem nächsten Besuch

in Paris sagte ich ihm, dass die Uhr nicht mehr läuft, und gab sie ihm

wieder. Ich mochte diese Uhr nicht, sie sah mir zu sehr wie eine

Zuhälter-Uhr aus. Alexander ging mit der Uhr wieder zu Boucheron,

aber die stellten fest, dass die Uhr fabelhaft lief. Auf dem Rückweg

nach Hause blieb die Uhr an meinem Arm wieder stehen. Ich sagte

nichts und wollte sie ihm beim nächsten Besuch wieder zurückgeben,

doch dazu kam es nicht denn Alexander kam persönlich nach Haus Borg

und sagte mir, dass sein Gönner, der Mann, mit dem er lebte, ziemlich

sauer sei, weil er mir die teure Uhr gegeben hat, die sein Gönner ihm

geschenkt hatte. Ich sagte ihm, ich hätte die Uhr gerne zurückgebracht,

aber es sah aus, als wäre die Sache gravierender, als ich es mir vorstellen

konnte. Der Rücktausch musste schnell geschehen, und er würde mir

dafür ein Gemälde von Mati Klarwein geben. Ich lehnte es ab,

überhaupt etwas von ihm zu bekommen, denn die Uhr blieb jedes Mal

an meinem Arm stehen. Aber er ließ nicht locker, und ich bekam ein

Bild von Mati dafür.

Einige Wochen später hat Alexander, betrunken aus einem Night Club

kommend, versucht, durch die Seine zu schwimmen, anstatt mit dem

Taxi über die Brücke zu fahren. Er ist dabei ertrunken, und er trug die

Uhr, die zum Zeitpunkt, als er in den Fluss sprang, stehen geblieben war.

Ein Freund, der mit ihm war, hat versucht, ihn davon abzuhalten, aber er

ist gesprungen. Alexander war ein besonders netter Mensch. Ich

vermute, dass er aus dem Verhältnis mit seinem Gönner rauswollte und

nicht die Kraft hatte, es durchzuziehen. Er war ein echter Freund, und

ich habe ihn sehr geschätzt. Neben all den Parties und dem Alkohol

konnte man mit ihm, obwohl er sehr exzentrisch sein konnte, gute

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Gespräche haben. Es tut mir leid, dass er so sterben musste. Ich glaube,

es war eher ein Selbstmord, aber niemand wird das beweisen können.

Ich habe sehr viel von ihm gelernt, wenn es um Kunst ging. Sobald er

aber die Gelegenheit hatte, war es der Alkohol, der den Ton angab, und

wir alle haben mitgemacht und nicht an die schlimmen Zeiten gedacht,

die er durchgemacht hat.

Auch Christian

Bouillé war leider

dem Alkohol

verfallen. Er war so

talentiert und hat die

schönsten Bilder

gemalt. Ich habe

sehr schöne

Momente mit ihm

verlebt. Erst die Zeit,

in der ich alle seine

frühen Bilder

zurückgekauft habe.

Ich verdiente sehr

gut mit meiner

Werbefirma und

konnte es mir

leisten, Christo, wie

ich ihn immer

nannte, monatlich zu

unterstützen. Wir hatten einen Deal, nach dem er pro Monat ein Ölbild

malen musste, wofür ich ihm einen bestimmten Betrag zahlte, von dem

er gut leben konnte. Nach zwei Jahren musste er mindestens 24 Bilder

fertig haben, für die ich dann eine Ausstellung organisieren würde. Ich

hatte eine Ausstellung in Köln, die am ersten Abend nach der

Vernissage leergekauft war.

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Ich ließ die Bilder hängen, nur mit dem roten Punkt versehen, und am

Ende der Ausstellung konnten die Kunden die Bilder abholen. Das Geld

ging an Christo, aber ich konnte mir 2 Bilder aussuchen. Ich hatte eine

Ausstellung in Köln und dann Münster in der Deutschen Bank und dann

auch in der Galerie Steinrötter bei meinem Freund Claus Steinrötter.

Danach kamen zwei Ausstellungen in Paris, und danach hat seine Frau

Lisa das übernommen. Der Start war gemacht, und die beiden haben

auch viel Zeit in Haus Borg verbracht.

Christo hat mich auch in den USA besucht, weil er einen Job in New

York und dann auch einen Auftrag im Palast in Bahrain hatte. Es war

immer eine Freude mit Christo. Ich erinnere mich, wie wir nach

Hamburg fuhren, und als wir abends im Restaurant saßen und lustige

Geschichten erzählten, haben die Leute, die in der Nähe saßen, uns

gefragt, ob das der echte Christo ist. Wir haben gesagt: „Ja, natürlich“

und haben Christo gesagt, er soll mal auf die Toilette gehen und sich

ganz in Klopapier einwickeln und so wieder in das Restaurant kommen.

Die Leute hatten Humor und fanden das alles sehr witzig. Ich denke

gerne an die vielen Wochenenden in Paris, wo man andere Maler traf,

die Christo kannte, oder mit Alexander in typisch französische

Restaurants ging oder manchmal auch ins Coupoll, was mehr für die

Touristen war, oder auf den berühmten Marché aux puce. Egal wo, es

war immer eine Freude, in Paris zu sein. Es war ein Abschnitt in meinem

Leben, den ich für sehr wichtig erachte. Ich habe viel gelernt über Kunst

und über die Menschen, die sie fördern.

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176

Tauchen

mit Haien


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Ziemlich spät in meinem Leben habe ich das Glück gehabt, Haie aus

nächster Nähe und in vielen Situationen kennen und schätzen zu lernen.

Ich habe mit 60 noch das Tauchen erlernt und mit 63 Jahren meinen

ersten Hai im offenen Meer gesehen. Doch da war ich in einem Käfig.

Es waren Weiße Haie im Pazifik, und ich war begeistert von ihrer

Schönheit und Eleganz. Ich nahm mir vor, mich mehr mit den Haien zu

befassen, und ich stellte fest, dass es ca. 500 verschiedene Arten von

Haien gibt. Wenn mir jemand Schauermärchen vom bösen Hai erzählt,

frage ich immer nach, welche der 500 Haiarten er gemeint hat. Wenn

die Antwort ist: „egal, die sind doch alle gleich“, dann weiß ich, dass die

Person keine Ahnung hat. Doch um das zu wissen, musste ich auch erst

eine Menge Bücher über Haie lesen, und das tat ich mit Begeisterung.

Ich kaufte jedes Buch über diese wunderbaren Tiere, das ich finden

konnte.

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Es war eine echte Begeisterung, und in meinem Alter, war das wirklich

ein Segen. Viele Menschen in meinem Alter sind schon pensioniert und

wissen nicht, was sie tun sollen. Doch ich war so begeistert, wie ich es

gar nicht sagen kann. Nachdem ich die Weißen Haie so nahe vor dem

Käfig hatte, kam der Wunsch in mir hoch, diese Tiere auf Augenhöhe zu

erleben, und ich buchte einen Lehrgang in den Bahamas, wo man lernte,

wie man sich benimmt, wenn man einem Hai im Meer begegnet. Es war

ein Lehrgang von meinem Freund Dr. Erich Ritter, ein Schweizer

Wissenschaftler für Verhaltensforschung von Haien. Wir hatten zwei

Tage Theorie, und am dritten Tag ging es hinaus aufs Meer zu einem

bestimmten Korallenriff, wo man Haie vermutete, die sich bei näherem

Hinsehen auch wie gehofft dort aufhielten. Genau gesagt, waren dort

15 Riffhaie gezählt worden, die in einer Tiefe von ca. 25 Metern das

Riff umkreisten. Alle meine Freunde sprangen auf diese gute Nachricht

hin ins Wasser, nur ich war noch nicht soweit. Nach all den Büchern und

den zwei Tagen Theorie im Lehrgang war mir doch in dem Moment sehr

mulmig zumute. Ich fragte mich im Ernst, ob ich das in meinem Alter

wirklich noch tun müsste? Ich hatte Angst, um es ganz klar

auszudrücken. Und nur um nicht der Feigling zu sein, sprang ich auch,

aber mit Todesverachtung, ins Meer. Ich ließ mich langsam nach unten

sinken, und bald sah ich die Haie, wie sie langsam das Riff umkreisten.

Sie beachteten mich überhaupt nicht, was mir sehr gut gefallen hat. Mir

kam auch der Gedanke, dass wir ja sieben Taucher waren und die

Chance, dass jemand anderes gebissen würde, war demnach jetzt 7 : 1.

Ich bewegte mich langsam wie die Haie, und wir umkreisten alle in

Eintracht das kleine Riff. Ich war mit der Situation zufrieden, doch ganz

plötzlich kam einer der Haie von links direkt auf mich zu. Ich hatte

keine Ahnung, was ich tun sollte. Alles, was ich auf dem Lehrgang

gelernt hatte, war vergessen. In meiner Todesangst tat ich jedoch nichts,

und das war genau richtig. Haien darf man nicht begegnen, indem man

sich hektisch benimmt. Man muss in allen Situationen die Ruhe

bewahren, das tat mein neuer Kumpel ja auch. Also schwamm ich ruhig

weiter, und der Hai schwamm im Abstand von zwei Metern neben mir

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her. Er strahlte eine solche Ruhe und Gelassenheit aus, die mir jede

Angst nahm. Er war so nahe, dass ich ihm in die Augen sehen konnte

und er mir. Irgendwie haben wir beide beschlossen, uns gegenseitig

nichts zu tun, und so schwammen wir fast zwanzig Minuten gemeinsam

um das Riff.

Als mein Sauerstoff langsam am Ende war, bin ich ganz langsam, streng

nach Vorschrift, mit Sicherheitsstop, aber ohne jegliche Angst nach

oben zum Schiff hoch geschwommen und war so erfüllt von dem eben

Erlebten, dass ich meine Begeisterung kaum bändigen konnte. Ich hatte

zum ersten Mal erlebt, dass Haie auch Gefühle haben können. Von dem

Tag an habe ich nie mehr vor Haien Angst gehabt. Ich bin in mehr als

150 Tauchgängen, die fast ausschließlich mit Haien waren, nie in eine

gefährliche Situation gekommen. Leider behandeln wir die Haie nicht

sehr gut. Wir glauben nicht an das Sprichwort der Eingeborenen in

Amerika: „Behandelt die Erde gut, ihr habt sie nicht von Euren

Vorfahren geerbt, sondern von Euren Kindern geliehen.“ Die

Eingeborenen waren kluge Menschen und haben im Einklang mit der

Natur gelebt und gehandelt. Sie sagten nicht: „Hier bin ich, und dort ist

die Natur“, sie wussten, wir alle sind, jeder einzelne von uns, ein Stück

der Natur. Wir sind genau soviel Natur wie jede Pflanze, jedes Tier und

jeder Mensch, egal ob schwarz, weiß, rot, gelb oder kariert.

Viele Haie leben sogar in Symbiose mit anderen Tieren, was mir gezeigt

hat, dass manche Haie täglich die Dienste kleinerer Fischchen in

Anspruch nehmen müssen, um gesund zu bleiben. Ich fand es rührend

zu sehen, wie ausgewachsene Hammerhaie jeden Tag durch eine

Putzerstation schwimmen und sich von kleinen gelben Barberfischen

und auch von den hübschen dunkelblauen Kaiserfischen die Parasiten

aus den Wunden fressen lassen. Verschiedne Haie haben verschiedene

Putzerfische. Ich habe Zitronenhaie gesehen, die auf dem Sandboden

liegen und kleine Fische in ihr offenes Maul lassen, um die Zähne und

das ganze Maul zu putzen. Wenn es nicht gemacht wird, könnten die

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Tiere evtl. eine Blutvergiftung bekommen und vielleicht sogar sterben.

Man kann das auch bei Moränen beobachten, die kleine Krabben haben,

die ihnen die Zähne putzen. Sie würden niemals eine dieser kleinen

Krabben beißen, töten oder gar fressen.

In fast zwanzig Jahren bin ich mit Haien aller Arten, auch mit den

berüchtigten Weißen Haien, den Weißspitzen Hochsee Haien,

Tigerhaien, Hammerhaien und vielen mehr, geschwommen und habe

ganz schnell gelernt, dass die öffentliche Meinung über Haie sich in

großem Maße auf völlig falsche Informationen stützt, was von der

Presse oft noch geschürt wird. Haie sind neugierig, manchmal kommen

sie uns näher, um zu sehen, was für seltsame Gestalten da mit ihnen im

Wasser schwimmen. Haie fressen am liebsten Thunfische und Robben

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sowie andere Fische, aber keine Menschen. Tigerhaie bevorzugen auch

hin und wieder eine Schildkröte, die sich aber in einigen Fällen sehr gut

gegen Tigerhaie gewehrt haben. Man muss Haien, genau wie anderen

wilden Tieren, immer genügend Platz für einen Fluchtweg lassen. Wenn

sie das nicht haben und sich eingeengt fühlen, werden sie sich einen

Fluchtweg frei beißen. Auch wenn man sich hektisch bewegt und mit

den Armen herum fuchtelt, könnte der Hai vielleicht zuschnappen und

beißen und die Hände als Fische ansehen. Man muss Haien immer

langsam und in Ruhe begegnen. Es gibt besondere Verhaltensregeln, die

man beherzigen sollte, wenn man im Meer schwimmen will. Alles

immer langsam und ohne Panik. Zunächst einmal soll man nie im Meer

schwimmen, ohne Taucherbrille und Schnorchel dabeizuhaben. Wenn

man die berühmte Flosse sieht, sofort Brille und Schnorchel aufsetzen!

Das ermöglicht einem, den Kopf unter Wasser zu halten, zu atmen und

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zu sehen. Man soll sich senkrecht ins Wasser „stellen“, die Füße nach

unten, denn es gibt kein Lebewesen im Meer was so groß ist wie ein

Mensch und senkrecht im Wasser schwimmt. Man muss ihnen den

nötigen Respekt zollen und ihnen immer genügend Platz lassen, um

sich langsam zurückzuziehen. Trotzdem soll man immer sehr vorsichtig

sein um sie nicht zu verärgern. Man soll immer Augenkontakt halten,

dem Hai immer in die Augen sehen. Ich habe mir das alles sehr zu

Herzen genommen und bin 20 Jahre lang zu einer Art Botschafter für

die Haie geworden. Natürlich bin ich nicht allein. Es gibt, Gott sei Dank,

viele Meeresbiologen, die sich mit dem Zustand der Meere und deren

Bewohner befassen. Ich bin kein Wissenschaftler, aber ich sehe meine

Aufgabe darin, die Menschen über die wahre Natur der Meerestiere wie

Orcas und andere Wale, Thunfische und Schildkröten und besonders

Haie aufzuklären und ihnen in verständlicher Sprache von meinen

Erlebnissen zu berichten und zu zeigen, wie verkannt und unehrlich

viele Berichte und Filme sind. Das gilt vor allem für Filme wie „Der

Weiße Hai“ und seine vielen Folgen, die immer lächerlicher werden. Der

weiße Hai war kein Hai, das war eine Maschine, die in Hollywood

gebaut wurde. Ein Film, der eine weltweite Jagd auf Haie ausgelöst und

Millionen Haien das Leben gekostet hat. Ein anderer Film „Die Retter

der Haie“ mit Frank Elstner, Dr. Matthias Reinschmidt und meine

Wenigkeit war genau das Gegenteil.

Es fing an, als ich eine Einladung von Frank Elstner erhielt, in die

Sendung „Menschen der Woche“ nach Baden-Baden zu kommen. Das

war eine super Sache, und nicht lange danach wurde ich nochmal

gebeten. Nach der zweiten Show haben Frank und ich über seinen

Sprung aus dem Flugzeug und einen möglichen Tauchgang mit Haien

gesprochen. Es folgte eine Art von Wetten das - Versprechen, wo wir

die Rollen vertauschen wollten. Im Laufe der Jahre war beides schwer

unter einen Hut zu bringen, aber schließlich war es terminlich möglich,

und so kam die Idee erneut auf den Plan. Wir flogen beide mit Christian

Ehrlich (Regie), Lars Schwellnuss (Kamera), Dominik Gross (Ton) und

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Dr. Matthias Reinschmidt, Frank Elstner und meine Wenigkeit auf die

Bahamas. Dort gab es reichlich Haie und Möglichkeiten, mit ihnen zu

schwimmen, was alle von uns mit Freude taten. Aus dieser Reise

stammt der Film „Die Retter der Haie“, ein ehrliches Dokument über

die Haie und deren Schutz. Das Beste an dem Film, der Regie und dem

Camera-Team war die unverhohlene Begeisterung von Frank Elstner,

der laut und deutlich die Schönheit, Eleganz und biologische Bedeutung

der Haie im Meer beim Namen nannte.

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Für mich war es das Ende meiner fast 20 jährigen Zeit als Haitaucher.

Ich habe beschlossen, nicht mehr zu tauchen, aber die Haie weiter zu

schützen durch Vorträge und ehrliche Aufklärung der Öffentlichkeit. Die

Pandemie hat mich 14 Monate lang lahmgelegt, aber ich sehe Hoffnung

am Horizont, bald weiterarbeiten zu können zum Wohle der Haie.

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Mein ganzes Leben war so,

ich traf Royalty und hatte Spass

auf Bauernhochzeiten. Ich genoss

die Ceilidhs in Schottland und die

Schützenfeste in Rinkerode.

Ich war mir nie zu schade, um auf

Scheunenfesten in den USA und

Canada zu tanzen und Field Days in

Neuseeland und Australien zu

besuchen, um mit den Leuten zu

feiern. Mein Vater sagte mir einmal:

„Jupp, du musst auf jeder Hochzeit

tanzen können.” Das war ein guter

Rat, an den ich mich mein Leben

lang gehalten habe.

Danke Papi!

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