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DAS PROGRAMM - Trigonale

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DAS PROGRAMM


Trigonale 2011

Das Programm

Unserem Publikum,

unseren Künstlerinnen und Künstlern

Trigonale 2011 – Das Programm - 3 -


Vorwort

Liebe Freundinnen und Freunde der Alten Musik,

was im Jahr 2003 als hoffnungsvoller Versuch begonnen hat,

das geographische Dreieck, St. Veit an der Glan – Maria Saal, –

St. Georgen am Längsee, unter der Bezeichnung »trigonale«

mit Alter Musik zu erfüllen, ist mittlerweile eine liebgewordene

Tradition.

Dass die trigonale zumal in der jüngeren Vergangenheit

blüht, ist – neben den Musikern und ihren Darbietungen –

vor allem Ihnen, liebes Publikum, geschuldet. Denn ohne

Ihren Zuspruch und Ihre Treue wären Fortbestand und

Weiterentwicklung des Festivals nicht denkbar. Wir danken

für Ihren bisherigen Enthusiasmus und hoffen, auch heuer

wieder Ihre Neugier zu wecken und Ihre Erwartungen zu

erfüllen.

Als ehrenamtlicher und nur im Hintergrund tätiger Vorstand

des Trägervereins danken wir aber auch jenem, der

an vorderster »Front« und mit schier unerschöpflichen

Energien (und einem von ihm handverlesenen, engagierten

Team!) für das Gelingen der trigonale arbeitet: Stefan

Schweiger. Er leitet die trigonale heuer im dritten Jahr und

hat wiederum ein Programm entworfen und ausgearbeitet,

das – Dreieck hin, Dreieck her – im besten Sinn des Wortes

rund ist.

Wir wünschen Ihnen und uns berührende und anregende

Musikerlebnisse!

Martin Wiedenbauer

Hans Slamanig

Albrecht Haller

Vorstände der trigonale

- 4 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 5 -


Trigonale Festival der Alten Musik

Dank 2011

Horst und Judith Danner. Anne

Marie Dragosits. Jutta Frank.

Albrecht Haller. Gerda Heger.

Edith Heilig. Ulrike Hofbauer.

Anne Hooss. Manfred Huditz.

Bernhard Kreuter. Joachim

Kronawetter. Felix Kucher.

Almut Lenz-Konrad. Ernst

Nickles. Rudolf Pacher. Edgar

Sallager. Elisabeth Schleicher.

Verena Schneider. Dietmar

Schüle. Josef und Elfriede

Schweiger. Hans Slamanig.

Marcus Stäbler. Franjo Vidovic.

Martin Wiedenbauer ...

... und in besonderer Weise unseren Subventionsgebern und

Sponsoren, sowie all jenen, die durch ihre Unterstützung und

Mitarbeit die trigonale 2011 überhaupt erst möglich machen.

- 6 -

Seite | Konzerte

10

30

72

110

134

148

202

220

264

282

306

364

394

408

Les Ambassadeurs

Accordone

La Ziriola

Miriam Andersén

Talents in Residence & Alexis Kossenko

Viva Biancaluna Biffi

Sequentia

&Cetera

Steenbrink, Pandolfo & Freunde

Trinity Baroque

Le Tendre Amour

Modena Consort

Johann Joseph Fux Kinderkonzert

Trinity Baroque

Inhalt - 7 -

1

2

3

4

5

6

7

8

9

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- 8 -

Seite | Konzerte

444

462

480

Trigonale Sonderkonzert

Präsentationskonzert 2012

Anhang

Inhalt - 9 -

15

16

17


Freitag, 09.09., 19.00 Uhr

Rathaus St. Veit

1 1

Lumières & Ténèbres –

Licht und Schatten

am Hof Augusts des Starken

Das Goldene Zeitalter des Dresdner Orchesters:

Arien und virtuose Konzerte von Vivaldi, Händel,

Heinichen, Zelenka, Quantz und Pisendel

Les Ambassadeurs

Alexis Kossenko: Leitung & Traversflöte

Sabine Devieilhe: Sopran

Zefira Valova: Violine

Ivan Iliev: Violine

Isabelle Bania: Violine

Cecilia Clares Clares: Violine

Irma Niskanen: Violine

Yannis Roger: Violine

Laurent Muller: Viola

Gabriel Bania: Viola

Tom Pitt: Cello

Marco Frezzato: Cello

Vega Montero: Kontrabass

Jean Rondeau: Cembalo

Lidewei De Sterck: Oboe

Katharina Andres: Oboe

Moni Fischaleck: Fagott

Gast:

Ida Aldrian: Mezzosopran

- 10 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 11 -


Einleitung

Kontrabassist Mitglied der Dresdner Hofkapelle. Bald schon

übertrug man ihm die wichtige Aufgabe, als Komponist den

In der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts genoss

gesundheitlich angegriffenen Kapellmeister Johann David

1 besonders ein Orchester einen so ausgezeichneten Ruf, dass

Heinichen zu unterstützen und gelegentlich zu vertreten. 1

die besten Komponisten aus ganz Europa ihm gern ihre

Als Heinichen 1729 starb, sah Zelenka sich als seinen natür-

Werke widmeten. Es handelte sich um die Dresdner Hofkalichen

Nachfolger. Das Amt war jedoch insgeheim bereits

pelle, eine »Armee von Virtuosen«, die unter der Leitung

dem charismatischeren (und international renommierteren)

des Violinisten Johann Georg Pisendel ein unübertroffenes

Johann Adolf Hasse versprochen worden – ein Verrat, der

Niveau an Perfektion, Brillanz und Finesse erreicht hat-

möglicherweise zumindest zum Teil den düsteren Charakte

und sich durch instrumentale Vielfalt und Klanggewalt

ter seiner Musik erklärt. In ihr tritt seine Melancholie, seine

auszeichnete. Vielen galt die Dresdner Hofkapelle damals als

Wut, seine Verzweiflung oftmals auf eine Weise zutage, die

das »beste Orchester der Welt«. Pisendel, der von seinen

man fast als »romantisch« bezeichnen kann. Zelenkas unge-

Musikern ebenso geliebt wie respektiert wurde, war nicht

wöhnlich lange Proportionen, seine häufige Verwendung

nur ein ausgezeichneter Konzertmeister, sondern gab dar-

von Chromatismen und die für ihn typischen schmerzlichen

über hinaus mit Begeisterung neue Werke in Auftrag und

Harmonien begegnen uns zum Beispiel in dem Gloria Patri

verfügte über einen weitgespannten Freundeskreis: auch

des Miserere oder dem Qui tollis der Missa dei Filii. Ganz

Telemann und Vivaldi hielten trotz der Entfernung engen

anders mutet die eingängige und lichte Musik von Heinichen

Kontakt mit ihm und versahen regelmäßig glanzvolle und

an. Das Et in spiritum sanctum verdeutlicht eines seiner be-

schwierige Konzerte mit Widmungen an »Signor Pisendel«

vorzugten Instrumentierungsprinzipien: eine Kombination

und das »Orchestra di Dresda«.

des alten Flötentyps (Blockflöte) mit der neuen Variante

(Traversflöte) zu einer einfühlsamen Violinbegleitung, die

Les Ambassadeurs laden den Hörer zur Entdeckung des au-

die Sopranstimme in der engelhaften melodischen Linie ihßerordentlichen

Repertoires dieses Dresdner Orchesters ein,

das in der Kirchenmusik nicht weniger überzeugte als in der

res Solovortrags unterstützt.

Instrumental- oder Opernmusik. Zu den Schwerpunkten

Die bedeutendste Gruppe von Orchesterwerken Zelenkas

seiner Arbeit zählte das Werk von Jan Dismas Zelenka. In

trägt den Titel: »6 concerti fatti in fretta a Praga, 1723« –

den letzten Jahren ist dieser tschechische Komponist wie-

6 Concerti, 1723 in größter Eile in Prag geschrieben. Seine

der ins Bewusstsein eines breiteren Publikums gerückt und

Eile ist deutlich spürbar: zum einen sind die Handschriften

erobert nach und nach seinen rechtmäßigen Platz unter den

kaum lesbar, zum anderen besteht das Ensemble nur aus ins-

Genies der Barockzeit zurück. Zelenka war seit 1710/11 als

gesamt 4 Werken – bzw. 3 fertigen und einem unvollendeten

- 12 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 13 -


Werk! Die Hypocondrie (eine Ouvertüre im französischen

In Dresden waren damals sogenannte Serenate beliebt,

Stil) scheint der erste Satz einer Suite gewesen zu sein –

Opern im Miniaturformat, die ohne Inszenierung aufge-

aber es folgen nur leere Seiten. So einzigartig wie der Titel

führt wurden. In dieses Genre gehört Zelenkas 'Il Diamante'.

1 ist die Tatsache, dass Zelenka den Hörer bis zum Schluss in

Die Arie der Venus wurde von der berühmtesten Sopra- 1

völliger Ungewissheit darüber lässt, ob es sich um ein Stück

nistin der damaligen Zeit gesungen – von Hasses Ehefrau

in Dur oder Moll handelt ... es scheint einer ganz und gar

Faustina Bordoni. Auch hier zeigt sich, wie zart und einfühl-

instabilen Stimmung zu unterliegen ...

sam Zelenka sein konnte, wenn er nur wollte. Auf weitläufige

Proportionen verzichtete er aber auch in diesem Fall

nicht: mit über 10 Minuten Spieldauer übertrifft das Stück

Faustina Bordoni

jede normale Arie seiner Zeitgenossen um das Doppelte!

Bei einem anderen der »Concerti« handelt

es sich um eine weitere – in diesem

Fall offenbar vollendete – Suite oder

Ouvertüre. Der tragische Charakter des

Eingangsteils – jede Kadenz führt zu einem dissonanten

Akkord, wodurch das Ohr nicht zur Ruhe kommt – wird

durch den epischen Mittelteil ausgeglichen. Der Begriff

»concertare« findet hier zu seiner ursprünglichen Bedeutung

zurück (lateinisch concertare: wetteifern, miteinander

streiten). Auch die Rückkehr des langsamen Tempos im

nächsten Satz vermag es kaum, die Dinge wieder ins Lot zu

bringen. Erst nach einem letzten »Coup de théâtre« endet

die Musik mehr oder weniger friedlich in F-Dur. Die folgende

Arie für Streicher solo zeigt Zelenka von einer ganz

anderen Seite: anmutig und zart, mit einigen bewegenden

Akzenten in der Violenstimme, die herzzerreißende Dissonanzen

enthält ... Nach einem Siciliano auf der Grundlage

eines wohldurchdachten Kontrapunkts endet das Werk mit

einer ausgelassenen »Folie«.

Johann Georg Pisendel

Auch der Konzertmeister Pisendel selbst

war ein bemerkenswerter Komponist.

Die geringe Zahl seiner eigenen Werke,

die oft mehr als einmal überarbeitet

wurden, lässt sich vielleicht durch seine ausgeprägte

Bescheidenheit erklären. Urteilt man aber anhand seiner

strengen und kurzen sonata da chiesa in c-Moll für Orchester,

so war er selbst ein Meister seines Faches. Er war ein

enger (wenn nicht der einzige) Freund Zelenkas, und dieses

Stück erinnert ganz besonders an die düstere Manier des

tschechischen Kontrabassisten.

Seit ihrer Begegnung in Venedig im Jahr 1712 waren

Pisendel und Vivaldi gute Freunde; das in Dresden erhaltene

umfangreiche Werkekorpus Vivaldis (viele Werke

sind Pisendel gewidmet) lässt darauf schließen, dass er dort

zu den am häufigsten gespielten Komponisten zählte. Das

- 14 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 15 -


Concerto RV 564 wurde ursprünglich für zwei Violinen und

zwei Celli geschrieben, wird hier jedoch in einer Dresdner

Bearbeitung für zwei Violinen und zwei Oboen aufgeführt.

Händel besuchte Dresden bekanntermaßen im Jahr 1719,

als er den Feierlichkeiten anlässlich der Hochzeit des Kronprinzen

beiwohnte. Bei dieser Gelegenheit begegnete er

dem berühmten Kastraten Senesino, den er als Sänger für

seine Oper in London gewinnen konnte (der Skandal, der

ein Jahr später durch das Zerwürfnis zwischen Senesino und

Heinichen entstand, war mit Sicherheit absichtlich herbeigeführt

worden, um seinen Vertrag in Dresden beenden und

für Händel in London arbeiten zu können). Das Dresdner

Orchester führte Händels Opernouvertüren in der Regel als

konzertante Stücke auf. Mit ihren theatralischen Modulationen

und dem unerwarteten Ende erregt Agrippina besondere

Aufmerksamkeit.

Il Ruggiero, die letzte Oper von Johann Adolf Hasse, stellt eine

Verbindung zwischen dem Barock und dem Zeitalter der

Klassik her: die Oper wurde einen Tag vor Mozarts Ascanio in

Alba uraufgeführt. Hasse war damals bereits alt. Sein Ruhm

hatte schon über 30 Jahre zuvor seinen Höhepunkt erreicht,

als er das Amt antrat, das Zelenka hätte erhalten sollen: Kapellmeister

der Dresdner Hofkapelle. Die heroische Arie der

Bradamante verlangt ungewöhnliche Virtuosität: der gewal-

tige Stimmumfang der Sopranstimme in den schnellen Koloraturpassagen

reicht vom Altregister bis zum Hohen D.

Übersetzung: Almut Lenz-Konrad

Programm

1

Johann Georg Pisendel

(1687 – 1755)

1. Sonata in c minor

Largo – Allegro

1

Jan Dismas Zelenka

(1679 – 1745)

2. Qui tollis peccata mundi

ZWV 20

Aus: Missa dei Filii

Jan Dismas Zelenka

3. Gloria Patri

ZWV 57

Aus: Miserere

Jan Dismas Zelenka

4. Ouverture à 7 concertanti in F major

ZWV 188

Arie

Jan Dismas Zelenka

5. Benedictus

ZWV 17

Aus: Missa sanctissimae Trinitatis

- 16 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 17 -


Johann David Heinichen

Jan Dismas Zelenka

(1683 – 1729)

11. Hypocondrie à 7 concertanti

6. Concertino in D major

ZWV 187

1 Allegro

Aus: Missa 9 for flute and orchestra

Allegro – Lentement

Jan Dismas Zelenka

1

Johann David Heinichen

12. Aria di Venere »Qui piegate, qui posate«

7. Et in Spiritum Sanctum

ZWV 177

Aus: Missa 12

Aus: Serenta »Il Diamante«

Antonio Vivaldi

(1678 – 1741)

8. Concerto in D major RV 564a

for 2 oboes, 2 violins & orchestra

Allegro – Adagio non molto – Allegro

Pause

Jan Dismas Zelenka

9. Ouverture à 7 concertanti in F major

ZWV 188

Ouverture – Siciliano – Folie

Antonio Lotti

(ca. 1667 – 1740)

10. Aria (Isilde) »Sospirando, lagrimando«

Aus: Giove in Argo

Georg Friedrich Händel

(1685 – 1759)

13. Ouverture

HWV 6

Aus: Agrippina

Johann Adolf Hasse

(1699 – 1783)

14. Aria di Bradamante »Faro ben io«

Aus: Il Ruggiero

- 18 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 19 -


Texte

2. Qui tollis peccata mundi

2. Der du trägst die Sünden der Welt

1 1

Qui tollis peccata mundi, miserere nobis.

Der du trägst die Sünden der Welt, erbarme dich unser.

Qui tollis peccata mundi, suscipe deprecationem nostram.

Der du trägst die Sünden der Welt, nimm an das Gebet von uns.

3. Gloria Patri

Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto.

5. Benedictus

Benedictus qui venit in nomine Domini.

7. Et in Spiritum Sanctum

Et in Spiritum Sanctum, Dominum et vivificantem,

qui ex Patre Filioque procedit.

Qui cum Patre et Filio simul adoratur

et conglorificatur,

qui locutus est per prophetas.

Et unam, sanctam, catholicam et apostolicam Ecclesiam.

Confiteor unum baptisma in remissionem peccatorum.

Et expecto resurrectionem mortuorum.

3. Ehre sei dem Vater

Ehre sei dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geist.

5. Gepriesen sei

Gepriesen sei, der kommt im Namen des Herrn.

7. Und an den Heiligen Geist

Und an den Heiligen Geist, den Herrn, den lebendigmachenden,

der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht.

Der mit dem Vater und dem Sohn zugleich angebetet

und zusammen verherrlicht wird,

der geredet hat durch die Propheten.

Und eine heilige, weltweite und apostolische Kirche.

Ich bekenne eine Taufe zur Vergebung der Sünden,

und ich warte auf die Auferstehung der Toten.

- 20 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 21 -


10. Sospirando, lagrimando

Sospirando, lagrimando,

Mit Seufzern und in Tränen werde ich wehklagen,

1 griderò che son tradita senza padre, e senza regno.

dass ich verraten bin, vaterlos und ohne Reich.

1

Minacciando udite l'Idra inuitarui a Radamanto

Hört die Hydra drohen, Euch zu Radamanto einzuladen,

già ministro del mio sdegno.

der schon Vollstrecker meiner Empörung ist.

12. Qui piegate, qui posate

Recit (Venere)

Dove Amor si festeggia,

il nome moi forse posto è in oblio?

Votra felicità render perfetta io sola posso,

illustri sposi,

e scendo dal terzo cielo

al bel disegno accinta.

Vanti Giugno il suo dono,

chè ella da me con più bei doni e vinta.

Vengon meco il piacer, gli scherzi arditi,

non meno dolci e men cari,

quei che sembran ripulse

e sono inviti.

Io sol porgo gli affetti,

io sol secondo i letti,

devesi a me quanto respira e vive;

e se cosa leggiadra il mondo abbella,

tutto è virtù di mia benigna stella.

10. Mit Seufzern und in Tränen

12. Es glänzt im Grau die Lichtlasur

Rezitativ (Venus)

Dort, wo Liebe gefeiert wird,

soll mein Name wohl vergessen bleiben?

Euer Glück kann allein ich vollenden,

durchlauchte Jungvermählte.

Deshalb steige ich vom dritten Himmelskreis

zu diesem schönsten Auftrag hinab.

Möge denn Juno nach Lust mit ihrer Gabe prahlen,

ich werde sie mit schöneren Geschenken schlagen!

Zusammen mit mir kommen Lust, feurige Scherze,

nicht minder süße und nicht minder liebreiche,

solche, die als Zurückweisung erscheinen

und Verlockungen sind.

Allein ich entzünde Gefühle,

die Betten fruchtbar machen,

mir verdankt ihr alles, was atmet und lebt;

und wenn etwas Anmutiges die Welt ziert,

dann samt und sonders durch Verdienst

meines wohlwollenden Sternes.

- 22 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 23 -


Aria

Arie

Qui piegate, qui posate,

Hier faltet sie, meine Tauben,

mie colombe, i vanni erranti.

lasst eure irrenden Schwingen ruhen,

1 E alternando e morsi e baci

und lehrt das Liebespaar

1

dolci sdegni e dolci paci

unter wechselnden Bissen und Küssen

insegnate alla coppia degli amanti.

süßen Widerstand und süße Versöhnung!

14. Faro ben io

Farò ben io frà poco impallidir l'audace

che vuol turbar la pace d'un si costante amor.

Vedrà quanto più fiero divien l'ardor guerriero

quando congiura insieme con l'amoroso ardor.

14. Bald werde ich

Bald werde ich den Verwegenen erbleichen lassen,

der den Frieden einer so standhaften Liebe stört.

Er wird sehen, um wieviel kühner die Lust am Kampf wird,

wenn sie sich mit der Lust der Liebe verschwört.

Übersetzungen Nr. 10 und 14: Edgar Sallager

- 24 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 25 -


Les Ambassadeurs

Der Flötist Alexis Kossenko ist als

Solist ebenso gefragt wie als Orchester-

Eine einzigartige Orchesterpersönlichkeit, die ihren Weg

oder Kammermusiker. In der modernen,

1 außerhalb der Dogmen, Moden und Schulen findet; ein ge-

barocken oder romantischen Flötenmu- 1

meinsames musikalisches Ideal auf der Grundlage vielfälsik

fühlt er sich ebenso zu Hause wie im

tiger Kulturen; der Wunsch nach Begegnung, Experiment

Repertoire für Blockflöte. Er ist Erster

und geteilter Erfahrung zwischen jungen Musikern aus ganz

Flötist des Chambre Philharmonique (Emmanuel Krivine) –

Europa; ein kulturelles und humanistisches Projekt in mu-

mit dem er 2011 die Konzerte von Mozart spielen wird. Seisikalischem

Gewand – dies ist die Mission der Ambassadeurs

ne Aktivitäten als Orchesterdirigent weitet Kossenko an der

(deutsch: Botschafter), die von Alexis Kossenko in Anleh-

Spitze der Arte dei Suonatori (Polen), der Holland Baroque

nung an seinen eigenen Werdegang, zwischen traditioneller

Society (Niederlande) und vor allem seines eigenen Orches-

Ausbildung und Spezialisierung in den alten Repertoires,

ters Les Ambassadeurs aus. Zurzeit beschäftigt er sich mit

geformt wurden.

theoretischen Arbeiten zu Rameau und Zelenka. Seine Ein-

Nach vielgepriesenen Konzerten im Auditorium du Louvre

spielungen von Konzerten Telemanns, Haydns, CPE Bachs

in Paris und im Palast der Schönen Künste (Bozar) in Genf

setzen Les Ambassadeurs ihren Erfolgskurs 2011 auf den

Festspielen von Paradyz und Poznan (Polen), Brežice (Slo-

und Vivaldis (Alpha) haben mittlerweile Referenzcharakter.

wenien), Sofia (Bulgarien) und auf der trigonale (Öster-

Sabine Devieilhe wurde nach ihrem

reich) fort. Neben der Interpretation bekannter Werke von

Studium in Cello und Musikwissenschaft

Händel und Rameau gilt ihr Interesse der Wiederentde-

2007 am Pariser Konservatorium (CNSckung

des glänzenden Repertoires der Dresdner Hofkapelle

MDP) aufgenommen. Sie ist Mitglied der

und der Meisterwerke Zelenkas.

Ensembles Les Cris de Paris unter der Leitung

von Geoffroy Jourdain und Pygmalion

unter der Leitung von Raphaël Pichon. Außerdem sang

sie von 2004 bis 2007 im Opernchor Rennes.

Auf der Bühne interpretierte Sabine Devieilhe die Lauretta,

Lucia und Die Königin der Nacht. Im letzten Sommer war sie

mit dem Ensemble Arte dei Suonatori und der Holland Baroque

Society unter der Leitung Alexis Kossenkos auf den Festspielen

von Brügge und Utrecht in Werken Rameaus zu hören.

- 26 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 27 -


Im April 2011 wird Sabine Devieilhe an der Produktion

Trotz ihrer jungen Karriere kann sie bereits auf eine regel-

»L'enfant et les sortilèges« mit dem Orchestre National d'Île

mäßige Zusammenarbeit mit europäischen Ensembles und

de France (ONDIF) unter der Leitung von David Levi teil-

Orchestern, wie der Wiener Akademie, dem Haydn Quartett,

1 nehmen. Im Oktober dieses Jahres gibt sie die Sonnambula

den Barockorchestern barucco, Il Concerto Tivoli und Musica 1

(Die Nachtwandlerin) an der Seite Jean-Claude Malgoires.

Figuralis, Virtuosi Brunensis, Savaria Symphony Orchestra

Ferner wird sie in Aix-en-Provence in einer Inszenierung

Szombathely, Philharmonisches Orchester Györ und dem Vo-

von Vincent Boussard die Serpetta singen.

kalensemble a piu voci zurückblicken.

Neben ihrer Konzerttätigkeit fühlt sich Ida Aldrian auch auf

der Opernbühne zuhause. 2008 verkörperte sie in G. F. Hän-

Ida Aldrian wurde in Bruck an der Mur

dels ALCINA die Rolle der Bradamante (Neue Studiobühne

(Steiermark, Österreich) geboren. Ihren

und Schlosstheater Schönbrunn in Wien). Bei den donauFESTersten

Gesangsunterricht erhielt sie bei

WOCHEN im Strudengau war sie als Aristea in Vivaldis

Sigrid Rennert, seit 2004 studiert sie an

L'OLIMPIADE zu hören und im Jänner 2010 stand sie als

der Universität für Musik und darstellende

Dorabella in W. A. Mozarts COSI FAN TUTTE im Schloss-

Kunst Wien bei Prof. Leopold Spitzer und

theater Schönbrunn (Wien) unter der künstlerischen Leitung

absolvierte das Diplomstudium 2008 mit Auszeichnung. Seit

2008 Studium für Lied und Oratorium bei Prof. KS Marjana

Lipovšek sowie Musikdramatische Darstellung in der

von Martin Haselböck auf der Bühne.

Klasse von Prof. Uwe Theimer und Prof. Didier Orlowsky.

2010 schloss sie das Studium Musikdramatische Darstellung

mit dem akademischen Titel Mag. art. mit Auszeichnung ab.

Derzeit wird sie stimmlich von Karlheinz Hanser betreut.

Ida Aldrian ist Preisträgerin beim Wettbewerb Prima la Musica

(2004). 2005, 2006 und 2009 erhielt sie den Förderungspreis

der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Des

Weiteren ist sie Preisträgerin bei Musica Juventutis (2010).

Im Jahr 2011 wurde der jungen Mezzosopranistin der Preis

der Armin Weltner Stiftung zuerkannt, welcher alljährlich

zur Förderung junger hochbegabter SängerInnen österreichischer

und schweizerischer Nationalität vergeben wird.

Autogramme

- 28 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 29 -


Samstag, 10.09., 19.00 Uhr

Rathaus St. Veit

Una Iliade

mit:

2 2

Triaca musicale vocal quartet

Eine Neue Oper von Guido Morini

mit Texten von Marco Beasley

Accordone

Marco Beasley: Gesang

Guido Morini: Orgel, Cembalo, Leitung

Enrico Gatti: 1. Violine

Rossella Croce: 2. Violine

Gianni Maraldi: Viola

Marco Testori: Cello

Vanni Moretto: Kontrabass

Paola Cialdella

Mara Colombo

Mattia Pelosi

Guglielmo Buonsanti

Einleitung

Die Ilias umfasst viele wichtige Themen: Stolz als Quelle

von Ruin und Größe gleichermaßen; Ruhm, das Schicksal

eines jeden Kriegers; Verlockungen und Gräuel des Krieges.

Diese Themen waren in der Gesellschaft zu Zeiten Homers

von fundamentaler Bedeutung. Neben ihnen kommen ande-

re, intimere Themen zum Ausdruck, die den poetischen Kern

dieses Werks bilden: Liebe zur Familie, Trauer um den Tod

geliebter Menschen, Sorge angesichts der Leiden selbst des

Feindes.

Diese zentralen Themen in Una Iliade werden in schlichten

und direkten Versen und mittels einer Musik präsentiert, die

ebenso abwechslungsreich wie bewegend ist. Als Erzähler

erleben wir den Kärntner Schauspieler Maximilian Achatz.

- 30 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 31 -


2

»Es ist alles eitel. Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf

Erden«. Dieser Satz hatte für die Entstehung von Una Iliade

katalysatorische Wirkung. Ein Werk, das die Abwesenheit

zum Thema hat: der Mensch, der nicht gegen den Tod, sondern

im Grunde für den Tod kämpft; die Leere, die seine

Familie bedrückt, der stille Kummer der Witwen und die

laute Klage der Waisen.

2

Was verbirgt sich hinter dieser Seite der Medaille? Und ist

dies nicht in Wirklichkeit die düstere Seite? Die Nichtigkeit

des Krieges und seine sinnlose Verherrlichung werden in

diesem Werk auf dramatische und manchmal groteske Weise

dargestellt. Una Iliade will nicht dazu ermutigen, ins Gefecht

zu ziehen, sondern ermutigt den Mann zur Konfrontation

mit sich selbst: eine Aufforderung, in den Spiegel zu

blicken, allein, auf seine eigene Zerbrechlichkeit und seine

eigenen Schwächen zu hören und zu lernen, mit sich selbst

zu leben. Sein Spiegel ist die Frau als idealisiertes Sinnbild

für Würde, Weisheit, Wissen um die Welt und ihre Regeln:

Sibyllen, Mütter, Geliebte, Stimmen, die allzu häufig zum

Verstummen gebracht und manchmal der Lächerlichkeit

anheim gegeben werden. Und doch, wenn wir die uns umgebende

Welt betrachten, drängt sich die Frage auf, wie

anders die Dinge sein könnten, wenn Männer einfach innehalten

und horchen würden ...

Marco Beasley & Guido Morini

- 32 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 33 -


Texte

Prologo

Prolog

Sono gabbiani, Padre, quelli che vedo all'orizzonte?

Sind das Möwen, Vater, die ich dort am Horizont sehe?

E' loro questo volo verso terra,

Sind sie es, die sich zum Boden senken,

2 alla ricerca di cibo?

auf der Suche nach Nahrung?

2

Padre, non vedo il loro lento girare,

Vater, ich seh' ihr langsames Kreisen nicht,

non vedo gaiezza nelle loro ali.

auch fehlt die Anmut in ihren Schwingen.

Sono i neri corvi, Figlio,

Es sind die schwarzen Krähen, mein Sohn.

e non hanno leggerezza le loro ali.

Ihren Flügeln fehlt die Leichtigkeit.

Sono gli uccelli neri che accompagnano l'ombra,

Es sind die schwarzen Vögel, die den Schatten begleiten.

Sono il nero colore delle navi Greche.

Sie sind das Schwarz der griechischen Schiffe.

Come andrà, Padre, se i corvi arriveranno?

Was wird geschehen, Vater, wenn die Krähen hier sind?

Saremo storia, Figlio,

Dann werden wir Geschichte sein,

perchè i corvi arriveranno.

denn die Krähen werden kommen.

Pensieri sparsi

Rousignol che canti

Vieni a cantare ciò

Che la mia voce cantare non sa.

E vola su tutti noi,

Sui padroni della pace,

Sui signori della guerra vola

E racconta con tragica voce

La più tragica delle storie:

Di chi celebra il sangue con gioia.

Le grida del giusto urleranno la loro rabbia.

Fa che il sole non tramonti, Cielo,

Fa che il buio non armi la mia mano omicida.

Verstreute Gedanken

Nachtigall, die du singst,

Komm her und singe das,

Was meine Stimme nicht zu singen weiß.

Und kreise über uns allen,

Über den Herren des Friedens,

Über den Herren des Krieges

Und erzähle mit tragischer Stimme

Die tragischste aller Geschichten:

Von dem, der das Blut mit Freude preist.

Die Schreie des Gerechten werden ihre Wut hinaus brüllen,

Oh Himmel, mach, dass die Sonne nicht untergeht,

Lass die Dunkelheit meine Mörderhand nicht bewaffnen.

- 34 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 35 -


Ma la morte dell'empio

Non darà requie alla mia anima.

Spada, Scudo, Freccia

Schwert, Schild, Pfeil

Ecco la spada

Sieh da, der Degen,

2 Su cui riflette il raggio

Auf dem sich der Sonne Strahlen

2

D'un sole rosso sangue

Blutrot widerspiegeln.

Ch'illumina il passaggio

Er leuchtet dir den Weg,

Da questa certa vita

vom sich'ren Leben,

A bruna morte e oscura;

Hinein in schwarze, dunkle Todeshallen.

Ecco la sconsolata

Sieh da, wie arg betrübt,

Di cui Destin si cura.

Die Maid ist, um die Fortuna sich bemüht.

Scudo, fardello

Cui affido la mia vita

Né lancia, freccia o spada

Ti scavi una ferita.

Sii tu il mio fratello

E vieni a me in aita

Se mortal colpo vada

A prendersi la vita.

Vola freccia,

Saetta sibilante,

Squarcia la vera vita

D'ogni guerriero errante.

Vola e nel tuo volo

Non ti prender pensiero

Se il cor ch'uccidi sia

Cor di letal guerriero.

Doch wird der Tod des Verruchten

meiner Seele keine Ruhe lassen.

Dem Bündel und dem Schild

Ich anvertrau' mein Leben,

So solln noch Lanz', noch Pfeil, noch Schwert

Dich mit Wunden übersäen,

Sei du der Bruder mein,

Und sollst zu Hilfe mir nun schreiten,

Wenn einst der Todeshieb

Mei'm Leben wird ein End' bereiten.

So sollst' nun fliegen,

Pfeil, du pfeifendes Geschoss,

Zermalm' das wahre Leben

Jedes versprengten Kriegesspross.

Flieg nur und während du dann zischst,

Denk nicht daran,

Ob's Herz, das du getötet,

Eines sterbend Krieger ist.

- 36 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 37 -


Gli Amanti

Die Liebenden

Elena

Helena

Mille e mille frecce lanciate verso di noi,

Abertausende Pfeile, die gegen uns geschossen,

mille e mille ferite scavano i nostri corpi.

Haben unsre Körper mit abertausenden Wunden übersät.

Hanno parlato i nostri ventri,

Unsere Leiber haben gesprochen:

2 Uomo, so che la morte ti attende.

Mensch, ich weiß, dass dir der Tod beschieden ist.

2

Ma l'amore che ci unisce non avrà fine o forse l'avrà,

Doch die Liebe, die uns vereint, sie kennt kein Ende;

come la polvere che diventeremo.

oder kennt sie's doch, so wie der Staub, zu dem wir zerfallen.

Ma l'amore che ci separa avrà un altro inizio

Doch die Liebe, die uns trennt, wird anders beginnen,

o forse non l'avrà, come la vita che ci abbandona.

oder vielleicht doch nicht, wie das Leben, das uns verlässt.

Dimmi Paride, dimmi che mi ami.

Sprich zu mir, oh Paris, sag, dass du mich liebst.

Non ho coraggio senza il tuo amore,

Ohne deine Liebe schwindet mir der Mut,

non ho forza senza il tuo cuore.

ohne dein Herz vergeht meine Kraft.

Ecco cosa è questa guerra: un capriccio,

Dieser Krieg ist nichts anderes als eine Laune,

un inutile scherno di Dei assetati del sangue,

ein sinnloser Hohn der Götter, die nach dem Blute

che sia del popolo di Priamo o dell'Acheo.

des Volkes Priamos und Acheos dürsten.

Ho bisogno dei tuoi baci, Paride,

Paris, ich brauche deine Küsse

come un bimbo desidera il sogno.

wie ein Kind den Schlaf.

Paride

Se dovessi andare a morte,

A far guerra senza fine,

Per lottar senza confine

Giocherei il mio cuore a sorte.

Vedi, Donna sempre amata,

Come il mondo è poco umano:

Ti concede un corpo sano

Ma con l'anima dannata.

E poi questa è storia antica,

Ammazzar, ferir, morire:

Paris

Sollt' in diesem ew'gen Kriege

Der Tod mir gar beschieden sein,

Um grenzenlos zu kämpfen,

setzt' ich aufs Spiel sogar das Herze mein.

Sieh' nur, du Frau, die ich stets liebe,

Wie unmenschlich die Welt kann sein,

Gewährt dir einen Leib, einen gesunden,

Doch mit verdammter Seele drinnen.

Übrigens: s'ist eine alte G'schicht,

Zu töten, ja zu sterben, zu verwunden,

- 38 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 39 -


Degli Dei son strane l'ire

Der Götter Zorn bisweilen seltsam ist,

Non ci dan mai sorte amica.

Ein freundlich Schicksal sie uns nie beschieden.

O donna che mi hai amato e mi ami ancora,

Oh Frau, die du mich liebtest und mich immer liebst,

Giaci con me che questa è l'ultim'ora.

Magst du in unsrer letzten Stund' an meiner Seite liegen?

Offrimi il tempo ed offrimi il tuo seno

Schenk mir die Zeit und deine Brust,

2 Scosso dal pianto ma dell'amore pieno.

Die trotz der Tränen ist erfüllt von Lieb und Lust.

2

Lascia che parli il dialogo dei ventri

Mögen die Leiber sich im Zwiegespräche wiegen,

Pria che sicura spada

Bevor ein Schwert mit sich'ren Hieben,

nel petto mio si addentri,

Mir einst durchbohrt die Brust,

Quando a brandelli le mie membra forti

Und dann die starken Glieder nur,

Cibo saran per nutrir erba ed orti.

Zerschlagen, Dünger sind für Au und Flur.

Elena

Ma cosa sono le nuvole?

Esistenza del niente ...

Si prendon gioco dell'uomo

E del suo cuore tremante.

Ma cosa c'è in quest'amore?

Come un tocco di dita,

Un sapore pungente

Sfugge sempre alla vita.

Ma cosa resta del vento?

I colori cangianti

Di un tramonto felice

Nelle sabbie danzanti.

E allora ascolta le nuvole

Il sapore dei venti

O il silenzio dei corpi

Di due languidi amanti.

Helena

Doch was sind die Wolken?

Existenz des Nichts …

Der Mensch ist Spielball ihnen

Und ebenso sein bebend' Herz.

Doch was birgt diese Liebe?

Wie die Berührung eines Fingers,

Wie ein stechender Geschmack

Entflieht sie stets dem Leben.

Und was bleibt vom Wind?

Der Farbenreigen

eines glücklichen Sonnenunterganges

Im tanzenden Sand.

So lausche doch den Wolken,

Dem Geschmack des Windes,

Oder der Stille

zweier sehnsüchtig liebender Körper.

- 40 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 41 -


Athena

Athene

Tale è la forza del guerriero antico

Solche Kraft hat der antike Kriegesmann

Che mura di gran pietra getta in terra

Dass er mächt'ge Mauern wirft zu Boden.

No so se confidar nel mio nemico

Weiß nicht, ob ich meinem Feinde trauen kann,

O se volgere ad altri questa guerra.

Oder ob dieser Krieg soll andre holen.

2 Esercito guerrier com'una mandra

Gleich einer wild geword'nen

2

D'infuriati tori e sì feroci,

Herde toller Stiere,

Che non sentono il pianto di Cassandra

Hört die Kriegerschar nicht der Kassandra Klagen

O dei superni Dei le forti voci.

Noch die mächt'gen Stimmen all der Götter, der erhab'nen.

O Achille, Agamemnon, Ulisse, e voi Achei

Oh Achilles, Agamemnon und Odysseus, oh ihr Achäerschar,

Che coi Troiani avete dura sorte

Mit den Trojanern habt ihr gar kein Glück,

Giammai il ritorno rivedrà colei

Niemals wird je kehrn zurück,

Che fu di Menelao fatal consorte.

Die Menelaos schicksalhafte Gattin war.

Cassandra

Kai Zeuth, Kai Zeuth Arthai!

Zeuth Arthai!

Virgoram frisco acquesum cortai

Neve tallis miserai

Orribil grida dai.

Het si milar gaudendo

Sanguoso vit marcando

Cum glado straferendo

Di poi che in guerra andando

La vita abbandonai.

Kassandra

(Der Text basiert auf der Tradition des Grammelot,

einer erfundenen Sprache, bei der sich zu den Lautnachahmungen

erkennbare Verse gesellen.

Von einer Übersetzung wurde daher abgesehen, a. d. Ü.)

- 42 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 43 -


Kai Zeuth, Kai Zeuth Arthai!

Zeuth Arthai!

Malavissions ne nego, ut sem harai

Pestiante remirai

Non fregumir, non dego mai.

2 Het si milar gaudendo

2

Sanguoso vit marcando

Cum glado straferendo

Vita va morendo

Per me che Amore ascoltai.

Prima Battaglia

Alla guerra, alla guerra, alla guerra!

Sonate tamburi, cistri e sonagli

Gridate voi trombe le glorie, i perigli

Di questi guerrieri che sfidan la terra!

Alla guerra, alla guerra, alla guerra!

E voi donne fiere perché combattete

Quest'orda di carne che mai abbatterete,

Di lance infocate che tutti sotterra?

Alla guerra, alla guerra, alla guerra!

Soldati tremendi, guerrieri feroci

Migliaia di grida di orribili voci

Il nero destino la porta ci serra!

Alla guerra, alla guerra, alla guerra!

Erste Schlacht

Auf zum Kampfe, auf zum Kampfe!

Erschallet nun ihr Trommeln, Cistern ihr und Schellen,

Ihr Posaunen tönt den Ruhm und die Gefahren nur hinaus,

All dieser Krieger, die die Erde fordern woll'n heraus.

Auf zum Kampfe, auf zum Kampfe!

Und ihr, ihr stolzen Frauen, warum bekämpft ihr diese Horde

Fleisch, von brennenden Lanzen, die alles begraben?

Gegen sie werdet ihr nie das Sagen haben!

Auf zum Kampfe, auf zum Kampfe!

Schreckliche Soldaten, grausame Krieger,

Tausende Schreie aus furchtbaren Kehlen

Schwarzes Geschick versperrt uns die Wege.

Auf zum Kampfe, auf zum Kampfe!

- 44 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 45 -


Sognare, sognare, sognare …

Quanto silenzio, stanotte, e com'è gravido di sogni …

E i sogni si dividono, si frammentano …

Un sogno ci dice che è sera e ci lascia vedere una

spiaggia e un mare quieto. E su questa spiaggia un uomo,

un vecchio che lagrima in solitudine … Ma no,

và via, via, non è questo ora il sogno che vogliamo …

Träumen, träumen, träumen …

Welche Stille heut' Nacht und wie traumschwer sie ist …

Die Träume teilen sich, zerbrechen in tausend Stücke …

Ein Traum sagt uns, dass es Abend ist und lässt uns einen

sanften Strand, ein ruhiges Meer betrachten. Und auf diesem

Strand sitzt ein alter Mann, der einsam weint … Aber nein,

geh weg, verschwinde. Nicht diesen Traum wollen wir jetzt …

2 2

Ecco, un altro ci porta, su un alato cavallo, lassù,

oltre le nubi, in cieli nuovi, distanti.

Sì, è questo il sogno, è questo … Dall'alto non più si

vedono guerrieri, non più le nere navi:

i contorni di Troia si distinguono appena.

E' forse questo l'Olimpo? E ciò che le nostre orecchie

raccolgono, sono forse le voci di altri guerrieri,

i suoni di un'altra battaglia?

E stavolta, una guerra fra dei come quella tra gli umani,

che sembra non avere mai fine?

Ecco la potente e fiera Atena venirci incontro:

sembra appena uscita dal sonno,

i capelli arruffati, gli occhi socchiusi.

A lei si affianca l'indifferente e scalzo Apollo.

Ci sorpassano, non ci vedono –

allora è proprio un sogno!

E vanno, i due nemici, al cospetto di Zeus.

Questi li guarda, ma ha voce sottile il dio, distante …

Und schon trägt uns ein anderer auf einem geflügelten Pferd

hinauf bis über die Wolken, in neue, weit entfernte Himmel.

Ja, das ist der Traum, genau der … Von dort oben sind

keine Krieger mehr zu sehen und nicht die schwarzen Schiffe.

Die Umrisse Trojas sind kaum zu erkennen.

Ist das dort gar der Olymp? Und das, was unsere Ohren

hören, sind das vielleicht die Stimmen anderer Krieger,

das Tosen einer anderen Schlacht?

Nur, ist es diesmal ein Krieg unter Göttern; so wie jener

zwischen den Sterblichen, der nie zu enden scheint?

Und schon kommt uns die mächtige und stolze Athene

entgegen. Sie sieht aus, als wäre sie soeben aus dem Schlaf

erwacht: die Haare zerzaust, die Augen halb verschlossen.

An ihrer Seite der gleichgültige, barfüßige Apollo.

Sie überholen uns, ohne uns zu sehen –

dann ist es also wirklich ein Traum!

Da schreiten sie dahin, die beiden Feinde, im Angesicht des Zeus,

der sie betrachtet. Doch spricht der Gott mit dünner, ferner

Stimme …

- 46 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 47 -


Il Giudizio di Zeus

Das Urteil des Zeus

Vieni Apollo, vieni Atena

Kommt her, Apollo und du, Athene,

Preparatemi 'sta scena:

Bereitet vor mir diese Szene:

Che tra Greci e Troiani

Die Trojaner und die Griechen

Ci si morda come cani!

Sich wie die Hund' bekriegen!

2 Sono troppi 'sti guerrieri

Zu groß sind nun der Krieger Scharen

2

Sono molti più di ieri,

Sind heut mehr als sie noch gestern waren

Scudi, lance, lame e spade

Schilder, Lanzen, Schwerter, Klingen

Se ne andranno giù nell'Ade!

Hinunter in den Hades dringen!

Non c'è spazio per la pace

Es gibt hier keinen Platz für Frieden

Ma soltanto per chi è audace

Nur für verweg'ne Triebe

Non c'è spazio per l'amore

Es gibt hier keinen Platz für Liebe

Voglio che vinca il dolore.

So soll der Schmerz nun siegen,

Voglio sangue in quantità

Blut soll fließen gar in Strömen,

Voglio una calamità

Unheil möge sprießen,

Voglio che ci sia la guerra

Der Krieg soll frönen

Voglio mille corpi a terra.

Tausend Körper mögen liegen in den Wiesen,

Voglio i mari scatenati

Die Meere sollen toben

Voglio i nembi infuriati.

Wüten sollen die Gewitterwolken droben.

Il deserto lì io voglio

Nur mehr Wüste soll dort sein,

Che non nasca più un germoglio.

Soll sprießen dort nicht mehr ein Keim.

E che nei secoli futuri

In den Jahrhunderten, die kommen,

La memoria sempre duri

Solln stets eingedenk wir sein,

Di quegli uomini ammazzati

Wohl jener Männerscharen,

Da noi dei un po' annoiati.

Die wir Götter nur aus Langeweil getötet haben.

- 48 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 49 -


Achille

Achilles

Voglio bere il tuo sangue, Ettore,

Dein Blut, oh Hektor, will ich trinken,

tormentarti la carne.

dein Fleisch will quälen.

Sentire la spada che trafigge il tuo corpo,

Das Schwert, das deinen Leib durchdringt, das will ich fühlen,

Lama che lenta uccide.

So wie die Klinge, die dich langsam tötet.

2 Ricordi, infelice, la morte dei giusti?

Bist eingedenk, Unglücklicher, des Todes der Gerechten? 2

Dov'è ora il tuo dio, eroe, dove la vita?

Wo war dein Gott, oh Held, wo nur das Leben?

Non più calpesterai questo mondo,

Nicht mehr betreten wirst du diese Erde,

non più potrai vederlo.

wirst niemals sie mehr sehen.

Non più corse, non più guerra,

Kein Wettstreit mehr, kein Krieg,

non più amori, non gloria.

kein' Liebschaft, keine Wonne.

Muori, principe eroe,

So stirb, du heldenhafter Fürst, stirb jetzt,

muori adesso che tutto finisce.

dass alles mag vergehen.

Muori, portatore di morte,

Stirb du – trägst schon den Tod in dir –

muori oggi al morire del sole.

stirb heute noch beim Untergang der Sonne.

Da dieci anni camminiamo

sul terreno fatto dei nostri morti.

Urliamo la nostra pena,

il sangue dei morti beviamo.

Nel clangore delle armi ascoltiamo la loro voce,

Parole sussurrate come il suono dell'erba che nasce,

Che cresce su di loro. Sono loro quell'erba,

Sono loro l'acqua che piove, sono loro l'onda del mare.

I nostri figli non giocano più.

Feriti i sorrisi, uccisi i ricordi.

Guarda i loro occhi, senza una speranza

Che li nutra, vuoti alberghi del nulla.

Perché questa guerra, o Dei, perché il dolore?

Dov'è la gloria, dove la vittoria?

Seit zehn Jahren sind unsre Toten nun der Untergrund,

auf dem wir schreiten.

Wir brüllen unsren Schmerz hinaus

und trinken auch das Blut der Toten.

Im Geklirr' der Waffen hörn wir ihre Stimmen,

Geflüsterte Wörter, wie der Klang des sprießenden Grases,

das auf ihnen wächst. Sie sind dieses Gras,

sie das Regenwasser, sie des Meeres Wellen.

Unsre Kinder haben aufgehört zu spielen.

Ihr Lächeln ist verwundet, die Erinnerung getötet.

Sieh nur ihre Augen, ohne jede Hoffnung, die sie nährt;

leere Herbergen des Nichts.

Warum nur dieser Krieg, oh Götter, warum dieser Schmerz?

Wo ist all der Ruhm, wo nur der Sieg?

- 50 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 51 -


Non c'è che il grigio del cielo

E la risata cattiva del tempo.

Dei, perché?

Geblieben sind das Grau des Himmels

und das böse Lachen nur der Zeit.

Warum, ihr Götter?

Sto cavalcando da tre giorni e tre notti

Seit drei Tagen und drei Nächten

2 col tuo cadavere, Ettore.

reite ich mit deiner Leiche, Hektor.

2

Pietà non sento, la vittoria mi è sacra.

Erbarmen fühl ich keins, denn heilig ist der Sieg wohl mir.

Il mio amico, il mio fedele amico da te è stato colpito,

Mein Freund, mein treuer Freund getroffen ward, verlacht,

deriso, da te ucciso, spogliato delle sacre armi.

getötet gar von dir, und seiner heil'gen Waffen noch beraubt.

Ed io non dovevo vendicare la sua morte?

Und ich sollt' seinen Tod nicht rächen?

In guerra ancora, in questa guerra infinita dove più non

Unendlich dieser Krieg, wo wir unsre Toten nicht mehr zählen,

contiamo i nostri morti, qui in questa guerra mi hai

Du Hektor, der du mich zum Kampf gefordert, hast verloren

sfidato, Ettore, e hai perso.

diesen Krieg.

Sento il tuo spirito ancora aleggiare qui accanto,

Deinen Geist fühl ich an meiner Seite wehen,

ancora piangere la vita perduta,

beweinen ihn verlor'nes Leben,

il corpo sfracellato, violato, vuoto.

den leeren, zerschmetterten, geschändeten Körper.

Ma il mio spirito è forte e si nutre della vittoria,

Doch ist mein Geiste stark, er nährt sich von dem Sieg,

di questa amara vittoria che mai potrà ridare

von diesem bitt'ren Sieg,

le parole del mio amico.

der meines Freundes Worte nie zurück wird geben.

Muori, Ettore.

Oh, Hektor, sollst nun sterben!

Signora Morte

La guerra è guerra, e guerra sia ogn'ora

Ma senza aver paura vedo la Signora,

che accompagna i vivi all'oscura sorte

che tutti prenderà, perché lei è la Morte.

E vedi, guarda guarda come il tempo fugge

Sembrava giorno ed ora tutto si distrugge

Le mura, il tempio, l'ara e tutti noi mortali

Frau Tod

Krieg ist Krieg und sei's allzeit.

Doch ohne Angst zu fühlen, seh ich schon die Maid,

Die Lebende in finstre Aun' geleit'

Und alle wird sie packen, ist sie doch der Tod.

Und sieh nur wie die Zeit von dannen rinnt,

Kaum war's noch Tag und schon ist all's zerschlagen

Mauern, Tempel, der Altar und wir, die sterblich sind,

- 52 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 53 -


Solo le pietre sembra ch'abbiano le ali.

Le nostre donne poi le renderanno schiave

Le lasceranno in cella e butteran la chiave,

E non ritorneranno a dare luce al giorno

O ad essere le amanti con il capo adorno.

Nur die Steine mögen Flügel haben.

Unsre Frauen werden einst als Sklaven darben. In Fesseln werden

sie sie legen. Die Schlüssel werfen sie dann weg, Damit sie niemals

kehren mehr zurück, Dem Tag das Licht zu geben, Oder

als Liebende mit schön geschmücktem Haupt sich hinzugeben.

2 2

La guerra è guerra, e guerra sia ogn'ora

Ma senza aver paura vedo la Signora,

che accompagna i vivi all'oscura sorte

che tutti prenderà, perché lei è la Morte.

E tutto crolla cade e intorno il fuoco brucia

Io resto fermo e guardo e non ho più fiducia

Che l'uom che credo tale possa darmi il senso

Di tutto ciò che è soltanto un male immenso.

E adesso guardo il cielo, il mare e vedo il sole

Son vivo ancora e sento tutto il suo calore

Di certo servirà e sì, ne avrò bisogno

Se l'incubo che vivo si trasforma in sogno.

La guerra è guerra, e guerra sia ogn'ora

Ma senza aver paura vedo la Signora,

che accompagna i vivi all'oscura sorte

che tutti prenderà, perché lei è la Morte.

Krieg ist Krieg und sei's allzeit.

Doch ohne Angst zu fühlen, seh ich schon die Maid,

Die Lebende in finstre Aun' geleit'

Und alle wird sie packen, ist sie doch der Tod.

Und alles rundherum zusammenbricht und brennt,

Beweg mich nicht und schaue nur, hab kein Vertrauen mehr,

Dass mir der Mensch, den ich als solchen glaub',

den Sinn mir nennt, Von all dem Tränenmeer.

Ich schau den Himmel an, das Meer und seh sie Sonne

Ich lebe noch und fühle ihrer Wärme Wonne,

Sicher nützt sie mir, ich werd sie brauchen,

Wenn im Traum sich kehrt der Albtraum

den ich muss durchtauchen.

Krieg ist Krieg und sei's allzeit.

Doch ohne Angst zu fühlen, seh ich schon die Maid,

Die Lebende in finstre Aun' geleit'

Und alle wird sie packen, ist sie doch der Tod.

- 54 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 55 -


L'ultimo attimo I

Letzter Augenblick I

Ecco, arrivano.

Da kommen sie.

Pochi metri e poi le lance mi cercheranno,

Wenige Meter noch, dann werden mich die Lanzen suchen.

speriamo che lo scudo tenga – si, terrà, gli ho

Hoffentlich hält der Schild den Lanzen stand – ja, er wird

dato il grasso, ho pregato per lui –

halten, ich habe ihn eingefettet, hab für ihn gebetet –

2 pochi metri e sentirò il sudore dell'altro,

wenige Meter noch und ich werde den Schweiß des Andren 2

chi sarà a colpirmi, di che colore saranno i suoi occhi,

riechen. Wer wird mich treffen, welche Augenfarbe wird er

cosa sarà l'ultima cosa che vedrò, chi ammazzerò

haben, was wird das Letzte sein, das ich sehe? Wen werde ich

prima di essere ammazzato, come lo ammazzerò,

noch töten, bevor ich getötet werde? Wie werde ich ihn töten?

come mi ammazzerà, sarà di taglio o di punta?

Wie wird er mich töten? Mit der Klinge oder mit der Spitze?

Come io morirò, con le membra aperte o la mia testa

Wie werde ich sterben? Mit offenen Gliedern oder wird mein

volerà sullo scontro, facendomi vedere un'ultima

Kopf das Duell gar überfliegen und mir den Feind ein letztes

volta il mio nemico? Oppure cadrò rivolto al mare,

Mal noch zeigen? Oder werde ich zum Meer geneigt hinfallen,

con l'onda che accarezzerà il mio corpo,

mit den Wellen, die über meinen Körper streichen,

mentre anche il sole morirà nell'ultimo giorno.

während am letzten Tage auch die Sonne stirbt.

Ecco le armi che si vanno incontro, ecco i corpi

che si toccano, si rovesciano, si staccano si riuniscono, –

abbraccio di morte e non d'amore –

la sabbia penetra nelle armature, il ferro una prigione

di dolore il respiro veloce il sudore feroce.

Da klirren schon die Waffen gegeneinander und die Körper

berühren sich, drehen sich, lassen voneinander, um sich gleich

wieder ineinander zu verkeilen – eine Todes-, keine Liebesumarmung.

Der Sand dringt in die Rüstungen und das Eisen

wird ein Gefängnis voller Schmerzen – schnelles Keuchen,

grausamer Schweiß.

- 56 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 57 -


Ares

Kai Zeuth, kai Zeuth Arthai!

Vengam sedeth in loco 'hal mis erum denthai

Fir comporim tethis et philiaas Achille,

Hal morsit vis emus am eroit fra mille,

Ares

(Der Text basiert auf der Tradition des Grammelot, einer

erfundenen Sprache, bei der sich zu den Lautnachahmungen

erkennbare Verse gesellen. Von einer Übersetzung wurde daher

abgesehen, a. d. Ü.)

2 Nil egam farest virga iovinjos fretanque

2

Ot suter focoi eus de magna pira ardanque,

Chennanen, scemamen, orditores tindecta

Semprum abixu nero terribilant vendecta.

Orchamennoi virgam come ridens la jena

Produs tenda dolor mani liaut catena

Eramoc retai miser otua fercamen vistra

Micredinins ottaumen fidelis mano distra.

Kai Zeuth, kai Zeuth Arthai!

Almortis vistrim carnem sermon morgoth de falco

Pietàs non revandèm orgoi un non sarbalco:

Qui non metallo sento argicolent multedo

De ghentis troianoi incendio orribil vedo.

Kai Zeuth, kai Zeuth Arthai!

L'ultimo attimo II

Corpi. L'odore nauseabondo delle viscere aperte –

perché hai ancora gli occhi in vita, uomo,

se le tue gambe non ci sono più – il cuore impazzito

che penetra il petto, vuole uscire, scappare da tanta

ferocia mettersi in salvo lontano.

Ma è lì costretto nella sua armatura di ossa e di grida,

e anche lui grida, grida il dolore,

la paura, grida, non si calma, grida e batte, batte,

grida, vuole scappare.

Letzter Augenblick II

Körper. Widerlicher Geruch offener Leiber –

warum sind deine Augen noch am Leben, Mensch,

wenn du keine Beine mehr hast – das wild gewordene Herz,

das die Brust durchdringt, will raus, will weg von so viel

Grausamkeit, will sich fernab in Sicherheit bringen.

Doch ist es in diese Rüstung aus Knochen und Geschrei

gezwängt und schreit selbst, schreit hinaus den Schmerz,

die Angst, und schreit und schreit, beruhigt sich nicht

und schreit und will nur fliehen.

- 58 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 59 -


Vedo gli eroi, cosa resta di loro?

Ich seh' die Helden, was bleibt von ihnen?

Un velo di sangue – ah che aspro sapore

Ein Schleier aus Blut – Pfui Teufel! wie sehr das Blut doch

di ferro che ha il sangue – mi turba la vista:

nach Eisen schmeckt – er vernebelt mir die Sicht.

non so più chi è il mio nemico,

Ich erkenne meinen Feind nicht mehr.

l'assurdo amplesso dei corpi uniti non è di pace,

Die absurde Umarmung der Körper ist kein Zeichen des

2 non è di niente, neanche la morte ha voglia

Friedens, sie bedeutet gar nichts. Nicht einmal der Tod hat 2

di girare fra i corpi intrecciati.

Lust zwischen den verschlungenen Körpern umzugehen.

Perché affaticarsi se c'è qualcun altro che lo fa per lei?

Warum soll er sich abmühen, wenn's wer anders für ihn tut?

Chi ha detto che la morte è pietosa?

Wer hat gesagt, dass der Tod sich erbarmen würde?

Mi vede, mi rincorre, afferra quello

Er sieht mich, läuft mir nach und packt jeden, der in ihn

che inciampa in lei, lo sbrana come un cane famelico,

hineinstolpert. Er zerfleischt ihn, wie ein gieriger Hund.

ne apre il petto con le sue dita ossute,

Er öffnet ihm die Brust mit seinen knöchernen Fingern und

affonda il volto nelle viscere calde.

versenkt sein Gesicht in den warmen Eingeweiden.

E' alta, la Morte. Il suo viso oscuro tutto sovrasta,

Der Tod ist groß. Sein dunkles Gesicht überragt alles.

incita quelli che si fermano, osserva i feriti,

Die stehenbleiben, treibt er an. Er beobachtet die Verwundeten.

li deride, ne prende il fiato e versa il suo fiato,

Er lacht sie aus, nimmt ihnen den Atem und verteilt den eigenen.

li guarda negli occhi

Er schaut ihnen in die Augen,

mentre si lasciano prendere da lei.

während sie sich von ihm hinwegraffen lassen.

Sì, è l'ultimo orgasmo, l'ultimo, il più vero.

Ja, es ist der letzte Orgasmus, der allerletzte und wahrhaftigste.

Non mi guarda più ora, è altrove.

Nun sieht er mich nicht mehr an. Er ist schon anderswo.

Ma so che in questa battaglia la rivedrò,

Doch weiß ich, dass ich ihn in dieser Schlacht wieder sehen

fiera, e mi sorriderà come una perfida,

werde, und er mir stolz zulächeln wird, wie ein hinterlistiger,

orribile amante. Dov'è la salvezza?

schrecklicher Liebhaber. Wo ist das Heil?

Come un bimbo ti stringe la mano

Viene la Morte e ti porta lontano.

Ciò che eri ti sembrerà vano

Come il volo di un bianco gabbiano.

A te, Morte, appartiene la vita,

Avventura che sembra infinita,

Wie ein Kind, das dir die Hände reicht,

So kommt der Tod und trägt dich weit.

Was du auch warst, es scheint dir öde

So wie der Flug der weißen Möwe.

Dir Tod, gehört das Leben,

Ein ew'ges Abenteuer eben,

- 60 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 61 -


Dall'amore e dall'odio riempita:

Ma è soltanto un'amante tradita.

Von Lieb' und Hass erfüllt ist er,

Und ist doch nur ein betrog'ner Liebhaber.

Silenzio, c'è silenzio, ora. Chi resta non parla,

Stille. Nun ist Stille eingekehrt. Wer bleibt, der spricht kein Wort.

non un grido ferisce il sole oscurato dalle froge fumanti

Kein Schrei verletzt die von den qualmenden Nüstern

2 dei cavalli stanchi e impauriti,

der verängstigten Pferde verdunkelte Sonne.

2

non c'è lamento di guerriero ferito,

Kein Klagen der verwundeten Krieger ist zu hören.

non c'è il canto del mare

Auch der Gesang des Meeres ist verstummt,

o della sabbia mossa dal vento leggero.

wie jener des vom sanften Wind bewegten Sandes.

La notte verrà a coprire il dolore.

Die Nacht wird kommen, zu bedecken all den Schmerz.

Perché mi torni in mente tu donna, ora, ricordi, donna,

la sabbia nelle vesti, i nostri corpi sulla sabbia,

il nostro … ?

Ulisse

Io, Ulisse, chi sono io?

Ho affidato a un cavallo le sorti di una guerra antica.

Fuggirò lontano e sarò sempre solo.

Lo so, lo sento, è una certezza

E' una condanna, è una ferita,

Un sentimento, un abbandono,

Un desiderio, una carezza, una fatica.

Nel buio tra poco sarà luce

Di fuoco e fiamme, una notte feroce.

Non c'è speranza e non c'è amore

E si dipinge di dolore

Questa terra, questa città:

Troia morirà.

Warum kommst du mir gerade jetzt in den Sinn, Frau!

Erinnerst du dich noch an den Sand in unseren Kleidern,

an unsere Körper im Sand, an unseren … ?

Odysseus

Ich, Odysseus, wer bin ich?

Hab einem Pferd das Schicksal des antiken Krieges anvertraut.

Weit weg werd' fliehen ich, werd stets allein nur sein.

Ich weiß es, fühl's, es ist gewiss,

S'ist eine Strafe, eine Wunde,

Ein Gefühl nur, ein Verlassensein,

Ein Wunsch nur, eine Mühe, eine Zärtlichkeit.

Bald wird ins Dunkel Licht nun dringen,

Von Feuer und von Flammen, oh Nacht der Grausamkeit.

Alle Hoffnung, alle Lieb verklingen,

In Schmerz sich färbt nun

diese Stadt und diese Erden:

Troja wird sterben.

- 62 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 63 -


Alla fine del tempo …

Il corpo odora di paura

In questa notte così oscura

Lontana è la mia speranza, lontana è la casa mia,

Lontana la mia vita, la mia guerra,

La donna mia.

Am Ende der Zeiten …

Nach Angst nun riecht der Leibe,

In dieser dunklen Nacht.

Fern ist meine Hoffnung, fern auch mein Zuhause,

Fern mein Leben und mein Krieg,

Fern nun auch mein Weibe.

2 2

Il nostro sangue …

Il sangue mi chiedi, cuore?

Il nostro e il loro, stesso colore …

E lance e spade s'incontreranno

E frecce e scudi si parleranno:

Che sia la morte allora a dare

Storia agli eroi, oblio agli dei.

Fuori c'è sol coraggio, dentro c'è morte

Che sia la morte allora a dare

Storia agli eroi, oblio agli dei.

Ed il mare berrà la nostra vita …

Ed è un deserto il nostro cuore,

Sabbia di anni di odio e di furore

Cenere copra questa città

Scritto è il destino: Troia morirà.

Piangete il grave e universal dolore.

Piangete d'aspra morte il crudo affanno

Siamo nuvole.

Il tempo corre più di noi,

Ciò che oggi è, domani non sarà.

Unser Blut …

An meinem Blut willst du, oh Herz, dich laben?

Das unsre wie das ihre, dieselbe Farbe haben …

Die Lanzen und die Schwerter werden sich treffen,

Die Pfeile und die Schilder werden sich sprechen.

So gehn die Helden durch den Tod in die Geschichte ein,

Die Götter aber fallen dem Vergessen anheim.

Draußen nur der Mut, drinnen ist der Tod

So gehn die Helden durch den Tod in die Geschichte ein,

Die Götter aber fallen dem Vergessen anheim.

Und das Meer wird unser Leben trinken …

Und unser Herz gleicht einer Wüste gar,

S'ist Sand von Hass und Raserei so vieler Jahr,

So möge Asche nun die Stadt bedecken,

Das Schicksal ist besiegelt: Troja wird verrecken.

Lasst den schweren, weiten Schmerz in Tränen sich ergießen.

Beweint den bittren Tod, den öden Kummer,

Wir sind nur Wolken.

Die Zeit läuft schneller als wir's können,

Was heute ist, wird morgen nicht mehr sein.

- 64 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 65 -


Già le ferrate e inespugnabil porte

Il grande e astuto Ulisse ha rotte e prese

Per far la Grecia più guerriera e forte.

Il nostro sangue ...

Schon hat der große, schlaue Odysseus die Gitter und die

unbezwingbaren Pforten zerschlagen, eingenommen,

So wird Hellas noch stärker und noch kriegslustiger.

Unser Blut …

2 Epilogo

Epilog

2

Guarda, Padre, guarda quelle mura grigie!

Schau Vater, sieh nur jene grauen Mauern!

Vedo, Figlio, e quello che ora è fatto di cenere

Sohn, ich sehe sie und das, was jetzt in Asche liegt,

era il segno di un potere immenso.

war das Symbol unermesslicher Macht.

Come può essere, Padre?

Wie kann das sein, Vater?

E' semplice: il tempo corre via, e corre più di noi.

Ganz einfach: Die Zeit läuft dahin und sie läuft schneller als wir.

A noi sembra di decidere tutto in questa vita e mai

Wir glauben, alles in diesem Leben zu entscheiden, und niemals

pensiamo a chi ha deciso prima e a chi dopo deciderà.

denken wir an den, der schon vorher alles entschieden hat und

Siamo nuvole, cambiamo continuamente.

auch danach alles entscheiden wird.

Wir sind Wolken, die sich stets verändern.

Ciò che oggi è importante, domani non lo è più;

Was heute wichtig ist, ist morgen unbedeutend.

ciò che oggi ci appare qui e ora, domani sarà ovunque.

Was uns heut' als hier und jetzt erscheint, ist morgen überall.

Queste mura di solida arenaria ieri,

Diese Mauern, gestern noch aus festem Sandstein,

oggi sono perse nel fumo e nel vento,

sind heute schon verstreut in Rauch und Wind.

e forse saran degne di storia e di memoria.

Vielleicht sind sie es wert, in die Geschichte einzugehen.

Il tempo deciderà.

Die Zeit wird's weisen.

Andiamo, Padre, la spiaggia ci attende.

Gehen wir, Vater. Der Strand erwartet uns.

Guarda che cielo largo, guarda che mare!

Schau nur, wie weit der Himmel ist. Schau nur,

was für ein Meer!

Übersetzungen: Michael Paumgarten

- 66 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 67 -


Accordone –

Marco Beasley & Guido Morini

Marco und Guido zählen unbestritten zu den Künstlern, die

in den letzten Jahren eine besondere Beziehung zur trigonale

aufgebaut haben. Seit 2003 standen sie mehrfach hier auf

der Bühne, und ob sie zu zweit (mit Surprise bei der trigonale

2009) oder in größerer Besetzung auftraten – stets gelang es

ihnen, das Publikum in ihren Bann zu ziehen.

Ihr leidenschaftliches Interesse für Fragen der Darbietung

und ihre Begeisterung für die italienische Vokalmusik von

der Renaissance bis ins frühe 18. Jahrhundert veranlasste

die beiden im Jahr 1984 zur Gründung von Accordone. Der

Wunsch, sich auf der Bühne noch stärker an den im 17.

Jahrhundert gültigen Regeln zu orientieren, führte schließlich

dazu, sich einer Form von Konzert zuzuwenden, in dem

der dramatische Aspekt noch stärker in den Vordergrund

tritt und sich der Sänger in einen Bühnencharakter verwandelt.

Darüber hinaus nahmen sie die Herausforderung an,

den Instrumenten eine für die Stücke des jeweiligen Programms

»maßgeschneiderte« Rolle zuzuordnen. Aus dieser

Herangehensweise entstand im Jahr 2001 Una Odissea,

eine von Guido zu Texten von Marco komponierte Oper. Im

Jahr 2003 erschien Accordones erste Studioaufnahme La Bella

Noeva beim Label Alpha. Im Jahr darauf folgte Vivifice

Spiritus Vitae Vis, ein geistliches Werk von Guido zu lateinischen

Texten des Alten Testaments. Die Alben Frottole

und Recitar Cantando sind die ersten beiden Aufnahmen für

2 das belgische Label Cypres; sie wurden 2005 bzw. 2006 ver- 2

öffentlicht.

Weitere Aufnahmen, die inzwischen erschienen sind: Settecento

napoletano (Cypres), Una Iliade (bei NBE live) sowie

Frà Diavolo (Arcana).

- 68 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 69 -


Maximilian Achatz

Schauspieler und Regisseur. In Klagenfurt

geboren. Studium der Schauspieltechnik

nach Michael Cechov in Berlin.

Gründungsmitglied klagenfurter ensemble

Autogramme

2 und Theater WalTzwerk.

2

Theaterpädagogische Arbeiten.

Engagements

Stadttheater Klagenfurt

Neue Bühne Villach

Fritz Rémond Theater – Frankfurt/Main

theater forum/Kreuzberg – Berlin

Theater Neu-Ulm

Opernhaus Graz – Next Liberty Graz

Schauspielhaus Wien

aktionstheater ensemble Wien/Bregenz

theater 3raum – anatomie theater Wien

Theater an der Wien

Bühne 04 Linz

Theater Kaendace Graz

Theater am Ortweinplatz Graz

Diverse Filmrollen und zahlreiche Hörspiele

- 70 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 71 -


Samstag, 10.09., 22.00 Uhr

Burg Hochosterwitz

Der Wolkensteiner

und der Vogelweider

Einleitung

3

»Ein Leben für drei Leben: Fahrender Ritter und bäuerlicher

Edelmann. Politiker und Diplomat. Und Dichter, Komponist, 3

Liebes- und Lebenslieder

Sänger, so virtuos und reich und vielseitig wie kein anderer in

zweier Dichter und Abenteurer

Ensemble La Ziriola

seinem Land und seiner Zeit. Ein sperriger, ichbewußter, fast

barock-pompöser Mensch in seiner zerfallenden spätmittelalterlichen

Welt. Oft äußerlich, lärmend, brutal in seinen Liedern

wie in seiner Existenz, und zugleich überempfindlich, verwundbar,

von einer bis dahin unbekannten Intensität des Fühlens.

Das schiere Gegenbild zur höfisch-idealen Spiritualität seines

einzig ebenbürtigen Vorgängers Walther von der Vogelweide.«

Klaus J. Schönmetzler, in: Oswald von Wolkenstein. Die Lieder, 1979.

Walther von der Vogelweide (ca. 1170 – ca. 1228) und Oswald

von Wolkenstein (1370 – 1445), die Ikonen des mittelalterlichen

Minnesangs. Reisende ihr Leben lang, in diplomati-

Robert Weinkauf:

schen Diensten von Kaisern und Königen unterwegs durch

Gesang, Sinfonia, Trommel, Triangel

ganz Europa, zu Gast an Fürstenhöfen und in Wirtshäu-

Peter Rabanser:

sern. Tiroler? Von Oswald weiß man mit Sicherheit, dass er

Gesang, Laute, Doppelflöte, Dudelsack, Tamburello

in einem Südtiroler Bergtal geboren wurde. Sieben Städte

Susanne Ansorg: Fidel

stritten einst darum, als Heimat Homers zu gelten – in

Kay Krause: Laute, Maultrommel

mindestens vierzehn Landschaften wurde der Geburtsort

Walthers vermutet; aber einige interessante Indizien deuten

als Gast: Jörg Peukert – Moderation

darauf hin, dass auch er Südtiroler gewesen sein könnte.

- 72 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 73 -


Beide verbindet ihr unbändiger Wille zur Individualität, auf

Seitenwegen abseits der Konventionen der mittelalterlichen

Literaturgesellschaft und sie oft übertreffend. Kunstvoll

jonglieren sie mit dem Wort, der Waffe des Dichters, und

bewegen sich dabei auf einem schmalen Grat: waren beide

doch abhängig vom Wohlwollen ihrer jeweiligen Gönner.

Programm

Walther von der Vogelweide

(ca. 1170 – ca. 1228)

Dem einen brachte es ein Lehen und einen Pelzmantel, dem

Oswald von Wolkenstein

(1370 – 1445)

3 anderen mehrere Orden und mehrere Monate Gefangenschaft.

3

1. Ungarischer Tanz (instrumental)

Ungarn traditionell

2. Es füget sich do ich was von zehen jaren alt

Oswald von Wolkenstein

3. Nu hebe ichz hie mit schirmeslegen /

Her Oswald habt irs ere

Walther von der Vogelweide

4. Ich saz ûf eime steine

Walther von der Vogelweide

5. Ondas do mar (instrumental)

Martin Codax, Portugal, 13. Jahrhundert

- 74 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 75 -


6. Do frayg Amors

Oswald von Wolkenstein

7. Mejn hercz das ist versert (instrumental)

Francesco Landini, 1325 – 1397 / O. v. Wolkenstein

8. Es leucht durch graw die vein lasur

14. Kreuzzugslied (instrumental)

3 Oswald von Wolkenstein

Thibaut de Champagne, 1201 – 1253

3

9. Ajn tunckle farb von occident

Oswald von Wolkenstein

10. Amor mi fa cantar (instrumental)

Codex Rossi, Norditalien, 14. Jahrhundert

11. Steter dienest der tuot gut

Der Tanhuser, 13. Jahrhundert

12. A virgen mui gloriosa

Cantigas de Santa Maria, Spanien, 13. Jahrhundert

13. Diu menschheit muoz verderben

Walther von der Vogelweide

15. Man de fyer: Ritter Eisenhand

Sage aus den Dolomiten

16. Zergangen ist meins hertzen we

Oswald von Wolkenstein

17. Nu alrerst lebe ich mir werde (instrumental)

Walther von der Vogelweide

18. Ouwê war sint verswunden alliu mîniu jâr!

Walther von der Vogelweide

19. Ich spür ain tyer mit füssen brait

Oswald von Wolkenstein

- 76 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 77 -


Texte

2. Es füget sich do ich was von zehen jaren alt

Es fügt sich, do ich was von zehen jaren alt

Es kam so weit, als ich zehn Jahre erst alt war,

ich wolt besehen, wie die werlt wer gestalt.

dass ich die Welt schon sehen wollt', wie sie denn sei.

Mit ellend, armut mangen winkel, haiss und kalt

Hilflos und arm hab' ich gehaust in manchem Land, in Hitze,

3 hab ich gebawt bei Cristen, Kriechen, Haiden.

Kälte, unter Christen, Orthodoxen, Heiden.

3

Drei pfenning in dem peutel und ain stücklin brot,

Drei Pfennige im Beutel und ein Stücklein Brot

das was von haim mein zerung, do ich loff in not.

nahm ich als Wegzehrung mit, als ich ins Elend lief.

Von fremden freunden so hab ich manchen tropfen rot

Durch falsche Freunde hab' ich manchen Tropfen Blut

gelassen seider, das ich wand verschaiden.

vergossen seither – ich war nah' dem Tode.

Ich loff ze fuss mit swerer buss, bis das mir starb mein

Ich lief zu Fuß nach Büßerart, bis dass mir, als ich vierzehn

vatter, zwar wol vierzen jar nie ross erwarb,

war, mein Vater starb. Ich hatt' kein Pferd,

wann aines roupt, stal ich halbs zu mal mit valber varb

ich raubte eins, halb stahl ich es, ein Falbe war's,

und des geleich schied ich da von mit laide.

und derart wurd' ich ihn mit Schmerzen wieder los dann.

Zwar renner, koch so was ich doch und marstaller,

Ich war auch Laufbursch, Koch und Pferdeknecht,

auch an dem ruder zoch ich zu mir, das was swër,

und an dem Ruder zog ich fleißig, das war schwer,

in Kandia und anderswo, ouch widerhar,

in Kreta und auch anderswo und auch zurück.

vil mancher kittel was mein bestes klaide.

Und viele Kittel war'n die besten Kleider.

Ain künigin von Arragon, was schon und zart,

da für ich kniet, zu willen raicht ich ir den bart.

Mit hendlein weiss bant si darein ain ringlin zart

lieplich und sprach: »Non mai plus dis ligaides.«

Von iren handen ward ich in die oren meingestochen

durch mit ainem messin nädelein, nach ir gewonheit sloss

si mir zwen ring dorein, die trüg ich lang, und nennt man si

»raicades«. Ich sucht ze stund künig Sigmund,

wo ich in vand, den mund er spreutzt und macht ain kreutz,

2. Es kam soweit, als ich zehn Jahre erst alt war

Die Königin von Aragon war schön und lieb,

ich kniete vor ihr, reichte willig ihr den Bart,

mit weißen Händchen flocht sie ein Ringlein mir hinein recht

liebevoll und sprach: »Bind' dieses nicht mehr los!«

Durch ihre Hände wurden mir die Ohren dann durchstochen

sanft mit einem Messing-Nädelein, nach ihrer Art zog

sie mir zart zwei Ringlein ein, die trug ich lang, man nennt

sie »Raicades«. Ich suchte bald König Sigmund auf,

dort wo er war, er riss den Mund auf, kreuzigt' sich,

- 78 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 79 -


do er mich kant, der rufft mir schier: »Du zaigest mir hie

disen tant«, freuntlich mich fragt: »Tun dir die ring nicht

laides?« Weib und ouch man mich schauten an mit lachen

so; neun personier kungklicher zier, die waren da ze

Pärpian, ir babst von Lun, genant Petro, der Römisch

künig der zehent und die von Praides.

3 Gen Preussen, Littwan, Tartarei, Türkei, uber mer,

Nach Preußen, Litauen, in die Tartarei, Türkei

3

gen Frankreich, Lampart, Ispanien, mit zwaien königs

her traib mich die minn auf meines aigen geldes wer:

Ruprecht, Sigmund, baid mit des adlers streiffen.

franzoisch, mörisch, katlonisch und kastilian, teutsch,

latein, windisch, lampertisch, reuschisch und roman,

die zehen sprach hab ich gebraucht, wenn mir zerran;

auch kund ich fidlen, trummen, paugken, pfeiffen.

Ich hab umbfarn insel und arn, manig land, auff scheffen

gros, der ich genos von sturmes band, des hoch und nider

meres gelider vast berant; die schwarzen see lert

mich ain vas begreiffen, do mir zerbrach mit ungemach

mein wargatein, ain koufman was ich, doch genas ich und

kom hin, ich und ain Reuss; in dem gestreuss houbgut,

gewin, das sucht den grund und swam ich zu dem reiffen.

als er mich sah, und rief sofort: »Du zeigst dich mir mit

diesem Tand!« Er fragte freundlich: »Tun dir die Ringe nicht

weh?« Und Frau'n wie Männer schauten mich jetzt lachend

an; neun Leute königlichen Adels war'n dabei in

Perpignan, der Papst von Luna, Petrus war's, als Zehnter

dann der Römische König und die Frau von Prades.

und übers Meer, nach Frankreich, Lombardei und Spanien,

in zweier Könige Heer trieb mich die Liebe hin:

Ruprecht und Sigmund, mit des Adlers Zeichen. Französisch,

Maurisch, Katalanisch und Kastilisch, Deutsch, Latein,

Slowenisch, Lombardisch, Russisch, Ladinisch:

Ja die zehn Sprachen sprach ich dann, wenn's nötig war;

auch fiedeln konnt' ich und trompeten, trommeln, flöten.

Ich hab' umsegelt Inseln, viele Länder auch auf großen

Schiffen, die im Sturm die Rettung war'n, ich raste über's

ganze Meer in Nord und Süd, das Schwarze Meer, das lehrte

mich ein Fass umarmen, als mir zum Unheil noch mein Schiff

zerbrach dort. Ein Kaufmann war ich, ward gerettet, kam

davon – ich und ein Russe; in dem Toben sanken weg zum

Grund das Kapital und der Gewinn – ich schwamm ans Ufer.

- 80 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 81 -


3. Her Oswald habt irs ere

3. Herr Oswald, besitzt ihr die Vermessenheit

Her Oswald, habt irs êre,

Herr Oswald, besitzt ihr die Vermessenheit, euch neben den

daz ir den meister treten welt sin meisterlichen sprüche?

Meister mit seinen meisterlichen Sprüchen stellen zu wollen?

Lâtz euch geschehen niht mêre,

Dass man euch zu den Narren zählt,

sît daz manz euch zum witzen zelt.

mag noch das wenigste sein, was euch dafür blüht.

Wan ob Her Walther kröche, man sieht ihn doch besser

Selbst wenn Herr Walther kröche, würde man von ihm mehr

3 danne euch. Er ist daz korn, ir sît die spreu.

sehen als von euch. Er ist das Korn, ihr seid die Spreu. 3

Singent ir einz, er singet drei.

Singt ihr ein Lied, so singt er drei.

Ir sît gelîch als ars unde mond!

Ihr seid ihm so gleich wie der Arsch dem Mond.

Her Walther singet, swaz er will, des kurzen und

Herr Walther singt, was er will, viel kurze und

des langen vil, sus mêret er der welt ir spil.

viel lange Lieder; so bereichert er das Spiel der Welt:

Sô jagent ir als ein valscher hunt nach wâne!

Ihr falscher Hund aber jagt dem Wahne nach!

4. Ich saz ûf eime steine

Ich saz ûf eime steine und dahte bein mit beine;

dar ûf satzt ich den ellenbogen; ich hete in mîne hant

gesmogen daz kinne und ein mîn wange.

Dô dâhte ich mir vil ange,

wie man zer werlte solte leben:

deheinen rât kond ich gegeben,

wie man driu dinc erwurbe,

der deheinez niht verdurbe.

Diu zwei sint êre und varnde guot, der ietwederz dem

andern schaden tuot, daz dritte ist gotes hulde,

der zweier übergulde.

Die wolte ich gerne in einen schrîn.

Jâ leider desn mac niht gesîn,

4. Ich saß auf einem Stein

Ich saß auf einem Stein und schlug ein Bein über das andere;

darauf setzte ich den Ellenbogen; in meine Hand

hatte ich das Kinn und eine Wange geschmiegt.

So dachte ich eindringlich nach,

auf welche Weise man auf der Welt leben müsse:

Keinen Rat konnte ich aber geben,

wie man drei Dinge so erwerben könne,

ohne dass eines von ihnen zugrunde ginge.

Zwei von ihnen sind Ehre und Besitz, die einander oft

schaden, das dritte ist Gottes Gnade,

die viel mehr wert ist als die beiden andern.

Diese wollte ich gerne zusammen in einem Kästchen.

Aber leider ist es nicht möglich,

- 82 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 83 -


daz guot und werltlich êre und gotes hulde mêre zesamene

in ein herze komen. Stîg unde wege sint in benomen:

untriuwe ist in der sâze, gewalt vert ûf der strâze;

fride unde reht sint sêre wunt. Diu driu enhabent geleites

niht, diu zwei enwerden ê gesunt.

dass Besitz und weltliche Ehre und Gottes Gnade zusammen

in ein Herz kommen. Weg und Steg sind ihnen genommen:

Verrat liegt auf der Lauer, Gewalt beherrscht die Straße;

Friede und Recht sind schwer verwundet. Die drei haben keine

Sicherheit, bevor die zwei nicht gesund werden.

3 6. Do frayg Amors

6. Do frayg Amors

3

Do frayg amors adiuva me! Ma lot, mein orss, na moy

serce, rennt mit gedanck, frow puraty, eck lopp, ick slapp,

vel quo uado, wesegg mein krap ne dirs dobro. Lu gslaff

ee franck merschy voys gry. Tewczsch wellisch mach,

franczoisch wach, vngrischen lach, brot windisch bach,

flemming so krach, latein die sybend sprach!

Mjlle schenna, yme, man gür, peromnia des leibes spür

cenza befiu mit gschoner war dut seruiray, pur tzschätti

gayss, nem tudem fray kain falsche rays Got wett wol

twyw, eck de amar. Tewczsch wellisch mach, franczoisch

wach, vngrischen lach, brot windisch bach, flemming so

krach, latein die sybend sprach!

De mit mundesch, Margaritha well, exprofundes das tun

ich snell. Datt löff draga, griet per ma foy! Jnrecommisso

dyors et not my ty commando, wo ich trott, jambre, twoya

allopp my troy. Tewczsch wellisch mach, franczoisch

wach, vngrischen lach, brot windisch bach, flemming so

krach, latein die sybend sprach!

Oswald hat hier das Kunststück unternommen, ein Liebeslied

aus sieben Sprachen bzw. Dialekten zu montieren, wobei ihm

allerdings manche sprachlichen Unrichtigkeiten unterlaufen sind.

Für weniger Sprachkundige, die dieses Renommierstück nicht

verstehen konnten, hat er selbst eine freie Übersetzung beigefügt.

Das Lied ist an »Gret«, Margarethe von Schwangau, gerichtet.

- 84 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 85 -


8. Es leucht durch graw die vein lasur

8. Es glänzt im Grau die Lichtlasur

Es leucht durch graw die vein lasur durchsichtiklich

Es glänzt im Grau die Lichtlasur durchsichtig ausgesprenget.

gesprenget; plick durch die praw, rain creatur, mit aller zier

Blick durch die Brau, oh Kreatur, mit aller Zier gemenget.

gemenget. Preislicher jan, dem niemand kan nach meim

Du Ehrenfeld, so schön bestellt! Wer auf der Welt trüg so ein

verstan plasnieren neur ain füesslin, an tadels mail ist er

zieres Füßlein? Sie ist allein an Tadel rein. Und würde mein

so gail. Wurd mir zu teil von ir ain freuntlich grüesslin, so

auch nur ein liebes Grüßlein, so wär mein Schwer auf leichter

3 wär mein swär auff ringer wag vollkomenlich geschaiden,

Waag und müsste von mir scheiden, von deren Ehr man singen 3

von der man er, lob singen mag ob allen schönen maiden.

mag vor allen schönen Maiden.

Der tag scheint gogeleichen hel, des klingen alle auen,

darin mang vogelreich sein kel zu dienst der rainen frauen.

Schärfflichen pricht, süesslichen ticht und tröstlich flicht

mit strangen heller stimme. All plüemlin spranz, des maien

kranz, der sunnen glanz des firmaments hoch klimme dient

schon der kron, die uns gepar ain frucht keuschlich zu

freuden. Wo wart kain zart junkfrau so klar ie pillicher zu

geuden?

Das wasser, feuer, erd und wint, schatz, kraft der edlen

staine, all abenteuer, die man vint, gleicht nicht der maget

raine, die mich erlöst, täglichen tröst. Si ist die höst in

meines herzen kloster. Ir leib so zart ist unverschart.

Ach rainer gart, im heil frölicher oster ste für die tür

grausleicher not, wenn sich mein haupt wird senken gen

deinem veinen mündlin rot, so tue mich, lieb, bedenken!

Der Tag erstrahlt so minnig hell, es klingen alle Auen,

und singen Vögel in der Kehl zum Dienst der reinen Frauen.

Da schallt es licht: ein süß Gedicht sich tröstlich flicht,

von Stimmen hell durchzogen. Der Blumen Kranz, des Maien

Tanz, der Sonne Glanz, des Firmamentes Bogen ist der Lohn

der Kron, die einst gebar den Sohn in keuschem Wissen.

Wo ward eine zarte Jungfrau klar so billig je gepriesen?

Das Wasser, Feuer, Erde, Wind, die Kraft der edlen Steine,

all Abenteuer, so man findt, gleicht nicht des Mägdleins

Reine. Die mich erlöst und täglich tröst, sie wohnt zuhöchst in

meines Herzen Klostern. Wie ist sie zart und wohl bewahrt!

Ach, reiner Gart, im Heil der frohen Ostern steh vor den Toren

meiner Not! Muss sich mein Haupt einst senken zu

deinem feinen Mündlein rot, so wolle mein Gedenken!

- 86 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 87 -


9. Ajn tunckle farb von occident

9. Die dunkle Farb' von Westen her

Ain tunckle farb von occident mich senlichen erschrecket,

Die dunkle Farb' von Westen her erschreckt im Sehnsuchts-

seid ich ir darb und lig ellenddes nachtes ungedecket.

schmerz mich, weil sie mir fehlt, ich einsam lieg' die Nacht

Die mir zu vleiss mit ermlein weiss und hendlin gleiss

und unbedeckt auch. Die mich recht fest mit hellen Ärmlein,

kan freuntlich zu ir smucken, die ist so lang,

Händchen weiß so liebevoll kann drücken, die ist so weit,

das ich von pang in meim gesang mein klag nicht mag

dass ich aus Angst mit meinem Lied die Klag' nicht kann

3 verdrucken. Von strecken krecken mir all bain,

verbergen. Beim Strecken knackt ein jedes Glied,

3

wenn ich die lieb beseuffte, die mir mein gier nur weckt

seufz' ich um meine Liebste, die mein Verlangen weckt

allain, darzu meins vatters teuchte.

allein und meiner Lenden Krämpfe.

Durch wincken wanck ich mich verker des nachtes

ungesla-a-a-afen, gierlich gedanck mir nahent ferr mit

unhilflichem waffen. Wenn ich mein hort an seinem ort

nicht vind all dort, wie offt ich nach im greiffe, so ist nur,

ach, vil ungemach, feur in dem tach, als ob mich brenn der

reiffe. Und winden, binden sunder sail tut si mich dann gen

tage. Ir mund all stund weckt mir die gail mit seniklicher

klage.

Also vertreib ich, liebe Gret, die nacht bis an den

morgen. Dein zarter leib mein herz durchgeht,

das sing ich unverborgen. Kom, höchster schatz,

mich schreckt ain ratz mit grossem tratz, davon ich dick

erwachen, die mir kain ru lat spät noch frü, lieb, dorzu tu,

damit das bettlin krache! Die freud geud ich auf hohem stul,

wenn das mein herz bedencket, das mich hoflich

mein schöner bul gen tag freuntlichen schrencket.

Ich wälze mich so hin und her des Nachts und kann nicht

schl-a-a-afen, Begierden nähern sich von fern unwiderstehlich

kämpfend. Wenn meinen Schatz ich nicht dort find' an seinem

Platz, so oft ich nach ihm greife, so gibt es,

große Plag', das Feuer auf dem Dach, als ob der Reif mich

brennte. Sie dreht und fesselt ohne Strick mich bis zum frühen

Morgen. Ihr Mund weckt dauernd mir die Lust bei meiner

Sehnsuchtsklage.

Und so vertreib' ich, liebe Gret, die Nacht mir bis zum

Morgen, dein zarter Leib durchbohrt mein Herz,

das singe ich ganz offen. Komm', höchster Schatz,

mich schreckt der »Ratz« recht heftig, wodurch ich oft erwache.

Die du mir keine Ruhe lässt, so hilf' dazu,

damit das Bettchen krache. Die Freude juble ich hinaus, wenn

das mein Herz sich denke, dass mich mein edler,

schöner Schatz am Morgen zart umfasste.

- 88 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 89 -


11. Steter dienest der tuot gut

11. Treue Dienste, die sind gut

Steter dienest der ist guot, den man schonen frowen tuot,

Treue Dienste, die sind gut, die man edlen Damen tut.

als ich miner han getan, der muos ich den salamander

Ich hab meine auch getan, durfte ihr den Salamander

bringen. Eines hat si mir gebotten, daz ich schike ir abe den

bringen. Weiter hat sie mir befohlen, ihr das Meer vors Haus

rotten hin von provenz in das lant ze nuerenberg, so mag

zu holen, ich befolgte jeden Plan, wollte ja ihr stolzes Herz

mir wol gelingen. Unde die tuonouwe uber rin, fuege ich

bezwingen. »Schick die Donau in den Rhein«, so und ähnlich

3 das, so tuot si swes ich muote. So selig si daz frowelein sist

klangen die Befehle. »Denn bei mir, da gibt's kein Nein, 3

geheissen guote. Spriche ich ia, si sprichet nein. Sus so

du sollst ganz mein Diener sein, dass ich dich, ja, dich allein,

hellen wir en ein: Heia hei, sist ze lange gewesen us miner

mir zum Liebsten wähle: Heiahei! Mir gehört dein Herz und

huote! – Ja hiute unde iemer mere ia, heilalle unde aber ia,

deine Seele!« – Heute will sie viel und morgen noch viel mehr.

ziehent herze wafena! Wie tuot mir diu liebe so, diu reine

Das, was sie will, das bring ich her, doch macht sie mir das

unde div vil guote, daz si mich niht machet fro, des ist mir

Herz nur schwer. Warum quält mich die Liebste so, die Edle,

we ze muote.

Holde und Gute? Ihr wisst, sie macht mich niemals froh, da

wird mir weh zumute!

Mich tuot wol ein lieber wan, den ich von der schonen han,

In meinem süßen Liebeswahn hab ich dies und das getan, sang

so der miuseberg zerge sam der sne, o lonet mir diu reine.

die schönsten Lieder ihr, war sie nicht die beste aller Frauen?

Alles des min herze gert, des bin ich an ir gewert, minen

Sie versprach mir ihre Huld, bat mich aber um Geduld, schon

willen tuot si gar, buwe ich ir ut ein hus von helfenbeine.

verlangte sie von mir, ihr ein Haus aus Elfenbein zu bauen.

Swa si will uf einen se, so habe ich ir friuntschaft unde ir

»Einen See direkt ans Haus, mitten zwischen ewig grünen

hulde. Bringe ich ir von galylee her an alle schulde ein

Bäumen. Schnell, mein Diener, mach dich raus!« Ach, so nutzte

grozen berk, gefuoge ich daz, da her adan uffe sas:

sie mich aus. Und ich baute an dem Haus, folgte ihren Träumen:

Heia hei, daz were aller dienste ein uber gulde! –

Heiahei! Musste fast mein eignes Glück versäumen. –

Ja hiute unde iemer mere ia, heilalle …

Heute will sie viel und morgen noch viel mehr …

- 90 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 91 -


Ein boum der stet in yndian, gros, den wil si von mir han.

Nur aus Indien noch ein Baum fehlte ihr in ihrem Raum.

Minen willen tuot si gar, seht ob ich irs alles her gewinne.

Schnell schon war ich wieder da, dass ich ihren nächsten

Ich muos gewinnen ir den gral, des da pflac her parcyfal

Wunsch erriete. Ja, den Gral vom Parzival wollte sie dann

unde den apfel den paris gab dur minne venus der güttine.

auch nochmal mit dem Apfel – ist das klar? –,

den einst Paris schenkte Aphrodite.

Unde den mantel, der beslos gar die frowen diu ist

Nein, sie gab so schnell nicht auf, auch Marias Mantel wollt'

unwandelbere. Dannoch wil si wunder gros, daz ist mir

sie haben. Alles nahm ich still in Kauf, ließ den Launen ihren

3 worden swere. Ir ist nach der arke we, diu da gebûwen hat

Lauf, trieb selbst Noahs Arche auf und noch mehr Wunder- 3

Noe: Heia hei, brehte ich die, wie lieb ich danne were. –

gaben: Heiahei – doch jetzt sollen and're weiterdarben! –

Ja hiute unde iemer mere ia, heilalle …

Heute will sie viel und morgen noch viel mehr …

12. A virgen mui groriosa

A Virgen mui groriosa, Reina espirital,

dos que ama é ceosa, ca non quer que façan mal.

Dest' un miragre fremoso,

ond' averedes sabor,

vos direy, que fez a Virgen,

Madre de Nostro Sennor,

per que tirou de gran falla

a un mui falss' amador,

que a mude cambiava seus amores

dun en al …

– A Virgen mui groriosa, Reina espirital,

dos que ama é ceosa, ca non quer que façan mal –

12. Die Glorreiche Jungfrau

Die glorreiche Jungfrau, die geistliche Königin, wünscht,

dass diejenigen, die sie eifersüchtig liebt, nichts Falsches tun.

Hier ist ein herrliches Wunder,

das nach Eurem Geschmack sein wird,

ich werde euch berichten, was die Jungfrau

und Mutter Gottes vollbrachte,

um einen falschen Liebhaber

vor einem großen Fehler zu bewahren,

welcher im Stillen seine Geliebten wechselte,

von einer zur anderen …

– Die glorreiche Jungfrau, die geistliche Königin, wünscht,

dass diejenigen, die sie eifersüchtig liebt, nichts Falsches tun –

- 92 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 93 -


… e pois en toda ssa vida,

per com' eu escrit' achei,

serviu a Santa Maria, Madre do muit' alto Rei,

que o levou pois conssigo per com' eu creo e sei,

deste mund' a Parayso, o Reino celestial.

… worauf dieser dann für den Rest seines Lebens –

wie ich hier geschrieben habe –

Santa Maria diente, der Mutter des höchsten Königs,

welche dann mit ihm, wie ich glaube und weiß, emporstieg

von dieser Welt ins Paradies, ins himmlische Königreich.

A Virgen mui groriosa, Reina espirital,

Die glorreiche Jungfrau, die geistliche Königin,

3 dos que ama é ceosa,

wünscht, dass diejenigen, die sie eifersüchtig liebt,

3

ca non quer que façan mal.

nichts Falsches tun.

13. Diu menschheit muoz verderben

Diu menscheit muoz verderben,

suln wir den lon erwerben,

Got wolte dur uns sterben,

sin dro ist uf gespart:

sin kriuze vil geheret hat maniges heil gemêret;

swer sich von zwivel keret, der hat den geist bewart.

sundic lip vergezzen dir sint diu jar gemezzen:

der tot hat uns besezzen, die veigen ane wer.

Nu hellent hin geliche das wir daz himelriche

erwerben sicherliche bi dulteklicher zer.

Got wil mit heldes handen dort rechen sinen anden:

sich schar von manigen landen des heile gestes her!

Got, dine helfe uns sende! Mit diner zeswen hende

bewar uns an dem ende, so uns der geist verlat,

vor helle heizzen wallen, daz wir dar in iht vallen!

Ez ist wol kunt uns allen, wie iamerliche ez stat,

13. Das Menschenleben muss vergehn

Das Menschenleben muss vergehn,

soll'n wir den ew'gen Lohn erwerben.

Gott wollt um unsretwillen sterben,

der Jüngste Tag steht erst bevor.

Sein Kreuz, so hoch gepriesen, hat vielen Seelenheil beschert.

Wer nur den Zweifel von sich kehrt, hat seine Seel' bewahrt.

Sünder, gedankenlos, die Jahr' sind dir gezählt.

Der Tod hat uns umstellt, die ihm Verfallenen sind ohne Wehr.

Nun eilt dorthin sogleich, wo wir das Himmelreich

hingebungsvoll und ganz gewiss erringen!

Gott will durch Ritters Hand dort rächen seine Schmach,

es sammle sich aus vielen Ländern des Heil'gen Geistes Heer.

Gott, gib uns deine Hilfe: Mit deiner rechten Hand

bewahre uns am Ende, wenn uns die Seel' verlässt,

davor, dass wir nicht stürzen in heiße Höllenglut.

Es ist uns allen wohlbekannt, wie jammervoll es steht

- 94 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 95 -


daz here laut vil reine, gar helfelos und eine.

um das reine Heilige Land, so hilflos und allein.

Jerusalem, nu weine, wie din vergezzen ist!

Weine, Jerusalem, wie hat man dich vergessen!

Der heiden überhere hat dich verschelket sere.

Der Heiden Übermacht hat dich zum Knecht erniedrigt.

Dur diner namen ere la dich erbarmen, Krist,

Um der Dreifaltigkeit Ehre lass dich erbarmen, Christ,

mit welher not sie ringen, die dort den borgen dingen,

über die Not, mit der sie ringen, die dort auf Beistand hoffen –

daz si uns also betwingen,

dass wir auf solche Art bezwungen werden,

daz wende in kurzer frist!

das wende in kurzer Frist!

3 3

16. Zergangen ist meins hertzen we

Zergangen ist meins hertzen we, seit das nu fliessen

wil der sne ab Seuser alben und auss Flack,

hort ich den Mosmair sagen. Erwachet sind der erden tünst,

des meren sich die wasserrünst von Kastellrut in den Eisack,

das wil mir wol behagen. Ich hör die voglin gross und klain

in meinem wald umb Hauenstain die musik prechen in der

kel, durch scharffe nötlin schellen, auff von dem ut hoch in

das la und hrab zu tal schon auff das fa durch manig süesse

stimm so hel; des freut euch, guet gesellen!

Was get die red den Plätscher an? Mein singen mag ich

nicht gelan, wem das missvall, der lass mich gan,

und seimir heur als vert! Ob mir die vaigen sein gevar,

noch tröst ich mich der frummen zwar, wie wol das heuer

an dem jarvalsch pöse münz hat wert.

Verswunden was meins herzen qual, do ich die ersten

nachtigal hort lieplich singen nach dem pflueg dort enhalb

in der Matzen. Da sach ich vier stund zwai und zwai

geweten schon nach ainem rai, die kunden nach des Mutzen

fueg wol durch die erden kratzen. Wer sich den winder hat

16. Vergangen ist mein's Herzens Weh

Vergangen ist mein's Herzens Weh, weil jetzt zerschmelzen

wird der Schnee da auf der Seiseralm und Flagg,

hört' ich den Mosmair sagen. Die Bodendünste sind erwacht,

die Wasserläufe schwellen an von Kastelrut zum Eisack hin –

das wird mich richtig freuen. Ich hör' die Vöglein groß und klein

in meinem Wald um Hauenstein, die Dreiklänge aus ihrer

Kehl' durch helle Töne schallen: vom Ut hinauf bis hoch

zum La und dann herab schön auf das Fa aus vielen zarten

Stimmen hell, das freut euch, liebe Freunde!

Was geht die Red' den Plätscher an? Mein Singen höre ich

nicht auf, wem es missfällt, der lass' mich zieh'n,

es interessiert mich nicht. Wenn mir die Üblen feindlich sind,

dann tröst' ich mit den Guten mich, obwohl jetzt schon in

diesem Jahr gefälschte Münzen wertvoll sind.

Verschwunden ist mein's Herzens Qual, als ich die erste

Nachtigall hinter dem Pflug schön singen hört' dort drüben

in der Matzen. Dort sah ich viermal zwei und zwei in einer

Reihe eingespannt, die konnten nach des Mutzers Art gut

durch die Erde scharren. Wer sich im Winter hat versteckt

- 96 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 97 -


gesmuckt und von der pösen welt verdruckt, der freu sich

und vor der bösen Welt verdrückt, der freu' sich auf die

gen der grüenen zeit, die uns der mai wil pringen.

grüne Zeit, die uns der Mai wird bringen.

Ir armen tier, nu raumpt eur hol, get, suecht eur waid,

Ihr armen Tiere, kommt hervor, geht auf die Weide,

gehabt euch wol! Perg, au und tal ist rauch und weit,

gehabt euch wohl! Berg, Au und Tal belaubt und weit –

des mag euch wol gelingen. Was get die red den Plätscher an?

das wird euch gut gefallen. Was geht die Red' den Plätscher an?

Mein singen mag ich nicht gelan, wem das missvall, der lass

Mein Singen höre ich nicht auf, wem es missfällt, der lass'

mich gan, und seimir heur als vert! Ob mir die vaigen sein

mich zieh'n, es interessiert mich nicht. Wenn mir die Üblen

3 gevar, noch tröst ich mich der frummen zwar, wie wol

feindlich sind, dann tröst' ich mit den Guten mich, obwohl 3

das heuer an dem jarvalsch pöse münz hat wert.

jetzt schon in diesem Jahr gefälschte Münzen wertvoll sind.

18. Ouwê war sint verswunden alliu mîniu jâr!

Ouwê war sint verswunden alliu mîniu jâr!

Ist mir mîn leben getroumet, oder ist ez wâr?

Daz ich je wânde ez wære, was daz allez iht?

Dar nâch hân ich geslâfen und enweiz es niht.

Nû bin ich erwachet, und ist mir unbekant daz mir hie vor

was kündic als mîn ander hant. Liut unde lant,

dârinne ich von kinde bin erzogen, die sint mir worden

vremde rehte als ez sî gelogen.

Die mîne gespilen wâren, die sint træge unt alt.

Daz velt ist unbereitet, verhouwen ist der walt: wan daz

daz wazzer vliuzet als ez wîlent vlôz, vür wâr mîn ungelücke

wande ich wurde grôz. Mich grüezet maneger trâge, der

mich bekande ê wol. Diu werlt ist allenthalben ungenâden

vol. Als ich gedenke an manegen vil wünneclîchen tac,

die mir sint gar entvallen als in daz mer ein slac, iemer mêre

ouwê.

18. Wehe, wohin sind alle meine Jahre

entschwunden?

Wehe, wohin sind alle meine Jahre entschwunden!

Habe ich mein Leben geträumt oder ist es wirklich gewesen?

Wovon ich immer glaubte, es wäre, war das alles ein Nichts?

Demnach habe ich geschlafen und weiß es nicht einmal.

Nun bin ich erwacht, und alles, was mir einst wie meine Hand

vertraut war, kenne ich nicht mehr. Die Menschen und das Land,

in dem ich als Kind erzogen worden bin, die sind mir fremd

geworden, gerade als sei es nicht wahr gewesen.

Die meine Gespielen waren, die sind nun träge und alt.

Bebaut ist das Land, gerodet ist der Wald. Flösse nicht das

Wasser, wie es ehdem geflossen, fürwahr, möcht ich glauben,

mein Leid würde wahrlich groß. Mancher grüßt mich lässig,

der mich früher gut kannte. Die Welt ist überall voller Undank.

Wenn ich an so manche herrlichen Tage zurückdenke,

die mir entglitten sind wie ein Schlag ins Wasser, immerdar:

o weh!

- 98 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 99 -


Ouwê wie jæmerlîche junge liute tuont, den ê vil

Wehe, wie kläglich führt sich die Jugend auf, deren Denken

hovelîchen ir gemüete stuont! Die kunnen niuwan sorgen:

und Trachten früher so höfisch war! Sie kennen nur noch ihre

wê wie tuont si sô? Swar ich zer werlte kêre, dâ ist nieman

Sorgen. Wehe, weshalb tun sie das? Wo ich auch hinkomme,

vrô: der jugende tanzen, singen zergât mit sorgen gar:

keiner ist mehr fröhlich. Tanzen, Lachen, Singen geht in Sorgen

nie kein kristenman gesach sô jæmerliche schar.

unter. Nie sah ein Christenmensch einen so beklagenswerten

Nû merkent wie den vrouwen ir gebende stât:

Haufen. Beobachtet nur, wie den Frauen ihr Kopfputz steht

die stolzen ritter tragent an dörpellîche wât.

und wie die hochgemuten Ritter bäurische Kleidung tragen.

3 Uns sint unsenfte brieve her von Rôme komen, uns ist

Wir haben unerfreuliche Briefe aus Rom erhalten: man hat 3

erloubet trûren und vreude gar benomen. Daz müet mich

uns das Trauern erlaubt und die Freude restlos genommen.

inneclîchen (wir lebeten ie vil wol)

Das schmerzt mich tief (lebten wir doch früher so glücklich),

daz ich nû für mîn lachen weinen kiesen sol.

dass ich jetzt mein Lachen mit Weinen vertauschen muss.

Die vogele in der wilde betrüebet unser klage:

Sogar die Vögel in der Wildnis trauern um uns. Ist es da ein

waz wunders ist ob ich dâ von an vreuden gar verzage?

Wunder, wenn ich nicht mehr den Mut aufbringe, mich zu

Ouwê waz spriche ich tumber man durch mînen bœsen

freuen? Aber ach, was rede ich Narr in meiner Erregung? Wer

zorn? Swer dirre wünne volget, hât jene dort verlorn,

irdischem Glück nachjagt, der hat das himmlische verloren,

iemer mêre ouwê.

immerdar: o weh!

Ouwê wie uns mit süezen dingen ist vergeben!

Ich sihe die bittern gallen in dem honege sweben:

diu werlt ist ûzen schœne, wîz grüene unde rôt,

und innân swarzer varwe, vinster sam der tôt.

Swen si nû habe verleitet, der schouwe sînen trôst:

er wirt mit swacher buoze grôzer sünde erlôst.

Dar an gedenkent, ritter: ez ist iuwer dinc, ir traget die

liehten helme und manegen herten rinc, dar zuo die vesten

schilte und diu gewîhten swert. Wolte got, wan wære ich

der segenunge wert! Sô wolde ich nôtic armman verdienen

rîchen solt. Joch meine ich niht die huoben noch der

hêrren golt: ich wolte sælden krône êweclîchen tragen:

die mohte ein soldenære mit sîme sper bejagen.

Wehe, wie hat man uns mit den Süßigkeiten dieser Welt

vergiftet! Ich sehe die Galle mitten im Honig schwimmen.

Nach außen hin ist die Welt schön, weiß, grün und rot,

doch im Innern ist sie schwarz und finster wie der Tod.

Wen sie aber verführt hat, der sehe zu, wo er Rettung findet.

Durch geringe Buße wird er von schwerer Sünde erlöst.

Daran denkt, Ritter, es ist eure Pflicht! Ihr tragt die

leuchtenden Helme und die starken Rüstungen, dazu die festen

Schilde und die geweihten Schwerter. Wollte Gott, ich wäre

dieses Triumphes würdig! Dann könnte ich dürftiger Bettler

reichen Lohn verdienen. Doch fürwahr, ich meine weder ein

Stück Land noch der Fürsten Gold. Die Krone der Seligkeit

möchte ich für immer erkämpfen: die konnte einst ein einfacher

- 100 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 101 -


Möht ich die lieben reise gevarn über sê, sô wolte ich

denne singen »wol« und niemêr mêre »ouwê«, niemer mêre

ouwê.

19. Ich spür ain tyer mit füssen brait

Söldner mit seiner Lanze erringen. Könnte ich die herrliche

Kriegsfahrt übers Meer mitmachen, dann würde ich »Heil«

singen und nimmermehr: »O weh!« Nimmermehr: O weh!

19. Ich spür ein Tier mit breiten Füssen

3 Ich spür ain tier mit füssen brait, gar scharpf sind im die

Ich spür ein Tier mit breiten Füßen, scharf sind seine

3

horen; das wil mich tretten in die erd und stösslichen

durchboren; den schlund so hat es gen mir kert,

als ob ich im für hunger sei beschert, und nahet schier

dem herzen mein in befündlichem getöte, dem tier ich

nicht geweichen mag, o we der grossen nöte, seid all mein jar

zu ainem tag geschübert sein, die ich ie hab verzert.

Ich bin erfordert an den tanz, do mir geweiset würt

all meiner sünd ain grosser kranz, der rechnung mir gebürt.

Doch wil es got, der ainig man, so wirt mir pald ain

strich da durch getan.

Erst deucht mich wol, solt ich ner leben eines jares lenge

vernünftiklich in dieser welt, so wolt ich machen enge,

mein schuld mit klainem widergelt, der ich laider gross

von stund bezalen muss. Darumb ist vol das herzen mein

von engestlichen sorgen, und ist der tod die minst gezalt.

O seel, wo bistu morgen? Wer ist dein tröstlich aufenthalt,

wenn du verraiten solst mit haisser buass?

O kinder, freund, gesellen rain, wo ist eur hilf und rat?

Ir nempt das gut, lat mich allain hin fahren in das bad,

da alle münz hat klainen wert, nur gute werck, ob ich der

hett gemert.

Hörner, das will mich treten in die Erd' und stoßen und

durchbohren. Sein Rachen kommt schon auf mich zu,

als ob ich ihm zum Fraße vorgesetzt. Es naht sehr schnell,

dem Herzen mein den Tod zu bringen, ich komme diesem Tier

nicht aus. Ach, welche großen Nöte, weil meine Jahr',

erst halb verbraucht, auf einen Tag sich derart zugespitzt.

Man fordert mich zu einem Tanz, wo mir gezeigt dann wird

all meiner Sünden Riesenkranz – die Abrechnung trifft mich.

Doch will es Gott, der Einzige, dann wird für mich ein

Schlussstrich bald gesetzt.

Es dünkt mich gut, sollt' ich nur mehr ein einz'ges Jahr noch

leben vernünftig jetzt auf dieser Welt, so würd' ich meine

Schulden in Raten doch verkleinern bald, die ich sogleich

auf einmal zahlen sollt'. So ist mein Herz von Angst und

Sorgen übervoll geworden, der Tod zählt so am wenigsten.

Oh Seele, wo bist du morgen? Wer ist dein Trost und Zufluchts-

ort, wenn du abrechnen musst in arger Buß'?

Oh Kinder, Freunde, edle Leut', wo ist denn eure Hilf'?

Ihr nehmt das Geld, lasst mich allein wegfahren zu der Buß',

wo keine Münze etwas gilt, nur gute Werke – wenn ich die

nur hätt'.

- 102 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 103 -


3

Allmächtikait an anefangk noch end, bis mein gelaite

durch all dein barmung göttlich gross, das mich nicht

überraite der lucifer und sein genos, da mit ich werd

enzuckt der helle slauch. Maria, maid, erman dein liebes

kind des grossen leiden! Seit er all cristen hat erlost,

so well mich auch nit meiden, und durch sein marter werd

getrost, wenn mir die seel fleusst von des leibes drouch.

O welt, nu gib mir deinen lohn, trag hin, vergiss mein

bald! Hett ich dem herren für dich schon gedient in wildem

wald, so für ich wol die rechten far: got, schepfer,

leucht mir Wolkensteiner … Vogelweider … klar!

Allmächtiger ohn' Anfang oder End', sei mein Geleite,

denn dein Erbarmen ist so groß, dass mich nicht überlisten

Luzifer und sein Kumpan und ich entrissen werd'

der Hölle Schlund. Maria, Magd, erinnere dein Kind

der argen Leiden! Da er die Christen hat erlöst,

soll er mich nicht verleugnen, durch seine Marter gib mir Mut,

wenn meine Seele aus dem Leib entflieht.

Oh Welt, nun gib mir deinen Lohn, lass mich, vergiss mich

bald! Hätt' ich dem Herrn statt dir gedient in einem dichten

Wald, dann ging' ich wohl den rechten Pfad: Gott, Schöpfer,

leucht' mir Wolkensteiner … Vogelweider … hell!

- 104 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 105 -

3


Ensemble L a Ziriola

Susanne Ansorg, studierte Musikwissenschaft

und Germanistik in Leipzig

Robert Weinkauf, Ausbildung in Kla-

sowie mittelalterliche Streichinstrumente

vier, Waldhorn und Gitarre sowie Ge-

und Musiktheorie des Mittelalters an der

sangsstudium Jazz/Musical an der Hoch-

Schola Cantorum Basiliensis. Konzerte in

schule für Musik und Theater Leipzig.

Europa, Nord- und Südamerika, Japan

Sänger des Leipziger Ensembles für mit-

und Australien mit verschiedenen Ensembles für mittel-

3 telalterliche Musik Ioculatores, zahlreiche

alterliche Musik, u.a. Sarband, Sequentia, Boston Camera- 3

Konzertreisen, CD-, Rundfunk- und Fernsehproduktionen.

ta und The Harp Consort. Ständige Begleiterin von Maria

Außerdem eigene ChanSong-Programme, Gitarrist, Sänger

Jonas/Köln. Lehraufträge, Projektleitung und Workshops

und Autor der Leipziger Beat-Band The Butlers, seit 2000

zur Musik des Mittelalters. Künstlerische Leitung und Koor-

Projekt THE BUT – Fake Sixties unplugged. Hauptberuflich

Repräsentanz für die Musikvertriebe Note1 und Codaex

in den Neuen Ländern und Berlin.

dination des internationalen Musikfestivals montalbâne.

Kay Krause, Grafiker und Musiker.

Schon als Schüler mit Folk- und Weltmusik

als Gitarrist beschäftigt, dann

bald mit Alter Musik auf Laute und Ud.

Spielt in verschiedenen Konzert- und

CD-Projekten sowie für Bühnenmusiken

an Theatern, vorrangig mit mittelalterlicher Musik,

aber auch experimenteller Musik und Jazz.

Peter Rabanser, Ausbildung in klassischer

Gitarre, später Instrumente des

Balkans und des Nahen Ostens. 1984 Mitbegründer

des Ensembles Oni Wytars;

seitdem intensive Auseinandersetzung

mit süd- und osteuropäischen Musiktraditionen

und deren Spuren in der Alten Musik. Workshops

in Österreich, Deutschland und Italien. Konzertreisen, CD-

und Rundfunkproduktionen mit den Ensembles Oni Wytars,

Katharco Consort, Accentus und Unicorn, Ensemble Llull sowie

mit Glen Velez, Renaud Garcia-Fons und René Clemencic.

2004 deutscher Weltmusikpreis Ruth-Newcomer mit Yalla

Babo Express Orchestra.

Jörg Peukert, Studium der Geschichte

und der Germanistik an der Universität

Leipzig (Freyburg/Unstrut). 2003 Übernahme

der Leitung des Museums Schloss

Neuenburg. Seit 1991 wissenschaftlichkünstlerische

Tätigkeit im konzeptionellen

- 106 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 107 -


sowie aufführungspraktischen Bereich: thematische Konzertprogramme

zur mittelalterlichen Musik und Literatur.

Auftritte in Sprecherrollen (mittelhochdeutsch, frühneuhochdeutsch)

mit verschiedenen Gruppen und Ensembles;

diverse CD- und Rundfunk-Produktionen. In diesem

Zusammenhang inhaltliche Schwerpunkte: mittelalterliche

Epik, Minnesang und Sangspruchdichtung im mittel- und

Autogramme

3 nordostdeutschen Raum, mittelalterliche Chronistik.

3

- 108 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 109 -


Sonntag, 11.09., 06.00 Uhr

Magdalensberger Kirche

Ein tönender Rosenkranz

Miriam Andersén

Gesang, gotische Harfe, Glocken

Einleitung

Dieses meditative Programm, das die wichtigsten Ereignisse

im Leben der Jungfrau Maria besingt, ist von den »sieben

Freuden Mariens«, den »sieben Schmerzen Mariens« und

vom traditionellen Rosenkranz inspiriert. Dieser setzt sich

aus fünfzehn »Mysterien« oder »Geheimnissen« zusammen.

Die Lieder haben ihren Ursprung im Mittelalter, sind zum

Teil traditionell überliefert und stammen aus Schweden,

Deutschland, Italien und England. Jedes Lied beschreibt

ein »Geheimnis«, ein wichtiges Ereignis in Marias und Jesus

Leben, und erzählt auf diese Art und Weise die Geschichte

von beiden.

Die ersten fünf Geheimnisse sind freudenreich: die Verkündigung,

die Heimsuchung, die Geburt Jesu, die Anbetung

der Könige und das Wiederfinden von Jesus im Tempel.

4

Die folgenden fünf Geheimnisse sind schmerzhaft: die Todesangst

in Gethsemane, die Geißelung und Dornenkrönung,

die Kreuzigung, der Schmerz Marias beim Verlust ihres erstgeborenen

Sohnes und die Kreuzabnahme.

4

Schließlich fünf glorreiche Geheimnisse: die Auferstehung

Jesu, die Sendung des Heiligen Geistes, Mariä Himmelfahrt,

die Krönung Mariens als Himmelskönigin und ihr Beistand

und ihr Geleit für jeden, der um Hilfe fleht.

Der Rosenkranz

Der Rosenkranz ist der Name für die Zählkette und auch

die lange Gebetskette, bestehend aus einem Vater Unser und

zehn Ave Maria, welche fünfmal wiederholt werden. Für

verschiedene Tage der Woche steht jeweils eine Gruppe

von fünf »Mysterien«, über die jeweils meditiert wird. Außerdem

gibt es verschiedene Einleitungs- und Abschlussgebete,

welche variieren.

- 110 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 111 -


Der Rosenkranz ist vor allem bekannt als katholisches Phänomen

und hat seine Wurzeln im Mittelalter. Zu dieser Zeit

hatte der Marienkult seinen Gipfel erreicht. Viele der bedeutendsten

Künstler, Dichter und Komponisten verehrten

die »Mutter Gottes« in ihrer Kunst. Innerhalb der anglikanischen

und evangelischen Kirche werden heute auch Rosenkränze

gebetet. Das Ave Maria tauscht man jedoch hier

mit dem Jesusgebet.

Programm

Freudenreiche Geheimnisse

Die Verkündigung

1. Heel maria ful medh nåd

Gegrüßet seist du, Maria!

Musikhandschrift aus Hög (Schweden), 1541

4 Der Gebrauch von Zählketten zur Unterstützung von langen

Die Heimsuchung

4

Gebetsketten ist sehr alt und findet sich schon im Hinduis- 2. O rosa in iherico

mus, im Buddhismus, im Sikhismus und auch in den orthodoxen

Kirchen und im Islam. Unter den Urchristen haben

Aus: En klosterbok (Schweden, damals Dänemark), 15. Jh.

die »Wüstenväter« als erste Zählketten in Form von Seilen

Die Geburt Jesu

mit Knoten benutzt. Den letzten Beitrag zu dieser »Flora« 3. Congaudeat, turba fidelium

von Zählketten und Gebetssystemen sind die »Perlen des

Glaubens« des schwedischen Bischofs Martin Lönnebo.

Piæ Cantiones (Finnland, damals Schweden), 1582

Die Anbetung der Könige

Miriam Andersén

4. En stjärna gick på himlen fram

Übersetzung: A. Görmar

Schwedischer Volkschoral

Das Wiederfinden von Jesus im Tempel

5. Pievisan

Schwedische traditionelle Ballade

- 112 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 113 -


Schmerzhafte Geheimnisse

Die Todesangst in Gethsemane

6. Deus, Deus meus

Gregorianisch, Psalm 22, 1-6

Die Geisselung

7. Worldes blisse, have good day!

England, 13. Jh.

Die Dornenkrönung

8. Voi ch'amate lo criatore

Laudario di Firenze, 14. Jh.

Die Kreuzigung

9. Skåder, skåder nu här alle!

Schwedischer Volkschoral

Die Kreuzabnahme und Übergabe des Leichnams

an maria

10. Or piangiamo, ché piange Maria

Laudario di Firenze, 14. Jh.

Glorreiche Geheimnisse

Die Auferstehung Jesu

11. Alleluia – Pascha nostrum

Gregorianisch

Die Sendung des Heiligen Geistes

12. Kom, helge ande, till mig in!

Schwedischer Volkschoral

4 4

Die Aufnahme Mariens in den Himmel

13. Mary, du bist daz bernde rys

Kolmarer Liederhandschrift, 14. Jh.,

Walther von der Vogelweide, im Hofton

Die Krönung Mariens

14. Wer ist die da durchleuchtet?

Oswald von Wolkenstein (1376/77 – 1445)

Die Wegweiserin

15. Sancta mater gracie / Dou way, Robin

England, 13. Jh.

- 114 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 115 -


Texte

1. Heel maria ful medh nåd

Heel maria ful medh nåd herren är medh tik

Welsignath thu owir alla quinnor

Ok wälsignath är thyns lyfs frukt Ihesus cristus

A M E N

4 4

2. O rosa in iherico

2. O Rose of Jericho

O rosa in iherico,

then hellion munde innen tich boo,

then tid thw christum fødhæ

thu blefft en rein iomfru.

O Arons edle riis

wy synghe thic loff ok priis.

O jomfru sker och reen,

gem oss fran alskøns meen,

thet han oss helper

som ær threfoldich och en.

1. Gegrüßet seist du, Maria!

Gegrüßet seist du Maria!

O Rose of Jericho,

the Holy Spirit dwelt within you,

when you bore Christ

you remained a pure virgin.

O noble rod of Aaron,

we sing your praise and honour.

O bright and pure virgin,

protect us from all harm!

In this he aids us

who is both three and one.

- 116 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 117 -


3. Congaudeat, turba fidelium

Congaudeat turba fidelium,

Virgo mater peperit filium in Bethlehem.

Ad pastores descendit angelus,

Dicens eis: natus est Dominus in Bethlehem.

Loquebantur pastores invicem,

The shepherds said one to another:

4 Transeamus ad novum hominem in Bethlehem.

Let us go to this new man born in Bethlehem!

4

Ad præsepe stant bos et asinus,

Cognoverunt quis esset Dominus in Bethlehem.

Trini, trino, trina dant munera,

Regi regum sugenti ubera in Bethlehem.

4. En stjärna gick på himlen fram

En stjärna gick på himlen fram, Halleluja!

För Österns vise undersam.

Halleluja! Halleluja!

Då märkte de, att Konungen

var kommen ned av himmelen.

Ty kommo de till Betlehem,

diy gudaskenet lyste dem.

Guld, rökverk, myrra buro de, och gladdes att få Kristus se.

Halleluja! Halleluja!

3. All believers rejoice together

All believers rejoice together;

the virgin mother bears her child in Bethlehem!

The angel descends to the shepherds, saying to them:

The Lord is born in Bethlehem!

At the manger stand the ox and ass;

they recognised the Lord in Bethlehem!

Three kings give three gifts to the triune God,

to the King of kings feeding at the breast in Bethlehem!

4. A star sprang forth in the sky

A star sprang forth in the sky, hallelujah!,

wonderful to the wise men from the East.

Hallelujah, hallelujah!

Then they beheld that the King

was come down from the heavens.

Because they arrived in Bethlehem,

where the divine light shone.

Gold, incense, myrrh they carried and rejoyced at seeing Christ.

Hallelujah, hallelujah!

- 118 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 119 -


5. Pievisan

5. Pievisan

Jungfru Maria gick vägen fram,

Virgin Mary walked upon a road –

lovat vare Guds heliga namn!

praised be God's holy name! –

där mötte hon sin trolovade man – också den helige And.

There she met her betrothed – and the Holy Spirit.

»Och hör du nu, Josef, vad jag säger dig,

»And listen up, Josef, to what I'm telling you:

har du ej sett Jesus, kär sonen min?«

have you not seen Jesus, my beloved son?«

»Jag har ej sett Jesus, kär son, sen igår.

»I have not seen Jesus, beloved son, since yesterday.

Då såg jag honom i örtagård.«

Then he was sitting in the temple, amidst our teachers.«

4 Jungfru Maria gick i örtagård in,

Virgin Mary she entered the temple,

4

där mötte hon Jesus, kär sonen sin.

there she met Jesus, her beloved son.

»Får jag då ej gå vart jag vill?

»May I not go wherever I want?

Ty himmel och jord de höra mig till.«

Heaven and earth they belong to me.«

6. Deus, Deus meus

Deus, Deus meus, respice in me:

quare me dereliquisti?

Longe a salute mea verba delictorum meorum.

Deus meus clamabo per diem, nec exaudies:

in nocte, et non ad insipientiam mihi.

Tu autem in sancto habitas,

laus Israel.

In te speraverunt patres nostri:

speraverunt, et liberasti eos.

Ad te clamaverunt, et salvi facti sunt:

in te speraverunt, et non sunt confusi.

Ego autem sum vermis, et non homo:

opprobrium hominum, et abiectio plebis.

6. My God, my God

My God, my God, why have you forsaken me?

Why are you so far from saving me,

so far from the words of my groaning?

O my God, I cry out by day, but you do not answer,

by night, and am not silent.

Yet you are enthroned as the Holy One;

you are the praise of Israel.

In you our fathers put their trust;

they trusted and you delivered them.

They cried to you and were saved;

in you they trusted and were not disappointed.

But I am a worm and not a man,

scorned by men and despised by the people.

- 120 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 121 -


7. Worldes blisse, have good day!

7. Worldly bliss, good day to you

Worldes blisse, have good day;

Worldly bliss, good day to you;

nou fram min herte wend away!

now depart from my heart!

Him for to loven min hert is went

My heart is inclined to love him

that thurgh his side spere rent

through whose side a spear tore

and shed his herte blood for me,

and who shed his heart's blood for me,

nayled to the harde tree.

nailed to the hard tree.

That sweete bodi was yteend, with nayles three ypreend.

That sweet body was tortured, ransfixed with three nails.

4 Ha Jesu! thin holi heved with sharpe thornes was byweved;

Ah, Jesu! thy holy head was encircled with sharp thorns; 4

thi feyre neb was al bispet,

thy fair face was all spat upon,

with spote and blood meynd al bywet.

all wet with mingled spittle and blood.

Fro the crune to the to thi body

From the crown [of the head] to the toe thy body

was ful of pine and wo and wan and red.

was full of pain and misery, and wan and red.

Ha Jesu! thi smerte ded be my sheeld,

Ah, Jesu! may thy painful death be my shield,

and me ared fram devles lore.

and liberate me from the devil's teaching.

Ha, sweet Jesu, thin ore!

Ah, sweet Jesu, thy mercy!

For thine pines sore

For the sake of thy grievous sufferings

tech right min herte love thee

teach properly my heart to love thee,

hwas herte blood was shed for me.

whose heart's blood was shed for me.

8. Voi ch'amate lo criatore

Voi ch'amate lo Criatore,

ponete mente a lo meo dolore!

Ch'io son Maria co lo cor tristo;

la quale avea per figliuol Cristo: la speme mia et dolce

aquisto fue crocifixo per li peccatori.

8. You who love the Creator

You who love the Creator,

turn your thoughts upon my grief.

For I am the heavy-hearted Mary;

Christ was my son: my hope and sweet asset

was crucified for sinners.

- 122 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 123 -


Capo bello et dilicato,

come ti vegio stare 'nkinato!

Li tuoi capelli di sangue intrecciati,

infin a la barba ne va i 'rrigore.

9. Skåder, skåder nu här alle!

O beautiful and delicate head,

how I see you bowed!

Your hair is entwined with blood

that flows down as far as your beard.

9. Behold, behold now everyone!

Skåder, skåder nu här alle, huru Jesus plågad är!

Behold, behold now everyone how tortured Jesus is!

4 Tårar flyte, klagan skalle,

Tears shall flow, mournful cries resound,

4

då vår syndaskuld han bär.

since our sinful debt he carries.

Så som Jesu smärta var, aldrig någons varit har.

Such a pain as Jesus suffered, never any man has felt.

Hand och fot man genomborrat, sträckt och plågad

Hand and foot they pierced, stretched and tortured

är var led.

was every joint.

Huvudet, av törnen sårat,

The head, by thorns wounded,

blekt och blodigt sjunker ned.

pale and bloody it sinks down.

Så som Jesu smärta var, aldrig någons varit har.

Such a pain as Jesus suffered, never any man has felt.

10. Or piangiamo, ché piange Maria

Or piangiamo, ché piange Maria,

in questa dia sovr' ogna dolente.

»A cui rimango, da ch'io t'ò perduto?

Al core venuto m'è sì grande coltello, laxa,

c'ora piango lo dolze saluto annuntiato da san Gabriello;

sì grande flagello lo dolzore del parto!

Se mi diparto morrò di presente.«

10. Let us now weep, since Mary is weeping

Let us now weep, since Mary is weeping,

on this day sadder than any other.

»To whom am I left, since I have lost you?

Such a great knife penetrates my heart that, alas,

I now regret the sweet salutation announced by Saint Gabriel;

the sweetness of giving birth was such a great calamity!

If I am parted from you, I will die immediately«.

- 124 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 125 -


11. Alleluia – Pascha nostrum

Alleluia.

Pascha nostrum immolatus est Christus.

12. Kom, helge ande, till mig in!

11. Alleluia – Christ, our Passover

Hallelujah, Hallelujah!

Christ, our Passover, has been immolated.

12. Come, Holy Ghost, into me

Kom, Helge Ande, till mig in, upplys min själ,

Come, Holy Ghost, into me; enlighten my soul,

4 upptänd mitt sinn, att jag i dig må bliva!

ignite my spirit, that I may stay with you!

4

Låt lysa livets ljus för mig

Let the light of life shine for me

och led mig på den rätta stig!

and lead me onto the right path!

Dig vill jag helt mig giva.

To you I wish to fully give myself.

Uppå min sida alltid stå,

Upon my side always stand,

att Satan mig ej skada må, ej världen mig förföra.

that Satan not may harm me, nor the world seduce me.

Med minom anda vittne bär, att ett Guds barn jag också är,

With mine spirit bear witness that a child of God I also am,

det Han vill saligt göra.

that he wants to beautify.

13. Mary, du bist daz bernde rys

Mary, du bist daz bernde rys,

daz Adam uß dem paradys gesendet wart

zu einer helffe sture!

Mary, du bist daz lebend zwy,

daz Noe machet leydez fry,

do in verließ das wasser ungehure!

Mary, du bist daz kindelin so cleine,

das opfert Abraham, der reine gotte,

der ym die besnydung gab!

- 126 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 127 -


Mary, du bist die tafel lobeliche,

daryn die zehen bot so ffron geschryben worden

also schon, die Moyses syder nam dar ab!

Mary, du bist die cron herliche,

die David trug biß in sin grab.

14. Wer ist die da durchleuchtet?

4 Wer ist sie, die da leuchtet vor aller Sonnen Glanz,

erquicket und durchfeuchtet den rings verdorrten Kranz?

Wer ist sie, die voran im Reihen führt den Tanz,

und die dem zarten Maien bringt Blüt' und Pflanz?

Die hehrste Jungfrau gar, die klar führwahr

den Sohn gebar, der sie als Vater keusch erlas,

bis sie jungfräulich rein genas der dreifach freien Unitas.

Durch sie sind wir getröst, erlöst von scharfer Höllengier.

4

15. Sancta mater gracie / Dou way, Robin

Dou way, Robin, the child wilë weepë; dou way, Robin

Sancta mater graciæ,

stella claritatis,

visita nos hodie,

plena pietatis.

Veni, vena veniæ,

mox incarceratis,

solamen angustiæ,

fons suavitatis.

15. Holy mother of grace / Stop it, Robin

Stop it, Robin, the child will weep; stop it, Robin.

Holy mother of grace,

star of brightness,

visit us today,

full of compassion.

Come soon, channel of pardon,

to those in prison,

as a solace of misery,

a source of sweetness.

- 128 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 129 -


Recordare, mater Christi,

Remember, mother of Christ,

quam amare tu flevisti;

how bitterly thou didst weep;

juxta crucem tu stetisti

thou didst stand beside the cross

suspirando viso tristi.

sighing at the sad sight.

O Maria, flos regalis,

O Mary, royal flower,

inter omnes nulla talis,

among all women nonesuch,

tuo nato specialis,

in thy son unequalled,

nostræ carnis parce malis.

forgive the sins of our flesh.

O quam corde supplici

O with how humble a heart

4 locuta fuisti

thou didst speak

4

Gabrielis nuncii

when thou didst receive the words

verba cum cepisti.

of Gabriel the messenger.

'En ancilla Domini'

»Behold the handmaid of the Lord«

propere dixisti;

thou didst quickly say;

vernum vivi gaudii

thereafter thou didst bear

post hoc peperisti.

the spring-time of living joy.

Gaude, digna,

Rejoice, worthy lady,

tam benigna,

so gracious,

cæli solio;

in the throne of heaven;

tuos natos,

restore thy children,

morbo stratos,

brought low by vice,

redde filio.

to the Son.

- 130 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 131 -


Die Schwedin Miriam Andersén gehört

zu den renommiertesten Sängerinnen

Skandinaviens. Ihre Ausbildung – sie

studierte Gesang, mittelalterliche Harfe,

Notation und Aufführungspraxis des

Mittelalters – erhielt sie an der traditi-

onsreichen Schola Cantorum Basiliensis in der Schweiz.

Sie ist heutzutage äußerst gefragt als Gesangsinterpretin Autogramm

4 aller mittelalterlichen Musikstile, und sie ist zudem eine

Expertin der schwedischen Volksmusik und deren mittelalterlichen

Wurzeln. Ihr Repertoire ist breit gefächert und

umfasst neben der Musik des Mittelalters und der Renaissance

auch Lautenlieder, Barockarien sowie Stücke von

Komponisten wie Eric Satie, John Cage, Steve Reich und

David Lang.

4

In eigens von ihr konzipierten Projekten arrangiert und

rekonstruiert Miriam Andersén Musik und Text. So hat sie,

oft in Zusammenarbeit mit Sprach- und Literaturforschern,

altnordische Gedichte und Teile der Eriks-Chronik vertont.

In ihren Konzerten ergänzt sie häufig den Klang ihrer Stimme

mit dem der Harfe, auf der sie sich selbst begleitet.

Konzertreisen haben sie in die ganze Welt geführt. In den

vergangenen zehn Jahren hat sie zwanzig CDs aufgenommen,

u.a. mit bedeutenden internationalen Ensembles wie

Sarband, Josquin Capella, Ferrara Ensemble und Ensemble

Gilles Binchois; gemeinsam mit dem Ensemble Theatre of

Voices gewann sie 2010 einen Grammy in der Kategorie

»Best Small Ensemble Performance« für die Aufnahme The

Little Match Girl Passion. Für ihre hervorragenden Leistungen

als Interpretin wurde sie 2007 mit dem Anders-Zorns-

Abzeichen in Silber sowie dem Titel Riksspelman, dem wichtigsten

Volksmusik-Preis Schwedens, ausgezeichnet.

- 132 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 133 -


Sonntag, 11.09., 11.00 Uhr

Rathaus St. Veit

Matinée der

Talents in Residence

Harriet Krijgh: Cello

Milan Popovic: Cembalo

Gäste:

Karin Hageneder: Altblockflöte

Jadran Duncumb: Theorbe

Alexis Kossenko: Flöte

Einleitung

Mit Harriet Krijgh (Cello) und Milan Popovic (Cembalo)

gibt es bei der trigonale 2011 erstmals zwei »Talents in Residence«,

und die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben

uns darin bestärkt, unser Engagement in diese Richtung

hin auszuweiten. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen,

5 ihnen ein eigenes Konzert zu widmen, in dem sie die Mög- 5

Konzert mit trigonale-

von Tristan Schulze

lichkeit haben sollen, ihr Können unter Beweis zu stellen

und darüber hinaus eigens für sie in Auftrag gegebene Musikstücke

zur Aufführung zu bringen.

Tristan Schulze, in Wien lebender Komponist und Musiker,

hat mit Un pour tous et tous pour un (Einer für alle und alle

für einen) nicht nur unseren beiden Talents 2011 ein Stück

zeitgenössische Musik auf den Leib geschrieben, sondern

auch Jadran Duncumb (Theorbe) und Karin Hageneder (Altblockflöte)

– den beiden Talents in Residence der Jahre

2009 und 2010 – Stimmen zugewiesen. Dass diese spontan

ihr Kommen und ihre Mitwirkung zugesagt haben, kann

nicht nur als besonderer Beweis ihrer Verbundenheit mit

der trigonale gesehen werden, sondern unterstreicht für uns

auch die Sinnhaftigkeit unserer Bestrebungen, wenn es darum

geht, herausragende junge Künstler auf ihrem Weg in

das Leben als Berufsmusiker zu unterstützen.

- 134 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 135 -


Mit Solo für Harriet erlebt ein weiteres Musikstück an diesem

Vormittag seine Uraufführung. Die trigonale bedankt

sich mit diesem ebenfalls von Tristan Schulze komponierten

Werk bei Harriet für ihre Mitwirkung beim heurigen Festival

und wünscht ihr viel Glück und Erfolg bei ihrer Tournee,

die sie in viele bedeutende Konzerthäuser Europas – auch

ins Concertgebouw Amsterdam – führen wird, das trigonale-

Auftragswerk Solo für Harriet mit im Gepäck.

Programm

Johann Sebastian Bach

(1685 – 1750)

1. Suite No. 1, G-dur für solo Violoncello

BWV 1007

Prelude – Allemande – Courante – Sarabande –

Menuett I, II – Gigue

Harriet Krijgh: Cello

Zusätzliche Unterstützung erfahren Harriet und Milan in

diesem Konzert auch durch Alexis Kossenko, Dirigent und

Johann Sebastian Bach

5 Solist des heurigen Eröffnungskonzertes (siehe Seite 10).

(1685 – 1750)

2. Ouverture nach Französischer Art,

h-moll für Cembalo

5

Zur Auftragskomposition – von Tristan Schulze

BWV 831

»Un pour tous et tous pour un« (Einer für alle und alle für

Ouverture – Courante – Gavotte 1, 2 – Passepied 1, 2 –

einen) ist das Motto von Alexandre Dumas wohlbekannten

Sarabande – Bourree 1, 2 – Gigue – Echo

Drei Musketieren. Ich finde es ein schönes Bild für die wechselhafte

Unterstützung, die Musizierende einander bieten.

Milan Popovic: Cembalo

Mal steht der eine im Vordergrund, dann wieder die ande-

Tristan Schulze

re. Mehrere bereiten den Boden dafür, dass einer oder eine

(*1964)

strahlen kann. Der gemeinsame Atem markiert den Beginn 3. Piece for solo Violoncello

des gemeinsam gefühlten Pulses, der so stark und klar ist,

das ihn alle im Raum spüren können, ob sie nun mitspielen

oder nicht. Ich hab mich immer gefragt, was das wohl ist,

dieser Puls der Musik. Spürbar ist er nur in der Zeit, man

spürt ihn schon, wenn man die Noten nur liest. Für andere

wahrnehmbar wird er erst, wenn die Töne auch erklingen,

wenn der Klang sich ausbreitet und von den Wänden zurückgeworfen

wird als abertausend winzige Echos.

Harriet Krijgh: Cello

- 136 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 137 -


Jean-Philippe Rameau

(1683 – 1764)

4. Pieces de Clavecin en Concerts No. 3, A-dur

La Poupliniere – La Timide – Tambourin

Alexis Kossenko: Flöte

Harriet Krijgh: Cello

Milan Popovic: Cembalo

Luigi Boccherini

(1743 – 1805)

5. Sonata for Violoncello and Continuo

5 G. 4, A-dur

5

Adagio – Allegro – Affetuoso

Harriet Krijgh: Cello

Milan Popovic: Continuo

Tristan Schulze

6. Un pour Tous et Tous pour un

Karin Hageneder: Altblockflöte

Jadran Duncumb: Theorbe

Harriet Krijgh: Cello

Milan Popovic: Cembalo

- 138 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 139 -


Harriet Krijgh, 1991 in den Niederlanden

geboren, bekam ihre ersten Cellostunden

im Alter von fünf Jahren bei

Johannes Eisenmeier. Im Jahr 2000 wurde

sie in die Klasse für junge Talente an der

Hochschule für Musik und Kunst in Utrecht

aufgenommen, wo sie von Lenian Benjamins unterrichtet

wurde.

Seit 2004 lebt Harriet Krijgh in Wien. Hier setzt sie ihr Cellostudium

im vorbereitenden Lehrgang am Konservatorium

Wien Privatuniversität bei Mag. Lilia Schulz-Bayrova und

Als Solistin spielte sie im August 2009 das Haydn Cellokonzert

in C-Dur mit dem St. Gallen Festival Orchester unter der

Leitung von Frieder Obstfeld. Im Oktober 2009 debütierte

Harriet mit einem Solorecital im Concertgebouw Amsterdam

und im Konzerthaus Vredenburg, Utrecht. Im Oktober 2010

gab sie ein Solorecital im Concertgebouw Rotterdam, de Doelen.

Harriet ist Schützling der von Yehudi Menuhin ins Leben

gerufenen »Live Music Now Foundation« und spielt ein

Ludwig Neuner Cello, Berlin, aus dem Jahr 1880.

5 Prof. Jontscho Bayrov fort. Weitere Impulse bekam sie durch

Milan Popovic absolvierte sein Stu- 5

Clemens Hagen, Steven Isserlis, Enrico Bronzi und Dmitri

dium an der Fakultät für Musik (Bache-

Ferschtman.

lor of Arts in Cembalo und Klavier) in

2008 nahm Harriet an mehreren Wettbewerben teil; beim

Belgrad, Serbien, wo er auch ein Auf-

Prinses Christina Concours in den Niederlanden bekam sie

baustudium in Cembalo abschloss.

einen 1. Preis sowie den Laureaten Sonderpreis, es folgten

Während seiner Studienzeit nahm er an

zahlreiche Einladungen zu Meisterkursen und Solokonzerten.

zahlreichen Meisterkursen innerhalb und außerhalb Serbi-

Bei Prima la Musica 2008 erreichte sie einen 1. Preis mit ausens

teil. Er gehörte zu den ersten Studenten, die ihre Kunst

gezeichnetem Erfolg und den Spezialpreis, eine CD-Ein-

auf dem Internationalen Cembalo-Festival Ars vivendi clavispielung

ihres vorgetragenen Stückes.

cembalum von 2005, 2006 und 2007 in Spezialkursen vertie-

Auch beim International Antonio Janigro Cello Competition

fen konnten.

2008 in Porec, Kroatien, erspielte sie den 1. Platz und erhielt

Milan trat in einer Konzertreihe mit dem Titel »Barocke

darüber hinaus auch den Nicole Janigro Sonderpreis.

Nächte an der Fakultät für Musik« auf. Der junge Musiker

2010 bekam Harriet einen 1. Preis bei dem Wiener Fidelio-

war Stipendiat der Austria Barock Akademie in den Jahren

Wettbewerb. Im Sommer 2009 und 2010 spielte sie auf Ein-

2007 und 2008, in denen er die Internationale Sommerschule

ladung von Lukas Hagen beim Diabelli Sommerfestival und

und Kurse in Gmunden, Österreich, besuchte und sich bei

beim Hagen Open Festival auf Burg Feistritz, Niederöster-

zahlreichen europäischen Cembalisten weiterbildete, dareich.runter

Siegbert Rampe, Jory Vinikour, Erich Traxler, Anne

Marie Dragosits und Jeremy Joseph.

- 140 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 141 -


Er nahm an dem Cembalo-Wettbewerb der Internationalen

Barock-Festspiele MAfestival 2010 im belgischen Brügge

teil. 2010 gab er Konzerte auf dem Festival Ars Vivendi

Clavicembalum 2010 und trat als Solist im Konzertsaal des

Belgrader Kulturzentrums auf.

Er gastierte bei dem Orchester der Musikwissenschaftlichen

Fakultät Belgrad und dem Jugoslawischen Militärorchester.

Milan Popovic tritt als Solist und Kammermusiker auf, wobei

er immer wieder sein besonderes Interesse für das Cembalorepertoire

des 20. Jahrhunderts unter Beweis stellt.

Zurzeit absolviert er ein Postgraduiertenstudium (PhD) im

Fach Cembalo in der Klasse von Prof. Zorica Cetkovic.

Karin Hageneder wurde 1987 in Pettenbach,

Österreich geboren. Vor ihrem

Studium lernte sie in Musikschulen bei

Christa Anleitner-Obergruber Querflöte

und bei Petra Holl und Jacqueline Clemens

Blockflöte.

Sie studierte an der Anton Bruckner-Privatuniversität in Linz

(Ö) bei Prof. Michael Oman und Prof. Helmut Trawöger,

wo sie im Juni 2009 beide Instrumente mit dem Bachelor of

Art mit Auszeichnung abschloss. 2006 – 07 studierte sie an

der gleichen Universität Traversflöte bei Claire Genewein.

Seit September 2009 studiert sie Blockflöte am Conservatorium

van Amsterdam bei Paul Leenhouts, Erik Bosgraaf, Jorge

Isaac und Daniël Brüggen (Blockflöte) und bei Harrie Starreveld

(Querflöte).

Als Solistin und Ensemblemitglied gewann Karin in Wettbewerben

(u.a. Prima la Musica) 1. Preise. 2005 führte sie

im Zuge vom Preisträgerkonzert Prima la Musica im Großen

Saal im Brucknerhaus Linz, ein Solostück auf.

Karin ist temporäres und fixes Mitglied von diversen Ensembles

und Bands. Sie erwarb Erfahrungen durch verschiedene

Workshops und Projekte in symphonischen und

barocken Orchestern, z.B. Oberösterreichisches Jugendsinfonieorchester,

Quadriga Consort, Austrian Baroque Company,

Konzerttourneen in Europa und Australien, Solokonzerte,

CD-Aufnahme mit Harfenistin Angela Stummer und The

5 Royal Wind Music, etc.

5

In der Saison 2008 – 09 spielte sie als 1. Blockflötistin im

Brucknerorchester am Landestheater Linz in der Barockoper

La Calisto. In 2010 war sie Talent in Residence bei der trigonale

– Festival der alten Musik in Kärnten (A). Seit Oktober

2009 ist sie Mitglied des Ensemble The Royal Wind Music.

Jadran Duncumb wurde 1989 im

nordenglischen Sheffield geboren und be-

gann mit acht Jahren Gitarre zu spielen.

1999 zog er nach Norwegen und wurde

2002 in die Sektion für junge Talente am

Barratt Due Musikinstitut aufgenommen,

wo er bei Vegard Lund Gitarre studierte. Er erhielt Gitarrenunterricht

bei Prof. Sven Lundestad an der norwegischen

Akademie der Musik.

Beim Wettbewerb Norwegan Music Competitions for Youth

gewann er den ersten Preis sowohl in der Klasse Gitarre

- 142 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 143 -


als auch in der Kategorie 'Duo' gemeinsam mit seinem Bru-

Tristan Schulze wurde 1964 in Ander,

dem Pianisten Emil Duncumb. Im vergangenen Jahr

naberg – Buchholz (Sachsen) geboren.

war Jadran Finalist bei Virtuos, einem Konzertwettbewerb

Im Alter von 5 Jahren erhielt er den ers-

des norwegischen Fernsehens, bei BBC Young Musician of

ten Klavierunterricht mit 12 folgte das

the Year gewann er den ersten Preis in der Kategorie Saiten-

Cello und mit 15 die Orgel. Nach dem

instrumente. Am Royal College of Music in London studiert

Cellostudium an der Dresdner Musik-

Jadran seit Herbst 2008 Laute bei Jakob Lindberg.

hochschule spielte er drei Jahre im Orchester der Landesbühnen

Sachsen. Ein sechsmonatiger Studienaufenthalt

führte ihn nach Varanasi (Indien), wo er sich dem Studium

Der Flötist Alexis Kossenko ist als

der klassischen indischen Musik widmete. In Wien folgten

Solist ebenso gefragt wie als Orchester-

Dirigier- und Kompositionsstudien an der Hochschule für

5 oder Kammermusiker. In der modernen,

Musik. Parallel dazu komponierte er für den ORF Hörfunk 5

barocken oder romantischen Flötenmu-

und das Theater der Jugend. Gemeinsam mit Daisy Jopling

sik fühlt er sich ebenso zu Hause wie im

und Aleksey Igudesman gründete er das Streichtrio Triology,

Repertoire für Blockflöte. Er ist Erster

mit welchem er eine langjährige internationale Konzerttä-

Flötist des Chambre Philharmonique (Emmanuel Krivine) –

tigkeit unterhielt. Seine Kompositionen wurden u.a. von

mit dem er 2011 die Konzerte von Mozart spielen wird. Sei-

Julian Rachlin und Janine Jansen, dem Minetti Quartett und

ne Aktivitäten als Orchesterdirigent weitet Kossenko an der

Mnozil Brass, dem Niederösterreichischen Tonkünstlerorches-

Spitze der Arte dei Suonatori (Polen), der Holland Baroque

ter und der Tonhalle Zürich aufgeführt. Einige seiner Werke

Society (Niederlande) und vor allem seines eigenen Orchesters

Les Ambassadeurs aus. Zurzeit beschäftigt er sich mit

theoretischen Arbeiten zu Rameau und Zelenka. Seine Einspielungen

von Konzerten Telemanns, Haydns, CPE Bachs

und Vivaldis (Alpha) haben mittlerweile Referenzcharakter.

sind bei Doblinger verlegt.

- 144 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 145 -


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- 146 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 147 -


Sonntag, 11.09., 15.00 Uhr

Pfarrkirche St. Peter bei Taggenbrunn

Fermate il Passo!

VivaBiancaLuna Biffi

Das nur dem Anschein nach unproblematische Repertoire

der Frottola [volkstümliches italienisches Tanzlied, satirisch,

heiter, lehrhaft] ist ein unerschöpflicher und nach wie vor

erstaunlicher Quell künstlerischer und geistiger Inspiration.

Je tiefer man in diese unendliche kompositorische und literarische

Vielfalt eindringt, desto stärker ist man von dem

riesigen dort vorhandenen musikalischen als auch dichte-

6 rischen Potential fasziniert.

6

Auf der Suche nach den Anfängen des Sprechgesanges

(recitar cantando) zwischen Dichtung und

Musik in Italien zu Beginn des XVI. Jahrhunderts

VivaBiancaLuna Biffi:

Singstimme und gestrichene Viola [Geige] (viola d'arco)

Vorbemerkung: Zum leichteren Verständnis dieser musikwissenschaftlichen

Ausführungen werden Übersetzungen bzw. kurze Sachkommentare

[…] hinzugefügt. (Edgar Sallager)

Einleitung

Das Instrument:

Das Intavolieren für Streichinstrumente

[»Tabulatur« = »Spielbrett«; »tabulare« = »tabellarisch

ordnen«; »intavolieren« = Notenschrift mittels Ziffern,

Notensymbolen oder Buchstaben in Griffschrift umsetzen].

Wenn man von der riesigen Hinterlassenschaft Ottaviano

Petruccis mit seinen elf den Frottole gewidmeten und zu Beginn

des XVI. Jahrhunderts veröffentlichten Büchern ausgeht

und diese erste Ausgabe gedruckter Musik (in der die

originalen Kompositionen vierstimmig vorgesehen sind)

mit den später intavolierten Fassungen für Singstimme

und Laute von Francesco Bossinenis vergleicht, dann kann

man mit einiger Wahrscheinlichkeit behaupten, dass sich

- 148 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 149 -


Ähnliches auch in der Aufführungspraxis der Streichinstru-

keiten darzustellen. Erstaunlicherweise bildet jedoch die

mente nachweisen lassen müsste und dass die Gepflogenheit,

von diesem Repertoire erforderte extreme stimmliche und

»ad usum« für viola d'arco [gestrichene Violine] und ihres-

interpretatorische Transparenz auch für den erfahrensten

gleichen zu intavolieren, als wahrscheinlich wenn nicht ge-

Interpreten ein sehr tückisches Hindernis. In der Tat sind

radezu als unumgänglich zu erachten ist. Das Vorhanden-

die Linien des Cantus großteils einprägsam, oft ganz

sein von Instrumenten wie die lira da braccio [etwa: Armly-

schlicht, und zwar sowohl auf Grund der Konstruktion der

ra, ein Streichinstrument] und der lirone [große Lyra, lira

Sätze als auch wegen des verwendeten melodischen Mate-

da gamba, Gambe], die wesentlich dafür konzipiert wurden,

rials. In Wirklichkeit ist diese vermeintliche Schlichtheit

dank dem fast flachen Steg Akkorde für die geeignete Be-

die Frucht einer sorgfältigen kompositorischen Arbeit, die

gleitung der Gesangslinie zu erzeugen, scheint diese The-

nichts dem Zufall überlässt. Sehr viele Frottole beginnen mit

orie zu stützen, auch wenn man sich für »Haltet an!« nach

einer einfachen silbischen Repetition auf der ersten Note –

reiflicher Überlegung dafür entschieden hat, vorrangig die

der Text scheint sozusagen »es sich bequem zu machen«

Instrumente mit gewölbtem Steg zu verwenden, wie eben

und raumgreifend zu werden, um sodann mit der eigenen

6 die viola d'arco, die viella [Drehleier] oder die violetta bas-

melodischen Entwicklung fortzufahren und oft in Kadenzen 6

tarda [kleine viola d'amore; hat mitschwingende Resonanz-

mit festgelegten rhythmischen und melodischen Formeln

saiten]. Zweck dieser Entscheidung ist es, dem Interpreten

zu enden. Die unmissverständliche Häufigkeit, mit der sich

ein breiteres Spektrum an Ausführungsmodalitäten zu er-

diese Situation darbietet, ist bezeichnend für den speziellen

möglichen (kontrapunktische Passagen, Akkorde, einzelne

Willen der Komponisten, das deklamatorische Potential des

melodische Linien, Pizzicato nach Art der liuto/Laute oder

Textes mit größtmöglicher Wirkung wiederzugeben, auch

der viola da mano/Zupfgeige) und somit in verstärktem Maß

wenn sie ihn auf einer wohlorganisierten Melodie und auf

die Erforschung eines kohärenten und effizienten Modus

einer harmonischen Struktur anlegen. Eine weit verbreitete

vorantreiben zu können, um dieses Repertoire auf den

Praxis war übrigens die Verwendung von »arie per cantar so-

Streichinstrumenten zu intavolieren.

netti, ode, strambotti o arie de capituli« [Melodien/Weisen,

um Sonette, Oden, Strambotti/eine der ältesten volkstümlichen

italienischen Gedichtformen/oder Kapitel-Arien zu

Der Gesang:

singen] für den Vortrag der poetischen Texte; Ottaviano

die deklamatorische Natur der Frottola

Petrucci selbst schlägt einige dieser Kompositionen ohne

Text in seinem IV. Frottole-Buch gerade mit der eben zi-

Auf den ersten, oberflächlichen Blick scheinen die Frottole

tierten Angabe vor. Darauf gründet auch die Entscheidung,

für den, der sie singen will, keine besonderen Schwierig-

in das Programm »Haltet an!« regelrechte Deklamationen

- 150 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 151 -


einzufügen, die auf Melodien aufbauen, die von den Frottole

selbst her oder nach einfachen melodischen Mustern readaptiert

wurden, die noch heutzutage bei den Sängern der

uralten Tradition des toskanischen Achtsilbers [Stanze] in

Gebrauch sind.

und Instrument herauszufinden. Eine von vielen anderen

möglichen Hypothesen darüber, was im Umfeld des Singens

zur Viola getan werden kann. Ein Ansporn, um weiter

zu suchen.

Haltet an!: Inszenierung eines Archetyps

Zur Viola singen: eine historische Praxis

In seinem Libro del Cortegiano (Das Buch vom Hofmann)

Intavolaturen für Steichinstrumente, Deklamation, von der

Viola begleiteter Gesang, ein zur Gänze solistisches Pro-

(Venedig 1528) definiert Baldassare Castiglione die Praxis

gramm und schließlich, in nicht allzu ferner Zukunft (wenn

des Singens zur Viola als eine der erlesensten Künste der

nicht in der unmittelbaren Gegenwart), das Aufkommen des

Renaissancekultur: »/…/ vor allem das Singen zur Viola

Sprechgesanges (recitar cantando) und seines grundlegen-

6 scheint mir höchst erfreulich; welches den Worten soviel

den Einflusses auf die italienische Musik ab dem XVI. Jahr- 6

Anmut und Wirkung hinzufügt, dass es ganz wundervoll

ist/…/.«

hundert.

Wie kann man all diese Konzeptionen in ein Konzertpro-

Eine der hauptsächlichen Eigenheiten von »Haltet an!« be-

gramm einbringen, ohne deshalb auf den rein künstleri-

steht in eben dieser Entscheidung hinsichtlich Interpreschen

Akt zu verzichten? Und da ist der Archetyp: die Instation

und Ausführung: es ist ein Programm, bei dem die

zenierung eines Handlungsgerüsts/einer Vorgabe (oder

Fähigkeit, sich singend mit der Viola zu begleiten, mit all

»Fabula«/Fabel, um es mit Angelo Poliziano zu sagen), die

ihrer expressiven und technischen Lauterkeit gefordert ist,

sich in der Form möglichst auf das Ideal des antiken Theaohne

irgendein Zugeständnis an den Interpreten, welcher

ters (welches dann das künftige werden sollte) beruft und

Person, Begleiter, Solist, Deklamator und Kommentator

daher das musikalische und dichterische Material unterteilt,

zur gleichen Zeit ist. Aus diesen Beweggründen geht klar

indem sie es in einen Prolog, drei Akte und einen Epilog

hervor, wie sehr die Aufführung aus dem Gedächtnis abso-

strukturiert. Die drei Akte (der Sonnenuntergang, die Nacht,

lut notwendig ist. Es war eine langwierige Arbeit des Expe-

die Morgendämmerung) beschreiben den Verlauf einer vollrimentierens,

der Analyse und der ständigen Beschäftigung

kommenen und idealisierten Liebesbeziehung ( percorso

mit dem Repertoire durch fünf Jahre hindurch erforderlich,

amoroso), eine hypothetische Zeitreise, von der Dämmerung

um eine glaubwürdige Ausgewogenheit zwischen Stimme

an – der erste Blick –, über die Nacht – die Qualen –, bis

- 152 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 153 -


zum Heraufdämmern eines neuen Tages – das sich-Ergeben.

Der Prolog und der Epilog verlautbaren indessen die

zynische Ernüchterung und die Moral dieser deklamierten

»Fabel«: lieber in der Gegenwart leben, als der Liebe vertrauen

und auf eine unsichere Zukunft hoffen. Im Verlauf der

Handlung werden poetische Texte von Francesco Petrarca,

Jacopo Sannazzaro, Luigi Pulci, Niccolò Machiavelli, Angelo

Poliziano und Serafino Aquilano vorgetragen, und zwar sowohl

in Vertonungen durch die großen Exponenten der

Gattung der Frottola (wie Bartolomeo Tromboncino, Marchetto

Cara und Francesco d'Ana, um nur einige der bedeutendsten

zu nennen) als auch in der deklamierten Fassung.

6 Die Frottole und die Deklamationen, welche die um den

Vui che passate qui, fermate il passo*

6

Beginn des XVI. Jahrhunderts bekanntesten dichterischen

Formen verwenden (barzellette/Scherze, Strambotti (s.o.),

Sonett, Text: Serafino Aquilano

Sonette, Oden, Kapitel, Stanzen), wechseln sich mit kurzen

O tempo, o ciel volubil che fuggendo

Textauszügen der klassisch lateinischen Literatur ab, die

Sonett, Text: F. Petrarca

ihrerseits ebenfalls in deklamatorischer Form ausgearbeitet

Paolo Scotti

sind: Vergil und Didos bitterer Schmerz, nachdem sie von

Äneas verlassen wurde (Äneis), Ovid und der beim Aufbruch

von Cupido gegen 'die Liebenden' gewonnene Kampf,

Horaz und die vergebliche Hoffnung (Carmina). Die Philosophie

und die Mythen der Alten beschreiben die Qual,

die Not und den Reichtum der menschlichen Wirklichkeit

jenseits aller Zeit und aller Zeiten.

(15./16. Jh.?)

VivaBiancaLuna Biffi

Übersetzung und Sachkommentar von Edgar Sallager

Programm

Fermate il Passo / Haltet an!

Die Anfänge des Rezitativs zwischen Musik und

Dichtkunst in Italien zu Beginn des XVI. Jahrhunderts

Prolog

Tempus Fugit / Die Zeit flieht dahin

In dem die Rede ist von der flüchtigen Zeit

und der sterblichen menschlichen Natur.

- 154 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 155 -


I. Akt

Die Liebe und der Blick: Der Sonnenuntergang

Se a mi che t'amo tanto doni morte

Strambotto

S'io sedo all'ombra

Amor giù pone'l strale e l'arco

Sonett

Marchetto Cara

(ca. 1470 – 1525)

Se per colpa del vostro altiero sdegno *

Madrigal, Text: Jacopo Sannazzaro

Nasce l'aspro mio tormento

donna mia sol per mirarte

Francesco Varoter

(ca. 1460 – 1502)

Haimè, perché m'hai privo

del tuo divino aspetto

Ode

II. Akt

Die Liebe und die Empörung: Die Nacht

Hor che'l ciel e la terra e'l vento tace *

Sonett, Text: Francesco Petrarca

Non val aqua al mio gran foco

Bartolomeo Tromboncino

(ca. 1470 – ca. 1535)

Dissimulare etiam sperasti, perfide *

Äneis, Vergil

6 Se m'è grato il tuo tornare,

6

io so ben che giaccio in foco

Scopri, lingua, el mio martire,

Philippus de Luprano

(16. Jh.)

non tenir più el mal occulto

Io spero, e lo sperar cresce il tormento **

Strambotto, Text: Niccolò Machiavelli

Per servirte perdo i passi, donna,

e'l tempo e la fatica

Niccolò Broco

(15./16. Jh.)

Se de fede vengo a meno,

prima tu de fe' mancasti

Marchetto Cara

- 156 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 157 -


III. Akt

Das liebevolle sich-Ergeben:

Die Morgendämmerung

O numquam pro re satis indignande Cupido **

Amores, Ovid

Deh non più, deh non più mo',

non temer ch'io me sdegnasse

Marchetto Cara

Son più matti a questo mondo *

Voi che passate qui, firmate il passo

6 Instrumentalversion

Strambotto, Text: Luigi Pulci

6

Antonius Patavus, Stringari

(16. Jh.)

Francesco Varoter

Fammi quanto dispetto far mi sai *

Rispetto, Text: Angelo Poliziano

Nasce la speme mia da un dolce riso

Dreifaches Kapitel

Marchetto Cara

Ostinato vo' seguire

la magnanima mia impresa

Bartolomeo Tromboncino

Epilog

Carpe Diem / Geniesse den Tag

In welchem die Rede ist von der vergeblichen Hoffnung

Tu ne quaesieris, scire nefas ***

Carmen XI, Horaz

Io non compro più speranza

ché gli è falsa mercanzia

Marchetto Cara

* Ausarbeitung und Arrangement:

VivaBiancaLuna Biffi

** Ausarbeitung von Gloria Moretti,

Arrangement von VivaBiancaLuna Biffi

*** lateinische Ode, ohne Melodie vorgetragen

- 158 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 159 -


Texte

Prologo

Tempus Fugit

Vui che passate qui, fermate il passo,

E contemplate la mia acerba morte

Giovene fu', amato, ardito e forte

Et hor son polve tutto in questo sasso.

Che val essere altiero e far fracasso

Was nützt es, hochmütig zu sein und mit Gold

6 D'oro, terreni aver, aurate porte

Aufsehen zu erregen, Land zu haben, vergoldete Türen, 6

Se in un sol punto la incurabil morte

Wenn an einem einzigen Zeitpunkt unrettbar der Tod

Alfin conduce ogni disegno al basso?

Am Ende alle Pläne hinabführt?

Ma virtù che non è sotto sua possa

Fiorisce più verde al suo dispetto,

El resto val nulla (se si) giace in fossa.

Guardate adunque al mio mutato aspetto

Gioveni, che vil cosa è un corpo d'ossa

Se d'immortal virtù non è concetto.

Prolog

Die Zeit flieht dahin

Ihr, die hier vorbeikommt, haltet an

Und besinnt Euch auf meinen bitteren Tod!

Jung war ich, geliebt, war kühn und stark,

Und nun bin ich Staub ganz in diesem Stein.

Doch Tugend, die nicht in seiner Macht steht,

Erblüht grüner, ihm zum Hohn,

Alles Übrige ist wertlos, wenn man in der Grube liegt.

Achtet daher auf mein verändertes Aussehen,

Ihr Jungen, welch schäbiges Etwas ein Gerippe ist,

Wenn es nicht Entwurf unsterblicher Tugend ist.

- 160 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 161 -


O tempo, o ciel volubil che fuggendo

Inganni i ciechi e miseri mortali,

O dì veloci più che vento e strali,

Hor ab experto vostre frodi intendo.

Ma scuso voi e me stesso riprendo,

Ché natura a volar ve aperse l'ali,

A me diede occhi, et io pur nei miei mali

Li tenni, onde vergogna e dolor prendo.

Et sarebbe hora, et è passata homai,

De rivoltarli in più secura parte,

E poner fine a gli infiniti guai,

Né dal tuo giogo, amor, l'alma si parte,

Ma dal suo mal, con che studio tu'l sai:

Non a caso è virtute, anzi è bell'arte.

O Zeit, o unbeständiger Himmel, du entfliehst

Und täuschst die blinden und armen Sterblichen.

O Tage, schneller als Wind und Pfeile,

Nun begreife ich aus eigener Erfahrung eure Irreführungen.

Doch euch entschuldige ich und mich selbst weise ich zurecht,

Hat doch die Natur euch die Flügel zum Fliegen geöffnet.

Mir gab sie Augen, und selbst in meinem Unglück

ließ ich sie geöffnet, wodurch ich Schmach und Schmerz erfahre.

Und es wäre an der Zeit, und sie ist nun gekommen,

Sie auf Beständigeres zu richten

Und dem endlosen Unglück ein Ende zu bereiten,

6 6

Und nicht von deinem Joch, Liebe, trennt sich die Seele,

Sondern von seinem Leid, mit welchem Eifer, weißt du:

Nicht zufällig ist sie Tugend, oder vielmehr schöne Kunst.

- 162 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 163 -


Atto I

Il Tramonto

Se a mi che t'amo tanto doni morte,

a cui non t'ama che pena darai?

Se a me che son liale fai gran torto,

li traditori come trattarai?

Se mi, che per te piango, non conforti,

de chi ride di te che ne farai?

Ma d'una cossa, donna, i' me conforto:

che qualche tempo me cognoscerai!

I. Akt

Der Sonnenuntergang

Wenn du schon mir, der dich sosehr liebt,

den Tod gibst,

wie wirst du erst den bestrafen, der dich nicht liebt?

Wenn du schon mir, der ich treu bin, großes Unrecht tust,

wie wirst du erst mit den Betrügern umgehen?

Wenn du schon mich, der deinetwegen weint, nicht tröstest,

was wirst du erst mit dem machen, der dich verlacht?

Doch Eines, Herrin, tröstet mich:

dass du mich in kurzer Zeit kennenlernen wirst!

6 6

S'io sedo all'ombra

Amor giù pone el strale e l'arco

e meco sedendo si posa.

S'io piango, e lui la faccia ha lachrymosa,

E dolsi del mio affanno e del mio male.

S'io mi lamento dil colpo mortale,

Lui me conforta con voce amorosa.

S'io mostro la ferita sanguinosa,

E lui l'asciuga con le sue bianche ale.

S'io vado in boschi, e lui per boschi viene.

S'io solco il mar, e lui volge le sarte

E'l timon dritto contro il vento tiene.

Wenn ich im Schatten sitze,

legt Amor Pfeil und Bogen ab

und setzt sich zu mir.

Wenn ich weine, hat er ein verweintes Gesicht

Und ist betrübt über meinen Kummer und mein Weh.

Wenn ich über den tödlichen Stoß klage,

Tröstet er mich mit liebevoller Stimme.

Wenn ich die blutige Wunde herzeige,

Trocknet er sie mit seinen weißen Flügeln.

Wenn ich in die Wälder gehe, kommt er durch die Wälder.

Wenn ich das Meer durchpflüge, wendet er die Taue

Und hält das Steuerruder geradewegs dem Wind entgegen.

- 164 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 165 -


S'io vado in guerra, e lui diventa Marte.

E perché siano eterne le mie pene,

Questo tiran da me mai non si parte.

Se m'è grato il tuo tornare

io el so ben che giacio in foco,

anchor spero nel suo loco

verrà il cor ad abitare.

Se m'è grato il tuo tornare ...

Wenn ich in den Krieg ziehe, wird er Mars.

Und damit meine Qualen ewig dauern,

Trennt dieser Tyrann sich niemals von mir.

Ob mir deine Rückkehr willkommen ist,

weiß ich, obwohl ich in Feuer liege.

Noch habe ich Hoffnung, das Herz

werde an seiner Stelle einziehen.

Ob mir deine Rückkehr willkommen ist …

Se già fui privo de lume

Wenn es mir schon an Klarsicht gefehlt hat,

son in quel hora disperso,

so bin ich zu dieser Stunde aufgelöst.

6 el mio pianger era un fiume

Mein Weinen war ein Strom,

6

hor son lieto e non summerso.

nun bin ich fröhlich und nicht überflutet.

Se è voltato el ciel perverso

Der feindselige Himmel hat sich gewendet,

vivo in lieto e dolce amare.

ich lebe und liebe in süßer Fröhlichkeit.

Se m'è grato il tuo tornare ...

Ob mir deine Rückkehr willkommen ist …

Dirme posso esser beato

fuor de fraude e fuor d'inganno.

Mio destin se è consumato

qual nutriva del mio danno.

Son pur fuor d'un grande affanno

volse al fin sempre sperare.

Se m'è grato il tuo tornare ...

Ich kann mich glücklich schätzen

abseits von Betrug und Täuschung.

Mein Schicksal hat sich darin erschöpft,

als es meinen Schaden nährte.

Dennoch liegt mir großer Kummer fern,

ich neigte schließlich immer zu hoffen.

Ob mir deine Rückkehr willkommen ist …

- 166 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 167 -


Se, per colpa del vostro altiero sdegno,

Il dolor che me afflige,

Madonna, me conduce all'atra Stige,

Non avrò duol di mio supplicio indegno

Né de l'eterno foco,

Ma de voi, che verrete in simil loco.

Perché, sovente in voi mirando fisso,

Per virtù del bel viso

Pena non fia là giù, che'l cor mi tochi.

Sol un tormento arò: de chiuder gli ochi.

Wenn wegen Eurer hochmütigen Verachtung

Der Schmerz, der mich betrübt,

Meine Dame, mich zum finsteren Styx hinführt,

Werde ich keinen Schmerz ob meiner schändlichen Qual empfinden,

Noch des ewigen Feuers wegen,

Sondern Euretwegen, dass Ihr an einen solchen Ort kommen

werdet. Auf dass es, wenn ich Euch oft unverwandt ansehe,

Dank dem schönen Antlitz

Keine Pein da unten gebe, die mir zu Herzen ginge.

Nur eine Qual werde ich haben: die Augen zu schließen.

Nasce l'aspro mio tormento

Es regt sich meine bittere Qual,

6 donna mia sol per mirarte

meine Herrin, nur um dich anzusehen

6

e per meglio contemplare

und besser zu betrachten,

voria haver de gli ochi cento.

hätte ich gern der Augen hundert.

Nasce l'aspro mio tormento ...

Es regt sich meine bittere Qual …

La dolcezza del tuo aspetto

mista ad un venen sì forte

mi dà al cor tanto diletto

ch'el morir non mi par morte

e contento di tal sorte

fo con gaudio il mio lamento.

Nasce l'aspro mio tormento ...

Die Süße deines Anblicks,

mit einem so starken Gift vermischt,

schenkt mir im Herzen soviel Freude,

dass Sterben mir nicht als Tod erscheint,

und ich, mit solchem Los zufrieden,

mein Klagen mit Wonne verrichte.

Es regt sich meine bittere Qual …

- 168 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 169 -


Haimè, perché m'hai privo

Ach, warum hast du mich beraubt

Del tuo divino aspetto

Deines göttlichen Anblicks,

Al qual sempre subietto

Dem ich immer untertan

Esser voglio.

Sein möchte?

Haimè di te mi doglio

Ach, deinetwegen bin ich betrübt,

E de tua pocha fede

Und wegen deines geringen Vertrauens,

Che la man tua mi diede

Das deine Hand mir schenkte,

Per amarme.

Um mich zu lieben.

Haimè sento straziarme

Ach, ich spüre, wie es mir

El cor in mille parte

Das Herz in tausend Stücke reißt,

Che fermo è sempre amarte

Welches gewohnt ist,

Come el suole.

Dich standhaft immer zu lieben.

Haimè se così vole

Ach, wenn mein schlimmes

6 La mia fortuna ria

Schicksal es will,

6

Che me per te me oblia

Dass ich mich dir zuliebe selber vergesse,

Son contento.

Bin ich zufrieden.

Haimè se'l mio lamento

Ach, wenn doch mein Klagen

Da te pur fosse inteso

Von dir nur gehört würde,

E che'l mio cor acceso

Würdest du mein entflammtes Herz

Liberasti.

Erlösen.

Haimè per che te irasti

Ach, warum zürnst du

Ver me senza cagione

Mir ohne Grund?

Tu sai che ho gran ragione

Du weißt, ich habe sehr wohl Recht,

E pur m'offendi.

Und dennoch beleidigst du mich.

Haimè ché non intendi

Ach, warum hörst du nicht

El mio grave lamento

Mein trauriges Klagen

E l'aspro mio tormento

Und meine bittere Qual,

Ch'al cor porto.

Die ich im Herzen trage?

- 170 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 171 -


Haimè son quasi morto

Sol per amarte tanto

E vivo sol de pianto

Del tuo amore.

Haimè che il mio core

Per te si strugge in foco

E vassi a poco a poco

Consumando.

Haimè che sol chiamando

El tuo benigno aiuto

Che non sia al fin conduto

Per amarte.

Ach, ich bin fast tot,

Nur weil ich dich sosehr liebe,

Und ich lebe nur von Tränen

Um deine Liebe.

Ach, dass mein Herz

Für dich im Feuer schmilzt

Und nach und nach

Sich verzehrt!

Ach, dass es bloß bei der Anrufung

Deiner gütigen Hilfe

Am Ende nicht dazu gebracht wird,

Dich zu lieben!

6 6

Atto II

La Notte

Hor che'l ciel et la terra e'l vento tace

et le fere et gli augelli il sonno affrena,

notte 'l carro stellato in giro mena

et nel suo letto il mar senz'onda giace:

veggio, penso, ardo, piango e chi mi sface

sempre m'è inanzi per mia dolce pena:

guerra è'l mio stato, d'ira et di duol piena

et sol di lei pensando ho qualche pace.

II. Akt

Die NAcht

Da nun Himmel und Erde und der Wind schweigen,

und Schlaf die wilden Tiere und die Vögel zügelt,

da die Nacht den Sternenwagen herumführt,

und spiegelglatt in seinem Bett das Meer daliegt:

bin ich wach, denke, brenne, weine, und wer mich zugrunde richtet,

ist mir stets gegenwärtig wegen meiner süßen Qual:

Krieg ist mein Zustand, voll Wut und Schmerz,

und nur wenn ich an sie denke, habe ich ein wenig Frieden.

- 172 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 173 -


Così sol d'una chiara fonte viva

move'l dolce et l'amaro ond'io mi pasco;

una man sola mi risana et punge;

et perché mio martyr non giunga a riva,

mille volte il dì moro et mille nasco,

tanto dalla salute mia son lunge.

Non val aqua al mio gran foco,

che per pianto non si amorza

anzi ognhor più se rinforza

quanto più con quel mi sfoco.

So rührt einzig von einem lebendig klaren Quell

das Bittersüße her, mit dem ich mich ernähre;

eine einzige Hand heilt und verletzt mich;

und damit meine Marter nicht zu Ende geht,

sterbe ich tausendmal am Tag, und tausendmal werde ich geboren,

so weit bin ich von meinem Heil entfernt.

Es hilft kein Wasser bei meinem großen Feuer,

das vom Weinen nicht schwächer wird,

sondern ständig umso stärker wird,

je mehr ich meinen Tränen freien Lauf lasse.

6 6

El mio foco ha tal usanza

che per pianto ognhor più crescie

e magior prende possanza

se'l mio intento non riescie.

El mio foco è come el pescie

che n l'aqua ha el proprio loco.

Non val aqua al mio gran foco …

Ho nel petto un mongibello

e negli occhi un largo mare

che per mio magior flagello

son concordi al mio penare.

Piango et ardo e il lachrymare

col mio ardor m'han tolto a ioco,

Non val aqua al mio gran foco …

Mein Feuer hat die Gewohnheit,

dass es beim Weinen stets heftiger auflodert

und mächtiger wird,

wenn ich mein Ziel nicht erreiche.

Mein Feuer ist wie der Fisch,

der seinen ureigenen Platz im Wasser hat.

Es hilft kein Wasser bei meinem großen Feuer …

Ich habe in der Brust einen Vulkan,

und in den Augen ein weites Meer,

die beide zu meiner größten Pein

einträchtig für mein Leiden sind.

Ich weine und brenne, und das Tränenvergießen

hat mit meiner Hitze mich aus dem Spiel genommen.

Es hilft kein Wasser bei meinem großen Feuer …

- 174 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 175 -


Non mi val getar sospiri

per scemar l'ardor ch'io sento

che per un che fuor ne tiri

poi ne nascon più di cento,

dove per menor tormento

morte acerba ognhor invoco,

Non val aqua al mio gran foco …

Non mi vale l lamentarmi,

ché per gridi el duol non scema.

Qual saran doncha bon armi

a la pena mia sì extrema?

Star patiente e con tal tema

ben servir chi m'ama pocho,

Non val aqua al mio gran foco …

Es nützt mir nichts, Seufzer auszustoßen,

um die Hitze zu mildern, die ich spüre,

denn für einen, den ich herauslasse,

kommen gleich mehr als hundert nach,

weshalb ich, um die Qual zu verringern,

immerzu einen bitteren Tod erflehe.

Es hilft kein Wasser bei meinem großen Feuer …

Es nützt mir nichts, mich zu beklagen,

denn vom Wehklagen wird der Schmerz nicht weniger.

Was sind also wohl die richtigen Waffen

gegen meine so übergroße Pein?

Geduldig und mit diesem Vorsatz

wohl zu Diensten sein, wer mich wenig liebt.

Es hilft kein Wasser bei meinem großen Feuer …

6 6

Dissimulare etiam sperasti, perfide,

tantum posse nefas tacitusque mea decedere terra.

Nec te noster amor?

Nec te data dextera quondam?

Nec moritura tenet crudeli funere Dido?

Hast du wirklich gehofft, du Meineidiger,

du könntest einen solchen Verrat verheimlichen

und ohne ein Wort aus meinem Lande entweichen?

Hält dich weder unsere Liebe,

noch der gemeinsam geschlossene Bund,

noch Dido – ich selbst – zurück,

die einem grausamen Tod verfallen wird?

- 176 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 177 -


Scopri, lingua, el mio martire,

non tenir più el mal oculto,

ché bisogna egli è pur stulto

chi tacendo vuol morire.

Scopri, lingua, el mio martire …

Io so ben che forsi temi

de sdegnar la donna mia.

Che convien che tanto temi?

De parlar trova la via,

per che al fin lei dir potria:

»A me il danno, a te il pentire!«

Scopri, lingua, el mio martire …

Enthülle, Zunge, meine Marter,

halte den Schmerz nicht mehr geheim,

denn töricht muss einer sein,

der stillschweigend sterben will.

Enthülle, Zunge, meine Marter ...

Ich weiß ja, dass du vielleicht fürchtest,

meine Herrin zu verachten.

Wozu soll es gut sein, dass du so große Angst hast?

Finde den Weg zum Sprechen,

damit sie am Ende sagen kann:

»Der Schaden für mich, die Reue für dich!«

Enthülle, Zunge, meine Marter ...

6 6

Chi non parla non se intende,

chi non chiede non se aita,

chi non chaza mai non prende,

chi non giocha non se invita;

apri hormai la mia ferita,

parla pur, non te smarire.

Scopri, lingua, el mio martire …

Non convien tanto celare

un accerbo, aspro tormento,

non convien troppo aspetare

quando se ha bonaza el vento,

ché Fortuna in un momento

rompe e fiacha ogni desire.

Scopri, lingua, el mio martire …

Wer nicht spricht, verständigt sich nicht,

wer nicht bittet, hilft sich nicht,

wer nicht jagt, fängt nie was,

wer nicht spielt, ermuntert sich nicht;

öffne nun meine Wunde,

sprich nur, werd' nicht irre!

Enthülle, Zunge, meine Marter …

Es ist nicht gut, eine bitterstrenge Qual

sosehr zu verheimlichen,

es ist nicht gut, allzu lange auf Wind zu warten,

wenn Flaute ist,

denn in einem Augenblick

bricht und schwächt Fortuna alles Begehren.

Enthülle, Zunge, meine Marter …

- 178 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 179 -


Sì troppo alto il pè firmai

fu d'onore la mia guerra

ché guardar l'aquila mai

già non sol con gli ochi a terra

presto lingua el duol diserra

non temer più de falire.

Scopri, lingua, el mio martire …

Wenn ich zu hoch hinaus wollte,

so war mein Krieg ehrenvoll,

denn niemals hat der Adler

zum Schauen die Augen zu Boden gerichtet.

Rasch, Zunge, lass den Schmerz heraus,

hab' keine Angst mehr zu versagen!

Enthülle, Zunge, meine Marter …

Io spero, e lo sperar cresce'l tormento,

Ich hoffe, und das Hoffen vergrößert die Qual,

io piango, e il pianger ciba il lasso core,

ich weine, und das Weinen ist Nahrung für das erschöpfte Herz,

io rido, e el rider mio non passa dentro,

ich lache, und mein Lachen dringt nicht durch,

io ardo, e l'arsion non par di fore,

ich brenne, und der Brand ist außen nicht sichtbar,

6 io temo ciò che io veggo e ciò che io sento

ich fürchte, was ich sehe und was ich höre,

6

ogni cosa mi dà nuovo dolore;

alles bereitet mir neuen Schmerz:

così sperando, piango, rido e ardo,

Solcherart hoffend, weine, lache und brenne ich,

e paura ho di ciò che io odo e guardo.

und fürchte mich vor dem, was ich höre und sehe.

Per servirte perdo i passi donna,

el tempo e la fatica,

per che como mia nemica,

si ti guardo, gli occhi abassi.

Per servirte perdo i passi …

Tu nascesti per mio male,

per mia guerra e mala sorte;

tua bellezza è tanta e tale

che me induce al fin de morte;

Dir zu dienen, vergeude ich Schritte, Frau,

und Zeit und Mühe,

denn wenn ich dich wie meine Feindin ansehe,

schlägst du die Augen nieder.

Dir zu dienen, vergeude ich Schritte ...

Du bist zu meinem Unglück geboren,

zu meinem Krieg und meinem Unheil;

deine Schönheit ist so groß und derart,

dass sie am Ende meinen Tod herbeiführt;

- 180 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 181 -


sol Speranza mi tien forte

che di vita non trapassi.

Per servirte perdo i passi …

Se a chi te ama tante stente,

tanti oltraggi e torti dai,

che faresti a chi la mente

de servirte n'habe mai,

se a chi t'ama tanti guai

doni al cor che per te sfassi?

Per servirte perdo i passi …

nur HOFFNUNG hält mich stark,

dass ich nicht aus dem Leben scheide.

Dir zu dienen, vergeude ich Schritte …

Wenn du dem, der dich liebt, soviel Mühsal,

soviel Kränkung und Unrecht zufügst,

was wirst du wohl dem antun,

dem es nie in den Sinn kommt, dir zu dienen,

wenn du dem, der dich liebt, soviel Ungemach

im Herzen bescherst, das für dich zerbricht?

Dir zu dienen, vergeude ich Schritte …

Volgi adoncha opinione,

Ändere darum deine Ansicht,

6 ama me che sol ti adoro.

liebe mich, der nur dich anbetet!

6

De straziarmi n'hai rasone;

Mich zu zerreißen ist nicht recht von dir;

se per ti languisco e moro

wenn ich mich für dich verzehre und sterbe,

renderai al somo coro

wirst du dem höchsten Chor

la ragion che non mi amasti.

den Grund mitteilen, warum du mich nicht geliebt hast.

Per servirte perdo i passi ...

Dir zu dienen, vergeude ich Schritte …

Se de fede vengo a meno

Prima tu de fé mancasti,

Fin che vera fede usasti

Fui ver te di vera fede pieno.

Horamai te instessa incolpa

S'io non sono a te fidele.

Iusta causa a me discolpa

Per che in bocha avesti el mele

Wenn ich untreu werde,

Hast zuerst du gegen die Treue gefehlt,

Solange du wahre Treue geübt hast,

War ich von wahrer Treue dir gegenüber erfüllt.

Beschuldige jetzt dich selbst,

Wenn ich dir nicht treu bin!

Mich entschuldigt ein triftiger Grund,

Denn im Mund hattest du den Honig,

- 182 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 183 -


Poi qual perfida e crudele

Nascondesti in cor veneno.

Se de fede vengo a meno …

Non può l'homo esser chiamato

Senza fede e senza amore

Verso che ha de fé mancato

Ché del primo è il disonore

Che dimostra un volto fuore

Poi nasconde un altro in seno.

Se de fede vengo a meno …

Und, falsch und grausam, wie du bist,

Hattest du im Herzen Gift verborgen.

Wenn ich untreu werde …

Man kann den Menschen nicht

Treulos und lieblos nennen

Dem gegenüber, der untreu gewesen ist,

Denn als erster ist ehrlos,

Wer ein Gesicht nach außen zeigt

Und ein anderes in der Brust verbirgt.

Wenn ich untreu werde …

Non è già de mia natura

Es entspricht nicht meiner Natur,

6 Far offesa a chi m'offende

Dem eine Beleidigung zuzufügen, der mich beleidigt, 6

Ch'io non stimo e non fo cura

Den ich nicht schätze, und ich kümmere mich nicht

de chi meco ognhor contende

Um den, der ständig mit mir in Streit liegt.

Ché se lite fra dui pende

Denn wenn eine Streitsache zwischen zwei Parteien schwebend ist,

Quel c'ha torto va al terreno.

Geht der zu Boden, der Unrecht hat.

Se de fede vengo a meno …

Wenn ich untreu werde …

Che me stima sempre stimo

Che me aprezza io prezzo anchora

E chi me ama io so nel primo

Ad amar servendo ognora.

La mia fé ferma dimora

Verso chi non muta freno.

Se de fede vengo a meno …

Wer mich achtet, den achte ich immer,

Wer mich schätzt, den schätze auch ich,

Und wenn mich jemand liebt, bin ich der erste,

Ihn jederzeit dienend zu lieben.

Meine Treue bleibt unerschütterlich

Gegenüber dem, der sich im Zaum hält.

Wenn ich untreu werde …

- 184 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 185 -


Atto III

L'Alba

O numquam pro re satis indignande Cupido,

o in corde meo desidiose puer

quid me, qui miles numquam tua signa reliqui,

laedis, et in castris vulneror ipse meis?

cur tua fax urit, figit tuus arcus amicos?

gloria pugnantes vincere maior erat.

Deh non più, deh non più mo'

Non temer ch'io me sdegnasse

Né che mai t'abandonasse

Poi ch'Amor m'ha fatto tuo.

Deh non più, deh non più mai

Voglio teco corrucciarmi

Non più mai, non più giamai

Te potrò dal cor levarmi

Poi che tuo volse Amor farmi

Sempre anch'io voglio esser tuo.

Deh non più, deh non più mo …

III. Akt

Die Morgendämmerung

O Cupido, über den ich nicht genug

empört sein kann,

o Junge, der sich in meinem Herzen träge herumtreibt,

warum verletzt du mich,

der ich als Soldat niemals deine Standarte verließ,

warum werde ich in meinem eigenen Lager verwundet?

Warum verbrennt mich deine Fackel,

warum zielt dein Bogen auf Freunde?

Größerer Ruhm liegt doch darin, Kämpfende zu besiegen.

6 6

Ach, niemehr, ach, niemehr

Sollst du Angst haben, dass ich mich aufrege,

Noch dass ich dich jemals verlasse,

Nachdem AMOR mich zu dem Deinen gemacht hat.

Ach, nicht mehr, ach, nie mehr

Will ich mich mit dir ärgern,

Nie mehr, niemals mehr

Werde ich dich aus dem Herzen herausbekommen.

Nachdem AMOR mich zu dem Deinen machen wollte,

Will auch ich immer dein sein.

Ach, nie mehr, ach, nie mehr …

- 186 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 187 -


I toi begli atti e il parlar grato

Le carezze dolci e accorte

M'han il cor preso e ligato

De catene di tal sorte

Ch'io son stretto fino a morte

Ad amarte et esser tuo.

Deh non più, deh non più mo …

A tua posta ama e dissama

Si' a me altera e usa ogni arte

Ch'io vo' quel che'l tuo cor brama

Et non posso altro che amarte

Né mai penso de lassarte

Poi che Amor m'ha fatto tuo.

Deh non più, deh non più mo …

Son più matti a questo mondo

(versione strumentale)

Fammi quanto dispetto far mi sai,

dammi quanto tu vuoi pena e tormento,

riditi del mio male e de' miei guai,

guastami ogni disegno, ogni contento,

mostramiti nimica come fai,

tienmi sempre in sospetto, in briga e stento:

e' non potrà però mai fare el cielo

ch'io non ti onori e ami di buon zelo.

Deine anmutigen Gebärden und dein angenehmes Sprechen,

Die süßen und bedachtsamen Liebkosungen

Haben mein Herz ergriffen und derart

In Ketten gelegt,

Dass ich gezwungen bin, dich mein Leben lang

Zu lieben und dein zu sein.

Ach, nie mehr, ach nie mehr …

Liebe und hör' auf zu lieben, wie es dir beliebt,

Sei hochmütig zu mir und gebrauche jeden Kunstgriff,

Denn ich will, was dein Herz begehrt,

Und ich kann nicht anders, als dich zu lieben,

Noch gedenke ich, dich je zu verlassen,

Nachdem AMOR mich zu dem Deinen gemacht hat.

Ach, nie mehr, ach nie mehr …

6 6

Es gibt mehr Verrückte auf dieser Welt

(Instrumentalfassung)

Mach' mir soviel Ärger, wie du nur kannst,

bereite mir soviel du willst Pein und Qual,

mach' dich lustig über mein Unglück und mein Missgeschick,

zerstöre mir alle Pläne, alle Freuden,

zeige dich mir, wie du es als Feindin machst,

halte mich immer in Argwohn, in Sorge und Entbehrung:

und trotzdem wird der Himmel nie erreichen,

dass ich dich nicht verehre und mit großer Hingabe liebe.

- 188 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 189 -


Nasce la speme mia da un dolce riso,

ogni mio ben da un humil sguardo pende;

la mia felicità sta in un bel viso.

Però che for di quel sempre riprende

un modo tal, una tanta bellezza

che'l cor m'alegra e'l corpo in fiamma acende.

S'advien ch'alcun nel mio conspecto sprezza

per trarmi fuor di doglia o di sospetto,

o che dolce signal, o che dolcezza!

Se per mirar nel suo leggiadro aspetto

driza ver me un suspir con lieto volto,

o che dolce piacer, o che diletto!

Se per veder se li posso esser tolto

ad altra donna parlar mi concede,

aimè che libertà senza esser sciolto!

Se'l foco che ho nel petto ognhor mi cede

e che pietosa sia d'ogni mio affanno,

o che dolce pietà, pur ch'ella el crede!

S'in me compensa l'amoroso danno

e dentro al cor se ne triumphi e gloria,

o che gran pompa a mio sublime scanno!

Hoffnung keimt in mir

von einem freundlichen Lachen,

mein ganzes Wohl hängt an einem ergebenen Blick;

meine Glückseligkeit ruht in einem schönen Angesicht.

Doch abgesehen davon, nimmt sie immer

ein solches Betragen und eine so große Schönheit an,

dass sie mir das Herz erfreut und den Körper in Brand setzt.

Wenn es vorkommt, dass sie in meiner Gegenwart

jemanden verächtlich macht,

um mir den Schmerz und den Argwohn zu nehmen,

o was für ein Zeichen, o was für eine Wohltat!

6 6

Wenn sie, um zu schauen, in ihrem lieblichen Aussehen

mit heiterer Miene mir einen Seufzer zukommen lässt,

o was für eine süße Wonne, o was für eine Freude!

Wenn sie, um zu sehen, ob ich ihr abhanden kommen kann,

mir zugesteht, mit einer anderen Frau zu sprechen,

ach, was für eine Freiheit, ohne entbunden zu sein!

Wenn sie das Feuer, das ich in der Brust habe, mir immer lässt,

und Mitleid mit all meinem Leid hat,

o welch süße Barmherzigkeit, wenn sie es nur ernst meint!

Wenn sie mich für den Liebeskummer entschädigt

und tief im Herzen triumphiert und sich dessen rühmt,

o welch großer Prunk für meinen erhabenen Stuhl!

- 190 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 191 -


Se per mostrar palese la victoria

ritratto in cor mi porta in laci avinto,

o ch'alta impresa,

o che dolce memoria!

Se per veder se'l grande amor mio è finto

potermi a gran cimento s'asicura,

o che chiar prova, o che felice istinto!

De sua beltà e de mia fede pura

altro non si po' dir né del mio stato

se non che'l gaudio mio non ha misura

tal che chiamar mi posso hor fortunato.

Ostinato vo' seguire

la magnanima mia impresa:

fame, Amor, qual voi offesa,

s'io dovesse ben morire.

Ostinato vo' seguire …

Fame Ciel, fame Fortuna,

bene o mal como a te piace:

né piacer né ingiuria alcuna

per avilirmi o far più audace:

ché de l'un non son capace,

l'altro più non po' fugire.

Ostinato vo' seguire …

Wenn sie, um den Sieg offen zu zeigen,

mich als besiegt und gefesselt abgebildet im Herzen trägt,

o was für ein hochherziges Unternehmen,

o was für ein süßes Andenken!

Wenn sie, um zu sehen, ob meine große Liebe nur vorgetäuscht ist,

sich vergewissert und mich hart auf die Probe stellt,

o was für ein klarer Beweis, o was für ein glücklicher Spürsinn!

Über ihre Schönheit und über meine reine Treue

kann man nichts anderes sagen, auch nicht über mein Befinden,

als dass meine Wonne derart unermesslich ist,

dass ich mich nunmehr glücklich nennen kann.

6 6

Standhaft will ich weiterführen

mein großmütiges Unterfangen:

beleidigt mich, LIEBE, wie Ihr es tut,

wenn ich denn sterben sollte.

Standhaft will ich weiterführen …

Bereite mir den HIMMEL, lass FORTUNA walten,

Tu mir Gutes oder Böses, wie es dir gefällt:

keine Freude, noch irgendeine Beschimpfung

kann mich demütigen oder ermutigen:

denn zu dem einen bin ich nicht fähig,

dem anderen entkomme ich nicht mehr.

Standhaft will ich weiterführen …

- 192 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 193 -


Vinca o perda, io non attendo

de mia impresa altro che honore:

sopra il Ciel beato ascendo

s'io ne resto vincitore;

s'io la perdo, alfin gran core

mostrarà l'alto desire.

Ostinato vo' seguire …

Epilogo

Carpe Diem

Tu ne quaesieris, scire nefas,

quem mihi, quem tibi

finem di dederint, Leuconoe,

nec Babylonios

temptaris numeros.

ut melius, quidquid erit, pati.

seu pluris hiemes seu tribuit

Iuppiter ultimam,

quae nunc oppositis debilitat

pumicibus mare Tyrrhenum:

sapias, vina liques et spatio brevi

spem longam reseces.

dum loquimur,

fugerit invida aetas:

carpe diem

quam minimum credula postero.

Ob ich siege oder verliere, ich erwarte mir

von meinem Unterfangen nichts als Ehre:

in den seligen Himmel steige ich auf,

wenn ich Sieger bleibe:

Verliere ich, wird am Ende das hehre Verlangen

ein edles Herz zum Vorschein bringen.

Standhaft will ich weiterführen …

Epilog

Nütze den Tag

6 6

Du frage nicht – es zu wissen wäre Frevel,

welches Ziel die Götter mir, welches sie dir

gesetzt haben, o Leuconoë.

Befrage nicht babylonische

Horoskope.

Wieviel besser ist es, das, was auch geschieht, zu ertragen.

Ob viele Winter noch, oder ob

Jupiter dir den letzten zugeteilt hat,

der jetzt an widerstrebenden

Klippen das Tyrrhenische Meer bricht:

Sei klug, kläre den Wein, schneide

die lange Hoffnung auf eine kurze Zeitspanne zurück!

Während wir reden,

ist die neidische Zeit schon entflohen.

Pflücke den Tag,

traue nimmer dem nächsten!

- 194 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 195 -


Io non compro più speranza

ché gli è falsa mercancia,

a dar solo attendo via

quella poca che m'avanza.

Io non compro più speranza …

Cara un tempo la comprai,

or la vendo a buon mercato

e consiglio ben che mai

non ne compri un sventurato

ma più presto nel suo stato

se ne resti con costanza.

Io non compro più speranza ...

El sperar è come el sogno

che per più riesce in nulla,

el sperar è il bisogno

de chi al vento di trastulla,

el sperar sovente annulla

chi continua la sua danza.

Io non compro più speranza ...

Ich kaufe keine Hoffnung mehr,

denn sie ist eine gefälschte Ware,

ich führe sie nur auf der Soll-Seite,

mal der wenigen, die mir als Rest verbleibt.

Ich kaufe keine Hoffnung mehr …

Teuer habe ich sie einst eingekauft,

jetzt verkaufe ich sie günstig,

und ich gebe den guten Rat,

nie soll ein Unglücklicher sie kaufen,

sondern schleunigst in seinem Zustand

weiter ausharren.

Ich kaufe keine Hoffnung mehr …

6 6

Hoffen ist wie der Traum,

der meistens zu nichts führt,

Hoffen ist dem ein Bedürfnis,

mit dem der Wind sein Spiel treibt,

Hoffen schreibt oft den ab,

der seinen Tanz weiter tanzt.

Ich kaufe keine Hoffnung mehr …

- 196 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 197 -


Voi che passate qui firmate il passo,

Guardate il corpo mio che in terra giace

E queste membra poste in freddo sasso

Per seguitar desir sempre fallace.

Io son qui posto in loco humido e basso

Per donna altiera ingrata senza pace

Però fugite amor e sua mercede

Che porge altrui a un fin che non si crede.

Ihr, die hier vorüberkommt, haltet an,

Seht an meinen Leib, der in der Erde ruht,

Und diese Glieder, in kalten Stein gelegt

Infolge eines immer trügerischen Begehrens!

Ich wurde hier an feuchter und tiefer Stätte beigesetzt

Wegen einer hochmütigen, undankbaren und unverträglichen Frau.

Doch flieht vor der Liebe und ihrem Lohn,

Die dem anderen ein Ende bereitet, das man nicht wahrhaben will!

Übersetzungen aus dem Italienischen: Edgar Sallager

Übersetzungen aus dem Lateinischen: Felix Kucher

6 6

- 198 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 199 -


VivaBiancaLuna Biffi

Gesang, Viella Medievale und Violetta

Bastarda/Mittelalterliche Streichinstrumente.

Von 1997 bis 2001 besuchte sie die Schola Cantorum Basiliensis

(Basel, Schweiz). Dort erwarb sie das Diplom für Viella

und Renaissance-Viola da Gamba bei Randall Cook. Gesang

studierte sie bei Richard Levitt und Dominique Vellard.

In ihrer Eigenschaft als Sängerin und Instrumentalistin arbeitet

sie seit 1997 mit einigen der bedeutendsten Ensembles

für Alte Europäische Musik, die auf der ganzen Welt auftreten,

zusammen. Zu diesen Ensembles zählen unter anderem:

Alla Francesca (Brigitte Lesne und Pierre Hamon, Frankreich),

die Projekte »L'Amoureus Tourment« und »Remede

de Fortun« mit Pierre Hamon, Marc und Angélique Mauillon,

Salon Des Musiques (Marco Ferrari, Italien), darüber hinaus

mit Gilles Binchois (Dominique Vellard, Frankreich), Tasto

Solo (Guillermo Péres, Spanien) und Hesperion XXI – Capella

Raial de Catalunia (Jordi Savall, Spanien).

VBL Biffi hat in sehr jungem Alter bei Marco Pace ihr

Von 2005 bis 2008 lehrte sie bei der Fondazione Royaumont

(Frankreich) mit dem Ensemble Lucidarium im Bereich der

Ausbildungskurse bezüglich der Vokal- und Instrumental-

Violoncello-Studium begonnen (klassisch und modern). In

praxis für Alte Musik (z.B. »La Fabula d'Orfeo« und »Codex

weiterer Folge trat sie in Kammermusikensembles und auch

Chantilly«). Darüber hinaus ist sie regelmäßig eingeladen,

solistisch in zahlreichen Konzerten in ganz Europa auf.

Meisterkurse und Praktika am Centre de Musiques Médiévale

de Paris (Frankreich), an den Konservatorien in Genf

Parallel dazu erwarb sie sich das Wissen der Kompositions-

(Schweiz) und Lyon (Frankreich) sowie an der Schola Cantechnik

und der ästhetischen Analyse unter Vilmos Leskò.

torum Basiliensis in Basel (Schweiz) zu halten.

6 Neben den akademischen Studien galt ihr Interesse der eth-

6

nischen und der experimentellen Musik in Kombination mit

Die unermessliche Leidenschaft für die Dichtung und Mu-

verschiedenen Theaterproduktionen.

sik Italiens am Beginn des 16. Jahrhunderts führte zur Konzeption

zweier Programme, eines für Gesang und Tabulatur

für Violetta Bastarda (Fermate il Passo) und eines für ein

Vokal-Instumentalensemble (Ti Par Gran Maraviglia).

Autogramm

- 200 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 201 -


Sonntag, 11.09., 18.00 Uhr

Seminarkirche Tanzenberg

Endzeitfragmente

Sequentia

Welt während der fürchterlichen letzten Schlacht (Ragnarök)

zwischen den heidnischen Göttern (Odin, Thor usw.)

und ihren Erzfeinden, den Riesen. Diese sehr gegensätzlichen

Quellen (heidnisch und christlich) haben einige gemeinsame

Charakteristika: die Prophezeiungen von weiblichen

Orakeln; der Klang des Horns; die Bedrohung durch

übernatürliche Bestien wie Schlangen und Drachen; die An-

sammlung von Armeen von unten und oben; der Zusammenbruch

der materiellen Welt und schließlich die Zerstörung

der Welt durch Feuer.

7 Das Bild von der Apokalypse, welches am schnellsten ins 7

Benjamin Bagby: Gesang, Leier, Harfe

Auge springt, ist verbunden mit dem rational nicht zu erfas-

Norbert Rodenkirchen: Flöten, Leier

senden Mysterium vom Ende der Zeit, erfüllt von Terror und

Zerstörung. Wir erblicken das erschreckende Bild von den

vier Reitern, welche über die untergehende Welt hinwegpreschen.

Aber das griechische Wort apokalypsis heißt in Wirk-

Einleitung

lichkeit Enthüllung, Offenbarung – eine Vorstellung, welche

eng gekoppelt ist an unsere Sehnsucht nach Zugang zu den

Von der Zeit der Christianisierung bis zum Ende des ersten

Geheimnissen der Existenz über die Sterblichkeit hinaus, zu

Jahrtausends waren die apokalyptischen Bilder vom 'Ende

unserem fast körperlichen Verlangen nach Einheit mit der

der Tage' und vom 'Jüngsten Gericht' weit verbreitet, sowohl

Schöpfung und dem Göttlichen. Johannes 'Buch der Offen-

in Texten als auch in der bildenden Kunst. Diese Bilder,

barung' ist nicht nur ein gläubiger Bericht über das, was er

hauptsächlich basierend auf der biblischen 'Offenbarung

in seinen Visionen auf der Insel Patmos sah und hörte, es ist

des Johannes', zeigen bisweilen erstaunliche Ähnlichkeiten

auch voller Ungeduld und Verlangen. In all diesen diffe-

mit den germanischen Beschreibungen der Zerstörung der

renzierten Wortbedeutungen schufen die mittelalterlichen

- 202 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 203 -


Künstler ein besonders kraftvolles Werk von singend vorzutragenden

Dichtungen, oft unter Verwendung obskurer

Allegorien und sprachlicher Ausdrücke – visionär und pro-

phetisch – um Sänger und Zuhörer gleichermaßen auf eine

innere Reise des Verstehens vorzubereiten und die Seele

aufzuwecken zu der Erfahrung der »Schau« dessen, was eines

Tages offenbar werden wird.

In diesem Programm erforschen wir die musikalische Welt

dieser überraschenden, kraftvollen Texte, von denen einige

nur als Fragment überliefert sind: die apokalyptische Sequenz

'Fortis atque amara', das althochdeutsche Muspilli,

welches das Erwachen der Toten, die Tätigkeit des Satans,

den Kampf des Elias mit dem Antichrist, den Ruf zum Gericht

und Warnungen vor der Nutzlosigkeit weltlich listen-

7 reicher Verteidigung dort beschreibt; die Prophezeiung der

7

eryhräischen Sybille, ein akrostischer Text, welcher erstmals

in Augustinus Gottesstaat erscheint, hier in der musikalischen

Fassung, wie sie in aquitanischen Klöstern gesungen

wurde; die gereimten Verse des Alsäßer Mönchs Otfrid,

welche Anweisung geben, wie man sich auf den letzten Tag

vorzubereiten hat; der altenglische Gesang vom letzten

Überlebenden (Auszug aus dem angelsächsischen Beowulf-

Epos), welcher das erbarmungslose, einsame Ende eines

namenlosen Stammes beschreibt, während dem der letzte

Überlebende die nutzlosen Schätze in einer Höhle verbirgt,

wo sie nach seinem Tode einem Drachen zuteil werden;

meisterhafte lateinische Sequenzen der fränkischen Tradition

über Engel und Erzengel; instrumentale Zwischenspiele,

welche auf sequelae basieren, untextierten Sequenzweisen,

welche höchstwahrscheinlich auch instrumental ausgeführt

wurden und schließlich die erschreckende Beschreibung der

Götterdämmerung Ragnarök aus der alt-isländischen Edda,

wenn die Unterwelt Armeen von Surt und Loki ihren tödlichen

Angriff auf die angestammten nordeuropäischen

Götter durchführen.

Die Instrumente, welche in diesem Konzert benutzt werden,

sind: germanische Leiern, basierend auf Instrumenten des

7. Jhs. aus Oberflacht in der Nähe von Stuttgart (Rainer

Thurau, Wiesbaden), eine frühmittelalterliche Harfe (Geoff

Ralph, London) sowie Kopien von mittelalterlichen Traversflöten,

u.a. von einer Schwanenknochenflöte nach einem

Fund vor dem 11. Jh. bei Speyer (Friedrich von Huene, Boston).

- 204 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 205 -


Programm

1. Fortis atque amara

Fränkische Sequenz mit apokalyptischer Thematik, 9. Jh.

2. ... sin tac piqueme, daz er touuan scal

Das Muspilli-Fragment, vermutlich Fulda, frühes 9. Jh.

3. Unsar trohtin hat farsalt

[Instrumentalstück basierend auf dem Freisinger Petruslied,

Bayern, spätes 9. Jh.]

4. Thes habet er ubar woroltring

De die Iudicii aus dem Evangelienbuch des

Otfrid von Weißenburg (Elsass, † 875)

5. Gaude coelestis sponsa

[Instrumentalstück basierend auf

fränkischen Sequenzmelodien, 9. Jh.]

6. Thaer waes swylcra fela

Der Gesang vom letzten Überlebenden

aus dem Beowulf-Epos (Angelsächsisch, 8. Jh.?)

7. Occidentana

[Instrumentalstück basierend auf

fränkischen Sequenzmelodien, 9. Jh.]

8. Iudicii signum

Die Prophezeihung der Erythräischen Sybille

(Aquitanien, 11. Jh.)

9. Scalam ad caelos

[Instrumentalstück basierend auf

fränkischen Sequenzmelodien, 9. Jh.]

7

10. Summi regis archangele Michahel

Sequentia‚ quam Alcuinus composuit Karolo Imperatori

(Einsiedeln, 10. Jh. / Ursprung: 8. Jh.?)

7

11. A fellr austan um eitrdala

Die Prophezeihung der Seherin

aus der alt-isländischen Edda (Island, 10. Jh.)

- 206 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 207 -


Endzeitfragmente

Erläuterungen

1. Fortis atque amara

Fränkische Sequenz mit apokalyptischer Thematik, 9. Jh.

Die fränkischen Sequenzen – neu geschaffene Stücke, deren

Rolle in der Liturgie nicht immer klar zu umreißen ist –

waren oft Werke von großer Schönheit und Vorstellungskraft.

Einige ihrer Melodien haben höchstwahrscheinlich

Wurzeln in früheren Traditionen und auch die Texte zeigen

eine bezwingende Virtuosität bei der geschickten Einbindung

der Bildsprache früherer christlicher Autoren auf

neue, überraschende Art und Weise. Diese apokalyptische

Von den teilweise sehr rätselhaften Texten in Althochdeutsch

hat diese anonyme Meditation über das 'Jüngste Gericht' nur

in fragmentarischer Form überlebt. Es wurde im 19. Jh.

nach dem mysteriösen Wort Muspilli benannt, welches generell

in Verbindung gebracht wird mit dem Ende der Welt

durch Feuer – ein heidnisch germanischer Begriff, welcher

im christlichen Kontext überlebte. Der predigtähnliche Vor-

trag strömt frei durch eine Reihe von Bildern: Armeen von

Engeln und Dämonen kämpfend um die gerade gestorbene

Seele; die Sicherheit und Süße des Paradieses; der Kampf

des Elias mit dem Antichrist; das Verbrennen von Erde und

Himmeln (Muspilli) als Zeichen des heranrückenden Gerichts;

der Schall des Horns, welcher die Toten aufstehen

lässt, um ihrem Richter gegenüberzustehen; die Unmöglichkeit

zu bestechen oder vergangene Verbrechen zu verbergen.

Quelle: München, Bayr. Staatsb. Clm 14098

Rekonstruktion: B. Bagby

3. Unsar trohtin hat farsalt (instrumental)

Das 'Freisinger Petruslied' (Bayern, 9. Jh.)

Sequenz, mit seiner ungewöhnlichen Melodik, stellt viele

Das Manuskript, in dem jede Kurzstrophe von einem 'Kyrie

7 Themen unseres Programmes vor.

eleison' Refrain gefolgt wird, ist durchgehend neumiert, was 7

Transkription: Alejandro Planchart

eine annähernd genaue Transkription möglich macht. Vieles

spricht dafür, dass Teile der archaischen Melodie über

Jahrhunderte hinweg zum spätmittelalterlichen Pfingstlied

2. ... sin tac piqueme, daz er touuan scal

'Nun bitten wir den heiligen Geist' verwandelt wurden.

(Das Muspilli-Fragment, vermutlich Fulda, frühes 9. Jh.)

Quelle: München, Bayr. Staatsb. Clm 6260, fol. 158v.

Transkription: N. Rodenkirchen

4. Thes habet er ubar woroltring

'De die Iudicii' ['vom Gerichtstag'] aus dem Evangelienbuch

des Otfrid von Weißenburg (Elsass, † 875)

Diese ans Herz gehende Beschreibung des Letzten Gerichtstags

stammt aus dem Evangelienbuch des Alsäßer Mönchs

- 208 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 209 -


Otfrid (des ersten deutschen Dichters, dessen Namen wir

Flöteninterludien dieses Programms geht es vorrangig um

kennen), der Kommentare und Paraphrasen auf die Bibel

auffällige Verwandtschaften verschiedener Sequenzen zu-

im lokalen Dialekt seiner Mitbrüder und naher Adliger

einander, welche den Schluss zulassen, dass sich der melo-

schrieb. In seinem Prolog erwähnt er eine fromme Dame

dische Strom dieser frühmittelalterlichen Gattung auf eine

namens Judith, die ihn zu dem Werk gedrängt hat. Die Ver-

knappe Handvoll archetypischer Phrasen zurückführen

se waren nicht zum stillen Lesen gedacht, sondern wurden

lässt – sozusagen auf einige wenige Ursequenzen, welche

wohl vor einem gebildeten, quasi vorliterarischen – auch

hier in der instrumentalen Reflektion improvisatorisch an-

juristisch kundigem – Publikum musikalisch vorgetragen.

gedeutet werden. Im Zentrum steht die in zahlreichen Ma-

Somit bekommen wir nicht nur ein Gefühl für Otfrids pernuskripten

überlieferte St. Gallener Melodie Adducentur,

sönliches Engagement für die furchterregende Geschichte,

welche ebenso unter mehreren anderen Namen bekannt

die er erzählen will, sondern wir erfahren auch etwas über

war, u.a. unter dem Namen Gaude coelestis sponsa ('Freue

die karolingischen Gebräuche der Rechtssprechung.

Dich, Braut des Himmels').

Quelle: Heidelberg, Cod.Pal.lat. 52

Quelle: München, clm.10075 xiii in

Rekonstruktion: B. Bagby

Rekonstruktion: N. Rodenkirchen (unter zusätzlicher Verwendung mehrerer

verwandter Melodien)

7 7

5. Gaude coelestis sponsa (instrumental)

6. Thaer waes swylcra fela

'Der Gesang vom letzten Überlebenden'

aus dem Beowulf-Epos (Angelsächsisch, 8. Jh.?)

Die Sequenzmelodien aus der Zeit des St. Gallener Mönchs

Notker (9. Jh.) wurden teilweise auch textlos als sogenannte

sequelae in Neumenschrift niedergelegt. Erschließen lassen

sie sich im genauen Notentext leider erst von späteren Quellen,

was aber dennoch aufgrund ihrer kontinuierlichen,

reichhaltigen Überlieferung über Jahrhunderte hinweg ein

relativ klares Bild von ihrer Gestalt ergibt. Eine sequela

konnte mit hoher Wahrscheinlichkeit auch instrumental

ausgeführt werden. Die Melodien waren schon vor der Text-

dichtung vorhanden und entstammen nicht dem gregorianischen

Repertoire. Sie weisen also eventuell auf eine vor-

christliche Tradition hin. In den ex tempore vorgetragenen

Das Ende eines Volkes, die bittere Konfrontation mit dem

Verlust aller Freunde, der Familie, der Besitztümer und Er-

innerungen, kann als ein Mikrokosmos des Weltendes angesehen

werden. In diesem Fragment (Auszug aus dem Beowulf-Epos,

wo es ein trauriges Vorspiel zu der Episode vom

gestohlenen Kelch aus dem goldenen Schatz in der Drachen-

höhle bildet) erfahren wir, dass ein kompletter nordischer

Stamm, dessen Name unerwähnt bleibt, durch Krieg vernichtet

worden ist und nur ein einziger Mann am Leben

- 210 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 211 -


leibt. Er schafft die Schätze seines Volkes in eine nahegelegene

Höhle (Gold, Waffen und sogar eine Harfe) als letzte

Geste der Erinnerung, verfällt in eine elegische Klage,

bevor auch er in einen einsamen Tod hinübergleitet. Der

versteckte Schatz wird später von einem Drachen entdeckt,

einer übernatürlichen Kreatur, welche in der christlichen

Tradition oft in Zusammenhang mit der Apokalypse gebracht

wird.

Quelle: London, BL, Cotton Vitellius A. XV.

Rekonstruktion: B. Bagby

8. Iudicii signum

'Die Prophezeihung der Erythräischen Sybille'

(Aquitanien, 11. Jh.)

7. Occidentana (instrumental)

Diese Weise hier taucht in zahlreichen Liederhandschriften

Dies ist die Prophezeiung der Erythräischen Sybille, einem

heidnischen Orakel, welche zur Zeit Trojas gelebt haben

soll. Ihre Worte finden sich in Augustinus Gottesstaat (Civitate

Dei, XVIII, 23) in einem akrostischen Gedicht. Die

Version in unserem Programm wurde in aquitanischen

Klöstern zum Fest der unschuldigen Kinder (28. Dezember)

gesungen, einem Fest mit starker Verbindung zu apokalyptischen

Themen.

Quelle: Paris, BN lat. 1154

Transkription: B. Bagby

7 auf und ist alternativ auch unter dem Namen cithara be-

7

kannt. Der Ursprung und genaue Sinn der oft sehr illustrierenden

Namen für die untextierten Sequenzmelodien

9. Scalam ad caelos (instrumental)

wird für alle Zeiten im Dunkeln bleiben müssen und statt-

Hier rekonstruieren wir ein Stück, so wie es als instrudessen

die Fantasie anregen. Diese titelgebenden Namen

mentale Überlieferung einer alten fränkischen Melodie von

tauchen in den später hinzugefügten Sequenztexten meist

Spielleuten wiedergegeben worden sein könnte. Es ist uns

nicht mehr auf; sehr oft sind es Instrumentenbezeichnun-

als Sequenz des Notker von St. Gallen (ca. 840 – 912) ergen.

Dieser berühmten Melodie zu Ehren wird das Stück

halten geblieben ist. Wir kennen die starke Wirkung, die

auf der Kopie einer frühmittelalterlichen Flöte, gefertigt aus

diese Melodie innerhalb wie auch außerhalb der Kirche

der Ulna eines Schwans, vorgetragen.

über die Jahrhunderte besaß.

Quelle: St. Gallen 10. Jh.

Quelle: Notker-Sequenz Scalam ad caelos

Rekonstruktion: N. Rodenkirchen

(Transkription: A. Planchart)

Rekonstruktion: B. Bagby & N. Rodenkirchen

- 212 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 213 -


10. Summi regis archangele Michahel

'Sequentia‚ quam Alcuinus composuit Karolo Imperatori'

['Sequenz vom heiligen Michael, welche Alkuin dem Kaiser

Karl komponiert hat']

(Einsiedeln, 10. Jh./Original evtl. 8. Jh.)

11. A fellr austan um eitrdala

'Die Prophezeihung der Völva [Seherin]'

(aus der alt-isländischen Edda, Island, 9. Jh.)

'Summi Regis' ist eine der weitverbreitetsten Sequenzen des

Völuspá, eine der berühmtesten alt-isländischen Lieddichtungen,

ist der persönliche Bericht einer Seherin von einer

grandiosen Schau. Darin gibt sie ihrer Zuhörerschaft eine

Mittelalters. In der ausdrücklichen Widmung des Mönchs

überwältigende seherische Beschreibung von der Erschaf-

Alkuin an Kaiser Karl den Großen wird deutlich, dass der

fung der Welt, vom Auftauchen der Götter und Zwerge,

Sänger den Kaiser mit dem Erzengel Michael ideell gleich-

und schließlich – im heute vorgetragenen Auszug – vom

setzt, welcher den Drachen zur Erlösung der Menschheit

feurigen Weltende wie auch dem Endschicksal der Götter.

besiegt hat. Vielleicht lässt sich die Faszination der mittel-

Auch wenn der Codex Regius in seiner schriftlichen Form

alterlichen Menschen an der christlichen Gestalt des Dra-

aus dem 13. Jh. stammt, ist das darin enthaltene – mündlich

chentöters mit der damals unterschwellig noch lebendigen

überlieferte – Repertoire der Epensänger nachweislich um

heidnischen Mythologie erklären und der darin vorkom-

viele Jahrhunderte älter.

7 menden Unzahl an Schlangen oder drachenartigen Unge-

Quelle: Reykjavik, Stofnun A. Magnussonar‚

7

heuern, besonders im Zusammenhang mit dem Weltunter-

Gl.kgl.sml.2365 4to ('Codex Regius')

gang. Bei 'Summi Regis' ist aufgrund der Quellenlage

unklar, ob es sich tatsächlich um eine Originalsequenz von

Alkuin oder lediglich eine Nachdichtung des 10. Jhs. handelt.

Alkuin weilte von 782 – 789 im Frankenreich und wirkte

im Gelehrtenkreise um Karl den Großen.

Quelle: Einsiedeln, Stiftsbibliothek Codex 121

Transkription: N. Rodenkirchen

Rekonstruktion: B. Bagby & N. Rodenkirchen

- 214 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 215 -


Sequentia

Ensemble für Musik des Mittelalters

1977 durch Benjamin Bagby und die verstorbene Barbara

Thornton gegründet, zählt Sequentia zu den innovativsten

und international am meisten geschätzten Ensembles für

Musik des Mittelalters. Unter der Leitung Benjamin Bagbys

blickt Sequentia nun auf eine fast 35-Jahre andauernde

Arbeit zurück. Diese umfasst internationale Konzertreisen,

eine umfangreiche, das gesamte Mittelalter umspannende

Liste von Veröffentlichungen auf Tonträgern, darunter das

Gesamtwerk der Hildegard von Bingen, sowie Film- und

Fernsehproduktionen mit mittelalterlichen Musikdramen.

Außerdem zogen Mitglieder des Ensembles eine neue Generation

von jungen Musikern in professionellen Ausbildungskursen

heran.

Das Ensemble trat bisher in ganz Europa, in Nord- und

Südamerika, in Indien, im Mittleren Osten, in Asien, Afrika

sowie Australien auf und konnte zahlreiche Auszeichnungen

für viele seiner 31 Einspielungen bei der BMG Deutsche

Harmonia Mundi, bei Marc Aurel Edition, bei Raumklang

und anderen Labels entgegennehmen, darunter einen

Disque d'Or, mehrere Diapasons d'Or, zwei Edison-Preise,

und den Deutschen Schallplattenpreis. Außerdem wurde das

Ensemble für einen Grammy nominiert.

Jüngste Veröffentlichungen beinhalten das vielbeachtete

Programm des Ensembles mit apokalyptischen Gesängen

(Endzeitfragmente), mit Musik der isländischen Edda (Der

Fluch des Rheingolds) sowie der frühesten europäischen

Liedern (Verschollene Lieder eines rheinischen Harfners) und

mittelalterlich liturgischen Gesang (Chant Wars, eine Koproduktion

mit dem Pariser Ensemble Dialogos unter der

Leitung von Katarina Livljanic). Das Programm Endzeitfragmente

ist in 2008 als CD bei Raumklang erschienen.

Sequentia hat über 70 innovative, weltweit präsentierte

Konzertprogramme geschaffen, welche das gesamte Spektrum

der mittelalterlichen Musik ausloten, zusätzlich zur

Durchführung von mehreren großen Musiktheaterprojekten,

wie Hildegard von Bingens Ordo Virtutum, dem Cividale

Planctus Mariae, der Bordesholmer Marienklage, Heinrich von

Meissens Frauenleich und der mittelalterlichen isländischen

Edda. Die Arbeit des Ensembles wird zwischen einem kleineren

Ensemble mit Gesangs- und Instrumentalsolisten für

7 die Konzertreisen und einem Männerstimmenensemble für 7

ein- und mehrstimmige Gesänge aufgeteilt. Nach 25 Jahren

Köln ist der Sitz des Ensembles nun Paris.

www.sequentia.org

Der Sänger, Harfenist und Mediävist

Benjamin Bagby, den die mittelalterliche

Musik schon in früher Jugend begeisterte,

nimmt seit über 25 Jahren eine

bedeutende Stellung im Bereich Aufführungspraxis

mittelalterlicher Musik ein.

Seit 1977 widmet sich Benjamin Bagby fast ausschließlich der

Forschungs-, Aufführungs- und Aufnahmetätigkeit von

- 216 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 217 -


Sequentia. Zusätzlich beschäftigt sich Benjamin Bagby intensiv

mit solistischen Aufführungen von angelsächsischer

Dichtung in mündlicher Überlieferung: Eine vielbeachtete

bardische Aufführung des Beowulf-Epos wurde weltweit

gehört und 2007 als DVD veröffentlicht. In Ergänzung zur

Entwicklung von Programmen für Sequentia und der damit

verbundenen Forschungsarbeit hat Benjamin Bagby als Autor

ausgiebig über mittelalterliche Aufführungspraxis ge-

schrieben und veröffentlicht. Als Gastprofessor und Dozent

hat er Kurse und Workshops in ganz Europa und Nordamerika

gegeben. Seit 2005 unterrichtet er mittelalterliche Aufführungspraxis

an der Sorbonne, Universität Paris.

www.BagbyBeowulf.com

In den letzten Jahren engagiert er sich auch zunehmend für

Projekte mit Neuer Musik und zeitgenössischer Improvi-

sation, denen er mit seinen archaischen Flötentönen und

seiner an mittelalterlicher Musik geschulten Klangauffas-

sung eine unverwechselbare Farbe gibt. In diesem Bereich

arbeitet er vor allem mit Albrecht Maurer zusammen. Zudem

hat er sich als vielseitiger Komponist im Bereich Film- und

Theatermusik einen Namen gemacht.

Norbert Rodenkirchen ist künstlerischer Leiter der Schnütgen

Konzerte – Musik des Mittelalters im Kölner Museum Schnütgen.

www.norbertrodenkirchen.de

7 Norbert Rodenkirchen ist Mitglied

von Sequentia seit 1995. Neben der Arbeit

mit Sequentia spielt er im französischen

Ensemble Dialogos sowie mit dem Ensemble

Personat, gibt Workshops zur Aufführungspraxis

des Mittelalters an verschiedenen

Musikhochschulen und erforscht in seinen Soloprogrammen

die Möglichkeiten für eine authentische Rekonstruktion

mittelalterlicher Improvisationskunst.

Im Jahr 2009 erschien seine zweite Solo-CD Flour de Flours /

Guillaume de Machaut / Lais & Virelais bei marc aurel edition.

Zusätzlich gründete er 2009 das Ensemble Candens Lilium,

welches in seiner ersten, vom WDR produzierten CD die

faszinierenden Gesänge des Antiphonars der Anna Hachenberch

/ St. Cäcilien, Köln, eingespielt hat (2010).

Autogramme

7

- 218 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 219 -


Mittwoch, 14.09., 19.00 Uhr

Stiftskirche St. Georgen

Jephta

»eins zu eins – unentschieden«

Ensemble &cetera

Einleitung

Zu mancher richtigen Entscheidung kam es nur, weil der Weg

zur falschen gerade nicht frei war.

Hans Krailsheimer

Wir dürfen in unserem Leben immer wieder Entscheidungen

fällen – oder sollte es eher heißen, wir »müssen«? Konse-

quenzen zeigen sich häufig erst zu einem späteren Zeitpunkt.

Und weil oft alles Überlegen und Abwägen keine Klarheit

bringen kann, handeln wir manchmal vorschnell oder schrecken

davor zurück, überhaupt eine Entscheidung zu fällen.

8 Das Ensemble &cetera befasst sich mit genau diesem Thema, 8

Ulrike Hofbauer: Sopran

denn an den spannenden Entscheidungs-Punkten im Leben

Kristine Jaunalksne: Sopran

der vorgestellten Helden entzündet sich gewaltige Drama-

Julie Comparini: Alt

tik. Namensgebend für das Programm ist die Geschichte von

Jakob Pilgram: Tenor

Jephta, der seine eigene Tochter opfert, um ein unbedacht

Georg Poplutz: Tenor

gemachtes Gelübde zu erfüllen. Giacomo Carissimis Verto-

Jon Stainsby: Bass

nung dieser verstörenden, alttestamentlichen Erzählung mit

Marie Bournisien: Arpa doppia

der ergreifenden Klage der Tochter um ihren vorzeitigen

Julian Behr: Theorbe

Tod machte das Oratorium im 17. Jh. in ganz Europa be-

Brigitte Gasser: Lirone

rühmt. Im weiteren Verlauf des Abends kommen Heroen

Ralph Stelzenmüller: Orgel

zu Wort, die mit dem Fällen von Entscheidungen und deren

Markus Hünninger: Cembalo

Folgen ihre liebe Not haben. Die Vertonungen stammen

Ann Allen: gestalterische Mitarbeit

von italienischen Meistern des frühen 17. Jahrhunderts.

- 220 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 221 -


Mit L'Astratto eröffnet eine kapriziöse Sängerin den Konzertabend:

Sie kann sich nicht entscheiden, mit welchem Lied

sie ihr gebrochenes Herz trösten könnte!

In Dispietata pietate klagt Aminta Daphne an, zu Unrecht

den Pfeil zurückgehalten zu haben: Er leide so sehr unter

seinem gebrochenen Herzen, dass er nur noch den Tod herbeisehne.

Die letzten Momente der schottischen Königin Maria Stuart

vertonte Giacomo Carissimi in einer großangelegten Monodie.

Maria Stuart zeigt sich als furchtlose, stolze Frau, die mit

unverbundenen Augen ihren Weg zur Guillotine beschreitet.

Ihren Putsch gegen Königin Elisabeth bereut sie zu keinem

Zeitpunkt, vielmehr flüchtet sie sich in die wiederholte

Beteuerung ihrer Unschuld. Sie kann der Wahrheit nicht ins

Auge sehen, dass ihre eigene Ungeschicklichkeit beim Verschlüsseln

ihrer Briefe zum Scheitern des Attentatversuchs

– und damit zu ihrem eigenen Todesurteil – geführt haben.

Se m'amate, io v'adoro schildert heiter das »richtige« Verhal-

Den Abschluss des ersten Teils bildet ein zweiteiliges Maten

zweier Liebenden: Wenn der Eine liebt, will der Andere

drigal von Sigismondo D'India. Hier gibt sich der Dichter

auch lieben, er will sterben, wenn der Andere stirbt und

ein letztes Mal seiner maßlosen Bewunderung für die »gött-

eben auch hassen, wenn der Andere hasst.

lichen und gesegneten« Augen seiner Geliebten hin, die seine

Liebe nicht erwidern will oder kann, bevor er seine Kon-

Timore e che sarà beleuchtet hingegen einen gespaltenen

sequenzen zieht und sie für immer verlässt. Jedoch weiß er

Charakter: Barbara Strozzi vertonte hier in einem Dialogo

wohl, dass ihre Augen ihn noch sehr, sehr lange verfolgen

a voce sola den inneren Widerstreit zwischen Angst und

werden, egal wie viel Distanz er zwischen sich und sie brin-

8 Hoffnung: Die beiden können sich nicht darauf einigen, ob

sie jetzt wagen sollen zu lieben oder es doch lieber bleiben

gen wird.

8

lassen sollen, aus Angst, verletzt zu werden.

Nach der Pause erklingt die Hohelied-Vertonung »Filiae

Jerusalem« des sizilianischen Komponisten Erasmo Marotta:

Ebenfalls von der venezianischen Komponistin Barbara

»Sie« sucht »ihn« und kann sich nicht erklären, warum er

Strozzi stammt das Madrigal L'Usignuolo. Hier geht der

weggegangen ist, und wohin. Dieser Motette folgt das ein-

Dichter einer der grundlegenden Fragen zur Musik übergangs

vorgestellte Oratorium Jephta des römischen Komhaupt

nach: warum singt die Nachtigal und warum singen

wir? Aus Freude oder eher aus Wut? Wollen wir singen,

oder müssen wir?

ponisten Giacomo Carissimi.

- 222 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 223 -


Programm

Barbara Strozzi

(1619 Venezia – 1677 Padova)

1. L'Astratto. Voglio si vò cantar

Aus: Arie a voce sola, op. 8, Venezia, 1664

Sigismondo D'India

(ca. 1582 Palermo – ca. 1629 Modena?)

2. Dispietata pietate

Aus: Il terzo libro de Madrigali,Venezia, 1615

Girolamo Frescobaldi

(1583 Ferrara – 1643 Roma)

3. Se m'amate io v'adoro

Aus: Primo libro d'arie musicali per cantarsi, Firenze, 1630

Barbara Strozzi

4. Trà la speranze e'l timore

Dialogo à voce sola

Aus: Cantate, ariette e duetti, op. 2, Venezia, 1651

Girolamo Frescobaldi

5. Correnti

Aus: Toccate d'intavolatura di cimbalo et organo, Roma, 1637

Barbara Strozzi

6. L'Usignuolo

Donzella Ateniese sforzata dal Re di Tracia

Aus: Il primo libro de madrigali, Venezia, 1644

Giacomo Carissimi

(1605 Marino bei Roma – 1674 Roma)

7. Ferma, lascia ch'io parli

Luigi Rossi

(ca. 1597 Torremaggiore? – 1653 Roma)

8. Passacaglia

8

Sigismondo D'India

9. Alme Luci beate

Aus: Ottavo libro de madrigali, Roma, 1624

8

Pause

Erasmo Marotta

(ca. 1576 Randazzo in Sizilien – 1641 Palermo)

10. Filiae Jerusalem

Aus: Raccolta di mottetti, libro primo, Palermo, 1635

Giacomo Carissimi

11. Jephta

Manuskript, Paris

- 224 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 225 -


Texte

1. L'Astratto. Voglio si vò cantar

Text: Giuseppe Artale

1. Ich will singen

Text: Giuseppe Artale

Voglio si vò cantar, forse cantando

Ich will singen,

trovar pace potessi al mio tormento

vielleicht kann ich beim Singen Ruhe finden vor meiner Qual.

hà d'opprimere il duol forza il concento

Musik hat die Kraft, das Leid zu unterdrücken.

si, si pensiero aspetta

Ja, ja, Gedanken haltet ein!

a sonar comintiamo

Fangen wir an zu spielen

e a nostro senso una canzon troviamo.

und für unsere Stimmung ein Lied zu finden.

hebbi il core legato un di

»Mein Herz war einst gebunden

d'un bel crin

von wunderschönen Haaren …«

la straccerei subito ch'apro un foglio

Ich will's zerreissen. Sobald ich umblättere,

sento che mi raccorda il mio cordoglio

werde ich an meinen Gram erinnert.

Fuggia la notte e sol spiegava intorno

»Die Nacht ist geflohen und überall scheint die Sonne ...«

eh, si confondon qui la nott'èl giorno

Ha, hier verwechseln sie Nacht und Tag!

8 volate ò furie

»Fliegt, oh Furien,

8

volate e conducete

fliegt und führt

un miserabile al foco eterno …

diesen Elenden zum ewigen Feuer ...«

ma che fò nell'inferno?

Aber was mache ich in der Hölle?

Al tuo ciel vago desio

»Nach deinem Himmel, schöne Ersehnte,

spiega l'ale e vanne

breite die Flügel aus und fliege ...«

à fè che quel che ti compose

Ach wirklich, wer dich geschrieben hat,

poco sapea dell'amoroso strale

wusste sehr wenig von den Pfeilen Amors!

desiderio d'amante in ciel non sale.

Das Sehnen eines Liebenden steigt nie bis zum Himmel.

Goderò sotto la luna

»Ich werde im Mondlicht genießen ...«

hor questa si ch'è peggio

Das ist ja noch schlimmer!

fà il destin de gl' amanti e vuol fortuna.

Es kennt das Schicksal der Liebenden und erwartet Glück!

- 226 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 227 -


misero i guai m'han da me stesso astratto

e cercando un soggetto

per volerlo dir sol cento n'ho detto.

Chi nel carcere d'un crine

i desiri hà prigionieri

per sue crude aspre ruine

ne men suoi sono i pensieri.

Chi ad' un vago alto splendore

diè fedel la libertà

schiavo al fin tutto d'amore

ne men sua la mentre havrà.

Quind' io misero e stolto

non volendo cantar cantato hò molto.

Ich Arme, mein Unglück hat mich zerrissen

und nach einem einzigen Stück suchend,

um nur eine Sache zu sagen, hab ich hunderte gesagt.

Er, der von seinen Wünschen

in ein Gefängnis von schönen Haaren eingesperrt ist,

besitzt wegen seines eigenen grausamen, harten Ruins

nicht einmal seine eigenen Gedanken.

Wer treu seine Freiheit einem hohen

schönen Glanz verpfändet hat,

– letztlich ein Sklave der Liebe –

dem gehört nicht einmal mehr sein eigener Kopf!

Daher habe ich, elend und dumm,

obwohl ich gar nicht singen wollte, so viel gesungen.

2. Dispietata pietate

2. Erbarmungsloses Mitleid

Text: Torquato Tasso

Text: Torquato Tasso

8 8

Dispietata pietate

Es war also wirklich nichts

Fu la tua veramente, o Dafne, allora

als erbarmungsloses Mitleid, oh Daphne,

Che ritenesti il dardo:

als du den Pfeil zurückhieltest.

Però che'l mio morire

Trotzdem wird mein Sterben

Più amaro sarà quanto più tardo.

bitterer sein, je später es eintritt.

Ed or perché m'avvolgi

Und warum verwickelst du mich jetzt

Per sí diverse strade e per sí varii

unnötig in so unterschiedliche Wege und so

Ragionament' invano? Di che temi?

verschiedenartige Gedankengänge? Wovor hast du Angst?

Temi ch'io non m'uccida?

Fürchtest du, dass ich mich nicht töten werde?

Temi del mio bene.

Du fürchtest um mein Wohl.

Deh, lasciami morire in tante pene.

Ach, lass mich sterben in so großer Pein!

- 228 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 229 -


8

3. Se m'amate io v'adoro

Se m'amate, io v'adoro,

Se pur mi disprezzate,

io vi disprezzo,

Se morite per me, io per voi moro.

Se m'odiate voi, io son' avvezzo

A secondar d'Amor gli effetti suoi,

Sempre farò quel che farete voi.

4. Trà la speranze e'l timore

Dialogo à voce sola

»Timore, e che sarà?

Godremo si ò nò?«

»Datemi libertà,

speranze, e vel' dirò:

Non s'accordano mai

le speranze el' timor,

che l'uno sogna guai

e l'altre accieca Amor.«

»Datemi libertà,

speranze, e vel' dirò:

»timore, di, di pur di!«

»speranze, io vel' dirò,

mà se dirò di nò,

voi direte di sì.«

3. Wenn Ihr mich liebt, bete ich Euch an

Wenn Ihr mich liebt, bete ich Euch an,

Wenn Ihr mich verachtet,

verachte ich Euch,

Wenn Ihr für mich sterbt, werde ich für Euch sterben.

Wenn Ihr mich hasst, so werde ich, da ich gewohnt bin,

Der Liebe in allen Dingen Beistand zu leisten,

Stets nachahmen, was Ihr tut.

4. Zwischen Hoffnung und Furcht

Dialog für eine Stimme

»O Furcht, was wird sein?

Werden wir glücklich, ja oder nein?«

»Gebt mir Freiheit,

Hoffnung, und ich will es euch sagen:

Hoffnung und Furcht

stimmen nie überein,

denn die eine träumt stets von Schmerzen,

Amor aber blendet die andere.«

»Gebt mir Freiheit,

Hoffnung, und ich will es euch sagen:

»Sag, Furcht, sag es!«

»Hoffnung, ich will es euch sagen,

aber wenn ich nein sage,

werdet ihr ja sagen.«

- 230 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 231 -

8


6. L'Usignuolo

Donzella Ateniese sforzata dal Re di Tracia

Quel misero usignuolo

spiega la pompa de' canori accenti

e racconta il suo duolo

al fonte, al prato, a la foresta, ai venti.

Piange l'ingiurie Filomena e i torti

d'un trace ingannatore;

e non canta d'amore,

ma con l'irata lingua

ricorda al Ciel che i traditori estingua.

Chi credería che voce

cara e soave tanto

muovan gli sdegni al canto?

6. Die Nachtigall

Ein athenisches Fräulein, bedrängt vom König von Thrakien

Die armselige Nachtigall

entfaltet den Prunk ihres musikalischen Gesanges

und erzählt ihren Schmerz

der Quelle, der Wiese, dem Wald und den Winden.

Philomena beweint die Schmähungen und das Unrecht,

die ihr durch einen thrakischen Betrüger zuteil werden,

und sie singt nicht von der Liebe,

sondern erinnert mit erzürnter Zunge

den Himmel daran, dass er die Verräter auslöschen solle.

Wer hätte geglaubt, dass der Zorn

eine Stimme, so lieblich und süß,

zum Singen veranlassen könnte?

8 8

- 232 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 233 -


Noi pur, o belle avare,

allor ch'al nostro ossequioso affetto

son le mercedi rare,

più di rabbia cantiam che per diletto.

7. Ferma, lascia ch'io parli

Auch wir, oh ihr schönen Gierigen,

die wir selten Lohn erhalten

für unsere unterwürfigen Liebesbezeigungen,

singen mehr aus Wut als aus Freude.

7. Halt, Lass mich sprechen

Ferma, lascia ch'io parli, sacrilego Ministro!

Halt, lass mich sprechen, gotteslästerlicher Priester!

Se ben fato inclemente

Wenn auch das ungünstige Schicksal

a morte indegna come rea mi destina,

mir einen unverdienten Tod beschert,

Vissi e moro Innocente,

leb' und sterb' ich in Unschuld.

son del sangue Stuardo e son Regina,

Ich bin vom Blute der Stuarts und ich bin Königin.

perche bendarmi i lumi?

Warum mir die Augen verbinden?

s'io mirai tanti giorni,

Wenn ich doch so viele Tage vorbeiziehen sah,

hò petto ancora da mirar l'ultim' ora,

habe ich auch den Mut, meiner letzten Stunde entgegenzusehen.

e s'io gl' apersi al' cielo,

Und so wie ich sie zum Himmel hob

8 saprò ben' senza velo alla Vita serarli.

kann ich nun ohne Schleier aus dem Leben scheiden.

8

ferma, ferma, lascia, lascia ch'io parli!

Halt, wartet, lasst mich doch sprechen!

Mà, che dirò?

Aber – was werde ich sagen?

Purtroppo hoggi favella à mio pro l'Innocenza

Leider spricht für mich heute nur die Unschuld

e di si rea sentenza a Dio s'appella.

und gegen dieses grausame Urteil ruft sie zu Gott.

Vilipesa Innocenza, s'una Regina

Verachtete Unschuld, wenn sie sogar eine Königin nicht rettet,

à ti salvar non lice cui l'invidia fà guerra,

die dem Neid den Krieg erklärt hat,

à chi ricorrer deve in Inghilterra

an wen darf sich dann in England

un Mendico, un' Vassalo, un' infelice?

ein Bettler, ein Vasall, ein Unglücklicher wenden?

vilipesa Innocenza,

Verachtete Unschuld.

Vattene pur dà mè, torna alle stelle,

Geh weg von mir, kehre zurück zu den Sternen,

ch'io con Anima intrepida, e serena

denn ich werde mit furchtloser, abgeklärter Seele

sarò frà tante squadre a Dio rubelle

inmitten gottloser Menschenmassen

- 234 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 235 -


di mia Tragedia, e spetatrice e scena.

in meiner Tragödie Zuschauerin und Szene sein.

A morire, à morire!

Zum Sterben!

Per serbar Giustizia, e fede,

Um Gerechtigkeit und Glauben zu bewahren

più non vaglion le Corone,

sollen keine Kronen mehr gelten,

che di stato la Ragione

denn für Gründe der Vernunft

anco la verità sà far mentire.

weiß sogar die Wahrheit zu lügen.

à morire, à morire!

Zum Sterben!

Versarò dal collo il sangue

Es wird wohl vom Halse das Blut fließen,

mà non già dai lumi il pianto,

aber aus meinen Augen keine Träne,

che se bene Io resto esangue,

auch wenn ich verblute,

la costanza al mio duol' mesce elisire

wird Standhaftigkeit meinem Schmerz ein Elixier mischen.

A morire, à morire!

Zum Sterben!

Voi, mie care donzelle,

Ihr, meine lieben Mädchen,

che m'inchinaste al soglio

die ihr vor meinem Thron knietet

et hor piagenti mi seguite ai tormenti,

und klagend meiner Qual folgt,

compatite i miei casi,

beweint meinen Fall.

e s'io lassa rimasi spogliata d'ogni ben', d'ogni fortuna,

Und ich, ach, beraubt alles Guten, allen Glückes,

8 non per questo morendo gl'oblighi miei tralascio,

unterlasse trotzdem meine Pflichten nicht:

8

partitevi l'amor con cui vi lascio.

Teilt die Liebe, die ich Euch hinterlasse.

Soffrite costanti la dura mia sorte,

Erduldet standhaft mein hartes Schicksal,

e s'invida Morte stillandovi in pianti

Und wenn der neidvolle Tod mich Euch Aufbegehrenden

à voi mi toglie, ò fide ancelle in terra,

und Weinenden entreißt, oh, treue Frauen auf der Erde,

con sempiterno riso v'abbraccerò

werde ich Euch, Gefährtinnen, mit einem ewigen Lächeln

Compagne in Paradiso.

im Paradies umarmen.

Mira Londra, et impara le vicende mondane

Sieh, London, und lerne die Wechselfälle der Welt,

e tu, ch'all' Anglicane schiere dai legge

und du, die du die Briten regierst,

o Jezabelle altera,

hochmütige Isabella,

di Giustitia severa aspetta i colpi,

erwarte von der strengen Gerechtigkeit die Strafe!

e se per farti in brani

Und wenn, um dich in Stücke zu hauen,

mancheranno alle belve artigli e morsi

den Bestien Klauen und Bisse fehlen,

- 236 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 237 -


serviranno di Cani i tuoi rimorsi.

Sì, sì, sfogati, assali

scarica sul mio capo à cento à mille

del tuo furor gli strali!

Vibra senza pietà sù questo petto esangue

strazi, scempi, flagelli, atrocità.

Lascia ch'un' mar di sangue m'inostri il nero Manto,

fulmina pur, che tanto stratiarmi non saprai

quant'io soffrire.

A morire, à morire

Qui tacque, e forte e invitta

al suo destin s'arrese la Regina Scozzese,

ne guari andò ch'un colpo indegno e rio

divise il Corpo, et unì l'alma à Dio.

bleiben doch die Hunde zu deiner Reue.

Ja, ja, tobe dich aus, Wut,

regne über meinem Kopf hunderte, tausende Pfeile

deines rasenden Zorns!

Schlage ohne Erbarmen zu über dieser blutgetränkten Brust

mit Qualen, Marter, Geißeln und Wildheit.

Lass ein Meer aus Blut meinen Mantel schwarz färben,

erschlag mich, denn du wirst mich nicht soviel quälen

wie ich leide!

Zum Sterben!

Hier schwieg sie, und stark und unbesiegt

ergab sich die schottische Königin Ihrem Schicksal,

und einen Moment später teilte ein unwürdiger und böser

Schlag den Körper und vereinte die Seele mit Gott.

9. Alme Luci beate

9. Ihr seligen Augenlichter

8 8

Alme luci beate,

Ihr seligen Augenlichter,

Che dolcemente ardeste

die ihr süß branntet

E dolce distrugeste

und lieblich zerstörtet

L'incenerito core,

das eingeäscherte Herz,

Chi di bei lampi hor farà lieto Amore?

wen wird Amor nun mit schönen Blitzen glücklich machen?

Io vi lascio, mie scorte,

Io mi parto, bei lumi,

Io vò lungi, miei Numi,

E non ho speme ohimè che mi conforte.

Alme luci beate,

Se per sì lunga etate

Ich gehe, meine Lichter,

ich gehe weit weg, meine Götter,

und habe keine Hoffnung mehr,

die mich trösten könnte.

Ihr seligen Augenlichter,

wenn für so lange Zeit

- 238 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 239 -


Amando e desiando

Voi foste il mio gioire,

Hor per sì lunga etate

Amando e rimembrando

Sarete il mio martire.

10. Filiae Jerusalem

liebend und sehnend

ihr meine Freude wart,

werdet ihr nun für so lange Zeit

liebend und erinnernd

mein Martyrium.

10. Ihr Töchter Jerusalems

- Filiae Ierusalem,

- Ihr Töchter Jerusalems,

num quem diligit anima mea vidistis?

habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt?

- Quo abiit dilectus tuus,

- Wo ist dein Geliebter hingegangen,

o pulcherrima mulierum?

o Schönste unter den Frauen?

- Quaesivi eum in lectulo meo per noctem

- Ich suchte ihn in meinem Bett des Nachts

et non inveni.

und fand ihn nicht.

- Qualis est dilectus tuus? et quaeremus eum tecum.

- Wie ist dein Geliebter? Wir werden ihn mit dir suchen.

- Dilectus meus candidus et rubicundus,

- Mein Geliebter ist weiß und rot,

8 caput eius aurum optimum,

sein Kopf lauteres Gold,

8

oculi eius sicut columbae super rivulos aquarum,

seine Augen wie Tauben an Wasserquellen,

labia eius dulcia super mel et favum,

seine Lippen süßer denn Honig und Wabe,

manus eius tornatiles aureae plenae iacinthis.

seine Hände goldene Rollen, mit Topasen-Stein besetzt;

- Qualis est dilectus tuus?

- Wie ist dein Geliebter?

- Talis est dilectus meus, filiae Ierusalem:

- So ist mein Geliebter, ihr Töchter Jerusalems:

si inveneritis, dicite ei quia amore langueo.

wenn ihr ihn findet, sagt ihm, dass ich vor Liebe verschmachte.

- 240 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 241 -


11. Jephta

Testo: Richter XI, 29-38

Altus solo

Cum vocasset in proelium filios Israel rex filiorum Ammon

et verbis Jephte acquiescere noluisset, factus est super Jephte

Spiritus Domini, et progressus ad filios Ammon votum

vovit Domino dicens:

Jephte – Tenor solo

Si tradiderit Dominus filios Ammon in manus meas,

quicumque primus de domo mea occurrerit mihi,

offeram illum Domino in holocaustum.

Chorus

Transivit ergo Jephte ad filios Ammon, ut in Spiritu forti

et virtute Domini pugnaret contra eos;

et clangebant tubae, et personabant tympana,

et proelium commissum est adversus Ammon.

11. Jephta

Text nach Richter XI, 29-38

Alt Solo

Als der König der Ammoniter die Israeliten zum Kampf gefordert

hatte und die Worte Jephtes nicht beachten wollte,

kam über Jephte Gottes Geist, und da er gegen die Ammoniter

vorrückte, sprach er vor dem Herrn ein Gelübde:

Jephte – Tenor Solo

Wenn der Herr die Kinder Ammon in meine Hand gibt,

dann werde ich dem Herrn als Opfer darbringen, wer auch

immer mir als erster aus meinem Hause entgegentritt.

Chor

Also zog Jephte gegen die Ammoniter, um mit tapferem Geist

und der Kraft des Herrn gegen sie zu kämpfen.

Es schmetterten die Trompeten und es dröhnten die Pauken,

als die Schlacht gegen Ammon begann.

8 8

Basso solo

Fugite, cedite, impii, perite, gentes;

occumbite in gladio, Dominus exercituum in proelium

surrexit et pugnat contra vos.

Chorus

Fugite, cedite impii, corruite

et in furore gladii dissipamini.

Bass solo

Flieht, weicht, ihr Gottlosen, geht zugrunde,

fallt unter dem Schwert. Der Herr der Heere

steht auf zur Schlacht und kämpft gegen euch.

Chor

Flieht, weicht, ihr Gottlosen, stürzt zusammen

und werdet zersprengt unter dem Wüten des Schwertes.

- 242 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 243 -


Solo

Et percussit Jephte viginti civitates Ammon

piaga magna nimis.

Chorus

Et ululantes filii Ammon

facti sunt coram filiis Israel humiliati.

Solo

Cum autem victor Jephte in domum suam reverteretur,

occurrens ei unigenita filia sua

cum tympanis et choris praecinebat:

F (Filia)

Incipite in tympanis et psallite in cymbalis,

hymnum cantemus Domino

et modulemur canticum.

Laudemus Regem coelitum, laudemus belli Principem,

qui filiorum Israel victorem ducem reddidit.

Solo

Und Jephte zertrümmerte zwanzig Städte Ammons

mit einem über alle Maßen gewaltigen Schlag.

Chor

Und die Ammoniter weinten,

da sie öffentlich von den Israeliten gedemütigt wurden.

Solo

Als aber Jephte als Sieger nach Hause zurückkehrte,

trat ihm seine einzige Tochter entgegen

und sang mit Pauken und Reigen:

Tochter

Schlagt die Pauken, lobsingt mit Zimbeln.

Lasst uns dem Herrn ein Loblied singen

und einen Freudenchor anstimmen.

Lasst uns den König des Himmels loben, den Kriegsfürsten,

der den Feldherrn der Israeliten als Sieger zurückgegeben hat.

8 8

A 2

Hymnum cantemus Domino

et modulemur canticum,

qui dedit nobis gloriam et Israel victoriam.

F (Filia)

Cantate mecum Domino, cantate omnes popoli,

laudate belli Principem,

qui nobis dedit gloriam et Israel victoriam.

A 2

Lasst uns dem Herrn ein Loblied singen

und einen Freudenchor anstimmen,

denn er schenkte uns Ruhm und Israel den Sieg.

Tochter

Singt mit mir dem Herrn, singt alle Völker,

lasst uns den Kriegsfürsten preisen,

denn er schenkte uns Ruhm und Israel den Sieg.

- 244 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 245 -


Chorus

Cantemus omnes Domino, cantate omnes popoli,

laudemus belli Principem,

qui nobis dedit gloriam et Israel victoriam.

Solo

Cum vidisset Jephte, qui votum Domino voverat,

filiam suam venientem in occursum,

prae dolore et lachrimis scidit vestimenta sua et ait:

Jephte

Heu mihi, filia mea! Heu, decepisti me, filia unigenita.

et tu pariter, heu, filia mea, decepta es.

F (Filia)

Cur ego te, pater, decepi, et cur ego,

filia tua unigenita, decepta sum?

Chor

Lasst uns alle dem Herrn singen,

lasst uns alle den Kriegsfürsten preisen,

denn er schenkte uns den Ruhm und Israel den Sieg.

Solo

Als Jephte, der dem Herrn das Gelübde geleistet hatte,

seine einzige Tochter ihm entgegentreten sah,

zerriss er in Schmerz und Tränen seine Kleider und sagte:

Jephte

Wehe, meine Tochter, wie täuschst du mich, meine einzige Tochter,

und du gleichermaßen, wie bist du getäuscht.

Tochter

Warum habe ich dich, Vater, getäuscht und weshalb bin ich,

deine einzige Tochter, getäuscht?

8 8

Jephte

Aperui os meum ad Dominum

ut quicumque primus de domo mea occurrerit mihi,

offeram illum Domino in holocaustum.

Heu mihi, filia mea!

Heu, decepisti me, filia unigenita;

et tu pariter, heu, filia mea, decepta es.

Jephte

Ich habe dem Herrn versprochen,

ich würde ihm als Opfer darbringen,

wer mir als erster aus meinem Hause entgegentrete.

Wehe mir, meine Tochter,

du hast mich getäuscht, meine einzige Tochter,

und du meine Tochter, wehe, bist gleichermaßen getäuscht.

- 246 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 247 -


F (Filia)

Pater mi,

si vovisti votum Domino,

reversus victor ab hostibus,

ecce ego filia tua unigenita:

offer me in holocaustum victoriae tuae.

Hoc solum, pater mi,

praesta filiae tuae unigenitae ante quam moriar.

Jephte

Quid poterit animam tuam, quid poterit te,

moritura filia, consolari?

F (Filia)

Dimitte me, ut duobus mensibus

circumeam montes, ut cum sodalibus

meis plangam virginitatem meam.

Tochter

Mein Vater, mein Vater,

wenn du dem Herrn dies versprochen hast

und nun als Sieger über deine Feinde heimkehrst,

siehe, dann biete ich, deine einzige Tochter,

mich zum Brandopfer an für deinen Sieg.

Nur eines gewähre mir, deiner einzigen Tochter,

bevor ich sterben soll.

Jephte

Was wird deine Seele, was wird dich,

todgeweihte Tochter, trösten können?

Tochter

Lass mich gehn, dass ich zwei Monate lang

im Gebirge umherwandere, um mit meinen Freundinnen

meine Jungfräulichkeit zu beklagen.

8 8

Jephte

Vade filia, vade filia mea unigenita,

et plange virginitatem tuam.

Chorus

Abiit ergo in montes filia Jephte

et plorabat cum sodalibus virginitatem suam,

dicens:

Jephte

Geh, meine Tochter, geh,

und beklage deine Jungfräulichkeit.

Chor

Also ging die Tochter Jephtes in die Berge

und beklagte mit ihren Freundinnen ihre Jungfräulichkeit

und sagte:

- 248 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 249 -


F (Filia)

Plorate colles, dolete montes

et in afflictione cordis mei ululate.

Ecce, moriar virgo et non potero morte

mea meis filiis consolari.

Ingemiscite silvae, fontes et flumina,

in interitu virginis lachrimate.

Heu me dolentem, in laetitia populi,

in victoria Israel et gloria patris mei;

ego sine filiis virgo, ego filia unigenita moriar

et non vivam!

Exhorrescite rupes, obstupescite colles,

valles et cavernae in sonitu horribili resonate.

Plorate filii Israel, plorate virginitatem mea,

et Jephte filiam unigenitam in carmine doloris lamentamini.

Tochter

Weint, ihr Hügel, trauert, ihr Berge,

und heult mit mir über meine Herzensqual.

Seht, ich sterbe als Jungfrau und kann in meinem Tod

nicht von meinen Söhnen getröstet werden.

Seufzt, ihr Wälder, Quellen und Flüsse,

weint über den Untergang einer Jungfrau.

Wehe mir Armer, beim Jubel des Volkes,

beim Sieg Israels und beim Ruhm meines Vaters muss ich,

seine einzige Tochter, kinderlos als Jungfrau sterben

und darf nicht leben.

Erschauert, ihr Felsen, erstarrt, ihr Hügel, und ihr

Täler und Schluchten, hallt wider in schrecklichem Klang.

Beweint meine Jungfräulichkeit, ihr Kinder Israels

und beklagt Jephtes einzige Tochter in einem Trauergesang.

Chorus

Chor

8 Plorate filii Israel, plorate omnes virgines

Weint, ihr Kinder Israels, weint, alle Jungfrauen

8

et filiam Jephte unigenitam in carmine doloris lamentamini.

und beklagt Jephtes einzige Tochter in einem Trauergesang.

- 250 - Trigonale 2011 – Das Programm

Trigonale 2011 – Das Programm - 251 -


Ensemble &cetera

und arbeitete mit Philippe Herreweghe, Gustav Leonhardt,

Daniel Reuss, Manfred Cordes, Christoph Siebert und Jos van

movere gli affetti dell'animo – den Zuhörer mitreißen in einem

Veldhofen zusammen.

Konzerterlebnis, das bewegt und definitiv nicht »von der

Neben Radiomitschnitten und live-Hörfunkauftritten do-

Stange« ist – das ist das Ziel von &cetera. Auf der Grundkumentieren

CD- und Film-Produktionen die Vielseitiglage

aktuellster Erkenntnisse aus der Aufführungspraxis

keit der Sängerin.

widmen wir uns mit Spielfreude und Esprit musikalischen

Ihr schauspielerisches Interesse kann Ulrike auch auf der

Entdeckungen aus der italienischen Musik des Früh- und

Opernbühne ausleben. Sie sang unter anderem am Theater

Hochbarocks.

Basel und am Theater Bern und war als Calisto in Cavallieris

gleichnamiger Oper, als Galathea in Händels Acis and Galathea,

als Euridike in Telemanns Orpheus und in sämtlichen

Frauenrollen in Purcells Dido and Aeneas zu hören.

Ulrike Hofbauer, Sopran und Mo-

Mit ihrem eigenen Ensemble savadi hat sie 2003 den York

tor des Ensembles, ist fasziniert davon,

Early Music International Young Artists Competition und 2004

wie, warum, wobei, und wann Menschen

den Van Wassenaer Concours in Den Haag gewonnen. Bis vor

ihre oft überraschenden Entscheidungen

Kurzem unterrichtete sie Barockgesang an der Universität

fällen. Die geistliche Oper Jephta von

Mozarteum Innsbruck. www.savadi.net

8 Giacomo Carissimi begleitet sie seit ihrer

Ulrikes Repertoire umfasst alle Epochen und Stilrichtungen. 8

Jugend und war ein wichtiger Impuls für Ulrikes Entschluss,

Die intensive Beschäftigung mit musikalischer Rhetorik,

Sängerin zu werden.

Ornamentik und dem »recitar cantando« Stil bildet einen

Sie studierte Gesang und Gesangspädagogik an den Hoch-

Schwerpunkt ihrer künstlerischen Arbeit.

schulen Würzburg und Salzburg und an der Schola Cantorum

Basiliensis. Zu ihren maßgeblichen Lehrern zählen Sabine

Schütz, Evelyn Tubb und Anthony Rooley. In der Arbeit mit

www.ulrikehofbauer.com

Christina Pluhar und Andrea Marcon erhielt sie weitere wert-

Kristine Jaunalksne, Sopran, gebovolle

Anregungen.

ren in Riga, Lettland, studierte zunächst

Die in Oberbayern geborene Sängerin ist heute in der Nähe

Chorleitung an der Musikakademie in

von Basel ansässig und musizierte als Solistin unter anderem

Lettland.

mit Singer Pur, dem Collegium Vocale Gent, L'Arpeggiata, La

Unter ihrem Dirigat erhielt der Mädchen-

Chapelle Rhénane, L'Orfeo Barockorchester und Cantus Cölln

kammerchor Tonika bei verschiedenen

- 252 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 253 -


internationalen Chorwettbewerben zahlreiche Auszeichnungen

und Preise. Nach dem Diplom kam sie in die Schweiz

und studierte Gesang an der Schola Cantorum Basiliensis bei

Andreas Scholl und Evelyn Tubb und am Konservatorium

Neuchâtel bei Jeanne Roth. Derzeit arbeitet sie mit Sabine

Schütz.

Als gefragte Solistin im Oratorienbereich reist sie durch

ganz Europa. Daneben gilt ihre besondere Liebe den musikdramatischen

Formen. Kreative Impulse erhielt sie dabei

durch Projekte wie Se m'amate io v'adoro unter der Regie

von Joachim Schlömer, Rappresentatione di Anima, et

di Corpo von Emilio de' Cavalieri unter Christina Pluhar, Il

matrimonio segreto von Dominico Cimarosa am Theater von

Neuchâtel, Combattimento di Tancredi e Clorinda von Claudio

Monteverdi unter der Regie der Berliner Tänzerin und Choreographin

Mirella Weingarten und Barockburlesque, einer

Verbindung klassischer Barockmusik mit klassischem Jazz

BBC, ORF und DRS haben das Ensemble regelmäßig im

Programm. Ihre neue CD Fabellae sacrae wurde von der

Kritik begeistert aufgenommen.

8 unter der Regie von Ann Allen.

Julie Comparini, Alt, ist als Opernund

Oratoriensolistin sowohl unter der

Leitung von Michi Gaigg, Reinhard

Goebel, Thomas Hengelbrock und Marc

Minkowski aufgetreten, als auch in interdisziplinären

Theaterprojekten in St.

Pölten (Festival Nox Illuminata), Berlin (theaterbar), Oldenburg

(Staatstheater) und Regensburg (Tage Alter Musik).

Sie singt regelmäßig mit dem Balthasar-Neumann-Chor

und der Schola Heidelberg und ist Gründungsmitglied des

belgischen Ensembles Sospiri Ardenti, für welches sie die

theatralischen Konzerte Liefde en Magie bij Shakespeare,

Métamorphoses und De nachtegaal, eine Pasticcio-Oper für 8

Neben ihrer Arbeit als Solistin musiziert Kristine Jaunalksne

Kinder mit Musik von G. P. Telemann, entwickelte.

auch gerne in kleinen Ensemble-Besetzungen, so arbeitete

sie z.B. mit dem Collegium Vocale Gent unter der Leitung

von Peter Phillips, der Akademie für Alte Musik Berlin unter

www.juliecomparini.com

der Leitung von Attilio Cremonesi, L'Arpeggiata unter Chris-

Georg Poplutz, Tenor, wurde in

tina Pluhar und »Sette Voci« unter Peter Kooij.

Arnsberg, Deutschland, geboren. Er

Ihr besonderes Engagement gilt ihrem eigenen Ensemble

schloss an sein Staatsexamen für Musik

savadi, mit welchem sie im Jahr 2003 den Early Music Wett-

und Englisch ein Gesangsstudium an den

bewerb in York und im Jahr darauf auch den Van Wassenaer

Musikhochschulen in Frankfurt a. M.

Concours in Den Haag gewonnen hat. In der Musik von

und Köln bei Berthold Possemeyer und

savadi kann Kristine ihr Bemühen um historische Authen-

Christoph Prégardien an, das er 2007 mit dem Konzertexatizität

mit dem modernen Esprit unserer Zeit verbinden.

men erfolgreich beendet hat.

- 254 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 255 -


Konzertengagements im Oratorienfach führten Poplutz in

zahlreiche Städte Deutschlands und des europäischen Auslands

sowie nach China, Mexiko, Singapur und durch das

südliche Afrika. Dabei arbeitete er u.a. mit Marcus Creed,

Georg Grün, Ludwig Güttler, Matthias Jung, Tonu Kaljuste,

Peter Neumann, Ralf Otto, Ralf Popken, Wolfgang Schäfer,

Winfried Toll und Roland Wilson zusammen. Liederabende

gibt er u.a. mit seinem Klavierpartner Hilko Dumno. Im

Johann Rosenmüller Ensemble unter der Leitung von Arno

Paduch sowie in Konrad Junghänels Cantus Cölln, mit dem er

2010 bei der trigonale zu hören war, widmet er sich in Konzert

und Rundfunk der Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts.

Poplutz ist regelmäßig in großen Konzerthäusern und bei

Musikfestivals zu Gast und macht sich vor allem als Evangelist

einen Namen. 2010/11 ist er u.a. im Berliner Konzerthaus,

in der Dresdner Frauenkirche, in der Frankfurter Alten

Oper, im Hamburger Michel, in der Kölner Philharmonie,

Jakob Pilgram, Tenor, studierte bei

Hans-Jürg Rickenbacher in Basel (Lehrdiplom

mit Auszeichnung) und Werner

Güra in Zürich (Konzertdiplom mit Auszeichnung).

Er ist Dirigent des professionellen

Vokalensembles larynx sowie

Mitglied im Balthasar Neumann-Chor. Er wirkt bei verschiedenen

Konzerten als Lied- und Oratoriensänger im In-

und Ausland mit und hat Engagements an den Theatern

Basel, Bern und Luzern. Seit 2005 ist er fester Bestandteil

im Ensemble des Festival Cultural Origen. Er ist Träger

der Studienpreise der Friedl Wald Stiftung und des

Migros-Genossenschafts-Bundes.

2008 wurde er mit dem Kammermusikpreis der Basler Orchestergesellschaft

ausgezeichnet. www.jakobpilgram.ch

8 bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, beim Rheingau-

Jon Stainsby, Bass, promovierte in

Englischer Literatur des 17. Jahrhunderts

an der University of Oxford bevor

er sich ganz dem Singen zuwendete.

Neben seiner Tätigkeit als Oratoriensolist

und Konzertsänger ist er Mitglied

verschiedener Ensembles, darunter der Academy of Ancient

Music, Choir and Orchestra of the Age of the Enlightenment,

EXAUDI consort und English Voices.

8

Musik-Festival und in verschiedenen Rundfunk- und CD-

Er setzte seine Studien an der Schola Cantorum Basiliensis

Produktionen zu hören. www.georgpoplutz.de

und an der Royal Scottish Academy of Music and Drama,

Glasgow, und privat bei Rudolf Piernay fort.

Marie Bournisien, Arpa doppia,

studierte moderne Harfe an der Musikschule

Montbéliard (Frankreich) und am

Konservatorium in Paris bei Frédérique

Cambreling. Im Jahr 1999 schloss sie mit

dem Prix de la ville de Paris ab. Seit 1999

beschäftigt sie sich vorwiegend mit historischen Harfen.

- 256 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 257 -


Sie studierte Barockharfe bei Marion Fourquier am Centre

de Musique Médiévale de Paris und danach bei Heidrun Rosenzweig

an der Schola Cantorum Basiliensis. In Basel nahm

sie auch Unterricht bei Hopkinson Smith, Andrea Marcon

und Jesper Christensen (basso continuo). 2002 begann sie

ein Aufbaustudium am Konservatorium von Den Haag bei

Christina Pluhar und schloss mit dem Diplom 2005 ab.

Zahlreiche Konzerte mit Ensembles wie savadi (www.

savadi.net), La Chapelle Rhénane, Akadémia, Musica Nova,

und Le poème harmonique führten sie durch ganz Europa.

Als gefragte Continuospielerin wurde sie eingeladen, bei

Händels Lotario am Stadttheater Karlsruhe, Monteverdis Il ritorno

di Ulisse und dem Orfeo an der Oper Frankfurt und am

Theater Basel mitzuwirken.

Derzeit unterrichtet Marie Bournisien Barockharfe an der

Musikhochschule Zürich.

Julian Behr, Theorbe, studierte klassische

Gitarre und Laute bei Mario Sicca,

Robert Barto, Joachim Held und bei Hopkinson

Smith in Stuttgart, Hamburg und

an der Schola Cantorum Basiliensis in

Basel. Er trat als Solist und in verschiedenen

Kammermusik-Formationen auf Festivals in den

meisten Ländern Europas sowie in Südamerika auf. Neben

kammermusikalischer Arbeit ist die Mitwirkung an Barockopern-Produktionen

ein Bestandteil seiner Arbeit, zuletzt

an der Hamburgischen Staatsoper, an der Deutschen Oper

Berlin, den Opernhäusern in Amsterdam, Ferrara, Lissa-

bon, Brüssel und Luzern. CD-Aufnahmen bei Alpha, ORF

Wien, mit Andreas Scholl bei Harmonia Mundi und bei Capriccio

dokumentieren die Arbeit des Musikers. Julian Behr

hat einen Lehrauftrag für Laute an der Hochschule für Musik

Nürnberg.

Brigitte Gasser, Lirone, studierte

Gambe an der Schola Cantorum Basiliensis

bei Jordi Savall und erhielt ihr Diplom

1990. Seitdem arbeitet sie als freiberufliche

Musikerin und konzertiert mit

verschiedenen Solisten und Ensembles

in ganz Europa. Ihr stilistisches Repertoire reicht vom 15.

Jahrhundert bis hin zu zeitgenössischen Kompositionen.

Daneben unterrichtet sie seit vielen Jahren vor allem Kinder

und erwachsene Amateure und gibt regelmäßig Kurse

8 für Alte Musik. Sie ist Autorin eines Unterrichtswerkes 8

Viola da Gamba, Schule für Anfänger, erschienen 2008

beim deutschen Verlag Musiche Varie.

Brigitte Gasser wirkte bei zahlreichen Radio- und Plattenaufnahmen

mit, etwa mit dem Concerto Vocale (René Jacobs),

dem Parlement de musique (Martin Gester) und dem Ensemble

Daedalus (Roberto Festa), und dem von ihr mitgegründeten

Concerto di Viole und The Earle his Viols. Sie war an

Opernprojekten im Grand Théâtre in Genf, im Theater Basel

und an den Festspielen in Innsbruck beteiligt. Neben ihrer

Arbeit mit stilistisch getreuen Kopien von Gambeninstrumenten

des 16. bis 18. Jhs. beschäftigt sie sich seit einigen

Jahren mit der Lira da Gamba als Continuo-Instrument.

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Markus Hünninger, Cembalo, absolvierte

1981 – 1984 ein Studium für His-

torische Tasteninstrumente an der Schola

Cantorum Basiliensis. Anschließend setzte

er seine Ausbildung bei Johann Sonnleitner

an der Musikhochschule in Zürich

fort, wo er 1986 ein Konzertdiplom mit dem Cembalo ablegte.

Seit 1989 unterrichtet er an der SCB Cembalo, Clavichord

und Generalbass.

Neben seiner Unterrichtstätigkeit verfolgt er eine Karriere

als Solist und Ensemblespieler, die auch zu zahlreichen Radio-

und CD-Aufnahmen führte. Mit Solisten wie Christophe

Coin oder Paolo Pandolfo verbindet ihn eine enge musikalische

Zusammenarbeit.

Er ist künstlerischer Leiter einer Konzertreihe für Alte Musik

in Südfrankreich (Les Moments Musicaux de Cacharel ).

Ralph Stelzenmüller, Orgel, wurde

in Burghausen/Salzach geboren. Er

studierte Kirchenmusik und Orgel an

der Universität Mozarteum in Salzburg.

In einem Aufbaustudium an der Schola

Cantorum Basiliensis bei Jean-Claude

Zehnder spezialisierte er sich auf Alte Musik. Ein Lehrauftrag

für Musikgeschichte und Korrepetition führte ihn

für drei Jahre an die Athanor Akademie für Theater. Neben

seiner solistischen Tätigkeit gilt seine Aufmerksamkeit der

Liedbegleitung und dem Continuospiel. So arbeitete er mit

vielen Namen der Alten Musik-Szene zusammen, wie auch

mit Anthony Rooley (u.a. Royal Stationers Hall, London, St.

Gallen Festival). 2005 gründete er das Ensemble Combassal.

Im Moment wirkt er als Universitätsorganist und Dozent an

der University of Aberdeen, wo er auch über die Entwicklung

des Basso Continuo in England promoviert.

Ann Allen, gestalterische Mitarbeit,

wurde in England geboren. Sie studierte

Musikwissenschaft an der Universität

von Manchester und Barockoboe und

Blockflöte in London an der Royal Academy

of Music, bevor sie nach Basel an

die Schola Cantorum Basiliensis kam. Hier spezialisierte sie

sich auf Musik des Mittelalters und das Spiel der Schallmei.

Mit ihrem Ensemble Mediva, das sich der Musik des Mittelalters

widmet, behauptete sie sich als Finalistin beim EMN

8 Young Artists Competition (England) und der Antwerp Young 8

Artists Presentation (Belgien). Sie arbeitet als Barockoboistin

und als Spielerin früher Holzblasinstrumente mit unterschiedlichen

Ensembles und Orchestern in ganz Europa.

2003 rief Ann Allen das Nox Illuminata Festival ins Leben,

in der Musik mit Licht, Dekorationen, Visuals und Theater

lebendig gemacht wird. Das Festival findet jährlich in Basel

statt und wurde vom Festspielhaus St. Pölten (Österreich) in

sein Programm aufgenommen. Darüber hinaus inszeniert

Ann Allen die Konzertreihe ILLUMINATIONEN im Burghof

Lörrach (Deutschland).

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Autogramme

8 8

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9

Donnerstag, 15.09., 19.00 Uhr

Rathaus St. Veit

Verwandtschaft

Steenbrink, Pandolfo & Freunde

Judith Steenbrink: Violine

Tineke Steenbrink: Cembalo

Andrea Pandolfo: Trompete

Paolo Pandolfo: Viola da Gamba

Merel Kriegsman: Sopran

Dagmar Valentova: Violine

Thomas Boysen: Theorbe, Gitarre

Adrián Rodríguez Van der Spoel:

Percussion, Gesang

Einleitung

Zwei Brüder aus Italien und zwei Schwestern aus den Niederlanden,

zwischen denen rund 1.000 km liegen. Was kann

diese verbinden?

Sowohl Andrea und Paolo Pandolfo als auch Judith und

Tineke Steenbrink sind mit Musik aufgewachsen und entwickelten

schon in jungen Jahren eine große Liebe zur Alten

Musik. Sowohl die Brüder als auch die Schwestern gründeten

unterdessen eigene Ensembles – Fratelli Pandolfo und

Severijn – mit breitgefächertem Repertoire, das von gregorianischer

Musik und italienischen Tänzen des 17. Jahrhunderts

bis zu den Sonaten und Kantaten Bachs reicht.

Und in den Projekten beider Ensembles gibt es stets reichlich

Platz für unerwartete Improvisationen ...

Wenn Judith, Tineke, Andrea und Paolo gemeinsam mit ihren

Freunden nun also ihre Leidenschaft zur Musik teilen und

auf der Bühne die Konfrontation suchen, so erklingen neben

Werken von Komponisten des 16., 17. und 18. Jhs. auch eigene

Kompositionen.

- 264 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 265 -

9


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Die Idee zu diesem Konzert wurde übrigens schon während

der trigonale 2009 geboren. Damals fragten wir Judith und

Tineke – sie waren mit ihrem Programm Diese Nacht und

allezeit zu Gast – nach einem Projekt, das ihnen besonders

am Herzen liegt und dessen Realisierung ihnen bisher noch

nicht ermöglicht wurde. Die musikalische Antwort auf diese

Frage erleben wir heute ...

Programm

Johann Joseph Fux

(ca. 1660 – 1741)

1. Janitshara aus der Synfonia in C

Abschrift im Stift Kremsmünster um 1701

Tarquinio Merula

(1595 – 1665)

2. Ballo Detto Pollico

Aus: Libro terzo, opera duodecima, Venedig, 1637

Marin Marais

(1656 – 1728)

3. Plainte

Aus: Suite in g-moll, Pièces de viole 3e livre, Paris, 1711

François Couperin

(1668 – 1733)

4. Sarabande grave et tendre

Aus: 8e concert dans le goût théatral / Nouveaux concerts,

in Les goûts-réünis, ou Nouveaux concerts, Paris, 1724

Anonym

5. Melodia

Ost-Europa um 1700

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6. Improvisation über

Dialogo sopra un pass'emezzo

Johann Heinrich Schmelzer

(1623 – 1680)

7. Sarabanda variata

Aus: Düben collection

Claudio Monteverdi

(1567 – 1643)

8. Maledetto sia l'aspetto

Aus: Scherzi Musicali, Venedig, 1632

Paolo Pandolfo

(*1958)

9. Baghdad's Spring

Majida el Roumi

(*1956)

10. Ya nab' muhabbah

Arr. Judith und Tineke Steenbrink (*1977)

Paolo Pandolfo

11. Keep Going

Andrea Pandolfo

(*1963)

12. Addaura

Wolfgang Dachstein

(1487 – 1553)

Text: Paul Gerhardt

13. Variationen über:

Mein herzer Vater, weint ihr noch?

Auf den Tod eines Kindes des Rektors Adam Spengler

(1650)

Thomas Tallis

(1505 – 1585)

14. If ye love me

Judith Steenbrink

(*1977)

15. Ciacona thema

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Texte

8. Maledetto sia l'aspetto

Maledetto sia l'aspetto

Che m'arde tristo me!

Poich'io sento rio tormento

Poich'io moro ne ristoro

Ha mia fè sol per te.

Maledetto sia l'aspetto

Che m'arde tristo me!

Maledetta la saetta

Ch'impiago ne morro;

Così vuole il mio sole

Così brama chi disama

Quanto può – che farò?

Maledetta la saetta

Ch'impiago ne morro.

Donna ria morte mia

Vuol così chi ferì.

Prende gioco del mio foco;

Vuol ch'io peni, che mi sveni;

Morrò quì, fiero dì;

Donna ria morte mia

Vuol così chi ferì.

Donna ria morte mia

Vuol così chi ferì.

8. Verflucht sei der Anblick

Verflucht sei der Anblick,

Der mich verbrennt, ich Armer!

Da ich schlimme Qual verspüre,

Da ich sterbe, hat meine Treue

Trost nur durch dich.

Verflucht sei der Anblick,

Der mich verbrennt, ich Armer!

Verflucht der Pfeil,

Denn an der Wunde werde ich sterben;

So will es meine Sonne,

Solches ersehnt, wer so gut er kann

nicht mehr liebt – was soll ich tun?

Verflucht der Pfeil,

Denn an der Wunde werde ich sterben.

Böse Herrin, meinen Tod

Will, wer mich so verwundet hat.

Macht sich einen Spaß aus meinem Feuer,

Will, dass ich leide, mir die Adern aufschneide;

Ich werde hier sterben, grausamer Tag;

Böse Herrin, meinen Tod

Will, wer mich so verwundet hat.

Böse Herrin, meinen Tod

Will, wer mich so verwundet hat.

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10. Ya nab' muhabbah

Ya nab' muhabbah

Wa hadduka saakina qalbi

Laa tatakhalaa 'anaa aynaka aw …

bi'l ayaamil sa'bii

Miladuka miladu'l khayr

Ya nur al-haqiiqah

Maa basharta bi ghayril khayr wa khalaasil khaliiqat

Wa basharta bis-salaám

Wa 'adaáka salaám

Qultu ya rabbi dakhulaka saamih sha'bii

Ya naba' muhabbah wa hadduka saakina qalbi

Bilaaduka ya faadii alkaun.

13. Mein herzer Vater, weint ihr noch?

Mein herzer Vater, weint ihr noch?

Und ihr, die mich geboren?

Was grämt ihr euch? Was macht ihr doch?

Ich bin ja unverloren.

Ach, sollt ihr sehen, wie mirs geht,

Und wie mich der so hoch erhöht,

Der selbst so hoch erhoben;

Ich weiß, ihr würdet anders tun

Und meiner Seele süßes Ruhn

Mit eurem Munde loben.

10. O Source beloved

O source beloved

your appearance soothens my heart

you have not withdrawn from me your eyes

nor left me alone in days of hardship

your birth is a wonderful birth

Oh light of truth

you have never brought a message

but a good one and the fullness of creation

and you bring a message of peace

and your return is peace

I say: my Lord, bring happiness to my people

your town, oh master of the universe.

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14. If ye love me

If ye love me,

keep my commandments,

and I will pray the Father,

and he shall give you another comforter,

that he may bide with you forever,

e'en the spirit of truth.

14. Wenn Ihr mich liebt

Wenn ihr mich liebt,

so haltet meine Gebote,

und ich werde den Vater bitten,

und er wird euch einen anderen Tröster geben,

der immer bei euch bleiben soll,

nämlich den Geist der Wahrheit.

Übersetzung »Maledetto sia l'aspetto«, Nr. 8: Edgar Sallager

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Tineke Steenbrink studierte Orgel

bei Bernhard Winsemius und Willem

Tanke in Utrecht und Cembalo bei

Professor Ketil Haugsand an der Hochschule

für Musik in Köln. Sie schloss ihr

Studium 2004 mit dem »Konzertexa-

men« ab. Tineke gastierte u.a. bei der Cappella Amsterdam,

Concerto Köln und der Akademie für Alte Musik Berlin. Seit

2006 ist sie Hauptfachdozentin für Cembalo und Vocal-

Coach am Art-EZ-Konservatorium in Zwolle. Sie ist außerdem

Organistin an der St. Martinuskerk in Cuijk, wo sie die

berühmte Severijn-Orgel von 1650 spielt. Tineke ist Gründungsmitglied

der Holland Baroque Society und Besitzerin

eines Schwinn Manta Ray.

Judith Steenbrink (Barockvioline)

begann ihr Studium bei Alda Stuurop am

Konservatorium von Utrecht, wo sie 2000

mit dem ersten akademischen Grad ab-

schloss. Ein Studium bei Lucy van Dael

folgte am Konservatorium von Amsterdam.

Judith gastiert bei Ensembles wie dem Concerto Copenhagen,

Les Talens Lyriques, B'rock und dem Amsterdam Baroque Orchestra.

Zurzeit ist sie Konzertmeisterin am Tallinn Barockorchester

und beim Barockorchester der Europäischen Union.

Während ihrer Studienzeit gründete sie zusammen mit ihrer

Zwillingsschwester Tineke das Ensemble Severijn. Gemeinsam

mit einer Gruppe gleichgesinnter junger Kollegen ist sie

außerdem Gründungsmitglied der Holland Baroque Society.

Paolo Pandolfo (Viola da Gamba) ist

ein richtungsweisender Musiker in der

europäischen Szene der Alten Musik.

Sein Interesse an Renaissance- und Barockmusik

begann 1979 mit der Gründung

des Ensembles La Stravaganza.

1989 wurde Paolo Pandolfo Dozent für Viola da Gamba an

der Schola Cantorum Basiliensis.

Neben den »klassischen« Werken für Viola da Gamba aus

dem 17. und 18. Jh. hat er immer ein spezielles Interesse

am weniger bekannten frühen Repertoire des Instrumentes

gezeigt.

Andrea Pandolfo, Trompeter und

Komponist, wurde in Rom geboren.

Seit 1997 ist er Mitglied des Klezmer-

Ensembles Klezroym. Die Musiker von

Klezroym schreiben und spielen Originalmelodien,

für die sie sich von der Musik

der jüdischen Diaspora Europas und Nordafrikas inspirieren

lassen. Andrea Pandolfo war künstlerischer Leiter für

Paolo Pandolfos Album Travel Notes und spielte in der darauffolgenden

Produktion Travel Notes Project.

2007 war er Mitautor und Arrangeur in Abel Ferraras Film

Go Go Tales. 2005 komponierte und spielte er die Musik zu

dem Dokumentarfilm In un altro paese (Excellent cadavers)

von Marco Turco.

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Adrián Rodríguez Van der Spoel

wuchs in Rosario, Argentinien, auf. Sehr

früh entdeckte er seine Vorliebe für Folk

und Alte Musik. 1989 wanderte er in die

Niederlande aus, wo er sein Musikstudi-

um am Sweelinck Konservatorium in Amsterdam

fortsetzte. Viel Zeit widmete Adrián Rodríguez dem

Studium der Alten Lateinamerikanischen Musik. Er ist Gast-

dirigent des argentinischen Ensembles Promusica de Rosario

sowie beim Bach Festival von Rosario. 2005 dirigierte er die

Kammeroper Don Quichote mit den I Piccoli Holandesi und

erhielt gute Kritiken für seine Aufführung von Thomas Tallis'

Motette für 40 unabhängige Stimmen, Spem in Alium, beim

Eröffnungskonzert des Festivals Oude Muziek in Utrecht.

Thomas C. Boysen (Lauteninstrumente)

stammt aus Norwegen und wuchs

in einer musikalischen Familie auf. Er be-

endete 1995 sein Lautenstudium an der

Hochschule für Musik Oslo und absolvierte

erfolgreich sein künstlerisches Auf-

baustudium bei Prof. Rolf Lislevand am Institut für Alte

Musik in Trossingen. Die letzten Jahre konzertierte Thomas

u.a. mit Labyrinto, Armonico Tributo Austria, dem Balthasar-Neumann-Ensemble,

Freiburger Barockorchester und dem

Oman Consort. Er wirkte mit bei Rundfunkproduktionen

und CD-Aufnahmen sowie Konzerten mit einflussreichen

Musikern der europäischen Szene Alter Musik wie Emma

Kirkby, Rolf Lislevand und Paolo Pandolfo.

Dagmar Valentova studierte Geige

und Bratsche am Konservatorium von Teplitz

(CZ). Seit ihrer Studienzeit trat sie mit

verschiedenen internationalen Barockensembles

auf, darunter Musica Antiqua

Praha und Musicalische Compagney.

Dagmar Valentova war eines der Gründungsmitglieder und

Konzertmeisterin des Ensembles Musica Florea.

Nach ihrem Studienabschluss am Konservatorium erhielt

sie ein Stipendium für Barockvioline an der Musikakademie

Krakau in Polen und setzte ihr Studium anschließend zwei

weitere Jahre bei Enrico Gatti in Mailand fort.

Dagmar Valentova ist weiter als Violinistin und Bratschistin

tätig und arbeitet regelmäßig mit zahlreichen internationalen

Barockensembles zusammen, unter anderem mit

Tragicomedia, dem BEMF Orchestra, Solamente Naturali,

Orlandi Bremen, dem Festspielorchester Göttingen, Les Talens

Lyriques und Alla Polacca. Seit 1999 ist sie Mitglied von

Epoca Classica.

Die Sopranistin Merel Kriegsman

(Arnheim, Niederlande) begann im Alter

von 13 Jahren zu singen, nachdem

sie bereits seit einigen Jahren Cello- und

Klavierunterricht hatte. Nach ihrem 16.

Geburtstag nahm sie Unterricht bei der

Sopranistin Iris de Koomen. Merel Kriegsman wird 2011 ihr

Studium bei Professor Harry van Berne am Art-EZ-Konservatorium

in den Niederlanden abschließen.

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Noch Studentin, sang sie bereits als Solistin in Pan and

Syrinx von Galliard und La Catena d'Adone mit dem belgischen

Ensemble Scherzi Musicali. Merel und ihre Partnerin

Heleen Vegter geben regelmäßig Vokalkonzerte. Ihr

Repertoire beinhaltet unter anderem Werke französischer

Komponisten wie Fauré, Debussy, Viardot und Chaminade.

Vor kurzem sang sie Schumanns berühmten Liederzyklus

»Frauenliebe und Leben«. Merel liebt die Musik Rameaus,

ebenso wie übrigens den Gesang der Vögel! (»Merel« ist

auch das holländische Wort für »Amsel«).

Autogramme

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Freitag, 16.09., 19.00 Uhr

Seminarkirche Tanzenberg

Meines Herzens Weide

Trinity Baroque

Einleitung

Bachs Motetten sind für Ausführende und Zuhörer gleichermaßen

ein Fest des Ensemblegesangs: die musikalische

Spannung, der Einfallsreichtum, die Bandbreite des Ausdrucks,

die Schärfe, der pure Spaß am Concertato-Gesang,

die Art und Weise wie jedes Stück an Komplexität und Raffinesse

zunimmt, die Intensität, mit der es uns berührt, die

Visionen, die es in uns erweckt ...

Julian Podger: Leitung

Die Meinungen über die Zahl der von Bach geschriebenen

Motetten gehen ebenso auseinander wie die Ansichten darüber,

welche seiner Vokalwerke als Motetten bezeichnet

werden können. Da wir von »starren Zuordnungen« nicht

Rachel Elliott, Christine Maria Rembeck: Sopran

besonders viel halten, haben wir von sechs Bach-Motetten,

Joanna Campion, Catherine King: Alt

die üblicherweise als eine zusammengehörige Gruppe be-

Julian Podger, Hermann Oswald: Tenor

trachtet werden, fünf ausgewählt. Mit einer Ausnahme sind

10 Tom Guthrie, Matthew Brook: Bass

die Daten der Erstaufführungen nicht bekannt und auch zu 10

Arno Jochem: Violone

den Anlässen, für die sie geschrieben wurden, gibt es al-

James Johnstone: Orgel

lenfalls Vermutungen. Aber möglicherweise braucht diese

Musik – die so zugänglich, so kompromisslos gut ist – überhaupt

keine wissenschaftliche Einführung ...

Es genügt zu sagen, dass viele Musikwissenschaftler der

Meinung sind, dass die hier aufgezeichneten Motetten ihre

heute bekannte Form um die Mitte der 1720er Jahre oder nur

- 282 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 283 -


wenig später erhielten und dass sie für Begräbnisse und Geburtstage

lokaler Würdenträger geschrieben wurden – das

heißt für Gelegenheiten, die für Bach während seiner Zeit als

Kantor der Leipziger Thomaskirche außerhalb der üblichen

Routine des Chorbetriebs lagen. Bach selbst vermerkte in

der Handschrift, dass die erste Aufführung von 'Der Geist

hilft unsrer Schwachheit auf' im Jahre 1729 anlässlich des

Begräbnisses eines Professors der benachbarten Thomasschule

stattfand.

Jede dieser Motetten hat sicherlich ihren zugrundeliegenden

Sinn durch den entsprechenden Anlass, durchdrungen

von der eleganten Haltung und Festlichkeit der Tanzformen

des 18. Jahrhunderts. In der Auswahl von biblischen

Textstellen und geistlicher Poesie sind sie in ihrer (lutherischen)

Schilderung des christlichen Glaubens besonders ergreifend

und bringen damit eine besonders starke seelische

Investition zum Ausdruck. Geschichte und spezifische Anlässe

einmal beiseite lassend, haben wir für diese Aufnahme,

die auf keine Weise eine historische Rekonstruktion ist, eine

Abfolge aus diesen beeindruckenden Motetten und dazwi-

Zur Aufführungspraxis

Man kann davon ausgehen, dass der Bestand an Motetten,

den Bach bei seinem Amtsantritt in Leipzig vorfand, von

seinen unmittelbaren Vorgängern in Leipzig bis zurück in

die Zeit Palestrinas reichte. Im Vergleich zum Kantatenrepertoire

ist diese Musik relativ leicht zu singen und der

ganze Chor hätte in der Aufführung beteiligt gewesen sein

können. Heute sind viele davon überzeugt, dass die Kantaten

– besonders diejenigen Bachs – mit ihrem anspruchsvolleren

virtuosen Stil nur von Solisten gesungen wurden.

Obwohl sich Bach auf die verschiedenen, im frühen 18.

Jahrhundert üblichen Stile der Motettenkomposition stützte,

ist der Vokalstil seiner Motetten etwas komplexer und

anspruchsvoller als der des normalen Motettenrepertoires,

er ist dem Concertato-Stil der Kantaten ähnlicher. Wir haben

diese Beobachtung fortgeführt und mit dem Singen seiner

Motetten in solistischer Besetzung experimentiert.

10 schengestreuten lutherischen Chorälen und Orgelpräludien

Nicht gesichert ist auch, ob die Motetten generell von Instrumenten,

die die Vokalstimmen colla parte mitspielten, begleitet

wurden. Zur Motette 'Der Geist hilft unsrer Schwach- 10

– Säulen von Bachs musikalischem Erbe – gestaltet. Letz-

heit auf' existiert ein Stimmsatz für Holzbläser und Streitere

dienen als Wegweiser in einem Verlauf, der mit einem

cher; möglicherweise ist dies ein Hinweis, dass die instru-

»Aufruf der Inspiration« ('Komm, Gott Schöpfer' und 'Der

mentale Begleitung von Motetten ein Teil des Klangideals

Geist hilft unsrer Schwachheit auf') beginnend in ein »Rin-

dieser Musik war. Für die anderen Motetten unseres Progen

mit den Prüfungen des Lebens« ('Jesu, meine Freude')

gramms sind aber keine colla parte Instrumentalstimmen

führt und schließlich in einem »ekstatischen Jubel« endet,

vorhanden; dies könnte bedeuten, dass sie im Allgemeinen

der zurück auf die Quelle der Inspiration gelenkt wird

fakultativ waren. Auch scheint der Einsatz von Basso conti-

('Meine Seele erhebt den Herren' und 'Singet dem Herrn').

nuo-Instrumenten (Orgel, Streichbass, usw.) variabel zu sein.

- 284 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 285 -


Wahrscheinlich wurden einige der Trauerstücke im Freien

gesungen, eventuell bei dem Begräbnis selbst; dies hätte eine

Instrumentalbegleitung ausgeschlossen. Die Gepflogenheiten

einiger Kirchen verlangten ohnehin, dass die Instrumente

während der Trauergottesdienste »schweigen« sollten. Andererseits

war es in der Kirche üblich, Generalbassinstrumente

für die Begleitung von Motetten zu verwenden – mit

bis zu zwei oder sogar drei Instrumenten im Continuopart.

Vermutlich wurden Entscheidungen bezüglich der Instrumentation

je nach Aufführungssituation und Verfügbarkeit

der Instrumente getroffen, und vermutlich gab es keine allgemeingültige

Art, die Musik aufzuführen. Innerhalb der

Sprache der Orchestrierung gibt es außerdem viel Raum für

Variationen je nach Geschmack. Der musikalische Stoff ist

zudem so stark, dass er auf verschiedenste Art erfolgreich

wiedergegeben werden kann. Subjektiv betrachtet funktioniert

Bachs Musik mit oder ohne colla parte-Instrumente.

Wir haben uns entschlossen, sie vor allem mit vokalen Mitteln

darzubieten. Uns hat die Idee von der Färbung und Betonung

der Funktion der Basslinie in dieser Musik gefallen.

10 10

Julian Podger

Übersetzung: Howard Weiner

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Programm

Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist

Choral, überliefert/Martin Luther

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf

Motette, BWV 226

Johann Sebastian Bach

(1685 – 1750)

Gott, nimm dich ferner unser an

Intonation

Du heilige Brunst

Choral, BWV 226

Johann Sebastian Bach

Zünd uns ein Licht an im Verstand

(Komm, Gott, V3, V6)

Choral, überliefert/Martin Luther

Komm, Jesu, komm

Motette, BWV 229

Johann Sebastian Bach

Denn du bist der Tröster (Komm, Gott, V2)

Choral, überliefert/Martin Luther

Fantasia super 'Jesu, meine Freude'

BWV 713, Orgel

Johann Sebastian Bach

10

Nun freut euch, lieben Christen g'mein

Choral

Johann Sebastian Bach

10

Jesu, meine Freude

Motette, BWV 227

Johann Sebastian Bach

Pause

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Was ich getan hab und gelehrt

(Nun freut euch v10)

BWV 734a, Orgel & Choral

Johann Sebastian Bach

Trostesvolle Gnaden (3vv)

Geistliches Lied

Georg Böhm

(1661 – 1733)

Meine Seele erhebt den Herren (1v)

Gregorianik

Anonym

Fürchte dich nicht

Motette, BWV 228

Johann Sebastian Bach

10

Ehre sei dem Vater (Meine Seele erhebt)

Gregorianik

Anonym

10

Allein Gott in der Höh

Fuge, BWV 711

Johann Sebastian Bach

Alles was Odem hat

Intonation und Responsorium

Gott Vater sei Lob (Komm, Gott, V7)

Choral, überliefert/Martin Luther

Alleluia

Responsorium

Heinrich Schütz

(1585 – 1672)

Singet dem Herrn ein neues Lied

Motette, BWV 225

Johann Sebastian Bach

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Texte

Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist,

besuch das Herz der Menschen dein,

mit Gnaden sie füll, wie du weißt,

dass's dein Geschöpf vorhin sein.

Martin Luther (1483 – 1546)

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf,

denn wir wissen nicht, was wir beten sollen

wie sich's gebühret,

sondern der Geist selbst

vertritt uns aufs beste

mit unaussprechlichem Seufzen.

Der aber die Herzen forschet,

der weiß, was des Geistes Sinn sei,

denn er vertritt die Heiligen,

nachdem, das Gott gefället.

Römer 8, 26-27

Du heilige Brunst, süßer Trost,

nun hilf uns fröhlich und getrost

in deinem Dienst beständig bleiben,

die Trübsal uns nicht abtreiben.

O Herr, durch dein' Kraft uns bereit'

und stärk des Fleisches Blödigkeit,

dass wir hier ritterlich ringen,

durch Tod und Leben zu dir dringen.

Hallelujah!

Martin Luther (1483 – 1546)

Zünd uns ein Licht an im Verstand,

gib uns ins Herz der Liebe Brunst,

das schwach Fleisch in uns, dir bekannt,

erhalt fest dein Kraft und Gunst.

Lehr uns den Vater kennen wohl,

dazu Jesum Christ, seinen Sohn,

dass wir des Glaubens werden voll,

dich, beider Geist, zu verstahn.

Martin Luther (1483 – 1546)

10 Gott, nimm dich ferner unser an,

Komm, Jesu, komm, mein Leib ist müde,

die Kraft verschwind't je mehr und mehr,

ich sehne mich nach deinem Friede;

der saure Weg ist mir zu schwer!

10

denn ohne dich ist nichts getan,

Komm, komm, ich will mich dir ergeben;

mit allen unsern Sachen.

du bist der rechte Weg,

die Wahrheit und das Leben.

Drum schließ ich mich in deine Hände

und sage, Welt, zu guter Nacht!

Eilt gleich mein Lebenslauf zu Ende,

ist doch der Geist wohl angebracht.

- 292 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 293 -


Er soll bei seinem Schöpfer schweben,

weil Jesus ist und bleibt

der wahre Weg zum Leben.

Paul Thymich (1656 – 1694)

Denn du bist der Tröster genannt,

des Allerhöchsten Gabe teur,

ein geistlich Salb an uns gewandt,

ein lebend Brunn, Lieb und Feur.

Martin Luther (1483 – 1546)

Nun freut euch, lieben Christen g'mein,

und lasst uns fröhlich springen,

dass wir getrost und all in ein

mit Lust und Liebe singen,

was Gott an uns gewendet,

und seine süße Wundertat

gar teur' hat er's erworben.

Martin Luther (1483 – 1546)

Es ist nun nichts Verdammliches

an denen, die in Christo Jesu sind,

die nicht nach dem Fleische wandeln,

sondern nach dem Geist.

Römer 8, 1

Unter deinem Schirmen

bin ich vor den Stürmen

aller Feinde frei.

Lass den Satan wittern,

lass den Feind erbittern,

mir steht Jesus bei.

Ob es itzt gleich kracht und blitzt,

ob gleich Sünd und Hölle schrecken:

Jesus will mich decken.

Johann Franck (1618 – 1677), 'Jesu, meine Freude' v2

Jesu, meine Freude,

Denn das Gesetz des Geistes,

der da lebendig machet in Christo Jesu,

hat mich frei gemacht

von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

10 meines Herzens Weide,

Jesu, meine Zier,

Römer 8, 2

10

ach wie lang, ach lange

Trotz dem alten Drachen,

ist dem Herzen bange

Trotz des Todes Rachen,

und verlangt nach dir!

Trotz der Furcht darzu!

Gottes Lamm, mein Bräutigam,

Tobe, Welt, und springe,

außer dir soll mir auf Erden

ich steh' hier und singe

nichts sonst liebers werden.

Johann Franck (1618 – 1677), 'Jesu, meine Freude' v1

in gar sichrer Ruh.

- 294 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 295 -


Gottes Macht hält mich in acht;

Erd und Abgrund muss verstummen,

ob sie noch so brummen.

Johann Franck (1618 – 1677), 'Jesu, meine Freude' v3

Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich,

so anders Gottes Geist in euch wohnet.

Wer aber Christi Geist nicht hat,

der ist nicht sein.

Römer 8, 9

Weg mit allen Schätzen!

Du bist mein Ergötzen,

Jesu, meine Lust!

Weg ihr eitlen Ehren,

ich mag euch nicht hören,

bleibt mir unbewusst!

Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod

soll mich, ob ich viel muss leiden,

nicht von Jesu scheiden.

Johann Franck (1618 – 1677), 'Jesu, meine Freude' v4

Gute Nacht, O Wesen,

das die Welt erlesen,

mir gefällst du nicht.

Gute Nacht, ihr Sünden,

bleibet weit dahinten,

kommt nicht mehr ans Licht!

Gute Nacht, du Stolz und Pracht!

Dir sei ganz, du Lasterleben,

gute Nacht gegeben.

Johann Franck (1618 – 1677), 'Jesu, meine Freude' v5

So nun der Geist des, der Jesum von den Toten

auferwecket hat, in euch wohnet,

so wird auch derselbige,

der Christum von den Toten auferwecket hat,

eure sterbliche Leiber lebendig machen

um des willen, dass sein Geist in euch wohnet.

Römer 8, 11

10

Weicht, ihr Trauergeister,

denn mein Freudenmeister,

Jesus, tritt herein.

10

So aber Christus in euch ist,

Denen, die Gott lieben,

so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen;

muss auch ihr Betrüben

der Geist aber ist das Leben

lauter Zucker sein.

um der Gerechtigkeit willen.

Duld ich schon hier Spott und Hohn,

Römer 8, 10

dennoch bleibst du auch im Leide,

Jesu, meine Freude.

Johann Franck (1618 – 1677), 'Jesu, meine Freude' v6

- 296 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 297 -


Was ich getan hab und gelehrt

das sollst du tun und lehren,

damit das Reich Gotts werd gemehrt

zu Lob und seinen Ehren,

und hüt dich vor der Menschen Satz,

davon verdirbt der edle Schatz,

das lass ich dir zur Letze.

Martin Luther (1483 – 1546)

Trostesvolle Gnaden,

uns in Lust zu baden,

gehn von Gott herfür,

unsern Seelenlüsten

quillt aus Gottes Brüsten

Milch und Labung hier.

Kommet dann, wer eilen kann,

schmeckt den Honig, der hier fließet,

wohl, wer des genießet.

Herr! nimm Dank und Ehre

für die reine Lehre,

die von Jesu fließt,

lass uns sein geflissen,

dass ein Angstgewissen

solches Heils genießt,

also wird uns, treuer Hirt,

deine süße Weide laben,

dass wir satt Trost haben.

Geistliches Lied – Hamburg 1681

Meine Seele erhebt den Herren

und mein Geist freut sich Gottes,

meines Heilandes.

Lukas 1, 47

Fürchte dich nicht, ich bin bei dir,

weiche nicht, denn ich bin dein Gott;

Ich stärke dich, ich helfe dir auch,

ich erhalte dich

durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

10

Hört die Friedensstimmen,

seht den Brand erglimmen,

merkt den Sonnenschein.

10

Fühlet Wolkentauen

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöset,

freudig sonder Grauen,

ich habe dich bei deinem Namen gerufen,

trinket Labung ein.

du bist mein.

Gottes Schrift uns Menschen trifft,

alles, was darin verschrieben

zeugt von Gottes Lieben.

Jesaja 41, 10; 43, 1

- 298 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 299 -


Herr, mein Hirt, Brunn aller Freuden!

Du bist mein, ich bin dein; niemand kann uns scheiden.

Ich bin dein, weil du dein Leben

und dein Blut, mir zugut, in den Tod gegeben.

Du bist mein, weil ich dich fasse,

und dich nicht, O mein Licht! aus dem Herzen lasse!

Lass mich, lass mich hingelangen,

wo du mich, und ich dich, ewig werd' umfangen.

Paul Gerhardt (1607 – 1676)

Ehre sei dem Vater und dem Sohn

und auch dem Heiligen Geiste.

Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.

Alleluia.

Wie sich ein Vater erbarmet

über seine junge Kinderlein,

so tut der Herr uns allen,

so wir ihn kindlich fürchten rein.

Er kennt das arm Gemächte,

Gott weiß, wir sind nur Staub,

gleich wie das Gras vom Rechen,

ein Blum und fallend Laub!

Der Wind nur drüber wehet,

so ist es nicht mehr da.

Also der Mensch vergehet,

sein End, das ist ihm nah.

Johann Gramann (1487 – 1541) nach Psalm 103, vv 13-16

Gott, nimm dich ferner unser an,

denn ohne dich ist nichts getan

mit allen unsern Sachen;

Drum sei du unser Schirm und Licht,

und trügt uns unsre Hoffnung nicht,

so wirst du's ferner machen.

Gott Vater sei Lob und dem Sohn,

der von den Toten auferstund,

dem Tröster sei dasselb getan,

in Ewigkeit alle Stund.

Wohl dem, der sich nur steif und fest

10 Martin Luther (1483 – 1546)

Singet dem Herrn ein neues Lied,

auf dich und deine Huld verlässt.

Anonymus (Picander?)

10

die Gemeine der Heiligen sollen ihn loben.

Lobet den Herrn in seinen Taten,

Israel freue sich des, der ihn gemacht hat.

lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!

Die Kinder Zion sei'n fröhlich über ihrem Könige,

Alles, was Odem hat, lobe den Herrn,

sie sollen loben seinen Namen im Reigen,

Halleluja!

mit Pauken und Harfen sollen sie ihm spielen.

Psalm 149, vv 1-3

Psalm 150, vv 2, 6

- 300 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 301 -


Trinit y Baroque

spanischen Werken auf. Trinity Baroque interpretierte Bachs

Motetten bei zahlreichen Auftritten in Deutschland, Eng-

Trinity Baroque wurde am Trinity College in Cambridge

land, Frankreich und Österreich und war häufig beim

gegründet. Schon bald entwickelte sich das Ensemble zur

staatlichen Rundfunksender BBC sowie auf anderen euro-

treibenden Kraft in der dortigen Szene der Alten Musik.

päischen Radiosendern zu hören. Seine jüngste Veröffentli-

Seine Aufführungen bekannter und bedeutender Renaischung

einer Aufnahme von Bachs Motetten für Singstimmen

sance- und Barockwerke, sowie »Celebrations« mit szeni-

solo (2007, Raumklang RK 2601) sicherte Trinity Baroque

schen Elementen aus eigener Komposition zu bestimmten

einen festen Platz unter den barocken Vokalensembles. Zu-

Themen oder Jahreszeiten, fanden schnell begeisterte An-

dem gastierte das Ensemble wiederholt mit einer Reihe von

hänger.

musikalischen Programmen des Mittelalters und der Tudor-

Mit seinem festen Kern von sechs bis acht Sängern erkundet

zeit und wirkte als Solistengruppe bei einer Einspielung von

Trinity Baroque weiterhin die Musik der Renaissance und

Rosenmüllers Psalmen mit dem Wiesbadener Knabenchor mit.

des Barock. Seinem Ansatz treu, historisch fundierte Inter-

Trinity Baroque arbeitete mit Instrumentalensembles wie

pretationen mit der Spontaneität des Augenblicks zu kom-

The English Concert, Florilegium und The English Cornett

binieren, machte das Ensemble Programme mit innovativen

and Sackbut Ensemble zusammen. Zu seinen Projekten für

Zusammenstellungen aus geistlicher und weltlicher Musik

Singstimmen und Instrumente im Vereinigten Königreich

zu seinem Markenzeichen. Trinity Baroque ist mittlerweile

zählten außerdem ein Programm mit Musik der Tudorzeit in

im Vereinigten Königreich und darüber hinaus bekannt.

einer Bearbeitung für Stimmen und Blechblasinstrumente,

Seine erste Einspielung mit dem Titel Rites of Spring (»Can-

Psalms, Songs and Sundrie Natures; Monteverdis 'Il ballo dell'

toris Records« CRCD6031) wurde von der Kritik begeis-

ingrate'; die Auferstehungs-Historia und die Musikalischen

tert aufgenommen. Das Ensemble trat regelmäßig auf dem

Exequien von Schütz sowie einstimmige und zweistimmige

10 Festival Oude Muziek Utrecht und dem Flanders Festival,

Interpretationen der Johannespassion, der Messe in h-moll und 10

auf den Internationalen Festtagen Alter Musik Stuttgart, dem

des Weihnachtsoratoriums von Bach.

Feldkirch Festival (Österreich) und dem Spitalfields Festival

Unter den künftigen Projekten sind eine Aufnahme der Mu-

auf, wo es die Elegie Umbra Sumus interpretierte, die der

sikalischen Exequien von Schütz und eine Einspielung der

britische Komponist Terry Mann speziell für das Ensemble

Psaulmes de David von Sweelinck zu nennen.

komponiert hatte. Trinity Baroque spielte auch auf Festivals

in York und Edinburgh und führte – in einer erweiterten Be-

www.trinitybaroque.com | info@trinitybaroque.com

setzung mit Renaissance-Blasinstrumenten – auf dem Festival

der Alten Musik Sevilla ein Programm mit polyphonen

Übersetzung: Almut Lenz-Konrad

- 302 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 303 -


Julian Podger begann seine Laufbahn

als Leiter und Dirigent während seiner

Schulzeit in Kassel. Er erhielt 1987 ein

Stipendium für das Trinity College in

Cambridge, wo er sein Ensemble Trinity

Baroque gründete, das ihm auch bei seinem

Studium der historischen Aufführungspraxis half. In-

zwischen leitet er in ganz Europa Projekte und ist als Gast-

dirigent und Dozent tätig.

Als Sänger ist Julian Mitglied mehrerer renommierter Ensembles,

u.a. Gothic Voices und The Harp Consort. Als Solist

ist er besonders gefragt als Evangelist in den Passionen von

Bach, Telemann und Schütz. Weiters ist er regelmäßig in den

Hauptrollen von frühen Opern zu sehen. Höhepunkte sei-

ner bisherigen Laufbahn waren Projekte mit Andrew Parrott,

John Eliot Gardiner (Bach Cantata Pilgrimage) und als

Ulisse (Monteverdi) mit dem Ricercar Consort und der Handspring

Puppet Company.

Autogramme

10 10

- 304 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 305 -


Samstag, 17.09., 19.00 Uhr

Rathaus St. Veit

Los Elementos

Unterstützt von/

supported by

institut

ramon llull

Vier Soprane und ein Bass treffen sich zum

Dinner – und die verblüffende Kammeroper

von Literes ist das schmackhafte Ergebnis

Le Tendre Amour

Adriana Alcaide: Violine

Bárbara Barros: Violine

Katy Elkin: Oboe

Lixsania Fernández: Viola da Gamba

Krishnasol Jiménez: Theorbe, Gitarre

Adrián van der Spoel: Gitarre

Esteban Mazer: Cembalo

Sergey Saprychev: Schlagzeug

Adrián Schvarzstein: Schauspieler

Einleitung

Literes und das spanische Theater

im 18. Jahrhundert

Katy Elkin, Esteban Mazer: Musikalische Leitung

Adrián Schvarzstein: Szenische Leitung

Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, wurde Antonio

Literes später zum vielleicht bedeutendsten spanischen Büh-

11 Luanda Siqueira da Silva: Sopran (Luft)

nenmusik-Komponisten des 18. Jahrhunderts. Literes wurde 11

Lidia Vinyes Curtis: Sopran (Erde)

auf Mallorca geboren, verließ seine Heimatinsel aber im Al-

María Hinojosa Montenegro: Sopran

ter von etwa 15 Jahren und begann in Madrid sein Musikstu-

(Wasser und Aurora)

dium am Konservatorium Real Colegio de Niños Cantoricos.

Marina Pardo: Sopran (Feuer)

Dort spielte er außerdem violón (Violoncello) und vihuela

Donato di Gioia: Bariton (Zeit)

de arco (Viola da Gamba). Kurz darauf wurde Literes als

»violón principal de la Real Capilla« (Erster Violoncellist

- 306 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 307 -


der Capilla Real) unter Vertrag genommen. Später wurde

er Leiter des Orchesters und Direktor der höfischen Musik.

In Los Elementos verleiht Literes den Stimmen für Gamba

und Bass einen besonderen Stellenwert und lässt damit seine

persönliche Vorliebe für diese Instrumente erkennen.

Bühnenwerke. Und anders als der Königshof stand der englische

Adel Neuerungen durchaus aufgeschlossen gegenüber!

Die Musik

Der berühmte benediktinische Professor Feijoo, ein drei

Die Partitur von Los Elementos, die in der Nationalbiblio-

Jahre älterer Zeitgenosse von Literes, beschrieb letzteren

thek von Madrid entdeckt wurde, enthält ein kunstvoll ges-

wie folgt: »Antonio Literes [ist] ein erstklassiger Komponist

taltetes Titelblatt, auf dem das Werk als eine »harmonische

und vielleicht der Einzige, dem es gelang, zwischen dem fei-

Oper im Italienischen Stil« bezeichnet wird. Die Widmung

erlichen und getragenen Charakter der Alten Musik und dem

galt möglicherweise María Ana Sinforosa, der Gattin des

geschäftigen Dröhnen der Moderne Brücken zu schlagen. Ganz

Herzogs von Medina, anlässlich eines ihrer Geburtstage (A

besonders aber zeichnet er sich durch seine Handhabung von

LOS AÑOS DE LA Excma. Sra. DVQUESA DE MEDINA

Versetzungszeichen aus; wo immer er sie einsetzt, erfüllen sie

DE LAS TORRES MI SEÑORA, »Zum Jahrestag Ihrer

die Musik je nach Wortbedeutung mit pulsierender Energie.

Hoheit, der Herzogin von Medina de las Torres, My Lady«).

Dies erfordert Können und Inspiration – aber mehr noch Inspi-

Leider fehlt auf dem Titelblatt allerdings das Datum. Tradiration

als Können.«

tionelle Elemente der spanischen Bühnenmusik gegen Ende

des 17. Jahrhunderts – wie z.B. eine starke Präsenz der obe-

Die Zeiten waren für die Musiker damals hart. Noch währen

Stimmlagen (fünf Soprane und ein Bariton), sowie eine

rend Literes der höfischen Musik vorstand, starb König

schlicht gehaltene tonale Palette (im wesentlichen werden

Karl II. Der neue König, Philipp V., stürzte das Orchester

nur zwei Tonarten, mit ihren parallelen Moll-Tonarten, verin

eine Krise, als er die Aufnahme einer großen Anzahl

wendet) – lassen eine Entstehung des Werks in dieser Zeit

italienischer Musiker erzwang und verfügte, dass ein ita-

vermuten. Der italienische Einfluss (Rezitative im 4/4-Takt)

11 lienisches Repertoire zu spielen sei. Doch damit nicht ge-

und die Da Capo-Arien deuten jedoch darauf hin, dass das 11

nug – er beschnitt die Einkünfte der Musiker so drastisch,

Werk zu Beginn des 18. Jahrhunderts komponiert wurde.

dass sie gezwungen waren, andernorts zusätzliche Beschäf-

Die spanische Manier, für eine vollständig weibliche Besettigung

zu finden. Als Reaktion darauf gaben sie Konzerte

zung zu schreiben, erlebte im ausgehenden 17. Jahrhundert

für die Aristokratie und andere hochstehende Familien und

insbesondere in Madrid, Barcelona und Valencia eine letzte

komponierten Werke nach deren Geschmack. Unter diesen

Blüte. Weibliche Interpreten sollten in üblicherweise mas-

schwierigen Bedingungen schrieb Literes seine wichtigsten

kulinen Rollen, wie z.B. Wasser oder Feuer, eindrückliche

- 308 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 309 -


Effekte erzielen. Wann immer er jedoch Los Elementos

Besondere Beachtung schenkte er der musikalischen Um-

schrieb – Literes verwendete wechselnde Taktmaße in atemsetzung

der unterschiedlichen Charaktere. So fallen die

beraubender Geschwindigkeit, und seine berühmten Poly-

Schönheit und Einfühlsamkeit der beiden Stücke auf, die

rhythmen und Hemiolen verliehen seiner Musik eine rhyth-

der Morgenröte gewidmet sind; zunächst eine bewegende

mische Lebendigkeit, deren ansteckende Wirkung bis heute

Klage, »¡Ay amor!« (Ach, Liebe!), dann das eindringliche

anhält.

Villancico »Dormida fatiga« (Ermatteter Schlaf ), zur Begleitung

der beiden Obbligato-Instrumente. Auffallend ist

Nebenbei sei bemerkt, dass Literes für seine typischen Syn-

auch Literes' Bemühung um die Textvertonung – wenn EL

kopierungen eine Notation verwendete, die sich von der

AYRE (Die Luft) zum Beispiel einen Stieglitz besingt, des-

heutigen unterscheidet: er notierte synkopierte Noten gesen

Lied aus traurigen Molltönen besteht, bewegt sich die

füllt, nicht-synkopierte Noten hingegen leer. Auch änderte

Musik chromatisch abwärts, oder wenn EL AYRE fragt,

er – ohne entsprechende Hinweise in der Partitur – etwa in

warum die Vögel nicht singen, imitiert sie den Gesang der

jedem zweiten Takt das Tempo, was jede moderne Ausgabe

Vögel mit ihren eigenen Trillern. In der Arie »Iras fatales

seines Werks zur Herausforderung macht.

… « (Tödlicher Zorn ...) wird der Satz »los torpes movimientos

destemplados …« (dissonante, plumpe Bewegungen ...)

Die zwölf Arien von Los Elementos mit ihren entsprechenden

mit Musik in einem instabilen Dreierrhythmus unterlegt,

Rezitativen sind in drei größere Blöcke zu je vier Arien un-

und »bolviendo va en bemoles …« (wiederkehrendes B ...)

terteilt. Jeder Block wird von Choralpassagen eingerahmt.

mit Modulationen, die uns auf ein für die Barockmusik un-

Auf jeden der sechs Charaktere (die vier Elemente, Morsicheres

und ungewöhnliches Terrain führen – die Tonart

genröte und Zeit) entfallen in gleichmäßiger Aufteilung

zwei Arien. Neben den Arien enthält die Oper acht Chöre,

eine Reihe von Ariosi, Duette und ein außergewöhnliches

Ces und ihre Dominante.

Trio in der Form eines Kanons für drei Stimmen in hoher

Die Geschichte

11 Lage. Häufig nutzt Literes die Instrumentalstimmen als eine

11

Art Ritornello oder Echo als Gegenpart zum Gefüge der

Der Librettist bleibt ebenso wie das Entstehungsdatum un-

Singstimmen. Der Chor, oder treffender ein »Ensemble«

gewiss. Es wird angenommen, dass er ein Mitglied dersel-

aus Solisten, tritt in allen denkbaren Formationen auf, anben

Adelsfamilie war, die den Auftrag zu der Oper erteilt

gefangen vom einfachen Duett bis zu einer sechsstimmigen

hatte: der Herzöge von Medina de las Torres, für die Literes

Gruppe. Literes schöpfte alle ihm zur Verfügung stehenden

Optionen und Stimmkombinationen aus.

eine Reihe von Werken komponierte.

- 310 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 311 -


Der verwendete Sprachstil ist barock und blumig, aber inmitten

dieser eleganten Verse zeichnet sich ein Handlungsstrang

ab: jedes der vier Elemente erzählt in seinen Arien

vom Warten auf die Morgenröte im Dunkel der Nacht. In

dem Villancico ¡Ay amor! tritt die Morgenröte auf, gefolgt

von der Zeit, und kündigt das Anbrechen eines neuen Tages

an. Die vier Elemente erscheinen erneut, bevor die ersehnte

Morgenröte den Reigen der zwölf Arien mit dem Villancico

Dormida fatiga beschließt. Im Verlauf der Oper lassen sich

zwei klar umrissene Teile erkennen: der eine enthält die

Vorstellung der Elemente und ihr Sehnen nach Licht und

nach dem Anbruch des Tages; der andere nimmt die ersehnte

Zeit ankündigend bereits vorweg. In dem abschließenden

Villancico kann jedes der Elemente – sowie die Zeit

– seine Rolle reflektieren. Als der Tag endlich anbricht,

besingen sie zusammen, wie »das Licht der Morgendämmerung

den Tag feiert«, und das Werk kommt zu einem feurigen,

rhythmischen Abschluss.

Übersetzung: Almut Lenz-Konrad

Le Tendre Amour wird unterstützt von

11 11

- 312 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 313 -


Texte

1. Ayre

Frondosa apacible estancia,

verde esperanza florida,

blando ospedaje del alva,

vistoso catre del dia.

Tierra

Pomposo, fertil alvergue,

de bruta esmeralda rica,

noble pensil donde el aura

risueño aljofar destila.

1. Luft

Dichtbelaubter, ruhiger Aufenthalt,

grüne keimende Hoffnung,

weiche Herberge der Morgendämmerung,

prächtiges Ruhebett des Tages.

Erde

Prunkhafte und fruchtbare Unterkunft,

reich an ungeschliffenen Smaragden,

edler Lustgarten, dort wo ein Lufthauch

freudig Tautropfen spendet.

2. Tierra y Ayre

2. Erde und Luft

Moradores de estas playas,

Bewohner dieser Strände,

Huespedes de estas riveras,

und ihr, die ihr an diesen Gestaden beherbergt seid,

Alerta, aplaudid el dia,

begrüßt freudig den Tag.

Despertad que el alva llega.

Erwacht, auf dass die Morgendämmerung komme.

Y su luz zelebren con clausulas tiernas

Heißt ihr Licht mit lieblichen Klängen,

los dulzes sonidos

weichen Rhythmen und

y suaves cadencias.

süßen Kadenzen willkommen.

Las flores tributen

Die Blumen mögen

11 el ambar que albergan

den Amber entbieten, den sie bergen,

11

los ramos se ajiten,

die Zweige sich bewegen,

que el aura se acerca,

damit der Morgenwind sich nähere.

los prados se rian,

Die Auen sollen lachen,

las ojas se mueban.

die Blätter sich bewegen;

- 314 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 315 -


Y el rustico rumor de tanta lyra

bastardo, bejetable armonioso,

matizado boscaje, vulgo hermoso,

de q(uan)to ocupa el orbe el ayre jira.

3. A4

Y asi le festejen

celebren y sirvan

con tiernos arrullos

y suaves caricias.

4. Ayre y Tierra

Pues reverentes aves le gorgean

quando rendidos pajaros le trinan.

5. A6

La tierra con flores,

el fuego que anima,

el viento gorgeos,

el agua la risa.

und die Luft durchquert das ländliche Stimmengewirr

wohlklingender Pflanzen

und des schön schattierten Gebüschs,

die den Erdkreis bedecken.

3. A4

So sollen sie den Tag feiern,

preisen und ehren

mit zartem Getändel

und weichen Liebkosungen.

4. Luft und Erde

Und wenn die ergebenen Vögel ihm ihr Tirilieren weihen,

so soll auch das ehrerbietige (niedere) Federvieh

sein Zwitschern erklingen lassen.

5. A6

Die Erde bringt Blumen,

das Feuer belebt,

der Wind gibt sein Säuseln

und das Wasser sein Lachen.

6. Agua

6. Wasser

11 Y al rapido sonido de mi aliento

Zum schnellen Klang meines Atems

11

despertaran las flores apacibles,

erwachen die sanftmütigen Blumen,

susurrando con blando mobimiento

es murmeln mit sanften Bewegungen

los ramos y los troncos insensibles,

die Zweige und die gefühllosen Stämme,

la venida del sol vaticinando,

sie sagen die Ankunft der Sonne voraus,

unos con rudo estilo y otros cantando.

die einen mit rauhen Klängen, die anderen mit Gesängen.

- 316 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 317 -


7. Olmo apacible

q(ue e)n voz perzeptible

el susto mitiga

del palido horror;

de la noche severa

las sombras opacas,

que su centro embia,

al salir el sol en la luz se enziendan,

que su ardor abriga.

8. Fuego

Mas si fuese la planta fugitiva,

siempre verde y esquiva

la adorada de Apolo,

para que hallase solo

qu(e e)n humilde dedique reverente,

de esmeraldas hunidas,

con sus hojas texidas

su culto diferente

sin que assi se equiboque lo rendido,

pues quanto fuere aplauso le es devido.

7. Die sanftmütige Ulme

Lindert mit vernehmbarer Stimme

die Furcht

und das Grauen.

Die düsteren Schatten

der finsteren Nacht,

sollen sich am Licht

des Sonnenaufganges entzünden,

damit dessen Glut uns vor ihnen beschütze.

8. Feuer

Jedoch, obwohl diese flüchtige,

immergrüne und scheue Pflanze

der Liebling Apollos ist,

muss sie sich, um alleine zu bestehen,

demütig und ehrerbietig

mit einer Menge von Smaragden

an den Blättern

einem anderen Kult unterwerfen,

damit der Tribut nicht missverstanden werde;

denn aller Beifall gebührt ihr.

9.

9.

11 Fuego enzendido

Wie entflammtes Feuer

11

sea el diamante:

soll der Diamant sein:

de luz cambiante,

Mit wechseldem Leuchten,

rico y luzido,

reich und klar.

haga brillante

Sein feuriger Glanz

su ardor flamante

soll alles, was blüht,

lo que es florido.

zum Leuchten bringen.

- 318 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 319 -


10. Agua y Fuego

Pues soy el agua.

Pues soy el fuego.

La espuma salada

fatigue los remos,

porque la ardiente fragua

reprima en los cristales su arroganzia.

11.

Y aunque no aya materia combustible,

donde esgrima mis iras irritadas,

fatigando las ondas mis bolcanes

los pielagos undosos seran llamas,

y al oir el estruendo de vozes

contrapuestas y encontradas,

fuego, agua, que el fuego se anega,

agua, fuego, que el agua se abrasa,

las furias sedientas

inzendios exalan

si el agua despide

sus olas rizadas,

hidropico el fuego,

que nunca se sazia,

sus raudales bebe,

pero no se apaga.

10. Wasser und Feuer

Ich bin das Wasser,

ich bin das Feuer.

Die salzige Gischt

ermüdet die Ruder.

Und die brennende Esse

presst sich anmaßend auf die kristallenen Gläser.

11.

Und obwohl es keine brennbare Materie gibt,

an der ich meinen wütenden Zorn auslassen kann,

bezwingen meine Vulkane die Wogen,

die Meere werden zu Flammen.

Man hört das Gewirr der Stimmen,

gegensätzlich und doch vereint.

Feuer und Wasser: wie das Feuer ertrinkt!

Wasser und Feuer: wie das Wasser verbrennt!

Die dürstenden Furien

speien Flammen,

wenn das Wasser

seine gekräuselten Wellen ausschickt.

Und das unersättliche Feuer

trinkt durstig

dessen Fluten,

doch es erlöscht nicht.

11 11

12. Ayre

El ayre soy que aliento la armonía,

que condensaron los vapores frios,

y vagando los paramos umbrios

12. Luft

Ich bin die Luft und hele der Harmonie,

die die kalten Dämpfe niedergeschlagen hat.

Und wenn ich über die schattigen Ödlande streife,

- 320 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 321 -


todo a mis respiraziones se desvia;

los negros arreboles sin el dia

de sombras van llenando los vazios,

pero el espazio con los soplos mios

las nieblas va dejando que tenia,

pues q(uan)do el sol de mi region se aleja,

a sostituir benebolo me deja.

13. Ayre

Surque alagüeña la esfera dorada

del aura suave los dulzes orgullos,

y luego que ocupe su hermosa morada,

descanse y sosiegue con blandos arrullos.

muss alles meinem Atem weichen.

Die schwarzen Wolken werden

die Ödnis mit Schatten füllen.

Doch das Gebiet mit meinen Winden

verjagd die Nebel, die es gab;

und wenn die Sonne sich von meinen Gegenden entfernt,

lasst sie mich an ihrer Stelle wohlwollend zurück.

13. Luft

Durchquere freudig die goldene Sphäre,

den anmutigen Stolz des weichen Lüftchens.

Und nachdem sie ihre schöne Wohnung einnimmt,

ruhe aus und entspanne mit sanftem Wohllaut.

14. Tierra

14. Erde

No podrá, que en mis senos intrincados

Nein, es darf nicht sein, dass auf meiner

estaran los inzendios embozados,

(vielförmigen) Oberfläche die Brände weiter lodern

y mis incultas breñas

und meine zerklüfteten Gebirge

abultaran las sombras con sus peñas,

mit ihren Felsen die Schatten noch vergrößern.

y pues que soy la tierra a q(uie)n influyen los Astros,

Ich bin doch die Erde, gelenkt von den Sternen,

que en su ausenzia sostituyen,

die mich in Abwesenheit der Sonne leiten.

faltandoles la luz a tantas flores,

So vielen Blumen fehlt nun das Licht, die einst

que otro cielo adornavan sus colores

durch einen anderen Himmel ihre Farbenpracht darboten.

11 en la noche confusa y tenebrosa,

In der wirren und finsteren Nacht,

11

el suave olor, fraganzia deliziosa,

grüßt nicht die Wiesen

al campo no saluda,

ihr sanfter und köstlicher Duft,

aunque el zefiro blando le sacuda.

obwohl der milde Westwind sie zärtlich bewegt.

- 322 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 323 -


15.

De flores vestida,

la tierra aterida

con zeño erizado,

que el zierzo entumeze,

marchita ê impide,

por mas que el favonio

risueño y templado

aromas le mueva su aliento,

en las hojas se mira ya elado.

16. A4

En tan triste confusión,

las ya repetidas vozes

con destemplados suspiros

le lloren la ausenzia.

17. Aurora

Ay amor!

que tierna se escucha la respirazion,

que dulce, que suave el eco veloz,

del ayre formado me buelve la voz,

haziendo armonia la repetizion.

15.

Gekleidet in Blumen

blickt die Erde,

vor Kälte erstarrt,

mit finsterer Miene drein,

denn der Nordwind lähmt,

macht welk und hemmt. Wie sehr auch der milde Südwind,

freudig und sanft,

mit seinem Hauch ihren Duft verteilt,

man sieht in den Blättern schon den Frost sitzen.

16. A4

In solch trauriger Verwirrung

beklagen die soeben gehörten Stimmen

mit rauhen Seufzern

der Sonne Abwesenheit.

17. Aurora

Ach Geliebte, ach Geliebte!

Wie zärtlich hört man den Atem,

wie süß, wie sanft das flinke Echo,

von der Luft geformt, kehrt mir die Stimme zurück,

Wohlklang gibt ihr die Repetition.

11 11

18. Tiempo

Sienta la Tierra

quando el sol obscureze sus reflexos

siendo funestos lutos las sombras

con que viste el emisferio.

18. Zeit

Bedaure die Erde!

Wenn die Sonne ihre Strahlen verdunkelt,

werden die Schatten, die die Hemisphäre verhüllen,

zu unheilvollen Trauerfloren.

- 324 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 325 -


Y pues que nada sirve

y faltando la luz todo falleze.

Ha desmayar sus rayos

trepiden sus influxos,

pues que mueren.

Llore el ocaso,

y q(uan)do ya se apaguen sus incendios,

las exequias le cante

la funebre region de que va huyendo.

Y pues que nada sirve,

y faltando la luz todo falleze.

Ha desmayar sus rayos

trepiden sus influxos,

pues que mueren.

Jima y suspire,

y sus deliquios vaya padeciendo,

que, si la luz se apaga,

de que servira su adorno lisonjero.

Und schließlich hilft nichts mehr!

Denn wenn das Licht fehlt, muss alles vergehen.

Sind ihre (der Sonne) Strahlen erloschen,

erlahmen auch ihre Einflüsse,

bis sie letztendlich ersterben.

Beklage den Untergang der Sonne!

Denn wenn ihre Strahlen verlöschen,

singt das düstere Land,

aus dem sie floh, die Exequien.

Und schließlich hilft nichts mehr!

Denn wenn das Licht fehlt, muss alles vergehen.

Sind ihre (der Sonne) Strahlen erloschen,

erlahmen auch ihre Einflüsse,

bis sie letztendlich ersterben.

Stöhne und seufze!

Und erdulde dein Schicksal,

denn wenn das Licht verlöscht,

kann es dir nicht zur Zierde dienen.

Y pues que nada sirve,

Und schließlich hilft nichts mehr!

11 y faltando la luz todo falleze.

Denn wenn das Licht fehlt, muss alles vergehen.

11

Ha desmayar sus rayos

Sind ihre (der Sonne) Strahlen erloschen,

trepiden sus influxos,

erlahmen auch ihre Einflüsse,

pues que mueren.

bis sie letztendlich ersterben.

- 326 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 327 -


19. Fuego

Mas en la obscura noche

el Monjiuelo oculto desabroche

las hypocritas llamas rigurosas,

que bolando a su azento belicosas,

quando en su esfera vagan

una vez enzendidas no se apagan.

Y pues mi ardiente hoguera

en los quatro elementos reverbera,

hasta que Apolo luminoso venga,

la presidenzia de las luzes tenga.

20. Fuego

Edienta de influjos,

al sol ha bebido

mi altiva arroganzia

ardores flamantes;

y entre las sombras

el fuego esparzido

los rayos hermosos

de luzes brillantes.

19. Feuer

Doch in der dunklen Nacht

öffnet sich der Ätna

und schickt seine falschen, unerbittlichen Flammen aus.

Sie züngeln unter kriegerischem Lärm

durch seinen Wirkungskreis;

und einmal entzündet, sind sie nicht mehr zu löschen.

Mein flammendes Feuer soll

die Führung der Lichter übernehmen

und sich mit Hilfe des strahlenden Apollo

in den vier Elementen widerspiegeln.

20. Feuer

Dürstend nach Einflüssen

hat mein stolzer Hochmut

bei der Sonne

neue Glut getrunken.

Und mitten in die Schatten

hat das Feuer

schöne Strahlen

gleißenden Lichtes ausgestreut.

11 11

- 328 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 329 -


21. A3: Ayre, Tierra y Agua

Iras fatales fulminan

los contrarios elementos,

mas, tan iguales se embisten,

que conziertan el estruendo;

lidian dentro del compas

donde suenan contrapuestos,

duro golpe los sonidos,

dulze ruido con los ecos.

Y el fuego tenaz,

que jime voraz;

la tierra pesada,

ya cruxe irritada;

el mar prozeloso

que va caudaloso;

y triste el azento

del ayre violento,

Los torpes movimientos destemplados

bolbiendo va en bemoles y trinados,

acordando las iras en el viento

porque sirva su enojo de instrumento.

21. A3: Luft, Erde und Wasser

In erbittertem Zorn

toben die gegensätzlichen Elemente,

doch so ebenbürtig greifen sie einander an,

dass das Getümmel zum Gleichklang wird;

sie kämpfen im Takt,

doch klingt das gegensätzlich:

die Klänge harten Schlagens,

das Echo süßen Lärmens.

Gefräßig ächzt

das unbeugsame Feuer;

die gewichtige Erde knarrt irritiert;

das stürmische Meer

kommt mit seinen Wasserfluten.

Der traurige Zustand der heftigen Luft

verwandelt die plumpen,

unharmonischen Bewegungen

in Moll und in Triller.

Sie vereinigt den Zorn (der Elemente)

mit dem Wind,

damit er ihrem Unmut als Instrument diene.

22. Tiempo

22. Zeit

11 Y aunque intente la fatiga,

Trotz Ermüdung,

11

Ilusión, orror o miedo,

Täuschung, Grauen und Furcht,

con tan confusos rumores,

versucht ihr, wirre Stimmen,

interrumpir mi sosiego.

meinen Frieden zu stören!

Ni el audaz, altivo orgullo,

Doch der dreiste, hochmütige Stolz

de furiosos elementos

der wütenden Elemente

podra entiviar mi arroganzia,

kann weder meine Arroganz mäßigen,

- 330 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 331 -


ni entorpezer mi denuedo;

que esempto a las impresiones,

y â sus influjos adversos,

reservado el tiempo dura

sin que nadie acave al tiempo;

y pues que ya en el oriente

preludios de luz advierto,

vuestras furias olvidando

vayan mis vozes diziendo.

23. Tiempo

Risueña el aurora,

del sol precursora,

su luz vatizina

borrando a la noche;

los negros celages

del vasto vapor,

que teme su ruina,

mirando que Apolo

por ella el ardor

de sus rayos fulmina.

noch meinen Eigensinn lähmen.

Denn unerreichbar für ihren Druck

und ihre feindlichen Einflüsse

besteht die Zeit,

ohne dass einer je sie beenden könnte.

Und da ich schon im Osten

die Vorboten des Lichtes bemerke,

sage ich, euren Zorn

missachtend, folgendes:

23. Zeit

Freudig kündigt Aurora,

die Vorbotin der Sonne,

deren Licht an,

die Nacht verdrängend.

Sie tilgt das dunkle Gewölk,

voll massiger Schwaden,

das seine Zerstörung fürchtet,

da es sieht, wie Apollo

für sie die Glut

seiner Strahlen schleudert.

24. Tierra

24. Erde

11 Y pues la luz del dia que amaneze,

Dann wird das Licht des werdenden Tages

11

las asperas escarchas enternece,

den Rauhreif auftauen.

y de varios matizes y colores

Und in zahlreichen Schattierungen und Farben

se registra el adorno de las flores,

wird die Pracht der Blumen offenbar,

que en las verdes alfombras esparzidas,

die, einem Gemälde gleich,

pareziendo pintadas, son nazidas.

sich über die grünen Teppiche ausgestreut haben.

Las aves, que su noble arquitectura

Die Vögel, die in der finsteren Nacht

- 332 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 333 -


alvergan en la triste noche obscura,

al mirar a la aurora

cada qual con su pico la enamora,

pues le rinden las flores y las aves

fraganzias dulzes y armonias suaves.

25. Tierra

Rompa la tierra la carzel

de esmeralda entumezida,

que las flores enzierra;

y su fraganzia unida

derramen en la campaña,

y quando el sol la baña

le cante agradezida.

26. A4

Y sus acordes fraganzias

le tribute agradezida:

la tierra vistosas flores,

y el rozio tierna risa,

porque compitan,

porque celebren,

ihre edle Baukunst bewahrten,

machen Aurora, wenn sie sie sehen,

den Hof, ein jeder mit seinem Schnabel.

Dann geben ihr Blumen und Vögel

süße Düfte und weiche Harmonien.

25. Erde

Möge die Erde den Kerker

aus starren Smaragden aufbrechen,

der die Blumen einschließt,

und dann ihren gemeinsamen Duft

über die Lande verteilen.

Und wenn die Sonne sie bescheint,

singen sie ihr Lieder der Dankbarkeit.

26. A4

Ihre gemeinsamen Düfte

entbieten ihr dankbar:

Die Erde mit prachtvollen Blumen,

der Tau mit zärtlichem Lachen,

um zu wetteifern,

um zu feiern,

um mit blühenden Düften

den Tag zu ersehnen,

das Ende des Frostes.

11

porque anelen al dia

los floridos aromas,

las escarchas marchitas.

11

- 334 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 335 -


27. Ayre

Y pues ya se desvian los vapores,

que en la funesta noche se animaron,

y en sus densas tinieblas se quajaron

para escandalo torpe de las flores,

conviertiendo en aplausos los horrores.

Alegres los jilgueros que callaron,

con destreza sus picos entonaron

sus enfaticas clausulas de amores,

y a soplos de la luz que el ayre embia

hizieron con su aliento la armonía,

porque mis vozes imitando vayan

los metros que tan dulzemente ensayan.

28. Ayre

En brazos del alva

surcaba la esfera

el dulze gilguero.

En el discreto idioma,

que canta cromáticos,

forma su blando conzento

de triste bemol,

que alaga y suspende

su ruido alagüeño.

27. Luft

Doch schon weiden die Dämpfe,

die in der unheilvollen Nacht lebendig wurden

und die sich in schwärzester Finsternis ausbreiteten,

und zur dumpfen Empörung der Blumen (durch ihr Weichen)

den Schrecken zur Freude wandelten.

Beschwingt fangen die Distelfinken,

die bisher schwiegen, kunstfertig an zu singen

und lassen Liebeslieder erklingen.

Und mit der Hilfe des Lichtes, ausgesandt vor der Luft,

verschmilzt ihr Atem zu Harmonie,

denn meine Stimmen imitierend,

erklingen die Strophen, die sie so lieblich erproben.

28. Luft

In den Armen der Morgendämmerung

durchquerte der sanfte Distelfink

die Sphäre.

In einem geheimnisvoll-geistvollen Idiom,

das chromatisch erklingt,

formt er trauriges Moll

zu einem weichen Tonfall,

um mit seinem schmeichelnden Singen zu erfreuen

und Staunen zu machen.

11 11

29. Agua

Deydades, que en el monte vipartido

le prestais armonia al dios de Apolo,

porque sirva desde oy de fijo polo

premiando vuestro canto con su oído,

29. Wasser

Ihr Götter, die ihr auf dem zweigeteilten Berge

dem göttlichen Apollo die Harmonie verliehen habt,

damit er ab heute als fester Pol diene

und euern Gesang mit seiner Anteilnahme kröne.

- 336 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 337 -


ya que suenan los plectos acordados,

vuestra atenzion os pido;

y de mi voz llamados,

esta vez os combido

porque obsequiosas le mandeis a Clio

que mi azento corrija,

y a mi zitara suave la dirija.

De vosotras lo fio,

que assi podre alentarme

y en aplauso tan alto dedicarme.

30. Agua/A4

Suenen los clarines,

toquen los instrumentos,

y en clausulas tiernas

y suaves azentos

embien sus ecos

los dulzes violines.

31. Aurora

Dormida fatiga

despierta â mis ecos,

que el torpe letargo

del alva va huyendo.

Jetzt, da die Instrumente schon gestimmt sind,

erbitte ich eure Aufmerksamkeit.

Euch rufe ich an

und lade diesmal ein,

Clio Gefälligkeiten zu erweisen,

auf dass sie meine Stimmung hebe

und meine Kythara sanft leite.

Euch bitte ich,

mich dadurch zu ermuntern,

dass ihr mein großes Vorhaben mit Beifall bedenkt.

30. Wasser/A4

Erschallt, ihr Trompeten,

erklingt, ihr Instrumente!

In zarten Liedern,

mit sanften Weisen

senden die süßen Violinen

ihre Klänge aus.

31. Aurora

Schläfrige Mattigkeit,

mach dich auf, erwache von meiner Stimme,

auf dass die schändliche Schlafsucht

der Morgendämmerung weiche.

11 11

Quedito, silenzio,

que se oye apazible

bolver el azento.

Schweigt!Stille!

Dass man vernehme

die ruhige Rückkehr des Echos.

- 338 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 339 -


Del blando alago del aura

al rumor acorde vuelve,

siendo el bostezo fragante

la seña de que amaneze.

Quedito, silenzio,

que se oye apazible

bolver el azento.

Del aliento la armonia

apacible flores mueve

y del contacto las luzes

acordes suenan y alegres.

Quedito, silenzio,

que se oye apazible

bolver el azento.

Das süße Schmeicheln der Morgenröte

verkehrt den Lärm in Wohlklang.

Das wohlige Gähnen

sei das Zeichen des beginnenden Tages.

Schweigt! Stille!

Dass man vernehme

die ruhige Rückkehr des Echos.

32. Agua

32. Wasser

El moble diamante

Der wogende Diamant

de espuma rizada,

aus gekräuseltem Schaum,

del yelo erizada

starr vor Frost,

en campo volante,

irrt auf dem Lande umher.

11 del alva es amante,

Er bereichert

11

pues ya la enriqueze.

die geliebte Morgendämmerung,

Y quando amaneze

und wenn es tagt,

las Luzes que embia,

schmücken seine Lichter

con perlas que cria

ihre Strahlen

sus rayos guarneze.

mit selbstgeschaffenen Perlen.

- 340 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 341 -


Tierra

Aqueste emisferio

y duro obelisco,

que sirve de aprisco

a tanto viviente,

si busca, si siente

el hermoso farol

el bello arrebol,

del alva le borre

la sombra que corre

huyendo del sol.

Ayre

Mi esfera recive

el plumado velamen,

que buela al examen

del cento que vive

en donde percibe

del alva divina

la luz peregrina,

y Apolo brillante,

la llama bolante

de rayos fulmina.

Erde

Man sucht sie, diese Hemisphäre,

diesen harten Obelisk,

der so vielen Lebewesen

zum Schutze dient.

Man fühlt sie schon,

den schönen Quell des Lichts,

das schöne Morgenrot,

das die Schatten der Dämmerung löscht,

die eilends der Sonne

zu entfliehen suchen.

Luft

Meine Sphäre empfängt

die gefiederte Schwinge,

die zur Prüfung

des herrschenden Zentrums fliegt.

Dort bekommt sie

das ungewohnte Licht

der göttlichen Morgendämmerung.

Und der strahlende Apollo

schleudert die fliegenden Flammen

seiner Strahlen.

11 11

Fuego

La timida hoguera

y llama medrosa,

al frio quejosa,

al yelo severa,

si ya rebervera,

Feuer

Das furchtsame,

ängstliche Feuer

beklagt die Kälte

des eisigen Frostes.

Sein brennendes Licht

- 342 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 343 -


y la luz que arde

del sol es alarde,

padezca desmayos

y tema sus rayos,

pues luze covarde.

33. A4

Y pues tierra, agua y ayre

son sus trofeos,

con el fuego se aviven

sus luzimientos.

34. Ayre

Flores, aves, fuentes, ríos,

Oid los azentos mios.

Tierra

Prados, riscos, montes, selvas,

escuchad mis ardientes finezas.

Ayre

Aves, que el ayre jirais,

por que no trinais.

ist doch nur ein anmaßendes

Nachahmen der Sonne.

Es muss seine Schwäche spüren

und die Strahlen der Sonne fürchten,

als Feigling wird es schließlich erscheinen.

33. A4

Dann steigern Erde, Wasser und Luft

mit ihren Trophäen

im Spiegel des Feuers

ihre wütende Erscheinung.

34. Luft

Ihr Blumen, Vögel, Quellen und Flüsse:

hört meine Lieder.

Erde

Ihr Wiesen, Felder, Berge und Wälder:

venehmt mein brennendes Kosen.

Luft

Ihr Vögel, die ihr die Luft durchquert,

warum singt ihr nicht?

11 11

Tierra

Fuentes, que el prado correis,

por que os suspendeis.

Erde

Ihr Quellen, die ihr die Auen durcheilt,

warum haltet ihr euch zurück?

- 344 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 345 -


35. Ayre Y Tierra

Y a la luz que madruga,

por que no cantais,

si en cuna de plata

al sol le mezeis.

36. Ayre

Mas ya se escucha el estruendo

del carro del sol, que aguijan

golpes de luz con que Apolo

las sombras apaga,

los rayos aviva.

Tierra

Y dejandose ver de la atalaya,

empinado penacho y cumbre altiva,

la bieren velozes

sus rayos primero,

por que es la primera

que su ardor registra.

35. Luft und Erde

Das Licht der Morgenfrühe,

warum besingt ihr es nicht,

wenn ihr schon die Sonne

in einer silbernen Wiege ehrt?

36. Luft

Angeküdigt von Lichtstrahlen,

hört man schon den Sonnenwagen

mit dem Apollo,

der Schatten tilgt

und das Licht entfacht.

Erde

Man sieht ihn vom Wachturm aus,

steil wie ein Berg und hoch wie die Wolken.

Ihn treffen zuerst

die schnellen Strahlen,

denn er ist der erste,

der wahrnimmt ihr Licht.

37. A4

37. A4

Y assi el canto de las aves

Auf diese Weise bieten die Vögel ihren Gesang,

11 y el aroma de las flores,

die Blumen ihren Duft,

11

con armonias suaves,

ihre festlichen Stimmen

con apacibles olores,

und Farben dar,

ofrezcan sus vozes graves

mit sanften Harmonien

y tributen sus colores.

und zarten Wohlgerüchen.

- 346 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 347 -


38. Ayre

Esfera copiosa

de luz peregrina,

en donde se afina

suave, armoniosa

con voz deliziosa,

de aquel ruiseñor,

que siempre que canta,

preserva el horror.

A4

Y con dulzes picos

sus triunfos alegren,

y al dia en que naze

le den parabienes.

Agua

Fuente canora,

risueña y parlera

que corre ligera

al prado que adora,

si ya la enamora

38. Luft

Die Sphäre reich

an pilgerndem Licht,

in ihm harmonierend,

sanft,

wohlklingend

mit jener Nachtigall,

deren Gesang jedes Mal

vor dem Grauen bewahrt.

A4

Auf dass sie mit zierlichen Schnäbeln

ihre Triumphe erheitern,

und den sie ins Leben rufenden Tag

freudig willkommen heißen.

Wasser

Der trällernde Bach,

redselig heiter,

zur angebeteten Wiese

eilt beschwingt,

bald ist er verliebt in die,

die er eigentlich liebt,

bald erringt er eilig

des Liebesgottes Sieg.

11

quien quiere en rigor,

si logra corriendo

los triunfos de Amor.

11

- 348 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 349 -


A4

Poniendo las aguas

en claros espejos,

a vista de todos

sus altos trofeos.

Fuego

Puro elemento

de todos temido,

voraz, enzendido

y siempre sediento,

por que tan sangriento

esta tu furor

si sabes quemar

y alagar con tu ardor.

A4

Con luzes e inzendios

el fuego publique,

que ilustra, que brilla

que anima, y vive.

A4

Er glättet die Wasser

zu Spiegeln klar,

in denen seine Trophäen

er allen offenbart.

Feuer

Reines Element

ausnahmslos gefürchtet,

gierig, entfacht,

unaufhörlich dürstend,

weshalb die Blutgier

in deiner Wut,

du weißt doch zu entflammen,

zu schmeicheln mit deiner Glut.

A4

Mit Lichtern und Bränden

verkünde ich Feuer,

dass es strahlt und belehrt,

dass es lebt und beseelt.

Tierra

Erde

11 Selvas vestidas de varios colores,

Ihr Wälder, in verschiedene Farben gekleidet,

11

en donde las flores

worin die Blumen

se ven esparzidas,

ausgestreut sind,

si sois advertidas,

seid ihr weise,

verted vuestro olor,

so vergießt euren Duft,

pues ya essa fraganzia

damit dieser Wohlgeruch

os da el esplendor.

euch Schönheit verleihe.

- 350 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 351 -


A4

Alfombra de flores

tribute la tierra,

de varios matizes

de luzes y estrellas.

Aurora

Si vozes respiran

mis suaves alientos,

de los elementos

las sombras retiran,

y alegres se miran

vistiendo el color

mis rayos brillantes

con luz superior.

A4

Y llena de influxos

la luz peregrina

del alva que naze

celebre su dia.

A4

Einen Teppich aus Blumen

entbietet der Erde

in zahlreichen Farbtönen

von Lichtern und Sternen.

Aurora

Wenn die Stimmen

der Elemente

meinen sanften Odem einatmen,

tilgen meine leuchtenden Strahlen

die Schatten.

Sie zeigen sich heiter

und schmücken die Farben

mit schönstem Licht.

A4

Und voll des Ansehens

preist das wunderbare Licht

der Morgendämmerung

den Tag.

11 11

- 352 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 353 -


Tiempo

Los siglos ha unido

que el tiempo divide.

La dicha que mide

lo que ha conseguido,

si lo ha merezido

culpable es error,

que el merito grande

es el premio mayor.

A4

Ynstantes abrazen

los siglos enteros

en que aplausos logren

sus merezimientos.

Zeit

Was die Jahrhunderte vereint haben,

trennt nun die Zeit.

Fortuna ermisst,

ob das Erreichte verdient war.

Dafür das Glück zu beschuldigen,

wäre ein Fehler,

denn der große Verdienst

ist die höchste Auszeichnung.

A4

Augenblicke umfassen

ganze Jahrhunderte,

wenn der Beifall

so gross wie ihr Verdienst ist.

11 11

- 354 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 355 -


Le Tendre Amour

Das Ensemble Le Tendre Amour, dessen Name auf ein verbreitetes

literarisches Thema der Zeit Ludwigs XIV. zurückgeht,

ist eine Gruppe dynamischer Musiker, die sich mit

dem gemeinsamen Ziel zusammengefunden haben, Musik

des späten 17. und des 18. Jhs. so aufzuführen, dass sie das

Publikum der heutigen Zeit inspiriert und bewegt. Das Ensemble

unter der Leitung und Organisation von Katy Elkin

und Esteban Mazer ist in Barcelona beheimatet, obwohl seine

Mitglieder ursprünglich aus unterschiedlichen Teilen der

Welt stammen. Seit seinen Anfängen lag der Schwerpunkt

des Ensembles auf der Interpretation ungewöhnlicher Programme,

stets mit dem Ziel, ein Publikum quer durch alle

Altersgruppen anzusprechen. In den letzten Jahren wandte

sich das künstlerische Interesse von Le Tendre Amour verstärkt

der Kammeroper zu, obwohl das Ensemble in seiner

ursprünglichen Formation von sieben Musikern weiterhin

in unterschiedlichen Repertoires zu hören ist. Seine Forschungsarbeit

im Bereich der Jüdischen Barockmusik wurde

2008 mit dem Preis für die beste Interpretation bei den

Varazdiner Barockabenden (Kroatien) belohnt und führte in

der Folge zur ersten Kammeropernproduktion des Ensemb-

Schauspieler Adrián Schvarzstein. Zu den kommenden Produktionen

zählen La Foire im Jahr 2012 und Don Quixote

im Jahr 2013. Das Ensemble realisierte Aufnahmen für das

renommierte Label K617 und ist gegenwärtig bei Brilliant

Classics unter Vertrag.

11 les, Esther von C.G. Lidarti. Der Erfolg dieses Werks in

Der Regisseur und Schauspieler Adrián

Schvarzstein vereint in sich Elemente

Spaniens, Argentiniens, Italiens und

vieles mehr. Adrián ist bekannt für seine

kreativen Produktionen, die Künstler

und Publikum miteinander in Kontakt

bringen. Ein Unterhaltungskünstler durch und durch,

lockt Adrián das Kind in jedem von uns hervor. Seine Erfahrungen

mit der Commedia Dell'Arte (nach dem Studium

bei Dario Fo in Italien) halfen ihm dabei, seinen eigenen

Straßentheaterstil und einen einzigartigen Charme zu

entwickeln. Zahlreiche Projekte verbinden ihn mit der Welt

des Zirkus (Circus Ronaldo, Circus Klezmer, Call Me Maria)

und des Straßentheaters (The Greenman, Dans). Die Uraufführung

seines Straßentheaterprogramms Kamchatka (Miramiro-Preis

2008) und die Leitung der Oper La Barca in der

Nationalen Reisopera in Holland zählen zu seinen jüngsten 11

Paris inspirierte die Produktion des Intermedio Le Devin

erfolgsgekrönten Projekten. Adrián erhielt 2008 den Ernstdu

Village von J.J. Rousseau für die steirischen Festspiele

Preis auf dem Festival La Strada; 2010 wurde er mit dem

Styriarte im Jahr 2009. Seine jüngste Opernproduktion rea-

Zirkolika-Preis als bester Zirkusdirektor ausgezeichnet.

lisierte Le Tendre Amour mit Pergolesis La Serva Padrona in

Mehrere Jahre wirkte er in Inszenierungen am Opernhaus

Barcelona (2011). Alle genannten Produktionen sind wei-

Tel Aviv in Israel mit. Seit 2003 arbeitet er mit Le Tendre

terhin auf Tour und entstanden in Zusammenarbeit mit dem

Amour zusammen und brachte die Opern Esther, Le Devin du

- 356 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 357 -


Village, La Serva Padrona sowie vor kurzem Los Elementos

zur Aufführung. Zu den künftigen Projekten mit Le Tendre

Amour zählen La Foire 2012 und Don Quixote 2013.

erschien 2009 bei K617 unter dem Titel Le Passage de la Mer

Rouge (Der Durchzug durchs Rote Meer).

Die brasilianische Sopranistin Luanda

Die Mezzosopranistin Lidia Vinyes

Curtis wurde in Barcelona (Spanien)

Siqueira da Silva begann ihr Opern-

geboren. Neben Gesang studierte sie

studium bei Therezinha Schiavo an der

Geige und absolvierte am Konservatori-

Musikakademie der Bundesuniversität von

um der Region Toulouse (Frankreich) ei-

Rio de Janeiro. 2000 erhielt sie ein Stipennen

Master-Studiengang in Alter Musik

dium der französischen Regierung, um

und Barockvioline. Lidia Vinyes Curtis studierte Gesang

an der Klasse für Barockgesang des Conservatoire Supérieur

an der Schola Cantorum Basiliensis, Schweiz, bei Richard

de Paris (CNR) teilzunehmen. Dort studierte sie bei Michel

Levitt, David Mason und Rosa Dominguez. Von 2008 bis

Laplénie, Sophie Boulin, Kenneth Weiss und Howard Crook.

2009 war sie Solistin (Alt) im professionellen Vokal-Oktett

2003 schloss sie dieses Aufbaustudium mit dem einstimmi-

Nova Lux Ensemble, das sich auf spanische Renaissancemugen

Prädikat 'summa com laude' ab. Seither ist Luanda Sisik

spezialisiert hat. Außerdem arbeitete sie für die Vozes de

queira da Silva Solistin beim Maîtrise et Orchestre du Palais

Al Ayre Español unter der Leitung von Eduardo López Banzo,

Royal und wurde vom Opernstudio der Opéra National du

mit Martin Gester in seinem Le Parlement de Musique (Straß-

Rhin/Straßburg in mehreren Rollen unter Vertrag genomburg,

Frankreich) und mit La Capella Reial de Catalunya

men. Sie trat als Solistin in unterschiedlichen Projekten

unter der Leitung von Jordi Savall. Sie trat unter anderem

auf, unter anderem mit Le Parlement de Musique unter der

auf dem Internationalen Festival von Santander, dem Festi-

Leitung von Martin Gester. Sie sang an der Opéra National

val Música Antiga von Loulé, dem Festival Castelo Branco

de Lyon, der Opéra de Rouen, an der Opéra Comique und

und dem Musikfestival von Alcobaça auf. Im September 2010

11 dem Théâtre des Champs-Élysées, um nur einige zu nen-

interpretierte sie auf dem Festival d'Ambronay die Rol- 11

nen. Luanda Siqueira da Silva gewann den ersten Preis

le der La Fama in der Oper La Guerra de los gigantes von

beim Concours International de Chant Baroque du Château de

Sebastián Durón, mit dem Dirigenten Gabriel Garrido und

Chimay, Belgien, unter der Leitung von William Christie.

dem Ensemble Elyma. Für die Spielzeiten 2011 und 2012 er-

Sie war Preisträgerin des Förderprogramms des Ouvre des

hielt sie Einladungen zur Mitwirkung an zwei Barockopern

Saints Anges und Finalistin der 8. Handel Singing Competi-

am Theater Freiburg (Deutschland). Dies ist ihr erstes Protion

in London. Ihre erste Aufnahme mit Le Tendre Amour

jekt mit dem Ensemble Le Tendre Amour.

- 358 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 359 -


Die Sopranistin María Hinojosa

Die Mezzosopranistin Marina Pardo

Montenegro wurde in Sabadell, Spa-

wurde in Santander, Spanien, geboren

nien, geboren und graduierte mit Aus-

und schloss ihr Studium mit dem Prädizeichnung

an der School of Music of Catakat

'summa cum laude' an der Universität

lonia (ESMUC). Ihre ersten Bühnen-

Oviedo ab. 1994 konnte sie auf Empfeherfahrungen

sammelte sie im Alter von

lung von Alfredo Kraus ihr Studium an

16 Jahren als Hauptdarstellerin in mehr als 20 Zarzuelas.

der Escuela Superior de Música Reina Sofía in Madrid fortset-

»Zarzuela« ist die Bezeichnung für eine typisch spanische

zen. Sie arbeitete mit Dirigenten wie Alberto Zedda, Helmut

Gattung des Musiktheaters, die einige Ähnlichkeit mit der

Rilling, Peter Guth, James Levine, Rafael Frübeck de Burgos

französischen »Opéra comique« oder der Operette hat.

und Jesús López Cobos zusammen. Marina Pardo debütierte

Neben ihrer Zusammenarbeit mit Ensembles wie Le Parle-

am Teatro Campoamor in Prokofjews Alexander Nevsky und

ment de Musique, Al Ayre Español, Des Honnestes Curieux,

gab unterschiedliche Konzerte, unter anderem die Alt-

Elyma, Concerto Italiano, Accademia Bizantina, Le Tendre

Rhapsodie von Brahms am Teatro Monumental in Madrid,

Amour und La Capella Mediterránea nahm sie auch zahlrei-

Schuberts Messe in b-moll in der Liederhalle Stuttgart und

che Opern und Zarzuelas für die Labels Harmonia Mundi

Fallas El amor brujo im Auditorio Nacional in Madrid. Sie

und K617 auf; eine Aufnahme mit einer Auswahl von

trat mit der Nationalen Spanischen Tanzkompanie in Rap-

Werken des katalanischen Komponisten Joan Guinjoan ist

tus, in einer Choreographie von Nacho Duato auf, sowie am

in Planung. Zu ihren jüngsten Produktionen zählen El

Teatro Real Madrid, wo sie Wagners Wesendonck-Lieder in-

dúo de la Africana (Buenos Aires), L. Cunillés Oper La

terpretierte. Sie ist Mitglied des Ensembles Al Ayre Español,

Pajarera Catalana (Teatre Lliure, Barcelona), A. Vivaldis

mit dem sie auf vielen renommierten europäischen Festivals

Oratorium Juditha triumphans (Venedig, unter Ottavio

auftrat und unter anderem barocke Zarzuelas sang. Marina

Dantone), W. A. Mozarts Don Giovanni (Oviedo), S. Pro-

Pardo trat mit fast allen spanischen Orchestern auf, sowie

kofjews Der Spieler (Gran Teatre del Liceu, Barcelona),

mit dem Sacro Cuore di Milano, den London Schubert Play-

11 H. Purcells Dido und Aeneas (Opera Lausanne), und Martini

ers und der Bachakademie Stuttgart. Zu ihren jüngsten und 11

Solers l'Arbore de Diana unter der Leitung von Fabio Biondi

künftigen Projekten zählen Rigoletto von Verdi, Manon von

(Montpellier). Seit 2003 tritt sie regelmäßig mit Le Tendre

Massenet, das Internationale Festival von Granada im Palacio

Amour auf.

de Carlos V. und Fallas La vida breve mit Rafael Frühbeck

de Burgos und dem Israel Philharmonic Orchestra. Los Elementos

ist Marina Pardos erste Zusammenarbeit mit Le

Tendre Amour.

- 360 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 361 -


Der in Campobasso (Italien) geborene

Bariton Donato di Gioia absolvierte

sein Violin- und Klavierstudium sowie

seine technische Stimmausbildung bei

Maestro Bruno Praticò und Maestro Paride

Venturi. Sein Talent trat bereits bei

seinem Bühnendebüt in Il Borgomastro di Saardam von Donizetti

deutlich zutage. Es folgten bald Verträge renommierter

Häuser, die es ihm erlaubten, sein Repertoire zu erweitern

und sich über die nationalen Grenzen hinaus Ansehen

zu erwerben: zu seinen Stationen gehören das Verdi-Theater

Triest; das Regio-Theater Turin; das Carlo Felice-Theater

Genua; die Opernfestspiele Arena von Verona; das Puccini-

Festival Torre del Lago; das Calderon-Theater Madrid; das

Concertgebouw, Amsterdam und das Opernhaus Bayreuth.

Zu seinen beachteten Opernauftritten zählen La Serva Padrona

von Pergolesi; Il Matrimonio Segreto von Cimarosa; Il

Barbiere di Siviglia und Gli Astrologi Immaginari von Paisiello;

Don Giovanni, Le Nozze di Figaro und Così fan Tutte von

Mozart; sowie Il Barbiere di Siviglia, Cenerentola, Adina, Il

Signor Bruschino und La Cambiale di Matrimonio von Rossini.

Donato di Gioia gewann den ersten Preis beim Zweiten

Internationalen Gesangswettbewerb Gaspare Spontini in

11 Maiolati Spontini (Ancona) und wurde vom Verdi-Theater

11

Triest als Bester Junger Sänger der Spielzeit 1999/2000 ausgezeichnet.

Er spielte Opern für die Labels Dynamic und

BmG Arte Nova ein. Im April dieses Jahres gab Donato di

Gioia als Uberto in Pergolesis La Serva Padrona seine ersten

Konzerte mit Le Tendre Amour.

Autogramme

- 362 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 363 -


Samstag, 17.09., 22.00 Uhr

Stadtpfarrkirche St. Veit

Vox dilecti mei

Modena Consort

Ulrike Hofbauer: Gesang

Sarah van Cornewal,

Claudio Santambrogio,

Hiroko Suzuki,

Richard Robinson: Renaissancetraversflöten

René Genis: Laute

Einleitung

Die jahrtausendealte Dichtung des Hohelieds hat seit jeher

die Menschheit bewegt – seine Botschaft der Liebe hat

gleichermaßen die jüdische, christliche und sogar die Sufi-

Tradition inspiriert. Das Canticum Canticorum ist ein orientalisches,

erotisches Gedicht, das in der jüdischen Tradition

als die Liebe Gottes zu Israel, in zahlreichen christlichen

Traditionen als die Liebe Christi zu seiner Kirche und in

mittelalterlichen Stundenbüchern als ein Lobgesang auf die

Jungfrau Maria interpretiert wurde.

Für die Komponisten der Renaissance bedeutete das Canticum

eine schier unerschöpfliche Quelle der Inspiration: Die

Musik des vorliegenden Programms bietet eine Auswahl von

Hohelied-Vertonungen aus dem gesamten 16. Jahrhundert.

Den ersten Teil des Konzerts bilden Kompositionen der ersten

Generation franko-flämischer Komponisten, wie Josquin

de Prez und Gaspar van Weerbecke, sowie des Schweizer Komponisten

Ludwig Senfl. Im zweiten Teil stellen wir italienische

Werke aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor.

Als Autor der sinnlichen Hohelied-Gedichte wurde lange

Zeit der biblische König Salomon angenommen. Die Forschung

der letzten Jahre hat sich jedoch von dieser Annahme

gelöst1 12 12

und geht von einem eher »weltlichen« Ursprung

- 364 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 365 -


aus. Dies haben wir zum Anlass genommen und den Hohelied-Vertonungen

»Frottole« gegenübergestellt – scheinbar

einfach gestrickte Melodien, die eigentlich eine Art gesungene

Textrezitation ermöglichen sollten – sowie »Hofweisen«

und »Gesellschaftslieder«, deutsche Formen weltlicher

Liebesliederdichtung.

12 12

1 als weiterführende Lektüre sei »Das Hohelied Salomons« von Klaus Reichert,

dtv-Verlag, 1998, empfohlen.

- 366 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 367 -


Programm

Josquin des Prez

(ca. 1450 – 1521)

1. Ave Maria

Aus: Petrucci, Motetti A, (1502)

Josquin des Prez

2. Una Musca

Aus: Bologna, Q 18

Marco Dall'Aquila

(ca. 1480 – 1538)

3. Recercare

Aus: Herwarh lute MS

Gaspar van Weerbecke

(1440 – 1518)

4. Anima mea

Aus: Brussels, Ms 228

Marchetto Cara

(1465 – 1525)

5. Dolci ire dolci sdegni

Aus: Petrucci, Frottole XI, (1514)

Anonymus

6. Tente alora

Aus: Paris, Bibliothèque Nationale, Rés Vm7 676

Franciscus Bossinensis

(Wirkungszeit um 1510)

7. Recercare

Aus: Tenori e contrabassi intabulati […] libro secundo (1509)

Niccolo Brocco

(ca. 1480 – 1530)

8. Se mia trista e dura sorte

Aus: Canzoni sonetti strambotti e frottole libro quarto (1517)

12 12

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Ludwig Senfl

(1486 – 1542)

9. Alme Luci beate

Prima pars: Tota pulchra es

Secunda pars: Iam enim hiems

Tertia pars: Et vox turturis

Aus: Munich Mus. ms. 12

Orlande de Lassus

(1532 – 1594)

10. Madona mia, pietà

Aus: Il primo libro de madrigali (1555)

Vincenzo Ruffo

(1508 – 1587)

11. Giovene donna

Aus: Il primo libro de madrigali, (1552)

Orlande de Lassus

12. Per pianto la mia carne

Aus: Il primo libro de madrigali, (1555)

Paul Hoffheymer

(1459 – 1537)

Leonhard Kleber

(1495 – 1556)

13. Die Brünnlein, die da fliessen

Aus: Wien, Österreichische Nationalbibliothek MS 18810

Erasmus Lapicida

(ca. 1440 – 1547)

Hans Newsidler

(ca. 1508 – 1563)

14. Tannernack

Aus: Ein newgeordent künstlich Lautenbuch, Nürnberg

Paul Hoffheymer

15. Ich hab heimlich ergeben mich

Aus: Harmoniae poeticae, Nürnberg, 1539

Giovanni Pierluigi da Palestrina

(1525 – 1594)

16. Vox dilecti mei

17. Dilectus meus descendit

18. Pulchra es amica mea

Aus: Motettorum liber quartus ex Canticis canticorum (1584)

12 12

- 370 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 371 -


12

Texte

1. Ave Maria

Ave Maria, gratia plena,

Dominus tecum Virgo serena.

Ave coelorum Domina, Maria plena gratia coelestia,

terrestria, mundum replens laeticia.

Ave cuius nativitas, nostra fuit solemnitas,

ut lucifer lux oriens, verum solem praeveniens.

Ave pia humilitas sine viro foecunditas,

cuius annunciatio nostra fuit salvatio.

Ave vera virginitas immaculata castitas,

cuius purificatio nostra fuit purgatio.

Ave praeclara omnibus angelicis virtutibus,

cuius fuit assumptio nostra glorificatio.

O Mater Dei, memento mei. Amen.

4. Anima mea

Text: Hohelied, Kapitel 5

Anima mea liquefacta est, ut dilectus meus locutus est.

Quaesivi illum et non inveni,

vocavi, et non respondit mihi.

Invenerunt me custodes civitatis,

Et percusserunt me et vulneraverunt me.

Tulerunt pallium meum custodes murorum.

Filiae Jerusalem, nunciate dilecto meo,

quia amore langueo.

1. Gegrüßet seist du, Maria

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade.

Der Herr ist mit dir, o milde Jungfrau.

Gegrüßet seist du, Herrin des Himmels, Maria, voll der Gnade.

Du erfüllst Himmel und Erde und die Welt mit Freude.

Gegrüßet seist du, deren Geburt für uns ein Fest war.

Du erstrahlst wie der Morgenstern, bevor die Sonne erwacht.

Gegrüßet seist du, o heilige Demut und jungfräuliche Fruchtbarkeit,

deren Verkündigung unsere Errettung war.

Gegrüßet seist du, wahre Jungfrau, unbefleckte Keuschheit,

deren Reinigung unsere Läuterung war.

Gegrüßet seist du, Erhabene, die du den Engeln gleichst,

deren Himmelfahrt unsere Verherrlichung war.

O Mutter Gottes, gedenke meiner. Amen.

4. Meine Seele

Text: Hohelied, Kapitel 5

Meine Seele war außer sich, als er redete.

Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht,

ich rief, aber er antwortete mir nicht.

Es fanden mich die Hüter, die in der Stadt umhergehen,

die schlugen mich wund, die Hüter auf der Mauer

nahmen mir meinen Schleier.

Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, findet ihr meinen

Freund, so sagt ihm, dass ich vor Liebe dahinschmachte.

- 372 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 373 -

12


12

5. Se m'amate io v'adoro

Text: Francesco Petrarca

Dolci ire, dolci sdegni & dolci paci,

dolce mal, dolce affanno & dolce peso,

dolce parlar & dolcemente inteso,

hor di dolce ora, hor pien di dolci faci.

Alma non ti lagnar, ma soffra & taci

et tempra il dolce amaro che n'à offeso,

col dolce honor che d'amar quella ài preso

a cui io dissi: Tu sola mi piaci.

Forse anchor fia chi sospirando dica,

tinto di dolce invidia: Assai sostenne

per bellissimo amor quest'al suo tempo.

Altri: O fortuna a gli occhi miei nemica,

perché non la vid'io? perché non venne

ella più tardi, over io più per tempo?

5. Süßer Zorn

Text: Francesco Petrarca

Süßer Zorn, süße Verachtung und süßer Frieden,

süßer Schmerz, süßes Leid und süße Last,

süßes Reden und süßes Verstehen,

teils süße Stunden, teils süßes Glühen.

Meine Seele, klage nicht, sondern leide in Stille

und mildere die süße Bitterkeit, die dich verletzte,

mit der süßen Ehre, die dir zuteil wird, weil du diejenige liebst,

der ich sagte: Du allein gefällst mir.

Vielleicht wird einer seufzend sagen,

in sanftem Neid errötend: Jener litt

für die allerschönste Liebe.

Andere wiederum: Ach, du mein feindlich' Glück,

warum sah nicht ich sie? Wieso ist sie nicht

später geboren, wieso nicht ich zu ihrer Zeit?

- 374 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 375 -

12


8. Se mia trista e dura sorte vol ch'io mora

Se mia trista e dura sorte

vol ch'io mora, sia con dio,

Con mia man mi darò morte.

Per sactiarti, amante mio,

Se incantata m'ai a torto

De mia pura castitade,

Voglio ognun che per pietade

Di me habia lachrimare.

Ben lo sa dio,

son vergine, e pura

nel ben fare.

Però che false infamie

Rimoverà la veritade.

Gita mai sintieramente,

con amore senza malitia,

cor ingrato e scognoscente,

pien de inganni e de nequitia.

Tu ti avanti apertamente

de mia pura castitade.

8. Wenn mein trauriges und erbarmungsloses

Schicksal will, daß ich sterbe

Wenn mein trauriges und erbarmungsloses Schicksal will,

dass ich sterbe, so geschehe es in Gottes Namen.

Ich werde mich selber töten,

um dich zufrieden zu stellen, mein Geliebter.

Wenn du mich zu Unrecht

um meine reine Keuschheit gebracht hast,

soll ein jeder aus Mitleid

um mich weinen.

Gott weiß es wohl,

ich bin eine Jungfrau

und handle rechtschaffen.

Die Wahrheit wird falsche

Beschuldigungen beseitigen.

Ich habe mich ehrlich verhalten,

mit Liebe und ohne Bosheit,

undankbares Herz,

so trügerisch und falsch.

Du nützt ohne Scham

meine reine Keuschheit aus.

12 Ben lo sa dio,

Gott weiß es wohl,

12

son vergine, e pura

ich bin eine Jungfrau

nel ben fare.

und handle rechtschaffen.

Però che false infamie

Die Wahrheit wird falsche

Rimoverà la veritade.

Beschuldigungen beseitigen.

- 376 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 377 -


Vedi ben c'hai perso in tutto

la memoria e lo intellecto.

Se gran ben io t'ho voluto

tu dovevi aver rispetto

E non dir che havessi havuto

La mia pura castitade.

Ben lo sa dio,

son vergine, e pura

nel ben fare.

Però che false infamie

Rimoverà la veritade.

9. Tota pulchra es

Text: Hohelied, Kapitel 2 und 4

Du siehst wohl, dass du

den Sinn und den Verstand verloren hast.

Da ich dich lieb gehabt habe

musst du mir Respekt zollen

und dich nicht rühmen,

dass du meine reine Keuschheit besiegt hast.

Gott weiß es wohl,

ich bin eine Jungfrau

und handle rechtschaffen.

Die Wahrheit wird falsche

Beschuldigungen beseitigen.

9. Du bist so schön

Text: Hohelied, Kapitel 2 und 4

Tota pulchra es, amica mea,

Du bist so schön, meine Freundin,

et macula non est in te,

und es ist kein Makel an dir.

favus distillans labia tua,

Wie eine Honigwabe tropfen deine Lippen,

mel et lac sub lingua tua,

Honig und Milch unter deiner Zunge

odor unguentorum tuorum

und der Geruch deiner Salben

super omnia aromata.

übertrifft alle Gewürze.

Iam enim hiems transiit

Denn siehe, der Winter ist vergangen,

imber abiit, et recessit:

der Regen ist weg und dahin,

12 flores apparuerunt,

Blumen sind aufgegangen,

12

vineae florentes odorem dederunt.

die Blüten der Weinstöcke verströmen ihren Geruch.

Et vox turturis audita est in terra nostra:

Und die Stimme der Turteltaube lässt sich hören in unserem Land:

Surge, propera amica mea,

Steh auf, meine schöne Freundin,

veni de Libano, coronaberis.

komm aus dem Libanon, und du wirst gekrönt sein.

- 378 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 379 -


10. Madonna mia, pietà chaim' et aita

Madonna mia, pietà chiam' et aita,

ch'io moro e stento a torto, e pur volete.

Io grido e nol sentete:

»Acqua madonn' al foco,

ch'io mi sento morire, a poco a poco«.

Vostra altiera beltà sola infinita

è causa ch'io me abbruscia, e 'l consentete.

Io grido e nol sentete:

»Acqua madonn' al foco,

ch'io mi sento morire, a poco a poco«.

Di chiedervi mercè son quasi roco,

sol della pena mia prendete gioco.

Pur grido in ogni loco:

»Acqua madonn' al foco,

ch'io mi sento morire, a poco a poco«.

12. Per pianto la mia carne si distilla

Text: Jacopo Sannazaro

10. Meine Dame, ich bitte um Gnade und Hilfe

Meine Dame, ich bitte um Gnade und Hilfe,

da ich sterbe und erlösche, und dennoch wendet ihr euch weg.

Ich rufe und ihr hört nicht:

»Wasser, meine Dame, es brennt,

ich sterbe langsam, Stück für Stück!«

Eure stolze Schönheit ist einzig und allen

Ursache meines Brennens, und ihr lasst dies zu.

Ich rufe und ihr hört nicht:

»Wasser, meine Dame, es brennt,

ich sterbe langsam, Stück für Stück!«

Ich bin schon heiser vom vielen Flehen

und ihr macht euch von meinen Schmerzen Spaß.

Ich rufe ständig:

»Wasser, meine Dame, es brennt,

ich sterbe langsam, Stück für Stück!«

12. Durch Weinen schmilzt mein Körper

Text: Jacopo Sannazaro

Per pianto la mia carne si distilla,

Durch Weinen schmilzt mein Körper

12 sì come al sol la neve,

wie in der Sonne der Schnee,

12

o com'al vento si disfà la nebbia,

oder wie im Wind der Nebel sich auflöst,

né so che far mi debbia.

und ich weiß mir nicht zu helfen.

Or pensate al mio mal qual esser deve.

Denkt an meinen Schmerz, der sein muss.

- 380 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 381 -


15. Ich hab heimlich

Ich hab heimlich

ergeben mich

eim schönen helden werde

in ehr und treu,

on alle reu:

seinsgleichen lebt nicht auf erde.

An wolgestalt

findt man kein bald,

schön Absalon muß weichen.

Salmon ist er zu vergleichen.

Den helden kön

für all ich krön,

von edlem stamm geboren.

Zu im stet hin

mein mut und sinn,

zu lieben in erkoren.

Er ist mein freud,

mein augenweid,

mein bester schatz auf erden.

Ich bin im hold,

hoff auch, er soll mir werden.

Hoffnung mich nert,

ich werd gewert,

12 in disem fall beglücken.

12

Ein kleine zeit

ich wol erpeit,

Gott kanns und wird's wol schicken,

auf den ich bau,

- 382 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 383 -


hoff und vertrau,

zu im mein stetes flehen.

Gib im die sach,

er wird mich wol versehen.

16. Vox dilecti mei

Vox dilecti mei:

ecce iste venit

saliens in montibus,

transiliens colles.

Similis est dilectus meus capreae

hinnuloque cervorum.

En ipse stat post parietem nostrum

respiciens per fenstras prospiciens per cancellos.

En dilectus meus loquitur mihi.

17. Dilectus meus

Dilectus meus descendit in hortum suum

ad areolam aromatum,

ut ibi pascatur in hortis et lilia colligat.

Ego dilecto meo et dilectus meus mihi

qui pascitur inter lilia.

16. Die Stimme meines Geliebten

Die Stimme meines Geliebten:

Siehe, da kommt er,

springt über die Hügel

und Berge.

Mein Geliebter gleicht der Gazelle

und dem Böcklein der Hirsche.

Siehe, da steht er hinter unserer Mauer

durch unsere Fenster schauend und durch die Tore guckend.

Das sagte mein Geliebter zu mir.

17. Mein Geliebter

Mein Geliebter steigt in seinen Garten herab

zu den Gartenterassen des Balsams,

zu weiden in den Gärten und um Lilien zu sammeln.

Ich bin meines Geliebten und mein Geliebter ist mein,

der unter den Lilien weidet.

12 12

- 384 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 385 -


12

18. Pulchra es

Pulchra es, amica mea,

suavis et decora sicut Jerusalem,

terribilis ut castrorum acies ordinata.

Averte oculos tuos a me,

quia ipsi me avolare fecerunt.

18. Schön bist du

Schön bist du, meine Freundin,

süß und anmutig wie Jerusalem,

furchterregend wie Kriegsscharen.

Wende deine Augen von mir ab,

denn sie verwirren mich!

Übersetzungen 5, 8, 10, 12: Claudio Santambrogio

- 386 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 387 -

12


Modena Consort

Das Modena Consort lässt Renaissance-Polyphonie auf historischen

Traversflöten erklingen. Zusammen mit der Sopranistin

Ulrike Hofbauer und dem Lautenisten Réne Genis

hat das Ensemble in zahlreichen Festivals in den Niederlanden,

in Belgien, Frankreich, Deutschland und der Schweiz

konzertiert und wurde zu internationalen Veranstaltungen

rund um die Renaissanceflöte eingeladen. Die erste CD des

Ensembles, 2007 erschienen bei dem deutschen Label Cornetto,

ist der Musik am Hofe der Margarete von Österreich

gewidmet. Die Tour durch die Schweiz mit diesem Programm

wurde 2007 von DRS 2 aufgezeichnet. 2011 erschien

die neue CD des Ensembles Frottole.

Die vom Consort gespielten Traversflöten wurden durch

den Instrumentenbauer Boaz Berney nach originalen Vorbildern

aus dem Instrumentenmuseum in Brüssel gebaut.

www.modenaconsort.com

Sarah van Cornewal, Traversflöte,

hat ihre musikalische Ausbildung an der

Schola Cantorum Basiliensis in Basel

(Schweiz) und am Königlichen Konservatorium

Den Haag (Holland) in den

Hauptfächern Traversflöte und Blockflöte

absolviert.

Sie spielt in Europa sowie in Brasilien, Korea und Japan

mit verschiedenen Ensembles und Orchestern wie Modena

Consort, Anasarel, Fue, Il Désidério, La Cetra, Café Zimmermann,

Elyma, l'Ensemble Baroque du Léman. Außerdem ist

sie mit zwei Soloprogrammen zu hören (Telemann »Fantasien«

und »La flûte dans tous ses états«).

Sarah van Cornewal unterrichtet in Wettingen und Genf

(Schweiz) Blockflöte und gibt regelmäßig Master-Classes

in Frankreich.

Sie ist Preisträgerin des Internationalen Telemann Wettbewerbs

in Magdeburg (2007), sowie des Traversflöten-Wettbewerbs

der National Flute Association (USA), ebenfalls 2007.

Claudio Santambrogio, Traversflöte,

studierte am Sweelink Conservatorium

in Amsterdam bei Marten Root. Er ist

sowohl auf dem Gebiet der frühen wie

12 auch der neuen Musik tätig und hat sich 12

in der Aufführungspraxis auf Originalinstrumenten

spezialisiert.

Er hat mit zahlreichen europäischen Ensembles gearbeitet

und ist besonders auf dem Gebiet der Kammermusik tätig.

- 388 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 389 -


In zunehmendem Maße widmet er sich dem Spätmittelalter

und vereint dabei Musik mit Literatur, wobei er auch als

Schauspieler auftritt. Er hat ausgiebige Studien zur Ikonographie

der Querflöte im Mittelalter betrieben.

Hiroko Suzuki, Traversflöte, wurde

1981 geboren. Er studierte Musikwissenschaft

an der Oxford University mit

einem »St-Anne's-College Stipendium«

und schloss 2004 ein Master of Music-

Studium am King's College London an,

wo er eine Auszeichnung für seine Hauptdissertation über

Henry VIII's Manuscript erhielt.

Neben seiner akademischen Ausbildung studierte er Querflöte

bei Paul Edmund-Davies und Jonathan Rimmer. Er war

im Jahr 2000 Halbfinalist beim BBC Young Musicians Nationalwettbewerb

und gewann im selben Jahr als einer von drei

britischen Flötisten die erste Runde des Tunbridge Wells

International Young Concert Artists Competition. Im folgenden

Jahr bestand er sein Diplom mit Auszeichnung.

2006 setzte er seine Studien der Traversflöte an der Schola

Cantorum Basiliensis fort. Er wurde auf Radio DRS 2 übertragen

und wirkte 2009 beim Radiosender WPRB Princeton

(USA) an der Weltpremiere-Übertragung einer unveröffentlichten

Arie Händels, Dell'onda instabile (HWV 214)

mit. Er hat mit dem Ensemble Arcimboldo aufgenommen.

Ulrike Hofbauer studierte Gesang

und Gesangspädagogik an den Hochschulen

Würzburg und Salzburg und an

der Schola Cantorum Basiliensis. Zu ihren

maßgeblichen Lehrern zählen Sabine

Schütz, Evelyn Tubb und Anthony Rooley.

In der Arbeit mit Christina Pluhar und Andrea Marcon erhielt

sie weitere wertvolle Anregungen.

Die in Oberbayern geborene Sängerin ist heute in der Nähe

von Basel ansässig und musizierte als Solistin unter anderem

mit Singer Pur, dem Collegium Vocale Gent, L'Arpeggiata, La

Chapelle Rhénane, L'Orfeo Barockorchester und Cantus Cölln

und arbeitete mit Philippe Herreweghe, Gustav Leonhardt,

Daniel Reuss, Manfred Cordes, Christoph Siebert und Jos van

Veldhofen zusammen.

Neben Radiomitschnitten und live-Hörfunkauftritten dokumentieren

CD- und Film-Produktionen die Vielseitigkeit

der Sängerin.

Ihr schauspielerisches Interesse kann Ulrike auch auf der

Opernbühne ausleben. Sie sang unter anderem am Theater

Basel und am Theater Bern und war als Calisto in Cavallieris

gleichnamiger Oper, als Galathea in Händels Acis and Galathea,

als Euridike in Telemanns Orpheus und in sämtlichen

Frauenrollen in Purcells Dido and Aeneas zu hören.

Mit ihrem eigenen Ensemble savadi hat sie 2003 den York

12 Early Music International Young Artists Competition und 2004 12

den Van Wassenaer Concours in Den Haag gewonnen (www.

savadi.net). Größer besetzte Projekte verwirklicht sie mit

ihrem neu gegründeten Ensemble &cetera (www.ensembleetcetera.com).

- 390 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 391 -


Bis vor Kurzem unterrichtete sie Barockgesang an der Universität

Mozarteum Innsbruck.

Ulrikes Repertoire umfasst alle Epochen und Stilrichtungen.

Die intensive Beschäftigung mit musikalischer Rhetorik,

Ornamentik und dem »recitar cantando« Stil bildet einen

Schwerpunkt ihrer künstlerischen Arbeit.

www.ulrikehofbauer.com

Autogramme

12

René Genis, Laute, entdeckte seine

Liebe zu ganz früher Lautenmusik schon

während seines Studiums am Sweelinck

Conservatorium in Amsterdam bei Anthony

Bailes. Er erforschte begeistert Lautenwerke

in den frühesten Quellen.

Nach dem Erlernen der Barocklaute, der Theorbe und verwandter

Instrumente konzentrierte er sich nach beendetem

Studium auf die früheste Musik für die Laute. Im Laufe der

Jahre arbeitete er mit verschiedenen Ensembles, darunter

dem Ensemble Antequera ( Johannette Zomer), Ensemble

L'Alba (Mikae Natsuyama), dem Modena Consort, Super Librum

(Jankees Braaksma) und Fala Música (Maurice van Lieshout).

Sowohl als Solist als auch als Ensemblespieler kann er

sich mit Begeisterung der Musik widmen, die ihm am vertrautesten

ist: Musik aus dem Mittelalter und dem frühen 16.

Jahrhundert, gespielt mit den Fingern oder dem Plektrum.

12

- 392 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 393 -


Sonntag, 18.09., 14.00 Uhr

Rathaus St. Veit

Vom steirischen Bauernbuben zum

Wiener Hofcompositeur

die spannende Lebensgeschichte

des Johann Joseph Fux

Lucia Froihofer: Violine, Leitung

Johanna von der Deken: Erzählerin

Kammermusik

Alexandra Röck (17)

Gerda Naftz (17)

Marianne Haditsch (15)

Anna-Maria Zechner (15)

Violine: Gabriel Karacsonyi (16)

Gesang: Johannes Bartl (12)

Hackbrett: Hugo Mali

Orgel/Cembalo: Vilimas Norkunas

Spafudla

Lucia Froihofer

Bernadette Froihofer

Daniel Fuchsberger

Gabriel Froihofer

Kammerorchester

Lucia Froihofer

Bernadette Froihofer

Mitwirkende MusikerInnen

Alexandra Röck

Marianne Haditsch

Gerda Naftz

Franziska Lang

Spielmusik

Aitak Farzi

Steffi Waegner

Anna Larissa Fischer (9)

Gabriel Karacsonyi Anna Maria Zechner

Anna Tropper (11)

Johannes Jeindl

Herbert Lang

13 Luka Wibmer (11)

Johannes Bartl (12)

Amadeus Köck (12)

13

- 394 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 395 -


Einleitung

Der um 1660 in Hirtenfeld in der Nähe von St. Marein bei

Graz – damals hieß es noch »am Pickelbach« – geborene

Bauernsohn Johann Joseph Fux durchlebte eine beispiellose

Karriere, die so manche Erfolgsstory heutigen Zuschnitts

gehörig in den Schatten stellen könnte. Nach Studien in

Graz und Ingolstadt avancierte er nach mehreren musikalischen

Positionen in Ingolstadt und Wien schließlich zum

hoch angesehenen kaiserlichen Hofkapellmeister, bekleidete

von 1715 bis 1740 eines der bedeutendsten musikalischen

Ämter Europas. Obwohl sein Name in der Musikwelt

hinlänglich bekannt sein dürfte und so mancher weiß,

dass sein Lehrbuch Gradus ad parnassum (Wien 1725), die

führende Kompositionslehre des 18. Jahrhunderts, von einer

ganzen Reihe von Komponistengenerationen bis ins 20.

Jahrhundert hinein benützt wurde, gehört der bedeutendste

österreichische Barockkomponist nach wie vor weithin zu

den großen Unbekannten. Lange hat man – vollkommen zu

Unrecht – seine Musik als die eines »komponierenden Theoretikers«

und deshalb als »trocken« abgetan. Ein solches

Urteil, welches ja aufgrund mangelhafter Kenntnis seiner

Werke gebildet wurde, ist heute freilich längst überholt und

die Musik von Johann Joseph Fux gilt als ganz erstaunlich

temperamentvoll und innovativ.

Klaus Hubmann

Fux. Erzählt wird die erstaunliche Geschichte des begabten

Buben aus einfachen Verhältnissen, der es mit viel Mut und

Fleiß bis an den Wiener Hof schaffte und Komponist des

Kaisers wurde.

Junge, ambitionierte Musikerinnen und Musiker des Johann

Joseph Fux-Konservatoriums im Alter von 8 Jahren aufwärts,

spielen in verschiedenen Besetzungen Musik aus den vielseitigen

musikalischen Welten des Johann Joseph Fux. Das

Ensemble Spafudla wird seine Musik stilistisch umspielen

und quasi »Weltmusik à la Fux« humorvoll dazwischenpfeffern.

Die Schauspielerin Johanna von der Deken erzählt und

spielt auf mitreißende Weise die Geschichte des kleinen Johann

Joseph.

So wird neben alter Volksmusik und Kirchenmusik des 17.

Jahrhunderts, die der junge Johann Joseph als Kind gehört

haben mag, auch Musik zu hören sein, die an die Zeit der

Türkenkriege erinnert. Den Höhepunkt jedoch bilden die

Werke aus der Feder des Meisters selbst, die auch nach dreihundert

Jahren immer noch mitreißend schön sind.

13 Lucia Froihofer und Johanna von der Deken nehmen ihr

junges Publikum mit auf eine musikalische Reise auf den

Spuren des großen steirischen Komponisten Johann Joseph

13

- 396 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 397 -


Programm

J. J. Fux

(ca. 1660 – 1741)

1. Marche des Ecurieus, K 356

Spafudla

Traditional

(1651)

2. Branlé

Spielmusik

Aufgezeichnet von Ritter von Spaun

(1790 – 1849)

3. Alter Steirer

Spielmusik

Aus der Knaffl-Handschrift

(1813)

4. »Deutscher«

Spafudla

H. I. F. Biber

(1644 – 1704)

6. Variato aus Sonata in A-Dur für Violine

Gabriel Karacsonyi

J. K. F. Fischer

(1656 – 1746)

7. Air des Combattans

Kammermusik

J. J. Fux

8. Janitschara

Spafudla

J. J. Fux / Spadulfa

9. Valse chic

Spafudla

Philipp Nicolai

(1556 – 1608)

J. J. Fux

10. Sonata Quarta, K 401: (Grave)-Allegro assai

Vilimas Norkunas

5. Wie schön leuchtet der Morgenstern/

J. J. Fux / Spadulfa

Ave Maria zart

11. Contredance

Volksweise (1675)

Spafudla

13 Johannes Bartl

13

- 398 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 399 -


Volkslied aus Wien

(17. Jh.)

12. Oh, du lieber Augustin

Daniel Fuchsberger

J. Pachelbel

(1653 – 1706)

13. Kanon

Kammermusik

J. J. Fux

14. Rigaudon, K 323

Kammermusik

J. J. Fux

15. Arie der Ifigenia aus »Diana placata«

Kammerorchester

J. J. Fux

16. Ouverture für Streicher in C-Dur, K 356

Ouverture – Menuet – Aire la Volage –

Marche des Ecurieus

Kammerorchester

13 13

- 400 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 401 -


Johanna von der Deken wurde in

Graz geboren, lernte am dortigen Konservatorium

Violine und absolvierte eine

Schauspielausbildung an der Schule des

Wiener Volkstheaters. Es folgten Engagements

in Fernsehen, Film und Theater.

Ihre Gesangsausbildung erhielt sie am Konservatorium der

Stadt Wien, sowie im Privatstudium bei Hilde Rössel-Majdan,

Hilde Zadek und Herwig Reiter. Ihr vielfältiges Repertoire

erstreckt sich von Barockmusik bis zu zeitgenössischen

Werken.

Die lyrische Sopranistin gastierte im Rahmen von Opernprojekten

am Theater an der Wien, der Grazer Oper, der Berliner

Staatsoper, der Wiener Kammeroper, der Neuen Oper

Wien, dem Wiener Odeon, bei der Ruhrtriennale, der Oper

Klosterneuburg, am Wiener Schauspielhaus, am Stadttheater

Klagenfurt, beim Carinthischen Sommer, sowie an der Pariser

Opéra Garnier. Im Konzertbereich wurde sie zur Zusammenarbeit

mit renommierten Ensembles wie Die Reihe,

das Klangforum Wien, die Wiener Akademie, Armonico Tributo,

das Haydn-Trio Eisenstadt, Ensemble Prisma Wien, La

Capella Reial de Catalunya sowie die Wiener Symphoniker eingeladen.

Projekte der jüngsten Vergangenheit waren 'König

David' von Arthur Honegger im Wiener Konzerthaus, 'Opern

der Zukunft' an der Grazer Oper, 'Death in Venice' im Theater

an der Wien, 'Xenos-Szenen' von Beat Furrer mit dem Klangforum

Wien, Haydns 'Schöpfung' bei der Styriarte, 'Sinfonia'

13 von L. Berio im Herkulessaal in München unter R. Chailly,

13

sowie 'Jahrlang ins Ungewisse hinab' von F. Cerha unter

J. Kalitzke im Mozarteum Salzburg.

Seit vielen Jahren macht Johanna von der Deken in Zusammenarbeit

mit der Jeunesse, der Philharmonie Luxemburg,

sowie der Styriarte Kinderproduktionen, die von Opernbearbeitungen

(Die Entführung aus dem Serail, Die Hochzeit

des Figaro, La finta giardiniera, Il mondo della luna), über

Konzertprogramme (Es werde Licht) bis zu eigenen Stücken

(Ein Lipizzaner in Havanna) führen, und für die sie stets als

Texterin, als auch als Sängerin tätig war. Zur Zeit schreibt

sie im Auftrag der Wiener Staatsoper an dem Libretto für

eine Kinderoper, die von Lisi Naske vertont wird.

Lucia Froihofer studierte Violine und

Instrumentalpädagogik in Graz und spe-

zialisierte sich auf die Alte Musik; Studium

der Barockvioline in Leipzig, Brüssel

und Novarra. Ihre sehr rege Konzerttätig-

keit, vorwiegend in (eigenen) Kammermusikensembles,

führt sie in viele Länder Europas und zu

zahlreichen Festivals wie z.B. Styriarte, Bachfest Leipzig,

Festival di Cremona, Salzburger Festspiele, Festspiele Mecklen-

burg-Vorpommern, RuhrTriennale etc.

Seit 2000 Unterrichtstätigkeit am J.J.-Fux-Konservatorium

(Violine, Kammermusik, Volksmusik) und seit 2007 auch an

der Kunstuniversität in Graz (Barockvioline).

- 402 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 403 -


Ensembles am

Johann-Joseph-Fux-Konservatorium

Eine inhaltliche Nähe von Alter Musik und Volksmusik aufgreifend,

etablierten Kolleginnen des Johann-Joseph-Fux-

Konservatoriums den teamorientierten Ensembleunterricht

der Spielmusik unter der Leitung von Lucia Froihofer. Der

Fokus liegt auf dem Zusammenspiel, dem Erlernen der Stücke

nach dem Gehör und der Kombination von verschiedenen

Instrumenten. So waren im Laufe der Jahre Schülerinnen

und Schüler mit Geige, Cello, Blockflöte, Gambe,

Klarinette und Klavier vertreten, die zum Teil im Team unterrichtet

wurden. Das Repertoire wird an die jeweils vorhandene

Besetzung angepasst und reicht naturgemäß von

der Volksmusik, die ja eine vorwiegend mündlich tradierte

ist, über Renaissancetänze bis hin zu modernen Kompositionen

und Improvisationen.

Studierenden des Chorleiter/innen/lehrgangs prägte das

Ensemble in den letzten Jahren stark, ebenso die jährlichen

Konzerte mit Preisträger/innen des Wettbewerbs prima la

musica in Schloss Schielleiten. So wurden u.a. folgende Werke

aufgeführt: Haydn – Schöpfung, Mozart – Requiem, Zeisel

– Requiem Ebraico, Mendelssohn – Psalm 42, Fux – Te Deum,

Vivaldi – Gloria, Bach – Magnificat uvm.

Ein weiterer Höhepunkt war auch die Einladung in das

Jugendtheater next liberty, wo das Kammerorchester gemeinsam

mit den Bläsern des Musikgymnasiums und dem

Dirigenten Mag. Robert Fischer bei 17 Aufführungen Durchhaltevermögen,

Konzentration, Aufmerksamkeit und Begeisterung

über eine lange Dauer bewies.

Auch die älteren Schüler/innen, die Sie im Konzert hören,

Spafudla

Ein Spafudla ist ein

merkwürdiger Artgewaren

einst Kinder der Spielmusik, wo sie die Grundlagen

nosse, ein liebenswer-

des Zusammenspiels erlernten.

ter Schalk oder einer,

der mit dem (Licht-)

Das Kammerorchester ist langjähriger Bestandteil der En-

Span fuchtelt. Wenn so ein Spafudla seine Liebe zur traditisemblekultur

am Johann-Joseph-Fux-Konservatorium. Vor

onellen Musik wieder findet, drei musikalische Artgenossen

ca. 10 Jahren übernahm Lucia Froihofer die Verantwortung

entdeckt und sich von volkskulturellen Konventionen nicht

für das Ensemble und leitete von nun an das Orchester vom

einschränken lässt, dann entsteht Musik, voller Leiden-

Konzertmeisterpult aus. Ziel dieses Ensembles ist u.a. die

schaft, Witz und Originalität.

13 Schülerinnen und Schüler zum aktiven, eigenverantwort-

13

lichen Musizieren im Orchester mit und ohne Dirigenten

Das Ergebnis ist ein Repertoire, bestehend aus heimischer

anzuleiten. Die Zusammenarbeit mit Franz Herzog und den

und weniger heimischer Volksmusik, Liedern und Jodlern,

- 404 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 405 -


sowie eigenen Kompositionen und barocker Musik des steirischen

Meisters Fux – immer arrangiert und interpretiert

nach Spafudla-Art.

Johannes Bartl (12): Schüler des Konservatoriums (G.

Illenberger) und Mitglied des hib-art-chores. 2. Preis bei

Prima la Musica 2010 (Gesang).

Gabriel Karacsonyi (16): Schüler des Konservatoriums

(H. Fister/L. Froihofer), Mitglied und Solist der Singschule

der Grazer Oper. Zahlreiche Preise bei Wettbewerben, u.a.

2. Preis in Triest 2008, 1. Preis bei Prima la Musica 2010.

Der aus Vilnius stammende Musiker Vilimas Norkunas

(geb. 1981) studiert zur Zeit an der Kunstuniversität Graz

Chorleitung, Kirchenmusik und Alte Musik und ist bereits

in zahlreichen Konzerten als Organist, Dirigent und Cembalist

in ganz Europa an die Öffentlichkeit getreten.

Hugo Mali unterrichtet am J.J. Fux-Konservatorium Hackbrett

und beschäftigt sich auch intensiv mit der Sololiteratur

für Salterio des 18. Jhs.

Autogramme

13 13

- 406 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 407 -


Sonntag, 18.09., 18.00 Uhr

Seminarkirche Tanzenberg

Georg Friedrich Händel: Messiah

Arte dei Suonatori | Trinity Baroque

Arte dei Suonatori

Daniela Ivanova: Leitung

Unterstützt von/

supported by

Region

Wielkopolska

Aureliusz GoliŃski, Ewa GoliŃska,

Adam Pastuszka, Marta Mamulska

Violetta Szopa-Tomczyk, Anna Nowak: Violine

Dymitr Olszewski, Rastko Roknic: Viola

Tomasz PokrzywiŃski: Cello

Daniel Zorzano: Kontrabass

Joanna BoŚlak-Górniok: Cembalo

Marcin ŚwiĄtkiewicz: Orgel

Rodrigo Gutierréz, Matthieu Loux: Oboe

Györgyi Farkas: Fagott

Trompeten-Consort Innsbruck

Andreas Lackner, Herbert Walser: Trompete

Georg Tausch: Pauke

Trinity Baroque

Rachel Elliott, Nicki Kennedy,

Andrea Oberparleiter: Sopran

Joanna Campion, Catherine King,

David Allsopp: Alt

Julian Podger, Hermann Oswald,

Nils Giebelhausen: Tenor

Thomas Guthrie, Matthew Brook,

Paul Willenbrock: Bass

Einleitung

»Händel ist so faul und halsstarrig, ich zweifle an einem Erfolg«,

schimpfte der Librettist Charles Jennens über Georg

Friedrich Händel und seinen Messiah. Tja. So kann man sich

täuschen. Heute wissen wir: Das Oratorium gehört auch

rund 270 Jahre nach seiner Entstehung zu den meistgespielten

Kompositionen der Musikgeschichte.

14 14

- 408 - Trigonale 2011 – Das Programm Trigonale 2011 – Das Programm - 409 -


Es verdankt seine Popularität nicht zuletzt dem Halleluja-

Chor, einem unsterblichen Ohrwurm, der schon mehrfach

verjazzt, verpoppt und verrockt wurde: Ein echter Evergreen,

ohne Frage einer der größten Hits aller Zeiten.

Aber es wäre falsch, den Messiah auf diese prachtvollen

Minuten – für die sich viele Engländer von ihren Sitzen er-

heben – zu reduzieren. Denn das »Halleluja« (auf Hebräisch:

»preiset Jahwe!«) ist nur ein kleiner und keinesfalls

repräsentativer Ausschnitt aus dem rund zweieinhalbstündigen

Meisterwerk. Händels Oratorium verströmt gerade

deshalb eine zeitlose Kraft, weil es die Glaubensbotschaft

in einer besonders vielschichtigen Klangsprache verkündet.

Charles Jennens hat das Libretto aus Texten des Alten Testaments

zusammengestellt, die sich der christlichen Heilsgeschichte

widmen: In drei Teilen berichtet das Stück zunächst

von den Prophezeiungen des Jesaja, dann von der Geburt

Jesu und seinem Leben bis zum Tod am Kreuz, und schließlich

von seiner Wiederkehr am 'Jüngsten Tag'.

Händel beseelt diese Erzählung mit einer Musik, die selbst

nicht-religiöse Hörer berührt.

Da ist etwa – um nur ein Beispiel zu nennen – dieser

magische Moment im Bass-Rezitativ For behold, Darkness

shall cover the Earth. Beim Wort »arise« schält sich aus den

dunklen Orchesterfarben allmählich der helle Vokal »a«,

während die Melodielinie langsam aufsteigt: Als schiene

ganz vorsichtig ein zarter Sonnenstrahl hinter den Wolken

auf. Schöner lässt sich die Hoffnung auf ein Licht nach langer

Dunkelheit kaum ausdrücken. Man muss kein Christ

sein, um diese Hoffnung zu kennen.

Genau das macht die zeitlose Größe des Stücks aus: Händel

findet stets den emotionalen Kern der Handlung und offenbart

die Aussage auf eine Weise, die allgemein verständlich

ist. Seine Musik erspürt den universalen Gehalt der religiösen

Botschaft.

Wir erleben die unschuldige Freude (For unto us a child is

born) ebenso wie das tiefe Mitleid (Behold the lamb of God ),

oder eben den majestätischen Jubel im »Halleluja«, mit

Pauken und Trompeten.

Die besondere Inbrunst des Stücks lässt sich vielleicht auch

mit der biografischen Situation des Komponisten erklären.

Als Händel seinen Messiah schrieb, steckte er in einer tiefen

persönlichen Krise: Er erholte sich nur mühsam von einem

Schlaganfall und hatte Gläubiger am Hals; seine italienischen

Opern waren inzwischen völlig aus der Mode. Mit

dem neuen Oratorium kehrte die Inspiration zurück: Händel

schrieb den Messiah in einem wahren Schaffensrausch

von nur drei Wochen nieder. Von Faulheit konnte also keine

Rede sein. Jennens war trotzdem nicht überzeugt und moserte:

»Sein Mes