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MEDIAkompakt Ausgabe 36

Die Zeitung des Studiengangs Mediapublishing an der Hochschule der Medien Stuttgart - www.mediapublishing.org Das Zeitungsprojekt im 7.Semester Mediapublishing beinhaltet alle Aufgaben einer Zeitungsredaktion: vom Recherchieren, Interviews führen, Artikel verfassen, Bildmotive selektieren und natürlich dem Akquirieren von Anzeigenkunden ist alles dabei.

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DIE ZEITUNG DES STUDIENGANGS MEDIAPUBLISHING<br />

DER HOCHSCHULE DER MEDIEN STUTTGART<br />

AUSGABE 02/2024 04.07.2024<br />

Cover_7.indd 8 20.05.24 16:39


2 ZEITGEIST<br />

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02/ 2024 ZEITGEIST<br />

3<br />

Was<br />

ist<br />

Zeitgeist?<br />

Bild: Sarah Karkutsch<br />

Nicht nur in Deutschland steht das Wort Zeitgeist für all das, was sich eine Gesellschaft aktuell unter<br />

einem gelingenden Leben vorstellt. Denn das Wort Zeitgeist gibt es auch im englischsprachigen<br />

Raum als sogenanntes Lehnwort. Doch was verbirgt sich hinter diesem schwer fassbaren Konzept?<br />

Zeitgeist-Forscherin Kirstine Fratz bringt es auf den Punkt: „Wir wissen viel über Trends, aber kaum<br />

etwas über den Zeitgeist.“<br />

VON SARAH KARKUTSCH<br />

Frau Fratz, was genau ist Zeitgeist und warum ist er für<br />

unser Verständnis von Kultur und Gesellschaft wichtig?<br />

Wir wissen viel über Trends, aber kaum etwas über<br />

den Zeitgeist. Die Kraft, die kulturellen Wandel im<br />

Hintergrund antreibt. Während Trends meist klar<br />

erkennbar sind, gibt der Zeitgeist Zugang zum kulturellen<br />

Unterbewusstsein. Ein subtiler Riss in der<br />

gesellschaftlichen Matrix kann ausreichen, um<br />

neues kulturelles Potenzial zu erkennen und eine<br />

Anziehungskraft zu schaffen, die unserer Kultur<br />

unvorstellbare Dinge hinzufügt.<br />

In diesem Bereich autonomer kultureller Veränderungen,<br />

jenseits von Institutionen und Interessen,<br />

ist die Zeitgeist-Forschung aktiv. Ein Forschungsfeld,<br />

das vor über 100 Jahren begann und<br />

durch seinen interdisziplinären Ansatz derzeit zu<br />

einem tieferen Verständnis von Kreativität und<br />

Wandel beiträgt.<br />

eine neue Auffassung von Leben auf. Also wenn<br />

immer mehr Menschen eine kulturelle Aufbruchstimmung<br />

spüren.<br />

Ich bin immer auf der Suche nach diesen Rissen.<br />

Dann schaue ich, welche Transformation<br />

sich von dort aus abzeichnet.<br />

Welche Rolle spielt Technologie, insbesondere KI und<br />

Digitalisierung, bei der Erfassung und Interpretation des<br />

Zeitgeistes?<br />

In Bezug auf Zeitgeist-Kompetenz und Sehnsuchtserkennung<br />

ermöglichen KI und Digitalisierung<br />

Zeitgeist-Machern, tiefer in das Verständnis<br />

gesellschaftlicher Sehnsüchte und Aspirationen<br />

einzutauchen. Indem sie KI die Frage stellen „Was<br />

will entstehen?“, anstatt „Wie sollte es sein?“, ermöglichen<br />

diese Technologien Einzelpersonen<br />

und Organisationen, verborgene Potenziale innerhalb<br />

gesellschaftlicher Strukturen aufzudecken.<br />

Dieses Verständnis könnte dann genutzt<br />

werden, um neue kulturelle Heimatstätten zu<br />

schaffen und die allgemeine Lebensqualität zu<br />

verbessern.<br />

Kann Künstliche Intelligenz Zeitgeist-Forschung?<br />

In allen zukünftigen Szenarien, die KI und das<br />

Metaverse involvieren, bleibt es entscheidend zu<br />

beobachten, wie Technologie tatsächlich mit der<br />

menschlichen Erfahrung interagiert.<br />

Von dort aus werden völlig neue Erkenntnisse<br />

und Bedürfnisse entstehen, auf die wir kontinuierlich<br />

reagieren und uns anpassen müssen, solange<br />

hoffentlich Menschen im Mittelpunkt dieser<br />

Entwicklung stehen.<br />

Was genau macht eigentlich eine Zeitgeist-Forscherin?<br />

Als Zeitgeist-Forscherin besteht meine Rolle darin,<br />

in die kollektive Psyche der Gesellschaft einzutauchen,<br />

ihre zugrunde liegenden Sehnsüchte,<br />

Aspirationen und Trends aufzudecken, die verschiedene<br />

Lebensbereiche wie Kultur, Wirtschaft<br />

und Politik prägen.<br />

Wie schaffen Sie es, dem gesellschaftlichen Wandel<br />

auf der Spur zu bleiben?<br />

Zeitgeist-Forschung hat sehr viel mit der Wahrnehmung<br />

in der Gegenwart zu tun. Zeitgeist wird<br />

immer dann sichtbar, wenn die bekannten gesellschaftlichen<br />

Vorstellungen aufhören zu funktionieren.<br />

Ich nenne das den Riss in der Matrix. Das<br />

ist der Moment, wo jemand merkt: Hier kommt<br />

Bild: Kirstine Fratz<br />

Kirstine Fratz<br />

ist Kulturwissenschaftlerin, Buchautorin<br />

und Zeitgeist-Expertin. Seit einigen Jahren<br />

erforscht die Halbdänin wie die Macht des<br />

Zeitgeistes stetig Denken, Handeln und<br />

Fühlen verändert und den Takt in Kultur<br />

und Gesellschaft vorgibt. Mit ihrer Expertise<br />

berät sie erfolgreich Unternehmen wie<br />

Gucci, Escada, Beiersdorf und Google. Dazu<br />

spricht sie als internationale Speakerin darüber,<br />

warum nichts bleibt wie es ist und<br />

warum Sehnsucht, und nicht Vernunft, der<br />

Treiber der Zukunft ist.<br />

Bild: Felix Herder


4 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

„Tiere raus aus der Manege“<br />

Plakate und laute Parolen: Vor<br />

dem Zirkus Krone in Tübingen<br />

demonstriert das Peta Streetteam<br />

gegen die Haltung von<br />

Wildtieren im Zirkus. Mediakompakt<br />

war mit dabei.<br />

VON SARAH GÖKELER<br />

Es ist ein graues Aprilwochenende,<br />

12.45 Uhr. Das Peta Streetteam macht<br />

sich voller Entschlossenheit bereit. Anspannung<br />

liegt in der Luft. Wo der bekannte<br />

Zirkus Krone seine Zelte aufgeschlagen<br />

hat, will sich das Streetteam keine fröhliche<br />

Unterhaltungsshow ansehen. Im Gegenteil:<br />

Sie wollen gegen das Auftreten von Tieren im Zirkus<br />

demonstrieren. Die Szenerie ist durchdrungen<br />

von einer Mischung aus kämpferischer Entschlossenheit<br />

und nervöser Anspannung. Die Mitglieder<br />

des Streetteams rüsten sich, um ihre Stimmen<br />

für die Tiere zu erheben.<br />

Zuerst erklären die drei fachkundigen Leiterinnen,<br />

darunter Marlene Teufel, den Ablauf der Demonstration.<br />

„Wir demonstrieren friedlich und<br />

aufklärend. Wir gehen aller Aggression aus dem<br />

Weg und versuchen alle Interessierten zu informieren.“<br />

Neben Plakaten soll mit einem auffällig<br />

inszenierten Rollenspiel Aufmerksamkeit erregt<br />

werden. Eine Dompteurin lässt dabei zwei Personen<br />

in Tiger- und Löwenkostümen mit schwarzweißer<br />

Sträflingskleidung Kunststücke aufführen.<br />

Währenddessen schallt das Megafon zusammen<br />

mit dem Chor an Demonstrierenden: „Tiere raus!<br />

Raus aus der Manege!“ Diese und weitere Parolen<br />

sind auch auf den Plakaten der restlichen Demonstrierenden<br />

abgebildet. Zudem werden Flyer,<br />

sowohl für Erwachsene als auch für Kinder, bereitgestellt.<br />

Kunststücke im Zirkus aufzuführen entspricht<br />

nicht dem natürlichen Verhalten von<br />

Wildtieren lauten die Erklärungen auf den Flyern.<br />

Marlene Teufel ist bereits seit 2016 freiwillig<br />

beim Peta Streetteam dabei. Seit diesem Jahr arbeitet<br />

sie Vollzeit bei Peta. „Wenn man Veränderungen<br />

herbeiführen und Ungerechtigkeiten aus der<br />

Welt schaffen will, kann man nicht nur warten,<br />

bis was passiert – man muss auch was dafür tun!“,<br />

sagt die 25-Jährige. Die Passant:innen zeigen sich<br />

eher ablehnend gegenüber der Demonstration.<br />

Der Großteil der Besucher:innen ignoriert die<br />

Plakate und Parolen vom Gehweg gegenüber des<br />

Zirkusgeländes. Ein Mann mit zwei Kindern<br />

nimmt einen Flyer entgegen, wirft ihn jedoch direkt<br />

auf den Boden, bevor er eilig davon stapft. Einige<br />

vorbeifahrende Autos hupen. Manche Fahrer:innen<br />

bremsen ab und zeigen einen Vogel<br />

oder den Mittelfinger. Die Demonstrierenden<br />

werden mit Gegenrufen wie „Ruhe!“ und „Müsst<br />

ihr nicht arbeiten?“ konfrontiert.<br />

Jedoch fühlen sich auch manche Leute angesprochen<br />

und sind interessiert. „Haben die nichts<br />

Besseres zu tun?“, murmeln zwei Teenager. Doch<br />

dann werden sie neugierig und suchen das Gespräch.<br />

Marlene Teufel erklärt ihnen: „Die Tiere<br />

werden nicht artgerecht gehalten und stehen unter<br />

enormen Stress.“ Die beiden hören interessiert<br />

zu und nehmen sich anschließend einen Flyer<br />

mit. Innerhalb des Zirkus selbst gibt es gemischte<br />

Meinungen. „Ich bin generell dafür, dass alle frei<br />

ihre Meinung äußern dürfen, aber dass die da<br />

draußen auch Kinder mit ihren Megafonen direkt<br />

anschreien, ist schon fast aggressiv“, äußert sich<br />

ein Mitarbeiter am Merchandising-Stand des Zirkus.<br />

Ein anonym bleibender Mitarbeiter eines anderen<br />

Zirkus betont, dass Zirkus Krone eine herausragende<br />

Tierhaltung habe und die Demonstrierenden<br />

keine Ahnung hätten.<br />

Trotz der kontroversen Reaktionen ist eines<br />

klar: Deutschland ist das einzige EU-Land ohne<br />

nationales Verbot von Tieren im Zirkus. Durch die<br />

leidenschaftlichen Proteste wird deutlich, dass<br />

diese Debatte die Gemüter bewegt und eine breite<br />

Palette von Meinungen hervorruft. Letztendlich<br />

bleibt die wichtige Frage offen, wie die Zukunft<br />

des Zirkus aussehen wird und welche bedeutende<br />

Rolle der Tierschutz dabei spielen wird.<br />

Was ist Peta?<br />

Peta, People for the Ethical Treatment of<br />

Animals, ist eine weltweit agierende Organisation,<br />

die sich für die Rechte aller Tiere<br />

einsetzt. Sie fordern eine moralische Berücksichtigung<br />

von Tieren in allen Belangen<br />

und einer Anerkennung ihrer subjektiven<br />

Rechte.<br />

Dies realisieren sie durch Recherche, Aufklärung,<br />

und Konfrontation. Peta Streetteams<br />

gehen freiwillig landesweit für Tierrechte<br />

auf die Straße.<br />

Bild: Bild: Sarah Pexels Gökeler


02/ 2024 ZEITGEIST<br />

5<br />

Bienenrevolution:<br />

Jetzt!<br />

Quelle: Adobe Stock<br />

Wer durch den Schrebergarten<br />

am Rande von Magstadt<br />

spaziert, hört ein beständiges<br />

Summen und Brummen. Es<br />

erinnert an Sonnenstrahlen,<br />

Sommer und Schwimmbad.<br />

Doch hinter dem Summen<br />

verbirgt sich mehr als nur ein<br />

Bienenschwarm.<br />

VON MICHELLE VOIGT<br />

Ganz unerwartet beginnt seine Geschichte<br />

nicht in der ländlichen<br />

Idylle, sondern im geschäftigen Treiben<br />

der Werbebranche. „Mit 50<br />

dachte ich über den Sinn meines Lebens<br />

nach“, erklärt Frank Geggus. Sein Hobby, die<br />

Imkerei, entpuppt sich als Antwort. Was klein beginnt<br />

entwickelt sich schnell zu einer Leidenschaft,<br />

die seine berufliche Laufbahn völlig verändert.<br />

Nach drei Jahrzehnten in der pulsierenden<br />

Werbewelt möchte er etwas Bedeutungsvolleres<br />

tun und gründet Bee Life, eine Firma, die Bienen<br />

an Unternehmen vermietet. Heute kümmert er<br />

sich um 120 Bienenvölker, davon sind 80 an Unternehmen<br />

vermietet die restlichen 40 bewirtschaftet<br />

er selbst. Als Berufsimker gehört er zu den<br />

zwei Prozent, die tatsächlich ihre Berufung in der<br />

Imkerei ausleben. Die Mehrheit arbeitet als Hobbyimker.<br />

Bee Life startet mit einer simplen Idee: Bienenvölker<br />

an Firmen zu vermieten, die ihre Grünflächen<br />

nutzen möchten, um die lokale Biodiversität<br />

zu fördern und gleichzeitig natürlichen Honig zu<br />

produzieren. Der Ansatz ist so einfach wie genial:<br />

Unternehmen wählen einen Platz, Geggus prüft<br />

die Eignung, und schon bald summt das Leben<br />

auf dem Firmengelände. Die Firmen selbst müssen<br />

sich kaum kümmern, erhalten aber ein Produkt<br />

ihrer ökologischen Investition – personalisierten<br />

Honig, der an Kund:innen und Mitarbeitende<br />

verschenkt werden kann.<br />

„Es geht nicht nur um Profit, sondern um das<br />

Erschaffen nachhaltiger Werte und das Vergnügen,<br />

mit den Bienen zu arbeiten“, sagt Geggus.<br />

Diese Philosophie zieht immer mehr umweltbewusste<br />

Unternehmen an, die nicht nur ihren grünen<br />

Fußabdruck verbessern wollen, sondern auch<br />

aktiv zur ökologischen Vielfalt ihrer Region beitragen<br />

möchten.<br />

Das ist aber noch lange nicht alles, was Geggus<br />

macht. Neben Bee Life betreibt er das Bienenzentrum<br />

in Magstadt, besitzt einen Imkereibedarf<br />

und Honigladen, unterstützt im Jugendforschungszentrum<br />

in Sindelfingen und arbeitet im<br />

Bund der Selbstständigen in Magstadt mit. Besonders<br />

das Jugendforschungszentrum liegt ihm am<br />

Herzen. Dort betreut er das Naturhabitat und bietet<br />

Schulklassen und Kindergärten an, unser Ökosystem<br />

besser kennenzulernen. Das neueste Projekt<br />

ist die Pflanzung eines Tiny Forest auf dem<br />

Gelände des Jugendforschungszentrums in Sindelfingen.<br />

Die Arbeit mit den Bienen ist für Geggus<br />

mehr als nur eine Beschäftigung, sie ist eine<br />

Leidenschaft. Darüber hinaus erkennt Geggus die<br />

Bildungskomponente seiner Arbeit. Er öffnet seine<br />

Bienenstöcke für Schulklassen und Kindergärten,<br />

um den Kindern die faszinierende Welt der<br />

Bienen näherzubringen. Diese Besuche sind nicht<br />

nur lehrreich, sondern prägen auch eine neue Generation,<br />

die den Wert der Biodiversität versteht<br />

und schätzt. „Den Kindern kann man es beibringen,<br />

bei den Erwachsenen ist das deutlich schwieriger“,<br />

sagt Geggus. In diesen Veranstaltungen lernen<br />

die Kinder alles über den Lebenszyklus der<br />

Bienen und die Wichtigkeit der Bestäubung für<br />

das Ökosystem.<br />

Frank Geggus zeigt, dass es nie zu spät ist, einen<br />

neuen Weg einzuschlagen. Sein Weg führte<br />

ihn von der kreativen Werbewelt in die nachhaltige<br />

Imkerei, wo er nun sowohl die Umwelt als auch<br />

die Gemeinschaft bereichert. Sein Beispiel inspiriert<br />

andere, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen<br />

und mutige Schritte zu wagen, um die<br />

Welt ein Stück besser zu machen.<br />

Bild: Michelle Voigt


6 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

Im Herzen der Strafverfolgung<br />

Die Zahl der Angriffe auf die Polizei steigt. Gleichzeitig gibt es neue Formen der Kriminalität.<br />

Kriminalkommissar Felix Leiter gibt Einblicke in seinen herausfordernden Alltag.<br />

VON SEAN HONORÉ<br />

Bild: Adobe Stock<br />

Das laute Klopfen an einer Wohnungstür<br />

hallt durch den Flur, während<br />

zwei Beamte vor der verschlossenen<br />

Tür stehen. Sie wurden gerufen, weil<br />

sich die anderen Bewohner über einen<br />

unangenehmen Geruch beschwert haben.<br />

Die Beamten halten einen Durchsuchungsbefehl<br />

fest in der Hand, bereit, ihre Pflicht zu erfüllen.<br />

Die Tür wird geöffnet und die Dunkelheit der<br />

Wohnung empfängt sie. Ein intensiver Geruch<br />

von Moder, verrottendem Fleisch und faulendem<br />

Obst schlägt ihnen entgegen.<br />

Im Wohnzimmer enthüllt der Lichtkegel der<br />

Taschenlampen das Bild eines altmodisch eingerichteten<br />

Zimmers, in dessen Mitte ein Mann regungslos<br />

auf dem Boden liegt. Der Mann scheint<br />

eines natürlichen Todes gestorben zu sein. Nun<br />

steht die unschöne Aufgabe bevor, den Leichnam<br />

zu untersuchen. Es ist einer der ersten Einsätze<br />

von Kriminalkommissar Felix Leiter*, ein Ereignis,<br />

das seine Erinnerung an die Herausforderungen<br />

und Realitäten seines Berufs geprägt hat.<br />

Der Weg zum LKA beginnt oft in jungen Jahren,<br />

gewoben aus dem Wunsch, das Gute in der<br />

Welt zu fördern. „Ich erkannte früh, dass mir das<br />

Arbeiten mit Menschen Spaß macht und liebäugelte<br />

mit dem Gedanken etwas Positives zur Beeinflussung<br />

der Gesellschaft beizutragen“, sagt<br />

Leiter. Doch es sind nicht nur die großen Erfolge,<br />

die den Alltag ausmachen: „Herausfordernd ist<br />

natürlich immer die direkte Konfrontation mit<br />

kriminellen Taten. Um solche Erfahrungen zu<br />

verarbeiten, ist insbesondere der harmonische<br />

und kollegiale Zusammenschluss innerhalb der<br />

Polizei von großer Bedeutung.“<br />

Immer wieder hört man von gewaltsamen<br />

Übergriffen und Attacken auf Polizeibeamte. Zu<br />

der Frage, ob er selbst schon mal die Erfahrung mit<br />

Gewalt gegen Polizisten gemacht hat, antwortet<br />

Leiter: „Glücklicherweise noch nicht. Dieses Ge-<br />

waltphänomen betrifft vor allem Polizeibeamte<br />

der Schutzpolizei, welche tagtäglich in Kontakt<br />

mit den Bürgern auf Straßen stehen. In den vergangenen<br />

Jahren sank der Respekt gegenüber der<br />

Polizei und damit auch die Hemmschwelle für Gewalt<br />

gegen Polizeibeamte. Die Ursache für diese<br />

Entwicklung lässt sich auch für uns nicht vollkommen<br />

schlüssig erklären. Viele einzelne Faktoren<br />

beeinflussen diese Entwicklung.“<br />

Internationale Kooperationen, technologische<br />

Innovationen und präventive Maßnahmen<br />

sind entscheidende Instrumente im Kampf gegen<br />

neue Formen der Kriminalität. So sagt Felix Leiter:<br />

„Insbesondere durch die Zusammenarbeit über<br />

die Landesgrenze hinweg kann effektiver gegen<br />

grenzüberschreitende Kriminalität vorgegangen<br />

werden. Wichtig dabei ist meiner Meinung nach,<br />

kulturelle Unterschiede zu respektieren und zu<br />

verstehen, um gemeinsame Ziele zu erreichen.“<br />

Doch nicht nur der respektvolle Umgang mit Kolleg:innen<br />

aus anderen Ländern ist wichtig. Auch<br />

die Vertrauensbasis mit der Bevölkerung sei beizubehalten.<br />

Auch meint Leiter: „Im Spannungsverhältnis<br />

zwischen der strengen Durchsetzung des Gesetzes<br />

und dem Bedürfnis nach Empathie und Verständnis<br />

für die Menschen, mit denen ich in Kontakt<br />

komme, ist es wichtig, einen ausgewogenen Ansatz<br />

zu finden. Deshalb lege ich Wert darauf respektvoll<br />

und empathisch mit den Menschen umzugehen.<br />

Das Vertrauen der Bevölkerung in die<br />

Polizeiarbeit spielt eine große Rolle hinsichtlich<br />

der Sicherheitsentwicklung im Land und wirkt<br />

sich maßgeblich auf das Hellfeld aus.“<br />

Die jüngste Polizeiliche Kriminalstatistik 2023<br />

zeigt einen Anstieg von Straftaten. Die zunehmende<br />

Ausländerkriminalität, vor allem im Zusammenhang<br />

mit den aktuellen Flüchtlingsströmen,<br />

spiegelt sich ebenfalls in den Zahlen wider.<br />

„Dabei muss man allerdings beachten, dass Ausländer<br />

Taten begehen, die von der Öffentlichkeit<br />

und den Medien eher wahrgenommen werden,<br />

wie zum Beispiel Gewalttaten oder Körperverletzung.<br />

Außerdem sind der Großteil der Straftaten ausländerrechtliche<br />

Verstöße wie unerlaubte Einreise<br />

und unerlaubter Aufenthalt. Deutsche hingegen<br />

begehen eher Taten, die nicht so sehr in der Öffentlichkeit<br />

stehen. Wie zum Beispiel sexueller<br />

Missbrauch von Kindern und der Besitz, die Verbreitung<br />

und die Erstellung von Kinderpornografischen<br />

Inhalten“, meint Leiter.<br />

Diese Einschätzung beruht nicht nur auf den<br />

Erfahrungen des Beamten, sondern schlagen sich<br />

auch in der Polizeilichen Kriminalstatistik nieder.<br />

*Name von der Redaktion geändert


Bild: Privat<br />

02/ 2024 ZEITGEIST<br />

7<br />

Wer widerspricht, ist ein Verräter<br />

AfD, FPÖ, PiS – Rechte Parteien<br />

sind europaweit auf dem<br />

Vormarsch, rechtsextremes<br />

Gedankengut auch in Deutschland<br />

wieder Teil des Zeitgeists.<br />

Doch was ist, wenn diese Entwicklungen<br />

ihre Schatten auf<br />

Spezialeinheiten der Polizei<br />

und Bundeswehr werfen?<br />

VON ANNIKA LOSCH<br />

Hitlergrüße, Rechtsrock und fliegende<br />

Schweineköpfe – in der Vergangenheit<br />

hat die eigentliche Eliteeinheit<br />

Kommando Spezialkräfte (KSK)<br />

der Bundeswehr wiederholt Schlagzeilen<br />

durch Extremismus-Vorfälle gemacht, wie<br />

bei der geschilderten Abschiedsfeier für Oberstleutnant<br />

Pascal D. Auch Polizisten des Frankfurter<br />

Spezialeinsatzkommandos (SEK) sollen in Chats<br />

rechtsextreme Beiträge geteilt haben. Ermittelt<br />

wurde gegen 20 Beamte, darunter drei Vorgesetzte,<br />

die trotz Kenntnis der Vorgänge nicht eingeschritten<br />

seien. Hessens Innenminister Peter<br />

Beuth spricht von einem „inakzeptablen Fehlverhalten“<br />

und löst das Kommando nach Bekanntwerden<br />

der Vorwürfe auf.<br />

Rechtsextremismus als gesellschaftliches Problem<br />

rückt zunehmend in den Fokus. Besonders<br />

alarmierend wird diese Entwicklung, wenn sie in<br />

den Reihen von Behörden zutage tritt. Beamt:innen<br />

sind den im Grundgesetz verankerten freiheitlich-demokratischen<br />

Werten durch ein Treuebekenntnis<br />

besonders verpflichtet. Umso problematischer<br />

ist es, wenn Angehörige von Spezialeinheiten<br />

der Polizei und Bundeswehr Zweifel an ihrer<br />

Verfassungstreue aufkommen lassen.<br />

Doch wie kommt es zur Entwicklung rechter<br />

Gesinnungen? „Die Lebenswelt, in der wir uns bewegen,<br />

ist entscheidend. Unsere alltäglichen Erfahrungen<br />

beeinflussen uns stark in der Art und<br />

Weise, wie wir die Welt interpretieren“, erklärt Dr.<br />

Rolf Frankenberger, Geschäftsführer des Instituts<br />

für Rechtsextremismusforschung (IRex) der Universität<br />

Tübingen. Ausschlaggebend seien dabei<br />

das Gefühl politischer Entfremdung und persönliche<br />

Kränkungsmomente. Andersrum spielen<br />

auch Erfolgsmomente eine Rolle, wenn man eine<br />

rechte Position äußere und Zuspruch erfahre.<br />

In den Fällen des SEK und KSK wurden rechtsextreme<br />

Einstellungen bis in die Führungsebene<br />

geduldet oder gar vertreten. In hierarchischen<br />

Umfeldern, in denen man sich an Vorgesetzten<br />

orientiert und von ihnen abhängig ist, ist dies besonders<br />

kritisch. Behörden können dabei laut<br />

Frankenberger die eigenen Strukturen zum Verhängnis<br />

werden: „Was sie einfach zum Funktionieren<br />

brauchen, sind klare Befehlsketten, in denen<br />

jeder weiß, was zu tun ist, wenn der entsprechende<br />

Befehl kommt. Das widerspricht einem<br />

Stück weit einer kritischen, reflexiven Kultur.“<br />

Anonyme Meldesysteme oder aufmerksame Vorgesetzte,<br />

die entsprechende Entwicklungen wahrnehmen,<br />

könnten so etwas verhindern. „Das ist<br />

immer auch eine Frage von guter Führung.“<br />

Spezialeinheiten verfügen über ein ausgeprägtes<br />

Elitedenken. Der daraus resultierende Korpsgeist<br />

ist einerseits erwünscht, andererseits bietet<br />

er einen Nährboden für die Entstehung rechtsextremer<br />

Gesinnungen. „Korpsgeist ist ein histo-<br />

risch belasteter Begriff, der vor allem auf Kameradschaft<br />

abzielt“, ordnet der Experte ein. Diese ist<br />

bei Spezialkräften essenziell, da man sich in den<br />

gefährlichen Situationen, für die man ausgebildet<br />

ist, aufeinander verlassen muss. Es können sich jedoch<br />

auch negative Mechanismen der Gruppenbildung<br />

verselbstständigen. „Wenn in einer<br />

Gruppe ein bestimmtes Weltbild überwiegt, wird<br />

nicht mehr hinterfragt, ob das falsch ist oder<br />

nicht.“ Das könne sich hochschaukeln, bis Vorurteile<br />

zum guten Ton gehören und sie kollektiv toleriert<br />

werden. „Widerspruch ist zwar möglich,<br />

aber nicht wahrscheinlich und wird ab einem gewissen<br />

Grad mit Ausschluss aus der Gruppe sanktioniert.<br />

Wer widerspricht, ist eigentlich ein Verräter“,<br />

erklärt Frankenberger.<br />

Was wird zur Extremismusprävention getan?<br />

Eine offene Fehlerkultur sei wichtig, genauso wie<br />

psychologische Betreuung. Frankenberger betont<br />

außerdem: „Es gibt nirgends einen so selektiven<br />

Umgang mit der Gesellschaft wie bei der Polizei.<br />

Sie haben meist mit denen zu tun, die in irgendeiner<br />

Weise Ärger machen.“ Das könne die Wahrnehmung<br />

über bestimmte Gruppen verzerren<br />

und Vorurteile oder Stereotype verdichten. „Das<br />

muss immer wieder aufgebrochen werden durch<br />

beispielsweise Fortbildungsprogramme und Exkursionen.“<br />

Mehr Austausch, mehr Demokratisierung.<br />

Insgesamt ist die Zahl von rechten Vorfällen<br />

in Behörden laut eines Lageberichts des Bundesamt<br />

für Verfassungsschutz sehr gering. Die große<br />

Mehrheit der Polizist:innen und Soldat:innen ist<br />

verfassungstreu und erfährt Unrecht, wenn sie<br />

pauschal Extremismusvorwürfen ausgesetzt werden.<br />

Trotzdem darf sich nicht nur an quantitativen<br />

Aspekten orientiert werden. Denn jeder einzelne<br />

Fall ist geeignet, das Vertrauen in den Staat<br />

zu erschüttern.


8 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

Zwischen<br />

Multikulti<br />

und<br />

Rassismus<br />

Bild: Privat<br />

Mit türkisen Lagunen und weißen Sandstränden zählt die Insel<br />

Mauritius im Indischen Ozean zu den beliebtesten Urlaubsdestinationen.<br />

Blickt man jedoch hinter die Fassaden der Trauminsel,<br />

dominieren veraltete Strukturen und Werte das soziale Leben.<br />

VON DÈSIRÈE VOGT<br />

Von ausländischen Personen hört man<br />

immer, Mauritius sei ein wunderschönes,<br />

multikulturelles Land, in dem alle<br />

friedlich zusammenleben. Aber als Einheimische<br />

merke ich immer wieder wie<br />

rassistisch und ausgrenzend dieses Land ist“, bemerkt<br />

die 24-jährige Elodie Souroop.<br />

Sie selbst lebt in Beau Bassin, im Westen der<br />

Insel, und ist gebürtige Mauritierin. Auf ihren Namen<br />

reagieren ihre Mitmenschen allerdings oft<br />

verwundert. Sie können nicht glauben, dass Souroop<br />

einen indischen Nachnamen hat, obwohl sie<br />

optisch sehr kreolisch aussieht. Viele Einheimische<br />

lassen mit solchen Vorurteilen jedoch die<br />

Geschichte des Landes außer Acht.<br />

Die Kreolen sind nach Definition die Nachkommen<br />

weißer Europäer und schwarzer Afrikaner<br />

in ehemaligen Kolonialgebieten. Mauritius<br />

war zuerst französische, dann britische Kolonie.<br />

Beide Kolonialmächte nutzten das Land vor allem<br />

für den Zuckerrohranbau. Dazu verschleppten sie<br />

zunächst Versklavte aus Afrika zur Arbeit auf den<br />

Plantagen. Als die Sklaverei 1835 abgeschafft wurde,<br />

übernahmen indische Arbeitskräfte die Pflanzungsarbeiten.<br />

Darauffolgende Generationen<br />

blieben auf der Insel und mit der Zeit vermischten<br />

sich die verschiedenen Einwanderergruppen. Aus<br />

diesem Grund möchte sich die Social Media-Managerin<br />

auch nicht einzig als kreolisch labeln. Sie<br />

selbst hat französische, westafrikanische und indische<br />

Wurzeln und bezeichnet sich lieber einfach<br />

als Mauritierin. Denn ihrer Auffassung nach<br />

hat jede:r denselben kreolischen Kern, da alle aus<br />

einem vielfältigen Mix verschiedener Ethnien<br />

stammen. Doch nur wenige Mauritier:innen sind<br />

so aufgeschlossen. Im Jahr 1968 erlangte Mauritius<br />

seine Unabhängigkeit von Großbritannien.<br />

Bild: Privat<br />

Die Engländer gingen – die rassistischen Strukturen<br />

blieben. Elodie Souroop schildert, dass ähnlich<br />

wie früher ein heller Teint immer noch das<br />

gesellschaftliche Ideal sei. Es gilt: Je heller die<br />

Haut, umso höher die wirtschaftlichen und sozialen<br />

Vorteile. Deswegen sei das Konstrukt des sogenannten<br />

„Colourism“ stark in der Gesellschaft<br />

verankert. „So werden ‚People of Colour‘ auf<br />

Grund ihres helleren Hauttons vorteilhafter behandelt<br />

als Personen derselben Gruppe, die eine<br />

dunklere Haut haben“, erklärt sie.<br />

Abgesehen von der Hautfarbe bestimmen<br />

auch andere Faktoren die Unterschiede innerhalb<br />

der Gesellschaft, sowie beispielsweise die Religion.<br />

Die Christin kritisiert: „Die Hindus genießen<br />

die meisten Vorteile.“ Ein Grund hierfür sei, dass<br />

sie den Großteil der Bevölkerung mit über 50 Prozent<br />

widerspiegeln. Als anderen Grund nennt sie<br />

die enge Verbindung zwischen der mauritischen<br />

und der indischen Regierung. Indien finanziere<br />

fast alle Neuerungen im Bereich der Wirtschaft<br />

und der Infrastruktur. Demzufolge hänge an vielen<br />

öffentlichen Orten des Landes die indische<br />

Flagge, neben der mauritischen. „Man fühlt sich<br />

dadurch als konvertiertes Mauritius zu einem<br />

‚Little India‘“, gesteht sie. Durch die genannten<br />

Strukturen bestünde auf Mauritius ein unausgesprochenes<br />

Klassensystem, das einzig auf der<br />

Hautfarbe und der Religion der einzelnen Gruppen<br />

beruhe. Auch Themen wie Feminismus, Rassismus<br />

oder Sexismus werden auf Mauritius kaum<br />

öffentlich diskutiert, während sie in Europa regelmäßig<br />

Teil des gesellschaftlichen Diskurses sind.<br />

Die Mauritierin sieht den Grund hierfür unter anderem<br />

in der immer älter werdenden Bevölkerung<br />

des Landes, die für Veränderungen dieser Art<br />

kaum Verständnis aufbringe. „Widerspruch wird<br />

hier immer noch als Respektlosigkeit gedeutet“,<br />

bemängelt sie.<br />

Abschließend prangert die Insulanerin aber<br />

vor allem das Bildungssystem dafür an, dass Veränderungen<br />

und Diskurse ausbleiben. Dabei kritisiert<br />

sie in erster Linie die Unterschiede zwischen<br />

den privaten und öffentlichen Schulen: „In den<br />

privaten Schulen wird kritisches Denken stark gefördert.<br />

Jedoch sind sie auch für die meisten Familien<br />

unbezahlbar.“ Die öffentlichen Schulen seien<br />

dadurch stark überfüllt und es gäbe kaum Kapazitäten,<br />

um sich mit Dingen außerhalb des Lehrplans<br />

zu beschäftigen. Souroop zieht das Fazit:<br />

„Die Kinder lernen dadurch oft nur die konservativen<br />

und strengen Ansichten, die sie zuhause beigebracht<br />

bekommen und reproduzieren damit die<br />

veralteten Strukturen und Denkweisen.“


02/ 2024<br />

ZEITGEIST<br />

9<br />

„Trans ist keine Entscheidung”<br />

Mit Mitte 30 erkennt Alex Häfner, dass er trans* ist. Heute leitet<br />

er zusammen mit Tanja Gemeinhardt die Mission Trans* e.V. und<br />

teilt seine persönliche Geschichte sowie die Herausforderungen,<br />

denen trans* Personen gegenüberstehen.<br />

VON STEPHANIE POPOW<br />

Was ist trans*?<br />

Trans* bedeutet, dass eine Person sich<br />

nicht oder nicht komplett mit dem<br />

Geschlecht identifiziert, das ihr bei der<br />

Geburt zugewiesen wurde, sondern sich als<br />

ein anderes Geschlecht identifiziert.<br />

Wer bin ich eigentlich?“, eine Frage,<br />

die sich Alex Häfner mit Mitte<br />

30 stellt. In seiner Jugend interessieren<br />

ihn typische Geschlechterrollen<br />

wenig. Er bevorzugt männliche<br />

Vorbilder, Kurzhaarfrisuren und maskuline<br />

Kleidung. Nach seinem Studium 2007 chattet er<br />

mit einer trans* Person und erfährt vom Begriff<br />

„trans*“. Das inspiriert ihn, über das Thema zu recherchieren<br />

und seine Geschlechtsidentität zu<br />

hinterfragen. Doch bis zur Selbstakzeptanz vergehen<br />

zehn Jahre, die fast in einem Burnout gipfeln.<br />

Ein entscheidender Moment vor dem Spiegel<br />

führt zur Erkenntnis: Verdrängen ist keine Option<br />

mehr. „Entweder ich informiere mich jetzt tiefer,<br />

suche Kontakt zu trans* Personen oder irgendwas<br />

geht in eine ganz falsche Richtung mit mir“, erzählt<br />

er. Die Suche nach Gleichgesinnten und<br />

Selbsthilfegruppen sind Meilensteine auf dem<br />

Weg zur Akzeptanz. Trotz seiner Angst vor Ablehnung<br />

erfährt der Vereinsleiter in seinem persönlichen<br />

Umfeld Unterstützung und Zustimmung.<br />

„Trans* zu sein ist keine Entscheidung, weil<br />

man trans* geboren wird“, sagt der 42-Jährige. Die<br />

Geschlechtsidentität wird durch verschiedene<br />

Faktoren geprägt, darunter biologische und psychologische<br />

Aspekte. Dadurch kann es vorkommen,<br />

dass bei der Geburt das falsche Geschlecht<br />

zugewiesen wird, obwohl die körperlichen Merkmale<br />

übereinstimmen. Jeder kann selbst entscheiden,<br />

ob er eine Transition machen möchte, um<br />

sein Aussehen, seine Identität und seine Dokumente<br />

zu ändern. Bisher war es ein aufwendiger<br />

Prozess, den Geschlechtseintrag und den Vornamen<br />

zu ändern. Ein mühsames Gerichtsverfahren<br />

mit teuren Gutachten. Das wird sich ändern,<br />

Bild: Julian Rettig<br />

wenn am 1. November 2024 das Selbstbestimmungsgesetz<br />

in Kraft tritt. Ein Termin beim Standesamt<br />

genügt, um beide Daten ohne Gutachten<br />

oder Gericht zu ändern. Trotz dieses Fortschritts<br />

bestehen weiterhin viele Probleme, vor allem im<br />

Gesundheitswesen. Der Vereinsleiter kritisiert alte<br />

Methoden und fordert eine bessere Behandlung<br />

für trans* Personen. Transsexualität wird im<br />

ICD-11, einer Klassifikation von Krankheiten, als<br />

körperliche Erkrankung eingestuft. Ärzt:innen<br />

können ihn nicht verwenden, da er noch übersetzt<br />

und angepasst wird. Deshalb wird weiterhin<br />

der ICD-10 verwendet, wo Transsexualität als psychische<br />

Krankheit gilt. Das wirkt sich auf trans*<br />

Personen aus. Der Vereinsgründer hat selbst ge-<br />

merkt, wie schwierig es ist, bestimmte Versicherungen<br />

abzuschließen. Arbeitsunfähigkeitsversicherung?<br />

Lebensversicherung? Sein Steuerberater<br />

sagt ihm, dass könne er mit dieser Diagnose knicken.<br />

Die Liste der Missstände ist lang, weswegen<br />

sich der 42-Jährige in der trans* Community beteiligt,<br />

um etwas zu verändern.<br />

Mission Trans* e.V. in Stuttgart engagiert sich<br />

leidenschaftlich für die Unterstützung und Vernetzung<br />

der trans* Community. Sie strebt danach,<br />

eine einladende Gemeinschaft für trans* Menschen<br />

zu schaffen, indem sie ihre Anliegen in der<br />

Öffentlichkeit vorantreiben. Neben Freizeitaktivitäten<br />

und Informationsveranstaltungen setzt sich<br />

die Organisation auch politisch ein, indem sie in<br />

verschiedenen Gremien und Netzwerken präsent<br />

ist. Zudem trägt sie zur Sichtbarkeit bei, indem sie<br />

an Ereignissen wie dem CSD teilnimmt.<br />

Als leitender Kopf des gemeinnützigen Vereins<br />

jongliert der 42-Jährige täglich zwischen verschiedenen<br />

Welten. Nach einem langen Arbeitstag<br />

erwarten ihn nicht nur seine Katzen, sondern<br />

auch eine lange Liste an Aufgaben. Trotz knapper<br />

Zeit ist sein Engagement nicht nur Verpflichtung,<br />

sondern Leidenschaft. Seine Antwort auf die Frage<br />

nach seinem Hobby lautet stets: „Mein Hobby ist<br />

Mission Trans*“. Der Vereinsgründer träumt von<br />

einer Welt, in der jeder nach seinen eigenen Vorstellungen<br />

leben kann. Doch dazu müssen patriarchale<br />

Strukturen und das Geschlechtersystem<br />

überwunden werden. Es ist wichtig, dass jeder,<br />

egal ob trans* oder nicht, an Veranstaltungen teilnimmt<br />

und sie unterstützt. Alex Häfner hofft auf<br />

eine Zukunft, in der der Verein nicht mehr gebraucht<br />

wird, weil Gleichberechtigung und Akzeptanz<br />

zum Standard geworden sind.<br />

Bild: Tanja Gemeinhardt


10 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

„Überall stinkt es nach Kiffe!”<br />

Seit dem ersten April 2024 ist der<br />

Besitz von kleinen Mengen Cannabis<br />

zum Eigengebrauch sowie der<br />

private Anbau im kleinen Rahmen<br />

für Personen über 18 Jahren in<br />

Deutschland erlaubt. Apothekerin<br />

Julia Graser über die brisante<br />

Thematik im Interview.<br />

VON ANDRE MALKOC<br />

Haben Sie im Berufsalltag bereits Veränderungen bemerkt?<br />

Wir bekommen aktuell Anfragen von diversen Telemedizin-Portalen,<br />

aber auch Besucher der Apotheke<br />

haben bereits danach gefragt. Außerdem<br />

stinkt es überall nach Kiffe!<br />

Wie stehen Sie zur medizinischen Behandlung mit Cannabis?<br />

In einigen wenigen Einzelfällen halte ich es für<br />

sinnvoll, jedoch gibt es viele gute und erprobte<br />

Präparate, die man in den meisten Fällen und<br />

Krankheitsbildern anstatt von Cannabis verwenden<br />

sollte. Aktuell ist der Bedarf an medizinischem<br />

Cannabis in unserer Apotheke nicht wirklich<br />

hoch.<br />

Wie stehen Sie zum Freizeitkonsum von Cannabis?<br />

Wenn ältere Menschen verantwortungsbewusst<br />

damit umgehen, ist es erst mal kein Problem. Es<br />

wird jedoch viel zu wenig für den Jugendschutz<br />

getan. Ich finde, das neue Gesetz ist schlecht gemacht<br />

und sollte hinsichtlich dessen verbessert<br />

werden. Außerdem empfinde ich es, als würden<br />

die neuen Regeln aktuell nicht befolgt werden,<br />

und meiner Meinung nach sollte man die Regeln<br />

befolgen. Aus medizinischer Sicht wird stark verharmlost.<br />

Warum eine weitere Droge? Es sollte<br />

mehr präventive Arbeit im Jugendschutz geleistet<br />

werden.<br />

Wie ist Ihre Meinung zur Legalisierung?<br />

Klare Stellungnahme dagegen, vor allem auf dem<br />

aktuellen Weg.<br />

Wo sehen Sie die Möglichkeiten und Gefahren, Pros<br />

und Contras?<br />

Es ist stark gesundheitsschädlich, vor allem im<br />

Hinblick auf psychische Erkrankungen. Dies sollte<br />

bekannt sein. Zudem sieht man eine starke Zunahme<br />

im Konsumverhalten in Ländern, die bereits<br />

eine legale Situation haben.<br />

Haben Sie einen Zeitgeist in dieser Thematik wahrgenommen?<br />

Nicht wirklich anders als sonst. Meiner Meinung<br />

nach sollte die Politik handeln. Man hätte das<br />

nicht gebraucht, es hat weder in meinem beruflichen<br />

Leben noch im Privatleben etwas besser gemacht.<br />

Konkret gefällt mir die Art der Umsetzung<br />

nicht. Man hätte die Abgabe kontrolliert, wie vom<br />

Apothekerverband vorgeschlagen, über die Apotheken<br />

abwickeln können, samt Register und<br />

kontrollierter Abgabe. Das wurde aber vom Bund<br />

abgelehnt. Ich finde das schlecht, da ein klares<br />

Suchtpotenzial besteht und dies verharmlost<br />

wird. Meines Wissens nach sollen nur acht Millionen<br />

Euro für den Jugendschutz geplant sein, was<br />

viel zu wenig ist, wenn man betrachtet, wie die<br />

Zahlen von psychischen Erkrankungen bei jungen<br />

Menschen seit Corona angestiegen sind. Warum<br />

sollte man dann noch das Kiffen erlauben?<br />

Man sollte mehr dafür tun, den Konsum einzudämmen!<br />

Cannabislegalisierung Info<br />

Gesetz: Cannabis Gesetz (CanG)<br />

Datum des Inkrafttretens: 1. April 2024<br />

Erlaubt: Besitz von 25 Gramm Cannabis<br />

zum Eigengebrauch in der Öffentlichkeit,<br />

Besitz von bis zu 50 Gramm und drei Bild: lebenden<br />

Pflanzen am<br />

unsplash<br />

Wohnort.<br />

Besondere Regelungen: Zeitlich und lokal<br />

gebundene Konsum-Verbote, allgemeines<br />

Werbe-/Sponsoringverbot, Ausbau der Präventionsangebote<br />

durch BZgA.<br />

Kontroversen: Umsetzung des Jugendschutzes,<br />

Suchtprävention, Allgemeine Gesetzeslage.<br />

BILD: PEXELS


02/ 2024 ZEITGEIST<br />

11<br />

Das<br />

stille<br />

Echo<br />

des<br />

Ghostings<br />

Bild: iStock<br />

Es geschieht plötzlich und ohne<br />

Vorwarnung. Selbst Personen,<br />

zu denen man einen vermeintlich<br />

engen Kontakt hatte,<br />

verschwinden von heute auf<br />

morgen. Keine Erklärung, kein<br />

Abschied, nur Stille. Wie gehen<br />

Betroffene damit um?<br />

VON JENNIFER HOHN<br />

Ihr Schweigen war schon Antwort genug“,<br />

berichtet die 28-jährige Gina Schneider*, die<br />

plötzlich von ihrer langjährigen Freundin<br />

geghostet und blockiert wurde. Doch für viele<br />

ist die plötzliche Stille eine größere Belastung<br />

als ein klarer und deutlicher Schlussstrich.<br />

„Ghosting verursacht nicht nur bei den Geghosteten<br />

emotionalen Stress, sondern beeinträchtigt<br />

auch das Wohlbefinden derjenigen, die ghosten“,<br />

sagt Dr. Michaela Forrai von der Universität Wien<br />

in ihrer aktuellen Studie „Short-sighted ghosts“<br />

aus 2023.<br />

Die beiden Betroffenen Gina Schneider und<br />

Max Bauer* erzählen von langjährigen Freundschaften,<br />

die plötzlich von einem Tag auf den anderen<br />

zugrunde gingen. In beiden Fällen gab es<br />

vor dem Kontaktabbruch Streitigkeiten, die nicht<br />

geklärt wurden. Beide berichten, dass ihnen die<br />

Chance genommen wurde, sich zu erklären. Gina<br />

behauptet, dass ihre damalige Freundin ihr mitt-<br />

lerweile egal sei. In ihren Augen ist Ghosting der<br />

letzte Weg, den man geht, wenn alles davor nicht<br />

funktioniert. Zeitgleich werden die eigenen Fragen<br />

nie beantwortet und Probleme nie geklärt.<br />

„Wie soll ich mich bessern, wenn ich nicht weiß,<br />

was ich falsch getan habe?“, so die Worte des<br />

29-jährigen Max Bauer, der während eines Streits<br />

plötzlich ignoriert wurde und bis heute keine Antwort<br />

mehr von diesem Freund erhalten hat. „In<br />

einem richtigen Gespräch kannst du dich auch<br />

nicht einfach umdrehen und gehen.“ Seiner Meinung<br />

nach sollten auch digitale Gespräche und<br />

Beziehungen wie solche behandelt werden, die im<br />

persönlichen Kontakt entstehen.<br />

Doch das sehen nicht alle gleich. Sarah Müller*<br />

und Bianca Töpfer* haben selbst geghostet<br />

und ihre guten Gründe dafür: „Manchmal wird<br />

deutlich, dass ein Gespräch zu nichts führt und eine<br />

weitere Kommunikation nur weitere Nerven<br />

und Frust beschert“, berichtet die 26-jährige Sarah<br />

Müller. Sie hat den Kontakt zu einem Freund, den<br />

sie seit mehreren Jahren kannte, bewusst abgebrochen.<br />

Sie hat bemerkt, dass eine Freundschaft zu<br />

dieser Person nicht länger funktioniert und ihre<br />

Worte nicht angenommen werden.<br />

„Ich habe meine Probleme in der Freundschaft<br />

geäußert, die nur mit Gegenangriffen gerechtfertigt<br />

wurden“, schildert Sarah Müller. Dr. Michaela<br />

Forrai erklärt in ihrer Studie, dass das Ghosting<br />

von Freund:innen mit dem Selbstwertgefühl der<br />

Person zusammen hängt. Menschen mit höherem<br />

Selbstwertgefühl neigen eher dazu, Freund:innen<br />

zu ghosten. Die 26-jährige Studentin Bianca Töpfer<br />

wiederum berichtet, dass sie den Kontaktabbruch<br />

aus eigenem Schutz initiiert hat. Als Antwort<br />

auf einen aus Missverständnissen entstandenen<br />

Streit hat sie sich dazu entschlossen, ihre ehemalige<br />

Freundin auf WhatsApp zu blockieren.<br />

„Das Blockieren war nicht, um sie zu verletzten,<br />

sondern um mir selbst den Herzschmerz zu ersparen,“<br />

sagt sie. Sie gibt zu, dass es selbstsüchtig war,<br />

hoffte aber, dass die Freundin sich über andere<br />

Plattformen oder sogar persönlich bei ihr meldet.<br />

Doch nicht nur im privaten Alltag, sondern<br />

auch an Hochschulen kommt es dazu, dass eingeschriebene<br />

Student:innen plötzlich nicht mehr<br />

auftauchen oder gar nie erscheinen. Der 25-jährige<br />

Student Kai Fischer* erzählt, aus seiner Sicht. Er<br />

wollte ein Studium in Österreich absolvieren,<br />

musste jedoch am ersten Tag schon feststellen,<br />

dass er dazu noch nicht bereit war. Noch am selben<br />

Tag fuhr er wieder nach Hause, ohne sich offiziell<br />

abzumelden. Heute studiert er erfolgreich im<br />

dritten Semester in Deutschland. „In so einer Situation<br />

denkt man nicht daran sich abzumelden,“<br />

sagt er.<br />

Die Ergebnisse der Studie machen deutlich,<br />

dass Ghosting als gesellschaftliches Problem ernst<br />

zu nehmen sei. Dr. Michaela Forrai legt nahe, dass<br />

Maßnahmen ergriffen werden müssen, um eine<br />

bessere Kommunikation zu ermöglichen. Gina<br />

fasst es treffend zusammen: „ So funktioniert leben<br />

nicht. Man kann sich nicht immer den leichtesten<br />

Weg aussuchen, weil ein Gespräch unangenehm<br />

ist“. Es ist wichtig, dass wir lernen, auch in<br />

schwierigen Situationen den Dialog zu suchen,<br />

um langfristig gesündere und respektvollere Beziehungen<br />

zu führen.<br />

*Namen wurden von der Redaktion geändert


Bild: Adobe Stock<br />

12 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

Therapie-to-go<br />

Flexibel, diskret und sofort zugänglich<br />

– wie effektiv ist eine<br />

Therapie-to-go im Vergleich<br />

zu traditionellen Therapien?<br />

VON THERESA NEHER<br />

Die Behandlung psychischer Probleme<br />

erfolgt bei Anbietern wie „Minddoc“<br />

oder „Instahelp“ online: Ohne<br />

Wartezeiten, vertraulich und anonym<br />

– ein Konzept, das bei den Plattformen<br />

zu funktionieren scheint. Die neuen Möglichkeiten<br />

der psychischen Gesundheitsversorgung<br />

werden von immer mehr Menschen genutzt<br />

und bieten schnelle Hilfe bei einer Vielzahl psychischer<br />

Probleme, darunter Angststörungen, Depressionen<br />

oder Beziehungsstreits.<br />

Häufig wird die psychologische Online-Beratung<br />

auch in Anspruch genommen, um lange<br />

Wartezeiten auf einen Therapieplatz in der eigenen<br />

Stadt zu überbrücken. Über die Plattform<br />

„Instahelp“ sind 260 Psychotherapeut:innen angestellt,<br />

die alles daran richten, ihre Klient:innen<br />

bestmöglich zu betreuen. So auch die Diplom-<br />

Weitere Plattformen<br />

• MindDoc<br />

• Selfapy<br />

• Betterhelp<br />

• Therapy Lift<br />

• Talkspace<br />

• Online-Therapy.com<br />

Psychologin Kathrin Hähne: Eine Therapeutin,<br />

die bereits langjährige Erfahrungen in einer Praxis<br />

in Mannheim gesammelt hat und ihre Expertise<br />

seit März dieses Jahres auch auf „Instahelp“ teilt.<br />

„Das gute Marketing macht die Plattform auch<br />

für Therapeut:innen attraktiv“, erzählt die Verhaltenstherapeutin,<br />

die auf der Suche nach einem<br />

zweiten Standbein auf „Instahelp“ gestoßen ist.<br />

Da ständig neue Therapeut:innen für den Online-<br />

Bereich gesucht werden, war der Einstieg recht<br />

einfach. Und auch für Patient:innen ist der Weg<br />

zur Plattform unkompliziert: Die benutzerfreundliche<br />

Anmeldung und einfache Gestaltung der<br />

Webseite erleichtern den Einstieg erheblich. Mittels<br />

verschiedener Selbsttests erhalten Hilfesuchende<br />

eine erste Selbsteinschätzung. Anschließend<br />

können sie aus einer Datenbank aus über<br />

260 erfahrenen Psycholog:innen jemand passenden<br />

auswählen. Drei Jahre Erfahrung im Beruf ist<br />

die Grundvoraussetzung für Psycholog:innen, um<br />

auf „Instahelp“ arbeiten zu können.<br />

„Eine besonders attraktive Möglichkeit ist die<br />

Flexibilität und Mobilität, die eine Online-Beratung<br />

bietet“, sagt die Psychotherapeutin, die sich<br />

zum Zeitpunkt des Interviews in Memphis, Tennessee<br />

aufhält. Durch die Online-Beratung ist sie<br />

als Therapeutin mobil und nicht an einen festen<br />

Standort gebunden. Ebenso können auch Patient:innen<br />

aus ländlichen Gebieten erreicht werden,<br />

wo herkömmliche Therapiepraxen möglicherweise<br />

weniger verfügbar sind. Eine Online-<br />

Beratung über „Instahelp“ bietet zudem den Vorteil,<br />

schnell mit Psycholog:innen in Kontakt treten<br />

zu können. Während man bei Praxen in der<br />

eigenen Stadt auch einmal mehrere Monate auf<br />

das Erstgespräch wartet, ist die erste Kontaktaufnahme<br />

über „Instahelp“ innerhalb von 24 Stunden<br />

garantiert. Der rasche Zugang zur professio-<br />

nellen Unterstützung kann für Menschen mit<br />

dringendem Beratungsbedarf oder in akuten Krisensituationen<br />

entscheidend sein. Durch die<br />

Chatfunktion ist es sogar möglich, vollkommen<br />

anonym in Kontakt zu treten. Laut der Therapeutin<br />

kann dies Vor- und Nachteile mit sich bringen.<br />

„Eine Online-Beratung bietet Distanz – ein<br />

großer Vorteil für die Menschen, die Anonymität<br />

wünschen. Distanz beim Helfen ist jedoch nicht<br />

immer gut“, erklärt die Verhaltenstherapeutin.<br />

Gerade bei Fällen mit akuten Psychose-Symptomen<br />

und Eigen- oder Fremdgefährdung, sei eine<br />

Vor-Ort-Behandlung notwendig. „Doch generell<br />

sind der Kreativität bei einer Beratung im digitalen<br />

Bereich keine Grenzen gesetzt – auch wenn bestimmte<br />

Techniken, zum Beispiel Stuhltechniken<br />

aus dem schematherapeutischen Bereich, vor Ort<br />

nochmal besser anwendbar sind.“ Beratungseinheiten<br />

können auf „Instahelp“ flexibel genutzt<br />

werden – mehrmals pro Woche, wöchentlich oder<br />

in größeren Abständen.<br />

„Je nach Schweregrad der Problematik kann es<br />

länger dauern, sodass man es auf Selbstzahlerbasis<br />

manchmal gar nicht stemmen kann“, erklärt<br />

Hähne. Eine Abrechnung über die Krankenkassen<br />

ist bisher nicht möglich. Dafür gibt es Angebote<br />

für Firmen, um den Mitarbeitenden eine professionelle<br />

Beratung zu ermöglichen und ihre Stress-<br />

Resilienz zu stärken sowie die Motivation zu steigern.<br />

Die Flexibilität, örtliche Unabhängigkeit<br />

und zeitliche Verfügbarkeit der Therapeut:innen<br />

ist also ein großes Plus für eine Therapie-to-go, beziehungsweise<br />

Beratungsstunde im Online-Setting.<br />

Therapeut:innen können mobil sein, ebenso<br />

wie Patient:innen bei der Beratung. Daher stellen<br />

Online-Beratungen in vielen Fällen eine gute<br />

Möglichkeit dar, um die Wartezeit zu überbrücken.


02/ 2024<br />

ZEITGEIST<br />

13<br />

Eine Welt aus Einsen und Nullen<br />

Mediensucht: Immer mehr<br />

Menschen verlieren Kontrolle<br />

über ihre Nutzung von Onlinespielen<br />

und Social Media. Aber<br />

wie findet man zurück ins reale<br />

Leben? Ex-Gamer Ronald Stolz<br />

erzählt.<br />

VON ELELTA FESSEHAIE<br />

Corona 2020. Überall im Netz kursieren<br />

Videos von Covid-Toten, Polizeigewalt,<br />

Rassismus und Protesten. Die<br />

21-jährige Studentin Sarah Schneider*<br />

scrollt stundenlang durch eine<br />

schlechte Nachricht nach der anderen, auch<br />

wenn sie weiß, dass es ihr damit nicht gut geht.<br />

„Jeden Tag war ich schlecht gelaunt deswegen,<br />

das hat mich einfach fertig gemacht“, erzählt Sarah<br />

Schneider. Sie musste schließlich die App für<br />

ihre mentale Gesundheit löschen. Warum die Studentin<br />

so lange nicht vom Bildschirm wegsehen<br />

konnte, erklärt Vorstandsvorsitzender Ronald<br />

Stolz des Vereins „Aktiv gegen Mediensucht“:<br />

„Unser Dopaminausstoß im Kopf passiert natürlich<br />

bei positiven wie auch negativen Sachen.“<br />

Der 40-Jährige weiß, wie schwer es ist, Medienabhängigkeit<br />

zu überwinden. Stolz selbst war jahrelang<br />

süchtig nach Online-Gaming und Social<br />

Media, das Online-Sein wurde zum Mittelpunkt<br />

seines Lebens: Ehe, Stiefkinder und Arbeit rückten<br />

immer weiter weg. Der Druck, seine Online-<br />

Freunde nicht hängen zu lassen, stieg und Stolz<br />

entwickelte eine soziale Abhängigkeit. Erst als der<br />

Leidensdruck schon zu groß war, besann sich der<br />

damals 30-Jährige. „Ich habe mich von meiner<br />

Ex-Frau damals getrennt, hatte Geldschulden, ja,<br />

hatte eigentlich nichts mehr am Leben. Und dann<br />

habe ich einen Reset gemacht“, sagt Stolz. Er bekam<br />

die Möglichkeit auf einen Neuanfang, zog in<br />

eine WG, machte eine Umschulung und begann<br />

sein reales Leben zu leben. Zu seiner Zeit gab es<br />

kaum Therapiemöglichkeiten, er musste es selbst<br />

schaffen über die nächsten zwei Jahre Schritt für<br />

Schritt aus der Mediensucht zu kommen und<br />

schnell wurde ihm klar: „Wenn ich nicht online<br />

gehe, dann geht jemand anderes online. Man ist<br />

nur eine Figur in der Online-Welt, die ganz<br />

schnell durch eine andere Figur ersetzt werden<br />

kann.“<br />

Nach der Abstinenz machte die Online-Welt<br />

Stolz nicht mehr so Spaß wie vorher, er habe gelernt,<br />

dass Medien einfach nur aus Einsen und<br />

Nullen bestehen. Der Ex-Gamer gründete seine eigene<br />

Selbsthilfe-Gruppe, und verbringt viel Zeit<br />

damit, Onlinespielsucht-Betroffenen zu helfen.<br />

Vor drei Jahren übernahm Stolz dann den Verein<br />

„Aktiv Gegen Mediensucht“, der Selbsthilfegruppen<br />

und Vorträge anbietet. Ronald Stolz möchte<br />

mit seiner ehrenamtlichen Arbeit eine erste Anlaufstelle<br />

für Betroffene bieten, um sie aufzuklären<br />

und weiter zu vermitteln. Laut Stolz haben in<br />

seinen Selbsthilfe-Gruppen nämlich nur zwanzig<br />

Prozent der Mitglieder eine Diagnose. Vor allem<br />

betroffen sind Studenten, die mit Überforderung<br />

und Prokrastination zu kämpfen haben und infolgedessen<br />

eine problematische Social Media-Nutzung<br />

entwickeln. Für viele ist die Onlinewelt ein<br />

Zufluchtsort. „Sobald du die Medien einschaltest,<br />

musst du nicht mehr denken, bist du zufrieden,<br />

bist du ausgeglichen”, erklärt Stolz.<br />

Vergessen solle man aber dabei nicht wie Tiktok<br />

und Instagram sich auf die Emotionalität der<br />

Nutzer auswirken. Im Sekundentakt scrollt man<br />

durch Videos, die verschiedenste Emotionen auslösen.<br />

Der ständige Wechsel zwischen positiven<br />

und negativen Emotionen führe dazu, dass der<br />

User schließlich emotional abstumpft.<br />

Tipps von Medienbetroffenen<br />

Für einen gesunden Umgang mit Medien sei es<br />

dem 40-Jährigen zufolge wichtig, sich erst einmal<br />

selbst über die eigene Mediennutzung bewusst zu<br />

werden und zu reflektieren. Das ist heute mit verschiedenen<br />

Mitteln wie Bildschirmzeit-Tracker<br />

auf dem Smartphone möglich oder man stellt einen<br />

komplizierten Code zum Entsperren des<br />

Handys ein, weil man nicht merkt, wie oft man<br />

am Tag das Handy eigentlich entsperrt. Als nächstes<br />

solle man sich Medienregeln aufstellen, Verzicht<br />

lernen und das Smartphone auf dem Tisch<br />

liegen lassen, wenn man es gerade nicht braucht:<br />

sei es auf dem Klo, beim Einkaufen oder beim Treffen<br />

mit Freunden.<br />

Ziel ist und soll nicht sein, die Medienwelt<br />

komplett abzuschreiben, sondern eine gesunde<br />

Balance zu finden. Die junge Studentin Sarah<br />

Schneider hat für sich das Journaling als Mittel gegen<br />

ihre Prokrastination und Overthinking entdeckt:<br />

Statt endlos auf Social Media zu scrollen,<br />

schreibt sie einfach ihre Gedanken frei auf.<br />

*Name von der Redaktion geändert<br />

Bild: Cottonbro Studio auf Pexels


14 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

Bild: Chau Pham<br />

Memes sagen mehr als Worte<br />

In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit eine Währung ist, sind Memes ein mächtiges Kommunikationsmittel<br />

geworden – eine Stimme, die besonders laut spricht. Moritz Klug – Inhaber der Memes-<br />

Agentur „Marketing für Lokalhelden“ – veranschaulicht die Erfolgsformel der Memekreation.<br />

VON CHAU PHAM<br />

Oft sieht man dieses Bild: Junge Menschen<br />

sitzen grinsend vor ihren<br />

Smartphones und andere fragen sich<br />

mit ratlosen Gesichtern, was denn so<br />

lustig sei. Höchstwahrscheinlich haben<br />

sie gerade ein Meme in den sozialen Medien<br />

gesehen, mit dem sie sich voll identifizieren können.<br />

Die Inhalte von Memes reichen von lustigen<br />

Katzen bis hin zu politischen Karikaturen und lösen<br />

in Sekundenschnelle eine Vielzahl von Emotionen<br />

und Gedanken aus. Sie regen Diskurse und<br />

Engagement an und definieren damit kulturelle<br />

Trends im Netz. Doch was macht diese digitalen<br />

Werke so mächtig und ist es mehr als ein Internetphänomen?<br />

Memes + Generation Z = Zeitgeist<br />

„Für die Generation Z sind Memes eine angeborene<br />

Sprache, die sie verstehen und beherrschen“,<br />

sagt Moritz Klug. Die Generation Z (kurz: Gen Z)<br />

ist die demografische Gruppe, die zwischen 1997<br />

und 2012 geboren wurde. Diese Generation zeichnet<br />

sich durch eine besonders schnelle Nutzungsbereitschaft<br />

von Smartphones, sozialen Medien<br />

und Internet aus. Und genau in dieser schnelllebigen,<br />

digitalen Welt sind Memes zu Hause und finden<br />

ihre Hauptzielgruppe. Memes ermöglichen es<br />

ihnen, ihre Identität zu definieren, sich selbst und<br />

ihre Gefühle auszudrücken. „Sie dienen als Werkzeug<br />

für soziale Interaktionen, da sie den Humor<br />

und die kulturellen Bezüge der Jugendlichen widerspiegeln,<br />

sogar ihre politischen und sozialen<br />

Überzeugungen“, betont der Jungunternehmer.<br />

Er fügt zudem hinzu: „Was Elon Musk einmal<br />

schrieb: ‘Who controls the memes, controls the<br />

universe’ ist einerseits witzig, hat aber andererseits<br />

eine Wahrheit, die in diesen Zeiten besonders<br />

zutrifft.“ Deshalb versuchen sowohl Unternehmen<br />

als auch politische Organisationen, mithilfe<br />

von Memes junge Leute auf Augenhöhe zu<br />

erreichen und Themen zu platzieren.<br />

„Who controls the memes,<br />

controls the universe.“<br />

Daher entsteht auch der Begriff „Corporate Memes“<br />

oder „Memes Marketing“, der diesen Zielen<br />

entspricht. Memes sind auch deshalb ein lukratives<br />

Geschäftsmodell, „weil nicht jeder ein Händchen<br />

für die Memeskreation hat“, stellt Klug fest.<br />

Nur wenige seien in der Lage, mit ihrem Humor<br />

ein großes Publikum zu erreichen und die Viralität<br />

und Umlaufdauer dieses Mediums zu gewährleisten.<br />

Seit 2020 hat sich Klug mit seiner Agentur<br />

auf Meme-Marketing spezialisiert und vermittelt<br />

zwischen Werbetreibenden und Meme-Seiten-Admins,<br />

um erfolgreiche Marketingkampagnen zu<br />

gestalten. Zum Agenturportfolio gehört der Account<br />

„stuttgarter.meme“ mit 163.000 Follower:innen<br />

und mehreren Werbekooperationen<br />

mit Unternehmen und Persönlichkeiten. Besonders<br />

erfolgreich war die Kampagne mit der Stuttgarter<br />

Straßenbahnen AG, bei der 17 Meme-Posts<br />

über eine Million User-Accounts und 61.000 Likes<br />

auf Instagram erzielt haben.<br />

Sozial ansteckend – heute und weiter in der Zukunft<br />

„Relevanz und Sarkasmus sorgen für den Erfolg<br />

und die Reichweite eines Memes, da die Inhalte einen<br />

starken Bezug zum Zeitgeschehen, zu Charakteren,<br />

zu aktuellen Stimmungen und Gedanken<br />

haben“, sagt der Agenturinhaber. Außerdem empfiehlt<br />

er, Memes format- und plattformspezifisch<br />

zu gestalten, da der Algorithmus auf jeder Plattform<br />

anders ist und sich ständig ändert. Aktuell<br />

beobachtet Klug eine Weiterentwicklung der Formate<br />

in Richtung User-Generated-Content und<br />

Karussell-Postings, vor allem auf Instagram und<br />

TikTok. Wichtig sei auch, dass Unternehmen im<br />

Rahmen des Urheberrechts vorausschauend handeln,<br />

wenn Memes kommerziell genutzt werden.<br />

Der Humor und die Internetkultur entwickeln<br />

sich weiter. Eines sei aber sicher, Memes sind<br />

mehr denn je ein Kommunikationsmittel, das die<br />

jungen Menschen effektiv anspreche. Wenn wir<br />

also das nächste Mal über ein Meme stolpern,<br />

denken wir daran: Memes sind längst mehr als ein<br />

Internetphänomen, sie sind der Zeitgeist.<br />

Schon gewusst?<br />

• Der Begriff Meme leitet sich vom<br />

griechischen Wort „mimema“ ab<br />

und bedeutet „nachgeahmt“.<br />

• Während einige vielleicht denken,<br />

dass es „mi-mi“ ausgesprochen<br />

wird, wird es tatsächlich „miem“<br />

ausgesprochen.<br />

• Einige Historiker glauben, dass sogar<br />

Höhlenmenschen ihre eigenen<br />

prähistorischen Memes hatten.


02/ 2024 ZEITGEIST<br />

15<br />

Zeitlose Ästhetik<br />

Retro-Design ist nicht nur ein Look, sondern eine zeitlose Rückkehr<br />

zu vergangenen Ästhetiken. Im Interview erklärt HdM-<br />

Professor Stefan Schmid, was es mit der Sehnsucht nach simpleren<br />

Zeiten auf sich hat.<br />

VON THOMAS MÜLLER<br />

Retro-Design ist mehr als nur ein vorübergehender<br />

Trend, es ist eine kulturelle<br />

Reise in die Vergangenheit,<br />

die eine tiefe Faszination für vergangene<br />

Ästhetik und Stile weckt“, sagt<br />

Professor Stefan Schmid, der an der Hochschule<br />

der Medien Grafik-Design lehrt und mehrfach<br />

ausgezeichnet wurde. „Retro-Design besitzt eine<br />

zeitlose Anziehungskraft, die weit über Modeerscheinungen<br />

hinausgeht“, erklärt Schmid.<br />

Die Anziehungskraft von Retro-Design liege in<br />

seiner Fähigkeit, Emotionen und Erinnerungen zu<br />

wecken. Schwarz-Weiß-Fotografie, handgeschriebene<br />

Schriften und geometrische Muster sind einige<br />

Beispiele, die Schmid nennt. Es gibt eine reiche<br />

Palette retro-inspirierter Designelemente, die<br />

in verschiedenen Bereichen auftauchen. „Diese<br />

visuellen Stile erinnern oft an vergangene Epochen<br />

wie die opulente Eleganz der 50er, die kühne<br />

Experimentalität der 60er oder die farbenfrohe Lebendigkeit<br />

der 70er Jahre”, betont Schmid und ergänzt:<br />

„Diese Elemente der vergangenen Ästhetik,<br />

in der Gegenwart, verleihen den Produkten und<br />

Marken eine zeitlose nostalgische Note.”<br />

Doch Retro-Design sei mehr als nur eine Wiederbelebung<br />

vergangener Trends. Schmid meint:<br />

„Es verkörpert eine gewisse Einfachheit und Eleganz,<br />

die in der heutigen schnelllebigen Welt oft<br />

vermisst wird.” In einer Zeit, in der Technologie<br />

und Innovationen das Leben zunehmend komplexer<br />

machen, sehnen sich laut Schmid viele<br />

Menschen nach einer Rückkehr zu einer vermeintlich<br />

einfacheren Zeit.<br />

Besonders interessant sind die Auswirkungen<br />

des Designs auf Markenidentitäten und Branding.<br />

„Während einige Unternehmen bewusst einen<br />

Retro-Look wählen, um eine Verbindung zur Vergangenheit<br />

herzustellen, streben immer noch<br />

mehr nach einem modernen und minimalistischen<br />

Image”, erzählt Professor Schmid.<br />

Wie mehrere Studien aus den Bereichen Marketing<br />

und Wirtschaft zeigen, kann Retro-Design<br />

aber auch als eine Form der kulturellen Wertschätzung<br />

und des Rückgriffs auf vergangene Ästhetik<br />

dienen, was dazu beitragen kann, ein Gefühl<br />

der Verbundenheit oder Gemeinschaft zu<br />

schaffen. In einer weiteren Studie, die in der Zeitschrift<br />

„Personality and Social Psychology Bulletin“<br />

im Jahr 2006 veröffentlicht wurde, untersuchten<br />

Forscher:innen den Einfluss von Nostalgie<br />

auf das Wohlbefinden und fanden heraus,<br />

dass nostalgische Erinnerungen positive Emotionen<br />

auslösen können und sogar dazu beitragen<br />

können, Einsamkeit zu verringern.<br />

Die Vielseitigkeit von Retro-Design ist laut<br />

Schmid ein äußerst anpassungsfähiges Konzept.<br />

Es könne in verschiedenen Bereichen eingesetzt<br />

werden, von Grafikdesign und Werbung bis hin<br />

zu Mode und Inneneinrichtung. Die Rückkehr zu<br />

Handwerkskunst und traditionellen Herstellungsverfahren<br />

sei ein weiterer Aspekt des Retro-Designs,<br />

der seine Attraktivität in einer Welt voller<br />

Massenproduktion und Einheit Designs unterstreiche.<br />

„Es gibt nicht den Trend, der sich durchzieht“,<br />

betont Schmid. Es sei das Hauptmerkmal, dass<br />

Bild: Pexels<br />

viele maßgeschneiderte Stile nebeneinander existieren.<br />

Designer:innen und Kreative schöpfen aus<br />

vergangenen Epochen, um neue und innovative<br />

Designs zu schaffen, die die Grenzen zwischen<br />

Vergangenheit und Zukunft verschwimmen lassen.<br />

Durch die Kombination von Retro-Elementen<br />

mit modernen Techniken, entstehen laut<br />

Schmid einzigartige und ansprechende Ästhetiken,<br />

die die Zeit überdauern.<br />

Die Präsenz von Retro-Design in der heutigen<br />

Gesellschaft sei ein Beweis dafür,dass Vergangenheit<br />

und Gegenwart oft miteinander verwoben<br />

sind. So meint Schmid: „Retro-Design existiert neben<br />

dem modernen Design.”<br />

Es zeige, dass Design zeitlos sein kann und<br />

dass die Ästhetik vergangener Epochen auch in<br />

der modernen Welt eine starke Anziehungskraft<br />

ausüben könne.<br />

Retro-Design erinnere oft daran, dass die Geschichte<br />

nicht nur in Büchern existiere, sondern<br />

auch in den visuellen Erzählungen, die weit über<br />

die Grenzen der Zeit hinausgehen.


16 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

Sex sells<br />

Seit der Corona Pandemie ist<br />

Ju* unter dem Namen „Jucci”<br />

Content Creator auf der Plattform<br />

Only Fans. Hier postet er<br />

pornografische Inhalte für seine<br />

Follower:innen. Wie kommt<br />

man zu dieser Tätigkeit, wie<br />

viel Arbeit steckt dahinter und<br />

mit welchen Risiken muss man<br />

rechnen?<br />

VON MILENA STARCENKO<br />

Man muss sich vorstellen: du bist<br />

Netflix, du bist Spotify, du bist<br />

Disney+, du bietest ein Abo an.<br />

Was bringt Leute dazu, ständig<br />

wieder aufs Neue zu dir zu<br />

kommen?“<br />

Diese und viele weitere Fragen stellt sich der<br />

25-Jährige täglich, denn er ist Content Creator auf<br />

Only Fans. Only Fans ist, ähnlich wie Patreon,<br />

eine Plattform, auf der Content jeglicher Art hinter<br />

einem Abonnement hochgeladen wird. Neben<br />

Fitnessvideos werden auf Only Fans vor allem pornografische<br />

Inhalte hochgeladen. Auch Jucci postet<br />

solche expliziten Inhalte regelmäßig.<br />

Aber was genau stellt Ju ins Netz? Zu Beginn<br />

waren es lediglich nackte Spiegel-Selfies, die er<br />

hochgeladen hat. Doch dies schien seinen Abonnent:innen<br />

nicht zu reichen, denn: „Leute wollen<br />

mehr, Leute stehen auf das Abstrakte, auf das Extreme”,<br />

betont Ju. Nach zwei Jahren entschied er<br />

sich dazu, auf die Wünsche seiner Fans einzugehen.<br />

Somit entstehen Videos mit Sextoys, personalisierte<br />

Videos, in denen beispielsweise Namen<br />

gewisser Personen gestöhnt werden oder Beiträge,<br />

in denen er feminin kostümiert ist.<br />

Ju ist ein 1,90 Meter großer, schlanker Mann<br />

mit einem maskulinen Gesicht und einem femini-<br />

Wie funktioniert Only Fans?<br />

Bild: privat<br />

• Zuschauer:innen müssen mindestens 18<br />

Jahre als sein (eine Prüfung erfolgt bei der<br />

Anmeldung jedoch nicht)<br />

• Creator:innen müssen einen gültigen<br />

Ausweis vorzeigen (ab 18)<br />

• Man kann mit Kreditkarte oder<br />

Googlepay zahlen<br />

• Als Zuschauer:in ist man komplett<br />

anonym<br />

• Die Preisspanne für ein Abo variiert<br />

zwischen 5 und 50 US Dollar.


02/ 2024<br />

ZEITGEIST<br />

17<br />

nen Körper. Sein Ziel ist es, der Androgynität nahe<br />

zu kommen, um diese zu verkaufen. Er posiert vor<br />

der Kamera, dabei kommen wahlweise verschiedene<br />

Kostümierungen zum Einsatz: lange<br />

Perücken, High Heels und weibliche Kleidung,<br />

wie beispielsweise Miniröcke.<br />

Was ist seine Motivation hinter diesem außergewöhnlichen<br />

Job? Seine Priorität ist das Geld. Es<br />

motiviert ihn dazu, seine Arbeit weiter auszuführen<br />

und ist somit die größte Belohnung. Neben<br />

dem Profit sei es der Ego-Push, der ihn motiviere.<br />

Als einst unsicherer Mensch ist ihm bewusst geworden,<br />

wie positive Reaktionen den Selbstwert<br />

steigern. Er meint: „Es sind oberflächliche Gründe,<br />

die einen tiefgründig befriedigen.” Doch wie<br />

hat alles angefangen? Es ist 2020 und das Abi ist<br />

geschafft. Was jetzt?<br />

Die Welt stand aufgrund der Pandemie auf<br />

dem Kopf und viele junge Erwachsene, einschließlich<br />

Jucci, waren planlos: „Ich fühlte mich<br />

so antriebslos”, also informiert er sich online weiter.<br />

Er präsentiert sich schon immer gerne im Internet.<br />

Dahingehend war Only Fans eine von vielen<br />

Plattformen, die er sich zu seinen Gunsten<br />

macht. Rein nach dem Motto: „Wenn ich mich<br />

daran monetarisieren kann, warum nicht?“ Er unterscheidet<br />

klar zwischen liebevollem Sex im echten<br />

Leben und dem Angebot einer illusionären<br />

Welt im Internet. Laut Ju ist es dennoch schwierig,<br />

zwischen der Persona zu unterscheiden, die<br />

man online darstellt und der Person, die man im<br />

realen Leben ist.<br />

Aber das Posten auf Only Fans alleine reiche<br />

nicht aus, um Reichweite zu bekommen: Um sich<br />

gut vermarkten zu können, muss man Werbung<br />

für sich machen. Das gelinge am besten in dem<br />

man seinen Profillink unter bekannten Beiträgen<br />

mit vielen Likes und Aufrufen auf Plattformen,<br />

wie beispielsweise Reddit, kommentiere. Immer<br />

und immer wieder. In dieser Branche benötige<br />

man eine gewisse Reichweite, sonst gehe man in<br />

der großen Auswahl an Content Creator:innen<br />

unter. Man sei schnell auswechselbar und der<br />

Konkurrenzkampf sei groß. Jedoch müsse man<br />

sich immer bewusst sein, wen man eigentlich erreichen<br />

möchte. Man könne schnell an falsche<br />

Menschen geraten. So komme es vor, dass Follower:innen<br />

aus Unzufriedenheit anfangen, sich zu<br />

beschweren oder Hasskommentare schreiben.<br />

Um seinen Abonnent:innen gegenüber kulant zu<br />

bleiben, geht Ju auf konstruktive Kritik und Unzufriedenheit<br />

ein. Hass habe jedoch keinen Platz auf<br />

seinem Profil. Solche Kommentare werden direkt<br />

von ihm gelöscht. Er könne von Glück reden, dass<br />

dies kein Alltag bei ihm ist. Die Angst vor Hassangriffen<br />

oder parasozialen Beziehungen ist trotzdem<br />

vorhanden. So kam es schon mal vor, dass<br />

Menschen Bilder von ihm nutzten, um Fake-Accounts<br />

zu erstellen. Ebenso bleibt Ju von Anfeindungen<br />

im realen Leben nicht verschont. Diese<br />

kommen, unabhängig von seiner Arbeit bei Only<br />

Fans und im Bezug auf seiner Homosexualität,<br />

häufig vor. Vor allem hasserfüllte Kommentare<br />

gegenüber seinem Aussehen und Verhalten müsse<br />

sich der 25-Jährige anhören.<br />

Wer weiß jedoch von seinem Doppelleben? Er<br />

geht offen damit um, jedoch muss er aus kulturellen<br />

Gründen diese Seite seiner Persönlichkeit vor<br />

seinen Eltern geheim halten. Als ein Heranwachsender<br />

in einer muslimischen Gemeinde, habe er<br />

schon früh feststellen müssen, dass sein Weltbild<br />

schon immer anders war.<br />

Da Ju als schwuler Mann bei seinem Outing zu<br />

kämpfen hatte und er mit seiner Familie noch in<br />

einem Haushalt wohnt, wäre es ihm zu riskant,<br />

offen damit umzugehen. Da seine Eltern sowieso<br />

keine sozialen Medien besitzen, ist das Risiko<br />

gering, dass sie davon Wind bekommen würden.<br />

Als Person des öffentlichen Lebens ist ihm seine<br />

Sicherheit sowie die seiner Familie am wichtigsten.<br />

Seine Freund:innen hingegen gehen sehr locker<br />

mit dem Thema um und unterstützen Ju dabei.<br />

Er erzählt jedoch von einer ehemaligen Liebesbeziehung,<br />

die auf Grund von Only Fans nicht<br />

geklappt hat. Eifersucht habe hier eine große Rolle<br />

gespielt, denn der Gedanke, dass fremde Menschen,<br />

Ju so im Internet sehen können, war<br />

seinem Ex-Partner ein Dorn im Auge.<br />

Als Content Creator auf Only Fans arbeite<br />

man in einem Risikogebiet. Man zeige sich in seiner<br />

verletzlichsten Form und jeder Mensch könne<br />

einem dabei zusehen. Ju ist froh, seine Arbeit auf<br />

Only Fans machen zu können. Er ist stolz auf seinen<br />

Körper und mit dem, was er mit ihm macht.<br />

Er findet, erwachsene Menschen sollen sich in ihrem<br />

Körper wohl fühlen.<br />

„Wenn ich erst mit 50 Jahren sagen kann, dass<br />

ich selbstbewusst bin, dann ist das viel zu spät!“<br />

Was einen aber trotzdem nicht davon abhalten<br />

soll, das zu tun, worauf man Bock hat.<br />

*Möchte seinen vollen Namen nicht nennen.<br />

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18 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

Stirbt das Internet?<br />

Verschwörungstheorie oder Wahrheit – was steckt hinter<br />

der Dead Internet Theory?<br />

VON THERESA HEUGEL<br />

Die Dead Internet Theory besagt, dass<br />

das Internet zunehmend von Algorithmen<br />

und KI-generierten Inhalten<br />

dominiert wird. Ihren Ursprung<br />

hat die Theorie im Jahr 2016, doch<br />

richtig populär wurde sie 2021 als der User „Illuminati<br />

Pirate“ die Sache ins Rollen bringt.<br />

In einem ausführlichen Beitrag auf einem Forum<br />

erklärt er die Theorie. Er behauptet, dass das<br />

Internet im Jahr 2016 oder Anfang 2017 „gestorben“<br />

sei und nun „leer und menschenfrei“ sowie<br />

„völlig steril“ wirke. Er argumentiert, dass ein<br />

Großteil der Inhalte, die online als von Menschen<br />

produziert erscheinen, tatsächlich von KI erstellt<br />

und von Bots verbreitet werden. Diese Bots sollen<br />

laut Theorie von einer Gruppe von Influencern<br />

Bild: istockphoto<br />

unterstützt werden, die von verschiedenen Unternehmen<br />

finanziert und möglicherweise Verbindungen<br />

zur Regierung haben.<br />

Warum übt nun diese Theorie eine derartige<br />

Faszination aus? Dafür sollte verstanden werden,<br />

was Algorithmen sind und wie diese im Internet<br />

genutzt werden. „Algorithmen kommen auf Social<br />

Media-Plattformen zum Einsatz, um den<br />

Newsfeed eines Nutzers zu personalisieren und Inhalte<br />

zu zeigen, die seinen Interessen und Vorlieben<br />

entsprechen“, erläutert der IT-Bachelor-Absolvent<br />

Tobias Jäger, zu dessen Fachgebiet Algorithmen<br />

zählen. Er erklärt: „Bestimmte Inhalte<br />

können dadurch priorisiert und andere möglicherweise<br />

weniger sichtbar sein.“ Eine Studie der<br />

Oxford University aus dem Jahr 2016 mit dem Titel<br />

„Filter Bubbles, Echo Chambers, and Online<br />

News Consumption“ untersuchte diese Auswirkung.<br />

Die Forscher:innen stellten fest, dass die<br />

Personalisierung von Inhalten dazu führen könne,<br />

dass Nutzer:innen in sogenannten Filterblasen<br />

gefangen werden. Dies verstärke eine verzerrte<br />

Wahrnehmung der Welt. Dazu erzählt Jäger, dass<br />

Algorithmen missbraucht werden könnten, um<br />

falsche oder irreführende Inhalte zu verbreiten<br />

oder die öffentliche Meinung zu beeinflussen.<br />

Er betont: „Insbesondere während politischer<br />

Ereignisse oder kontroverser Themen können Algorithmen<br />

verwendet werden, um falsche Nachrichten<br />

oder manipulierte Inhalte zu verbreiten.“<br />

Ein Beispiel hierfür sei die US-Präsidentschaftswahl<br />

von 2016, bei der Algorithmen in sozialen<br />

Medien verwendet wurden, um die öffentliche<br />

Wahrnehmung bestimmter Kandidat:innen zu<br />

beeinflussen. So könnte das Meinungsbild der<br />

Wähler:innen manipuliert worden sein.<br />

Laut Jäger sei die Zukunft der Algorithmen im<br />

Internet vielversprechend. „Jedoch sollte die Entwicklung<br />

zur Personalisierung von Inhalten, die<br />

dazu führt, dass Nutzer in Filterblasen gefangen<br />

werden, im Auge behalten werden. Sonst könnte<br />

das Internet seine Vielfalt und Offenheit verlieren.“<br />

Des Weiteren betont er: „Die rasante Entwicklung<br />

von KI ist zweifellos beeindruckend.“ Neben<br />

der Personalisierung von Inhalten kann die<br />

Künstliche Intelligenz in sozialen Medien Texte,<br />

Bilder und Videos automatisiert erstellen. „Obwohl<br />

es keine offiziellen Zahlen gibt, die den genauen<br />

Anteil von mit KI generierten Inhalten in<br />

sozialen Medien quantifizieren, ist es sicherlich<br />

ein wachsender Trend“, erklärt Jäger. Dies könnte<br />

das Gefühl verstärken, dass das Internet von Bots<br />

dominiert werde. „Die undurchsichtige Natur der<br />

KI-generierten Inhalte kann dazu führen, dass<br />

Nutzer Schwierigkeiten haben, die Echtheit und<br />

Authentizität der Inhalte zu beurteilen“, warnt Jäger.<br />

Nutzer:innen könnten möglicherweise unwissentlich<br />

mit KI-generierten Inhalten interagieren,<br />

was die Vorstellung der Theorie unterstreichen<br />

würde.<br />

Die „Dead Internet Theory“ mag laut Jäger zunächst<br />

wie eine abwegige Verschwörungstheorie<br />

erscheinen, aber sie werfe wichtige Fragen auf und<br />

rege zum Nachdenken an. Es sei wichtig, dass man<br />

sich bewusst macht, wie Algorithmen das Online-<br />

Erlebnis beeinflussen. Jäger empfiehlt: „Eine kritische<br />

Auseinandersetzung mit der Rolle von Algorithmen<br />

und KI im Internet sind entscheidend,<br />

um sicherzustellen, dass das Internet ein Ort<br />

bleibt, der von allen genutzt und geschätzt werden<br />

kann.“<br />

Was sind Bots?<br />

„Bots“ sind Computerprogramme, die im<br />

Internet arbeiten, ohne dass Menschen sie<br />

direkt steuern. Sie können Informationen<br />

sammeln, Inhalte auf sozialen Medien teilen<br />

oder mit Nutzer:innen interagieren


02/ 2024<br />

ZEITGEIST<br />

19<br />

In der Verlagsbranche findet<br />

eine markante Veränderung<br />

statt: Künstliche Intelligenz<br />

und Automatisierung beeinflussen<br />

zunehmend die Arbeit.<br />

Aber was bedeutet das genau?<br />

KI-Experte Johannes Woehler<br />

gibt Antworten.<br />

VON CONSTANCIA OERTEL<br />

Im Zuge der rasanten Entwicklungen im<br />

Bereich der künstlichen Intelligenz tauchen<br />

bei immer mehr Menschen Fragen auf:<br />

„Steht mein Job auf dem Spiel?“, „Werde ich<br />

bald durch Maschinen ersetzt“?<br />

„KI verändert zwei Themen. Das eine ist Produktivität<br />

und das andere ist das Thema Demokratisierung<br />

von speziellen Fähigkeiten“, weiß der<br />

KI-Experte aus der Publishing-Branche Johannes<br />

Woehler. Mit diesen beiden Aspekten verdeutlicht<br />

er die Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt<br />

und die individuellen Fähigkeiten.<br />

„Ich kriege Sachen eigentlich viel schneller gelöst<br />

als vorher in einigen Bereichen“, betont Woehler.<br />

Diese Beschleunigung von Arbeitsprozessen<br />

ist ein deutlicher Vorteil, den KI bieten kann.<br />

Der 44-Jährige stellt außerdem klar: „Ich als Person<br />

habe die Möglichkeit, viele Dinge zu tun, für<br />

die ich vorher einen Spezialisten gebraucht habe.“<br />

Diese Demokratisierung von Fähigkeiten ermöglicht<br />

es Einzelpersonen, kreative Inhalte zu erstellen<br />

und komplexe Aufgaben zu bewältigen, für<br />

die früher ein Team von Fachleuten erforderlich<br />

war. „KI-Technologien werden zunehmend in alltägliche<br />

Tools integriert und die Interaktion mit<br />

ihnen wird immer intuitiver“, prognostiziert der<br />

Experte.<br />

Ein faszinierender Aspekt ist die Diskrepanz<br />

zwischen der Wahrnehmung von KI innerhalb<br />

und außerhalb bestimmter Kreise. „Viele haben<br />

davon gehört, viele haben nichts davon gehört,<br />

was sehr überraschend ist“, bemerkt Woehler.<br />

„Ich habe das Gefühl, man befindet sich in so einer<br />

Blase, wenn man sich damit beschäftigt“, erklärt<br />

er. Diese „Blase“ reflektiert eine Wahrnehmungsdifferenz<br />

zwischen Personen, die aktiv mit<br />

KI arbeiten oder sich damit beschäftigen, und jenen,<br />

die nur begrenzte Berührungspunkte mit dieser<br />

Technologie haben. Diese Beobachtung verdeutlicht,<br />

dass das Bewusstsein für KI sich stark in<br />

bestimmten Branchen oder sozialen Kreisen konzentriert.<br />

Ob KI künftig die Arbeit in der Publishing<br />

Branche vollständig übernehmen wird, kann der<br />

Experte nicht beantworten. „Was in 50 Jahren<br />

passiert, ich kann es mir momentan nicht vorstellen“,<br />

sagt Woehler und betont die dynamische<br />

Natur der KI-Entwicklung. „Die Menschen sollten<br />

keine Angst vor KI haben, sondern sie als Werkzeug<br />

betrachten, das die Produktivität steigern<br />

und neue Möglichkeiten erschließen kann“, ermutigt<br />

er die Leser:innen. Trotz der Chancen gibt<br />

Sie klauen<br />

uns unsere Jobs<br />

es auch Verlierer im Kontext der KI-Entwicklung.<br />

„Ich befürchte so ein bisschen, das sind die Personen,<br />

die sich weigern, sich damit zu beschäftigen.<br />

Sie sind tendenziell am ehesten die, die dann auch<br />

davon abgehängt werden“, warnt Woehler. Er ergänzt:<br />

„Zum Beispiel jemand, der Illustrator:in ist.<br />

Auch diese Personen können von diesen Tools<br />

profitieren, um ihre Produktivität zu steigern.“<br />

Um Mitarbeiter:innen auf die Veränderungen<br />

durch KI vorzubereiten, empfiehlt der Karlsruher<br />

klare Regeln für den Umgang mit KI festzulegen,<br />

einschließlich der Definition von Bereichen, in<br />

denen KI eingesetzt werden darf und wo nicht. Er<br />

betont, dass die Verantwortung für den Output<br />

immer beim Menschen liegen solle, unabhängig<br />

davon, welches Tool verwendet werde. Darüber<br />

hinaus sei es wichtig, Schulungen anzubieten und<br />

den Mitarbeiter:innen die Möglichkeit zu geben,<br />

mit KI-Tools zu experimentieren, um Ängste abzubauen<br />

und ihr Verständnis für die Technologie<br />

zu vertiefen.<br />

Am Ende hat der Experte noch einen Appell:<br />

„Habe keine Angst und beschäftige dich mit dem<br />

Thema einfach selbst“, sagt er. Der KI-Experte betont,<br />

dass Menschen sich für neue Chancen öf<br />

nen sollten und darüber nachdenken müssen, wie<br />

sie ihre Fähigkeiten und Ideen mithilfe von KI<br />

weiterentwickeln können. Er erklärt, dass man anstatt<br />

Angst vor den Auswirkungen von KI zu haben,<br />

diese als Chance betrachten sollte. Die Zukunft<br />

der Zusammenarbeit von Mensch und KI<br />

verspreche viele spannende Entwicklungen, die es<br />

zu nutzen gelte.<br />

Was ist künstliche<br />

Intelligenz (KI)?<br />

Bild: Midjourney AI<br />

Künstliche Intelligenz (KI) bezeichnet die<br />

Fähigkeit von Computern oder computergesteuerten<br />

Systemen, Aufgaben auszuführen,<br />

die normalerweise menschliche Intelligenz<br />

erfordern würden. Dies umfasst unter<br />

anderem das Lernen, das Problemlösen, die<br />

Spracherkennung, die Entscheidungsfindung<br />

und die visuelle Wahrnehmung. KI-<br />

Systeme werden durch Algorithmen und<br />

Daten trainiert, um Muster zu erkennen,<br />

Vorhersagen zu treffen und selbstständig<br />

Entscheidungen zu treffen.


20 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

Bis zum Abi war er Atheist<br />

Kirche: alt, eingefahren, unattraktiv. Vor allem für junge Leute.<br />

Unter dem Namen Pfarrer aus Plastik räumt Nicolai Opifanti in<br />

den sozialen Medien mit diesen Vorurteilen auf.<br />

VON LISA GRUM<br />

Bilder: Instagram Pfarrer aus Plastik<br />

Heute begeistert der Pfarrer aus Dettingen<br />

unter Teck Menschen digital<br />

und analog für Religion. Mit 15 ist<br />

Opifanti noch weit davon entfernt<br />

als Pfarrer auf einer Kanzel zu stehen.<br />

Damals ist er Atheist und will mit seinen<br />

Freunden aus dem System ausbrechen. Insbesondere<br />

Marihuana wird zum Standard. „Dieses Gefühl<br />

nicht normal zu sein, wurde für mich irgendwann<br />

zur Sucht“, erzählt er im Gespräch bei Talkwerk.<br />

Der Weckruf kommt erst, als er wegen seines<br />

Marihuanakonsums zwei Panikattacken erleidet<br />

und in der elften Klasse sitzen bleibt. „Ich<br />

fühlte mich wie der schlimmste Mensch“, erinnert<br />

sich der Pfarrer. Das ändert sich, als er sich<br />

mit seiner damaligen Sitznachbarin, einer Christin,<br />

anfreundet. Zunächst versucht Opifanti sie<br />

von ihrem Glauben abzubringen. Doch schließlich<br />

sind sie und ihre Familie es, die den damals<br />

17-Jährigen zum Nachdenken bringen: „Sie haben<br />

mir gezeigt, dass es reicht, gemütlich auf sich<br />

zu schauen und mit dem zufrieden zu sein, was<br />

gerade ist.“ Das Gefühl, selbst Christ zu sein, bekommt<br />

Opifanti erst später als er die Bibel liest.<br />

Dabei merkt er: „Das macht für mich Sinn“, und<br />

so studiert er Theologie. Seine Ausbildung zum<br />

Pfarrer beendet er 2018. Zeitgleich startet er seinen<br />

Instagram-Kanal Pfarrer aus Plastik ehrenamtlich.<br />

Als ein Jahr später der SWR auf den Pfarrer aufmerksam<br />

wird, steigt die Zahl seiner Follower:innen<br />

auf über 1000 an. Mit der wachsenden Community<br />

bemüht sich Opifanti mit seiner Kollegin<br />

Sarah Schindler um Unterstützung durch die Kirche.<br />

„Wir haben ganz viele Anträge geschrieben,<br />

gewartet, gebetet und gehofft.“ 2021 bewilligt die<br />

Evangelische Landeskirche in Baden-Württemberg<br />

zwei 50 Prozent Projektstellen mit dem Titel:<br />

Pfarrdienst in digitalen Räumen. Nach einem Bewerbungsverfahren<br />

treten der damals 34-Jährige<br />

und Schindler die Stellen an. So widmet der Pfarrer<br />

50 Prozent seiner Zeit der Gemeindearbeit und<br />

leitet einen Kindergarten. Die anderen 50 Prozent<br />

ist er Online-Pfarrer und produziert Inhalte für<br />

Instagram. „Ich versuche, die Kirche in einem<br />

möglichst guten Licht darzustellen, ohne etwas zu<br />

beschönigen“, beschreibt Opifanti seine digitale<br />

Arbeit.<br />

Ihm geht es vor allem darum mit den Menschen<br />

in Beziehung zu treten. Seine Community<br />

nimmt das Angebot an, denn er erhält täglich 20<br />

bis 30 private Nachrichten. Seelsorge ist dort ein<br />

großes Thema. „Mein Anspruch ist es, dass ich innerhalb<br />

von einem Tag antworte und wenn ich<br />

bei Nachrichten merke, das ist jetzt ernst, dann<br />

haben die Priorität.“ Auch seine Community<br />

selbst ist im Austausch. „In den Kommentaren<br />

geht es gut rund.“ Vor allem durch weitere Accounts<br />

von Pfarrer:innen, hat sich für Opifanti eine<br />

eigene Blase gebildet, in der sich Menschen gegenseitig<br />

Mut machen und kritisch diskutieren.<br />

„Manchmal ein bisschen zu kritisch oder böse.<br />

Wenn es richtig bodenlos wird, dann lösche ich<br />

Kommentare.“<br />

„Kinderschänder“, „Pädophiler“, „Hoffentlich<br />

verliert ihr alle euren Job“. Seit 2023 nehmen<br />

die Hasskommentare zu. „Die ersten Jahre waren<br />

total positiv. Aber jetzt merke ich voll den Switch,<br />

so einen Hass.“ Der Grund ist für Opifanti klar:<br />

„Das hat natürlich mit den Missbrauchsskandalen<br />

zu tun. Gerade als Mann, wird man schnell in eine<br />

komische Ecke gerückt.“ Um mit den Kommentaren<br />

umzugehen, teilt er alles auf Instagram.<br />

„Die Leute müssen wissen, wenn sie Hasskommentare<br />

bei mir, einem öffentlichen Account,<br />

hinterlassen, dann sieht das jeder.“ Gleichzeitig<br />

betont er, dass Hasskommentare den kleinsten<br />

Teil seiner Community ausmachen: „Zu 99,9<br />

Prozent sind die Leute extrem höflich und megafreundlich.“<br />

Darum nutzt er seine Plattform, um<br />

mit Vorurteilen gegenüber gläubigen Personen<br />

aufzuräumen: „Ich glaube, wenn transparent<br />

wird, dass Christen und religiöse Menschen ganz<br />

normal sind und nur in ihrem Herzen eine Hoffnung<br />

und einen Glauben tragen, dann ist das<br />

ganz viel wert.“<br />

Wie bekommt man<br />

Anschluss an die eigene<br />

Gemeinde?<br />

• Über die Website Gemeindesuche den/die<br />

zuständige Pfarrer:in finden. Pfarrer:in anschreiben<br />

oder anrufen.<br />

Oder<br />

• Auf Social Media nach dem/der eigenen<br />

Pfarrer:in suchen beziehungsweise einem/<br />

einer christlichen Influencer:in schreiben.


02/ 2024<br />

ZEITGEIST<br />

21<br />

Glücklich bis ans Lebensende?<br />

Es scheint alles perfekt zu<br />

sein, wenn man den Partner<br />

fürs Leben bereits in jungem<br />

Alter trifft. Doch was ist, wenn<br />

sich herausstellt, dass so früh<br />

zu heiraten ein Riesenfehler<br />

war?<br />

VON NADINE DETING<br />

Ja ich will<br />

...die Scheidung!<br />

Bild: Pexels<br />

Er war gewalttätig und psychisch manipulierend.<br />

Er hat mich aufs Tiefste<br />

beleidigt, wenn ihm irgendwas nicht<br />

in den Kram gepasst hat“, erzählt Anna<br />

Müller* mit Tränen in den Augen.<br />

Nach zwei Jahren Ehe, hat sie 2020 die Scheidung<br />

eingereicht. „Ich habe das richtig körperlich<br />

gespürt, dass ich aus dieser Situation raus muss“,<br />

beschreibt Müller.<br />

Anna Müller war 15 Jahre alt, als sie mit ihrem<br />

zehn Jahre älteren Freund zusammengekommen<br />

ist, den sie als ihre erste große Liebe beschreibt.<br />

Ihre Beziehung entwickelt sich sehr schnell.<br />

Innerhalb von ein paar Monaten ist ihr Partner<br />

mit in ihr Kinderzimmer eingezogen und auch<br />

das Thema Zukunftsplanung inklusive heiraten,<br />

Kinder kriegen und Haus bauen war direkt präsent.<br />

Im Alter von 17 Jahren bekommt Anna Müller<br />

den Antrag. Rund ein Jahr später hatten Müller<br />

und ihr Partner geheiratet.<br />

„Aber vielleicht hatte ich dann Angst, dass er<br />

mich verlässt, wenn ich den Antrag ablehne“,<br />

offenbart Müller. Die emotionale Abhängigkeit<br />

von ihrem Partner hat sie glauben lassen, dass sie<br />

nie wieder jemanden finden wird, der sie so auf<br />

Händen trägt. Somit hat sie sich entschieden sich<br />

auf die Ehe einzulassen. Bereits während der dreijährigen<br />

Beziehung wurde Anna Müller von ihrem<br />

Partner stark isoliert. Sie durfte weder tanzen<br />

gehen, noch sich mit ihren langjährigen Freunden<br />

und Freundinnen treffen. Über die Jahre<br />

hatte sich die Situation so zugespitzt, dass Müller<br />

keinen Freundeskreis mehr hatte. Ihre einzigen<br />

sozialen Kontakte, abgesehen von ihrer Familie,<br />

waren die Freunde und Familie ihres damaligen<br />

Mannes.<br />

Die Probleme in der Beziehung, sowie die<br />

übergriffigen Handlungen, von Seiten ihres Ex-<br />

Mannes hat Anna Müller nicht erst nach der Eheschließung<br />

erlebt. „Ich würde sagen, die Beziehung<br />

hat sich nicht verändert, aber ich habe mich<br />

verändert. Ich habe angefangen Dinge klarer zu<br />

sehen und Dinge zu sehen, die nicht in Ordnung<br />

sind“, erklärt Müller.<br />

Der Beginn ihres Studiums und der Kontakt zu<br />

anderen Gleichaltrigen öffnete ihr die Augen. In<br />

ihrem neuen Umfeld konnte sie wieder zu sich<br />

finden und sehen, dass sie auch einen anderen<br />

Weg einschlagen kann. Nachdem sie den Gedanken<br />

hatte, sich trennen zu wollen, dauert es knapp<br />

sechs Monate bis sie bereit war den Schritt zu<br />

gehen. „Gerade wenn man in gewalttätigen Beziehungen<br />

ist, da ist es so schwer rauszukommen,<br />

weil man oft sich selber die Schuld gibt oder irgendwie<br />

auch gar nicht so krass die Problematik<br />

sieht. Ich habe da echt ewig für gebraucht, um zu<br />

sehen, dass es nicht gesund ist“, betont Anna Müller.<br />

Ist eine Ehe in jungem Alter also grundsätzlich zum<br />

Scheitern verurteilt?<br />

Johanna Shaomian hat in Bezug auf die Ehe und<br />

die Hochzeit in jungem Alter eine völlig gegensätzliche<br />

Erfahrung gemacht. Vor ihrer Ehe war<br />

ihr Dating weniger erfolgreich und sie hatte mit<br />

Bekanntschaften zu kämpfen, die nicht dieselben<br />

Werte und Ziele vertreten wie sie selbst. Als sie<br />

dann im Alter von 21 Jahren ihren zwei Jahre älteren<br />

Partner kennenlernt, war für sie klar, dass er<br />

der Richtige ist. Endlich hat sie einen Mann kennengelernt,<br />

der sich um sie bemüht und die gleichen<br />

Vorstellungen für die Zukunft hat. Etwas<br />

über ein Jahr später folgt die Hochzeit der beiden<br />

im Alter von 22 und 24 Jahren. Sowohl ihr, als<br />

auch ihrem Mann war es schon immer wichtig<br />

früh zu heiraten. Dennoch war der Antrag für Johanna<br />

Shaomian zu dem Zeitpunkt noch sehr<br />

überraschend. Trotz der kurzen Beziehungsdauer<br />

hatte die junge Frau keine Zweifel und nahm den<br />

Antrag an.<br />

„Also wenn man sich unsicher ist, ob man heiraten<br />

will oder nicht, dann würde ich lieber noch<br />

warten, nicht, dass man es dann am Ende extrem<br />

bereut“, rät Shaomian anderen jungen Menschen<br />

in ihrer Situation.<br />

Anna Müller und Johanna Shaomian sind sich<br />

trotz ihrer unterschiedlichen Erfahrungen bei<br />

einer Sache einig. Wer vor der Entscheidung steht<br />

zu heiraten, sollte auf das eigene Herz und den<br />

Körper hören, da sie immer wissen, ob es die richtige<br />

oder falsche Entscheidung ist.<br />

*Name wurde von der Redaktion geändert


22 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

„Frauen gehören<br />

an den Herd“<br />

Bild: Pixabay/hobim, KI generiert


02/ 2024<br />

ZEITGEIST<br />

23<br />

Früher war es üblich, dass die<br />

Frau, sobald Kinder da waren,<br />

zu Hause blieb. Wie ergeht es<br />

Frauen, die in Männerdomänen<br />

arbeiten? Ein Doppelinterview<br />

wirft einen Blick auf<br />

die Vergangenheit und in die<br />

Gegenwart.<br />

VON JASMIN LIEB UND LISA-MARIE MARX<br />

Anna* (26) und Karin* (83) sind<br />

bestimmt nicht die einzigen Frauen,<br />

die einen nicht typisch weiblichen<br />

Beruf gewählt haben. Heutzutage<br />

haben Mädchen und Frauen eine<br />

größere Auswahl an Berufen als früher. Ein höherer<br />

Schulabschluss ist jetzt durch verschiedene<br />

Wege möglich. Damals hat oft das nötige Kleingeld<br />

gefehlt. So wie bei Karin, die eigentlich Lehrerin<br />

werden wollte. Ihre Eltern konnten den benötigten<br />

Internatsbesuch nicht bezahlen. Die Familie<br />

ist aus Schlesien vertrieben worden und kam<br />

1953 nach Stuttgart. Die 83-Jährige erinnert sich:<br />

„Wir mussten mit null Komma null ein neues Leben<br />

schaffen.“ Die einzige Option war eine Ausbildung,<br />

Karin wurde Versicherungskauffrau. Da<br />

sie eine gute Schülerin war, empfiehlt die Schule<br />

ihr diesen Beruf.<br />

Anna dagegen wächst in einem guten Elternhaus<br />

auf und erfährt viel Unterstützung. So kann<br />

die 26-Jährige den Realschulabschluss und<br />

im Anschluss eine Ausbildung zur Fahrzeuglackiererin<br />

machen. Den Beruf findet Anna durch<br />

eine Recherche im Internet. Dadurch entdeckt sie,<br />

dass sie etwas praktisches mit Farben und Lacken<br />

machen möchte.<br />

Beide erfahren in den männerdominierten<br />

Berufen Diskriminierung. Manchmal hört Anna<br />

von ihren Kollegen frauenfeindliche Witze.<br />

„Frauen gehören an den Herd”, sagt ein Kollege<br />

scherzhaft. Kleidervorschriften gehörten bei den<br />

Frauen in Karins Betrieb zur Tagesordnung. Sie<br />

durften im Betrieb keine Hosen tragen. „Wer sich<br />

eine Dauerwelle machen ließ oder Lippenstift<br />

trug, kam auf die rote Liste”, berichtet Karin. Damals<br />

wurden Männer im Bewerbungsverfahren<br />

weiblichen Bewerberinnen gegenüber bevorzugt.<br />

Selbst wenn sie schlechter qualifiziert waren. In<br />

den Köpfen der Betriebsleiter herrschte noch das<br />

Bild, dass Frauen heiraten, Kinder bekommen und<br />

die Firma verlassen. Frauen wurden nach ihrer Familienplanung<br />

gefragt, Männer nicht. Neben ihrem<br />

Beruf führten die meisten Frauen den Großteil<br />

des Haushalts und waren für die Kindererziehung<br />

zuständig.<br />

Flexible Arbeitszeiten gab es nicht<br />

Während Karins Ausbildung gilt die 48-Stunden-<br />

Woche als normal. Erst im Laufe ihrer Karriere<br />

reduziert sich die wöchentliche Arbeitszeit auf 45<br />

und später 40 Stunden. Auf Pünktlichkeit wurde<br />

großen Wert gelegt. Die Mitarbeiter:innen sollen<br />

mindestens fünf Minuten vor Arbeitsbeginn im<br />

Büro sein. Annas Arbeitsplan sieht anders aus, die<br />

26-Jährige schichtet. Sie findet: „Es ist anstrengend,<br />

abwechselnd in der Früh- oder Spätschicht<br />

zu arbeiten.” Heutzutage können viele Arbeitnehmer:innen<br />

ihre Arbeitsstunden flexibel aufteilen.<br />

Dies ist insbesondere für Familien vorteilhaft.<br />

Als Karins Kinder auf die Welt kamen, war sie<br />

gezwungen, ihren Beruf aufzugeben. Im Alter von<br />

40 Jahren stieg sie wieder in die Versicherungsbranche<br />

ein. Falls Anna Kinder bekommt, steht<br />

ihr Mutterschutz und Elternzeit zu. Während der<br />

Schwangerschaft, wird sie manche Arbeiten nicht<br />

ausführen dürfen, da sie mit Schadstoffen zu tun<br />

hat. Deshalb trägt Anna Schutzkleidung. Weiterhin<br />

findet zweimal im Jahr eine Arbeitsschutzunterweisung<br />

für die Mitarbeiter:innen statt.<br />

„Ich habe das meiste zu Hause erarbeitet”<br />

Im Gegensatz zu Anna gab es für Karin wenig Weiterbildungsmöglichkeiten.<br />

Um auf dem neuesten<br />

Wissensstand zu sein, opferte sie ihre Freizeit.<br />

„Ich habe das meiste zu Hause erarbeitet”, sagt<br />

Karin. Sie wünschte sich mehr Unterstützung<br />

ihres Arbeitgebers. Flexible Arbeitszeiten und eine<br />

betriebsinterne Kinderbetreuung hätten Karin<br />

sehr geholfen. Dadurch wäre es ihr möglich gewesen,<br />

früher wieder in den Beruf einzusteigen.<br />

„Ich hätte gerne gearbeitet”, äußert die 83-Jährige.<br />

Knapp 20 Jahre lang zog sie ihre Kinder groß<br />

und jobbte nebenher. Karins Ehemann musste<br />

seinen Beruf nicht aufgeben und sorgte für den<br />

Lebensunterhalt der Familie.<br />

Bild: Pixabay/GrumpyBeere, KI generiert<br />

Frauen in der Führungsebene undenkbar<br />

In vielen Berufen dominieren Männer noch immer<br />

in Führungspositionen. Für Frauen ist es<br />

schwieriger, so eine Stelle zu bekommen. Bei<br />

Karins Wiedereinstieg war sie die einzige Frau in<br />

der Abteilung. Sie stieg bis zur Sachbearbeiterin<br />

auf, damals der höchste Posten für eine Frau.<br />

Karin erzählt: „Die meisten Frauen, jedenfalls in<br />

meinem Betrieb, waren Schreibkräfte im Schreibbüro<br />

und die Chefsekretärin war eben die<br />

Schreibkraft vom obersten Chef”. Bis zu Karins<br />

Renteneinstieg im Jahr 1998 arbeiteten nur Männer<br />

in der Führungsebene.<br />

Anna und eine Kollegin arbeiten als einzige<br />

Frauen in einer Abteilung mit 40 Personen.<br />

Männer dominieren ebenso in der Chefetage. Die<br />

Aufstiegschancen für Anna sind besser als es die<br />

von Karin damals waren. Wer aufsteigen will, benötigt<br />

die Weiterbildung zum Techniker und<br />

Kontakte. Zusätzlich muss eine Arbeitsstelle verfügbar<br />

sein. Heute ist es für Frauen einfacher in einen<br />

männerdominierten Beruf zu kommen, trotzdem<br />

werden sie oft mit Vorurteilen konfrontiert.<br />

„Ich finde es gut, dass Frauen auch in Männerberufen<br />

arbeiten können”, meint Anna. Entgegen<br />

allen Widrigkeiten würden Anna und Karin sich<br />

noch mal für einen nicht typisch weiblichen Beruf<br />

entscheiden.<br />

* Namen von der Redaktion geändert


24 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

Vom Salon zum<br />

Nacktbaden<br />

Bild: Privat<br />

Wie war der Zeitgeist in Stuttgart vor 200 Jahren? Eine Ausstellung<br />

im Stadtpalais zeigt Stuttgarter Stadtgeschichte aus zwei<br />

Jahrhunderten. Die stellvertretende Direktorin und Sammlungsleiterin<br />

Dr. Edith Neumann erzählt, wo man hier den Zeitgeist der<br />

Vergangenheit findet.<br />

VON PAULINA BRONNER<br />

Wer ist eigentlich Stuttgarter:in?“ –<br />

mit dieser Frage wird man in der<br />

Ausstellung „Stuttgarter Stadtgeschichte(n)“<br />

im Stadtpalais begrüßt.<br />

Schnell regen die Objekte<br />

auf dem schwarzen Ausstellungstisch zum Nachdenken<br />

über diese Identitätsfrage an. Weiter darüber<br />

nachdenken kann man im nächsten Raum, in<br />

dem zentral ein riesiges, dreidimensionales Modell<br />

der Stadt steht. Auf das weiße Relief werden<br />

verschiedene, farbige Kartenanimationen zur Geschichte<br />

Stuttgarts projiziert.<br />

Mit Dr. Edith Neumann startet hier die Suche<br />

nach dem Zeitgeist in der Stuttgarter Vergangenheit.<br />

Zeitgeist ist für die Sammlungsleiterin etwas,<br />

das freiwillig passiert, von innen, und nicht aus einer<br />

Notwendigkeit heraus: „Wenn jemand neue<br />

Denkweisen ins Gespräch bringt und sich dann<br />

freiwillige Anhänger finden, die diese Eigenarten<br />

und Verhaltensweisen ebenfalls vertreten.“<br />

Salonkultur im Bürgertum<br />

„Residenzstadt, Industriestadt, Grossstadt“ steht<br />

in Leuchtschrift in dem Raum, der der Stadtgeschichte<br />

bis 1905 gewidmet ist. „Salonkultur“, erzählt<br />

die stellvertretende Direktorin, „ist ein Stuttgarter<br />

Spezifikum, das typisch ist für jene Zeit.“ Ab<br />

Ende des 18. Jahrhunderts trifft sich das Bürgertum<br />

in Stuttgart in privaten Häusern, um über all<br />

das zu sprechen, was aktuell passiert und Zeitgeist<br />

ist. Es werden Neuigkeiten ausgetauscht, Gedichte<br />

vorgetragen, musiziert und über Politik gesprochen.<br />

Industrielle aus der Klavier- und Textilindustrie<br />

und Verleger prägen zu dieser Zeit das Bürgertum<br />

und pflegen enge Verbindungen. Von<br />

dem Künstler Jan Hooss aus Draht gebogene, miteinander<br />

verbundene Gesichter der Bürger stellen<br />

das im Stadtpalais dar.<br />

Um 1900 verdeutlicht der Bau eines großen, historisch<br />

anmutenden Rathauses als Gegenstück<br />

zum Neuen Schloss der Monarchie die Bedeutung<br />

des Bürgertums in Stuttgart. Die neue Vereinskultur<br />

löst zu dieser Zeit bereits die Salonkultur ab:<br />

„Es treffen sich immer mehr Menschen, sie passen<br />

nicht mehr ins Wohnzimmer“, erklärt Neumann.<br />

Lebensreform und Körperkultur<br />

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Stuttgart ist nun<br />

eine reiche Großstadt – bilden sich auch auf anderer<br />

Ebene Veränderungen in Stuttgart heraus: „Es<br />

herrscht in der Stadt ein Zeitgeist, der Neuerungen<br />

gegenüber offen ist“, beschreibt die Kurato-<br />

rin. Die Schafwollwäsche des Stuttgarters Gustav<br />

Jäger ist ein Beispiel dafür. Der Biologe lässt Kleidung<br />

aus Schafwolle produzieren und vertritt die<br />

Theorie, dass diese die gesündeste für den Menschen<br />

sei. Diese Vorstellung wird angenommen:<br />

„Vorher sind die Menschen froh, dass sie essen<br />

können, was es gibt und, dass sie Kleidung haben,<br />

die sie sich leisten können. Dass man gezielt nach<br />

einer gesunden Wäsche sucht ist eine andere Idee,<br />

eine Idee der Lebensreformbewegung und Körperkultur,<br />

die Stuttgart verschiedentlich erfasst“, erläutert<br />

Neumann die Entwicklung.<br />

Weitere Beispiele, der neuen, auf den Menschen<br />

und Körper fokussierten Reformbewegung<br />

sind im Raum zur „Modernen Stadt“ ab 1905 zu<br />

sehen: Ein Foto zeigt das Rikli-Bad am Neckar mit<br />

Menschen, die nackt baden. Seinen Körper Licht<br />

und Luft auszusetzen, ist Teil der Reformbewegung,<br />

genau wie die Homöopathie und Reformschulen.<br />

In der Ausstellung symbolisieren die Reiseapotheke<br />

eines Stuttgarter Apothekers mit 60<br />

verschiedenen homöopathischen Mitteln und ein<br />

Bauklötzchenspiel für Kinder den neuen Zeitgeist.<br />

Wie diese Objekte, haben alle Ausstellungsstücke<br />

einen direkten Bezug zu Stuttgart. Die Ausstellung<br />

fokussiert sich auf Stuttgart-spezifische Entwicklungen:<br />

„Nur so kann man den Blick für die Stadt<br />

schärfen“, erklärt die Sammlungsleiterin.<br />

Mit dem Blick auf das Stadtmodell endet die<br />

Suche nach dem Zeitgeist in den „Stuttgarter<br />

Stadtgeschichte(n)“. Ausgehend von der Frage<br />

„Wer ist eigentlich Stuttgarter:in?“, lädt die Ausstellung<br />

Besucher:innen ein, selbst Antworten zu<br />

finden. Salonkultur und Lebensreformbewegung<br />

stehen beispielhaft dafür, wie sich die Stuttgarter<br />

Gesellschaft entwickelt und stetig wandelt.


02/ 2024 ZEITGEIST<br />

25<br />

In einer Zeit digitaler Echokammern<br />

und rasanter Veränderungen<br />

sucht die junge Generation<br />

nach Identität und<br />

neuen Perspektiven.<br />

Das Internationale Trickfilmfestival<br />

Stuttgart (ITFS) zeigt, wie<br />

Animation neue Wege eröffnet<br />

und kreative Vielfalt fördert.<br />

VON DAYNA TSCHARNKE<br />

Bubbles und Zeitgeist<br />

Das Festival fängt den Zeitgeist ein,<br />

indem es Filme wie „Belle“ von Mamoru<br />

Hosoda und „Flee“ von Jonas<br />

Poher Rasmussen zeigt, die wichtige<br />

Themen wie Social Media und Flucht<br />

beleuchten und zur Diskussion anregen.<br />

„Wir kuratieren jedes Jahr über 700 Filme, die<br />

den aktuellen Zeitgeist widerspiegeln“, erklärt<br />

Johanna Vollmar, Mitglied des Organisationskomitees<br />

des ITFS. Das Festivalgelände pulsiert vor<br />

Energie. Junge Menschen drängen sich vor den<br />

Leinwänden und diskutieren angeregt über die<br />

neuesten Animationstrends. Vollmar betont:<br />

„Wir sprechen vor allem die Animationsbranche<br />

an, aber das Ganze ist auch für die breite Masse interessant,<br />

da alle den aktuellen Zeitgeist mittragen.“<br />

„Wir brechen<br />

Tabus auf und behandeln<br />

Themen,<br />

die oft gemieden<br />

werden.“<br />

Hier, inmitten der bunten Vielfalt des ITFS, wird<br />

deutlich, wie wichtig es ist, digitale Filterblasen zu<br />

durchbrechen und sich mit neuen Ideen zu vernetzen.<br />

Besucher:innen jeden Alters können an<br />

Filmvorführungen, Diskussionen und Workshops<br />

teilnehmen. Junge Menschen tauschen sich mit<br />

erfahrenen Filmemacher:innen aus und entwickeln<br />

gemeinsam neue Projekte.<br />

Vollmar unterstreicht die Bedeutung des Festivals:<br />

„Wir bekommen Filme aus aller Welt, von<br />

verschiedenen Menschen und zu unterschiedlichen<br />

Themen. Das spiegelt die heterogene Szene<br />

wider und deckt den vielseitigen Zeitgeist ab.“<br />

Das Festival wolle den Zeitgeist nicht nur<br />

reflektieren, sondern ihn auch aktiv mitgestalten.<br />

„Wir brechen Tabus auf und behandeln Themen,<br />

die oft gemieden werden“, erklärt Vollmar.<br />

Eine Podiumsdiskussion, in der junge Filmemacher:innen<br />

über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung<br />

und Ausgrenzung in der Branche<br />

sprechen, sei für Vollmar ein bewegender<br />

Moment, der zeige, wie das ITFS dazu beitrage,<br />

wichtige gesellschaftliche Debatten anzustoßen.<br />

Bild: Dayna Tscharnke<br />

In einer Zeit, in der digitale Filterblasen und ein<br />

sich ständig wandelnder Zeitgeist den Alltag<br />

prägen, ist es wichtiger denn je, die Balance<br />

zwischen persönlicher Identität und gesellschaftlicher<br />

Perspektive zu finden. Das ITFS zeigt, wie<br />

man die Grenzen der digitalen Isolation überwinden<br />

und sich für kreative Vielfalt und alternative<br />

Ansichten öffnen kann. Es regt Besucher:innen<br />

an, sich aktiv mit verschiedenen Perspektiven<br />

auseinanderzusetzen und digitale Filterblasen zu<br />

durchbrechen, um zu einer vielfältigeren und<br />

inklusiveren Gesellschaft beizutragen, die den<br />

Herausforderungen der Zeit gerecht wird.<br />

Das Internationale Trickfilmfestival Stuttgart<br />

lädt dazu ein, die Welt mit offenen Augen zu<br />

betrachten.


26 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

Das Clubbing von Morgen?<br />

Das Nachtleben genießen auf möglichst sichere und diskriminierungsfreie Weise? Der Stuttgarter<br />

Daniel Pranjic erzählt, wie er dieses Vorhaben mit seinem Sunny High Club umsetzen will.<br />

VON SELINA TIPOLD<br />

Eine facettenreiche Welt voller pulsierender<br />

Energie, lauter Musik und<br />

schillernder Lichter – das Nachtleben.<br />

Von überfüllten Tanzflächen in Diskotheken<br />

bis hin zu gemütlichen Ecken<br />

in Bars hat das nächtliche Leben seit Jahrzehnten<br />

die Menschen angezogen und fasziniert. Doch<br />

während das Wesen des Nachtlebens im Kern<br />

unverändert bleibt – ein Ort der sozialen Interaktion,<br />

des Feierns und der Entspannung – hat es sich<br />

im Laufe der Zeit stetig gewandelt und angepasst.<br />

Doch wie kann das heutige Nachtleben die<br />

Strömungen und Veränderungen der Gesellschaft<br />

widerspiegeln und sich den Werten einer neuen<br />

Generation anpassen? Für diese Herausforderung<br />

will der gemeinnützige Verein Sunny High eine<br />

Lösung bieten. Die Veranstaltungen in den<br />

Räumen der alten Schwabenbräu-Passage beim<br />

Bad Cannstatter Bahnhof stehen ganz im Zeichen<br />

der Inklusion und Gleichberechtigung.<br />

Im Gespräch mit dem Vorstand des Vereins<br />

Daniel Pranjic betont er: „Einen komplett sicheren<br />

Raum gibt es nicht”, jedoch versucht das<br />

Sunny High diesem möglichst nahe zu kommen.<br />

Hierfür werden verschiedene Maßnahmen getroffen.<br />

Eine dieser Maßnahmen ist der Verhaltenskodex.<br />

Besucher:innen werden direkt am Einlass<br />

über diesen aufgeklärt: Werte wie Konsens, ein<br />

respektvolles Miteinander und die Gleichbehandlung<br />

aller, bilden die Stützpfeiler. Um diese<br />

Regeln zu wahren, ist bei jedem Event ein geschultes<br />

Awareness-Team vor Ort. Dieses ist für die<br />

Sicherheit, Notfallintervention und Konfliktlösung<br />

zuständig. Die Gäste bekommen so konkrete<br />

Ansprechpartner:innen für ihre Anliegen zur Verfügung<br />

gestellt.<br />

Aufklären statt Vorschreiben<br />

Ein Trend, der sich in den letzten drei Jahren<br />

bemerkbar gemacht habe, sei, dass oftmals nur<br />

Wasser getrunken werde. Der Drogenkonsum,<br />

besonders im Bereich Techno, sei dabei in den<br />

Vordergrund gerückt.<br />

„Ein wichtiger Grundsatz der Sozialen Arbeit<br />

ist, dass jeder selbstbestimmt entscheidet”, sagt<br />

Pranjic. Aus diesem Grund werde das Konsumverhalten<br />

der Feiernden nicht kontrolliert. Stattdessen<br />

regt das Personal zum Wassertrinken und<br />

Nutzung der Ruheorte an. Hochprozentige Spirituosen<br />

schenkt das dortige Barpersonal nicht aus.<br />

In der Zukunft kann Pranjic sich auch sogenannte<br />

„take”-Stände auf den Veranstaltungen des Sunny<br />

High vorstellen. Dieses Stuttgarter Projekt dient<br />

der sachlichen Information und Aufklärung rund<br />

um das Thema Drogen. „Wir wollen Lücken im<br />

Stuttgarter Nachtleben füllen”, erklärt Pranjic, als<br />

er über seine Motivationen spricht. Dazu gehört<br />

auch ein weiterer wichtiger Grundgedanke des<br />

Sunny High: Die Veranstaltungen sind unkommerziell.<br />

Die meisten Events können auf Spendenbasis<br />

besucht werden. Ausnahmen bilden hier<br />

bestimmte Konzerte. Hier müsse eine Eintrittsgebühr<br />

verlangt werden, um die Gagen der auftretenden<br />

Künstler:innen zu finanzieren. Der Rest<br />

der anfallenden Kosten werde über Förderungen<br />

und die Einnahmen der Getränke gedeckt.<br />

Ein Raum für Subgenre<br />

Auch das Musikangebot des Sunny High weist<br />

einige Besonderheiten auf: Es beherbergt eine<br />

Vielzahl kleiner, im Nachtleben eher selten vertretenen,<br />

Stile und variiert je nach Veranstaltung.<br />

Von Drum and Bass bis zu Trance oder House sind<br />

sämtliche Musikrichtungen zu finden. Ein Anliegen<br />

ist dem Verein die Unterstützung und Förderung<br />

von Einzelpersonen und Kollektiven, die im<br />

heutigen Nachtleben wenig Sichtbarkeit erfahren.<br />

Damit wird klar, auch das Programm untersteht<br />

hier dem Grundsatz der Inklusion. Blickt man in<br />

die Zukunft des Nachtlebens, stellt sich die Frage,<br />

ob Konzepte, wie die des Sunny High, als eine<br />

Inspiration für eine zeitgemäße Clubkultur dienen<br />

können.<br />

Bild: pixabay


02/ 2024<br />

ZEITGEIST<br />

27<br />

Alles für die Tonne?<br />

Elf Millionen Tonnen genießbarer Lebensmittel werden jedes Jahr in Deutschland weggeworfen.<br />

Aber kann eine einzelne Person wirklich etwas dagegen tun? Der Verein Foodsharing zeigt, dass<br />

gemeinsames Engagement einen Unterschied machen kann.<br />

VON NINA JUPPE<br />

Es ist kurz vor halb acht abends in einem<br />

Supermarkt in Stuttgart. Während einzelne<br />

Kunden noch durch die Gänge<br />

hasten, um die letzten Dinge für ihren<br />

Einkauf zu besorgen, wartet bereits die<br />

Lebensmittelabholerin Kathrin Schweben vor der<br />

Türe des Ladens. Nachdem der Laden betreten<br />

und die Foodsaver-Ausweise vorgezeigt wurden,<br />

führt ein Mitarbeiter in einen kleinen<br />

Lagerraum im hinteren Teil des Supermarktes.<br />

Dort haben Mitarbeitende des Marktes schon<br />

alle Lebensmittel bereitgestellt, die mitgenommen<br />

werden können. Die Gründe, aus denen<br />

Lebensmittel aussortiert werden, sind vielfältig.<br />

Oft ist das Mindesthaltbarkeitsdatum bald<br />

erreicht oder überschritten. Andere Gründe sind<br />

beschädigte Verpackungen oder unschöne<br />

Stellen. Bei den Abholungen variieren die<br />

Mengen. Heute gibt es viel Salat, Kürbis, Wurst,<br />

saure Sahne, Joghurt und sehr viele Eierkartons.<br />

Die Lebensmittel werden fair aufgeteilt,<br />

Unbrauchbares wird aussortiert und Handschuhe<br />

werden getragen, um die Backwaren aufzuteilen.<br />

Kühltaschen, Beutel und Dosen werden verwendet,<br />

um die Lebensmittel zu verstauen.<br />

Pro Person sind es am Ende der Abholung etwa<br />

zwei große Einkaufstaschen und einen Rucksack<br />

voller Lebensmittel. Kathrin Schweben erzählt,<br />

dass sie heute schon eine Abholung bei einem Bäcker<br />

hatte. Sie verteilt die Lebensmittel in ihrem<br />

Haus an die Nachbar:innen. „Ich finde es schade.<br />

Andere Menschen haben wenig Nahrung, und<br />

hier werfen wir Dinge weg, die noch gut sind“, erklärt<br />

sie. Eine wichtige Rolle im Verein übernimmt<br />

auch Charlotte Hiller. Als Betriebsverantwortliche<br />

liegt ihre Aufgabe darin, die Kooperationspartner<br />

zu betreuen – Betriebe, die ihren Lebensmittelüberschuss<br />

von Foodsharing abholen<br />

lassen. Der Verein Foodsharing wurde 2012 gegründet.<br />

Charlotte Hiller ist durch ihre Nichte auf<br />

den Verein aufmerksam geworden. Zu ihren Intentionen<br />

sagt sie: „Ich mache es aus dem Grund,<br />

dass wir die Überproduktion von Lebensmitteln<br />

wahrscheinlich nicht stoppen können, aber wir<br />

können den Lebensmittelabfall sicherlich reduzieren.“<br />

Ihr geht es auch um die Wertschätzung:<br />

INFO<br />

Bild: Midjourney/weihaw, mit KI generiert<br />

„Es wurde Ressourceneinsatz betrieben, Menschen<br />

haben dafür gearbeitet. Die Lebensmittel<br />

sind möglicherweise weit gereist. Es wäre schade,<br />

wenn sie weggeworfen würden.“ Der Verein organisiert<br />

sich überwiegend digital. Nach Schulungen<br />

und Einführungsabholungen können sich die<br />

Mitglieder online organisieren und bei Kooperationspartnern<br />

eine Abholung durchführen.<br />

Übrige Lebensmittel können anschließend<br />

online über sogenannte Lebensmittelkörbe oder<br />

in lokalen „Fairteilern“ weitergegeben werden.<br />

Der Verein ist auch mit Infoständen in der Region<br />

Wer aktiv gegen Lebensmittelverschwendung vorgehen und sich als Foodsaver:in engagieren<br />

möchte, findet auf der Webseite des Vereins unter www.foodsharing.de alle nötigen Informationen.<br />

Zusätzlich zu den Angeboten des Vereins bieten die „Fairteiler“ in der Umgebung die<br />

Möglichkeit, geretteten Lebensmitteln eine zweite Chance zu geben. Informationen über den<br />

nächstgelegenen „Fairteiler“ sind auf www.foodsharing.de/karte verfügbar.<br />

vertreten. Dort erlebt Charlotte Hiller häufig, dass<br />

die Besucher:innen entsetzt darüber sind, wie viel<br />

weggeworfen wird. Veränderungen finden auch<br />

im Verein statt. Nicht nur die Mitgliederanzahl<br />

steigt, sondern auch die Menge an<br />

Lebensmitteln, die der Verein rettet. Sie erklärt:<br />

„Es gibt neue Herausforderungen, weil wir teilweise<br />

Großrettungen haben, die eine sehr große<br />

Rettungskapazität erfordern.“ Der Verein hat sich<br />

bundesweit etabliert, daher kommen nun neben<br />

bekannten Kooperationspartnern wie Supermärkten<br />

und Bäckereien auch Krankenhäuser und<br />

Großveranstaltungen auf den Verein zu. Charlotte<br />

Hiller hofft darauf, dass Deutschland ein Gesetz<br />

zur Verringerung der Lebensmittelverschwendung<br />

einführt, das dem in Frankreich ähnelt. In<br />

Deutschland wird das Durchwühlen von Müllcontainern<br />

von Großhändlern bestraft, während<br />

in Frankreich Supermärkte mit einer Geldstrafe<br />

von bis zu 0,1 Prozent ihres Umsatzes belangt werden,<br />

wenn sie unverkaufte Lebensmittel unbrauchbar<br />

machen.


28 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

Die<br />

Welle<br />

des<br />

Hypes<br />

Bild: Franziska Schäfer<br />

In der Ära der digitalen Ästhetik und des Abenteuers steht derzeit<br />

eine Aktivität im Mittelpunkt: das Surfen. Der Profisurfer Lance<br />

Krüger verrät im Interview, warum der Boom der Sportart Segen<br />

und Fluch zugleich ist.<br />

VON LARA WAGNER<br />

Das goldene Licht der Sonne reflektiert<br />

im glasklaren Wasser, die Luft<br />

schmeckt nach Salz. Seine Hände<br />

gleiten durch das Wasser, seine Augen<br />

fixieren den Horizont. Lance<br />

Krüger spürt den Adrenalinschub, als er sich der<br />

Welle nähert. Mit einer fließenden Bewegung<br />

wirft er sich auf sein Brett und fährt auf der steigenden<br />

Welle. Dabei wird er eins mit der Naturgewalt<br />

unter ihm. „Das Surfen gibt einem extrem<br />

viel. Man ist im Moment, es ist einfach ein Gefühl<br />

von Freude“, erklärt der 23-Jährige.<br />

Mit einem strahlenden Lächeln erzählt Krüger<br />

von seinen Anfängen im Surfen, der Extremsportart,<br />

die er vor 18 Jahren für sich entdeckt hat.<br />

„Mein Papa hat mich und meinen Bruder schon<br />

früh in die Wellen geschoben“, erinnert er sich.<br />

Geboren und aufgewachsen auf der norddeutschen<br />

Insel Sylt, ist seine Verbindung zum<br />

Wasser von Kindheit an stark geprägt. Sein Vater,<br />

selbst ein passionierter Surfer, führt ihn früh in<br />

die Welt des Wellenreitens ein.<br />

Nachdem er seinen Bachelor in BWL mit<br />

Schwerpunkt Sportmanagement abgeschlossen<br />

hat, entscheidet sich der Sylter, seinem Herzen zu<br />

folgen. Er arbeitet nun in einem Surfcamp in<br />

Portugal. Seine Surfreisen haben ihn nicht nur<br />

durch Europa, sondern bereits nach Sri Lanka,<br />

Südafrika und Kalifornien geführt. Während eines<br />

Auslandssemesters in San Diego trainiert er im<br />

amerikanischen Surfteam. „Durch das Coaching<br />

und die Videoanalysen habe ich damals viel<br />

gelernt“, erinnert sich der braun gebrannte Sportler.<br />

Die gewonnene Erfahrung bringt ihn bis zu<br />

den deutschen Meisterschaften in Frankreich in<br />

Hossegor. Das Highlight seiner Karriere.<br />

Neben den persönlichen Erfahrungen ist<br />

Krüger Zeuge des wachsenden Interesses seines<br />

Sports. „Ein Grund dafür ist definitiv die Kommerzialisierung<br />

des Surfens“, erklärt er. Schon<br />

früh sorgte die Verbreitung von Filmen und Fotos<br />

für viele neue Anhänger:innen. Der Wellenreiter<br />

konnte in den letzten Jahren beobachten, dass<br />

tausende Marken den Surf-Lifestyle verkaufen.<br />

Soziale Medien, Serien, Musik und Werbungen<br />

sind bis heute Treiber des Booms.<br />

Auch in der Entwicklung der Surfschulen und<br />

Camps sieht der Profi einen rasanten Anstieg.<br />

„Das liegt einfach daran, dass Surfen mittlerweile<br />

eine Hype-Sportart ist und viele diesen Lifestyle<br />

leben möchten“, sagt er.<br />

Wenn Krüger über die Gefahren des Sports<br />

spricht, schließt er die Welle des Hypes als Auslöser<br />

für diese mit ein. Mit dem Boom kommen<br />

auch Herausforderungen – überfüllte Strände,<br />

unerfahrene Surfer und der ständige Druck, sich<br />

zu behaupten. „Ich wurde selber schon zweimal<br />

beim Surfen überfahren. Zum Glück hatte ich nur<br />

zwei Schnittwunden, aber das kann natürlich<br />

auch schlimmer ausgehen“, warnt der Experte.<br />

Auch konnte er beobachten, dass Einheimische,<br />

übergriffig werden. Besonders, wenn sich<br />

Tourist:innen im Wasser nicht regelkonform<br />

verhalten. „Da kann man schon mal schnell ange-<br />

schrien werden“, versichert der Surfer. Laut ihm<br />

sollte man Verständnis zeigen und den Platz<br />

verlassen.<br />

Ein Tipp, den der Norddeutsche Anfänger:innen<br />

auf den Weg gibt ist, sich beim Betreten des<br />

Wassers immer vorsichtig heranzutasten. Er vergleicht<br />

das Surfen gerne mit dem Besuch einer<br />

Party: „Man geht auch nicht auf eine Party von<br />

einer fremden Person und schnappt sich direkt<br />

ein Bier aus dem Kühlschrank. Genau so ist das<br />

auf dem Wasser auch. Ist man rücksichtsvoll, bekommt<br />

man meist eine Welle, die übrig bleibt.“<br />

Surfinteressierten empfiehlt Krüger zu Beginn eine<br />

Surfschule zu besuchen. Dort werden einem<br />

die Basics und Verhaltensregeln beigebracht.<br />

Der Sylter sieht auch positive Seiten im<br />

Aufschwung. Er erlebt aktuell hautnah, wie der<br />

Surftourismus Menschen eine Lebensgrundlage<br />

bietet. Surfschulen, Hostels oder Surfcoaches sind<br />

von der Szene abhängig und froh über das steigende<br />

Interesse. Krüger freut sich darüber, seine Leidenschaft<br />

im Camp mit anderen teilen zu können.<br />

Lance Krüger ist sich bewusst, wie der Zeitgeist<br />

den Sport beeinflusst. Trotz aller Schwierigkeiten<br />

bleibt der junge Sportler optimistisch und sieht in<br />

der wachsenden Beliebtheit auch Chancen für die<br />

Zukunft. „Surfen ist mehr als nur ein Sport, es ist<br />

ein Lifestyle“, betont er mit einem Schmunzeln,<br />

„und ich hoffe, dass immer mehr Menschen die<br />

Möglichkeit haben, die Freiheit und die Schönheit<br />

des Surfens zu erleben.“


02/ 2024 ZEITGEIST<br />

29<br />

E-Sport als Wohlfühlort<br />

Patrick Engelmann spielt seit 13 Jahren täglich League of Legends.<br />

Inzwischen ist er so gut darin, dass er als professioneller<br />

E-Sportler gut davon leben kann. Doch für ihn geht es beim Spiel<br />

um mehr als Geld.<br />

VON LENA RIXINGER<br />

HHeute wirkt der 26-Jährige offen,<br />

selbstbewusst und vor allem eins:<br />

glücklich. Denn er hat geschafft,<br />

wovon viele träumen. Unter dem<br />

Spielernamen „Obsess“ streamt Patrick<br />

Engelmann täglich für seine mehr als 24.000<br />

Twitch-Follower:innen. Daneben hostet er verschiedene<br />

E-Sport-Events. Einige reisen von weit<br />

her an, um ihn zu sehen. Doch so selbstsicher wie<br />

heute war er nicht immer.<br />

Im Jahr 2017 spielt er erstmals professionell<br />

für das League-of-Legends-Team des spanischen<br />

E-Sport-Clubs „Movistar Riders“. In der „realen<br />

Welt“ ist der damals 19-Jährige introvertiert, hat<br />

Probleme mit Augenkontakt und tut sich schwer<br />

mit Gesprächsthemen. Grund dafür ist seine Leidenschaft<br />

für den E-Sport, die damals wenige in<br />

seinem Umfeld teilen. Als er zu seinem Team nach<br />

Berlin zieht, ändert sich das schlagartig. Er denkt<br />

sich: „Geil, du lebst hier mit sechs Leuten zusammen,<br />

die dasselbe machen wie du. Du musst dich<br />

hier nicht verstellen.“<br />

Doch der Alltag in Berlin besteht nicht nur aus<br />

Spaß, sondern ist streng getaktet. Pro Tag werden<br />

sechs Trainingsblöcke absolviert, zuzüglich Office-Zeit,<br />

Team-Meetings und One-on-One-Gesprächen.<br />

Freizeit hat das Team erst nach 20 Uhr, aber<br />

die meisten Mitglieder spielen bis in die Nacht hinein.<br />

„Es sind acht Stunden auf dem Papier, aber<br />

in der Realität sind es um einiges mehr“, sagt „Obsess“<br />

rückblickend.<br />

Das harte Training lohnt sich. Er reist zu verschiedenen<br />

Turnierstandorten, teilweise ins Ausland.<br />

In England spielt er erstmals vor 400 Zuschauer:innen.<br />

Trotz Noise-Cancelling-Kopfhörern<br />

erinnert er sich gut an den Jubel und die<br />

Emotionen der Fans. An Standorten, die coronabedingt<br />

keine Fans vor Ort zuließen, warten diese<br />

vor dem Studio auf ihre Helden. „Das sind Leute,<br />

die alle die gleiche Passion haben“, sagt der<br />

E-Sportler und ergänzt: „Ob es jetzt auf dem Event<br />

selbst ist oder daheim vor dem Monitor – es gibt<br />

ganz vielen Leuten einfach so einen Wohlfühlort.”<br />

Heute spielt Engelmann nicht mehr im Team.<br />

Stattdessen streamt er – bis zu zwölf Stunden täglich.<br />

Das Streamer-Dasein ist gegenüber dem<br />

Teamtraining deutlich entspannter, meint er. Es<br />

gebe weniger Drucksituationen und er kann sich<br />

seinen Alltag selbst gestalten. Außerdem kann er<br />

über die Chat-Funktion direkt mit seinen Fans interagieren.<br />

„Oftmals sagen Menschen bei mir im<br />

Stream, wie dankbar sie für meine Streams oder<br />

für das Spiel generell sind, weil es ihnen auch in<br />

schlechteren Zeiten die nötige Ablenkung bietet.”<br />

Während sein ungewöhnlicher Job bei der<br />

jüngeren Generation überwiegend gut ankommt,<br />

muss er sich vor Älteren oft erklären – oder eine<br />

Notlüge erfinden. „Wenn mich eine Person auf<br />

der Straße fragt, oder mich jemand fragt, den ich<br />

nicht so gut kenne, dann mache ich einen ganz<br />

normalen, langweiligen Office-Job“, lacht er. Nur<br />

Bild: Privat<br />

der engere Familienkreis ist eingeweiht. Und auch<br />

die Eltern des Streamers waren anfangs nicht begeistert<br />

von dem Berufswunsch ihres Sohnes.<br />

Doch mit dem Erfolg seines Kanals steigt auch deren<br />

Akzeptanz für seine Branche. Inzwischen<br />

schaut seine Mutter jede Übertragung seiner Spiele.<br />

„Meine Mama hat keine Ahnung von dem<br />

Spiel, aber sie ist sehr enthusiastisch. Also sie versucht<br />

es sehr“, meint er schmunzelnd.<br />

Auf seine Zukunftspläne angesprochen meint<br />

„Obsess“, dass er ein Studium nicht ausschließe.<br />

Doch im Moment macht er sich keine Gedanken<br />

darüber. Auf die Frage, ob er vom Streaming gut<br />

leben könne, antwortet er lächelnd: „Ich bin sehr<br />

glücklich.“<br />

League of Legends ist ein teambasiertes Strategiespiel,<br />

bei dem zwei Teams mit je fünf<br />

Spielern gegeneinander antreten. Jeder<br />

Spieler wählt einen Champion aus einem<br />

Pool von über 140 Charakteren mit unterschiedlichen<br />

Fähigkeiten. Ziel des Spiels ist<br />

es, die gegnerische Basis zu zerstören, indem<br />

die Champions Verteidigungen durchbrechen,<br />

Türme zerschlagen und letztendlich<br />

den „Nexus”, das Herzstück der Basis,<br />

erobern.<br />

Weltweit ist League of Legends das beliebteste<br />

Spiel unter E-Sport-Anhängern und<br />

eins der meistgeschauten Spiele auf Twitch.<br />

Bild: obs/Gillette Deutschland/Stephanie Wunderlich<br />

Twitch ist ein Live-Streaming-Videoportal.<br />

Vorrangig wird es zur Übertragung von Videospielen<br />

und zur Interaktion mit Zuschauer:innen<br />

im Chat genutzt.


30 ZEITGEIST<br />

mediakompakt<br />

Neues aus dem All<br />

Zum Mond, zum Mars und darüber<br />

hinaus? Die Zukunft der<br />

Raumfahrt ist in den Sternen –<br />

und sie beginnt jetzt. Mediakompakt<br />

gibt einen Einblick in<br />

aktuelle Missionen, neue Technologien<br />

und den Fortschritt<br />

im Weltraum.<br />

VON CHIARA HERMANNS<br />

Bild: pixabay<br />

Die Menschheit war schon immer fasziniert<br />

von den unendlichen Weiten<br />

des Weltraums. Der erste Mensch im<br />

All im Jahr 1961 und die legendäre<br />

Mondlandung 1969 sind dabei Meilensteine,<br />

von denen die ganze Welt gehört hat.<br />

Doch was passiert eigentlich gerade in der Raumfahrtindustrie?<br />

Mario Butscher, ein 24-jähriger<br />

Student aus der Luft- und Raumfahrttechnik, hat<br />

Antworten.<br />

Aktuelle Missionen – Was passiert gerade im All?<br />

Eine große Mission, an der gerade gearbeitet wird,<br />

ist der sogenannte „Lunar Gateway“. Dabei handelt<br />

es sich um ein großes Projekt der Nasa (National<br />

Aeronautics and Space Administration). Das<br />

„Lunar Gateway“ wird eine Raumstation, die in<br />

einer Umlaufbahn um den Mond positioniert<br />

werden soll. Somit wird ein permanenter, bemannter<br />

Posten um den Mond geschaffen. Das ist<br />

vor allem spannend in Hinsicht auf Langzeit-<br />

Weltraummissionen: „Das Gateway könnte unter<br />

anderem als Haltestelle dienen, um vor Langzeitmissionen,<br />

beispielsweise zum Mars, einen Zwischenstopp<br />

für die Astronaut:innen einzubauen.<br />

Diese Art von Sicherheit gab es früher nicht – die<br />

Astronauten der Apollo 11 Mission waren damals<br />

auf das Szenario vorbereitet, nicht mehr zurück<br />

zur Erde kommen zu können“, wie der Student<br />

der Universität Stuttgart erzählt.<br />

Auch in Europa steht die Industrie alles andere<br />

als still. Das europäische Pendant zur Nasa, die<br />

Esa, hat momentan die „BepiColombo”-Mission<br />

im Fokus. Bei dieser Kooperation mit Jaxa, also der<br />

japanischen Weltraumbehörde, handelt es sich<br />

um eine Raumsonde, die seit 2018 unterwegs ist,<br />

um den Planeten Merkur zu erkunden. Planmäßig<br />

soll die Sonde im Dezember 2025 ankommen.<br />

Ein weiteres laufendes Projekt ist die Mission<br />

„dearMoon“ des privaten Raumfahrtunternehmens<br />

SpaceX. „dearMoon“ ist ein touristischer<br />

Raumflug, bei dem Künstler:innen auf Kosten des<br />

japanischen Milliardärs Yusaku Maezawa sechs<br />

Tage im All verbringen. Sie sollen, wie der Name<br />

vermuten lässt, am Mond vorbeifliegen, bevor sie<br />

zur Erde zurückkommen. Die Künstler:innen und<br />

Maezawa selbst sollen von dem Flug für ihre<br />

Kunst inspiriert werden. Damit ist diese Reise ins<br />

All die erste ihrer Art.<br />

Butscher weiß: „Generell hat sich die Industrie<br />

in den vergangenen Jahren verändert. Nicht nur<br />

das künstlerische Interesse ist größer geworden,<br />

sondern das Interesse an der Raumfahrt steigt allgemein.<br />

Die sinkenden Kosten eines Raketenstarts<br />

sorgen gerade dafür, dass die Raumfahrt auch zugänglicher<br />

für touristische Flüge wird. Firmen wie<br />

Blue Origin und Virgin Galactic bieten diese jetzt<br />

schon an, für zwischen 250.000 bis 500.000 US-<br />

Dollar pro Sitz für suborbitale Flüge.” Des Weiteren<br />

erklärt der Stuttgarter: „Dazu kommt, dass private<br />

Unternehmen eine stetig größer werdende<br />

Rolle in der Weltraumerkundung übernehmen.<br />

Früher waren diese nur Teil der Herstellung von<br />

Teilen für die Raumfahrt, heute sind sie an der gesamten<br />

Entwicklung beteiligt und schießen selbst<br />

Raketen ins All.“<br />

Es gibt zusätzlich zahlreiche private Firmen,<br />

die an Ressourcen aus dem All, beispielsweise von<br />

Asteroiden, interessiert sind. Der fachliche Begriff<br />

dafür ist „Space Resource Utilization”. So sollen<br />

Ressourcen von Himmelskörpern gesammelt und<br />

verwendet werden, die im Gegenzug nicht der Erde<br />

entnommen werden müssen. Das hat den großen<br />

Vorteil, dass diese Materialien für (Erkundungs-)Missionen<br />

nicht von der Erde ins All geschickt<br />

werden müssen – sondern dort direkt verwendet<br />

werden können. Wasser zum Beispiel auf<br />

eine Weltraummission mitzuschicken sei unglaublich<br />

teuer und könne durch die Ressourcenentnahme<br />

im All vermieden werden, wie Butscher<br />

erklärt. Der Bachelorand verrät weiter: „In der<br />

Raumfahrtindustrie zeichnen sich dieselben<br />

Trends ab, wie in der generellen Ökonomie. Entrepreneurship<br />

und die Tendenz zur Nachhaltigkeit.<br />

Man erkennt den Generationenwechsel daran,<br />

dass der Fokus der Industrie auf anderen Werten<br />

liegt.“<br />

Nachhaltigkeit – inwiefern kann die Raumfahrtindustrie<br />

dazu beitragen?<br />

Es gibt viele Technologien, die durch und für die<br />

Raumfahrt (weiter-)entwickelt wurden. Darunter<br />

einige, von denen man es kaum erwarten würde:<br />

Mikrowellen, Wärmedecken, Feuermelder, Prothesen<br />

und Klettverschlüsse. Eine dieser Entwick-


02/ 2024<br />

ZEITGEIST<br />

31<br />

lungen ist auch das „Carbon Capturing“. Butscher<br />

erklärt die Technik dahinter: „Carbon Capturing<br />

ist ein Prozess, bei dem Kohlenstoffverbindungen,<br />

meist CO 2<br />

, einem weiteren Nutzungszyklus<br />

zugeführt werden. Dabei wird das O 2<br />

aus dem CO 2<br />

entnommen, was auf Raumfahrtmissionen CO-<br />

Vergiftungen verhindert. Dieser Prozess ist sehr<br />

langsam, kann aber trotzdem dabei helfen, das<br />

überschüssige CO 2<br />

auf der Erde aus der Luft zu bekommen.“<br />

Das Problem dabei sei, dass der Klimawandel<br />

zu schnell vorangehe, als dass dies als alleinige<br />

Lösung dafür fungieren könne. „Dennoch<br />

arbeiten Raumfahrtingenieure an weiteren Ansätzen,<br />

um die Erhitzung der Erde auszubalancieren.”<br />

Ein weiteres Projekt, an dem laut Butscher gerade<br />

von verschiedenen Gruppen gearbeitet wird,<br />

ist das planetare Sonnenschild. Dieses Konzept,<br />

das auf einem Schwarm aus Sonnenschirmen mit<br />

einer Gesamtfläche von einer Million Quadratkilometern<br />

im Weltraum basiert, würde der<br />

Menschheit Zeit geben, um den CO 2<br />

-Haushalt zu<br />

balancieren. Durch die Sonnenschilder im All<br />

könnte die Strahlung, welche die Erde trifft, verringert<br />

werden, um den weiteren Temperaturanstieg<br />

zu bremsen. Mario Butscher selbst arbeitet<br />

im Rahmen seiner Bachelorarbeit an einem solchen<br />

Sonnenschild-Konzept. Die Arbeit daran, als<br />

einer mehrerer Faktoren, hat ihm viele Einsichten<br />

in das Thema Nachhaltigkeit gegeben.<br />

„Wir Menschen auf der Erde sollten uns generell<br />

mehr von der Raumfahrtindustrie abschauen.<br />

Nicht nur die Technologien, auch die Zusammenarbeit<br />

und das ressourcenschonende Leben im All,<br />

was für Astronaut:innen überlebenswichtig ist. In<br />

der Raumfahrt arbeiten Menschen aus verschiedenen<br />

Nationen zusammen, weil der Weltraum keiner<br />

Nation gehört, sondern der Menschheit. Davon<br />

können wir viel lernen.”<br />

Butscher selbst möchte nach dem Studium<br />

kein Astronaut werden, sondern Ingenieur bleiben.<br />

„Ich will ein Teil der Entwicklungen im Weltraum<br />

sein und Dinge bauen, die dazu beitragen”,<br />

antwortet er auf die Frage nach seiner eigenen Zukunft.<br />

Zu guter letzt – leben alle Menschen irgendwann auf<br />

anderen Himmelskörpern?<br />

Voraussichtlich nicht, wenn man Butscher<br />

glaubt. Dafür seien die Transportkosten zu hoch<br />

und die Ressourcen zu knapp. Die gesamte<br />

Menschheit umzusiedeln wäre also ein zu schweres<br />

Vorhaben, zumindest in den nächsten Jahrzehnten.<br />

Einen kleinen Lichtblick gibt er aber<br />

trotzdem:<br />

„Ich glaube daran, dass in 100 Jahren die Menschen<br />

auf der Erde zum Mond aufschauen und<br />

Lichter sehen werden. Vielleicht kein Licht von<br />

einer riesigen Stadt, aber von einer kleinen Kolonie<br />

mit 10 bis 20 Menschen. Und vielen Robotern!”<br />

I M P R E S S U M<br />

mediakompakt<br />

Zeitung des Studiengangs Mediapublishing<br />

Hochschule der Medien Stuttgart<br />

HERAUSGEBER<br />

Professor Christof Seeger<br />

Hochschule der Medien<br />

Nobelstraße 10, 70569 Stuttgart<br />

REDAKTION<br />

Bianca Menzel, Corinna Pehar (v.i.S.d.P.)<br />

menzelb@hdm-stuttgart.de, pehar@hdm-stuttgart.de<br />

Nicole Fröhlich (CvD) froehlich@hdm-stuttgart.de<br />

TITELSEITE<br />

Constancia Oertel, Chau Pham, Stephanie Popow, Nina<br />

Juppe, Milena Starcenko, Thomas Müller, Sarah Gökeler<br />

PRODUKTION<br />

Alle<br />

ANZEIGENVERKAUF<br />

Désirée Vogt, Chiara Hermanns, Lara Wagner,<br />

Theresa Neher, Jennifer Hohn<br />

BLATTKRITIK<br />

Paulina Bronner, Annika Losch, Lena Rixinger,<br />

Sarah Karkutsch, Michelle Voigt<br />

MEDIA NIGHT<br />

Andre Malkoc, Elelta Fessehaie, Nadine Deting,<br />

Dayna Tscharnke, Selina Tipold<br />

LEKTORAT<br />

Jasmin Lieb, Lisa-Marie Marx, Sean Honoré, Lisa Grum,<br />

Theresa Heugel<br />

DRUCK<br />

Z-Druck Zentrale Zeitungsgesellschaft GmbH & Co. KG<br />

Böblinger Straße 70, 71065 Sindelfingen<br />

ERSCHEINUNGSWEISE<br />

Einmal im Semester zur MediaNight<br />

Copyright<br />

Stuttgart 2024<br />

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