Clemens Schneider: Die Wüste das Meer und die Verwandlung Zions (Leseprobe)
Die biblischen Erzählungen über Saul sind gekennzeichnet von einem Wechselbad der Gefühle: Eben noch der bejubelte neu erwählte König – und wenige Tage später urteilt Samuel, der „große alte Prophet“, hart und unerbittlich über den von ihm gesalbten Herrscher. Saul wird der verworfene König, der letztlich dem jungen, strahlenden David weichen muss. Diese kenntnisreiche Einführung in die alttestamentliche Überlieferung zeichnet eine tragische und facettenreiche Gestalt der Bibel lebendig nach und liefert dem interessierten Laien wichtige Fakten und Hintergründe für das Verständnis alttestamentlicher Schriften.
Die biblischen Erzählungen über Saul sind gekennzeichnet von einem Wechselbad der Gefühle: Eben noch der bejubelte neu erwählte König – und wenige Tage später urteilt Samuel, der „große alte Prophet“, hart und unerbittlich über den von ihm gesalbten Herrscher.
Saul wird der verworfene König, der letztlich dem jungen, strahlenden David weichen muss.
Diese kenntnisreiche Einführung in die alttestamentliche Überlieferung zeichnet eine tragische und facettenreiche Gestalt der Bibel lebendig nach und liefert dem interessierten Laien wichtige Fakten und Hintergründe für das Verständnis alttestamentlicher Schriften.
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<strong>Clemens</strong> <strong>Schneider</strong><br />
<strong>Die</strong> Wüste, <strong>das</strong> <strong>Meer</strong> <strong>und</strong><br />
<strong>die</strong> <strong>Verwandlung</strong> <strong>Zions</strong><br />
Eine kritische Kontextualisierung<br />
des neuen Exodus in Jesaja 40–52<br />
Arbeiten zur Bibel <strong>und</strong> ihrer Geschichte
Vorwort<br />
<strong>Die</strong>ses Buch ist eine leicht überarbeitete <strong>und</strong> gekürzte Fassung der gleichnamigen<br />
Dissertation, <strong>die</strong> ich am 24. Januar 2022 an der Theologischen Fakultät der<br />
Universität Leipzig verteidigt habe. Das Projekt hat mich insgesamt sechs Jahre<br />
lang begleitet, <strong>die</strong> ich am Lehrstuhl für Theologie <strong>und</strong> Exegese des Alten Testaments<br />
bei Prof. Dr. Dr. Andreas Schüle lehren <strong>und</strong> forschen durfte. Es erwies<br />
sich für mich als ein Glücksfall, <strong>das</strong>s <strong>die</strong> Jesajaforschung in den letzten Jahren<br />
eine dynamische Entwicklunggenommen hat, unter der einige über lange Zeiten<br />
selbstverständliche Prämissen ins Wanken gerieten. Im Rahmen der exegetischen<br />
Suchbewegungen jüngerer Zeit hoffe ich, einen konstruktiven Beitrag<br />
hinsichtlich der Genese biblischer Texte <strong>und</strong> ihrer jeweiligen Wechselwirkungen<br />
zu leisten. Für mich persönlich war es ein Gewinn, <strong>die</strong> deuterojesajanischePoesie<br />
der Hoffnung erforschen zu dürfen, <strong>die</strong> so viel mehr ist als lediglich ein Aufruf zur<br />
Flucht ins gelobte Land. Ich habe vielen Menschen zu danken, ohne <strong>die</strong> ich <strong>die</strong>ses<br />
Projekt weder hätte beginnen noch abschließen können.<br />
An erster Stelle habe ich meinem Doktorvater Prof. Dr. Dr. Andreas Schüle<br />
zu danken – für seinen Vertrauensvorschuss, für den Freiraum für meine Forschung,<br />
für seine Offenheit für meine kritischen Anfragen sowie nicht zuletzt für<br />
ein äußerst anregendes <strong>und</strong> angenehmes Promovierendenkolloquium inseinen<br />
eigenen vier Wänden. Weiterhin dankeich Prof. Dr. Ulrich Berges für <strong>die</strong> überaus<br />
fre<strong>und</strong>licheÜbernahme des Zweitgutachtens. Frau Dr. Annette Weidhas von der<br />
Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig dankeich für <strong>die</strong> Aufnahme des Buches in<br />
<strong>die</strong> ReiheArbeiten zur Bibel <strong>und</strong>ihrer Geschichte. Für finanzielle Unterstützung<br />
bedanke ich mich herzlich bei der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche<br />
Deutschlands sowie der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.<br />
Ein großer Dank gebührt vielen Menschen, mit denen ich während meiner<br />
Promotionszeit arbeiten <strong>und</strong> mich fachlich austauschen konnte. In <strong>die</strong>sem Kreis<br />
danke ich besonders Anja Marschall, <strong>die</strong> große Textmengen gegengelesen <strong>und</strong><br />
darüber hinaus für viele Fragen ein offenes Ohr hatte. Harald Samuel <strong>und</strong><br />
Matthias Rabe dankeich herzlich für ihre beratende Expertise in philologischen<br />
Fragen. Für kollegiales Korrekturlesen auf der Zielgeraden meiner Promotionszeit<br />
bedanke ich mich herzlich bei Laura Gonnermann, Markus Haaks, Felix<br />
Hagemeyer, Anne Herzig, Hanna Kuchenbuch, Johannes Seidel, Anne Senkel,<br />
Christoph Schröder, Christoph Tödter <strong>und</strong> Anna Tunger.
6 Vorwort<br />
Nicht zuletzt danke ich meiner Frau Tabea <strong>Schneider</strong>, <strong>die</strong> mich nicht nur bei<br />
Korrekturen<strong>und</strong> Formatierungen unterstützthat, sondern darüber hinaus mir in<br />
den schwierigen Zeiten der Corona-Pandemie den Rücken freigehalten <strong>und</strong> immer<br />
an mich geglaubt hat.<br />
Pesterwitz (Freital), März 2024
Inhalt<br />
A. Einleitung: <strong>Die</strong> Frage nach einem »neuen Exodus« in Jes 40–52 als<br />
Kontextualisierungsproblem ............................... 13<br />
B. Forschungsgeschichtlicher Überblick ........................ 17<br />
C. <strong>Die</strong> Frage nach einem neuen Exodus als traditions- <strong>und</strong><br />
literaturgeschichtliches Problemfeld ......................... 29<br />
1. Der Zusammenhang zwischen dem Auszug aus Ägypten <strong>und</strong><br />
der Landgabe im Hexateuch <strong>und</strong> Enneateuch ............... 31<br />
2. <strong>Die</strong> Erzeltern, der Exodus <strong>und</strong> ein Aramäer kurz vor dem<br />
Untergang: Verschiedene Traditionen über <strong>die</strong> Ursprünge<br />
Israels ............................................ 33<br />
3. Das »Exodus-Credo« als traditionsgeschichtliches Problemfeld .. 42<br />
3.1. Historische Anknüpfungspunkte I – Konstellationen <strong>und</strong><br />
Ereignisse im Übergang von der Spätbronzezeit zur<br />
Eisenzeit? ...................................... 44<br />
3.2. Historische Anknüpfungspunkte II – Das Exodus-Credo als<br />
Parole des Jerobeamaufstands bzw. Staatsideologie des<br />
Nordreichs? ..................................... 55<br />
3.3. Historische Anknüpfungspunkte III – Nachstaatliche<br />
Reflexionen über <strong>die</strong> Erfahrungen Israels <strong>und</strong> Ju<strong>das</strong> mit<br />
Unterdrückung <strong>und</strong> Fremdherrschaft ................. 63<br />
4. Literaturgeschichtliche Einordnung der ältesten<br />
rekonstruierbaren Exoduserzählung ...................... 67<br />
5. Literargeschichtliche Einordnungen einzelner Motive der<br />
Exodus-Landnahmeerzählung ........................... 74<br />
5.1. Das <strong>Meer</strong>w<strong>und</strong>er in Exodus 14 f. ..................... 78<br />
5.2. <strong>Die</strong> Wasserw<strong>und</strong>er Exodus 17,1–7 ;Numeri 20,1–13 ..... 89<br />
6. Zusammenfassung: Der Exodus als nachstaatliche<br />
Geschichtsinterpretation .............................. 95<br />
D. Deuterojesaja <strong>und</strong> Priesterschrift: Nachbarn oder ferne Verwandte? 99<br />
1. <strong>Die</strong> Problematik einer diachronen <strong>und</strong> lokalen Einordnung der<br />
Priesterschrift ...................................... 100<br />
2. Deuterojesaja <strong>und</strong> Priesterschrift: Eine inhaltlich-theologische<br />
Verhältnisbestimmung ................................ 107<br />
E. <strong>Die</strong> Probleme einer diachronen <strong>und</strong> lokalen Einordnung von<br />
Jesaja 40–52 ........................................... 123<br />
1. Literargeschichtliche Vorbemerkungen zu Jesaja 40–52 ....... 123
8 Inhalt<br />
2. Fragen hinsichtlich der Verfasserschaft <strong>und</strong> Lokalisierung von<br />
Jesaja 40–52 ....................................... 130<br />
F. Exegetische Untersuchungen möglicher Exodustexte in Jesaja 40–52 139<br />
1. Der Prolog Jesaja 40,1–11 ............................. 141<br />
1.1. <strong>Die</strong> Eröffnungsrede über den Trost für <strong>die</strong> bestrafte Frau<br />
Jerusalem (Jesaja 40,1 f.) ........................... 145<br />
1.2. Ankündigung einer Transformation der Wüste<br />
(Jesaja 40,3–5) .................................. 150<br />
1.3. Ankündigung der nahenden Königsherrschaft JHWHs<br />
(Jesaja 40,9–11) ................................. 162<br />
1.4. Zusammenfassung: Der Wegdes königlichen Gottes in<strong>die</strong><br />
Wüste seines Volkes in Jesaja 40,1–11 ................ 171<br />
2. Der Epilog Jesaja 52,7–10 ............................. 172<br />
2.1. Verkündigung vom Einzug des königlichen Gottes<br />
(Jesaja 52,7 f.) ................................... 176<br />
2.2. Der Jubel der Trümmerstätten (Jesaja 52,9 f.) ........... 181<br />
2.3. Zusammenfassung: <strong>Die</strong> Rückkehr des königlichen Gottes in<br />
<strong>die</strong> Wüste <strong>Zions</strong> in Jesaja 52,7–10 ................... 190<br />
3. Jesaja 43,1–7 ....................................... 194<br />
3.1. Der Schutz JHWHs für Jakob-Israel (Jesaja 43,1 f.) ....... 200<br />
3.2. <strong>Die</strong> Auslösung Jakob-Israels aus den Völkern (Jesaja 43,3 f.) 214<br />
3.3. <strong>Die</strong> Sammlung der Nachkommen Jakob-Israels aus der<br />
weltweiten Diaspora (Jesaja 43,5–7) .................. 222<br />
3.4. Zusammenfassung: <strong>Die</strong> verschiedenen Facetten der<br />
Auslösung Jakob-Israels in Jesaja 43,1–7 .............. 226<br />
4. Jesaja 43,14–21 ..................................... 228<br />
4.1. JHWHs Strafhandeln gegen Babylon (Jesaja 43,14 f.) ...... 234<br />
4.2. Der Wegim<strong>Meer</strong> (Jesaja 43,16 f.) .................... 236<br />
4.3. <strong>Die</strong> Fokussierung auf <strong>das</strong> Neue (Jesaja 43,18–19a) ....... 241<br />
4.4. Das Neue als radikale Transformation der Wüste<br />
(Jesaja 43,19b–21) ............................... 249<br />
4.5. Zusammenfassung: Das Neue als Vernichtung der Feinde<br />
Jakob-Israels <strong>und</strong> als Transformation der Wüste <strong>Zions</strong> in<br />
Jesaja 43,14–21 ................................. 267<br />
5. Jesaja 48,20 f. ....................................... 270<br />
5.1. Der Aufruf zur Flucht aus Babylon (Jesaja 48,20) ........ 276<br />
5.2. Das Wasser aus dem Felsen (Jesaja 48,21) ............. 282<br />
5.2.1 Jesaja 48,21 als Hinweis auf <strong>die</strong><br />
Wüstenwanderungen imPentateuch <strong>und</strong> den<br />
Geschichtspsalmen? ......................... 286<br />
5.2.2. Jesaja 48,21 als Hinweis auf eine Transformation<br />
<strong>Zions</strong>? .................................... 297
Inhalt 9<br />
5.3. Zusammenfassung: Das Wasser aus dem Felsen in<br />
Jesaja 48,21 – Neuer Exodus vs. »Gründung <strong>Zions</strong> 2.0« ... 305<br />
6. Jesaja 49,8–12(13) ................................... 308<br />
6.1. <strong>Die</strong> Identität des Gottesknechts in Jesaja 49,1–6 <strong>und</strong> sein<br />
Verhältnis zur Stadt-Frau Zion-Jerusalem in Jesaja 49–54 .. 312<br />
6.2. Der Auftrag des Gottesknechts in Jesaja 49,8–12 als<br />
Verkündigung eines neuen Exodus? .................. 327<br />
6.2.1. Der Knecht als B<strong>und</strong> des Volkes, <strong>die</strong> Verteilung des<br />
verwüsteten Erblandes <strong>und</strong> der Aufruf zum<br />
Gefangenenauszug (Jesaja 49,8–9a) ............. 329<br />
6.2.2. <strong>Die</strong> Führung JHWHs <strong>und</strong> der Wegdes Volkes<br />
(Jesaja 49,9b–12) ........................... 336<br />
6.3. Zusammenfassung: Befreiung aus fremder Herrschaft <strong>und</strong><br />
Rückkehr aus der Diaspora in Jesaja 49,8–12(13) – ein<br />
neuer Exodus? .................................. 355<br />
7. Jesaja 51,9–11 ...................................... 358<br />
7.1. Jesaja 51,9–11 <strong>und</strong> <strong>das</strong> <strong>Meer</strong>lied Exodus 15,1–19 ....... 364<br />
7.2. Jesaja 51,9–11 im literarischen Profil <strong>und</strong> im Kontext des<br />
Imperativgedichts Jes 51,9–52,2* .................... 372<br />
7.3. Der schlafende Arm JHWHs <strong>und</strong> der Chaoskampf<br />
(Jesaja 51,9–10a) ................................ 377<br />
7.3.1. Der Weckruf an den Arm in seinem literarischen <strong>und</strong><br />
literaturgeschichtlichen Kontext (Jesaja 51,9a) ..... 378<br />
7.3.2. Der Weckruf an den Arm im religionsgeschichtlichen<br />
Kontext (Jesaja 51,9a) ........................ 386<br />
7.3.3. Rahab <strong>und</strong> Tannin als mythische Personifikationen<br />
Ägyptens? (Jesaja 51,9b) ...................... 394<br />
7.3.4. <strong>Die</strong> religionsgeschichtlichen Hintergründe des<br />
Chaoskampfmotivs in Jesaja 51,9b .............. 397<br />
7.3.5. Das Chaoskampfmotiv in Jesaja 51,9b als »Arbeit am<br />
Mythos« (Hans Blumenberg) ................... 399<br />
7.3.6. JHWH, Baal <strong>und</strong> <strong>das</strong> <strong>Meer</strong>: Ein<br />
religionsgeschichtlicher Vergleich ............... 402<br />
7.3.7. <strong>Die</strong> Austrocknung des <strong>Meer</strong>es in Jesaja 51,10a ..... 412<br />
7.4. Der Durchzug durchs <strong>Meer</strong> <strong>und</strong> <strong>die</strong> Rückkehr der Erlösten<br />
zum Zion (Jesaja 51,10b–11) ....................... 416<br />
7.5. Jesaja 51,9–11 in großjesajanischer <strong>und</strong><br />
gesamtkanonischer Perspektive ..................... 421<br />
7.6. Zusammenfassung <strong>und</strong> Synthese: Mythische Ordnung <strong>und</strong><br />
neuer Exodus in Jesaja 51,9–11 ..................... 431
10 Inhalt<br />
8. Jesaja 52,1–6 ....................................... 436<br />
8.1. Jesaja 52,1–6 imRahmen des Imperativgedichts <strong>und</strong><br />
literarkritische Probleme ........................... 442<br />
8.2. <strong>Die</strong> Rolle Zion-Jerusalems in Jesaja 52,1f.imKontext des<br />
Imperativgedichts ................................ 446<br />
8.3. Jesaja 52,1 f. im redaktionsgeschichtlichen Verhältnis<br />
zu Jesaja 40,1 f.; 47*; 48,20 ......................... 460<br />
8.4. Verkauf <strong>und</strong> Auslösung in Jesaja 52,3 ................. 469<br />
8.5. Ägypten, <strong>die</strong> Völker <strong>und</strong> der Name JHWHs inJesaja 52,4–6 477<br />
8.6. Zusammenfassung: <strong>Die</strong> Befreiung <strong>Zions</strong> <strong>und</strong> <strong>die</strong> Apologie<br />
JHWHs in Jesaja 52,1–6 ........................... 495<br />
9. Jesaja 52,11 f. ....................................... 498<br />
9.1. Bezüge zwischen Jesaja 52,11 f., der Exodustradition<br />
des Pentateuch <strong>und</strong> chronistischer Literatur ............ 499<br />
9.2. <strong>Die</strong> Reinheitsforderung von Jesaja 52,11a in ihren<br />
philologischen, redaktionellen <strong>und</strong> inhaltlichen Kontexten 507<br />
9.3. Jesaja 52,11 f. als schriftgelehrte Tradentenprophetie <strong>und</strong><br />
<strong>die</strong> literarischen Kontexte des Auszugs ................ 519<br />
9.4. Zusammenfassung <strong>und</strong> Synthese: <strong>Die</strong> Prozession auf dem<br />
Heiligen Weg<strong>und</strong> der neue Exodus ................... 535<br />
G. JHWHs Knecht Jakob, JHWHs Geliebter Abraham?<br />
Erzelterntraditionen in Jesaja 40–52 ......................... 547<br />
1. Jakob als Nachkomme Abrahams in Jesaja 41,8f. ............ 548<br />
2. Abraham <strong>und</strong> Sara (Jesaja 51,2) im Kontext von Jesaja 51,1–8 . 552<br />
3. <strong>Die</strong> Lokalisierung der literarischen Figur Jakob-Israel in<br />
Jesaja 40–49 <strong>und</strong> ihre Relation zu den Jakobserzählungen im<br />
Pentateuch ......................................... 563<br />
4. Zusammenfassung: Erzelterntraditionen imPentateuch <strong>und</strong> in<br />
deuterojesajanischer Schriftprophetie ..................... 581<br />
H. Vonder Rückkehr JHWHs zum neuen Exodus: Literargeschichtliche<br />
Erträge der Untersuchung ................................. 585<br />
1. Deuterojesaja als Verheißung einer <strong>Verwandlung</strong> der Wüste<br />
<strong>Zions</strong> im Kontext der reaktivierten Königsherrschaft JHWHs ... 586<br />
2. <strong>Die</strong> Tröstung <strong>Zions</strong> <strong>und</strong> <strong>die</strong> Rückkehr zu einer mythischen<br />
Weltordnung innerhalb des Imperativgedichts Jesaja 51,9–52,2*<br />
<strong>und</strong> früher <strong>Zions</strong>fortschreibungen inJesaja 49–54 ........... 593<br />
3. Der Gottesknecht in Jes 49–51 im Zeichen der erneuten<br />
Gründung <strong>Zions</strong>, der Rückkehr aus der Diaspora <strong>und</strong> der<br />
Völkerwallfahrt ..................................... 600<br />
4. Der heilige Wegzur heiligen Stadt als neuer Exodus im Kontext<br />
einer großjesajanischen Heimkehrredaktion ................ 606
Inhalt 11<br />
I. Vonaltorientalischer Städtetheologie zur schriftgelehrten<br />
Verkündigung des neuen Exodus: Kulturelle <strong>und</strong> literarische<br />
Hintergründe von Jesaja 40–52 ............................ 615<br />
1. Kultureller Prätext: Deuterojesajanische Schriftprophetie im<br />
Kontext altorientalischer Städtetheologie <strong>und</strong> mythischer<br />
Sinnstiftung ........................................ 615<br />
2. Literarische Prätexte: Der neue Exodus in Jesaja 40–52 als<br />
Schriftauslegung in der Schrift .......................... 622<br />
J. Eine Kontextualisierung des neuen Exodus inJesaja 40–52:<br />
Zusammenfassung ...................................... 627<br />
K. Abkürzungs- <strong>und</strong> Literaturverzeichnis ....................... 633<br />
1. Hinweise zu Abkürzungen <strong>und</strong> Zitationen ................. 633<br />
2. Literatur ........................................... 634<br />
2.1. Textausgaben ................................... 634<br />
Hebräische Textausgaben .......................... 634<br />
Grieschiche Textausgaben .......................... 634<br />
Lateinische Textausgaben .......................... 634<br />
2.2. Sek<strong>und</strong>ärliteratur ................................ 634
A. Einleitung: <strong>Die</strong> Frage nach einem<br />
»neuen Exodus« in Jes 40–52 als<br />
Kontextualisierungsproblem<br />
Jes 51,9 f.<br />
Wach auf, wach auf, kleide dich in Kraft, Arm JHWHs […]!<br />
Bist du es nicht, der trockenlegt <strong>das</strong> <strong>Meer</strong>, <strong>die</strong> Wasser der großen Tiefe,<br />
der <strong>die</strong> Tiefen des <strong>Meer</strong>es zum Wegmacht, damit <strong>die</strong> Erlösten hindurchziehen?<br />
Dtn 5,15a<br />
Und du sollst daran denken, <strong>das</strong>s du ein Sklave gewesen bist im Land Ägypten<br />
<strong>und</strong> <strong>das</strong>s dich JHWH, dein Gott, herausgeführt hat von dort mit starker Hand<br />
<strong>und</strong> mit ausgestrecktem Arm.<br />
Ex 14,22<br />
Da gingen <strong>die</strong> Israeliten inmitten des <strong>Meer</strong>es hinein auf dem Trockenen<br />
<strong>und</strong> <strong>die</strong> Wasser waren ihnen eine Mauer zur Rechten <strong>und</strong> zur Linken.<br />
Jes 48,21<br />
Sie haben nicht gedürstet, als er sie durch wüste Orte führte,<br />
Wasser hat er für sie aus dem Felsen rinnen lassen.<br />
Er spaltete den Felsen <strong>und</strong> Wasser floss heraus.<br />
Ps 78,15 f.<br />
Er spaltete Felsen in der Wüste<br />
<strong>und</strong> tränkte sie wie mit großen Urfluten.<br />
Er ließ Rinnsale hervortreten aus dem Felsblock<br />
<strong>und</strong> Wasser herunterlaufen wie Flüsse.<br />
Ex 17,6<br />
Siehe, ich stehe dort vor dir am Felsen beim Horeb<br />
<strong>und</strong> du sollst auf den Felsen schlagen,<br />
dann wird Wasser aus ihm hervortreten <strong>und</strong> <strong>das</strong> Volk wird trinken.<br />
Und Mose handelte entsprechend vor den Augen der Ältesten Israels.
14 A. Einleitung<br />
<strong>Die</strong>se Collage verbindet Verse des Jesajabuches mit Versen des Pentateuch <strong>und</strong><br />
der Psalmen, welche den Auszug Israels aus Ägypten <strong>und</strong> <strong>die</strong> daran anschließende<br />
40-jährige Wüstenwanderung thematisieren. <strong>Die</strong> auf den Auszug aus<br />
Ägypten bezogenen Verse bilden als sprachlicher Zusammenhang den dominanten<br />
Kontext einer Interpretation der Jesajaverse. 1 In <strong>die</strong>sem Kontext lässt sich<br />
der in Jes 40–52 thematisierte Auszug aus Babylon (Jes 48,20; 52,11 f.; vgl.<br />
Jes 43,5 f.; 49,12; 51,11) als neuer Exodus verstehen, der den alten wiederholt<br />
bzw. überbietet. Innerhalb der Jesajaforschung besteht ein breiter Konsens<br />
darüber, <strong>das</strong>s <strong>die</strong> Autoren <strong>und</strong> Redaktoren von Jes 40 ff. ihre Literatur genau in<br />
<strong>die</strong>sem Kontext der im Pentateuch überlieferten Exodustradition entwickelten<br />
<strong>und</strong> <strong>die</strong> Verheißung eines neuen Exodus von vornherein ein wichtiges, wenn<br />
nicht gar <strong>das</strong> zentrale Thema bildet (vgl. B.).<br />
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll <strong>die</strong>se These kritisch auf ihre Verstehens-<br />
<strong>und</strong> Geltungsbedingungen hin untersucht werden. Daher lautet <strong>die</strong><br />
leitende Frageder Untersuchung: Lässt sich in Jes 40–52 <strong>das</strong> Konzept eines neuen<br />
Exodus nachweisen? Um vorab <strong>die</strong> weitreichenden Prämissen der These zu<br />
vergegenwärtigen, bedarf es einiger hermeneutischer Vorbemerkungen.<br />
Was sich im Rahmen der Collage vollzieht, ist paradigmatisch für eine Rezeption<br />
biblischer Texte innerhalb eines je nach Religion <strong>und</strong> Konfession unterschiedlich<br />
normierten Schriftenkanons. 2 <strong>Die</strong> Elemente des Texts lassen<br />
zahlreiche Assoziationen hinsichtlich der Textbereiche <strong>die</strong>ses Kanons zu, <strong>die</strong><br />
mit denselben Elementen arbeiten. Der Literaturwissenschaftler <strong>und</strong> Philologe<br />
Manfred Pfister spricht <strong>die</strong>sbezüglich von einer generellen »Präsuppositions<strong>und</strong><br />
Implikationsstruktur von Texten« 3 .<strong>Die</strong>se Charakteristik von Texten, andere<br />
stillschweigend vorauszusetzen, »öffnet jeden Text auf andere hin« 4 <strong>und</strong> ermöglicht<br />
»<strong>das</strong> Replizieren eines Textes auf einen bestimmten anderen oder auf<br />
bestimmte andere« 5 .Dementsprechend wird Sinn nicht vom Autor des Texts<br />
produziert, sondern er ergibt sich, je nachdem inwelchem Zusammenhang der<br />
Text wahrgenommen wird. <strong>Die</strong>ser Sinn kann sich gravierend ändern, je nachdem<br />
welche konkreten Texte dem zu untersuchenden Text als Referenztexte <strong>und</strong><br />
welche kulturell tra<strong>die</strong>rten Vorstellungen ihm als geistiger Referenzrahmen<br />
zugr<strong>und</strong>e gelegt werden.<br />
1<br />
2<br />
3<br />
4<br />
5<br />
Zugr<strong>und</strong>e liegt eine linguistische Definition des Kontextbegriffes: »Sprachlicher oder<br />
außersprachlicher Zusammenhang, in dem eine Äußerung vorkommt.« Bußmann, Lexikon,<br />
267.<br />
Eine Diskussion des Zusammenhangs zwischen Kanonisierungsprozessen <strong>und</strong> der<br />
Ausbildung eines kulturellen Gedächtnisses im Alten Israel <strong>und</strong> im frühen Judentum<br />
findet sich in: Assmann, Gedächtnis, 107–114.<br />
Pfister /Broich, Bezugsfelder, 52.<br />
Ebd.<br />
Ebd.
A. Einleitung 15<br />
<strong>Die</strong> Rezeption biblischer Texte vollzieht sich also in einem Pluralismus von<br />
Sinnhaftigkeit. <strong>Die</strong>se Gr<strong>und</strong>annahme korrespon<strong>die</strong>rt einerseits mit Diskursen<br />
(post)strukturalistischer Sprachphilosophie. 6 Andererseits hat exegetische Wissenschaft<br />
<strong>die</strong> Erfassung <strong>und</strong> Beschreibung sinnstiftender Kontexte nicht nur auf<br />
rezeptions-, sondern ihrem Selbstverständnis nach vor allem auch auf produktionsästhetischer<br />
Ebene zu leisten. Dabei ist <strong>die</strong> komplexe <strong>und</strong> dynamische<br />
Wachstumsgeschichte biblischer Texte zu berücksichtigen. So besteht eine wesentliche<br />
Qualität der Bibel laut Konrad Schmid darin, <strong>das</strong>s sie »Text <strong>und</strong> Kommentar<br />
in einem« 7 ist <strong>und</strong> »bereits als Bibel eine Vielzahl innerbiblischer Auslegungen«<br />
8 umfasst. 9 Man kann »<strong>die</strong> Entstehungsgeschichte der Bibel also als eine<br />
Teilmenge ihrer Rezeptionsgeschichte« 10 verstehen,wie Schmid im Hinblick auf <strong>die</strong><br />
literarischen Vorgänge der Entstehung biblischer Texte beschreibt:<br />
Sobald <strong>die</strong> ersten Vorstufen biblischer Texte vorlagen, wurden sie auch schon rezipiert,<br />
<strong>und</strong> zwar literarisch produktiv rezipiert, so <strong>das</strong>s <strong>die</strong>se ersten Kommentare selbst<br />
Teil des biblischen Textes wurden. 11<br />
<strong>Die</strong> vielzähligen Redaktoren der biblischen Texte <strong>und</strong> Bücher haben <strong>die</strong> literarischen<br />
Kontexte der Interpretation älterer Vorlagen also sukzessive neu justiert.<br />
Nicht zuletzt schafften <strong>die</strong> jüdischen <strong>und</strong> christlichen Kanonisierungsprozesse<br />
literarische Netzwerke, innerhalb derer sich <strong>die</strong> Texte je nach theologischer<br />
Prämisse gegenseitig auslegen.<br />
Somit gibt esganz verschiedene <strong>und</strong> jeweils zu differenzierende Kontexte<br />
einer Interpretation biblischer Texte. <strong>Die</strong>segilt es, im Hinblick auf <strong>die</strong> Frage nach<br />
6<br />
7<br />
8<br />
9<br />
10<br />
11<br />
Eine wesentliche (post)strukturalistische Einsicht besteht darin, <strong>das</strong>s kein Subjekt Sinn<br />
generieren kann – weder der Autor des biblischen Texts noch <strong>die</strong> rezipierende Person.<br />
Sinn steckt vielmehr in der Sprache selbst <strong>und</strong> ergibt sich ereignishaft imVorgang der<br />
Rezeption unter der Bedingung impliziter Hintergr<strong>und</strong>annahmen <strong>und</strong> ganz konkreter<br />
Kontexte; vgl. Kögler, Macht, 25. Eine poststrukturalistische Konsequenz dessen besteht<br />
darin, <strong>das</strong>s eine Analyse der Sprache zum Zwecke der Sinnstiftung notwendig<br />
scheitern muss; vgl. Herzig, Unsinn, 38. In hermeneutischer Hinsicht ist der Versuch,<br />
einen Text zu verstehen, mit einem hermeneutischen Zirkel konfrontiert. <strong>Die</strong>ser besteht<br />
gemäß Gadamer darin, <strong>das</strong>s nicht allein eine Person den zu verstehenden Text auslegt,<br />
sondern der Text auch <strong>die</strong> Person in deren historisch-kulturellem Welt- <strong>und</strong> Seinsverständnis;<br />
vgl. Gadamer, Wahrheit, 391 f.; Kögler, Macht, 24 f.<br />
Schmid, Schrift, 49.<br />
Ebd.<br />
Vgl. <strong>die</strong> Darstellung über <strong>das</strong> Phänomen der Schriftauslegung in den Ketubim in:<br />
Fischer, Schriftauslegung, 150–158.<br />
Schmid, Schrift, 49.<br />
A.a. O., 49f.
16 A. Einleitung<br />
einem neuen ExodusinJes 40–52 zu systematisieren<strong>und</strong> zu diskutieren. Ist der<br />
neue Exodus ein von den ersten Autoren inten<strong>die</strong>rtes, konstitutives Element von<br />
Jes 40–52? Ist er eine sek<strong>und</strong>äre Sinnlinie,<strong>die</strong> durch redaktionelle Arbeit entstand?<br />
Oder ist er gar kein inten<strong>die</strong>rter Aspekt der Textentstehung,sondern erklärt sich vor<br />
dem Hintergr<strong>und</strong> einer Rezeption der Texte im Jüdischen Tanach? <strong>Die</strong>ses Kontextualisierungsproblem<br />
wird in mehreren Schritten angegangen.<br />
Im Anschluss an <strong>die</strong> Einleitung erfolgt ein forschungsgeschichtlicher Einblick<br />
in <strong>die</strong> Thematik (B.). In einem nächsten Schritt wird diskutiert, wie <strong>die</strong><br />
Exodustradition im Pentateuch imLichte des aktuellen Forschungsstands traditions-<br />
<strong>und</strong> literaturgeschichtlich einzuordnen ist (C.). Darauf aufbauend wird<br />
<strong>die</strong> Relation zwischen den priesterschriftlichen Texten im Pentateuch <strong>und</strong><br />
Deuterojesaja erörtert (D.). In Vorbereitung auf <strong>die</strong> exegetischen Untersuchungen<br />
werden <strong>die</strong> Probleme einer diachronen <strong>und</strong> lokalen Einordnung von Deuterojesaja<br />
vorgestellt (E.). Im Kernstück der Arbeit (F.) werden TextstelleninJes 40–<br />
52 untersucht, denen <strong>das</strong> Konzept eines neuen Exodus zugr<strong>und</strong>e liegen könnte.<br />
Dabei wird erörtert, ob inten<strong>die</strong>rte Verweise auf <strong>die</strong> Exodustradition im Pentateuch<br />
zu plausibilisieren sind. Ergänzend wird erörtert, ob Jakob <strong>und</strong> Abraham<br />
in Jes 40–52 auf <strong>die</strong> Erzelterntraditionen im Pentateuch verweisen (G.). Es folgt<br />
eine literargeschichtliche Auswertung der Ergebnisse (H.) sowie ein konstatierender<br />
Überblick über ideelle <strong>und</strong> literarische Vorlagen von Jes 40–52 in den<br />
verschiedenen Wachstumssta<strong>die</strong>n (I.). Eine kompakte Zusammenfassung (J.) beschließt<br />
<strong>die</strong> Arbeit.
B. Forschungsgeschichtlicher<br />
:berblick<br />
<strong>Die</strong> vorliegende Untersuchung steht unter dem Vorzeichen verschiedener Paradigmenwechsel<br />
innerhalb der alttestamentlichen Wissenschaft. <strong>Die</strong>se betreffen<br />
sowohl den Bereich der Pentateuchforschung als auch den der Jesajaforschung<br />
<strong>und</strong> haben direkte Auswirkungen auf <strong>die</strong> Interpretation der zu untersuchenden<br />
Texte in Jes 40–52. Vor <strong>die</strong>sem Hintergr<strong>und</strong> soll zunächst ein forschungsgeschichtlicher<br />
Überblick gegeben werden. Darüber hinaus versteht sich <strong>das</strong> Kapitel<br />
als Hommage an <strong>die</strong> Exegetinnen <strong>und</strong> Exegeten, welche durch ihre jeweils<br />
spezifischen Anfragen an <strong>das</strong> Konzept eines »neuen Exodus« in Jes 40 ff. einen<br />
erheblichen Anteil an der Konzeption <strong>und</strong> den Inhalten der vorliegenden Arbeit<br />
haben. 12<br />
Ein wichtiger Aspekt <strong>die</strong>ser Arbeit ist <strong>die</strong> Frage, ob zwischen Jes 40–52 <strong>und</strong><br />
der im Pentateuch überlieferten Exoduserzählung literarische Abhängigkeiten<br />
bestehen. Bis weit ins 20. Jahrh<strong>und</strong>ert hinein war man innerhalb der exegetischen<br />
Wissenschaft davon überzeugt, <strong>das</strong>s schon den ältesten Autoren von<br />
Deuterojesaja <strong>die</strong> Überlieferungen des Pentateuch imWesentlichen vorgelegen<br />
haben. Angesichts dessen verw<strong>und</strong>ert es nicht, <strong>das</strong>s <strong>die</strong> thematisch relevanten<br />
Stellen in Jes 40–52 vielfach in Abhängigkeitvom Exodus- <strong>und</strong> Numeribuch als<br />
»zweiter« oder »neuer« Exodus interpretiert wurden.<br />
Einer der ersten forschungsgeschichtlichenBelege für einen »neuen« Exodus<br />
in Jes 40 ff. findet sich bei Alfred Zillessen 1903:<br />
Hier wird in Farben, <strong>die</strong> den alten Exodus ausdrücklich überbieten sollen, <strong>die</strong><br />
Herrlichkeit der neuen w<strong>und</strong>erbaren Heimführung Israels durch Jahve ausgemalt. 13<br />
12<br />
13<br />
Da <strong>die</strong>se Arbeit ohne <strong>die</strong> Akribie <strong>und</strong> den inhaltlichen Tiefgang vorheriger Arbeiten nicht<br />
in der vorliegenden Form zustande gekommen wäre, lässt sich ihr Standpunkt mit der<br />
viel zitierten Phrase »Standing on the Shoulders of Giants« zusammenfassen.<br />
A. Zillessen, Der alte <strong>und</strong> der neue Exodus. Eine Stu<strong>die</strong> zur israelitischen Prophetie,<br />
speziell zu Jesaja 40 ff. (ARW 6, 1903, 289–304), 290, zit. nach Klein, Babel, 279.
18 B. Forschungsgeschichtlicher Fberblick<br />
Auch Walther Zimmerli verwendet in einem Aufsatz von 1960 im Hinblick auf<br />
<strong>die</strong> Prophetie von Ezechiel <strong>und</strong> Deuterojesaja den Begriff »neuer Exodus«. Er setzt<br />
dabei implizit voraus, <strong>das</strong>s Deuterojesaja <strong>die</strong> Erzählungen von Exodus <strong>und</strong><br />
Wüstenwanderung, insbesondere Ex 1–14, gekannt habe. <strong>Die</strong> inhaltliche Beziehung<br />
<strong>die</strong>ses »neuen« Exodus zum »alten« Auszug aus Ägypten beschreibt er<br />
folgendermaßen:<br />
Der neue Exodus ist bei Deuterojesaja eindeutig als Aufbruch der Exulanten aus<br />
dem Deportationsland Babylonien, <strong>das</strong> Jahwe niederwerfen (Jes. 47), dessen Riegel er<br />
aufbrechen (43,14 f.) <strong>und</strong> dessen Götter er zuschanden machen wird (46,1f.) geschaut.<br />
Das Vorbild des ersten Exodus aus Ägypten schlägt dabei an vielen Stellen<br />
durch. 14<br />
In den 60er Jahren des 20. Jahrh<strong>und</strong>erts war Zimmerli einer von vielen, <strong>die</strong> in<br />
Deuterojesaja einen »zweiten« bzw. »neuen« Exodus erkannten. 15 In <strong>die</strong>se Strömung<br />
lässt sich auch <strong>Die</strong>ter Baltzers 1971 erschienene Dissertation 16 einordnen.<br />
Ähnlich wie Zimmerli stellt Baltzer weitreichende Parallelen zwischen Deuterojesaja<br />
<strong>und</strong> dem Ezechielbuch her, da er beide als Werke von Propheten im Exil<br />
versteht.Auch Baltzer interpretiert verschiedene Textstellen in Jes 40 ff. im Sinne<br />
eines neuen Exodus <strong>und</strong> bestätigt dabei <strong>die</strong> schon von Zimmerli skizzierte<br />
14<br />
15<br />
16<br />
Zimmerli, Exodus, 198. Zu würdigen sind <strong>die</strong> vielfältigen terminologischen <strong>und</strong> motivischen<br />
Parallelen, <strong>die</strong> Zimmerli innerhalb seiner Untersuchung zutage fördert; vgl.<br />
a. a. O., 198–200. Zimmerli führt an: a) den Aspekt der negierten Eile <strong>und</strong> Hast ( ִח )in<br />
Jes 52,11 als Kontrast zur Passatradition in Ex 12,11 <strong>und</strong> Dtn 16,3; b) <strong>das</strong> für <strong>die</strong> Exodustradition<br />
als Leitwort fungierende Verb (meist im Hif’il vgl. Dtn 5,6) im Kontext<br />
der Rückkehr aus Babylon (vgl. Jes 43,17; 48,20; 52,11 f.); c) <strong>die</strong> Mitnahme der Tempelgeräte<br />
( inJes(יִ לְ 52,11, welche Zimmerli als Analogie zur Mitnahme der goldenen<br />
Gefäße der Ägypter ( ִל ְ)inEx11,2 f.; 12,35 f. u.a. interpretiert; d) <strong>die</strong> Wegbereitung im<br />
<strong>Meer</strong> (Jes 43,16; 51,10) <strong>und</strong> <strong>die</strong> Versenkung der feindlichen Kavallerie darin (Jes 43,17)<br />
als Analogie zum <strong>Meer</strong>w<strong>und</strong>er Ex 14f.; d) den Schutz JHWHs als Vorhut <strong>und</strong> Nachhut des<br />
Rückkehrzuges (Jes 52,12) als Analogie zur Wolken- <strong>und</strong> Feuersäule (Ex 13,21f.; 14,19f.<br />
u. a.); e) <strong>die</strong> Eliminierung von Durst beim Wüstendurchzug durch Wasser aus dem Felsen<br />
(Jes 48,21) als Kontrastfolie zu den Wüstenwanderungserzählungen in Ex–Num, insbesondere<br />
zu den Murrgeschichten Ex 17,1–7; Num 20,1–13 u. a.. Laut Zimmerli werde<br />
in Deuterojesaja <strong>die</strong> Exodustradition theologisch überhöht, etwa indem <strong>das</strong> Wasserspenden<br />
in der Wüste zu einem schöpferischen Wachstum in der Wüste ausgeweitet<br />
werde, welches den Lobpreis aller menschlichen <strong>und</strong> nichtmenschlichen Kreatur initiiert<br />
(vgl. u. a. Jes 43,20f.; 55,12f.).<br />
Øystein L<strong>und</strong> verweist in einem forschungsgeschichtlichen Überblick der 60er Jahre<br />
neben Zimmerli auf Anderson, Beaudet <strong>und</strong> Blenkinsopp u.a.; vgl. L<strong>und</strong>, Way, 4.<br />
Baltzer, Heilserwartung.<br />
זָ ן<br />
צי א<br />
י
B. Forschungsgeschichtlicher Fberblick 19<br />
Tendenz einer antithetischen bzw. schöpfungstheologischen Überhöhung der<br />
Vorlagen.<br />
Nichtnur ausdem Felsen tränkt Jahwe<strong>das</strong> Volk in derWüste [vgl.Ex17,1–7;Num 20,<br />
1–13], sondern ganze Ströme <strong>und</strong> Wasser ( ימ )legt erzu<strong>die</strong>sem Zweck an<br />
(Jes 41,18; 43,19bβ.20b); statt der Jahwe verhüllenden Wolken- <strong>und</strong> Feuersäule <strong>und</strong><br />
seinem Engel(vgl. Ex 13,21f.; 14,19b.20(Jahwist) <strong>und</strong>Ex14,19a(Elohist) wird Jahwe<br />
selbst Anführer <strong>und</strong> Schlußmann der Wüstenwanderung (Jes 52,12b). 17<br />
הנ ור ת ; ם<br />
Im Fortgang der Forschungsgeschichte wurde <strong>die</strong> These vom Auszug der Judäerinnen<br />
<strong>und</strong> Judäer aus Babylon als »neuer Exodus« als <strong>das</strong> entscheidende<br />
Thema Deuterojesajas allerdings ein Stück weit relativiert. Exemplarisch sei<br />
<strong>die</strong>sbezüglich auf eine gr<strong>und</strong>legendeUntersuchung 18 von Klaus Kiesow aus dem<br />
Jahre 1979 verwiesen. Kiesow differenziert zwischen Texten, <strong>die</strong> seines Erachtens<br />
fraglos auf den Auszug aus Ägypten verweisen, <strong>und</strong> Texten, denen er lediglich<br />
eine motivische oder thematische Verwandtschaft zuspricht. 19 Zwar hält<br />
er am Begriff »neuer Exodus« fest, argumentiert aber in überzeugender Weise<br />
gegen eine Simplifizierung des zugr<strong>und</strong>e liegenden Konzepts.<br />
Es ist wichtig hervorzuheben, daß <strong>die</strong>se Verwendung der Exodusmotive […] keineswegs<br />
im <strong>Die</strong>nst einer simplen äußeren Analogie zwischen dem Exodus aus Ägypten<br />
<strong>und</strong> dem »neuen Exodus« aus Babel steht. Voneiner »Herausführung aus dem<br />
Sklavenhaus Babylon« ist so wenig <strong>die</strong> Rede wie von einer Unterdrückung im Exil. Zu<br />
einer solchen Sicht gaben <strong>die</strong> äußeren Verhältnisse der Exulanten vermutlich auch<br />
nicht unbedingt einen Anlaß. 20<br />
Deuterojesaja setze also eine andere Situation als <strong>die</strong> in Ex 1–12 beschriebene<br />
Sklaverei Israels in Ägypten voraus. Darüber hinaus sei der in Jes 40–55<br />
mehrfach thematisierte WegJHWHs für Israel weitaus mehr als lediglich <strong>die</strong><br />
Rückführung einiger Exulanten aus Babylon nach Jerusalem, sondern eine Metapher<br />
für JHWHs Führung Israels in der Geschichte. 21 <strong>Die</strong> von Kiesow herausgearbeiteten<br />
Exodus- <strong>und</strong> Wüstenzugmotive werden als literarische Ausgestal-<br />
17<br />
18<br />
19<br />
20<br />
21<br />
A.a. O., 14.<br />
Vgl. Kiesow, Exodustexte.<br />
Vgl. a.a. O., 168–190. Kiesow interpretiert Jes 43,16 f. <strong>und</strong> 51,9 f. als inten<strong>die</strong>rte Bezugnahmen<br />
auf <strong>das</strong> Schilfmeerw<strong>und</strong>er in Ex 14 f. Im Hinblick auf andere Texte, wie etwa<br />
den berühmten Prolog Jes 40,1–11, ist er skeptischer, indem er beispielsweise den Weg<br />
in Jes 40,3–5 nicht als Auszugsroute, sondern als Realsymbol versteht.<br />
A.a. O., 194.<br />
Vgl. a. a. O., 190–196.
20 B. Forschungsgeschichtlicher Fberblick<br />
tung der Zuwendung JHWHs »in der gegenwärtigen Ausweglosigkeit des Exils« 22<br />
interpretiert. Durch <strong>die</strong>se Ausgestaltung werde <strong>die</strong> prophetisch inAussicht gestellte<br />
Zukunft Israels als »Weg mit JHWH bestimmt« 23 .Eine besondere Rolle<br />
<strong>die</strong>ser Zukunftserwartung spiele <strong>die</strong> in Jes 52,7–10 verheißene Rückkehr JHWHs<br />
zum Zion, <strong>die</strong> eine nachexilische Rekonstituierung Juda-Jerusalems <strong>und</strong> eine<br />
vollumfängliche Rückkehr der Judäerinnen <strong>und</strong> Judäer aus der Diaspora<br />
(Jes 52,11 f.) ermögliche. 24 Im Rahmen der neu konstituierten Gottesherrschaft<br />
auf dem Zion werde Exodusmotivik verwendet, um dem Glanz der neuen Herrschaft<br />
Ausdruck zu geben <strong>und</strong> <strong>die</strong> neue Heilszeit von einer mythisch konnotierten<br />
Vorzeit abzusetzen. 25<br />
Eine anders profilierte Einordnung des »neuen Exodus« in Jes 40–55 zeigt<br />
sich bei Hans-Jürgen Hermisson. In seinem 2017 erschienen Kommentar stellt er<br />
<strong>das</strong> Phänomenzum einen in ein Verhältniszur Theologie des Neuen in Jes 40–55<br />
<strong>und</strong> schreibt ihm zum anderen eine eschatologische Dimension zu.<br />
Das Modell der »zwei Zeiten« wird in Jes 43,16–21 mit der Gegenüberstellung von<br />
alter, beendeter Heilsgeschichte <strong>und</strong> neuem Heilsgeschehen, <strong>das</strong> Jahwe schafft,<br />
erstmals deutlich artikuliert. Wasmit den Anfangsereignissen von altem <strong>und</strong> neuem<br />
Exodus zur Sprache kommt, zielt jeweils auf <strong>das</strong> ganze Geschehen. Zum Neuen bei<br />
Dtjes gehört Jahwes Einzug mit seinem Volk in Jerusalem, <strong>die</strong> Neugründung des Zion,<br />
der erneute <strong>und</strong> endgültige Antritt seiner Weltherrschaft vom Zion aus <strong>und</strong> <strong>die</strong> Bekehrung<br />
der Völker zu dem allein rettenden Gott. 26<br />
Der sog. »neue Exodus« stellt lautHermisson also nicht einfach eineReferenz auf<br />
eine historische Rückkehrbewegung aus Babylon nach Jerusalem dar. Vielmehr<br />
stehe er pars pro toto für eine Bewegung zum Zion als der Residenz JHWHs, <strong>die</strong><br />
mit einer neuen Heilszeit verb<strong>und</strong>en ist <strong>und</strong> deren eschatologische Vollendung<br />
noch aussteht.<br />
Blickt man in aktuelle Fachliteratur, so stellt <strong>die</strong> These eines in Deuterojesaja<br />
thematisierten neuen Exodus in Analogie zum Pentateuch <strong>die</strong> Mehrheitsmeinung<br />
dar. Vor allem in der deutschsprachigen Exegese wird sie in der Einleitungsliteratur<br />
27 ,inBibelk<strong>und</strong>en 28 <strong>und</strong> in Kommentaren 29 weitreichend vertreten.<br />
22<br />
23<br />
24<br />
25<br />
26<br />
27<br />
A.a. O., 192.<br />
A.a. O., 195.<br />
Vgl. a. a. O., 197–201. Kiesow interpretiert <strong>die</strong> Rückkehr JHWHs in Jes 52* im Rahmen<br />
einer redaktionellen Überarbeitung der seiner Ansicht nach ursprünglichen Wegthematik<br />
in Jes 40–48*.<br />
Vgl. ebd.<br />
Hermisson, Deuterojesaja 49,14–55,13, 307.<br />
Jüngling schreibt in der Einleitung in <strong>das</strong> Alte Testament von Erich Zenger u. a.:<br />
»Konkret werben <strong>die</strong> Texte [in Jes 40–55] dafür, <strong>die</strong> durch <strong>die</strong> Politik des Perserkönigs
B. Forschungsgeschichtlicher Fberblick 21<br />
28<br />
29<br />
Kyrus eröffnete Möglichkeit der Rückkehr nach Jerusalem wahrzunehmen. Theologisch<br />
ist der Auszug aus Babylon ein Auszug, der den aus Ägypten überbietet.«Zenger,Einleitung<br />
8 2012, 543. In <strong>die</strong>sem Falle sind zwar nicht <strong>die</strong> oben genannten Termini zu verzeichnen,<br />
definitiv aber <strong>das</strong> zugr<strong>und</strong>e liegende Konzept im Sinne einer Überbietung des alten<br />
Exodus durch einen neuen. Innerhalb der exegetischen Methodenlehre von Utzschneider<br />
<strong>und</strong> Nitsche ist im Hinblick auf Jes 43,14–21 von einem »neue[n], anderen[n] Exodus«<br />
(Utzschneider /Nitsche, Arbeitsbuch, 259) <strong>die</strong> Rede.<br />
Vgl. Preuß /Berger, Bibelk<strong>und</strong>e, 44: »Während des Exils bildete sich schließlich <strong>die</strong><br />
(durch <strong>die</strong> BotschaftHoseas vorbereitete) analoge Hoffnung auf einen neuen Exodus aus<br />
Babylonien heraus, <strong>die</strong> bei Ezechiel (20,32–44) noch mit Gerichtsvorstellungen verb<strong>und</strong>en,<br />
bei Dtjes, der auch sonst gern auf den Exodus zurückgriff […], zur reinen<br />
Heilsbotschaft wurde […].« Des Weiteren vgl. Augustin /Kegler, Bibelk<strong>und</strong>e, 171: »Im<br />
Deuterojesajabuch geht es um <strong>die</strong> Botschaft an<strong>die</strong> im Exil Lebenden, daß <strong>die</strong> Schuld<br />
durch Gott vergeben ist <strong>und</strong> eine Zeit neuen Heilshandeln Gottes an seinem Volk beginnt.<br />
Es besteht vor allem in einem neuen Exodus aus Babel analog dem ersten aus Ägypten.«<br />
Entsprechend lautet auch <strong>die</strong> Erklärung zu Jes 43,16–21: »Heilsankündigung: Der neue<br />
Exodus analog dem Schilfmeerw<strong>und</strong>er, doch <strong>die</strong>smal geht der Wegdurch <strong>die</strong> Wüste, <strong>die</strong> ihre<br />
Schrecken verliert«; a. a. O., 156.<br />
Als klassisches Beispiel kann auf <strong>die</strong> Interpretationen von Fohrer innerhalb der Zürcher<br />
Bibelkommentare verwiesen werden. Fohrer versteht Jes 43,16 f. als Erinnerung an <strong>das</strong><br />
<strong>Meer</strong>w<strong>und</strong>er Ex 14 <strong>und</strong> stellt auch den Kontrast zwischen Früherem <strong>und</strong> Neuem in<br />
Jes 43,18f. in einen Bezug zum »alten« <strong>und</strong> »neuen Exodus«: »So besteht eine zweifache<br />
Entsprechung zwischen dem alten <strong>und</strong> dem neuen Exodus, <strong>die</strong> der Prophet mehrfach<br />
zueinander in Beziehung setzt – nicht nach dem Schema, daß <strong>die</strong> letzten Dinge wie <strong>die</strong><br />
ersten sein werden, sondern in der Art einer Entsprechung, um mit deren Hilfe <strong>das</strong><br />
unbekannte <strong>und</strong> schwer vorstellbare der eschatologischen Zeit zu erläutern. <strong>Die</strong> Entsprechung<br />
ist positiv – Gott wird wieder einen Wegbahnen – <strong>und</strong> negativ – der Docht<br />
wird <strong>die</strong>smal nicht ausgelöscht [im Hinblick auf Jes 42,3; Anmerkung C.S.]. Auf jeden<br />
Fall wird <strong>das</strong> Neue – der Rückweg durch <strong>die</strong> gefahrvolle Wüste – so w<strong>und</strong>erbar <strong>und</strong><br />
überwältigend sein, daß <strong>die</strong> Heimkehrer schon jetzt, bevor er sich noch verwirklicht, im<br />
Unterschied von der sonstigen Betonung des Sich-Erinnerns (vgl. 44,21; 46,9) aufgefordert<br />
werden können, an <strong>das</strong> Frühere,<strong>die</strong> Jahrzehnte des Lebens im Exil, nicht mehr zu<br />
denken.« Fohrer, Jesaja, 67 f. Das Geschenk des Wassers in Jes 43,20 verbindet Fohrer<br />
mit den Wassergaben während der Wüstenwanderung (Ex 15,22ff.; 17,1 ff.); vgl. ebd.<br />
Auch Burkard M. Zapf präsentiert innerhalb der Kommentarreihe »<strong>Die</strong> Neue Echter<br />
Bibel« eine Interpretation von Jes 43,14–21 im Sinne einer Analogie zwischen den<br />
früheren Heilstaten JHWHs beim <strong>Meer</strong>w<strong>und</strong>er <strong>und</strong> den Wüstenwanderungen einerseits<br />
<strong>und</strong> der prophetisch in Aussicht gestellten Führung der Exilierten andererseits: » 19b<br />
greift <strong>das</strong> Wegmotiv von 16 auf <strong>und</strong> setzt <strong>die</strong> neue Heilstat Jahwes in Analogie zum<br />
einstigen Auszug Israels aus Ägypten. Dem damaligen <strong>Meer</strong>w<strong>und</strong>er entspricht jetzt <strong>das</strong><br />
Bahnen einer Straße durch <strong>die</strong> unwegsame Wüste. Zugleich wird durch <strong>das</strong> Wortpaar<br />
›Steppe‹ / ›Wüste‹ […]sowie <strong>das</strong> Wasserw<strong>und</strong>er (vgl. Ex 17 1–7 Num 20 1–13 )ein Bezug zur
22 B. Forschungsgeschichtlicher Fberblick<br />
Sie spielt eine wichtige Rolle in verschiedenen literatur- <strong>und</strong> redaktionsgeschichtlichen<br />
Stu<strong>die</strong>n. <strong>Die</strong>sbezüglich sei exemplarisch auf exegetische Positionen<br />
von Reinhard Gregor Kratz <strong>und</strong> Konrad Schmid verwiesen.<br />
Innerhalb der 1991 veröffentlichten Habilitationsschriftvon Reinhard Gregor<br />
Kratz spielt <strong>die</strong> These eines neuen bzw. zweiten Exodus in Deuterojesaja eine<br />
wesentliche Rolle. Kratz stellt eine sehr differenzierte redaktionskritische Stu<strong>die</strong><br />
mit einem Schwerpunkt auf den ältesten Texten <strong>und</strong> einer redaktionskritischen<br />
Differenzierung der Kyros-Aussagen vor. 30 In Übereinstimmung mit<br />
Schmid vertritt er <strong>die</strong> These, schon <strong>die</strong> Gr<strong>und</strong>schrift Jes 40–48* setze den gesamten<br />
theologischen Geschichtsablauf von der Schöpfung bis zum Exil voraus,<br />
wie er im Pentateuch <strong>und</strong> im DtrG entfaltet wird. 31 So rekurrieren seiner Ansicht<br />
nach alle Gerichtsreden mit flankierenden Weissagungen in Jes 40–48* auf<br />
geschichtliche Stationen früherer Zeiten inklusive dem Auszug aus Ägypten, um<br />
von <strong>die</strong>sen Stationen her eine heilvolle Zukunft abzuleiten. 32 Insofern liege in<br />
Jes 40–48* ein weit ausgreifendes heilsgeschichtliches Konzept vor, in dem sich<br />
jeweils Ereignisse der Vergangenheit mit in den Aussicht gestellten Stationen<br />
eines Heilsgeschehens entsprechen:<br />
In II [Jes 42,14–43,21*] liest man unter dem Zeichen des ersten Exodus (43,16 f.)<br />
folgerichtig von Wegbereitung <strong>und</strong> Weggeleit durch <strong>die</strong> Wüste aus Babylon (42,14–16 +<br />
43,1–4; 43,14 ff.), worauf 43,20 f. abschließend reagiert […]. 33<br />
30<br />
31<br />
32<br />
33<br />
Kratz bestimmt den ersten Exodus aus Ägypten <strong>und</strong> den zweiten Exodus aus<br />
Babylon in Jes 40–48* als Kontrastfolien einer vergangenen Unheils- <strong>und</strong> einer<br />
bevorstehenden Heilsgeschichte. Das Bindeglied zwischen beiden Zeitperspektiven<br />
bilden seiner Ansicht nach <strong>die</strong> auf <strong>die</strong> Gegenwart fokussierten Gerichtseinstigen<br />
Wüstenwanderung Israels hergestellt, so daß bei der neuen Heilstat Jahwes<br />
Befreiung <strong>und</strong> sichere Führung durch <strong>die</strong> Wüste ein Ereignis bilden.« Zapf, Jesaja, 263.<br />
Neben den namentlichen Erwähnungen des Kyros in Jes 44,28; 45,1 fokussiert sich Kratz<br />
auf <strong>die</strong> seines Erachtens auf Kyros zu beziehenden Verse Jes 41,2 f.25; 45,13; 46,11;<br />
48,14 f.; vgl. Kratz, Kyros, 15. Ein wesentliches Ergebnis der Arbeit liegt darin, <strong>das</strong>s<br />
Kratz lediglich <strong>die</strong> Verse Jes 41,2 f.25; 45,1 ff.*; 46,11 in der Gr<strong>und</strong>schicht verortet,<br />
wohingegen er <strong>die</strong> anderen Verse inklusive der sog. Gottesknechtslieder im Rahmen<br />
einer Kyros-Ergänzungsschicht verortet; vgl. Kratz, Kyros, 175f.217.<br />
Auch Schmids Habilitationsschrift legt für <strong>die</strong> Gr<strong>und</strong>schrift von Jes 40 ff. nahe, <strong>das</strong>s sie<br />
<strong>die</strong> heilsgeschichtlichen Themen Schöpfung <strong>und</strong> Flut, <strong>die</strong> Erzeltern Abraham /Sara <strong>und</strong><br />
Jakob (Israel) sowie den Exodus samt <strong>Meer</strong>w<strong>und</strong>er <strong>und</strong> Wüstenwanderung gekannt<br />
habe; vgl. Schmid, Erzeltern, 267.<br />
Vgl. Kratz, Kyros, 152 ff.<br />
A.a. O., 154.
C. <strong>Die</strong> Frage nach einem neuen<br />
Exodus als traditions- <strong>und</strong><br />
literaturgeschichtliches<br />
Problemfeld<br />
Spricht man in Bezug auf deuterojesajanische Schriftprophetie von einem<br />
»zweiten« oder »neuen« Exodus, so ergibt <strong>das</strong> nur Sinn unter der Annahme, <strong>das</strong>s<br />
<strong>die</strong> Autoren bzw. Redaktoren <strong>die</strong> Vorstellung vom Auszug Israels aus Ägypten<br />
bzw. eine Version der berühmten Exoduserzählung Ex 1–14(15) als konkrete<br />
literarische Ausformung <strong>die</strong>ser Vorstellung gekannt<strong>und</strong> darauf rekurriert haben.<br />
Angesichts der komplexen, schwer zu rekonstruierenden Entstehungsgeschichte<br />
biblischer Vorstellungen<strong>und</strong> Texte verlangt <strong>die</strong>se Prämisse nach einer kritischen<br />
Überprüfung. Sowohl <strong>die</strong> Texte deuterojesajanischer Schriftprophetie als auch<br />
der Pentateuch sind nicht amStück entstanden, sondern jeweils <strong>das</strong> Resultat<br />
einer langen, komplexen <strong>und</strong> dynamischen Wachstumsgeschichte. 56 Weiterhin<br />
fußen sowohl deuterojesajanische Schriftprophetie als auch der Pentateuch auf<br />
einer Diversität sehr unterschiedlicher Traditionen 57 .<strong>Die</strong>se Traditionen sind<br />
teilweise bedeutend älter einzustufen als ihre konkreten literarischen Niederschläge<br />
in biblischen Texten. Darüber hinaus sind sie von den anderen, mögli-<br />
56<br />
57<br />
Da der kanonische Pentateuch in der Form des MT erstens auf eine narrative Fortsetzung<br />
in den Bereich der Vorderen Propheten hinein angelegt ist <strong>und</strong> zweitens auf eigenständigen<br />
literarisch-theologischen Textbereichen (priesterschriftliche Texte, Heiligkeitsgesetz,<br />
B<strong>und</strong>esbuch, dtn-dtr Texte) beruht, muss der Pentateuch als Resultat einer<br />
komplexen Entstehungsgeschichte angesehen werden; vgl. Kratz, Pentateuch, 33–36.<br />
Ein Überblick sowohl über <strong>die</strong> offenen <strong>und</strong> innerhalb der Pentateuchforschung kontrovers<br />
diskutierten Detailfragen hinsichtlich <strong>die</strong>ser Entstehungsgeschichte als auch der<br />
teils gr<strong>und</strong>verschiedenen Prämissen der Analyse findet sich a. a. O., 36–61.Hinsichtlich<br />
der Entstehungsgeschichte deuterojesajanischer Schriftprophetie vgl. zum einen <strong>die</strong><br />
redaktionskritischen Vorbemerkungen im exegetischen Hauptteil (E.1.) <strong>und</strong> zum anderen<br />
<strong>die</strong> Rekonstruktion verschiedener Sta<strong>die</strong>n innerhalb <strong>die</strong>ses Buches (H.).<br />
Mit Traditionen sind kulturell über längere Zeit tra<strong>die</strong>rte Vorstellungen gemeint, <strong>die</strong> von<br />
den konkreten Texten, welche <strong>die</strong>se Vorstellungen aufgreifen, zu differenzieren sind; vgl.<br />
Utzschneider /Nitsche, Arbeitsbuch, 262.
30 C. <strong>Die</strong> Frage nach einem neuen Exodus<br />
cherweise unabhängig entstandenen Traditionen, <strong>die</strong> den Texten des Tanach<br />
zugr<strong>und</strong>e liegen, zu differenzieren.<br />
<strong>Die</strong> Frage nach einem neuen Exodus in deuterojesajanischer Schriftprophetie<br />
hat also eine traditionsgeschichtliche <strong>und</strong> eine literatur- bzw. literargeschichtliche<br />
Dimension. 58 In traditionsgeschichtlicherHinsicht ist zu überprüfen, wann<br />
<strong>und</strong> wie <strong>die</strong> Vorstellung vom Auszug aus Ägypten entstand <strong>und</strong> wie sie sich<br />
fortentwickelte. <strong>Die</strong>ser Schritt bereitet <strong>die</strong> Ausgangsbasis für Überlegungen, ob<br />
<strong>die</strong> Vorstellung zur Entstehungszeit deuterojesajanischer Schriftprophetie in<br />
judäischen Kreisen bereits eine breitenwirksame <strong>und</strong> womöglich normative<br />
Funktion innehatte. In literaturgeschichtlicher Hinsicht ist zu klären, in welcher<br />
Relation <strong>die</strong> ältesten literarischen Zeugnisse der Exodustradition im Alten Testament<br />
zu den ältesten Texten deuterojesajanischer Schriftprophetie stehen. In<br />
literargeschichtlicher Hinsicht ist schließlich zu erörtern, wie sich bestimmte<br />
Erzählmotive der biblischen Exoduserzählung einerseits <strong>und</strong> bestimmte Themen<br />
<strong>und</strong> Motive deuterojesajanischer Schriftprophetie andererseits im Kontext der<br />
jeweiligen Wachstumssta<strong>die</strong>n <strong>und</strong> des jeweiligen literarischen Profils entwickelten.<br />
Im Folgenden wird <strong>die</strong> eingangs vorgestellte Prämisse aus der Perspektive<br />
der Pentateuchforschung herausüberprüft. Eine erste Annäherung erfolgt durch<br />
eine Skizze des narrativenZusammenhangs zwischen dem Auszug aus Ägypten<br />
<strong>und</strong> dem Einzug ins gelobte Land im Hexateuch bzw. Enneateuch (C.1.). Daran<br />
anschließend werden <strong>die</strong> Erzelternerzählungen <strong>und</strong> <strong>die</strong> Exoduserzählung als<br />
literarische Ausformungen von Traditionen über <strong>die</strong> Ursprünge Israels in den<br />
Fokus gerückt (C.2.). <strong>Die</strong>s ist insofern bedeutsam, als <strong>das</strong>s Jakob <strong>und</strong> Abraham<br />
in deuterojesajanischen Texten erscheinen, weshalb zu erörtern ist, in welcher<br />
Relationbeide Traditionsbereiche zueinanderstehen (vgl. G.). Nachfolgend wird<br />
<strong>das</strong> »Exodus-Credo« <strong>und</strong> <strong>die</strong> <strong>die</strong>sem Credo zugr<strong>und</strong>e liegende Vorstellung vom<br />
Auszug der Israeliten aus Ägypten traditionskritisch evaluiert (C.3.). Verschiedene<br />
Möglichkeiten realhistorischer Anknüpfungspunkte für <strong>die</strong> Entstehung<br />
<strong>die</strong>ser Tradition werden erörtert. Darüber hinauswird diskutiert, wie <strong>die</strong> älteste<br />
rekonstruierbare Exoduserzählung im Pentateuch literaturgeschichtlich einzuordnen<br />
ist (C.4.). Zuletzt werden Elemente der Exodus-Wüstenwanderungserzählungen,<br />
welche für <strong>die</strong> These eines neuen Exodus inJes 40–52 konstitutiv<br />
sind, in literargeschichtlicher Hinsicht genauer evaluiert (C.5.) Schwerpunkte<br />
liegen dabei in der Einordnung sowohl des in Ex 14 f. dargestellten <strong>Meer</strong>w<strong>und</strong>ers<br />
(C.5.1.) als auch der Erzählungen über <strong>die</strong> Wasserw<strong>und</strong>er in der Wüste<br />
in Ex 17,1–7; Num 20,1–13 (C.5.2.). <strong>Die</strong>se Überlegungen bilden eine wichtige<br />
58<br />
Unter Literaturgeschichte ist im Folgenden <strong>die</strong> historische Kontextualisierung alttestamentlicher<br />
Bücher <strong>und</strong> größerer Textzusammenhänge gemeint. Literargeschichte<br />
bezeichnet demgegenüber eine kleinteiligere Differenzierung innerhalb konkreter<br />
Einzeltexte <strong>und</strong> Verse.
1. Auszug aus =gypten <strong>und</strong> Landgabe 31<br />
Gr<strong>und</strong>lage hinsichtlich der Frage nach der literatur- <strong>und</strong> traditionsgeschichtlichen<br />
Relation zwischen den genannten Erzählungen im Pentateuch <strong>und</strong> der<br />
Wasser- <strong>und</strong>Wüstenthematik in Jes 40–52. Abschließend werden <strong>die</strong> Ergebnisse<br />
zusammengefasst (C.6.).<br />
1. Der Zusammenhang zwischen dem Auszug aus<br />
Ggypten <strong>und</strong> der Landgabe im Hexateuch <strong>und</strong><br />
Enneateuch<br />
<strong>Die</strong> Erzählung vom Auszug Israels aus Ägypten in Ex 1–14(15) weist über <strong>die</strong><br />
Grenzen der genannten Kapitelhinaus. <strong>Die</strong>s zeigt sich exemplarisch im Rahmen<br />
der programmatischen Offenbarungen JHWHs vor Mose in Ex 3,4–15; 6,2–8. Mit<br />
der Offenbarung des Namens <strong>und</strong> damit auch des Wesens JHWHs (Ex 3,14; 6,2)<br />
ist <strong>die</strong> Verheißung verb<strong>und</strong>en, er werde Israel aus der Sklaverei in Ägypten<br />
befreien <strong>und</strong> ins gelobte Land führen (Ex 3,8; 6,6–8). 59 Im größeren Erzählrahmen<br />
spannt sich ein für den Hexateuch konstitutiver Bogen von der Exoduserzählung<br />
über <strong>die</strong> mit Ex 15,22 beginnenden Wüstenwanderungserzählungenbis<br />
hin zur Landnahme bzw. Landgabe 60 im Josuabuch. 61 Durch markante Parallelen<br />
zwischen der <strong>Meer</strong>w<strong>und</strong>ererzählung Ex 14 <strong>und</strong> der Erzählung vom Jordandurchzug<br />
in Jos 3f.stehen sich beide Ereignisse als »Exodus« <strong>und</strong> »Eisodus«<br />
programmatisch gegenüber. 62 Da sie jeweils einen Statuswechsel der Israeliten<br />
zwischen zwei heilsgeschichtlichen Epochen markieren, erhalten <strong>die</strong>se Ereignisse<br />
<strong>die</strong> Dimension eines liminalen Übergangs. 63 Der im Endtext ersichtliche<br />
59<br />
60<br />
61<br />
62<br />
63<br />
Insbesondere im Rahmen priesterschriftlicher Texte sind der Name <strong>und</strong> damit auch <strong>das</strong><br />
Wesen der Gottheit untrennbar mit dem Exodus verb<strong>und</strong>en (Ex 6,2.6); vgl. Berner,<br />
Exoduserzählung, 157.<br />
Gemäß der narrativen Darstellung des Josuabuches haben <strong>die</strong> Israeliten <strong>das</strong> Land nicht<br />
selbst erobert, sondern es wurde ihnen durch JHWH erkämpft <strong>und</strong> zugeteilt. Entsprechend<br />
trägt <strong>die</strong> Darstellung der Eroberung Jerichos in Jos 6stark kultische Züge. Weiterhin<br />
wird der konkrete Anteil am Land per Los zugeteilt (Jos 15,1; 16,1; 17,1.14.17); vgl.<br />
<strong>die</strong> Ausführungen von Hentschel in: Zenger, Einleitung 8 2012, 264.<br />
<strong>Die</strong>ser Bogen ist konstitutiv für jeden Versuch einer Rekonstruktion des Hexateuch bzw.<br />
Enneateuch; vgl. Kratz, Komposition, 10.<br />
Vgl. Krause, Exodus, 197.<br />
Viktor Turner prägte den Ausdruck »Liminalität« ursprünglich als Beschreibung von<br />
Passageriten, wobei er mittlerweile auch in exegetischen Arbeiten Verwendung findet;<br />
vgl. L<strong>und</strong>, Way, 78. Sowohl der Vollzug der laut Jos 5,4f. zur Zeit der Wüstenwanderungen<br />
nicht durchgeführten Beschneidungen als auch <strong>das</strong> Ende der Mannagabe in<br />
Jos 5,12 verweisen darauf, <strong>das</strong>s der in Jos 3f.geschilderte Jordandurchzug als liminales<br />
Ereignis im Sinne eines Status- <strong>und</strong> Epochenwechsels zu begreifen ist.
32 C. <strong>Die</strong> Frage nach einem neuen Exodus<br />
Zusammenhang zwischen dem Auszug der Israeliten aus Ägypten <strong>und</strong> ihrem<br />
Einzug ins gelobte Land erscheint schon in den ältesten rekonstruierbaren Sta<strong>die</strong>n<br />
der Exoduserzählung. 64<br />
Darüber hinaus wird im gesamten Enneateuch durch Formeln auf den Exodus<br />
Bezug genommen. <strong>Die</strong>se formelhaften Exodusbezüge (sog. »Exodus-Credo«<br />
vgl. C.3.) des Alten Testaments (vgl. u. a. Ex 20,2; Dtn 5,6; 1Kön 12,28) beschreiben<br />
<strong>das</strong> Handeln JHWHs im Exodusgeschehen mit den Verben<br />
im Hif’il. Damitlässt sich <strong>das</strong> Exodusgeschehen in zweifacher Weise profilieren,<br />
wie Dohmen <strong>und</strong> Ederer aufzeigen:<br />
צי א <strong>und</strong> לע ה<br />
<strong>Die</strong> mit formulierte Heraufführung blickt auf <strong>das</strong> verheißene Land als Ziel des<br />
Weges (Erfüllung der Verheißung), während <strong>die</strong> Herausführung mit Hif. auf den<br />
Ausgangspunkt, <strong>das</strong> Herausgehen (⌅Lassen) – auch im Sinn einer Sklavenbefreiung<br />
verstanden – verweist. 65<br />
צי א<br />
לע ה<br />
Das Exodus-Credo kann also je nach Formulierung entweder <strong>die</strong> göttliche Führung<br />
auf dem Wegder Israeliten von Ägypten ins gelobte Land oder aber <strong>die</strong><br />
göttliche Befreiungstat an den Israeliten akzentuieren. Insbesondere Letzteres<br />
spielt eine besondere Rolle als Begründung für <strong>die</strong> dtn-dtr B<strong>und</strong>estheologie. 66<br />
64<br />
65<br />
66<br />
Sowohl Berner als auch Gertz identifizieren Ex 3,7f.* inklusive der Verheißung der<br />
Landgabe als Bestandteil der ältesten rekonstruierbaren, nichtpriesterschriftlichen Exoduserzählung;<br />
vgl. Berner, Exoduserzählung, 103–105; Gertz, Exoduserzählung,<br />
287 f.394. Schmid vermutet im Rahmen eines 2014 erschienenen Aufsatzes eine vorpriesterschriftliche<br />
Exodus-Landnahmeerzählung als Vorlage der Moseerzählung im<br />
kanonisierten Pentateuch, wobei er sich hinsichtlich einer konkreten Zuweisung bestimmter<br />
Verse skeptisch zeigt; vgl. Schmid, Exodus, 45 f. <strong>Die</strong> 2017 erschienene Dissertation<br />
von Germany präsentiert schlussendlich <strong>die</strong> Rekonstruktion einer vom Erzählfaden<br />
sehr knappen, aber in sich konsistenten vorpriesterschriftlichen Exodus-<br />
Landnahmeerzählung, <strong>die</strong> sich von Ex 2* bis Jos 10* erstreckt habe; vgl. Germany,<br />
Narrative, 448–452.<br />
Dohmen /Ederer, Exodus, 6.<br />
In der Endgestalt des Buches Deuteronomium wird <strong>das</strong> Gottesverhältnis Israels als<br />
»B<strong>und</strong>« im Sinne eines bilateralen Vertragsverhältnisses interpretiert. <strong>Die</strong> Voraussetzung<br />
des B<strong>und</strong>es ist <strong>die</strong> Befreiung Israels aus Ägypten, weil JHWH Israel damit zum<br />
Eigentum erwählt hat (Dtn 7,6–8). <strong>Die</strong> Bestimmungen des dtn Gesetzes sind konstitutiver<br />
Bestandteil <strong>die</strong>ses Vertragsverhältnisses. JHWH als Eigentümer erhebt Anspruch bzw.<br />
stellt Forderungen an sein Eigentum (Dtn 5,6; 7,9–11 u. a.); vgl. Gertz, Gr<strong>und</strong>information<br />
5 2016, 259. <strong>Die</strong> auf <strong>die</strong> Kultzentralisation (Dtn 12) <strong>und</strong> <strong>die</strong> Alleinverehrung JHWHs<br />
(Dtn 5,6; 6,4f. u.a.) fokussierten Forderungen des dtn Gesetzes sind für <strong>die</strong> Geschichtsinterpretation<br />
des DtrG entscheidend. Innerhalb der Geschichtsrückblicke im<br />
DtrG wird der Exodus als heilsgeschichtliches F<strong>und</strong>ament der Gottesbeziehung profiliert;<br />
vgl. Jos 24,16–18; 1Sam 8,8; 12,6–8. u. a.
2. <strong>Die</strong> Erzeltern, der Exodus <strong>und</strong> ein AramIer kurz vor dem Untergang 33<br />
<strong>Die</strong>se gr<strong>und</strong>legenden Bef<strong>und</strong>e sind hinsichtlich der Frage nach einem neuen<br />
Exodus in Jes 40–52 relevant. Im Rahmender exegetischen Untersuchungen (F.)<br />
ist innerhalb von Jes 40–52 nach Anspielungen auf Erzählmotive der Exoduserzählung<br />
in Ex 1–14(15) zu suchen. Darüber hinaus könnte <strong>die</strong> Semantik von<br />
Gefangenschaft, Sklaverei <strong>und</strong> Befreiung auf <strong>die</strong> Exodustradition im Pentateuch<br />
hindeuten. 67 Aber auch eventuell vorfindliche Anspielungen auf <strong>die</strong><br />
Landnahmeerzählungen imJosuabuch setzen gemäß ihres konstitutiven Zusammenhangs<br />
mit der Exoduserzählung <strong>die</strong> Vorstellung vom Auszug aus<br />
Ägypten voraus. 68 Weiterhin könnte deuterojesajanische Schriftprophetie auf<br />
Episoden innerhalb der mit dem Exodus verb<strong>und</strong>enen Wüstenwanderungserzählungen<br />
(vgl. v.a. Ex 17,1–7; 20,1–13) anspielen <strong>und</strong> damit indirekt auf den<br />
Auszug aus Ägypten verweisen. 69<br />
Im Folgendenist zu eruieren, ob auch <strong>die</strong> Nennungen Jakobs <strong>und</strong> Abrahams<br />
in Jes 40–52 auf <strong>die</strong> Erzelternerzählungen des Pentateuch im Sinne einer Vorgeschichte<br />
zur Exoduserzählung verweisen könnten. Im Hinblick auf <strong>die</strong>se Frage<br />
ist im Rahmen des folgenden Kapitels eine traditionsgeschichtliche Vertiefungzu<br />
leisten.<br />
2. <strong>Die</strong> Erzeltern, der Exodus <strong>und</strong> ein Aram
34 C. <strong>Die</strong> Frage nach einem neuen Exodus<br />
werden (vgl. Gen 23). 71 Insofern greifen <strong>die</strong> Verheißungen Ex 3,8; 6,6–8(vgl. C.1.)<br />
einen noch offenen Erzählfaden auf. Der Aspekt der Sklaverei in bzw. der Herausführung<br />
aus Ägypten korrespon<strong>die</strong>rt mit der Ankündigung der 400-jährigen<br />
Fremdlingschaft ineinem anderen Land nach Gen 15,13 (vgl. Ex 12,40). 72 Der<br />
Aufenthalt Abrams in Ägypten in Gen 12,10–13,1 verweist auf den späteren<br />
Aufenthalt der Israeliten inÄgypten, wobei <strong>das</strong> Motiv der Plagen (Gen 12,17)<br />
insbesondere auf Ex 7–12 abzielt. <strong>Die</strong> Landverheißungen der Erzelternerzählungen<br />
gehen hingegen erst in Jos 1–12 umfänglich inErfüllung. Eine weitere<br />
Verbindungslinie, <strong>die</strong> den gesamten Hexateuch durchzieht, ergibt sich durch <strong>die</strong><br />
Mitnahme der GebeineJosefs beim Auszug in Ex 13,19. DerVers verweist auf den<br />
Schwur der Kinder Josefs in Gen 50,24 f., <strong>die</strong>Gebeine des Vaters beim Auszug aus<br />
Ägypten mitzunehmen. Inder Verheißung der göttlichen Fürsorge ( )in<br />
Gen 50,24 f. liegt eineVerbindung zur Zusage JHWHs in Ex 3,16. Darüber hinaus<br />
liegt in Ex 13,19 ein Vorverweis auf <strong>die</strong>Bestattung der Gebeine im gelobtenLand<br />
nach Jos 24. <strong>Die</strong> Mehrungsverheißungen der Erzelternerzählungen (Gen 12,2;<br />
15,5; 17,4–6) erfüllen sich in Ex 1,7 in dem Sinne, <strong>das</strong>s aus einem Familien- <strong>und</strong><br />
Sippenverband ein Volk wird. Innerhalb der Exoduserzählung <strong>die</strong>nt <strong>die</strong>ser Vers<br />
dazu, »einen Wechsel in der Beziehung der in Ägypten lebenden Israeliten zu<br />
Ägypten einzuleiten« 73 .<br />
An <strong>die</strong>ser Stelle erscheint jedoch auch eine gr<strong>und</strong>legende Spannung im<br />
Übergang zwischen dem Buch Genesis <strong>und</strong> dem Exodusbuch. Das im Fortgang<br />
der Exoduserzählung entworfene Bild Ägyptens als gnadenloses Unterdrückungsregime<br />
in Ex 1,11.13 f. (vgl. םידבעתיב in Ex 20,2; Dtn 5,6) widerspricht<br />
dem insgesamt recht positiven Bild Ägyptens in Gen 37–50. 74 Der Pentateuch<br />
tra<strong>die</strong>rt somit verschiedene Bilder Ägyptens <strong>und</strong> stellt <strong>die</strong>se konstrastierend<br />
gegenüber.<br />
Der drastische Wandel der Ägyptendarstellung in Ex 1,8–10, der durch einen<br />
neuen Pharao begründet wird,bereitet auf der Erzählebene <strong>das</strong> F<strong>und</strong>ament dafür,<br />
<strong>das</strong>s <strong>die</strong> Landverheißung aus Gen 12,7 u.a.überhaupt erfüllt werden kann. Das<br />
Bild der gewaltsamen Unterdrückung durch Ägypten fordert auf der literarischen<br />
Erzählebene <strong>die</strong> Israeliten, auf der Rezeptionsebene <strong>die</strong> Adressatinnen <strong>und</strong><br />
Adressaten, geradezu heraus, <strong>die</strong> jeweils eigene geographische <strong>und</strong> kulturelle<br />
ד קפ<br />
71<br />
72<br />
73<br />
74<br />
Anders Kratz,der <strong>die</strong> Wanderungen <strong>und</strong> Kultgründungen der Erzväter <strong>und</strong> <strong>die</strong> Rückkehr<br />
Jakob-Israels als Erfüllung der Verheißung Gen 12,1–3.7 betrachtet; vgl. Kratz, Komposition,<br />
268.<br />
Eine kritische Evaluation <strong>die</strong>ses Bezugs findet sich unter F.8.5.<br />
Dohmen /Ederer, Exodus, 3.<br />
Ägypten erscheint in Gen 37–50 als ein wirtschaftlich prosperierendes Land, <strong>das</strong><br />
Wirtschaftsflüchtlinge aufnimmt <strong>und</strong> in dem auch Fremde zu Reichtum <strong>und</strong> Ansehen<br />
kommen können.
2. <strong>Die</strong> Erzeltern, der Exodus <strong>und</strong> ein AramIer kurz vor dem Untergang 35<br />
Zugehörigkeit zu reflektieren. 75 Im Hintergr<strong>und</strong> der Reflexion stehen dabei <strong>die</strong><br />
schon beschriebenen, sehr unterschiedlichen Ägyptendarstellungen in Gen 37–<br />
50 einerseits <strong>und</strong> Ex 1–14(15) andererseits. <strong>Die</strong> beiden Darstellungen bilden in<br />
ihrem Gegenüber auch <strong>das</strong> Spannungsfeld ab, <strong>das</strong> man im Hinblick auf <strong>die</strong> Geschichte<br />
Israels als Assimilation in bzw. Abgrenzung gegen <strong>die</strong> jeweils herrschenden<br />
altorientalischen Großmächte übersetzen kann. Im Hinblick auf <strong>die</strong><br />
literarische Erzählebene besinnen sich <strong>die</strong> Israeliten angesichts der äußeren<br />
Bedrohung auf eine geographische <strong>und</strong> religiöse Heimat. Da sich <strong>die</strong> Gottesbeziehung<br />
in der Fremde konstituiert (Ex 3) <strong>und</strong> im Einzug ins gelobte Land mündet<br />
(Jos 1–12), ergibt sich in Verbindung mit den Verheißungen an <strong>die</strong>Erzeltern ein<br />
großes Identifikations- <strong>und</strong>Hoffnungspotential für judäische Rezipientinnen <strong>und</strong><br />
Rezipienten gerade in exilisch-nachexilischer Zeit. 76<br />
<strong>Die</strong> soeben präsentierten Spannungen sowie weitere massive Kohärenzstörungen<br />
77 im Übergang von den Erzelternerzählungen bzw. der Josefsnovelle<br />
zur Exoduserzählung verlangennach einer literar- <strong>und</strong> traditionsgeschichtlichen<br />
Differenzierung beider Bereiche. <strong>Die</strong> Erzelternerzählungen <strong>und</strong> <strong>die</strong> Exoduserzählung<br />
Ex 1–14* haben sich anscheinend zunächst unabhängig voneinander<br />
entwickelt. Erst sek<strong>und</strong>är, im Laufe der Formierung des Pentateuch, wurden sie<br />
75<br />
76<br />
77<br />
Vgl. Dohmen /Ederer, Exodus, 4.<br />
Der Pentateuch lässt sich auf der Erzählebene als »der spannungsreiche WegIsraels in <strong>das</strong><br />
Land der den Erzeltern gegebenen Verheißung« (Zenger, Einleitung 8 2012, 78) lesen. Am<br />
Ende des Pentateuch steht Israel an der Grenze des gelobten Landes. Der Auftrag, in <strong>das</strong><br />
Land zu ziehen, erscheint dabei nicht nur als ein narrativer Vorverweis auf <strong>das</strong> Buch<br />
Josua, sondern darüber hinaus als eine Botschaft anein Israel, <strong>das</strong> <strong>die</strong> staatliche <strong>und</strong><br />
territoriale Autonomie verloren hat. Der Erzählzusammenhang Gen–Jos versucht, durch<br />
<strong>die</strong> theologische, auf <strong>die</strong> Gottesbeziehung ausgerichtete Narration Identität zu stiften.<br />
Darüber hinaus will er aber auch als Verheißung gelesen werden, <strong>das</strong>s Gott seinem Volk<br />
gemäß den einst ergangenen Verheißungen <strong>die</strong> Treue hält.<br />
Vgl. u. a. Schmid, Erzeltern, 5–8. <strong>Die</strong> Aufenthaltsdauer der Israeliten in Ägypten beträgt<br />
nach Ex 12,40 430 Jahre. <strong>Die</strong>s steht in massivem Widerspruch zum ägyptischen Herrschaftswechsel<br />
nach Ex 1,8 <strong>und</strong> der Angabe, Mose sei mütterlicherseits ein Enkel Levis<br />
gewesen (Ex 2,1 vgl. 6,20), wonach zwischen Jakob <strong>und</strong> Mose nur drei Generationen<br />
gelegen hätten; vgl. a. a. O., 6. Innerhalb der zahlreichen Landverheißungen in Gen wird<br />
nur im vermutlich sehr jungen Text Gen 15,13–16 »davon gesprochen, daß <strong>die</strong> Nachkommen<br />
der Erzväter Kanaan verlassen werden <strong>und</strong> sich <strong>die</strong> Landverheißung erst anläßlich<br />
einer erneuten Einwanderung erfüllen wird«; ebd. Den anderen Landverheißungen<br />
ist <strong>die</strong>se Vorstellung fremd. Weiterhin wird <strong>das</strong> nach Gen 37–50 so positive <strong>und</strong><br />
progressive Bild Ägyptens in Ex 1nach nur einem (!) Herrschaftswechsel komplett<br />
redigiert <strong>und</strong> zum Bild des totalitären Sklavenhauses umgeformt. Auch <strong>das</strong> Anwachsen<br />
Israels von Familien <strong>und</strong> Sippen zu einem großen Volk mit Gefährdungspotential für<br />
Ägypten wirkt in Ex 1,7–10 sehr abrupt <strong>und</strong> steht unter dem Verdacht, <strong>das</strong> narrative<br />
Setting der Josefsnovelle sek<strong>und</strong>är in <strong>das</strong> Setting der Exoduserzählung zu überführen.
36 C. <strong>Die</strong> Frage nach einem neuen Exodus<br />
zu einem gemeinsamen Ursprungsmythos Israels verb<strong>und</strong>en. 78 Hinterden einst<br />
unabhängigen Überlieferungen über <strong>die</strong> Erzeltern <strong>und</strong> den Auszug Israels aus<br />
Ägypten steht auch ein jeweils unterschiedliches Bild über <strong>die</strong> Ursprünge Israels.<br />
Lässt man den sek<strong>und</strong>ären Zusammenschluss mit den Erzelternerzählungen<br />
außen vor, so präsentiert der Erzählzusammenhang Ex – Jos <strong>die</strong> Geschichte<br />
einer Gruppe, <strong>die</strong> sich in Ägypten als Gemeinschaft formierte <strong>und</strong> unter Führung<br />
des Mose gegen <strong>die</strong> Unterdrückung der Ägypter revoltierte. 79 Bei der Ankunft<br />
<strong>die</strong>ser Gruppe in Kanaan waren sie eine allogene Gemeinschaft, welche gegen <strong>die</strong><br />
Ureinwohner des Landes zu Felde zog. 80 <strong>Die</strong> Erzelternerzählungen wiederum<br />
verorten <strong>die</strong> Herkunftdes nach der Erzählchronologie ältestenPatriarchen in den<br />
mesopotamischen Raum, wobei auch eine ursprüngliche Lokalisierung der<br />
Abrahamssippe im Gebiet nördlich von Damaskus diskutiert wird. 81 <strong>Die</strong> drei<br />
Erzväter vagab<strong>und</strong>ieren jeweils mit ihren Sippen als Nomaden zwischen Mesopotamien<br />
<strong>und</strong> Ägypten umher <strong>und</strong> siedeln an wichtigen Kultorten der späteren<br />
Königreiche Israel <strong>und</strong> Juda. <strong>Die</strong> zahlreichen ätiologischen Notizen (vgl.<br />
Gen 28,17; 32,6f.; 33,17 u. a.) rechnen wohl damit, <strong>das</strong>s <strong>die</strong> Israeliten seit der<br />
78<br />
79<br />
80<br />
81<br />
»Der Überlieferungskomplex der Erzvätergeschichte einerseits […] <strong>und</strong> derjenige<br />
der Mose-Exodus-Geschichte andererseits […] waren ursprünglich eigenständige Ursprungstraditionen<br />
Israels, <strong>die</strong> erst durch eine zeitlich nach ›P‹ anzusetzende Redaktion<br />
– <strong>und</strong> wohl unter gleichzeitiger Einarbeitung von ›P‹–miteinander gekoppelt worden<br />
sind […].« A.a.O., 358. Kratz geht hingegen davon aus, <strong>das</strong>s es eine schon vorpriesterschriftliche<br />
Zusammenfügung der nichtpriesterschriftlichen Erzeltern- <strong>und</strong> Exodus-<br />
Landnahmeerzählung gegeben habe; vgl. Kratz, Komposition, 304.<br />
Orientiert man sich an der Rekonstruktion einer vorpriesterschriftlichen Exodus-<br />
Landnahmeerzählung von Germany, so begann <strong>die</strong>se von den Erzelternerzählungen<br />
unabhängige Narration in Ex 2,1; vgl. Germany, Narrative, 19 f.448f.<br />
Im Hinblick auf <strong>die</strong> Theorien zur Entstehung Israels in Palästina ist <strong>die</strong>se Darstellung<br />
Gr<strong>und</strong>lage des wissenschaftlich nicht haltbaren Invasionsmodells; vgl. u.a. Frevel,<br />
Geschichte, 73.<br />
Nach Gen 11,31; 12,1.4 zieht Abram zunächst mit seinem Vater Terach aus Ur in Chaldäa<br />
nach Haran, um von dort aus Richtung Kanaan aufzubrechen. Ur in Chaldäa verweist auf<br />
den südbabylonischen Raum <strong>und</strong> wurde vermutlich erst sek<strong>und</strong>är, durch nachexilische<br />
Texte, zur Heimat Abrahams erklärt; vgl. Zimmerli, 1.Mose, 16–18 bzw. Zwickel, Bibelatlas,<br />
93. Ursprünglich wurde Abrahams Sippe wohl mit Haran in Verbindung gebracht.<br />
Archäologisch wird Haran östlich von Karkemisch, in der Gegend der heutigen<br />
Süd-Türkei lokalisiert <strong>und</strong> stand in neuassyrischer Zeit unter assyrischer, später unter<br />
babylonischer <strong>und</strong> medischer Herrschaft; vgl. Bagg, Haran. Da Haran nach Gen 31,23<br />
nur sieben Tagesmärsche vom Gebirge Gilead entfernt sein soll, wird auch eine (archäologisch<br />
noch nicht verifizierte) Verortung des biblischen Haran in <strong>das</strong> aramäische<br />
Gebiet nördlich von Damaskus diskutiert; vgl. Zwickel, Bibelatlas, 93. Dafür spräche<br />
auch, <strong>das</strong>s Labans Wohnort sowohl mit Haran als auch mit םראןדפ »Gefilde Arams«<br />
bezeichnet wird; vgl. Gen 28,2.5–7; 31,18; 33,18; 35,9.26.
D. Deuterojesaja <strong>und</strong> Priesterschrift:<br />
Nachbarn oder ferne Verwandte?<br />
Unter den geänderten Prämissen der Pentateuchforschung (vgl. C.5.) ist <strong>die</strong><br />
Relation zwischen bestimmten Erzählmotiven der Exoduserzählung im Pentateuch<br />
<strong>und</strong> der deuterojesajanischen 317 (dtjes)Schriftprophetie nichtmehr so klar,<br />
wie es vor nicht allzu langer Zeit postuliert wurde (vgl. B.). Sollten innerhalb dtjes<br />
Schriftprophetie Anspielungen auf <strong>die</strong> im Pentateuch fixierte Exodus-Landnahmetraditionvorliegen,sowäre<br />
bereits ein (nach)priesterschriftliches Stadium der<br />
Pentateuchentwicklung vorauszusetzen. <strong>Die</strong>s ist insbesondere der Fall, wenn<br />
man <strong>die</strong> Aspekte des Weges im Wasser bzw. <strong>Meer</strong> (Jes 43,2.16; 51,10b) <strong>und</strong> des<br />
Wassers in der Wüste (u. a. Jes 41,18; 43,19b–20; 48,21) auf Vorlagen aus dem<br />
Pentateuch bezieht. Vorauszusetzem wäre, <strong>das</strong>s <strong>die</strong> (nach)priesterschriftlichen<br />
Erzählungen vom <strong>Meer</strong>w<strong>und</strong>er (Ex 14*) <strong>und</strong> den Wasserw<strong>und</strong>ern während der<br />
Wüstenwanderung Israels (v.a. Ex 17,1–7; Num 20,1–13) zur Abfassungszeit der<br />
entsprechenden Jesajaverse bereits existierten (vgl. C.5.1. <strong>und</strong> C.5.2.). Darüber<br />
hinaus wäre davon auszugehen, <strong>das</strong>s <strong>die</strong> Autoren <strong>und</strong> Tradenten dtjes Schriftprophetie<br />
von der (nach)priesterschriftlichen Literatur des Pentateuchinhaltlichtheologisch<br />
beeinflusst waren. Daher soll zunächst sowohl <strong>die</strong> lokale <strong>und</strong> diachrone<br />
als auch <strong>die</strong> inhaltlich-theologische Relation zwischen priesterschriftlicher<br />
Literatur <strong>und</strong> dtjes Schriftprophetie thematisiert werden.<br />
317<br />
Der Begriff »Deuterojesaja« (DtJes) bezeichnet in <strong>die</strong>ser Arbeit eine erste Edition von<br />
Jes 40 ff., <strong>die</strong> im Folgenden noch literarkritisch abzugrenzen ist (vgl. gr<strong>und</strong>legend E.1.<br />
<strong>und</strong> im Detail H.1.). Als »deuterojesajanisch« (dtjes) werden alle redaktionellen Überarbeitungen<br />
<strong>und</strong> Erweiterungen <strong>die</strong>ser Edition klassifiziert, welche Jes 40* als Beginn<br />
voraussetzen.
100 D. Deuterojesaja <strong>und</strong> Priesterschrift: Nachbarn oder ferne Verwandte?<br />
1. <strong>Die</strong> Problematik einer diachronen <strong>und</strong> lokalen<br />
Einordnung der Priesterschrift<br />
Orientiert man sich an der opinio communis der exegetischen Wissenschaft,<br />
werden sowohl <strong>die</strong> ältestenpriesterschriftlichen Texte als auch <strong>die</strong> ältesten dtjes<br />
Texte nicht vor der spätexilischen Zeit entstanden sein, wobei in beiden Fällen<br />
eine perserzeitliche Textentstehung favorisiert wird. 318 <strong>Die</strong> aufgr<strong>und</strong> von<br />
linguistischen Erwägungenaufgestellte These einer vorexilischen Datierung der<br />
Priesterschrift hat sich nicht als konsensfähig erwiesen. 319 Anders als im Hinblick<br />
auf DtJes, wo <strong>die</strong> für <strong>die</strong> literarische Integrität konstitutiven Kyrosaussagen<br />
(vgl. Jes 41,2 f.25; 45,1 ff.; 46,11) einen terminus post quem um 539 v. Chr. herum<br />
klar vorgeben, fällt eine entsprechende Einordnung der priesterschriftlichen<br />
Texte außerordentlich schwer. Ein terminus ante quem besteht für <strong>die</strong> priesterschriftlichen<br />
Texte im Rahmen der innerjüdischen Kanonisierung des Pentateuch,<br />
für <strong>die</strong> Texte in Jes 40–52 im Hinblick auf <strong>die</strong> großeJesajarolle aus Qumran<br />
(1QJes a )aus der Mitte des 2. Jh. v. Chr. 320 <strong>Die</strong>ser Bef<strong>und</strong> eröffnet einen breiten<br />
Korridor imHinblick auf mögliche zeitliche Überschneidungen der Literargeschichte<br />
beider Textbereiche. Jedoch muss zunächst noch geklärt werden, wann<br />
<strong>die</strong> ältesten priesterschriftlichen Texte ungefähr entstanden sein könnten –<br />
ungeachtet dessen, ob man sie als ursprünglich selbständige Quelle, als Redaktionsschicht,<br />
oder als Kombination aus beiden im Rahmen kompositioneller<br />
Arbeit interpretiert. 321 Da sich <strong>die</strong> potenziellen Motivvorlagen für DtJes auf den<br />
318<br />
319<br />
320<br />
321<br />
Vgl. u.a. Gertz, Gr<strong>und</strong>information 5 2016, 244f.; Pola, Priesterschrift, 31–40; Zenger,<br />
Einleitung 9 2016, 197–199. Für eine spätexilische Datierung der Priesterschrift votiert<br />
u. a. Pola; vgl. Pola, Priesterschrift, 349.<br />
In Übereinstimmung mit Janowski ist zu konstatieren, <strong>das</strong>s <strong>die</strong> »Frage nach den von P<br />
verarbeiteten (Sprach⌅) Traditionen mit der Frage nach dem Alter von Pals eines literarischen<br />
Werkes nicht einfach identisch ist«; Pola, Priesterschrift, 38 f. Weiterhin<br />
verweist Schmid auf linguistische Bef<strong>und</strong>e, <strong>die</strong> weniger für eine vorexilische Datierung<br />
sprechen, sondern im Gegenteil für eine perserzeitliche. Sprachlich ordnet er Pals<br />
Übergangstext zwischen klassischem (CBH) <strong>und</strong> spätem Biblischen Hebräisch (LBH) ein;<br />
vgl. Schmid, Identify, 111; vgl. <strong>die</strong>sbezüglich auch Pola, Priesterschrift, 38.<br />
Vgl. Pola, Priesterschrift, 31 f.: »Der späteste Termin für <strong>die</strong> Erreichung einer (vorläufig)<br />
abgeschlossenen kompositionellen Gestalt von P, besonders bei Annahme von Pals<br />
Quelle, muß deutlich vor der liturgischen Verwendung des abgeschlossenen Pentateuch ab<br />
398 v.Chr. (Neh 8) liegen, wie <strong>die</strong> Rezeption von sowohl D- als auch von P-Materialien in<br />
Neh 10 <strong>und</strong> 13 zeigt, da es einen späteren greifbaren Termin für den Abschluß des<br />
Kanonisierungsprozesses des ersten Kanonteiles nicht gibt.«. Im Hinblick auf DtJes vgl.<br />
Zenger, Einleitung 9 2016, 540.<br />
Zur generellen Debatte um <strong>das</strong> literargeschichtliche Profil der PriesterschriftimRahmen<br />
der Pentateuchentstehung vgl. u.a.Blum, Profil, 50–55; Gertz, Gr<strong>und</strong>information, 241–
1. Diachrone <strong>und</strong> lokale Einordnung der Priesterschrift 101<br />
Bereich der Exoduserzählung Ex 1–14(15) konzentrieren <strong>und</strong> <strong>die</strong> für <strong>das</strong> Verhältnis<br />
zu Jes 40–52 entscheidendenWüstenwanderungserzählungen in Ex 15–<br />
18; Num 20 als nachpriesterschriftlich erwiesen haben (vgl. C.5.2.), wird an<br />
<strong>die</strong>ser Stelle nicht weiter auf <strong>die</strong> breite Diskussion über <strong>das</strong> ursprüngliche Ende<br />
der Priesterschrift eingegangen. 322<br />
Im Hinblick auf <strong>die</strong> Datierung <strong>und</strong> Lokalisierung der ältesten priesterschriftlichen<br />
Texte lassen sich innerhalb der aktuellen exegetischen Wissenschaft<br />
zwei Lager ausmachen. <strong>Die</strong> einen votieren für eine frühnachexilische<br />
Entstehung um 520 v. Chr. in Babylon 323 ,<strong>die</strong> anderen für eine etwas spätere<br />
Datierung im 5. Jh. v. Chr. in Jerusalem. 324 <strong>Die</strong> Entscheidung für eine <strong>die</strong>ser<br />
beiden Optionen ist in einem hohen Maße von der jeweiligen Interpretation des<br />
Zeltheiligtums der priesterschriftlichen Gr<strong>und</strong>schrift abhängig:<br />
Es ist möglich, <strong>die</strong> Bestimmungen zum Bau des Zeltheiligtums <strong>und</strong> damit Pinsgesamt<br />
als »kritisch-utopischen« Beitrag um den noch nicht vollendeten Tempelbau zu lesen<br />
oder in ihnen <strong>die</strong> Gründungslegende des 515 v. Chr. wieder errichteten Jerusalemer<br />
Tempels <strong>und</strong> seiner Kultgemeinde zu sehen. 325<br />
Man kann <strong>das</strong> Zeltheiligtum also als Ätiologie des zweiten Tempels interpretieren,<br />
oder auch als diasporaorientierten »Gegenentwurf zur staatsbezogenen<br />
Tempeltheologie der Königszeit« 326 .Imletzteren Fall ließe sich <strong>die</strong> Mobilität<br />
des Zeltheiligtums im Sinne einer Gottesbegegnung unabhängig der Orte deuten,<br />
»in denen in nachexilischer Zeit JHWH-Tempel existierten (Samaria, Jerusalem,<br />
Elephantine, Makeda, Leontopolis)« 327 .Darin lägen, nach <strong>die</strong>ser Interpretation,<br />
<strong>die</strong> utopischen Züge der priesterschriftlichen Gr<strong>und</strong>schrift. 328 Neben der Fo-<br />
243; Levin, Priesterschrift, 24–31; Pola, Priesterschrift, 29–31; Zenger, Einleitung<br />
9 2016, 188–190.<br />
322<br />
323<br />
324<br />
325<br />
326<br />
327<br />
328<br />
Vgl. <strong>die</strong>sbezüglich u. a. Pola, Priesterschrift, 213–305; Weimar, Priesterschrift, 2.3.;<br />
Zenger, Einleitung 9 2016, 190–197.<br />
Sowohl hier als auch im Folgenden wird der Begriff »Babylon« nicht nur für <strong>die</strong> (ehemalige)<br />
Hauptstadt des Neubabylonischen Reichs verwendet, sondern darüber hinaus<br />
als Inbegriff für <strong>das</strong> babylonische Kernland inklusive der verschiedenen judäischen<br />
Exilsgemeinschaften, welche gemäß dem aktuellen Forschungsstand nicht in der babylonischen<br />
Hauptstadt angesiedelt waren; vgl. Alstola, Babylonia, 254–258; Frevel,<br />
Geschichte, 283 f.<br />
Vgl. Zenger, Einleitung 9 2016, 197–199.<br />
Gertz, Gr<strong>und</strong>information, 245; vgl. Zenger, Einleitung 9 2016, 198.<br />
Zenger, Einleitung 9 2016, 198.<br />
Ebd.<br />
Mit <strong>die</strong>ser Sichtweise korrelieren auch utopische Züge des priesterschriftlichen<br />
Schöpfungsberichts. So soll <strong>die</strong> Menschheit nach Gen 1,26–28 etwa »als Weltenkönig
102 D. Deuterojesaja <strong>und</strong> Priesterschrift: Nachbarn oder ferne Verwandte?<br />
329<br />
330<br />
331<br />
kussierung der Interpretation auf den Jerusalemer Tempel gibt es Theoriebildungen<br />
vor dem Hintergr<strong>und</strong> möglicher gesellschaftlich-politischer Motivationen<br />
der Autorenschaft von P. Erhard Blum etwa datiert <strong>die</strong> Priesterschrift als<br />
Bestandteil einer priesterlichen Komposition eines »Ur-Pentateuch« um <strong>das</strong> Jahr<br />
500 v. Chr. <strong>Die</strong>se Komposition aus priesterlichen <strong>und</strong> nichtpriesterlichen Texten<br />
sei im Zuge einer persischen Reichsautorisation entstanden, um ein in der<br />
Provinz Jehud mehrheitsfähiges Dokument zu schaffen. 329 <strong>Die</strong>se Interpretation<br />
ist einerseits innovativ, weil sie den komplexen <strong>und</strong> höchst spannungsvollen<br />
Diskurs zwischen priesterschriftlichen <strong>und</strong>nichtpriesterschriftlichen Texten im<br />
Pentateuch vor dem historischen Hintergr<strong>und</strong> der Perserzeit erklärbar macht.<br />
Andererseits ist <strong>die</strong>se These auch problematisch, da es keine persischen oder<br />
innerjüdischen Quellen über den Vorgang einer entsprechenden Reichsautorisation<br />
gibt. Weiterhin besteht in jüngerer Forschung mittlerweile eine große<br />
Skepsis hinsichtlich der Frage, ob es eine persische Reichsautorisation lokaler<br />
Gesetze überhaupt gegeben habe. 330<br />
Wieessich zeigt,ist eine genauere Datierung der priesterschriftlichen Texte<br />
äußerst kompliziert. Das liegt nicht zuletzt im inhaltlich-theologischen Profil<br />
<strong>die</strong>ser Texte begründet. Ungeachtet des konkreten Schlusses des priesterschriftlichen<br />
Gr<strong>und</strong>bestands konzentrieren sich <strong>die</strong> Texte auf eine Art Ur- bzw.<br />
Frühgeschichte. <strong>Die</strong> theologisch aufgeladene Darstellung der Vergangenheit<br />
<strong>die</strong>nt, je nach Lesart der Texte, entweder als Projektionsfläche einer idealen<br />
Utopie oder als ätiologische Reflexion gegenwärtiger Zustände. Auf jeden Fall<br />
lassen sich realhistorische Bedingungen der Textentstehung nur indirekt aus den<br />
Texten ableiten. Dennoch gibt es einige Indizien, <strong>die</strong> eine grobe Verortung der<br />
Priesterschrift inexilisch-nachexilischer Zeit plausibilisieren. Zunächst sprechen<br />
zwei literaturgeschichtliche Argumente dafür, Pnicht früher als in <strong>die</strong><br />
exilische Zeit zu datieren. 331 Erstens ist im Hinblick auf <strong>die</strong> Fokussierung der<br />
priesterschriftlichen Sinaiperikope auf ein besonderes Heiligtum <strong>die</strong> joschijanische<br />
Kultzentralisation implizit vorausgesetzt, ohne <strong>das</strong>s <strong>die</strong>se eigens expliüber<br />
den ganzen Kosmos« (Schüle, Prolog, 108 f.) herrschen, was einerseits einen Bruch<br />
mit altorientalischer Königsideologie darstellt, andererseits aber den Menschen vor <strong>die</strong><br />
quasi-göttliche Aufgabe stellt, <strong>das</strong> destruktive Potential der erschaffenen Welt in Schach<br />
zu halten; vgl. a. a. O., 106–116. Im Vergleich mit der neuen Schöpfungsordnung in Gen 9<br />
fällt auf, <strong>das</strong>s <strong>die</strong> ursprüngliche, utopische Weltordnung ein gewaltfreies Miteinander<br />
von Mensch <strong>und</strong> Tier impliziert, wohingegen Gen 9eine Ätiologie auf <strong>die</strong> Realverhältnisse<br />
zu geben scheint, in denen Menschen Tiere jagen <strong>und</strong> töten; vgl. a. a. O., 114. »<strong>Die</strong><br />
vorsintflutliche Welt wäre […]inder Weise geordnet gewesen, wie sie <strong>die</strong> Tradition vom<br />
Tierfrieden (Jes 11,1–9) beschreibt.« Ebd.<br />
Vgl. Blum, Stu<strong>die</strong>n, 333–360; Zenger, Einleitung 8 2012, 130–135.<br />
Vgl. Frevel, Geschichte 2 2018, 332.<br />
Vgl. u. a. Zenger, Einleitung 9 2016, 198.
1. Diachrone <strong>und</strong> lokale Einordnung der Priesterschrift 103<br />
ziert oder verteidigt werden müsste. Zweitens setzt sich <strong>die</strong> priesterschriftliche<br />
Urgeschichte innerhalb von Gen 1–11 kritisch mit babylonischen Schöpfungs<strong>und</strong><br />
Flutmythen auseinander, wobei <strong>die</strong> Gestirne als Leuchten in Gen 1,14 als<br />
Polemik gegen babylonische Astralgottheiten gedeutet werden können.<br />
Darüber hinaus verweist Konrad Schmid auf kulturelle <strong>und</strong> politische Gegebenheiten<br />
der Perserzeit, <strong>die</strong> in Preflektiert werden. 332 Schmid führt an, <strong>das</strong>s<br />
in priesterschriftlichen Texten Hosen bzw. Unterhosen auftauchen, <strong>die</strong> im Vorderen<br />
Alten Orient eine persische Innovation darstellen ( םיסנכמ als Beinkleider<br />
der Priester in Ex 28,42; 39,28). <strong>Die</strong> priesterschriftliche Völkertafel (Gen 10)<br />
stelle weiterhin eine pluralistische Weltkonzeption dar, <strong>die</strong> weder mit neuassyrischen<br />
noch mit neubabylonischen Weltvorstellungen korreliere. Sie könne laut<br />
Andreas Schüle als »Bestandsaufnahme der Völkerwelt im Achemänidenreich« 333<br />
interpretiert werden, wobei in Gen 10 weder <strong>die</strong> Perser noch ein weltbeherrschender<br />
König erwähnt werden. <strong>Die</strong>ser Bef<strong>und</strong> wird von Schüle als »programmatischeLeerstelle«<br />
334 interpretiert, <strong>die</strong> man als kritischen Vorbehalt gegenüber<br />
der persischen Weltmacht deuten könne, wobei <strong>die</strong> Texte aufgr<strong>und</strong> ihrer Subtilität<br />
aber nicht der politischen Zensur zum Opfer fielen:<br />
Damit soll nicht behauptet werden, <strong>die</strong> Völkertafel sei ein gezielt anti-persischer Text.<br />
Das Perserreich mochte unter den gegebenen Umständen (<strong>und</strong> im Vergleich mit den<br />
Erfahrungen unter den Babyloniern) als relativ beste Weltordnung gesehen <strong>und</strong> als<br />
solche akzeptiert worden sein, dem schöpfungstheologischen Ideal der priesterlichen<br />
Völkertheologie entspricht sie jedoch nicht. 335<br />
Insofern könne man Gen 10 als eine besondere Form politischer Theologie<br />
verstehen, deren realpolitischer Standpunkt in einer Positionierung der Autoren<br />
innerhalb des persischen Großreichs liegt. Inmitten einer weitestgehend<br />
pazifistischen <strong>und</strong> integrativen Weltsicht <strong>die</strong>ser Autoren irritiere <strong>die</strong> zutiefst<br />
aggressiveHaltung der Priesterschrift gegenüber Ägypten in Ex 14, so Schmid. 336<br />
Gerade der theologische Zielpunkt der priesterschriftlichen Darstellung des<br />
<strong>Meer</strong>w<strong>und</strong>ers – <strong>die</strong> Verherrlichung JHWHs durch <strong>die</strong> Vernichtung der Ägypter<br />
(Ex 14,4.17f.) – setze im Rahmen der priesterschriftlichen Weltanschauung<br />
starke Akzente. Schmid bringt <strong>die</strong>sen stark antiägyptischen Einschlag mit den<br />
persischen Ägyptenfeldzügen unter Kambyses II. um 525 v. Chr. in Verbindung.<br />
Zuletzt verweist Schmid auf den archäologischen Bef<strong>und</strong>, <strong>das</strong>s <strong>das</strong> in Ex 14,2<br />
332<br />
333<br />
334<br />
335<br />
336<br />
Vgl. Schmid, Identify, 112 f.<br />
Schüle, Prolog, 373.<br />
Ebd.<br />
A.a. O., 373 f.<br />
Vgl. Schmid, Identify, 112 f.
104 D. Deuterojesaja <strong>und</strong> Priesterschrift: Nachbarn oder ferne Verwandte?<br />
priesterschriftlich erwähnte Heiligtum Baal Zaphon keine nennenswerten vorpersischen<br />
Überreste besitzt.<br />
Neben <strong>die</strong>sen von Schmid herausgearbeiteten Indizien gibt es noch weitere<br />
Textbef<strong>und</strong>e, <strong>die</strong> eine perserzeitliche Datierung nahelegen. <strong>Die</strong> priesterschriftliche<br />
Version der Erzelternerzählungen lokalisiert <strong>die</strong> Sippe Terachs inklusive<br />
Abram zunächst in Ur in Chaldäa (Gen 11,28.31), was einen Fokus auf babylonisches<br />
Kernland legt. Ungeachtet der Frage, ob <strong>die</strong> priesterschriftlichen Autoren<br />
in der babylonischen Diaspora zulokalisieren sind, ist damit ein Hinweis auf<br />
<strong>die</strong> Existenz <strong>die</strong>ser Diaspora gegeben. 337 Spätestens <strong>die</strong> kompositorische Zusammenstellung<br />
von priesterschriftlichen <strong>und</strong> nichtpriesterschriftlichen Texten<br />
lasse Abram bzw. Abraham als Wanderer zwischen Mesopotamien <strong>und</strong> Ägypten<br />
(vgl. Gen 12,10–13,1) <strong>und</strong> damit als personales Sinnbild der durch Fremdherrschaft<br />
<strong>und</strong> einem Mangel an territorialer Kontinuität gekennzeichneten Geschichte<br />
Israels erscheinen. Bemerkenswert in <strong>die</strong>sem Kontext ist allerdings,<br />
<strong>das</strong>s der Besitz des Landes im priesterschriftlichen Gr<strong>und</strong>bestand weit weniger<br />
wichtig erscheint als innerhalbder dtn-dtr Literatur des AltenTestaments. Hatte<br />
der priesterschriftliche Gr<strong>und</strong>bestand seinen Zielpunkt im Einzug des Kabod<br />
JHWHs in <strong>das</strong> Zelt der Begegnung (Ex 39 f.) bzw. in der Stiftung des Kultes (Lev 9<br />
oder 16), so ist gerade nicht <strong>die</strong> staatliche Autonomie bzw. politische Herrschaft<br />
der Zielpunkt, sondern <strong>die</strong> kultische Begegnung zwischen Gott <strong>und</strong> Volk. 338<br />
Im Hinblick auf <strong>die</strong> in Gen 17,7f. <strong>und</strong> Ex 6,8 formulierte Landverheißung argumentiert<br />
Thomas Pola, <strong>die</strong> priesterschriftliche Jakobsgeschichte blicke in Gen 35,9–<br />
13 auf eine bereits geschehene Landgabe (Perfektform in Gen 35,12). 339 <strong>Die</strong> narrative<br />
Referenz sieht PolaimKauf der Höhle Machpela durch Abraham (Gen 23) gegeben. 340<br />
Insofern sei <strong>die</strong> Verheißung Gen 17,7 f. sachlich von der Verheißung von Ex 6,8 zu<br />
trennen. Letztere sieht Pola im Zusammenhang mit der Ankunftdes Volkes am Sinai<br />
erfüllt, wobei er <strong>die</strong>sen als Chiffre für den Zion <strong>und</strong> <strong>das</strong> Heiligtum als Chiffre für den<br />
Jerusalemer Tempel betrachtet. 341 Insofern sei der Sinai <strong>das</strong> Ziel sowohl der Landverheißung<br />
in Ex 6,8 als auch des Exodus an sich. Damit schließt Pola auch eine<br />
337<br />
338<br />
339<br />
340<br />
341<br />
Vgl. Zimmerli, 1.Mose, 17: »Spiegeln sich in der Vorschaltung von Ur in der Wanderschaftder<br />
Väter verborgene, uns nicht mehr durchsichtige Tendenzen der doch wohl im<br />
babylonischen Exil zu suchenden Gestalter der Priesterschrift wider?«<br />
Zwar wurde vor dem Hintergr<strong>und</strong> der prominenten priesterschriftlichen Landverheißung<br />
in Gen 17 auch in jüngerer Zeit noch ein ursprüngliches Ende des priesterschriftlichen<br />
Gr<strong>und</strong>bestands an der Schwelle des verheißenen Landes (Dtn 34*) vertreten,<br />
so etwa von Frevel 1998; vgl. Zenger, Einleitung 9 2016, 197. InAnbetracht der<br />
redaktionsgeschichtlichen Probleme <strong>die</strong>ser These wird allerdings meist einer Lösung im<br />
Rahmen der Sinaiperikope der Vorzug gegeben; vgl. a. a.O., 190–197.<br />
Vgl. Pola, Priesterschrift, 307.<br />
Vgl. a. a. O., 308 f.<br />
Vgl. a. a. O., 348.
E. <strong>Die</strong> Probleme einer diachronen<br />
<strong>und</strong> lokalen Einordnung von<br />
Jesaja 40–52<br />
1. Literargeschichtliche Vorbemerkungen zu<br />
Jesaja 40–52<br />
Bei allen Differenzen im Detail lässt sich feststellen, <strong>das</strong>s eine Vielzahl jüngerer<br />
redaktionsgeschichtlicher Entwürfe in Jes 40,1–11*; 52,7–10 den Prolog <strong>und</strong><br />
den Epilog älterer bzw. ältester dtjes Schriftprophetie erkennt. <strong>Die</strong> Texte werden<br />
teilweise als sek<strong>und</strong>äre Zusammenfassung der dtjes Gr<strong>und</strong>schrift, teilweise als<br />
dessen ursprüngliche <strong>und</strong> programmatische Rahmung interpretiert. 418 <strong>Die</strong> folgende<br />
Arbeit orientiert sich an <strong>die</strong>ser opinio communis, wobei der Prolog literarkritischanentsprechender<br />
Stelle (vgl. F.1.4.) zu evaluieren ist. Laut Christina<br />
Ehring stellt <strong>die</strong> in Prolog <strong>und</strong> Epilog thematisierte Rückkehr JHWHs ein »Basismotiv<br />
des Deuterojesajabuches« 419 dar, welches auf vorexilischen Traditionen<br />
aufbaut <strong>und</strong> verschiedene altorientalische Parallelen besitzt.<br />
Das Motiv sei gemäß den Untersuchungen von Ehring als Kombination von<br />
traditionsgeschichtlichen Vorgaben vorexilischer Jerusalemer Kulttraditionen<br />
<strong>und</strong> einem mesopotamischen Deuteschema zur Bewältigung historischer Katastrophen<br />
herzuleiten. 420 Somit werde <strong>die</strong> Vorstellung der königlichen Residenz<br />
JHWHs auf dem Zionmit der Vorstellung verb<strong>und</strong>en, <strong>das</strong>s einezürnende Gottheit<br />
ihren irdischen Wohnort verlässt. Realhistorisch manifestiere sich <strong>die</strong>s als Ka-<br />
418<br />
419<br />
420<br />
Ehring <strong>und</strong> Kratz betrachten Jes 40,1–11*; 52,7–10 als originäre Rahmung des<br />
Gr<strong>und</strong>bestands; vgl. Ehring, Rückkehr, 268–24; Kratz, Kyros, 148–174. Berges, van<br />
Oorschot, Schmid <strong>und</strong> Weidner interpretieren Jes 40,1–11*; 52,7–10 als früh(est)e<br />
Rahmung eines älteren Gr<strong>und</strong>bestands, wobei Berges den Rahmen um Jes 52,11f. erweitert;<br />
vgl. Berges, Buch, 368–385.549; vanOorschot, Zion, 106–127.345; Schmid,<br />
Literaturgeschichte 2008, 133; Weidner, Ende, 229–232.240. Blenkinsopp hält <strong>die</strong><br />
Rahmung für sek<strong>und</strong>är <strong>und</strong> rechnet damit, <strong>das</strong>s Jes 48,20 f. den ursprünglichen Abschluss<br />
des Gr<strong>und</strong>bestands bildete; vgl. Blenkinsopp, Earliest, 27 f.<br />
Ehring, Rückkehr, 270.<br />
Vgl. a. a. O., 268.
124 E. <strong>Die</strong> Probleme einer diachronen <strong>und</strong> lokalen Einordnung<br />
tastrophe, wohingegen<strong>die</strong> Gottheit im Rahmeneiner neuen Heilszeit wieder neu<br />
Einzug halte. Literarisch könne man <strong>das</strong> Rückkehrmotiv insofern als Basismotiv<br />
der Gr<strong>und</strong>schrift bestimmen, weil sich dadurch sowohl <strong>die</strong> ältesten Kyros-Texte<br />
421 (vgl. u. a. 41,1–5*.21–29*; 45,1–7*; 46,9–11), <strong>das</strong> Szenario des Abtransports<br />
der babylonischen Götterbilder (Jes 46,1f.), womöglich auch <strong>die</strong> Götzenbildpolemiken<br />
422 (vgl. u. a. Jes 40,18–20; 41,6f.; 44,9–20) in eine kohärente<br />
Programmatik integrieren lassen. Allen voran <strong>die</strong> Verweise auf Kyros, dessen<br />
Erscheinen auf der Weltbühne meist als ein Auslöser dtjes Heilsprophetie interpretiert<br />
wird, lassen sich durch den von Ehring dargestellten religionsgeschichtlichen<br />
Hintergr<strong>und</strong> sehr schlüssig interpretieren:<br />
<strong>Die</strong> Antwort auf <strong>die</strong>se Frage [nach der Rolle JHWHs in der Katastrophe von 587<br />
v. Chr.] geben <strong>die</strong> deuterojesajanischen Szenarien der Rückkehr JHWHs nach Zion/<br />
Jerusalem, indem sie <strong>das</strong> Schema von zorniger Abwesenheit <strong>und</strong> erbarmungsvoller<br />
Rückkehr einführen. Während <strong>die</strong> ursprüngliche Erkenntnisrichtung also von den<br />
Erfolgen des Kyros über <strong>die</strong> Schlussfolgerung einer bevorstehenden Heilswende zur<br />
Gewissheit einer Wiederzuwendung JHWHs, sichtbar ausgedrückt in seiner Rückkehr<br />
nach Zion/Jerusalem, verlief, stellt auf der Ebene der deuterojesajanischen<br />
Verkündigung <strong>die</strong> Rückkehr JHWHs <strong>die</strong> sachliche Voraussetzung für <strong>die</strong> Berufung<br />
des Kyros durch JHWH dar. 423<br />
In der dtjes Adaption des mesopotamischen Schemas zur Deutung historischer<br />
Katastrophen zeige sich gemäß der Darstellung von Ehring eine Ambivalenz.<br />
Innerhalb der Rückkehr JHWHs in Jes 52,7–10 werde es adäquat übernommen.<br />
Im Hinblick auf den Abtransport der Kultbilder in Jes 46,1 f. werde es aber polemisch<br />
verzerrt <strong>und</strong> im Sinne einer Theologie der Bildlosigkeit JHWHs transformiert.<br />
424 Anstelle eines intentionalen Abzugs zürnender Gottheiten aus Babylon<br />
werden an <strong>die</strong>ser Stelle Götterbilder »weggekarrt«. Durch <strong>die</strong> Identifikation<br />
der Gottheiten mit ihren Bildern wird einerseits <strong>die</strong> Machtlosigkeit <strong>die</strong>ser Götter<br />
illustriert, andererseits <strong>die</strong>se mit der Souveränität JHWHs kontrastiert.<br />
421<br />
422<br />
423<br />
424<br />
Hinsichtlich der Zuordnung <strong>die</strong>ser Verse zum dtjes Gr<strong>und</strong>bestand vgl. Kratz, Kyros,<br />
148.216 f. Hinsichtlich der konstitutiven Funktion der Kyrosaussagen für <strong>die</strong> dtjes<br />
Gr<strong>und</strong>schriftvgl. u. a. Schmid, Literaturgeschichte 2 2014, 132–134. Jedoch gehören wohl<br />
nicht alle Kyrosaussagen in Jes 40ff. demselben literargeschichtlichen Stadium an, was<br />
insbesondere Kratz mit seiner Rekonstruktion einer »Kyros-Ergänzungsschicht« herausgearbeitet<br />
hat; vgl. Kratz, Kyros, 17–19.175–191.<br />
Kratz interpretiert <strong>die</strong> Götzenbildpolemiken in Jes 40,18–20; 41,6 f.24b.29b; 44,9–20;<br />
45,15–17.20b; 46,5–7 als sek<strong>und</strong>äre Eintragungen im Rahmen einer Götzen-Schicht;<br />
vgl. a.a. O., 192–206.217.<br />
Ehring, Rückkehr, 271.<br />
Vgl. a. a. O., 271 f.
1. Literargeschichtliche Vorbemerkungen zu Jesaja 40 –52 125<br />
Wenn Jes 40,1–11* <strong>und</strong> 52,7–10 als programmatische Rahmung einer dtjes<br />
Gr<strong>und</strong>schrift interpretiert werden, dann stellt sich weiterhin <strong>die</strong> Frage, welche<br />
konkreten Texte innerhalb <strong>die</strong>ser Rahmung als Gr<strong>und</strong>schrift zu identifizieren<br />
sind. Im Groben lassen sich <strong>die</strong>sbezüglich zwei exegetische Lager benennen. Das<br />
eine Lager verortet <strong>die</strong> Gr<strong>und</strong>schrift in Jes 40–48, <strong>das</strong> andere beschränkt sie auf<br />
Jes 40–46*. 425<br />
Für eine Verortung des Gr<strong>und</strong>bestands innerhalb von Jes 40–48* inklusive<br />
Jes 47 f.* sprechen einige generelle Beobachtungen. Zunächst sind stilistische<br />
<strong>und</strong> terminologische Unterschiede zwischen Jes 40–48* <strong>und</strong> Jes 49 ff. zu konstatieren.<br />
426 Weiterhin lässt sich innerhalb von Jes 40–48 ein dramaturgischer<br />
Progress feststellen, der ab Jes 49 nicht mehr in vergleichbarer Weise gegeben<br />
ist. 427 Reinhard Gregor Kratz erkennt innerhalb von Jes 40–48 eine programmatischeEntsprechung<br />
zwischenhymnischen Stücken <strong>und</strong> Gerichtsreden sowie<br />
einen zugr<strong>und</strong>e liegenden heilsgeschichtlichen Ablauf. 428 Joseph Blenkinsopp<br />
führt eine Reihe von weiteren Argumenten dafür an, Jes 40–48* als relative<br />
Einheit zu betrachten. 429<br />
Innerhalb von Jes 40–48 dominiere <strong>die</strong> Figur des Kyros, der in anderen Teilen von<br />
Jes 40–66 nicht auftauche, genauso wenig wie irgendeine andere menschliche Macht<br />
im Zeichen eines heilsgeschichtlichen Umschwungs. 430 Nach Jes 48 sei <strong>die</strong> Sprache<br />
weitaus weniger emotional <strong>und</strong> affektiv. Der Fokus liege nicht mehr auf internationalen<br />
Ereignissen, sondern auf internen Angelegenheiten. Im Vergleich zu Jes 49–55<br />
werde JHWH in Jes 40–48 JHWH bedeutend stärker als Schöpfergott profiliert, wohingegen<br />
<strong>die</strong> Schöpfung der Welt oder der Menschheit in 49–55 keine Rolle mehr<br />
spiele. Weiterhin stünden in Jes 40–48 <strong>die</strong> Themen Kyros <strong>und</strong> Schöpfung in direkter<br />
inhaltlicher Entsprechung. JHWH, der Schöpfer der Welt <strong>und</strong> Lenker der Weltgeschichte,<br />
fördere <strong>die</strong> Unternehmungen des Kyros. <strong>Die</strong> Proklamation der Unver-<br />
425<br />
426<br />
427<br />
428<br />
429<br />
430<br />
Für einen Gr<strong>und</strong>bestand innerhalb von Jes 40–46* votieren u.a. Berges, van Oorschot<br />
<strong>und</strong> Weidner, wobei Berges <strong>und</strong> van Oorschot <strong>die</strong> Rahmung für sek<strong>und</strong>är halten; vgl.<br />
Berges, Buch, 338–358.549; vanOorschot, Zion, 23–104.345; Weidner, Ende, 131–<br />
145.159–166.240. Für einen Gr<strong>und</strong>bestand innerhalb von Jes 40–48 votieren u. a.<br />
Blenkinsopp <strong>und</strong> Kratz, wobei Blenkinsopp <strong>die</strong> Rahmung für sek<strong>und</strong>är hält; vgl. Blenkinsopp,<br />
Earliest, 27 f.; Kratz, Kyros, 148–157.217.<br />
Kiesow begreift <strong>die</strong>se Unterschiede nicht als bloße thematische Verschiebungen, sondern<br />
führt sie auf »den unterschiedlichen Personalstil zweier verschiedener Verfasser«<br />
(Kiesow, Exodustexte, 167) zurück. Gedankliche, motivische <strong>und</strong> terminologische Gemeinsamkeiten<br />
zwischen beiden Textbereichen interpretiert er im Sinne literarischer<br />
Abhängigkeiten bzw. Zitationen; vgl. ebd.<br />
Vgl. Höffken, Jesaja, 104.<br />
Vgl. Kratz, Kyros, 148–152.<br />
Vgl. Blenkinsopp, Continuity, 80–83.<br />
Vgl. a. a. O., 80.
126 E. <strong>Die</strong> Probleme einer diachronen <strong>und</strong> lokalen Einordnung<br />
gleichbarkeit JHWHs (vgl. Jes 46,9 u.a.) besitze Parallelen zur Ehrung Marduks im<br />
Rahmen des akitu-Fests. 431 Weiterhin finde sich in Jes 40–48 eine charakteristische<br />
Polemik gegen <strong>die</strong> Fertigung <strong>und</strong> Verehrung religiöser Bilder bzw. Götzen, was in<br />
Jes 49–55 keine Rolle mehr spiele. <strong>Die</strong> Kapitel Jes 49–55 profilieren den Knecht<br />
JHWHs stärker als individuelle Figur denn als kollektive Größe, was in einem Bezug<br />
zu den drei in <strong>die</strong>ser Passage befindlichen Gottesknechtsliedern stehe. 432 Daher sei<br />
<strong>das</strong> erste der sogenannten Gottesknechtslieder (Jes 42,1–4) anders zu interpretieren<br />
als <strong>die</strong> drei weiteren. Ob <strong>die</strong> Sprache in Jes 49ff. als weniger emotional <strong>und</strong> affektiv als<br />
in Jes 40–48, angesehen werden kann, ist kein objektivierbares Kriterium <strong>und</strong> angesichts<br />
der emphatischen Ansprachen JHWHs an Zion-Jerusalem in Jes 49–54 (vgl.<br />
F.6.1. <strong>und</strong> F.8.2.) infrage zu stellen. Das Argument des Götzenaspekts ist davon abhängig,<br />
ob man <strong>die</strong> Götzenpolemiken für ursprünglich oder sek<strong>und</strong>är hält. 433 Darüber<br />
hinaus ist sowohl <strong>die</strong> Frage nach dem Profil des in Jes 49,1 erscheinenden Gottesknechts<br />
als auch generell <strong>die</strong> Frage nach dem Gr<strong>und</strong> des Fokuswechsels auf Zion-<br />
Jerusalem in Jes 49,14 ff. (vgl. Jes 40,1f.) an anderer Stelle noch näher zu eruieren<br />
(vgl. F.6.1.; F.8.2.; F.8.3. u.a.).<br />
Darüber hinaus lässt sich in Erwägung ziehen, <strong>die</strong> dtjes Gr<strong>und</strong>schriftauf Jes 40–<br />
46* einzugrenzen. <strong>Die</strong> Verheißung des Kommens von KyrosinJes 46,11 ist zum<br />
einen ein potenzielles Finale der dtjes Gr<strong>und</strong>schrift <strong>und</strong> zum anderen eine<br />
kohärente Überleitung zur Rückkehr JHWHs im Epilog Jes 52,7–10. 434 Fraglich<br />
ist hingegen, ob <strong>die</strong> lediglich an zwei Stellen in Jes 40–48 explizit thematisierte<br />
Rückkehr der Judäerinnen <strong>und</strong> Judäer aus Babylon bzw. der Diaspora<br />
(Jes 43,5–7; 48,20; vgl. Jes 49,12; 52,11 f.) mit der Rückkehr JHWHs in literargeschichtlicher<br />
Hinsicht gleichursprünglich ist. 435 Hinsichtlich des Kapitels<br />
Jes 47 ist festzustellen, <strong>das</strong>s darin <strong>die</strong> in Jes 40–46 nur gelegentlich aufzufindende<br />
Polemik gegen Babylon (vgl. Jes 43,14; 46,1 f.) ein immenses Gewicht<br />
erhält. <strong>Die</strong> Gerichtsansage gegen Babylon bildet in <strong>die</strong>sem Kapitel <strong>die</strong> gr<strong>und</strong>le-<br />
431<br />
432<br />
433<br />
434<br />
435<br />
Vgl. a. a. O., 81 f.<br />
Vgl. a. a. O., 81; vgl. <strong>die</strong>sbezüglich auch Tiemeyer, Continuity, 32 f.<br />
Vgl. Kratz, Kyros, 192–206.<br />
Vgl. Weidner, Ende, 165. Darüber hinaus ergibt sich ein flüssiger Übergang zwischen<br />
Jes 46,13b <strong>und</strong> Jes 49,14, wohingegen man den Abschnitt Jes 47,1–49,13 unter Umständen<br />
literargeschichtlich nachordnen müsste; vgl. a. a. O., 165 f.240.<br />
<strong>Die</strong> Beobachtung, <strong>das</strong>s es bei DtJes eine klare Differenzierung zwischen dem Auszug der<br />
Exulanten aus Babylonien <strong>und</strong> der Sammlung aus der weltweiten Diaspora gebe, formulierte<br />
schon Zimmerli,ohne jedoch weiterführende redaktionskritische Überlegungen<br />
anzustellen; vgl. Zimmerli, Exodus, 198. Insbesondere <strong>die</strong> universal ausgerichteten<br />
Verheißungen Jes 43,5–7; 49,12 bilden eine Sinnlinie, <strong>die</strong> sich bis zur Völkerwallfahrt in<br />
Jes 60,1–16* zieht, was an entsprechender Stelle (F.3.3.; F.6.2.2.; H.3.) literar- <strong>und</strong><br />
redaktionskritisch auszuwerten ist. Hinsichtlich möglicher redaktionsgeschichtlicher<br />
Beziehungen zwischen Jes 49,1–6.12; 60,1–16* vgl. Weidner, Ende, 232.
1. Literargeschichtliche Vorbemerkungen zu Jesaja 40 –52 127<br />
gende Thematik, wohingegen <strong>die</strong> für 40–46* bestimmenden Heilszusagen an<br />
Jakob-Israel nicht auftauchen. Zwischen Jes 46 <strong>und</strong> Jes 47 liegt formal <strong>und</strong> inhaltlich<br />
ein harter Bruch vor. 436 Weiterhin fehlt in Jes 47 <strong>das</strong> für Jes 40–46*<br />
bestimmende Argument der Geschichtslenkung für <strong>die</strong> Einzigkeit JHWHs<br />
(vgl. u. a. Jes 45,1–7). 437 Auch <strong>die</strong> konkrete Bewertung Babylons fällt spezifischer<br />
aus, da nicht allgemein <strong>die</strong> Hybris Babylons zur Anklage steht (vgl. u. a.<br />
Jes 43,14 f.), sondern <strong>die</strong> »Nutzlosigkeit von Magie <strong>und</strong> Zauberei« 438 deklariert<br />
wird. Vor<strong>die</strong>sem Hintergr<strong>und</strong> ist der redaktionsgeschichtliche Ort von Jes 47 an<br />
anderer Stelle noch näher zu diskutieren (F.8.3.). Im Hinblick auf Jes 48 fallen<br />
einige im Rahmenvon Jes 40–48 auffällig kritische Einschläge gegenüberJakob-<br />
Israel auf (Jes 48,8–10.18 f. vgl. 42,18–25; 43,22–28). <strong>Die</strong>se setzen den Rückkehraufruf<br />
Jes 48,20 f. voraus. So wird <strong>die</strong> Exilserfahrung als Läuterung<br />
(Jes 48,10) beschrieben, <strong>die</strong> zum einen eine Rückkehr des gewandelten Volkes<br />
ermöglicht <strong>und</strong> zum anderen im Kontrast zum Handeln der Götzenschmiede<br />
steht. 439 Vor <strong>die</strong>sem Hintergr<strong>und</strong> könnte man <strong>die</strong> Intention des Aufrufs in<br />
Jes 48,20 f. interpretieren, wie Ulrich Berges aufzeigt: »Mit dem Auszugsbefehl ist<br />
<strong>das</strong> Signal gegeben, Babel <strong>und</strong> den Fremdgötterkult zu verlassen <strong>und</strong> den Weg<br />
zum Zion <strong>und</strong> zu JHWHeinzuschlagen.« 440 <strong>Die</strong> Verse Jes 48,20 f. liefern den neben<br />
Jes 52,11 f. einzigen expliziten Rückkehraufruf an <strong>die</strong> Gola in Babylon, wodurch<br />
sie innerhalbvon Jes 40–48 eine Sonderrolle einnehmen. Der Aufruf selbst wird<br />
nicht antibabylonisch oder schuldtheologisch, sondern mit der Lösung Jakobs<br />
(Jes 48,20b vgl. Jes 43,1b) begründet. Daher ist <strong>die</strong> diachrone Zuordnung von<br />
Jes 48,20 f. genauer zu eruieren (vgl. F.8.3. <strong>und</strong> H.2.). Stellen <strong>die</strong> Verse den<br />
Abschluss 441 einer dtjes Gr<strong>und</strong>schriftJes 40–48* oder schon eine Scharnierstelle<br />
zu den auf Zion-Jerusalem fokussierten Kapiteln Jes 49–54 dar?<br />
Vor dem Hintergr<strong>und</strong> der skizzierten redaktionskritischen Probleme wird<br />
vorgeschlagen, <strong>die</strong> zu rekonstruierende dtjes Gr<strong>und</strong>schriftzunächst auf Jes 40–<br />
46* einzugrenzen. <strong>Die</strong>se lässt sich als eine Sammlungvon Reflexionen über <strong>die</strong><br />
geschichtliche <strong>und</strong> schöpferische Souveränität JHWHs <strong>und</strong> dessen Zuneigung zu<br />
436<br />
437<br />
438<br />
439<br />
440<br />
441<br />
Der Heilsansage an Zion durch JHWH in Jes 46,13 folgt unvermittelt der Aufruf an Babel<br />
in Jes 47,1. Weidner bestimmt darüber hinaus Jes 47,3.6 f. als sek<strong>und</strong>är, wodurch Jes 47 im<br />
Nachhinein zur JHWH-Rede stilisiert <strong>und</strong> damit an Jes 46 angeglichen worden sei; vgl.<br />
a. a. O., 151–157.<br />
Vgl. Berges, Buch, 363.<br />
Ebd.<br />
Vgl. Berges, Buch, 368; Ders., Jesaja 40–48, 527 f.<br />
Berges, Jesaja 40–48, 543.<br />
Vgl. u.a. Berges, Buch, 358–368; 549; vanOorschot, Zion, 159–161. Berges interpretiert<br />
<strong>die</strong> Verse als Abschluss einer sog. Gola-Redaktion inklusive Jes 47* zur Zeit des<br />
Dareios. Van Oorschot hingegen betrachtet 48,20 f. als Abschluss von Jes 40–48* inklusive<br />
Jes 47* innerhalb einer sog. ersten Jerusalemer Redaktion.
128 E. <strong>Die</strong> Probleme einer diachronen <strong>und</strong> lokalen Einordnung<br />
Jakob-Israel verstehen. Eine wesentliche Funktion spielt dabei der Vorwurf Jakob-Israels<br />
an JHWH in Jes 40,27,vor dessen Hintergr<strong>und</strong> dtjes Schriftprophetie<br />
von vornherein eine apologetische Dimension besitzt. Innerhalb der folgenden<br />
Untersuchungen wird zu eruieren sein, in welcher inhaltlichen <strong>und</strong> literargeschichtlichen<br />
Relation <strong>die</strong> rahmenden Texte Jes 40,1–11*; 52,7–10 zu <strong>die</strong>sem<br />
Vorwurf<strong>und</strong> der damit verb<strong>und</strong>enen dtjes Gr<strong>und</strong>schriftstehen (F.1.<strong>und</strong> F.2.). 442<br />
Darüber hinaus muss untersucht werden, in welcher inhaltlich-theologischen<br />
<strong>und</strong> literargeschichtlichen Relation <strong>die</strong> zu untersuchenden Verse Jes 43,1–7.14–<br />
21 (F.3. <strong>und</strong> F.4.) zu der von Jes 40,1–11*; 52,7–10 gerahmten Gr<strong>und</strong>schrift<br />
Jes 40–46* stehen.<br />
Wann <strong>die</strong>se erste Edition dtjes Schriftprophetie zu datieren ist, kann nicht<br />
ohne weiteres beantwortet werden. Zwar deuten einige Texte innerhalb von<br />
Jes 40–46* auf <strong>die</strong> frühe Perserzeit hin, da man innerhalb der Texte Hinweise auf<br />
den Aufstieg des Kyros, <strong>die</strong> Einnahme Babylons um 539 v. Chr., <strong>die</strong> Ägyptenfeldzüge<br />
unter Kambyses II. <strong>und</strong> <strong>die</strong> Zerschlagung antibabylonischer Aufstände<br />
unter Dareios I. erkennen kann. 443 Allerdings sind <strong>das</strong> mit Ausnahme der namentlichen<br />
Erwähnung des Kyrosnur schwache Indizien, da eventuelle Hinweise<br />
auf Ereignisse nach der Regentschaft des Kyros sehr stark von der konkreten<br />
Interpretation der jeweiligen Textstellen abhängen. 444 Weiterhin verweisen <strong>die</strong><br />
Kyrosaussagen in Jes 40–52 lediglich auf einen terminus post quem,aus dem sich<br />
keine absolute Datierung ableiten lässt. So gibt Weidner hinsichtlich einer ungefähren<br />
Datierung des Rahmens zu Recht zu bedenken, <strong>das</strong>s <strong>die</strong>se davon abhänge,<br />
»ob <strong>die</strong> Rückkehr Jhwhs einen fertigen Tempel voraussetzt oder den<br />
Tempelbau überhaupt erst möglich macht« 445 .<br />
Insofern bleibt an <strong>die</strong>ser Stelle auch Vorsicht geboten, was eine absolute literargeschichtliche<br />
Relationzwischen der priesterschriftlichen Gr<strong>und</strong>schrift(P G )<br />
<strong>und</strong> Jes 40–46* angeht. Beide Textbereiche sind mit hoher Wahrscheinlichkeit<br />
in der (frühen) Perserzeit entstanden. Im Hinblick auf <strong>die</strong> jeweils sehr komplexe<br />
Redaktionsgeschichte ist eine parallele <strong>und</strong> unabhängige Entstehung beider<br />
Bereiche mit der Möglichkeit wechselseitiger literarischer Einflussnahmen unter<br />
Umständen plausiblerals eine lineare literarische Abhängigkeitin<strong>die</strong> eineoder<br />
andere Richtung.<br />
442<br />
443<br />
444<br />
445<br />
Vgl. Schmid, Literaturgeschichte 2 2014, 133. Weidner differenziert <strong>das</strong> von ihm rekonstruierte<br />
Ende des dtjes Gr<strong>und</strong>bestands in Jes 46,11 <strong>und</strong> den Epilog Jes 52,7–10. Seines<br />
Erachtens habe der Epilog eine neue Antwort auf <strong>die</strong> Frage von Jes 40,27 gegeben; vgl.<br />
Weidner, Ende, 166. Zu fragen wäre, ob man <strong>das</strong> in Jes 46,11 angedeutete Kommen des<br />
Kyros <strong>und</strong> <strong>die</strong> in Jes 52,7–10 verheißene Rückkehr JHWHs nicht auch in literargeschichtlicher<br />
Hinsicht als zwei Seiten derselben Medaille betrachten kann.<br />
Vgl. Berges, Jesaja 40–48, 43–45.<br />
Vgl. <strong>die</strong> Interpretation von Jes 43,4 unter F.3.2.<br />
Weidner, Ende, 230.
F. Exegetische Untersuchungen<br />
mçglicher Exodustexte in<br />
Jesaja 40–52<br />
<strong>Die</strong> Kernfrage der folgenden Untersuchungen lautet, ob innerhalb deuterojesajanischer<br />
493 (dtjes) Texte <strong>das</strong> Konzept eines neuen Exodus nachweisbar ist. Gesucht<br />
wird dabei nach Texten, welche eine Rückkehr der judäischen Gola aus<br />
Babylon thematisieren <strong>und</strong> dabei auf <strong>die</strong> Exodustradition im Pentateuch anspielen.<strong>Die</strong><br />
Untersuchung konzentriert sich auf <strong>die</strong> Kapitel Jes 40–52. Innerhalb<br />
<strong>die</strong>ser Kapitel ist <strong>die</strong> dtjes Gr<strong>und</strong>schrift zuverorten, wobei Jes 40,1–11* <strong>und</strong><br />
Jes 52,7–10 deren erste editorische Rahmung bilden (vgl. E.1.). Mit <strong>die</strong>sem Fokus<br />
geht <strong>die</strong> Frage einher, ob ein neuer Exodus ein programmatischer Bestandteil<br />
frühester dtjes Schriftprophetie war. Den Ausgangspunkt bilden lexikalische,<br />
semantische <strong>und</strong> inhaltliche Parallelen konkreter Textstellen in Jes 40–52 <strong>und</strong><br />
der im Pentateuch literarisch fixierten Exodustradition.<br />
Sollte ein neuer Exodus in dtjes Schriftprophetie existieren, muss er mit dem<br />
in Prolog Jes 40,1–11* <strong>und</strong> Epilog Jes 52,7–10 thematisierten Basismotiv der<br />
RückkehrJHWHs ins Verhältnis gesetzt werden. <strong>Die</strong> Auswahl der weiteren Texte<br />
erfolgt nach zwei Kriterien. Erstens sollen <strong>die</strong> Texte <strong>das</strong> semantische Feld »Weg<br />
<strong>und</strong> Bewegung« 494 be<strong>die</strong>nen. Weiterhin sollen Lexeme <strong>und</strong>Inhalte auftauchen, <strong>die</strong><br />
493<br />
494<br />
Zur definitorischen Klärung der Kategorie »deuterojesajanisch« (dtjes) vgl. <strong>die</strong> redaktionskritischen<br />
Vorbemerkungen am Ende von E.1.<br />
Besonders relevant sind <strong>die</strong> Verben א Hi. <strong>und</strong> לע Hi., da <strong>die</strong>se <strong>die</strong> Leitworte der<br />
klassischen Exodustradition sind, sowohl im Erzählzusammenhang Ex–Num als auch im<br />
Exodusgedenken der dtn-dtr Exodustradition vgl. Ex 3,8.10–12.17; 6,6f.13,26 f.; 7,4f.;<br />
12,17.42.51; 13,3.9.14.16; 17,3; 20,2; 29,46; 32,1.4.6 2x .7 f.11f.23; 33,1.12.15; Num 16,13;<br />
20,5; 21,5 Dtn 1,27; 4,20.37; 5,6.15; 6,12.21.23; 7,8.19; 8,14; 9,12.26.28 2x .29; 13,6.11;<br />
16,1; 20,1; 26,8; 29,24; Jos 24,5 f.17; Ri 2,12; 1Kön 12,28; 2Kön 17,36 u. a. Neben <strong>die</strong>sen<br />
, ר Verben sind auch andere Verben der Bewegung im Fokus, wie etwa<br />
oder <strong>die</strong>,חל mit dem Konzept eines »neuen« oder »zweiten« Exodus in Verbindung<br />
stehen könnten. Neben <strong>die</strong>sen Verben sind auch nominale Lexeme des semantischen<br />
Feldes »Weg <strong>und</strong> Bewegung« mit einbezogen, wie etwa , ְמ הָ oder<br />
בע , לה ך , רב ח<br />
.הָביִתְנ<br />
ִס רֶּד ךֶ<br />
צי ה
140 F. Exegetische Untersuchungen mçglicher Exodustexte in Jesaja 40 –52<br />
innerhalb der Exodustraditiondes Pentateuch motivische Bestandteile bilden. 495<br />
<strong>Die</strong> Weg-Semantik ist deshalb entscheidend, da <strong>die</strong> Vorstellung eines »neuen«<br />
oder »zweiten« Exodus nur vor dem Hintergr<strong>und</strong> einer Gruppenbewegung aus<br />
Babylon nach Juda Sinn ergibt. Texte, in denen <strong>die</strong>se Bewegung aufgr<strong>und</strong> fehlender<br />
Semantik gar nicht Thema sein kann, werden entsprechend ebenso wenig<br />
behandelt wie Texte, denen man keine Motivparallelen zur Exodustradition des<br />
Pentateuch nachweisen kann. 496<br />
Gemäß <strong>die</strong>sen Auswahlkritierien stehen folgende Heilsorakel imFokus der<br />
Untersuchung:<br />
495<br />
496<br />
»Motive« sind zu definieren als »[k]leinere Themen <strong>und</strong> Erzählelemente, <strong>die</strong> als Bausteine<br />
für Traditionen <strong>die</strong>nen können«; Utzschneider /Nitsche, Arbeitsbuch, 262.<br />
Hinsichtlich des in <strong>die</strong>ser Arbeit verwendeten Traditionsbegriffs vgl. Anmerkung 68 in<br />
der Einleitung zu Teil C.<br />
Tiemeyer listet im Hinblick auf Exodus- <strong>und</strong> Wüstenwanderungsmotivik noch andere<br />
Textstellen auf, <strong>die</strong> jeweils kritisch auf ihre Relation zur klassischen Exodustradition hin<br />
untersucht werden, in der hier vorliegenden Arbeit aber nicht Teil der Einzeltextuntersuchungen<br />
sind; vgl. Tiemeyer, Zion, 168–203: Jes 41,17–20; 42,10–16; 49,24–26;<br />
50,2 f.; 55,12f. <strong>Die</strong>se Texte liegen teilweise fernab der Auswahlkriterien oder lassen sich<br />
<strong>die</strong>sen nur gewaltsam zuordnen. Jes 41,17–20 be<strong>die</strong>nt nicht <strong>die</strong> Weg-Semantik. Weiterhin<br />
beschreibt <strong>die</strong>ser Text eine umfassende Transformation der Wüste, <strong>die</strong> zu den<br />
Wasserw<strong>und</strong>ern der Wüstenwanderung in keinem Verhältnis steht, was unter F.4.4.<br />
noch eingehend zu erörtern ist. Jes 49,24–26 be<strong>die</strong>nt ebenso wenig <strong>die</strong> Weg-Semantik.<br />
An <strong>die</strong>ser Stelle wird beschrieben, wie JHWH <strong>die</strong> Feinde Israels gewaltsam hinwegrafft,<br />
wobei keine Anspielungen auf den Auszug aus Ägypten erkennbar sind. Auch Jes 50,2 f.<br />
be<strong>die</strong>nt nicht <strong>die</strong> Weg-Semantik im engeren Sinne. Das Kommen ( א )JHWHs in V. 2<br />
steht in keinem Zusammenhang zu einem Wegoder einer Reise von Judäerinnen <strong>und</strong><br />
Judäern. Weiterhin lässt sich <strong>die</strong> Austrocknung des <strong>Meer</strong>es in V. 3nicht mit dem<br />
<strong>Meer</strong>w<strong>und</strong>er in Ex 14f. identifizieren, da es im Vers um eine destruktive Schöpfermacht<br />
geht <strong>und</strong> nicht um einen WegimWasser oder <strong>das</strong> Ertränken einer Feindesmacht. Lediglich<br />
Jes 42,10–16 könnte man beiden Auswahlkriterien zuordnen, wobei sich im<br />
Detail Probleme ergeben. Einerseits be<strong>die</strong>nt der Text <strong>die</strong> Weg-Semantik. Andererseits ist<br />
<strong>die</strong>se mit einer Metaphorik aufgeladen, <strong>die</strong> keine Analogien innerhalb der Exodustradition<br />
im Tanach besitzt, wie etwa <strong>die</strong> Beschreibung der Blinden auf unbekanntem Wege<br />
in V. 16. <strong>Die</strong> Trockenlegung von Strömen <strong>und</strong> Teichen in V. 15b lässt sich nicht mit<br />
Ex 14 f. identifizieren, da es parallel zur Austrocknung von Landschaft<strong>und</strong> Vegetation in<br />
V. 15a allgemein um <strong>die</strong> Schöpfermacht JHWHs geht <strong>und</strong> nicht um einen WegimWasser<br />
oder <strong>das</strong> Ertränken einer Feindesmacht; vgl. Jes 50,3. Dass <strong>die</strong> in DtJes häufig thematisierte<br />
Transformation von Wüste <strong>und</strong> Natur nicht automatisch einen Bezug zur Exodustradition<br />
beinhaltet, betont u. a. Berges; vgl. Berges, Exodus, 80. Eine Diskussion,<br />
wie <strong>die</strong> Verbindung aus Naturverwandlungsmetaphorik <strong>und</strong> Wegsemantik in Jes 55,12f.<br />
zu bewerten ist, findet sich unter F.9.4.<br />
ב
1. Der Prolog Jesaja 40,1 –11 141<br />
Jes 43,1–7; 43,14–21; 48,20 f.; 49,8–12(13); 51,9–11 ;52,1–6; 52,11f.<br />
<strong>Die</strong> Einzeluntersuchungen beginnen stets mit einer Präsentation des Masoretischen<br />
Texts (MT) <strong>und</strong> einer entsprechenden Übersetzung. Exemplarische Anmerkungen<br />
zu semantischen Alternativen <strong>und</strong> textkritische Hinweise finden sich<br />
in den Fußnoten, welche den Übersetzungen beigefügt sind. 497 Auf einleitende<br />
Anmerkungen <strong>und</strong> eine Abgrenzung der jeweiligen Textstelle folgt <strong>die</strong> eigentliche<br />
textanalytische Untersuchung. Dabei wird abschnittweise <strong>das</strong> literarische<br />
Profil des Texts im Kontext dtjes Schriftprophetie untersucht, wobei traditions<strong>und</strong><br />
literargeschichtliche Erwägungen einbezogen werden. Erörtert wird jeweils,<br />
ob <strong>die</strong> Textstelle auf <strong>das</strong> Konzept eines neuen Exodus hindeutet, oder ob im<br />
Kontext dtjes Schriftprophetie <strong>und</strong> ihren traditionsgeschichtlichen Hintergründen<br />
eine andere Interpretation plausibler erscheint.<br />
1. Der Prolog Jesaja 40,1–11<br />
1) Tröstet, tröstet mein Volk! // Euer Gott spricht.<br />
2) Redet zum Herzen Jerusalems <strong>und</strong> verkündigt ihr, /<strong>das</strong>s ihr Fron<strong>die</strong>nst vorbei<br />
ist, /<br />
<strong>das</strong>s ihre Schuld abgetragen ist. //<br />
Denn sie hat empfangen aus der Hand JHWHs /Schwerwiegendes für all ihre<br />
Verfehlungen.<br />
3) Eine Stimme verkündet: /Inder Wüste bahnt den WegJHWHs! //<br />
Ebnet in der Steppe /eine Straße für unseren Gott!<br />
4) Jedes Tal soll sich erhöhen /<strong>und</strong> alle Berge <strong>und</strong> Hügel sollen sich senken. //<br />
Und es soll <strong>das</strong> Holperige zur Ebene werden /<strong>und</strong> <strong>das</strong> Geröll zur Talebene.<br />
5) Der Kabod JHWHs [ בְ הָו ]wird sich offenbaren. //<br />
Und alle Lebewesen miteinander werden ihn sehen, /<br />
denn der M<strong>und</strong> JHWHs hat gesprochen.<br />
6) Eine Stimme spricht: Verkünde! /Und er 498 spricht: Was soll ich verkünden? //<br />
יד הְ<br />
497<br />
498<br />
Textkritische Anmerkungen finden sich dort, wo <strong>die</strong> zur Diskussion stehenden Alternativen<br />
zu einer relevanten Inhaltsverschiebung im Hinblick auf <strong>die</strong> Textstelle führen.<br />
Im Abschnitt zu Jes 43,14–21 (F.4.) werden textkritische Entscheidungen separat begründet,<br />
um der textkritischen Komplexität <strong>die</strong>ser Textstelle gerecht zu werden. Zu<br />
Jes 48,20f. (F.5.) wird eine Synopse präsentiert, da in Jes 48,21 <strong>die</strong> Textzeugen sehr stark<br />
voneinander abweichen.<br />
<strong>Die</strong>se Übersetzung (3. Sg.) entspricht der lectio difficilior des MT. Diskutieren ließe sich<br />
eine veränderte Vokalisierung des MT zu ר (1. Sg.) vgl. 1QJes a הרמואו <strong>und</strong> LXX κα<br />
επα. vgl. den textkritischen Apparat der BHS. Allerdings lassen sich <strong>die</strong>se Varianten<br />
ַמֹאָו
142 F. Exegetische Untersuchungen mçglicher Exodustexte in Jesaja 40 –52<br />
Alle Lebewesen [sind] Gras /<strong>und</strong> all ihr Vermögen wie <strong>die</strong> Blume des Feldes.<br />
7) Verdorrt [ist] <strong>das</strong> Gras, verwelkt <strong>die</strong> Blume, /denn der Atem JHWHs hat sie<br />
angeweht. // Gewiss, Gras ist <strong>das</strong> Volk.<br />
8) Verdorrt [ist] <strong>das</strong> Gras, verwelkt <strong>die</strong> Blume. //<br />
Aber <strong>das</strong> Wort unseres Gottes hat Bestand für immer.<br />
9) Auf einen hohen Berg steig herauf, [du] Freudenbotin Zion! /<br />
Erhebe kraftvoll deine Stimme, [du] Freudenbotin Jerusalem! //<br />
Erhebe [sie], fürchte dich nicht! /Sprich zu den Städten Ju<strong>das</strong>: /Siehe, euer Gott!<br />
10) Siehe, der Herr JHWH, mit Macht kommt er /<strong>und</strong> sein Arm herrscht für ihn. //<br />
Siehe, sein Lohn [ist] mit ihm /<strong>und</strong> sein Arbeitsertrag [geht] vor ihm [her].<br />
11) Wie ein Hirte wird er seine Herde weiden, /<br />
mit seinem Arm wird er <strong>die</strong> Lämmer zusammenhalten /<strong>und</strong> in seinen Schoß heben.<br />
//<br />
<strong>Die</strong> säugenden Muttertiere wird er leiten.<br />
<strong>Die</strong> beiden Textpassagen Jes 40,1–11; 52,7–10 stellen höchstwahrscheinlich den<br />
Prolog <strong>und</strong> Epilog einer frühen, wenn nicht gar der frühesten Edition von DtJes<br />
dar (vgl. E.1.). <strong>Die</strong> Programmatik <strong>die</strong>ses Rahmens ist nicht nur konstitutiv für<br />
<strong>das</strong> Verständnis der frühesten dtjes Texte, sondern bildet auch <strong>das</strong> F<strong>und</strong>ament<br />
jüngerer redaktioneller Überarbeitungen innerhalb dtjes Schriftprophetie. Darüber<br />
hinausist <strong>die</strong>ser Rahmen für <strong>die</strong> konkrete Fragenach einem neuen Exodus<br />
in Jes 40–52 höchst relevant. In Jes 40,3 erscheint zum ersten Mal in Jes 40 ff. <strong>die</strong><br />
Weg-Semantik. Es istzuerörtern, ob <strong>die</strong>se im Kontext eines Auszugs aus Babylon<br />
steht. Weiterhin muss untersucht werden, ob <strong>das</strong> in Jes 40,10 f. entworfene Bild<br />
JHWHs als Hirte, dessen Arm <strong>die</strong> Herde leitet, einen Verweis auf einen neuen<br />
Exodus darstellt. Da der Prolog nicht losgelöst von seinem literargeschichtlichen<br />
Gegenstück betrachtet werden kann, wird nachfolgend Jes 52,7–10 einer exegetischen<br />
Betrachtung unterzogen <strong>und</strong> zum Prolog in Beziehung gesetzt.<br />
Zunächst gilt es, den Prolog Jes 40,1–11 in seinem näheren Kontext abzugrenzen.<br />
Dass mit Jes 40,1 eine neue Texteinheit beginnt, ist aufgr<strong>und</strong> der<br />
vielfachen formalen <strong>und</strong>inhaltlichen VerschiebungenzwischenJes 39 <strong>und</strong> Jes 40<br />
unbestritten. 499 Relative Einigkeit besteht auch darin, aufgr<strong>und</strong> einiger formaler<br />
499<br />
auch als sek<strong>und</strong>äre Angleichung an den prophetischen Ich–Bericht in Jes 6interpretieren.<br />
Exemplarisch für <strong>die</strong> formalen Brüche sei der radikale Wechsel der Diskursart genannt.<br />
So wechselt der Text von einer auktorialen Erzählsituation (Jes 39) in komplexe, poetische<br />
Sprachformen prophetischer Rede, wobei der Sprecher teilweise explizit erwähnt<br />
wird, teilweise unerwähnt bleibt. Auch inhaltlich ist ein deutlicher Bruch vorhanden.<br />
Jes 39 formuliert eine Ankündigung des Babylonischen Exils an König Hiskia<br />
(Jes 39,6 f.), wobei <strong>das</strong> Eintreffen <strong>die</strong>ses Ereignisses erst für <strong>die</strong> Nachfolger Hiskias in<br />
Aussicht gestellt wird (Jes 39,8). Jes 40 hingegen proklamiert eine neue Heilszeit nach
1. Der Prolog Jesaja 40,1 –11 143<br />
<strong>und</strong> inhaltlicher Verschiebungen eine Zäsur zwischen V. 11 <strong>und</strong> V. 12 zu setzen.<br />
500 Während V. 1–11 durcheinen imperativischenStil geprägt ist, »dominiert<br />
in V. 12 ff. der Fragestil mit einleitendem »ימ 501 .<strong>Die</strong> übergreifende Thematik<br />
ändert sich, wie Christina Ehring zu bedenken gibt:<br />
Während es in V. 1–11 um <strong>die</strong> Ausbreitung der Trostbotschaft für Jerusalem geht,<br />
deren Kern <strong>die</strong> Wiederzuwendung <strong>und</strong> <strong>die</strong> sichtbare Rückkehr JHWHs nach Jerusalem<br />
ist, steht ab V. 12 <strong>die</strong> unvergleichliche Schöpfermacht JHWHs im Mittelpunkt.<br />
502<br />
500<br />
501<br />
502<br />
503<br />
504<br />
505<br />
506<br />
507<br />
Das neu einsetzende Völkerthema (Jes 40,15–17), eine damit zusammenhängende<br />
Kultbildpolemik (Jes 40,18–20) <strong>und</strong> <strong>die</strong> Bezeichnung der Adressaten mit<br />
Jakob-Israel 503 (Jes 40,27) sind weitere Aspekte, welche <strong>das</strong> literarische Profil<br />
ab V. 12 verändern. Insofern ist es naheliegend, Jes 40,1–11 als eine zu untersuchende<br />
Einheit zu betrachten. Da sich <strong>das</strong> prophetische Wort <strong>die</strong>ser Verse an<br />
Jerusalem (V. 2.9) bzw. an Zion (V. 9) richtet, kann man sie im Hinblick auf <strong>die</strong><br />
Endgestalt des Masoretischen Texts auch als »Zion-Jerusalem-Ouvertüre« 504 bezeichnen.<br />
Innerhalb <strong>die</strong>ser Einheit lassen <strong>die</strong> Verse 6–8 einige Auffälligkeiten<br />
<strong>und</strong> Inkohärenzen erkennen.<br />
Zwar sind <strong>die</strong> Verse sprachlich <strong>und</strong> strukturell im näheren Kontext verankert.<br />
505 Allerdings findet eine auffällige inhaltliche Verschiebung statt, »denn<br />
während in V5allem Fleisch in Aussicht gestellt ist, JHWHs Herrlichkeit zu<br />
sehen, wird in V6seine Vergänglichkeit betont« 506 .Wenn man <strong>das</strong> Verdorren<br />
der Vegetation durch den Atem JHWHs in V. 7als Gerichtshandeln versteht,<br />
ergibt sich eine weitere Inkohärenz. 507 <strong>Die</strong>ser Aspekt widerspricht der Trostbotschaft<br />
von V. 1f.Weiterhin erklärt V. 2<strong>das</strong> Gerichtshandeln JHWHs für beeiner<br />
unheilvollen Zeit (Jes 40,2). <strong>Die</strong>se Heilszeit ist durch <strong>die</strong> Regentschaft JHWHs in<br />
Juda-Jerusalem (Jes 40,9–11) gekennzeichnet (vgl. F.1.3.).<br />
Vgl. Berges, Jesaja 40–48, 81; Ehring, Rückkehr, 19.<br />
Ehring, Rückkehr, 19.<br />
Ebd.<br />
Hinsichtlich der Charakterisierung <strong>und</strong> Lokalisierung Jakob-Israels in Jes 40 ff. vgl. v.a.<br />
F.3.1. <strong>und</strong> G.3.<br />
Berges verwendet <strong>die</strong>se Terminologie in Unterscheidung zur sog. »Jakob-Israel-Ouvertüre«<br />
Jes 40,21–31; vgl. Berges, Jesaja 40–48, 81.Eine andere Möglichkeit besteht darin,<br />
lediglich Jes 40,1–11 als Ouvertüre zu interpretieren, welche auf Kernthemen der folgenden<br />
Kapitel verweist, wohingegen Jes 40,12–31 (v.a. V. 27) <strong>das</strong> Hauptproblem<br />
einleitet, welches in den folgenden Kapiteln diskutiert wird; vgl. L<strong>und</strong>, Way, 72.<br />
Vgl. Ehring, Rückkehr, 21.<br />
Berges, Jesaja 40–48, 95.<br />
Vgl. ebd.
144 F. Exegetische Untersuchungen mçglicher Exodustexte in Jesaja 40 –52<br />
endet. Insofern durchbrechen <strong>die</strong> Verse 6–8 den in V. 1–5.9–11 auffindbaren<br />
Zusammenhang einer »Schicksalswende für Jerusalem, <strong>die</strong> in der Rückkehr<br />
JHWHs ihren sichtbaren Ausdruck findet« 508 .Intextanalytischer Hinsicht irritieren<br />
weiterhin sowohl <strong>die</strong> Inkohärenz erzeugende Vokalisierung des Masoretischen<br />
Texts in V. 6aβ als auch <strong>die</strong> wortgleichen Versteile V.7aα <strong>und</strong> V. 8a,<br />
welche <strong>die</strong> thematische Progression stören. <strong>Die</strong>se Störungen haben sich auch<br />
textgeschichtlich niedergeschlagen, wie ein Blick auf frühe Textzeugen zeigt. 509<br />
Das spricht dafür, <strong>das</strong>s der Übergang zwischen Redaktions- <strong>und</strong> Textgeschichte<br />
in <strong>die</strong>sem Bereich besonders fluide war. Schwerer als <strong>die</strong> textkritischen Argumente<br />
liegen an <strong>die</strong>ser Stelle allerdings <strong>die</strong> inhaltlichen. »Ein oft angeführtes<br />
Hauptargument für den Sonderstatus von V. 6–8 ist <strong>das</strong> nur hier vorkommende<br />
Auftreten eines zweiten Sprechers, der von sich in der ersten Person spricht <strong>und</strong><br />
in der Regel für <strong>die</strong> Stimme des anonymen Propheten gehalten wird« 510 .Aus<br />
<strong>die</strong>sen Beobachtungen heraus meinen manche Exegeten, in Jes 40,1–8 eine Art<br />
Berufungsbericht Deuterojesajas als Textvorlage erkennen zu können. Plausibler<br />
erscheint hingegen <strong>die</strong> These, <strong>das</strong>s <strong>die</strong> Verse 6–8 inschon großjesajanischen<br />
Wachstumssta<strong>die</strong>n bewusst in eine thematischeNähe zu Jes 6gerückt wurden. 511<br />
Weiterhin bildet <strong>die</strong> profilierte Theologie vom Wort Gottes, <strong>das</strong> als eine Art Hypostase<br />
ein Eigenleben führt (V. 8), eine literarische Brücke zu Jes 55,10 f. 512<br />
Wenn <strong>die</strong>se Brücke schon imRahmen der Erstverschriftung von Jes 40,6–8*<br />
inten<strong>die</strong>rt war, sind <strong>die</strong> Verse nicht mehr in <strong>die</strong> frühesten redaktionsgeschichtlichen<br />
Sta<strong>die</strong>n dtjes Schriftprophetie einzuordnen, welche in Jes 52–54* endeten<br />
(vgl. E.1. <strong>und</strong> H.1.–2.). 513 Als reale Hintergründe der durch V.6–8 getätigten<br />
redaktionellen Arbeitlassen sich Widerstände gegen <strong>die</strong> in Jes 40 ff. entworfene,<br />
zionsorientierte Heilsprophetie vermuten: »<strong>Die</strong> prophetischen Verkündiger sollen<br />
bei allen Zweifeln an der Treue ihrer Adressaten darauf bauen, <strong>das</strong>s sich <strong>das</strong><br />
Wort JHWHs durchsetzen wird.« 514<br />
In redaktionsgeschichtlicher Hinsicht sind <strong>die</strong> Verse 6–8 als relativ junge<br />
Ergänzungenzuinterpretieren. 515 Da sie darüber hinaus weder <strong>die</strong> Weg-Semantik<br />
noch charakteristische motivische Bestandteile der literarisch fixierten Exodustradition<br />
des Pentateuch be<strong>die</strong>nen, werden sie nicht eigens diskutiert. <strong>Die</strong><br />
508<br />
509<br />
510<br />
511<br />
512<br />
513<br />
514<br />
515<br />
Ehring, Rückkehr, 22.<br />
<strong>Die</strong> Passage Jes 40,7aβ–8a fehlt in der LXX <strong>und</strong> ist in 1QJes a am Rand nachgetragen; vgl.<br />
Weidner, Ende, 56 f.<br />
Ehring, Rückkehr, 20.<br />
Vgl. a. a. O., 7–10.20 f.; Weidner, Ende, 54.<br />
Vgl. Weidner, Ende, 26.<br />
Vgl. a. a. O., 233–235.<br />
Berges, Jesaja 40–48, 96.<br />
Hinsichtlich der Frage nach einer genaueren redaktionskritischen Differenzierung von<br />
V. 6–8 vgl. a. a. O., 95 f.; Weidner, Ende, 49–62.
1. Der Prolog Jesaja 40,1 –11 145<br />
näher zu beleuchtenden Verse V. 1–5.9–11 lassen sich anhand des neuen<br />
Stimmeinsatzes in V. 3<strong>und</strong> aufgr<strong>und</strong> jeweils verschiedenartiger Metaphorik in<br />
<strong>die</strong> drei Abschnitte V. 1f.3–5.9–11 untergliedern. 516 <strong>Die</strong>se Abschnitte sind im<br />
Folgenden sowohl textanalytisch als auch literarkritisch zu evaluieren.<br />
1.1. <strong>Die</strong> Erçffnungsrede =ber den Trost f=r <strong>die</strong> bestrafte Frau<br />
Jerusalem (Jesaja 40,1 f.)<br />
Der Prolog beginnt mit dem berühmten Trostaufruf »Tröstet, tröstet mein Volk!«<br />
(V. 1a). In <strong>die</strong>sem Aufruf zeigen sich formale <strong>und</strong> inhaltliche Charakteristika<br />
dtjes Schriftprophetie. Der doppelte Imperativ verweist auf ein charakteristisches<br />
Stilmerkmal des sog. Imperativgedichts Jes 51,9–52,2* (vgl. F.7.2.). <strong>Die</strong> Trost-<br />
Semantik wiederum begegnet an verschiedenen Stellen <strong>und</strong> in unterschiedlichen<br />
redaktionellen Sta<strong>die</strong>n von Jes 40–52. 517 In V. 1wird der Aufruf Gottes zum Trost<br />
seines Volkes nicht mit der Botenformel eingeleitet, wie es im Rahmen prophetischer<br />
Rede zu erwartenwäre. Vielmehrergeht <strong>die</strong> Botschaftvöllig unvermittelt,<br />
woraufhin <strong>die</strong> Kennzeichnung des Sprechers ( ר Imperfekt + םכיהלא )injektorisch<br />
nachgerückt wird. <strong>Die</strong>ses Phänomen steht im Zusammenhang mit der<br />
Verkündigung weitreichender Veränderungen, <strong>die</strong> ab V. 2thematisiert werden.<br />
<strong>Die</strong>ser auf <strong>das</strong> Zitat der Gottesrede in V. 1folgendeVers lässtsich »aufgr<strong>und</strong> der<br />
formalen <strong>und</strong> inhaltlichen Parallelität von V. 1a <strong>und</strong> V.2aα als Fortsetzung<br />
<strong>die</strong>ses Zitats […] verstehen« 518 .<strong>Die</strong> in V. 1f.zitierte Gottesrede ist damit eine<br />
Eröffnungsrede des Prologs. V. 3a stellt hingegen eineZäsur dar, da eineStimme<br />
zitiert wird, <strong>die</strong> von JHWH zu unterscheiden ist.<br />
Ein Charakteristikum der Eröffnungsrede besteht in der fehlenden Kennzeichnung<br />
von Sprecher <strong>und</strong> Adressatenkreis. Es fragt sich also, wer <strong>die</strong> Gottesrede<br />
zitiert <strong>und</strong> wer damit implizit angesprochen wird. Informaler Hinsicht<br />
ist zu konstatieren, <strong>das</strong>s sich sowohl »<strong>die</strong> Gottesrede mit ihren Imperativen als<br />
auch der <strong>die</strong> Gottesrede zitierende Sprecher […] aneine maskuline Adressatengruppe«<br />
519 richten. Da sich <strong>die</strong> Verse über <strong>das</strong> setting der Wortübergabe an <strong>die</strong><br />
מא<br />
516<br />
517<br />
518<br />
519<br />
Vgl. L<strong>und</strong>, Way, 70. Eine andere Einteilung nimmt Berges vor, indem er <strong>die</strong> Verbindung<br />
aus Imperativen <strong>und</strong> Lexemen des Wortfelds »Sprechen« als strukturbildend definiert.<br />
Daher trennt er V. 9als eigene Strophe von V. 10 f. ab <strong>und</strong> rückt <strong>die</strong> letzten beiden Verse<br />
damit in eine Sonderrolle; vgl. Berges, Jesaja 40–48, 89.<br />
Vgl. <strong>die</strong> Belege von Pi. in Jes 40,1 2x ;49,13; 51,3 2x .12.19; 52,9. Hinsichtlich der inhaltlichen<br />
<strong>und</strong> redaktionsgeschichtlichen Relation von Jes 40,1 <strong>und</strong> Jes 52,9 vgl. F.1.4.;<br />
F.2. <strong>und</strong> F.8.3. Hinsichtlich der redaktionsgeschichtlichen Einordnung von Jes 49,13;<br />
51,3.12.19 vgl. F.6.; F.7.2.; F.8.3. <strong>und</strong> G.2.<br />
Ehring, Rückkehr, 23.<br />
Ebd.<br />
ם חנ
146 F. Exegetische Untersuchungen mçglicher Exodustexte in Jesaja 40 –52<br />
Adressatengruppe ausschweigen, ist gegenüber der These eines zugr<strong>und</strong>e liegenden<br />
Auftrags im himmlischen Thronrat an <strong>die</strong> überirdische <strong>Die</strong>nerschar<br />
JHWHs eher Skepsis angebracht. 520 Vielmehr erscheint es plausibel, <strong>das</strong>s in V. 1f.<br />
eine Verfasserschaft mit prophetischem Charisma eine Botschaft aneine (prophetische)<br />
Gruppe zur weiteren Bekanntgabe überträgt. 521 Ob <strong>die</strong>se Gruppe in<br />
Babylon zu lokalisieren <strong>und</strong> ihr Trost-Auftrag im Zusammenhang eines neuen<br />
Exodus steht, kann allein von V. 1f.her nicht entschieden werden.<br />
Gemäß Øystein L<strong>und</strong> ist Jes 40,1–11 insgesamt als einedramatische Szene zu<br />
charakterisieren, <strong>die</strong> in einem stimmerfüllten, nicht näher zu lokalisierenden<br />
Raum stattfindet:<br />
In the passage one voice cries out with amessage – only then to disappear. Thereafter<br />
there comes anew voice, bringing new aspects to the message. 522<br />
<strong>Die</strong> in V. 1–11 sich artikulierenden Stimmen verbergen sich gleichsam hinter<br />
Masken <strong>und</strong> verraten nicht ihren personalen Ursprung, weshalb <strong>die</strong> Botschaft<br />
im Zentrum steht. <strong>Die</strong> durch V.1zunächst allgemein ausgerufene Tröstung des<br />
Volkes wird innerhalb von Jes 40,1 f.3–5.9–11 verschiedenartig expliziert. So<br />
bezieht sich der Trost gemäß der Eingangsrede auf <strong>das</strong> Ende einer durch JHWH<br />
initiierten, als notwendige Strafe interpretierten Notsituation. 523 Mit <strong>die</strong>ser Beendigung<br />
einer negativen Gr<strong>und</strong>situation korreliert <strong>die</strong> durch <strong>die</strong> Verse 3–5 in<br />
520<br />
521<br />
522<br />
523<br />
Vgl. Kiesow, Exodustexte, 64. Parallelen zwischen Jes 40,1–11 in der Masoretischen<br />
Endgestalt <strong>und</strong> Jes 6beziehen sich lediglich auf Inhalte der prophetischen Beauftragung;<br />
so etwa der Verweis auf Jerusalems Schuld <strong>und</strong> Sünden (Jes 40,2 vgl. Jes 6,7b) oder<br />
<strong>das</strong> Auftreten des דובכ (Jes 40,5 vgl. Jes 6,3); vgl. Ehring, Rückkehr, 25. Das für <strong>die</strong><br />
als Vergleich herangezogenen Thronsaalvisionen Jes 6,1–12, Jer 23,18.22 oder<br />
1Kön 22,19–22 konstitutive Setting findet in Jes 40,1–11 keine Parallele; vgl. ebd.<br />
Vgl. Berges, Jesaja 40–48, 98. Vermutlich verbirgt sich hinter der Stimme »<strong>das</strong><br />
Selbstverständnis jener anonymen Kreise […], <strong>die</strong> den Traditionskomplex Jes 40–52<br />
geschaffen haben«; Kiesow, Exodustexte, 64. Ob man zwischen den Adressaten der<br />
Imperative (V. 1a.2a) <strong>und</strong> den Adressaten der Anrede »euer Gott« (V. 1b) differenzieren<br />
sollte, wird aus dem Textbef<strong>und</strong> heraus nicht deutlich. So könnte man einerseits gleiche<br />
Adressaten für Gottesrede <strong>und</strong> Auftrag annehmen, wobei damit der Fokus der Eröffnungssrede<br />
auf eine bestimmte (prophetische) Gruppe eingeschränkt bliebe. Andererseits<br />
ließe sich vermuten, <strong>das</strong>s <strong>die</strong> Gottesrede <strong>das</strong> ganze Volk adressiert, welches von<br />
einem zeitgleich ergehenden Trostauftrag an sie unterrichtet wird; vgl. Ehring, Rückkehr,<br />
33f.<br />
L<strong>und</strong>, Way, 71.<br />
Vgl. Ehring, Rückkehr, 36. Indem <strong>das</strong> Erlittene als Strafe JHWHs interpretiert wird, wird<br />
es einerseits als notwendige Erfahrung gedeutet. Weiterhin zeigt sich darin, <strong>das</strong>s JHWH<br />
weder machtlos ist, noch indifferent gegenüber Israel handelt. Insofern begegnet der<br />
Prolog an <strong>die</strong>ser Stelle schon kritisch dem in Jes 40,27 zitierten Vorwurf.
Aussicht gestellte Transformation der Landschaft, im Zuge derer sich der<br />
JHWHs offenbart (V. 5vgl. F.1.2.). <strong>Die</strong> Verse 9–11 konkretisieren <strong>die</strong> Anwesenheit<br />
JHWHs schließlich als machtvolle <strong>und</strong> fürsorgliche Königsherrschaft<br />
(vgl. F.1.3.). Insofern besteht innerhalb der Verse Jes 40,1f.3–5.9–11 ein relativ<br />
hohes Maß an Kohärenz. Da der stimmerfüllte Raum des Prologs jedoch auch<br />
unter Abtrennung von V. 6–8 verschiedene Sprecher, Adressaten, Bildebenen<br />
<strong>und</strong> inhaltliche Aspekte vereint, sind im Verlauf der Untersuchung weitere literarkritische<br />
Überlegungen anzustellen. 524<br />
<strong>Die</strong> Eröffnungsrede verweist auf Vorstellungen, <strong>die</strong> sich in charakteristischer<br />
Weise auch im Buch der Klagelieder finden. Man kann sie daher als Reaktion auf<br />
eine im Jerusalemer Milieu behaftete Klagetradition verstehen. ImKontext des<br />
Tanach schafft <strong>das</strong> durch Pi. aufgeworfene Stichwort einen intertextuellen<br />
Dialog mit Klgl 1. Dem Refrain <strong>die</strong>ses Kapitels, Jerusalem habe niemanden, der sie<br />
tröstet (Klgl 1,2.9.16 f.21; vgl. Klgl 2,13), begegnet der Trostaufruf Jes 40,1. 525<br />
Weitere charakteristische Parallelen zwischen Jes 40,1 f. <strong>und</strong> dem Buch der<br />
Klagelieder bestehen darin, <strong>das</strong>s jeweils <strong>das</strong> Volk bzw. Jerusalem adressiert <strong>und</strong><br />
<strong>die</strong> Schuld der Adressatenthematisiert wird. 526 <strong>Die</strong>se Bezugnahmen bleiben nicht<br />
auf <strong>die</strong>Eröffnungsrede des Prologs beschränkt, sondern lassen sich insbesondere<br />
in vermutlich schon jüngeren redaktionsgeschichtlichen Sta<strong>die</strong>n dtjes Schriftprophetie<br />
nachverfolgen: »In späteren Passagen werden einzelne Aspekte der<br />
Notzeit mithilfe der Metapher der verlassenen kinderlosen Frau Jerusalem zur<br />
Sprache gebracht« 527 (Jes 49,20 f.; 54,1–3; vgl. Klgl 1,13.20; 4,1–10). <strong>Die</strong> Darstellungen<br />
<strong>Zions</strong> bzw. Jerusalems verhalten sich in Klgl 1–4 auf der einen Seite<br />
<strong>und</strong> in Jes 40 ff. auf der anderen Seite komplementär zueinander. Beide Textbereiche<br />
changieren zwischen Aussagen über Zion als Stadt <strong>und</strong> der Personifizierung<br />
<strong>Zions</strong> als Frau. 528 Während in Klgl 1–4 jedoch über <strong>die</strong> Verlassenheit<br />
bzw. Zerstörung <strong>Zions</strong> geklagt wird, artikuliert sich in verschiedenen Sta<strong>die</strong>n<br />
dtjes Schriftprophetie (vgl. u. a. Jes 40,1 f.; 49,15–26; 52,1f.9; 54,1–8.11–17) <strong>die</strong><br />
Zusage einer neuerlichen Zuwendung bzw. Restauration. 529 Ganz konkret kann<br />
דובכ<br />
ם חנ<br />
1. Der Prolog Jesaja 40,1 –11 147<br />
524<br />
525<br />
526<br />
527<br />
528<br />
529<br />
Ehring versucht, hinsichtlich der verschiedenen Sprecher <strong>und</strong> Adressaten innerhalb der<br />
Szenenabfolge Jes 40,1 f.3–5.9–11 eine von vornherein inten<strong>die</strong>rte Programmatik zu<br />
rekonstruieren; vgl. Ehring, Rückkehr, 63–65. Ihr Konzept setzt allerdings voraus, <strong>das</strong>s<br />
V. 1f.<strong>und</strong> V. 9gleichursprünglich sind; vgl. a. a. O., 65.<br />
Vgl. Berges, Jesaja 40–48, 87.<br />
Vgl. ebd.<br />
Ehring, Rückkehr, 37.<br />
Vgl. Schmidt, Zukunftsvorstellungen, 134–144; Spans, Stadtfrau, 367–371; Steck,<br />
Gottesknecht, 126–145. Eine ausführliche Diskussion <strong>die</strong>ses Phänomens erfolgt unter<br />
F.8.2.; vgl. weiterhin <strong>die</strong> Diskussion über <strong>das</strong> Verhältnis zwischen Gottesknecht <strong>und</strong> Zion<br />
unter F.6.1.<br />
Vgl. Berges, Jesaja 40–48, 87.
148 F. Exegetische Untersuchungen mçglicher Exodustexte in Jesaja 40 –52<br />
<strong>die</strong> Zusage der abgegoltenen Verfehlungen in Jes 40,2 als Pendant des durch<br />
JHWH auferlegten Jochs der Verbrechen <strong>Zions</strong> ( )inKlgl 1,14 interpretiert<br />
werden. 530 Weiterhin wird in V. 2der in Klgl 1–4 beklagte Aspekt der Fremdbestimmung(vgl.<br />
u. a. Klgl 1,10.14), für beendet erklärt. Versprachlicht wird <strong>die</strong>s<br />
durch <strong>das</strong> militärisch konnotierte Lexem ,<strong>das</strong> gängiger Weise <strong>das</strong> Heer bzw.<br />
den Kriegs<strong>die</strong>nst bezeichnet, hier im Hinblick auf <strong>die</strong> Frau Jerusalem aber eher<br />
als »<strong>Die</strong>nst« bzw. »Fron<strong>die</strong>nst« zu übersetzen ist. 531 <strong>Die</strong>se Übersetzung fügt sich<br />
kohärent in <strong>die</strong> Semantik ein, welche in Klgl 1–4für <strong>die</strong> exilische Existenz Ju<strong>das</strong><br />
verwendet wird. 532 Im Hinblick auf <strong>die</strong> Kernfrage <strong>die</strong>ser Arbeit sei erwähnt, <strong>das</strong>s<br />
<strong>das</strong> Lexem an keiner Stelle des Alten Testaments im Zusammenhang der Sklaverei<br />
Israels in Ägypten erscheint. Dass <strong>die</strong> Eingangsrede <strong>die</strong>ses semantisch eher<br />
unscharfe Lexem wählt <strong>und</strong> konkrete Einzelheiten der für beendet erklärten<br />
Notsituation nicht weiter erwähnt, kann laut Christina Ehring zweifach begründet<br />
werden.<br />
פ עי לע<br />
א בצ<br />
Zum einen ist davon auszugehen, <strong>das</strong>s <strong>die</strong> zeitgenössischen Hörer <strong>das</strong> mit dem Begriff<br />
Angedeutete aufgr<strong>und</strong> ihrer eigenen Erfahrung <strong>und</strong> Anschauung mit Bedeutung<br />
<strong>und</strong> Bildern füllen konnten. Zum anderen lässt sich vermuten, <strong>das</strong>s <strong>das</strong> Deuterojesajabuch<br />
<strong>die</strong> vergangene Notzeit nur noch im Zuge der Verkündigung ihres Endes<br />
erwähnt, um gezielt <strong>die</strong> Heilsbotschaft ins Zentrum zu rücken. 533<br />
א בצ<br />
<strong>Die</strong> in synchroner Textbetrachtung ansichtigen Bezüge zwischen Klgl 1–4auf der<br />
einen Seite <strong>und</strong> Jes 40,1 f. müssen nicht zwingend darauf zurückgeführt werden,<br />
<strong>das</strong>s den dtjes Verfassern <strong>und</strong> Tradenten <strong>das</strong> Buch der Klagelieder schon<br />
vorlag. Erstens erklärt sich <strong>die</strong> sowohl in den Klageliedern als auch in dtjes<br />
Schriftprophetie jeweils in unterschiedlichem Kontext erscheinende Metaphorik<br />
vor dem religionsgeschichtlichen Hintergr<strong>und</strong> weiblicher Personifikationen von<br />
530<br />
531<br />
532<br />
533<br />
Hinsichtlich der Metaphorik vom Joch bzw. der Fesseln vgl. <strong>die</strong> Diskussion über Jes 52,2b<br />
unter F.8.2.<br />
Vgl. Ehring, Rückkehr, 39; Berges bezieht <strong>das</strong> Lexem auf den zeitlich begrenzten, kultischen<br />
<strong>Die</strong>nst der Leviten; vgl. Berges, Jesaja 40–48, 100 f.; demgegenüber interpretiert<br />
es Poulsen unter Verweis auf Hi 7,1eher allgemeiner, als »general kind of hard and<br />
compulsory labor of long duration, parallel to the work of aday-laborer«; Poulsen, Hole,<br />
255. Da kultische Bezüge im literarischen Kontext von V. 1–11 keine Rolle spielen, aber<br />
sozialrechtliche Vorstellungen in Relation zu Zwangsarbeit <strong>und</strong> Sklaverei in verschiedenen<br />
Sta<strong>die</strong>n dtjes Schriftprophetie eine Rolle spielen (vgl. F.3.1.; F.8.2. <strong>und</strong> F.8.4.), ist<br />
<strong>die</strong> Interpretation von Poulsen zu bevorzugen.<br />
Vgl. u. a. הדבעבר »schwere Arbeit« in Klgl 1,3; dazu auch Poulsen, Hole, 255.<br />
Ehring, Rückkehr, 38.
Städten im Alten Orient. 534 Weiterhin ist es mitnichten so, <strong>das</strong>s innerhalb dtjes<br />
Tradentenprophetie <strong>die</strong> Metaphorik der klagenden Frau einfach ins Gegenteil<br />
gewendet wird, wie <strong>die</strong> Klage <strong>Zions</strong> in Jes 49,14 (vgl. F.6.1.) <strong>und</strong> <strong>die</strong> deutlichen<br />
Reminiszenzen an <strong>die</strong> vergangene Leidenszeit u. a. in Jes 51,17b.19; 52,2bβ;<br />
54,4.6 eindrücklich illustrieren. Vor<strong>die</strong>sem Hintergr<strong>und</strong> ist von komplexeren<br />
theologie- <strong>und</strong> literaturgeschichtlichen Interdependenzen zwischen dem Buch<br />
der Klagelieder <strong>und</strong> dtjes Schriftprophetie auszugehen. 535 Im Rahmen <strong>die</strong>ser<br />
Arbeit werden insbesondere mögliche literarische Bezüge zwischen Jes 52,1 f.<br />
<strong>und</strong> Klgl 4,21 f. sowie zwischen Jes 52,11 f. <strong>und</strong> Klgl 4,15 noch tiefgreifender zu<br />
erörtern sein (vgl. F.8.3. <strong>und</strong> F.9.3.).<br />
Eine letzte Schwierigkeit der Interpretation der Eingangsrede verbindet sich<br />
mit der Wendung »Doppeltes«. Eine wörtliche Interpretation im Sinne einer<br />
übergroßen, ungerechtfertigten Strafe JHWHs stünde in Widerspruch zur Intention<br />
der dtjes Gr<strong>und</strong>schrift, dem in Jes 40,27 zitierten Vorwurfder Willkür <strong>und</strong><br />
Indifferenz JHWHs entgegenzutreten. Vor dem Hintergr<strong>und</strong> der vielzähligen<br />
Interpretationsmöglichkeiten 536 ist der Hinweis von Frederik Poulsen sehr erhellend,<br />
welcherauf <strong>das</strong> Motiv der Hand JHWHs im Zuge des göttlichen Gerichts<br />
aufmerksam macht. 537 In der Endgestaltvon Jes 40–52 begegnet <strong>das</strong> Motivsehr<br />
explizit imBild von Jes 51,17. Laut der Aussage <strong>die</strong>ses Verses musste Jerusa-<br />
). 538 ה ( ausleeren lem den Becher des Zorns aus der Hand JHWHs vollends<br />
<strong>Die</strong>ser Hintergr<strong>und</strong> legt für Jes 40,2b nahe, nicht im streng mathematischen<br />
Sinne, sondern im übertragenen Sinne als »Schwerwiegendes«, »Reichli-<br />
צמ<br />
פכ יל ם<br />
פכ יל ם<br />
1. Der Prolog Jesaja 40,1 –11 149<br />
534<br />
535<br />
536<br />
537<br />
538<br />
Vgl. Schmidt, Zukunftsvorstellungen, 137–139; Steck, Gottesknecht, 133–145. Für <strong>die</strong><br />
alttestamentlichen Adaptionen der Motivik sind insbesondere <strong>die</strong> weiblichen Personifikationen<br />
von Städten in mesopotamischen Stadtklagen als prägend zu erachten; vgl.<br />
Wischnowsky, Tochter, 2. <strong>und</strong> <strong>die</strong> Ausführungen unter F.8.2.<br />
Zu verweisen sei an <strong>die</strong>ser Stelle auf Vorschläge von Berlin u. a., <strong>die</strong> im Buch der Klagelieder<br />
versammelten Gedichte erst spät, um ca. 540 v. Chr zu datieren; vgl. Holt,<br />
Daughter, 174. Somit kämen sie keinesfalls automatisch als literarische Vorlagen dtjes<br />
Schriftprophetie in Betracht, sondern haben sich möglicherweise parallel entwickelt.<br />
Anders Frechette, der Jes 47 im Rahmen von Jes 40 – 55 als Antwort <strong>und</strong> Korrektiv der<br />
Klagelieder versteht, deren Entstehung er direkt mit den Ereignissen um 587 v. Chr<br />
verbindet; vgl. Frechette, Daughter, 79.<br />
Man könnte <strong>die</strong> Wendung u.a. als rhetorische Hyperbel, im Sinne einer doppelten<br />
Wiedergutmachung, als »Äquivalent« oder im Sinne von zwei zu unterscheidenden<br />
Aspekten der erlittenen Notsituation interpretieren; vgl. Berges, Jesaja 40–48, 102 f.;<br />
Ehring, Rückkehr, 37; Poulsen, Hole, 256f.<br />
Vgl. u. a. Ex 9,3; Dtn 2,15; Ri 2,14 f.; Rut 1,13; 1Sam 12,15; Jes 19,16.<br />
Hinsichtlich der konstitutiven Funktion <strong>die</strong>ses Verses für <strong>das</strong> sog. Imperativgedicht<br />
Jes 51,9–52,2* vgl. F.7.2. <strong>und</strong> F.8.1.
150 F. Exegetische Untersuchungen mçglicher Exodustexte in Jesaja 40 –52<br />
ches« oder »Vollständiges« zu übersetzen. 539 Insofern käme in Jes 40,2 keine<br />
ungerechte Bestrafung, sondern eine schwerwiegende, aber angemessene Strafe<br />
oder Wiedergutmachung zum Ausdruck. 540 Weiterhin lässt sich <strong>das</strong> fragliche<br />
Lexem mit der Aufzählung der vielfachen Nöte in Jes 51,19 verbinden, welche mit<br />
eher mit פכ dafürsprechen, »beides« eingeleitet wird. Auch <strong>die</strong>s würde ם<br />
dem Umfang der Leiden <strong>Zions</strong> zu verbinden <strong>und</strong> weniger mit einer Verdoppelung<br />
der Strafe. <strong>Die</strong> literargeschichtliche Relation zwischen V. 1f.<strong>und</strong> Jes 51,17.19<br />
muss an anderer Stelle noch evaluiert werden (vgl. F.2. <strong>und</strong> F.8.3.).<br />
יל ם<br />
תי<br />
1.2. Ank=ndigung einer Transformation der W=ste (Jesaja 40,3–5)<br />
<strong>Die</strong> Metaphorik vom Weginder Wüste in V. 3–5bildet eine von der Tröstung der<br />
bestraften Frau von V. 1f.deutlich zu unterscheidende Bildebene. <strong>Die</strong>ser Bef<strong>und</strong><br />
wird in literar- <strong>und</strong> redaktionskritischer Hinsicht noch zu diskutieren sein. Zunächst<br />
ist zu klären, ob der in V. 3–5thematisierte Straßenbau etwas mit einem<br />
Auszug Exilierter aus Babylon zu tun hat, was auf <strong>das</strong> Konzept eines neuen<br />
Exodus hindeuten würde. In älterer Forschung wurde <strong>die</strong>se Frage mehrheitlich<br />
positiv beantwortet.<br />
Klaus Kiesow interpretiert den WeginV.3–5 dezi<strong>die</strong>rt im Zeichen eines<br />
Exodus aus Babylon nach Palästina. Zunächst verweist er auf <strong>das</strong> Motiv des<br />
Weges in der Wüste, <strong>das</strong> auch in Jes 43,16–21 begegnet <strong>und</strong> dort in Beziehung<br />
zum Volk steht. 541 Weiterhin führt er mit Jer 31,7–9eineTextstelle an, in der <strong>die</strong><br />
Schaffung eines ebenen Weges ( ר Jer 31,9a; vgl. י רו V. 3b) im Kontext<br />
einer sicherenRückkehr aus der Diaspora steht. 542 In <strong>die</strong>sen Versen siehtKiesow<br />
»ein Vorbild der ebenen, von Hindernissen befreiten Straße […], zu deren Bau in<br />
[Jes] 40,3 aufgerufen wird <strong>und</strong> <strong>die</strong> heimwärts nach Palästina führt« 543 .Kiesows<br />
Deutung ist jedoch nicht unumstößlich, da sie einerseits von einem bestimmten<br />
Vorverständnis von Jes 43,16–21 <strong>und</strong> andererseits von einer ungemein frühen<br />
literargeschichtlichen Einordnung von Jer 31,7–9 abhängig ist. 544<br />
יךרד<br />
539<br />
540<br />
541<br />
542<br />
543<br />
544<br />
Vgl. Poulsen, Hole, 256: »ab<strong>und</strong>antly, heavily, or completely«. Weidner hingegen versteht<br />
V. 2b als redaktionellen Kommentar, der sich irrtümlich auf <strong>die</strong> vermeintlich zwei Gefäße<br />
in Jes 51,17.22 bezogen habe, <strong>die</strong> aber gemäß der literarischen Anlage ein <strong>und</strong> <strong>das</strong>selbe<br />
bedeuten; vgl. Weidner, Ende, 58 f.<br />
Vgl. Ehring, Rückkehr, 37.<br />
Vgl. Kiesow, Exodustexte, 48f.<br />
Vgl. a. a. O., 52.<br />
A.a. O., 53.<br />
Vordem Hintergr<strong>und</strong> der Nennung Efraims in Jer 31,9b vermutet Kiesow unter Verweis<br />
auf Fohrer, <strong>das</strong>s Jer 31,7–9 zueinem »älteren, noch auf <strong>die</strong> Nordstämme bezogenen<br />
Gr<strong>und</strong>stock einer späteren exilischen Komposition Jer 30f« (ebd.) gehöre. Im Hinter-
Laut Walther Zimmerli verweist der WegJHWHs in V. 3auf JHWHs Führung<br />
des Volkes in Jes 48,21. 545 Seiner Lesart nach ist JHWHs Darstellung als Hirte<br />
(V. 9–11) in erster Linie auf <strong>das</strong> ausziehende Volk bezogen, <strong>das</strong> in Analogie zu<br />
den Wasserw<strong>und</strong>ern in Ex 17 <strong>und</strong> Num 20 durch Wasser aus dem Felsen getränkt<br />
werde. 546 <strong>Die</strong>s versteht Zimmerli als »Antitypik zum Wüstenzug der Frühzeit« 547<br />
<strong>und</strong> interpretiert <strong>die</strong> umfassenden Naturtransformationen in Jes 40,3–5;41,18 f.;<br />
43,19b–20; 55,12 f. u. a. als Überhöhung der Vorlage. Damit steht Zimmerli in<br />
einer Linie mit einigen Vertretern älterer Exegese, welche den WegJHWHs in<br />
der Wüste in V. 3imbuchstäblichen Sinne auf eine Reiseroute durch <strong>die</strong> Wüstengegend<br />
zwischen Mesopotamien <strong>und</strong> Jerusalem bezogen haben. 548 <strong>Die</strong>se Interpretation<br />
birgt jedoch mehrere Schwierigkeiten insich. Erstens werden <strong>die</strong><br />
von Zimmerli in einem Atemzug genannten Verweisstellen innerhalb dtjes<br />
Schriftprophetie nicht auf deren redaktionsgeschichtliches Verhältnis hin befragt.<br />
Zweitens lässt sich eine literarische Abhängigkeitdes dtjes Gr<strong>und</strong>bestands<br />
von den (nach)priesterschriftlichen Exodus-Wüstenwanderungserzählungen im<br />
Pentateuch nach aktuellem Kenntnisstand nicht fraglos voraussetzen (vgl.<br />
C.5.2.). Sowohl gegenüber Kiesow als auch gegenüber Zimmerli ist darüber<br />
hinaus ein entscheidendes drittes Argument anzuführen, <strong>das</strong> unabhängig von<br />
literargeschichtlichen Vorentscheidungen besteht. Legt man den Fokus auf<br />
Jes 40,3–5selbst, so stellt man fest, <strong>das</strong>s dort gerade nicht von einer Rückkehrder<br />
Exilierten aus Babylon <strong>die</strong> Rede ist, sondern von einem Weg, über den sich der<br />
JHWHs offenbart (V. 5). Vor dem Hintergr<strong>und</strong> des zugehörigen Epilogs<br />
ד בכ<br />
1. Der Prolog Jesaja 40,1 –11 151<br />
545<br />
546<br />
547<br />
548<br />
gr<strong>und</strong> steht <strong>die</strong> These, <strong>das</strong> sog. Trostbüchlein Jer 30–32 schöpfe sich aus einer frühesten<br />
Verkündigungsphase Jeremias unter König Joschia <strong>und</strong> meine mit »Israel« konkret »<strong>die</strong><br />
Exulanten <strong>und</strong> Bewohner Nordisraels«; <strong>Die</strong>trich, Entstehung, 358. Auch wenn man mit<br />
der gegen Assur (<strong>und</strong> damit implizit auch gegen Ägypten) gerichteten Politik Joschias <strong>die</strong><br />
probabylonische Einstellung des Jeremiabuches erklären könnte, wirkt doch <strong>die</strong> These<br />
einer 180-Grad-Wende Jeremias vom Propagandisten Joschias zum radikalen Oppositionellen<br />
wenig glaubhaft; vgl. ebd. Weiterhin nimmt Jer 32 als narratives Element des<br />
Trostbüchleins gerade nicht auf <strong>die</strong> Joschia-Zeit, sondern auf <strong>die</strong> babylonische Belagerung<br />
unter Zidkija Bezug. Entsprechend rechnet man heutzutage mehrheitlich eher mit<br />
einer spätexilischen oder nachexilischen Entstehung des Trostbüchleins im Kontext<br />
einer jeremianischen Tradentenprophetie; vgl. ebd. Efraim steht in Jer 31,9 in Parallele<br />
zu Israel <strong>und</strong> wird als Erstgeborener (vs. Gen 41,50–52) charakterisiert, was an <strong>die</strong>ser<br />
Stelle wohl im Zeichen der »besonderen, auswählenden <strong>und</strong> unver<strong>die</strong>nten Zuwendung«<br />
(Fischer, Jeremia, 152) JHWHs zu Israel steht.<br />
Vgl. Zimmerli, Exodus, 200.<br />
Vgl. ebd.<br />
Ebd.<br />
Verwiesen sei exemplarisch auf B. Duhm, E. König <strong>und</strong> R. N. Whybray; vgl. L<strong>und</strong>,<br />
Way, 74.
152 F. Exegetische Untersuchungen mçglicher Exodustexte in Jesaja 40 –52<br />
Jes 52,7–10 zielt der Wegprimär auf <strong>die</strong> RückkehrJHWHs zum Zion ab. 549 Offen<br />
bleibt zunächst <strong>die</strong> Frage, ob damit <strong>die</strong> Rückkehr der Exilierten aus Babylon<br />
gleichsam impliziert ist, wie Kiesow unter Verweis auf Jes 43,16–21 vermutet. 550<br />
Insofern müssen <strong>die</strong> betreffenden Verse noch eingehender beleuchtet werden<br />
(vgl. F.4.).<br />
Der Abschnitt V. 3–5 wird von einer auffälligen Häufung von Lexemen des<br />
Wortfelds »Sprechen /Reden« in V. 3aα <strong>und</strong> V.5bβ gerahmt. 551 <strong>Die</strong> eigentliche<br />
Botschaft innerhalb <strong>die</strong>ser Rahmung besteht im Aufruf, einen »Weg JHWHs« in<br />
der Wüste vorzubereiten (V. 3). Dabei soll <strong>die</strong> Landschaft einer Transformation<br />
unterzogen werden (V. 4), im Zuge dessen sich der JHWHs vor aller Welt<br />
offenbart (V. 5). Wer<strong>die</strong> zum Straßenbau aufgeforderten Adressaten sind, bleibt<br />
zunächst offen, wodurch sich <strong>die</strong> Aufmerksamkeit wiederum ganz auf <strong>das</strong> beschriebene<br />
Szenario fokussiert. 552 Christina Ehring gibt zu bedenken, <strong>das</strong>s sich<br />
ד בכ<br />
549<br />
550<br />
551<br />
552<br />
Vgl. u. a. Oorschot, Zion, 119.<br />
Vgl. Kiesow, Exodustexte, 49.<br />
Zu verweisen ist auf <strong>die</strong> Verbindung von Part. Qal in V. 3aα <strong>und</strong> <strong>die</strong> Verbindung<br />
von +יפ Pi. in V. 5bβ.V.3aα bildet <strong>die</strong> Eröffnung der prophetischen Rede, wobei der<br />
Sprecher selbst, wie auch in V. 1f., im Verborgenen bleibt. V. 5bβ kann einerseits als<br />
Selbstlegitimation der anonymen prophetischen Stimme, andererseits aber auch als<br />
integraler Bestandteil der prophetischen Rede verstanden werden, wodurch <strong>die</strong> Wirksamkeit<br />
der in V. 3aβ–5bα formulierten Botschaft bekräftigt wird; vgl. Ehring, Rückkehr,<br />
39.<br />
Teilweise hängen <strong>die</strong> Zuordnungen des Auftrags zu einem bestimmten Adressatenkreis,<br />
<strong>die</strong> im Laufe der Forschungsgeschichte entwickelt wurden, zutiefst von den exegetischen<br />
Vorentscheidungen ab; vgl. a. a. O., 40. Betrachtet man den Wegals Auszugsroute der<br />
Exilierten, so könnte man an einen göttlichen Auftrag an himmlische Wesen denken,<br />
welche den Wegdes Volkes erleichtern sollen. Allerdings fehlt jeder Hinweis auf ein<br />
entsprechendes überirdisches Setting, was im Rahmen einer himmlischen Ratssitzung<br />
zu erwarten wäre; vgl. Berges, Jesaja 40–48, 91. Vor dem Hintergr<strong>und</strong> von Jes 52,7–10<br />
könnte man den Auftrag auch als »Bild für <strong>die</strong> Beseitigung innerer Hindernisse der<br />
ruhmreichen Rückkehr JHWHs bei den Adressaten« (Ehring, Rückkehr, 40), also an <strong>das</strong><br />
Volk gerichtet, verstehen. Auch Berges versteht den Wegbau als »Ausräumen aller<br />
ethisch-religiösen Widerstände in der Wüste Jerusalems«; Berges, Jesaja 40–48, 104.<br />
<strong>Die</strong>ses ethische Verständnis verstärkt sich durch <strong>die</strong> Identifikation der Wüste mit dem<br />
Volk, wie sie Enrique Farfan Navarro vornimmt; vgl. L<strong>und</strong>, Way, 78–80. Vordem Hintergr<strong>und</strong><br />
von Hos 2,3; Num 24,6 u.a. versteht Navarro <strong>die</strong> Landschaftsbeschreibungen<br />
als metaphorische Beschreibungen des Volkes, dessen Idealzustand mit einem fruchtbaren<br />
Garten gleichzusetzen wäre. Insofern könnte man <strong>die</strong> Wegbereitung in der Wüste<br />
als Beginn der Kultivierung, auf der Realebene also als ethische Vorbereitung auf <strong>die</strong><br />
JHWH-Gegenwart interpretieren. Øystein L<strong>und</strong> macht allerdings auf überzeugende Weise<br />
deutlich, <strong>das</strong>s eine Übertragung <strong>die</strong>ser Lesart auf alle Textstellen in Jes 40–52, welche<br />
רק א + וק ל<br />
ר בד
1. Der Prolog Jesaja 40,1 –11 153<br />
<strong>die</strong> Verbformen inV.4a, wenn man sie als Jussive versteht, auf <strong>die</strong> Täler, Berge<br />
<strong>und</strong> Hügel als grammatisches Subjekt beziehen. Überträgt man <strong>die</strong>sen Bef<strong>und</strong><br />
auf V. 3, so ergibt sich <strong>die</strong> plausible Interpretation, <strong>das</strong>s der Aufruf zum Straßenbau<br />
nicht an menschliche Adressaten oder himmlische Heerscharen ergeht,<br />
sondern an <strong>die</strong> im Folgenden adressierten Landschaftselemente. 553 In theologischer<br />
Hinsicht kommt damit <strong>die</strong> Schöpfermacht JHWHs zum Ausdruck. Im<br />
Hinblick auf <strong>die</strong> Rezeption des Texts wird zwischen Vers 3<strong>und</strong> 4eine enorme<br />
Steigerung hervorgerufen. V. 3lässt für sich betrachtet an eine gewöhnliche<br />
Straße denken. V. 4bricht <strong>die</strong>se Vorstellung in Gänze auf <strong>und</strong> überführt sie in<br />
übernatürliche Dimensionen. 554 Möglicherweise sollen damit auch <strong>die</strong> Dimensionen<br />
der in Babylon eigens »für Götterbilderprozessionen oder Transporte von<br />
Götterbildern gebauten Straßen« 555 überboten werden, was einen Anschluss an<br />
Jes 46,1f.herstellen würde. In jedem Falle ist hervorzuheben, <strong>das</strong>s durch <strong>die</strong>se<br />
Interpretation keine menschliche Aktivität, sei es im Sinne einer ethischen<br />
Vorbereitung oder im Sinne einer baldig zu begehenden Auszugsroute aus Babylon,<br />
im Fokus steht. 556 Vielmehr wird JHWHs Schöpfermacht selbst ins Zentrum<br />
der Aussage gerückt, der ohne menschliche Hilfe oder Gegenleistung sein<br />
Kommen vorbereitet, alle Hindernisse beseitigt <strong>und</strong> seine Gegenwart unmissverständlich<br />
in Aussicht stellt (V. 5). Der in V. 1f.ausgerufene Trost wird expliziert,<br />
nicht konditioniert. Erstens wurde <strong>die</strong> Schuld des Volkes laut V. 2<strong>und</strong><br />
in Übereinstimmung mit soteriologischen Aussagen des dtjes Gr<strong>und</strong>bestands<br />
(Jes 43,25; 44,22) von JHWH selbstbeseitigt. 557 Zweitens sind <strong>die</strong> für <strong>die</strong> früheste<br />
literarische Genese von Jes 40 ff. konstitutiven Heilsorakel(vgl. Jes 43,1–7* u. a.)<br />
unkonditioniert. Daher ist eine vordergründig ethische Dimension des Wegebaus<br />
eher unplausibel. 558 Zwar begegnet <strong>das</strong> Wandeln auf den Wegen JHWHs in<br />
553<br />
554<br />
555<br />
556<br />
557<br />
558<br />
eine Wüstenmetaphorik be<strong>die</strong>nen, schwerwiegende Kohärenzprobleme ergibt; vgl.<br />
a. a. O., 80.<br />
Vgl. Ehring, Rückkehr, 41.<br />
Ehring, Rückkehr, 41.<br />
A.a. O., 42.<br />
Gegen van Oorschot, der V. 3f.inhaltlich auseinanderdivi<strong>die</strong>rt, indem er V. 3auf <strong>die</strong><br />
Rückkehr JHWHs <strong>und</strong> V. 4unter Verweis auf Jes 41,18 f.; 43,19 auf <strong>die</strong> Rückkehr des<br />
Volkes bezieht; vgl. vanOorschot, Zion, 119–121.<br />
Zur Schuldthematik in Jes 40–55 vgl. Hermisson, Deuterojesaja, 4.1.<br />
Eine eschatologische <strong>und</strong> ethische Dimension des Straßenbaus vertritt u. a. Lim;vgl. Lim,<br />
Way, 61–68. Er verbindet den WegJHWHs <strong>und</strong> <strong>die</strong> damit verb<strong>und</strong>ene Offenbarung des<br />
mit den Theophanieschilderungen in Jes 6,1–5<strong>und</strong> Hab 3,3–6. <strong>Die</strong> eschatologische ודבכ<br />
Völkerwallfahrt an anderen Stellen des Jesajabuches (Jes 60,1–2u.a.) interpretiert er als<br />
Ausweitung einer Tendenz, <strong>die</strong> er in 40,3 schon angelegt sieht. Das Lexem interpretiert<br />
Lim in Anlehnung an Dtn 34,6 <strong>und</strong> Ps 23,4 einerseits als Todesort <strong>und</strong> in Anlehnung<br />
an Jes 22,5.14 andererseits als Metapher für JHWHs Gericht über Jerusalem.<br />
יג א
<strong>Clemens</strong> <strong>Schneider</strong>, Dr. theol., Jahrgang 1988, stu<strong>die</strong>rte Evangelische<br />
Theologie in Leipzig <strong>und</strong> Wien. Er arbeitete von 2015 bis<br />
2021 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Theologie<br />
<strong>und</strong> Exegese des Alten Testaments in Leipzig bei Prof. Dr. Dr.<br />
Andreas Schüle. Im Januar 2022 verteidigte er <strong>die</strong> in <strong>die</strong>sem Buch<br />
veröffentlichte Dissertation. Seit März 2024 ist er Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen<br />
Landeskirche Sachsens.<br />
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ISBN 978-3-374-07628-4 // eISBN (PDF) 978-3-374-07629-1<br />
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