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Da, wo das<br />

Leben ist.<br />

20 Jahre Sozialraumorientierung in der Evangelischen Stiftung Alsterdorf.


Inhalt<br />

03<br />

06<br />

08<br />

10<br />

14<br />

18<br />

22<br />

26<br />

30<br />

36<br />

44<br />

46<br />

48<br />

50<br />

52<br />

54<br />

Vorwort: Da, wo das Leben ist.<br />

Überblick: Was ist Sozialraumorientierung?<br />

Meilensteine: Von der Sonderwelt in die Quartiere<br />

Grundlagen: Vom Einzelfall zum Gesamtpaket<br />

Quartiere: Der inklusive Alsterdorfer Markt<br />

Treffpunkte: Vom „Wohnzimmer“ zur „Drehscheibe“<br />

Q8 Sozialraumorientierung: Menschen und<br />

Quartiere bewegen<br />

Quartiere :„Eine Mitte für Alle“<br />

Qplus: Von Lots*innen und Alltags-Coaching<br />

Teilhabelots*innen: Mehr Ressourcen, mehr Möglichkeiten<br />

Quartiere: Baakenhafen – „Quartier der Generationen“<br />

Familienrat: Lasst den Menschen ihre guten Ideen!<br />

alsterarbeit: Attraktive Standorte im Stadtteil<br />

Trägerbudget: Mit Geld anders umgehen<br />

Trägerübergreifendes Modellprojekt: „Leben wie ich will“<br />

Impressum, Kontakt


Da, wo das Leben ist.<br />

Da, wo das Leben ist.<br />

Hanne Stiefvater, Vorständin bis <strong>2024</strong><br />

Die Evangelische Stiftung Alsterdorf (<strong>ESA</strong>) hat sich in den letzten rund 40 Jahren<br />

grundlegend verändert: Wir sind auf dem Weg von der Sondereinrichtung mit<br />

umzäuntem Anstaltsgelände zu einer personenzentrierten Sozialdienstleisterin<br />

für Menschen im Quartier. Heute ist die <strong>ESA</strong> Anbieterin von stadtteilintegrierten<br />

Dienstleistungen an über 180 Standorten. Sie beschäftigt mehr als 6.500 Mitarbeiter*innen<br />

in Bereichen der Bildung, Arbeit, Pflege, Medizin und der Assistenz.<br />

Wer heute den Alsterdorfer Markt mit seinen Läden, Praxen und Lokalen betritt,<br />

bemerkt nicht mehr, dass es ein Privatgelände ist. Noch Ende der 1990er<br />

Jahre lebten hier etwa tausend Menschen mit Behinderung weitgehend abgeschottet<br />

vom Stadtteil, mit zentralen Strukturen, wie Großküche, Einkauf<br />

und Wäschepflege. Heute ist das ehemalige „Zentralgelände“ am Alsterdorfer<br />

Markt in den Stadtteil integriert und wird als inklusives Modellquartier permanent<br />

weiterentwickelt.<br />

Stefani Burmeister, Vorständin seit 2023<br />

20 Jahre Sozialraumorientierung<br />

Parallel dazu hat sich die <strong>ESA</strong> auch fachlich erneuert. In der Eingliederungshilfe<br />

richten sich die Entwicklungen am Fachkonzept Sozialraumorientierung mit der<br />

Personen- und Ressourcenorientierung aus. Damit verbindet sich ein doppelter<br />

Paradigmenwechsel:<br />

1. In der Haltung zu den Menschen: von der Betreuung zur Assistenz,<br />

von der Fürsorge hin zum Willen;<br />

2. Im Selbstverständnis als Organisation: über die einzelne Person mit<br />

Unterstützungsbedarf hinaus verantwortlich handeln für die Lebensbedingungen<br />

in den Quartieren (vom „Fall zum Feld“).<br />

Als Grundlage entwickelte die <strong>ESA</strong> die „Ressourcenorientierte Assistenzplanung“,<br />

baute Treffpunkte in den Stadtteilen auf, initiierte unter dem Dach von<br />

Q8 Sozialraumorientierung eine Reihe von Modellprojekten und verhandelte<br />

mit der Hamburger Sozialbehörde erstmalig in Hamburg eine mehrjährige<br />

Rahmenvereinbarung mit dem neuen Finanzierungsmodell, dem sogenannten<br />

Träger-budget. Darüber hinaus befördert sie gemeinsam mit anderen Sozialdienstleisterinnen<br />

und den hamburgischen Behörden, den Krankenkassen und<br />

weiteren Stiftungen einen permanenten Dialog und Kooperationen für gemeinsame<br />

Arbeit zur Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe.<br />

Für diesen Weg hin zur Sozialraumorientierung in der Eingliederungshilfe der<br />

<strong>ESA</strong> gab es keinen Masterplan. Schritt für Schritt ist die <strong>ESA</strong> vorgegangen: mal<br />

visionär, mal alltagspraktisch – mal geplant, mal zufällig. Die Perspektive der<br />

konsequenten Auflösung von Sonderwelten und die Vision der Inklusion dienten<br />

als Leitplanken. Es ist eine Geschichte des Ausprobierens und eines Lernprozesses,<br />

in dem sich strukturelle, konzeptionelle und ökonomische Herausforderungen<br />

spiegeln. Damit ist die <strong>ESA</strong> dort hingegangen, wo das Leben stattfindet.


Vorwort<br />

04 05<br />

Gleichsam sei an dieser Stelle betont: Unsere Mitarbeitenden arbeiten täglich<br />

rund um die Uhr engagiert daran, unter den ausgehandelten Rahmenbedingungen<br />

eine qualitativ gute Assistenzleistung zu erbringen und Teilhabechancen<br />

zu ermöglichen. Insbesondere die Menschen, die sich selbst kaum äußern<br />

oder bewegen können, brauchen unsere volle Aufmerksamkeit. Bei aller<br />

Euphorie über die fachlichen und strukturellen Entwicklungen der <strong>ESA</strong> behalten<br />

wir das intensiv im Blick.<br />

Mit dieser Broschüre möchten wir unsere Meilensteine der Entwicklung als<br />

Anregung und als Beispiele für inklusive und sozialraumorientierte Prozesse<br />

vorstellen. Die Kapitel greifen ineinander und stehen zugleich mit ihren<br />

Themen für sich.<br />

Allen, die daran mitgewirkt haben, gilt unser herzlicher Dank!<br />

Hanne Stiefvater<br />

Stefani Burmeister<br />

Vorständin bis <strong>2024</strong> Vorständin seit 2023<br />

Inklusion durch Sozialraumorientierung<br />

Vielfalt ist Realität in der Gesellschaft und muss zugleich immer wieder hergestellt werden.<br />

„Wir als Evangelische Stiftung Alsterdorf tragen dazu bei, dass Menschen so leben, lernen<br />

und arbeiten können, wie sie wollen und für ihr Wohlergehen die passende Unterstützung<br />

entwickeln können und erhalten – im Mix aus Selbsttätigkeit und technischen<br />

Lösungen, durch ihr soziales Umfeld und das Quartier, durch gesetzliche Leistungen und<br />

professionelle Arbeit. Das ist unser Verständnis von Gerechtigkeit und Teilhabe.<br />

In der Tradition Sengelmanns sind wir an der Seite der Menschen, die von gesellschaftlicher<br />

Ausgrenzung bedroht sind oder sie erleben – aufgrund von Behinderung oder<br />

Krankheit, Obdachlosigkeit oder Alter. Wir tragen dazu bei, dass vorhandene Potenziale<br />

und Ressourcen bestmöglich genutzt werden - individuell, im Quartier, in unserer Stadt.<br />

Wir warten nicht auf Veränderung, sondern initiieren sie kooperativ in strategischen<br />

Partnerschaften. Wir verbinden individuelle, zivilgesellschaftliche, wirtschaftliche und<br />

politische Aspekte und sind damit Treiber*innen für gesellschaftliche Veränderungen.“<br />

Vorstand Evangelische Stiftung Alsterdorf, Januar 2022


Was ist Sozialraumorientierung?<br />

Überblick:<br />

Was ist Sozialraumorientierung?<br />

Prof. Dr. Wolfgang Hinte<br />

»<br />

Soviel Hilfe<br />

wie nötig<br />

und so<br />

wenig Hilfe<br />

wie möglich.«<br />

Fünf Fragen an Prof. Dr. Hinte<br />

Prof. Dr. Wolfgang Hinte hat das Fachkonzept Sozialraumorientierung maßgeblich<br />

entwickelt. Er hat als Professor für Soziale Arbeit an der Universität Duisburg-Essen<br />

gelehrt und arbeitet heute als Organisationsberater und Vortragsredner.<br />

Er ist Mitglied im Vorstand des Instituts für Sozialraumorientierte Arbeit<br />

und Beratung (ISAB) e.V.<br />

Wofür steht das Fachkonzept Sozialraumorientierung?<br />

Kurz gesagt: Wir wollen in der sozialen Arbeit nicht Menschen verändern,<br />

sondern Verhältnisse beziehungsweise Arrangements entwickeln, die die Menschen<br />

dabei unterstützen, mit ihren Möglichkeiten ein „gutes Leben“ zu<br />

gestalten. Die Mittel, die dafür zur Verfügung stehen, können damit frühzeitiger,<br />

passgenauer und flexibler eingesetzt werden. Und zwar immer bezogen auf<br />

die Ziele, die von den Menschen selbst formuliert werden.<br />

Wie lauten die fünf Grundprinzipen der Sozialraumorientierung?<br />

Das Fachkonzept setzt grundsätzlich an dem an, was Menschen wollen, wie ihr<br />

Entwurf für ein gutes Leben aussieht. Deshalb lautet das erste Prinzip „Orientierung<br />

am Willen der Menschen“. Wir fragen danach, was ihnen in ihrem<br />

Leben besonders wichtig ist und wie wir sie dabei unterstützen können, was<br />

sie sich vornehmen.<br />

Das zweite Prinzip betont, Eigeninitiative und Selbsthilfe zu stärken. Gute<br />

sozialraumorientierte Arbeit betreut nicht. Was Menschen mit eigener Kraft<br />

schaffen, steht im Zentrum des Hilfearrangements: Soviel Hilfe wie nötig<br />

und so wenig Hilfe wie möglich.<br />

Das dritte Prinzip konzentriert sich auf Ressourcen: Sozialräumliches Arbeiten<br />

heißt, an den Ressourcen der Menschen und an den Ressourcen des Sozialraums<br />

anzusetzen. Damit richtet sich der Blick auf die persönlichen Stärken und<br />

weniger auf die Defizite der Menschen. Dies kombinieren wir mit den Ressourcen<br />

des Sozialraums. Das können Nachbar*innen, Organisationen, Begegnungsräume<br />

oder Vereine und Kirchen im Quartier sein.<br />

Viertens denken wir immer unterschiedlichste Gruppen im Sozialraum mit.<br />

Es geht also um eine bereichs- und zielgruppenübergreifende Perspektive.<br />

Im fünften Prinzip geht es um Kooperation. Wir können Ressourcen nur<br />

gewinnbringend für die Menschen einsetzen, wenn die verschiedenen Träger<br />

oder Anbieter gut zusammenarbeiten. Dies ist eine Grundlage auch für<br />

funktionierende Einzelfallhilfen.


Überblick<br />

06 07<br />

Warum ist der Wille am Anfang so wichtig?<br />

Wenn ein Mensch etwas wirklich will, wird er Mittel und Wege finden und<br />

alles dafür tun, um seine selbstgesetzten Ziele zu erreichen. Hier liegt die Kraft<br />

für Aktivitäten, der Impuls für Veränderung und Gestaltung. Zwei Fragen sind<br />

daher zu beantworten: Wie schaffen wir es, dass Menschen innere Klarheit<br />

darüber finden, was sie wollen? Und: Wie schaffen wir möglichst viele Möglichkeiten,<br />

zwischen denen Menschen entscheiden können? Beides sind Aufgaben<br />

von Trägern wie der <strong>ESA</strong>. Vorrangig ist es also deren Job, die Optionen für<br />

Menschen mit Unterstützungsbedarf zu erhöhen. Also: Erstens muss ich wissen,<br />

was ich will. Zweitens braucht es Möglichkeiten, damit ich das tun kann, von<br />

dem ich überzeugt bin, dass ich es will.<br />

Was hat der Ansatz in der <strong>ESA</strong> bisher bewirkt?<br />

Sie hat damit die Entscheidungsspielräume der Menschen erhöht. Früher<br />

wurden diese fürsorglich überlagert von „Wir wissen, was für euch richtig ist“.<br />

Selbst wenn Optionen da waren, gab es ein autoritäres Beziehungsmuster,<br />

hierarchische Verhältnisse, die die Entscheidungsmöglichkeiten eingeschränkt<br />

haben. Heute geht es darum, durch professionelle Arbeit solche Settings zu<br />

schaffen, die dazu beitragen, diese zu erweitern. Das ist ein Kulturwandel.<br />

Außerdem: Hamburg ist mit seinem Trägerbudget deutschlandweit eine<br />

Pionierstadt. Durch so ein Budget wird das Erweitern der Optionen ein flexibler<br />

Prozess, der nicht nur additiv die Arten der Hilfen vermehrt. Hilfeformen gibt<br />

es in Hamburg genug, nur sind es eben immer noch versäulte Hilfen. Das Budget,<br />

die Arbeit der <strong>ESA</strong> und anderer Träger ermöglichen Schritt für Schritt,<br />

dass nicht Zäune die Landschaft prägen, sondern fluide Gebilde. Dadurch<br />

werden die Optionen bunter und flexibler gestaltet. Und damit kann viel mehr<br />

dem Willen der Menschen entsprochen werden.<br />

Was bedeutet das zukünftig für eine sozialraumorientierte Arbeitsweise?<br />

Das Feld des Quartiers, des territorialen Sozialraums, ist noch weiter zu entwickeln.<br />

Die Ressourcen sind im Wesentlichen weiterhin professionelle Ressourcen<br />

und weniger solche, die im Alltag des Quartiers unmittelbar angesiedelt sind.<br />

Das Quartier bietet natürlich viel mehr Möglichkeiten, aber diese Ressourcen<br />

befinden sich oft in Milieus, die nicht Ihr Klientel sind. Die Hauptaufgabe von<br />

Institutionen wie der <strong>ESA</strong> besteht darin, in den nächsten Jahren diese ressourcenreichen<br />

Welten mit den Vorstellungen leistungsberechtigter Menschen über<br />

gutes Leben zu verbinden.<br />

Das Fachkonzept<br />

„Sozialraumorientierung“<br />

nach Wolfgang Hinte<br />

gründet auf fünf Prinzipien:<br />

1. Orientierung am Willen<br />

der Menschen<br />

2. Unterstützung von<br />

Eigeninitiative und<br />

Selbsthilfe<br />

3. Konzentration auf<br />

Ressourcen<br />

4. Zielgruppen- und<br />

bereichsübergreifende<br />

Sichtweise<br />

5. Kooperation und<br />

Vernetzung


Zusammen im Quartier:<br />

Gemeinsam das Leben<br />

gestalten<br />

»<br />

Hamburg<br />

inklusiv<br />

weiterentwickeln.«<br />

Meilensteine: Von der Sonderwelt<br />

in die Quartiere<br />

Die <strong>ESA</strong> und das Fachkonzept Sozialraumorientierung<br />

Mit der Auflösung der Heimstrukturen und dem Aufbau stadtteilintegrierter<br />

und kleinräumiger Angebote durchlief die <strong>ESA</strong> in den vergangen zwanzig<br />

Jahren eine umfassende pädagogische und konzeptionelle Erneuerung. Meilensteine<br />

sind die „Ressourcenorientierte Assistenzplanung“, der Aufbau von Treffpunkten<br />

in den Stadtteilen, die Sozialrauminitiative „Q8 – Quartiere bewegen“,<br />

die Modellprojekte zu „Qplus“in der Eingliederungs- und in der Altenhilfe sowie<br />

die neue Funktion der „Teilhabelots*innen“.<br />

Für viele Menschen mit Behinderung ist der Zugang zu öffentlichen und privaten<br />

Institutionen zum großen Teil immer noch verschlossen. Gleichzeitig gibt<br />

es Trends, wie eine immer älter werdende Gesellschaft und einen steigenden<br />

Assistenz- und Unterstützungsbedarf, die Zunahme prekärer Lebenssituationen,<br />

ein wachsender Fachkräftemangel und zunehmende Ansprüche der Mitarbeitenden<br />

an sinnstiftende und ganzheitliche Arbeit. Privat geleistete Sorgearbeit<br />

– die in der Regel immer noch vor allem von Frauen geleistet wird – kommt<br />

zunehmend an ihre Grenzen, zugleich wächst das Interesse der Menschen,<br />

selbstbestimmt bis ins hohe Alter zu leben. Es stellen sich folgende Fragen: Wie<br />

kann die <strong>ESA</strong> wirkungsvolle Beiträge dazu leisten, dass Menschen auch mit<br />

Unterstützungsbedarf so leben, lernen und arbeiten können, wie sie wollen?<br />

Wie kann die <strong>ESA</strong> als soziale Dienstleisterin dazu beitragen, dass sich Hamburg<br />

inklusiv weiterentwickelt und vorhandene Potenziale und Ressourcen im Sinne<br />

der Menschen bestmöglich entfalten können?<br />

Mit dem Fachkonzept Sozialraumorientierung nach Hinte lassen sich verschiedene<br />

Stränge der Entwicklung wirkungsvoll miteinander verknüpfen: die Eigenkraft<br />

der Klient*innen zu stärken („Wille“), Ressourcen der Zivilgesellschaft und<br />

professionelle Dienstleistungen zu kombinieren, Unterstützungsarrangements<br />

passgenau mit den einzelnen Menschen zu entwickeln, das Quartier dabei über<br />

den Einzelfall hinaus in den Blick zu nehmen.


Von der Sonderwelt in die Quartiere<br />

Meilensteine<br />

08 09<br />

Mit der Entwicklung der „Ressourcenorientierten Assistenz“ hat die <strong>ESA</strong> sich<br />

in den 1990er Jahren als Soziale Dienstleisterin der Eingliederungshilfe fachlich<br />

neu aufgestellt. Ihre stadtteilintegrierten Leistungen schaffen breite Möglichkeiten<br />

zur sozialen Teilhabe für Menschen mit Behinderung. Hierzu zählen<br />

ambulante Assistenzangebote, neue Wohn-, Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten<br />

außerhalb von Werkstätten und seit 2005 auch die Entwicklung<br />

der Treffpunkt-Arbeit in den Quartieren.<br />

Neben dem Umbau der bestehenden Strukturen entwickelte die <strong>ESA</strong> im Jahr<br />

2011 das Projekt „Q8 – Quartiere bewegen“. Im Mittelpunkt stand die Frage,<br />

wie in den Quartieren die Möglichkeiten für ein inklusives Zusammenleben verbessert<br />

werden und die Basis für einen Selbsthilfe-Technik-Quartier-Profi-Mix<br />

zu schaffen ist. Aus der Q8-Arbeit auf struktureller Ebene entwickelten sich<br />

weitere Suchprojekte, die die strukturelle Ebene mit der Arbeit mit einzelnen<br />

Menschen verbinden.<br />

Mit den Projekten „Qplus in der Eingliederungshilfe“ in den Jahren 2014 bis<br />

2018 sowie „QplusAlter“ (seit 2019) findet der Unterstützungsprozess für<br />

potenzielle Leistungsberechtigte der Eingliederungshilfe oder Pflege, dort statt,<br />

wo die Menschen leben. Sie fokussieren konsequent auf das, was die Menschen<br />

wollen, und beziehen einfallsreich alle Ressourcen ein, die das Gemeinwesen<br />

und die darin lebenden Menschen zu bieten haben.<br />

Inzwischen haben die Assistenzgesellschaften der <strong>ESA</strong> ost und west erfolgreiche<br />

Schritte unternommen, die konzeptionelle Herangehensweise von „Qplus“<br />

in die Regelstrukturen zu überführen. Dafür haben sie zunächst ihr bisheriges<br />

Kundenmanagement in ein Eingangsmanagement umgebaut und dabei die<br />

neue Funktion der Teilhabelots*in implementiert. Meldet sich nun eine Person<br />

bei der alsterdorf assistenz ost oder alsterdorf assistenz west, erreicht sie eine<br />

von acht Teilhabelots*innen, die den Menschen ggf. zusammen mit den Angehörigen<br />

begleiten, die eigenen Anliegen in einem intensiven Prozess zu klären<br />

und eine passende Unterstützung aufzubauen.<br />

2019 hat sich die <strong>ESA</strong> gemeinsam mit fünf Trägern der Eingliederungshilfe, der<br />

Hamburger Sozialbehörde und dem Fachamt Eingliederungshilfe auf die „Fachlichen<br />

Leitplanken in der sozialraumorientierten Eingliederungshilfe“ als Kompass<br />

für ihr Handeln verständigt. Mit dem Modellprojekt „Leben, wie ich will“<br />

erkunden sie, wie diese Leitplanken bestmöglich umgesetzt werden können.<br />

Mit der „Akademie für Sozialraumorientierung und Inklusion“ arbeiten das<br />

Institut für Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISAB e.V.) und die <strong>ESA</strong><br />

daran, sozialraumorientiertes Wissen zu vermitteln und Praxis-Erfahrungen zu<br />

teilen. Die <strong>ESA</strong> sieht in der sozialraumorientierten Arbeit einen strategischen<br />

Lösungsansatz für eine Gesellschaft mit steigendem Unterstützungsbedarf<br />

bei zunehmendem Fach- und Arbeitskräftemangel. Die Akademie begleitet<br />

öffentliche und freie Träger dabei, ihr Handeln, und ihre Verfahren und Strukturen<br />

weiter zu entwickeln. Sie ist mit Beratungen und Fortbildungen in diesen<br />

Arbeitsfeldern tätig: Eingliederungshilfe, Kinder- und Jugendhilfe, Arbeitsintegration,<br />

Psychosoziale Hilfen, Diakonie und Kirche, der Altenhilfe und Seniorenarbeit<br />

sowie der Stadt(teil)entwicklung.<br />

Meilensteine<br />

Mitte der 1990er<br />

Ressourcenorientierung<br />

2005<br />

Treffpunkte<br />

2011<br />

Q8 – Quartiere bewegen<br />

2014-2018<br />

Erstes Trägerbudget<br />

2014-2018<br />

Modellprojekt: Qplus in der<br />

Eingliederungshilfe<br />

Seit 2019<br />

Modellprojekt: QplusAlter<br />

Seit 2019<br />

Teilhabelots*innen,<br />

alsterdorf assistenz west/ost<br />

2019-2023<br />

Zweites Trägerbudget<br />

Seit 2020<br />

Trägerübergreifendes<br />

Modellprojekt:<br />

„Leben wie ich will“<br />

2023<br />

Akademie für<br />

Sozialraumorientierung<br />

und Inklusion<br />

<strong>2024</strong>-2028<br />

Drittes Trägerbudget


Vom Einzelfall zum Gesamtpaket<br />

»<br />

Sozialraumorientierung<br />

heißt: Mit<br />

den Stärken<br />

und Ressourcen<br />

der Menschen<br />

arbeiten und<br />

ihre Lebenswelt<br />

in den Fokus<br />

nehmen.«*<br />

Grundlagen: Vom Einzelfall<br />

zum Gesamtpaket<br />

Personenzentriertes und sozialräumliches Arbeiten<br />

Mit der ressourcenorientierten und personenzentrierten Arbeit in der Assistenzplanung<br />

steht der Mensch mit seinen Vorstellungen und Ressourcen im Mittelpunkt.<br />

Bereits seit Mitte der 1990er Jahre hat die <strong>ESA</strong> Instrumente und Verfahren<br />

dazu entwickelt und über die Jahre verfeinert.<br />

Als Ergebnis wurde im Jahr 2016 die überarbeitete „Ressourcenorientierte Assistenzplanung“<br />

eingeführt. Dabei setzen die Persönlichen Assistent*innen am<br />

Willen des Menschen und an seinen Stärken und Fähigkeiten an. Dies erhöht<br />

die Chance, einen effektiven, am Menschen ausgerichteten Unterstützungsprozess<br />

mit nachhaltigen Folgen in Gang zu setzen. Die leistungsberechtigten<br />

Menschen kennen am besten ihre Interessen und Stärken, auch dann, wenn sie<br />

diese nicht immer unmittelbar äußern können. Alle Ressourcen eines Menschen<br />

sowie seines Umfelds wie Verwandte, Freund*innen und das Quartier werden<br />

einbezogen.<br />

Das Ziel: »Alle Leistungsberechtigten sollen somit bei einer möglichst<br />

selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Lebensführung im eigenen<br />

Wohnraum sowie zur Teilhabe in ihrem jeweiligen Sozialraum<br />

unterstützt werden. Wenn Bedarf besteht, erhalten sie die dafür notwendige<br />

Unterstützung und Assistenz.«*<br />

Vom Fall zum Feld<br />

Bis Anfang der 2000er Jahre zählte es nicht zu den Kernaufgaben der Behindertenhilfe,<br />

sich neben der persönlichen Assistenz am Aufbau von Netzwerken<br />

und inklusiven Strukturen im Stadtteil zu beteiligen. Zwar spielte die lebensweltliche<br />

Umgebung eine Rolle, aber Nachbarschaften und Quartiere „fallunspezifisch“<br />

zu gestalten, gehörte nicht systematisch zum Arbeitsalltag. Die<br />

Einbeziehung des sozialen Umfelds stellt zugleich neue Anforderungen an die<br />

Assistent*innen: Wie gelingt es, Ressourcen des Sozialraums bestmöglich für<br />

* Beide Zitate aus: Handlungskonzept Personenzentriertes und sozialräumliches Arbeiten in<br />

der alsterdorf assistenz west 28.6.2022


Grundlagen<br />

10 11<br />

den einzelnen Menschen nutzbar zu machen? Wie lassen sich – im Anschluss<br />

an die Willenserkundung – Arrangements vor Ort gestalten? Wie gelingt es, regionale<br />

Strukturen zu stärken, tragfähige Kommunikationsformate zu festigen<br />

und kooperative Dienstleistungen zu entwickeln – perspektivisch auch trägerübergreifend?<br />

Der Entwicklung sozialraumorientierter Haltungen und Arbeitsweisen erfordert<br />

einen konsequenten und langwierigen Prozess der Organisations- und Personalentwicklung.<br />

Formate zur Selbstreflexion und Weiterentwicklung des methodischen<br />

Arbeitens sind gleichermaßen wichtig. Heute erhalten unsere Mitarbeitenden<br />

beispielsweise Grundschulungen zur Sozialraumorientierung sowie<br />

auf den Arbeitsbereich abgestimmte prozessorientierte fachliche Vertiefungen.<br />

Die persönlichen Assistent*innen schulen sich: in der Willenserkundung mit den<br />

Klient*innen, in unterstützter Kommunikation, in Methoden zur Erkundung<br />

von Ressourcen und Kompetenzen, darunter zum Beispiel die sogenannten<br />

Netzwerk- und Ressourcenkarten und die Kollegiale Fachberatung.<br />

Selbstbestimmt leben<br />

mit Unterstützung und<br />

Assistenz


Drei Ebenen der Fallarbeit<br />

Fallunspezifisch: Ressourcen<br />

im sozialen Raum<br />

Fallübergreifend: Ressourcen im<br />

Sozialraum für Einzelfall<br />

Fallspezifisch: Aktivitäten<br />

für Einzelpersonen<br />

Fallspezifische Arbeit: Alle Aktivitäten, die sich unmittelbar auf den<br />

einzelnen Menschen mit Unterstützungsbedarf beziehen.<br />

Fallübergreifende Arbeit: Erweitert den Blick ausgehend vom konkreten<br />

Einzelfall auf die Erschließung, Einbindung und Bündelung von Ressourcen<br />

im Sozialraum, um diese für den Einzelfall zu nutzen.<br />

Fallunspezifische Arbeit: umfasst Aktivitäten, die sich auf den sozialen<br />

Raum richten um Ressourcen zu erschließen, zugänglich zu machen, weiter<br />

zu entwickeln und um Wissen über Themen und Interessenslagen im Quartier<br />

zu erlangen. Fallunspezifische Tätigkeiten werden immer auch mit dem<br />

Blick darauf geleistet, dass sie später der Unterstützung im Einzelfall zugutekommen<br />

können und zielen auf die Verbesserung der Lebensbedingungen<br />

von Menschen ab.


Vom Einzelfall zum Gesamtpaket<br />

Grundlagen<br />

»<br />

Ein solcher Ansatz unterscheidet sich sehr grundsätzlich von<br />

einem nur auf den „Einzelfall“ bezogenen Zugang, der eng<br />

darauf ausgerichtet ist, den einzelnen Menschen zu verändern,<br />

zu unterstützen oder ihm wie auch immer geartete Hilfe<br />

zuteil werden zu lassen. Wer den Blick auf die Umwelt, das<br />

Arrangement, ja, den Sozialraum, richtet, sieht den Menschen<br />

nicht als „unterstützungsbedürftiges Wesen“ an, sondern als<br />

Akteur (…), der nicht über die notwendige Unterstützung angesichts<br />

der jeweiligen Rahmenbedingungen verfügt. Daraus<br />

folgt, dass wirkungsvolle, von diesem fachlichen Leitbild getragene<br />

Leistungen immer zuerst in den Blick nehmen, welches<br />

Arrangement für den je spezifischen Menschen die passende<br />

Unterstützung darstellen könnte.«<br />

12 13<br />

Prof. Wolfgang Hinte


Das inklusive Quartier: Alsterdorfer Markt<br />

Flohmarkt: Buntes<br />

Leben auf dem<br />

Marktplatz<br />

Quartiere: Der inklusive<br />

Alsterdorfer Markt<br />

Mitten auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf befindet sich<br />

seit 2003 der Alsterdorfer Markt. Rund um den belebten Marktplatz ist in den<br />

letzten 20 Jahren ein inklusives Stadtquartier entstanden. Damit verändert sich<br />

auch das soziale Leben auf dem Gelände. Der Prozess hält an und wird aktiv<br />

von der Stiftung begleitet. Am Anfang stand die Vision: eine seit Jahrzehnten<br />

abgeschirmte Sonderwelt für Alle zu öffnen.<br />

Für die meiste Zeit seiner Geschichte trennte ein Zaun das Stiftungs- bzw. Anstaltsgelände<br />

vom Rest der Stadt. Die Idee für eine radikale Öffnung und den<br />

Bau eines öffentlichen Marktplatzes entwickelte sich aus einer Zusammenarbeit<br />

der Stiftung mit dem Hamburger Architekten und Stadtplaner Wolfgang<br />

Stabenow. Ab 1997 wurde erstmalig ein städtebauliches Gesamtkonzept für<br />

das gut 22 Hektar große Areal entwickelt. In enger Abstimmung erarbeitete die<br />

Stiftung mit dem Bezirk Hamburg-Nord daraus einen Rahmenplan, als informelle<br />

Grundlage der zukünftigen baulichen Entwicklung.


Quartiere<br />

14 15<br />

Der Alsterdorfer Markt<br />

erhält 2017 Auszeichnung<br />

als „Wegbereiter<br />

der Inklusion“<br />

Seit der Eröffnung Marktplatzes 2003 ist die Lokale Ökonomie ein entscheidender<br />

Motor für die Belebung des Alsterdorfer Marktes geworden. Mehrere<br />

größere Einzelhandelsgeschäfte mit ihren engagierten Mitarbeiter*innen, die<br />

Gastronomie und kulturelle Angebote, wie das gut besuchte Sommerkino, der<br />

Kleidertauschmarkt in der Kulturküche und Konzerte in der Stiftungskirche<br />

St. Nicolaus tragen viel zu alltäglichen Begegnungen von Menschen mit und<br />

ohne Behinderung und einem inklusiven Miteinander bei.<br />

Darüber hinaus stärkte das Quartier seine Funktion als Kompetenz-Cluster für<br />

Beratung und Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung. Neben<br />

etablierten Einrichtungen wie dem „Werner Otto Institut“, einem Sozialpädiatrischem<br />

Zentrum, entstand am Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf mit<br />

dem „Sengelmann Institut für Medizin und Inklusion“ eines der bundesweit<br />

ersten Medizinischen Zentren für erwachsene Menschen mit Behinderung.<br />

Das „Hamburger Autismus Institut“ ebenso wie das neu gegründete<br />

und vom Hamburger Senat geförderte „Kompetenzzentrum für Barrierefreiheit“<br />

wurden Mieter*innen am Alsterdorfer Markt.<br />

»Der Weg zum<br />

inklusiven Miteinander<br />

ist ein<br />

Lernprozess.«<br />

Rund um den Markt befinden sich zudem mehrere Tagesförderstätten und<br />

ein Treffpunkt. Im Restaurant Kesselhaus arbeiten Menschen mit und ohne<br />

Behinderung sowohl bei der Vorbereitung des Essens als auch im Service zusammen.<br />

Das Miteinander von Gewerbetreibenden, Besucher*innen sowie neuen<br />

und alten Anwohner*innen ist punktuell auch von Unstimmigkeiten und Konflikten<br />

begleitet. Dies sind notwendige Aushandlungs- und Lernprozesse auf<br />

dem Weg hin zu einem inklusiven Miteinander im Quartier. Und weil der<br />

Alsterdorfer Markt wie kein anderer Ort in Hamburg Begegnung und Kommunikation<br />

zwischen Menschen mit und ohne Behinderung ermöglicht,<br />

wurde er schließlich im Jahr 2017 vom Hamburger Senat als „Wegbereiter<br />

der Inklusion“ ausgezeichnet. Unterstützt und koordiniert wird die Entwicklung<br />

am Alsterdorfer Markt seit 2014 durch die inklusive Quartierentwicklung des<br />

Fachbereichs Q8 Sozialraumorientierung.


Der inklusive Aslterdorfer Markt<br />

Wohnen und Leben am Alsterdorfer Markt<br />

Die Öffnung und Transformation des Stiftungsgeländes zeigen sich auch in besonderem<br />

Maße in der Veränderung des Quartiers als Wohnort. Bereits ein Jahr<br />

vor der Eröffnung des Marktes 2002 wurden die sogenannten Apartmenthäuser<br />

fertig gestellt. Ein Teil der 160 Bewohner*innen der Großunterkunft Karl-<br />

Witte-Haus fanden hier ihr neues Zuhause, andere zogen weg vom Stiftungsgelände.<br />

Bevor es zu den ersten Schritten einer Nachverdichtung mit inklusiven<br />

Nachbarschaften kam, wurde im Jahr 2011 das sogenannte Carl-Koops-Haus<br />

abgerissen, in dem einst bis zu 240 Menschen mit Behinderung lebten. Zwei<br />

Jahre später verließen die Menschen das Wilfried-Borck-Haus, die letzte Großeinrichtung<br />

für über 120 Personen. Alle Menschen mit Behinderung im Quartier<br />

leben nun in Einzelapartments oder kleineren Wohngemeinschaften.<br />

Mit Fertigstellung des Neubau-Projektes „Alsterdorfer Gärten“ im Jahr 2013<br />

zogen nach Jahrzehnten des Einwohnerrückgangs gut 300 Menschen mit und<br />

ohne Behinderung, mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen und auch<br />

hohen Unterstützungsbedarfen in das Quartier. Eine Quartierbegleitung von Q8<br />

hat die neue Nachbarschaft beim Ankommen, Zusammenwachsen und bei der<br />

Selbstorganisation unterstützt.<br />

Ab 2017 beginnt die Konzeptentwicklung für das „Koops-Quartier“, das auf<br />

dem Grundstück des ehemaligen Carl-Koops-Hauses entstehen wird. An der<br />

inhaltlichen Ausgestaltung sind, koordiniert von Q8, neben dem <strong>ESA</strong>-Immobilienbereich<br />

von Anfang an die beiden Assistenzgesellschaften und das Evangelische<br />

Krankenhauses beteiligt. In einem städtebaulichen Wettbewerb gewinnt<br />

ein Entwurf, der u.a. eine fast durchgehende Barrierefreiheit von Wohnungen<br />

und Außenraum sowie vielfältige Wohnungsgrößen für Menschen mit und<br />

ohne Behinderungen vorsieht. Mit dem Ziel, eine engagierte Nachbarschaft zu<br />

Alsterdorfer Gärten:<br />

Wohnquartier für Menschen<br />

mit und ohne Behinderung


Quartiere<br />

16 17<br />

fördern, nimmt die Stiftung erstmalig in ihrer Geschichte ein inklusives, selbstorganisiertes<br />

Wohnprojekt, die „Koopser Köppe“, als Mieter*innen auf. Wie in<br />

den Alsterdorfer Gärten, ist auch im „Koops-Quartier“ für die ersten Jahre des<br />

Zusammenlebens eine Quartierbegleitung geplant.<br />

Blick nach vorne<br />

Das Quartier wird sich auch in Zukunft deutlich von Alsterdorf und anderen<br />

Hamburger Stadtteilen unterscheiden. Hier leben mehr Menschen mit Behinderung,<br />

das fällt auf und das ist auch gut so. Das Quartier war, lange bevor es<br />

zu einem Ort für Alle wurde, die Heimat von Menschen, die in der Gesellschaft<br />

ausgegrenzt wurden und immer noch werden. Jetzt ist daraus ein Ort geworden,<br />

an dem Inklusion gelebt und geübt werden kann. Als Such- und Lernprozess<br />

für ein besseres „Normal“, der noch lange nicht zu Ende ist.<br />

Aus diesem Grund plant die <strong>ESA</strong> derzeit ein Projekt „Wege zur Inklusion“,<br />

das im Sommer <strong>2024</strong> starten wird. Hierbei geht es darum, das Thema Inklusion<br />

für weitere gesellschaftliche Zielgruppen greifbarer zu machen – über Begegnungen,<br />

Diskussionen, gemeinsames Erleben und miteinander lernen. Anhand<br />

der Gebäude, dem Außengelände und dem bereits eröffneten Gedenkort<br />

sollen Führungen, Workshops und weitere Formate zum Thema Inklusion und Exklusion<br />

entwickelt werden. Die Vermittlungsformate sollen von Anfang an mit<br />

Menschen mit Behinderung entwickelt und umgesetzt werden. Verbunden mit<br />

neuen Qualifizierungsmaßnahmen sollen damit dauerhafte, innovative<br />

und interessante Arbeitskontexte für Menschen mit Behinderung entstehen.<br />

Als Teil der „Wege zur Inklusion“ werden zudem in dem Sanierungsprojekt<br />

„Straße der Inklusion“ sechs historische Gebäude instandgesetzt.<br />

Mitten auf dem Markt:<br />

Verkaufsstand „kleines b“<br />

von alsterarbeit


Vom „Wohnzimmer“ zur „Drehscheibe“<br />

»<br />

Treffpunkte als<br />

Brücken in<br />

die Stadtteile.«<br />

Treffpunkte: Vom „Wohnzimmer“<br />

zur „Drehscheibe“<br />

Im Jahr 2005 vereinbarten die Hamburgische Sozialbehörde, mehrere Leistungsträger*innen<br />

der Eingliederungshilfe und die <strong>ESA</strong>, regionale Treffpunkte<br />

in der Hamburger Eingliederungshilfe aufzubauen, um den Ambulantisierungsprozess<br />

zu unterstützen. Die Treffpunkte sollten ermöglichen, dass sich Menschen<br />

mit und ohne Behinderung im Quartier unkompliziert begegnen können.<br />

Die Idee: Indem sie diese Begegnungen und Aktivitäten förderten, sollten die<br />

Treffpunkte auch als „Brücken“ in die Stadtteile dienen.<br />

Die Assistenzgesellschaften unterhalten heute 22 Treffpunkte in allen sieben<br />

Hamburger Bezirken. Seit 2011 basiert ihre Arbeit auf einem sozialraumorientierten<br />

Konzept. Die Adressat*innen ihrer Arbeit sind damit neben Menschen<br />

mit Behinderung alle Menschen in der Nachbarschaft.<br />

Tatsächlich haben sich die einzelnen Treffpunkte unterschiedlich entwickelt.<br />

Der Charakter reicht vom „erweiterten Wohnzimmer“ für die eigene EGH-<br />

Klientel über den „Quartiers-Treff“ bis hin zur „Drehscheibe im Quartier“. Die<br />

Treffpunkt-Arbeit hat einzelnen Menschen im Quartier nachhaltig neue Möglichkeiten<br />

der Teilhabe und Teilgabe eröffnet. Die Kontakte zwischen Menschen<br />

mit und ohne Behinderung wurden durch die Nutzung der Treffpunkte als<br />

niedrigschwellige Begegnungsräume intensiver. Die Beteiligung von Klient*innen<br />

an Aktivitäten ihres Stadtteils hat sich erhöht, ebenso die Anzahl der Freiwilligen,<br />

die sich im Quartier engagieren. Die Kooperationen und Vernetzungen<br />

von Trägern und Institutionen haben sich verbessert – Ressourcen konnten<br />

passgenauer gebündelt werden.<br />

Bei der anstehenden Weiterentwicklung der Treffpunkt-Arbeit steht im Fokus,<br />

den Brückenbau in die Quartiere gezielter für die individuelle Assistenzplanung<br />

mit den Klient*innen und ihre Teilhabeinteressen nutzbar zu machen. Die<br />

Erschließung der Quartiersressourcen, die bislang über die Treffpunkte geleistet<br />

wird, soll zukünftig als ein selbstverständlicher Teil in die Arbeit mit den<br />

Klient*innen einfließen, um Ressourcen nutzbar zu machen und Teilhabemöglichkeiten<br />

zu erweitern. Dafür braucht es eine engere Verzahnung zwischen<br />

persönlicher Assistenz und auf das Umfeld bezogener Erkundungs- und Vernetzungsarbeit,<br />

als es bislang der Fall ist, und neue Formate wie etwa Regionalund<br />

Ressourcenkonferenzen, um diese Verzahnung zu gewährleisten.<br />

Historisch betrachtet können die Treffpunkte als finanzielle und konzeptionelle<br />

Wegbereiter für die spätere Entwicklung der Initiative „Q8 – Quartiere bewegen“<br />

betrachtet werden. Die Verhandlungen zu den neuen Leistungsvereinbarungen<br />

zwischen <strong>ESA</strong> und Hamburgischer Sozialbehörde 2010 lösten auch


Treffpunkte<br />

18 19<br />

aufgrund der Erfahrung mit der Treffpunktarbeit eine weitere Dynamik aus: Mit<br />

dem Ziel, sozialräumliches Potenzial noch besser nutzen zu können, vereinbarten<br />

sie einen „Sozialraumzuschlag“ auf alle erbrachten Leistungen der Eingliederungshilfe.<br />

Die <strong>ESA</strong> entschied sich, den Weg in die Stadtteile konsequent<br />

fortzusetzen und startete mit dem „Sozialraumzuschlag“ das stiftungsübergreifende<br />

Projekt „Q8 – Quartiere bewegen“.<br />

treffpunkt.kulturküche<br />

Der treffpunkt.kulturküche befindet sich mitten auf dem Alsterdorfer Markt.<br />

Er bietet Raum für neue Kontakte und gemeinsame Aktivitäten für Menschen<br />

mit und ohne Behinderung. So trifft sich zum Beispiel regelmäßig eine Nachbarschaftsgruppe.<br />

Hier lernen sich Anwohnerinnen und Anwohner aus dem<br />

Stadtteil kennen – beim Kaffeetrinken oder beim gemeinsamen Durchführen<br />

von Veranstaltungen.<br />

Das Besondere: Menschen mit Handicap sind hier die Macher*Innen.<br />

Im Team der Kulturküche arbeiten sie mit Freiwilligen und Mitarbeiter*innen<br />

aus der <strong>ESA</strong> und der alsterdorf assistenz west selbstverständlich zusammen.<br />

Das hat unter anderem einen bestärkenden Effekt auf die eigene Rolle. Die<br />

Selbstwahrnehmung wandelt sich weg von der Perspektive der reinen Leitungsempfänger*in<br />

hin zur aktiven Mitgestalter*in im Treffpunkt. „Viele der<br />

Menschen mit Behinderung im Treffpunkt fühlen sich anders wertgeschätzt, da<br />

sie selbst Leistung bringen können – und nicht nur welche erhalten,“ sagt Leiter<br />

Tobias Crombach. Dadurch werde eine mitunter als unzugänglich empfundene<br />

Welt für sie betretbar. Es entstehe Lust, sich zu beteiligen. Dies strahlt<br />

wieder als Vorbild auf andere aus und ermuntert zum Mitmachen.<br />

Kleidertausch:<br />

beliebter Treff in der<br />

Kulturküche


Vom „Wohnzimmer“ zur „Drehscheibe“<br />

Das Ziel im Blick: gemeinsam<br />

den Tag gestalten stärkt den<br />

Zusammenhalt


Treffpunkte<br />

20 21<br />

Das Team veranstaltet mittlerweile mehrere größere Events, zum Beispiel den<br />

beliebten Kleidertausch, den Tanzpalast oder den treffpunkt.kulturküche. Zu<br />

den Veranstaltungen kommen bis zu 200 Menschen. Außerdem arbeitet der<br />

Treffpunkt mit den Teilhabelots*innen zusammen. Diese finden gemeinsam mit<br />

Menschen mit Behinderung heraus, wie diese leben möchten. Und sie erschließen<br />

dafür auch Ressourcen im Quartier.<br />

Der treffpunkt.kulturküche unterstützt die Menschen dabei, eigene Ideen umzusetzen<br />

oder Hilfe dazu im Stadtteil zu finden und zu entwickeln. So können<br />

sich Menschen mit und ohne Behinderung gesellschaftlich engagieren und in<br />

der Nachbarschaft zusammenarbeiten.<br />

»Treffpunkte<br />

fördern Inklusion<br />

über<br />

Teilhabe und<br />

Teilgabe.«<br />

Ein Stück weit wird hier die Logik umgekehrt. Während es oft darum geht, dass<br />

Menschen mit Behinderung in der „normalen“ Welt klarkommen und sich an<br />

die Regeln halten, können sie hier ihre ganz normale Welt gestalten und Menschen<br />

aus der Nachbarschaft Mut machen, daran teilzuhaben.<br />

Treffpunkt mit Repair-Café<br />

Der treffpunkt.pavillon befindet sich im Wilhemsburger Reiherstieg-Viertel. Seit<br />

2018 ist dort das Repair-Café zuhause gewesen. Nach dem Prinzip „Reparieren<br />

statt wegwerfen“ trafen sich dort einmal im Monat Menschen mit und ohne<br />

Behinderung. So unterstützten die Besucher*innen des Treffpunkts zum Beispiel<br />

bei der Organisation und Bewirtung des Cafés. Ein Team von freiwilligen<br />

Reparateuren nimmt sich dabei kostenfrei defekten Elektrogeräten u. ä. an.<br />

Das Repair Café verknüpft vieles miteinander: Teilhabe und Teilgabe, gemeinsames<br />

Interesse für Begegnung, Nachhaltigkeit und Umwelt.<br />

Im Jahr 2023 ist es in eine benachbarte Schule umgezogen. Damit bietet sich<br />

die Möglichkeit, noch mehr Präsenz im Stadtteil auch bei Eltern und Kindern zu<br />

bekommen. Es entstehen neue Kontakte zwischen Menschen mit Behinderung<br />

und Schüler*innen mit dem Effekt, Vorurteile und Barrieren abzubauen. So<br />

wird aus einem einfachen Angebot ein Raum, in dem sich Menschen begegnen,<br />

gemeinsam tätig werden und neue Beziehungen aufbauen können.<br />

Viele Menschen profitieren davon: zum Beispiel diejenigen, die kaputte Elektrokleingeräte<br />

lieber reparieren, statt diese wegzuwerfen. Aber auch Menschen<br />

aus der direkten Nachbarschaft sowie Besucher*innen des Treffpunktes. Dies<br />

fördert Inklusion über ein gemeinsames Interesse.<br />

Eine Nutzerin lobte die Arbeit: „Der Herr vom Repair-Café hat sich mit viel<br />

Erfahrung, Geduld und Ausdauer meinem Walkman gewidmet – und jetzt<br />

läuft auch die defekte Tonkopf-Spule wieder. Perfekt und nun kann ich im<br />

nächsten Urlaub wieder entspannt auf der Sonnenliege Musik genießen.<br />

Ein herzliches DANKESCHÖN an Alle für den hilfreichen Service“.


Menschen und Quartiere bewegen<br />

Willkommenskultur: sich im<br />

Quartier begegnen<br />

Q8 Sozialraumorientierung:<br />

Menschen und Quartiere bewegen<br />

Mit Q8 Sozialraumorientierung entwickelt die <strong>ESA</strong> seit 2011 neue Antworten<br />

auf soziale Fragen. Die Initiativen und Projekte begleiten sowohl die Entwicklungen<br />

einzelner Menschen und deren Unterstützungssettings, als auch die<br />

Entwicklung inklusiver Quartier-Strukturen: Sie setzen an den Interessen der<br />

Menschen vor Ort an, nutzen die Bandbreite aller möglichen personellen und<br />

strukturellen Ressourcen im Sozialraum und befördern Zusammenwirken und<br />

Win-Win Situationen im Quartier.<br />

„Q8 – Quartiere bewegen“ trägt dazu bei, Quartier-Strukturen weiter zu entwickeln,<br />

„Qplus“ begleitet die Entwicklung einzelner Menschen im Quartier. Mit<br />

weiteren Projekten antwortet diese Arbeit flexibel auf gesellschaftliche Herausforderungen<br />

und arbeitet zielgruppen- und trägerübergreifend. Zum Beispiel:<br />

Das Projekt „Unterstützte Kommunikation – Teilhabe stärken!“ hat das Ziel,<br />

dass alle Menschen verstanden werden, gleich auf welche Art sie kommunizieren.<br />

Mit dem Projekt „zusammenkultur“ werden Menschen mit Behinderung<br />

dabei unterstützt, einen einfachen und eigenen Weg zu Kunst, Kultur und<br />

Kreativität zu finden. Das Projekt „Gesundheit 25*“ beschäftigt sich mit der<br />

wohnortnahen gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit komplexen Behinderungen.<br />

„BiQ“ (Beteiligung im Quartier) erprobt neue Formen der Partizipation<br />

von Menschen mit Behinderung in der Quartierentwicklung.<br />

Q8 – Quartiere bewegen<br />

Q8 setzt auf die Arbeit von Quartierkoordinator*innen, die als intermediäre<br />

Instanzen weitgehend unabhängig agieren. Ihre Aktivitäten richten sich darauf,<br />

in einem sozialen Raum Kenntnisse über Potenziale und Versorgungslücken zu<br />

erlangen. Potenzielle Ressourcen werden erschlossen, weiterentwickelt und gepflegt,<br />

um diese dann verfügbar zu machen – für Menschen mit Behinderung<br />

ebenso wie zielgruppenübergreifend z. B. auch für ältere Menschen oder Alleinerziehende.<br />

Im Kern geht es um fallunspezifische Tätigkeiten, die komplexe<br />

inklusive und sozialräumlich ausgerichtete Entwicklungsprozesse befördern,<br />

auf strukturelle Veränderungen zielen und gleichzeitig Ressourcen für das Leistungsgeschehen<br />

mobilisieren.


Menschen und Quartiere bewegen<br />

Q8 Sozialraumorientierung<br />

22 23<br />

Das Feld für seine Aktivitäten findet „Q8 – Quartiere bewegen“ nicht primär<br />

im Leistungsgeschehen selbst, sondern in den Besonderheiten des jeweiligen<br />

Sozialraums. Als Leitplanken und Rahmen dienen die Ziele Inklusion, Teilhabe<br />

und (Selbst-)Versorgung.<br />

Die Koordinator*innen im Quartier vermitteln zwischen den Interessen und<br />

wählen ihre Aufgaben abhängig davon, welche Bedarfe in einem Quartier<br />

sichtbar werden. Am Anfang steht immer das Erkunden der Potenziale:<br />

Wie sieht die Infrastruktur aus? Wo gibt es nachbarschaftliches Engagement?<br />

Wie arbeiten die sozialen Dienstleistenden zusammen? Welche sozialen Hilfen<br />

brauchen die Bewohnerinnen und Bewohner?<br />

Dafür bringen sie Bewohnerinnen und Bewohner, Unternehmen, Institutionen,<br />

Politik und öffentliche Verwaltung zusammen. Sie befördern Win-Win-Prozesse<br />

und unterstützen das nachbarschaftliche Zusammenleben, stärken Kooperationen<br />

und Netzwerke vor Ort und verbessern Unterstützungsstrukturen in den<br />

Quartieren – immer auch mit Blick auf das Leistungsgeschehen in der Eingliederungshilfe.<br />

Wir fördern das<br />

Miteinander.


Menschen und Quartiere bewegen<br />

Gemeinsam planen:<br />

Ein inklusives Café für Georgswerder<br />

Gemeinsam gärtnern:<br />

Großlohe packt an<br />

Beispiele aus der Praxis von Q8<br />

Eine weitere Besonderheit ist die Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden.<br />

Mit Q8/Kirche kooperiert die <strong>ESA</strong> mit der Ev. Kirchengemeinde Winterhude-<br />

Uhlenhorst seit 2012 und der in Alt-Rahlstedt seit 2019. Dabei sind immer die<br />

Entwicklungen im Stadtteil mit denen der Gemeinde verschränkt. Gemeinsam<br />

werden neue Projekte erprobt, die die Gemeinden stärker zum Gemeinwesen<br />

hin öffnen. So arbeitet das tagewerk.machbar der alsterdorf assistenz west,<br />

welches Beschäftigungsangebote für Menschen mit Behinderung anbietet, mit<br />

und in der Gemeinde. Zusammen mit dem Hausmeister pflegen sie die Grünflächen<br />

und kümmern sich um die Außenanlagen.<br />

Interkulturell und inklusiv<br />

In Alt-Rahlstedt ist im Quartier Großlohe zum Beispiel ein Interkultureller Gemeinschaftsgarten<br />

entstanden, der 2023 für den Deutschen Nachbarschaftspreis<br />

nominiert ist. Auf einer 9000 qm großen Ackerfläche verwirklicht der<br />

Verein InGa (Interkultureller Gemeinschaftsgarten) Großlohe e.V. einen<br />

gärtnerischen Traum. Es gibt Gemeinschaftsbeete, einen Kräutergarten, einen<br />

Bienenstand sowie Parzellen für Bewohner*innen und für Einrichtungen.<br />

Ein Garten für sehr unterschiedliche Bewohner*innengruppen, der durch<br />

freiwilliges Engagement gemeinschaftlich bewirtschaftet und getragen wird.<br />

Mit dabei im InGA sind auch Menschen mit Handicap. Genauso wie beim<br />

Kunstprojekt in den Räumlichkeiten der Flüchtlingsunterkunft in Großlohe.<br />

Das Projekt wurde von Conny Zolker vom Q8-Projekt „zusammenkultur“ in<br />

Kooperation mit „fördern&wohnen“ und der Q8-Koordinatorin Kathi Wegner<br />

organisiert.<br />

Georgswerder vernetzen<br />

In Georgswerder suchte die Q8-Koordinatorin den Kontakt zu vielen Akteurinnen<br />

und Akteuren im Stadtteil: zum Stadtteilpolizisten, zum Schulleiter, zu<br />

den Künstlern, die im „Künstlerhaus“ arbeiten, zu Menschen aus der Sinti-<br />

Siedlung, zu Kleingärtnern. Alle wollen etwas für ihren Stadtteil bewegen und<br />

ihn voranbringen. „Q8 ist ein Riesengewinn für Georgswerder – auch für die<br />

Arbeit unserer Schule“, sagt beispielsweise Christian Meyer, Leiter der örtlichen<br />

Grundschule Rahmwerder Straße, die eine Zweigstelle der Elbinselschule in<br />

Wilhelmsburg ist. Agathe Bogacz, Koordinatorin von Q8 ergänzt: „Dabei kommen<br />

wir nicht mit einem Programm, sondern schauen erst mal: Was wollen<br />

die Bewohner*innen und wo sind Energien, die wir unterstützen können?“<br />

In einem kleinen Neubauviertel in Georgswerder soll ein inklusives Café der<br />

alsterdorf assistenz west als Ort der Begegnung entstehen, wo man auch Dinge<br />

des täglichen Gebrauchs bekommen kann. Den Kontakt zur IBA Hamburg und<br />

dem zukünftigen Vermieter SAGA hat Q8 hergestellt. „Selbst wenn andere<br />

abwinken, weil es sich wirtschaftlich nicht trägt, kann es sich für uns ja trotzdem<br />

lohnen“, sagt Stefan Brehmer, Bereichsleiter Süderelbe bei der alsterdorf<br />

assistenz west. Denn die Währung ist Teilhabe: „Mit dem Modell können wir


Q8 Sozialraumorientierung<br />

24 25<br />

Beschäftigung für Menschen mit Behinderungen schaffen, ein Angebot der<br />

Nahversorgung machen und Begegnungsmöglichkeiten bieten für Menschen<br />

mit und ohne Behinderungen.“ Der besondere Reiz: Menschen mit Behinderungen<br />

schaffen ein Angebot, das es dort sonst nicht geben würde, das aber<br />

gebraucht wird. Für die langfristige Zukunft wünscht Brehmer sich, dass in dem<br />

Café möglichst viele Menschen mit Behinderungen eine sinnvolle Tagesbeschäftigung<br />

finden und sie dabei von den Gästen so wahrgenommen werden, dass<br />

die Behinderung in den Hintergrund tritt.<br />

Bahrenfeld auf Trab: initiieren und moderieren<br />

In Bahrenfeld hat die Q8-Koordinatorin Lea Gies die Initiative „Bahrenfeld auf<br />

Trab“ angestoßen. Es ist eine Gruppe aus unterschiedlichen Menschen, die in<br />

Bahrenfeld leben und arbeiten. Sie beschäftigen sich mit den aktuellen großen<br />

Veränderungen in Bahrenfeld. Die Runde ist offen für alle – Jung und Alt,<br />

neu zugezogen und alteingesessen, privat und beruflich. Viele Menschen aus<br />

Bahrenfeld möchten mehr über die Veränderungen wissen und dabei mitmachen.<br />

Hier geht es nicht nur um die Veränderungen rund um die Science City,<br />

sondern auch um die bereits bestehenden Nachbarschaften. Was soll erhalten<br />

bleiben? Wo fehlt was? Welche Angebote brauchen die Menschen in Bahrenfeld?<br />

Dabei richtet Q8 seinen Fokus ganz besonders auf das Thema Inklusion.<br />

Seit 2022 hat die Q8-Koordinatorin ein Büro bei der „alsterarbeit“ im alsterspectrum<br />

in Bahrenfeld bezogen und ein Auftakttreffen initiiert, bei dem<br />

sich interessierte Bewohner*innen und Vertreter*innen die „Inklusive und<br />

soziale Entwicklung in Bahrenfeld“ diskutierten. Weitere Treffen sind bereits<br />

vereinbart.<br />

Volles Haus:<br />

„Bahrenfeld auf Trab“


„Eine Mitte für Alle“<br />

Quartiere: „Eine Mitte für Alle“<br />

Auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs im Herzen des Hamburger<br />

Stadtteils Altona entsteht seit mehreren Jahren die „Mitte Altona“ mit 3.500<br />

Wohnungen. Wer dabei mehr als räumliche Barrieren beseitigen will, der muss<br />

auch die Grenzen in den Köpfen überwinden: Wie kann ein inklusiver Stadtteil<br />

geplant werden? Wie kann damit den sozialen Herausforderungen einer Großstadt<br />

begegnet werden?<br />

Erstmal testen:<br />

neues Wegeleitsystem


Quartiere<br />

26 27<br />

Was ist inklusive Stadtentwicklung?<br />

Von einem inklusiven Stadtteil sprechen wir, wenn alle Menschen im Quartier selbstverständlich<br />

dazu gehören und niemand ausgeschlossen wird. Die Bedingungen im Stadtteil<br />

sind so gestaltet, dass jeder Mensch am Leben teilnehmen kann, unabhängig von seinen<br />

individuellen Fähigkeiten, seiner körperlichen Verfassung, seiner sozialen oder kulturellen<br />

Herkunft, von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Alter.<br />

Jeder und jede kann alle öffentlichen Angebote uneingeschränkt nutzen, ggf. mit entsprechender<br />

Unterstützung: Schallschutz, wenn Menschen besonders laut sind und andere<br />

davor geschützt werden müssen; Vermittler*innen, wenn Menschen sich nicht verstehen;<br />

Ebenerdigkeit oder Fahrstühle, wo Menschen keine Treppen steigen; leichte Sprache<br />

und leichte Schrift, wenn Menschen dies zur Orientierung brauchen; Berücksichtigung<br />

verschiedener kultureller Herkunft, Informationen in mehreren Sprachen. Die Regeln des<br />

Zusammenlebens sind miteinander so aufgestellt, dass jede und jeder sie erfüllen kann,<br />

ggf. mit Hilfe. Zu einem inklusiven Quartier gehört neben einer barrierearmen Stadt- und<br />

Gebäudeplanung ein ausgewogenes Kommunikations-, Beteiligungs- und Kräfteverhältnis<br />

zwischen persönlichen, zivilgesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen<br />

Interessen der verschiedenen Akteure.<br />

Initiiert und koordiniert durch Q8 hat der Prozess „Eine Mitte für Alle“ einen<br />

Kulturwandel in der Partizipation eingeleitet. Dies hat dabei unterstützt, dass der<br />

Stadtteil möglichst inklusiv gestaltet wird: mit über 20 Forums-Sitzungen, vielen<br />

Arbeitstreffen und Hintergrundgesprächen, mehreren hundert Beteiligten, mit<br />

einer Vielzahl an Empfehlungen für die Politik, über 50 Medienberichten und<br />

einer internationalen Rezeption. Q8 hat das Forum rund zehn Jahre bis 2022 begleitet.<br />

Seitdem wird es von engagierten Menschen vor Ort weitergeführt.<br />

Eine Mitte für Alle:<br />

barrierefrei planen<br />

und bauen


„Eine Mitte für Alle“<br />

Arbeitsweise<br />

Q8<br />

regelmäßig<br />

Organisieren<br />

Moderieren<br />

Netzwerken<br />

Politik und<br />

Verwaltung<br />

Prüfen<br />

Planen<br />

Entscheiden<br />

Forum<br />

Eine Mitte für<br />

Alle<br />

2x/Jahr<br />

Informieren<br />

Präsentieren<br />

Diskutieren<br />

Entscheiden<br />

Empfehlen<br />

Akteure<br />

Zivilgesellschaft<br />

Teilnehmen<br />

Inhalte beitragen<br />

Arbeit planen<br />

AGs<br />

Nach Bedarf<br />

Redaktion<br />

Zwischendurch-<br />

Team<br />

8x/Jahr<br />

Fachliche Inhalte<br />

aufbereiten<br />

Eigentümergespräche<br />

1x/Jahr<br />

Entwicklungsoptionen<br />

und<br />

Versorgungslücken<br />

beraten<br />

Im dialogischen Beteiligungsprozess kristallisierten sich schon früh inklusive<br />

Ziele und ein Leitbild heraus: Eine umfassende inklusive Vielfalt in der Stadtentwicklung<br />

kann zum Vorteil Aller verwirklicht werden. Barrierefreiheit im<br />

Quartier erstreckt sich damit über die ganze Bandbreite sozialer Kriterien. Das<br />

Forum „Eine Mitte für Alle“ hat eine Reihe von Empfehlungen zur inklusiven<br />

Entwicklung des neuen Quartiers verabschiedet, die Eingang gefunden haben<br />

in politische Entscheidungen und die konkrete Umsetzung. Das Besondere:<br />

Hier hat die Zivilgesellschaft die Akteure aus dem Stadtteil sowie Politik und<br />

Verwaltung beteiligt.<br />

Die Wirkung des Prozesses „Eine Mitte für Alle“ lässt sich belegen: Politik und<br />

Verwaltung haben viele Empfehlungen des Forums übernommen. Es ist eine<br />

intensive öffentliche Beschäftigung mit dem Thema Inklusion in der Stadtentwicklung<br />

in Hamburg in Gang gesetzt worden. So hat die Bezirksversammlung<br />

die Ziele inklusiver Stadtentwicklung im Bezirk Altona für alle Bauprojekte als<br />

beispielhaft und als Richtschnur einstimmig verabschiedet. Im städtebaulichen<br />

Vertrag für die Mitte Altona haben Stadt und Eigentümer konkrete Umsetzungen<br />

festgelegt: So sollten alle Kitas inklusiv werden, ein Quartiersmanagement<br />

sollte inklusive Strukturen weiterentwickeln, fünf bis zehn Prozent der Geschossflächen<br />

sollten als Integrationsprojekte gebaut werden, und der öffentliche<br />

Raum möglichst barrierefrei gestaltet werden.


Quartiere<br />

28 29<br />

Die Erfahrungen mit inklusiver Stadtentwicklung in Mitte Altona haben in<br />

Hamburg, bundesweit und international Resonanz gefunden. 2013 erhielt das<br />

Forum den Senator-Neumann-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg, weil<br />

es sich für das selbstverständliche Zusammenleben von Menschen mit und<br />

ohne Behinderung innovativ engagiert habe und zu einer inklusiven Gesellschaft<br />

beitrage. Die UN-Konferenz Habitat III in Ecuador hat den Prozess „Eine<br />

Mitte für Alle“ als Best-Practice-Projekt im Themenfeld Barrierefreiheit und<br />

inklusive Stadtentwicklung ausgezeichnet. Deutsche und internationale Gäste<br />

haben sich Anregungen geholt. Auf Einladung der Bundesbeauftragten für die<br />

Belange von Menschen mit Behinderung, Verena Bentele, wurde das Forum<br />

im Jahr 2017 als Beispiel im Rahmen des norddeutschen Architekturforums<br />

vorgestellt.<br />

Praktisch: Eine Mitte für Alle wirkt …<br />

Neben politischen und formalen Folgen hatte „Eine Mitte für Alle“ auch eine<br />

unmittelbare Wirkung für viele einzelne Menschen. So ist ein hohes Maß an<br />

Barrierefreiheit entstanden, um den Interessen der verschiedenen Nutzer*innen<br />

möglichst gut zu entsprechen. Ein Beispiel dafür ist das Wegeleitsystem,<br />

in dem sich ein typischer Konfliktfall zeigt: Viele Menschen wünschen sich<br />

schwellenfreie Wege im öffentlichen Raum. Für Menschen mit Seheinschränkungen<br />

ist es hingegen wichtig, dass sie taktile Hilfen im Gehweg oder bei<br />

Fahrbahnen vorfinden, um sich zu orientieren. Im Dialog entstanden ist nun<br />

ein System, welches einen Kompromiss aus den verschiedenen Ansprüchen<br />

erfüllt: ein schwellenfreies Leitsystem mit neu gestalteter asymmetrischer Linienführung.<br />

Dies konnte entstehen, da im Prozess „Eine Mitte für Alle“ Widersprüche<br />

und Ambivalenzen zum Ausgangspunkt genommen wurden, gemeinsam<br />

neue Ideen zu entwickeln.<br />

»Die Quartiersmanager*innen<br />

von Q8 haben in den vergangenen<br />

Jahren mit dem Forum<br />

„Eine Mitte für Alle“ wichtige<br />

Impulse für die Mitte Altona<br />

gesetzt und ihre Gestalt entscheidend<br />

mitgeprägt. Daher<br />

freue ich mich, dass wir aktuell<br />

auch wieder im Rahmen<br />

der Stadtteilentwicklung in<br />

Bahrenfeld und mit QplusAlter<br />

kooperieren, um gemeinsam<br />

mit den Menschen gute<br />

Lösungen für die Zukunft des<br />

Stadtteils zu finden.«<br />

Dr. Stefanie von Berg,<br />

Bezirksamtleiterin Altona<br />

Ein weiteres Beispiel sind inklusive Baugemeinschaften in Kleingenossenschaften:<br />

Das Dilemma hier ist, dass Menschen, die von Grundsicherung leben, den<br />

nötigen Genossenschaftsanteil nicht aufbringen können. Auch hierfür hat sich –<br />

dieses Mal in Zusammenarbeit mit der Sozialbehörde – eine Lösung gefunden.<br />

Auch mit Menschen mit sehr hohem Unterstützungsbedarf konnte im Dialog<br />

mit der SAGA eine eigene Wohnung geschaffen werden – anknüpfend an<br />

den Interessen und Vorstellungen, die der Bewohner mit Unterstützung von<br />

Teilhabelots*innen formulierte. Seine Wohnungssuche gab zudem den Anstoß<br />

für das Wohnungsbauunternehmen, bauliche Grundlagen für spätere<br />

technische Lösungen von Anfang an mit zu denken, um sie später nach individuellen<br />

Anforderungen einbauen zu können. So sind zum Beispiel die Fahrstühle<br />

digital bedienbar. Der Bewohner lebt seitdem selbständig mit Assistenz<br />

in einer eigenen Wohnung, zuvor lebte er in einem Seniorenheim.


Gute Nachbarschaft:<br />

gegenseitige Unterstützung<br />

im Alltag<br />

Qplus: Von Lots*innen und<br />

Alltags-Coaching<br />

Mit „Qplus“ hat die <strong>ESA</strong> ihrer Arbeit etwas Neues hinzugefügt: die Funktion<br />

der Lots*innen, die wie eine Art Alltags-Coach die Menschen beraten und begleiten.<br />

Sie orientieren sich am Willen und den Interessen der Menschen. Mit der neuen<br />

Funktion der Lots*innen gelingt es, die persönlichen Ressourcen des Menschen,<br />

die Ressourcen aus dem sozialen Raum sowie die professionellen Dienstleistungen<br />

wirkungsvoll zu verbinden. Der Ansatz entlastet damit den einzelnen<br />

Menschen wie auch das ihn umgebende Hilfesystem.<br />

Unter der Überschrift „Qplus“ haben zunächst das Modellprojekt „Qplus in der<br />

Eingliederungshilfe“ (2014-2018) und seit 2019 das Modellprojekt „QplusAlter“<br />

für ältere Menschen Beiträge zur gesellschaftlichen Inklusion geleistet.<br />

Das Ziel: gemeinsam mit den Menschen mit Unterstützungsbedarf neue Unterstützungsformen<br />

im Quartier zu entwickeln – unter Einbezug aller Potenziale<br />

des einzelnen Menschen, seiner Nachbarschaft, technischer Lösungen und der<br />

vorhandenen Quartierressourcen. Im Mittelpunkt stehen die Fragen: Wie will ich<br />

leben und was ist mir wichtig? Wie soll mein Alltag aussehen und wie kann<br />

ich meine Vorstellungen umsetzen?<br />

Qplus in der Eingliederungshilfe<br />

Mit dem Modellprojekt „Qplus in der Eingliederungshilfe“ (2014-2018) veränderte<br />

die <strong>ESA</strong> den Unterstützungsprozess für Menschen, die Eingliederungshilfe- oder<br />

Pflegeleistungen beziehen: Er findet dort statt, wo die Menschen leben, fokussiert<br />

auf das, was ihnen wirklich wichtig ist, und bezieht dabei einfallsreich alle<br />

Ressourcen ein, die das Gemeinwesen und die darin lebenden Menschen zu


Von Lots*innen und Alltags-Coaching<br />

Qplus<br />

30 31<br />

bieten haben. Er hinterfragt bestehende Settings und ermöglicht es, bestehende<br />

Leistungen in kreativer Weise neu zu verbinden. „Qplus in der Eingliederungshilfe“<br />

wurde maßgeblich gesteuert und in die Praxis gebracht durch die<br />

beiden Assistenzgesellschaften der <strong>ESA</strong>, die alsterdorf assistenz ost und alsterdorf<br />

assistenz west.<br />

Die Bedarfserhebung und Teilhabeplanung in der Eingliederungshilfe erfolgt in<br />

der Einführungsphase des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) vielerorts und auch<br />

in Hamburg bislang über den individuellen Hilfebedarf: Je höher der Hilfebedarf<br />

des Menschen, desto mehr Geld erhalten die Dienstleister*innen. Zunächst<br />

wird nach dem Hilfebedarf gefragt, dann wird die Profileistung aufgesetzt,<br />

bürgerschaftliches Engagement wird ergänzend hinzugefügt.<br />

Das Modellprojekt Qplus suchte nach Möglichkeiten, diese Logik umzukehren:<br />

Diejenigen, die soziale Dienstleistungen in Anspruch nehmen, zunächst<br />

aus dem Spektrum der Sozialgesetzbücher XI und XII (Eingliederungshilfe und<br />

Pflege), stellten sich mit Unterstützung einer Lots*in Schritt für Schritt ihren individuellen<br />

Unterstützungsmix zusammen. Darüber hinaus berücksichtigten sie,<br />

was der Mensch selbst in seine Umgebung einbringen will und kann. Das Ziel<br />

ist es, Unterstützung zu gewährleisten, indem eine passgenaue Mischung aus<br />

Selbsthilfe, bürgerschaftlichem Engagement und Nachbarschaftshilfe, technikbasierten<br />

Lösungen sowie professioneller Unterstützung organisiert wird.<br />

Fünf Fragen:<br />

die Qplus-Systematik<br />

auf den Punkt gebracht<br />

Kontakt Quartierlotsin<br />

Ich möchte<br />

etwas verändern.<br />

Ich<br />

unterstütze<br />

Sie.<br />

5<br />

Was will ich<br />

selbst für<br />

andere tun?<br />

1<br />

Was kann ich selbst tun,<br />

eventuell mit technischer Hilfe?<br />

4<br />

Welche Hilfen von<br />

Profis brauche ich?<br />

2<br />

Wie können mich Familie,<br />

FreundInnen oder NachbarInnen<br />

unterstützen?<br />

3<br />

Welche Unterstützung<br />

bietet das Quartier?


Von Lots*innen und Alltags-Coaching<br />

Im Gespräch bleiben:<br />

Wo Lots*innen und<br />

Nachbar*innen unterstützen<br />

Im Wesentlichen hat das Modellprojekt auf drei Ebenen besonders gewirkt, wie<br />

die Evaluation der Sozialwissenschaftlerin Birgit Kalter (Institut für Stadtteilentwicklung,<br />

Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung der Universität Duisburg<br />

– Essen (ISSAB) ) ergeben hat:<br />

1. Verbesserung der Teilhabe-Möglichkeiten: Aus Sicht der Qplus-Teilnehmenden<br />

verbessern sich im Verlauf der Qplus-Begleitung deren Teilhabe-Möglichkeiten<br />

insgesamt und insbesondere in den Bereichen gesundheitliche<br />

Versorgung und Teilhabe am sozialen Leben.<br />

2. Veränderung des Unterstützungssettings: Im Unterstützungssetting der<br />

Qplus-Teilnehmenden deutet sich eine Verlagerung von Profileistungen hin<br />

zu sozialräumlichen und persönlichen Unterstützungen an.<br />

3. Reduzierung der Profi-Leistungen: Bei 70 Prozent der Teilnehmenden haben<br />

sich die Wochenstunden an professioneller Unterstützung gemäß SGB XII<br />

und SGB XI im Verlauf der Qplus-Begleitung verringert.<br />

Praxis: Einen anderen Dreh bekommen<br />

Die 41-jährige Frau Schmidt möchte etwas in ihrem Leben verändern. Sie lebt<br />

seit vier Jahren mit der Unterstützung einer Assistenz in einer kleinen Wohngemeinschaft<br />

in Hamburg im trägereigenen Wohnraum. Bad und Gemeinschaftsküche<br />

teilt sie sich mit drei Mitbewohner*innen mit Unterstützungsbedarf.<br />

Mehrmals am Tag und in der Woche helfen ihr eine Assistentin und ein Pflegedienst:<br />

im Haushalt, beim Einkaufen und der Ernährung oder bei der Körperpflege.<br />

Termine bei der Ärztin organisiert ebenfalls das Assistenz-Team, eine<br />

Assistentin begleitet sie gelegentlich dorthin. Mit den Fachkräften ist vereinbart,<br />

dass sie einmal im Monat selbst Geld von der Sparkasse abholt, dies dann im<br />

Teambüro der Assistenz abgibt, um sich zweimal in der Woche dort eine Rate<br />

abzuholen.<br />

Am wichtigsten ist Frau Schmidt, den Alltag mehr im eigenen Rhythmus selbst<br />

zu gestalten – und zwar ohne sich nach den Regeln und den Zeiten der Assistent*innen<br />

oder des Pflegedienstes zu richten. Frau Schmidt will eine Wohnung<br />

für sich allein haben und gleichzeitig einen schnellen Kontakt zu einer Hilfe<br />

finden können.<br />

Die Lotsin lernt Frau Schmidt und ihren Alltag kennen. Was ist ihr wichtig?<br />

Was kann sie gut alleine tun? Wo braucht sie Hilfe, und wen gibt es, der<br />

helfen kann? Anfänglich sind beide mehrmals wöchentlich im Kontakt.


Von Lots*innen und Alltags-Coaching<br />

Qplus<br />

Als Frau Schmidt anfängt, ihr Leben und ihre Unterstützung zu verändern, ist<br />

es für alle Beteiligten gar nicht einfach: Die Assistent*innen der Eingliederungshilfe<br />

und die Sozialpädagogin haben Sorgen, ob Frau Schmidt es schafft, sich<br />

selbst gut genug um sich zu kümmern. Unterstützt durch die Lotsin verabredet<br />

Frau Schmidt Probewochen, z. B. zur Wohnungspflege, Lebensmittelversorgung,<br />

Körperpflege und Gesundheit. Danach werten sie gemeinsam aus: Was<br />

ist gelungen? Wo hakte es? Was ist ergänzend notwendig?<br />

Über die Quartierlotsin lernt Frau Schmidt ein Stadtteilcafé mit günstigem Mittagstisch<br />

kennen. Dort geht sie am Wochenende hin. Parallel macht sie einen<br />

Kochkurs mit einer Freundin. Sie will lernen, Knöpfe anzunähen: In einem Treffpunkt<br />

im benachbarten Stadtteil ist das möglich, dort trifft sie außerdem andere<br />

Frauen aus der Nachbarschaft. Sie versorgt sich eigenständig mit zuvor von<br />

ihr abgelehnten Hörgeräten und einer neuen Brille. Eine Freundin unterstützt<br />

sie bei Arztbesuchen. Beratung und Gespräche bei Krisensituationen gehören<br />

zu den vereinbarten Unterstützungsleistungen durch Profis. Die Assistent*innen<br />

kommen jetzt nicht mehr zu vorher verabredeten Zeiten, sondern auf Abruf bei<br />

Bedarf. Ihr Leben hat „einen anderen Dreh bekommen“.<br />

»<br />

Die gesellschaftlichen<br />

Herausforderungen<br />

für<br />

gutes Älterwerden<br />

sind vielfältig.«<br />

32 33<br />

QplusAlter<br />

Mit „QplusAlter“ werden seit 2019 die in der Eingliederungshilfe gewonnenen<br />

Erkenntnisse auf das Feld der Unterstützung älterer Menschen übertragen – bis<br />

2021 in Partnerschaft mit der SKala-Initiative, der NORDMETALL-Stiftung, der<br />

Karin und Walter Blüchert Gedächtnisstiftung und der HOMANN-Stiftung, 2022<br />

außerdem gefördert durch das deutsche Hilfswerk. Demografischer Wandel,<br />

Fachkräftemangel, Pflegenotstand, Einsamkeit im Alter, Grenzen finanzieller<br />

Ressourcen, defizitorientierte Leistungsanreize: Die gesellschaftlichen Herausforderungen<br />

für gutes Älterwerden sind vielfältig. Die Vorstellungen von einem<br />

guten Leben im Alter ebenso: selbstbestimmt zu entscheiden und zu handeln,<br />

unabhängig und zugleich eingebunden zu sein, selbst für sich oder andere tätig<br />

zu werden und gut dabei unterstützt zu sein, wo es notwendig ist.<br />

Kontakte schaffen<br />

Verbindung: zu Ehrenamtlichen<br />

und Profis


Passende Unterstützung<br />

entwickeln: Lotsin Julia<br />

Gaum und Erika Meger<br />

Vor dem Hintergrund dieser Fragen unterstützen die Lots*innen ältere Menschen<br />

und ihre Angehörigen und Nahestehenden dabei, passgenaue Settings<br />

zu entwickeln. Sie ermöglichen, Ressourcen aus verschiedenen Bereichen in<br />

den Blick zu nehmen und anknüpfend an den Interessen des Menschen kreativ<br />

zu verbinden – eine neue Tätigkeit in der Seniorenarbeit, die vielfältige Kompetenzen<br />

erfordert.<br />

Gemeinsam wird ein passgenauer Mix entwickelt: aus den persönlichen Ressourcen<br />

des Menschen, aus technischen Hilfen und Ressourcen des sozialen<br />

Umfelds (wie Angehörigen und Nachbar*innen), räumlichen Ressourcen (wie<br />

Stadtteiltreffs und Vereinen) und Profileistungen (wie Pflegediensten oder<br />

Ärzt*innen). Oft moderieren die Lots*innen auch in Ambivalenzen und Konfliktsituationen,<br />

zum Beispiel wenn die Vorstellungen von älteren Menschen<br />

und deren Angehörigen auseinandergehen. Schritt für Schritt entstehen so<br />

tragfähige und nachhaltige Unterstützungssettings.<br />

Die drei wichtigsten Ergebnisse der Evaluation des ISSAB (September 2021) bisher:<br />

1. Die Menschen klären die eigene Lebenssituation und ihre Interessen –<br />

sie entscheiden und machen mehr selbst.<br />

2. Es entstehen individuelle Unterstützungssettings. Diese gehen deutlich<br />

über eine Versorgung durch Profidienstleister*innen hinaus. Es gelingt,<br />

Ressourcen aus dem persönlichen Umfeld und aus dem Quartier zu nutzen<br />

und mit Profidienstleistungen gezielt zu verknüpfen.<br />

3. Die Lebensqualität der älteren Menschen hat sich verbessert. Sie haben<br />

mehr soziale Kontakte, kennen sich in ihrem Stadtteil besser aus und finden<br />

nachbarschaftliche Unterstützung für ihren Alltag.<br />

Funktion der Lots*innen: Unterwegs auf drei Ebenen<br />

In der Zusammenarbeit der beiden Modellprojekte der <strong>ESA</strong> hat sich die Funktion<br />

und Tätigkeiten der Lots*innen stärker profiliert. Für das Handeln im Berufsfeld<br />

ergibt sich eine konsequente Verknüpfung von drei gleichwertigen<br />

Tätigkeitssegmenten, quer zu leistungsgesetzlichen Kategorien:


Von Lots*innen und Alltags-Coaching<br />

Qplus<br />

34 35<br />

1. Was will die Person an der aktuellen Situation wie verändern und welche<br />

Ressourcen lassen sich hierfür nutzen bzw. nutzbar machen?<br />

Personenspezifische Tätigkeiten: gestalten eines Arrangements bzw.<br />

Unterstützungs-/Hilfesettings entlang des Willens und der Stärken des<br />

Menschen, welches gemeinsam erarbeitet und reflektiert wird.<br />

2. Welche Ressourcen lassen sich für die Situation ergänzend aufgreifen und<br />

einbeziehen? Personenübergreifende Tätigkeiten: erschließen, einbinden<br />

und bündeln von Ressourcen, die a) jene Netzwerke bieten, in die der betroffene<br />

Mensch eingebunden ist (z. B. in der Familie oder Nachbarschaft) oder<br />

die b) außerhalb dieser Netzwerke liegen, sich aber für die Situation mobilisieren<br />

lassen.<br />

3. Welche Ressourcen bietet das Quartier, die genutzt werden können?<br />

Personenunspezifische Tätigkeiten: erschließen von Kenntnissen, Kontakten<br />

und Ressourcen im Quartier, die sich in (späteren) Beratungs- und Begleitungsprozessen<br />

aufgreifen lassen.<br />

Praxis: Gutes Leben im Alter<br />

Frau Meger ist es wichtig, zu Hause wohnen zu bleiben – trotz Einschränkungen.<br />

Gemeinsam mit der Lotsin lotet sie Unterstützungsmöglichkeiten aus.<br />

Dieser Vormittag fängt für die 78-jährige Erika Meger gut an. Sie spricht mit<br />

Lotsin Julia-Christin Gaum. Hier in Groß Borstel wohnt sie seit über 20 Jahren.<br />

Frau Meger ist gesundheitlich eingeschränkt, nach mehreren Operationen fällt<br />

ihr die Hausarbeit immer schwerer. Nach dem Tod ihres Partners muss sie allein<br />

zurechtkommen. „Eine Freundin hat den Kontakt zu QplusAlter vermittelt“,<br />

sagt Frau Meger. Jetzt sitzen sie zusammen und Frau Meger erzählt: „Ich will in<br />

meiner Wohnung wohnen bleiben, aber die Hausarbeit schaffe ich nicht mehr,<br />

so viel bleibt liegen. Ich fühle mich in meinem eigenen Zuhause nicht mehr<br />

wohl.“ In mehreren Gesprächen lotet Frau Meger die Möglichkeiten aus, etwas<br />

zu verändern. Julia-Christin Gaum unterstützt sie dabei: „Wir nehmen uns Zeit,<br />

gemeinsam mit den älteren Menschen zu schauen: Was ist ihnen wichtig?<br />

Wie soll ihr Alltag aussehen, damit sie sich wohlfühlen? Was belastet sie, was<br />

schränkt ihre Lebensqualität ein? Was können und wollen sie selbst tun und<br />

wobei benötigen sie Unterstützung?“<br />

Mit der Lotsin entwickelt Frau Meger Ideen für passende Unterstützungen, so<br />

dass sie nach ihren Vorstellungen weiterhin zu Hause leben kann. Zum Beispiel<br />

eine Hilfe bei alltäglichen Dingen wie Einkaufen und Staubsaugen. Gemeinsam<br />

gehen sie verschiedene Möglichkeiten durch: die Servicestelle Nachbarschaftshilfe,<br />

ein Pflegedienst oder eine private Haushaltshilfe. Dabei kommt Frau<br />

Meger auf die Idee, eine gute Bekannte aus der Nachbarschaft zu fragen. Die<br />

Nachbarin sagt zu und erhält einen Entlastungsbeitrag der Pflegeversicherung<br />

als finanziellen Ausgleich. Auch weitere Dinge nimmt Frau Meger im Austausch<br />

mit der Lotsin in Angriff: Sie entscheidet sich für einen Rollator und kann so<br />

weiter mit ihrem Hund Max rausgehen. Sie plant, das Bad barrierefrei umzubauen.<br />

Für einen Smartphone-Kurs fragt sie Nachbar*innen und Bekannte an.<br />

Als sie sechs Personen zusammen hat, startet eine ehrenamtliche Kursleitung<br />

mit der Gruppe. Schritt für Schritt baut sich Frau Meger so einen passenden<br />

Rahmen für sich. Lauter Schritte hin zu einem guten Alltag in ihrer Wohnung.


Mehr Ressourcen, mehr Möglichkeiten<br />

»<br />

Vorrangig ist<br />

es die Aufgabe<br />

der Lots*innen,<br />

gemeinsam<br />

einen passgenauen<br />

Unterstützungsmix<br />

zu<br />

entwickeln.«<br />

Teilhabelots*innen:<br />

Mehr Ressourcen, mehr<br />

Möglichkeiten<br />

Wie gelingt es, gemeinsam mit Menschen mit Unterstützungsbedarf ein möglichst<br />

wirkungsvolles Unterstützungsarrangement zu entwickeln? Dabei spielen<br />

die so genannten „Teilhabelots*innen“ eine besondere Rolle. Diese Funktion ist<br />

relativ neu in der Evangelischen Stiftung Alsterdorf und wurde in zwei Modellprojekten<br />

erprobt: „Qplus in der Eingliederungshilfe“ (2014 - 2018) und<br />

QplusAlter (seit 2019).<br />

Aufgrund der Erfahrungen der ressourcenorientierten Unterstützung von<br />

Menschen mit Behinderung haben die alsterdorf assistenz west und alsterdorf<br />

assistenz ost die Funktion der „Teilhabelots*innen“ seit 2019 in die Assistenzgesellschaften<br />

integriert. Sie haben das bisherige Kundenmanagement in ein<br />

Eingangsmanagement umgebaut. Bereits bei der ersten Anfrage nach Unterstützung<br />

stehen die „Teilhabelots*innen“ zur Verfügung.<br />

Lots*innen unterstützen Menschen mit Assistenzbedarf bzw. ältere Menschen,<br />

ihre Interessen zu formulieren und ausgehend von diesen ein passgenaues Unterstützungspaket<br />

für ihr Leben zusammenzustellen. Dies geschieht auch gern<br />

zusammen mit Angehörigen, Freund*innen und gesetzlichen Betreuer*innen.<br />

Darüber hinaus nehmen sie in den Blick, was der Mensch selbst in das Quartier<br />

einbringen will und kann. Auf diese Weise entstehen individuelle Lösungswege<br />

im Rahmen einer selbstgewählten Alltagsgestaltung. Selbsthilfe, Ressourcen aus<br />

dem Umfeld und dem Quartier werden von Anfang an mitgedacht.<br />

Die Tätigkeiten der Lots*innen:<br />

➔ eine prozesshafte Erkundung und Formulierung der Anliegen des<br />

Menschen als Grundlage und Ausgangspunkt aller Aktivitäten;<br />

➔ eine systematische Erkundung persönlicher und sozialräumlicher Ressourcen<br />

sowie technischer Möglichkeiten als Basis für die zu entwickelnde<br />

Unterstützung;<br />

➔ die Entwicklung von am Willen des Menschen orientierten, Sozialgesetzbuch<br />

übergreifenden Unterstützungssettings;<br />

➔ Anregung, Aufbau und Moderation von Handlungsgemeinschaften zur<br />

systematischen Kombination von Selbsthilfepotentialen, technischen<br />

Möglichkeiten, professionellen und nichtprofessionellen Ressourcen des<br />

sozialen Umfelds;<br />

➔ und auch die Förderung einer Kultur der Würdigung von Erfolgen sowie<br />

der Entwicklung einer konstruktiven Fehler- und Feedback-Kultur.


Teilhabelots*innen<br />

36 37<br />

„Zwei Perspektiven sind besonders wichtig“, so QplusAlter Projektleitung<br />

Julia-Christin Gaum: „Wie können Lots*innen dazu beitragen, dass Menschen<br />

innere Klarheit darüber bekommen, was sie wollen? Und: Wie unterstützen<br />

Lots*innen die Menschen dabei, eigene Fähigkeiten zu erkennen, weitere<br />

unterstützende Ressourcen zu erkunden und diese zu erproben, so dass sich<br />

Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten erweitern?<br />

Vorrangig ist es die Aufgabe der Lots*innen, die umsetzbaren Möglichkeiten<br />

mit den Menschen und ihren Angehörigen zu erkunden, um gemeinsam einen<br />

passgenauen Unterstützungsmix zu entwickeln. Dieser kann aus den persönlichen<br />

Ressourcen des Menschen, aus technischen Hilfen und Ressourcen des<br />

sozialen Umfelds (wie Angehörigen und Nachbar*innen), sozialräumlichen<br />

Ressourcen (wie Stadtteiltreffs, Vereinen, Kirchengemeinden oder auch<br />

Kulturangeboten) und Profileistungen (wie Pflegediensten oder Ärzt*innen)<br />

bestehen.<br />

Dass es wirkt, zeigt die Evaluation: „Mit der Integration der Qplus-Logik in die<br />

Regelstrukturen der Assistenzgesellschaften hat sich die Dienstleistung des Eingangsmanagements<br />

seit 2019 deutlich verändert: Der Wille des Interessenten,<br />

Selbsthilfepotenziale, professionelle und nicht-professionelle Ressourcen des<br />

Nachbarinnen beim<br />

gemeinsam organisierten<br />

Smartphone-Kurs


Mehr Ressourcen, mehr Möglichkeiten<br />

sozialen Umfeldes, die Suche nach Sozialgesetzbuch übergreifenden und aufeinander<br />

abgestimmten Lösungen gewinnen in der Zusammenarbeit mit dem/der<br />

Leistungsberechtigten, mit Akteuren in den Quartieren und Akteuren anderer<br />

Einrichtungen zunehmend an Bedeutung. [... ...] Nachweisbar ist, dass Interessent*innen<br />

in der Zusammenarbeit mit dem Eingangsmanagement zu einer neuen/veränderten<br />

Situationsbasis finden, die – insgesamt gesehen und auch unter<br />

Corona-Schutzmaßnahmen – mit einem Zuwachs an Teilhabemöglichkeiten in<br />

allen Lebensbereichen und besonders im Bereich Wohnen verbunden ist.“ (ISSAB<br />

März 2022, S.75)<br />

Die Teilhabelots*innen arbeiten gemeinsam mit den Leistungsberechtigten, z. B.<br />

indem sie Sortier- und Klärungshilfen anbieten:<br />

➔ Schärfung des Veränderungswillens der Anfragenden (Anfragebögen)<br />

➔ Bearbeitung von Ambivalenzen im persönlichen Klärungsprozess der<br />

Anfragenden<br />

➔ Bearbeitung der zumeist unterschiedlichen Vorstellungen von Anfragenden<br />

und deren Angehörigen/gesetzlichen Betreuer*innen zur weiteren<br />

Perspektive<br />

➔ stärkeorientierte Ermittlung persönlicher, sozialer, materieller und<br />

infrastruktureller (quartierbezogener) Ressourcen<br />

➔ Ermittlung hilfreicher Rahmenbedingungen aus der Erfahrung vorangegangener<br />

Settings (ggf. unter Einbindung ehemaliger Assistent*innen)<br />

➔ Ermittlung hilfreicher fachlicher Herangehensweisen in der Vergangenheit<br />

bei inhaltlichen Herausforderungen.


Teilhabelots*innen<br />

38 39<br />

Assistenz im Wandel<br />

Ein Blick zurück und nach vorn von Andrea Stonis, Geschäftsführerin alsterdorf<br />

assistenz west, und Thomas Steinberg, ehem. Geschäftsführer alsterdorf<br />

assistenz ost.<br />

Was hat sich verändert?<br />

Thomas Steinberg: Es haben sich die Arbeitsfelder verändert. Der versorgende<br />

Aspekt ist früher deutlich im Vordergrund gewesen. Heute gehen wir von<br />

einer völlig veränderten Arbeitshaltung aus. Die Mitarbeitenden unterstützen<br />

die Menschen, sodass sie nach ihren Vorstellungen leben können und dabei so<br />

weit wie möglich selber tätig sind.<br />

Andrea Stonis: Wir arbeiten seit 30 Jahren in einem permanenten Wandel.<br />

Heute stehen wir vor den Herausforderungen aus Bundesteilhabegesetz,<br />

Trägerbudget und Sozialraumorientierung. Wir unterstützen Menschen, dass<br />

sie nach ihren Vorstellungen leben können. Das ist unser Auftrag und wir sind<br />

Dienstleisterin. Die Menschen sind leistungsberechtigte Personen, keine Hilfeempfänger*innen.<br />

Das findet sich jetzt auch im Bundesteilhabegesetz (BTHG)<br />

wieder, mit demTeilhabe und Inklusion verbessert werden sollen. Es geht darum,<br />

Wahlfreiheit zu ermöglichen, dass Menschen Entscheidungen selbst treffen<br />

können und dass diese auch respektiert werden.<br />

Was ist in Zukunft wichtig?<br />

Andrea Stonis: Dabei ist erstens das Prinzip der Partizipation maßgeblich. Wir<br />

arbeiten weiter an <strong>ESA</strong>-weiten Standards und Instrumenten wie z. B. unabhängigen<br />

Kundenbefragungen oder der Unterstützten Kommunikation. Diesen<br />

Wandel in Kultur und Kommunikation begleiten wir intensiv, indem wir die<br />

Kompetenzen der Mitarbeitenden stärken. Grundsätzlich sind wir zuversichtlich,<br />

dass die Assistenzgesellschaften dabei auf einem guten Weg sind – es liegt<br />

aber auch noch ein wenig Strecke vor uns.<br />

Thomas Steinberg: Wir machen die Entwicklung unserer Leistungen davon abhängig,<br />

was die Menschen wollen. Früher standen die professionellen Leistungen<br />

im Mittelpunkt. Mit der persönlichen Assistenzplanung ist ein Bewusstsein<br />

entstanden, auch die Möglichkeiten und Ressourcen des Sozialraumes mit<br />

einzubeziehen. Für die Erkundung der eigenen Vorstellungen und der Möglichkeiten<br />

haben wir heute die sogenannten Teilhabelots*innen. Generell wird<br />

es darum gehen, die spezifischen Bedarfe bestimmter Lebensphasen in der<br />

Leistungsgestaltung noch differenzierter aufzunehmen, so wie es etwa bereits<br />

in den Angeboten für Familien mit behinderten Kindern und für Familien mit<br />

behinderten Eltern realisiert wurde. Ein wichtiger Akzent wird hier auf Angeboten<br />

für Senior*innen mit Behinderung liegen.


Mehr Ressourcen, mehr Möglichkeiten<br />

Sozialraumorientierte Eingliederungshilfe<br />

Entwicklung von Unterstützungsarrangements<br />

Reflexion<br />

Praxis und Prozesse reflektieren,<br />

ggf. verändern<br />

Realisieren von<br />

Gesamtarrangements<br />

V O R 2 0 1 9 : A N G E B O T S B<br />

Dienstleistung<br />

Professionelle Unterstützung<br />

abstimmen und vereinbaren<br />

Entwicklungsthema


Teilhabelots*innen<br />

Gesamtplankonferenz<br />

Fachamt Eingliederungshilfe<br />

Wandsbek<br />

Entwicklungsthema<br />

40 41<br />

E R AT U N G<br />

Teilhabelots*in<br />

Auftrag klären<br />

und Arbeitsbündnis<br />

vereinbaren<br />

Abgeschlossen und<br />

gefestigt:<br />

U Verankerung in<br />

Organisation<br />

U Profil und Haltung<br />

U Auftrag<br />

U Methodenkoffer<br />

Ressourcenkonferenz/<br />

Kollegiale Beratung<br />

Ressourcen- und Ideen<br />

sammeln für passgenaue<br />

Unterstützungsformen<br />

Willens- und<br />

Ressourcenerkundung,<br />

Entwicklung von<br />

Unterstützungsformen<br />

Entwicklungsthema


Mehr Ressourcen, mehr Möglichkeiten<br />

Jessica Ahrens<br />

Henning Sievert<br />

Ich bin so stolz auf mich!<br />

Wie es in der Praxis dazu führt, dass Menschen sich ihrer persönlichen Stärken<br />

bewusstwerden und ihr Leben aktiv gestalten, zeigt die Zusammenarbeit von<br />

Jessica Ahrens und Teilhabelotse Henning Sievert.<br />

Frau Ahrens, wie haben Sie früher gelebt?<br />

Ich habe in einem Wohnheim mit zehn Personen gelebt. Dort durfte ich<br />

meine Wäsche nicht selber waschen oder einkaufen gehen. Ich wollte aber<br />

mein Leben in die Hand nehmen.<br />

Wie haben Sie eine neue Wohnung gefunden?<br />

Ich habe selbst bei den Leitungen angerufen und mich vorgestellt. Henning (der<br />

Lotse) hat mich immer wieder bestärkt, Schritte selbst zu machen.<br />

Und er hat mich alles in meinem Tempo machen lassen. Ich habe schließlich<br />

nach längerer Suche meine jetzige Wohnung auf der Website der alsterdorf<br />

assistenz west gefunden. Auch hier habe ich alleine angerufen.<br />

Herr Sievert, wie haben Sie die Zusammenarbeit erlebt?<br />

Schon bei der ersten Begegnung wusste Frau Ahrens genau, was sie ändern<br />

wollte. Ihre Ängste haben sie manchmal blockiert, da war es wichtig, sie zu<br />

ermutigen. Über das Ergebnis freue ich mich sehr. Ich konnte sie dabei begleiten<br />

und unterstützen, dass sie Klarheit gewinnt - aber die Entscheidungen<br />

hat sie getroffen. Das ist sehr wichtig.<br />

Frau Ahrens, sind Sie zufrieden mit der neuen Wohnsituation?<br />

Ja – ich habe mir die Zeit gegeben, die richtige Entscheidung zu treffen. Es hat<br />

fast zwei Jahre gedauert. Die Wohnung ist nah an meiner Arbeit. Im Viertel<br />

kenne ich mich gut aus. Das Problem war, dass die Nachtbereitschaft dort nicht<br />

direkt im Haus ist. Jetzt kann ich mit einem Hausnotruf schnell Hilfe holen.<br />

Trotzdem hatte ich erst Angst. Henning hat mir eine Vorteil-Nachteil-Liste entworfen,<br />

mit der ich gearbeitet habe. Ich kann jetzt selber Wäsche waschen und<br />

essen was und wann ich will. Ich bin super stolz, dass ich meine Angst besiegt<br />

habe!


Teilhabelots*innen<br />

42 43<br />

Kooperation mit dem Zufall!<br />

Frau Korn war nach dem Tod ihrer Mutter in psychiatrischer Behandlung. Der<br />

Sozialdienst der psychiatrischen Klinik wollte sie zügig entlassen und ihre<br />

Versorgung gesichert wissen. Frau Korn wollte in eine eigene Wohnung ziehen.<br />

Ihre ältere Schwester wiederum sorgte sich, dass Frau Korn alleine nicht zurechtkommt,<br />

insbesondere, wenn sie einen epileptischen Anfall habe. Gleichzeitig<br />

möchte Frau Korn anderen Leuten nicht zur Last fallen oder bevormundet<br />

werden. Bei den Lösungen halfen die Teilhabe-Lotsin und die „Kooperation mit<br />

dem Zufall“: Über einen familiären Kontakt konnte eine Wohnung in direkter<br />

Nachbarschaft zur Schwester gefunden werden.<br />

So ist es möglich, dass Frau Korn nach ihren Vorstellungen alleine leben kann.<br />

Die Schwester und der Schwager sind erreichbar und werden bei einem epileptischen<br />

Anfall per Notrufsystem informiert. Im Alltag unterstützt wiederum<br />

Frau Korn ihre Schwester, z. B. beim Einkaufen oder beim Betreuen der Kinder.<br />

Um den eigenen Haushalt zu organisieren, kommt wöchentlich eine ambulante<br />

Mitarbeiterin zu Frau Korn, die mit ihr Einkaufslisten schreibt oder ihr zeigt,<br />

neue Gerichte zu zubereiten. So kocht Frau Korn für sich und auch für die<br />

Familie ihrer Schwester. Über die Assistentin lernt Frau Korn Gruppen im Nachbarschaftstreff<br />

kennengelernt, zu denen sie regelmäßig geht.<br />

Gemeinsames Kochen<br />

macht Spass


Baakenhafen – Quartier der Generationen<br />

Quartiere: Baakenhafen –<br />

„Quartier der Generationen“<br />

Der Baakenhafen in der Hamburger Hafencity ist ein „Quartier der Generationen“<br />

geworden, in dem unterschiedlichste Menschen leben und den Stadtteil<br />

gemeinsam entwickeln. Die alsterdorf assistenz west ist hier mit einem besonderen<br />

Projekt vertreten: In der Baakenallee und in der Versmannstraße sind 41<br />

Wohnungen entstanden, bei denen Klient*innen, die dort ambulante Leistungen<br />

in Anspruch nehmen, Mieter*innen sind. Der Baakenhafen ist das erste<br />

Projekt, in dem alle modernen Methoden der Eingliederungshilfe – ressourcenorientierte<br />

Assistenzplanung, technisch gestützte Assistenz und Unterstützte<br />

Kommunikation – von vornherein mitgedacht und kontinuierlich genutzt<br />

werden.<br />

Zufrieden im<br />

Baakenhafen: Anwohner<br />

David Olla<br />

In dem modernen Quartier vermittelt die Assistenzgesellschaft Wohnungen an<br />

Menschen mit geringem und hohem Assistenzbedarf. Die barrierefreien Apartments<br />

sind zwischen 38 und 50 qm groß. Alle Wohnungen haben ein Duschbad,<br />

ein Wohnzimmer mit offenem Küchenbereich sowie Balkon oder Loggia.<br />

Ergänzend sind zehn Wohnungen für technisch gestützte Assistenz geschaffen.<br />

Damit eignen sie sich bestens für Menschen mit hohem Assistenzbedarf aufgrund<br />

starker körperlicher Einschränkungen. Wenn die Menschen zum Beispiel<br />

Türen und Fenster per Funk öffnen und schließen möchten, ist diese Funktion<br />

einfach zu installieren. Alle Apartments sind mit einem Fahrstuhl erreichbar. Ein<br />

Gemeinschaftsraum kann genutzt werden und das Assistenzbüro ist ebenfalls<br />

Teil der Nachbarschaft.<br />

„So wie das gesamte Quartier neu entsteht, so gibt es keine vorgefertigten<br />

Strukturen, an die sich die Mieterinnen anpassen müssen. Sie gestalten diese<br />

aktiv mit“, erläutert Tobias Fink, Leitung des Assistenzdienst am Baakenhafen.<br />

Die Klienten*innen können hier ganz nach ihren individuellen Vorstellungen in<br />

ihrer eigenen Wohnung wohnen und leben und werden durch das Assistenzteam<br />

begleitet.<br />

Eine zentrale Rolle spielten dabei die Teilhabelots*innen: Sie unterstützen<br />

Menschen mit Assistenzbedarf von Beginn ihrer Anfrage an dabei, ihre persönlichen<br />

Interessen zu klären und zu formulieren. Dann werden gemeinsam<br />

passgenaue Unterstützungsarrangements entwickelt, vorrangig aus eigenen<br />

Ressourcen der Klient*innen. Das können zum Beispiel Freunde, Familie und<br />

Vereinsangebote sein. Dann folgen Überlegungen zu professionellen Dienstleistungen.<br />

„Die Personenzentrierung wird von Anfang an konsequent umgesetzt.<br />

Das sichert ein selbstbestimmtes Leben, auch für Menschen mit hohem<br />

Assistenzbedarf“, so Judith Beliaeff, Teilhabelotsin im Eingangsmanagement.<br />

Das Team der alsterdorf assistenz west arbeitet eng mit vielen Akteuren<br />

im Stadtteil zusammen: mit den Pflegediensten, mit anderen Träger*innen,<br />

mit Nachbar*innen, mit den Angehörigen und Freunden. Die Klient*innen<br />

sollen möglichst individuelle Unterstützung bekommen, aber sie wollen auch<br />

selbst Teil des neuen Quartiers sein. „Wir arbeiten an einer inklusiven Nach-


Quartiere<br />

44 45<br />

barschaft mit - ein lebendiges Quartier ist gut für unsere Arbeit. Denn wir<br />

unterstützen dort, wo es gewollt und nötig ist. Aber wir sind nur ein Teil des<br />

eigenständigen Lebens unserer Klient*innen.“ Wichtig sei es außerdem, dass<br />

die Menschen ihre Nachbarn kennenlernen und sich als Teil des Stadtteils auch<br />

selbst aktiv einbringen können. Einige Bewohner*innen der alsterdorf assistenz<br />

west engagieren sich z.B. bei Stadtteilfesten oder in Arbeitsgruppen des Netzwerks<br />

Hafencity zu den Themen Verkehr, Barrierefreiheit im öffentlichen Raum<br />

oder ärztliche Versorgung.<br />

Davon profitieren letztlich alle: die Nachbarschaft im neuen Stadtquartier, die<br />

Bewohner*innen mit und ohne Behinderung und die Hafencity insgesamt.<br />

Und auch die „Profis“ machen mit: Sie stehen gerne für alle Nachbar*innen im<br />

Quartier für Beratungen und individuelle Themen zur Verfügung.<br />

Im Sommer 2021 zogen die ersten Mieter*innen ein. Jede/Jeder mit ganz persönlichen<br />

Vorstellungen vom neuen Wohnen. David Olla ist einer von ihnen. Für<br />

ihn sei seine Wohnung der Beginn eines neuen Lebensabschnittes, sagt er.<br />

Herr Olla, wie sah Ihre frühere Wohnsituation aus?<br />

Ich wohnte in einer betreuten Wohngemeinschaft in St. Georg. Ich lebte gerne<br />

in der WG, zwei meiner Mitbewohner sind gute Freunde geworden. Mit ihnen<br />

bin ich vor Corona oft ausgegangen. Wir gehen auch oft Fußball spielen. Aber<br />

ich fühlte mich in St. Georg nicht mehr so wohl. Ich wollte eine ruhigere, familienfreundliche<br />

Umgebung.<br />

Warum gerade die HafenCity?<br />

Ich finde es super, dass das alte Industriegebiet so modern geworden ist. Es gibt<br />

viel Grün, viele Freizeitmöglichkeiten. Ich konnte es kaum erwarten, die Aussicht<br />

auf meinem Balkon zu genießen! Mir gefällt der Blick auf das Wasser.<br />

Wobei brauchen Sie Unterstützung?<br />

Ich möchte eine feste Bezugsperson, auf die ich mich verlassen kann. Ich brauche<br />

jemanden, der mir bei Behördenangelegenheiten hilft und mich bei dem<br />

richtigen Umgang mit meiner EC-Karte unterstützt. Vieles mache ich schon<br />

selbst – zum Beispiel nutze ich mein Handy, um mir Termine zu merken.<br />

Warum ist die Wohnung für Sie ein Aufbruch?<br />

Ich möchte noch selbstständiger und unabhängig von meiner Mutter werden.<br />

Ich werde an der Abendschule meinen Hauptschulabschluss nachholen und einen<br />

Job auf dem ersten Arbeitsmarkt suchen. Im Moment arbeite ich auf einem<br />

Außenarbeitsplatz von alsterarbeit bei Lufthansa Technik. Flugzeuge sind meine<br />

große Leidenschaft. Irgendwann möchte ich in der Flugzeughalle arbeiten. Ich<br />

will ins Erwachsenenleben aufbrechen.


Rituale unterstützen bei<br />

der Kommunikation<br />

Familienrat: Lasst den Menschen<br />

ihre guten Ideen!<br />

Mit dem Familienrat und dem Nachbarschaftszirkel bietet die alsterdorf assistenz<br />

ost Verfahren an, die als sogenannte Conferencing-Verfahren auf lebensweltliche<br />

Ressourcen und Partizipation setzen. Beim Familienrat finden Familien<br />

gemeinsam mit ihrem Netzwerk aus Nachbar*innen, Freund*innen und Verwandten<br />

passende Lösungen für ihre Fragen. Ziel ist es, Familien zu stärken,<br />

ihre Selbsthilfepotenziale zu entfalten. Das Familienratsbüro im Bezirk Wandsbek<br />

koordiniert und begleitet unabhängig diese Verfahren.<br />

Seit 2017 betreibt die alsterdorf assistenz ost eines der Hamburger Familienratbüros<br />

im Bezirk Wandsbek. Mehr als 100 Familienräte hat das Büro seither<br />

koordiniert. Die Familienräte finden beispielsweise statt, wenn Eltern sich<br />

trennen und eine gemeinsame Verabredung bezüglich der gemeinsamen Kinder<br />

gebraucht wird. Andere Familien treffen in ihrem Familienrat Entscheidungen,<br />

zum Beispiel was den Lebensort des heranwachsenden Kindes angeht, das<br />

eine Beeinträchtigung hat. Eines haben alle Treffen gemeinsam: Sie sind immer<br />

am Willen und an den Ressourcen der Beteiligten orientiert. „Die Grundphilosophie<br />

des Familienrats (ist) identisch mit dem (…) Fachkonzept Sozialraumorientierung“<br />

(Hinte, 2018).


Lasst den Menschen ihre guten Ideen!<br />

Familienrat<br />

46 47<br />

Der Familienrat ist ein Verfahren der Entscheidungs- und Lösungsfindung, begleitet<br />

durch eine*n unabhängige*n Koordinator*in, der/die der Familie dabei<br />

hilft, dieses Zusammentreffen zu organisieren. Der Familienrat „gehört“ der<br />

Familie, und Profis aus dem Helfersystem sind gegebenenfalls als Gäste eingeladen,<br />

wenn die Familie das will oder es Anlass im Kinderschutz gibt. Herzstück<br />

des Verfahrens ist die private Familienzeit, In dieser Zeit erstellt die Familie einen<br />

Plan und trifft Entscheidungen. Den Familien gibt diese exklusive, private Zeit<br />

das klare Signal: Ihr könnt das, ihr schafft das, ihr habt es in der Hand!<br />

Am Ende eines Familienrats stehen immer Entscheidungen und Pläne, die vor<br />

allem durch zwei Aspekte glänzen:<br />

1. Sie sind reich an Ideen und Ressourcen aus der Lebenswelt.<br />

2. Sie erfreuen sich einer sehr hohen Akzeptanz und Identifikation, denn es<br />

sind die eigenen Ideen und Entscheidungen der Menschen, um die es geht.<br />

Der Familienrat ist sozialräumlich verankert, inklusiv, und steht allen Familien<br />

zur Verfügung. Insbesondere für die, die hoch belastet sind und ein Hilfesystem<br />

um sich haben, kann es hilfreich und entlastend wirken, vertraute und verwandte<br />

Menschen zu einem Familienrat einzuladen, um Pläne und Entscheidungen<br />

für die Zukunft zu entwickeln. Mögliche Hilfen, die daraus entstehen,<br />

sind passgenau und akzeptiert.<br />

Der Familienrat ist ein konsequent sozialräumliches Verfahren: Akteure aus der<br />

Lebenswelt kommen zusammen, und die Akteure bleiben „Eigentümer*innen“<br />

ihrer Angelegenheiten. Mögliche Profis oder Fachleute werden durch den<br />

Ablauf eines Familienrats motiviert sich zurückzuhalten, nach dem Motto: Klaut<br />

den Menschen ihre guten Ideen nicht!<br />

Es gibt verschiedene sogenannte Conferencing-Verfahren. Der Familienrat, der<br />

seine Ursprünge in Neuseeland hat, ist in Hamburg strukturell in der Hamburger<br />

Hilfelandschaft verankert, finanziert durch sozialräumliche Mittel der Stadt<br />

Hamburg.<br />

Neben dem Familienrat gibt es noch andere Conferencing-Verfahren, die auf<br />

ähnliche Weise Menschen zusammenbringen und mit Entscheidungskompetenzen<br />

ausstatten. Neu aufgebaut hat die alsterdorf assistenz ost in den letzten<br />

Jahren das Projekt Nachbarschaftszirkel. Nachbar*innen oder Mitbewohner*innen,<br />

die sich im Konflikt miteinander befinden, können sich dabei unterstützen<br />

lassen, wie sie in einem gemeinsamen Austausch Streitpunkte besprechen und<br />

Umgangsweisen entwickeln können. Der Nachbarschaftszirkel richtet sich an<br />

Menschen mit und ohne Behinderung und orientiert sich ebenfalls an den Prinzipien<br />

der Sozialraumorientierung.


Lebender Kolumnentitel<br />

Verkauf von Produkten<br />

aus der „sieben“ bei der<br />

Nacht der Kirchen<br />

alsterarbeit: Attraktive Standorte<br />

im Stadtteil<br />

Mit vielfältigen und attraktiven Angeboten in eigenen Betriebsstätten bietet<br />

alsterarbeit in Hamburg 25 Gewerke an – verteilt auf 20 Standorte.<br />

Ziel ist es, attraktive Arbeits-, Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für<br />

Menschen mit Behinderung / psychischen Erkrankungen in den Betriebsstätten<br />

und auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen. alsterarbeit bietet u.a.<br />

Arbeitsplätze, die durch die dezentralen Strukturen und mit den vielen kleineren<br />

Standorten mitten im Quartier sind.<br />

Dazu gehört zum Beispiel die „sieben“. In der Textil- und Siebdruckmanufaktur<br />

entstehen an individuellen Arbeitsplätzen eigene Produkte, die im Laden, auf<br />

Märkten oder Ständen, z. B. in der Rindermarkthalle, im Stadtteilgeschehen<br />

integriert, verkauft werden. Ein anderes Beispiel ist die Filzerei in einem kleinen<br />

Ladengeschäft in Poppenbüttel, in dem eigene Produkte verkauft und Filz-<br />

Workshops für Menschen aus dem Stadtteil angeboten werden.<br />

Der integrationsservice arbeit (isa) vermittelt in Betriebe des allgemeinen<br />

Arbeitsmarktes. isa arbeitet mit zwei Teams, einem Akquise-Team und mit<br />

Jobcoaches. Die Mitarbeiter*innen des Akquise-Teams beraten zu den Möglichkeiten<br />

der Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, akquirieren und<br />

vermitteln passende Arbeitsplätze, sind intern und extern eng vernetzt, beraten<br />

Unternehmen und organisieren Informationsveranstaltungen. Die Jobcoaches<br />

begleiten die Beschäftigten / Teilnehmer*innen auf den ausgelagerten Arbeitsplätzen<br />

und im Budget für Arbeit / Budget für Ausbildung.


Attraktive Standorte im Stadtteil<br />

alsterarbeit<br />

48 49<br />

Auf Basis der sozialrechtlichen Leistungsansprüche werden die Beschäftigten /<br />

Teilnehmer*innen darin unterstützt, personenzentriert und ressourcenorientiert<br />

ihre Ziele umzusetzen. Dies ist ein Prozess mit dem Ziel, die individuellen Potenziale<br />

und Ressourcen mit den Anforderungen des Jobs abzugleichen. Hier ist es<br />

selbstverständlich auch eigene Ressourcen sowie die im Umfeld und im Quartier<br />

einzubeziehen.<br />

Ein besonderes Beispiel ist die Kooperation mit dem Möbelunternehmen IKEA.<br />

Entstanden ist diese bereits 2014 durch den Kontakt der damaligen IKEA-Einrichtungsleitung<br />

und den Sozialraum-Akteur*innen der <strong>ESA</strong> in Altona. Inzwischen<br />

werden in allen drei Hamburger IKEA-Märkten die Bereiche Recovery und „<br />

Zweite-Chance-Markt“ durch alsterarbeit abgedeckt. Ein Team von 61 Beschäftigten,<br />

Teilnehmer*innen und Mitarbeiter*innen ist in diesen Bereichen tätig.<br />

Zukünftig wird alsterarbeit, vor allem durch den integrationsservice arbeit, noch<br />

stärker mit den Q8-Projektleitungen kooperieren. Durch die fallunspezifische<br />

Arbeit im Quartier können mehr Unternehmen und Akteur*innen erreicht werden.<br />

Somit steigen die Chancen der beruflichen Teilhabe und Arbeitsmöglichkeiten<br />

für Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen.<br />

Hafencity: „kleines b“<br />

bietet Kunst und<br />

Handwerk


Mit Geld anders umgehen<br />

»<br />

Wir unterstützen die sozialraumorientierte<br />

Weiterentwicklung der<br />

Eingliederungshilfe in<br />

Hamburg. Gemeinsam<br />

mit verschiedenen<br />

Trägern und dem Fachamt<br />

Eingliederungshilfe<br />

haben wir fachliche Leitplanken<br />

entwickelt:<br />

Damit sich Unterstützung<br />

für Menschen mit<br />

Behinderung konsequent<br />

an deren Willen orientiert,<br />

alle Stärken und<br />

Ressourcen einbezieht<br />

und die Menschen die<br />

passende Unterstützung<br />

trägerunabhängig<br />

entwickeln können.«<br />

Melanie Schlotzhauer,<br />

Sozialsenatorin Hamburg<br />

Trägerbudget: Mit Geld<br />

anders umgehen<br />

In Hamburg gibt es seit 2014 zwischen der Sozialbehörde und Trägern der Eingliederungshilfe,<br />

u.a. der <strong>ESA</strong>, zwei Rahmenvereinbarungen zur Umsetzung so<br />

genannter Trägerbudgets. Mittlerweile wurde ein drittes Trägerbudget für die<br />

Jahre <strong>2024</strong> bis 2028 vereinbart. Hamburg nimmt mit den Trägerbudgets bundesweit<br />

eine Vorreiterrolle bei der Gestaltung einer zeitgemäßen und an den<br />

Bedarfen der Menschen orientierten Eingliederungshilfe ein.<br />

In neuen Rahmenvereinbarungen mit der Sozialbehörde wurden schon 2003<br />

erste Ansätze entwickelt, finanzielle Mittel unabhängig vom Einzelfall einzusetzen<br />

– zum Beispiel für fallunspezifische Arbeit in den Treffpunkten. Darauf<br />

aufbauend handelten die <strong>ESA</strong> und weitere Träger einige Jahre später mit der<br />

Sozialbehörde einen sogenannten Sozialraumzuschlag aus, der zwischen 2010<br />

und 2013 von den Dienstleister*innen für die „Umsteuerung sozialer Dienstleistungen<br />

hin zu einem Mix aus professionellem und bürgerschaftlichem Engagement“<br />

eingesetzt wurde. Die <strong>ESA</strong> investierte diese Mittel weitgehend in ihre<br />

Quartierinitiative Q8.<br />

Der nächste Entwicklungsschritt: Aus den Gesprächen zum Budget des Projektes<br />

Qplus erwuchsen konkrete Verhandlungen mit der Hamburger Sozialbehörde<br />

zur Vereinbarung für ein umfassendes Trägerbudget für die <strong>ESA</strong>, das<br />

erstmalig 2014 bis 2018 umgesetzt wurde. Ein großer Schritt, die Finanzierungslogik<br />

grundlegend zu verändern, war damit vollzogen.<br />

Mit den Trägerbudgets wird eine sozialräumliche und personenzentrierte Weiterentwicklung<br />

der Eingliederungshilfe in Hamburg sichergestellt. Damit wird<br />

es Leistungserbringer*innen der Eingliederungshilfe ermöglicht, flexibler auf die<br />

individuellen Bedarfe von Menschen mit Behinderung zu reagieren und über<br />

Projekte innovative Elemente in die bestehenden Leistungsstrukturen zu integrieren.<br />

Das Finanzierungsinstrument der Trägerbudgets schafft für die Leistungserbringer*innen<br />

Planungssicherheit und erlaubt einen flexiblen Mitteleinsatz bei<br />

klaren Zielvorgaben. Ökonomische Fehlanreize, wonach ein steigender Hilfebedarf<br />

und hohe Fallzahlen höhere Erträge und sinkende Hilfebedarfe geringere<br />

Erträge generieren, werden weitgehend reduziert und Investitionen zur Unterstützung<br />

einer autonomen Lebensführung und zur Weiterentwicklung inklusiver,<br />

sozialräumlicher Lösungen ermöglicht. Gleichzeitig wird den individuellen<br />

Rechtsansprüchen der Leistungsberechtigten in vollem Umfang entsprochen.<br />

Außerdem werden diese an der Weiterentwicklung der Leistungen beteiligt.<br />

Zweck der Vereinbarungen ist es, Innovation zur Weiterentwicklung des Gesamtleistungssystems<br />

und zukunftsorientierte Handlungskonzepte zu ermöglichen,<br />

um Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung


Trägerbudget<br />

50 51<br />

im Sinne der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen weiter zu<br />

stärken. In den „Fachlichen Leitplanken in der sozialraumorientierten Eingliederungshilfe“<br />

haben die Parteien ihr gemeinsames und handlungsleitendes<br />

Grundverständnis dazu formuliert.<br />

Die Hamburger Sozialbehörde hat mit sieben Leistungserbringer*innen der Eingliederungshilfe<br />

für den Zeitraum von <strong>2024</strong> bis 2028 eine neue Rahmenvereinbarung<br />

über Trägerbudgets unterzeichnet, die Menschen mit Behinderung<br />

durch innovative Projekte ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen soll.<br />

Vertragspartnerinnen sind Sozialkontor gGmbH, Elbe-Werkstätten GmbH,<br />

Evangelische Stiftung Alsterdorf, f&w fördern und wohnen AöR, Leben mit<br />

Behinderung Hamburg Sozialeinrichtungen gGmbH, auxiliar GmbH der Stiftung<br />

Freundeskreis und Das Rauhe Haus.<br />

Leitplanken<br />

Unsere fachlichen Leitplanken in der sozialraumorientierten<br />

Eingliederungshilfe<br />

(1) Die immer wieder vorzunehmende Erkundung und Formulierung des Willens des<br />

Menschen sind unsere Grundlage und Ausgangspunkt für die Leistungen.<br />

(2) Persönliche, lebensweltliche und sozialräumliche Ressourcen sind Basis für die zu<br />

entwickelnde Unterstützung.<br />

(3) In allen Phasen des Unterstützungsprozesses sind die Leistungsberechtigten<br />

handelnde Person.<br />

(4) Selbsthilfepotenziale, professionelle und nicht-professionelle Ressourcen des<br />

sozialen Umfeldes werden erkundet und systematisch kombiniert.<br />

(5) Wir entwickeln am Willen des Menschen orientierte, Sozialgesetzbuch-übergreifende<br />

Lösungen. Neben den persönlichen, lebensweltlichen und sozialräumlichen Ressourcen<br />

ist eine evtl. erfolgende Leistungsbewilligung ein Baustein für die Entwicklung<br />

des Unterstützungsmix.<br />

(6) Die Beratung geschieht trägerübergreifend und ergebnisoffen.<br />

(7) Im Rahmen unseres Auftrags tragen wir Verantwortung dafür, dass verschiedene<br />

Unterstützungsformen zu einem Gesamtarrangement verbunden und aufeinander<br />

abgestimmt werden können.


Leben nach der eigenen<br />

Art: Stärken in den Blick<br />

nehmen<br />

Trägerübergreifendes Modellprojekt:<br />

„Leben wie ich will“<br />

Seit Herbst 2021 erproben fünf Träger in der Hamburgischen Eingliederungshilfe<br />

mit der Sozialbehörde und dem Fachamt Eingliederungshilfe im Vorfeld der gesetzlichen<br />

Leistungserbringung mit dem Modellprojekt „Leben wie ich will“ die systematische<br />

Umsetzung eines trägerübergreifenden sozialraumorientierten Ansatzes.<br />

Den eigenen Weg finden und gehen<br />

Die vier Berater*innen des Teilhabe-Teams des Hamburger Modellprojektes<br />

„Leben wie ich will“ begleiten Menschen, die aufgrund einer Behinderung oder<br />

psychischen Erkrankung Unterstützung suchen. Seit zwei Jahren sind die Berater*innen<br />

in Barmbek und Umgebung ansprechbar. Meist geht es um Themen,<br />

wie die Wohnsituation zu verändern, oder eine (andere) Arbeit oder Beschäftigung<br />

zu finden. Häufig werden auch Konflikte im sozialen Umfeld, in der Nachbarschaft<br />

oder Familie angesprochen.<br />

Das Ziel: Menschen mit Beeinträchtigung leben nach ihren Vorstellungen im<br />

Stadtteil und finden die passende Unterstützung dafür. Im Modellprojekt<br />

arbeiten Dienstleistungserbringer*innen der Eingliederungshilfe, die Sozialbehörde<br />

und das Fachamt für Eingliederungshilfe zusammen. Sie wollen die<br />

Eingliederungshilfe und die eigenen Einrichtungen sozialraumorientiert weiterentwickeln.<br />

Das heißt: Unterstützung konsequent am Willen der Menschen<br />

orientieren mit einem weiten Blick auf alle möglichen Stärken und Ressourcen<br />

des Menschen und seines Umfeldes. Sie tragen dazu bei, dass Menschen ihre<br />

passenden Unterstützungssettings entwickeln können. Die Lösungen sind<br />

unabhängig von einzelnen Trägern. Das Angebot ist kostenfrei.<br />

Gerade die individuelle Beratung, der Blick auf alle möglichen Ressourcen des<br />

Menschen und seines Umfeldes und die trägerübergreifende Arbeit ist für die<br />

Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen e.V. (LAG)<br />

wichtig. Vorstandsmitglied Kerrin Stumpf: „Das Modellprojekt ‚Leben wie ich<br />

will‘ betont, dass jeder Mensch erstmal für sich entscheiden möchte. Es richtet<br />

den Blick auf die Stärken des Menschen und seines Umfelds. Das gilt für alle<br />

und unabhängig von den Einschränkungen.“


„Leben wie ich will“<br />

Modellprojekt<br />

52 53<br />

Zwei Beispiele: Arbeiten mit Sinn und Perspektivwechsel<br />

Florian Dieckhoff ist zufrieden mit seiner Wohnsituation. Er lebt in einer Wohngemeinschaft<br />

mit Assistenz. Nur eins gefällt ihm weniger: „Meine Arbeit frustriert mich.<br />

Ich will eine andere haben, weiß aber nicht welche und wo ich eine Chance habe.“<br />

In Gesprächen mit Beraterin Antje Nötzel hat Florian Dieckhoff herausgefunden,<br />

was ihm wichtig ist und wo seine Stärken sind. „Ich will wissen, ob ich mit Kindern<br />

arbeiten kann. Ob mir das Spaß bringt, ob ich das kann und was ich einer Kita<br />

geben kann.“ Der 22-Jährige ist Rollstuhlfahrer, seine Sprache ist für andere nicht<br />

immer gut zu verstehen, er ist in seinen Bewegungen beeinträchtigt. Wie kann er<br />

mit seinen Stärken in Hamburg einen passenden Arbeitsplatz finden? Wer kann<br />

ihn weiter begleiten?<br />

Die Berater*innen vom Teilhabe-Team kennen sich aus mit solchen Fragen: Mittlerweile<br />

haben 212 Personen bei ihnen angefragt. In über der Hälfte der Fälle ergibt<br />

sich eine Beratung oder längere Begleitung. Sie nehmen sich Zeit, hören zu und<br />

unterstützen individuell, damit die Menschen so leben können, wie sie es wollen.<br />

Florian Dieckhoff hat seinen Weg erfolgreich erkundet: Unterstützt von „Leben<br />

wie ich will“ und weiteren Akteuren aus dem Quartier hat er ein Praktikumsplatz<br />

in einer Kita gefunden. Schließlich kann er nach einer Hospitation in Barmbek eine<br />

Weiterbildung zum Kita-Helfer anfangen.<br />

Noch am Anfang der Beratung steht Annette Heilmann. Sie fragt sich, wo und<br />

wie ihre Tochter Margarita in Zukunft leben kann. Zurzeit wohnt sie in einer Einrichtung<br />

für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Jetzt stehen die Eltern vor<br />

einem typischen Problem: Werden die Kinder erwachsen, ist die Einrichtung nicht<br />

mehr zuständig. Gerade für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, wie bei<br />

Frau Heilmanns 18-jähriger Tochter, bedeutet dies eine aufwändige und anstrengende<br />

Suche, die die Eltern oft verzweifeln lässt. „Wir haben als Eltern gelernt, in<br />

erster Linie die Defizite zu benennen, damit es möglichst viel Unterstützung gibt.<br />

Zugleich wollen wir unsere Tochter und ihre Bedürfnisse ernst nehmen, auch wenn<br />

es nicht immer einfach ist herauszufinden, was ihr gefällt und was sie will.“ Allein<br />

dieser Perspektivwechsel habe motiviert und auch Ängste genommen. „Ich fühle<br />

mich nicht mehr allein. Wir haben jetzt Menschen an der Seite, die uns begleiten,<br />

die mit überlegen, wie kreative Lösungen aussehen könnten und mit Kontakten<br />

helfen.“ Die Herangehensweise von „Leben wie ich will“ schließt eine Lücke:<br />

Sie hilft, die verschiedenen Ressourcen bestmöglich zu nutzen und zu kombinieren.<br />

Ziel des Modellprojektes ist es, gemeinsam zu erkunden, unter welchen strukturellen<br />

und personellen Bedingungen die Leitplanken am besten umgesetzt werden<br />

können und wie es gelingt, Ressourcen (vorhandene Stärken) im Sinne der Menschen<br />

passgenau zu verknüpfen.<br />

Das Modellprojekt ist eine Gemeinschafts-Initiative aus der Hamburger Eingliederungshilfe:<br />

Dabei sind das Sozialkontor, die Evangelische Stiftung Alsterdorf,<br />

fördern & wohnen, Leben mit Behinderung, das Rauhe Haus, gemeinsam mit der<br />

Hamburger Sozialbehörde und dem Fachamt Eingliederungshilfe. Finanziert wird<br />

das Modellprojekt im Rahmen des Hamburger Trägerbudgets und durch die<br />

Heinrich-Leszczynski-Stiftung.


Impressum und Kontakt<br />

Impressum<br />

Herausgeberin:<br />

Evangelische Stiftung Alsterdorf<br />

Verantwortlich Stefani Burmeister<br />

www.alsterdorf.de<br />

Konzept:<br />

Hanne Stiefvater,<br />

Thomas Schulze<br />

Redaktion:<br />

Stefani Burmeister,<br />

Karen Haubenreisser, Armin Oertel,<br />

Thomas Schulze, Janosch Schweizer,<br />

Hanne Stiefvater<br />

Fotos:<br />

Babette Brandenburg/Axel Nordmeier (S. 42)<br />

Babette Brandenburg (S. 8)<br />

Lea Gies (S. 25)<br />

Heike Günther (S. 1, 6, 26, 27, 30, 31, 32,<br />

33, 34, 37, 43, 52)<br />

Axel Nordmeier (S.18, 44)<br />

Sascha Ornot (S. 46)<br />

Philipp Reiss (S. 24)<br />

Kathi Wegner (S. 24)<br />

Gestaltung:<br />

Andrea Lühr<br />

www.alsterdorf-assistenz-ost.de<br />

www.alsterdorf-assistenz-west.de<br />

www.alsterarbeit.de<br />

www.q-acht.net<br />

August <strong>2024</strong>


www.alsterdorf.de<br />

www.alsterdorf-assistenz-ost.de<br />

www.alsterdorf-assistenz-west.de<br />

www.alsterarbeit.de<br />

www.q-acht.net

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