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JAZZTHETIK 283 – Juli / August 2018

Das Magazin für Jazz und Anderes

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07/08<br />

18<br />

<strong>Juli</strong>/Aug. 32. Jahr<br />

Ausgabe <strong>283</strong><br />

8,20 Euro 8,82 CHF H6139E<br />

STEFANO BOLLANI<br />

DE-PHAZZ<br />

CHARLES LLOYD<br />

KATHRIN-PREIS<br />

THOMAS QUASTHOFF<br />

TOM IBARRA<br />

ROLF KÜHN<br />

KATHRIN PECHLOF<br />

CECIL TAYLOR<br />

NIGEL KENNEDY<br />

HOLGER CZUKAY<br />

MARC RIBOT CERAMIC DOG<br />

E.S.T.<br />

BRIAN ENO<br />

STEVE TIBBETTS


Inhalt 07/08<br />

© Carl Hyde<br />

100<br />

52<br />

© Liisa Taul<br />

8 Alt, aber neu. Trompeter Martti Vesala<br />

führt große Traditionen fort. Jan Kobrzinowskis<br />

Blick zurück.<br />

10 Unbestuhlt. In London spielt die junge<br />

schwarze Szene Jazz für Clubgeher.<br />

Christoph Wagner haut’s aus dem Sessel.<br />

12 Nicht die reine Lehre. Florian Pellissier<br />

und die vielen Hochzeiten. Rolf Thomas<br />

fängt den Brautstrauß.<br />

14 Perfekte Synthese. Paulo Morello, zwei<br />

Gitarren und ein 7:1. Thomas Kölsch<br />

hört Sambop.<br />

16 Zehn Jahre danach. Ein Livealbum von<br />

e.s.t. erinnert an Esbjörn Svensson.<br />

Zeitreise mit Wolf Kampmann.<br />

18 Glück auf! Pit Baumgartner und<br />

De-Phazz schürfen seltene Töne. Mit<br />

Thomas Kölsch im Lounge-Bergwerk.<br />

20 Spektralanalyse. Pianist Volker Engelberth<br />

vertont den Farbenkreis. Andreas Collet<br />

hört rot.<br />

22 Weltbürgerin. Dalia Faitelson und die Liebe<br />

zum Leben. Rolf Thomas nutzt den Tag.<br />

24 Der letzte Mohikaner. Charles Lloyd<br />

sucht mit 80 weiter die Wahrheit. Jan<br />

Kobrzinowski wird spirituell.<br />

26 Ganz ohne Engelshaar. Harfenistin<br />

Kathrin Pechlof schafft neue Freiräume<br />

für ihr Instrument. Hans-Jürgen Linke<br />

auf Harfenrundfahrt.<br />

30 Mal wieder brasilianisch. Mit Stefano<br />

Bollani wird’s nie langweilig. Thomas<br />

Kölsch hat Lust auf mehr.<br />

32 Unscharf. Nicola Conte und seine<br />

musikalische Puzzlearbeit. Stefan Hentz<br />

sucht die Teile zusammen.<br />

34 Schluurb! Schon beim Öffnen des CD-<br />

Laufwerks hat der Cyrus CDi bei Peter<br />

Steinfadt gewonnen.<br />

35 Treffen sich zwei Drummer. Das ungewöhnliche<br />

Duo Schulkowsky & Baron.<br />

Holger Pauler hört Melodien.<br />

36 Absahner. Nachwuchsgitarrist Tom<br />

Ibarra sammelt weiter Preise. Ausgezeichnet,<br />

findet Angela Ballhorn.<br />

40 Mit Männern. Caroline Thons Eurasians<br />

Unity ist eine undogmatische Frauenband.<br />

Lockeres Gendern mit Ulrike Proske.<br />

42 Magische Orte. Steve Tibbetts lässt seine<br />

Musik in tiefen Zügen atmen. Stefan<br />

Pieper verstreicht die Zeit.<br />

44 Neues Stipendium. Der Kathrin-Preis<br />

unterstützt den Jazz-Nachwuchs. Vorgestellt<br />

von Hans-Jürgen Linke.<br />

46 Totenmesse. Initiative H spielt ein<br />

Requiem für die Erde. Victoriah Szirmai<br />

hört Hoffnung.<br />

48 Kein Stillstand. Rolf Kühn bleibt neugierig,<br />

auch mit fast 90. Ulrike Proske über<br />

einen Grandseigneur.<br />

50 Ohne Wenn und Aber. Cecil Taylor<br />

ging es um die absolute Freiheit. (K)ein<br />

Nachruf von Wolf Kampmann.<br />

51 Herztöne. Caroline Davis und die Inspiration<br />

beim Kardiologen. Erhöhter Puls<br />

bei Hans-Jürgen Schaal.<br />

52 Changierend. Für Nigel Kennedy kann<br />

die Rhapsody in Blue auch mal rot sein.<br />

Farbenlehre mit Hans-Jürgen Linke.<br />

54 Ein Euro Einsatz. Ohne Wetten gäb’s den<br />

Club des Belugas nicht. Thomas Bugert<br />

und der Wal-Verein.<br />

56 Alle zehn Jahre. Bei Nils Wogram hat<br />

mal wieder die NDR Bigband angefragt.<br />

Augenzwinkern mit Harry Schmidt.<br />

58 Schwarzer Zorn. Die wütende Poesie<br />

von David Murray und Saul Williams.<br />

Politisiert: Jan Kobrzinowski.<br />

60 Härter rocken! Marc Ribot und der<br />

Kampf gegen den Elefanten. Wolf Kampmann<br />

über Musik in Zeiten des Trump.<br />

62 Freigeist. Saxofonist Maxime Bender<br />

startet in den universellen Himmel.<br />

Aufblickend: Stefan Pieper.<br />

64 Letzter Vorhang. Holger Czukay wird<br />

mit einer Retrospektive geehrt. Mit Olaf<br />

Maikopf im Cinema.<br />

66 Konstruktionsfehler. Der ECHO ist<br />

seinen immanenten Mängeln zum Opfer<br />

gefallen. Hans-Jürgen Linke über nötige<br />

Konsequenzen.<br />

67 Nett und leicht. Thomas Quasthoff will,<br />

dass seine Zuhörer Spaß haben. Ralf<br />

Dombrowski hat Spaß.<br />

68 Klänge einer Ausstellung. Brian Eno<br />

bringt Sounds und Farben zum Schweben.<br />

Hypnotisiert: Olaf Maikopf.<br />

70 Nicht nur Musik. Das FEMUA ist ein<br />

Festival mit Botschaft. Aus Abidjan:<br />

Martina Zimmermann.<br />

4 Megaphon<br />

63 Time Tunnel<br />

69 Abo<br />

72 Tonspuren<br />

91 Hörbucht<br />

92 Live<br />

102 Termine<br />

106 London<br />

108 Impressum<br />

110 Zitat<br />

links: Nigel Kennedy / rechts: Jazziaken (Jazzkaar-Festival) Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 3


Megaphon<br />

Von Jan Kobrzinowski<br />

Sommerloch? Keineswegs.<br />

Denn: Ob Inselhopping, Jazz in<br />

Kombination mit edlen Genüssen,<br />

innovative Sounds in urigem<br />

Ambiente oder Jazzgenuss am<br />

Entstehungsort der Hochdruckwetterlage<br />

<strong>–</strong> nichts ist unmöglich.<br />

Die Qual der Wahl hat,<br />

wem Urlaub in Verbindung mit<br />

Festivalgenuss vorschwebt. Und,<br />

liebe Leserinnen und Leser, wem<br />

soll, angesichts von dräuendem<br />

Populismus, Pestilenz und<br />

Teuerung, Verfall des Sprachgebrauchs<br />

bei diesem und weiterem<br />

Ungemach das schlechte<br />

Leben eigentlich nützen?<br />

Errata:<br />

Der Fehlerteufel hat in der<br />

Kolumne „Szirmais Fermaten“ im<br />

letzten Heft zugeschlagen und<br />

der CD Faces in Places von Timo<br />

Vollbrecht ein falsches Cover<br />

untergejubelt. Wir bitten um<br />

Verzeihung!<br />

Untröstlich sind wir auch, dass<br />

wir bei unserem Feature über<br />

Makiko Hirabayashi im selben<br />

Heft versäumt haben zu erwähnen,<br />

wer die Urheberin des<br />

exzellenten Fotos der Künstlerin<br />

ist: 1000 Mal „Sorry“ an die Fotografin<br />

Karolina Zapolska.<br />

Herbie Hancock ist einer der<br />

vier neuen Ehrendoktoren im<br />

New England Conservatory.<br />

Der legendäre Pianist nahm<br />

seine Doktorwürde bei der 147.<br />

Commencement Ceremony in<br />

der Jordan Hall des ehrwürdigen<br />

Konservatoriums entgegen.<br />

An Auszeichnungen gewöhnt ist<br />

auch Toshiko Akiyoshi. Sie wird<br />

im Oktober den BNY Mellon Jazz<br />

<strong>2018</strong> Living Legacy Award in Washington<br />

erhalten. Die 14-fach<br />

Grammy-nominierte Pianistin<br />

und Komponistin gewann bereits<br />

zahlreiche internationale Preise<br />

und Wettbewerbe.<br />

1) Den SWR Jazzpreis <strong>2018</strong><br />

bekommt Sebastian Gille, der<br />

„dem Jazz eine neue richtungsweisende<br />

Saxofonsprache<br />

hinzufügt“ (Laudatio). Der vom<br />

SWR und dem Land Rheinland-<br />

Pfalz gestiftete Preis wird ihm<br />

am 15.10. bei Enjoy Jazz in<br />

Ludwigshafen im Rahmen des<br />

Preisträgerkonzerts überreicht.<br />

Der Jazz-Award in Gold,<br />

vergeben vom Bundesverband<br />

der deutschen Musikindustrie,<br />

geht an Quadro Nuevo und<br />

Cairo Steps für ihr gemeinsames<br />

Projekt Flying Carpet. Stellvertretend<br />

für die ägyptischen Musiker<br />

nahm Kulturministerin Ines<br />

Abdel Dayem den Preis aus der<br />

Hand von Georg Löffler (GLM)<br />

entgegen.<br />

Die Juroren haben Till Brönner<br />

zum Ehrenpreisträger <strong>2018</strong> der<br />

Deutschen Schallplattenkritik<br />

gekürt. Ihm wurde die Ehrenurkunde<br />

im Rahmen des „Quartetts<br />

der Kritiker“ auf der Münchner<br />

Messe High End verliehen.<br />

Der Posaunist Florian Weiss<br />

gewinnt den ZKB Jazzpreis <strong>2018</strong>.<br />

Seine Band Woodoism nahm<br />

15.000 Schweizer Franken mit<br />

nach Hause. Seit 15 Jahren verleiht<br />

die Zürcher Kantonalbank<br />

den Preis an junge innovative<br />

Schweizer Bands und fördert so<br />

die Vielfalt der Szene.<br />

2) Die Schweiz feiert Irène<br />

Schweizer. Den Grand Prix<br />

Musik <strong>2018</strong>, mit 100.000 Franken<br />

höchstdotierter Preis des<br />

Landes, verleiht der Schweizer<br />

Bundesrat zum ersten Mal einer<br />

Jazzmusikerin, noch dazu einer<br />

wichtigen Impulsgeberin des<br />

europäischen Free Jazz. Zuvor<br />

hatte sie den Großen Kulturpreis<br />

des Kantons Zürich erhalten.<br />

Doppelter Glückwunsch!<br />

1<br />

Und noch einmal Schweiz: Der<br />

Swiss Jazz Award wurde Franco<br />

Ambrosetti für sein Lebenswerk<br />

verliehen. Der Tessiner Trompeter<br />

hat nicht nur europäische Jazzgeschichte<br />

geschrieben, sondern<br />

unlängst auch seine sehr lesenswerte<br />

Lebensgeschichte Zwei<br />

Karrieren <strong>–</strong> ein Klang vorgelegt.<br />

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3) Jazzsommer im Bayerischen<br />

Hof. Gewohnt<br />

edel und abwechslungsreich<br />

geht es vom 23. bis 28.7. im<br />

Festsaal und Night Club des<br />

Luxus-Hotels im Herzen<br />

Münchens zu. Zwei Ikonen<br />

Nord- und Südamerikas, Bill<br />

Frisell und João Bosco,<br />

Soul-Jazz mit Incognito und<br />

Funk-Bass satt mit Nik West,<br />

Manou Gallo sowie der Legende<br />

Stanley Clarke stehen auf dem<br />

Programm. Dazu Premiumkino<br />

mit besonderen Musikdokus und<br />

eine Fotoausstellung.<br />

www.bayerischerhof.de<br />

powered by<br />

Rivertone <strong>–</strong> Jazz in<br />

Straubing <strong>2018</strong>. Vom 20.<br />

bis 22.7 tritt das neue<br />

Festival Rivertone die Nachfolge<br />

des Bluetone im Festivalzelt an.<br />

Mit u.a. Manu Katché, Till<br />

Brönner, Lily Dahab, Tribute to<br />

Gotan Project, Minino Garay &<br />

Baptiste Trotignon geht man es<br />

in der Donaustadt jazziger und<br />

weltmusikalischer als in den<br />

Vorjahren an.<br />

www.rivertone.de<br />

Der IB.SH-JazzAward <strong>2018</strong> geht<br />

an den Hamburger Gitarristen David<br />

Grabowski. Die Investitionsbank<br />

Schleswig-Holstein stiftet<br />

den Geldpreis in Höhe von 3.000<br />

Euro und würdigt damit die Arbeit<br />

und das künstlerische Potenzial<br />

junger und vielversprechender<br />

deutscher JazzmusikerInnen.<br />

© Francesca Pfeffer<br />

Sebastian Gille Irène Schweizer Nik West<br />

Hochnotpeinlich. Pori Jazz zieht<br />

die Konsequenzen: Festivalchef<br />

Aki Ruotsala hatte in offiziellen<br />

Verlautbarungen Homosexuelle<br />

mit Kranken und Drogensüchtigen<br />

auf eine Stufe gestellt. Man<br />

fürchtete zu Recht um den Ruf<br />

eines der größten Festivals in<br />

Europa und feuerte den christlichen<br />

Fundamentalisten.<br />

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4) 25. Jazz Open.<br />

Stuttgart und Ludwigsburg<br />

trumpfen auf: Vom<br />

12. bis 22.7. spielt die Creme des<br />

internationalen Jazz und Pop.<br />

Mit Pat Metheny, Stanley Clarke,<br />

Jamie Cullum, Marcus Miller, Till<br />

Brönner, Gregory Porter,<br />

Christian McBride, Meshell<br />

Ndegeocello, Lenny Kravitz,<br />

Fanta Vier, Michael Wollny, Rolf<br />

& Joachim Kühn, Jason Moran,<br />

GoGo Penguin, Echoes of Swing,<br />

Wolfgang Dauner u.v.a.m.<br />

www.jazzopen.com<br />

powered by<br />

2<br />

3<br />

5) Flux Festival<br />

<strong>–</strong> Contemporary<br />

Electro-Acoustic Music<br />

from Berlin. Die Werkschau<br />

zeitgenössischer elektro-akustischer<br />

Musik vom 13. bis 19.8. im<br />

Spektrum Berlin-Kreuzberg/<br />

Neukölln präsentiert die<br />

Arbeitsweisen sowie neue<br />

Arbeiten und Projekte in Berlin<br />

lebender und/oder arbeitender<br />

experimenteller Komponisten.<br />

www.zangimusic.wordpress.com/<br />

festivals-events<br />

Charles Neville ist im April mit 79<br />

Jahren gestorben. „Du wirst immer<br />

in meinem Herzen und meiner<br />

Seele sein, wie ein Tattoo“,<br />

so Bruder Aaron, dessen Stimme<br />

4 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Megaphon<br />

5<br />

© Evelina Petrova<br />

© Maarit Kytöharju<br />

© Hans Kumpf<br />

8 10<br />

© Jacob Blickenstaff<br />

© Michael<br />

Kuchinke Hofer<br />

4 6<br />

7 9<br />

Meshell Ndegeocello<br />

Jazz Open<br />

Korhan Erel<br />

Flux Festival<br />

„Misha“ Alperin<br />

Kalle Kalima<br />

Saalfelden<br />

Ali Haurand<br />

Jazzmeia Horn<br />

AngraJazz<br />

Wadada Leo Smith<br />

Jazzfestival Leibnitz<br />

den Sound der Neville Brothers<br />

genau wie Charles’ Saxofon so<br />

unverkennbar prägte.<br />

6) Michail Jefimowitsch „Misha“<br />

Alperin ist am 11.5. im Alter von<br />

61 Jahren in Oslo gestorben. Er<br />

wuchs in Bessarabien auf und<br />

studierte klassisches Piano,<br />

bevor er ECM- und Jaro-Künstler<br />

wurde. Er arbeitete an der Verbindung<br />

von Jazz, Klassik, Ballett<br />

und Folk und komponierte auch<br />

für Kinderchor und Kammerorchester.<br />

powered by<br />

7) 39. Internationales<br />

Jazzfestival Saalfelden.<br />

Aus dem innovativen<br />

Programm ragen Marc Ribot,<br />

Elliott Sharp, Shake Stew,<br />

Paier-Valcic Quartet, Kuu! mit<br />

Kalle Kalima & Christian Lillinger,<br />

Ulrich Drechsler Liminal Zone<br />

und Raoul Björkenheim als<br />

bekannte Größen heraus. Es<br />

bleibt spannend, wer sich hinter<br />

jungen Namen wie Chamber 4,<br />

Schmied’s Puls, Hofmaninger/<br />

Schwarz, Orges & The Ockus-<br />

Rockus Band, El Flecha Negra<br />

oder gar Little Rosies Kindergarten<br />

verbirgt.<br />

www.jazzsaalfelden.com<br />

8) Ali Haurand ist am 28.5. mit 74<br />

Jahren gestorben. Jahrzehntelang<br />

war der gelernte Konditor<br />

und studierte Kontrabassist<br />

Alfred Josef Antonius Haurand<br />

in der europäischen Jazzszene<br />

präsent, u.a. als Bandleader des<br />

European Jazz Sextet. Ali war<br />

in den 70ern Wegbereiter des<br />

Moers Festivals und gründete<br />

das Viersener Festival.<br />

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9) 20. AngraJazz <strong>–</strong> Festival<br />

Internacional de<br />

Jazz. In Angra do<br />

Heroísmo, auf der kleinen<br />

Azoren-Insel Ilha Terceira, gibt<br />

es vom 3. bis 6.10. Jazz mitten<br />

im Atlantik. Außer den<br />

Hauptacts AngraJazz Orchestra,<br />

Gonzalo Rubalcaba Trio,<br />

Andy Sheppard Quartet, Billy<br />

Childs und Jazzmeia Horn bietet<br />

Angra noch Jazz na rua<br />

(Straßengigs) mit lokalen und<br />

portugiesischen Bands.<br />

www.angrajazz.com<br />

Die Union Deutscher Jazzmusiker<br />

(UDJ) hat im Rahmen<br />

der jazzahead! die Saxofonistin<br />

und Komponistin Christina<br />

Fuchs in ihren Vorstand gewählt.<br />

Sie wurde Nachfolgerin<br />

von Silke Eberhard.<br />

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10) Das Festival im<br />

österreichischen<br />

Leibnitz will den<br />

Besucherrekord vom letzten<br />

Jahr toppen. Vom 27. bis 30.9.<br />

werden Jazz und Wein serviert,<br />

u.a. mit Wadada Leo Smiths<br />

Great Lakes Quartet, Marialy<br />

Pacheco & Omar Sosa, Daniel<br />

Herskedal & Marius Neset,<br />

Gabriele Mirabassi und The<br />

Kandinsky Effect. Eröffnen wird<br />

das heimische Synesthetic Octet.<br />

www.jazzfestivalleibnitz.at<br />

Mit biblischen 95 Jahren<br />

verstarb die leidenschaftliche<br />

Jazzliebhaberin und politische<br />

Aktivistin Lorraine Gordon. Bis<br />

zuletzt war sie Betreiberin des<br />

legendären Village Vanguard,<br />

das sie von ihrem Mann Max<br />

Gordon übernommen hatte.<br />

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24. Festival Mallorca<br />

Jazz Sa Pobla. Seit<br />

Jahren versammeln sich<br />

im <strong>August</strong> Einheimische und<br />

Inselbesucher auf dem<br />

Marktplatz der mallorquinischen<br />

Kleinstadt Sa Pobla zum Jazz.<br />

Vom 30.7. bis 22.8. spielen Cécile<br />

McLorin Salvant, Trempera!<br />

Quintet, Enrico Rava New<br />

Quartet und das Mallorca Jazz<br />

Collective. Dazu: Seminare und<br />

Meisterklassen.<br />

www.sapobla.cat/index.php/<br />

que-fer/festival-de-jazz<br />

powered by<br />

Jazz goes Föhr. „Jazz<br />

auf der Insel“ können<br />

auch die Norddeutschen:<br />

Vom 22. bis 27.7. wird die<br />

Insel zum Urlaubstipp für<br />

Jazzfans. Mit Markus Schieferdecker<br />

Trio, Bodek Janke<br />

Quartet, Paul Heller-Jasper van‘t<br />

Hof Group, <strong>Juli</strong>an & Roman<br />

Wasserfuhr Organ Trio feat.<br />

Martin Scales, Torsten Goods &<br />

Band. Danach Jamsessions mit<br />

Meerblick im Café Aquamarin.<br />

www.foehr.de/jazzgoesfoehr<br />

Deutschland braucht APPLAUS!<br />

Die Bundeskonferenz Jazz und<br />

andere Musikverbände warnen<br />

zu Recht vor der Reduzierung<br />

des Etats für den Spielstätten-<br />

Programmpreis Applaus um<br />

die Hälfte. Der Preis ist immens<br />

wichtig zur Belebung der Live-<br />

Musiklandschaft. Die Bewerbungsphase<br />

für den diesjährigen<br />

Preis läuft.<br />

Den BMW Welt Jazz Award<br />

<strong>2018</strong> unter dem diesjährigen<br />

Motto „Jazz moves“ gewann<br />

das Trio LBT. „Es ist verblüffend,<br />

wie stimmig sich bei ihnen<br />

Jazzimprovisationen selbst in<br />

filigraner, akustischer Form mit<br />

Techno zusammenfügen“, so<br />

die Fachjury. Im kommenden<br />

Jahr steht der Preis unter dem<br />

Motto „Saxofon Worlds“.<br />

powered by<br />

11) Die Remise<br />

Wälderbähnle in Bezau<br />

nahe Bregenz/AT dient<br />

vom 9. bis 11.8. den Bezau Beatz<br />

als Hauptbühne. Beatz-Kopf<br />

Alfred Vogel zeigt keine<br />

Anzeichen von Routine, sondern<br />

bleibt innovativ, unberechenbar<br />

und abenteuerlich. Mit Jim Hart’s<br />

Cloudmakers Trio, Paal<br />

Nilsen-Love’s Large Unit, Aki<br />

Takase & DJ Illvibe u.v.a.m.<br />

www.bezaubeatz.at<br />

Wir gratulieren den Gewinnern<br />

der 22. Jazz Journalists<br />

Association <strong>2018</strong> Jazz Awards.<br />

Die Awards feiern diesmal<br />

besonders die weibliche<br />

Kreativität: Patricia Willard für<br />

„Lifetime Achievement in Jazz<br />

Journalism“ sowie die Musikerinnen<br />

Jane Ira Bloom, Anat<br />

Cohen, Mary Halvorson, Nicole<br />

Mitchell, Linda May Han Oh,<br />

Cecile McLorin Salvant, Jazzmeia<br />

Horn und Maria Schneider. Fred<br />

Hersch wurde als Pianist des<br />

Jahres und Autor des Buchs des<br />

Jahres, Good Things Happen<br />

Slowly (s. Buchtipp in diesem<br />

Heft), ausgezeichnet. Weitere<br />

Gewinner: Benny Golson, Tom<br />

6 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


© Nadja Höhfeld<br />

12 14 16<br />

11 13 15<br />

© Ueli Frey<br />

© Hans Kumpf<br />

DJ Illvibe<br />

Bezau Beatz<br />

Melissa Pinto Quartet<br />

Jazz Against the Machine<br />

Kassé Mady Diabaté<br />

Jon Hiseman Dieter Schnebel Knorpelfische<br />

Harrell, Chris Potter, Miguel<br />

Zenon, Vijay Iyer, Dr. Lonnie<br />

Smith u.a.<br />

www.jjajazzawards.org<br />

Ein Offener Brief von David<br />

Friedman, viele Jahre UdK-<br />

Professor am Jazzinstitut<br />

Berlin, kritisiert den immer noch<br />

eklatanten Mangel an lehrenden<br />

Jazzinstrumentalistinnen<br />

an deutschen Hochschulen. Er<br />

könne „einen großen Anstieg<br />

der Anzahl der Frauen im Jazz<br />

feststellen, die die Entwicklung<br />

dieser Musik maßgeblich<br />

geprägt haben.“ Man habe die<br />

„Verantwortung, eine motivierende<br />

Message an unsere<br />

jungen Kolleginnen weiterzugeben<br />

und ihnen nicht das Gefühl<br />

zu vermitteln, dass sie trotz ihres<br />

Engagements und ihrer Hingabe<br />

und der Liebe zu dieser Musik<br />

sich nur darauf freuen können,<br />

schon am Anfang ihrer Karriere<br />

nicht ernst genommen und<br />

ausgeklammert zu werden.“ Wir<br />

zitieren hier ausschnittweise<br />

seine in Teilen sicher begrüßenswerte<br />

Initiative und stellen<br />

sie zur Diskussion.<br />

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12) Jazz Against the<br />

Machine geht in die<br />

nächste Runde! Vom 3.<br />

bis 5.7. bringt JATM wieder jede<br />

Menge Musik von Studierenden<br />

der Abteilung Jazz/Pop der<br />

Kölner Hochschule für Musik<br />

und Tanz auf die Bühne des<br />

Artheaters in Köln.<br />

www.jatm.de<br />

Das Frankfurter Jazzstipendium<br />

<strong>2018</strong> geht an Maximilian<br />

Shaikh-Yousef. Kulturdezernentin<br />

Dr. Ina Hartwig vergab das<br />

Stipendium von 10.000 Euro an<br />

den Saxofonisten und Komponisten,<br />

der die Juroren nicht<br />

nur am Instrument, sondern<br />

besonders mit Kompositionen<br />

und Arrangements für große<br />

Ensembles überzeugte.<br />

www.maximilianshaikhyousef.com<br />

13) Kassé Mady Diabaté ist<br />

mit 65 Jahren gestorben. Der<br />

laut Salif Keita „größte Sänger<br />

Malis“ und Nachkomme einer<br />

langen Reihe von Mandingo-<br />

Griots erlag den Folgen eines<br />

Schlaganfalls.<br />

Die United Big Band ergatterte<br />

den Jazzpreis des Deutschen<br />

Musikrats und der Hansahaus-<br />

Studios Bonn auf der 16. Bundesbegegnung<br />

Jugend jazzt<br />

für Bigbands in Frankfurt. Die<br />

Berliner freuen sich auf eine<br />

CD-Produktion in den renommierten<br />

Hansahaus-Studios.<br />

Fünf weitere Jazzorchester<br />

erhielten wertvolle Konzertund<br />

Workshop-Preise.<br />

www.jugendjazzt.eu<br />

Jazzförderung. Das Land<br />

Baden-Württemberg fördert<br />

Auftritte baden-württembergischer<br />

Jazzmusiker und<br />

Jazzmusikerinnen außerhalb<br />

des Landes, z.B. bei der Baden-<br />

Württemberg Clubnight auf der<br />

jazzahead! 2019 in Bremen.<br />

Bewerbungen bis 15.7. beim<br />

Jazzverband Baden-Württemberg.<br />

www.jazzverband-bw.de<br />

14) Jon Hiseman, Mitbegründer<br />

von Colosseum I & II, Nachfolger<br />

von Ginger Baker bei der<br />

Graham Bond Organisation<br />

und Mitglied des United Jazz<br />

& Rock Ensembles, ist am 12.6.<br />

gestorben.<br />

Der Komponist und Geiger<br />

Gérard Hourbette ebnete den<br />

Weg für neue Kompositionsformen<br />

und nutzte das Sampling,<br />

einschließlich natürlicher und<br />

industrieller Klänge, an der<br />

Schnittstelle von darstellender<br />

und bildender Kunst. Hourbette<br />

ist im Mai gestorben.<br />

15) Mit Dieter Schnebel verlor<br />

die experimentelle Musikszene<br />

noch einen radikalen Avantgardisten:<br />

Der Komponist, Theologe<br />

und Musikwissenschaftler<br />

starb mit 88 Jahren. Fast 20<br />

Jahre lehrte Schnebel an der<br />

Hochschule der Künste Berlin<br />

als Professor für Experimentelle<br />

Musik und prägte damit ganze<br />

Generationen.<br />

Avishai Cohen Music Award<br />

2020: Der Bassist und sein Label<br />

Razdaz laden Musiker, Komponisten<br />

oder Bands jeglicher<br />

Couleur und Stilrichtung ein, sich<br />

für Aufnahme und weltweiten<br />

Release eines Albums zum Jahr<br />

2020 zu bewerben.<br />

www.avishaicohen.com<br />

Tag der Trinkhallen. Am 25.8.<br />

wird weit mehr als Flaschbier<br />

und Ruhrpott-Originale geboten,<br />

nämlich ein Kulturprogramm der<br />

besonderen Art im gesamten<br />

Ruhrgebiet. Es gibt Programmbuden<br />

mit einem kuratierten und<br />

finanzierten Kulturprogramm und<br />

etliche Trinkhallen, die selbst etwas<br />

für ihre Gäste organisieren.<br />

www.tagdertrinkhallen.ruhr<br />

Das englische Musikmagazin<br />

SONGLINES hat einen seiner<br />

Awards an die koreanischen<br />

ACT-Künstler Black String vergeben.<br />

Weitere Gewinner sind<br />

Eliza Carthy & The Wayward<br />

Band, Rhiannon Giddens, Trio Da<br />

Kali & Kronos Quartet, Oumou<br />

Sangaré u.a.<br />

Der zum vierten Mal vergebene<br />

Reinhard-Schulz-Preis <strong>2018</strong> für<br />

zeitgenössische Musikpublizistik<br />

geht an die Musikjournalistin<br />

Leonie Reineke.<br />

Der Komponist, Saxofonist,<br />

Bandleader und Musikpädagoge<br />

Remy Filipovitch wurde vor 71<br />

Jahren in Vilnius geboren. Im<br />

Mai, kurz nach seinem letzten<br />

Live-Konzert, ist er in Essen<br />

gestorben.<br />

16) Haie lieben Jazz. Der<br />

Sommer ist die Zeit für maritime<br />

Themen: In Sydneys Macquarie<br />

University hat man jugendlichen<br />

Port-Jackson-Haien<br />

beigebracht, sich von unter<br />

Wasser gespieltem Jazz zum<br />

Futter locken zu lassen. Nun<br />

arbeitet man fieberhaft daran,<br />

die Knorpelfische zu testen, ob<br />

sie improvisierte Musik von klassischer<br />

unterscheiden können.<br />

Das Jazzmagazin Ihrer Wahl<br />

bleibt dran.<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 7


Martti Vesala<br />

Alt, aber neu<br />

© Carl Bergman<br />

8<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Nachdem Lee Morgan, die Jazz Messengers, Horace Silver, Miles und<br />

viele andere die Vollmundigkeit in den Jazz zurückgebracht hatten,<br />

speiste sich der Hauptstrom des Jazz aus diesem Pool. Mithilfe immer<br />

ausgefeilterer Melodik und freierer harmonischer Auffassung entstand<br />

in den Jahrzehnten danach das, was man heute manchmal mit dem<br />

hässlichen Wort Post-Bop bezeichnet. Diese in Groove und Swing<br />

eingebettete Freiheit ist der ästhetische Nährboden, auf dem das<br />

Soundpost Quintet des finnischen Trompeters Martti Vesala gedeiht.<br />

Von Jan Kobrzinowski<br />

Stars Aligned, Vesalas neues<br />

Album nach Helsinki Soundpost,<br />

pflegt einen lebendigen,<br />

frischen, melodisch komplexen<br />

Umgang mit einem klassischen<br />

Genre des Jazz, dominiert<br />

durch wohlklingende Zweistimmigkeit<br />

von Tenorsaxofon und<br />

Trompete, Unisoni von Kontrabass<br />

und linker Piano-Hand,<br />

dazu funky Rhythmik, die auf Art<br />

Blakeys Afro/Latin-beeinflusste<br />

Spielweise zurückgeht. Bekennt<br />

sich hier ein europäischer<br />

Jazzer der jüngeren Generation<br />

zum Bewahrenden? „Ich mag<br />

das Wort ‚konservativ’ nicht,<br />

um mich selbst oder die von mir<br />

kreierte Musik zu beschreiben.<br />

Ich bin mir bewusst, woher<br />

meine Einflüsse kommen,<br />

dennoch fühle ich sehr stark,<br />

dass unser Sound und die Herangehensweise<br />

an die Musik<br />

sehr originell sind und es nicht<br />

darum geht, zurückzuschauen<br />

in eine Zeit, ‚als alles besser<br />

war’.“ Vielmehr sieht Vesala die<br />

verschiedenen Stile als Sprungbretter:<br />

„Der gewählte Stil sollte<br />

nur der Ausgangspunkt für<br />

deine individuellen Erkundungen<br />

der Musik sein <strong>–</strong> das Mittel,<br />

um musikalisch auszudrücken,<br />

wer du als Person bist.“<br />

Martti Vesala ist ein<br />

versatiler, eleganter Trompeter<br />

mit großem Stilbewusstsein in<br />

Komposition und Improvisation.<br />

Er genießt es sichtlich, „Miles<br />

Davis, Freddie Hubbard, Woody<br />

Shaw und auch einige der modernen<br />

Typen wie den erstaunlichen<br />

Peter Evans zu hören. Ich<br />

habe versucht, mich nicht nur<br />

an Trompeter zu halten, und angefangen,<br />

Soli von Saxofonisten<br />

wie z.B. Coltrane auf der Trompete<br />

zu üben.“ „The Sun’s Eye“<br />

und das Titelstück sind schöne<br />

Beispiele für die Auslotung<br />

freierer Möglichkeiten, weniger<br />

einer Überwindung als vielmehr<br />

einer Vertiefung der Moderne,<br />

die zwischen 1965 und 1980 diejenigen<br />

Jazzmusiker suchten,<br />

die weder eine völlig freie noch<br />

die elektrifizierte Spielweise<br />

bevorzugten. „Der Sound von<br />

Wayne Shorters Kompositionen<br />

für das Miles Davis Quintet aus<br />

den 60ern und Joe Hendersons<br />

Art zu Schreiben aus<br />

der gleichen Zeit haben mich<br />

stark beeinflusst. Was mich an<br />

diesen großartigen Musikern<br />

und Komponisten fasziniert,<br />

ist die Art und Weise, wie sie<br />

die Elemente von Avantgarde<br />

und Bebop kombinieren <strong>–</strong> ein<br />

Stil, der später als Post-Bebop<br />

bezeichnet werden sollte.“<br />

Zwar versucht Martti, innerhalb<br />

eines bestimmten Jazzstils zu<br />

arbeiten, aber diese Referenzen<br />

stellen für ihn kein Problem dar:<br />

„Ich weiß, dass die Grundlagen<br />

dieses Stils aus den 60er und<br />

70ern stammen, wie aber auch<br />

die vieler anderer Stile wie Free<br />

Jazz oder Free Form, sogar die<br />

der sogenannten ‚Geburt des<br />

europäischen Jazz’ in den 70er<br />

Jahren.“<br />

Mit Joonas Haavisto (p),<br />

Juho Kivivuori (b) und Ville<br />

Pynssi (dr) hat Vesala absolut<br />

gleichgesinnte Kollegen an<br />

seiner Seite. Petri „Pope“ Puolitaival<br />

(ts) mit seinem profunden<br />

Ton ist ein bemerkenswerter<br />

Solist, tiefstens verwurzelt in der<br />

hymnischen Tradition großer<br />

Tenoristen wie Coltrane, Rollins<br />

und Sanders. „Er ist gleichzeitig<br />

einer der besten Flötenspieler in<br />

Finnland, so habe ich auch einige<br />

Songs geschrieben, in denen<br />

seine Fähigkeit als Flötist im<br />

Rampenlicht steht.“ Zu hören in<br />

„The Lost Sea“, wo die weichen<br />

Klänge von Trompete und Flöte<br />

im Thema wunderbar elegisch<br />

miteinander verschmelzen und<br />

sich dann Petris Flöte und<br />

Kivivuoris holztöniger Kontrabass<br />

im Solo ablösen. „Was<br />

mich an der Quintett-Besetzung<br />

wirklich fasziniert, ist die Art und<br />

Weise, wie Trompete und Tenorsaxofon<br />

so nahtlos ineinander<br />

übergehen. Ein wirklich himmlisches<br />

Zusammenspiel! Trotz<br />

der ‚klassischen’ Kombination<br />

bleibt es gerade eine schöne<br />

Herausforderung, innerhalb<br />

dieser Tradition mit etwas wirklich<br />

Originellem aufzuwarten.“<br />

Dieses angesichts des heutigen<br />

Überangebotes an guter Musik<br />

schwierige Unterfangen gelingt<br />

Martti Vesala und seinen Kollegen<br />

mit Bravour.<br />

Das Quintett ist indes nicht<br />

die einzige Besetzung, die ihn<br />

fasziniert. Er schreibt auch für<br />

PDF in 4c<br />

Big Bands und denkt gerade<br />

darüber nach, ein Quartett ohne<br />

Schlagzeuger zu gründen, um<br />

sich selbst herauszufordern<br />

und neue Wege zu finden,<br />

„rhythmischer zu schreiben“.<br />

Bei „Murky Green“, einem<br />

rezitativen Unisono-Thema der<br />

Bläser, gefolgt von einer mäandernden<br />

Improvisation, um<br />

die sich Besen und gestrichene<br />

Bassnoten ranken, verzichtet<br />

Martti bewusst auf akkordische<br />

Grundlagen. Mit „Driving<br />

Force“ bekennt das Soundpost<br />

Quintet dann noch einmal seine<br />

Liebe zum erdigen Groove.<br />

Stück und Album enden <strong>–</strong> fast<br />

schon symbolisch <strong>–</strong> mit einem<br />

markanten Stakkato der linken<br />

Hand auf dem Klavier. Der<br />

wunderbar transparente Sound<br />

samt dem brillanten Stereomix<br />

des finnischen Experten Miikka<br />

Huttunen macht Stars Aligned<br />

schließlich zum perfekten<br />

Audio-Genuss.<br />

Aktuelle CD:<br />

Martti Vesala Soundpost Quintet:<br />

Stars Aligned (Ozella Music / Galileo MC)<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 9


BlaCk lonDon<br />

Jazzhören im stehen<br />

In London definiert eine junge Szene den Jazz als<br />

groovende Clubmusik neu.<br />

Shabaka<br />

Hutchings<br />

© Pierrick Guidou<br />

Kokoroko<br />

Theon Cross<br />

Moses Boyd<br />

Ezra Collective<br />

Von Christoph Wagner<br />

Gilles Peterson hat der britischen Szene in<br />

den letzten Jahren seinen Stempel aufgedrückt.<br />

Was neue Trends anbelangt, besitzt<br />

der DJ, Radio-Presenter, CD-Compiler,<br />

Festival-Organisator und Label-Betreiber<br />

einen unbestechlichen Instinkt. Jetzt hat<br />

er sich mit Shabaka Hutchings zusammengetan.<br />

Der Saxofonist ist die zentrale Figur<br />

einer jungen Szene vorwiegend schwarzer<br />

Musikerinnen und Musiker aus Südlondon,<br />

die gerade mit dem Album We Out Here<br />

auf Petersons Brownswood-Label an die<br />

Öffentlichkeit getreten sind. Die Einspielung<br />

ist eine Art Manifest und präsentiert neun<br />

Gruppen, die sich alle mehr oder weniger<br />

einem ekstatischen Jazz verschrieben<br />

haben, der auf Grooves basiert und sich<br />

nicht mehr an die ergrauten Kenner in<br />

den Jazzclubs richtet, sondern an junge<br />

Nachtschwärmer in Untergrundclubs und<br />

alternativen Venues, wo das Publikum nicht<br />

sitzt, sondern steht.<br />

Der 34-jährige Hutchings bastelt mit<br />

verschiedenen Bands seit Jahren an einer<br />

anderen Konzeption von Jazz. Seit Kurzem<br />

bei Impulse! unter Vertrag, knüpft er an den<br />

Afro-Futurismus eines Sun Ra an sowie an<br />

den elektrischen Miles Davis und den Punkjazz<br />

der späten 70er, als Gruppen wie Rip<br />

Rig & Panic in Großbritannien aufhorchen<br />

ließen. Dazu kommen Hutchings‘ karibische<br />

Einflüsse von Calypso bis Soca plus die<br />

Erfahrungen aktueller Clubmusik, ob Grime<br />

oder Jungle. „,Euphorisch‘ ist der beste<br />

Begriff, um meine Zielsetzung zu beschreiben“,<br />

sagt Hutchings. „Gefühle und Intuition<br />

dienen mir als Wegweiser. Es geht darum,<br />

das Publikum in eine Stimmung zu versetzen,<br />

die es erlaubt, die Welt mit anderen<br />

Augen zu sehen. Deshalb ist für mich das<br />

Konzert ein heiliger Ort.“<br />

Was Hutchings anstrebt, ist nicht mehr<br />

und nicht weniger, als den Jazz wieder<br />

vom Kopf auf die Füße zu stellen, ihn als<br />

Tanzmusik neu zu erfinden, was er ja bis in<br />

die 50er Jahre hauptsächlich war. Deshalb<br />

läuft in Hutchings‘ Musik alles auf Rhythmus<br />

hinaus: Sein Quartett Sons of Kemet ist<br />

mit zwei Drummern besetzt, die so kraftvoll<br />

wie ein ganzes Sambaorchester trommeln.<br />

In die prasselnden Kreuzrhythmen klinkt<br />

sich Tubaspieler Theon Cross mit mächtigen<br />

Bassriffs ein. Mit Stakkato-Melodien des<br />

Saxofons, die manchmal an Morsezeichen<br />

erinnern und sich in Dauerschleifen drehen,<br />

10 JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong>


spielt die Combo sich und das Publikum<br />

durch Repetition mehr und mehr in Trance.<br />

„Rhythm & Groove“ könnte auch das<br />

Motto von Kokoroko lauten, einem Septett<br />

mit weiblicher Bläsersektion, das von der<br />

Trompeterin Sheila Maurice-Grey geleitet<br />

wird. Ihr Jazz ist stark von westafrikanischem<br />

Highlife und nigerianischem Afrobeat<br />

à la Fela Kuti gefärbt. Maurice-Grey<br />

sieht ihre Musik nicht als Konzertmusik,<br />

sondern explizit als körperbetonten Jazz,<br />

der in die Beine geht. Die Trompeterin ist<br />

auch in der Grime- und HipHop-Szene präsent,<br />

wo sie mit Stars wie Kano und Little<br />

Simz gearbeitet hat. „Es ist ermutigend wie<br />

in der Grime-Szene ein neues Interesse an<br />

Jazz erwacht ist“, sagt sie.<br />

Wie Sheila Maurice-Grey haben die<br />

meisten jungen Musikerinnen und Musiker<br />

der neuen Südlondoner Szene als Teenager<br />

den Tomorrow’s-Warriors-Workshop<br />

besucht. Die Bildungsinitiative war einst<br />

vom Saxofonisten Gary Crosby ins Leben<br />

gerufen worden, um junge Talente hauptsächlich<br />

aus der afrikanischen Diaspora<br />

zu fördern. Von Shabaka Hutchings über<br />

Theon Cross bis zur Saxofonistin Nubya<br />

Garcia <strong>–</strong> alle haben die Talentschmiede<br />

durchlaufen.<br />

Das alternative Kulturzentrum Total<br />

Refreshment Centre im Stadtteil Hackney<br />

fungiert als informelles Hauptquartier. Hier<br />

gibt es Proberäume, ein Tonstudio und einen<br />

großen Clubraum für Konzerte. Für Binker<br />

Golding (sax) und Moses Boyd (dr) ein<br />

vertrauter Ort. Die beiden haben sich vor<br />

Jahren gleichfalls bei Tomorrow’s Warriors<br />

getroffen und zu einem Duo zusammengetan,<br />

das mehrfach ausgezeichnet wurde.<br />

Es bildet zudem den Kern von Moses Boyds<br />

größerem Ensemble Exodus, einer Plattform<br />

für die Kompositionen des Schlagzeugers,<br />

in denen die Elektronik eine wichtige Rolle<br />

spielt. Daneben prägen Spiritual-Jazz-<br />

Elemente und Afrobeat-Einflüsse den Sound<br />

der Band, was nicht verwundert, hat der<br />

junge Drummer doch vor ein paar Jahren<br />

eine Masterclass bei Fela Kutis Drummer<br />

Tony Allen absolviert.<br />

Die neue Szene ist eng vernetzt. „Ein<br />

richtige Community“, meint Moses Boyd.<br />

„Viele von uns haben schon als Teenager<br />

zusammen Musik gemacht.“ Während Theon<br />

Cross in Moses Boyds Gruppe Exodus<br />

Tuba spielt, sitzt Boyd im Trio von Cross am<br />

Schlagzeug. Nubya Garcia (sax) komplettiert<br />

das Triumvirat. Sie ist eine weitere<br />

schillernde Figur der neuen Szene, leitet die<br />

Fusionband 5ive und ist im Frauenensemble<br />

Nerija und in der Formation Maisha aktiv.<br />

Theon Cross orientiert sich konzeptionell<br />

an der Musik des Arthur Blythe<br />

Trios der später 70er Jahre, als dieser sich<br />

PDF in 4c<br />

noch „Black“ Arthur Blythe nannte <strong>–</strong> ein<br />

gleichzeitig transparenter und doch dichter<br />

Ensembleklang. Cross ist ein Phänomen: Er<br />

verwandelt die Tuba in ein Kraftwerk, das<br />

vor Energie nur so sprüht. „Meine Ausdauer<br />

habe ich beim Notting-Hill-Carneval erlangt,<br />

wo man Stunden ohne Unterbrechung spielt<br />

und sich außerdem gegen die riesigen<br />

Sound-Systems durchsetzen muss“, erzählt<br />

er. „Dann habe ich Bebop auf der Tuba<br />

geübt: ,Donna Lee’ von Charlie Parker in<br />

Originalgeschwindigkeit. Das war das beste<br />

Training. Wenn ich heute ein Konzert von<br />

90 Minuten spiele, kommt mir das wie ein<br />

Spaziergang im Park vor.“<br />

Aktuelle CD:<br />

Sons of Kemet, Moses Boyd, Kokoroko, Theon Cross<br />

Trio u.a.: We Out Here (Brownswood / Rough Trade)


Mit Bijou Voyou Caillou <strong>–</strong> für deutsche Zungen schwer<br />

auszusprechen <strong>–</strong> legt das Quintett des französischen<br />

Pianisten Florian Pellissier bereits sein viertes Album vor.<br />

Die reine akustische Lehre hat die Fünferbande allerdings<br />

noch nie interessiert, und so gastieren auch auf Album<br />

Nummer vier Leute wie der karibische Rapper Anthony<br />

Joseph.<br />

Von Rolf Thomas<br />

Florian Pellissier scheint sich schnell zu<br />

langweilen. Denn er unterhält nicht nur seit<br />

nunmehr sechzehn Jahren dieses Quintett,<br />

er hat auch die Latin-Funk-Band Setenta<br />

gegründet, mischt bei der Jazz-Funk-Truppe<br />

Cotonete mit und stützt das Camarao Orkestra<br />

bei seinen Afro-, Soul- und Brazil-Ausflügen<br />

mit seinem soliden und stets ziemlich<br />

heftig groovenden Klavierspiel. Darüber<br />

hinaus ist Pellissier fester Live-Keyboarder<br />

beim französischen HipHop- und Downbeat-<br />

Spezialisten Guts.<br />

Doch seine Lieblingsband ist nach<br />

eigenen Worten das nach ihm benannte<br />

akustische Quintett, mit dem er der<br />

Hardbop-Tradition im Geiste der klassischen<br />

Blue-Note-Jahre von Musikern wie<br />

Art Blakey, Herbie Hancock oder Duke<br />

Pearson nacheifert. Schon mit dem vor<br />

sechs Jahren erschienenen Debütalbum<br />

Le Diable Et Son Train gelang es Florian<br />

Pellissier, sowohl Jazzfans als auch -kritiker<br />

auf seine Seite zu ziehen.<br />

Pellissiers eingangs erwähnter<br />

Personalstil verwandelt schon den Opener<br />

des neuen Albums mit dem schönen Titel<br />

„Fuck with the Police“ in ein dampfendes<br />

Treibhaus. Zum Quintett um den Trompeter<br />

und Flügelhornisten Yoann Loustalot und<br />

den Tenor- und Sopransaxfonisten Christophe<br />

Panzani gesellt sich auf diesem Stück<br />

noch der Perkussionist Roger Raspail mit<br />

seiner Gwo-Ka-Percussions, um Schlagzeuger<br />

David Georgelet und Bassist Yoni<br />

Zelnik, der sonst auch beim israelischen<br />

Pianisten Yonathan Avishai zu hören ist, zu<br />

verstärken. Mit eleganter Majestät gleitet<br />

das harmonisch satte „South Beach“<br />

dahin, bevor mit dem Titelsong und „Hibou<br />

Bleu“ gleich zwei Stücke folgen, bei denen<br />

Arthur Higelin alias Arthur H. zu hören ist.<br />

Der Sänger ist ein maßgeblicher Vertreter<br />

des neuen Chanson Française und hat<br />

sich auch schon als Multiinstrumentalist<br />

einen Namen gemacht. Mit seinem lässig<br />

hingeraunten Gesang macht er jedenfalls<br />

vor allem „Hibou Bleu“ zu einem echten<br />

Highlight.<br />

Florian<br />

Pellissier<br />

Quintet<br />

Klassischer Jazz<br />

ohne Dogma<br />

© Laurène Berchoteau<br />

12<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Direkt aus einem Horace-Silver- oder<br />

Lee-Morgan-Album der späten 50er oder<br />

frühen 60er könnte das lässig im Walzertakt<br />

dahinschaukelnde „Coup De Foudre<br />

A Thessalonique“ stammen <strong>–</strong> mit seinem<br />

butterweichen Flügelhorn lässt Loustalot<br />

die Herzen schmelzen, während Pellissiers<br />

perlendes Solo einem das Herz dann<br />

wieder zurück in den Brustkorb rammt.<br />

Auch das anschließende, nur knapp drei<br />

Minuten kurze „Colchiques Dans Les Pres“<br />

<strong>–</strong> ein Song der französischen Chanson-<br />

Sängerin Francine Cockenpot, die in<br />

diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre<br />

<strong>–</strong> lässt den klassischen Blue-Note-Jazz<br />

der 60er Jahre wieder aufleben, die Bläser<br />

liefern sich ein packendes Duell, während<br />

der Rest der Band ein richtiges Rhythmus-<br />

Feuerwerk abbrennt.<br />

Auf „Boca“ kommt dann der eingangs<br />

erwähnte Anthony Joseph zu einer Stippvisite<br />

vorbei. Sein hypnotischer Sprechgesang<br />

lässt den Labelkollegen nicht nur gut<br />

aussehen, er hat auch den Text, den er mit<br />

zunehmender Autorität vom Stapel lässt,<br />

selbst geschrieben. Joseph ist ja nicht nur<br />

Musiker <strong>–</strong> sein Album Rubber Orchestra<br />

mit seiner Spasm Band hat ihn bekannt<br />

gemacht <strong>–</strong>, sondern hat bereits als kleiner<br />

Junge Texte geschrieben. So wurde er<br />

vor 15 Jahren denn auch zuerst als Poet<br />

und Schriftsteller berühmt, der trotz seiner<br />

karibischen Herkunft <strong>–</strong> Anthony Joseph<br />

wurde 1966 auf Trinidad geboren <strong>–</strong> umstandslos<br />

von seiner Wahlheimat Großbritannien<br />

eingemeindet wurde, indem er zum<br />

Beispiel vom British Council als Poet in<br />

Residence an die California State University<br />

nach Los Angeles geschickt wurde. Erst<br />

2007 gründete Joseph die Spasm Band und<br />

hat seit 2012 auch Soloplatten aufgenommen.<br />

Auf „Boca“ setzt er sich mit seinen<br />

Exil-Erfahrungen auseinander, und in<br />

einem wahren Jazz-, Rap- und Poetry-<br />

Marathon von acht Minuten überstürzen<br />

sich die Erfahrungen geradezu, bis der<br />

Song schließlich trotz des ernsten Themas<br />

in karibischer Ausgelassenheit endet.<br />

Danach ist dann wieder „richtiger“<br />

Jazz angesagt, denn bei den letzten vier<br />

Stücken des Albums bleibt das Florian<br />

Pellissier Quintet unter sich. Die dringliche<br />

Up-Tempo-Nummer „Colosse De Rhodes“<br />

weiß dabei genauso zu überzeugen wie<br />

die lyrische Ballade „Espion“. Mit dem<br />

abschließenden „Jazz Carnival“ errichten<br />

die Franzosen dann der brasilianischen<br />

Fusion-Band Azymuth ein Denkmal. Mit<br />

viel Verve und Perkussion feiert Pellissiers<br />

Fünferbande Karneval und lässt den Hörer<br />

mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht<br />

zurück.<br />

Aktuelle CD:<br />

Florian Pellissier Quintet: Bijou Voyou Caillou<br />

(Heavenly Sweetness / Broken Silence)<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />

13


Paulo Morello<br />

Das Beste zweier Welten<br />

© Oscar Henn<br />

Die Leichtigkeit des Samba und die Variationsfreudigkeit des<br />

modernen Jazz sind untrennbar mit Paulo Morello verknüpft. Ob mit<br />

Bossa-Nova-Maestros wie Johnny Alf oder Saitenvirtuosen wie Pat<br />

Martino und Philip Catherine an seiner Seite <strong>–</strong> immer fühlt er sich wie<br />

zu Hause. Doch erst jetzt ist es dem Gitarristen gelungen, die beiden<br />

Welten wirklich zusammenzuführen und im Sambop die perfekte<br />

Synthese zwischen feuriger Rhythmik und komplexer Harmonik zu<br />

finden. Dank einer Freundin <strong>–</strong> und seines brasilianischen Pendants.<br />

Von Thomas Kölsch<br />

„Im Laufe meiner Karriere<br />

habe ich schon mit vielen<br />

herausragenden brasilianischen<br />

Gitarristen gespielt“, erzählt<br />

Morello und lacht. „Doch die<br />

meisten von ihnen verfügen<br />

nicht über das Vokabular des<br />

Jazz.“ Jene Stilmittel also, die<br />

Morello zunächst in Nürnberg<br />

bei Helmut Kagerer und später<br />

in New York beim legendären<br />

Jim Hall erlernte, die Skalen und<br />

Voicings, die Ornamentik und die<br />

entsprechenden Phrasierungen.<br />

„Umgekehrt ist zum Beispiel<br />

der von mir sehr verehrte Pat<br />

Martino nicht der Richtige, um<br />

lateinamerikanische Musik aufzunehmen.<br />

Zumindest nicht die<br />

echte. Die Amerikaner haben<br />

irgendwann die Stilistiken aus<br />

jenen Ländern in den Jazz integriert<br />

und sie an ihre Hörgewohnheiten<br />

angepasst, aber das lässt<br />

sich einfach nicht vergleichen.<br />

Insofern habe ich lange keinen<br />

Gitarristen getroffen, der sich in<br />

beiden Spielweisen wohlfühlte.“<br />

Bis der Zufall ihn mit Lula Galvão<br />

zusammenführte. „Dem Namen<br />

nach kannte ich ihn natürlich<br />

schon länger, weil er der Begleiter<br />

von Rosa Passos ist, aber ich<br />

hatte ihn noch nie getroffen“,<br />

erinnert sich Morello. „Irgendwann<br />

sprach mich dann die<br />

Kölner Sängerin Ulla Haesen an,<br />

eine gute Freundin von mir, und<br />

sagte, ich müsse unbedingt mal<br />

was mit Lula machen, wir seien<br />

die ideale Kombination. Sie hatte<br />

recht: Er beherrscht die komplexen<br />

brasilianischen Rhythmen<br />

ebenso wie moderne Harmonien<br />

und das improvisatorische<br />

Repertoire eines Jazz-Musikers.<br />

Kurzum, er ist genau der, nach<br />

dem ich gesucht habe.“<br />

Morellos Liebe zu Samba,<br />

Bossa Nova, Choro, Forró und<br />

Maracatu erwuchs aus einer<br />

Begegnung mit Romero Lubambo<br />

und seinem Trio da Paz.<br />

„Während ich in New York war,<br />

ging ich gerne zum Samstagsbrunch<br />

in einen Coffee Shop, wo<br />

das Trio spielte. Für mich war<br />

das eine Offenbarung <strong>–</strong> so eine<br />

Musik hatte ich zuvor noch nie<br />

gehört. Ich war völlig begeistert<br />

und beschäftigte mich intensiv<br />

mit diesen Klängen und Rhythmen.“<br />

Eine Reise nach Rio de<br />

Janeiro vertiefte die Faszination<br />

nur noch; aus den ursprünglich<br />

geplanten zwei Wochen wurden<br />

zwei Monate, zum einen wegen<br />

der Musiker, mit denen sich Morello<br />

ständig traf, zum anderen<br />

wegen seiner Frau, die damals<br />

an einer deutschen Schule in<br />

14 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Rio unterrichtete. Ersteres resultierte<br />

schließlich in dem Projekt<br />

Bossa Nova Legends, Letzteres<br />

in einer glücklichen Ehe.<br />

Gleiches könnte man nun<br />

auch über Sambop sagen:<br />

Die Vereinigung von Straight-<br />

Ahead-Jazz und Samba wirkt<br />

auf dem Album völlig organisch<br />

und authentisch, überhaupt<br />

nicht aufgesetzt und bemüht,<br />

sondern so, als ob es ein derartiges<br />

Amalgam schon immer<br />

gegeben hätte. Standards wie<br />

Duke Ellingtons „I‘m Just a<br />

Lucky So-And-So“ oder Cole<br />

Porters „You‘d Be So Nice to<br />

Come Home To“ werden elegant<br />

brasilianisiert, getrieben von<br />

dem feinen und doch omnipräsenten<br />

Duo aus Dudu Penz (b)<br />

und Mauro Martins (dr), die<br />

eben jene entspannten Grooves<br />

zaubern, die diese Musik<br />

benötigt. Auf diesem Fundament<br />

werfen sich Morello und Lula<br />

Galvão genüsslich die Bälle<br />

zu, geben sich mal erfrischend<br />

funky, dann wieder herrlich<br />

verführerisch.<br />

Erfreulicherweise verzichten<br />

die beiden auch auf<br />

ausufernde Soli, halten die<br />

Stücke vielmehr zusammen und<br />

schaffen gerade durch die Verknappung<br />

eine besondere Stimmung.<br />

„Mir war sehr wichtig,<br />

dass die CD angenehm zu hören<br />

ist“, betont Morello. „Ich höre<br />

mir nicht allzu oft meine eigenen<br />

Platten an, aber ab und zu lege<br />

ich mal die alten Aufnahmen auf<br />

und stelle dann mitunter fest,<br />

dass ich gewisse Stücke einfach<br />

nicht hören möchte. Daran<br />

hat wahrscheinlich auch Philip<br />

Catherine seinen Anteil.“ Inwiefern?<br />

„Nun, mit ihm spiele ich<br />

ja im Trio, und er bremst mich<br />

gerne mal ein bisschen runter.<br />

Weniger ist eben oft mehr, das<br />

erfahre ich im Zusammenspiel<br />

mit ihm immer wieder.“<br />

Auch der Austausch mit<br />

Galvão ist ein Erlebnis. So ist<br />

etwa „Migalhas de Amor“ ein<br />

fantastischer Dialog zweier<br />

Gitarristen auf Augenhöhe,<br />

die sich unglaublich viel zu<br />

erzählen haben. „Es war schon<br />

toll, das Album aufzunehmen“,<br />

sagt Morello. „Wir haben uns<br />

erst drei Tage zuvor zum ersten<br />

Mal getroffen und waren direkt<br />

auf einer Wellenlänge.“ Das<br />

hört man, und so dürfte der<br />

Erfolg nicht nur in Deutschland,<br />

sondern auch in Brasilien nicht<br />

lange auf sich warten lassen.<br />

„Die Brasilianer sind ja ohnehin<br />

totale Gitarrenfans“, erzählt Morello.<br />

„Bei früheren Tourneen bin<br />

ich da vom Publikum angehimmelt<br />

worden, das war echt unglaublich.“<br />

Bleibt zu hoffen, dass<br />

dies auch bei „7 x 1“ so bleiben<br />

wird <strong>–</strong> einem Stück, das Morello<br />

mit Blick auf den Sieg der deutschen<br />

gegen die brasilianische<br />

Fußballnationalmannschaft bei<br />

der WM 2014 geschrieben hat.<br />

„Bislang fanden das alle lustig.<br />

Es ist aber auch eine Reminiszenz<br />

an Pixinguinhas berühmten<br />

Choro ,1 x 0‘ von 1919, mit dem<br />

dieser damals einen Sieg gegen<br />

Uruguay feierte und den ich<br />

zitiere. Diese Melodie kennt in<br />

Brasilien wirklich jeder.“ Hierzulande<br />

kann das ja noch kommen.<br />

Aktuelle CD:<br />

Paulo Morello: Sambop<br />

(In + Out / In-Akustik)<br />

© David Plate<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 15


e.s.t. „Du weißt nie, wie dünn das Eis ist“<br />

© Göran Petersson<br />

16 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Das Esbjörn Svensson Trio, kurz e.s.t., gehört ohne Frage<br />

zu den wichtigsten Formationen in der Geschichte des<br />

europäischen Jazz. Die Erfolgskurve des schwedischen Trios<br />

stieg nicht nur bei Jazz-Fans unaufhörlich nach oben, bis ihr<br />

Verlauf durch den überraschenden Tod von Pianist Esbjörn<br />

Svensson abriss. Das ist jetzt zehn Jahre her. Zu diesem<br />

traurigen Anlass veröffentlicht ACT unter dem Titel Live in<br />

London einen Konzertmitschnitt von 2005.<br />

verstreichen lassen wollte. Um nicht missverstanden<br />

zu werden: Er wirkte gesund,<br />

fokussiert und war keineswegs in Endzeitstimmung.<br />

Da war keine Ahnung von einem<br />

nahen Ende oder dergleichen spürbar. Für<br />

Esbjörn Svensson, aber auch für Magnus<br />

Öström und Bassist Dan Berglund war<br />

jeder einzelne Moment des Lebens eine<br />

geschenkte Ewigkeit, die es sinnvoll zu<br />

gestalten galt. Mit den Begrifflichkeiten und<br />

Ritualen der Jazzgemeinde hatten sie wenig<br />

im Sinn. Die Musik der drei Schweden<br />

war mehr als alles andere ein kollektiver<br />

Bewusstseinsstrom, für den die Kompositionen<br />

nur den äußeren Rahmen gaben.<br />

„Es ist schwer zu beschreiben, woher<br />

das kam. Wir waren drei Individuen, die ja<br />

auch unterschiedliche Stimmungen haben<br />

konnten. Insofern trafen wir unbewusst an<br />

jedem Abend eine neue Verabredung. Es ist<br />

eines dieser Jazzklischees, aber tatsächlich<br />

spielt die Energie des Raumes, in dem du<br />

auftrittst, eine wichtige Rolle. Du musst das<br />

Momentum finden, in das du dich einklinken<br />

kannst. Und du weißt nie, wie dünn das Eis<br />

ist. Es ging uns immer darum, mit dem Publikum<br />

zu einer Einheit zu verschmelzen. Wir<br />

spielten ja keine regulären Soli, sondern<br />

jeder im Trio war unentwegt gefordert. Es<br />

ging um die Musik, nicht um die drei Egos.<br />

Und das ist in diesem Fall kein Klischee.<br />

Inzwischen ist diese Haltung für viele<br />

Jazzmusiker selbstverständlich geworden,<br />

aber vor anderthalb Jahrzehnten ging<br />

es im Jazz noch vordergründig um Leistung.<br />

Die Musik von e.s.t. war ein Paradigmenwechsel,<br />

der dem Trio ein so dankbares<br />

Publikum wie an jenem Abend im Barbican<br />

garantierte. Vor allem klang das Trio nie nur<br />

wie ein Piano-Trio, denn selbst eingedenk<br />

der Tatsache, dass die drei Musiker dezent<br />

Electronics einsetzten, stecke das alles<br />

doch voller Obertöne. Öström rekapituliert,<br />

dass oft Klänge im Raum standen, von<br />

Von Wolf Kampmann<br />

London, Barbican, 20. Mai 2005. Magnus<br />

Öström, damals Drummer von e.s.t.,<br />

versucht sich heute an diesen speziellen<br />

Abend zu erinnern. „Wir haben ja mehrfach<br />

in dieser wundervollen Halle gespielt,<br />

insofern geraten die Erinnerungen an die<br />

einzelnen Auftritte womöglich durcheinander.<br />

Wir hatten buchstäblich im Pizza<br />

Express begonnen, und plötzlich standen<br />

wir im ausverkauften Barbican vor 2000<br />

Menschen. Mehr kann man mit dieser<br />

Musik nicht erreichen. Das war ein besonderer<br />

Moment. Wenn ich mir heute diese<br />

Aufnahmen anhöre, fühlt es sich für mich<br />

keinen Tag älter an. Ich kann die Energie<br />

noch spüren. Aber ich höre in der Aufnahme<br />

eben nicht nur den Augenblick, sondern<br />

auch die Zeit, die wir damals miteinander<br />

verbrachten.“<br />

Für sich genommen ist diese Aussage<br />

nicht weiter überraschend, wäre da<br />

nicht ein nahezu unerträglicher Moment<br />

der Stille, nachdem Öströms letztes Wort<br />

verklungen ist. Er ringt um Fassung, blickt in<br />

die Unendlichkeit. Ist da jemand? Eine Leerstelle<br />

wird spürbar. Es ist oft darüber spekuliert<br />

worden, wer die Lücke von Esbjörn<br />

Svensson bzw. e.s.t. schließen würde, aber<br />

die Stelle des Schweden wird wohl immer<br />

leer bleiben. Denn die definitive Version des<br />

Trios gab es trotz personeller Kontinuität<br />

nicht. Auf ihrem letzten regulären Album<br />

Leucocyte war die Band im Begriff, ihren<br />

eigenen Mythos zu zertrümmern, um aus<br />

seinen Ruinen umso größer aufzusteigen.<br />

Doch davon war man zum Zeitpunkt des<br />

London-Konzerts noch weit entfernt. Man<br />

hatte gerade die ersten Songs vom drei<br />

Monate später erscheinenden Erfolgsalbum<br />

Viaticum im Köcher. „Wir hatten ja schon so<br />

viele Jahre zusammengespielt“, so Öström.<br />

„Wann immer wir auf die Bühne kamen,<br />

war die Energie bereits da, und es war<br />

leicht, sie zu greifen. Natürlich gab es langweilige<br />

Reisen und ätzende Wartezeiten<br />

auf Flughäfen. Aber sowie wir zusammen<br />

auf der Bühne standen, war all das weg. Es<br />

ging immer um den Moment.“<br />

Das deckt sich mit Aussagen Svenssons<br />

in den letzten Jahren seines Lebens.<br />

Der Pianist wirkte wie ein Getriebener, der<br />

keinen Moment seiner Existenz ungenutzt<br />

denen niemand wusste, woher sie kamen.<br />

Es sei um die Klangfarben gegangen, nicht<br />

um die Instrumente.<br />

All diese Besonderheiten und Alleinstellungsmerkmale<br />

können nicht über den<br />

Fakt hinwegtäuschen, dass e.s.t. Geschichte<br />

ist. Dennoch erscheinen weiterhin Alben<br />

des Trios. Bleibt am Ende die Frage an Magnus<br />

Öström, warum ausgerechnet dieses<br />

Konzert von 1995 für das Gedenk-Jubiläum<br />

ausgewählt wurde. „Das war immerhin eine<br />

Aufnahme, die wir uns noch gemeinsam<br />

mit Esbjörn angehört hatten. Wir dachten<br />

schon damals, dass die Aufnahme gut klingt<br />

und wir vielleicht etwas damit machen<br />

sollten. Das Besondere war vielleicht, dass<br />

unser Tontechniker das Konzert heimlich<br />

aufnahm. Er hatte keine Erlaubnis, in der<br />

Halle aufzunehmen. Wir haben das später<br />

geklärt, aber wir spielten, ohne zu wissen,<br />

dass alles mitgeschnitten wird.“<br />

Aktuelle CD:<br />

e.s.t.: Live in London (ACT / Edel:Kultur)<br />

© Göran Petersson<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 17


Easy Listening und Lounge sind im Jazz nicht unbedingt Label, mit<br />

denen man bezeichnet werden möchte. Es sei denn, man heißt<br />

De-Phazz. Die Formation um Sample-Großmeister Pit Baumgartner<br />

hat ihre breite stilistische Palette, die von Dub und Electro-Swing<br />

über Bossa Nova, Soul, Blues und Funk reicht, seit jeher dazu<br />

eingesetzt, hochwertige Club-Musik zu schaffen. Zum 20. Geburtstag<br />

meldet sich De-Phazz nun mit einem Album zurück, das noch runder,<br />

anspruchsvoller und erwachsener ist als die Vorgänger.<br />

De-Phazz<br />

Schürfer seltener Töne<br />

Von Thomas Kölsch<br />

Der erste Schritt zu einem neuen Album führt<br />

ins Archiv. Oder vielmehr in jene Mine aus<br />

Klängen und Tönen, in der Pit Baumgartner<br />

gerne mal nach Juwelen sucht, nach<br />

musikalischen Phrasen und Linien, die ihn<br />

ansprechen und dazu auffordern, mehr aus<br />

ihnen zu machen. Tage und Wochen kann<br />

das De-Phazz-Mastermind damit verbringen,<br />

nach den passenden Puzzleteilen für neue<br />

Songs zu suchen und sie gleichsam aus dem<br />

Datenwust herauszuschlagen. „Ich schürfe<br />

Musik“, sagt Baumgartner selbst und lacht.<br />

„Ich komme ja ursprünglich vom Hörbuch<br />

und bin vielleicht kein begnadeter Komponist,<br />

aber ich habe ein gutes Gespür dafür, was einen<br />

erfolgreichen Pop-Song ausmacht. Nach<br />

diesen Elementen suche ich, um sie dann so<br />

lange zu bearbeiten, bis sie gewissermaßen<br />

organisch miteinander verschmelzen.“<br />

„Für das aktuelle Album Black White<br />

Mono bin ich zum Beispiel auf das Quartett<br />

Les Primitifs gestoßen“, erzählt er. „Ich hatte<br />

für die Band einen Remix gemacht und war<br />

völlig begeistert von dem Akustikbass und<br />

der kleinen Trommel, die die verwenden. Also<br />

habe ich sie gebeten, mir die entsprechenden<br />

Spuren zu überlassen. Daraus entstand dann<br />

die Grundierung unseres Albums, auf etwa<br />

einem halben Dutzend Tracks habe ich diese<br />

Sounds verarbeitet.“ Andere Fragmente hat er<br />

selbst eingespielt oder von Kollegen aufnehmen<br />

lassen, um sie dann zu verarbeiten. „Etwa<br />

80 Prozent der Gitarrenparts habe ich elektronisch<br />

bearbeitet, sie gespiegelt, umgekehrt<br />

oder modifiziert“, erklärt Baumgartner. „Ein Gitarrist<br />

würde das wahrscheinlich live niemals<br />

so spielen, aber mir gefällt es so einfach.“<br />

20 Jahre hat De-Phazz inzwischen auf<br />

dem Buckel. 20 Jahre, in denen die aus einer<br />

reinen Projektidee geborene Formation rund<br />

um die Welt gereist ist. In Anchorage, in<br />

Katmandu oder auf Ibiza hat die Band schon<br />

gespielt. „Interessanterweise haben wir im<br />

Ausland oft größeren Anklang gefunden als in<br />

Deutschland“, sagt Baumgartner. „Bei Jazzern<br />

gelten wir hierzulande oft als zu poppig,<br />

bei Pop-Liebhabern dagegen als zu jazzig.“<br />

Dabei ist De-Phazz live immer noch etwas<br />

völlig anderes als De-Phazz in digitaler Form.<br />

„Auf der Bühne sind wir deutlich lauter und<br />

energiegeladener“, betont Baumgartner, der<br />

aber auch gesteht, dass die Auftritte nicht zu<br />

seinen Stärken gehören. „Ich bin einfach kein<br />

Bühnenmensch. Wenn ich eine Durchsage<br />

machen müsste, weil irgendwo ein Auto falsch<br />

steht, würde ich wahrscheinlich schon zu viel<br />

© Claus Geissgross<br />

kriegen.“ Dabei schnallt er sich doch gerne<br />

mal selbst die Gitarre um. „Das stimmt, und<br />

ich freue mich auch immer auf die Tour, aber<br />

ich bleibe trotzdem lieber im Hintergrund. Wir<br />

haben andere, die bei den Konzerten Vollgas<br />

geben. Pat Appleton zum Beispiel, oder Karl<br />

Frierson. Die brauchen das. Ich könnte dagegen<br />

auch gut allein in meinem Studio bleiben.<br />

Ich bin einfach ein etwas leiserer Typ.“<br />

Gleichzeitig lassen De-Phazz gerade auf<br />

dem neuen Album durchaus gesellschaftskritische<br />

Töne vernehmen, wehren sich auf ihre<br />

Weise gegen Missstände. „No God, No Trouble,<br />

No Prophets, No Lies“, heißt es im gleichnamigen<br />

Stück, dem einzigen mit einer derart<br />

klaren Aussage. Lieber geht die Band einen<br />

Umweg, greift zu Anspielungen und überlässt<br />

es dem Publikum, die Texte zu entschlüsseln<br />

oder einfach nur die Musik zu genießen. Doch<br />

wer will, wird auch fündig, etwa bei „I Smell a<br />

Rat“. „Bei dem Stück haben wir uns von der<br />

AfD inspirieren lassen“, sagt Baumgartner.<br />

„Eigentlich hatten wir ja alle gedacht, dass wir<br />

fremdenfeindliches Gedankengut inzwischen<br />

hinter uns gelassen hätten, und jetzt tauchen<br />

nach 70 Jahren wieder diese Gestalten auf.“<br />

Und dann wäre da noch „All Inclusive“: „Ich<br />

hatte diese leichte Samba-Nummer gefunden,<br />

ganz bezaubernd. Aber eigentlich war mir<br />

die Musik in ihrer Schönheit schon wieder zu<br />

platt. Ich wollte sie aufrauen und habe Pat um<br />

Rat gefragt. Gemeinsam kamen wir dann auf<br />

die Idee, das Lied auf eine Wohlfühloase zu<br />

beziehen, die von Scharfschützen bewacht<br />

werden muss. Ich finde es schlimm, wenn<br />

sich Menschen in einem Fünf-Sterne-Ressort<br />

vergnügen, während nur ein paar Straßenzüge<br />

weiter fast schon bürgerkriegsähnliche<br />

Zustände herrschen. Also haben wir den<br />

Sniper mit in den Song geschrieben und den<br />

Samba mit ein paar verstörenden Klängen unterlegt.<br />

Das macht für mich einen großen Teil<br />

des Reizes von De-Phazz aus: Dass wir Dinge<br />

verbinden können, die sonst nicht zusammenkommen<br />

würden.“<br />

Natürlich ist die Platte trotz dieser Untertöne<br />

und Subtexte noch immer vergleichsweise<br />

gefällig, ist eben Easy Listening im<br />

wahrsten Sinne des Wortes. „Das finde ich<br />

aber gar nicht mal schlecht“, sagt Baumgartner.<br />

„Das ändert ja nichts daran, dass unser<br />

Anspruch ziemlich hoch ist.“ Und etwas<br />

leicht klingen zu lassen, ist ohnehin eine<br />

Kunst. Vor allem live. „Im September gehen<br />

wir noch mal auf Deutschland-Tour, und ich<br />

bin schon sehr gespannt, wie wir dann klingen<br />

werden“, sagt Baumgartner. Und bis dahin?<br />

„Ach, stillsitzen kann ich kaum. Derzeit<br />

habe ich die Ehre, das gesamte Material von<br />

Bert Kaempfert zu verwursten. Und danach<br />

muss ich mal schauen.“ Irgendwas wird sich<br />

für den Bastler Baumgartner schon finden.<br />

Aktuelle CD:<br />

De-Phazz: Black White Mono<br />

(Phazzadelic / Al!ve / finetunes)<br />

18 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Volker Engelberth<br />

Im Rausch der Farben<br />

© Sven Götz<br />

20 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Die letzten Jahre meinten es gut mit ihm. 2016 der Jazzpreis<br />

des Landes Baden-Württemberg, im Jahr darauf der<br />

Jazzpreis der Stadt Worms und im Zuge dessen vielfältigste<br />

Möglichkeiten, live aufzutreten. Nun lotet der deutsche<br />

Pianist Volker Engelberth auf seinem neuesten Album<br />

Prismatic Colours den Farbenkreis musikalisch aus <strong>–</strong> und<br />

schon wieder klingt es preisverdächtig.<br />

Von Andreas Collet<br />

Die Gelegenheit, für ein fünfköpfiges<br />

Ensemble zu schreiben, hatte Volker<br />

Engelberth zum ersten Mal auf dem 2016<br />

erschienenen Vorgängeralbum Jigsaw<br />

Puzzles. Seit 2015 spielt er nun schon in der<br />

Besetzung mit Bastian Stein (tp, flh) und<br />

Alexander „Sandi“ Kuhn (ts), die Rhythmusgruppe<br />

mit Arne Huber (b) und Silvio Morger<br />

(dr) existiert gar bereits seit 2012. Die<br />

vergangenen Jahre waren eine intensive<br />

Zeit für die Band. Gestählt durch zahlreiche<br />

Konzerte, genossen alle die Zeit der Reife<br />

und konnten so zu ihrem bandtypischen,<br />

dichten Gruppenspiel finden. „Ich weiß nun,<br />

wie die Jungs ticken, und das wiederum<br />

konnte ich in meine Kompositionen einfließen<br />

lassen“, sagt Engelberth.<br />

Er wollte etwas Neues wagen, dabei<br />

geriet der Farbenkreis in seinen Fokus und<br />

versprach die Möglichkeit, Stücke miteinander<br />

zu verknüpfen und so einen magischen,<br />

subtil mäandernden musikalischen<br />

Fluss zu generieren. „Sicherlich ist hier<br />

mehr ausgeschrieben und arrangiert, aber<br />

nicht zwingend zulasten der Improvisation,<br />

den Song-Charakter wollte ich unbedingt<br />

wahren“, erklärt Engelberth. „Gerade die<br />

Rhythmusgruppe genießt in den langen ausgeschriebenen<br />

Teilen eine riesige Freiheit.“<br />

Mit den unterschiedlichen Konzepten<br />

des Farbenkreises von Isaac Newton oder<br />

Johann Wolfgang von Goethe befasste sich<br />

Engelberth nur rudimentär, da Musik für ihn<br />

schon immer eine gewisse Klangfarbe beinhaltet.<br />

So spielt er auf Prismatic Colours mit<br />

den unterschiedlichsten Themen und Melodiefragmenten,<br />

lässt diese sich überlagern,<br />

simultan zum Farbverlauf des Farbenkreises.<br />

Im Endeffekt dreht sich dieser vom Rot<br />

des Intros hin zum Outro, das ebenso in Rot<br />

endet. So startet die Aufnahme mit einem<br />

Motiv in E-Dur, und in derselben Tonart<br />

schließt sich auch der Kreis.<br />

Es sind die Stimmungen, beziehungsweise<br />

deren Bögen, die Engelberth in<br />

den verschiedenen Farben wahrnimmt.<br />

So schwelgt der gesamte rote Teil in all<br />

seinen Facetten in einem sehr warmen<br />

Timbre <strong>–</strong> sowohl das klassisch gesetzte<br />

Intro als auch der große Hauptteil mit<br />

seinem bestimmenden Piano-Patterns, den<br />

schwebenden Bläserlinien und dem langen<br />

Trio-Rubato-Teil, der ganz und gar nicht<br />

frickelig oder gar hastig daherkommt. Die<br />

Ballade „Yellow“ erklingt in H-Dur und einer<br />

eher hellen Klangfarbe. „Green“, mit seinen<br />

kurzen Improvisationen, hat einen sehr<br />

lebhaften Charakter, und der abschließende<br />

blaue Teil klingt mit seinen eher dunkel<br />

gehaltenen Akkorden bluesiger, mit einer<br />

verführerischen Tiefe, in die man geradezu<br />

hineinzugleiten scheint, komplettiert aber<br />

schlussendlich wieder den Kreis und führt<br />

zu Rot zurück.<br />

Die Musik klingt komplex, durchdacht,<br />

aber zu keinem Zeitpunkt akademisch. Ihr<br />

ganz großes Pfund dabei ist: Sie wahrt sich<br />

stets eine einnehmende Frische und Vitalität.<br />

„Ich habe immer an die jeweiligen Spieler<br />

gedacht. Wo fühlen sie sich wohl? Wie<br />

können sie sich am besten ausdrücken? Es<br />

freut mich sehr, ihnen die passenden Spielwiesen<br />

auf den Leib schreiben zu dürfen.“<br />

Live gibt es zusätzlich das Zwiegespräch<br />

zwischen Band und Publikum mit den<br />

mannigfaltigsten Einflüssen, die den Verlauf<br />

eines Konzertes beeinflussen und einen<br />

ganz woanders hintreiben lassen können.<br />

Die Studioarbeit ist aber eine vollkommen<br />

andere. Ein Tag im Studio kann sich ziehen,<br />

man probiert dies, man probiert das. Der<br />

Studioalltag kann dabei auch wie ein<br />

Spiegel fungieren, einem Dinge vor Augen<br />

führen, die so im Konzert noch nicht aufgefallen<br />

sind. Gerade in den langen ausnotierten<br />

Sätzen bietet sich einem dann noch<br />

mal die Möglichkeit des Überdenkens. „Ich<br />

bin kein Freund davon, mit neuen Stücken<br />

ins Studio zu gehen, ohne zuvor mit diesen<br />

live Erfahrung gesammelt zu haben“, erklärt<br />

Engelberth.<br />

Selbst wenn sich mal einer der beiden<br />

Bläser weit aus dem Fenster lehnt, hält die<br />

über die Jahre zusammengeschweißte<br />

Rhythmusgruppe die Sache zusammen.<br />

„Wenn man sich besser kennt, kann man<br />

mehr auf Risiko gehen. Da gibt es diesen<br />

Rückhalt <strong>–</strong> und nur selten Angstmomente,<br />

in denen man denkt: Hoffentlich geht die<br />

Nummer gut.“ Jeder hat den Fokus auf der<br />

Musik, aber keiner hat den Drang, sich zu<br />

profilieren; und diese tiefe Verbundenheit<br />

und Freundschaft, die weit über das gemeinsame<br />

Musizieren geht, ist in jedem der<br />

Stücke hörbar.<br />

Aktuelle CD:<br />

Volker Engelberth: Prismatic Colours<br />

(Unit / Harmonia Mundi)<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 21


DalIa FaItelson<br />

Wie einst Marlene<br />

Dietrich<br />

Die israelische Sängerin, Gitarristin und<br />

Komponistin Dalia Faitelson ist in ihrer<br />

Wahlheimat Dänemark beliebt und hoch<br />

angesehen. Für ihr letztes Album As the World<br />

Sleeps bekam sie den Danish Music Award<br />

für das „Best Vocal Jazz Album 2014“. Für ihr<br />

neues Album Powered By Life hat sie sich nun<br />

erstmals mit dem großen dänischen Pianisten<br />

Thomas Clausen zusammengetan. Mit ihm und<br />

einer kleinen Band präsentiert Faitelson acht<br />

Songs zwischen Jazz und Folk.<br />

Von Rolf Thomas<br />

Dalia Faitelson wurde 1963 in<br />

Israels Negev-Wüste geboren<br />

und hat in Jerusalem und<br />

Boston studiert. Danach zog<br />

sie nach Kopenhagen und hat<br />

seitdem zehn Alben eingespielt,<br />

Powered By Life ist das elfte.<br />

Ihre Musik ist eine eigenartige<br />

Mischung aus Jazz, Brecht/<br />

Weill, nahöstlichen und<br />

Balkan-Melodien, denn sie<br />

hat auch bulgarische Wurzeln.<br />

Sie hat schon mit international<br />

renommierten Musikern<br />

wie Randy Brecker, Manolo<br />

Badrena, Marilyn Mazur, Adam<br />

Nussbaum, Jarrod Cagwin<br />

und Chris Cheek gespielt und<br />

in Dänemark einen Preis nach<br />

dem anderen abgeräumt, unter<br />

anderem einen dänischen<br />

Grammy für ihr Album Diamond<br />

of the Day (Stunt, 2000) und fünf<br />

Jahre später den „Composer of<br />

the Year Award“ der dänischen<br />

Komponisten-Vereinigung.<br />

Dalia Faitelson ist als<br />

Tochter eines israelischen<br />

Vaters und einer bulgarischen<br />

Mutter eine echte Weltbürgerin<br />

und seit ihrer Kindheit mit den<br />

Volksmusiken des Nahen Ostens<br />

vertraut. Ihre musikalische<br />

Entwicklung ging vom Jazz zu<br />

einem eher weltmusikalischen<br />

Ansatz mit der Band Pilpel <strong>–</strong> auf<br />

Deutsch heißt das „Pfeffer“ <strong>–</strong>,<br />

in der sie erstmals hebräisch<br />

sang. Über ihr Jazzalbum Point<br />

of No Return (Stunt, 2002)<br />

schrieb David Adler auf der<br />

Website All Music, dass nicht<br />

nur ihre Stimme ein Highlight,<br />

sondern auch ihr Gitarrenspiel<br />

„durchweg vielseitig und substanziell“<br />

sei. Zudem hat sie die<br />

Platte selbst produziert und alle<br />

Arrangements für die beteiligte<br />

All-Star-Band mit Randy<br />

Brecker, Chris Cheek, Lelo<br />

Nika, Thommy Anderson und<br />

Adam Nussbaum geschrieben.<br />

Eyal Hareuveni hat sich auf All<br />

About Jazz sehr anerkennend<br />

über As the World Sleeps<br />

geäußert: Wie Marlene Dietrich<br />

erfinde sich Dalia Faitelson<br />

immer wieder neu. „Mit einem<br />

intimen und coolen akustischen<br />

Jazz-Setting kanalisiert sie<br />

Einflüsse von Songwritern wie<br />

Joni Mitchell und Tom Waits.“<br />

Ihr neues Album ist durch<br />

einen Trauerfall inspiriert<br />

worden, Faitelsons Ex-Mann ist<br />

vor zwei Jahren beim Fußballspielen<br />

mit den gemeinsamen<br />

Kindern einem Herzinfarkt<br />

erlegen. Nach einer Phase<br />

der Trauer hat die Sängerin<br />

beschlossen, ihr Leben ab jetzt<br />

intensiver anzugehen, die acht<br />

Songs, die auf Powered by Life<br />

enthalten sind, schrieben sich<br />

quasi von selbst. Für das Album<br />

hat Faitelson erstmals mit<br />

dem renommierten dänischen<br />

Pianisten Thomas Clausen<br />

zusammengearbeitet. „Thomas<br />

ist ein echter Allrounder“, freut<br />

sich die Sängerin. „Er kann<br />

klassisch spielen, er beherrscht<br />

natürlich den Jazz, aber auch<br />

Latin und Folk, er kann eine<br />

ganze Welt um einen herumbauen.<br />

Außerdem spielt er<br />

sehr lyrisch. Für diese Songs<br />

brauchte ich einfach einen<br />

Pianisten, und zwar einen,<br />

der lyrisch, melodisch und reif<br />

klingt.“<br />

Eine wichtige Funktion<br />

hat auch die Cellistin Soma<br />

Allpass, deren Instrument auf<br />

dem Album eine tragende Rolle<br />

einnimmt. „Mit Soma habe ich<br />

schon öfter gespielt, und ich<br />

liebe sie einfach“, sagt Dalia<br />

Faitelson. „Ich weiß auch ihren<br />

Humor sehr zu schätzen. Bei<br />

den Musikern, die meine Musik<br />

spielen sollen, geht es mir<br />

immer auch um die Persönlichkeit.<br />

Wir lieben uns einfach<br />

und passen schon deshalb gut<br />

zusammen. Es gibt nur wenige<br />

Cellisten, die man nicht eindeutig<br />

dem Jazz oder der Klassik<br />

zuordnen kann, aber sie spielt<br />

irgendwie mittendrin. Und sie<br />

spielt tolle Soli, es gibt nur wenige<br />

Cellisten, die das können.<br />

Das Cello ist ein wundervolles<br />

Instrument, weil es so sehr der<br />

menschlichen Stimme ähnelt.“<br />

Hoffnungsvoll und fast<br />

schon fröhlich klingt „Cut Ourselves<br />

Some Slack“. „Das ist<br />

eine amerikanische Redewendung,<br />

die ungefähr bedeutet,<br />

dass man sich nicht zu ernst<br />

nehmen sollte“, erläutert Dalia<br />

Faitelson. „Man sollte einfach<br />

nicht zu hart mit sich ins<br />

Gericht gehen, denn wir haben<br />

nur dieses eine Leben und sind<br />

darauf angewiesen, mit uns<br />

selbst befreundet zu sein. Es<br />

ist ein optimistisches Lied, das<br />

einen dazu auffordert, sich im<br />

Leben nicht zu sehr in Details<br />

zu verlieren. Man sollte seine<br />

eigenen Grenzen akzeptieren<br />

und einfach ganz im Hier und<br />

Jetzt leben. Es ist wichtig,<br />

vergeben zu können <strong>–</strong> und<br />

geben zu können. Das Leben ist<br />

zu kurz, um sich nutzlos mit den<br />

eigenen Unzulänglichkeiten<br />

herumzuschlagen.“<br />

Mit dem abschließenden<br />

„Destiny Made a Mistake“ entlässt<br />

Dalia Faitelson den Hörer<br />

mit einem geradezu humorvollen<br />

Song. So viel Vitalität, so<br />

viel Liebe zum Leben hat wohl<br />

lange keine CD mehr verströmt<br />

<strong>–</strong> Dalia Faitelson blickt nach<br />

vorn, und sie tut das mit einer<br />

künstlerischen Integrität, für<br />

die sie den perfekten Ausdruck<br />

gefunden hat.<br />

Aktuelle CD:<br />

Dalia Faitelson: Powered By Life<br />

(Losen / In-Akustik)<br />

22 JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong>


Im März wurde er 80. Andere mussten etwas bahnbrechend Neues schaffen, um so deutliche<br />

Spuren in der Jazzgeschichte zu hinterlassen. Er brauchte nur seine Musik zu spielen. In<br />

dieser spürst du die Gegenwart einer eigenartigen Weite <strong>–</strong> vielleicht ist es auch deine<br />

eigene innere Weite <strong>–</strong> und du lehnst dich zurück und gibst dich hin, der Hymne an das Leben.<br />

Charles<br />

Lloyd<br />

Die Hymne<br />

des Lebens<br />

oder: Der letzte<br />

Mohikaner<br />

Von Jan Kobrzinowski<br />

Das Hymnische in der Musik von Charles<br />

Lloyd ist wahrscheinlich schon immer<br />

einer der Gründe dafür gewesen, dass er<br />

über eine Periode von sage und schreibe<br />

fünf Dekaden hinweg als Bandleader eine<br />

solche Kristallisationsfigur für Musiker<br />

und Publikum sein konnte. Auf Vanished<br />

Gardens, dem zweiten Album mit seinen<br />

Marvels, ist nun Lucinda Williams zu Gast.<br />

Die Country-Sängerin prägt mit fünf von<br />

zehn Stücken die Atmosphäre der Platte<br />

entscheidend mit. „Nein, du musst nicht<br />

versuchen, die Tränen zurückzuhalten. Du<br />

kannst nicht weinen, wenn du es drauf<br />

anlegst“, singt Lucinda, und wenn sie sich<br />

dann der bluesigen Gospel/Country-Ballade<br />

„We’ve Come Too Far To Turn Around“<br />

hingibt <strong>–</strong> wer denkt da nicht an „Will the<br />

Circle Be Unbroken“? Da fällt ihr eigenes<br />

ganz verschlepptes Tempo mit dem der<br />

Marvels zusammen, und es wird klar, dass<br />

das Zusammentreffen mit Charles Lloyd kein<br />

Zufall war. Er selbst spricht von einer „deep<br />

Southern crossroads connection“.<br />

Was das bedeutet, erschließt sich<br />

nicht nur beim Hören von Vanished<br />

Gardens, sondern erklärt sich vielmehr<br />

mit einem tiefen Blick auf sein Gesamtwerk.<br />

Obwohl Lucinda Williams nur auf<br />

fünf Stücken zu hören ist, bringt sie auf<br />

geheimnisvolle Weise die Musik des<br />

gesamten Albums auf den Punkt. „Lu ist<br />

eine Dichterin, eine authentische, amerikanische<br />

Stimme. Ihr Sound ist wie ein<br />

emotionales Barometer. Eine Wetterfahne.<br />

Manchmal wirbelt er im Sturm herum, und<br />

manchmal ist er süß und rein wie eine<br />

südliche Brise, die dir das berauschende<br />

Parfüm der Magnolie bringt. Sie ist eine<br />

Reporterin der menschlichen Existenz, des<br />

Lebens auf dem Planeten Erde.“ Der Sound,<br />

den die Gitarren-Architekten Bill Frisell und<br />

Greg Leisz gemeinsam mit der entspannt<br />

agierenden Rhythmusgruppe, bestehend aus<br />

Eric Harland (dr) und Reuben Rogers (e-b),<br />

weben, ist wie ein Teppich für Lloyd, der<br />

nur noch die Augen schließen und seine<br />

hymnischen Tenorlinien perlen lassen muss.<br />

So bringen die Marvels ihre Liebe zur Weite<br />

des nordamerikanischen Kontinents musikalisch<br />

zum Ausdruck, und re-definieren so<br />

ganz nebenbei das Phänomen Americana.<br />

Immer wieder ist die Rede von der<br />

Spiritualität in Charles Lloyds Musik. Er<br />

selbst kommentiert das mit lakonischem<br />

Humor: „Klebt mir bitte nicht dieses Etikett<br />

an. Es gab eine Menge Bananenschalen,<br />

auf denen ich schon ausgerutscht bin“,<br />

sagt er. „Wer bin ich, dass ich den Leuten<br />

sagen wollte, wie sie leben sollen? Und<br />

wo wir schon von Spiritualität sprechen:<br />

Weißt du, der Schöpfer von all dem hier<br />

liebt auch gerade einige von uns wilden<br />

Jungs.“ Lloyd macht immer noch „spirituelle“<br />

Musik, weil er Zeit seines Lebens auf<br />

der Suche nach der Wahrheit geblieben ist.<br />

„Ich habe Anfängergeist, ich liebe Musik,<br />

24 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


und darum spiele ich und habe so jeden Tag<br />

die Gelegenheit, die Wahrheit zu sagen. Im<br />

Gegensatz zu den Politikern.“<br />

Leute, die 80 werden, erzählen gern,<br />

so auch Charles Lloyd. Auf der Pressekonferenz<br />

in Tampere spricht er auch über<br />

seine Zeit in Memphis: „Meine Mutter hatte<br />

dieses große Haus. Als Ellington in der<br />

Stadt war, wurde sie angerufen und gefragt,<br />

ob wir Platz hätten, es gab kein Hotel für<br />

Schwarze in der Stadt. Und so stiegen<br />

Duke und seine Musiker bei uns ab. Meine<br />

Mutter erzählte ihm, dass ich Musiker werden<br />

wollte. ‚Nein, du solltest Doktor oder<br />

Indianerhäuptling werden’, sagte er. ‚Dieser<br />

Job ist zu hart.’ Ich hätte auf ihn hören<br />

sollen.“ Er spricht von seinem Mentor und<br />

Lehrer, dem Pianisten Phineas Newborn,<br />

von Booker Little, dem Trompeter, seinem<br />

Freund aus Kindertagen, von seinem Buddy,<br />

dem Drummer Billy Higgins, mit dem er ab<br />

dem Alter von 18 bis zu dessen Tod eine<br />

enge musikalische Beziehung hatte. Er traf<br />

Ornette, Don Cherry, Chico Hamilton, Scott<br />

LaFaro, Charlie Haden, Eric Dolphy, Bobby<br />

Hutcherson, Cannonball Adderley, Roy Haynes,<br />

Tony Williams, Ron Carter. Keith Jarrett und<br />

Michel Petrucciani wurden durch ihn groß.<br />

Er bereicherte den Sound zahlreicher Rock-,<br />

Blues-, und Popstars der 60er und 70er<br />

Jahre und legte nebenbei die Basis für das,<br />

was später World Music genannt werden<br />

sollte. Kaum ein anderer Jazzmusiker hat<br />

mit so vielen gespielt, von und mit so vielen<br />

gelernt. Manchmal wundert er sich selbst<br />

darüber: „Sie wollten alle mit mir spielen.<br />

Ich fühle mich damit gesegnet.“<br />

„Ich bin einer der letzten Mohikaner.<br />

Es sind nicht mehr viele von uns übrig“,<br />

sagt ein Mann, im Bewusstsein, vielleicht<br />

einer der wenigen Verbliebenen zu sein, in<br />

deren Haltung sich eine bedingungslose<br />

PDF in 4c<br />

Liebe zur Musik ausdrückt und nicht zuletzt<br />

die <strong>–</strong> durchaus berechtigte <strong>–</strong> Naivität der<br />

Vorstellung einer Welt, die gewiss besser<br />

wäre, würde sie sich nur nach den Regeln<br />

der Kunst richten.<br />

Aktuelle CD:<br />

Charles Lloyd & The Marvels: Vanished Gardens<br />

(Blue Note / Universal)<br />

© Marc Ducrest


Titel<br />

© Lutz Voigtländer<br />

Kathrin<br />

PechlofFreiräume<br />

für die Harfe<br />

26<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Die Harfe ist ein sehr altes und weit verbreitetes<br />

Musikinstrument. Sie kommt in vielen Weltgegenden<br />

vor, in den unterschiedlichsten Formen, Stimmungen<br />

und gesellschaftlichen Kontexten. Harfen gab es in der<br />

mediterranen Antike, es gibt die westafrikanische Kora,<br />

es gibt keltische Harfen, in Lateinamerika existiert eine<br />

vielgestaltige Harfen-Tradition. In der westeuropäischen<br />

Kunstmusik gibt es die optisch eindrucksvolle und<br />

mechanisch komplizierte Konzertharfe. Im Jazz allerdings<br />

ist das Instrument noch nicht wirklich angekommen.<br />

Von Hans-Jürgen Linke<br />

zu spielen, erfordert erheblichen Kraftaufwand<br />

in Armen, Händen, Fingern. Auch die<br />

Bedienung der Pedale funktioniert nicht<br />

ohne Kraft und Präzision in Beinen und<br />

Füßen. Man sollte Harfenengel also nicht<br />

unterschätzen.<br />

In der älteren Literatur ist die Harfe<br />

vor allem Orchesterinstrument. Sie ist für<br />

Farbtupfer in einem Gesamtklang zuständig<br />

und tendiert immer ein wenig dazu, in<br />

ihm zu verschwinden. Seit dem späten 19.<br />

Jahrhundert beginnt sich allerdings in dieser<br />

Hinsicht etwas zu verändern; bei Ravel,<br />

Musiker, fand Anregungen für die eigene<br />

Kreativität. Was sie nicht fand, waren<br />

Vorbilder und Rollenmodelle. Die Harfe ist im<br />

Jazz ein seltenes und untypisches Instrument.<br />

Gelegentlich gab es zwar schon<br />

Versuche, sie kleiner, dynamischer und<br />

elektronischer zu machen, um sie den eher<br />

rauen Bedingungen in Jazz-Ensembles anzupassen,<br />

ihr mehr akustische Durchsetzungsfähigkeit<br />

und neue Klangmöglichkeiten<br />

zu verschaffen. Allerdings sind dabei<br />

nur wenige Prototypen entstanden; eine<br />

komplexe neue Erscheinungsweise und<br />

Klangwelt <strong>–</strong> wie in den sieben Jahrzehnten<br />

der elektrischen Gitarre <strong>–</strong> hat sich nicht<br />

einmal ansatzweise entwickelt. Die Harfe<br />

ist immer noch ein altehrwürdiges, hölzernes<br />

Saiteninstrument, das mit intensiver<br />

Handarbeit zum Klingen gebracht werden<br />

will. Mit Tonabnehmern und Mikrofonen<br />

kann man immerhin der Dynamik ohne<br />

klangliche Veränderungen zu Hilfe kommen.<br />

Aber traditionell haben Harfenengel<br />

mit Groove, mit Jazz-Standards, mit freier<br />

Improvisation wenig zu tun.<br />

Das hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil<br />

ist, dass die Harfenistin in dieser Umgebung<br />

große Freiräume genießt. Es gibt hier<br />

Eher subtil als dynamisch,<br />

eher feinsinnig als kraftvoll.<br />

Von Anfang an war die Harfe Kathrin<br />

Pechlofs Lieblingsinstrument. Der fließende,<br />

warme Klang und seine spezielle<br />

Poesie hatten schon sehr früh ihren<br />

Wunsch geweckt, Harfe zu spielen. Seit<br />

etlichen Jahren hat sich mittlerweile unter<br />

ihrem Namen ein Trio versammelt, dessen<br />

zweites Album jetzt herausgekommen ist.<br />

Ein Jazz-Trio? Ja, auch.<br />

Wer Harfe spielen will, kommt an<br />

einer sogenannten klassischen Ausbildung<br />

nicht vorbei. Das bedeutet, neben all<br />

der Theorie, die man sich im Zuge eines<br />

Musikstudiums aneignet, vor allem: Noten<br />

aufs Pult legen, unter kundiger Anleitung<br />

und Überwachung die einschlägige<br />

Literatur so gut wie möglich spielen und<br />

dabei eigene Interpretations-Ansätze und<br />

-Spielräume ausmessen lernen.<br />

In Westeuropa sind um die Harfe<br />

seit dem 18. Jahrhundert einige haltbare<br />

Klischees entstanden, die im zugespitzten<br />

Bild des Harfenengels zusammenfinden.<br />

Die Harfe gilt als irgendwie lyrisch und<br />

ätherisch, ihr Ton ist fragil, zart und nicht<br />

sehr dominant. Im Normalfall wird die<br />

Harfe von einer Harfenistin gespielt. Harfenisten<br />

sind weit seltener. Das sanfte Image<br />

hat allerdings mit der Wirklichkeit des<br />

Harfespielens wenig zu tun. Im Orchester<br />

ist eine Konzertharfe nach dem Klavier das<br />

größte und schwerste Instrument. Sie ist<br />

bis zu 1,90 Meter hoch, hat eine komplexe<br />

Mechanik und wiegt 40 Kilogramm und<br />

mehr. Das Instrument und seine Spiel-<br />

Mechanik müssen von der Harfenistin<br />

(oder dem Harfenisten) zupackend<br />

gehalten, bewegt und bedient werden. Die<br />

Harfe zu halten, setzt eine gut entwickelte<br />

Stütz- und Rückenmuskulatur voraus. Sie<br />

bei Richard Strauss oder Arnold Schönberg<br />

emanzipiert sich das Instrument. Die<br />

Harfe, wird eigensinniger, hörbarer und<br />

bekommt solistische Aufgaben. Trotzdem<br />

war da von Anfang an, erinnert sich Kathrin<br />

Pechlof, eine leise Unzufriedenheit, die<br />

das Studium begleitete. Eine Leerstelle, die<br />

langsam Form und Gestalt annahm. Regeln<br />

zu lernen und die Musik diesen Regeln<br />

gemäß nachzuspielen <strong>–</strong> war das wirklich<br />

alles, was eine Lebenslaufbahn als<br />

Musikerin versprach? Schon während des<br />

Studiums in München fanden sich in ihrem<br />

Freundeskreis Jazzmusiker. Sie ging mit in<br />

deren Konzerte und begann, mit ihnen zu<br />

spielen. Die Unterbiberger Hofmusik der<br />

Familie Himpsl mit ihrer Neuen Volksmusik<br />

oder das Jazzquartett Cosmic Groove<br />

Orchestra boten Chancen für alternative<br />

Erfahrungen mit der Harfe.<br />

Kathrin Pechlof ging für ein Masterstudium<br />

im Fach Jazzkomposition nach<br />

Köln, und das veränderte alles. Der Weg<br />

über die Komposition als akademisches<br />

Tool erwies sich als der ihr angemessene<br />

Weg ins Neuland, Joachim Ulrich<br />

und Frank Gratkowski nennt sie als ihre<br />

wichtigsten Lehrer. In der umtriebigen<br />

Kölner Jazz-Szene traf sie ähnlich gesinnte<br />

<strong>–</strong> im Unterschied zur sogenannten klassischen<br />

Musik <strong>–</strong> kein Klischee-Reservoir. Es<br />

gibt keine verbindliche Liste mit herausragenden<br />

Virtuosen-Persönlichkeiten und<br />

Tonbildungs-Eigenarten, an denen man<br />

sich orientieren kann und muss. Im Jazz<br />

darf eine Harfenistin sie selbst sein <strong>–</strong> beziehungsweise:<br />

Sie muss das. Es gibt keine<br />

Alternative. Der Weg der Nachahmung<br />

von oder Abarbeitung an verbindlichen<br />

Vorbildern existiert nicht.<br />

Freiheitsliebe<br />

Wenn man Kathrin Pechlof nach Musikern<br />

aus der Jazzgeschichte fragt, die sie<br />

beeinflusst haben, nennt sie Duke Ellington<br />

<strong>–</strong> den bedeutendsten und raffiniertesten<br />

Komponisten des orchestralen Jazz <strong>–</strong>,<br />

dann Wayne Shorter, den großen Saxofon-<br />

Erzähler, Konzeptionisten und Klangmaler,<br />

und den immer grenzüberschreitend<br />

arbeitenden Henry Threadgill. Aber es<br />

gibt Unterschiede. Kathrin Pechlof findet<br />

im Jazz vieles, was ihr attraktiv erscheint,<br />

aber sie fühlt sich dieser Tradition nicht<br />

wirklich nahe. Ihre Beziehung zum Jazz ist,<br />

wie sie selbst sagt, von einer Art musikalischer<br />

Freiheitsliebe motiviert, aber darüber<br />

hinaus immer ein wenig akademisch<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 27


Titel<br />

geblieben. „Diese Musik“, sagt sie, „ist<br />

nicht durch mich hindurchgegangen“. Anders<br />

als die sogenannte klassische Musik,<br />

mit der sie früh in Berührung gekommen<br />

ist und die sie ausgiebig studiert hat. Sie<br />

weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich<br />

anfühlt, Harfenistin im Orchester zu sein.<br />

Sie weiß, wie es ist, als Solistin mit einem<br />

(oder angestrengt gegen ein) Orchester<br />

zu arbeiten. Aber: „Ich werde nie erleben<br />

können, wie es ist, wenn man zum Beispiel<br />

in einer Bigband im Saxofonsatz swingt.“<br />

Solche Erfahrungen hält der Jazz für eine<br />

Harfenistin nicht bereit.<br />

Was den Jazz dagegen prägt wie kein<br />

anderes Musik-Genre, ist die eigenverantwortliche<br />

Gestaltung des klingenden<br />

Augenblicks in der Improvisation. Diese<br />

musikalische Praxis wurde im Kontext<br />

unserer klassischen Musik anderthalb<br />

Jahrhunderte lang stark vernachlässigt,<br />

wenn nicht zum Schweigen gebracht. Wo<br />

Musik von Komponisten geschrieben und<br />

von ausübenden Musikern gespielt wird,<br />

© David Beecroft<br />

wo es also zwei Gattungen von Künstlern<br />

gibt, die ihr in die Wirklichkeit verhelfen<br />

und deren Aufgaben dabei streng voneinander<br />

unterschieden sind, hat Improvisation<br />

keinen Raum. Allenfalls darf (oder<br />

muss) der spielende Musiker eine eigene<br />

Kadenz zum Besten geben oder ein wenig<br />

„extemporieren“.<br />

Seit der Jazz sich in den 40er Jahren<br />

des 20. Jahrhunderts zu einer Konzertmusik<br />

mit starkem Improvisationsanteil zu<br />

entwickeln begann, hat er diese Leerstelle<br />

besetzt. Improvisierende Musiker galten<br />

gewissermaßen automatisch als Jazz-<br />

Musiker <strong>–</strong> gleichgültig, welchem Genre sie<br />

sich zugehörig fühlten. Aber wie so viele<br />

scheinbar feststehende Tatsachen wurde<br />

auch diese durch aktuelle Entwicklungen<br />

überholt: Unter den spielenden Vertretern<br />

der Alten und den Protagonisten der<br />

Neuen Musik hat sich eine Kultur der<br />

Improvisation entwickelt. In der Alten<br />

Musik liegt das schon aus Gründen einer<br />

historisch informierten Aufführungspraxis<br />

recht nahe. Von der Neuen Musik aus gibt<br />

es mittlerweile intensive Berührungen mit<br />

improvisierenden Musikern. Alle arbeiten<br />

schließlich mit den gleichen avancierten<br />

Spiel- und Tonbildungs-Techniken und<br />

lernen an den Hochschulen das Gleiche.<br />

Improvisierende Musiker fühlen sich<br />

längst nicht mehr unausweichlich einer<br />

Jazz-Idiomatik verpflichtet, und die bestens<br />

ausgebildeten Musiker der Neuen<br />

Musik suchen für ihre hochentwickelten<br />

Fähigkeiten Betätigungsfelder jenseits<br />

dessen, was ihnen die Komponisten aufs<br />

Pult legen.<br />

Überwiegend leise<br />

Kathrin Pechlof hat nach ihrer klassischen<br />

Ausbildung keine neue Musiksprache erlernen<br />

müssen. Sie brauchte keine Nachhilfe<br />

für Swing oder Off-Beat-Phrasierung<br />

oder für nervöse Bebop-Linien, und sie<br />

musste keine Blue Notes auf der Harfe<br />

finden. Sie improvisiert in der Sprache<br />

ihres Instruments, findet und erfindet neue<br />

Vokabeln, Klänge, Spieltechniken. Sie hat<br />

ihren Platz zwischen den Stühlen gesucht<br />

und gefunden: Wo auch sonst.<br />

Auch deshalb, weil sie dort längst<br />

nicht mehr allein suchen und arbeiten und<br />

sitzen muss. Ihr Trio mit dem Bassisten<br />

Robert Landfermann und dem Altsaxofonisten<br />

Christian Weidner hat einen eigenen<br />

Sound entwickelt und gängige Genre-Beschränkungen<br />

hinter sich gelassen. Nicht<br />

nur die Harfenistin hat sich auf etwas<br />

Neues eingelassen, die Jazzmusiker im<br />

Trio haben sich in den gleichen Lernprozess<br />

hineinbegeben. Für gut die Hälfte der<br />

Stücke im Trio-Repertoire zeichnet Christian<br />

Weidner als Komponist verantwortlich.<br />

Es ist nicht verwunderlich, dass der<br />

Trio-Sound überwiegend leise daherkommt.<br />

Eher subtil als dynamisch, eher<br />

feinsinnig als kraftvoll. Das hängt auch<br />

mit Eigenschaften der Harfe zusammen,<br />

sagt Kathrin Pechlof. Klangliche Nuancen<br />

stehen bei diesem Instrument eigentlich<br />

nur zur Verfügung, wenn man sich auf ihre<br />

leise Poesie einlässt. Auch Jazzmusiker<br />

haben die Klangfarben, die leisen, raffinierten<br />

Gestaltungsmöglichkeiten schätzen<br />

gelernt. So dass Kathrin Pechlof etwa bei<br />

Niels Klein in der für Jazz-Verhältnisse fast<br />

schon orchestralen Großformation Loom<br />

oder in Benjamin Schäfers Quintett Quiet<br />

Fire die Gelegenheit hat, sich als Sidewoman<br />

zu präsentieren. Ein durchaus neues<br />

Rollenmodell für eine Harfenistin im Jazz.<br />

Kathrin Pechlof lebt inzwischen in<br />

Berlin. Aus der Erfahrung, dass sie als<br />

Jazzmusikerin nicht einfach in fertigen<br />

Strukturen ihre Arbeit tun kann, sondern<br />

vieles selbst gestalten muss, folgte für sie<br />

die Mitarbeit in der IG Jazz Berlin, zu deren<br />

Vorstand sie mittlerweile gehört. Und<br />

zusammen mit Christian Weidner kuratiert<br />

sie die Konzertreihe „Serious Series“ in<br />

den Berliner Uferstudios.<br />

Neben und zusammen mit dem Trio ist<br />

zurzeit ein Septett ihr aufregendstes musikalisches<br />

Projekt. Es handelt sich um eine<br />

Erweiterung des Trios durch ein Quartett<br />

von Streichern <strong>–</strong> kein Streichquartett: Die<br />

sieben Musikerinnen und Musiker bewegen<br />

sich auf individuellen Wegen in einem<br />

weiten Bereich zwischen Neuer Musik und<br />

zeitgenössischem Jazz. Sie hören einander<br />

genau zu und machen das zur Grundlage<br />

ihrer Entwicklungsarbeit einer eigenen<br />

Musiksprache. Sie beharren nicht auf<br />

Herkömmlichem. Sie verlassen sich beim<br />

Improvisieren nicht auf eine gemeinsame<br />

Tradition, sondern erforschen und schaffen<br />

ihre eigene. Kompositionen sind hier vor<br />

allem Spielfelder und notierte Verläufe für<br />

gemeinsame Experimente.<br />

Die sieben haben, nach einigen Konzerten<br />

im April, inzwischen im Funkhaus<br />

Berlin zusammen Aufnahmen gemacht.<br />

Man könnte damit ein Septett-Album<br />

bestücken. Wo das erscheinen soll? Wer<br />

weiß das. Irgendwo gibt es vielleicht<br />

genügend Neugier dafür. Was bleibt einem<br />

schon übrig, als etwas Neues in die Welt<br />

zu setzen.<br />

Aktuelle CD:<br />

Kathrin Pechlof Trio: Toward the Unknown<br />

(Pirouet / NRW)<br />

28 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> Kathrin Pechlof Trio


koMposItIonen sInD Vor<br />

alleM spIelFelDer.<br />

© Lutz Voigtländer<br />

JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 29


Stefano Bollani Gegen die Langeweile<br />

Rührig könnte man<br />

Stefano Bollani<br />

durchaus nennen,<br />

umtriebig, neugierig<br />

und vielseitig.<br />

Alles Attribute, die<br />

hervorragend zu dem<br />

italienischen Pianisten<br />

mit dem Frank-Zappa-<br />

Pferdeschwanz<br />

passen. Mühelos<br />

bewegt sich der<br />

45-Jährige in<br />

sämtlichen Stilen,<br />

beherrscht Ravel<br />

ebenso wie Piazzolla<br />

und sämtliche Jazz-<br />

Standards, immer auf<br />

der Suche nach etwas<br />

Neuem. Jetzt hat er mit<br />

Que Bom sein zweites<br />

brasilianisches Album<br />

veröffentlicht <strong>–</strong> und<br />

einmal mehr seine<br />

Wandlungsfähigkeit<br />

unter Beweis gestellt.<br />

© Vinícius Giffoni<br />

Von Thomas Kölsch<br />

„Das Schlimmste sind für mich<br />

Wiederholungen“, sagt Stefano<br />

Bollani und lacht. „Wenn ich mir<br />

vorstellen müsste, immer dasselbe<br />

zu spielen, Tag für Tag wie<br />

ein Automat, würde ich meinen<br />

Beruf wahrscheinlich hassen.“<br />

Freiheit ist für den international<br />

anerkannten Tastenvirtuosen<br />

das zentrale Gut, Freiheit in der<br />

Welt ebenso wie Freiheit in der<br />

Musik. Am Florenzer Konservatorium<br />

Luigi Cherubini hatte man<br />

einst versucht, ihm Letzteres<br />

auszutreiben, wie er mal gestand<br />

<strong>–</strong> ohne Erfolg. Kein Wunder,<br />

dass Bollani sich daraufhin<br />

zunächst dem Jazz zuwandte.<br />

„Für mich ist die Improvisation<br />

eine Art von Meditation“, erzählt<br />

er. „Ich kann dabei all das nutzen,<br />

was mich gerade bewegt,<br />

und damit jene Leere füllen, die<br />

das Solo zunächst ist.“<br />

Doch der Wunsch nach<br />

Veränderung treibt Bollani nicht<br />

nur in einzelnen Stücken an.<br />

Sein gesamtes künstlerisches<br />

Schaffen ist darauf ausgerichtet,<br />

unvorhersehbar zu sein. So<br />

auch mit Que Bom. „Ich habe<br />

zuletzt wenig komponiert, zum<br />

einen aufgrund von Zeitmangel,<br />

aber auch weil ich es oft<br />

weitaus einfacher finde, in<br />

der bestehenden Musik nach<br />

schönen Stücken zu suchen<br />

und diese in meinem Stil zu<br />

spielen“, sagt er. „Für Que Bom<br />

habe ich aber fast alles selbst<br />

geschrieben, was mir sehr viel<br />

Freude bereitet hat. Übrigens ist<br />

das auch der große Unterschied<br />

zu BollaniCarioca: Damals habe<br />

ich in erster Linie brasilianische<br />

Volkslieder überarbeitet.“ 2007<br />

war das, im selben Jahr also,<br />

in dem er den Hans-Koller-<br />

Preis als bester europäischer<br />

Musiker des Jahres erhielt, mit<br />

der Filarmonica ‚900 des Teatro<br />

Regio Turin Werke von Francis<br />

Poulenc einspielte <strong>–</strong> und als erster<br />

Musiker seit Antonio Carlos<br />

Jobim Klavier in einer Favela<br />

spielte. „Es war sogar dasselbe<br />

Instrument“, betont Bollani. „Für<br />

mich war das ein ganz besonderer<br />

Moment, weil meine Musik<br />

tatsächlich Menschen aus der<br />

Stadt und aus der Favela zusammenbrachte.“<br />

Die Liebe zu brasilianischen<br />

Klängen und Rhythmen<br />

geht allerdings viel weiter<br />

zurück. „Angefangen hat alles,<br />

als ich etwa 13 Jahre alt war“,<br />

erinnert sich Bollani. „Damals<br />

hörte ich zum ersten Mal eine<br />

Bossa Nova, die schnell zur<br />

dritten Leidenschaft nach Jazz<br />

und Rock wurde. Nach und nach<br />

entdeckte ich verwandte Stile,<br />

die mich allesamt begeisterten.<br />

Ich liebe es, dass das Klavier<br />

hierbei sowohl ein Perkussionsinstrument<br />

ist als auch meine<br />

Stimme ersetzen kann. Und der<br />

Vibe ist einfach fantastisch.“ Die<br />

Produktion von BollaniCarioca<br />

war demzufolge nur konsequent<br />

<strong>–</strong> und der Nachfolger in diesem<br />

30 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


er hat sich am nächsten Tag die<br />

Noten angesehen, war begeistert<br />

und hat es perfekt vorgetragen.<br />

Unglaublich. Er könnte mir<br />

ein Telefonbuch vorsingen <strong>–</strong> und<br />

ich wäre glücklich damit.“<br />

Ähnliches könnte man<br />

auch über Bollani sagen. Sein<br />

virtuoses Klavierspiel macht mit<br />

jedem Ton Lust auf mehr, zumal<br />

es nur so vor Lebensfreude<br />

strahlt und sich völlig natürlich<br />

in die feinen Grooves seiner<br />

Band einfügt. „Die Aufnahmen<br />

haben einfach riesigen Spaß<br />

gemacht“, betont Bollani denn<br />

auch. Das hört man. Herrlich<br />

entspannte Melodien, in denen<br />

sich brasilianische Harmonien<br />

und Rhythmen mit italienischen<br />

Texten und dem ein oder<br />

anderen ironischen Unterton mischen,<br />

ohne auch nur für einen<br />

Moment monoton zu wirken.<br />

Was Musik laut Bollani ohnehin<br />

niemals sein dürfte. „Wir sind<br />

ganz bestimmt nicht auf dieser<br />

Welt, um uns zu langweilen oder<br />

um traurig zu sein“, sagt er. Und<br />

bietet mit Que Bom eine Alterna-<br />

tive, die nicht nur jeder Latin-Fan<br />

in vollen Zügen genießen dürfte.<br />

© Vinícius Giffoni<br />

Jahr die logische Weiterent-<br />

wicklung, zumal Bollani nicht zu<br />

jenen gehört, die eine Idee lange<br />

mit sich herumtragen. „Wenn<br />

ich etwas machen möchte,<br />

dann setze ich das auch relativ<br />

schnell um“, sagt er. Wenn es<br />

doch immer so einfach wäre.<br />

Für Bollani offenbar schon, der<br />

kurzerhand eine ihm vertraute<br />

Rhythmusgruppe und Gaststars<br />

wie Caetano Veloso, Hamilton<br />

de Holanda und Jaques Morelenbaum<br />

einlud, mit denen er<br />

schon seit Längerem ein Album<br />

produzieren wollte. „Hamilton ist<br />

ein guter Freund von mir, aber<br />

mit den anderen hatte ich zuvor<br />

noch nicht arbeiten dürfen, auch<br />

wenn ich beide vom Namen her<br />

kannte. Vor allem Caetano ist<br />

unglaublich schwer ins Studio<br />

zu bekommen, weil er einer der<br />

einflussreichsten und kreativsten<br />

Künstler seines Landes und<br />

ein phänomenaler Sänger ist.<br />

Ein Lied habe ich extra für ihn<br />

im Flugzeug geschrieben, auf<br />

Italienisch, weil das nun einmal<br />

meine Muttersprache ist <strong>–</strong> und<br />

Aktuelle CD:<br />

Stefano Bollani: Que Bom<br />

(Alobar / Galileo MC)<br />

JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 31


Auf seiner Homepage erzählt Nicola Conte eine Geschichte: Es geht um eine mysteriöse<br />

Frau, die wie aus dem Nichts erscheint und genauso wieder verschwindet. Um eine sanft<br />

schwingende Musik und eine geheimnisvoll streichelnde Stimme, mehr Hauch als Präsenz.<br />

Um den Wind und die Ladungen, die er transportiert.<br />

Von Stefan Hentz<br />

Natürlich geht es auch um einen Mann,<br />

einen Mann wie Conte selbst oder<br />

viele andere; alterslos jung, gediegen<br />

schlank, melancholisch elegant, Gitarre.<br />

Wahrscheinlich handelt es sich um eine<br />

Liebesgeschichte, wobei offen bleibt, was<br />

das Objekt dieser Liebe ist. Die Frau? Die<br />

Gemeinsamkeit? Die federleichte, leicht<br />

plätschernde Musik? Interessant ist, wie<br />

Conte diese Geschichte erzählt, als Graphic<br />

Novel nämlich, gezeichnet in hartem<br />

Schwarz-Weiß-Kontrast, so dass Details<br />

und Zwischentöne verschwinden.<br />

Die Geschichte ist schon etwas älter,<br />

zehn Jahre etwa, Conte hatte sie eingestellt,<br />

um mit ihr und den opaken Flächen und<br />

Ambivalenzen, die sie transportiert, auf seine<br />

Musik aufmerksam zu machen, auf das Album<br />

Rituals, in dem er sich als ein Mann der<br />

Bossa Nova und eines sehr angenehmen,<br />

milden Klimas zeigte. Doch letztlich lassen<br />

sich die aufgerufenen ästhetischen Verfahren,<br />

das Wechselspiel von Licht und Schatten,<br />

ungefüllten und mit Druckerschwärze<br />

zugelaufenen Flächen, das Erzählen in<br />

Bildern und Images, der cinematographische<br />

Puls aus Schnitten und Bildmontagen, das<br />

Schärfen und Verschwimmen des Bildfokus<br />

sowie ganz generell der Verzicht auf Details<br />

und Zwischentöne direkt auf seine künstlerische<br />

Vita bis in die Gegenwart beziehen.<br />

Die Gegenwart trägt den Namen Let<br />

Your Light Shine On und ist ein Album, das<br />

Conte kürzlich mit seiner Band Spiritual Galaxy<br />

(und einer stattlichen Garde von südafrikanischen<br />

und US-amerikanischen Gästen)<br />

in Bari und Johannesburg aufgenommen hat.<br />

Wie selbstverständlich dockt er mit diesem<br />

Album, seinem Debüt für das wiederbelebte<br />

deutsche Traditionslabel MPS, an einen<br />

anderen Bereich der Jazz-Geschichte an:<br />

an den spirituellen Jazz, der seinen Urknall<br />

in den späten 60er- und den 70er-Jahren<br />

im Windschatten der Materialerkundungen<br />

von Musikern wie John Coltrane, Pharoah<br />

Sanders, Albert Ayler hatte.<br />

Auch hier geht es wieder um eine Annäherung,<br />

um Images eines Stils, die Conte<br />

stilsicher aufruft und montiert. Es ist nett,<br />

was da auf dem Album zu hören ist, es hat<br />

einen tiefgründigen Afro-Groove, wiegt die<br />

Hüften schwer zwischen den harmonischen<br />

Pendelbewegungen, einer hochgerüsteten<br />

Perkussion und den soulgetränkten Stimmen<br />

mehrerer Sängerinnen und der verlässlichen<br />

Klasse von Gastsolisten wie den Saxofonisten<br />

Magnus Lindgren am Tenor und Logan<br />

Richardson am Alt oder dem Trompeter Theo<br />

Croker. Was allerdings auf der Strecke bleibt<br />

bei dieser musikalischen Puzzlearbeit, ist<br />

das gewisse Etwas, diese überschießende<br />

Energie, die damals die Faszination für diese<br />

Musik hervorrief, diese Unbedingtheit, mit<br />

der die Melodiker des Spiritual Jazz über alle<br />

Schranken der Konvention <strong>–</strong> und manchmal<br />

auch ihrer technischen Fähigkeiten <strong>–</strong> hinweg<br />

ihre Wege verfolgten.<br />

Nicola Conte, geboren 1964 in Bari,<br />

tief an der Ferse des italienischen Stiefels,<br />

unendlich weit entfernt von den Zentren des<br />

Jazz, von Rom, Mailand, Turin, den Großstädten<br />

des Nordens und noch viel weiter von<br />

den afroamerikanischen Kristallisationsorten<br />

auf der anderen Seite des Großen Teichs, wo<br />

sich seinerzeit der Spiritual Jazz sprunghaft<br />

ausbreitete. Doch auch in Süditalien gab es<br />

Musik, populäre und folkloristische Musik,<br />

all das, was lebt und bebt, Conte begegnete<br />

der klassischen Musik mit ihrem Seidenschmelz,<br />

der Breitwand-Sentimentalität der<br />

italienischen Filme der 70er-Jahre, und dem<br />

deutlich anspruchsärmeren Musikmaterial<br />

aus der cinematographischen Dutzendware<br />

aus Cinecittà, nippte am Jazz und seinem Begleitschwarm<br />

<strong>–</strong> Nicola Conte fand genug musikalisches<br />

Futter. Er wuchs heran zu einem<br />

manischen Schallplattensammler, der sich für<br />

viele Reize interessierte, die ihm vor die Ohren<br />

kamen, und zugleich zu einem Gitarristen, der<br />

den Ertrag all dieser Einflüsse in einer Art von<br />

lauschig dahinwehender improvisierter Musik<br />

miteinander verband, in einer Art Jazz-als-ob,<br />

einem sorgfältig abgestimmten Potpourri aus<br />

Jazz-Zeichen, das seinen Platz in den Loungesesseln<br />

dieser Welt findet.<br />

Conte ist clever genug, zu begreifen,<br />

dass sein eigenes Spiel auf der Gitarre dabei<br />

nicht viel mehr ist als eine nette Dreingabe<br />

des Gesamtklangs, und entsprechend hat er<br />

seit Langem seinen Fokus zunächst auf sein<br />

DJing und zunehmend auf die Position eines<br />

Produzenten verlegt, bei der nie so recht klar<br />

wird, wo er nur Vorgefundenes zurechtstutzt,<br />

um es in ein vorgefertigtes Klangbild<br />

einzufügen, und wo seine individuelle<br />

Imagination anfängt. In dieser Uneindeutigkeit<br />

nähert sich Conte wiederum der Welt<br />

bewusst unscharf gesetzter Zeichen, in der<br />

er vor zehn Jahren auf sein Album Rituals<br />

aufmerksam machte. Melodien wehen wie<br />

ein Windhauch, Bläser schlingen Girlanden,<br />

die gemächlich gen Boden schweben, doch<br />

the beat goes on. Körper bewegen sich im<br />

Raum <strong>–</strong>und irgendwo in dieser ganzen zarten<br />

Bewegung haben sich all die machtvollen<br />

Emotionen verpuppt: die Liebe und die<br />

Weltverbundenheit und das Begehren. Nach<br />

63 Minuten allerdings geht das Licht aus. So<br />

viel Struktur muss sein.<br />

Aktuelle CD:<br />

Nicola Conte: Let Your Light Shine On<br />

(MPS / Edel:Kultur)<br />

32 JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong>


nICola<br />

Conte<br />

Melodien wie<br />

ein Windhauch<br />

© Nicolas Righetti<br />

JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 33


High Fidelity: Die Listening-Session<br />

CYRUS CDi Intimität bis zum Erröten<br />

Wer noch CDs hört, der kommt um<br />

ein hochwertiges Abspielgerät nicht<br />

herum. Ein traditionsreicher Hersteller<br />

von CD-Playern ist Cyrus Audio<br />

aus England.<br />

Von Peter Steinfadt<br />

Also ich habe ja gerne was in der Hand.<br />

Eine Langspielschallplatte. Oder eine<br />

CD mit buntem Booklet. Mit gestreamter<br />

Musik, mp3 oder ähnlichem technologischen<br />

Fortschritt kann ich wenig anfangen.<br />

Musikgenuss ist ein Lebensmittel und sollte<br />

nicht zum Fast Food verkommen. Kann<br />

der ernsthafte Musikfreund Datenmaterial<br />

sammeln? Das ist wie Berliner Luft in<br />

Dosen und somit lächerlich. Wo bitteschön<br />

bleibt denn im Zuge der Entstofflichung der<br />

liebgewonnene Staub auf der meterlangen<br />

LP-Sammlung im Regal oder dem Konvolut<br />

der alphabetisch sortierten Silberlinge? Da<br />

goutiere ich doch lieber das saftig-dezente<br />

„Schluurb“ des Cyrus-Laufwerks während<br />

des Einziehens bzw. Ausspuckens einer<br />

Compact Disc.<br />

Die Technik des Cyrus CDi aus Huntington,<br />

Cambridgeshire ruht in einem Solidität<br />

ausstrahlenden und für den Hersteller<br />

typischen Druckguss-Gehäuse mit schöner<br />

Anfassqualität und verfügt über ein sogenanntes<br />

LED Loading System sowie einen<br />

32-Bit-DAC Wandler. In der bescheidenen<br />

Abmessung von 73 x 215 x 360 Millimetern<br />

(H x B x T) mit den Ausgängen SPDIF<br />

optisch, SPDIF koaxial und 2 x Stereo-Cinch<br />

steckt viel technisches Know-how des<br />

Traditionsherstellers. Vom ersten reproduzierten<br />

Ton an ist es zu hören, dass hier<br />

enthusiastische Überzeugungstäter am<br />

Werk waren. Hier wird Wissen umgemünzt<br />

in seelenvolle, natürliche Musikwiedergabe.<br />

Dark Days & Canapés (Pias, 2017) von<br />

Obaro Ejimiwe aka Ghostpoet liefert düsteren,<br />

spannenden Urban-Electro-Sound aus<br />

UK. Als Hörer verfällt man sofort der dunklen<br />

Stimme des Briten mit nigerianischen<br />

Wurzeln, mehr Spoken Word als Gesang.<br />

Hier treffen ein glockenhell angeschlagenes<br />

Klavier auf dunkle Elektrosounds und teils<br />

verstörende Gitarrenarbeiten, die sogar ins<br />

Morriconehafte driften können. Welcome to<br />

the Geisterstunde. Es ist schön da. Der Cyrus<br />

CDi besitzt ein Faible für einen sehr harmonischen,<br />

körperreichen Tonfall und leuchtet die<br />

Bühne des musikalischen Geschehens sehr<br />

glaubhaft aus. Der Player transportiert die<br />

Weltuntergangsintimität des Albums bis zum<br />

Erröten. Mit einem solch organischen, gesättigten<br />

Gestus, dass sich die beliebte Frage<br />

nach der Auflösungskapazität der Maschine,<br />

die diese übrigens perfekt beherrscht, erst<br />

gar nicht stellt.<br />

„Schluurb!“ <strong>–</strong> CD raus. „Schluurb!“<br />

<strong>–</strong> neuer Titel rein. Ärger über klapprige CD-<br />

Schubladen kann beim Cyrus CDi gar nicht<br />

erst aufkommen. Das Florian Pellissier Quintet<br />

kann sein Faible für Blue-Note-Jazz der<br />

60er Jahre nicht verleugnen und schlägt auf<br />

seinem neuen Album Bijou Voyou Caillou<br />

(Heavenly Sweetness, <strong>2018</strong>) mit europäisch<br />

geprägtem Jazzidiom und Ausflügen in<br />

Rap-Gefilde die Brücke in die Jetztzeit. Die<br />

spielfreudige Besetzung und feurige Eleganz<br />

der Band um den Pianisten Pellissier<br />

vermag mit Melodien und überraschenden<br />

Hooks vom ersten bis zum letzten Titel zu<br />

fesseln. Hier mag man durchhören und<br />

nicht mit der schicken Fernbedienung des<br />

Players von Titel zu Titel skippen. Die sehr<br />

gute Aufnahmequalität mit transparenter<br />

Handschrift <strong>–</strong> hier war mit Jordan Kouby ein<br />

Könner im Studio <strong>–</strong> wird vom Cyrus-Player<br />

wunderbar und selbstverständlich ohne<br />

Artefakte in den Raum gestellt. Auch hier<br />

geht die Rechnung mit exzellentem Timing<br />

und einer tonalen Abstimmung, die die<br />

Farben der weichen, warmen Klänge zum<br />

Leuchten bringt, auf. Im Hochtonbereich<br />

rundet der Player hier etwas ab, aber unterschlägt<br />

nichts wirklich.<br />

Das bewusste Zurückhalten des<br />

allerletzten, höchsten Hochtons und die<br />

leicht „dunkle“ Gesamtabstimmung sind sehr<br />

angenehm im Ohr. Der CDi nervt niemals<br />

auch nur im Ansatz, sondern überzeugt mit<br />

einer stupenden Grundtondynamik, Gefühl für<br />

Rhythmus und musikalischem Fluss. Wie beim<br />

Hersteller üblich, ist der CDi mit dem optional<br />

erhältlichen Netzteil PSX-R aufwertbar. Aber<br />

auch ohne externe Stromversorgung gehört<br />

der kleine Brite im schicken schwarzen Kleid<br />

in die klangliche Klasse der 3000-Euro-Player.<br />

Die aufgerufene UVP in Höhe von 1.295<br />

Euro ist auf jeden Fall jeden Cent wert. Der<br />

Gegenwert ist eine Musikmaschine, die zu<br />

begeistern vermag und in diesem Marktsegment<br />

nahezu konkurrenzlos ist.<br />

Website:<br />

www.bellevueaudio.de<br />

34 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Robyn Schulkowsky /<br />

Joey Baron Wer ich bin<br />

Von Holger Pauler<br />

Der Titel lässt viel Raum<br />

für Interpretationen.<br />

Die Betonung kann man<br />

wahlweise auf jedes<br />

einzelne der vier Worte<br />

legen, immer ergibt der<br />

Satz eine andere Bedeutung,<br />

und jedes Mal<br />

stimmt sie auch. „Die<br />

Musik fordert die Leute<br />

auf, intensiv zuzuhören“,<br />

sagt Robyn Schulkowsky.<br />

„Sie sollen<br />

sich darauf einlassen<br />

und sich auf die Suche<br />

begeben nach den Klängen<br />

und Strukturen, die<br />

dort verborgen sind.“<br />

Den Hörer erwarte<br />

jedes Mal ein vollkommen<br />

neues Hörerlebnis,<br />

verspricht sie.<br />

Schon der erste Durchlauf<br />

macht neugierig auf<br />

mehr. Es gibt Anleihen<br />

bei der Minimal Music,<br />

bei afrikanischen<br />

Rhythmen und Raga, bei<br />

Stockhausen und Cage.<br />

Hypnotisch-sedierende<br />

Klänge wechseln mit<br />

schnarrenden und<br />

klirrenden Becken ab. Es groovt <strong>–</strong> mal entspannt,<br />

mal treibend <strong>–</strong> und zwischendurch<br />

erklingen sogar Melodien. Töne werden im<br />

Raum stehen gelassen, verlieren sich und<br />

überwinden Raum und Zeit. „Die Musik<br />

auf Now You Hear Me ist die Summe der<br />

musikalischen Erfahrungen, die wir über die<br />

Jahrzehnte gesammelt haben. Dazu gehört<br />

auch, die Materialien, die wir ausgesucht<br />

haben, zu erforschen und weiterzuentwickeln,<br />

um mit ihnen zu spielen“, sagt Joey<br />

Baron. Der 63-jährige Wahl-New-Yorker<br />

ist ein Grenzgänger zwischen den Genres:<br />

Er hat mit John Zorn, Bill Frisell und Dizzy<br />

Gillespie ebenso gespielt wie mit Marianne<br />

Faithfull und Laurie Anderson. Die Kooperation<br />

mit Robyn Schulkowsky klingt vor dem<br />

Background nur logisch: Die 1953 in Eureka,<br />

South Dakota, geborene Perkussionistin hat<br />

sich früh der Klangforschung verschrieben<br />

und dafür nicht die schlechtesten Lehrer<br />

und Partner ausgesucht: Neben Karlheinz<br />

Stockhausen, John Cage oder Morton Feldman<br />

waren es auch Musiker wie Lindsay<br />

Cooper und Derek Bailey.<br />

Wie viel von der Musik spontan und<br />

wie viel abgesprochen und notiert ist, lässt<br />

sich kaum nachvollziehen <strong>–</strong> auch, weil beide<br />

auf die Unterscheidung zwischen komponierter<br />

und improvisierter Musik wenig<br />

Wert legen. Entscheidender seien die Töne<br />

und Rhythmen, die man höre und spüre,<br />

glaubt Baron. „Es gibt unzählige Möglichkeiten,<br />

Klänge zu notieren, Partituren zu<br />

schreiben <strong>–</strong> wichtig ist letztlich, wie die<br />

Musik klingt, wie sie sich anfühlt, wie der<br />

Spirit sich entwickelt und wie daraus neue<br />

Energie entsteht.“ Ein beinahe esoterischer<br />

Ansatz, doch letztlich geht es den beiden<br />

darum, der Musik immer wieder neue<br />

Aspekte hinzuzufügen, ohne sich Grenzen<br />

zu setzen. Dazu gehört auch der Mut, Dinge<br />

auszuprobieren, an die man im ersten<br />

Moment vielleicht nicht denkt. Das erfordert<br />

Offenheit und auch Lust am Experiment.<br />

Es ist nicht die erste Zusammenkunft der<br />

beiden Musiker. Bereits 2008 spielten sie gemeinsam<br />

mit dem Schweizer Schlagzeuger<br />

Fredy Studer beim Drums Summit in Bonn,<br />

zwei Jahre später folgte mit Dinosaur Dances<br />

(2010) die erste Duo-Aufnahme. Daneben<br />

gab es gemeinsame Auftritte mit größeren<br />

Formationen. Dennoch kommen beide immer<br />

wieder auf die kleinstmögliche musikalische<br />

Formation zurück. „Ich arbeite seit mehr als<br />

20 Jahren im Duo. Für mich ist es die beste<br />

Form, sich weiterzuentwickeln. Im Duo kann<br />

man sich nicht verstecken, man muss immer<br />

präsent sein und reagieren können“, sagt<br />

Schulkowsky über ihre Motivation.<br />

Der Aufbau der Instrumente geht dabei<br />

weit hinaus über das, was etwa ein herkömmliches<br />

Drumset ausmacht. Beide benutzen<br />

mehrere Dutzend Stöcke oder Besen<br />

aus unterschiedlichen Materialien. Neben<br />

Tom, Snare und Becken stehen, liegen und<br />

hängen alle möglichen und unmöglichen<br />

Teile in der Gegend herum: riesige Glocken,<br />

Xylofone, selbst gebastelte Kästen aus Holz,<br />

die mit Saiten überzogen sind <strong>–</strong> der Fundus<br />

ist unerschöpflich. Aber jedes Objekt hat<br />

seinen Platz und seine Bedeutung. Auch die<br />

Stimmung der Schlaginstrumente ist extrem<br />

wichtig, um der Musik neben der Rhythmik<br />

und Metrik auch eine tonale Struktur zu<br />

geben.<br />

Wie die Interaktion auf der Bühne<br />

funktioniert, davon konnten und können sich<br />

die Zuhörer auch in zahlreichen Konzerten<br />

überzeugen. 2013 traten Schulkowsky und<br />

Baron gemeinsam mit dem Komponisten<br />

und Klangkünstler Christian Wolff bei der<br />

MaerzMusik in Berlin auf und ein Jahr später<br />

in der damals neu eröffneten Festivalhalle<br />

in Moers. Das harmonische, fast intime<br />

Zusammenspiel der beiden Musiker und<br />

deren sichtbare Zurückhaltung brachten<br />

das Publikum in beiden Fällen zum Staunen<br />

und Schweigen.<br />

Dennoch hat das Live-Erlebnis der<br />

Musik einen Nachteil: Es lüftet so manches<br />

Geheimnis, das die beiden Musiker gerne<br />

für sich behalten würden. „Wenn man nur<br />

die Musik hört und uns nicht sieht, weiß<br />

man oft nicht, wer gerade spielt, da wir<br />

mal synchron und dann wieder asynchron<br />

agieren, uns abwechseln, um den Part<br />

des Gegenübers zu übernehmen, ohne es<br />

vorher abzusprechen“, sagt Schulkowsky.<br />

Und schon bekommt der Titel der Aufnahme<br />

eine weitere Bedeutung: Who is „me“?<br />

Aktuelle CD:<br />

Robyn Schulkowsky & Joey Baron: Now You Hear Me<br />

(Intakt / Harmonia Mundi)<br />

Schlagzeugerin trifft Schlagzeuger, Neue Musik trifft<br />

Improvisation <strong>–</strong> und das in selten gehörter Harmonie.<br />

Mit der Aufnahme Now You Hear Me setzt das Duo Robyn<br />

Schulkowsky und Joey Baron seinen vor gut einem<br />

Jahrzehnt begonnenen musikalischen Dialog fort.<br />

© Dariusz Gackowski<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />

35


Tom Ibarra<br />

Freshman und Frenchman<br />

© Thierry Dubuc<br />

Man sollte meinen, dass jemand, der Jimi Hendrix, Weather Report und Pat Metheny als Einflüsse<br />

und Vorbilder nennt, schon im gesetzteren Alter sein muss. Der französische Gitarrist Tom Ibarra<br />

ist jedoch gerade mal zarte 18 Jahre jung und doch schon ein alter Hase im Musikgeschäft.<br />

In diesem Jahr wurde er mit dem LetterOne Rising Stars Jazz Award ausgezeichnet.<br />

Von Angela Ballhorn<br />

Sparkling ist bereits die zweite<br />

CD, die der junge Franzose<br />

aufgenommen hat, sein erstes<br />

Album hatte er mit 15 veröffentlicht.<br />

Seitdem hat er begonnen,<br />

auch selbst Stücke zu schreiben.<br />

Auf den begabten Musiker<br />

wurden prominente Kollegen<br />

aufmerksam: Marcus Miller,<br />

Richard Bona und Didier Lockwood<br />

luden Tom Ibarra ein, mit<br />

ihnen zu spielen. „Ich habe im<br />

Alter von sechs Jahren mit der<br />

Gitarre angefangen, das war<br />

die Schuld meines Großvaters.<br />

Ich war oft bei meinen Großeltern<br />

in den Ferien. Mein Opa ist<br />

Amateurmusiker, ich habe ihm<br />

zugehört und hatte Lust, selbst<br />

auch mit Musik anzufangen.<br />

Als ich mit 16 meinen Schulabschluss<br />

machte, hatte ich<br />

das Glück, mich am Centre des<br />

Musiques Didier Lockwood in<br />

Paris einschreiben zu können.<br />

Dort habe ich vor zwei Jahren<br />

begonnen, Musik zu studieren.<br />

Davor hatte ich keine Ausbildung,<br />

keinen Musikunterricht,<br />

keinen Theorieunterricht, ich<br />

war bis vor zwei Jahren absoluter<br />

Autodidakt.“<br />

Musikalisch war der Gitarrist<br />

schon immer für alles offen,<br />

Rockmusik habe er viel gehört,<br />

erzählt er. „Zum Beispiel war<br />

Jimi Hendrix ein wichtiger<br />

erster Einfluss. Später, als<br />

Teenager, habe ich angefangen,<br />

Wes Montgomery oder<br />

Pat Metheny zu hören.“ Doch<br />

nicht nur Gitarristen zählt Tom<br />

Ibarra auf, er ist großer Fan der<br />

epochalen Jazzpianisten. Chick<br />

Corea, Keith Jarrett oder Herbie<br />

Hancock sind seine Favoriten.<br />

Sparkling ist ebenso untypisch<br />

wie die Einflüsse, die Ibarra<br />

nennt <strong>–</strong> es ist eine Fusion-CD.<br />

Das Musikgenre wird hartnäckig<br />

totgeschrieben und kommt<br />

doch immer wieder hoch.<br />

„Natürlich habe ich auch für<br />

diese Musik Vorbilder. Ich mag<br />

36 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Weather Report oder Tribal Tech um den Gitarristen<br />

Scott Henderson. Die kanadische<br />

Band UZEB habe ich ebenfalls intensiv<br />

studiert.“ Über den Hinweis, dass all diese<br />

Vorbilder auch ein 60-jähriger Gitarrist hätte<br />

nennen können, lacht der Teenager. Gibt es<br />

denn keine jungen, neuen Musiker, die den<br />

Gitarristen interessieren? „Doch, schon“<br />

schmunzelt Ibarra. „Den Gitarristen <strong>Juli</strong>an<br />

Lage finde ich toll, oder den Pianisten Brad<br />

Mehldau. Aber der ist jetzt ja auch schon<br />

wieder älter, oder?“<br />

Ibarras Fusion-Musik klingt anders als<br />

die Vorläufer aus den 80er und 90er Jahren,<br />

das Klangbild hat sich komplett verändert.<br />

Der Gitarrist hat alles Verstaubte, was<br />

dem Genre so anhaftet, weggeblasen. Eine<br />

große Hilfe dabei ist ihm sein Quartett, mit<br />

dem er schon länger zusammenarbeitet.<br />

„Ich spiele mit Jeff Mercadié am Saxofon,<br />

Auxane Cartigny an den Keyboards,<br />

Antoine Vidal am Bass und Pierre Lucbert<br />

am Schlagzeug. Die Besetzung passt genau<br />

für meine Musik. Für die CD hatten wir noch<br />

zwei Gäste dabei, zum einen den Saxofonisten<br />

Stéphane Guillaume, zum anderen<br />

<strong>–</strong> und da bin ich wirklich stolz drauf <strong>–</strong> den<br />

Bassisten und Leader der Band Snarky<br />

Puppy, Michael League. Der hat auf einem<br />

Stück mitgespielt. Ich habe ihn schon öfter<br />

getroffen und gefragt, ob er mitspielen<br />

wolle. Wir hatten das Glück, dass wir tatsächlich<br />

einen Termin finden konnten und<br />

er zwei Stücke aufnehmen, wovon jetzt eins<br />

auf der CD gelandet ist.“<br />

Die Kompositionen der CD stammen<br />

alle von Tom Ibarra. Der Gitarrist komponiert<br />

erst seit zwei Jahren und geht nach<br />

keiner festen Methode vor. „Oft singe ich<br />

eine Melodie und füge nach und nach Bass<br />

und Harmonien dazu, aber der Startpunkt<br />

ist selten die Gitarre.“ Preise hat der junge<br />

Musiker schon einige verliehen bekommen:<br />

Auszeichnungen wie erste Plätze bei der<br />

Sacem 2013 und 2014 und den Jeune Espoir<br />

Action Jazz / Young Talent Award 2016. Er<br />

ist jüngster Endorser für Ibanez-Gitarren<br />

(seit 2015) und ganz aktuell Gewinner des<br />

LetterOne Rising Stars Jazz Award. Dabei<br />

wählten in der ersten Runde Festivals<br />

ihre Top Ten, in der zweiten Runde wählte<br />

dann eine international besetzte Jury ihre<br />

Acts aus. Tom Ibarra konnte beide Runden<br />

gewinnen.<br />

Der Rising Stars Award hat Tom Ibarra<br />

beim Booking geholfen, er konnte für seine<br />

Band einige zusätzliche Konzerte buchen.<br />

Gäste wie auf der CD sind für die Tour erst<br />

mal nicht geplant. „Aber wer weiß, was<br />

sich bis zum Sommer noch ändert. Mein<br />

Quartett ist meine feste Besetzung, über<br />

die ich sehr glücklich bin. Wir spielen unter<br />

anderem im Sommer in England <strong>–</strong> und wir<br />

spielen in Stuttgart am selben Abend wie<br />

Marcus Miller.“<br />

Aktuelle CD:<br />

Tom Ibarra: Sparkling<br />

(Autoproduction)<br />

© Thierry Dubuc<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />

37


Die Erde ist eine Scheibe<br />

Enkel<br />

We Are Enkel<br />

Nordic Notes / Broken Silence<br />

W W W W<br />

Auļi and Tautumeitas<br />

Lai māsiņa rotājās!<br />

CPL / Broken Silence<br />

W W W W o<br />

Amsterdam Klezmer Band<br />

& Söndörgő<br />

Szikra<br />

Vetnasj / Indigo<br />

W W W o<br />

Michael Heitzler’s Klezmer<br />

Band<br />

Ode Hashem<br />

Neuklang / In-Akustik<br />

W W W o<br />

Joachim Mencel Quintet<br />

Artisena<br />

For Tune<br />

W W W W o<br />

Tolga During / OttoMani<br />

Gelibolu<br />

Visage Music<br />

W W W W<br />

Bahur Ghazi’s Palmyra<br />

Bidaya<br />

Jazzhaus / In-Akustik<br />

W W W o<br />

Rahim AlHaj Trio<br />

One Sky<br />

Smithsonian Folkways /<br />

Galileo MC<br />

W W W<br />

Barcelona Gipsy Balkan<br />

Orchestra<br />

Avo Kanto<br />

Satélite K / Galileo MC<br />

W W W o<br />

Wildes Holz<br />

Ungehobelt<br />

Holz / Galileo MC<br />

W W W W<br />

Sväng<br />

Sväng Plays Tango<br />

Galileo MC<br />

W W W W<br />

Anne-Mari Kivimäki<br />

Ilja<br />

Nordic Notes / Broken Silence<br />

W W W<br />

Franui<br />

Ständchen der Dinge<br />

Col Legno / Harmonia Mundi<br />

W W W W W<br />

Was brauchen Superhelden, um<br />

in der Welt zu bestehen? Klar:<br />

zwei Akkordeons, eine Kantele,<br />

eine Bratsche und vier Stimmen.<br />

Die selbsternannte Superhelden-<br />

Gang Enkel stammt aus Finnland<br />

und besteht aus vier jungen<br />

Frauen, die sich auf ihrem<br />

zweiten Album mit entsprechenden<br />

Kostümen und Frisuren<br />

ausstaffiert haben. Zwischen<br />

volkstümlich und modern, instrumental<br />

und gesungen spielen<br />

sie sich durch ein rundum<br />

sympathisches Programm mit<br />

Schwung und Witz. Höhepunkt<br />

ist „Merimiehen Muija“, ein<br />

geradezu dramatisches Lied<br />

über eine Seemannsfrau. Wie<br />

es sich für Superheldinnen<br />

gehört, hat die Enkel-Gang außer<br />

ihrem Können an den Instrumenten<br />

auch Superkräfte: „Our<br />

superpower is tradition. What is<br />

yours?“ Ihr Debüt, das vor zwei<br />

Jahren zu Finnlands Folkalbum<br />

des Jahres gewählt wurde, trug<br />

übrigens den schönen Titel Pappilan<br />

hääyö <strong>–</strong> Hochzeitsnacht im<br />

Pfarrhaus.<br />

Ums Heiraten geht es auch<br />

auf Lai māsiņa rotājās! (lettisch<br />

für „Lasst uns die Schwester herausputzen!“),<br />

ein Album, das in<br />

alten lettischen Liedern den Weg<br />

eines jungen Paares vom Kennenlernen<br />

über Verlobung und<br />

Hochzeit bis zum Zusammenleben<br />

nachzeichnet. Passenderweise<br />

ist auch die Besetzung<br />

eine Art Vermählung. Die beiden<br />

Ensembles Auļi und Tautumeitas<br />

haben sich zu einem 17-köpfigen<br />

Folkorchester zusammengeschlossen,<br />

in dem mächtige<br />

Dudelsäcke (Auļi) auf kräftige<br />

Frauenstimmen (Tautumeitas)<br />

treffen. Das Album ist über weite<br />

Strecken entsprechend energiegeladen,<br />

endet aber mit dem<br />

durchaus kritischen Blick der<br />

Braut auf ihr Eheleben und das,<br />

was sie dafür aufgegeben hat.<br />

Wem Frauengesang auf Dauer<br />

zu kraftlos und archaisches<br />

Dudelsack-Trommel-Gebolze in<br />

purer Form zu eintönig ist, der<br />

bekommt hier das Beste beider<br />

Welten. Ein Streichholz, gemacht<br />

im Himmel, wie der Engländer<br />

sagt.<br />

Noch ein Gipfeltreffen zweier<br />

kompletter Gruppen: Die Amsterdam<br />

Klezmer Band hat sich<br />

mit dem ungarischen Ensemble<br />

Söndörgő zusammengetan und<br />

erfährt durch deren Tamburica-<br />

Musik eine gehörige Auffrischung.<br />

Beide Bands haben<br />

eine über 20-jährige Geschichte<br />

hinter sich und verstehen sich<br />

untereinander blind. So sind<br />

sie problemlos in der Lage, sich<br />

neuen Einflüssen zu öffnen, und<br />

finden zwischen Balkan, Klezmer<br />

und Gipsy-Musik fruchtbares<br />

gemeinsames Terrain. Durch<br />

die unterschiedlichen Schwerpunkte<br />

<strong>–</strong> Blasinstrumente bei<br />

der AKB, Saiteninstrumente<br />

bei Söndörgő <strong>–</strong> kommen sie<br />

sich nicht ins Gehege, sondern<br />

ergänzen sich prächtig zu einem<br />

Zwölf-Mann-Koloss, bei dem<br />

der Funke (ungarisch Szikra, so<br />

der Titel des Albums) schnell<br />

überspringt.<br />

Schlicht Klezmer Band<br />

heißt auch die neue Gruppe<br />

von Michael Heitzler, dem<br />

langjährigen Klarinettisten der<br />

Schweizer Band Kolsimcha. Sein<br />

Klarinettenklang orientiert sich<br />

ganz bewusst an traditionellen<br />

Vorbildern, was dazu führt, dass<br />

Ode Hashem, das Debüt der<br />

Band, auf den ersten Eindruck<br />

zwar souverän, virtuos und emotional,<br />

aber auch recht konventionell<br />

klingt. Hört man genauer<br />

hin, warten lohnenswerte<br />

Entdeckungen. Die differenzierte<br />

Begleitung durch Klavier, Kontrabass<br />

und Schlagzeug schafft<br />

einen deutlichen Jazz-Einschlag,<br />

der durch Solo-Passagen noch<br />

verstärkt wird. Ein schöner<br />

Ruhepunkt ist das wehmütige<br />

„BeMotzaej Shabbath“.<br />

Noch deutlicher im Jazz<br />

zu Hause ist das Quintett von<br />

Joachim Mencel (nicht zu<br />

verwechseln mit dem<br />

verstorbenen ostdeutschen<br />

Entertainer<br />

Achim Mentzel!). Der<br />

polnische Pianist hat<br />

sich nach dem Vorbild<br />

Frédéric Chopins beim<br />

Komponieren von<br />

seinen heimischen<br />

Volkstänzen wie<br />

Polonaise, Krakowiak,<br />

Mazurka und Csárdás<br />

inspirieren lassen.<br />

Weil ihm aber in den<br />

dabei entstandenen<br />

Jazz-Stücken der<br />

Klang der traditionellen<br />

Volksmusik zu<br />

sehr verloren ging,<br />

hat er sich kurzerhand<br />

weitergebildet und<br />

Drehleier spielen<br />

Die Erde ist<br />

gelernt. Das Borduninstrument<br />

steuert im Zusammenspiel mit<br />

Gitarre, Geige, Klavier, Bass und<br />

Schlagzeug eine hochinteressante<br />

zusätzliche Farbe zu einem<br />

Klang bei, der stilistisch kaum<br />

zu fassen ist <strong>–</strong> mal experimentell<br />

(„Mazurek d-moll“), mal<br />

swingend („Kołomyjka bb-Moll“)<br />

dann äußerst melodieverliebt<br />

wie in „Oberek G-Dur“, das phasenweise<br />

sogar Erinnerungen<br />

an Oregon oder Pat Metheny<br />

weckt.<br />

Orientalische und westliche<br />

Einflüsse finden sich in der Musik<br />

des Gitarristen und Komponisten<br />

Tolga During, genau wie<br />

38 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


in seinem Lebenslauf. Geboren<br />

in Istanbul und aufgewachsen<br />

in den Niederlanden, lebt er seit<br />

2005 in Italien. Nach ausgiebigen<br />

Erfahrungen mit Jazz Manouche,<br />

französischem Folk-Jazz und<br />

italienischem Swing wendet er<br />

sich mit seinem neuen Quartett<br />

OttoMani mediterranem<br />

Kammer-Folkjazz zu. Begleitet<br />

von Kontrabass und Percussion,<br />

hat er mit Francesco Ganassin<br />

einen Bassklarinettisten an<br />

seiner Seite, der die gefühlvollen<br />

und zurückhaltenden Kompositionen<br />

mit wohlüberlegten Soli<br />

veredelt. Tolga During spielt eine<br />

akustische Doppelhals-Gitarre,<br />

die neben einem konventionellen<br />

Hals ein zusätzliches bundloses<br />

Griffbrett besitzt, das ihm ermöglicht,<br />

auch Glissandi, Vierteltöne<br />

und Mikrointervalle zu erzeugen<br />

und so dem Klang einer Oud sehr<br />

nahe zu kommen.<br />

Ein Könner an der Oud ist<br />

Bahur Ghazi, der mit Bidaya das<br />

Debüt seiner Gruppe Palmyra<br />

vorstellt. Auf dem Album eines<br />

syrischen Oud-Spielers Titel<br />

wie „Versteckt“ oder „Gruenfink“<br />

zu finden, ist zunächst<br />

überraschend, aber schnell<br />

erklärt. Ghazi lebt seit 2011 in<br />

der Schweiz, in deren Jazzszene<br />

er Mitstreiter mit offenen<br />

Ohren für seine Arbeit an einer<br />

Fusion östlicher und westlicher<br />

Kultur gefunden hat. In seinen<br />

eine Scheibe<br />

spannungsreichen Stücken, die<br />

in der musikalischen Verbindung<br />

von Orient, Jazz und Folk<br />

bisweilen an Projekte von Rabih<br />

Abou-Khalil erinnern, wechseln<br />

sich in vertrackten Rhythmen<br />

durchkomponierte Passagen<br />

und Freiräume ab, in denen sich<br />

die Musiker entfalten können.<br />

Besonders reizvoll ist die Kombination<br />

der arabischen Laute mit<br />

Patricia Draegers Akkordeon.<br />

Weniger offensichtlich,<br />

zumindest für westliche Ohren,<br />

vollzieht sich die kulturelle Begegnung<br />

beim Rahim AlHaj Trio.<br />

Oud-Spieler AlHaj, den die Flucht<br />

aus seinem Heimatland Irak in<br />

die USA führte, versteht sein<br />

neues Album One Sky ausdrücklich<br />

als Aufruf zu Verständigung<br />

und friedlichem Zusammenleben,<br />

schließlich lebe die gesamte<br />

Menschheit gemeinsam unter<br />

einem Himmel. Das spiegelt<br />

sich in der Besetzung des Trios<br />

wider, in dem er neben dem<br />

palästinensisch-amerikanischen<br />

Perkussionisten Issas Malluf mit<br />

dem iranischen Santur-Spieler<br />

Sourena Sefati zusammenspielt<br />

<strong>–</strong> Musiker, deren Heimatländer<br />

während ihrer Kindheit Kriegsgegner<br />

waren. Mit Erläuterungen<br />

im Booklet bringt AlHaj dem<br />

Hörer die Hintergründe seiner<br />

Kompositionen näher.<br />

Das Barcelona Gipsy<br />

Balkan Orchestra geht den<br />

Weg weiter, den es vor zwei<br />

Jahren auf Del Ebro al Danubio<br />

eingeschlagen hat: kein Klezmer-<br />

Schwerpunkt mehr wie zu<br />

Beginn der Bandgeschichte und<br />

keine namhaften Gaststars wie<br />

auf Balkan Reunion von 2015.<br />

Der Titel Avo Kanto (Esperanto<br />

für „Lieder der Großväter“) deutet<br />

auf Traditionsbewusstsein,<br />

was jedoch schon allein wegen<br />

der Anzahl der in der Band vertretenen<br />

Traditionen (bei sieben<br />

Mitgliedern aus sechs Ländern)<br />

nicht einförmig wird. Versteht<br />

man das Album als musikalische<br />

Reise durch Balkan und<br />

Mittelmeerraum, dann ist Sandra<br />

Sangiao die Reiseführerin. Die<br />

Sängerin mit dem umfassenden<br />

Ausdrucksrepertoire zwischen<br />

Lebensfreude und Trauer hebt<br />

das Orchestra aus der Zahl<br />

vergleichbarer Gruppen heraus.<br />

Als Bonus gibt es eine neu<br />

gemasterte Version von „Lule<br />

Lule“, einem der gar nicht so<br />

heimlichen Hits der Band.<br />

Was braucht man, um so<br />

unterschiedlichen Schlachtrössern<br />

wie „Smoke on the Water“,<br />

„Blitzkrieg Bop“ und „Rock Me<br />

Amadeus“ die Schuppen von<br />

den Schultern zu pusten? Natürlich<br />

eine Blockflöte. Das Trio<br />

Wildes Holz ist seit 20 Jahren<br />

zusammen unterwegs mit der<br />

Mission, dem vielbelächelten<br />

Instrument seine Würde zurückzugeben.<br />

Zur rein akustischen<br />

Begleitung von Gitarre und Bass<br />

beweist Flötist Tobias Reisige<br />

auf der neuen CD Ungehobelt,<br />

dass da weit mehr geht, als man<br />

in der Musikalischen Früherziehung<br />

auch nur ahnen würde.<br />

Vor allem tritt die Gruppe mit<br />

Blurs „Song 2“ und Green Days<br />

„Basket Case“ (Letzteres kombiniert<br />

mit Pachelbels „Kanon“)<br />

den Beweis an, dass man auch<br />

unverzerrt amtlich rocken kann.<br />

Umgekehrt lernt Telemann die<br />

Wonnen des Gypsy-Swing kennen.<br />

Zum Glück überzeugt das<br />

neue Album neben dem Spaß<br />

am Überraschenden und Skurrilen,<br />

der sich nach einer Weile<br />

abnutzt, auch mit musikalischer<br />

Substanz.<br />

In Sachen Überraschungsgehalt<br />

steht der CD-Titel Sväng<br />

Plays Tango etwa auf einer Stufe<br />

mit Aussagen wie „Fips Asmussen<br />

erzählt einen Witz“ oder<br />

„Jogi Löw bohrt in der Nase“,<br />

schließlich hat das famose<br />

finnische Mundharmonika-Quartett<br />

noch kein Album und kein<br />

Konzert absolviert, ohne auch<br />

Tangos zu spielen <strong>–</strong> wie es sich<br />

für gefühlvolle Finnen eben gehört.<br />

Neu ist allerdings, dass sie<br />

auf ihrem aktuellen Album nichts<br />

anderes spielen und den Zuhörer<br />

damit tief in die charakteristische<br />

Mischung aus Melodieseligkeit<br />

und Melancholie des finnischen<br />

Tangos eintauchen lassen, die<br />

auch ohne die traurigen Texte<br />

erhalten bleibt. Im Booklet wird<br />

zudem erklärt, der dazugehörige<br />

Tanzstil sei im Vergleich zur Leidenschaft<br />

des Tango Argentino<br />

„mehr wie ein Mann und eine<br />

Frau beim Nordic Walking in<br />

der absoluten Stille auf einer<br />

finnischen Landstraße“.<br />

Auf einer Expedition in<br />

die Tiefen der finnischen Seele<br />

befindet sich seit Jahren auch<br />

die Akkordeonistin Anne-Mari<br />

Kivimäki. Ilja ist der fünfte und<br />

letzte Teil ihrer multimedialen<br />

Doktorarbeit an der Volksmusik-<br />

Abteilung der Sibelius-Akademie<br />

Helsinki, in der sie sich vom<br />

Schaffen des 1961 gestorbenen<br />

Erzählers und Akkordeonisten<br />

Ilja Kotikallio aus der heute zu<br />

Russland gehörenden Region<br />

Suistamo inspirieren ließ. Das<br />

Album ist der Versuch, einem<br />

dörflichen Tanzfest eine zeitgemäße<br />

Form zu geben, angereichert<br />

mit Feldaufnahmen und<br />

historischen Tondokumenten.<br />

Dass einige Passagen etwas<br />

gleichförmig ausfallen, machen<br />

die Kontraste zwischen den<br />

Stücken wieder wett. Vielleicht<br />

nicht der Höhepunkt von Kivimäkis<br />

Suistamo-Reihe, aber doch<br />

ein würdiger Abschluss.<br />

Zum eigenen 25-jährigen<br />

Bestehen spendiert die Osttiroler<br />

Musicbanda Franui sich und den<br />

Zuhörern unter dem hübschen<br />

Titel Ständchen der Dinge ein<br />

Jubiläumsalbum, das keine<br />

Wünsche offenlässt und sogar<br />

solche erfüllt, von denen man<br />

selbst noch nichts wusste. Es<br />

versammelt Höhepunkte der Vergangenheit,<br />

teils in neuen Versionen,<br />

Raritäten und Vergriffenes.<br />

Ob Trauermarsch oder Polka,<br />

Goethe oder Jandl, Gesang oder<br />

Rezitation, Brahms oder Alban<br />

Berg <strong>–</strong> meisterlich arrangiert<br />

findet hier alles einen originellen<br />

Ausdruck. Zwischen Blasmusik,<br />

Klassik, Volksmusik und Jazz gibt<br />

es nichts, was die zehnköpfige<br />

Besetzung nicht spielen könnte.<br />

Entzückt hört man Schubert und<br />

Mahler, deren Lieder frische<br />

neue Seiten offenbaren, die<br />

doch schon immer dagewesen<br />

zu sein scheinen. So schön kann<br />

Musik sein <strong>–</strong> so überraschend,<br />

so anrührend, so klug.<br />

Guido Diesing<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 39


Eurasians Unity<br />

Gendern ohne Dogma<br />

Ihr Thoneline Orchestra will sie weiterführen, das hindert die Kölner<br />

Saxofonistin Caroline Thon allerdings nicht daran, mit Eurasians<br />

Unity ein nicht ganz so großes Ensemble an den Start gebracht zu<br />

haben. Das Oktett zeichnet sich auf dem gleichnamigen Debütalbum<br />

durch komplexe Rhythmen, eine ungewöhnliche Instrumentierung<br />

und vielseitige Kompositionen aus.<br />

Von Ulrike Proske<br />

Acht Sängerinnen, Instrumentalistinnen<br />

und Instrumentalisten<br />

aus sieben<br />

Ländern <strong>–</strong> das erinnert an den<br />

Internationalen Frühschoppen.<br />

Doch während Werner<br />

Höfers Journalistenrunde am<br />

Sonntagmorgen gepflegte<br />

Langeweile zelebrierte, geht<br />

es bei den fünf Damen und drei<br />

Herren von Eurasians Unity zur<br />

Sache <strong>–</strong> Langeweile kommt da<br />

garantiert nicht auf. Konzipiert<br />

wurde die Band ursprünglich<br />

als reine Frauenband für das<br />

Festival „Women in Jazz“,<br />

das 2014 in Halle stattfand.<br />

Doch allzu dogmatisch sieht<br />

die Bandleaderin die Besetzungsfrage<br />

nicht. „Wenn die<br />

Küche nicht funktioniert, kann<br />

man nicht servieren“, meint<br />

Caroline Thon. „Deshalb wollte<br />

ich in der Rhythmusgruppe<br />

Leute haben, die ich kenne.<br />

Ich kannte 2013 einfach keine<br />

Bassistinnen und Schlagzeugerinnen<br />

gut genug, die<br />

stilistisch dann auch noch so<br />

vielfältig wie Alex Morsey und<br />

Bodek Janke sind <strong>–</strong> da muss<br />

die Genderfrage dann mal<br />

außen vor bleiben.“ Der dritte<br />

Mann ist der Pianist Salman<br />

Gambarov, der aus Aserbaidschan<br />

stammt.<br />

Aber geprägt wird Eurasians<br />

Unity eindeutig von den<br />

Frauen. Die ukrainische Sängerin<br />

Tamara Lukasheva, die<br />

sich in Deutschland schon in<br />

diversen Bands einen Namen<br />

ersungen hat, die iranische<br />

Oud-Spielerin Negar Bourban,<br />

die bulgarische Akkordeonistin<br />

Veronika Todorova, Feruza<br />

Ochilova aus Usbekistan, die<br />

singt sowie Dutar (eine persische<br />

Langhalslaute) und Daira<br />

(eine arabische Trommel)<br />

spielt. Und natürlich Caroline<br />

Thon am Saxofon. Wie man<br />

eine solche Band aus aller<br />

Frauen Länder organisatorisch<br />

zusammenbringt <strong>–</strong> schließlich<br />

muss neben den anstehenden<br />

Konzerten ja auch noch<br />

geprobt werden <strong>–</strong>, bleibt dem<br />

logistischen Geschick der<br />

Bandleaderin überlassen. „Die<br />

Probephasen organisieren wir<br />

mit Hilfe des Goethe-Instituts“,<br />

zeigt sich Caroline Thon durchaus<br />

dankbar für die finanzielle<br />

Unterstützung. „Man muss halt<br />

schauen, dass man mehrere<br />

© Gerhard Richter<br />

40 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


© Gerhard Richter<br />

Gigs zeitlich zusammen hat,<br />

dann kann man vorher und<br />

dazwischen auch ausgiebig<br />

proben.“<br />

Das Repertoire ist demokratisch<br />

entstanden. „Das Prinzip<br />

ist, dass jede eine Komposition<br />

mitbringt, die wiederum<br />

von jemand anderem arrangiert<br />

wird“, erläutert Caroline Thon.<br />

„Das heißt, dass Veronika Todorova<br />

ein Stück von mir arrangiert<br />

hat, das ich ursprünglich<br />

einmal für mein Jazzquintett<br />

geschrieben habe <strong>–</strong> sie hat es<br />

dann halt mit sehr komplizierten<br />

ungeraden Taktarten gespickt.“<br />

Auch das „Simple One-Theme<br />

Negar Bourban“, das Tamara<br />

Lukasheva arrangiert hat, ist so<br />

simpel nicht. Und das längste<br />

Stück, „Shadowprint“, das<br />

von Alex Morsey für die Band<br />

eingerichtet wurde, stammt<br />

von der deutsch-afghanischen<br />

Sängerin Simin Tander, die<br />

aufgrund ihres Engagements<br />

bei dem norwegischen Pianisten<br />

Tord Gustavsen nicht<br />

länger bei Eurasians Unity<br />

dabei sein kann. „Da Simin<br />

Tander früher bei uns gesungen<br />

hat, haben wir auch noch ihr<br />

Stück im Programm“, bestätigt<br />

Caroline Thon und betont, dass<br />

mit der neuen Sängerin auch<br />

eine wahrhaft neue Stimme<br />

ins Ensemble eingezogen ist.<br />

„Tamara, die jetzt bei Eurasians<br />

Unity singt, klingt völlig anders<br />

als Simin.“<br />

Thon selbst wiederum hat<br />

ein Lied von Alex Morsey arrangiert.<br />

„Kolysanka“ zeigt noch<br />

einmal die sensible Vielseitigkeit<br />

und das außergewöhnlich<br />

breite Ausdrucksspektrum von<br />

Eurasians Unity. „Das Stück von<br />

Alex Morsey ist eigentlich ein<br />

polnisches Schlaflied“, weiß<br />

die Bandleaderin. „Ich habe es<br />

arrangiert und mich auch um<br />

den Text gekümmert, der von<br />

Tamara kompetent gesungen<br />

wird, denn als Ukrainerin<br />

beherrscht sie auch die richtige<br />

polnische Aussprache.“<br />

Dass es mit dem ersten<br />

Tonträger der Band so lange<br />

gedauert hat, hängt mit dem<br />

hohen Qualitätsbewusstsein<br />

von Caroline Thon zusammen,<br />

die Wert darauf legt, relativ<br />

makellose Aufnahmen zu<br />

veröffentlichen. „Wir haben ja<br />

vor vier Jahren in Halle unsere<br />

Premiere mit Standing Ovations<br />

erlebt“, kann sich die Saxofonistin<br />

noch gut erinnern. „Erst<br />

wollten wir das Konzert als<br />

Live-Mitschnitt veröffentlichen,<br />

aber dann haben wir gemerkt,<br />

dass es an einigen Stellen noch<br />

nicht so richtig passte, und<br />

dann wollten wir doch lieber<br />

eine Studio-Aufnahme.“<br />

Eurasians Unity ist zwar für<br />

ein Festival entstanden, aber<br />

die Band soll kein kurzfristiges<br />

Projekt sein, sondern möchte<br />

möglichst lange miteinander<br />

Musik machen. „Ich bin ja ein<br />

Fan von langfristig zusammenarbeitenden<br />

Projekten“, betont<br />

Caroline Thon. „Erst dann kann<br />

die Musik richtig wachsen,<br />

und wir klingen garantiert jetzt<br />

wesentlich besser als 2014 in<br />

Halle. Ich hoffe, dass es die<br />

Band noch lange geben wird.“<br />

Aktuelle CD:<br />

Eurasians Unity: Eurasians Unity<br />

(Yellowbird / Soulfood)<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 41


Steve<br />

Tibbetts<br />

Atmen<br />

und atmen<br />

lassen<br />

© Daniel Corrigan / ECM Records<br />

42 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Diese Gitarre ist sich selbst genug. Ihr Sound durchmisst weite<br />

Räume wie ein einsamer Reisender in einem imaginären Roadmovie.<br />

Ein lebhaft funkelndes Figurenspiel will einen Zustand verdichten,<br />

scheint weder Anfang noch Ende zu haben <strong>–</strong> und nicht selten ist ihm<br />

ein Klavier auf den Fersen. Das neue Album des US-Gitarristen Steve<br />

Tibbetts ist mehr als das bloße Selbstporträt eines introvertierten<br />

Einzelgängers.<br />

Von Stefan Pieper<br />

Aus der Ruhe bringen lässt<br />

sich hier niemand. Geht es um<br />

die meditative Praxis des Umsich-selbst-Kreisens?<br />

Oder<br />

darum, mit Klängen der Ewigkeit<br />

näher zu kommen? Die<br />

vordergründig gleichförmigen<br />

Stücke verweigern sich auf<br />

Dauer einer Vereinnahmung<br />

als wohlfeiles Klang-Ambiente,<br />

denn dafür sind einfach zu<br />

viele beredte Botschaften<br />

im Spiel. Life of lautet der<br />

programmatische Titel, der<br />

schon darauf hindeutet, dass<br />

das Autobiografische eine<br />

große Rolle spielt. Und so rollt<br />

Steve Tibbetts auf den Stücken<br />

vielen unersetzlichen Mitmenschen<br />

den roten Teppich aus.<br />

Menschen, die ihm halfen, den<br />

Alltag zu managen und für kleines<br />

Geld ein Studio zu mieten,<br />

damit überhaupt ein existenzieller<br />

Freiraum fürs Schöpferische<br />

vorhanden war. Das<br />

Stück „Bloodwork“ ist eine<br />

Hommage an seine Schwester.<br />

Tibbetts konnte durch eine<br />

Bluttransfusion helfen, ihr das<br />

Leben zu retten.<br />

Am Anfang stehen Bilder<br />

im Kopf, die Stücke entstehen<br />

lassen, bis schließlich die<br />

Finger auf den Saiten und das<br />

Instrument selbst zum Werkzeug<br />

werden. Tibbetts selbst<br />

benennt, was ihn prägte und<br />

zur Musik brachte: „Ein starker<br />

Einfluss war immer mein Vater,<br />

der mich zur 12-saitigen Gitarre<br />

führte. Wenn er Freunde<br />

zu sich nach Hause brachte,<br />

war das Haus immer voller<br />

Musik. Mit Gitarren, Banjos<br />

und Blockflöten. Und ganz viel<br />

Rauch hing im Raum.“<br />

Ein wichtiges Erbe ist<br />

die12-saitige Martin-Gitarre,<br />

die schon sein Vater spielte.<br />

Vor allem liebt Tibbetts<br />

ihren großen, ja sehr großen<br />

Resonanzraum. Der sei „ein<br />

echter Konzertsaal für sich“.<br />

Die Stimmung der unteren<br />

Saiten hat er modifiziert, was<br />

in technischer Hinsicht zwar<br />

die Beherrschung des Instruments<br />

erschwert, aber nur so<br />

entsteht eben eine ganz spezifische<br />

harmonische Färbung.<br />

Er dachte auch mal über die<br />

Optimierung der Bünde nach,<br />

aber ein Gitarrenbauer riet<br />

ihm davon ab, als er erkannte,<br />

dass dem Gitarristen sein<br />

Instrument doch eigentlich so<br />

gefiel, wie es war. Never touch<br />

a running system.<br />

Persönlicher Ausdruckswille,<br />

ernsthaftes Musizieren<br />

und schließlich die hohe Kunst<br />

der Verfeinerung markieren<br />

in den Stücken des neuen<br />

Albums eine Kausalkette.<br />

Was vordergründig wie eine<br />

meditative Klanglandschaft<br />

anmutet, sich nie aufdrängt<br />

und den Hörer wie ein warmer<br />

assoziativer Fluss umspielt,<br />

ist deutlich komplexer, als es<br />

vordergründig wirkt. Hinter<br />

den feingewobenen Linien<br />

steht eine ausgefuchste<br />

Spieltechnik, die vor allem in<br />

ihren Bending-Effekten starke<br />

Anleihen beim indischen<br />

Sitar- oder Sharangi-Spiel hat.<br />

Perkussionsinstrumente wie<br />

die orientalische Rahmentrommel<br />

erzeugen zuweilen<br />

einen atmenden Puls. Aber sie<br />

emanzipieren sich auch immer<br />

wieder von festgelegten Beats.<br />

Marc Anderson, der bald<br />

vier Jahrzehnte mit Tibbetts<br />

künstlerisch verbunden ist, hat<br />

genug Intuition. Hinzu kommt<br />

beim aktuellen Projekt die<br />

Cellistin Michelle Kinney, die<br />

durch ihre subtile Interaktion<br />

in Gestalt von Borduntönen<br />

und allerhand hintergründigen<br />

Raumklängen und Drones das<br />

Spektrum auf innovative Weise<br />

erweitert.<br />

Steve Tibbetts ist im<br />

mittleren Westen der USA<br />

aufgewachsen und reist<br />

ausgiebig an magische Orte,<br />

die sein Leben mit neuen<br />

kreativen Energien aufladen.<br />

Aufenthalte in Nepal, Indien<br />

und anderswo prägen den<br />

eigenen Lebensfilm: „Wenn<br />

ich spiele, sehe ich vor meinen<br />

Augen wieder die Pagoden<br />

und Stupas auf der Nepal-<br />

Reise.“ Tibbetts spielt nicht nur<br />

Gitarre, sondern hat auch das<br />

Klavier für sich erschlossen.<br />

Seine portugiesische Lehrerin<br />

Susana Pinto hat ihm vor allem<br />

Béla Bartóks Mikrokosmos<br />

nahegebracht. Die minimalistische<br />

Tonsprache dieses<br />

Etüden-Standardwerks kann<br />

man getrost weiterdenken, um<br />

bei Steve Tibbetts perkussiven<br />

Klaviereinwürfen anzukommen,<br />

die wieder auf die Mystik<br />

Südostasiens verweisen. Sein<br />

Credo: „Das Klavier ist mein<br />

Gamelan-Ensemble. Die Töne<br />

sind wie eine Reihe von Gongs.<br />

Diese Klänge gehörten zur<br />

akustischen Landschaft, als<br />

ich in Bali und Java arbeitete.<br />

In Performances des Wayang<br />

Kulit [des indonesischen<br />

Schattenspiels] werden alle<br />

Menschen durch den großen<br />

Gong tief berührt, alle im<br />

selben Moment. Auf dem Klavier<br />

kann ich diesen Zustand<br />

nachempfinden und der Musik<br />

aus solch einer Richtung eine<br />

Struktur geben.“<br />

Die Stücke des neuen<br />

Albums muten durchaus wie<br />

eine logische Fortsetzung des<br />

Vorgängeralbums aus dem<br />

Jahr 2010 an. Die Intervalle der<br />

Veröffentlichung des Amerikaners<br />

sind großräumig gewählt.<br />

Ganz ähnlich wie auf dem<br />

neuen Album die melodischen<br />

Motive und ihre Variationen<br />

in weiten Zeitmaßen atmen.<br />

Denn wo andere sich nach der<br />

Uhr abstrampeln, hat Steve<br />

Tibbetts einfach … Zeit.<br />

Aktuelle CD:<br />

Steve Tibbetts: Life of<br />

(ECM / Universal)<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 43


Kathrin-Preis<br />

Eine Woche Werkstatt<br />

Mit vollem Namen soll der Preis Kathrin<br />

Lemke Scholarship for Young Improvisers<br />

heißen. Aber jetzt schon hat sich unter<br />

denen, die mit ihm befasst sind, die Kurzform<br />

„Kathrin-Preis“ durchgesetzt. Er wird im<br />

Spätsommer <strong>2018</strong> erstmals vergeben.<br />

Von Hans-Jürgen Linke<br />

© Frank Schindelbeck<br />

Kathrin Lemke, geboren 1971<br />

in Heidelberg, war Musikerin,<br />

Autorin und Bandleaderin. Das<br />

Altsaxofon war ihr Lieblingsinstrument,<br />

daneben spielte<br />

sie Bassklarinette und Flöte. In<br />

ihren Bands JazzXclamation<br />

und Heliocentric Counterblast<br />

sowie in ihren Projekten hat<br />

sie unermüdlich nach ihrem<br />

eigenen Ton, ihrem eigenen Stil,<br />

ihrem eigenen Sound gesucht<br />

und ist immer wieder aufs Neue<br />

fündig geworden. Nebenbei<br />

hat sie aus ihren alltäglichen<br />

Erfahrungen in dem schwierigen<br />

Beruf der Jazzmusikerin<br />

Material geschöpft, das sie<br />

ironisch und verspielt, aber stets<br />

auf einem ernsthaft klingenden<br />

Resonanzboden unter anderem<br />

in einer regelmäßigen Kolumne<br />

in der <strong>JAZZTHETIK</strong> literarisch<br />

verarbeitete. Anfang 2016 ist<br />

Kathrin Lemke gestorben.<br />

Aus ihrem Nachlass hat<br />

ihre Mutter, Irene Lemke-Stein,<br />

dem Darmstädter Jazzinstitut<br />

eine zweckgebundene Spende<br />

zukommen lassen, mit der der<br />

Kathrin-Preis, also die Kathrin<br />

Lemke Scholarship for Young<br />

Improvisers, ausgestattet<br />

werden soll. Vergeben wird<br />

der Preis von der Familie der<br />

Musikerin, dem Jazzinstitut<br />

Darmstadt und der <strong>JAZZTHETIK</strong>.<br />

Er hat die Form eines Stipendiums<br />

und wird <strong>2018</strong> zum ersten<br />

Male ausgelobt. Danach soll<br />

er im Zwei-Jahres-Rhythmus<br />

vergeben werden.<br />

Der Preis soll in Form einer<br />

voll finanzierten Arbeits- oder<br />

Werkstattphase in Darmstadt<br />

jungen Musikerinnen und<br />

Musikern für eine Woche die<br />

Gelegenheit geben, einem musikalischen,<br />

inszenatorischen oder<br />

pädagogischen Projekt nachzugehen.<br />

Ob es sich dabei um<br />

schon vorhandene Projekte und<br />

Ideen handelt, die weiterentwickelt<br />

werden, oder ob es sich<br />

um Anstöße zu neuen Projekten<br />

und Ideen handelt, spielt dabei<br />

keine entscheidende Rolle. Das<br />

Stipendium ist für Musikerinnen<br />

und Musiker gedacht, die am<br />

Anfang einer professionellen<br />

Jazzmusiker-Karriere stehen.<br />

Die Werkstattphase kann<br />

beispielsweise zur Durchführung<br />

eines vorgeschlagenen<br />

Projekts, als Probenphase vor<br />

einer CD-Einspielung oder einer<br />

Tournee genutzt werden, aber<br />

genauso auch als Kompositionszeit<br />

oder für die Vorbereitung<br />

einer Studienreise. Die Preisträger<br />

selbst bestimmen über<br />

die inhaltliche Gestaltung ihrer<br />

Darmstädter Woche. Alle Kosten,<br />

die mit der Werkstattphase<br />

verbunden sind <strong>–</strong> Reise- und<br />

Unterkunftskosten, Probenhonorare,<br />

Honorare für Gastmusiker,<br />

Raum- und Instrumentenmieten<br />

<strong>–</strong> werden während der Woche<br />

von den Stiftern des Preises<br />

übernommen.<br />

Es gibt für die potenziellen<br />

Preisträger und Preisträgerinnen<br />

keine Altersbeschränkung<br />

und keine regionalen oder<br />

nationalen Einschränkungen.<br />

Eigenbewerbungen um<br />

den Kathrin-Preis sind nicht<br />

möglich. Die Mitglieder des<br />

Kuratoriums können jeweils eine<br />

Musikerin oder einen Musiker<br />

vorschlagen. Die von der Jury<br />

vorgeschlagenen Künstler<br />

werden gebeten, jeweils einen<br />

schriftlichen Projektvorschlag<br />

einzureichen. Zu diesem Exposé<br />

gehört auch ein möglichst<br />

genauer Terminvorschlag für die<br />

angestrebte Projekt-Woche.<br />

Für die erste Preisverleihung<br />

sollte diese Phase der Einreichung<br />

von Exposés bis Mitte<br />

<strong>August</strong> <strong>2018</strong> geschehen sein.<br />

Die gesammelten schriftlichen<br />

Exposés werden danach von<br />

der Jury begutachtet, und die<br />

Preisträgerin beziehungsweise<br />

der Preisträger wird ermittelt.<br />

Die öffentliche Bekanntgabe<br />

erfolgt jeweils am 27. September,<br />

Kathrin Lemkes Geburtstag.<br />

Vorzugsweise zwischen Januar<br />

und Ende Mai des folgenden<br />

Jahres <strong>–</strong> in diesem Fall also<br />

zwischen Januar und Ende Mai<br />

2019 <strong>–</strong> soll dann die Werkstattoder<br />

Projektphase in Darmstadt<br />

stattfinden.<br />

Am Ende der Woche gibt<br />

die Preisträgerin oder der Preisträger<br />

im Gewölbekeller unter<br />

dem Jazzinstitut ein Abschlussoder<br />

Werkstattkonzert. Bei<br />

dieser Gelegenheit erfolgt auch<br />

die feierliche Verleihung des<br />

Kathrin-Preises.<br />

Website:<br />

http://kathrin-preis.de<br />

44 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Initiative H<br />

Requiem für den Planeten<br />

© Zakari Babel<br />

Von Victoriah Szirmai<br />

Was sich schon mit der chromatischen<br />

Endzeit-Ouvertüre<br />

des ersten und der alles überrollenden,<br />

urgewaltigen Düsterwelle<br />

des zweiten Albums<br />

andeutete, weicht hier purer<br />

Gewissheit: Der Untergang der<br />

Welt ist besiegelt. Dabei nimmt<br />

Broken Land als Konzeptalbum<br />

Anleihen bei Edvard Griegs<br />

Peer Gynt Suite oder Modest<br />

Petrowitsch Mussorgskis<br />

Bilder einer Ausstellung, was<br />

einerseits bedeutet, dass es<br />

Bandleader, Komponist und<br />

Saxofonist David Haudrechy<br />

darum zu tun ist, aus Elementen<br />

von Jazz, Rock, Industrial,<br />

Electro und Neuer Musik ein<br />

maximal verdichtetes, genreübergreifendes<br />

Klanguniversum<br />

Dass aller guten Dinge nicht nur drei sind,<br />

sondern auch Zeit bedürfen, weiß die Toulouser<br />

Bigband Initiative H, deren Drittwerk Broken<br />

Land nach Deus Ex Machina (2014) und Dark<br />

Wave (2015) nach drei Jahren Wartezeit endlich<br />

das Licht der Öffentlichkeit erblickt.<br />

zu schaffen <strong>–</strong> andererseits und<br />

mehr noch spielt der programmatische<br />

Aspekt eine Rolle.<br />

So geht das in Form einer<br />

neunsätzigen Suite gegossene<br />

Broken Land auf eine<br />

klimatologische Studie zurück,<br />

die besagt, dass seit dem 3.<br />

<strong>August</strong> 2017 der der globalen<br />

Erwärmung geschuldete Point<br />

of no Return des Erdklimas<br />

erreicht ist, den Haudrechy<br />

als leidenschaftlicher Surfer<br />

und Snowboarder hautnah<br />

miterlebt. Initiative H liefern<br />

in diesem Sinne einmal mehr<br />

den Soundtrack zur menschlichen<br />

Selbstzerstörung <strong>–</strong> mit<br />

dem Unterschied, dass der<br />

Weltuntergang diesmal unumkehrbar<br />

scheint. Dergestalt<br />

gerät das düster-intime Album<br />

zum Requiem für den Planeten.<br />

Und doch, so viel sei an dieser<br />

Stelle schon verraten, ergibt<br />

es sich nie vollständig der<br />

Resignation, sondern übt sich,<br />

möglicherweise gar wider besseren<br />

Wissens, in der Rolle des<br />

Hoffnungsspenders. Vielleicht<br />

ist es ja doch noch nicht zu<br />

spät, vielleicht ist es ja erst fünf<br />

vor zwölf, frei nach dem Motto:<br />

Wer kämpft, kann verlieren,<br />

aber wer erst gar nicht kämpft,<br />

hat schon verloren.<br />

Gleich die ersten 30<br />

Sekunden des titelgebenden<br />

Openers lassen an einen<br />

zum Stillstand kommenden<br />

Herzmonitor denken, bevor<br />

ein schräger Bläsersatz zeigt:<br />

Wenngleich er noch lebt <strong>–</strong><br />

gesund ist dieser Patient mit<br />

Sicherheit nicht. Wenn dann<br />

aber eine Begräbniskapelle den<br />

Rückblick in Melancholie probt,<br />

steht fest, dass jeder Wiederbelebungsversuch<br />

zwecklos ist.<br />

Der in der Ouvertüre vorgestellte<br />

Trauermarsch entfaltet sich<br />

46 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


auf „Signes“ zu voller Blüte,<br />

doch statt nach Art des New<br />

Orleansschen Funeral March<br />

über die dem Verstorbenen<br />

zuteilwerdende jenseitige Seligkeit<br />

in Jubel auszubrechen,<br />

schwingt bei Initiative H etwas<br />

schwer zu Fassendes, in jedem<br />

Falle aber Hochbedrohliches<br />

mit, bevor ganz am Schluss mit<br />

sich reibenden Signalintervallen<br />

eine klare Warnung steht.<br />

Allein, wovor will denn noch<br />

gewarnt sein, wenn es ohnehin<br />

keine Umkehr gibt, fragt „The<br />

Point of No Return“ als einziger<br />

Moment des Albums, der sich<br />

mit einer gewissen Genugtuung<br />

der fatalistischen Depression<br />

ergibt. Dem Orchester auf der<br />

Titanic nicht unähnlich, vermag<br />

er, die Schönheit des Unterganges<br />

genüsslich zu zelebrieren.<br />

„Just Dust“ bringt Synthetisches<br />

ins Spiel. Hier ist<br />

alles Organische tot. Doch wie<br />

entwickelt sich neues Leben<br />

aus Plastik? Gar nicht, weiß der<br />

neuerliche, deutlich verlangsamte<br />

Trauermarsch „Far<br />

West“, der zum Berührendsten<br />

gehört, was das Album zu<br />

bieten hat. Was aber ist es,<br />

das die Erde an diesen Punkt<br />

gebracht hat, will „Fun Kills“<br />

wissen, und liefert gleichen<br />

Atemzugs die Antwort: zu viel<br />

Konsum, zu viel Gier, zu viel<br />

Spaß. Kurz: zu viel von allem.<br />

Oder, mit Schiller: Der Wahn ist<br />

kurz, die Reu ist lang. Unendlich<br />

lang, um genau zu sein,<br />

und dieser magenumdrehende<br />

Gedanke macht ob übermäßiger<br />

Intervalle und repetitiver,<br />

enervierender Bläsermotive<br />

auch zuhörtechnisch alles<br />

andere als Spaß. Das volksweisennahe<br />

„Failure“ dagegen<br />

umso mehr, kommt es doch so<br />

erleichternd, ja erlösend daher<br />

wie ein Sonnenstrahl nach<br />

langem Irren durch einen ausweglos<br />

erscheinenden Tunnel.<br />

Sollte hier doch noch Hoffnung<br />

wohnen? Initiative H erzählt die<br />

wunderschöne Geschichte von<br />

(neu er-)blühenden Landschaften<br />

und einem Schleier des<br />

Friedens, der sich über all das<br />

Geröll, den Schutt und den<br />

Schmutz legt.<br />

So einfach ist das aber<br />

nicht, denn heilender Segen<br />

legt sich nicht von allein über<br />

die Erde, man muss schon<br />

selbst Hand anlegen, das Auto<br />

stehen lassen, der Plastiktüte<br />

den Stinkefinger zeigen, den<br />

Müll aus dem Meer fischen.<br />

Das kostet Kraft und geht nicht<br />

ohne Unmut, gar Ärger vonstatten.<br />

„Trouble“ eben, wie Initiative<br />

H diesen vertonten Aufruhr<br />

betitelt haben. Und dann doch.<br />

Der Anfang ist geschafft <strong>–</strong> mehr<br />

aber auch nicht. Auf dem<br />

Schlusssatz „Polaroid“ wird der<br />

Hörer dank Gastchor mittels<br />

menschlicher Stimme noch<br />

direkter angesprochen, als es<br />

die Bläser vermocht hätten.<br />

Wie wir weitermachen wollen,<br />

ist jetzt an uns. Alle möglichen<br />

Szenarien, vom Gerade-nocheinmal-die-Kurve-Kriegen<br />

bis<br />

zum endgültigen Untergang,<br />

werden hier aufgezeigt. Nein,<br />

leicht macht es die 2012 von<br />

Haudrechy gegründete, nunmehr<br />

13-köpfige Truppe dem<br />

Hörer nicht. Nur noch kurz die<br />

Welt retten passiert woanders.<br />

Aber die Möglichkeit zur Rettung<br />

besteht auch hier. Das ist<br />

die frohe Botschaft, die Broken<br />

Land verkündet <strong>–</strong> und die es<br />

letztendlich eben doch nicht<br />

zum Requiem, sondern zum<br />

Evangelium für den Planeten<br />

macht.<br />

Aktuelle CD:<br />

Initiative H: Broken Land<br />

(Neuklang / In-Akustik)<br />

neW<br />

releases<br />

DT8010<br />

the gene<br />

krupa Quartet<br />

Live 1966<br />

© Zakari Babel<br />

DT8011<br />

louIs<br />

arMstrong<br />

Sparks, Nevada 1964!<br />

feat.<br />

Russell “Big Chief” Moore,<br />

Billy Lyle, Danny Barcelona,<br />

Jewel Brown, Joe Darensbourg,<br />

Arvell Shaw<br />

distributed by<br />

Dot time records<br />

Bremen<br />

info@dottimerecords.com<br />

JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 47<br />

www.dottimerecords.com


Literatur<br />

Das Landgren<br />

Alphabet<br />

jazzprezzo<br />

Nils Landgren hat noch nie einen Interviewtermin abgesagt,<br />

denn er erzählt gerne aus seinem Leben. So auch<br />

in einem neuen Buch mit Stichworten von A bis Z.<br />

Von Arne Reimer<br />

Herausgegeben<br />

von Rainer Placke<br />

Nils Landgren<br />

im Gespräch<br />

Bereits 2005 erschien im Jazzprezzo Verlag das Buch red &<br />

cool, das dem Leben des schwedischen Posaunisten Nils<br />

Landgren gewidmet war. In Fotos und Texten erinnerten sich<br />

Freunde und Weggefährten an ihre Erlebnisse mit Landgren.<br />

Nun erscheint 13 Jahre später im selben Verlag ein Buch,<br />

in dem der beliebte Musiker ausschließlich selbst zu Wort<br />

kommt. Stichwortgeber ist Herausgeber Rainer Placke, der<br />

zu den 26 Buchstaben des Alphabets jeweils fünf Begriffe auf<br />

einer Karte vorbereitet hat. Davon wählte sich Landgren die<br />

Themen aus, über die er gerne sprechen wollte.<br />

Im Gegensatz zu ausformulierten Fragen lassen Stichworte<br />

eine Freiheit zu, die Landgren ähnlich wie in seiner Musik<br />

gekonnt nutzt, ohne dabei abzuschweifen. Beim Buchstaben<br />

I wie Interview bestätigt er, dass es ihm Spaß macht, über<br />

seine Musik und sein Leben zu sprechen: „Ich bin als offener<br />

Mensch geboren, und außerdem bin ich extrem neugierig.<br />

Ich finde es interessant zu beobachten, wohin ein Gespräch<br />

führen kann.“<br />

So erfährt man nicht nur Interessantes vom Musikgeschäft<br />

und dem Beginn seiner Karriere beim JazzBaltica Festival<br />

1991, Landgren erzählt auch Anekdoten aus seiner Zeit<br />

als Gast bei den Crusaders oder bei Abba. Ebenso spricht er<br />

von seiner Beobachtung, dass sein Gesang von Frauen mehr<br />

gemocht wird als von Männern. Es sind diese selbstreflektierten<br />

Einschätzungen, die dem Buch etwas sehr Persönliches<br />

geben. Die kurzen Texte zu jedem Buchstaben lesen sich<br />

mit einer gewissen Leichtigkeit, sie sind Autobiografie, und<br />

so entsteht bis zum Z ein abgerundetes Bild des Menschen<br />

Landgren.<br />

Das Buch enthält auch 47 Fotografien, die Oliver Krato<br />

während des Gesprächs angefertigt hat. Dabei gelingt es ihm,<br />

immer wieder andere Gesichtsausdrücke von Landgren festzuhalten,<br />

die so unterschiedlich wirken wie all die Aktivitäten<br />

des vielseitigen Musikers. Vervollständigt wird das Buch mit<br />

einer CD-Diskografie und einer DVD <strong>–</strong> einem sehenswerten<br />

Dokumentarfilm über Landgren von 2014 von Jan Bäumer und<br />

Dietmar Klumm.<br />

Rainer Placke (Hg.):<br />

Das Landgren Alphabet. Nils Landgren im Gespräch.<br />

Jazzprezzo Verlag, Bad Oeynhausen, <strong>2018</strong><br />

136 Seiten, 25 Euro<br />

Nils Landgren<br />

I wie Interview<br />

Rolf Kühn<br />

Grandseigneur und<br />

Genießer<br />

Ein einmaliger Schatz nicht nur für die<br />

deutsche Jazz-Szene ist der Klarinettist Rolf<br />

Kühn, der übrigens im kommenden Jahr 90<br />

Jahre alt wird. Wer dem Mann begegnet,<br />

wird das nicht glauben, denn Kühn ist<br />

eloquent, hellwach und von überragender<br />

Intelligenz und Erinnerungskraft. Während<br />

er einen mit seinen listigen Augen anblickt,<br />

reiht er geruhsam Perlen von Anekdoten<br />

und ätzende Sottisen aneinander, wobei er<br />

aktuelle und einstige Mitstreiter keineswegs<br />

verschont. Drucken lässt sich das leider<br />

nicht, aber über das aktuelle Album Yellow +<br />

Blue gibt es ja auch so einiges zu erzählen.<br />

Von Ulrike Proske<br />

Rolf Kühn ist nicht nur ein<br />

Charmebolzen und Charmeur<br />

vor dem Herrn (nein <strong>–</strong> eigentlich<br />

vor der Dame), er ist auch<br />

äußerst kontaktfreudig, und<br />

so hat er auf Yellow + Blue<br />

eine illustre Band versammelt.<br />

Pianist Frank Chastenier,<br />

Bassistin Lisa Wulff und<br />

Schlagzeuger und Perkussionist<br />

Tupac Mantilla schlagen<br />

sich mit Lust und Laune durch<br />

ein buntes Gestrüpp aus Jazzund<br />

sonstigen Klassikern und<br />

Kühn-Originalen. Aber wie um<br />

Himmels willen ist der Grandseigneur<br />

der Klarinette an<br />

die erst 27-jährige Lisa Wulff<br />

geraten? „Bei Steinmeier war<br />

ein Sommerkonzert im Schloss<br />

Bellevue“, erwähnt Kühn<br />

ganz lässig ein Event beim<br />

Bundespräsidenten, bei dem<br />

er selbstverständlich geladen<br />

war, „und da spielten Nils<br />

Landgren, Till Brönner, Michael<br />

Wollny und Wolfgang Haffner.<br />

Im Gespräch mit Lisa Wulff<br />

stellte sich heraus, dass sie<br />

eine Schülerin von Detlev Beier<br />

war, mit dem ich sehr lange<br />

gespielt habe in verschiedenen<br />

Projekten von Michael Brecker<br />

bis Bob Mintzer. Lisa war seine<br />

Lieblingsschülerin, und sie hat<br />

eine Menge von ihm gelernt.<br />

Das schöne große Bassgefühl,<br />

das ich gern habe, ein runder<br />

Bass, der durchklingt, der die<br />

richtigen Zwischenphrasen<br />

spielt <strong>–</strong> das hat sie alles. Neulich<br />

habe ich ihre Band gehört,<br />

die auch ziemlich gut ist.“<br />

Umstandslos bittet Kühn<br />

die junge Bassistin ins Studio,<br />

wo ein alter Kollege schon<br />

wartet. „Frank Chastenier<br />

kenne ich schon lange“,<br />

erinnert sich Rolf Kühn. „Wir<br />

haben einst bei MPS Aufnahmen<br />

gemacht mit Peter Erskine<br />

und Bob Mintzer, und Frank hat<br />

damals Orgel gespielt. Frank<br />

hat den Mut gehabt, nach<br />

25-jähriger Tätigkeit für die<br />

WDR Big Band zu kündigen,<br />

dabei wäre er dort bis zum<br />

Lebensende versorgt gewesen.<br />

Aber er wollte noch mal bei<br />

null anfangen, das finde ich<br />

sehr bewundernswert.“ Nicht<br />

zuletzt erinnert den Genießer<br />

von Leben, Liebe und Musik<br />

das an seine eigene Karriere.<br />

„Vor 60 Jahren habe ich<br />

das auch gemacht“, weiß<br />

Rolf Kühn noch sehr genau.<br />

„Ich habe von 1950 bis 1956<br />

bei Werner Müller im RIAS-<br />

Tanzorchester gespielt, und als<br />

48 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


ich dort aufgehört habe, haben<br />

mich alle für verrückt erklärt.<br />

Ich bin auf blauen Dunst hin<br />

nach New York gegangen<br />

und habe zuerst bei Caterina<br />

Valente gespielt, das war mein<br />

erster Job in New York. Sie<br />

war damals ein richtiger Star<br />

und hatte mit ‚Malaguena‘ und<br />

‚The Breeze And I‘ auch schon<br />

Riesenhits in den USA gehabt.“<br />

Engagements bei Benny<br />

Goodman und Tommy Dorsey<br />

schlossen sich an, bis<br />

Kühn 1962 nach Deutschland<br />

zurückkehrte. Er leitete das<br />

NDR-Fernsehorchester, spielte<br />

mit Albert Mangelsdorff oder<br />

seinem kleinen Bruder, dem<br />

Pianisten Joachim Kühn, und<br />

hatte neben dem Mainstream<br />

auch ein Faible für Free Jazz<br />

und Jazzrock. Diese Vielseitigkeit<br />

hat er sich bis heute<br />

bewahrt, und so kann er auf<br />

Augenhöhe mit jungen Wilden<br />

wie Christian Lillinger musizieren,<br />

mit der Klassik-Kollegin<br />

Sabine Meyer arbeiten oder<br />

den brasilianischen Mandolinen-Virtuosen<br />

Hamilton de<br />

Holanda inspirieren. Außerdem<br />

hat er über zehn Jahre<br />

als musikalischer Leiter des<br />

legendären Theater des Westens<br />

gearbeitet. Musikalische<br />

Vorurteile kennt Kühn nicht.<br />

In einem Interview mit der<br />

FAZ hat er einmal postuliert:<br />

„Selbst Volksmusik kann faszinierend<br />

sein, wenn sie brillant<br />

gemacht ist.“<br />

Volksmusik ist es nun<br />

nicht gerade, was Kühn auf<br />

Yellow + Blue spielt. Mit „Both<br />

Sides Now“ der kanadischen<br />

Singer/Songwriter-Ikone Joni<br />

Mitchell <strong>–</strong> mittlerweile fast<br />

so eine Art Jazz-Standard <strong>–</strong><br />

eröffnet Kühn das Album aber<br />

auf einer zwar populären, doch<br />

sehr intimen Note. „Christian<br />

Kellersmann von MPS hatte<br />

die Idee, eine Balladenplatte<br />

zu machen“, erzählt Rolf Kühn.<br />

„Ich fand die Idee gut, aber<br />

ausschließlich Balladen zu<br />

spielen, wäre mir zu langweilig<br />

gewesen. Schließlich haben<br />

wir fünf Balladen aufgenommen,<br />

von ‚What Are You Doing<br />

the Rest of Your Life‘ bis ‚Body<br />

and Soul‘. Vier davon haben<br />

wir an den Anfang und an den<br />

Schluss der Platte gepackt, so<br />

dass sie meine aktuellen Kompositionen<br />

quasi einrahmen.“<br />

Von manchen Menschen<br />

hat Rolf Kühn auch nur Gutes zu<br />

berichten. Über seine Biografin,<br />

die Journalistin Maxi Sickert,<br />

lässt er sich kein böses Wort<br />

entlocken. Ganz im Gegenteil:<br />

Die Arbeit an dem Buch Clari net<br />

Bird, mittlerweile in zweiter,<br />

verbesserter Auflage erschienen<br />

und hier noch einmal<br />

nach drücklich empfohlen, hat<br />

er sehr genossen. Die Interviews<br />

zum Buch fanden im Café Pusteblume<br />

am Hans-Rosenthal-<br />

Platz statt <strong>–</strong> gegenüber, in den<br />

ehemaligen RIAS-Studios, übt<br />

Rolf Kühn übrigens heute noch<br />

täglich. Denn Übung macht den<br />

Meister.<br />

Aktuelle CD:<br />

Rolf Kühn: Yellow + Blue<br />

(MPS / Edel:Kultur)<br />

© Harald Hoffmann<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />

49


Caroline Davis<br />

Töne des Herzens<br />

Es ist ihr drittes Album unter eigenem<br />

Namen, aber schon etwa das 30. Album, auf<br />

dem sie mitwirkt. Dabei konzentriert sich die<br />

amerikanische Saxofonistin Caroline Davis<br />

erst seit fünf Jahren ganz auf den Jazz.<br />

Von Hans-Jürgen Schaal<br />

Als Teenager lebte sie mit<br />

ihrer Mutter in Atlanta. Damals<br />

begann sie, Saxofon zu spielen,<br />

inspiriert von den Bläsergruppen<br />

auf alten R&B-Aufnahmen.<br />

„Meine Eltern hörten diese<br />

Musik oft zu Hause, als ich noch<br />

ganz klein war“, erzählt Caroline.<br />

„Das blieb irgendwie hängen.“<br />

Später bekam die Mutter einen<br />

Job in Texas, Caroline wechselte<br />

die Schule, studierte dann Musik<br />

und Psychologie in Arlington,<br />

begann mit 20, auch Jazz zu<br />

spielen <strong>–</strong> das war kurz nach<br />

der Jahrtausendwende. 2004<br />

ging sie nach Chicago, um zu<br />

promovieren, machte dort ihre<br />

ersten Aufnahmen und traf auf<br />

Steve Coleman. „Ich verstehe<br />

Steve als einen meiner Mentoren,<br />

obwohl ich noch vieles<br />

mit ihm zu besprechen hätte.“<br />

Wichtig war für sie auch die<br />

Chicago-Legende Von Freeman,<br />

dessen Jamsessions in der New<br />

Apartment Lounge sie jahrelang<br />

besuchte. Die heute 37-Jährige<br />

sagt: „Es war, als ginge ich<br />

noch einmal zur Schule. Jede<br />

Woche lernte ich etwas Neues,<br />

indem ich Von spielen hörte. Er<br />

gab keinen Unterricht, aber ich<br />

sprach hin und wieder mit ihm,<br />

und einmal ließ er mich sogar<br />

mit seiner Band auftreten.“<br />

Der jüngste Move erfolgte<br />

2013: Caroline Davis zog von<br />

Chicago nach New York, um<br />

sich ganz dem Musikmachen<br />

zu widmen. Die Umstellung war<br />

schwieriger, als sie erwartet<br />

hatte. „Ich kam nach New York,<br />

hatte aber noch keine Arbeit<br />

in Aussicht <strong>–</strong> außer ein paar<br />

Gigs. Ich kannte zwar einige<br />

Freunde da, war also nicht<br />

völlig allein. Aber eine passende<br />

Wohnung zu finden, zog sich hin.<br />

Ich beschloss, nach Chicago<br />

zurückzugehen und noch ein<br />

paar Monate dort zu bleiben.<br />

Ein Jahr lang war ich fast jeden<br />

Monat einmal in Chicago zum<br />

Spielen, weil ich in New York<br />

nicht genug zu tun hatte. Der<br />

Hauptunterschied zwischen den<br />

beiden Städten ist für mich: In<br />

New York gibt es viel mehr Musiker<br />

<strong>–</strong> mehr gute Musiker, aber<br />

auch mehr schlechte Musiker.<br />

Und ich stelle fest, dass es in<br />

New York etwas schwieriger ist,<br />

dauerhafte Freundschaften zu<br />

schließen. Inzwischen komme<br />

ich hier aber mit Komponieren<br />

und Spielen ganz gut über die<br />

Runden. Das hätte ich wohl auch<br />

in Chicago geschafft <strong>–</strong> wenn<br />

dort mein Schwerpunkt nicht die<br />

Universität gewesen wäre.“<br />

Die Entscheidung für New<br />

York, die berufliche Umstellung,<br />

die emotionalen Unsicherheiten<br />

dabei <strong>–</strong> das sind die Herzensfragen,<br />

von denen Caroline Davis’<br />

neues Album handelt. „Ich habe<br />

viel Zeit aufs Schreiben der<br />

Musik verwendet“, sagt sie, „es<br />

waren fast drei Jahre.“ Doch<br />

der Albumtitel Heart Tonic meint<br />

nicht nur diese Herzensdinge,<br />

sondern auch das Herz als<br />

konkretes Organ <strong>–</strong> insbesondere<br />

das Herz von Carolines Vater.<br />

In ihre schwierige erste New<br />

Yorker Zeit fiel nämlich zudem<br />

die Nachricht, dass ihr Vater an<br />

Herzrhythmusstörungen leidet.<br />

Die Saxofonistin und promovierte<br />

Musikpsychologin begann,<br />

sich intensiv mit Kardiologie zu<br />

beschäftigen, und zog daraus<br />

auch musikalische Inspirationen.<br />

„Ich habe viel Zeit damit<br />

verbracht, Herzschlägen zu<br />

lauschen <strong>–</strong> normalen und unregelmäßigen.<br />

Manchmal habe ich<br />

mir arhythmische Herzschläge in<br />

großer Lautstärke zehn Minuten<br />

lang angehört, um mich in dieses<br />

Gefühl zu vertiefen. Dann habe<br />

ich mich davon gelöst, den<br />

Eindruck verarbeitet und damit<br />

begonnen, Musik zu schreiben.“<br />

Auf dem Album gibt es<br />

gelegentlich pochende Herztöne<br />

zu hören und unregelmäßige<br />

Metren <strong>–</strong> und die rhythmische<br />

Komplexität setzt sich ins Tonale<br />

hinein fort. Caroline Davis’ Musik<br />

manövriert zwischen vielen<br />

Orien tierungen, ihr Quintett<br />

bewegt sich in dicht gefügten<br />

Klängen durch den Tonraum.<br />

Etwas Tristano-Schule klingt da<br />

an, ebenso frühe M-Base <strong>–</strong> und<br />

viel Kompetenz in Harmonielehre.<br />

„Ich glaube, dass im Jazz<br />

Harmonik und Stimmführung<br />

lebenslange Aufgaben sind“,<br />

sagt die Saxofonistin. „Ich habe<br />

Johann Joseph Fux und Arnold<br />

Schönberg studiert und mich<br />

an vielen Kompositionsübungen<br />

versucht. Aber das Beste ist,<br />

Musikstücke zu untersuchen, die<br />

du besonders liebst, und zu<br />

checken, was da wirklich passiert.<br />

Davon habe ich am meisten<br />

gelernt <strong>–</strong> bei Wayne Shorter,<br />

Steve Coleman, Coltrane,<br />

Schumann, Strawinsky, Xenakis<br />

und vor allem Johann Sebastian<br />

Bach. Ich versuche, für Melodieund<br />

Bass-Stimme sinnvolle<br />

Harmoniefolgen zu finden. In<br />

vielen Fällen fülle ich einfach die<br />

inneren Stimmen zwischen Top<br />

und Bottom. Ich mag es, dabei<br />

neue Arten von Stimmführung zu<br />

entdecken.“<br />

Zu ihrem Quintett auf dem<br />

Album gehört der wunderbare<br />

Trompeter Marquis Hill, der 2014<br />

die Monk-Competition gewann.<br />

Keyboarder <strong>Juli</strong>an Shore bettet<br />

die Musik streckenweise auf<br />

Fender-Rhodes- und Vintage-<br />

Synthie-Klänge. Im Mittelpunkt<br />

steht Caroline Davis’ Altsaxofon.<br />

Ihre mutwilligen Sololäufe<br />

lassen manchmal an einen<br />

frechen, sehr selbstbewussten<br />

Schmetterling denken <strong>–</strong> provokant,<br />

verspielt, wunderschön.<br />

„Mein Saxofonspiel hat sich<br />

vielfach gewandelt, solange ich<br />

noch meinen Sound suchte“,<br />

sagt Davis. „Aber in meiner<br />

Chicagoer Zeit entdeckte ich die<br />

Musik von Lennie Tristano und<br />

Lee Konitz, die wichtig für mich<br />

war, weil sie mir ein Gefühl von<br />

musikalischem Zuhause gab.<br />

Ich habe auch viel Zeit mit Steve<br />

Coleman verbracht, seit wir uns<br />

in Chicago erstmals trafen. Ich<br />

habe ihn viel gefragt und ließ<br />

mir Dinge von ihm zeigen. Heute<br />

allerdings übe ich auf der Flöte<br />

und mit der Stimme fast so viel<br />

wie auf dem Saxofon. Ich halte<br />

diese drei für meine Hauptinstrumente.“<br />

Aktuelle CD:<br />

Caroline Davis: Heart Tonic<br />

(Sunnyside / GoodToGo)<br />

50 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


CeCIl taylor<br />

gekommen, um sich aufzulösen<br />

Der 2017 verstorbene Drummer Sunny Murray verfluchte ihn.<br />

Nachdem Murray in der Band von Cecil Taylor getrommelt<br />

hatte, war er nie wieder in der Lage, auf herkömmliche Weise<br />

Schlagzeug zu spielen <strong>–</strong> und mit seinem Beruf Geld zu verdienen.<br />

Von Wolf Kampmann<br />

Doch fangen wir von vorn an. Nach Anfängen<br />

in R&B-Bands spielte der 27-jährige Cecil<br />

Taylor 1956 sein erstes Album Jazz Advance<br />

ein. Es erschien zuerst auf Transition und<br />

den Wirkungsgrad seiner Muskeln gegangen?<br />

Hat er während seiner Performance<br />

Gedichte rezitiert und viele seiner Improvisationen<br />

mit Ausdruckstanz begonnen, weil<br />

es ihm ausgerechnet um Kraft gegangen<br />

wäre? Ausdauer war ihm kein Synonym<br />

für Durchhalten. Und wenn schon Kraft,<br />

dann die des spontan planenden Geistes.<br />

Es gibt ein Video mit der Draufsicht auf<br />

seine spielenden Hände, die wie braune<br />

Silberpfeile über die Tasten flitzen. Erst<br />

ausgehenden 1970er Jahren war er seinen<br />

Fans zu gottgleich, als dass man ihm einen<br />

schlechten Tag hätte attestieren wollen.<br />

Ihm persönlich hätte es indes gereicht, ein<br />

Mensch zu sein.<br />

Taylor kämpfte viele Kämpfe. Musikalische<br />

Befreiung war für ihn auch persönliche<br />

Emanzipation. In einer von Testosteron dominierten<br />

Welt musste er sich als Außenseiter<br />

behaupten. Auf die Frage, ob er schwul sei,<br />

antwortete er sibyllinisch, ein Dreibuchstabenwort<br />

wie „gay“ könne niemals die<br />

Komplexität seiner menschlichen Existenz<br />

definieren. Er war in eine Zeit hineingewachsen,<br />

in der das Bekanntwerden von<br />

Homo sexualität das unweigerliche Aus für<br />

Jazzmusiker bedeutete, es sei denn, sie<br />

konnten eine Herkunft vom Saturn nachweisen.<br />

Taylor schaffte es durch das unvergleichliche<br />

Spektakel seiner Musik, alles<br />

Private von der Öffentlichkeit fernzuhalten.<br />

© Barbara Woike<br />

© Jean-François Labérine<br />

Wenige Tage nach seinem Tod prophezeite<br />

ein deutscher Veranstalter, in<br />

einigen Jahrzehnten werde Taylor als<br />

Komponist genauso geachtet sein wie<br />

Bach. Doch <strong>–</strong> und das kann man mit heit sagen <strong>–</strong> ging es Cecil Taylor zu keinem<br />

Sicher-<br />

Zeitpunkt um die Nachwelt. Er zelebrierte<br />

zeitlebens die poetische Vergänglichkeit<br />

des Augenblicks. Seine Cluster fühlten sich<br />

wie Klangblütenstaub an, der zerstob, sowie<br />

er sich manifestierte. Seine Musik wurde<br />

geschaffen, um zu verschwinden. Sich<br />

aufzulösen, war Cecil Taylors eigentliches<br />

Vermächtnis.<br />

Wir könnten hier viele Projekte und<br />

Alben aufzählen, seine Unit, das Feel Trio,<br />

die Aufnahmen für Gil Evans, seine Berlin-<br />

Konzerte von 1988 … Gerade erst ist auf dem<br />

Label Black Sun unter dem Titel Poschiavo<br />

der Mitschnitt eines Konzerts von 1999<br />

erschienen. Der spontane Einfallsreichtum<br />

des damals 70-Jährigen war atemberaubend.<br />

Weitere Aufnahmen werden folgen. Alles in<br />

allem ist der Output des Pianisten gemessen<br />

an seinem Input jedoch sehr übersichtlich,<br />

und das hat seinen Grund.<br />

Am 5. April <strong>2018</strong> ist Cecil Taylor mit<br />

89 Jahren gestorben. Er wird uns so lange<br />

fehlen, bis niemand merkt, dass er uns nicht<br />

mehr fehlt. Und das ist gut so.<br />

wurde später von Blue Note übernommen.<br />

Nichts Besonderes, möchte man meinen,<br />

doch drei Jahre vor den Free-Versuchen<br />

von Ornette Coleman, Paul Bley und Jimmy<br />

Giuffre manifestierte sich hier eine Freiheit,<br />

die man nach den missglückten Tristano-Aufnahmen<br />

von 1949 nicht mehr gehört hatte. In<br />

einem bis dahin nie dagewesenen Klangkaskadenrausch<br />

eilte er über die Tasten.<br />

Wie weit er mit diesem Verständnis<br />

seiner Zeit voraus war, zeigt sein 1959 aufgenommenes<br />

Album Stereo Drive mit John<br />

Coltrane und Kenny Dorham, das später<br />

ebenfalls von Blue Note unter dem absurden<br />

Titel Coltrane Time als angebliche Coltrane-<br />

LP unter die Leute gebracht wurde. Diese<br />

Platte ist insofern ein Paradebeispiel dafür,<br />

dass Freiheit kein Geschenk ist, sondern ein<br />

hart erkämpftes Gut, als Taylor hier stoisch<br />

gegen seine eigene Band anspielt. Coltrane<br />

hält relativ teilnahmslos mit, aber Dorham<br />

versucht die Session zu sabotieren, wo<br />

immer er kann. Aus heutiger Sicht wissen<br />

wir, dass der Trompeter den Pianisten nicht<br />

verstehen konnte, aber eben dies war das<br />

Umfeld, in dem sich Taylor damals bewegte.<br />

Aber verstehen wir Taylor denn heute<br />

besser? Ihm ist nachgesagt worden, dass<br />

das Klavier für ihn aus 88 Trommeln bestanden<br />

habe. Seine ungeheure physische Kraft<br />

ist mehrfach bejubelt worden. Zu Recht.<br />

Aber ist es Taylor tatsächlich jemals um<br />

wenn man sensibel auf die Bewegungen<br />

achtet, wird man gewahr, dass beide<br />

Hände spiegelverkehrt genau dieselben Bewegungen<br />

ausführen. Ging es ihm vielleicht<br />

eher um Tanz, um Choreografie, um eine<br />

alternative Struktur des Klanges, abgeleitet<br />

aus der geheimen Eleganz der Bewegung?<br />

Viele Musiker haben seine Schule<br />

durchlaufen. Die Saxofonisten Steve Lacy,<br />

Archie Shepp, Albert Ayler und Jimmy Lyons<br />

gehörten dazu, die Bassisten Buell Neidlinger<br />

und William Parker, die Drummer Dennis<br />

Charles, Sunny Murray, Andrew Cyrille und<br />

Tony Oxley. Unvergessen ist das Duo mit<br />

Max Roach (meine Güte, wie viel Ellington<br />

doch in Taylor gesteckt hat). Jeder von ihnen<br />

hat seinen eigenen Weg gefunden, mit dem<br />

Pianisten zu kommunizieren, weil es immer<br />

um diese absolute Freiheit ohne Wenn<br />

und Aber ging. Und Freiheit bedeutete für<br />

Taylor auch, scheitern zu können. Er selbst<br />

wusste das. Was mag in ihm vorgegangen<br />

sein, wenn er schlecht gespielt und das<br />

Publikum ihm dennoch zugejubelt hat?<br />

Manchmal schien er seine Zuhörer mit den<br />

immer selben Phrasen regelrecht um Protest<br />

anzuflehen. Vergebens. Spätestens seit den<br />

JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 51


Nigel<br />

Kennedy<br />

Rhapsodie<br />

in Weinrot<br />

© Carl Hyde<br />

52 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Claret, das ist eine alte englische Bezeichnung für die<br />

Rotweine des Bordelais. Wenn das Wort als Farbton-<br />

Beschreibung verwendet wird, wäre das also Weinrot.<br />

Und zwar das ziegelige Rot eines älteren Weines, ohne<br />

diese jugendlichen Violett-Töne am Glasrand. Wer George<br />

Gershwins Rhapsody in Blue einerseits als transparentes<br />

Stück für Jazz-Quartett spielt und den Titel andererseits um<br />

die Farbe Claret zu „Rhapsody in Claret and Blue“ erweitert,<br />

hat dabei sicher etwas Sentimentales im Sinn.<br />

Von Hans-Jürgen Linke<br />

Nigel Kennedy ist kein wirklicher Punk.<br />

Er kokettiert nur seit je ein wenig mit dem<br />

Image, das sich vor allem zu seinen Einspielungen<br />

großer Violinkonzerte in einen<br />

neugierig machenden Kontrast gesetzt hat.<br />

Nicht immer haben die Einspielungen den<br />

gleichen Charakter des Unangepassten<br />

gehabt wie seine Haartracht. Von solchen<br />

eher auf Marketing ausgerichteten Maßnahmen<br />

ist seine Auseinandersetzung mit<br />

George Gershwin allerdings völlig frei.<br />

Nigel Kennedy liebt Gershwin, und er kann<br />

sehr genau beschreiben, was das ist, was<br />

ihm an Gershwins Musik wichtig ist: Es ist<br />

diese bezwingende Mischung aus westlicher<br />

klassischer Musik, dem eleganten<br />

großstädtischen Jazz der Swing-Ära und<br />

einer aus der New Yorker Klezmer-Tradition<br />

stammenden expressiven Melodieseligkeit,<br />

schreibt er.<br />

Und die Rhapsody hat man so, wie<br />

sie hier klingt, noch nicht oder zumindest<br />

schon sehr lange nicht mehr gehört.<br />

Kennedy ersetzt die unsterbliche Solo-<br />

Klarinette durch seine Geige, die er überraschend<br />

fragil und ein wenig zittrig, aber<br />

dann auch wieder schwungvoll und geschmeidig<br />

klingen lässt. Das Arrangement<br />

verzichtet auf jeglichen bombastischen<br />

Orchester-Sound und beschränkt sich<br />

auf ein Quartett mit Geige, Bass (Tomasz<br />

Kupiec) und zwei Gitarren (Howard Alden<br />

und Rolf Bussalb). Es entsteht eine bezwingende<br />

Sentimentalität, eine altehrwürdige<br />

Stimmung, durchscheinend und ganz ohne<br />

Pathos.<br />

Wer hätte das gedacht.<br />

Und so geht es weiter. Kennedy<br />

nähert sich den Songs nicht von der Warte<br />

des Musikers, der möglichst schnell etwas<br />

Wiedererkennbares und Glänzendes in<br />

den Raum stellen will, sondern mit einem<br />

sehr durchdacht wirkenden Konzept von<br />

Liedhaftigkeit und Authentizität. Er will<br />

nicht die üppig schimmernden orchestralen<br />

Oberflächen, die man heute gemeinhin<br />

mit Gershwin verbindet. Er will zurück zu<br />

den Songs, zu den durchaus sentimental<br />

kodierten Situationen, die zum Beispiel<br />

die Oper Porgy and Bess prägen. Dafür<br />

ist es nötig, dass leise gespielt wird. Dass<br />

eine Atmosphäre entsteht, in der Platz ist<br />

für brüchige Phrasierungen und kitschig<br />

jubilierende Geigen-Kantilenen, für zart<br />

angedeutete Rhythmik <strong>–</strong> eine Atmosphäre,<br />

die den Hörer dazu bringen kann, sich<br />

den Details zu widmen und nicht nach<br />

weit gespannten Bögen und glamourösem<br />

Broadway-Musical-Sound zu suchen.<br />

Darum bekommt auch das viel gesungene<br />

„Summertime“ einen handwerklich-ziegelroten<br />

Anstrich.<br />

Die kleine Jazz-Formation bleibt nicht<br />

über das gesamte Album allein, aber nie<br />

überschreitet die Besetzung Oktett-Größe,<br />

und stets ist der leicht volksmusikalischjazzige<br />

Unterton hörbar. Er wird ergänzt<br />

und unterstrichen von den zwei Gitarristen<br />

Howard Alden und Rolf „die Kobra“<br />

Bussalb. Die beiden sorgen für Anklänge<br />

an eine Art Django-Reinhardt-Sound, den<br />

Kennedy mit Stéphane-Grappelli-Avancen<br />

wunderbar ergänzt. Er improvisiert recht<br />

viel und lässt sich dabei quer durch die<br />

Beete treiben. Das etwas basale Klavier-<br />

Solo in „They Can’t Take That Away from<br />

Me“ muss man ihm nicht übel nehmen, und<br />

dass das Schluss-Stück dann doch noch<br />

einen leicht anti-authentischen Touch<br />

bekommt, lockert den Zusammenhang<br />

angenehm auf und gibt dem Album eine,<br />

gut, verwenden wir das Wort doch noch<br />

einmal: punkige Unmittelbarkeit.<br />

In gewisser Weise markiert Kennedys<br />

Gershwin-Interpretation ein Gegenstück<br />

zu dem, was Nikolaus Harnoncourt 2009<br />

mit dem Chamber Orchestra of Europe<br />

und dem Wiener Arnold Schönberg Chor<br />

in Sachen Porgy and Bess unternommen<br />

hat. Harnoncourt sah Gershwins Oper eher<br />

in der Tradition des italienischen Verismo<br />

und in einer größeren Nähe zu Alban Berg<br />

als zum Jazz. Seine großartige, aber leicht<br />

befremdliche Interpretation der Oper<br />

ging diesen Spuren konsequent nach und<br />

übersetzte, metaphorisch gesprochen,<br />

Gershwins amerikanischen Slang in einen<br />

morbiden Wiener Dialekt.<br />

Nigel Kennedy nun rückt die Dinge<br />

anders und durchaus auch auf neue Weise<br />

zurecht. Für ihn ist Gershwin der jüdische<br />

Amerikaner, der zwangsläufig den Jazz<br />

seiner Zeit im Ohr hat und für den Bergs<br />

Lulu oder Wozzeck interessante, aber<br />

ferne Ereignisse sind. Nigel Kennedy hat<br />

viel investiert in dieses Album. Er hat<br />

arrangiert, er spielt außer Geige auch<br />

Viola, Klavier und das leise, etwas stählern<br />

klingende Cembalo. Er lässt das alles nach<br />

einer kleinen Band klingen, die sich um<br />

zwei Mikrofone versammelt hat <strong>–</strong> und eben<br />

nicht nach wochenlanger Post Production.<br />

Und er leistet sich eine große Portion Gefühl,<br />

von dem wir jetzt mal annehmen, dass<br />

es authentisch ist. Zumindest klingt es so.<br />

Aktuelle CD:<br />

Nigel Kennedy: Kennedy Meets Gershwin<br />

(Parlophone / Warner)<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />

53


Club des Belugas<br />

Von der Ein-Euro-Wette auf<br />

internationale Festivals<br />

Manchmal gibt es kurze Momente, die das Leben nachhaltig<br />

verändern. Im Falle von Club des Belugas war es eine Wette.<br />

Von Thomas Bugert<br />

Eigentlich hatte Maxim Illion<br />

seine musikalische Karriere<br />

schon relativ früh beendet, als<br />

er während des Lehramtsstudiums<br />

merkte, dass er nicht<br />

für den Schuldienst bestimmt<br />

war. Nach einer Zeit in der<br />

ökologischen Landwirtschaft<br />

in Ostfriesland zog es ihn<br />

wieder in die Stadt. Er leitete<br />

verschiedene Locations in<br />

Wuppertal, von der Kneipe bis<br />

zum Sterne Restaurant, doch<br />

dann kam es Ende der 1990er<br />

Jahre zu einer typischen<br />

Kneipenwette, die sein Leben<br />

veränderte. Er erinnert sich:<br />

„Unser Barkeeper hat immer<br />

Nu-Jazz-CDs mitgebracht.<br />

Irgendwann habe ich zu ihm<br />

gesagt: Was die machen, das<br />

kann ich auch. Wir haben<br />

dann um einen Euro gewettet.<br />

Daraufhin habe ich mir das<br />

ganze Equipment besorgt und<br />

mich ein halbes Jahr zu Hause<br />

eingeigelt.“ Nachdem so das<br />

erste Album von Club des<br />

Belugas zusammen mit seiner<br />

Frau Kitty the Bill entstanden<br />

war, hörte glücklicherweise<br />

der Chef von Saturn die Musik<br />

und nahm sie direkt ins Programm.<br />

Das Album verkaufte<br />

sich gut und kletterte auf den<br />

ersten Platz der deutschen<br />

Club-Charts. Nach und nach<br />

wurden auch andere Firmen<br />

auf den Club aufmerksam, und<br />

so fanden Stücke den Weg in<br />

Werbespots.<br />

Was zunächst als reines<br />

Studioprojekt angefangen hatte,<br />

wurde ab 2006 mit dem Album<br />

Wildcats Gotta Move mit<br />

der Sängerin Brenda Boykin<br />

zum Live-Act. Hier fing alles<br />

mit der Anfrage einer chinesischen<br />

Hotelkette an, erzählt<br />

Maxim: „Es gab eine Anfrage<br />

für 90 Auftritte in 89 Tagen.<br />

Das war natürlich heftig. Wir<br />

haben das dann dort mit einem<br />

Quartett und danach rund um<br />

die Welt gespielt: Südafrika,<br />

Südamerika, Malaysia.“ Auch<br />

in vielen Ländern des ehemaligen<br />

Ostblocks war die Band<br />

unterwegs, unter anderem in<br />

Russland, Rumänien, Georgien<br />

und Aserbeidschan. Club des<br />

Belugas arbeitet im Studio mit<br />

verschiedenen Sängern und<br />

Sängerinnen zusammen. Wichtig<br />

ist Maxim hier der Kontrast<br />

in den Stimmen, und so ist er<br />

immer auf der Suche: „Ich<br />

habe seit dem dritten Album<br />

immer vier oder fünf verschiedene<br />

Sänger auf dem Album.<br />

Ich gehe dann ins Internet und<br />

suche, was passen könnte.“<br />

Aufgrund gesundheitlicher<br />

Probleme der Hauptsängerin<br />

ist die Band zurzeit weniger<br />

live zu sehen. Da kommt<br />

ein neues Album, das einen<br />

Instrumentalisten featurt, sehr<br />

gelegen.<br />

54 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> v.l.n.r.: Detlef Höller, Maxim Illion, Thomas Siffling, Karlos Boes


Literatur<br />

Maxim Illion und der<br />

Trompeter Thomas Siffling<br />

kennen sich seit 2011, erinnert<br />

sich Maxim: „Thomas hatte ein<br />

Album herausgebracht, das<br />

mir damals sehr gut gefallen<br />

hat und das ich für eine Compilation<br />

haben wollte. Dadurch<br />

haben wir uns kennengelernt.<br />

Er hat dann irgendwann<br />

angerufen und gesagt: ,Ich bin<br />

nächste Woche in der Nähe<br />

von Wuppertal, lass uns doch<br />

ein Stück zusammen aufnehmen.‘<br />

So entstand das Stück<br />

,Ocean Cruise‘. Zwei Jahre<br />

später folgte das Album Chin<br />

Chin. Im Sommer 2017 war<br />

es dann so weit, dass beide<br />

ein neues Album planten und<br />

Maxim den Trompeter in sein<br />

Studio in Südfrankreich einlud.<br />

Im Gegensatz zum letzten<br />

Album, das vorproduziert war,<br />

begann hier alles bei null.<br />

„Wir haben uns hingesetzt und<br />

gesagt: ,Erstes Stück. Welche<br />

Geschwindigkeit und welche<br />

Tonart?‘ Dann haben wir einen<br />

Beat eingestellt, Akkorde<br />

eingespielt, und Thomas hat<br />

darüber gespielt. Nach der<br />

Erfahrung des ersten gemeinsamen<br />

Albums hatten wir eine<br />

Woche eingeplant, aber es<br />

lief so gut, dass wir nach drei<br />

Tagen schon fertig waren.“<br />

In diesem Flow entstanden<br />

14 Songs, von denen es neun<br />

auf das neue Album Ragbag<br />

schafften. Die restlichen Songs<br />

wurden in einer zweiten Session<br />

aufgenommen.<br />

Alle Stücke sind Eigenkompositionen<br />

<strong>–</strong> bis auf<br />

„Tequila“, ein Titel, der eher<br />

zufällig auf das Album kam,<br />

wie Maxim erklärt: „Wir wollten<br />

eigentlich etwas Eigenes<br />

machen. Irgendwann haben<br />

wir dann festgestellt, dass es<br />

sich nach ,Tequila‘ anhört, und<br />

haben gesagt: ,Dann können<br />

wir auch gleich ,Tequila‘ machen.‘<br />

Es sind aber immer am<br />

Ende der Phrase musikalische<br />

Zitate von Dizzy Gillespie bis<br />

Quincy Jones drin.“ Die finalen<br />

Arrangements der Stücke entstanden<br />

dann im Nachhinein<br />

im Studio in Düsseldorf. Neun<br />

Stücke arbeitete Maxim bis<br />

ins Detail aus. Danach wurden<br />

die Klavierparts von Roman<br />

Babik live eingespielt. Saxofon<br />

und Flöte stammen von Karlos<br />

Boes, die Gitarren von Detlef<br />

Höller, der auch vier Stücke<br />

ausarbeitete.<br />

Die Musik des Sammelsuriums<br />

Ragbag ist in erster<br />

Linie club- und tanzorientiert.<br />

Soundmäßig erinnert sie mit<br />

ihrer Liebe zum Detail an<br />

frühe Alben von Kruder &<br />

Dorfmeister. In dieses Klangund<br />

Groove-Gebilde fügen<br />

sich neben der Trompete als<br />

Hauptmelodieinstrument auch<br />

die andern Solisten mit Gitarre,<br />

Klavier und Saxofon organisch<br />

ein. Das Album lebt großenteils<br />

von TripHop, Boogaloo<br />

und Latin Grooves und von der<br />

Verzahnung der Percussion mit<br />

den Instrumenten der Rhythmusgruppe.<br />

Oder wie Maxim<br />

lachend meint: „Manchmal ist<br />

das ein richtiges Feuerwerk.“<br />

Aktuelle CD:<br />

Club des Belugas & Thomas Siffling:<br />

Ragbag (Jazznarts / In-Akustik)<br />

Peter Kemper<br />

Guten Tach,<br />

Helge!<br />

Helge Schneider ernst zu nehmen, ist nicht ganz einfach.<br />

Dafür sorgt er selbst mit etwas, was öffentlich in der<br />

Regel als Humor wahrgenommen wird. Humor ist es<br />

wohl auch, vor allem aber ist es eine Bewegung, die<br />

sich jeder Festlegung entziehen will und gegen jede<br />

Erwartung die Überraschung setzt.<br />

Von Hans-Jürgen Linke<br />

Von konventionellem, sagen wir, Comedy- oder Kabarett-<br />

Humor unterscheidet sich der Schneidersche unter anderem<br />

dadurch, dass er Pointen vermeidet, dass er manchmal geradezu<br />

unter ihnen wegtaucht und an einer Stelle an die Oberfläche<br />

kommt, die den Gesprächspartner, den Zuhörer und<br />

Zuschauer ratlos lässt. Beispiel? Talkshow-Gastgeber Harald<br />

Schmidt fragt Helge Schneider nach Haustieren. Schneider<br />

sagt: „Hund hab ich nicht, aber Katze. Aber ich habe auch<br />

andere Haustiere. Zum Beispiel Käse.“ Wie soll man in einer<br />

Talkshow mit so jemandem ernsthaft umgehen?<br />

Peter Kemper hat zu, über und mit Helge Schneider ein<br />

Buch geschrieben, das ihn ernst nimmt. Also sein Werk <strong>–</strong><br />

Live-Auftritte, Bücher, Filme und so weiter <strong>–</strong> sichtet, seine<br />

Accessoires würdigt, seine Kommunikationsweisen, seine<br />

Musikalität beschreibt. Und hier einen wichtigen Quell dieser<br />

irgendwie clownesken Schneiderschen Aus- und Abweichbewegungen<br />

findet. Denn Helge Schneider ist (auch) Jazzmusiker,<br />

und die zutiefst jazzmäßige Praxis des Improvisierens ist<br />

Grundlage dessen, was er permanent öffentlich tut. Er reagiert<br />

nicht regelkonform, er hält sich nicht an die Tonvorräte der<br />

vorgegebenen Changes, sondern phrasiert harmonisch und<br />

metrisch unvorhergesehen und grenzüberschreitend. Er spielt<br />

Sprachspiele nicht mit, sondern hüpft zwischen ihnen herum<br />

und bleibt dabei stets im Fluss. Oder wählt ausdrucksreiches<br />

Schweigen. Oder dreht einen Film. Oder schlüpft mit kühn<br />

angedeuteter Kostümierung in merkwürdige Rollen und redet<br />

mit Alexander Kluge. Er produziert keinen Sinn, aber auch keinen<br />

Unsinn, sondern einen Spielfluss voller Überraschungen,<br />

Abweichungen, Albernheiten, Zuspitzungen. Und muss darin<br />

ernst genommen werden.<br />

Peter Kemper:<br />

Helge Schneider.<br />

Reclam Verlag, Stuttgart<br />

100 Seiten, 10 Euro<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />

55


Nils Wogram & NDR Bigband<br />

Der dritte Weg<br />

Von Harry Schmidt<br />

„Endlich ein bundesligareifer Braunschweiger“,<br />

jubelte DIE WELT, als Nils<br />

Wogram 2013 mit dem Albert-Mangelsdorff-Preis<br />

ausgezeichnet wurde.<br />

„Endlich ein junger, kreativer Posaunist“-<br />

das wäre in gleich zweierlei Hinsicht die<br />

treffendere Schlagzeile gewesen. Denn<br />

zum einen war der 1972 in Braunschweig<br />

geborene Wogram mit Ausnahme der<br />

2003 gekürten Ulrike Haage der erste<br />

Preisträger, der nicht bereits auf mehr als<br />

ein halbes Jahrhundert Karriere und oft<br />

auch ein mehr oder weniger abgeschlossenes<br />

Lebenswerk zurückblicken konnte.<br />

Zugleich war er aber eben auch der erste<br />

Posaunist, der mit dem Preis ausgezeichnet<br />

wurde, der immerhin nach einem<br />

Mann benannt ist, der als Posaunist im<br />

Nachkriegsdeutschland dem zeitgenös-<br />

Mit ihrem Album Work Smoothly finden<br />

der Posaunist Nils Wogram und die<br />

NDR Bigband einen Weg zwischen<br />

Nostalgie und Augenzwinkern.<br />

© Ulla C. Binder<br />

© Ayse Yavas<br />

56 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


sischen Jazz eine auch international<br />

wahrgenommene Stimme gegeben hat.<br />

Was Wogram zu einem würdigen<br />

Preisträger macht, geht aber über die<br />

Instrumentengleichheit weit hinaus. Mehr<br />

als der Sound der Posaune an sich ist<br />

es eine kreative Abenteuerlust, verbunden<br />

mit einer gesunden Portion Skepsis<br />

gegenüber dem Zeitgeist, die Wogram in<br />

die Nähe von Mangelsdorff rückt. Eine<br />

weitere Parallele zwischen den beiden<br />

Posaunisten besteht in der Vorliebe für<br />

langlebige Kollaborationen. Wogram<br />

schätzt trotz der Vielgestaltigkeit seiner<br />

Projekte die Kontinuität: Sein Quartett<br />

Root 70 mit Hayden Chisholm (sax),<br />

Matt Penman (b) und Jochen Rueckert<br />

(dr) spielt seit 18 Jahren in derselben<br />

Besetzung. Fast ebenso lang <strong>–</strong> seit 2004<br />

<strong>–</strong> bestehen das Trio Nostalgia mit Arno<br />

Krijger (hammond-org) und Dejan Terzic<br />

(dr) sowie sein Septett mit dem Schweizer<br />

Klarinettisten Claudio Puntin. Dazu<br />

kommen seit 2012 das Vertigo Trombone<br />

Quartet sowie einige Duo-Projekte. Lediglich<br />

sein Duo mit Simon Nabatov (p) fand<br />

vor einigen Jahren ein Ende.<br />

So verwundert kaum, dass auch<br />

Work Smoothly auf eine längere Vorgeschichte<br />

zurückzuführen ist. „Das<br />

passiert grob gesprochen alle zehn<br />

Jahre“, erzählt Wogram, wie es dazu<br />

kam, dass er seinen neuesten Longplayer<br />

mit der NDR Bigband aufgenommen hat.<br />

Erstmals sei das Radioorchester Mitte der<br />

90er mit einer Anfrage auf ihn zugekommen.<br />

Seinerzeit habe er aber kalte Füße<br />

bekommen und sich die Arrangements<br />

noch schreiben lassen. Weder so richtig<br />

Bigband noch so richtig Combo, habe das<br />

Ergebnis allerdings nicht in Gänze überzeugt.<br />

Anders schon eine Dekade später:<br />

Mit Portrait of a Band legte Wogram 2007<br />

ein Album mit der NDR Bigband vor, das<br />

sich rückblickend anhört, als habe es der<br />

aktuellen Hochkonjunktur des Bigband-<br />

Formats den Boden bereitet. Für das<br />

wiedererstarkte Interesse hält Wogram<br />

mehrere Faktoren verantwortlich: Neben<br />

den Pendelbewegungen des Paradigmenwechsels<br />

sei auch in der fundierten Ausbildung<br />

heutiger Jazzmusiker ein Grund<br />

für die Renaissance des Bigband-Formats<br />

zu sehen. Zudem spiele auch der soziale<br />

Aspekt gerade in Zeiten der Digitalisierung<br />

eine große Rolle, vermutet er. Mit<br />

vielen der neuen Freelance-Bigbands wie<br />

dem Subway Jazz Orchestra aus Köln,<br />

der Spielvereinigung Süd in Leipzig oder<br />

der Formation Fette Hupe aus Berlin hat<br />

Wogram bereits gearbeitet und Erfahrungen<br />

gesammelt.<br />

Als die NDR Bigband vor drei Jahren<br />

neuerlich auf ihn zukam, habe er zunächst<br />

versucht, ohne Deadline zu arbeiten,<br />

was aber nicht funktionierte. Erst als ein<br />

konkreter Aufnahmetermin fixiert war,<br />

kam der Schreibprozess in Gang <strong>–</strong> mit<br />

durchaus überraschendem Ergebnis. Tatsächlich<br />

klingt Work Smoothly zunächst<br />

wie ein konventionelles Bigband-Album,<br />

insbesondere die Eröffnung mit dem<br />

Titelstück löst den Anspruch ein, den Wogram<br />

so formuliert: „Moderne Bigband-<br />

Arrangements behandeln meist Struktur.<br />

Was dabei manchmal auf der Strecke<br />

bleibt, sind Momente, die sich einprägen,<br />

die gewisse Wiedererkennungsmerkmale<br />

haben. Das muss nicht unbedingt eine<br />

eingängige Melodie sein. Es geht darum,<br />

dass man sagen kann: Das ist das Stück,<br />

in dem das und das passiert, oder auch<br />

um ein Bekenntnis zu bestimmten Sounds,<br />

die aus einer dezidierten Tradition stammen.“<br />

PDF in 4c<br />

Auf dem Album wird dieser fast<br />

klassizistische Ansatz allerdings postwendend<br />

vom eher am modalen Jazz<br />

orientierten „Provocation“ konterkariert.<br />

Überhaupt sei ihm wichtig gewesen,<br />

nichts bewusst zu vermeiden oder zu<br />

unterdrücken. Stattdessen habe er die<br />

Musiker nach ihren Vorlieben befragt,<br />

um beim Schreiben darauf eingehen zu<br />

können. Generell habe er diesmal mehr<br />

auf Transparenz geachtet. Automatisch<br />

eingeflossen seien Einflüsse historischer<br />

Großbesetzungen, von Duke Ellington<br />

über Thad Jones und Gil Evans (etwa in<br />

„One Phone Call“) bis zu Charles Mingus.<br />

Django Bates und Hermeto Pascoal sind<br />

weitere Referenzen, die sublimiert in<br />

den acht Stücken auftauchen. Was Work<br />

Smoothly, dessen Titel durchaus auch<br />

als gesellschaftspolitisch-philosophische<br />

Aussage aufgefasst werden darf, aber<br />

nachhaltig bemerkenswert macht, ist<br />

der dritte Weg zwischen Nostalgie und<br />

Augen zwinkern, den Wogram im Umgang<br />

mit Tradition findet. Dass der Humor<br />

trotzdem nicht zu kurz kommt, verdankt<br />

sich genau dieser gut informierten und<br />

organisierten Unbekümmertheit.<br />

Aktuelle CD:<br />

Nils Wogram & NDR Bigband: Work Smoothly<br />

(nWog / Edel:Kultur)


David Murray<br />

& Saul Williams<br />

© Erwan Levigoureux<br />

Schwarzer Zorn<br />

mit sanfter Gewalt<br />

58 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


LeRoi Jones aka Amiri Baraka, Malcolm X, James Baldwin und andere<br />

standen für das antikapitalistische, kritische und widerspenstige<br />

Amerika, das scheinbar der Vergangenheit angehört. Dennoch gibt es<br />

Black Lives Matter, es gibt Leute, die ihre Stimme erheben, wenn es um<br />

Gewalt gegen Schwarze, gegen Frauen und Minderheiten geht, um die<br />

Waffengesetze und brutale Gegensätze in der Gesellschaft. Und es gibt<br />

Musik, die diesen Zeiten mit zorniger Poesie begegnet.<br />

Von Jan Kobrzinowski<br />

Der Spoken-Word-Poet Saul<br />

Williams hat diese brennenden<br />

Themen im Auge. Ohne<br />

erhobenen Zeigefinger und<br />

ohne ein Zuviel an Radikalität,<br />

das Zuhörer abhängt. Williams,<br />

Aktivist der New Yorker<br />

Slam-Poetry-Szene, schrieb<br />

Bücher, hatte Auftritte in Filmen<br />

und Musicals und fühlte sich<br />

eigentlich immer HipHop, Rock<br />

und elektronischer Musik näher.<br />

Er hielt eine Verbindung mit dem<br />

Jazz zunächst für eine Idee der<br />

Vergangenheit.<br />

Es war im Jahr 2014, als<br />

der Saxofonist David Murray<br />

auf diesen Mann aufmerksam<br />

wurde, der da am Grab von<br />

Amiri Baraka so lautstark<br />

proklamierte, wie wichtig es<br />

sei, dessen Arbeit weiterzuführen.<br />

Williams schickte Texte<br />

an Murray, vor allem Stücke,<br />

die sich mit Fragen von Rasse,<br />

Klasse, Geschlecht, Wirtschaft<br />

und Kultur im heutigen Amerika<br />

auseinandersetzten. „Ich habe<br />

ein paar der Gedichte für eine<br />

Woche auf dem Klavier liegen<br />

lassen, und das Nächste, was<br />

passierte, war, dass daraus<br />

ein Song wurde“, sagt Murray.<br />

„Die Worte sind wie Wasser,<br />

sie finden ihren eigenen Weg.<br />

Saul ist ein sehr zukunftsorientierter<br />

Visionär. Ich habe immer<br />

versucht, den Dichtern und ihrer<br />

Vision von der Welt entgegenzukommen<br />

und das mithilfe der<br />

Musik klarer und wahrer zu<br />

machen.“<br />

Für Williams war die<br />

Zusammenarbeit mit Murray ein<br />

Anlass, alles neu zu überdenken:<br />

„Als Dichter, der oft an<br />

den Buchstaben hängt, hat die<br />

Zusammenarbeit mit David mich<br />

befreit. Jazz feiert die Improvisation<br />

und hat so viel mit Zuhören<br />

zu tun <strong>–</strong> wie du hörst und was<br />

du hörst und wie du darauf reagierst.<br />

Es hält mich frisch, also<br />

ist es das Gegenteil von dem,<br />

vor dem ich Angst hatte, als ich<br />

mich dem Jazz verweigerte.<br />

Es hat den kreativen Prozess<br />

belebt.“ Williams erreicht mit<br />

der textlichen und rhythmischen<br />

Dichte seiner Spoken Words<br />

etwas, wofür manch ein Sänger<br />

höchste Ausdruckskraft und Virtuosität<br />

aufbieten muss. Sprachliche<br />

Intuition und rhythmische<br />

Gewichtung treffen mit großer<br />

Präzision voll ins Schwarze.<br />

Und dann ist da der Blues,<br />

dem sich der Jazz-Avantgardist<br />

David Murray schon immer verbunden<br />

fühlte. Blues for Memo,<br />

das instrumentale Titelstück,<br />

wird mit dem Gastmusiker Aytaç<br />

Doğan am Kanun, der türkischen<br />

Zither, zu einer Art Oriental<br />

Blues erweitert. Passend, denn<br />

das Album wurde in Istanbul<br />

aufgenommen, in Auftrag<br />

gegeben von Ahmet Uluğ,<br />

gewidmet seinem verstorbenen<br />

Bruder Mehmet Uluğ. Der<br />

türkische Impresario, genannt<br />

Memo, seinerseits Gründer<br />

des Musikförderunternehmens<br />

Pozitif Music, hatte in seinem<br />

Club Babylon dem Publikum<br />

die Türen zum experimentellen<br />

Jazz geöffnet und Künstler wie<br />

Murray, Butch Morris, Sun Ra<br />

und Pharoah Sanders präsentiert.<br />

Blues for Memo ist nun<br />

eine Herzensangelegenheit<br />

von Murray, als Dank an die<br />

Uluğ-Brüder für ihre langjährige<br />

Freundschaft und Unterstützung.<br />

Es schließen sich die Kreise<br />

vollends, wenn Saul Williams zu<br />

„Obe“, einer Komposition von<br />

Murrays langjährigem Mitstreiter,<br />

dem Conducting-Innovator<br />

und Kornettisten Butch Morris,<br />

die passenden Worte liefert.<br />

Dieser hatte seinerseits in den<br />

90ern mehrere Jahre in Istanbul<br />

gelebt und gelehrt.<br />

Selten lagen schwarzer<br />

Zorn und sanfte Gewalt so dicht<br />

beieinander wie auf Blues for<br />

Memo. David Murrays Tenor<br />

kann butterweich nach Ben<br />

Webster klingen, wie z.B. im<br />

Opener „Kush“. Murrays und<br />

Williams’ Musik changiert<br />

zwischen Acoustic Free Funk<br />

und swingendem Jazz, scheint<br />

die 60er und 70er Jahre zu<br />

beschwören und ist dabei<br />

hochaktuell, äußerst gefühlvoll,<br />

spannend und am Puls der Zeit.<br />

„Cycles And Seasons“ <strong>–</strong> gesprochenes<br />

Wort und smoothes<br />

Saxofon im faszinierenden<br />

Wechsel, akustischer Groove,<br />

immer wieder aufgebrochen<br />

durch ein paar swingende Takte.<br />

Das Gespann Murray/<br />

Williams war bereits Tourerprobt,<br />

als es ins Studio ging.<br />

Gerade live bewährt sich die<br />

dynamische, treibende Rhythm<br />

Section, die sich nicht nur mit<br />

Jazz auskennt, sondern die<br />

Verbindung von akustischem<br />

Backing mit urbanem Groove<br />

meisterhaft beherrscht. Nasheet<br />

Waits spielt Schlagzeug auf<br />

dem Album, Hamid Drake war<br />

live mit auf Tour. Damals war<br />

das Projekt brandneu, und das<br />

Infinity Quartet mit Saul Williams<br />

stellte mit seiner Intensität und<br />

visionären Kraft z.B. auf dem<br />

Jazz Happening in Tampere 2015<br />

alles andere in den Schatten.<br />

Jaribu Shahid am Bass und<br />

Pianist Orrin Evans sind seit<br />

Jahren feste Größen in Murrays<br />

Quartet, sie liefern die nötigen<br />

scharfen harmonischen Konturen<br />

und ostinaten Basslinien.<br />

Gäste auf Blues for Memo sind<br />

der Posaunist Craig Harris, der<br />

Modern-Gospel-Sänger Pervis<br />

Evans, Jason Moran am Fender<br />

Rhodes und Murrays Sohn<br />

Mingus an der Gitarre.<br />

Aktuelle CD:<br />

David Murray feat. Saul Williams:<br />

Blues for Memo<br />

(Motema / Double Moon)<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 59


Besondere Zeiten erfordern besondere Lieder. Die Zeiten,<br />

in denen sich Musiker selbstgefällig auf ihre Chops<br />

konzentrieren konnten, sind vorbei, fürs Erste zumindest.<br />

Wie zu Zeiten Richard Nixons gilt es, Stellung zu beziehen,<br />

und es wird Stellung bezogen.<br />

Von Wolf Kampmann<br />

Marc Ribot ist ein kantiger Typ. Als der New<br />

Yorker Gitarrist Ende der 1980er Jahre bei<br />

den Lounge Lizards und Jazz Passengers,<br />

bei Tom Waits und Elvis Costello auftauchte,<br />

war seine Kollision von Punk und Jazz das<br />

Provokanteste, was seinerzeit vorstellbar<br />

war. Seine Gitarrensoli glichen Abstürzen.<br />

Keine seiner eigenen Bands hatte für<br />

mehr als zwei Alben Bestand. Egal, ob es<br />

die Rootless Cosmopolitans, Shrek, die<br />

überaus erfolgreichen Cubanos Postizos<br />

oder das Ayler Project waren, Ribot war<br />

im Kopf schon bei der nächsten unvollendeten<br />

Baustelle. Immer neue Seiten ließ er<br />

erkennen und pendelte zwischen Extremen<br />

wie John Zorn und Robert Plant. Da mag es<br />

wie ein Wunder anmuten, dass er mit seiner<br />

aktuellen Band Ceramic Dog (mit Bassist<br />

Shahzad Ismaily und Drummer Chas Smith)<br />

nun schon ein drittes Album innerhalb von<br />

zehn Jahren auf den Markt bringt.<br />

Ceramic Dog hat Marc Ribot immer als<br />

seine Rockband bezeichnet. Auf dem Debütalbum<br />

Party Intellectuals (2008) wurde<br />

dieser Anspruch noch so verschämt umgesetzt,<br />

wie der Albumtitel vermuten ließ.<br />

Der Nachfolger Your Turn (2013) klang im<br />

Vergleich dazu schon viel gradliniger. Doch<br />

mit dem Kracher YRU Still Here? verbindet<br />

der alte Querulant jetzt ein besonderes<br />

Anliegen. Wie mit einem Vorschlaghammer<br />

prügelt Ribot auf die offenen Wunden einer<br />

global immer weiter nach rechts rückenden<br />

Gesellschaft ein. Das dritte Album von Ceramic<br />

Dog ist viel mehr als eine Platte. Diese<br />

Songs sind Statements, und mehr als das.<br />

„Im Herbst 2016 hatte Ceramic Dog bereits<br />

ein anderes Album nahezu fertiggestellt“,<br />

erinnert sich Ribot. „Nach den Wahlen<br />

im November waren wir dann schockiert.<br />

Ich meine, ich habe es kommen sehen<br />

und fürchtete einen Sieg Donald Trumps<br />

mehr als die meisten Menschen in meiner<br />

Umgebung. Trotzdem schien es mir nach<br />

der Wahl nicht der richtige Zeitpunkt, eine<br />

CD rauszubringen, auf der ich mich über<br />

Probleme mit meiner Freundin auslasse.<br />

Wir veränderten also den Schwerpunkt des<br />

Albums. Meine romantischen Katastrophen<br />

erschienen mir plötzlich weniger wichtig.<br />

Ich spürte wieder die Dringlichkeit von<br />

Musik. Nicht nur als Teil einer politischen<br />

Bewegung, sondern als Kraft, die uns<br />

weiterleben lässt. Es erschien mir wichtig,<br />

meine und die Bedürfnisse anderer Menschen<br />

offen auszusprechen.“<br />

Ribot war schon lange von dem Gefühl<br />

beschlichen worden, dass die Menschen<br />

in seinem Umfeld zwar wieder viel mehr<br />

über Politik diskutierten, sich auch auf die<br />

alten Protestsongs kaprizierten, aber keiner<br />

konnte sie mehr singen. Er erinnert sich an<br />

die Teilnahme an einer Occupy-Versammlung<br />

in New York. „Wenn sich auf einer<br />

Demonstration die Angst vor der Polizei und<br />

vor Verhaftungen breitmacht, können Lieder<br />

einem ja das Gefühl von Zusammenhalt und<br />

Kraft geben. Es war sehr früh am Morgen,<br />

die Stimmung war angespannt, und<br />

wir wollten etwas singen. Aber niemand<br />

wusste, was wir singen könnten. Jemand<br />

fing dann an, Tom Pettys ,We Won’t Back<br />

© Ebru Yildiz<br />

Down’ zu singen. Ich meine, der Song ist<br />

okay, aber er tut auch nichts wirklich zur<br />

Sache. In der Geschichte des Arbeiter- und<br />

Widerstandslieds gibt es so viele Songs,<br />

die perfekt gewesen wären, aber niemand<br />

kennt sie. Sie wiederholten immer nur<br />

diese zwei Zeilen von Tom Petty, und ich<br />

wünschte, anstatt meine Nerven zu strapazieren,<br />

sollten sie lieber ein paar richtige<br />

Lieder singen. So reifte in mir der Wunsch,<br />

selbst etwas Zeitgemäßes beizusteuern. Ich<br />

schrieb also ein paar neue Lieder. Einige<br />

von ihnen sind auf der CD von Ceramic Dog,<br />

die anderen werden auf einem Album mit<br />

dem Titel Songs of Resistance erscheinen.“<br />

Marc Ribot zieht eine ganz klare<br />

Demarkationslinie zwischen Pre- und Post-<br />

Trump-Ceramic Dog. Die Ausrufezeichen im<br />

Raum sind greifbar, wenn er postuliert: „Wir<br />

müssen tun, was zu tun ist. Was wir zuvor<br />

gemacht haben, fühlt sich nicht mehr richtig<br />

an. Ich kann ja nicht leugnen, dass ich eine<br />

Affinität zum Jazz habe. Aber der Teil des<br />

Jazz, den ich mag, zum Beispiel die Musik<br />

von Albert Ayler oder John Coltrane, hatte<br />

stets prophetischen Charakter. Diese Musik<br />

hatte eine rituelle Funktion für die beteiligten<br />

Musiker und für das Publikum. Diese rituelle<br />

Funktion ist gar nicht so weit entfernt<br />

von der Energie des Punk-Rock. Obwohl ich<br />

politische Ideen <strong>–</strong> oder vielleicht eher politische<br />

Emotionen <strong>–</strong> anspreche, geht es doch<br />

in erster Linie darum, die Bude zu rocken.<br />

Wir wollen eine direkte Verbindung zum<br />

Publikum herstellen und eine direkte Erfahrung<br />

mit dem Publikum teilen. Aber Punk<br />

klingt für mich heute oft wie ein Schrei ohne<br />

Wunde. Im Jazz ist es genauso. Wollen wir<br />

unser Publikum erreichen, müssen wir also<br />

härter rocken als zuvor.“<br />

Um die Leute zu erreichen, müsse man<br />

wissen, was in ihnen vorgeht, schiebt Ribot<br />

hinterher. Und um das Haus zu rocken,<br />

müsse man stets den Kampf mit dem<br />

Elefanten im Raum aufnehmen. Es reiche<br />

nicht, eine politische Haltung auszudrücken,<br />

sondern man müsse diese Haltung in etwas<br />

übersetzen, das eben mehr ist als nur ein<br />

Statement. Andernfalls würde ja eine Parole<br />

ausreichen.<br />

Aktuelle CD:<br />

Marc Ribot Ceramic Dog: YRU Still Here?<br />

(Yellowbird / Soulfood)<br />

60 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Marc Ribot<br />

& Ceramic Dog<br />

Post Trump<br />

© Barbara Rigon<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 61


Maxime Bender<br />

Vereinte Sprachenvielfalt<br />

Wenn der luxemburgische Saxofonist Maxime Bender sein aktuelles<br />

Projekt Universal Sky getauft hat, dann geht es um nichts Geringeres<br />

als die universelle Sprache der Musik.<br />

Von Stefan Pieper<br />

Luxemburg ist klein, da liegt<br />

alles eng beieinander, trifft<br />

und berührt sich. Die typisch<br />

luxemburgische Namensgebung<br />

lautet: französischer<br />

Vorname plus deutsch klingender<br />

Familienname. So liegen<br />

die Dinge auch bei einem<br />

hochmotivierten und eloquenten<br />

jungen Saxofonspieler am<br />

europäischen Jazzhimmel:<br />

Maxime Bender. Der hat seine<br />

Musikerkarriere auf dieser<br />

leicht multikulturellen Basis<br />

gut vorangetrieben. Kultur ist<br />

im kleinen Luxemburg ohnehin<br />

Chefsache <strong>–</strong> entsprechend<br />

hegt und pflegt das Land sein<br />

künstlerisches Potenzial.<br />

Maxime Bender wurde an dem<br />

Zentrum für alle musikalischen<br />

Werdegänge, dem Konservatorium<br />

der Hauptstadt, bestens<br />

sozialisiert, ein weiteres Studium<br />

führte ihn nach Straßburg.<br />

Daraus etwas Großes zu<br />

machen, liegt in den Händen<br />

der Musiker. Klug aus dem Miteinander<br />

von Sprachen, Stilen<br />

und Musikern zu schöpfen <strong>–</strong><br />

das zeichnet Maxime Benders<br />

Projekte allemal aus. Er pflegt<br />

einen regen Austausch mit der<br />

Kölner Jazzszene, ebenso mit<br />

dem frankofonen Raum, der ja<br />

am eigenen Heimatort beginnt.<br />

In Frankreich hat Bender die<br />

Mitstreiter für seine jüngste<br />

CD Universal Sky gefunden,<br />

als da wären Manu Codjia (g),<br />

Jean-Yves Jung (hammondorg)<br />

und Jerome Klein (dr).<br />

62 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


kolumne<br />

Mehr an Eckdaten braucht<br />

es nicht, um die Musik dieses<br />

neuen Albums sprechen zu<br />

lassen. Denn was hier zählt, ist<br />

nichts außer der universellen<br />

Sprache der Musik. Aus dem<br />

Moment leben, aus diesem<br />

heraus entscheiden, dabei<br />

auf ein erarbeitetes, gereiftes<br />

Vokabular zurückgreifen <strong>–</strong><br />

heraus kommt eine kollektiv<br />

gelebte musikalische Eloquenz<br />

im besten Sinne.<br />

Maxime Bender spielt<br />

Sopran und Tenor. Egal, ob er<br />

im Spiel gesangliche Linien<br />

ausbreitet, sich in ekstatischer<br />

Spiellust um Kopf und<br />

Kragen soliert oder sein Horn<br />

hymnisch beschwörend in die<br />

Höhe schraubt <strong>–</strong> in jedem Fall<br />

schimmert eine tiefe Affinität<br />

zum modalen Jazz eines<br />

Wayne Shorter durch. Die<br />

zeitlose, über alle möglichen<br />

kurzlebigen Trends erhabene<br />

Modernität eines solchen<br />

Vorbilds wird bei Universal<br />

Sky aufgegriffen, tief verstanden,<br />

aber dann in etwas<br />

ganz anderes transformiert.<br />

Dafür sorgen allein schon die<br />

Klangfarben, die hier im Spiel<br />

sind: Manu Codjia bietet auf<br />

der elektrischen Gitarre einen<br />

Gegenpart zum spielerischen<br />

Ideenreichtum des Saxofonisten.<br />

Das entlädt sich gerne in<br />

solistischen Duellen. Codjias<br />

Saitenkunst vereint subtile,<br />

manchmal experimentelle<br />

Klangeffekte mit der Vehemenz<br />

eines treibenden Rockjazz.<br />

Wenn von Hammond-<br />

Orgeln die Rede ist, bekommen<br />

manche schnell Angst vor<br />

klischeehaft ausgebreiteten<br />

Klängen und Mustern. Viele<br />

elektrische Tasteninstrumente<br />

haben und hatten nun einmal<br />

ihre Zeit, was dann heute wie<br />

vergängliches modisches<br />

Gepräge wirkt. Nicht so bei<br />

Jean-Yves Jung. Der ist viel<br />

zu sehr ein Musiker aus dem<br />

Heute, der seine Rolle aus<br />

dem Klangempfinden der<br />

Gegenwart heraus definiert.<br />

Vor allem ist er ein Raumgeber,<br />

der subtile Farben und Flächen<br />

von großer Dichte ausbreitet,<br />

um den Bandsound mit Energie<br />

aufzuladen, die gerne auch<br />

unterschwellig daherkommt.<br />

Der Rest ist selbsterklärend.<br />

Geht es doch darum,<br />

sich in Rage zu spielen und die<br />

Ideen frei fließen lassen. Und<br />

bei allem bestechend präzise<br />

zu bleiben. Dass nichts davon<br />

verlorengeht, dafür zeichnet<br />

die Klangregie des Tonmeisters<br />

Reinhard Kobialka vom Kölner<br />

Topaz Studio verantwortlich.<br />

Etwas ausformulieren, das auf<br />

den Punkt kommt <strong>–</strong> gerade in<br />

dieser Hinsicht besteht bei<br />

diesem Quartett ein guter Konsens<br />

bei allem Freigeist. Ein<br />

funkiges Lick eröffnet die erste<br />

Nummer, der Kommentar folgt<br />

sofort. Die Hammond-Orgel<br />

lädt das Klangbild druckvoll<br />

auf. Aber bevor der Drive der<br />

Rhythmusgruppe ins Schleudern<br />

gerät, holt die Musik in<br />

einer Art Ruhepol neuen Atem.<br />

Dann werden wieder alle<br />

Charakterdarsteller von der<br />

Leine gelassen, um die Kunst<br />

des Diskurses, aber auch des<br />

Umspielens zu pflegen. Zu<br />

Beginn des Stückes „Movement<br />

of the Unknown“ bläst<br />

Maxime Bender ein langes<br />

Sopransolo <strong>–</strong> ja, da ist wieder<br />

diese Wayne-Shorter-Assoziation.<br />

Schlagzeuger Jerome<br />

Klein sorgt dafür, dass es nicht<br />

dabei bleibt, sondern etwas<br />

ganz anderes daraus entsteht.<br />

Also funkt er mit ruhelosen<br />

Impulsen mutig dazwischen,<br />

während Manu Codjia alles<br />

mit weiteren Sphärenklängen<br />

befeuert. Das klingt nach<br />

Gleichberechtigung, nach<br />

einem guten Bewusstsein<br />

für Proportionen und Kräfteverhältnisse,<br />

hinter dem ein<br />

stimmiges, ja durchaus auf<br />

höchstem Niveau konsensfähiges<br />

Konzept steht.<br />

Aktuelle CD:<br />

Maxime Bender Universal Sky:<br />

Universal Sky<br />

(Cam Jazz / Harmonia Mundi)<br />

ime<br />

unnel<br />

Dessau, der Broadway und<br />

Louis Armstrong<br />

Am 31. <strong>August</strong> 1928 fand am Theater am Schiffbauerdamm<br />

eine Premiere statt, die für die Geschichte des amerikanischen<br />

Jazz knapp 30 Jahre später von Bedeutung werden würde.<br />

Zwei Jahre später, bei der Premiere der Oper Aufstieg und<br />

Fall der Stadt Mahagonny, gab es inszenierte Tumulte durch<br />

die NSDAP, und da der Komponist Kurt Weill einem jüdischen<br />

Elternhaus entstammte, emigrierte er 1933.<br />

Trotz der musikalischen Erfolge in Europa war der Start<br />

in New York nicht einfach. Kulturimport aus Deutschland war<br />

zu dieser Zeit nicht sehr hoch angesehen, und die Tantiemen<br />

aus Kompositionen kamen nicht an. Kurt Weill lernte zwar kurz<br />

nach seiner Ankunft George Gershwin kennen, war jedoch im<br />

Broadway-Umfeld als klassisch ausgebildeter Komponist eher<br />

ein Exot. Vielleicht war ihm aber hier sein Studium bei Ferruccio<br />

Busoni in Berlin trotzdem eine Hilfe. Dort hatten die Ideen<br />

und nicht die Mittel des Ausdrucks im Vordergrund gestanden.<br />

Alles Überflüssige sollte vermieden werden. Nach und nach<br />

fasste er Fuß in der Musikmetropole und wurde zum erfolgreichen<br />

Broadway-Komponisten.<br />

Mit verspätetem Erfolg lief dann auch die Dreigroschenoper<br />

aus dem Jahr 1928 ab den 1950er Jahren lange Zeit am<br />

Broadway. Hier sah die Oper unter anderem auch George<br />

Avakian, der Manager bei Columbia war. Er fand das Sujet,<br />

dass in einer Gangster-Halbwelt spielt, passend für Louis<br />

Armstrong, der in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen war,<br />

und schlug ihm vor, den Song „Mack the Knife“ aufzunehmen.<br />

Von da an war der Song fest in Armstrongs Repertoire.<br />

Alleine von ihm gibt es knapp 40 Aufnahmen. Auch zahlreiche<br />

andere Künstler von Sonny Rollins und Benny Goodman über<br />

Ella Fitzgerald bis zu Wayne<br />

Shorter nahmen den Titel auf.<br />

Kurt Weill ist seither ein fester<br />

Bestandteil des Great American<br />

Songbook. „My Ship“ aus<br />

Weills erfolgreichstem Musical<br />

Lady in the Dark, „Speak Low“<br />

und der „September Song“<br />

hinterlassen bis heute Spuren<br />

des Mannes aus Dessau in der<br />

amerikanischen Musik.<br />

Thomas Bugert<br />

Kurt Weill<br />

© Bundesarchiv<br />

JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong><br />

63


Mit der Retrospektive Cinema erhält der<br />

legendäre Bassist, Soundkünstler und Produzent<br />

Holger Czukay die ihm gebührende Ehrung.<br />

Von Olaf Maikopf<br />

„Wir sind sehr traurig zu<br />

bestätigen, dass Holger gestern<br />

in seinem Haus, dem alten<br />

Can-Studio in Weilerswist, verstorben<br />

ist. Seine Frau U-She<br />

ist nur wenige Wochen zuvor<br />

gestorben. Holger war durch<br />

den Verlust seiner geliebten<br />

Partnerin am Boden zerstört,<br />

freute sich aber auf mehr Musik<br />

und gute Laune. Sein Tod ist ein<br />

Schock“, stand am 6. September<br />

vergangenen Jahres auf<br />

der Facebook-Seite von Can.<br />

Angeblich hatte Czukay auch in<br />

Cans berühmtem Inner Space<br />

Studio gelebt. Bauarbeiter, die<br />

in der Nähe arbeiteten, hatten<br />

ihn mehrere Tage lang nicht<br />

gesehen, und ein Nachbar<br />

fand ihn schließlich in seiner<br />

Wohnung. Eine Todesursache<br />

wurde nicht bekanntgegeben.<br />

Holger Czukay wurde 1938<br />

als Holger Schüring in Danzig<br />

geboren, spielte mit Anfang 20<br />

in einer Jazzband und arbeitete<br />

einige Zeit als Musiklehrer in der<br />

Schweiz. Während er anfangs<br />

kaum Interesse am Rock‘n‘Roll<br />

hatte, wurde er irgendwann von<br />

dem Beatles-Song „I Am the<br />

Walrus“ infiziert, was ihn bald<br />

zu Velvet Underground, Frank<br />

Zappa und Jimi Hendrix führte.<br />

1968 gründete Czukay mit dem<br />

Keyboarder Irmin Schmidt, dem<br />

Schlagzeuger Jaki Liebezeit und<br />

dem Gitarristen Michael Karoli<br />

die Band Can.<br />

„Als ich 14 oder 15 Jahre<br />

alt war, wusste ich nicht, ob ich<br />

Techniker oder Musiker werden<br />

wollte. Und wenn man so jung<br />

ist, denkt man, dass das eine<br />

das andere ausschließen muss.<br />

Am Anfang dachte ich, ich sei<br />

eine Art musikalisches Wunderkind<br />

und möchte Dirigent<br />

werden. Das war sehr ernst,<br />

aber es gab keine Chance, eine<br />

Ausbildung zu bekommen. Und<br />

dann, plötzlich, trat Elektrizität<br />

in mein Leben. Ich wurde der<br />

Junge in einem Laden, der<br />

die Radios trägt, um sie zu<br />

reparieren, und sie dann wieder<br />

zurückbringt. Was ich in dieser<br />

Zeit lernte, übertrug ich später<br />

in das Can-Studio. Das war eher<br />

ein Tempel, wie eine Kirche,<br />

ein Raum, in dem Zeremonien<br />

stattfanden. Das lag daran, dass<br />

wir nicht wussten, in welche<br />

Richtung wir gehen wollten, wir<br />

mussten erst unsere Erfahrungen<br />

machen. Aber der Aufbau<br />

des Studios war extrem heilig<br />

(lacht). Alles, was dort geschah,<br />

wurde direkt aufgenommen und<br />

erst später bearbeitet. Es war<br />

der Anfang des Samplings, das<br />

kann man sagen, und das war<br />

Ende der 60er Jahre.“<br />

holger<br />

Czukay<br />

Bei Can half Czukay, die<br />

unterschiedlichen Einflüsse der<br />

Mitglieder zu einem eigenständigen<br />

Stil zu vereinen, indem ihr<br />

improvisatorisches Songwriting<br />

mit der frühen Sampling-<br />

Methode vereint wurde. Dabei<br />

arbeitete Czukay als Bassist<br />

eng mit Liebezeit zusammen,<br />

dessen als Motorik-Drumming<br />

bekannter Stil ideal war, um die<br />

treibenden Grooves im Zentrum<br />

von Cans Musik zu formen. Irmin<br />

Schmidt beschrieb Czukays<br />

Rolle bei Can einmal mit den<br />

zärtlichen Worten: „Wie Sergej<br />

Eisenstein seine Filme mit dem<br />

Schwert editierte, so radikal<br />

zerschnitt Holger die Tapes mit<br />

Can-Musik.“<br />

Im herzen experimentell<br />

Neben seiner Arbeit als<br />

Bassist nahm Czukay den<br />

Großteil der Can-Platten auf,<br />

bis er die Band 1977 verließ.<br />

Er begann eine Solokarriere<br />

und veröffentlichte 1979 die LP<br />

Movies. Hier experimentierte er<br />

weiter mit Tonband und Schere,<br />

schuf raffinierte Soundcollagen<br />

inklusive afrikanischer Rhythmen<br />

und Klängen aus Kurzwellenradios<br />

<strong>–</strong> eine Methode, die er<br />

„Radio Painting“ nannte. Bei all<br />

dem wurde auch eine für ihn<br />

wichtige Inspiration deutlich,<br />

die Musique concrète Karlheinz<br />

Stockhausens, bei dem Czukay<br />

zwischen 1963 und ‘68 studiert<br />

hatte. „Meine Absicht war ja<br />

nicht, Rock- oder Popmusiker<br />

zu werden. Die beste Musik war<br />

damals für mich die zeitgenössische<br />

klassische Musik, die<br />

von den neuen Komponisten<br />

geschaffen wurde. Deshalb ging<br />

ich zu Stockhausen, denn er<br />

war der interessanteste, sehr<br />

radikal in seinen Gedanken. Mit<br />

der Erfindung der elektronischen<br />

Musik konnte er plötzlich alle<br />

anderen Musiker ersetzen. Das<br />

war nicht nur ein Experiment,<br />

das war wie eine Revolution!<br />

Ich dachte, das ist der richtige<br />

Mann. Also habe ich bei ihm studiert.<br />

Bis ich schließlich sagte:<br />

Wenn ein Vogel flugbereit ist,<br />

verlässt er sein Nest. Und das<br />

war es, was ich dann machte.“<br />

Kurz vor der Can-Gründung hatte<br />

Czukay mit Rolf Dammers seine<br />

erste Platte aufgenommen, die<br />

1969 unter dem Namen Technical<br />

Space Composer‘s Crew<br />

veröffentlichte Canaxis 5, ein<br />

Album mit Tonbandschleifen, das<br />

die Ambient Music von Künstlern<br />

wie Brian Eno vorwegnahm.<br />

Die am 23. März, einen Tag<br />

vor Holger Czukays 80. Geburtstag<br />

erschienene Retrospektive<br />

Cinema versammelt auf fünf<br />

CDs beziehungsweise LPs, einer<br />

DVD und einer Vinylsingle alle<br />

Eckpunkte seiner knapp 60 Jahre<br />

umspannenden Karriere: von<br />

unveröffentlichten Aufnahmen<br />

seines 1960er Jazz-Quintetts<br />

über lange vergriffene Prä-<br />

Can-Experimente <strong>–</strong> heimlich in<br />

Stockhausens Studio aufgenommen<br />

<strong>–</strong> bis zu seinen Kollaborationen<br />

mit illustren Gestalten wie<br />

Brian Eno, Cluster, Conny Plank,<br />

Jah Wobble, David Sylvian, der<br />

Japanerin Phew, The Edge und<br />

Czukays Partnerin Ursula Schüring<br />

alias U-She oder Ursa Major.<br />

Sie alle verehrten den Kölner als<br />

Klangzauberer mit untrüglichem<br />

Gespür für die wundersamsten<br />

Töne. „Das habe ich gelernt“,<br />

sagte Holger Czukay einmal.<br />

„Wenn man eine Aufnahme<br />

macht <strong>–</strong> sei nicht zu interessant.<br />

Mach einfach etwas, das cool<br />

ist, aber nicht austauschbar.<br />

Man muss sich selbst reduzieren<br />

und nicht zu viele Informationen<br />

darüber geben.“<br />

Aktuelle Veröffentlichung:<br />

Holger Czukay: Cinema<br />

(Grönland / Rough Trade)<br />

© Andrew Cotterill<br />

64 JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong>


Einige Wochen sind seit dem ECHO-Desaster vergangen, der<br />

eine oder andere hat die Angelegenheit vielleicht schon fast<br />

wieder vergessen.<br />

Von Hans-Jürgen Linke<br />

Zur Erinnerung: Fehlgeleitete Rapper hatten<br />

mit politisch und moralisch fragwürdigen<br />

Dämlichkeiten erheblichen kommerziellen<br />

Erfolg erzielen können, was nicht so<br />

selten vorkommt, und weil der ECHO in den<br />

meisten seiner Fälle den kommerziellen<br />

Erfolg belohnt, gab es große Empörung.<br />

Etliche Künstler gaben ihre ECHOs zurück,<br />

einige sogar, obwohl sie ihn nicht aufgrund<br />

kommerzieller Erfolge, sondern nach einer<br />

Jury-Entscheidung bekommen hatten. Das<br />

brachte die Deutsche Phono Akademie, die<br />

den ECHO vergibt, dazu, den Preis vorerst<br />

ganz einzustellen und einen Neuanfang ins<br />

Auge zu fassen. Zurzeit ist der ECHO ungefähr<br />

so viel wert wie die Silbermedaillen<br />

vom DFB-Pokal für die Bayern. Auch schon<br />

fast vergessen.<br />

Ein wenig reflektierende Erinnerung<br />

und ein gründliches Überdenken aber wäre<br />

vor einem Neuanfang nicht schlecht.<br />

Erinnern wir uns zunächst etwas<br />

weiter zurück. Als es noch<br />

keinen ECHO gab,<br />

gab es schon den<br />

Deutschen<br />

Schallplattenpreis,<br />

vergeben<br />

von einer<br />

Jury aus<br />

Menschen,<br />

die sich „Schallplattenkritiker“<br />

nannten.<br />

Die Jury kooperierte<br />

mit dem Bundesverband<br />

Musikindustrie<br />

und der Phono Akademie,<br />

die eine Organisation<br />

der Musikindustrie<br />

ist, also nicht ganz das,<br />

was man andernorts und<br />

gemeinhin unter einer<br />

Akademie versteht. Die<br />

Schallplattenkritiker bestanden<br />

auf ihrer Unabhängigkeit, so,<br />

wie Journalisten das früher zu tun<br />

pflegten. Und weil eine Finanzierung<br />

des von ihnen vergebenen Preises durch<br />

die Phono Akademie diese Unabhängigkeit<br />

nicht immer zu garantieren schien, lösten<br />

sie sich schließlich aus dieser Beziehung<br />

und gründeten 1988 einen eigenen Verein,<br />

den Preis der deutschen Schallplattenkritik<br />

(PdSK) e.V.<br />

Dieser Verein vergibt seither den Preis<br />

der deutschen Schallplattenkritik. Er finanziert<br />

sich aus Projektmitteln des sogenannten<br />

Kulturstaatsministeriums, die für Miete<br />

und Sekretariat aufgewandt werden, und<br />

aus Mitgliedsbeiträgen. Das bedeutet, dass<br />

die Schallplattenkritiker jedes Jahr ihren<br />

Vereinsbeitrag zahlen, um unabhängig ihre<br />

ehrenamtliche Arbeit zu tun. Der Verein<br />

wird aus keinem Interessenverband der<br />

Musikindustrie querfinanziert. Er arbeitet<br />

und entscheidet ganz und gar auf eigene<br />

Rechnung und nach einem im Laufe der<br />

Jahre gewachsenen Nominierungs- und<br />

Bewertungsverfahren. Selbst schuld, aber<br />

so sieht Unabhängigkeit nun mal aus.<br />

Unterdessen zeigten der Bundesverband<br />

Musikindustrie und die Phono Akademie<br />

den Kritikern, wie man’s machen sollte.<br />

Sie gründeten den ECHO und garnierten ihn<br />

ab 1992 mit Preisverleihungs-Glamour. Anfangs<br />

war er ein Ereignis im Pop-Segment<br />

des Tonträger-Marktes und ein rein statistisch<br />

ermittelter Preis für Verkaufs erfolg.<br />

Nach zwei<br />

Jahren wurde er ergänzt und erweitert um<br />

den ECHO Klassik und seit 2010 um den<br />

ECHO Jazz. Die letzteren beiden werden<br />

von Jurys vergeben <strong>–</strong> wenn auch nicht von<br />

Jurys, die in ihrer Zusammensetzung und in<br />

der Organisation ihres Bewertungsverfahrens<br />

den Anforderungen der PdSK-Mitglieder<br />

genügen würden.<br />

Weil die ECHO-Verleihungen aufgrund<br />

der größeren Nähe zu Glanz und Erfolg<br />

leichter als Medienereignis inszeniert<br />

werden konnten, die Schallplattenkritiker-<br />

Preise dagegen eher im Stillen vergeben<br />

wurden, war der ECHO von Anfang an das<br />

prominentere Ereignis. Und da stand die<br />

Falle, in die er ging. Denn Erfolg ist nicht in<br />

allen Fällen ein Qualitäts-Kriterium. Politische<br />

Fettnäpfchen, die zu erwarten sind,<br />

wenn Markterfolg prämiert wird, werden in<br />

Zeiten eines zunehmenden Pop-Populismus<br />

sehr schnell sehr viel größer.<br />

Das Problem, das inzwischen den<br />

ECHO Jazz und den ECHO Klassik unverdient<br />

in Mitleidenschaft gezogen hat,<br />

besteht in dem schwer korrigierbaren<br />

Irrtum, dass überall, wo ECHO draufsteht,<br />

das gleiche ECHO drinnen sei. So wurde<br />

der komplette ECHO beschädigt, obwohl vor<br />

allem sein ältester Teil an einem Konstruktionsfehler<br />

leidet. All den Künstlern, die einen<br />

ECHO Jazz oder Klassik bekommen sollten,<br />

wäre ihr Preis zu gönnen gewesen. Auch<br />

wenn die Jury-Mitglieder aus dem Verein<br />

der Schallplattenkritiker ein paar mehr Namen<br />

zu kennen scheinen als die ECHO-Jury.<br />

Und nun? Abwarten, bis Gras über die<br />

Sache gewachsen ist, und dann alles<br />

unter neuem Namen nach dem<br />

alten Verfahren auferstehen<br />

lassen? Das wäre der normale<br />

Weg. Aber vielleicht<br />

lassen sich ja einige<br />

der grundlegenden<br />

Fehler, die dem<br />

ECHO von Anfang<br />

an anhafteten, in<br />

Zukunft vermeiden.<br />

Immerhin gibt<br />

es den Preis<br />

der Deutschen<br />

Schallplattenkritik.<br />

Ein Fehlurteil<br />

bei der Schall-<br />

plattenkritiker-<br />

Jury in dem Ausmaß wie<br />

beim ECHO-Skandal wäre<br />

vermutlich schon während<br />

des Bewertungsverfahrens einem<br />

Juror aufgefallen, hätte zu<br />

einer internen Debatte geführt und<br />

wäre korrigiert worden. Allerdings<br />

wird der PdSK nie den ECHO vergeben.<br />

Sein Verständnis von Unabhängigkeit ließe<br />

sich damit kaum in Übereinstimmung bringen.<br />

Immerhin kann man die Frage in den<br />

Raum stellen, ob es einen Weg gäbe, Preise<br />

für Tonträger zu vergeben, die unabhängig<br />

von kommerziellen Interessen der Musikindustrie<br />

zustande kämen. Der PdSK hat<br />

damit reichlich Erfahrungen gesammelt.<br />

Der Autor ist Mitglied im Preis der Deutschen<br />

Schallplattenkritik.<br />

66 JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong>


Von Ralf Dombrowski<br />

Es ist erstaunlich. Thomas<br />

Quasthoff scheint sich fortwährend<br />

verteidigen zu müssen.<br />

Immer wieder betont er, dass<br />

er den Jazz nicht neu erfinde<br />

und nur das mache, worauf er<br />

künstlerisch Lust habe. Genau<br />

genommen <strong>–</strong> so deutlich sagt er<br />

es nicht, aber die Implikaturen<br />

schwirren durch den Raum <strong>–</strong><br />

könnten ihn eigentlich all jene<br />

mal kreuzweise, die mit festen<br />

Vorstellungen zu ihm kämen, wie<br />

er denn zu klingen habe. Das<br />

fängt schon bei Plattenfirmen<br />

an: „Ich hatte angenommen,<br />

wir würden das neue Album bei<br />

meiner ehemaligen Plattenfirma,<br />

der Deutschen Grammophon,<br />

herausbringen, wie die anderen<br />

auch. Aber dann sprach man<br />

dort plötzlich von einer Hörprobe.<br />

Da dachte ich mir: Ich bin<br />

seit 1999 exklusiv bei euch unter<br />

Vertrag. Ihr wisst, wie meine<br />

Stimme klingt. Und wenn ihr eine<br />

Hörprobe wollt, geht mal kurz<br />

auf Youtube, da liegt genug von<br />

meinen aktuellen Sachen. Dann<br />

hat die Sony gleich gesagt: ,Wir<br />

machen das‘ <strong>–</strong> und alles war<br />

geregelt.“<br />

Keine Kompromisse, erst<br />

recht nicht, wenn man sich eh<br />

schon mit körperlichen Beeinträchtigungen<br />

herumschlagen<br />

muss. Thomas Quasthoff hat<br />

eine Stimme, die europaweit<br />

ihresgleichen sucht. Er hat einen<br />

scharf sezierenden Verstand<br />

und ein gutes Gespür dafür, wie<br />

die Vibrationen um ihn herum<br />

funktionieren. Und er hat es<br />

lange schon aufgegeben, sich<br />

von den Widrigkeiten des Alltags<br />

treiben zu lassen. Hier und<br />

jetzt und selbstbestimmt, keine<br />

Plattenfuzzis, die ihn ärgern, und<br />

schon gleich gar keine „Journaille“,<br />

die ihm seinen Lebensweg<br />

vorzuschreiben versucht:<br />

„Ich habe nicht mit der Klassik<br />

aufgehört, weil ich der beste<br />

Sänger der Welt war, sondern<br />

weil ich gefühlt hatte, dass ein<br />

Abschnitt vorbei war. Und das<br />

wird mit dem Jazz ebenso sein.<br />

Sie können sicher sein, dass<br />

ich nicht noch plötzlich ein<br />

Heesters-Gen entwickle und mit<br />

80 oder mehr auf der Bühne rumtrödle.<br />

Tony Bennett kann das,<br />

der klingt immer noch ganz toll,<br />

das ist ja nicht jedem gegeben.<br />

Jeder hat Träume. Aber Thomas Quasthoff<br />

geht deren Verwirklichung besonders<br />

offensiv an. Seine aktuelle Passion ist<br />

Stimme und Big Band.<br />

Thomas<br />

Quasthoff<br />

The Big Easy<br />

Noch funktioniert die Stimme bei<br />

mir ganz gut, und ich habe Spaß<br />

am Singen. Und die Leute kommen<br />

ja nicht in die Konzerte, weil<br />

sie mal einen Mann mit sieben<br />

Fingern sehen wollen, sondern<br />

weil es ihnen auch Spaß macht.<br />

Ich versuche, ordentliches<br />

Entertainment abzuliefern. Ich<br />

finde das absolut legitim, Spaß<br />

zu haben.“<br />

Dabei erfindet Thomas<br />

Quasthoff den Jazz tatsächlich<br />

nicht neu, sondern knüpft an<br />

Traditionen an, die ihm liegen. Im<br />

Gespräch fallen Namen wie Billy<br />

Eckstine, Johnny Hartman, auch<br />

Frank Sinatra <strong>–</strong> Künstler, die sich<br />

gerne auf große Klangkörper in<br />

ihrem Rücken verlassen haben.<br />

Oder Namen wie Count Basie,<br />

Bill Holman, Gil Evans, die ihre<br />

© Gregor Hohenberg<br />

Orchester so pointiert in akustische<br />

Form gebracht haben, dass<br />

sich die Jazzwelt bis heute an<br />

sie erinnert.<br />

Es sind Vorbilder, die<br />

Thomas Quasthoff als Musiker<br />

im Kopf hat, Optionen, aber keine<br />

Normvorgaben. Denn für ihn als<br />

einstigen Klassiker ist genau<br />

diese Freiheit in der Arbeit mit<br />

einer Big Band eine Herausforderung,<br />

der er sich mit einer<br />

gewissen Anspannung, aber<br />

auch Vorfreude stellt: „Da sind<br />

zunächst einmal die Klangfarben<br />

bei der Big Band. Es kommt auch<br />

energetisch mehr rüber, als<br />

wenn man beispielsweise nur im<br />

Trio spielt. Es sind unterschiedliche<br />

Energien, aber gerade das<br />

finde ich sehr reizvoll. Wenn<br />

man mit Jörg Achim Keller den<br />

herausragenden Arrangeur<br />

für Jazz in Deutschland nicht<br />

nur in dieser Funktion, sondern<br />

auch als Dirigent haben kann,<br />

dann kann man auf seine Kunst<br />

vertrauen. Im Unterschied zur<br />

vorhergehenden CD wollte ich<br />

einen sehr entspannten, relaxten<br />

Ton haben. Es war Absicht,<br />

einiges etwas tiefer zu singen<br />

als üblich. Für mich eine ganz<br />

spannende Sache. Eigentlich<br />

kannte ich keines der Arrangements<br />

vollständig, bevor ich ins<br />

Studio gegangen bin, und habe<br />

mich überraschen lassen. Für<br />

mich als klassischen Musiker ist<br />

das ungewohntes Arbeiten, wo<br />

ich schon mal zwei, drei Versionen<br />

brauche, bis ich mich von<br />

den Noten löse. Da fehlt mir ein<br />

wenig die Erfahrung. Aber letztendlich<br />

hat Jörg Achim Keller<br />

am Ende sein Placet gegeben,<br />

fand es cool, und es war gut so.<br />

Ich würde sogar so weit gehen,<br />

dass ich die Arrangements<br />

mindestens so wichtig finde wie<br />

meine Singerei. Sie sind von<br />

vorne bis hinten klasse, ob das<br />

jetzt dieses Gil-Evans-artige oder<br />

auch anderes ist. Es ist ein Easy<br />

Listener, so sehe ich das <strong>–</strong> nicht<br />

als Jazzrevolution.“<br />

Dementsprechend reicht<br />

auch das Programm von „Body<br />

& Soul“ über „But Not For Me“<br />

bis „Cry Me a River“ und John<br />

Lennons „Imagine“. Die NDR<br />

Big Band lässt sich von Keller<br />

entspannt leiten, das Kernteam<br />

von Quasthoffs Quartett mit<br />

Pianist Frank Chastenier, Bassist<br />

Dieter Ilg und Schlagzeuger<br />

Wolfgang Haffner sorgt für<br />

den grundswingenden Anker,<br />

Till Brönner schaut für zwei<br />

Stücke im Studio vorbei, um den<br />

Sound noch etwas zu veredeln.<br />

Der Sänger selbst genießt es,<br />

seine tiefe Lage auszuspielen,<br />

polstert die Stücke mit akustischem<br />

Samt und verzichtet auf<br />

Scat-Ausflüge und ausführliche<br />

Improvisationen, um den<br />

Gesamteindruck einer in sich<br />

runden, elegant unterhaltenden<br />

Musik zu unterstreichen. Nice<br />

‘n‘ Easy steht über dem Ganzen.<br />

Passt, läuft und hat seinen Platz<br />

im Panoptikum der Stimmen, die<br />

den Jazz gerade umtreiben.<br />

Aktuelle CD:<br />

Thomas Quasthoff: Nice ‘n‘ Easy<br />

(Okeh / Sony Music)<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 67


Brian Eno<br />

Hypnotisches<br />

Schweben<br />

Seine Arbeiten für und mit Größen wie<br />

David Bowie, den Talking Heads, U2 oder<br />

Coldplay gehören zum Pop-Kanon und<br />

ermöglichen Brian Eno, das zu tun, woran<br />

ihm persönlich gelegen ist: die Umsetzung<br />

eigener elektronischer wie experimenteller<br />

Soundideen als Musik und Visual Art. Mit<br />

der opulenten Box Music for Installations<br />

stellt der Brite nun eine Sammlung neuer,<br />

alter und teils unveröffentlichter Stücke<br />

vor, die weltweit in Museen und Galerien<br />

aufgeführt wurden.<br />

Von Olaf Maikopf<br />

Der gerade 70 gewordene Eno<br />

hat schon immer interessante<br />

Ambient-Musik gemacht. Bereits<br />

während seiner kurzen Zeit<br />

mit Roxy Music nahm er Konzeptalben<br />

mit Robert Fripp auf<br />

und produzierte bald Minimal<br />

Music auf seinem Label Obscure<br />

Records. Irgendwann Anfang<br />

der 80er Jahre führten ihn<br />

Aufnahmen wie On Land oder<br />

Apollo dazu, die eigene Musik<br />

mit selbst kreierten Lichtinstallationen<br />

zu kombinieren. Eno setzte<br />

seine bewegten Farbflächen<br />

in Beziehung zum Klang und<br />

schuf so neue Umgebungen.<br />

„Wenn du Musik als eine sich<br />

bewegende, sich verändernde<br />

Form und Malerei als eine stille<br />

Form betrachtest, versuche ich,<br />

sehr stille Musik und Bilder zu<br />

machen, die sich bewegen. Ich<br />

versuche, in beiden Formen den<br />

Raum zwischen dem traditionellen<br />

Konzept der Musik und<br />

dem traditionellen Konzept der<br />

Malerei zu finden“, erklärt Brian<br />

Eno seine Idee. Öffentlich ausgestellt<br />

werden diese Arbeiten<br />

seit den mittleren 80ern. Eines<br />

dieser frühen Werke zeigte auf<br />

verdeckten Monitoren langsam<br />

wechselnde Farbspiele, die aussahen<br />

wie Buntglasfenster, dazu<br />

liefen über Lautsprecher sanfte<br />

Klangcluster, die bestimmte<br />

Töne endlos wiederholten, sich<br />

aber immer leicht veränderten.<br />

Die neue Eno-Box Music<br />

for Installations bietet auf sechs<br />

CDs bzw. neun LPs einen Querschnitt<br />

seiner Klanglandschaften<br />

zwischen 1985 bis 2017, von<br />

einem unharmonischen 20-minütigen<br />

Drone-Fest für eine<br />

Galerie in Venedig 1985 bis hin<br />

zu einem glitzernden 21-minütigen<br />

Track, der im vergangenen<br />

Jahr für eine Installation in Kasachstan<br />

aufgenommen wurde.<br />

Die Musik ist vordergründig rein<br />

und minimal, lässt man sich aber<br />

tiefer darauf ein, hört man unter<br />

den scheinbar reibungslosen<br />

Oberflächen eine strukturierte<br />

Unregelmäßigkeit von sanften,<br />

dissonanten, sich langsam<br />

auflösenden Dronesounds<br />

und stürzenden Klängen. Oder,<br />

wie bei „77 Million Paintings“,<br />

eine immersive Mischung aus<br />

Gamelan-Glockentönen und<br />

manipuliertem Gesang.<br />

„Meine Beschäftigung mit<br />

Video begann bereits in den<br />

späten 1970er Jahren, durch<br />

einen glücklichen Zufall, allerdings<br />

noch ganz spartanisch.<br />

Ich arbeitete in einem Studio in<br />

New York mit den Talking Heads<br />

an ihrem Album More Songs<br />

About Buildings And Food. Die<br />

Band Foreigner war im nächsten<br />

Studio. Einer von ihnen steckte<br />

seinen Kopf in unser Studio und<br />

fragte, ob jemand eine Videokamera<br />

und einen Rekorder<br />

kaufen wolle. Die waren damals<br />

ziemlich selten, und da er nicht<br />

viel verlangte, habe ich es riskiert.<br />

Zurück in meiner Wohnung<br />

in Lower Manhattan fing ich an,<br />

damit zu spielen. Ich hatte kein<br />

Stativ für die Kamera und stellte<br />

sie darum auf eine Fensterbank<br />

in Richtung der Twin Towers. Um<br />

diese komplett filmen zu können,<br />

musste ich die Videokamera auf<br />

die Seite legen. Den Fernseher<br />

drehte ich anschließend ebenfalls<br />

auf eine Seite, so konnte<br />

ich die Bilder richtig herum<br />

sehen. Das war der Moment der<br />

Offenbarung. Im Hochformat<br />

hörte das Fernsehen auf, TV zu<br />

sein, und wurde zur Malerei,<br />

zu einer lebendigen Malerei“,<br />

erinnert sich Eno.<br />

Die ersten Experimente<br />

führten dazu, dass Eno Fernseher<br />

bald auf die Rückseite legte,<br />

mit dem Bildschirm nach oben,<br />

und darauf Pappröhrchen platzierte,<br />

wobei die innere Röhre<br />

höher als die äußere war. Der<br />

Fernseher und der Videoplayer<br />

waren ein-, das Umgebungslicht<br />

ausgeschaltet, und nun zeigte<br />

dieses ungewöhnliche Objekt<br />

farbiges Licht im Raum, langsam<br />

wechselnde Farbtöne und auffällige<br />

Farbkollisionen <strong>–</strong> Licht als<br />

physische Präsenz. „Die Arbeit<br />

mit Fernsehlicht war allerdings<br />

begrenzt. Mit Hilfe von zwei<br />

deutschen Freunden begann ich<br />

darum, mit Diaprojektoren und<br />

einer Software zu arbeiten, die<br />

die Steuerung der Bilder ermöglicht:<br />

Überblendungen, Haltezeit,<br />

Intensität und Folienwechsel.“<br />

Nach und nach entwickelte<br />

Brian Eno über die Jahre seine<br />

Video- und Lichtinstallationen<br />

weiter. Heute schweben seine<br />

mystischen Ambient-Sounds wie<br />

3D-Objekte im Raum, in dem auf<br />

vielen Projektionsflächen Farben<br />

mit hypnotischer Langsamkeit<br />

ihr Spektrum verändern. Dazu<br />

läuft seine Thinking Music,<br />

wie Eno sie mittlerweile nennt,<br />

und hält, was der Begriff<br />

verspricht: Sie generiert sich<br />

selbst mit den Prinzipien der<br />

Wahrscheinlichkeitsrechnung.<br />

„Man kann es sich vorstellen<br />

wie eine Abfolge von Fenstern<br />

auf dem Computerdesktop, die<br />

zu irgendeinem Zeitpunkt alle<br />

übereinanderliegen und in einem<br />

bestimmten Moment den Blick<br />

freigeben. Solche Augenblicke<br />

klingen dann sehr exotisch. Aber<br />

ich kann sie als Komponist nur<br />

realisieren, weil Computer mich<br />

dazu befähigen“, resümiert Eno<br />

seine heutige Arbeitsmethode.<br />

Die Box Music for Installations<br />

versammelt Stücke, die<br />

qualitativ vergleichbar sind mit<br />

seinen besten Ambient-Werken<br />

wie Discreet Music, Music for<br />

Airports, Apollo, Neroli und<br />

Lux. Auch wenn der Begriff<br />

überstrapaziert ist <strong>–</strong> diese Musik<br />

ist pure Magie. Zwar wurde sie<br />

komponiert, um Vergänglichkeit<br />

akustisch zu demonstrieren.<br />

Aber wie sich herausstellt,<br />

enthüllt sie durchaus auch ganz<br />

andere Identitäten, wenn sie<br />

wiederholt gehört wird.<br />

Aktuelle CD-/ LP-Box:<br />

Brian Eno: Music for Installations<br />

(Opal Music / Universal)<br />

68 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


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Tangomärchen<br />

(Flowfish)<br />

2<br />

Iiro Rantala<br />

Mozart, Bernstein,<br />

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(ACT / Edel:kultur)<br />

5<br />

Brad Mehldau Trio<br />

Seymour Reads<br />

the Constitution!<br />

(Nonesuch /<br />

Warner)<br />

3<br />

Esche<br />

Der Dichter spricht<br />

(QFTF / Galileo)<br />

6<br />

Papanosh<br />

feat. Roy Nathanson<br />

& Marc Ribot<br />

Home Songs<br />

(Yellowbird /<br />

Soulfood)<br />

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JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong><br />

69


Im April lockte an der Elfenbeinküste zum elften Mal ein riesiges Festival<br />

Hunderttausende vor die Bühne und Millionen vors Fernsehen: FEMUA, das<br />

Festival der urbanen Musik in Anoumabo, dem Stadtteil Abidjans, aus dem<br />

die Musiker der auch in Frankreich populären Band Magic System stammen.<br />

In ihrer Heimat haben die vier Sänger nicht nur den Bau von Schulen und<br />

Krankenstationen unterstützt, sondern auch dieses Festival ins Leben<br />

gerufen, auf dem das Publikum umsonst und draußen die größten Stars und<br />

interessantesten Newcomer des Kontinents sehen kann.<br />

Von Martina Zimmermann<br />

Der Trend in der aktuellen<br />

afrikanischen Musik ist unübersehbar:<br />

Die junge Generation<br />

meistert alle Stile und Genres<br />

des Kontinents und vermischt<br />

Mandingo-Klänge mit senegalesischem<br />

Mbalax, kongolesischer<br />

Rumba oder ivorischem Coupé<br />

Décalé. Das Internet und soziale<br />

Netzwerke spielen dabei eine<br />

wichtige Rolle. Der Hit des<br />

Jahres kommt mal aus Kamerun,<br />

dann aus Uganda oder Kongo,<br />

aus Nigeria oder der Elfenbeinküste<br />

<strong>–</strong> auch wenn er in Europa<br />

nirgends im Radio gespielt wird.<br />

Die afrikanische Jugend singt<br />

und tanzt dazu, und die Stars verdienen<br />

gut und haben in Afrika<br />

ein schönes Leben.<br />

Doch viele junge Menschen<br />

suchen ihr Glück in Europa. So<br />

stand das FEMUA in diesem Jahr<br />

unter dem Motto „Afrikanische<br />

Jugend und illegale Immigra-<br />

tion“. Zwei Tage lang fanden<br />

Debatten mit Jugendlichen und<br />

Experten statt. „Was tut der<br />

Staat für die Jugend?“ <strong>–</strong> das<br />

war die Schlüsselfrage, die eine<br />

junge Frau stellvertretend für<br />

viele stellte. Bei der Diskussion<br />

verkündeten die meisten jungen<br />

Teilnehmer, sie wollten Afrika<br />

allenfalls mit Visum und Papieren<br />

und im Flugzeug verlassen, gerne<br />

als Touristen oder Studenten<br />

oder aus geschäftlichen Gründen.<br />

Ansonsten wollten sie lieber<br />

daheim bleiben und dabei helfen,<br />

Afrika zu entwickeln. Doch<br />

Asalfo, Bandleader von Magic<br />

System und Generalkommissar<br />

des Festivals, ist bewusst, dass<br />

dies nicht die Mehrheitsmeinung<br />

ist. Er setzt auf Musik, um die<br />

Botschaft an alle zu bringen.<br />

Magic System sei ein Vorbild für<br />

die Jugend: „Wir sind im armen<br />

Viertel Anoumabo geboren, aber<br />

wir haben nie daran gedacht,<br />

illegal nach Europa zu gehen“,<br />

betont er. Sein Tipp an die Ju-<br />

gend: „Wenn du mit deiner Arbeit<br />

zu Wohlstand kommst, wirst du<br />

eines Tages auch Frankreich<br />

sehen.“ Es gehe nicht darum,<br />

zu sagen „Gehe nicht nach<br />

Frankreich!“, sondern darum, zu<br />

sagen: „Gehe nicht auf illegalen<br />

Wegen!“<br />

Der in der Elfenbeinküste<br />

verbreitetste Stil ist der Zouglou.<br />

In den 90er Jahren wurde er von<br />

Studenten populär gemacht, die<br />

zu modernen Instrumenten ihre<br />

politischen Forderungen sangen.<br />

Magic System hat diesen Sound<br />

in der ganzen Welt tanzbar<br />

gemacht. Inzwischen sind die<br />

Botschaften allgemeiner geworden,<br />

handeln von Lebensfreude<br />

und Alltagssorgen, dazu kommen<br />

spektakuläre Tanzeinlagen. Die<br />

Band Les Leaders löste auf dem<br />

Festival Begeisterung und Partystimmung<br />

aus und verband damit<br />

eine ernste Botschaft: „Investiert<br />

das Geld im Land, statt Tausende<br />

für Schlepper auszugeben, und<br />

ihr werdet es in Afrika schaffen!“<br />

„Wir reden darüber oft mit<br />

unseren Verwandten und unseren<br />

Fans“, erklärt Sänger Zokora<br />

von der Band Révolution, einer<br />

der erfolgreichsten afrikanischen<br />

Bands des vergangenen Jahres,<br />

deren Beats und Gesänge<br />

ebenfalls auf Zouglou basieren.<br />

Der Song „Détermination“ auf<br />

ihrem neuen Album Energy<br />

handelt vom Thema Auswanderung.<br />

„Uns wurde das Visum fünf<br />

Mal verweigert“, sagt Zokora.<br />

Inzwischen sind sie zu Konzerten<br />

nach Europa gereist und haben<br />

das vermeintliche Eldorado mit<br />

eigenen Augen gesehen: „Kaum<br />

sitzt du in der Pariser Métro,<br />

haut dich jemand um Geld an“,<br />

wundert sich Band-Kollege Isso:<br />

„Ein Weißer bettelt!“ Die Lage<br />

sei „heißer“ als in Afrika, lacht<br />

er: „Da gehst du doch lieber<br />

zurück!“<br />

Afropop-Queen Dobet<br />

Gnahoré ist mit ihrem Vater im<br />

legendären Künstlerdorf Ki Yi<br />

Mbock in Abidjan aufgewachsen.<br />

Sie heiratete einen französischen<br />

Gitarristen, der drei Jahre lang<br />

dort lebte, ging mit ihm in den<br />

90ern nach Frankreich und startete<br />

eine internationale Karriere.<br />

Soeben ist ihr neues Album<br />

Miziki, auf dem auch Elektroklänge<br />

ertönen, auch in Deutschland<br />

erschienen. Dobet Gnahoré<br />

versteht die jungen Auswanderer,<br />

die ihre Träume verwirklichen<br />

wollen: „Die Politiker müssen den<br />

Traum an die Quelle zurückbringen,<br />

für Afrika in Afrika zu bleiben.“<br />

In der Schule müsse neben<br />

Französisch auch die Geschichte<br />

Afrikas gelehrt werden, um dem<br />

Kontinent den Wert beizumessen,<br />

den der verdiene.<br />

Auf dem FEMUA Kids<br />

wird die Botschaft auch unter<br />

Schulkinder gebracht, die einen<br />

Tag lang im Mittelpunkt des<br />

Programms stehen. Als die<br />

einheimischen Stars auftreten,<br />

singen Tausende von Kindern<br />

aus vollem Herzen mit. Völlig<br />

aus dem Häuschen sind sie,<br />

als Magic System die Bühne<br />

betreten. „Wir kommen aus dem<br />

Ghetto und wollen hoch hinaus“,<br />

heißt es im Hit „Magic in the<br />

Air“. „Wenn ihr in der Schule gut<br />

arbeitet, werden wir nächstes<br />

Jahr wieder ein Festival für euch<br />

veranstalten“, verspricht Asalfo<br />

unter dem Beifall der Kinder.<br />

Eine der weiteren Attraktionen<br />

des FEMUA <strong>2018</strong> war<br />

Soprano, ein in Frankreich geborener<br />

Rapper mit afrikanischen<br />

Wurzeln, und Lokua Kanza,<br />

Pionier der afrikanischen Musik,<br />

der auf der Bühne seinen 60. Geburtstag<br />

feierte. Auch Yemi Alade<br />

aus Nigeria ließ ihren Afropop<br />

bis in den frühen Morgen bejubeln.<br />

Hinzu kamen traditionelle<br />

und tradi-moderne Bands von<br />

der Elfenbeinküste, ein bunter<br />

Mix aus aktueller Szene und<br />

beliebten Altstars. Die panafrikanische<br />

Seite im Programm sei<br />

aber noch nicht das Ende vom<br />

Lied, verspricht Asalfo: „Warum<br />

sollten morgen nicht deutsche,<br />

spanische, schweizerische oder<br />

kanadische Musiker kommen?“<br />

Afrika müsse auch für sie zu<br />

einer Drehscheibe werden. Die<br />

kulturelle Zusammenarbeit sei<br />

zu einseitig, die Afrikaner gingen<br />

immer nach Europa, um dort<br />

entdeckt zu werden. „Es ist an<br />

der Zeit, dass alle anderen auch<br />

nach Afrika kommen.“<br />

70<br />

JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> oben: Soprano und Asalfo warnen in der Magic-Schule vor illegaler Immigration / unten: Sidiki Diabaté


FEMUA<br />

Zum<br />

Bleiben<br />

bewegen<br />

© FEMUA<br />

Dobet Gnahoré Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />

71


Angelika Niescier<br />

The Berlin Concert<br />

Intakt / Harmonia Mundi<br />

W W W W W<br />

Es war eine peinliche Veranstaltung.<br />

Beim letzten JazzFest Berlin<br />

bekam Angelika Niescier auf der<br />

Großen Bühne des Hauses der<br />

Berliner Festspiele den Albert-<br />

Mangelsdorff-Preis verliehen,<br />

doch Laudator Gebhard Ullmann<br />

sprach mehr über sich selbst als<br />

über die zu ehrende Musikerin,<br />

und die Honoratioren diverser<br />

Institutionen wussten offensichtlich<br />

gar nicht so genau, „worum<br />

es eigentlich geht“ (Eugen<br />

Drewermann). Doch dann kam<br />

die Preisträgerin selbst auf die<br />

Bühne, sagte kein einziges Wort<br />

und blies mit ihrem Trio alles weg<br />

(was ihr zu Beginn ihrer Karriere<br />

mit dem Quartett Sublim auch<br />

schon gelungen war) <strong>–</strong> jetzt<br />

nachzuhören auf diesem Tonträger.<br />

Schlagzeuger Tyshawn<br />

Sorey läuft an Niesciers Seite<br />

zu absoluter Höchstform auf,<br />

und Bassist Christopher Tordini<br />

ist deutlich mehr als ein solider<br />

Begleiter. Vier furiose Stücke aus<br />

der Feder der Bandleaderin sind<br />

auf dem Berlin Concert zu hören,<br />

und dass Angelika Niescier ihren<br />

Coltrane verinnerlicht hat, ist<br />

immer noch deutlich zu vernehmen,<br />

aber sie formt aus diesem<br />

Ursprung längst und seit Jahren<br />

ihre ganz eigene und sehr individuelle<br />

Musik. Die Saxofonistin<br />

Tonspuren<br />

macht mit diesen vierzig Minuten<br />

deutlich, dass eigentlich die Musik<br />

im Mittelpunkt stehen sollte,<br />

ganz unabhängig von Preisen,<br />

Stipendien und sonstigen Image-<br />

Förderungen. Das ist absolut<br />

zeitloser Jazz, der doch genau<br />

so nur heute gespielt werden<br />

kann <strong>–</strong> von ihrer Sorte gibt es<br />

leider auch in Deutschland viel<br />

zu wenige Musikerinnen: Selbstbewusstsein,<br />

Power und die<br />

Beherrschung der stilistischen<br />

Mittel machen Angelika Niescier<br />

zu einem präzedenzlosen Unikat.<br />

Rolf Thomas<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Iiro Rantala<br />

Mozart, Bernstein, Lennon<br />

ACT / Edel:kultur<br />

W W W W W<br />

Unter den Jazz-Pianisten ist<br />

Iiro Rantala wahrscheinlich am<br />

nächsten an der Klassik dran.<br />

Schon immer war sein Spiel<br />

von den großen Komponisten<br />

geprägt, von Bach, Beethoven<br />

und Brahms, die seiner Meinung<br />

nach die ersten richtigen Jazzer<br />

waren und die der charmante<br />

Finne immer wieder auf seine<br />

ganz eigene Art und Weise<br />

interpretiert. Als er daher im<br />

vergangenen Jahr auf der<br />

jazzahead! das Angebot erhielt,<br />

als prominenter Vertreter des<br />

Partnerlandes Finnland die Gala<br />

mitzugestalten und dabei mit der<br />

Kammerphilharmonie Bremen<br />

spielen zu können, fackelte er<br />

nicht lange und setzte Mozarts<br />

C-Dur-Klavierkonzert ins Zentrum<br />

des Abends. Nun ist eine<br />

Live-Aufnahme erschienen, die<br />

einmal mehr beweist, wie überragend<br />

Rantala als Brückenbauer<br />

zwischen Jazz und Klassik<br />

ist und wie mühelos er beiden<br />

Welten gerecht wird.<br />

Dem Mozartschen Opus, dessen<br />

Klavierpassagen Rantala mit<br />

beeindruckender Klarheit und<br />

Leichtigkeit intoniert und dem er<br />

mit einer eigenen Improvisation<br />

in der Kadenz zugleich ein Stück<br />

weit seinen eigenen Stempel<br />

aufdrückt, hat Rantala noch<br />

Leonard Bernsteins Candide-<br />

Ouvertüre an die Seite gestellt<br />

und es ansonsten mit eigenen<br />

Kompositionen umschlossen.<br />

Dem expressiven Opener „Pekka<br />

Pohjola“ und dem pfiffigen, vom<br />

Autor Jonathan Franzen inspirierten<br />

„Freedom“ stehen dabei<br />

ein Medley aus dem intensiven<br />

„Karma“ und dem tänzerischen<br />

„Anyone with a Heart“ sowie<br />

das herrlich melancholische<br />

„Tears for Esbjörn“ gegenüber.<br />

Mit einer virtuosen Interpretation<br />

von John Lennons „Imagine“<br />

schließt letztlich ein fantastisches<br />

Album, das Klassik- und<br />

Jazz-Liebhabern gleichermaßen<br />

zu empfehlen ist.<br />

Thomas Kölsch<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Hans Lüdemann TransEurope-<br />

Express<br />

Polyjazz<br />

BMC / Note 1<br />

W W W W W<br />

Auch das ist Europa: eine<br />

deutsch-französische Formation<br />

mit einem Schlagzeuger aus<br />

Bosnien-Herzegowina (Dejan<br />

Terzic) und einem Gitarristen aus<br />

Finnland (Kalle Kalima) spielt bei<br />

einem ungarischen Tonträgerlabel<br />

ein Album ein, das auch in<br />

anderer Hinsicht erstaunlich ausfällt.<br />

Zum Beispiel in klanglicher.<br />

Das Eröffnungsstück „Schwarz in<br />

Weiß“ ist ein Musterbeispiel an<br />

Transparenz und Eigenart: in ein<br />

wunderbar angeschrägtes mikrointervallisches<br />

Ostinato-Gerüst<br />

von Bandleader Hans Lüdemanns<br />

„virtual piano“ ziehen Bass,<br />

Geige und Posaune gemeinsam<br />

ein federleichtes, vertikal fein<br />

strukturiertes Gebilde hinein, das<br />

selbstverständlich davon ausgeht,<br />

dass auch die Vierteltöne<br />

hier ihren Platz haben.<br />

Aber Mikrointervallik ist kein<br />

durchgängiges Stilmerkmal, nicht<br />

einmal in den vier Stücken, die<br />

Lüdemann zum Repertoire des<br />

Albums beigesteuert hat. Jede<br />

Komposition ist ein sorgsam<br />

durchgearbeitetes Ineinander<br />

von improvisierten und ausformulierten<br />

Bestandteilen, ein fragiles<br />

Gebilde aus Klangmaterialien,<br />

die man so nur selten zusammen<br />

zu hören bekommt. Und das<br />

Ganze spielt sich auf einem Grat<br />

ab, der sich zwischen Bigband-<br />

Massierung und elaborierter<br />

Kleinformation luftig dahinstreckt<br />

und zu einer ständig neu ausbalancierenden<br />

Spielhaltung nötigt.<br />

Wenn mal eine Losgeh-Passage<br />

mit einem durchgehenden Tempo<br />

entsteht, dann wird sie bestimmt<br />

bald konfrontiert von einem hochinteressanten<br />

Klanggebilde <strong>–</strong><br />

einem Unisono von Posaune und<br />

Violine etwa <strong>–</strong> und ausgebremst<br />

und in etwas Neues überführt.<br />

Überhaupt erscheint an diesem<br />

Album-Konzept vieles neu und<br />

zugleich sicher inszeniert und<br />

artikuliert <strong>–</strong> angelehnt an Dinge,<br />

die man hier und da schon gehört<br />

hat, und zugleich neu, frisch und<br />

zuweilen geradezu aufregend<br />

fremd. Ein emphatischer Europa-<br />

Gedanke, der musikalische<br />

Gestalt angenommen hat?<br />

Hans-Jürgen Linke<br />

72 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Arild Andersen<br />

In-House Science<br />

ECM / Universal<br />

W W W W<br />

Musik ist immer auch eine Frage<br />

des Raums. Und nur wenige können<br />

diesen so geschickt konstruieren<br />

wie Arild Andersen (b), Paolo<br />

Vinaccia (dr) und Tommy Smith<br />

(sax). Jetzt haben die drei Klang-<br />

Architekten mit dem Live-Album<br />

In-House Science einen erneuten<br />

Beweis dafür erbracht, dass sie<br />

ein hervorragendes Gespür für<br />

Luft und Energie haben, für Beziehungen<br />

und Wechselwirkungen,<br />

für das Zusammenspiel von<br />

Fundament und Dach. Mal halten<br />

sich Saxofon und Schlagzeug<br />

nahezu vollständig zurück, um<br />

dem virtuosen Bass Andersens<br />

nicht im Weg zu stehen, während<br />

dieser die Leere zum Klingen<br />

bringt; dann wieder füllt das<br />

Trio jeden Winkel, schichtet<br />

in rasantem Tempo Sounds<br />

übereinander und lässt beinahe<br />

vergessen, dass hier keine große<br />

Band am Werke ist. Vor allem „In-<br />

House“ selbst erweist sich als<br />

unglaublich dichtes Werk, in dem<br />

Tommy Smith eine Melodielinie<br />

nach der nächsten in den Saal<br />

schmettert <strong>–</strong> und dennoch gehen<br />

weder Andersen noch Vinaccia<br />

unter, sondern erobern sich ihre<br />

eigenen Freiräume und eröffnen<br />

den Zuhörern gerade dadurch<br />

völlig neue Perspektiven. Auch<br />

für Andersen, der in einer anderen<br />

Besetzung, aber identischer<br />

Instrumentenkonstellation bereits<br />

Anfang der 70er Jahre ähnliche<br />

Wege beschritt, lange also bevor<br />

er mit Stars wie Kenny Wheeler,<br />

John Abercrombie und Nils<br />

Petter Molvær spielte. Zum Glück<br />

wirkt der Ansatz auch heute noch<br />

überaus frisch und kommt vor<br />

allem ohne trockene Wissenschaft<br />

aus. Nicht aber ohne viel<br />

Gefühl. Und eben ein Gespür für<br />

den Raum.<br />

Thomas Kölsch<br />

Tonbruket<br />

Live Salvation<br />

ACT / Edel:Kultur<br />

W W W W o<br />

Mit einem Live-Album geht das<br />

schwedische Quartett Tonbruket<br />

in die fünfte Runde. Dabei<br />

spielt es kaum eine Rolle, dass<br />

die Stücke live aufgenommen<br />

wurden. Auf die Klangqualität<br />

wird genauso viel Wert gelegt<br />

wie bei den Studioproduktionen<br />

der Band um den ehemaligen<br />

e.s.t.-Bassisten Dan Berglund<br />

und den Allround-Gitarristen<br />

Johan Lindström, der hier sehr<br />

viele Spielanteile hat. Erstaunlicherweise<br />

ist die CD zugleich<br />

rockiger und jazziger als zuvor.<br />

In ihren progigen Bewusstseinsströmen<br />

wird die Band immer<br />

mehr zu ihrem eigenen Genre.<br />

Der sanfte Flow der Stücke ist<br />

für das Ohr äußerst angenehm.<br />

Er weckt genauso nostalgische<br />

Gefühle (die Referenzen reichen<br />

vom jungen Santana über Grateful<br />

Dead und Pink Floyd bis zu<br />

Herbie Hancocks Sextant), wie<br />

er avantgardistische Bedürfnisse<br />

befriedigt. Der Groove der Tracks<br />

ist geradezu hypnotisch, die aus<br />

der Live-Situation resultierende<br />

Spielfreude ansteckend. In der<br />

Neubewertung ihrer eigenen<br />

Stücke wirft die Band ihren<br />

letzten Ballast über Bord und gibt<br />

sich einfach nur noch unvoreingenommen<br />

dem Rausch und der<br />

Imagination der Sinne hin.<br />

Wolf Kampmann<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

R + R = Now<br />

Collagically Speaking<br />

Blue Note / Universal<br />

W W W W<br />

„R + R“ steht für „Reflect“ und<br />

„Respond“ und ist von Nina<br />

Simones Zitat inspiriert, dass es<br />

„die Pflicht eines Künstlers sei,<br />

die Zeit zu reflektieren“. Und<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 73


Kolumne<br />

Elina Duni<br />

Partir<br />

ECM / Universal<br />

W W W W<br />

Ntjam Rosie<br />

Breaking Cycles<br />

O-Tone / Edel:Kultur<br />

W W W W o<br />

Rebeca Lane<br />

Obsidiana<br />

Flowfish / Broken<br />

Silence<br />

W W W W<br />

Yasmine Hamdan<br />

Jamilat Reprise<br />

Crammed / Indigo<br />

W W W<br />

Beady Belle<br />

Dedication<br />

Jazzland / Edel:Kultur<br />

W W W W<br />

Leo Sidran<br />

Cool School<br />

Bonsai / Warner<br />

W W W W<br />

Coeur de Pirate<br />

En Cas De Tempête, Ce Jardin<br />

Sera Fermé<br />

Le Pop / Groove Attack<br />

W W W<br />

Lily Dahab<br />

Bajo Un Mismo Cielo<br />

Herzog / Edel:Kultur<br />

W W W o<br />

Lindi Ortega<br />

Liberty<br />

Shadowbox / Membran<br />

W W W W<br />

Hailey Tuck<br />

Junk<br />

Silvertone / Sony<br />

W W W o<br />

Rita Coolidge<br />

Safe in the Arms of Time<br />

Blue Elan / Rough Trade<br />

W W W W<br />

Shannon Shaw<br />

Shannon in Nashville<br />

Nonesuch / Warner<br />

W W W W o<br />

<strong>Juli</strong>a Biel<br />

<strong>Juli</strong>a Biel<br />

Rokit / Indigo<br />

W W W W o<br />

Soul Voices<br />

In neun traditionellen Liedern,<br />

u.a. aus Armenien, dem<br />

Kosovo, Andalusien und ihrer<br />

Heimat, singt Elina Duni in<br />

verschiedenen Sprachen von<br />

tiefen Seelenschmerzen, um<br />

schließlich mit einem Schweizer<br />

Volkslied Zuflucht in der Freude<br />

zu finden. Durch ihre melancholische<br />

Stimme, abwechselnd<br />

begleitet von Gitarre, Klavier<br />

und Rahmentrommel, wird<br />

diese grenzenlose Reise ins<br />

Innere einzigartig und universell<br />

verständlich.<br />

Breaking Cycles verfügt zwar<br />

immer noch über die charakteristischen<br />

Zutaten der Ntjam<br />

Rosie, doch auf ihrem fünften<br />

Album ist die Basis ein betörender<br />

Groove mit Wurzeln im R&B<br />

einer Erykah Badu oder Kelela.<br />

In ihren Songs fügt Rosie jazzige<br />

Beugungen ein und durchdringt<br />

sie mit heiterer Sensibilität<br />

und einem warmen lebhaften<br />

Gesang. Groß!<br />

Rebeca Lane lehnt sich mit intelligenten<br />

Texten und einem elektro-akustisch<br />

angeschobenen<br />

Latin-HipHop gegen kriminelle<br />

Zustände und ausbeuterische<br />

Interessen in ihrem Heimatland<br />

auf. Auf Obsidiana thematisiert<br />

die Rapperin, Soziologin und<br />

Aktivistin nun die Rechte der<br />

Frauen in einer von Gewalt und<br />

Machismo beherrschten Gesellschaft<br />

oder den Völkermord<br />

der Militärs an der indigenen<br />

Bevölkerung. Sie beschwört die<br />

Heilkraft der Musik.<br />

Nach ihrem erfolgreichen Al<br />

Jamilat bringt die Beiruterin<br />

Yasmine Hamdan mit Jamilat<br />

Reprise ein Album mit Rekonstruktionen<br />

und Remixen heraus.<br />

Nun durfte eine buntgemischte<br />

Electro-Crew aus verschiedenen<br />

Ländern <strong>–</strong> wie die Pariser<br />

Acid Arab, der chilenisch-deutsche<br />

Matias Aguayo, das deutsche<br />

Ensemble Brandt Brauer<br />

Frick, Cubenx aus Mexiko oder<br />

die Griechin Olga Kouklaki <strong>–</strong><br />

Bearbeitungen beisteuern. Und<br />

die sind mal mehr, mal weniger<br />

interessant.<br />

Beady Belle liebt die Abwechslung,<br />

möchte sich nicht festlegen.<br />

Also zeigt sie sich nach<br />

dem akustischen Album On My<br />

Own auf Dedication in einem<br />

mehr elektrischen Umfeld, mit<br />

Bezügen zu R&B und Soul, zu<br />

Donny Hathaway und Aretha<br />

Franklin. Die Norwegerin transportiert<br />

die Atmosphäre der<br />

damaligen Musik mit Original-<br />

Instrumenten dieser Zeit auf<br />

angenehm unpolierte Art mit viel<br />

Frische und einer enorm starken<br />

Stimme.<br />

Leo Sidrans Cool School ist<br />

eine Hommage an die Musik<br />

des wunderbaren Crossover-<br />

Barden Michael Franks, der<br />

mit exzellenten Alben sein<br />

eigenes Genre erfand. Mit<br />

einigen Gästen, darunter Franks<br />

persönlich, verjüngt der Sohn<br />

von Ben Sidran die Klassiker<br />

„When the Cookie Jar Is Empty“<br />

oder „Lotus Blossom“ durch<br />

schlankere Arrangements, ohne<br />

deren melodiöse Charakteristik<br />

zu verbiegen.<br />

Die junge Kanadierin Béatrice<br />

Martin nennt sich als Sängerin<br />

Coeur de Pirate und wird auf<br />

ihrem vierten Album begleitet<br />

von einem romantisch chansonhaften<br />

wie auch lebhaft<br />

optimistischen Indie-Pop. Sie<br />

verarbeitet in französischer<br />

Sprache die privaten Tumulte<br />

vergangener Jahre, darunter die<br />

Trennung von ihrem Mann und<br />

die Erfahrung einer extremen<br />

Schreibblockade. Charmant,<br />

aber etwas zu sehr in den 80ern<br />

verhaftet.<br />

Die in Berlin lebende Argentinierin<br />

Lily Dahab singt beeindruckend<br />

einfühlsam eine Palette<br />

grenzenloser wie gleichsam<br />

lebensfroh gestimmter Lieder,<br />

kontrastreiche Visionen von Latin,<br />

Jazz und südamerikanischer<br />

Folklore. Für die fand sie mit<br />

dem Albumtitel auch die perfekt<br />

passende Überschrift, bedeutet<br />

er doch, dass alle Menschen<br />

in Frieden unter dem gleichen<br />

Himmel leben können.<br />

Wer auf Tarantino, From Dusk<br />

Till Dawn und besonders Ennio<br />

Morricone steht, der dürfte auch<br />

Gefallen an Lindi Ortegas dunkel<br />

getönter Liberty finden. Ortega<br />

und ihr Team haben keine Angst,<br />

sich genüsslich im Westernkitsch<br />

zu bewegen, sei es der<br />

Lee-Hazlewood-Hall auf ihrem<br />

Gesang oder das Glockenspiel-<br />

Thema bei „Afraid of the Dark“.<br />

Ganz viel Herzschmerz zu staubigem<br />

Wüstengitarrensound<br />

und Mariachi-Überschwang.<br />

Um Junk aufzunehmen, buchte<br />

die in Texas geborene Hailey<br />

Tuck den Grammy-Preisträger<br />

Larry Klein. Bei Songs von<br />

Leonard Cohen, Pulp und Joni<br />

Mitchell wird ihre unschuldig<br />

hoch klingende Stimme von<br />

einer subtilen Orgel und leichten<br />

Rhythmen unterstützt. Die zwölf<br />

Songs haben einen Charakter,<br />

der gleichzeitig frisch wie auch<br />

im klassischen Vintage-Sound<br />

angelegt ist. Aber gerade das<br />

macht den Reiz aus.<br />

Ihre Arbeit mit ihrem einstigen<br />

Ehemann Kris Kristofferson,<br />

mit Joe Cocker oder Bob Dylan<br />

machte aus einem indianischen<br />

Mädchen mit außergewöhnlichem<br />

Talent eine musikalische<br />

Naturkraft. Auf ihrem 18. Soloalbum<br />

beweist Rita Coolidge,<br />

dass sie nichts von ihrer emotionalen<br />

Intensität und der damit<br />

verbundenen Leidenschaft<br />

verloren hat: Bluesige Melodien,<br />

rockige Energie und eine<br />

Klavierballade erinnern an ihr<br />

klassisches Werk, ohne dabei<br />

die Zukunft aus den Augen zu<br />

verlieren.<br />

Eine tiefe Verbeugung vor Dusty<br />

Springfields Dusty in Memphis<br />

vollführt die Sängerin und<br />

Bassistin Shannon Shaw auf<br />

ihrem Debüt. Unter der Regie<br />

von Dan Auerbach nahm sie mit<br />

Musikern, die schon für Aretha<br />

Franklin, Elvis und Herbie Mann<br />

spielten, Songs auf, die genauso<br />

viel Melancholie und Lust auf<br />

Leben versprühen wie einst<br />

Dusty mit ihrer Hymne auf den<br />

Memphis-Soul.<br />

Zum Schluss noch eine Stimme,<br />

die entfernt an Nina Simone und<br />

Tracey Thorn erinnert, dann aber<br />

doch speziell und unverwechselbar<br />

ist. Aus jeder Note der <strong>Juli</strong>a<br />

Biel lässt sich heraushören,<br />

dass sie sich nicht verrenken<br />

muss. Dazu eine Musik, die<br />

wie selbstverständlich edle<br />

Popsounds mit Jazzandeutungen<br />

und schwebenden Folkmomenten<br />

überzeugend anders vereint<br />

<strong>–</strong> ein Gänsehaut-Album!<br />

Olaf Maikopf<br />

74 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


wenn man darüber nachdenkt,<br />

was in seiner Zeit vor sich geht,<br />

und darauf reagiert, muss auf<br />

„R plus R“ unbedingt ein „Now“<br />

folgen. Dieses Wortkonstrukt<br />

wurde zum Namen von Robert<br />

Glaspers neuer Band, die er<br />

nach der erfolgreichen Supergroup<br />

<strong>August</strong> Greene nun mit<br />

Trompeter Christian Scott aTunde<br />

Adjuah, Multiinstrumentalist<br />

Terrace Martin, dem langjährigen<br />

Bassisten des Robert Glasper<br />

Experiment Derrick Hodge und<br />

Esperanza Spaldings druckvoll<br />

spielendem Schlagzeuger Justin<br />

Tyson gründete.<br />

Ein ähnlicher Ansatz wie der<br />

Kendrick Lamars wird auf Collagically<br />

Speaking verfolgt, bei<br />

dem nicht weniger als acht Gastsänger,<br />

darunter Taylor McFerrin<br />

und Yasiin Bey alias Mos Def das<br />

Mikrofon übernehmen und den<br />

Zustand der US-Nation kommentieren.<br />

Nahtlos treffen Soul und<br />

Future-Funk, West Coast Jazz,<br />

instrumentaler Hip-Hop, Musique<br />

Concrète, Avantgarde und Klassik<br />

aufeinander, formulieren eine<br />

weitere leichtfüßige Variante<br />

des seit ein paar Jahren aus Los<br />

Angeles und New York kommenden,<br />

oft harmonischen Neo-Jazz,<br />

mit dem Leute wie Miles Mosley,<br />

Thundercat, Kamasi Washington<br />

und eben Robert Glasper<br />

weltweit große Erfolge feiern.<br />

Keine Frage, auch die neuen<br />

Stücke grooven, treiben mal<br />

mehr, mal weniger nach vorn,<br />

wozu Glaspers Pianoläufe gewohnt<br />

entspannt alles umhüllen,<br />

Scott wuchtige wie romantische<br />

Trompetennoten bläst und Martin<br />

galaktische Synthie-Sounds<br />

spielt <strong>–</strong> und natürlich taucht auch<br />

wieder einmal die bei Glaspers<br />

Projekten häufig vorkommende<br />

smoothe Autotune-Stimme auf.<br />

Das alles addiert ergibt eine<br />

differenzierte, manchmal etwas<br />

zu kühle Musik, die sich wie in<br />

Zeitlupe ausdehnt.<br />

Olaf Maikopf<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Esche<br />

Der Dichter spricht<br />

QFTF / Galileo<br />

W W W W<br />

Es muss sie wohl geben,<br />

diese typische schweizerische<br />

Leichtigkeit <strong>–</strong> anzutreffen bei<br />

vielen eidgenössischen Bands,<br />

die bei allem geballten querdenkerischen<br />

Mut zugleich äußerst<br />

musikantisch auf den Punkt<br />

kommen. Jüngstes Beispiel ist<br />

das Trio Esche. Der Albumtitel<br />

Der Dichter spricht verweist auf<br />

ein Stück von Robert Schumann<br />

und damit auch auf den<br />

klassischen Background von<br />

Laura und Luzius Schuler (Violine<br />

und Piano) sowie Bassistin Lisa<br />

Hoppe. Zu dritt stark sein, sich<br />

in alle erdenklichen Abenteuer<br />

stürzen und dabei die Instrumente<br />

beherrschen, bis die Saiten<br />

glühen <strong>–</strong> darum geht es auf diesem<br />

mittlerweile zweiten Album<br />

des Trios. Da wird ein reiches<br />

Kaleidoskop aus Stimmungen<br />

und Klängen hin- und hergedreht,<br />

was zuhauf Wechselbäder<br />

zwischen abstrakter Klangforschung<br />

und lyrischer Berührung<br />

freisetzt. Es knarzt im Gebälk,<br />

wenn Bassistin Lisa Hoppe ihren<br />

Tieftöner in Schwingung bringt<br />

und der Musik zuweilen einen<br />

mächtig nach vorne treibenden<br />

Puls verleiht. Geigerin Laura<br />

Schuler switcht extrem versiert<br />

zwischen klassischer Phrasierung<br />

und jazzgeigerischem Legato<br />

hin und her und öffnet weit<br />

die virtuose Trickkiste in Sachen<br />

Klänge und Effektreichtum. Nie<br />

kann man sich zu sicher in Bezug<br />

auf das Kommende sein <strong>–</strong> wird<br />

doch alles im nächsten Moment<br />

schon wieder durchkreuzt oder<br />

durcheinandergeschüttelt. Aber<br />

wo sich andere bei solchen<br />

Projekten in abstraktem Gefrickel<br />

verlieren, da erzeugen sehr konkrete<br />

musikalische Botschaften<br />

wieder das genaue Gegenteil.<br />

Mal kommt eine Prise Bluesfeeling<br />

ins Spiel, mal spielen die<br />

drei tango-affin zum sinnlichen<br />

Tanze auf. Und es gibt auch<br />

eine extrem groovige Ohrwurm-<br />

Nummer namens „Shatterhand“<br />

<strong>–</strong> übrigens auch im absolut sehenswerten<br />

Live-Konzertvideo!<br />

Stefan Pieper<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Ben Webster<br />

Valentine’s Day 1964 Live<br />

Dot Time / H’Art<br />

W W W W<br />

Er gerät schon langsam in Vergessenheit,<br />

da ist es gut, dass Dot<br />

Time Records mit diesem bislang<br />

unveröffentlichten Live-Mitschnitt<br />

an den legendären Ben Webster<br />

erinnert. Der Tenorsaxofonist war<br />

in Hochform, als am 14. Februar<br />

1963 (und eben nicht 1964, wie<br />

der CD-Titel suggeriert) sein Konzert<br />

im nicht minder legendären<br />

Jazzclub Half Note mitgeschnitten<br />

wurde (dort entstand übrigens<br />

auch eine der besten Aufnahmen,<br />

die es von Lee Konitz gibt: Live at<br />

the Half Note). Pianist Dave Frishberg,<br />

Weltklasse-Bassist Richard<br />

Davis (jaja, er spielte auch auf<br />

Van Morrisons Ewigkeits-Album<br />

Astral Weeks) und Schlagzeuger<br />

Grady Tate standen ihm<br />

zur Seite, aber es ist schon die<br />

Show von Ben Webster <strong>–</strong> damals<br />

waren Sidemen noch Sidemen.<br />

Ellington-Klassiker wie „Caravan“<br />

oder „Chelsea Bridge“ erfüllt<br />

Webster ebenso mit viel heißer<br />

Luft <strong>–</strong> wörtlich zu verstehen,<br />

da Webster auch gerne in sein<br />

Horn pustete, ohne dass ein Ton<br />

kam <strong>–</strong> und Sinnlichkeit wie seinen<br />

eigenen „Ben’s Blues“ oder<br />

Thelonious Monks „52nd Street<br />

Theme“. Unfassbar, wenn man<br />

hört, wie die Zuschauer während<br />

eines Bass-Solos ungeniert mit<br />

PDF in 4c<br />

der Unterhaltung fortfahren. Dass<br />

Jazzgeschichte „in the house“ ist,<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />

75


Tonspuren<br />

scheint ihnen scheißegal zu sein<br />

<strong>–</strong> aber diese Leute dürften längst<br />

tot sein und wir Lebenden können<br />

uns an diesem Kleinod erfreuen.<br />

Rolf Thomas<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Wayne Escoffery<br />

Vortex<br />

Sunnyside / Good to Go<br />

W W W W<br />

Voller Kraft und Zorn bläst Wayne<br />

Escoffery in sein Tenorsaxofon,<br />

um gegen Gefühlskälte und sogar<br />

Hass in der US-amerikanischen<br />

Gesellschaft seit Trumps Wahl<br />

anzuschreien. Als ehemaliger<br />

Schützling von Jackie McLean<br />

versammelt Escoffery ein<br />

Deluxe-Quartett, darunter Bassist<br />

Ugonna Okegwo und Pianist David<br />

Kikoski, um einer Sammlung<br />

von sechs wunderbaren eigenen<br />

und drei fremden Kompositionen<br />

Flügel zu verleihen. Die<br />

außergewöhnliche Sprache und<br />

Ausdrucksvielfalt des in London<br />

geborenen New Yorker Saxofonisten<br />

Wayne Escoffery auf<br />

seinem Instrument ist gewohnt<br />

scharfsinnig und spannend und<br />

zeigt eine Affinität, mit unbändigem<br />

Erfindungsreichtum und<br />

sprühender Provokation in der<br />

Tiefe zu forschen. Diese Art von<br />

Jazz-Treffen eines Quartetts mit<br />

ein paar Gästen, um Uptempo-<br />

Swing, Latin-, Balladen- und<br />

Midtempo-Bop zu spielen, mag<br />

im Jahr <strong>2018</strong> manchem Jazzhörer<br />

antiquiert erscheinen. Aber<br />

lässt man sich genauer darauf<br />

ein, erinnert man sich daran,<br />

warum einen diese Musik und die<br />

Vitalität von Rollins oder Coltrane<br />

über die Jahre hinweg immer<br />

noch bewegen. Dann macht<br />

auch die Frage, ob Jazz tot ist,<br />

keinen Sinn mehr. Dieses Album<br />

wird eindeutig von der tiefen<br />

Traurigkeit seines Themas durchdrungen,<br />

ist aber gleichzeitig von<br />

bemerkenswerter Entschlossenheit<br />

getragen und mit Nachdruck<br />

intoniert. Ein musikalisch-politisches<br />

Statement, von denen es<br />

in den aktuellen USA nun endlich<br />

wieder so einige gibt.<br />

Olaf Maikopf<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Jin Jim<br />

Weiße Schatten<br />

ACT / Edel:Kultur<br />

W W W W<br />

Vor vier Jahren gewannen<br />

Jin Jim den Nachwuchs-<br />

Wettbewerb der Leverkusener<br />

Jazztage. Schon beim Studium in<br />

Arnheim hatte der Kern der Band<br />

zusammengefunden, bestehend<br />

aus Johann May (g), Ben Tai<br />

Trawinski (b) und Nico Stallmann<br />

(dr). Dazu kam <strong>–</strong> als Hauptsolist<br />

und klangliches Sahnehäubchen<br />

des Quartetts <strong>–</strong> der virtuose<br />

Flötist Daniel Manrique-Smith,<br />

der auf seinem Instrument ziemlich<br />

locker sämtliche Spielarten<br />

meistert <strong>–</strong> jazzige, klassische,<br />

ethnische oder rockige Töne. Die<br />

Kombination von Querflöte und E-<br />

Gitarre, aber auch der Charakter<br />

der Themen, die Arrangements<br />

der Stücke, die Anlage der Improvisationen<br />

und die komplexen<br />

Grooves und Rhythmen erinnern<br />

bei Jin Jim über weite Strecken<br />

mehr an frühe Progrock-Bands<br />

als an Vorbilder aus dem<br />

Jazz. Andererseits war der<br />

Stamm vater der Rockflöte, Ian<br />

Anderson von Jethro Tull, selbst<br />

vor allem von Rahsaan Roland<br />

Kirk inspiriert <strong>–</strong> bei Jin Jim<br />

schließen sich also die Kreise.<br />

Es gibt pointierte Zutaten aus<br />

indischer oder lateinamerikanischer<br />

Musik, und in den Balladen<br />

tönt es überraschend poppig.<br />

Passend zur Progrock-Affinität<br />

der Band bietet das Album auch<br />

eine eigenwillige Neufassung<br />

von „House of the King“, dem<br />

Flötenrock-Hit von 1971.<br />

Hans-Jürgen Schaal<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Nik Bärtsch’s Ronin<br />

Awase<br />

ECM / Universal<br />

W W W W W<br />

Awase ist ein Begriff aus dem<br />

Aikido und bedeutet so viel wie<br />

gemeinsame Bewegung <strong>–</strong> eine<br />

passende Metapher für eine<br />

Band, bei der es keinen Solisten<br />

gibt. In der Tat haben sich Ronin<br />

durch den Weggang des zweiten<br />

Perkussionisten Andi Pupato und<br />

den Wechsel von Björn Meyer,<br />

der einen sechssaitigen E-Bass<br />

gespielt hat, zu Thomy Jordi mit<br />

einem viersaitigen Modell stark<br />

verändert und sind eine noch<br />

dichtere Einheit geworden. „Modul<br />

36“ kennen wir bereits von<br />

Bärtschs ECM-Debüt <strong>–</strong> auf Stoa<br />

war es der hypnotische Opener,<br />

der viele Hörer überhaupt erst<br />

mit Bärtschs Ritual Groove Music<br />

bekannt gemacht hat <strong>–</strong>, aber<br />

hier klingt es fast noch besser.<br />

Die Energie des Stücks sei nun<br />

„Voodoo-artiger“, lässt der<br />

Bandleader verlauten und freut<br />

sich, dass sein Klavier gerade auf<br />

„Modul 36“ wieder „mehr als Teil<br />

der Band agiert und nicht als Solist.“<br />

Die verschworene Gemeinschaft,<br />

die Ronin bildet, zeigt sich<br />

wohl nirgends so deutlich wie auf<br />

„Modul 58“, dem mit 18 Minuten<br />

längsten Stück des Albums:<br />

Ein Fünfer- und ein Siebener-<br />

Rhythmus arbeiten scheinbar<br />

gegeneinander und erzeugen in<br />

ihrer Einfachheit einen pulsierenden<br />

Groove, der selbst an Stellen,<br />

an denen Schlagzeuger Kaspar<br />

Rast aussetzt, fortzubestehen<br />

scheint. Bassklarinettist Sha,<br />

der mit „A“ erstmals ein Stück<br />

zum Repertoire beigetragen hat,<br />

verzahnt sich unauflöslich mit<br />

Klavier und Bass <strong>–</strong> wer hätte gedacht,<br />

dass diese Band ihre hohe<br />

Qualität überhaupt noch steigern<br />

könnte. Magisch.<br />

Rolf Thomas<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Dave Douglas Riverside<br />

The New National Anthem<br />

Greenleaf / H’Art<br />

W W W<br />

The New National Anthem ist das<br />

zweite Album, das Dave Douglas<br />

mit seinem Quartett Riverside<br />

aufgenommen hat. Um drei Originalkompositionen<br />

von Carla Bley,<br />

deren Ehemann Steve Swallow<br />

zur Band gehört, ranken sich<br />

noch acht Originale der Bandmitglieder,<br />

außer den Genannten die<br />

Brüder Chet und Jim Doxas aus<br />

Kanada an Saxofon und Schlagzeug.<br />

Obgleich der Bley-Duktus<br />

den Grundton der Platte vorgibt,<br />

verliert sich das Quartett zuweilen<br />

in Beschaulichkeit und Schönspiel.<br />

Die versunkene Poesie<br />

des 2014 erschienenen Vorgängeralbums<br />

in dieser Besetzung<br />

wird hier ebenso weit verfehlt<br />

wie der hintergründige Humor<br />

von Carla Bley. Was bleibt, sind<br />

sauber gespielte Parts von vier<br />

großen Virtuosen, die sich beim<br />

Grasen in der Vergangenheit<br />

nicht allzu sehr ins Zeug legen.<br />

Aber vielleicht geht es ja gerade<br />

um einen bewussten Verzicht<br />

auf Höhepunkte und Emphase.<br />

Womöglich ist diese konsequent<br />

durchgehaltene Nonchalance die<br />

größte Stärke der CD.<br />

Wolf Kampmann<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Joe Armon-Jones<br />

Starting Today<br />

Brownswood / Rough Trade<br />

W W W W o<br />

Als Sohn von Jazzmusikern<br />

war es beinahe logisch, dass<br />

Joe Armon-Jones schon früh<br />

Klavierunterricht erhielt, eines<br />

seiner ersten Übungsstücke war<br />

Chick Coreas „Spain“. Mittlerweile<br />

ist er 25 Jahre jung und gilt<br />

als einer der innovativsten neuen<br />

76 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Kolumne<br />

Jazzmusiker der britischen Insel.<br />

Starting Now ist sein Debüt auf<br />

Gilles Petersons Label Brownswood<br />

und damit der Maxime<br />

verpflichtet, die Fans mitzureißen.<br />

Was Armon-Jones und seiner<br />

Band dann auch in den sechs<br />

aufgenommenen Nummern<br />

gelingt. Es geht lost mit dem<br />

freudvollen Titelstück, bei dem<br />

Afrikan-Revolution-Bandleader<br />

Asheber im Stil eines Andy Bey<br />

singt: „Ab heute werde ich das<br />

Blut von diesen Straßen wischen.<br />

Ab heute wird die Liebe in der<br />

Stadt verbreitet.“ Dazu spielt die<br />

Band eine inspirierende Mixtur<br />

aus Afrobeat, Hardbop und Soul,<br />

die nach neun Minuten in einem<br />

atmosphärischen Rauschen mündet.<br />

Packender kann es eigentlich<br />

nicht werden. Doch gleichgültig,<br />

ob das von Bobbi Humphrey aus<br />

ihrer Blue-Note-Phase inspirierte<br />

„Almost Went Too Far“,<br />

der „Mollison Dub“ mit seinen<br />

unheimlichen Echo-Effekten oder<br />

„London‘s Face“ mit Verneigung<br />

vor Lonnie Liston Smiths Zeit mit<br />

The Cosmic Echoes: Armon-<br />

Jones zeigt sich zwar stets als<br />

Beherrscher der Historie, dekonstruiert<br />

diese aber und wandelt sie<br />

in farbige, energetische und ganz<br />

eigene Kompositionen abseits<br />

einschläfernder Trends. Starting<br />

Today ist ein weiterer Beweis<br />

dafür, dass die junge Londoner<br />

Jazzszene immer besser wird.<br />

Olaf Maikopf<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Schmid’s Huhn<br />

Golden Spheres<br />

Shoebill / Broken Silence<br />

W W W W W<br />

Das Quartett Schmid’s Huhn<br />

zeigt, wie weit man kommen<br />

kann, wenn man sich nicht an<br />

Gegensätzen abarbeitet und<br />

aneinander reibt, sondern von<br />

einem breiten Konsens ausgeht.<br />

Die beiden Holzbläser Stefan<br />

Szirmais Fermaten<br />

Martin Fabricius Trio<br />

Under the Same Sky<br />

Berthold / Harmonia Mundi<br />

W W W W W<br />

Very Cool People<br />

Heya Some Kind of Fish!<br />

Very Cool Music<br />

W W W W<br />

Mural<br />

Shishi‘s Wish<br />

Berthold / Harmonia Mundi<br />

W W W W o<br />

Das Geräusch zu Beginn des<br />

Albums erinnert an einen<br />

Zauberstab, der im Trickfilm<br />

geschwungen wird, und <strong>–</strong> poff!<br />

<strong>–</strong> materialisiert sich die gute<br />

Fee. Tatsächlich haben wir es<br />

hier mit einem diatonischen<br />

Glissando zu tun, das für einen<br />

magischen Hab-Acht-Moment<br />

sorgt, bevor Fabricius‘ gewohnt<br />

gläserner Vibraphonklang einen<br />

Kosmos selbstvergessener<br />

Mollharmonien erschafft. Klar,<br />

man kann mit Buddha Bar & Co.<br />

entschleunigen. Schöner, weil<br />

schlauer, gerät die Tiefenentspannung<br />

mit dem Martin Fabricius<br />

Trio, das sich auf seiner<br />

dritten Veröffentlichung Under<br />

the Same Sky der maximalen<br />

Ruhe, um nicht zu sagen: der<br />

klanggewordenen Generalpause<br />

verschrieben hat. Neun<br />

Stücke lang gleitet der Hörer<br />

auf einer traumtongefüllten<br />

Luftmatratze über minimalistische<br />

Schallwellen, umweht von<br />

süßer Melancholie, dabei stets<br />

sonnenbeschienen. Düstere<br />

Ausnahme: „Before the Rain“<br />

mit seiner Twinpeaks-artigen<br />

Atmosphäre. Sakrales Highlight:<br />

„Spirit Song“, der um eine<br />

Kathedrale als Bühne fleht<br />

und doch den Fluss wohligen<br />

Davondriftens nicht unterbricht.<br />

Einzig auf „Twilight“ wird’s für<br />

einige Sekunden laut, ja: grob,<br />

aufgefangen von einem gestrichenen<br />

Bass, der dem Ganzen<br />

etwas Unwirkliches verleiht.<br />

Ist der sonnige Strandtag nur<br />

trügerisches Idyll? Wie dem<br />

auch sei: Fabricius straft Das<br />

Jazzbuch, wo Berendt und<br />

Huesmann bemerken, dem<br />

Vibraphon eigne „ein kalter, metallener<br />

Klang“, glatte Lügen.<br />

Am Anfang erschallt ein langgezogenes<br />

„Yeah!“ <strong>–</strong> und „yeah“<br />

ist auch sonst alles am vierten<br />

Album des lettischen Oktetts<br />

Very Cool People, das mit vollem<br />

Namen Heya Some Kind of Fish!<br />

We Don’t Know the Name of this<br />

Fish in English, But in Latvian<br />

it is Vimbas heißt. Der Opener<br />

„Camel’s Desert Party“ macht<br />

mit Schwermetallschlagzeug<br />

und Tubapupsen, zu denen sich<br />

eine gefühlt zwanzigköpfige Balkan-Brass-Banda<br />

gesellt, keine<br />

Gefangenen. „Squash Express“<br />

exponiert ein catchy Im-Ohrbleib-Riff<br />

über Spaghetti-Western-Anleihen,<br />

wobei Call-and-<br />

Response-Spiele und diverse<br />

Tempo-Wechsel den Hörer zum<br />

atemlosen Verfolger machen,<br />

der sich unweigerlich vorlehnt,<br />

um ja keinen Ton, keinen Trick<br />

zu verpassen. „Bouncy Balls“<br />

erinnert mit seiner gniedelig<br />

aufsteigenden Tonfolge an die<br />

Erkennungsmelodie einer klassischen<br />

Samstagabendshow,<br />

„Cat’s Don’t Speak“ wartet mit<br />

dumpfem technoiden Blubbern<br />

auf, bevor die ganze Bande<br />

darüber herfällt, als stritten sich<br />

hungrige Raubtiere um eine viel<br />

zu kleine Beute. Gerade noch<br />

scheint das Baritonsaxofon als<br />

Sieger hervorzugehen, bis auch<br />

dieses vom alles überlagernden<br />

Geblubber verschlungen wird.<br />

Wo „Piper“ den Soundtrack<br />

eines Blaxploitation-Films<br />

stellen könnte, wird „Conde De<br />

Pipientos“ von einer Klezmer-<br />

Kapelle dominiert, die es wie<br />

einen Klassiker aus dem reichen<br />

Fundus der traditionellen Festund<br />

Feiermusik osteuropäischer<br />

Juden wirken lässt, obgleich<br />

es sich um eine Eigenkomposition<br />

von Band-Leader und<br />

Gitarrist Elvijs Grafcovs handelt.<br />

Der Closer „Hugo“ fasst die<br />

puristenfeindliche Mixtur dieses<br />

im Grunde unbeschreiblichen<br />

Albums zusammen, bei dem der<br />

Witz im Vordergrund steht, denn<br />

die schäumende Highspeed-<br />

Retromania dieser sehr coolen<br />

Letten macht vor allem eins:<br />

unglaublichen Spaß!<br />

Für In-between Seasons &<br />

Places vom Peter Schwebs<br />

Quintet hatte ich seinerzeit den<br />

„Jazz-Jazz“ erdacht: Kein Brimborium,<br />

nur pure Essenz. Seit<br />

2015 spielt der zwischen Hannover<br />

und New York pendelnde<br />

Schwebs im Trio Mural. Das besteht<br />

neben dem Bassisten aus<br />

Aki Ishiguro und Rodrigo Recabarren,<br />

residiert in Brooklyn und<br />

hat sich, gemäß der Herkunft<br />

seiner Protagonisten, die Fusion<br />

von europäischer Klassik,<br />

japanischer Volksmusik und<br />

südamerikanischen Rhythmen<br />

auf die Fahne geschrieben. Den<br />

Auftakt zum Zweitwerk Shishi’s<br />

Wish macht die Schwebs-<br />

Komposition „Giacomo!“, auf<br />

der es drum&basslastig gleich<br />

richtig zur Sache geht. Kein<br />

sanftes Herantasten, kein wie<br />

auch immer geartetes Intro,<br />

sondern auf den ersten Ton:<br />

da. Darüber spinnt Gitarrist<br />

Ishiguro, filigranem Flüstern<br />

gleich, seine virtuosen Klangfäden.<br />

Etwas nervöser klingen<br />

Chick Coreas „Fingerprints“,<br />

zärtlich nähert sich „Shishi“,<br />

das durch seine einsäuselnde<br />

Niemehrausdemkopfgehmelodie<br />

besticht, während „Siete<br />

Diamantes“ wieder wachküsst<br />

<strong>–</strong> ein Zustand, den man für<br />

das mit lateinamerikanischem<br />

Flavour experimentierende<br />

„Mari“ auch braucht. Erst „CSD<br />

Orompello“ ist wieder etwas<br />

zum darin Versinken, gerät der<br />

Gitarrensound hier doch zum<br />

Zeitlupenwabern à la Portishead.<br />

„Spätsommer“ bittet zum<br />

intimen Pas de Deux, derweil<br />

der elektrifizierte Oldschool-<br />

Psychrock „Geronimo“ den<br />

(Hau-)Draufgängern mundet,<br />

bis Gershwins „Someone to<br />

Watch Over Me“ ganz sanft,<br />

nachgerade sentimental nach<br />

Hause begleitet.<br />

Victoriah Szirmai<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />

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Kolumne<br />

Buddy Guy<br />

The Blues Is Alive and Well<br />

Silvertone / Sony<br />

W W W W o<br />

Marcia Ball<br />

Shine Bright<br />

Alligator / In-Akustik<br />

W W W o<br />

Janiva Magness<br />

Love Is an Army<br />

Blue Élan Records<br />

W W W<br />

Beth Hart<br />

Front and Center <strong>–</strong> Live from<br />

New York<br />

Provogue / Rough Trade<br />

W W W<br />

Joe Bonamassa<br />

British Blues Explosion Live<br />

Provogue / Rough Trade<br />

W W W<br />

The Kris Barras Band<br />

The Divine and Dirty<br />

Provogue / Rough Trade<br />

W W W o<br />

Black Stone Cherry<br />

Family Tree<br />

Mascot / Rough Trade<br />

W W W<br />

Tinsley Ellis<br />

Winning Hand<br />

Alligator / In-Akustik<br />

W W W o<br />

Archie Lee Hooker<br />

Chilling<br />

Dixiefrog / H’Art<br />

W W W W<br />

Fantastic Negrito<br />

Please Don‘t Be Dead<br />

Cooking Vinyl / Sony<br />

W W W<br />

Delta Wires<br />

Born in Oakland<br />

Mud Slide Records / CD-Baby<br />

W W W o<br />

Soul Return<br />

S.R.<br />

Dixiefrog / H’Art<br />

W W W o<br />

Dave Alvin & Jimmie Dale<br />

Gilmore<br />

Downey to Lubbock<br />

Yep Roc / H’Art<br />

W W W W<br />

Der Albumtitel The Blues Is Alive<br />

and Well passt. Denn Buddy<br />

Guy macht mit fast 82 noch<br />

einen fitten Eindruck. Dabei gehört<br />

der Sänger/Gitarrist zu den<br />

letzten lebenden Größen des<br />

Chicago Blues der Nachkriegs-<br />

Ära. Das wissen auch Mick<br />

Jagger und Keith Richards zu<br />

schätzen. Schließlich hatten<br />

sich die Rolling Stones schon<br />

in jungen Jahren von Muddy<br />

Waters & Co inspirieren lassen.<br />

So sind die beiden alten Herren<br />

samt Rock-Legende Jeff Beck<br />

und Newcomer James Bay<br />

nun Guys Album-Gäste. Die<br />

14 Blues-Songs sind modern<br />

arrangiert. Herausragend: „Old<br />

Fashioned“ im mittleren Tempo<br />

mit schneidender Gitarre und<br />

satten Bläsern. Dazu singt, ja<br />

schreit Buddy seinen Blues.<br />

Auf dem Albumcover posiert er<br />

mit seiner Fender-Stratocaster<br />

vor dem Straßenschild von<br />

Lettsworth, seinem Geburtsort<br />

in Louisiana.<br />

Bei „Take a Little Louisiana“<br />

gerät die Sängerin und<br />

Pianistin Marcia Ball aus dem<br />

Häuschen. Dieses Stück mit<br />

Zydeco-Einfluss lässt ihr Album<br />

Shine Bright ausklingen. Die<br />

69-Jährige hat die meisten<br />

Songs selbst komponiert. Dabei<br />

lässt sie die Tradition des New-<br />

Orleans-Pianos aufleben.<br />

Auch Janiva Magness ist eine<br />

gestandene Blues-Lady. Für<br />

ihren Mix aus Blues, Balladen<br />

und Souligem auf Love Is an<br />

Army gewann die gebürtige<br />

Detroiterin u.a. Charlie<br />

Musselwhite (hca) und Cedric<br />

Burnside (g), Enkel des 2005<br />

verstorbenen Mississippi-<br />

Blues-Manns R. L. Burnside.<br />

Der Blues macht sich auf dem<br />

aktuellen Album von Beth<br />

Hart eher rar, auch wenn der<br />

Slide-Gitarrist Sonny Landreth<br />

als Gast vorbeischaut. Die<br />

Produzenten haben alles im<br />

Iridium Jazz-Club am Broadway<br />

in Manhattan mitschneiden lassen.<br />

Wer die Tracks <strong>–</strong> vor allem<br />

Rock, Balladen und Jazziges<br />

<strong>–</strong> nicht nur hören, sondern das<br />

Konzert auch sehen will, greift<br />

zur DVD.<br />

Joe Bonamassa, häufig Beth<br />

Harts musikalischer Partner,<br />

hat mit British Blues Explosion<br />

Live wieder einen Verkaufsschlager.<br />

Die Aufnahmen des<br />

Amerikaners und seiner Band<br />

stammen von einer 2016er<br />

UK-Tournee. Im Mittelpunkt:<br />

ein Rückblick auf das englische<br />

Blues-Revival der 60er Jahre.<br />

Originell: ein Medley von Jimmy<br />

Pages „Tea for One“ und „I<br />

Can’t Quit You Baby“, eigentlich<br />

ein Song von Willie Dixon.<br />

In Bonamassas Fußstapfen<br />

treten möchte der britische<br />

Gitarrist Kris Barras. Auf The<br />

Divine and Dirty spielen der<br />

Blues Time<br />

Bluesrocker und seine Combo<br />

elf Tracks, die teilweise viel<br />

Blues-Feeling haben.<br />

Etwa die gleiche Richtung<br />

schlägt Black Stone Cherry<br />

ein. Das Quartett aus Kentucky<br />

spielt seit fast zwei<br />

Jahrzehnten in der Southern-<br />

Rock-Szene eine Rolle. Die<br />

neue Platte gewinnt durch<br />

einen Gastauftritt von Warren<br />

Haynes, ehemals The Allman<br />

Brothers Band.<br />

Nach dreijähriger Pause<br />

meldet sich Tinsley Ellis mit<br />

viel klirrender Gitarre zurück.<br />

Winning Hand <strong>–</strong> das ist guter,<br />

handgemachter Blues und<br />

Bluesrock in Quartett-Besetzung.<br />

Wie sein verstorbener Onkel<br />

John Lee stammt Archie Lee<br />

Hooker aus Mississippi. Auf<br />

Chilling, aufgenommen mit seiner<br />

Coast to Coast Blues Band,<br />

erzählt Archie Lee die Story<br />

seines berühmten Verwandten.<br />

Der hatte nach dem Zweiten<br />

Weltkrieg den Detroit Blues<br />

mitgeprägt, kam aber erst viel<br />

später zusammen mit Rock-<br />

Stars beim Pop-Publikum gut<br />

an. Archie Lee und Co spielen<br />

auf dem Album 17 Blues-Songs<br />

alter Schule. Und die heben<br />

sich wohltuend vom heute verbreiteten<br />

Bluesrock-Einerlei ab.<br />

Fantastic Negrito alias Xavier<br />

Dphrepaulezz von der US-<br />

Westküste nennt sein Album<br />

Please Don’t Be Dead. Auf dem<br />

Cover liegt er im Krankenbett.<br />

Bei einem schweren Autounfall<br />

1999 kam der Musiker fast ums<br />

Leben. Er war wochenlang<br />

im Koma. Wie der 50-Jährige<br />

erzählt, fürchtet er nun um die<br />

Zukunft seiner Kinder durch<br />

alltägliche Gewalt in Amerika.<br />

So drücken die meisten Songs<br />

der Platte Verzweiflung und<br />

Trübsinn aus. Musikalisch<br />

versucht der Sänger/Gitarrist,<br />

Blues, Soul, Rock und Funk zu<br />

verschmelzen.<br />

Mit Born in Oakland haben die<br />

Delta Wires ihre siebte CD<br />

gemacht. Die nordkalifornische<br />

Band um den Harpspieler Ernie<br />

Pinata wirkt mit viel Gebläse<br />

wie eine bluesige Antwort auf<br />

Tower of Power. Sie garantiert<br />

jede Menge Drive. Was für<br />

Partys und zum Tanzen.<br />

In Los Angeles haben Kellie<br />

Rucker (voc, hca), JJ Holiday<br />

(e-g) und Michael Barsimanto<br />

(dr) die Band Soul Return<br />

gegründet. Das Ergebnis: zwölf<br />

einfallsreiche, von Blues,<br />

Soul, Jazz und Rock inspirierte<br />

Songs.<br />

Dave Alvin & Jimmie Dale Gilmore<br />

sind vor allem in der Welt<br />

der Country- und Folk-Musik zu<br />

Hause. Aber die Grenzen sind<br />

fließend. Schon der Titelsong<br />

„Downey to Lubbock“ ist<br />

ein Blues. Alvin stammt aus<br />

Downey bei L.A., Gilmore aus<br />

Lubbock, Texas. Und so wird<br />

ein Lied daraus. Die beiden<br />

Gitarristen und Sänger holen<br />

noch mehr Blues hervor <strong>–</strong> wie<br />

„Buddy Brown’s Blues“ von<br />

Lightnin‘ Hopkins und „K.C.<br />

Moan“ von der Memphis Jug<br />

Band. Zu empfehlen.<br />

Martin Feldmann<br />

78 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Karl Schmid und Leonhard Huhn<br />

tendieren zum leisen, nuancenreichen,<br />

ungemein beweglichen<br />

und melodisch raffinierten Spiel.<br />

Sie agieren schnell, flüssig und<br />

elegant und dabei immer mit<br />

Überraschungen im kleinen<br />

Gepäck. Beide pflegen ein eher<br />

sanftes und biegsames klangliches<br />

Erscheinungsbild. Zuweilen<br />

mischt sich Mikrotonales in die<br />

melodischen Verläufe, aber nie<br />

als Special Effect im spektakulären<br />

Vordergrund, sondern<br />

einfach so im Lauf der Dinge.<br />

Stefan Schönegg am Bass und<br />

Schlagzeuger Fabian Arends<br />

wissen stets sehr genau, was in<br />

der Rhythm Section gebraucht<br />

wird: Alles, was die beiden hören<br />

lassen, wirkt präzise, behutsam,<br />

feinsinnig und wohlüberlegt.<br />

Die Stimmung ist cool, aber wir<br />

haben es hier weniger mit einer<br />

Neubelebung von Cool Jazz zu<br />

tun, sondern vielmehr mit einer<br />

zeitgemäßen Reformulierung dieser<br />

schönen alten Haltung: Jazz<br />

wird hier in puncto Raffinement<br />

auf gemeinsamer Augenhöhe<br />

mit der sogenannten E-Musik<br />

betrieben, aber die spielerische<br />

Note, eine umfassende<br />

Leichtigkeit sowie ein abwechslungsreicher<br />

Groove prägen die<br />

Musik so, dass jeglicher Eindruck<br />

von Pathos und Anstrengung<br />

unterbleibt.<br />

Unkonventionell ist für Jazz-Verhältnisse<br />

auch die Vertriebsform<br />

dieser Musik. Es gibt sie nur zum<br />

Downloaden. Das physische Produkt<br />

ist ein Digi-Sleeve, das man<br />

zu einer schönen Collage von<br />

Örni Ingi auffalten kann, die auch<br />

Infos und Fotos enthält sowie<br />

einen Download-Code.<br />

Hans-Jürgen Linke<br />

Veljo Tormis gehört zu den wichtigsten<br />

estnischen Komponisten.<br />

Eines der größten Verdienste<br />

des Lehrers von Arvo Pärt war<br />

es, die estnische Vokalmusik<br />

aufzuschreiben und weiterzuentwickeln.<br />

Auch seine eigenen<br />

Werke basieren oft auf traditioneller<br />

estnischer Volksmusik.<br />

Zum 85. Geburtstag von Tormis<br />

2015 initiierte das Tallinner Festival<br />

Jazzkaar eine improvisierte<br />

Herangehensweise an dessen<br />

Werke. Das war der Startpunkt<br />

des Tormis Quartet, eines<br />

interessanten Projekts in sehr<br />

ungewöhnlicher Besetzung. Zwei<br />

Frauenstimmen, die mit Effekten<br />

auch zum ganzen Chor aufgepeppt<br />

werden können oder mit<br />

Verzerrern und Sweep-Effekten<br />

selbst zur E-Gitarre mutieren, plus<br />

zwei E-Gitarren: Damit werden<br />

die estnischen Volksweisen<br />

ganz schön gegen den Strich<br />

gebürstet. Die Sängerinnen Kadri<br />

Voorrand (vor allem durch die<br />

Estonian Voices bekannt) und<br />

Liisi Koikson nehmen den Zuhörer<br />

zu einem wilden Ritt durch die<br />

unterschiedlichsten Sounds mit.<br />

Dagegen sind die beiden<br />

E-Gitarren, gespielt von Jaak<br />

Sooäär und Paul Daniel, die<br />

ebenfalls mit Effekten und<br />

Verzerrern operieren, geradezu<br />

brav. Das Quartett hat sich aus<br />

dem großen vokalen Werk von<br />

Tormis estnische Hochzeitslieder,<br />

Spiellieder und Stücke zum<br />

Katharinentag zur Bearbeitung<br />

ausgesucht. Da flirren die Akkorde<br />

der Gitarren wie der Horizont<br />

an einem heißen Sommertag, die<br />

ebenfalls engen Voicings bei den<br />

Frauenstimmen wechseln sich mit<br />

sehr rudimentärer Harmonik ab.<br />

Angela Ballhorn<br />

Es ist zwar bereits das siebte<br />

Album des Saxofonisten aus<br />

Detroit, aber sein Debüt auf Blue<br />

Note. Das mag kein Zufall sein,<br />

ist McMurray doch schon lange<br />

mit Blue-Note-Präsident Don<br />

Was befreundet und war einst<br />

Mitglied in dessen Band Was<br />

(Not Was). Auch als Sessionmusiker<br />

verfügt er über vielfältigste<br />

Erfahrungen, spielte mit Bob<br />

Dylan, The Rolling Stones, Herbie<br />

Hancock oder Bootsy Collins ein<br />

buntes Spektrum von Jazz über<br />

Funk bis Rock. Dieses breite<br />

Können zeigt McMurray auch<br />

auf Music Is Life, einem der wohl<br />

funkigsten Blue-Note-Mainstream-Alben<br />

der letzten Jahre<br />

mit einem unverwechselbaren,<br />

kraftvollen Sound. Bestes Beispiel<br />

dafür ist das lebhafte Titelstück<br />

mit seinem feinen Groove.<br />

An Detroits musikalisches Erbe<br />

als eine der großen Musikhauptstädte<br />

der Welt erinnert der<br />

Saxofonist mit „Bop City D“ und<br />

„Detroit Theme/Detroit 3“. Außer<br />

neun Eigenkompositionen gibt<br />

es noch einige Coverversionen,<br />

darunter die jazzig gespielte<br />

P-Funk-Nummer „Atomic Dog“<br />

von George Clinton und „Que<br />

Je T‘aime“ des legendären<br />

französischen Rock‘n‘Roll-Sängers<br />

Johnny Hallyday, mit dem<br />

McMurray einige Jahre tourte.<br />

Auf all diesen Konzertreisen erlangte<br />

der Detroiter ausgeprägte<br />

musikalische Fähigkeiten, auf die<br />

er bei diesem Album zurückgreift.<br />

Olaf Maikopf<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

was im Hauptstrom des Jazz in<br />

seiner klassischen Besetzung<br />

möglich ist: Mit „Friends“ von<br />

den Beach Boys und dem kryptopolitischen<br />

Titelstück bieten<br />

Mehldau und seine kongenialen<br />

Partner Jeff Ballard und Larry<br />

Grenadier zwei unerhört feine<br />

Jazz-Walzer, dazu kommt ein<br />

als Hi-End-Uptempo-Swing<br />

getarnten Broadway-Song,<br />

(„Almost Like Being in Love“),<br />

saftige Hardbop-Kost (Elmo<br />

Hopes „De-Dah“) und mit „Ten<br />

Tune“ <strong>–</strong> einer der drei Eigenkompositionen<br />

<strong>–</strong> ein Stück fugenhaft<br />

streng klassizistische Moderne<br />

im Jazz-Outfit. Dann ist da noch<br />

Mehldaus melodisch-groovige<br />

Version von Paul McCartneys<br />

„Great Day“, die in ihrer<br />

Ausführung ein wenig an das<br />

Keith Jarrett Trio erinnert; doch<br />

Mehldau kommt ohne den Hang<br />

zur Selbstverliebtheit des großen<br />

Stars und dessen Tendenz zur<br />

Weitschweifigkeit aus. Eingerahmt<br />

wird alles durch „Spiral“,<br />

den gelassen-quirligen Opener<br />

und <strong>–</strong> als Ausklang <strong>–</strong> „Beatrice“,<br />

eine beschleunigte Ballade von<br />

Sam Rivers. Die CD ist warenästhetisch<br />

ansprechend verpackt<br />

in ein Albumcover, das Seymours<br />

Versuche, den Ausverkauf der<br />

amerikanischen Verfassung<br />

zu pointieren, äußerst catchy<br />

illustriert. Das Album zelebriert<br />

hochwertigste Jazz-Kost. Wie<br />

nach einem guten Wein ist man<br />

nach dem Kosten angefixt und<br />

legt es zum späteren Naschen<br />

schon mal aufs Nachttischchen.<br />

Jan Kobrzinowski<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Tormis Quartet<br />

Tormisele<br />

o-tone / Edel:Kultur<br />

W W W W o<br />

Dave McMurray<br />

Music Is Life<br />

Blue Note / Universal<br />

W W W W<br />

Brad Mehldau Trio<br />

Seymour Reads the Constitution!<br />

Nonesuch / Warner<br />

W W W W W<br />

Brad Mehldau kehrt nach<br />

seinem Ausflug in die Welt des<br />

Großmeisters J. S. Bach wieder<br />

zurück zum Trio-Jazz und legt ein<br />

Album vor, das einiges bereithält,<br />

Ketil Bjørnstad<br />

A Suite of Poems<br />

ECM / Universal<br />

W W W<br />

Hotelzimmer bieten einem<br />

Reisenden oftmals den einzigen<br />

privaten Rückzugsraum und<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 79


Tonspuren<br />

die Möglichkeit, die vielen<br />

Eindrücke zu verarbeiten. Der<br />

norwegische Schriftsteller Lars<br />

Saabye Christensen schrieb<br />

über Jahre in der ganz eigenen<br />

anonymen Stimmung dieser<br />

Zimmer Gedichte auf Postkarten<br />

und sendete sie an Ketil Bjørnstad,<br />

einen Freund aus seiner<br />

Jugendzeit. So entstand über<br />

die Jahre eine Sammlung aus<br />

Gedichten. Bjørnstad vertonte<br />

dreizehn dieser Gedichte und<br />

nahm sie zusammen mit der<br />

Sängerin Anneli Drecker auf.<br />

Bei diesem Album lohnt es sich,<br />

neben dem Hören die Lyrics<br />

mitzulesen, um besser in die<br />

eigenständige Klangwelt zwischen<br />

Schönheit, Wärme und<br />

Melancholie einzutauchen, die<br />

zweifelsohne von der Lyrik der<br />

Gedichte maßgeblich vorgegeben<br />

wird. Jedes Stück für sich<br />

klingt rund und in sich geschlossen,<br />

und Anneli Dreckers fragiler<br />

Gesang schafft zusammen<br />

mit Bjørnstads klanglicher<br />

Ausleuchtung der Gedichte auf<br />

dem Klavier eine sehr intime<br />

Stimmung. Bei „Astor Crowne,<br />

New Orleans“ zeigt sich, dass<br />

die Stimmung auch wechseln<br />

kann. Durch seinen bluesigen<br />

Charakter schafft es eine wunderbare<br />

Abwechslung, die dem<br />

Album guttut. Das Stück steht in<br />

der Album-Mitte und markiert<br />

einen Wendepunkt, da ab hier<br />

auch die Tonarten der Stücke,<br />

die in der ersten Hälfte recht<br />

ähnlich sind, mehr Abwechslung<br />

bieten.<br />

Thomas Bugert<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

licherweise von Dizzy Gillespie<br />

während der Konzertpausen<br />

geknabbert wurden, wer weiß<br />

das schon. Und jetzt kommen<br />

Ulf Meyer, Gitarre, und Martin<br />

Wind, Bass, und brauchen<br />

nach dem Auftritt oder nach der<br />

Probe zur oralen Stimulation<br />

Lakritz und Bier. Nach dem<br />

Auftritt, nach der Probe, das<br />

heißt: Die Hochspannung und<br />

das Adrenalin sind noch nicht<br />

verschwunden, machen aber<br />

keinen Stress mehr, stattdessen<br />

hat sich die Stimmung in eine<br />

angenehm wache Angeregtheit<br />

verwandelt. Man spielt nicht<br />

mehr fürs Publikum, sondern für<br />

sich selbst und den Mitmusiker:<br />

eher verbindlich und intim als<br />

expressiv, hellhörig und ohne<br />

Druck, aber mit Ausdruck.<br />

„Blackbird” von Paul McCartney<br />

ist dabei, Joni Mitchells „Big<br />

Yellow Taxi“ oder auch „Black<br />

Night“ von Deep Purple, in einer<br />

Version ganz ohne Schwermetall.<br />

Ulf Meyer hat selbst einige<br />

Kompositionen beigetragen<br />

(zum Beispiel das titelgebende<br />

„Licorice and Beer“ sowie die<br />

zwei tief entspannten Titel „Ach<br />

wie gut“ und „On My Sofa“),<br />

und so reihen sich zwölf Stücke<br />

auf einer Zeitstrecke von weit<br />

über einer Stunde aneinander<br />

und bilden eine unaufdringliche,<br />

feinsinnig gemeinsam<br />

gestaltete, dabei immer wieder<br />

überaus virtuos interpretierte<br />

Suite von Gitarre-Bass-Duos.<br />

All das ergibt eine wunderbar<br />

feierabendliche Mischung aus<br />

feinem Können, großer Musikalität<br />

und entspanntem Zuhören<br />

auf hohem Niveau.<br />

Hans-Jürgen Linke<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

ausschließlich auf Vinyl heraus,<br />

die man entweder über das<br />

Jahr verteilt abonnieren oder<br />

als massive Vinylschatzkiste<br />

komplett haben kann. Das Label<br />

richtet sich bewusst an den<br />

Gourmet, der die gediegenen<br />

Layouts gern in die Hand nimmt<br />

und sich in die Fortsetzungs-<br />

Liner-Notes vertieft und dafür<br />

die entsprechenden Scheinchen<br />

flattern lässt. Die sechs Alben<br />

der dritten Ausgabe sind höchst<br />

unterschiedlicher Natur. Der in<br />

Deutschland sträflich übersehene<br />

Gitarrist Steve Cardenas<br />

verneigt sich auf Charlie & Paul<br />

mit Loren Stillman, Thomas<br />

Morgan und Matt Wilson auf<br />

sehr warme und persönliche<br />

Weise vor Charlie Haden und<br />

Paul Motian. Auf Strata geben<br />

sich der isländische Bassist<br />

Skuli Sverrisson und Gitarrist Bill<br />

Frisell ein Stelldichein, das vor<br />

neuem Hintergrund an Frisells<br />

Debüt In Line erinnert. Lionel<br />

Loueke präsentiert mit Bassist<br />

Reuben Rogers und Drummer<br />

Eric Harland das allererste<br />

Standard-Album seiner Laufbahn.<br />

Der Chicagoer Saxofonist<br />

Andy Zimmerman tritt auf Half<br />

Light gemeinsam mit Dave<br />

Douglas, Kevin Hays und Matt<br />

Penman eine kontemplative<br />

Pilgerreise an. Stärker an neue<br />

Musik angelehnt sind die Klänge<br />

des kubanischen Trommlers<br />

Francisco Mela auf Ancestors,<br />

mit dabei unter anderem Pianistin<br />

Kris Davis. Ein Kleinod ist Fair<br />

Weather von Trompeter Jason<br />

Palmer, der mit Leo Genovese,<br />

Joe Martin und Kendrick Scott<br />

neue Töne in bekannten Idiomen<br />

anschlägt.<br />

Wolf Kampmann<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Mit The Reason Why Vol. 3<br />

beendet der schwedische<br />

Trompeter Goran Kajfeš eine<br />

Trilogie, deren ersten Teil er<br />

2013 mit seinem Suptropic<br />

Arkestra vorlegte. Alle Alben<br />

verfolgen die Idee, Musik zu<br />

interpretieren, die die zehn<br />

Musiker inspiriert hat.<br />

Das Spektrum reicht hier<br />

von Musik der Psychedelic-<br />

Rock-Band US69 bis zu einer<br />

Komposition des Äthiopiers<br />

Hailu Mergia, dessen Song<br />

„Ibakish Tarekigne“ die Band<br />

mit einer Leichtigkeit spielt,<br />

dass die Musik knapp über<br />

dem Boden zu tanzen scheint.<br />

Zu dieser Leichtigkeit trägt<br />

sicherlich auch Per „Ruskträsk“<br />

Johansson bei, dessen<br />

Bariton-Sax-Spiel zeigt, wie<br />

luftig leicht dieses Instrument<br />

klingen kann. Ähnlich luftig<br />

vom Groove ist „Le Monde<br />

Avait“ von Bernard Fevre, das<br />

ursprünglich aus dem Bereich<br />

der elektronischen Tanzmusik<br />

stammt. Beim Subtropic<br />

Arkestra entwickelt das Stück<br />

durch die unterschiedlichen<br />

Mischungen von Sopransax,<br />

Gitarre und Flöte einen ganz eigenen<br />

sphärischen Charakter.<br />

Weitaus wichtiger als einzelne<br />

Solisten ist der Gesamtklang<br />

des Orchesters, bei dem die<br />

einzelnen Instrumente zu<br />

einem großen Ganzen verschmelzen.<br />

So ist auch Jonas<br />

Kullhammars Saxofon-Solo bei<br />

der fast schon sakralen Version<br />

von „You Can Count on Me“<br />

mehr eine Klanglandschaft als<br />

ein klassisches Solo, die von<br />

einer Band begleitet wird. The<br />

Reason Why Vol 3 ist mit interessanten<br />

Arrangements und<br />

Interpretationen ein Album mit<br />

Coverstücken im besten Sinne.<br />

Thomas Bugert<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

David Helbock’s Random Control<br />

Tour d’horizon<br />

ACT / Edel:Kultur<br />

W W W W<br />

Ulf Meyer / Martin Wind<br />

Licorice and Beer<br />

Laika / Rough Trade<br />

W W W W<br />

Vor fast zwei Menschenaltern<br />

gab es einen Bebop-Hit mit<br />

gesalzenen Erdnüssen, die mög-<br />

Various Artists<br />

Newvelle Season Three<br />

Newvelle Records<br />

W W W W<br />

Das französische Label Newvelle<br />

bringt innerhalb eines Jahres<br />

sechs exklusive Jazzalben<br />

Goran Kajfeš Subtropic Arkestra<br />

The Reason Why Vol. 3<br />

Headspin / Edel:Kultur<br />

W W W o<br />

Trotz unüberhörbarem Spaßeffekt<br />

huldigt David Helbock mit<br />

seinen Kollegen immer wieder<br />

mit großer Genauigkeit seinen<br />

großen Idolen, mit vollem Ernst,<br />

stets aber mit Augenzwinkern.<br />

Nachdem er vor einiger Zeit<br />

80 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


schon den Hut vor Thelonious<br />

Monk und Hermeto Pascoal<br />

gezogen hatte, reist der<br />

Vorarlberger Tastenmann nun<br />

unter Aufbietung des bekannt<br />

umfangreichen Random/Control-Instrumentariums<br />

seiner<br />

Mitstreiter mit uns durch das<br />

ganz persönliche „Who is who“<br />

seiner (Piano-)Jazzgeschichte.<br />

Da tragen selbst Gassenhauer<br />

die Handschrift des etwas<br />

anderen Standard-Trios: Wenn<br />

Chick Coreas „Spain“ von<br />

Beatboxing begleitet und „Take<br />

Five“ von Alphorn, Tuba und<br />

Didgeridoo ausgeführt werden,<br />

so zeugt das nicht nur von<br />

unbekümmertem Eklektizismus,<br />

sondern offenbar auch von<br />

einem spezifisch alpenländischem<br />

Umgang mit musikalischen<br />

Vorlagen. Fast rührend<br />

zu nennen ist die Verbeugung<br />

des Pianisten vor Keith Jarrett:<br />

„My Song“ hörte er schon im<br />

Mutterleib; „Wahrscheinlich<br />

eine der ersten Kompositionen,<br />

die ich je gehört habe, denn<br />

meine Mutter lauschte dieser<br />

Musik während ihrer gesamten<br />

Schwangerschaft.“<br />

Jan Kobrzinowski<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Sebastian Gramss’ States of Play<br />

Out & About<br />

rent a dog / Al!ve<br />

W W W W W<br />

Der Bassist Sebastian Gramss<br />

gehört zu den produktivsten<br />

Ideengebern im Jazz. Kaum<br />

jemand hat noch den Überblick<br />

über all die Projekte, an denen<br />

er mehr oder weniger führend<br />

beteiligt ist, darunter Underkarl,<br />

Fossile 3, Slowfox, oirTrio, Das<br />

Mollsche Gesetz, Bassmasse,<br />

Basz, Double the Double Bass,<br />

Multibass Orchester 4 und<br />

Thinking Of. Seit einiger Zeit verfolgt<br />

Gramss nachdrücklich ein<br />

„makropolyphones“ Jazzkonzept<br />

<strong>–</strong> gemeint ist, dass mehrere<br />

Ensembles in simultanen oder<br />

„morphenden“ Klangprozessen<br />

vermischt werden. Out & About<br />

vereinigt in drei Trios neun<br />

Musiker: die Bläser Valentin<br />

Garvie, Rudi Mahall und Pierre<br />

Borel, den Gitarristen Tobias<br />

Hoffmann, den Pianisten Philip<br />

Zoubek, die Bassisten Christian<br />

Ramond und Sebastian Gramss<br />

und die Schlagzeuger Dominik<br />

Mahnig und Etienne Nillesen.<br />

Das Ergebnis <strong>–</strong> 17 Stücke,<br />

destilliert aus drei Konzerten <strong>–</strong><br />

folgt einer Art von Zap-Ästhetik<br />

mit weichen Crossfades. Stücke<br />

gehen ineinander über, Bands<br />

spielen nebeneinander her,<br />

Abläufe verharren in Tonbildern,<br />

und Gitarrensurf-Twang trifft auf<br />

Freejazz-Orchester. Eine surreale<br />

Jazz-Vision, in der aber Platz<br />

bleibt für schöne Kompositionen<br />

und inspirierte Solisten. Gramss’<br />

großes Idol Charles Mingus, der<br />

selbst auch mit Simultanmelodien<br />

experimentierte, ist immer<br />

präsent.<br />

Hans-Jürgen Schaal<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Stefan Grasse<br />

Entre cielo y tierra<br />

Xolo / Galileo<br />

W W W o<br />

Der gebürtige Münchner hat<br />

gleichermaßen klassische<br />

Gitarre als auch Jazz bei<br />

Peter O’Mara studiert. Seine<br />

neueste Aufnahme zeigt ihn im<br />

Ensemble mit seinem Quartett,<br />

gemeinsam mit der exzellenten<br />

Akkordeonistin und Klarinettistin<br />

Bettina Ostermeier,<br />

Bassist Christian Diener sowie<br />

Drummer und Vibraphonist Radek<br />

Szarek. Mit gut gelauntem<br />

Latino-Jazz umschmeichelt der<br />

Opener „Naxos Island Bar“ den<br />

Zuhörer. Das erinnert zunächst<br />

an die akustischen Ausflüge<br />

von Kenny Burrell. Filigran und<br />

virtuos brilliert der Gitarrist<br />

durch das beschwingte „Boats<br />

of Hope“, dessen ernster Mittelteil<br />

Grasses musikalischen<br />

Kommentar auf die weltweite<br />

Flüchtlingsthematik darstellt.<br />

Welche kompositorischen<br />

Qualitäten wirklich in Grasse<br />

stecken, wird jedoch erst in<br />

„Tango para un lobo“ deutlich.<br />

Fernab von gefälligen Bossa-<br />

Nova-Rhythmen zeigt der Musiker<br />

hier seine Meisterschaft<br />

auf der klassischen Gitarre,<br />

erzählt Geschichten ohne Worte<br />

und lässt Klischees hinter<br />

sich. In den besten Stücken des<br />

Albums gelingt der Formation<br />

der Spagat aus spanischem<br />

Temperament und spielerischer<br />

Klangpoesie. Besonders das<br />

Titelstück legt hiervon Zeugnis<br />

ab. Aber auch Stücke wie<br />

„Savitha“ mit orientalischen<br />

Anklängen bestechen durch<br />

originelle Instrumentierungen<br />

und Arrangements. Grasse<br />

weiß immer dann am meisten<br />

zu überzeugen, wenn er<br />

ausgetretene Jazz-Pfade hinter<br />

sich lässt.<br />

Andreas Schneider<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong>


Kolumne<br />

Arctic Monkeys<br />

Tranquility Base<br />

Hotel & Casino<br />

Domino / Good to Go<br />

W W W W o<br />

Giant Sand<br />

Returns to Valley<br />

of Rain<br />

Fire / Cargo<br />

W W W W<br />

Kreisky<br />

Blitz<br />

Wohnzimmer /<br />

Rough Trade<br />

W W W o<br />

Milliarden<br />

Berlin<br />

Vertigo / Universal<br />

W W W o<br />

David Eugene Edwards &<br />

Alexander Hacke<br />

Risha<br />

Glitterhouse / Indigo<br />

W W W W<br />

John Parish<br />

Bird Dog Dante<br />

Thrill Jockey / Rough Trade<br />

W W W W<br />

E<br />

Negative Work<br />

Thrill Jockey / Rough Trade<br />

W W W o<br />

Willie Nelson<br />

Last Man Standing<br />

(Legacy / Sony)<br />

W W W W<br />

Body & Soil<br />

Wer hat nicht gern Überraschungen?<br />

Das neue Album<br />

der Arctic Monkeys ist eine<br />

faustdicke Überraschung.<br />

Fünf Jahre nach ihrem letzten<br />

Studioalbum hat das Quartett<br />

aus dem britischen Sheffield<br />

alle Rock-Elemente über den<br />

Haufen geworfen und brilliert<br />

mit einem Album, das sich zu<br />

gleichen Teilen aus Soul und<br />

Jazz zusammensetzt: Sie kommen<br />

mit ganz wenigen Mitteln<br />

aus, um ein Höchstmaß an<br />

effektiver Eingängigkeit zu<br />

finden. Die Songs leben von<br />

den fokussierten Zwischentönen<br />

und dem unverbrauchten<br />

Space zwischen Polen wie<br />

David Bowie und Marvin Gaye.<br />

Zu ihren Anfängen kehren<br />

Giant Sand zurück. Die<br />

eigentlich schon aufgelösten<br />

Wüstenrocker um Howe Gelb<br />

haben ihr allererstes Album<br />

von 1985 noch einmal eingespielt<br />

und versehen es jetzt<br />

mit der vollen Wucht ihrer<br />

Lebenserfahrung. Das ist groß<br />

und druckvoll, und trotzdem<br />

erliegen sie nicht der Versuchung,<br />

es besser zu machen<br />

als damals. Sie machen es<br />

einfach nochmal, nicht mehr<br />

und nicht weniger. Der Grund?<br />

Weil es so viel Spaß macht.<br />

Da könnten auch noch mehr<br />

Bands drauf kommen.<br />

Deutschsprachige Musik<br />

kommt hier eher selten zum<br />

Tragen, aber für die aktuelle<br />

Ausgabe haben wir gleich<br />

zwei davon. Die Wiener Band<br />

Kreisky schaut der alternativen<br />

Spießerseele, sei es nun<br />

in Wien oder Berlin, tief in die<br />

Abgründe. Aus der Verlogenheit<br />

der Gesellschaft macht<br />

sie sich auf ihrer neuen Platte<br />

Blitz ein diebisches Vergnügen.<br />

Mit einem Sound und<br />

noch viel mehr einer Attitüde,<br />

die an die britische Postpunk-<br />

Band The Fall erinnern,<br />

beweisen sie, dass deutsche<br />

Texte sich nicht grundsätzlich<br />

zwischen Aussage und literarischem<br />

Anspruch entscheiden<br />

müssen. Bei Kreisky geht<br />

beides. Die Berliner Band Milliarden<br />

benennt ihre zweite<br />

CD nach ihrer Heimatstadt.<br />

Ging es auf ihrem knackigem<br />

Debütalbum Betrüger um<br />

griffige Parolen, hat sich die<br />

Band auf der neuen Scheibe<br />

nach eigenem Bekunden die<br />

Architektur des Menschen auf<br />

die Fahnen geschrieben. Die<br />

Punk-Balladen des Duos sind<br />

etwas weicher geworden, dafür<br />

bringen sie das Innenleben<br />

des ganz normalen Großstadtbewohners<br />

ebenso präzise<br />

wie einfühlsam auf den Punkt.<br />

Wanderprediger David Eugene<br />

Edwards legt eine Pause<br />

mit seiner Band Wovenhand<br />

ein und trifft sich auf Risha mit<br />

dem Einstürzenden Neubau<br />

Alexander Hacke. Letzterer<br />

spielt selbst keinen Ton, sondern<br />

bringt Edwards’ Sounds<br />

voll zur Entfaltung. Das Pathos<br />

der Produktion ist durchaus<br />

mit Wovenhand zu vergleichen,<br />

nur gibt es statt der<br />

aufgewummerten Americana<br />

eher orientalische Reminiszenzen<br />

und einen relativ<br />

starken Elektronik-Einschlag.<br />

Das Ganze kommt über den<br />

Hörer wie ein Schwarm Heuschrecken<br />

oder ein Tsunami.<br />

Schwer zu entscheiden, ob<br />

das Album das Ende oder den<br />

Anfang oder beides, in welcher<br />

Reihenfolge auch immer,<br />

verkörpert.<br />

Der britische Produzent<br />

Jon Parish ist ein Mann des<br />

vorsichtigen Aufschlags. Er<br />

bringt nicht oft eigene Alben<br />

raus, aber wenn doch, lässt<br />

er sich stets etwas einfallen.<br />

Einige Songs seiner neuen<br />

CD basieren auf Soundtrack-<br />

Ideen, die er zu Liedern<br />

umgebaut hat. Um für vokale<br />

Abwechslung zu sorgen, hat<br />

er einige seiner sonstigen<br />

Klientinnen wie PJ Harvey<br />

oder Aldous Harding zu der<br />

Produktion eingeladen. Die<br />

Grundstimmung des Albums<br />

ist trotzdem sehr instrumental,<br />

denn gerade in ihrer Vielfalt<br />

werden die Stimmen auch zu<br />

Instrumenten.<br />

Hinter E verbirgt sich nicht<br />

etwa das Logo eines neuen<br />

Soloalbums des Bandleaders<br />

der Eels, sondern eine Band<br />

der ehemaligen Come-Sängerin<br />

Thalia Zedek. Wie gewohnt<br />

handelt es sich um handfesten<br />

Bluesrock, diesmal<br />

vielleicht ein bisschen stärker<br />

in Richtung College-Rock der<br />

1980er Jahre tendierend. Es<br />

ist daher ein wenig back to<br />

the roots für die Sängerin, die<br />

einst in der Punkband Live<br />

Skull begann.<br />

Wurzeln oder nicht, das<br />

ist für Country-Altmeister<br />

Willie Nelson schon lange<br />

keine relevante Frage mehr.<br />

Mit 85 Jahren hat er allen<br />

Grund, sein Album Last Man<br />

Standing zu betiteln. Dabei<br />

hat sein fröhlicher Zynismus<br />

nichts von seiner Wirkung<br />

eingebüßt. Mit einer Stimme,<br />

die immer noch mit allen<br />

30-Jährigen mithalten kann,<br />

und einer ungeheuren Lust am<br />

Fabulieren zeigt er uns, dass<br />

er einfach nicht müde wird.<br />

Last Man Standing klingt weiß<br />

Gott nicht nach Abschied.<br />

Schön, dass es so was noch<br />

gibt.<br />

Wolf Kampmann<br />

Chris Beier<br />

Scarborough Variations<br />

ACT / Edel:Kultur<br />

W W W W o<br />

In den Siebzigern hat Chris<br />

Beier mit Künstlern wie Albert<br />

Mangelsdorff, Aladár Pege und<br />

Toto Blanke gearbeitet, in den<br />

Achtzigern war der 1953 in Trier<br />

geborene Pianist musikalischer<br />

Direktor am Nürnberger Staatstheater.<br />

Seit 1987 ist er Leiter der<br />

Jazzabteilung der Musikhochschule<br />

Würzburg, wo Michael<br />

Wollny zu seinen Schülern<br />

zählte. Anfang des Jahrtausends<br />

wird bei Beier eine fokale<br />

Dystonie diagnostiziert, die ihn<br />

zwingt, sich vom Konzertbetrieb<br />

zurückzuziehen. Dennoch bleibt<br />

er als Komponist und Recording<br />

Artist aktiv: 2008 erscheint mit<br />

Aeolian Green ein Soloalbum,<br />

dessen Stücke in Fragmenten<br />

aufgenommen und anschließend<br />

montiert wurden. Auch die zwölf<br />

Nummern des nun vorliegenden<br />

Nachfolgers Scarborough<br />

Variations, ebenfalls in der ACT-<br />

Serie Piano Works veröffentlicht,<br />

hat Beier in dieser Technik<br />

geschrieben und eingespielt.<br />

Was diese Musik auszeichnet,<br />

ist der lyrische Atem, mit<br />

dem Klassisches und Jazziges<br />

in dieser subtilen Synthese<br />

zusammenfließen, Maurice<br />

Ravel, Paul Hindemith und Alban<br />

Berg auf McCoy Tyner, Friedrich<br />

Gulda und Cecil Taylor treffen.<br />

Auch George Russells Konzept<br />

des Modal Jazz findet sich hier<br />

sublimiert. Zu den Höhepunkten<br />

dieses poetisch-balladesk<br />

gestimmten Albums zählen die<br />

luziden Akkordbrechungen von<br />

„Scarborough Variations“ und<br />

das kantable „December Sun“,<br />

auch Titel wie „Waldgate“ und<br />

„Cloud“ sind entlang von Songstruktur<br />

und -format organisiert.<br />

Dabei Komplexes, Überraschendes<br />

und Unwahrscheinliches<br />

ganz selbstverständlich klingen<br />

82 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


zu lassen, gelingt Beier hier wie<br />

kaum einem anderen.<br />

Harry Schmidt<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Marike van Dijk feat. Jeff Taylor<br />

& Katell Keineg<br />

The Stereography Project<br />

HERT / Membran<br />

W W W W o<br />

Ein neues Album der Altsaxofonistin<br />

und Bandleaderin Marike<br />

van Dijk, dessen heimliche Stars<br />

über den Zusatz „feat.“ ins Licht<br />

gerückt werden. Die beiden Singer/Songwriter<br />

Jeff Taylor und<br />

Katell Keineg haben praktisch<br />

zwei Alben mit eigenen Stücken<br />

in zwei Etappen aufgenommen,<br />

zu denen Marike van Dijk zwei<br />

verschiedene Ensembles mit<br />

Jazz-Bläsern und Streichern<br />

zusammenstellte. Der Anfangssong<br />

„Bastard“ könnte mit<br />

Jeff Taylors brüchiger Stimme<br />

und der verschleppten, etwas<br />

schludrigen Bandbegleitung<br />

auch von Tom Waits sein. Ganz<br />

im Gegensatz dazu wird der<br />

zweite Song „Organelle“ von<br />

zarten Geigen und Blechbläsern<br />

umrahmt. Musikalisch großes<br />

Kopfkino mit Kurt-Weill-Charakter,<br />

vorgetragen von einem<br />

schmerzhaft verzweifelten Vokalisten.<br />

Das fröhliche swingende<br />

„It Swell“ wiederum hat Anklänge<br />

an die Edelschlager von Burt<br />

Bacharach, abgesehen von ein<br />

paar schrägen Dissonanzen, die<br />

das Stück ironisieren und ihm<br />

die Süßlichkeit nehmen. Taylor<br />

klingt hier wie ausgewechselt.<br />

Mit dieser Stimme präsentiert er<br />

amerikanisches Entertainment<br />

der alten Schule. Überraschend<br />

organisch geht es dann im<br />

sechsten Stück „At the Mermaid<br />

Parade“ mit Katell Keineg<br />

weiter. Ihr Gesang erinnert ein<br />

bisschen an die Girl Groups<br />

der 60er Jahre. Das surreale „I<br />

Feel in Love With the World“<br />

schließlich rundet ein Album<br />

ab, in dem exzentrischer Pop,<br />

cineastische Stimmungsbilder,<br />

geschickt dosierte Orchester-<br />

Arrangements und Bigband-<br />

Jazz eine gelungene Synthese<br />

eingehen. Ein Album, das in<br />

keine Schublade passt.<br />

Andreas Schneider<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Papanosh feat. Roy Nathanson<br />

& Marc Ribot<br />

Home Songs<br />

Yellowbird / Soulfood<br />

W W W W<br />

Wirklich greifen kann man<br />

Home Songs nicht: Das neue<br />

Album des französischen<br />

Quintetts Papanosh changiert<br />

irgendwo zwischen einem von<br />

Tom Waits geprägten Zirkus-<br />

Jazz, kantigem Bebop und<br />

dem gepflegtem Chaos, das in<br />

Brooklyn ebenso zu finden ist<br />

wie in einem ganz bestimmten<br />

kleinen gallischen Dorf. Schön,<br />

aber auch irre. Und vielleicht<br />

gerade deshalb schön. Aufgenommen<br />

wurde die Platte in<br />

New York, bei einem Besuch<br />

bei Jazz-Passenger-Gründer<br />

Roy Nathanson, mit dem Papanosh<br />

schon länger zusammenarbeitet<br />

und der auch hier<br />

faszinierende Sprechstücke<br />

einfließen lässt. Dieser war<br />

es auch, der kurzerhand noch<br />

Marc Ribot mit ins Boot holte,<br />

der etwa in „King of the World“<br />

für feine Soli sorgt, sich aber<br />

nicht aufdrängt und auch auf<br />

die bei ihm sonst so beliebten<br />

avantgardistischen Phrasen<br />

verzichtet. Im Mittelpunkt<br />

sollen lieber andere stehen.<br />

Nathanson natürlich, der vor<br />

allem bei „Monsieur Shadows“<br />

einen großartigen Job macht <strong>–</strong><br />

aber eben auch die großartigen<br />

Franzosen mit ihrem ebenso<br />

virtuosen wie mutigen Spiel.<br />

Trompeter Quentin Ghomari<br />

setzt ebenso beeindruckende<br />

Akzente wie Saxofonist Raphaël<br />

Quenehen und Hammond-<br />

und Wurlitzer-Meister<br />

Sébastien Palis. Das führt<br />

mitunter zu überaus wilden<br />

Ausflügen wie bei „Skatefulk“,<br />

dann aber auch zu feinen<br />

Balladen wie dem melancholischen<br />

„Les Colchiques“.<br />

Den schönsten Groove und<br />

auch den ausgeprägtesten<br />

Liedcharakter hat allerdings<br />

der brasilianische Folk-Song<br />

„K‘arallanta“, den Gastsängerin<br />

Linda Oláh mit weicher Stimme<br />

intoniert. Erfreulicherweise<br />

erweist sich diese Mischung<br />

als überaus stimmig und macht<br />

Home Songs zu einem Album,<br />

in das man auf jeden Fall mal<br />

reinhören sollte.<br />

Thomas Kölsch<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Dave Holland<br />

Uncharted Territories<br />

Dare2 / H‘Art<br />

W W W W o<br />

Mit dabei sind Saxofonist Evan<br />

Parker, Schlagzeuger Ches<br />

Smith und Pianist Craig Taborn.<br />

Aber dieses Quartett tritt in den<br />

23 Aufnahmen dieser Doppel-<br />

CD nur fünf Mal in kompletter<br />

Besetzung auf, meist sind es<br />

wechselnde Duo- oder Trio-<br />

Konstellationen. Die Entstehung<br />

dieser freien Improvisationssessions<br />

geht weit zurück, bis zu<br />

Dave Hollands Zusammenarbeit<br />

mit dem britischen Saxofonisten<br />

Evan Parker. Als junge, noch


Kolumne<br />

Charles Mingus<br />

Mingus Ah Um<br />

Green Corner / In-Akustik<br />

W W W W W<br />

Ella Fitzgerald &<br />

Louis Armstrong<br />

Cheek to Cheek<br />

Verve / Universal<br />

W W W<br />

Götz Alsmann<br />

5 Original Albums<br />

Boutique / Universal<br />

W W W<br />

Cassandra Wilson<br />

5 Original Albums<br />

Blue Note / Universal<br />

W W W W<br />

Paco de Lucia<br />

5 Original Albums<br />

Mercury / Universal<br />

W W W W<br />

Charles Mingus’ Album Mingus<br />

Ah Um gehört zu den wichtigsten<br />

Werken des Bassisten, Bandleaders<br />

und Komponisten. Das Eröffnungsstück<br />

„Better Git It in Your<br />

Soul“ startet furios und wechselt<br />

später überraschend das Tempo<br />

in einen Break mit Händeklatschen<br />

zu einem Tenorsax-Solo;<br />

dann wird der boppige Speed<br />

wieder aufgenommen. Neben<br />

den Instrumenten sind Stimmen<br />

der Musiker zu hören. Mingus<br />

„vereinte den Intellektualismus<br />

des Bebop und die poetische<br />

Eindringlichkeit der Beat Poetry“<br />

(so Wolf Kampmann in seiner<br />

Geschichte des Jazz von 1900 bis<br />

Übermorgen). Viele seiner Songs<br />

hatten Texte; seine Musiker<br />

sollten nicht einmal bei Proben<br />

vom Blatt spielen, sondern aus<br />

dem Gedächtnis einen Part<br />

bringen, den Mingus ihnen<br />

vorgesungen hatte. Das passte<br />

vielen Kollegen nicht. Deshalb<br />

und vor allem wegen der<br />

impulsiver Art des Bandleaders<br />

verzeichneten die Ensembles<br />

des eigenwilligen Künstlers eine<br />

ungewöhnlich hohe Fluktuation;<br />

Mingus bezeichnete denn auch<br />

seine Gruppen nicht als Bands,<br />

sondern als Workshops. Bei<br />

der Einspielung von Ah Um in<br />

New York im Mai 1959 waren die<br />

Saxofonisten John Handy, Curtis<br />

Porter und Booker Ervin dabei;<br />

Jimmy Knepper oder Willie<br />

Dennis spielten Posaune; dazu<br />

kamen Horace Parlan (Piano),<br />

der Meister am Bass und Dannie<br />

Richmond (Drums). Ah Um gilt<br />

als Hommage an prägende Jazz-<br />

Persönlichkeiten; so sind Kompositionen<br />

Lester Young, Duke<br />

Ellington, Charlie Parker und Jelly<br />

Roll Morton gewidmet. Lange<br />

bevor das Standard wurde, war<br />

Jazz für Mingus die „Klassische<br />

Musik der Schwarzen“. Während<br />

er einerseits in der Tradition<br />

verwurzelt war, zählt Mingus zu<br />

den Neuerern des Jazz. In seinen<br />

Gruppen wurde schon in den<br />

50er Jahren kollektiv improvisiert;<br />

es gab unvermutete Rhythmus-<br />

und Taktwechsel. Ein Novum<br />

des jetzt vorliegenden Reissues<br />

von Ah Um sind die Stereo- und<br />

Monoversionen, die auf zwei<br />

CDs dargeboten werden. In den<br />

späten 50er Jahren nahmen die<br />

großen Labels simultan zwei<br />

Versionen auf. Mono wurde<br />

weiterhin angeboten, denn ein<br />

großer Teil des Publikums besaß<br />

noch nicht die für die Stereo-<br />

Version notwendigen Abspielgeräte.<br />

Neuerdings gibt es Fans, die<br />

sich für diese überholte Technik<br />

interessieren. Klangfreaks<br />

können nun die verschiedenen<br />

Versionen vergleichen. Erklärungen<br />

über die verschieden Längen<br />

bei etlichen Stücke enthält ein<br />

16-Seiten-Booklet.<br />

Kein Beiheft gehört zur 4-CD-<br />

Box Cheek to Cheek von Ella<br />

Fitzgerald und Louis Armstrong.<br />

Reissue<br />

Wonderland<br />

unbekannte Musiker hatten die<br />

beiden in John Stevens‘ Spontaneous<br />

Music Ensemble gespielt.<br />

Holland nahm diesen Weg des<br />

Free Jazz dann wieder auf, als<br />

er die Band von Miles verließ<br />

und sich Chick Corea, Barry Altschul<br />

und Anthony Braxton für<br />

das kurzlebige Circle Ensemble<br />

anschloss; danach begann er<br />

eine lange Zusammenarbeit mit<br />

dem Avantgarde-Saxofonisten<br />

Sam Rivers <strong>–</strong> und gab natürlich<br />

ein meisterhaftes Debüt als<br />

Leader mit dem Titel Conference<br />

of the Birds mit Rivers, Braxton<br />

und Altschul. Um das erneute<br />

Zusammenspiel mit Parker<br />

nicht zu einem routinierten<br />

Treffen werden zu lassen, holte<br />

Holland eine jüngere Generation<br />

dazu. Eingespielt bei spontanen,<br />

ungeprobten Sessions,<br />

entwickelte sich die Musik<br />

dieser vier extrem spannend.<br />

Besonders gefallen die Bassund<br />

Percussion-Duette sowie<br />

das gelegentliche Orgelbrummen<br />

von Taborn. Doch ein ganz<br />

besonderer Genuss sind die<br />

Stücke mit dem vollen Quartett,<br />

entwickeln sich zwischen den<br />

Beteiligten doch hier eine Reihe<br />

tiefer, vielschichtiger Kommunikationen.<br />

Ein Album, mit dem<br />

der in der Vergangenheit oft<br />

fruchtbare Austausch zwischen<br />

der amerikanischen und der<br />

britischen Free-Jazz-Szene<br />

eine überzeugende Fortsetzung<br />

erfährt.<br />

Olaf Maikopf<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Frank Wingold<br />

Entangled Music<br />

Berthold / Harmonia Mundi<br />

W W W W<br />

„Entangled“ ist ein Begriff<br />

aus der Quantenphysik und<br />

bedeutet „verschränkt“. Der<br />

Terminus der Quantenverschränkung<br />

bezeichnet das<br />

Phänomen, dass der Zustand<br />

eines Systems verschränkter<br />

Teilchen nicht als Kombination<br />

einzelner Teilchenzustände,<br />

sondern nur für die Gesamtheit<br />

dieses Systems beschrieben<br />

werden kann. Völlig unakademisch<br />

hat der Kölner Gitarrist<br />

Frank Wingold, Professor<br />

an der Musikhochschule<br />

Oldenburg, diese Anregung<br />

als Inspiration für sein neues<br />

Album aufgefasst. Eingespielt<br />

mit Robert Landfermann am<br />

Bass und Jonas Burgwinkel am<br />

Schlagzeug, die als eingespielte<br />

Rhythmusgruppe hierzulande<br />

ihresgleichen suchen,<br />

lotet Wingold auf den zehn<br />

Stücken von Entangled Music<br />

die produktiven Implikationen<br />

dieses der Unschärferelation<br />

verwandten Theorems aus.<br />

Tatsächlich entsteht so ein<br />

kammermusikalischer Trio-Jazz<br />

jenseits von Soloroutinen<br />

und Begleitfunktion. Dennoch<br />

verliert das Ineinandergleiten<br />

und -fließen von Skalen, Linien<br />

und Patterns sich nicht in<br />

Beliebigkeit, verfügt jede von<br />

Wingolds Kompositionen doch<br />

über eine spezifische Disposition:<br />

Wo der Ausgangspunkt für<br />

„Adelante“ in lateinamerikanischem<br />

Jazz und spanischer<br />

Folklore zu liegen scheint,<br />

schlägt „Monolith“ fast ähnlich<br />

post-punkrockige Töne an<br />

wie Joe Baiza im Anschluss<br />

an Ornette Colemans Konzept<br />

der Harmolodics mit Universal<br />

Congress Of. Ungleich gelöster<br />

die sich ergänzenden Interaktionen<br />

in „Bipolar“. Mit einer<br />

tänzerischen Folge von Single<br />

Notes hebt der Opener „Urban<br />

Myth“ an. Augenzwinkernd dagegen<br />

die Country-Elemente in<br />

„Cowboy Calumet Abuse“. Echt<br />

gewitzt: die Boogie-Bluesrock-<br />

Parodie „Rare Earth“.<br />

Harry Schmidt<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

84 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Deshalb erfahren wir nichts<br />

über die Aufnahmedaten und<br />

-orte und die Begleitbands<br />

bei 75 Titeln <strong>–</strong> angeblich die<br />

„Complete Duet Recordings“<br />

der beiden Weltstars. Also<br />

bleibt nur das Vergnügen an den<br />

musikalischen Zwiegesprächen<br />

von Ella und Louis. Da sind die<br />

Hits aus dem Great American<br />

Song Book, die Lieder aus Porgy<br />

and Bess; man kennt eigentlich<br />

alles, und doch macht das Wiederhören<br />

Freude. Armstrongs<br />

Trompete, Ellas Stimme, mal von<br />

einer Bigband begleitet, mal von<br />

einer Combo. Oft sentimental,<br />

doch nie kitschig. In seiner<br />

Autobiografie bekennt Miles<br />

Davis, dass er „Satchmo“ genauso<br />

liebe wie Dizzy Gillespie.<br />

„Aber ich hab´s immer gehasst,<br />

wie sie fürs Publikum grinsten<br />

und herumalberten.“ Davis<br />

erwähnt freilich auch, dass die<br />

Armstrong-Generation „schon<br />

‘ne Menge Türen für Leute wie<br />

mich geöffnet“ hatte. Deshalb<br />

hatte er es nicht nötig, sich<br />

im von Weißen beherrschten<br />

Musikgeschäft als Entertainer<br />

zu verkaufen. Man kann diese<br />

Sicht bezweifeln: Der geniale<br />

Musiker Armstrong war auch<br />

ein geborener Unterhaltungskünstler<br />

mit Spaß an der Show.<br />

Dass der Clown auch politisch<br />

dachte, bewies er 1957, als er<br />

sich weigerte, auf eine PR-Tour<br />

in die Sowjetunion zu reisen <strong>–</strong><br />

aus Protest gegen die Rassenpolitik<br />

der USA.<br />

Ein Entertainer ist auch Götz<br />

Alsmann, der vielen Deutschen<br />

als TV- und Radio-Moderator<br />

ein Begriff ist. Wenige wissen,<br />

dass der 1957 in Münster<br />

geborene Brillen-, Krawattenund<br />

Tollenträger über populäre<br />

Musik promoviert hat und Jazz<br />

kennt und liebt. So gewann er<br />

2012 den Echo Jazz in der Kategorie<br />

„Sänger national“. Alsmann<br />

spielt zudem Klavier, Orgel<br />

und Gitarre. Fünf Alben wurden<br />

nun zu einer Box zusammengestellt<br />

<strong>–</strong> jazzaffine, leichte Unterhaltung<br />

mit Instrumental-Soli.<br />

Auf der 1997 aufgenommenen<br />

CD Gestatten, Götz Alsmann ist<br />

Till Brönner dabei.<br />

Die entsprechende Cassandra-<br />

Wilson-Box enthält die 1995<br />

aufgenommene Platte New<br />

Moon Daughter, die es an die<br />

Spitze der US-Jazz-Charts<br />

schaffte. Wie der Eingangstitel<br />

„Strange Fruit“ vermitteln auch<br />

die eindrucksvoll dargebotenen<br />

Stücke von U2, Hank Williams<br />

und Neil Young traurigen<br />

Tiefgang. Cassandra at her<br />

best! Das Album Traveling Miles<br />

von 1999, das ebenfalls zur Box<br />

gehört, ist Wilsons Hommage an<br />

Miles Davis.<br />

Die Jazzwelt kennt den<br />

Gitarristen Paco de Lucia vor<br />

allem aus dem akustischen<br />

Trio mit Al Di Meola und John<br />

McLaughlin. Lucias 5er-Box<br />

bringt den Virtuosen in seinem<br />

eigentlichen Metier <strong>–</strong> dem Flamenco.<br />

Ein Hörgenuss und eine<br />

Möglichkeit, den Jazz-Horizont<br />

zu erweitern.<br />

Hans Hielscher<br />

Lee Konitz<br />

Prisma<br />

QFTF / Galileo<br />

W W W W<br />

Wir kennen die herrliche Gelassenheit<br />

in Lee Konitz’ Saxofonspiel,<br />

das auch im 90. Lebensjahr<br />

des heute in Köln lebenden US-<br />

Musikers nicht verstummt. Die<br />

dunkle Geschmeidigkeit in Konitz’<br />

Spiel legt ein tiefes Gespür für<br />

die innere Seele eines jeden Tons<br />

offen. Eitle Kraftmeierei ist ihm<br />

hingegen immer ein Fremdwort<br />

geblieben. Dies alles lebt auch<br />

in dem einzigen „klassischen“<br />

Saxofonkonzert, welches Konitz<br />

spielte und nun auf einem Album<br />

vorliegt. Konitz und der deutsche<br />

Komponist Guenther Buhles liefen<br />

sich vor 20 Jahren über den<br />

Weg. Man mochte sich, arbeitete<br />

zusammen. Heraus kam eine Art<br />

sinfonisches Doppelkonzert für<br />

Saxofon und Klavier, das einmal<br />

mehr alle rigiden Grenzziehungen<br />

zwischen E- und U-Musik<br />

kurzweilig obsolet macht.<br />

Konitz war neugierig auf die<br />

Sinfonik made in Germany, davon<br />

zeugt sein betont klassisches<br />

Spiel allemal. Das Orchester trägt<br />

im Gegenzug viele amerikanischpathetische<br />

Klangfarben auf.<br />

Eine auftrumpfende Rhythmik<br />

dürfte bei Spielern und Hörern<br />

viel kollektiven Spaß evoziert<br />

haben. Zugleich liefert das viersätzige<br />

Konzert Momente voll purer<br />

Schönheit. Konitz selbst darf<br />

nach Herzenslust auf Solopfaden<br />

wandeln bzw. beschreitet hier<br />

sehr leichtfüßig einen schmalen<br />

Grat zwischen Improvisation und<br />

klassisch geprägter Solokadenz.<br />

Im zweiten Teil mischt sich der<br />

Pianist Frank Wunsch äußerst<br />

spielfreudig ein.<br />

Die Uraufführung des Werks mit<br />

dem Brandenburgischen Staatsorchester<br />

Frankfurt wurde mitgeschnitten<br />

<strong>–</strong> eigentlich nur zur<br />

Dokumentation mit gerade zwei<br />

Mikros. Aber dieses Bootleghafte<br />

hat seinen eigenen Reiz, allein,<br />

dass es die Aura von Wärme<br />

noch verstärkt, so ähnlich wie<br />

es auch auf vielen historischen<br />

Klassik-Aufnahmen der Fall ist.<br />

Stefan Pieper<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Roberto Negro<br />

Dadada, Saison 3<br />

Label Bleu / Broken Silence<br />

W W W W W<br />

Wer einen Schritt weiterkommen<br />

will, versucht es zuweilen im Trio.<br />

Mit Émile Parisien und Michele<br />

Rabbia hat der Pianist Roberto<br />

Negro ein wunderbares vielsprachiges<br />

Klaviertrio gebildet. Jeder<br />

der drei Musiker bekommt darin<br />

viel Raum: Parisien für seine<br />

intimen und klangverliebten oder<br />

auch für seine vehementen,<br />

dramatischen Artikulationen am<br />

Sopransaxofon, Michele Rabbia<br />

für seine leisen, manchmal<br />

gleichwohl enorm treibenden<br />

Aktionen am Schlagwerk und für<br />

seine oft sparsamen, immer pointierten<br />

elektronischen Angebote.<br />

Und natürlich Roberto Negro<br />

für seine präzisen vorder- und<br />

hintergründigen, meist vieldeutigen<br />

rhythmisch-harmonisch-melodischen<br />

Aktionen am Klavier.<br />

Er changiert zwischen impressionistisch<br />

untermalter zeitgenössischer<br />

Klassik, rhythmischen<br />

Attacken, warmen harmonischen<br />

Fortschreitungen, schafft manchmal<br />

alle drei widersprüchlichen<br />

Komponenten zugleich und bleibt<br />

bei alldem subtil und vieldeutig.<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 85


Kolumne<br />

Laurie Anderson<br />

Landfall<br />

Nonesuch / Warner<br />

W W W W o<br />

Joshua Redman<br />

Still Dreaming<br />

Nonesuch / Warner<br />

W W W W<br />

Seiji Nakamura Quintet + 2<br />

The Boss<br />

Three Blind Mice / Sieveking<br />

Sound<br />

W W W o<br />

Miles Davis & John Coltrane<br />

The Final Tour <strong>–</strong> Copenhagen,<br />

March 24, 1960<br />

Columbia / Sony<br />

W W W W W<br />

Jimi Tenor<br />

Order of Nothingness<br />

Crammed / Indigo<br />

W W W W<br />

Wolfgang Lackerschmid & The<br />

Brazilian Trio<br />

Studiokonzert<br />

Neuklang / In-Akustik<br />

W W W W<br />

„Landfall“ bezeichnet den<br />

Moment, in dem ein Tornado<br />

auf Land trifft und sein Zerstörungswerk<br />

beginnt. Das Opfer<br />

eines solchen Sturms wurde<br />

auch Laurie Anderson. Ihr<br />

Keller mit Instrumenten, Partituren<br />

und Memorabilia wurde<br />

geflutet, zurück blieben nur<br />

Erinnerungen. Diese Situation<br />

wurde für Anderson jedoch<br />

eine wesentliche Inspirationsquelle<br />

für ihre mit typischer<br />

Distanziertheit vorgetragenen<br />

Geschichten und eine Musik,<br />

die sie zusammen mit dem<br />

Kronos Quartet konzipierte<br />

und in mühevoller Kleinarbeit<br />

zusammensetzte. So musste<br />

sie beispielsweise erst mit Hilfe<br />

eines befreundeten Komponisten<br />

lernen, für Streichquartett<br />

zu schreiben. Der Mix der<br />

Aufnahmen brauchte mehr als<br />

ein Jahr, bis das Ergebnis sie<br />

überzeugte. Der Aufwand hat<br />

sich gelohnt: Landfall ist eine<br />

faszinierende Reflexion über<br />

die Macht der Erinnerung, eine<br />

Annäherung an die Magie von<br />

Sprache und Wörtern. Wie die<br />

Vorstellung von einer Sache<br />

mächtiger sein kann als das<br />

real Existente, das erfüllt die<br />

Texte, die Anderson so aufwändig<br />

mit den instrumentalen<br />

Passagen verwoben hat. Dabei<br />

ist die bedrohliche Präsenz<br />

des immer näher kommenden<br />

Sturms permanent fühlbar.<br />

Um Erinnerung, aber auch<br />

um Selbstreflexion geht es<br />

bei Joshua Redmans neuem<br />

Album. Diesmal an seinen Vater<br />

Dewey Redman, der früh die<br />

Familie verlassen hatte und den<br />

er erst als Erwachsener besser<br />

kennenlernen durfte. Und<br />

an Old and New Dreams, die<br />

Gruppe, mit der dieser in den<br />

70er und 80er Jahren spielte.<br />

Besetzt mit den Ex-Colemanites<br />

Don Cherry, Charlie Haden, Ed<br />

Blackwell und Dewey Redman<br />

entwickelte die Band Colemans<br />

charakteristischen Improvisationsstil<br />

in weltmusikalischer<br />

Hinsicht weiter. Still Dreaming<br />

ist eine emotionale Hommage<br />

geworden, bei der Joshua Redman<br />

mit seinen Mitstreitern Ron<br />

Miles, Scott Colley und Brian<br />

Blade ein fast telepathisches<br />

Level beim Zusammenspiel<br />

erreicht. Im Vergleich gehört,<br />

wirkt die Musik der alten<br />

Dreams fast so roh wie frühe<br />

Blues-Platten. Den Ausklang<br />

bildet ein verhalltes Sample von<br />

Colemans „Lonely Woman“.<br />

Those were the days.<br />

Der Albumtitel The Boss passt<br />

eigentlich eher zu respekteinflößenden<br />

amerikanischen<br />

Saxofongrößen à la Gene<br />

Ammons oder Dexter Gordon.<br />

Aber es ist eine gewollte Assoziation,<br />

denn der japanische<br />

Saxofonist Seiji Nakamura galt<br />

im Japan der siebziger Jahre<br />

auf seinem Instrument als<br />

Autorität, und er hatte bereits<br />

in der Band des in Europa<br />

ungleich bekannteren Yosuke<br />

Yamshita gespielt. Auf der jetzt<br />

im Archivkeller wiedergefundenen<br />

Aufnahme vom legendären<br />

74er-Jazzfestival in Tokio bricht<br />

Nakamura mit seinen Quintett<br />

zu einer 20-minütigen Post-<br />

Bop-Tour de Force auf, die<br />

nicht nur die Veranstalter vom<br />

engagierten Label Three Blind<br />

Endlosrillen<br />

Mice und das jazzverrückte<br />

japanische Publikum mitriss,<br />

sondern auch Musiker zum<br />

spontanen Einsteigen motivierte.<br />

Allzu weit von den US-Vorbildern<br />

löste sich die Gruppe<br />

nicht, aber ihr Enthusiasmus ist<br />

derart ansteckend, dass auch<br />

der Neuling an der Gitarre, der<br />

damals erst 19-jährige Kazumi<br />

Watanabe, ein tolles Solo<br />

abliefert.<br />

Das Faszinierende an der LP,<br />

welche das Kopenhagener<br />

Konzert der Europatour des<br />

Miles Davis Quintet mit John<br />

Coltrane erstmals in guter<br />

bis sehr guter Tonqualität<br />

erhältlich macht, ist die kreative<br />

Spannung zwischen den<br />

beiden bejubelten Protagonisten.<br />

Dabei war Coltrane schon<br />

mit Giant Steps auf dem Weg<br />

zu einer neuen Spiritualität.<br />

In seinen langen Soli experimentiert<br />

er ohne Rücksicht<br />

auf Publikumsgeschmack und<br />

Bandleader mit den neuen Stilmitteln<br />

und geht dabei so weit,<br />

dass man quasi ein Vor-Echo<br />

des interstellaren Klangraums,<br />

in dem sich Coltrane einige<br />

Jahre später bewegen würde,<br />

erahnen kann. Aber auch Davis<br />

ist in Topform, und so befeuern<br />

sich die beiden mit Ideen, die<br />

über die Musik des gerade<br />

erschienen Kind of Blue-<br />

Albums deutlich hinausgehen.<br />

Unterstützt werden diese Trips<br />

von der superaufmerksamen<br />

und sich ihrer Bedeutung<br />

bewussten Rhythmusgruppe<br />

<strong>–</strong> drei Vermittler zwischen den<br />

Temperamenten. Ein Muss,<br />

nicht nur für Miles- oder<br />

Coltrane-Fans.<br />

Zurück in den real existierenden<br />

Weltraum. Der Finne<br />

Jimi Tenor liebt es, sich im<br />

Studio aus seinen favorisierten<br />

Musikgenres ein eigenes<br />

musikalisches Universum<br />

zu erschaffen. Bei Order of<br />

Nothingness liefert der Finne<br />

ein nicht ganz homogenes<br />

Konstrukt mit interstellar vibrierendem<br />

Afrobeat-Kern ab, um<br />

den witzige andere Adaptionen<br />

afroamerikanischen Ursprungs<br />

kreisen. Realisiert hat er das<br />

Ganze mit hörbar viel Vintage-<br />

Instrumentarium und Rhythmuserzeugern<br />

aus aller Welt.<br />

Diese machen den besonderen<br />

Kick von Order of Nothingness<br />

aus und liefern Tenor die perfekte<br />

Ausgangsbasis für seine<br />

Fantasien. Abgehoben.<br />

Wolfgang Lackerschmid ist der<br />

vielleicht profilierteste und vielseitigste<br />

deutsche Vibraphonist<br />

und auf mittlerweile über 100<br />

Plattenaufnahmen zu hören.<br />

Ihn in intimer Club-Atmosphäre<br />

aus nächster Nähe mit dem<br />

befreundeten Brazilian Jazz<br />

Trio hören zu können, ist der<br />

ambitionierten Studiokonzert-<br />

Reihe zu verdanken, die sich<br />

mit ihren sehr direkt klingenden<br />

Aufnahmen einen guten Ruf<br />

nicht nur bei HiFi-Enthusiasten<br />

erworben hat. Auf dem<br />

Programm steht ein abwechslungsreicher<br />

Streifzug durch<br />

diverse brasilianische Idiome,<br />

wobei auf bekannte Klischees<br />

dankenswerterweise verzichtet<br />

wurde. Das Trio um den eloquenten<br />

Pianisten Hélio Alves<br />

am Grand Piano erweist sich<br />

als verschworene Gemeinschaft,<br />

die mit Lackerschmid<br />

problemlos zum inspirierten<br />

Quartett wird. Leicht und luftig.<br />

Joachim Weis<br />

86 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Literatur<br />

Die zwölf Stücke auf dem Album<br />

sind liedhafte Miniaturen, alle<br />

komponiert von Negro, aber er<br />

verfügt dabei über mehr als eine<br />

Handschrift. Für die kleine Besetzung<br />

wartet er mit einem enormen<br />

Ideenreichtum auf, so dass<br />

die Spielhaltung des Trios vom<br />

Spirit des Kompositorischen stärker<br />

geprägt ist als vom Geist der<br />

Improvisation. Aber man vermisst<br />

keine Spontaneität, sondern<br />

kann sich immer wieder erfreuen<br />

an dem intelligenten Abwechslungs-<br />

und Ideenreichtum und an<br />

der Konsequenz, mit der Stücke<br />

beendet werden, wenn eine Idee<br />

ausformuliert ist. Nichts wird in<br />

die Länge gezogen. Aber alles<br />

hat hier seine Zeit.<br />

Hans-Jürgen Linke<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Focusyear Band<br />

After This<br />

Neuklang / In-Akustik<br />

W W W W<br />

Focusyear ist das Projekt des<br />

Gitarristen Wolfgang Muthspiel,<br />

eine direkte Lernumgebung für<br />

talentierte Musiker aus aller<br />

Welt, in der diese sich ausschließlich<br />

mit dem Klang und<br />

der Arbeit in einem Ensemble<br />

beschäftigen können. Inspiriert<br />

vom World Music Institute in<br />

Berklee und dem Monk Institute<br />

in Los Angeles wurde diese Idee<br />

erstmals im vergangenen Jahr<br />

auf dem Jazzcampus in Basel<br />

verwirklicht. Unter Leitung von<br />

sechzehn Coaches, darunter<br />

Django Bates, Avishai Cohen,<br />

Dave Holland, Lionel Loueke<br />

und Joshua Redman trafen sich<br />

von einer Fachjury ausgewählte<br />

Jazzmusiker, um <strong>–</strong> versehen mit<br />

einem Stipendium <strong>–</strong> sich ein ganzes<br />

Jahr lang ohne finanziellen<br />

Druck ihrer Musik zu widmen. Es<br />

wurden verschiedene Liveprogramme<br />

erarbeitet, die dann<br />

aufgeführt und auch im Tonstudio<br />

eingespielt wurden. Eine dieser<br />

Aufnahmen ist After This. In der<br />

Focusyear Band spielen sieben<br />

Instrumentalisten und eine Sängerin,<br />

plus Wolfgang Muthspiel<br />

bei einem Stück, facettenreiche<br />

Eigenkompositionen. So unterschiedlich<br />

die geographische<br />

Herkunft der Musiker (Polen,<br />

Griechenland, Israel, Frankreich,<br />

Litauen, Russland, England), so<br />

unterschiedlich ist auch deren<br />

musikalisches Zuhause in Jazz,<br />

Pop, Klassik, der freien Improvisation<br />

und zeitgenössischen<br />

Musik. All das vereinen sie hier<br />

zu einem atmosphärischen,<br />

eigenständigen und feinsinnigen<br />

Sound voller musikalischer<br />

Poesie. Der ist mal lyrisch, mal<br />

prägnant, um Takte später zu<br />

einem eleganten Klangteppich<br />

zu werden. Die Kompositionen<br />

und Arrangements sind beinah<br />

akribisch durchdacht, stets ausgefeilt,<br />

zeigen oft überraschende<br />

Momente und Schrägheiten als<br />

stilbildendes Element.<br />

Olaf Maikopf<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Reis / Demuth / Wiltgen<br />

Once in a Blue Moon<br />

CAM Jazz / Harmonia Mundi<br />

W W W W<br />

Bei der Namensgebung verfahren<br />

sie klassisch demokratisch.<br />

Die drei Luxemburger <strong>–</strong> Pianist<br />

Michel Reis, Bassist Marc<br />

Demuth und Schlagzeuger Paul<br />

Wiltgen <strong>–</strong> sind auch ansonsten<br />

angenehme Zeitgenossen.<br />

Frisch und vital spielt sich das<br />

Trio durch ein Repertoire von<br />

dreizehn Songs, die entweder<br />

von einer gewissen Leichtigkeit<br />

und Eingängigkeit wie etwa<br />

Reis’ „22 May 15“ leben oder<br />

rhythmisch geradezu hypnotisierend<br />

wirken wie „Push“, das aus<br />

der Feder des Schlagzeugers<br />

stammt. Und dann konnten die<br />

Drei nicht widerstehen, mit Joni<br />

Es gibt mehrere gute und einige weniger gute Gründe,<br />

der guten alten Langspielplatte nachzujammern oder ihre<br />

bescheidene Renaissance zu begrüßen. Einen gewichtigen<br />

Grund zeigte eine Ausstellung im Wiener Nestroyhof:<br />

die künstlerisch gestaltete Schallplattenhülle.<br />

Von Hans-Jürgen Linke<br />

Christine<br />

Janicek<br />

33 1/3 <strong>–</strong><br />

Cover Art<br />

30 mal 30 Zentimeter, das war schon etwas anderes als diese<br />

fast winzigen Booklets der CDs, um die es ja auch längst<br />

schlecht bestellt ist. Wer früher eine Langspielplatte kaufte,<br />

zahlte dafür einen vergleichsweise stolzen Preis und hatte<br />

danach ein Stück Kultur in der Hand. Das war sofort zu spüren<br />

und oft auch zu sehen. Letzteres begann 1940, als der Grafiker<br />

Alex Steinweiss damit anfangen durfte, die bis dahin schmucklos<br />

grauen Verpackungen der Schelllackplatten zu illustrieren.<br />

Vermuten wir mal, dass das der Geschäftsleitung anfangs<br />

eigentlich zu teuer war, und überhaupt: Was soll denn das,<br />

Kunst auf der Verpackung! Aber dann zeigte sich, dass Cover-<br />

Gestaltung auch kommerziellen Erfolg brachte. Rudolf Serkins<br />

Aufnahme von Beethovens fünftem Klavierkonzert mit den New<br />

Yorker Philharmonikern wurde mit künstlerisch gestaltetem<br />

Cover neun Mal mehr verkauft als die gleiche Aufnahme in der<br />

grauen Einheitshülle. Das Auge hört eben mit.<br />

So richtig Fahrt nahm die Covergestaltung mit der Einführung<br />

der Langspielplatte auf, die 1948 von der CBS auf den<br />

Markt gebracht wurde. Künstlerfotos waren das häufigste Ausgangsmaterial<br />

für das, was auf dem Cover zu sehen war. Die<br />

kreativen 60er Jahre brachten eine neue Phase der Gestaltung.<br />

Pop Art eroberte das Terrain. Schallplattencover waren nicht<br />

mehr nur Bildflächen, auf denen grafische Lösungen für Titelei<br />

und Porträtfotos gezeigt wurden, sondern wurden künstlerisch<br />

gestaltete Objekte.<br />

Nicht zuletzt die Beatles sorgten dafür, dass auch hier<br />

neue Maßstäbe gesetzt wurden. Das Sergeant-Pepper-Cover<br />

wurde zum mehrfach parodierten Meilenstein, über den sich<br />

etwa Frank Zappa (We’re Only in It for the Money) lustig<br />

machte. Velvet Underground brachte die LP mit Andy Warhols<br />

ikonografischer Banane heraus, die Stones machten was mit<br />

Reißverschluss (Sticky Fingers), Miles Davis und King Crimson<br />

fügten Vorder- und Rückseite zu einem ausklappbaren Überformat<br />

zusammen.<br />

Die Ausstellung, sehr kundig und wunderbar informativ,<br />

systematisch und bildersatt zusammengestellt von Christine<br />

Janicek und Arne Reimer, vermittelte einen nostalgisch<br />

eingefärbten Rückblick auf eine abgeschlossene Phase der<br />

Kunstgeschichte. Und wie diese Phase, so ist leider auch die<br />

Ausstellung vorbei, was noch ein Grund zum Jammern wäre.<br />

Aber zum Glück gibt es ja den Katalog.<br />

Christine Janicek (Hg.): Cover Art. Verlag für Moderne Kunst,<br />

Paperback, 29 x 24 cm, 169 Seiten, 33 Euro<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />

87


Tonspuren<br />

Mitchells „Both Sides Now“ ein<br />

Lied einzuspielen, das mittlerweile<br />

längst als Jazz-Standard<br />

gilt, so oft wird es von Jazzmusikern<br />

aufgenommen (zuletzt etwa<br />

von Rolf Kühn auf dessen neuem<br />

Album Yellow + Blue). Wie wichtig<br />

CAM-Jazz-Boss Ermanno<br />

Basso für die Band ist, kann man<br />

gerade hier erkennen, denn die<br />

Idee, Mitchells ikonischen Song<br />

durch eine lässige Einleitung auf<br />

dem Kontrabass beginnen zu<br />

lassen, stammt von ihm. Nicht<br />

die schlechteste Idee auf einem<br />

ideenreichen Klaviertrio-Album.<br />

Rolf Thomas<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

<strong>–</strong> des Oregon-Veteranen Paul<br />

McCandless ins gemäßigt exotische<br />

Konzept. Arild Andersen<br />

lässt den Bass singen, und Peter<br />

Erskine darf auf den Drums hin<br />

und wieder etwas Desert-Groove<br />

erzeugen. Ihre nächsten beiden<br />

Jazzalben hat Eckemoff schon<br />

angekündigt.<br />

Hans-Jürgen Schaal<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Still in the Woods<br />

Rootless Tree<br />

Neuklang / In-Akustik<br />

W W W W<br />

instrumentelle, solistische oder<br />

interaktive Zeichen setzen. Und<br />

das alles, ohne an die alten<br />

Traditionen des klassischen<br />

Jazz-Gesangs oder des avantgardistischen<br />

Vokalisentums<br />

anzuknüpfen.<br />

Man kann also mit Fug und<br />

Recht sagen, dass Still in the<br />

Woods mehr will als Jazz spielen<br />

und auch mehr als Singer-<br />

Songwriter-Lieder machen. Das<br />

Quartett will beides miteinander<br />

versöhnen, ohne dabei eine<br />

klare Entscheidung für eine<br />

der beiden Seiten zu treffen.<br />

Rootless Tree ist ein gelungener<br />

Schritt in diese Richtung.<br />

Hans-Jürgen Linke<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Peter Gabriel, mit viel Fantasie<br />

der rote Teppich ausgerollt. Aber<br />

dann heißt es Bühne frei für<br />

Densons eigenes, tief persönliches<br />

Songwriting. Das kommt<br />

souverän und beseelt daher<br />

und gibt unerschöpflich Futter<br />

für Densons mal sehnsuchtsvoll<br />

schwelgende, dann schon<br />

fast nachdenklich abgeklärte<br />

Gesangskunst. Denson, der<br />

zusätzlich zum Gesang seinen<br />

Bass energetisch beackert oder<br />

dessen Saiten mit dem Bogen<br />

streicht, bleibt ein absoluter<br />

Bandmusiker, entsprechend<br />

dicht verwoben sind die Arrangements<br />

der Stücke. Da kommen<br />

Saxläufe von Dayna Stephens<br />

wie Koloraturen ins Spiel,<br />

schmiegen sich Kari Ikonens<br />

filigrane Moogsynthesizerläufe<br />

oder warme Rhodesflächen an<br />

den beseelten Gesang und sorgt<br />

Schlagzeuger Ronen Itzik auch<br />

in verfrickelten 7/8-Metren dafür,<br />

dass nichts aus dem Ruder läuft.<br />

Stefan Pieper<br />

Yelena Eckemoff<br />

Desert<br />

L & H / In-Akustik<br />

W W W W<br />

Es ist bereits ihr zwölftes Jazzalbum<br />

in neun Jahren. Die Pianistin,<br />

die 1991 aus Russland in die USA<br />

zog, schreibt sozusagen ihre ganz<br />

eigene Jazzgeschichte. Jedes ihrer<br />

Alben konzipiert sie als kleines<br />

Gesamtkunstwerk <strong>–</strong> die Stücke,<br />

die Gemälde, die literarischen<br />

Texte, alles stammt von ihr. Und<br />

ihre Mitmusiker sucht Yelena<br />

Eckemoff sorgsam aus. Große<br />

Namen waren schon darunter,<br />

etwa Billy Hart, Marilyn Mazur,<br />

George Mraz oder Chris Potter.<br />

Diesmal geht es ums Konzeptthema<br />

„Wüste“, für das Eckemoff elf<br />

Stücke mit Titeln wie „Bedouins“,<br />

„Oasis“ oder „Dust Storm“<br />

zusammengestellt hat. Sie übt<br />

sich hier nicht in Orient-Jazz, sondern<br />

übersetzt sanfte exotische<br />

Anklänge in ein harmonisches<br />

Gerüst. Ihre Themen haben etwas<br />

Kapriziöses, ihr Klavierspiel ist linearer<br />

und verwinkelter als sonst,<br />

die Musik besitzt einen schönen<br />

Fluss, und die Mitstreiter sind drei<br />

echte Feingeister. Gut passen<br />

die „näselnden“ Instrumente <strong>–</strong><br />

Oboe, Englischhorn, Sopransax<br />

Immer noch keine Wurzeln geschlagen?<br />

Immer noch heimatlos?<br />

Macht nichts, es gibt ja die<br />

Musik. Das Quartett Still in the<br />

Woods mit Anna Hauss (voc),<br />

Robert Wienröder (p), Raphael<br />

Seidel (b) und Jakob Hegner (dr)<br />

versucht sich an der Auflösung<br />

einer Situation durch ihre künstlerische<br />

Gestaltung. Ihr Album<br />

hat nicht nur den Charakter<br />

eines Konzeptalbums, sondern<br />

auch eine literarische Dimension.<br />

Es ist eingeteilt in sechs sogenannte<br />

Kapitel, denen jeweils<br />

zwei bis drei Songs zugeordnet<br />

sind, und die sechs Kapitel<br />

benennen Seelenzustände: „still<br />

rootless“, „still awake“, „still<br />

apart“, „still searching“, „still<br />

a child“ und „still in between“.<br />

Pure Romantik also. Letztlich<br />

aber ist es das letzte Kapitel mit<br />

dem Titel „Immer noch zwischen<br />

allen Stühlen“ dasjenige, um das<br />

es eigentlich geht. Denn auch<br />

Still in the Woods macht etwas<br />

dazwischen: Musik, die einerseits<br />

so klar an der Liedform<br />

orientiert ist, dass sie beinahe<br />

noch als Singer-Songwriter-<br />

Produkt durchgehen könnte,<br />

wenn sie nicht andererseits und<br />

zwischendurch so deutlich jazzige<br />

Verlaufsformen ansteuern<br />

würde, die die Liedform hinter<br />

sich lassen und andere, nämlich<br />

Jeff Denson<br />

Outside My Window<br />

Ridgeway / In-Akustik<br />

W W W W<br />

Hier braucht niemand zu<br />

fürchten, dass ein Jazzinstrumentalist<br />

das Singen nicht sein<br />

lassen konnte. Denn für den im<br />

US-Staat Virginia groß gewordenen<br />

Denson ist Gesang der<br />

elementare Zugang zur Musik<br />

überhaupt <strong>–</strong> schon lange, bevor<br />

er die Laufbahn des Bassisten<br />

einschlug! Dies prägte auch die<br />

bisherigen Combo-Alben, auf<br />

denen es Densons Bassspiel nie<br />

an singender Präsenz mangeln<br />

lässt. Jetzt gibt es Jeff Denson<br />

als Sänger und großen Lyriker<br />

auf einer Vocalplatte, natürlich<br />

mit Band zu erleben. Souverän<br />

erhebt sich hier Jeff Densons<br />

latent androgyne, silbrig<br />

glänzende Gesangsstimme über<br />

jede Genrefestschreibung <strong>–</strong> egal<br />

ob die nun Jazz, avancierter<br />

Kunst-Pop oder schillernder<br />

Progressive Rock mit Hang zur<br />

unendlichen Melodie genannt<br />

werden möchte. Zu Anfang<br />

wird zwei amtlichen Ikonen der<br />

Pophistorie, Jeff Buckley und<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Pulsar Trio<br />

Zoo of Songs<br />

13 / Galileo<br />

W W W o<br />

Sitar, Klavier und Schlagzeug<br />

<strong>–</strong> das klingt nach „East meets<br />

West“, nach weltmusikalischem<br />

Fusion-Jazz. Doch das Pulsar Trio<br />

sind drei gut gelaunte junge Leute<br />

aus Potsdam, die seit einigen<br />

Jahren unbekümmert ihre facettenreiche<br />

und locker groovende<br />

Musik machen, ohne sich an<br />

übliche World-Music-Strickmuster<br />

zu halten. Matyas Wolter<br />

benutzt die Sitar im Grunde wie<br />

ein westliches Saiteninstrument,<br />

wobei er die reichhaltigen<br />

Verzierungs-Möglichkeiten des<br />

indischen Instrumentes geschickt<br />

in das folk-jazzige Konzept des<br />

Trios einfließen lässt. Beate Wein<br />

am Klavier wirkt perfekt in zwei<br />

88 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Kolumne<br />

Hugh Masekela<br />

1966 - 1976<br />

Wrasse / Indigo<br />

W W W W W<br />

Various Artists<br />

African Scream Contest Vol. 2<br />

Analog Afrika / Indigo<br />

W W W W<br />

Various Artists<br />

I’m not Here to Hunt Rabbits<br />

Vital / Piranha<br />

W W W W<br />

Fatoumata Diawara<br />

Fenfo<br />

Wagram / Indigo<br />

W W W o<br />

Catrin Finch/Seckou Keita<br />

Soar<br />

bendigedig / DA Music<br />

W W W<br />

Ebo Taylor<br />

Yen Ara<br />

Mr. Bongo / Harmonia Mundi<br />

W W W<br />

Asuune Yule<br />

We Have One Destiny<br />

Makum / Rebel Up!<br />

W W W o<br />

DJ Katapila<br />

Aroo<br />

Awesome Tapes from Africa /<br />

Cargo<br />

W W W<br />

Andrea Benini<br />

Drumphilia Vol. 1<br />

Agogo / Indigo<br />

W W W W<br />

Nicola Conte & Spiritual Glaxy<br />

Let Your Light Shine On<br />

MPS / Edel:Kultur<br />

W W W<br />

Black History Repeating<br />

Nach dem Tod von Hugh Masekela<br />

würdigt Wrasse Records<br />

den Trompeter mit einer von<br />

ihm selbst zusammengestellten<br />

Werkschau seiner New Yorker<br />

Exil-Zeit. Zwischen 1966 und<br />

1976 veröffentlichte er auf dem<br />

von ihm und Steward Levine<br />

geleiteten Label Chisa nicht nur<br />

elf eigene Alben, sondern auch<br />

Musik von südafrikanischen<br />

Landsleuten wie Letta Mbulu<br />

oder den ghanaischen Hedzoleh<br />

Sounds. Die Kollektion enthält<br />

Mandel in Africa<br />

auf 3 CDs neben Hits wie „Ashiko“<br />

und „Grazing in the Grass“<br />

auch zahlreiche Fundstücke wie<br />

die vollständigen, bisher niemals<br />

offiziell wiederveröffentlichten<br />

Alben I Am Not Afraid (mit einer<br />

Version von „A Night in Tunisia“!)<br />

und Masekela Presents<br />

Hedzoleh Sounds, die nach seiner<br />

ausgedehnten Westafrika-<br />

Reise entstanden. Ein großartiger<br />

Streifzug durch eine Phase,<br />

die gekennzeichnet ist von<br />

musikalischen Experimenten<br />

und der explosiven Stimmung<br />

der Bürgerrechtsbewegungen in<br />

den USA und SAF. Ebenfalls neu<br />

auf dem Re-Issue-Markt: eine<br />

Sammlung von Raritäten aus<br />

Benin, zusammengestellt und<br />

aufgearbeitet von Analog Africa<br />

als würdige Fortsetzung ihres<br />

zehn Jahre zurückliegenden,<br />

Standards setzenden Releases<br />

African Scream Contest: Blues,<br />

Funk und Soul, elektrisch und<br />

eklektisch, rau und direkt.<br />

Afroblues<br />

Gegenwartsmusik: Fatoumata<br />

Diawara ist zurück: Zurück in ihrem<br />

Heimatland Mali und zurück<br />

mit einem neuen Album. Fenfo<br />

bedeutet „Viel zu sagen“, und so<br />

erhebt die Wassoulou-Sängerin<br />

und Schauspielern („Tim buktu“)<br />

auf elf neuen Songs ihre Stimme<br />

über Themen wie Migration,<br />

Feminismus und Tribalismus bei<br />

vornehmlich subtilen Song-<br />

Stimmungen. Nur zwei, drei Mal<br />

streift sie dieses komfortable<br />

Soundgewand ab, um radio- und<br />

festivalbühnengerecht Tempo<br />

und Schalldruck zu erzeugen.<br />

Spartanisch: die Compilation I‘m<br />

Not Here To Hunt Rabbits, gewissermaßen<br />

das Albumporträt<br />

eines afrikanischen Youtube-<br />

Phänomens: Bluesfreunde<br />

staunen schon seit einer Weile<br />

über den in Botswana gepflegten<br />

Gitarrenstil, bei dem die linke<br />

Hand das Griffbrett nicht von<br />

unten, sondern von oben bearbeitet<br />

und das Tuning sich auf<br />

drei Töne plus Bass beschränkt<br />

(als Bass-Saite haben sich<br />

Bremskabel bewährt). Das Resultat<br />

sind trickreiche Pickings<br />

und pfiffige Riffs als Begleitung<br />

von launigem Storytelling.<br />

Nun auch auf Vinyl! Auch die<br />

walisische Harfenistin Cathrin<br />

Finch und der senegalesische<br />

Kora-Virtuose Seckou Keita<br />

kommen mit einer Handvoll Töne<br />

aus und haben die perlenden<br />

Klänge ihrer Saiten nun zum<br />

zweiten Album Soar verwoben.<br />

Die intime Musik bleibt dabei<br />

stets schlicht und ergreifend.<br />

Mit meisterhaftem Understatement<br />

entsteht gewissermaßen<br />

Wellness für die Ohren und<br />

bleibt damit allerdings auch bar<br />

jeder Überraschung.<br />

Black Stars<br />

Drei neue Veröffentlichungen<br />

aus Ghana: Das neue Album<br />

des 82-jährigen Gitarrenrecken<br />

Ebo Taylor überzeugt mit neuen<br />

Songs aus seiner Feder, wobei<br />

wie gewohnt und geschätzt<br />

bittersüße Hornfanfaren den<br />

Weg in seine auf Englisch und<br />

Fante gesungenen Weisen<br />

weisen. Im Unterschied zu den<br />

feiner gestrickten letzten beiden<br />

Alben ist der Soundmix auf<br />

Yen Ara allerdings übertrieben<br />

sämig, untenrum aufgepumpt<br />

und obenrum mit sinnlosen<br />

Delayfahnen verhangen. Assune<br />

Yule gehört zur Schar der derzeit<br />

angesagten Kologo-Spieler aus<br />

dem Norden des Landes. Auf seinem<br />

internationalen Debüt We<br />

Have One Destiny singt er Songs<br />

darüber, dass man nicht weiß,<br />

was morgen kommt <strong>–</strong> oder dass<br />

Frauen alles besser können.<br />

Stimm- und Saitenklang stehen<br />

im Mittelpunkt, gelegentlich kommen<br />

auch bei ihm Beatloops und<br />

Autotune-Effekte zum Einsatz,<br />

aber das hält das Album vielseitig<br />

und voraussichtlich lange<br />

frisch. Erschienen ist es als<br />

gemeinsame Veröffentlichung<br />

des niederländischen Makum-<br />

Labels, das schon Kologo-King<br />

Ayisoba auf die Welt losließ, und<br />

des neuen belgischen Labels<br />

Rebel Up!, das mit dem Cumbiero<br />

Memo Piemento und dem tunesischen<br />

Elektro-Projekt Nuri noch<br />

zwei weitere Pfeile im Köcher<br />

hat. DJ Katapila dagegen produziert<br />

auch auf seiner aktuellen<br />

4-Track-EP an jedem Industrie-<br />

Standard vorbei: Hektische,<br />

hibbelige, auf der Roland 808<br />

programmierte Uptempo-Loopmusik<br />

mit gepitchten Vocals, nah<br />

am Novelty-Efekt, aber mit genug<br />

Wumms, um als DJ-Tool noch<br />

was zu reißen.<br />

Kicks vom Stiefel<br />

Letzte Station ist Italien: Dort hat<br />

Andrea Benini mit Mop Mop vor<br />

Jahren das führende lokale Afrobeat-Orchester<br />

ins Leben gerufen.<br />

Und auch daheim im Dialog<br />

mit seiner Hardware (darunter<br />

sowjetische Synthesizer und<br />

karibische Marimbula) lassen<br />

ihm die Afrobeats keine Ruhe:<br />

Vol. 1 seiner Drumphilia-Reihe<br />

versammelt stimmige, schlüssige<br />

Miniaturen zwischen House<br />

und Heimstudio. Errichtet um<br />

schlanke Daumenklavier-Patterns<br />

klingen die Songs zunächst<br />

strukturell ähnlich, aber innerhalb<br />

dieses schmalen Rahmens<br />

entfalten sie ihren Sog. Gitarrist<br />

und Klangkörpervorstand Nicola<br />

Conte dagegen trägt gerne dick<br />

auf, dementsprechend rahmensprengend<br />

gerät seine experimentelle<br />

Annäherung an den<br />

Afrobeat-Sound der 70er. Conte<br />

kann mit starken Stimmen und<br />

routiniert gesetzten Kompositionen<br />

punkten, der Sound des<br />

alten Acidjazzers aus Bari bleibt<br />

dabei aber immer aalglatt. Wer<br />

Afrofunk am liebsten mag, wenn<br />

er nach Jazzanova-Remix klingt,<br />

ist hier richtig.<br />

Eric Mandel<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 89


Kolumne<br />

Schaal<br />

ganz Ohr<br />

Walter Smith III<br />

Twio<br />

Whirlwind / Indigo<br />

Haus<br />

Tales Along the Path of Life<br />

Jazzsick / Membran<br />

Um 1935 übernahm das<br />

Tenorsaxofon im Jazz die<br />

Führungsrolle <strong>–</strong> und behielt<br />

sie bis in die Tage des<br />

Freejazz. Das Beste, was die<br />

Afroamerikaner über ihre<br />

Seele mitzuteilen hatten,<br />

meinte Ornette Coleman<br />

einmal, hätten sie auf dem<br />

Tenorsax gesagt: „Das Tenor<br />

ist ein Rhythmusinstrument,<br />

du erreichst die Leute<br />

damit.“ Diese große Tenor-<br />

Tradition <strong>–</strong> stark verkürzt:<br />

Hawkins-Young-Gordon-<br />

Rollins-Coltrane-Shepp <strong>–</strong> ist<br />

heute ein wenig aus dem<br />

Blick geraten. Walter Smith<br />

III korrigiert das. Der 37-Jährige<br />

aus Houston, Texas,<br />

verzichtet auf das scheinbar<br />

Unverzichtbare, nämlich ein<br />

Piano. Er reanimiert auf Twio<br />

die legendäre, experimentelle<br />

Saxofontrio-Besetzung,<br />

die nur mit Bass (Harish<br />

Raghavan) und Schlagzeug<br />

(Eric Harland) auskommt.<br />

Offene Harmonien, Durchgangs-<br />

und Wendepunkte<br />

<strong>–</strong> Smiths Zugang zur großen<br />

Tradition ist alles andere als<br />

naiv. Die Balance zwischen<br />

dem Authentischen und dem<br />

Originären hat er für jedes<br />

Stück neu austariert. Er<br />

taucht tief in die Kompositionen<br />

ein, hält sich aber den<br />

Rückweg frei, um direkt und<br />

spontan bleiben zu können.<br />

Sein kraftvolles Tenorspiel<br />

stürzt sich ins nackte Wagnis,<br />

ganz ohne Sicherungsseil,<br />

ganz nah am Abgrund.<br />

Große Namen säumen<br />

die Strecke, Monk, Gryce,<br />

Shorter, dazu Standards, an<br />

denen sich Generationen<br />

von Tenoristen abgearbeitet<br />

haben. Als Gäste steigen<br />

Joshua Redman (Tenorsax)<br />

und Christian McBride<br />

(Bass) mit ein <strong>–</strong> auch sie mit<br />

spontaner Abenteuerlust.<br />

Tradition wird zur Avantgarde<br />

des Augenblicks. Ein neues,<br />

bedeutendes Statement auf<br />

dem Tenor.<br />

Ein ganz anderes Instrument<br />

ist das Vibrafon. Als<br />

es (ebenfalls um 1935) die<br />

Welt des Jazz betrat, war<br />

es ein ekstatisches Mini-<br />

Schlagklavier. Danach hat es<br />

viele Schicksale durchlaufen<br />

zwischen hartem Konstruktivismus<br />

und perlendem<br />

Silberklang. Das Vibrafon<br />

kann Melodie, aber nicht<br />

wie ein Saxofon; Struktur,<br />

aber nicht wie ein Piano;<br />

Rhythmus, aber nicht wie ein<br />

Schlagzeug. Im direkten Vergleich<br />

hat es seine Defizite.<br />

Seine Stärke dagegen heißt<br />

Universalität, visionäre Kraft,<br />

essenzielle Konzeption. Für<br />

Mathias Haus, der von sich<br />

sagt, sein eigentliches Ding<br />

sei das Komponieren, war<br />

das Vibrafon die Ideallösung.<br />

Zwischen Percussion-<br />

Ensembles für Kinder und<br />

Neuer Musik beim WDR,<br />

zwischen pochendem<br />

Minimalismus, Gary-<br />

Burton-Zauber, klirrender<br />

Dissonanz und geheimnisvollem<br />

Sphärenklang hat<br />

Mathias Haus alle Facetten<br />

des Instruments erforscht.<br />

Mit dem 2-CD-Album<br />

Tales Along the Path of Life<br />

präsentiert der Rheinländer<br />

eine beeindruckende, wenn<br />

auch erstaunlich frühzeitige<br />

Werkschau <strong>–</strong> er wird<br />

dieses Jahr 55. Hendrik<br />

Soll (Piano + Keys), André<br />

Nendza (Bass) und Mirek<br />

Pyschny (Drums) begleiten<br />

ihn bei seiner musikalischen<br />

Lebens- und Schaffensreise.<br />

Jubelnde Flows und sonnige<br />

Harmonien auf der einen,<br />

raffinierte Brechungen und<br />

dunkle Geheimnisse auf der<br />

anderen Seite. Ein Referenzwerk<br />

für das Vibrafon.<br />

Hans-Jürgen Schaal<br />

Richtungen: Ostinato-reich als<br />

Rhythm Section mit Aaron Christ,<br />

der dem Schlagzeug leichtfüßig<br />

perkussive Flügel verleiht; und<br />

auf der anderen Seite verschmilzt<br />

ihr Spiel mit viel Sinn für flüssige<br />

harmonische Texturen mit der<br />

Sitar. Das dritte Album des Trios<br />

wird in seiner zweiten Hälfte<br />

zunehmend interessanter, weil<br />

etwas entschleunigter. Wenn das<br />

überwiegend hohe Tempo, was<br />

die drei im ersten Teil vorlegen,<br />

etwas zur Ruhe kommt, dürfen<br />

sich umso mehr schöne und<br />

überraschende Wendungen<br />

entfalten.<br />

Jan Kobrzinowski<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Alcyona Mick & Tori Freestone<br />

Criss Cross<br />

Whirlwind / Indigo<br />

W W W W<br />

Die beiden Engländerinnen verfügen<br />

über einen skurrilen Humor.<br />

Die Reihenfolge der Titel muss<br />

der Betrachter sich aus dem<br />

rückseitigen Kreuzworträtsel<br />

erschließen. Achtung, Lesebrille<br />

ist hilfreich beim Erkennen der<br />

winzigen Zahlen! Saxofonistin<br />

Tori Freestone ist bereits seit<br />

fünfzehn Jahren auf der europäischen<br />

Jazz-Szene aktiv. Pianistin<br />

Alcyona Mick attestierte der<br />

GUARDIAN bereits „Weltklasse-<br />

Genialität“. Die beiden Musikerinnen<br />

haben einen breiten musikalischen<br />

Hintergrund: Klassik,<br />

Filmmusik, große Jazz-Ensembles,<br />

Trios oder eben wie hier<br />

die Duo-Formation, die für zwei<br />

Songs um die Sängerin Brigitte<br />

Beraha verstärkt wird. Und mit<br />

jener Gastsängerin startet die CD<br />

auch. „Hermitica“ klingt wie eine<br />

Hommage an eine etwas herbere<br />

Flora Purim, gewürzt mit einigen<br />

scharfen Dissonanzen. Wie<br />

vielschichtig die Komponistin Tori<br />

Freestone agiert, das wird in der<br />

schönen Ballade „Charmed Life“<br />

deutlich, die Mick mit seinem<br />

stimmungsvollen Piano-Vorspiel<br />

einleitet. Freestone ist es auch,<br />

die das Folk-Traditional „Press<br />

Gang“ gekonnt wieder mit der<br />

brillanten Sängerin Beraha<br />

in den Kammerjazz-Kontext<br />

überträgt. Pianistisch und<br />

kompositorisch weiß Alcyona<br />

Mick mit „Goodnight Computer“<br />

zu überzeugen. Wenn man diese<br />

Musik mit anderen Jazz-Größen<br />

vergleichen möchte, fällt einem<br />

der deutsche Pianist Joachim<br />

Kühn ein. Sensibler kammermusikalischer<br />

Jazz, der in den<br />

70er Jahren eine Blütezeit hatte,<br />

aber eigentlich zeitlos ist, wie diese<br />

beiden Musikerinnen zeigen.<br />

Andreas Schneider<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Duo Lit<br />

Das ist deine Zeit ... und die läuft<br />

Fuhrwerk<br />

W W W o<br />

Das ist deine Zeit ... und die läuft<br />

bietet schöne, frei in den Raum<br />

gestellte Musik neben dem, was<br />

diesen beiden Musikern zweite<br />

Natur zu sein scheint: und zwar<br />

die Fähigkeit, sich dem Flow unerwarteter<br />

Musik anzuvertrauen,<br />

mal langsam, fast in Zeitlupe<br />

oder auch auf hohes Tempo beschleunigt.<br />

Das Duo Lit sind zwei<br />

Mehrfach-Preisträger: Tamara<br />

Lukasheva, die ihre dehn- und<br />

biegsame Stimme einsetzt, wie<br />

ihr der Schnabel gewachsen ist,<br />

während Schlagzeuger Dominik<br />

Mahnig klöppelt, fegt, trommelt,<br />

federt und klingt. Tamaras Substanz<br />

ist ihre bis zum Äußersten<br />

trainierte Stimme, das Salz ist<br />

dieser verspielt-charmante und<br />

ihr, ich sag’s jetzt mal, slawischer<br />

Einschlag, den sie Gott sei Dank<br />

nicht verhehlen will und der<br />

auch dann bleibt, wenn sie in<br />

Englisch singt. Mahnig und Lukasheva<br />

experimentieren <strong>–</strong> mal<br />

rezitativ, mal frei improvisierend<br />

<strong>–</strong> im Dialog, und immer wieder<br />

ist da dieser feine Groove, der<br />

immer nur entstehen kann, wenn<br />

Musiker die dafür entscheidenden<br />

Voraussetzungen erfüllen:<br />

vollkommene Offenheit und großer<br />

Mut zum Risiko. Eine schöne,<br />

ungewöhnliche, spannende Platte<br />

zum aufmerksamen Zuhören,<br />

Staunen und Zurücklehnen.<br />

Jan Kobrzinowski<br />

90 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Die Hörbucht<br />

Andreas Ammer / FM Einheit<br />

Sie sprechen mit der Stasi<br />

Der Hörverlag / Edel:Kultur<br />

W W W W W<br />

Seit einem Vierteljahrhundert<br />

arbeitet der ehemalige Einstürzende<br />

Neubau FM Einheit <strong>–</strong> in<br />

Blixa Bargelds Band verantwortlich<br />

für allerlei metallischen<br />

Lärm <strong>–</strong> mit dem Regisseur und<br />

Produzenten Andreas Ammer<br />

zusammen, um Hörspiele, Collagen<br />

und Klanginstallationen<br />

zu kreieren. Jetzt haben sie sich<br />

auf die Suche nach Originaltönen<br />

der DDR-Staatssicherheit<br />

begeben <strong>–</strong> das Ergebnis ist mehr<br />

als faszinierend, es ist atemberaubend.<br />

Untertanenmentalität,<br />

Denunziantentum, aber auch<br />

einfallsreiche Sabotage-Ideen<br />

sind zu hören, und allein die<br />

Sesselfurzer des berüchtigten<br />

MfS (Ministerium für Staatssicherheit)<br />

verlieren viel von<br />

ihrem Schrecken, weil sie so<br />

erschreckend dumm und träge<br />

sind. Allein die Verwendung von<br />

Begriffen wie „Teilnehmer“, mit<br />

dem sich der diensthabende<br />

Offizier am Telefon meldet (natürlich<br />

ohne seinen Namen zu<br />

nennen), und „Fluchtversuch“<br />

für das schlichte Bemühen,<br />

die DDR zu verlassen, spricht<br />

Bände.<br />

Die Mitschnitte von Telefonanrufen<br />

einfacher Bürger<br />

sind skurril bis erschreckend,<br />

die Tonbandaufnahmen von Verhören<br />

bauen Terror und Schrecken,<br />

den man im Allgemeinen<br />

mit dem DDR-Geheimdienst verbindet<br />

und den man durch das<br />

dümmliche Verhalten der Stasi-<br />

Mitarbeiter am Telefon beinahe<br />

vergessen hätte, flugs wieder<br />

auf. Hier zeigen die miesen Bürokraten<br />

der Staatssicherheit ihr<br />

wahres Gesicht und schreien,<br />

schüchtern ein und bedrohen<br />

die „Verdächtigen“, die auf ein<br />

faires Gerichtsverfahren nicht<br />

hoffen konnten. Tonfall und Diktion<br />

erinnern an den berüchtigten<br />

Volksgerichtshof der Nazis<br />

und dessen niederträchtigen<br />

Präsidenten Roland Freisler.<br />

Wer nach diesem Hörspiel noch<br />

DDR samt Stasi verharmlost,<br />

dem ist nicht mehr zu helfen,<br />

und insbesondere Politiker der<br />

Linken sollten sich für ihr ständiges<br />

Schweigen, Abwiegeln und<br />

Relativieren schämen.<br />

Die bedrohliche Atmosphäre<br />

des Materials wird<br />

durch die düstere Musik, die FM<br />

Einheit unter das Tonmaterial<br />

mischt, noch verstärkt, was<br />

gleichzeitig dazu führt, dass Sie<br />

sprechen mit der Stasi nicht nur<br />

scheußlich, sondern auch<br />

verdammt unterhaltsam<br />

ist. Denn das Hörspiel<br />

dokumentiert einen<br />

Schrecken, der<br />

überwunden<br />

wurde, die<br />

Herrschaft<br />

der Doofen<br />

ist einstweilen<br />

vorbei.<br />

Heute steht<br />

wohl eher die<br />

AfD für eine<br />

vergleichbare<br />

Mentalität. Man<br />

kann sich lebhaft<br />

vorstellen, dass<br />

die Fans von Bernd<br />

Höcke und Beatrix von<br />

Storch auch gerne so mit ihren<br />

politischen Gegnern umspringen<br />

würden.<br />

Rolf Thomas<br />

<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />

Bassa<br />

Ahewáuwen <strong>–</strong> ein Tangomärchen<br />

Flowfish Records / Broken<br />

Silence<br />

W W W W<br />

Das Lob, eine Band könne<br />

selbst ohne Worte Geschichten<br />

erzählen, gehört zum gängigen<br />

Journalisten-Repertoire. Gern<br />

genommen, wenn es um Musik<br />

geht, die besonders stimmungsvoll<br />

ist und die Fantasie anregt.<br />

Auch das Berliner Tango- und<br />

Weltmusikquartett Bassa<br />

konnte sich schon häufiger über<br />

entsprechende Zuschreibungen<br />

freuen. Mitgedacht ist bei dem<br />

Lob stets die Umkehrung, dass<br />

die Fähigkeit, mit Worten eine<br />

Geschichte zu erzählen, ein<br />

Kinderspiel und deshalb kaum<br />

der Rede wert sei. Aber ist es<br />

wirklich so einfach? Bassa<br />

haben es ausprobiert. Ihr neues<br />

Album Ahewáuwen basiert auf<br />

einem Märchen der Selk’nam,<br />

einer Ethnie, die bis in die erste<br />

Hälfte des 20. Jahrhunderts auf<br />

Feuerland lebte. Für eine Band,<br />

die vom Tango kommt, eine<br />

geografisch durchaus naheliegende<br />

Wahl.<br />

Die vier von Bassa entschieden<br />

sich dafür, Text und<br />

Musik getrennt voneinander<br />

aufzunehmen und den Fortgang<br />

Schon<br />

Conan der Barbar<br />

und <strong>August</strong> der sehr Superstarke<br />

wussten um die positive Wirkung von<br />

Verstärkern, vom alttestamentarischen Samson<br />

nicht zu schweigen, dessen unbändige Kraft brutal<br />

unschamponiert in den Haaren steckte. Der Ferse des<br />

Achilles sollten jedoch ebenso viele Schwachstellen<br />

menschlicher Physis folgen (hier schweigen wir dann<br />

taktvoll von der Psyche), und selbst Drachenblut verstärkte<br />

Siegfrieds strahlende Unbesiegbarkeit zu schlechter Letzt<br />

nur unzulänglich. Jedem Supermann sein Kryptonit. Umso<br />

erfreulicher, wenn sie mal nachhaltiger und etwas filigraner<br />

funktionieren, die Verstärker, und etwa Stimmungen<br />

forcieren oder die Poesie des Augenblicks. Nennen<br />

wir sie Musik, diese Verstärker. Und die sind auch<br />

dann noch faszinierend, wenn der Soundtrack<br />

des Lebens auch dessen Schattenseiten<br />

verdichtet. In der Hörbucht…<br />

Björn Simon<br />

des Märchens, gelesen von der<br />

Schauspielerin und Regisseurin<br />

Judica Albrecht, in kurzen<br />

Sprechpassagen zwischen<br />

Instrumentalkompositionen zu<br />

montieren. Etwa 30 Minuten<br />

Musik und neun Minuten Textvortrag<br />

erzählen so gemeinsam<br />

die Geschichte des Seelöwen<br />

Ahewáuwen, der sich in ein<br />

menschliches Mädchen verliebt.<br />

Während sie angelt, gelingt es<br />

ihm, sie ins Wasser zu ziehen,<br />

in eine abgelegene Bucht<br />

zu entführen und ihr Herz zu<br />

gewinnen. Den Dorfbewohnern,<br />

die sich auf die Suche nach<br />

der Verschwundenen machen,<br />

bleibt nur der Blick auf zwei in<br />

der Ferne verschwindende Seelöwen<br />

in den letzten Strahlen<br />

der untergehenden Sonne.<br />

Die Handlung ist nicht<br />

übermäßig komplex, aber <strong>–</strong> wie<br />

es sich für Märchen gehört <strong>–</strong> in<br />

viele Richtungen interpretierbar.<br />

Der Reiz des Unbekannten, die<br />

alles überwindende Kraft der<br />

Liebe, die sich in den Mut verwandelt,<br />

alles für sie aufzugeben<br />

und völlig neu zu beginnen<br />

<strong>–</strong> die Motive der Geschichte berühren<br />

große Fragen. Vor allem<br />

aber funktioniert das Märchen<br />

bestens als Auslöser für musikalische<br />

Ideen. Mal tänzerisch<br />

und nah am Tango wie im vom<br />

Gitarristen Takashi Peterson<br />

komponierten „Wellenritt“,<br />

dann träge und erschöpft wie<br />

in Geigerin Miriam Erttmanns<br />

„Gestrandet“, aber immer mit<br />

kammermusikalischer Finesse,<br />

zeichnen die Musiker mit Geige,<br />

Klarinette (Hannes Daerr),<br />

Gitarre und Kontrabass<br />

(Tobias Fleischer)<br />

die Geschichte auf<br />

ihre Weise nach,<br />

ergänzen das<br />

Geschehen um<br />

eine zusätzliche<br />

Ebene und<br />

verstärken die<br />

Bilder im Kopf<br />

des Hörers.<br />

Mag es<br />

auf den ersten<br />

Eindruck noch bedauerlich<br />

erscheinen,<br />

dass Musik und<br />

Wort nicht miteinander<br />

verwoben, sondern nebeneinandergestellt<br />

werden,<br />

wird beim Hören bald deutlich,<br />

dass das Konzept gut gewählt<br />

ist. Die Instrumentalstücke<br />

können gut für sich stehen und<br />

sind zu schade, um als bloße<br />

Untermalung zu dienen. Andererseits<br />

lenkt nichts vom Vortrag<br />

Judica Albrechts ab, die den<br />

Text bedächtig, aber nicht allzu<br />

märchentantig liest <strong>–</strong> wobei<br />

auch das bei einem Märchen<br />

wohl kaum zu beanstanden<br />

wäre. Und Bassa können künftig<br />

stolz von sich behaupten, auch<br />

mit zusätzlichen Worten eine<br />

Geschichte erzählen zu können.<br />

Guido Diesing<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 91


LIVE<br />

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Jazzfest<br />

Bonn<br />

Von Thomas Kölsch. Die Kunst der Form<br />

war ein zentraler Bestandteil des diesjährigen<br />

Bonner Jazzfests: Avantgardisten mit<br />

dem Ziel maximaler Offenheit trafen auf<br />

Musiker, die eher klare Linien bevorzugten.<br />

Eine zentrale Rolle spielten dabei Piano-<br />

Formationen. Insbesondere Makoto Ozone<br />

und Aaron Goldberg setzten mit ihren Trios<br />

Maßstäbe, erwiesen sich als erfreulich klar<br />

und zugleich herrlich verspielt. Mit ihrer<br />

klassischen Prägung und überragenden<br />

Virtuosität sorgten die beiden für absolute<br />

Höhepunkte. Ihnen stellte Organisator<br />

Peter Materna mit dem Quintett von Eyolf<br />

Dale und dem Quartett von Pablo Held zwei<br />

Formationen gegenüber, die sich einer geschlossenen<br />

Spielweise eher verweigerten.<br />

Ersterer erinnerte an einen Collagen-Künstler,<br />

dessen Einfälle wie Glühwürmchen um<br />

ihn herumschwirrten <strong>–</strong> immer in Bewegung,<br />

flüchtig und verwirrend; Letzterer schien<br />

mitunter Hörgewohnheiten und rhythmische<br />

Konventionen vollständig zu dekonstruieren,<br />

nur um dann doch wieder in eine gewisse<br />

Formensprache zurückzufallen.<br />

Ein ähnlicher Kontrast entstand<br />

beim einzigen reinen Gitarrenabend des<br />

Festivals: Während Lage Lund und seine<br />

Trio-Kollegen zwar ein gemeinsames Ziel,<br />

nicht aber einen gemeinsamen Weg zu<br />

haben schienen und sich gegenseitig stets<br />

auf einer Armlänge Abstand hielten, waren<br />

sich Philip Catherine und sein Bassist<br />

© Thomas Kölsch<br />

92 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> Imaani (Incognito)


© Thomas Kölsch<br />

© Thomas Kölsch<br />

Martin Wind ganz nah. Herrlich, wie sich<br />

die beiden die Melodien zuwarfen und<br />

weder die Stücke noch den jeweils anderen<br />

aus den Augen verloren. Hier waren die<br />

Kompositionen nicht lediglich Ausgangspunkt<br />

für experimentelle Klangspielereien,<br />

sondern das Zentrum der Kunst. So auch<br />

bei Wolfgang Haffner. Der Drummer mit<br />

großem Gespür für Melodien setzte mit<br />

dem überragenden Vibrafonisten Christopher<br />

Dell sowie Roberto di Gioia (p) und<br />

Christian Diener (b) Maßstäbe. Der Fokus<br />

lag dabei auf dem aktuellen Album Kind of<br />

Spain mit seinen Flamenco- und Pasodoble-<br />

Anklängen <strong>–</strong> und was der 52-Jährige etwa<br />

aus dem traditionellen „Tres Notas Para<br />

Decir Te Quiero“ zauberte, war reine Magie.<br />

Derweil blieb <strong>Juli</strong>a Biel ein wenig hinter den<br />

Erwartungen zurück, verharrte zu sehr im<br />

melancholischen Indie-Pop und wurde erst<br />

gegen Ende kontrastreicher und eigensinniger.<br />

Unter den großen Namen stach vor allem<br />

John Scofield hervor, der das Publikum<br />

in der Oper zum Toben brachte, während<br />

er über die Saiten jagte und Country-Songs<br />

wie Dolly Partons „Jolene“ verjazzte und<br />

modifizierte, bis nur noch wenig an die<br />

ursprüngliche Ballade erinnerte. Dennoch<br />

gelang es Scofield, die Balance zwischen<br />

Struktur und Freiheit zu wahren, wofür ihm<br />

die Menge stehende Ovationen spendete.<br />

Diese hatte auch das Bundesjazzorchester<br />

verdient, das mit einem anspruchsvollen<br />

filmmusikalischen Programm auftrat: Es<br />

hatte sich zu neun Bauhaus-Kurzfilmen aus<br />

den 20er und 30er Jahren kongeniale Musik<br />

auf den kollektiven Leib schreiben lassen.<br />

Großartig.<br />

Zur Party wurde schließlich der Auftritt<br />

von Incognito. Die Combo verstand es nicht<br />

nur mühelos, das Publikum zum Tanzen<br />

zu bringen und bis an den Bühnenrand zu<br />

locken, sondern auch Ed Motta zu entfesseln,<br />

der zuvor bei seinem eigenen Auftritt<br />

noch ein wenig gehemmt gewirkt hatte.<br />

Die Qualitäten dieses Stimmkünstlers, der<br />

nur noch vom atemberaubenden Andreas<br />

Schaerer in den Schatten gestellt wurde,<br />

kamen erst richtig zur Geltung, als er nicht<br />

mehr die komplette Verantwortung zu tragen<br />

hatte und die Freiheit besaß, innerhalb<br />

eines klaren Gefüges seiner Leidenschaft<br />

zu frönen.<br />

oben: John Scofield / unten: Makoto Ozone Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 93


Live<br />

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Theaterhaus Jazztage<br />

Stuttgart<br />

Von Harry Schmidt. Während das hochsommerliche<br />

Stuttgarter Jazzopen-Festival<br />

seinen Publikumszuspruch auch mit<br />

Pop- und Rockkonzerten generiert, setzt<br />

das Festival der Theaterhaus-Macher zu<br />

Ostern komplett auf Jazz. Werner Schretzmeier,<br />

der das Programm gemeinsam mit<br />

Programmplaner Wolfgang Marmulla kuratiert,<br />

zeigte sich angesichts einer Auslastung<br />

von über 80 Prozent hochzufrieden.<br />

Einer der Gründe für die Resonanz<br />

dürfte in der familiären Atmosphäre<br />

des Festivals liegen, in der Künstler und<br />

Publikum sich immer wieder zwanglos<br />

begegnen. Neben Präsenz ist auch Timing<br />

eine Kardinaltugend des Jazz. Im denkmalgeschützten<br />

Backsteinbau am Stuttgarter<br />

Pragsattel verbinden sich die vier Säle zu<br />

einem Festival der kurzen Wege, bei dem<br />

es kein Problem ist, zur richtigen Zeit am<br />

richtigen Ort zu sein. Etwa, wenn Patrick<br />

Bebelaar gerade eine frappierende Interpretation<br />

von „How Insensitive“ aus dem<br />

Flügel perlen lässt. Oder wenn Saxofon-<br />

Altmeister Lee Konitz, mit 90 Jahren der<br />

Nestor im diesjährigen Line-up, mit einem<br />

Trio von Musikern, die im Schnitt ein<br />

Drittel so alt sein dürften, die sensationell<br />

unspektakuläre Eleganz seines mit cooler<br />

Nonchalance geblasenen Saxofontons<br />

demonstriert. Am anderen Ende des Spektrums<br />

war der Auftritt des britischen Quartetts<br />

Sons of Kemet um den Saxofonisten<br />

Shabaka Hutchings eines der großen<br />

Highlights <strong>–</strong> eine Energie entbindung ungeheuren<br />

Ausmaßes. Wie viele Level der<br />

organisierten Raserei es tatsächlich geben<br />

kann, war einem zuvor nicht bewusst gewesen.<br />

Auch der Auftritt des armenischen<br />

Pianisten Tigran Hamasyan zählte zu den<br />

diesjährigen Höhepunkten.<br />

Neben überraschenden Entdeckungen<br />

boten die Jazztage auch Gelegenheit zur<br />

Überprüfung bestehender Einschätzungen.<br />

Ja, John Surman, der mit Alexander<br />

Hawkins, einem hochinteressanten Newcomer<br />

am Piano, auftrat, ist wirklich ein<br />

Elder Statesman des europäischen Jazz.<br />

Jean Luc Ponty, der mit dem Gitarristen<br />

Biréli Lagrène und Clint Eastwoods Sohn<br />

Kyle am Bass spielte, ist noch immer der<br />

Meister der elektrifizierten Jazz-Geige.<br />

Wolfgang Haffner ist einer der besten<br />

deutschen Drummer, Sebastian Studnitzky<br />

einer der souveränsten Sidemen, Renaud<br />

García-Fons einer der eigenwilligsten Bassisten<br />

der Szene. Und nein, die harmlose,<br />

weichgespülte Jazz-Party-Mucke der Nils<br />

Landgren Funk Unit überzeugt nicht mehr.<br />

So manche Bühnen-Konstellation<br />

feierte ihre Weltpremiere. Dass bei einer<br />

Programmplanung, die sich auf Experimente<br />

einlässt, nicht alles gleich gut<br />

funktioniert, liegt in der Natur einer Sache,<br />

für die Jazz mehr bedeutet als swingende<br />

Unterhaltung, nämlich auch: Risiko,<br />

Wagnis, Fallhöhe. Während die Premiere<br />

des Duos Surman / Hawkins fruchtbar<br />

geriet, fanden der Schweizer Perkussionist<br />

Reto Weber und seine Gäste nur selten<br />

zusammen. Eric Schaefers Projekt Kyoto<br />

Mon Amour beeindruckte mit poetischer<br />

Tiefe, fand aber nicht zur idealen Balance<br />

zwischen den europäischen und japanischen<br />

Klangwelten. Dass in diesem Jahr<br />

Frauen weitgehend auf eine Rolle am<br />

Mikrofon beschränkt blieben, hatte bereits<br />

im Vorfeld für Kritik gesorgt. „Es ist uns<br />

einfach passiert“, sagt Schretzmeier <strong>–</strong> und<br />

kündigt fürs nächste Festival einen Frauenanteil<br />

von über 50 Prozent an.<br />

© Hans Kumpf<br />

94<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> Emile Parisien, Andreas Schaerer, Vincent Peirani


© Torsten Stapel<br />

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Jazz in E.<br />

Eberswalde<br />

Von Thomas Melzer. Dem<br />

pünktlichen Beginn eines<br />

Schlagzeugkonzerts dürfte<br />

eigentlich nichts im Wege<br />

stehen, nicht einmal Kammerton<br />

a‘. Dem pünktlichen Beginn des<br />

Konzerts von Oliver Steidle und<br />

Christian Lillinger bei Jazz in E.<br />

stand ein Paul-Wunderlich-Zitat<br />

im Wege. Am Festivalort ist in<br />

einer Dauerausstellung das<br />

Lebenswerk des in Eberswalde<br />

geborenen „deutschen Salvador<br />

Dali“ zu sehen. Ein programmatisches<br />

Zitat an einer<br />

Wand zwischen Backstage und<br />

Bühne brachte kurz vor acht die<br />

beiden Avantgarde-Trommler<br />

zum Lodern: „Was nach Zufall<br />

aussieht, ist mir gewöhnlich<br />

ein Dorn im Auge.“ Puuh! Der<br />

Zufall als kreative Chance.<br />

Als Moment, auf den man<br />

sich durch Akkumulation von<br />

Wissen, Können und Konzepten<br />

vorbereiten muss. Der Zufall<br />

als allgegenwärtiges Prinzip,<br />

das sich nicht wegregulieren<br />

lässt. Die beiden redeten sich<br />

in Rage. Das Publikum wartete.<br />

Und erlebte dann ein Konzert, in<br />

dem alles dem Zufall überlassen<br />

blieb. Naja, beinahe alles. Die<br />

beiden kennen sich zu gut, um<br />

sich einander in ihrer trommelnden<br />

Kommunikation komplett<br />

zu überraschen. Lillinger hat<br />

vor langer Zeit als Fan auch bei<br />

Jazz in E. Konzerte des neun<br />

Jahre älteren Steidle studiert.<br />

Später war er sein Ersatzmann<br />

u.a. bei Klima Kalima und Rosa<br />

Rauschen. Längst trommeln sie<br />

auf Augenhöhe, wenngleich<br />

gemeinsam im Duo nur höchst<br />

selten. Ein Abenteuer, ein Trip,<br />

ein Vergnügen, eine Erfüllung<br />

<strong>–</strong> für die Ohren und die Augen,<br />

auf und vor der Bühne.<br />

„Break“ war das Motto<br />

des diesjährigen, bereits 24.<br />

Himmelfahrtsfestivals im Barnimer<br />

Urstromtal. Das Schlagzeug<br />

dominierte den Sound an den<br />

vier Abenden, wobei Festivalchef<br />

Udo Muszynski sich<br />

Wochen zuvor selbst überrascht<br />

gab, dass sein Schwerpunkt<br />

mit dem 100. Geburtstag<br />

des 1918 von der Ludwig Drum<br />

Company in Chicago auf den<br />

Markt gebrachten Drum Kits<br />

korrespondierte. Jeder Abend<br />

begann mit einem Duo-Konzert,<br />

immer unter Beteiligung eines<br />

Schlagzeugers, und endete mit<br />

der Präsentation einer größeren<br />

Formation, nie ohne Mitwirkung<br />

eines Drummers. Das stilistisch<br />

bewusst weit gedehnte<br />

Spektrum reichte von Pranke<br />

(Max Andrzejewski <strong>–</strong> dr, voc;<br />

Daniel Bodvarsson <strong>–</strong> g, voc)<br />

bis zu Ätna (Inez <strong>–</strong> keyb, voc;<br />

Demian Kappenstein <strong>–</strong> dr) bzw.<br />

von Jim Blacks Band Malamute<br />

bis zum Marek Pospieszalski<br />

Quartet mit einem Frank-Sinatra-<br />

Programm. Im traditionellen<br />

Sonnabendmorgenkonzert auf<br />

dem Kirchhang hatte SÜDEN<br />

Premiere, das neue Projekt von<br />

Schlagzeuger Kay Lübke (mit<br />

John Schröder <strong>–</strong> g; Niko Meinhold<br />

<strong>–</strong> keyb). Nein, der Jazzrock<br />

ist nicht tot <strong>–</strong> er lebt!<br />

„Ein Festival allein vermag<br />

es nicht, den aktuellen Jazz<br />

abzubilden“, erläuterte Udo<br />

Muszynski. „Aber wenn man<br />

die Programme von fünf Jahren<br />

mit ihren unterschiedlichen<br />

Schwerpunkten nebeneinanderlegt,<br />

dann erhält man schon<br />

ein sehr gutes Bild dessen,<br />

was und wie heutzutage im<br />

modernen Jazz gespielt wird.“<br />

Das RBB-Kulturradio übertrug<br />

erstmals zwei Stunden live vom<br />

Festival, u.a. das Konzert von Oli<br />

Steidle & The Killing Popes, und<br />

wird weitere aufgezeichnete<br />

Konzerte zeitversetzt senden.<br />

Christian Lillinger Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 95


Live<br />

© Stefanie Marcus<br />

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jazzahead!<br />

Bremen<br />

Von York Schäfer. Peter Schulze,<br />

künstlerischer Leiter der<br />

jazzahead!, konnte zufrieden<br />

sein. Mit gut 17.000 Besuchern<br />

an den drei Musiktagen bewegte<br />

man sich <strong>2018</strong> auf hohem<br />

Niveau, noch 2011 waren es<br />

nur etwa 3500. Die jazzahead!<br />

hat sich seit ihrer Premiere<br />

2006 mit ihrer Mischung aus<br />

Festival und Messe, globaler<br />

und lokaler Veranstaltung<br />

längst zum Durchlauferhitzer<br />

der internationalen Szene<br />

für improvisierte Musik in<br />

Deutschland gemausert.<br />

Partnerland war in diesem<br />

Jahr Polen, ausgestattet mit reicher<br />

Jazztradition um Altmeister<br />

wie Krzysztof Komeda und<br />

Tomasz Stańko und einer international<br />

ausgerichteten zeitgenössischen<br />

Szene, die sich ihre<br />

Weltoffenheit auch von fremdenfeindlichen<br />

Tendenzen im<br />

Land nicht madig machen lässt.<br />

Für den Altsaxofonisten Maciej<br />

Obara zum Beispiel war der<br />

Jazz in Polen schon immer auch<br />

die Stimme der Freiheit. Zum<br />

Abschluss der Polish Night mit<br />

acht Konzerten in Messehallen<br />

und dem alten Schlachthof-<br />

Gebäude, war Obara Teil des<br />

frei und druckvoll aufspielenden<br />

Oktetts Power of the Horns um<br />

den Trompeter Piotr Damasiewicz.<br />

Eine dringliche Musik<br />

mit der erhabenen Strahlkraft<br />

von vier Bläsern, grundiert von<br />

zwei gnadenlos schrubbenden<br />

Like a Jazz Machine<br />

powered by<br />

Dudelange<br />

Von Peter Bastian. „Wir wollen<br />

vor allem die Musiker bedienen<br />

und nicht das Publikum“,<br />

war das bewundernswerte<br />

Credo von Danielle Igniti, der<br />

künstlerischen Leiterin des<br />

Festivals Like a Jazz Machine<br />

im luxemburgischen Dudelange.<br />

Die langjährige Leiterin des<br />

Kulturzentrums Opderschmelz<br />

hört aus Altersgründen auf,<br />

was bei vielen in der Szene für<br />

Sorgenfalten sorgt: Wer folgt<br />

ihr nach? Wird das Festival in<br />

dieser Form weiterbestehen?<br />

Man wird sehen.<br />

Zunächst einmal genossen<br />

alle <strong>–</strong> Publikum wie<br />

Igniti <strong>–</strong> ihr letztes Festival.<br />

Manche Bands genossen<br />

auch ihren Status als Artists<br />

in Residence. Und gleich die<br />

erste zeigte, dass diese Ausgabe<br />

ein Festival der starken<br />

Schlagzeuger war: EPS <strong>–</strong> das<br />

sind Daniel Erdmann (sax),<br />

Peter Perfido (dr) und Henning<br />

Sieverts (b, cello), vielleicht<br />

Perfidos bisher beste Band.<br />

Der vielschichtige und voluminöse<br />

Drummer stellte hier<br />

u.a. Werke des verstorbenen<br />

britischen Pianisten Mike<br />

O’Neill vor. Residiert hat auch<br />

das Quartett des luxemburgischen<br />

Drummers Michel Meis,<br />

das sphärischen Freejazz mit<br />

der Moderne verband. Nicht<br />

zuletzt residierte auch das<br />

Awake 4tet des Saxofonisten<br />

Maxime Bender, aber bei Joachim<br />

Kühn auf Ibiza <strong>–</strong> beneidenswert!<br />

Die Jungs (Bender,<br />

Oliver Lutz am Bass und Pit<br />

Dahm an den Drums) waren<br />

mächtig aufgeregt. Vielleicht<br />

gerade deswegen geriet das<br />

Konzert so gut. Teils notiert,<br />

teils frei gingen die vier Musiker<br />

wunderbar aufeinander<br />

ein. Und in Ornette Colemans<br />

„Research Has No Limits“<br />

setzten sie dessen Titel in die<br />

Tat um, und das sehr beeindruckend.<br />

Mit Jeff Herr stand der<br />

vierte hervorragende Drummer<br />

auf der Bühne, wieder aus<br />

Luxemburg und wieder mit<br />

Bender am Saxofon, Laurent<br />

Payfert spielte Bass. Das Trio<br />

präsentierte seine neue CD<br />

© Peter Bastian<br />

96 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> oben: Jazzmeia Horn / unten: Reggie Washington


Kontrabässen. Einer der zwei<br />

Saitenmänner dort war Maksymilian<br />

Mucha, der auch im<br />

Trio der exzentrischen Pianistin<br />

und Electro-Fricklerin Joanna<br />

Duda spielt. Die junge Frau mit<br />

Stachelfrisur zwischen Punk<br />

und Rasta setzt auf einen von<br />

elektronischen Spielarten wie<br />

Ambient inspirierten Sound. In<br />

guten Momenten erinnert das<br />

an den Space Jazz eines Sun<br />

Ra, in den schlechten wabert<br />

der Sound konturlos vor sich<br />

hin. Insgesamt zeigte sich, dass<br />

viele polnische Musiker einen<br />

freien, unverkrampft dekonstruierenden<br />

und stilistisch offenen<br />

Zugang zur Jazzhistorie ihres<br />

Landes und darüber hinaus<br />

suchen.<br />

Beim European Jazz<br />

Meeting zeigte sich laut<br />

Peter Schulze, dass der Trend<br />

aktuell wieder mehr in Richtung<br />

größerer Formationen geht.<br />

Eine gegenläufige Entwicklung<br />

zur strengen Reduzierung wie<br />

etwa beim weit verbreiteten<br />

Pianotrio. Die Beats & Pieces<br />

Big Band aus Manchester spielt<br />

als eingeschworene 14-köpfige<br />

Formation mit neun Bläsern<br />

und ungewöhnlichen zwei<br />

E-Gitarren auf. Eine immer noch<br />

junge Truppe im Turnschuh-<br />

Freizeitlook, Leiter und Gitarrist<br />

Ben Cottrell zählt die Takte<br />

auch mal lässig im Sitzen an<br />

oder dirigiert über die Bühne<br />

tänzelnd. Der Sound wechselt<br />

zwischen samtenen, eingängigen<br />

Melodien und ungeschliffen<br />

ruppiger Energie.<br />

Mit ähnlich gutlaunigem<br />

Sound präsentierte sich das<br />

siebenköpfige dänische Horse<br />

Orchestra. Eine amüsante<br />

Truppe mit Kostümierungen, Umhängen<br />

und Sträuchern im Haar.<br />

Entsprechend farbenfroh ist ihre<br />

Musik: treibende Polkarhythmen,<br />

dramatische Beerdigungsmusik<br />

vom Balkan, druckvoller Swing<br />

im Stile alter New-Orleans-<br />

Marching-Bands. Man denkt<br />

an Charles Mingus mit seinen<br />

größeren Formationen.<br />

Sämtliche Konzerte im<br />

Schlachthof konnte man auch<br />

draußen auf einer Leinwand am<br />

Amphitheater verfolgen. Eine<br />

gute Idee der Festivalmacher,<br />

auch um Menschen Zugang<br />

zum Jazz zu gewähren, die sich<br />

die Tickets nicht leisten können.<br />

Auch die Clubnight an 30 größtenteils<br />

gut besuchten Spielstätten<br />

im Bremer Stadtgebiet<br />

zeigte, dass Jazz wieder mehr<br />

in der Mitte der Gesellschaft<br />

ankommt.<br />

PDF in 4c<br />

Manifesto <strong>–</strong> ein Manifest in<br />

Sachen Dichte, Virtuosität und<br />

Einfallsreichtum. Neben Kühn<br />

waren noch weitere Stars<br />

zugegen: Der Italiener Enrico<br />

Pieranunzi (p) featurte Seamus<br />

Blake (sax), der in „Entropy“<br />

sein bestes Solo hatte. Reggie<br />

Washington wollte mit seinem<br />

Quartett seinen Vorvätern zwar<br />

zeigen, wo ihre Musik heute<br />

hinführen kann, doch immer<br />

waren die Originale („ESP“,<br />

„Footprints“, „Actual Proof“)<br />

besser.<br />

Stéphane Kerecki ist ein<br />

hervorragender französischer<br />

Bassist, der mit French Touch<br />

seine Stärke als Komponist<br />

und Bandleader belegte. Mit<br />

<strong>Juli</strong>en Loureau (sax), Jozef<br />

Dumoulin (rhodes) und Fabrice<br />

Moreau (dr) hatte er auch<br />

einige Stücke von Daft Punk im<br />

Programm und baute unglaubliche<br />

Grooves auf. Saxofonist<br />

Sylvain Rifflet widmete sich mit<br />

Re Focus und dem Streichquartett<br />

Quatuor Appassionato<br />

Bearbeitungen des Albums<br />

Focus von Stan Getz und Eddie<br />

Sauter von 1961 und eigener<br />

Musik in dessen Stimmung <strong>–</strong><br />

ganz große Kunst.<br />

Chlorine Free aus Frankreich<br />

ist eine faszinierende<br />

Fusionband, doch irgendwie<br />

funktionierte ihr Projekt mit dem<br />

Rapper Nya und Soweto Kinch<br />

(sax) nicht so richtig. Kinch trat<br />

viel zu selten auf, um zeigen<br />

zu können, was er draufhat.<br />

Auch Cymande, eine britische<br />

schwarze Funkband aus den<br />

70ern, auszugraben, war keine<br />

so gute Idee <strong>–</strong> zu verstaubt<br />

klang das alles. Und Melt Yourself<br />

Down, ebenfalls eine Band<br />

von der Insel, war auch nicht<br />

jedermanns Sache <strong>–</strong> zu einfach<br />

gestrickt war ihr Punkjazz. Der<br />

Rest war aber wieder hervorragend,<br />

und da war vom letzten<br />

Tag noch gar nicht die Rede, an<br />

dem noch Dadada, Michel Reis,<br />

Nasheet Waits und Reto Weber<br />

spielten.<br />

Oskar Gudjonsson JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 97


Live<br />

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23. Jazztage<br />

Hilden<br />

Von Srđan Keko. Die einzigen Misstöne der<br />

23. Hildener Jazztage lieferte das Wetter,<br />

sonst waren sie ein polyphoner Wohlklang.<br />

Der Schlagzeuger Peter Baumgärtner, der<br />

im Februar junge 60 wurde und davor viele<br />

Jahre lang sehr kompetent das Programm<br />

der Düsseldorfer Jazzschmiede gestaltet<br />

hatte, organisierte mit seinem Team zum 23.<br />

Mal gewohnt verlässlich ein Jazzfestival,<br />

das sich durch Vielfalt, die gelungene Kombination<br />

bekannter und weniger bekannter<br />

Namen und eine freundlich-freundschaftliche<br />

Atmosphäre auszeichnete.<br />

Das Pablo Held Trio eröffnete am<br />

Dienstag mutig ohne Set-List und Absprachen,<br />

das Publikum in einen schönen Flow<br />

verstrickend. Am Mittwoch trugen die<br />

© Zbigniew Lewandowski<br />

9- bis 16-jährigen Teilnehmer des nur vierstündigen<br />

Jazzworkshops der Musikschule<br />

Hilden zwei Songs vor, dann zelebrierte das<br />

Tobias Hoffmann Trio freudig lustvolle Gitarrensongzerlegungen,<br />

bevor das Quartett<br />

des Vibrafonisten Matthias Strucken sehr<br />

energiegeladen sein Milt Jackson Project<br />

darbot. Nicht im schönen Park des Hauses<br />

Horst, sondern ob des drohenden Gewitters<br />

auf dem überdachten Parkdeck lieferte<br />

am Donnerstag das Martin Sasse Trio die<br />

wunderbare Musik zu den beeindruckenden<br />

Stepptänzen von Pia Neises, die mit<br />

feenhafter Leichtigkeit durch die Takte<br />

schwebte. Danach bot das Quintett The<br />

Good View, vier jüngere Musikerinnen und<br />

Musiker unter der Ägide des Altmeisters<br />

Peter Weiss am Schlagzeug, gute akustische<br />

Aussicht auf feine Eigenkompositionen<br />

und Standards. An anderen Orten<br />

waren auch indisch-westliche Klänge<br />

sowie Gitarren- und Hammond-B3-Sounds<br />

zu hören.<br />

Am Freitag breiteten im QQTec Sebastian<br />

Sternal (p) und Frederik Köster (tp, flh)<br />

ihre kanadischen Impressionen aus. Dann<br />

sang Jeff Cascaro verjazzte Blues-, Rockund<br />

Popsongs. Am späten Abend zollte der<br />

Gitarrist Axel Fischbacher mit Kollegen im<br />

Blue Note Charlie Parker Tribut. Die International<br />

Jazznight am Samstag in der Stadthalle<br />

brachte zwei großartige und grandios<br />

kontrastierende Höhepunkte. Zuerst spielte<br />

die hervorragende WDR-Bigband mitten<br />

im Saal platziert wuchtig und bombastisch<br />

Musik der griechischen Sängerin Magda<br />

Giannikou und des kolumbianischen<br />

Komponisten Juan Andrés Ospina, dem<br />

auch die Leitung oblag <strong>–</strong> inklusive Gesang,<br />

Rezitation, Sängerinnenlauf um die Band<br />

und Publikumschor. Darauf folgte der<br />

absolute Leckerbissen des intimen Trios<br />

mit Larry Goldings (hammond-org), Peter<br />

Bernstein (g) und Bill Stewart (dr). Die<br />

Rhythmussportgruppe rundete den Abend<br />

im Foyer lautstark ab.<br />

Am Sonntag spielten im Park der Capio-<br />

Klinik Forsonics um den Drummer Andy<br />

Gillmann elektronischen Jazz, dann bot<br />

die Niederländerin Fay Claassen, begleitet<br />

von drei sehr guten Landsleuten und ihrem<br />

Mann Paul Heller als Gast, feinen Gesang,<br />

schließlich brachten Audrey Martells und<br />

Band einen Hauch von Harlem und Broadway<br />

in die Venenklinik. Den Schlusspunkt<br />

setzten elegant Sarah Buechi und Christoph<br />

Haberer im Wilhelm-Fabry-Museum.<br />

Snow Jazz Gastein<br />

Gasteinertal<br />

Von Christoph Giese. Was<br />

für eine Frau! Gisele Jackson<br />

röhrt und schreit den Soul, den<br />

Rhythm ’n‘ Blues oder den Jazz<br />

heraus. Die Amerikanerin ist<br />

genau die richtige Stimme für<br />

die Band um den österreichischen<br />

Hammond-B3-Wizard<br />

Raphael Wressnig. Und der ist<br />

genau der Richtige für den Eröffnungsabend<br />

der 17. Ausgabe<br />

von Snow Jazz Gastein. Denn<br />

der Mann aus der Steiermark ist<br />

ein Garant für groovende, beste<br />

Laune verbreitende Musik, die<br />

von Funk und Souljazz auch mal<br />

verschmitzt nach New Orleans<br />

herüberblinzelt.<br />

Mit Rom-Schaerer-Eberle<br />

wartete am zweiten der neun<br />

Festivaltage gleich der nächste<br />

Publikumsmitreißer im Sägewerk<br />

in Bad Hofgastein. Gitarre,<br />

Trompete und Stimme <strong>–</strong> aber<br />

was heißt das schon bei einem<br />

Mann wie Andreas Schaerer?<br />

Der Vokalkünstler aus Bern kann<br />

mit seiner Stimme einfach alles:<br />

rasend schnelle Silbenfolgen<br />

raushauen, als Human Beat Box<br />

seine Kollegen mit Rhythmen<br />

versorgen oder mit dem Trompeter<br />

Martin Eberle heiße Dialoge<br />

führen. Die Palette an Ideen<br />

ist schier unerschöpflich. Ein<br />

Monk-Motiv dient als Basis für<br />

halsbrecherische Rhythmusfolgen,<br />

rockige Gitarrenlinien von<br />

Peter Rom geben die Richtung<br />

für improvisatorische Einfälle<br />

vor. Aber auch beseelt kann es<br />

zugehen, mit wunderschönen<br />

Melodien, die nach Afrika entführen.<br />

Genau dort knüpft ein<br />

weiterer fantastischer Dreier<br />

an. Jan Galega Brönnimann aus<br />

der Schweiz (cl, sax), Moussa<br />

98 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> Pablo Held


Cissokho aus dem Senegal<br />

(kora, voc) und der Israeli Omri<br />

Hason (perc) verwöhnen das<br />

Publikum mit wunderschönen,<br />

melodieseligen Momenten.<br />

Darin verschmelzen Afrika,<br />

Jazz und der Orient auf einer<br />

kammermusikalischen Reise,<br />

die viele Entdeckungen bereithält,<br />

die Seele streichelt und<br />

zum Träumen einlädt. Den US-<br />

Sänger Steven Santoro hatte<br />

Festivalleiter Sepp Grabmaier<br />

schon im letzten Jahr mit dem<br />

Trio des österreichischen<br />

Pianisten Walter Fischbacher<br />

eingeladen. Fischbacher arbeitet<br />

aber auch mit Sängerin<br />

Audrey Martells zusammen,<br />

mit der sie Grabmaier im Sommer<br />

in Bad Gastein begrüßen<br />

konnte <strong>–</strong> und begeistert war.<br />

Die Idee reifte, beide Stimmen<br />

zusammenzubringen. Es funktionierte<br />

prima: Der elegante<br />

Jazzcrooner und die heiße<br />

Soul-Jazz-Stimme passten<br />

erstaunlich gut zusammen.<br />

Das diesjährige Festivalmotto<br />

lautete „Great Songs<br />

& Other Big Things“ und<br />

bescherte gleich drei Abende<br />

mit Großformationen. Der<br />

brasilianische Gitarrist Emiliano<br />

Sampaio präsentierte im<br />

© Josef Maier<br />

Nonett sein Mereneu Project,<br />

eine stilistisch schwer zu<br />

greifende, weil so vielschichtige,<br />

beschwingte Musik, die<br />

in manchen Momenten einen<br />

prima Filmscore abgäbe. Das<br />

Schweizer Trio VEIN brachte<br />

das Aarhus Jazz Orchestra mit<br />

ins Gasteinertal und betörte<br />

mit ungewöhnlichen Arrangements,<br />

etwa von Ravels „Bolero“,<br />

den sie Stück für Stück<br />

zu Höhenflügen führten. Die<br />

Jazz Big Band Graz brillierte<br />

mit einem Querschnitt durch<br />

ihre letzten Programme und<br />

einer Musik fernab jeglicher<br />

Bigband-Klischees. Poppiger<br />

Gesang, Ethno-Einflüsse,<br />

elektronische Einsprengsel,<br />

natürlich jazzige Exkurse <strong>–</strong> und<br />

das alles verpackt in lange,<br />

spannende musikalische Geschichten:<br />

ein Festival-Höhepunkt.<br />

Das galt am Abschlusstag<br />

auch für die Matinee mit<br />

anschließendem Jazzbrunch<br />

im Hotel Miramonte, wo die<br />

vier Holzbläser von Saxofour<br />

um Wolfgang Puschnig mit viel<br />

Humor und kuriosen Momenten,<br />

aber auch ungeheurer<br />

Musikalität viel Appetit auf die<br />

anschließenden Gaumenfreuden<br />

machten.<br />

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Jazzfestival<br />

gronau<br />

Von Stefan Streitz. Im westfälischen<br />

Gronau wurde Jubiläum<br />

gefeiert. Zur 30. Ausgabe des<br />

örtlichen Jazzfestivals lockten<br />

Organisator Otto Lohle und sein<br />

Team wieder einmal mit feinem<br />

Händchen zahlreiche Besucher<br />

aus der Region und den nahen<br />

Niederlanden. Der Auftakt<br />

machte mit einem Trio der<br />

besonderen Art schon mächtig<br />

Appetit auf mehr, denn Helge<br />

Schneider (hammond-org), Pete<br />

York (dr) und Henrik Freischlader<br />

(g) hätten das Festival gar nicht<br />

entspannter und feinsinniger<br />

beginnen können. Anschließend<br />

bot die prächtig aufgelegte<br />

WDR Bigband mit Gastsolist und<br />

Leader Christian McBride am<br />

Kontrabass Swing und Gebläse<br />

auf allerhöchstem Niveau, wobei<br />

Solisten wie Paul Heller, Karolina<br />

Strassmayer, die Horn Section<br />

und McBride selbst gefielen.<br />

Auch im weiteren Verlauf<br />

des Festivals hatten Bassisten<br />

viel zu sagen. Richard Bona und<br />

Marcus Miller bescherten dem<br />

Publikum mit ihren jeweiligen<br />

Bands einen faszinierenden<br />

Abend. Bona war mit seiner<br />

Mandekan Cubano Band direkt<br />

mitten im lateinamerikanischen<br />

Groove und hatte das Publikum<br />

jederzeit rhythmisch im<br />

Griff. Er überzeugte aber auch<br />

mit feinsinnigen sphärischen<br />

Momenten vor allem während<br />

der Gesangseinlagen, die seine<br />

Wurzeln in Kamerun erkennen<br />

ließen. Mit einer Ballade am<br />

Klavier gönnte er den Zuhörern<br />

zum Abschluss eine Atempause<br />

vor dem folgenden amerikanischen<br />

Bassgewitter. Marcus<br />

Miller hatte bei seinem dritten<br />

Besuch in Gronau leichtes Spiel,<br />

und auch er präsentierte sich<br />

äußerst entspannt und gelassen.<br />

Geradezu beschwörend<br />

packte er die Menge mit seinen<br />

Basslinien, denen die Mitstreiter<br />

in der Band bis in die tiefsten<br />

Untergründe folgten. Angetrieben<br />

von Drummer Alex<br />

Bailey ging es durch ein<br />

zweistündiges Konzert<br />

© Stefan Streitz<br />

der Extraklasse.<br />

Miller erweiterte die Farbpalette<br />

mit der Bassklarinette um melancholische<br />

Töne und bewegte die<br />

Zuschauer mit Worten über den<br />

nur drei Wochen zurückliegenden<br />

Tod seines Vaters.<br />

Auch der Pop hatte wieder<br />

einen hohen Stellenwert in<br />

Gronau. Amy Macdonald gab<br />

sich die Ehre in einem schnell<br />

ausverkauften Konzert und<br />

gewann mit viel vertrauter<br />

Musik die uneingeschränkte<br />

Zuneigung der Anwesenden. Die<br />

südafrikanische Gesangsgruppe<br />

Ladysmith Black Mambazo verwandelte<br />

eine Kirche in einen<br />

Gesangs- und Tanztempel, und<br />

Kneipenkonzerte wie Straßenmusik<br />

gaben der 30. F estivalausgabe<br />

einen zusätzlichen Glanz.<br />

Am Sonntagnachmittag bot<br />

Götz Alsmann einen jazzigen,<br />

italienisch geprägten Ohrenschmaus,<br />

der anschließend<br />

durch ein Funk-Feuerwerk der<br />

besonderen Art noch gesteigert<br />

wurde: Nils Landgrens<br />

Funk Unit und Tower of Power<br />

verwandelten die Bürgerhalle in<br />

einen Hexenkessel <strong>–</strong> auf jeweils<br />

unterschiedliche Weise: Landgren<br />

auf die schwedische Art<br />

vornehmlich gelassen und Raum<br />

bietend, die amerikanischen<br />

Urgesteine dagegen mit messerscharfen<br />

Bläsersätzen. Unter<br />

der Leitung von Emilio Castillo<br />

verzückten sie gekonnt vertrackt<br />

die tanzwütigen Zuhörer mit<br />

einem Groove, vor dem es kein<br />

Entkommen gab.<br />

© Stefan Streitz<br />

links: Moussa Cissokho / rechts: Richard Bona / unten: Nils Landgren JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 99


live<br />

Von Angela Ballhorn. Der<br />

Volunteer, der mich vom<br />

Flughafen abholt, arbeitet<br />

eigentlich bei Ericsson, doch<br />

für das Jazzkaar-Festival hat er<br />

sich wie schon in den letzten<br />

Jahren Urlaub genommen, um<br />

als Helfer dabei zu sein. Das ist<br />

nicht außergewöhnlich, findet<br />

er, denn die Talliner lieben<br />

ihr Festival. Die 29. Ausgabe,<br />

die die künstlerische Leiterin<br />

Anne Erm zusammengestellt<br />

hat, war besonders gelungen.<br />

Die Jazzkaar im 100.<br />

Unabhängigkeitsjahr Estlands<br />

wurde mit einer Auftragskomposition<br />

eröffnet, die 100<br />

Menschen aus ganz Estland in<br />

Film und Musik porträtierte. Das<br />

zehntägige Programm hatte von<br />

allem und für alle etwas: Bands<br />

aus Estland oder dem benachbarten<br />

Baltikum, bekannte<br />

und populäre Bands aus dem<br />

eigenen Land, wilde junge<br />

Bands aus Europa und Übersee,<br />

Musik zum Zuhören oder zum Tanzen und<br />

Clubsounds. Das junge Konzertpublikum<br />

begeisterte sich für die britische Band<br />

Sons of Kemet, die den Saal mit Saxofon,<br />

Tuba und zwei Schlagzeugen zum Kochen<br />

brachte, bejubelte das Pianotrio The Bad<br />

Plus mit seinem neuen Mann am Klavier,<br />

Orrin Evans, und feierte die englische<br />

Soulsängerin Laura Mvula im komplett<br />

ausverkauften Konzert. Der Auftritt des<br />

Shooting-Stars der estnischen Jazzszene,<br />

des Pianisten Kristjan Randalu, der gerade<br />

seine erste CD bei ECM veröffentlicht<br />

hat, blieb dagegen blass. Die sperrigen<br />

Kompositionen machten es den Zuhörern<br />

nicht leicht, zusätzlich schien die Band<br />

nur für sich zu spielen und nahm kaum<br />

Kontakt zum Publikum auf.<br />

Die Musik des Trompeters Ambrose<br />

Akinmusire war nicht minder komplex,<br />

doch hier sprang der Funke schnell über.<br />

Auch die Acts, die über das Berliner<br />

XJazz-Festival nach Tallin gekommen<br />

waren, sprachen die Zuschauer an. Bei<br />

der Weltmusik des Bağlama-Spielers<br />

Jazzkaar<br />

tallinn<br />

und Sängers Taner Akyol brauchte das<br />

Publikum etwas, um mit der Musik warm<br />

zu werden, das Trio Komfortrauschen mit<br />

lautem Techno hatte die Clubgänger dagegen<br />

sofort. Die norwegische Bassistin<br />

und Sängerin Ellen Andrea Wang hatte<br />

den Trumpf ihres Trios am Schlagzeug<br />

sitzen <strong>–</strong> was für ein Klangspektrum und<br />

eine Spielfreude Erland Dahlen verbreitete!<br />

Mein Lieblingskonzert war das des<br />

Quartetts Voorand/Koikson/Sooäär/Daniel<br />

mit dem Estnischen Philharmonischen<br />

Chor. Das Quartett mit zwei Stimmen (plus<br />

Elektronik) und zwei E-Gitarren bearbeitete<br />

die Musik des Komponisten Veljo<br />

Tormis neu, der vor allem durch seine<br />

Volkslieder bekannt wurde. Die spannenden<br />

Arrangements wurden durch den<br />

unfassbaren Chor angedickt <strong>–</strong> was für ein<br />

Klangerlebnis.<br />

Vergleicht man die Jazzkaar mit<br />

anderen Festivals, fällt das junge Publikum<br />

auf. Zudem wird die Stadt als große<br />

Bühne für urbane Konzerte genutzt. Es<br />

werden Hauskonzerte organisiert, für<br />

die sich jeder bewerben kann, dessen<br />

Wohnung Platz für eine Band plus ein<br />

paar Zuschauer bietet, wo Kinder ums<br />

Drumset toben können und die Hausherren<br />

Kekse für die Besucher backen.<br />

Die freundliche familiäre Atmosphäre,<br />

das Ambiente des Telliskivi Creative<br />

Centers, die kompetente Betreuung des<br />

Festivals <strong>–</strong> all das macht das Festival<br />

einzigartig.<br />

© Rene Jakobsoni<br />

© Raul Ollo<br />

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Festival<br />

Moers<br />

Von Stefan Pieper. So muss es in den<br />

Gründertagen des Moers Festivals zugegangen<br />

sein: Unter freiem Himmel in der<br />

Sonne entfesselt eine Band die komplexesten<br />

freien Strukturen, und alle haben<br />

Spaß dabei, wie auch Christian Lillinger,<br />

Ronny Graupe und Philipp Gropper gar<br />

nicht genug davon bekommen können.<br />

Und das Laufpublikum vernimmt, dass<br />

die Welt aus viel mehr als nur C-Dur und<br />

Viervierteltakt besteht.<br />

Der künstlerische Leiter Tim Isfort<br />

hat die passenden Bilder im Kopf, um<br />

in Moers unter verjüngten Vorzeichen<br />

sensibel und gerne auch humorvoll Regie<br />

zu führen. Um Stimmungen, Synergien,<br />

weiche Fakten geht es. Um die Materialschlacht<br />

der großen Namen weniger.<br />

Neue Harmonie liegt in der Luft, wo früher<br />

tiefe Fronten zwischen dem Festival und<br />

der Stadtgesellschaft lagen. Das alles hat<br />

mit Weitblick und Empathie zu tun. Viele<br />

Angebote zu neuen Erfahrungen in Gestalt<br />

gerne auch mal skurriler Freiluft-Konzerte<br />

strahlen in die Stadt hinein. Ein kleiner<br />

Pickup fährt umher, auf dessen Ladefläche<br />

eine Pianistin konzertreif Debussy<br />

spielt. Der holländische Gitarrist Bram<br />

Stadhouders vernetzt sein Instrument mit<br />

einer riesigen Kirmesorgel, was einen<br />

polyphonen Klangrausch freisetzt. Wo ist<br />

in diesem Moment der Kommerz geblieben,<br />

der sonst jeden öffentlichen Raum<br />

beherrscht?<br />

Auch das Hauptprogramm der<br />

diesjährigen Festival-Ausgabe appellierte<br />

symbolisch an den Ursprungsgeist des<br />

einstigen, 1972 gegründeten „New Jazz<br />

Festivals“. Gab es nicht eine Zeit, in der<br />

widerborstige Klänge ästhetischen Widerstand<br />

artikulierten? Dass nichts davon an<br />

Relevanz verloren hat, postulierte Peter<br />

Brötzmann im Podiumsgespräch <strong>–</strong> und<br />

noch mehr in den berstenden Klangströmen<br />

aus seinen Hörnern wider alle real<br />

existierende Dummheit in der Welt.<br />

Das Budget für das Festival fällt<br />

geringer aus als in der Michalke-Ära. Tim<br />

Isfort setzt hier auf kreative Entdeckungspfade<br />

mit vielen jungen Bands und regionalen<br />

Musikern und Musikerinnen. Auf<br />

dieser Basis langfristig die internationale<br />

Anziehungskraft des Festivals aufrechtzuerhalten,<br />

wird Herausforderung für die<br />

Zukunft sein. Der wohl prominenteste Gast<br />

in Moers, Saxofonist Ravi Coltrane, legte<br />

eine bestens fokussierte Sternstunde des<br />

modalen Jazz zusammen mit der Band<br />

des Trompeters Ralph Alessi hin. Jazz ist<br />

in Moers keineswegs nur die Sache von<br />

100<br />

JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> Laura Mvula


in Würde reifenden alten Herren. Wie ein<br />

Wirbelwind mischten die gerade 17 Jahre<br />

junge französische Pianistin/Keyboarderin<br />

DOMI und ihr Altersgenosse Bobby Hall<br />

an Hammondorgel und Schlagzeug die<br />

Bühne auf. Hier haben sich zwei auf dem<br />

Berkeley-College kennengelernt und sich<br />

schon jetzt in bestem Sinne freigespielt.<br />

Tim Isfort liegt das Transparent-Machen<br />

des globalen kulturellen Reichtums<br />

am Herzen. In diesem Jahr wollte er einen<br />

der letzten eisernen Vorhänge zumindest<br />

musikalisch öffnen helfen. Er reiste nach<br />

Pjöngjang und redete mit den zuständigen<br />

Ministerien. Bekam grünes Licht für die<br />

Einladung eines traditionellen Musikensembles<br />

nach Moers. Doch die deutschen<br />

Visa-Behörden setzten auf Abschottung.<br />

Der Dialog wird fortgesetzt.<br />

© Stefan Pieper<br />

© Stefan Pieper<br />

oben: Christian Lillinger, Philipp Gropper<br />

unten: Bobby Hall<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />

101


Termine 07/08<br />

Clubs 07<br />

Raum 00000<br />

Freyburg<br />

21.07. Silje Nergaard; Rotkäppchen<br />

Sektkellerei<br />

Halle<br />

13.07. Fjarill; Cultoursommer<br />

28.07. Le Bang Bang; Händelhaus<br />

Jena<br />

18.07. Dagadana; Kulturarena<br />

Leipzig<br />

04.07. Hans Knudsen; Liveclub<br />

Telegraph<br />

06.07. Calexico; Parkbühne<br />

Geyserhaus<br />

11.07. Vitaly Kiselev Quintet;<br />

Liveclub Telegraph<br />

Pohrsdorf<br />

01.07. The Bright Mass<br />

Orchestra; Saxstall<br />

08.07. Charlotte Jörges Trio;<br />

Saxstall<br />

14.07. sonic Art Saxophonquartett;<br />

Saxstall<br />

15.07. Krambambuli; Saxstall<br />

21.07. Frank Bartsch - Andreas<br />

“Scotty” Böttcher; Saxstall<br />

28.07. Sonny und Eberhard<br />

Struch; Saxstall<br />

29.07. Été large; Saxstall<br />

Raum 10000<br />

Berlin<br />

01./02.07. Ernst Bier-Mack<br />

Goldsbury; A-Trane<br />

01.07. King Crimson; Admiralspalast<br />

03.07. Judy Niemack Summerspecial<br />

feat. Esther Kaiser;<br />

A-Trane<br />

03.07. Banda Living; Schlot<br />

04.07. Judy Niemack Summerspecial<br />

feat. Marc Secara &<br />

Sarah Kaiser; A-Trane<br />

04.07. Azolia; Schlot<br />

05.07. Albert Hammond Jr.;<br />

Musik & Frieden<br />

05.07. Judy Niemack Summerspecial<br />

feat. Lisa Bassenge;<br />

A-Trane<br />

05.07. Clemens Bigge Trio;<br />

Schlot<br />

06./07.07. Gary Wiggins<br />

Summerspecial feat. Guitar<br />

Crusher; A-Trane<br />

06.07. Maria Baptist Orchestra;<br />

Schlot<br />

07.07. Ralf Ruh Trio; Schlot<br />

08.07. Shalosh; Jazz in the<br />

Garden<br />

08.07. Dan Weiss; A-Trane<br />

09.07. Andreas Schmidt &<br />

friends; A-Trane<br />

09.07. Earth, Wind & Fire;<br />

Gendarmenmarkt<br />

10.07. Temmingberg; Schlot<br />

10.-12.07. VIP Vocal Improvisation<br />

Project: Judy niemack/<br />

Defne Sahin/Mia Knop<br />

Jacobsen/Erik/Leuthaeuser/<br />

Moritz Klatt/Johannes von<br />

Ballestrem; A-Trane<br />

11.07. Geburtstagskonzert<br />

Christof Griese; Schlot<br />

12.07. Christoph Stiefel; Gedächtniskirche<br />

- In Spirit<br />

12.07. Int. Jazzworkshop<br />

Musikschule City West: Tal<br />

Balshai Hammond; Schlot<br />

13.07. Int. Jazzworkshop<br />

Musikschule City West: Tim<br />

Sunds Butterfly; Schlot<br />

13.07. Etta Scollo; Ufa Fabrik<br />

13./14.07. Gary Wiggins<br />

Summerspecial; A-Trane<br />

14.07. Stracke-Griese-Flick-<br />

Strakhof/Christof Grieses<br />

Double Drums Project; Schlot<br />

16.07. JIB <strong>–</strong> Jazz Institut<br />

Berlin Ltg: Chris Dahlgren;<br />

Schlot<br />

16.07. Joan as Police Woman;<br />

Festsaal Kreuzberg<br />

17.07. Charlottes clandestine<br />

Zauberkiste; Schlot<br />

17.07. Rufus Wainwright;<br />

Apostel-Paulus-Kirche<br />

19.-21.07. Jeremy Sassoon;<br />

A-Trane<br />

19.07. Sven Ziebarth & Superrocket<br />

3000; Schlot<br />

20.07. Jörn Henrich European<br />

Jazzproject; Schlot<br />

20.07. Quantic; Gretchen<br />

20.07. Fabian Timm; A-Trane<br />

21.07. Kenneth Berkel Quartet;<br />

Schlot<br />

23.07. Andreas Schmidt &<br />

friends; Thomas Stieger;<br />

A-Trane<br />

24.07. Bassekou Kouyaté;<br />

Ufa Fabrik<br />

24.-28.07. Jonas Schoen;<br />

A-Trane<br />

26.07. Sven Hammond;<br />

Quasimodo<br />

30./31.07. Antje Rößeler Stockholm<br />

Trio; Schlot<br />

31.07. Riccardo del Fra;<br />

A-Trane<br />

Greifswald<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

06.07. Mammal Hands; Eldenaer<br />

Jazz Evenings<br />

Kühlungsborn<br />

21.07. Uwe Kropinski Trio;<br />

Kunsthalle<br />

Lychen/Uckermark<br />

25.07. Jaspar Libuda Trio;<br />

Musik auf dem Floß<br />

Metzelthin<br />

13.07. Pulsar Trio; Uckermärkisches<br />

Nationaltheater<br />

Neuhardenberg<br />

14.07. Logan Richardson &<br />

Nicola Conte; Schloss<br />

Schwerin<br />

21.07. Pulsar Trio; Werk 3<br />

Raum 20000<br />

Aurich<br />

16.07 Etta Scollo; Musikalischer<br />

Sommer<br />

Bispingen<br />

06.07. Helmut Eisel & JEM;<br />

Ole Kerk<br />

Bremen<br />

28.07. Sven Hammond;<br />

Breminale<br />

30./31.07. Gabriele Hasler;<br />

Gleishalle am Güterbahnhof<br />

Hamburg<br />

05.07. Tzigan Gipsy Trio;<br />

Stellwerk<br />

07.07. Li Biao Percussion<br />

Group; Elbphilharmonie<br />

08.07. Melody Gardot; Elbphilharmonie<br />

04.07. Fatjazz: Jazzkombinat<br />

Hamburg feat. Hendrika<br />

Entzian; Turmzimmer Uebel &<br />

Gefährlich<br />

07.07. Fatjazz: Lukas Klapp <strong>–</strong><br />

Sven Kerschek; Alte Druckerei<br />

Ottensen<br />

11.07. Fatjazz: Abschlusskonzert<br />

HfMT: Moritz Hamm<br />

Quartet; Turmzimmer Uebel &<br />

Gefährlich<br />

12.07. Earth, Wind & Fire;<br />

Stadtpark<br />

12./13.07. Matralab; Maschinenhaus<br />

der Kulturbrauerei<br />

18.07. Fatjazz: Heiko Fischer<br />

Quartet; Turmzimmer Uebel &<br />

Gefährlich<br />

19.07. Tarrus Riley feat. Dean<br />

Fraser & Black Soil Band;<br />

Fabrik<br />

20.07. Sly & Robbie meet Nils<br />

Petter Molvaer feat. Eivind<br />

Aarset, Vladislav Delay;<br />

Mojo Club<br />

Hasselburg-Altenkrempe<br />

06.07. Festivalsommer SHMF:<br />

Tingvall Trio; Scheune<br />

Husum<br />

13.07. Michael Riessler;<br />

Schleswig-Holstein-Musikfestival<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

Summer Jazz<br />

16.-20. <strong>Juli</strong> <strong>2018</strong><br />

Stadtgarten, Köln<br />

Kiel<br />

12.07. Festivalsommer SHMF:<br />

Pat Metheny; Kieler Schloss<br />

Lübeck<br />

03.07. Festivalsommer SHMF:<br />

Brad Mehldau Trio; Musikund<br />

Kongresshalle<br />

Lüneburg<br />

20.07. Pulsar Trio; Kulturforum<br />

Postfeld<br />

22.07. Pulsar Trio; Kultursommer<br />

Barkauer Land<br />

Raum 30000<br />

Bielefeld<br />

07.07. Shalosh; Waldhof/Bunker<br />

Ulmenwall<br />

08.07. Sonnenaufgangskonzert:<br />

Florian Christl; Bunker<br />

Ulmenwall/Sparrenburg<br />

15.07. Sonnenaufgangskonzert:<br />

L.A. Salami; Bunker<br />

Ulmenwall/Sparrenburg<br />

Einbeck<br />

07.07. Helmut Eisel & JEM;<br />

Tangobrücke<br />

Kassel<br />

13.07. Joachim Kühn New Trio;<br />

Kulturzelt<br />

14.07. Slowdive; Kulturzelt<br />

17.07. Shout Out Louds;<br />

Kulturzelt<br />

18.07. Kensington; Kulturzelt<br />

19.07. Bosse; Kulturzelt<br />

20.07. Olli Schulz; Kulturzelt<br />

21.07. Carminho; Kulturzelt<br />

24.07. Alice Phoebe Lou;<br />

Kulturzelt<br />

25.07. Tom Walker; Kulturzelt<br />

26.07. Tocotronic; Kulturzelt<br />

29.07. Till Brönner & Dieter Ilg;<br />

Kulturzelt<br />

31.07. Dub FX; Kulturzelt<br />

Lippoldsberg<br />

08.07. Helmut Eisel & JEM;<br />

Klosterkirche<br />

Sehnde<br />

28.07. Filppa Gojo Quartett;<br />

Kulturverein<br />

Schlitz<br />

07.07. hr-Bigband: Satchmo<br />

goes Big Apple; Schloss<br />

Hallenburg<br />

Trendelburg<br />

06.07. Pulsar Trio; Wasserschloß<br />

Wülmersen<br />

Weilburg<br />

06.07. Schlosskonzerte:<br />

hr-Bigband Satchmo goes Big<br />

Apple; Renaissancehof<br />

Wetzlar<br />

18.07. Bernd Lhotzky, Jan<br />

Luley, David Frenkel, Marialy<br />

Pacheco; Festspiele<br />

Raum 40000<br />

Bochum<br />

05.07. II. Sommerjazz Fest<br />

/ Tatort Jazz: Tatort Jazz<br />

Hausband feat. u.a. Frederik<br />

Köster; Musikforum Ruhr<br />

28.07. Lee Ritenour-Dave Grusin<br />

& Band; Christuskirche<br />

Bramsche<br />

07.07. Pianotopia-Chris Geisler/<br />

Kurt Holzkämper; Kloster<br />

Malgarten<br />

Borken<br />

08.07. Echoes of Swing; Forum<br />

Mariengarden<br />

Düsseldorf<br />

28.07. Eurasians 5/Jazzpool<br />

NRW „Sketches“; Jazz und<br />

Weltmusik im Hofgarten<br />

Essen<br />

07.07. 47Soul; Pact Zollverein<br />

Sommer Open Air<br />

16.07. Rufus Wainwright;<br />

Lichtburg<br />

Hattingen<br />

08.07. Vernissage: Vom<br />

Instrument in die Konserve/<br />

17.07.<strong>2018</strong> Carla Bley Trio<br />

feat. Andy Sheppard, Steve<br />

Swallow<br />

DuckTapeTicket; Kulturhist.<br />

Museum Haus Kemnade<br />

Herne<br />

05.07. Physik der Musik;<br />

Grundschule<br />

Münster<br />

19.07. Dirty Fences & Support;<br />

Gleis 22<br />

21.07. Martha & Support;<br />

Gleis 22<br />

29.07. Miller Anderson Band;<br />

Hot Jazz Club<br />

Ratingen<br />

08.07. Echoes of Swing;<br />

Kulturkreis Hösel/ Landhotel<br />

Krummenweg<br />

Wuppertal<br />

21.07. Crossroads 3000: Bassekou<br />

Kouyate/Joachim Kühn/<br />

Majid Bekas/Gary Husband;<br />

Skulpturenpark<br />

22.07. Carminho; Waldfrieden<br />

Klangart<br />

Raum 50000<br />

Hürth<br />

20.07. Portofino; Jazzkeller<br />

Hürth<br />

Köln<br />

05.07. Tobias Meinhart Quartett<br />

& Kurt Rosenwinkel; Loft<br />

06.07. Jazz mit Kick meets Uni<br />

Big Band; Aula Uni<br />

08.07. Masterabschlusskonzert<br />

Tamara Lukasheva (Duos<br />

m. Dominik Mahnig/Matthias<br />

Schriefl/Marina Sobyanina;<br />

Loft<br />

08.07. Antigua; Salontheater<br />

08.07. Gratkowski Hübsch;<br />

Odonien<br />

11.07. Laia Genc & John<br />

Goldsby; Steinway Haus<br />

12.07. Bachelorkonzert Örn<br />

Ingi Unnsteinsson/Stefan Karl<br />

Schmid/Lars Duppler/Jan<br />

Philipp; Loft<br />

13.07. Bachelorkonzert Johanna<br />

Klein; Loft<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

16.07. Summerjazz: The Bad<br />

Plus; Stadtgarten<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

17.07. Summerjazz: Carla Bley<br />

Trios; Stadtgarten<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

20.07. Summerjazz: Endangered<br />

Blood; Stadtgarten<br />

24.07. Alexei Aigui & Dietmar<br />

Bonnen; Loft<br />

Königswinter<br />

08.07. Barbara Dennerlein<br />

Trio; Kloster Heisterbach<br />

Körperich<br />

06.07. Fjarill; Schloss Kewenig<br />

Mainz<br />

08.07. Sting & Shaggy;<br />

Volkspark<br />

12.07. Yvonne Mwale; Sommernachtsjazz<br />

13.07. Summer in the City:<br />

Melody Gardot; Zitadelle<br />

16.07. Summer in the City:<br />

Bryan Ferry; Zitadelle<br />

18.07. Summer in the City:<br />

Norah Jones m. Brian Blade &<br />

Chris Thomas; Zitadelle Mainz<br />

22.07. Summer in the City:<br />

LaBrassBanda; Zitadelle<br />

Raum 60000<br />

Aschaffenburg<br />

15.07. Myles Kennedy & Co.;<br />

Colos Saal<br />

102 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


25.07. Nik West; Colos Saal<br />

Darmstadt<br />

08.07. Wilson de Oliveira<br />

Quartett; Bessunger Jagdhof<br />

Frankfurt am Main<br />

05.07. JazzIni Frankfurt:<br />

Ensemble Modern & Fossile3<br />

feat. Lotte Anker; Palmengarten<br />

12.07. JazzIni Frankfurt:<br />

European Blue Note Quartet<br />

feat. Izabella Effenberg;<br />

Palmengarten<br />

13.07. Earth, Wind & Fire;<br />

Jahrhunderthalle<br />

24.07. Rufus Wainwright;<br />

Palmengarten (open Air)<br />

26.07. JazzIni Frankfurt: Reut<br />

Regev’s R*Time; Palmengarten<br />

Heidelberg<br />

06.07. One Family Band; Afrikatage/Karlstorbahnhof<br />

17.07. Joan as Police Woman;<br />

Karlstorbahnhof<br />

Oestrich-Winkel<br />

26.07. Echoes of Swing;<br />

Brentano-Scheune<br />

Saarbrücken<br />

03.07. LouLou; Alte Kirche<br />

Saarbrücken<br />

Raum 70000<br />

Bad Urach<br />

13.07. Jazzchor Freiburg;<br />

Open-Air-Bühne<br />

Bonndorf<br />

28.07. Fabrizio Consoli;<br />

Schloßfest<br />

Freiburg<br />

01.07. Bigband und Combos<br />

des Wentzinger Gymnasiums;<br />

Jazzhaus<br />

08.07. Glenelg High School<br />

Bigband & Freiburger Schüler<br />

Jazzorchester; Jazzhaus<br />

09./10.07. Sneak Preview:<br />

Jazz-Studenten d. Musikhochschule<br />

Freiburg; Jazzhaus<br />

23.07. Sly & Robbie meet Nils<br />

Petter Molvaer; Jazzhaus<br />

29.07. Ensemble FisFüz;<br />

Christuskirche<br />

Karlsruhe<br />

09.07. Michael Riessler &<br />

Pierre Charial; Hemingway<br />

Lounge<br />

28.07. Daara J; Tollhaus<br />

Leonberg-Gebersheim<br />

05.07. Carla Öhmd Jazz Group;<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

Flux Festival<br />

13.-19. <strong>August</strong> <strong>2018</strong><br />

Spektrum, Berlin<br />

Bauernhausmuseum<br />

Lörrach<br />

01.07. Matinee: The Big Sound<br />

Orchestra; Jazztone<br />

13.07. „Ludere“ feat. Philippe<br />

Baden Powell; Jazztone<br />

Ludwigsburg<br />

06.07. Uli Gutscher Quintett;<br />

Podium der Musikhalle<br />

13.07. Schlossfestspiele: Kit<br />

Armstrong & Friends; Ordenssaal,<br />

Residenzschloss<br />

19.07. Schlossfestspiele:<br />

L’Arpeggiata: Eine Balkanroute;<br />

Forum<br />

20.07. Los Big Banderos;<br />

Podium der Musikhalle<br />

Schorndorf<br />

11.07.The Mistery Lights; Club<br />

Manufaktur<br />

20.07. Engelberger Bigband;<br />

Freie Waldorfschule<br />

Engelberg<br />

Singen<br />

12.07. Silke Eberhard Trio/<br />

Mingus-Mingus-Mingus “I am<br />

Three” Trio; Gems<br />

Stuttgart<br />

03.07. Satellite - The music of<br />

John Coltrane; Bix<br />

04.07. Wolfgang Schmid presents:<br />

“A Special Gig”; Bix<br />

05.07. Soul Diamonds feat.<br />

Alana Alexander, Fola Dada &<br />

Eva Leticia Padilla; Bix<br />

06.07. Carsten Lindholm<br />

Trio; Bix<br />

07.07. Sir Waldo Weathers; Bix<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

12.07. Jason Moran & Bandwagon;<br />

Bix<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

13.07. Indra Rios-Moore; Bix<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

14.07. Allan Harris; Bix<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

15.07. Chico Freeman; Bix<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

16.07. David Helbocks Random/Control;<br />

Bix<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

17.07. First Strings On Mars;<br />

Bix<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

18.07. Omer Avital; Bix<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

19.07. Twana Rhodes; Bix<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

20.07. Echoes of Swing; Bix<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

21.07. Moon Hooch & Knower;<br />

Bix<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

27.07. Lee Ritenour, Dave<br />

Grusin & Band; Liederhalle<br />

Mozartsaal<br />

Tübingen<br />

09.07. Fried Dähn & The Skin<br />

Of Clazz <strong>–</strong> Frank Zappas Music<br />

In Percussion; Sudhaus<br />

Tomomi<br />

Adachi<br />

© Naya Collective<br />

Uhingen<br />

22.07. Ensemble FisFüz;<br />

Schloss Filseck<br />

Wüstenrot<br />

07.07. Charly Antolini’s Swing<br />

Explosion; Burg Maienfels<br />

Raum 80000<br />

Bad Grönenbach<br />

08.07. Pippo Pollina;<br />

Postsaal<br />

Blaubeuren<br />

21.07. Ola Onabule; Summerstage<br />

Blautopf<br />

Elmau<br />

05.07. Martin Schmitt; Schloss<br />

Elmau<br />

09.07. Marcin Wasilewski Trio;<br />

Schloss Elmau<br />

10.07. The Vijay Iyer Sextet;<br />

Schloss Elmau<br />

12.07. Joo Kraus & Tales in<br />

Tones Trio; Schloss Elmau<br />

14.07. Kinga Glyk; Schloss<br />

Elmau<br />

16.07. Jazzrausch Bigband<br />

“Moebius Strip”; Schloss<br />

Elmau<br />

17.07. Ganes “an cunta che”;<br />

Schloss Elmau<br />

23.07. Cleo & Jan Luley Band;<br />

Schloss Elmau<br />

25.07. The Giora Feidman<br />

Sextet Klezmer for Peace;<br />

Schloss Elmau<br />

26.07. Manu Katché The<br />

Scope; Schloss Elmau<br />

28.07. Eric & Ulf Wakenius;<br />

Schloss Elmau<br />

31.07. Youn Sun Nah Quintet;<br />

Schloss Elmau<br />

Friedrichshafen<br />

30.07. Mélissa Laveaux;<br />

Kulturufer<br />

Germering<br />

05.07. Pippo Pollina; Stadthalle<br />

20.07. Daniel Erdmann’s Velvet<br />

Revolution; Stadthalle<br />

Kempten<br />

19.07. Sona Jobarteh;<br />

Burgruine<br />

Mühldorf<br />

13.07. Django 3000; Haberkasten<br />

Innenhof<br />

18.07. Schmidbauer-Pollina-<br />

Kälberer; Haberkasten<br />

Innenhof<br />

München<br />

02.07. Christian Elsässer Jazz<br />

Orchestra; Unterfahrt<br />

03.07. Albert Hammond Jr.;<br />

Ampere<br />

03.07. Etta Scollo; Literaturhaus<br />

04.07. Night Club: Ron Carter<br />

Golden Striker Trio; Bayerischer<br />

Hof<br />

07.07. Walter Lang Trio;<br />

Unterfahrt<br />

09.07. The Jazz Big Band<br />

Association; Unterfahrt<br />

10.07. Earth, Wind & Fire;<br />

Tollwood<br />

13.07. Kinga Głyk; Bürgerhaus<br />

Unterföhring<br />

13.07. Offene Ohren: Olaf Rupp<br />

- Ulrike Brand; MUG Einstein<br />

14.07. Kurt Elling; Bürgerhaus<br />

Unterföhring<br />

16.07. Earforce; Unterfahrt<br />

16.07. King Crimson; Philharmonie<br />

17.07. Sly & Robbie feat. Nils<br />

Petter Molvaer; Unterfahrt<br />

18.07. Yellowjackets;<br />

Unterfahrt<br />

19.07. Omer Avital Quintet;<br />

Unterfahrt<br />

21.07. Marty Cook Quintet feat.<br />

Paul Grabowsky; Unterfahrt<br />

22.07. Vorboten des Festivals:<br />

Münchner Musikkritiker machen<br />

Musik; Bayerischer Hof<br />

22./23.07. King Luis & Pestalozzi-Bigband;<br />

Unterfahrt<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

23.07. Incognito; Bayerischer<br />

Hof<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

23.07. Nik West; Bayerischer<br />

Hof<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

24.07. Lucky Petersen & The<br />

Organization feat. Tamara<br />

Tramell; Bayerischer Hof<br />

25.07. Bassekou Kouyaté;<br />

Muffathalle<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

25.07. JBill Frisell - When<br />

You Wish Upon The Star;<br />

Bayerischer Hof<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

26.07. Manou Gallo; Bayerischer<br />

Hof<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

27.07. Stanley CLarke Band;<br />

Bayerischer Hof<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

28.07. Joao Bosco Quartet;<br />

Bayerischer Hof<br />

29.07. Lee Ritenour & Dave<br />

Grusin; Technikum Kultfabrik<br />

30.07. Jazzclub Unterfahrt<br />

präsentiert: LBT & Matthias<br />

Bublath Band; Theatron<br />

Ulm<br />

05.07. Calexico; Ulmer Zelt<br />

07.07. Marcus Miller; Ulmer<br />

Zelt<br />

Wolfratshausen<br />

27.07. Stefanie Boltz; Bergwaldbühne<br />

Raum 90000<br />

Altdorf<br />

04.07. Pippo Pollina; Hof der<br />

Alten Universität<br />

Bad Kissingen<br />

08.07. Emil Brandqvist Trio;<br />

Kissinger Sommer<br />

Bad Staffelstein<br />

06./07.07. Pippo Pollina;<br />

Kloster Banz<br />

Erlangen<br />

22.07. Magnus Lindgren m.<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 103


Termine<br />

China Moses, Torsten Goods<br />

& Friends; Jazz am See<br />

Nürnberg<br />

02.07. Jazz in the Garden:<br />

Keller Mountain Blues Band;<br />

Kulturgarten Künstlerhaus<br />

09.07. Jazz in the Garden:<br />

Groove Legend Orchestra;<br />

Kulturgarten Künstlerhaus<br />

16.07. Jazz in the Garden: Hot<br />

House Hooters; Kulturgarten<br />

Künstlerhaus<br />

17.07. Campus Jazz: Amelie-<br />

Marie Bräutigam/Hyun-Bin<br />

Park; Jazz Studio<br />

18.07. Campus Jazz: Matthias<br />

Ernst/Martin Krechlak; Jazz<br />

Studio<br />

23.07. Jazz in the Garden: NC<br />

Brown Blues Band; Kulturgarten<br />

Künstlerhaus<br />

25.07. Sven Hammond; Hirsch<br />

27.07. Aeham Ahmad meets<br />

Edgar Knecht/Dagadana;<br />

Bardentreffen<br />

28.07. Bassekou Kouyaté/<br />

Amsterdam Klezmer Band;<br />

Bardentreffen<br />

31.07. Rosanne Cash; Serenadenhof<br />

Regensburg<br />

19.07. Uni-Jazzorchester, Ltg.<br />

Bob Mintzer, feat. Yellowjackets;<br />

Leerer Beutel<br />

28.07. António Zambujo Quintett<br />

; Thon-Dittmer-Palais<br />

29.07. Bassekou Kouyaté;<br />

Klangfarben<br />

Niederlande<br />

Amsterdam<br />

05.07. Namibian Tales <strong>–</strong> Kalahari<br />

Encounters; Bimhuis<br />

06.07. Africa Negra; Bimhuis<br />

07.07. Ke Haber ‘What’s new’;<br />

Bimhuis<br />

13.07. <strong>Juli</strong>an Lage Trio;<br />

Bimhuis<br />

14.07. Lilian Vieira Grupo;<br />

Bimhuis<br />

15.07. Monty Alexander;<br />

Bimhuis<br />

Österreich<br />

Graz<br />

02.07. KUG Jazzorchester feat.<br />

Bachelors; WIST<br />

Judenburg<br />

14.07. Indra Rios-Moore;<br />

Festsaal<br />

Keutschach<br />

18.07. Sona Jobarteh; Rausche<br />

Le Fest, Waldarena<br />

Klagenfurt<br />

18.07. Klaus Paier & Asja<br />

Valcic Quartet; Musikforum<br />

Viktring<br />

Krems<br />

26.07. Amsterdam Klezmer<br />

Band m. Söndörgő; Glatt &<br />

Verkehrt<br />

Kremsmünster<br />

07.07. Omer Klein; Jazz am<br />

Bauernhof<br />

Kufstein<br />

01.07. Jütz; Badeanstalt<br />

Hechtsee<br />

Linz<br />

08.07. Maaike den Dunnen &<br />

Austrian Band; Musikpavillion<br />

Mariawörth<br />

17.07. Klaus Paier & Asja Valcic<br />

Quartet; Wallfahrtskirche<br />

Nickelsdorf<br />

08.07. Konfrontationen<br />

39 Warm up party: Dälek;<br />

Kleylehof<br />

Pitten<br />

26.07. Omer Klein; Kunst und<br />

Kulturkreis<br />

Salzburg<br />

21.07.Klaus Paier & Asja Valcic<br />

Quartet; Open Air Bühne<br />

Sittersdorf<br />

21.07. Son Lux; Acoustic<br />

Lakeside<br />

Söll<br />

22.07. Sigi Finkel & Monika<br />

Stadler; KircheWels<br />

Wien<br />

01.07. Jazzfest Wien: Rhys<br />

Lewis; Porgy & Bess<br />

02.07. Jazzfest Wien: Jonah<br />

Nilsson; Porgy & Bess<br />

03.07. Jazzfest Wien Handsemmel<br />

Records ‘The Mighty<br />

Roll; Porgy & Bess<br />

04.07. Strengen Kammer:<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

Studio Dan ‘More Creatures<br />

& Other New Stuff’ Part IV:<br />

String Quartet; Porgy &<br />

Bess<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

05.07. Mammal Hands; Porgy<br />

& Bess<br />

09.07. Karl Ratzer Quintet;<br />

Porgy & Bess<br />

10./11.07. Stanley Clarke Band;<br />

Porgy & Bess<br />

12.07. Studio Dan „More<br />

Creatures & Other New Stuff“<br />

Part V: Big Studio Dan; Porgy<br />

& Bess<br />

14.07. Iris Electrum; Porgy<br />

& Bess<br />

15.07. Roy Ayers Ubiquity;<br />

Porgy & Bess<br />

16.07. Sly & Robbie meet Nils<br />

Petter Molvær; Porgy & Bess<br />

17.07. Christian Sands Trio;<br />

Porgy & Bess<br />

20.07. Adam Bałdych & Helge<br />

Lien Trio; Porgy & Bess<br />

22.07. Nicolas Simion Sextet;<br />

Porgy & Bess<br />

23.07. Somi; Porgy & Bess<br />

24.07. Gregor Huebner & El<br />

Violin Latino feat. Yumarya;<br />

Porgy & Bess<br />

25.07. Matthias Schriefl &<br />

Shreefpunk; Porgy & Bess<br />

26.07. Sketchbook Quartet/<br />

Sketchbook Orchestra; Porgy<br />

& Bess<br />

28.07. Escoffery / Davis /<br />

Schieferdecker / Dudli ‘Asteroid<br />

7881’; Porgy & Bess<br />

29.07. Jan Sturiale ‘Roadmaps’;<br />

Porgy & Bess<br />

30.07. Dweezil Zappa ‘Choice<br />

Cuts!; Porgy & Bess<br />

Schweiz<br />

Bäretswil<br />

07.07. Jütz; Musikraum Tanne<br />

Fribourg<br />

14.07. Son Lux; Les Georges<br />

Kiental<br />

06.07. Jütz; Natural Sound<br />

Openair<br />

Montreux<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

14.07. Mammal Hands; Montreux<br />

Jazzfestival<br />

St. Gallen<br />

04.07. Christoph Stiefel; Kirche<br />

St. Laurenzen<br />

Ystad Sweden Jazz Festival<br />

1.-5. <strong>August</strong> <strong>2018</strong><br />

Ystads Teater, Schweden<br />

Wetzikon<br />

07.07. Christoph Stiefel; Aula<br />

Kantonsschule<br />

Zürich<br />

09.07. John Hiatt & The<br />

Goners; Kaufleuten<br />

11.07. Yellow Bird; Barfussbar<br />

17.07. David Byrne; Theater 11<br />

19.07. Southside Johnny & the<br />

Asbury Jukes; Kaufleuten<br />

Clubs 08<br />

Raum 00000<br />

Dresden<br />

11.08. Jugendjazzorchester<br />

Sachsen feat. Clemens<br />

Pötzsch & Paul Peuker; Tonne<br />

15.08. Courtney Marie Andrews<br />

& Band; Palais Sommer<br />

- Konzerte im Park<br />

Halle/Saale<br />

04.08. Pianotopia - Chris<br />

Geisler/ Kurt Holzkämper;<br />

Händelhaus<br />

Jena<br />

09.08. Nils Wülker Decade;<br />

Kulturarena<br />

Kleinwelka<br />

25.08. Pulsar Trio; Schwesternhäuser<br />

Pohrsdorf<br />

02.08. Antje Rößeler - Stockholm<br />

Trio; Saxstall<br />

11.08. Caminho; Saxstall<br />

12.08. Die Guitarreros;<br />

Saxstall<br />

18.08. Dresden Hot Serenadors;<br />

Saxstall<br />

19.08. Klezmart; Saxstall<br />

26.08. Bronson Blues; Saxstall<br />

Senftenberg (Lausitz)<br />

03.08. 17 Hippies; Amphitheater<br />

Raum 10000<br />

Bad Belzig<br />

26.08. Yellow Bird; Kulturwerk<br />

Berlin<br />

01.-03.08. Riccardo del Fra;<br />

A-Trane<br />

02.08. Joo Kraus; Quasimodo<br />

03.08. Aquaserge; Haus der<br />

Kulturen der Welt<br />

04.08. Eb Davis; A-Trane<br />

05.08. Uwe Kropinski; A-Trane<br />

07.-11.08. Unity 5; A-Trane<br />

02.08.<strong>2018</strong><br />

Youn Sun Nah<br />

13.08. Andreas Schmidt &<br />

friends; A-Trane<br />

14.-16.08. Cosmo Klein;<br />

A-Trane<br />

17.-19.08. Tino Derado;<br />

A-Trane<br />

21.-24.08. Stephanie Lottermoser;<br />

A-Trane<br />

25.08. JT Duo; Cafe Sur<br />

Dierhagen<br />

08.08. Fjarill; Naturklänge<br />

Greiffenberg<br />

12.08. Meinrad Kneer &<br />

Susanne Fröhlich; Gutshaus,<br />

Uckermärkische Musikwochen<br />

Rostock<br />

03.08. Joo Kraus; Jazzclub<br />

Storkow<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

17.08. Mammal Hands; Alinae<br />

Lumr Festival<br />

Triepkendorf<br />

11.08. Meinrad Kneer &<br />

Susanne Fröhlich; Seenlandschaft,<br />

Kulturwirtschaft e.V.<br />

Zehdenick<br />

23.08. Dagadana; Kulturscheune<br />

Raum 20000<br />

Agathenburg<br />

11.08. Stefanie Boltz & Band:<br />

The Door; Ehrenhof Schloss<br />

Bremen<br />

01.-03.08. Gabriele Hasler;<br />

Gleishalle am Güterbahnhof<br />

Diepholz<br />

04.08. 47Soul; Appletree<br />

Garden<br />

Freiburg/Elbe<br />

03.06. Echoes Of Swing; Hist.<br />

Kornspeicher<br />

Hamburg<br />

09.08. Taksim Trio; Elbphilharmonie<br />

11.08. Chico Trujillo; Fabrik<br />

12.08. Arturo O’Farrill and<br />

the Afro Latin Jazz Octet;<br />

Elbphilharmonie<br />

17.08. Bill Frisell: The Mesmerists<br />

/ Filmkonzert m. Buster<br />

Keaton; Elbphilharmonie<br />

Sommer<br />

27.08. Mari Boine; Fabrik<br />

29.08. Stefano Bollani; Elbphilharmonie<br />

Sommer<br />

Lüneburg<br />

24.08. Masaa/Ätna; Kulturforum<br />

Schleswig<br />

30.08. Fjarill; Der Norden<br />

Raum 30000<br />

Bielefeld<br />

26.08. Sonnenaufgangskonzert:<br />

Habla de mí en presente<br />

… ; Bunker Ulmenwall/<br />

Sparrenburg<br />

Bückeburg<br />

22.08. Barbara Dennerlein;<br />

Stadtkirche<br />

Hannover<br />

10.08. Calexico; Capitol<br />

Kassel<br />

01.08. Fink; Kulturzelt<br />

02.08. Nightmares On Wax;<br />

Kulturzelt<br />

03.08. Moop Mama; Kulturzelt<br />

04.08. Bukahara; Kulturzelt<br />

05.08. Faber; Kulturzelt<br />

07.08. Von Wegen Lisbeth;<br />

Kulturzelt<br />

15.08. Curtis Harding;<br />

Kulturzelt<br />

16.08. Candy Dulfer; Kulturzelt<br />

17.08. Kinga Glyk & Band;<br />

Kulturzelt<br />

18.08. Kat Frankie; Kulturzelt<br />

23.08. Manu Delago;<br />

Kulturzelt<br />

24.08. Nils Landgren All Stars;<br />

Kulturzelt<br />

25.08. 17 Hippies; Kulturzelt<br />

31.08. Urban Swing Worker;<br />

Theaterstübchen<br />

Kleinsassen<br />

25.08. Alexander von<br />

Schlippenbach & Frank Paul<br />

Schubert; Kunststation<br />

Minden<br />

25.08. Yvonne Mwale; Sommerfest<br />

/ Jazzclub Open Air<br />

Nieder-Moos<br />

18.08. Jazzchor Freiburg;<br />

Orgelkonzerte<br />

Wedemark<br />

31.08. Fjarill; Bürgerhaus<br />

Bissendorf<br />

Raum 40000<br />

Bad Essen<br />

05.08. Birgit Minichmayr &<br />

Chris Hopkins/Bernd Lhotzky;<br />

Schloss Ippenburg<br />

Düsseldorf<br />

04.08. Dagadana/Aly Keita<br />

Trio; Jazz und Weltmusik im<br />

Hofgarten<br />

11.08. Amants De Lulu/Jan<br />

Prax Quartet; Jazz und Weltmusik<br />

im Hofgarten<br />

18.08. Phillip van Endert Trio/<br />

Tan; Jazz und Weltmusik im<br />

Hofgarten<br />

Havixbeck<br />

25.08. The Dorf; Burg Hülshoff,<br />

Droste-Tage<br />

Münster<br />

26.08. Latvian Blues Band; Hot<br />

Jazz Club<br />

Wuppertal<br />

24.08. Lazarev Project Group;<br />

Kontakthof<br />

Raum 50000<br />

Attendorn<br />

08.08. Echoes of Swing;<br />

Mehrgenerationenplatz<br />

Kultursommer<br />

Hürth<br />

03.08. Wels; Jazzkeller<br />

17.08. Tropical Turn Quartett;<br />

Jazzkeller<br />

23.08. Jin Jim; Rock meets<br />

Jazz<br />

Köln<br />

02.08. Patti Smith; Roncalliplatz<br />

29.08. LTK4; Lutherturm<br />

Lüdenscheid<br />

18.08. Barbara Dennerlein<br />

Duo; Erlöserkirche<br />

Oberscheid<br />

19.08. Cluster Quartet;<br />

Kulturtag<br />

Trier<br />

30.08. Markus Stockhausen<br />

& Quadrivium; Jazz im<br />

Brunnenhof<br />

Würselen<br />

04.08. Marialy Pacheco; Burg<br />

Wilhelmstein<br />

Raum 60000<br />

Darmstadt<br />

05.08. Christoph Schöpsdau’s<br />

Organtic; Bessunger Jagdhof<br />

10.08. Matthias Vogt Trio;<br />

Gewölbekeller Jazzinstitut<br />

26.08. Trio Jeeep; Rodensteiner<br />

Hof<br />

Dornburg<br />

25.08. Helmut Eisel & JEM;<br />

Schlössernacht<br />

Frankfurt am Main<br />

02.08. Max Clouth Clan feat.<br />

Varijashree Venugopal;<br />

Palmengarten<br />

16.08. Anke Helfrich Trio<br />

feat. Angelika Niescier;<br />

Palmengarten<br />

30.08. Omer Klein Trio;<br />

Palmengarten<br />

Homburg<br />

11.08. Nicole Johaenntgen;<br />

Musiksommer<br />

Speyer<br />

05.08. Stephanie Neigel;<br />

Openair<br />

Wiesbaden<br />

14.08. Calexico; Schlachthof<br />

Raum 70000<br />

Schorndorf<br />

01.08. The Notwist; Club<br />

Manufaktur<br />

09.08. Eilen Jewell & Band;<br />

Club Manufaktur<br />

14.08. Courtney Marie<br />

Andrews & Band; Club<br />

Manufaktur<br />

22.08. King Gizzard & The<br />

Lizard Wizard; Club Manufaktur<br />

24.08. Protomartyr; Club<br />

Manufaktur<br />

29.08. Ariel Pink; Club<br />

Manufaktur<br />

Singen<br />

24.08. Underkarl; Gems<br />

Tübingen<br />

10.08. Afrob feat. Tribes of<br />

Jizu; Sudhaus Waldbühne<br />

16.08. Von wegen Lisbeth;<br />

Sudhaus Waldbühne<br />

Raum 80000<br />

Elmau<br />

16.08. Jan Lundgren Quartet<br />

Potsdamer Platz; Schloss<br />

Elmau<br />

20.08. Tord Gustavsen Trio;<br />

Schloss Elmau<br />

22.08. Sebastian Gürtler-<br />

Florian Willeitner-Georg<br />

Breinschmid; Schloss<br />

Elmau<br />

30.08. Nils Wülker Quartet;<br />

Schloss Elmau<br />

Landsberg<br />

01.08. Rosanne Cash; Stadttheater<br />

München<br />

14.-18.08. Cornelius Claudio<br />

Kreusch ‘BlackMudSound’<br />

feat. Bobby Watson;<br />

Unterfahrt<br />

28.08. Matthias Gmelin<br />

Quintett feat. Joe Chambers;<br />

Unterfahrt<br />

104 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Raum 90000<br />

Erlangen<br />

15.08. Calexico; E-Werk<br />

Niederlande<br />

Groningen<br />

25.08. Sequoia; ZomerJazz-<br />

FietsTour<br />

Österreich<br />

Judendorf-Straßengel<br />

30.08. Jütz; Kirche Maria<br />

Kötschach<br />

21.07. Sigi Finkel & Monika<br />

Stadler; Nepomuk Kirche<br />

Paternion<br />

31.08. Jütz; Anna-Plazotta-<br />

Platz<br />

Wien<br />

07.08. International Music<br />

Academy Orpheus presents<br />

Jazz Chamber Music; Porgy<br />

& Bess<br />

10.08. Black Art Jazz Collective;<br />

Porgy & Bess<br />

16.08. Studio Percussion Graz;<br />

Porgy & Bess<br />

28.08. Jaimie Branch Quartet;<br />

Porgy & Bess<br />

Schweiz<br />

Bern<br />

19.08. Tord Gustavsen & Simin<br />

Tander; Kapelle<br />

Blatten<br />

11.08. Jütz; Kulturbärg<br />

Winterthur<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

12.08. Mammal Hands; Musikfestwochen<br />

Zürich<br />

06.08. <strong>Juli</strong>an Marley; Kaufleuten<br />

14.08. Grizzly Bear; Kaufleuten<br />

Festivals<br />

powered by Südtirol<br />

Jazzfestival<br />

Noch bis 8.7.<strong>2018</strong><br />

Altoadige, Südtirol,<br />

IT<br />

Mehr als 50 Konzerte in 18<br />

Gemeinden; attraktiver Länderschwerpunkt<br />

unter dem Motto<br />

„Exploring the North”. Mit<br />

Euregio Collective feat. Pauli<br />

Lyytinen & Nordic Connection,<br />

Haug - Mathiesen - Schriefl,<br />

Tuomas A. Turunen, Hanna<br />

Paulsberg Concept, Frank<br />

Frank Frank feat. Sigurdur<br />

Rögnvaldsson, Stefan Pasborg<br />

- Dawda Jobarteh, Fazer, Nils<br />

Berg Cinemascope, Verneri<br />

Pohjola-Mika Kallio, Simone<br />

Graziano Frontal & Reinier<br />

Baas, Lars Andreas Haug Band,<br />

Euregio Collective, Stefan<br />

Pasborg, Maria Faust Sacrum<br />

Facere, Elifantree, Pranke,<br />

Pasborg - Jobarteh - Schantz,<br />

Verneri Pohjola Group u.a.<br />

www.suedtiroljazzfestival.com<br />

Gent Jazz Festival<br />

Noch bis 8.7.<strong>2018</strong><br />

Bijlokesite, Ghen (BE)<br />

Mit Tom Jones, The Roots,<br />

Lady Linn & Her Magnificent<br />

Bigband, Melanie De<br />

Biasio, Paolo Conte, Kandace<br />

Springs, Jef Neve ‘Spirit<br />

Control’, Igor Gehenot’s Delta,<br />

Isolde XL, Pharoah Sanders<br />

& Nicholas Payton, Vijay Iyer<br />

Sextet, Jason Moran & Bandwagon,<br />

Dan Weiss: Metal<br />

Jazz, Ambrose Akinmusire.<br />

www.gentjazz.be<br />

Jazz Fest Wien<br />

Noch bis 10.7.<strong>2018</strong><br />

Wien, Oper, Porgy & Bess,<br />

Stadthalle<br />

Mit Caro Emerald, Kris Kristofferson,<br />

Norbert Schneider<br />

Special, Thomas Quasthoff,<br />

Melody Gardot, Louie Austen,<br />

Binker & Moses, Till Brönner-<br />

Dieter Ilg u.a.<br />

www.jazzfest.wien<br />

Jazz à Vienne<br />

Noch bis 13.7.<strong>2018</strong><br />

Vienne b. Lyon/F<br />

Eines der wichtigsten<br />

Festivals in Frankreich. Mit<br />

Melody Gardot, Jeff Beck,<br />

Magma, Marcus Miller,<br />

Black Star, Rhoda Scott, Cory<br />

Henry, Ron Carter, Mulatu<br />

Astatke, ​Gilberto Gil, Hermeto<br />

Pascoal, Ibrahim Maalouf,<br />

Lucky Peterson, Dhafer<br />

Youssef, etc.<br />

www.jazzavienne.com<br />

42. Montreux Jazz Festival<br />

Noch bis 14.7.<strong>2018</strong><br />

Montreux/CH<br />

Mit Stanley Clarke, Rag<br />

´n`Bone Man, Brad<br />

Mehldau, Iggy Pop, Dhafer<br />

Youssef,Deep Purple, Eivind<br />

Aarset, Joaoa Bosco-Hamilton<br />

de Holanda, Billy Idol,<br />

Avishai Cohen 1970, Jason<br />

Moran, Gilberto Gil, Queens<br />

of the Stoneage, Gary Numan,<br />

Carla Bley, Avishai Cohen Big<br />

Vicious, Jack White, Gregory<br />

Porter, Van Morrisson, Steve<br />

Winwood, Nick Cave, Hauschka,<br />

Chick Corea, Bugge<br />

Wesseltoft, Jamie Cullum,<br />

Jamiroquai, Mammal Hands<br />

u.v.a.m.<br />

www.mjf.ch<br />

Istanbul Jazz Festival <strong>2018</strong><br />

Noch bis 17.7.<strong>2018</strong><br />

Istanbul, Türkei<br />

Restprogramm mit Nick Cave<br />

& The Bad Seeds, Benjamin<br />

Clementine, Caro Emerald, Robert<br />

Plant & The Sensational<br />

Space Shifters, Avishai Cohen<br />

1970, Kurt Elling Quintet <strong>–</strong><br />

spec. guest Marquis Hill, Fred<br />

Hersch Trio, Fabrizio Bosso<br />

Quartet, Massimo Manzi<br />

Trio feat. Elif Çağlar, Robert<br />

Glasper/Taylor McFerrin/<br />

Derrick Hodge/Christian<br />

Scott/Terrace Martin, Zara<br />

McFarlane, <strong>Juli</strong>an Lage Trio,<br />

Parisien/Peirani/Schaerer/<br />

Wollny „Out of Land”, Adam<br />

Bałdych & Helge Lien Trio m.<br />

Tore Brunborg, Anat Cohen,<br />

Marcello Gonçalves, Omar<br />

Sosa & Yilian Canizares<br />

“Aguas” u.a.<br />

www.caz.iksv.org<br />

Summer Jazz Festival Kraków<br />

Noch bis 5.8.<strong>2018</strong><br />

Kraków/PL<br />

Mit Michal Urbaniak, Pharoah<br />

Sanders, Wlodek Pawlik Trio,<br />

Leszek Mozdzer, Tomasz Stanko,<br />

Urszula Dudziak, Adam<br />

Makowicz u.a.<br />

www.cracjazz.com<br />

Bucharest Jazz Festival-<br />

Romania<br />

2.-8.7.<strong>2018</strong><br />

Bukarest/RO<br />

Mit Branford Marsalis<br />

Quartett, Kurt Elling, Terence<br />

Blanchard, Roy Hargrove, Lee<br />

Konitz, Trilok Gurtu, Kenny<br />

Werner, Stanley Jordan.<br />

Daneben gibt es eine Reihe<br />

von Konferenzen, Workshops<br />

und Masterclasses mit Spezialisten,<br />

Musikern und Fans<br />

des Genres. New Jazz Festival<br />

Contest.<br />

www.bucharestjazzfestival.ro<br />

powered by Jazz Against The<br />

Machine<br />

3.-5.7.<strong>2018</strong><br />

Köln<br />

„Jazz Against<br />

the Machine“ ist eines der<br />

wichtigsten Musikevents der<br />

jungen Jazz- und Popkultur im<br />

Raum Köln. Mit 12 renommierten<br />

und innovativen Bands der<br />

internationalen Szene: Andreas<br />

Theobald Quartett feat.<br />

Sabeth Pérez, Bräumer/Klewer/Eftychidou,<br />

Nina’s Rusty<br />

Horns, Anft/Helm/Berger,<br />

Daniel Tamayo Quintet, Felix<br />

Langemann Trio, Schwarz/<br />

Heid, Mozah, Melissa Pinto<br />

Quartet, Taraneh Mousavi &<br />

Band, Tobias Haug Quartett,<br />

Pulsar Tales.<br />

www.jatm.de<br />

powered by Rudolstadt-Festival<br />

<strong>2018</strong><br />

5.-8.7.<strong>2018</strong><br />

Rudolstadt/Thüringen<br />

Das größte deutsche Festival<br />

für Roots, Folk und Weltmusik.<br />

Spezielles Gastland ist<br />

Estland: mit Arsis, Bombillaz,<br />

Curly Strings, E Stuudio Youth<br />

Choir, Mari Kalkun & Runoru,<br />

Kuljus, Maarja Nuut & Hendrik<br />

Kaljujärv, pUULUUp, Torupilli<br />

Jussi Trio. Int. Musik-Programm:<br />

Ahmad-Knecht-Trio,<br />

Ale Möller, Amine & Hamza,<br />

Armaos-Rostani Duo, Bella<br />

Ciao; Betsayda Machado &<br />

Parranda El Clavo, Chico<br />

Trujillo, Debademba, Diego El<br />

Cigala, Duo Bottasso, Elida Almeida,<br />

Eternal Voyage, Faber,<br />

Familia Schuen, Fatoumata<br />

Diawara, Frank Bettenhausen,<br />

El Gusto, Ganes, Graham Nash,<br />

Hańba!, Jens-Paul Wollenberg<br />

& Pojechal, Lankum, Llibre<br />

Vermell, Lula Pena, Maija<br />

Kauhanen, Mashrou’Leila,<br />

Monsieur Doumani, Munadjat<br />

Yulchieva, Oddisee, Omar<br />

Sosa & Seckou Keita, Omiri,<br />

Pam Pam Ida, Ramy Essam,<br />

Red Baraat, Salukat, Saz’iso,<br />

Shivkumar & Rahul Sharma,<br />

Solo, Steve Earle & The Dukes,<br />

Stahlquartett, Tworna, Trickster<br />

Sound Kollektiv, Txarango,<br />

Unni Løvlid, Vano Bamberger,<br />

Voxid, Yael Deckelbaum & The<br />

Mothers. Tanz: Blowzabella,<br />

Coreto, Eka & Iris, Kuljus,<br />

Naragonia, Ormuz, Schäng<br />

Blasius Flönz Rakete, Sierra<br />

Heritage Performing Arts<br />

Company, Sigrid Doberenz &<br />

Wimmerschinken u.a.<br />

www.rudolstadt-festival.de<br />

Zeltival<br />

5.7.-1.8.<strong>2018</strong><br />

Karlsruhe, Tollhaus<br />

Mit Jeff Beck, Morcheeba,<br />

Melody Gardot, Calexico, Ziggy<br />

Marley, Shatel & Bucovina<br />

Club Orkestar u.a.<br />

www.tollhaus.de<br />

Copenhagen Jazz Festival<br />

<strong>2018</strong><br />

6.-15.7.<strong>2018</strong><br />

Kopenhagen, DK<br />

10 Tage, 120 Venues, 1200<br />

Konzerte in der dänischen<br />

Hauptstadt.<br />

www.jazz.dk<br />

2. Jazzfest Ottobrunn<br />

6.-7.7.<strong>2018</strong><br />

Ottobrunn<br />

Mit Yamanda Costa, Marilyn<br />

Mazur, Nils Petter Molvaer,<br />

Eivind Aaset, Jan Bang.<br />

www.wfh-ottobrunn.de<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 105


Kolumne<br />

The London Column<br />

Von Sebastian Scotney<br />

Hier auf der britischen Insel feiern wir dieses Jahr das Zusammenkommen<br />

mehrerer Initiativen zur Chancengleichheit von<br />

Frauen bei der Programmierung und der Nachwuchsförderung<br />

im Jazz. Für das Jazz Legends Festival, das im Mai in Birmingham<br />

stattfand, gestaltete Phil Rose das Programm ausschließlich<br />

mit Gruppen, die von weiblichen Instrumentalisten geführt<br />

wurden. Sein Kommentar: „Es war überhaupt nicht schwierig,<br />

weil es hier im UK so viele begabte Frauen gibt, die eine<br />

erfolgreiche Band leiten.“ Unter den Auftretenden waren die<br />

Pianistin Kate Williams, die Harfenistin Alina Bzhezhinska und<br />

die Saxofonistin Allison Neale mit ihrem Paul-Desmond-Gerry-<br />

Mulligan-Projekt.<br />

Ros Rigby vom Europäischen Jazz Netzwerk (EJN) erwähnte<br />

die Keychange-Initiative von der PRS for Music Foundation,<br />

dem wohltätigen Arm des britischen Äquivalents zur<br />

GEMA. Diese Initiative nimmt die für die Programme Verantwortlichen<br />

in die Pflicht, sich bestimmte Ziele zu setzen. So hat<br />

sich zum Beispiel das Jazzfest in Manchester als Unterzeichner<br />

von Keychange verpflichtet, bis 2022 bei der Programmierung<br />

eine 50/50-Geschlechtergleichstellung zu erreichen. Im<br />

März leitete Rigby selbst eine Veranstaltung zu diesem Thema<br />

am Rande des Jazz-Festivals in ihrer Heimatstadt Gateshead.<br />

Als Vorsitzende des EJN macht sie ihren Einfluss geltend für<br />

ein europaweites Manifest für die Geschlechtergleichstellung<br />

im Jazz, das dieses Jahr in Lissabon auf der alljährlich stattfindenden<br />

Konferenz verabschiedet werden soll.<br />

Hauptsprecherin in Gateshead war die Komponistin,<br />

Saxofonistin und Bandleaderin Issie Barratt, eine unermüdliche<br />

Verfechterin der Gleichstellung der Geschlechter. Sie ist seit<br />

zehn Jahren für die künstlerische Leitung des National Youth<br />

Jazz Collective (NYJC) zuständig. Aufbauend auf einem eigenen<br />

Forschungsprojekt, entwickelt sie Strategien, die helfen sollen,<br />

bestehende Barrieren für Frauen zu eliminieren. Barratt weiß<br />

nur zu gut, wie Frauen schon während des Musikstudiums und<br />

später beim Übergang in die Berufswelt die Motivation verlieren:<br />

„18-jährige Musikstudentinnen, die ich vom NYJC kenne, fragen<br />

mich, wie es sein könne, dass an den Musikhochschulen das<br />

Studium von Männern konzipiert und gelehrt werde und die<br />

Musik, die sie spielen, von Männern komponiert worden sei.“<br />

Barratt hat ein Stipendium ins Leben gerufen, das dem weiblichen<br />

Nachwuchs den Einstieg als Jazz-Promoter erleichtern<br />

soll. Sie sagt: „Wir müssen Eigeninitiative entwickeln. Meine<br />

Strategie ist, mehr als Frauen zu finden und sie zu unterstützen.<br />

Das Wichtige ist, einen Wandel der Kultur zu bewirken.“<br />

Jazzjournalist Sebastian Scotney betreibt die Website www.londonjazznews.com<br />

und macht Podcasts und Dokumentarberichte fürs Radio.<br />

Mostly Jazz Funk & Soul<br />

Festival<br />

6.-7.7.<strong>2018</strong><br />

Birmingham, GB<br />

Mit Jimmy Cliff, Candi<br />

Staton, Lucky Chops, Osaka<br />

Monaurail, Tanika Charles,<br />

Lack of Afro, Jalen N’Gonda,<br />

The Allergies, Space Ghetto,<br />

The Volko Trio, Tropical<br />

Soundclash, Keziasoul &<br />

Madi Saskia, The Craig<br />

Charles Funk & Soul Show,<br />

Sister Sledge, Roy Ayers<br />

and Fred Wesley & the New<br />

JBs, Ezra Collective, Laura<br />

Misch, Yazmin Lacey, Noya<br />

Rao, Skeltr, Chris Bowden<br />

Quartet, Fervour, Delano Mills,<br />

Samantha Wright Ensemble &<br />

Jazzline Ensemble.<br />

www.mostlyjazz.co.uk<br />

37. Eldenaer Jazz Evenings<br />

6./7.7.<strong>2018</strong><br />

Greifswald, Klosterruine<br />

Eldena<br />

Zwischen alten Bäumen im<br />

malerischen Park und im<br />

Abendlicht leuchtendem<br />

Backstein begegnen sich die<br />

NDR Bigband, Never Complete<br />

(Preisträger „Jugend<br />

jazzt 2017“) und vier weitere<br />

Formationen <strong>–</strong> dort wo schon<br />

Caspar David Friedrich malte.<br />

www.greifswald.de/jazz<br />

Sani Festival<br />

7.-22.7.<strong>2018</strong><br />

Sani Ressort, Kalkidiki/GR<br />

Mit Till Brönner, Cecile<br />

McLorin Salvant, Angelique<br />

Kidjo u.a.<br />

www.sani-resort.com<br />

Rhone River Jazz Fest<br />

A Jazz Adventure<br />

8.-19.7.<strong>2018</strong><br />

Schweiz & Südfrankreich<br />

(Schiffsreise)<br />

www.earthboundexpeditions.com<br />

26. Augsburger Jazzsommer<br />

11.7-12.8.<strong>2018</strong><br />

Augsburg, Botanischer Garten<br />

Mit Vijay Iver, Christian Stock<br />

Trio & Billy Harper, Six, Alps<br />

& Jazz, Florian Favre Trio,<br />

Andy Sheppard, Joe Lovano &<br />

Dave Douglas, Bobo Stenson<br />

Trio, sowie Sonntagsmatineen<br />

im Zeughaus / Brunnenhof.<br />

Veranstalter: Kulturamt<br />

Augsburg.<br />

www.augsburger-jazzsommer.de<br />

Jazz a Luz #28<br />

11.-14.7.<strong>2018</strong><br />

Luz St. Sauveur/F<br />

Festival d’Altitude Pyrénées<br />

Vallées des Gaves<br />

www.jazzaluz.com<br />

powered by 25. Jazzopen<br />

12.-22.7.<strong>2018</strong><br />

Stuttgart, Altes<br />

Schloss, Schlossplatz,<br />

Scala<br />

Ludwigsburg, Bix u.a.<br />

Top-Act <strong>2018</strong> auf der Hauptbühne:<br />

Pat Metheny, Stanley<br />

Clarke Band, Jamie Cullum,<br />

Marcus Miller, Joss Stone, Till<br />

Brönner, Gregory Porter sowie<br />

Christian McBride’s New<br />

Jawn, Meshell Ndegeocello,<br />

Lenny Kravitz & Gary Clark<br />

Jr., Knower & Moon Hooch,<br />

Die Fantastischen VierIndra<br />

Rios-Moore, Michael Wollny<br />

Trio & Younee, Allan Harris,<br />

Chico Freeman, German Jazz<br />

Trophy: Rolf & Joachim Kühn,<br />

Jason Moran and the Bandwagon,<br />

Tears for Esbjörn,<br />

David Helbock’s Random/<br />

Control, GoGo Penguin, First<br />

Strings on Mars, Jamiroquai,<br />

Omer Avital, Twana Rhodes,<br />

Kraftwerk, Echoes of Swing,<br />

Wolfgang Dauner.<br />

www.jazzopen.com<br />

Internationales Jazz Weekend<br />

12.-15.7.<strong>2018</strong><br />

Unterföhring b. München<br />

Mit Kinga Glyk, Kurt Elling<br />

& Band feat. Marquis Hill,<br />

Dickbauer Collective, Jazzkinderkonzert<br />

„Hoppel Hoppel<br />

Rhythm Club“.<br />

www.buergerhaus-unterfoehring.de<br />

Edinburgh Jazz & Blues<br />

Festival<br />

13.-22.7.<strong>2018</strong><br />

Edinburgh (SCO)<br />

www.edinburghjazzfestival.com<br />

Wellenklænge Festival <strong>2018</strong><br />

- Festival für zeitgenössische<br />

Strömungen<br />

13.-28.7.<strong>2018</strong><br />

Seebühne Lunz am See, AUT<br />

Unter dem Motto “Nordwind<br />

& Alpenglühen” erwartet das<br />

Publikum ein hochkarätiges<br />

Programm aus ca. 15 Veranstaltungen<br />

mit Künstler*innen<br />

aus Kammermusik, Jazz,<br />

Volksmusik, Indie-Szene u.a.,<br />

die sich auf kreative Art und<br />

Weise mit der Musiksprache<br />

des Nordens und der Alpen<br />

auseinandersetzen.<br />

www.artphalanx.at<br />

Sacred Ground Festival <strong>2018</strong><br />

13.-15.7.<strong>2018</strong><br />

Uckermark<br />

www.sacredground.de<br />

powered by Festival „Summer<br />

Jazz”<br />

16., 17. und<br />

20.7.<strong>2018</strong><br />

Stadtgarten, Köln<br />

Summer Jazz nutzt die<br />

Anwesenheit von drei<br />

herausragenden Gruppen in<br />

Europa und veranstaltet drei<br />

herausragende Konzerte unmittelbar<br />

im Anschluss an die<br />

Fußball-Weltmeisterschaft.<br />

mit Carla Bley Trios feat. Andy<br />

Sheppard-Steve Swallow, The<br />

Bad Plus, Endangered Blood.<br />

www.stadtgarten.de<br />

17. Sommerfestival der<br />

Kulturen<br />

17.-22.7.<strong>2018</strong><br />

Marktplatz Stuttgart<br />

Mit Stars der internationalen<br />

Weltmusikszene, Street Food<br />

Market, Markt der Kulturen<br />

bei freiem Eintritt an 6 Tagen<br />

ein begeistertes, tanzfreudiges<br />

Publikum <strong>–</strong> auch in<br />

diesem Jahr werden wieder<br />

rund 80.000 Besucher*innen<br />

erwartet. Mit Red Baraat, Yael<br />

Deckelbaum & The Mothers,<br />

Ladysmith Black Mambazo,<br />

Transglobal Underground m.<br />

Natacha Atlas, Amparanoia m.<br />

Amparo Sánchez, Liniker.<br />

www.sommerfestival-derkulturen.de<br />

powered by Konfrontationen 39<br />

19.-22.7.<strong>2018</strong><br />

Jazzgalerei<br />

Nickelsdorf/AT<br />

„If the music is<br />

true, the form takes care of<br />

itself“ <strong>–</strong> unter diesem Motto<br />

aus dem Munde des weisen<br />

Cecil Taylor präsentiert „Konfrontationen<br />

<strong>2018</strong>“ u.a. folgende<br />

Künstler: Wilbert de Joode,<br />

Joe McPhee, Ryoko Akama,<br />

Liz Allbee, Thomas Berhammer,<br />

Even Parker, Mark<br />

Sanders, Pat Thomas, Joe<br />

Williamson Tom Blancarte,<br />

Martin Brandlmayr, Bernhard<br />

Breuer, Didi Bruckmayr, Tony<br />

Bruck, John Butcher, Angelica<br />

Castello, Xavier Charles,<br />

George Cremachi, Tim Daisy,<br />

Dieb13, Kaja Draksler, Isabelle<br />

Duthoit, Peter Evans, Wolfgang<br />

Fuchs, Ken Ganfield,<br />

Susanna Gartmayer, Georg<br />

Graewe, Frank Gratkowski,<br />

Steve Heather, Nina de Heney<br />

u.v.a.m.<br />

www.konfrontationen.at<br />

EuroChoir <strong>2018</strong> Finland/<br />

Estonia<br />

19.7.-1.8.<strong>2018</strong><br />

Helsinki (Finnland) 19.-27.7.<br />

Tallinn (Estland) 27.7.-1.8.<br />

www.sulasol.fi/en/eurochoir-<strong>2018</strong><br />

37. Bayerisches Jazzweekend<br />

19.-22.7.<strong>2018</strong><br />

Regensburg<br />

www.bayerisches-jazzweekend.de<br />

powered by Rivertone - Jazz in<br />

Straubing <strong>2018</strong><br />

20.-22.7.<strong>2018</strong><br />

Straubing<br />

Ein neues Jazz-<br />

Festival in niederbayerischen<br />

Straubing im Festivalzelt Am<br />

Hagen. Mit Manu Katché<br />

Trio <strong>–</strong> The Scope, Till Brönner,<br />

Tribute to Gotan Project, Lily<br />

Dahab & Band, Minino Garay<br />

& Baptiste Trotignon.<br />

www.rivertone.de<br />

Hafensommer <strong>2018</strong><br />

20.7.-5.8.<strong>2018</strong><br />

Würzburg<br />

www.hafensommer-wuerzburg.de<br />

Horizonte Festival<br />

20.-22.7.<strong>2018</strong><br />

Koblenz<br />

Der Förderverein Kultur im<br />

Café Hahn e.V. präsentiert<br />

zum 16. Mal das Weltmusikfestival<br />

Horizonte! An 3<br />

Tagen Weltmusik mit über 30<br />

Bands aus aller Welt auf 5<br />

verschiedenen Bühnen traditionelle<br />

und zeitgenössische<br />

Weltmusik spielen.<br />

www.cafehahn.de<br />

Jazz em Agosto<br />

20.7.-5.8.<strong>2018</strong><br />

Lissabon, PT<br />

www.jazzemagosto.pt<br />

Cosmojazz Festival Chamonix<br />

21.-29.7.<strong>2018</strong><br />

Chamonix, F<br />

Mit Camille, La Chica, Arat<br />

Kilo feat. Mamani Keita &<br />

Mike Ladd, Shijin, Les Filles<br />

de Illighadad, China Moses,<br />

Manu Delago, <strong>Juli</strong>a Biel, Dorantes,<br />

Airelle Besson, Rohey,<br />

Hugh Coltman, Sandra Nkaké,<br />

Sly Johnson, Yom & the Wonder<br />

Rabbis, Onefoot, Cabaret<br />

Contemporain, Gauthier Toux<br />

Trio, Les Selkies u.a.<br />

www.cosmojazzfestival.com<br />

powered by Jazzsommer im<br />

Bayerischen Hof<br />

23.-28.7.<strong>2018</strong><br />

München, Hotel<br />

Bayerischer Hof<br />

Konzerte im Festsaal &<br />

Night Club mit Incognito, Nik<br />

West, Lucky Petersen & The<br />

Organization feat. Tamara<br />

Tramell, Bill Frisell - When You<br />

Wish Upon The Star, Manou<br />

Gallo, Stanley CLarke Band,<br />

106 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>


Joao Bosco Quartet (Termine<br />

s. Clubs); Fotoausstellung<br />

„AM Jazz -Three Generations<br />

Under the lens“ von Adriana<br />

Mateo im Atrium; Musik-<br />

Dokumentarfilme im Premiumkino<br />

Astor Cinema Lounge<br />

www.bayerischerhof.de<br />

Langnau Jazz Nights/Junior<br />

Jazz Meeting<br />

24.-28.7.<strong>2018</strong><br />

Langnau, CH<br />

Mit Christian McBride’s New<br />

Jawn, Steve Coleman and<br />

Five Elements, Brad Mehldau<br />

Trio, Adam Nussbaum & the<br />

LJN Faculty, Judy Niemack<br />

Project, Billy Hart Quartet featuring<br />

Joshua Redman, Nicole<br />

Johänntgen, Joe Lovano &<br />

Dave Douglas Quintet, Aaron<br />

Goldberg Trio, Endangered<br />

Blood, Bokanté u.a. Und Das<br />

Jazz Camp für die Jungen: die<br />

Teilnehmenden des Junior<br />

Jazz Workshops können,<br />

neben alters- und niveaubezogenem<br />

Unterricht in Theorie<br />

und Praxis, die Instrumentalklassen<br />

des Jazz Workshops<br />

und die Special Clinics der<br />

abends auftretenden Bands<br />

besuchen.<br />

www.jazz-nights.ch<br />

Heiniken Jazzaldia<br />

25.-29.7.<strong>2018</strong><br />

Donostia/San Sebastian/E<br />

www.heinekenjazzaldia.eus<br />

Tamburi Mundi - 13.<br />

Internationales Festival für<br />

Rahmentrommeln<br />

27.7.-5.8.<strong>2018</strong><br />

E-Werk Freiburg<br />

Das weltweit größte Festival<br />

für Rahmentrommeln: 10 Tage<br />

lang ein breites, interkulturelles<br />

Festival-Programm mit<br />

Workshops, Konzerten und<br />

Aktionen, internationalen<br />

Musikern und wichtigen<br />

Rahmentrommelgrößen. Mit<br />

Murat Coskun, Zohar Fresco<br />

u.a.<br />

www.tamburimundi.com<br />

Jazz Dorf Jazz & Fusion<br />

Festival<br />

28.7.<strong>2018</strong><br />

Wollerstorf, Wittingen<br />

Mit Christoph Spangenberg<br />

spielt Nirvana, Tobias Held<br />

IndieJazz Project, Nu[h]Ussel<br />

Orchestra.<br />

www.jazzdorf.com<br />

powered by 24. Festival<br />

Mallorca Jazz Sa<br />

Pobla<br />

30.7.-22.8.<strong>2018</strong><br />

Sa Pobla/Mallorca,<br />

Plaça Major<br />

Jazz auf dem Marktplatz einer<br />

mallorquinischen Kleinstadt.<br />

Mit Cécile McLorin Salvant,<br />

Trempera! Quintet, Enrico<br />

Rava New Quartet, Mallorca<br />

Jazz Collective, 13. Seminar<br />

»Traveling School Playjazz«,<br />

Toni Vaquer Jazz Masterclass,<br />

Jay Clayton Jazz Masterclass<br />

etc.<br />

www.facebook.com/mallorcajazzsapobla<br />

www.sapobla.cat/index.php/<br />

que-fer/festival-de-jazz<br />

Palazzo <strong>–</strong> Internationales<br />

Musikfestival<br />

31.7.-10.8.<strong>2018</strong><br />

Thon-Dittmer-Palais,<br />

Regensburg<br />

www.alex-bolland.de<br />

powered by Ystad Sweden<br />

Jazz Festival<br />

1.-5.8.<strong>2018</strong><br />

Ystad/SWE<br />

Unter der künstlerischen<br />

Leitung von Jan<br />

Lundgren. Mit Cécile McLorin<br />

Salvant, The Manhattan<br />

Transfer, Ellen Andersson<br />

Quartet, Gunnar Eriksson<br />

& Rilke Ensemblen, John<br />

Venkiah Trio, Ellen Andrea<br />

Wang, Youn Sun Nah, Omer<br />

Klein, Monty Alexander Trio,<br />

Jan Sigurd All Stars, Magnus<br />

Lindgren, Phronesis, Jan<br />

Lundgren & Hans Backenroth<br />

meet Ratinger Kammerchor,<br />

Trinity, Goran Kajfeš<br />

Tropiques, Martin Tingvall,<br />

Avishai Cohen with Bohuslän<br />

Big Band, Trudy Kerr Quartet<br />

with special guest Jukka<br />

Perko, Elin Larsson, Christian<br />

Bekmulin Quartett, Wolfgang<br />

Haffner Band, Anna-Mia<br />

Barwe, Andreas Schaerer & A<br />

Novel of Anomaly, The Sammy<br />

Rimington International<br />

Band, Sisters of Invention,<br />

Paolo Fresu Devil Quartet, Nils<br />

Petter Molvaer, Claire Martin<br />

feat. Jim Mullen, Bill Evans/<br />

Ulf Wakenius Band, Almaz<br />

Yebio Twist’n’Shout, Lizz<br />

Wright, Nils Landgren & Jan<br />

Lundgren with friends, Miss<br />

Sway feat. Mårten Lundgren,<br />

Second Line Jazzband.<br />

www.ystadjazz.se<br />

Sant’Anna Arresi Jazz<br />

1.-8.<strong>2018</strong><br />

Sardinien/I<br />

www.santannarresijazz.it<br />

A l’arme! Festival Vol. VI<br />

1.-4.8.<strong>2018</strong><br />

Radialsystem V, Kantine Berghain/<br />

Berlin<br />

www.alarmefestival.de<br />

3. Mera World Music Festival<br />

2.-5.8.<strong>2018</strong><br />

Talotaszeg, RO<br />

World Music Festival in Transsylvanien.<br />

Mit Ferenczi György<br />

& Rackajam, Nightlosers,<br />

Nadara Gipsy Band, Happy<br />

Beigel Klezmer, Grupul Iza,<br />

Guajiro Calentano, Fölszállott<br />

a Páva, Erdőfű etc.<br />

www.meraworldmusic.com<br />

Newport Jazz Festival<br />

3.-5.8.<strong>2018</strong><br />

Newport/USA<br />

www.newportjazz.org<br />

See More Jazz Festival<br />

3.-5.8.<strong>2018</strong><br />

Rostock<br />

Mit V.Tolstoy, Joo Kraus,<br />

U.Wakenius, B.Evans,<br />

L.Kellhuber u.a.<br />

www.seemorejazz.de<br />

14. „International Jazzwerkstatt“<br />

Saarwellingen<br />

6.-12.8.<strong>2018</strong><br />

Saarwellingen<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />

Jazz Against<br />

the Machine<br />

3.-5. <strong>Juli</strong> <strong>2018</strong><br />

Felix Langemann Trio<br />

04.07.<strong>2018</strong><br />

Artheater Köln<br />

Konzerte und Workshops mit<br />

Gilad Atzmon, Adriano Adewale,<br />

Barbara Bürkle, Kevin<br />

Dean, Frank Harrison, Jim<br />

Hart, Claus Krisch, Nicolas<br />

Meier, Johannes Müller, Tony<br />

Lakatos, Davide Petrocca, Yaron<br />

Stavi, John Turville, Thilo<br />

Wagner, Cleveland Watkiss,<br />

Enzo Zirilli u.a.<br />

www.international.jazzwerkstatt.de<br />

Ruhrtriennale<br />

9.8.-23.9.<strong>2018</strong><br />

Im gesamten Ruhrgebiet<br />

Zum ersten Mal unter der<br />

Intendanz von Stefanie Carp<br />

mit Artiste associé Christoph<br />

Marthaler. 33 Produktionen und<br />

Projekte, davon 20 Eigen- und<br />

Koproduktionen, 16 Uraufführungen,<br />

Neuinszenierungen,<br />

Deutschlandpremieren und<br />

Installationen werden in den<br />

ehemaligen Industriehallen des<br />

Ruhrgebietes und an weiteren<br />

Orten gezeigt. U.a. mit einer<br />

neuen Kreation des südafrikanischen<br />

Regisseurs William<br />

Kentridge, Einweihung einer<br />

Skulptur des amerikanischen<br />

Künstlers Olu Oguibe, Uraufführung<br />

der Musiktheater-Kreation<br />

„Universe, Incomplete“, mit<br />

der Christoph Marthaler die<br />

komplette Bochumer Jahrhunderthalle<br />

bespielt.<br />

www.ruhrtriennale.de<br />

37. Jazz Middelheim <strong>2018</strong><br />

9.-12.8.<strong>2018</strong><br />

Park Den Brandt, Antwerpen/<br />

BE<br />

Mit Kamasi Washington, Black<br />

Star ft. Yasiin Bey & Talib Kweli<br />

with Hypnotic Brass Ensemble,<br />

TaxiWars, Bram Weijters’ Crazy<br />

Men; Nordmann, Dijf Sanders,<br />

MDC III, Steiger, Melanie De<br />

Biasio, Philip Catherine Reunion<br />

Band, De Beren Gieren, FONS.<br />

ft. Logan Richardson; WOW (We<br />

Orchestrate Words), We Have A<br />

Dream, Kaneelvingers, Footprint,<br />

Jazz Loves Disney, Fred Hersch<br />

Trio, Robin Verheyen Quartet,<br />

Ben Sluijs Quartet, Archie<br />

Shepp Tribute to Coltrane w/<br />

special guest, Steve Coleman<br />

& the Five Elements, Verheyen<br />

- Baron - De Looze Trio, Aka<br />

Moon, Mâäk Spirit presents…<br />

Big Ensemble, Mâäk Quintet,<br />

Mâäk Five, Mâäk 4tet<br />

www.jazzmiddelheim.be<br />

Ruhrtriennale<br />

9.8.-23.9.<strong>2018</strong><br />

Ruhrgebiet<br />

Festival der Künste im gesamten<br />

Ruhrgebiet. Musik, Tanz, Theater,<br />

Performance und Fine Arts.<br />

www.ruhrtriennale.de<br />

19. Internationales Gitarrenfestival<br />

11.-18.8.<strong>2018</strong><br />

Stadt Hersbruck<br />

Mit Alvaro Pierri, Badi Assad,<br />

Adam Rafferty, Don Ross,<br />

Maximo Diego Pujol, Joscho<br />

Stephan, Scott Tennant, Ana<br />

Vidovic, Bobby Watson u.v.a.<br />

www.gitarre-hersbruck.de<br />

Oslo Jazz Festival<br />

12.-18.8.<strong>2018</strong><br />

Oslo, NO<br />

Mit Sons of Kemet, Terje<br />

Rypdal, Charlotte Dos Santos,<br />

Tribute to Joni Mitchell: Rohey<br />

Taalah, Susanna Annevik,<br />

Cory Henry u.v.a.m.<br />

www.oslojazz.no<br />

powered by Flux Festival<br />

-Contempory<br />

Electro-Acoustic<br />

Music from Berlin<br />

13.-19.8.<strong>2018</strong><br />

Spektrum Berlin<br />

Artist Talks und Konzerte mit<br />

Tomomi Adachi, Liz Allbee,<br />

Boris Baltschun, Rashad Becker,<br />

Burkhard Beins, Andrea Belfi,<br />

Sofia Borges, Jim Campbell, Roy<br />

Carroll, Lan Cao, Mario De Vega,<br />

Sabine Ercklentz, Korhan Erel,<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 107


termine<br />

Andrea Ermke, Farahnaz Hatam,<br />

Hanna Hartmann, Annette Krebs,<br />

Joke Lanz, Felicity Mangan, Kaffe<br />

Mathews, Andrea Neumann, Rieko<br />

Okuda, Andrea Parkins, Oliver<br />

Peters, Ignaz Schick, Richard<br />

Scott, Wolfgang Seidel, Eliad<br />

Wagner, Marta Zapparoli u.v.m.<br />

www.amiont.de<br />

Jazz & Joy<br />

17.-19.8.<strong>2018</strong><br />

Worms<br />

Auf fünf Open-Air-Bühnen<br />

rund um den historischen<br />

Wormser Kaiserdom können die<br />

Besucher rund 40 Konzerte von<br />

nationalen und internationalen<br />

Starts verschiedener Genres erleben.<br />

Mit Sonderkonzert: Sarah<br />

Connor am 17.8., dazu Candy<br />

Dulfer, Stefanie Heinzmann u.a.<br />

www.jazzandjoy.de<br />

25. Jazz Open Air<br />

18.8.2017<br />

Schloss Hinterglauchau<br />

40. Club-Jubiläum des Glauchauer<br />

Jazzclubs. Mit Joe Sachse<br />

& Heiner Reinhardt play<br />

Jimi Hendrix, Conrad Bauer &<br />

Dag Magnus Narvesen/ Duo<br />

u. Quartet, „Ruf der Heimat“<br />

m. Thomas Borgmann.<br />

www.jazzclub-glauchau.de<br />

powered by 39. Internationales<br />

Jazzfestival<br />

Saalfelden<br />

23.-26.8.<strong>2018</strong><br />

Saalfelden/AT<br />

Wie immer offen für alle Stile.<br />

Das Eröffnungsprojekt hat der<br />

künstlerische Leiter Mario<br />

Steidl vom „Verein Zentrum<br />

Zeitgenössische Musik“ an den<br />

österreichischen Musiker Ulrich<br />

Drechsler vergeben, er wird<br />

das Festival mit „Liminal Zone“<br />

eröffnen. Während auf den<br />

Hauptbühnen und den “Short-<br />

Cuts” vorwiegend modernkreativer<br />

und Avantgarde-Jazz<br />

zu hören sein wird, gibt es viele<br />

Nebenschauplätze mit World<br />

Music etc. in der Stadt, auf<br />

Höfen und Almen, im Herzen der<br />

österreichischen Alpen. Programm:<br />

Shabaka Hutchings &<br />

Shake Stew, Marc Ribot „Songs<br />

of Resistance“, Trio Aires, A<br />

IMPRESSUM<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong><br />

Magazin für Jazz<br />

und Anderes<br />

ISSN 0933-8926<br />

Redaktion, Vertrieb,<br />

Anzeigenabteilung:<br />

Frie-Vendt-Str. 16 (Hinterhaus)<br />

48153 Münster,<br />

Tel. 0251 / 53 34-20<br />

(Redaktion),<br />

-23 (Anzeigen / Vertrieb),<br />

-85 (Abos / Vertrieb),<br />

jazz@<strong>JAZZTHETIK</strong>.de<br />

www.<strong>JAZZTHETIK</strong>.de<br />

neuer mitarbeiter:<br />

KaLLe<br />

Pride of Lions, Nicole Mitchell,<br />

Elliot Sharp & Helene Breschand,<br />

Virta, Schnellertollermeier,<br />

Punkt. Vrt. Plastik, Raoul<br />

Björkenheim, Tomas Fujiwara,<br />

Jamie Branch, Kuhn Fu, Kuu!,<br />

Little Rosie Kidergarten, Théo<br />

Ceccaldi u.v.a.m.<br />

www.jazzsaalfelden.com<br />

Musica sulle bocche International<br />

Jazz Festival<br />

23.-26.8.<strong>2018</strong><br />

Santa Teresa Gallura/IT<br />

Mit Danilo Pérez Trio, Sergio<br />

Cammariere, Ben Wendel<br />

Quartet, Mingus World m.<br />

Maria Vicentini & Salvatore<br />

Maiore, Clara Peya u.a.<br />

www.musicasullebocche.it<br />

Koktebel Jazz Party<br />

24.-26.8.<strong>2018</strong><br />

Koktebel, RU<br />

Koktebel Jazz Party ist ein<br />

jährlich stattfindendes Jazzfestival<br />

am Schwarzen Meer,<br />

dass Jazz-Enthusiasten und<br />

Musikliebhaber aller Altersgruppen<br />

in unvergesslicher<br />

Atmosphäre zusammenbringt.<br />

www.en.koktebel-jazz.ru<br />

44. Jazz Festival Willisau<br />

29.8.-2.9.<strong>2018</strong><br />

Willisau/CH<br />

Festivalleiter Arno Troxler blickt<br />

gespannt und freudig auf ein<br />

abwechslungsreiches und mit<br />

bewährten und neuen Namen<br />

besetztes Festival. Programm:<br />

Oliver Lake Organ Quartet, Erb/<br />

Baker/Rosaly, The Thing feat.<br />

James Blood Ulmer, Pascal<br />

Gamboni & Rees Coray, Jaimie<br />

Branch’s Fly or Die, Fischermanns<br />

Orchestra, Irina &<br />

Jones, Stoffner/Lovens/Mahall,<br />

Feigenwinter Oester Pfammatter,<br />

The Young Mothers,<br />

Hanreti, Vinz Vonlanten, Nate<br />

Wooley Battle Pieces, Fredy<br />

Studer, ChaChaMania, Spill,<br />

Celea/Reisinger/Parisien u.a.<br />

www.jazzfestivalwillisau.ch<br />

powered by<br />

Sommerton-<br />

Festival <strong>2018</strong><br />

31.8.-2.9.<strong>2018</strong><br />

Schlossanlage<br />

Diersfordt, Wesel<br />

Herausgeberin und Verlegerin:<br />

Christine Stephan, Frie-Vendt-Str. 16<br />

(Hinterhaus links), 48143 Münster,<br />

Tel. 0251 / 53 34-32<br />

Chefredaktion + v.i.S.d.P.:<br />

Hans-Jürgen Linke<br />

Schlussredaktion:<br />

Guido Diesing<br />

<strong>JAZZTHETIK</strong> erscheint 6 x im Jahr<br />

und kostet 8,20 €,<br />

im Jahresabo 41,- €,<br />

in Europa 71,- €,<br />

im nicht europ. Ausland 75,- €<br />

inkl. Mwst. und Zustellgebühr<br />

Die „Muziek Biennale<br />

Nierderhein“ ist mit ihrer<br />

Auftaktveranstaltung Gast des<br />

Sommerton-Festivals. Mit dem<br />

dreitägigen Festivalauftakt unter<br />

dem Titel „Ein Fenster zur<br />

Freiheit - Musikkulturen dieser<br />

Welt“ werden wir Sie auf eine<br />

besondere musikalische Reise<br />

mitnehmen: „The Astounding<br />

Eyes of Rita“ des tunesischen<br />

Oud-Virtuosen Anouar Brahem<br />

mit Khaled Yassine-Klaus<br />

Gesing-Björn Meyer.<br />

www.sommerton.de<br />

Jazz an einem Sommerabend<br />

1.9.<strong>2018</strong><br />

Burg Linn, Krefeld<br />

Mit Kinga Glyk, Makiko Hirabashi<br />

Trio, Horst Hansen Trio.<br />

www.jazz-an-einem-sommerabend.de<br />

Jazzhátíd Reykjavikur -Reykjavik<br />

Jazzfestival<br />

5.-9.9.<strong>2018</strong><br />

Reykjavik/ISL<br />

www.reykjavikjazz.is<br />

Trave Jazz Festival<br />

6.-9.9.<strong>2018</strong><br />

Lübeck, versch. Orte<br />

Mit KaMA Quartet u.a.<br />

www.travejazz.de<br />

Jazzin’ the Black Forest<br />

8.9.<strong>2018</strong><br />

Villingen-Schwenningen<br />

Man feiert 50 Jahre MPS im<br />

Franziskaner und im Jazzclub<br />

VS. Mit Rolf & Joachim Kühn,<br />

Rob Mazurek & Immortal Birds<br />

Bright Wings, James Braddell<br />

aka Funki Porcini.<br />

www.mps-villingen.de<br />

5. European Jazz Conference<br />

13.-16.9.<strong>2018</strong><br />

Lissabon, PT, Centro Cultural<br />

de Belém<br />

Die European Jazz Conference<br />

ist die führende jährliche<br />

Zusammenkunft von Fachleuten<br />

des Jazz in Europa, insbesondere<br />

von Veranstaltern,<br />

Kulturmanagern, Agenten<br />

und nationalen / regionalen<br />

Organisationen. Die Generalversammlung<br />

des Europe Jazz<br />

Network (seit 2014) ist nun<br />

Redaktionsschluss:<br />

1. des Vormonats<br />

Redaktion:<br />

Christine Stephan,<br />

Hans-Jürgen Linke,<br />

Guido Diesing<br />

Terminredaktion:<br />

Jan Kobrzinowski<br />

Anzeigen:<br />

Christine Stephan<br />

Korrektorat:<br />

Björn Simon<br />

Abo und Vertriebsleitung:<br />

Ute Ußler, Sandra Bolz,<br />

Reyhan Özdemir<br />

auch für jeden Musikprofi unter<br />

dem Namen European Jazz<br />

Conference zugänglich. Die<br />

EJC besteht aus inspirierenden<br />

Keynote-Reden, hochrangigen<br />

Diskussionsgruppen und Workshops,<br />

Networking-Sessions für<br />

Fachleute des kreativen Musiksektors,<br />

kulturellen Besuchen<br />

und Showcase-Festival der<br />

besten neuen Künstler aus dem<br />

Gastgeberland Italien für 2019.<br />

www.europejazz.net<br />

4. Take The A-Train Festival<br />

13.-16.9.<strong>2018</strong><br />

Salzburg/AT, Jazz it<br />

www.jazzit.at<br />

Jazzfestival Freiburg <strong>2018</strong><br />

15.-23.9.<strong>2018</strong><br />

Freiburg, Jazzhaus, E-Werk<br />

Mit De-Phazz, Lars Danielsson,<br />

Mare Nostrum,Michael<br />

Wollny Trio u.a.<br />

www.jazzfestival-freiburg.de<br />

Flame Jazz Cruise<br />

22.09.<strong>2018</strong><br />

Turku / FI<br />

www.flamejazz.com/flamejazz-cruise<br />

32. Internationale Sonneberger<br />

Jazztage <strong>2018</strong><br />

Zwischen 23.9. und 2.-5.11.<strong>2018</strong><br />

Sonneberg, versch. Spielorte<br />

Prologkonzert Jazz in der Villa:<br />

Arkady Shilkloper & Vadim<br />

Neselovskyi; Texte & Sounds<br />

Vol. 10: Thilo Wolf Quartet feat.<br />

Johanna Iser „The Spirit of Ella<br />

Fitzgerald“ m. Schriftsteller<br />

Ewald Arenz; Sazerac<br />

Swingers, Carlos Reisch, Daniel<br />

Hoffmann Quartett, Peter<br />

Mante & his New Life Gospel<br />

Choirs, Funkydumbstuff;<br />

“Funk’n Soul”. Veranstalter:<br />

Sonneberger Jazzfreunde e.V.,<br />

Thüringisch-Fränkischer Verein<br />

zur Förderung und Pflege<br />

der Jazzmusik und Kleinkunst.<br />

www.son-jazz.de<br />

powered by Multiphonics<br />

Festival <strong>2018</strong><br />

27.9.-7.10.<strong>2018</strong><br />

Köln, Düsseldorf,<br />

Dortmund, Frankfurt,<br />

Berlin<br />

Graf. Konzeption / Gestaltung:<br />

M4 Media: Martin Trunz<br />

Titelgrafik:<br />

Norbert Bresch<br />

unter Verwendung eines<br />

Fotos von Lutz Voigtländer<br />

Internetausgabe:<br />

Ingo Ebel<br />

Internetredaktion:<br />

Christine Stephan<br />

Herstellung:<br />

D+L Reichenberg GmbH,<br />

Bocholt<br />

Mitarbeiter / Mitarbeiterinnen dieser Ausgabe: Zakari Babel, Angela Ballhorn, Peter Bastian,<br />

David Beecroft, Laurene Berchoteau, Carl Bergman, Ulla C. Binder, Jacob Blickenstaff,<br />

Thomas Bugert, Naya Collective, Andreas Collet, Daniel Corrigan, Andrew Cotterill, Guido<br />

Diesing, Ralf Dombrowski, Marc Ducrest, Thierry Dubuc, Martin Feldmann, Dariusz Gackowski,<br />

Claus Geissgross, Christoph Giese, Vinicius Giffoni, Sven Götz, Pierrick Guidou, Oscar Henn,<br />

Stefan Hentz, Harald Hoffmann, Gregor Hohenberg, Nadja Höhfeld, Carl Hyde, Rene Jakobsoni,<br />

Kalle, Wolf Kampmann, Srđan Keko, Jan Kobrzinowski, Thomas Kölsch, Michael Kuchinke<br />

Hofer, Hans Kumpf, Maarit Kytöharju, Jean-François Labérine, Erwan Levigoureux, Zbigniew<br />

Lewandowski, Hans-Jürgen Linke, Josef Maier, Olaf Maikopf, Eric Mandel, Stefanie Marcus,<br />

Thomas Melzer, Raul Ollo, Holger Pauler, Goran Petersson, Evelina Petrova, Francesca Pfeffer,<br />

Stefan Pieper, David Plate, Ulrike Proske, Arne Reimer, Gerhard Richter, Nicolas Righetti,<br />

Barbara Rigon , Hans-Jürgen Schaal, York Schäfer, Harry Schmidt, Andreas Schneider, Frank<br />

Schindelbeck, Sebastian Scotney, Björn Simon, Torsten Stapel, Peter Steinfadt, Stefan Streitz,<br />

Victoriah Szirmai, Liisa Taul, Rolf Thomas, Lutz Voigtländer, Christoph Wagner, Joachim Weis,<br />

Barbara Woike, Ayse Yavas, Ebru Yildiz, Martina Zimmermann<br />

Zahlreiche spartenübergreifende<br />

Konzerte mit vertrauten<br />

wie neuen Klängen, mit<br />

internationalen Künstlern<br />

und Ensembles. Dazu<br />

spannende Workshops mit<br />

den Konzertkünstlern über die<br />

Themen Improvisation, Jazz<br />

und Weltmusik für Anfänger,<br />

Fortgeschrittene und Profis<br />

auf allen Instrumenten. Artist<br />

in Residence: Anat Cohen, mit:<br />

Anat Cohen & Trio Brasileiro,<br />

Eric Schaefer “Kyoto Mon<br />

Amour”, Norma Winstone<br />

Trio, hr-Bigband feat. Gianluigi<br />

Trovesi, Gabriele Mirabassi<br />

& Trio Correnteza, ensemble<br />

FisFüz feat. Jean-Louis<br />

Matinier & Arkady Shilkloper,<br />

Naqsh Duo, Potsa Lotsa Plus,<br />

Multiphonics Seven, Paul<br />

Heller invites Anat Cohen<br />

feat. Next Level Jazz All Star<br />

Big Band.<br />

www.multiphonics-festival.com<br />

powered by Jazzfestival<br />

Leibnitz <strong>2018</strong><br />

- Jazz & Wein<br />

27.-30.9.<strong>2018</strong><br />

Leibnitz/AT<br />

Mit Daniel Herskedal & Maius<br />

Neset, Wadada Leo Smith´s<br />

Great Lakes Quartet, Marialy<br />

Pacheco & Omar Sosa, Renaud<br />

Garcia-Fons Trio - Revoir<br />

Paris, The Kandinsky Effect,<br />

Synesthetic Octet, Gabriele<br />

Mirabassi, Nando Di Modugno,<br />

Pierluigi Balducci, The<br />

Whammies, Jazz for Kids.<br />

www.jazzfestivalleibnitz.at<br />

25. Jazzmeile Thüringen<br />

28.9.-8.12.<strong>2018</strong><br />

Diverse Spielorte in ganz<br />

Thüringen<br />

www.jazzmeile.org<br />

11. Generations - International<br />

Jazzfestival <strong>2018</strong><br />

29.9.-6.10.<strong>2018</strong><br />

Frauenfeld, CH<br />

Mit der First Lady of Jazz<br />

Orchestra Maria Schneider (2<br />

Konzerten und Kompositionsklasse),<br />

Kaleidoscope String<br />

Quartet, Marie Kruttli, Michael<br />

Arbenz (Vein), Joe Haider,<br />

Adrian Mears Electric Trio,<br />

Einem Teil dieser Auflage liegen<br />

Prospekte von „Jazzclub Hürth“ und<br />

„Jazztage Dresden“ bei.<br />

Namentlich gekennzeichnete Texte<br />

und Fotos geben nicht unbedingt<br />

die Meinung der Redaktion wieder.<br />

Für unverlangt eingesandte Fotos,<br />

Illustrationen oder Manuskripte<br />

übernehmen wir keine Gewähr.<br />

Nachdruck von Texten, Bildern und<br />

vom Verlag gestalteter Anzeigen<br />

nur mit schriftlicher Genehmigung.<br />

Bei allen Verlosungen im Heft ist<br />

der Rechtsweg ausgeschlossen.<br />

MitarbeiterInnen sind von den<br />

Verlosungen ausgeschlossen.<br />

Gerichtsstand ist Münster.<br />

Member of the European<br />

Jazz Mediagroup<br />

Aphrotek m. Eliyah Reichen,<br />

Nathalie Loriers, Ari Hoenig,<br />

Kate McGarry m. Gary Versace,<br />

Adam Pierończyk m. mit<br />

Miroslav Vitouš, Trilok Gurtu<br />

und Adrian Mears, Antonio<br />

Lizana, Donny McCaslin,<br />

Masterclasses etc.<br />

www.generations.ch<br />

powered by 20. Enjoy Jazz<br />

2.10.-17.11.<strong>2018</strong><br />

Mannheim,<br />

Heidelberg,<br />

Ludwigshafen<br />

Ein musikalischer Mix aus Jazz,<br />

Soul und Hip-Hop über Klassik,<br />

Avant-Garde und Electro in der<br />

Metropolregion. Die Jubiläumsausgabe<br />

ist programmatisch<br />

noch breiter aufgestellt<br />

als üblich: es gibt neben<br />

experimentellen Geheimtipps<br />

ebenso etablierte Weltstars<br />

und langjährige musikalische<br />

Begleiter des Festivals. Sie alle<br />

finden sich ein in den verschiedenen<br />

großartigen Festival-<br />

Locations. Rahmenprogramm<br />

mit Jugendförderung von Enjoy<br />

Jazz in Zusammenarbeit mit<br />

der BASF SE.<br />

www.enjoyjazz.de<br />

Landesjazzfestival Friedrichshafen<br />

2.-8.10.<strong>2018</strong><br />

Friedrichshafen, Graf Zeppelin<br />

Haus/Kulturhaus Caserne<br />

Mit Klaus Doldinger’s<br />

Passport, Jasper van’t Hof’s<br />

Pili Pili, Renaud Garcia-Fons,<br />

Samo Salamon Bassless Trio<br />

feat. Howard Levy u.v.a.m.<br />

Veranstalter: JazzPort Friedrichshafen<br />

e.V.<br />

www.jazzport-fn.de<br />

powered by AngraJazz Festival<br />

International de<br />

Jazz de Angra do<br />

Heroísmo<br />

3.-6.10.<strong>2018</strong><br />

Angra do Heroísmo, Terceira<br />

Island, Azoren/PT<br />

Das einzige Festival auf einer<br />

Insel mitten im Atlantik. Angra<br />

wird organisiert von der Non-<br />

Profit Organisation Associação<br />

Cultural AngraJazz, mit<br />

Unterstützung des Angra do<br />

Heroísmo City Council, dem<br />

regionalen Department für<br />

Kultur und Tourismus, der portugiesischen<br />

Tourismusbehörde<br />

und privaten Sponsoren.<br />

www.angrajazz.com<br />

Galway Jazz Festival<br />

5.-8.10.<strong>2018</strong><br />

Galway/IRL<br />

Mit Trondheim Voices,<br />

Emil Brandqvist Trio, Koko<br />

Ensemble, Haz’art Trio, Simon<br />

Nabatov, Paul McIntyre, Arve<br />

Henriksen u.v.a.m.<br />

www.galwayjazzfest.ie<br />

powered by Leipziger Jazztage<br />

<strong>2018</strong> „Fish and<br />

Chips“<br />

11.-20.10.<strong>2018</strong><br />

Leipzig, versch.<br />

Spielorte<br />

Unter der Schirmherrschaft<br />

von Leipzigs Oberbürgermeister<br />

Burkhard Jung bringt das<br />

Festival an zehn Tagen und<br />

zehn Spielorten weit über<br />

100 britische und deutsche<br />

Musiker*innen zusammen<br />

auf die Bühne, die sich nicht<br />

nur dem musikalischen Erbe<br />

Großbritanniens, sondern<br />

auch seiner jungen, vielversprechenden<br />

Jazzszene<br />

widmen. Bisher bestätigt:<br />

108 JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong>


Literatur<br />

Norma Winstone, Norma<br />

Winstone Trio, Hidden Orchestra,<br />

Dave Holland’s Aziza<br />

w/ Chris Potter, Lionel Loueke<br />

& Eric Harland, Avishai Cohen<br />

Quartet, Joshua Redman’s<br />

James Farm w/ Aaron Parks,<br />

Matt Penman & Eric Harland,<br />

Empirical, Michael Wollny,<br />

Leafcutter John & Alex Nowitz<br />

„Goldberg-Tangenten“, Yazz<br />

Ahmed, Max Andrzejewsk’s<br />

Hütte and Guests play Robert<br />

Wyatt, Elliot Galvin Trio, Lucia<br />

Cadotsch w/ Lucy Railton &<br />

Kit Downes, Kit Downes solo,<br />

Helmut ‚Joe‘ Sachse & Maggie<br />

Nicols „Nevergreens“, Oli<br />

Steidle & The Killing Popes,<br />

Matthias Boghuts Milk Wood<br />

„Dylan Thomas“, Queens<br />

„Jazz“ w/ Christian Kögel, Kai<br />

Brückner, Peter Ehwald & Uli<br />

Kempendorff u.a.<br />

www.jazzclub-leipzig.de<br />

4. Jazzfestival Esslingen <strong>2018</strong><br />

14.-28.10.<strong>2018</strong><br />

Esslingen<br />

In diesem Jahr steht das<br />

Festival ganz im Zeichen von<br />

„50 Jahre ECM Records“.<br />

www.jazzfestival-esslingen.de<br />

28. Blues- und Jazzfestival<br />

„Jazz goes to Kur“<br />

16.-21.10.<strong>2018</strong><br />

Bad Wörishofen<br />

An 3 Hauptabenden stellt der<br />

Arbeitskreis Jahr für Jahr ein<br />

abwechslungsreiches Konzertprogramm<br />

auf die Beine<br />

mit Boogie, Blues und Swing<br />

und klassischem Jazz. Mit<br />

abwechslungsreichem Rahmenprogramm<br />

mit örtlichen<br />

Musikern, Filmvorführungen<br />

sowie Jazz- Workshop für<br />

Jugendliche. Mit Rüdiger<br />

Baldaufs „Jackson Trip“,<br />

<strong>Juli</strong>an & Roman Wasserfuhr,<br />

Echoes of Swing etc.<br />

www.jazzgoestokur.de<br />

39. Konstanzer Jazzherbst<br />

2.-6.10.<strong>2018</strong><br />

Konstanz, K9 und Kulturzentrum<br />

am Münster<br />

Mit Kalle Kalima, Lucas Niggli,<br />

Ralf Kleinehanding, Johannes<br />

Grütter, Berenike Derbridge,<br />

Olivier Potratz, Oliver Steidle,<br />

Leila Martial, Eric Perez, Pierre<br />

Tereygeol, Laura Schuler, Philipp<br />

Gropper, Hanspeter Pfammatter,<br />

Lionel Friedli, Roberto Negro,<br />

Émile Parisien, Michele Rabbia,<br />

Vera Kappeler, Peter Conradin<br />

Zumthor, Christian Lillinger,<br />

Tobias Delius, Pierre Borel,<br />

Achim Kaufmann, Christpher<br />

Dell, Jonas Westergaard, Robert<br />

Landfermann, Hannes Reich.<br />

www.jazzclub-konstanz.de<br />

powered by 49. Deutsches<br />

Jazzfestival<br />

Frankfurt<br />

22.-27.10.<strong>2018</strong><br />

Frankfurt, Alte<br />

Oper<br />

Mit u.a. „Hut ab!“ - Albert<br />

Mangelsdorff@90: Christof<br />

Lauer, Joachim Kühn, Pierre<br />

Favre, Nils Wogram, Samuel<br />

Blaser, Stefan Lottermann,<br />

Bruno Chevillon, Daniel Humair,<br />

hr-Bigband, Ltg. Jim McNeely.<br />

www.jazzfestival.hr2-kultur.de<br />

powered by 18. WOMEX -<br />

World Music Expo<br />

24.-28.10.<strong>2018</strong><br />

Las Palmas de<br />

Gran Canaria/E<br />

Das vielseitigste World Music<br />

Treffen der Welt mit Messe,<br />

Networking, Showcase<br />

Festival, Konferenz, Filmen,<br />

Awards, virtualWOMEX u.a.<br />

www.womex.com<br />

Umeå Jazz Festival<br />

24.-28.10.<strong>2018</strong><br />

Umeå/SWE<br />

www.umeajazzfestival.se<br />

34. Würzburger Jazzfestival /<br />

3. Landesjazzfestival Bayern<br />

<strong>2018</strong><br />

27./28.10.<strong>2018</strong><br />

Würzburg, Felix-Fechenbach-<br />

Haus<br />

Mit Tiktaalik, Lines for Ladies<br />

feat. Sheila Jordan, Thomas<br />

Siffling Flow, dem Bayerischen<br />

Landesjazzensemble,<br />

Three Fall & Melane, Jazzrausch<br />

Bigband. Veranstalter:<br />

Jazzinitiative Würzburg e. V.<br />

www.jazzini-wuerzburg.de<br />

20th Zurich JazznoJazz<br />

Festival <strong>2018</strong><br />

31.10.<strong>–</strong>3.11.<strong>2018</strong><br />

Gessnerallee Zürich, ZKB<br />

Club im Theater der Künste<br />

Mit The Manhattan Transfer,<br />

Avishai Cohen «1970»,<br />

Jimmy Cliff, Clayton-Hamilton<br />

Jazz Orchestra feat. Cécile<br />

McLorin Salvant, Tingvall Trio,<br />

Lisa Simone, Victor Wooten<br />

Trio, Kennedy Administration,<br />

Mario Biondi, GoGo Penguin,<br />

Incognito, Jojo Mayer Nerve,<br />

Andreas Schaerer - Familien-<br />

Konzert, Maceo Parker, Macy<br />

Gray, Raphael Saadiq, Fred<br />

Wesley & the New JB’s, Kennedy<br />

Administration u.a.<br />

www.jazznojazz.ch<br />

powered by Jazztage Dresden<br />

1.-29.11.<strong>2018</strong><br />

Dresden, Erlwein-<br />

Capitol u.a.<br />

Bereits im letzten<br />

Jahr haben sich die Jazztage<br />

Dresden als größtes Jazzfestival<br />

Deutschlands weit über<br />

die Grenzen des Landes hinaus<br />

einen Namen gemacht. Bisher<br />

bestätigt: Gregory Porter, Al<br />

DiMeola, Jan Garbarek &<br />

Trilok Gurtu, Avishai Cohen (b),<br />

Rebekka Bakken, Candy Dulfer,<br />

Mnozil Brass, Klazz Brothers<br />

& Cuba Percussion, Cristin<br />

Claas Trio, Luca Stricagnoli,<br />

Martin Tingvall, Quadro Nuevo,<br />

„Nacht der Gitarren“ mit Luca<br />

Stricagnoli, Antoine Boyer,<br />

Cenk Erdogan und Samuelito;<br />

Blues Night mit Sharrie Williams,<br />

Tad Robinson, The Wise<br />

Guys etc.<br />

www.jazztage-dresden.de<br />

Tampere Jazz Happening<br />

1.-4.11.<strong>2018</strong><br />

Tampere/FI<br />

In jedem Jahr bietet das<br />

internationale Programm des<br />

Tampere Jazz Happenings<br />

bekannte Namen des<br />

internationalen Jazz und<br />

Pioniere der Zukunft. Das<br />

4-tägige Festival ist bekannt<br />

für seine warme Atmosphäre<br />

und seinen offenen Zugang<br />

zum modernen Jazz. Mit hochkarätigen<br />

finnischen Musikern<br />

sowie weltbekannten Künstler<br />

auf 3 Bühnen.<br />

www.tamperemusicfestivals.fi/<br />

jazz<br />

29. Vredener Jazznacht<br />

2.11.18<br />

Vreden, Kulturcafe N‘Joy<br />

Mit Three Fall & Melane,<br />

Pimpy Panda.<br />

www.hamaland-jazz-club.de<br />

Jazz Tage Erding<br />

3.11.<strong>2018</strong><br />

Erding<br />

www.kms-erding.de<br />

powered by<br />

Unlimited 32<br />

9.-11.11.<strong>2018</strong><br />

Wels, AT<br />

www.musicunlimited.at<br />

2. Taunus Jazz Fest -<br />

Taunusstein<br />

16.-17.11.<strong>2018</strong><br />

Salon-Theater, Taunusstein<br />

Mit Volker Rebell & Moritz<br />

Stöpel, Uli Partheil/Hans<br />

Höhn/Hermann Kock/<br />

Jörg Steinhardt Superfro,<br />

Klangcraft feat. Heinz-<br />

Dieter Sauerborn & Ramesh<br />

Shotham.<br />

www.salon-theater.de<br />

Jazztopad<br />

21.-26.11.<strong>2018</strong><br />

Wrocław / PL<br />

www.nfm.wroclaw.pl/en/<br />

jazztopad<br />

powered by 21. Akut-Festival<br />

23./24.11.<strong>2018</strong><br />

Frankfurter Hof,<br />

Mainz<br />

Mit Die Enttäuschung,<br />

Uwe Oberg-Silke<br />

Eberhard, Mette Rasmussen<br />

Quintet, <strong>Juli</strong>a Kadel Trio,<br />

Ditzner & Lömsch, Atomic.<br />

Das Akut - ein Festival,<br />

das international besetzt,<br />

spannende und innovative<br />

musikalische Projekte aus<br />

dem Grenzbereich zwischen<br />

Jazz, Avantgarde und Rock<br />

präsentiert, danach sind diese<br />

oft auf ganz großen europäischen<br />

Festivals endgültig<br />

zu sehen. Veranstaltet vom<br />

Verein upArt e. V.<br />

www.akut-festival.de<br />

The Jazz Cruise<br />

19.-26.1.2019<br />

Kreuzfahrt Ft. Lauderdale<br />

- St. Maarten - St.Thomas -<br />

Bahamas<br />

“Not just a cruise - a legend”;<br />

mit Chucho Valdez, Joey<br />

Alexander, Joey DeFrancesco,<br />

Brecker Band, Eliane Elias,<br />

SFJazz Collective, Jeff Hamilton<br />

Trio u.a.<br />

www.thejazzcruise.com<br />

Blue Note At Sea -The Now<br />

of Jazz<br />

26.1.-2.2.2019<br />

Kreuzfahrt Ft. Lauderdale -<br />

Nassau - Cozumel - Belize<br />

- Key West<br />

www.bluenoteatsea.com<br />

powered by<br />

Mr. M’s Jazz Club<br />

14.-16.3.2019<br />

Kurhaus Baden-<br />

Baden<br />

www.mister-ms.de<br />

powered by 50. Internationale<br />

Jazzwoche<br />

Burghausen<br />

26.-31.3.2019<br />

Burghausen<br />

www.b-jazz.com<br />

37. Cully Jazz Festival<br />

5.-13.4.2019<br />

Cully/CH, Théâtre De Vevey<br />

Mit Rokia Traoré u.a.<br />

www.cullyjazz.ch<br />

Bodø Jazz 2019<br />

8.-11.5.2019<br />

Bodø/Norwegen<br />

www.bodojazzopen.no<br />

Von Jan Kobrzinowski<br />

Fred Hersch<br />

Leben für die<br />

Musik<br />

Einer, der etwas zu sagen hat:<br />

Fred Hersch hat seine Autobiografie geschrieben.<br />

„Ich dachte, dass Musik nicht mehr wichtiger für mich<br />

werden konnte. Und doch wurde sie es.“ Ein Schlüsselsatz<br />

aus Good Things Happen Slowly, der Autobiografie von Fred<br />

Hersch, die im Jahr 2017 erschien, einem wichtigen Jahr für<br />

ihn. Gleichzeitig mit Grammy-Nominierungen und dem Start<br />

der Filmdokumentation The Ballad of Fred Hersch teilt der<br />

Jazzmusiker mit dem Leser die Erfahrungen, die er nach seinem<br />

Coming-out machte, dem Bekenntnis Freunden, Familie<br />

und Öffentlichkeit gegenüber, sowohl schwul als auch HIVpositiv<br />

zu sein, und wie er mit der schweren Erfahrung seines<br />

mehrwöchigen Komas umging, in das man ihn aus medizinischen<br />

Gründen versetzt hatte. Nicht das gesamte Drama<br />

seines Lebens macht Good Things Happen Slowly schon per<br />

se zu einem sehr guten Buch, vielmehr stellt Hersch unter<br />

Beweis, dass er, gemeinsam mit dem Musikjournalisten David<br />

Hajdu, ebenso spannend schreiben kann, wie er Klavier<br />

spielt.<br />

Fred Hersch befindet sich derzeit an einem weiteren<br />

Höhepunkt eines ungeheuer kreativen Künstlerlebens. Seine<br />

persönliche Entwicklung und Leidensgeschichte prägte seine<br />

Musik <strong>–</strong> und umgekehrt. Bücher, filmische Dokumentationen<br />

oder Autobiografien von Jazzmusikern gibt es reichlich. Nicht<br />

jedes Buch, das erscheint, muss wirklich etwas zu sagen<br />

haben. Dieses hat es, und was so berührt, ist die Lebensgeschichte<br />

eines intelligenten, kreativen, lebensklugen und<br />

nachdenklichen Mannes, der sein Leben lang brauchte, unter<br />

Aufwendung aller Lebenszeit und manchmal schwindender,<br />

aber dennoch nie versiegender Kraft, er selbst zu werden.<br />

Schon in jungen Jahren war Fred Herschs Selbstwertgefühl<br />

über seine Kompetenz als Musiker definiert. Mannwerden<br />

und Schwulsein mussten dagegen warten. Wie sehr ihn das<br />

belastete und wie sehr ihn sein Coming-out von dieser Last<br />

befreite, erzählt er eloquent und selbstreflektiert in Kapiteln<br />

leidvoller, selbstquälerischer, auch hedonistisch-genussvoller<br />

Erfahrungen eines letztlich völlig der Musik gewidmeten<br />

Lebens.<br />

Fred Hersch:<br />

Good Things Happen Slowly <strong>–</strong> A Life in and Out of Jazz.<br />

Crown Archetype / Penguin Random House<br />

320 Seiten, 21,45 Euro<br />

Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />

109


Termine<br />

powered by 25. Jazz in e.<br />

“Ritual”<br />

29.5.-1.6.2019<br />

Eberswalde<br />

Ein Festival aktueller<br />

Musik.<br />

www.mescal.de<br />

powered by Moers Festival<br />

7.-10.6.2019<br />

Moers, Festivalhalle<br />

Es gibt es wieder<br />

viele Gründe, nach Moers<br />

zu kommen oder in Moers<br />

zu bleiben: neben Konzerten<br />

hochklassiger internationaler<br />

Künstler in der Festivalhalle<br />

wird es auch<br />

2019 wieder ein Programm mit<br />

zusätzlichen Konzerten und<br />

Veranstaltungen im<br />

Festivaldorf geben.<br />

www.moers-festival.de<br />

Das Zitat<br />

Workshops<br />

Exploratorium Berlin<br />

Workshops, Theorie & Forschung,<br />

Sessions, Konzerte.<br />

2004 gegründet, widmet sich<br />

Exploratorium der Förderung<br />

einer facettenreichen, aktiven<br />

Improvisationskultur.<br />

www.exploratorium-berlin.de<br />

Jazz-Ausbildung Sommersemester<br />

Noch bis 30.9.<strong>2018</strong><br />

Frankfurter Musikwerkstatt<br />

FMW<br />

Die FMW bildet Jazz und<br />

Populäre Musik in verschiedenen<br />

Qualifizierungsformen<br />

aus: ein- oder mehrsemestriges<br />

Vorstudium oder<br />

8-semestriges Studium zum/<br />

zur staatlich anerkannten<br />

Berufsmusiker/in und Instrumentalpädagogen/in<br />

mit<br />

Jazz- oder Popschwerpunkt.<br />

Ohne Altersbeschränkung,<br />

Studiengang BAFöGgefördert.<br />

www.fmw-jazzschool.de<br />

Jazzin’ July Workshop<br />

2.-7.7.<strong>2018</strong><br />

Leende (Eindhoven)<br />

Für Anfänger & Fortgeschrittene,<br />

Öffentliche<br />

Dozentenkonzerte. Mit Frank<br />

Roberscheuten <strong>–</strong>sax, Shaunette<br />

Hildabrand <strong>–</strong> voc, Colin<br />

Dawson <strong>–</strong> tp, Dan Barrett <strong>–</strong> tb,<br />

Engelbert Wrobel <strong>–</strong> cl, sax,<br />

Chris Hopkins <strong>–</strong> p, sax, Bernd<br />

Lhotzky <strong>–</strong> p, Rolf Marx <strong>–</strong> g, bj,<br />

Henning Gailing <strong>–</strong> b, Oliver<br />

Mewes <strong>–</strong> dr.<br />

frank.roberscheuten@<br />

planet.nl<br />

Complete Vocal Technique<br />

(CVT)<br />

Freiburg<br />

8.7.<strong>2018</strong>, 21.10.<strong>2018</strong>, 9.12.<strong>2018</strong><br />

Einführungskurse und<br />

Masterclass Complete Vocal.<br />

Technique: Dozent: Stefan<br />

Rheidt. Eine innovative und<br />

wegweisende Methode für<br />

alle mit Interesse an der Arbeit<br />

mit der Stimme. Erfunden<br />

und erforscht von Catherine<br />

Sadolin, Kopenhagen. Die<br />

Methode, international von<br />

Sängern, Gesangslehrern,<br />

Schauspielern, Sprachtherapeuten,<br />

Ärzten empfohlen, für<br />

jeden Gesangsstil.<br />

www.vocalive.de<br />

Man wusste wohl aus den vergangenen sechs Jahren, was einen da<br />

Schönes erwartete: Musik im Freien, Holztische und -bänke auf der leicht<br />

abschüssigen Wiese, Bratwurst und Getränke und vor allem <strong>–</strong> richtig<br />

guter Jazz.<br />

<strong>–</strong> Eckernförder Zeitung, 22.05.<strong>2018</strong>, abgerufen am 25.05.<strong>2018</strong>, https://www.shz.de/19914601<br />

Es geht um „Wiesenjazz am frühen, sonnigen Pfingstabend“. Dem Musiker hingen die Haare wild<br />

in die Stirn, aber der Jazz war natürlich „richtig gut“. Solche und ähnliche Dinge stehen in vielen<br />

Lokalzeitungen, gerade jetzt im Sommer. Überall in der Provinz gibt es feinsten und Weltklasse-<br />

Jazz zu hören, Jazz auf dem Marktplatz und Jazz mit Pommes, Sternstunden des Jazz und<br />

Füllhörner des Jazz. Letztlich erfährt man aber mehr über das Wetter. Lokaljournalisten scheint<br />

nicht viel Konkretes einzufallen zum Jazz. Bei Pommes und Bier ist er ja ganz nett, aber sonst?<br />

Wozu gibt es Jazz überhaupt? Wer sollte sich damit ernsthaft und hauptsächlich beschäftigen?<br />

Wozu überhaupt Musik, Kunst und Kultur? Man kann sein Leben doch ganz gut ohne all das aushalten.<br />

Videospiele, Netflix-Abos, Social Media, ein bisschen im Netz ablästern <strong>–</strong> es wird einem<br />

nicht langweilig. Sucht man den Flow, geht man joggen. Will man sich anstrengen, stemmt man<br />

Gewichte. Wer braucht Kultur?<br />

Wozu Musik grundsätzlich und überhaupt gut sein könnte, darüber gibt es manche Theorie.<br />

Leute wie Platon und Napoleon waren der Meinung, Musik diene vor allem dem Staat, weil sie die<br />

Bürger bei Laune halte. Man spricht heute von Musik als dem „sozialen Kitt“, der die Gemeinschaft<br />

stärkt. Gemeinsames Musizieren sei eine Einübung in Solidarität und Teamwork. Manche Eltern<br />

hoffen dagegen auf den sogenannten „Mozart-Effekt“ im Gehirn: Demnach steigert musikalische<br />

Früherziehung den IQ und führt zwangsläufig später zu einem Top-Job im großen Management.<br />

Andere schätzen an der Musikausübung die Disziplin: „Frühes Musizieren übt die Tugenden der<br />

Arbeit.“ Wieder andere begreifen die Beschäftigung mit Musik als Training für den Umgang mit<br />

Komplexität <strong>–</strong> auch das kann man im Beruf gut gebrauchen.<br />

Wie auch immer: Argumente für Musik sind meistens Argumente für ihre Nützlichkeit im<br />

„richtigen Leben“. Vielleicht aber setzt Musik schon viel tiefer und elementarer an. Der Neurobiologe<br />

Donald Hodges nennt sie ein „eingebautes System“, einen „festen Bestandteil des Menschen“.<br />

Musik hilft nicht nur, dass Menschen „funktionieren“ <strong>–</strong> sie stärkt ein Leben lang jene Fähigkeiten,<br />

die unsere Humanität ausmachen: Kommunikation, Konfliktlösung, Empathie. Musik müsste daher<br />

Kernfach in den Schulen sein. In der Theorie wissen das auch Deutschlands Kultusminister.<br />

Musikunterricht unterstütze die Persönlichkeitsbildung sowie Engagement und Verantwortung im<br />

Handeln, heißt es bei der KMK. Er fördere <strong>–</strong> „im Spannungsfeld von überlieferter und gegenwärtiger,<br />

eigener und fremder Musikkultur“ <strong>–</strong> die Entwicklung einer bewussten historisch-kulturellen<br />

Identität. Ich sage: Mehr davon! Dafür überlassen wir die Mathe-Tests gern den Computern <strong>–</strong> die<br />

können das ohnehin besser.<br />

Sebastian Brant<br />

Jazz zwischen Nord und Süd<br />

11.-15.7.<strong>2018</strong><br />

Mitteleuropäische Jazzakademie<br />

Meran/Südtirol, IT<br />

Die mehrsprachigen Meraner<br />

Jazzkurse (Dt., It., Engl.) mit<br />

renommierten Musikern und<br />

Lehrern, u.a. Kurt Rosenwinkel<br />

(g), Dado Moroni (p), Pietro<br />

Tonolo (sax). Künstlerische<br />

Leitung: Franco D’Andrea, mit<br />

Meisterklasse „Der Sound der<br />

20er Jahre“.<br />

www.meranojazz.it<br />

International Jazz Platform<br />

16.-19.7.<strong>2018</strong><br />

Lodz/Polen<br />

Creative Jazz Workshop mit<br />

Samuel Blaser, Kit Downes,<br />

Ingebrigt Haker Flaten u.a.<br />

www.letniaakademiajazzu.pl<br />

Cajón-Akademie<br />

19.-22.7.<strong>2018</strong><br />

Landesmusikakademie NRW,<br />

Heek (Münsterland)<br />

Von Peru bis Pop. Mit José J<br />

Cortijo, José Montaña, Pepe<br />

Leiva.<br />

www.landesmusikakademienrw.de<br />

Sound Jazzy! - Jazz Harmony<br />

Training For Musicians<br />

Seminarhaus Raach/AT<br />

21./22.7.<strong>2018</strong>: Wie funktioniert<br />

Jazzharmonik? Was ist der<br />

Unterschied zur Klassik?<br />

Fortbildungs-Angebot für Jazzinteressierte<br />

MusikerInnen<br />

aller Genres. Crashkurs Jazz<br />

on String Instruments. 11.-<br />

15.8.<strong>2018</strong>: Alternative Strings<br />

Summer Session - Jazz & Popularmusik<br />

auf Streichinstrumenten;<br />

Improvisation, Rhythmus,<br />

Groove, Changes, Ear Training.<br />

Veranstalter: MICIS - Institut für<br />

Kulturvermittlung/Wien.<br />

www.micis.at/musikunterricht<br />

Sommer-Jazzkurse Burghausen<br />

<strong>2018</strong><br />

30.7.-5.8.<strong>2018</strong> und<br />

6.8.-12.8.<strong>2018</strong><br />

Mautnerschloss Burghausen<br />

552 und 553. Jazzkurs. Beide<br />

Kurse behandeln Rhythmik,<br />

Melodik, Improvisation, Arrangement,<br />

Repertoire und Zusamenspiel.<br />

Für Musiker*innen<br />

aller Stilrichtungen. (Anf. und<br />

Fortgeschr.) Dozenten: Joe<br />

Viera, Ed Kröger, R. Greiner, I.<br />

Dinné, A. Prsuhn, R. Glöder, M.<br />

Schrack, H. Claus, W. Kulawik,<br />

W. Ruß.<br />

www.bjazz.com<br />

14. „Internationale Jazzwerkstatt“<br />

Saarwellingen<br />

6.-12.8.<strong>2018</strong><br />

Saarwellingen<br />

Kombination aus Workshop für<br />

Lernwillige und abendlichen<br />

Konzerten für Musikbegeisterte.<br />

Workshop mit international<br />

renommierten Dozenten (Gruppen,<br />

Einzelunterricht & Combo).<br />

Tagesworkshop “Jazz-Chor”<br />

am 12.8., Leitung Cleveland<br />

Watkiss (voc). Dozenten-<br />

Konzert und Abschlusskonzert<br />

der Workshop-TN. Dozenten:<br />

Gilad Atzmon (art director, sax);<br />

Adriano Adewale (dr, perc);<br />

Barbara Bürkle (voc, choir);<br />

Kevin Dean (tp); Frank Harrison<br />

(p); Jim Hart (vib, dr); Claus<br />

Krisch (p); Nicolas Meier (g);<br />

Johannes Müller (sax); Tony<br />

Lakatos (sax); Davide Petrocca<br />

(b); Yaron Stavi (b); John<br />

Turville (p); Thilo Wagner (p);<br />

Cleveland Watkiss (voc); Enzo<br />

Zirilli (dr)<br />

www.international.jazzwerkstatt.de<br />

Gitarren-Workshops mit Peter<br />

Crow C.<br />

11.-18.8.<strong>2018</strong><br />

Gitarrenworkshop in der Toscana.<br />

Urlaub und Gitarre spielen<br />

lernen im sonnigen Süden<br />

(Poderino San Cristoforo).<br />

www.med-music-school.com<br />

Tanz & Musik-Sommercamp<br />

13.-15.8.<strong>2018</strong><br />

Ternberg/AT<br />

Tanzkurs und Musikkurs in den<br />

Tagen vor dem Alpen-Klang-<br />

Rausch im Koglerhof, Ternberg.<br />

Referenten: Bela Onodi (Tanz,<br />

Ungarn) und Simon Wascher,<br />

Hermann Fritz, Hermann<br />

Haertel (Musik).<br />

www.alpenklangrausch.at<br />

Rhythmusworkshop TaKeTiNa<br />

1./2.9.<strong>2018</strong><br />

Hamburg, Lichthof Theater<br />

Mit Jan Kobrzinowski (TaKeTiNa<br />

Advanced Rhythm Teacher).<br />

Profundes Rhythmustraining als<br />

Selbsterfahrung. Rhythmisches<br />

Lernen mit dem Körper für<br />

Anfänger und Profis.<br />

www.kobrzinowski.com<br />

Workshops “Musik der 17<br />

Hippies” <strong>2018</strong><br />

29./30.9.<strong>2018</strong> - Tollhaus,<br />

Karlsruhe<br />

1./2.12.<strong>2018</strong> - Landesmusikakademie<br />

Berlin (im FEZ)<br />

www.17hippies.de<br />

5. Jazz Workshop Friedrichshafen<br />

5.-7.10.<strong>2018</strong><br />

Friedrichshafen, Zeppelin<br />

Universität<br />

Mit Barbara Bürkle (voc),<br />

Alexander “Sandi” Kuhn (sax),<br />

Jens Loh (e-/b), Thomas Bauser<br />

(p, keyb), Christoph Neuhaus<br />

(g), Axel Pape (dr), Daniel Nösig<br />

(tp); Veranstalter: Kulturbüro<br />

Friedrichshafen.<br />

www.facebook.com/jazzandmoreworkshop<br />

www.kultur-friedrichshafen.de<br />

Schlusspunkt<br />

Die nächste <strong>JAZZTHETIK</strong> erscheint am: Mittwoch, 29.08.<strong>2018</strong><br />

110 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>

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