JAZZTHETIK 283 – Juli / August 2018
Das Magazin für Jazz und Anderes
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07/08<br />
18<br />
<strong>Juli</strong>/Aug. 32. Jahr<br />
Ausgabe <strong>283</strong><br />
8,20 Euro 8,82 CHF H6139E<br />
STEFANO BOLLANI<br />
DE-PHAZZ<br />
CHARLES LLOYD<br />
KATHRIN-PREIS<br />
THOMAS QUASTHOFF<br />
TOM IBARRA<br />
ROLF KÜHN<br />
KATHRIN PECHLOF<br />
CECIL TAYLOR<br />
NIGEL KENNEDY<br />
HOLGER CZUKAY<br />
MARC RIBOT CERAMIC DOG<br />
E.S.T.<br />
BRIAN ENO<br />
STEVE TIBBETTS
Inhalt 07/08<br />
© Carl Hyde<br />
100<br />
52<br />
© Liisa Taul<br />
8 Alt, aber neu. Trompeter Martti Vesala<br />
führt große Traditionen fort. Jan Kobrzinowskis<br />
Blick zurück.<br />
10 Unbestuhlt. In London spielt die junge<br />
schwarze Szene Jazz für Clubgeher.<br />
Christoph Wagner haut’s aus dem Sessel.<br />
12 Nicht die reine Lehre. Florian Pellissier<br />
und die vielen Hochzeiten. Rolf Thomas<br />
fängt den Brautstrauß.<br />
14 Perfekte Synthese. Paulo Morello, zwei<br />
Gitarren und ein 7:1. Thomas Kölsch<br />
hört Sambop.<br />
16 Zehn Jahre danach. Ein Livealbum von<br />
e.s.t. erinnert an Esbjörn Svensson.<br />
Zeitreise mit Wolf Kampmann.<br />
18 Glück auf! Pit Baumgartner und<br />
De-Phazz schürfen seltene Töne. Mit<br />
Thomas Kölsch im Lounge-Bergwerk.<br />
20 Spektralanalyse. Pianist Volker Engelberth<br />
vertont den Farbenkreis. Andreas Collet<br />
hört rot.<br />
22 Weltbürgerin. Dalia Faitelson und die Liebe<br />
zum Leben. Rolf Thomas nutzt den Tag.<br />
24 Der letzte Mohikaner. Charles Lloyd<br />
sucht mit 80 weiter die Wahrheit. Jan<br />
Kobrzinowski wird spirituell.<br />
26 Ganz ohne Engelshaar. Harfenistin<br />
Kathrin Pechlof schafft neue Freiräume<br />
für ihr Instrument. Hans-Jürgen Linke<br />
auf Harfenrundfahrt.<br />
30 Mal wieder brasilianisch. Mit Stefano<br />
Bollani wird’s nie langweilig. Thomas<br />
Kölsch hat Lust auf mehr.<br />
32 Unscharf. Nicola Conte und seine<br />
musikalische Puzzlearbeit. Stefan Hentz<br />
sucht die Teile zusammen.<br />
34 Schluurb! Schon beim Öffnen des CD-<br />
Laufwerks hat der Cyrus CDi bei Peter<br />
Steinfadt gewonnen.<br />
35 Treffen sich zwei Drummer. Das ungewöhnliche<br />
Duo Schulkowsky & Baron.<br />
Holger Pauler hört Melodien.<br />
36 Absahner. Nachwuchsgitarrist Tom<br />
Ibarra sammelt weiter Preise. Ausgezeichnet,<br />
findet Angela Ballhorn.<br />
40 Mit Männern. Caroline Thons Eurasians<br />
Unity ist eine undogmatische Frauenband.<br />
Lockeres Gendern mit Ulrike Proske.<br />
42 Magische Orte. Steve Tibbetts lässt seine<br />
Musik in tiefen Zügen atmen. Stefan<br />
Pieper verstreicht die Zeit.<br />
44 Neues Stipendium. Der Kathrin-Preis<br />
unterstützt den Jazz-Nachwuchs. Vorgestellt<br />
von Hans-Jürgen Linke.<br />
46 Totenmesse. Initiative H spielt ein<br />
Requiem für die Erde. Victoriah Szirmai<br />
hört Hoffnung.<br />
48 Kein Stillstand. Rolf Kühn bleibt neugierig,<br />
auch mit fast 90. Ulrike Proske über<br />
einen Grandseigneur.<br />
50 Ohne Wenn und Aber. Cecil Taylor<br />
ging es um die absolute Freiheit. (K)ein<br />
Nachruf von Wolf Kampmann.<br />
51 Herztöne. Caroline Davis und die Inspiration<br />
beim Kardiologen. Erhöhter Puls<br />
bei Hans-Jürgen Schaal.<br />
52 Changierend. Für Nigel Kennedy kann<br />
die Rhapsody in Blue auch mal rot sein.<br />
Farbenlehre mit Hans-Jürgen Linke.<br />
54 Ein Euro Einsatz. Ohne Wetten gäb’s den<br />
Club des Belugas nicht. Thomas Bugert<br />
und der Wal-Verein.<br />
56 Alle zehn Jahre. Bei Nils Wogram hat<br />
mal wieder die NDR Bigband angefragt.<br />
Augenzwinkern mit Harry Schmidt.<br />
58 Schwarzer Zorn. Die wütende Poesie<br />
von David Murray und Saul Williams.<br />
Politisiert: Jan Kobrzinowski.<br />
60 Härter rocken! Marc Ribot und der<br />
Kampf gegen den Elefanten. Wolf Kampmann<br />
über Musik in Zeiten des Trump.<br />
62 Freigeist. Saxofonist Maxime Bender<br />
startet in den universellen Himmel.<br />
Aufblickend: Stefan Pieper.<br />
64 Letzter Vorhang. Holger Czukay wird<br />
mit einer Retrospektive geehrt. Mit Olaf<br />
Maikopf im Cinema.<br />
66 Konstruktionsfehler. Der ECHO ist<br />
seinen immanenten Mängeln zum Opfer<br />
gefallen. Hans-Jürgen Linke über nötige<br />
Konsequenzen.<br />
67 Nett und leicht. Thomas Quasthoff will,<br />
dass seine Zuhörer Spaß haben. Ralf<br />
Dombrowski hat Spaß.<br />
68 Klänge einer Ausstellung. Brian Eno<br />
bringt Sounds und Farben zum Schweben.<br />
Hypnotisiert: Olaf Maikopf.<br />
70 Nicht nur Musik. Das FEMUA ist ein<br />
Festival mit Botschaft. Aus Abidjan:<br />
Martina Zimmermann.<br />
4 Megaphon<br />
63 Time Tunnel<br />
69 Abo<br />
72 Tonspuren<br />
91 Hörbucht<br />
92 Live<br />
102 Termine<br />
106 London<br />
108 Impressum<br />
110 Zitat<br />
links: Nigel Kennedy / rechts: Jazziaken (Jazzkaar-Festival) Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 3
Megaphon<br />
Von Jan Kobrzinowski<br />
Sommerloch? Keineswegs.<br />
Denn: Ob Inselhopping, Jazz in<br />
Kombination mit edlen Genüssen,<br />
innovative Sounds in urigem<br />
Ambiente oder Jazzgenuss am<br />
Entstehungsort der Hochdruckwetterlage<br />
<strong>–</strong> nichts ist unmöglich.<br />
Die Qual der Wahl hat,<br />
wem Urlaub in Verbindung mit<br />
Festivalgenuss vorschwebt. Und,<br />
liebe Leserinnen und Leser, wem<br />
soll, angesichts von dräuendem<br />
Populismus, Pestilenz und<br />
Teuerung, Verfall des Sprachgebrauchs<br />
bei diesem und weiterem<br />
Ungemach das schlechte<br />
Leben eigentlich nützen?<br />
Errata:<br />
Der Fehlerteufel hat in der<br />
Kolumne „Szirmais Fermaten“ im<br />
letzten Heft zugeschlagen und<br />
der CD Faces in Places von Timo<br />
Vollbrecht ein falsches Cover<br />
untergejubelt. Wir bitten um<br />
Verzeihung!<br />
Untröstlich sind wir auch, dass<br />
wir bei unserem Feature über<br />
Makiko Hirabayashi im selben<br />
Heft versäumt haben zu erwähnen,<br />
wer die Urheberin des<br />
exzellenten Fotos der Künstlerin<br />
ist: 1000 Mal „Sorry“ an die Fotografin<br />
Karolina Zapolska.<br />
Herbie Hancock ist einer der<br />
vier neuen Ehrendoktoren im<br />
New England Conservatory.<br />
Der legendäre Pianist nahm<br />
seine Doktorwürde bei der 147.<br />
Commencement Ceremony in<br />
der Jordan Hall des ehrwürdigen<br />
Konservatoriums entgegen.<br />
An Auszeichnungen gewöhnt ist<br />
auch Toshiko Akiyoshi. Sie wird<br />
im Oktober den BNY Mellon Jazz<br />
<strong>2018</strong> Living Legacy Award in Washington<br />
erhalten. Die 14-fach<br />
Grammy-nominierte Pianistin<br />
und Komponistin gewann bereits<br />
zahlreiche internationale Preise<br />
und Wettbewerbe.<br />
1) Den SWR Jazzpreis <strong>2018</strong><br />
bekommt Sebastian Gille, der<br />
„dem Jazz eine neue richtungsweisende<br />
Saxofonsprache<br />
hinzufügt“ (Laudatio). Der vom<br />
SWR und dem Land Rheinland-<br />
Pfalz gestiftete Preis wird ihm<br />
am 15.10. bei Enjoy Jazz in<br />
Ludwigshafen im Rahmen des<br />
Preisträgerkonzerts überreicht.<br />
Der Jazz-Award in Gold,<br />
vergeben vom Bundesverband<br />
der deutschen Musikindustrie,<br />
geht an Quadro Nuevo und<br />
Cairo Steps für ihr gemeinsames<br />
Projekt Flying Carpet. Stellvertretend<br />
für die ägyptischen Musiker<br />
nahm Kulturministerin Ines<br />
Abdel Dayem den Preis aus der<br />
Hand von Georg Löffler (GLM)<br />
entgegen.<br />
Die Juroren haben Till Brönner<br />
zum Ehrenpreisträger <strong>2018</strong> der<br />
Deutschen Schallplattenkritik<br />
gekürt. Ihm wurde die Ehrenurkunde<br />
im Rahmen des „Quartetts<br />
der Kritiker“ auf der Münchner<br />
Messe High End verliehen.<br />
Der Posaunist Florian Weiss<br />
gewinnt den ZKB Jazzpreis <strong>2018</strong>.<br />
Seine Band Woodoism nahm<br />
15.000 Schweizer Franken mit<br />
nach Hause. Seit 15 Jahren verleiht<br />
die Zürcher Kantonalbank<br />
den Preis an junge innovative<br />
Schweizer Bands und fördert so<br />
die Vielfalt der Szene.<br />
2) Die Schweiz feiert Irène<br />
Schweizer. Den Grand Prix<br />
Musik <strong>2018</strong>, mit 100.000 Franken<br />
höchstdotierter Preis des<br />
Landes, verleiht der Schweizer<br />
Bundesrat zum ersten Mal einer<br />
Jazzmusikerin, noch dazu einer<br />
wichtigen Impulsgeberin des<br />
europäischen Free Jazz. Zuvor<br />
hatte sie den Großen Kulturpreis<br />
des Kantons Zürich erhalten.<br />
Doppelter Glückwunsch!<br />
1<br />
Und noch einmal Schweiz: Der<br />
Swiss Jazz Award wurde Franco<br />
Ambrosetti für sein Lebenswerk<br />
verliehen. Der Tessiner Trompeter<br />
hat nicht nur europäische Jazzgeschichte<br />
geschrieben, sondern<br />
unlängst auch seine sehr lesenswerte<br />
Lebensgeschichte Zwei<br />
Karrieren <strong>–</strong> ein Klang vorgelegt.<br />
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3) Jazzsommer im Bayerischen<br />
Hof. Gewohnt<br />
edel und abwechslungsreich<br />
geht es vom 23. bis 28.7. im<br />
Festsaal und Night Club des<br />
Luxus-Hotels im Herzen<br />
Münchens zu. Zwei Ikonen<br />
Nord- und Südamerikas, Bill<br />
Frisell und João Bosco,<br />
Soul-Jazz mit Incognito und<br />
Funk-Bass satt mit Nik West,<br />
Manou Gallo sowie der Legende<br />
Stanley Clarke stehen auf dem<br />
Programm. Dazu Premiumkino<br />
mit besonderen Musikdokus und<br />
eine Fotoausstellung.<br />
www.bayerischerhof.de<br />
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Rivertone <strong>–</strong> Jazz in<br />
Straubing <strong>2018</strong>. Vom 20.<br />
bis 22.7 tritt das neue<br />
Festival Rivertone die Nachfolge<br />
des Bluetone im Festivalzelt an.<br />
Mit u.a. Manu Katché, Till<br />
Brönner, Lily Dahab, Tribute to<br />
Gotan Project, Minino Garay &<br />
Baptiste Trotignon geht man es<br />
in der Donaustadt jazziger und<br />
weltmusikalischer als in den<br />
Vorjahren an.<br />
www.rivertone.de<br />
Der IB.SH-JazzAward <strong>2018</strong> geht<br />
an den Hamburger Gitarristen David<br />
Grabowski. Die Investitionsbank<br />
Schleswig-Holstein stiftet<br />
den Geldpreis in Höhe von 3.000<br />
Euro und würdigt damit die Arbeit<br />
und das künstlerische Potenzial<br />
junger und vielversprechender<br />
deutscher JazzmusikerInnen.<br />
© Francesca Pfeffer<br />
Sebastian Gille Irène Schweizer Nik West<br />
Hochnotpeinlich. Pori Jazz zieht<br />
die Konsequenzen: Festivalchef<br />
Aki Ruotsala hatte in offiziellen<br />
Verlautbarungen Homosexuelle<br />
mit Kranken und Drogensüchtigen<br />
auf eine Stufe gestellt. Man<br />
fürchtete zu Recht um den Ruf<br />
eines der größten Festivals in<br />
Europa und feuerte den christlichen<br />
Fundamentalisten.<br />
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4) 25. Jazz Open.<br />
Stuttgart und Ludwigsburg<br />
trumpfen auf: Vom<br />
12. bis 22.7. spielt die Creme des<br />
internationalen Jazz und Pop.<br />
Mit Pat Metheny, Stanley Clarke,<br />
Jamie Cullum, Marcus Miller, Till<br />
Brönner, Gregory Porter,<br />
Christian McBride, Meshell<br />
Ndegeocello, Lenny Kravitz,<br />
Fanta Vier, Michael Wollny, Rolf<br />
& Joachim Kühn, Jason Moran,<br />
GoGo Penguin, Echoes of Swing,<br />
Wolfgang Dauner u.v.a.m.<br />
www.jazzopen.com<br />
powered by<br />
2<br />
3<br />
5) Flux Festival<br />
<strong>–</strong> Contemporary<br />
Electro-Acoustic Music<br />
from Berlin. Die Werkschau<br />
zeitgenössischer elektro-akustischer<br />
Musik vom 13. bis 19.8. im<br />
Spektrum Berlin-Kreuzberg/<br />
Neukölln präsentiert die<br />
Arbeitsweisen sowie neue<br />
Arbeiten und Projekte in Berlin<br />
lebender und/oder arbeitender<br />
experimenteller Komponisten.<br />
www.zangimusic.wordpress.com/<br />
festivals-events<br />
Charles Neville ist im April mit 79<br />
Jahren gestorben. „Du wirst immer<br />
in meinem Herzen und meiner<br />
Seele sein, wie ein Tattoo“,<br />
so Bruder Aaron, dessen Stimme<br />
4 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Megaphon<br />
5<br />
© Evelina Petrova<br />
© Maarit Kytöharju<br />
© Hans Kumpf<br />
8 10<br />
© Jacob Blickenstaff<br />
© Michael<br />
Kuchinke Hofer<br />
4 6<br />
7 9<br />
Meshell Ndegeocello<br />
Jazz Open<br />
Korhan Erel<br />
Flux Festival<br />
„Misha“ Alperin<br />
Kalle Kalima<br />
Saalfelden<br />
Ali Haurand<br />
Jazzmeia Horn<br />
AngraJazz<br />
Wadada Leo Smith<br />
Jazzfestival Leibnitz<br />
den Sound der Neville Brothers<br />
genau wie Charles’ Saxofon so<br />
unverkennbar prägte.<br />
6) Michail Jefimowitsch „Misha“<br />
Alperin ist am 11.5. im Alter von<br />
61 Jahren in Oslo gestorben. Er<br />
wuchs in Bessarabien auf und<br />
studierte klassisches Piano,<br />
bevor er ECM- und Jaro-Künstler<br />
wurde. Er arbeitete an der Verbindung<br />
von Jazz, Klassik, Ballett<br />
und Folk und komponierte auch<br />
für Kinderchor und Kammerorchester.<br />
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7) 39. Internationales<br />
Jazzfestival Saalfelden.<br />
Aus dem innovativen<br />
Programm ragen Marc Ribot,<br />
Elliott Sharp, Shake Stew,<br />
Paier-Valcic Quartet, Kuu! mit<br />
Kalle Kalima & Christian Lillinger,<br />
Ulrich Drechsler Liminal Zone<br />
und Raoul Björkenheim als<br />
bekannte Größen heraus. Es<br />
bleibt spannend, wer sich hinter<br />
jungen Namen wie Chamber 4,<br />
Schmied’s Puls, Hofmaninger/<br />
Schwarz, Orges & The Ockus-<br />
Rockus Band, El Flecha Negra<br />
oder gar Little Rosies Kindergarten<br />
verbirgt.<br />
www.jazzsaalfelden.com<br />
8) Ali Haurand ist am 28.5. mit 74<br />
Jahren gestorben. Jahrzehntelang<br />
war der gelernte Konditor<br />
und studierte Kontrabassist<br />
Alfred Josef Antonius Haurand<br />
in der europäischen Jazzszene<br />
präsent, u.a. als Bandleader des<br />
European Jazz Sextet. Ali war<br />
in den 70ern Wegbereiter des<br />
Moers Festivals und gründete<br />
das Viersener Festival.<br />
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9) 20. AngraJazz <strong>–</strong> Festival<br />
Internacional de<br />
Jazz. In Angra do<br />
Heroísmo, auf der kleinen<br />
Azoren-Insel Ilha Terceira, gibt<br />
es vom 3. bis 6.10. Jazz mitten<br />
im Atlantik. Außer den<br />
Hauptacts AngraJazz Orchestra,<br />
Gonzalo Rubalcaba Trio,<br />
Andy Sheppard Quartet, Billy<br />
Childs und Jazzmeia Horn bietet<br />
Angra noch Jazz na rua<br />
(Straßengigs) mit lokalen und<br />
portugiesischen Bands.<br />
www.angrajazz.com<br />
Die Union Deutscher Jazzmusiker<br />
(UDJ) hat im Rahmen<br />
der jazzahead! die Saxofonistin<br />
und Komponistin Christina<br />
Fuchs in ihren Vorstand gewählt.<br />
Sie wurde Nachfolgerin<br />
von Silke Eberhard.<br />
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10) Das Festival im<br />
österreichischen<br />
Leibnitz will den<br />
Besucherrekord vom letzten<br />
Jahr toppen. Vom 27. bis 30.9.<br />
werden Jazz und Wein serviert,<br />
u.a. mit Wadada Leo Smiths<br />
Great Lakes Quartet, Marialy<br />
Pacheco & Omar Sosa, Daniel<br />
Herskedal & Marius Neset,<br />
Gabriele Mirabassi und The<br />
Kandinsky Effect. Eröffnen wird<br />
das heimische Synesthetic Octet.<br />
www.jazzfestivalleibnitz.at<br />
Mit biblischen 95 Jahren<br />
verstarb die leidenschaftliche<br />
Jazzliebhaberin und politische<br />
Aktivistin Lorraine Gordon. Bis<br />
zuletzt war sie Betreiberin des<br />
legendären Village Vanguard,<br />
das sie von ihrem Mann Max<br />
Gordon übernommen hatte.<br />
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24. Festival Mallorca<br />
Jazz Sa Pobla. Seit<br />
Jahren versammeln sich<br />
im <strong>August</strong> Einheimische und<br />
Inselbesucher auf dem<br />
Marktplatz der mallorquinischen<br />
Kleinstadt Sa Pobla zum Jazz.<br />
Vom 30.7. bis 22.8. spielen Cécile<br />
McLorin Salvant, Trempera!<br />
Quintet, Enrico Rava New<br />
Quartet und das Mallorca Jazz<br />
Collective. Dazu: Seminare und<br />
Meisterklassen.<br />
www.sapobla.cat/index.php/<br />
que-fer/festival-de-jazz<br />
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Jazz goes Föhr. „Jazz<br />
auf der Insel“ können<br />
auch die Norddeutschen:<br />
Vom 22. bis 27.7. wird die<br />
Insel zum Urlaubstipp für<br />
Jazzfans. Mit Markus Schieferdecker<br />
Trio, Bodek Janke<br />
Quartet, Paul Heller-Jasper van‘t<br />
Hof Group, <strong>Juli</strong>an & Roman<br />
Wasserfuhr Organ Trio feat.<br />
Martin Scales, Torsten Goods &<br />
Band. Danach Jamsessions mit<br />
Meerblick im Café Aquamarin.<br />
www.foehr.de/jazzgoesfoehr<br />
Deutschland braucht APPLAUS!<br />
Die Bundeskonferenz Jazz und<br />
andere Musikverbände warnen<br />
zu Recht vor der Reduzierung<br />
des Etats für den Spielstätten-<br />
Programmpreis Applaus um<br />
die Hälfte. Der Preis ist immens<br />
wichtig zur Belebung der Live-<br />
Musiklandschaft. Die Bewerbungsphase<br />
für den diesjährigen<br />
Preis läuft.<br />
Den BMW Welt Jazz Award<br />
<strong>2018</strong> unter dem diesjährigen<br />
Motto „Jazz moves“ gewann<br />
das Trio LBT. „Es ist verblüffend,<br />
wie stimmig sich bei ihnen<br />
Jazzimprovisationen selbst in<br />
filigraner, akustischer Form mit<br />
Techno zusammenfügen“, so<br />
die Fachjury. Im kommenden<br />
Jahr steht der Preis unter dem<br />
Motto „Saxofon Worlds“.<br />
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11) Die Remise<br />
Wälderbähnle in Bezau<br />
nahe Bregenz/AT dient<br />
vom 9. bis 11.8. den Bezau Beatz<br />
als Hauptbühne. Beatz-Kopf<br />
Alfred Vogel zeigt keine<br />
Anzeichen von Routine, sondern<br />
bleibt innovativ, unberechenbar<br />
und abenteuerlich. Mit Jim Hart’s<br />
Cloudmakers Trio, Paal<br />
Nilsen-Love’s Large Unit, Aki<br />
Takase & DJ Illvibe u.v.a.m.<br />
www.bezaubeatz.at<br />
Wir gratulieren den Gewinnern<br />
der 22. Jazz Journalists<br />
Association <strong>2018</strong> Jazz Awards.<br />
Die Awards feiern diesmal<br />
besonders die weibliche<br />
Kreativität: Patricia Willard für<br />
„Lifetime Achievement in Jazz<br />
Journalism“ sowie die Musikerinnen<br />
Jane Ira Bloom, Anat<br />
Cohen, Mary Halvorson, Nicole<br />
Mitchell, Linda May Han Oh,<br />
Cecile McLorin Salvant, Jazzmeia<br />
Horn und Maria Schneider. Fred<br />
Hersch wurde als Pianist des<br />
Jahres und Autor des Buchs des<br />
Jahres, Good Things Happen<br />
Slowly (s. Buchtipp in diesem<br />
Heft), ausgezeichnet. Weitere<br />
Gewinner: Benny Golson, Tom<br />
6 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
© Nadja Höhfeld<br />
12 14 16<br />
11 13 15<br />
© Ueli Frey<br />
© Hans Kumpf<br />
DJ Illvibe<br />
Bezau Beatz<br />
Melissa Pinto Quartet<br />
Jazz Against the Machine<br />
Kassé Mady Diabaté<br />
Jon Hiseman Dieter Schnebel Knorpelfische<br />
Harrell, Chris Potter, Miguel<br />
Zenon, Vijay Iyer, Dr. Lonnie<br />
Smith u.a.<br />
www.jjajazzawards.org<br />
Ein Offener Brief von David<br />
Friedman, viele Jahre UdK-<br />
Professor am Jazzinstitut<br />
Berlin, kritisiert den immer noch<br />
eklatanten Mangel an lehrenden<br />
Jazzinstrumentalistinnen<br />
an deutschen Hochschulen. Er<br />
könne „einen großen Anstieg<br />
der Anzahl der Frauen im Jazz<br />
feststellen, die die Entwicklung<br />
dieser Musik maßgeblich<br />
geprägt haben.“ Man habe die<br />
„Verantwortung, eine motivierende<br />
Message an unsere<br />
jungen Kolleginnen weiterzugeben<br />
und ihnen nicht das Gefühl<br />
zu vermitteln, dass sie trotz ihres<br />
Engagements und ihrer Hingabe<br />
und der Liebe zu dieser Musik<br />
sich nur darauf freuen können,<br />
schon am Anfang ihrer Karriere<br />
nicht ernst genommen und<br />
ausgeklammert zu werden.“ Wir<br />
zitieren hier ausschnittweise<br />
seine in Teilen sicher begrüßenswerte<br />
Initiative und stellen<br />
sie zur Diskussion.<br />
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12) Jazz Against the<br />
Machine geht in die<br />
nächste Runde! Vom 3.<br />
bis 5.7. bringt JATM wieder jede<br />
Menge Musik von Studierenden<br />
der Abteilung Jazz/Pop der<br />
Kölner Hochschule für Musik<br />
und Tanz auf die Bühne des<br />
Artheaters in Köln.<br />
www.jatm.de<br />
Das Frankfurter Jazzstipendium<br />
<strong>2018</strong> geht an Maximilian<br />
Shaikh-Yousef. Kulturdezernentin<br />
Dr. Ina Hartwig vergab das<br />
Stipendium von 10.000 Euro an<br />
den Saxofonisten und Komponisten,<br />
der die Juroren nicht<br />
nur am Instrument, sondern<br />
besonders mit Kompositionen<br />
und Arrangements für große<br />
Ensembles überzeugte.<br />
www.maximilianshaikhyousef.com<br />
13) Kassé Mady Diabaté ist<br />
mit 65 Jahren gestorben. Der<br />
laut Salif Keita „größte Sänger<br />
Malis“ und Nachkomme einer<br />
langen Reihe von Mandingo-<br />
Griots erlag den Folgen eines<br />
Schlaganfalls.<br />
Die United Big Band ergatterte<br />
den Jazzpreis des Deutschen<br />
Musikrats und der Hansahaus-<br />
Studios Bonn auf der 16. Bundesbegegnung<br />
Jugend jazzt<br />
für Bigbands in Frankfurt. Die<br />
Berliner freuen sich auf eine<br />
CD-Produktion in den renommierten<br />
Hansahaus-Studios.<br />
Fünf weitere Jazzorchester<br />
erhielten wertvolle Konzertund<br />
Workshop-Preise.<br />
www.jugendjazzt.eu<br />
Jazzförderung. Das Land<br />
Baden-Württemberg fördert<br />
Auftritte baden-württembergischer<br />
Jazzmusiker und<br />
Jazzmusikerinnen außerhalb<br />
des Landes, z.B. bei der Baden-<br />
Württemberg Clubnight auf der<br />
jazzahead! 2019 in Bremen.<br />
Bewerbungen bis 15.7. beim<br />
Jazzverband Baden-Württemberg.<br />
www.jazzverband-bw.de<br />
14) Jon Hiseman, Mitbegründer<br />
von Colosseum I & II, Nachfolger<br />
von Ginger Baker bei der<br />
Graham Bond Organisation<br />
und Mitglied des United Jazz<br />
& Rock Ensembles, ist am 12.6.<br />
gestorben.<br />
Der Komponist und Geiger<br />
Gérard Hourbette ebnete den<br />
Weg für neue Kompositionsformen<br />
und nutzte das Sampling,<br />
einschließlich natürlicher und<br />
industrieller Klänge, an der<br />
Schnittstelle von darstellender<br />
und bildender Kunst. Hourbette<br />
ist im Mai gestorben.<br />
15) Mit Dieter Schnebel verlor<br />
die experimentelle Musikszene<br />
noch einen radikalen Avantgardisten:<br />
Der Komponist, Theologe<br />
und Musikwissenschaftler<br />
starb mit 88 Jahren. Fast 20<br />
Jahre lehrte Schnebel an der<br />
Hochschule der Künste Berlin<br />
als Professor für Experimentelle<br />
Musik und prägte damit ganze<br />
Generationen.<br />
Avishai Cohen Music Award<br />
2020: Der Bassist und sein Label<br />
Razdaz laden Musiker, Komponisten<br />
oder Bands jeglicher<br />
Couleur und Stilrichtung ein, sich<br />
für Aufnahme und weltweiten<br />
Release eines Albums zum Jahr<br />
2020 zu bewerben.<br />
www.avishaicohen.com<br />
Tag der Trinkhallen. Am 25.8.<br />
wird weit mehr als Flaschbier<br />
und Ruhrpott-Originale geboten,<br />
nämlich ein Kulturprogramm der<br />
besonderen Art im gesamten<br />
Ruhrgebiet. Es gibt Programmbuden<br />
mit einem kuratierten und<br />
finanzierten Kulturprogramm und<br />
etliche Trinkhallen, die selbst etwas<br />
für ihre Gäste organisieren.<br />
www.tagdertrinkhallen.ruhr<br />
Das englische Musikmagazin<br />
SONGLINES hat einen seiner<br />
Awards an die koreanischen<br />
ACT-Künstler Black String vergeben.<br />
Weitere Gewinner sind<br />
Eliza Carthy & The Wayward<br />
Band, Rhiannon Giddens, Trio Da<br />
Kali & Kronos Quartet, Oumou<br />
Sangaré u.a.<br />
Der zum vierten Mal vergebene<br />
Reinhard-Schulz-Preis <strong>2018</strong> für<br />
zeitgenössische Musikpublizistik<br />
geht an die Musikjournalistin<br />
Leonie Reineke.<br />
Der Komponist, Saxofonist,<br />
Bandleader und Musikpädagoge<br />
Remy Filipovitch wurde vor 71<br />
Jahren in Vilnius geboren. Im<br />
Mai, kurz nach seinem letzten<br />
Live-Konzert, ist er in Essen<br />
gestorben.<br />
16) Haie lieben Jazz. Der<br />
Sommer ist die Zeit für maritime<br />
Themen: In Sydneys Macquarie<br />
University hat man jugendlichen<br />
Port-Jackson-Haien<br />
beigebracht, sich von unter<br />
Wasser gespieltem Jazz zum<br />
Futter locken zu lassen. Nun<br />
arbeitet man fieberhaft daran,<br />
die Knorpelfische zu testen, ob<br />
sie improvisierte Musik von klassischer<br />
unterscheiden können.<br />
Das Jazzmagazin Ihrer Wahl<br />
bleibt dran.<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 7
Martti Vesala<br />
Alt, aber neu<br />
© Carl Bergman<br />
8<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Nachdem Lee Morgan, die Jazz Messengers, Horace Silver, Miles und<br />
viele andere die Vollmundigkeit in den Jazz zurückgebracht hatten,<br />
speiste sich der Hauptstrom des Jazz aus diesem Pool. Mithilfe immer<br />
ausgefeilterer Melodik und freierer harmonischer Auffassung entstand<br />
in den Jahrzehnten danach das, was man heute manchmal mit dem<br />
hässlichen Wort Post-Bop bezeichnet. Diese in Groove und Swing<br />
eingebettete Freiheit ist der ästhetische Nährboden, auf dem das<br />
Soundpost Quintet des finnischen Trompeters Martti Vesala gedeiht.<br />
Von Jan Kobrzinowski<br />
Stars Aligned, Vesalas neues<br />
Album nach Helsinki Soundpost,<br />
pflegt einen lebendigen,<br />
frischen, melodisch komplexen<br />
Umgang mit einem klassischen<br />
Genre des Jazz, dominiert<br />
durch wohlklingende Zweistimmigkeit<br />
von Tenorsaxofon und<br />
Trompete, Unisoni von Kontrabass<br />
und linker Piano-Hand,<br />
dazu funky Rhythmik, die auf Art<br />
Blakeys Afro/Latin-beeinflusste<br />
Spielweise zurückgeht. Bekennt<br />
sich hier ein europäischer<br />
Jazzer der jüngeren Generation<br />
zum Bewahrenden? „Ich mag<br />
das Wort ‚konservativ’ nicht,<br />
um mich selbst oder die von mir<br />
kreierte Musik zu beschreiben.<br />
Ich bin mir bewusst, woher<br />
meine Einflüsse kommen,<br />
dennoch fühle ich sehr stark,<br />
dass unser Sound und die Herangehensweise<br />
an die Musik<br />
sehr originell sind und es nicht<br />
darum geht, zurückzuschauen<br />
in eine Zeit, ‚als alles besser<br />
war’.“ Vielmehr sieht Vesala die<br />
verschiedenen Stile als Sprungbretter:<br />
„Der gewählte Stil sollte<br />
nur der Ausgangspunkt für<br />
deine individuellen Erkundungen<br />
der Musik sein <strong>–</strong> das Mittel,<br />
um musikalisch auszudrücken,<br />
wer du als Person bist.“<br />
Martti Vesala ist ein<br />
versatiler, eleganter Trompeter<br />
mit großem Stilbewusstsein in<br />
Komposition und Improvisation.<br />
Er genießt es sichtlich, „Miles<br />
Davis, Freddie Hubbard, Woody<br />
Shaw und auch einige der modernen<br />
Typen wie den erstaunlichen<br />
Peter Evans zu hören. Ich<br />
habe versucht, mich nicht nur<br />
an Trompeter zu halten, und angefangen,<br />
Soli von Saxofonisten<br />
wie z.B. Coltrane auf der Trompete<br />
zu üben.“ „The Sun’s Eye“<br />
und das Titelstück sind schöne<br />
Beispiele für die Auslotung<br />
freierer Möglichkeiten, weniger<br />
einer Überwindung als vielmehr<br />
einer Vertiefung der Moderne,<br />
die zwischen 1965 und 1980 diejenigen<br />
Jazzmusiker suchten,<br />
die weder eine völlig freie noch<br />
die elektrifizierte Spielweise<br />
bevorzugten. „Der Sound von<br />
Wayne Shorters Kompositionen<br />
für das Miles Davis Quintet aus<br />
den 60ern und Joe Hendersons<br />
Art zu Schreiben aus<br />
der gleichen Zeit haben mich<br />
stark beeinflusst. Was mich an<br />
diesen großartigen Musikern<br />
und Komponisten fasziniert,<br />
ist die Art und Weise, wie sie<br />
die Elemente von Avantgarde<br />
und Bebop kombinieren <strong>–</strong> ein<br />
Stil, der später als Post-Bebop<br />
bezeichnet werden sollte.“<br />
Zwar versucht Martti, innerhalb<br />
eines bestimmten Jazzstils zu<br />
arbeiten, aber diese Referenzen<br />
stellen für ihn kein Problem dar:<br />
„Ich weiß, dass die Grundlagen<br />
dieses Stils aus den 60er und<br />
70ern stammen, wie aber auch<br />
die vieler anderer Stile wie Free<br />
Jazz oder Free Form, sogar die<br />
der sogenannten ‚Geburt des<br />
europäischen Jazz’ in den 70er<br />
Jahren.“<br />
Mit Joonas Haavisto (p),<br />
Juho Kivivuori (b) und Ville<br />
Pynssi (dr) hat Vesala absolut<br />
gleichgesinnte Kollegen an<br />
seiner Seite. Petri „Pope“ Puolitaival<br />
(ts) mit seinem profunden<br />
Ton ist ein bemerkenswerter<br />
Solist, tiefstens verwurzelt in der<br />
hymnischen Tradition großer<br />
Tenoristen wie Coltrane, Rollins<br />
und Sanders. „Er ist gleichzeitig<br />
einer der besten Flötenspieler in<br />
Finnland, so habe ich auch einige<br />
Songs geschrieben, in denen<br />
seine Fähigkeit als Flötist im<br />
Rampenlicht steht.“ Zu hören in<br />
„The Lost Sea“, wo die weichen<br />
Klänge von Trompete und Flöte<br />
im Thema wunderbar elegisch<br />
miteinander verschmelzen und<br />
sich dann Petris Flöte und<br />
Kivivuoris holztöniger Kontrabass<br />
im Solo ablösen. „Was<br />
mich an der Quintett-Besetzung<br />
wirklich fasziniert, ist die Art und<br />
Weise, wie Trompete und Tenorsaxofon<br />
so nahtlos ineinander<br />
übergehen. Ein wirklich himmlisches<br />
Zusammenspiel! Trotz<br />
der ‚klassischen’ Kombination<br />
bleibt es gerade eine schöne<br />
Herausforderung, innerhalb<br />
dieser Tradition mit etwas wirklich<br />
Originellem aufzuwarten.“<br />
Dieses angesichts des heutigen<br />
Überangebotes an guter Musik<br />
schwierige Unterfangen gelingt<br />
Martti Vesala und seinen Kollegen<br />
mit Bravour.<br />
Das Quintett ist indes nicht<br />
die einzige Besetzung, die ihn<br />
fasziniert. Er schreibt auch für<br />
PDF in 4c<br />
Big Bands und denkt gerade<br />
darüber nach, ein Quartett ohne<br />
Schlagzeuger zu gründen, um<br />
sich selbst herauszufordern<br />
und neue Wege zu finden,<br />
„rhythmischer zu schreiben“.<br />
Bei „Murky Green“, einem<br />
rezitativen Unisono-Thema der<br />
Bläser, gefolgt von einer mäandernden<br />
Improvisation, um<br />
die sich Besen und gestrichene<br />
Bassnoten ranken, verzichtet<br />
Martti bewusst auf akkordische<br />
Grundlagen. Mit „Driving<br />
Force“ bekennt das Soundpost<br />
Quintet dann noch einmal seine<br />
Liebe zum erdigen Groove.<br />
Stück und Album enden <strong>–</strong> fast<br />
schon symbolisch <strong>–</strong> mit einem<br />
markanten Stakkato der linken<br />
Hand auf dem Klavier. Der<br />
wunderbar transparente Sound<br />
samt dem brillanten Stereomix<br />
des finnischen Experten Miikka<br />
Huttunen macht Stars Aligned<br />
schließlich zum perfekten<br />
Audio-Genuss.<br />
Aktuelle CD:<br />
Martti Vesala Soundpost Quintet:<br />
Stars Aligned (Ozella Music / Galileo MC)<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 9
BlaCk lonDon<br />
Jazzhören im stehen<br />
In London definiert eine junge Szene den Jazz als<br />
groovende Clubmusik neu.<br />
Shabaka<br />
Hutchings<br />
© Pierrick Guidou<br />
Kokoroko<br />
Theon Cross<br />
Moses Boyd<br />
Ezra Collective<br />
Von Christoph Wagner<br />
Gilles Peterson hat der britischen Szene in<br />
den letzten Jahren seinen Stempel aufgedrückt.<br />
Was neue Trends anbelangt, besitzt<br />
der DJ, Radio-Presenter, CD-Compiler,<br />
Festival-Organisator und Label-Betreiber<br />
einen unbestechlichen Instinkt. Jetzt hat<br />
er sich mit Shabaka Hutchings zusammengetan.<br />
Der Saxofonist ist die zentrale Figur<br />
einer jungen Szene vorwiegend schwarzer<br />
Musikerinnen und Musiker aus Südlondon,<br />
die gerade mit dem Album We Out Here<br />
auf Petersons Brownswood-Label an die<br />
Öffentlichkeit getreten sind. Die Einspielung<br />
ist eine Art Manifest und präsentiert neun<br />
Gruppen, die sich alle mehr oder weniger<br />
einem ekstatischen Jazz verschrieben<br />
haben, der auf Grooves basiert und sich<br />
nicht mehr an die ergrauten Kenner in<br />
den Jazzclubs richtet, sondern an junge<br />
Nachtschwärmer in Untergrundclubs und<br />
alternativen Venues, wo das Publikum nicht<br />
sitzt, sondern steht.<br />
Der 34-jährige Hutchings bastelt mit<br />
verschiedenen Bands seit Jahren an einer<br />
anderen Konzeption von Jazz. Seit Kurzem<br />
bei Impulse! unter Vertrag, knüpft er an den<br />
Afro-Futurismus eines Sun Ra an sowie an<br />
den elektrischen Miles Davis und den Punkjazz<br />
der späten 70er, als Gruppen wie Rip<br />
Rig & Panic in Großbritannien aufhorchen<br />
ließen. Dazu kommen Hutchings‘ karibische<br />
Einflüsse von Calypso bis Soca plus die<br />
Erfahrungen aktueller Clubmusik, ob Grime<br />
oder Jungle. „,Euphorisch‘ ist der beste<br />
Begriff, um meine Zielsetzung zu beschreiben“,<br />
sagt Hutchings. „Gefühle und Intuition<br />
dienen mir als Wegweiser. Es geht darum,<br />
das Publikum in eine Stimmung zu versetzen,<br />
die es erlaubt, die Welt mit anderen<br />
Augen zu sehen. Deshalb ist für mich das<br />
Konzert ein heiliger Ort.“<br />
Was Hutchings anstrebt, ist nicht mehr<br />
und nicht weniger, als den Jazz wieder<br />
vom Kopf auf die Füße zu stellen, ihn als<br />
Tanzmusik neu zu erfinden, was er ja bis in<br />
die 50er Jahre hauptsächlich war. Deshalb<br />
läuft in Hutchings‘ Musik alles auf Rhythmus<br />
hinaus: Sein Quartett Sons of Kemet ist<br />
mit zwei Drummern besetzt, die so kraftvoll<br />
wie ein ganzes Sambaorchester trommeln.<br />
In die prasselnden Kreuzrhythmen klinkt<br />
sich Tubaspieler Theon Cross mit mächtigen<br />
Bassriffs ein. Mit Stakkato-Melodien des<br />
Saxofons, die manchmal an Morsezeichen<br />
erinnern und sich in Dauerschleifen drehen,<br />
10 JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong>
spielt die Combo sich und das Publikum<br />
durch Repetition mehr und mehr in Trance.<br />
„Rhythm & Groove“ könnte auch das<br />
Motto von Kokoroko lauten, einem Septett<br />
mit weiblicher Bläsersektion, das von der<br />
Trompeterin Sheila Maurice-Grey geleitet<br />
wird. Ihr Jazz ist stark von westafrikanischem<br />
Highlife und nigerianischem Afrobeat<br />
à la Fela Kuti gefärbt. Maurice-Grey<br />
sieht ihre Musik nicht als Konzertmusik,<br />
sondern explizit als körperbetonten Jazz,<br />
der in die Beine geht. Die Trompeterin ist<br />
auch in der Grime- und HipHop-Szene präsent,<br />
wo sie mit Stars wie Kano und Little<br />
Simz gearbeitet hat. „Es ist ermutigend wie<br />
in der Grime-Szene ein neues Interesse an<br />
Jazz erwacht ist“, sagt sie.<br />
Wie Sheila Maurice-Grey haben die<br />
meisten jungen Musikerinnen und Musiker<br />
der neuen Südlondoner Szene als Teenager<br />
den Tomorrow’s-Warriors-Workshop<br />
besucht. Die Bildungsinitiative war einst<br />
vom Saxofonisten Gary Crosby ins Leben<br />
gerufen worden, um junge Talente hauptsächlich<br />
aus der afrikanischen Diaspora<br />
zu fördern. Von Shabaka Hutchings über<br />
Theon Cross bis zur Saxofonistin Nubya<br />
Garcia <strong>–</strong> alle haben die Talentschmiede<br />
durchlaufen.<br />
Das alternative Kulturzentrum Total<br />
Refreshment Centre im Stadtteil Hackney<br />
fungiert als informelles Hauptquartier. Hier<br />
gibt es Proberäume, ein Tonstudio und einen<br />
großen Clubraum für Konzerte. Für Binker<br />
Golding (sax) und Moses Boyd (dr) ein<br />
vertrauter Ort. Die beiden haben sich vor<br />
Jahren gleichfalls bei Tomorrow’s Warriors<br />
getroffen und zu einem Duo zusammengetan,<br />
das mehrfach ausgezeichnet wurde.<br />
Es bildet zudem den Kern von Moses Boyds<br />
größerem Ensemble Exodus, einer Plattform<br />
für die Kompositionen des Schlagzeugers,<br />
in denen die Elektronik eine wichtige Rolle<br />
spielt. Daneben prägen Spiritual-Jazz-<br />
Elemente und Afrobeat-Einflüsse den Sound<br />
der Band, was nicht verwundert, hat der<br />
junge Drummer doch vor ein paar Jahren<br />
eine Masterclass bei Fela Kutis Drummer<br />
Tony Allen absolviert.<br />
Die neue Szene ist eng vernetzt. „Ein<br />
richtige Community“, meint Moses Boyd.<br />
„Viele von uns haben schon als Teenager<br />
zusammen Musik gemacht.“ Während Theon<br />
Cross in Moses Boyds Gruppe Exodus<br />
Tuba spielt, sitzt Boyd im Trio von Cross am<br />
Schlagzeug. Nubya Garcia (sax) komplettiert<br />
das Triumvirat. Sie ist eine weitere<br />
schillernde Figur der neuen Szene, leitet die<br />
Fusionband 5ive und ist im Frauenensemble<br />
Nerija und in der Formation Maisha aktiv.<br />
Theon Cross orientiert sich konzeptionell<br />
an der Musik des Arthur Blythe<br />
Trios der später 70er Jahre, als dieser sich<br />
PDF in 4c<br />
noch „Black“ Arthur Blythe nannte <strong>–</strong> ein<br />
gleichzeitig transparenter und doch dichter<br />
Ensembleklang. Cross ist ein Phänomen: Er<br />
verwandelt die Tuba in ein Kraftwerk, das<br />
vor Energie nur so sprüht. „Meine Ausdauer<br />
habe ich beim Notting-Hill-Carneval erlangt,<br />
wo man Stunden ohne Unterbrechung spielt<br />
und sich außerdem gegen die riesigen<br />
Sound-Systems durchsetzen muss“, erzählt<br />
er. „Dann habe ich Bebop auf der Tuba<br />
geübt: ,Donna Lee’ von Charlie Parker in<br />
Originalgeschwindigkeit. Das war das beste<br />
Training. Wenn ich heute ein Konzert von<br />
90 Minuten spiele, kommt mir das wie ein<br />
Spaziergang im Park vor.“<br />
Aktuelle CD:<br />
Sons of Kemet, Moses Boyd, Kokoroko, Theon Cross<br />
Trio u.a.: We Out Here (Brownswood / Rough Trade)
Mit Bijou Voyou Caillou <strong>–</strong> für deutsche Zungen schwer<br />
auszusprechen <strong>–</strong> legt das Quintett des französischen<br />
Pianisten Florian Pellissier bereits sein viertes Album vor.<br />
Die reine akustische Lehre hat die Fünferbande allerdings<br />
noch nie interessiert, und so gastieren auch auf Album<br />
Nummer vier Leute wie der karibische Rapper Anthony<br />
Joseph.<br />
Von Rolf Thomas<br />
Florian Pellissier scheint sich schnell zu<br />
langweilen. Denn er unterhält nicht nur seit<br />
nunmehr sechzehn Jahren dieses Quintett,<br />
er hat auch die Latin-Funk-Band Setenta<br />
gegründet, mischt bei der Jazz-Funk-Truppe<br />
Cotonete mit und stützt das Camarao Orkestra<br />
bei seinen Afro-, Soul- und Brazil-Ausflügen<br />
mit seinem soliden und stets ziemlich<br />
heftig groovenden Klavierspiel. Darüber<br />
hinaus ist Pellissier fester Live-Keyboarder<br />
beim französischen HipHop- und Downbeat-<br />
Spezialisten Guts.<br />
Doch seine Lieblingsband ist nach<br />
eigenen Worten das nach ihm benannte<br />
akustische Quintett, mit dem er der<br />
Hardbop-Tradition im Geiste der klassischen<br />
Blue-Note-Jahre von Musikern wie<br />
Art Blakey, Herbie Hancock oder Duke<br />
Pearson nacheifert. Schon mit dem vor<br />
sechs Jahren erschienenen Debütalbum<br />
Le Diable Et Son Train gelang es Florian<br />
Pellissier, sowohl Jazzfans als auch -kritiker<br />
auf seine Seite zu ziehen.<br />
Pellissiers eingangs erwähnter<br />
Personalstil verwandelt schon den Opener<br />
des neuen Albums mit dem schönen Titel<br />
„Fuck with the Police“ in ein dampfendes<br />
Treibhaus. Zum Quintett um den Trompeter<br />
und Flügelhornisten Yoann Loustalot und<br />
den Tenor- und Sopransaxfonisten Christophe<br />
Panzani gesellt sich auf diesem Stück<br />
noch der Perkussionist Roger Raspail mit<br />
seiner Gwo-Ka-Percussions, um Schlagzeuger<br />
David Georgelet und Bassist Yoni<br />
Zelnik, der sonst auch beim israelischen<br />
Pianisten Yonathan Avishai zu hören ist, zu<br />
verstärken. Mit eleganter Majestät gleitet<br />
das harmonisch satte „South Beach“<br />
dahin, bevor mit dem Titelsong und „Hibou<br />
Bleu“ gleich zwei Stücke folgen, bei denen<br />
Arthur Higelin alias Arthur H. zu hören ist.<br />
Der Sänger ist ein maßgeblicher Vertreter<br />
des neuen Chanson Française und hat<br />
sich auch schon als Multiinstrumentalist<br />
einen Namen gemacht. Mit seinem lässig<br />
hingeraunten Gesang macht er jedenfalls<br />
vor allem „Hibou Bleu“ zu einem echten<br />
Highlight.<br />
Florian<br />
Pellissier<br />
Quintet<br />
Klassischer Jazz<br />
ohne Dogma<br />
© Laurène Berchoteau<br />
12<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Direkt aus einem Horace-Silver- oder<br />
Lee-Morgan-Album der späten 50er oder<br />
frühen 60er könnte das lässig im Walzertakt<br />
dahinschaukelnde „Coup De Foudre<br />
A Thessalonique“ stammen <strong>–</strong> mit seinem<br />
butterweichen Flügelhorn lässt Loustalot<br />
die Herzen schmelzen, während Pellissiers<br />
perlendes Solo einem das Herz dann<br />
wieder zurück in den Brustkorb rammt.<br />
Auch das anschließende, nur knapp drei<br />
Minuten kurze „Colchiques Dans Les Pres“<br />
<strong>–</strong> ein Song der französischen Chanson-<br />
Sängerin Francine Cockenpot, die in<br />
diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre<br />
<strong>–</strong> lässt den klassischen Blue-Note-Jazz<br />
der 60er Jahre wieder aufleben, die Bläser<br />
liefern sich ein packendes Duell, während<br />
der Rest der Band ein richtiges Rhythmus-<br />
Feuerwerk abbrennt.<br />
Auf „Boca“ kommt dann der eingangs<br />
erwähnte Anthony Joseph zu einer Stippvisite<br />
vorbei. Sein hypnotischer Sprechgesang<br />
lässt den Labelkollegen nicht nur gut<br />
aussehen, er hat auch den Text, den er mit<br />
zunehmender Autorität vom Stapel lässt,<br />
selbst geschrieben. Joseph ist ja nicht nur<br />
Musiker <strong>–</strong> sein Album Rubber Orchestra<br />
mit seiner Spasm Band hat ihn bekannt<br />
gemacht <strong>–</strong>, sondern hat bereits als kleiner<br />
Junge Texte geschrieben. So wurde er<br />
vor 15 Jahren denn auch zuerst als Poet<br />
und Schriftsteller berühmt, der trotz seiner<br />
karibischen Herkunft <strong>–</strong> Anthony Joseph<br />
wurde 1966 auf Trinidad geboren <strong>–</strong> umstandslos<br />
von seiner Wahlheimat Großbritannien<br />
eingemeindet wurde, indem er zum<br />
Beispiel vom British Council als Poet in<br />
Residence an die California State University<br />
nach Los Angeles geschickt wurde. Erst<br />
2007 gründete Joseph die Spasm Band und<br />
hat seit 2012 auch Soloplatten aufgenommen.<br />
Auf „Boca“ setzt er sich mit seinen<br />
Exil-Erfahrungen auseinander, und in<br />
einem wahren Jazz-, Rap- und Poetry-<br />
Marathon von acht Minuten überstürzen<br />
sich die Erfahrungen geradezu, bis der<br />
Song schließlich trotz des ernsten Themas<br />
in karibischer Ausgelassenheit endet.<br />
Danach ist dann wieder „richtiger“<br />
Jazz angesagt, denn bei den letzten vier<br />
Stücken des Albums bleibt das Florian<br />
Pellissier Quintet unter sich. Die dringliche<br />
Up-Tempo-Nummer „Colosse De Rhodes“<br />
weiß dabei genauso zu überzeugen wie<br />
die lyrische Ballade „Espion“. Mit dem<br />
abschließenden „Jazz Carnival“ errichten<br />
die Franzosen dann der brasilianischen<br />
Fusion-Band Azymuth ein Denkmal. Mit<br />
viel Verve und Perkussion feiert Pellissiers<br />
Fünferbande Karneval und lässt den Hörer<br />
mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht<br />
zurück.<br />
Aktuelle CD:<br />
Florian Pellissier Quintet: Bijou Voyou Caillou<br />
(Heavenly Sweetness / Broken Silence)<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />
13
Paulo Morello<br />
Das Beste zweier Welten<br />
© Oscar Henn<br />
Die Leichtigkeit des Samba und die Variationsfreudigkeit des<br />
modernen Jazz sind untrennbar mit Paulo Morello verknüpft. Ob mit<br />
Bossa-Nova-Maestros wie Johnny Alf oder Saitenvirtuosen wie Pat<br />
Martino und Philip Catherine an seiner Seite <strong>–</strong> immer fühlt er sich wie<br />
zu Hause. Doch erst jetzt ist es dem Gitarristen gelungen, die beiden<br />
Welten wirklich zusammenzuführen und im Sambop die perfekte<br />
Synthese zwischen feuriger Rhythmik und komplexer Harmonik zu<br />
finden. Dank einer Freundin <strong>–</strong> und seines brasilianischen Pendants.<br />
Von Thomas Kölsch<br />
„Im Laufe meiner Karriere<br />
habe ich schon mit vielen<br />
herausragenden brasilianischen<br />
Gitarristen gespielt“, erzählt<br />
Morello und lacht. „Doch die<br />
meisten von ihnen verfügen<br />
nicht über das Vokabular des<br />
Jazz.“ Jene Stilmittel also, die<br />
Morello zunächst in Nürnberg<br />
bei Helmut Kagerer und später<br />
in New York beim legendären<br />
Jim Hall erlernte, die Skalen und<br />
Voicings, die Ornamentik und die<br />
entsprechenden Phrasierungen.<br />
„Umgekehrt ist zum Beispiel<br />
der von mir sehr verehrte Pat<br />
Martino nicht der Richtige, um<br />
lateinamerikanische Musik aufzunehmen.<br />
Zumindest nicht die<br />
echte. Die Amerikaner haben<br />
irgendwann die Stilistiken aus<br />
jenen Ländern in den Jazz integriert<br />
und sie an ihre Hörgewohnheiten<br />
angepasst, aber das lässt<br />
sich einfach nicht vergleichen.<br />
Insofern habe ich lange keinen<br />
Gitarristen getroffen, der sich in<br />
beiden Spielweisen wohlfühlte.“<br />
Bis der Zufall ihn mit Lula Galvão<br />
zusammenführte. „Dem Namen<br />
nach kannte ich ihn natürlich<br />
schon länger, weil er der Begleiter<br />
von Rosa Passos ist, aber ich<br />
hatte ihn noch nie getroffen“,<br />
erinnert sich Morello. „Irgendwann<br />
sprach mich dann die<br />
Kölner Sängerin Ulla Haesen an,<br />
eine gute Freundin von mir, und<br />
sagte, ich müsse unbedingt mal<br />
was mit Lula machen, wir seien<br />
die ideale Kombination. Sie hatte<br />
recht: Er beherrscht die komplexen<br />
brasilianischen Rhythmen<br />
ebenso wie moderne Harmonien<br />
und das improvisatorische<br />
Repertoire eines Jazz-Musikers.<br />
Kurzum, er ist genau der, nach<br />
dem ich gesucht habe.“<br />
Morellos Liebe zu Samba,<br />
Bossa Nova, Choro, Forró und<br />
Maracatu erwuchs aus einer<br />
Begegnung mit Romero Lubambo<br />
und seinem Trio da Paz.<br />
„Während ich in New York war,<br />
ging ich gerne zum Samstagsbrunch<br />
in einen Coffee Shop, wo<br />
das Trio spielte. Für mich war<br />
das eine Offenbarung <strong>–</strong> so eine<br />
Musik hatte ich zuvor noch nie<br />
gehört. Ich war völlig begeistert<br />
und beschäftigte mich intensiv<br />
mit diesen Klängen und Rhythmen.“<br />
Eine Reise nach Rio de<br />
Janeiro vertiefte die Faszination<br />
nur noch; aus den ursprünglich<br />
geplanten zwei Wochen wurden<br />
zwei Monate, zum einen wegen<br />
der Musiker, mit denen sich Morello<br />
ständig traf, zum anderen<br />
wegen seiner Frau, die damals<br />
an einer deutschen Schule in<br />
14 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Rio unterrichtete. Ersteres resultierte<br />
schließlich in dem Projekt<br />
Bossa Nova Legends, Letzteres<br />
in einer glücklichen Ehe.<br />
Gleiches könnte man nun<br />
auch über Sambop sagen:<br />
Die Vereinigung von Straight-<br />
Ahead-Jazz und Samba wirkt<br />
auf dem Album völlig organisch<br />
und authentisch, überhaupt<br />
nicht aufgesetzt und bemüht,<br />
sondern so, als ob es ein derartiges<br />
Amalgam schon immer<br />
gegeben hätte. Standards wie<br />
Duke Ellingtons „I‘m Just a<br />
Lucky So-And-So“ oder Cole<br />
Porters „You‘d Be So Nice to<br />
Come Home To“ werden elegant<br />
brasilianisiert, getrieben von<br />
dem feinen und doch omnipräsenten<br />
Duo aus Dudu Penz (b)<br />
und Mauro Martins (dr), die<br />
eben jene entspannten Grooves<br />
zaubern, die diese Musik<br />
benötigt. Auf diesem Fundament<br />
werfen sich Morello und Lula<br />
Galvão genüsslich die Bälle<br />
zu, geben sich mal erfrischend<br />
funky, dann wieder herrlich<br />
verführerisch.<br />
Erfreulicherweise verzichten<br />
die beiden auch auf<br />
ausufernde Soli, halten die<br />
Stücke vielmehr zusammen und<br />
schaffen gerade durch die Verknappung<br />
eine besondere Stimmung.<br />
„Mir war sehr wichtig,<br />
dass die CD angenehm zu hören<br />
ist“, betont Morello. „Ich höre<br />
mir nicht allzu oft meine eigenen<br />
Platten an, aber ab und zu lege<br />
ich mal die alten Aufnahmen auf<br />
und stelle dann mitunter fest,<br />
dass ich gewisse Stücke einfach<br />
nicht hören möchte. Daran<br />
hat wahrscheinlich auch Philip<br />
Catherine seinen Anteil.“ Inwiefern?<br />
„Nun, mit ihm spiele ich<br />
ja im Trio, und er bremst mich<br />
gerne mal ein bisschen runter.<br />
Weniger ist eben oft mehr, das<br />
erfahre ich im Zusammenspiel<br />
mit ihm immer wieder.“<br />
Auch der Austausch mit<br />
Galvão ist ein Erlebnis. So ist<br />
etwa „Migalhas de Amor“ ein<br />
fantastischer Dialog zweier<br />
Gitarristen auf Augenhöhe,<br />
die sich unglaublich viel zu<br />
erzählen haben. „Es war schon<br />
toll, das Album aufzunehmen“,<br />
sagt Morello. „Wir haben uns<br />
erst drei Tage zuvor zum ersten<br />
Mal getroffen und waren direkt<br />
auf einer Wellenlänge.“ Das<br />
hört man, und so dürfte der<br />
Erfolg nicht nur in Deutschland,<br />
sondern auch in Brasilien nicht<br />
lange auf sich warten lassen.<br />
„Die Brasilianer sind ja ohnehin<br />
totale Gitarrenfans“, erzählt Morello.<br />
„Bei früheren Tourneen bin<br />
ich da vom Publikum angehimmelt<br />
worden, das war echt unglaublich.“<br />
Bleibt zu hoffen, dass<br />
dies auch bei „7 x 1“ so bleiben<br />
wird <strong>–</strong> einem Stück, das Morello<br />
mit Blick auf den Sieg der deutschen<br />
gegen die brasilianische<br />
Fußballnationalmannschaft bei<br />
der WM 2014 geschrieben hat.<br />
„Bislang fanden das alle lustig.<br />
Es ist aber auch eine Reminiszenz<br />
an Pixinguinhas berühmten<br />
Choro ,1 x 0‘ von 1919, mit dem<br />
dieser damals einen Sieg gegen<br />
Uruguay feierte und den ich<br />
zitiere. Diese Melodie kennt in<br />
Brasilien wirklich jeder.“ Hierzulande<br />
kann das ja noch kommen.<br />
Aktuelle CD:<br />
Paulo Morello: Sambop<br />
(In + Out / In-Akustik)<br />
© David Plate<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 15
e.s.t. „Du weißt nie, wie dünn das Eis ist“<br />
© Göran Petersson<br />
16 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Das Esbjörn Svensson Trio, kurz e.s.t., gehört ohne Frage<br />
zu den wichtigsten Formationen in der Geschichte des<br />
europäischen Jazz. Die Erfolgskurve des schwedischen Trios<br />
stieg nicht nur bei Jazz-Fans unaufhörlich nach oben, bis ihr<br />
Verlauf durch den überraschenden Tod von Pianist Esbjörn<br />
Svensson abriss. Das ist jetzt zehn Jahre her. Zu diesem<br />
traurigen Anlass veröffentlicht ACT unter dem Titel Live in<br />
London einen Konzertmitschnitt von 2005.<br />
verstreichen lassen wollte. Um nicht missverstanden<br />
zu werden: Er wirkte gesund,<br />
fokussiert und war keineswegs in Endzeitstimmung.<br />
Da war keine Ahnung von einem<br />
nahen Ende oder dergleichen spürbar. Für<br />
Esbjörn Svensson, aber auch für Magnus<br />
Öström und Bassist Dan Berglund war<br />
jeder einzelne Moment des Lebens eine<br />
geschenkte Ewigkeit, die es sinnvoll zu<br />
gestalten galt. Mit den Begrifflichkeiten und<br />
Ritualen der Jazzgemeinde hatten sie wenig<br />
im Sinn. Die Musik der drei Schweden<br />
war mehr als alles andere ein kollektiver<br />
Bewusstseinsstrom, für den die Kompositionen<br />
nur den äußeren Rahmen gaben.<br />
„Es ist schwer zu beschreiben, woher<br />
das kam. Wir waren drei Individuen, die ja<br />
auch unterschiedliche Stimmungen haben<br />
konnten. Insofern trafen wir unbewusst an<br />
jedem Abend eine neue Verabredung. Es ist<br />
eines dieser Jazzklischees, aber tatsächlich<br />
spielt die Energie des Raumes, in dem du<br />
auftrittst, eine wichtige Rolle. Du musst das<br />
Momentum finden, in das du dich einklinken<br />
kannst. Und du weißt nie, wie dünn das Eis<br />
ist. Es ging uns immer darum, mit dem Publikum<br />
zu einer Einheit zu verschmelzen. Wir<br />
spielten ja keine regulären Soli, sondern<br />
jeder im Trio war unentwegt gefordert. Es<br />
ging um die Musik, nicht um die drei Egos.<br />
Und das ist in diesem Fall kein Klischee.<br />
Inzwischen ist diese Haltung für viele<br />
Jazzmusiker selbstverständlich geworden,<br />
aber vor anderthalb Jahrzehnten ging<br />
es im Jazz noch vordergründig um Leistung.<br />
Die Musik von e.s.t. war ein Paradigmenwechsel,<br />
der dem Trio ein so dankbares<br />
Publikum wie an jenem Abend im Barbican<br />
garantierte. Vor allem klang das Trio nie nur<br />
wie ein Piano-Trio, denn selbst eingedenk<br />
der Tatsache, dass die drei Musiker dezent<br />
Electronics einsetzten, stecke das alles<br />
doch voller Obertöne. Öström rekapituliert,<br />
dass oft Klänge im Raum standen, von<br />
Von Wolf Kampmann<br />
London, Barbican, 20. Mai 2005. Magnus<br />
Öström, damals Drummer von e.s.t.,<br />
versucht sich heute an diesen speziellen<br />
Abend zu erinnern. „Wir haben ja mehrfach<br />
in dieser wundervollen Halle gespielt,<br />
insofern geraten die Erinnerungen an die<br />
einzelnen Auftritte womöglich durcheinander.<br />
Wir hatten buchstäblich im Pizza<br />
Express begonnen, und plötzlich standen<br />
wir im ausverkauften Barbican vor 2000<br />
Menschen. Mehr kann man mit dieser<br />
Musik nicht erreichen. Das war ein besonderer<br />
Moment. Wenn ich mir heute diese<br />
Aufnahmen anhöre, fühlt es sich für mich<br />
keinen Tag älter an. Ich kann die Energie<br />
noch spüren. Aber ich höre in der Aufnahme<br />
eben nicht nur den Augenblick, sondern<br />
auch die Zeit, die wir damals miteinander<br />
verbrachten.“<br />
Für sich genommen ist diese Aussage<br />
nicht weiter überraschend, wäre da<br />
nicht ein nahezu unerträglicher Moment<br />
der Stille, nachdem Öströms letztes Wort<br />
verklungen ist. Er ringt um Fassung, blickt in<br />
die Unendlichkeit. Ist da jemand? Eine Leerstelle<br />
wird spürbar. Es ist oft darüber spekuliert<br />
worden, wer die Lücke von Esbjörn<br />
Svensson bzw. e.s.t. schließen würde, aber<br />
die Stelle des Schweden wird wohl immer<br />
leer bleiben. Denn die definitive Version des<br />
Trios gab es trotz personeller Kontinuität<br />
nicht. Auf ihrem letzten regulären Album<br />
Leucocyte war die Band im Begriff, ihren<br />
eigenen Mythos zu zertrümmern, um aus<br />
seinen Ruinen umso größer aufzusteigen.<br />
Doch davon war man zum Zeitpunkt des<br />
London-Konzerts noch weit entfernt. Man<br />
hatte gerade die ersten Songs vom drei<br />
Monate später erscheinenden Erfolgsalbum<br />
Viaticum im Köcher. „Wir hatten ja schon so<br />
viele Jahre zusammengespielt“, so Öström.<br />
„Wann immer wir auf die Bühne kamen,<br />
war die Energie bereits da, und es war<br />
leicht, sie zu greifen. Natürlich gab es langweilige<br />
Reisen und ätzende Wartezeiten<br />
auf Flughäfen. Aber sowie wir zusammen<br />
auf der Bühne standen, war all das weg. Es<br />
ging immer um den Moment.“<br />
Das deckt sich mit Aussagen Svenssons<br />
in den letzten Jahren seines Lebens.<br />
Der Pianist wirkte wie ein Getriebener, der<br />
keinen Moment seiner Existenz ungenutzt<br />
denen niemand wusste, woher sie kamen.<br />
Es sei um die Klangfarben gegangen, nicht<br />
um die Instrumente.<br />
All diese Besonderheiten und Alleinstellungsmerkmale<br />
können nicht über den<br />
Fakt hinwegtäuschen, dass e.s.t. Geschichte<br />
ist. Dennoch erscheinen weiterhin Alben<br />
des Trios. Bleibt am Ende die Frage an Magnus<br />
Öström, warum ausgerechnet dieses<br />
Konzert von 1995 für das Gedenk-Jubiläum<br />
ausgewählt wurde. „Das war immerhin eine<br />
Aufnahme, die wir uns noch gemeinsam<br />
mit Esbjörn angehört hatten. Wir dachten<br />
schon damals, dass die Aufnahme gut klingt<br />
und wir vielleicht etwas damit machen<br />
sollten. Das Besondere war vielleicht, dass<br />
unser Tontechniker das Konzert heimlich<br />
aufnahm. Er hatte keine Erlaubnis, in der<br />
Halle aufzunehmen. Wir haben das später<br />
geklärt, aber wir spielten, ohne zu wissen,<br />
dass alles mitgeschnitten wird.“<br />
Aktuelle CD:<br />
e.s.t.: Live in London (ACT / Edel:Kultur)<br />
© Göran Petersson<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 17
Easy Listening und Lounge sind im Jazz nicht unbedingt Label, mit<br />
denen man bezeichnet werden möchte. Es sei denn, man heißt<br />
De-Phazz. Die Formation um Sample-Großmeister Pit Baumgartner<br />
hat ihre breite stilistische Palette, die von Dub und Electro-Swing<br />
über Bossa Nova, Soul, Blues und Funk reicht, seit jeher dazu<br />
eingesetzt, hochwertige Club-Musik zu schaffen. Zum 20. Geburtstag<br />
meldet sich De-Phazz nun mit einem Album zurück, das noch runder,<br />
anspruchsvoller und erwachsener ist als die Vorgänger.<br />
De-Phazz<br />
Schürfer seltener Töne<br />
Von Thomas Kölsch<br />
Der erste Schritt zu einem neuen Album führt<br />
ins Archiv. Oder vielmehr in jene Mine aus<br />
Klängen und Tönen, in der Pit Baumgartner<br />
gerne mal nach Juwelen sucht, nach<br />
musikalischen Phrasen und Linien, die ihn<br />
ansprechen und dazu auffordern, mehr aus<br />
ihnen zu machen. Tage und Wochen kann<br />
das De-Phazz-Mastermind damit verbringen,<br />
nach den passenden Puzzleteilen für neue<br />
Songs zu suchen und sie gleichsam aus dem<br />
Datenwust herauszuschlagen. „Ich schürfe<br />
Musik“, sagt Baumgartner selbst und lacht.<br />
„Ich komme ja ursprünglich vom Hörbuch<br />
und bin vielleicht kein begnadeter Komponist,<br />
aber ich habe ein gutes Gespür dafür, was einen<br />
erfolgreichen Pop-Song ausmacht. Nach<br />
diesen Elementen suche ich, um sie dann so<br />
lange zu bearbeiten, bis sie gewissermaßen<br />
organisch miteinander verschmelzen.“<br />
„Für das aktuelle Album Black White<br />
Mono bin ich zum Beispiel auf das Quartett<br />
Les Primitifs gestoßen“, erzählt er. „Ich hatte<br />
für die Band einen Remix gemacht und war<br />
völlig begeistert von dem Akustikbass und<br />
der kleinen Trommel, die die verwenden. Also<br />
habe ich sie gebeten, mir die entsprechenden<br />
Spuren zu überlassen. Daraus entstand dann<br />
die Grundierung unseres Albums, auf etwa<br />
einem halben Dutzend Tracks habe ich diese<br />
Sounds verarbeitet.“ Andere Fragmente hat er<br />
selbst eingespielt oder von Kollegen aufnehmen<br />
lassen, um sie dann zu verarbeiten. „Etwa<br />
80 Prozent der Gitarrenparts habe ich elektronisch<br />
bearbeitet, sie gespiegelt, umgekehrt<br />
oder modifiziert“, erklärt Baumgartner. „Ein Gitarrist<br />
würde das wahrscheinlich live niemals<br />
so spielen, aber mir gefällt es so einfach.“<br />
20 Jahre hat De-Phazz inzwischen auf<br />
dem Buckel. 20 Jahre, in denen die aus einer<br />
reinen Projektidee geborene Formation rund<br />
um die Welt gereist ist. In Anchorage, in<br />
Katmandu oder auf Ibiza hat die Band schon<br />
gespielt. „Interessanterweise haben wir im<br />
Ausland oft größeren Anklang gefunden als in<br />
Deutschland“, sagt Baumgartner. „Bei Jazzern<br />
gelten wir hierzulande oft als zu poppig,<br />
bei Pop-Liebhabern dagegen als zu jazzig.“<br />
Dabei ist De-Phazz live immer noch etwas<br />
völlig anderes als De-Phazz in digitaler Form.<br />
„Auf der Bühne sind wir deutlich lauter und<br />
energiegeladener“, betont Baumgartner, der<br />
aber auch gesteht, dass die Auftritte nicht zu<br />
seinen Stärken gehören. „Ich bin einfach kein<br />
Bühnenmensch. Wenn ich eine Durchsage<br />
machen müsste, weil irgendwo ein Auto falsch<br />
steht, würde ich wahrscheinlich schon zu viel<br />
© Claus Geissgross<br />
kriegen.“ Dabei schnallt er sich doch gerne<br />
mal selbst die Gitarre um. „Das stimmt, und<br />
ich freue mich auch immer auf die Tour, aber<br />
ich bleibe trotzdem lieber im Hintergrund. Wir<br />
haben andere, die bei den Konzerten Vollgas<br />
geben. Pat Appleton zum Beispiel, oder Karl<br />
Frierson. Die brauchen das. Ich könnte dagegen<br />
auch gut allein in meinem Studio bleiben.<br />
Ich bin einfach ein etwas leiserer Typ.“<br />
Gleichzeitig lassen De-Phazz gerade auf<br />
dem neuen Album durchaus gesellschaftskritische<br />
Töne vernehmen, wehren sich auf ihre<br />
Weise gegen Missstände. „No God, No Trouble,<br />
No Prophets, No Lies“, heißt es im gleichnamigen<br />
Stück, dem einzigen mit einer derart<br />
klaren Aussage. Lieber geht die Band einen<br />
Umweg, greift zu Anspielungen und überlässt<br />
es dem Publikum, die Texte zu entschlüsseln<br />
oder einfach nur die Musik zu genießen. Doch<br />
wer will, wird auch fündig, etwa bei „I Smell a<br />
Rat“. „Bei dem Stück haben wir uns von der<br />
AfD inspirieren lassen“, sagt Baumgartner.<br />
„Eigentlich hatten wir ja alle gedacht, dass wir<br />
fremdenfeindliches Gedankengut inzwischen<br />
hinter uns gelassen hätten, und jetzt tauchen<br />
nach 70 Jahren wieder diese Gestalten auf.“<br />
Und dann wäre da noch „All Inclusive“: „Ich<br />
hatte diese leichte Samba-Nummer gefunden,<br />
ganz bezaubernd. Aber eigentlich war mir<br />
die Musik in ihrer Schönheit schon wieder zu<br />
platt. Ich wollte sie aufrauen und habe Pat um<br />
Rat gefragt. Gemeinsam kamen wir dann auf<br />
die Idee, das Lied auf eine Wohlfühloase zu<br />
beziehen, die von Scharfschützen bewacht<br />
werden muss. Ich finde es schlimm, wenn<br />
sich Menschen in einem Fünf-Sterne-Ressort<br />
vergnügen, während nur ein paar Straßenzüge<br />
weiter fast schon bürgerkriegsähnliche<br />
Zustände herrschen. Also haben wir den<br />
Sniper mit in den Song geschrieben und den<br />
Samba mit ein paar verstörenden Klängen unterlegt.<br />
Das macht für mich einen großen Teil<br />
des Reizes von De-Phazz aus: Dass wir Dinge<br />
verbinden können, die sonst nicht zusammenkommen<br />
würden.“<br />
Natürlich ist die Platte trotz dieser Untertöne<br />
und Subtexte noch immer vergleichsweise<br />
gefällig, ist eben Easy Listening im<br />
wahrsten Sinne des Wortes. „Das finde ich<br />
aber gar nicht mal schlecht“, sagt Baumgartner.<br />
„Das ändert ja nichts daran, dass unser<br />
Anspruch ziemlich hoch ist.“ Und etwas<br />
leicht klingen zu lassen, ist ohnehin eine<br />
Kunst. Vor allem live. „Im September gehen<br />
wir noch mal auf Deutschland-Tour, und ich<br />
bin schon sehr gespannt, wie wir dann klingen<br />
werden“, sagt Baumgartner. Und bis dahin?<br />
„Ach, stillsitzen kann ich kaum. Derzeit<br />
habe ich die Ehre, das gesamte Material von<br />
Bert Kaempfert zu verwursten. Und danach<br />
muss ich mal schauen.“ Irgendwas wird sich<br />
für den Bastler Baumgartner schon finden.<br />
Aktuelle CD:<br />
De-Phazz: Black White Mono<br />
(Phazzadelic / Al!ve / finetunes)<br />
18 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Volker Engelberth<br />
Im Rausch der Farben<br />
© Sven Götz<br />
20 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Die letzten Jahre meinten es gut mit ihm. 2016 der Jazzpreis<br />
des Landes Baden-Württemberg, im Jahr darauf der<br />
Jazzpreis der Stadt Worms und im Zuge dessen vielfältigste<br />
Möglichkeiten, live aufzutreten. Nun lotet der deutsche<br />
Pianist Volker Engelberth auf seinem neuesten Album<br />
Prismatic Colours den Farbenkreis musikalisch aus <strong>–</strong> und<br />
schon wieder klingt es preisverdächtig.<br />
Von Andreas Collet<br />
Die Gelegenheit, für ein fünfköpfiges<br />
Ensemble zu schreiben, hatte Volker<br />
Engelberth zum ersten Mal auf dem 2016<br />
erschienenen Vorgängeralbum Jigsaw<br />
Puzzles. Seit 2015 spielt er nun schon in der<br />
Besetzung mit Bastian Stein (tp, flh) und<br />
Alexander „Sandi“ Kuhn (ts), die Rhythmusgruppe<br />
mit Arne Huber (b) und Silvio Morger<br />
(dr) existiert gar bereits seit 2012. Die<br />
vergangenen Jahre waren eine intensive<br />
Zeit für die Band. Gestählt durch zahlreiche<br />
Konzerte, genossen alle die Zeit der Reife<br />
und konnten so zu ihrem bandtypischen,<br />
dichten Gruppenspiel finden. „Ich weiß nun,<br />
wie die Jungs ticken, und das wiederum<br />
konnte ich in meine Kompositionen einfließen<br />
lassen“, sagt Engelberth.<br />
Er wollte etwas Neues wagen, dabei<br />
geriet der Farbenkreis in seinen Fokus und<br />
versprach die Möglichkeit, Stücke miteinander<br />
zu verknüpfen und so einen magischen,<br />
subtil mäandernden musikalischen<br />
Fluss zu generieren. „Sicherlich ist hier<br />
mehr ausgeschrieben und arrangiert, aber<br />
nicht zwingend zulasten der Improvisation,<br />
den Song-Charakter wollte ich unbedingt<br />
wahren“, erklärt Engelberth. „Gerade die<br />
Rhythmusgruppe genießt in den langen ausgeschriebenen<br />
Teilen eine riesige Freiheit.“<br />
Mit den unterschiedlichen Konzepten<br />
des Farbenkreises von Isaac Newton oder<br />
Johann Wolfgang von Goethe befasste sich<br />
Engelberth nur rudimentär, da Musik für ihn<br />
schon immer eine gewisse Klangfarbe beinhaltet.<br />
So spielt er auf Prismatic Colours mit<br />
den unterschiedlichsten Themen und Melodiefragmenten,<br />
lässt diese sich überlagern,<br />
simultan zum Farbverlauf des Farbenkreises.<br />
Im Endeffekt dreht sich dieser vom Rot<br />
des Intros hin zum Outro, das ebenso in Rot<br />
endet. So startet die Aufnahme mit einem<br />
Motiv in E-Dur, und in derselben Tonart<br />
schließt sich auch der Kreis.<br />
Es sind die Stimmungen, beziehungsweise<br />
deren Bögen, die Engelberth in<br />
den verschiedenen Farben wahrnimmt.<br />
So schwelgt der gesamte rote Teil in all<br />
seinen Facetten in einem sehr warmen<br />
Timbre <strong>–</strong> sowohl das klassisch gesetzte<br />
Intro als auch der große Hauptteil mit<br />
seinem bestimmenden Piano-Patterns, den<br />
schwebenden Bläserlinien und dem langen<br />
Trio-Rubato-Teil, der ganz und gar nicht<br />
frickelig oder gar hastig daherkommt. Die<br />
Ballade „Yellow“ erklingt in H-Dur und einer<br />
eher hellen Klangfarbe. „Green“, mit seinen<br />
kurzen Improvisationen, hat einen sehr<br />
lebhaften Charakter, und der abschließende<br />
blaue Teil klingt mit seinen eher dunkel<br />
gehaltenen Akkorden bluesiger, mit einer<br />
verführerischen Tiefe, in die man geradezu<br />
hineinzugleiten scheint, komplettiert aber<br />
schlussendlich wieder den Kreis und führt<br />
zu Rot zurück.<br />
Die Musik klingt komplex, durchdacht,<br />
aber zu keinem Zeitpunkt akademisch. Ihr<br />
ganz großes Pfund dabei ist: Sie wahrt sich<br />
stets eine einnehmende Frische und Vitalität.<br />
„Ich habe immer an die jeweiligen Spieler<br />
gedacht. Wo fühlen sie sich wohl? Wie<br />
können sie sich am besten ausdrücken? Es<br />
freut mich sehr, ihnen die passenden Spielwiesen<br />
auf den Leib schreiben zu dürfen.“<br />
Live gibt es zusätzlich das Zwiegespräch<br />
zwischen Band und Publikum mit den<br />
mannigfaltigsten Einflüssen, die den Verlauf<br />
eines Konzertes beeinflussen und einen<br />
ganz woanders hintreiben lassen können.<br />
Die Studioarbeit ist aber eine vollkommen<br />
andere. Ein Tag im Studio kann sich ziehen,<br />
man probiert dies, man probiert das. Der<br />
Studioalltag kann dabei auch wie ein<br />
Spiegel fungieren, einem Dinge vor Augen<br />
führen, die so im Konzert noch nicht aufgefallen<br />
sind. Gerade in den langen ausnotierten<br />
Sätzen bietet sich einem dann noch<br />
mal die Möglichkeit des Überdenkens. „Ich<br />
bin kein Freund davon, mit neuen Stücken<br />
ins Studio zu gehen, ohne zuvor mit diesen<br />
live Erfahrung gesammelt zu haben“, erklärt<br />
Engelberth.<br />
Selbst wenn sich mal einer der beiden<br />
Bläser weit aus dem Fenster lehnt, hält die<br />
über die Jahre zusammengeschweißte<br />
Rhythmusgruppe die Sache zusammen.<br />
„Wenn man sich besser kennt, kann man<br />
mehr auf Risiko gehen. Da gibt es diesen<br />
Rückhalt <strong>–</strong> und nur selten Angstmomente,<br />
in denen man denkt: Hoffentlich geht die<br />
Nummer gut.“ Jeder hat den Fokus auf der<br />
Musik, aber keiner hat den Drang, sich zu<br />
profilieren; und diese tiefe Verbundenheit<br />
und Freundschaft, die weit über das gemeinsame<br />
Musizieren geht, ist in jedem der<br />
Stücke hörbar.<br />
Aktuelle CD:<br />
Volker Engelberth: Prismatic Colours<br />
(Unit / Harmonia Mundi)<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 21
DalIa FaItelson<br />
Wie einst Marlene<br />
Dietrich<br />
Die israelische Sängerin, Gitarristin und<br />
Komponistin Dalia Faitelson ist in ihrer<br />
Wahlheimat Dänemark beliebt und hoch<br />
angesehen. Für ihr letztes Album As the World<br />
Sleeps bekam sie den Danish Music Award<br />
für das „Best Vocal Jazz Album 2014“. Für ihr<br />
neues Album Powered By Life hat sie sich nun<br />
erstmals mit dem großen dänischen Pianisten<br />
Thomas Clausen zusammengetan. Mit ihm und<br />
einer kleinen Band präsentiert Faitelson acht<br />
Songs zwischen Jazz und Folk.<br />
Von Rolf Thomas<br />
Dalia Faitelson wurde 1963 in<br />
Israels Negev-Wüste geboren<br />
und hat in Jerusalem und<br />
Boston studiert. Danach zog<br />
sie nach Kopenhagen und hat<br />
seitdem zehn Alben eingespielt,<br />
Powered By Life ist das elfte.<br />
Ihre Musik ist eine eigenartige<br />
Mischung aus Jazz, Brecht/<br />
Weill, nahöstlichen und<br />
Balkan-Melodien, denn sie<br />
hat auch bulgarische Wurzeln.<br />
Sie hat schon mit international<br />
renommierten Musikern<br />
wie Randy Brecker, Manolo<br />
Badrena, Marilyn Mazur, Adam<br />
Nussbaum, Jarrod Cagwin<br />
und Chris Cheek gespielt und<br />
in Dänemark einen Preis nach<br />
dem anderen abgeräumt, unter<br />
anderem einen dänischen<br />
Grammy für ihr Album Diamond<br />
of the Day (Stunt, 2000) und fünf<br />
Jahre später den „Composer of<br />
the Year Award“ der dänischen<br />
Komponisten-Vereinigung.<br />
Dalia Faitelson ist als<br />
Tochter eines israelischen<br />
Vaters und einer bulgarischen<br />
Mutter eine echte Weltbürgerin<br />
und seit ihrer Kindheit mit den<br />
Volksmusiken des Nahen Ostens<br />
vertraut. Ihre musikalische<br />
Entwicklung ging vom Jazz zu<br />
einem eher weltmusikalischen<br />
Ansatz mit der Band Pilpel <strong>–</strong> auf<br />
Deutsch heißt das „Pfeffer“ <strong>–</strong>,<br />
in der sie erstmals hebräisch<br />
sang. Über ihr Jazzalbum Point<br />
of No Return (Stunt, 2002)<br />
schrieb David Adler auf der<br />
Website All Music, dass nicht<br />
nur ihre Stimme ein Highlight,<br />
sondern auch ihr Gitarrenspiel<br />
„durchweg vielseitig und substanziell“<br />
sei. Zudem hat sie die<br />
Platte selbst produziert und alle<br />
Arrangements für die beteiligte<br />
All-Star-Band mit Randy<br />
Brecker, Chris Cheek, Lelo<br />
Nika, Thommy Anderson und<br />
Adam Nussbaum geschrieben.<br />
Eyal Hareuveni hat sich auf All<br />
About Jazz sehr anerkennend<br />
über As the World Sleeps<br />
geäußert: Wie Marlene Dietrich<br />
erfinde sich Dalia Faitelson<br />
immer wieder neu. „Mit einem<br />
intimen und coolen akustischen<br />
Jazz-Setting kanalisiert sie<br />
Einflüsse von Songwritern wie<br />
Joni Mitchell und Tom Waits.“<br />
Ihr neues Album ist durch<br />
einen Trauerfall inspiriert<br />
worden, Faitelsons Ex-Mann ist<br />
vor zwei Jahren beim Fußballspielen<br />
mit den gemeinsamen<br />
Kindern einem Herzinfarkt<br />
erlegen. Nach einer Phase<br />
der Trauer hat die Sängerin<br />
beschlossen, ihr Leben ab jetzt<br />
intensiver anzugehen, die acht<br />
Songs, die auf Powered by Life<br />
enthalten sind, schrieben sich<br />
quasi von selbst. Für das Album<br />
hat Faitelson erstmals mit<br />
dem renommierten dänischen<br />
Pianisten Thomas Clausen<br />
zusammengearbeitet. „Thomas<br />
ist ein echter Allrounder“, freut<br />
sich die Sängerin. „Er kann<br />
klassisch spielen, er beherrscht<br />
natürlich den Jazz, aber auch<br />
Latin und Folk, er kann eine<br />
ganze Welt um einen herumbauen.<br />
Außerdem spielt er<br />
sehr lyrisch. Für diese Songs<br />
brauchte ich einfach einen<br />
Pianisten, und zwar einen,<br />
der lyrisch, melodisch und reif<br />
klingt.“<br />
Eine wichtige Funktion<br />
hat auch die Cellistin Soma<br />
Allpass, deren Instrument auf<br />
dem Album eine tragende Rolle<br />
einnimmt. „Mit Soma habe ich<br />
schon öfter gespielt, und ich<br />
liebe sie einfach“, sagt Dalia<br />
Faitelson. „Ich weiß auch ihren<br />
Humor sehr zu schätzen. Bei<br />
den Musikern, die meine Musik<br />
spielen sollen, geht es mir<br />
immer auch um die Persönlichkeit.<br />
Wir lieben uns einfach<br />
und passen schon deshalb gut<br />
zusammen. Es gibt nur wenige<br />
Cellisten, die man nicht eindeutig<br />
dem Jazz oder der Klassik<br />
zuordnen kann, aber sie spielt<br />
irgendwie mittendrin. Und sie<br />
spielt tolle Soli, es gibt nur wenige<br />
Cellisten, die das können.<br />
Das Cello ist ein wundervolles<br />
Instrument, weil es so sehr der<br />
menschlichen Stimme ähnelt.“<br />
Hoffnungsvoll und fast<br />
schon fröhlich klingt „Cut Ourselves<br />
Some Slack“. „Das ist<br />
eine amerikanische Redewendung,<br />
die ungefähr bedeutet,<br />
dass man sich nicht zu ernst<br />
nehmen sollte“, erläutert Dalia<br />
Faitelson. „Man sollte einfach<br />
nicht zu hart mit sich ins<br />
Gericht gehen, denn wir haben<br />
nur dieses eine Leben und sind<br />
darauf angewiesen, mit uns<br />
selbst befreundet zu sein. Es<br />
ist ein optimistisches Lied, das<br />
einen dazu auffordert, sich im<br />
Leben nicht zu sehr in Details<br />
zu verlieren. Man sollte seine<br />
eigenen Grenzen akzeptieren<br />
und einfach ganz im Hier und<br />
Jetzt leben. Es ist wichtig,<br />
vergeben zu können <strong>–</strong> und<br />
geben zu können. Das Leben ist<br />
zu kurz, um sich nutzlos mit den<br />
eigenen Unzulänglichkeiten<br />
herumzuschlagen.“<br />
Mit dem abschließenden<br />
„Destiny Made a Mistake“ entlässt<br />
Dalia Faitelson den Hörer<br />
mit einem geradezu humorvollen<br />
Song. So viel Vitalität, so<br />
viel Liebe zum Leben hat wohl<br />
lange keine CD mehr verströmt<br />
<strong>–</strong> Dalia Faitelson blickt nach<br />
vorn, und sie tut das mit einer<br />
künstlerischen Integrität, für<br />
die sie den perfekten Ausdruck<br />
gefunden hat.<br />
Aktuelle CD:<br />
Dalia Faitelson: Powered By Life<br />
(Losen / In-Akustik)<br />
22 JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong>
Im März wurde er 80. Andere mussten etwas bahnbrechend Neues schaffen, um so deutliche<br />
Spuren in der Jazzgeschichte zu hinterlassen. Er brauchte nur seine Musik zu spielen. In<br />
dieser spürst du die Gegenwart einer eigenartigen Weite <strong>–</strong> vielleicht ist es auch deine<br />
eigene innere Weite <strong>–</strong> und du lehnst dich zurück und gibst dich hin, der Hymne an das Leben.<br />
Charles<br />
Lloyd<br />
Die Hymne<br />
des Lebens<br />
oder: Der letzte<br />
Mohikaner<br />
Von Jan Kobrzinowski<br />
Das Hymnische in der Musik von Charles<br />
Lloyd ist wahrscheinlich schon immer<br />
einer der Gründe dafür gewesen, dass er<br />
über eine Periode von sage und schreibe<br />
fünf Dekaden hinweg als Bandleader eine<br />
solche Kristallisationsfigur für Musiker<br />
und Publikum sein konnte. Auf Vanished<br />
Gardens, dem zweiten Album mit seinen<br />
Marvels, ist nun Lucinda Williams zu Gast.<br />
Die Country-Sängerin prägt mit fünf von<br />
zehn Stücken die Atmosphäre der Platte<br />
entscheidend mit. „Nein, du musst nicht<br />
versuchen, die Tränen zurückzuhalten. Du<br />
kannst nicht weinen, wenn du es drauf<br />
anlegst“, singt Lucinda, und wenn sie sich<br />
dann der bluesigen Gospel/Country-Ballade<br />
„We’ve Come Too Far To Turn Around“<br />
hingibt <strong>–</strong> wer denkt da nicht an „Will the<br />
Circle Be Unbroken“? Da fällt ihr eigenes<br />
ganz verschlepptes Tempo mit dem der<br />
Marvels zusammen, und es wird klar, dass<br />
das Zusammentreffen mit Charles Lloyd kein<br />
Zufall war. Er selbst spricht von einer „deep<br />
Southern crossroads connection“.<br />
Was das bedeutet, erschließt sich<br />
nicht nur beim Hören von Vanished<br />
Gardens, sondern erklärt sich vielmehr<br />
mit einem tiefen Blick auf sein Gesamtwerk.<br />
Obwohl Lucinda Williams nur auf<br />
fünf Stücken zu hören ist, bringt sie auf<br />
geheimnisvolle Weise die Musik des<br />
gesamten Albums auf den Punkt. „Lu ist<br />
eine Dichterin, eine authentische, amerikanische<br />
Stimme. Ihr Sound ist wie ein<br />
emotionales Barometer. Eine Wetterfahne.<br />
Manchmal wirbelt er im Sturm herum, und<br />
manchmal ist er süß und rein wie eine<br />
südliche Brise, die dir das berauschende<br />
Parfüm der Magnolie bringt. Sie ist eine<br />
Reporterin der menschlichen Existenz, des<br />
Lebens auf dem Planeten Erde.“ Der Sound,<br />
den die Gitarren-Architekten Bill Frisell und<br />
Greg Leisz gemeinsam mit der entspannt<br />
agierenden Rhythmusgruppe, bestehend aus<br />
Eric Harland (dr) und Reuben Rogers (e-b),<br />
weben, ist wie ein Teppich für Lloyd, der<br />
nur noch die Augen schließen und seine<br />
hymnischen Tenorlinien perlen lassen muss.<br />
So bringen die Marvels ihre Liebe zur Weite<br />
des nordamerikanischen Kontinents musikalisch<br />
zum Ausdruck, und re-definieren so<br />
ganz nebenbei das Phänomen Americana.<br />
Immer wieder ist die Rede von der<br />
Spiritualität in Charles Lloyds Musik. Er<br />
selbst kommentiert das mit lakonischem<br />
Humor: „Klebt mir bitte nicht dieses Etikett<br />
an. Es gab eine Menge Bananenschalen,<br />
auf denen ich schon ausgerutscht bin“,<br />
sagt er. „Wer bin ich, dass ich den Leuten<br />
sagen wollte, wie sie leben sollen? Und<br />
wo wir schon von Spiritualität sprechen:<br />
Weißt du, der Schöpfer von all dem hier<br />
liebt auch gerade einige von uns wilden<br />
Jungs.“ Lloyd macht immer noch „spirituelle“<br />
Musik, weil er Zeit seines Lebens auf<br />
der Suche nach der Wahrheit geblieben ist.<br />
„Ich habe Anfängergeist, ich liebe Musik,<br />
24 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
und darum spiele ich und habe so jeden Tag<br />
die Gelegenheit, die Wahrheit zu sagen. Im<br />
Gegensatz zu den Politikern.“<br />
Leute, die 80 werden, erzählen gern,<br />
so auch Charles Lloyd. Auf der Pressekonferenz<br />
in Tampere spricht er auch über<br />
seine Zeit in Memphis: „Meine Mutter hatte<br />
dieses große Haus. Als Ellington in der<br />
Stadt war, wurde sie angerufen und gefragt,<br />
ob wir Platz hätten, es gab kein Hotel für<br />
Schwarze in der Stadt. Und so stiegen<br />
Duke und seine Musiker bei uns ab. Meine<br />
Mutter erzählte ihm, dass ich Musiker werden<br />
wollte. ‚Nein, du solltest Doktor oder<br />
Indianerhäuptling werden’, sagte er. ‚Dieser<br />
Job ist zu hart.’ Ich hätte auf ihn hören<br />
sollen.“ Er spricht von seinem Mentor und<br />
Lehrer, dem Pianisten Phineas Newborn,<br />
von Booker Little, dem Trompeter, seinem<br />
Freund aus Kindertagen, von seinem Buddy,<br />
dem Drummer Billy Higgins, mit dem er ab<br />
dem Alter von 18 bis zu dessen Tod eine<br />
enge musikalische Beziehung hatte. Er traf<br />
Ornette, Don Cherry, Chico Hamilton, Scott<br />
LaFaro, Charlie Haden, Eric Dolphy, Bobby<br />
Hutcherson, Cannonball Adderley, Roy Haynes,<br />
Tony Williams, Ron Carter. Keith Jarrett und<br />
Michel Petrucciani wurden durch ihn groß.<br />
Er bereicherte den Sound zahlreicher Rock-,<br />
Blues-, und Popstars der 60er und 70er<br />
Jahre und legte nebenbei die Basis für das,<br />
was später World Music genannt werden<br />
sollte. Kaum ein anderer Jazzmusiker hat<br />
mit so vielen gespielt, von und mit so vielen<br />
gelernt. Manchmal wundert er sich selbst<br />
darüber: „Sie wollten alle mit mir spielen.<br />
Ich fühle mich damit gesegnet.“<br />
„Ich bin einer der letzten Mohikaner.<br />
Es sind nicht mehr viele von uns übrig“,<br />
sagt ein Mann, im Bewusstsein, vielleicht<br />
einer der wenigen Verbliebenen zu sein, in<br />
deren Haltung sich eine bedingungslose<br />
PDF in 4c<br />
Liebe zur Musik ausdrückt und nicht zuletzt<br />
die <strong>–</strong> durchaus berechtigte <strong>–</strong> Naivität der<br />
Vorstellung einer Welt, die gewiss besser<br />
wäre, würde sie sich nur nach den Regeln<br />
der Kunst richten.<br />
Aktuelle CD:<br />
Charles Lloyd & The Marvels: Vanished Gardens<br />
(Blue Note / Universal)<br />
© Marc Ducrest
Titel<br />
© Lutz Voigtländer<br />
Kathrin<br />
PechlofFreiräume<br />
für die Harfe<br />
26<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Die Harfe ist ein sehr altes und weit verbreitetes<br />
Musikinstrument. Sie kommt in vielen Weltgegenden<br />
vor, in den unterschiedlichsten Formen, Stimmungen<br />
und gesellschaftlichen Kontexten. Harfen gab es in der<br />
mediterranen Antike, es gibt die westafrikanische Kora,<br />
es gibt keltische Harfen, in Lateinamerika existiert eine<br />
vielgestaltige Harfen-Tradition. In der westeuropäischen<br />
Kunstmusik gibt es die optisch eindrucksvolle und<br />
mechanisch komplizierte Konzertharfe. Im Jazz allerdings<br />
ist das Instrument noch nicht wirklich angekommen.<br />
Von Hans-Jürgen Linke<br />
zu spielen, erfordert erheblichen Kraftaufwand<br />
in Armen, Händen, Fingern. Auch die<br />
Bedienung der Pedale funktioniert nicht<br />
ohne Kraft und Präzision in Beinen und<br />
Füßen. Man sollte Harfenengel also nicht<br />
unterschätzen.<br />
In der älteren Literatur ist die Harfe<br />
vor allem Orchesterinstrument. Sie ist für<br />
Farbtupfer in einem Gesamtklang zuständig<br />
und tendiert immer ein wenig dazu, in<br />
ihm zu verschwinden. Seit dem späten 19.<br />
Jahrhundert beginnt sich allerdings in dieser<br />
Hinsicht etwas zu verändern; bei Ravel,<br />
Musiker, fand Anregungen für die eigene<br />
Kreativität. Was sie nicht fand, waren<br />
Vorbilder und Rollenmodelle. Die Harfe ist im<br />
Jazz ein seltenes und untypisches Instrument.<br />
Gelegentlich gab es zwar schon<br />
Versuche, sie kleiner, dynamischer und<br />
elektronischer zu machen, um sie den eher<br />
rauen Bedingungen in Jazz-Ensembles anzupassen,<br />
ihr mehr akustische Durchsetzungsfähigkeit<br />
und neue Klangmöglichkeiten<br />
zu verschaffen. Allerdings sind dabei<br />
nur wenige Prototypen entstanden; eine<br />
komplexe neue Erscheinungsweise und<br />
Klangwelt <strong>–</strong> wie in den sieben Jahrzehnten<br />
der elektrischen Gitarre <strong>–</strong> hat sich nicht<br />
einmal ansatzweise entwickelt. Die Harfe<br />
ist immer noch ein altehrwürdiges, hölzernes<br />
Saiteninstrument, das mit intensiver<br />
Handarbeit zum Klingen gebracht werden<br />
will. Mit Tonabnehmern und Mikrofonen<br />
kann man immerhin der Dynamik ohne<br />
klangliche Veränderungen zu Hilfe kommen.<br />
Aber traditionell haben Harfenengel<br />
mit Groove, mit Jazz-Standards, mit freier<br />
Improvisation wenig zu tun.<br />
Das hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil<br />
ist, dass die Harfenistin in dieser Umgebung<br />
große Freiräume genießt. Es gibt hier<br />
Eher subtil als dynamisch,<br />
eher feinsinnig als kraftvoll.<br />
Von Anfang an war die Harfe Kathrin<br />
Pechlofs Lieblingsinstrument. Der fließende,<br />
warme Klang und seine spezielle<br />
Poesie hatten schon sehr früh ihren<br />
Wunsch geweckt, Harfe zu spielen. Seit<br />
etlichen Jahren hat sich mittlerweile unter<br />
ihrem Namen ein Trio versammelt, dessen<br />
zweites Album jetzt herausgekommen ist.<br />
Ein Jazz-Trio? Ja, auch.<br />
Wer Harfe spielen will, kommt an<br />
einer sogenannten klassischen Ausbildung<br />
nicht vorbei. Das bedeutet, neben all<br />
der Theorie, die man sich im Zuge eines<br />
Musikstudiums aneignet, vor allem: Noten<br />
aufs Pult legen, unter kundiger Anleitung<br />
und Überwachung die einschlägige<br />
Literatur so gut wie möglich spielen und<br />
dabei eigene Interpretations-Ansätze und<br />
-Spielräume ausmessen lernen.<br />
In Westeuropa sind um die Harfe<br />
seit dem 18. Jahrhundert einige haltbare<br />
Klischees entstanden, die im zugespitzten<br />
Bild des Harfenengels zusammenfinden.<br />
Die Harfe gilt als irgendwie lyrisch und<br />
ätherisch, ihr Ton ist fragil, zart und nicht<br />
sehr dominant. Im Normalfall wird die<br />
Harfe von einer Harfenistin gespielt. Harfenisten<br />
sind weit seltener. Das sanfte Image<br />
hat allerdings mit der Wirklichkeit des<br />
Harfespielens wenig zu tun. Im Orchester<br />
ist eine Konzertharfe nach dem Klavier das<br />
größte und schwerste Instrument. Sie ist<br />
bis zu 1,90 Meter hoch, hat eine komplexe<br />
Mechanik und wiegt 40 Kilogramm und<br />
mehr. Das Instrument und seine Spiel-<br />
Mechanik müssen von der Harfenistin<br />
(oder dem Harfenisten) zupackend<br />
gehalten, bewegt und bedient werden. Die<br />
Harfe zu halten, setzt eine gut entwickelte<br />
Stütz- und Rückenmuskulatur voraus. Sie<br />
bei Richard Strauss oder Arnold Schönberg<br />
emanzipiert sich das Instrument. Die<br />
Harfe, wird eigensinniger, hörbarer und<br />
bekommt solistische Aufgaben. Trotzdem<br />
war da von Anfang an, erinnert sich Kathrin<br />
Pechlof, eine leise Unzufriedenheit, die<br />
das Studium begleitete. Eine Leerstelle, die<br />
langsam Form und Gestalt annahm. Regeln<br />
zu lernen und die Musik diesen Regeln<br />
gemäß nachzuspielen <strong>–</strong> war das wirklich<br />
alles, was eine Lebenslaufbahn als<br />
Musikerin versprach? Schon während des<br />
Studiums in München fanden sich in ihrem<br />
Freundeskreis Jazzmusiker. Sie ging mit in<br />
deren Konzerte und begann, mit ihnen zu<br />
spielen. Die Unterbiberger Hofmusik der<br />
Familie Himpsl mit ihrer Neuen Volksmusik<br />
oder das Jazzquartett Cosmic Groove<br />
Orchestra boten Chancen für alternative<br />
Erfahrungen mit der Harfe.<br />
Kathrin Pechlof ging für ein Masterstudium<br />
im Fach Jazzkomposition nach<br />
Köln, und das veränderte alles. Der Weg<br />
über die Komposition als akademisches<br />
Tool erwies sich als der ihr angemessene<br />
Weg ins Neuland, Joachim Ulrich<br />
und Frank Gratkowski nennt sie als ihre<br />
wichtigsten Lehrer. In der umtriebigen<br />
Kölner Jazz-Szene traf sie ähnlich gesinnte<br />
<strong>–</strong> im Unterschied zur sogenannten klassischen<br />
Musik <strong>–</strong> kein Klischee-Reservoir. Es<br />
gibt keine verbindliche Liste mit herausragenden<br />
Virtuosen-Persönlichkeiten und<br />
Tonbildungs-Eigenarten, an denen man<br />
sich orientieren kann und muss. Im Jazz<br />
darf eine Harfenistin sie selbst sein <strong>–</strong> beziehungsweise:<br />
Sie muss das. Es gibt keine<br />
Alternative. Der Weg der Nachahmung<br />
von oder Abarbeitung an verbindlichen<br />
Vorbildern existiert nicht.<br />
Freiheitsliebe<br />
Wenn man Kathrin Pechlof nach Musikern<br />
aus der Jazzgeschichte fragt, die sie<br />
beeinflusst haben, nennt sie Duke Ellington<br />
<strong>–</strong> den bedeutendsten und raffiniertesten<br />
Komponisten des orchestralen Jazz <strong>–</strong>,<br />
dann Wayne Shorter, den großen Saxofon-<br />
Erzähler, Konzeptionisten und Klangmaler,<br />
und den immer grenzüberschreitend<br />
arbeitenden Henry Threadgill. Aber es<br />
gibt Unterschiede. Kathrin Pechlof findet<br />
im Jazz vieles, was ihr attraktiv erscheint,<br />
aber sie fühlt sich dieser Tradition nicht<br />
wirklich nahe. Ihre Beziehung zum Jazz ist,<br />
wie sie selbst sagt, von einer Art musikalischer<br />
Freiheitsliebe motiviert, aber darüber<br />
hinaus immer ein wenig akademisch<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 27
Titel<br />
geblieben. „Diese Musik“, sagt sie, „ist<br />
nicht durch mich hindurchgegangen“. Anders<br />
als die sogenannte klassische Musik,<br />
mit der sie früh in Berührung gekommen<br />
ist und die sie ausgiebig studiert hat. Sie<br />
weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich<br />
anfühlt, Harfenistin im Orchester zu sein.<br />
Sie weiß, wie es ist, als Solistin mit einem<br />
(oder angestrengt gegen ein) Orchester<br />
zu arbeiten. Aber: „Ich werde nie erleben<br />
können, wie es ist, wenn man zum Beispiel<br />
in einer Bigband im Saxofonsatz swingt.“<br />
Solche Erfahrungen hält der Jazz für eine<br />
Harfenistin nicht bereit.<br />
Was den Jazz dagegen prägt wie kein<br />
anderes Musik-Genre, ist die eigenverantwortliche<br />
Gestaltung des klingenden<br />
Augenblicks in der Improvisation. Diese<br />
musikalische Praxis wurde im Kontext<br />
unserer klassischen Musik anderthalb<br />
Jahrhunderte lang stark vernachlässigt,<br />
wenn nicht zum Schweigen gebracht. Wo<br />
Musik von Komponisten geschrieben und<br />
von ausübenden Musikern gespielt wird,<br />
© David Beecroft<br />
wo es also zwei Gattungen von Künstlern<br />
gibt, die ihr in die Wirklichkeit verhelfen<br />
und deren Aufgaben dabei streng voneinander<br />
unterschieden sind, hat Improvisation<br />
keinen Raum. Allenfalls darf (oder<br />
muss) der spielende Musiker eine eigene<br />
Kadenz zum Besten geben oder ein wenig<br />
„extemporieren“.<br />
Seit der Jazz sich in den 40er Jahren<br />
des 20. Jahrhunderts zu einer Konzertmusik<br />
mit starkem Improvisationsanteil zu<br />
entwickeln begann, hat er diese Leerstelle<br />
besetzt. Improvisierende Musiker galten<br />
gewissermaßen automatisch als Jazz-<br />
Musiker <strong>–</strong> gleichgültig, welchem Genre sie<br />
sich zugehörig fühlten. Aber wie so viele<br />
scheinbar feststehende Tatsachen wurde<br />
auch diese durch aktuelle Entwicklungen<br />
überholt: Unter den spielenden Vertretern<br />
der Alten und den Protagonisten der<br />
Neuen Musik hat sich eine Kultur der<br />
Improvisation entwickelt. In der Alten<br />
Musik liegt das schon aus Gründen einer<br />
historisch informierten Aufführungspraxis<br />
recht nahe. Von der Neuen Musik aus gibt<br />
es mittlerweile intensive Berührungen mit<br />
improvisierenden Musikern. Alle arbeiten<br />
schließlich mit den gleichen avancierten<br />
Spiel- und Tonbildungs-Techniken und<br />
lernen an den Hochschulen das Gleiche.<br />
Improvisierende Musiker fühlen sich<br />
längst nicht mehr unausweichlich einer<br />
Jazz-Idiomatik verpflichtet, und die bestens<br />
ausgebildeten Musiker der Neuen<br />
Musik suchen für ihre hochentwickelten<br />
Fähigkeiten Betätigungsfelder jenseits<br />
dessen, was ihnen die Komponisten aufs<br />
Pult legen.<br />
Überwiegend leise<br />
Kathrin Pechlof hat nach ihrer klassischen<br />
Ausbildung keine neue Musiksprache erlernen<br />
müssen. Sie brauchte keine Nachhilfe<br />
für Swing oder Off-Beat-Phrasierung<br />
oder für nervöse Bebop-Linien, und sie<br />
musste keine Blue Notes auf der Harfe<br />
finden. Sie improvisiert in der Sprache<br />
ihres Instruments, findet und erfindet neue<br />
Vokabeln, Klänge, Spieltechniken. Sie hat<br />
ihren Platz zwischen den Stühlen gesucht<br />
und gefunden: Wo auch sonst.<br />
Auch deshalb, weil sie dort längst<br />
nicht mehr allein suchen und arbeiten und<br />
sitzen muss. Ihr Trio mit dem Bassisten<br />
Robert Landfermann und dem Altsaxofonisten<br />
Christian Weidner hat einen eigenen<br />
Sound entwickelt und gängige Genre-Beschränkungen<br />
hinter sich gelassen. Nicht<br />
nur die Harfenistin hat sich auf etwas<br />
Neues eingelassen, die Jazzmusiker im<br />
Trio haben sich in den gleichen Lernprozess<br />
hineinbegeben. Für gut die Hälfte der<br />
Stücke im Trio-Repertoire zeichnet Christian<br />
Weidner als Komponist verantwortlich.<br />
Es ist nicht verwunderlich, dass der<br />
Trio-Sound überwiegend leise daherkommt.<br />
Eher subtil als dynamisch, eher<br />
feinsinnig als kraftvoll. Das hängt auch<br />
mit Eigenschaften der Harfe zusammen,<br />
sagt Kathrin Pechlof. Klangliche Nuancen<br />
stehen bei diesem Instrument eigentlich<br />
nur zur Verfügung, wenn man sich auf ihre<br />
leise Poesie einlässt. Auch Jazzmusiker<br />
haben die Klangfarben, die leisen, raffinierten<br />
Gestaltungsmöglichkeiten schätzen<br />
gelernt. So dass Kathrin Pechlof etwa bei<br />
Niels Klein in der für Jazz-Verhältnisse fast<br />
schon orchestralen Großformation Loom<br />
oder in Benjamin Schäfers Quintett Quiet<br />
Fire die Gelegenheit hat, sich als Sidewoman<br />
zu präsentieren. Ein durchaus neues<br />
Rollenmodell für eine Harfenistin im Jazz.<br />
Kathrin Pechlof lebt inzwischen in<br />
Berlin. Aus der Erfahrung, dass sie als<br />
Jazzmusikerin nicht einfach in fertigen<br />
Strukturen ihre Arbeit tun kann, sondern<br />
vieles selbst gestalten muss, folgte für sie<br />
die Mitarbeit in der IG Jazz Berlin, zu deren<br />
Vorstand sie mittlerweile gehört. Und<br />
zusammen mit Christian Weidner kuratiert<br />
sie die Konzertreihe „Serious Series“ in<br />
den Berliner Uferstudios.<br />
Neben und zusammen mit dem Trio ist<br />
zurzeit ein Septett ihr aufregendstes musikalisches<br />
Projekt. Es handelt sich um eine<br />
Erweiterung des Trios durch ein Quartett<br />
von Streichern <strong>–</strong> kein Streichquartett: Die<br />
sieben Musikerinnen und Musiker bewegen<br />
sich auf individuellen Wegen in einem<br />
weiten Bereich zwischen Neuer Musik und<br />
zeitgenössischem Jazz. Sie hören einander<br />
genau zu und machen das zur Grundlage<br />
ihrer Entwicklungsarbeit einer eigenen<br />
Musiksprache. Sie beharren nicht auf<br />
Herkömmlichem. Sie verlassen sich beim<br />
Improvisieren nicht auf eine gemeinsame<br />
Tradition, sondern erforschen und schaffen<br />
ihre eigene. Kompositionen sind hier vor<br />
allem Spielfelder und notierte Verläufe für<br />
gemeinsame Experimente.<br />
Die sieben haben, nach einigen Konzerten<br />
im April, inzwischen im Funkhaus<br />
Berlin zusammen Aufnahmen gemacht.<br />
Man könnte damit ein Septett-Album<br />
bestücken. Wo das erscheinen soll? Wer<br />
weiß das. Irgendwo gibt es vielleicht<br />
genügend Neugier dafür. Was bleibt einem<br />
schon übrig, als etwas Neues in die Welt<br />
zu setzen.<br />
Aktuelle CD:<br />
Kathrin Pechlof Trio: Toward the Unknown<br />
(Pirouet / NRW)<br />
28 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> Kathrin Pechlof Trio
koMposItIonen sInD Vor<br />
alleM spIelFelDer.<br />
© Lutz Voigtländer<br />
JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 29
Stefano Bollani Gegen die Langeweile<br />
Rührig könnte man<br />
Stefano Bollani<br />
durchaus nennen,<br />
umtriebig, neugierig<br />
und vielseitig.<br />
Alles Attribute, die<br />
hervorragend zu dem<br />
italienischen Pianisten<br />
mit dem Frank-Zappa-<br />
Pferdeschwanz<br />
passen. Mühelos<br />
bewegt sich der<br />
45-Jährige in<br />
sämtlichen Stilen,<br />
beherrscht Ravel<br />
ebenso wie Piazzolla<br />
und sämtliche Jazz-<br />
Standards, immer auf<br />
der Suche nach etwas<br />
Neuem. Jetzt hat er mit<br />
Que Bom sein zweites<br />
brasilianisches Album<br />
veröffentlicht <strong>–</strong> und<br />
einmal mehr seine<br />
Wandlungsfähigkeit<br />
unter Beweis gestellt.<br />
© Vinícius Giffoni<br />
Von Thomas Kölsch<br />
„Das Schlimmste sind für mich<br />
Wiederholungen“, sagt Stefano<br />
Bollani und lacht. „Wenn ich mir<br />
vorstellen müsste, immer dasselbe<br />
zu spielen, Tag für Tag wie<br />
ein Automat, würde ich meinen<br />
Beruf wahrscheinlich hassen.“<br />
Freiheit ist für den international<br />
anerkannten Tastenvirtuosen<br />
das zentrale Gut, Freiheit in der<br />
Welt ebenso wie Freiheit in der<br />
Musik. Am Florenzer Konservatorium<br />
Luigi Cherubini hatte man<br />
einst versucht, ihm Letzteres<br />
auszutreiben, wie er mal gestand<br />
<strong>–</strong> ohne Erfolg. Kein Wunder,<br />
dass Bollani sich daraufhin<br />
zunächst dem Jazz zuwandte.<br />
„Für mich ist die Improvisation<br />
eine Art von Meditation“, erzählt<br />
er. „Ich kann dabei all das nutzen,<br />
was mich gerade bewegt,<br />
und damit jene Leere füllen, die<br />
das Solo zunächst ist.“<br />
Doch der Wunsch nach<br />
Veränderung treibt Bollani nicht<br />
nur in einzelnen Stücken an.<br />
Sein gesamtes künstlerisches<br />
Schaffen ist darauf ausgerichtet,<br />
unvorhersehbar zu sein. So<br />
auch mit Que Bom. „Ich habe<br />
zuletzt wenig komponiert, zum<br />
einen aufgrund von Zeitmangel,<br />
aber auch weil ich es oft<br />
weitaus einfacher finde, in<br />
der bestehenden Musik nach<br />
schönen Stücken zu suchen<br />
und diese in meinem Stil zu<br />
spielen“, sagt er. „Für Que Bom<br />
habe ich aber fast alles selbst<br />
geschrieben, was mir sehr viel<br />
Freude bereitet hat. Übrigens ist<br />
das auch der große Unterschied<br />
zu BollaniCarioca: Damals habe<br />
ich in erster Linie brasilianische<br />
Volkslieder überarbeitet.“ 2007<br />
war das, im selben Jahr also,<br />
in dem er den Hans-Koller-<br />
Preis als bester europäischer<br />
Musiker des Jahres erhielt, mit<br />
der Filarmonica ‚900 des Teatro<br />
Regio Turin Werke von Francis<br />
Poulenc einspielte <strong>–</strong> und als erster<br />
Musiker seit Antonio Carlos<br />
Jobim Klavier in einer Favela<br />
spielte. „Es war sogar dasselbe<br />
Instrument“, betont Bollani. „Für<br />
mich war das ein ganz besonderer<br />
Moment, weil meine Musik<br />
tatsächlich Menschen aus der<br />
Stadt und aus der Favela zusammenbrachte.“<br />
Die Liebe zu brasilianischen<br />
Klängen und Rhythmen<br />
geht allerdings viel weiter<br />
zurück. „Angefangen hat alles,<br />
als ich etwa 13 Jahre alt war“,<br />
erinnert sich Bollani. „Damals<br />
hörte ich zum ersten Mal eine<br />
Bossa Nova, die schnell zur<br />
dritten Leidenschaft nach Jazz<br />
und Rock wurde. Nach und nach<br />
entdeckte ich verwandte Stile,<br />
die mich allesamt begeisterten.<br />
Ich liebe es, dass das Klavier<br />
hierbei sowohl ein Perkussionsinstrument<br />
ist als auch meine<br />
Stimme ersetzen kann. Und der<br />
Vibe ist einfach fantastisch.“ Die<br />
Produktion von BollaniCarioca<br />
war demzufolge nur konsequent<br />
<strong>–</strong> und der Nachfolger in diesem<br />
30 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
er hat sich am nächsten Tag die<br />
Noten angesehen, war begeistert<br />
und hat es perfekt vorgetragen.<br />
Unglaublich. Er könnte mir<br />
ein Telefonbuch vorsingen <strong>–</strong> und<br />
ich wäre glücklich damit.“<br />
Ähnliches könnte man<br />
auch über Bollani sagen. Sein<br />
virtuoses Klavierspiel macht mit<br />
jedem Ton Lust auf mehr, zumal<br />
es nur so vor Lebensfreude<br />
strahlt und sich völlig natürlich<br />
in die feinen Grooves seiner<br />
Band einfügt. „Die Aufnahmen<br />
haben einfach riesigen Spaß<br />
gemacht“, betont Bollani denn<br />
auch. Das hört man. Herrlich<br />
entspannte Melodien, in denen<br />
sich brasilianische Harmonien<br />
und Rhythmen mit italienischen<br />
Texten und dem ein oder<br />
anderen ironischen Unterton mischen,<br />
ohne auch nur für einen<br />
Moment monoton zu wirken.<br />
Was Musik laut Bollani ohnehin<br />
niemals sein dürfte. „Wir sind<br />
ganz bestimmt nicht auf dieser<br />
Welt, um uns zu langweilen oder<br />
um traurig zu sein“, sagt er. Und<br />
bietet mit Que Bom eine Alterna-<br />
tive, die nicht nur jeder Latin-Fan<br />
in vollen Zügen genießen dürfte.<br />
© Vinícius Giffoni<br />
Jahr die logische Weiterent-<br />
wicklung, zumal Bollani nicht zu<br />
jenen gehört, die eine Idee lange<br />
mit sich herumtragen. „Wenn<br />
ich etwas machen möchte,<br />
dann setze ich das auch relativ<br />
schnell um“, sagt er. Wenn es<br />
doch immer so einfach wäre.<br />
Für Bollani offenbar schon, der<br />
kurzerhand eine ihm vertraute<br />
Rhythmusgruppe und Gaststars<br />
wie Caetano Veloso, Hamilton<br />
de Holanda und Jaques Morelenbaum<br />
einlud, mit denen er<br />
schon seit Längerem ein Album<br />
produzieren wollte. „Hamilton ist<br />
ein guter Freund von mir, aber<br />
mit den anderen hatte ich zuvor<br />
noch nicht arbeiten dürfen, auch<br />
wenn ich beide vom Namen her<br />
kannte. Vor allem Caetano ist<br />
unglaublich schwer ins Studio<br />
zu bekommen, weil er einer der<br />
einflussreichsten und kreativsten<br />
Künstler seines Landes und<br />
ein phänomenaler Sänger ist.<br />
Ein Lied habe ich extra für ihn<br />
im Flugzeug geschrieben, auf<br />
Italienisch, weil das nun einmal<br />
meine Muttersprache ist <strong>–</strong> und<br />
Aktuelle CD:<br />
Stefano Bollani: Que Bom<br />
(Alobar / Galileo MC)<br />
JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 31
Auf seiner Homepage erzählt Nicola Conte eine Geschichte: Es geht um eine mysteriöse<br />
Frau, die wie aus dem Nichts erscheint und genauso wieder verschwindet. Um eine sanft<br />
schwingende Musik und eine geheimnisvoll streichelnde Stimme, mehr Hauch als Präsenz.<br />
Um den Wind und die Ladungen, die er transportiert.<br />
Von Stefan Hentz<br />
Natürlich geht es auch um einen Mann,<br />
einen Mann wie Conte selbst oder<br />
viele andere; alterslos jung, gediegen<br />
schlank, melancholisch elegant, Gitarre.<br />
Wahrscheinlich handelt es sich um eine<br />
Liebesgeschichte, wobei offen bleibt, was<br />
das Objekt dieser Liebe ist. Die Frau? Die<br />
Gemeinsamkeit? Die federleichte, leicht<br />
plätschernde Musik? Interessant ist, wie<br />
Conte diese Geschichte erzählt, als Graphic<br />
Novel nämlich, gezeichnet in hartem<br />
Schwarz-Weiß-Kontrast, so dass Details<br />
und Zwischentöne verschwinden.<br />
Die Geschichte ist schon etwas älter,<br />
zehn Jahre etwa, Conte hatte sie eingestellt,<br />
um mit ihr und den opaken Flächen und<br />
Ambivalenzen, die sie transportiert, auf seine<br />
Musik aufmerksam zu machen, auf das Album<br />
Rituals, in dem er sich als ein Mann der<br />
Bossa Nova und eines sehr angenehmen,<br />
milden Klimas zeigte. Doch letztlich lassen<br />
sich die aufgerufenen ästhetischen Verfahren,<br />
das Wechselspiel von Licht und Schatten,<br />
ungefüllten und mit Druckerschwärze<br />
zugelaufenen Flächen, das Erzählen in<br />
Bildern und Images, der cinematographische<br />
Puls aus Schnitten und Bildmontagen, das<br />
Schärfen und Verschwimmen des Bildfokus<br />
sowie ganz generell der Verzicht auf Details<br />
und Zwischentöne direkt auf seine künstlerische<br />
Vita bis in die Gegenwart beziehen.<br />
Die Gegenwart trägt den Namen Let<br />
Your Light Shine On und ist ein Album, das<br />
Conte kürzlich mit seiner Band Spiritual Galaxy<br />
(und einer stattlichen Garde von südafrikanischen<br />
und US-amerikanischen Gästen)<br />
in Bari und Johannesburg aufgenommen hat.<br />
Wie selbstverständlich dockt er mit diesem<br />
Album, seinem Debüt für das wiederbelebte<br />
deutsche Traditionslabel MPS, an einen<br />
anderen Bereich der Jazz-Geschichte an:<br />
an den spirituellen Jazz, der seinen Urknall<br />
in den späten 60er- und den 70er-Jahren<br />
im Windschatten der Materialerkundungen<br />
von Musikern wie John Coltrane, Pharoah<br />
Sanders, Albert Ayler hatte.<br />
Auch hier geht es wieder um eine Annäherung,<br />
um Images eines Stils, die Conte<br />
stilsicher aufruft und montiert. Es ist nett,<br />
was da auf dem Album zu hören ist, es hat<br />
einen tiefgründigen Afro-Groove, wiegt die<br />
Hüften schwer zwischen den harmonischen<br />
Pendelbewegungen, einer hochgerüsteten<br />
Perkussion und den soulgetränkten Stimmen<br />
mehrerer Sängerinnen und der verlässlichen<br />
Klasse von Gastsolisten wie den Saxofonisten<br />
Magnus Lindgren am Tenor und Logan<br />
Richardson am Alt oder dem Trompeter Theo<br />
Croker. Was allerdings auf der Strecke bleibt<br />
bei dieser musikalischen Puzzlearbeit, ist<br />
das gewisse Etwas, diese überschießende<br />
Energie, die damals die Faszination für diese<br />
Musik hervorrief, diese Unbedingtheit, mit<br />
der die Melodiker des Spiritual Jazz über alle<br />
Schranken der Konvention <strong>–</strong> und manchmal<br />
auch ihrer technischen Fähigkeiten <strong>–</strong> hinweg<br />
ihre Wege verfolgten.<br />
Nicola Conte, geboren 1964 in Bari,<br />
tief an der Ferse des italienischen Stiefels,<br />
unendlich weit entfernt von den Zentren des<br />
Jazz, von Rom, Mailand, Turin, den Großstädten<br />
des Nordens und noch viel weiter von<br />
den afroamerikanischen Kristallisationsorten<br />
auf der anderen Seite des Großen Teichs, wo<br />
sich seinerzeit der Spiritual Jazz sprunghaft<br />
ausbreitete. Doch auch in Süditalien gab es<br />
Musik, populäre und folkloristische Musik,<br />
all das, was lebt und bebt, Conte begegnete<br />
der klassischen Musik mit ihrem Seidenschmelz,<br />
der Breitwand-Sentimentalität der<br />
italienischen Filme der 70er-Jahre, und dem<br />
deutlich anspruchsärmeren Musikmaterial<br />
aus der cinematographischen Dutzendware<br />
aus Cinecittà, nippte am Jazz und seinem Begleitschwarm<br />
<strong>–</strong> Nicola Conte fand genug musikalisches<br />
Futter. Er wuchs heran zu einem<br />
manischen Schallplattensammler, der sich für<br />
viele Reize interessierte, die ihm vor die Ohren<br />
kamen, und zugleich zu einem Gitarristen, der<br />
den Ertrag all dieser Einflüsse in einer Art von<br />
lauschig dahinwehender improvisierter Musik<br />
miteinander verband, in einer Art Jazz-als-ob,<br />
einem sorgfältig abgestimmten Potpourri aus<br />
Jazz-Zeichen, das seinen Platz in den Loungesesseln<br />
dieser Welt findet.<br />
Conte ist clever genug, zu begreifen,<br />
dass sein eigenes Spiel auf der Gitarre dabei<br />
nicht viel mehr ist als eine nette Dreingabe<br />
des Gesamtklangs, und entsprechend hat er<br />
seit Langem seinen Fokus zunächst auf sein<br />
DJing und zunehmend auf die Position eines<br />
Produzenten verlegt, bei der nie so recht klar<br />
wird, wo er nur Vorgefundenes zurechtstutzt,<br />
um es in ein vorgefertigtes Klangbild<br />
einzufügen, und wo seine individuelle<br />
Imagination anfängt. In dieser Uneindeutigkeit<br />
nähert sich Conte wiederum der Welt<br />
bewusst unscharf gesetzter Zeichen, in der<br />
er vor zehn Jahren auf sein Album Rituals<br />
aufmerksam machte. Melodien wehen wie<br />
ein Windhauch, Bläser schlingen Girlanden,<br />
die gemächlich gen Boden schweben, doch<br />
the beat goes on. Körper bewegen sich im<br />
Raum <strong>–</strong>und irgendwo in dieser ganzen zarten<br />
Bewegung haben sich all die machtvollen<br />
Emotionen verpuppt: die Liebe und die<br />
Weltverbundenheit und das Begehren. Nach<br />
63 Minuten allerdings geht das Licht aus. So<br />
viel Struktur muss sein.<br />
Aktuelle CD:<br />
Nicola Conte: Let Your Light Shine On<br />
(MPS / Edel:Kultur)<br />
32 JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong>
nICola<br />
Conte<br />
Melodien wie<br />
ein Windhauch<br />
© Nicolas Righetti<br />
JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 33
High Fidelity: Die Listening-Session<br />
CYRUS CDi Intimität bis zum Erröten<br />
Wer noch CDs hört, der kommt um<br />
ein hochwertiges Abspielgerät nicht<br />
herum. Ein traditionsreicher Hersteller<br />
von CD-Playern ist Cyrus Audio<br />
aus England.<br />
Von Peter Steinfadt<br />
Also ich habe ja gerne was in der Hand.<br />
Eine Langspielschallplatte. Oder eine<br />
CD mit buntem Booklet. Mit gestreamter<br />
Musik, mp3 oder ähnlichem technologischen<br />
Fortschritt kann ich wenig anfangen.<br />
Musikgenuss ist ein Lebensmittel und sollte<br />
nicht zum Fast Food verkommen. Kann<br />
der ernsthafte Musikfreund Datenmaterial<br />
sammeln? Das ist wie Berliner Luft in<br />
Dosen und somit lächerlich. Wo bitteschön<br />
bleibt denn im Zuge der Entstofflichung der<br />
liebgewonnene Staub auf der meterlangen<br />
LP-Sammlung im Regal oder dem Konvolut<br />
der alphabetisch sortierten Silberlinge? Da<br />
goutiere ich doch lieber das saftig-dezente<br />
„Schluurb“ des Cyrus-Laufwerks während<br />
des Einziehens bzw. Ausspuckens einer<br />
Compact Disc.<br />
Die Technik des Cyrus CDi aus Huntington,<br />
Cambridgeshire ruht in einem Solidität<br />
ausstrahlenden und für den Hersteller<br />
typischen Druckguss-Gehäuse mit schöner<br />
Anfassqualität und verfügt über ein sogenanntes<br />
LED Loading System sowie einen<br />
32-Bit-DAC Wandler. In der bescheidenen<br />
Abmessung von 73 x 215 x 360 Millimetern<br />
(H x B x T) mit den Ausgängen SPDIF<br />
optisch, SPDIF koaxial und 2 x Stereo-Cinch<br />
steckt viel technisches Know-how des<br />
Traditionsherstellers. Vom ersten reproduzierten<br />
Ton an ist es zu hören, dass hier<br />
enthusiastische Überzeugungstäter am<br />
Werk waren. Hier wird Wissen umgemünzt<br />
in seelenvolle, natürliche Musikwiedergabe.<br />
Dark Days & Canapés (Pias, 2017) von<br />
Obaro Ejimiwe aka Ghostpoet liefert düsteren,<br />
spannenden Urban-Electro-Sound aus<br />
UK. Als Hörer verfällt man sofort der dunklen<br />
Stimme des Briten mit nigerianischen<br />
Wurzeln, mehr Spoken Word als Gesang.<br />
Hier treffen ein glockenhell angeschlagenes<br />
Klavier auf dunkle Elektrosounds und teils<br />
verstörende Gitarrenarbeiten, die sogar ins<br />
Morriconehafte driften können. Welcome to<br />
the Geisterstunde. Es ist schön da. Der Cyrus<br />
CDi besitzt ein Faible für einen sehr harmonischen,<br />
körperreichen Tonfall und leuchtet die<br />
Bühne des musikalischen Geschehens sehr<br />
glaubhaft aus. Der Player transportiert die<br />
Weltuntergangsintimität des Albums bis zum<br />
Erröten. Mit einem solch organischen, gesättigten<br />
Gestus, dass sich die beliebte Frage<br />
nach der Auflösungskapazität der Maschine,<br />
die diese übrigens perfekt beherrscht, erst<br />
gar nicht stellt.<br />
„Schluurb!“ <strong>–</strong> CD raus. „Schluurb!“<br />
<strong>–</strong> neuer Titel rein. Ärger über klapprige CD-<br />
Schubladen kann beim Cyrus CDi gar nicht<br />
erst aufkommen. Das Florian Pellissier Quintet<br />
kann sein Faible für Blue-Note-Jazz der<br />
60er Jahre nicht verleugnen und schlägt auf<br />
seinem neuen Album Bijou Voyou Caillou<br />
(Heavenly Sweetness, <strong>2018</strong>) mit europäisch<br />
geprägtem Jazzidiom und Ausflügen in<br />
Rap-Gefilde die Brücke in die Jetztzeit. Die<br />
spielfreudige Besetzung und feurige Eleganz<br />
der Band um den Pianisten Pellissier<br />
vermag mit Melodien und überraschenden<br />
Hooks vom ersten bis zum letzten Titel zu<br />
fesseln. Hier mag man durchhören und<br />
nicht mit der schicken Fernbedienung des<br />
Players von Titel zu Titel skippen. Die sehr<br />
gute Aufnahmequalität mit transparenter<br />
Handschrift <strong>–</strong> hier war mit Jordan Kouby ein<br />
Könner im Studio <strong>–</strong> wird vom Cyrus-Player<br />
wunderbar und selbstverständlich ohne<br />
Artefakte in den Raum gestellt. Auch hier<br />
geht die Rechnung mit exzellentem Timing<br />
und einer tonalen Abstimmung, die die<br />
Farben der weichen, warmen Klänge zum<br />
Leuchten bringt, auf. Im Hochtonbereich<br />
rundet der Player hier etwas ab, aber unterschlägt<br />
nichts wirklich.<br />
Das bewusste Zurückhalten des<br />
allerletzten, höchsten Hochtons und die<br />
leicht „dunkle“ Gesamtabstimmung sind sehr<br />
angenehm im Ohr. Der CDi nervt niemals<br />
auch nur im Ansatz, sondern überzeugt mit<br />
einer stupenden Grundtondynamik, Gefühl für<br />
Rhythmus und musikalischem Fluss. Wie beim<br />
Hersteller üblich, ist der CDi mit dem optional<br />
erhältlichen Netzteil PSX-R aufwertbar. Aber<br />
auch ohne externe Stromversorgung gehört<br />
der kleine Brite im schicken schwarzen Kleid<br />
in die klangliche Klasse der 3000-Euro-Player.<br />
Die aufgerufene UVP in Höhe von 1.295<br />
Euro ist auf jeden Fall jeden Cent wert. Der<br />
Gegenwert ist eine Musikmaschine, die zu<br />
begeistern vermag und in diesem Marktsegment<br />
nahezu konkurrenzlos ist.<br />
Website:<br />
www.bellevueaudio.de<br />
34 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Robyn Schulkowsky /<br />
Joey Baron Wer ich bin<br />
Von Holger Pauler<br />
Der Titel lässt viel Raum<br />
für Interpretationen.<br />
Die Betonung kann man<br />
wahlweise auf jedes<br />
einzelne der vier Worte<br />
legen, immer ergibt der<br />
Satz eine andere Bedeutung,<br />
und jedes Mal<br />
stimmt sie auch. „Die<br />
Musik fordert die Leute<br />
auf, intensiv zuzuhören“,<br />
sagt Robyn Schulkowsky.<br />
„Sie sollen<br />
sich darauf einlassen<br />
und sich auf die Suche<br />
begeben nach den Klängen<br />
und Strukturen, die<br />
dort verborgen sind.“<br />
Den Hörer erwarte<br />
jedes Mal ein vollkommen<br />
neues Hörerlebnis,<br />
verspricht sie.<br />
Schon der erste Durchlauf<br />
macht neugierig auf<br />
mehr. Es gibt Anleihen<br />
bei der Minimal Music,<br />
bei afrikanischen<br />
Rhythmen und Raga, bei<br />
Stockhausen und Cage.<br />
Hypnotisch-sedierende<br />
Klänge wechseln mit<br />
schnarrenden und<br />
klirrenden Becken ab. Es groovt <strong>–</strong> mal entspannt,<br />
mal treibend <strong>–</strong> und zwischendurch<br />
erklingen sogar Melodien. Töne werden im<br />
Raum stehen gelassen, verlieren sich und<br />
überwinden Raum und Zeit. „Die Musik<br />
auf Now You Hear Me ist die Summe der<br />
musikalischen Erfahrungen, die wir über die<br />
Jahrzehnte gesammelt haben. Dazu gehört<br />
auch, die Materialien, die wir ausgesucht<br />
haben, zu erforschen und weiterzuentwickeln,<br />
um mit ihnen zu spielen“, sagt Joey<br />
Baron. Der 63-jährige Wahl-New-Yorker<br />
ist ein Grenzgänger zwischen den Genres:<br />
Er hat mit John Zorn, Bill Frisell und Dizzy<br />
Gillespie ebenso gespielt wie mit Marianne<br />
Faithfull und Laurie Anderson. Die Kooperation<br />
mit Robyn Schulkowsky klingt vor dem<br />
Background nur logisch: Die 1953 in Eureka,<br />
South Dakota, geborene Perkussionistin hat<br />
sich früh der Klangforschung verschrieben<br />
und dafür nicht die schlechtesten Lehrer<br />
und Partner ausgesucht: Neben Karlheinz<br />
Stockhausen, John Cage oder Morton Feldman<br />
waren es auch Musiker wie Lindsay<br />
Cooper und Derek Bailey.<br />
Wie viel von der Musik spontan und<br />
wie viel abgesprochen und notiert ist, lässt<br />
sich kaum nachvollziehen <strong>–</strong> auch, weil beide<br />
auf die Unterscheidung zwischen komponierter<br />
und improvisierter Musik wenig<br />
Wert legen. Entscheidender seien die Töne<br />
und Rhythmen, die man höre und spüre,<br />
glaubt Baron. „Es gibt unzählige Möglichkeiten,<br />
Klänge zu notieren, Partituren zu<br />
schreiben <strong>–</strong> wichtig ist letztlich, wie die<br />
Musik klingt, wie sie sich anfühlt, wie der<br />
Spirit sich entwickelt und wie daraus neue<br />
Energie entsteht.“ Ein beinahe esoterischer<br />
Ansatz, doch letztlich geht es den beiden<br />
darum, der Musik immer wieder neue<br />
Aspekte hinzuzufügen, ohne sich Grenzen<br />
zu setzen. Dazu gehört auch der Mut, Dinge<br />
auszuprobieren, an die man im ersten<br />
Moment vielleicht nicht denkt. Das erfordert<br />
Offenheit und auch Lust am Experiment.<br />
Es ist nicht die erste Zusammenkunft der<br />
beiden Musiker. Bereits 2008 spielten sie gemeinsam<br />
mit dem Schweizer Schlagzeuger<br />
Fredy Studer beim Drums Summit in Bonn,<br />
zwei Jahre später folgte mit Dinosaur Dances<br />
(2010) die erste Duo-Aufnahme. Daneben<br />
gab es gemeinsame Auftritte mit größeren<br />
Formationen. Dennoch kommen beide immer<br />
wieder auf die kleinstmögliche musikalische<br />
Formation zurück. „Ich arbeite seit mehr als<br />
20 Jahren im Duo. Für mich ist es die beste<br />
Form, sich weiterzuentwickeln. Im Duo kann<br />
man sich nicht verstecken, man muss immer<br />
präsent sein und reagieren können“, sagt<br />
Schulkowsky über ihre Motivation.<br />
Der Aufbau der Instrumente geht dabei<br />
weit hinaus über das, was etwa ein herkömmliches<br />
Drumset ausmacht. Beide benutzen<br />
mehrere Dutzend Stöcke oder Besen<br />
aus unterschiedlichen Materialien. Neben<br />
Tom, Snare und Becken stehen, liegen und<br />
hängen alle möglichen und unmöglichen<br />
Teile in der Gegend herum: riesige Glocken,<br />
Xylofone, selbst gebastelte Kästen aus Holz,<br />
die mit Saiten überzogen sind <strong>–</strong> der Fundus<br />
ist unerschöpflich. Aber jedes Objekt hat<br />
seinen Platz und seine Bedeutung. Auch die<br />
Stimmung der Schlaginstrumente ist extrem<br />
wichtig, um der Musik neben der Rhythmik<br />
und Metrik auch eine tonale Struktur zu<br />
geben.<br />
Wie die Interaktion auf der Bühne<br />
funktioniert, davon konnten und können sich<br />
die Zuhörer auch in zahlreichen Konzerten<br />
überzeugen. 2013 traten Schulkowsky und<br />
Baron gemeinsam mit dem Komponisten<br />
und Klangkünstler Christian Wolff bei der<br />
MaerzMusik in Berlin auf und ein Jahr später<br />
in der damals neu eröffneten Festivalhalle<br />
in Moers. Das harmonische, fast intime<br />
Zusammenspiel der beiden Musiker und<br />
deren sichtbare Zurückhaltung brachten<br />
das Publikum in beiden Fällen zum Staunen<br />
und Schweigen.<br />
Dennoch hat das Live-Erlebnis der<br />
Musik einen Nachteil: Es lüftet so manches<br />
Geheimnis, das die beiden Musiker gerne<br />
für sich behalten würden. „Wenn man nur<br />
die Musik hört und uns nicht sieht, weiß<br />
man oft nicht, wer gerade spielt, da wir<br />
mal synchron und dann wieder asynchron<br />
agieren, uns abwechseln, um den Part<br />
des Gegenübers zu übernehmen, ohne es<br />
vorher abzusprechen“, sagt Schulkowsky.<br />
Und schon bekommt der Titel der Aufnahme<br />
eine weitere Bedeutung: Who is „me“?<br />
Aktuelle CD:<br />
Robyn Schulkowsky & Joey Baron: Now You Hear Me<br />
(Intakt / Harmonia Mundi)<br />
Schlagzeugerin trifft Schlagzeuger, Neue Musik trifft<br />
Improvisation <strong>–</strong> und das in selten gehörter Harmonie.<br />
Mit der Aufnahme Now You Hear Me setzt das Duo Robyn<br />
Schulkowsky und Joey Baron seinen vor gut einem<br />
Jahrzehnt begonnenen musikalischen Dialog fort.<br />
© Dariusz Gackowski<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />
35
Tom Ibarra<br />
Freshman und Frenchman<br />
© Thierry Dubuc<br />
Man sollte meinen, dass jemand, der Jimi Hendrix, Weather Report und Pat Metheny als Einflüsse<br />
und Vorbilder nennt, schon im gesetzteren Alter sein muss. Der französische Gitarrist Tom Ibarra<br />
ist jedoch gerade mal zarte 18 Jahre jung und doch schon ein alter Hase im Musikgeschäft.<br />
In diesem Jahr wurde er mit dem LetterOne Rising Stars Jazz Award ausgezeichnet.<br />
Von Angela Ballhorn<br />
Sparkling ist bereits die zweite<br />
CD, die der junge Franzose<br />
aufgenommen hat, sein erstes<br />
Album hatte er mit 15 veröffentlicht.<br />
Seitdem hat er begonnen,<br />
auch selbst Stücke zu schreiben.<br />
Auf den begabten Musiker<br />
wurden prominente Kollegen<br />
aufmerksam: Marcus Miller,<br />
Richard Bona und Didier Lockwood<br />
luden Tom Ibarra ein, mit<br />
ihnen zu spielen. „Ich habe im<br />
Alter von sechs Jahren mit der<br />
Gitarre angefangen, das war<br />
die Schuld meines Großvaters.<br />
Ich war oft bei meinen Großeltern<br />
in den Ferien. Mein Opa ist<br />
Amateurmusiker, ich habe ihm<br />
zugehört und hatte Lust, selbst<br />
auch mit Musik anzufangen.<br />
Als ich mit 16 meinen Schulabschluss<br />
machte, hatte ich<br />
das Glück, mich am Centre des<br />
Musiques Didier Lockwood in<br />
Paris einschreiben zu können.<br />
Dort habe ich vor zwei Jahren<br />
begonnen, Musik zu studieren.<br />
Davor hatte ich keine Ausbildung,<br />
keinen Musikunterricht,<br />
keinen Theorieunterricht, ich<br />
war bis vor zwei Jahren absoluter<br />
Autodidakt.“<br />
Musikalisch war der Gitarrist<br />
schon immer für alles offen,<br />
Rockmusik habe er viel gehört,<br />
erzählt er. „Zum Beispiel war<br />
Jimi Hendrix ein wichtiger<br />
erster Einfluss. Später, als<br />
Teenager, habe ich angefangen,<br />
Wes Montgomery oder<br />
Pat Metheny zu hören.“ Doch<br />
nicht nur Gitarristen zählt Tom<br />
Ibarra auf, er ist großer Fan der<br />
epochalen Jazzpianisten. Chick<br />
Corea, Keith Jarrett oder Herbie<br />
Hancock sind seine Favoriten.<br />
Sparkling ist ebenso untypisch<br />
wie die Einflüsse, die Ibarra<br />
nennt <strong>–</strong> es ist eine Fusion-CD.<br />
Das Musikgenre wird hartnäckig<br />
totgeschrieben und kommt<br />
doch immer wieder hoch.<br />
„Natürlich habe ich auch für<br />
diese Musik Vorbilder. Ich mag<br />
36 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Weather Report oder Tribal Tech um den Gitarristen<br />
Scott Henderson. Die kanadische<br />
Band UZEB habe ich ebenfalls intensiv<br />
studiert.“ Über den Hinweis, dass all diese<br />
Vorbilder auch ein 60-jähriger Gitarrist hätte<br />
nennen können, lacht der Teenager. Gibt es<br />
denn keine jungen, neuen Musiker, die den<br />
Gitarristen interessieren? „Doch, schon“<br />
schmunzelt Ibarra. „Den Gitarristen <strong>Juli</strong>an<br />
Lage finde ich toll, oder den Pianisten Brad<br />
Mehldau. Aber der ist jetzt ja auch schon<br />
wieder älter, oder?“<br />
Ibarras Fusion-Musik klingt anders als<br />
die Vorläufer aus den 80er und 90er Jahren,<br />
das Klangbild hat sich komplett verändert.<br />
Der Gitarrist hat alles Verstaubte, was<br />
dem Genre so anhaftet, weggeblasen. Eine<br />
große Hilfe dabei ist ihm sein Quartett, mit<br />
dem er schon länger zusammenarbeitet.<br />
„Ich spiele mit Jeff Mercadié am Saxofon,<br />
Auxane Cartigny an den Keyboards,<br />
Antoine Vidal am Bass und Pierre Lucbert<br />
am Schlagzeug. Die Besetzung passt genau<br />
für meine Musik. Für die CD hatten wir noch<br />
zwei Gäste dabei, zum einen den Saxofonisten<br />
Stéphane Guillaume, zum anderen<br />
<strong>–</strong> und da bin ich wirklich stolz drauf <strong>–</strong> den<br />
Bassisten und Leader der Band Snarky<br />
Puppy, Michael League. Der hat auf einem<br />
Stück mitgespielt. Ich habe ihn schon öfter<br />
getroffen und gefragt, ob er mitspielen<br />
wolle. Wir hatten das Glück, dass wir tatsächlich<br />
einen Termin finden konnten und<br />
er zwei Stücke aufnehmen, wovon jetzt eins<br />
auf der CD gelandet ist.“<br />
Die Kompositionen der CD stammen<br />
alle von Tom Ibarra. Der Gitarrist komponiert<br />
erst seit zwei Jahren und geht nach<br />
keiner festen Methode vor. „Oft singe ich<br />
eine Melodie und füge nach und nach Bass<br />
und Harmonien dazu, aber der Startpunkt<br />
ist selten die Gitarre.“ Preise hat der junge<br />
Musiker schon einige verliehen bekommen:<br />
Auszeichnungen wie erste Plätze bei der<br />
Sacem 2013 und 2014 und den Jeune Espoir<br />
Action Jazz / Young Talent Award 2016. Er<br />
ist jüngster Endorser für Ibanez-Gitarren<br />
(seit 2015) und ganz aktuell Gewinner des<br />
LetterOne Rising Stars Jazz Award. Dabei<br />
wählten in der ersten Runde Festivals<br />
ihre Top Ten, in der zweiten Runde wählte<br />
dann eine international besetzte Jury ihre<br />
Acts aus. Tom Ibarra konnte beide Runden<br />
gewinnen.<br />
Der Rising Stars Award hat Tom Ibarra<br />
beim Booking geholfen, er konnte für seine<br />
Band einige zusätzliche Konzerte buchen.<br />
Gäste wie auf der CD sind für die Tour erst<br />
mal nicht geplant. „Aber wer weiß, was<br />
sich bis zum Sommer noch ändert. Mein<br />
Quartett ist meine feste Besetzung, über<br />
die ich sehr glücklich bin. Wir spielen unter<br />
anderem im Sommer in England <strong>–</strong> und wir<br />
spielen in Stuttgart am selben Abend wie<br />
Marcus Miller.“<br />
Aktuelle CD:<br />
Tom Ibarra: Sparkling<br />
(Autoproduction)<br />
© Thierry Dubuc<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />
37
Die Erde ist eine Scheibe<br />
Enkel<br />
We Are Enkel<br />
Nordic Notes / Broken Silence<br />
W W W W<br />
Auļi and Tautumeitas<br />
Lai māsiņa rotājās!<br />
CPL / Broken Silence<br />
W W W W o<br />
Amsterdam Klezmer Band<br />
& Söndörgő<br />
Szikra<br />
Vetnasj / Indigo<br />
W W W o<br />
Michael Heitzler’s Klezmer<br />
Band<br />
Ode Hashem<br />
Neuklang / In-Akustik<br />
W W W o<br />
Joachim Mencel Quintet<br />
Artisena<br />
For Tune<br />
W W W W o<br />
Tolga During / OttoMani<br />
Gelibolu<br />
Visage Music<br />
W W W W<br />
Bahur Ghazi’s Palmyra<br />
Bidaya<br />
Jazzhaus / In-Akustik<br />
W W W o<br />
Rahim AlHaj Trio<br />
One Sky<br />
Smithsonian Folkways /<br />
Galileo MC<br />
W W W<br />
Barcelona Gipsy Balkan<br />
Orchestra<br />
Avo Kanto<br />
Satélite K / Galileo MC<br />
W W W o<br />
Wildes Holz<br />
Ungehobelt<br />
Holz / Galileo MC<br />
W W W W<br />
Sväng<br />
Sväng Plays Tango<br />
Galileo MC<br />
W W W W<br />
Anne-Mari Kivimäki<br />
Ilja<br />
Nordic Notes / Broken Silence<br />
W W W<br />
Franui<br />
Ständchen der Dinge<br />
Col Legno / Harmonia Mundi<br />
W W W W W<br />
Was brauchen Superhelden, um<br />
in der Welt zu bestehen? Klar:<br />
zwei Akkordeons, eine Kantele,<br />
eine Bratsche und vier Stimmen.<br />
Die selbsternannte Superhelden-<br />
Gang Enkel stammt aus Finnland<br />
und besteht aus vier jungen<br />
Frauen, die sich auf ihrem<br />
zweiten Album mit entsprechenden<br />
Kostümen und Frisuren<br />
ausstaffiert haben. Zwischen<br />
volkstümlich und modern, instrumental<br />
und gesungen spielen<br />
sie sich durch ein rundum<br />
sympathisches Programm mit<br />
Schwung und Witz. Höhepunkt<br />
ist „Merimiehen Muija“, ein<br />
geradezu dramatisches Lied<br />
über eine Seemannsfrau. Wie<br />
es sich für Superheldinnen<br />
gehört, hat die Enkel-Gang außer<br />
ihrem Können an den Instrumenten<br />
auch Superkräfte: „Our<br />
superpower is tradition. What is<br />
yours?“ Ihr Debüt, das vor zwei<br />
Jahren zu Finnlands Folkalbum<br />
des Jahres gewählt wurde, trug<br />
übrigens den schönen Titel Pappilan<br />
hääyö <strong>–</strong> Hochzeitsnacht im<br />
Pfarrhaus.<br />
Ums Heiraten geht es auch<br />
auf Lai māsiņa rotājās! (lettisch<br />
für „Lasst uns die Schwester herausputzen!“),<br />
ein Album, das in<br />
alten lettischen Liedern den Weg<br />
eines jungen Paares vom Kennenlernen<br />
über Verlobung und<br />
Hochzeit bis zum Zusammenleben<br />
nachzeichnet. Passenderweise<br />
ist auch die Besetzung<br />
eine Art Vermählung. Die beiden<br />
Ensembles Auļi und Tautumeitas<br />
haben sich zu einem 17-köpfigen<br />
Folkorchester zusammengeschlossen,<br />
in dem mächtige<br />
Dudelsäcke (Auļi) auf kräftige<br />
Frauenstimmen (Tautumeitas)<br />
treffen. Das Album ist über weite<br />
Strecken entsprechend energiegeladen,<br />
endet aber mit dem<br />
durchaus kritischen Blick der<br />
Braut auf ihr Eheleben und das,<br />
was sie dafür aufgegeben hat.<br />
Wem Frauengesang auf Dauer<br />
zu kraftlos und archaisches<br />
Dudelsack-Trommel-Gebolze in<br />
purer Form zu eintönig ist, der<br />
bekommt hier das Beste beider<br />
Welten. Ein Streichholz, gemacht<br />
im Himmel, wie der Engländer<br />
sagt.<br />
Noch ein Gipfeltreffen zweier<br />
kompletter Gruppen: Die Amsterdam<br />
Klezmer Band hat sich<br />
mit dem ungarischen Ensemble<br />
Söndörgő zusammengetan und<br />
erfährt durch deren Tamburica-<br />
Musik eine gehörige Auffrischung.<br />
Beide Bands haben<br />
eine über 20-jährige Geschichte<br />
hinter sich und verstehen sich<br />
untereinander blind. So sind<br />
sie problemlos in der Lage, sich<br />
neuen Einflüssen zu öffnen, und<br />
finden zwischen Balkan, Klezmer<br />
und Gipsy-Musik fruchtbares<br />
gemeinsames Terrain. Durch<br />
die unterschiedlichen Schwerpunkte<br />
<strong>–</strong> Blasinstrumente bei<br />
der AKB, Saiteninstrumente<br />
bei Söndörgő <strong>–</strong> kommen sie<br />
sich nicht ins Gehege, sondern<br />
ergänzen sich prächtig zu einem<br />
Zwölf-Mann-Koloss, bei dem<br />
der Funke (ungarisch Szikra, so<br />
der Titel des Albums) schnell<br />
überspringt.<br />
Schlicht Klezmer Band<br />
heißt auch die neue Gruppe<br />
von Michael Heitzler, dem<br />
langjährigen Klarinettisten der<br />
Schweizer Band Kolsimcha. Sein<br />
Klarinettenklang orientiert sich<br />
ganz bewusst an traditionellen<br />
Vorbildern, was dazu führt, dass<br />
Ode Hashem, das Debüt der<br />
Band, auf den ersten Eindruck<br />
zwar souverän, virtuos und emotional,<br />
aber auch recht konventionell<br />
klingt. Hört man genauer<br />
hin, warten lohnenswerte<br />
Entdeckungen. Die differenzierte<br />
Begleitung durch Klavier, Kontrabass<br />
und Schlagzeug schafft<br />
einen deutlichen Jazz-Einschlag,<br />
der durch Solo-Passagen noch<br />
verstärkt wird. Ein schöner<br />
Ruhepunkt ist das wehmütige<br />
„BeMotzaej Shabbath“.<br />
Noch deutlicher im Jazz<br />
zu Hause ist das Quintett von<br />
Joachim Mencel (nicht zu<br />
verwechseln mit dem<br />
verstorbenen ostdeutschen<br />
Entertainer<br />
Achim Mentzel!). Der<br />
polnische Pianist hat<br />
sich nach dem Vorbild<br />
Frédéric Chopins beim<br />
Komponieren von<br />
seinen heimischen<br />
Volkstänzen wie<br />
Polonaise, Krakowiak,<br />
Mazurka und Csárdás<br />
inspirieren lassen.<br />
Weil ihm aber in den<br />
dabei entstandenen<br />
Jazz-Stücken der<br />
Klang der traditionellen<br />
Volksmusik zu<br />
sehr verloren ging,<br />
hat er sich kurzerhand<br />
weitergebildet und<br />
Drehleier spielen<br />
Die Erde ist<br />
gelernt. Das Borduninstrument<br />
steuert im Zusammenspiel mit<br />
Gitarre, Geige, Klavier, Bass und<br />
Schlagzeug eine hochinteressante<br />
zusätzliche Farbe zu einem<br />
Klang bei, der stilistisch kaum<br />
zu fassen ist <strong>–</strong> mal experimentell<br />
(„Mazurek d-moll“), mal<br />
swingend („Kołomyjka bb-Moll“)<br />
dann äußerst melodieverliebt<br />
wie in „Oberek G-Dur“, das phasenweise<br />
sogar Erinnerungen<br />
an Oregon oder Pat Metheny<br />
weckt.<br />
Orientalische und westliche<br />
Einflüsse finden sich in der Musik<br />
des Gitarristen und Komponisten<br />
Tolga During, genau wie<br />
38 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
in seinem Lebenslauf. Geboren<br />
in Istanbul und aufgewachsen<br />
in den Niederlanden, lebt er seit<br />
2005 in Italien. Nach ausgiebigen<br />
Erfahrungen mit Jazz Manouche,<br />
französischem Folk-Jazz und<br />
italienischem Swing wendet er<br />
sich mit seinem neuen Quartett<br />
OttoMani mediterranem<br />
Kammer-Folkjazz zu. Begleitet<br />
von Kontrabass und Percussion,<br />
hat er mit Francesco Ganassin<br />
einen Bassklarinettisten an<br />
seiner Seite, der die gefühlvollen<br />
und zurückhaltenden Kompositionen<br />
mit wohlüberlegten Soli<br />
veredelt. Tolga During spielt eine<br />
akustische Doppelhals-Gitarre,<br />
die neben einem konventionellen<br />
Hals ein zusätzliches bundloses<br />
Griffbrett besitzt, das ihm ermöglicht,<br />
auch Glissandi, Vierteltöne<br />
und Mikrointervalle zu erzeugen<br />
und so dem Klang einer Oud sehr<br />
nahe zu kommen.<br />
Ein Könner an der Oud ist<br />
Bahur Ghazi, der mit Bidaya das<br />
Debüt seiner Gruppe Palmyra<br />
vorstellt. Auf dem Album eines<br />
syrischen Oud-Spielers Titel<br />
wie „Versteckt“ oder „Gruenfink“<br />
zu finden, ist zunächst<br />
überraschend, aber schnell<br />
erklärt. Ghazi lebt seit 2011 in<br />
der Schweiz, in deren Jazzszene<br />
er Mitstreiter mit offenen<br />
Ohren für seine Arbeit an einer<br />
Fusion östlicher und westlicher<br />
Kultur gefunden hat. In seinen<br />
eine Scheibe<br />
spannungsreichen Stücken, die<br />
in der musikalischen Verbindung<br />
von Orient, Jazz und Folk<br />
bisweilen an Projekte von Rabih<br />
Abou-Khalil erinnern, wechseln<br />
sich in vertrackten Rhythmen<br />
durchkomponierte Passagen<br />
und Freiräume ab, in denen sich<br />
die Musiker entfalten können.<br />
Besonders reizvoll ist die Kombination<br />
der arabischen Laute mit<br />
Patricia Draegers Akkordeon.<br />
Weniger offensichtlich,<br />
zumindest für westliche Ohren,<br />
vollzieht sich die kulturelle Begegnung<br />
beim Rahim AlHaj Trio.<br />
Oud-Spieler AlHaj, den die Flucht<br />
aus seinem Heimatland Irak in<br />
die USA führte, versteht sein<br />
neues Album One Sky ausdrücklich<br />
als Aufruf zu Verständigung<br />
und friedlichem Zusammenleben,<br />
schließlich lebe die gesamte<br />
Menschheit gemeinsam unter<br />
einem Himmel. Das spiegelt<br />
sich in der Besetzung des Trios<br />
wider, in dem er neben dem<br />
palästinensisch-amerikanischen<br />
Perkussionisten Issas Malluf mit<br />
dem iranischen Santur-Spieler<br />
Sourena Sefati zusammenspielt<br />
<strong>–</strong> Musiker, deren Heimatländer<br />
während ihrer Kindheit Kriegsgegner<br />
waren. Mit Erläuterungen<br />
im Booklet bringt AlHaj dem<br />
Hörer die Hintergründe seiner<br />
Kompositionen näher.<br />
Das Barcelona Gipsy<br />
Balkan Orchestra geht den<br />
Weg weiter, den es vor zwei<br />
Jahren auf Del Ebro al Danubio<br />
eingeschlagen hat: kein Klezmer-<br />
Schwerpunkt mehr wie zu<br />
Beginn der Bandgeschichte und<br />
keine namhaften Gaststars wie<br />
auf Balkan Reunion von 2015.<br />
Der Titel Avo Kanto (Esperanto<br />
für „Lieder der Großväter“) deutet<br />
auf Traditionsbewusstsein,<br />
was jedoch schon allein wegen<br />
der Anzahl der in der Band vertretenen<br />
Traditionen (bei sieben<br />
Mitgliedern aus sechs Ländern)<br />
nicht einförmig wird. Versteht<br />
man das Album als musikalische<br />
Reise durch Balkan und<br />
Mittelmeerraum, dann ist Sandra<br />
Sangiao die Reiseführerin. Die<br />
Sängerin mit dem umfassenden<br />
Ausdrucksrepertoire zwischen<br />
Lebensfreude und Trauer hebt<br />
das Orchestra aus der Zahl<br />
vergleichbarer Gruppen heraus.<br />
Als Bonus gibt es eine neu<br />
gemasterte Version von „Lule<br />
Lule“, einem der gar nicht so<br />
heimlichen Hits der Band.<br />
Was braucht man, um so<br />
unterschiedlichen Schlachtrössern<br />
wie „Smoke on the Water“,<br />
„Blitzkrieg Bop“ und „Rock Me<br />
Amadeus“ die Schuppen von<br />
den Schultern zu pusten? Natürlich<br />
eine Blockflöte. Das Trio<br />
Wildes Holz ist seit 20 Jahren<br />
zusammen unterwegs mit der<br />
Mission, dem vielbelächelten<br />
Instrument seine Würde zurückzugeben.<br />
Zur rein akustischen<br />
Begleitung von Gitarre und Bass<br />
beweist Flötist Tobias Reisige<br />
auf der neuen CD Ungehobelt,<br />
dass da weit mehr geht, als man<br />
in der Musikalischen Früherziehung<br />
auch nur ahnen würde.<br />
Vor allem tritt die Gruppe mit<br />
Blurs „Song 2“ und Green Days<br />
„Basket Case“ (Letzteres kombiniert<br />
mit Pachelbels „Kanon“)<br />
den Beweis an, dass man auch<br />
unverzerrt amtlich rocken kann.<br />
Umgekehrt lernt Telemann die<br />
Wonnen des Gypsy-Swing kennen.<br />
Zum Glück überzeugt das<br />
neue Album neben dem Spaß<br />
am Überraschenden und Skurrilen,<br />
der sich nach einer Weile<br />
abnutzt, auch mit musikalischer<br />
Substanz.<br />
In Sachen Überraschungsgehalt<br />
steht der CD-Titel Sväng<br />
Plays Tango etwa auf einer Stufe<br />
mit Aussagen wie „Fips Asmussen<br />
erzählt einen Witz“ oder<br />
„Jogi Löw bohrt in der Nase“,<br />
schließlich hat das famose<br />
finnische Mundharmonika-Quartett<br />
noch kein Album und kein<br />
Konzert absolviert, ohne auch<br />
Tangos zu spielen <strong>–</strong> wie es sich<br />
für gefühlvolle Finnen eben gehört.<br />
Neu ist allerdings, dass sie<br />
auf ihrem aktuellen Album nichts<br />
anderes spielen und den Zuhörer<br />
damit tief in die charakteristische<br />
Mischung aus Melodieseligkeit<br />
und Melancholie des finnischen<br />
Tangos eintauchen lassen, die<br />
auch ohne die traurigen Texte<br />
erhalten bleibt. Im Booklet wird<br />
zudem erklärt, der dazugehörige<br />
Tanzstil sei im Vergleich zur Leidenschaft<br />
des Tango Argentino<br />
„mehr wie ein Mann und eine<br />
Frau beim Nordic Walking in<br />
der absoluten Stille auf einer<br />
finnischen Landstraße“.<br />
Auf einer Expedition in<br />
die Tiefen der finnischen Seele<br />
befindet sich seit Jahren auch<br />
die Akkordeonistin Anne-Mari<br />
Kivimäki. Ilja ist der fünfte und<br />
letzte Teil ihrer multimedialen<br />
Doktorarbeit an der Volksmusik-<br />
Abteilung der Sibelius-Akademie<br />
Helsinki, in der sie sich vom<br />
Schaffen des 1961 gestorbenen<br />
Erzählers und Akkordeonisten<br />
Ilja Kotikallio aus der heute zu<br />
Russland gehörenden Region<br />
Suistamo inspirieren ließ. Das<br />
Album ist der Versuch, einem<br />
dörflichen Tanzfest eine zeitgemäße<br />
Form zu geben, angereichert<br />
mit Feldaufnahmen und<br />
historischen Tondokumenten.<br />
Dass einige Passagen etwas<br />
gleichförmig ausfallen, machen<br />
die Kontraste zwischen den<br />
Stücken wieder wett. Vielleicht<br />
nicht der Höhepunkt von Kivimäkis<br />
Suistamo-Reihe, aber doch<br />
ein würdiger Abschluss.<br />
Zum eigenen 25-jährigen<br />
Bestehen spendiert die Osttiroler<br />
Musicbanda Franui sich und den<br />
Zuhörern unter dem hübschen<br />
Titel Ständchen der Dinge ein<br />
Jubiläumsalbum, das keine<br />
Wünsche offenlässt und sogar<br />
solche erfüllt, von denen man<br />
selbst noch nichts wusste. Es<br />
versammelt Höhepunkte der Vergangenheit,<br />
teils in neuen Versionen,<br />
Raritäten und Vergriffenes.<br />
Ob Trauermarsch oder Polka,<br />
Goethe oder Jandl, Gesang oder<br />
Rezitation, Brahms oder Alban<br />
Berg <strong>–</strong> meisterlich arrangiert<br />
findet hier alles einen originellen<br />
Ausdruck. Zwischen Blasmusik,<br />
Klassik, Volksmusik und Jazz gibt<br />
es nichts, was die zehnköpfige<br />
Besetzung nicht spielen könnte.<br />
Entzückt hört man Schubert und<br />
Mahler, deren Lieder frische<br />
neue Seiten offenbaren, die<br />
doch schon immer dagewesen<br />
zu sein scheinen. So schön kann<br />
Musik sein <strong>–</strong> so überraschend,<br />
so anrührend, so klug.<br />
Guido Diesing<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 39
Eurasians Unity<br />
Gendern ohne Dogma<br />
Ihr Thoneline Orchestra will sie weiterführen, das hindert die Kölner<br />
Saxofonistin Caroline Thon allerdings nicht daran, mit Eurasians<br />
Unity ein nicht ganz so großes Ensemble an den Start gebracht zu<br />
haben. Das Oktett zeichnet sich auf dem gleichnamigen Debütalbum<br />
durch komplexe Rhythmen, eine ungewöhnliche Instrumentierung<br />
und vielseitige Kompositionen aus.<br />
Von Ulrike Proske<br />
Acht Sängerinnen, Instrumentalistinnen<br />
und Instrumentalisten<br />
aus sieben<br />
Ländern <strong>–</strong> das erinnert an den<br />
Internationalen Frühschoppen.<br />
Doch während Werner<br />
Höfers Journalistenrunde am<br />
Sonntagmorgen gepflegte<br />
Langeweile zelebrierte, geht<br />
es bei den fünf Damen und drei<br />
Herren von Eurasians Unity zur<br />
Sache <strong>–</strong> Langeweile kommt da<br />
garantiert nicht auf. Konzipiert<br />
wurde die Band ursprünglich<br />
als reine Frauenband für das<br />
Festival „Women in Jazz“,<br />
das 2014 in Halle stattfand.<br />
Doch allzu dogmatisch sieht<br />
die Bandleaderin die Besetzungsfrage<br />
nicht. „Wenn die<br />
Küche nicht funktioniert, kann<br />
man nicht servieren“, meint<br />
Caroline Thon. „Deshalb wollte<br />
ich in der Rhythmusgruppe<br />
Leute haben, die ich kenne.<br />
Ich kannte 2013 einfach keine<br />
Bassistinnen und Schlagzeugerinnen<br />
gut genug, die<br />
stilistisch dann auch noch so<br />
vielfältig wie Alex Morsey und<br />
Bodek Janke sind <strong>–</strong> da muss<br />
die Genderfrage dann mal<br />
außen vor bleiben.“ Der dritte<br />
Mann ist der Pianist Salman<br />
Gambarov, der aus Aserbaidschan<br />
stammt.<br />
Aber geprägt wird Eurasians<br />
Unity eindeutig von den<br />
Frauen. Die ukrainische Sängerin<br />
Tamara Lukasheva, die<br />
sich in Deutschland schon in<br />
diversen Bands einen Namen<br />
ersungen hat, die iranische<br />
Oud-Spielerin Negar Bourban,<br />
die bulgarische Akkordeonistin<br />
Veronika Todorova, Feruza<br />
Ochilova aus Usbekistan, die<br />
singt sowie Dutar (eine persische<br />
Langhalslaute) und Daira<br />
(eine arabische Trommel)<br />
spielt. Und natürlich Caroline<br />
Thon am Saxofon. Wie man<br />
eine solche Band aus aller<br />
Frauen Länder organisatorisch<br />
zusammenbringt <strong>–</strong> schließlich<br />
muss neben den anstehenden<br />
Konzerten ja auch noch<br />
geprobt werden <strong>–</strong>, bleibt dem<br />
logistischen Geschick der<br />
Bandleaderin überlassen. „Die<br />
Probephasen organisieren wir<br />
mit Hilfe des Goethe-Instituts“,<br />
zeigt sich Caroline Thon durchaus<br />
dankbar für die finanzielle<br />
Unterstützung. „Man muss halt<br />
schauen, dass man mehrere<br />
© Gerhard Richter<br />
40 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
© Gerhard Richter<br />
Gigs zeitlich zusammen hat,<br />
dann kann man vorher und<br />
dazwischen auch ausgiebig<br />
proben.“<br />
Das Repertoire ist demokratisch<br />
entstanden. „Das Prinzip<br />
ist, dass jede eine Komposition<br />
mitbringt, die wiederum<br />
von jemand anderem arrangiert<br />
wird“, erläutert Caroline Thon.<br />
„Das heißt, dass Veronika Todorova<br />
ein Stück von mir arrangiert<br />
hat, das ich ursprünglich<br />
einmal für mein Jazzquintett<br />
geschrieben habe <strong>–</strong> sie hat es<br />
dann halt mit sehr komplizierten<br />
ungeraden Taktarten gespickt.“<br />
Auch das „Simple One-Theme<br />
Negar Bourban“, das Tamara<br />
Lukasheva arrangiert hat, ist so<br />
simpel nicht. Und das längste<br />
Stück, „Shadowprint“, das<br />
von Alex Morsey für die Band<br />
eingerichtet wurde, stammt<br />
von der deutsch-afghanischen<br />
Sängerin Simin Tander, die<br />
aufgrund ihres Engagements<br />
bei dem norwegischen Pianisten<br />
Tord Gustavsen nicht<br />
länger bei Eurasians Unity<br />
dabei sein kann. „Da Simin<br />
Tander früher bei uns gesungen<br />
hat, haben wir auch noch ihr<br />
Stück im Programm“, bestätigt<br />
Caroline Thon und betont, dass<br />
mit der neuen Sängerin auch<br />
eine wahrhaft neue Stimme<br />
ins Ensemble eingezogen ist.<br />
„Tamara, die jetzt bei Eurasians<br />
Unity singt, klingt völlig anders<br />
als Simin.“<br />
Thon selbst wiederum hat<br />
ein Lied von Alex Morsey arrangiert.<br />
„Kolysanka“ zeigt noch<br />
einmal die sensible Vielseitigkeit<br />
und das außergewöhnlich<br />
breite Ausdrucksspektrum von<br />
Eurasians Unity. „Das Stück von<br />
Alex Morsey ist eigentlich ein<br />
polnisches Schlaflied“, weiß<br />
die Bandleaderin. „Ich habe es<br />
arrangiert und mich auch um<br />
den Text gekümmert, der von<br />
Tamara kompetent gesungen<br />
wird, denn als Ukrainerin<br />
beherrscht sie auch die richtige<br />
polnische Aussprache.“<br />
Dass es mit dem ersten<br />
Tonträger der Band so lange<br />
gedauert hat, hängt mit dem<br />
hohen Qualitätsbewusstsein<br />
von Caroline Thon zusammen,<br />
die Wert darauf legt, relativ<br />
makellose Aufnahmen zu<br />
veröffentlichen. „Wir haben ja<br />
vor vier Jahren in Halle unsere<br />
Premiere mit Standing Ovations<br />
erlebt“, kann sich die Saxofonistin<br />
noch gut erinnern. „Erst<br />
wollten wir das Konzert als<br />
Live-Mitschnitt veröffentlichen,<br />
aber dann haben wir gemerkt,<br />
dass es an einigen Stellen noch<br />
nicht so richtig passte, und<br />
dann wollten wir doch lieber<br />
eine Studio-Aufnahme.“<br />
Eurasians Unity ist zwar für<br />
ein Festival entstanden, aber<br />
die Band soll kein kurzfristiges<br />
Projekt sein, sondern möchte<br />
möglichst lange miteinander<br />
Musik machen. „Ich bin ja ein<br />
Fan von langfristig zusammenarbeitenden<br />
Projekten“, betont<br />
Caroline Thon. „Erst dann kann<br />
die Musik richtig wachsen,<br />
und wir klingen garantiert jetzt<br />
wesentlich besser als 2014 in<br />
Halle. Ich hoffe, dass es die<br />
Band noch lange geben wird.“<br />
Aktuelle CD:<br />
Eurasians Unity: Eurasians Unity<br />
(Yellowbird / Soulfood)<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 41
Steve<br />
Tibbetts<br />
Atmen<br />
und atmen<br />
lassen<br />
© Daniel Corrigan / ECM Records<br />
42 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Diese Gitarre ist sich selbst genug. Ihr Sound durchmisst weite<br />
Räume wie ein einsamer Reisender in einem imaginären Roadmovie.<br />
Ein lebhaft funkelndes Figurenspiel will einen Zustand verdichten,<br />
scheint weder Anfang noch Ende zu haben <strong>–</strong> und nicht selten ist ihm<br />
ein Klavier auf den Fersen. Das neue Album des US-Gitarristen Steve<br />
Tibbetts ist mehr als das bloße Selbstporträt eines introvertierten<br />
Einzelgängers.<br />
Von Stefan Pieper<br />
Aus der Ruhe bringen lässt<br />
sich hier niemand. Geht es um<br />
die meditative Praxis des Umsich-selbst-Kreisens?<br />
Oder<br />
darum, mit Klängen der Ewigkeit<br />
näher zu kommen? Die<br />
vordergründig gleichförmigen<br />
Stücke verweigern sich auf<br />
Dauer einer Vereinnahmung<br />
als wohlfeiles Klang-Ambiente,<br />
denn dafür sind einfach zu<br />
viele beredte Botschaften<br />
im Spiel. Life of lautet der<br />
programmatische Titel, der<br />
schon darauf hindeutet, dass<br />
das Autobiografische eine<br />
große Rolle spielt. Und so rollt<br />
Steve Tibbetts auf den Stücken<br />
vielen unersetzlichen Mitmenschen<br />
den roten Teppich aus.<br />
Menschen, die ihm halfen, den<br />
Alltag zu managen und für kleines<br />
Geld ein Studio zu mieten,<br />
damit überhaupt ein existenzieller<br />
Freiraum fürs Schöpferische<br />
vorhanden war. Das<br />
Stück „Bloodwork“ ist eine<br />
Hommage an seine Schwester.<br />
Tibbetts konnte durch eine<br />
Bluttransfusion helfen, ihr das<br />
Leben zu retten.<br />
Am Anfang stehen Bilder<br />
im Kopf, die Stücke entstehen<br />
lassen, bis schließlich die<br />
Finger auf den Saiten und das<br />
Instrument selbst zum Werkzeug<br />
werden. Tibbetts selbst<br />
benennt, was ihn prägte und<br />
zur Musik brachte: „Ein starker<br />
Einfluss war immer mein Vater,<br />
der mich zur 12-saitigen Gitarre<br />
führte. Wenn er Freunde<br />
zu sich nach Hause brachte,<br />
war das Haus immer voller<br />
Musik. Mit Gitarren, Banjos<br />
und Blockflöten. Und ganz viel<br />
Rauch hing im Raum.“<br />
Ein wichtiges Erbe ist<br />
die12-saitige Martin-Gitarre,<br />
die schon sein Vater spielte.<br />
Vor allem liebt Tibbetts<br />
ihren großen, ja sehr großen<br />
Resonanzraum. Der sei „ein<br />
echter Konzertsaal für sich“.<br />
Die Stimmung der unteren<br />
Saiten hat er modifiziert, was<br />
in technischer Hinsicht zwar<br />
die Beherrschung des Instruments<br />
erschwert, aber nur so<br />
entsteht eben eine ganz spezifische<br />
harmonische Färbung.<br />
Er dachte auch mal über die<br />
Optimierung der Bünde nach,<br />
aber ein Gitarrenbauer riet<br />
ihm davon ab, als er erkannte,<br />
dass dem Gitarristen sein<br />
Instrument doch eigentlich so<br />
gefiel, wie es war. Never touch<br />
a running system.<br />
Persönlicher Ausdruckswille,<br />
ernsthaftes Musizieren<br />
und schließlich die hohe Kunst<br />
der Verfeinerung markieren<br />
in den Stücken des neuen<br />
Albums eine Kausalkette.<br />
Was vordergründig wie eine<br />
meditative Klanglandschaft<br />
anmutet, sich nie aufdrängt<br />
und den Hörer wie ein warmer<br />
assoziativer Fluss umspielt,<br />
ist deutlich komplexer, als es<br />
vordergründig wirkt. Hinter<br />
den feingewobenen Linien<br />
steht eine ausgefuchste<br />
Spieltechnik, die vor allem in<br />
ihren Bending-Effekten starke<br />
Anleihen beim indischen<br />
Sitar- oder Sharangi-Spiel hat.<br />
Perkussionsinstrumente wie<br />
die orientalische Rahmentrommel<br />
erzeugen zuweilen<br />
einen atmenden Puls. Aber sie<br />
emanzipieren sich auch immer<br />
wieder von festgelegten Beats.<br />
Marc Anderson, der bald<br />
vier Jahrzehnte mit Tibbetts<br />
künstlerisch verbunden ist, hat<br />
genug Intuition. Hinzu kommt<br />
beim aktuellen Projekt die<br />
Cellistin Michelle Kinney, die<br />
durch ihre subtile Interaktion<br />
in Gestalt von Borduntönen<br />
und allerhand hintergründigen<br />
Raumklängen und Drones das<br />
Spektrum auf innovative Weise<br />
erweitert.<br />
Steve Tibbetts ist im<br />
mittleren Westen der USA<br />
aufgewachsen und reist<br />
ausgiebig an magische Orte,<br />
die sein Leben mit neuen<br />
kreativen Energien aufladen.<br />
Aufenthalte in Nepal, Indien<br />
und anderswo prägen den<br />
eigenen Lebensfilm: „Wenn<br />
ich spiele, sehe ich vor meinen<br />
Augen wieder die Pagoden<br />
und Stupas auf der Nepal-<br />
Reise.“ Tibbetts spielt nicht nur<br />
Gitarre, sondern hat auch das<br />
Klavier für sich erschlossen.<br />
Seine portugiesische Lehrerin<br />
Susana Pinto hat ihm vor allem<br />
Béla Bartóks Mikrokosmos<br />
nahegebracht. Die minimalistische<br />
Tonsprache dieses<br />
Etüden-Standardwerks kann<br />
man getrost weiterdenken, um<br />
bei Steve Tibbetts perkussiven<br />
Klaviereinwürfen anzukommen,<br />
die wieder auf die Mystik<br />
Südostasiens verweisen. Sein<br />
Credo: „Das Klavier ist mein<br />
Gamelan-Ensemble. Die Töne<br />
sind wie eine Reihe von Gongs.<br />
Diese Klänge gehörten zur<br />
akustischen Landschaft, als<br />
ich in Bali und Java arbeitete.<br />
In Performances des Wayang<br />
Kulit [des indonesischen<br />
Schattenspiels] werden alle<br />
Menschen durch den großen<br />
Gong tief berührt, alle im<br />
selben Moment. Auf dem Klavier<br />
kann ich diesen Zustand<br />
nachempfinden und der Musik<br />
aus solch einer Richtung eine<br />
Struktur geben.“<br />
Die Stücke des neuen<br />
Albums muten durchaus wie<br />
eine logische Fortsetzung des<br />
Vorgängeralbums aus dem<br />
Jahr 2010 an. Die Intervalle der<br />
Veröffentlichung des Amerikaners<br />
sind großräumig gewählt.<br />
Ganz ähnlich wie auf dem<br />
neuen Album die melodischen<br />
Motive und ihre Variationen<br />
in weiten Zeitmaßen atmen.<br />
Denn wo andere sich nach der<br />
Uhr abstrampeln, hat Steve<br />
Tibbetts einfach … Zeit.<br />
Aktuelle CD:<br />
Steve Tibbetts: Life of<br />
(ECM / Universal)<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 43
Kathrin-Preis<br />
Eine Woche Werkstatt<br />
Mit vollem Namen soll der Preis Kathrin<br />
Lemke Scholarship for Young Improvisers<br />
heißen. Aber jetzt schon hat sich unter<br />
denen, die mit ihm befasst sind, die Kurzform<br />
„Kathrin-Preis“ durchgesetzt. Er wird im<br />
Spätsommer <strong>2018</strong> erstmals vergeben.<br />
Von Hans-Jürgen Linke<br />
© Frank Schindelbeck<br />
Kathrin Lemke, geboren 1971<br />
in Heidelberg, war Musikerin,<br />
Autorin und Bandleaderin. Das<br />
Altsaxofon war ihr Lieblingsinstrument,<br />
daneben spielte<br />
sie Bassklarinette und Flöte. In<br />
ihren Bands JazzXclamation<br />
und Heliocentric Counterblast<br />
sowie in ihren Projekten hat<br />
sie unermüdlich nach ihrem<br />
eigenen Ton, ihrem eigenen Stil,<br />
ihrem eigenen Sound gesucht<br />
und ist immer wieder aufs Neue<br />
fündig geworden. Nebenbei<br />
hat sie aus ihren alltäglichen<br />
Erfahrungen in dem schwierigen<br />
Beruf der Jazzmusikerin<br />
Material geschöpft, das sie<br />
ironisch und verspielt, aber stets<br />
auf einem ernsthaft klingenden<br />
Resonanzboden unter anderem<br />
in einer regelmäßigen Kolumne<br />
in der <strong>JAZZTHETIK</strong> literarisch<br />
verarbeitete. Anfang 2016 ist<br />
Kathrin Lemke gestorben.<br />
Aus ihrem Nachlass hat<br />
ihre Mutter, Irene Lemke-Stein,<br />
dem Darmstädter Jazzinstitut<br />
eine zweckgebundene Spende<br />
zukommen lassen, mit der der<br />
Kathrin-Preis, also die Kathrin<br />
Lemke Scholarship for Young<br />
Improvisers, ausgestattet<br />
werden soll. Vergeben wird<br />
der Preis von der Familie der<br />
Musikerin, dem Jazzinstitut<br />
Darmstadt und der <strong>JAZZTHETIK</strong>.<br />
Er hat die Form eines Stipendiums<br />
und wird <strong>2018</strong> zum ersten<br />
Male ausgelobt. Danach soll<br />
er im Zwei-Jahres-Rhythmus<br />
vergeben werden.<br />
Der Preis soll in Form einer<br />
voll finanzierten Arbeits- oder<br />
Werkstattphase in Darmstadt<br />
jungen Musikerinnen und<br />
Musikern für eine Woche die<br />
Gelegenheit geben, einem musikalischen,<br />
inszenatorischen oder<br />
pädagogischen Projekt nachzugehen.<br />
Ob es sich dabei um<br />
schon vorhandene Projekte und<br />
Ideen handelt, die weiterentwickelt<br />
werden, oder ob es sich<br />
um Anstöße zu neuen Projekten<br />
und Ideen handelt, spielt dabei<br />
keine entscheidende Rolle. Das<br />
Stipendium ist für Musikerinnen<br />
und Musiker gedacht, die am<br />
Anfang einer professionellen<br />
Jazzmusiker-Karriere stehen.<br />
Die Werkstattphase kann<br />
beispielsweise zur Durchführung<br />
eines vorgeschlagenen<br />
Projekts, als Probenphase vor<br />
einer CD-Einspielung oder einer<br />
Tournee genutzt werden, aber<br />
genauso auch als Kompositionszeit<br />
oder für die Vorbereitung<br />
einer Studienreise. Die Preisträger<br />
selbst bestimmen über<br />
die inhaltliche Gestaltung ihrer<br />
Darmstädter Woche. Alle Kosten,<br />
die mit der Werkstattphase<br />
verbunden sind <strong>–</strong> Reise- und<br />
Unterkunftskosten, Probenhonorare,<br />
Honorare für Gastmusiker,<br />
Raum- und Instrumentenmieten<br />
<strong>–</strong> werden während der Woche<br />
von den Stiftern des Preises<br />
übernommen.<br />
Es gibt für die potenziellen<br />
Preisträger und Preisträgerinnen<br />
keine Altersbeschränkung<br />
und keine regionalen oder<br />
nationalen Einschränkungen.<br />
Eigenbewerbungen um<br />
den Kathrin-Preis sind nicht<br />
möglich. Die Mitglieder des<br />
Kuratoriums können jeweils eine<br />
Musikerin oder einen Musiker<br />
vorschlagen. Die von der Jury<br />
vorgeschlagenen Künstler<br />
werden gebeten, jeweils einen<br />
schriftlichen Projektvorschlag<br />
einzureichen. Zu diesem Exposé<br />
gehört auch ein möglichst<br />
genauer Terminvorschlag für die<br />
angestrebte Projekt-Woche.<br />
Für die erste Preisverleihung<br />
sollte diese Phase der Einreichung<br />
von Exposés bis Mitte<br />
<strong>August</strong> <strong>2018</strong> geschehen sein.<br />
Die gesammelten schriftlichen<br />
Exposés werden danach von<br />
der Jury begutachtet, und die<br />
Preisträgerin beziehungsweise<br />
der Preisträger wird ermittelt.<br />
Die öffentliche Bekanntgabe<br />
erfolgt jeweils am 27. September,<br />
Kathrin Lemkes Geburtstag.<br />
Vorzugsweise zwischen Januar<br />
und Ende Mai des folgenden<br />
Jahres <strong>–</strong> in diesem Fall also<br />
zwischen Januar und Ende Mai<br />
2019 <strong>–</strong> soll dann die Werkstattoder<br />
Projektphase in Darmstadt<br />
stattfinden.<br />
Am Ende der Woche gibt<br />
die Preisträgerin oder der Preisträger<br />
im Gewölbekeller unter<br />
dem Jazzinstitut ein Abschlussoder<br />
Werkstattkonzert. Bei<br />
dieser Gelegenheit erfolgt auch<br />
die feierliche Verleihung des<br />
Kathrin-Preises.<br />
Website:<br />
http://kathrin-preis.de<br />
44 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Initiative H<br />
Requiem für den Planeten<br />
© Zakari Babel<br />
Von Victoriah Szirmai<br />
Was sich schon mit der chromatischen<br />
Endzeit-Ouvertüre<br />
des ersten und der alles überrollenden,<br />
urgewaltigen Düsterwelle<br />
des zweiten Albums<br />
andeutete, weicht hier purer<br />
Gewissheit: Der Untergang der<br />
Welt ist besiegelt. Dabei nimmt<br />
Broken Land als Konzeptalbum<br />
Anleihen bei Edvard Griegs<br />
Peer Gynt Suite oder Modest<br />
Petrowitsch Mussorgskis<br />
Bilder einer Ausstellung, was<br />
einerseits bedeutet, dass es<br />
Bandleader, Komponist und<br />
Saxofonist David Haudrechy<br />
darum zu tun ist, aus Elementen<br />
von Jazz, Rock, Industrial,<br />
Electro und Neuer Musik ein<br />
maximal verdichtetes, genreübergreifendes<br />
Klanguniversum<br />
Dass aller guten Dinge nicht nur drei sind,<br />
sondern auch Zeit bedürfen, weiß die Toulouser<br />
Bigband Initiative H, deren Drittwerk Broken<br />
Land nach Deus Ex Machina (2014) und Dark<br />
Wave (2015) nach drei Jahren Wartezeit endlich<br />
das Licht der Öffentlichkeit erblickt.<br />
zu schaffen <strong>–</strong> andererseits und<br />
mehr noch spielt der programmatische<br />
Aspekt eine Rolle.<br />
So geht das in Form einer<br />
neunsätzigen Suite gegossene<br />
Broken Land auf eine<br />
klimatologische Studie zurück,<br />
die besagt, dass seit dem 3.<br />
<strong>August</strong> 2017 der der globalen<br />
Erwärmung geschuldete Point<br />
of no Return des Erdklimas<br />
erreicht ist, den Haudrechy<br />
als leidenschaftlicher Surfer<br />
und Snowboarder hautnah<br />
miterlebt. Initiative H liefern<br />
in diesem Sinne einmal mehr<br />
den Soundtrack zur menschlichen<br />
Selbstzerstörung <strong>–</strong> mit<br />
dem Unterschied, dass der<br />
Weltuntergang diesmal unumkehrbar<br />
scheint. Dergestalt<br />
gerät das düster-intime Album<br />
zum Requiem für den Planeten.<br />
Und doch, so viel sei an dieser<br />
Stelle schon verraten, ergibt<br />
es sich nie vollständig der<br />
Resignation, sondern übt sich,<br />
möglicherweise gar wider besseren<br />
Wissens, in der Rolle des<br />
Hoffnungsspenders. Vielleicht<br />
ist es ja doch noch nicht zu<br />
spät, vielleicht ist es ja erst fünf<br />
vor zwölf, frei nach dem Motto:<br />
Wer kämpft, kann verlieren,<br />
aber wer erst gar nicht kämpft,<br />
hat schon verloren.<br />
Gleich die ersten 30<br />
Sekunden des titelgebenden<br />
Openers lassen an einen<br />
zum Stillstand kommenden<br />
Herzmonitor denken, bevor<br />
ein schräger Bläsersatz zeigt:<br />
Wenngleich er noch lebt <strong>–</strong><br />
gesund ist dieser Patient mit<br />
Sicherheit nicht. Wenn dann<br />
aber eine Begräbniskapelle den<br />
Rückblick in Melancholie probt,<br />
steht fest, dass jeder Wiederbelebungsversuch<br />
zwecklos ist.<br />
Der in der Ouvertüre vorgestellte<br />
Trauermarsch entfaltet sich<br />
46 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
auf „Signes“ zu voller Blüte,<br />
doch statt nach Art des New<br />
Orleansschen Funeral March<br />
über die dem Verstorbenen<br />
zuteilwerdende jenseitige Seligkeit<br />
in Jubel auszubrechen,<br />
schwingt bei Initiative H etwas<br />
schwer zu Fassendes, in jedem<br />
Falle aber Hochbedrohliches<br />
mit, bevor ganz am Schluss mit<br />
sich reibenden Signalintervallen<br />
eine klare Warnung steht.<br />
Allein, wovor will denn noch<br />
gewarnt sein, wenn es ohnehin<br />
keine Umkehr gibt, fragt „The<br />
Point of No Return“ als einziger<br />
Moment des Albums, der sich<br />
mit einer gewissen Genugtuung<br />
der fatalistischen Depression<br />
ergibt. Dem Orchester auf der<br />
Titanic nicht unähnlich, vermag<br />
er, die Schönheit des Unterganges<br />
genüsslich zu zelebrieren.<br />
„Just Dust“ bringt Synthetisches<br />
ins Spiel. Hier ist<br />
alles Organische tot. Doch wie<br />
entwickelt sich neues Leben<br />
aus Plastik? Gar nicht, weiß der<br />
neuerliche, deutlich verlangsamte<br />
Trauermarsch „Far<br />
West“, der zum Berührendsten<br />
gehört, was das Album zu<br />
bieten hat. Was aber ist es,<br />
das die Erde an diesen Punkt<br />
gebracht hat, will „Fun Kills“<br />
wissen, und liefert gleichen<br />
Atemzugs die Antwort: zu viel<br />
Konsum, zu viel Gier, zu viel<br />
Spaß. Kurz: zu viel von allem.<br />
Oder, mit Schiller: Der Wahn ist<br />
kurz, die Reu ist lang. Unendlich<br />
lang, um genau zu sein,<br />
und dieser magenumdrehende<br />
Gedanke macht ob übermäßiger<br />
Intervalle und repetitiver,<br />
enervierender Bläsermotive<br />
auch zuhörtechnisch alles<br />
andere als Spaß. Das volksweisennahe<br />
„Failure“ dagegen<br />
umso mehr, kommt es doch so<br />
erleichternd, ja erlösend daher<br />
wie ein Sonnenstrahl nach<br />
langem Irren durch einen ausweglos<br />
erscheinenden Tunnel.<br />
Sollte hier doch noch Hoffnung<br />
wohnen? Initiative H erzählt die<br />
wunderschöne Geschichte von<br />
(neu er-)blühenden Landschaften<br />
und einem Schleier des<br />
Friedens, der sich über all das<br />
Geröll, den Schutt und den<br />
Schmutz legt.<br />
So einfach ist das aber<br />
nicht, denn heilender Segen<br />
legt sich nicht von allein über<br />
die Erde, man muss schon<br />
selbst Hand anlegen, das Auto<br />
stehen lassen, der Plastiktüte<br />
den Stinkefinger zeigen, den<br />
Müll aus dem Meer fischen.<br />
Das kostet Kraft und geht nicht<br />
ohne Unmut, gar Ärger vonstatten.<br />
„Trouble“ eben, wie Initiative<br />
H diesen vertonten Aufruhr<br />
betitelt haben. Und dann doch.<br />
Der Anfang ist geschafft <strong>–</strong> mehr<br />
aber auch nicht. Auf dem<br />
Schlusssatz „Polaroid“ wird der<br />
Hörer dank Gastchor mittels<br />
menschlicher Stimme noch<br />
direkter angesprochen, als es<br />
die Bläser vermocht hätten.<br />
Wie wir weitermachen wollen,<br />
ist jetzt an uns. Alle möglichen<br />
Szenarien, vom Gerade-nocheinmal-die-Kurve-Kriegen<br />
bis<br />
zum endgültigen Untergang,<br />
werden hier aufgezeigt. Nein,<br />
leicht macht es die 2012 von<br />
Haudrechy gegründete, nunmehr<br />
13-köpfige Truppe dem<br />
Hörer nicht. Nur noch kurz die<br />
Welt retten passiert woanders.<br />
Aber die Möglichkeit zur Rettung<br />
besteht auch hier. Das ist<br />
die frohe Botschaft, die Broken<br />
Land verkündet <strong>–</strong> und die es<br />
letztendlich eben doch nicht<br />
zum Requiem, sondern zum<br />
Evangelium für den Planeten<br />
macht.<br />
Aktuelle CD:<br />
Initiative H: Broken Land<br />
(Neuklang / In-Akustik)<br />
neW<br />
releases<br />
DT8010<br />
the gene<br />
krupa Quartet<br />
Live 1966<br />
© Zakari Babel<br />
DT8011<br />
louIs<br />
arMstrong<br />
Sparks, Nevada 1964!<br />
feat.<br />
Russell “Big Chief” Moore,<br />
Billy Lyle, Danny Barcelona,<br />
Jewel Brown, Joe Darensbourg,<br />
Arvell Shaw<br />
distributed by<br />
Dot time records<br />
Bremen<br />
info@dottimerecords.com<br />
JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 47<br />
www.dottimerecords.com
Literatur<br />
Das Landgren<br />
Alphabet<br />
jazzprezzo<br />
Nils Landgren hat noch nie einen Interviewtermin abgesagt,<br />
denn er erzählt gerne aus seinem Leben. So auch<br />
in einem neuen Buch mit Stichworten von A bis Z.<br />
Von Arne Reimer<br />
Herausgegeben<br />
von Rainer Placke<br />
Nils Landgren<br />
im Gespräch<br />
Bereits 2005 erschien im Jazzprezzo Verlag das Buch red &<br />
cool, das dem Leben des schwedischen Posaunisten Nils<br />
Landgren gewidmet war. In Fotos und Texten erinnerten sich<br />
Freunde und Weggefährten an ihre Erlebnisse mit Landgren.<br />
Nun erscheint 13 Jahre später im selben Verlag ein Buch,<br />
in dem der beliebte Musiker ausschließlich selbst zu Wort<br />
kommt. Stichwortgeber ist Herausgeber Rainer Placke, der<br />
zu den 26 Buchstaben des Alphabets jeweils fünf Begriffe auf<br />
einer Karte vorbereitet hat. Davon wählte sich Landgren die<br />
Themen aus, über die er gerne sprechen wollte.<br />
Im Gegensatz zu ausformulierten Fragen lassen Stichworte<br />
eine Freiheit zu, die Landgren ähnlich wie in seiner Musik<br />
gekonnt nutzt, ohne dabei abzuschweifen. Beim Buchstaben<br />
I wie Interview bestätigt er, dass es ihm Spaß macht, über<br />
seine Musik und sein Leben zu sprechen: „Ich bin als offener<br />
Mensch geboren, und außerdem bin ich extrem neugierig.<br />
Ich finde es interessant zu beobachten, wohin ein Gespräch<br />
führen kann.“<br />
So erfährt man nicht nur Interessantes vom Musikgeschäft<br />
und dem Beginn seiner Karriere beim JazzBaltica Festival<br />
1991, Landgren erzählt auch Anekdoten aus seiner Zeit<br />
als Gast bei den Crusaders oder bei Abba. Ebenso spricht er<br />
von seiner Beobachtung, dass sein Gesang von Frauen mehr<br />
gemocht wird als von Männern. Es sind diese selbstreflektierten<br />
Einschätzungen, die dem Buch etwas sehr Persönliches<br />
geben. Die kurzen Texte zu jedem Buchstaben lesen sich<br />
mit einer gewissen Leichtigkeit, sie sind Autobiografie, und<br />
so entsteht bis zum Z ein abgerundetes Bild des Menschen<br />
Landgren.<br />
Das Buch enthält auch 47 Fotografien, die Oliver Krato<br />
während des Gesprächs angefertigt hat. Dabei gelingt es ihm,<br />
immer wieder andere Gesichtsausdrücke von Landgren festzuhalten,<br />
die so unterschiedlich wirken wie all die Aktivitäten<br />
des vielseitigen Musikers. Vervollständigt wird das Buch mit<br />
einer CD-Diskografie und einer DVD <strong>–</strong> einem sehenswerten<br />
Dokumentarfilm über Landgren von 2014 von Jan Bäumer und<br />
Dietmar Klumm.<br />
Rainer Placke (Hg.):<br />
Das Landgren Alphabet. Nils Landgren im Gespräch.<br />
Jazzprezzo Verlag, Bad Oeynhausen, <strong>2018</strong><br />
136 Seiten, 25 Euro<br />
Nils Landgren<br />
I wie Interview<br />
Rolf Kühn<br />
Grandseigneur und<br />
Genießer<br />
Ein einmaliger Schatz nicht nur für die<br />
deutsche Jazz-Szene ist der Klarinettist Rolf<br />
Kühn, der übrigens im kommenden Jahr 90<br />
Jahre alt wird. Wer dem Mann begegnet,<br />
wird das nicht glauben, denn Kühn ist<br />
eloquent, hellwach und von überragender<br />
Intelligenz und Erinnerungskraft. Während<br />
er einen mit seinen listigen Augen anblickt,<br />
reiht er geruhsam Perlen von Anekdoten<br />
und ätzende Sottisen aneinander, wobei er<br />
aktuelle und einstige Mitstreiter keineswegs<br />
verschont. Drucken lässt sich das leider<br />
nicht, aber über das aktuelle Album Yellow +<br />
Blue gibt es ja auch so einiges zu erzählen.<br />
Von Ulrike Proske<br />
Rolf Kühn ist nicht nur ein<br />
Charmebolzen und Charmeur<br />
vor dem Herrn (nein <strong>–</strong> eigentlich<br />
vor der Dame), er ist auch<br />
äußerst kontaktfreudig, und<br />
so hat er auf Yellow + Blue<br />
eine illustre Band versammelt.<br />
Pianist Frank Chastenier,<br />
Bassistin Lisa Wulff und<br />
Schlagzeuger und Perkussionist<br />
Tupac Mantilla schlagen<br />
sich mit Lust und Laune durch<br />
ein buntes Gestrüpp aus Jazzund<br />
sonstigen Klassikern und<br />
Kühn-Originalen. Aber wie um<br />
Himmels willen ist der Grandseigneur<br />
der Klarinette an<br />
die erst 27-jährige Lisa Wulff<br />
geraten? „Bei Steinmeier war<br />
ein Sommerkonzert im Schloss<br />
Bellevue“, erwähnt Kühn<br />
ganz lässig ein Event beim<br />
Bundespräsidenten, bei dem<br />
er selbstverständlich geladen<br />
war, „und da spielten Nils<br />
Landgren, Till Brönner, Michael<br />
Wollny und Wolfgang Haffner.<br />
Im Gespräch mit Lisa Wulff<br />
stellte sich heraus, dass sie<br />
eine Schülerin von Detlev Beier<br />
war, mit dem ich sehr lange<br />
gespielt habe in verschiedenen<br />
Projekten von Michael Brecker<br />
bis Bob Mintzer. Lisa war seine<br />
Lieblingsschülerin, und sie hat<br />
eine Menge von ihm gelernt.<br />
Das schöne große Bassgefühl,<br />
das ich gern habe, ein runder<br />
Bass, der durchklingt, der die<br />
richtigen Zwischenphrasen<br />
spielt <strong>–</strong> das hat sie alles. Neulich<br />
habe ich ihre Band gehört,<br />
die auch ziemlich gut ist.“<br />
Umstandslos bittet Kühn<br />
die junge Bassistin ins Studio,<br />
wo ein alter Kollege schon<br />
wartet. „Frank Chastenier<br />
kenne ich schon lange“,<br />
erinnert sich Rolf Kühn. „Wir<br />
haben einst bei MPS Aufnahmen<br />
gemacht mit Peter Erskine<br />
und Bob Mintzer, und Frank hat<br />
damals Orgel gespielt. Frank<br />
hat den Mut gehabt, nach<br />
25-jähriger Tätigkeit für die<br />
WDR Big Band zu kündigen,<br />
dabei wäre er dort bis zum<br />
Lebensende versorgt gewesen.<br />
Aber er wollte noch mal bei<br />
null anfangen, das finde ich<br />
sehr bewundernswert.“ Nicht<br />
zuletzt erinnert den Genießer<br />
von Leben, Liebe und Musik<br />
das an seine eigene Karriere.<br />
„Vor 60 Jahren habe ich<br />
das auch gemacht“, weiß<br />
Rolf Kühn noch sehr genau.<br />
„Ich habe von 1950 bis 1956<br />
bei Werner Müller im RIAS-<br />
Tanzorchester gespielt, und als<br />
48 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
ich dort aufgehört habe, haben<br />
mich alle für verrückt erklärt.<br />
Ich bin auf blauen Dunst hin<br />
nach New York gegangen<br />
und habe zuerst bei Caterina<br />
Valente gespielt, das war mein<br />
erster Job in New York. Sie<br />
war damals ein richtiger Star<br />
und hatte mit ‚Malaguena‘ und<br />
‚The Breeze And I‘ auch schon<br />
Riesenhits in den USA gehabt.“<br />
Engagements bei Benny<br />
Goodman und Tommy Dorsey<br />
schlossen sich an, bis<br />
Kühn 1962 nach Deutschland<br />
zurückkehrte. Er leitete das<br />
NDR-Fernsehorchester, spielte<br />
mit Albert Mangelsdorff oder<br />
seinem kleinen Bruder, dem<br />
Pianisten Joachim Kühn, und<br />
hatte neben dem Mainstream<br />
auch ein Faible für Free Jazz<br />
und Jazzrock. Diese Vielseitigkeit<br />
hat er sich bis heute<br />
bewahrt, und so kann er auf<br />
Augenhöhe mit jungen Wilden<br />
wie Christian Lillinger musizieren,<br />
mit der Klassik-Kollegin<br />
Sabine Meyer arbeiten oder<br />
den brasilianischen Mandolinen-Virtuosen<br />
Hamilton de<br />
Holanda inspirieren. Außerdem<br />
hat er über zehn Jahre<br />
als musikalischer Leiter des<br />
legendären Theater des Westens<br />
gearbeitet. Musikalische<br />
Vorurteile kennt Kühn nicht.<br />
In einem Interview mit der<br />
FAZ hat er einmal postuliert:<br />
„Selbst Volksmusik kann faszinierend<br />
sein, wenn sie brillant<br />
gemacht ist.“<br />
Volksmusik ist es nun<br />
nicht gerade, was Kühn auf<br />
Yellow + Blue spielt. Mit „Both<br />
Sides Now“ der kanadischen<br />
Singer/Songwriter-Ikone Joni<br />
Mitchell <strong>–</strong> mittlerweile fast<br />
so eine Art Jazz-Standard <strong>–</strong><br />
eröffnet Kühn das Album aber<br />
auf einer zwar populären, doch<br />
sehr intimen Note. „Christian<br />
Kellersmann von MPS hatte<br />
die Idee, eine Balladenplatte<br />
zu machen“, erzählt Rolf Kühn.<br />
„Ich fand die Idee gut, aber<br />
ausschließlich Balladen zu<br />
spielen, wäre mir zu langweilig<br />
gewesen. Schließlich haben<br />
wir fünf Balladen aufgenommen,<br />
von ‚What Are You Doing<br />
the Rest of Your Life‘ bis ‚Body<br />
and Soul‘. Vier davon haben<br />
wir an den Anfang und an den<br />
Schluss der Platte gepackt, so<br />
dass sie meine aktuellen Kompositionen<br />
quasi einrahmen.“<br />
Von manchen Menschen<br />
hat Rolf Kühn auch nur Gutes zu<br />
berichten. Über seine Biografin,<br />
die Journalistin Maxi Sickert,<br />
lässt er sich kein böses Wort<br />
entlocken. Ganz im Gegenteil:<br />
Die Arbeit an dem Buch Clari net<br />
Bird, mittlerweile in zweiter,<br />
verbesserter Auflage erschienen<br />
und hier noch einmal<br />
nach drücklich empfohlen, hat<br />
er sehr genossen. Die Interviews<br />
zum Buch fanden im Café Pusteblume<br />
am Hans-Rosenthal-<br />
Platz statt <strong>–</strong> gegenüber, in den<br />
ehemaligen RIAS-Studios, übt<br />
Rolf Kühn übrigens heute noch<br />
täglich. Denn Übung macht den<br />
Meister.<br />
Aktuelle CD:<br />
Rolf Kühn: Yellow + Blue<br />
(MPS / Edel:Kultur)<br />
© Harald Hoffmann<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />
49
Caroline Davis<br />
Töne des Herzens<br />
Es ist ihr drittes Album unter eigenem<br />
Namen, aber schon etwa das 30. Album, auf<br />
dem sie mitwirkt. Dabei konzentriert sich die<br />
amerikanische Saxofonistin Caroline Davis<br />
erst seit fünf Jahren ganz auf den Jazz.<br />
Von Hans-Jürgen Schaal<br />
Als Teenager lebte sie mit<br />
ihrer Mutter in Atlanta. Damals<br />
begann sie, Saxofon zu spielen,<br />
inspiriert von den Bläsergruppen<br />
auf alten R&B-Aufnahmen.<br />
„Meine Eltern hörten diese<br />
Musik oft zu Hause, als ich noch<br />
ganz klein war“, erzählt Caroline.<br />
„Das blieb irgendwie hängen.“<br />
Später bekam die Mutter einen<br />
Job in Texas, Caroline wechselte<br />
die Schule, studierte dann Musik<br />
und Psychologie in Arlington,<br />
begann mit 20, auch Jazz zu<br />
spielen <strong>–</strong> das war kurz nach<br />
der Jahrtausendwende. 2004<br />
ging sie nach Chicago, um zu<br />
promovieren, machte dort ihre<br />
ersten Aufnahmen und traf auf<br />
Steve Coleman. „Ich verstehe<br />
Steve als einen meiner Mentoren,<br />
obwohl ich noch vieles<br />
mit ihm zu besprechen hätte.“<br />
Wichtig war für sie auch die<br />
Chicago-Legende Von Freeman,<br />
dessen Jamsessions in der New<br />
Apartment Lounge sie jahrelang<br />
besuchte. Die heute 37-Jährige<br />
sagt: „Es war, als ginge ich<br />
noch einmal zur Schule. Jede<br />
Woche lernte ich etwas Neues,<br />
indem ich Von spielen hörte. Er<br />
gab keinen Unterricht, aber ich<br />
sprach hin und wieder mit ihm,<br />
und einmal ließ er mich sogar<br />
mit seiner Band auftreten.“<br />
Der jüngste Move erfolgte<br />
2013: Caroline Davis zog von<br />
Chicago nach New York, um<br />
sich ganz dem Musikmachen<br />
zu widmen. Die Umstellung war<br />
schwieriger, als sie erwartet<br />
hatte. „Ich kam nach New York,<br />
hatte aber noch keine Arbeit<br />
in Aussicht <strong>–</strong> außer ein paar<br />
Gigs. Ich kannte zwar einige<br />
Freunde da, war also nicht<br />
völlig allein. Aber eine passende<br />
Wohnung zu finden, zog sich hin.<br />
Ich beschloss, nach Chicago<br />
zurückzugehen und noch ein<br />
paar Monate dort zu bleiben.<br />
Ein Jahr lang war ich fast jeden<br />
Monat einmal in Chicago zum<br />
Spielen, weil ich in New York<br />
nicht genug zu tun hatte. Der<br />
Hauptunterschied zwischen den<br />
beiden Städten ist für mich: In<br />
New York gibt es viel mehr Musiker<br />
<strong>–</strong> mehr gute Musiker, aber<br />
auch mehr schlechte Musiker.<br />
Und ich stelle fest, dass es in<br />
New York etwas schwieriger ist,<br />
dauerhafte Freundschaften zu<br />
schließen. Inzwischen komme<br />
ich hier aber mit Komponieren<br />
und Spielen ganz gut über die<br />
Runden. Das hätte ich wohl auch<br />
in Chicago geschafft <strong>–</strong> wenn<br />
dort mein Schwerpunkt nicht die<br />
Universität gewesen wäre.“<br />
Die Entscheidung für New<br />
York, die berufliche Umstellung,<br />
die emotionalen Unsicherheiten<br />
dabei <strong>–</strong> das sind die Herzensfragen,<br />
von denen Caroline Davis’<br />
neues Album handelt. „Ich habe<br />
viel Zeit aufs Schreiben der<br />
Musik verwendet“, sagt sie, „es<br />
waren fast drei Jahre.“ Doch<br />
der Albumtitel Heart Tonic meint<br />
nicht nur diese Herzensdinge,<br />
sondern auch das Herz als<br />
konkretes Organ <strong>–</strong> insbesondere<br />
das Herz von Carolines Vater.<br />
In ihre schwierige erste New<br />
Yorker Zeit fiel nämlich zudem<br />
die Nachricht, dass ihr Vater an<br />
Herzrhythmusstörungen leidet.<br />
Die Saxofonistin und promovierte<br />
Musikpsychologin begann,<br />
sich intensiv mit Kardiologie zu<br />
beschäftigen, und zog daraus<br />
auch musikalische Inspirationen.<br />
„Ich habe viel Zeit damit<br />
verbracht, Herzschlägen zu<br />
lauschen <strong>–</strong> normalen und unregelmäßigen.<br />
Manchmal habe ich<br />
mir arhythmische Herzschläge in<br />
großer Lautstärke zehn Minuten<br />
lang angehört, um mich in dieses<br />
Gefühl zu vertiefen. Dann habe<br />
ich mich davon gelöst, den<br />
Eindruck verarbeitet und damit<br />
begonnen, Musik zu schreiben.“<br />
Auf dem Album gibt es<br />
gelegentlich pochende Herztöne<br />
zu hören und unregelmäßige<br />
Metren <strong>–</strong> und die rhythmische<br />
Komplexität setzt sich ins Tonale<br />
hinein fort. Caroline Davis’ Musik<br />
manövriert zwischen vielen<br />
Orien tierungen, ihr Quintett<br />
bewegt sich in dicht gefügten<br />
Klängen durch den Tonraum.<br />
Etwas Tristano-Schule klingt da<br />
an, ebenso frühe M-Base <strong>–</strong> und<br />
viel Kompetenz in Harmonielehre.<br />
„Ich glaube, dass im Jazz<br />
Harmonik und Stimmführung<br />
lebenslange Aufgaben sind“,<br />
sagt die Saxofonistin. „Ich habe<br />
Johann Joseph Fux und Arnold<br />
Schönberg studiert und mich<br />
an vielen Kompositionsübungen<br />
versucht. Aber das Beste ist,<br />
Musikstücke zu untersuchen, die<br />
du besonders liebst, und zu<br />
checken, was da wirklich passiert.<br />
Davon habe ich am meisten<br />
gelernt <strong>–</strong> bei Wayne Shorter,<br />
Steve Coleman, Coltrane,<br />
Schumann, Strawinsky, Xenakis<br />
und vor allem Johann Sebastian<br />
Bach. Ich versuche, für Melodieund<br />
Bass-Stimme sinnvolle<br />
Harmoniefolgen zu finden. In<br />
vielen Fällen fülle ich einfach die<br />
inneren Stimmen zwischen Top<br />
und Bottom. Ich mag es, dabei<br />
neue Arten von Stimmführung zu<br />
entdecken.“<br />
Zu ihrem Quintett auf dem<br />
Album gehört der wunderbare<br />
Trompeter Marquis Hill, der 2014<br />
die Monk-Competition gewann.<br />
Keyboarder <strong>Juli</strong>an Shore bettet<br />
die Musik streckenweise auf<br />
Fender-Rhodes- und Vintage-<br />
Synthie-Klänge. Im Mittelpunkt<br />
steht Caroline Davis’ Altsaxofon.<br />
Ihre mutwilligen Sololäufe<br />
lassen manchmal an einen<br />
frechen, sehr selbstbewussten<br />
Schmetterling denken <strong>–</strong> provokant,<br />
verspielt, wunderschön.<br />
„Mein Saxofonspiel hat sich<br />
vielfach gewandelt, solange ich<br />
noch meinen Sound suchte“,<br />
sagt Davis. „Aber in meiner<br />
Chicagoer Zeit entdeckte ich die<br />
Musik von Lennie Tristano und<br />
Lee Konitz, die wichtig für mich<br />
war, weil sie mir ein Gefühl von<br />
musikalischem Zuhause gab.<br />
Ich habe auch viel Zeit mit Steve<br />
Coleman verbracht, seit wir uns<br />
in Chicago erstmals trafen. Ich<br />
habe ihn viel gefragt und ließ<br />
mir Dinge von ihm zeigen. Heute<br />
allerdings übe ich auf der Flöte<br />
und mit der Stimme fast so viel<br />
wie auf dem Saxofon. Ich halte<br />
diese drei für meine Hauptinstrumente.“<br />
Aktuelle CD:<br />
Caroline Davis: Heart Tonic<br />
(Sunnyside / GoodToGo)<br />
50 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
CeCIl taylor<br />
gekommen, um sich aufzulösen<br />
Der 2017 verstorbene Drummer Sunny Murray verfluchte ihn.<br />
Nachdem Murray in der Band von Cecil Taylor getrommelt<br />
hatte, war er nie wieder in der Lage, auf herkömmliche Weise<br />
Schlagzeug zu spielen <strong>–</strong> und mit seinem Beruf Geld zu verdienen.<br />
Von Wolf Kampmann<br />
Doch fangen wir von vorn an. Nach Anfängen<br />
in R&B-Bands spielte der 27-jährige Cecil<br />
Taylor 1956 sein erstes Album Jazz Advance<br />
ein. Es erschien zuerst auf Transition und<br />
den Wirkungsgrad seiner Muskeln gegangen?<br />
Hat er während seiner Performance<br />
Gedichte rezitiert und viele seiner Improvisationen<br />
mit Ausdruckstanz begonnen, weil<br />
es ihm ausgerechnet um Kraft gegangen<br />
wäre? Ausdauer war ihm kein Synonym<br />
für Durchhalten. Und wenn schon Kraft,<br />
dann die des spontan planenden Geistes.<br />
Es gibt ein Video mit der Draufsicht auf<br />
seine spielenden Hände, die wie braune<br />
Silberpfeile über die Tasten flitzen. Erst<br />
ausgehenden 1970er Jahren war er seinen<br />
Fans zu gottgleich, als dass man ihm einen<br />
schlechten Tag hätte attestieren wollen.<br />
Ihm persönlich hätte es indes gereicht, ein<br />
Mensch zu sein.<br />
Taylor kämpfte viele Kämpfe. Musikalische<br />
Befreiung war für ihn auch persönliche<br />
Emanzipation. In einer von Testosteron dominierten<br />
Welt musste er sich als Außenseiter<br />
behaupten. Auf die Frage, ob er schwul sei,<br />
antwortete er sibyllinisch, ein Dreibuchstabenwort<br />
wie „gay“ könne niemals die<br />
Komplexität seiner menschlichen Existenz<br />
definieren. Er war in eine Zeit hineingewachsen,<br />
in der das Bekanntwerden von<br />
Homo sexualität das unweigerliche Aus für<br />
Jazzmusiker bedeutete, es sei denn, sie<br />
konnten eine Herkunft vom Saturn nachweisen.<br />
Taylor schaffte es durch das unvergleichliche<br />
Spektakel seiner Musik, alles<br />
Private von der Öffentlichkeit fernzuhalten.<br />
© Barbara Woike<br />
© Jean-François Labérine<br />
Wenige Tage nach seinem Tod prophezeite<br />
ein deutscher Veranstalter, in<br />
einigen Jahrzehnten werde Taylor als<br />
Komponist genauso geachtet sein wie<br />
Bach. Doch <strong>–</strong> und das kann man mit heit sagen <strong>–</strong> ging es Cecil Taylor zu keinem<br />
Sicher-<br />
Zeitpunkt um die Nachwelt. Er zelebrierte<br />
zeitlebens die poetische Vergänglichkeit<br />
des Augenblicks. Seine Cluster fühlten sich<br />
wie Klangblütenstaub an, der zerstob, sowie<br />
er sich manifestierte. Seine Musik wurde<br />
geschaffen, um zu verschwinden. Sich<br />
aufzulösen, war Cecil Taylors eigentliches<br />
Vermächtnis.<br />
Wir könnten hier viele Projekte und<br />
Alben aufzählen, seine Unit, das Feel Trio,<br />
die Aufnahmen für Gil Evans, seine Berlin-<br />
Konzerte von 1988 … Gerade erst ist auf dem<br />
Label Black Sun unter dem Titel Poschiavo<br />
der Mitschnitt eines Konzerts von 1999<br />
erschienen. Der spontane Einfallsreichtum<br />
des damals 70-Jährigen war atemberaubend.<br />
Weitere Aufnahmen werden folgen. Alles in<br />
allem ist der Output des Pianisten gemessen<br />
an seinem Input jedoch sehr übersichtlich,<br />
und das hat seinen Grund.<br />
Am 5. April <strong>2018</strong> ist Cecil Taylor mit<br />
89 Jahren gestorben. Er wird uns so lange<br />
fehlen, bis niemand merkt, dass er uns nicht<br />
mehr fehlt. Und das ist gut so.<br />
wurde später von Blue Note übernommen.<br />
Nichts Besonderes, möchte man meinen,<br />
doch drei Jahre vor den Free-Versuchen<br />
von Ornette Coleman, Paul Bley und Jimmy<br />
Giuffre manifestierte sich hier eine Freiheit,<br />
die man nach den missglückten Tristano-Aufnahmen<br />
von 1949 nicht mehr gehört hatte. In<br />
einem bis dahin nie dagewesenen Klangkaskadenrausch<br />
eilte er über die Tasten.<br />
Wie weit er mit diesem Verständnis<br />
seiner Zeit voraus war, zeigt sein 1959 aufgenommenes<br />
Album Stereo Drive mit John<br />
Coltrane und Kenny Dorham, das später<br />
ebenfalls von Blue Note unter dem absurden<br />
Titel Coltrane Time als angebliche Coltrane-<br />
LP unter die Leute gebracht wurde. Diese<br />
Platte ist insofern ein Paradebeispiel dafür,<br />
dass Freiheit kein Geschenk ist, sondern ein<br />
hart erkämpftes Gut, als Taylor hier stoisch<br />
gegen seine eigene Band anspielt. Coltrane<br />
hält relativ teilnahmslos mit, aber Dorham<br />
versucht die Session zu sabotieren, wo<br />
immer er kann. Aus heutiger Sicht wissen<br />
wir, dass der Trompeter den Pianisten nicht<br />
verstehen konnte, aber eben dies war das<br />
Umfeld, in dem sich Taylor damals bewegte.<br />
Aber verstehen wir Taylor denn heute<br />
besser? Ihm ist nachgesagt worden, dass<br />
das Klavier für ihn aus 88 Trommeln bestanden<br />
habe. Seine ungeheure physische Kraft<br />
ist mehrfach bejubelt worden. Zu Recht.<br />
Aber ist es Taylor tatsächlich jemals um<br />
wenn man sensibel auf die Bewegungen<br />
achtet, wird man gewahr, dass beide<br />
Hände spiegelverkehrt genau dieselben Bewegungen<br />
ausführen. Ging es ihm vielleicht<br />
eher um Tanz, um Choreografie, um eine<br />
alternative Struktur des Klanges, abgeleitet<br />
aus der geheimen Eleganz der Bewegung?<br />
Viele Musiker haben seine Schule<br />
durchlaufen. Die Saxofonisten Steve Lacy,<br />
Archie Shepp, Albert Ayler und Jimmy Lyons<br />
gehörten dazu, die Bassisten Buell Neidlinger<br />
und William Parker, die Drummer Dennis<br />
Charles, Sunny Murray, Andrew Cyrille und<br />
Tony Oxley. Unvergessen ist das Duo mit<br />
Max Roach (meine Güte, wie viel Ellington<br />
doch in Taylor gesteckt hat). Jeder von ihnen<br />
hat seinen eigenen Weg gefunden, mit dem<br />
Pianisten zu kommunizieren, weil es immer<br />
um diese absolute Freiheit ohne Wenn<br />
und Aber ging. Und Freiheit bedeutete für<br />
Taylor auch, scheitern zu können. Er selbst<br />
wusste das. Was mag in ihm vorgegangen<br />
sein, wenn er schlecht gespielt und das<br />
Publikum ihm dennoch zugejubelt hat?<br />
Manchmal schien er seine Zuhörer mit den<br />
immer selben Phrasen regelrecht um Protest<br />
anzuflehen. Vergebens. Spätestens seit den<br />
JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 51
Nigel<br />
Kennedy<br />
Rhapsodie<br />
in Weinrot<br />
© Carl Hyde<br />
52 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Claret, das ist eine alte englische Bezeichnung für die<br />
Rotweine des Bordelais. Wenn das Wort als Farbton-<br />
Beschreibung verwendet wird, wäre das also Weinrot.<br />
Und zwar das ziegelige Rot eines älteren Weines, ohne<br />
diese jugendlichen Violett-Töne am Glasrand. Wer George<br />
Gershwins Rhapsody in Blue einerseits als transparentes<br />
Stück für Jazz-Quartett spielt und den Titel andererseits um<br />
die Farbe Claret zu „Rhapsody in Claret and Blue“ erweitert,<br />
hat dabei sicher etwas Sentimentales im Sinn.<br />
Von Hans-Jürgen Linke<br />
Nigel Kennedy ist kein wirklicher Punk.<br />
Er kokettiert nur seit je ein wenig mit dem<br />
Image, das sich vor allem zu seinen Einspielungen<br />
großer Violinkonzerte in einen<br />
neugierig machenden Kontrast gesetzt hat.<br />
Nicht immer haben die Einspielungen den<br />
gleichen Charakter des Unangepassten<br />
gehabt wie seine Haartracht. Von solchen<br />
eher auf Marketing ausgerichteten Maßnahmen<br />
ist seine Auseinandersetzung mit<br />
George Gershwin allerdings völlig frei.<br />
Nigel Kennedy liebt Gershwin, und er kann<br />
sehr genau beschreiben, was das ist, was<br />
ihm an Gershwins Musik wichtig ist: Es ist<br />
diese bezwingende Mischung aus westlicher<br />
klassischer Musik, dem eleganten<br />
großstädtischen Jazz der Swing-Ära und<br />
einer aus der New Yorker Klezmer-Tradition<br />
stammenden expressiven Melodieseligkeit,<br />
schreibt er.<br />
Und die Rhapsody hat man so, wie<br />
sie hier klingt, noch nicht oder zumindest<br />
schon sehr lange nicht mehr gehört.<br />
Kennedy ersetzt die unsterbliche Solo-<br />
Klarinette durch seine Geige, die er überraschend<br />
fragil und ein wenig zittrig, aber<br />
dann auch wieder schwungvoll und geschmeidig<br />
klingen lässt. Das Arrangement<br />
verzichtet auf jeglichen bombastischen<br />
Orchester-Sound und beschränkt sich<br />
auf ein Quartett mit Geige, Bass (Tomasz<br />
Kupiec) und zwei Gitarren (Howard Alden<br />
und Rolf Bussalb). Es entsteht eine bezwingende<br />
Sentimentalität, eine altehrwürdige<br />
Stimmung, durchscheinend und ganz ohne<br />
Pathos.<br />
Wer hätte das gedacht.<br />
Und so geht es weiter. Kennedy<br />
nähert sich den Songs nicht von der Warte<br />
des Musikers, der möglichst schnell etwas<br />
Wiedererkennbares und Glänzendes in<br />
den Raum stellen will, sondern mit einem<br />
sehr durchdacht wirkenden Konzept von<br />
Liedhaftigkeit und Authentizität. Er will<br />
nicht die üppig schimmernden orchestralen<br />
Oberflächen, die man heute gemeinhin<br />
mit Gershwin verbindet. Er will zurück zu<br />
den Songs, zu den durchaus sentimental<br />
kodierten Situationen, die zum Beispiel<br />
die Oper Porgy and Bess prägen. Dafür<br />
ist es nötig, dass leise gespielt wird. Dass<br />
eine Atmosphäre entsteht, in der Platz ist<br />
für brüchige Phrasierungen und kitschig<br />
jubilierende Geigen-Kantilenen, für zart<br />
angedeutete Rhythmik <strong>–</strong> eine Atmosphäre,<br />
die den Hörer dazu bringen kann, sich<br />
den Details zu widmen und nicht nach<br />
weit gespannten Bögen und glamourösem<br />
Broadway-Musical-Sound zu suchen.<br />
Darum bekommt auch das viel gesungene<br />
„Summertime“ einen handwerklich-ziegelroten<br />
Anstrich.<br />
Die kleine Jazz-Formation bleibt nicht<br />
über das gesamte Album allein, aber nie<br />
überschreitet die Besetzung Oktett-Größe,<br />
und stets ist der leicht volksmusikalischjazzige<br />
Unterton hörbar. Er wird ergänzt<br />
und unterstrichen von den zwei Gitarristen<br />
Howard Alden und Rolf „die Kobra“<br />
Bussalb. Die beiden sorgen für Anklänge<br />
an eine Art Django-Reinhardt-Sound, den<br />
Kennedy mit Stéphane-Grappelli-Avancen<br />
wunderbar ergänzt. Er improvisiert recht<br />
viel und lässt sich dabei quer durch die<br />
Beete treiben. Das etwas basale Klavier-<br />
Solo in „They Can’t Take That Away from<br />
Me“ muss man ihm nicht übel nehmen, und<br />
dass das Schluss-Stück dann doch noch<br />
einen leicht anti-authentischen Touch<br />
bekommt, lockert den Zusammenhang<br />
angenehm auf und gibt dem Album eine,<br />
gut, verwenden wir das Wort doch noch<br />
einmal: punkige Unmittelbarkeit.<br />
In gewisser Weise markiert Kennedys<br />
Gershwin-Interpretation ein Gegenstück<br />
zu dem, was Nikolaus Harnoncourt 2009<br />
mit dem Chamber Orchestra of Europe<br />
und dem Wiener Arnold Schönberg Chor<br />
in Sachen Porgy and Bess unternommen<br />
hat. Harnoncourt sah Gershwins Oper eher<br />
in der Tradition des italienischen Verismo<br />
und in einer größeren Nähe zu Alban Berg<br />
als zum Jazz. Seine großartige, aber leicht<br />
befremdliche Interpretation der Oper<br />
ging diesen Spuren konsequent nach und<br />
übersetzte, metaphorisch gesprochen,<br />
Gershwins amerikanischen Slang in einen<br />
morbiden Wiener Dialekt.<br />
Nigel Kennedy nun rückt die Dinge<br />
anders und durchaus auch auf neue Weise<br />
zurecht. Für ihn ist Gershwin der jüdische<br />
Amerikaner, der zwangsläufig den Jazz<br />
seiner Zeit im Ohr hat und für den Bergs<br />
Lulu oder Wozzeck interessante, aber<br />
ferne Ereignisse sind. Nigel Kennedy hat<br />
viel investiert in dieses Album. Er hat<br />
arrangiert, er spielt außer Geige auch<br />
Viola, Klavier und das leise, etwas stählern<br />
klingende Cembalo. Er lässt das alles nach<br />
einer kleinen Band klingen, die sich um<br />
zwei Mikrofone versammelt hat <strong>–</strong> und eben<br />
nicht nach wochenlanger Post Production.<br />
Und er leistet sich eine große Portion Gefühl,<br />
von dem wir jetzt mal annehmen, dass<br />
es authentisch ist. Zumindest klingt es so.<br />
Aktuelle CD:<br />
Nigel Kennedy: Kennedy Meets Gershwin<br />
(Parlophone / Warner)<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />
53
Club des Belugas<br />
Von der Ein-Euro-Wette auf<br />
internationale Festivals<br />
Manchmal gibt es kurze Momente, die das Leben nachhaltig<br />
verändern. Im Falle von Club des Belugas war es eine Wette.<br />
Von Thomas Bugert<br />
Eigentlich hatte Maxim Illion<br />
seine musikalische Karriere<br />
schon relativ früh beendet, als<br />
er während des Lehramtsstudiums<br />
merkte, dass er nicht<br />
für den Schuldienst bestimmt<br />
war. Nach einer Zeit in der<br />
ökologischen Landwirtschaft<br />
in Ostfriesland zog es ihn<br />
wieder in die Stadt. Er leitete<br />
verschiedene Locations in<br />
Wuppertal, von der Kneipe bis<br />
zum Sterne Restaurant, doch<br />
dann kam es Ende der 1990er<br />
Jahre zu einer typischen<br />
Kneipenwette, die sein Leben<br />
veränderte. Er erinnert sich:<br />
„Unser Barkeeper hat immer<br />
Nu-Jazz-CDs mitgebracht.<br />
Irgendwann habe ich zu ihm<br />
gesagt: Was die machen, das<br />
kann ich auch. Wir haben<br />
dann um einen Euro gewettet.<br />
Daraufhin habe ich mir das<br />
ganze Equipment besorgt und<br />
mich ein halbes Jahr zu Hause<br />
eingeigelt.“ Nachdem so das<br />
erste Album von Club des<br />
Belugas zusammen mit seiner<br />
Frau Kitty the Bill entstanden<br />
war, hörte glücklicherweise<br />
der Chef von Saturn die Musik<br />
und nahm sie direkt ins Programm.<br />
Das Album verkaufte<br />
sich gut und kletterte auf den<br />
ersten Platz der deutschen<br />
Club-Charts. Nach und nach<br />
wurden auch andere Firmen<br />
auf den Club aufmerksam, und<br />
so fanden Stücke den Weg in<br />
Werbespots.<br />
Was zunächst als reines<br />
Studioprojekt angefangen hatte,<br />
wurde ab 2006 mit dem Album<br />
Wildcats Gotta Move mit<br />
der Sängerin Brenda Boykin<br />
zum Live-Act. Hier fing alles<br />
mit der Anfrage einer chinesischen<br />
Hotelkette an, erzählt<br />
Maxim: „Es gab eine Anfrage<br />
für 90 Auftritte in 89 Tagen.<br />
Das war natürlich heftig. Wir<br />
haben das dann dort mit einem<br />
Quartett und danach rund um<br />
die Welt gespielt: Südafrika,<br />
Südamerika, Malaysia.“ Auch<br />
in vielen Ländern des ehemaligen<br />
Ostblocks war die Band<br />
unterwegs, unter anderem in<br />
Russland, Rumänien, Georgien<br />
und Aserbeidschan. Club des<br />
Belugas arbeitet im Studio mit<br />
verschiedenen Sängern und<br />
Sängerinnen zusammen. Wichtig<br />
ist Maxim hier der Kontrast<br />
in den Stimmen, und so ist er<br />
immer auf der Suche: „Ich<br />
habe seit dem dritten Album<br />
immer vier oder fünf verschiedene<br />
Sänger auf dem Album.<br />
Ich gehe dann ins Internet und<br />
suche, was passen könnte.“<br />
Aufgrund gesundheitlicher<br />
Probleme der Hauptsängerin<br />
ist die Band zurzeit weniger<br />
live zu sehen. Da kommt<br />
ein neues Album, das einen<br />
Instrumentalisten featurt, sehr<br />
gelegen.<br />
54 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> v.l.n.r.: Detlef Höller, Maxim Illion, Thomas Siffling, Karlos Boes
Literatur<br />
Maxim Illion und der<br />
Trompeter Thomas Siffling<br />
kennen sich seit 2011, erinnert<br />
sich Maxim: „Thomas hatte ein<br />
Album herausgebracht, das<br />
mir damals sehr gut gefallen<br />
hat und das ich für eine Compilation<br />
haben wollte. Dadurch<br />
haben wir uns kennengelernt.<br />
Er hat dann irgendwann<br />
angerufen und gesagt: ,Ich bin<br />
nächste Woche in der Nähe<br />
von Wuppertal, lass uns doch<br />
ein Stück zusammen aufnehmen.‘<br />
So entstand das Stück<br />
,Ocean Cruise‘. Zwei Jahre<br />
später folgte das Album Chin<br />
Chin. Im Sommer 2017 war<br />
es dann so weit, dass beide<br />
ein neues Album planten und<br />
Maxim den Trompeter in sein<br />
Studio in Südfrankreich einlud.<br />
Im Gegensatz zum letzten<br />
Album, das vorproduziert war,<br />
begann hier alles bei null.<br />
„Wir haben uns hingesetzt und<br />
gesagt: ,Erstes Stück. Welche<br />
Geschwindigkeit und welche<br />
Tonart?‘ Dann haben wir einen<br />
Beat eingestellt, Akkorde<br />
eingespielt, und Thomas hat<br />
darüber gespielt. Nach der<br />
Erfahrung des ersten gemeinsamen<br />
Albums hatten wir eine<br />
Woche eingeplant, aber es<br />
lief so gut, dass wir nach drei<br />
Tagen schon fertig waren.“<br />
In diesem Flow entstanden<br />
14 Songs, von denen es neun<br />
auf das neue Album Ragbag<br />
schafften. Die restlichen Songs<br />
wurden in einer zweiten Session<br />
aufgenommen.<br />
Alle Stücke sind Eigenkompositionen<br />
<strong>–</strong> bis auf<br />
„Tequila“, ein Titel, der eher<br />
zufällig auf das Album kam,<br />
wie Maxim erklärt: „Wir wollten<br />
eigentlich etwas Eigenes<br />
machen. Irgendwann haben<br />
wir dann festgestellt, dass es<br />
sich nach ,Tequila‘ anhört, und<br />
haben gesagt: ,Dann können<br />
wir auch gleich ,Tequila‘ machen.‘<br />
Es sind aber immer am<br />
Ende der Phrase musikalische<br />
Zitate von Dizzy Gillespie bis<br />
Quincy Jones drin.“ Die finalen<br />
Arrangements der Stücke entstanden<br />
dann im Nachhinein<br />
im Studio in Düsseldorf. Neun<br />
Stücke arbeitete Maxim bis<br />
ins Detail aus. Danach wurden<br />
die Klavierparts von Roman<br />
Babik live eingespielt. Saxofon<br />
und Flöte stammen von Karlos<br />
Boes, die Gitarren von Detlef<br />
Höller, der auch vier Stücke<br />
ausarbeitete.<br />
Die Musik des Sammelsuriums<br />
Ragbag ist in erster<br />
Linie club- und tanzorientiert.<br />
Soundmäßig erinnert sie mit<br />
ihrer Liebe zum Detail an<br />
frühe Alben von Kruder &<br />
Dorfmeister. In dieses Klangund<br />
Groove-Gebilde fügen<br />
sich neben der Trompete als<br />
Hauptmelodieinstrument auch<br />
die andern Solisten mit Gitarre,<br />
Klavier und Saxofon organisch<br />
ein. Das Album lebt großenteils<br />
von TripHop, Boogaloo<br />
und Latin Grooves und von der<br />
Verzahnung der Percussion mit<br />
den Instrumenten der Rhythmusgruppe.<br />
Oder wie Maxim<br />
lachend meint: „Manchmal ist<br />
das ein richtiges Feuerwerk.“<br />
Aktuelle CD:<br />
Club des Belugas & Thomas Siffling:<br />
Ragbag (Jazznarts / In-Akustik)<br />
Peter Kemper<br />
Guten Tach,<br />
Helge!<br />
Helge Schneider ernst zu nehmen, ist nicht ganz einfach.<br />
Dafür sorgt er selbst mit etwas, was öffentlich in der<br />
Regel als Humor wahrgenommen wird. Humor ist es<br />
wohl auch, vor allem aber ist es eine Bewegung, die<br />
sich jeder Festlegung entziehen will und gegen jede<br />
Erwartung die Überraschung setzt.<br />
Von Hans-Jürgen Linke<br />
Von konventionellem, sagen wir, Comedy- oder Kabarett-<br />
Humor unterscheidet sich der Schneidersche unter anderem<br />
dadurch, dass er Pointen vermeidet, dass er manchmal geradezu<br />
unter ihnen wegtaucht und an einer Stelle an die Oberfläche<br />
kommt, die den Gesprächspartner, den Zuhörer und<br />
Zuschauer ratlos lässt. Beispiel? Talkshow-Gastgeber Harald<br />
Schmidt fragt Helge Schneider nach Haustieren. Schneider<br />
sagt: „Hund hab ich nicht, aber Katze. Aber ich habe auch<br />
andere Haustiere. Zum Beispiel Käse.“ Wie soll man in einer<br />
Talkshow mit so jemandem ernsthaft umgehen?<br />
Peter Kemper hat zu, über und mit Helge Schneider ein<br />
Buch geschrieben, das ihn ernst nimmt. Also sein Werk <strong>–</strong><br />
Live-Auftritte, Bücher, Filme und so weiter <strong>–</strong> sichtet, seine<br />
Accessoires würdigt, seine Kommunikationsweisen, seine<br />
Musikalität beschreibt. Und hier einen wichtigen Quell dieser<br />
irgendwie clownesken Schneiderschen Aus- und Abweichbewegungen<br />
findet. Denn Helge Schneider ist (auch) Jazzmusiker,<br />
und die zutiefst jazzmäßige Praxis des Improvisierens ist<br />
Grundlage dessen, was er permanent öffentlich tut. Er reagiert<br />
nicht regelkonform, er hält sich nicht an die Tonvorräte der<br />
vorgegebenen Changes, sondern phrasiert harmonisch und<br />
metrisch unvorhergesehen und grenzüberschreitend. Er spielt<br />
Sprachspiele nicht mit, sondern hüpft zwischen ihnen herum<br />
und bleibt dabei stets im Fluss. Oder wählt ausdrucksreiches<br />
Schweigen. Oder dreht einen Film. Oder schlüpft mit kühn<br />
angedeuteter Kostümierung in merkwürdige Rollen und redet<br />
mit Alexander Kluge. Er produziert keinen Sinn, aber auch keinen<br />
Unsinn, sondern einen Spielfluss voller Überraschungen,<br />
Abweichungen, Albernheiten, Zuspitzungen. Und muss darin<br />
ernst genommen werden.<br />
Peter Kemper:<br />
Helge Schneider.<br />
Reclam Verlag, Stuttgart<br />
100 Seiten, 10 Euro<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />
55
Nils Wogram & NDR Bigband<br />
Der dritte Weg<br />
Von Harry Schmidt<br />
„Endlich ein bundesligareifer Braunschweiger“,<br />
jubelte DIE WELT, als Nils<br />
Wogram 2013 mit dem Albert-Mangelsdorff-Preis<br />
ausgezeichnet wurde.<br />
„Endlich ein junger, kreativer Posaunist“-<br />
das wäre in gleich zweierlei Hinsicht die<br />
treffendere Schlagzeile gewesen. Denn<br />
zum einen war der 1972 in Braunschweig<br />
geborene Wogram mit Ausnahme der<br />
2003 gekürten Ulrike Haage der erste<br />
Preisträger, der nicht bereits auf mehr als<br />
ein halbes Jahrhundert Karriere und oft<br />
auch ein mehr oder weniger abgeschlossenes<br />
Lebenswerk zurückblicken konnte.<br />
Zugleich war er aber eben auch der erste<br />
Posaunist, der mit dem Preis ausgezeichnet<br />
wurde, der immerhin nach einem<br />
Mann benannt ist, der als Posaunist im<br />
Nachkriegsdeutschland dem zeitgenös-<br />
Mit ihrem Album Work Smoothly finden<br />
der Posaunist Nils Wogram und die<br />
NDR Bigband einen Weg zwischen<br />
Nostalgie und Augenzwinkern.<br />
© Ulla C. Binder<br />
© Ayse Yavas<br />
56 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
sischen Jazz eine auch international<br />
wahrgenommene Stimme gegeben hat.<br />
Was Wogram zu einem würdigen<br />
Preisträger macht, geht aber über die<br />
Instrumentengleichheit weit hinaus. Mehr<br />
als der Sound der Posaune an sich ist<br />
es eine kreative Abenteuerlust, verbunden<br />
mit einer gesunden Portion Skepsis<br />
gegenüber dem Zeitgeist, die Wogram in<br />
die Nähe von Mangelsdorff rückt. Eine<br />
weitere Parallele zwischen den beiden<br />
Posaunisten besteht in der Vorliebe für<br />
langlebige Kollaborationen. Wogram<br />
schätzt trotz der Vielgestaltigkeit seiner<br />
Projekte die Kontinuität: Sein Quartett<br />
Root 70 mit Hayden Chisholm (sax),<br />
Matt Penman (b) und Jochen Rueckert<br />
(dr) spielt seit 18 Jahren in derselben<br />
Besetzung. Fast ebenso lang <strong>–</strong> seit 2004<br />
<strong>–</strong> bestehen das Trio Nostalgia mit Arno<br />
Krijger (hammond-org) und Dejan Terzic<br />
(dr) sowie sein Septett mit dem Schweizer<br />
Klarinettisten Claudio Puntin. Dazu<br />
kommen seit 2012 das Vertigo Trombone<br />
Quartet sowie einige Duo-Projekte. Lediglich<br />
sein Duo mit Simon Nabatov (p) fand<br />
vor einigen Jahren ein Ende.<br />
So verwundert kaum, dass auch<br />
Work Smoothly auf eine längere Vorgeschichte<br />
zurückzuführen ist. „Das<br />
passiert grob gesprochen alle zehn<br />
Jahre“, erzählt Wogram, wie es dazu<br />
kam, dass er seinen neuesten Longplayer<br />
mit der NDR Bigband aufgenommen hat.<br />
Erstmals sei das Radioorchester Mitte der<br />
90er mit einer Anfrage auf ihn zugekommen.<br />
Seinerzeit habe er aber kalte Füße<br />
bekommen und sich die Arrangements<br />
noch schreiben lassen. Weder so richtig<br />
Bigband noch so richtig Combo, habe das<br />
Ergebnis allerdings nicht in Gänze überzeugt.<br />
Anders schon eine Dekade später:<br />
Mit Portrait of a Band legte Wogram 2007<br />
ein Album mit der NDR Bigband vor, das<br />
sich rückblickend anhört, als habe es der<br />
aktuellen Hochkonjunktur des Bigband-<br />
Formats den Boden bereitet. Für das<br />
wiedererstarkte Interesse hält Wogram<br />
mehrere Faktoren verantwortlich: Neben<br />
den Pendelbewegungen des Paradigmenwechsels<br />
sei auch in der fundierten Ausbildung<br />
heutiger Jazzmusiker ein Grund<br />
für die Renaissance des Bigband-Formats<br />
zu sehen. Zudem spiele auch der soziale<br />
Aspekt gerade in Zeiten der Digitalisierung<br />
eine große Rolle, vermutet er. Mit<br />
vielen der neuen Freelance-Bigbands wie<br />
dem Subway Jazz Orchestra aus Köln,<br />
der Spielvereinigung Süd in Leipzig oder<br />
der Formation Fette Hupe aus Berlin hat<br />
Wogram bereits gearbeitet und Erfahrungen<br />
gesammelt.<br />
Als die NDR Bigband vor drei Jahren<br />
neuerlich auf ihn zukam, habe er zunächst<br />
versucht, ohne Deadline zu arbeiten,<br />
was aber nicht funktionierte. Erst als ein<br />
konkreter Aufnahmetermin fixiert war,<br />
kam der Schreibprozess in Gang <strong>–</strong> mit<br />
durchaus überraschendem Ergebnis. Tatsächlich<br />
klingt Work Smoothly zunächst<br />
wie ein konventionelles Bigband-Album,<br />
insbesondere die Eröffnung mit dem<br />
Titelstück löst den Anspruch ein, den Wogram<br />
so formuliert: „Moderne Bigband-<br />
Arrangements behandeln meist Struktur.<br />
Was dabei manchmal auf der Strecke<br />
bleibt, sind Momente, die sich einprägen,<br />
die gewisse Wiedererkennungsmerkmale<br />
haben. Das muss nicht unbedingt eine<br />
eingängige Melodie sein. Es geht darum,<br />
dass man sagen kann: Das ist das Stück,<br />
in dem das und das passiert, oder auch<br />
um ein Bekenntnis zu bestimmten Sounds,<br />
die aus einer dezidierten Tradition stammen.“<br />
PDF in 4c<br />
Auf dem Album wird dieser fast<br />
klassizistische Ansatz allerdings postwendend<br />
vom eher am modalen Jazz<br />
orientierten „Provocation“ konterkariert.<br />
Überhaupt sei ihm wichtig gewesen,<br />
nichts bewusst zu vermeiden oder zu<br />
unterdrücken. Stattdessen habe er die<br />
Musiker nach ihren Vorlieben befragt,<br />
um beim Schreiben darauf eingehen zu<br />
können. Generell habe er diesmal mehr<br />
auf Transparenz geachtet. Automatisch<br />
eingeflossen seien Einflüsse historischer<br />
Großbesetzungen, von Duke Ellington<br />
über Thad Jones und Gil Evans (etwa in<br />
„One Phone Call“) bis zu Charles Mingus.<br />
Django Bates und Hermeto Pascoal sind<br />
weitere Referenzen, die sublimiert in<br />
den acht Stücken auftauchen. Was Work<br />
Smoothly, dessen Titel durchaus auch<br />
als gesellschaftspolitisch-philosophische<br />
Aussage aufgefasst werden darf, aber<br />
nachhaltig bemerkenswert macht, ist<br />
der dritte Weg zwischen Nostalgie und<br />
Augen zwinkern, den Wogram im Umgang<br />
mit Tradition findet. Dass der Humor<br />
trotzdem nicht zu kurz kommt, verdankt<br />
sich genau dieser gut informierten und<br />
organisierten Unbekümmertheit.<br />
Aktuelle CD:<br />
Nils Wogram & NDR Bigband: Work Smoothly<br />
(nWog / Edel:Kultur)
David Murray<br />
& Saul Williams<br />
© Erwan Levigoureux<br />
Schwarzer Zorn<br />
mit sanfter Gewalt<br />
58 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
LeRoi Jones aka Amiri Baraka, Malcolm X, James Baldwin und andere<br />
standen für das antikapitalistische, kritische und widerspenstige<br />
Amerika, das scheinbar der Vergangenheit angehört. Dennoch gibt es<br />
Black Lives Matter, es gibt Leute, die ihre Stimme erheben, wenn es um<br />
Gewalt gegen Schwarze, gegen Frauen und Minderheiten geht, um die<br />
Waffengesetze und brutale Gegensätze in der Gesellschaft. Und es gibt<br />
Musik, die diesen Zeiten mit zorniger Poesie begegnet.<br />
Von Jan Kobrzinowski<br />
Der Spoken-Word-Poet Saul<br />
Williams hat diese brennenden<br />
Themen im Auge. Ohne<br />
erhobenen Zeigefinger und<br />
ohne ein Zuviel an Radikalität,<br />
das Zuhörer abhängt. Williams,<br />
Aktivist der New Yorker<br />
Slam-Poetry-Szene, schrieb<br />
Bücher, hatte Auftritte in Filmen<br />
und Musicals und fühlte sich<br />
eigentlich immer HipHop, Rock<br />
und elektronischer Musik näher.<br />
Er hielt eine Verbindung mit dem<br />
Jazz zunächst für eine Idee der<br />
Vergangenheit.<br />
Es war im Jahr 2014, als<br />
der Saxofonist David Murray<br />
auf diesen Mann aufmerksam<br />
wurde, der da am Grab von<br />
Amiri Baraka so lautstark<br />
proklamierte, wie wichtig es<br />
sei, dessen Arbeit weiterzuführen.<br />
Williams schickte Texte<br />
an Murray, vor allem Stücke,<br />
die sich mit Fragen von Rasse,<br />
Klasse, Geschlecht, Wirtschaft<br />
und Kultur im heutigen Amerika<br />
auseinandersetzten. „Ich habe<br />
ein paar der Gedichte für eine<br />
Woche auf dem Klavier liegen<br />
lassen, und das Nächste, was<br />
passierte, war, dass daraus<br />
ein Song wurde“, sagt Murray.<br />
„Die Worte sind wie Wasser,<br />
sie finden ihren eigenen Weg.<br />
Saul ist ein sehr zukunftsorientierter<br />
Visionär. Ich habe immer<br />
versucht, den Dichtern und ihrer<br />
Vision von der Welt entgegenzukommen<br />
und das mithilfe der<br />
Musik klarer und wahrer zu<br />
machen.“<br />
Für Williams war die<br />
Zusammenarbeit mit Murray ein<br />
Anlass, alles neu zu überdenken:<br />
„Als Dichter, der oft an<br />
den Buchstaben hängt, hat die<br />
Zusammenarbeit mit David mich<br />
befreit. Jazz feiert die Improvisation<br />
und hat so viel mit Zuhören<br />
zu tun <strong>–</strong> wie du hörst und was<br />
du hörst und wie du darauf reagierst.<br />
Es hält mich frisch, also<br />
ist es das Gegenteil von dem,<br />
vor dem ich Angst hatte, als ich<br />
mich dem Jazz verweigerte.<br />
Es hat den kreativen Prozess<br />
belebt.“ Williams erreicht mit<br />
der textlichen und rhythmischen<br />
Dichte seiner Spoken Words<br />
etwas, wofür manch ein Sänger<br />
höchste Ausdruckskraft und Virtuosität<br />
aufbieten muss. Sprachliche<br />
Intuition und rhythmische<br />
Gewichtung treffen mit großer<br />
Präzision voll ins Schwarze.<br />
Und dann ist da der Blues,<br />
dem sich der Jazz-Avantgardist<br />
David Murray schon immer verbunden<br />
fühlte. Blues for Memo,<br />
das instrumentale Titelstück,<br />
wird mit dem Gastmusiker Aytaç<br />
Doğan am Kanun, der türkischen<br />
Zither, zu einer Art Oriental<br />
Blues erweitert. Passend, denn<br />
das Album wurde in Istanbul<br />
aufgenommen, in Auftrag<br />
gegeben von Ahmet Uluğ,<br />
gewidmet seinem verstorbenen<br />
Bruder Mehmet Uluğ. Der<br />
türkische Impresario, genannt<br />
Memo, seinerseits Gründer<br />
des Musikförderunternehmens<br />
Pozitif Music, hatte in seinem<br />
Club Babylon dem Publikum<br />
die Türen zum experimentellen<br />
Jazz geöffnet und Künstler wie<br />
Murray, Butch Morris, Sun Ra<br />
und Pharoah Sanders präsentiert.<br />
Blues for Memo ist nun<br />
eine Herzensangelegenheit<br />
von Murray, als Dank an die<br />
Uluğ-Brüder für ihre langjährige<br />
Freundschaft und Unterstützung.<br />
Es schließen sich die Kreise<br />
vollends, wenn Saul Williams zu<br />
„Obe“, einer Komposition von<br />
Murrays langjährigem Mitstreiter,<br />
dem Conducting-Innovator<br />
und Kornettisten Butch Morris,<br />
die passenden Worte liefert.<br />
Dieser hatte seinerseits in den<br />
90ern mehrere Jahre in Istanbul<br />
gelebt und gelehrt.<br />
Selten lagen schwarzer<br />
Zorn und sanfte Gewalt so dicht<br />
beieinander wie auf Blues for<br />
Memo. David Murrays Tenor<br />
kann butterweich nach Ben<br />
Webster klingen, wie z.B. im<br />
Opener „Kush“. Murrays und<br />
Williams’ Musik changiert<br />
zwischen Acoustic Free Funk<br />
und swingendem Jazz, scheint<br />
die 60er und 70er Jahre zu<br />
beschwören und ist dabei<br />
hochaktuell, äußerst gefühlvoll,<br />
spannend und am Puls der Zeit.<br />
„Cycles And Seasons“ <strong>–</strong> gesprochenes<br />
Wort und smoothes<br />
Saxofon im faszinierenden<br />
Wechsel, akustischer Groove,<br />
immer wieder aufgebrochen<br />
durch ein paar swingende Takte.<br />
Das Gespann Murray/<br />
Williams war bereits Tourerprobt,<br />
als es ins Studio ging.<br />
Gerade live bewährt sich die<br />
dynamische, treibende Rhythm<br />
Section, die sich nicht nur mit<br />
Jazz auskennt, sondern die<br />
Verbindung von akustischem<br />
Backing mit urbanem Groove<br />
meisterhaft beherrscht. Nasheet<br />
Waits spielt Schlagzeug auf<br />
dem Album, Hamid Drake war<br />
live mit auf Tour. Damals war<br />
das Projekt brandneu, und das<br />
Infinity Quartet mit Saul Williams<br />
stellte mit seiner Intensität und<br />
visionären Kraft z.B. auf dem<br />
Jazz Happening in Tampere 2015<br />
alles andere in den Schatten.<br />
Jaribu Shahid am Bass und<br />
Pianist Orrin Evans sind seit<br />
Jahren feste Größen in Murrays<br />
Quartet, sie liefern die nötigen<br />
scharfen harmonischen Konturen<br />
und ostinaten Basslinien.<br />
Gäste auf Blues for Memo sind<br />
der Posaunist Craig Harris, der<br />
Modern-Gospel-Sänger Pervis<br />
Evans, Jason Moran am Fender<br />
Rhodes und Murrays Sohn<br />
Mingus an der Gitarre.<br />
Aktuelle CD:<br />
David Murray feat. Saul Williams:<br />
Blues for Memo<br />
(Motema / Double Moon)<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 59
Besondere Zeiten erfordern besondere Lieder. Die Zeiten,<br />
in denen sich Musiker selbstgefällig auf ihre Chops<br />
konzentrieren konnten, sind vorbei, fürs Erste zumindest.<br />
Wie zu Zeiten Richard Nixons gilt es, Stellung zu beziehen,<br />
und es wird Stellung bezogen.<br />
Von Wolf Kampmann<br />
Marc Ribot ist ein kantiger Typ. Als der New<br />
Yorker Gitarrist Ende der 1980er Jahre bei<br />
den Lounge Lizards und Jazz Passengers,<br />
bei Tom Waits und Elvis Costello auftauchte,<br />
war seine Kollision von Punk und Jazz das<br />
Provokanteste, was seinerzeit vorstellbar<br />
war. Seine Gitarrensoli glichen Abstürzen.<br />
Keine seiner eigenen Bands hatte für<br />
mehr als zwei Alben Bestand. Egal, ob es<br />
die Rootless Cosmopolitans, Shrek, die<br />
überaus erfolgreichen Cubanos Postizos<br />
oder das Ayler Project waren, Ribot war<br />
im Kopf schon bei der nächsten unvollendeten<br />
Baustelle. Immer neue Seiten ließ er<br />
erkennen und pendelte zwischen Extremen<br />
wie John Zorn und Robert Plant. Da mag es<br />
wie ein Wunder anmuten, dass er mit seiner<br />
aktuellen Band Ceramic Dog (mit Bassist<br />
Shahzad Ismaily und Drummer Chas Smith)<br />
nun schon ein drittes Album innerhalb von<br />
zehn Jahren auf den Markt bringt.<br />
Ceramic Dog hat Marc Ribot immer als<br />
seine Rockband bezeichnet. Auf dem Debütalbum<br />
Party Intellectuals (2008) wurde<br />
dieser Anspruch noch so verschämt umgesetzt,<br />
wie der Albumtitel vermuten ließ.<br />
Der Nachfolger Your Turn (2013) klang im<br />
Vergleich dazu schon viel gradliniger. Doch<br />
mit dem Kracher YRU Still Here? verbindet<br />
der alte Querulant jetzt ein besonderes<br />
Anliegen. Wie mit einem Vorschlaghammer<br />
prügelt Ribot auf die offenen Wunden einer<br />
global immer weiter nach rechts rückenden<br />
Gesellschaft ein. Das dritte Album von Ceramic<br />
Dog ist viel mehr als eine Platte. Diese<br />
Songs sind Statements, und mehr als das.<br />
„Im Herbst 2016 hatte Ceramic Dog bereits<br />
ein anderes Album nahezu fertiggestellt“,<br />
erinnert sich Ribot. „Nach den Wahlen<br />
im November waren wir dann schockiert.<br />
Ich meine, ich habe es kommen sehen<br />
und fürchtete einen Sieg Donald Trumps<br />
mehr als die meisten Menschen in meiner<br />
Umgebung. Trotzdem schien es mir nach<br />
der Wahl nicht der richtige Zeitpunkt, eine<br />
CD rauszubringen, auf der ich mich über<br />
Probleme mit meiner Freundin auslasse.<br />
Wir veränderten also den Schwerpunkt des<br />
Albums. Meine romantischen Katastrophen<br />
erschienen mir plötzlich weniger wichtig.<br />
Ich spürte wieder die Dringlichkeit von<br />
Musik. Nicht nur als Teil einer politischen<br />
Bewegung, sondern als Kraft, die uns<br />
weiterleben lässt. Es erschien mir wichtig,<br />
meine und die Bedürfnisse anderer Menschen<br />
offen auszusprechen.“<br />
Ribot war schon lange von dem Gefühl<br />
beschlichen worden, dass die Menschen<br />
in seinem Umfeld zwar wieder viel mehr<br />
über Politik diskutierten, sich auch auf die<br />
alten Protestsongs kaprizierten, aber keiner<br />
konnte sie mehr singen. Er erinnert sich an<br />
die Teilnahme an einer Occupy-Versammlung<br />
in New York. „Wenn sich auf einer<br />
Demonstration die Angst vor der Polizei und<br />
vor Verhaftungen breitmacht, können Lieder<br />
einem ja das Gefühl von Zusammenhalt und<br />
Kraft geben. Es war sehr früh am Morgen,<br />
die Stimmung war angespannt, und<br />
wir wollten etwas singen. Aber niemand<br />
wusste, was wir singen könnten. Jemand<br />
fing dann an, Tom Pettys ,We Won’t Back<br />
© Ebru Yildiz<br />
Down’ zu singen. Ich meine, der Song ist<br />
okay, aber er tut auch nichts wirklich zur<br />
Sache. In der Geschichte des Arbeiter- und<br />
Widerstandslieds gibt es so viele Songs,<br />
die perfekt gewesen wären, aber niemand<br />
kennt sie. Sie wiederholten immer nur<br />
diese zwei Zeilen von Tom Petty, und ich<br />
wünschte, anstatt meine Nerven zu strapazieren,<br />
sollten sie lieber ein paar richtige<br />
Lieder singen. So reifte in mir der Wunsch,<br />
selbst etwas Zeitgemäßes beizusteuern. Ich<br />
schrieb also ein paar neue Lieder. Einige<br />
von ihnen sind auf der CD von Ceramic Dog,<br />
die anderen werden auf einem Album mit<br />
dem Titel Songs of Resistance erscheinen.“<br />
Marc Ribot zieht eine ganz klare<br />
Demarkationslinie zwischen Pre- und Post-<br />
Trump-Ceramic Dog. Die Ausrufezeichen im<br />
Raum sind greifbar, wenn er postuliert: „Wir<br />
müssen tun, was zu tun ist. Was wir zuvor<br />
gemacht haben, fühlt sich nicht mehr richtig<br />
an. Ich kann ja nicht leugnen, dass ich eine<br />
Affinität zum Jazz habe. Aber der Teil des<br />
Jazz, den ich mag, zum Beispiel die Musik<br />
von Albert Ayler oder John Coltrane, hatte<br />
stets prophetischen Charakter. Diese Musik<br />
hatte eine rituelle Funktion für die beteiligten<br />
Musiker und für das Publikum. Diese rituelle<br />
Funktion ist gar nicht so weit entfernt<br />
von der Energie des Punk-Rock. Obwohl ich<br />
politische Ideen <strong>–</strong> oder vielleicht eher politische<br />
Emotionen <strong>–</strong> anspreche, geht es doch<br />
in erster Linie darum, die Bude zu rocken.<br />
Wir wollen eine direkte Verbindung zum<br />
Publikum herstellen und eine direkte Erfahrung<br />
mit dem Publikum teilen. Aber Punk<br />
klingt für mich heute oft wie ein Schrei ohne<br />
Wunde. Im Jazz ist es genauso. Wollen wir<br />
unser Publikum erreichen, müssen wir also<br />
härter rocken als zuvor.“<br />
Um die Leute zu erreichen, müsse man<br />
wissen, was in ihnen vorgeht, schiebt Ribot<br />
hinterher. Und um das Haus zu rocken,<br />
müsse man stets den Kampf mit dem<br />
Elefanten im Raum aufnehmen. Es reiche<br />
nicht, eine politische Haltung auszudrücken,<br />
sondern man müsse diese Haltung in etwas<br />
übersetzen, das eben mehr ist als nur ein<br />
Statement. Andernfalls würde ja eine Parole<br />
ausreichen.<br />
Aktuelle CD:<br />
Marc Ribot Ceramic Dog: YRU Still Here?<br />
(Yellowbird / Soulfood)<br />
60 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Marc Ribot<br />
& Ceramic Dog<br />
Post Trump<br />
© Barbara Rigon<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 61
Maxime Bender<br />
Vereinte Sprachenvielfalt<br />
Wenn der luxemburgische Saxofonist Maxime Bender sein aktuelles<br />
Projekt Universal Sky getauft hat, dann geht es um nichts Geringeres<br />
als die universelle Sprache der Musik.<br />
Von Stefan Pieper<br />
Luxemburg ist klein, da liegt<br />
alles eng beieinander, trifft<br />
und berührt sich. Die typisch<br />
luxemburgische Namensgebung<br />
lautet: französischer<br />
Vorname plus deutsch klingender<br />
Familienname. So liegen<br />
die Dinge auch bei einem<br />
hochmotivierten und eloquenten<br />
jungen Saxofonspieler am<br />
europäischen Jazzhimmel:<br />
Maxime Bender. Der hat seine<br />
Musikerkarriere auf dieser<br />
leicht multikulturellen Basis<br />
gut vorangetrieben. Kultur ist<br />
im kleinen Luxemburg ohnehin<br />
Chefsache <strong>–</strong> entsprechend<br />
hegt und pflegt das Land sein<br />
künstlerisches Potenzial.<br />
Maxime Bender wurde an dem<br />
Zentrum für alle musikalischen<br />
Werdegänge, dem Konservatorium<br />
der Hauptstadt, bestens<br />
sozialisiert, ein weiteres Studium<br />
führte ihn nach Straßburg.<br />
Daraus etwas Großes zu<br />
machen, liegt in den Händen<br />
der Musiker. Klug aus dem Miteinander<br />
von Sprachen, Stilen<br />
und Musikern zu schöpfen <strong>–</strong><br />
das zeichnet Maxime Benders<br />
Projekte allemal aus. Er pflegt<br />
einen regen Austausch mit der<br />
Kölner Jazzszene, ebenso mit<br />
dem frankofonen Raum, der ja<br />
am eigenen Heimatort beginnt.<br />
In Frankreich hat Bender die<br />
Mitstreiter für seine jüngste<br />
CD Universal Sky gefunden,<br />
als da wären Manu Codjia (g),<br />
Jean-Yves Jung (hammondorg)<br />
und Jerome Klein (dr).<br />
62 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
kolumne<br />
Mehr an Eckdaten braucht<br />
es nicht, um die Musik dieses<br />
neuen Albums sprechen zu<br />
lassen. Denn was hier zählt, ist<br />
nichts außer der universellen<br />
Sprache der Musik. Aus dem<br />
Moment leben, aus diesem<br />
heraus entscheiden, dabei<br />
auf ein erarbeitetes, gereiftes<br />
Vokabular zurückgreifen <strong>–</strong><br />
heraus kommt eine kollektiv<br />
gelebte musikalische Eloquenz<br />
im besten Sinne.<br />
Maxime Bender spielt<br />
Sopran und Tenor. Egal, ob er<br />
im Spiel gesangliche Linien<br />
ausbreitet, sich in ekstatischer<br />
Spiellust um Kopf und<br />
Kragen soliert oder sein Horn<br />
hymnisch beschwörend in die<br />
Höhe schraubt <strong>–</strong> in jedem Fall<br />
schimmert eine tiefe Affinität<br />
zum modalen Jazz eines<br />
Wayne Shorter durch. Die<br />
zeitlose, über alle möglichen<br />
kurzlebigen Trends erhabene<br />
Modernität eines solchen<br />
Vorbilds wird bei Universal<br />
Sky aufgegriffen, tief verstanden,<br />
aber dann in etwas<br />
ganz anderes transformiert.<br />
Dafür sorgen allein schon die<br />
Klangfarben, die hier im Spiel<br />
sind: Manu Codjia bietet auf<br />
der elektrischen Gitarre einen<br />
Gegenpart zum spielerischen<br />
Ideenreichtum des Saxofonisten.<br />
Das entlädt sich gerne in<br />
solistischen Duellen. Codjias<br />
Saitenkunst vereint subtile,<br />
manchmal experimentelle<br />
Klangeffekte mit der Vehemenz<br />
eines treibenden Rockjazz.<br />
Wenn von Hammond-<br />
Orgeln die Rede ist, bekommen<br />
manche schnell Angst vor<br />
klischeehaft ausgebreiteten<br />
Klängen und Mustern. Viele<br />
elektrische Tasteninstrumente<br />
haben und hatten nun einmal<br />
ihre Zeit, was dann heute wie<br />
vergängliches modisches<br />
Gepräge wirkt. Nicht so bei<br />
Jean-Yves Jung. Der ist viel<br />
zu sehr ein Musiker aus dem<br />
Heute, der seine Rolle aus<br />
dem Klangempfinden der<br />
Gegenwart heraus definiert.<br />
Vor allem ist er ein Raumgeber,<br />
der subtile Farben und Flächen<br />
von großer Dichte ausbreitet,<br />
um den Bandsound mit Energie<br />
aufzuladen, die gerne auch<br />
unterschwellig daherkommt.<br />
Der Rest ist selbsterklärend.<br />
Geht es doch darum,<br />
sich in Rage zu spielen und die<br />
Ideen frei fließen lassen. Und<br />
bei allem bestechend präzise<br />
zu bleiben. Dass nichts davon<br />
verlorengeht, dafür zeichnet<br />
die Klangregie des Tonmeisters<br />
Reinhard Kobialka vom Kölner<br />
Topaz Studio verantwortlich.<br />
Etwas ausformulieren, das auf<br />
den Punkt kommt <strong>–</strong> gerade in<br />
dieser Hinsicht besteht bei<br />
diesem Quartett ein guter Konsens<br />
bei allem Freigeist. Ein<br />
funkiges Lick eröffnet die erste<br />
Nummer, der Kommentar folgt<br />
sofort. Die Hammond-Orgel<br />
lädt das Klangbild druckvoll<br />
auf. Aber bevor der Drive der<br />
Rhythmusgruppe ins Schleudern<br />
gerät, holt die Musik in<br />
einer Art Ruhepol neuen Atem.<br />
Dann werden wieder alle<br />
Charakterdarsteller von der<br />
Leine gelassen, um die Kunst<br />
des Diskurses, aber auch des<br />
Umspielens zu pflegen. Zu<br />
Beginn des Stückes „Movement<br />
of the Unknown“ bläst<br />
Maxime Bender ein langes<br />
Sopransolo <strong>–</strong> ja, da ist wieder<br />
diese Wayne-Shorter-Assoziation.<br />
Schlagzeuger Jerome<br />
Klein sorgt dafür, dass es nicht<br />
dabei bleibt, sondern etwas<br />
ganz anderes daraus entsteht.<br />
Also funkt er mit ruhelosen<br />
Impulsen mutig dazwischen,<br />
während Manu Codjia alles<br />
mit weiteren Sphärenklängen<br />
befeuert. Das klingt nach<br />
Gleichberechtigung, nach<br />
einem guten Bewusstsein<br />
für Proportionen und Kräfteverhältnisse,<br />
hinter dem ein<br />
stimmiges, ja durchaus auf<br />
höchstem Niveau konsensfähiges<br />
Konzept steht.<br />
Aktuelle CD:<br />
Maxime Bender Universal Sky:<br />
Universal Sky<br />
(Cam Jazz / Harmonia Mundi)<br />
ime<br />
unnel<br />
Dessau, der Broadway und<br />
Louis Armstrong<br />
Am 31. <strong>August</strong> 1928 fand am Theater am Schiffbauerdamm<br />
eine Premiere statt, die für die Geschichte des amerikanischen<br />
Jazz knapp 30 Jahre später von Bedeutung werden würde.<br />
Zwei Jahre später, bei der Premiere der Oper Aufstieg und<br />
Fall der Stadt Mahagonny, gab es inszenierte Tumulte durch<br />
die NSDAP, und da der Komponist Kurt Weill einem jüdischen<br />
Elternhaus entstammte, emigrierte er 1933.<br />
Trotz der musikalischen Erfolge in Europa war der Start<br />
in New York nicht einfach. Kulturimport aus Deutschland war<br />
zu dieser Zeit nicht sehr hoch angesehen, und die Tantiemen<br />
aus Kompositionen kamen nicht an. Kurt Weill lernte zwar kurz<br />
nach seiner Ankunft George Gershwin kennen, war jedoch im<br />
Broadway-Umfeld als klassisch ausgebildeter Komponist eher<br />
ein Exot. Vielleicht war ihm aber hier sein Studium bei Ferruccio<br />
Busoni in Berlin trotzdem eine Hilfe. Dort hatten die Ideen<br />
und nicht die Mittel des Ausdrucks im Vordergrund gestanden.<br />
Alles Überflüssige sollte vermieden werden. Nach und nach<br />
fasste er Fuß in der Musikmetropole und wurde zum erfolgreichen<br />
Broadway-Komponisten.<br />
Mit verspätetem Erfolg lief dann auch die Dreigroschenoper<br />
aus dem Jahr 1928 ab den 1950er Jahren lange Zeit am<br />
Broadway. Hier sah die Oper unter anderem auch George<br />
Avakian, der Manager bei Columbia war. Er fand das Sujet,<br />
dass in einer Gangster-Halbwelt spielt, passend für Louis<br />
Armstrong, der in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen war,<br />
und schlug ihm vor, den Song „Mack the Knife“ aufzunehmen.<br />
Von da an war der Song fest in Armstrongs Repertoire.<br />
Alleine von ihm gibt es knapp 40 Aufnahmen. Auch zahlreiche<br />
andere Künstler von Sonny Rollins und Benny Goodman über<br />
Ella Fitzgerald bis zu Wayne<br />
Shorter nahmen den Titel auf.<br />
Kurt Weill ist seither ein fester<br />
Bestandteil des Great American<br />
Songbook. „My Ship“ aus<br />
Weills erfolgreichstem Musical<br />
Lady in the Dark, „Speak Low“<br />
und der „September Song“<br />
hinterlassen bis heute Spuren<br />
des Mannes aus Dessau in der<br />
amerikanischen Musik.<br />
Thomas Bugert<br />
Kurt Weill<br />
© Bundesarchiv<br />
JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong><br />
63
Mit der Retrospektive Cinema erhält der<br />
legendäre Bassist, Soundkünstler und Produzent<br />
Holger Czukay die ihm gebührende Ehrung.<br />
Von Olaf Maikopf<br />
„Wir sind sehr traurig zu<br />
bestätigen, dass Holger gestern<br />
in seinem Haus, dem alten<br />
Can-Studio in Weilerswist, verstorben<br />
ist. Seine Frau U-She<br />
ist nur wenige Wochen zuvor<br />
gestorben. Holger war durch<br />
den Verlust seiner geliebten<br />
Partnerin am Boden zerstört,<br />
freute sich aber auf mehr Musik<br />
und gute Laune. Sein Tod ist ein<br />
Schock“, stand am 6. September<br />
vergangenen Jahres auf<br />
der Facebook-Seite von Can.<br />
Angeblich hatte Czukay auch in<br />
Cans berühmtem Inner Space<br />
Studio gelebt. Bauarbeiter, die<br />
in der Nähe arbeiteten, hatten<br />
ihn mehrere Tage lang nicht<br />
gesehen, und ein Nachbar<br />
fand ihn schließlich in seiner<br />
Wohnung. Eine Todesursache<br />
wurde nicht bekanntgegeben.<br />
Holger Czukay wurde 1938<br />
als Holger Schüring in Danzig<br />
geboren, spielte mit Anfang 20<br />
in einer Jazzband und arbeitete<br />
einige Zeit als Musiklehrer in der<br />
Schweiz. Während er anfangs<br />
kaum Interesse am Rock‘n‘Roll<br />
hatte, wurde er irgendwann von<br />
dem Beatles-Song „I Am the<br />
Walrus“ infiziert, was ihn bald<br />
zu Velvet Underground, Frank<br />
Zappa und Jimi Hendrix führte.<br />
1968 gründete Czukay mit dem<br />
Keyboarder Irmin Schmidt, dem<br />
Schlagzeuger Jaki Liebezeit und<br />
dem Gitarristen Michael Karoli<br />
die Band Can.<br />
„Als ich 14 oder 15 Jahre<br />
alt war, wusste ich nicht, ob ich<br />
Techniker oder Musiker werden<br />
wollte. Und wenn man so jung<br />
ist, denkt man, dass das eine<br />
das andere ausschließen muss.<br />
Am Anfang dachte ich, ich sei<br />
eine Art musikalisches Wunderkind<br />
und möchte Dirigent<br />
werden. Das war sehr ernst,<br />
aber es gab keine Chance, eine<br />
Ausbildung zu bekommen. Und<br />
dann, plötzlich, trat Elektrizität<br />
in mein Leben. Ich wurde der<br />
Junge in einem Laden, der<br />
die Radios trägt, um sie zu<br />
reparieren, und sie dann wieder<br />
zurückbringt. Was ich in dieser<br />
Zeit lernte, übertrug ich später<br />
in das Can-Studio. Das war eher<br />
ein Tempel, wie eine Kirche,<br />
ein Raum, in dem Zeremonien<br />
stattfanden. Das lag daran, dass<br />
wir nicht wussten, in welche<br />
Richtung wir gehen wollten, wir<br />
mussten erst unsere Erfahrungen<br />
machen. Aber der Aufbau<br />
des Studios war extrem heilig<br />
(lacht). Alles, was dort geschah,<br />
wurde direkt aufgenommen und<br />
erst später bearbeitet. Es war<br />
der Anfang des Samplings, das<br />
kann man sagen, und das war<br />
Ende der 60er Jahre.“<br />
holger<br />
Czukay<br />
Bei Can half Czukay, die<br />
unterschiedlichen Einflüsse der<br />
Mitglieder zu einem eigenständigen<br />
Stil zu vereinen, indem ihr<br />
improvisatorisches Songwriting<br />
mit der frühen Sampling-<br />
Methode vereint wurde. Dabei<br />
arbeitete Czukay als Bassist<br />
eng mit Liebezeit zusammen,<br />
dessen als Motorik-Drumming<br />
bekannter Stil ideal war, um die<br />
treibenden Grooves im Zentrum<br />
von Cans Musik zu formen. Irmin<br />
Schmidt beschrieb Czukays<br />
Rolle bei Can einmal mit den<br />
zärtlichen Worten: „Wie Sergej<br />
Eisenstein seine Filme mit dem<br />
Schwert editierte, so radikal<br />
zerschnitt Holger die Tapes mit<br />
Can-Musik.“<br />
Im herzen experimentell<br />
Neben seiner Arbeit als<br />
Bassist nahm Czukay den<br />
Großteil der Can-Platten auf,<br />
bis er die Band 1977 verließ.<br />
Er begann eine Solokarriere<br />
und veröffentlichte 1979 die LP<br />
Movies. Hier experimentierte er<br />
weiter mit Tonband und Schere,<br />
schuf raffinierte Soundcollagen<br />
inklusive afrikanischer Rhythmen<br />
und Klängen aus Kurzwellenradios<br />
<strong>–</strong> eine Methode, die er<br />
„Radio Painting“ nannte. Bei all<br />
dem wurde auch eine für ihn<br />
wichtige Inspiration deutlich,<br />
die Musique concrète Karlheinz<br />
Stockhausens, bei dem Czukay<br />
zwischen 1963 und ‘68 studiert<br />
hatte. „Meine Absicht war ja<br />
nicht, Rock- oder Popmusiker<br />
zu werden. Die beste Musik war<br />
damals für mich die zeitgenössische<br />
klassische Musik, die<br />
von den neuen Komponisten<br />
geschaffen wurde. Deshalb ging<br />
ich zu Stockhausen, denn er<br />
war der interessanteste, sehr<br />
radikal in seinen Gedanken. Mit<br />
der Erfindung der elektronischen<br />
Musik konnte er plötzlich alle<br />
anderen Musiker ersetzen. Das<br />
war nicht nur ein Experiment,<br />
das war wie eine Revolution!<br />
Ich dachte, das ist der richtige<br />
Mann. Also habe ich bei ihm studiert.<br />
Bis ich schließlich sagte:<br />
Wenn ein Vogel flugbereit ist,<br />
verlässt er sein Nest. Und das<br />
war es, was ich dann machte.“<br />
Kurz vor der Can-Gründung hatte<br />
Czukay mit Rolf Dammers seine<br />
erste Platte aufgenommen, die<br />
1969 unter dem Namen Technical<br />
Space Composer‘s Crew<br />
veröffentlichte Canaxis 5, ein<br />
Album mit Tonbandschleifen, das<br />
die Ambient Music von Künstlern<br />
wie Brian Eno vorwegnahm.<br />
Die am 23. März, einen Tag<br />
vor Holger Czukays 80. Geburtstag<br />
erschienene Retrospektive<br />
Cinema versammelt auf fünf<br />
CDs beziehungsweise LPs, einer<br />
DVD und einer Vinylsingle alle<br />
Eckpunkte seiner knapp 60 Jahre<br />
umspannenden Karriere: von<br />
unveröffentlichten Aufnahmen<br />
seines 1960er Jazz-Quintetts<br />
über lange vergriffene Prä-<br />
Can-Experimente <strong>–</strong> heimlich in<br />
Stockhausens Studio aufgenommen<br />
<strong>–</strong> bis zu seinen Kollaborationen<br />
mit illustren Gestalten wie<br />
Brian Eno, Cluster, Conny Plank,<br />
Jah Wobble, David Sylvian, der<br />
Japanerin Phew, The Edge und<br />
Czukays Partnerin Ursula Schüring<br />
alias U-She oder Ursa Major.<br />
Sie alle verehrten den Kölner als<br />
Klangzauberer mit untrüglichem<br />
Gespür für die wundersamsten<br />
Töne. „Das habe ich gelernt“,<br />
sagte Holger Czukay einmal.<br />
„Wenn man eine Aufnahme<br />
macht <strong>–</strong> sei nicht zu interessant.<br />
Mach einfach etwas, das cool<br />
ist, aber nicht austauschbar.<br />
Man muss sich selbst reduzieren<br />
und nicht zu viele Informationen<br />
darüber geben.“<br />
Aktuelle Veröffentlichung:<br />
Holger Czukay: Cinema<br />
(Grönland / Rough Trade)<br />
© Andrew Cotterill<br />
64 JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong>
Einige Wochen sind seit dem ECHO-Desaster vergangen, der<br />
eine oder andere hat die Angelegenheit vielleicht schon fast<br />
wieder vergessen.<br />
Von Hans-Jürgen Linke<br />
Zur Erinnerung: Fehlgeleitete Rapper hatten<br />
mit politisch und moralisch fragwürdigen<br />
Dämlichkeiten erheblichen kommerziellen<br />
Erfolg erzielen können, was nicht so<br />
selten vorkommt, und weil der ECHO in den<br />
meisten seiner Fälle den kommerziellen<br />
Erfolg belohnt, gab es große Empörung.<br />
Etliche Künstler gaben ihre ECHOs zurück,<br />
einige sogar, obwohl sie ihn nicht aufgrund<br />
kommerzieller Erfolge, sondern nach einer<br />
Jury-Entscheidung bekommen hatten. Das<br />
brachte die Deutsche Phono Akademie, die<br />
den ECHO vergibt, dazu, den Preis vorerst<br />
ganz einzustellen und einen Neuanfang ins<br />
Auge zu fassen. Zurzeit ist der ECHO ungefähr<br />
so viel wert wie die Silbermedaillen<br />
vom DFB-Pokal für die Bayern. Auch schon<br />
fast vergessen.<br />
Ein wenig reflektierende Erinnerung<br />
und ein gründliches Überdenken aber wäre<br />
vor einem Neuanfang nicht schlecht.<br />
Erinnern wir uns zunächst etwas<br />
weiter zurück. Als es noch<br />
keinen ECHO gab,<br />
gab es schon den<br />
Deutschen<br />
Schallplattenpreis,<br />
vergeben<br />
von einer<br />
Jury aus<br />
Menschen,<br />
die sich „Schallplattenkritiker“<br />
nannten.<br />
Die Jury kooperierte<br />
mit dem Bundesverband<br />
Musikindustrie<br />
und der Phono Akademie,<br />
die eine Organisation<br />
der Musikindustrie<br />
ist, also nicht ganz das,<br />
was man andernorts und<br />
gemeinhin unter einer<br />
Akademie versteht. Die<br />
Schallplattenkritiker bestanden<br />
auf ihrer Unabhängigkeit, so,<br />
wie Journalisten das früher zu tun<br />
pflegten. Und weil eine Finanzierung<br />
des von ihnen vergebenen Preises durch<br />
die Phono Akademie diese Unabhängigkeit<br />
nicht immer zu garantieren schien, lösten<br />
sie sich schließlich aus dieser Beziehung<br />
und gründeten 1988 einen eigenen Verein,<br />
den Preis der deutschen Schallplattenkritik<br />
(PdSK) e.V.<br />
Dieser Verein vergibt seither den Preis<br />
der deutschen Schallplattenkritik. Er finanziert<br />
sich aus Projektmitteln des sogenannten<br />
Kulturstaatsministeriums, die für Miete<br />
und Sekretariat aufgewandt werden, und<br />
aus Mitgliedsbeiträgen. Das bedeutet, dass<br />
die Schallplattenkritiker jedes Jahr ihren<br />
Vereinsbeitrag zahlen, um unabhängig ihre<br />
ehrenamtliche Arbeit zu tun. Der Verein<br />
wird aus keinem Interessenverband der<br />
Musikindustrie querfinanziert. Er arbeitet<br />
und entscheidet ganz und gar auf eigene<br />
Rechnung und nach einem im Laufe der<br />
Jahre gewachsenen Nominierungs- und<br />
Bewertungsverfahren. Selbst schuld, aber<br />
so sieht Unabhängigkeit nun mal aus.<br />
Unterdessen zeigten der Bundesverband<br />
Musikindustrie und die Phono Akademie<br />
den Kritikern, wie man’s machen sollte.<br />
Sie gründeten den ECHO und garnierten ihn<br />
ab 1992 mit Preisverleihungs-Glamour. Anfangs<br />
war er ein Ereignis im Pop-Segment<br />
des Tonträger-Marktes und ein rein statistisch<br />
ermittelter Preis für Verkaufs erfolg.<br />
Nach zwei<br />
Jahren wurde er ergänzt und erweitert um<br />
den ECHO Klassik und seit 2010 um den<br />
ECHO Jazz. Die letzteren beiden werden<br />
von Jurys vergeben <strong>–</strong> wenn auch nicht von<br />
Jurys, die in ihrer Zusammensetzung und in<br />
der Organisation ihres Bewertungsverfahrens<br />
den Anforderungen der PdSK-Mitglieder<br />
genügen würden.<br />
Weil die ECHO-Verleihungen aufgrund<br />
der größeren Nähe zu Glanz und Erfolg<br />
leichter als Medienereignis inszeniert<br />
werden konnten, die Schallplattenkritiker-<br />
Preise dagegen eher im Stillen vergeben<br />
wurden, war der ECHO von Anfang an das<br />
prominentere Ereignis. Und da stand die<br />
Falle, in die er ging. Denn Erfolg ist nicht in<br />
allen Fällen ein Qualitäts-Kriterium. Politische<br />
Fettnäpfchen, die zu erwarten sind,<br />
wenn Markterfolg prämiert wird, werden in<br />
Zeiten eines zunehmenden Pop-Populismus<br />
sehr schnell sehr viel größer.<br />
Das Problem, das inzwischen den<br />
ECHO Jazz und den ECHO Klassik unverdient<br />
in Mitleidenschaft gezogen hat,<br />
besteht in dem schwer korrigierbaren<br />
Irrtum, dass überall, wo ECHO draufsteht,<br />
das gleiche ECHO drinnen sei. So wurde<br />
der komplette ECHO beschädigt, obwohl vor<br />
allem sein ältester Teil an einem Konstruktionsfehler<br />
leidet. All den Künstlern, die einen<br />
ECHO Jazz oder Klassik bekommen sollten,<br />
wäre ihr Preis zu gönnen gewesen. Auch<br />
wenn die Jury-Mitglieder aus dem Verein<br />
der Schallplattenkritiker ein paar mehr Namen<br />
zu kennen scheinen als die ECHO-Jury.<br />
Und nun? Abwarten, bis Gras über die<br />
Sache gewachsen ist, und dann alles<br />
unter neuem Namen nach dem<br />
alten Verfahren auferstehen<br />
lassen? Das wäre der normale<br />
Weg. Aber vielleicht<br />
lassen sich ja einige<br />
der grundlegenden<br />
Fehler, die dem<br />
ECHO von Anfang<br />
an anhafteten, in<br />
Zukunft vermeiden.<br />
Immerhin gibt<br />
es den Preis<br />
der Deutschen<br />
Schallplattenkritik.<br />
Ein Fehlurteil<br />
bei der Schall-<br />
plattenkritiker-<br />
Jury in dem Ausmaß wie<br />
beim ECHO-Skandal wäre<br />
vermutlich schon während<br />
des Bewertungsverfahrens einem<br />
Juror aufgefallen, hätte zu<br />
einer internen Debatte geführt und<br />
wäre korrigiert worden. Allerdings<br />
wird der PdSK nie den ECHO vergeben.<br />
Sein Verständnis von Unabhängigkeit ließe<br />
sich damit kaum in Übereinstimmung bringen.<br />
Immerhin kann man die Frage in den<br />
Raum stellen, ob es einen Weg gäbe, Preise<br />
für Tonträger zu vergeben, die unabhängig<br />
von kommerziellen Interessen der Musikindustrie<br />
zustande kämen. Der PdSK hat<br />
damit reichlich Erfahrungen gesammelt.<br />
Der Autor ist Mitglied im Preis der Deutschen<br />
Schallplattenkritik.<br />
66 JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong>
Von Ralf Dombrowski<br />
Es ist erstaunlich. Thomas<br />
Quasthoff scheint sich fortwährend<br />
verteidigen zu müssen.<br />
Immer wieder betont er, dass<br />
er den Jazz nicht neu erfinde<br />
und nur das mache, worauf er<br />
künstlerisch Lust habe. Genau<br />
genommen <strong>–</strong> so deutlich sagt er<br />
es nicht, aber die Implikaturen<br />
schwirren durch den Raum <strong>–</strong><br />
könnten ihn eigentlich all jene<br />
mal kreuzweise, die mit festen<br />
Vorstellungen zu ihm kämen, wie<br />
er denn zu klingen habe. Das<br />
fängt schon bei Plattenfirmen<br />
an: „Ich hatte angenommen,<br />
wir würden das neue Album bei<br />
meiner ehemaligen Plattenfirma,<br />
der Deutschen Grammophon,<br />
herausbringen, wie die anderen<br />
auch. Aber dann sprach man<br />
dort plötzlich von einer Hörprobe.<br />
Da dachte ich mir: Ich bin<br />
seit 1999 exklusiv bei euch unter<br />
Vertrag. Ihr wisst, wie meine<br />
Stimme klingt. Und wenn ihr eine<br />
Hörprobe wollt, geht mal kurz<br />
auf Youtube, da liegt genug von<br />
meinen aktuellen Sachen. Dann<br />
hat die Sony gleich gesagt: ,Wir<br />
machen das‘ <strong>–</strong> und alles war<br />
geregelt.“<br />
Keine Kompromisse, erst<br />
recht nicht, wenn man sich eh<br />
schon mit körperlichen Beeinträchtigungen<br />
herumschlagen<br />
muss. Thomas Quasthoff hat<br />
eine Stimme, die europaweit<br />
ihresgleichen sucht. Er hat einen<br />
scharf sezierenden Verstand<br />
und ein gutes Gespür dafür, wie<br />
die Vibrationen um ihn herum<br />
funktionieren. Und er hat es<br />
lange schon aufgegeben, sich<br />
von den Widrigkeiten des Alltags<br />
treiben zu lassen. Hier und<br />
jetzt und selbstbestimmt, keine<br />
Plattenfuzzis, die ihn ärgern, und<br />
schon gleich gar keine „Journaille“,<br />
die ihm seinen Lebensweg<br />
vorzuschreiben versucht:<br />
„Ich habe nicht mit der Klassik<br />
aufgehört, weil ich der beste<br />
Sänger der Welt war, sondern<br />
weil ich gefühlt hatte, dass ein<br />
Abschnitt vorbei war. Und das<br />
wird mit dem Jazz ebenso sein.<br />
Sie können sicher sein, dass<br />
ich nicht noch plötzlich ein<br />
Heesters-Gen entwickle und mit<br />
80 oder mehr auf der Bühne rumtrödle.<br />
Tony Bennett kann das,<br />
der klingt immer noch ganz toll,<br />
das ist ja nicht jedem gegeben.<br />
Jeder hat Träume. Aber Thomas Quasthoff<br />
geht deren Verwirklichung besonders<br />
offensiv an. Seine aktuelle Passion ist<br />
Stimme und Big Band.<br />
Thomas<br />
Quasthoff<br />
The Big Easy<br />
Noch funktioniert die Stimme bei<br />
mir ganz gut, und ich habe Spaß<br />
am Singen. Und die Leute kommen<br />
ja nicht in die Konzerte, weil<br />
sie mal einen Mann mit sieben<br />
Fingern sehen wollen, sondern<br />
weil es ihnen auch Spaß macht.<br />
Ich versuche, ordentliches<br />
Entertainment abzuliefern. Ich<br />
finde das absolut legitim, Spaß<br />
zu haben.“<br />
Dabei erfindet Thomas<br />
Quasthoff den Jazz tatsächlich<br />
nicht neu, sondern knüpft an<br />
Traditionen an, die ihm liegen. Im<br />
Gespräch fallen Namen wie Billy<br />
Eckstine, Johnny Hartman, auch<br />
Frank Sinatra <strong>–</strong> Künstler, die sich<br />
gerne auf große Klangkörper in<br />
ihrem Rücken verlassen haben.<br />
Oder Namen wie Count Basie,<br />
Bill Holman, Gil Evans, die ihre<br />
© Gregor Hohenberg<br />
Orchester so pointiert in akustische<br />
Form gebracht haben, dass<br />
sich die Jazzwelt bis heute an<br />
sie erinnert.<br />
Es sind Vorbilder, die<br />
Thomas Quasthoff als Musiker<br />
im Kopf hat, Optionen, aber keine<br />
Normvorgaben. Denn für ihn als<br />
einstigen Klassiker ist genau<br />
diese Freiheit in der Arbeit mit<br />
einer Big Band eine Herausforderung,<br />
der er sich mit einer<br />
gewissen Anspannung, aber<br />
auch Vorfreude stellt: „Da sind<br />
zunächst einmal die Klangfarben<br />
bei der Big Band. Es kommt auch<br />
energetisch mehr rüber, als<br />
wenn man beispielsweise nur im<br />
Trio spielt. Es sind unterschiedliche<br />
Energien, aber gerade das<br />
finde ich sehr reizvoll. Wenn<br />
man mit Jörg Achim Keller den<br />
herausragenden Arrangeur<br />
für Jazz in Deutschland nicht<br />
nur in dieser Funktion, sondern<br />
auch als Dirigent haben kann,<br />
dann kann man auf seine Kunst<br />
vertrauen. Im Unterschied zur<br />
vorhergehenden CD wollte ich<br />
einen sehr entspannten, relaxten<br />
Ton haben. Es war Absicht,<br />
einiges etwas tiefer zu singen<br />
als üblich. Für mich eine ganz<br />
spannende Sache. Eigentlich<br />
kannte ich keines der Arrangements<br />
vollständig, bevor ich ins<br />
Studio gegangen bin, und habe<br />
mich überraschen lassen. Für<br />
mich als klassischen Musiker ist<br />
das ungewohntes Arbeiten, wo<br />
ich schon mal zwei, drei Versionen<br />
brauche, bis ich mich von<br />
den Noten löse. Da fehlt mir ein<br />
wenig die Erfahrung. Aber letztendlich<br />
hat Jörg Achim Keller<br />
am Ende sein Placet gegeben,<br />
fand es cool, und es war gut so.<br />
Ich würde sogar so weit gehen,<br />
dass ich die Arrangements<br />
mindestens so wichtig finde wie<br />
meine Singerei. Sie sind von<br />
vorne bis hinten klasse, ob das<br />
jetzt dieses Gil-Evans-artige oder<br />
auch anderes ist. Es ist ein Easy<br />
Listener, so sehe ich das <strong>–</strong> nicht<br />
als Jazzrevolution.“<br />
Dementsprechend reicht<br />
auch das Programm von „Body<br />
& Soul“ über „But Not For Me“<br />
bis „Cry Me a River“ und John<br />
Lennons „Imagine“. Die NDR<br />
Big Band lässt sich von Keller<br />
entspannt leiten, das Kernteam<br />
von Quasthoffs Quartett mit<br />
Pianist Frank Chastenier, Bassist<br />
Dieter Ilg und Schlagzeuger<br />
Wolfgang Haffner sorgt für<br />
den grundswingenden Anker,<br />
Till Brönner schaut für zwei<br />
Stücke im Studio vorbei, um den<br />
Sound noch etwas zu veredeln.<br />
Der Sänger selbst genießt es,<br />
seine tiefe Lage auszuspielen,<br />
polstert die Stücke mit akustischem<br />
Samt und verzichtet auf<br />
Scat-Ausflüge und ausführliche<br />
Improvisationen, um den<br />
Gesamteindruck einer in sich<br />
runden, elegant unterhaltenden<br />
Musik zu unterstreichen. Nice<br />
‘n‘ Easy steht über dem Ganzen.<br />
Passt, läuft und hat seinen Platz<br />
im Panoptikum der Stimmen, die<br />
den Jazz gerade umtreiben.<br />
Aktuelle CD:<br />
Thomas Quasthoff: Nice ‘n‘ Easy<br />
(Okeh / Sony Music)<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 67
Brian Eno<br />
Hypnotisches<br />
Schweben<br />
Seine Arbeiten für und mit Größen wie<br />
David Bowie, den Talking Heads, U2 oder<br />
Coldplay gehören zum Pop-Kanon und<br />
ermöglichen Brian Eno, das zu tun, woran<br />
ihm persönlich gelegen ist: die Umsetzung<br />
eigener elektronischer wie experimenteller<br />
Soundideen als Musik und Visual Art. Mit<br />
der opulenten Box Music for Installations<br />
stellt der Brite nun eine Sammlung neuer,<br />
alter und teils unveröffentlichter Stücke<br />
vor, die weltweit in Museen und Galerien<br />
aufgeführt wurden.<br />
Von Olaf Maikopf<br />
Der gerade 70 gewordene Eno<br />
hat schon immer interessante<br />
Ambient-Musik gemacht. Bereits<br />
während seiner kurzen Zeit<br />
mit Roxy Music nahm er Konzeptalben<br />
mit Robert Fripp auf<br />
und produzierte bald Minimal<br />
Music auf seinem Label Obscure<br />
Records. Irgendwann Anfang<br />
der 80er Jahre führten ihn<br />
Aufnahmen wie On Land oder<br />
Apollo dazu, die eigene Musik<br />
mit selbst kreierten Lichtinstallationen<br />
zu kombinieren. Eno setzte<br />
seine bewegten Farbflächen<br />
in Beziehung zum Klang und<br />
schuf so neue Umgebungen.<br />
„Wenn du Musik als eine sich<br />
bewegende, sich verändernde<br />
Form und Malerei als eine stille<br />
Form betrachtest, versuche ich,<br />
sehr stille Musik und Bilder zu<br />
machen, die sich bewegen. Ich<br />
versuche, in beiden Formen den<br />
Raum zwischen dem traditionellen<br />
Konzept der Musik und<br />
dem traditionellen Konzept der<br />
Malerei zu finden“, erklärt Brian<br />
Eno seine Idee. Öffentlich ausgestellt<br />
werden diese Arbeiten<br />
seit den mittleren 80ern. Eines<br />
dieser frühen Werke zeigte auf<br />
verdeckten Monitoren langsam<br />
wechselnde Farbspiele, die aussahen<br />
wie Buntglasfenster, dazu<br />
liefen über Lautsprecher sanfte<br />
Klangcluster, die bestimmte<br />
Töne endlos wiederholten, sich<br />
aber immer leicht veränderten.<br />
Die neue Eno-Box Music<br />
for Installations bietet auf sechs<br />
CDs bzw. neun LPs einen Querschnitt<br />
seiner Klanglandschaften<br />
zwischen 1985 bis 2017, von<br />
einem unharmonischen 20-minütigen<br />
Drone-Fest für eine<br />
Galerie in Venedig 1985 bis hin<br />
zu einem glitzernden 21-minütigen<br />
Track, der im vergangenen<br />
Jahr für eine Installation in Kasachstan<br />
aufgenommen wurde.<br />
Die Musik ist vordergründig rein<br />
und minimal, lässt man sich aber<br />
tiefer darauf ein, hört man unter<br />
den scheinbar reibungslosen<br />
Oberflächen eine strukturierte<br />
Unregelmäßigkeit von sanften,<br />
dissonanten, sich langsam<br />
auflösenden Dronesounds<br />
und stürzenden Klängen. Oder,<br />
wie bei „77 Million Paintings“,<br />
eine immersive Mischung aus<br />
Gamelan-Glockentönen und<br />
manipuliertem Gesang.<br />
„Meine Beschäftigung mit<br />
Video begann bereits in den<br />
späten 1970er Jahren, durch<br />
einen glücklichen Zufall, allerdings<br />
noch ganz spartanisch.<br />
Ich arbeitete in einem Studio in<br />
New York mit den Talking Heads<br />
an ihrem Album More Songs<br />
About Buildings And Food. Die<br />
Band Foreigner war im nächsten<br />
Studio. Einer von ihnen steckte<br />
seinen Kopf in unser Studio und<br />
fragte, ob jemand eine Videokamera<br />
und einen Rekorder<br />
kaufen wolle. Die waren damals<br />
ziemlich selten, und da er nicht<br />
viel verlangte, habe ich es riskiert.<br />
Zurück in meiner Wohnung<br />
in Lower Manhattan fing ich an,<br />
damit zu spielen. Ich hatte kein<br />
Stativ für die Kamera und stellte<br />
sie darum auf eine Fensterbank<br />
in Richtung der Twin Towers. Um<br />
diese komplett filmen zu können,<br />
musste ich die Videokamera auf<br />
die Seite legen. Den Fernseher<br />
drehte ich anschließend ebenfalls<br />
auf eine Seite, so konnte<br />
ich die Bilder richtig herum<br />
sehen. Das war der Moment der<br />
Offenbarung. Im Hochformat<br />
hörte das Fernsehen auf, TV zu<br />
sein, und wurde zur Malerei,<br />
zu einer lebendigen Malerei“,<br />
erinnert sich Eno.<br />
Die ersten Experimente<br />
führten dazu, dass Eno Fernseher<br />
bald auf die Rückseite legte,<br />
mit dem Bildschirm nach oben,<br />
und darauf Pappröhrchen platzierte,<br />
wobei die innere Röhre<br />
höher als die äußere war. Der<br />
Fernseher und der Videoplayer<br />
waren ein-, das Umgebungslicht<br />
ausgeschaltet, und nun zeigte<br />
dieses ungewöhnliche Objekt<br />
farbiges Licht im Raum, langsam<br />
wechselnde Farbtöne und auffällige<br />
Farbkollisionen <strong>–</strong> Licht als<br />
physische Präsenz. „Die Arbeit<br />
mit Fernsehlicht war allerdings<br />
begrenzt. Mit Hilfe von zwei<br />
deutschen Freunden begann ich<br />
darum, mit Diaprojektoren und<br />
einer Software zu arbeiten, die<br />
die Steuerung der Bilder ermöglicht:<br />
Überblendungen, Haltezeit,<br />
Intensität und Folienwechsel.“<br />
Nach und nach entwickelte<br />
Brian Eno über die Jahre seine<br />
Video- und Lichtinstallationen<br />
weiter. Heute schweben seine<br />
mystischen Ambient-Sounds wie<br />
3D-Objekte im Raum, in dem auf<br />
vielen Projektionsflächen Farben<br />
mit hypnotischer Langsamkeit<br />
ihr Spektrum verändern. Dazu<br />
läuft seine Thinking Music,<br />
wie Eno sie mittlerweile nennt,<br />
und hält, was der Begriff<br />
verspricht: Sie generiert sich<br />
selbst mit den Prinzipien der<br />
Wahrscheinlichkeitsrechnung.<br />
„Man kann es sich vorstellen<br />
wie eine Abfolge von Fenstern<br />
auf dem Computerdesktop, die<br />
zu irgendeinem Zeitpunkt alle<br />
übereinanderliegen und in einem<br />
bestimmten Moment den Blick<br />
freigeben. Solche Augenblicke<br />
klingen dann sehr exotisch. Aber<br />
ich kann sie als Komponist nur<br />
realisieren, weil Computer mich<br />
dazu befähigen“, resümiert Eno<br />
seine heutige Arbeitsmethode.<br />
Die Box Music for Installations<br />
versammelt Stücke, die<br />
qualitativ vergleichbar sind mit<br />
seinen besten Ambient-Werken<br />
wie Discreet Music, Music for<br />
Airports, Apollo, Neroli und<br />
Lux. Auch wenn der Begriff<br />
überstrapaziert ist <strong>–</strong> diese Musik<br />
ist pure Magie. Zwar wurde sie<br />
komponiert, um Vergänglichkeit<br />
akustisch zu demonstrieren.<br />
Aber wie sich herausstellt,<br />
enthüllt sie durchaus auch ganz<br />
andere Identitäten, wenn sie<br />
wiederholt gehört wird.<br />
Aktuelle CD-/ LP-Box:<br />
Brian Eno: Music for Installations<br />
(Opal Music / Universal)<br />
68 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
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4<br />
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(Flowfish)<br />
2<br />
Iiro Rantala<br />
Mozart, Bernstein,<br />
Lennon<br />
(ACT / Edel:kultur)<br />
5<br />
Brad Mehldau Trio<br />
Seymour Reads<br />
the Constitution!<br />
(Nonesuch /<br />
Warner)<br />
3<br />
Esche<br />
Der Dichter spricht<br />
(QFTF / Galileo)<br />
6<br />
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Soulfood)<br />
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JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong><br />
69
Im April lockte an der Elfenbeinküste zum elften Mal ein riesiges Festival<br />
Hunderttausende vor die Bühne und Millionen vors Fernsehen: FEMUA, das<br />
Festival der urbanen Musik in Anoumabo, dem Stadtteil Abidjans, aus dem<br />
die Musiker der auch in Frankreich populären Band Magic System stammen.<br />
In ihrer Heimat haben die vier Sänger nicht nur den Bau von Schulen und<br />
Krankenstationen unterstützt, sondern auch dieses Festival ins Leben<br />
gerufen, auf dem das Publikum umsonst und draußen die größten Stars und<br />
interessantesten Newcomer des Kontinents sehen kann.<br />
Von Martina Zimmermann<br />
Der Trend in der aktuellen<br />
afrikanischen Musik ist unübersehbar:<br />
Die junge Generation<br />
meistert alle Stile und Genres<br />
des Kontinents und vermischt<br />
Mandingo-Klänge mit senegalesischem<br />
Mbalax, kongolesischer<br />
Rumba oder ivorischem Coupé<br />
Décalé. Das Internet und soziale<br />
Netzwerke spielen dabei eine<br />
wichtige Rolle. Der Hit des<br />
Jahres kommt mal aus Kamerun,<br />
dann aus Uganda oder Kongo,<br />
aus Nigeria oder der Elfenbeinküste<br />
<strong>–</strong> auch wenn er in Europa<br />
nirgends im Radio gespielt wird.<br />
Die afrikanische Jugend singt<br />
und tanzt dazu, und die Stars verdienen<br />
gut und haben in Afrika<br />
ein schönes Leben.<br />
Doch viele junge Menschen<br />
suchen ihr Glück in Europa. So<br />
stand das FEMUA in diesem Jahr<br />
unter dem Motto „Afrikanische<br />
Jugend und illegale Immigra-<br />
tion“. Zwei Tage lang fanden<br />
Debatten mit Jugendlichen und<br />
Experten statt. „Was tut der<br />
Staat für die Jugend?“ <strong>–</strong> das<br />
war die Schlüsselfrage, die eine<br />
junge Frau stellvertretend für<br />
viele stellte. Bei der Diskussion<br />
verkündeten die meisten jungen<br />
Teilnehmer, sie wollten Afrika<br />
allenfalls mit Visum und Papieren<br />
und im Flugzeug verlassen, gerne<br />
als Touristen oder Studenten<br />
oder aus geschäftlichen Gründen.<br />
Ansonsten wollten sie lieber<br />
daheim bleiben und dabei helfen,<br />
Afrika zu entwickeln. Doch<br />
Asalfo, Bandleader von Magic<br />
System und Generalkommissar<br />
des Festivals, ist bewusst, dass<br />
dies nicht die Mehrheitsmeinung<br />
ist. Er setzt auf Musik, um die<br />
Botschaft an alle zu bringen.<br />
Magic System sei ein Vorbild für<br />
die Jugend: „Wir sind im armen<br />
Viertel Anoumabo geboren, aber<br />
wir haben nie daran gedacht,<br />
illegal nach Europa zu gehen“,<br />
betont er. Sein Tipp an die Ju-<br />
gend: „Wenn du mit deiner Arbeit<br />
zu Wohlstand kommst, wirst du<br />
eines Tages auch Frankreich<br />
sehen.“ Es gehe nicht darum,<br />
zu sagen „Gehe nicht nach<br />
Frankreich!“, sondern darum, zu<br />
sagen: „Gehe nicht auf illegalen<br />
Wegen!“<br />
Der in der Elfenbeinküste<br />
verbreitetste Stil ist der Zouglou.<br />
In den 90er Jahren wurde er von<br />
Studenten populär gemacht, die<br />
zu modernen Instrumenten ihre<br />
politischen Forderungen sangen.<br />
Magic System hat diesen Sound<br />
in der ganzen Welt tanzbar<br />
gemacht. Inzwischen sind die<br />
Botschaften allgemeiner geworden,<br />
handeln von Lebensfreude<br />
und Alltagssorgen, dazu kommen<br />
spektakuläre Tanzeinlagen. Die<br />
Band Les Leaders löste auf dem<br />
Festival Begeisterung und Partystimmung<br />
aus und verband damit<br />
eine ernste Botschaft: „Investiert<br />
das Geld im Land, statt Tausende<br />
für Schlepper auszugeben, und<br />
ihr werdet es in Afrika schaffen!“<br />
„Wir reden darüber oft mit<br />
unseren Verwandten und unseren<br />
Fans“, erklärt Sänger Zokora<br />
von der Band Révolution, einer<br />
der erfolgreichsten afrikanischen<br />
Bands des vergangenen Jahres,<br />
deren Beats und Gesänge<br />
ebenfalls auf Zouglou basieren.<br />
Der Song „Détermination“ auf<br />
ihrem neuen Album Energy<br />
handelt vom Thema Auswanderung.<br />
„Uns wurde das Visum fünf<br />
Mal verweigert“, sagt Zokora.<br />
Inzwischen sind sie zu Konzerten<br />
nach Europa gereist und haben<br />
das vermeintliche Eldorado mit<br />
eigenen Augen gesehen: „Kaum<br />
sitzt du in der Pariser Métro,<br />
haut dich jemand um Geld an“,<br />
wundert sich Band-Kollege Isso:<br />
„Ein Weißer bettelt!“ Die Lage<br />
sei „heißer“ als in Afrika, lacht<br />
er: „Da gehst du doch lieber<br />
zurück!“<br />
Afropop-Queen Dobet<br />
Gnahoré ist mit ihrem Vater im<br />
legendären Künstlerdorf Ki Yi<br />
Mbock in Abidjan aufgewachsen.<br />
Sie heiratete einen französischen<br />
Gitarristen, der drei Jahre lang<br />
dort lebte, ging mit ihm in den<br />
90ern nach Frankreich und startete<br />
eine internationale Karriere.<br />
Soeben ist ihr neues Album<br />
Miziki, auf dem auch Elektroklänge<br />
ertönen, auch in Deutschland<br />
erschienen. Dobet Gnahoré<br />
versteht die jungen Auswanderer,<br />
die ihre Träume verwirklichen<br />
wollen: „Die Politiker müssen den<br />
Traum an die Quelle zurückbringen,<br />
für Afrika in Afrika zu bleiben.“<br />
In der Schule müsse neben<br />
Französisch auch die Geschichte<br />
Afrikas gelehrt werden, um dem<br />
Kontinent den Wert beizumessen,<br />
den der verdiene.<br />
Auf dem FEMUA Kids<br />
wird die Botschaft auch unter<br />
Schulkinder gebracht, die einen<br />
Tag lang im Mittelpunkt des<br />
Programms stehen. Als die<br />
einheimischen Stars auftreten,<br />
singen Tausende von Kindern<br />
aus vollem Herzen mit. Völlig<br />
aus dem Häuschen sind sie,<br />
als Magic System die Bühne<br />
betreten. „Wir kommen aus dem<br />
Ghetto und wollen hoch hinaus“,<br />
heißt es im Hit „Magic in the<br />
Air“. „Wenn ihr in der Schule gut<br />
arbeitet, werden wir nächstes<br />
Jahr wieder ein Festival für euch<br />
veranstalten“, verspricht Asalfo<br />
unter dem Beifall der Kinder.<br />
Eine der weiteren Attraktionen<br />
des FEMUA <strong>2018</strong> war<br />
Soprano, ein in Frankreich geborener<br />
Rapper mit afrikanischen<br />
Wurzeln, und Lokua Kanza,<br />
Pionier der afrikanischen Musik,<br />
der auf der Bühne seinen 60. Geburtstag<br />
feierte. Auch Yemi Alade<br />
aus Nigeria ließ ihren Afropop<br />
bis in den frühen Morgen bejubeln.<br />
Hinzu kamen traditionelle<br />
und tradi-moderne Bands von<br />
der Elfenbeinküste, ein bunter<br />
Mix aus aktueller Szene und<br />
beliebten Altstars. Die panafrikanische<br />
Seite im Programm sei<br />
aber noch nicht das Ende vom<br />
Lied, verspricht Asalfo: „Warum<br />
sollten morgen nicht deutsche,<br />
spanische, schweizerische oder<br />
kanadische Musiker kommen?“<br />
Afrika müsse auch für sie zu<br />
einer Drehscheibe werden. Die<br />
kulturelle Zusammenarbeit sei<br />
zu einseitig, die Afrikaner gingen<br />
immer nach Europa, um dort<br />
entdeckt zu werden. „Es ist an<br />
der Zeit, dass alle anderen auch<br />
nach Afrika kommen.“<br />
70<br />
JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> oben: Soprano und Asalfo warnen in der Magic-Schule vor illegaler Immigration / unten: Sidiki Diabaté
FEMUA<br />
Zum<br />
Bleiben<br />
bewegen<br />
© FEMUA<br />
Dobet Gnahoré Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />
71
Angelika Niescier<br />
The Berlin Concert<br />
Intakt / Harmonia Mundi<br />
W W W W W<br />
Es war eine peinliche Veranstaltung.<br />
Beim letzten JazzFest Berlin<br />
bekam Angelika Niescier auf der<br />
Großen Bühne des Hauses der<br />
Berliner Festspiele den Albert-<br />
Mangelsdorff-Preis verliehen,<br />
doch Laudator Gebhard Ullmann<br />
sprach mehr über sich selbst als<br />
über die zu ehrende Musikerin,<br />
und die Honoratioren diverser<br />
Institutionen wussten offensichtlich<br />
gar nicht so genau, „worum<br />
es eigentlich geht“ (Eugen<br />
Drewermann). Doch dann kam<br />
die Preisträgerin selbst auf die<br />
Bühne, sagte kein einziges Wort<br />
und blies mit ihrem Trio alles weg<br />
(was ihr zu Beginn ihrer Karriere<br />
mit dem Quartett Sublim auch<br />
schon gelungen war) <strong>–</strong> jetzt<br />
nachzuhören auf diesem Tonträger.<br />
Schlagzeuger Tyshawn<br />
Sorey läuft an Niesciers Seite<br />
zu absoluter Höchstform auf,<br />
und Bassist Christopher Tordini<br />
ist deutlich mehr als ein solider<br />
Begleiter. Vier furiose Stücke aus<br />
der Feder der Bandleaderin sind<br />
auf dem Berlin Concert zu hören,<br />
und dass Angelika Niescier ihren<br />
Coltrane verinnerlicht hat, ist<br />
immer noch deutlich zu vernehmen,<br />
aber sie formt aus diesem<br />
Ursprung längst und seit Jahren<br />
ihre ganz eigene und sehr individuelle<br />
Musik. Die Saxofonistin<br />
Tonspuren<br />
macht mit diesen vierzig Minuten<br />
deutlich, dass eigentlich die Musik<br />
im Mittelpunkt stehen sollte,<br />
ganz unabhängig von Preisen,<br />
Stipendien und sonstigen Image-<br />
Förderungen. Das ist absolut<br />
zeitloser Jazz, der doch genau<br />
so nur heute gespielt werden<br />
kann <strong>–</strong> von ihrer Sorte gibt es<br />
leider auch in Deutschland viel<br />
zu wenige Musikerinnen: Selbstbewusstsein,<br />
Power und die<br />
Beherrschung der stilistischen<br />
Mittel machen Angelika Niescier<br />
zu einem präzedenzlosen Unikat.<br />
Rolf Thomas<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Iiro Rantala<br />
Mozart, Bernstein, Lennon<br />
ACT / Edel:kultur<br />
W W W W W<br />
Unter den Jazz-Pianisten ist<br />
Iiro Rantala wahrscheinlich am<br />
nächsten an der Klassik dran.<br />
Schon immer war sein Spiel<br />
von den großen Komponisten<br />
geprägt, von Bach, Beethoven<br />
und Brahms, die seiner Meinung<br />
nach die ersten richtigen Jazzer<br />
waren und die der charmante<br />
Finne immer wieder auf seine<br />
ganz eigene Art und Weise<br />
interpretiert. Als er daher im<br />
vergangenen Jahr auf der<br />
jazzahead! das Angebot erhielt,<br />
als prominenter Vertreter des<br />
Partnerlandes Finnland die Gala<br />
mitzugestalten und dabei mit der<br />
Kammerphilharmonie Bremen<br />
spielen zu können, fackelte er<br />
nicht lange und setzte Mozarts<br />
C-Dur-Klavierkonzert ins Zentrum<br />
des Abends. Nun ist eine<br />
Live-Aufnahme erschienen, die<br />
einmal mehr beweist, wie überragend<br />
Rantala als Brückenbauer<br />
zwischen Jazz und Klassik<br />
ist und wie mühelos er beiden<br />
Welten gerecht wird.<br />
Dem Mozartschen Opus, dessen<br />
Klavierpassagen Rantala mit<br />
beeindruckender Klarheit und<br />
Leichtigkeit intoniert und dem er<br />
mit einer eigenen Improvisation<br />
in der Kadenz zugleich ein Stück<br />
weit seinen eigenen Stempel<br />
aufdrückt, hat Rantala noch<br />
Leonard Bernsteins Candide-<br />
Ouvertüre an die Seite gestellt<br />
und es ansonsten mit eigenen<br />
Kompositionen umschlossen.<br />
Dem expressiven Opener „Pekka<br />
Pohjola“ und dem pfiffigen, vom<br />
Autor Jonathan Franzen inspirierten<br />
„Freedom“ stehen dabei<br />
ein Medley aus dem intensiven<br />
„Karma“ und dem tänzerischen<br />
„Anyone with a Heart“ sowie<br />
das herrlich melancholische<br />
„Tears for Esbjörn“ gegenüber.<br />
Mit einer virtuosen Interpretation<br />
von John Lennons „Imagine“<br />
schließt letztlich ein fantastisches<br />
Album, das Klassik- und<br />
Jazz-Liebhabern gleichermaßen<br />
zu empfehlen ist.<br />
Thomas Kölsch<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Hans Lüdemann TransEurope-<br />
Express<br />
Polyjazz<br />
BMC / Note 1<br />
W W W W W<br />
Auch das ist Europa: eine<br />
deutsch-französische Formation<br />
mit einem Schlagzeuger aus<br />
Bosnien-Herzegowina (Dejan<br />
Terzic) und einem Gitarristen aus<br />
Finnland (Kalle Kalima) spielt bei<br />
einem ungarischen Tonträgerlabel<br />
ein Album ein, das auch in<br />
anderer Hinsicht erstaunlich ausfällt.<br />
Zum Beispiel in klanglicher.<br />
Das Eröffnungsstück „Schwarz in<br />
Weiß“ ist ein Musterbeispiel an<br />
Transparenz und Eigenart: in ein<br />
wunderbar angeschrägtes mikrointervallisches<br />
Ostinato-Gerüst<br />
von Bandleader Hans Lüdemanns<br />
„virtual piano“ ziehen Bass,<br />
Geige und Posaune gemeinsam<br />
ein federleichtes, vertikal fein<br />
strukturiertes Gebilde hinein, das<br />
selbstverständlich davon ausgeht,<br />
dass auch die Vierteltöne<br />
hier ihren Platz haben.<br />
Aber Mikrointervallik ist kein<br />
durchgängiges Stilmerkmal, nicht<br />
einmal in den vier Stücken, die<br />
Lüdemann zum Repertoire des<br />
Albums beigesteuert hat. Jede<br />
Komposition ist ein sorgsam<br />
durchgearbeitetes Ineinander<br />
von improvisierten und ausformulierten<br />
Bestandteilen, ein fragiles<br />
Gebilde aus Klangmaterialien,<br />
die man so nur selten zusammen<br />
zu hören bekommt. Und das<br />
Ganze spielt sich auf einem Grat<br />
ab, der sich zwischen Bigband-<br />
Massierung und elaborierter<br />
Kleinformation luftig dahinstreckt<br />
und zu einer ständig neu ausbalancierenden<br />
Spielhaltung nötigt.<br />
Wenn mal eine Losgeh-Passage<br />
mit einem durchgehenden Tempo<br />
entsteht, dann wird sie bestimmt<br />
bald konfrontiert von einem hochinteressanten<br />
Klanggebilde <strong>–</strong><br />
einem Unisono von Posaune und<br />
Violine etwa <strong>–</strong> und ausgebremst<br />
und in etwas Neues überführt.<br />
Überhaupt erscheint an diesem<br />
Album-Konzept vieles neu und<br />
zugleich sicher inszeniert und<br />
artikuliert <strong>–</strong> angelehnt an Dinge,<br />
die man hier und da schon gehört<br />
hat, und zugleich neu, frisch und<br />
zuweilen geradezu aufregend<br />
fremd. Ein emphatischer Europa-<br />
Gedanke, der musikalische<br />
Gestalt angenommen hat?<br />
Hans-Jürgen Linke<br />
72 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Arild Andersen<br />
In-House Science<br />
ECM / Universal<br />
W W W W<br />
Musik ist immer auch eine Frage<br />
des Raums. Und nur wenige können<br />
diesen so geschickt konstruieren<br />
wie Arild Andersen (b), Paolo<br />
Vinaccia (dr) und Tommy Smith<br />
(sax). Jetzt haben die drei Klang-<br />
Architekten mit dem Live-Album<br />
In-House Science einen erneuten<br />
Beweis dafür erbracht, dass sie<br />
ein hervorragendes Gespür für<br />
Luft und Energie haben, für Beziehungen<br />
und Wechselwirkungen,<br />
für das Zusammenspiel von<br />
Fundament und Dach. Mal halten<br />
sich Saxofon und Schlagzeug<br />
nahezu vollständig zurück, um<br />
dem virtuosen Bass Andersens<br />
nicht im Weg zu stehen, während<br />
dieser die Leere zum Klingen<br />
bringt; dann wieder füllt das<br />
Trio jeden Winkel, schichtet<br />
in rasantem Tempo Sounds<br />
übereinander und lässt beinahe<br />
vergessen, dass hier keine große<br />
Band am Werke ist. Vor allem „In-<br />
House“ selbst erweist sich als<br />
unglaublich dichtes Werk, in dem<br />
Tommy Smith eine Melodielinie<br />
nach der nächsten in den Saal<br />
schmettert <strong>–</strong> und dennoch gehen<br />
weder Andersen noch Vinaccia<br />
unter, sondern erobern sich ihre<br />
eigenen Freiräume und eröffnen<br />
den Zuhörern gerade dadurch<br />
völlig neue Perspektiven. Auch<br />
für Andersen, der in einer anderen<br />
Besetzung, aber identischer<br />
Instrumentenkonstellation bereits<br />
Anfang der 70er Jahre ähnliche<br />
Wege beschritt, lange also bevor<br />
er mit Stars wie Kenny Wheeler,<br />
John Abercrombie und Nils<br />
Petter Molvær spielte. Zum Glück<br />
wirkt der Ansatz auch heute noch<br />
überaus frisch und kommt vor<br />
allem ohne trockene Wissenschaft<br />
aus. Nicht aber ohne viel<br />
Gefühl. Und eben ein Gespür für<br />
den Raum.<br />
Thomas Kölsch<br />
Tonbruket<br />
Live Salvation<br />
ACT / Edel:Kultur<br />
W W W W o<br />
Mit einem Live-Album geht das<br />
schwedische Quartett Tonbruket<br />
in die fünfte Runde. Dabei<br />
spielt es kaum eine Rolle, dass<br />
die Stücke live aufgenommen<br />
wurden. Auf die Klangqualität<br />
wird genauso viel Wert gelegt<br />
wie bei den Studioproduktionen<br />
der Band um den ehemaligen<br />
e.s.t.-Bassisten Dan Berglund<br />
und den Allround-Gitarristen<br />
Johan Lindström, der hier sehr<br />
viele Spielanteile hat. Erstaunlicherweise<br />
ist die CD zugleich<br />
rockiger und jazziger als zuvor.<br />
In ihren progigen Bewusstseinsströmen<br />
wird die Band immer<br />
mehr zu ihrem eigenen Genre.<br />
Der sanfte Flow der Stücke ist<br />
für das Ohr äußerst angenehm.<br />
Er weckt genauso nostalgische<br />
Gefühle (die Referenzen reichen<br />
vom jungen Santana über Grateful<br />
Dead und Pink Floyd bis zu<br />
Herbie Hancocks Sextant), wie<br />
er avantgardistische Bedürfnisse<br />
befriedigt. Der Groove der Tracks<br />
ist geradezu hypnotisch, die aus<br />
der Live-Situation resultierende<br />
Spielfreude ansteckend. In der<br />
Neubewertung ihrer eigenen<br />
Stücke wirft die Band ihren<br />
letzten Ballast über Bord und gibt<br />
sich einfach nur noch unvoreingenommen<br />
dem Rausch und der<br />
Imagination der Sinne hin.<br />
Wolf Kampmann<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
R + R = Now<br />
Collagically Speaking<br />
Blue Note / Universal<br />
W W W W<br />
„R + R“ steht für „Reflect“ und<br />
„Respond“ und ist von Nina<br />
Simones Zitat inspiriert, dass es<br />
„die Pflicht eines Künstlers sei,<br />
die Zeit zu reflektieren“. Und<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 73
Kolumne<br />
Elina Duni<br />
Partir<br />
ECM / Universal<br />
W W W W<br />
Ntjam Rosie<br />
Breaking Cycles<br />
O-Tone / Edel:Kultur<br />
W W W W o<br />
Rebeca Lane<br />
Obsidiana<br />
Flowfish / Broken<br />
Silence<br />
W W W W<br />
Yasmine Hamdan<br />
Jamilat Reprise<br />
Crammed / Indigo<br />
W W W<br />
Beady Belle<br />
Dedication<br />
Jazzland / Edel:Kultur<br />
W W W W<br />
Leo Sidran<br />
Cool School<br />
Bonsai / Warner<br />
W W W W<br />
Coeur de Pirate<br />
En Cas De Tempête, Ce Jardin<br />
Sera Fermé<br />
Le Pop / Groove Attack<br />
W W W<br />
Lily Dahab<br />
Bajo Un Mismo Cielo<br />
Herzog / Edel:Kultur<br />
W W W o<br />
Lindi Ortega<br />
Liberty<br />
Shadowbox / Membran<br />
W W W W<br />
Hailey Tuck<br />
Junk<br />
Silvertone / Sony<br />
W W W o<br />
Rita Coolidge<br />
Safe in the Arms of Time<br />
Blue Elan / Rough Trade<br />
W W W W<br />
Shannon Shaw<br />
Shannon in Nashville<br />
Nonesuch / Warner<br />
W W W W o<br />
<strong>Juli</strong>a Biel<br />
<strong>Juli</strong>a Biel<br />
Rokit / Indigo<br />
W W W W o<br />
Soul Voices<br />
In neun traditionellen Liedern,<br />
u.a. aus Armenien, dem<br />
Kosovo, Andalusien und ihrer<br />
Heimat, singt Elina Duni in<br />
verschiedenen Sprachen von<br />
tiefen Seelenschmerzen, um<br />
schließlich mit einem Schweizer<br />
Volkslied Zuflucht in der Freude<br />
zu finden. Durch ihre melancholische<br />
Stimme, abwechselnd<br />
begleitet von Gitarre, Klavier<br />
und Rahmentrommel, wird<br />
diese grenzenlose Reise ins<br />
Innere einzigartig und universell<br />
verständlich.<br />
Breaking Cycles verfügt zwar<br />
immer noch über die charakteristischen<br />
Zutaten der Ntjam<br />
Rosie, doch auf ihrem fünften<br />
Album ist die Basis ein betörender<br />
Groove mit Wurzeln im R&B<br />
einer Erykah Badu oder Kelela.<br />
In ihren Songs fügt Rosie jazzige<br />
Beugungen ein und durchdringt<br />
sie mit heiterer Sensibilität<br />
und einem warmen lebhaften<br />
Gesang. Groß!<br />
Rebeca Lane lehnt sich mit intelligenten<br />
Texten und einem elektro-akustisch<br />
angeschobenen<br />
Latin-HipHop gegen kriminelle<br />
Zustände und ausbeuterische<br />
Interessen in ihrem Heimatland<br />
auf. Auf Obsidiana thematisiert<br />
die Rapperin, Soziologin und<br />
Aktivistin nun die Rechte der<br />
Frauen in einer von Gewalt und<br />
Machismo beherrschten Gesellschaft<br />
oder den Völkermord<br />
der Militärs an der indigenen<br />
Bevölkerung. Sie beschwört die<br />
Heilkraft der Musik.<br />
Nach ihrem erfolgreichen Al<br />
Jamilat bringt die Beiruterin<br />
Yasmine Hamdan mit Jamilat<br />
Reprise ein Album mit Rekonstruktionen<br />
und Remixen heraus.<br />
Nun durfte eine buntgemischte<br />
Electro-Crew aus verschiedenen<br />
Ländern <strong>–</strong> wie die Pariser<br />
Acid Arab, der chilenisch-deutsche<br />
Matias Aguayo, das deutsche<br />
Ensemble Brandt Brauer<br />
Frick, Cubenx aus Mexiko oder<br />
die Griechin Olga Kouklaki <strong>–</strong><br />
Bearbeitungen beisteuern. Und<br />
die sind mal mehr, mal weniger<br />
interessant.<br />
Beady Belle liebt die Abwechslung,<br />
möchte sich nicht festlegen.<br />
Also zeigt sie sich nach<br />
dem akustischen Album On My<br />
Own auf Dedication in einem<br />
mehr elektrischen Umfeld, mit<br />
Bezügen zu R&B und Soul, zu<br />
Donny Hathaway und Aretha<br />
Franklin. Die Norwegerin transportiert<br />
die Atmosphäre der<br />
damaligen Musik mit Original-<br />
Instrumenten dieser Zeit auf<br />
angenehm unpolierte Art mit viel<br />
Frische und einer enorm starken<br />
Stimme.<br />
Leo Sidrans Cool School ist<br />
eine Hommage an die Musik<br />
des wunderbaren Crossover-<br />
Barden Michael Franks, der<br />
mit exzellenten Alben sein<br />
eigenes Genre erfand. Mit<br />
einigen Gästen, darunter Franks<br />
persönlich, verjüngt der Sohn<br />
von Ben Sidran die Klassiker<br />
„When the Cookie Jar Is Empty“<br />
oder „Lotus Blossom“ durch<br />
schlankere Arrangements, ohne<br />
deren melodiöse Charakteristik<br />
zu verbiegen.<br />
Die junge Kanadierin Béatrice<br />
Martin nennt sich als Sängerin<br />
Coeur de Pirate und wird auf<br />
ihrem vierten Album begleitet<br />
von einem romantisch chansonhaften<br />
wie auch lebhaft<br />
optimistischen Indie-Pop. Sie<br />
verarbeitet in französischer<br />
Sprache die privaten Tumulte<br />
vergangener Jahre, darunter die<br />
Trennung von ihrem Mann und<br />
die Erfahrung einer extremen<br />
Schreibblockade. Charmant,<br />
aber etwas zu sehr in den 80ern<br />
verhaftet.<br />
Die in Berlin lebende Argentinierin<br />
Lily Dahab singt beeindruckend<br />
einfühlsam eine Palette<br />
grenzenloser wie gleichsam<br />
lebensfroh gestimmter Lieder,<br />
kontrastreiche Visionen von Latin,<br />
Jazz und südamerikanischer<br />
Folklore. Für die fand sie mit<br />
dem Albumtitel auch die perfekt<br />
passende Überschrift, bedeutet<br />
er doch, dass alle Menschen<br />
in Frieden unter dem gleichen<br />
Himmel leben können.<br />
Wer auf Tarantino, From Dusk<br />
Till Dawn und besonders Ennio<br />
Morricone steht, der dürfte auch<br />
Gefallen an Lindi Ortegas dunkel<br />
getönter Liberty finden. Ortega<br />
und ihr Team haben keine Angst,<br />
sich genüsslich im Westernkitsch<br />
zu bewegen, sei es der<br />
Lee-Hazlewood-Hall auf ihrem<br />
Gesang oder das Glockenspiel-<br />
Thema bei „Afraid of the Dark“.<br />
Ganz viel Herzschmerz zu staubigem<br />
Wüstengitarrensound<br />
und Mariachi-Überschwang.<br />
Um Junk aufzunehmen, buchte<br />
die in Texas geborene Hailey<br />
Tuck den Grammy-Preisträger<br />
Larry Klein. Bei Songs von<br />
Leonard Cohen, Pulp und Joni<br />
Mitchell wird ihre unschuldig<br />
hoch klingende Stimme von<br />
einer subtilen Orgel und leichten<br />
Rhythmen unterstützt. Die zwölf<br />
Songs haben einen Charakter,<br />
der gleichzeitig frisch wie auch<br />
im klassischen Vintage-Sound<br />
angelegt ist. Aber gerade das<br />
macht den Reiz aus.<br />
Ihre Arbeit mit ihrem einstigen<br />
Ehemann Kris Kristofferson,<br />
mit Joe Cocker oder Bob Dylan<br />
machte aus einem indianischen<br />
Mädchen mit außergewöhnlichem<br />
Talent eine musikalische<br />
Naturkraft. Auf ihrem 18. Soloalbum<br />
beweist Rita Coolidge,<br />
dass sie nichts von ihrer emotionalen<br />
Intensität und der damit<br />
verbundenen Leidenschaft<br />
verloren hat: Bluesige Melodien,<br />
rockige Energie und eine<br />
Klavierballade erinnern an ihr<br />
klassisches Werk, ohne dabei<br />
die Zukunft aus den Augen zu<br />
verlieren.<br />
Eine tiefe Verbeugung vor Dusty<br />
Springfields Dusty in Memphis<br />
vollführt die Sängerin und<br />
Bassistin Shannon Shaw auf<br />
ihrem Debüt. Unter der Regie<br />
von Dan Auerbach nahm sie mit<br />
Musikern, die schon für Aretha<br />
Franklin, Elvis und Herbie Mann<br />
spielten, Songs auf, die genauso<br />
viel Melancholie und Lust auf<br />
Leben versprühen wie einst<br />
Dusty mit ihrer Hymne auf den<br />
Memphis-Soul.<br />
Zum Schluss noch eine Stimme,<br />
die entfernt an Nina Simone und<br />
Tracey Thorn erinnert, dann aber<br />
doch speziell und unverwechselbar<br />
ist. Aus jeder Note der <strong>Juli</strong>a<br />
Biel lässt sich heraushören,<br />
dass sie sich nicht verrenken<br />
muss. Dazu eine Musik, die<br />
wie selbstverständlich edle<br />
Popsounds mit Jazzandeutungen<br />
und schwebenden Folkmomenten<br />
überzeugend anders vereint<br />
<strong>–</strong> ein Gänsehaut-Album!<br />
Olaf Maikopf<br />
74 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
wenn man darüber nachdenkt,<br />
was in seiner Zeit vor sich geht,<br />
und darauf reagiert, muss auf<br />
„R plus R“ unbedingt ein „Now“<br />
folgen. Dieses Wortkonstrukt<br />
wurde zum Namen von Robert<br />
Glaspers neuer Band, die er<br />
nach der erfolgreichen Supergroup<br />
<strong>August</strong> Greene nun mit<br />
Trompeter Christian Scott aTunde<br />
Adjuah, Multiinstrumentalist<br />
Terrace Martin, dem langjährigen<br />
Bassisten des Robert Glasper<br />
Experiment Derrick Hodge und<br />
Esperanza Spaldings druckvoll<br />
spielendem Schlagzeuger Justin<br />
Tyson gründete.<br />
Ein ähnlicher Ansatz wie der<br />
Kendrick Lamars wird auf Collagically<br />
Speaking verfolgt, bei<br />
dem nicht weniger als acht Gastsänger,<br />
darunter Taylor McFerrin<br />
und Yasiin Bey alias Mos Def das<br />
Mikrofon übernehmen und den<br />
Zustand der US-Nation kommentieren.<br />
Nahtlos treffen Soul und<br />
Future-Funk, West Coast Jazz,<br />
instrumentaler Hip-Hop, Musique<br />
Concrète, Avantgarde und Klassik<br />
aufeinander, formulieren eine<br />
weitere leichtfüßige Variante<br />
des seit ein paar Jahren aus Los<br />
Angeles und New York kommenden,<br />
oft harmonischen Neo-Jazz,<br />
mit dem Leute wie Miles Mosley,<br />
Thundercat, Kamasi Washington<br />
und eben Robert Glasper<br />
weltweit große Erfolge feiern.<br />
Keine Frage, auch die neuen<br />
Stücke grooven, treiben mal<br />
mehr, mal weniger nach vorn,<br />
wozu Glaspers Pianoläufe gewohnt<br />
entspannt alles umhüllen,<br />
Scott wuchtige wie romantische<br />
Trompetennoten bläst und Martin<br />
galaktische Synthie-Sounds<br />
spielt <strong>–</strong> und natürlich taucht auch<br />
wieder einmal die bei Glaspers<br />
Projekten häufig vorkommende<br />
smoothe Autotune-Stimme auf.<br />
Das alles addiert ergibt eine<br />
differenzierte, manchmal etwas<br />
zu kühle Musik, die sich wie in<br />
Zeitlupe ausdehnt.<br />
Olaf Maikopf<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Esche<br />
Der Dichter spricht<br />
QFTF / Galileo<br />
W W W W<br />
Es muss sie wohl geben,<br />
diese typische schweizerische<br />
Leichtigkeit <strong>–</strong> anzutreffen bei<br />
vielen eidgenössischen Bands,<br />
die bei allem geballten querdenkerischen<br />
Mut zugleich äußerst<br />
musikantisch auf den Punkt<br />
kommen. Jüngstes Beispiel ist<br />
das Trio Esche. Der Albumtitel<br />
Der Dichter spricht verweist auf<br />
ein Stück von Robert Schumann<br />
und damit auch auf den<br />
klassischen Background von<br />
Laura und Luzius Schuler (Violine<br />
und Piano) sowie Bassistin Lisa<br />
Hoppe. Zu dritt stark sein, sich<br />
in alle erdenklichen Abenteuer<br />
stürzen und dabei die Instrumente<br />
beherrschen, bis die Saiten<br />
glühen <strong>–</strong> darum geht es auf diesem<br />
mittlerweile zweiten Album<br />
des Trios. Da wird ein reiches<br />
Kaleidoskop aus Stimmungen<br />
und Klängen hin- und hergedreht,<br />
was zuhauf Wechselbäder<br />
zwischen abstrakter Klangforschung<br />
und lyrischer Berührung<br />
freisetzt. Es knarzt im Gebälk,<br />
wenn Bassistin Lisa Hoppe ihren<br />
Tieftöner in Schwingung bringt<br />
und der Musik zuweilen einen<br />
mächtig nach vorne treibenden<br />
Puls verleiht. Geigerin Laura<br />
Schuler switcht extrem versiert<br />
zwischen klassischer Phrasierung<br />
und jazzgeigerischem Legato<br />
hin und her und öffnet weit<br />
die virtuose Trickkiste in Sachen<br />
Klänge und Effektreichtum. Nie<br />
kann man sich zu sicher in Bezug<br />
auf das Kommende sein <strong>–</strong> wird<br />
doch alles im nächsten Moment<br />
schon wieder durchkreuzt oder<br />
durcheinandergeschüttelt. Aber<br />
wo sich andere bei solchen<br />
Projekten in abstraktem Gefrickel<br />
verlieren, da erzeugen sehr konkrete<br />
musikalische Botschaften<br />
wieder das genaue Gegenteil.<br />
Mal kommt eine Prise Bluesfeeling<br />
ins Spiel, mal spielen die<br />
drei tango-affin zum sinnlichen<br />
Tanze auf. Und es gibt auch<br />
eine extrem groovige Ohrwurm-<br />
Nummer namens „Shatterhand“<br />
<strong>–</strong> übrigens auch im absolut sehenswerten<br />
Live-Konzertvideo!<br />
Stefan Pieper<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Ben Webster<br />
Valentine’s Day 1964 Live<br />
Dot Time / H’Art<br />
W W W W<br />
Er gerät schon langsam in Vergessenheit,<br />
da ist es gut, dass Dot<br />
Time Records mit diesem bislang<br />
unveröffentlichten Live-Mitschnitt<br />
an den legendären Ben Webster<br />
erinnert. Der Tenorsaxofonist war<br />
in Hochform, als am 14. Februar<br />
1963 (und eben nicht 1964, wie<br />
der CD-Titel suggeriert) sein Konzert<br />
im nicht minder legendären<br />
Jazzclub Half Note mitgeschnitten<br />
wurde (dort entstand übrigens<br />
auch eine der besten Aufnahmen,<br />
die es von Lee Konitz gibt: Live at<br />
the Half Note). Pianist Dave Frishberg,<br />
Weltklasse-Bassist Richard<br />
Davis (jaja, er spielte auch auf<br />
Van Morrisons Ewigkeits-Album<br />
Astral Weeks) und Schlagzeuger<br />
Grady Tate standen ihm<br />
zur Seite, aber es ist schon die<br />
Show von Ben Webster <strong>–</strong> damals<br />
waren Sidemen noch Sidemen.<br />
Ellington-Klassiker wie „Caravan“<br />
oder „Chelsea Bridge“ erfüllt<br />
Webster ebenso mit viel heißer<br />
Luft <strong>–</strong> wörtlich zu verstehen,<br />
da Webster auch gerne in sein<br />
Horn pustete, ohne dass ein Ton<br />
kam <strong>–</strong> und Sinnlichkeit wie seinen<br />
eigenen „Ben’s Blues“ oder<br />
Thelonious Monks „52nd Street<br />
Theme“. Unfassbar, wenn man<br />
hört, wie die Zuschauer während<br />
eines Bass-Solos ungeniert mit<br />
PDF in 4c<br />
der Unterhaltung fortfahren. Dass<br />
Jazzgeschichte „in the house“ ist,<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />
75
Tonspuren<br />
scheint ihnen scheißegal zu sein<br />
<strong>–</strong> aber diese Leute dürften längst<br />
tot sein und wir Lebenden können<br />
uns an diesem Kleinod erfreuen.<br />
Rolf Thomas<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Wayne Escoffery<br />
Vortex<br />
Sunnyside / Good to Go<br />
W W W W<br />
Voller Kraft und Zorn bläst Wayne<br />
Escoffery in sein Tenorsaxofon,<br />
um gegen Gefühlskälte und sogar<br />
Hass in der US-amerikanischen<br />
Gesellschaft seit Trumps Wahl<br />
anzuschreien. Als ehemaliger<br />
Schützling von Jackie McLean<br />
versammelt Escoffery ein<br />
Deluxe-Quartett, darunter Bassist<br />
Ugonna Okegwo und Pianist David<br />
Kikoski, um einer Sammlung<br />
von sechs wunderbaren eigenen<br />
und drei fremden Kompositionen<br />
Flügel zu verleihen. Die<br />
außergewöhnliche Sprache und<br />
Ausdrucksvielfalt des in London<br />
geborenen New Yorker Saxofonisten<br />
Wayne Escoffery auf<br />
seinem Instrument ist gewohnt<br />
scharfsinnig und spannend und<br />
zeigt eine Affinität, mit unbändigem<br />
Erfindungsreichtum und<br />
sprühender Provokation in der<br />
Tiefe zu forschen. Diese Art von<br />
Jazz-Treffen eines Quartetts mit<br />
ein paar Gästen, um Uptempo-<br />
Swing, Latin-, Balladen- und<br />
Midtempo-Bop zu spielen, mag<br />
im Jahr <strong>2018</strong> manchem Jazzhörer<br />
antiquiert erscheinen. Aber<br />
lässt man sich genauer darauf<br />
ein, erinnert man sich daran,<br />
warum einen diese Musik und die<br />
Vitalität von Rollins oder Coltrane<br />
über die Jahre hinweg immer<br />
noch bewegen. Dann macht<br />
auch die Frage, ob Jazz tot ist,<br />
keinen Sinn mehr. Dieses Album<br />
wird eindeutig von der tiefen<br />
Traurigkeit seines Themas durchdrungen,<br />
ist aber gleichzeitig von<br />
bemerkenswerter Entschlossenheit<br />
getragen und mit Nachdruck<br />
intoniert. Ein musikalisch-politisches<br />
Statement, von denen es<br />
in den aktuellen USA nun endlich<br />
wieder so einige gibt.<br />
Olaf Maikopf<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Jin Jim<br />
Weiße Schatten<br />
ACT / Edel:Kultur<br />
W W W W<br />
Vor vier Jahren gewannen<br />
Jin Jim den Nachwuchs-<br />
Wettbewerb der Leverkusener<br />
Jazztage. Schon beim Studium in<br />
Arnheim hatte der Kern der Band<br />
zusammengefunden, bestehend<br />
aus Johann May (g), Ben Tai<br />
Trawinski (b) und Nico Stallmann<br />
(dr). Dazu kam <strong>–</strong> als Hauptsolist<br />
und klangliches Sahnehäubchen<br />
des Quartetts <strong>–</strong> der virtuose<br />
Flötist Daniel Manrique-Smith,<br />
der auf seinem Instrument ziemlich<br />
locker sämtliche Spielarten<br />
meistert <strong>–</strong> jazzige, klassische,<br />
ethnische oder rockige Töne. Die<br />
Kombination von Querflöte und E-<br />
Gitarre, aber auch der Charakter<br />
der Themen, die Arrangements<br />
der Stücke, die Anlage der Improvisationen<br />
und die komplexen<br />
Grooves und Rhythmen erinnern<br />
bei Jin Jim über weite Strecken<br />
mehr an frühe Progrock-Bands<br />
als an Vorbilder aus dem<br />
Jazz. Andererseits war der<br />
Stamm vater der Rockflöte, Ian<br />
Anderson von Jethro Tull, selbst<br />
vor allem von Rahsaan Roland<br />
Kirk inspiriert <strong>–</strong> bei Jin Jim<br />
schließen sich also die Kreise.<br />
Es gibt pointierte Zutaten aus<br />
indischer oder lateinamerikanischer<br />
Musik, und in den Balladen<br />
tönt es überraschend poppig.<br />
Passend zur Progrock-Affinität<br />
der Band bietet das Album auch<br />
eine eigenwillige Neufassung<br />
von „House of the King“, dem<br />
Flötenrock-Hit von 1971.<br />
Hans-Jürgen Schaal<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Nik Bärtsch’s Ronin<br />
Awase<br />
ECM / Universal<br />
W W W W W<br />
Awase ist ein Begriff aus dem<br />
Aikido und bedeutet so viel wie<br />
gemeinsame Bewegung <strong>–</strong> eine<br />
passende Metapher für eine<br />
Band, bei der es keinen Solisten<br />
gibt. In der Tat haben sich Ronin<br />
durch den Weggang des zweiten<br />
Perkussionisten Andi Pupato und<br />
den Wechsel von Björn Meyer,<br />
der einen sechssaitigen E-Bass<br />
gespielt hat, zu Thomy Jordi mit<br />
einem viersaitigen Modell stark<br />
verändert und sind eine noch<br />
dichtere Einheit geworden. „Modul<br />
36“ kennen wir bereits von<br />
Bärtschs ECM-Debüt <strong>–</strong> auf Stoa<br />
war es der hypnotische Opener,<br />
der viele Hörer überhaupt erst<br />
mit Bärtschs Ritual Groove Music<br />
bekannt gemacht hat <strong>–</strong>, aber<br />
hier klingt es fast noch besser.<br />
Die Energie des Stücks sei nun<br />
„Voodoo-artiger“, lässt der<br />
Bandleader verlauten und freut<br />
sich, dass sein Klavier gerade auf<br />
„Modul 36“ wieder „mehr als Teil<br />
der Band agiert und nicht als Solist.“<br />
Die verschworene Gemeinschaft,<br />
die Ronin bildet, zeigt sich<br />
wohl nirgends so deutlich wie auf<br />
„Modul 58“, dem mit 18 Minuten<br />
längsten Stück des Albums:<br />
Ein Fünfer- und ein Siebener-<br />
Rhythmus arbeiten scheinbar<br />
gegeneinander und erzeugen in<br />
ihrer Einfachheit einen pulsierenden<br />
Groove, der selbst an Stellen,<br />
an denen Schlagzeuger Kaspar<br />
Rast aussetzt, fortzubestehen<br />
scheint. Bassklarinettist Sha,<br />
der mit „A“ erstmals ein Stück<br />
zum Repertoire beigetragen hat,<br />
verzahnt sich unauflöslich mit<br />
Klavier und Bass <strong>–</strong> wer hätte gedacht,<br />
dass diese Band ihre hohe<br />
Qualität überhaupt noch steigern<br />
könnte. Magisch.<br />
Rolf Thomas<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Dave Douglas Riverside<br />
The New National Anthem<br />
Greenleaf / H’Art<br />
W W W<br />
The New National Anthem ist das<br />
zweite Album, das Dave Douglas<br />
mit seinem Quartett Riverside<br />
aufgenommen hat. Um drei Originalkompositionen<br />
von Carla Bley,<br />
deren Ehemann Steve Swallow<br />
zur Band gehört, ranken sich<br />
noch acht Originale der Bandmitglieder,<br />
außer den Genannten die<br />
Brüder Chet und Jim Doxas aus<br />
Kanada an Saxofon und Schlagzeug.<br />
Obgleich der Bley-Duktus<br />
den Grundton der Platte vorgibt,<br />
verliert sich das Quartett zuweilen<br />
in Beschaulichkeit und Schönspiel.<br />
Die versunkene Poesie<br />
des 2014 erschienenen Vorgängeralbums<br />
in dieser Besetzung<br />
wird hier ebenso weit verfehlt<br />
wie der hintergründige Humor<br />
von Carla Bley. Was bleibt, sind<br />
sauber gespielte Parts von vier<br />
großen Virtuosen, die sich beim<br />
Grasen in der Vergangenheit<br />
nicht allzu sehr ins Zeug legen.<br />
Aber vielleicht geht es ja gerade<br />
um einen bewussten Verzicht<br />
auf Höhepunkte und Emphase.<br />
Womöglich ist diese konsequent<br />
durchgehaltene Nonchalance die<br />
größte Stärke der CD.<br />
Wolf Kampmann<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Joe Armon-Jones<br />
Starting Today<br />
Brownswood / Rough Trade<br />
W W W W o<br />
Als Sohn von Jazzmusikern<br />
war es beinahe logisch, dass<br />
Joe Armon-Jones schon früh<br />
Klavierunterricht erhielt, eines<br />
seiner ersten Übungsstücke war<br />
Chick Coreas „Spain“. Mittlerweile<br />
ist er 25 Jahre jung und gilt<br />
als einer der innovativsten neuen<br />
76 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Kolumne<br />
Jazzmusiker der britischen Insel.<br />
Starting Now ist sein Debüt auf<br />
Gilles Petersons Label Brownswood<br />
und damit der Maxime<br />
verpflichtet, die Fans mitzureißen.<br />
Was Armon-Jones und seiner<br />
Band dann auch in den sechs<br />
aufgenommenen Nummern<br />
gelingt. Es geht lost mit dem<br />
freudvollen Titelstück, bei dem<br />
Afrikan-Revolution-Bandleader<br />
Asheber im Stil eines Andy Bey<br />
singt: „Ab heute werde ich das<br />
Blut von diesen Straßen wischen.<br />
Ab heute wird die Liebe in der<br />
Stadt verbreitet.“ Dazu spielt die<br />
Band eine inspirierende Mixtur<br />
aus Afrobeat, Hardbop und Soul,<br />
die nach neun Minuten in einem<br />
atmosphärischen Rauschen mündet.<br />
Packender kann es eigentlich<br />
nicht werden. Doch gleichgültig,<br />
ob das von Bobbi Humphrey aus<br />
ihrer Blue-Note-Phase inspirierte<br />
„Almost Went Too Far“,<br />
der „Mollison Dub“ mit seinen<br />
unheimlichen Echo-Effekten oder<br />
„London‘s Face“ mit Verneigung<br />
vor Lonnie Liston Smiths Zeit mit<br />
The Cosmic Echoes: Armon-<br />
Jones zeigt sich zwar stets als<br />
Beherrscher der Historie, dekonstruiert<br />
diese aber und wandelt sie<br />
in farbige, energetische und ganz<br />
eigene Kompositionen abseits<br />
einschläfernder Trends. Starting<br />
Today ist ein weiterer Beweis<br />
dafür, dass die junge Londoner<br />
Jazzszene immer besser wird.<br />
Olaf Maikopf<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Schmid’s Huhn<br />
Golden Spheres<br />
Shoebill / Broken Silence<br />
W W W W W<br />
Das Quartett Schmid’s Huhn<br />
zeigt, wie weit man kommen<br />
kann, wenn man sich nicht an<br />
Gegensätzen abarbeitet und<br />
aneinander reibt, sondern von<br />
einem breiten Konsens ausgeht.<br />
Die beiden Holzbläser Stefan<br />
Szirmais Fermaten<br />
Martin Fabricius Trio<br />
Under the Same Sky<br />
Berthold / Harmonia Mundi<br />
W W W W W<br />
Very Cool People<br />
Heya Some Kind of Fish!<br />
Very Cool Music<br />
W W W W<br />
Mural<br />
Shishi‘s Wish<br />
Berthold / Harmonia Mundi<br />
W W W W o<br />
Das Geräusch zu Beginn des<br />
Albums erinnert an einen<br />
Zauberstab, der im Trickfilm<br />
geschwungen wird, und <strong>–</strong> poff!<br />
<strong>–</strong> materialisiert sich die gute<br />
Fee. Tatsächlich haben wir es<br />
hier mit einem diatonischen<br />
Glissando zu tun, das für einen<br />
magischen Hab-Acht-Moment<br />
sorgt, bevor Fabricius‘ gewohnt<br />
gläserner Vibraphonklang einen<br />
Kosmos selbstvergessener<br />
Mollharmonien erschafft. Klar,<br />
man kann mit Buddha Bar & Co.<br />
entschleunigen. Schöner, weil<br />
schlauer, gerät die Tiefenentspannung<br />
mit dem Martin Fabricius<br />
Trio, das sich auf seiner<br />
dritten Veröffentlichung Under<br />
the Same Sky der maximalen<br />
Ruhe, um nicht zu sagen: der<br />
klanggewordenen Generalpause<br />
verschrieben hat. Neun<br />
Stücke lang gleitet der Hörer<br />
auf einer traumtongefüllten<br />
Luftmatratze über minimalistische<br />
Schallwellen, umweht von<br />
süßer Melancholie, dabei stets<br />
sonnenbeschienen. Düstere<br />
Ausnahme: „Before the Rain“<br />
mit seiner Twinpeaks-artigen<br />
Atmosphäre. Sakrales Highlight:<br />
„Spirit Song“, der um eine<br />
Kathedrale als Bühne fleht<br />
und doch den Fluss wohligen<br />
Davondriftens nicht unterbricht.<br />
Einzig auf „Twilight“ wird’s für<br />
einige Sekunden laut, ja: grob,<br />
aufgefangen von einem gestrichenen<br />
Bass, der dem Ganzen<br />
etwas Unwirkliches verleiht.<br />
Ist der sonnige Strandtag nur<br />
trügerisches Idyll? Wie dem<br />
auch sei: Fabricius straft Das<br />
Jazzbuch, wo Berendt und<br />
Huesmann bemerken, dem<br />
Vibraphon eigne „ein kalter, metallener<br />
Klang“, glatte Lügen.<br />
Am Anfang erschallt ein langgezogenes<br />
„Yeah!“ <strong>–</strong> und „yeah“<br />
ist auch sonst alles am vierten<br />
Album des lettischen Oktetts<br />
Very Cool People, das mit vollem<br />
Namen Heya Some Kind of Fish!<br />
We Don’t Know the Name of this<br />
Fish in English, But in Latvian<br />
it is Vimbas heißt. Der Opener<br />
„Camel’s Desert Party“ macht<br />
mit Schwermetallschlagzeug<br />
und Tubapupsen, zu denen sich<br />
eine gefühlt zwanzigköpfige Balkan-Brass-Banda<br />
gesellt, keine<br />
Gefangenen. „Squash Express“<br />
exponiert ein catchy Im-Ohrbleib-Riff<br />
über Spaghetti-Western-Anleihen,<br />
wobei Call-and-<br />
Response-Spiele und diverse<br />
Tempo-Wechsel den Hörer zum<br />
atemlosen Verfolger machen,<br />
der sich unweigerlich vorlehnt,<br />
um ja keinen Ton, keinen Trick<br />
zu verpassen. „Bouncy Balls“<br />
erinnert mit seiner gniedelig<br />
aufsteigenden Tonfolge an die<br />
Erkennungsmelodie einer klassischen<br />
Samstagabendshow,<br />
„Cat’s Don’t Speak“ wartet mit<br />
dumpfem technoiden Blubbern<br />
auf, bevor die ganze Bande<br />
darüber herfällt, als stritten sich<br />
hungrige Raubtiere um eine viel<br />
zu kleine Beute. Gerade noch<br />
scheint das Baritonsaxofon als<br />
Sieger hervorzugehen, bis auch<br />
dieses vom alles überlagernden<br />
Geblubber verschlungen wird.<br />
Wo „Piper“ den Soundtrack<br />
eines Blaxploitation-Films<br />
stellen könnte, wird „Conde De<br />
Pipientos“ von einer Klezmer-<br />
Kapelle dominiert, die es wie<br />
einen Klassiker aus dem reichen<br />
Fundus der traditionellen Festund<br />
Feiermusik osteuropäischer<br />
Juden wirken lässt, obgleich<br />
es sich um eine Eigenkomposition<br />
von Band-Leader und<br />
Gitarrist Elvijs Grafcovs handelt.<br />
Der Closer „Hugo“ fasst die<br />
puristenfeindliche Mixtur dieses<br />
im Grunde unbeschreiblichen<br />
Albums zusammen, bei dem der<br />
Witz im Vordergrund steht, denn<br />
die schäumende Highspeed-<br />
Retromania dieser sehr coolen<br />
Letten macht vor allem eins:<br />
unglaublichen Spaß!<br />
Für In-between Seasons &<br />
Places vom Peter Schwebs<br />
Quintet hatte ich seinerzeit den<br />
„Jazz-Jazz“ erdacht: Kein Brimborium,<br />
nur pure Essenz. Seit<br />
2015 spielt der zwischen Hannover<br />
und New York pendelnde<br />
Schwebs im Trio Mural. Das besteht<br />
neben dem Bassisten aus<br />
Aki Ishiguro und Rodrigo Recabarren,<br />
residiert in Brooklyn und<br />
hat sich, gemäß der Herkunft<br />
seiner Protagonisten, die Fusion<br />
von europäischer Klassik,<br />
japanischer Volksmusik und<br />
südamerikanischen Rhythmen<br />
auf die Fahne geschrieben. Den<br />
Auftakt zum Zweitwerk Shishi’s<br />
Wish macht die Schwebs-<br />
Komposition „Giacomo!“, auf<br />
der es drum&basslastig gleich<br />
richtig zur Sache geht. Kein<br />
sanftes Herantasten, kein wie<br />
auch immer geartetes Intro,<br />
sondern auf den ersten Ton:<br />
da. Darüber spinnt Gitarrist<br />
Ishiguro, filigranem Flüstern<br />
gleich, seine virtuosen Klangfäden.<br />
Etwas nervöser klingen<br />
Chick Coreas „Fingerprints“,<br />
zärtlich nähert sich „Shishi“,<br />
das durch seine einsäuselnde<br />
Niemehrausdemkopfgehmelodie<br />
besticht, während „Siete<br />
Diamantes“ wieder wachküsst<br />
<strong>–</strong> ein Zustand, den man für<br />
das mit lateinamerikanischem<br />
Flavour experimentierende<br />
„Mari“ auch braucht. Erst „CSD<br />
Orompello“ ist wieder etwas<br />
zum darin Versinken, gerät der<br />
Gitarrensound hier doch zum<br />
Zeitlupenwabern à la Portishead.<br />
„Spätsommer“ bittet zum<br />
intimen Pas de Deux, derweil<br />
der elektrifizierte Oldschool-<br />
Psychrock „Geronimo“ den<br />
(Hau-)Draufgängern mundet,<br />
bis Gershwins „Someone to<br />
Watch Over Me“ ganz sanft,<br />
nachgerade sentimental nach<br />
Hause begleitet.<br />
Victoriah Szirmai<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />
77
Kolumne<br />
Buddy Guy<br />
The Blues Is Alive and Well<br />
Silvertone / Sony<br />
W W W W o<br />
Marcia Ball<br />
Shine Bright<br />
Alligator / In-Akustik<br />
W W W o<br />
Janiva Magness<br />
Love Is an Army<br />
Blue Élan Records<br />
W W W<br />
Beth Hart<br />
Front and Center <strong>–</strong> Live from<br />
New York<br />
Provogue / Rough Trade<br />
W W W<br />
Joe Bonamassa<br />
British Blues Explosion Live<br />
Provogue / Rough Trade<br />
W W W<br />
The Kris Barras Band<br />
The Divine and Dirty<br />
Provogue / Rough Trade<br />
W W W o<br />
Black Stone Cherry<br />
Family Tree<br />
Mascot / Rough Trade<br />
W W W<br />
Tinsley Ellis<br />
Winning Hand<br />
Alligator / In-Akustik<br />
W W W o<br />
Archie Lee Hooker<br />
Chilling<br />
Dixiefrog / H’Art<br />
W W W W<br />
Fantastic Negrito<br />
Please Don‘t Be Dead<br />
Cooking Vinyl / Sony<br />
W W W<br />
Delta Wires<br />
Born in Oakland<br />
Mud Slide Records / CD-Baby<br />
W W W o<br />
Soul Return<br />
S.R.<br />
Dixiefrog / H’Art<br />
W W W o<br />
Dave Alvin & Jimmie Dale<br />
Gilmore<br />
Downey to Lubbock<br />
Yep Roc / H’Art<br />
W W W W<br />
Der Albumtitel The Blues Is Alive<br />
and Well passt. Denn Buddy<br />
Guy macht mit fast 82 noch<br />
einen fitten Eindruck. Dabei gehört<br />
der Sänger/Gitarrist zu den<br />
letzten lebenden Größen des<br />
Chicago Blues der Nachkriegs-<br />
Ära. Das wissen auch Mick<br />
Jagger und Keith Richards zu<br />
schätzen. Schließlich hatten<br />
sich die Rolling Stones schon<br />
in jungen Jahren von Muddy<br />
Waters & Co inspirieren lassen.<br />
So sind die beiden alten Herren<br />
samt Rock-Legende Jeff Beck<br />
und Newcomer James Bay<br />
nun Guys Album-Gäste. Die<br />
14 Blues-Songs sind modern<br />
arrangiert. Herausragend: „Old<br />
Fashioned“ im mittleren Tempo<br />
mit schneidender Gitarre und<br />
satten Bläsern. Dazu singt, ja<br />
schreit Buddy seinen Blues.<br />
Auf dem Albumcover posiert er<br />
mit seiner Fender-Stratocaster<br />
vor dem Straßenschild von<br />
Lettsworth, seinem Geburtsort<br />
in Louisiana.<br />
Bei „Take a Little Louisiana“<br />
gerät die Sängerin und<br />
Pianistin Marcia Ball aus dem<br />
Häuschen. Dieses Stück mit<br />
Zydeco-Einfluss lässt ihr Album<br />
Shine Bright ausklingen. Die<br />
69-Jährige hat die meisten<br />
Songs selbst komponiert. Dabei<br />
lässt sie die Tradition des New-<br />
Orleans-Pianos aufleben.<br />
Auch Janiva Magness ist eine<br />
gestandene Blues-Lady. Für<br />
ihren Mix aus Blues, Balladen<br />
und Souligem auf Love Is an<br />
Army gewann die gebürtige<br />
Detroiterin u.a. Charlie<br />
Musselwhite (hca) und Cedric<br />
Burnside (g), Enkel des 2005<br />
verstorbenen Mississippi-<br />
Blues-Manns R. L. Burnside.<br />
Der Blues macht sich auf dem<br />
aktuellen Album von Beth<br />
Hart eher rar, auch wenn der<br />
Slide-Gitarrist Sonny Landreth<br />
als Gast vorbeischaut. Die<br />
Produzenten haben alles im<br />
Iridium Jazz-Club am Broadway<br />
in Manhattan mitschneiden lassen.<br />
Wer die Tracks <strong>–</strong> vor allem<br />
Rock, Balladen und Jazziges<br />
<strong>–</strong> nicht nur hören, sondern das<br />
Konzert auch sehen will, greift<br />
zur DVD.<br />
Joe Bonamassa, häufig Beth<br />
Harts musikalischer Partner,<br />
hat mit British Blues Explosion<br />
Live wieder einen Verkaufsschlager.<br />
Die Aufnahmen des<br />
Amerikaners und seiner Band<br />
stammen von einer 2016er<br />
UK-Tournee. Im Mittelpunkt:<br />
ein Rückblick auf das englische<br />
Blues-Revival der 60er Jahre.<br />
Originell: ein Medley von Jimmy<br />
Pages „Tea for One“ und „I<br />
Can’t Quit You Baby“, eigentlich<br />
ein Song von Willie Dixon.<br />
In Bonamassas Fußstapfen<br />
treten möchte der britische<br />
Gitarrist Kris Barras. Auf The<br />
Divine and Dirty spielen der<br />
Blues Time<br />
Bluesrocker und seine Combo<br />
elf Tracks, die teilweise viel<br />
Blues-Feeling haben.<br />
Etwa die gleiche Richtung<br />
schlägt Black Stone Cherry<br />
ein. Das Quartett aus Kentucky<br />
spielt seit fast zwei<br />
Jahrzehnten in der Southern-<br />
Rock-Szene eine Rolle. Die<br />
neue Platte gewinnt durch<br />
einen Gastauftritt von Warren<br />
Haynes, ehemals The Allman<br />
Brothers Band.<br />
Nach dreijähriger Pause<br />
meldet sich Tinsley Ellis mit<br />
viel klirrender Gitarre zurück.<br />
Winning Hand <strong>–</strong> das ist guter,<br />
handgemachter Blues und<br />
Bluesrock in Quartett-Besetzung.<br />
Wie sein verstorbener Onkel<br />
John Lee stammt Archie Lee<br />
Hooker aus Mississippi. Auf<br />
Chilling, aufgenommen mit seiner<br />
Coast to Coast Blues Band,<br />
erzählt Archie Lee die Story<br />
seines berühmten Verwandten.<br />
Der hatte nach dem Zweiten<br />
Weltkrieg den Detroit Blues<br />
mitgeprägt, kam aber erst viel<br />
später zusammen mit Rock-<br />
Stars beim Pop-Publikum gut<br />
an. Archie Lee und Co spielen<br />
auf dem Album 17 Blues-Songs<br />
alter Schule. Und die heben<br />
sich wohltuend vom heute verbreiteten<br />
Bluesrock-Einerlei ab.<br />
Fantastic Negrito alias Xavier<br />
Dphrepaulezz von der US-<br />
Westküste nennt sein Album<br />
Please Don’t Be Dead. Auf dem<br />
Cover liegt er im Krankenbett.<br />
Bei einem schweren Autounfall<br />
1999 kam der Musiker fast ums<br />
Leben. Er war wochenlang<br />
im Koma. Wie der 50-Jährige<br />
erzählt, fürchtet er nun um die<br />
Zukunft seiner Kinder durch<br />
alltägliche Gewalt in Amerika.<br />
So drücken die meisten Songs<br />
der Platte Verzweiflung und<br />
Trübsinn aus. Musikalisch<br />
versucht der Sänger/Gitarrist,<br />
Blues, Soul, Rock und Funk zu<br />
verschmelzen.<br />
Mit Born in Oakland haben die<br />
Delta Wires ihre siebte CD<br />
gemacht. Die nordkalifornische<br />
Band um den Harpspieler Ernie<br />
Pinata wirkt mit viel Gebläse<br />
wie eine bluesige Antwort auf<br />
Tower of Power. Sie garantiert<br />
jede Menge Drive. Was für<br />
Partys und zum Tanzen.<br />
In Los Angeles haben Kellie<br />
Rucker (voc, hca), JJ Holiday<br />
(e-g) und Michael Barsimanto<br />
(dr) die Band Soul Return<br />
gegründet. Das Ergebnis: zwölf<br />
einfallsreiche, von Blues,<br />
Soul, Jazz und Rock inspirierte<br />
Songs.<br />
Dave Alvin & Jimmie Dale Gilmore<br />
sind vor allem in der Welt<br />
der Country- und Folk-Musik zu<br />
Hause. Aber die Grenzen sind<br />
fließend. Schon der Titelsong<br />
„Downey to Lubbock“ ist<br />
ein Blues. Alvin stammt aus<br />
Downey bei L.A., Gilmore aus<br />
Lubbock, Texas. Und so wird<br />
ein Lied daraus. Die beiden<br />
Gitarristen und Sänger holen<br />
noch mehr Blues hervor <strong>–</strong> wie<br />
„Buddy Brown’s Blues“ von<br />
Lightnin‘ Hopkins und „K.C.<br />
Moan“ von der Memphis Jug<br />
Band. Zu empfehlen.<br />
Martin Feldmann<br />
78 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Karl Schmid und Leonhard Huhn<br />
tendieren zum leisen, nuancenreichen,<br />
ungemein beweglichen<br />
und melodisch raffinierten Spiel.<br />
Sie agieren schnell, flüssig und<br />
elegant und dabei immer mit<br />
Überraschungen im kleinen<br />
Gepäck. Beide pflegen ein eher<br />
sanftes und biegsames klangliches<br />
Erscheinungsbild. Zuweilen<br />
mischt sich Mikrotonales in die<br />
melodischen Verläufe, aber nie<br />
als Special Effect im spektakulären<br />
Vordergrund, sondern<br />
einfach so im Lauf der Dinge.<br />
Stefan Schönegg am Bass und<br />
Schlagzeuger Fabian Arends<br />
wissen stets sehr genau, was in<br />
der Rhythm Section gebraucht<br />
wird: Alles, was die beiden hören<br />
lassen, wirkt präzise, behutsam,<br />
feinsinnig und wohlüberlegt.<br />
Die Stimmung ist cool, aber wir<br />
haben es hier weniger mit einer<br />
Neubelebung von Cool Jazz zu<br />
tun, sondern vielmehr mit einer<br />
zeitgemäßen Reformulierung dieser<br />
schönen alten Haltung: Jazz<br />
wird hier in puncto Raffinement<br />
auf gemeinsamer Augenhöhe<br />
mit der sogenannten E-Musik<br />
betrieben, aber die spielerische<br />
Note, eine umfassende<br />
Leichtigkeit sowie ein abwechslungsreicher<br />
Groove prägen die<br />
Musik so, dass jeglicher Eindruck<br />
von Pathos und Anstrengung<br />
unterbleibt.<br />
Unkonventionell ist für Jazz-Verhältnisse<br />
auch die Vertriebsform<br />
dieser Musik. Es gibt sie nur zum<br />
Downloaden. Das physische Produkt<br />
ist ein Digi-Sleeve, das man<br />
zu einer schönen Collage von<br />
Örni Ingi auffalten kann, die auch<br />
Infos und Fotos enthält sowie<br />
einen Download-Code.<br />
Hans-Jürgen Linke<br />
Veljo Tormis gehört zu den wichtigsten<br />
estnischen Komponisten.<br />
Eines der größten Verdienste<br />
des Lehrers von Arvo Pärt war<br />
es, die estnische Vokalmusik<br />
aufzuschreiben und weiterzuentwickeln.<br />
Auch seine eigenen<br />
Werke basieren oft auf traditioneller<br />
estnischer Volksmusik.<br />
Zum 85. Geburtstag von Tormis<br />
2015 initiierte das Tallinner Festival<br />
Jazzkaar eine improvisierte<br />
Herangehensweise an dessen<br />
Werke. Das war der Startpunkt<br />
des Tormis Quartet, eines<br />
interessanten Projekts in sehr<br />
ungewöhnlicher Besetzung. Zwei<br />
Frauenstimmen, die mit Effekten<br />
auch zum ganzen Chor aufgepeppt<br />
werden können oder mit<br />
Verzerrern und Sweep-Effekten<br />
selbst zur E-Gitarre mutieren, plus<br />
zwei E-Gitarren: Damit werden<br />
die estnischen Volksweisen<br />
ganz schön gegen den Strich<br />
gebürstet. Die Sängerinnen Kadri<br />
Voorrand (vor allem durch die<br />
Estonian Voices bekannt) und<br />
Liisi Koikson nehmen den Zuhörer<br />
zu einem wilden Ritt durch die<br />
unterschiedlichsten Sounds mit.<br />
Dagegen sind die beiden<br />
E-Gitarren, gespielt von Jaak<br />
Sooäär und Paul Daniel, die<br />
ebenfalls mit Effekten und<br />
Verzerrern operieren, geradezu<br />
brav. Das Quartett hat sich aus<br />
dem großen vokalen Werk von<br />
Tormis estnische Hochzeitslieder,<br />
Spiellieder und Stücke zum<br />
Katharinentag zur Bearbeitung<br />
ausgesucht. Da flirren die Akkorde<br />
der Gitarren wie der Horizont<br />
an einem heißen Sommertag, die<br />
ebenfalls engen Voicings bei den<br />
Frauenstimmen wechseln sich mit<br />
sehr rudimentärer Harmonik ab.<br />
Angela Ballhorn<br />
Es ist zwar bereits das siebte<br />
Album des Saxofonisten aus<br />
Detroit, aber sein Debüt auf Blue<br />
Note. Das mag kein Zufall sein,<br />
ist McMurray doch schon lange<br />
mit Blue-Note-Präsident Don<br />
Was befreundet und war einst<br />
Mitglied in dessen Band Was<br />
(Not Was). Auch als Sessionmusiker<br />
verfügt er über vielfältigste<br />
Erfahrungen, spielte mit Bob<br />
Dylan, The Rolling Stones, Herbie<br />
Hancock oder Bootsy Collins ein<br />
buntes Spektrum von Jazz über<br />
Funk bis Rock. Dieses breite<br />
Können zeigt McMurray auch<br />
auf Music Is Life, einem der wohl<br />
funkigsten Blue-Note-Mainstream-Alben<br />
der letzten Jahre<br />
mit einem unverwechselbaren,<br />
kraftvollen Sound. Bestes Beispiel<br />
dafür ist das lebhafte Titelstück<br />
mit seinem feinen Groove.<br />
An Detroits musikalisches Erbe<br />
als eine der großen Musikhauptstädte<br />
der Welt erinnert der<br />
Saxofonist mit „Bop City D“ und<br />
„Detroit Theme/Detroit 3“. Außer<br />
neun Eigenkompositionen gibt<br />
es noch einige Coverversionen,<br />
darunter die jazzig gespielte<br />
P-Funk-Nummer „Atomic Dog“<br />
von George Clinton und „Que<br />
Je T‘aime“ des legendären<br />
französischen Rock‘n‘Roll-Sängers<br />
Johnny Hallyday, mit dem<br />
McMurray einige Jahre tourte.<br />
Auf all diesen Konzertreisen erlangte<br />
der Detroiter ausgeprägte<br />
musikalische Fähigkeiten, auf die<br />
er bei diesem Album zurückgreift.<br />
Olaf Maikopf<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
was im Hauptstrom des Jazz in<br />
seiner klassischen Besetzung<br />
möglich ist: Mit „Friends“ von<br />
den Beach Boys und dem kryptopolitischen<br />
Titelstück bieten<br />
Mehldau und seine kongenialen<br />
Partner Jeff Ballard und Larry<br />
Grenadier zwei unerhört feine<br />
Jazz-Walzer, dazu kommt ein<br />
als Hi-End-Uptempo-Swing<br />
getarnten Broadway-Song,<br />
(„Almost Like Being in Love“),<br />
saftige Hardbop-Kost (Elmo<br />
Hopes „De-Dah“) und mit „Ten<br />
Tune“ <strong>–</strong> einer der drei Eigenkompositionen<br />
<strong>–</strong> ein Stück fugenhaft<br />
streng klassizistische Moderne<br />
im Jazz-Outfit. Dann ist da noch<br />
Mehldaus melodisch-groovige<br />
Version von Paul McCartneys<br />
„Great Day“, die in ihrer<br />
Ausführung ein wenig an das<br />
Keith Jarrett Trio erinnert; doch<br />
Mehldau kommt ohne den Hang<br />
zur Selbstverliebtheit des großen<br />
Stars und dessen Tendenz zur<br />
Weitschweifigkeit aus. Eingerahmt<br />
wird alles durch „Spiral“,<br />
den gelassen-quirligen Opener<br />
und <strong>–</strong> als Ausklang <strong>–</strong> „Beatrice“,<br />
eine beschleunigte Ballade von<br />
Sam Rivers. Die CD ist warenästhetisch<br />
ansprechend verpackt<br />
in ein Albumcover, das Seymours<br />
Versuche, den Ausverkauf der<br />
amerikanischen Verfassung<br />
zu pointieren, äußerst catchy<br />
illustriert. Das Album zelebriert<br />
hochwertigste Jazz-Kost. Wie<br />
nach einem guten Wein ist man<br />
nach dem Kosten angefixt und<br />
legt es zum späteren Naschen<br />
schon mal aufs Nachttischchen.<br />
Jan Kobrzinowski<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Tormis Quartet<br />
Tormisele<br />
o-tone / Edel:Kultur<br />
W W W W o<br />
Dave McMurray<br />
Music Is Life<br />
Blue Note / Universal<br />
W W W W<br />
Brad Mehldau Trio<br />
Seymour Reads the Constitution!<br />
Nonesuch / Warner<br />
W W W W W<br />
Brad Mehldau kehrt nach<br />
seinem Ausflug in die Welt des<br />
Großmeisters J. S. Bach wieder<br />
zurück zum Trio-Jazz und legt ein<br />
Album vor, das einiges bereithält,<br />
Ketil Bjørnstad<br />
A Suite of Poems<br />
ECM / Universal<br />
W W W<br />
Hotelzimmer bieten einem<br />
Reisenden oftmals den einzigen<br />
privaten Rückzugsraum und<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 79
Tonspuren<br />
die Möglichkeit, die vielen<br />
Eindrücke zu verarbeiten. Der<br />
norwegische Schriftsteller Lars<br />
Saabye Christensen schrieb<br />
über Jahre in der ganz eigenen<br />
anonymen Stimmung dieser<br />
Zimmer Gedichte auf Postkarten<br />
und sendete sie an Ketil Bjørnstad,<br />
einen Freund aus seiner<br />
Jugendzeit. So entstand über<br />
die Jahre eine Sammlung aus<br />
Gedichten. Bjørnstad vertonte<br />
dreizehn dieser Gedichte und<br />
nahm sie zusammen mit der<br />
Sängerin Anneli Drecker auf.<br />
Bei diesem Album lohnt es sich,<br />
neben dem Hören die Lyrics<br />
mitzulesen, um besser in die<br />
eigenständige Klangwelt zwischen<br />
Schönheit, Wärme und<br />
Melancholie einzutauchen, die<br />
zweifelsohne von der Lyrik der<br />
Gedichte maßgeblich vorgegeben<br />
wird. Jedes Stück für sich<br />
klingt rund und in sich geschlossen,<br />
und Anneli Dreckers fragiler<br />
Gesang schafft zusammen<br />
mit Bjørnstads klanglicher<br />
Ausleuchtung der Gedichte auf<br />
dem Klavier eine sehr intime<br />
Stimmung. Bei „Astor Crowne,<br />
New Orleans“ zeigt sich, dass<br />
die Stimmung auch wechseln<br />
kann. Durch seinen bluesigen<br />
Charakter schafft es eine wunderbare<br />
Abwechslung, die dem<br />
Album guttut. Das Stück steht in<br />
der Album-Mitte und markiert<br />
einen Wendepunkt, da ab hier<br />
auch die Tonarten der Stücke,<br />
die in der ersten Hälfte recht<br />
ähnlich sind, mehr Abwechslung<br />
bieten.<br />
Thomas Bugert<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
licherweise von Dizzy Gillespie<br />
während der Konzertpausen<br />
geknabbert wurden, wer weiß<br />
das schon. Und jetzt kommen<br />
Ulf Meyer, Gitarre, und Martin<br />
Wind, Bass, und brauchen<br />
nach dem Auftritt oder nach der<br />
Probe zur oralen Stimulation<br />
Lakritz und Bier. Nach dem<br />
Auftritt, nach der Probe, das<br />
heißt: Die Hochspannung und<br />
das Adrenalin sind noch nicht<br />
verschwunden, machen aber<br />
keinen Stress mehr, stattdessen<br />
hat sich die Stimmung in eine<br />
angenehm wache Angeregtheit<br />
verwandelt. Man spielt nicht<br />
mehr fürs Publikum, sondern für<br />
sich selbst und den Mitmusiker:<br />
eher verbindlich und intim als<br />
expressiv, hellhörig und ohne<br />
Druck, aber mit Ausdruck.<br />
„Blackbird” von Paul McCartney<br />
ist dabei, Joni Mitchells „Big<br />
Yellow Taxi“ oder auch „Black<br />
Night“ von Deep Purple, in einer<br />
Version ganz ohne Schwermetall.<br />
Ulf Meyer hat selbst einige<br />
Kompositionen beigetragen<br />
(zum Beispiel das titelgebende<br />
„Licorice and Beer“ sowie die<br />
zwei tief entspannten Titel „Ach<br />
wie gut“ und „On My Sofa“),<br />
und so reihen sich zwölf Stücke<br />
auf einer Zeitstrecke von weit<br />
über einer Stunde aneinander<br />
und bilden eine unaufdringliche,<br />
feinsinnig gemeinsam<br />
gestaltete, dabei immer wieder<br />
überaus virtuos interpretierte<br />
Suite von Gitarre-Bass-Duos.<br />
All das ergibt eine wunderbar<br />
feierabendliche Mischung aus<br />
feinem Können, großer Musikalität<br />
und entspanntem Zuhören<br />
auf hohem Niveau.<br />
Hans-Jürgen Linke<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
ausschließlich auf Vinyl heraus,<br />
die man entweder über das<br />
Jahr verteilt abonnieren oder<br />
als massive Vinylschatzkiste<br />
komplett haben kann. Das Label<br />
richtet sich bewusst an den<br />
Gourmet, der die gediegenen<br />
Layouts gern in die Hand nimmt<br />
und sich in die Fortsetzungs-<br />
Liner-Notes vertieft und dafür<br />
die entsprechenden Scheinchen<br />
flattern lässt. Die sechs Alben<br />
der dritten Ausgabe sind höchst<br />
unterschiedlicher Natur. Der in<br />
Deutschland sträflich übersehene<br />
Gitarrist Steve Cardenas<br />
verneigt sich auf Charlie & Paul<br />
mit Loren Stillman, Thomas<br />
Morgan und Matt Wilson auf<br />
sehr warme und persönliche<br />
Weise vor Charlie Haden und<br />
Paul Motian. Auf Strata geben<br />
sich der isländische Bassist<br />
Skuli Sverrisson und Gitarrist Bill<br />
Frisell ein Stelldichein, das vor<br />
neuem Hintergrund an Frisells<br />
Debüt In Line erinnert. Lionel<br />
Loueke präsentiert mit Bassist<br />
Reuben Rogers und Drummer<br />
Eric Harland das allererste<br />
Standard-Album seiner Laufbahn.<br />
Der Chicagoer Saxofonist<br />
Andy Zimmerman tritt auf Half<br />
Light gemeinsam mit Dave<br />
Douglas, Kevin Hays und Matt<br />
Penman eine kontemplative<br />
Pilgerreise an. Stärker an neue<br />
Musik angelehnt sind die Klänge<br />
des kubanischen Trommlers<br />
Francisco Mela auf Ancestors,<br />
mit dabei unter anderem Pianistin<br />
Kris Davis. Ein Kleinod ist Fair<br />
Weather von Trompeter Jason<br />
Palmer, der mit Leo Genovese,<br />
Joe Martin und Kendrick Scott<br />
neue Töne in bekannten Idiomen<br />
anschlägt.<br />
Wolf Kampmann<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Mit The Reason Why Vol. 3<br />
beendet der schwedische<br />
Trompeter Goran Kajfeš eine<br />
Trilogie, deren ersten Teil er<br />
2013 mit seinem Suptropic<br />
Arkestra vorlegte. Alle Alben<br />
verfolgen die Idee, Musik zu<br />
interpretieren, die die zehn<br />
Musiker inspiriert hat.<br />
Das Spektrum reicht hier<br />
von Musik der Psychedelic-<br />
Rock-Band US69 bis zu einer<br />
Komposition des Äthiopiers<br />
Hailu Mergia, dessen Song<br />
„Ibakish Tarekigne“ die Band<br />
mit einer Leichtigkeit spielt,<br />
dass die Musik knapp über<br />
dem Boden zu tanzen scheint.<br />
Zu dieser Leichtigkeit trägt<br />
sicherlich auch Per „Ruskträsk“<br />
Johansson bei, dessen<br />
Bariton-Sax-Spiel zeigt, wie<br />
luftig leicht dieses Instrument<br />
klingen kann. Ähnlich luftig<br />
vom Groove ist „Le Monde<br />
Avait“ von Bernard Fevre, das<br />
ursprünglich aus dem Bereich<br />
der elektronischen Tanzmusik<br />
stammt. Beim Subtropic<br />
Arkestra entwickelt das Stück<br />
durch die unterschiedlichen<br />
Mischungen von Sopransax,<br />
Gitarre und Flöte einen ganz eigenen<br />
sphärischen Charakter.<br />
Weitaus wichtiger als einzelne<br />
Solisten ist der Gesamtklang<br />
des Orchesters, bei dem die<br />
einzelnen Instrumente zu<br />
einem großen Ganzen verschmelzen.<br />
So ist auch Jonas<br />
Kullhammars Saxofon-Solo bei<br />
der fast schon sakralen Version<br />
von „You Can Count on Me“<br />
mehr eine Klanglandschaft als<br />
ein klassisches Solo, die von<br />
einer Band begleitet wird. The<br />
Reason Why Vol 3 ist mit interessanten<br />
Arrangements und<br />
Interpretationen ein Album mit<br />
Coverstücken im besten Sinne.<br />
Thomas Bugert<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
David Helbock’s Random Control<br />
Tour d’horizon<br />
ACT / Edel:Kultur<br />
W W W W<br />
Ulf Meyer / Martin Wind<br />
Licorice and Beer<br />
Laika / Rough Trade<br />
W W W W<br />
Vor fast zwei Menschenaltern<br />
gab es einen Bebop-Hit mit<br />
gesalzenen Erdnüssen, die mög-<br />
Various Artists<br />
Newvelle Season Three<br />
Newvelle Records<br />
W W W W<br />
Das französische Label Newvelle<br />
bringt innerhalb eines Jahres<br />
sechs exklusive Jazzalben<br />
Goran Kajfeš Subtropic Arkestra<br />
The Reason Why Vol. 3<br />
Headspin / Edel:Kultur<br />
W W W o<br />
Trotz unüberhörbarem Spaßeffekt<br />
huldigt David Helbock mit<br />
seinen Kollegen immer wieder<br />
mit großer Genauigkeit seinen<br />
großen Idolen, mit vollem Ernst,<br />
stets aber mit Augenzwinkern.<br />
Nachdem er vor einiger Zeit<br />
80 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
schon den Hut vor Thelonious<br />
Monk und Hermeto Pascoal<br />
gezogen hatte, reist der<br />
Vorarlberger Tastenmann nun<br />
unter Aufbietung des bekannt<br />
umfangreichen Random/Control-Instrumentariums<br />
seiner<br />
Mitstreiter mit uns durch das<br />
ganz persönliche „Who is who“<br />
seiner (Piano-)Jazzgeschichte.<br />
Da tragen selbst Gassenhauer<br />
die Handschrift des etwas<br />
anderen Standard-Trios: Wenn<br />
Chick Coreas „Spain“ von<br />
Beatboxing begleitet und „Take<br />
Five“ von Alphorn, Tuba und<br />
Didgeridoo ausgeführt werden,<br />
so zeugt das nicht nur von<br />
unbekümmertem Eklektizismus,<br />
sondern offenbar auch von<br />
einem spezifisch alpenländischem<br />
Umgang mit musikalischen<br />
Vorlagen. Fast rührend<br />
zu nennen ist die Verbeugung<br />
des Pianisten vor Keith Jarrett:<br />
„My Song“ hörte er schon im<br />
Mutterleib; „Wahrscheinlich<br />
eine der ersten Kompositionen,<br />
die ich je gehört habe, denn<br />
meine Mutter lauschte dieser<br />
Musik während ihrer gesamten<br />
Schwangerschaft.“<br />
Jan Kobrzinowski<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Sebastian Gramss’ States of Play<br />
Out & About<br />
rent a dog / Al!ve<br />
W W W W W<br />
Der Bassist Sebastian Gramss<br />
gehört zu den produktivsten<br />
Ideengebern im Jazz. Kaum<br />
jemand hat noch den Überblick<br />
über all die Projekte, an denen<br />
er mehr oder weniger führend<br />
beteiligt ist, darunter Underkarl,<br />
Fossile 3, Slowfox, oirTrio, Das<br />
Mollsche Gesetz, Bassmasse,<br />
Basz, Double the Double Bass,<br />
Multibass Orchester 4 und<br />
Thinking Of. Seit einiger Zeit verfolgt<br />
Gramss nachdrücklich ein<br />
„makropolyphones“ Jazzkonzept<br />
<strong>–</strong> gemeint ist, dass mehrere<br />
Ensembles in simultanen oder<br />
„morphenden“ Klangprozessen<br />
vermischt werden. Out & About<br />
vereinigt in drei Trios neun<br />
Musiker: die Bläser Valentin<br />
Garvie, Rudi Mahall und Pierre<br />
Borel, den Gitarristen Tobias<br />
Hoffmann, den Pianisten Philip<br />
Zoubek, die Bassisten Christian<br />
Ramond und Sebastian Gramss<br />
und die Schlagzeuger Dominik<br />
Mahnig und Etienne Nillesen.<br />
Das Ergebnis <strong>–</strong> 17 Stücke,<br />
destilliert aus drei Konzerten <strong>–</strong><br />
folgt einer Art von Zap-Ästhetik<br />
mit weichen Crossfades. Stücke<br />
gehen ineinander über, Bands<br />
spielen nebeneinander her,<br />
Abläufe verharren in Tonbildern,<br />
und Gitarrensurf-Twang trifft auf<br />
Freejazz-Orchester. Eine surreale<br />
Jazz-Vision, in der aber Platz<br />
bleibt für schöne Kompositionen<br />
und inspirierte Solisten. Gramss’<br />
großes Idol Charles Mingus, der<br />
selbst auch mit Simultanmelodien<br />
experimentierte, ist immer<br />
präsent.<br />
Hans-Jürgen Schaal<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Stefan Grasse<br />
Entre cielo y tierra<br />
Xolo / Galileo<br />
W W W o<br />
Der gebürtige Münchner hat<br />
gleichermaßen klassische<br />
Gitarre als auch Jazz bei<br />
Peter O’Mara studiert. Seine<br />
neueste Aufnahme zeigt ihn im<br />
Ensemble mit seinem Quartett,<br />
gemeinsam mit der exzellenten<br />
Akkordeonistin und Klarinettistin<br />
Bettina Ostermeier,<br />
Bassist Christian Diener sowie<br />
Drummer und Vibraphonist Radek<br />
Szarek. Mit gut gelauntem<br />
Latino-Jazz umschmeichelt der<br />
Opener „Naxos Island Bar“ den<br />
Zuhörer. Das erinnert zunächst<br />
an die akustischen Ausflüge<br />
von Kenny Burrell. Filigran und<br />
virtuos brilliert der Gitarrist<br />
durch das beschwingte „Boats<br />
of Hope“, dessen ernster Mittelteil<br />
Grasses musikalischen<br />
Kommentar auf die weltweite<br />
Flüchtlingsthematik darstellt.<br />
Welche kompositorischen<br />
Qualitäten wirklich in Grasse<br />
stecken, wird jedoch erst in<br />
„Tango para un lobo“ deutlich.<br />
Fernab von gefälligen Bossa-<br />
Nova-Rhythmen zeigt der Musiker<br />
hier seine Meisterschaft<br />
auf der klassischen Gitarre,<br />
erzählt Geschichten ohne Worte<br />
und lässt Klischees hinter<br />
sich. In den besten Stücken des<br />
Albums gelingt der Formation<br />
der Spagat aus spanischem<br />
Temperament und spielerischer<br />
Klangpoesie. Besonders das<br />
Titelstück legt hiervon Zeugnis<br />
ab. Aber auch Stücke wie<br />
„Savitha“ mit orientalischen<br />
Anklängen bestechen durch<br />
originelle Instrumentierungen<br />
und Arrangements. Grasse<br />
weiß immer dann am meisten<br />
zu überzeugen, wenn er<br />
ausgetretene Jazz-Pfade hinter<br />
sich lässt.<br />
Andreas Schneider<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong>
Kolumne<br />
Arctic Monkeys<br />
Tranquility Base<br />
Hotel & Casino<br />
Domino / Good to Go<br />
W W W W o<br />
Giant Sand<br />
Returns to Valley<br />
of Rain<br />
Fire / Cargo<br />
W W W W<br />
Kreisky<br />
Blitz<br />
Wohnzimmer /<br />
Rough Trade<br />
W W W o<br />
Milliarden<br />
Berlin<br />
Vertigo / Universal<br />
W W W o<br />
David Eugene Edwards &<br />
Alexander Hacke<br />
Risha<br />
Glitterhouse / Indigo<br />
W W W W<br />
John Parish<br />
Bird Dog Dante<br />
Thrill Jockey / Rough Trade<br />
W W W W<br />
E<br />
Negative Work<br />
Thrill Jockey / Rough Trade<br />
W W W o<br />
Willie Nelson<br />
Last Man Standing<br />
(Legacy / Sony)<br />
W W W W<br />
Body & Soil<br />
Wer hat nicht gern Überraschungen?<br />
Das neue Album<br />
der Arctic Monkeys ist eine<br />
faustdicke Überraschung.<br />
Fünf Jahre nach ihrem letzten<br />
Studioalbum hat das Quartett<br />
aus dem britischen Sheffield<br />
alle Rock-Elemente über den<br />
Haufen geworfen und brilliert<br />
mit einem Album, das sich zu<br />
gleichen Teilen aus Soul und<br />
Jazz zusammensetzt: Sie kommen<br />
mit ganz wenigen Mitteln<br />
aus, um ein Höchstmaß an<br />
effektiver Eingängigkeit zu<br />
finden. Die Songs leben von<br />
den fokussierten Zwischentönen<br />
und dem unverbrauchten<br />
Space zwischen Polen wie<br />
David Bowie und Marvin Gaye.<br />
Zu ihren Anfängen kehren<br />
Giant Sand zurück. Die<br />
eigentlich schon aufgelösten<br />
Wüstenrocker um Howe Gelb<br />
haben ihr allererstes Album<br />
von 1985 noch einmal eingespielt<br />
und versehen es jetzt<br />
mit der vollen Wucht ihrer<br />
Lebenserfahrung. Das ist groß<br />
und druckvoll, und trotzdem<br />
erliegen sie nicht der Versuchung,<br />
es besser zu machen<br />
als damals. Sie machen es<br />
einfach nochmal, nicht mehr<br />
und nicht weniger. Der Grund?<br />
Weil es so viel Spaß macht.<br />
Da könnten auch noch mehr<br />
Bands drauf kommen.<br />
Deutschsprachige Musik<br />
kommt hier eher selten zum<br />
Tragen, aber für die aktuelle<br />
Ausgabe haben wir gleich<br />
zwei davon. Die Wiener Band<br />
Kreisky schaut der alternativen<br />
Spießerseele, sei es nun<br />
in Wien oder Berlin, tief in die<br />
Abgründe. Aus der Verlogenheit<br />
der Gesellschaft macht<br />
sie sich auf ihrer neuen Platte<br />
Blitz ein diebisches Vergnügen.<br />
Mit einem Sound und<br />
noch viel mehr einer Attitüde,<br />
die an die britische Postpunk-<br />
Band The Fall erinnern,<br />
beweisen sie, dass deutsche<br />
Texte sich nicht grundsätzlich<br />
zwischen Aussage und literarischem<br />
Anspruch entscheiden<br />
müssen. Bei Kreisky geht<br />
beides. Die Berliner Band Milliarden<br />
benennt ihre zweite<br />
CD nach ihrer Heimatstadt.<br />
Ging es auf ihrem knackigem<br />
Debütalbum Betrüger um<br />
griffige Parolen, hat sich die<br />
Band auf der neuen Scheibe<br />
nach eigenem Bekunden die<br />
Architektur des Menschen auf<br />
die Fahnen geschrieben. Die<br />
Punk-Balladen des Duos sind<br />
etwas weicher geworden, dafür<br />
bringen sie das Innenleben<br />
des ganz normalen Großstadtbewohners<br />
ebenso präzise<br />
wie einfühlsam auf den Punkt.<br />
Wanderprediger David Eugene<br />
Edwards legt eine Pause<br />
mit seiner Band Wovenhand<br />
ein und trifft sich auf Risha mit<br />
dem Einstürzenden Neubau<br />
Alexander Hacke. Letzterer<br />
spielt selbst keinen Ton, sondern<br />
bringt Edwards’ Sounds<br />
voll zur Entfaltung. Das Pathos<br />
der Produktion ist durchaus<br />
mit Wovenhand zu vergleichen,<br />
nur gibt es statt der<br />
aufgewummerten Americana<br />
eher orientalische Reminiszenzen<br />
und einen relativ<br />
starken Elektronik-Einschlag.<br />
Das Ganze kommt über den<br />
Hörer wie ein Schwarm Heuschrecken<br />
oder ein Tsunami.<br />
Schwer zu entscheiden, ob<br />
das Album das Ende oder den<br />
Anfang oder beides, in welcher<br />
Reihenfolge auch immer,<br />
verkörpert.<br />
Der britische Produzent<br />
Jon Parish ist ein Mann des<br />
vorsichtigen Aufschlags. Er<br />
bringt nicht oft eigene Alben<br />
raus, aber wenn doch, lässt<br />
er sich stets etwas einfallen.<br />
Einige Songs seiner neuen<br />
CD basieren auf Soundtrack-<br />
Ideen, die er zu Liedern<br />
umgebaut hat. Um für vokale<br />
Abwechslung zu sorgen, hat<br />
er einige seiner sonstigen<br />
Klientinnen wie PJ Harvey<br />
oder Aldous Harding zu der<br />
Produktion eingeladen. Die<br />
Grundstimmung des Albums<br />
ist trotzdem sehr instrumental,<br />
denn gerade in ihrer Vielfalt<br />
werden die Stimmen auch zu<br />
Instrumenten.<br />
Hinter E verbirgt sich nicht<br />
etwa das Logo eines neuen<br />
Soloalbums des Bandleaders<br />
der Eels, sondern eine Band<br />
der ehemaligen Come-Sängerin<br />
Thalia Zedek. Wie gewohnt<br />
handelt es sich um handfesten<br />
Bluesrock, diesmal<br />
vielleicht ein bisschen stärker<br />
in Richtung College-Rock der<br />
1980er Jahre tendierend. Es<br />
ist daher ein wenig back to<br />
the roots für die Sängerin, die<br />
einst in der Punkband Live<br />
Skull begann.<br />
Wurzeln oder nicht, das<br />
ist für Country-Altmeister<br />
Willie Nelson schon lange<br />
keine relevante Frage mehr.<br />
Mit 85 Jahren hat er allen<br />
Grund, sein Album Last Man<br />
Standing zu betiteln. Dabei<br />
hat sein fröhlicher Zynismus<br />
nichts von seiner Wirkung<br />
eingebüßt. Mit einer Stimme,<br />
die immer noch mit allen<br />
30-Jährigen mithalten kann,<br />
und einer ungeheuren Lust am<br />
Fabulieren zeigt er uns, dass<br />
er einfach nicht müde wird.<br />
Last Man Standing klingt weiß<br />
Gott nicht nach Abschied.<br />
Schön, dass es so was noch<br />
gibt.<br />
Wolf Kampmann<br />
Chris Beier<br />
Scarborough Variations<br />
ACT / Edel:Kultur<br />
W W W W o<br />
In den Siebzigern hat Chris<br />
Beier mit Künstlern wie Albert<br />
Mangelsdorff, Aladár Pege und<br />
Toto Blanke gearbeitet, in den<br />
Achtzigern war der 1953 in Trier<br />
geborene Pianist musikalischer<br />
Direktor am Nürnberger Staatstheater.<br />
Seit 1987 ist er Leiter der<br />
Jazzabteilung der Musikhochschule<br />
Würzburg, wo Michael<br />
Wollny zu seinen Schülern<br />
zählte. Anfang des Jahrtausends<br />
wird bei Beier eine fokale<br />
Dystonie diagnostiziert, die ihn<br />
zwingt, sich vom Konzertbetrieb<br />
zurückzuziehen. Dennoch bleibt<br />
er als Komponist und Recording<br />
Artist aktiv: 2008 erscheint mit<br />
Aeolian Green ein Soloalbum,<br />
dessen Stücke in Fragmenten<br />
aufgenommen und anschließend<br />
montiert wurden. Auch die zwölf<br />
Nummern des nun vorliegenden<br />
Nachfolgers Scarborough<br />
Variations, ebenfalls in der ACT-<br />
Serie Piano Works veröffentlicht,<br />
hat Beier in dieser Technik<br />
geschrieben und eingespielt.<br />
Was diese Musik auszeichnet,<br />
ist der lyrische Atem, mit<br />
dem Klassisches und Jazziges<br />
in dieser subtilen Synthese<br />
zusammenfließen, Maurice<br />
Ravel, Paul Hindemith und Alban<br />
Berg auf McCoy Tyner, Friedrich<br />
Gulda und Cecil Taylor treffen.<br />
Auch George Russells Konzept<br />
des Modal Jazz findet sich hier<br />
sublimiert. Zu den Höhepunkten<br />
dieses poetisch-balladesk<br />
gestimmten Albums zählen die<br />
luziden Akkordbrechungen von<br />
„Scarborough Variations“ und<br />
das kantable „December Sun“,<br />
auch Titel wie „Waldgate“ und<br />
„Cloud“ sind entlang von Songstruktur<br />
und -format organisiert.<br />
Dabei Komplexes, Überraschendes<br />
und Unwahrscheinliches<br />
ganz selbstverständlich klingen<br />
82 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
zu lassen, gelingt Beier hier wie<br />
kaum einem anderen.<br />
Harry Schmidt<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Marike van Dijk feat. Jeff Taylor<br />
& Katell Keineg<br />
The Stereography Project<br />
HERT / Membran<br />
W W W W o<br />
Ein neues Album der Altsaxofonistin<br />
und Bandleaderin Marike<br />
van Dijk, dessen heimliche Stars<br />
über den Zusatz „feat.“ ins Licht<br />
gerückt werden. Die beiden Singer/Songwriter<br />
Jeff Taylor und<br />
Katell Keineg haben praktisch<br />
zwei Alben mit eigenen Stücken<br />
in zwei Etappen aufgenommen,<br />
zu denen Marike van Dijk zwei<br />
verschiedene Ensembles mit<br />
Jazz-Bläsern und Streichern<br />
zusammenstellte. Der Anfangssong<br />
„Bastard“ könnte mit<br />
Jeff Taylors brüchiger Stimme<br />
und der verschleppten, etwas<br />
schludrigen Bandbegleitung<br />
auch von Tom Waits sein. Ganz<br />
im Gegensatz dazu wird der<br />
zweite Song „Organelle“ von<br />
zarten Geigen und Blechbläsern<br />
umrahmt. Musikalisch großes<br />
Kopfkino mit Kurt-Weill-Charakter,<br />
vorgetragen von einem<br />
schmerzhaft verzweifelten Vokalisten.<br />
Das fröhliche swingende<br />
„It Swell“ wiederum hat Anklänge<br />
an die Edelschlager von Burt<br />
Bacharach, abgesehen von ein<br />
paar schrägen Dissonanzen, die<br />
das Stück ironisieren und ihm<br />
die Süßlichkeit nehmen. Taylor<br />
klingt hier wie ausgewechselt.<br />
Mit dieser Stimme präsentiert er<br />
amerikanisches Entertainment<br />
der alten Schule. Überraschend<br />
organisch geht es dann im<br />
sechsten Stück „At the Mermaid<br />
Parade“ mit Katell Keineg<br />
weiter. Ihr Gesang erinnert ein<br />
bisschen an die Girl Groups<br />
der 60er Jahre. Das surreale „I<br />
Feel in Love With the World“<br />
schließlich rundet ein Album<br />
ab, in dem exzentrischer Pop,<br />
cineastische Stimmungsbilder,<br />
geschickt dosierte Orchester-<br />
Arrangements und Bigband-<br />
Jazz eine gelungene Synthese<br />
eingehen. Ein Album, das in<br />
keine Schublade passt.<br />
Andreas Schneider<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Papanosh feat. Roy Nathanson<br />
& Marc Ribot<br />
Home Songs<br />
Yellowbird / Soulfood<br />
W W W W<br />
Wirklich greifen kann man<br />
Home Songs nicht: Das neue<br />
Album des französischen<br />
Quintetts Papanosh changiert<br />
irgendwo zwischen einem von<br />
Tom Waits geprägten Zirkus-<br />
Jazz, kantigem Bebop und<br />
dem gepflegtem Chaos, das in<br />
Brooklyn ebenso zu finden ist<br />
wie in einem ganz bestimmten<br />
kleinen gallischen Dorf. Schön,<br />
aber auch irre. Und vielleicht<br />
gerade deshalb schön. Aufgenommen<br />
wurde die Platte in<br />
New York, bei einem Besuch<br />
bei Jazz-Passenger-Gründer<br />
Roy Nathanson, mit dem Papanosh<br />
schon länger zusammenarbeitet<br />
und der auch hier<br />
faszinierende Sprechstücke<br />
einfließen lässt. Dieser war<br />
es auch, der kurzerhand noch<br />
Marc Ribot mit ins Boot holte,<br />
der etwa in „King of the World“<br />
für feine Soli sorgt, sich aber<br />
nicht aufdrängt und auch auf<br />
die bei ihm sonst so beliebten<br />
avantgardistischen Phrasen<br />
verzichtet. Im Mittelpunkt<br />
sollen lieber andere stehen.<br />
Nathanson natürlich, der vor<br />
allem bei „Monsieur Shadows“<br />
einen großartigen Job macht <strong>–</strong><br />
aber eben auch die großartigen<br />
Franzosen mit ihrem ebenso<br />
virtuosen wie mutigen Spiel.<br />
Trompeter Quentin Ghomari<br />
setzt ebenso beeindruckende<br />
Akzente wie Saxofonist Raphaël<br />
Quenehen und Hammond-<br />
und Wurlitzer-Meister<br />
Sébastien Palis. Das führt<br />
mitunter zu überaus wilden<br />
Ausflügen wie bei „Skatefulk“,<br />
dann aber auch zu feinen<br />
Balladen wie dem melancholischen<br />
„Les Colchiques“.<br />
Den schönsten Groove und<br />
auch den ausgeprägtesten<br />
Liedcharakter hat allerdings<br />
der brasilianische Folk-Song<br />
„K‘arallanta“, den Gastsängerin<br />
Linda Oláh mit weicher Stimme<br />
intoniert. Erfreulicherweise<br />
erweist sich diese Mischung<br />
als überaus stimmig und macht<br />
Home Songs zu einem Album,<br />
in das man auf jeden Fall mal<br />
reinhören sollte.<br />
Thomas Kölsch<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Dave Holland<br />
Uncharted Territories<br />
Dare2 / H‘Art<br />
W W W W o<br />
Mit dabei sind Saxofonist Evan<br />
Parker, Schlagzeuger Ches<br />
Smith und Pianist Craig Taborn.<br />
Aber dieses Quartett tritt in den<br />
23 Aufnahmen dieser Doppel-<br />
CD nur fünf Mal in kompletter<br />
Besetzung auf, meist sind es<br />
wechselnde Duo- oder Trio-<br />
Konstellationen. Die Entstehung<br />
dieser freien Improvisationssessions<br />
geht weit zurück, bis zu<br />
Dave Hollands Zusammenarbeit<br />
mit dem britischen Saxofonisten<br />
Evan Parker. Als junge, noch
Kolumne<br />
Charles Mingus<br />
Mingus Ah Um<br />
Green Corner / In-Akustik<br />
W W W W W<br />
Ella Fitzgerald &<br />
Louis Armstrong<br />
Cheek to Cheek<br />
Verve / Universal<br />
W W W<br />
Götz Alsmann<br />
5 Original Albums<br />
Boutique / Universal<br />
W W W<br />
Cassandra Wilson<br />
5 Original Albums<br />
Blue Note / Universal<br />
W W W W<br />
Paco de Lucia<br />
5 Original Albums<br />
Mercury / Universal<br />
W W W W<br />
Charles Mingus’ Album Mingus<br />
Ah Um gehört zu den wichtigsten<br />
Werken des Bassisten, Bandleaders<br />
und Komponisten. Das Eröffnungsstück<br />
„Better Git It in Your<br />
Soul“ startet furios und wechselt<br />
später überraschend das Tempo<br />
in einen Break mit Händeklatschen<br />
zu einem Tenorsax-Solo;<br />
dann wird der boppige Speed<br />
wieder aufgenommen. Neben<br />
den Instrumenten sind Stimmen<br />
der Musiker zu hören. Mingus<br />
„vereinte den Intellektualismus<br />
des Bebop und die poetische<br />
Eindringlichkeit der Beat Poetry“<br />
(so Wolf Kampmann in seiner<br />
Geschichte des Jazz von 1900 bis<br />
Übermorgen). Viele seiner Songs<br />
hatten Texte; seine Musiker<br />
sollten nicht einmal bei Proben<br />
vom Blatt spielen, sondern aus<br />
dem Gedächtnis einen Part<br />
bringen, den Mingus ihnen<br />
vorgesungen hatte. Das passte<br />
vielen Kollegen nicht. Deshalb<br />
und vor allem wegen der<br />
impulsiver Art des Bandleaders<br />
verzeichneten die Ensembles<br />
des eigenwilligen Künstlers eine<br />
ungewöhnlich hohe Fluktuation;<br />
Mingus bezeichnete denn auch<br />
seine Gruppen nicht als Bands,<br />
sondern als Workshops. Bei<br />
der Einspielung von Ah Um in<br />
New York im Mai 1959 waren die<br />
Saxofonisten John Handy, Curtis<br />
Porter und Booker Ervin dabei;<br />
Jimmy Knepper oder Willie<br />
Dennis spielten Posaune; dazu<br />
kamen Horace Parlan (Piano),<br />
der Meister am Bass und Dannie<br />
Richmond (Drums). Ah Um gilt<br />
als Hommage an prägende Jazz-<br />
Persönlichkeiten; so sind Kompositionen<br />
Lester Young, Duke<br />
Ellington, Charlie Parker und Jelly<br />
Roll Morton gewidmet. Lange<br />
bevor das Standard wurde, war<br />
Jazz für Mingus die „Klassische<br />
Musik der Schwarzen“. Während<br />
er einerseits in der Tradition<br />
verwurzelt war, zählt Mingus zu<br />
den Neuerern des Jazz. In seinen<br />
Gruppen wurde schon in den<br />
50er Jahren kollektiv improvisiert;<br />
es gab unvermutete Rhythmus-<br />
und Taktwechsel. Ein Novum<br />
des jetzt vorliegenden Reissues<br />
von Ah Um sind die Stereo- und<br />
Monoversionen, die auf zwei<br />
CDs dargeboten werden. In den<br />
späten 50er Jahren nahmen die<br />
großen Labels simultan zwei<br />
Versionen auf. Mono wurde<br />
weiterhin angeboten, denn ein<br />
großer Teil des Publikums besaß<br />
noch nicht die für die Stereo-<br />
Version notwendigen Abspielgeräte.<br />
Neuerdings gibt es Fans, die<br />
sich für diese überholte Technik<br />
interessieren. Klangfreaks<br />
können nun die verschiedenen<br />
Versionen vergleichen. Erklärungen<br />
über die verschieden Längen<br />
bei etlichen Stücke enthält ein<br />
16-Seiten-Booklet.<br />
Kein Beiheft gehört zur 4-CD-<br />
Box Cheek to Cheek von Ella<br />
Fitzgerald und Louis Armstrong.<br />
Reissue<br />
Wonderland<br />
unbekannte Musiker hatten die<br />
beiden in John Stevens‘ Spontaneous<br />
Music Ensemble gespielt.<br />
Holland nahm diesen Weg des<br />
Free Jazz dann wieder auf, als<br />
er die Band von Miles verließ<br />
und sich Chick Corea, Barry Altschul<br />
und Anthony Braxton für<br />
das kurzlebige Circle Ensemble<br />
anschloss; danach begann er<br />
eine lange Zusammenarbeit mit<br />
dem Avantgarde-Saxofonisten<br />
Sam Rivers <strong>–</strong> und gab natürlich<br />
ein meisterhaftes Debüt als<br />
Leader mit dem Titel Conference<br />
of the Birds mit Rivers, Braxton<br />
und Altschul. Um das erneute<br />
Zusammenspiel mit Parker<br />
nicht zu einem routinierten<br />
Treffen werden zu lassen, holte<br />
Holland eine jüngere Generation<br />
dazu. Eingespielt bei spontanen,<br />
ungeprobten Sessions,<br />
entwickelte sich die Musik<br />
dieser vier extrem spannend.<br />
Besonders gefallen die Bassund<br />
Percussion-Duette sowie<br />
das gelegentliche Orgelbrummen<br />
von Taborn. Doch ein ganz<br />
besonderer Genuss sind die<br />
Stücke mit dem vollen Quartett,<br />
entwickeln sich zwischen den<br />
Beteiligten doch hier eine Reihe<br />
tiefer, vielschichtiger Kommunikationen.<br />
Ein Album, mit dem<br />
der in der Vergangenheit oft<br />
fruchtbare Austausch zwischen<br />
der amerikanischen und der<br />
britischen Free-Jazz-Szene<br />
eine überzeugende Fortsetzung<br />
erfährt.<br />
Olaf Maikopf<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Frank Wingold<br />
Entangled Music<br />
Berthold / Harmonia Mundi<br />
W W W W<br />
„Entangled“ ist ein Begriff<br />
aus der Quantenphysik und<br />
bedeutet „verschränkt“. Der<br />
Terminus der Quantenverschränkung<br />
bezeichnet das<br />
Phänomen, dass der Zustand<br />
eines Systems verschränkter<br />
Teilchen nicht als Kombination<br />
einzelner Teilchenzustände,<br />
sondern nur für die Gesamtheit<br />
dieses Systems beschrieben<br />
werden kann. Völlig unakademisch<br />
hat der Kölner Gitarrist<br />
Frank Wingold, Professor<br />
an der Musikhochschule<br />
Oldenburg, diese Anregung<br />
als Inspiration für sein neues<br />
Album aufgefasst. Eingespielt<br />
mit Robert Landfermann am<br />
Bass und Jonas Burgwinkel am<br />
Schlagzeug, die als eingespielte<br />
Rhythmusgruppe hierzulande<br />
ihresgleichen suchen,<br />
lotet Wingold auf den zehn<br />
Stücken von Entangled Music<br />
die produktiven Implikationen<br />
dieses der Unschärferelation<br />
verwandten Theorems aus.<br />
Tatsächlich entsteht so ein<br />
kammermusikalischer Trio-Jazz<br />
jenseits von Soloroutinen<br />
und Begleitfunktion. Dennoch<br />
verliert das Ineinandergleiten<br />
und -fließen von Skalen, Linien<br />
und Patterns sich nicht in<br />
Beliebigkeit, verfügt jede von<br />
Wingolds Kompositionen doch<br />
über eine spezifische Disposition:<br />
Wo der Ausgangspunkt für<br />
„Adelante“ in lateinamerikanischem<br />
Jazz und spanischer<br />
Folklore zu liegen scheint,<br />
schlägt „Monolith“ fast ähnlich<br />
post-punkrockige Töne an<br />
wie Joe Baiza im Anschluss<br />
an Ornette Colemans Konzept<br />
der Harmolodics mit Universal<br />
Congress Of. Ungleich gelöster<br />
die sich ergänzenden Interaktionen<br />
in „Bipolar“. Mit einer<br />
tänzerischen Folge von Single<br />
Notes hebt der Opener „Urban<br />
Myth“ an. Augenzwinkernd dagegen<br />
die Country-Elemente in<br />
„Cowboy Calumet Abuse“. Echt<br />
gewitzt: die Boogie-Bluesrock-<br />
Parodie „Rare Earth“.<br />
Harry Schmidt<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
84 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Deshalb erfahren wir nichts<br />
über die Aufnahmedaten und<br />
-orte und die Begleitbands<br />
bei 75 Titeln <strong>–</strong> angeblich die<br />
„Complete Duet Recordings“<br />
der beiden Weltstars. Also<br />
bleibt nur das Vergnügen an den<br />
musikalischen Zwiegesprächen<br />
von Ella und Louis. Da sind die<br />
Hits aus dem Great American<br />
Song Book, die Lieder aus Porgy<br />
and Bess; man kennt eigentlich<br />
alles, und doch macht das Wiederhören<br />
Freude. Armstrongs<br />
Trompete, Ellas Stimme, mal von<br />
einer Bigband begleitet, mal von<br />
einer Combo. Oft sentimental,<br />
doch nie kitschig. In seiner<br />
Autobiografie bekennt Miles<br />
Davis, dass er „Satchmo“ genauso<br />
liebe wie Dizzy Gillespie.<br />
„Aber ich hab´s immer gehasst,<br />
wie sie fürs Publikum grinsten<br />
und herumalberten.“ Davis<br />
erwähnt freilich auch, dass die<br />
Armstrong-Generation „schon<br />
‘ne Menge Türen für Leute wie<br />
mich geöffnet“ hatte. Deshalb<br />
hatte er es nicht nötig, sich<br />
im von Weißen beherrschten<br />
Musikgeschäft als Entertainer<br />
zu verkaufen. Man kann diese<br />
Sicht bezweifeln: Der geniale<br />
Musiker Armstrong war auch<br />
ein geborener Unterhaltungskünstler<br />
mit Spaß an der Show.<br />
Dass der Clown auch politisch<br />
dachte, bewies er 1957, als er<br />
sich weigerte, auf eine PR-Tour<br />
in die Sowjetunion zu reisen <strong>–</strong><br />
aus Protest gegen die Rassenpolitik<br />
der USA.<br />
Ein Entertainer ist auch Götz<br />
Alsmann, der vielen Deutschen<br />
als TV- und Radio-Moderator<br />
ein Begriff ist. Wenige wissen,<br />
dass der 1957 in Münster<br />
geborene Brillen-, Krawattenund<br />
Tollenträger über populäre<br />
Musik promoviert hat und Jazz<br />
kennt und liebt. So gewann er<br />
2012 den Echo Jazz in der Kategorie<br />
„Sänger national“. Alsmann<br />
spielt zudem Klavier, Orgel<br />
und Gitarre. Fünf Alben wurden<br />
nun zu einer Box zusammengestellt<br />
<strong>–</strong> jazzaffine, leichte Unterhaltung<br />
mit Instrumental-Soli.<br />
Auf der 1997 aufgenommenen<br />
CD Gestatten, Götz Alsmann ist<br />
Till Brönner dabei.<br />
Die entsprechende Cassandra-<br />
Wilson-Box enthält die 1995<br />
aufgenommene Platte New<br />
Moon Daughter, die es an die<br />
Spitze der US-Jazz-Charts<br />
schaffte. Wie der Eingangstitel<br />
„Strange Fruit“ vermitteln auch<br />
die eindrucksvoll dargebotenen<br />
Stücke von U2, Hank Williams<br />
und Neil Young traurigen<br />
Tiefgang. Cassandra at her<br />
best! Das Album Traveling Miles<br />
von 1999, das ebenfalls zur Box<br />
gehört, ist Wilsons Hommage an<br />
Miles Davis.<br />
Die Jazzwelt kennt den<br />
Gitarristen Paco de Lucia vor<br />
allem aus dem akustischen<br />
Trio mit Al Di Meola und John<br />
McLaughlin. Lucias 5er-Box<br />
bringt den Virtuosen in seinem<br />
eigentlichen Metier <strong>–</strong> dem Flamenco.<br />
Ein Hörgenuss und eine<br />
Möglichkeit, den Jazz-Horizont<br />
zu erweitern.<br />
Hans Hielscher<br />
Lee Konitz<br />
Prisma<br />
QFTF / Galileo<br />
W W W W<br />
Wir kennen die herrliche Gelassenheit<br />
in Lee Konitz’ Saxofonspiel,<br />
das auch im 90. Lebensjahr<br />
des heute in Köln lebenden US-<br />
Musikers nicht verstummt. Die<br />
dunkle Geschmeidigkeit in Konitz’<br />
Spiel legt ein tiefes Gespür für<br />
die innere Seele eines jeden Tons<br />
offen. Eitle Kraftmeierei ist ihm<br />
hingegen immer ein Fremdwort<br />
geblieben. Dies alles lebt auch<br />
in dem einzigen „klassischen“<br />
Saxofonkonzert, welches Konitz<br />
spielte und nun auf einem Album<br />
vorliegt. Konitz und der deutsche<br />
Komponist Guenther Buhles liefen<br />
sich vor 20 Jahren über den<br />
Weg. Man mochte sich, arbeitete<br />
zusammen. Heraus kam eine Art<br />
sinfonisches Doppelkonzert für<br />
Saxofon und Klavier, das einmal<br />
mehr alle rigiden Grenzziehungen<br />
zwischen E- und U-Musik<br />
kurzweilig obsolet macht.<br />
Konitz war neugierig auf die<br />
Sinfonik made in Germany, davon<br />
zeugt sein betont klassisches<br />
Spiel allemal. Das Orchester trägt<br />
im Gegenzug viele amerikanischpathetische<br />
Klangfarben auf.<br />
Eine auftrumpfende Rhythmik<br />
dürfte bei Spielern und Hörern<br />
viel kollektiven Spaß evoziert<br />
haben. Zugleich liefert das viersätzige<br />
Konzert Momente voll purer<br />
Schönheit. Konitz selbst darf<br />
nach Herzenslust auf Solopfaden<br />
wandeln bzw. beschreitet hier<br />
sehr leichtfüßig einen schmalen<br />
Grat zwischen Improvisation und<br />
klassisch geprägter Solokadenz.<br />
Im zweiten Teil mischt sich der<br />
Pianist Frank Wunsch äußerst<br />
spielfreudig ein.<br />
Die Uraufführung des Werks mit<br />
dem Brandenburgischen Staatsorchester<br />
Frankfurt wurde mitgeschnitten<br />
<strong>–</strong> eigentlich nur zur<br />
Dokumentation mit gerade zwei<br />
Mikros. Aber dieses Bootleghafte<br />
hat seinen eigenen Reiz, allein,<br />
dass es die Aura von Wärme<br />
noch verstärkt, so ähnlich wie<br />
es auch auf vielen historischen<br />
Klassik-Aufnahmen der Fall ist.<br />
Stefan Pieper<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Roberto Negro<br />
Dadada, Saison 3<br />
Label Bleu / Broken Silence<br />
W W W W W<br />
Wer einen Schritt weiterkommen<br />
will, versucht es zuweilen im Trio.<br />
Mit Émile Parisien und Michele<br />
Rabbia hat der Pianist Roberto<br />
Negro ein wunderbares vielsprachiges<br />
Klaviertrio gebildet. Jeder<br />
der drei Musiker bekommt darin<br />
viel Raum: Parisien für seine<br />
intimen und klangverliebten oder<br />
auch für seine vehementen,<br />
dramatischen Artikulationen am<br />
Sopransaxofon, Michele Rabbia<br />
für seine leisen, manchmal<br />
gleichwohl enorm treibenden<br />
Aktionen am Schlagwerk und für<br />
seine oft sparsamen, immer pointierten<br />
elektronischen Angebote.<br />
Und natürlich Roberto Negro<br />
für seine präzisen vorder- und<br />
hintergründigen, meist vieldeutigen<br />
rhythmisch-harmonisch-melodischen<br />
Aktionen am Klavier.<br />
Er changiert zwischen impressionistisch<br />
untermalter zeitgenössischer<br />
Klassik, rhythmischen<br />
Attacken, warmen harmonischen<br />
Fortschreitungen, schafft manchmal<br />
alle drei widersprüchlichen<br />
Komponenten zugleich und bleibt<br />
bei alldem subtil und vieldeutig.<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 85
Kolumne<br />
Laurie Anderson<br />
Landfall<br />
Nonesuch / Warner<br />
W W W W o<br />
Joshua Redman<br />
Still Dreaming<br />
Nonesuch / Warner<br />
W W W W<br />
Seiji Nakamura Quintet + 2<br />
The Boss<br />
Three Blind Mice / Sieveking<br />
Sound<br />
W W W o<br />
Miles Davis & John Coltrane<br />
The Final Tour <strong>–</strong> Copenhagen,<br />
March 24, 1960<br />
Columbia / Sony<br />
W W W W W<br />
Jimi Tenor<br />
Order of Nothingness<br />
Crammed / Indigo<br />
W W W W<br />
Wolfgang Lackerschmid & The<br />
Brazilian Trio<br />
Studiokonzert<br />
Neuklang / In-Akustik<br />
W W W W<br />
„Landfall“ bezeichnet den<br />
Moment, in dem ein Tornado<br />
auf Land trifft und sein Zerstörungswerk<br />
beginnt. Das Opfer<br />
eines solchen Sturms wurde<br />
auch Laurie Anderson. Ihr<br />
Keller mit Instrumenten, Partituren<br />
und Memorabilia wurde<br />
geflutet, zurück blieben nur<br />
Erinnerungen. Diese Situation<br />
wurde für Anderson jedoch<br />
eine wesentliche Inspirationsquelle<br />
für ihre mit typischer<br />
Distanziertheit vorgetragenen<br />
Geschichten und eine Musik,<br />
die sie zusammen mit dem<br />
Kronos Quartet konzipierte<br />
und in mühevoller Kleinarbeit<br />
zusammensetzte. So musste<br />
sie beispielsweise erst mit Hilfe<br />
eines befreundeten Komponisten<br />
lernen, für Streichquartett<br />
zu schreiben. Der Mix der<br />
Aufnahmen brauchte mehr als<br />
ein Jahr, bis das Ergebnis sie<br />
überzeugte. Der Aufwand hat<br />
sich gelohnt: Landfall ist eine<br />
faszinierende Reflexion über<br />
die Macht der Erinnerung, eine<br />
Annäherung an die Magie von<br />
Sprache und Wörtern. Wie die<br />
Vorstellung von einer Sache<br />
mächtiger sein kann als das<br />
real Existente, das erfüllt die<br />
Texte, die Anderson so aufwändig<br />
mit den instrumentalen<br />
Passagen verwoben hat. Dabei<br />
ist die bedrohliche Präsenz<br />
des immer näher kommenden<br />
Sturms permanent fühlbar.<br />
Um Erinnerung, aber auch<br />
um Selbstreflexion geht es<br />
bei Joshua Redmans neuem<br />
Album. Diesmal an seinen Vater<br />
Dewey Redman, der früh die<br />
Familie verlassen hatte und den<br />
er erst als Erwachsener besser<br />
kennenlernen durfte. Und<br />
an Old and New Dreams, die<br />
Gruppe, mit der dieser in den<br />
70er und 80er Jahren spielte.<br />
Besetzt mit den Ex-Colemanites<br />
Don Cherry, Charlie Haden, Ed<br />
Blackwell und Dewey Redman<br />
entwickelte die Band Colemans<br />
charakteristischen Improvisationsstil<br />
in weltmusikalischer<br />
Hinsicht weiter. Still Dreaming<br />
ist eine emotionale Hommage<br />
geworden, bei der Joshua Redman<br />
mit seinen Mitstreitern Ron<br />
Miles, Scott Colley und Brian<br />
Blade ein fast telepathisches<br />
Level beim Zusammenspiel<br />
erreicht. Im Vergleich gehört,<br />
wirkt die Musik der alten<br />
Dreams fast so roh wie frühe<br />
Blues-Platten. Den Ausklang<br />
bildet ein verhalltes Sample von<br />
Colemans „Lonely Woman“.<br />
Those were the days.<br />
Der Albumtitel The Boss passt<br />
eigentlich eher zu respekteinflößenden<br />
amerikanischen<br />
Saxofongrößen à la Gene<br />
Ammons oder Dexter Gordon.<br />
Aber es ist eine gewollte Assoziation,<br />
denn der japanische<br />
Saxofonist Seiji Nakamura galt<br />
im Japan der siebziger Jahre<br />
auf seinem Instrument als<br />
Autorität, und er hatte bereits<br />
in der Band des in Europa<br />
ungleich bekannteren Yosuke<br />
Yamshita gespielt. Auf der jetzt<br />
im Archivkeller wiedergefundenen<br />
Aufnahme vom legendären<br />
74er-Jazzfestival in Tokio bricht<br />
Nakamura mit seinen Quintett<br />
zu einer 20-minütigen Post-<br />
Bop-Tour de Force auf, die<br />
nicht nur die Veranstalter vom<br />
engagierten Label Three Blind<br />
Endlosrillen<br />
Mice und das jazzverrückte<br />
japanische Publikum mitriss,<br />
sondern auch Musiker zum<br />
spontanen Einsteigen motivierte.<br />
Allzu weit von den US-Vorbildern<br />
löste sich die Gruppe<br />
nicht, aber ihr Enthusiasmus ist<br />
derart ansteckend, dass auch<br />
der Neuling an der Gitarre, der<br />
damals erst 19-jährige Kazumi<br />
Watanabe, ein tolles Solo<br />
abliefert.<br />
Das Faszinierende an der LP,<br />
welche das Kopenhagener<br />
Konzert der Europatour des<br />
Miles Davis Quintet mit John<br />
Coltrane erstmals in guter<br />
bis sehr guter Tonqualität<br />
erhältlich macht, ist die kreative<br />
Spannung zwischen den<br />
beiden bejubelten Protagonisten.<br />
Dabei war Coltrane schon<br />
mit Giant Steps auf dem Weg<br />
zu einer neuen Spiritualität.<br />
In seinen langen Soli experimentiert<br />
er ohne Rücksicht<br />
auf Publikumsgeschmack und<br />
Bandleader mit den neuen Stilmitteln<br />
und geht dabei so weit,<br />
dass man quasi ein Vor-Echo<br />
des interstellaren Klangraums,<br />
in dem sich Coltrane einige<br />
Jahre später bewegen würde,<br />
erahnen kann. Aber auch Davis<br />
ist in Topform, und so befeuern<br />
sich die beiden mit Ideen, die<br />
über die Musik des gerade<br />
erschienen Kind of Blue-<br />
Albums deutlich hinausgehen.<br />
Unterstützt werden diese Trips<br />
von der superaufmerksamen<br />
und sich ihrer Bedeutung<br />
bewussten Rhythmusgruppe<br />
<strong>–</strong> drei Vermittler zwischen den<br />
Temperamenten. Ein Muss,<br />
nicht nur für Miles- oder<br />
Coltrane-Fans.<br />
Zurück in den real existierenden<br />
Weltraum. Der Finne<br />
Jimi Tenor liebt es, sich im<br />
Studio aus seinen favorisierten<br />
Musikgenres ein eigenes<br />
musikalisches Universum<br />
zu erschaffen. Bei Order of<br />
Nothingness liefert der Finne<br />
ein nicht ganz homogenes<br />
Konstrukt mit interstellar vibrierendem<br />
Afrobeat-Kern ab, um<br />
den witzige andere Adaptionen<br />
afroamerikanischen Ursprungs<br />
kreisen. Realisiert hat er das<br />
Ganze mit hörbar viel Vintage-<br />
Instrumentarium und Rhythmuserzeugern<br />
aus aller Welt.<br />
Diese machen den besonderen<br />
Kick von Order of Nothingness<br />
aus und liefern Tenor die perfekte<br />
Ausgangsbasis für seine<br />
Fantasien. Abgehoben.<br />
Wolfgang Lackerschmid ist der<br />
vielleicht profilierteste und vielseitigste<br />
deutsche Vibraphonist<br />
und auf mittlerweile über 100<br />
Plattenaufnahmen zu hören.<br />
Ihn in intimer Club-Atmosphäre<br />
aus nächster Nähe mit dem<br />
befreundeten Brazilian Jazz<br />
Trio hören zu können, ist der<br />
ambitionierten Studiokonzert-<br />
Reihe zu verdanken, die sich<br />
mit ihren sehr direkt klingenden<br />
Aufnahmen einen guten Ruf<br />
nicht nur bei HiFi-Enthusiasten<br />
erworben hat. Auf dem<br />
Programm steht ein abwechslungsreicher<br />
Streifzug durch<br />
diverse brasilianische Idiome,<br />
wobei auf bekannte Klischees<br />
dankenswerterweise verzichtet<br />
wurde. Das Trio um den eloquenten<br />
Pianisten Hélio Alves<br />
am Grand Piano erweist sich<br />
als verschworene Gemeinschaft,<br />
die mit Lackerschmid<br />
problemlos zum inspirierten<br />
Quartett wird. Leicht und luftig.<br />
Joachim Weis<br />
86 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Literatur<br />
Die zwölf Stücke auf dem Album<br />
sind liedhafte Miniaturen, alle<br />
komponiert von Negro, aber er<br />
verfügt dabei über mehr als eine<br />
Handschrift. Für die kleine Besetzung<br />
wartet er mit einem enormen<br />
Ideenreichtum auf, so dass<br />
die Spielhaltung des Trios vom<br />
Spirit des Kompositorischen stärker<br />
geprägt ist als vom Geist der<br />
Improvisation. Aber man vermisst<br />
keine Spontaneität, sondern<br />
kann sich immer wieder erfreuen<br />
an dem intelligenten Abwechslungs-<br />
und Ideenreichtum und an<br />
der Konsequenz, mit der Stücke<br />
beendet werden, wenn eine Idee<br />
ausformuliert ist. Nichts wird in<br />
die Länge gezogen. Aber alles<br />
hat hier seine Zeit.<br />
Hans-Jürgen Linke<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Focusyear Band<br />
After This<br />
Neuklang / In-Akustik<br />
W W W W<br />
Focusyear ist das Projekt des<br />
Gitarristen Wolfgang Muthspiel,<br />
eine direkte Lernumgebung für<br />
talentierte Musiker aus aller<br />
Welt, in der diese sich ausschließlich<br />
mit dem Klang und<br />
der Arbeit in einem Ensemble<br />
beschäftigen können. Inspiriert<br />
vom World Music Institute in<br />
Berklee und dem Monk Institute<br />
in Los Angeles wurde diese Idee<br />
erstmals im vergangenen Jahr<br />
auf dem Jazzcampus in Basel<br />
verwirklicht. Unter Leitung von<br />
sechzehn Coaches, darunter<br />
Django Bates, Avishai Cohen,<br />
Dave Holland, Lionel Loueke<br />
und Joshua Redman trafen sich<br />
von einer Fachjury ausgewählte<br />
Jazzmusiker, um <strong>–</strong> versehen mit<br />
einem Stipendium <strong>–</strong> sich ein ganzes<br />
Jahr lang ohne finanziellen<br />
Druck ihrer Musik zu widmen. Es<br />
wurden verschiedene Liveprogramme<br />
erarbeitet, die dann<br />
aufgeführt und auch im Tonstudio<br />
eingespielt wurden. Eine dieser<br />
Aufnahmen ist After This. In der<br />
Focusyear Band spielen sieben<br />
Instrumentalisten und eine Sängerin,<br />
plus Wolfgang Muthspiel<br />
bei einem Stück, facettenreiche<br />
Eigenkompositionen. So unterschiedlich<br />
die geographische<br />
Herkunft der Musiker (Polen,<br />
Griechenland, Israel, Frankreich,<br />
Litauen, Russland, England), so<br />
unterschiedlich ist auch deren<br />
musikalisches Zuhause in Jazz,<br />
Pop, Klassik, der freien Improvisation<br />
und zeitgenössischen<br />
Musik. All das vereinen sie hier<br />
zu einem atmosphärischen,<br />
eigenständigen und feinsinnigen<br />
Sound voller musikalischer<br />
Poesie. Der ist mal lyrisch, mal<br />
prägnant, um Takte später zu<br />
einem eleganten Klangteppich<br />
zu werden. Die Kompositionen<br />
und Arrangements sind beinah<br />
akribisch durchdacht, stets ausgefeilt,<br />
zeigen oft überraschende<br />
Momente und Schrägheiten als<br />
stilbildendes Element.<br />
Olaf Maikopf<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Reis / Demuth / Wiltgen<br />
Once in a Blue Moon<br />
CAM Jazz / Harmonia Mundi<br />
W W W W<br />
Bei der Namensgebung verfahren<br />
sie klassisch demokratisch.<br />
Die drei Luxemburger <strong>–</strong> Pianist<br />
Michel Reis, Bassist Marc<br />
Demuth und Schlagzeuger Paul<br />
Wiltgen <strong>–</strong> sind auch ansonsten<br />
angenehme Zeitgenossen.<br />
Frisch und vital spielt sich das<br />
Trio durch ein Repertoire von<br />
dreizehn Songs, die entweder<br />
von einer gewissen Leichtigkeit<br />
und Eingängigkeit wie etwa<br />
Reis’ „22 May 15“ leben oder<br />
rhythmisch geradezu hypnotisierend<br />
wirken wie „Push“, das aus<br />
der Feder des Schlagzeugers<br />
stammt. Und dann konnten die<br />
Drei nicht widerstehen, mit Joni<br />
Es gibt mehrere gute und einige weniger gute Gründe,<br />
der guten alten Langspielplatte nachzujammern oder ihre<br />
bescheidene Renaissance zu begrüßen. Einen gewichtigen<br />
Grund zeigte eine Ausstellung im Wiener Nestroyhof:<br />
die künstlerisch gestaltete Schallplattenhülle.<br />
Von Hans-Jürgen Linke<br />
Christine<br />
Janicek<br />
33 1/3 <strong>–</strong><br />
Cover Art<br />
30 mal 30 Zentimeter, das war schon etwas anderes als diese<br />
fast winzigen Booklets der CDs, um die es ja auch längst<br />
schlecht bestellt ist. Wer früher eine Langspielplatte kaufte,<br />
zahlte dafür einen vergleichsweise stolzen Preis und hatte<br />
danach ein Stück Kultur in der Hand. Das war sofort zu spüren<br />
und oft auch zu sehen. Letzteres begann 1940, als der Grafiker<br />
Alex Steinweiss damit anfangen durfte, die bis dahin schmucklos<br />
grauen Verpackungen der Schelllackplatten zu illustrieren.<br />
Vermuten wir mal, dass das der Geschäftsleitung anfangs<br />
eigentlich zu teuer war, und überhaupt: Was soll denn das,<br />
Kunst auf der Verpackung! Aber dann zeigte sich, dass Cover-<br />
Gestaltung auch kommerziellen Erfolg brachte. Rudolf Serkins<br />
Aufnahme von Beethovens fünftem Klavierkonzert mit den New<br />
Yorker Philharmonikern wurde mit künstlerisch gestaltetem<br />
Cover neun Mal mehr verkauft als die gleiche Aufnahme in der<br />
grauen Einheitshülle. Das Auge hört eben mit.<br />
So richtig Fahrt nahm die Covergestaltung mit der Einführung<br />
der Langspielplatte auf, die 1948 von der CBS auf den<br />
Markt gebracht wurde. Künstlerfotos waren das häufigste Ausgangsmaterial<br />
für das, was auf dem Cover zu sehen war. Die<br />
kreativen 60er Jahre brachten eine neue Phase der Gestaltung.<br />
Pop Art eroberte das Terrain. Schallplattencover waren nicht<br />
mehr nur Bildflächen, auf denen grafische Lösungen für Titelei<br />
und Porträtfotos gezeigt wurden, sondern wurden künstlerisch<br />
gestaltete Objekte.<br />
Nicht zuletzt die Beatles sorgten dafür, dass auch hier<br />
neue Maßstäbe gesetzt wurden. Das Sergeant-Pepper-Cover<br />
wurde zum mehrfach parodierten Meilenstein, über den sich<br />
etwa Frank Zappa (We’re Only in It for the Money) lustig<br />
machte. Velvet Underground brachte die LP mit Andy Warhols<br />
ikonografischer Banane heraus, die Stones machten was mit<br />
Reißverschluss (Sticky Fingers), Miles Davis und King Crimson<br />
fügten Vorder- und Rückseite zu einem ausklappbaren Überformat<br />
zusammen.<br />
Die Ausstellung, sehr kundig und wunderbar informativ,<br />
systematisch und bildersatt zusammengestellt von Christine<br />
Janicek und Arne Reimer, vermittelte einen nostalgisch<br />
eingefärbten Rückblick auf eine abgeschlossene Phase der<br />
Kunstgeschichte. Und wie diese Phase, so ist leider auch die<br />
Ausstellung vorbei, was noch ein Grund zum Jammern wäre.<br />
Aber zum Glück gibt es ja den Katalog.<br />
Christine Janicek (Hg.): Cover Art. Verlag für Moderne Kunst,<br />
Paperback, 29 x 24 cm, 169 Seiten, 33 Euro<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />
87
Tonspuren<br />
Mitchells „Both Sides Now“ ein<br />
Lied einzuspielen, das mittlerweile<br />
längst als Jazz-Standard<br />
gilt, so oft wird es von Jazzmusikern<br />
aufgenommen (zuletzt etwa<br />
von Rolf Kühn auf dessen neuem<br />
Album Yellow + Blue). Wie wichtig<br />
CAM-Jazz-Boss Ermanno<br />
Basso für die Band ist, kann man<br />
gerade hier erkennen, denn die<br />
Idee, Mitchells ikonischen Song<br />
durch eine lässige Einleitung auf<br />
dem Kontrabass beginnen zu<br />
lassen, stammt von ihm. Nicht<br />
die schlechteste Idee auf einem<br />
ideenreichen Klaviertrio-Album.<br />
Rolf Thomas<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
<strong>–</strong> des Oregon-Veteranen Paul<br />
McCandless ins gemäßigt exotische<br />
Konzept. Arild Andersen<br />
lässt den Bass singen, und Peter<br />
Erskine darf auf den Drums hin<br />
und wieder etwas Desert-Groove<br />
erzeugen. Ihre nächsten beiden<br />
Jazzalben hat Eckemoff schon<br />
angekündigt.<br />
Hans-Jürgen Schaal<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Still in the Woods<br />
Rootless Tree<br />
Neuklang / In-Akustik<br />
W W W W<br />
instrumentelle, solistische oder<br />
interaktive Zeichen setzen. Und<br />
das alles, ohne an die alten<br />
Traditionen des klassischen<br />
Jazz-Gesangs oder des avantgardistischen<br />
Vokalisentums<br />
anzuknüpfen.<br />
Man kann also mit Fug und<br />
Recht sagen, dass Still in the<br />
Woods mehr will als Jazz spielen<br />
und auch mehr als Singer-<br />
Songwriter-Lieder machen. Das<br />
Quartett will beides miteinander<br />
versöhnen, ohne dabei eine<br />
klare Entscheidung für eine<br />
der beiden Seiten zu treffen.<br />
Rootless Tree ist ein gelungener<br />
Schritt in diese Richtung.<br />
Hans-Jürgen Linke<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Peter Gabriel, mit viel Fantasie<br />
der rote Teppich ausgerollt. Aber<br />
dann heißt es Bühne frei für<br />
Densons eigenes, tief persönliches<br />
Songwriting. Das kommt<br />
souverän und beseelt daher<br />
und gibt unerschöpflich Futter<br />
für Densons mal sehnsuchtsvoll<br />
schwelgende, dann schon<br />
fast nachdenklich abgeklärte<br />
Gesangskunst. Denson, der<br />
zusätzlich zum Gesang seinen<br />
Bass energetisch beackert oder<br />
dessen Saiten mit dem Bogen<br />
streicht, bleibt ein absoluter<br />
Bandmusiker, entsprechend<br />
dicht verwoben sind die Arrangements<br />
der Stücke. Da kommen<br />
Saxläufe von Dayna Stephens<br />
wie Koloraturen ins Spiel,<br />
schmiegen sich Kari Ikonens<br />
filigrane Moogsynthesizerläufe<br />
oder warme Rhodesflächen an<br />
den beseelten Gesang und sorgt<br />
Schlagzeuger Ronen Itzik auch<br />
in verfrickelten 7/8-Metren dafür,<br />
dass nichts aus dem Ruder läuft.<br />
Stefan Pieper<br />
Yelena Eckemoff<br />
Desert<br />
L & H / In-Akustik<br />
W W W W<br />
Es ist bereits ihr zwölftes Jazzalbum<br />
in neun Jahren. Die Pianistin,<br />
die 1991 aus Russland in die USA<br />
zog, schreibt sozusagen ihre ganz<br />
eigene Jazzgeschichte. Jedes ihrer<br />
Alben konzipiert sie als kleines<br />
Gesamtkunstwerk <strong>–</strong> die Stücke,<br />
die Gemälde, die literarischen<br />
Texte, alles stammt von ihr. Und<br />
ihre Mitmusiker sucht Yelena<br />
Eckemoff sorgsam aus. Große<br />
Namen waren schon darunter,<br />
etwa Billy Hart, Marilyn Mazur,<br />
George Mraz oder Chris Potter.<br />
Diesmal geht es ums Konzeptthema<br />
„Wüste“, für das Eckemoff elf<br />
Stücke mit Titeln wie „Bedouins“,<br />
„Oasis“ oder „Dust Storm“<br />
zusammengestellt hat. Sie übt<br />
sich hier nicht in Orient-Jazz, sondern<br />
übersetzt sanfte exotische<br />
Anklänge in ein harmonisches<br />
Gerüst. Ihre Themen haben etwas<br />
Kapriziöses, ihr Klavierspiel ist linearer<br />
und verwinkelter als sonst,<br />
die Musik besitzt einen schönen<br />
Fluss, und die Mitstreiter sind drei<br />
echte Feingeister. Gut passen<br />
die „näselnden“ Instrumente <strong>–</strong><br />
Oboe, Englischhorn, Sopransax<br />
Immer noch keine Wurzeln geschlagen?<br />
Immer noch heimatlos?<br />
Macht nichts, es gibt ja die<br />
Musik. Das Quartett Still in the<br />
Woods mit Anna Hauss (voc),<br />
Robert Wienröder (p), Raphael<br />
Seidel (b) und Jakob Hegner (dr)<br />
versucht sich an der Auflösung<br />
einer Situation durch ihre künstlerische<br />
Gestaltung. Ihr Album<br />
hat nicht nur den Charakter<br />
eines Konzeptalbums, sondern<br />
auch eine literarische Dimension.<br />
Es ist eingeteilt in sechs sogenannte<br />
Kapitel, denen jeweils<br />
zwei bis drei Songs zugeordnet<br />
sind, und die sechs Kapitel<br />
benennen Seelenzustände: „still<br />
rootless“, „still awake“, „still<br />
apart“, „still searching“, „still<br />
a child“ und „still in between“.<br />
Pure Romantik also. Letztlich<br />
aber ist es das letzte Kapitel mit<br />
dem Titel „Immer noch zwischen<br />
allen Stühlen“ dasjenige, um das<br />
es eigentlich geht. Denn auch<br />
Still in the Woods macht etwas<br />
dazwischen: Musik, die einerseits<br />
so klar an der Liedform<br />
orientiert ist, dass sie beinahe<br />
noch als Singer-Songwriter-<br />
Produkt durchgehen könnte,<br />
wenn sie nicht andererseits und<br />
zwischendurch so deutlich jazzige<br />
Verlaufsformen ansteuern<br />
würde, die die Liedform hinter<br />
sich lassen und andere, nämlich<br />
Jeff Denson<br />
Outside My Window<br />
Ridgeway / In-Akustik<br />
W W W W<br />
Hier braucht niemand zu<br />
fürchten, dass ein Jazzinstrumentalist<br />
das Singen nicht sein<br />
lassen konnte. Denn für den im<br />
US-Staat Virginia groß gewordenen<br />
Denson ist Gesang der<br />
elementare Zugang zur Musik<br />
überhaupt <strong>–</strong> schon lange, bevor<br />
er die Laufbahn des Bassisten<br />
einschlug! Dies prägte auch die<br />
bisherigen Combo-Alben, auf<br />
denen es Densons Bassspiel nie<br />
an singender Präsenz mangeln<br />
lässt. Jetzt gibt es Jeff Denson<br />
als Sänger und großen Lyriker<br />
auf einer Vocalplatte, natürlich<br />
mit Band zu erleben. Souverän<br />
erhebt sich hier Jeff Densons<br />
latent androgyne, silbrig<br />
glänzende Gesangsstimme über<br />
jede Genrefestschreibung <strong>–</strong> egal<br />
ob die nun Jazz, avancierter<br />
Kunst-Pop oder schillernder<br />
Progressive Rock mit Hang zur<br />
unendlichen Melodie genannt<br />
werden möchte. Zu Anfang<br />
wird zwei amtlichen Ikonen der<br />
Pophistorie, Jeff Buckley und<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Pulsar Trio<br />
Zoo of Songs<br />
13 / Galileo<br />
W W W o<br />
Sitar, Klavier und Schlagzeug<br />
<strong>–</strong> das klingt nach „East meets<br />
West“, nach weltmusikalischem<br />
Fusion-Jazz. Doch das Pulsar Trio<br />
sind drei gut gelaunte junge Leute<br />
aus Potsdam, die seit einigen<br />
Jahren unbekümmert ihre facettenreiche<br />
und locker groovende<br />
Musik machen, ohne sich an<br />
übliche World-Music-Strickmuster<br />
zu halten. Matyas Wolter<br />
benutzt die Sitar im Grunde wie<br />
ein westliches Saiteninstrument,<br />
wobei er die reichhaltigen<br />
Verzierungs-Möglichkeiten des<br />
indischen Instrumentes geschickt<br />
in das folk-jazzige Konzept des<br />
Trios einfließen lässt. Beate Wein<br />
am Klavier wirkt perfekt in zwei<br />
88 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Kolumne<br />
Hugh Masekela<br />
1966 - 1976<br />
Wrasse / Indigo<br />
W W W W W<br />
Various Artists<br />
African Scream Contest Vol. 2<br />
Analog Afrika / Indigo<br />
W W W W<br />
Various Artists<br />
I’m not Here to Hunt Rabbits<br />
Vital / Piranha<br />
W W W W<br />
Fatoumata Diawara<br />
Fenfo<br />
Wagram / Indigo<br />
W W W o<br />
Catrin Finch/Seckou Keita<br />
Soar<br />
bendigedig / DA Music<br />
W W W<br />
Ebo Taylor<br />
Yen Ara<br />
Mr. Bongo / Harmonia Mundi<br />
W W W<br />
Asuune Yule<br />
We Have One Destiny<br />
Makum / Rebel Up!<br />
W W W o<br />
DJ Katapila<br />
Aroo<br />
Awesome Tapes from Africa /<br />
Cargo<br />
W W W<br />
Andrea Benini<br />
Drumphilia Vol. 1<br />
Agogo / Indigo<br />
W W W W<br />
Nicola Conte & Spiritual Glaxy<br />
Let Your Light Shine On<br />
MPS / Edel:Kultur<br />
W W W<br />
Black History Repeating<br />
Nach dem Tod von Hugh Masekela<br />
würdigt Wrasse Records<br />
den Trompeter mit einer von<br />
ihm selbst zusammengestellten<br />
Werkschau seiner New Yorker<br />
Exil-Zeit. Zwischen 1966 und<br />
1976 veröffentlichte er auf dem<br />
von ihm und Steward Levine<br />
geleiteten Label Chisa nicht nur<br />
elf eigene Alben, sondern auch<br />
Musik von südafrikanischen<br />
Landsleuten wie Letta Mbulu<br />
oder den ghanaischen Hedzoleh<br />
Sounds. Die Kollektion enthält<br />
Mandel in Africa<br />
auf 3 CDs neben Hits wie „Ashiko“<br />
und „Grazing in the Grass“<br />
auch zahlreiche Fundstücke wie<br />
die vollständigen, bisher niemals<br />
offiziell wiederveröffentlichten<br />
Alben I Am Not Afraid (mit einer<br />
Version von „A Night in Tunisia“!)<br />
und Masekela Presents<br />
Hedzoleh Sounds, die nach seiner<br />
ausgedehnten Westafrika-<br />
Reise entstanden. Ein großartiger<br />
Streifzug durch eine Phase,<br />
die gekennzeichnet ist von<br />
musikalischen Experimenten<br />
und der explosiven Stimmung<br />
der Bürgerrechtsbewegungen in<br />
den USA und SAF. Ebenfalls neu<br />
auf dem Re-Issue-Markt: eine<br />
Sammlung von Raritäten aus<br />
Benin, zusammengestellt und<br />
aufgearbeitet von Analog Africa<br />
als würdige Fortsetzung ihres<br />
zehn Jahre zurückliegenden,<br />
Standards setzenden Releases<br />
African Scream Contest: Blues,<br />
Funk und Soul, elektrisch und<br />
eklektisch, rau und direkt.<br />
Afroblues<br />
Gegenwartsmusik: Fatoumata<br />
Diawara ist zurück: Zurück in ihrem<br />
Heimatland Mali und zurück<br />
mit einem neuen Album. Fenfo<br />
bedeutet „Viel zu sagen“, und so<br />
erhebt die Wassoulou-Sängerin<br />
und Schauspielern („Tim buktu“)<br />
auf elf neuen Songs ihre Stimme<br />
über Themen wie Migration,<br />
Feminismus und Tribalismus bei<br />
vornehmlich subtilen Song-<br />
Stimmungen. Nur zwei, drei Mal<br />
streift sie dieses komfortable<br />
Soundgewand ab, um radio- und<br />
festivalbühnengerecht Tempo<br />
und Schalldruck zu erzeugen.<br />
Spartanisch: die Compilation I‘m<br />
Not Here To Hunt Rabbits, gewissermaßen<br />
das Albumporträt<br />
eines afrikanischen Youtube-<br />
Phänomens: Bluesfreunde<br />
staunen schon seit einer Weile<br />
über den in Botswana gepflegten<br />
Gitarrenstil, bei dem die linke<br />
Hand das Griffbrett nicht von<br />
unten, sondern von oben bearbeitet<br />
und das Tuning sich auf<br />
drei Töne plus Bass beschränkt<br />
(als Bass-Saite haben sich<br />
Bremskabel bewährt). Das Resultat<br />
sind trickreiche Pickings<br />
und pfiffige Riffs als Begleitung<br />
von launigem Storytelling.<br />
Nun auch auf Vinyl! Auch die<br />
walisische Harfenistin Cathrin<br />
Finch und der senegalesische<br />
Kora-Virtuose Seckou Keita<br />
kommen mit einer Handvoll Töne<br />
aus und haben die perlenden<br />
Klänge ihrer Saiten nun zum<br />
zweiten Album Soar verwoben.<br />
Die intime Musik bleibt dabei<br />
stets schlicht und ergreifend.<br />
Mit meisterhaftem Understatement<br />
entsteht gewissermaßen<br />
Wellness für die Ohren und<br />
bleibt damit allerdings auch bar<br />
jeder Überraschung.<br />
Black Stars<br />
Drei neue Veröffentlichungen<br />
aus Ghana: Das neue Album<br />
des 82-jährigen Gitarrenrecken<br />
Ebo Taylor überzeugt mit neuen<br />
Songs aus seiner Feder, wobei<br />
wie gewohnt und geschätzt<br />
bittersüße Hornfanfaren den<br />
Weg in seine auf Englisch und<br />
Fante gesungenen Weisen<br />
weisen. Im Unterschied zu den<br />
feiner gestrickten letzten beiden<br />
Alben ist der Soundmix auf<br />
Yen Ara allerdings übertrieben<br />
sämig, untenrum aufgepumpt<br />
und obenrum mit sinnlosen<br />
Delayfahnen verhangen. Assune<br />
Yule gehört zur Schar der derzeit<br />
angesagten Kologo-Spieler aus<br />
dem Norden des Landes. Auf seinem<br />
internationalen Debüt We<br />
Have One Destiny singt er Songs<br />
darüber, dass man nicht weiß,<br />
was morgen kommt <strong>–</strong> oder dass<br />
Frauen alles besser können.<br />
Stimm- und Saitenklang stehen<br />
im Mittelpunkt, gelegentlich kommen<br />
auch bei ihm Beatloops und<br />
Autotune-Effekte zum Einsatz,<br />
aber das hält das Album vielseitig<br />
und voraussichtlich lange<br />
frisch. Erschienen ist es als<br />
gemeinsame Veröffentlichung<br />
des niederländischen Makum-<br />
Labels, das schon Kologo-King<br />
Ayisoba auf die Welt losließ, und<br />
des neuen belgischen Labels<br />
Rebel Up!, das mit dem Cumbiero<br />
Memo Piemento und dem tunesischen<br />
Elektro-Projekt Nuri noch<br />
zwei weitere Pfeile im Köcher<br />
hat. DJ Katapila dagegen produziert<br />
auch auf seiner aktuellen<br />
4-Track-EP an jedem Industrie-<br />
Standard vorbei: Hektische,<br />
hibbelige, auf der Roland 808<br />
programmierte Uptempo-Loopmusik<br />
mit gepitchten Vocals, nah<br />
am Novelty-Efekt, aber mit genug<br />
Wumms, um als DJ-Tool noch<br />
was zu reißen.<br />
Kicks vom Stiefel<br />
Letzte Station ist Italien: Dort hat<br />
Andrea Benini mit Mop Mop vor<br />
Jahren das führende lokale Afrobeat-Orchester<br />
ins Leben gerufen.<br />
Und auch daheim im Dialog<br />
mit seiner Hardware (darunter<br />
sowjetische Synthesizer und<br />
karibische Marimbula) lassen<br />
ihm die Afrobeats keine Ruhe:<br />
Vol. 1 seiner Drumphilia-Reihe<br />
versammelt stimmige, schlüssige<br />
Miniaturen zwischen House<br />
und Heimstudio. Errichtet um<br />
schlanke Daumenklavier-Patterns<br />
klingen die Songs zunächst<br />
strukturell ähnlich, aber innerhalb<br />
dieses schmalen Rahmens<br />
entfalten sie ihren Sog. Gitarrist<br />
und Klangkörpervorstand Nicola<br />
Conte dagegen trägt gerne dick<br />
auf, dementsprechend rahmensprengend<br />
gerät seine experimentelle<br />
Annäherung an den<br />
Afrobeat-Sound der 70er. Conte<br />
kann mit starken Stimmen und<br />
routiniert gesetzten Kompositionen<br />
punkten, der Sound des<br />
alten Acidjazzers aus Bari bleibt<br />
dabei aber immer aalglatt. Wer<br />
Afrofunk am liebsten mag, wenn<br />
er nach Jazzanova-Remix klingt,<br />
ist hier richtig.<br />
Eric Mandel<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 89
Kolumne<br />
Schaal<br />
ganz Ohr<br />
Walter Smith III<br />
Twio<br />
Whirlwind / Indigo<br />
Haus<br />
Tales Along the Path of Life<br />
Jazzsick / Membran<br />
Um 1935 übernahm das<br />
Tenorsaxofon im Jazz die<br />
Führungsrolle <strong>–</strong> und behielt<br />
sie bis in die Tage des<br />
Freejazz. Das Beste, was die<br />
Afroamerikaner über ihre<br />
Seele mitzuteilen hatten,<br />
meinte Ornette Coleman<br />
einmal, hätten sie auf dem<br />
Tenorsax gesagt: „Das Tenor<br />
ist ein Rhythmusinstrument,<br />
du erreichst die Leute<br />
damit.“ Diese große Tenor-<br />
Tradition <strong>–</strong> stark verkürzt:<br />
Hawkins-Young-Gordon-<br />
Rollins-Coltrane-Shepp <strong>–</strong> ist<br />
heute ein wenig aus dem<br />
Blick geraten. Walter Smith<br />
III korrigiert das. Der 37-Jährige<br />
aus Houston, Texas,<br />
verzichtet auf das scheinbar<br />
Unverzichtbare, nämlich ein<br />
Piano. Er reanimiert auf Twio<br />
die legendäre, experimentelle<br />
Saxofontrio-Besetzung,<br />
die nur mit Bass (Harish<br />
Raghavan) und Schlagzeug<br />
(Eric Harland) auskommt.<br />
Offene Harmonien, Durchgangs-<br />
und Wendepunkte<br />
<strong>–</strong> Smiths Zugang zur großen<br />
Tradition ist alles andere als<br />
naiv. Die Balance zwischen<br />
dem Authentischen und dem<br />
Originären hat er für jedes<br />
Stück neu austariert. Er<br />
taucht tief in die Kompositionen<br />
ein, hält sich aber den<br />
Rückweg frei, um direkt und<br />
spontan bleiben zu können.<br />
Sein kraftvolles Tenorspiel<br />
stürzt sich ins nackte Wagnis,<br />
ganz ohne Sicherungsseil,<br />
ganz nah am Abgrund.<br />
Große Namen säumen<br />
die Strecke, Monk, Gryce,<br />
Shorter, dazu Standards, an<br />
denen sich Generationen<br />
von Tenoristen abgearbeitet<br />
haben. Als Gäste steigen<br />
Joshua Redman (Tenorsax)<br />
und Christian McBride<br />
(Bass) mit ein <strong>–</strong> auch sie mit<br />
spontaner Abenteuerlust.<br />
Tradition wird zur Avantgarde<br />
des Augenblicks. Ein neues,<br />
bedeutendes Statement auf<br />
dem Tenor.<br />
Ein ganz anderes Instrument<br />
ist das Vibrafon. Als<br />
es (ebenfalls um 1935) die<br />
Welt des Jazz betrat, war<br />
es ein ekstatisches Mini-<br />
Schlagklavier. Danach hat es<br />
viele Schicksale durchlaufen<br />
zwischen hartem Konstruktivismus<br />
und perlendem<br />
Silberklang. Das Vibrafon<br />
kann Melodie, aber nicht<br />
wie ein Saxofon; Struktur,<br />
aber nicht wie ein Piano;<br />
Rhythmus, aber nicht wie ein<br />
Schlagzeug. Im direkten Vergleich<br />
hat es seine Defizite.<br />
Seine Stärke dagegen heißt<br />
Universalität, visionäre Kraft,<br />
essenzielle Konzeption. Für<br />
Mathias Haus, der von sich<br />
sagt, sein eigentliches Ding<br />
sei das Komponieren, war<br />
das Vibrafon die Ideallösung.<br />
Zwischen Percussion-<br />
Ensembles für Kinder und<br />
Neuer Musik beim WDR,<br />
zwischen pochendem<br />
Minimalismus, Gary-<br />
Burton-Zauber, klirrender<br />
Dissonanz und geheimnisvollem<br />
Sphärenklang hat<br />
Mathias Haus alle Facetten<br />
des Instruments erforscht.<br />
Mit dem 2-CD-Album<br />
Tales Along the Path of Life<br />
präsentiert der Rheinländer<br />
eine beeindruckende, wenn<br />
auch erstaunlich frühzeitige<br />
Werkschau <strong>–</strong> er wird<br />
dieses Jahr 55. Hendrik<br />
Soll (Piano + Keys), André<br />
Nendza (Bass) und Mirek<br />
Pyschny (Drums) begleiten<br />
ihn bei seiner musikalischen<br />
Lebens- und Schaffensreise.<br />
Jubelnde Flows und sonnige<br />
Harmonien auf der einen,<br />
raffinierte Brechungen und<br />
dunkle Geheimnisse auf der<br />
anderen Seite. Ein Referenzwerk<br />
für das Vibrafon.<br />
Hans-Jürgen Schaal<br />
Richtungen: Ostinato-reich als<br />
Rhythm Section mit Aaron Christ,<br />
der dem Schlagzeug leichtfüßig<br />
perkussive Flügel verleiht; und<br />
auf der anderen Seite verschmilzt<br />
ihr Spiel mit viel Sinn für flüssige<br />
harmonische Texturen mit der<br />
Sitar. Das dritte Album des Trios<br />
wird in seiner zweiten Hälfte<br />
zunehmend interessanter, weil<br />
etwas entschleunigter. Wenn das<br />
überwiegend hohe Tempo, was<br />
die drei im ersten Teil vorlegen,<br />
etwas zur Ruhe kommt, dürfen<br />
sich umso mehr schöne und<br />
überraschende Wendungen<br />
entfalten.<br />
Jan Kobrzinowski<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Alcyona Mick & Tori Freestone<br />
Criss Cross<br />
Whirlwind / Indigo<br />
W W W W<br />
Die beiden Engländerinnen verfügen<br />
über einen skurrilen Humor.<br />
Die Reihenfolge der Titel muss<br />
der Betrachter sich aus dem<br />
rückseitigen Kreuzworträtsel<br />
erschließen. Achtung, Lesebrille<br />
ist hilfreich beim Erkennen der<br />
winzigen Zahlen! Saxofonistin<br />
Tori Freestone ist bereits seit<br />
fünfzehn Jahren auf der europäischen<br />
Jazz-Szene aktiv. Pianistin<br />
Alcyona Mick attestierte der<br />
GUARDIAN bereits „Weltklasse-<br />
Genialität“. Die beiden Musikerinnen<br />
haben einen breiten musikalischen<br />
Hintergrund: Klassik,<br />
Filmmusik, große Jazz-Ensembles,<br />
Trios oder eben wie hier<br />
die Duo-Formation, die für zwei<br />
Songs um die Sängerin Brigitte<br />
Beraha verstärkt wird. Und mit<br />
jener Gastsängerin startet die CD<br />
auch. „Hermitica“ klingt wie eine<br />
Hommage an eine etwas herbere<br />
Flora Purim, gewürzt mit einigen<br />
scharfen Dissonanzen. Wie<br />
vielschichtig die Komponistin Tori<br />
Freestone agiert, das wird in der<br />
schönen Ballade „Charmed Life“<br />
deutlich, die Mick mit seinem<br />
stimmungsvollen Piano-Vorspiel<br />
einleitet. Freestone ist es auch,<br />
die das Folk-Traditional „Press<br />
Gang“ gekonnt wieder mit der<br />
brillanten Sängerin Beraha<br />
in den Kammerjazz-Kontext<br />
überträgt. Pianistisch und<br />
kompositorisch weiß Alcyona<br />
Mick mit „Goodnight Computer“<br />
zu überzeugen. Wenn man diese<br />
Musik mit anderen Jazz-Größen<br />
vergleichen möchte, fällt einem<br />
der deutsche Pianist Joachim<br />
Kühn ein. Sensibler kammermusikalischer<br />
Jazz, der in den<br />
70er Jahren eine Blütezeit hatte,<br />
aber eigentlich zeitlos ist, wie diese<br />
beiden Musikerinnen zeigen.<br />
Andreas Schneider<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Duo Lit<br />
Das ist deine Zeit ... und die läuft<br />
Fuhrwerk<br />
W W W o<br />
Das ist deine Zeit ... und die läuft<br />
bietet schöne, frei in den Raum<br />
gestellte Musik neben dem, was<br />
diesen beiden Musikern zweite<br />
Natur zu sein scheint: und zwar<br />
die Fähigkeit, sich dem Flow unerwarteter<br />
Musik anzuvertrauen,<br />
mal langsam, fast in Zeitlupe<br />
oder auch auf hohes Tempo beschleunigt.<br />
Das Duo Lit sind zwei<br />
Mehrfach-Preisträger: Tamara<br />
Lukasheva, die ihre dehn- und<br />
biegsame Stimme einsetzt, wie<br />
ihr der Schnabel gewachsen ist,<br />
während Schlagzeuger Dominik<br />
Mahnig klöppelt, fegt, trommelt,<br />
federt und klingt. Tamaras Substanz<br />
ist ihre bis zum Äußersten<br />
trainierte Stimme, das Salz ist<br />
dieser verspielt-charmante und<br />
ihr, ich sag’s jetzt mal, slawischer<br />
Einschlag, den sie Gott sei Dank<br />
nicht verhehlen will und der<br />
auch dann bleibt, wenn sie in<br />
Englisch singt. Mahnig und Lukasheva<br />
experimentieren <strong>–</strong> mal<br />
rezitativ, mal frei improvisierend<br />
<strong>–</strong> im Dialog, und immer wieder<br />
ist da dieser feine Groove, der<br />
immer nur entstehen kann, wenn<br />
Musiker die dafür entscheidenden<br />
Voraussetzungen erfüllen:<br />
vollkommene Offenheit und großer<br />
Mut zum Risiko. Eine schöne,<br />
ungewöhnliche, spannende Platte<br />
zum aufmerksamen Zuhören,<br />
Staunen und Zurücklehnen.<br />
Jan Kobrzinowski<br />
90 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Die Hörbucht<br />
Andreas Ammer / FM Einheit<br />
Sie sprechen mit der Stasi<br />
Der Hörverlag / Edel:Kultur<br />
W W W W W<br />
Seit einem Vierteljahrhundert<br />
arbeitet der ehemalige Einstürzende<br />
Neubau FM Einheit <strong>–</strong> in<br />
Blixa Bargelds Band verantwortlich<br />
für allerlei metallischen<br />
Lärm <strong>–</strong> mit dem Regisseur und<br />
Produzenten Andreas Ammer<br />
zusammen, um Hörspiele, Collagen<br />
und Klanginstallationen<br />
zu kreieren. Jetzt haben sie sich<br />
auf die Suche nach Originaltönen<br />
der DDR-Staatssicherheit<br />
begeben <strong>–</strong> das Ergebnis ist mehr<br />
als faszinierend, es ist atemberaubend.<br />
Untertanenmentalität,<br />
Denunziantentum, aber auch<br />
einfallsreiche Sabotage-Ideen<br />
sind zu hören, und allein die<br />
Sesselfurzer des berüchtigten<br />
MfS (Ministerium für Staatssicherheit)<br />
verlieren viel von<br />
ihrem Schrecken, weil sie so<br />
erschreckend dumm und träge<br />
sind. Allein die Verwendung von<br />
Begriffen wie „Teilnehmer“, mit<br />
dem sich der diensthabende<br />
Offizier am Telefon meldet (natürlich<br />
ohne seinen Namen zu<br />
nennen), und „Fluchtversuch“<br />
für das schlichte Bemühen,<br />
die DDR zu verlassen, spricht<br />
Bände.<br />
Die Mitschnitte von Telefonanrufen<br />
einfacher Bürger<br />
sind skurril bis erschreckend,<br />
die Tonbandaufnahmen von Verhören<br />
bauen Terror und Schrecken,<br />
den man im Allgemeinen<br />
mit dem DDR-Geheimdienst verbindet<br />
und den man durch das<br />
dümmliche Verhalten der Stasi-<br />
Mitarbeiter am Telefon beinahe<br />
vergessen hätte, flugs wieder<br />
auf. Hier zeigen die miesen Bürokraten<br />
der Staatssicherheit ihr<br />
wahres Gesicht und schreien,<br />
schüchtern ein und bedrohen<br />
die „Verdächtigen“, die auf ein<br />
faires Gerichtsverfahren nicht<br />
hoffen konnten. Tonfall und Diktion<br />
erinnern an den berüchtigten<br />
Volksgerichtshof der Nazis<br />
und dessen niederträchtigen<br />
Präsidenten Roland Freisler.<br />
Wer nach diesem Hörspiel noch<br />
DDR samt Stasi verharmlost,<br />
dem ist nicht mehr zu helfen,<br />
und insbesondere Politiker der<br />
Linken sollten sich für ihr ständiges<br />
Schweigen, Abwiegeln und<br />
Relativieren schämen.<br />
Die bedrohliche Atmosphäre<br />
des Materials wird<br />
durch die düstere Musik, die FM<br />
Einheit unter das Tonmaterial<br />
mischt, noch verstärkt, was<br />
gleichzeitig dazu führt, dass Sie<br />
sprechen mit der Stasi nicht nur<br />
scheußlich, sondern auch<br />
verdammt unterhaltsam<br />
ist. Denn das Hörspiel<br />
dokumentiert einen<br />
Schrecken, der<br />
überwunden<br />
wurde, die<br />
Herrschaft<br />
der Doofen<br />
ist einstweilen<br />
vorbei.<br />
Heute steht<br />
wohl eher die<br />
AfD für eine<br />
vergleichbare<br />
Mentalität. Man<br />
kann sich lebhaft<br />
vorstellen, dass<br />
die Fans von Bernd<br />
Höcke und Beatrix von<br />
Storch auch gerne so mit ihren<br />
politischen Gegnern umspringen<br />
würden.<br />
Rolf Thomas<br />
<strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong> <strong>–</strong><br />
Bassa<br />
Ahewáuwen <strong>–</strong> ein Tangomärchen<br />
Flowfish Records / Broken<br />
Silence<br />
W W W W<br />
Das Lob, eine Band könne<br />
selbst ohne Worte Geschichten<br />
erzählen, gehört zum gängigen<br />
Journalisten-Repertoire. Gern<br />
genommen, wenn es um Musik<br />
geht, die besonders stimmungsvoll<br />
ist und die Fantasie anregt.<br />
Auch das Berliner Tango- und<br />
Weltmusikquartett Bassa<br />
konnte sich schon häufiger über<br />
entsprechende Zuschreibungen<br />
freuen. Mitgedacht ist bei dem<br />
Lob stets die Umkehrung, dass<br />
die Fähigkeit, mit Worten eine<br />
Geschichte zu erzählen, ein<br />
Kinderspiel und deshalb kaum<br />
der Rede wert sei. Aber ist es<br />
wirklich so einfach? Bassa<br />
haben es ausprobiert. Ihr neues<br />
Album Ahewáuwen basiert auf<br />
einem Märchen der Selk’nam,<br />
einer Ethnie, die bis in die erste<br />
Hälfte des 20. Jahrhunderts auf<br />
Feuerland lebte. Für eine Band,<br />
die vom Tango kommt, eine<br />
geografisch durchaus naheliegende<br />
Wahl.<br />
Die vier von Bassa entschieden<br />
sich dafür, Text und<br />
Musik getrennt voneinander<br />
aufzunehmen und den Fortgang<br />
Schon<br />
Conan der Barbar<br />
und <strong>August</strong> der sehr Superstarke<br />
wussten um die positive Wirkung von<br />
Verstärkern, vom alttestamentarischen Samson<br />
nicht zu schweigen, dessen unbändige Kraft brutal<br />
unschamponiert in den Haaren steckte. Der Ferse des<br />
Achilles sollten jedoch ebenso viele Schwachstellen<br />
menschlicher Physis folgen (hier schweigen wir dann<br />
taktvoll von der Psyche), und selbst Drachenblut verstärkte<br />
Siegfrieds strahlende Unbesiegbarkeit zu schlechter Letzt<br />
nur unzulänglich. Jedem Supermann sein Kryptonit. Umso<br />
erfreulicher, wenn sie mal nachhaltiger und etwas filigraner<br />
funktionieren, die Verstärker, und etwa Stimmungen<br />
forcieren oder die Poesie des Augenblicks. Nennen<br />
wir sie Musik, diese Verstärker. Und die sind auch<br />
dann noch faszinierend, wenn der Soundtrack<br />
des Lebens auch dessen Schattenseiten<br />
verdichtet. In der Hörbucht…<br />
Björn Simon<br />
des Märchens, gelesen von der<br />
Schauspielerin und Regisseurin<br />
Judica Albrecht, in kurzen<br />
Sprechpassagen zwischen<br />
Instrumentalkompositionen zu<br />
montieren. Etwa 30 Minuten<br />
Musik und neun Minuten Textvortrag<br />
erzählen so gemeinsam<br />
die Geschichte des Seelöwen<br />
Ahewáuwen, der sich in ein<br />
menschliches Mädchen verliebt.<br />
Während sie angelt, gelingt es<br />
ihm, sie ins Wasser zu ziehen,<br />
in eine abgelegene Bucht<br />
zu entführen und ihr Herz zu<br />
gewinnen. Den Dorfbewohnern,<br />
die sich auf die Suche nach<br />
der Verschwundenen machen,<br />
bleibt nur der Blick auf zwei in<br />
der Ferne verschwindende Seelöwen<br />
in den letzten Strahlen<br />
der untergehenden Sonne.<br />
Die Handlung ist nicht<br />
übermäßig komplex, aber <strong>–</strong> wie<br />
es sich für Märchen gehört <strong>–</strong> in<br />
viele Richtungen interpretierbar.<br />
Der Reiz des Unbekannten, die<br />
alles überwindende Kraft der<br />
Liebe, die sich in den Mut verwandelt,<br />
alles für sie aufzugeben<br />
und völlig neu zu beginnen<br />
<strong>–</strong> die Motive der Geschichte berühren<br />
große Fragen. Vor allem<br />
aber funktioniert das Märchen<br />
bestens als Auslöser für musikalische<br />
Ideen. Mal tänzerisch<br />
und nah am Tango wie im vom<br />
Gitarristen Takashi Peterson<br />
komponierten „Wellenritt“,<br />
dann träge und erschöpft wie<br />
in Geigerin Miriam Erttmanns<br />
„Gestrandet“, aber immer mit<br />
kammermusikalischer Finesse,<br />
zeichnen die Musiker mit Geige,<br />
Klarinette (Hannes Daerr),<br />
Gitarre und Kontrabass<br />
(Tobias Fleischer)<br />
die Geschichte auf<br />
ihre Weise nach,<br />
ergänzen das<br />
Geschehen um<br />
eine zusätzliche<br />
Ebene und<br />
verstärken die<br />
Bilder im Kopf<br />
des Hörers.<br />
Mag es<br />
auf den ersten<br />
Eindruck noch bedauerlich<br />
erscheinen,<br />
dass Musik und<br />
Wort nicht miteinander<br />
verwoben, sondern nebeneinandergestellt<br />
werden,<br />
wird beim Hören bald deutlich,<br />
dass das Konzept gut gewählt<br />
ist. Die Instrumentalstücke<br />
können gut für sich stehen und<br />
sind zu schade, um als bloße<br />
Untermalung zu dienen. Andererseits<br />
lenkt nichts vom Vortrag<br />
Judica Albrechts ab, die den<br />
Text bedächtig, aber nicht allzu<br />
märchentantig liest <strong>–</strong> wobei<br />
auch das bei einem Märchen<br />
wohl kaum zu beanstanden<br />
wäre. Und Bassa können künftig<br />
stolz von sich behaupten, auch<br />
mit zusätzlichen Worten eine<br />
Geschichte erzählen zu können.<br />
Guido Diesing<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 91
LIVE<br />
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Jazzfest<br />
Bonn<br />
Von Thomas Kölsch. Die Kunst der Form<br />
war ein zentraler Bestandteil des diesjährigen<br />
Bonner Jazzfests: Avantgardisten mit<br />
dem Ziel maximaler Offenheit trafen auf<br />
Musiker, die eher klare Linien bevorzugten.<br />
Eine zentrale Rolle spielten dabei Piano-<br />
Formationen. Insbesondere Makoto Ozone<br />
und Aaron Goldberg setzten mit ihren Trios<br />
Maßstäbe, erwiesen sich als erfreulich klar<br />
und zugleich herrlich verspielt. Mit ihrer<br />
klassischen Prägung und überragenden<br />
Virtuosität sorgten die beiden für absolute<br />
Höhepunkte. Ihnen stellte Organisator<br />
Peter Materna mit dem Quintett von Eyolf<br />
Dale und dem Quartett von Pablo Held zwei<br />
Formationen gegenüber, die sich einer geschlossenen<br />
Spielweise eher verweigerten.<br />
Ersterer erinnerte an einen Collagen-Künstler,<br />
dessen Einfälle wie Glühwürmchen um<br />
ihn herumschwirrten <strong>–</strong> immer in Bewegung,<br />
flüchtig und verwirrend; Letzterer schien<br />
mitunter Hörgewohnheiten und rhythmische<br />
Konventionen vollständig zu dekonstruieren,<br />
nur um dann doch wieder in eine gewisse<br />
Formensprache zurückzufallen.<br />
Ein ähnlicher Kontrast entstand<br />
beim einzigen reinen Gitarrenabend des<br />
Festivals: Während Lage Lund und seine<br />
Trio-Kollegen zwar ein gemeinsames Ziel,<br />
nicht aber einen gemeinsamen Weg zu<br />
haben schienen und sich gegenseitig stets<br />
auf einer Armlänge Abstand hielten, waren<br />
sich Philip Catherine und sein Bassist<br />
© Thomas Kölsch<br />
92 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> Imaani (Incognito)
© Thomas Kölsch<br />
© Thomas Kölsch<br />
Martin Wind ganz nah. Herrlich, wie sich<br />
die beiden die Melodien zuwarfen und<br />
weder die Stücke noch den jeweils anderen<br />
aus den Augen verloren. Hier waren die<br />
Kompositionen nicht lediglich Ausgangspunkt<br />
für experimentelle Klangspielereien,<br />
sondern das Zentrum der Kunst. So auch<br />
bei Wolfgang Haffner. Der Drummer mit<br />
großem Gespür für Melodien setzte mit<br />
dem überragenden Vibrafonisten Christopher<br />
Dell sowie Roberto di Gioia (p) und<br />
Christian Diener (b) Maßstäbe. Der Fokus<br />
lag dabei auf dem aktuellen Album Kind of<br />
Spain mit seinen Flamenco- und Pasodoble-<br />
Anklängen <strong>–</strong> und was der 52-Jährige etwa<br />
aus dem traditionellen „Tres Notas Para<br />
Decir Te Quiero“ zauberte, war reine Magie.<br />
Derweil blieb <strong>Juli</strong>a Biel ein wenig hinter den<br />
Erwartungen zurück, verharrte zu sehr im<br />
melancholischen Indie-Pop und wurde erst<br />
gegen Ende kontrastreicher und eigensinniger.<br />
Unter den großen Namen stach vor allem<br />
John Scofield hervor, der das Publikum<br />
in der Oper zum Toben brachte, während<br />
er über die Saiten jagte und Country-Songs<br />
wie Dolly Partons „Jolene“ verjazzte und<br />
modifizierte, bis nur noch wenig an die<br />
ursprüngliche Ballade erinnerte. Dennoch<br />
gelang es Scofield, die Balance zwischen<br />
Struktur und Freiheit zu wahren, wofür ihm<br />
die Menge stehende Ovationen spendete.<br />
Diese hatte auch das Bundesjazzorchester<br />
verdient, das mit einem anspruchsvollen<br />
filmmusikalischen Programm auftrat: Es<br />
hatte sich zu neun Bauhaus-Kurzfilmen aus<br />
den 20er und 30er Jahren kongeniale Musik<br />
auf den kollektiven Leib schreiben lassen.<br />
Großartig.<br />
Zur Party wurde schließlich der Auftritt<br />
von Incognito. Die Combo verstand es nicht<br />
nur mühelos, das Publikum zum Tanzen<br />
zu bringen und bis an den Bühnenrand zu<br />
locken, sondern auch Ed Motta zu entfesseln,<br />
der zuvor bei seinem eigenen Auftritt<br />
noch ein wenig gehemmt gewirkt hatte.<br />
Die Qualitäten dieses Stimmkünstlers, der<br />
nur noch vom atemberaubenden Andreas<br />
Schaerer in den Schatten gestellt wurde,<br />
kamen erst richtig zur Geltung, als er nicht<br />
mehr die komplette Verantwortung zu tragen<br />
hatte und die Freiheit besaß, innerhalb<br />
eines klaren Gefüges seiner Leidenschaft<br />
zu frönen.<br />
oben: John Scofield / unten: Makoto Ozone Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 93
Live<br />
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Theaterhaus Jazztage<br />
Stuttgart<br />
Von Harry Schmidt. Während das hochsommerliche<br />
Stuttgarter Jazzopen-Festival<br />
seinen Publikumszuspruch auch mit<br />
Pop- und Rockkonzerten generiert, setzt<br />
das Festival der Theaterhaus-Macher zu<br />
Ostern komplett auf Jazz. Werner Schretzmeier,<br />
der das Programm gemeinsam mit<br />
Programmplaner Wolfgang Marmulla kuratiert,<br />
zeigte sich angesichts einer Auslastung<br />
von über 80 Prozent hochzufrieden.<br />
Einer der Gründe für die Resonanz<br />
dürfte in der familiären Atmosphäre<br />
des Festivals liegen, in der Künstler und<br />
Publikum sich immer wieder zwanglos<br />
begegnen. Neben Präsenz ist auch Timing<br />
eine Kardinaltugend des Jazz. Im denkmalgeschützten<br />
Backsteinbau am Stuttgarter<br />
Pragsattel verbinden sich die vier Säle zu<br />
einem Festival der kurzen Wege, bei dem<br />
es kein Problem ist, zur richtigen Zeit am<br />
richtigen Ort zu sein. Etwa, wenn Patrick<br />
Bebelaar gerade eine frappierende Interpretation<br />
von „How Insensitive“ aus dem<br />
Flügel perlen lässt. Oder wenn Saxofon-<br />
Altmeister Lee Konitz, mit 90 Jahren der<br />
Nestor im diesjährigen Line-up, mit einem<br />
Trio von Musikern, die im Schnitt ein<br />
Drittel so alt sein dürften, die sensationell<br />
unspektakuläre Eleganz seines mit cooler<br />
Nonchalance geblasenen Saxofontons<br />
demonstriert. Am anderen Ende des Spektrums<br />
war der Auftritt des britischen Quartetts<br />
Sons of Kemet um den Saxofonisten<br />
Shabaka Hutchings eines der großen<br />
Highlights <strong>–</strong> eine Energie entbindung ungeheuren<br />
Ausmaßes. Wie viele Level der<br />
organisierten Raserei es tatsächlich geben<br />
kann, war einem zuvor nicht bewusst gewesen.<br />
Auch der Auftritt des armenischen<br />
Pianisten Tigran Hamasyan zählte zu den<br />
diesjährigen Höhepunkten.<br />
Neben überraschenden Entdeckungen<br />
boten die Jazztage auch Gelegenheit zur<br />
Überprüfung bestehender Einschätzungen.<br />
Ja, John Surman, der mit Alexander<br />
Hawkins, einem hochinteressanten Newcomer<br />
am Piano, auftrat, ist wirklich ein<br />
Elder Statesman des europäischen Jazz.<br />
Jean Luc Ponty, der mit dem Gitarristen<br />
Biréli Lagrène und Clint Eastwoods Sohn<br />
Kyle am Bass spielte, ist noch immer der<br />
Meister der elektrifizierten Jazz-Geige.<br />
Wolfgang Haffner ist einer der besten<br />
deutschen Drummer, Sebastian Studnitzky<br />
einer der souveränsten Sidemen, Renaud<br />
García-Fons einer der eigenwilligsten Bassisten<br />
der Szene. Und nein, die harmlose,<br />
weichgespülte Jazz-Party-Mucke der Nils<br />
Landgren Funk Unit überzeugt nicht mehr.<br />
So manche Bühnen-Konstellation<br />
feierte ihre Weltpremiere. Dass bei einer<br />
Programmplanung, die sich auf Experimente<br />
einlässt, nicht alles gleich gut<br />
funktioniert, liegt in der Natur einer Sache,<br />
für die Jazz mehr bedeutet als swingende<br />
Unterhaltung, nämlich auch: Risiko,<br />
Wagnis, Fallhöhe. Während die Premiere<br />
des Duos Surman / Hawkins fruchtbar<br />
geriet, fanden der Schweizer Perkussionist<br />
Reto Weber und seine Gäste nur selten<br />
zusammen. Eric Schaefers Projekt Kyoto<br />
Mon Amour beeindruckte mit poetischer<br />
Tiefe, fand aber nicht zur idealen Balance<br />
zwischen den europäischen und japanischen<br />
Klangwelten. Dass in diesem Jahr<br />
Frauen weitgehend auf eine Rolle am<br />
Mikrofon beschränkt blieben, hatte bereits<br />
im Vorfeld für Kritik gesorgt. „Es ist uns<br />
einfach passiert“, sagt Schretzmeier <strong>–</strong> und<br />
kündigt fürs nächste Festival einen Frauenanteil<br />
von über 50 Prozent an.<br />
© Hans Kumpf<br />
94<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> Emile Parisien, Andreas Schaerer, Vincent Peirani
© Torsten Stapel<br />
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Jazz in E.<br />
Eberswalde<br />
Von Thomas Melzer. Dem<br />
pünktlichen Beginn eines<br />
Schlagzeugkonzerts dürfte<br />
eigentlich nichts im Wege<br />
stehen, nicht einmal Kammerton<br />
a‘. Dem pünktlichen Beginn des<br />
Konzerts von Oliver Steidle und<br />
Christian Lillinger bei Jazz in E.<br />
stand ein Paul-Wunderlich-Zitat<br />
im Wege. Am Festivalort ist in<br />
einer Dauerausstellung das<br />
Lebenswerk des in Eberswalde<br />
geborenen „deutschen Salvador<br />
Dali“ zu sehen. Ein programmatisches<br />
Zitat an einer<br />
Wand zwischen Backstage und<br />
Bühne brachte kurz vor acht die<br />
beiden Avantgarde-Trommler<br />
zum Lodern: „Was nach Zufall<br />
aussieht, ist mir gewöhnlich<br />
ein Dorn im Auge.“ Puuh! Der<br />
Zufall als kreative Chance.<br />
Als Moment, auf den man<br />
sich durch Akkumulation von<br />
Wissen, Können und Konzepten<br />
vorbereiten muss. Der Zufall<br />
als allgegenwärtiges Prinzip,<br />
das sich nicht wegregulieren<br />
lässt. Die beiden redeten sich<br />
in Rage. Das Publikum wartete.<br />
Und erlebte dann ein Konzert, in<br />
dem alles dem Zufall überlassen<br />
blieb. Naja, beinahe alles. Die<br />
beiden kennen sich zu gut, um<br />
sich einander in ihrer trommelnden<br />
Kommunikation komplett<br />
zu überraschen. Lillinger hat<br />
vor langer Zeit als Fan auch bei<br />
Jazz in E. Konzerte des neun<br />
Jahre älteren Steidle studiert.<br />
Später war er sein Ersatzmann<br />
u.a. bei Klima Kalima und Rosa<br />
Rauschen. Längst trommeln sie<br />
auf Augenhöhe, wenngleich<br />
gemeinsam im Duo nur höchst<br />
selten. Ein Abenteuer, ein Trip,<br />
ein Vergnügen, eine Erfüllung<br />
<strong>–</strong> für die Ohren und die Augen,<br />
auf und vor der Bühne.<br />
„Break“ war das Motto<br />
des diesjährigen, bereits 24.<br />
Himmelfahrtsfestivals im Barnimer<br />
Urstromtal. Das Schlagzeug<br />
dominierte den Sound an den<br />
vier Abenden, wobei Festivalchef<br />
Udo Muszynski sich<br />
Wochen zuvor selbst überrascht<br />
gab, dass sein Schwerpunkt<br />
mit dem 100. Geburtstag<br />
des 1918 von der Ludwig Drum<br />
Company in Chicago auf den<br />
Markt gebrachten Drum Kits<br />
korrespondierte. Jeder Abend<br />
begann mit einem Duo-Konzert,<br />
immer unter Beteiligung eines<br />
Schlagzeugers, und endete mit<br />
der Präsentation einer größeren<br />
Formation, nie ohne Mitwirkung<br />
eines Drummers. Das stilistisch<br />
bewusst weit gedehnte<br />
Spektrum reichte von Pranke<br />
(Max Andrzejewski <strong>–</strong> dr, voc;<br />
Daniel Bodvarsson <strong>–</strong> g, voc)<br />
bis zu Ätna (Inez <strong>–</strong> keyb, voc;<br />
Demian Kappenstein <strong>–</strong> dr) bzw.<br />
von Jim Blacks Band Malamute<br />
bis zum Marek Pospieszalski<br />
Quartet mit einem Frank-Sinatra-<br />
Programm. Im traditionellen<br />
Sonnabendmorgenkonzert auf<br />
dem Kirchhang hatte SÜDEN<br />
Premiere, das neue Projekt von<br />
Schlagzeuger Kay Lübke (mit<br />
John Schröder <strong>–</strong> g; Niko Meinhold<br />
<strong>–</strong> keyb). Nein, der Jazzrock<br />
ist nicht tot <strong>–</strong> er lebt!<br />
„Ein Festival allein vermag<br />
es nicht, den aktuellen Jazz<br />
abzubilden“, erläuterte Udo<br />
Muszynski. „Aber wenn man<br />
die Programme von fünf Jahren<br />
mit ihren unterschiedlichen<br />
Schwerpunkten nebeneinanderlegt,<br />
dann erhält man schon<br />
ein sehr gutes Bild dessen,<br />
was und wie heutzutage im<br />
modernen Jazz gespielt wird.“<br />
Das RBB-Kulturradio übertrug<br />
erstmals zwei Stunden live vom<br />
Festival, u.a. das Konzert von Oli<br />
Steidle & The Killing Popes, und<br />
wird weitere aufgezeichnete<br />
Konzerte zeitversetzt senden.<br />
Christian Lillinger Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 95
Live<br />
© Stefanie Marcus<br />
powered by<br />
jazzahead!<br />
Bremen<br />
Von York Schäfer. Peter Schulze,<br />
künstlerischer Leiter der<br />
jazzahead!, konnte zufrieden<br />
sein. Mit gut 17.000 Besuchern<br />
an den drei Musiktagen bewegte<br />
man sich <strong>2018</strong> auf hohem<br />
Niveau, noch 2011 waren es<br />
nur etwa 3500. Die jazzahead!<br />
hat sich seit ihrer Premiere<br />
2006 mit ihrer Mischung aus<br />
Festival und Messe, globaler<br />
und lokaler Veranstaltung<br />
längst zum Durchlauferhitzer<br />
der internationalen Szene<br />
für improvisierte Musik in<br />
Deutschland gemausert.<br />
Partnerland war in diesem<br />
Jahr Polen, ausgestattet mit reicher<br />
Jazztradition um Altmeister<br />
wie Krzysztof Komeda und<br />
Tomasz Stańko und einer international<br />
ausgerichteten zeitgenössischen<br />
Szene, die sich ihre<br />
Weltoffenheit auch von fremdenfeindlichen<br />
Tendenzen im<br />
Land nicht madig machen lässt.<br />
Für den Altsaxofonisten Maciej<br />
Obara zum Beispiel war der<br />
Jazz in Polen schon immer auch<br />
die Stimme der Freiheit. Zum<br />
Abschluss der Polish Night mit<br />
acht Konzerten in Messehallen<br />
und dem alten Schlachthof-<br />
Gebäude, war Obara Teil des<br />
frei und druckvoll aufspielenden<br />
Oktetts Power of the Horns um<br />
den Trompeter Piotr Damasiewicz.<br />
Eine dringliche Musik<br />
mit der erhabenen Strahlkraft<br />
von vier Bläsern, grundiert von<br />
zwei gnadenlos schrubbenden<br />
Like a Jazz Machine<br />
powered by<br />
Dudelange<br />
Von Peter Bastian. „Wir wollen<br />
vor allem die Musiker bedienen<br />
und nicht das Publikum“,<br />
war das bewundernswerte<br />
Credo von Danielle Igniti, der<br />
künstlerischen Leiterin des<br />
Festivals Like a Jazz Machine<br />
im luxemburgischen Dudelange.<br />
Die langjährige Leiterin des<br />
Kulturzentrums Opderschmelz<br />
hört aus Altersgründen auf,<br />
was bei vielen in der Szene für<br />
Sorgenfalten sorgt: Wer folgt<br />
ihr nach? Wird das Festival in<br />
dieser Form weiterbestehen?<br />
Man wird sehen.<br />
Zunächst einmal genossen<br />
alle <strong>–</strong> Publikum wie<br />
Igniti <strong>–</strong> ihr letztes Festival.<br />
Manche Bands genossen<br />
auch ihren Status als Artists<br />
in Residence. Und gleich die<br />
erste zeigte, dass diese Ausgabe<br />
ein Festival der starken<br />
Schlagzeuger war: EPS <strong>–</strong> das<br />
sind Daniel Erdmann (sax),<br />
Peter Perfido (dr) und Henning<br />
Sieverts (b, cello), vielleicht<br />
Perfidos bisher beste Band.<br />
Der vielschichtige und voluminöse<br />
Drummer stellte hier<br />
u.a. Werke des verstorbenen<br />
britischen Pianisten Mike<br />
O’Neill vor. Residiert hat auch<br />
das Quartett des luxemburgischen<br />
Drummers Michel Meis,<br />
das sphärischen Freejazz mit<br />
der Moderne verband. Nicht<br />
zuletzt residierte auch das<br />
Awake 4tet des Saxofonisten<br />
Maxime Bender, aber bei Joachim<br />
Kühn auf Ibiza <strong>–</strong> beneidenswert!<br />
Die Jungs (Bender,<br />
Oliver Lutz am Bass und Pit<br />
Dahm an den Drums) waren<br />
mächtig aufgeregt. Vielleicht<br />
gerade deswegen geriet das<br />
Konzert so gut. Teils notiert,<br />
teils frei gingen die vier Musiker<br />
wunderbar aufeinander<br />
ein. Und in Ornette Colemans<br />
„Research Has No Limits“<br />
setzten sie dessen Titel in die<br />
Tat um, und das sehr beeindruckend.<br />
Mit Jeff Herr stand der<br />
vierte hervorragende Drummer<br />
auf der Bühne, wieder aus<br />
Luxemburg und wieder mit<br />
Bender am Saxofon, Laurent<br />
Payfert spielte Bass. Das Trio<br />
präsentierte seine neue CD<br />
© Peter Bastian<br />
96 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> oben: Jazzmeia Horn / unten: Reggie Washington
Kontrabässen. Einer der zwei<br />
Saitenmänner dort war Maksymilian<br />
Mucha, der auch im<br />
Trio der exzentrischen Pianistin<br />
und Electro-Fricklerin Joanna<br />
Duda spielt. Die junge Frau mit<br />
Stachelfrisur zwischen Punk<br />
und Rasta setzt auf einen von<br />
elektronischen Spielarten wie<br />
Ambient inspirierten Sound. In<br />
guten Momenten erinnert das<br />
an den Space Jazz eines Sun<br />
Ra, in den schlechten wabert<br />
der Sound konturlos vor sich<br />
hin. Insgesamt zeigte sich, dass<br />
viele polnische Musiker einen<br />
freien, unverkrampft dekonstruierenden<br />
und stilistisch offenen<br />
Zugang zur Jazzhistorie ihres<br />
Landes und darüber hinaus<br />
suchen.<br />
Beim European Jazz<br />
Meeting zeigte sich laut<br />
Peter Schulze, dass der Trend<br />
aktuell wieder mehr in Richtung<br />
größerer Formationen geht.<br />
Eine gegenläufige Entwicklung<br />
zur strengen Reduzierung wie<br />
etwa beim weit verbreiteten<br />
Pianotrio. Die Beats & Pieces<br />
Big Band aus Manchester spielt<br />
als eingeschworene 14-köpfige<br />
Formation mit neun Bläsern<br />
und ungewöhnlichen zwei<br />
E-Gitarren auf. Eine immer noch<br />
junge Truppe im Turnschuh-<br />
Freizeitlook, Leiter und Gitarrist<br />
Ben Cottrell zählt die Takte<br />
auch mal lässig im Sitzen an<br />
oder dirigiert über die Bühne<br />
tänzelnd. Der Sound wechselt<br />
zwischen samtenen, eingängigen<br />
Melodien und ungeschliffen<br />
ruppiger Energie.<br />
Mit ähnlich gutlaunigem<br />
Sound präsentierte sich das<br />
siebenköpfige dänische Horse<br />
Orchestra. Eine amüsante<br />
Truppe mit Kostümierungen, Umhängen<br />
und Sträuchern im Haar.<br />
Entsprechend farbenfroh ist ihre<br />
Musik: treibende Polkarhythmen,<br />
dramatische Beerdigungsmusik<br />
vom Balkan, druckvoller Swing<br />
im Stile alter New-Orleans-<br />
Marching-Bands. Man denkt<br />
an Charles Mingus mit seinen<br />
größeren Formationen.<br />
Sämtliche Konzerte im<br />
Schlachthof konnte man auch<br />
draußen auf einer Leinwand am<br />
Amphitheater verfolgen. Eine<br />
gute Idee der Festivalmacher,<br />
auch um Menschen Zugang<br />
zum Jazz zu gewähren, die sich<br />
die Tickets nicht leisten können.<br />
Auch die Clubnight an 30 größtenteils<br />
gut besuchten Spielstätten<br />
im Bremer Stadtgebiet<br />
zeigte, dass Jazz wieder mehr<br />
in der Mitte der Gesellschaft<br />
ankommt.<br />
PDF in 4c<br />
Manifesto <strong>–</strong> ein Manifest in<br />
Sachen Dichte, Virtuosität und<br />
Einfallsreichtum. Neben Kühn<br />
waren noch weitere Stars<br />
zugegen: Der Italiener Enrico<br />
Pieranunzi (p) featurte Seamus<br />
Blake (sax), der in „Entropy“<br />
sein bestes Solo hatte. Reggie<br />
Washington wollte mit seinem<br />
Quartett seinen Vorvätern zwar<br />
zeigen, wo ihre Musik heute<br />
hinführen kann, doch immer<br />
waren die Originale („ESP“,<br />
„Footprints“, „Actual Proof“)<br />
besser.<br />
Stéphane Kerecki ist ein<br />
hervorragender französischer<br />
Bassist, der mit French Touch<br />
seine Stärke als Komponist<br />
und Bandleader belegte. Mit<br />
<strong>Juli</strong>en Loureau (sax), Jozef<br />
Dumoulin (rhodes) und Fabrice<br />
Moreau (dr) hatte er auch<br />
einige Stücke von Daft Punk im<br />
Programm und baute unglaubliche<br />
Grooves auf. Saxofonist<br />
Sylvain Rifflet widmete sich mit<br />
Re Focus und dem Streichquartett<br />
Quatuor Appassionato<br />
Bearbeitungen des Albums<br />
Focus von Stan Getz und Eddie<br />
Sauter von 1961 und eigener<br />
Musik in dessen Stimmung <strong>–</strong><br />
ganz große Kunst.<br />
Chlorine Free aus Frankreich<br />
ist eine faszinierende<br />
Fusionband, doch irgendwie<br />
funktionierte ihr Projekt mit dem<br />
Rapper Nya und Soweto Kinch<br />
(sax) nicht so richtig. Kinch trat<br />
viel zu selten auf, um zeigen<br />
zu können, was er draufhat.<br />
Auch Cymande, eine britische<br />
schwarze Funkband aus den<br />
70ern, auszugraben, war keine<br />
so gute Idee <strong>–</strong> zu verstaubt<br />
klang das alles. Und Melt Yourself<br />
Down, ebenfalls eine Band<br />
von der Insel, war auch nicht<br />
jedermanns Sache <strong>–</strong> zu einfach<br />
gestrickt war ihr Punkjazz. Der<br />
Rest war aber wieder hervorragend,<br />
und da war vom letzten<br />
Tag noch gar nicht die Rede, an<br />
dem noch Dadada, Michel Reis,<br />
Nasheet Waits und Reto Weber<br />
spielten.<br />
Oskar Gudjonsson JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 97
Live<br />
powered by<br />
23. Jazztage<br />
Hilden<br />
Von Srđan Keko. Die einzigen Misstöne der<br />
23. Hildener Jazztage lieferte das Wetter,<br />
sonst waren sie ein polyphoner Wohlklang.<br />
Der Schlagzeuger Peter Baumgärtner, der<br />
im Februar junge 60 wurde und davor viele<br />
Jahre lang sehr kompetent das Programm<br />
der Düsseldorfer Jazzschmiede gestaltet<br />
hatte, organisierte mit seinem Team zum 23.<br />
Mal gewohnt verlässlich ein Jazzfestival,<br />
das sich durch Vielfalt, die gelungene Kombination<br />
bekannter und weniger bekannter<br />
Namen und eine freundlich-freundschaftliche<br />
Atmosphäre auszeichnete.<br />
Das Pablo Held Trio eröffnete am<br />
Dienstag mutig ohne Set-List und Absprachen,<br />
das Publikum in einen schönen Flow<br />
verstrickend. Am Mittwoch trugen die<br />
© Zbigniew Lewandowski<br />
9- bis 16-jährigen Teilnehmer des nur vierstündigen<br />
Jazzworkshops der Musikschule<br />
Hilden zwei Songs vor, dann zelebrierte das<br />
Tobias Hoffmann Trio freudig lustvolle Gitarrensongzerlegungen,<br />
bevor das Quartett<br />
des Vibrafonisten Matthias Strucken sehr<br />
energiegeladen sein Milt Jackson Project<br />
darbot. Nicht im schönen Park des Hauses<br />
Horst, sondern ob des drohenden Gewitters<br />
auf dem überdachten Parkdeck lieferte<br />
am Donnerstag das Martin Sasse Trio die<br />
wunderbare Musik zu den beeindruckenden<br />
Stepptänzen von Pia Neises, die mit<br />
feenhafter Leichtigkeit durch die Takte<br />
schwebte. Danach bot das Quintett The<br />
Good View, vier jüngere Musikerinnen und<br />
Musiker unter der Ägide des Altmeisters<br />
Peter Weiss am Schlagzeug, gute akustische<br />
Aussicht auf feine Eigenkompositionen<br />
und Standards. An anderen Orten<br />
waren auch indisch-westliche Klänge<br />
sowie Gitarren- und Hammond-B3-Sounds<br />
zu hören.<br />
Am Freitag breiteten im QQTec Sebastian<br />
Sternal (p) und Frederik Köster (tp, flh)<br />
ihre kanadischen Impressionen aus. Dann<br />
sang Jeff Cascaro verjazzte Blues-, Rockund<br />
Popsongs. Am späten Abend zollte der<br />
Gitarrist Axel Fischbacher mit Kollegen im<br />
Blue Note Charlie Parker Tribut. Die International<br />
Jazznight am Samstag in der Stadthalle<br />
brachte zwei großartige und grandios<br />
kontrastierende Höhepunkte. Zuerst spielte<br />
die hervorragende WDR-Bigband mitten<br />
im Saal platziert wuchtig und bombastisch<br />
Musik der griechischen Sängerin Magda<br />
Giannikou und des kolumbianischen<br />
Komponisten Juan Andrés Ospina, dem<br />
auch die Leitung oblag <strong>–</strong> inklusive Gesang,<br />
Rezitation, Sängerinnenlauf um die Band<br />
und Publikumschor. Darauf folgte der<br />
absolute Leckerbissen des intimen Trios<br />
mit Larry Goldings (hammond-org), Peter<br />
Bernstein (g) und Bill Stewart (dr). Die<br />
Rhythmussportgruppe rundete den Abend<br />
im Foyer lautstark ab.<br />
Am Sonntag spielten im Park der Capio-<br />
Klinik Forsonics um den Drummer Andy<br />
Gillmann elektronischen Jazz, dann bot<br />
die Niederländerin Fay Claassen, begleitet<br />
von drei sehr guten Landsleuten und ihrem<br />
Mann Paul Heller als Gast, feinen Gesang,<br />
schließlich brachten Audrey Martells und<br />
Band einen Hauch von Harlem und Broadway<br />
in die Venenklinik. Den Schlusspunkt<br />
setzten elegant Sarah Buechi und Christoph<br />
Haberer im Wilhelm-Fabry-Museum.<br />
Snow Jazz Gastein<br />
Gasteinertal<br />
Von Christoph Giese. Was<br />
für eine Frau! Gisele Jackson<br />
röhrt und schreit den Soul, den<br />
Rhythm ’n‘ Blues oder den Jazz<br />
heraus. Die Amerikanerin ist<br />
genau die richtige Stimme für<br />
die Band um den österreichischen<br />
Hammond-B3-Wizard<br />
Raphael Wressnig. Und der ist<br />
genau der Richtige für den Eröffnungsabend<br />
der 17. Ausgabe<br />
von Snow Jazz Gastein. Denn<br />
der Mann aus der Steiermark ist<br />
ein Garant für groovende, beste<br />
Laune verbreitende Musik, die<br />
von Funk und Souljazz auch mal<br />
verschmitzt nach New Orleans<br />
herüberblinzelt.<br />
Mit Rom-Schaerer-Eberle<br />
wartete am zweiten der neun<br />
Festivaltage gleich der nächste<br />
Publikumsmitreißer im Sägewerk<br />
in Bad Hofgastein. Gitarre,<br />
Trompete und Stimme <strong>–</strong> aber<br />
was heißt das schon bei einem<br />
Mann wie Andreas Schaerer?<br />
Der Vokalkünstler aus Bern kann<br />
mit seiner Stimme einfach alles:<br />
rasend schnelle Silbenfolgen<br />
raushauen, als Human Beat Box<br />
seine Kollegen mit Rhythmen<br />
versorgen oder mit dem Trompeter<br />
Martin Eberle heiße Dialoge<br />
führen. Die Palette an Ideen<br />
ist schier unerschöpflich. Ein<br />
Monk-Motiv dient als Basis für<br />
halsbrecherische Rhythmusfolgen,<br />
rockige Gitarrenlinien von<br />
Peter Rom geben die Richtung<br />
für improvisatorische Einfälle<br />
vor. Aber auch beseelt kann es<br />
zugehen, mit wunderschönen<br />
Melodien, die nach Afrika entführen.<br />
Genau dort knüpft ein<br />
weiterer fantastischer Dreier<br />
an. Jan Galega Brönnimann aus<br />
der Schweiz (cl, sax), Moussa<br />
98 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> Pablo Held
Cissokho aus dem Senegal<br />
(kora, voc) und der Israeli Omri<br />
Hason (perc) verwöhnen das<br />
Publikum mit wunderschönen,<br />
melodieseligen Momenten.<br />
Darin verschmelzen Afrika,<br />
Jazz und der Orient auf einer<br />
kammermusikalischen Reise,<br />
die viele Entdeckungen bereithält,<br />
die Seele streichelt und<br />
zum Träumen einlädt. Den US-<br />
Sänger Steven Santoro hatte<br />
Festivalleiter Sepp Grabmaier<br />
schon im letzten Jahr mit dem<br />
Trio des österreichischen<br />
Pianisten Walter Fischbacher<br />
eingeladen. Fischbacher arbeitet<br />
aber auch mit Sängerin<br />
Audrey Martells zusammen,<br />
mit der sie Grabmaier im Sommer<br />
in Bad Gastein begrüßen<br />
konnte <strong>–</strong> und begeistert war.<br />
Die Idee reifte, beide Stimmen<br />
zusammenzubringen. Es funktionierte<br />
prima: Der elegante<br />
Jazzcrooner und die heiße<br />
Soul-Jazz-Stimme passten<br />
erstaunlich gut zusammen.<br />
Das diesjährige Festivalmotto<br />
lautete „Great Songs<br />
& Other Big Things“ und<br />
bescherte gleich drei Abende<br />
mit Großformationen. Der<br />
brasilianische Gitarrist Emiliano<br />
Sampaio präsentierte im<br />
© Josef Maier<br />
Nonett sein Mereneu Project,<br />
eine stilistisch schwer zu<br />
greifende, weil so vielschichtige,<br />
beschwingte Musik, die<br />
in manchen Momenten einen<br />
prima Filmscore abgäbe. Das<br />
Schweizer Trio VEIN brachte<br />
das Aarhus Jazz Orchestra mit<br />
ins Gasteinertal und betörte<br />
mit ungewöhnlichen Arrangements,<br />
etwa von Ravels „Bolero“,<br />
den sie Stück für Stück<br />
zu Höhenflügen führten. Die<br />
Jazz Big Band Graz brillierte<br />
mit einem Querschnitt durch<br />
ihre letzten Programme und<br />
einer Musik fernab jeglicher<br />
Bigband-Klischees. Poppiger<br />
Gesang, Ethno-Einflüsse,<br />
elektronische Einsprengsel,<br />
natürlich jazzige Exkurse <strong>–</strong> und<br />
das alles verpackt in lange,<br />
spannende musikalische Geschichten:<br />
ein Festival-Höhepunkt.<br />
Das galt am Abschlusstag<br />
auch für die Matinee mit<br />
anschließendem Jazzbrunch<br />
im Hotel Miramonte, wo die<br />
vier Holzbläser von Saxofour<br />
um Wolfgang Puschnig mit viel<br />
Humor und kuriosen Momenten,<br />
aber auch ungeheurer<br />
Musikalität viel Appetit auf die<br />
anschließenden Gaumenfreuden<br />
machten.<br />
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Jazzfestival<br />
gronau<br />
Von Stefan Streitz. Im westfälischen<br />
Gronau wurde Jubiläum<br />
gefeiert. Zur 30. Ausgabe des<br />
örtlichen Jazzfestivals lockten<br />
Organisator Otto Lohle und sein<br />
Team wieder einmal mit feinem<br />
Händchen zahlreiche Besucher<br />
aus der Region und den nahen<br />
Niederlanden. Der Auftakt<br />
machte mit einem Trio der<br />
besonderen Art schon mächtig<br />
Appetit auf mehr, denn Helge<br />
Schneider (hammond-org), Pete<br />
York (dr) und Henrik Freischlader<br />
(g) hätten das Festival gar nicht<br />
entspannter und feinsinniger<br />
beginnen können. Anschließend<br />
bot die prächtig aufgelegte<br />
WDR Bigband mit Gastsolist und<br />
Leader Christian McBride am<br />
Kontrabass Swing und Gebläse<br />
auf allerhöchstem Niveau, wobei<br />
Solisten wie Paul Heller, Karolina<br />
Strassmayer, die Horn Section<br />
und McBride selbst gefielen.<br />
Auch im weiteren Verlauf<br />
des Festivals hatten Bassisten<br />
viel zu sagen. Richard Bona und<br />
Marcus Miller bescherten dem<br />
Publikum mit ihren jeweiligen<br />
Bands einen faszinierenden<br />
Abend. Bona war mit seiner<br />
Mandekan Cubano Band direkt<br />
mitten im lateinamerikanischen<br />
Groove und hatte das Publikum<br />
jederzeit rhythmisch im<br />
Griff. Er überzeugte aber auch<br />
mit feinsinnigen sphärischen<br />
Momenten vor allem während<br />
der Gesangseinlagen, die seine<br />
Wurzeln in Kamerun erkennen<br />
ließen. Mit einer Ballade am<br />
Klavier gönnte er den Zuhörern<br />
zum Abschluss eine Atempause<br />
vor dem folgenden amerikanischen<br />
Bassgewitter. Marcus<br />
Miller hatte bei seinem dritten<br />
Besuch in Gronau leichtes Spiel,<br />
und auch er präsentierte sich<br />
äußerst entspannt und gelassen.<br />
Geradezu beschwörend<br />
packte er die Menge mit seinen<br />
Basslinien, denen die Mitstreiter<br />
in der Band bis in die tiefsten<br />
Untergründe folgten. Angetrieben<br />
von Drummer Alex<br />
Bailey ging es durch ein<br />
zweistündiges Konzert<br />
© Stefan Streitz<br />
der Extraklasse.<br />
Miller erweiterte die Farbpalette<br />
mit der Bassklarinette um melancholische<br />
Töne und bewegte die<br />
Zuschauer mit Worten über den<br />
nur drei Wochen zurückliegenden<br />
Tod seines Vaters.<br />
Auch der Pop hatte wieder<br />
einen hohen Stellenwert in<br />
Gronau. Amy Macdonald gab<br />
sich die Ehre in einem schnell<br />
ausverkauften Konzert und<br />
gewann mit viel vertrauter<br />
Musik die uneingeschränkte<br />
Zuneigung der Anwesenden. Die<br />
südafrikanische Gesangsgruppe<br />
Ladysmith Black Mambazo verwandelte<br />
eine Kirche in einen<br />
Gesangs- und Tanztempel, und<br />
Kneipenkonzerte wie Straßenmusik<br />
gaben der 30. F estivalausgabe<br />
einen zusätzlichen Glanz.<br />
Am Sonntagnachmittag bot<br />
Götz Alsmann einen jazzigen,<br />
italienisch geprägten Ohrenschmaus,<br />
der anschließend<br />
durch ein Funk-Feuerwerk der<br />
besonderen Art noch gesteigert<br />
wurde: Nils Landgrens<br />
Funk Unit und Tower of Power<br />
verwandelten die Bürgerhalle in<br />
einen Hexenkessel <strong>–</strong> auf jeweils<br />
unterschiedliche Weise: Landgren<br />
auf die schwedische Art<br />
vornehmlich gelassen und Raum<br />
bietend, die amerikanischen<br />
Urgesteine dagegen mit messerscharfen<br />
Bläsersätzen. Unter<br />
der Leitung von Emilio Castillo<br />
verzückten sie gekonnt vertrackt<br />
die tanzwütigen Zuhörer mit<br />
einem Groove, vor dem es kein<br />
Entkommen gab.<br />
© Stefan Streitz<br />
links: Moussa Cissokho / rechts: Richard Bona / unten: Nils Landgren JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> 99
live<br />
Von Angela Ballhorn. Der<br />
Volunteer, der mich vom<br />
Flughafen abholt, arbeitet<br />
eigentlich bei Ericsson, doch<br />
für das Jazzkaar-Festival hat er<br />
sich wie schon in den letzten<br />
Jahren Urlaub genommen, um<br />
als Helfer dabei zu sein. Das ist<br />
nicht außergewöhnlich, findet<br />
er, denn die Talliner lieben<br />
ihr Festival. Die 29. Ausgabe,<br />
die die künstlerische Leiterin<br />
Anne Erm zusammengestellt<br />
hat, war besonders gelungen.<br />
Die Jazzkaar im 100.<br />
Unabhängigkeitsjahr Estlands<br />
wurde mit einer Auftragskomposition<br />
eröffnet, die 100<br />
Menschen aus ganz Estland in<br />
Film und Musik porträtierte. Das<br />
zehntägige Programm hatte von<br />
allem und für alle etwas: Bands<br />
aus Estland oder dem benachbarten<br />
Baltikum, bekannte<br />
und populäre Bands aus dem<br />
eigenen Land, wilde junge<br />
Bands aus Europa und Übersee,<br />
Musik zum Zuhören oder zum Tanzen und<br />
Clubsounds. Das junge Konzertpublikum<br />
begeisterte sich für die britische Band<br />
Sons of Kemet, die den Saal mit Saxofon,<br />
Tuba und zwei Schlagzeugen zum Kochen<br />
brachte, bejubelte das Pianotrio The Bad<br />
Plus mit seinem neuen Mann am Klavier,<br />
Orrin Evans, und feierte die englische<br />
Soulsängerin Laura Mvula im komplett<br />
ausverkauften Konzert. Der Auftritt des<br />
Shooting-Stars der estnischen Jazzszene,<br />
des Pianisten Kristjan Randalu, der gerade<br />
seine erste CD bei ECM veröffentlicht<br />
hat, blieb dagegen blass. Die sperrigen<br />
Kompositionen machten es den Zuhörern<br />
nicht leicht, zusätzlich schien die Band<br />
nur für sich zu spielen und nahm kaum<br />
Kontakt zum Publikum auf.<br />
Die Musik des Trompeters Ambrose<br />
Akinmusire war nicht minder komplex,<br />
doch hier sprang der Funke schnell über.<br />
Auch die Acts, die über das Berliner<br />
XJazz-Festival nach Tallin gekommen<br />
waren, sprachen die Zuschauer an. Bei<br />
der Weltmusik des Bağlama-Spielers<br />
Jazzkaar<br />
tallinn<br />
und Sängers Taner Akyol brauchte das<br />
Publikum etwas, um mit der Musik warm<br />
zu werden, das Trio Komfortrauschen mit<br />
lautem Techno hatte die Clubgänger dagegen<br />
sofort. Die norwegische Bassistin<br />
und Sängerin Ellen Andrea Wang hatte<br />
den Trumpf ihres Trios am Schlagzeug<br />
sitzen <strong>–</strong> was für ein Klangspektrum und<br />
eine Spielfreude Erland Dahlen verbreitete!<br />
Mein Lieblingskonzert war das des<br />
Quartetts Voorand/Koikson/Sooäär/Daniel<br />
mit dem Estnischen Philharmonischen<br />
Chor. Das Quartett mit zwei Stimmen (plus<br />
Elektronik) und zwei E-Gitarren bearbeitete<br />
die Musik des Komponisten Veljo<br />
Tormis neu, der vor allem durch seine<br />
Volkslieder bekannt wurde. Die spannenden<br />
Arrangements wurden durch den<br />
unfassbaren Chor angedickt <strong>–</strong> was für ein<br />
Klangerlebnis.<br />
Vergleicht man die Jazzkaar mit<br />
anderen Festivals, fällt das junge Publikum<br />
auf. Zudem wird die Stadt als große<br />
Bühne für urbane Konzerte genutzt. Es<br />
werden Hauskonzerte organisiert, für<br />
die sich jeder bewerben kann, dessen<br />
Wohnung Platz für eine Band plus ein<br />
paar Zuschauer bietet, wo Kinder ums<br />
Drumset toben können und die Hausherren<br />
Kekse für die Besucher backen.<br />
Die freundliche familiäre Atmosphäre,<br />
das Ambiente des Telliskivi Creative<br />
Centers, die kompetente Betreuung des<br />
Festivals <strong>–</strong> all das macht das Festival<br />
einzigartig.<br />
© Rene Jakobsoni<br />
© Raul Ollo<br />
powered by<br />
Festival<br />
Moers<br />
Von Stefan Pieper. So muss es in den<br />
Gründertagen des Moers Festivals zugegangen<br />
sein: Unter freiem Himmel in der<br />
Sonne entfesselt eine Band die komplexesten<br />
freien Strukturen, und alle haben<br />
Spaß dabei, wie auch Christian Lillinger,<br />
Ronny Graupe und Philipp Gropper gar<br />
nicht genug davon bekommen können.<br />
Und das Laufpublikum vernimmt, dass<br />
die Welt aus viel mehr als nur C-Dur und<br />
Viervierteltakt besteht.<br />
Der künstlerische Leiter Tim Isfort<br />
hat die passenden Bilder im Kopf, um<br />
in Moers unter verjüngten Vorzeichen<br />
sensibel und gerne auch humorvoll Regie<br />
zu führen. Um Stimmungen, Synergien,<br />
weiche Fakten geht es. Um die Materialschlacht<br />
der großen Namen weniger.<br />
Neue Harmonie liegt in der Luft, wo früher<br />
tiefe Fronten zwischen dem Festival und<br />
der Stadtgesellschaft lagen. Das alles hat<br />
mit Weitblick und Empathie zu tun. Viele<br />
Angebote zu neuen Erfahrungen in Gestalt<br />
gerne auch mal skurriler Freiluft-Konzerte<br />
strahlen in die Stadt hinein. Ein kleiner<br />
Pickup fährt umher, auf dessen Ladefläche<br />
eine Pianistin konzertreif Debussy<br />
spielt. Der holländische Gitarrist Bram<br />
Stadhouders vernetzt sein Instrument mit<br />
einer riesigen Kirmesorgel, was einen<br />
polyphonen Klangrausch freisetzt. Wo ist<br />
in diesem Moment der Kommerz geblieben,<br />
der sonst jeden öffentlichen Raum<br />
beherrscht?<br />
Auch das Hauptprogramm der<br />
diesjährigen Festival-Ausgabe appellierte<br />
symbolisch an den Ursprungsgeist des<br />
einstigen, 1972 gegründeten „New Jazz<br />
Festivals“. Gab es nicht eine Zeit, in der<br />
widerborstige Klänge ästhetischen Widerstand<br />
artikulierten? Dass nichts davon an<br />
Relevanz verloren hat, postulierte Peter<br />
Brötzmann im Podiumsgespräch <strong>–</strong> und<br />
noch mehr in den berstenden Klangströmen<br />
aus seinen Hörnern wider alle real<br />
existierende Dummheit in der Welt.<br />
Das Budget für das Festival fällt<br />
geringer aus als in der Michalke-Ära. Tim<br />
Isfort setzt hier auf kreative Entdeckungspfade<br />
mit vielen jungen Bands und regionalen<br />
Musikern und Musikerinnen. Auf<br />
dieser Basis langfristig die internationale<br />
Anziehungskraft des Festivals aufrechtzuerhalten,<br />
wird Herausforderung für die<br />
Zukunft sein. Der wohl prominenteste Gast<br />
in Moers, Saxofonist Ravi Coltrane, legte<br />
eine bestens fokussierte Sternstunde des<br />
modalen Jazz zusammen mit der Band<br />
des Trompeters Ralph Alessi hin. Jazz ist<br />
in Moers keineswegs nur die Sache von<br />
100<br />
JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong> Laura Mvula
in Würde reifenden alten Herren. Wie ein<br />
Wirbelwind mischten die gerade 17 Jahre<br />
junge französische Pianistin/Keyboarderin<br />
DOMI und ihr Altersgenosse Bobby Hall<br />
an Hammondorgel und Schlagzeug die<br />
Bühne auf. Hier haben sich zwei auf dem<br />
Berkeley-College kennengelernt und sich<br />
schon jetzt in bestem Sinne freigespielt.<br />
Tim Isfort liegt das Transparent-Machen<br />
des globalen kulturellen Reichtums<br />
am Herzen. In diesem Jahr wollte er einen<br />
der letzten eisernen Vorhänge zumindest<br />
musikalisch öffnen helfen. Er reiste nach<br />
Pjöngjang und redete mit den zuständigen<br />
Ministerien. Bekam grünes Licht für die<br />
Einladung eines traditionellen Musikensembles<br />
nach Moers. Doch die deutschen<br />
Visa-Behörden setzten auf Abschottung.<br />
Der Dialog wird fortgesetzt.<br />
© Stefan Pieper<br />
© Stefan Pieper<br />
oben: Christian Lillinger, Philipp Gropper<br />
unten: Bobby Hall<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />
101
Termine 07/08<br />
Clubs 07<br />
Raum 00000<br />
Freyburg<br />
21.07. Silje Nergaard; Rotkäppchen<br />
Sektkellerei<br />
Halle<br />
13.07. Fjarill; Cultoursommer<br />
28.07. Le Bang Bang; Händelhaus<br />
Jena<br />
18.07. Dagadana; Kulturarena<br />
Leipzig<br />
04.07. Hans Knudsen; Liveclub<br />
Telegraph<br />
06.07. Calexico; Parkbühne<br />
Geyserhaus<br />
11.07. Vitaly Kiselev Quintet;<br />
Liveclub Telegraph<br />
Pohrsdorf<br />
01.07. The Bright Mass<br />
Orchestra; Saxstall<br />
08.07. Charlotte Jörges Trio;<br />
Saxstall<br />
14.07. sonic Art Saxophonquartett;<br />
Saxstall<br />
15.07. Krambambuli; Saxstall<br />
21.07. Frank Bartsch - Andreas<br />
“Scotty” Böttcher; Saxstall<br />
28.07. Sonny und Eberhard<br />
Struch; Saxstall<br />
29.07. Été large; Saxstall<br />
Raum 10000<br />
Berlin<br />
01./02.07. Ernst Bier-Mack<br />
Goldsbury; A-Trane<br />
01.07. King Crimson; Admiralspalast<br />
03.07. Judy Niemack Summerspecial<br />
feat. Esther Kaiser;<br />
A-Trane<br />
03.07. Banda Living; Schlot<br />
04.07. Judy Niemack Summerspecial<br />
feat. Marc Secara &<br />
Sarah Kaiser; A-Trane<br />
04.07. Azolia; Schlot<br />
05.07. Albert Hammond Jr.;<br />
Musik & Frieden<br />
05.07. Judy Niemack Summerspecial<br />
feat. Lisa Bassenge;<br />
A-Trane<br />
05.07. Clemens Bigge Trio;<br />
Schlot<br />
06./07.07. Gary Wiggins<br />
Summerspecial feat. Guitar<br />
Crusher; A-Trane<br />
06.07. Maria Baptist Orchestra;<br />
Schlot<br />
07.07. Ralf Ruh Trio; Schlot<br />
08.07. Shalosh; Jazz in the<br />
Garden<br />
08.07. Dan Weiss; A-Trane<br />
09.07. Andreas Schmidt &<br />
friends; A-Trane<br />
09.07. Earth, Wind & Fire;<br />
Gendarmenmarkt<br />
10.07. Temmingberg; Schlot<br />
10.-12.07. VIP Vocal Improvisation<br />
Project: Judy niemack/<br />
Defne Sahin/Mia Knop<br />
Jacobsen/Erik/Leuthaeuser/<br />
Moritz Klatt/Johannes von<br />
Ballestrem; A-Trane<br />
11.07. Geburtstagskonzert<br />
Christof Griese; Schlot<br />
12.07. Christoph Stiefel; Gedächtniskirche<br />
- In Spirit<br />
12.07. Int. Jazzworkshop<br />
Musikschule City West: Tal<br />
Balshai Hammond; Schlot<br />
13.07. Int. Jazzworkshop<br />
Musikschule City West: Tim<br />
Sunds Butterfly; Schlot<br />
13.07. Etta Scollo; Ufa Fabrik<br />
13./14.07. Gary Wiggins<br />
Summerspecial; A-Trane<br />
14.07. Stracke-Griese-Flick-<br />
Strakhof/Christof Grieses<br />
Double Drums Project; Schlot<br />
16.07. JIB <strong>–</strong> Jazz Institut<br />
Berlin Ltg: Chris Dahlgren;<br />
Schlot<br />
16.07. Joan as Police Woman;<br />
Festsaal Kreuzberg<br />
17.07. Charlottes clandestine<br />
Zauberkiste; Schlot<br />
17.07. Rufus Wainwright;<br />
Apostel-Paulus-Kirche<br />
19.-21.07. Jeremy Sassoon;<br />
A-Trane<br />
19.07. Sven Ziebarth & Superrocket<br />
3000; Schlot<br />
20.07. Jörn Henrich European<br />
Jazzproject; Schlot<br />
20.07. Quantic; Gretchen<br />
20.07. Fabian Timm; A-Trane<br />
21.07. Kenneth Berkel Quartet;<br />
Schlot<br />
23.07. Andreas Schmidt &<br />
friends; Thomas Stieger;<br />
A-Trane<br />
24.07. Bassekou Kouyaté;<br />
Ufa Fabrik<br />
24.-28.07. Jonas Schoen;<br />
A-Trane<br />
26.07. Sven Hammond;<br />
Quasimodo<br />
30./31.07. Antje Rößeler Stockholm<br />
Trio; Schlot<br />
31.07. Riccardo del Fra;<br />
A-Trane<br />
Greifswald<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
06.07. Mammal Hands; Eldenaer<br />
Jazz Evenings<br />
Kühlungsborn<br />
21.07. Uwe Kropinski Trio;<br />
Kunsthalle<br />
Lychen/Uckermark<br />
25.07. Jaspar Libuda Trio;<br />
Musik auf dem Floß<br />
Metzelthin<br />
13.07. Pulsar Trio; Uckermärkisches<br />
Nationaltheater<br />
Neuhardenberg<br />
14.07. Logan Richardson &<br />
Nicola Conte; Schloss<br />
Schwerin<br />
21.07. Pulsar Trio; Werk 3<br />
Raum 20000<br />
Aurich<br />
16.07 Etta Scollo; Musikalischer<br />
Sommer<br />
Bispingen<br />
06.07. Helmut Eisel & JEM;<br />
Ole Kerk<br />
Bremen<br />
28.07. Sven Hammond;<br />
Breminale<br />
30./31.07. Gabriele Hasler;<br />
Gleishalle am Güterbahnhof<br />
Hamburg<br />
05.07. Tzigan Gipsy Trio;<br />
Stellwerk<br />
07.07. Li Biao Percussion<br />
Group; Elbphilharmonie<br />
08.07. Melody Gardot; Elbphilharmonie<br />
04.07. Fatjazz: Jazzkombinat<br />
Hamburg feat. Hendrika<br />
Entzian; Turmzimmer Uebel &<br />
Gefährlich<br />
07.07. Fatjazz: Lukas Klapp <strong>–</strong><br />
Sven Kerschek; Alte Druckerei<br />
Ottensen<br />
11.07. Fatjazz: Abschlusskonzert<br />
HfMT: Moritz Hamm<br />
Quartet; Turmzimmer Uebel &<br />
Gefährlich<br />
12.07. Earth, Wind & Fire;<br />
Stadtpark<br />
12./13.07. Matralab; Maschinenhaus<br />
der Kulturbrauerei<br />
18.07. Fatjazz: Heiko Fischer<br />
Quartet; Turmzimmer Uebel &<br />
Gefährlich<br />
19.07. Tarrus Riley feat. Dean<br />
Fraser & Black Soil Band;<br />
Fabrik<br />
20.07. Sly & Robbie meet Nils<br />
Petter Molvaer feat. Eivind<br />
Aarset, Vladislav Delay;<br />
Mojo Club<br />
Hasselburg-Altenkrempe<br />
06.07. Festivalsommer SHMF:<br />
Tingvall Trio; Scheune<br />
Husum<br />
13.07. Michael Riessler;<br />
Schleswig-Holstein-Musikfestival<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
Summer Jazz<br />
16.-20. <strong>Juli</strong> <strong>2018</strong><br />
Stadtgarten, Köln<br />
Kiel<br />
12.07. Festivalsommer SHMF:<br />
Pat Metheny; Kieler Schloss<br />
Lübeck<br />
03.07. Festivalsommer SHMF:<br />
Brad Mehldau Trio; Musikund<br />
Kongresshalle<br />
Lüneburg<br />
20.07. Pulsar Trio; Kulturforum<br />
Postfeld<br />
22.07. Pulsar Trio; Kultursommer<br />
Barkauer Land<br />
Raum 30000<br />
Bielefeld<br />
07.07. Shalosh; Waldhof/Bunker<br />
Ulmenwall<br />
08.07. Sonnenaufgangskonzert:<br />
Florian Christl; Bunker<br />
Ulmenwall/Sparrenburg<br />
15.07. Sonnenaufgangskonzert:<br />
L.A. Salami; Bunker<br />
Ulmenwall/Sparrenburg<br />
Einbeck<br />
07.07. Helmut Eisel & JEM;<br />
Tangobrücke<br />
Kassel<br />
13.07. Joachim Kühn New Trio;<br />
Kulturzelt<br />
14.07. Slowdive; Kulturzelt<br />
17.07. Shout Out Louds;<br />
Kulturzelt<br />
18.07. Kensington; Kulturzelt<br />
19.07. Bosse; Kulturzelt<br />
20.07. Olli Schulz; Kulturzelt<br />
21.07. Carminho; Kulturzelt<br />
24.07. Alice Phoebe Lou;<br />
Kulturzelt<br />
25.07. Tom Walker; Kulturzelt<br />
26.07. Tocotronic; Kulturzelt<br />
29.07. Till Brönner & Dieter Ilg;<br />
Kulturzelt<br />
31.07. Dub FX; Kulturzelt<br />
Lippoldsberg<br />
08.07. Helmut Eisel & JEM;<br />
Klosterkirche<br />
Sehnde<br />
28.07. Filppa Gojo Quartett;<br />
Kulturverein<br />
Schlitz<br />
07.07. hr-Bigband: Satchmo<br />
goes Big Apple; Schloss<br />
Hallenburg<br />
Trendelburg<br />
06.07. Pulsar Trio; Wasserschloß<br />
Wülmersen<br />
Weilburg<br />
06.07. Schlosskonzerte:<br />
hr-Bigband Satchmo goes Big<br />
Apple; Renaissancehof<br />
Wetzlar<br />
18.07. Bernd Lhotzky, Jan<br />
Luley, David Frenkel, Marialy<br />
Pacheco; Festspiele<br />
Raum 40000<br />
Bochum<br />
05.07. II. Sommerjazz Fest<br />
/ Tatort Jazz: Tatort Jazz<br />
Hausband feat. u.a. Frederik<br />
Köster; Musikforum Ruhr<br />
28.07. Lee Ritenour-Dave Grusin<br />
& Band; Christuskirche<br />
Bramsche<br />
07.07. Pianotopia-Chris Geisler/<br />
Kurt Holzkämper; Kloster<br />
Malgarten<br />
Borken<br />
08.07. Echoes of Swing; Forum<br />
Mariengarden<br />
Düsseldorf<br />
28.07. Eurasians 5/Jazzpool<br />
NRW „Sketches“; Jazz und<br />
Weltmusik im Hofgarten<br />
Essen<br />
07.07. 47Soul; Pact Zollverein<br />
Sommer Open Air<br />
16.07. Rufus Wainwright;<br />
Lichtburg<br />
Hattingen<br />
08.07. Vernissage: Vom<br />
Instrument in die Konserve/<br />
17.07.<strong>2018</strong> Carla Bley Trio<br />
feat. Andy Sheppard, Steve<br />
Swallow<br />
DuckTapeTicket; Kulturhist.<br />
Museum Haus Kemnade<br />
Herne<br />
05.07. Physik der Musik;<br />
Grundschule<br />
Münster<br />
19.07. Dirty Fences & Support;<br />
Gleis 22<br />
21.07. Martha & Support;<br />
Gleis 22<br />
29.07. Miller Anderson Band;<br />
Hot Jazz Club<br />
Ratingen<br />
08.07. Echoes of Swing;<br />
Kulturkreis Hösel/ Landhotel<br />
Krummenweg<br />
Wuppertal<br />
21.07. Crossroads 3000: Bassekou<br />
Kouyate/Joachim Kühn/<br />
Majid Bekas/Gary Husband;<br />
Skulpturenpark<br />
22.07. Carminho; Waldfrieden<br />
Klangart<br />
Raum 50000<br />
Hürth<br />
20.07. Portofino; Jazzkeller<br />
Hürth<br />
Köln<br />
05.07. Tobias Meinhart Quartett<br />
& Kurt Rosenwinkel; Loft<br />
06.07. Jazz mit Kick meets Uni<br />
Big Band; Aula Uni<br />
08.07. Masterabschlusskonzert<br />
Tamara Lukasheva (Duos<br />
m. Dominik Mahnig/Matthias<br />
Schriefl/Marina Sobyanina;<br />
Loft<br />
08.07. Antigua; Salontheater<br />
08.07. Gratkowski Hübsch;<br />
Odonien<br />
11.07. Laia Genc & John<br />
Goldsby; Steinway Haus<br />
12.07. Bachelorkonzert Örn<br />
Ingi Unnsteinsson/Stefan Karl<br />
Schmid/Lars Duppler/Jan<br />
Philipp; Loft<br />
13.07. Bachelorkonzert Johanna<br />
Klein; Loft<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
16.07. Summerjazz: The Bad<br />
Plus; Stadtgarten<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
17.07. Summerjazz: Carla Bley<br />
Trios; Stadtgarten<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
20.07. Summerjazz: Endangered<br />
Blood; Stadtgarten<br />
24.07. Alexei Aigui & Dietmar<br />
Bonnen; Loft<br />
Königswinter<br />
08.07. Barbara Dennerlein<br />
Trio; Kloster Heisterbach<br />
Körperich<br />
06.07. Fjarill; Schloss Kewenig<br />
Mainz<br />
08.07. Sting & Shaggy;<br />
Volkspark<br />
12.07. Yvonne Mwale; Sommernachtsjazz<br />
13.07. Summer in the City:<br />
Melody Gardot; Zitadelle<br />
16.07. Summer in the City:<br />
Bryan Ferry; Zitadelle<br />
18.07. Summer in the City:<br />
Norah Jones m. Brian Blade &<br />
Chris Thomas; Zitadelle Mainz<br />
22.07. Summer in the City:<br />
LaBrassBanda; Zitadelle<br />
Raum 60000<br />
Aschaffenburg<br />
15.07. Myles Kennedy & Co.;<br />
Colos Saal<br />
102 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
25.07. Nik West; Colos Saal<br />
Darmstadt<br />
08.07. Wilson de Oliveira<br />
Quartett; Bessunger Jagdhof<br />
Frankfurt am Main<br />
05.07. JazzIni Frankfurt:<br />
Ensemble Modern & Fossile3<br />
feat. Lotte Anker; Palmengarten<br />
12.07. JazzIni Frankfurt:<br />
European Blue Note Quartet<br />
feat. Izabella Effenberg;<br />
Palmengarten<br />
13.07. Earth, Wind & Fire;<br />
Jahrhunderthalle<br />
24.07. Rufus Wainwright;<br />
Palmengarten (open Air)<br />
26.07. JazzIni Frankfurt: Reut<br />
Regev’s R*Time; Palmengarten<br />
Heidelberg<br />
06.07. One Family Band; Afrikatage/Karlstorbahnhof<br />
17.07. Joan as Police Woman;<br />
Karlstorbahnhof<br />
Oestrich-Winkel<br />
26.07. Echoes of Swing;<br />
Brentano-Scheune<br />
Saarbrücken<br />
03.07. LouLou; Alte Kirche<br />
Saarbrücken<br />
Raum 70000<br />
Bad Urach<br />
13.07. Jazzchor Freiburg;<br />
Open-Air-Bühne<br />
Bonndorf<br />
28.07. Fabrizio Consoli;<br />
Schloßfest<br />
Freiburg<br />
01.07. Bigband und Combos<br />
des Wentzinger Gymnasiums;<br />
Jazzhaus<br />
08.07. Glenelg High School<br />
Bigband & Freiburger Schüler<br />
Jazzorchester; Jazzhaus<br />
09./10.07. Sneak Preview:<br />
Jazz-Studenten d. Musikhochschule<br />
Freiburg; Jazzhaus<br />
23.07. Sly & Robbie meet Nils<br />
Petter Molvaer; Jazzhaus<br />
29.07. Ensemble FisFüz;<br />
Christuskirche<br />
Karlsruhe<br />
09.07. Michael Riessler &<br />
Pierre Charial; Hemingway<br />
Lounge<br />
28.07. Daara J; Tollhaus<br />
Leonberg-Gebersheim<br />
05.07. Carla Öhmd Jazz Group;<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
Flux Festival<br />
13.-19. <strong>August</strong> <strong>2018</strong><br />
Spektrum, Berlin<br />
Bauernhausmuseum<br />
Lörrach<br />
01.07. Matinee: The Big Sound<br />
Orchestra; Jazztone<br />
13.07. „Ludere“ feat. Philippe<br />
Baden Powell; Jazztone<br />
Ludwigsburg<br />
06.07. Uli Gutscher Quintett;<br />
Podium der Musikhalle<br />
13.07. Schlossfestspiele: Kit<br />
Armstrong & Friends; Ordenssaal,<br />
Residenzschloss<br />
19.07. Schlossfestspiele:<br />
L’Arpeggiata: Eine Balkanroute;<br />
Forum<br />
20.07. Los Big Banderos;<br />
Podium der Musikhalle<br />
Schorndorf<br />
11.07.The Mistery Lights; Club<br />
Manufaktur<br />
20.07. Engelberger Bigband;<br />
Freie Waldorfschule<br />
Engelberg<br />
Singen<br />
12.07. Silke Eberhard Trio/<br />
Mingus-Mingus-Mingus “I am<br />
Three” Trio; Gems<br />
Stuttgart<br />
03.07. Satellite - The music of<br />
John Coltrane; Bix<br />
04.07. Wolfgang Schmid presents:<br />
“A Special Gig”; Bix<br />
05.07. Soul Diamonds feat.<br />
Alana Alexander, Fola Dada &<br />
Eva Leticia Padilla; Bix<br />
06.07. Carsten Lindholm<br />
Trio; Bix<br />
07.07. Sir Waldo Weathers; Bix<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
12.07. Jason Moran & Bandwagon;<br />
Bix<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
13.07. Indra Rios-Moore; Bix<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
14.07. Allan Harris; Bix<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
15.07. Chico Freeman; Bix<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
16.07. David Helbocks Random/Control;<br />
Bix<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
17.07. First Strings On Mars;<br />
Bix<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
18.07. Omer Avital; Bix<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
19.07. Twana Rhodes; Bix<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
20.07. Echoes of Swing; Bix<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
21.07. Moon Hooch & Knower;<br />
Bix<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
27.07. Lee Ritenour, Dave<br />
Grusin & Band; Liederhalle<br />
Mozartsaal<br />
Tübingen<br />
09.07. Fried Dähn & The Skin<br />
Of Clazz <strong>–</strong> Frank Zappas Music<br />
In Percussion; Sudhaus<br />
Tomomi<br />
Adachi<br />
© Naya Collective<br />
Uhingen<br />
22.07. Ensemble FisFüz;<br />
Schloss Filseck<br />
Wüstenrot<br />
07.07. Charly Antolini’s Swing<br />
Explosion; Burg Maienfels<br />
Raum 80000<br />
Bad Grönenbach<br />
08.07. Pippo Pollina;<br />
Postsaal<br />
Blaubeuren<br />
21.07. Ola Onabule; Summerstage<br />
Blautopf<br />
Elmau<br />
05.07. Martin Schmitt; Schloss<br />
Elmau<br />
09.07. Marcin Wasilewski Trio;<br />
Schloss Elmau<br />
10.07. The Vijay Iyer Sextet;<br />
Schloss Elmau<br />
12.07. Joo Kraus & Tales in<br />
Tones Trio; Schloss Elmau<br />
14.07. Kinga Glyk; Schloss<br />
Elmau<br />
16.07. Jazzrausch Bigband<br />
“Moebius Strip”; Schloss<br />
Elmau<br />
17.07. Ganes “an cunta che”;<br />
Schloss Elmau<br />
23.07. Cleo & Jan Luley Band;<br />
Schloss Elmau<br />
25.07. The Giora Feidman<br />
Sextet Klezmer for Peace;<br />
Schloss Elmau<br />
26.07. Manu Katché The<br />
Scope; Schloss Elmau<br />
28.07. Eric & Ulf Wakenius;<br />
Schloss Elmau<br />
31.07. Youn Sun Nah Quintet;<br />
Schloss Elmau<br />
Friedrichshafen<br />
30.07. Mélissa Laveaux;<br />
Kulturufer<br />
Germering<br />
05.07. Pippo Pollina; Stadthalle<br />
20.07. Daniel Erdmann’s Velvet<br />
Revolution; Stadthalle<br />
Kempten<br />
19.07. Sona Jobarteh;<br />
Burgruine<br />
Mühldorf<br />
13.07. Django 3000; Haberkasten<br />
Innenhof<br />
18.07. Schmidbauer-Pollina-<br />
Kälberer; Haberkasten<br />
Innenhof<br />
München<br />
02.07. Christian Elsässer Jazz<br />
Orchestra; Unterfahrt<br />
03.07. Albert Hammond Jr.;<br />
Ampere<br />
03.07. Etta Scollo; Literaturhaus<br />
04.07. Night Club: Ron Carter<br />
Golden Striker Trio; Bayerischer<br />
Hof<br />
07.07. Walter Lang Trio;<br />
Unterfahrt<br />
09.07. The Jazz Big Band<br />
Association; Unterfahrt<br />
10.07. Earth, Wind & Fire;<br />
Tollwood<br />
13.07. Kinga Głyk; Bürgerhaus<br />
Unterföhring<br />
13.07. Offene Ohren: Olaf Rupp<br />
- Ulrike Brand; MUG Einstein<br />
14.07. Kurt Elling; Bürgerhaus<br />
Unterföhring<br />
16.07. Earforce; Unterfahrt<br />
16.07. King Crimson; Philharmonie<br />
17.07. Sly & Robbie feat. Nils<br />
Petter Molvaer; Unterfahrt<br />
18.07. Yellowjackets;<br />
Unterfahrt<br />
19.07. Omer Avital Quintet;<br />
Unterfahrt<br />
21.07. Marty Cook Quintet feat.<br />
Paul Grabowsky; Unterfahrt<br />
22.07. Vorboten des Festivals:<br />
Münchner Musikkritiker machen<br />
Musik; Bayerischer Hof<br />
22./23.07. King Luis & Pestalozzi-Bigband;<br />
Unterfahrt<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
23.07. Incognito; Bayerischer<br />
Hof<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
23.07. Nik West; Bayerischer<br />
Hof<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
24.07. Lucky Petersen & The<br />
Organization feat. Tamara<br />
Tramell; Bayerischer Hof<br />
25.07. Bassekou Kouyaté;<br />
Muffathalle<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
25.07. JBill Frisell - When<br />
You Wish Upon The Star;<br />
Bayerischer Hof<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
26.07. Manou Gallo; Bayerischer<br />
Hof<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
27.07. Stanley CLarke Band;<br />
Bayerischer Hof<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
28.07. Joao Bosco Quartet;<br />
Bayerischer Hof<br />
29.07. Lee Ritenour & Dave<br />
Grusin; Technikum Kultfabrik<br />
30.07. Jazzclub Unterfahrt<br />
präsentiert: LBT & Matthias<br />
Bublath Band; Theatron<br />
Ulm<br />
05.07. Calexico; Ulmer Zelt<br />
07.07. Marcus Miller; Ulmer<br />
Zelt<br />
Wolfratshausen<br />
27.07. Stefanie Boltz; Bergwaldbühne<br />
Raum 90000<br />
Altdorf<br />
04.07. Pippo Pollina; Hof der<br />
Alten Universität<br />
Bad Kissingen<br />
08.07. Emil Brandqvist Trio;<br />
Kissinger Sommer<br />
Bad Staffelstein<br />
06./07.07. Pippo Pollina;<br />
Kloster Banz<br />
Erlangen<br />
22.07. Magnus Lindgren m.<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 103
Termine<br />
China Moses, Torsten Goods<br />
& Friends; Jazz am See<br />
Nürnberg<br />
02.07. Jazz in the Garden:<br />
Keller Mountain Blues Band;<br />
Kulturgarten Künstlerhaus<br />
09.07. Jazz in the Garden:<br />
Groove Legend Orchestra;<br />
Kulturgarten Künstlerhaus<br />
16.07. Jazz in the Garden: Hot<br />
House Hooters; Kulturgarten<br />
Künstlerhaus<br />
17.07. Campus Jazz: Amelie-<br />
Marie Bräutigam/Hyun-Bin<br />
Park; Jazz Studio<br />
18.07. Campus Jazz: Matthias<br />
Ernst/Martin Krechlak; Jazz<br />
Studio<br />
23.07. Jazz in the Garden: NC<br />
Brown Blues Band; Kulturgarten<br />
Künstlerhaus<br />
25.07. Sven Hammond; Hirsch<br />
27.07. Aeham Ahmad meets<br />
Edgar Knecht/Dagadana;<br />
Bardentreffen<br />
28.07. Bassekou Kouyaté/<br />
Amsterdam Klezmer Band;<br />
Bardentreffen<br />
31.07. Rosanne Cash; Serenadenhof<br />
Regensburg<br />
19.07. Uni-Jazzorchester, Ltg.<br />
Bob Mintzer, feat. Yellowjackets;<br />
Leerer Beutel<br />
28.07. António Zambujo Quintett<br />
; Thon-Dittmer-Palais<br />
29.07. Bassekou Kouyaté;<br />
Klangfarben<br />
Niederlande<br />
Amsterdam<br />
05.07. Namibian Tales <strong>–</strong> Kalahari<br />
Encounters; Bimhuis<br />
06.07. Africa Negra; Bimhuis<br />
07.07. Ke Haber ‘What’s new’;<br />
Bimhuis<br />
13.07. <strong>Juli</strong>an Lage Trio;<br />
Bimhuis<br />
14.07. Lilian Vieira Grupo;<br />
Bimhuis<br />
15.07. Monty Alexander;<br />
Bimhuis<br />
Österreich<br />
Graz<br />
02.07. KUG Jazzorchester feat.<br />
Bachelors; WIST<br />
Judenburg<br />
14.07. Indra Rios-Moore;<br />
Festsaal<br />
Keutschach<br />
18.07. Sona Jobarteh; Rausche<br />
Le Fest, Waldarena<br />
Klagenfurt<br />
18.07. Klaus Paier & Asja<br />
Valcic Quartet; Musikforum<br />
Viktring<br />
Krems<br />
26.07. Amsterdam Klezmer<br />
Band m. Söndörgő; Glatt &<br />
Verkehrt<br />
Kremsmünster<br />
07.07. Omer Klein; Jazz am<br />
Bauernhof<br />
Kufstein<br />
01.07. Jütz; Badeanstalt<br />
Hechtsee<br />
Linz<br />
08.07. Maaike den Dunnen &<br />
Austrian Band; Musikpavillion<br />
Mariawörth<br />
17.07. Klaus Paier & Asja Valcic<br />
Quartet; Wallfahrtskirche<br />
Nickelsdorf<br />
08.07. Konfrontationen<br />
39 Warm up party: Dälek;<br />
Kleylehof<br />
Pitten<br />
26.07. Omer Klein; Kunst und<br />
Kulturkreis<br />
Salzburg<br />
21.07.Klaus Paier & Asja Valcic<br />
Quartet; Open Air Bühne<br />
Sittersdorf<br />
21.07. Son Lux; Acoustic<br />
Lakeside<br />
Söll<br />
22.07. Sigi Finkel & Monika<br />
Stadler; KircheWels<br />
Wien<br />
01.07. Jazzfest Wien: Rhys<br />
Lewis; Porgy & Bess<br />
02.07. Jazzfest Wien: Jonah<br />
Nilsson; Porgy & Bess<br />
03.07. Jazzfest Wien Handsemmel<br />
Records ‘The Mighty<br />
Roll; Porgy & Bess<br />
04.07. Strengen Kammer:<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
Studio Dan ‘More Creatures<br />
& Other New Stuff’ Part IV:<br />
String Quartet; Porgy &<br />
Bess<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
05.07. Mammal Hands; Porgy<br />
& Bess<br />
09.07. Karl Ratzer Quintet;<br />
Porgy & Bess<br />
10./11.07. Stanley Clarke Band;<br />
Porgy & Bess<br />
12.07. Studio Dan „More<br />
Creatures & Other New Stuff“<br />
Part V: Big Studio Dan; Porgy<br />
& Bess<br />
14.07. Iris Electrum; Porgy<br />
& Bess<br />
15.07. Roy Ayers Ubiquity;<br />
Porgy & Bess<br />
16.07. Sly & Robbie meet Nils<br />
Petter Molvær; Porgy & Bess<br />
17.07. Christian Sands Trio;<br />
Porgy & Bess<br />
20.07. Adam Bałdych & Helge<br />
Lien Trio; Porgy & Bess<br />
22.07. Nicolas Simion Sextet;<br />
Porgy & Bess<br />
23.07. Somi; Porgy & Bess<br />
24.07. Gregor Huebner & El<br />
Violin Latino feat. Yumarya;<br />
Porgy & Bess<br />
25.07. Matthias Schriefl &<br />
Shreefpunk; Porgy & Bess<br />
26.07. Sketchbook Quartet/<br />
Sketchbook Orchestra; Porgy<br />
& Bess<br />
28.07. Escoffery / Davis /<br />
Schieferdecker / Dudli ‘Asteroid<br />
7881’; Porgy & Bess<br />
29.07. Jan Sturiale ‘Roadmaps’;<br />
Porgy & Bess<br />
30.07. Dweezil Zappa ‘Choice<br />
Cuts!; Porgy & Bess<br />
Schweiz<br />
Bäretswil<br />
07.07. Jütz; Musikraum Tanne<br />
Fribourg<br />
14.07. Son Lux; Les Georges<br />
Kiental<br />
06.07. Jütz; Natural Sound<br />
Openair<br />
Montreux<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
14.07. Mammal Hands; Montreux<br />
Jazzfestival<br />
St. Gallen<br />
04.07. Christoph Stiefel; Kirche<br />
St. Laurenzen<br />
Ystad Sweden Jazz Festival<br />
1.-5. <strong>August</strong> <strong>2018</strong><br />
Ystads Teater, Schweden<br />
Wetzikon<br />
07.07. Christoph Stiefel; Aula<br />
Kantonsschule<br />
Zürich<br />
09.07. John Hiatt & The<br />
Goners; Kaufleuten<br />
11.07. Yellow Bird; Barfussbar<br />
17.07. David Byrne; Theater 11<br />
19.07. Southside Johnny & the<br />
Asbury Jukes; Kaufleuten<br />
Clubs 08<br />
Raum 00000<br />
Dresden<br />
11.08. Jugendjazzorchester<br />
Sachsen feat. Clemens<br />
Pötzsch & Paul Peuker; Tonne<br />
15.08. Courtney Marie Andrews<br />
& Band; Palais Sommer<br />
- Konzerte im Park<br />
Halle/Saale<br />
04.08. Pianotopia - Chris<br />
Geisler/ Kurt Holzkämper;<br />
Händelhaus<br />
Jena<br />
09.08. Nils Wülker Decade;<br />
Kulturarena<br />
Kleinwelka<br />
25.08. Pulsar Trio; Schwesternhäuser<br />
Pohrsdorf<br />
02.08. Antje Rößeler - Stockholm<br />
Trio; Saxstall<br />
11.08. Caminho; Saxstall<br />
12.08. Die Guitarreros;<br />
Saxstall<br />
18.08. Dresden Hot Serenadors;<br />
Saxstall<br />
19.08. Klezmart; Saxstall<br />
26.08. Bronson Blues; Saxstall<br />
Senftenberg (Lausitz)<br />
03.08. 17 Hippies; Amphitheater<br />
Raum 10000<br />
Bad Belzig<br />
26.08. Yellow Bird; Kulturwerk<br />
Berlin<br />
01.-03.08. Riccardo del Fra;<br />
A-Trane<br />
02.08. Joo Kraus; Quasimodo<br />
03.08. Aquaserge; Haus der<br />
Kulturen der Welt<br />
04.08. Eb Davis; A-Trane<br />
05.08. Uwe Kropinski; A-Trane<br />
07.-11.08. Unity 5; A-Trane<br />
02.08.<strong>2018</strong><br />
Youn Sun Nah<br />
13.08. Andreas Schmidt &<br />
friends; A-Trane<br />
14.-16.08. Cosmo Klein;<br />
A-Trane<br />
17.-19.08. Tino Derado;<br />
A-Trane<br />
21.-24.08. Stephanie Lottermoser;<br />
A-Trane<br />
25.08. JT Duo; Cafe Sur<br />
Dierhagen<br />
08.08. Fjarill; Naturklänge<br />
Greiffenberg<br />
12.08. Meinrad Kneer &<br />
Susanne Fröhlich; Gutshaus,<br />
Uckermärkische Musikwochen<br />
Rostock<br />
03.08. Joo Kraus; Jazzclub<br />
Storkow<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
17.08. Mammal Hands; Alinae<br />
Lumr Festival<br />
Triepkendorf<br />
11.08. Meinrad Kneer &<br />
Susanne Fröhlich; Seenlandschaft,<br />
Kulturwirtschaft e.V.<br />
Zehdenick<br />
23.08. Dagadana; Kulturscheune<br />
Raum 20000<br />
Agathenburg<br />
11.08. Stefanie Boltz & Band:<br />
The Door; Ehrenhof Schloss<br />
Bremen<br />
01.-03.08. Gabriele Hasler;<br />
Gleishalle am Güterbahnhof<br />
Diepholz<br />
04.08. 47Soul; Appletree<br />
Garden<br />
Freiburg/Elbe<br />
03.06. Echoes Of Swing; Hist.<br />
Kornspeicher<br />
Hamburg<br />
09.08. Taksim Trio; Elbphilharmonie<br />
11.08. Chico Trujillo; Fabrik<br />
12.08. Arturo O’Farrill and<br />
the Afro Latin Jazz Octet;<br />
Elbphilharmonie<br />
17.08. Bill Frisell: The Mesmerists<br />
/ Filmkonzert m. Buster<br />
Keaton; Elbphilharmonie<br />
Sommer<br />
27.08. Mari Boine; Fabrik<br />
29.08. Stefano Bollani; Elbphilharmonie<br />
Sommer<br />
Lüneburg<br />
24.08. Masaa/Ätna; Kulturforum<br />
Schleswig<br />
30.08. Fjarill; Der Norden<br />
Raum 30000<br />
Bielefeld<br />
26.08. Sonnenaufgangskonzert:<br />
Habla de mí en presente<br />
… ; Bunker Ulmenwall/<br />
Sparrenburg<br />
Bückeburg<br />
22.08. Barbara Dennerlein;<br />
Stadtkirche<br />
Hannover<br />
10.08. Calexico; Capitol<br />
Kassel<br />
01.08. Fink; Kulturzelt<br />
02.08. Nightmares On Wax;<br />
Kulturzelt<br />
03.08. Moop Mama; Kulturzelt<br />
04.08. Bukahara; Kulturzelt<br />
05.08. Faber; Kulturzelt<br />
07.08. Von Wegen Lisbeth;<br />
Kulturzelt<br />
15.08. Curtis Harding;<br />
Kulturzelt<br />
16.08. Candy Dulfer; Kulturzelt<br />
17.08. Kinga Glyk & Band;<br />
Kulturzelt<br />
18.08. Kat Frankie; Kulturzelt<br />
23.08. Manu Delago;<br />
Kulturzelt<br />
24.08. Nils Landgren All Stars;<br />
Kulturzelt<br />
25.08. 17 Hippies; Kulturzelt<br />
31.08. Urban Swing Worker;<br />
Theaterstübchen<br />
Kleinsassen<br />
25.08. Alexander von<br />
Schlippenbach & Frank Paul<br />
Schubert; Kunststation<br />
Minden<br />
25.08. Yvonne Mwale; Sommerfest<br />
/ Jazzclub Open Air<br />
Nieder-Moos<br />
18.08. Jazzchor Freiburg;<br />
Orgelkonzerte<br />
Wedemark<br />
31.08. Fjarill; Bürgerhaus<br />
Bissendorf<br />
Raum 40000<br />
Bad Essen<br />
05.08. Birgit Minichmayr &<br />
Chris Hopkins/Bernd Lhotzky;<br />
Schloss Ippenburg<br />
Düsseldorf<br />
04.08. Dagadana/Aly Keita<br />
Trio; Jazz und Weltmusik im<br />
Hofgarten<br />
11.08. Amants De Lulu/Jan<br />
Prax Quartet; Jazz und Weltmusik<br />
im Hofgarten<br />
18.08. Phillip van Endert Trio/<br />
Tan; Jazz und Weltmusik im<br />
Hofgarten<br />
Havixbeck<br />
25.08. The Dorf; Burg Hülshoff,<br />
Droste-Tage<br />
Münster<br />
26.08. Latvian Blues Band; Hot<br />
Jazz Club<br />
Wuppertal<br />
24.08. Lazarev Project Group;<br />
Kontakthof<br />
Raum 50000<br />
Attendorn<br />
08.08. Echoes of Swing;<br />
Mehrgenerationenplatz<br />
Kultursommer<br />
Hürth<br />
03.08. Wels; Jazzkeller<br />
17.08. Tropical Turn Quartett;<br />
Jazzkeller<br />
23.08. Jin Jim; Rock meets<br />
Jazz<br />
Köln<br />
02.08. Patti Smith; Roncalliplatz<br />
29.08. LTK4; Lutherturm<br />
Lüdenscheid<br />
18.08. Barbara Dennerlein<br />
Duo; Erlöserkirche<br />
Oberscheid<br />
19.08. Cluster Quartet;<br />
Kulturtag<br />
Trier<br />
30.08. Markus Stockhausen<br />
& Quadrivium; Jazz im<br />
Brunnenhof<br />
Würselen<br />
04.08. Marialy Pacheco; Burg<br />
Wilhelmstein<br />
Raum 60000<br />
Darmstadt<br />
05.08. Christoph Schöpsdau’s<br />
Organtic; Bessunger Jagdhof<br />
10.08. Matthias Vogt Trio;<br />
Gewölbekeller Jazzinstitut<br />
26.08. Trio Jeeep; Rodensteiner<br />
Hof<br />
Dornburg<br />
25.08. Helmut Eisel & JEM;<br />
Schlössernacht<br />
Frankfurt am Main<br />
02.08. Max Clouth Clan feat.<br />
Varijashree Venugopal;<br />
Palmengarten<br />
16.08. Anke Helfrich Trio<br />
feat. Angelika Niescier;<br />
Palmengarten<br />
30.08. Omer Klein Trio;<br />
Palmengarten<br />
Homburg<br />
11.08. Nicole Johaenntgen;<br />
Musiksommer<br />
Speyer<br />
05.08. Stephanie Neigel;<br />
Openair<br />
Wiesbaden<br />
14.08. Calexico; Schlachthof<br />
Raum 70000<br />
Schorndorf<br />
01.08. The Notwist; Club<br />
Manufaktur<br />
09.08. Eilen Jewell & Band;<br />
Club Manufaktur<br />
14.08. Courtney Marie<br />
Andrews & Band; Club<br />
Manufaktur<br />
22.08. King Gizzard & The<br />
Lizard Wizard; Club Manufaktur<br />
24.08. Protomartyr; Club<br />
Manufaktur<br />
29.08. Ariel Pink; Club<br />
Manufaktur<br />
Singen<br />
24.08. Underkarl; Gems<br />
Tübingen<br />
10.08. Afrob feat. Tribes of<br />
Jizu; Sudhaus Waldbühne<br />
16.08. Von wegen Lisbeth;<br />
Sudhaus Waldbühne<br />
Raum 80000<br />
Elmau<br />
16.08. Jan Lundgren Quartet<br />
Potsdamer Platz; Schloss<br />
Elmau<br />
20.08. Tord Gustavsen Trio;<br />
Schloss Elmau<br />
22.08. Sebastian Gürtler-<br />
Florian Willeitner-Georg<br />
Breinschmid; Schloss<br />
Elmau<br />
30.08. Nils Wülker Quartet;<br />
Schloss Elmau<br />
Landsberg<br />
01.08. Rosanne Cash; Stadttheater<br />
München<br />
14.-18.08. Cornelius Claudio<br />
Kreusch ‘BlackMudSound’<br />
feat. Bobby Watson;<br />
Unterfahrt<br />
28.08. Matthias Gmelin<br />
Quintett feat. Joe Chambers;<br />
Unterfahrt<br />
104 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Raum 90000<br />
Erlangen<br />
15.08. Calexico; E-Werk<br />
Niederlande<br />
Groningen<br />
25.08. Sequoia; ZomerJazz-<br />
FietsTour<br />
Österreich<br />
Judendorf-Straßengel<br />
30.08. Jütz; Kirche Maria<br />
Kötschach<br />
21.07. Sigi Finkel & Monika<br />
Stadler; Nepomuk Kirche<br />
Paternion<br />
31.08. Jütz; Anna-Plazotta-<br />
Platz<br />
Wien<br />
07.08. International Music<br />
Academy Orpheus presents<br />
Jazz Chamber Music; Porgy<br />
& Bess<br />
10.08. Black Art Jazz Collective;<br />
Porgy & Bess<br />
16.08. Studio Percussion Graz;<br />
Porgy & Bess<br />
28.08. Jaimie Branch Quartet;<br />
Porgy & Bess<br />
Schweiz<br />
Bern<br />
19.08. Tord Gustavsen & Simin<br />
Tander; Kapelle<br />
Blatten<br />
11.08. Jütz; Kulturbärg<br />
Winterthur<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
12.08. Mammal Hands; Musikfestwochen<br />
Zürich<br />
06.08. <strong>Juli</strong>an Marley; Kaufleuten<br />
14.08. Grizzly Bear; Kaufleuten<br />
Festivals<br />
powered by Südtirol<br />
Jazzfestival<br />
Noch bis 8.7.<strong>2018</strong><br />
Altoadige, Südtirol,<br />
IT<br />
Mehr als 50 Konzerte in 18<br />
Gemeinden; attraktiver Länderschwerpunkt<br />
unter dem Motto<br />
„Exploring the North”. Mit<br />
Euregio Collective feat. Pauli<br />
Lyytinen & Nordic Connection,<br />
Haug - Mathiesen - Schriefl,<br />
Tuomas A. Turunen, Hanna<br />
Paulsberg Concept, Frank<br />
Frank Frank feat. Sigurdur<br />
Rögnvaldsson, Stefan Pasborg<br />
- Dawda Jobarteh, Fazer, Nils<br />
Berg Cinemascope, Verneri<br />
Pohjola-Mika Kallio, Simone<br />
Graziano Frontal & Reinier<br />
Baas, Lars Andreas Haug Band,<br />
Euregio Collective, Stefan<br />
Pasborg, Maria Faust Sacrum<br />
Facere, Elifantree, Pranke,<br />
Pasborg - Jobarteh - Schantz,<br />
Verneri Pohjola Group u.a.<br />
www.suedtiroljazzfestival.com<br />
Gent Jazz Festival<br />
Noch bis 8.7.<strong>2018</strong><br />
Bijlokesite, Ghen (BE)<br />
Mit Tom Jones, The Roots,<br />
Lady Linn & Her Magnificent<br />
Bigband, Melanie De<br />
Biasio, Paolo Conte, Kandace<br />
Springs, Jef Neve ‘Spirit<br />
Control’, Igor Gehenot’s Delta,<br />
Isolde XL, Pharoah Sanders<br />
& Nicholas Payton, Vijay Iyer<br />
Sextet, Jason Moran & Bandwagon,<br />
Dan Weiss: Metal<br />
Jazz, Ambrose Akinmusire.<br />
www.gentjazz.be<br />
Jazz Fest Wien<br />
Noch bis 10.7.<strong>2018</strong><br />
Wien, Oper, Porgy & Bess,<br />
Stadthalle<br />
Mit Caro Emerald, Kris Kristofferson,<br />
Norbert Schneider<br />
Special, Thomas Quasthoff,<br />
Melody Gardot, Louie Austen,<br />
Binker & Moses, Till Brönner-<br />
Dieter Ilg u.a.<br />
www.jazzfest.wien<br />
Jazz à Vienne<br />
Noch bis 13.7.<strong>2018</strong><br />
Vienne b. Lyon/F<br />
Eines der wichtigsten<br />
Festivals in Frankreich. Mit<br />
Melody Gardot, Jeff Beck,<br />
Magma, Marcus Miller,<br />
Black Star, Rhoda Scott, Cory<br />
Henry, Ron Carter, Mulatu<br />
Astatke, Gilberto Gil, Hermeto<br />
Pascoal, Ibrahim Maalouf,<br />
Lucky Peterson, Dhafer<br />
Youssef, etc.<br />
www.jazzavienne.com<br />
42. Montreux Jazz Festival<br />
Noch bis 14.7.<strong>2018</strong><br />
Montreux/CH<br />
Mit Stanley Clarke, Rag<br />
´n`Bone Man, Brad<br />
Mehldau, Iggy Pop, Dhafer<br />
Youssef,Deep Purple, Eivind<br />
Aarset, Joaoa Bosco-Hamilton<br />
de Holanda, Billy Idol,<br />
Avishai Cohen 1970, Jason<br />
Moran, Gilberto Gil, Queens<br />
of the Stoneage, Gary Numan,<br />
Carla Bley, Avishai Cohen Big<br />
Vicious, Jack White, Gregory<br />
Porter, Van Morrisson, Steve<br />
Winwood, Nick Cave, Hauschka,<br />
Chick Corea, Bugge<br />
Wesseltoft, Jamie Cullum,<br />
Jamiroquai, Mammal Hands<br />
u.v.a.m.<br />
www.mjf.ch<br />
Istanbul Jazz Festival <strong>2018</strong><br />
Noch bis 17.7.<strong>2018</strong><br />
Istanbul, Türkei<br />
Restprogramm mit Nick Cave<br />
& The Bad Seeds, Benjamin<br />
Clementine, Caro Emerald, Robert<br />
Plant & The Sensational<br />
Space Shifters, Avishai Cohen<br />
1970, Kurt Elling Quintet <strong>–</strong><br />
spec. guest Marquis Hill, Fred<br />
Hersch Trio, Fabrizio Bosso<br />
Quartet, Massimo Manzi<br />
Trio feat. Elif Çağlar, Robert<br />
Glasper/Taylor McFerrin/<br />
Derrick Hodge/Christian<br />
Scott/Terrace Martin, Zara<br />
McFarlane, <strong>Juli</strong>an Lage Trio,<br />
Parisien/Peirani/Schaerer/<br />
Wollny „Out of Land”, Adam<br />
Bałdych & Helge Lien Trio m.<br />
Tore Brunborg, Anat Cohen,<br />
Marcello Gonçalves, Omar<br />
Sosa & Yilian Canizares<br />
“Aguas” u.a.<br />
www.caz.iksv.org<br />
Summer Jazz Festival Kraków<br />
Noch bis 5.8.<strong>2018</strong><br />
Kraków/PL<br />
Mit Michal Urbaniak, Pharoah<br />
Sanders, Wlodek Pawlik Trio,<br />
Leszek Mozdzer, Tomasz Stanko,<br />
Urszula Dudziak, Adam<br />
Makowicz u.a.<br />
www.cracjazz.com<br />
Bucharest Jazz Festival-<br />
Romania<br />
2.-8.7.<strong>2018</strong><br />
Bukarest/RO<br />
Mit Branford Marsalis<br />
Quartett, Kurt Elling, Terence<br />
Blanchard, Roy Hargrove, Lee<br />
Konitz, Trilok Gurtu, Kenny<br />
Werner, Stanley Jordan.<br />
Daneben gibt es eine Reihe<br />
von Konferenzen, Workshops<br />
und Masterclasses mit Spezialisten,<br />
Musikern und Fans<br />
des Genres. New Jazz Festival<br />
Contest.<br />
www.bucharestjazzfestival.ro<br />
powered by Jazz Against The<br />
Machine<br />
3.-5.7.<strong>2018</strong><br />
Köln<br />
„Jazz Against<br />
the Machine“ ist eines der<br />
wichtigsten Musikevents der<br />
jungen Jazz- und Popkultur im<br />
Raum Köln. Mit 12 renommierten<br />
und innovativen Bands der<br />
internationalen Szene: Andreas<br />
Theobald Quartett feat.<br />
Sabeth Pérez, Bräumer/Klewer/Eftychidou,<br />
Nina’s Rusty<br />
Horns, Anft/Helm/Berger,<br />
Daniel Tamayo Quintet, Felix<br />
Langemann Trio, Schwarz/<br />
Heid, Mozah, Melissa Pinto<br />
Quartet, Taraneh Mousavi &<br />
Band, Tobias Haug Quartett,<br />
Pulsar Tales.<br />
www.jatm.de<br />
powered by Rudolstadt-Festival<br />
<strong>2018</strong><br />
5.-8.7.<strong>2018</strong><br />
Rudolstadt/Thüringen<br />
Das größte deutsche Festival<br />
für Roots, Folk und Weltmusik.<br />
Spezielles Gastland ist<br />
Estland: mit Arsis, Bombillaz,<br />
Curly Strings, E Stuudio Youth<br />
Choir, Mari Kalkun & Runoru,<br />
Kuljus, Maarja Nuut & Hendrik<br />
Kaljujärv, pUULUUp, Torupilli<br />
Jussi Trio. Int. Musik-Programm:<br />
Ahmad-Knecht-Trio,<br />
Ale Möller, Amine & Hamza,<br />
Armaos-Rostani Duo, Bella<br />
Ciao; Betsayda Machado &<br />
Parranda El Clavo, Chico<br />
Trujillo, Debademba, Diego El<br />
Cigala, Duo Bottasso, Elida Almeida,<br />
Eternal Voyage, Faber,<br />
Familia Schuen, Fatoumata<br />
Diawara, Frank Bettenhausen,<br />
El Gusto, Ganes, Graham Nash,<br />
Hańba!, Jens-Paul Wollenberg<br />
& Pojechal, Lankum, Llibre<br />
Vermell, Lula Pena, Maija<br />
Kauhanen, Mashrou’Leila,<br />
Monsieur Doumani, Munadjat<br />
Yulchieva, Oddisee, Omar<br />
Sosa & Seckou Keita, Omiri,<br />
Pam Pam Ida, Ramy Essam,<br />
Red Baraat, Salukat, Saz’iso,<br />
Shivkumar & Rahul Sharma,<br />
Solo, Steve Earle & The Dukes,<br />
Stahlquartett, Tworna, Trickster<br />
Sound Kollektiv, Txarango,<br />
Unni Løvlid, Vano Bamberger,<br />
Voxid, Yael Deckelbaum & The<br />
Mothers. Tanz: Blowzabella,<br />
Coreto, Eka & Iris, Kuljus,<br />
Naragonia, Ormuz, Schäng<br />
Blasius Flönz Rakete, Sierra<br />
Heritage Performing Arts<br />
Company, Sigrid Doberenz &<br />
Wimmerschinken u.a.<br />
www.rudolstadt-festival.de<br />
Zeltival<br />
5.7.-1.8.<strong>2018</strong><br />
Karlsruhe, Tollhaus<br />
Mit Jeff Beck, Morcheeba,<br />
Melody Gardot, Calexico, Ziggy<br />
Marley, Shatel & Bucovina<br />
Club Orkestar u.a.<br />
www.tollhaus.de<br />
Copenhagen Jazz Festival<br />
<strong>2018</strong><br />
6.-15.7.<strong>2018</strong><br />
Kopenhagen, DK<br />
10 Tage, 120 Venues, 1200<br />
Konzerte in der dänischen<br />
Hauptstadt.<br />
www.jazz.dk<br />
2. Jazzfest Ottobrunn<br />
6.-7.7.<strong>2018</strong><br />
Ottobrunn<br />
Mit Yamanda Costa, Marilyn<br />
Mazur, Nils Petter Molvaer,<br />
Eivind Aaset, Jan Bang.<br />
www.wfh-ottobrunn.de<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 105
Kolumne<br />
The London Column<br />
Von Sebastian Scotney<br />
Hier auf der britischen Insel feiern wir dieses Jahr das Zusammenkommen<br />
mehrerer Initiativen zur Chancengleichheit von<br />
Frauen bei der Programmierung und der Nachwuchsförderung<br />
im Jazz. Für das Jazz Legends Festival, das im Mai in Birmingham<br />
stattfand, gestaltete Phil Rose das Programm ausschließlich<br />
mit Gruppen, die von weiblichen Instrumentalisten geführt<br />
wurden. Sein Kommentar: „Es war überhaupt nicht schwierig,<br />
weil es hier im UK so viele begabte Frauen gibt, die eine<br />
erfolgreiche Band leiten.“ Unter den Auftretenden waren die<br />
Pianistin Kate Williams, die Harfenistin Alina Bzhezhinska und<br />
die Saxofonistin Allison Neale mit ihrem Paul-Desmond-Gerry-<br />
Mulligan-Projekt.<br />
Ros Rigby vom Europäischen Jazz Netzwerk (EJN) erwähnte<br />
die Keychange-Initiative von der PRS for Music Foundation,<br />
dem wohltätigen Arm des britischen Äquivalents zur<br />
GEMA. Diese Initiative nimmt die für die Programme Verantwortlichen<br />
in die Pflicht, sich bestimmte Ziele zu setzen. So hat<br />
sich zum Beispiel das Jazzfest in Manchester als Unterzeichner<br />
von Keychange verpflichtet, bis 2022 bei der Programmierung<br />
eine 50/50-Geschlechtergleichstellung zu erreichen. Im<br />
März leitete Rigby selbst eine Veranstaltung zu diesem Thema<br />
am Rande des Jazz-Festivals in ihrer Heimatstadt Gateshead.<br />
Als Vorsitzende des EJN macht sie ihren Einfluss geltend für<br />
ein europaweites Manifest für die Geschlechtergleichstellung<br />
im Jazz, das dieses Jahr in Lissabon auf der alljährlich stattfindenden<br />
Konferenz verabschiedet werden soll.<br />
Hauptsprecherin in Gateshead war die Komponistin,<br />
Saxofonistin und Bandleaderin Issie Barratt, eine unermüdliche<br />
Verfechterin der Gleichstellung der Geschlechter. Sie ist seit<br />
zehn Jahren für die künstlerische Leitung des National Youth<br />
Jazz Collective (NYJC) zuständig. Aufbauend auf einem eigenen<br />
Forschungsprojekt, entwickelt sie Strategien, die helfen sollen,<br />
bestehende Barrieren für Frauen zu eliminieren. Barratt weiß<br />
nur zu gut, wie Frauen schon während des Musikstudiums und<br />
später beim Übergang in die Berufswelt die Motivation verlieren:<br />
„18-jährige Musikstudentinnen, die ich vom NYJC kenne, fragen<br />
mich, wie es sein könne, dass an den Musikhochschulen das<br />
Studium von Männern konzipiert und gelehrt werde und die<br />
Musik, die sie spielen, von Männern komponiert worden sei.“<br />
Barratt hat ein Stipendium ins Leben gerufen, das dem weiblichen<br />
Nachwuchs den Einstieg als Jazz-Promoter erleichtern<br />
soll. Sie sagt: „Wir müssen Eigeninitiative entwickeln. Meine<br />
Strategie ist, mehr als Frauen zu finden und sie zu unterstützen.<br />
Das Wichtige ist, einen Wandel der Kultur zu bewirken.“<br />
Jazzjournalist Sebastian Scotney betreibt die Website www.londonjazznews.com<br />
und macht Podcasts und Dokumentarberichte fürs Radio.<br />
Mostly Jazz Funk & Soul<br />
Festival<br />
6.-7.7.<strong>2018</strong><br />
Birmingham, GB<br />
Mit Jimmy Cliff, Candi<br />
Staton, Lucky Chops, Osaka<br />
Monaurail, Tanika Charles,<br />
Lack of Afro, Jalen N’Gonda,<br />
The Allergies, Space Ghetto,<br />
The Volko Trio, Tropical<br />
Soundclash, Keziasoul &<br />
Madi Saskia, The Craig<br />
Charles Funk & Soul Show,<br />
Sister Sledge, Roy Ayers<br />
and Fred Wesley & the New<br />
JBs, Ezra Collective, Laura<br />
Misch, Yazmin Lacey, Noya<br />
Rao, Skeltr, Chris Bowden<br />
Quartet, Fervour, Delano Mills,<br />
Samantha Wright Ensemble &<br />
Jazzline Ensemble.<br />
www.mostlyjazz.co.uk<br />
37. Eldenaer Jazz Evenings<br />
6./7.7.<strong>2018</strong><br />
Greifswald, Klosterruine<br />
Eldena<br />
Zwischen alten Bäumen im<br />
malerischen Park und im<br />
Abendlicht leuchtendem<br />
Backstein begegnen sich die<br />
NDR Bigband, Never Complete<br />
(Preisträger „Jugend<br />
jazzt 2017“) und vier weitere<br />
Formationen <strong>–</strong> dort wo schon<br />
Caspar David Friedrich malte.<br />
www.greifswald.de/jazz<br />
Sani Festival<br />
7.-22.7.<strong>2018</strong><br />
Sani Ressort, Kalkidiki/GR<br />
Mit Till Brönner, Cecile<br />
McLorin Salvant, Angelique<br />
Kidjo u.a.<br />
www.sani-resort.com<br />
Rhone River Jazz Fest<br />
A Jazz Adventure<br />
8.-19.7.<strong>2018</strong><br />
Schweiz & Südfrankreich<br />
(Schiffsreise)<br />
www.earthboundexpeditions.com<br />
26. Augsburger Jazzsommer<br />
11.7-12.8.<strong>2018</strong><br />
Augsburg, Botanischer Garten<br />
Mit Vijay Iver, Christian Stock<br />
Trio & Billy Harper, Six, Alps<br />
& Jazz, Florian Favre Trio,<br />
Andy Sheppard, Joe Lovano &<br />
Dave Douglas, Bobo Stenson<br />
Trio, sowie Sonntagsmatineen<br />
im Zeughaus / Brunnenhof.<br />
Veranstalter: Kulturamt<br />
Augsburg.<br />
www.augsburger-jazzsommer.de<br />
Jazz a Luz #28<br />
11.-14.7.<strong>2018</strong><br />
Luz St. Sauveur/F<br />
Festival d’Altitude Pyrénées<br />
Vallées des Gaves<br />
www.jazzaluz.com<br />
powered by 25. Jazzopen<br />
12.-22.7.<strong>2018</strong><br />
Stuttgart, Altes<br />
Schloss, Schlossplatz,<br />
Scala<br />
Ludwigsburg, Bix u.a.<br />
Top-Act <strong>2018</strong> auf der Hauptbühne:<br />
Pat Metheny, Stanley<br />
Clarke Band, Jamie Cullum,<br />
Marcus Miller, Joss Stone, Till<br />
Brönner, Gregory Porter sowie<br />
Christian McBride’s New<br />
Jawn, Meshell Ndegeocello,<br />
Lenny Kravitz & Gary Clark<br />
Jr., Knower & Moon Hooch,<br />
Die Fantastischen VierIndra<br />
Rios-Moore, Michael Wollny<br />
Trio & Younee, Allan Harris,<br />
Chico Freeman, German Jazz<br />
Trophy: Rolf & Joachim Kühn,<br />
Jason Moran and the Bandwagon,<br />
Tears for Esbjörn,<br />
David Helbock’s Random/<br />
Control, GoGo Penguin, First<br />
Strings on Mars, Jamiroquai,<br />
Omer Avital, Twana Rhodes,<br />
Kraftwerk, Echoes of Swing,<br />
Wolfgang Dauner.<br />
www.jazzopen.com<br />
Internationales Jazz Weekend<br />
12.-15.7.<strong>2018</strong><br />
Unterföhring b. München<br />
Mit Kinga Glyk, Kurt Elling<br />
& Band feat. Marquis Hill,<br />
Dickbauer Collective, Jazzkinderkonzert<br />
„Hoppel Hoppel<br />
Rhythm Club“.<br />
www.buergerhaus-unterfoehring.de<br />
Edinburgh Jazz & Blues<br />
Festival<br />
13.-22.7.<strong>2018</strong><br />
Edinburgh (SCO)<br />
www.edinburghjazzfestival.com<br />
Wellenklænge Festival <strong>2018</strong><br />
- Festival für zeitgenössische<br />
Strömungen<br />
13.-28.7.<strong>2018</strong><br />
Seebühne Lunz am See, AUT<br />
Unter dem Motto “Nordwind<br />
& Alpenglühen” erwartet das<br />
Publikum ein hochkarätiges<br />
Programm aus ca. 15 Veranstaltungen<br />
mit Künstler*innen<br />
aus Kammermusik, Jazz,<br />
Volksmusik, Indie-Szene u.a.,<br />
die sich auf kreative Art und<br />
Weise mit der Musiksprache<br />
des Nordens und der Alpen<br />
auseinandersetzen.<br />
www.artphalanx.at<br />
Sacred Ground Festival <strong>2018</strong><br />
13.-15.7.<strong>2018</strong><br />
Uckermark<br />
www.sacredground.de<br />
powered by Festival „Summer<br />
Jazz”<br />
16., 17. und<br />
20.7.<strong>2018</strong><br />
Stadtgarten, Köln<br />
Summer Jazz nutzt die<br />
Anwesenheit von drei<br />
herausragenden Gruppen in<br />
Europa und veranstaltet drei<br />
herausragende Konzerte unmittelbar<br />
im Anschluss an die<br />
Fußball-Weltmeisterschaft.<br />
mit Carla Bley Trios feat. Andy<br />
Sheppard-Steve Swallow, The<br />
Bad Plus, Endangered Blood.<br />
www.stadtgarten.de<br />
17. Sommerfestival der<br />
Kulturen<br />
17.-22.7.<strong>2018</strong><br />
Marktplatz Stuttgart<br />
Mit Stars der internationalen<br />
Weltmusikszene, Street Food<br />
Market, Markt der Kulturen<br />
bei freiem Eintritt an 6 Tagen<br />
ein begeistertes, tanzfreudiges<br />
Publikum <strong>–</strong> auch in<br />
diesem Jahr werden wieder<br />
rund 80.000 Besucher*innen<br />
erwartet. Mit Red Baraat, Yael<br />
Deckelbaum & The Mothers,<br />
Ladysmith Black Mambazo,<br />
Transglobal Underground m.<br />
Natacha Atlas, Amparanoia m.<br />
Amparo Sánchez, Liniker.<br />
www.sommerfestival-derkulturen.de<br />
powered by Konfrontationen 39<br />
19.-22.7.<strong>2018</strong><br />
Jazzgalerei<br />
Nickelsdorf/AT<br />
„If the music is<br />
true, the form takes care of<br />
itself“ <strong>–</strong> unter diesem Motto<br />
aus dem Munde des weisen<br />
Cecil Taylor präsentiert „Konfrontationen<br />
<strong>2018</strong>“ u.a. folgende<br />
Künstler: Wilbert de Joode,<br />
Joe McPhee, Ryoko Akama,<br />
Liz Allbee, Thomas Berhammer,<br />
Even Parker, Mark<br />
Sanders, Pat Thomas, Joe<br />
Williamson Tom Blancarte,<br />
Martin Brandlmayr, Bernhard<br />
Breuer, Didi Bruckmayr, Tony<br />
Bruck, John Butcher, Angelica<br />
Castello, Xavier Charles,<br />
George Cremachi, Tim Daisy,<br />
Dieb13, Kaja Draksler, Isabelle<br />
Duthoit, Peter Evans, Wolfgang<br />
Fuchs, Ken Ganfield,<br />
Susanna Gartmayer, Georg<br />
Graewe, Frank Gratkowski,<br />
Steve Heather, Nina de Heney<br />
u.v.a.m.<br />
www.konfrontationen.at<br />
EuroChoir <strong>2018</strong> Finland/<br />
Estonia<br />
19.7.-1.8.<strong>2018</strong><br />
Helsinki (Finnland) 19.-27.7.<br />
Tallinn (Estland) 27.7.-1.8.<br />
www.sulasol.fi/en/eurochoir-<strong>2018</strong><br />
37. Bayerisches Jazzweekend<br />
19.-22.7.<strong>2018</strong><br />
Regensburg<br />
www.bayerisches-jazzweekend.de<br />
powered by Rivertone - Jazz in<br />
Straubing <strong>2018</strong><br />
20.-22.7.<strong>2018</strong><br />
Straubing<br />
Ein neues Jazz-<br />
Festival in niederbayerischen<br />
Straubing im Festivalzelt Am<br />
Hagen. Mit Manu Katché<br />
Trio <strong>–</strong> The Scope, Till Brönner,<br />
Tribute to Gotan Project, Lily<br />
Dahab & Band, Minino Garay<br />
& Baptiste Trotignon.<br />
www.rivertone.de<br />
Hafensommer <strong>2018</strong><br />
20.7.-5.8.<strong>2018</strong><br />
Würzburg<br />
www.hafensommer-wuerzburg.de<br />
Horizonte Festival<br />
20.-22.7.<strong>2018</strong><br />
Koblenz<br />
Der Förderverein Kultur im<br />
Café Hahn e.V. präsentiert<br />
zum 16. Mal das Weltmusikfestival<br />
Horizonte! An 3<br />
Tagen Weltmusik mit über 30<br />
Bands aus aller Welt auf 5<br />
verschiedenen Bühnen traditionelle<br />
und zeitgenössische<br />
Weltmusik spielen.<br />
www.cafehahn.de<br />
Jazz em Agosto<br />
20.7.-5.8.<strong>2018</strong><br />
Lissabon, PT<br />
www.jazzemagosto.pt<br />
Cosmojazz Festival Chamonix<br />
21.-29.7.<strong>2018</strong><br />
Chamonix, F<br />
Mit Camille, La Chica, Arat<br />
Kilo feat. Mamani Keita &<br />
Mike Ladd, Shijin, Les Filles<br />
de Illighadad, China Moses,<br />
Manu Delago, <strong>Juli</strong>a Biel, Dorantes,<br />
Airelle Besson, Rohey,<br />
Hugh Coltman, Sandra Nkaké,<br />
Sly Johnson, Yom & the Wonder<br />
Rabbis, Onefoot, Cabaret<br />
Contemporain, Gauthier Toux<br />
Trio, Les Selkies u.a.<br />
www.cosmojazzfestival.com<br />
powered by Jazzsommer im<br />
Bayerischen Hof<br />
23.-28.7.<strong>2018</strong><br />
München, Hotel<br />
Bayerischer Hof<br />
Konzerte im Festsaal &<br />
Night Club mit Incognito, Nik<br />
West, Lucky Petersen & The<br />
Organization feat. Tamara<br />
Tramell, Bill Frisell - When You<br />
Wish Upon The Star, Manou<br />
Gallo, Stanley CLarke Band,<br />
106 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>
Joao Bosco Quartet (Termine<br />
s. Clubs); Fotoausstellung<br />
„AM Jazz -Three Generations<br />
Under the lens“ von Adriana<br />
Mateo im Atrium; Musik-<br />
Dokumentarfilme im Premiumkino<br />
Astor Cinema Lounge<br />
www.bayerischerhof.de<br />
Langnau Jazz Nights/Junior<br />
Jazz Meeting<br />
24.-28.7.<strong>2018</strong><br />
Langnau, CH<br />
Mit Christian McBride’s New<br />
Jawn, Steve Coleman and<br />
Five Elements, Brad Mehldau<br />
Trio, Adam Nussbaum & the<br />
LJN Faculty, Judy Niemack<br />
Project, Billy Hart Quartet featuring<br />
Joshua Redman, Nicole<br />
Johänntgen, Joe Lovano &<br />
Dave Douglas Quintet, Aaron<br />
Goldberg Trio, Endangered<br />
Blood, Bokanté u.a. Und Das<br />
Jazz Camp für die Jungen: die<br />
Teilnehmenden des Junior<br />
Jazz Workshops können,<br />
neben alters- und niveaubezogenem<br />
Unterricht in Theorie<br />
und Praxis, die Instrumentalklassen<br />
des Jazz Workshops<br />
und die Special Clinics der<br />
abends auftretenden Bands<br />
besuchen.<br />
www.jazz-nights.ch<br />
Heiniken Jazzaldia<br />
25.-29.7.<strong>2018</strong><br />
Donostia/San Sebastian/E<br />
www.heinekenjazzaldia.eus<br />
Tamburi Mundi - 13.<br />
Internationales Festival für<br />
Rahmentrommeln<br />
27.7.-5.8.<strong>2018</strong><br />
E-Werk Freiburg<br />
Das weltweit größte Festival<br />
für Rahmentrommeln: 10 Tage<br />
lang ein breites, interkulturelles<br />
Festival-Programm mit<br />
Workshops, Konzerten und<br />
Aktionen, internationalen<br />
Musikern und wichtigen<br />
Rahmentrommelgrößen. Mit<br />
Murat Coskun, Zohar Fresco<br />
u.a.<br />
www.tamburimundi.com<br />
Jazz Dorf Jazz & Fusion<br />
Festival<br />
28.7.<strong>2018</strong><br />
Wollerstorf, Wittingen<br />
Mit Christoph Spangenberg<br />
spielt Nirvana, Tobias Held<br />
IndieJazz Project, Nu[h]Ussel<br />
Orchestra.<br />
www.jazzdorf.com<br />
powered by 24. Festival<br />
Mallorca Jazz Sa<br />
Pobla<br />
30.7.-22.8.<strong>2018</strong><br />
Sa Pobla/Mallorca,<br />
Plaça Major<br />
Jazz auf dem Marktplatz einer<br />
mallorquinischen Kleinstadt.<br />
Mit Cécile McLorin Salvant,<br />
Trempera! Quintet, Enrico<br />
Rava New Quartet, Mallorca<br />
Jazz Collective, 13. Seminar<br />
»Traveling School Playjazz«,<br />
Toni Vaquer Jazz Masterclass,<br />
Jay Clayton Jazz Masterclass<br />
etc.<br />
www.facebook.com/mallorcajazzsapobla<br />
www.sapobla.cat/index.php/<br />
que-fer/festival-de-jazz<br />
Palazzo <strong>–</strong> Internationales<br />
Musikfestival<br />
31.7.-10.8.<strong>2018</strong><br />
Thon-Dittmer-Palais,<br />
Regensburg<br />
www.alex-bolland.de<br />
powered by Ystad Sweden<br />
Jazz Festival<br />
1.-5.8.<strong>2018</strong><br />
Ystad/SWE<br />
Unter der künstlerischen<br />
Leitung von Jan<br />
Lundgren. Mit Cécile McLorin<br />
Salvant, The Manhattan<br />
Transfer, Ellen Andersson<br />
Quartet, Gunnar Eriksson<br />
& Rilke Ensemblen, John<br />
Venkiah Trio, Ellen Andrea<br />
Wang, Youn Sun Nah, Omer<br />
Klein, Monty Alexander Trio,<br />
Jan Sigurd All Stars, Magnus<br />
Lindgren, Phronesis, Jan<br />
Lundgren & Hans Backenroth<br />
meet Ratinger Kammerchor,<br />
Trinity, Goran Kajfeš<br />
Tropiques, Martin Tingvall,<br />
Avishai Cohen with Bohuslän<br />
Big Band, Trudy Kerr Quartet<br />
with special guest Jukka<br />
Perko, Elin Larsson, Christian<br />
Bekmulin Quartett, Wolfgang<br />
Haffner Band, Anna-Mia<br />
Barwe, Andreas Schaerer & A<br />
Novel of Anomaly, The Sammy<br />
Rimington International<br />
Band, Sisters of Invention,<br />
Paolo Fresu Devil Quartet, Nils<br />
Petter Molvaer, Claire Martin<br />
feat. Jim Mullen, Bill Evans/<br />
Ulf Wakenius Band, Almaz<br />
Yebio Twist’n’Shout, Lizz<br />
Wright, Nils Landgren & Jan<br />
Lundgren with friends, Miss<br />
Sway feat. Mårten Lundgren,<br />
Second Line Jazzband.<br />
www.ystadjazz.se<br />
Sant’Anna Arresi Jazz<br />
1.-8.<strong>2018</strong><br />
Sardinien/I<br />
www.santannarresijazz.it<br />
A l’arme! Festival Vol. VI<br />
1.-4.8.<strong>2018</strong><br />
Radialsystem V, Kantine Berghain/<br />
Berlin<br />
www.alarmefestival.de<br />
3. Mera World Music Festival<br />
2.-5.8.<strong>2018</strong><br />
Talotaszeg, RO<br />
World Music Festival in Transsylvanien.<br />
Mit Ferenczi György<br />
& Rackajam, Nightlosers,<br />
Nadara Gipsy Band, Happy<br />
Beigel Klezmer, Grupul Iza,<br />
Guajiro Calentano, Fölszállott<br />
a Páva, Erdőfű etc.<br />
www.meraworldmusic.com<br />
Newport Jazz Festival<br />
3.-5.8.<strong>2018</strong><br />
Newport/USA<br />
www.newportjazz.org<br />
See More Jazz Festival<br />
3.-5.8.<strong>2018</strong><br />
Rostock<br />
Mit V.Tolstoy, Joo Kraus,<br />
U.Wakenius, B.Evans,<br />
L.Kellhuber u.a.<br />
www.seemorejazz.de<br />
14. „International Jazzwerkstatt“<br />
Saarwellingen<br />
6.-12.8.<strong>2018</strong><br />
Saarwellingen<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> präsentiert:<br />
Jazz Against<br />
the Machine<br />
3.-5. <strong>Juli</strong> <strong>2018</strong><br />
Felix Langemann Trio<br />
04.07.<strong>2018</strong><br />
Artheater Köln<br />
Konzerte und Workshops mit<br />
Gilad Atzmon, Adriano Adewale,<br />
Barbara Bürkle, Kevin<br />
Dean, Frank Harrison, Jim<br />
Hart, Claus Krisch, Nicolas<br />
Meier, Johannes Müller, Tony<br />
Lakatos, Davide Petrocca, Yaron<br />
Stavi, John Turville, Thilo<br />
Wagner, Cleveland Watkiss,<br />
Enzo Zirilli u.a.<br />
www.international.jazzwerkstatt.de<br />
Ruhrtriennale<br />
9.8.-23.9.<strong>2018</strong><br />
Im gesamten Ruhrgebiet<br />
Zum ersten Mal unter der<br />
Intendanz von Stefanie Carp<br />
mit Artiste associé Christoph<br />
Marthaler. 33 Produktionen und<br />
Projekte, davon 20 Eigen- und<br />
Koproduktionen, 16 Uraufführungen,<br />
Neuinszenierungen,<br />
Deutschlandpremieren und<br />
Installationen werden in den<br />
ehemaligen Industriehallen des<br />
Ruhrgebietes und an weiteren<br />
Orten gezeigt. U.a. mit einer<br />
neuen Kreation des südafrikanischen<br />
Regisseurs William<br />
Kentridge, Einweihung einer<br />
Skulptur des amerikanischen<br />
Künstlers Olu Oguibe, Uraufführung<br />
der Musiktheater-Kreation<br />
„Universe, Incomplete“, mit<br />
der Christoph Marthaler die<br />
komplette Bochumer Jahrhunderthalle<br />
bespielt.<br />
www.ruhrtriennale.de<br />
37. Jazz Middelheim <strong>2018</strong><br />
9.-12.8.<strong>2018</strong><br />
Park Den Brandt, Antwerpen/<br />
BE<br />
Mit Kamasi Washington, Black<br />
Star ft. Yasiin Bey & Talib Kweli<br />
with Hypnotic Brass Ensemble,<br />
TaxiWars, Bram Weijters’ Crazy<br />
Men; Nordmann, Dijf Sanders,<br />
MDC III, Steiger, Melanie De<br />
Biasio, Philip Catherine Reunion<br />
Band, De Beren Gieren, FONS.<br />
ft. Logan Richardson; WOW (We<br />
Orchestrate Words), We Have A<br />
Dream, Kaneelvingers, Footprint,<br />
Jazz Loves Disney, Fred Hersch<br />
Trio, Robin Verheyen Quartet,<br />
Ben Sluijs Quartet, Archie<br />
Shepp Tribute to Coltrane w/<br />
special guest, Steve Coleman<br />
& the Five Elements, Verheyen<br />
- Baron - De Looze Trio, Aka<br />
Moon, Mâäk Spirit presents…<br />
Big Ensemble, Mâäk Quintet,<br />
Mâäk Five, Mâäk 4tet<br />
www.jazzmiddelheim.be<br />
Ruhrtriennale<br />
9.8.-23.9.<strong>2018</strong><br />
Ruhrgebiet<br />
Festival der Künste im gesamten<br />
Ruhrgebiet. Musik, Tanz, Theater,<br />
Performance und Fine Arts.<br />
www.ruhrtriennale.de<br />
19. Internationales Gitarrenfestival<br />
11.-18.8.<strong>2018</strong><br />
Stadt Hersbruck<br />
Mit Alvaro Pierri, Badi Assad,<br />
Adam Rafferty, Don Ross,<br />
Maximo Diego Pujol, Joscho<br />
Stephan, Scott Tennant, Ana<br />
Vidovic, Bobby Watson u.v.a.<br />
www.gitarre-hersbruck.de<br />
Oslo Jazz Festival<br />
12.-18.8.<strong>2018</strong><br />
Oslo, NO<br />
Mit Sons of Kemet, Terje<br />
Rypdal, Charlotte Dos Santos,<br />
Tribute to Joni Mitchell: Rohey<br />
Taalah, Susanna Annevik,<br />
Cory Henry u.v.a.m.<br />
www.oslojazz.no<br />
powered by Flux Festival<br />
-Contempory<br />
Electro-Acoustic<br />
Music from Berlin<br />
13.-19.8.<strong>2018</strong><br />
Spektrum Berlin<br />
Artist Talks und Konzerte mit<br />
Tomomi Adachi, Liz Allbee,<br />
Boris Baltschun, Rashad Becker,<br />
Burkhard Beins, Andrea Belfi,<br />
Sofia Borges, Jim Campbell, Roy<br />
Carroll, Lan Cao, Mario De Vega,<br />
Sabine Ercklentz, Korhan Erel,<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong> 107
termine<br />
Andrea Ermke, Farahnaz Hatam,<br />
Hanna Hartmann, Annette Krebs,<br />
Joke Lanz, Felicity Mangan, Kaffe<br />
Mathews, Andrea Neumann, Rieko<br />
Okuda, Andrea Parkins, Oliver<br />
Peters, Ignaz Schick, Richard<br />
Scott, Wolfgang Seidel, Eliad<br />
Wagner, Marta Zapparoli u.v.m.<br />
www.amiont.de<br />
Jazz & Joy<br />
17.-19.8.<strong>2018</strong><br />
Worms<br />
Auf fünf Open-Air-Bühnen<br />
rund um den historischen<br />
Wormser Kaiserdom können die<br />
Besucher rund 40 Konzerte von<br />
nationalen und internationalen<br />
Starts verschiedener Genres erleben.<br />
Mit Sonderkonzert: Sarah<br />
Connor am 17.8., dazu Candy<br />
Dulfer, Stefanie Heinzmann u.a.<br />
www.jazzandjoy.de<br />
25. Jazz Open Air<br />
18.8.2017<br />
Schloss Hinterglauchau<br />
40. Club-Jubiläum des Glauchauer<br />
Jazzclubs. Mit Joe Sachse<br />
& Heiner Reinhardt play<br />
Jimi Hendrix, Conrad Bauer &<br />
Dag Magnus Narvesen/ Duo<br />
u. Quartet, „Ruf der Heimat“<br />
m. Thomas Borgmann.<br />
www.jazzclub-glauchau.de<br />
powered by 39. Internationales<br />
Jazzfestival<br />
Saalfelden<br />
23.-26.8.<strong>2018</strong><br />
Saalfelden/AT<br />
Wie immer offen für alle Stile.<br />
Das Eröffnungsprojekt hat der<br />
künstlerische Leiter Mario<br />
Steidl vom „Verein Zentrum<br />
Zeitgenössische Musik“ an den<br />
österreichischen Musiker Ulrich<br />
Drechsler vergeben, er wird<br />
das Festival mit „Liminal Zone“<br />
eröffnen. Während auf den<br />
Hauptbühnen und den “Short-<br />
Cuts” vorwiegend modernkreativer<br />
und Avantgarde-Jazz<br />
zu hören sein wird, gibt es viele<br />
Nebenschauplätze mit World<br />
Music etc. in der Stadt, auf<br />
Höfen und Almen, im Herzen der<br />
österreichischen Alpen. Programm:<br />
Shabaka Hutchings &<br />
Shake Stew, Marc Ribot „Songs<br />
of Resistance“, Trio Aires, A<br />
IMPRESSUM<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong><br />
Magazin für Jazz<br />
und Anderes<br />
ISSN 0933-8926<br />
Redaktion, Vertrieb,<br />
Anzeigenabteilung:<br />
Frie-Vendt-Str. 16 (Hinterhaus)<br />
48153 Münster,<br />
Tel. 0251 / 53 34-20<br />
(Redaktion),<br />
-23 (Anzeigen / Vertrieb),<br />
-85 (Abos / Vertrieb),<br />
jazz@<strong>JAZZTHETIK</strong>.de<br />
www.<strong>JAZZTHETIK</strong>.de<br />
neuer mitarbeiter:<br />
KaLLe<br />
Pride of Lions, Nicole Mitchell,<br />
Elliot Sharp & Helene Breschand,<br />
Virta, Schnellertollermeier,<br />
Punkt. Vrt. Plastik, Raoul<br />
Björkenheim, Tomas Fujiwara,<br />
Jamie Branch, Kuhn Fu, Kuu!,<br />
Little Rosie Kidergarten, Théo<br />
Ceccaldi u.v.a.m.<br />
www.jazzsaalfelden.com<br />
Musica sulle bocche International<br />
Jazz Festival<br />
23.-26.8.<strong>2018</strong><br />
Santa Teresa Gallura/IT<br />
Mit Danilo Pérez Trio, Sergio<br />
Cammariere, Ben Wendel<br />
Quartet, Mingus World m.<br />
Maria Vicentini & Salvatore<br />
Maiore, Clara Peya u.a.<br />
www.musicasullebocche.it<br />
Koktebel Jazz Party<br />
24.-26.8.<strong>2018</strong><br />
Koktebel, RU<br />
Koktebel Jazz Party ist ein<br />
jährlich stattfindendes Jazzfestival<br />
am Schwarzen Meer,<br />
dass Jazz-Enthusiasten und<br />
Musikliebhaber aller Altersgruppen<br />
in unvergesslicher<br />
Atmosphäre zusammenbringt.<br />
www.en.koktebel-jazz.ru<br />
44. Jazz Festival Willisau<br />
29.8.-2.9.<strong>2018</strong><br />
Willisau/CH<br />
Festivalleiter Arno Troxler blickt<br />
gespannt und freudig auf ein<br />
abwechslungsreiches und mit<br />
bewährten und neuen Namen<br />
besetztes Festival. Programm:<br />
Oliver Lake Organ Quartet, Erb/<br />
Baker/Rosaly, The Thing feat.<br />
James Blood Ulmer, Pascal<br />
Gamboni & Rees Coray, Jaimie<br />
Branch’s Fly or Die, Fischermanns<br />
Orchestra, Irina &<br />
Jones, Stoffner/Lovens/Mahall,<br />
Feigenwinter Oester Pfammatter,<br />
The Young Mothers,<br />
Hanreti, Vinz Vonlanten, Nate<br />
Wooley Battle Pieces, Fredy<br />
Studer, ChaChaMania, Spill,<br />
Celea/Reisinger/Parisien u.a.<br />
www.jazzfestivalwillisau.ch<br />
powered by<br />
Sommerton-<br />
Festival <strong>2018</strong><br />
31.8.-2.9.<strong>2018</strong><br />
Schlossanlage<br />
Diersfordt, Wesel<br />
Herausgeberin und Verlegerin:<br />
Christine Stephan, Frie-Vendt-Str. 16<br />
(Hinterhaus links), 48143 Münster,<br />
Tel. 0251 / 53 34-32<br />
Chefredaktion + v.i.S.d.P.:<br />
Hans-Jürgen Linke<br />
Schlussredaktion:<br />
Guido Diesing<br />
<strong>JAZZTHETIK</strong> erscheint 6 x im Jahr<br />
und kostet 8,20 €,<br />
im Jahresabo 41,- €,<br />
in Europa 71,- €,<br />
im nicht europ. Ausland 75,- €<br />
inkl. Mwst. und Zustellgebühr<br />
Die „Muziek Biennale<br />
Nierderhein“ ist mit ihrer<br />
Auftaktveranstaltung Gast des<br />
Sommerton-Festivals. Mit dem<br />
dreitägigen Festivalauftakt unter<br />
dem Titel „Ein Fenster zur<br />
Freiheit - Musikkulturen dieser<br />
Welt“ werden wir Sie auf eine<br />
besondere musikalische Reise<br />
mitnehmen: „The Astounding<br />
Eyes of Rita“ des tunesischen<br />
Oud-Virtuosen Anouar Brahem<br />
mit Khaled Yassine-Klaus<br />
Gesing-Björn Meyer.<br />
www.sommerton.de<br />
Jazz an einem Sommerabend<br />
1.9.<strong>2018</strong><br />
Burg Linn, Krefeld<br />
Mit Kinga Glyk, Makiko Hirabashi<br />
Trio, Horst Hansen Trio.<br />
www.jazz-an-einem-sommerabend.de<br />
Jazzhátíd Reykjavikur -Reykjavik<br />
Jazzfestival<br />
5.-9.9.<strong>2018</strong><br />
Reykjavik/ISL<br />
www.reykjavikjazz.is<br />
Trave Jazz Festival<br />
6.-9.9.<strong>2018</strong><br />
Lübeck, versch. Orte<br />
Mit KaMA Quartet u.a.<br />
www.travejazz.de<br />
Jazzin’ the Black Forest<br />
8.9.<strong>2018</strong><br />
Villingen-Schwenningen<br />
Man feiert 50 Jahre MPS im<br />
Franziskaner und im Jazzclub<br />
VS. Mit Rolf & Joachim Kühn,<br />
Rob Mazurek & Immortal Birds<br />
Bright Wings, James Braddell<br />
aka Funki Porcini.<br />
www.mps-villingen.de<br />
5. European Jazz Conference<br />
13.-16.9.<strong>2018</strong><br />
Lissabon, PT, Centro Cultural<br />
de Belém<br />
Die European Jazz Conference<br />
ist die führende jährliche<br />
Zusammenkunft von Fachleuten<br />
des Jazz in Europa, insbesondere<br />
von Veranstaltern,<br />
Kulturmanagern, Agenten<br />
und nationalen / regionalen<br />
Organisationen. Die Generalversammlung<br />
des Europe Jazz<br />
Network (seit 2014) ist nun<br />
Redaktionsschluss:<br />
1. des Vormonats<br />
Redaktion:<br />
Christine Stephan,<br />
Hans-Jürgen Linke,<br />
Guido Diesing<br />
Terminredaktion:<br />
Jan Kobrzinowski<br />
Anzeigen:<br />
Christine Stephan<br />
Korrektorat:<br />
Björn Simon<br />
Abo und Vertriebsleitung:<br />
Ute Ußler, Sandra Bolz,<br />
Reyhan Özdemir<br />
auch für jeden Musikprofi unter<br />
dem Namen European Jazz<br />
Conference zugänglich. Die<br />
EJC besteht aus inspirierenden<br />
Keynote-Reden, hochrangigen<br />
Diskussionsgruppen und Workshops,<br />
Networking-Sessions für<br />
Fachleute des kreativen Musiksektors,<br />
kulturellen Besuchen<br />
und Showcase-Festival der<br />
besten neuen Künstler aus dem<br />
Gastgeberland Italien für 2019.<br />
www.europejazz.net<br />
4. Take The A-Train Festival<br />
13.-16.9.<strong>2018</strong><br />
Salzburg/AT, Jazz it<br />
www.jazzit.at<br />
Jazzfestival Freiburg <strong>2018</strong><br />
15.-23.9.<strong>2018</strong><br />
Freiburg, Jazzhaus, E-Werk<br />
Mit De-Phazz, Lars Danielsson,<br />
Mare Nostrum,Michael<br />
Wollny Trio u.a.<br />
www.jazzfestival-freiburg.de<br />
Flame Jazz Cruise<br />
22.09.<strong>2018</strong><br />
Turku / FI<br />
www.flamejazz.com/flamejazz-cruise<br />
32. Internationale Sonneberger<br />
Jazztage <strong>2018</strong><br />
Zwischen 23.9. und 2.-5.11.<strong>2018</strong><br />
Sonneberg, versch. Spielorte<br />
Prologkonzert Jazz in der Villa:<br />
Arkady Shilkloper & Vadim<br />
Neselovskyi; Texte & Sounds<br />
Vol. 10: Thilo Wolf Quartet feat.<br />
Johanna Iser „The Spirit of Ella<br />
Fitzgerald“ m. Schriftsteller<br />
Ewald Arenz; Sazerac<br />
Swingers, Carlos Reisch, Daniel<br />
Hoffmann Quartett, Peter<br />
Mante & his New Life Gospel<br />
Choirs, Funkydumbstuff;<br />
“Funk’n Soul”. Veranstalter:<br />
Sonneberger Jazzfreunde e.V.,<br />
Thüringisch-Fränkischer Verein<br />
zur Förderung und Pflege<br />
der Jazzmusik und Kleinkunst.<br />
www.son-jazz.de<br />
powered by Multiphonics<br />
Festival <strong>2018</strong><br />
27.9.-7.10.<strong>2018</strong><br />
Köln, Düsseldorf,<br />
Dortmund, Frankfurt,<br />
Berlin<br />
Graf. Konzeption / Gestaltung:<br />
M4 Media: Martin Trunz<br />
Titelgrafik:<br />
Norbert Bresch<br />
unter Verwendung eines<br />
Fotos von Lutz Voigtländer<br />
Internetausgabe:<br />
Ingo Ebel<br />
Internetredaktion:<br />
Christine Stephan<br />
Herstellung:<br />
D+L Reichenberg GmbH,<br />
Bocholt<br />
Mitarbeiter / Mitarbeiterinnen dieser Ausgabe: Zakari Babel, Angela Ballhorn, Peter Bastian,<br />
David Beecroft, Laurene Berchoteau, Carl Bergman, Ulla C. Binder, Jacob Blickenstaff,<br />
Thomas Bugert, Naya Collective, Andreas Collet, Daniel Corrigan, Andrew Cotterill, Guido<br />
Diesing, Ralf Dombrowski, Marc Ducrest, Thierry Dubuc, Martin Feldmann, Dariusz Gackowski,<br />
Claus Geissgross, Christoph Giese, Vinicius Giffoni, Sven Götz, Pierrick Guidou, Oscar Henn,<br />
Stefan Hentz, Harald Hoffmann, Gregor Hohenberg, Nadja Höhfeld, Carl Hyde, Rene Jakobsoni,<br />
Kalle, Wolf Kampmann, Srđan Keko, Jan Kobrzinowski, Thomas Kölsch, Michael Kuchinke<br />
Hofer, Hans Kumpf, Maarit Kytöharju, Jean-François Labérine, Erwan Levigoureux, Zbigniew<br />
Lewandowski, Hans-Jürgen Linke, Josef Maier, Olaf Maikopf, Eric Mandel, Stefanie Marcus,<br />
Thomas Melzer, Raul Ollo, Holger Pauler, Goran Petersson, Evelina Petrova, Francesca Pfeffer,<br />
Stefan Pieper, David Plate, Ulrike Proske, Arne Reimer, Gerhard Richter, Nicolas Righetti,<br />
Barbara Rigon , Hans-Jürgen Schaal, York Schäfer, Harry Schmidt, Andreas Schneider, Frank<br />
Schindelbeck, Sebastian Scotney, Björn Simon, Torsten Stapel, Peter Steinfadt, Stefan Streitz,<br />
Victoriah Szirmai, Liisa Taul, Rolf Thomas, Lutz Voigtländer, Christoph Wagner, Joachim Weis,<br />
Barbara Woike, Ayse Yavas, Ebru Yildiz, Martina Zimmermann<br />
Zahlreiche spartenübergreifende<br />
Konzerte mit vertrauten<br />
wie neuen Klängen, mit<br />
internationalen Künstlern<br />
und Ensembles. Dazu<br />
spannende Workshops mit<br />
den Konzertkünstlern über die<br />
Themen Improvisation, Jazz<br />
und Weltmusik für Anfänger,<br />
Fortgeschrittene und Profis<br />
auf allen Instrumenten. Artist<br />
in Residence: Anat Cohen, mit:<br />
Anat Cohen & Trio Brasileiro,<br />
Eric Schaefer “Kyoto Mon<br />
Amour”, Norma Winstone<br />
Trio, hr-Bigband feat. Gianluigi<br />
Trovesi, Gabriele Mirabassi<br />
& Trio Correnteza, ensemble<br />
FisFüz feat. Jean-Louis<br />
Matinier & Arkady Shilkloper,<br />
Naqsh Duo, Potsa Lotsa Plus,<br />
Multiphonics Seven, Paul<br />
Heller invites Anat Cohen<br />
feat. Next Level Jazz All Star<br />
Big Band.<br />
www.multiphonics-festival.com<br />
powered by Jazzfestival<br />
Leibnitz <strong>2018</strong><br />
- Jazz & Wein<br />
27.-30.9.<strong>2018</strong><br />
Leibnitz/AT<br />
Mit Daniel Herskedal & Maius<br />
Neset, Wadada Leo Smith´s<br />
Great Lakes Quartet, Marialy<br />
Pacheco & Omar Sosa, Renaud<br />
Garcia-Fons Trio - Revoir<br />
Paris, The Kandinsky Effect,<br />
Synesthetic Octet, Gabriele<br />
Mirabassi, Nando Di Modugno,<br />
Pierluigi Balducci, The<br />
Whammies, Jazz for Kids.<br />
www.jazzfestivalleibnitz.at<br />
25. Jazzmeile Thüringen<br />
28.9.-8.12.<strong>2018</strong><br />
Diverse Spielorte in ganz<br />
Thüringen<br />
www.jazzmeile.org<br />
11. Generations - International<br />
Jazzfestival <strong>2018</strong><br />
29.9.-6.10.<strong>2018</strong><br />
Frauenfeld, CH<br />
Mit der First Lady of Jazz<br />
Orchestra Maria Schneider (2<br />
Konzerten und Kompositionsklasse),<br />
Kaleidoscope String<br />
Quartet, Marie Kruttli, Michael<br />
Arbenz (Vein), Joe Haider,<br />
Adrian Mears Electric Trio,<br />
Einem Teil dieser Auflage liegen<br />
Prospekte von „Jazzclub Hürth“ und<br />
„Jazztage Dresden“ bei.<br />
Namentlich gekennzeichnete Texte<br />
und Fotos geben nicht unbedingt<br />
die Meinung der Redaktion wieder.<br />
Für unverlangt eingesandte Fotos,<br />
Illustrationen oder Manuskripte<br />
übernehmen wir keine Gewähr.<br />
Nachdruck von Texten, Bildern und<br />
vom Verlag gestalteter Anzeigen<br />
nur mit schriftlicher Genehmigung.<br />
Bei allen Verlosungen im Heft ist<br />
der Rechtsweg ausgeschlossen.<br />
MitarbeiterInnen sind von den<br />
Verlosungen ausgeschlossen.<br />
Gerichtsstand ist Münster.<br />
Member of the European<br />
Jazz Mediagroup<br />
Aphrotek m. Eliyah Reichen,<br />
Nathalie Loriers, Ari Hoenig,<br />
Kate McGarry m. Gary Versace,<br />
Adam Pierończyk m. mit<br />
Miroslav Vitouš, Trilok Gurtu<br />
und Adrian Mears, Antonio<br />
Lizana, Donny McCaslin,<br />
Masterclasses etc.<br />
www.generations.ch<br />
powered by 20. Enjoy Jazz<br />
2.10.-17.11.<strong>2018</strong><br />
Mannheim,<br />
Heidelberg,<br />
Ludwigshafen<br />
Ein musikalischer Mix aus Jazz,<br />
Soul und Hip-Hop über Klassik,<br />
Avant-Garde und Electro in der<br />
Metropolregion. Die Jubiläumsausgabe<br />
ist programmatisch<br />
noch breiter aufgestellt<br />
als üblich: es gibt neben<br />
experimentellen Geheimtipps<br />
ebenso etablierte Weltstars<br />
und langjährige musikalische<br />
Begleiter des Festivals. Sie alle<br />
finden sich ein in den verschiedenen<br />
großartigen Festival-<br />
Locations. Rahmenprogramm<br />
mit Jugendförderung von Enjoy<br />
Jazz in Zusammenarbeit mit<br />
der BASF SE.<br />
www.enjoyjazz.de<br />
Landesjazzfestival Friedrichshafen<br />
2.-8.10.<strong>2018</strong><br />
Friedrichshafen, Graf Zeppelin<br />
Haus/Kulturhaus Caserne<br />
Mit Klaus Doldinger’s<br />
Passport, Jasper van’t Hof’s<br />
Pili Pili, Renaud Garcia-Fons,<br />
Samo Salamon Bassless Trio<br />
feat. Howard Levy u.v.a.m.<br />
Veranstalter: JazzPort Friedrichshafen<br />
e.V.<br />
www.jazzport-fn.de<br />
powered by AngraJazz Festival<br />
International de<br />
Jazz de Angra do<br />
Heroísmo<br />
3.-6.10.<strong>2018</strong><br />
Angra do Heroísmo, Terceira<br />
Island, Azoren/PT<br />
Das einzige Festival auf einer<br />
Insel mitten im Atlantik. Angra<br />
wird organisiert von der Non-<br />
Profit Organisation Associação<br />
Cultural AngraJazz, mit<br />
Unterstützung des Angra do<br />
Heroísmo City Council, dem<br />
regionalen Department für<br />
Kultur und Tourismus, der portugiesischen<br />
Tourismusbehörde<br />
und privaten Sponsoren.<br />
www.angrajazz.com<br />
Galway Jazz Festival<br />
5.-8.10.<strong>2018</strong><br />
Galway/IRL<br />
Mit Trondheim Voices,<br />
Emil Brandqvist Trio, Koko<br />
Ensemble, Haz’art Trio, Simon<br />
Nabatov, Paul McIntyre, Arve<br />
Henriksen u.v.a.m.<br />
www.galwayjazzfest.ie<br />
powered by Leipziger Jazztage<br />
<strong>2018</strong> „Fish and<br />
Chips“<br />
11.-20.10.<strong>2018</strong><br />
Leipzig, versch.<br />
Spielorte<br />
Unter der Schirmherrschaft<br />
von Leipzigs Oberbürgermeister<br />
Burkhard Jung bringt das<br />
Festival an zehn Tagen und<br />
zehn Spielorten weit über<br />
100 britische und deutsche<br />
Musiker*innen zusammen<br />
auf die Bühne, die sich nicht<br />
nur dem musikalischen Erbe<br />
Großbritanniens, sondern<br />
auch seiner jungen, vielversprechenden<br />
Jazzszene<br />
widmen. Bisher bestätigt:<br />
108 JazzthetIk 07/08-<strong>2018</strong>
Literatur<br />
Norma Winstone, Norma<br />
Winstone Trio, Hidden Orchestra,<br />
Dave Holland’s Aziza<br />
w/ Chris Potter, Lionel Loueke<br />
& Eric Harland, Avishai Cohen<br />
Quartet, Joshua Redman’s<br />
James Farm w/ Aaron Parks,<br />
Matt Penman & Eric Harland,<br />
Empirical, Michael Wollny,<br />
Leafcutter John & Alex Nowitz<br />
„Goldberg-Tangenten“, Yazz<br />
Ahmed, Max Andrzejewsk’s<br />
Hütte and Guests play Robert<br />
Wyatt, Elliot Galvin Trio, Lucia<br />
Cadotsch w/ Lucy Railton &<br />
Kit Downes, Kit Downes solo,<br />
Helmut ‚Joe‘ Sachse & Maggie<br />
Nicols „Nevergreens“, Oli<br />
Steidle & The Killing Popes,<br />
Matthias Boghuts Milk Wood<br />
„Dylan Thomas“, Queens<br />
„Jazz“ w/ Christian Kögel, Kai<br />
Brückner, Peter Ehwald & Uli<br />
Kempendorff u.a.<br />
www.jazzclub-leipzig.de<br />
4. Jazzfestival Esslingen <strong>2018</strong><br />
14.-28.10.<strong>2018</strong><br />
Esslingen<br />
In diesem Jahr steht das<br />
Festival ganz im Zeichen von<br />
„50 Jahre ECM Records“.<br />
www.jazzfestival-esslingen.de<br />
28. Blues- und Jazzfestival<br />
„Jazz goes to Kur“<br />
16.-21.10.<strong>2018</strong><br />
Bad Wörishofen<br />
An 3 Hauptabenden stellt der<br />
Arbeitskreis Jahr für Jahr ein<br />
abwechslungsreiches Konzertprogramm<br />
auf die Beine<br />
mit Boogie, Blues und Swing<br />
und klassischem Jazz. Mit<br />
abwechslungsreichem Rahmenprogramm<br />
mit örtlichen<br />
Musikern, Filmvorführungen<br />
sowie Jazz- Workshop für<br />
Jugendliche. Mit Rüdiger<br />
Baldaufs „Jackson Trip“,<br />
<strong>Juli</strong>an & Roman Wasserfuhr,<br />
Echoes of Swing etc.<br />
www.jazzgoestokur.de<br />
39. Konstanzer Jazzherbst<br />
2.-6.10.<strong>2018</strong><br />
Konstanz, K9 und Kulturzentrum<br />
am Münster<br />
Mit Kalle Kalima, Lucas Niggli,<br />
Ralf Kleinehanding, Johannes<br />
Grütter, Berenike Derbridge,<br />
Olivier Potratz, Oliver Steidle,<br />
Leila Martial, Eric Perez, Pierre<br />
Tereygeol, Laura Schuler, Philipp<br />
Gropper, Hanspeter Pfammatter,<br />
Lionel Friedli, Roberto Negro,<br />
Émile Parisien, Michele Rabbia,<br />
Vera Kappeler, Peter Conradin<br />
Zumthor, Christian Lillinger,<br />
Tobias Delius, Pierre Borel,<br />
Achim Kaufmann, Christpher<br />
Dell, Jonas Westergaard, Robert<br />
Landfermann, Hannes Reich.<br />
www.jazzclub-konstanz.de<br />
powered by 49. Deutsches<br />
Jazzfestival<br />
Frankfurt<br />
22.-27.10.<strong>2018</strong><br />
Frankfurt, Alte<br />
Oper<br />
Mit u.a. „Hut ab!“ - Albert<br />
Mangelsdorff@90: Christof<br />
Lauer, Joachim Kühn, Pierre<br />
Favre, Nils Wogram, Samuel<br />
Blaser, Stefan Lottermann,<br />
Bruno Chevillon, Daniel Humair,<br />
hr-Bigband, Ltg. Jim McNeely.<br />
www.jazzfestival.hr2-kultur.de<br />
powered by 18. WOMEX -<br />
World Music Expo<br />
24.-28.10.<strong>2018</strong><br />
Las Palmas de<br />
Gran Canaria/E<br />
Das vielseitigste World Music<br />
Treffen der Welt mit Messe,<br />
Networking, Showcase<br />
Festival, Konferenz, Filmen,<br />
Awards, virtualWOMEX u.a.<br />
www.womex.com<br />
Umeå Jazz Festival<br />
24.-28.10.<strong>2018</strong><br />
Umeå/SWE<br />
www.umeajazzfestival.se<br />
34. Würzburger Jazzfestival /<br />
3. Landesjazzfestival Bayern<br />
<strong>2018</strong><br />
27./28.10.<strong>2018</strong><br />
Würzburg, Felix-Fechenbach-<br />
Haus<br />
Mit Tiktaalik, Lines for Ladies<br />
feat. Sheila Jordan, Thomas<br />
Siffling Flow, dem Bayerischen<br />
Landesjazzensemble,<br />
Three Fall & Melane, Jazzrausch<br />
Bigband. Veranstalter:<br />
Jazzinitiative Würzburg e. V.<br />
www.jazzini-wuerzburg.de<br />
20th Zurich JazznoJazz<br />
Festival <strong>2018</strong><br />
31.10.<strong>–</strong>3.11.<strong>2018</strong><br />
Gessnerallee Zürich, ZKB<br />
Club im Theater der Künste<br />
Mit The Manhattan Transfer,<br />
Avishai Cohen «1970»,<br />
Jimmy Cliff, Clayton-Hamilton<br />
Jazz Orchestra feat. Cécile<br />
McLorin Salvant, Tingvall Trio,<br />
Lisa Simone, Victor Wooten<br />
Trio, Kennedy Administration,<br />
Mario Biondi, GoGo Penguin,<br />
Incognito, Jojo Mayer Nerve,<br />
Andreas Schaerer - Familien-<br />
Konzert, Maceo Parker, Macy<br />
Gray, Raphael Saadiq, Fred<br />
Wesley & the New JB’s, Kennedy<br />
Administration u.a.<br />
www.jazznojazz.ch<br />
powered by Jazztage Dresden<br />
1.-29.11.<strong>2018</strong><br />
Dresden, Erlwein-<br />
Capitol u.a.<br />
Bereits im letzten<br />
Jahr haben sich die Jazztage<br />
Dresden als größtes Jazzfestival<br />
Deutschlands weit über<br />
die Grenzen des Landes hinaus<br />
einen Namen gemacht. Bisher<br />
bestätigt: Gregory Porter, Al<br />
DiMeola, Jan Garbarek &<br />
Trilok Gurtu, Avishai Cohen (b),<br />
Rebekka Bakken, Candy Dulfer,<br />
Mnozil Brass, Klazz Brothers<br />
& Cuba Percussion, Cristin<br />
Claas Trio, Luca Stricagnoli,<br />
Martin Tingvall, Quadro Nuevo,<br />
„Nacht der Gitarren“ mit Luca<br />
Stricagnoli, Antoine Boyer,<br />
Cenk Erdogan und Samuelito;<br />
Blues Night mit Sharrie Williams,<br />
Tad Robinson, The Wise<br />
Guys etc.<br />
www.jazztage-dresden.de<br />
Tampere Jazz Happening<br />
1.-4.11.<strong>2018</strong><br />
Tampere/FI<br />
In jedem Jahr bietet das<br />
internationale Programm des<br />
Tampere Jazz Happenings<br />
bekannte Namen des<br />
internationalen Jazz und<br />
Pioniere der Zukunft. Das<br />
4-tägige Festival ist bekannt<br />
für seine warme Atmosphäre<br />
und seinen offenen Zugang<br />
zum modernen Jazz. Mit hochkarätigen<br />
finnischen Musikern<br />
sowie weltbekannten Künstler<br />
auf 3 Bühnen.<br />
www.tamperemusicfestivals.fi/<br />
jazz<br />
29. Vredener Jazznacht<br />
2.11.18<br />
Vreden, Kulturcafe N‘Joy<br />
Mit Three Fall & Melane,<br />
Pimpy Panda.<br />
www.hamaland-jazz-club.de<br />
Jazz Tage Erding<br />
3.11.<strong>2018</strong><br />
Erding<br />
www.kms-erding.de<br />
powered by<br />
Unlimited 32<br />
9.-11.11.<strong>2018</strong><br />
Wels, AT<br />
www.musicunlimited.at<br />
2. Taunus Jazz Fest -<br />
Taunusstein<br />
16.-17.11.<strong>2018</strong><br />
Salon-Theater, Taunusstein<br />
Mit Volker Rebell & Moritz<br />
Stöpel, Uli Partheil/Hans<br />
Höhn/Hermann Kock/<br />
Jörg Steinhardt Superfro,<br />
Klangcraft feat. Heinz-<br />
Dieter Sauerborn & Ramesh<br />
Shotham.<br />
www.salon-theater.de<br />
Jazztopad<br />
21.-26.11.<strong>2018</strong><br />
Wrocław / PL<br />
www.nfm.wroclaw.pl/en/<br />
jazztopad<br />
powered by 21. Akut-Festival<br />
23./24.11.<strong>2018</strong><br />
Frankfurter Hof,<br />
Mainz<br />
Mit Die Enttäuschung,<br />
Uwe Oberg-Silke<br />
Eberhard, Mette Rasmussen<br />
Quintet, <strong>Juli</strong>a Kadel Trio,<br />
Ditzner & Lömsch, Atomic.<br />
Das Akut - ein Festival,<br />
das international besetzt,<br />
spannende und innovative<br />
musikalische Projekte aus<br />
dem Grenzbereich zwischen<br />
Jazz, Avantgarde und Rock<br />
präsentiert, danach sind diese<br />
oft auf ganz großen europäischen<br />
Festivals endgültig<br />
zu sehen. Veranstaltet vom<br />
Verein upArt e. V.<br />
www.akut-festival.de<br />
The Jazz Cruise<br />
19.-26.1.2019<br />
Kreuzfahrt Ft. Lauderdale<br />
- St. Maarten - St.Thomas -<br />
Bahamas<br />
“Not just a cruise - a legend”;<br />
mit Chucho Valdez, Joey<br />
Alexander, Joey DeFrancesco,<br />
Brecker Band, Eliane Elias,<br />
SFJazz Collective, Jeff Hamilton<br />
Trio u.a.<br />
www.thejazzcruise.com<br />
Blue Note At Sea -The Now<br />
of Jazz<br />
26.1.-2.2.2019<br />
Kreuzfahrt Ft. Lauderdale -<br />
Nassau - Cozumel - Belize<br />
- Key West<br />
www.bluenoteatsea.com<br />
powered by<br />
Mr. M’s Jazz Club<br />
14.-16.3.2019<br />
Kurhaus Baden-<br />
Baden<br />
www.mister-ms.de<br />
powered by 50. Internationale<br />
Jazzwoche<br />
Burghausen<br />
26.-31.3.2019<br />
Burghausen<br />
www.b-jazz.com<br />
37. Cully Jazz Festival<br />
5.-13.4.2019<br />
Cully/CH, Théâtre De Vevey<br />
Mit Rokia Traoré u.a.<br />
www.cullyjazz.ch<br />
Bodø Jazz 2019<br />
8.-11.5.2019<br />
Bodø/Norwegen<br />
www.bodojazzopen.no<br />
Von Jan Kobrzinowski<br />
Fred Hersch<br />
Leben für die<br />
Musik<br />
Einer, der etwas zu sagen hat:<br />
Fred Hersch hat seine Autobiografie geschrieben.<br />
„Ich dachte, dass Musik nicht mehr wichtiger für mich<br />
werden konnte. Und doch wurde sie es.“ Ein Schlüsselsatz<br />
aus Good Things Happen Slowly, der Autobiografie von Fred<br />
Hersch, die im Jahr 2017 erschien, einem wichtigen Jahr für<br />
ihn. Gleichzeitig mit Grammy-Nominierungen und dem Start<br />
der Filmdokumentation The Ballad of Fred Hersch teilt der<br />
Jazzmusiker mit dem Leser die Erfahrungen, die er nach seinem<br />
Coming-out machte, dem Bekenntnis Freunden, Familie<br />
und Öffentlichkeit gegenüber, sowohl schwul als auch HIVpositiv<br />
zu sein, und wie er mit der schweren Erfahrung seines<br />
mehrwöchigen Komas umging, in das man ihn aus medizinischen<br />
Gründen versetzt hatte. Nicht das gesamte Drama<br />
seines Lebens macht Good Things Happen Slowly schon per<br />
se zu einem sehr guten Buch, vielmehr stellt Hersch unter<br />
Beweis, dass er, gemeinsam mit dem Musikjournalisten David<br />
Hajdu, ebenso spannend schreiben kann, wie er Klavier<br />
spielt.<br />
Fred Hersch befindet sich derzeit an einem weiteren<br />
Höhepunkt eines ungeheuer kreativen Künstlerlebens. Seine<br />
persönliche Entwicklung und Leidensgeschichte prägte seine<br />
Musik <strong>–</strong> und umgekehrt. Bücher, filmische Dokumentationen<br />
oder Autobiografien von Jazzmusikern gibt es reichlich. Nicht<br />
jedes Buch, das erscheint, muss wirklich etwas zu sagen<br />
haben. Dieses hat es, und was so berührt, ist die Lebensgeschichte<br />
eines intelligenten, kreativen, lebensklugen und<br />
nachdenklichen Mannes, der sein Leben lang brauchte, unter<br />
Aufwendung aller Lebenszeit und manchmal schwindender,<br />
aber dennoch nie versiegender Kraft, er selbst zu werden.<br />
Schon in jungen Jahren war Fred Herschs Selbstwertgefühl<br />
über seine Kompetenz als Musiker definiert. Mannwerden<br />
und Schwulsein mussten dagegen warten. Wie sehr ihn das<br />
belastete und wie sehr ihn sein Coming-out von dieser Last<br />
befreite, erzählt er eloquent und selbstreflektiert in Kapiteln<br />
leidvoller, selbstquälerischer, auch hedonistisch-genussvoller<br />
Erfahrungen eines letztlich völlig der Musik gewidmeten<br />
Lebens.<br />
Fred Hersch:<br />
Good Things Happen Slowly <strong>–</strong> A Life in and Out of Jazz.<br />
Crown Archetype / Penguin Random House<br />
320 Seiten, 21,45 Euro<br />
Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong><br />
109
Termine<br />
powered by 25. Jazz in e.<br />
“Ritual”<br />
29.5.-1.6.2019<br />
Eberswalde<br />
Ein Festival aktueller<br />
Musik.<br />
www.mescal.de<br />
powered by Moers Festival<br />
7.-10.6.2019<br />
Moers, Festivalhalle<br />
Es gibt es wieder<br />
viele Gründe, nach Moers<br />
zu kommen oder in Moers<br />
zu bleiben: neben Konzerten<br />
hochklassiger internationaler<br />
Künstler in der Festivalhalle<br />
wird es auch<br />
2019 wieder ein Programm mit<br />
zusätzlichen Konzerten und<br />
Veranstaltungen im<br />
Festivaldorf geben.<br />
www.moers-festival.de<br />
Das Zitat<br />
Workshops<br />
Exploratorium Berlin<br />
Workshops, Theorie & Forschung,<br />
Sessions, Konzerte.<br />
2004 gegründet, widmet sich<br />
Exploratorium der Förderung<br />
einer facettenreichen, aktiven<br />
Improvisationskultur.<br />
www.exploratorium-berlin.de<br />
Jazz-Ausbildung Sommersemester<br />
Noch bis 30.9.<strong>2018</strong><br />
Frankfurter Musikwerkstatt<br />
FMW<br />
Die FMW bildet Jazz und<br />
Populäre Musik in verschiedenen<br />
Qualifizierungsformen<br />
aus: ein- oder mehrsemestriges<br />
Vorstudium oder<br />
8-semestriges Studium zum/<br />
zur staatlich anerkannten<br />
Berufsmusiker/in und Instrumentalpädagogen/in<br />
mit<br />
Jazz- oder Popschwerpunkt.<br />
Ohne Altersbeschränkung,<br />
Studiengang BAFöGgefördert.<br />
www.fmw-jazzschool.de<br />
Jazzin’ July Workshop<br />
2.-7.7.<strong>2018</strong><br />
Leende (Eindhoven)<br />
Für Anfänger & Fortgeschrittene,<br />
Öffentliche<br />
Dozentenkonzerte. Mit Frank<br />
Roberscheuten <strong>–</strong>sax, Shaunette<br />
Hildabrand <strong>–</strong> voc, Colin<br />
Dawson <strong>–</strong> tp, Dan Barrett <strong>–</strong> tb,<br />
Engelbert Wrobel <strong>–</strong> cl, sax,<br />
Chris Hopkins <strong>–</strong> p, sax, Bernd<br />
Lhotzky <strong>–</strong> p, Rolf Marx <strong>–</strong> g, bj,<br />
Henning Gailing <strong>–</strong> b, Oliver<br />
Mewes <strong>–</strong> dr.<br />
frank.roberscheuten@<br />
planet.nl<br />
Complete Vocal Technique<br />
(CVT)<br />
Freiburg<br />
8.7.<strong>2018</strong>, 21.10.<strong>2018</strong>, 9.12.<strong>2018</strong><br />
Einführungskurse und<br />
Masterclass Complete Vocal.<br />
Technique: Dozent: Stefan<br />
Rheidt. Eine innovative und<br />
wegweisende Methode für<br />
alle mit Interesse an der Arbeit<br />
mit der Stimme. Erfunden<br />
und erforscht von Catherine<br />
Sadolin, Kopenhagen. Die<br />
Methode, international von<br />
Sängern, Gesangslehrern,<br />
Schauspielern, Sprachtherapeuten,<br />
Ärzten empfohlen, für<br />
jeden Gesangsstil.<br />
www.vocalive.de<br />
Man wusste wohl aus den vergangenen sechs Jahren, was einen da<br />
Schönes erwartete: Musik im Freien, Holztische und -bänke auf der leicht<br />
abschüssigen Wiese, Bratwurst und Getränke und vor allem <strong>–</strong> richtig<br />
guter Jazz.<br />
<strong>–</strong> Eckernförder Zeitung, 22.05.<strong>2018</strong>, abgerufen am 25.05.<strong>2018</strong>, https://www.shz.de/19914601<br />
Es geht um „Wiesenjazz am frühen, sonnigen Pfingstabend“. Dem Musiker hingen die Haare wild<br />
in die Stirn, aber der Jazz war natürlich „richtig gut“. Solche und ähnliche Dinge stehen in vielen<br />
Lokalzeitungen, gerade jetzt im Sommer. Überall in der Provinz gibt es feinsten und Weltklasse-<br />
Jazz zu hören, Jazz auf dem Marktplatz und Jazz mit Pommes, Sternstunden des Jazz und<br />
Füllhörner des Jazz. Letztlich erfährt man aber mehr über das Wetter. Lokaljournalisten scheint<br />
nicht viel Konkretes einzufallen zum Jazz. Bei Pommes und Bier ist er ja ganz nett, aber sonst?<br />
Wozu gibt es Jazz überhaupt? Wer sollte sich damit ernsthaft und hauptsächlich beschäftigen?<br />
Wozu überhaupt Musik, Kunst und Kultur? Man kann sein Leben doch ganz gut ohne all das aushalten.<br />
Videospiele, Netflix-Abos, Social Media, ein bisschen im Netz ablästern <strong>–</strong> es wird einem<br />
nicht langweilig. Sucht man den Flow, geht man joggen. Will man sich anstrengen, stemmt man<br />
Gewichte. Wer braucht Kultur?<br />
Wozu Musik grundsätzlich und überhaupt gut sein könnte, darüber gibt es manche Theorie.<br />
Leute wie Platon und Napoleon waren der Meinung, Musik diene vor allem dem Staat, weil sie die<br />
Bürger bei Laune halte. Man spricht heute von Musik als dem „sozialen Kitt“, der die Gemeinschaft<br />
stärkt. Gemeinsames Musizieren sei eine Einübung in Solidarität und Teamwork. Manche Eltern<br />
hoffen dagegen auf den sogenannten „Mozart-Effekt“ im Gehirn: Demnach steigert musikalische<br />
Früherziehung den IQ und führt zwangsläufig später zu einem Top-Job im großen Management.<br />
Andere schätzen an der Musikausübung die Disziplin: „Frühes Musizieren übt die Tugenden der<br />
Arbeit.“ Wieder andere begreifen die Beschäftigung mit Musik als Training für den Umgang mit<br />
Komplexität <strong>–</strong> auch das kann man im Beruf gut gebrauchen.<br />
Wie auch immer: Argumente für Musik sind meistens Argumente für ihre Nützlichkeit im<br />
„richtigen Leben“. Vielleicht aber setzt Musik schon viel tiefer und elementarer an. Der Neurobiologe<br />
Donald Hodges nennt sie ein „eingebautes System“, einen „festen Bestandteil des Menschen“.<br />
Musik hilft nicht nur, dass Menschen „funktionieren“ <strong>–</strong> sie stärkt ein Leben lang jene Fähigkeiten,<br />
die unsere Humanität ausmachen: Kommunikation, Konfliktlösung, Empathie. Musik müsste daher<br />
Kernfach in den Schulen sein. In der Theorie wissen das auch Deutschlands Kultusminister.<br />
Musikunterricht unterstütze die Persönlichkeitsbildung sowie Engagement und Verantwortung im<br />
Handeln, heißt es bei der KMK. Er fördere <strong>–</strong> „im Spannungsfeld von überlieferter und gegenwärtiger,<br />
eigener und fremder Musikkultur“ <strong>–</strong> die Entwicklung einer bewussten historisch-kulturellen<br />
Identität. Ich sage: Mehr davon! Dafür überlassen wir die Mathe-Tests gern den Computern <strong>–</strong> die<br />
können das ohnehin besser.<br />
Sebastian Brant<br />
Jazz zwischen Nord und Süd<br />
11.-15.7.<strong>2018</strong><br />
Mitteleuropäische Jazzakademie<br />
Meran/Südtirol, IT<br />
Die mehrsprachigen Meraner<br />
Jazzkurse (Dt., It., Engl.) mit<br />
renommierten Musikern und<br />
Lehrern, u.a. Kurt Rosenwinkel<br />
(g), Dado Moroni (p), Pietro<br />
Tonolo (sax). Künstlerische<br />
Leitung: Franco D’Andrea, mit<br />
Meisterklasse „Der Sound der<br />
20er Jahre“.<br />
www.meranojazz.it<br />
International Jazz Platform<br />
16.-19.7.<strong>2018</strong><br />
Lodz/Polen<br />
Creative Jazz Workshop mit<br />
Samuel Blaser, Kit Downes,<br />
Ingebrigt Haker Flaten u.a.<br />
www.letniaakademiajazzu.pl<br />
Cajón-Akademie<br />
19.-22.7.<strong>2018</strong><br />
Landesmusikakademie NRW,<br />
Heek (Münsterland)<br />
Von Peru bis Pop. Mit José J<br />
Cortijo, José Montaña, Pepe<br />
Leiva.<br />
www.landesmusikakademienrw.de<br />
Sound Jazzy! - Jazz Harmony<br />
Training For Musicians<br />
Seminarhaus Raach/AT<br />
21./22.7.<strong>2018</strong>: Wie funktioniert<br />
Jazzharmonik? Was ist der<br />
Unterschied zur Klassik?<br />
Fortbildungs-Angebot für Jazzinteressierte<br />
MusikerInnen<br />
aller Genres. Crashkurs Jazz<br />
on String Instruments. 11.-<br />
15.8.<strong>2018</strong>: Alternative Strings<br />
Summer Session - Jazz & Popularmusik<br />
auf Streichinstrumenten;<br />
Improvisation, Rhythmus,<br />
Groove, Changes, Ear Training.<br />
Veranstalter: MICIS - Institut für<br />
Kulturvermittlung/Wien.<br />
www.micis.at/musikunterricht<br />
Sommer-Jazzkurse Burghausen<br />
<strong>2018</strong><br />
30.7.-5.8.<strong>2018</strong> und<br />
6.8.-12.8.<strong>2018</strong><br />
Mautnerschloss Burghausen<br />
552 und 553. Jazzkurs. Beide<br />
Kurse behandeln Rhythmik,<br />
Melodik, Improvisation, Arrangement,<br />
Repertoire und Zusamenspiel.<br />
Für Musiker*innen<br />
aller Stilrichtungen. (Anf. und<br />
Fortgeschr.) Dozenten: Joe<br />
Viera, Ed Kröger, R. Greiner, I.<br />
Dinné, A. Prsuhn, R. Glöder, M.<br />
Schrack, H. Claus, W. Kulawik,<br />
W. Ruß.<br />
www.bjazz.com<br />
14. „Internationale Jazzwerkstatt“<br />
Saarwellingen<br />
6.-12.8.<strong>2018</strong><br />
Saarwellingen<br />
Kombination aus Workshop für<br />
Lernwillige und abendlichen<br />
Konzerten für Musikbegeisterte.<br />
Workshop mit international<br />
renommierten Dozenten (Gruppen,<br />
Einzelunterricht & Combo).<br />
Tagesworkshop “Jazz-Chor”<br />
am 12.8., Leitung Cleveland<br />
Watkiss (voc). Dozenten-<br />
Konzert und Abschlusskonzert<br />
der Workshop-TN. Dozenten:<br />
Gilad Atzmon (art director, sax);<br />
Adriano Adewale (dr, perc);<br />
Barbara Bürkle (voc, choir);<br />
Kevin Dean (tp); Frank Harrison<br />
(p); Jim Hart (vib, dr); Claus<br />
Krisch (p); Nicolas Meier (g);<br />
Johannes Müller (sax); Tony<br />
Lakatos (sax); Davide Petrocca<br />
(b); Yaron Stavi (b); John<br />
Turville (p); Thilo Wagner (p);<br />
Cleveland Watkiss (voc); Enzo<br />
Zirilli (dr)<br />
www.international.jazzwerkstatt.de<br />
Gitarren-Workshops mit Peter<br />
Crow C.<br />
11.-18.8.<strong>2018</strong><br />
Gitarrenworkshop in der Toscana.<br />
Urlaub und Gitarre spielen<br />
lernen im sonnigen Süden<br />
(Poderino San Cristoforo).<br />
www.med-music-school.com<br />
Tanz & Musik-Sommercamp<br />
13.-15.8.<strong>2018</strong><br />
Ternberg/AT<br />
Tanzkurs und Musikkurs in den<br />
Tagen vor dem Alpen-Klang-<br />
Rausch im Koglerhof, Ternberg.<br />
Referenten: Bela Onodi (Tanz,<br />
Ungarn) und Simon Wascher,<br />
Hermann Fritz, Hermann<br />
Haertel (Musik).<br />
www.alpenklangrausch.at<br />
Rhythmusworkshop TaKeTiNa<br />
1./2.9.<strong>2018</strong><br />
Hamburg, Lichthof Theater<br />
Mit Jan Kobrzinowski (TaKeTiNa<br />
Advanced Rhythm Teacher).<br />
Profundes Rhythmustraining als<br />
Selbsterfahrung. Rhythmisches<br />
Lernen mit dem Körper für<br />
Anfänger und Profis.<br />
www.kobrzinowski.com<br />
Workshops “Musik der 17<br />
Hippies” <strong>2018</strong><br />
29./30.9.<strong>2018</strong> - Tollhaus,<br />
Karlsruhe<br />
1./2.12.<strong>2018</strong> - Landesmusikakademie<br />
Berlin (im FEZ)<br />
www.17hippies.de<br />
5. Jazz Workshop Friedrichshafen<br />
5.-7.10.<strong>2018</strong><br />
Friedrichshafen, Zeppelin<br />
Universität<br />
Mit Barbara Bürkle (voc),<br />
Alexander “Sandi” Kuhn (sax),<br />
Jens Loh (e-/b), Thomas Bauser<br />
(p, keyb), Christoph Neuhaus<br />
(g), Axel Pape (dr), Daniel Nösig<br />
(tp); Veranstalter: Kulturbüro<br />
Friedrichshafen.<br />
www.facebook.com/jazzandmoreworkshop<br />
www.kultur-friedrichshafen.de<br />
Schlusspunkt<br />
Die nächste <strong>JAZZTHETIK</strong> erscheint am: Mittwoch, 29.08.<strong>2018</strong><br />
110 Jazzthetik 07/08-<strong>2018</strong>